Sie sind auf Seite 1von 143

~.'::·U,1.";¼1-...

,,,";~\:

l 1

Lothar Kühne ·
Gegenstand und Raum ·
Über die Historizität des Ästhetischen

·1,
1·•

......__._.Jl..::.......

VEB Verlag der Kunst Dresden


C> VEB Verlag der Kunst Dresden I981

ti
f, .
,,.\'
..r.
~;
:
,
(
,. Vorbemerkungen 7
:~,
t Gr'undformen des Gestaltens und der Gestalt 9
Gegenstand und Umraum - Arbeit, Spiel, Muße . II

\;l, Arbeit und Gestaltung 16


1. Technische Gestalt 21
2. Praktische Gestalt 26
3. Ästhetische Gestaltung 29
1
Material, Ted:inik und Ästhetisches 31
Das «inhärente Maß» und der Gegenstand 40
a. Sekundär-ästhetische Gestalt 52
'Zur Klassifikation der Gegenstände 54
Gesellschaftlicher Charakter des
Gebrauchswertes H
Zur ·S~mantik der praktischen Gegenstände 63
Zusammenfassung und zum Begriff des
Funktionalismus 69
b. Primär-ästhetische Gestalt 79
Kunstwerk und praktischer Gegenstand 82
Zur Spezifik künstlerischer Gegenstände 92·
c. Die Beziehung .der Resonanz 102
Das Werden_ und die Dauer der Gegenstände III
II. Der Stil II9
1. Gesellschaftliche beter~iniertheit des Stils 121
j2. Kunst und Technik . 129
3. Maschinerie und ästhetische Kultur 132
a. Die Zerstörung der <iAura» 13,
b. Der Modernismus 144'
Vorbereit;ung 146
Klassentnäßige Voraussetzungen 154
III. Funktionen des Ästhetischen in der
· kommunistische11 Gesellschaft 170
1 . Maschinerie: bürgi:rliche und kotqmunistische
Geltung 174
Voraussetzungen bürgerlicher Individualität 174
·,

· a. Bürgerlicher Reichtum und Maschinerie 175


Exklusivität 185
Vorbemerkungen
Die kommunistische Poten~ der Serie 198
Privatheit und gesellschaftliche
Konstituierung der Produktion 204
b. Mode und funktionale Gestaltung. 207
Zum Begriff der Mode 207
Der Gegenstand als Gespenst 2II
Aneignung und Enteignung 215
Mode'und Kitsch 218
Funktionale Gestaltung 230 Diese Arbeit ist auf den konzeptionellen Ansatz gestützt, den
Zusammenfassung: funktionale Gestaltung ,1
ich in der Dissertation B «Das Ästhetische als Faktor der An-
und Mode 237 eignung und des Eigentums. Zur Bestimmung des gegenständ-
2. Individuelle Konsumtion im Sozialismus 238, lichen Verhaltens» dargelegt hatte. Die Ausrichtung des Inter-
Zum Begriff der individuellen Konsumtion 2 39 esses auf die sozialökonomischen Verhältnisse der Gesellschaft
Individuelle Konsumtion und Persönlichkeit 243 und auf den praktischen Lebensprozeß der Menschen war schon
Gestaltungskonzeptionelle Erwägungen 249 durch die thematischen Festlegungen bekundet.
3. Behuts;imkeit 252 Obgleich der Aspekt der Gegenständlichkeit in der Disser-
4. Kunst oder Gesamtkunstwerk 264 tation methodisch isoliert und der des Raumes nur beiläufig
berührt wurde, erschien in der gegebenen Darstellung ein Uni-
Anmerkungen 274 versalismus des Anspruchs, den ich nicht beabsichtigt hatte. Das
Der Autor 287 im März 1971 geschriebene Vorwort zu dieser Dissertation
,'!•· Personenregister 288 schließt mit den Sätzen: «Wenn ich sämtlich9' Gegenstände der
Sachregister Menschen mit der Erde vergleichen und an diesen Vergleich
1: anknüpfen darf, so ist das, was ich zu geben versuchte, kein
,'•
Sack, der die Erde umschließt und mit dem man sie nun nach
f
f.
Hause tragen kann. Es sollte ein Gerüst geschaffen werden,
welches demjenigen, der sich daran hinaufgearbeitet hat, etwas
mehr Übersicht ermöglicht, wenn es trägt.>> 1 Auch diese ein-
führenden Bemerkungen könnte ich so abschließen.·
Die Orientierung auf die Gegenständlichkeit ist auch hier
nicht aufgehoben und somit das für den welthistorischen Be-
freiungskampf der Arbeiterklasse große Thema, der Raum,
nicht selbständig entwickelt. Es erwies sich aber zur genaueren
Charakterisierung der Gegenständlichkeit als unabdingbar, die
räumlichen Korrelate der ästhetischen Gegenstandsbestimmun- '·
gen zu umreißen. Das wurde versucht, und hierauf ist die thema-
tische Vorstellung dieser Arbeit als <<Gegenstand und Raum>>
gestützt.
Für den Versuch, Ästhetik auf die marxistisch-leninistische
Konzeption der Gestaltung des Sozialismus zu beziehen, Theo-
rie des Ästhetischen als Bestandteil kommunisti~cher Revolu-
tionstheorie zu skizzieren, war es erforderlich, die Qualitäten,
Strukturen und Funktionen von Ästhetischem formationstheore-
7
/i>
tischzu historisieren. Die ):iierbej berührten Aspekte einer all- 1. Grundformen des ·Gestaltens
gemeinen Ästhetik und die Erörterungen partieller kultureller .
Prozesse bleiben immer der bestimmten Zielstellung unterge- und der G„stalt
ordnet. Selbstverständlich hoffe ich, daß auch die allgemeinen
Überlegungen zur Spezifik des Ästhetischen und die Erörterun-
gen zu einzelnen kulturellen Erscheinungen Interesse erwecken,
i:'\' ohne als eine beiläufig 'gegebene Ästhetik oder als eine Histo~
riographie von Kunst, AJchitektur und industrieller Formgestal- j \
tung mißverstanden zu werden. . ' \
Meiner Frau, Christa Kühne, danke ich für wichtige Anre-
gungen zu dieser Arbeit. Einige Fragen zum Manuskript, die Entfaltete, arbeitsteilig nicht reduzierte Lebenstätigkeit von
Erhard Frommhold als I Cheflektor des Verlages gestellt- hatte, Menschen ist gestaltend. Subjekt ist der Mensch, soweit er fähig
ermöglichten eine differenziertere Fassung von Aussagen, an- ist, den Zweck seiner Tätigkeit zu setzen, deren Vollzug als
dere sind für weitere Überlegungen aufgenommen. Ich danke Technik und deren Resultat 1deel1 zu antizipieren und die nach
dem VEB Verlag der Kunst, dem Amt für industrielle Form- außen gerichteten Wirkungen seiner Aktivität auf sich zurück
gestaltung als dem Herausgeber und Heinz Hirdina, der als zu beziehen. Der als /Naturkraft selbst raum-gegenständliche
Beauftragter des Herausgebers in wahrhaft solidarischer Weise Mensch verwirklicht und verdoppelt sich irl einer von ihm ge-
für das Werden dieser Arbeit mitgedacht hat. schaffenen raum-gegenständlichen Welt. Subjektivität als ge-
· Lotliar Kühne staltende Tätigkeit konstituiert Eigentum. «Eigentum>>, schrieb f
Berlin-Grünau, Oktober 1980 Karl Marx, <<meint , . . ursprünglich nichts als J" erhalten des .· .
Menschen zu. seinen natüdkhen Produktionsbedingungen als
ihm gehörigen, als den seinen, als mlt seinem eignen Dasein '
vorausgesetzten; Verhalten zu denselben"als natürlichen Voraus-
setzungen seiner S(jlbst; die· sotusagen nur seinen verlängerten
~ilden. Er verhält sich eigentlich nicht ZU seirlenl'r0ou1c"':'
tionsbedingungen; sondern ist doppelt da, sowohl subjektiv als
er selbst, wie objek\iv in diesen 'natürlichen anorganischen Be-
dingungen seiner Existenz.»2 Eigentum ist immer ein durch. die
Beziehung der Menscheh zu ihren Lebensbedingungen vermit-
teltes gesellschaftliches Verhältnis. <<Die verschiedenen Entwick-
l lungsstufen der Teilung der Arbeit sind ebensoviele verschiedene
f:. Formen des Eigentums; d. h., die jedesmalige Stufe der Tei.:.
r
\"
Jung der Arbeit bestimmt auch die Verhältnisse de~ Individuen
zueinander in Beziehung auf das Material, Instrument und Pro•
dukt der Arbeit.>>3 . •
t; Die gegenständlichen Beziehungen der Menschen können unter
den Aspekten der Phänomenalität, der Funktionalität und der
Sozialität gefaßt werden. Eine marxistisch-leninistische Analyse
der Gegenständlichkeit hat stets den Zusammenhang dieser Mo-
mente der Gegenständfü:hkeit zu erschließen. Wenn wir von dem
t-,~· besonderen gesellschaftlichen Charakter der gegenständlichen
~l.
r Beziehungen der Menschen absehen, kann die gegenständliche
1 Wirklichkeit unter den Gesichtspunkten. der Gegenständlichkeit
des Subjekts, des Objekts und der Mittel betrachtet werden.
9
''.'"~~,:

Gegenständlich ist die Welt für den Menschen nicht sils Gan- drittes sein ist identisch.>>9 Entäußerung, Vergegenständlichung
zes, sondern als· besondere, endliche Form der Realität. Das der menschlichen Wesenskräftl ist nicht die Fdrm der Entfrem-
gegenständliche Verhalten des Menschen zum Weltganzen ist dung an sich, sondern das nur in ihrer kapitalistischen Ent-
stets durch seine Beziehung zum besonderen Gegenstand ver- wicklung. Die Aufhebung der Entfremdung ist als kommu-
mittelt. Als besondere, von anderer Realität abgegrenzte Wirk- nistische revolutionäre Veränderung der gesellschaftlichen
lichkeit ist der Gegenstand zugleich Gestalt. Und nur als Gestalt Verhältnisse und der Lebensbedingungen kein Prozeß der Ent-
wird der Gegenstand !Jegreifbar, im Doppelsinn des Wortes als gegenständlichung. Es ist im Gegenteil die Gestaltung einer
Begreifen mit der Hand und als sinnlich-rationales Begreifen. menschlichen gegenständlichen und räumlichen Welt. Für diese
Marx' Konzeption der materiellen Produktionstätigkeit als gilt nun das ptolemäische Prinzip. Aber nur unter der Voraus-
Vergegenständlichung und Verdoppelung des Menschen in seinen setzung des kopernikanischen. In einer auf den Menschen hin
Lebensbedingungen bildet eine wichtige Grundlage unseret' eingerichteten Welt wäre der Mensch nicht Schöpfer, sondern
Ästhetik. Wenn der Mensch nicht nur ideelle Abbilder d·er ob- Geschöpf. Eine sinnfreie Welt, in welcher die Existenz des
i,ektiven Realität in seinem Kopf erzeugt, sondern praktische Menschen im statistischen ~inne zwangsläufig sein mag, anzu-
Projektionen seines Wesens in seinen Lebensbedingungen, ist erkennen, sefo besonderes Dasein auf dieser Erde jedoch auch
die Frage nach dem Anteil ästhetischer Formierungsfaktoren als. zufällig und damit als gefährdet zu verstehen, ist eine theore-
dieses Prozesses materieller Verdoppelung indirekt angelegt. In tische Voraussetzung des konsequenten Humanismus.
dem Verständnis der Arbeit be$timmte Marx seine Beziehung Das «Philosophische Wörterbuch>> definiert <<Gegenstand>> als
zu Hegel als die von Materialismus zu Idealismus. <<Das Große «das, was dem Subjekt <entgegensteht>, worauf die materielle
an der Hegelschen <Phänomenologie> und ihrem Endresultate - oder Erkenntnistätigkeit des Subjekts gerichtet ist>>. 10 Damit ist
der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeu- . das Moment der Gerichtetheit des Subjekts als Bedingung ge-
genden Prinzip - ist ..., daß Hegel die Selbsterzeugung des genständlichen Verhaltens· gefaßt. Zu~eich soHte beachtet wer~. }J
Menschen als einen Pro?eß faßt, die Vergegenständlichung als den, daß der Terminus <<Gegenstand» n1cli.rnur im Sinne von
Entgegenständlichung, als:i Entäußerung und als Aufhebung · t9Pfelct>> gebraucht wird, sondern auch die Gegenständlichkeit
dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und des Subjekts und die der Mittel bedeutet. ·
den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Men- · · Alle Gestaltqualitäten können in Hinsicht auf d~n Menschen
schen, als Resultat seiner eignen ·Arbeit begreift.>>4 Die Ein- in drei Gruppen gegliedert werden: r. Subjektgestalt, 2. Ob-
wände von Marx gegen Hegel in dieser Frage sind: r. Hegel jekt- oder Mittelgestalt,;. Umraumgestalt.
sieht vom <<Standpunkt der modernen .Nationalökonomen ...
nur die positive Seite der Arbeit, nicht ihre negative». 5 Er be-
greift ihre konkrete Gestalt nur als Aufhebung von Entfrem- Gegenstand und Umraum - Arbeit, Spiel, Muße
dung, nicht aber ihren en'tfremdeten Charakter selbst. 2. <<Die Im Umraum fassen sich die gegenständlichen Beziehungen der ~
Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt, ist die ab- Menschen zusammen. Der U~rjm ist ,l~flztes-und-.sub-
strakt geistige.»6 ;. Die Arbeit <<hat für ·Hegel zugleich oder jektzentriertes System gegenstan licher eziehungen. Die Kon-
sogar hauptsächlich die Bedeutung, die Gegenständlichkeit auf- tur der Umraumgestält'.isre!ir!mttpä1üisch·aurch den Raumbe-
zuheben, weil nicht der bestimmte Charakter des Gegenstandes, reich von Handlung~lLQ,<;.§Jimrnt!, Zum anderen werden viele
sondern sein gegenständlicher Charakter das Anstößige und die Tätigkeiten fn"äi:'cliitektonisch organisierten Raumbedingungen
Entfremdung ist. Der Gegenstand ist daher ein Negatives, ein realisiert. In dem Maße, in dem im Raum die Tätigkeit außenge-
sich selbst Aufhebendes, eine Nichtigkeit.» 7 In dieser Auffas- genständlich gerichtet ist, gewinnt der durch diese Tätigkeit be-
sung der Gegenständlichkeit erblickte Marx «die Wurzel des stimmte Raumsektor selbst gegenständlichen Charakter. Das
falschen Positivismus Hegels oder seines nur scheinbaren Kriti- reine umräumliche Verhalten ist die Muße . .A.tbii.t..un.d..Muß.e..
zismus>>.8 Dem setzte Marx nun die Auffassung entgegen, daß sind die inneren Antipoden der kommunistischen Kultur. Aus
der Mensch selbst ein gegenständliches Wesen ist. <<Gegenständ- clem\Verden der freien Arbeit erwächst clie Fähigkeit zur Muße.
lich, natürlich, sinnlich sein und sowohl Gegenstand, Natur, Sinn Arbeit„ und M~ße sind Formen_ der gesellschaftlichen P~oduk-
außer sich haben oder selbst Gegenstand, Natur, Sinn _für ein Hvität der tn·dividuen. Ihr_-- Mittelglied ist das Spiel. ·
_,-·-----··••--~·-·····--------·· ...
•-· -- ... ----
-- -· -

IO II
.
Aus den objektiven Zwängen seiner Existenzbedingungen faßt überschreitet tendenziell ihre fixierte räumliche Gtenze, sie for-
der Mensch den Gegenstand iQ der Arbeit objektiv, verfolgt er miert einen Gegenstand, der aus dem Arbeitsraum hinaustritt.
seinen Zweck nach den Gesetzen des Gegenstandes selbst. <<Wie Die Arbeit schließt zeitlich mit dem als Ziel gesetzten Resultat
der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu ab, dessen Erzeugung zwar mit dem geplanten Zeitmaß zusam-
befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, menfallen kann, aber nicht muß. Der Ablauf der vereinbarten
so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschafts- Zeit des Spiels oder zumindest bestimmter Spiele ist zugleich
formen und unter ailen möglichen Produktionsweisen.»11 Diese. ein F.aktor der Fixierung des Ergebnisses.
von Marx hervorgehobene Eigenschaft der Arbeit bedeutet keine Alle Theorien des Spiels, welche Arbeit und Spiel als Unfrei-
. Einschränkung der theoretischen Auffassung•von der gattungs- heit und Freiheit entgegensetzen, verabsolutieren, sofern sie sich
bestimmenden Rolle der Arbeit für den Menschen. Wenn die auf empirische Zustände stützen, in einseitiger Weise die we-
Beziehurlgen des Menschen zur Natur nur als Harmonie, als sentlich parasitäre Spielsituation der kapitalistischen Gesell-
übereinstimmendes vorgestellt werden, impliziert das philo- schaft,'in der ~pielen einmal in eine profitorientierte Arbeitssi-
sophischen Idealismus, eben die Vorstellung einer auf den Men- tuation gerät oder als Wirklichkeitsanspruch der parasitären
schen hin eingerichteten Weh. Wie er so Gegenstand des Spiels Klasse ideologisiert wird. In dem erstmalig I9H veröffentlichten
einer weltmächtigen Subjektivität, wird seine Arbeit, des Wi- Aufsatz «Ober die philosophischen Grundlagen des wirtschafts-
derstrebenden der Gegenständlichkeit enthoben, selbst Spiel. Es wissenschaftlichen .Arbeitsbegriffs>> setzte Herbert Marcuse das
gibt einen Heroismus und ein Pathos der Arbeit, wo diese ihre Spiel als freiheitliche Ausschließung der Arbeit,, «Im Spiel wird
entfremdete Form aufhebt oder bereits aufgehoben hat. Aber es die <Objektivität> der Gegenstände und ihre Wirkung, wird die
kann keinen Heroismus und kein Pathos qes Spiels und der Wirklichkeit der gegenständlichen Welt, die den Menschen sonst
Muße geben. dauernd zur sie anerkennenden Auseinandersetzung zwingt, für
Im Spiel ist die Objektivität der Gegenstände fiktiv redu- Augenblicke gleichsam außer Kraft gesetzt, er tut mit den Ge-
ziert. In dem praktisch-spielerischen Gebrauch erhal~n die Ge- genständen einmal ganz nach seinem Belieben, er setzt sich über
genstände symbolische Funktionen. Johan Huizinga gab unter sie hinweg, er wird bei ihnen von ihnen <frei>. Das ist das 'Ent-
anderem folgende Bestimmungen des Spielbegriffs, die positives scheidende: in diesem Sich-hinwegsetzen kommt der Mensch
:;I
Interesse verdienen. «Alles Spiel ist zunächst und vor allem ein gerade zu sich selbst, in eine Dimen.sion seiner Freiheit, die ihm
i', freies Han_deln. Befohlenes Spiel ist kein Spiel mehu 12 Seine in der Arbeit versagt ist. In einem einzigen Ballwurf des Spie-
1

1:1 Definition des Begriffes <<Spiel» faßte Huizinga so: «Der Form lenden liegt ein unendlieh größerer Triumph der Freiheit des
nach betrachtet, kann man das Spiel also zitsammenfassend eine Menschenwesens über die Gegenständlichkelt als -in der gewal-
freie Handlung nennen, die als <nicht so gemein[> und außerhalb '·: tigsten Leistung technischer Arbeit.» 14 Marcuse hat leider darauf
des gewöhnlichen Lebens stehend empfunden wird und trotzdem verzichtet, am Beispiel des Ballwurfs zu erklären, wie hier die
den Spieler völlig in Beschlag nehmen kann, an die kein ma- Objektivität des Gegenstandes aufgehoben ist. Der Arbeitsbe-
terielles Interesse geknüpft ist und mit der kein Nutzen erwor- griff Marcuses ist bürgerlich resignativ,• und sein Spielbegriff
ben wird, die sich innerhalb einer eigens bestimmten Zeit und wird hierdurch bürgerlich apologetisch. «In der 1'.rbeit geht es
eines eigens bestimmten Raums vollzieht, die nach bestimmten immer zuerst um die Sache selbst und nicht um den Arbeitenden,
Regeln ordnungsgemäß verläuft und Gemeinschaftsverbände ins -. auch dann, wenn noch· keine totale Trennung von Arbeit und
; Leben ruft, die ihrerseits sich gern mit einem Geheimnis um,- <Produkt der Arbeit> stattgefunden hat. In der 'Arbeit wird der
geben oder durch Verkleidung als anders als die gewöhnliche Mensch immer von seinem· Selbstsein fort auf ein andetes ver-
i''
Welt herausheben.»13 Die Kennzeichnung des besonderen Zeit-, wiesen, ist er immer bei andern und für andere.>> 15 Dfe gesell~
::l:11 Raum- und Regelcharakters des Spiels durch Huizinga weist schaftlichen Beziehungen, in denen das Sein für andere eine we-
einmal auf die besondere Verwandtschaft zwischen dem Spiel sentliche Seite der Selbstverwirklichung der Individuen als freie
:;· ~.
und der ,6.rbeit. Zugleich liegen in diesen Eigenschaften des ist, liegen jenseits des bejahenden Verständnisses v:on Marcuse.
;: ~~
Spiels auch wesentliche Unterschiede gegenüber der Arbeit be- Der Grundansatz seines Denkens ist die Bürgerlichkeit. Die an-
gründet. Das Spiel ist räumlich und zeitlich konventionell be- deren sind das bloß Äußere, das Sein für andere ist Knecht-
grenzt. Es wirkt nicht über seinen Raumbereich. Die Arbeit schaft.
u 13
,·,,,1.,~'\_"-:."'/tJ' ··~',:;l'Z"t".,,;'''

Als mit der Herausbildung der kapitalistischen Produktions- als Arbeit fassen. Das Ausweichen vor der Revolution und die
weise die Entfremdung eine zynische Gestalt annahm, die reale Unmöglichkeit der Bejahung der entfremdeten Arbeit umgren-
Möglichkeit ihrer Überwindung aber noch rticht erkannt und zen seine Theorie des Spiels. <<Der sinnliche Trieb will, daß Ver-
noch nicht ,erkennbar war, schrieb Friedrich Schiller: <<Die änderung sei, daß die Zeit einen Inhalt habe; der Formtrieb
Menschheit 'hat ihre Würde verloren, aQer die Kunst hat sie ge- will, daß die Zeit aufgehoben, daß keine Veränderung sei. Der-,
rettet und aufbewahrt in bedeutenden Steinen; die Wahrheit jenige Trieb also, in welchem beide verbunden wirken ... , der
lebt in der Täuschung fort,I und aus dem Nachbilde wird das Spieltrieb also würde dahin gerichtet sein, die Zeit in der Zeit
Urbild wieder hergestellt werden.>> 16 Von diesem Ausgangspunkt aufzuheben, Werden mit absolutem Sein, Veränderung mit
bestimmen sich Schillers Konzeption des ästhetischen Scheins Identität zu vereinbaren.» 21 So gewinnt der Mensch durch den
und seine Theorie cJes Spiels. Im Spiel findet riach der Vorstel- Spieltrieb seine eigentliche Wirklichkeit - als Schein. Hier ent-
lung Schillers der Mensch die Verwirklichung seines produkti- hält der Schein das Bild einer neuen Wirklichkeit - als Utopie.
ven Vermögens, die ihm die entfremdete Arbeit verweigert. Das Spiel ist so Bewahrung menschlichen Anspruchs und Wider-
Seine Bestimmungen des Spiels sind im Grunde Bestimmungen stand gegen eine feindliche Welt. Heute wird durch die bürger-
der freien Arbeit. Spiel ist für ihn die positive Synthese des sinn- liche Ideologie der Schein gegen das Werden einer neuen gesell-
lichen Triebes und des Formtriebes. Wird bei dem ersten das schaftlichen Wirklichkeit eingesetzt.
Subjekt purch den Gegenstand bestimmt, um den Menschen <<in In der kommunistischen Gesellschaft erhält das Spiel eine
die Schranken der Zeit zu setzen und zur Materie zu machen: neue Funktion. Als allgemeine gesellschaftliche Betätigung karin
nicht ihm Materie zu geben, weil dazu schon eine freie Tätigkeit es erst jetzt voll ausgebildet werden. Es verliert einmal seine
der Person gehört, welche die Materie aufnimmt und von sich, Surrogatfu~ktion gegenüber der praktischen Tätigkeit, wird nicht
dem Beharrlichen unterscheidet>>, 17 so behauptet sich durch den durch ·egoistisches Gewinnstreben in Arbeit gewandelt und von
Formtrieb die Person, indem sie den Wechsel des Objekts be- dem Anschein des P;rasitären befreit. Im Spiel modelliert der
wirkt. Das sinnliche V erhalten ist der <<Zustand der bloß erfüll- Mensch mit realen Gegenständen und praktischen Handlungen
ten Zeit>>. Im formenden Verhalten sind wir <<nicht mehr in der praktische Handlungen, er nimmt Erfolg und Mißerfolg, Sieg
Zeit, sondern die Zeit ist in uns mit ihrdr ganzen nie endenden und Niederlage mit in das Spiel, aber nicht ihre volle Dimen-
Reihe. Wir sind nicht mehr Individuen, sondern Gattung>>. 18 sion. Muße ist das unvermittelte Verhalten des Menschen zu sich
Schiller begriff so zwei wesentliche Seiten der Produktivität des selbst, sie ist innere Produktivität, die aus der Absichtslosigkeit,
Menschen. Die Tatsache, daß er durch die Arbeit, Formung, aus der Entschlossenheit, nichts zu tun, erwächst. Wir können
dem Gegenstand sein Maß und damit auch seine Zeit setzt, und vom Spiel zur Muße, von der Muße nur zur Arbeit übergehen.
die Tatsache, daß er durch die Arbeit Gattungswesen, in der Ein Nichtstun, welches nicht den inhalterfüllten Drang zur Ar-
Sozietät, nicht bloßes Partikel ist. beit erzeugt, ist keine Muße, sondern verlorenes, verlammeltea
In d~r 1. These über Feuerbach hatte Marx geschrieben: <<Der Leben.
Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbach- In der Muße ist die Gegenständlichkeit für das subjektive Be-
sehen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklich- finden des lndivicj.uums wede~ real wie in der Arbeit Mch kon-
keit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der An- ventionell und fiktiv wie in1 Spiel gegenwärtig, sondern im
i1: schauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätig- Raum aufgehoben. Der · Gegenstand ist selbstverständlich als
,,Ir,', keit, Praxis; nicht subjektiv.>> 19 Ludwig Feuerbach «faßt die reales Rlement ungewandelt, aber als solches ist er im engeren
,:·1
menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Sinne nicht Gegenstand. Muße und Spiel ~incl auf Arbeit ge-
1·:' Er betrachtet daher im <Wesen des Christenthums> nur das theo- gründet. Der,Mensch kann nur im entfalteten Maße Spiel und
retische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis Muße haben, wenn er freie und universelle Arbeit hat. Ohne
nur in ihrer schmutzig jüdischen Erscheinungsform gefaßt und Anstrengung, ohne ereignis- und konfliktreiches Leben verliert
fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der <revolu- das Spiel seine Spannung und die Muße ihren· Inhalt. Nur in-
tionären>, der <praktisch-kritischen> Tätigkeit.>>20 Schiller wollte nerhalb der. Entfremdung konnte sich der Gegensatz von Arbeit
die Praxis als W eserisbestimmung des Menschen begreifen. Aber und Muße, von Arbeit und Spiel erzeugen. Nur durch die Auf-
er konnte sie weder als revolutionäre Aktion der Massen noch hebung der Entfremdung ka~n dieser G;egensatz seine entfal-

14 15
... 1

tete Form und seine· uneing~schränkte geseHschaf~liche Produk- kennzeichneten Formen der Realität stets auch bestimmte Gestal-
tivität gewinnen. Wie der Mensch selbst, sind seine ihm eigenen ten, die sinnlich wahrgenommen oder doch vorgestellt werden
Betätigungsweisen letztlich auf Arbeit gegründet. Durch die Ar- können. Im Unterschied zu einem bestimmten Gerät, einem Le-
beit hat der Mensch sich .selbst und seine· Welt erzeugt. Erst in bewesen oder einer Pflanze ist diese Gestalteigenschaft jedoch
dieser Welt kann er spielen und träumen. nicht hinreichend durch ·die qualitative Beschaffenheit des sie
bildenden Materials bestimmt. Für den chemischen Rohstoff ist
es zunächst gleichgültig, 'oo er in Säcken verpackt oder zu Hau•
Arbeit und Gestaltung , fen geschuttet gelagert ist. Unsere Vorstellung von ihm schließt
Die Arbeit als materielle gegenständliche Tätigkej.t führt letzt- demzufolge keinen prägnanten Gestaltaspekt ein. Was der
lich stets zu Resultaten, die sich für den Menschen als Form und Mensch aus der Natur an sich heranzieht, zum Gegenstand für
Gestalt, als Besonderes vom Weltganzen abheben. Marx schrieb sich werden läßt, wird ihm zur Gestalt. Arbeit ist folglich. wie
hierzu: «Im Arbeitsprozeß bewirkt also die Tätigkeit des Men- bewußte gesellschaftliche Tätigkeit in ihrem letzten Bezug auf
. sehen durch das Arbeitsmittel eine von vornherein bezweckte den Menschen Gestaltung. Rohstoff, Halbfabrikat, Finalprodukt
Veränderung des Arbeitsgegenstandes. Der Prozeß erlischt im sind nicht nur Stufen der Aneignung und Umformung von Na•
Produkt ... Die Arbeit hat sich mit ihrem Gegenstand vei;bun- türlichem für den Menschen, sondern auch Stufen der Gestalt-
den. Sie ist vergegenständlicht, und der Gegenstand ist verar- werdung für ihn.
beitet. Was auf seiten des Arbeiters in der Form der Um;uhe Im Zusammenhang seiner Kennzeichnung des Unterschiedes
erschien, erscheint nun als ruhende Eigenschaft, in der Form des von Arbeits- und Verwertungsprozeß hat Marx die unterschied-
Seins; aufseiten des Produkts.» 22 So faßt das durch den Töpfer liche Gestaltqualität und die unterschiedliche Art des Gestalt-
geformte und im Ofen gebrannte Gefäß dii: in zeitlicher Abfolge wandels der verschiedenen gegenständlichen Faktoren des Pro-
gegliederten Teile der Arbeit zusammen. Die sich in der Gestalt duktionsprozesses beschrieben. <<Die Kohle, ~omit die Maschine
des Gegenstandes ausdrückende Ganzheit, die zeitlich ungeglie- geheizt wird, verschwindet spurlos, ebenso -das Öl, womit man
, dert in ihm wirklich ist, wird zum Ausdruck der zeitlich geglie- die Achse des Rades schmiert usw. Farbe und andre Hilfsstoffe
derten Stufen seines Werdens. Nur bezogen auf das Produkt verschwinden, zeigen sich aber in den Eigenschaften des Pro-
sind die einzelnen Momente des Arbeitsprozesses als Ganzheit dukts. Das. Rohmaterial bildet die Substanz des Produkts, hat
wirklich. Auch viele Erzeugnisse der modernen industriellen aber seine Form verändert. Rohmaterial und Hilfsstoffe verlie-
Produktion bieten sich den menschlichen Sinnen in Form der ren also die selbständige Gestalt, womit sie in den Arbeitspro-
Gestalthaftigkeit. Der elektrische Rasierap'parat, das Auto, die zeß als Gebrauchswerte eintraten. Anders mit den eigentlichen
Werkzeugmaschine, die Turbine eines Kraftwerks - alle erschlie- Arbeitsmitteln. Ein Instrument, eine Maschine, ein Fabrikge-
4&en sich in l.hren Erscheinungsformen als Gestalten, und sie sind blfoae, ein Gefäß usw. dienen im Arbeitsprozeß nur, solange sie
als Ganzheiten vorsteUbar. Anders ist es mit solchen Produkten ihre ursprüngliche Gestalt bewahren und morgen wieder in
der Arbeit wie Elektrizität, chemisqten Rohstoffen und land- ebenderselben :f'.orm in den Arbeitsprozeß eingehn, wie gestern.
wirtschaftlichen Erzeugnissen. Wjr fassen wohl in unserer Vor- Wie sie während ihres Lebens, des Arbeitsprozesses, ihre selb-
stellung die Ähre urid das Korn in gestalttypischer Erscheinung, ständige Gestalt dem Produkt gegenüber bewahren, so auch nach
nicht aber die Milch oder das Mehl. Wenn diese Produkte je- ihrem Tode.>>23 Die Gestalt der Arbeitsgegenstände ist für den
doch iri Nähe der Nutzung durch den Menschen gelangen, wird · Produktionsprozeß nur insofern wesentlich; wie diesem Prozeß
die Gestalthaftigkeit ihrer Erscheinung bestimmter oder werden durch diese Gestalteigenschaften das stoffHche Material vermit-
sie in Gestaltzusammenhängq des menschlichen Lebens eingeord- telt wird.·
net wie die in Wärme oder Licht umgewandelte Elektrizität. Der Zusammenhang von Gestalt, Ganzheit und Struktur ist
Die für unsere Vorstellung amorphe Elektrizität oder die chemi- durch dje Gestaltpsychologie näher erforscht worden. _Durch
schen Stoffe werden so zu Eigenschaften von Räumen oder zu diese Richtung innerhalb der Psychologie sind wichtige Auf-
Gebrauchsgegenständen und so auf die eine oder andere Weise schlüsse über die Einheit aller Seiten der me.nschlichen Psyche
zu Gestaltqualität~n für den Menschen verwandelt. Selbstver- gewonnen, werin auch zum Teil idealistisch interpretiert worden.
ständlich bildet die konkrete Existenz der hier als amorph ge- Der Ansatz zu einer rationellen philosophischen und selbst psy-
16 2 Kühne, Gegenstand 1
. 17
~',j:
-· ,..._t1::-r·~,('\ ~ 1:
'- ..·
chologischen Deutung der durch die Gestaltpsychologie gegen <<System» soH unter «Ganzes>> hier die das reale Objekt kenn-
den ·sogenannten psychologischen Atomismus betonten Ganzheit- zeichnende Einheit von Allgemeinem und Besonderem verstan-
lichkeit der Empfindung ist in der inarxistisch-leninististhen Auf- den werden. In diese ist die Beziehung von Gesetzmäßigem,
fassung des Erkenntnisprozesses als einer Funktion der gesell• Notwendigem und Zufälligem eingeschlossen. Der Systembe-
schaftlichen Praxis gegeben. Wenn durch die Gestaltpsychologie griff soll wesentlich die Beziehungen von Funktion, Struktur und
die Auffassung von der nur einseitigen Gerichtetheit der Be• Elementen in der Ebene der den bestimmten Gegenstand kenn-
ziehung Empfindung, Wahrnehmung, Denken erschüttert wurde, zeichnenden Allgemeinheit ausdrücken. Im lJnterschied hierzu
so erfuhr die marxistisch-leninistische Vorstellung von der aus umfaßt also der Begriff des Ganzen die Gesamtheit der Bezie-
den Erfordernissen der Praxis, den Interessen der Menschen re- hungen eines Konkretums.
sultierenden Gerichtetheit der Erkenntnis eine wesentliche Be- Von diesem Ausgangspunkt her gesehen ist die Aussage <<Das
stätig4ng. Das von Pjotr K. Anochin begründete Reafferenz- Ganze ist die Summe seiner Teile» richtig, erfaßt aber nicht die
prinzi p ist eine wichtige Voraussetzung zum rationellen V er- für die Ganzheit spezifische Fragestellung, weil der Summen-
ständnis der dialektisch aufgefaßten Einheit von Sinnlichem aspekt die Struktur der die Ganzheit bildenden Elemente nicht
und Gedanklichem im Erkenntnisprozeß. erfaßt. Das Ganze ist wie das System funktionell konstituiert.
Die materielle Konkretheit des Besonderen wie der dialekti- Für die bloße Summe ist die Beziehung ihrer Teile zueinander
sche Charakter der Beziehung von Einzelnem und Allgemei- auswechselbar. So können wir ein Auto durchaus als die Summe
nem· zueinander sind objektive Voraussetzungen der Gestalt- seiner Elemente, Fahrgestell, Motor, Getriebe, Bremsen usw.,
empfindungen de_s Menschen. Folglicli wird der Gestaltbegriff auffassen. Aber daraus ergibt sich nicht, daß jede beliebige An-
hier zuerst und wesentlich unter dem Gesichtspy.nkt der Ge- ordnung der für ein Auto konstitutiven Summe spezifischer Ele-
stalteigenschaften der materiellen Realität und erst hiervon ab- mente bereits ein solches ist. Durch den Strukturaspekt wird er-
geleitet als psychologischer gefaßt. kennbar, warum dem Ganzen Eigenschaften zukommen, die
Für.die gestaltende Tätigkeit sind nicht nur natürliche und aus seine Teile überhaupt nicht besitzen. Daß dem Ganzen Eigen-
den objektiven Momenten der Praxis resultierende, sondern auch schaften zukommen, die nicht zugleich solche seiner Teile sind,
aus der Psyche der Menschen erwachsende Determinanten wirk- wird durch die Aussage <<Das Ganze ist mehr als die Summe sei-
sam. Die Beziehung dieser einzelnen Faktoren zueinander ist ner Teile» falsch ausgedrückt. Die Aussagen <<Das Ganze ist die
für unterschiedliche Tätigkeiten differenziert. Summe seiner Teile>> und <<Dem Ganzen kommen andere Eigen-
Zunächst wollen wir den Zusammenhang zwischen den Be- schaften zu als seinen Teilem widersprechen einander nicht. Viel-
griffen <<Ganzes» oder <<Ganzheit>> und «Gestalt» erörtern. Die mehr ist die Richtigkeit der zweiten Aussage eine Vorausset-
Qualitäten Gestalt, Ganzes, Teil gehören auch der unabhängig zung dafür, daß die erste sinnvoll ist. Wenn nämlich dem
vom Menschen existierenden und von ihm nicht beeinflußten Ganzen nicht auch andere Eigenschaften zukommen würden• als
Welt zu. Mit den entsprechenden Begriffen erfassen wir· be- seinen Teilen, würden sich Teil und Ganzes überhaupt nicht
stimmte Eigenschaften der materiellen Realität. Für den sinn- voneinander unterscheiden.
vollen Gebrauch. der zuvor bezeichneten Kategorien ist es not- Besonders in der Analyse der Kooperation hat Marx die qua-
wendig, den besonderen Charakter ihrer Relativität stets zu litative Differenz zwischen dem Ganzen und seinen Teilen dar-
beachten. So äußerte sich Friedrich Engels über die Kategorien gestellt. Schon die Eigenschaft, Teil zu sein, die ja nur in der
<<Teil» und <<Ganzes>>, daß sie schon für das Verständnis der «or- Beziehung zu einem Ganzen existiert, differenziert die Teile
ganischen Natur unzureichend werden». 24 Die Eigenschaft des qualitativ gegenüber dem Ganzen. Marx schrieb: «Wie die An-
einzelnen, zugleich Besonderes zu sein, mit anderem in der Be- griffskraft einer Kavallerieschwadron oder die Widerstandskraft
ziehung der Wechselwirkung zu stehen und nur durch diese selbst eines Infanterieregiments wesentlich verschieden ist von der
ein Besonderes zu sein, bestimmt zugleich seine Integration in <'Summe der von jedem Kavalleristen und Infanteristen verein-
eine es umfassende Ganzheit, auf die bezogen es als Ganzes Teil zelt entwickelten Angriffs- und Widerstandskräfte, so die me•
ist. Die Beziehung von Teil und Ganzem zueinander ist nicht chanische Kraftsumme vereinzelter Arbeiter von der gesell-
starr, sondern ergibt sich aus den konkreten Relationen, in denen schaftlichen Kraftpotenz, die sich entwickelt, wenn viele Hände
das einzelne Objekt existiert. Im Unterschied zur Kategorie gleichzeitig in derselben ungeteilten Operation zusammenwir-
18 2*
19
'
wirkt;· er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck,
ken, z. B. wenn es gilt, eine Last zu heben, eine Kurbel ZU: drehn
den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz be-
oder einen Widerstand a:us dem Weg zu räuinen.» 25 Marx b!!·
stimmt und dem er seinen Witlen unterordnen mufü>. 29 Der ge-
~auptete nicht, daß die mechanische Kraftsum~e einer Gruppe
sellschaftliche Inhalt der Arbeit drückt sich primär in den ge-
von Arbeitern größer ist als eben die Summe. der mechanischen
setzten Zwecken und erst von diesen abgeleitet in den Festle-
Kräfte der Arbeiter, welche die Gruppe bilden. Vielmehr hob
gungen der besonderen Formen aus, durch welche der Zweck
er hervor, daß der Gruppe Kräfte und Operationsfähigkeiten
erfüllt werden soll.
zukommen, welche der einzelne nicht besitzt. «Die Wirkung der
In der kapitalistischen Gesellschaft sind die Werktätigen von
kombinierten Arbeit könnte hie.r von der vereinzelten gar nicht
dem Prozeß der Zweckbestimmung der Produktion ausgeschlos-
oder nur in viel längren Zeiträumen oder nur auf eipem Zw~rg-
sen. Als Arbeitende sind sie im Kapitalismus nur instrumen- ·
maßstab hervorgebracht werden. Es handelt sich hier nicht nur
tierte Wesen, ihre Tätigkeit in der Produktion ist dur~ Zwecke
um Erhöhung der individuellen Produktivkraft durch die Ko-
bestimmt, die durch das gesellschaftliche Verhältnis der Pro-
operation, .sondern um die Schöpfung einer Produktivkraft, die
duktion objektiv determiniert und durch die Individuen der
an und für sich Massenkraft sein muß.»26 „ Klasse der Bourgeoisie subjektiv personifiziert sind. Sie ver-
Bezogen auf die Kategorie des Ganzen soll die Kategorie der
wirklichen als Proletarier damit .durch die Produktionstätigkeit
Gestalt die Kontur, durch welche sich die Ganzheit gegenüber
einen ihnen nicht nur fremden, sondern feindlichen Zweck. Erst
ihrem Umraum begrenzt, bezeichnen. Christian von. Ehrenfels
durch den Sozia1ismu~ wird die Arbeit von einem Mittel bloßer
'hob in seiner Schrift <cÜber Gestaltqualitätea» die Eigenschaften
Existenzerhaltung zum gestaltenden Tun der Arbeitenden und
Übersummativität und Ttansponierbarkeit als für die Gestalt-
das sowohl hinsichtlich ihrer äußeren räumlichen und gegen-
eigenschaft bestimmend hervor. 27 In Hegels <<Ästhetik>> heißt es:
ständlichen wie auch hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Welt.
«Die Gestalt ist räumliche Ausbreitung, Umgrenzung, Figura-
In der Sinnlichkeit der gestalteten Welt erscheint ihnen der Sinn
tion, unterschieden in Formen, Färbung, Bewegung usf. und eine
des Tuns. Denn die tiefste Wurzel des von Menschen Gestal-
Mannigfaltigkeit solcher Unterschiede.>>28 Die Gestalt .ist als teten ist der Zweck,
Flächenkontur Vermittlung zwischen dem Ganzen und
seinem Umfeld. Die Morphologie hat für die pflanzlichen und
tierischen Organismen den funktionellen Wert der jeweiligen
Gestalteigenschaften herausgearbeitet. Die Gestalt ist ein we-
1. Technische Gestalt
sentliches Moment, welches die Funktion der Ganzheit realisiert. .
Unabhängig von seiner Arbeit findet der Mensc:\i in der Natur
'
Die Unterscheidung von Gestaltqualitäten nach dem techni-
Gestalten unterschiedlicher Qualität ver. Soweit er die in der
schen, dem praktischen und dem psychischen Aspekt ist selbst-
Natur vorgefundenen Objekte sich nicht· direkt anzueignen ver-
verständlich nur für Gegenstände sinnvoll, die Ergebnisse der
mag, muß er durch Arbeit den Naturstoff umformen, ihn so bil-
Arbeit sind. In der Gestalt als Eigenschaft der Ganzheit des den,, tlaß seine Funktionen dem ihm gesetzten Zweck entspre-,
Arbeitsprozesses drückt sich die Zweckerfüllung der Arbeit aus.
chen. Die Arbeit hat die Aufgabe, die Einheit von Naturgesetz ·
Die Beziehung von Arbeit und Produkt ,kann unter dem Ge-
und menschlichem: Zweck ·zu realisieren. Das kann sie nur, in•
staltaspekt zur Unterscheidung zwischen diachroner Gestalt und
dem sie den Gesetzen der Natur selbst folgt. Die objektiven na-
synchroner Gestalt dienen. Diesen beiden Gestalttypen ent-
tiirlichen Determinanten der gegenständlichen gestaltenden Tä-
spricht die zeitlich gegliederte Struktur des Arbeitsprozesses auf
tigkeit werden hier als «technische» bezeichnet. Der Bedeutung
der einen und die zeitlich ungegliederte Struktur des Resultats
des Attributs <<technisch>> wird so eine gegenüber anderem Ge-
der Arbeit auf der anderen Seite.
brauch verengte Bedeutung gegeben. Durch diese Form der Ge-
Für die durch Arbeit veränderte Wirklichkeit, für ihre Ge-
staltung erzeugte Gegenstände, die ohne Vermittlung durch
stalteigenschaften und nicht zuletzt für die Bedeutung, welche-
menschliche Tätigkeit funktionieren, werden als «technische Ge-
diese für das geistige und emotionale Verhältnis der Menschen
stalt>> bezeichnet. Wir gewinnen 'f;O eine terminologische Grund-
zu ihnen haben, ist die Finalität des Hand'elns der Menschen ein
lage, um den noch näher zu entwickelnden Zusammenhang von
bestimmender Faktor. Marx schrieb, daß der Mensch durch die
technischer, praktischer und ästhetischer Gestaltung zu erfassen.
,Arbeit nicht <<nur eine Fgrmveränderung des Natürlichen be-
21
20
Das terminologische Material kann in der hier gegebenen 'Funk- . siert das Rollen einer Kugel auf einer Ebene ,die' Menschen im •
tionierung als provisodsch aufgefaßt werden. Aber die Aner- Grunde nur, insofern sie etwas für sich hierdurch bewegen kön-
kennung einer als technisch vorgestellten Gruppe von Determi- nen. Die technische Aufgabe hat also stets einen gesellschaftlichen
nanten des gestalterischen Schaffens, ist für das Verständnis Inhalt, so verborgen er ihren Akteuren auch sein mag. Die Tat-
kultureller Entwicklungsprozesse der Gegenwart von großer sache, daß die Technik stets zur Erfüllung gesellschaftlich be-
Bedeutung. Die Leugnung oder Ignorierung der Selbständigkeit stimmter Aufgaben eingesetzt wird, bede,µtet nicht, zu leugnen,
dieses technischen Moments gestalterischer Arbeit führt nicht nur daß ihre Methoden gegenüber diesen gesellschaftlichen Inhalten
zu falschen theoretischen Schlußfolgerungen in der Kennzeich- innerhalb bestimmter Grenzen indifferent sind.
nung unterschiedlicher Typen von Gegenständen, sondern auch · Die hier nicht gesondert zu entwickelnde gesellschaftligie
zu hemmenden Entscheidungen in kulturpolitischen Fragen. Der Relevanz des Technischen betrifft einmal die Genesis der be-
Einfluß der Techniker auf die ästhetische Kultur unserer Zeit ist stimmten technischen Systeme und zum anderen deren Ak-
groß. Er voilzieht sich stets in ei~er durch die konkreten gesell- tualisierung für die Lebenstätigkeit und für die Lebensbedin•
schaftlichen Verhältnisse geprägten Weise. Für die ästhetischen gungen der Menschen. Kurt Teßmann definierte: «Technik ist
Beziehungen sind letztlich immer die klassen- und formations- eine Seite des gesellschaftlichen Seins, welche die vom Menschen
geschichtlichen Inhalte bestimmend. Folglich geht es nicht um die gesetzten zielgerichteten Wirkungen von Naturprozessen als
Unterscheidung von ~technischer und technischer oder von vor- materielle Mittel, Verfahren, Strukturen, Systeme umfaßt, die
industrieller und industrieller Asthetik. Da:s behaupten, schließt einer praktischen Beherrschung von Natur und Gesellschaft
jedoch die Beachtung des Einflusses der industriellen Entwick- dienen.»30
Jung auf die ästhetische Kultur nicht aus. Allgemein könnte die Technik als die Gesamtheit der Mittel
Zur näheren Kennzeichnung des Problems des Technischen in und der Methoden aufgefaßt werden, mit deren Hilfe die Men-
dem hier zu fassenden Sinne sei folgender Fall vorgestellt und schen durch sie gesetzte Zwecke erreichen können. Es könnte -~
verfolgt. Es soll eine physische Funktion optimal erfüllt werden, so einmal zwischen Produktions-, Gesellschafts- und Psychotech-
und auf die Herstellung der für die Realisierung der Funktion nik und zum anderen zwischen Subjekt- und Instrumententech-
erforderlichen Bedingungen dürfen ästhetische gestalterische Ab- nik unterschieden werden. Es wurde zuvor bereits betont, daß
sichten keinen bestimmenden, sondern höchstens einen vermit- für den hier gesetzten Gebrauch <<Technik>> als Produktions-
telnden Einfluß haben. Die zu gewinnenden Gestaltzusammen- technik aufgefaßt wird und daß mit dem Attribut <<technisch>>
hänge sind indirekt und hinreichend bereits durch die gestellte in methodischer Einseitigkeit für die hier verfolgten Ziele be-
Aufgabe definiert, sind eine Relation zwischen der gesetzten sonders die auf die Natur gerichteten und durch diese deter-
Funktion und den sie konstituierenden und tangierenden Natur- minierten Aspekte der Arbeit und der sie begründenden Me-
1,
gesetzen. Dem technischen Gestalter bleibt nur die Aufgabe, die thoden bezeichnet werden.
('
I.'
Lösung von der natürlichen Potentialität in die technische Ak- Die für einzelne technische Aufgaben gefundene Lösung ist
I' tualität zu übersetzen. Eine solche Aufgabe wird sicher nie rein in ihrer konkreten Form. einmal vom Entwicklungsstand der
zu erfüllen sein, ihre Vorstellung enthält aber eine sinnvolle Ein- Produktivkräfte abhängig und, sofern entwickelt, von der mit
stellung zum Auffinden •technischer Lösungen. Die Aufgabe diesem verbundenen technischen· Wissenschaft. Die bestimmte
könnte sein, die Form für einen stofflich homogenen Körper zu technische Lösung ist zugldch durch die -besonderen ökonomi-
definieren, dessen Bewegung aus der Ruhelage auf eine ebene schen und technischen Möglichkeiten, die für sie zur Verfügung
1,
Fläche nach jeder Richtung die gleiche Energiemenge erfordert. stehen, und von der Befähigung und individuellen Eigenart des
Die sich hieraus ergebende Gestalt ist die Kugel. Um unser An- l
1'
1
[
Ingenieurs, dem sie übertragen wurde, beeinflußt. Obgleich das
liegen zu erreichen, wurde von dem gesellschaftlichen Sinn, auf technische System einer Gesellschaft durch die herrschenden
1

'i. dessen Grundlage sich allein solche Operation vollziehen Produktionsverhältnisse formiert ist und als Faktor der gesell-
könnte, abgesehen. Aber es ist eindeutig, daß die unterschied- ' schaftlichen Produktivkräfte determininierend ;mf die Produk-
liebsten gesellschaftlichen Zielstellungen, die zu einer derartigen tionsverhältnisse zurückwirkt, sind die einzelnen Elemente des
Operation führen können, nicht gleichermaßen unterschiedliche Technischen immer durch naturgesetzliche Zusammenhänge
Lösungen derselben determinieren. Selbstverständlich interes- determiniert. Hieraus ergibt sich auch, daß technische Elemente
22 23
in einem hist6risch variablen Maße zwischen uifrerscliiedlichen Zusammenhang ist von Burger später so erfaßt worden: <<Am
Gesellschaftsordnungen austauschbar sind. Je tiefer die Natur Eiffelturm ist alles Macht, Wille, Sieg, verhaltener Triumph.
durch die Menschen erkannt wird, um so kühner und objektiver Der Geist, der seinen Stoff selbst erzeugt, ihm Form und durch
zugleich können ihre technischen Werke sein. Auf der Grund- sie erst das Leben gebietet und bei einer ungeheuren Spannung •
" lage der bestimmten technischen und ökonomischen Vorausset:- der Kräfte das jubelnde Symbol unwiderstehlicher, geistiger
zungen werden technische Lösungen an die Grenze des· für eine Energie sich schafft in einem ehernen Bau, in dem das Einzelne
Zeit Möglichen geführt. Diese Lösungen werden zwangsläufig für sich betrachtet ein sinnloses Nichts, nur im Ganzen Wert
bei gleichartigem Charakter der Aufgabenstellung gleichartig und Sinn erhält. Mit brutaler Energie greift der vierfüßige Riese
sein, zugleich wird der Spielraum für individuelle Entscheidun- ins Erdreich ein, stemmt sich empor aus der gedrückten Masse ·
gen enger und tritt der Einfluß nichttechnischer Gestaltungs- sich sammelnder Energie; schießt himmelhoch in einer gtaziösen
determinanten immer mehr zurück. Für ein viergeschossiges Kurve, durchsichtig wie feines Filigran der Turm hervor, kör-
Haus lassen sich heute viele Gestaltvorstellungen formulieren perlos und doch voll Leben, formlos im Sinne des künstlerischen _
vnd verwirklichen, Es kann als Kubus, Kugel, Zylinder und an- Motivs und doch geformt in einer selbstherrlichen Gesetzlich-
keit.»32 Es ist hier niclit näher zu verfolgen, an welchen Punkten 1
deres gebildet werden. Die Selbständigkeit der technischen Ge:-
staltungsdeterminanten ist auch dort zu erfassen, wo diese ,mit sich die Gedanken des Sclröpfors des Turmes mit denen des Inter-
anderen verbunden sind. preten decken oder voneinander abweichen. Besonderes Inter-
Hierzu ist die Argum~ntation Alexandre Gustave Eiffels zur esse verdient die offensichtliche- Verschiebung des Akzents vom
Verteidigung seines Entwurfes des Pariser Turms gegen den Technischen zum Asthetischen in der Erklärung Burgers gegen-
Vorwurf der Kunstwidrigkeit besonders aufschlußreich. Eiffel über der Eiffels. Was Burger sah, war die Bindung des Turm-
schrieb: «Stimmen die richtigen Bedingungen der Stabilität nicht' entwurfes von Eiffel an die herrschenden ästhetischen Auffas-
jederzeit mit denen der Harmonie überein? Die Grundlage der sungen der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wenn er
Baukunst ist, daß die Hauptlinien des Gebäudes jederzeit seiner diese auch aus einer expressionistischen Haltup.g heraus_ in über-
Bestimmung entsprechen. Welches aber ist die Grundbedingung höhter Weise subjektivistisch reflektierte. In dem Pariser Turm
bei meinem Turm? Seine Widerstandsfähigkeit gegen den ist ein neubarocker monumentaler Gestus gefaßt, der aus einer ·
Wind! Und da behaupte ich, daß die Kurve der vier Turmpfei- nur technischen Motivation nicht ableitbar ist. Damit steht die--
ler, die der statischen Berechnung gemäß von der gewaltigen ses Bauwerk Eiffels ästhetisch durchaus in der Nähe solcher
Massigkeit ihrer Basen an in immer luftigere Gebilde zerlegt Werke wie dem Justizpalast von Jozef Poelaert in Brüssel,
zur Spitze emporsteigen, einen mächtigen Eindruck von Kraft welcher <<das wuchtigste und selbstherrlichste Beispiel des Ek-
und Schönheit machen werden.»31 Eiffel argumentierte als In- lektizismus in Europa darstellt und durch die Gewalt seiner
genieur und war überzeugt, daß die den statischen Berechnungen plastischen Phantasie .beinahe wie eine Urschöpfung wirkt>>. 33
entsprechenden Formen auch von ästhetischem Wert sind. Wie den Justizpalast in Brüssel und ihm vergleichbare Bauten
Es wurde versucht, für den Turmentwurf Eiffels Objekte zu und die städtebaulichen Entwürfe George E. Haussmanns kenn-
finden, die für seine Entscheidung als Ingenieur gestafthaft be- zeichnet den Pariser Turm Eiffels auch das rigorose Durch-
stimmend oder doch anregend hätten sein können. In der «Ein- brechen jeder Bindung an die historisch überkommene Maß-
führung in die moderne Kunst>> steHte Fritz Burger _die Auf- stäblichkeit der Architektur.
nahme des Eiffelturms neben die eines Dampfhammers in Essen Für die technische Gestalt ist also kennzeichnend, daß sie
und versuchte, ihn so in eines gestaltgeschichtlichen Zusammen- außer durch technische durch keine anderen Formimpulse un-
hang zu bringen. Burgers Interpretation des Eiffelturmes läßt m\ttelbar bestimmt oqer beeinflußt ist. Damit ist nichts über
die Verknüpfung von technischer und ästhetischer Motivation ihre ästhetische Wertigkeit ausgesagt. Technische Gestalten
deutlich erkennen. Der Zusammenhang von technischen und können größere Bedeutung für die Entwicklung einer ästheti-
ästhetischen Determinanten im Entwurf Eiffels ermöglicht unter- schen Kultur erhalten als Kunstwerke. Die Vorstellung einer
schiedliche Interpretationen dieses Bauwerks. reinen technischen Gestalt ist nur durch idealisierende Ab-
Eiffel hatte die Beziehung seines Pariser Turmes zu der herr- straktion zu bilden. Daß eine reine technische Gestalt objektiv
schenden ästhetischen Kultur seiner Zeit nicht gesehen. Dieser nicht möglich ist und ihre theoretische Vorstellung nur auf der
24 25
-; -~~, ,/;Jl?'~~,'(,P(', '"1"t": -~ '\-.,
.', I.

Grundlage einer von den konkreten technischen Objekten ab- die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend erscheint.
sehenden Konstruktion erfolgen kann, hebt die Wirklichkeit Aber der entscheidende Schritt war getan: Die Hand war frei
technischer Gestaltungsdeterminanten und ihre objektive Do- geworden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten
'minanz für bestimmte Gegenstände der Arbeit nicht auf. Unter erwerben, und die damit erworbene größere Biegsamkeit ver-
dem Gesichtspunkt dieses Vorranges technischer Determinanten erbte und vermehrte sich von Geschlecht zu Geschlecht.
werden Gegenstände wie die Kurbelwelle eines Verbrennungs- So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch
motors, die Kugeln eines Kugellagers und das Lager selbst als ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer
«technische Gestalten>> bezeichnet. Das kann auch sinnvoll für neue Verrichtungen, durch Vererbung der. dadurch erworbenen
komplexere Gebilde wie einen Motor, bestimmte Maste und besondern Ausbildung der Muskel, Bänder und in längeren
ähnliches erfolgen, obgleich hier im Unterschied gegenüber den Zeiträum<,n ·auch der Knochen, und durch immer erneuerte An-
zuvor genannten Objekten andere Gestaltungsfaktoren bereits wendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets verwik-
stärker wirken. keltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad
Die Wirkung technischer Determinanten des gestalterischen von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälcle,
Wirkens der Menschen ergibt sich aus der Existenz einer vom Thorvaldsensche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern
Menschen und dem Bewußtsein überhaupt unabhängigen Natur konnte.»34 ,
und der spezifischen Objektivität ihrer Gesetze und Eigen- Die Menschen leben in einer bestimmten Symmetriebeziehung
schaften. zu ihren Produktionsmitteln und zu der gestalteten Umwelt
überhaupt. Diese Beziehung ist das Ergebnis der prakcisch-ge-
genständlichen Lebenstätigkeit der Menschen und durch . ihre
2. Praktische Gestalt gesellschaftlichen Verhältnisse selbst formiert. Die Toleranzen
der gesellschaftlichen Entwid<lung werden auf der Grundlage
Unter den von Menschen geschaffenen Gegenständen kommt den der modernen industriellen Produktionsagenzien nicht kleiner,
Werkzeugen, die zuerst als Handwerkzeuge ausgebildet und sondern größer. flieraus ergibt sich auch, daß auf einer in vieler
entwickelt wurden, besondere Bedeutung zu. Wesentlich Hinsicht als gleichartig aufzufassenden Entwicklungsstufe der
,durch sie hat sich der Mensch erzeugt, indem er in ihnen ein Produktionsmittel in unserer Zeit einander entgegengesetzte
gegenständliches System erhielt, welches erworbene Fähigkeiten Gesellschaftsdrdnungen gegründet sein können. Hieraus ergibt
,,, gegenständlich fixierte und objektivierte und wodurch sich der sich die besondere Bedeutung der revolutionären Praxis, der
i '!
menschlichen Entscheidungen und Entwürfe.
Prozeß seiner Herauslösung aus der Natur stabilisieren konnte.
Durch ihre Werkzeuge erhielten die Menschen nicht nur eine Die besondere Eigenschaft der hier als <<praktisch» vorge-
gesteigerte ~nd teilweise auch qualitativ neue Wirkungskraft stellten Gegenstände gegenüber den als <<technisch» bezeichneten
gegenüber der Natur, gewannen sie nicht nur Distanz zum kon- wird deutlich, wenn wir einen' Handhammer mit einem auto-
kreten Arbeitsgegenstand, welche die ansetzende begriffliche matisch funktionierenden Hammerwerk vergleichen. Zum Hand-
Abstraktion gewissermaßen praktisch und anschaulich model- hammer hat der Mensch direkten physischen Kontakt, er ist
lierte, sie erzeugten durch die Arbeitsmittel weitgehend auch einmal Verlängerung seiner Physis, die auf die organischen
die sie vom Tierreich abhebende Anatomie ihrer physischen Eigenschaften des Menschen, der Hand vor allem, und zugleich
Konstitution. Schließlich wurde durch die Werkzeuge-nicht nur auf die Besonderheit der bestimmten Arbeit und ihtes Gegen-
eine diesen angepaßte Anwendung durch die Menschen bewirkt, standes hin gebildet wurde. Wenn die durch das Werkzeug zu
sondern mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Produkti- vollbringenden Arbeiten als gesetzt aufgefaßt werden, bestimmt
vität der Arbeit auch -die partielle Freisetzung ihrer Physis für sich die besondere Gestalt des Arbeitsmittels hier aus der Be,,.
Tätigkeiten, die nicht mehr unmitoelbar aus ihrer Beziehung ziehung zweier Pole: dem Menschen als Subjekt und dem Ge-
I' zur äußeren Natur erwuchsen. Über die Wirkung der frühen genstand als Objekt, es ist die Mitte beider, darin eben Mittel.
Werkzeuge auf die Entwicklung des Menschen schrieb Engels: Die Ansprüche des Menschen an dieses Arbeitsmittel sind nicht
«Bis der erste Kiesel durch Menschenhand zum - Messer verar- zuerst solche der Anschauung, sondern der Handhabung. Die
beitet wurde, da~über mögen Zeiträum~ verflossen sein, gegen ästhetische Bedeutung der Gestalt erwäch,st vor allem aus ihrer
'
26 27
1 .
Bewährung gegenüber den Ansprüchen der Hand. Sofern Ge- matische Maschinensystem ein Organ der menschlichen Praxis.
stalten aus diesen Erfordernissen der Handhabung erwachsen, Der gesellschaftliche Charakter der Praxis ist hier noch über-
sollen sie alnpraktische» ,bezeichnet werden. · zeugender zu erfassen als am Beispiel handorientierter Werk-
Die doppelte Determiniertheit des handorientierten Mittel- zeuge. In dem Maße, in dem die gegenständlichen Produktions-
gegenstandes durch die organische Beschaffenheit des Menschen bedingungen als angewandte Wissenschaft funktionieren,
als des Subjekts und durch die Eigenschaften des Arbeitsgegen- verlieren sie ihre direkte Beziehung 1mr materiell-gegenständ-
standes, die für die bestimmte Arbeitstätigkeit wesentlich sind, lichen Tätigkeit der Menschen. Verglichen mit den Handwerk-
ist am Beispiel des Handhammers, seiner zwei Grundelemente, zeugen, die unmittelbar mit dem menschlichen Organismus
dem Stiel und dem Schlagbolzen, besonders sinnfällig. Tatsäch- verbunden und nur so funktionswertig sind, arbeiten die Men-
l,ich durchdringen sich jedoch Subjektives und Objektives hier schen ihre Produktionsinstrumente wieder in die Natur zurück.
wechselseitig, ist das unvermittelt dem Subjekt zugehörende Es entstehen Mascliinensysteme, deren Funktion die Anwesen-
Element zugleich zum Objekt hin formiert und das dem Ob- heit und die Existenz der Menschen nicht mehr erfordert. Diese
jekt zugeordnete zum Subjekt. .Entwicklung der Produktivkräfte, in der sich im Kapitalismus
Ein automatisches Hammerwerk kann die gleiche Arbeit ver- ' das soziale Elend des Proletariats erhöht, begriff Marx als not-
richten, die ein Mensch oder eine Gruppe von Mens~en mit wendige Bedingung des Kommunismus.
d\!m Handhammer leistet. Aber für die Gestaltung dieses In-
struments kommt die Anforderung der Handlichkeit nicht in
Betracht. Es ist dem direkten physischen Kontakt mit dem 3. Ästhetische Gestaltung
menschlichen Organismus im Maße seiner Qualifikation als
Automat entrückt. Für die Gestaltung dieses Automaten wirken Die Untersuchung des Wesens ästhetischer Gestaltung erfordert,
selbstverständlich noch unterschiedliche Anforderungen der zunächst vom ganzheitlichen Charakter der Wirkung mensch-
·Menschen, ökonomische, ökologische, visuelle und akustische. licher Wesenskräfte abzusehen, gedanklich das Ästhetische von
Aber handliche Ansprüche treffen im Sonderfall nur für die seinen Beziehungen, ohne die es nicht existiert, zu isolieren und
Bereiche der Maschine zu, die Bedienungsfunktionen vermitteln, es zu verselbständigen. Die Unterscheidung zwischen technischen,
und können. unter dem Gesichtspunkt der Reparierbarkeit ge~ praktischen und ästhetischen Gestalten differenziert die Gestalt-
faßt sein. Wir können diese Maschine als dem Menschen so qualitäten zum Ästhetischen hin unter dem Aspekt der subjek-
entrückt auffassen, daß er zwar von ihrer Existenz weiß,' ver- tiven Produktionsbedingungen ihrer Gegenständlichkeit. \ Der
! :1
1

mittelt ihre Arbeitsergebnisse seinem Lebensp,rozeß zuordnet, Begriff der ästhetischen Gestalt meint einzig die ästhetisdi de-
aber keinen direkten physischen oder sinnlichen' Kontakt zu ihr terminierten'und nicht die ästhetisch wertigen Gestaltqualitäten
hat. Sie kann bei entsprechendc;r Entwicklung durch Informa- überhaupt. Dieser Begriff stellt die ästhetisch determinierten
tionsprozesse funktioniert werden, wenn diese Notwendigkeit Gestaltqualitäten idealisierend als Totalität vor, obgleich diese
entsteht. Alle iJnderen Operationen, auch die der Reparatur, keine kongruente reale Entsprechung hat. Das ist ein wesent-
leistet sie selbst. licher Unterschied gegenüber dem Begriff der technischen oder
Das Auseinandertreten der als <<technisch>> und als <<praktisch» dem der praktischen Gestalt. Der Begriff der ästhetischen Ge-
bezeichneten Gestalteigenschaften ist das Ergebnis einer langen stalt wird mit durch die Bestimmung der praktischen gebildet.
Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Die Bedeu- Wie es kein selbständiges moralisches Verhalten gibt, die Eigen-
tung dieses Differenzierungsprozesses für die ästhetische Kultur schaft des Moralischen vielmehr in allen besonderen V erhal-
',[: ist noch näher zu erörtern. Jetzt soll nur bemerkt werden,· daß tensweisen realisiert ist, gibt es auch kein besonderes ästhetisches
die gewählte Terminologie zur Kennzeichnung des inhaltlich V erhalten und keine besonderen ästhetischen Verhältnisse neben
zuvor charakterisierten Differenzierungsprozesses extrem einsei- anderen. Selbst die künstlerischen Verhältnisse sind verkannt,
tig und zu Mißverständnissen verleitend ist. Die von mir ge- wenn sie einfach als ästhetische' dargestellt werden. Die systema-
.gebene allgemeine Bestimmung des Begi:iffs der Technik ergibt tische Entwicklung dieser Auffassung des Ästhetischen führte
\ · eindeutig, daß auch der Handhammer in diesem Sinne ein tech- zu vielen terminologischen Schwierigkeiten und zu mißverständ~
nischer Gegenstand ist. Und selbstverständlich ist auch das auto-
1
liehen Besdmmungen. So wird zwischen der primär- und der
28 29
'.'""J''-:- ,,~ \_'-,l;r).,' -7.~: ,· .', ,· ··,,:\'"f'( ·;-:> J' -~;- );_ ~·

sekundär-ästhetischen Gestal/ unterschieden, um unterschied- objektiviert sich in einer spezifischen organischen Situation und
liche gegenständliche Organisationsbedingungen des Ästhe- körperlichen Haltung des Subjtkts. Die Einwirkung auf die
tischen zu erfassen. Aber die durch solche Bezeichnungen ästhetische Emotionalität kann durch rationale Operationen
nahegelegte unterschiedliche Rangsetzung gestalterischer Subjek- , erfolgen, sie ist durch die Beeinflussung des organischen Zu-
tivität ist eben durch gebildete Vorstellung zurückgewiesen. standes und durch zielgerichtete Gestaltung der Umwelt von
Im Unterschied zur technischen und zur Struktur der prakti- Menschen zu erreichen. Die Emotionalität steht in der Bezie-
schen Gestalt liegen die bestimmenden Determinanten der hung der Wechselwirkung zu den rationalen Inhalten der Psyche
ästhetischen unmittelbar in der Psyche der·Menschen. Zweifellos der Menschen. Wenn der Mensch nicht das emotionale Äquiva-
müssen die als technisch und praktisch vorgestellten Gestaltein- lent bestimmter Handlungen ausgebildet hat, ist er trotz ratio-
flüsse auch durch den Kopf des Menschen hindurch. Obgleich naler Einsicht, subjektivem Wollen und organischer Befähigung
das in der, geschichtlichen Entwicklung der Produktion auf nicht fähig, sie zu vollbringen. Die Einheit von Rationalem und
unterschiedlichem Niveau der Bewußtheit vollzogen wurde, Emotionalem ist zugleich eine konstitutive Beziehung für die
ist die Widerspiegelung der ,unterschiedlichen objekth;en Pro- Weltanschauung der Menschen.
duktionsbedingungen durch die menschliche Psyche doch ein-
deutig faßbar. Hieraus folgt, daß die unterschiedlichen Deter- Material, Technik und Asthetisches
minanten des Technischen und des Praktischen, Naturgesetze,
Materialeigenschaften und andere, gedanklich präzise vonein- Für die Entwicklung des theoretischen Verständnisses des ästhe-
ander abzugrenzen sind. Das ist in gleicher Weise für die Deter- tischen Formfaktors war die Erörterung seiner Beziehung zur
minanten der ästhetischen psychischen Eigenschaften der Men- materiellen Produktion sehr wichtig. Mit der Durchsetzung der
schen, nicht möglich. Wenn die Psyche, besonders die emotionale maschinellen Produktion wurde in vielen Bereichen des gestal- 1
Konstitution, der bestimmende Faktor der ästhetischen Ge- terischen Schaffens die gestaltdeterminierende Funktion der 1
staltung und damit das unvermittelte Kriterium ästhetischer technischen Methoden und der Materialien sichtbar. Besonders
Gestalteigenschaften darstellt, heißt das nicht, die materielle Gottfried Semper hat mit seiner ästhetischen Theorie eitfen be-
Determiniertheit dieser Seite des Psychischen zu leugnen und deutenden Beitrag für die Erkenntnis der Beziehung zwischen
diese als in sich selbst beruhende Realität aufzufassen. Daß die der materiellen Produktion und der ästhetischen Gestaltung
Objektivität ästhetischer Inhalte des Bewußtseins anders ge- geleistet. Iri der praktischen Zweckmäßigkeit und in der Mate-
.if.
l gründet ist als die von wissenschaftlichem Bewußtsein wird rialentsprechung sah Semper die grundlegenden Gestaltungs-
i':
schon durch die Veränderung ästhetischer Werthaltungen inner- determinanten der <<Kunstinqustrie>>. Wenn Semper auch nicht
halb einer Kultur und durch die ästhetischen Differenzierungen vermochte, den universellen Zusammenhang, in dem die ästhe-
zwischen unterschiedlichen Kulturen deutlich. Es wird zunächst tische Gestalt gegründet ist, spezifisch zu erschließen, liegt doch
davon ausgegangen, daß die ästhetische Emotionalität durch in seinem theoretischen Werk ein wichtiges Vermächtnis, welches
die Gesellschaftlichkeit des Menschen bestimmt und durch seine der marxistisch-leninistischen Asthetik aufgegeben ist. Nach
physische Konstitution modifiziert ist. Wo der emotionale Zu- eh1er langen Periode idealistischer Kritik an Sempers kunst-
stand vordergründig durch die physische Situation des Menschen theoretischen Anschauungen erfolgte eine gewisse Rückbesin-
geprägt ist, etwa im Falle einer Krankheit, Verletzung oder nung auf seine Theorie innerhalb der bürgerlichen Kunstwissen-
ähnlicher Zustände, wirkt umgekehrt das Grsellschaftliche als schaft. Hierbei wurde versucht, die materialistische Kunsttheorie
Modifikation des primär durch die Physis bestimmten emotiona- Sempers positivistisch zu deuten.
1,
len Befindens. Gegen die Auffassung Sempers gewandt, behauptete Alois
Zum anderen ist die ästhetische Emotionalität dadurch cha- Riegl, daß dem Gebrauchszweck, dem Material und der Tech-
rakterisiert, daß sie form- und gestaltrelevant ist. Die Unter- nologie keine positive Bedeutung für die Entwicklung der
::,!: scheidung zwischen moralischen und ästhetischen Gefühlen ist ästhetischen Gestaltvorstellungen zukomme, <<sondern vielmehr
nur in der Vorstellung sinnvoll, daß das moralische Gefühl der eine hemmende, negative: sie bilden gleichsam die Reibungs'"
Handlungs- und ,das ästhetische Gefühl der Gestaltaspekt ein koeffizienten innerhalb des Gesamtprodukts>>.35 Das Durchbre-
und desselben Gefühls ist. Dieser Gestaltaspekt des Gefühls chen der technischen und materialmäßigen Determiniertheit

30 31
1

der ästhetischen Ausdrucksformen eröffnete durch die so ermög- hoben werde, ist ein läppischer Einwand. So gut der'Körper
lichten neuen Fragestellungen ,eine fruchtbare Periode der Ent- nach durchgehenden Gesetzen gebaut ist, ohne daß der indivi-
wicklung der Asthetik und der Kunstwissenschaft. Wichtige duellen Form Abbru~ geschähe, so gut steht die Gesetzlichkeit
Gesetzmäßigkeiten der Kunstentwicklung konnten herausgear- der geistigen Struktur des Menschen mit~Freiheit nicht im Wi-
beitet und interpretiert werden. Die von Kunstwissenschaftlern derspruch. Und wenn man sagt, man habe wohl immer so ge-
wie Alois Riegl, Gustav Schmarsow und Heinrich Wölfflin sehen, wie man sehen wollte, so ist das eine Selbstverständlich-
entwickelten kunsttheoretischen Positionen bilden wesentliche keit. Es handelt sich nur darum, wie weit dieses Wollen des
Grundlagen für die Anwendung des historischen Materialismus Menschen einer gewissen Notwendigkeit untersteht, eine Frage,
in der Kunstwissenschaft. Für unsere Erörterung des Wesens die allerdings über das Kün_stlerische hinaus in den Gesamt-
des Asthetischen ist die These vom Wirken überindividueller komplex geschichtlichen Lebens, ja schließlich ins Metaphysische
Gesetze der Stilentwicklung, die in den unterschiedlichen Fas- hineinführt.>>38 Wir müssen hier bei dem. abschließenden Hin-
sungen der sogenannten <<kunstgeschichtlichen Grundbegriffe». weis auf das Metaphysische nicht verweilen. Wölfflins Argumen-
bestimmt wurden, interessant. Wenn auch keiner dieser Wis- tation gegen den Voluntarismus in der Kunsttheorie, hier sicher
sen_schaftler Marxist war und ein direkter Einfluß marxistischen besonders auf Wilhelm Pinder gezielt, bildet dialektische und
Gedankenguts auf einen derselben als unwahrscheinlich ange- in der Ten_denz materialistische Ansätze zur Lösung des be-
nommen werden muß, so haben sie doch Erkenntnisse auf einem stimmten Problems. Wölfflin begriff, daß die unphraseologische
bestimmten Gebiet der gesellschaftlichen Entwicklung gewon- Vorstellung der menschlichen Individualität die Anerkennung
nen, die sich geradezu aufdrängen, ihre rationale Interpretation einer allgemeinen gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeit nicht aus-
in der marxistischen Gesellschaftstheorie- zu finden. Vor allem schließt, sondern voraussetzt. Er anerkannte die determinierende
die von Marx begründete Theorie der Gesellschaftsformation Funktion 4es Wollens, stellt aber die Frage nach dessen Deter-
und der ·Nachweis der objektiven Gesetzmäßigkeit der inneren minanten.
Entwicklung wie a~ch der geschichtlichen Abfolge der einzel- Die hier zuletzt berührten Fragestellungen werden wieder auf-
nen Gesellschaftsformationc::n bieten die allgemeinsten gesell- genommen. Wir wollen uns zunächst dem Gestaltproblem wie-
schaftstheoretischen Grundlagen zu einer unspekulativen Deu- der zuwenden. A.us der Tatsache, daß der sogenannte technische
tung dieser einzelwissen~aftlichen Ergebnisse. Die dialektisch- Gegenstand durch naturgesetzliche, der sogenannte praktische
materialistische Gesellschaftstheorie, welche die «Entwicklung Gegenstand durch aus cfer menschlichen Physis und subjektiven
I". der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturge- Befindlichkeit erwachsende, der ästhetische .Gegenstand aber
1"
schichtlichen Prozeß auffaßt>>,36 erschließt in dem Verständnis durch psychische Determinanten unmittelbar bestimmt ist, er-
der allgemeinen Geset;:zmäßigkeit der gesellschaftlichen Ent- gibt sich zwischen dem technischen und dem praktischen Ge-
wicklung zugleich das der Rolle der menschlichen Individuen genstand auf der einen und dem ästhetischen Gegenstand. auf
hierbei. Die Entgegensetzung von Gesetz und Individualität, der anderen Seite ein wesentlicher Unterschied. in der für beide
welche die Diskussionen innerhalb der Kunstwissenschaft lange Gruppen zutreffenden Charakteristik der Beziehung von Ganz-
Zeit mit prägte, verliert damit ihren abstrakten und doktrinären heit und Gestalt. Für den technischen und für den praktischen
Charakter. Gegenstand ist die Einheit beider Momente spezifisch, insofern
Dil'! Affinität zwischen dem Marxismus und den theoretischen sich die Gestalt weitgehend aus der wesentlichen Struktur und
Auffassungen der zuvor genannten Kunsthistoriker ist nicht ver- Funktion der Ganzheit notwendig ergibt. Im Gegensatz hierzu
borgen geblieben. So bezeichnete Paul Zucker die Methodik ist für den ästhetischen Gegenstand die Beziehung von Ganz-
Riegls, Schmarsows und Wölfflins als die der <<Desindividuali- heit und Gestalt zufällig. Im engeren funktionellen Sinne ist
sierung» und ihre Geschichtsauffassung als «einen optischen hier die Gestalt die Ganzheit selbst. Während die Gestalt eines
Marxismus>>. 37 Auf den Vorwurf der Desindividualisierung hat Flugzeuges wesentlich durch dessen innere Struktur determiniert
Wölfflin in gültiger Weise geantwortet. Im Vorwort zur sechsten ist, wobei sich aus dieser Stru~tur verschiedene Zwänge für die
Auflage der «Grundbegriffe>> schrieb er: <<Der Einwand, daß Gestaltung ergeben, erweist sich die Gestalt einer Bronzeplastik
durch die Annahme einer <gesetzmäßigen> Entwicklung des Vor- in ihrer Beziehung zu dem stofflichen Träger, als dessen Ge-
stellens die Bedeutung der künstlerjschen Individualität aufge- stalt sie erscheint, als äußerlich und zufällig. Wenn wir nun an-
3 Kühne, Gegenstand
32 H
nehmen, daß es sich bei dem künstlerischen Gebilde um die Dar· entsprechend den gesellschaftlich bestimmten Modi des ästhe-
stellung eines wirklichen Wesens, Mensch oder Tieq handelt, tischen Verhaltens. Zugleich setzt die Beschaffenheit der einzel-
erscheint es so, daß die Gestaltdeterminanten wesentlich in dem nen Stoffe den Möglichkeiten der ästhetischen Gestaltung be-
Objekt liegen, welches abgebildet wurde. Gegenüber dem ab- stimmte Grenzen, die nur durch die Wahl oder die Gewinnung
gebildeten Gegenstand erscheint die Form dieses Abbildes als anderer Materialien erweitert wei;den können.
wesentlich, auf die Ganzheit des die Abbildung realisierenden Durch die wissenschaftlich-technische Revolution unserer Zeit
stofflichen Komplexes bezogen ist sie zufällig. Hierin liegt die und durch die sich aus ihr ergebenden Möglichkeiten und Not-
Charakteristik des Scheins. wendigkeiten für das ästhetische gestalterische Schaffen wird die
Der Gestalt der Plastik und der des Flugzeuges ist gemeinsam, Unhaltbarkeit einer engen Auffassung der Materialgerechtheit
daß sie wesentliche Träger der Funktionen der sie,unmittelbar deutlicher als für die zurückliegenden Entwicklungsphasen er-
konstituierenden Objekte sind und daß die sie bildenden Eie- kennbar. Die Auswahl der für die Gestaltung zur Verfügung
" mente auf sie hin organisiert wurden. Das im Unterschied zu stehenden Materialien wird immer größer. Wo nicht extremer
den Gestalten von Dampfmaschinen und Turbinen, die sich Mangel herrscht, muß die Entscheidung über die zu verwenden-
weitgehend aus der inneren funktionellen Struktur dieser tech- den Materialien für die Gestaltung in einer Reihe von Fällen
nischen Apparate ergeben. Die Gestalt des Flugzeuges ist aber bereits unter dem Vorrang ästhetischer Absichten getroffen wer-
ein entscheidender Faktor des Fliegens, hierdurch ist sie we- den. Zum anderen schließt oft schon die Herstellung bestimm-
sentlich bestimmt. Ihre konkrete Erscheinung ist durch die be- ter Stoffe, so vor allem synthetischer, ästhetische Entscheidungen
sonderen Funktionen, die der jeweilige Flugzeugtyp zu erfüllen mit ein. Es gibt aber für die Festlegung der Farbe einer Platte
hat, geprägt und im unterschiedlichen Maß durch ästhetische aus Kunststoff keine hinreichend aus ihrer chemischen Zusam-
Gestalteinflüsse gebildet, aber im Unterschied zur darstellen- mensetzung sich ableitende Schlußfolgernngen. Die Vernachläs-
den Plastik nicht notwendig auf ihr äußere Objekte bezogen. sigung einer auch auf die Farbwirkung bedachten Herstellungs-
Die Gleichartigkeit oder Ahnlichkeit des einen Flugzeuges mit weise synthetischer Stoffe würde oft zu unbefriedigenden
anderen bedeutet hier nicht, daß das eine Fluizeug die Dar- Wirkungen fuhren. Die ästhetische Gestaltung dringt also not-
stellung eines anderen ist. wendig bis in die Sphäre der Pr'oduktion von Rohstoffen ein.
Die Eigenschaft des Scheins kann ästhetischen Objekten zu- Durch die Entwicklung der industriellen Produktivkräfte tritt
kommen, ist aber für diese keine notwendige Eigenschaft. Aber die Selbständigkeit des ästhetischen Gestaltungsfaktors auch im
die unter dem Gesichtspunkt des Scheins erfaßte Besonderheit außerkünstlerischen Bereich immer sichtbarer hervor. Hieraus
i·I'.,
der Beziehung von Ganzheit und Gestalt gilt auch für diejenigen wurden auch Schlußfolgerungen für die Ausbildung der Stu-
ästhetischen Gegenstände, welche die Eigenschaft des Scheins denten an den Hochschulen für Gestaltung gezogen. So schrieb
nicht aufweisen. Für die technischen und praktischen Gegen- Erwin Andrä über Ausbildungsmethoden an der Hochschule für
stände ist die Gestalt nur eine Seite der für die Funktionser- industrielle Formgestaltung Halle, Burg Giebichenstein: «In
füllung notwendigen Eigenschaften. Für die ästhetischen Ge- ihrer neuen Struktur ging die Hochschule von dem alten, aus der
bilde ist die Gestalt die Form der Funktionserfüllung, auf die Werkkunst übernommenen Prinzip ab, Formgestalter auf be-
bezogen alle anderen Eigenschaften der diese Gestalt realisie- stimmte Materialien zu spezialisieren. Wir können heute noch
renden Ganzheit nur Bedingungen sind. Die hierin liegende nicht wissen, welche neuen Materialien es im Jahr 2000 gibt
Problematik ist besonders unter dem Gesichtspunkt der Bezie- und welches von dem heutigen wir dann noch verwenden.»39
hung von Material und ästhetischer Form diskutiert worden. Das für eine gestalterische Aufgabe zur Verfügung stehende
Für die Auseinandersetzung über die Beziehung von Material Material wirkt zweifellos als eine wesentliche Determinante des
und ästhetischer Formung war das Prinzip der Materialgerecht- Gestaltungsaktes selbst. Aber es hat als stoffliches Substrat der
heit sehr bedeutend. Da das Material, welches als Substrat der Gestaltung eine broite Amplitude möglicher Gestaltentscheidun-
'1i 1 Gestaltung dient, selbst ästhetisch relevant ist, wirkt es hierdurch gen, und das Wesen der Gestalt ist in ihren stofflichen Bedin-
zweifellos auf den Akt des Gestaltens ein. Diese ästhetische Re- gungen nicht bereits angelegt. Das gleiche Material kann ent-
levanz des Materials ist allerdings keine an sich gegebene, son- gegengesetzte ästhetische Ausdruckswerte realisieren, ohne daß
dern realisiert ihren die Gestaltung mit formierenden Einfluß einer derselben dem Prinzip der Materialgerechtheit entgegen-
3•
34 35
stehen muß. So .etwa der Unterschied von romanischer und go- 1 für den Sozialismus, weil hier die moderne Technik der.Arbei-
tischer Architektur, deren Werke in den einzelnen Regionen mit terklasse Mittel zur Vollendung ihres welthistorischen Befrei-
gleichartigem Material geschaffen wurden und die dieses Ma- ungskampfes ist. .
terial unterschiedlich interpretieren. Es hat auch Kunstperioden Die gewonnene Differenzierung zwischen der technischen, der
wie die des Barock gegeben, in denen die Selb;tändigkeit des praktischen und der ästhetischen Seite der raum-gegenständlich
Basismaterials der ßestaltung teilweise völlig ignoriert wurde, gestaltenden Tätigkeit erschließt wesentliche Momente der ganz-
ohne daß sich hieraus eine negative Wertung dieser Praxis und heitlichen Wirkung der menschlichen Wesenskräfte. Diese
ihrer auf uns gekommenen Schöpfungen ergibt. Die gleiche menschlichen Wesenskräfte sind einmal durch die biologische
Praxis der Imitation können wir. auch bei uns zeitgenössischer Konstitution der Menschen und zum anderen durch das gesell-
Gestaltung auffinden, etwa in der Imitierung von Holz mit schaftliche Erbe und durch die für die Individuen gegenwärtigen
Kunststoffen. Solches ist hier ein Zugeständnis an unentwickelte gesellschaftlichen Verhältnisse konkretisiert. ,Die so begriffene
ästhetische Ansprüche, die im Grunde Ausdruck einer antiin- Totalität menschlicher Wesenskräfte ist unter den Bedingungen
dustriellen gemütsmäßigen Reaktion sind. Denn diese Imitation der klassenspezifischen Arbeitsteilung in der Sphäre der gesell-
täuscht nicht nur ein anderes Mat~rial vor, sondern zugleich an- schaftlich normierten Arbeit für die einzelnen Individuen redu-
dere Produktionsbedingungen, andere Technik und Technolo- ziert und nur als Eigenschaft der, gesellschaftlichen Gesamtar-
gie. Das ist der eigentliche weltanschauliche und darin zugleich beit entfaltet ausgebildet. Für die Bildung des auf bestimmte
ästhetische Kern eines solchen Verhaltens. Individuen oder Gruppen von Individuen bezogenen Ausdrucks-
Josef Strzygowski hatte von der <<Fabel der <Materialgerech- wertes von, Produkten ,und Mitteln der Arbeit. kommt den ästhe-
tigkeit»> gesprochen. <<Dieses von Schinkel aufgebrachte Schlag- tischen Faktoren der Gestaltung besondere Bedeutung zu, weil
.wart hat seine Berechtigung in Zeiten, die vorwiegend verstan- sich durch diese der gesellschaftliche Charakter ihrer Emotiona-
desmäßig schaffen, in denen ein unbewußt drängendes Werden lität direkt äußert. Die Analyse des sich in unterschiedlichen
zurücktritt. Es gilt am wenigsten für jene beiden Strömungen, Typen von Gegenständen und räumlichen Lebensbedingungen
die Schinkel selbst am höchsten einschätzte, die griechische und vollziehenden Differenzierungsprozesses zwischen den einzelnen
die christliche ·des Nordens.>>40 Strzygowski übersah hierbei nur, Charakteren der Gestaltung ermöglicht. wichtige Aufschlüsse
daß auch das «unbewußt drängende Werden>> mit Bewußtsein über die Struktur des gesellschaftlichen. Bewußtseins. Das- Sy-
verbunden ist und daß auch unbewußt drängendes Werden im stem der ästhetischen Wirkungsfaktoren und damit der ästheti-
r,''!
gestalterischen Schaffen die determinierende Rolle ihrer stoffli- schen Verhältnisse einer Gesellschaft, dessen Erforschung eine
chen Voraussetzungen nicht aufhebt. Im Norden hatte das be- wichtige Aufgabe der Ästhetik- ist, wird stets durch die Gesamt•
sondere Material, der Backstein, eine wesentliche Modifikation heit der gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt. Das gilt auch
der gotischen Architektur bewirkt. Wir können berechtigt davon für die jeweils konkrete Funktionalität der einzelnen ästheti· ·
ausgehen, daß sich diese Sonderung der Architektur wesentlich sehen Gestaltungsweise. So ist die für unsere Zeit kennzeich-
spontan vollzogen hat. Das Material als Gestaltungsdetermi- nende Selbständigkeit der Kunst das Ergebnis eines langen
nante behält selbständige Bedeutung. Hierbei, das wird in der historischen Prozesses und vor allemdas Ergebnis der mit dem
sozialistischen Praxis besonders deutlich, weist die gestalterische Kapitalismus beginnenden Phase der Kulturgeschichte.
Einstellung zum Material über dieses hinweg auf die gesell- Auch die gestaltprägnante Erscheinung der Produktionsinstru-
schaftlichen Beziehungen zurück. Die Verselbständigung des Ma- mente ist durch die geschichtlicl). gewordene konkrete Totalität
terialaspekts ist immer Ausdruck von gesellschaftlich bornierten menschlicher Wesenskräfte bestimmt. Diese Totalität fo:idet in
Vorstellungen. Wenn die Pioniere moderner Architektur mit tra- den Produktionsinstrumenten allerdings eine Ausprägung im
ditionellen Baumethoden und Materialien Werke schufen, die Ästhetischen, die. sich weitgehend auf ihre technischen Grund-
Ausdruck moderner industrieller Technologie und entsprechen- qualitäten gründet. Der technische Apparat realisiert seine Funk-
der· Baustoffe waren, so kommt der entgegengesetzte ästhetische tion unmittelbar. Es-. wurde bereits hervorgehoben, daß mit der
Wert Praktiken zu, die mit industriellen Methoden die Erschei- fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte die Selbstän-
nungsweise nicht industriell erzeugter Produkte und die für diese digkeit der technischen Apparate gegenüber den Menschen zu-
charakteristischen Materialien imitieren. Und das gilt besonders nimmt. Viele von ihnen erfüllen ihre Funktion optimal, wenn
36
37
~.~ ,_ ..... ( ·.r '' / .,.· ''~ ·;:""~,_

wir gedanklich von ihrer Existenz absehen können. Der Mehr- und nicht das Halten der von den Verkehrsteilnehmern er-
heit der Nutzer von Elektroenergie wird die Erinnerung an die wünschte Zustand ist. Entsprechend diesem besonderen Anfor-
Existenz des Elektrizitätswerkes erst durch den Ausfall der derungsgrad des Haltens ap Kreuzungen ist das dieser Hand-
Stromzufuhr wieder wachgerufen. Seiner Funktion und Gesetz- lung zugeordnete Zeichen Rot mit dem ihm eigenen hohen psy-
lichkeit nach gehört der technische Apparat der natürlichen und chischen Intensitätsgrad richtig eingesetzt. Die psychischen Kom-
nicht der gesellschaftlichen Wirklichkeit an. Der auf einen an-· ponenten des Haltens und des Fahrens auf der einen und die der
deren Himmelskörper beförderte Apparat kann bei entsprechen - Farben Rot und Grün auf der anderen Seite stehen in einer ge-
der Qualifikation seine Funktion auch bei Abwesenheit von wissen Entsprechung. Hierbei handelt es sich um psychische Wir-
Menschen realisieren, und das unter Umständen auch dann, wenn kungen dieser Farben, die zwar ästhetisch relevant, selbst aber
die Menschen seine Existenz völlig vergessen würden. Anders nicht ästhetisch sind. Die für die diskutierte Funktion interes-
wäre das bei einem Gegenstand, der eine kommunikative Funk- sierende Farbwirkµng ist nicht gesellschaftlich bestimmt, sondern
tion zu erfüllen hat. Nehmen wir an, ein solcher Gegenstand durch die physische Konstitution der Menschen, sie ist in ähnli-
wäre auf einen anderen Planeten gebracht, um hierdurch einen cher Weise auch bei einigen Tieren aufzufinden. Die richtige
bestimmten Besitzanspruch auf diesen Pla'neten anzumelden und Auswahl der Farbwerte für die Steuerung von Verkehrsabläu-
zu symbolisieren. Es könnte nun der Fall eintreten, daß dieser fen geschieht zunächst nicht ästhetisch, sondern im allgemeinsten
Gegenstand den vorgesehenen Himmelskörper nicht erreicht, Sinne psychologisch. Die Umkehrung der Verkehrsbedeutungen
aber allgemein die Auffassung besteht, er habe ihn erreicht. In von Rot und Grün wäre zwar möglich, aber immer psychologisch
diesem Falle wäre es für die Effektivität der Operation kein verkehrt. Sie würde über die Zeit der Gewöhnung der Verkehrs-
Unterschied, ob der Gegenstand sein Ziel erreicht hat oder nicht. teilnehmer an diese neue Festlegung hinaus negative Folgen für
Eine demgegenüber andere Wirkung würde sich ergeben, wenn die Sicherheit im Straßenverkehr verursachen.
der symbolische Gegenstand zwar sein Ziel erreicht hätte, aber Während die Menschen sich innerhalb gewisser Grenzen der
allgemein die Auffassung vertreten würde, daß er es nicht er- Bedeutung abstrakter und auch bestimmter ikonischer Zeichen
reicht hat. Der Gegenstand würde zwar in der ihm gesetzten gegenüber willkürlich verhalten können, sofern sie fähig sind,
Ebene noch funktionieren, aber in einer seinem Zweck entgegen- diese Willkür für die an dem jeweiligen Kommunikationspro-
wirkenden Weise. Seine spezifische Wirkung wäre völlig aufge- zeß Beteiligten zu normieren, sind ästhetische Wirkungen nicht
hoben, wenn man ihn vergessen würde. Dieser Gegenstand war durch bloße Festlegungen zu verändern. Diese Wirkungen be-
ja nur ein passives Mittel zur Symbolisierung, er hätte auch durch ruhen einmal auf den sinnesphysischen und den durch sie aus-
einen qualitativ anderen Gegenstand ersetzt werden können, gelösten psychischen Wirkungen äußerer Reize. Ihre ästhetische
ohne daß sich hieraus eine Beschränkung der möglichen Funk- Eigenschaft erhalten sie durch die gesellschaftlich determinierte
1: 1.I tionserfüllung ergeben hätte. emotionale Konstitution der Individuen, welche .wesentlich
1)' Im Unterschied zum ästhetischen Gegenstand ist die Bedeu- durch deren sich in der Weltanschauung ausdrückenden gesell-
li,,
1
I;:;, tung des abstrakten Zeichengegenstandes auswechselbar, sie kann schaftlichen Haltung bestimmt ist. Die hiervon unabhängigen
!,:.; durch Vereinbarung verändert werden. So könnte etwa verfügt psychischen Reaktionsweisen, wie sie zuvor am Beispiel des V er-
werden, daß Rot an der Verkehrsampel entsprechend der Stra- kehrszeichens erörtert wurden, existieren beim entwickelten
ßenverkehrsordnung nicht mehr <<Halt!» und Grün nicht mehr Menschen immer in einer ästhetisch und somit eben gesellschaft-
«Fahrt!» bedeuten soll, sondern umgekehrt Rot «Fahrt!>> und lich modifizierten Weise. Ihre Selbständigkeit, die unbedingt
Grün <<Halt!». Diese Festlegung wäre sicher aus verschiedenen zu begreifen ist, um die Spezifik ästhetischer Reaktionen der
1•·11 Gründen nicht sinnvoll, aber sie würde sich gewiß durchsetzen, Menschen auf ihre Außenwelt zu erfassen, kann nur durch Ab-
wenn auch auf Kosten zusätzlicher Verkehrsunfälle, die vor al- straktion vorgestellt werden. Da das Ästhetische durch das ge-
lem zuerst durch die Trägheit des Umstellungsprozesses bei den sellschaftliche Sein der .Menschen bestimmt ist, genügt keine
i 11
Verkehrsteilne4mern bedingt wären. Das Halten, zuvor Anhal- bloße Entscheidung oder Festlegung, um ein ästhetisches Ver-
ten, an der Kreuzung erfordert von den Fahrzeugführern eine hältnis qualitativ zu verändern. So kann der Entschluß, etwas
größere psychische Anspannung und Leistung als das Fahren nicht zu begehren oder etwas als schön Empfundenes nicht mehr
'1. oder Anfahren. Das schon aus. dem Grunde, weil das Fahren als schön zu empfinden, eine Voraussetzung zu einem tatsädi•
38 39
liehen Einstellungswandel hinsichtlich der so bestimmten Be- den Gegenstand führen kann, zeigt auf besondere Weise, daß
ziehung sein. Das ist aber nur möglich, wenn solche Entschei- Natur und Mensch real zusammenhängen und den Gesetzen der
dung zum Ausgangspunkt einer das objektive Wesen des Natur, der Gesellschaft und des D.rikens ein sie zusammen-
Menschen selbst berührenden V eränderu~g seines Verhaltens fassendes Moment der Objektivität eigen ist.
und damit also seines gesellschaftlichen Charakters wird. Die Für das Verständnis der Entwicklung von Marx' Konzeption
Entscheidung etwa, ein junges Mädchen emotionell zu erleben des Gegenstandes ist es notwendig zu erkennen, ·daß bereits
wie eine Greisin und umgekehrt die Greisin wie ein junges in den «Ökonomisch-philosophischen Manuskripten>> die dop-
Mädchen, liegt nicht in der Hand- der Menschen wie sie sind. pelte Determiniertheit der Gegenstände der Menschen durch
Sie müßten sich, um das zu erreichen, zu völlig neuartigen W e- Marx erkannt wurde. Hieraus ergeben sich wichtige Schlußfol-
seh wandeln. gerungen für .die in diesen Manuskripten von 1844 enthaltene
Aussage, daß der Mensch auch nach den «Gesetzen der Schön-
heit» formiert. Die mit dieser Bemerkung von Marx verbundene
Das «inhärente Maß» und der Gegenstand
theoretische Problematik soll hier eingehender diskutiert wer-
Durch die Wirkung ästhetischer Gestaltimpulse äußert der den, da sie für die Vorstellung des Wesens gestalterischen·
Mensch sein konkretes gesellschaftliches Wesen auch dort, wo Schaffens sehr wichtig ist. Bei Marx heißt es: «Das Tier for-
andere Motive als solche des Ausdrückens seines geistigen und miert nur nach dem Maß und dem Bedürfnis der species, der
emotionalen Zustandes die Handlungen bestimmen.. Die Men- es angehört, während der Mensch nach dem Maß .jeder species
schen können keine Geräte, Bauwerke und Städte schaffen, ohne zu produzieren weiß und überall das inhärente Maß dem Ge-
in ihnen auch ästhetisch den Ausdruck ihres bestimmten gesell- genstand anzulegen weiß; der Mensch formiert d~her auch nach
schaftlichen Charakters einzuprägen. Selbst dort, wo sie sich den Gesetzen der Schönheit.»41 Zweifellos ist dieser Gedanke
dessen nicht bewußt sind, oder dann, wenn sie es nicht wollen, von Marx, wie die Konzeption der Vergegenständlichung,über-
drücken ihre Produkte nicht nur einen bestimmten Stand der haupt, für die Entwicklung der marxistisch-leninistischen Ästhe'.'
Produktivkräfte, die besonderen Bedingungen ihrer Herstellung tik äußers.t bedeutungsvoll. Sie enthält den Ansatz einer Theorie
und unter Umständen auch die der Benutzung, sondern zugleich des Ästhetischen, die ihren Gegenstand nicht auf die Kunst
umfassendere, die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen reduziert, sondern zugleich in der praktischen Lebenstätigkeit
betreffende Zusammenhänge au~. In der Vermenschlichung des und in den materiellen Lebensbedingungen der Menschen die
Gegenstandes und in der Vergegenständlichung des Menschen Funktionen ästhetischer Faktoren zu erfassen sucht. Eindeutig
hebt sich die Gegensätzlichkeit von Mensch und Natur, von scheint mir allerdings auch, .daß Marx in dem bezeichneten
Subjekt und Objekt nicht auf, sondern erzeugt sich auf jeder Text nicht aussagt, was die <<Gesetze der Schönheit» nach seinem
Stufe der geschichtlichen Entwicklung neu. Denn die Fähigkeit Verständnis sind. Der von ihm gesetzte Zusammenhang zwi-.
d'es Menschen, den .Gegensatz zwischen sich und der Natur zu sehen dem <<inhärenten Maß» und den <<Gesetzen der Schönheit»
lösen und in der Lösung desselben zugleich neu zu setzen, ist. kann sich uns nur erschließen, wenn wir die Frage nach dem
eine Voraussetzu()g dieser Dialektik. In dieser Dialektik grün~ Wesen des Gegenstandes beantworten.
det sich die doppelte Determination des Gegenstandes. Die Um die hiermit verbundene Proble$atik zu erhellen, soll zu-
Abhängigkeit des Gegenstandes von sich selbst, also von den erst eine Interpretation des oben zitierten Textes von Marx
ihn charakterisierenden Gesetzen und Eigenschaften, die gegen- diskutiert werden. In den Thesen ~<Zur Wechselwirkung von
über denen der Gesellschaftlichkeit des Menschen besondere technischer Revolution und ..sozialistischer Kulturentwicklung»
sind, und die Abhängigkeit des Gegenstandes vom Menschen, ' heißt es hierzu: <<Allein der, Mensch vermag die inneren Gesetz-
seinen Wesenskräften, den Gesetzen seiner Gesellschaftlichkeit, mäßigkeiten aller ihn umgebenden Gegenstände und Erschei-
bedingen den komplexen Charakter der Gestaltqualitäten der nungen zu erkennen und seinem zweckgerichteten Einwirken
von den Menschen geschaffenen Gegenstände. Die Tatsache, auf die Umwelt zugrunde zu legen - und indem er optimal die
daß das Zusammenwirken technischer, praktischer und ästhe- Übereinstimmung zwischen dem <inhärenten Maß> des Gegen-
tischer Gestaltungsdeterminanten zu- einem ganzheitlichen und standes und den menschlichen Zwecken herzustellen weiß, for-
harmonischen, technisch, praktisch und ästhetisch funktionieren- miert er auch nach den <Gesetzen cfer Schönheit> (Marx) ..i}42 Für
40 ,41
'f
,,, '·"F' 111~ -1 \~.1?,-~>;tYi~t?:l',;..,J',~•~-.,~, ;yq~-~·~i;i "1,'\,
",~f-<;! 1 ' / ' ~~

den Zweck dieser Untersuchung ist zu bemerken, daß nach nur völlig unzureichende Interpretationen gefunden»44 hat. Dem
Marx das inhärente Maß dem Gegenstand angelegt wird, daß kann sicher zugestimmt werden. Zugleich wollen wir jedoch
der Mensch weiß, es detl} Gegenstand anzulegen. In der hier nicht übersehen, daß unser besonderes Interesse hierbei den so
zitierten These werden das Maß des Gegenstandes und die umrissenen methodologischen Voraussetzungen der Ästhetik
Zwecke der Menschen einander entgegengestellte. Das inhärente gilt. Eine theoretische Bestimmung der <<Gesetze der Schönheit>>
Maß des Gegenstandes wird so zu einem Maß des Gegen- wollte Marx mit diesem Text nicht geben, er betonte vielmehr,
standes an sich. Diese Auffassung, die nur scheinbar auf den daß diese Gesetze die ganze menschliche Lebenstätigkeit for-
betreffenden Text von Marx gestützt ist, erfaßt richtig den mierend beeinflussen. Und genau hieraus ergeben sich für unsere
Sachverhalt, daß der Mensch in der Arbeit es zuerst mit Na- Ästhetik grundlegende Schlußfolgerungen, die indirekt in der
turgegenständen zu tun hat, die er sich nur aneignen kann, gesamten Marxschen Konzeption der Arbeit und, der V erge-
indem er ihrem inneren Maß folgt. Hier muß er tatsächlich zwi- genständlichung angelegt sind.
schen dem Maß des Gegenstandes an sich und seinem Zweck Aus den von den Menschen gesetzten Zwecken ergibt sich
Übereinstimmung herstellen. Damit bewirkt er nicht nur eine das ihren Gegenständen charakterische Wesen, Maß, · ihre
Veränderung des Gegenstandes, sondern auch eine Konkreti- Bestimmung. Mit seinen Gegenständen baut der Mensch seine
sierung des Zwecks. Indem die Übereinstimmung zwischen dem Welt als gegenständliche und schließlich räumliche Welt. Die
Naturgegenstarfd an sich, dessen Eigenschaften, Gesetzmäßig- letztlich bestimmende Dimension dieser raum-gegenständlichen
keiten und damit Maß, und dem bestimmten menschlichen Welt sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Produktions-
Zweck hergestellt wurde, haben der Gegenstand und der Zweck verhältnisse vor allem. Jede Ästhetik, welche die «Gesetze der
zwar nicht ihre ursprüngliche allgemeine Eigenschaft, als natür- Schönheit>> in die Natur an sich hineinverlegt, enthält in ihrem
liche Realität der eine und als gesellschaftliche Realität der an- Naturismus zugleich eine idealistische Konsequenz. Sie begreift
dere, verloren, aber sie haben eine andere gewonnen. Der Ge- die Schönheit und das Ästhetische überha1,1pt nicht mehr als
genstand ist durch den in ihm verwirklichten Zweck subjektiviert Ergebnis der menschlichen Geschichte in der Natur, sondern
und der Zweck ist durch den ihm angeeigneten Gegenstand als Geschichte der Natur im Menschen. Die Natur an sich, un-
objektiviert worden. Damit ist zugleich, und das ist für das Ver- abhängig von den Menschen, ist weder schön noch häßlich,
ständnis des Marxschen Gedankens grundlegend, ein neuer weder romantisch noch klassisch. Vom Standpunkt eines Welt-
Gegenstand geworden. Für diesen Gegenstand ist der Zweck bildes, welches die Natur nur als das Anderssein der Idee
1 nicht mehr das bloß Äußere, sondern sein eigentliches Wesen. auffaßt, kann das Maß des Schönen und das Ästhetische über-
:1
Die charakteristisch_e Schönheit dieses Gegenstandes ist so nicht haupt als ein Attribut der außermenschlichen Wirklichkeit an
das Maß des Naturgegenstandes an sich, sie ist vielmehr das sich yorgestellt werden, nicht aber vom Standpunkt des philoso-
Maß des harmonischen, mit der Natur und der gesellschaftlichen phischen Materialismus in seiner konsequenten Entwicklung.
Gesetzmäßigkeit übereinstimmenden Menschen, welches einen Die Auffassung, daß der Mensch seine Schöpfurigen schon in
Gegenstand gebildet hat. <<Der Gegenstand der Arbeit ist da- der Natur angelegt findet, daß er nur das schon in der natür-
her die Vergegenständlichung des Gattungslebens des Men- lichen Gegenständlichkeit an sich enthaltene Maß herausar- l
schen: indem er sich nicht nur wie im Bewußtsein intellektuell, beiten muß, begreift den Menschen letztlich als ein Wesen,
sondern werktätig, wirklich verdoppelt und sich selbst daher durch welches sich die Natur verwirklicht, sie subjektiviert die
in einer von ihm geschaffnen Welt anschaut.»43 Die V ernach- außermenschliche Realität und instrumentiert den Mens91en.
lässigung der subjektiven Seite der Auffassung des Maßes Selbstverständlicb müssen die Werke des Menschen insofern
führt zu einer naturistischen Ästhetik, deren letzter Grund im in der Natur sein, als sie nach den Gesetzen dieser Natur und
philosophischen Idealismus liegt. · durch Natürliches gebildet werden. Die weitgespannte Bogen-
"' brücke über den Fluß ist eine Möglichkeit der, Natur wie eine
' 'f Im Nachwort zur deutschen Ausgabe der <<Vorlesungen zur
!:' •1!r~ marxistisch-leninistischen Ästhetik» von Moissej Kagan hat erklingende· musikalische Schöpfung. Aber die Natur hat nicht
".
Heinz Plavius beklagt, daß der hier diskutierte Gedanke von die Tendenz, Brücken zu bauen und Musik hervorzubringen.
Marx über die Gesetze der Schönheit <<in der marxistisch-leni- Die Brücke ist nicht schon als wesenhaftes Maß in den Mate-
nistischen Ästhetik trotz seiner zentralen Bedeutung kaum oder rialien enthalten, welche sie schließlich im Ergebnis der Pro-
42 4;
duktion bilden, und die akustischen Bedingungen eines Konzert- ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und
45
saales, die zwar• schon auf musikalisches Erleben hin gebildet indem sie Herren ihrer eigrien Vergesellschaftung werden.»
- sind, haben nicht das Maß von Sonaten und Sinfonien. Un- Die Eigengesetzlichkeit des Gesellsclraftlichen erhält in der so-
abhängig von den Zwecken und den auf diese bezogenen Ziel- zialistischen Gesellschaft als der ersten Phase der kommunisti-
bestimmungen der Menschen haben diese Möglichkeiten der schen Gesellschaftsformation eine11 qualitativ neuen Charakter,
Natur keine bestimmte Kontur, existieren sie als Maßeigenschaf- der nicht nur die Beziehungen der Menschen zueinander, son-,
ten diffus. dern auch ihre Beziehungen zur ihnen äußeren Natur bestimmt.
Die materielfe Produktion ist der Prozeß der Aneignung der Die Objektivität der gesellschaftlichen Gesetze ist nicht auf-
Natur durch den Menschen. Aber die Arbeit als aneignende gehoben, aber die Bewußtheit des Handelns der Menschen, die
Tätigkeit unterscheidet sich von den tiecischen Aneignungsfor- sich im Sozialismus vor allem durch die sich in den niarxistisch-
men dadurch, daß sie letztlich die Natur nicht nimmt, wie sie leninistischen Parteien konzentrierende Führungsrolle der Ar-
an sich ist, sondern diese auf die Bedürfnisse der Menschen , beiterklasse durchsetzt, ist zu einer notwendigen Wirkungsbe-
hin umbildet, umfunktioniert, gestaltet. In der Produktion paßt ' dingung dieser Gesetze geworden. Erst durch die sozialistische
sich der Mensch der Natur an, folgt er ihren Gesetzen, um die Gesellschaft werden die Menschen auch in ihrem Handeln
Natur sich anzupassen, sein Gesetz, den Zweck, in ihr durpi- gegenüber der Natur frei, indem sie nicht mehr als Organe
zusetzen. So durchbricht er stets die B'eziehurig der Symmetrie des Kapitals die Verwüstung der Lebensbedingungen und ihre
zwischen sich und seiner Umwelt, um sie auf sich bezogen neu eigene Verkümmerung bewirken, sondern aus dem Unendlichen
zu erzeugen. Im Durchbrechen dieser Symmetrie verwirklichen des Naturmöglichen das für sie Nötige herausarbeiten. Das
die Menschen zugleich ihre Geschichte in der Natur. Es ist un- subjektive Bestimmungsmaß ist hierbei der Zweck. <<Das Ob-
schwer zu begreifen, daß dieser Prozeß unter d.er Voraussetzung jekt>>, schrieb Hegel, <<hat ... gegen den Zweck den Charakter,
der modernen industriellen Produktivkräfte zu Ergebnissen machtlos zu sein und ihm zu dienen; er ist dessen Subjektivität
führen muß, welche das Fortbestehen der Menschheit aktuell oder Seele, die an ihm ihre äußerliche Seite hat.»46 Wir müs-
gefährden, wenn sie nicht fähig ist, die Entwicklung dieser Pro- sen jetzt nicht mehr besonders begründen, warum sich dieser
duktivkräfte mit einer die ganze Menschheit. in freier Assozia- Gedanke Hegels nur in der Tendenz mit einer dialektisch-
tion vereinenden Bedachtheit weiter voranzutreiben. Der Ruf materialistischen Auffassung verbindet.
nach dem Nullwachstum der Produktivkräfte ist der als Sorge Die Konsequenz der naturistischen Vorstellung der von den
drapierte Ausdruck der bourgeoisen Hoffnung, den gesellschaft- Menschen produzierten Gegenstände ist nach der Bestimmung
lichen Status quo auf dieser Erde wenigstens zu erhalten. der Arbeit hin die, daß die Arbeit V erwesentlichung der Natur
Durch sein gesellschaftliches Leben hat sich der Mensch ist. So gesehen, ist das eigentliche Wesen des Steins im Faust-
immer weiter aus der Natur herausgearbeitet, und er kann seine keil adäquater verwirklicht als im ungeformten Kiesel, ist der
· Geschichte nicht fortsetzen, ohne diesen Prozeß der weiteren Stahl das eigentliche Wesen des Erzes und kommt das Wesen
Herauslösung aus der bloß vorgefundenen Natur weiter zu des Schweines im Hausschwein bedeutend angemessener zum
vollziehen. Über den Übergang der menschlichen Gesellschaft Ausdruck als in der Erscheinung und in den Lebensgewohn-
zum Sozialismus schrieb Engels: «Mit der Besitzergreifung der heiten seiner wilden Vorfahren. Horst Redeker hat in einem
Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduk- frühen Text diesen Standpunkt besonders treffend durchgeführt.
tion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Er schrieb: <<Der Zimmermann ... sucht sich einen Baumstamm,
Produzenten, , Die Anarchie innerhalb d• gesellschaftlichen den er zu einer Säule für den Hausbau verarbeitet. Dabei wird
Produktion wird ersetzt durch die planmäßige bewußte Orga- das Objekt im Arbeitsprozeß ... verwesentlicht, das heißt, sein
nisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst Wesen wird zur Erscheinung gebracht.>>47 Die so ausgesprochene
scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem · theoretische Position wi.rd noch näher erklärt. Es heißt unter
Tierreich, tritt. aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich anderem: <<Die regelmäßige Quaderstruktur behauener Steine
menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Le- zeigt die innere kristallinische Strqktur des natürlichen Wesens
bensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt im menschlichen Zweck.... Das Korbgeflecht zeigt die wesent-
jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die zum liche Eigenschaft der Weidenruten - ihre geschmeidige Elasti-
44 45
' .,,,,.~" -'-;'"; '\~"':~:

zttat - in höchster Vollkommenheit. Selbst die Kraft des nur durch schöpferische Entwürfe. In der Erfüllung ihrer Le-
Stieres und die Schnelligkeit des Pferdes werden durch Züchtung benserfordernisse sind sie durch ihr praktisches Vermögen,
und Dressur potenziert und tragen im Dienste des Menschen welches sich in der Entwicklung der Produktivkräfte und den
die_se Eigenschaften rein zur Schau.>> 48 In dieser Vorstellung ökonomischen Möglichkeiten zu deren Einsatz zusammenfaßt,
wird nun das Weltbild niedlich. Alles ist schon auf den Men- und durch die ihnen äußere und eigene N!l.turgesetzlichkeit mit
schen vorbereitet, es muß das Wesen der Realität nur heraus- einem .differenzierten Maßsystem konfrontiert, dessen unter-
gearbeitet werden, um es in der durch den Menschen gewor- schiedliche Momente durch das· Werk zur Einheit gebracht wer-
denen Welt rein schauen zu können. Sicher ist so immer noch den müssen. Für das Bauen ist es schon ~in Unterschied, ob
ein Moment gestalterischer Praxis gefaßt, aber einseitig und Holz oder Ziegelstein, B_etonplatten oder Stahlglieder die Sta-
verabsolutiert. bilität des Hauses bilden. Zweifellos setzen die bestimmten
Die konstitutiven Maße der von Menschen produzierten Ge- Baustoffe bereits Maße nach dem Grenzbereich und nach der
' genstände beruhen auf den durch sie objektivierten Zwecken. optimalen Realisation des zu gestaltenden Werks hin. Aber
Diese im Zweck beruhenden und das spezifische Wesen der von diese Materialien enthalten nicht das die Schöpfung begrün-
Menschen erzeugten Gegenstände bestimmenden Maße reali- dende, sein Wesen, konstituierende Maß. Wenn die «Geschichte
sieren sich in einem konditionalen Maßsystem der Naturbedin- der Industrie und das gewordne gegenständliche Dasein der
gungen der Arbeit. Marx schrieb: <<. . . ein Kleid wird erst Industrie das aufgeschlagne Buch der menschlichen Wesens-
wirklich Kleid durch den Akt des Tragens; ein Haus, das nicht kräfte1>52 ist, so nicht zuletzt darum, weil in ihr und durch sie
bewohnt wird, ist in fact kein wirkliches Haus; also als Produkt, der Mensch den Gegenständen das in seinem Wesen begrün- /
im Unterschied von bloßem Naturgegenstand, bewährt sich, dete, das ihm inhärente Maß anzulegen weiß, so daß wir diese
wird das Produkt erst in der Konsumtion». 49 Das <<inhärente als Projektion seiner selbst begreifen können. Das <<inhärente
Mafü, welches die Menschen erfüllen, wenn sie aus einer be- Mafü, welches der Mensch durch die Arbeit dem Naturgegen-
stimmten Menge von -natürlichen Rohstoffen ein Haus bilden, stand anzulegen weiß, ist nicht das dieses Gegenstandes, wie
liegt nicht in diesen Stoffen, weder in deren natürlicher Exi- er ist, sondern das des Gegenstandes, zu dem er wird. Dieses
stenz an sich noch in der schon für den Menschen als Bau- Maß des Werdens kann im vorausgesetzten Gegenstand nur er-
material gewordenen Form. In den Erfordernissen des dem füllt werden, wenn das existentielle Maßsystem in dieses mit
Wesen nach praktischen Lebensprozesses der Menschen liegt das eingeht. So gefaßt, gehört das <<inhärente Maß>> weder dem Ge-
ilj Maß ihrer Produkte, dort muß es aufgespürt und erschlossen genstand noch dem Subjekt allein an, sondern trägt einen syn-
werden. In der <<Einleitung zur Kritik der Politischen Ökono- thetischen Charakter, dessen wesentlicher Kern, gegenstands-
mie>> bezeichnete Marx «das Bedürfnis als innren Gegenstand, konstitutives Maß, jedoch durch das Subjekt und nicht durch
als Zweck für die Produktion>>. 50 In den <<Grundrissen>> hat sich das Objekt des ;\rbeitsprozesses determiniert ist. Das konkrete
Marx erneut direkt auf die hier berührte Problematik des Maßes Maßsystem, welches die Tätigkeit bestimmt, bildet · sich aus
bezogen. <<Aus [der] bloß vergegenständlichten Arbeitszeit ... einem Komplex unterschiedlicher Faktoren. Zu ihnen gehören
entwickelt sich die Gleichgültigkeit des Stoffs gegen die Form; neben praktischen, technischen, ästhetischen und ökonomischen
sie erhält sie durch kein Jebendiges, immanentes Gesetz der Re- Bedingungen auch natürliche, die sich im Gegenstand entspre-
·produktion, wie der Baum z.B. seine Form als Baum erhält chend dem jeweiligen praktischen Vermögen der Menschen kon-
(das Holz erhält sich als Baum in bestimmter Form, weil diese kret darstellen. ·
Form eine Form des Holzes ist; während die Form ,als Tisch Zur Maßproblematik sei noch ein Text von Norbert Wiener
I'·' dem Holz zufällig ist, nicht die immanente Form seiner Sub- zitiert. Wiener betonte, <<daß jede Form von Organisation eine
stanz), sie existiert nur als dem Stofflichen äußre Form, oder obere Grenze der Größe hat, jenseits deren sie nicht funktio-
sie existiert selbst nur Stofflich.»51 nieren wird. So ist der Körperbau des Insekts durch die Länge
Um ihre Subjektivität zu entfalten und ihre raum-gegenständ- des Röhrensystems begrenzt, über das die Atemmethode der
lichen Lebensbedingungen zu gestalten, können die Menschen Luftzufuhr direkt in das Atmungsgewebe funktioniert, und die
die Maße ihrer Arbeit nicht durch bloße Anpassung an das Ge- Landtiere können nicht so groß sein, daß die Beine oder an-
gebene, durch eine nur reproduzierende Praxis erfassen, sondern dere Partien, die in Verbindung mit dem Boden stehen, ourch
46 47
ihr Gewicht zerquetscht werden, ein Baum ist begrenzt durch sehe Praxis des Bauens zwar in dieser Maßebene ihren bestim-
den Mechanismus für das Weiterleiten von Wasser und Minera- menden Orientierungspunkt hat, aber noch durch Faktoren wie ,
lien von den Wurzeln zu den -Blättern und der Produkte der Wohnungsmangel und durch die bestimmten technischen uttd
Fotosynthese von den Blättern zu den Wurzeln und so weiter. ökonomischen Möglichkeiten modifiziert ist.
Dasselbe wird bei der technischen Konstruktion beobachtet. Das Wesen der von den Menschen erzeugten Gegenstände
Wolkenkratzer sind in ihrer Größe durch die Tatsache begrenzt, ist unter dem Aspekt ihrer natürlichen Beschaffenheit nicht ,zu
daß, wenn sie eine bestimmte Höhe über~teigen, der Aufzug- erfassen. Diese Gegenstände, Räume und räumlichen Zusam-
raum, der für die oberen Stockwerke gebraucht wird, einen zu menhänge sind ja vergegenständlichte menschliche Wesenskräfte
großen Teil des Querschnitts der unteren Stockwerke bean- und damit zugleich vergegenständlichte, beziehungsweise Raum,
sprucht. Über eine bestimmte Spannweite hinaus wird die best- gewordene gesellschaftliche Verhältnisse. Hierin ist der spezi-
mögliche Hängebrücke, die aus Materialien mit bestimmten fische Charakter ihrer Objektivität gegründet. In diesen gesell-
elastischen Eigenschaften gebaut werden kann, unter. ihrem schaftlichen Verhältnissen haben die unterschiedlichen gesell-
eigenen Gewicht zusammenbrechen, urid, jenseits einer gewissen schaftlichen Kräfte ihren besonderen Charakter, finden sie die
größeren Spannweite wird jede Struktur, die aus einem be- Maße, die Richtung und die Inhalte ihrer Subjektivität. Da
stimmten Material oder Materialien gebaut ist, unter ihrem sich die Gesellschaft nicht als ein Überbaq,jiber die Natur er-
eigenen Gewicht zusammenbrechen. In ähnlicher Weise ist die hebt, sondern immer durch Natürliches vermittelt bleibt, wirkt
Größe einer Telefonzentrale, die übereinstimmend mit einem dieses immer auf die menschlichen Schöpfungen ein. Aber wir
feststehenden,- nicht erweiterungsfähigen Plan gebaut ist, be- müssen weder im Balken für den Hausbau noch im Zahnstocher
grenzt ... »53 Die Anerkennung objektiver Grenzmaße setzt das Wesen der Bäume zu ergründen ~uchen, das hochgezüchtete
konsequentermaßen die Anerkennung einer materielle1,1 Reali- Rennpferd ist. sicher seinem ursprünglichen Vorgänger auf der
tät, in welcher objektive Gesetze wirken, voraus. Hieraus ist Rennstrecke überlegen, nicht jedoch in der freien Natur lebend. ·
auch zu erklären, daß bestimmte konstruktive Lösungen und Gezüchtete Pflanzen und Tierrassen sind wie die synthetischen
Nutzungen von Material dazu führen, daß Strukturen gesetz- Stoffe Schöpfungen der Menschen in der Natur und durch sie,
mäßiger Zusammenhänge in den Werken erscheinen und einen die wie Geräte und Bauwerke ihr bestimmendes Maß nicht
wichtigen oder auch den entscheidenden Faktor ihrer .ästheti- in der Natur haben.
';,.
schen Wirkung bilden. Die Grenzproblematik ist für die ein:. Der gesellschaftliche Charakter der konstitutiven Maße der
zeinen Gegenstände spezifisch charakterisiert. Bestimmend für Produkte menschlicher Arbeit wird auch am Beispiel ästhetischer
die Produkte der Arbeit sind hierfür in der kommunistischen Entscheidungen deutlich. Wo liegt für den Architekten im in-
Gesellschaft die praktischen und ästhetischen Anforderungen dustri~lisierten Wohnungsbau das Kriterium, wenn er die Ober-
der Menschen an ihre Lebensbedingungen. So kann es nicht flächenstruktur einer Wand, ihre Farbe, die Proportionen eines
darum gehen, das höchste Gebäude zu errichten, welches unter Raumes festlegen soll? Auch für die Gestaltung praktischer Ge-
den gegebenen Voraussetzungen möglich ist, sondern darum, genstände wirken ästhetische Determinanten, welche steh nicht
Häuser zu bauen, welche im höchsten Grade den Erfordernis- einfach als Resultante aus dem bereits als vorhanden vorge-
sen des menschlichen Lebens entsprechen. Müßte dieses Haus stellten Gegenstand ergeben, sondern dieser Ganzheit mit vor-
höher sein, als wir gegenwärtig bauen und bauen können, so 1
ausgesetzt sind. A. I. Burow ging davon aus, daß bei diesen
. wäre es notwendig, hiernach zu streben. Liegt aber das mensch- praktischen Gegenständen «das Ästhetisclte Ausdruck des Uti-
liche Maß der Wohnbauten - und dieses ist das Maß ihrer litaren, Folge und Erscheinungsform der Vollkommenheit des
Realität als Häuser - unterhalb dieser Grenze, so verliert diese Gegenstandes (der höchsten Übereinstimmung von Inhalt und
zunächst in dieser Hinsicht jedes Interesse. Hierzu ist zu be- Form, von Bestimmung und Ausführung)>> sei. 54 Er übersah,
merken, daß dieses menschliche Maß von Häusern nicht zeitlos daß für die Gestaltung dieser Gegenstände das ästhetische Mo-
festgelegt, sondern variabel ist. Es liegt auch nicht schon vor ment der Formung eine notwendige Bedingung für die Bildung
allen Häusern in den Menschen an sich begründet, sondern wird derselben ist. Das Ästhetische konstituiert hier weitgehend die"
durch die Häuser, so durch ihre ästhetische Sicherheitsleistung, Vollkommenheit der Gegenstände, kann also nicht durch diese
mit gebildet. Zugleich müssen wir beachten, daß die sozialisti- begründet sein. So setzt die Gestaltung eines Trinkgefäßes
48 4 Kühne, Gegenstand
49
~7 i.'.

eine Gesamtheit von Entscheidungen ästhetischer Natur voraus, ten Entwurf nicht er.setzen, sondern müssen durch ihn in der
ohne welche dieses Gefäß und somit auch nicht seine Vollkom- Anwendung für das bestimmte Werk zur Synthese geführt wer-
menheit vorstellbar und realisierbar sind. Nicht zuletzt in die- den. <<Das Bewußtsefo des konkreten Individuums>>, schrieb
, ser Frage zeigt sich, wie wichtig es ist, zwischen den sogenann- Sergej L. Rubinstein, <<Bewußtsein im psychologischen aber
ten praktischen und den sogenannten technischen Gegenständen nicht im ideologischen Sinne des Wortes - ist immer gleiGhsam
zu unterscheiden. Denn die von Burow geäußerte Auffassung in ein dynamisches, nicht völlig bewußtes Erleben eingetaucht,
trifft tatsächlich für die technischen Gegenstände zu. Das zu- das eine mehr oder weniger deutlich beleuchtete, wechselnde, in
mindest in dem Grade, wie diese als rein technisch begründet ihren Konturen nicht fest ulnrissene Folie bildet, aus der das
vorgestellt werden. Für viele technische Entwürfe ist aller- Bewußtsein herausragt, von der es sich aber nicht ganz lösen
dings ein bestimmter intuitiver ästhetischer Entscheidungsim- kann.>> 55 Diese hier als ,«Unbewußtes>> bezeichnete psychische
puls sehr bedeutend. Er bleibt hier aber wesentlich in der Realität ist der Bewußtheit des Menschen schon insofern nicht
Struktur naturgesetzlicher Beziehungen. Burow wollte aber verschlossen, als daß er sich ihrer durchaus bewußt werden
diese hier zitierte Aussage gerade auf die Gegenstände der kann. Zum anderen ist sie das unbewußte Moment eines be-
sogenannten angewandten Kunst bezogen wissen. wußten Wesens, das nicht nur theoretisch abstrakt, sondern
Für die Vermittlung der subjektiv-psychischen Gestaltungs- durch seine wirkliche Geschichte sich zur im wachsenden Maße
faktoren kommt dem Spontanen besondere BedeutJung zu. Spon- bewußten Gestaltung seiner Verhältnisse und damit sei-
tan ist eine Handlung in dem Grade, in dem ihr Subjekt kein ner selbst als fähig erweist. Der Charakter dieser Beziehung
adäquates Bewußtsein der Gesetzmäßigkeiten ihres Bedin- von Bewußtem und Unbewußtem und damit auch der Cha-
gungszusammenhanges, der "Gesetze des Vollzugs der Hand- rakter der Beziehung von Rationalität und Emotionalität ist
1ung und über deren Wirkungen hat. Spontaneität kann durch selbst klassen- und formationsgeschichtlich konkretisiert. Kom-
falsches oder durch fehlendes Bewußtsein in der gekennzeich- munistische gesellschaftliche Praxis, sei sie Kampf für die Über-
neten Beziehung charakterisiert sein. Sie gilt auch für Hand- windung des Kapitalismus oder Gestaltung der sozialistischen
lungen, soweit diese durch emotionale Impulse direkt ausgelöst Gesellschaft, ist im Unterschied zu jeder bürgerlichen Praxis
und gesteuert sind. Dieser Form der Spontaneität kommt für die durch die Bewußtheit des Handelns bedingt. Aber diese Be-
Asthetik besonderes Int~esse zu. Die ästhetisch relevante Spon- wußtheit hebt die Spontaneität nicht auf, sondern ermöglicht die
taneität kann rein in dem Sinne wirken, daß der tätige Mensch Herausbildung einer neuen Qualität des Spontanen.
sich der Tatsache, daß er in den Ergebnissen der Arbeit sich eige- Die Anerkennung der gtundfegenden Bedeutung spezifischer
ner ästhetischer Einstellungen entäußert, nicht bewußt ist. Sie kann Spontaneität für alle Formen ästhetischer Gestaltung verlangt
aber auch als eine in bestimmtem Maße bewußt eingesetzte und auch auf diesem Gebiet keine Anbetung, keine sklavische Un-
kontrollierte Spontaneität wirken. Ohne eine richtige Einstel- terordnung der Bewußtheit unter diese. Es ist eine der Auf-
lung zum Problem der Spontaneität, und in diesem konkretisier- gaben der Asthetik, zu einer wissenschaftlichen Analyse der
ten Sinne zur Funktion. des Unbewußten, sind die spezifischen konkreten ästhetischen Außerungen beizutragen und das ver-
Eigenschaften und Wirkungsmöglichkeiten ästhetischer Gestal- langt zuerst, ihren klassenmäßigen und formationellen Cha-
tung theoretisch nicht zu erschließen. Die Vorstellung, daß eine rakter richtig zu b.estimmen. Die Entwicklung der Bewußtheit
entwickelte Psychologie und Soziologie des Geschmacks dem und damit auch die Erhöhung des Einflusses der kommunisti-
Gestalter die ästhetische Entscheidung abnehmen oder ihn doch schen Weltanschauung der Arbeiterklasse auf die Bewegung der
befähigen könnte, diese wie eine wissenschaftliche Entscheidung ästhetischen Kultur des Sozialismus ist zugleich Form der Ent-
r,: 1 im günstigen Falle hinreichend theoretisch· zu begründen, wäre faltung eines neuen gesellschaftlichen Typs der Spontaneität.
das Ende einer dynamischen ästhetischen Kultur. Zweifellos ha- Auch in der kommunistischen Gesellschaft bleibt das Handeln
r
f'
1,
',,,
ben für den Industrieformgestalter im Unterschied zu dem
kunstfertigen kleinen Warenproduzenten informationstheore-
der Menschen durch die Emotionalität vermittelt und wird
durch diese zugleich beeinflußt. Daß diese Emotionalität durch
tische, psychologische und ästhetische, hygienische, soziologische ein dem Wesen nach wissenschaftliches Bewußtsein geprägt ist und
und andere wissenschaftliche Kenntnisse außerordentlich große durch dieses zugleich gesteuert und kritisiert wird, hebt sie als
Bedeutung gewonnen, aber sie können den ästhetisch bestimm- Emotionalität nicht auf, Erst wenn die gesellschaftlich normier-
-4*
50 51
ten Verhaftensweisen in der psychischen <<Tiefe>> des Menschen hat bestimmte Eigenschaften und eine bestimmte Struktur der-
<<eingeprägt» sind, kann er die gesellschaftlichen Normen mit selben, die unabhängig vom Asthetischen existieren, obgleich
einem hohen Grad der Sicherheit und aus eigenem Wollen ver- ihre Realisierung im besonderen Fall durch dieses hervorge-
wirklichen. Die für unsere Gesellschaft nötige Bewußtheit, rufen sein kann. Die Differenzierung der einzelnen Trinkge-
Planmäßigkeit und Organisiertheit des gesellschaftlichen Han- fäße in Kaffeetassen, Bier-, Wein-, Schnapsgläser und andere
delns der Menjchen können nur auf der Grundlage kommuni- hat kulturelle Ursache~, unter denen ästhetische einen hervor-
stischer Emotionalität durchgesetzt werden. Diese ist im U n- ragenden Anteil haben. Aber aus der <<Logik des Trinkens» er-
terschied zur bürgerlichen Emotio~alität, welche die Beziehun- , geben sich unabhängig von allen gestalterischen Akten eindeu-
gen der Konkurrenz der Individuen psychisch fixiert, Ausdruck tige Beziehungen zwischen den einzelnen funktionellen Ele-
solidarischer Beziehungen der Individuen zueinander. Der Ein- menten dieser Gegenstände.
fluß ästhetischer Faktoren i~t in diesem für den. Sozialismus Daß mit den Gegenständen dieser Gruppe auch andere als
charakteristischen Prozeß der Veränderung des sozialen Cha- praktische Funktionen erfüllt werden können, hebt die gegebene
rakters der gesellschaftlichen Psyche von grundlegender Be- Charakteristik nicht auf. So kann das bestimmte Gefäß im
deutung. Die bereits für das Emotionale als bestimmend vor- eigentlichen Sinne aufhören, ein solches zu sein, indem es zum
gestellte Beziehung von Asthetischem und Moralischem erklärt \ Gegenstand der bloßen Anschauung wird. Aber durch seine
die Gültigkeit dieser Behauptung. wesentliche Bildungsgesetzlichkeit bleibt es mit der Gruppe der
reälen und damit funktionellen Gefäße verbunden und ist weit-
gehend auch noch mit diesen auswechselbar. Bestimmte Gegen-
a. Sekundär-ästhetische Geslalt stände praktischer Nutzung übernehmen wichtige gesellschaft-
Einige Gesichtspunkte, die im Zusammenhang mit der Proble- liche Symbolfunktionen, so die Kleidung, Geräte, Wohnungs-
matik dieses Abschnittes stehen, wurden bereits zuvor erörtert. einrichtungen, Kraftfahrzeuge und andere. Der Charakter
Die zunächst provisorisch als sekundär-ästhetisch bezeichnete dieser Symbolfunktionen kann sich ändern, ohne daß sich die
Gestaltung ist Teil eines in seinen Determinanten komplexen, Erscheinung der sie realisierenden Gegenstände wandeln
primär technischen oder primär p,raktischen Gestaltungsaktes, muß.
in den sie jedoch als selbständiger Faktor integriert ist. Beson- Die Produkte der seku_ndär-ästhetischen Gestaltung sind in
_ders repräsentativ für die sekundär-ästhetische Gestaltung sind dieser Weise nur hinsichtlich ihrer Bildungsgesetzlichkeit cha-
Gegenstände, die unmittelbar praktischer Tätigkeit von Men- rakterisiert. Das bedeutet nicht ihre ästhetische Zweitrangig-
I
schen dienen, gleich, ob sie in handwerklicher oder industrieller keit gegenüber Gegenständen, für deren Bildung ästhetische

Il.
. Weise hergestellt wurden. Es ist für die hier gefaßte Art der Faktoren vorrangige Bedeutung hatten. Gegenüber reinen
Gestaltung auch belanglos, ob das ästhetische Moment der Ge- Kunst- oder Kitschwerken, die als wesentlich ästhetisch formiert
/1.' vorgestellt werden sollen, können bestimmte praktische Gegen-
1 1,
staltung in seiner Selbständigkeit bewußt begriffen und einge-
1, setzt wurde oder nicht. Unwichtig und zu vernachlässigen ist stände, auch technische, einen höheren ästhetischen Rang haben.
i~I
. in dieser Hinsicht auch der besondere stilistische Charakter der Die technischen Werke, sofern sie rein in ihrer Art zu denken
entsprechenden Gegenstände. • sind, wurden ja überhaupt nicht ästhetisch gestaltet und kön-
1/., . Die sekundär-ästhetische Gestaltung ist dadurch gekenn- nen, wie die Natur, doch einen faszinierenden ästhetischen Reiz
~ 1 '
',. /~ ,, lt
zeichnet, daß die wesentliche Struktur der Gegenstände, auf de- besitzen. Schließlich sei noch bemerkt, daß sich aus dem Begriff
ren Erzeugung sie mit einwirkt, nicht durch' ästhetische, sondern der sekundär-ästhetischen Gestaltung nicht ergibt, daß der in-
durch technische oder vor allem durch praktische Faktoren be- dustrielle Foripgestalter gegenüber dem Künstler nur ein zweit-
stimmt ist. Daß Asthetisches in das bestimmte Praktische bereits rangiges ästhetisches Gestaltungsvermögen haben müsse. Der
f, 1
mit eingegangen ist, hebt die formelle Selbständigkeit beider industrielle Formgestalter wie auch der Architekt muß im Un-
' ' Momente gegeneinander nicht auf. So ist ein konkretes Trink- terschied zum Künstler eine andere. Disziplin der .gestalterischen
gefäß in seiner spezifischen Differenz gegenüber ahderen Typen Praxis ausbilden. Aber beide Gestaltungsweisen sind durch ihr
vpn Trinkgefäßen immer schon durch ästhetische Ansprüche Wesen an sich nicht als unterschiedlich ästhetis<fli wertig einzu-
motiviert. Aber die Handlung d~s Triakens mit einem Gefäß _stufen. Einen guten Stuhl oder ein die Menschen befriedigendes
.,
52 53
'"" 't,' '..(.

Haus zu en_twerfen und die Entwürfe bis zu ihrer Verwirk- wendig ist, haben sie auch organ.orientierte·· handliche Glieder
lichung durchzukämpfen, das sind nicht weniger schwierige und und zum Teil Raumbereiche, für welche die Eigenschaften der
begeisternde Aufgaben als die der Schaffung von Kunstwerken. zweiten Gruppe kennzeichnend sind. So ist die Bedienungs-
kabine eines Transportflugzeuges notwendig den organischen
Anforderungen der Menschen, angemessen. Sie soll möglichst
Zur Klassifikation der Gegenstände klein sein., aber auch nicht so, daß hierdurch die Leistungsfähig-
Die produzierten Gegenstände können unter dem Gesichts- keit des Bedienungspersonals beeinträchtigt wird. Die Größe ~
punkt ihrer funktionellen Beziehung zu den Menschen in des Lastraumes ist jedoch wie die des Flugzeuges selbst von den
drei Gruppen gegliedert werden. Hierbei ,handelt es sich um organischen Anforderungen der Besatzung unabhängig. Es sei
eine Vereinfachung und nicht um den V ersuch, tatsächlich alle denn, die Funktion des Flugzeuges wäre, nur einer Person das
Gegenstände so bereits schon entsprechend ihrem Charakter zu Fliegen zu ermöglichen. Das würde etwa für die ·ersten Flug-
kennzeichnen. 'Es wird aber vorausgesetzt, daß diese getrof- apparate und auch für bestimmte Kampfflugzeuge zutreffen.
fene Unterscheidung für die hier verfolgten Absichten sinnvoll Der Organbezug wäre hier einmal direkt für den Raum des Pi-
ist. Diese Gruppen sind: loten und indirekt für die Ausmaße und funktionellen Eigen-
1. Handliche Gegenstände. Zu ihnen gehören der Faustkeil, schaften des Flugzeuges überhaupt gegeben.
Pfeil und Bogen, das Messer, der elektrische Rasierapparat, der Die für die einzelnen Gruppen durchschnittliche Komplexi-
Revolver und andere. Wenn wir den Menschen als einen jewefls tät der Maßfaktoren der Gegenstände erhöht sich von der ersten
bestimmten Apparat auffassen, wären diese Gegenstände die zur dritten Gruppe. Das gilt auch für die Variabilität der Funk-
diesem Apparat zugemessenen funktionsrepräsentativen Teile. tionen und der Erscheinungsformen dieser Gegenstände, wenn
Die wesentliche Struktur dieser Teile ist folglich durch den von vorrangig technisch ermöglichten Gegenständen der ersten
Apparat als ganzen, durch ihre Verbindung mit ihm, durch ihre Gruppe, etwa Rasierapparaten, abgesehen wird. Die Gegen-
Funktion und deren' spezifischer Gegenständlichkeit vor jeder st;iinde der ersten Gruppe erhalten schnell eine optimale Ge-
ästhetischen Gestaltentscheidung det~rminiert. Aber solche Ent- stalt, die historisch oft nur geringfügig modifiziert wird.
scheidungen sind zugleich bedingend für die Herstellung dieser
Gegenstände. Gesellschaftlicher Charakter des Gebra'uchswertes
2. Dem· menschlichen Körper angepaßte Gegenstände. Hier-
zu gehören etwa Tisch und Stuhl, das Bett, die Nähmaschine, In ihrer gegenständlichen Funktion sind die Produkte mensch-
11',' der Handwebstuhl und im gewissen Sinne als räumliche Lebens- licher Tätigkeit Gebrauchswerte. Hierin ist kein Unterschied, ob
form die Wohnung und auch die Kleidung der Menschen. Bei es sich um Gegenstände der technischen, der praktischen oder der
einigen dieser Gegenstände kann der Gegenstand als Apparat ästhetischen Nützlichkeit handelt. <<Die Nützlichkeit eines
und der Mensch als Teil desselben aufgefaßt werden. Das gilt Dings>>, schrieb Marx, <<macht es zum Gebrauchswert.>> 57 Diese
vor allem für handbediente Maschinen. Marx schrieb von den Nützlichkeit ist in elementarer Form durch die physischen Le-
«am Gerüst der Arbeitsmaschine angebrachten tätigen Orga- benserfordernisse auch für Naturbedingungen des menschlichen
ne(n) >>.56 Der Spielraum ästheti.sch relevanter Entscheidungs- Lebens, die nicht durch die Arbeit gebildet wurden, gesetzt.
möglichkeiten ist hier im V er gleich zu den Gegenständen der Im Grade der Entwicklung dJr Produktivkräfte und der Ver-
ersten Gruppe größer, was jedoch auch in diesem Falle keine gesellschaftung der menschlichen Individuen wird sie jedoch
hierarchische Gliederung des Anforderungsgrades und Wertes durch kulturelle Faktoren geprägt -oder modifiziert. Gegenüber
der ästhetischen Gestaltung bedeutet. den gesellschaftlichen Determinanten des Nutzens sind be-
3. Von der organischen Schranke des Menschen getrennte Ge- stimmte Gruppen von Gegenständen in einem bestimmten
genstände. Das sind zum Beispiel Wasser- und Windmühlen, Grade neutral. <<Man schmeckt dem Weizen nicht an., wer ihn
t\ Dampfmaschinen, Schiffe, Flugzeuge und im bestimmten Grade gebaut hat, ru;sischer Leibeigner, französischer Parzellenbauer
auch Häuser. Sofern für die erforderlichen Funktionen dieser oder englischer Kapitalist. Obgleich Gegenstand gesellschaft-
im Grunde schon raum-gegenständlichen Ganzheiten die phy- licher Bedürfnisse, und daher in gesellschaftlichem Zusammen-
sische oder nur noch steuernde Einwirkung von Menschen not- hang, drückt der Gebrauchswert jedoch kein gesellschaftliches
. ,, '

54 55
Produktionsv~rhälthis aus.»58 Selbstverständlich ist der Weizen kehrsmittel an einen bestimmten Entwicklungsgrad derl Pro-
nicht •möglicher Ausdruck beliebiger gesellschaftlicher Wirklich- duktivkräfte gebunden, abei;, ihu Funktion ist bereits derart
; keit. Zugleich zeigt sich, daß' seine Weiterverarbeitung zu .Ob- vergesellschaftet, daß sie nicht mehr einfach als Beziehung von
jekten der unmittelbaren konsumtiven Nutzung durch Menschen Menschen zur Natur zu begreifen ist. Für die Gestaltung der
zu Produkten führt, die stärker als das unverarbeitete Getreide frühen Verkehrsmittel hatten die Menschen wegen der unent-
bestimmte kulturelle Gewohnheiten und Ansprüche und damit wickelten Produktivkraft nur geringe Entscheidungsmöglich-
gesellschaftliche Charal<tere erkennbar werden lassen. Aber ·. keiten, obgleich die Benutzung bestimmter Verkehrsmittel
auch hier muß besongers in unser.er Zeit für die industriell ent- schon sehr bald sozial hierarchisch gegliedert war. Aber die
wickelten kapitalistischen und sozialistischen Staaten ein ge- Aktualisierung der modernen industriellen Produktivkräfte in
wisses Maß der Austauschbarkeit und so.auch Maß von gesell- der Gestalt der tendenziellen Allgemeinsetzung des individuel-
schaftlicher Indifferenz vorausgesetzt werden. Marx hat dieses len Kraftfahrzeuges ist allein als durch die Produktionsverhält- '
Moment der Indifferenz von Geb.rauchswerten wiederholt re- nisse determinierter gesellschaftlicher Entscheidungsprozeß zu
flektiert. So kennzeichnete er in den «Grundrissen>> den Ge- begreifen. Auch das Fernsehgerät funktioniert nach technisch
brauchswert der Ware als die Eigenschaft <<Gegenstand der Be- isolierten und organisierten Naturprozessen, aber sein Ge-
friedigung irgendeines Systems vienschlicher Bedürfnisse» zu brauchswert ist allein durch gesellschaftliche Institutionen be-
sein. <<Es ist dies ihre stoffliche Seite, die den disparatesten Pro- stimmt.
duktionsepochen gemeinsam sein kann und deren Betrachtung Von der Marxschen Aussage «, .. der Gebrauchswert als Ge-
daher jenseits der politischen Ökonomie liegt. Der Gebrauchs- brauchswert, liegt jenseits des Betrachtungskreises der politi-
wert fällt in ihren Bereich, sobald er durch die modernen Pro- schen Ökonomie>>61 gelangt Begenau zu der irrigen Schlußfolge-
duktionsverhältnisse modifiziert wird oder seinerseits modifi- rung: <<Es handelt sich also beim Gebrauchswert unmittelbar
zierend in sie eingreift.»59 um ein menschliches Gattungsverhältnis, nicht ein Klassen'fer-
Zur Bestimmung des Unterschiedes zwischen den Werken der hältnis. •>62 Auch hierin liegt die Tendenz, der konkreten sozial-
1Kunst und den anderen Produkten und in dem Bemühen, eine geschichtlichen Analyse des Charakters der bestimmten Ge-
übertriebene und zu praktischen Fehlentscheidungen führende brauchswerte auszuweichen. Und es bleibt- zu fragen, welche
Vorstellung der gesellschaftlichen Relevanz praktischer und Verhältnisse in der Klassengesellschaft der Gattung und welche
technischer Gegenstände entgegenzuwirken, schrieb Siegfried den Klassen zukommen. Sicher müssen alle Individuen der Gat-
r H. Begenau: <<Die Welt, in der wir lebeni ist von Menschen pro- tung Mensch atmen, sich ernähren und möglichst auch beklei-
duziert. Das ist ein schöpferischer Prozeß der Formung unserer den. Aber diese Tätigkeiten stehen doch nicht als neutrale neben
Welt. Aber Formung ist nicht gleich Formung. Form läßt sich den klassenmäßigen sozialen Eigenschaften der Mensche11, son-
nicht außerhalb des inhaltlich Geformten verstehen. Form ist dern sind auf verschiedene Weise durch die Klassenverhältnisse
wesentlich. Ein praktisches Naturverhältnis bestimmt letzten modifiziert. Sicher, gibt es das Allgemeinmenschliche eben als
Endes seine Formen, [die des nicht;künstlerischen Gegenstan- allgemeinste Eigenschaft der, Individuen der Gattung Mensch. '
,, des, L. K.], wie ein geistig-ästhetisches die seine bestimmt [die Aber im strengen theoretischen Sinne ist diese; All~mein-
','
des künstlerischen Gegenstandes, L. K.] .»60 Mir scheint, daß menschliche das Allge1V,eine, welches in Hand- und Wassermüh-
diese abstrakte Entgegensetzung' von Natürlichem und Ästhe- len, in mittelalterlichen Folterwerkzep-gen und auch in den Ver-
tischem die für viele praktische Gegenstände w.esentliche ge- brennungsöfen faschistischer Konzentrationslager seinen Aus-
sellschaftliche Funktionscharakteristik verdeckt. Es ist eine druck finden kann. In den Klassengesellschaften exis,tiert dieses
f
,, theoretisch unzulässige Vereinfachung, das Wesen aller nicht- Allgemeinmenschliche eben in gegensätzlichen gesellschaftlichen
künstlerischen Produkte darin zu sehen, daß sie durch ein prak~· Äußerungsweisen, und auch dort, wo das Empfinden dagegen
tisches Naturverhältnis von Mem,chen bestimmt sind, obgleich aufbegehrt, bestimmte Handlungen von Menschen noch als
es sich hier um einen wichtigen Gesichtspunkt hindelt. Er gilt «menschlich>> zu bezeichnen, sind diese durch gesellschaftliche
vor allem für Arbeitsmittel: Aber schon ein Kraftfahrzeug Verhältnisse, durch konkrete gesellschaftliche Kräfte verursacht
bringt nicht mehr nur ein Naturverhältnis der Menschen zutp und, damit nicht natürlich, nicht tierisch, sondern menschlich.
Ausdruck. Selbstverständlich ist die Herstellung solcher Ver- Erst so sind sie als überwindbar erkannt ..,. in der .Apfgabe, die

56 57
:,-;\,:\.\''t \ ' ,,

gesellschaftlichen Verhältnisse zu beseitigen, aus denen sie not- großen Beitrag leisten können. So gibt es Gegenstände des inJ
wendig erwachsen. dividuellen Gebrauchs, die zwischen dem Sozialismus und dem
Marx erklärte, daß sich die politische Ökonomie mit dem Kapitalismus ausgetauscht werden und so gesellschaftlich indif-
Gebrauchswert, nachdem dieser allgemein vorausgesetzt ist, ferent erscheinen, aber unabhängig von ihrer ästhetischen Er-
nicht befaßt. Es wurde bereits ein Text aus den <<Grundrissen>> scheinung unter bestimmten Umständen einen Gebrauch diktie-
zitiert, in dem dieser Gedanke differenzierter entwickelt ist. Zu ren, dessen Entrücktheit gegenüber den gegensätzlichen gesell-
dieser Problematik sollen hier nur zwei Gesichtspunkte berührt schaftlichen Verhältnissen nur scheinbar ist .. Hier wären etwa
werden. Das ist zuerst die Tatsache, daß in der Warenproduk- Personenkraftwagen, Fernsehgeräte und Kofferradios zu nen-
tion nicht der Gebrauchswert, sondern der Wert, schließlich nen. Die exemplarische Darstellung der Funktionen der Ge-
Mehrwert, Profit das bestimmende Produktionsziel ist. Marx genstände dieser Art ist sehr kompliziert. Es ist selbstverständ-
hat das wiederholt betont. Zum Beispiel so: <<Der Gebrauchs- lich ein großer Unterschied, ob das Fernsehen der bürgerlichen
wert ist überhaupt nicht das Ding qu'on aime pour lui-meme in Ideologie ein neues Medium ihrer Verbreitung bildet oder der
der Warenproduktion. Gebrauchswerte werden hier überhaupt Wirkung der sozialistischen Ideologie dient. Was bleibt, ist die
nur produziert, weil und sofern sie materielles Substrat, Trä- «innere Logik des Gebrauchs>>. So bewirkt das <<Einrücken>> .des
ger des Tauschwertes sind.>>63 Hieraus ergibt sich, daß für die Fernsehgeräts in die Wohnung tiefgreifende Veränderungen im
allgemeine ökonomische Theorie des Kapitalismus - und das Leben der Familie. Etwas unpräzise ausgedrückt kann man sa-
war für Marx die politische Ökonomie - gleichfalls auf die !b- gen, daß das Gerät selbst eine bestimmte Tendenz hat,,die ge-
strakte ökonomische Wertkategorie und nicht auf die Kategorie genüber den besonderen Formen seiner Anwendung weitgehend
des Gebrauchswertes gegründet sein muß. Im Unterschied unabhängig ist. Es ist hier die der unterhaltenden Zeitbelegung
hierzu muß die Kategorie des Gebrauchswertes einen anderen und damit die der Desubjektivierung. Diese hängt dem Gerät
Stellenwert in einer kommunistischen ökonomischen Theorie zwar nicht gegenständlich an, sondern ergibt sich aus dem Cha-
einnehmen. Diese Theorie wird notwendig zuerst als politische rakter der Programmkonzeptionen auf der einen und dem Cha-
Ökonomie des Sozialismus entwickelt. Eine ihrer zentralen rakter der Rezipienten der Sendungen auf der anderen Seite.
Aufgaben ist zu unt<ersuchen, wie im Sozialismus durch Waren- Denn das Gerät repräsentiert immer eine gesellschaftliche Insti-
beziehungen die Gebrauchswertorientiertheit der Produktion tution oder auch mehrere, unabhängig hiervon hat es nicht den
vermittelt wird. In der weiteren Entwicklung dieser ökonomi- ihm spezifischen Gebrauchswert. <<An einem Fernsehgerät als '
schen Theorie wird sie immer mehr den Zusammenhang von Gebrauchswert>>, schrieb Begenau, «interessiert uns seine Eigen-
Produktionsökonomie und der Ökonomie der Lebensweise der schaft als Bild-, Ton- und Sprachübermittler, als visuell-aku-
Menschen als ihren zentralen Gegenstand begreifen. Hierfür stischer Informator mit .entsprechenden Qualitäten dieser In-
kommt den Kategorien <<Gebrauchswe;t,> und <<Gebrauch>> formation innerhalb meines Lebensbereichs. Das Gerät soll
grundlegende ·Bedeutung zu. Der Gebrauchswert vieler Pro- nicht störanfällig sein und mir möglichst wenig Bewegungsfrei-.
dukte ist funitio_nell und gesellschaftlich ungerichtet. So kann heit nehmen.>>64 Damit sind wesentliche Einstellungen zu einem ·
Erdöl zu sehr unterschiedlichen funktionellen Produkten ver- derartigen Gerät erfaßt. Und es ist sehr interessant zu sehen,
arbeitet werden und durch nichts ist ihm der besondere gesell- daß alle Natureigenschaften des Geräts, der Charakter des Ma-
schaftliche Charakter seiner zukünftigen Verwendung anzumer- terials, die techn1sche Funktionsweise und andere Faktoren die-
ken. Aber insofern ist der Gebrauchswert selbst noch abstrakt ser Art unbeachtet geblieben slnd. Alles, was dem Gerät als
und potentiell. Im Grunde ist der Gebra4chswert erst durch technischem mit der Natur gemeinsam ist, hat der Interessent
den Gebrauch oder durch die Gebrauchsorientierung auf den be- dem Techniker überlassen. Der durchschnittliche Interessent
stimmten Gegenstand konkretisiert und damit als solcher ak- hofft, daß die Techniker und Monteure ihre Arbeit gut erfüllt
tuell. haben, er will in den Genüssen, die ihm das Gerät verschaffen
Schließlich soll zur Problematik des Gebrauchswertes be- soll, sich nicht zur Natur in bestimmte Beziehung setzen, son- ..)
merkt werden, daß seine Untersuchung ja nicht einzig der all- dern an einer gesellschaftlichen Leidenschaft teilhaben.
gemeinen ökonomischen Theorie überlassen ist, daß vielmehr Marx schrieb : <<Die erste Form des Wertes ist der Gebrauchs-
die Kulturwissenschaft vor allem und die Asthetik hierzu einen wert, das Alltägliche, was die Beziehung des Individuums zur

58 59
Natur ausdrückt; die zweite der 'Tauschwert neben dem Ge- delt es sich um Gebrauchswerte, die selbst Formbestimmung.
brauchswert, sein Gebieten über die Gebrauchswerte anderer, bestimmter gesellschaftlicher Produktionsverhältnisse sind, und
seine soziale Beziehung: selbst ursprünglich wieder Wert des selbst nur aus der Wechselbeziehung mit diesen hervorgehen.
. sonntäglichen, über die unmittelbare Notdurft gehenden Ge- Marx hat die Entwicklung der Geldfunktion von Gold und
bra.uchs.»65 Hieran schloß Begenau die Bestimmung: <<Der Ge- Silber aus der besonderen Charakteristik ihrer praktisch-me-
brauchswert ... ist sinnlich gegeben und sinnlich wirkend, un- chanischen und ihrer ästhetischen Gebrauchswerteigenschaften
mittelbar praktische Bestätigung des Mensche'n in der Natur.>>66 abgeleitet. Er benutzte hierbei erneut das Motiv des Sonntäg-
Das ist nun eine Folgerung, die sich aus dem Text von Marx lichen, aber hier zur Kennzeichnung der elementaren ästheti-
nicht ergibt. Und schließlich sollte nicht übersehen werden, daß schen Qualität dieser Metalle. <<Die große Bedeutung von Me-
in diesem keine allgemeingültige Bestimmung des Gebrauchs- tallen überhaupt innerhalb des unmittelbaren Produktionspro-
wertes, sondern eine des bürgerlichen Wertbezuges zu ihm im zesses hängt zusammen mit ihrer Funktion als Produktionsin-
Unterschied zum Tauschwert gegeben wird. «Um als Ge- strumente. Abgesehen von ihrer Seltenheit macht die große
brauchswert zu werden, muß die Ware dem besonderen Be- Weichheit des Goldes _und des Silbers, verglichen mit Eisen und
dürfnis gegenübertreten, wofür sie Gegenstand der Befriedi- selbst mit Kupfer (in dem gehärteten Zustand, worin die Al-
gung ist.»67 Hierfür ist es gleichgültig, um welches· Bedürfnis es ten es brauchten), sie unfähig zu dieser Nutzanwendung und
sich handelt. Wir wollen das an einem oft zitierten Text aus beraubt sie daher in großem Umfang der Eigenschaft, worauf
der Arbeit •<<Zur Kritik der Politischen Ökonomie>> kontrollie- der Gebrauchswert der Metalle überhaupt beruht. So nutzlos,
ren, der zugleich bei bedachtsllmer Lektüre zeigt, daß selbst hier wie sie innerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses sind,
die Ausschließung des Gebrauchswertes aus dem Gegenstands- so entbehrlich erscheinen sie als Lebensmittel, als Gegenstände
bereich der politischen Ökonomie nicht so allgemein gefaßt der Konsumtio_n. Jede beliebige Quantität de~elben kann da-
wurde, wie es unter Berufung auf diesen Text nicht selten ver- her in den gesellschaftlichen Zirkulationsprozeß eingehen, ohne
standen w~rd. «Welches immer die gesellschaftliche Form des· die Prozesse der unmittelbaren Produktion und Konsumtion zu
Reichtums sei, Gebrauchswerte bilden stets seinen gegen diese beeinträchtigen. Ihr individueller Gebrauchswert gerät nicht in
Form zunächst gleichgültigen Inhalt. Man schmeckt dem Wei- Widerstreit mit ihrer ökonomischen Funktion. Andrerseits
zen nicht an, wer ihn gebaut hat, russischer Leiheigner, französi- sind Gold und Silber nicht nur negativ überflüssige,. d. h. ent-
scher Parzellenbauer oder englischer Kapitalist. Ob~leich Ge- behrliche Gegenstände, sondern ihre ästhetischen Eigenschaften
genstand gesellschaftlicher Bedürfnisse, und daher in gesell- machen sie zum naturwüchsigen Material von Pracht, .Schmuck,
schaftlichem Zusammenhang, drückt der Gebrauchswert jedoch Glanz, sonntäglichen Bedürfnissen, kurz zur positiven Form des
kein gesellschaftliches Produktionsverhältnis aus. Diese Ware Oberflusses und Reichtums. Sie erscheinen gewissermaßen als
als Gebrauchswert ist z. B. ein Diamant. Am Diamant ist nicht gediegenes Licht, das aus der Unterwelt hervorgegraben wird,
wahrzunehmen, daß er Ware ist. Wo er als Gebrauchswert indem das Silber alle Lichtstrahlen in ihrer ursprünglichen Mi-
dient, ästhetisch oder mechanisch, am Busen der Lorette oder schung, das Gold nur die höchste Potenz der Farbe, das Rot,
in der Hand des Glasschleifers, ist er Diamant und nicht Ware. zurückwirft. Farbensinn aber ist die populärste Form des ästhe~
Gebrauchswert zu sein scheint notwendige Voraussetzung für tischen Sinnes überhaupt.»69 Schließ1ich wies Marx auf die <<Fä-
die Ware; aber Ware zu sein gleichgültige Bestimmung für den higkeit von Gold und Silber, aus der Form der Münze in die
Gebrauchswert. Der Gebrauchswert in dieser Gleichgültigkeit Barrenform, aus der Barrenform in die Form von Luxusarti-
gegen die ökonomische Formbestimmung, d. h. der Gebrauchs- keln und umgek~hrt verwandelt zu werden ... >> 70 Sie werden
wert als Gebrauchswert, liegt jenseits des Betrachtungskreises so <<Zum natürlichen Material des Geldes, das beständig aus
der politischen Ökonomie. In ihren Kreis fällt er nur, wo er einer Formbestimmtheit in die andre umschlagen muß>>. 71 Damit
selbst Formbestimmung. Unmittelbar ist er die stoffliche Ba- ist in dem konkreten ästhetischen Gebrauchswert des bestimm-
sis, woran sich ein bestimmtes ökonomisches Verhältnis. dar- ten Luxusgegenstandes immer der abstrakte Gebrauchswert des
stellt, der T auschwert.>>68 So ist überhaupt erst zu erklären, Tauschwertes gegenwärtig und dargestellt. ·
warum in Marx' <<Das Kapital» die typologische Genealogie der In seiner interessanten und theoretisch wertigen Arbeit
Mischinerie einen so w.ichti@etl Platz einnimmt. Denn hier han- «Funktion, Form, Qualität. Zur Problematik einer Theorie der
60 61
.,·i;

Gestaltung (des Design)>>, auf die ich mich hier bereits wieder- Typen von Gegenständen oder Räumen differenziert ist. Indem
holt bezogen habe, zeigte Begenau, daß die Cl;estalteigen- Begenau diesen Zusammenhang nicht deutlich genug faßte,
schaften vieler Gebrauchsgegenstände nicht nur durch ihren geriet er in die Nähe eines technizistischen Perfektionismus, der
praktischen Funktionswert bestimmt werden,. sondern auch Gestaltung lediglich als Annäherung an einen idealen End~ert
durch einen Faktor, den er als «Geltungswert» bezeichnete. 72 begreift.
Das ist ein wichtiger Gesichtspunkt. Begenau vertrat nun die
Auffassung, diesen Geltungswert hätten viele' Gegenstände und
Einrichtungen <<seit der Renaissance verloren. Ein moderner Zur Semantik der praktischen Gegenstände „
Winkelmesser, ein modernes Kurvenlineal und viele technische Für die Untersuchung des gesellschaftlichen Charakters prakti-
Geräte · haben alles Schmückende abgelegt und sind in- scher Gegenstände kommt der Verfolgung der Bedeutungsebe-
'sofern mit einem Astrolabium zur Winkelmessung oder eine.r nen und der Bedeutungsstruktur derselben besonderes Interesse
Auftragsbussole zum Messen und grafischen Festlegungen von zu. Diese Bedeutungen können unter den Gesichtspunkten des
Winkeln und Richtungen aus dem 16. oder 17. Jahrhundert Seins, des Werdens und des Gebrauchs gegliedert werden.
nicht mehr vergleichbar. Dasselbe gilt für Einrichtungen von
Apotheken, Labors (man denke dagegen an eine Alchimisten- 1. Selbstausdruck oder der Ausdruck des Seins
küche), Unterrichtsräumen, Lehrwerkstätten, Verkaufshallen Die Erscheinung des Gegenstandes realisiert einen besonders
und Produktionshallen. Allerdings hat das ästhetisch Wirkende in der Figuration signifikanten Gestalttyp, dessen Funktion
in diesen Ensembles, wenn sie gestaltet werden, an positiver der eines ikonischen, Zeichens entspricht. Während das iko-
Bedeutung außerordentlich zugenommen. Die Funktionen die- nische Zeichen nicht gegenständlich in die von ihm symboli-
ser Gegenstände und Einrichtungen werden immer mehr kom- sierten Operationen eingeht und demzufolge innerhalb
plex verstanden. Auch insofern ist die Bestimmung der Funk- bestimmter Grenzen veränderbar ist, ohne die praktische
tion ein Prozeß. Sie wird nicht mit einem Schlage gewon- Operation hierdurch zu modifizieren, ergibt sich die Zei-
nen. Man nähert sich vielmehr schrittweise, von Jahr zu Jahr·,, chengestalt praktischer Gegenstände in der Regel wesentlich / _q

von Modell zu Modell einem vollkommeneren Gebrauchswert, aus den praktischen Gestaltdeterminant~n des Gegenstandes
der schließlich schon in der Produktplanung komplex konzipiert selbst, ist sie Ausdruck des bestimmten gegenständlichen
wird, wenn Gestaltung und Produktion zusammengefaßt wer- Wesens. Diese Bedeutung des Seins kann in eine direkte und
den.»73 Hier ist zweifellos ein empirisch konstatierbarer Trend indirekte differenziert werden: Zuerst: /
von Gestaltungen vor allem technischer, aber auch praktischer 1.1. Ausdruck des direkten Seins oder der operative Sinn
Gegenstände und ihnen entsprechender Raumbedingungen re- des Gegenstandes
flektiert. Aber es sollte beachtet werden, daß der Geltungswert Mit der Typologie der charakteristischen Erscheinung des
gegenständlicher Lebensbedingungen von der gesellschaftlichen Gegenstandes erschließen sich, unter Umständen durch vom
Einstellung der Individuen bestimmt wird und nicht von de- Gegenstand getrennte schriftliche Hinweise ergänzt, die ihm
korativem Schmuck der Gegenstände abhängt. Zweifellos gibt spezifischen Operationen und die für diese erforderlichen
es für praktische Gegenstände oder Raumbedingungen eine Handhabungen. Hierdurch ist zugleich die Zugehörigkeit des
Tendenz der funktionalen Optimierung. Aber zugleich gibt es Gegenstandes zu einer Gruppe gleichartiger Gegenstände so-
eine Variabilität von Gegenständen und Räumen, die unter wie zu der diese Gruppe einschließenden Klasse von Gegen-
diesem Gesichtspunkt der Optimierung überhaupt nicht zu be- ständen festgelegt. Wie in der Vorstellung der Symbole kann
greifen ist, weil sie die gesellschaftliche Veränderung der Men- hinsichtlich des Gestalttyps der praktischen Gebrauchsgegen-
schen ausdrückt. Und das ist die eigentliche Dimension des stände zwischen der eidetischen und der operativen Bedeutung
Ästhetischen. Aus dieser Bewegung ist mit Ausnahme der als unterschieden werden. Georg Klaus bestimmte diese beiden
rein vorgestellten technischen Gegenstände kein anderer Typ Aspekte so: <<Ein Symbol hat für uns eidetischen Sinn, wenn
produzierter Gegenständlichkeit ausgeschieden. Auch der Win- wir wissen, was es bedeutet. Ein Symbol hat einen opera-
kelmesser nicht, obgleich wir immer beachten wollen, daß der tiven Sinn, wenn wir wissen, wie wir es benutzen müssen.>>74
Grad ästhetischer Formiertheit für unterschiedliche funktionale Soweit .die Gestalteigenschaften des Gegenstandes aus den
62 63
Erfordernissen der praktischen Funktionserfüllung resultie- Die Bedeutung dieser Aspekte ist von den bestimmten gesell-
ren, sind sie als Ausdruck, soweit sie eigengestaltlich gegen- schaftlichen Einstellungen abhängig. Den bürgerlichen Nutzer
über den praktisch determinierteyi Erscheinungen der infor- von Gegenständen interessieren die sozial-ökonomischen Be-
mationellen Kommunikation dienen, sind sie als Symbole dingungen von deren Herstellung wesentlich nur unter dem
aufzufassen. Gesichtspunkt ihres abstr~kten Wertes; Ob das Produkt durch
Die Gestalt praktischer Gebrauchsgegenstände manifestiert Kinderarbeit oder durch Zwangsarbeit Erwachsener herge-
die ihnen spezifischen Handlungen. Diese können durch ent- gestellt wurde, wieviel Hoffnung durch dieses gefroren und
gegengesetzte gesellschaftliche Zwecke bestimmt sein. Aber auf wieviel Schweiß und Blut es gegründet ist, davon kann
der operative Sinn der Gegenstände muß realisiert werden, leicht abgesehen werden, weil es ja den Gegenständen nicht
wenn diese nicht negiert oder doch ignoriert werden sollen. anzusehen ist.
Es wurde in anderem Zusammenhang bereits erwähnt, daß
solch operativer Sinn selbst eine gesellschaftliche Tendenz 3. Ausdruck des Gebrauchs
haben kann. Marx hat ja in. der Analyse der Rolle der Maschi-' Während der operative Sinn des Gegenstandes einen norma-
nerie hierfür den eindeutigen Beweis gelierfert. In diesem ist tiven Charakter hat, indem er <<aussagt», wie der Gegenstand
die Überlegung eingeschlossen, daß gleichartige Arbeitsbe:. gebraucht werden soll, welcher Gebrauch durch die Gegen-
dingungen unterschiedliche gesellschaftliche Anwendungs- ständlichkeit selbst bereits angeleitet ist, umschließt diese
weisen ermöglichen können. Das gilt selbstverständlich für Gruppe von Bedeutungen die Modalitäten der tatsächlich er-
viele praktische Gegenstände des sogenannten täglichen Ge- · folgten Anwendung des Gegenstandes. Der. operative Sinn
brauchs in einem weit höheren Grade. Ohne das Prinzip ·der des Gegenstandes richtet den Gebrauch, wobei die Amplitude
kritischen Analyse der gesellschaftlichen Inhalte der Produk- möglicher Abweichungen für einzelne Typen von Gegenstän-
tion und der Produkte vom Standpunkt des Kampfes um die den unterschiedlich groß sein kann.Der Gebrauch von Gegen-
Verwirklichung des Kommunismus aufzugeben, wäre· es ver- ständen kann gegenüber ihrem spezifischen Sinn in einer be-
fehlt, nach sozialistischen Kämmen und Tassen als Entgegen- deutungsneutralen oder in einer bedeutungsändernden Form
setzung zu denen des Kapitalismus zu streben. Das heißt abweichen. So kann ein Brotmesser als Hebel zum Öffnen
allerdings nicht, auf den Nachweis zu verzichten, welche Ge- eines Einweckglases benutzt und von hier wieder in den
staltungen von praktischen Lebensbedingungen dem Sozialis- eigentlichen Gebrauch zurückgenommen werden. Sollte durch
mus gemäß und welche ihm nicht gemäß sind. Stechen oder Schneiden mit einem solchen Messer ein Mensch
mutwillig getötet werden, so läge diese Operat~on dem Sinn-
1.z~ Ausdruck des indirekten Seins gehalt des Messers näher als seine Hebelfunk~ion beim Öffnen
1.z.1. Ausdruck des Alters • eines Glases. Aber sehr vielen Menschen, würden in diesem
1.z.z. Ausdruck der Anzahl Falle gegen, die Rücknahme dieses Messers in den Funktions-
Die bestimmte Bedeutung dieser Eigenschaften ist von der bereich des Brotschneidens Hemmungen erwachsen. Diese
besonderen Art der Gegenstände und von dem besonderen Empfindlichkeit des nicht pervertierten Menschen gilt es auf
Charakter der gesellschaftlich bedingten Einstellung der die Bedeutungen des Werdens der Gegenstände auszuweiten.
Menschen zu ihnen abhängig. So kann der Geltungswert eines 3.1. Ausdruck des gegenständlichen Inhalts des Gebrauchs
Gegenstandes von hohem Alter je nach der Einstellung posi- Er sagt aus, zu welchen Operationen der Gegenstand ange-
tiv oder negativ erfahren werden. wandt wurde.
3.2. Ausdruck der Finalität der Anwendung des Gegenstan-
z. A.usdruck des Werdens des
z.i;. Ausdruck der technischen Herstellungsweise Er sagt aus, zu welchen Zwecken der Gegenstand angewandt
z.z. Ausdruck der sozialen Bedingungen der Herstellung wurde.
2.3. Ausdruck des personalen Aspekts der Herstellung 3. 3. Ausdruck der Personalität des Gebrauchs
2.4. Ausdruck der Qualität der angewandten Arbeit 3.4. Ausdruck der Intensität und der technischen Modalität
2. 5. Ausdruck der Quantität der angewandten Arbeit des Gebrauchs
5 Kühne, Gegenstand
64 6;
r '1, "\i1t'o/'.fMH.~/.f,~i~~?:'-1,1.r~f
'
~-/

3.5. Ausdruck der Dauer des Gebrauchs es vermittelnden Warenbeziehungen. noch in einem bestimmten
Schließlich lassen sich wesentliche der zuvor bezeichneten Be- Grade bürgerlich begrenzt ist, kann sein Wesen und seine Ent-
deutungen zusammenfassen in wickungstendenz nur durch die Vorstellung der Funktion des•
kommunistischen Gegenstandes begriffen werden. «In der bür-
4. Ausdruck des Eigentums gerlichen Gesellschaft>>, schrieben Marx und Engels, <<ist die le-
4.1. Ausdruck der Eigentumsgeschichte des Gegenstandes bendige Arbeit nur ein Mittel, die aufgehäufte Arbeit zu ver-
Hiei.-in eingeschlossen ist für besondere Verhältnisse der Aus- mehren. In der kommunistischen Gesellschaft ist die aufgehäufte
druck des Preises · Arbeit nur ein Mittel, um den Lebensprozeß der Arbeiter zu
4.2. Ausdruck der aktuellen eigentümlichen Bestimmtheit erweitern, zu bereichern, zu befördern.>>76 Und hieraus folgerten
Eigentum ist gesellschaftlich sanktionierte Verfügung über sie: «In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht also die Vergan-
Lebensbedingungen. Es ist damit seinem Wesen nach gesell- genheit über die Gegenwart, in der kommunistischen die Ge- .\<
schaftliches Verhältnis. Die spezifische Funktion des Eigen~ genwart üb~r die Vergangenheit. In der bürgerlichen Gesell-
tümers ist die der Zweckbestimmung des Gebrauchs oder die schaft ist das Kapital selbständig und persönlich, während das
der Personifizierung des Zwecks. tätige Individuum unselbständig und unpersönlich ist.» 77 Marx
und Engels wiesen nach, daß die kommunistische Gesellschaft
Im <<Manifest der Kommunistischen Partei>> haben Marx und den persönlichen gegenständlichen Reichtum der Individuen
Engels die Stellung der Kommunisten zur Eigentumsfrage ein- nicht aufhebt, sondern erst schafft. Das Privateigentum ist die
deutig bestimmt. <<Was den Kommunismus auszeichnet, ist nicht negative Form des persönlichen Eigentums. Einmal dadurch,
die Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern die Ab- daß es in seiner entwickelten und positiven kapitalistischen Form
schaffung des bürgerlichen Eigentums. auf der permanenten Ausbeutung beruht, und zum an-
Aber das moderne bürgerliche Eigentum ist der letzte und deren dadurch, daß es die Individualität der Menschen nicht
vollendetste Ausdruck der Erzeugung und Aneignung der Pro- vermittelt, sondern ersetzt. Das Privateigentum, seine Bedürf-
dukte, die auf Klassengegensätzen, die auf dcr Ausbeutung der nisse und seine Gegenstände trennen, das kommunistische
einen durch die andern beruht. Eigentum, seine Bedürfnisse und seine Gegenstände vereinen,
In diesem Sinn können die Kommunisten ihre Theorie in dem assoziieren die Menschen. Eigentum ist in seinem Wesen ge-
einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums zusammenfas- sellschaftliches Verhältnis der Menschen. Aber das Privateigen-
sen.>> 75 '
tum ist ein dissoziatives und das kommunistische Eigentum ist
. Die Aufhebung des Privateigentums ist nun nicht einfach' auf ein assoziatives Verhältnis.
das Privateigentum an Produktionsmitteln beschränkt. Diese ist In der kapitalistischen Gesellschaft stehen den Arbeitern in
zwar die grundlegende Voraussetzung für die Aufhebung des der Fabrik die Organisation der Arbeit und die Produktions-
Privateigentums, aber sie ist nicht mit ihr identisch. Die kom- instrumente und außerhalb der Arbeit konsumtive Produkte der
munistische Zielstellung «Aufhebung des Privateigentums» rich- eigenen Arbeit als feindliche, auf ihre Unterwerfung und Knech-
tet sich auf das gesamte Eigentum. Die allgemeinste Eigenschaft tung ausgerichtete Mächte des Kapitals gegenüber. Unter den
des Privateigentums ist seine Exklusivität, es ist ausschließen- für die kapitalistische Gesellschaft wesenhaften Bedingungen
des und verschacherbares Eigentum. Seine allgemeinste ökono- ist zwischen dem Für-sich- und dem Für-andere-Sein für die
mische Bestimmung ist die <<Spaltung>> des Gegenstandes in den Individuen ein unaufhebbarer Gegensatz. Das Sein-für-andere,
Gebrauchswert und in den Tauschwert. Aus dem Eigentum an Hegel hat es gesagt, ist so Knechtschaft. Marx und Engels be-
Produktionsmitteln ergibt sich auch die besondere gesellschaft- griffen aber die kommunistische Funktion des Gegenstandes
liche Modalität der Funktion der Gegenstände des individuel- darin, daß er <<als Sein für den Menschen, als gegenständliches
len Gebrauchs. So existiert das sozialistische Eigentum nicht nur Sein des Menschen, zugleich das Dasein des Menschen für den
als staatliches und als genossenschaftliches. Als dieses kann es andern Menschen, seine menschliche Beziehung zum andern
seine Triebkräfte für die Entwicklung des Sozialismus nur durch Menschen, das gesellschaftliche V erhalten des Menschen zum
die Entwicklung des sozialistischen Charakters des individuel- Menschen ist»/8 Diese gesellschaftliche Funktion des Gegenstan-
len Eigentums entfalten. Obgleich dieses Eigentum durch die des ist unverkehrt nur auf der Grundlage des aufgehobenen Pri-
66 5*
67
vateigentums möglich. Denn das «Menschenrecht des Privat-
storischen Voraussetzungen des entfalteten Kommunismus führt
eigentums ist ... das Recht, willkürlich ... , ohne Beziehung au(
dazu, das kommunistische Ideal in ein abstraktes, quasireligiöses
andre Menschen, unabhängig von der Gesellschaft, sein Vermö-
Ideal mit konterrevolutionärer Potenz zu verwandeln. Das kom-
"gen zu genießen und über dasselbe zu disponieren, das Recht
munistische Ideal erfüllt sich zuerst im Leben der Revolutionäre.
des Eigennutzes. Jene individuelle Freiheit, wie diese Nutzan-
Die w'irkliche kommunistische Bewegung hat das kommunisti-
wendung derselben, bilden die Grundlage der bürgerlichen Ge-
sche Ideai zur Voraussetzung. Aber sie ist nicht einfache Ver-
sellschaft. Sie läßt jeden Menschen im andern Menschen nicht
wirklichung und Erfüllung, sondern auch ständige Erweiterung
· die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner frei-
und Vertiefung dieses Ideals. ·
heit ' finden. Sie proklamiert aber vor allem das Menschen-
recht.>>79
Der privateigentümlichen Gegenständlichkeit entsprechen eine Zusammenfassung und zum Begriff des Funktioha!Bmus
spezifische Genußweise und eine spezifische Sinnlichkeit. <<Die
Die Untersuchung des praktisch-gegenständlichen Verhaltens
Aufhebung des Privateigentums ist .... die vollständige Eman-
von Menschen hat die Differenzierung der Bepeutungsaspekte
, zipation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften; aber s?e.
ihrer Gegenstände zur Voraussetzung. Das praktisch-gegenständ-
ist diese Emanzipation gerade dadurch, daß diese Sinne und
liche Verhalten der Menschen ist eine wesentliche Seite ihres
Eigenschaften menschlich, sowohl subjektiv als objektiv, gewor-
materiellen gesellschaftlichen Seins. Die Bedeutungen der Ge-
den sind ... Sie verhalten sich zu der Sache um der Sache willen,
genstände haben eine Geschichte, die mit der des Gegenstandes
1
aber die Sache selbst ist ein gegenständliches menschliches Ver-
im engeren materialischen Sinne nicht einfach zusammenfällt.
halten zu sich selbst und zum Menschen und umgekehrt. Das
Vielmehr spiegelt sich in der Bedeutung der Gegenstände die
Bedürfnis oder der Genuß haben darum ihre egoistische Na-
Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Wie der Be-
tur und die Natur ihre bloße Nützlichkeit verloren, indem der
deutungswandel des Wortes einer Sprache nicht von der V er-
Nutzen zum menschlichen Nutzen geworden ist.
änderung der physikalischen Beschaffenheit desselben abhängt,
Ebenso sind die Sinne und der Genuß der andren Menschen
sind auch wesentliche gesellschaftliche Bedeutungen der prak-
meine eigne Aneignung geworden. Außer diesen unmittelbaren
tischen Gegenstände diesen gegenüber variabel. Die ästhetisch.e
Organen bilden sich daher gesellschaftliche Organe, in der Form
Gestaltung der Gegenstän<;le ist Ausdruck der gesellschaftlichen
der Gesellschaft, also z. B. die Tätigkeit unmittelbar in Gesell-
Einstellung der Menschen zu den Gegenständen und damit im
schaft mit andren etc. ist ein Organ meiner Lebensäußerung
Grunde zueinander. Wie weit die ästhetische Gestaltung die
geworden und eine Weise der Aneignung des menschlichen Le-
Erscheinung der praktischen Gegenstände prägt, das hängt ein-
bens.»80 Die kommunistische Gesellschaft und der kommunisti-
mal vom Charakter der besonderen Gegenstände selbst und
sche Reichtum sind nicht die idealisierte und harmonisierte Fort-
ij.:1;' zum anderen von der gestalterischen Konzeption ab. Sozialisti-
'i' setzung der bürgerlichen Gesellschaft ohne Kapitalisten. Wenn
sche Gestaltungspraxis wird nicht danach streben, dem einzelnen
'i :
/~
auch Texte wie die «Ökonomisch-philosophischen Manuskripte»
praktischen Gegenstand gesellschaftsspezifische ästhetische Si-
noch in e(nem hohen Grade mit anthropologischen Philosophe-
gnaturen zu verleihen. Im Gegensatz zu einem solchen perspek-
[t,,, men belastet si!].d, enthalten sie doch zugleich tiefschürfende
tivlosen Unterfangen weiß sie sich dem Kriterium der Prak-
Bestimmungen des Antagonismus von bürgerlichem und kom-
tikabilität und dem der technischen und ökonomischen Effekti-
munistischem gegenständlichem Verhalten der Individuen. Hier
vität verpflichtet. Hierbei ist der ästhetische Anspruch immer
ist bereits eine klassische Analyse der Bedeutungsstruktur und
ein Moment des Praktischen. In seiner Funktionalismuskritik
der Funktionsweise bürgerlicher und kommunistischer Gegen-
schrieb Theodor W. Adorno: <<Fast jeder Verbraucher wird· das
ständlichkeit gegeben. Unsere Aufgabe ist es, dieses theoretische
Unpraktische des erbarmungslos Praktischen an seinem Leibe
Vermächtnis in seiner vollen Bedeutung aufzunehmen und durcli
schmerzhaft gespürt haben.>>81 Es ist aber so, daß ein praktischer
die Erfahrungen und Erfordernisse des heutigen Kampfes um
Gegenstand erst dann funktionsgerecht ist, wenn· er sich auch
den Kommunismus zu ,konkretisieren. Die Bestimmung der
gegenüber der psychischen Befindlichkeit der Menschen bewährt.
kommunistischen Ethik und Ästhetik muß vom wirklichen Wer-
Das Sitzen auf Stühlen, das Trinken mit spezifizierten Gefäßen
den des Kommunismus ausgehen. Das Abstrahieren von den hi-
und ähnliche Handlungen haben eine kulturelle Dimension. Ihre
68
69
1
Gegenstände sind folglich weder physikalistisch noch biologi- sehen Antiquiertheit der gestalterischen Grundlagen der herr-
stisch hinreichend auszumachen. Adorno meinte, daß <<in der schenden Kultur - das bezogen auf die technisch herausgear-
Frühzeit des Funktionalismus ... das Zweckgebundene und das beiteten gegenständlichen und räumlichen Gestaltungs- und
ästhetisch Autonome durch Machtspruch voneinander getrennt» Lebensmöglichkeiten. Hiermit war noch keine antikapitalisti-
waren. 82 Indem die Vertretet der gestalterischen Avantgarde sche, noch keine gesellschaftsprogrammatische kommunistische
im Kampf gegen den Traditionalismus, gegen Eklektizismus, Alternative gesetzt. Die Bourgeoisie war durchaus fähig, sich
Historismus und Ornamentik auf den Begriff der Zweckmäßig- die Resultate der funktionalistischen Kritik, die ja nicht zu-
keit setzten, unterlief ihnen ein Mißverständnis, das zuerst eine letzt auf ihrem Prinzip der kapitalistischen Produktionsökono-
produktive Bedeutung hatte und sich in seiner leeren Form bis mie beruhte, zumindest scheinbar, in einer formellen Weise an-
heute fortschleppt. «Zweckfreies und Zweckhaftes in den Ge- zueignen. Aber damit war auf diese):Il Gebiet der gestalterischen
bilden sind darum nicht absolut 'voneinander zu trennen, weil Kultur ein Niveau erreicht, welches unmittelbar an den welt-
sie geschichtlich ineinander waren. Sind doch, wie bekannt, die historischen Entscheidungskampf zwischen Bourgeoisie und Pro-
Ornamente, die. Loos ):Ilit Berserkerwut ächtete, die sonderbar letariat heranführte. ·
absticht von seiner Humanität, vielfach Narben überholter Pro- In einem anderen Zusammenhang wird in dieser Arbeit noch
duktionsweisen an den Dingen. Umgekehrt sind noch in die gezeigt werden, daß dem Funktionalismus eine antikapitalisti-
zweckfreie Kunst Zwecke wie die von Geselligkeit, Tanz, Unter- sche Tendenz eigen ist. Jetzt soll uns zuerst interessieren, worin
haltung eingewandert, um schließlich in ihrem Formgesetz zu die theoretischen Intentionen des Funktionalismus überhaupt zu
verschwinden. Die Zweckmäßigkeit ohne Zweck ist die Subli- begreifen sind. Sein Ansatz erscheint ja zunächst als bloßer
mierung von Zwecken. Es gibt kein Ästhetisches an sich, sondern Irrtum. So das doktrinäre Set21en auf die Zweckmäßigkeit wie
lediglich als Spannungsfeld solcher Sublimierung. Deshalb aber die Vorstellung, daß die lnbezugsetzung von Form und Funk-
auch keine chemisch reine Zweckmäßigkeit als Gegenteil des tion, die Form folgt der Funktion, bereits eine gestalterische
Ästhetischen. Selbst die rdnsten Zweckformen zehren von Vor- Konzeption positiv repräsentieren kann. Zweckmäßig waren
stellungen wie der formaler Durchsichtigkeit und Faßlichkeit, auch die gründerzeitlichen Schöpfungen der Kulturindustrie,
die aus künstlerischer Erfahrung stammen; keine Form ist gänz- auch hier folgte die Form der Funktion. Die konzeptionelle Be-
lich aus ihrem Zweck geschöpft.>>83 Wenn es «keine chemisch deutung de.s Begriffs der Zweckmäßigkeit ergab sich durch
reine Zweckmäßigkeit als Gegenteil des Ästhetischen» gibt, ge- dessen Reduzierung auf die engeren technisch-funktionellen und
nügt doch nicht als Einwand gegen die funktionalistische Kritik vor allem praktisch-funktionellen Inhalte. So wurde eine Ge-
der Ornamentik der an sich sehr treffende Hinweis, daß an den staltauffassung gebildet, die vom Vorrang der technischen und
industriellen Produkten die Ornamente <<vielfach Narben über- operativ-praktischen Erfordernisse der Funktionserfüllung ge-
holter Produktionsweisen>> sind. Denn zu fragen ist eben, wo genüber tradierten ästhetischen Erwartungen und Gestaltmu-
die Vorliebe für diese Narben überholter Produktionsweisen stern ausging. Die Gegenstände des Technischen und des Prak-
ihre Wurzeln hat. Diese Antwort hierauf verstellt Adorno durch tischen wurden aus der kunstkulturellen Gestaltwelt herausgelöst
Empfindsamkeit. Denn die Antwort könnte erweisen, daß in und dieser gegenüber als selbständige, in ihrem ästhetischen
diesen Narben eine Wunde erscheint, die noch blutet. Eigenwert begriffen. Die überkommenen Gestaltwerte der ma-
Das Ornament war nie zweckfreie Form. Seine weltanschau- teriellen Lebensbedingungen wurden jetzt aus einer neuen Ein-
liche und darin ästhetische Sinnbestimmung hatte von den frü- stellung, nicht mehr kunsthandwerklichen, sondern eben funk-
hen Kulturen, dem vorkapitalistischen Handwerk, der ersten tionalistischen, gewertet. Das betraf auch, wie schon bei Adolf
Periode der industriellen Entwicklung bis zur zweiten Hälfte Loos, die Beachtung der Leistungen des noch nicht kapitalisier-
des 19. und dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts tief- ten Handwerks. Hugo Härinß schrieb über die gestalterischen
greifende qualitative Veränderungen erfahren. Die Ornamentik Volkstraditionen: <<Die wenigen reinen Gestalten der Leistungs-
wurde schließlich zum Ausdruck kleinbürgerlichen antiindu- erfüllung, die wir kennen, verbringen ihr ganzes Lehen sozu-
striellen Ressentiments. Hier setzte die funktionalistische Kritik sagen vollkommen außerhalb der Kulturen, als unbeachtete, /f,1

an, nicht als Analyse der klassengeschichtlichen Grundlagen der minderwertige, einer höheren Kultivierung eben nicht werte und
bestimmten Form, sondern enger, als Denunziation der histori- nicht zugängige Geschöpfe, und deshalb finden wir sie in den
~~
70 71
hohen Kulturen vorzugs)Veise auch nur bei den untersten Volks- nant praktischen Gegenständen in dem hier gefaßten Sinne er-
schichten, die sich den Methoden der höheren Kultivierung im möglicht auch eine wesentliche Wertdifferenzierung von kon-
allgemeinen ebenfalls gern entzogen. In den Schichten der je- struktivistischen oder technizistischen Gestaltungen entsprechend
weils besseren Gesellschaft aber läßt man der Gestalt als Form dem Grundcharakter der betreffenden Gegenständlichkeit selbst..
der Leistungserfüllung nur dann Raum, wenn dem harten Kampf «Die Produktion <technizistischer> und <konstruktivistischer> Ge-
um das Leben besondere Wichtigkeit beigemessen wird, in wel- bilde bestimmt auch ihren Gebrauch. Ein gemütvolles , span-
chem Falle auch diese Schichten die Verbeugungen vor ihrem nungsloses, behagliches Verhältnis zu ihnen ist kaum möglich.
hohen Kulturideal zeitweilig vergessen, was etwa bei Festungs- Die Herstellungsbedingungen ragen zu deutlich in die Konsum-
bauten der Fall ist. Das tägliche Gebrauchsgerät des 1armen tion hinein. Asthetischer Genuß wird Anstrengung. Er setzt erst
Mannes, sein Napf, sein Pflug, seine Axt und seine Arbeits- bei einem Begreifen oder Erahnen technischer Bedingungen ein
kleidung, genießt indessen das volle Glück, von den kulturel- und setzt voraus, daß man sich zu ihnen positiv verhält.>>86 Hieran
len Ansprüchen an einen besonderen Ausdruck verschont zu wird nun di.e Feststellung geknüpft: <<Allerdings fehlt <konstruk-
bleiben.»84 tivistischen> und <technizistischen> Gebilden eine .programma-
Funktionalismus ist zunächst ein bestimmtes Programm der tisch angelegte Orientierung auf den Gebrauch in der Konsum-
Funktionalität der materiellen gegenständlichen und räumlichen tion, wie sie dem Funktionalismus eigen ist. Die rigorose und
Lebensbedingungen. Als Folge der entwickelten Maschinerie rücksichtslose Orientierung auf konstruktive und technische Her-.
wurde das vom Kunstbegriff erfüllte ästhetische Weltbild er- stellungsbedingungen birgt die Gefahi: eingeschränkten Ge~
schüttert, weil jetzt die Selbständigkeit des Technischen und des brauchs: techni~che und konstruktive Gesetze sind ärmer als die ·
.Praktischen gegenüber dem Gegenstandsreich der l(unst auf un- realen Gebrauchsbedingungen des biologisch wie sozial determi-
gewohnte Art sichtbar wurde. Dem V ersuch, diesen Bruch in nierten Menschen. <Technizismus> wie <Konstruktivismus> wer-
der tradierten ästhetischen Weltanschauung durch Kunstsurro- den deshalb nicht allgemein und bleiben auf bestimmte Pro-
gate zu verdecken, stellten ·sich die Vertreter des Funktionalismus duktgruppen beschränkt (so zum Beispiel auf Behältnismöbel,
entgegen. Eine wichtige Ortsbestimmung des Funktionalismus Tische, Arbeitsleuchten oder Phonogeräte.»87
gegenüber den diesen umgrenzenden Ismen hat Heinz Hirdina Vielleicht könnte vom Standpunkt sozialistischer Erforder-
in seiner Dissertation «Asthetisches Formieren und Rezipieren nisse die Vorstellung tragend werden, daß, bezogen auf domi-
unter den Bedingungen vergesellschafteter Arbeit und, Produk- nant technische Geräte, das konstruktivistische und technizi-
tion. Ein Beitrag zur industriellen Formgestaltung>> entwickelt. stische Moment ihrer Gestaltung selbst funktionalistisch ist.
«Die ästhetisch bestimmte Existenzinformation enthält die Aus- . Funktionalistisch wäre in dieser Hinsicht Gestaltung, die dem
kunft über die entscheidenden Determinanten im gesellschaft- dominanten Charakter ihres Gegenstandes verpflichtet ist und
lichen Reproduktionsprozeß, wie sie der Gestalter wertet bzw. durch die .Ausbildung seiner Erscheinung zugleich den ästheti-
wie er sie durch die Bindung an Sachzwänge zu werten hat. Die schen Wert bildet. Hierbei sind immer Bedeutungsschichten be-
jeweiligen Verabsolutierungen oder Betonungen einzelner Pha- \ rührt, die nicht zeitlos sind. Das sehe ich in Vorstellungen ange-
sen sind terminologisch zum Teil mit abwertenden Begriffen be- deutet, deren Problematik hier nicht diskutiert werden muß.
legt: ästhetische .Betonung des ästhetischen Formierungspro- <<Der im Sozialismus anzustrebende Reichtum der Bedürfnisse,
zesses - Formalismus, der konstruktiven Vorleistungen - Kon- die Aufhebung des gestörten Verhältnisses zur~echnik, das be-
struktivismus, des reibungslosen Zusammenspiels technischer freite Verhältnis zur Arbeit lassen formale Exklusivität, kqn-
1
l•!,.§, :I· Faktoren -Technizismus, der Handhabung gegenüber der Wahr- struktive V ereinseitigung oder die Betonung technischer Her-
nehmung - Funktionalismus, der Zirkulationssphäre ""'" Sty- kunft ebenso legitim erscheinen wie Wegwerfprodukte und,kurz-
!it : i ,~ ling.»85 Dieser Ansatz wurde in <<Ästhetik heute» aufgenommen lebige Modeartikel.>>88 Zugleich heißt es in diesem Abschnitt von
und entwickelt. So wird dargelegt, daß die Anwendung kon- «Asthetik heute»: <<Der viel geschmähte; historisch immer wie-
struktivistischer und technizistischer Gestaltungsgrun&lätze auf der totgesagte Funktionalismus verweist auf das Zentrum und
die Bildung praktischer Gegenstände die diesen wesentliche auf das' Ziel des Produzierens, auf die Konsumtion.»89 Damit ist
r Funktionserfüllung reduziert. Die Unterscheidung von techni- der Funktionalismus eindeutig als Grundprinzip sozialisti1tcher
schen und praktischen oder von dominant technischen und domi- gestalterischer Praxis bestimmt.
72 73
,•:_l~.,ll-'':¾~(:·'

Die Bedeutung eines funktionalistischen Gestaltungsgrund- weiligen funktionellen Totalität von, Gegenstand und Raum.
satzes soll an einem Beispiel belegt werden, das unschwer fak- Der Gegenstand und der Raum funktionieren jedoch nur hin-
tisch zu belegen ist. Eine Verkehrsmagistrale wird nach dem reichend praktisch, wenn sie auch ästhetisch funktionieren. Es
Korridorprinzip bebaut. Die Wohnblöcke haben Balkone, die kann darum keine erbarmungslos praktische Funktionserfüllung
beiderseitig zur Straße angeordnet sind. Hierbei kann nun der geben, wohl aber Gegenständlichkeit, für welche diese ästhetisch
extrem negative Fall zutreffen, daß die Balkone der einen fassadiert ist. Das funktionelle Zentrum des praktischen Ge-
Straßenseite der Nordseite zugewandt und damit als Balkone genstandes oder Raumes ist nur im Maße des ganzen funktio-
für die Bewohner nahezu unbrauchbar sind. Diese Anordnung nellen Systems entfaltet. Da iiun der bestimmte Gegenstand
entspricht durchaus gegenüber dem Wohnwert relativ verselb- oder Raum als Objektivation gesellschaftlicher Verhältnisse be-
ständigten Wahrnehmungserwartungen, die im Grunde kunst- griffen ist, hat die vorgefaßte Funktionsbestimmung von mate-
ästhetischer Natur sind. Die einfachste funktionalistische, näm- riellen Lebensbedingungen immer eine gesellschaftliche Ten-
lich auf den Wohnwert setzende Forderung wäre, die Häuser denz. Diese manifestiert sich in den einzelnen Schöpfungen zwei-
der einen Straßenzeile einfach umgekehrt zu richten, daß ihre fellos unterschiedlich 'prägnant. Aber gestalterische Prinzipien
Balkone gleichfalls auf der Südseite liegen. Die Verbindung müssen immer nach 'ihrer Konsequenz befragt und dit isolierten
einer strengen axialsymmetrischen Ordnung des Straßenraumes Gegenstände in ihrem Zusammenhang mit allen uncl in ihren
mit ihrer formellen Umkehrung in der Gestalt seiner baulichen Raumbestimmungen begriffen werden. Zugleich muß immer be-
Bildungselemente würde in jedem Falle zu einer ästhetisch un- achtet werden, daß nicht gestalterische Prinzipien, sondern ma-
befriedigenden Lösung führen. So wäre der Wohnwert, der nach terielle gesellschaftliche Verhältnisse die Sinnbestimmung der
""\
'der einen Se1te hin gewonnen wurde, nach der anderen wieder Lebensbedingungen festlegen. Die funktionalistische Orientie-
geschmälert. Nun weist hier die ästhetische Unverträglichkeit rung auf den praktischen Gebrauch, auf dauerhafte und ästhe-
dieser Lösung darauf, daß die Orientierung auf den architekto- tisch wertige Gegenstände steht faktisch im Gegensatz zum
nischen Raumwert erst ansetzend gegeben war. Der Widerspruch Produktionssinn des Kapitals, dem Profit. Sie kann im Kapita-
zwisch~n der Verkehrsmagistrale und den sie umgrenzenden lismus nur formiere~d an einzelnen Gegenstands- und Raum-
Wohnbauten ist nämlich viel tiefer gegründet. Er erschien in bereichen ansetzen, aber nicht zum Gestaltungsprinzip der Le-
der Balkonebene nur besonders augenfällig. Denn es erweist bensbedingungen überhaupt werden. Im Sozialismus gewinnt
sich, daß der Funktionsraum des motorisierten Verkehrs mit sei- die funktionalistische Praxis ihre Grundorientierung durch die
ner starken Lärm- und Schadstoffbelästigung mit dem des W oh- im Wesen revolutionäre Politik der marxistisch-leninistischen
nens in der unterstellten Weise überhaupt nicht zu verbinden ist, Parteien und wird zu einem wesentlichen Organ dieser Politik.
ohne wesentliche Lebenserfordernisse· der Menschen grob zu Daß, Wohnbauten geschaffen werden für die Entfaltung des
mißachten. Damit treibt die funktionalistische Orientierung der Lebens der Menschen, zur Beförderung ihrer Wohlfahrt, ist doch
architektonischen Organisation der Lebensbedingungen dahin, keine zeitlose Bestimmung des Bauens, sonliern Ergebnis des
die tradierte, in den gegenüber den Lebenserfordernissen relativ siegreichen Kampfes der Arbeiterklasse und der Durchsetzung
verselbständigten Anschauungserwartungen verfestigte Ordnung ihrer gesellschaftlichen Führung. Aber dieser durch die Herr-
des Raumes überhaupt zu durchbrechen. ... schaft gesetzte Sinn muß Form werden, um sich entfaltet zu ob-
Welche Schlußfolgerungen sind liierauf zu stützen? Zuerst die, jektivieren. Das verlangt einen Lernprozeß, dessen Axiomatik
daß sich die Funktionalität von gegenständlichen oder räum- nur in der umkreisten Bedeutung funktionalistisch sein kann.
lichen Lebensbedingungen immer als ein System von :f::unktionen Eine letzte Schlußfolgerung in diesem thematischen Zusam-
~ i erweist. Funktionalismus als sozialistisches Gestaltungsprinzip menhang soll noch dargelegt und diskutiert werden. Sie betrifft
').i: :I•,: gegenständlicher und räumlicher Lebensbedingungen zielt auf die Auffassung des Ästhetischen unmittelbar. Die wesentlichste,
die funktionelle Totalität des spezifischen Gegenstandes oder werthöchste Form des ästhetischen Genusses praktischer Lebens-
fi\ ,
rsl'
Raumes. Zweitens: Funktionalistische Gestaltung organisiert bedingungen ist der Genuß des durch diese vermittelten Ge-
;"
die materiellen Lebensbedingungen unter dem absoluten Vor- brauchs, der Genuß der praktischen Lebenstätigkeit selbst. Diese
rang der praktischen Erfordernisse des menschlichen Lebens. Behauptung ist allerdings zu allgemein gefaßt, sie gilt so nur für
Diese Erfordernisse bilden den strukturierenden <<Kern» der je- die kommunistische Gesellschaftsformation, deren erste Phase

74 75
der Sozialismus ist. <<ÄstJietischer Gefluß funktional orientier- teten Natur angezeigt. Es geht um(die qualitative Differenz die-
ter Produkte stellt sich in der Regel nicht durch Betrachtung ser Seinsbereiche, um ihren unterschiedlichen Bezug zur menscb.-
allein her. Er erfolgt über den Umweg des wirklichen Ge-- lichen Subjektivität und vor allem darum, die unterschiedlichen
brauchs, den man als auf Bequemlichkeit, Rationalität und kraft- Charaktere des Ästhetischen, welche d,is Ästhetische konsti-
wie zeitsparende Handhabung orientiert beschreiben kann.>~ tuieren, zu erfassen. Diese Unterschiede waren objektiv immer
Und abschließend heißt es zu dieser wichtigen Frage in <<Ästhe- gegeben. Die Natur, die gebauten Lebensbedingungen und die
, tik heute>>: «Funktionalismus reduziert also nicht ästhetischen Geräte des praktischen Lebens der Menschen waren im strengen
Genuß, sondern integriert ihn der Tätigkeit und nicht lediglich Sinne nie Kunst. Daß die kunstspezifische Sinnlichkeit in den
der Anschauung.1190 Die funktionalistisch gebildete Sinnlich- herrschenden Kulturen der umfassende ästhetische Aneignungs-
keit hintergründet die Anschauungsform auf ihren praktischen modus wurde, war durch die Teilung von geistiger und körper-
Gehalt. Sie kann den praktischen Gegenstand und die architek- licher Arbeit und ihre Verselbständigung gegeneinander, durch
tonische Form nur bejahen, wenn der ästhetische Reiz der ver- den Idealismus der Weltanschauungsformen und schließlich durch
selbständigten Wahrnehmung auf eine tiefere menschliche Be- instinktiv wahrgenommene Klasseninteressen bedingt. Als wei-
glückung durch das Erscheinende hinweist. Funktionalistisch terer Umstand ist zu beachten, daß in der vorindustriellen Ent-
gebildete Sinnlichkeit ist bezogen auf die gestalteten Lebens- wicklung die Differenzierung zwischen den technischen, prak-
bedingungen zuerst auf den praktischen Gebrauchswert der tischen und den künstlerischen Gegenständen weniger tief aus-
Form orientiert, damit kritisch und in ihrer Konsequenz kom- geprägt, die Kunstfertigkeit der Handarbeit ihre gemeinsame
munistisch. Am Beispiel von Manchester hatte Engels in seinen Grundlage war.
Untersuchungen über die Lage der arbeitenden Klasse in Eng- Die spezifischen Charaktere des Ästhetischen sind hier nicht
land dargestellt, wie im kapitalistischen Städtebau bereits spon- . systematisch zu entwickeln. Wir haben, uns vor allem auf die
tan die Tendenz wirkt, das Elend des Proletariats räumlich zu ästhetische Beziehung zur praktischen Gegenständlichkeit be-
verdecken. So wurden die Häuser an de~ Verkehrsmagistralen, zogen. Die erste Feststellung war, daß ästhetische Gestalt-
welche durch die Arbeiterbezirke führten, im Erdgschoß aus impulse eine notwendige Produktionsbedingung praktischer Ge-
bloßem Geschäftsinteresse von Ladenbesitzern belegt. Engels genstände sind, obgleich die Grundstruktur der funktioneVen
erkannte, daß- die hierdurch wirkende Tendenz der Verdeckung Elemente dieser Gegenstände nicht durch ästhc:tische Motive,
des Elends durch räumliche Organisation und Fassadierung ver- sondern durch die objektiven Determinanten des materiellen Ge-
stärkt wurde. Folglich war es möglich, daß die <<reichen Geld- brauchs festgelegt ist. Wir haben dann die scheinbar als selbst-
aristokraten mitten durch die sämtlichen Arbeiterviertel auf dem verständlich aufzufassende Tatsache betont, daß eine wesent-
nächsten Wege nach ihren Geschäftslokalen in der Mitte der liche Form der ästhetischen Wirkung dieser Gegenstände ihr
Stadt kommen [können], ohne auch nur zu merken, daß sie praktischer Gebrauch durch die Menschen ist, und schließlich ..,;~;

in die Nähe des schmutzigsten Elends geraten, das rechts und bemerkt, daß die vom praktischen Gebrauch gelöste kontempla-
links zu finden ist>>. 91 Sel,bstverständlich war das bürgerliche In- tive ästhetische Beziehung zu praktischen Lebensbedingungen
dividuum, welches sein Gemüt derart vor der Erscheinung des sehr unterschiedlich strukturiert sein kann. Für die bourgeoise
drastischen Elends verschont sah, nicht ohne jede Ahnung, daß ästhetische Rezeptionsweise ergibt sich, daß die Fixiertheit der
diese Fassadierung mit den ästhetischen Attrappen seiner eige~ Sinne durch das Nützlichkeitsprinzip in der dieser formell ent-
nen Weltanschauung ein gänzlich anderes Leben abdeckte. Aber hobenen kunstcharakteristischen Art des Erlebens durchgesetzt
seine Sinnlichkeit war klassenmäßig so diszipliniert, daß sie die wird. Diese Beziehung war schon in Immanuel Kants Ästhetik
Fassade annahm. Und genau hier liegt der letzte sozialgeschicht- vorgebildet. <<Schönheit ist Form der Zweckmäßigkeit · eines
liche Grund der kunstabsolutistischen Anschauung des Ästhe- Gegensta!\des, sofern sie, ohne Vorstellung eines Zwecks, an ihm
"'J• tischen in der kapitalistischen Gesellschaft. Durch den Begriff wahrgenommen wit'd.»92
:h Die Autoren von <<Ästhetik heute>> haben versucht, «einen
,y der sekundär-ästhetischen Gestaltung, der ja bereits indirekt
den der primär-ästhetischen Gestaltung setzt, ist kein ästhetischer theoretischen Ansatz - historisch wie systematisch - zu ent-
Wertabfall von der Kunst zu den praktischen und von diesen wickeln, von dem her künstlerische wie ·außerkünstlerische Be-
zu den technischen Gegenständen bis schließlich zur ungestal- ziehungen gleichermaßen in ihrer ästhetischen Spezifik zu fassen
76 77
/7"
"""\:- ',\.>:

sind>>. 93 Hierzu wurde in einzelnen Aspekten auch Wichtiges ge- tischen Wertung. Die erste ist die sinnlich-selektive Orientie-
leistet. Aber di~ nahezu durchgängig entwickelte Konzeption rung, die zweite ist die praktisch-ästhetische Wert,ung und die
des Ästhetischen steht zu diesen Inhalten im Gegensatz. Die dritte ist die ästhetische Wertung durch Urteile.
vielfältig variierte Bestimmung des ästhetischen Verhältnisses ist Die Gesamtheit des ästhetischen Verhaltens der Menschen
so vorgestellt, daß dieses ein <<VOti der Dominanz unmittelbaren, konstituiert die ästhetischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Es
instrumentalen Gebrauchs relativ freies Verhältnis der Indivi- sind dieses die Beziehungen der Menschen zueinander, die durch
duen zu Gegenständen und Er9ignissen, zu sich und zueinander>> ihr ästhetisches Verhalten unvermittelt und durch die Objek-
94
ist. Diese Vorstellung des ästhetischen Verhältnisses ist ein tivationen ihres ästhetischen Verhaltens vermittelt hergestellt
Beispiel für die unzulässige Allgemeinsetzung spezifischer ästhe- sind. Die ästhetischen Verhältnisse treten in ihren einzelnen Ob-
tischer Rezeptionsbedingungen. Das läßt schon die gebotene jektivationen unterschiedljch prägnant hervor. Die isoliert ge-
Sprache erkennen. Was ist ein <<von der Dominanz unmittel- ' faßte technische und praktische Gegenständlichkeit ist nur in-
baren, instrumentalen Gebrauchs relativ freies Verhältnis>> von direkt oder partiell Objektivation ästhetischer gesellschaftlicher
Individuen zu Ereignissen? Das ästhetische Verhalten zu Wirk- Verhältnisse. Sie erhält ihre gesellschaftliche und damit auch
lichkeit, welche dem instrumentalen Gebrauch entzogen oder ästhetische Bestimmtheit erst durch die Ortung im Raumsystem
enthoben ist, kann so überhaupt nicht begriffen werden. Der ent- der Gesellschaft und damit durch den bestimmten sozialen Cha-
scheidende Einwand gegen solche Bestimmung des ästhetischen J rakter ihrer Funktionierung. Während das ästhetische V erhalten
Verhältnisses ist, daß der ästhetische Erlebniswert der prak- als Subjekt-Objekt-Relation vorgestellt werden kann, wobei
tischen Lebenstätigkeit durch diese in der Tendenz kunstästhe- auch Mittelgegenstände oder Subjekte in dem Sinne Objekt sind,
tische Auffassung des ästhetischen Verhältnisses ausgeklammert daß sich die ästhetische Aktivität eines Subjekts auf sie richtet,
ist wie die Formierungsfunktion des Ästhetischen in der mate- ist das gesellschaftliche Verhältnis eine Subjekt-Subjekt-Rela-
riellen Produktionstätigkeit. Der Ausdruck <<relativ» dekoriert tion. Daß die Subjektivität der einen Stelle durch ihre Instru-
nicht selten eine Verlegenheit. Nehmen wir dk ästhetische Be- mentierung durch die andere reduziert sein kann, soll hier ver-
ziehung zu einem Trinkgefäß in Augenschein. Wir erfahren es nachlässigt werden.
zuerst als Anschauungsgegenstand, und es kann so bereits unser
Wohlgefallen erregen. Unter Umständen erschließt es seinen
ästhetischen Wert für uns entfaltet, indem wir es zum Trinken b. Primär-ästhetische Gestalt
benutzen. Im Falle der bloßen Anschauung des Gefäßes kann Unter dem Gesichtspunkt der primär-ästhetischen Gestaltung
unsere Beziehung zu diesem bereits auf den praktischen Ge- werden die Operationen und -deren Objektivationen, Gegen-
brauch orientiert, aber auch von der Absicht des Gebrauchs frei stand oder Raum, zusammengefaßt, für die ästhetische Gestal-
sein. Ich muß nicht aus allen Gläsern trinken, die mein Wohl- tungsfaktoren bestimmend sind. Als für die primär-ästhetische
gefallen erregen. Der Fall der eigentlichen praktisch-funktionel- Gestaltung besonders kennzeichnend werden hier die Kunst-
len und damit für ein bestimmtes Prinzip auch der ästhetischen werke vorgestellt. Der Begriff .des Kunstwerks bezeichnet die
Bewährung des Gegenstandes ist nun das strikte Gegenteil der Objektivationen von kunstspezifischem Bewußtsein, welche die
sogenannten relativen Freiheit gegenüber der Dominanz des un- künstlerischen gesellschaftlichen Verhältnisse gegenständlich
mittelbaren, instrumentalen Gebrauchs. vermitteln. Die künstlerischen Verhältnisse si~d eine wesent-
) Die ästhetischen Beziehungen der Menschen sollten zuerst als liche Seite der ästhetischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Ihrem
ästhetische Wirkungen aufgefaßt werden. Diese sind der Ein- Wesen nach gehören die ästhetischen Verhältnisse zu den ge-
'
\,,, !
fluß von Gegenständen der Wahrnehmung, physischen Verhal- sellschaftlichen Verhältnissen, die Marx auch als ideologische
'111
tensformen, Situationen und Ideen auf die ästhetische Emotio- charakterisierte. Alle gesellschaftlichen Verhältnisse sind prak-
nalität der Menschen. tisch vermittelte Beziehungen der Menschen zueinander. Die
,1'.i Die ästhetische Wirkung steht im Zusammenhang mit dem praktisch-gegenständlichen Vermittlungen der materiellen ge-
ästhetischen Verhalten, der ästhetischen Orientierung und gestal- sellschaftlichen Verhältnisse sind auf den wirklichen Lebens-
terischen Einwirkung der Menschen auf die Wirklichkeit. Das prozeß der Individuen gerichtet, während die materiellen Ver-
ästhetische Verhalten ist wertend. Es gibt drei Ebenen der ästhe- mittlungen der ideologischen gesellschaftlichen Verhältn,isse die
78
79

>
geistig-emotionale Entwicklung der Individuen betreffen. In der tisclie V erhalten unmittelbar orientierende Funktion wie Lage-
8. These über Feuerbach schrieb Marx: <<Alles gesellschaftliche skizzen oder technische Zeichnungen haben, aber aus verschie-
Leben ist wesentlich praktisch.»95 Und wir erkennen, daß hier- denen. Gründen nicht als Kunstwerke ~ewertet werden, und
durch· die für unsere marxistisch-leninistische Weltanschauung auch Kitschwerke, sofern einzelne nicht eher der Gruppe der
philosophisch grundlegende Unterscheidung zwischen Materiel- sekundär-ästhetischen Gegenstände zugeordnet werden sollten.
lem und Ideellem auch bezogen rauf die Gesellschaft nicht zu- Letzte Schärfe in der Festlegung der Grenzen ist hier nicht an-
rückgewiesen, sondem im dialektischen Sinne erst ermöglicht ist. zustreben.
Der Mat.erialismus kann nicht in der Vorstellung konsequent Die Notwendigkeit der Relativierung des ästhetischen Ge-
durchgeführt werden, daß das Objekt vom Subjekt bestimmt staltungsmoments in der Gesamtheit der das Kunstwerk kon-
wird. Das gilt nur für den operativen, nicht für den finalen stituierenden Faktoren wurde von Emil Utitz wissenschaftspro-
Aspekt der Produktion. Ich habe gezeigt, daß solches Sich-Wen- grammatisch ausgesprocht;n. «Nur wenn wir das Kunstwerk als
. den in einer verabsolutierten Subjek-Objekt-Relation schließlich ein überaus . kompliziertes Kulturprodukt auffassen, bedingt
zu idealistischen Schlußfolgerungen führt. Der marxistisch-le~ durch das Zusammentreffen verschiedener Umstände, die in ih-
ninistische Materialismus zeigt, daß die gesellschaftlichen Sub- rem Wertertrag abgewogen werden müssen, und deren Notwen-
jekte letztlich durch die materiellen gesellschaftlichen Verhält- digkeit, Konstanz oder Variabilität genau ZU bestimmen ist,
nisse bestimmt sind. Er begreift hierbei vor allem das materielle nähern wir uns der Fülle und dem Reichtum der wahrhaft vor-
Moment der Subjektivität und begründet, daß dieses Sein der liegenden Verhältnisse. Erst dann können wir das Material nach
Individuen nicht die Natur an sich, sondern ihr wirklicher Le- " allen Seiten hin beleuchten und bewältigen, erst dann erstrahlt
bensprozeß ist. <<Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vor- · uns seine echte Gesetzlichkeit. Beschränken wir uns auf das
stellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wir.kenden Menschen, Problem der Gestaltung, dessen zentrale Bedeutung ich sicher
wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer nicht verkennen will, so fassen wir wieder nur eine Seite der
Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis , Gesamttatsache Kunst, so nehmen wir wieder nur einen Aus-
zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewußtsein kann schnitt aus dem Ganzen.»97 Aus dem praktisch-gegenständlichen
nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Charakter der Schöpfung von Kunstwerken ergibt sich, daß ge-
Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.»96 Für die hier ge- genüber den Gestaltungsabsichten des Künstlers das Werk durch
faßte Unterscheidung von praktischer und sogenannt primär- die Widerstände des Materials und der technischen Mittel so-
ästhetischer Gegenständlichkeit ergibt sich ähnlich wie für die wie durch die Grenzen des gestaltenden künstlerischen V ermö-
Unters~eidung von Technischem und Praktischem die einge- gens selbst im unterschiedlichen Maße modifiziert oder auch
schränkte Gültigkeit solcher Gegenüberstellung. Ihr theore- irritiert ist. Die ästhetische Vorstellung ist zwar erst durch ihre
tischer Funktionswert ist dadurch nicht geschmälert, solange die Vergegenständlichung als Werk festgelegt, hat sich selbst erst
t einzelnen Elemente nicht aus dem konzeptionellen Gefüge her- in der Gestaltung gefunden, das aber in einer widerspruchs-
ausgelöst werden. Die Kunstwerke sind also in bestimmter Hin- vollen, weitertreibenden Weise. Zugleich ist für die Bedeutun-
t t>
sicht auch praktische Gegenstände. Das gilt einmal für ihr gen von Kunstwerken zu beachten, daß. sie. komplexen Charak-
Hervorbringen. Die Gestaltung einer Plastik oder eines Bildes ters, nicht allein ästhetisch sind. Kunstwerke haben immer be-
ist körperliche Tätigkeit, sehr ähnlich solcher in der materiellen griffliche Bedeutung, sind auch durch die Lo&i,k theoretischer
Produktion. Das gemäße Erleben von Kunst verlangt vom Re- , Weltanschauungsformen «aufgebaut>>. Erst in dieser Verbindung
zipienten auch praxisartige Verhaltensweisen, die- hier nicht nä- · des ästhetischen Gestaltimpulses und der ästhetischen Wirkungs-
i•
!
if
her dargestellt werden sollen. Und schließlich ist der ästhetische weise der Form mit begrifflich-weltanschaulichen Inhalten ist
;'I.' Gebrauch von KunstwerRen auf mannigfache Weise auf die der kunstästhetische Charakter der Form selbst konkretisiert.
',1/ materiellen Lebensinteressen und praktischen Lebenserwartun- - Daß es sich auch hier um eine widerspruchsvolle Beziehung
fr,., gen der Menschen zurückbezogen. Das interesselose Wohlgefal- handelt, hebt ihre für die Kunst konstitutive Bedeutung nicht
1 1 len i1,t nur ein Schein, der reale Interessen. vermittelt. auf. Das künstlerische Bild als scheinende Gestalt läßt diesen
1::
Zu den primär-ästhetischen Gestaltungen gehören außer Zusammenhang gut erkennen. Als durch Farbe und Linearität
Kunstwerken auch Objekte wie Zeichnungen, die keine das prak- gebildetes Kontinuum ist es dominant ästhetisch formiert. Aber
80 6 Kühne, Gegenstand BI
es ist nur Bild, wenn es zugleich die Struktur einer begrifflichen auch bestimmter gesellschaftlicher Eigenschaften ihres Aussage•
Sprache realisiert. Das Bild ist die ästhetisch gefaßte Einheit subjekts sein. Während ihre Abbildfunktion unvermittelt rea-
zweier Bedeutungspole, die sich einander interpretieren und lisiert wird, sind ihre Ausdrucksbedeutungen erst durch V er-
transzendieren. mittlungen zu erschließen, sie können sich folglich auch lindern,
Die ikonische Sprache der Kunst, die immer auf begriffs- ohne daß sich die Aussage und ihr Wahrheitswert verändert.
sprachliche Bedeutungen zurückweist, ist nachahmend oder sym- Während das Abbild in seiner spezifischen Funktion etwas be~
bolisch konventionell festgelegt. Sie wird in Literatur und Dich- deutet, was es nicht ist, verweist der Ausdruck als direkter auf
tung selbst im Medium der begrifflichen Sprache realisiert. In das Sein und als indirekter auf das Bedingungs- und Wir~
der Literatur kann die Verbindlichkeit wirklicher oder die ob- kungsfeld seines Trägers. Das konnte in der Behandfung der
jektive Logik möglicher Ereignisse so verselbständigt erscheinen, ' Semanti,k der praktischen Gegenstände schon sichtbar werden.
daß ihr besonderer Kunstcharakter nicht transparent wird. Ro- In ihrer Erscheinung und Funktiqnierbarkeit können gleichar-
bert Weimann schrieb, daß <<der Widerspruch zwischen Phan- ,; tige technische oder praktische Gegenstände im Ergebnis un-
tasie und Nachahmung ein schöpferischer Grund aller großen terschiedlicher gesellschaftlicher Inhalte ihres Gebrauchs völlig
Dichtung>> ist. 98 Auch so wird ein Determinationsgefüge des gegensätzliche Bedeutung erlangen.
Kunstwerks sichtbar, welches selbständig noch keine Kunst rea-
Dienen die praktischen Gegenstände direkt der wesentlich
lisiert. Kunst wird nur durch die übergreifende formierende materiellen Lebenstätigkeit der Menschen, so, dienen die ästhe-
Kraft des gestaltenden Subjekts, die sich nicht nur gegen· die
tischen Gegenstände als Mittel der ideellen Kommunikation
subjektiven Widerstände und gegen die der Mittel und des ge-
zwischen den Menschen, ihrem Bestreben, geistig-emotionale
stalterischen Materials, sondern auch gegenüber dem besonde-
Einstellungen und Erfahrungen mitzuteilen, zu übertragen und
ren Gegenstand der Darstellung zu bewähren hat. Denn das
durchzusetzen. Die funktionellen Beziehungen zwi;chen beiden
Kunstwerk, sofern es derart gestaltet ist, daß es einen vorstell-
Gruppen von Gegenständen sind nicht starr geschieden. Wie
baren Wirklichkeitsinhalt vermittelt, muß in diesem immer eine
die ästhetische Botschaft schließlich immer aufs Praktische ge-
übergreifende Bedeutung bewegen.
richtet ist, bildet der praktische Gegenstand auch durch seine,
ästhetischen Gestalteigenschaften den Ausdruck von Bedeu-
Kunstwerk und praktischer Gegenstand tungen, die über seinen begrenzten gegenständlichen Wirkungs-
bereich hinaus auf ein Weltverhältnis des Menschen weisen.
Für die ideologische Wirkung der Gegenstände der sekundär-
Und damit wird für die Formierung des gesamten Bedeutungs-
ästhetischen Gestaltung sind die Bedeutungen des Ausdrucks,
feldes dieses Gegenstandes die Form wesentlich. Aber die prak-
für die der primär-ästhetischen Gegenstände sind die Bedeu-
tischen Gegenstände werden nicht hergestellt, eingeräumt und
tungen der Abbildung oder der Widerspiegelung grundlegend.
benutzt, um eine bestimmte menschliche Haltung zu repräsen-
Die Voraussetzung;n dieser Unterscheidung zwischen Ab-
tieren. Und wo das geschieht, ist eine bestimmte Haltung be-
bild und Ausdruck sollen nur kurz umrissen werden. Das Be-
reits ausgeschlossen. Sie können in der bestimmten Weise nur
wußtsein wie das Psychische überhaupt ist in unterschiedlichen
bedeutend werden, wenn sie der Dominanz des Praktischen
qualitativen Funktionen Widerspiegelung materieller Bezie-
verpflichtet bleiben. Die Differenzierung zwischen diesen bei-
hungen. Das ermöglicht und verlangt zugleich, daß sich einzelne
den Gruppen von Gegenständen leugnen oder reduziert vor-
Formen des Be~ußtseins auch aufeinander beziehen können.
stellen heißt, auf der Ebene des philosophischen Bewußtseins
Abbild- oder Widerspiegelungscharakter, zwei Ausdrücke, die
den Unterschied zw,ischen dem Emotionalen und Geistigen
hier als gleichbedeutende gebraucht werden, haben diejenigen
auf der einen und der gegenständlichen praktischen Lebens-
materiellen Strukturen, welche, durch psychische und darin
tätigkeit der Menschen auf der anderen Seite verkennen. Daß
ideelle Inhalte determiniert, Formen der Realisierung und Ver-
dieser Unterschied ~ur inn~rhalb der Praxis selbst besteht, hebt
mittlung dieser Inhalte sind. So weist eine bestimmte Aussage •,
die Nichtidentität von materiellem gesellschaftlichem Sei~ und
zunächst und wesentlich in dieser Funkti,on auf einen bestimm-
gesellschaftlichem Bewußtsein nicht auf. <<Das gesellschaftliche
ten Sachverhalt. Die gleiche Aussage kann zugleich Ausdruck
Sein und das gesellschaftliche Bewußtsein sind nicht identisch,
eines bestimmten Entwicklungsniveaus der Wissenschaft, oder
ebensowenig, wie Sein überhaupt und Bewußtsein überhaupt '
82 6*
8~


kann die Idee gesellschaftlicher Veränqerung gefaßt und verbrei-
identisch sind:>/19 Der Gedanke der Ernährung sättigt so wenig, tet, aber nicht diese Veränderung vollzogen werden. In der Aus•
wie die Idee der Freiheit allein schon frei macht. Aber die · bildung und Verbreitung der Inhalte, Wege und Mittel kömmu~
Gedanken, Ideen, Theorien können zur notwendigen Voraus- nistischer Befreiung hat sich Sprache zu bewähren wie die revo-
setzung neuer gesellschaftlicher- Wirklichkeit werden wie die lutionäre Kunst. Die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, den Unter-
Macht der Leidenschaft. Marx hat das früh bezeugt. <<bie Waffe schied zwischen praktischen und künstlerischen Gegenständen in
der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die ma- erforderter Schärfe zu fassen und entsprechend auch die einzel-
terielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, nen ästhetischen Gestaltungsweisen zu differenzieren, ist wesent-.
allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie · lieh weltanschaulich bedingt. Die V erabsolutierung des Kunst-
die Massen ergreift.»100 Der Bezug dieser Aussagen zu dem di&- modells zur Gewährleistung des gesellschaftlichen Selbstbewußt-
kutierten Zusammenhang von praktischer und künstloeds"cher seins von Gestaltern praktischer Lebensbedingungen weist auf
Tätigkeit ist sehr eng zu fassen. Dieser Zusammenhang beider als ein bürgerliches ideologisches Weltverhältnis zurück, dem die
Moment revolutionärer Praxis ist nicht durch die Synthetisie- materiell-gegenständliche Tätigkeit als zweitrangiger W ertbe-
rung beider Gegenstandswelten zum Gesamtkunstwerk, 1sondern reich des Lebens und nur das Geistige als dem Menschen dgent-
einzig durch ihre Spezialisierung und die so gegebene Wechsel- liche Erfüllung gilt. Diese Spiritualisierung individueller Sub-
wirkung her:z;ustellen. Beide Gegenstandswelten sind durch die jektivität wurde als Reflex prakfrscher Ohnmacht in christlichem
praktische Lebenstätigkeit der Menschen aufoinander bezogen, Bewußtsein idealisiert und schließlich in den Wertabsolutismus
aber sie haben unterschiedliche Stellung in dieser. Die Beziehung bürgerlichen Kunstbegriffs gefaßt. Die mechanistische Entgegen-
von technischer, praktischer und künstlerischer Gegenständlich- setzung von materiellem µiJ.d ideellem gesellschaftlichem Sein
keit ist entfaJtet nur als solche emanzipativer Praxis zu begreifen. und die abstrakte Trennung von materiellen und ideologischen
Der theoretisch konstituierte technische Gegenstand steht für die gesellschaftlichen Verhältnissen sind· weitere Ursachen dieses
entwickelte Produktivkraft ,der gesellschaftlichen Assoziation. Kunstabsolutismus. So können die ideologi,sche Relevanz und die
Durch ihn sind die Individuen phy!.i:sch entlastet und zeitmächtig ästhetische Wertigkeit praktischer Lebensbedingungen nt1r in der
für die Gestaltung ihres Lebens. Der im -engeren Sinne prilklli.sche Begrifflichkeit der Kunst gedacht und anerkannt werden. Hel-
Gegenstand steht für die Lebensäußerungen, in denen sich die muth Plessner erinnerte an die Aussage «Im Kleid steckt die
Individuen als körperlich-geistige Totalität bejahen. Er bleibt ,. ganze Aillthropologie>>. 102 Die Einseitigkeit solcher Vorstellung
damit 1immer die wahre Mitte der gegenständlichen Beziehungen. wird uns aber nicht die besonderen gesellschaftlichen Funktions-
Der künstlerische Gegenstand ist Mittel geistiger und emotio- weisen und die psychische Ausdrucks- und Formierungsbedeutung
naler Bestätigung, Kritik und Erkundung von menschlichem Da- der Bekleidung übersehen lassen. Und es ist vollständig sinn-
sein. Der Zus,ammenhang dieser drei grundlegenden Typen der widrig, darüber zu reflektieren, ob ihre ideologische und darfn
produzierten Gegenständlichkeit ist also durch die geseUschaft- ästhetische Bedeutung größer oder geringer anzusetzen ist als die
Liche Praxis der Menschen gegeben, er ist ein Zusammenhang die- / der K;unst, sie ist. anders. Das steht hier nur exemplarisch für das
ser Praxis. Aber nicht beliebiger. Jeder Versuch, die gegebene Problem der praktischen Gegenständlichkeit, der im engeren
Typologie der Gegenständlichkeit von ihren kommunismustheo- Sinne die Bekleidung als Hülle nicht zugereclinet wird.
retischen Voraussetzungen zu trennen, führt zum Eklektizismus Dem gesunden Menschenverstand sind solche Unterschiede
und zum Formalismus. zwischen praktischer und künstlerischer Gegenständlichkeit
Die Kunstw,i::rke als kommunikative Objektivationen von Be- selbstverständlich nicht entgangen. Die Verkehrungen vollzie-
wußtsein haben mit anäeren gegenständlich,en Gebilden gemein- hen sich einmal praktisch in der Gestaltung der Lebensbedin-
sam, daß sie materiell sind. <<Der <Geist> hat von vornherein den gungen, institutionell und theoretisch. Das äußerte sich 'beson-
Fluch an sich, mit der <Materie> behaftet zu sein, die hier [bei der ders nachhaltig in der Praxis und in der theoretischen Vorstel-
Lautsprache, L. K.] in der Form von bewegten Luftschichten, lung des Wesens architektonischer Gestaltung. Obgleich der
Tönen, kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das materielle Funktionswert der Architektur im Sozialismus be-
Bewußtsein - die Sprache ist das praktische Bewußtsein, auch für sonders begriffen ist, erwies der Kunstbegriff der Architektur
andre Menschen existierende, aLso auch für mich selbst erst exi- eine besondere V erharrungskraft. Es wäre falsch, den ästhe-
stierende wirkliche Bewußtsein ...»101 Durch Sprache muß und
8j
84
,'.'.' ·;;,,·,
' .~.~,,ry-' )<~:~-,
-,.
'",'•;·,

tischen und ideellen Wirkungscharakter der Architektur mit These vom Anfang der fünfziger Jahre, die Vorstellungen, die
dem praktischer oder technischer Gegenstände gleichzusetzen. noch heute theoretisch vertreten werden, folgerichtig entwik-
Das gilt aber auch für die Gleichsetzung von Architektur und kelte., Die These ist: «Indem die Architektur in ihrer künstleri-
Kunst. Norbert Krenzlin gab folgende Bestimmung des Kunst- schen Aufgabe die herrschenden ·gesellschaftlichen Ideen ihrer
werks.- <<Es ist gestattet, psychologisch gesehen, das Kunstwerk Zeit gestaltet, gehört sie zum Überbau.» 105 Vereinfachter und
als ein spezifisches, zu kommunikativen Zwecken organisiertes damit bestimmten Vorstellungen noch angemessener wäre die
System von Reizerregern (Zeichen) zu begreifen.» 103 Was hier Folgerung, daß die Architektur als besondere Kunstgattung,
an dieser Aussage hervorgehoben werden soll, ist die Betonung Baukunst, zur Ideologie und damit zum gesellschaftlichen Über-
des kommunikativen Charakters der Kunstgegenständlichkeit. bau gehört. Das gilt dann auch für die gleichfalls der Kumt
· Die Kunstwerke sind zuerst als eine besondere Gruppe der zugeordnete Welt der praktischen Gegenstände. Von der tech-
kommunikativen Gegenstände zu begreifen. Die Architektur ge- nischen Realität abgesehen, vollzieht sich nach dem so gesetz-
hört ihrem dominanten Charakter nach zu den materiellen Le- ten Weltanschauungsmodell das ganze'menschliche Leben in der
bensbedingungen, sie ist ein organisiertes Raumsystem des im Spannung zwischen Natur und gesellschaftlichem Überbau.
Wesen praktisc:hen Lebensprozesses der Menschen. Was zuvor Ideologie ist die Eigenschaft von gesellschaftlichem Bewußt-
nun bereits angedeutet wurde, ist, daß die Architektur prak- sein, die Interessen gesellschaftlicher Subjekte auszudrückert und
tisch erst funktioniert in dem Maße, in dem sie -ästhetisch, infor- die praktische Bewegung dieser Subjekte zu vermitteln. Sie hat
mationell und ideologisch im weitesten Sinne funktioniert. Dar- in den Klassengesellschaften Klassencharakter, ist aber nur eine
aus ergibt sich, daß die ästhetischen Werte der Architektur nicht Seite der Klassenbeziehungen. Die praktische Bewegung einer
kunstästhetisch, ·sondern architekturästhetisch sind. Diese Un- Klasse ist immer durch ihre Ideologie formiert und zugleich
terscheidung reflektiert keine Differenz des Wertniveaus von Ausdruck derselben, ohne damit zur Ideologie zu werden.
Architektur und Kunst, sondern die unterschiedliche Art des Flierl faßte seine Auffassung zu dieser Problematik so zusam-
<<Aufbaus», der Strukturierung des Ästhetischen der Architektur men: «Eben deshalb, weil Architektur infolge ihrer gesellschaft-
gegenüber dem der Kunst. <<Die materielle ,und ideelle Ge- lichen Funktion als Vergegenständlichung und als Gegenstand
brauchsfunktion der Architektur •>, schrieb Bruno Flierl, <<wie ihr des, Lebens der Menschen überall und ständig bewußtseinsbil-
unmittelbar praktischer und ilir kommunikativer Gebrauch sind dend wirkt, hat sie eine so große ideelle Wirkung. Sie hat diese
unlösbar miteinander verbunden, bedingen sich gegenseitig, bil- ideelle Wirkung als Zeichen aber nur in der Einheit mit ihrer
den eine -:- Architektur als Vergegenständlichung und als Ge- materiellen Wirkung als Gehäuse praktis&er Lebenstätigkeit
genstand des Lebens der Menschen in der jeweiligen Gesell- der Menschen. Darin liegt die Spezifik der Architektur sowohl
schaft konstituierende[n] - :&nheit.>> 10" Solche Vorstellung der gegenüber der Kunst und den allein auf kommunikativen Ge-
Architektur ist normal in dem Sinne, daß sich diese Beziehung brauch orientierten Kunstwerken als auch gegenüber der Tech-
von praktischer und kommunikativer Funktionserfüllung im nik und den primär auf unmittelbar praktischen Gebrauch
Ganzen der architektonisch gestalteten Wirklichkeit immer orientierten technischen Gegenständen.» 106 Die Differenzierung
.,,·,:
' durchsetzen muß, wenn die Architektur praktisch nicht infunk- zwischen der Architektur und den Kunstwerken ist nach meiner
tionell werden soll, aber sie ist zugleich zukunftsorientiert nor- Auffassung so richtig gesehen, die zwischen dem Architektoni-
mativ. Denn diese «normale>> Beziehung zum. Architektonischen schen und dem Technischen müßte vielleicht noch weiter verfolgt
erweist sich geschichtlich in vielfältiger Weise verschoben. Die werden. Das zu tun war nicht Absicht von Flierl und ist auch
Beziehung von praktischer und repräsentativ-ideologischer nicht hier zu leisten.
Funktionserfüllung ist für die proletarischen Wohnbereiche der Zusammenfassend sei zur Problematik des Ideologischen be-
kapitalistischen Stadt diskrepant und drückt für das analytische tont, daß für die Menschen die Gesamtheit ihrer Lebensbe-
Bewußtsein den Antagonismus von Bourgeoisie und Proletariat dingungen und der ganze gesellschaftliche Lebensprozeß ideolo-
aus. gisch relevant und damit auf den gesellschaftlichen Überbau be-
Noch einige Bemerkungen zur Beziehung von Kunst, prakti- zogen ist. Der Funktionswert einer Maschine kann ·von größerer
scher Gegenständlichkeit und Architektur zum gesellschaftli- ideologisch-erzieherischer Bedeutung werden als viele Worte
chen Überbau. Bezogen auf die Architektur zitierte Flierl eine oder die bedeutendsten Kunstwerke. Aber technische Geräte
86 87
sind nicht Ideologie und enthalten keine Ideologie. Das gilt Von den zuvor bestimmten Voraussetzungen her soll jetzt
auch für praktische Gegenstände, für architektonisch gestaltete die Beziehung von Kunstwerken zu praktischen Gegenständen
räumliche Lebensbedingungen und auch für Kunstwerke. Die unter den Gesichtspunkten der Fuµktionalität und der Spezifik
Beziiehungen dieser verschiedenen Objektivationen menschlicher der Kunst erörtert werden. Hierzu wird Kagans Unterschei-
Lebenstätigkeit sind zum Ideologischen hin sehr unterschiedlich dung der Künste in monofunktiooale und in bifunktionale auf-
charakterisiert und innerhalb bestimmter Grenzen auch histo-, gegriffen und diskutiert. Die bifunktionalen Künste sind nach
ris.ch variabel. Obgleich die Kunstgegepstände im Unterschied. dieser Auffassung die sogenannten angewandten, obgleich sie r·

zu. den technischen und praktischen wesentlich ideologisch de- hierauf nicht beschränkt sind. Kagan erklärte dieses so: <<Die
terminiert sind, ist ihre konkrete ideologische Funktion immer Verknüpfung von künstlerischer und utilitaristischer Form ist
durch die bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisse festgelegt. nicht nur der Architektur, den angewandten Künsten und_ der
Die Architektur schließt Natur, techniische, praktische und Industrieformgestaltung eigen. Solche musikalischen Genres wie
künstlerische Gegenständlichkeit räumlich zusammen. Ihr Be- der Militärmarsch oder das Wiegenlied verfügen doch ebenfalls
griff ist hier nicht systematisch zu entwickeln. Um Mißverständ~ über zwei Funktionen: über eine praktische und übet eine
nisse zu vermeiden, soll bemerkt werden, daß die Unterschei- künstlerische Funktion.>> 107 Es gehört zu den wissenschaftlichen
dung von primär- und ~ekundär-ästhetischer Gestaltung nur auf Verdiensten Kagans für die.Entwicklung der marxistisch-leni-
die bezeichneten Typen von Gegenständen und nicht auf die nistischen Ästhetik, daß er in deren Darstellung schon früh
architektonisch formierten Lebe.nsbedingungen bezogen ist. Ar- systematisch Bereiche außerhalb der Kunst aufgenommen, auch
chitektur ist Gestaltung räumlicher Leb.ensbedingungen der über d~n Eistanz, ·vom Sport, von Tassen und anderen Gegen-
Menschen. Bezogen auf die zum Ästhetischen hin gefaßten bei- ständen des praktischen Lebens der Menschen gesprochen hat.
den Grundformen der Gestaltung hat sie vermittelnden Cha- Die so gegebene Unterscheidung ästhetis.ch wertiger Objekte ist
rakter. Der praktische Charakter der Architektur muß sich in jedoch nicht überzeugend, weist aber auf wichtige Aspekte unse-
räumlichen Charakteren und räumlichen Zusammenhängen ver- rer Auffassung der Kunst.
wirklichen, deren Grundstruktur im Unterschied zum prakti- Beginnen wir unsere Überlegungen mit dem Beispiel des
schen Gegenstand durch die bloße Verfolgung' unmittelbar Wiegenliedes. Dieses ist ganz eindeutig keine praktische, son-
praktischer Erfordeqlisse nicht hinreiichend auszumachen ist. dern eine ästhetisch-ko@munikative Form, die in ihrem eigent- ·.
Hieraus schlfeße ich ficht, daß die Architektur nach der einen liehen Gebrauch eingesetzt wird, um den psychischen Zustand
Seite praktis_ch- und• nach der anderen Seite kunst-räuinlich ist, eines Kleinkindes zu beeinflussen. Das zunächst mit dem Ziel,
'.!·. daß gewissermaßen die eine Hälfte der Architektur zu den ma- es zu beruhigen oder zum Schlafen zu bewegen. Hierzu könn-
'it,,: teriellen Lebensbedingungen und die andere Hälfte zur Kunst ten auch kinästhetische Einflüsse ausgenutzt werden, indem das .
IJr; gehört. Auch dort, wo architektonische Strukturen primär ästhe- Kind geschaukelt wird. In dieser Anwendung bildet das Lied
tisch bestimmt sind, handelt es sich eben, wie schon gezeigt, um zugleich das Wahrnehmungsvermögen und die Gefühlswelt des
eine architektur- und nicht um eine kunstästhetische Formierung. Kindes. Es ist eine ästhetisch vermittelte menschliche Bekun-
Aus diesem Grunde ist es theoretisch und praktisch erforder- dung, welche. das Kind in den Schlaf wiegt und die es mit in
lich, den Begriff der Architektur in ~einer vollen Selbständig- den Schlaf nimmt. Das Wiegenlied <<iiegt>> noch innerhalb sei-
keit neben dem Begriff der Kunst, dem der praktischen und ner Funktionsbestimmung als Lied, wenn es im Konzertsaal
dem der technischen Gegenständlichkeit herauszuarbeiten. Da- sitzenden Erwachsenen von einer Kammersängerin dargeboten
mit . wird kein Zusammenhang verdeckt, sondern bestimmter wird. Es würde aber die Kunstfunktion sinnwidrig überschrei- ·
erst sichtbar. ten, wenn bereits nach dem Vortrag der zweiten Strophe die
Im architektonischen Raum «begegnen» sich nun die dominant Zuhörer sanft eingeschlummert wären. Die Sinnbefltimmung des
technischen, die praktischen und die künstlerischen Gegen- Wiegenliedes wäre auch verkehrt, wenn es dem schlafenden
stände. Erst durch ihre Beziehungen im Raum ist er als archi- Großvater, um ihn zu wecken und zu necken, von seiner klei-
tektonischer <<erfüllt>>. Diese räumlichende Bewegtheit der Ge- nen Enkelin ins Ohr gesungen wird.
genständlichkeit werden wir später noch etwas näher betrach- Der Militärmarsch dient zuerst der Organisierung eines
ten. gleichmäßigen Schritts der militärischen Truppe und der Erre-
88 89
,-,: .: ~•. :'/.* ~·.: '.' .~'!1'.::. .~

gung einer verbindlichen Stimmung. In der Zeit des Feudal- ristik nicht die ihr eigentliche ist. Hierbei ist Kunst für uns
absolutismus ging den Soldaten der militärischen Verbände, immer angewandt, letztlit:h auf das praktische Leben, auf die
wenn sie gegeneinander in den Kampf geführt wurden, ein Gestaltung der materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse und
Trommler voran, der den Takt schlug. Obgleich die Feudalen auf die Bewährung des Menschen gegenüber der Natur gerich-
in dieser Periode große Fönierer und Liebhaber von Kunst tet. Wir wollen nicht, daß der für uns stolze Begriff der ange-
waren, muß diese akustische Form trotz ihrer schicksalhaften wandten Kunst zur Bezeichnung verunstalteter Kaffeeservice an-
Symbolik als wesentlich psychotechnisch begriffen ,werden. Wir gewandt wird.
können jetzt das Genre Militärmarsch als Wert zwischen dem Trotz aller Bekunstung sind praktische Gegenstände keine
militärischen Taktschlagen eines Trommlers und dem musika- Kunstwerke und trotz ihrer praktischen Bedeutung haben
lischen Kunstwerk begreifen. Der einzelne Marsch kann dann Kunstwerke keine praktische Form. Die Beziehung der Kunst
als mehr oder weniger kunstspezifisch vorgestellt werden. Darin zur praktischen Lebenstätigkeit ist vermittelt, der unmittelba-
liegt keine Abwertung des möglichen gestalterischen Niveaus ren Determination durch das Praktische enthoben. Erst hier-
von Werken dieses Genres. Das Kunstwerk ist der Vermittlung durch sind die der Kunst eigenen Wirkungen ermöglicht. Wenn
eines gesellschaftlichen emotionalen und geistigen Gehalts und zwischen praktischen, psychotechnisch praktischen und künst-
nicht der psychotechnischen Or,ganisation von praktischen lerischen Gestaltungen streng unterschieden wird, sollen damit
Handlungen verpflichtet. Für den Militärmarsch können beide die möglichen Übergänge und Zwischengestalten 1;1nd die Mög-
Funktionen vorgestellt werden. Der Begriff der Kunst zielt lichkeit ihrer notwendigen gesellschaftlichen funktionellen Wer-
jedoch nur auf eine. Ihre Realisierung ist zugleich multifunktio- tigkeit nicht übersehen werden. Die Kritik gilt dem Kunstzen-
nal. Funktionen wie die der Unterhaltung, der psychischen Ent- trismus der Weltanschauung, der die Zwischengestalt nicht als
spannung, des sinnlichen Genusses, der Erkenntnis und des pro- solche, sondern als eigene Kunstgattung vorstellt. Asthetische
jektiven Denkens, der Sublimierung von Emotionen und der Faktoren können auch für die Darstellung wissenschaftlicher
Sensibilisierung der Sinne sind konstitutiv für künstlerisches Er- Auffassungen und politischer Programmatik große Bedeutung
leben. In diesem Sinne g~bt es überhaupt keine monofunktionale erhalten. Das ist uns in klassischer Weise ·durch das <<Manifest
Kunst. Das gilt auch für. die Gebrauchsweisen von Kunstwer- der Kömmunistischen Partei>> von Marx und Engels belegt.
ken. Werke, die für kultische Handlungen eingesetzt waren, Aber es gibt gute Gründe, es darum nicht als Form einer be-
können von diesen gelöst und zu Gegenständen verselbstän- sonderen Kunstgattung zu bewerten. Die Wissenschaft ist auf
digter künstlerischer Rezeption werden. Der Kult ist allerdings die Realität in anderer Weise bezngen als die Kunst. Betrachten
eine kunstartige symbolische Handlung, deren kommunikative wir das biowissenschaftliche Modell eines Menschen, etwa eine
Vermittlungen im Unterschied zu solchen unmittelbar prakti- gläserne Frau, wie sie im Dresdner Hygiene-Museum zu sehen
scher Operationen ein_en hohen Grad der Differenzierung des ist. Die Gestaltung des Modells ist ohne ästhetische Kriterien
Ausdrucks ermöglichen. Zugleich ist aber zu bemerken, daß sicher nicht denkbar. Aber seine Aufgabe ist die Sichtbarma-
nicht jedes kunstartige Werk, welches kultisch funktioniert, da- chung innerer Strukturen des menschlichen Organismus, es muß
mit bereits ein künstlerisches sein muß. Nicht jedes gemalte in jedem Falle wesentlich gegenstandsadäquat sein. «Gegen-
Bild, selbst wenn es schon gerahmt und verkauft ist, muß als ständlich>> meint hier im engen Sinne die körperliche und orga-
Kunstwerk gewertet werden. Die Grenze ist oft 'schwer zu fas- nische Gegenständlichkeit des Menschen, wie sie auch als Dar-
sen, und wir wollen uns nicht pedantisch um ihre Festlegung stellungsgegenstand von Kunst erscheinen kann. Aber der Ge-
bemühen. Aber es ist für unsere Auffassung der Kunst außer- genstand der Kunst ist hierauf nicht beschränkt, weil er sich in
ordentlich bedeutsam zu wissen, daß es diese Grenze gibt. der gegenständlichen Darstellung von Wirklichem nicht erfüllt,
Als Ergebnis der historischen Entwicklung der Gebrauchs- sondern durch diese vermittelt. Obgleich die ästhetisch relevante
weisen von Kunstwerken, gewissermaßen von oben, bilden wir Gestaltung des wissenschaftlichen Modells im Grunde eine
aus den Erfordernissen unseres gesellschaftlichen Strebens einen ganz gleichartige Funktion hat wie die bildhaft-künstlerische
Begriff der Kunst, welcher die Werke von ihr abweist, die nicht Darstellung von Realität, sie <<bi~det>> das Erscheinende sinnlich
ihrem gestalterischen und damit zugleich weltanschaulichen in die Humanität ein, ist sie den objektiven Eigenschaften ihres
Rang gemäß sind, ~nd auch die, deren funktionelle Charakte- Gegenstandes in anderer Weise verpflichtet als die Kunst.
90 91
Zur Spezifik künstlerischer Gegenstände setzt und <<der Mensch» erst jenseits der Sphäre des wirklichen
Lebens als eigentlicher aufgefaßt wurde. Aber diese Vorstel-
Die Erfüllung des subjektiven Zwecks in den objektiven Re- lung der Kunst war kein bloßer ideologischer Ausdruck be-
sultaten der Arbeit wird praktisch' gemessen. Die technischen, stimmter gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern ließ zugleich
praktischen und ästhetischen Gegenstände sind das Ergebnis ein .historisches Wertkontinuum erkennbar werden.
materieller Arbeit. <<Indem ... die lebendige Arbeit durch ihre Der primär-ästhetische Charakter der Kunst äußert· sich in
· Verwirklichung im Materü,l dieses selbst verändert, eine V er- dem Primat einstellungs~däquater Gestaltung gegenüber gegen-
änderung, die durch den Zweck die Arbeit bestimmt, ... wird standsadäquater. Die Wahrnehmung eines objektiven Prozesses
das Material so in bestimmter Form erhalten, der .Formwechsel oder Zustandes ist wesentlich durch zwei Momente bestimmt.
des Stoffs dem Zweck der Arbeit unterworfen. Die Arbeit ist Einmal durch die psychische Verarbeitung der Reize, welche
das lebendige, gestaltende Feuer; die Vergänglich,keit der vom Objektbereich auf Sinnesorgane des Individuums wirken,
Dinge, ihre Zeitlichkeit, als ihre Formung durch. die 1ebendige und zum anderen durch die subjektive Bedeutsamkeit des Er-
Zeit. Im einfachen Produktionsprozeß . . . wird die V ergäng- eignisses für das Individuum. So kann ein abstürzendes Militär-
lichkeit der Form der Dinge benutzt, um ihre Brauchbarkeit flugzeug für zwei Individuen sinnlich das gleiche Material bie-
.zu setzen.>> 108 Die Arten dieses Brauchens sind unmittelbar für ten, aber die emotionale, geistige und praktische Reaktion
die einzelnen Typen von Gegenständen sehr unterschiedlich. hierauf kann gegensätzlich sein. Die subjektive Einstellung zu
Der Gebrauch technischer Systeme ist am effektivsten, wenn sie Objekten der Wahrnehmung kann auch in begrifflichen Ausrra-
der menschlichen Lebenstätigkeit entrückt sind und auf diese gen abgebildet werden. Bezogen auf das eingesetzte Beispiel
nur durch die angeforderten Resultate zurückwirken. Die
Problematik des Gebrauchswertes praktischer Gegenstände
wäre der Unterschied zwischen einer nur konstatierenden und ,,
einer wettenden Aussage schon so darrustellen: <<Das Kampf-
wurde bereits erörtert und soll nicht wieder aufgenommen wer- flugzeug stürzt ab>> die erste, <<Unser Kampfflugzeug stürzt ab»
den. Hier interessiert uns vor allem die Gebrauchscharakteri- oder «Das feindliche Kampfflugzeug stürzt ab>> die zweite.
stik von Kunstwerken. Während isolierte begriffliche Abbilder in diesem Sinne nicht
Als Mittel zur Übertragung psychischer Eigenschaften von wertend sein können, sind emotionale Reaktionen. stets ein-
Menschen zu Menschen ist die Struktur von Kunstwerken we- stellungsrelevant, Ausdruck der Situation des Individuums. Die
sentlich durch die sich in ihnen objektiviere~den psychischen besondere Gegenständlichkeit wird emotional reflektiert, indem
Einstellungen ihrer kreativen Subjekte bestimmt. Woldemar sie ins Situative übersetzt ist. Im engeren Sinne ungegenständ-
A. Krannhals bezeichnete Kunst als <<diejenige Tätigkeit des lich sind Emotionen, welche die vom Individuum empfundene
Menschen, welche bedeutungsvolle Dinge schafft, die in einer Allgemeinheit seiner Situation widerspiegeln. Der situative
durch bel;lbsichtigte Gefühlswirkung besti~mten Form tatsäch- Charakter ästhetischer Reakt.ionen er~cheint nun ,für das Indi-
lich auf unser Gefühl wirken.>> 109 Selbstverständlich muß be- viduum darin verkehrt, daß das Asthetische als Objekteigen-
achtet werden, daß der Begriff der Kunst eine weitgehende Ab- schaft an sich empfunden und so ausgesprochen wird, der spezi-
straktion .,gegenüber den einzelnen künstlerischen Gattungen fische «Gegenstand», das Objekt ästhetischer Wahrnehmung
und gegenüber den unterschiedlichen historischen Funktionswei- aber eine.Subjekt-Objekt-Beziehung ist. Darin ist nun insofern
sen derselben ist. Die Fähigkeit und Bereitschaft, von den be- ein verborgener rationeller Kern gesetzt, als in der ästhetischen
sonderen gesellschaftlichen Anwendungen frühzeitlicher Höh- Beziehung ,des Individuums zu besonderer Gegenständlichkeit
lenmalereien, antiker Tempelplastiken, mittelalterlicher Bild.- sein gesellschaftliches Wesen, die Verhältniseigenschaft der In-
werke und solcher der höfischen Kultur des 17. und. 18. dividualität und damit im Grunde eine Subjekt-Subjekt-Be-
Jahrhunderts schließlich abzusehen und sie mit Werken der ziehung ausgedrückt ist.
Malerei und Plastik des 19. und 20. Jahrhunderts zu dem Be , Das Subjekt der künstlerischen Gestaltung objektiviert sein
griff <<Kunst>> zusammenzufassen, ist das Resultat bürgerlicher gesellschaftliches Wesen so, daß es nicht nur mitteilbar, sondern
Entwicklung. Die Entdeckung <<der Kunst>> ist ideeller ·Re- vor allem übertragbar wird. Auch die konstatierende Sprache
flex gesellschaftlicher V erhältmisse, in denen die gesellschaft- dient in der Kunst der Vermittlung subjektiver Einstellung.
liche Teilung von geistiger und körperlicher Arbeit absolut ge- Und damit wird es allgemein gleichgültig, ob sie sich auf ob-
t
92 93
jektive oder auf phantastische Inhalte bezieht oder Wahrneh- und die aufschließende Bedeutung der Verse erfassen können.
mungsformen deformiert. Die realen Beziehungen von Augen, Das Ruder auf dem Dach ist auch am fremden Ort, wie der,
Ohren, Nase und Mund, von Kopf, Hals, Rumpf, Armen und dem die Flucht von hier, in welche Richtung immer, nur die
Beinen als solche des normalen menschlichen Organismus ent- Heimatlosigkeit verlagern könnte. Eingestimmt in diesen Raum
halten für die künstlerische Darstellung c::iner Person durch sind die Pfähle der Kinderschaukel. Hier ist Heimisches,
einen Maler oder Zeichner bereits ein wesentliches Moment ge- Dauer.
genstandsdeterminierter Leitung. Aber der Künstler kann sich Für die Gestaltung und die Bewertung ästhetischer Gegen-
ihr im gewissen Grade auch entziehen oder ihre Struktur ver- stände sind unvermittelt das kreative und das rezeptive Wir-
kehren, denn seine Außerung durch das Werk zielt auf einen kungskriterium bestimmend. Stellen wir uns zur Erklärung des
übergreifenderen Inhalt als er in der Darstellungsform des Bildes ersten vor, wie ein Komponist arbeitet, der eine Sonate kom-
vorgestellt erscheint. Die Bewertung der bestimmten Darstel- poniert. Die spezifische Struktur dieses musikalischen Werks
lungsform kann kunstspezifisch also nur unter dem Gesichts- und eine Menge J.ll,Usikalischer Motive und Ordnungsformen
punkt des künstlerischen Inhalts erfolgen. findet er als B~sis des eigenen Schaffens vor. Dieses musikali-
Da die Schöpfung von Kunstwerken eine gegenständliche sche Material hat .in seiner Aufnahme durch den Komponisten
Handlung des Künstlers ist, in der sich aber im Unterschied zu bereits eine bestimmte Tendenz. Diese wirkt als objektive je-
außerkünstlerischen Handlungen deren emotionaler Impuls doch nur durch ihre · subjektive Ausrichtung. Der Komponist
nicht nur löst, sondern zugleich fixiert und vermittelt, gewinnt muß sich zu dem Material verhalten, es werthierarchisch glie-
für die Kunst die Phantasie besondere Bedeutung. In der Kunst dern, musikalische Motive und Ordnungen modifizieren oder
wird nicht über Gefühl und Phantasie gesprochen, sie sind hier neubilden. Sein Bewußtsein hat als innere Gestalt das beabsicli-
in Form und Gestalt, in Begrifflichkeit und Erkenntnis und in tigte Werk bereits in gewisser Weise vorgebildet, bevor der
den Schein von Wirklichkeit selbst gefaßt. Auch dort, wo das fixierende Prozeß· des Kompanierens beginnt. Diese innere Ge-
Kunstwerk als nüchterne, die Wirklichkeit analysierende und stalt des Kunstwerkes antwortet einmal auf das musikalische
veristisch spiegelnde Gestalt funktioniert, vermittelt diese im Material, ist aber nur kreativ, wenn sie den Absichten des Kom-
Wesen menschliche Situation und ,damit ein emotional reflek- ponisten entspricht. Diese Absichten sind zuerst auf einen psy-
tiertes Weltverhältnis. Als Beleg hierfür wollen wir ein Gedicht chisch reflektierten Lebensinhalt bezogen, dessen Wesen nicht
von Bertolt Brecht lesen. 110 musikalisch ist. Er ist erfüllt von .den gesellschaftlichen Erfah-
rungen, der Gefühlswelt und der Weltanschauung__ des Künst-
Zufluchtsstätte lers. Zugleich sind diese Absichten musikalisch und kommuni-
Ein Ruder liegt auf dem Dach. Ein mittlerer Wind kativ. Der Prozeß des Kompanierens konkretisiert und kriti-
Wird das Stroh nicht wegtragen. siert die ihm vorausgesetzte innere Gestalt des Werks. Der
Im Hof für die Schiukel der Kinder sind bestimmende Maßstab hierfür kann der Grad psychischer· Re-
Pfähle eingeschlagen. sonanz der einzelnen Stufen und schließlich des Ganzen der
Die Post kommt zweimal hin Komposition in ihrer Wirkung auf den Komponisten sein.
Wo die Briefe willkommen wären. Er kann das Werk ja mit keiner äußeren Wirklichkeit ver-
Den Sund herunter kommen die Fähren. gleichen.
Das Haus hat vier Türen, daraus zu fliehn. Auch der bildende Künstler, wenn er nach der Natur malt,
muß die Entscheidung über das gewordene Bild aus der be-
Eine so skizzierte Umwelt enthält viele Elemente, die sie bil- werteten Beziehung zu seiner Subjektivität treffen und kann
den und, für sich genommen,• Geltung besitzen, neben den in sich hierbei letztlich nicht auf dessen vorgestellter und· schei-
den Boden eingeschlagenen Pfählen für die Schaukel der Kin- nender Entsprechung zur gewählten Gegenständlich~eit stützen.
der und dem Ruder auf dem nicht ganz sicheren Strohdach In dieser Subjektivität des kreativen Wirkungskriteriums ist ein
sowie den vier Türen genannt werden könnten. Und doch sehr objektiver Inhalt künstlerischer Offenbarung vermittelt.
<<baut>> unser Bewußtsein mit den vom Dichter genannten und Zuerst das gesellschaftliche Wesen, die soziale Natur des
geordneten Teilen ein Milieu, mit ,dem wir rational operieren Künstlers selbst.
94 95
Das rezeptive Wirkungskriterium beruht wie das kreative auf schauung sind weder wahr noch fa,lsch, weil diese Eigenschaften
der Beziehung der Resonanz. ·wie das kreative Wirkungskri- moralischen Forderungen überhaupt nicht zukommen können.
terium rezeptiv als Erleben der werdenden und vollendeten Das heißt nicht, daß diese außerhalb der Wissenschaft stehen.
Gestalt durch den Gestalter verwirklicht wird, so verwirklicht Moralische Forderungen sind in ihrem Wesen gesellschaftlich-
sich das rezeptive Wirkungskritedum im Erleben der Gestal- funktionell bestimmt und müssen entsprechend ihrer gesell-
tung durch den Rezipienten zugleich kreativ: Der ein Kunst- schaftlichen Sinnbestimmung, die wissenschaftlich gebildet und
werk Wahrnehmende muß es zunächst, um es spezifisch zu rezi- kontrolliert sein kann, als richtig oder unrichtig und damit als _
pieren, als solches ausmachen und anerkennen. Auch hierfür moralisch oder unmoralisch gewertet werden. Wenn der ·gesell-
müssen die Rezipienten innere Bilder gespeichert haben. Die schaftliche, klassenmäßige Funktionswert der Eigenschaft mo-
Aufnahme von Kunstwerken ist s,o Erweiterung und Bewegung ralisch festgelegt ist, wird die entsprechende Wertung von For-
der eingebrachten inneren Bildwelt oder deren konfrontative derungen und Handlungen direkt erkenntnisrelevant und kann
Verfestigung, wenn das bestimmte Werk·'abgewiesen wird. Das selbst wieder als wahr oder falsch gewertet werden. Diesen di-
abgewiesene, aber als Vorstellungsbild aufgenommene Werk rekt auf gesellschaftliche Interessen bezogenen und von diesen
kann schließlich doch in die affirmative Bildwelt eindringen und abgeleiteten Inhalt moralischer Forderungen hat W. I. Lenin
diese umstrukturieren. So kann für den Rezipienten die Bezie- auch, so betont: <<Wir sagen, daß unsere Sitt~ichkeit völlig den
hung des Kontrastes als erste Erle,bnisweise von größerer und Interessen des proletarischen Klassenkampfes untergeordnet ist.
folgenreich<;rer Wirkung sein als die einfacher Resonanz. Unsere Sittlichkeit ist von den Interessen des proletarischen 1
Selbstverständlich sind beide Beziehungen nun vor allem in ih- Klassenkampfes abgeleitet.>> 111 Die Übertragung dieses Prin-
rem Zusammenhang zu fassen. Der subjektive Bezugspunkt, auf zips auf die Bildung der marxistisch-leninistischen Weltan-
den hin sich Resonanz und Kontrast beziehen, ist die Emotiona- schauung überhaupt wäre ihre pragmatistische Aufhebung.
lität der Individuen. Das gilt so allgemein allerdings nur für Wahre Aussagen sind nicht den Interessen des proletarischen
ästhetische Gegenstände, von denen wir gesehen haben, daß Klassenkampfes untergeordnet. Vielmehr ist das Bewußtsein
sie niqit rein vorzustellen sind. dieser Interessen in der Wahrheit bestimmter Aussagen gegrün-
Die ästhetisch relevante Emotionalität der Menschen ist un- det. . -;
. trennbar mit ihrer begriffssprachlicheti Psyche verbunden und Auch Emotionen können nicht gnoseologisch gewertet wer-
' durch deren Weltanschauungscharakter b'estimmt. Hieraus er- den, sie sind nicht wahr oder falsch. Im umgangssprachlichen
gibt sicfi, daß die Vermittlung von Emotionalität immer deren Gebrauch meint der Ausdruck <<wahres Gefühl» ein starkes, in
weltanschauliche Bedingungen mit setzen muß. Das gilt für die der ganzen Persönlichkeit beruhendes und humanistisches Ge-
Kunst in besonderer Weise. Allerdings wird diese Beziehung fühl. Gefühle können zunächst als situations- und handlungs-
von Emotionalem und Rationalem in den einzelnen Kunstgat- · adäquat oder als diesen inadäquat differenziert werden. Die Si-
tun.gen durch qualitativ unterschieden~ Zeichencharaktere rea- tuation ist die Mannigfaltigkeit der materiellen Lebensbedin-
lisiert, ist sie keine Beziehung mechanischer Entsprechung und gungen eines Subjekts in der Beziehung zu dessen Existenz-
wird sie als vom Künstler im Werk' vergegenständlichte durch und Entwicklungserfordernissen. Wenn sich- eine Person durch
die Rezipienten desselben immer modifiziert oder neu gefaßt. andere verfolgt und bedroht sieht, ohne es real zu sein, reagiert
Wenn wir den rationalen Gehalt künstlerischen Bewußtseins als sie emotional so, als ob sie es wäre. In diesem Falle wäre diese
selbständigen vorstellen, kann dieser auch als wahr oder falsch Emotionalität nicht situationsadäquat. Für die Bourgeoisie be-
direkt erkenntnistheoretisch gewertet werden. Das gilt aber stand in ihrer revolutionären Entwicklungsphase ein Wider-
schon nicht für alle weltanschaulichen Inhalte des Bewußtseins. spruch zwischen ihrer situativen und der notwendigen opera-
Eine Weltanschauung als•ganze kann unwissenschaftlich oder tiven ~tionalität: Wir haben s2uvor bereits bemerkt, daß
wissenschaftlich, bürgerlich oder kommunistisch sein. Wissen- Handlungen von Individuen im unterschiedlichen Maße auch
schaftlich ist die W eltansqiauung der Arbeiterklasse, weil sie emotional vermittelt sind. Das wesentliche Sein des Bourgeois
durch wissenschaftliche Methoden und Kriterien gebildet und als Ausbeuter und die Tatsache, daß seine Feindschaft gegen
in ihren konstitutiven erkenntniswertigen Voraussetzungen die Feudalen letztlich auf den Kassenstandpunkt gestützt war,
wahr ist. Aber die moralischen Bestimmungen dieser W elta·n- konnten trotz revolutionärer Absichten keine Grundlage kämp-
7 Kühne, Gegen~tand
96 97
l,'-l)'~f~(i'':''., ','•:'~'t?'·',.,, '\ ,11"~·~&.1. ~ ...

ferischer, heroischer Emotionalität sein. <<Aber unheroisch; wie dem angemessen ist. Das wird einmal beantwortet durch die Her-
die bürgerliche Gesellschaft ist, hatte es jedoch des Heroismus vorhebung des ästhetischen Wesens der Kunst, wobei die Kopp-
bedurft, der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkriegs lung von Ästhetischem_ mit anderen psychischen Inhalten als das
und der Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen.» 112 Spezifische eben des Kunstästhetischen angesehen wird. Der vor-
Marx hat auch gezeigt, wie diese Bourgeoisie vermochte, «den gestellten Auffassung des Ästhetischen entspricht die Folgerung,
bürgerlich beschränkten Inhalt ,ihrer Kämpfe sich selbst zu daß Kunst .letztlich immer gesellschaftlich, so als bürgerlich in
verbergen und ihre Leidenschaft auf der Höhe der großen ge- den verschiedenen Differenzierungen dieses Inhalts und als kom-
schichtlichen Tragödie zu haltem>. 113 Durch den für sie noch munistisch in den verschiedenen Stufen der Evolution dieses In-
naiven Illusionismus bildete diese Bourgeoisie also eine weit- halts zu werten ist.
gehend ihrer Situation inadäquate Emotionalität, um eine Wie ästhetisch relevante Emotionen nur in ihrer Verbindung
handlungsadäquate zu gewinnen. Damit war unvermeidlich ver- mit besonderen Gedanken, Willenshaltungen un_d Idealen von
bunden, daß sich diese Klasse in dieser Periode ihrer Entwick- Menschen gebildet werden können, muß die Übertragung dieser
lung auf ideologische Motive stützen und die Stabilisierung von Emotionen die sie umgrenzenden intellektuellen Einstellungen
emotionalen Haltungen ermöglichen mußte, welche die Ten- im bestimmten Grade mit vermitteln. Wenn das Kunstwerk, wie
denz hatten, sich gegen ihre Interessen zu verkehren. Sigmund Freud _es faßte, «die Affektlage,.,die psychische Kon-
Emotionen können zum anderen in ihrem moralischen stellation, welche beim Künstler die Triebkraft zur Schöpfung ab-
halt moralisch und in ihrem ästhetischen Charakter ästhetisch be- gab, bei uns wieder hervorgerufen werden» soll, 114 ist das immer
wertet werden. Ästhetische Wertungen als Aussagen sind er- als gesellschaftlich determinierter Prozeß zu begreifen, sosehr
kenntnistheoretisch komplizierter zu erfassen als moralische. So dieses auch durch individuel1e Vorstellungen verdeckt sein mag.
ist zu beachten, daß ästhetische Reaktionen durch individuelle Für die Bestimmung des besonderen Charakters der ästhetischen
Eigenheiten modifiziert sind, die nicht gesellschaftlich bedingt Kommunikation gegenüber anderen Formen der Kommunika-
sind. In der Gesamtheit der ästhetischen Verhaltensweisen ver- tion kann auch die Unterscheidung zwischen emotionaler (beha-
wirklicht jedes Individuum aber eine Tendenz, die gesellschaft- vorial communication) und geistiger (intelligible communication),
lich charakterisiert ist und in der sich sein gesellschaftliches die Adam Schaff von Paul Urban übernommen hat, benutzt wer-
Wesen äußert. Wir können aber nicht in der Analogie zur Moral den. Für die emotionale Kommunikation gab Schaff folgende
einfach davon ausgehen, daß ästhetisch positiv wertig ist, was Erklärung, die uns zu bereits erörterten Gesichtspunkten zurück-
den Interessen der Arbeiterklasse, dem Aufsteigen der Mensch- führt. <<Der Komponist befindet sich im Zustand einer Liebes-
heit zu einer kommunistischen Zukunft dient, obgleich die Schön- erregung und drückt sie in der Sprache der Musik in der Form
heit dem nicht entgegengesetzt sein kann. des Nocturne aus, oder er wird auf Grund eines nationalen Auf-
Schließlich sollte beachtet werden, daß bestimmte Wertungen standes vom patriotischen Elan erfaßt und gibt seinen Gefühlen
•wie <<tragisch» und <<komisch>>, die traditionell als ästhetische auf- in der Revolutionsetude Ausdruck, oder er überträgt die Trau-
gefaßt werden, tatsächlich ethisch-ästhetisch sind. Das Ästhe- rigkeit eines Regentages gefühlsmäßig in die Gestalt des Regen-
tische hat immer eine moralische Dimension, deren unmittelbare preludes. Nach vielen Jahren hört jemand diese W·erke, ohne_ die
Bedeutsamkeit für seine Erlebensweise aber in der Form aufge- ihre Entstehung begleitenden Umstände, ihre Titel zu kennen,
hoben ist. Die Bewertung eines menschlichen Schicksals als tra- ohne über eine programmatische Dechiffrierung ihres Inhaltes in
gisch ist aber notwendig vom Moralischen her gefaßt. Die gleiche intellektuellen Kategorien zu· verfügen. Trotzdem erlebt er die
Phänomenalität gilt als tragisch oder als komisch entsprechend Sehnsucht des Nocturne, die Erregung der Revolutionsetude, die
dem W ethsel ihres historischen Hintergrundes und seiner mora- Trauer des Regenpreludes nach, vorausgesetzt - und das ist
lischen Wertigkeit. Das gilt so nicht für die Wertu~ ästh~!i- keine unwesentliche Voraussetzung-, daß er zum Kreis einer be-
,:1, scher Beziehungen. Es erweist sich, daß die Bedeutungen und stimmten Kulturtradition gehört ... ; für den Hindu, der nie mit
W ertungsbeziehungen von künstlerischem Bewußtsein außer- europäischer Kultur in Berührung kam, ist die Musik Chopins
ordentlich komplex und vielschichtig sind, und die Frage drängt , genauso unkommunikativ wie für den Europäer die alte Musik
sich auf, worin nun das· organisierende und zusammenfassende :i der Hindus. Und noch eines: da es hierbei um die emotionale
Moment derselben zu erkennen und welche Form der Wertung j <Ansteckung> mit außerintellektuellen Mitteln geht, kann nie-
7*
98 99
' . ;;,.,:,{
mand sagen, ob er das gleiche erlebt wie andere Menschen, oder fach gnoseologisch, sondern dem komplexen Charakter :c
das, was der Komponist durchlebt hat. " 115 Georg Klaus hat hier- künstlerischen Bewußtseins und seiner durch das Ästhetische 6(-.:1
gegen eingewendet: <<Zustände können ... durch den Kommuni- ganisierten Struktur entsprechend gesellschaftlich funktionaU~ f
kationsprozeß nicht übertragen werden! Es ist :vielmehr so, daß stisch ist. Die Beziehung der Kunst zur gesellschaftlichen Praxlt~1
ein Individuum Signale über den Zustand eines anderen Indi- is~ Gegenstand wissenschaftlicher Analyse und Wertµng,"die aQf.
viduums empfängt und daß diese Signale für ihn Träger einer den Gebrauch :von Kunstwerken zurückwirken. In wachsendem,
Information sind. Diese Information nun löst beim empfangen- Maße werden die Entwicklung und die Wirkung der Kunst,
den Individuum psychische Prozesse aus, die dazu führen können, durch die Kunstkritik :vermittelt. In dieser Kritik ist die subjek•
daß ein Zustand erzeugt wird, der in die gleiche Klasse :von Zu- ti:ve Wertung mit der wissenschaftlichen Objektivierung ver•
ständen gehört wie der des Indi~iduums, :von dem die Signale knüpft. «Die marxisüsche Kritik>>, schrieb Anatoli Lunatscharski,
ausgehen.>> 116 Beide Standpunkte berühren sich\ im wesentlichen <mnterscheidet sich :von jeder anderen vor allem dadurch, daß sie
enger, als es zuerst erscheint. Und das betrifft die gesellschaft- unbedingt in erster Linie soziologischen.Wesens ist, und zwar.
liche Vermittlung von Emotionalität. Hierbei hob jeder ein Mo- selbstverständlich im Geiste der wissenschaftlichen Soziologie
ment dieses Kommunikationsprozesses, eine Bedeutungsebene von Marx und Lenin.» 118 Und das :verlangt, immer zu beachten,·
seiner Gegenständliclikeit hervor, der eine ihren Realitäts- und daß sich die Wissenschaft auf die Kunst in anderer Weise be-,
der andere ihren Sprachcharakter. Aber erst die Einheit beider zieht als etwa auf die materielle Produktion. Das hier gefaßte
kennzeichnet die ästhetische kommunikative Gegenständliohkeit. soziologische Prinzip steht nicht außerhalb der Ästhetik, denn es
So kann Musik als Sprache oder als tonale Realität rezipiert wer- ist nur durch sie zu entwickeln. «Die marxistisch-leninistisdie
den. Beide Arten sind musikalisches Hören, wenn das Gegen- Methodologie>>, schrieb Leonid Stolowitsch, <<läßt die Begrenzt-
glied der bestimmten Art immer :vorausgesetzt bleibt. heit sowohl der ausschließlich soziologischen als auch der rein
Obgleich Schaff exemplarisch :vereinfachte, soll doch gegen ihn gnoseologischen Untersuchung der ästhetischen Erscheinungen er-
betont werden, daß die künstlerische Gestaltung keine •einfache kennen.»119 Aber diese Entgegenstellung :von Gnoseologischem
Objektivierung von Emotionen ist, weil die Gestaltung selbst und S9ziologischem ist für die Auffassung der Kunst' dadurch
auf' ihre emotionale Basis zurückwirkt. Durch sie löst sich zu- relativiert, daß die Erkenntnisfunktion der Kunst kunstspezifisch
gleich der unter Umständen die Gestaltung auslösende unmittel- nur in ihrer sozialgeschichtlichen Relevanz gewertet werden kann.
bare psychische Zwang für den Künstler. So ist für· ihn die Ge- Die Wissenschaft hat die gesellschaftlichen Erscheinungen der
staltung auch innere Bewältigung, und nur als Erscheinung die- Kunst nicht nur empirisch zu konstatieren, sondern ihre Bezie-
ser Freiheit wird aus dem Prozeß der Gestaltung ein Kunst- hung zur l;iistorischen Gesetzmäßigkeit aufzusuchen. Wenn „die
werk. Ein letzter Gesichtspunkt soll noch aufgegriffen werden. Kunst einzig als eine gegenüber der Wissenschaft andere Art der
Es ist richtig, daß kein Individuum das gleiche erleben kann wie Erkenntnis verkannt ist, bleibt der ganze Umfang der für ihre
ein anderes. Aber Gruppen :von Individuen können gleichartig geseUschaftliclie Funktionierung zu leistenden wissenschaftlichen
psychisch erleben, und das ist weniger .dadurch belegt, wie sie \ Arbeit unerschlossen.·
,;i darüber reden - es kann über sehr unterschiedliche Erlebens- .l Die hier :vertretene Auffassung über das künstlerische Be-
weisen aus lauterer Absicht :völlig Gleiches ausgesagt werden -, wußtsein, das zunächst als Eigenschaft der Psyche des Künstlers
als :vielmehr dadurch, wie sie reagieren und handeln. «In den und der de.s Rezipienten ·vorgestellt ist, ignoriert nicht die Er-
Werken der Kunst ... », schrieb Georgi W. Plechanow, <<k:ommt kenntnisfunktion der Kunst und die Eigenschaft, die oft mit
die gesellschaftliche Psychologie zum Ausdruck, und in der Psy- dem Begriff «Ideengehalt der Kunst>> bezeichnet wird. Der Ideen-
chologie der in Klassen geteilten Gesellschaft bleibt uns vieles gehalt der Kunst ist selbstverständlich nicht auf imaginäre Weise
unverständlich und paradox, wenn wir ... das gegenseitige V er- im Kunstwerk behaust, sondern die Eigenschaft von Kunstwer-
hältnis der Klassen und den Klassenkampf ignorieren.» 117 ken in ihrer gesellschaftlichen Gebrauchsweise, rationale Be-
Entsprechend den Erfordernissen kommunistischer revolutio• wußtseinsinhalte zu erzeugen. Diese sind abbildend, zeigen, wie ·
närer Praxis kann Kunst nicht allein am Maßstab subjektiver Re- gesellschaftliche Wirklichke~t ist, orientierend, weisen, auf eine
~onanz gewertet werden. Es ist ein übergreifendes gesellschaft- Tendenz eigenen Verhaltens in der Wirklichkeit, und idealisch,
liches Wertkriterium gefordert, dessen Charakter auch nicht ein- zeigen, zu welchem Ziel die Wirklichkeit verändert werden soll,
100 IOI
·i··.,1·-%5"f '"";-,~-; ""?1-)'ti,"',··.~.-~.··:t'"

entwerfen das Bild neuer Zustände oder bezeugen Wirkliches Die Individuen neigen dazu, Gegen&tände, die ästhetisch nicht
selbst als Erfüllung. <<ansprechen», möglichst nicht anzunehmen, abzuschieben
Es gibt nicht die Alternative zwischen Kunst mit oder ohne oder ihnen auszuweichen. Diese Beziehung der Resonanz wird
Ideengehalt, sondern in unserer Zeit nur die zwischen Kunst innerhalb der subjektiven und nicht innerhalb der objektiven
mit bürgerlichem oder Kunst mit sozialistischem Ideengehalt. Maßebene erfaßt. So ist das Kunstwerk zwar vom Künstler ge-
Und der Künstler ist nicht als eine Art Emotionalisator zu den- schaffen,' aber sein konkreter Charakter nicht allein durch ihn,
ken, der gewissermaßen für bestimmte Ideen nur noch den Ge- sondern durch die Gesamtheit seiner Rezipienten festgelegt. Da-
fühlswert aufsucht und diesen als Gestalt zu kommunizieren mit ist die Wirkung der Kunstwerke zugleich objektiviert. Die
sucht. Es gibt künstlerische Gestaltungsweisen, die ganz von Wirkung ästhetischer Objekte ist auch durch sinnesphysische
der Erkenntnisfindung ausgehen. Ohne aktives Erkenntnisstre- Eigenheiten der Individuen und durch andere individuelle Be-
ben des Künstlers wird sein Werk fade. Wer sich nicht selbstän- sonderheiten modifiziert. Sie hängt aber wesentlich von der Art
dig analysierend zu den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner und von dem Niveau der ästhetischen Rezeptionsfähigkeit ab.
· Zeit verhält, kann nicht aktiv leben, dem sind Glück und Leiden Die Fähigkeit des Verstehens ist durch die weltanschaulich be-
zwar nicht verwehrt, aber so abgestumpft und privatisiert, daß dingte V erständnisbereitschaft bedingt und durch die Fähigkeit,
sich in ihnen kein Kunstwerk gründen kann. die bestimmte <<Sprache>> überhaupt spezifisch wahrzunehmen.
Die erkenntnistheoretische Bewertung von künstlerischem Be- Die Struktur einer ästhetischen Kultur ist unmittelbarer Aus-
wußtsein ist immer nur eine Seite des gesellschaftlichen Wir- druck der gesellschaftlichen Psyche. Die Festlegung darüber, was
kungskriteriums von Kunst, ihrem Wesen jedoch nicht unan- Kunst ist, kann nur als gesellschaftlicher Prozeß begriffen wer-
gemessen. Solche Bewertung von Kunst verlangt selbstverständ- den. Bewußt oder unbewußt stellt sich der Künstler bei der
lich, die ihr spezifische Weise der Bildung und Fixierung von Gestaltung seines Werkes auf die Reaktionen einer bestimmten
rationalen Aussagen streng zu beachten. So ist die Bedeutung Gruppe von Menschen, die er zu erreichen sucht, ein. Deren
des einzelnen Kunstwerks zwar immer ganzheitlich, indem es Einstellung, Kunsterwartung und Rezeptionsvermögen beein-
alle psychischen Vermögen der Rezipienten gerichtet beeinflußt flußt die Gestaltung des Kunstwerkes. Der kommunistische
und ein Weltverhältnis ausdrückt. Aber es i-st zugleich partiku- Künstler wird nie übersehen können, daß sein Werk fortge-
lär, wird durch das ganze Werk eines Künstlers und durch die schrittene Individuen der Arbeiterklasse erreichen muß. Schließ-
Gesamtheit der künstlerischen Verhältnisse konkretisiert. lich wird er danach streben, möglichst breite Schichten des gan-
Schließlich zeigt die Erfahrung des Sozialismus, wie sehr das zen Volkes zu beeinflussen. Hiermit sind komplizierte Fragen
erforderte dialogische Verhältnis von Wissenschaft und Kunst künstlerischer Entwicklung verbunden, die systematisch zu dis-
vom Niveau wissenschaftlich gebildeten Problembewußtseins kutieren wären. Die Bedeutung von Kunst für den Befreiungs-
und von dem dialektisch-materialistischer Erbellung der Wirk- kampf der Arbeiterklasse, für die Verwirklichung des Sozialis-
lichkeit durch die Wissenschaft selbst abhängig ist. mus und schließlich des Kommunismus ist nicht zuerst an ihrer
Breitenwirkung oder an der sogenannten Volkstümlichkeit, son-
dern an ihrem künstlerischen Rang und an ihrem weltanschau-
c. Die Beziehung der Resonanz
lichen Gehalt zu messen. Die Entscheidung hierüber können
Im Bereich der ästhetischen Gestaltung und der entsprechenden der Künstler und die organisierte Vorhut der kommunistischen
Wirkung ihrer Gegenstände ist eine Beziehung wesentlich, die Bewegung einander nicht abnehmen, sonqern nur zusammenwir-
als solche der Resonanz vorgestellt wird. Sie ist einmal für den kend finden. Dieser Prozeß der Wertfindung hat sich zwar nicht
ästhetischen Gestaltungsprozeß, für die Materialisierung des konfliktfrei, aber doch vollzogen und setzt sich fort. Selbstver-
inneren, vorgestellten Gegenstandes, und dann für die Ausbil- ständlich kann nur die Arbeiterklasse durcll ihre marxistisch-
dung der ästhetischen Beziehung zu ihm wesentlich. Als Ge- leninistischen Parteien in unserer Zeit das gesellschaftliche Sub-
genstand zur Übertragung psychischer Einstellungen von Men- jekt von Kunst sein, welche das humanistische Erbe aufnimmt
schen zu Menschen findet der künstlerische im Unterschied zum ' und mehrt.
technischen und praktischen sein unmittelbares Wirkungskrite- Die Problematik der Resonanz bezieht sich auch auf die Ge-
rium in den durch ihn hervorgerufenen psychischen Reakti<;men. staltung der als sekundär-ästhetisch gekennzeichneten Gegen-
102 103
stände. Setzen wir den Fall, daß durch ein industrielles Serien- " Bewegungsform der ästhetischen Wahrnehmungsweisen, die im-
erzeugnis sowohl die ästhetischen Vorstellungen der mit seiner mer mit weltanschaulichen Einstellungen verbunden sind, wer~
Gestaltung beauftragten Petson verwirklicht, zugleich jedoch den. Revolutionäre Kunst, deren Begriff im kommunistischen
auch der Absatz der bestimmten Produktion gesichert werden Sinne prägnant und im motivischen und formalen weit zu fassen
soll. Und das erfordert eben die Erregung von Resonanz durch ist, ist auch Herausforderung zu neuem Leben.
dieses Produkt bei dessen Gestalter und bei einer bestimmten Besonders wichtig ist die Verfolgung der Beziehungen der Re-
Anzahl von möglichen Käufern. Besteht zwisc;hen den ästheti- sonanz ·für die Gestaltung. der gegenständlich-räumlichen Ar-
schen Vorstellungen des Gestalters :und den ästhetischen Erwar- beitsbedingungen. Ein positives ästhetisches Verhalten von Men-
tungen und Rezeptionsgewohnheiten der Käufer kein wesent- schen zu bestinftnten Gegenständen oder Raumbedingungen
licher Unterschied, so bedarf es keiner besonderen Erwägungen ihres Lebens kann nicht durch direkten oder indirekten Zwang
durch den Auftraggeber der Produktion und durch den Ge- hergestellt werden. Daraus ergibt sich selbstverständlich nicht,
stalter, wenn nicht Bedingungen der Konkurrenz die Situation '0 daß die Entwicklung bestimmter ästhetischer Einstellungen der
modifizieren. Der Gestaltungsakt vollzieht sich insofern ohne Individuen dem Einfluß gesellschaftlicher Subjekte entzogen ist.
besondere Widersprüche. Im entgegengesetzten Fall bedarf es Die ästhetische Bejahung von Realität wird stets willentlich ver-
nun seitens des Gestalters einer Strategie, wenn er sich den stärkt und bildet den Impuls einer Handlung. Anders ist das
ihm fremd entgegenstehenden Gestalterwartungen nicht beugen in der Beziehung der Menschen zu ihren Arbeitsmitteln. Unter
will. Eine solche Strategie gestalterischen Verhaltens beschrieb allen gesellschaftlichen Bedingungen müssen die vorgefundenen
Richard Loewy. Er ging aus von «einem Tauziehen zwischen. Arbeitsmittel von Menschen angenommen werden. Es steht ih-
dem Drang, etwas Neuartiges zu erwerben, und der Abwehr- nen kein s~lches Angebot qualitativ unterschiedener Arbeits-
stellung gegen alles Unbekannte». Und hier schloß er folgende mittef zur Verfügung, innerhalb dessen sie frei nach ihren
Überlegung an. <<Der Geschmack der Erwachsenen ist durchaus Bedürfnissen wählen könnten. Die kapitalistischen Arbeitsbe-
nicht immer bereit, die logisch richtigen Lösungen für ihre Be- dingungen sind auch wesentlich durch die Profitinteressert der
dürfnisse zu akzeptieren, wenn damit ein zu weites 4bgehen Bourgeoisie formiert. Die eigentumsmäßige Trennung seines
vom Gewohnten verbunden ist. An diesem Punkt geht der Käu- subjektiven Arbeitsvermögens von den objektiven Arbeitsbe-
fer nicht mehr mit. Ein gewitzter Formgestalter hat deshalb dingungen zwingt den Arbeiter, unter der Leitung des Kapitals
einen Instinkt dafür, wo im Einzelfalle die kritische Zone be- zu arbeiten. In den objektiven ArbeitsBedingungen tritt das
ginnt. Hier hat der Entwurf eine Gren'.Ze erreicht, wo er am Kapital dem Arbeiter als gegenständliche Macht entgegen.
fortschrittlichsten und zugleich noch annehmbar ist. Wir be- Auch in der sozialistischen Gesellschaft und im Kommunis-
zeichnen sie als MAYA - MOST ADVANCED YET AC- · mus überhaupt ist die materielle Produktionstätigkeit durch die
CEPTABLE Schwelle.>> 120 Die Strategie des Gestalters würde objektiven Lebenserfordernisse bedingt. Aber sie verliert für
nun darin bestehen, diese Grenze schrittweise auf seine eigenen den Arbeiter den Charakter der unmittelbar zwingenden Not-
Gestaltvorstellungen hin zu verlagern. Wie weit er sich durch durft, wird Form seiner freien Lebenstätigkeit und Mittel der
eine solche Praxis verausgabt, das soll hier unberührt bleiben. bewußten Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Mit
Diese Konzeption scheint mir für gesellschaftliche Gestaltungs- der Efitwicklung der Arbeitsbedingungen und der menschlichen
strategien wesentlicher als für individuelle. Ihre Anwendung auf Persönlichkeit wird zwar nicht die Notwendigkeit der Arbeit,
künstlerische Praxis wäre deren Ende. Künstler wie Johannes aber die unmittelbar zwingende Form dieser Notwendigkeit in
R. Becher, Bertolt Brecht und Hanns Eisler haben künstlerische dem entfalteten Bedürfnis nach Arbeit aufgehoben. Marx hat
Formen gefunden, die von den klassenbewußten Arbeitern aufge- gezeigt, wie das Kapital selbst auf diesen Zustand hintreibt.
nommen, verstanden und gebraucht wurden. Aber sie haben «Als das rastlose Streben nach' der allgemeinen Form des Reich•
hiermit ihre künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten zuglei:ch tums treibt aber das Kapital die Arbeit über 'die Grenzen ihrer
entwickelt und erweitert, sie waren nicht als taktische, sondern Naturbedürftigkeit hinaus und schafft so die materiellen Ele-
ganz als eigene Formen geschöpft und dargeboten. Nicht nur '' mente für die Entwicklung der reichen Individualität, die eben•
t'

diese aufnehmende Beziehung des Künstlers zu dem Adressaten so allseitig in ihrer Produktion als Konsumtion 'ist und deren
seiner Werke, auch die des Kontrastes kann zu einer wichtigen Arbeit daher auch nicht mehr als Arbeit, sondern als volle
1,04
105
Entwicklung der Tätigkeit selbst erscheint, in der die Natur- reale Freiheit, deren Aktion eben die Arbeit, ahnt A. Smith
notwendigkeit in ihrer unmittelbaren Form verschwunden ist; ebensowenig. Allerdings hat er Recht, daß in den historischen
1
weil an die Stelle des Naturbedürfnisses ,ein geschichtlich er- Formen der Arbeit als Sklaven-, Fronde-, Lohnarbeit die Arbeit
zeugtes getreten ist.>> 121 Nun schrieb Marx aber in «Das Kapi- stets repulsiv, stets als äußre Zwangsarbeit erscheint und ihr ge-
tal»: «Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo genüber die Nichtarbeit als <Freiheit und Glück>.>> 124
das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit be- Zunächst erscheint dieser Text als direkter Gegensatz der hier
stimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach interessierenden Texte aus <<Das Kapital». Aber wir lesen sie
jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion ... erst dann auf gemäße Art, wenn beide als sich gegenseitig inter-
Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darinebestehn, daß der pretierende und ergänzende Aussagen begriffen sind. Die dialek-
vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produ-zenten, diesen tische Entgegensetzung von Freiheit und Notwendigkeit ist näm-
ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre lich auch in dem zuletzt zitierten Text der <<Grundrisse» voraus-
gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer gesetzt. Denn die Überwindung von Hindernissen· durch Arbeit
blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten als Betätigung der Freiheit ist nur wirkliche Überwindung, \Xenn
Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur wür- sie zu einem Ziel führt, in w~lchem diese Hindernisse aufge-
digsten und adäquatesten Bedingu_ngen vollziehn. Aber es bleibt hoben sind.
dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben be- Kommunistische gesellschaftliche Verhältnisse vorausgesetzt,
ginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck ist die Arbeit die wesentlichste Form der Betätigung und der Be-
gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur fillf jenem Reich währung menschlicher Freiheit, aber die Erfüllung dieser Arbeit
der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Ver- ist die Muße. Die Aufhebung des Gegensatzes von Arbeit und ·
kürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.» 122 In welcher Genuß kann immer nur annähernd sein. Darum hat die Er-
Beziehung stehen diese Aussagen zu der gleichfalls von Marx hebung der Arbeit zum werthöchsten Lebensbedürfnis auch welt-
aufgestellten Behauptung, daß die Arbeit zum ersten Lebens- anschauliche und sittliche Voraussetzungen, ist s,ie durch die
bedürfnis der Menschen wird? Diesem wäre eine selbständige Veränderung der raum-gegenständlichen und der sozialen Ar-
Abhandlung zu widmen. Ich will mich auf die Skizzierung der beitsbedingungen allein nicht zu verwirklichen. So verliert die
für unser Thema wichtigsten Vorstellungen beschränken. Vorstellung von der Entwicklung der Arbeit zum ersten Lebens-
Marx' Unterscheidung zwischen dem <<Reich der Notwendig- bedürfnis und ihre Verbindung mit dem Bestreben, die Arbeit~-
keit.>> und dem «Reich der Freiheit>> erhellt einen unaufgebbaren zeit zu verkürzen, ihren für undialektisches Denken erscheinen-
Gesichtspunkt der marxistisch-leninistischen Weltanschauung, den paradoxen Charakter. Wir wollen hierzu noch einen Text
der für die kommunistische Gestaltung der gesellschaftlichen aus den <<Theorien über den Mehrwert>>, der den angeführten aus
· Verhältnisse und der Lebensbedingungen der Menschen wesent- «Das Kapital» voq:eichnet, lesen. <<Time of labour, auch wenn
lich ist. Die Arbeit ist schon im Sozialismus Außetung und der Tauschwert aufgehoben, bleibt immer die schaffende Sub-
Form errungener Freiheit und die Beziehung zu ihr als wichtigste stanz des Reichtums und das Maß der Kost, die seine Produk-
und dauerndste Verhaltensweise zu anderen das entscheidende tion erheischt. Aber free time, disposable time, ist der Reichtum
Kriterium dcrr Entwicklung der Individuen als Persönlichkeit. selbst - teils zum Genuß der Produkte, teils zur free activity, die
Gegen Adam Smiths Ansicht, <<daß nie die Arbeit ihren Wert nicht wie die labour durch den Zw,ang eines äußren Zwecks be-
wechselt>>, imme; ein Opfer bleibt, 123 schrieb Marx: <<Allerdings stimmt ist, der erfüllt werden muß, des,sen Erfüllung Naturnot-
erscheint das Maß der Arbeit selbst äußerlich gegeben, durch wendigkeit oder soziale Pflicht, wie man will.
den zu erreichenden Zweck und die Hindernisse, die zu seiner Es versteht sich von selbst, daß die time of labour selbst da-
Erreichung durch die Arbeit zu überwinden. Daß aber diese durch, daß sie auf normales Maß.beschränkt, ferner nicht mehr
Überwindung von Hindernissen an sich Betätigung der Frei- · für einen andren, sondern für mich selbst geschieht, zusammen
heit - und daß ferner die äußren Zwecke den Schein bloß mit der Aufhebung der sozialen Gegensätze zwischen master and
äußrer Naturnotwendigkeit abgestreift erhalten und als Zwecke, men etc., als wirklich soziale Arbeit, endlich als Basis der dispo-
die das Individuum selbst erst setzt, gesetzt werden - also als sable time einen ganz andren, freiem Charakter erhält, und daß
Selbstverwirklichung, Vergegenständlichung des Subjekts, daher die time of labour eines man, der zugleich der man of disposable
106 107
time ist, viel höhere Qualität besitzen muß als die des Arbeits: men> Redensarten, sucht er dahc;r alle Mittel' auf, um sie zum
tiers.>> 125 Marx hat auch die Bedingungen bezeichnet, unter denen Konsum anzuspornen, neue Reize seinen Waren zu geben, neue
die materielle Produktionstjtigkeit «travail attractif, Selbstver- Bedürfnisse ihnen anzuschwatzen etc. Es ist grade diese Seite ,
wirklichung des Individuums sei». 126 Damit ist die Abstraktheit des Verhältnisses von Kapital und Arbeit, die ein wesentliches
der nur für bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse sinnvollen Zivilisationsmoment ist, und worauf die historische Berechti-
Entgegensetzung von künstlerischer und industrieller Arbeit in gung, aber auch die gegenwärtige Macht des Kapitals beruht.» 128
diesem bestimmten Bezug aufgehoben. <<Die Arbeit der mate- So war die machtstrategische Bedeutung der Beziehungen der·
riellen Produktion kann diesen [attraktiven, L. K.] Charakter Konsumtion bereits scharf gefaßt. Die Bedeutung dieses Fak-
nur erhalten, dadurch, daß 1) ihr gesellschaftlicher Charakter tors mußte sich unter den Bedingungen des Imperialismus und
gesetzt ist, 2) daß sie wissenschaftlichen Charakters, zugleich all- denen. seines Kampfes gegen den Sozialismus uriter den kon-
gemeine Arbeit ist, nicht Anstrengung des Menschen als bestimmt kreten Umstäqden notwendig erhöhen. Zugleich wurde und
dressierter Naturkraft, sondern als Subjekt, das in dem Produk- wird die ziv:ilisatorische Funktion kapitalistischer Konsumver-
tionsprozeß nicht in bloß natürlicher, naturwüchsiger Form, son- leitungen im Imperialismus immer stärker durch eine Eigenschaft
dern als alle Naturkräfte regelnde Tätigkeit erscheint.>> 127 Aber modifiziert, die Lenin mit dem Begriff des Parasitismus kenn-
diese Subjektivierung der menschlichen Arbeit innerhalb der ma- zeichnete. Uns interessiert das jetzt nur dahin, daß im Kapitalis-
teriellen Produktion ist immer nur annähernd zu vollziehen. Der mus die ästhetischen Wertigkeiten der industriellen Produk-
Kampf, das Ringen der Menschen mit der Natur wird ja durch . tionsbedingungep. und die der individuellen Lebensbedingungen,
die entwickelten Produktivkräfte nicht abgeschwächt, sondern völlig gegensätzlichen Charakter annahmen und formell einander
erhält auch neue, den Menschen subsumierende und gefährdende entgegengesetzten Prinzipien der Ökonomisierung gehorchen.
' Dimensionen. Das <<Reich der Notwendigkeit» und das «Reich <<Die kapitalistische Produktion, we'n,n wir sie im .einzelnen
der Freiheiti> sind zwei Pole des kommunistischen Leben; der betrachten und von dem Prozeß der Zirkulation und den Über-
Menschen, die einander bedingen und von denen jede Seite die wucherungen der Konkurrenz absehn, geht 'äußerst sparsam um
Bestimmung der anderen in sich hat. Sie können nicht als ästhe- mit der verwirklichten, in Waren vergegenständlicht~n Arbeit.
tisch konträre Raumwelten, deren eine durch die Oisziplin der Dageg<m ist sie, weit mehr als jede andre Produktionsweise,
Industrieform als Ausdruck des.Zwecks und deren andere durch eine Vergeuderin von Menschen, von lebendiger Arbeit, eine
die sich zweckfrei gebärdende Erscheinung des Ornaments als Vergeuderin nicht nur von Fleisch und Blut, sondern auch von
Ausdruck des Selbstzwecks gegenständlich bestimmt ist, verwirk- Nerven und Hirn.>>129 Das unterschiedliche Verhalten des Kapi-
licht werden. talisten ZU den Produktionsmitteln und ZU den Arbeitern er-
Während in der kapitalistischen Gesellschaft die materiellen gibt sich daraus, daß er die Produktionsmittel ganz und zeitlich
Produktionsbedingungen auf die Profitinteressen der nicht pro- unbegrenzt, vom Proletarier aber nur die Eigenschaft der leben-
duzierenden Klasse der Kapitalisten hin gestaltet werden und dig~n Arbeit und die nur zeitlich begrenzt hat. Die Maschine,
die subjektive Beziehung der Resonanz der Arbeiter auf diese die ihm in der Produktion nicht mehr dient, und die er nicht
psychotechnisch und beti:iebsklimatologisch nur soweit beachtet mehr verkaufen kann, muß er auf eigene Kosten abmontieren
wird, wie sie dem kapitalistischen Produktionsziel selbst dient, und verschrotten lassen. Die in seinem Betrieb ausgeplünderten
verlangt' die Herstellung de~ Produkte für den individuellen Proletarier verlassen nach dem Kaufvertrag selbst wiedei den
Gebrauch die strikte Beachtung der ästhetischen Reaktionswei- Betrieb und müssen ihr Arbeitsvermögen auf ihre Kosten zu re-
sen der möglichen Käufer dieser Produkte. Da ihrem Charakter produzieren suchen. Auch der invalide Prolet kostet dem Bour-
entsprechend die kapitalistische Produktion Massenproduktion geois nichts. .
ist, gewinnen die proletarischen Konsumenten fünie wachsende Der kapitalistischen Ökonomisierung · der Produktionsmittel,
Bedeutung. ·Marx zeigte, daß jeder Kapitalist zwar verlangt, ihrem Prinzip äußerster Sparsamkeit: und Disziplin der Form
daß seine Arbeiter sparen sollen, damit er den L_ohn niedrig und der Anwendung technischer Mittel, steht eine grenzenlose
halten kann, <<aber nur seine, weil sie ihm als Arbeiter gegen- Verschwendung individueller Lebensbedingungen gegenüber.
überstehn; beileibe nicht die übrige Welt der Arbeiter, denn Die Ökonomie des Kapitals ist hinsichtlich der materiellen Pro-
sie stehn ihm als Konsumenten gegenüber. In spite aller <from- duktionsbedingungen minimalistisch und hinsichtlich der indivi-
108 109
\,~,-•~?\ ~/:½:?.' ·-,i~~'i.

duellen gegenständlichen Lebensbedingungen maximalistisch. ' Notwendigkeit>>; welche in seinem Verhältnis als Klassenantago-
Hieraus ergibt sich auch, daß der gestalterische «Spielraum>>, der;; nismus gebildet und modifiziert sind, bereitwillig für die Le-
durch den profitorientierten Technizismus dem Produktions- bensbedingungen der Proletarier als phänomenalen Antagonis-
mittel entzogen, aus demselben kapitalistischen Motiv dem indi- mus zwischen ihrer individuellen Wohn- und ihrer Arbeitswelt
viduellen Gebrauchsgegenstand übertragen wird. Aber dieser dar. Erst wenn dieser das antagonistische Klassenverhältnis von
Gegensatz zwischen der ästhetischen Kultur der Arbeit und der Bourgeoisie und Proletariat vermittelnden Entgegensetzung von
ästhetischen Kultur der Freizeit, dieser Gegensatz zwischen der · Arbeit und.freier Lebenstätigkeit der empirische Boden entzogen
ästhetischen Kultur des Arbeitsraume·s und der des Wohnrau-, ist, können die Arbeitsmittel und die gegenständlichen Faktoren
mes ist nicht Außerung einer möglichen Beziehung zwischen der Tätigkeit der Menschen außerhalb der Produktion das un-
dem «Reich der Notwendigkeit" und dem <<Reich der Freiheit», teilbar freie Leben der Menschen bezeugen. ·
sondern in seinen beiden Erscheinungsformen Vermittlung der
Macht des Kapitals und der Bewegung des Elends. Weil dieser
Das Werden und die Dauer der Gegenstände
Gegensatz eine notwendige Bewegungs- und Behauptungsform
des Kapitals ist, hat der'Versuch, die Gestaltung und Bewegung Für die Untersuchung des spezifischen Charakters. der tech-
der individuellen Lebensbedingungen in einer an der kapitali- nischen, der praktischen und der primär-ästhetischen Gegen-
stischen Produktionsökonomie orientierten Weise durchzusetzen, stände erwies es sich als sinnvoll, das Maßsystem der einzelnen
r objektiv eine antikapitalistische Tendenz. Die dialektische Auf- Typen von Gegenständen näher zu erfassen. Es wurde bereits
nahme dieser Traditionen, die keine einfache Gleichsetzung gezeigt, daß in allen von Menschen geschaffenen Gegen.ständen
etwa von Industrie- und Wohnraum bedeutet und so auch nie •· wesentlich zwei Maßebenen ineinandergefaßt sind, das Maß des
vorgestellt war, ist eine Voraussetzung der Verwirklichung des Subjekts als das des Wesens des Gegenstandes und das Maß
Kommunismus. Marx betonte, daß <<die ökonomische Tendenz des Objekts als das der gegenständlichen Bedingun.gen des We-
des Kapitals ... die Menschheit lehrt, hauszuhalten mit ihren sens. Die den Gegenstand zuerst ideell antizipierende und ihn
Kräften und den produktiven Zweck mit dem geringsten Auf- dann realisierende Subjektivität ist selbst in zweifacher Hinsicht
wand von Mitteln zu erreichem>. 130 Durch die Disziplin kapita- objektiv determiniert. Zuerst darin, daß die verfolgten Bedürf-
listischer Industrialisierung ist eine neue Schönheit, die der tech- nisse, Ziele, Zwecke aus den Erfordernissen des materiellen ge-
nischen Gegenstände, Anlagen und Bauwerke selbständig vor sellschaftlichen Lebensprozesses direkt oder indirekt erwachsen,
die Sinne getreten. Ihre ästhetische Faszination steht im Wider- der subjektiv-ideellen Form der Produktion also die subjektiv-
spruch zur kapitalistischen Anwendung der Technik auf das materielle der Notwendigkeit voransteht. So ist kommunistische
Leben der Arbeiter und zu den mittelbaren Folgen dieser An- gesi;llschaftliche Praxis durch wissenschaftliche Bewußtheit be-
wendung für alle Menschen. Die vorgestellte Dämonie der Tech- dingt, ohne daß hierdurch ihr materieller Charakter aufgehoben
nik spiegelt eine wirkliche Erfahrung, aber in falscher Begriff- witd. Die Objektivität der diese Praxis formierenden spezi-
lichkeit. Für die Arbeiterklasse ist die moderne Industrie Grund- fischen Gesetze ist nicht negiert. Die Bewußtheit ist ja wesent-
lage und schließlich Mittel ihres Befreiungskampfes. Schon für lich bewußt gewordene Notwendigkeit. Aber es ist jetzt in der
den klassenbewußten Arbeiter ist die Wohnung nicht mehr illu- gesellschaftlichen Praxis so, wie es der Mensch in der materiellen
sionär als Fluchtraum vor der Macht des Kapitals vorzustellen. Produktionstätigkeit von Anbeginn erfahren hat, ,daß diese Not-
Je größer diese Illusion in der bekunsteten und modischen indi- wendigkeit erst verwirklicht werden kann, indem sie bewußt
viduellen Raum- und Gegenstandswelt erscheint, um so nach- ' wird. Zum anderen ist das Subjekt objektiv determiniert durch
haltiger und dimensionierter ist solche Individualität dem Ver- sein unmittelbares Gestaltungsvermögen, durch die Wirkungs- l;
hältnis des Kapitals unterworfen. Eine herrschende gesellschaft- kraft seiner Mittel und durch die Gestaltungsmöglichkeiten der
liche Macht wie die des Kapitals kann nur bekämpft, es kann Objektgegenständlichkeit selbst. Als Objektivation von Maßen
ihr nicht ausgewichen werden. Das Kapital ist ideologisch wie drückt jeder Gegenstand diese Beziehung von Notwendigkeit
ästhetisch sein eigener Kritiker, es zehrt von der Angst und lebt und Möglichkeit menschlichen Lebens aus.
von der Iilusion seiner partikulären oder allgemeinen Über- Die technischen Gegenstände entsprechen dem Subjektmaß,
windung. Es stellt das «Reich der Freiheit>> und das <<Reich der sofern es nicht nur nach der Seite des Wesens des Gegenstandes
IIO III
allgemein, sondern nach der Seite der an ihn gestellten Anfor- Handhabung entrückten Automaten zu werden. Durch diesen
derungen gefaßt wird, nie vollständig. Es bleibt immer ein Rest Prozeß werden die physischen Funktionen des menschlichen Or-
des im besonderen Gegenstand Unerfüllten. Hierin liegt ein Mo~ ganismus entlastet und bleiben der Hand schließlich nur wenige
ment der Produktivität des Subjekts und der Keim eines neuen Gegenstände. '
Gegenstandes, durch den der Widerspruch zwischen den An- Technische und dominant technische Geräte unterliegen wis-
forderungen des Subjekts und der Erfü1lungsfunktion des Ge- senschaftlich-technischen, natürlichen und moralischen• Ver-
genstandes auf höherem Niveau wieder reproduziert wird. schleißkriterien. Der wissenschaftlich-technische Verschleiß ist
Durch die Beschleunigung der wissenschaftlichen Erkenntnis angez~igt, wenn der Funktionswert eines technischen Systems
sind die projektierten Anlagen bis zu ihrem Einsatz in der Pro- durch ein technikwissenschaftlich ermöglichtes höherwertiges er-
duktion oft bereits «veraltet». setzbar wird. Im Grade der Beschleunigung wissenschaftlicher
Für die Erfüllung des gleichen Zwecks können technische · Erkenntnis wächst dieser Verschleiß. Obgleich die Zeitspanne
Mittel unterschiedlichen Charakters eingesetzt werden. Eine Lo- zwischen Projektierung und Einsatz eines technischen Systems
komotive kann mit einer Dampfmaschine, mit einem Elektro- selbst durch wissenschaftlich bestimmte Methoden verkürzt wer-
oder Dieselmotor, auch mit einem Düsentriebwerk angetrieben den kann, muß sich dieser Verschleißfaktor notwendig erhöhen,
werden. Wenn ein bestimmter technischer Typ seine optimale Seine V erabsolutieiung für praktische Entscheidungen würde
Entwicklungsgrenze erreicht hat oder zumindest die Vorstellung dahin führen, daß nur noch theoretisch mit möglichen techni-
besteht, daß er sie erreicht hat, kann er unter Umständen durch schen Systemen operiert würde, aber keine mehr in per Produk-
einen anderen technischen Typ gleicher allgemeiner Funktionali- tion zum Einsatz kämen. Das formelle Gegenteil des wissen-
tät ersetzt werden. Für den Benutzer des Kraftfahrzeuges ist schaftlich-technischen Verschleißes ist der natürlich-technische. Er
kein Punkt anzugeben, an dem dieses oder auch nur der Motor ist angezeigt; wenn das technische System in seiner spezifischen
voll seinen Anforderungen entsprechen könnte. Der Motor soll Funktion geminµert ist oder überhaupt versagt. Dieser Ver-
eine hohe Leistung bei geringem Kraftstoffverbrauch bringen, schleiß ist durch die Erhöhung der Reparabilität der technischen
möglichst klein, leicht und geräuscharm sowie funktionssicher Geräte und Anlagen zu verzögern. Durch die Erweiterung der
sein. Er soll wenig, im Grunde keine Pflege erfordern. Der Zeit ihres Einsatzes erhöht sich wiederum ihr wissenschaftlich-
beste Motor wäre ,kein Motor, wenn das Auto trotzdem fahren technischer Verschleiß. Der Widerspruch zwischen diesen Ver•
. würde. Wir gehen hier selbstverständlich von dem <<normalen •> schleißkriterien findet seine Lösung und Reproduktion in einer
Nutzer technischer Mittel aus. Kapitalgruppen, die von der Her- Bewegung der materiell-technischen Basis der Produktion, die
stellung und vom Vertrieb von Treibstoff profitieren, haben dem moralischen Verschleißkriterium gehorcht. Wie überhaupt
hierzu wie die kapitalistischen Initiatoren der Erzeugung von ist die Moral .auch hier streng klassenmäßig und formationell
Automobilen eigene Vorstellungen. Aber davon soll zunächst bestimmt. Dieses moralische KdteriUt11 ist für die kapitalistische
abgesehen werden. Für unseren normalen Nutzer, .dessen gege- i Produktionsweise das der Profitabilität. Es führt zu einer wach-
bene Vorstellung selbst idealisiert und nur begrenzt theoretisch senden Differenzierung des. technischen Niveaus in den einzel-
wertig ist, zeigte sich, daß zwar nicht der einzelne technische nen kapitalistischen Ländern, vor allem aber innerhalb des ka-
Gegenstand, aber der einzelne funktionelle Typ des Gegenstan- pitalistischen Weltsystems. Das moralische Verschleißkriterium
des unabschließbar ist. Wenn auch im einzelnen widerstrebend, der sozialistischen Produktionsweise ist durch den bereits kom•
hat ja nicht zul~tzt das Kapital das erst voll transparent werden munistischen Produktionsinhalt des Sozialismus bestimmt. Sein
lassen. Es sind die Unendlichkeit der Natur und die Unab- Zentrum ist die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit.
schließbarkeit menschlichen ~Werdens, die den technisch~n Weil die Entwicklung der materiell-technischen Basis' des So-
Gegenstand keine dauernde Grenze finden lassen. zialismus auch wesentlich auf die progressive Veränderung der
• Durch die Entwicklung der industriellen Technik differen- Arbeitsbedingungen der Werktätigen gerichtet ist und der Min-
zieren sich die' praktischen Gegenstände in einfache und in .tech- derung und letztlich der Aufhebung dem Sozialismus charak-
nisierte. Die technisierten praktischen Gegenstände haben die teristischer klassen- und klassen-schicht-spezifischer Unterschiede
,1 Tendenz, sich überhaupt der Handhabung zu entziehen, zu do- dient, i:nuß sie zur Vereinheitlichung des technischen Entwick-
.! minant technischen Geräten ung schließlich zu funktionell jeder lungsniveaus der einzelnen sozialistischen Länder und innerhalb
112 8 Kühne, Gegenstand
113
l

des sozialistischen Weltsystems führen. Der komplexe Charakter diese zugleich die Möglichkeiten erweitert, auch die zeitliche
des moralischen Verschleißkriteriums ist selbstverständlich auch Gebrauchseigenschaft diese{ Lebensbedingungen zu erhöhen.
hier durch den Widerspruch von wissenschaftlich-technischem Das ist ein wichtiger Orientierungspunkt kommunistischer Pro-
und natürlich-technischem Verschleiß festgelegt.• duktionsökonomie, die sich entfaltet in keinen individuellen
Für den moralischen Verschleiß technischer Geräte und An- Lebensprozessen durchsetzen kann, welche die Lebensbedingun-
lagen innerhalb der materiellen Produktion kommen ästheti- 1 ,, gen vergeuden. Auch die Verschleißkriterien technischer Geräte
sehe Faktoren kaum in Betracht. Aber vermittelt über das mo- des individuellen Lebens sind nicht einfach mit denen innerhalb
ralische Verschleißkriterium technischer Systeme erhält bereits der Produktion gleichzusetzen. Die kommunistische Konzeption
hier die wissenschaftlich-technische Konstruktionsaufgabe eine des moralischen Verschleißes von technischen Produktionsbe•
klassenmäßige gesellschaftliche Einstellung. Das technische dingungen ist notwendig a:uf die Gesellschaft und auf die ge-
System wird bereits auf seinen gesellschaftlich normierten Ver- sellschaftliche Gesamtarbeit bezogen. Aber das Verschleißkri-
schleiß hin aufgebaut. Was als natürlicher Verschleiß erscheint terium dominant technischer Geräte für den individuellen
und formell ja auch ist, erweist sich im wachsenden Maße als Gebrauch hat in besonderer Weise auch die Möglichkeiten und
Ausdruck einer gesellschaftlichen <<Einstellung>> des sich dem Ge- Erlebnisdimensionen individueller Identifikation mit dem Ge•
brauch versagenden technischen Gegenstandes., · genstand zu berücksichtigen. Die Inspiration wissenschaftlicher
Für die Durchsetzung der kapitalistischen Verschleißkonzep- Arbeit für solche Ziele ist eine Bedingung der Verwirklichung
tion der Gegenstände des individuellen Gebrauchs erhielten des Kommunismus, in der ökonomische, ökologische und per•
ästhetische Vermittlungen bestimmende Be'deutung. Profitorien- sönlichkeitsfördernde Erfordernisse als Einheit begriffen .wer.
tiert und damit vom schnellen Absatz stets gesteigerter Produk- den können. ·
1 tion abhängig, erwies sich der bloße praktisch-funktionelle Eine solche Weise des Aufbaus und des Gebrauchs von Le-
Defekt als Mittel, den Individuen die angeeigneten Gegenstände bensbedingungen hat selbstverständlich Voraussetzungen, die
wieder zu entziehen, um sie nach neuen bedürftig zu machen, durch_ den Sozialismus erst voll herausgearl;>eitet werden müssen.,
als zu denunziativ und so innerhalb der Konkurrenz nicht Das betrifft vor allem die Entwicklung der materiell-technischen
durchzusetzen. Die Nutzer der dominant technischen und prak- Basis und das Entwicklungsniveau der gesellschaftlichen Ver•
tischen Lebensbedingungen mußten zu diesen eine dominant hältnisse.
ästhetische Haltung einnehmen, um sie zu befähigen, sich wil- Für die Durch.setzung einer ·neuen Beziehung der Menschen
lentlich und genußvoll technisch, und praktisch noch wertiger zu ihren praktischen räumlichen und gegenständlichen Lebens-
Gegenständlichkeit zµ entledigen. Wir werden auf diesen Pro- bedingungen ist die Überwindung des formell ~unstästhetischen
zeß, den ich mit dem Begriff «Bekunstung>> gekennzeichnet habe, Verhaltens zu diesen eine Voraussetzung. Wenn die Aufgabe
noch zurückkommen. In den Dingen des praktischen Gebrauchs '· der Herausbildung tieferer und auch langzeitigerer Beziehungen
hat der Mensch in ganz unmittelbarem, anschaulichem und be- der Menschen zu ihren individuellen Lebensbedingungen als
greifbarem Sinne sich auch selbst." Sie bilden die Fortsetzung und , komplexes Erfordernis ihres künftigen Lebens auf dieser Erde
Erweiterung seines organischen Daseins. Wie das Kapital sie und zugleich als Form gesellschaftlicher Progression gestellt ist,
ihm zivilisiert und pervertiert, das jeweils besondere Ding ihm bedeutet das keine Herstellung einer solchen Verharrungskraft
entrissen hat, um ihm zwanzig andere dafür aufzudrängen, ha- von Gegenständlichkeit, welche die Individuen antiquiert, sie
ben ·die Menschen in der sozialistischen Gesellschaft ihre Ge- in der praktischen Gebrauchs- und in der ästhetischen Wahr-
genstände zu gewinnen. Und die gewonnene Dauer ihrer Ge- nehmungsweise von der Dynamik ihres Zeitalters absondert.
genstände wird zu einem wesentlichen Moment ihrer Freiheit, Denn diese Beziehung der Menschen zur bestimmten Gegen-
der Ruhe ihres Gemüts und der Stärke ihres Charakters. ständlichkeit erwächst nicht mehr aus bornierter Familiarität,
Mit Ausnahme der technischen Geräte unterliegen die Ele- sondern aus ~inem menschheits- und weltoffenen praktischen,
mente der individuellen Lebensbedingungen nicht der Komple- ästhetischen und geistigen Verhalten.
xität technischer Verschleißkriterien. Während im Prozeß der Technische und praktische Gegenstände sind in ihrer bestimm-
wissenschaftlich-technischen Revolution die Umschläge der tech-: ten Funktionsfähigkeit endlich. Das Kunstwerk ist ein unend-
nischen Produktionsbedingungen verkürzt werde,n, sind durch licher Gegenstand. Seine Dauer ist an die der Menschheit ge-
8*
114 II 5
knüpft. Diese Bestimmung des Kunstwerks ist allerdings nach <<der Kunst bekannt, daß bestimmte Blütezeiten derselben
verschiedener Hinsicht einzuschränken. Bis auf einige sprach- keineswegs im Verhältnis zur allgemeinen Entwicklung der Ge-
liche Kunstwerke, die innerhalb gewisser Grenzen im Gehirn sellschaft, also auch der materiellen Grundlage, gleichsam des
der Menschen gespeichert und durch bloße lautsprachliche Kom- Knochenbaus ihrer Organisation, stehn.» 132 «Ist Achilles möglich
munikation vermittelt wurden oder auch noch vermittelt werden mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die <Iliade> mit der Druk-
können, und, hiermit vergleichbar, bestimmte musikalische For- kerpresse oder gar Druckmaschine? Hört das Singen un~ Sagen
men ist jedes Kunstwerk ein materieller Gegenstand, dessen und die Muse mit dem Preßbengel nicht notwendig auf, also
kunstrelevante Eigenschaften dem natürlichen Verfall ausgesetzt verschwinden nicht notwendige Bedingungen der epischen Poe•
sind, der verlegt, vergessen und auch zerstört werden kann. Als sie?i> 133 Letztes wollen wir als Frage übernehmen,. ohne uns jetzt
Folge veränderter Werthaltung können Kunstwerke auch ab- hierauf einzulassen. Wenn Marx aufforderte, den «Begriff des
gestellt werden und die Kunstleistungen ganzer Perioden un- Fortschritts nicht in der gewöhnlichen Abstraktion zu fassen» 134,
beachtet bleiben. Aber auch in umgekehrter Weise können ·die war diese dialektische Auffassung der Geschichte durch die Ge-
Werke aus ihrem Schattendasein wieder hervortreten und nicht schichte selbst erklärt. «Die Schwierigkeit besteht nur in der all-
nur als Gegenstand eines historischen Interesses, sondern als gemeinen Fassung dieser Widersprüche. Sobald sie spezifiziert
Mittel aktueller Kämpfe und künstlerischer Selbstvorstellungen werden, sind sie schon erklärt.» 135 Diese Vorstellung von Ge-
von Menschen wirken.· schichte erhellt zugleich, daß jedes Fortschreiten auch Abschied
Im Unterschied zu den technischen und praktischen Gegen- ist. Das ist zwar eine für verschiedene Situationen menschlichen
ständen sind die künstlerischen Gegenstände wesentlich Träger Lebens sehr unterschiedlich wertige Aussage, und wir werden
von Informationen. Im Ergebnis der neuzeitlichen Entwicklung sie nicht als Motiv der Verweigerung menschlichen und gesell-
der Weltanschauungen erhöht sich das Interesse der Menschen schaftlichen Fortschreitens 'mißbrauchen. Denn das Bleiben ist
an ihrer Dauer entsprechend der Höhe ihres Alters. Das gilt nioht die Dauer des Werts, den die Entwicklung aufhebt; son-
auch für die Beziehung zu technischen und praktischen Gegen- dern nur seine ordinäre Negation. Mit dem Sozialismus ist zwar
ständen, aber mit dem Unterschied, daß letztere aus ihrer enge- der zwiespältige Charakter gesellschaftlichen Progresses in den ,
ren Funktionalität herausgelöst bleiben und bloß .museal wer- antagonistischen Klassengesellschaften aufgehoben. Aber damit
den, während die museale Aufstellung alter Kunstwerke ihre gewinnt diese Dialektik des Fortschritts erst ihre volle Aus-
Refunktionalisierung ermöglicht. Daß diese Funktionalisierung prägung.
nicht die Bedeutungen einfach reproduziert, die aus dem ur- Im Kommunismus verwirklicht sich die Kontinuität der
sprünglichen Verhältnis dieser Werke erwuchsen, sondern solche Menschheitsgeschichte. Alles Denken und künstlerische Gestal-
des aufnehµienden Verhältnisses bildet, soll als selbstverständ- ten, welches Momente der Existenz und der En'twicklung der
lich gelten. Menschheit zu dieser Perspektive hin erfaßte und zu sichern
Die historische Evolution der Kunst ist wertcharakteristisch ,{ suchte, ist Teil seiner Geschichte. Die Festlegung, was der
anders als die der technischen und praktischen Gebrauchswei- ' Me1,1sch sein soll, ist das Ergebnis der ganzen Geschichte. Das
sen. Während sich einige praktische Verhaltensweisen und ihre durch die Entwicklung der Wissenschaft bewirkte Angebot tech-
Gegenständlichkeit in der Zeit von Jahrtausenden nur gering- . nischer Mittel ist so qualifiziert, daß es die Frage nach dem
fügig modifizierten, setzte und setzt sich in der Veränderung 1 1 Bild des Menschen zwingend provoziert. Erstmalig seit Jahr-
der technischen und der technisch-praktischen Gegenständlich- ' tausenden sind jetzt die Mittel so mächtig, daß mit ihnen das
keit eine unschwer zu belegende Tendenz der• Qualifizierung : menschliche Leben auf dieser Erde überhaupt ausgelöscht wer- ,
durch. Solches kann für die KuQ.st nicht vorausgesetzt werden. den lcann. Und hierzu stehen zugleich unterschiedliche Möglich-
Marx wies bereits darauf hin, daß innerhalb der Kunst <<selbst , keiten zur Verfügung. In besonderer Weise erscheint die der
gewisse bedeutende Gestaltungen derselben nur auf einer un-~ militärischen Vernichtung. Durch 'genetische Methoden könnten
entwickelten Stufe der Kunstentwicklung möglich sind>>. 131 Er ti Menschen zu Wesen umgebildet werden, die schon biologisch
kritisierte die Vorstellung, daß tlem Niveau der materiellen" nicht mehr als Menschen zu begreifen sind. Aber die durch
Produktivkräfte und dem der gesellschaftliche(} Verhältnisse das Wissenschaft erschlossenen Möglichkeiten müssen nicht mutwil-
der Kunstentwicklung notwendig entsprechen mü~se. Es ist bei lig gegen Menschen gerichtet werden, um ihr Leben zu gefähr-
n6 u 7
/') 1'
'l''C: ,0>f"·, ~:, \, ,1,-t •:-:,~R~;;.-4!l1t•ft\41;\!-~);:h,:\WJJ!I

den, ihre Lebensbedingungen aufzuheben. Es genügt schon ihr II. Der Stil
blinder oder ihr begriffener, aber durch Privatheit und Kon-
kurrenz erzwungener Gebrauch. Wie sich die Menschen durch
Wissenschaft und Technik immer weiter aus der Natut" heraus-
arbeiten, müssen sie, um sich nicht zu vernichten oder zu ver-
lieren, ihr Menschsein zugleich um so tiefer in der Menschheits-
geschichte begründen. Hierzu ist alle von dieser Geschichte
zeugende Wirklichkeit bedeutsam, die der Kunst in besonderer
Weise. Das künstlerische Erbe ist nur durch die Kunst unserer
Zeit zu erschließen. Die Unendlichkeit des Kunstwerks - und
das ist die Unabschließbarkeit seines Gebrauchs - ist an die Der Begriff und die theoretische Problematik des Stils sind be- ,
Bewegung des Kommunismus, an den Kampf der Arbeiterklasse sonders innerhalb der Kunstwissenschaft entwickelt worden. J
und an das Wirken ihrer marxistisch-leninistischen Parteien ge- Die Verfolgung stiltheoretischer Gesichtspunkte dient hier ein-
mal der weiteren Konkretisierung der Vorstellung vom Ästhe-
knüpft.
tischen und dann der näheren Betrachtung der Beziehung
einzelner Gestaltungstypen im System der räumlichen· und ge- -
genständlichen Lebensbedingungen der Menschen. Hiermit ist
indirekt die Frage berührt, wieweit und ob überhaupt die Deter-
minanten einer bestimmten stilistischen Einstellung alle Bezie-
hungen eioer ästhetischen Kultur beeinflussen. <<Der Stilbegriff»,
schrieb Josef Gramm, <<bisher ein Reservat der Ästhetik und
der kunstwissenschaftlichen Forschung, läßt sich ohne weiteres
auf alle Gebiete schöpferischer For1T1gestaltung übertragen.» 136
Der Ausgangspunkt bleibt hier immer der kunsttheoretische
Stilbegriff. Aber der Versuch, die Stilphänomene übergreifend
' in Bereichen wie der Bekleidung, der T~chnik, der Sprache, der
praktischen Gebrauchsgegenstände, der Kitsch- und der Kunst-
gegenstände zu untersuchen, würde vielleicht auch für die kunst-
theoretische Auffassung des Stils zu wichtigen Ergebnissen
führen. Hierzu wäre notwendig, noch die stilistischen Eigen-
schaften der räumlichen Lebensbedingungen und die der un-
mittelbaren V crhaltensformen der Menschen zu fassen.
Die stilistischen Formierungen der Lebensbedingungen und
der Lebenstätigkeit der Menschen können sich nur in der Ebene
ästhetischer Gestaltdeterminiertheit ausdrücken. Im
Stil werden
die invarianten psychischen Einstellungen eines gesellschaftli-
chen Subjekts objektiviert, sofern sie das Allgemeine seiner
Situation reflektieren. Hierbei wird davon ausgegangen, daß
der Stil nicht mit der besonderen Formsprache der Kunst iden-
tisch, sondern eine allgemdnere Form ihrer Organisation ist.
Die besonderen Formsprachen der Kunst, wie Romanik, Gotik
und andere, sind Gestaltmodi, in denen sich un.terschiedliche
stilistische Einstellungen äußern können. Die Unterscheidung
von Stil und Modus hat Jan Bialostocki aufgenommen. 137 Wäh-
l 19
')-' ,~ '

rend die stilistische Einstellung in dem Sinne objektiv ist, daß des Stils verständlich. Besondere psychische Zustände, etwa der
sie nicht gewählt werden kann; erweist sich der Gestaltmodus Freude oder der Trauer, reflektieren die Individuen rational.
innerhalb gewisser Grenzen, die in der historischen Entwicklung Aber daß sich in unterschiedlichen emotionalen· Zuständen zu- '
unterschiedlich gefaßt sind, als auswechselbar. Insofern kann gleich ein und dieselbe allgemeine emotionale Einstellung aus-
von einem <<gotischen Barock>> gesprochen oder nach dem Rokoko drücken kann, bleibt ihnen verborgen.
des ausgehenden 19. Jahrhunderts gefragt werden. Die Termini Hieraus ergibt sich, daß die stilistischen Eigenschaften von
«Barock» und <<Rokoko>> stehen hier für stilistische Einstellungen, Kunstwerken innerhalb der gleichen stilistischen Gruppe von
womit die zuvor berührte Differenzierung zwischen dem Stil diesen keine Zeichenfunktion erhalten .. Sie wirken zwar ästhe-
und dem Modus unterstellt und die Problematik des stiltheore- tisch, sind die eigentliche Grundlage der ästhetischen. Konsti-
tischen Vokabulars schon sichtbar geworden ist. tuierung dieser 1Gegenstände, werden aber nicht bewußt als
Es wird also davon ausgegangen, daß es in der gesellschaft- •eigene Gestaltwerte wahrgenommen und dechiffriert. Das ist
lich relevanten Emotionalität der Individuen eine Allgemein- ein sehr wesentlicher Unterschied gegenüber der Wahrneh-
heit gibt, die als psychischer Ausdruck des Allgemeinen ihrer mung von Zeichen und deren syntaktischer Organisation. Zei-
Situation zu begreifen ist und derep. materielle Außerung als chenfunktion erhalten die stilistischen Gestaltwerte erst, wenn
Lebenstätigkeit oder deren Objektiv'ation als Gegenstand oder sich ein Subjekt, Individuum, Klasse, Volk, mit einem anderen
Raum die Eigenschaft des Stils ist. Wie sich die Allgemeinheit vergleicht und hierbei die stilistische. Differenz erlebbar wird.
der Emotionalität immer in besonderen Emotionen durchsetzt,
bildet sich die Eigenschaft des Stils nur in den verschiedenen I'
Bedeutungsebenen ästhetisclier Objekte. 1. Gesellschaftliche Determiniertheit des Stils
Den Stil im engeren kunsttheoretischen Sinne können wir
zunächst als eine spezifische Organisation der Zeichen einer be- Zur Erörterung der Beziehung der gesellschaftlichen Deter-
stimmten künstlerischen Sprache auffassen. <<Der Zeichenbe- mination des Stils wollen wir uns auf den tektonischen Gestalt-
griff>>, schrieb Michael Franz, <<läßt sich_ auf Kunstwerke nur wert ästhetischer Objekte beziehen. Dieser ist selbstverständ-
anwenden, wenn wir die sinnliche Unmittelbarkeit des Kunst- lich nur als eine Eigenschaft des Komplexes stilrelevanter
werks in ihrem Gestaltwert .erfassen und der Zeichenfunktion Gestalteigenschaften zu begreifen und nur durch diesen reali-
nicht instrumental unterordnen ... >> 138 Uns soH hier nur eine siert. Wölfflin schrieb: <<Zunächst ist der tektonische Stil der
bestimmte Eigenschaft künstlerischer Zeichen interessieren, die Stil d·er gebundenen Ordnung und der klaren Gesetzmäßigkeit,
als ästhetisch relevant zu denken ist. Jedes ikonische Zeichen der atektonische dagegen der Stil der mehr oder weniger ver-
ist mit prägnanten Vorstellungsbildern korelliert. Hierbei kann hehlten Gesetzmäßigkeit und der entbundenen Ordnung.>> 139
der Abstraktionsgrad des Zeichens so weit getrieben sein, daß Die tektonischen Eigenschaften sind zuerst als auf das Kör,,-
sich die ikonische Bedeutung erst über konventionelle Festle- perempfinden der Menschen bezogen vorzustellen. Im ästhe-,
gungen erschließt. Die Eigenschaften ikonischer Zeichen, die tischen Erleben von Bauwerken sind die Individuen zu diesen
nicht nur mit bestimmten Vorstellungen, sondern zugleich mit 11 auch körperlich in Beziehung gesetzt. Das Wahrnehmungsbild
bestimmten Emotionen korreliert sind, werden als ,ästhetisch der tektonischen Struktur beeinflußt ihr eigenes Körperverhal-
relevant vorgestellt. Die Allgemeinheit dieser ästhetischen Re- ten und Körperempfinden. Im der Architektur gemäßen Erle-
levanz ist die Eigenschaft des Stils. So ist erklärt, warum Kunst- ben ist das tektonische Gefühl mit dem kinästhetischen in sym-
werke, die über ganz unterschiedliche Zeichen verfügen, der metrischer Beziehung, weil die Architektur' nicht so sehr eine
gleichen stilistischen Gruppe zugehören und andere mit gleicher verharrende Statuarik des Betrachters als vielmehr Bewegungs-
Syntax und gleichen Zeichen voneinander stilistisch unterschie- , abläufe organisiert. Aus diesem Grunde ist, wie Brinckmann es
den sein können. Der Künstler ist sich seiner Au~drucksmög-. ~, auffaßte, das <<Primäre alles architektonischen Gestaltens ..•
lichkeiten in Zeichen und deren syntaktischer Organisation als das Raumgefühl, das wiederum seinen Ursprung in der Empfin-
Bild immer mehr oder weniger bewußt, aber die Ebene der dung des Menschen für seine Körperlichkeit hat>>. 140
stilistischen Organisation kann seinem Bewußtsein durchaus Zwis.chen der Entgegensetzung von Tektonik und Atektonik
verborgen bleiben. Das wird auch durch die psychische Basis liegt nun die Skalierung tektonischer Werte selbst. Sie soll hier
120 121
-,(Y<.J..,l':};of,,/:'t~I'\:' ,,,,,.;;,, iv:: •,- /'""°; -':":, "('.'.-'!~',: ,n.~,' i:·~{..~:·:'fr,- -" .,4,~ 3,f:, •: ;--!Ji0 \¾i)WMJJ

nur einfach als die innere Polarisierung des Tektonischen in schon in der geometrischen Vase, der unfigürlichen Gestalt des
eine betonte und in eine gelöste Tektonik gedacht werden. Es Gerätes, sich das architektonische Prinzip der griechischen
ist nun leicht zu belegen, daß in der Entwicklung vieler ästhe- Kunst als zeugungskräftig genug erwiesen hat, um die tektoni-
tischer Kulturen eine Bewegung von einem betont tektonischen sche Form mit Haltung und Leben zu füÜen. Deshalb hätte
Ansatz hin zu einer gelösten oder gar atektonisch verkehrten in den steingebundenen Formen der Architektur eine Entwick-
Tektonik vollzogen ist. Das könnte zunächst technizistisch der- lung aus dem schon dynamisch belebten Block heraus zur
art interpretiert werden, daß frühen Gesellschaften zuerst nicht menschlichen Gestalt nicht Überwindung des Archaischen, son-
die Mittel zu differenzi~renden ästhetischen Gestaltungen ihrer dern Aufhebung der Architektur bedeutet. Dazu kommt, daß
11;
Bauwerke zur Verfügung standen. So könnte die Veränderung in der Architektur auch die technischen Bedingtheiten über das
der architektonischen Auffassung und Bildung der Baugestalt, Formale hinaus eine Rolle spielen und einen Konservatismus
wie sie sich von der frühen Romanik bis zur Hochgotik beson- begünstigen, der in der Baukunst i~mer stärker ist als in den
ders im Kirchenbau abzeichnet, gewissermaßen als das bloße darstellenden Künsten.» 141 Selbstverständlich war die Archi- ._,aj
Ergebnis der Entwicklung der Bautechnik und der baukon- tektur aus den stilistischen Entwicklungen nicht ausgeschieden,
struktiven Kenntnisse und Fähigkeiten erklärt werden. Hierauf • und die Überlegungen Hamanns können vielleicht noch dahin
wollen wir uns jetzt nicht einlassen. Aber durch eine solche ver- ergänzt werden, daß der Gestalttyp bestimmter Gegenstände
einfachte Fassung des Zusammenhanges von technischen Mitteln auch besonders durch das kultische Bewußtsein fixiert sein kann.
und ästhetisch relevanten Gestaltcharakteren ist nicht zu erklä- Für die Erklärung stilistischer Entwicklungen ist auch zu be-
ren, warum die Frührenaissance wieder mit tektonisch betonter achten, daß innerhalb einer Kultur durch die dem ästhetischen
Baugestalt ansetzt und deren tektonisches System dann im Ma- gestalterischen Schaffen überkommenen stilistischen Haltungen
nierismus atektonisch verfremdet wurde. Der Zusammenhang bereits eine bestimmte Richtung und Logik der weiteren Be-
zwischen den gegensätzlichen stilistischen tektonischen Haltun- wegung des Stils gesetzt ist. Um bei der hier isolierten Eigen-
gen zu dem unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungs- schaft des Stils zu bleiben: Eine betont tektonische Haltung als
niveau sozialer Subjekte konnte selbstverständlich nicht ver- Ausgangspunkt möglicher Veränderung vorausgesetzt, kann sich
borgen bleiben. Er wird dort besonders sichtbar, wo sich 1 der stilistische Prozeß nur in Richtung auf eine gelöste Tektonik
stilistische Entwicklungen ohne starke äußere Einflüsse, vollziehen und diese kann im besonderen Falle noch atektonisch
getragen durch ein gesellschaftliches Subjekt, vollzogen. So kön- gewendet werden. Aber hierüber hinaus geht es nur wieder zu-
nen Fragmente antiker griechischer Tempelarchitektur nach der rück. Selbstverständlich könnte der Übergang vom Endwert
Bemessung ihrer Proportionen und der Strukturen ihrer Glie- 1 des Tektonischen zu einem Mittelwert desselben hin erfolgen.
derung mit großer Sicherheit datiert werden, weil die stifoti- Aber es ist psychologisch einsichtig, daß dieser Übergang in der
schen Prozesse nur gering irritiert waren. Regel als Umschlagen von einem Extrem in das andere erfol-
3 In der Vermittlung der stilistischen Bewegung einer Kultur gen wird. Die Bewegung von einem Wertpol des Tektonischen
kommt den einzelnen gestalterischen Ausdrucksformen zwar zum anderen kann nun durch den Gesichtspunkt der psychisc;hen
eine unterschiedliche Rolle und Beweglichkeit zu, sie ist aber Übersättigung und der informationellen Kapaiitätserfüllung
dennoch ein Prnzeß, der sich in allen ästhetisch relevanten Ge- interpretiert werden. So erscheint der gesamte' Prozeß der sti-
staltungsebenen durchsetzt. Richard Hamann hat das für die . listischen Bewegung hinreichend individualpsychologisch er-
griechische Kunst bemerkt. <<Am deutlichsten tritt der ionische ~ ! klärbar. Aber hierdurch bleiben noch zwei Aspekte unerschlos-
Charakter in der Architektur und dem Verhältnis der Skulptur · sen. Das ist einmal die unterschiedliche zeitliche Eigenschaft
zur Architektur in Erscheinung. Der griechische Tempel ist der stilistischer Bewegungen und zum anderen die historische Cha- '
dorische, der so früh eine kanonische, sich kaum wandelnde i rakteristik ihrer Ansatz- und Endpunkte.
Form ·erhält, daß es schwer ist, die Entwicklungsmomente, die Es ist unschwer zu belegen, daß die übergreifenden stilisti-
sich in der archaischen Plastik und Malerei zeigten, auch in der schen Veränderungen mit der Entwicklung einzelner Gesell-
Architektur aufzuweisen, ja überhaupt eine archaische Form des schaftsformationen verbunden sind, die Früh- und die Spät-
griechischen Tempels von der klassischen trotz unleugbarer Un- phase eines Stils unter Umständen sogar direkt mit der Früh-
terschiede grundsätzlich zu schei9:en. Das ist begreiflich, da ja und Spätphase der Entwicklung einer Gesellschaftsformation
122 123
korrespondieren. In der Geschichte der Sklavenhaltergesell- einer betont tektonischen zu einer gelöst tektonischen Haltung.
schaften, deren ästhetische Kulturen, sofern sie vergegenständ- Die Zwischenwerte sollen auch hier vernachlässigt werden.
licht und so überliefert sind, weitgehend nur durch ein Klassen- Selbstverständlich ist durch diese Formalisierung noch keine
subjekt bestimmt waren, wird dieser Zusammenhang besonders wirkliche Geschichte begriffen, aber sie ist ein Ansatz hierfür.
deutlich. Nun spiegelt sich in die&er Bewegung des Stils nicht die Auch der Versuch, hiervon gewisse ~tilregeln für die Entwick-
Entwicklung einer Gesellschaftsformation an sich, sondern die lung der ästhetischen Kultur der Arb~iterklasse und für die der
gesellschaftlicher Subjekte. Die stilistische Eigenart und Bewe- kommunistischen Gesellschaftsformation abzuleiten, wäre, be-
gung individueller Subjekte ist nur in deren Beziehung zu der zogen auf die gesetzten theoretischen Voraussetzungen, sinn-
gesellschaftlicher Subjekte zu begreifen. Der individualpsycho- widrig. Ein Stil kann überhaupt nicht gewählt werden, wer da-
logische Gesichtspunkt ·der Erklärung stilistischer Prozesse ist nach strebt, klammert sich immer nur an überkommene Gestalt-
nicht abgewiesen, aber er erweist sich erst als durchgeführt, modi, kann sich romanisch, gotisch, i;enaissancistisch, barock
wenn erkennbar wird, wie sich in den Mechanismen des Psy- oder klassizistisch ausdrücken, Stil hat er so nicht.
chischen gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit vermittelt 'und wie Und nicht zuletzt ist der wichtige Umstand zu beachten, daß
das bestimmte psychische Reagieren selbst gesellschaftlich be- i die herrschende Arbeiterklasse im Sozialismus eine völlig an-
stimmt ist. Schließlich soll bemerkt werden, daß die hier zu- dere historische Perspektive hat als alle anderen ,herrschenden
nächst vorgestellte Entwicklungsweise stilistis.cher Prozesse mo- Klassen, die ihr vorangegangen sind. Adolf Max Vogt hat in
difiziert erscheinen muß, wenn annähernd gleich kulturell der Arbeit <<Russische und französische Revolutionsarchitektur.
ausdrucksfähige gesellschaftliche Subjekte zusammen- und r 917 1789 •> architektonische Ausdrucksformen der französischen
aufeinander wirken. So ist die ästhetische Kultur der Renais- bürgerlichen mit denen der ersten sozialistischen Revolution.
sance zwar durch das bürgerliche Element bestimmt, aber auch verglichen. Diese sogen·annte französische Reyolutionsarchitek-
durch das feudale, das sie dann im Manierismus aufhob, beein- tur ist in ihrem Wesen eigentlich nicht mehr bürgerlich, weil
flußt. Das in d~r feudalen Klassengeschichte beruhende Barock sie den abstrakten Geometrismus der klassizistischen Architek-
griff auf die bürgerliche Kultur und teilweise auch auf die tur radikal setzt, indem die historische Gewandung abgeworfen
bäuerliche Volkskultur über, und der im Wesen bürgerliche ist. Vogt reflektiert das durchaus, <<Die Avantgarde, wie sie
Klassizismus entwickelte sich nicht zuletzt unter feudalem Mä- ·.~ sich in der Zeit der französischen und der russischen Revolution
zenatentum. Es ist das die suggestive Kraft des Stils, die ihn · formuliert, ist eine Architektur der Hoffnung - Hoffnung auf
so als .Zeitstil erscheinen läßt, was er allerdings in gewisser Hin- Veränderung, auf Verbesserung des menschlichen Zusammen-
sicht ~uch tatsächlich ist. Aber das soll uns nicht übersehen lebens. Der klassizistische Umschlag, wie er hierauf folgt, pro-
lassen, daß stilistische Einstellungen in den Klassengesellschaf- duziert eine Architektur der Erinnerung ... »142 Die bodenflüch-
ten nicht in der Gesellschaft allgemein, sondern in der Bewe- · tige ästhetische Wirkung sowie die kosmologischen und utopi-
gung einer bestimmten Klasse und erst über deren Vermittlung . sehen Bedeutungen, die Vogt in beiden Architekturen erkannt
auch in dem W echselverhäitnis der Klassen gegründet sind. hat, stehen in unterschiedlicher Beziehung zu den Interessen der
Wenn es zwischen archaischer, romanischer urid klassizistischer Bourgeoisie und zu denen der Arbetterklasse. Und für die Be-
Architektur wesentliche stilistische Übereinstimmungen gibt, so wertung der tektonischen Eigenschaften dieser Architekturen
drückt sich darin die objektive Gemeinsamkeit der Situation der muß bedacht werden, daß für die Individuen dieses Jahrhun-
sie tragenden gesellschaftlichen Klassen aus. Die Sklavenhal- '. derts völlig neuartige formelle Beziehungen als Grundlage tek-
ter, Feudalen und Kapitalisten waren in dieser Phase ihrer · tonischer Erfahrungen gegeben sind. Daß die Verengung einer
Klassengeschichte die notwendigen Repräsentanten des gesell- Gestalt nach unten tektonisch funktioniert, hatten die Menscht:n
schaftlichen Progresses, ihre gesellschaftliche Situation war hier an sich selbst schon immer vor Augen, aber die Umkehrung
perspektivisch und ihre Emotionalität mußte aktivistisch sein, der tradierten Gestaltwerte von Tragen und Lasten war erst
tim sie zu befähigen, ihre geschichtliche Möglichkeit zu erfüllen. durch technische Konstruktionen konsequent vollzogen und
Dem Aktivismus revolutionärer Ausbeuterklassen steht der · wirkte von hier auf die Wahrnehmungsweise.
tendenzielle Hedonismus ihrer Endzeit entgegen. Das ist ein ! Die Beziehung des Stils zu den psychischen Existenz- und
· Gesichtspunkt zur Erklärung des stilistischen Übei,gangs · Entwicklungserfordernissen gesellschaftlicher Klassen wird
~

124
125
weitgehend durch Individuen vermittelt, die materiell nicht in Eine gesellschaftliche Klasse wirkt aber nicht nur durch ihre
der Situation der Individuen der Klasse sind, deren ästhetische politische oder ökonomische Macht auf die Kunst, sondern auch
Bewegungsform sie produzieren und reproduzieren. Das soll durch die in ihrer Geschichte und in ihren Intei;essen gefaßten
am Beispiel der Kunst gezeigt werden. Der Stil ist, wie im <<Le- Werte, durch den Magnetismus des Inhalts. «Wenn es für meine
xikon der Kunst» dargeli.gt, <<gleicherweise dynamisch zu fas- Klasse>>, schrieb Brecht, <<(die bürgerliche) noch irgendeine Mög-
sen als Prozeß, als unaufhörliche individuelle· und vergesell- lichkeit gegeben hätte, die auftauchenden Fragen gründlich zu
schaftete Arbeit am künstlerischen Zeichenrepertoire einer Zeit, lösen - ich bin überzeugt, daß ich dann nur wenig Gedanken
an der alle entstehenden Kunstwerke und deren Rezeption an das Proletariat vedoren hätte. Zu meiner Zeit konnte sie die
sowie die tradierten gebrauchten Kunstwerke mitwirken>>. 143 Fragen nicht einmal mehr gründlich stellen.>> 145 Und er führte
Daß die Eigenschaft des Stils in der Kunst nicht einfach durch diesen Gedanken auch so weiter: <<Als ich von der bürgerlichen
das künstlerische Zeichenrepertoire und auch noch nicht durch Klasse, wo ich keine Zustimmung erhalten hatte, zur prole-
dessen syntaktische Organisation spezifisch realisiert ist, ob- tarischen überging, erhoffte ich mir auch dort nicht diese Zu-
gleich der Zusammenhang künstlerischer Zeichensysteme zum stimmung. (Ich hatte die bürgerliche ja nicht wegen des Feh-
Stil nicht übersehen wird, is-t zuvor erklärt worden. Uns soll hier lens der Zustimmung verlassen.) Ich erhoffte mir jedoch und
vor allem interessieren, daß die Entwicklung des Stils als W ech- erlangte auch einen aussichtsreichen Streit, daß heißt, dort hatte
selbeziehung künstlerischer Produktion und künstlerischer Re- es sowohl Sinn, zu lehren, als auch Sinn, zu lernen.>> 146
zeption gedacht ist. Eine soziale Klasse als das gesellsdiaftliche Die hier dargestellte Auffassung stilistischer Prozesse ist jetzt
Subjekt von Kunstprozessen wirkt auf diese einmal über be- etwas konkretisiert, und der widerspruchsvolle Charakter der
wertendes Verhalten, sei es nun Lob, Auftrag und Beköstigung Entwicklung des Stils wird vielleicht sichtbarer. Aber die Vor-
oder Bezahlung. Wenn der Künstler nicht in der materiellen Si- ' aussetzung, daß sich im Stil die Allgemeinheit der Emotionali-
tuation der Klasse ist, die er vertritt, so muß er doch psychisch in tät gesellschaftlicher Subjekte objektiviert un.d vermittelt und
einem gewissen Maße in sie hineinversetzt sein. Marx hat das. be- daß diese Emotionalität als psychische Form. subjektiver
sondere Verhältnis des ideologischen Vertreters einer Klasse zu Situationsbewältigung zu begreifen ist, erweist sich nicht als
dieser am Beispiel der ideologischen Repräsentanten des Klein- aufgehoben, sondern als durchgeführt. Wenn dieser Begriff
bürgertums gezeigt. Man darf sich nicht vorstellen, daß diese des Stils und die mit ihm verbundene Vorstellung des
<<nun alle shopkeepers sind oder für dieselben schwärmen. Sie Charakters stilistischer Entwicklung theoretisch wesentlich
können ihrer Bildung und ihrer individuellen Lage nach him- tragfähig ist, ergibt sich hieraus eine wichtige Schlußfolge-
melweit von ihnen getrennt sein. Was sie zu Vertretern des rung für den Begriff der ästhetisch(,n Emotionalität. Das ästhe-
Kleinbürgertums madi.t, ist, daß sie im Kopfe nicht über die · tische Verhalten ist dann in den unbewußten emotionalen
Schranken hinauskommen, worüber jener nicht im Leben 'hin- Tiefenschichten der Psyche und nicht in den als rational orien-
auskommt, daß sie daher zu denselben Aufgaben und Lösun- tierten oder in den als <<vernünftig>> vorgestellten Gefühlen ge-
gen theoretisch getrieben werden, wohin jenen das materielle In- gründet.
teresse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben.» 144 Es ist theoretisch schwer auszumachen oder doch bisher nicht
Hierdurch ist nun auch erklärt, wieso die theoretischen und eindeutig bestimmt, was der Ausdruck <<Vernünftige Emotion>>
künstlerischen Vertreter einer Klasse logisch und psycho-logisch bedeuten soll. So· kann Angst als psychische Form der Hand-
deren weitere Entwicklung vorwegnehmen und dadurch lungshemmung in dem Sinne vernünftig sein, daß sie ein Indi-
selbst in Konflikt mit dieser Klasse geraten können. Aus den viduum vor einer Gefahr warnt und seine in die Gefahrenzone
afbeitsteiligen Produktionsbedingungen von Klassenideologie gerichteten Handlungen abschwächt oder blockiert. In ihrer
ergibt sich aber zugleich, daß die besonderen Lebenserfahrun- Selbständigkeit als Angst hat sie für den Menschen eine gleich-
gen und Erwartungen ihrer kreativen Subjekte als diese Ideo- artige funktionelle Bedeutung wie für ein Tier. Die gleiche
logie modifizierender Faktor stets vorauszusetzen sind. Wieviel Angst kann für einen gut vorbereiteten Prüfungskandidaten
Stolz der Maler ist in die Bilder der Herrschenaen eingegangen. zum Verhängnis werden, wenn sie ihn hindert, sein gespeichertes
, r-· Die den König malten, empfanden selten königlich, und die die und methodisch beherrschtes Wissen psychisch zu aktualisieren
Paläste der Herren bauten, empfanden nicht herrschaftlich. und es der Kommission vorzutragen. Hier könnte die Angst als
126 127
unvernünftig vorgestellt werden. «Vernünftig>• bezeichnet wie selbst rational sind. Er bezeichnet Emotionen, die bewußt er-
<<unvernünftig•> in diesem Zusammenhang einen Realitätsbezug lebt werden. Wir wissen, erleben bewußt, wenn wir uns freuen.
psychischer Reaktionen, dessen Wertigkeit nur über das V er- Auch der situative Anlaß dieses Gefühls bleibt uns nicht verbor-
halten vermittelt ist. So können und werden ja auch Handlun- gen. Aber so erfahren wir den besonderen individuellen und
gen selbst als vernünftig oder„unvernünftig charakterisiert, was darin gesellschaftlichen Charakter des emotionalen Erlebens,
aber in dem einen wie in dem anderen Falle nur ihre Bezie- der sich in den Unterschiedlichsten emotionalen Zuständen rea-
hung zu ;orgestellter Vernunft meint und deren Eigenschaft lisiert, nicht. Diese allgemeine <<Stimmung>• beliebiger Emotio-
nicht als eine der Handlung selbst deutet. Das gilt auch für nen ist einmal durch die bio-psycho-typischen Eigenschaften und
diese Bewertung 'von Gefühlen. Sicher kann Angst den Hand- dann durch das bestimmte gesellschaftliclle Wesen des Indi-
lungsbedingungen ,entsprechen oder ihnen nicht entsprechen. viduums determiniert. Der Stil, der hier vorrangig in der Be-
Aber als Angst kann sie weder vernünftig noch unvernünftig ziehung zu gesellschaftlichen Subjekten gefaßt wurde, objekti-
sein. Es können auch soziale Gefühle wie das der teilnehmen- viert und vermittelt das gesellschaftlich allgemeine Wesen emo-
den Freude oder das der teilnehmenden Trauer als <<Vernünf- tionaler Einstellungen. Seine Bildung und Bewegung, das
tig>• vorgestellt werden, was aber nur auf die zuvor gefaßte wurde gezeigt, ist immer als Wechselbeziehung von individueller,
Ebene' der operationalen Funktionalität zurückweist.· Zweifel- und gesellschaftlicher Subjektivität zu begreifen.
los handelt es sich hier um Gefühle, die untrennbar mit dem
bewußten Weltverhältnis des Menschen verbunden sind und
deren Wirkung selbst bewußt wird. Sie sind damit auch Ge- 2: Kunst und Technik
genstand der rationalen Kritik oder Bestätigung. Diese unter-
schiedlichen, formell auch wie Freude und Trauer gegensätz- Der Technikenthusiasmus bürgerlich:er Kreise am Begfnn dieses
lichen Gefühle beruhen auf einer emotionalen Basis, die un- Jahrhunderts, der auch dazu führte, Maschinen als Kunstwerke
bewußt bleibt. Durch sie ist das unterschiedlichen Affekten zu werten und als solche museal auszustellen, ist für die marxi-
gesellschaftliche Allgemeine emotional gesetzt. Wir freuen uns stisch-leninistische Ästhetik ohne nachhaltigen Einfluß geblie-
und. trauern, sind beglückt und leiden im gleichen emotionalen ben. Während die Architektur und die praktischen Gegenstände
Medium. Dieses wirkt ~einem Wesen gemäß notwendig unbe- , des individuellen Gebrauchs oft unter die Begrifflichkeit der
wußt, seine Impulse für unmittelbares V erhalten oder für ge- ' Kunst gefaßt wurden, fand der ästhetische Wert des Techni-
staltende. Praxis können nur spontan vermittelt werden. Aber schen und der Einfluß der Technik auf die Entwicklung, der
in der Entwicklung der· ästhetischen Kultur ist es zugleich Ge- ästhetischen Kultur wenig Beachtung. Das gilt .so allerdings
genstand gesellschaftlichen Kampfes und gesellschaftlicher V er- nur für die systematischen Darstellungen der Ästhetik, nicht. für
ständigung. Der Stil ist nicht nur der objektivierte Ausdruck die theoretischen Auffassungen vieler Künstler. Besonders -fo
dieser emotionalen Basis des Ästhetischen, sondern .auch Form den zwanziger Jahren erfolgte in der· Sowjetunion eine breite
ihrer gesellschaftlichen Bildung, I?ixierung und Allgemeinset- Hinwendung des architektonischen und künstlerischen gestal-
zung. Die ästhetisch relevante unbewußte Emotionalität als Ba- terischea Schaffens zur inqustriellen Technik.
sis des Stils ist nicht unabhängig vom rationalen Bewußtsein Die Beziehung von Kunst und Technik kann zur Kunst hin
der Individuen gebildet, sondern der objektivste psychische einmal darin gefaßt werden, wie die sinnliche Erfahrung tech-
Ausdruck von dessen gesellschaftlichem Charakter. So ist nischer Geräte und technischer Systeme die künstlerischen Ge-
künstlerisches Bewußtsein in keiner besonderen Sphäre des Psy- staltungsweisen beeinflußt. Es kann verfolgt werden, welche
chischen realisiert, sondern in einer Struktur psychischer Aktivi- Bedeu'tung die iogenieurtechnischen Methoden des Entwerfens
tät. Deren Elemente, die sich den unterschiedlichen künstleri- · und der Darstellung für das kreative künstlerische Denken und
sehen Erlebnisweisen entsprechend unterschiedlich wechsdsei- praktische Gestalten haben können und teilweise auch erlangt
tig prägen, sind die unbewußte Emotionalität, die bewußten haben. Und schließlich wäre zu zeigen, wie durch die Entwick-
Emotionen und das rationale Bewußtsein. lung der Technik neue· Ausdrucksmöglichkeiten innerhalb der
Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei noch bemerkt, daß traditionellen Kunstgattungen entstehen und neue Kunstgattun-
der Begriff der bewußten Emotionen nicht meint, daß diese, gen herausgebildet werden.
128 9 Kühne, Gegenstand
129
1

Über die ästhetische Eigenschaft von Maschinen des Lebens angepaßt waren», ausgesprochen waren. 148 Die Ge-
Utitz: Die <<Maschine verlangt ... nicht in erster Linie als ästhe- genstände. der <<Kunstindustrie» waren praktische, aber das von
tisches Gestaltungsprodukt gewertet zu werden, sondern als Semper gefaßte Prinzip der Gestaltverlagerung war somit auch
praktisches Werkzeug in Hinblick auf ganz bestimmte Zwecke. zum Technischen hin auszuweiten. Semper ging davon aus, daß
Ist sie also vielleicht nur nebenbei ein <Kunstwerk>? Auch das die Gestaltung von Gefäßen durch die besonderen Bedingungen
kann nicht ohne weiteres bejaht werden. Das Blanke, Glän- ihres Gebrauchs bestimmt war. So leitete er aus den unter-
zende, das Spiel des Lichtes, das uns gefällt, hat überhaupt schiedlichen Bedingungen des Füllens und den unterschiedlichen
nichts mit Darstellung zu tun und ist einfache Wirklichkeit, die Arten des Tragens. von Gefäßen in Agypten und in Griechen-
ästhetisch genossen zu werden vermag, aber nicht aus der Ge- land die Form des Nileimers und die der Hydria ab. Er be-
staltung herauS.>> 147 Das gilt uneingeschränkt allerdings nur für hauptete nun, daß «die Gestaltung des Nileimers embryonisch
die idealisiert vorgestellte technische Gestalt, deren Charakte- die Grundzüge der eigentlichen ägyptischen ·Archite,ktur zu ent-
ristik hier gegeben wurde. Aber auch sie ist nicht «einfache halten scheint, und ebenso dürfen wir in der Hydria den
Wirklichkeit>>, sondern menschliche Schöpfung, zeigt einen Grad Schlüssel der dorischen Ordnung der griechischen Architektur
der Abstraktion und Isolation vergegenständlichten Naturge- wiedererkennen». 149 So war eine wichtige theoretische Orientie-
setzes, der in der Natur an sich nicht vorgefunden und in ihr rung für eine dialektische Auffassung der Beziehungen zwischen
wahrscheinlich auch nicht zu vermuten ist. Der technische Ge- dem Technischen, dem Praktischen und dem Asthetischen in- )
genstand geht wie das Kunstwerk aus der Gestaltung hervor, nerhalb des gestalterischen Schaffens gegeben. Die besondere
aber seine Erscheinung ist nicht funktionell auf das ästhetische Bedeutung dieser theoretischen Konzeption lag nicht zuerst
Wahrnehmungsvermögen der Menschen, sondern auf einen ma- darin, daß sie eine neue Deutung kultureller Prozesse vergan-
teriellen Prozeß oder auf dessen Möglichkeit bezogen. Die gener historischer Perioden ermöglichte, als vielmehr. in der
ästhetische Wertigkeit des rein Technischen ist so in jedem Falle Vermittlung· der aufnehmenden Beziehungen von Architekten
jenseits der Außerung ästhetischer Subjektivität gesetzt und in und Künstlern gegenüber den ästhetisch relevanten Gestalt-
diesem Sinne wie die der Natur. Die technische Gestalt steht werten der Technik. Wie für Eugene E. Vioiett-le-Duc, der
damit ästhetisch außerhalb der Eigenschaft des Stils, sie ist nicht ähnliche Auffassungen entwickelt hatte, wurden diese für das
stillos wie eine ästhetische Depravation, sondern stilfrei. Hier- architektonische Werk Sempers noch nicht wirksam.
durch ist die besondere Qualität der Gestaltwerte des Techni- Die Wirkungen der materiellen Produktion auf die ästhe-
schen umrissen. Es wurde davon abgesehen, daß die Wirkung tische Kultur werden nicht nur durch ihre gegenständlichen Er-
technischer Gestaltdeterminanten oft durch ästhetische vermit- scheinungen bestimmt, sondern umfassen auch die technischen
telt wird. Technische Geräte im Haushalt, Fahrzeuge, Maschi- und ökonomischen Denkweisen als Bedingung~n dieser Pro-
nen und technische Anlagen sind immer ästhetisch gestaltet. Der duktion und die besondere Objektivität technischer Darstellung
funktionelle Mechanismus wird oft durch Verkleidungen un- und Modellierung. Begenau hat daran erinnert, daß schon
sichtbar, bleibt aber doch ästhetisch relevant. Eine Werkzeug- «zwischen Gestaltungsgrundsätzen einer Maschine Leonardos
maschine kann formell wie ein abstraktes Kunstwerk erschei- und seinen Gemälden und Zeichnungen usw. keine direkten
nen, aber die Form ist hier selbst durch die Technizität beseelt. Beziehungen bestehen. Die Besonderheit des Stiles in den bil-
-· ··,
Uberhaupt muß beachtet werden, daß viele technische Prozesse denden Künsten ist nur zu verstehen, wenn man auch den
unanschaulich werden, hierdurch aber ihre ästhetische Bedeut- Eigengesetzlichkeiten der Sinnestätigkeit des Auges nachzuge-
samkeit nicht verlieren. hen in der Lage ist.>> 150 Diese abgrenzende Sonderung von tech-
Den Einfluß technischer und praktischer Gestaltcharaktere nischer und künstleri·scher Gestaltung ist erst das Ergebnis eines
auf die ästhetische Kultur hat Sernper theoretisch zu erfassen '' langen geschichtlichen Entwicklungsprozesses, obgleich die ma-
gesucht. In dem Vortrag <<Entwurf eines Systems der verglei- terielle Produktionstätigkeit und die ästhetisch gestaltenden
chenden Stillehre>>, London 18 53, äußerte er den Gedanken, Ptoduktionsformen selbstverständlich dem Wesen nach immer
daß die <1Eigenschaften der verschiedenen architektonischen . in polarer Beziehung hinsichtlich des Charakters der sie vermit- -;,
Stilarten ... bereits klar ... in gewissen charakteristischen For- - telnden Subjektivität waren. Erst durch die mit der Renais-
men der frühen Kunstindustrie, welche den ersten Bedürfnissen sance einsetzende soziale Differenzierung zwischen handwerk-
9*
130 131
licher und künstlerischer Arbeit und durch die fortschreitende
. . .
Produktion. Hiervon l!>lieben selbstverständlich duch die Bezie-
wissenschaftliche Konstituierung der materiellen Produktion er- hungen der Menschen außerhalb der Sphäre der materiellen ,,
schienen Technik und Kunst jetzt in ihrer Selbständigkeit ge- ~ Produktion nicht unberührt.
geneinander und bildeten so eine völlig neuartige Grundlage Durch die Maschinerie wurde die Beziehung von Mensch,
für das ·subjektive V erhalten zu dieser Beziehung. . Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand umgewälzt. Obgleich schon
In dem Aufsatz «Wo berühren sich die Schaffensgebiete des in der Urgesellschaft in Gestalt del: Fallgruben die ersten Auto-
Technikers und Künstlers>>, 1926, hatte Walter Gropius diese maten entwickelt· waren, die, von Menschen eingerichtet, für
Beziehung -so umrissen: <<Das Kunstwerk ist immer auch ein diese eine bestimmte Arbeitsleistung verrichteten, für· deren
Produkt der Technik. Was zieht den künstlerischen Gestalter Vollzug die Anwesenheit von Mensch;n nicht nur überflüssig,
zu dem vollendeten Vernunfterzeugnis der Technik hin? Die sondern abträglich war, blieben derartige technische Systeme für
Mittel seiner Gestaltung! Denri seine innere Wahrhaftigkeit, die alle vorkapitalistischen Produktionsweisen partikulär und damit
knappe, phrasenlose, der Funktion entsprechende Durchfüh- von untergeordneter Bedeutung. Für alle vorkapitalistischen
rung aller seiner Teile zu einem Organismus, die kühne Aus- Produktionsweisen war die Handarbeit bestimmend, die aller~
nutzung der' neuen Stoffe und Methoden ist auch für die künst- , dings in unterschiedlichen Formen produktionsmäßig organisiert
lerische Schöpfung logische Voraussetzung. Das <Kunstwerk> hat und eingesetzt wurde.
im geistigen wie im materiellen Sinne genauso zu <funktionieren> Mit der Entwicklung der Maschinerie verselbständigte sich
wie das Erzeugnis des Ingenieurs ... >> 151 In diesem und nicht «die Bewegung und Werktätigkeit des Arbeitsmittels gegenüber
in einem mechanizistischen oder technizistischen Sinne ist auch dem ·Arbeiten>. 153 Ma.rx ·zeigte, daß die ersten mechanischen
der •von Le Corbusier eingesetzte Begriff <<Wohnmaschine>> zu Maschinensysteme auf drei Elementen beruhten, <<der Bewe-
verstehen. Gropius zielte bereits auf eine für die Gestaltung der gungsmaschine, dem Transmissionsmechanismus, endlich der
gesamten gegenständlichen und räumlichen Lebensbedingungen Werkzeugmaschine oder Arbeitsmaschine>>. 154 Hatte die Hand-
übergreifende funktion des Asthetischen, st~lte sie allerdings arbeit in der kleinen Warenproduktion die ihrer Entfaltung
noch im Wesen arbeitsteilig realisiert und in der Begrifflichkeit gemäße ökonomische Form gefunden, so war die sie ablösende
der Kunst dar. Hinsichtlich des ganzen gestalterischen Schaf- ~nd überwindende Maschinenproduktion deren vollständige
fens sollte der Künstler <<Kraft seines totaleren Geistes die In- Negation hinsichtlich der zuletzt gewonnenen Möglichkeiten ge-
itiative>> bewahren und die Synthese vermitteln. <<Erst die dau- stalterischen Ausdrucks und der individuellen Subjektivität des
ernde Berührung mit den Vorgängen der Produktion in ihrem Arbeiters innerhalb der Arbeit. Wie sich die Entwicklung des
weitesten Sinne wird ihn befähigen, den ganzen Komplex des Kapitalismus zuerst als Kampf des kapitalistischen Privateigen-
Gestaltens zu überschauen.» 152 Die Problematik dieser Auffas- tums gegen das Privateigentum der kleinen W arenprodu-
suhg, die mit der Konzeption des Gesamtkunstwerks verknüpft zepten, als Expropriation der Kleineigentümer vollzog, so
ist, soll zunächst ausgeklammert sein. Sie weist zuerst auf die stellte sie sich hinsichtlich der Arbeitsweise als Überwältigung
Schwierigkeiten und unterschiedlichen Möglichkeiten gesell- der Handarbeit durch die Maschinenarbeit dar. Der Handar-
schaftlicher Orientierung innerhalb dieser Polarität von Technik beiter, der innerhalb der kleinen Warenproduktion sein Ge-
und Kunst. So wurden praktisch Fragen gestellt und auch theo- schick bis zu einer gewissen Kunstfertigkeit gesteigert hatte, er-
retisch reflektiert, die auch uns noch aufgegeben sind und aus fuhr in der kapitalistischen Fabrik die direkte Umkehr seiner
deren Beantwortung sich wichtige Folgerun'.gen für die Entwick- • gewohnten Arbeitsweise. Nichts hätte ihn dazu gebracht, diese
lung der gesellschaftlichen Verhältnisse des Sozialismus erge- Veränderung der Art seines Arbeitens freiwillig zu vollziehen.
ben. Manufaktur- und Fabrikarbeit gingen nicht'evolutionär aus der
handwerklichen Produktion hervor, sondern brachen von außen
3. Maschinerie und ästhetische Kultur in sie ein. D\e raum-gegenständliche Trennung des Handarbei-
ters von seinem Arbeitsmittel und seine Verwandlung in <<den
· Die Herausbildung der Maschinerie bewirkte tiefgreifende Ver- · s,elbstbewußten Zubehör einer Teilmaschine>>155 waren nur durch
änderungen der gegenständlich-funktionellen und der raum- die Trennung von Arbeit und Eigentum zu vollziehen. Das ge-
zeitlichen Beziehungen der Menschen innerhalb der materiellen , sellschaftliche Verhältnis des Kapitals mußte den produk-
132 "' 133
+:' l· '~~vr-r:,r.?-',

tionsmäßigen Bedingungen seiner • Entfaltung vorhergehen, weil Maschinerie vorwärts, sieht in ihr die unabdingbaren Voraus-
letztere nur als durch das Kapital selbst formierte Bedingun- setzungen und Möglichkeiten seines Befreiungskampfes. In sei-
gen zu begreifen sind. Die entäußerte Arbeit, das hatte Marx ner Rede auf der Jahresfeier des «People's Paper», 1856 in Lon-
bereits früh gefaßt, muß zuerst als gegenständliche Entäußerung don, sprach Marx vor allem hierzu. «In unsern Tagen scheint
des Arbeiters durch seine Arbeitsbedingungen, als tätige Verkeh- jedes Diµg mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen. Wir se-
rung seines subjektiven Daseins durch die objektiven Momente hen, daß die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft be-
der Arbeit begriffen sein.- <<Das Verhältnis des Arbeiters zur Ar- gabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer
beit erzeugt das Verhält.nis des Kapitalisten ~u derselben, oder zu machen, sif;: verkümmern läßt und bis zur Erschöpfung aus-
wie man sonst den Arbeitsherrn nennen will. ~s Privateigen- zehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch
tum ist also das Produkt, das Resultat, d~e notwendige Konse- einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not. Die Siege der
secj_uenz der entäußerten Arbeit, des äußerlichen Verhältnisses Wissenschaft scheinen erkauft durch Verlust an Charakter ...
des Arbeiters zu der Natur und zu sich selbst.>> 156 Die mit dem Dieser Antagonismus zwischen moderner Industrie und Wissen-
so gefaßten ersten Ansatz des theoretischen Verständnisses der schaft auf der einen Seite und modernem Elend und Verfall
Gesetzmäßigkeit der Produktionsweise verbundene Frage, wie auf der andern Seite, dieser Antagonismus zwischen den Pro-
denn dre gegenständliche Entfremdung durch die Maschinerie duktivkräften und den gesellschaftlichen Beziehungen unserer
gesetzt sein kann ohne die gesellschaftliche Entfremdung durch Epoche ist eine handgreifliche, überwältigende und unbestreit-
das Kapital, konnte Marx erst durch die Unterscheidung zwi- bare Tatsache. Einige Parteien mögen darüber wehklagen; an-
schen der formellen und der realen Subsumtion der Arbeit unter dere mögen wünschen, die modernen technischen Errungen-
das Kapital beantworten. Ein Ansatz hierzu war bereits 1844 schaften loszuwerden, um die modernen Konflikte loszuwerden.
gebildet. So heißt es: Die «Maschine ist das unmittelbar mit der Oder sie mögen sich einbilden, daß ein so bemerkenswerter
Arbeit identisch gesetzte Kapitab. 157 Fortschritt in der Industrie eines ebenso bemerkenswerten
Obgleich die Maschinerie di~ Produktivität menschlicher Ar- Rückschritts in der Politik zu seiner Vervollständigung bedarf.
beit in einem geschichtlich neuartigen Maße steigerte, bewirkte Wir für unsern Teil verkennen nicht die Gestalt des arglistigen
sie als Organ des Kapitals eine unermeßliche Verschlechterung Geistes, der sich fortwährend in all diesen Widersprüchen of-
der Arbeitsbedingungen, fesselte sie auch im Unterschied zur fenbart. Wir wissen, daß die neuen Kräfte der Gesellschaft, um
handwerklichen Produktion massenhaft Frauen und Kinder an richtig zur Wi-rkung zu kommen, nur neuer Menschen bedürfen,
den industriellen Arbeitsprozeß. <<Die Vereinfachung der Ma- die ihrer Meister werden - und das sind die Arbeiter.>> 159
schine>>, schrieb Marx in den Ökonomisch-philosophischen Ma-
nuskripten, «... wird dazu benutzt, um den erst werdenden 1

Menschen, den ganz unausgebildeten Menschen - das Kind - a. Die Zerstörung der <<Aura>>
zum Arbeiter zu machen, wie der Arbeiter ein verwahrlostes -,,' Durch die Entwicklung der industriellen Technik wurde nicht
Kind geworden ist. Die Maschine bequemt sich der Schwäche nur die über Jahrtausende tradierte raum-gegenständliche Be-
des Menschen, um den schwachen Menschen zur Maschine zu ziehung der Menschen im Arbeitsprozeß verkehrt, es entstanden
machen.>> 158 Diese sozialen Voraussetzungen und Folgen der ka- notwendig auch neue ästhetische Beziehungen der .Menschen zu
pitalistischen Industrialisierung mußten notwendig unterschied- den produzierten gegenständlichen Lebensbedingungen. Das
liche ästhetische Reaktionsweise auf diese provozieren. Das eigentliche handwerkliche Produkt hat in seinem Produzenten
Kleinbürgertum sah und sieht seine Existenzbedingungen durch zugleich das Subjekt seiner Zwecksetzung und das der Bildung
die große Industrie bedroht. Die Interessenten der Feudalität aller Dispositionen der Objektivierung des Zwecks als Gegen-
suchten mit dem proletarischen Elend gegen die Bourgeoisie , stand. Hierbei wird das vorgestellte Bild eines zu verwirkli-
zu paktieren. Die-- Kapitalistenklasse und ihre Ideologen re- chenden Gegenstandes ganz in der Art künstlei;ischer Gestaltung
flektieren immer bewußter den für sie zwiespältigen Charakter im Arbeitsprozeß selbst erst konkretisiert und modifiziert.
der modernen Produktivkräfte, und nur das Proletariat, soweit Asthetischer Gestaltsinn und ästhetisches Gestaltungsvermögen
seine Individuen zum Bewußtsein der geschichtlichen Aufgabe sind für diesen Arbeiter unabdingbare subjektive Arbeitsbe-
dieser Klasse gelangt sind, blickt von den Voraussetzungen der dingungen, und der Arbeitsprozeß ist Vergegenständlichung indi-
134 135
vidueller Subjektivität. Im Gegensatz hierzu personifiziert der die, Erscheinung einer Transzendenz, der Schimmer von Zu-
Designer nicht mehr die Totalität des industriellen Produkts. kunft, der die Gestalt von Vergangenheit umhüllt, worin die
Und die unmittelbaren Produzenten des maschinellen Erzeug- Macht der Tradition nicht durchbrochen, sondern im Individuum
nisses haben nur eine gestaltverwirklichende, keine gestaltdispo- fortgesetzt wird. ·
nierende' oder auch nur gestaltmodifizierende Aufga\;)e zu er· · Benjamin hat die Zertrümmerung der Aura irr Beziehung zu
füllen. Die Produkte sind bereits vor ihrer Herstellung durch den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen unserer
im wachsenden Maße arbeitsteilige Operationen prägnant tech- Epoche gesehen und in ihr ein Moment der kommunistischen
nisch disponiert.. Jede Abweichung des Produl!tionsarbeiters Revolution oder doch der Möglichkeit dieser Revolution gese-
wird nicht als Wert, Äußerung seiner Individualität, sondern hen. «Die Entschälung des Gegenstandes aus seiner Hülle, die
als Fehler, als Verletzung der Bedingungen entwickelter Ge- Zertrümmerung der Aura, ist die Signatur einer Wahrnehmung,
sellschaftlichlleit der Arbeit betrachtet. Produktion wird durch deren Sinn für das Gleichartige in der Welt so gewachsen ist,
die Industrie zur Produktion und Reproduktion vorgebildeter daß sie es mittels der Reproduktion auch dem Einmaligen ab-
prägnanter Modelle, welche alle Einzelheiten des zu schaffenden gewinnt.... Die Ausrichtung der Realität auf die Massen und
Erzeugnisses festlegen. D;lS Erzeugnis wird damit zum Element der Massen auf die Realität ist ein Vorgang von unbegrenzter
der Serie. · Tragweite sowohl für das Denken wie für dii;: Anschauung.»161
Das durch die industriellen Techniken veränderte Gegen- Bezogen auf die Kunst bildete er die Schlußfolgerung: «In dem
standsverhalten der Menschen hat Walter Benjamin in der Augenblick aber, da der Maßstab der Echtheit an der Kunst-
Schrift «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Repro- 1, produktion versagt, hat sich auch die Funktion der Kunst um-
duzierbarkeit» interpretiert. Benjamin bezog seine Überlegungen gewälzt. An die Stelle ihrer Fundierung aufs Ritual tritt ihre
auf das veränderte Sein des Kunstwerks, sie können aber zu- Fundierung auf eine andere Praxis: nämlich ihre Fundierung
gleich Aufschluß über das gewandelte Verhalten zur produzier- auf die Politik.>> 162 Damit sind nun die Möglichkeiten~ der in-
ten Gegenständlichkeit überhaupt geben. Er schrieb von der dustriellen Technik von einem gesellschaftlichen Standpunkt
Überwindung der Aura und begriff diese <<als einmalige Er- gesehen, welcher der bürgerlichen Gesellschaft entgegengesetzt
scheinung einer Ferne, so nah sie sein rnag>>.160 «Aura>> könnte ist. Denn die Kapitalistenklasse treibt die ästhetische Kultur in
zunächst zum Gegenstand hin als dessen Eigenschaft gedacht eine Richtung, die Benjamin als <<Zertrümmerung der Aura» be-
werden,, seine individuellen und eigentümlichen Bedeutungen zeichnete und die auch als Aufhebung der vorkapitalistischen
als die seines Werdens und seiner Geschichte in den besonderen bürgerlichen Gegenstandsbedeutungen begriffen werden kann.
Gestalteigenschaften zu versinnlichen. Der auratische Gegen- Aber die Bourgeoisie muß in ihrem Interesse zugleich auf die
stand als künstlerischer oder praktischer ist ja vergegenständ~ Restitution des Auratischen bedacht sein, sie kann die Möglich•
lichte individuelle Arbeit und so vergegenständlichte Individua- keiten ihrer eigenen Produktionsbedingungen ästhetisch nicht
lität. Die gegenständlich aufgehobene und erscneinende Zeit radikal setzen, ohne den ökonomischen und den ideologischen
des Werdens «trägt>> die individuellen Bedeutungen des zeit· ,., Mechanismus ihrer Herrschaft zu gefährden. Adorno hat das
liehen Gebrauchs, beide Zeitdimensionen bilden ein Kontinuum, kapjtalistische Verharren im Auratischen richtig gesehen. «Nimmt
welches die Zeichen der engeren Funktionalität des Gegenstan• man Benjamins Bestimmung des traditionellen Kunstwerks
des überlagert. "Die Nebenbedeutungen gewinnen gegenüber durch die Aura, die Gegenwart eines nicht Gegenwärtigen auf, ·
denen der engeren Funktionalität des Gegenstandes Selbstän- dann ist die Kulturindustrie dadurch definiert, daß sie dem
digkeit und können diese überdecken. Der Gegenstand wird 11 auratischen Prinzip nicht ein anderes· strikt entgegensetzt; son•
anhänglich. : dern die verwesende Aura konserviert, als vernebelnden Dunst-
Die Aura ist aber nur formell im Traditionswert des·/ kteis.>>163 Wir werden hierauf noch zurückkommen.
Gegenstandes gegründet, , weil die retrospektiven Zeitbedeu- 1 Von der handwerklichen Herstellungsweise einerseits und von
tungen des Gegenstandes erst mit den Seinswerten •a.ktueller• , der maschinellen Herstellungsweise andererseits werden auf die
Zeit synthetisiert werden können, wenn sie für das Indi•' ästhetische Kultur Wirkungen ausgeübt, die für sich genommen
viduum eine Perspektive bilden. Das Aumtische ist in der deren Charakter nicht hinreichend bestimmen können, die aber
Form der bürgerlichen Familiarität des Gegenstandes nun konstante Determinationen jeder ästhetischen Kultur sind. Die
136
137
,,:>·.,:,,
~ ~ ~ ~ : · · · . : .. ., .,_,,'.:~ry•y '/' '
- ' '.

so gesetzten Eigenschaften sollen mit dem Begriff der auf der Für den kleinen Warenproduzenten ist das Arbeitsprodukt
Handarbeit beruhenden und mit dem Begriff der auf der indu- hinsichtlich der Art seiner Herstellung wie der seiner eigen-
striellen Produktion beruhenden Ästhetik bezeichnet werden. tümlichen Bestimmtheit sein Produkt. Es ist allerdings nicht un-
<<Ästhetik» bedeutet in diesem Gebrauch ästhetische Gestaltung, mittelbar auf ihn, sondern auf das Produkt ihm äußerer Arbeit
System ästhetischer Gestaltqualitäten und Theorie des Ästhe- bezogen. Das. Verhalten dieses Produzenten zum Gegenstand
tischen. Alle vorkapitalistischen Ästhetiken beruhten auf der ist noch ganz unter die Besonderheit des Gegenstandes sowie
Handarbeit, die kapitalistische und die kommunistische Ästhe- unter die individuellen Arbeitsbedingungen subsumiert. In be- ,"""
tik beruhen aut der industriellen Produktion. Von den beson- stimmter Weise war dieser Produzent gegenüber seinem Gegen-
deren Formen der Handarbeit und von den qualitativen Ent- stand zugleich auch unfreier als der Proletarier innerhalb der
wicklungsstufen der industriellen Technik wird zuerst abgesehen maschinellen Produktion zu seinem. Die Universalität des klei-
wie von den besonderen gesellschaftlichen Verhältnissen, in nen Warenproduzenten ist immer eine Universalität in bornier-
denen sich jede Arbeit vollzieht. Selbstverständlich ist diese ten Verhältnissen. Das ist gesellschaftlich durch die Privatheit
-Unterscheidung nicht so zu deuten, daß es in den Perioden von und arbeitsmäßig durch die Isolierung der Arbeitsbedingungen
auf Handarbeit beruhenden Ästhetiken keine ästhetischen Ge- und durch die Spezialisierung der Arbeit selbst gesetzt. <<Daher
stalteigenschaften industriellen Charakters gab und daß es in findet sich>>, wje Marx und Engels in <<Die deutsche Ideologie>>
der Entwicklung der auf der industriellen Produktion be- schrieben, <<bei den mittelalterlichen Handwerkern noch ein In-
ruhenden Ästhetiken keine Handarbeit mehr gab oder zu- teresse an ihrer speziellen Arbeit und an der Geschicklichkeit
mindest nicht mehr geben soll. Es ist zunächst ein Unterschied darin, das sich bis zu einem gewissen bornierten Kunstsinn stei-
der Dominanz. gern konnte. Daher ging aber auch jeder mittelalterliche Hand-
Die Maschinerie entwickelte sich innerhalb der kapitalistischen werker ganz in seiner Arbeit auf, hatte ein gemütliches Knecht-
Produktionsverhältnisse. Für die einfache Anschauung ist der schaftsverhältnis zu ihr lilnd war vielmehr als der moderne
Zusammenhang zwischen bestimmten Typen von Produktions- Arbeiter, dem seine Arbeit gleichgültig ist, unter sie subsu-
mitteln und bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen nicht miert.>>164 In den vorindustriellen Produktionsweisen war das
sinnfällig. Wir wissen selbstverständlich, daß die einzelnen hi- Arbeitsmittel die direkte Verlängerung der Physis des auf den
storischen Typen von Produktionsinstrumenten gesellschaftlich Arbeitsgegenstand wirkenden Produzenten und so geeignet, den
relevant sind, daß einem System von Produktionsmitteln des individuellen, sich im Verlauf qes Arbeitsprozesses selbst noch
gleichen historischen Typs notwendig ein bestimmtes System modifizierenden Formwillen sowie die spontanen Gestaltim-
gleicher formationeller Verhältnisse entspricht, daß im beson- pulse des Arbeitenden auf den Gegenstand der Arbeit zu über-
deren Falle das bestimmte gesellschaftliche Produktionsverhält~ tragen. Besondere Eigenschaften des Materials der Gestaltung,
nis spontan ökonomisch oder politisch revolutionär vorgebildet die erst durch die Arbeit hervortraten, konnten unter Umständen
sein muß, weil nur durch dieses Verhältnis selbst die ihm gemä- noch zur ästhetisch wertigen Modifizierung der Gestalt des Pro- -, ..
ßen materiellen Produktionsbedingungen voll herausgebildet dukts führen. Dieser Produzent erlebte sich als die subjektive
werden können. Obgleich die kapitalistische Entwicklungsphase Mitte seiner Arbeitsbedingungen. Deren Bewegung wurde nodi
qer industriellen Produktivkräfte transitorisch ist, wurden in durch die organischen und psychischen Bedürfnisse des Arbeiters
ihr Beziehungen der Menschen im Produktionsprozeß gebildet, beeinflußt. .
die mit der Überwindung des Kapitalismus nicht wieder zu- Pie Au\bildung und Objektivierung der besonderen Möglich-
rückgenommen werden. Das betrifft vor allem die wachsende keiten der Handarbeit war natürlich von den besonderen For-
Vergesellschaftung der Produktion, die durch die Aufhebung men der Arbeitsteilung und von den besonderen ästhetischen
ihrer kapitalistischen Form selbst erst weitergeführt werden Gestaltdispositionen abhängig. Und innerhalb der kleinen Wa-
kann. Unsere Aufmerksamkeit soll aber auch den durch die Ma- renproduktion ist der subjektive Gestaltwert der produzierten
schinerie veränderten raum-gegenständlichen Beziehungen in- Gege11stände nicht als naive und freie Vergegenständlichung von
nerhalb der materiellen Produktion zugewandt sein, weil in Individualität, sondern im Maße der Entfaltung der Waren-
ihnen bereits wesentliche Wandlungen in den ästhetischen Ge- beziehungen auch als eingesetzte und herausgestellte Individuali-
staltauffassungen objektiv vorgebildet sind. tät zu begreifen. Wie die Warenbeziehungen bestimmend für das

138 139
gesellschaftliche Verhältnis der Produktion werden, erscheinen '; durch einander entgegensetzte Tendenzen in der Bewegung der
die Produkte individuell füllig. Vergegenständlichte Individua- Arbeitsgegenstände und in der Bewegung der Arbeiter. Wäh•
lität funktioniert als Warenzeichen und schließlich als Werbung. rend die Bewegung des Arbeitsgegenstandes im Raum inten-
Wesentliche für die maschinelle .Produktion charakteristische siver wird, verfestigt sich in diesem die Stellung des Arbeiters.
Produktionsbeziehungen und Gestalteigenschaften wurden be- Was der Gegenstand der Arbeit an räumlicher Bewegung ge-
reits in der Manufakturperiöde verwirklicht. Die <<Spezifische winnt, verliert der Arbeiter. In der Fließbandfertigung wird
Maschinerie.der ManufakturperioQe>>, die <<der aus vielen Teilar- diese Beziehung besonders sinnfällig. Der Arbeiter verhält sich
beitern kombinierte Gesamtarbeiter selbst» darstellt, 165 erfor- nicht mehr zum Gegenstand, vielmehr verhält sich der Gegen-
dert die Reduzierung der selbständigen Gestaltungsaktivität der. · stand zum Arbeiter.' Der Arbeiter ist nicht mehr Subjekt seiner
Teilarbeiter zugunsten der Gesamtdisposition des Endprodukts. . Zeit, legt sie nicht mehr als das Maß seiner Zuwendung auf
Ähnliche Tendenzen der Reduzierung des individuellen Gestalt- den Gegenstand fest, sondern der Gegenstand erscheint dem
ausdruck.s der Teilarbeit können auch an den überkommenen Arbeiter in einer für ihn festgelegtei\ Zeit. Die Reaktionen des
Leistungen anderer Perioden beobachtet werden. Sie hängen Arl:,eiters werden durch die Verhaltenseigenschaften des Ge-
nicht nur von den jeweiligen Formen der ~rbeitsteilung, sondern genstandes bestimmt, welche sich wiederum aus der «Einstel-
auch von besonderen stilistischen Dispositionen 9er Gestaltung lung>> des industriellen Automaten, wie er auch immer gebildet
ab. Die Manufaktur entwickelte auf der Basis der sie tragenden sein mag, ergeben. Marx zeigte, daß als Kapital <<der Automat
lebendigen Arbeit gewissermaßen das funktionelle Modell des im Kapitalisten Bewußtsein und Willen>> besitzt und «daher mit
· eigentlichen maschinellen Automaten. So modellierte dann das dem Trieb begeistet [ist], die widerstrebende, aber elastische
auf der isolierten lebendigen Arbeit beruhende Fließband menschliche Naturschranke auf den Minimalwiderstand einzu-
die automatische nktstraße. Jede Teilarbeit ist hier auf einen zwängen».169 Wie die Arbeit des Proletariers durch seine Tren•
technologisch defi.n'ierten Algorithmus zurückgeführt, der prin- nung vom Eigentum an den Produktionsmitteln für ihn ohne
zipiell der Maschinerie übertragen werden kann. In der Manu- Inhalt ist, wird auch der Gegenstand der Arbeit in der raum-
faktur prägten sich bereits wesentliche raum-zeitliche Beziehun- zeitlichen Beziehung zu ihm abstrakt: Der Raum wird flächig
gen des Arbeiters zum Arbeitsgegenstand aus, die dann auf und linear und die Zeit additiv und punktuell. Die Zeit ist
der Grundlage der mechanischen Maschinerie präzisiert und ver- nicht mehr durch eine kontinuierliche Handlung, sondern durch
festigt wurden. Die zeitliche J;3eziehung des Teilarbeiters zur die mechanische Wiederholung von Teiloperationen erfüllt. Die
Zeit des Werdens des Gegenstandes der Gesamtarbeit wird große Industrie beruht auf dem Prinzip, «jeden Produktions-
punktuell. Seine räumliche Beziehung zum Gegenstand wird prozeß, an-und für sich und zunächst ohne alle Rücksicht auf
flächig und schließlich linear. die men'schliche Hand, in seine konstituierenden Elemente auf-
Bereits in der Analyse der Produktionsbeziehungen der Ko-. zulösen».170 Es entstand die Technologie, welche die Produktion
operation deckte Marx eine wesentliche Raum-Zeit-Beziehung vom Standpunkt der kapitalistischen Rationalität analysierte
der industriellen Produktion auf. Diese besteht darin, daß· der und organisierte. Durch sie wurde die Beziehung von lebendiger
«Arbeitsgegenstand ..• denselben Raum in kürzerer Zeit>> durch- und vergegenständlichter Arbeit wissenschaftlich v,on den Ar-
läuft.166 Das ist dadurch ermöglicht, daß der projektierte Ge- beitsbedingungen her untersucht. Die Maschinerie entzog dem
genstand rä11mlich zerlegt wird, so daß in <<derselben Zeit .•. Arbeit.er nicht nur den Arbeitsgegenstand, sondern zugleich das.
verschiedne Raumteile oes Produkts» reifen können. 167 Marx Arbeitsmittel. Die Stellung des Arbeiters zum unentwickelten
bestimmte die Raumfunktion der Produktion innerhalb der maschinellen Automaten, seine diesem integrierte Teilfunktion
Kooperation als die der ·<<Beschränkung der Raumsphäre der war durch eine für den Arbeiter zufällige Unvollkommenheit
Arbeit bei gleichzeitiger Ausdehnung ihrer Wirkµngssphäre». 168 des mechanischen Systems der Maschinerie.bestimmt. Um diese
Diese «räumliche Verengung des Produktionsgebiets» begriff er · Lücke der Maschinerie auszufüllen, mußte der Arbeiter in den
als einen Faktor der Produktivität der Arbeit. maschinellen Automaten «eingebaut» werden. Aber für die
In der für den Kapitalismus charakteristischen Form der Ent- Maschinerie waren nicht mehr seine universellen psychischen
wicklung der Maschine und ihrer Anwendung auf den Arbeiter und physischen Fähigkeiten, sondern nur partikuläre wesentlich.
vollzog sich die Verengung des räumlichen Sektors der Arbeit Diese Maschinerie setzt den Arbeiter als abstrakte Individuali-
'
140
141
,.,,,.n:r~· '''.tf:J,;,_ ~·.cft·fr ? ;:..;:,':

tät. <<Die Technologie entdeckte ... die wenigen großen Grund- ' ':.
lung des Kapitalismus z_erbrechen, so sehr es als Erinnerunt·-
formen der Bewegung, worin alles produktive Tun des mensch-
fortwirkte und noch wirkt. Und es mußte schließlich aucl{
lichen Körpers, trotz aller Mannigfaltigkeit der angewandten
Kunst dahin gelangen, nicht nur die durch das Kapital bewii:]
Instrumente, notwendig vorgeht.» 171 Das Arbeiten wird so zur
Deformation, sondern zugleich die ökonomisch und gegens _.,
Reihung gleichartiger Operationen, die zueinander in keinem
lieh gesetzte Abstraktheit lr\enschlichen Daseins zu spiegeln,·
gegenständlichen Zusammenhang fµr den Arbeiter stehen. <<Der
in der konsequenten modernistischen Kunst, in ihrer Aufhebi
Handgriff des Arbeiters an der Maschine», schrieb Walter Ben-
als Abstraktionismus, gewinnt das Kapital seinen adä1qua,
jamin, «ist gerade dadurch mit dem vorhergehenden ohne Zu-
ästhetischen Ausdruck, indem jetzt vori jedem bestimtn
sammenhang, daß er dessen strikte Wiederholung ist.» 172
Indem als Organ des Kapitals <<die Maschine nicht den Ar- menschlichen Inhalt abgesehen, aber die ästhetische_ Faszina!l<i
bewahrt ist. Der letzte objektive Bezug dieser Gestaltung ist·d•
beiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom
Charakter des Arbeitens selbst: Selbstverständlich wäre es v~
Inhalt>>, 173 kehren sich aus der <<Logik>> des Mechanismus alle
fehlt, zwischen der bestimmten Abstraktheit der Arbeit und.'def
gegenständlichen und 'raum-zeitlichen Beziehungen des Arbei-
als abstrakt vorgestellten Kunst eine ·unvermittelte Kausalidl
ters innerhalb der handwerklichen Produktion um. Dem ökono-
zu sehen. Aber es ist hier ein Zusammenhang, der nicht nur d' ·
mischen Verkehrungsmechanismus der Warenproduktion, der
proletarische Arbeit, sondern zugleich die Raum- und Zeitwe,
im Kapitalverhältnis. seine entfaltete Form· gewinnt, entspricht
der gegenständliche Verkehrungsmechanismus der kapitalisti-
der Maschinerie auf die ästhetische Gestaltung bezieht. so·i·
schen Fabrik. Die idea'ltypische Objektivation des Kapitalver- die Maschinerie nicht einfach gesehen, wie sie erscheint, ~onder.,,."
begriffen, wie sie ist. Daß dieses Wesen der Maschinerie nicl:ati,
hältnisses in der Fabrik hat Marx charakterisiert. «Aller kapi-
nur intuitiv ästhetisch erfaßt, sondern ansetzend bereits :vor du'•,,
talistischen Produktion, soweit sie nicht nur Arbeitsprozeß,
sondern zugleich Verwertungsprozeß des Kapitals, ist es ge- klassischen Analyse von Marx theoretisch fixiert war, z;igt eift};
meinsam, daß nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, son- früher Text Hegels eindeutig. Hegel bezog sich indirekt aut,tt,r
Smiths Beispiel der arbeitsteiligen Produktion von Stecknadeln/;'.;
dern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet,
<<Allgemeine Arbeit (ist so) Teilung der Arbeit, Ersparnis; zehn't;~l
aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technisch
können soviel Stecknadeln machen als hundert.>> 175 Es geht also· )
handgreifliche Wirklichkeit. Durch seine Verwandlung in einen
Automaten tritt das Arbeitsmittel während des Arbeitsprozesses der Sache nacli um die.proletarische Arbeit. Und über deren Ar- ',i
heiter heißt es dann: <<Da seine Arbeit diese abstrakte ist, so
selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als tote Arbeit,
verhält er sich als abstraktes Ich oder nach der Weise der Ding-,
welche die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt.» 17~
heit, nicht als umfassender, inhaltsreicher, umsichtiger Geist, der._
Aus dieser gegenständlichen Verkehrung und der mit ihr ver-
einen großen Umfang beherrscht und über ihn Meister ist. Es· ·
bundenen Trennung der geistigen Mächte der Arbeit als Wis-
hat keine. konkrete Arbeit, sondern seine Kraft besteht im Ana•
senschaft von der Arbeit erwuchs die Selbständigkeit des Tech-
lysieren, in der Abstraktion, in der Zerlegung des Konkreten in
nischen und. so die Differenzierung von technischer und
viele abstrakte Seiten. Sein Arbeiten selbst wird ganz mecha•
unmittelbar praktischer Gegenständlichkeit.
nisch oder gehört einer einfachen Bestimmtheit an; aber je ab-
Das frühbürgerliche Weltbild war in die Begrifflichkeit der
strakter sie wird, desto mehr ist er nur die abstrakte Tätigkeit,
beseelten Hand gefaßt, praktisches Vermögen, Geist und Ge-
und dadurch ist er imstande, sich aus der Arbeit herauszuziehen
fühl waren in der Arbeit nicht getrennt, Handwerk und Kunst
und an die Stelle seiner Tätigkeit die der äußern Natur zu sub-
nicht streng voneinander geschieden und die Natur selbst Schöp-
stituieren. Er braucht bloße Bewegung und diese findet er in der
fung. Das Bewußtsein und der Anspruch menschlicher Indivi-
äußern Natur, oder die reine Bewegung ist eben das Verhältnis
dualität waren zwar erwacht, aber noch den Werten der Ge-
der abstrakten Formen des Raums und der Zeit - die abstrakte
meinschaft untergeordnet. Das bürgerliche Verhältnis war selbst
äußere Tätigkeit, (die) Maschine.>> Hegels Bestimmung der Ma-
noch in feudaler, Form organisiert und so gedämpft. Die in die- ;l."i
schinerie in den Begriffen der reinen Bewegung und denen der
sen Verhältnissen harmonischen Individuen waren zugleich bor-
abstrakten Formen des Raumes und der Zeit setzt theoretisch
niert, sie hatten ihre Knechtschaft verinnerlicht und konnten sich
ein solches Niveau der Allgemeinheit, wie es dann ästhetisch
so gefällig sein. Dieses Weltverhältnis mußte mit der Entwick-
Kasimir Malewitsch aus den Gestaltauffassungen des Abstrak-
142 .t:.,,
143 ·'/
tionismus bildete. «Bei der Untersuchung bin ich darauf gesto•·
tives und reaktionäres kulturelles Kontinuum und die Abwen- ·
ßen, daß im Suprematismus die Idee zu einer neuen Maschine,
das heißt zum neuen räderlosen, dampf- und benzinlosen Or- dung hiervon als Überwindung des Historismus und des Eklekti-
ganismusmotor steckt.>>176 zismus in der Gestaltung. Daß sich in den neuen gestalterischen
Konzeptionen die tiefgreifendste Umwälzung in der ästhetischen
Die Bedeutung der Maschinen für die Findung neuer ästheti-
Kultur der ganzen bisherigen Geschichte vollzog, die Aufhebung
scher Gestaltwerte hat auch Theo van Doesburg betont. <<Das
der an der Handarbeit orientierten Ästhetik durch die an der
neue vergeistigte Kunstgefühl des zwanzigsten Jahrhunderts hat
industriellen Produktion orientierte, wurde nicht gesehen. Diese
nicht nur die Schönheit der Maschine empfunden, sondern auch
umwälzende Veränderung des Cliarakters der ästhetischen Kul-
ihre unbegrenzten Ausdrucksmöglichkeiten für die Kunst er- tur betraf nicht zuerst und notwendig einzelne künstlerische und
kannt •.. Unter der Herrschaft des Materialismus drückt das
andere gestalterische Gattungen, obgleich sie für keine ohne
Handwerkliche die Menschen auf das Niveau von Maschinen
Folgen blieb, sondern das System der ästhetischen Beziehungen.
herab. Aber die der Maschine angemessene Tendenz (im Sinne
Es wäre verfehlt und ein trauriges Mißverständnis, aus dem so
einer kulturellen Entwicklung) geht gerade in der entgegenge-
vorgestellten Wesen d_ieser Entwicklung des Modernismus zu
setzten Richtung; sie macht sie zu einem einzigartigen Medium
folgern, daß in der bisherigen Geschichte der Literatur, der bil-
auf dem Wege zur sozialen Befreiung.>> 177 Indem die Maschine•
denden Künste, des Theaters und der Musik die bedeutungs-
rie zwangsläufig den alten auratischen Gegenstand zersetzte,
vollsten qualitativen Entwicklungen id unserem Jahrhundert
weil sie zwar seine Erscheinung schematisch und so eben· <<dilet-
erreicht wurden. Zwar traten in der als abstrakt oder ungegen-
tantisch>> reproduzieren, aber nicht seine besonderen Bedeutun•
ständlich vorgestellten Kunst Eigenschaften ästhetischer Gestal-
gen festhalten konnte, bildete sie zugleich Gestaltwerte einer
tung hervor, für die es keinen direkten historischen Vergleich
neuen .Asthetik der Gegenstände vor. Sie erschienen in der Ge-
gibt und die auf Wandlungen von größerer als bloß episodischer
staltung, auch als negative Abstraktion; die das Wesen des Kapi-
Bedeutung hinweisen. Aber isoliert von ihrer Bedeutung für die
talverhältnisses apologetisch ausspricht. Aber hierin lag stets die
bildenden Künste würden sie noch nicht eine derartige Wertung
Potenz einer Negativität, die gegen das Kapital selbst gerichtet
rechtfertigen. Die Entdeckung der körperlich und geistig har-
ist. Es soll versucht werden, einige der wichtigsten Momente
monischen Menschen durch·die antike griechische Kunst, das Bild-
dieses Prozesses ästhetischer Gestaltfindung zu skizzieren.
werden menschlichen Leidens und menschlicher Hoffnung in der
mittelalterlichen Kunst und die ästhetische Aufschließung qer Na-
b. Der Modernismus tur und der Perspektive des Raumes für Menschen waren für die
bildende Kunst weit bedeutendere Inhalte als das anschauliche
Der sprachliche Ausdruck <<Modernismus>> wird hier provisorisch
Absehen von Mensch und Natur in den radikalen Bildschöpfun-
eingesetzt. Er soll die frühen, der industriellen„Produktion ent-
gen des Modernismus. Aus der behaupteten allgemeinen Bedeu-
sprechenden ästhetischen Gestaltauffassungen und Gestaltungs- -
tung dieses kulturellen Prozesses ergibt sich nicht, daß seine Ak-
weisen 'unabhängig von ihrem jeweils konkreten gesellschaftli-
teure damit über Michelangelo, Shakespeare und Rembrandt
chen Charakter bezeichnen. Es ist auch für diesen Begriff des stehen. Es geht nicht um personale Ränge und auch nicht um die
Modernismus unwesentlich, auf welchem Gebiet des gestalteri-
Wertung der historischen Entwicklung einzelner gestalt!,rischer
schen Schaffens diese Auffassungen und die Versuche ihrer V er- Genres. Das alles bedacht, bleibt, daß wir wahrscheinlich erst
wirklichung sich zunächst äußerten. Der hier zu entwickelnde ansetzend fähig sind, die Tragweite dieser Veränderungen in
Ausgangspunkt, die zentrale These über den Charakter des Pro· den ästhetischen Beziehungen, wie sie durch den Modernismus
zesses der Herausbildung des Modernismus, ist, daß sich in die- provokant wurden, zu erfassen.
sem zwei Klassenlinien, die der Bourgeoisie einerseits und die
Obgleich der Modernismus zunächst Eigenschaften des Ka-
des Proletariats und des Sozialismus andererseits, durchkreuz-_ pitalverhältnisses reflektierte, trat er erst im imperiälistischen
ten, wechselseitig modifizierten und gegensätzlich artikulierten. Stadium des Kapitalismus hervor. Der Imperialismus verschärft
Die Pioniere dieses Modernismus begriffen ihr Werk vor allem
notwe11;dig alle Widersprüche des kapitalistischen Systems und
als die Überwindung der ästhetischen Kultur des 19. Jahr· führt an die proletarische Revolution heran. Die Kapitalisie-
hunderts. Das 19 •. Jahrhundert erschien vielen als ein konserva•
rung der Arbeitsbedingungen und schließlich der ganzen Lebens-
144 10 Kühne, Gegenstand
1 45
'".; ';'''".''

· nen, 358 schmiedeeisernen Gerüsten im Gewicht von 5"50 Tonnen


bedingungen gewinnt erst durch de~ Imperialismus ihre entfal- und 100 ooo m2 Glas. Das Grundstück für den Bau wurde am
tete Form. Und es soll auch bedacht werden, daß es erst man- 30. Juli erworben und der erste Träger am 26. September 1850
nigfaltiger Erfahrungen mit der Maschinerie bedurfte, bevor ihre aufgestellt. Das vollendete Gebäude wurde arri I. Mai 1851 er;.
ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten umfassend erschlossen öffnet. Die Anzahl der beschäftigten Arbeiter stieg von neun-
werden konnten. unddreißig in der ersten Septemberwoche auf 2 260 in der ersten
Dezemberwoche und sank bis März selten unter 2 ooo. Ihre Ar-
beitsweise war so sorgfältig berechnet und das ganze Vorgehen
Vorbereitung so ausgezeichnet organisiert, daß in einer einzigen Woche achtzig
Die Herausbildung der für die Kapitalistenklasse charakteristi- Mann nicht weniger als 18 ooo Glasscheiben einsetzen konn-
schen ästhetischen Beziehungen und ästhetischen Gestalthaltun- ten.>>178 In diesem Sinne modern waren die klassizistischen Bau-
gen, in denen sich das Allgemeine ihres Klassenwesens ausdrückt, werke nicht, aber der kapitalistische technologische Geist wirkte
hat sich in drei großen Entwicklungsabschnitten ihrer Klassen- bereits in der Gestaltung.
geschichte vollzogen. Der erste ist der ihrer revolutionären ge- Der Geometrismus der klassizistischen Architektur wurde im
sellschaftlichen Wirkung zur Beseitigung der ökonomischen und Neoklassizismus wieder aufgenommen und 'wirkte von hier un-
der politischen feudalen Verhältnisse. Dem Klassizi~mus kommt , vermittelt auf die Entwicklung der modernistischen Gestaltauf-
für diese Entwicklungsperiode der Bourgeoisie ,_besondere Be- fassungen ein. Nikolaus Pevsner schrieb über Ludwig Mies van.
deutung zu. Ursachen hierfür wurden bereits berührt. Jetzt in- der Rohe, 'bezogen auf den Entwurf des Hauses Kröller, die-
teressiert uns die bürgerliche Entwicklung des Klassizismus ser sei <<augenscheinlich von Behrens abhängig, aber zugleich,
darin, wie sie ästhetisch auf die Industrialisierung reagierte und wenn auch w~iger wahrnehmbar, von Schinkel ... Von ihm
in welcher Hinsicht der Klassizismus selbst als Vorbereitung der stammt Mies' Sparsamkeit und äußerste Präzision, von ihm und
ästhetischen Revolution in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahr- Behrens sein Sinn für Blockgruppierungen.»179
hunderts zu begreifen ist. Und das betrifft vor allem das Prinzip Die nachrevolutionäre Entwicklung der Bourgeoisie führt im
monotoner Reihu~g und den linear-kubischen Geometrismus der entfalteten Kapitalismus der freien Konkurrenz zur Herausbil-
klassizistischen Architektur. Diese Rerhung korrespondiert ästhe- dung eines barocken stilistischen Moments der herrschenden
tisch mit dem Monotoniecharakter industrieller Produktion, ästhetischen Kultur. Der Historismus ihrer revolutionären Ent-
kann hierdurch indirekt mit motiviert sein, ohne daß sie darum wicklungsperiode wurde durch den Eklektizismus abgelöst. Die
als ein bewußt eingesetzter Bedeutungsbezug architektonischer Begriffe «Historismus>> und <<Eklektizismus>> bezeichnen dem Stil
Form zu industrieller Produktion gedacht werden muß. Ihre untergeordnete Einstellungen der Gestaltung. Der Historismus
Bildung ergibt sich letztlich aus dem gestalterischen Gesamtkon- sucht durch die Benutzung historischer Formsprachen Assoziatio-
zept dieser Architektur, aber es ist sicher nicht verfehlt, sie auch nen zu ideal konzipierten gesellschaftlichen Zuständen zu erwek-
als Außerung einer technologisch disziplinierten Gestalthaltung ken. Er ist als Hinweis auf Vergangenheit zugleich Anspruch auf.
zu werten. Der industrielle architektonische Standard war vor- bestimmte Gegenwart. Sein Prinzip ist ideeisierend. Der Eklek-
weggenommen, erschien als Ordnungsform repräsentativer Ar- tizismus ist for(!lell auch historisierend. Er betrachtet die Ge-
chitektur. Als der Epochenbau des 19. Jahrhunderts, der Kri- samtheit der überkommenen Bauformen als mögliches Gestal-
stallpalast in London, für die Weltausstellung 1851 in kurzer tungsinstrumentarium, zu dem er sich unter dem Gesichtspunkt
Zeit zu errichten war, konnte Joseph Paxton auch auf das Prinzip der einzelnen Aufgaben selektiv und synthetisierend verhält. In
der Reihung zurückgreifen. Er hätte auch keine andere Wahl ge- einem Brief an den Kronprinzen Maximilian von Bayern schrieb
habt, weil der Einsatz Tausender für diese Arbeit nicht' speziali- Karl Friedrich Schinkel, daß es darauf ankomme, <<daß man das
sierter Arbeiter nur durch höchste Vereinfachung der Form und Schönste in den Verhältnissen aus der vorhandenen Architektur
technologische Berechnung der Handlungen zum Erfolg führen zusammenfaßte und in seiner Reinheit hinstellte ... oder gar,
konnte. Francis D. Klingender gab diese Beschreibung: <<Der daß man sich von dein einseitigen Begriff lossagte, jede dieser
Kristallpalast ... war 554 Meter lang und 42 Meter hoch. Der Stilarten allein und ganz gesondert hinzustellen, womit nur ein
umbaute Raum betrug über eine Million Kubikmeter. Er be~ Geschichtliches erreicht wird, ... sondern eine Verschmelzung,
stand aus 2 300 gußeisernen Trägern im Gewicht von 3 500 Ton-
10•
147
146
180
je nachdem der Charakter es erfordert, zu gestalten.» Der Hi- · Die ästheti~che Relev;1ni der d\lrch die kapitalistische Öko-
storismus der klassizistischen Architektur erwuchs aus dem Prin· nomisierung von Lebensbedingungen gesetzten Gestalteigen-
zip und aus den ideologischen Erfordernissen der bürgerlichen schaften ist schon früh erkannt worden. In seinem Tagebuch
Revolution, der Eklektizismus war auf dem Prinzip des Waren· schrieb Schinkel am 17. Juli 182.5 über Manchester: <<Die unge-
heuren Baumassen, von einem Werkmeister, ohne alle Archi-
hauses gegründet. tektur und nur für das nackteste Bedürfnis allein aus rohem
Formell ist der Eklektizismus den Gestalterfordernissen indu-
strieller Produktion entgegengesetzt. Aber zugleich vollzog sich Backstein ausgeführt, machen einen höchst unheimlichen Ein-
hier eine umfassende Internationalisierung der Formsprachen. druck.»183 Und Beuth schrieb im gleichen Jahr aus Manchester
Die ;Entwicklung des Weltmarktes brachte die überkommene na- an Schinkel: <<Die Wunder der neueren Zeit, mein Freund, sfod
tionale Ordnung der Gegenstände durcheinander, und das Ex- hier die Maschinen und die Gebäude dafür ... So ein Kasten
pansionsstreben der führenden kapitalistischen Staaten erzwang ist acht und neun Stock hoch, hat mitunter vierzig Fensterlänge
auch eine kosmopolitische Ausrichtung der ästhetisch gestalteri- und gemeinhin vier Fenstertiefe ... Eine Masse solcher Kasten
schen Praxis. Hatte die bürgerliche ästhetische Kultur in der re- steht auf sehr hohen Punkten, die die Gegend dominieren; hierzu
volutionären Phase der Bourgeoisie auf der Grundlage einer noch ein Wald noch höherer Dampfmaschinenschornsteine, wie
noch unentwickelten maschinellen Produktion bereits wesentli- Nadeln, so daß man nicht begreift, wie sie stehen, - macht aus
che Züge einer an der maschinellen Produktion orienti~rten der Ferne einen wunderbaren Anblick, besonders in der Nacht,
.Ästhetik herausgebildet, so führte die bürgerliche Kultur der wenn die Tausenden von Fenstern hell im Gaslicht prangen.» 184
nachrevolutionären Phase der Bourgeoisie zur bewußten Akti- , Gestaltungskonzepti_on~lle Überlegungen wurden selbstver-
vierung der Gestalteigenschaften einer an der Handarbeit orien- ständlich hieran noch nicht geknüpft.
tierten .Ästhetik auf einer entwickelten in9ustrietfen Grundlage. Auch die nackte Not der Proletarier führte in ihren individuel-
Hierdurch wurde der Widerspruch zwischen den g~stalterischen len Lebensbedingungen zu ästhetischen Situationen, die füi: eine
Möglichkeiten und der produzierten Gestaltwirklichkeit schließ- o'eue Gestaltungskonzeption wesentlich werden konnten. Her- '
lich zu einer zwingenden Herausforderung gesteigert. Die ein- marin Sörgel brachte in dem Buch <N erwirrungen und Merk-
zelnen ästhetischen Gestaltungkonzeptionen, die -von hier direkt würdigkeiten im Bauen und Wohnen>> die Abbildung einer <<Ein-
zum eigentlichen Modernismus hinführten, sollen vernachlässigt Zimmerwohnung in einer Wohnbaracke». 185 Diese Abbildung
und nur noch einige Entwicklungen ästhetisch relevanter Gestal- zeigt die äußerst dürftige, aber zugleich nach höchster prak-
tungen verfolgt werden, die im Schatten der herrschenden bür- tischer_ Funktionswertigkeit geordnete Einrichtung des Raumes,
der bei Wegnahme weniger Einzelheiten, welche die Not als
gerlichen Kultur lagen. Gestalter erkennen lassen, ein ästhetisches Programm repräsen-
Ohne eigentliche ästhetische Disposition und ohne jeden ·•
ästhetischen Anspruch entwickelten sich neben der Kultur der , tieren könnte. Die Unmöglichkeit, sich in gesellschaftlich aner-
Bourgeoisie und von dieser fassadiert im Bereich· der Produk- kannter Gegenständlichkeit einzurichten, führte auch ästhetisch
tion, des Verkehrs und.der Lebensbedingungen des Proletariats · nicht formierte und damit auch ästhetisch nicht deformierte Ge-
Ansätze einer konstruktivistischen und funktionalistischen Ge- , genstände in die Wohnungen von Proletariern. Kisten, Bretter
staltung, die nur der .Ästhetisierung und der 1Programmierung J' und Bleche wurden zur Gestaltung des individuellen Raumes
harrten, um als Prinzip der industriellen Gestaltung überhaupt"i verwandt.
hervorzutreten. Bezogen auf die Architektur schrieb Georg Mün-1 Ein letzter Gesichtspunkt soll noch gefaßt werden: In der In-
ter, daß sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts hinter der offi- dustriearchitektur, der Erscheinung der proletarischen Wohn-
ziellen Architektur «noch eine <zweite Architektur> entwickelte/t bauten, von Geschäfts- und Verwaltungsgebäuden trat neben
das waren die Bauten der Produktion, das waren die Indusrtie-, ~ der horizontalen Reihung monotoner Elemente die Schichtung
gleichartiger Geschosse auf. Das Reliance Building in Chicago,
Werft-, Mühlen- und Speicherbauten und nicht zuletzt die elen-.l
1 890, von Daniel H. Burnham und John W. Root zeigt eine sol-
den Wohnbauten für das Proletariat. Das waren die Bauten dest
frühen englischen Funktionalismus.» 181 Die Triebkraft hierfüd che Schichtung von zwölf völlig gleichartigen Geschossen an
war der <<Fanatismus des Kapitalisten für die Ökonomisierung;/ einem Hochhaus. Hierdurch wird ein sehr wichtiger Wande( der
bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts vorherrschenden Tektonik
der Produktionsmittel». 18 2 '

149
148
ff'.'
.•
tung der anthropoiiiorphen Tektonik der Architektur in der
der Architektur bewirkt, die anthropomorphe -durch eine zunächst Gestalt des auf der Spitze stehenden Funkmastes ist) hier im
additiv struktive Tektonik überwunden. Letzte erscheint uns Prinzip theoretisch bereits vorweggenommen, obgleich Semper
heute in der Regel an den. Wohn- und Verwaltungsbauten. Es auch in diesen Gedanken keine eigene Gestaltungskonzeption
ist hier möglich, daß, theoretisch gesehen, die einzelnen Ge- darstellte.
schosse eines Bauwerks beliebig gegeneinander ausgewechselt Indem allein durch die Zwänge ökonomischer un.d technolo-
werden können, ohne seine Erscheinung zu verändern. Gibt die gischer Rationalität bei der Gestaltung von Fabrik-, Wohn- und
anthropomorphe Tektonik ein unmittelbar an der Körpererfah- Verwaltungsbauten vor jeder ästhetischen Programmierung '
rung sowie an der Proportion und dreistufigen Gliederung des gleichartige Geschosse geschichtet wurden, war das anthropo-
menschlichen Körpers orientiertes Bild des vorgestellten tekto- morphe tektonische Prinzip ausgesetzt, selbst wenn einzelne
nischen Systems, so abstrahiert die struktive Tektonik von die- Glieder von Bauwerken diesem noch folgten. Hierdutch wurde
sem direkten Organbezu.g des Tektonischen zugunsten einer der für den Modernismus charakteristische tektonische Gestalt-
durch Naturwissenschaft und industrielle Technik bestimmten wandel, der nicht auf die Architektur beschränkt war, ansetzend
tektonischen Gestaltung. vorbereitet. Die moderne Gestaltung ist nur äußerlich und selbst
Die ästhetische Wirkung der anthropomorphen Tektonik hat hierin unzureichend begriffen, wenn lediglich davon ausgegangen
Theodor Lipps so beschrieben: <<Das Dasein der Säule selbst, wird, daß sie von der individuellen Fülle der Gegenständlichkeit
so wie ich es wahrnehme, erscheint mir unmittelbar und in dem und bildnerisch von den Erscheinungsformen von Mensch und Na-
Moment, in dem ich es wahrnehme, als bedingt durch mecha- tur abstrahiert. Dieser Abstraktionsprozeß hat sich auch vollzo-
nische Ursachen, und diese mechanischen Ursachen erscheinen gen, aber nur als solcher hinterließ er immer das alte tektonische
mir unmittelbar unter dem Gesichtspunkt eines menschlichen Gerüst. Der eigentliche Kern der modernen Gestaltauffassung ist
Tuns. Vor meinen Augen scheint die Säule sich zusammenzufas- die Neubestimmung der Flächen- und Raumwerte des Gegen-
sen und aufzurichten, also ähnlich zu verhalten, wie ich es tue, standes in einer nicht mehr einseitig geozentrischen, sondern in
wenn ich selbst mich zusammenfasse und aufrichte, oder der einer kosmisch relationierten Tektonik. Diese für die Architektur
Schwere und der natürlichen Trägheit meines Körpers zum und für die industrielle Produktgestaltung revolutionie-
Trotz zusammengefaßt und aufrecht verharre. Ich kann die Säule rende Veränderung des tektonischen Empfindens wurde in den
gar nicht wahrnehmen, ohne daß mir in dem Wahrgenommenen 186 bildenden Künsten vorbereitet. <<Der Suprematismus», schrieb
unmittelbar diese Tätigkeit enthalten zu liegen scheint.>> Sem- Malewitsch 1920, <<durchlief in seiner historischen Entwicklung
per hatte empfunden und ausgesprochen, daß solche anthropo- drei Stufen: die schwarze, die farbige und die weiße. Alle Pe-
morphen tektonischen Eigenschaften den Metallkonstruktionen rioden standen in den verabredeten Zeichen der Flächen und
in der Architektur, sofern sie deren Erscheinung selbst mit bil- brachten gewissermaßen die Eb~nen der zukünftigen räumlichen
den, nicht gemäß sind. <Non einem eigenen Stab- und Gußme- Körper zum Ausdruck; tatsächlich tritt der Suprematismus zum
tallstil kann nicht die Rede sein; das Ideal desselben ist die un- gegenwärtigen Augenblick in der Raumzeit der neuen Architek-
sichtbare Architektur! Denn je dünner das Metallgespinst, desto turkonstruktion in. Erscheinung. Der Suprematismus bürgert sich
vollkommener in seiner Art.» 187 Diese außerordentliche Wen- also in Verbindung mit der Erde ein, verändert aber auf Grund
dung des architektonischen Gestaltbegriffs, die Semper aller- seiner ökonomischen Konstruktionen die gesamte Architektur
dings nicht ästhetisch bejahte, hat er dann auch in der durch das der Dinge auf der Erde im weiten Sinne, indem er sich mit dem
Metall bewirkten Verkehrung der Erscheinung des Quaders ge- Raum der sich bewegenden monolithen Massen des Planeten-
zeigt. Ein Steinquader <<mit vertieftem Spiegel, ein Füllungs- systems vereint.» 190 Hiermit war zugleich die Aufhebung der
quader, wäre ein stilistisches Unding, dagegen erhält ein solcher hierarchischen Raumbezüge von Bauwerken und Gegenständen,
mit erhöhtem Spiegel den Ausdruck der Resistenz noch deutli- der Axialität, der Vorder-, Seiten- und Hinteransicht, der Be-
cher als ein glatter und dieser Ausdruck steigert sich, wenigstens
188 ziehung von Unten und Oben, verbunden. <<Das Innen u~d das
bis zu gewissen Grenzen, mit dem Wachstum des Vorsprungs>>. • Außen, das Oben und das Unten verschmelzen zu einer Ein-
Und hierzu merkte er an: «Wäre man dagegen veranlaßt, Qua- heit.»191 So Laszlo Moholy-Nagy. Die Bauwerke und Gegen-
der aus Metall zu bilden, so hätte für diese die vertiefte Fül- stände werden unabgeschlossen, raumoffen, sind ,mit dem Um-
lung stilistischen Sinn.,> 189 Die vollendete und faktische Umwer-
151
150
abgespielt hat ... ». 195 Für ihn war das eine zumindest resignative
raum verzahnt und von ihm durchsetzt. Der Rand ist ausge~
Charakteristik. Zugleich beruhte die kunstwissenschaftliche Deu-
räumt. <<Die Aktivierung der Negativa», schrieb Josef Albers,
tung auf einem Mißverständnis. Sedlmayr übersah, daß jetzt
«(der Rest-,,Zwischen- und Minuswerte) ist vielleicht das einzige
nicht die Tektonik des Bildes und die der Architektur aufgege-
ganz neue, vielleicht das wichtigste Moment der heutigen Form-
ben, sondern eine historisch völlig neuartige tektonische Haltung
absichten. Aber es merkten noch nicht viele - es hat sich noch nicht
ausgebildet war. ln dem Aufsatz «Die Kugel als Gebäude oder
rumgesprochen -, weil die soziologischen Parallelen nicht notiert
das Bodenlose>>, 1939, ließ er sich von dem Begriff einer bloß
werden ... Gleiche Berücksichtigung der Positiva und Negativa
geozentrischen Tektonik leiten.196 Das Auftreten atektonischer
läßt nichts <übrig>. Wir unterscheiden wesentlich nicht mehr tra-
Einstellungen in der Periode des Klassizismus wäre äußerst un-
gend und getragen, wir lassen nicht mehr Scheidung zu in die-
wahrscheinlich. Das kugelförmige Haus für Flurwächter und
nen und bedient, schmücken und geschmückt. Jedes Element
Knechte eines französischen Landgutes weist in der Entwurfs-
oder Baugli.ed muß gleichzeitig helfend und geholfen wirksam
zeichnung von Claude N. Ledoux auf keine Verkehrung der Be-
sein, stützend und gestützt.>>192 Zu diesem Text bemerkte Karl-
ziehung von Lasten und Tragen. Die Gestalt der Kugel hebt
Heinz Hüter: <<Was er hier mit Begriffen zu entschlüsseln ver-
allerdings jede funktionelle Differenzierung des Tektonischen
suchte, betraf ein Strukturgesetz, eine neue Raumstruktur, mit
und das Oben und das Unten als fixe Gestaltwerte auf, ist nicht
der ein neues ästhetisches Grundverhältnis des Menschen zu sei-
mehr bodenwüchsig wie die !radierte Architektur, doch damit.
ner Umwelt gleichsam zu einer semantischen Formel verdichtet
nicht atektonisch. Aber der Kugelbau von Ledöux liegt in der
war.>>193 Landschaft wie ein zum Abheben von der Erde fähiger Raum-
Von ·den unterschiedlichen Attikulationen dieses Ansatzes
körper. Vogt belegte die kosmische Bedeutung dieses architek-
eines neuen ästhetischen Weltverhältnisses der Individuen soll
tonischen Entwurfs eindeutig durch den Entwurf Ledoux' zu
hier abgesehen werden wie auch von den mannigfaltigen welt-
einem Wandbild der Stadt Chaux, welches die Erdkugel mit
anschaulichen Formen seiner subjektiven Vermittlung im ein- ,
zeinen Werk. Die in dieser, Entwicklung gesetzten ästhetischen · Planeten, von, unten beleuchtet, darstellt. 197 Daß in der frühen
sowjetischen Architektur der Kosmos erneut besondere Bedeu-
Einstellungen weisen über jedes Episodische und personell Zu-
fällige hinaus. Sie -sind auch nicht hinreichend durch die inspi- tung erhielt, war in der weltrevolutionären Dimension der so-
zialistischen Oktoberrevolution unq der Gestaltung des Sozia-
rierende Wirkung der Maschinerie, der modernen Technik über-
lismus in der Sowjetunion begründet. Das zeigt deutlich Wla-
haupt und auch nicht durch solche wichtigen Einflußfaktoren wie,
dimir J. Tatlins Turm für die III. Internationale und auf einem
die Relativitätstheorien Einsteins zu erklären. Diese und andere
besonderen architektonischen Niveau Iwan I. Leonidows Projekt
Bedingungen konnten erst zu einer neuen ästhetischen Weltsicht
für das Lenininstitut in Moskau. Der hoch aufragende Baukör-
durch die Erschütterung der Ausbeutergesellschaft negativ und
per ist der Raumbereich der Arbeit. Der Funkmast und die vom
durch die Ahnung einer neuen Weise menschlichen Zusammen-
Erdboqen abgehobene Kugd als Verbindung herstellendei: Bal-
1lebens positiv hinführen. So zeigt sich ein innerer Zusammenhang
zwischen der mit der Oktoberrevolution eröffneten Epoche der lon und als Modell der Erde zugleich weisen auf die Bezüglich-
keit, präzisieren optisch die Bestimmung dieser Arbeit selbst und
Menschheitsgeschichte und diesem sich abzeichnenden Umbre-
chen der tradierten ästhetischen Kultur. <<Erst wenn Oben und weisen auf das Instrumentarium ihrer Vermittlung. Das <<Völker
Unten jene Bedeutung verlieren, die sie seit der Überwindung hört die Signale» war so architektonisch phrasenlos objektiviert.
der atektonischen Altsteinzeit mit der Heraufkunft des tektoni- Es soll nicht die falsche Vorstellung erregt werden, daß von den
schen Weltfllters in der Neusteinzeit gewonnen hatten, ist der Vertretern der Gruppe De Stijl bis zu den einzelnen Mitarbei-
entscheidepde Schritt getan. Nun wird das tektonische Elemenc tern des Bauhauses das schon so gehö.(t wurde. Aber der letzte
des l3ildes nicht nur erschüttert, sondern es wird aufgegeben. Grund dieser Veränderung der ästhetischen Gestaltvorstellun-
Dies~ Aufstand gegen das Tektonische ist ein Ereignis von weit- gen ist die durch das Proletariat behauptete Perspektive der.
, geschichtlicher Bedeutung.>>194 Diese Wertung gab Hans Sedl- Menschheit. Wenn wir nach den tektonischen Werten, die hier
mayr in «Die Revolution der modernen Kunst>>, worin er ein- gefaßt wurden, fragen, so erwiesen sie sich im Inhalt mit denen
leitend auch feststellte: << ... was die moderne Kunst historisch aller revolutionären Epochen verwandt. Diese tektonische Hal-
bedeutet: die ungeheuerste Revolution, die sich in der Kunst je tung, wie skin der Gestaltung erscheint, zeugt von keinem Welt-

15 3
152
)
verlust im verselbständigten Genuß, sondern von Zuversicht und tektur und in c:len angewandten Künsten darf überhaupt dieses
aktivem V erhalten. In der Zeichnung <<Die dünnen Linien halten Moment nicht umgehen, will sie sich mit Erfolg durchsetzen. Ich
Stand vor dem schweren Punkt>> skizzierte Wassily Kandinsky konnte daher den neuen Stil als eine aus dem Geist des Kapita-
Grundformen neuer tektonischer Organisation; zeigte er die zum lismus geborene Erscheinung bezeichnen. Der industrielle Fta-
Kosmischen erweiterten Funktionen der Form und bezeugte er · pitalismus, der durch eine sinnlose Nachbildung der alten For-
den großen Glauben, daß sich der Mensch mit seinen Schöpfun- men eine so große Geschmacksverw1rrung angerichtet hat, tritt
gen in dieser Welt bewähren kann. zum erstenmal als Schöp /er einer neuen ästhetischen Wertung
der Dinge auf.>> 199 Im Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg
Klassenmäßige Voraussetzungen erhielt das Suchen nach neuen ·gestalterischen Werten der indu-
striellen Erzeugnisse für die deutsche imperialistische Bpur-
Wichtiges hierzu wurde bereits vorweggenommen. Aber es wäre geoisie besondere Dringlichkeit. War hierin doch eine Möglich-
einseitig, die Bedeutung kapitalistischer Klassenpraxis für die keit zu sehen, in der internationalen Konkurrenz besser zu be-
Herausbildung der Ansätze des Modernismus zu übersehen. Auch stehen und das expansionistische Streben zu verwirklichen. Der
das wurde zur kapitalistischen Ökonomisierung der gegenständ- Blick auf die Maschinerie und auf ihre besonderen ästhetischen
lichen Produktionsbedingungen und zu dieser Rationalisierung Gestaltkonsequenzen war damit offen. Sempers kunsttheoretische
der Produktion hin bereits berührt, muß aber zur Subjektivität Anschauungen erregten jetzt besonderes Interesse. Wie er die
der Klasse der Bourgeoisie hin noch ergänzt werden. Bis zu Wurzel des ägyptische,n Stils im Nileimcr und die des griechi-
einem gewissen 'Grade hat die Bourgeoisie in Wahrnehmung schen in der Hydria zu sehen glaubte, wurde jetzt die Hqffnung
ihrer Interessen diese Veränderung der ästhetischen Kultur auf neue ästhetische Gestaltwerte auf die moderne Industrie
selbst vorangetrieben. Das ist schon darum leicht zu erklären, gegründet. Henry van de Velde, der in dieser Zeit in Deutsch-
da sie ja im Unterschied zum Proletariat über die ökonomischen land wirkte und einen großen Einfluß auf die gestalterischen
Möglichkeiten und über die politische Macht verfügte, das ge- Vorstellungen ausübte, schrieb: <<Wenn ich nicht glaubte, daß es
stalterische Schaffen auf Gebieten wie der Architektur und der in der Zukunft möglich wäre, die moralische Beziehung zwisc,hen
industriellen Produktgestaltung nachhaltig zu beeinflussen. Es Industriellen und Fabrikanten und den Gegenständen, die sie
versteht sich eigentlich von selbst, daß die kulturelle Orientie- produzieren, wieder herzustellen, so müßte ich auf jegliche
rung der revolutionären Arbeiterbewegung zuerst hierin keinen Hoffnung verzichten, die Schönheit mit den Gegenständen, die
zentralen Gegenstand fassen konnte. Auch für die Künste selbst zum Gebrauch und zur Verschönerung des materiellen Lebens
ist die Mahnung Franz Mehrings zu beherzigen, sich davor zu bestimmt sind, zu versöhnen. Einmal sehen wir, daß nicht die
hüten, «die Bedeutung der Kunst für den Emanzipationskampf ganze Industrie mit den althergebrachten Beziehungen zwischen
des Proletariats zu überschätzem>. 198 Es ist keine Zurücknahme dem, der produziert, und dem Produkt selbst gebrochen hat,
des behaupteten gesellschaftlichen Wesens dieser Veränderung daß es in Wirklichkeit nur die Kunstindustrien sind, die dieser
des Asthetischen: wenn davon ausgegangen wird, daß bis zur Tradition entsagen. Von den kleinen elektrischen Apparaten,
Oktoberrevolution und zu den anderen revolutionären Erschüt- den telephonischen und telegraphischen, den elektrischen Bir-
terungen der Herrschaft des Kapital~ zum Ende des ersten Welt- nen und den elektrischen Instrumenten für Massagezwecke bis
krieges Teile der imperialistischen Bourgeoisie einen wichtigen zu den mächtigen Dampfmaschinen, tragen alle diese Gegen-
Einfluß auf den ansetzenden Prozeß der Entwicklung des Mo- stände das Merkmal einer Eigenschaft, die sich definier~ läßt:
dernismus geleistet haben. , das Bemühen, es so gut wie möglich zu machen.>> 200 Van de Vel-
In dem 1909 erschienenen Buch <<Die ästhetische Kultur des des Entwicklung als Gestalter und Theoretiker ist ohne den Ein-
Kapitalismus>> hat Johann Gaulke diese Rolle des Kapitalismus fluß der Gedanken von Morris und ohne seine B~rührung mit
bereits reflektiert. «In allen Betriebs- und Verkehrsmitteln un- den Ideen des Sozialismus nicht zu erklären. 1899 schrieb er
serer Zeit ist ... lediglich aus Zweckmäßigkeitsgründen die kon- im <<Pam>, «daß die Kunst einer Neugestaltung entgegengeht,
. struktive Form gewahrt worden. Eine Erscheinung, die nicht weil die Gesellschaft einer solchen entgegengeht .~ .>> 20 1 Aber
ohne Einfluß auf die ästhetische Anschauung des modernen hiergegen erfolgte bald ein Wandel, und in Deutschland erhielt
Menschen bleiben konnte. Die neue Stilbewegung ·in der Archi~ seine St~llung zum Sozialismus etwas Artistisdies. Er bekannte
154
l 55
die Liebe zur Arbeit, wie i~mer sie ausfällt, eine angeborene
sich zeitweilig weiter zu sozialistischen_· Zielen, war aber auch.'
Tugend ist.>>206
fähig, sie zu denunzieren. Van de V eldes Affront gegen den Sozialismus kritisierte
Die Veränderung von van de V eldes Stellung zum Sozialis~
Julian Marchlewski vom marxistischen Standpunkt. <<Das sind
mus ist hier nicht aus sinem charakterologischen Interesse zu l
Flausen, die vielleicht für die <persönliche Gleichung des Ver-
verfolgen, und es wird hieran nicht erinnert, um auf eine un-c\
fassers>, wie Herbert Spencer sich ausdrückt, in Betracht kom-
zulässige Wei'se die große Bedeutung seines Wirkens als Theo-<
men; sie beweisen nur von neuem die alte Wahrheit, daß selbst
retiker und als Gestalter in dieser Zeit zu mindern. Es ist nur•
sonst kluge Leute infolge des Milieus, in dem sie leben, von
die Frage, ob die zu einer modernen Gestaltauffassung hinfüh-
philiströsem Banausentum in sozialen Anschauungen nicht frei
renden Gedanken van de V eldes allein durch sein politisches i
kommen.>> 207 In dem Aufsatz «Moderne Kunstströmungen und·
Bekenntnis zwingend als Ferment· einer revolutionären gesell- 'i Sozialismus>> hatte Marchlewski die ästhetischen Auffassungen
schaftlichen Veränderung begriffen werden mußten oder auch<
als eine Möglichkeit der Behauptung der alten Gesellschaft auf- f, van de Veldes umfassend dargestellt und gewürdigt. <<V an de
Velde reklamiert ... den Ehrentitel <Künstler> für den Ingenieur,
gefaßt werden konnten. Van de V elde hat diese Beziehung
den Erbauer der schönen, in kühnen Bogen gespannten Brücken,
seines Wirkens selbst in den Memoiren berührt. Über seine Vor-
den Schöpfer der neuen Architektur. Aber nicht nur für diesen,
träge an der Universite Nouvelle, 1894, schrieb er: <<Der Ab-
sondern auch für den Mechaniker, der nach streng logischen Ge-
schnitt, der sich mit dem Schaffen ... Willia~ Morris' beschäf- ·
setzen der Lokomotive, dem Dampfboot, dem Fahrrad schöne,
tigte, trug "mir den ermutigenden Beifall bei ... Während des
weil konsequent dem Material und der Zweckbestimmung an-
ganzen Kurses in diesem ersten Jahr äußerte ich kein Wort des
gepaßte Formen gegeben hat. Ja, dieser Künstler, dem es so sehr
Zweifels, weder an Ruskin noch an Morris und seinem Ver-
ernst ist um seine Kunst, erklärt, er und seine Gesinnungsge-
trauen in die Zukunft einer anarchistisch-kommuni.stischen Ge-
nossen hätten sich angezogen gefühlt von so prosaischen und
sellschaft.»202 Und übe.r seine Vorträge im Hause der Cornelia
durchaus der Maschinenproduktion angehörenden Dingen wie
Richter, Berlin, 1900, heißt es: «William Morris' Prophezeiung,
englischen Kinderwagen, Bestandteilen der Wasch-· und Bade-
die ,Wiederkehr der Schönheit hänge von der Herbeiführung
räume, elektrischen Ampeln, chirurgischen Instrumenten usw.>> 208
eines gerechteren und würdigeren sozialen Regimes ab, bezeich-
Die mit der Arbeiterbewegung nicht; zu vereinbarenden Erklä-
nete ich als eine Frage des Abwartens oder gar des Verzichtes .
rungen van de V eldes über seine Stellung zum Sozialismus -hin-
Wieviel fruchtbarer, sagte ich, ist Ruskins Anschauung, derzufolge ·
derten Marchlewski nicht, die Bedeutung der gestalterischen Vor-
jede menschliche Arbeit sich in Kunst verwandelt, wenn sie freu-
stellungen van de V eldes zu erkennen und zu propagieren. Die
dig ausgeführt wird. Dann ist die Arbeit vom Fluch befreit
«sozialen Anschauungen des Künstlers>> sind «irrelevant, wo es
. . .>>203 Diese Vorträge wurden in d~r Schrift <<Renaissance im
sich um den sozialen Einfluß der Kunst und den Zusammenhang
Kunstgewerbe>> veröffentlicht. Im letzten Vortrag versprach van
zwischen sozialem Leben und Kunst handelt. Um Tatsachen han-
de V elde, «mit kaltem Sinn zu untersuchen, wa~die Kunst vom
delt es sich hier, nicht um Meinungen, und die Tatsachen spre-
Sozialismus zu erwarten hat>>. 204 Und er griff ziir Beantwortung
chen eine klar verständliche Sprache: Die neue Kunst gehört
dieser Frage auch auf eine · sozialdarwinistische Argumen~ 1
dem Sozialismus.>>209 Zugleich weist van de V eldes Wirken
tation gegen den Sozialismus · zurück. «Wenn der Kampf~~
in dieser Zeit jedoch darauf hin, daß jetzt Teile der Bourgeoisie
ums Dasein, diese allmächtige Triebkraft, dieses bewunde• 'li
ihre Aufmerksamkeit der Herausbildung neuer gestalterischer
rungswürdige Sprungbrett, keine Daseinsberechtigung mehr ·
Grundsätze zuwandten. Van de Veldes Berufung auf John Rus-
hat, so wird die Hälfte der Menschheit sich schlaff ,ifi
kin verkehrte die romantische Kapitalismuskritik yon dessen
diese schöne Sicherheit einwiegen, welche so viele Menschen 205 Verteidigung der Schönheit zu einer Versöhnungsfqrmel mit den
gerade deshalb wünschen, um sich ihr gänzlich hinzugeben.>>
herrschenden kapitalistischen Verhältnissen. Ruskin und auch
Zur völligen Befriedigung der bürgerlichen Interessenten seiner '
Morris gelangten durch ihre kritische Haltung zur kapitalisti-
Anschauungen versicherte van de V elde schliel!,lich, daß zwi-
schen Gesellschaft z11 keiner Ausrichtung der Gestaltungskon-
schen dem Lohnproblem und der MögHchkeit, mit Freulie zu
zeptionen auf die Maschinerie. Ruskin schrieb: «Bodenkultur
arbeiten, kein Zusammenhang besteht. <<Für die, welche die Ar~
durch Handwerk ... und unbedingte Zurückweisung oder Ver-
beit nicht lieben, wird die Arbeit ewig eine Strafe bleiben, weil
157
156

"
.,f .- . .)i.,1 ..K ,1_. C.., -·"'"-t.AA:'<·-·:· •;,·;q·•r,.,_•

bannung jeglicher überflüssiger Feuerkraft sind die ersten Vor~ heitliche Kultur, die sich den anderen Völkern aufprägt, um
bedingungen einer Kunstschule in jeglichem Lande.» 210 Ruskins deutschen Volksstil im Maschinenzeitalter.>>213 Das Zukunfts-
Kritik des Kapitalismus war im Grunde reaktionär, sie war in? ideal sei, «ein künstlerisch durchgebildetes Maschinenvolk zu
militanter Weise antiindustrieU. Selbst William Morris, dessen,;, werden>>. 214 Aus dieser Konzeption erwuchs Naumanns ästhe- ;,.;
theoretische Anschauungen sich auch durch den Einfluß von'1 tischer Kult des Technischen. <<Es gibt Stücke am Unterbau d-::r
Marx und Engels bildeten, hatte ei'n unentschiedenes Verhältnis t Berliner Hochbahn, die in ihrer freien Wuchtigkeit besser wirken
zur industriellen Technik. Einmal sah er in ihr schon die Hoff-{ >'~j
als Salomonis Sprüche.>}215 Die Demagogie des Nationalen und
nung auf eine neue Kultur begründet. Aber sein Ideal der Kunst 1 Völkischen, der deutschen Wertarbeit und der offen bekundete
und des Schönen war der kapitalistischen Arbeitswelt in jeder ' Anspruch auf Weltherrschaft waren auch Momente, welche die
· Hinsicht entgegengesetzt. «Die mechanische Arbeit hat die mit :, Wirkung des Deutschen Werkbundes als einer V ere1nigung von
Verständnjs ausgeführte Arbeit ... · verschlungen, ... was von ) Vertretern der Industrie u_nd von Künstlern wesentlich bestimm-
der Kunst .noch übrig ist, hat sich in ihrer Zitadelle, der höch- ten, ohne daß die Anschauungen vor allem der Künstler des
sten geistigen Kunst, gesammelt und hält da dem Feinde Werkbundes hiermit gleichzusetzen wären. Aber die Orientie-
stand.>> 211 Für Morris war die Kunst Behauptung menschlichen rung des gestalterischen Schaffens auf die industrielle Technik
Anspruchs gegen das Kapital. Aber die geschichtlich transito- und die Erhebung der Maschine'zu einem Leitmotiv det ästhe-
rische Rolle des Kapitals konnte er nicht klar erfassen. <<Die me- tischen Kultur gingen hiermit von den Interessenvertretern des
chanische Arbeit wird die Handarbeit gänzlich verdrängen, und ) Kapitals aus. · ·
mit der Kunst wird es vorbei sein.>> 212 Der Modernismus s_ollte Tendenzen der Astheüsierung des kapitalistischen Industria-
aber zuerst als die Asthetik der mechanischen Maschinenarbeit lismus zeigten sich auch bei den Vertretern der futuristischen
hervortreten. Die Orientierung hierauf, das .zeigt die Entwick- Architektur in Italien. In der Proklamation <<Futuristische Ar-
lung van de V eldes, konnte zunächst durch die Zurücknahme chitektur» von Antonio,Sant' Elia und Filippo T. Marinetti, 1914,
des kritischen gesellschaftlichen Engagements gefördert werden. heißt es: «Wir müssen die futuristische Stadt erfinden und er-
Die verhältnismäßig späte Entwicklung des deutschen Impe- bauen - sie muß einer großen, lärmenden Werft gleichen und
rialismus und die für diesen so entstandenen· besonderen Be- in allen ihren Teilen flink, beweglich, dynamisch sein; das futuri-
dingungen der Expansion führten dazu, daß Teile der imperia- stische Haus muß wie eine riesige Maschine sein. Der Aufzug
listischen Bourgeoisie aus Gründen der Konkurrenz entschieden soll sich nicht mehr wie ein Bandwurm im Schacht c:les Treppen-
auf die Verbesserung der Qualität der industriellen Erzeugnisse hauses verbergen; die überflüssig gewordenen Treppen müssen
drängten und hierbei auch notwendig auf die gestalterische Pro- verschwinden, und die Aufzüge sol,len sich wie Schlangen aus
blematik der industriellen Produktion stoßen mußten. Friedrich Eisen und Glas emporwinden. Das Haus aus Beton, aus G\as
Naumann hatte den Zusammenhang zwischen den ökonomischen und Eisen, ohne Malerei und ohne Verzierung, reich allein durch
Interessen der Großbourgeoisie und der zu entwickelnden Asthe- die Schönheit seiner Lißien und Formen, außerordentlich <häß-
tik der Gestaltung industrieller Produkte umrissen. <<An billiger lich> durch seine mechanische Einfachheit, in seiner Höhe und
Massenarbeit ist nichts mehr zu verdienen. Sie muß auch ge- Breite nach den Vorschriften des städtischen. Gesetzes bemessen,
macht werden, aber mit deutschen Kräften kann' man mehr lei- soll sich ·über dem Geheul eines lärmenden Abgrundes erhe-
sten. Die billigen Arbeiten nehmen früher oder später die halb- ben ... >> 216 Diese im Pathos des Technischen beruhende futuri-
gebildeten Völker an sich. Was tun wir dann? Dann sind wir stische Architekturkonzeption hatte wesentlichen Einfluß auf
entweder ein Volk, dessen Stil und Geschmack sich in der Welt die Entwicklung der modernen Architektur in den zwanziger
durchgesetzt hat, oder wir hungern mit den Orientalen um die Jahren. Sie Wllr aber zuerst nicht aus dem Streben nach gesell-
Wette, nur um zu sehen, wer die billigsten Massenartikel am schaftlicher Veränderung hervorgegangen. Die hier gefaßte Be-
Fleisch und Blut und Eisen herauspressen kann. Den Spielraum ziehung zum Maschinismus ist insofern der zuvor bei Naumann
des Lebens, den wir unserem Volk vom Herzen wünschen, kön- bemerkten verwandt.
nen wir ohne die Erhöhung seiner künstlerischen Leistungen Neben den im imperialistischen Sinne militanten Vertretern
gar nicht erlangen .... es handelt sich um eine ganz in sich ein- der neuen Bewegung des ästhetischen gestalterischen Schaffens
in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg gab es auch gemäßig-

158 159
' ' '
Schlußfolgerungen zogen. Für viele war die Einstellung der
tere. Ia der Schrift <<Wirtschaft und Kunst» hatte Wilhelm, eigen,en Arbeit auf die Bedürfnisse des Monopolkapitals eine
Waenting Einschränkendes gegenüber Naumanns Vorstellungen# selbstverständliche Gegebenheit. Gropius forderte die Indu-
geltend gemacht und hierbei zugleich Gedanken geäußert, die 1, striellen auf, keine Spesen für die Künstler zu sparen. 1913
fiir das Verständnis der klassenmäßigen Tendenz dieser Ent-' schrieb er im <<Jahr~uch des Deutschen Werkbundes>>, daß es
wicklung, wie sie -von den Industriellen vorangetrieben wurde, sich für die Industriellen <<auf die Dauer bezahlt macht, wenn
sehr aufschlußreich sind. W aenting ging davon aus, daß es ver• sie neben technischer Vollendung und Preiswürdigkeit auch für
fehlt sei, <<von der ~ufsteigenden Entwicklung des deutschen den künstlerischen Wert ihrer Produke besorgt sind und mit
Kunstgewerbes eine entscheidende Verschiebung in der wirt- ~ ihnen Geschmack und Anstand · unter die Menge tragen. Sie
schaftlichen Machtverteilung der Völker zu erwarten, genau, wie·'/ ernten damit nicht nur den Ruhm, Kultur zu fördern, sondern,
der sich getäuscht sehen dürfte, der darin den Vorboten einet was im kaufmännischen Leben fast immer gleichbedeutend ist,
neuen Wirtschaftsordnung erblickert sollte. Denn die moderne auch pekuniären Gewinn.»220 Gropius betonte, daß das Publi-
Kunstgewerbebewegung, weit entfernt,. die Zivilisation unserer kum durch <<künstlerische Schönheit eines Fabrikgebäudes» inten-
Zeit zu Grabe zu tragen, scheint,vielmehr dazu bestimmt, uns siver gefesselt wird als <<durch Reklame- und Fabrikschildern. 221
mit ihr zu versöhnen, indem sie ihr Wesen ästhetisch zum Aus- Und schließlich schrieb er über den Einfluß der ästhetischen
druck zu bringen versucht.>>217 Und in dem Aufsatz <<Arbeiter- Gestaltung von Fabrikanfagea auf clie Arbeiter selbst. <<Eine
bewegung und Kunstgewerbe» von Ernst Collin wurde der Ver- Fabrik, die in ... gemeinsamer Zusammenarbeit des· Bauherrn
such, die neue Ästhetik gegen die r~volutionäi:e Entwicklung und Architekten entstanden ist, wird Vorzüge besitzen, die sich
der Arbeiterbewegung zu funktionieren, unverhohlen formuliert. dem ganzen Organismus des Betriebes mitteilen müssen. Eine
<<Wir können die Arbeiterbew~gung von heute 1,1m so eher hin- klarf innere Disposition, die sich auch nach außen hin über-
nehmen, wie sie ist, weil wir wissen, daß nichts geringeres als sichtlich veranschaulicht, kann den Fabrikationsvorgang• sehr
unser Kunstgewerbe den Weg bahnt zur Schlichtung des sozialen vereinfachen. Aber auch vom sozialen Standpunkt aus ist es
Kampfeu218 Die Herausbildung einer an der maschinellen Pro- nicht gleichgültig, ob der moderne Fabrikarbeiter in öden, häß-
duktion orientierten Ästhetik der Gestaltung industrieller Er- lichen Industriekasernen oder in wohlproportionierten Räumen
zeugnisse vollzog sich als Klassenauseinandersetzung zwischen seine Arbeit verrichtet. Er wird dort freudiger am Mitschaffen
Bourgeoisie und Proletariat. Sofern sie durch die kapitalistischen großer gemeinsamer Werte arbeiten, wo seine vom Künstler
Interessen gefaßt wurde, war sie die erste Ästhetik, die unter durchgebildete Arbeitsstätte dem einem jeden eingeborenen
dem Gesichtspunkt ausbeuterischer Herrschaft konzipiert wurde. Schönheitsgefühl entgegenkommt und auf die Eintönigkeit der
Alle der in dieser Eigenschaft kapitalistischen Ästhetik voran- mechanischen Ai;beit belebeQd wirkt. So wird mit der zuneh-
gegangen Ästhetiken waren im Hinblick auf die Kunst formu- menden Zufriedenheit Arbeitsgeist und Leistungsfähigkeit des
liert, während diese aus den Beziehungen zur industriellen Pro- Betriebes wachsen.» 222 Gropius wurde nicht ausführlich zitiert,
duktion und auf deren Produkte hin gebildet worde. Das be- um hieraus Bewertungen seines frühen gestalterischen Schaffens
stimmende gesellschaftliche Subjekt dieser Entwicklung konnte abzuleiten. Die Schuhleistenfabrik in Alfeld, deren Ästhetik ja
in dieser Zeit nur die imperialistische Bourgeoisie sein. , in dem zitierten 'Text mit referiert wurde, ist in vielen Eigen-
Den· Arbeitsbeginn von Peter Behrens im AEG-Konzern be- schaften eine geniale Antizipation der modernen Architektur
zeichnete Robert Breuer als die <<Allianz zwischen einem größten der zwanziger Jahre. Was aber gesehen werden muß, ist, daß
deutschen Formgeiste und einer der bedeutendsten deutschen nicht nur der Geist von Ruskin, auch der von Morris überwun-
Industrien». 219 Daß, diese Zusammenarbeit zwischen Künstlern den sein mußte, um unter den bestimmten gesellschaftlichen Be-
und kapitalistischen Unternehmungen nicht reibungslos verlaufen dingungen zu solchen gestalterischen Formulierungen zu gelan-
konnte, ergibt sich allein daraus, daß die Arbeit der Künstler 1 gen. Eben hiervon leite ich ab, daß in der ersten Periode der
gesellschaftlich arbeitsteilig organisiert .:Werden mußte. Es ist Herausbildung einer an der industriellen Produktion orientier-
sicher nicht zuletzt dem wachsendeh•Einfluß des Opportunismus ten Ästhetik die imperialistische Bourgeoisie einen bestimmen-
in der deutschen Arbeiterbewegung zuzuschreiben, daß keine den Einfluß auf deren Bildung ausübte und daß diese Ästhetik
Künstler aus den vielfältig reflektj.erten Widersprüchen des ka- zuerst wesentlich unter dem Gesichtpunkt der Produktion kon-
pitalistischen Systems antikapitalistische und revolutionäre
11 Kühne: Gegenstand 161

160
·· 1, 'i ,r;;,'I",
• '
Vortrag <<Handarbeit und Massenerzeugnis» griff er das zentrale
· zipiert und als Mittel der Ausplünderung des Proletariats und~.
Thema der Kölner Werkbundtagu~g wieder auf und zeigte sich
imperialistischer Herrschaftssicherung bewußt funktioniert l,
als Sieger. <<Das Heer legt die glitzernden und bunten Unifor- ,../,
wurde. men ab, die noch aus früheren Jahrhunderten stammen, und
Diese Führungsrolle der Vertreter kapitalistischer Unterneh-
men in der Herausarbeitung neuer gestaltungstheoretischer nimmt Feldgrau auf.» 226 Muthesius wies richtig auf die Kern-
frage der Veränderung der ästhetischen Gestaltungslronzeption.
Grundsätze trat in dem Typisierungsstreit auf der Tagung des \\
<<Es tritt gewissermaßen eine Vergesellschaftung auch der Dinge
Deutschen Werkbundes während der Werkbundausstellung 19!4 y'
ein, die wir anfertigen, ähnlich der Vergesellschaftung, die der
in Köln besonders deutlich hervor. Hermann Muthesius hatte ·~
Mensch eingegangen ist.>> 227 Der kapitalistische Charakter, in
zehn Thesen zu Fragen der weiteren Arbeit des Werkbundes
dem sich diese Vergesellschaftung zuerst notwendig durchsetzte,
aufgestellt. In der sechsten These war das gesellschaftliche Ziel i
des Werkbundes umrissen. <Non der Überzeugung ausgehend, wurde von van de Velde nicht begriffen wie das eigentliche W e- I

daß es für Deutschland eine Lebensfrage ist, seine Produktion sen einer Entwicklung, die er selbst mit getragen hatte und deren
mehr und mehr zu veredeln, hat der Deutsche Werkbund als Logik er jetzt gegen sich gerichtet sah. Jetzt, 1914, war er wirk-
eine Vereinigung von Künstlern, Industriellen und Kaufleuten lich bei Ruskin, sein Protest war retrospektiv, wies aber zugleich
sein Augehmerk darauf zu richten, die Vorbedingungen für auf die Widersprüche der kapitalistischen Entwicklung zurück.
223
einen kunstindustriellen Export zu schaffen.>> Dieses allen Mit- Reyner Banham hat den geschichtlichen Standort der Polemik
gliedern des Werkbundes bekannte Motiv hätte keine beson- van de V eldes gegen die Thesen von Muthesius so umrissen:
dere Aufmerksamkeit erregt, wenn Muthesius nicht in der ersten · <<Henry van de Veldes Polemik gegen Muthesius ... beeinträch-
These bereits den gestaltungskonzeptionellen Kern seiner Ziel- tigte die Fragestellung Typ oder Individualität nicht, und man
stellung provozierend vorangestellt hätte. <<Die Architektur. und , sollte sie, ebei;iso wie sein elegantes Theater auf der Werkburid-
mit ihr das ganze W erkbundschaffensgebiet drängt nach Typisie- · ausstellung, als geistvolles Rückzugsgefecht eines aus der Mode
rung und kann nur durch sie diejenige allgemeine Bedeutung gekommenen Formgestalters werten. Darüber hinaus muß man
wiedererlangen, die ihr in Zeiten harmonischer Kultur eigen erkennen, daß Muthesius' Lieblingsprobleme: nationaler Ruf,
war.>>224 Es kann sicher davon ausgegangen werden, daß der Asthetik, Standardisierung, Mechanisierung - ebenso wie die
von Muthesius gesetzte Begriff der Typisierung für ihn noch nicht der Futuristen ihre teilweise Erfüllung im 1unmittelbar folgen-
konkretisiert und seine Vorstellung hiervon noch mit tradierten den Weltkrieg finden sollten.» 228 Allerdings übersah Banham,
Bildern behaftet war. Aber gleichermaßen sicher ist, daß hier eine daß es sich in der Frage der Typisierung um eine Problematik
aus dem Geist industrieller Technologie gefaßte Begrifflichkeit handelte, die nicht nur van de V elde, sondern alle Künstler
gegeben war, deren Konsequenzen für die gestalterische Praxis des Werkbundes bewegte. Hüter hat darauf verwiesen, daß
arbeitsorganisatorisch und gestaltcharakteristisch gleicherma- Außerungen in Briefen deutlich machen, daß Gropius <<als die
ßen umwälzend sein mußten und es schließlich auch waren. Als eigentlich treibende Kraft der sogenannten V an-de-Velde-
Sprecher der Künstler des Werkbundes setzte van de Velde GruppeJ> anzusehen ist. 229
i'n seinen Gegenthesen das ganze individualistische Künstler- Die Forderung nach Typisierung der auf die industrielle Pro-
pathos ein. Auch er hatte zehn Thesen formuliert, deren erste duktion bezogenen gestalterischen Arbeit zeigt an, daß sich mit
lautet: «Solange es noch Künstler im Werkbund geben wird und der 'Entwicklung der Maschinerie die Notwendigkeit ästheti-
solange diese noch einen Einfluß auf dessen Geschicke haben scher Formierung der Produktion und der Produkte gebildet
werden, werden sie gegen jeden Versuch eines Kanons oder hatte, deren Inhalte nicht mehr in den Kategorien des künst-
einer Typisierung protestieren. Der Künstler ist seiner in,ner- lerischen Schaffens zu erfassen waren. Diese Notwendigkeit trat
sten Essenz nach_ glühender Individualist, freier spontaner zuerst als der kapitalistische Anspruch nach Unterordnung der
Schöpfer; aus freien Stücken wird er niemals einer Disziplin Gestalter unter die kapitalistische Betriebsorganisation, nach .
sich unterordnen, die ihm einen Typ, einen Kanon auf- Desindividualisierung der gestalterischen Leistung durch das
zwingt .... >> 225 Um das Fortbestehen des Werkbundes nicht zu Produkt, welches nicht mehr den Künstler, sondern den kapi-
gefährden, hatte Muthesius seine Thesen zunächst zurückgezo- talistischen Betrieb zu repräsentieren hat, auf. Der Differen-
gen, ohne damit jedoch das angestrebte Ziel aufzugeben. In dem zierungsprozeß des Asthetischen durch die Verselbständigung
11*
163
162
des technischen Moments der Gestaltung, hatte erst jetzt seine < seine vollendete Kunstform durch die Aufhebung der Kunst.
Insofern ist die Herausbildung des Abstraktionismus die letzte
volle Schäde erlangt. historische Kulturleistung der Bourgeoisie.
ES wurde bereits hervorgehoben, daß die Ästhetik des Mo- '
dernismus wesentlich· aus der Orientierurtg des gestalterischen , Allein hieraus ergibt sich für das Proletariat und für den
Schaffen!. auf die industrielle Produktion erwuchs. Nie zuvor Sozialismus die Aufgabe, diesen kulturellen Prozeß objektiv
in der Geschichte hatten die Produktionsmittel eine derart be- ·, vom Standpunkt der eigenen Interessen zu werten. Lenin hat
wußt und programmatisch gefaßte Bedeutung für ästhetische J, betont, daß die Arbeiterklasse einzig vom Standpunkt ihrer
Konzeptionsbildungen erlangt wie in dieser Periode der Her- ' kommunistischen Ziele gegen den Kapitalismus und gegen den
ausbildung des Modernismus. In dieser Maschinerie waren die Imperialismus kämpft. In der Polemik gegen Kijewski schrieb
für· die kapitalistische Gesellschaft charakteristischen ästheti- er: «Der Imperialismus ist ebenso unser <Todfeind> wie der
schen Eigenschaften als die so bestimmten gegenständlichen Be- Kapitalismus. Jawohl. Aber kein Marxist wird vergessen, daß
ziehungen der Menschen objektiv und erlebnishaft gesetzt. Die der Kapitalismus im Vergleich zum Feudalismus und der Im-
Abstraktheit menschlichen Daseins war durch die gegenständ- perialismus im Vergleich zum vormonopoiistischen Kapitalismus
lichen Beziehungen sinnfällig geworden. $ie mußte nur noch progressiv ist. Das heißt also, daß wir nicht jed~n Kampf ge-
in die Sprache ästhetischer Subjektivität übersetzt werden. Bier- gen den Imperialismus unterstützen dürfen. Einen Kampf reak-
für erlangten nun die bildenden Künste die gestaltentscheidende tionärer Klassen gegen den Imperialismus werden wir nicht
Mittlerrolle. Die neuen ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten unterstützen ... »231 Dieses strategische Prinzip kann natürlich
mußten erst in der Sphäre künstlerischer Gestaltung aufgefun- die konkrete taktische Orientierung unter besonderen Bedin-
den und bündig formuliert werden, bevor sie für die Gestaltung gungen des Klassenkampfes nicht er~etzen. Selbstverstä-ndlich
industrieller Produkte und besonders für die Architektur ent- kanri dieses Prinzip auch nicht die konkrete marxistisch-lenini-
faltet wirksam werden konnten. Die an der industriellen Pro- stische Analyse des Wesens und der Funktionierbarke.it des Ab-
duktion orientierten Gestaltvorstellungen offenbarten ihre Lo- straktionismus ersetzen, aber es bestimmt, die methodologischen „
gik erst in ästhetisch.eo Objektivationen, deren Bildung nicht Voraussetzungen solcher Analyse sehr wesentlich wie auch Le•
wesentlich an außerä:sthetische Gestaltzwänge gebunden waren. nins Charakteristik der Beziehung von Imperialismus und So-
Bereits 1926 schrieb Harry Scheibe in dem Aufsatz <<Die At- zialismus. Der Imperialismus ist danach vor allem darum der
mosphäre der neuen Architektur>>: «Es war die Malerei, die in <N orabend der sozialistischen Revolutiom, weil «der staatsmo-
erstaunlichen Sprüngen voraneilte. Ein großer Teil der Malerei, nopolistische Kapitalismus die vollständigste materielle Vorbe-
wurde mehr und mehr abstrakt. Die Verdienste der abstrakten reitung des Sozialismus, seine Vorstufe, jene Stufe der histori-
Malerei sind groß: aber auch die Architektur hat sich wie sie - schen Leiter ist, deren nä,chste Stufe - eine Zwischenstufe gibt
durch sie erneuert, - An dem Tage nämlich, an dem sich die es nicht - Sozialismus genannt wird.>> 232 Für das dem Leninismus
Abstraktion in der Malerei überbot und damit überwand, schlug gemäße Vers.tändnis dieses Te~es, dessen allgemeine Gültig-
sie entscheidende Breschen für die Architektur. Als die Kon- keit Lenin selbst durch die Konzeption der revolutionär-demo-
struktivisten unter der Führung van Doeshurgs und Mondrians kratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern relativiert hat,
das Quadrat und Rechteck erstaunend und anbetend betrach- sin9 zwei Gesichtspunkte grundlegend. Zunächst der, daß der
teten, glaubten sie an die Malerei und siehe es ward Architek- Imperialismus objektiv den Sozialismus vorbereitet, aber in sei-
tur.>>230 Der Absttaktionismus als Aufhebung der Kunst hatte nem gesellschaftlichen Wesen sich das Kapital zugleich als ge-
gegensätzliche Bedeutungen. Gegen die konkrete Kunst gestellt, sellschaftliche Macht vollendet, der Imperialismus als Vorstufe
erwies er sich als eine Funktion des Kapitals und als dessen des Sozialismus also zugleich dessen entfalteter Gegensatz ist.
adäquater ästhetischer Ausdruck selbst. Erst nachdem das Ka- Der zweite Gesichtspunkt ist hiervon abgeleitet, es ist der der
pital der Kunst jeden besonderen menschlichen Inhalt entriß, Revolution. Hieraus ergibt sich für die Bewertung des soge-
diese z~r totalen Abstraktion vom Menschen und seinen besort- nannten Abstraktionismus die für sozialistische Politik entschei-
deren Lebensbedingungen hat werden iassep, nachdem es die dende Frage nach den unters,chiedlichen funktionellen Wertig-
Kunst so entmachtet, sie ihrer sanften Gewalt beraubt und keiten dieser kulturellen Erscheinung im Imperialismus und im
seinen Verwertungserfordernissen unterworfen hatte, gewann es Sozialismus.'
16s
164
, ,} "''.•,"' ' ~·;'t",,,~--{,r

Oer bildnerische Abstraktionismus, dessen Entstehung die ka- · •


Die leninistische Auffassung des Imperialismus als Fortschritt pitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse zur Voraussetzung
gegenüber dem vormonopolistischen Kapitalismus schließt die hatte und sie in bestimmter Hinsicht spiegelte, stand jedoch zu-
Kennzeichnung des reaktionären Wesens des Imperialismus nicht gleich im Widerspruch zu diesen Verhältnissen, weil er gegen
aus, sondern ein. Das gilt in besonderer Weise für die imperia- sie das ästhetische Modell menschlicher Harmonie und Kreati-
listische ästhetische Kultur, welche die progressiven Werte der vität setzte, welches auf eine neue gesellschaftliche Welt hinwies.
bourgeoisen Klassengeschichte negiert. Und das gilt wieder in Daß es sich hierbei um weltanschaulich phantastische und gesell-
besonderer Weise für den Modernismus, sofern er eben impe- schaftlich utopische Vorstellungen handelte, liebt die subjektive
rialistisch funktioniert ist. Mit der Negierung jedes besonderen Distanz der Vertreter des frühen Abstraktionismus zur kapitali-
menschlichen Inhalts wird die Kunst in der Asthetik des ma- stischen Gesell&chaft nicht auf. Adolf Roth berichtete in dem
schinellen Autodlaten aufgehoben und vollendet so die ästhe- Buch <<Begegnung mit Pionieren» auch von einem Ausflug in die
tische Physiognomie des Kapitalll. Aber durch die Asthetik der Nähe von Paris, an dem neben anderen Piet Mondrian teilnahm.
Technizität hat das Kapital nicht nur die Kunst, sondern auch <<Nach Besichtigung des Hauses [der Villa Stein de Monzie in
die privateigentümlichen Gestaltwerte der technischen und der Garches, L. K.] spazierten wir der nicht weit· entfernten Seine
praktischen Gegenstände aufgehoben. Die einfache Warenpro- entgegen und ließen uns in einem Gasthause für eine Weile nie-
duktion war die Grundlage für die Herausbildung des bürger- der. Alsdann bestiegen wir einen Dampfer zur Rückfahrt nach
lichen Individuums, welches seine Individualität in besonderer Paris. Während Stam, Weißmann und ich über allerhand Archi-
Weise in den eigenen gegenständlichen Lebensbedingungen be- . •tekturfragen diskutierten und uns über die vorüberziehende, von
stätigt und vorgestellt sah. Es war dieses die Individualität des der Abendsonne überstrahlte Flußlandschaft freuten, schlief
kleinen Privateigentums. Die Zerstörung des bornierten, in der Mondrian auf einer Bank sitzend ein. Sicherlich war er von der
privateigentümiichen Besonderheit befangenen Verhaltens zum für ihn ungewohnten Wanderung und Hausbesichtigung müde.
Gegenstande, und die Aufhebung der diesem Verhalten entspre- Wir wußten jedoch, daß dies nicht der einzige Grund war. In
chenden Asthetik waren ansetzend das Ergebnis der kapitalisti- Mondrians geistiger und künstlerischer Welt existierte bekannt-
schen Entfaltung des Privateigentums selbst. Indem es sich als '·
lich die pflanzliche Natur nicht, und die vom gestalterischen Un-
Kapital vollendet, stößt es schließlich gegen die eigene Schranke, vermögen der Menschen zeugende chaotische bauliche Wirklich-
produziert es nicht nur materielle, sondern in einem gewissen keit wollte er nicht sehen. Mondrian hatte in einem Gespräch
Maße auch ästhetische Bedingungen seiner Negation. Der bür- mir gegenüber einmal die Bemerkung gemacht, daß er am lieb-
gerliche Gegenstand funktioniert auch ästhetisch als Mittel der sten in der Nacht reise, weil er dann vom Anblick der Natur und
Abgrenzung der Individuen gegeneinander. Aber das indu- des beklemmenden Menschenwerks verschont bleibe. Das Wer-
strielle Gesetz der Serie hat die Tendenz, den Gegenstand den und Vergehen in der Natur und die Unvol(kommenheit im
ästhetisch als allgemeinen zu fassen. Wie das Kapital die Ver- Menschenwerk empfand Mondrian als Ausdruck des Negativen
gesellschaftung der Produktion vorantreibt, erzwingt es auch und Tragischen. Demgegenüber bedeutete ihm die von der
ansetzend die Vergesellschaftung des praktischen Gegenstandes. Formvorherrschaft befreite vergeistigte Gleichgewichtskunst po-
Und die im Abstraktionismus aufgehobene Kunst erwies sich sitive Realität und beglückende Freude.»233 In einem Manuskript
eben als die bildhaft vorgestellte Asthetik dieser Vergesellschaf- von EI Lissitzky, um 1920, heißt es: <<im SUPREMATISMUS
tung der gegenständlichen Lebensbedingungen der Menschen. erschien uns nicht das symbol der erkenntnis und der gestalt des
Die entfaltete Bürgerlichkeit produzierte so Mittel ihrer eigenen schon fertigen im .weltgebäude sondern hier traten zum ersten
Aufhebung. Darum mußte die Bourgeoisie dahin drängen, diese male in ihrer ganzen reinheit des klare zeichen und der plan einer
Asthetik des praktischen Gegenstandes in die vorkapitalistischer gewissen neuen noch nicht dagewesenen welt hervor die allein
Bürgerlichkeit zurückzuübersetzen. Die einfache Übersetzung des von unserem wesen ausgeht die in das all hinauswächst und nur
vergesellschafteten Gegenstandes in die Gestalt vorkapitalisti- sich selbst zu bauen beginnt. so wurde das quadrat des supre-
scher Bürgerlichkeit ist der Kitsch, die dem Kapital wesenhafte matismus zum fanal.»2 34
Form der Unterwerfung des produktionsmäßig vergesellschaf- Das Verhalten der beiden Hauptklassen der modernen Epoche
teten Gegenstandes unter seine Verwertungserfordernisse ist eine zum Abstraktionismus und zum sogenannten Modernismus über-
Zwischengestalt dieser beiden Asthetiken, die Mode.
167
166
• haupt war wechselhaft. Sie mußten erst die ihren Interessen we~ Sie ist hier vor allem Form der für technische und• praktische Ge-
senhaften Beziehungen zu diesen kulturellen Erscheinungen in genständlichkeit und für Architektur relevanten ästhetischen Ge-
der gesellschaftlichen Praxis herausbilden und erkunden. Hier- stalterkundung. Und hiermit ist selbstverständlich zugleich die
bei zeigen sich für die Bourgeoisie und für die Arbeiterklasse
Möglichkeit der Wechselwirkung von abstrakter und konkreter
letztlich gegensätzliche Tendenzen des Verhaltens zum bildneri- bildnerischer Gestaltung gegeben.
schen Abstraktionismus. Sofern die Bourgeoisie nicht fähig oder"
nicht interessiert ist, ihre Ideologie durch konkrete Kunst zu ver,
mitteln, richtet sie den Abstraktionismus auf die Kunst, setzt ihn
als diese. Das ermöglicht ihr die Negation jeglicher inhaltlicher
Bestimmtheit der Kunst bei Bewahrung der Möglichkeit des
Genusses und der des Geschäfts. Für die Kunst der Arbeiter-
klasse bedeutete der Abstraktionismus eine wesentliche Erwei-
terung künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten, die hier jedoch
immer auf konkrete Bedeutungen gerichtet · waren. Harald
Olbrich zeigt das überzeugend am Vergleich der am Suprema-
tismus gebildeten Zeichensprache Franz W. Seiwerts mit der
bildkünstletischen Gestaltungsweise Otto Griebels. «Die reali-
stische Idealbildung bei Seiwert und Griebel, so verschieden sie
erscheint, besitzt dennoch einige Gemeinsamkeiten in ihrer für
die proletarisch-revolutionäre Kunst sehr wohl diskutierensnot-
wendigen strengen Sachlichkeit und im Verzicht auf sentimentale
Aufladung. Nicht Mitleiden und nur Mitgefühl ist gefordert,
sondern vor allem Mitdenken und Mithandeln.»235 Die Auf-
nahme der neuen Gestalterfahrungen und Gestaltungsmöglich-
keiten bedeutet so keine Aufhebung, sondern Erweiterung und
/
Vertiefung des Konkretismus der Kunst.
Zum anderen erlangt der Abstraktionismus für die Arbeiter-
klasse besonderes Interesse bei der Gestaltung der gegenständ-
Hchen und der räumlichen Lebensbedingungen der Menschen im
Sozialismus. W,ir haben bereits verfolgt,, wie sehr die ästheti-
schen Gestaltbedeutungen des sogenannten Modernismus mit '
den Werten kommunistischen Lebens korrespondieren und. in
welch hohem Maße dieser Zusammenhang schon früh begriffen
war. Das Kapital bedingt den sogenannten Modernismus nur an-
setzend, seine Entfaltung is~ bereits durch die Inhalte kommu~
nistischer Weltveränderung bestimmt. Die mögliche Gerichtet-
heit abstrakten bildnerischen Gestaltens nicht auf die Kunst im
engeren Sinne, sondern auf die materiellen Lebensbedingungen
hat Lissitzky mit der Kennzeichnung des Proun <<als Umsteige-
station aus der Malerei in die Architektur» besonders gefaßt. 236
Hierin liegt für die Erfordernisse sozialistischer Praxis eine.
außerordentlich bedeutsame Orientierung. In der ästhetischen
Kultur des Sozialismus gewinnt die im Sinne des Abstraktionis-
mus freie bildnerische Gestaltung eine notwendige Funktion.
168
III. Funktionen des Ästhetischen Theorie des Kommunismus überhaupt gegeben werden. Erst die
Begrifflichkeit und die .theoretische Analyse der entfalteten To-
in der kommunistischen Gesellschaft talität einer Gesellschaftsformation ermöglichen das konkrete
Erfassen der einzelnen Phasen ihres Werdens.
Die Frage nach den Funktionen des Ästhetischen in der kom-
munistischen Gesellschaft zielt also nicht auf Beziehungen, die
von der Wirklichkeit des Soziali.smus abgehoben sind und die
theoretisch als bloßes Ideal konstruiert werden. Die im Marxis-
mus-Leninismus begründeten und entwickelten kommunistischen
Ideale beziehen sich in doppelter Weise auf den Sozialismus:
Die Erörterung dieses Gegenstandes ist das wichtigste und zu- bejahend und kritisch revolutionierend. <<Der Sozialismus>$,
gleich problematischste Anliegen dieses Buches. Für eine derart 1 schrieb Gottfried Stiehler, <<ist Komunismus und zugleich nicht
weit gefaßte Fragestellung besteht selbstverständlich immer die Kommunismus.» 238 Selbstverständlich stehen beide Momente
Gefahr, doktrinären Spekulatn.onen und mit marxistisch-leni- dieser Beziehung nicht gleichgewichtig zueinander. Stiehler kon-
nistischer Analyse gleichermaßen unvereinbarer Ausmalung von kretisierte diese Bestimmung auch am Beispiel dic:r ökonomischen
Zukunftsentwürfen zu verfallen. Wie im praktischen Leben Beziehungen des Sozialismus. «Im Sozialismus stehen sich Ware-
selbst, gilt auch für die Theoriebildung, daß die Gefahren, die Geld-Bezichungen und Planmäßigkeit gegenüber. Jene charak-
mit einer Operation verbunden sind, nicht in jedem Falle gegen terisieren ausschließlich die nieder.e Phase der kommunistischen
diese selbst zeugen müssen. Warum hier trotz dieser Bedenken Gesellschaftsformation, diese hingegen ist bestimmender W e-
versucht wird, in formationstheoretischer Allgemeinheit anzu- senszug dei: Formation als Ganzes. Die Planmaßigkeit ist in der
setzen, soll kurz angedeutet werden. Der bestimmende Aus- Einheit dieser ~egensätze die dominierende Seite sowohl im
gangspunkt für das konkrete Begreifen des Sozialismus ist seine Hinblick auf die strukturelle Beziehung beider Momente als auch
Kennzeichnung als erste Phase der kommunistischen . Gesell- im Hinblick auf die Tendenz der historischen Entwicklung. Ana-
schaftsformation. «Womit wir es hier zu tun haben», schrieb Marx log verhalten sich die Seiten in der widersprüchlichen Einheit
in dem klassischen sozialismustheoretischen Exkurs in den <<Rand~ der naturstofflichen und der Wertform, in der im Sozialismus
glossen zum Pr~gramm der deutschen Arbeiterpartei>>, «ist ein:: die ökonomischen Gesetze einen spezifischen Charakter erhalten,
kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eigenen sowie im Widerspruch zwischen dem unmittelbar gesellschaftli-
Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus chen Charakter der Produktion und der Ware-Geld-Form der
der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Be- erzeugten Produkte.»239 Damit ist klar, daß sich teilweise die
ziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den kommunistischen Inhalte des Sozialismus, die nicht auf die so-
Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie her- gena~nten Keime des Kommunismus beschränkt sind, notwen-
kommt.>>237 Dieser oft berufene Text ist eindeutig falsch gelesen, dig durch ihrem, Wesen nicht entsprechende Form~n vermitteln
wenn er zuerst oder einzig zu dem metaphorischen Ausdruck müssen. Die Ware-Geld-Beziehung steht also der Planmäßigkeit
<<Muttermale>> hin gefaßt wird. Denn die mit diesem Ausdruck nicht nur gegenüber, sondern die Planmäßigkeit des Sozialis-
provisorisch umrissenen Inhalte, die Marx ja am Beispiel des mus muß sich in einem bestimmten Maße über diese Beziehung
sozialistischen Leistungsprinzips sehr eindeutig charakterisierte, durchsetzen. Diese Dialektik des Sozialismus enthält für das
sind als Muttermale doch nur durch die Grundbestimmung des Denken viele Verleitungen. So die pseudolinke, aus solchen für
Sozialismus - er <<ist eine kommunistische -Gesellschaft>> - vor- die erste Phase des Kommunismus notwendigen Vermittlungen
zustellen. Das heißt ab~r, daß der. Sozialismus zuerst und we- des kommunistischen Grundinhalts seiner gesellschaftlichen Be-
sentlich als Kommunismus begriffen sein muß. Er ist zwischen ziehungen auf dessen bürgerliche Deformation zu schließen, und
dem Kapitalismus und dem Kommuni~mus kein Drittes, ob- schließlich die formelle Umkehrung dieses Defizits an dialekti'-
gleich er in einer gewissen Hinsicht so erscheint. Wissenschaft- schem Denken durch die Leugnung dieses konkreten Charakters
lich konnte di~ allgemeinste theoretische Bestimmung des So- derartiger für das Verständnis des Sozialismus unabdingbarer
zialismus erst von der Voraussetzung der wissenschaftlichen Widersprüche. Diese Problematik ist unbedingt zu beachten,
" 170 171
wenn wir nach dem Wesen der gesellschaftlichen Verhältnisse d - für die Entstehung des sozialistischen Typs.von Warenbeziehun-
Sozialismus fragen. Das gilt auch für das Ästhetische. gen sind, so erweist sich die weitere Entwicklung der politischen
Hieraus ergibt sich nun,-warum im Interesse der weiteren Ge-" Beziehungen des Sozialismus als notwendige Bedingung ihrer
staltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft in der\ immer wirkungsvolleren Beherrschung und damit zugleich ihrer
Deutschen Demokratischen Republik nach den Funktionen des ,: tendenziellen Aufhebung als Warenbeziehungen. Zugleich ergibt
Ästhetischen in der kommunistischen Gesellschaft überhaupt Er-\ sich aber 'aus diesen Eigenschaften des Sozialismus, daß seine
kundungen versucht werden. «Die Gestaltung cter entwickelten\ Entwicklung in Richtung auf die höhere Phase des Kommunis-
sozialistischen Gesellschaft ist ein historischer Prozeß tiefgrei- t mus nicht als einfache geradlinige Evolution vorgestellt wei:den
fender politischer, ökonomischer, sozialer und geistig-kulturel-- - kann. So kann di~ ,Entwicklung der räumlichen Lebensbe_din-
ler Wandlungen.>> 240 Das bezieht sich vor allem auf die Durch-'\ gungen zu kommunistischen in wesentlichen Aspekten nicht als
s"etzung der de,m Sozialismus voll entspre~enden Entwicklung ~; idealisierte Fortsetzung des sich gegenwärtig abzeichnenden
der gesellschaftlichen Verhältnisse, der entsprechenden Gestal- 1 Trends vorgestellt werden. Das gilt auch für bestimmte Mo-
tung der Lebensbedingungen und der Lebensweise der Indivi::' 1 mente der sozialistischen Lebensweise. W ehn -diese theoreti-
duen und ist dann letztlich bereits auf die Veränderungen des ,: schen Voraussetzungen zutreffen, gewinnt die allgemeine kom-
Übergangs "'von der niederen zur höheren Phase der kommunisti- ·, munismustheoretische Arbeit nicht nur Bedeutung für die tiefere
'
sehen Gesellschaftsformation bezogen. Die von Marx und Lenin'-~: Auffassung des Wesens· des Sozialismus, sondern auch für die
theoretisch gebildeten Grundbestimmungen des Sozialismus sind 11 Orientierung der gesellschaftlichen Praxis.
also für die entwickelte sozialistische Gesellschaft nicht aufge- Einen für diese Untersuchurigen wichtigen Gesichtspunkt hin-
hoben, sondern sind hier erst voll praktisch realisiert. Das sichtlich der Rolle des Ästhetischen in der sozialistischen Ge-
schließt selbstverständlich die weitere Konkretisierung der theo- sellscfiaft hat Rudolf Jürschik gekenzeichnet. <<Wir haben uns
retischen Voraussetzungen ein. Ein wesentlicher Widerspruch von allen noch zu engen Auffassungen zu befreien, wonach die
des Sozialismus ist der zwischen dem kommunistischen Charak- Arbeiterklasse für die ästhetischen Beziehungen der Menschen
ter seiner gesellschaftlichen Verhältnisse und den diesem nicht 11 etwa nur einen <neuen Gegenstand> geschaffen habe beziehungs-
voll entsprechenden gegenständlichen und räumlichen Lebens- · weise selbst nur als ein neues Subjekt der ästhetischen Bezie-
bedingungen. Das zeigt sich besonders eindeutig am ~eispiel hung auftrete. Ohne dies zu leugnen und in seiner großen Be-
· der Arbeitsbedingungen, aber nicht nur hier. Die revolutionäre deutung auch _nur irgendwie einzuschränken, muß doch zuerst
Strategie der marxistisch-leninistischen Parteien antwortet hier:. und vor allem auch hinsichtlich der ästhetischen Beziehung selbst
auf besonders mit der Konzeption zur Schaffung der materiell- die Konsequenz aus der geschichtlichen Tatsache verstanden
technischen Basis des Kommanismus. Für jede objektive Be- werden, daß die Arbeiterklasse den Charakter der gesellschaft-
trachtung ist klar, daß es kein wirkliches Fortschreiten zum Kom- lichen Praxis, den ganzen Aneignungsprozeß, den sozialen Le-
munismus geben kann, ohne diese Aufgabe zu lösen, und daß bensprozeß grundlegend verän'clert, eine qualitativ neue Objekt-
selbst erst bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden müs- Subjekt-Beziehung, einen neuen Grundtyp der gesellscltaftlichen
sen, bevor diese Aufgabe in das Zentrum der gesellschaftlichen Praxis durch ihr geschichtliches Handeln hervorgebracht hat. Da-
Aktivität gestellt werden kann. Aber dieser Widerspruch zwi- mit ist auch die ästhetische Beziehung des Menschen zur 'Wirk-
schen dem allgemeinen Wesen der Verhältnisse und den Le- ' lichkeit ... in ihrem Wesen selbst grundlegend verändert wor-
bensbedingungen drückt sich notwendig in den Verhältnissen den.>>241 Allerdings verstellt sich Jürschik bestimmte Lösungen
selbst aus. Das betrifft vor allem die gegenüber dem Kommunis-/ für seine interessanten Fragestellungen, indem er die ästhetische
mus spezifischen soziale11 Differenzierungen des Sozialismus und ' Beziehung einfach als eine <<dialektische Objekt-Subjekt>>-Be-
auch die Funkticm von W arenbe±iehungen im Sozialismus. Letz- ziehung charakterisiert, weil unterschiedliche ästhetische Bezie-
tere sind zwar durch den Sozialismus selbst charakterisierte Wa- hungen unterschiedlich stcuk;uriert sein können.
renbeziehungen, aber sie verlieren damit nicht ihre dem kommu- Es ist zweifellos notwendig, wie Jürschik betont, bei der
nistischen Inhalt der Produktion entg<::gengesetzte Tendenz. Wie tjieoretischen Analyse gegenständlicher ästhetischer Beziehungen
die gesellschaftliche Führungsrolle der marxistisch-leninistischen immer von der Verhältniseigenschaft der Gegenständlichkeit
Parteien und die Funktion des sozialistischen Staates konstitutiv auszugehen. Diese Eigenschaft ist aber bei Objekten der Natur
17:1. 1 73
~

an sich·oder technischen Gegenständen anders vermittelt als belif,' diesem Zusammenhang eine den Widerspruch zwischen dem sub-
ästhetischen Gegenständen. Auf le'tztere bezogen muß sich die\ jektiven Arbeitsverhalten des Handwerkers und den kapitali~
ästhetische Theorie auch der Bewertung der spezifischen ästh<:i- (, stischen Verwertungserfordernissen der Arbeitskraft sehr kenn-
tischen Gestaltqualitäten stellen. Die Beziehung von Gestalt- zeichnende Äußerung von Andrew Ure. <<Die Schwäche der
und Verhältniseigenscha'ft der ästhetischen Gegenständlichkeit menschlichen Natur», schrieb dieser, «ist so· groß, daß der Arbei-
ist ein wesentlicher W-iderspruch der Entwicklung einer ästhe- ter, je geschickter, desto eigenwilliger und schwieriger zu behan-
tischen Kultur. Die Autoren von «Ästhetik heute» haben diese: deln wird, und folglich dem Gesamtmechanismus durch seine
für die Entwicklung· der ästhetischen Beziehungen des Sozialis- rappelköpfigen Launen schweren Schaden zufügt.>> 245
mus wichtige Problematik unter dem Gesichtspunkt des Wider- Mit der Maschinerie bildete sich die bürgerliche Individuali-
spruchs zwischen «Gebrauchswert und Gestaltwert>> aufgewor- tätsform wie der gesellschaftliche Antagonismus zwischen Bour-
fen. 242 Die theoretische Verfolgung dieser Beziehung vori Ge, geoisie und Proletariat erst voll heraus, weil erst auf dieser tech-
stalt- und Verhältniseigenschaft führt, bezogen auf die aktuelle nologischen Grundlage das Kapital den feudalen Verhältnissen
gesellschaftliche Praxis, notwendig zu gestaltwertenden Maß- ; •in ganzer Selbständigkeit entgegentreten und. diese überwinden
stäben. Die Ästhetik muß sich dieser Notwendigkeit stellen. Die konnte. Und erst durch diese technologische O,bjektivierung des
Gefahren hierbei sind schwer zu übersehen. Selbstverständlich " Kapitals konnte die Beziehung von absolutem und relativem
kann es sich nicht um Gestaltungsdekrete handeln, die zu ent- Mehrwert zur Triebkraft der gewaltigen Entwicklung der Pro-
werfen sind. Aber die Ästhetik wird erst dann im erforderten duktivkräfte werden. D_as Kapital muß die Entwicklung der in-
Maße gesellschaftlich anwendbar, wenn sie Maßstäbe der Ge- dustriellen Technik vorantreiben, weil es durch die Zwänge des
staltbewertung bildet. Sie kann nicht gut die Wertung als ein Klassenkampfes und durch die der Konkurrenz zwischen den ein-
wesentliches Moment des ästhetischen Verhaltens kennzeichnen zelnen Kapitalien keine andere Wahl hat. Die Macht, Effektivi- f'.
und den realen Prozeß gesellschaftlicher Wertung nur abstrakt tät und Rationalität der vergegenständlichten Arbeit ist unter
konstatieren, sondern muß hier eingreifend wirken. Damit stellt den Verhältnissen der Kapitalherrschaft wesentlichste Form 4e~
sie zugleich die eigenen theoretischen Grundlagen auf die Probe. sozialen Elends des Proletariats und der wachsenden Ohnmacht
des gegenüber dem Kapital vereinzelten Proletariers, weil in der
vergegenständlichten Arbeit das Kapital als unabhängig der le-
1. Maschinerie: bendigen Arbeit erscheint. Erst mit der durch die Maschinerie
bürgerliche und kommunistische Geltung ermöglichten und erzwungenen Entfaltung dieser revolutionie-
renden Wirkungen des Kapitals konnte die bürgerliche Indivi-
dualität frei gegenüber vorbürgerlichen Individualitätsformen
V oraussetzlll1gen bürgerlicher Individualität
werden und so in ihrem eigenen Wesen selbständig hervortreten,
Erst mit der Herausbildung der Maschinerie gewinnt das Ka- was clie Unterordnung von Eigenschaften feudaler Individuali-
pital die ihm adäquate materiell-technische Basis und damit tätsformen unter die eigene durchaus einschloß.
seine eigene entfaltete Gestalt und Wirkung. Durch die Maschi·
nerie ist die Herrschaft der Arbeitsbedingungen über den Arbei-
a. Bürgerlicher Reichtum und Maschinerie
ter auch im raum-gegenständlichen Sinne technologisch realisiert
und die Produktivität der Arbeit gegenüber den organischen Die zuerst hervortretende Bestimmung des bürgerlichen Reich-
Fähigkeiten des Arbeiters emanzipiert. <<Da das Handwerksge- tums ist seine Abstraktheit und damit die, daß zunächst das
schick die Grundlage der Manufaktur bleibt und der in ihr funk- Geld als seine allgemeine Form erscheint. <<Geld oder verselb-
tionierende Gesamtmechanismus kein von den Arbeitern selbst ständigter Tauschwert ist seiner Qualität hach Dasein des ab-
unabhängiges objektives Skelett bfsitzt, ringt das Kapital be- strakten Reichtums ... >> 246 Hieraus ergibt sich, daß die entwik-
ständig mit der Insubordination der Arbeiter.>> 243 kelte G1estalt des bürgerlichen Reichtums Kapital ist.
Die Manufaktur konnte die «Zersetzung der handwerksmäßi- Die elementare Grundlage des bürgerlichen Reichtums ist der '·
gen Tätigkeit»244 nur einleiten, zu vollenden war sie nur durch Warencharakter der Produkte, der die Privatheit der so aufein-
das mechanische Maschinensystem der Fabrik. Marx zitiert in ander bezogenen Arbeit voraussetzt. Damit wird klar, daß die
174 ' 175
\
Abstr_;.ktheit d,s bürgerlichen Reichtums auf eine diese selbst'.. sage ordnet den Begriff der Wertform eindeutig in die in der
basierende Ei~enschaft, auf die Privatheit, hinweist; «Erst in~'' klassischen Kapitalanalyse von Marx gegebene typologische Ge-
nerhalb ihres Au~tauschs erhalten die Arbeitsprodukte eine von nealogie der Wertform von der einfachen Wertform bis zur
ihrer sinnlich verschiednen Gebrauchsgegenständlichkeit ge- Geldform und von dieser bis zum Kapital selbst ein. Da die
trennte, gesellschaftlich gleiche Wertgegenständlichkeit. ·Diese Wertform in ihrer Allgemeinheit gesellschaftliche Beziehungen
Spaltung des Arbeitsprodukts in nützliches Ding und Wertding sehr unterschiedlichen Charakters vermittelt, muß sie tatsächlich
betätigt sich nur praktisch, sobald der Austausch bereits hinrei- sehr inhaltslos sein. Aber sehr inhaltslos, das sollte doch eigent-
chende Ausdehnung und Wichtigkeit gewonnen hat, damit nütz- lich unschwer zu -erfassen sein, ist etwas weniger inhaltslos als
liche Dinge für den Austausch produziert werden, der Wertcha- bloß inhaltslos. So konnte Marx vom Standpunkt seiner allge-
rakter der Sachen also schon bei ihrer Produktion selbst in Be- meinen Bestimmung der Warenbeziehungen überhaupt schrei-
tracht kommt. •>247 Marx hatte in der <<Warenform die allgemeinste
248
ben, daß die Wertform sehr inhaltslos ist. Aber es würde im Wi-
und unentwickeltste Form der bürgerlichen Prod uktion •>erkannt. , · derspruch zu seinen theoretischen Entwicklungen zu diesem, Ge-
Gestützt auf theoretische Konstruktionen, deren Problematik' genstand stehen, wenn er ausgesagt hätte <<Die Wertform ist
hier nicht zu erörtern ist, folgerte Peter Ruhen <<die Allgemein- inhaltslos und einfach». Mit «sehr inhaltslos» ist genau der nötige
gültigkeit der Wertform für jede historisch auftretende Gestalt Raum für den eben notwendig zu fassenden Inhalt gesetzt, ohne
der menschlichen Arbeit !»249 Das den Satz abschließende Aus- dessen annäherndes Verständnis sich die Logik und Architek-
rufezeichen ist hier nicht ironisierend nachgetragen, sondern steht tonik von <<Das Kapital» nicht erschließen lassen. Und dieses
im zitierten.Text für den Enthusiasmus, den der Autor der eige- · Etwas von Inhalt dürfen ;wir auch nicht übersehen, wenn wir
nen Offenbarung entgegenbringt. Ruhen übersah, daß Marx mit im effektivsten Maße zum Nutzen unserer -kommunistischen
dem Begriff der Wertform eine Beziehung faßte, die nur inner- Ziele den Sozialismus in seiner ganzen DialektiR begreifen und
halb der Warenproduktion auftreten kann. Das springt schon gestalten wollen. •
durch die Bezeichnung des dritten Abschnittes vom ersten Ka- ' Fassen wir den bürgerlichen Reichtum zunächst unter dem
pitel des ersten Bandes <<Das Kapital. Kritik der politischen Gesichtspunkt der Abstraktheit, die Tatsache also, daß dieser
Ökonomie •>ins Auge. Er heißt: <<Die Wertform oder der Tausch- Reichtum sich nicht als konkreter und damit als Gebrauchswert,
wert».250 Marx hat seine Auffassung hierzu unmißverständlich sondern als Tauschwert konstituiert, so gilt, daß hier der kon"'.
formuliert. <<Die Wertform des Arbeitsprodukts ist die abstrak- krete Reichtum dem abstrakten untergeordnet ist. Diese Bezie-
. teste, aber auch allgemeinste Form der bürgerlichen Produk- hung von abstraktem und konkretem Reichtiim tritt im V erhal-
tionsweise, die hierdurch als eine besondere Art gesellschaftli- ten des vorkapitalistischen Schatzbildnei:s besonders deutlich
cher Produktion und damit zugleich historisch charakterisiert hervor, obgleich sie hier noch nicht ihre entwickelte Form hat.
wird. Versieht man sie daher für die ewige Naturform gesell- <<Unser Schatzbildner», schrieb Marx, <<erscheint als Märtyrer
schaftlicher Produktion, so übersieht man notwendig auch das des Tauschwerts, heiliger Asket auf dem Gipfel der Metallsäule'.
Spezifische der Wertform, also der Warenform, weiter entwickelt Es ist ihm nur um den Reichtum in seiner gesellschaftlichen
der Geldform, Kapitalform usw. •>251 Die Unfähigkeit zu einer Form zu tun, und darum vergräbt er ihn vor der Gesellschaft.
wirklich dialektischen Auffassung der Funktion von Warenbe- Er yerlangt die Ware in ihrer stets zirkulationsfähigen Form,
ziehungen im Sozialismus verführt einige Theoretiker in dem und darum entzieht er sie der Zirkulation. Er schwärmt für den
Streben, pseudolinke Interpretationen im Sinne der V erbürger- Tauschwert, und darum tauscht er nicht aus. Die flüssige Form
lichung des Sozialismus zurückzuweisen, zu der Konsequenz, den des Reichtums und sein Petrefakt, Elixier des Lebens und Stein
spezifischen Charakter des Widerspruchs zwischen kommunisti- der Weisen, spuken alchimistisch toll dm;cheinander. In seiner
schem Produktionsinhalt und seiner zunächst notwendigen Ver- eingebildeten schr11nkenlosen Genußsucht entsagt er allem Ge-
mittlung durch Ware-Geld-Beziehungen zu leugnen und M~rx' nusse. Weil er alle gesellschaftlichen Bedürfnisse befrh::digen
Aussage <<Die Wertform, deren fertige Gestalt die Geldform, will, befriedigt er kaum die natürliche Notdurft. Indem er den
ist sehr inhaltslos und einfach»252 derart zu deuten, als hätte Reichtum in seiner metallischen Leiblichkeit festhält, verdunstet
Marx alle anderen Aussagen über den allgemeinen Charakter er ihn zum bloßen Hirngespinst.» 253 Dieser bürgerliche ,Asketis-
von Warenbeziehungen damit gelöscht. Aber genau diese Aus- mus steht damit nicht außerhalb jeder Konzeption des Genusses,
12 Kühne, Gegenstand
176 177
''·1

verlegt nur die Orientierung vom Konkreten zum Abstrakten .. 1 pitalisten. Der Luxus geht in die Repräsentationskosten des Ka-
Damit ist eine strukturelle Analogie dieses Asketismus zum , pitals ein. Ohnehin bereichert sich der Kapitalist nicht, gleich "
christlichen g~geben. Marx hat diese Beziehung bereits indirekt ~ dem Schatzbildner, im Verhältnis seiner persönlichen Arbeit und
mit angedeutet. <<Der Schatzbildner verachtet die weltlichen, · seines persönlichen Nichtkonsums, sondern im Maß, worin er
zeitlichen und vergänglichen Genüsse, um dem ewigen Schatz fremde Arbeitskraft aussaugt und dem Arbeiter Entsagung aller
nachzujagen, den weder die Motten noch der Rost fressen, der Lebensgenüsse aufzwingt. Obgleich daher die Verschwendung
ganz himmlisch und ganz irdisch ist.» 254 des Kapitalisten nie den bona fide Charakter der V erschwen-
Für die ästhetische Analyse ist nun von besonderem Interesse . dun des flotten Feudalherrn besitzt, im Hintergrund vielmehr
zu verfolgen, wie der abstrakte Reichtum den konkreten formiert stets schmutzigster Geiz und ängstliche Berechnung lauern, \Vächst
und selbst in der Erscheinung des konkreten Reichtums hervor- dennoch seine Verschwendupg mit seiner Akkumulation, ohne
tritt. Am sinnfälligsten zeigt sich das in der unterschiedlichen daß die eine die andre zu beabbruchen braucht. Damit entwik-
Funktionierung der Edelmetalle Gold und Silber. <<Weil Gold kelt sich gleichzeitig in der Hochbrust des Kapitalindividuums
und Silber das Material des abstrakten Reichtums sind, besteht ein faustischer Konflikt zwjschen Akkumulations- und Genuß-
die größte Schaustellung des Reichtums in ihrer Benutzung als trieb.>>257 Wii:. werden noch verfolgen, wie und aus welchen Ur-
konkrete Gebrauchswerte, und wenn der Warenbesitzer auf ge- sachen bedingt, wesentliche Momente dieses bourgeoisen Ver-
wissen Stufen der Produktion seinen Schatz verbirgt, treibt es · haltens zum Reichtum außerhalb der Produktionssphäre im
ihn überall, wo es mit Sicherheit geschehn kann, a:ls rico" hombre imperialistischen Stadium des Kapitalismus formell von Bevöl-
[reicher Mann, L. K.] den andern Warenbesitzern zu erschei- kerungsgruppen aufgenommen werden, die nicht Ka_pitaleigen-
nen. Er vergoldet sich und sein Haus.»255 Marx sprach von dem tümer sind. «Der Schatzbildner opfert ... dem Goldfetisch seine
allgemeinen Gesetz, «da:ß die Umwandlung von Gold- und Sil- Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Entsa-
bergeld in Luxusgegenstände während des Friedens, ihre Rück- gung.>>258 Eben hierdurch erscheint die durch das Warenverhält-
verwandlung in Barren oder auch Münze aber nur in sturm- '· nis gesetzte Nichtigkeit des konkreten Gebrauchswerts ihrem
vollen Zuständen vorwiegt». 256 Die Bezogenheit des Konkreten Wesen gemäß. Innerhalb des Kapitalverhältnisses wird die
auf das Abstrakte realisiert sich hier auf der stofflichen Basis des Gleichgültigkeit des Tauschwertinteresses gegenüber dem Ge-
Abstrakten selbst, sie gilt jedoch innerhalb der bürgerlichen V er- brauchswert bis zur systematischen Vernichtung von Produkten ·
hältnisse für umfassendere Bereiche der gegenständlichen und oder bis zur planmäßigen Verhinderung von Produktionen im
räumlichen Lebensbedingungen. Die individuellen Lebensbe- Interesse des Profits gesteigert. Zugleich erscheint diese kapitali-
dingungen und der Lebensprozeß der Individuen sind im hohen stische <<Entwertung und Wertlosigkeit alles stofflichen Reich-
Maße der Herrschaft der abstrakten Form des Reichtums unter- tums>>259 als Verselbständigung des konl<reten Genusses in der
worfen. Das gilt selbstverständlich für die bourgeoisen Indivi- Weise der Verschwendung und des demonstrativen Wegwerfens
duen in besonderer Weise. Die unpersö~liche und zufällige Be- gebrauchswertiger Güter. Hegel hatte bereits diese Negation
stimmtheit ihrer Individualität ist schon durch die Sprache - der Selbständigkeit des Gebrauchswertes gegenüber dem ab-
«Kapitalist>> - erhellt. Diese Individualitätsform ist allein durch strakten Wert deutlich gesehen und k~nnte so die für die bür-
das sachliche Momeat gesetzt. Dessen selbständige Bewegung gerliche;: Individualität bestimmende- Gleichsetzung von «Gelten
bestimmt allein das individuelle Schicksal in der bezeichneten und Habem> 260 spezifisch fassen. «Die Arbeit des Kaufmanns ist
Ebene, und die Umfänglichkeit von Kapitaleigentum, welche der reine Tausch, weder natµrliches noch künstliches Produzie-
dem ~inzelnen zugehört, entscheidet, ob dieses Individuum als ren und Formieren. Der Tausch ist die Bewegung, das Geistige,
groß oder klein bemessen wird. Marx hat die Unterordnung und die Mitte, das vom Gebrauch und Bedürfnis so wie von dem Ar-
Funktionierung des praktischen Genusses unter die Form des beiten, der Unmittelbarkeit Befreite. Diese Bewegung, die reine,
abstrakten Reichtums in der Lebensweise der bourgeoisen Indi- ist hier Gegenstand und Tun; der Gegenstand selbst ist entzweit
viduen treffend dargestellt. «Auf einer gewissen Entwicklungs- in den besondern, (den) Handels·artikel, und das Abstrakte, das
höhe wird ein konventioneller Grad von Verschwendung, die Geld - eine große Erfindung. Alle Bedürfnisse sind in dies Eine
zugleich Schaustellung des Reichtums und daher Kreditmittel zusammengefaßt. Das Ding des Bedürfnisses (ist) zu einem bloß
ist, ... zu einer Geschäftsnotwendigkeit des <unglücklichen> Ka- vorgestellten, ungenießbaren geworden. Der Gegenstand ist

178
12• * 1 79
also hier ein solches, das ·rein nur nach seiner. Bedeutung gilt, . Privateigentum an Produktionsmitteln ist das gesellschaftliche
nicht mehr an sich, d. h. für das Bedürfnis. Es ist ein schlechthin. '~ Basiseigentum, welches alle anderen Beziehungen· des Eigentums
Jnnres. Die Gesinnung des Kaufmannsstandes ist also dieser , charakterisiert. Der Begriff des Privateigentums ist nicht mit
1
Verstand der Einheit des Wesens und des Dings: so reel ist< dem des individuellen Eigentums identisch. Privateigentümlich,
· einer, als er Geld hat.>> 261 Zugleich sah Hegel, daß diese Macht nämlich im spezifischen Sinne ausschließend, können auch Be-
des Abstrakten notwendig mit der Isolation des Ichs korelliert ziehungen zwischen Gruppen von Individuen sein. So hebt der
ist. «Die Gesinnung (des Kaufmanns) ist diese Härte des Gei- kollektive Charakter von Kapitaleigentum nicht sein privat•
stes, worin der Besondere, ganz entäußert, nicht mehr gilt, (nur) eigentümliches Wes eil auf. Zugleich muß beachtet werden,· daß
striktes Recht. Der Wechsel muß honoriert werden, es mag zu- ~. individuelles Eigentum nicht notwendig privat charakterisiert
grunde gehen, was wili, Familie, Wohlstand, Leben usf., gänz- ist, hierin vielmehr nur seine bürgerliche Form gegeben ist. In
liche Unbarmherzigkeit. Fabriken, Manufakturen gründen ge- diesem Sinne ist das Private der Gegensatz des Persönlichen,
rade auf das Elend einer Klasse ihr Bestehen. ber Geist ist sich wobei sich letztes eben als kommunistische Bestimmung der In-
also in seiner Abstraktion Gegenstand geworden als das selbst- dividualität erweist. Marx und Engels kritisierten Max Stirner,
lose Innre. Aber dies Innre ist das Ich selbst, und dies Ich ist weil er <<Privateigentum und Persönlichkeit identifiziert» hatte. 266
sein Dasein selbst. P.>ie Gestalt des Innern ist nicht das tote Und in diesem Zusammenhang konkretisierten sie den Begriff
Ding: Geld, sondern ebenfalls lch.»'262 ·
des Privateigentums in einer wichtigen Beziehung, die wir schon
Der bürgerliche Reichtum ist privateigentümHch. <<Der Reich- bei.Hegel beachtet fanden. Gegen diese Gleichsetzung von Pri-
tum• der Gesellschaft besteht nur als Reichtum. einzelner, die vateigentum und persönlichem Eigentum wandten sie ein: «In
seine Privateigentümer sind.>>263 Die allgemeinste ;Bestimmung , der Wirklichkeit habe ich nur insoweit Privateigentum, als ich
des Privateigentums ist die der <<Ausschließlichkeit, ohne die es V erschacherbares habe, während meine Eigenheit durchaus un-
Un.sinn wäre». 264 Der spezifische Inhalt dieser Ausschließlichkeit verschacherbar sein kann. An meinem Rock habe ich nur so lange
ist in der Beziehung von Lohnarbeit und Kapital entfaltet. Der Privateigentum, als. ich ihn wenigstens verschachern, versetzen
die kapitalistische Ausbeutung vermittelnde Austausch zwischen oder verkaufen kann, (als er verschach) erbar ist. V ediert er diese
dem Kapitalisten und dem ·Proletarier beruht darauf, daß der Eigenschaft, wird er zerlumpt; so kann er für mich noch allerlei
eine über die objektiven Arbeitsbedingungen und daß der an- Eigenschaften haben, die ihn mir wertvoll machen, er kann sogar
dere über daslebendige Arbeitsvermögen verfügt. Diese wech- zu meiner Eigenschaft werden und mich zu einem zerlumpten
selseitige Abhängigkeit beider stiftet aber keinen ~olid.arischen Individuum machen. Aber es wird keinem Ökonomen einfallen,
Zusammenschluß, sondern Kampf. Das ist, wenn auch in mo-
ihrt als mein Privateigentum zu rangieren, da er mir übyr kein
difizierter Weise, kennzeichnend für alle privateigentümlichen , ,
auch noch so geringes Quantum fremder Arbeit noch ein Kom-
Beziehungen. Stellen wir uns einen räumlich organisierten Markt l
mando gibt. Der Jurist, der Ideologe des Privateigentums, kann
vor, der nur von Käufern und Verkäufern erfüllt ist. Er er-· •' vielleicht noch so -etwas· faseln. Das Privateigentum entfremdet
scheint als eine gewaltige Ansammlung von Individuen, die, eng nicht nur die Individualität der Menschen, sondern auch die der
aneinander gedrängt, auch zwischen den. einzelnen Verkaufstän- Dinge.>>
267
Bürgerliche Beziehungen sind solche warenspezifischer
den durch gemeinsame Bewegungen miteinander verbunden ' Äquivalenz. Das Prinzip <<Auge um Auge, Zahn um Zahn» postu-
sind. Aber in ihrem Verhältnis zueinander sind alle monadisch , liert auch Äquivalenz. Aber hier sind gleiche Gebrauchswerte zu-
getrennt, jeder ist ganz auf sich ge,tellt. Jeder, gleich ob Käufet
einander in Beziehung gesetzt, es ist kein Tauchwertstandpunkt,
oder Verkäufer, ist von' jedem durch die Konkurrenz geschie• sondern der eines unvermittelten Ausgleichs. Warenspezifisch
den. Zugleich gilt, daß in dieser hier typologisch• gefaßten wäre bezogen auf diese Objekte solche Umformung dieses Prin-
Marktsituation jeder als Individuum einzig durch seine sach-
zips: <<Ein Auge für x Dollar, ein Zahn für y Dollar.>> Inne1-
lichen Bedingungen gesetzt ist. Die Verkäufer wirken als die ·
halb der Warenbeziehung anerkennen die Individuen wechsel~
Funktionäre des Austausches der Waren gegen Geld, und die
seitig ihre Bedürfnisse nur, wenn sie auf die Zahlungsfähigkeit
Käufer treten als bloße Personifikation des Geldes hervor. Es •
gestützt sind, als Bedarf marktaktuell hervortreten k-0nnen. Die
gilt, daß «in der Konkurrenz die Persönlichkeit selbst eine Zu-
kaufmännische <<Härte des Geistes>>, von der Hegel sprach, diese
fälligkeit und die Zufälligkeit eine Persönlichkeit ist>>. 265 Das
«gänzliche Unbarmherzigkeit>> ist durch das bestimmte gesell-
180 ' 181
'T-~ ~ "'t~s~:: ·J<':<~ t:~~)~(~~~~':l'.'!")~l~'."::~ ,:,t7f:·~-~t~·+J'l!-:/:~·~' ~, :~}.1: .~ <-"nl'~} ,,:tnt,W)!!J;J.}< c·\tiijij

schaftliche Verhältnis diktiert. Wenn der Warenproduzent sein nicht mehr besonders begründet werden, daß der gesellschaft-
Gemüt und schließlich sein Produkt der bloßen Not und nicht liche Charakter einzelner Elemente des Systems der gegenständ-
dem seinem Produkt gegenüberstehenden Äquivalenten zuwen- lichen Lebensbedingungen eines Subjekts zunächst immer funk-
det, wenn für ihn das Bedürfnis des Hungernden ein größerer tionell, durch seine gesellschaftliche Vermittlungsfunktion und
Anspruch auf Brot ist als die vom Satten für dieses Br~ ein- damit eigentümlich, determiniert ist. Aber wenn die Verhältnis-
gesetzte Zahlung, sieht er sich selbst sehr schnell im Elend. Nur eigenschaft im gewissen Maße auch als Gestalteigenschaft der
in den kommunistischen gesellschaftlichen Verhältnissen sind die Gegenständlichkeit objektiviert werden kann und für bestimmte
Beziehungen der Individuen zueinander als solidarische gebil- Produktionen notwendig objektiviert werden muß, können zwi-
det, können sie ihre Handlungen wesentlich auf ihre wechsel- schen beiden Momenten der Gegenständlichkeit Beziehungen
seitigen Bedürfnisse beziehen. «Innerhalb der kommunistischen unterschiedlichen Charakters auftreten. Und die Analyse dieser
Gesellschaft, der einzigen, worin die originelle und freie Ent- Beziehungen als Widersprüche führt die Theorie direkt an die
wicklung der Individuen keine Phrase ist, ist sie bedingt eben Probleme praktischer Entscheidungen heran. Wir können zu-
durch den Zusammenhang der Individuen, ein Zusammenhang, nächst zwei gegensätzliche Bildungen des Widersprucqs von Ge- ~ ~:r;
der teils in den ökonomischen Voraussetzungen besteht, teils stalt- und Verhältniseigenschaft einander gegenüberstellen. Ein-
in der notwendigen Solidarität der freien Entwicklung Aller, mal der Widerspruch beider Momente der Gegenständlichkeit
und endlich in der universellen Betätigungsweise der Individuen derart, daß die Gestalteigenschaft zwar bestimmte gesellschaft-
auf der Basis der vorhandenen Produktivkräfte.>>268 Erst hier liche Verhältnisse vermittelt, aber deren Entfaltung widersetzig ,
wird für den Menschen «der Gegenstand, welcher die unmittel- ist oder gar die Tendenz hat, diese bestimmten Verhältnisse zu
bare Betätigung' seiner Individualität, zugleich sein eignes Da- zersetzen. Diese Wirkung kann zwar einem isoliert vorgestellten
sein für den andern Menschen, dessen Dasein, und dessen Da- Gegenstand nicht zukommen, sondern nur dem System gegen-
sein für ihn ist>>. 269 So wird verständlich, daß die oft zitierte ständlicher Lebensbedingungen und damit zwangsläufig zugleich
Bestimmung des Gegenstandes in <<Die heillige Familie>Y «als dem jeweiligen Raumsystem. Zum anderen wäre dieser Wider-
Sein für den Menschen, als gegenständliches Sein des Menschen, spruch so wirksam, daß die Gestalteigenscha:ft der Gegenständ-
zugleich das Dasein des Menschen für den andern Menschen, lichkeit das sie funktionell bestimmende gesellschaftliche V er-
seine menschliche !Jeziehung zum andern Menschen, das gesell- hältnis mit zur Entfaltung bringt. Auch hier gilt, daß solche
schaftliche V erhalten des Menschen zum Menschen ist>>, nicht ~
270 Tendenz des Widerspruchs nicht durch einen isolierten Gegen-
einfach als allgemeine gelesen werden kann, weil sie auf die stand realisiert werden kann. Zugleich muß bei dieser Forma-
Kennzeichnung kommunistischer Gegenständlichkeit zielt. lisierung beachtet werden, daß die Typik der so vorgestellten
Wenn wir die Gegenständlichkeit als Vermittlung gesell• Widersprüche von der Gesamtheit der Widersprüche eines kon-
schaftlicher Beziehungen und damit als Form des gesellschaft- kreten gesellschaftlichen Systems unabhebbar ist und eine gegen-
lichen Verhaltens des Menschen zum Menschen bestimmen, kön- über den grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnissen abge-
nen wir begrifflich scharf den Unterschied von bürgerlicher und leitete Ebene darstellt. ~
kommunistischer Gegenständlichkeit fassen. Der bürgerliche Ge- Es soll bemerkt werden, daß Marx 1844 in den Texten <<Aus-
genstand vermittelt konkurrierende, der kommunistische Gegen- züge aus James Mills Buch <Elemens d'economie politique> >>
stand vermittelt solidarische Beziehungen der Menschen zueinan- eine Beziehung zwischen den jeweiligen gesellschaftlichen Vor-
der. Den voraussetzungslos kritischen Gebrauch des Ausdrucks aussetzungen der· Produktion, bürgerlichen oder kommunisti-
<<Sinn des Habens>> 271 hat Marx mit der endgültigen Überwin- stischen, und der Erscheinung der .Produkte sah. Es ist dieses
dung anthropologischer Idealismen, die in den Texten bis nicht systematisch entwickelt, und der hier hervorgehobc:ne In-
1844 noch auftreten, nicht fortgeführt. So wird in <<Die deutsche, halt dieses Textes ist auch nur durch eine Aussage eindeutig in
Ideologie>> gegen Stirner eingewandt, er identifiziere <<das <Ha- der vorgestellten Weise zu interpretieren. Marx zeigte die im
272 Warenverhältnis durch die Privatheit vermittelte Gesellschaft-
ben> als Privateigentümer mit dem <Haben> überhaupt>>. Die
Frage ist nun, ob überhaupt und inwieweit die unterschiedlichen lichkeit der Individuen. Es ist wechselseitige Abhängigkeit, aber
gesellschaftlichen Charaktere der Gegenständlichkeit auch in ih· jeder <<von uns sieht in seinem Produkt nur seinen eignen verge-
ren Gestalteigenschaften hervortreten können. Es muß jetzt genständlichten Eigennutz, also in dem Produkt des andren

182 183
j

273 die keine abweisende Schmälerung ist, gilt auch für die dem We-
von ihm unabhängigen, fremden gegenständlichen Eigennutz.»
Jeder produziert auf das Bedürfnis des anderen Produzenten sen nach kommunismustheoretischen Erörterungen in diesem
hin, aber dieses ist für ihn nur wesentlich als Vermittlung des Text, die gegen Ende des Manuskripts einsetzen. Sie skizzieren
eigenen Reichtums. Es geht um das Äquivalent. «Als bloßer das gegenständlich vermittelte solidarische V erhalten der Men-
Mensch, ohne dies Instrument ist deine Nachfrage ein unbefrie- schen zueinander. Und von hier wird in einer Weise auf die Er-
digtes Streben deinerseits, ein nicht vorhandner Einfall für scheinung der Gegenständlichkeit geschlossen, die wir vor jedem
mich.1>274 In diesem thematischen Zusammenhang tritt nun der doktrinären und einfältigen Gebrauch bewahren, aber zugleiqi '
Begriff des Scheins als solcher des Phänomenalen auf. Es wird ganz wach in• unserem Denken aufnehmen wollen:
nicht selbstäQdig betont;' ist aber von diesen hier nur kurz nach- <<Unsere ];'roduktionen wären ebenso viele Spiegel, woraus
gezeichneten warentheoretischen Reflexionen klar, daß -die Wa- unser Wesen sich entgegenleuchtete.>>278
renproduzenten danach streben müssen, diesen in ihren ProduJc-
ten vergegenständlichten Eigennutz zu kaschieren. A<Wenn ich Exklusivität
mehr produziere, als ich unmittelbar selbst von dem produ-
zierten Gegenstand brauchen kann, so ist meine Mehrproduktion· Die Maschinerie als Grundlage des entwickelt~n bürgedichen
auf dein Bedürfnis berechnet, raffiniert. Ich produziere nur dem Privateigentums bildet das stoffliche Element des Reichtums als
Schein nach ein Mehr von diesem .Gegenstand. Ich produziere Gegensatz zu seinem eigentümlichen Charakter. <<Da nicht Be-
der Wahrheit nach einen andren Gegenstand, den Gegenstand friedigung der Bedürfnisse, sondern Produktion von Profit
de;iner Produktion, den ich gegen dies Mehr auszutauschen ge- Zweck des Kapitals, und da es diesen Zweck nur durch Metho-
denke, ein Austausch, den ich in Gedanken schon vollzogen habe. den erreicht, die die Produktionsmasse nach der Stufenleiter der
Die gesellsc1;aftliche Beziehung, in der ich zu dir stehe, meine· Produktion einrichten, nicht umgekehrt, so muß beständig ein
Arbeit für dein Bedürfnis ist daher auch ein bloßer Schein, und Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten Dimensionen ·der
unsere wechselseitige Ergänzung ist ebenfalls ein bloßer Schein, 'Konsumtion auf kapitalistischer Basis, und einer Produktion,
275 die beständig über diese ihre immanente Schranke hinaus-
dem die wechselseitige Plünderung zur Grundlage dient.»
Marx entwickelte schließlich, wie aus diesem Verhältnis der In- strebt.>>279 Zugleich ist entsprechend ihrem ni.aschinenindustriel-
dividuen die <<wechselseitige Knechtschaft des Gegenstandes leri Charakter die kapitalistische Produktion Massenproduktion.
über uns>> erscheint. 276 Und bezogen auf die hier noch in ihrer Die Bewegung der Maschine kennt keine soziale Grenze. Zugeich
vorkapitalistischen Form gefaßten bürgerlichen Verhältnisse fol- wirkt durch das Profitinteresse der Kapitalisten die Tendenz,
gert er im letzten Absatz des Manuskripts zum Gegenstand: den Gebrauch der zuerst innerhalb des Luxuskonsums der be-
<<Nur als das, was meine Arbeit ist, kann sie in meinem Gege(l- sitzenden '.Klassen gebildq:ten Gegenständlichkeit über diese aus-
stand erscheinen. Sie kann nicht als das erscheinen, was sie dem zuweiten. <<Die Verwohlfeilerung der unmittelbaren Lebensbe-
Wesen nach nicht ist. Daher erscheint sie nur noch als der ge- dürfnisse erlaubt, den Kreis der Luxusproduktioh zu erwei-
genständliche, sinnliche, angeschaute und darum über allen Zwei- tern.»280
fel erhabene Ausdruck meines Selbstverlustes und meiner Ohn· Hierin liegt nun notwendig dje Tendenz begründet, die so-
zialpsychischen und die gegenstandsphänomenalen Grundlagen
macht.»277 des bürgerlichen Genusses zu zersetzen. Da auch die Bedingun-
Wir wollen diesen Texten keine übertriebene Bedeutung zu-
. messen. Sie stehen noch vor der von Marx selbst geleisteteh öko-, gen der individuellen 1-;onsumtion innerhalb der Bürgerlichkeit
norriischen Analyse der Warenproduktion, aber ihte wesentli- nur als Reichtum anerkannt sind, sofern sie Tauschwert darstel-
chen gedanklichen Entwicklungen, die vor allem neben dem Be- len, die konkrete Lebensäußerung der Individuen damit Be•
zugstext von Mill auf die direkte und indirekte Refle~tiei:ung wegungs- und Darstellungsweise des abstrakten Reichtums ist,
der Problematik der Warenbeziehungen durch die klassische die bestimmte Individualität so durch den abstrakten Charak-
deutsche Philosophie gestützt sind, erweisen sich als wesentlich ter der sachlichen Lebensbedingungen selbst gesetzt ist, können·
weitergehend als eine bloß moralisierende Kritik, und sie sind sich die Individuen wesentlich nur durch die Differenz des ab-
in ihrem wesentlichen Gehalt in den späteren theoretischen Be- strakten Wertes ihrer eigentümlichen Lebensbedingungen unter-
stimmungen hierzu wieder aufgenommen. Diese Relativierung, scheiden. Das konstitutive Moment des bürgerlichen Genusses
185
184
'_, '-,~:-r ...~,i., ,'

ist damit die Exklusivität, die Ausschließung anderer. Die Kon- lern der Beziehung von Wohnform und makro räumlicher Orga-
kurrenz als Eigenschaft der ökonomischen Beziehungen besti~mt nisation der Lebensprozesse und damit verbunden die unzurei- ,
auch die Geltungsfunktionen der sachlichen Lebensbedingungen, chende Entwicklung der öffentlichen Verkehrsmittel, wird das
in denen sich die Individuen als Privateigentümer aufeinander Auto für eine wachsende Zahl von Individuen allein hierdurch
beziehen. Je umfassender einzelne Elemente dieser Lebensbe- immer mehr zu einem ~otwendigen Lebens~ittel. Damit ändert
dingungen gesellschaftlich allgemeingesetzt werden, verliert die sich für den Funktionstyp Auto auch die Beziehung von prakti-
bloße Verfügbarkeit über solche an sich die Eigenschaft, bürger- schem Gebrauchs- und sozialem Geltungswert. Indem dieses
lichen Reichtum darzustellen. Wenn die individuellen Lebensbe- Verkehrsmittel für die Individuen durch die Lebensbedingungen
,dingungen überhaupt aufhören, privateigentümlich und damit zwingend gesetzt erscheint, wird der Druck bürgerlicher Sach-.
exklusiv zu sein, jedes Individuum also prinzipiell über be- geltung, den es innerhalb bürgerlicher Verhältnisse vermittelt,
stimmte Lebensbedingungen allein nach dem Maß des Bedürf- nicht abgeschwächt, sondern außerordentlich verstärkt. Die kon-
. nisses und der Fähigkeit verfügen kann, ist es unmöglich, durch kurrierenden Geltungsbeziehungen, die sich zuerst weitgehend
das bloße Hab~n zu imponieren. Dieses Aufheben der bürger- über den Gegenstand an sich bildeten, werden jetzt durch seine
lichen Geltung zeigt sich in der Tendenz bereits an bestimmten modische Formierung realisiert. Der Gebrauch dieses Fahrzeu-
Elementen von Lebensbedingungen, die zwar noch als Waren ges, der ständige finanzielle Aufwendungen ·erfordert, entschei-
angeeignet werden und auch im Gebrauch noch Tauschwert dar- det über die räumliche Mobilität der Individuen, die ein wich-
stellen, aber doch nahezu durch alle angeeignet werden können. tiges Kriterium ihres Lebensstandards und ihrer Lebensmög-
Allerdings ordnet das Kapital auch solche Lebensbedingungen lichkeiten überhaupt ist. Erst durch diese praktische Festsetzung
seinen ökonomischen und psychischen Bewegungserfordernissen dieses Verkehrsmittels konnte die psychische Gewalt seiner mo-
unter, indem es diese wertmäßig differenziert und durch modi- dischen Formierungen entfaltet werden.
sche Gestaltungen zugleich die Zeitsignaturen der Gegenstände Die soziale Verlagerung und tendenzielle Allgemeinsetzung
zu einem wesentlichen Faktor ihrer sozial-reputativen Bewer- gegenständlicher Elemente des nicht als Kapital eingesetzten ~

tung erhebt. Die Entwicklung des individuellen Automobilismus Reichtums der besitzenden Klassen hatte bereits Smith reflek-
zeigt diese gesetzmäßige Tendenz der Bewegung von individuel- tiert. Er erörterte für seine Leser die.Frage, welcher individuelle
len Lebensbedingungen unter dem Kapitalverhältnis sehr gut. Gebrauch der Revenue günstig sei, die Benutzung dieser Ein-
Die wertmäßige und damit in einem gewissen Grade gebrauchs- künfte für üppige Speisen, den Unterhalt von vielen Bedienste-
wertmäßige Differenzierung, so vor allem die des Hubraums ten, Hunden und Pferden oder im Gegensatz hierzu die Benut-
der Motoren, erhöht sich, wie dieses Verkehrsmittel gesellschaft- zung dieses Einkommens «zur Ausschmückung seines Hauses
lich allgemein gesetzt wird. Wenn wir unterstellen, daß in dieser oder seines Landsitzes ... , für nützliche oder prächtige Gebäude,
Gegenständlichkeit alle das gleiche hätten, so hätten sie doch für nützliche oder prächtige Möbel, zum Samm~ln von Büchern,
zugleich nicht Gleiches. Statuen und Bildern oder für frivolere Dinge, wie Juwelen und
Nach der anfänglichen Pionierperiode des Automobilismus allerlei Tand, oder, was das Nichtigste von allem ist, zur
war der Besitz von individuellen Kraftfahrzeugen Ausdruck Sammlung einer großen Garderobe schöner Kleider, wie es der
finanzieller W ohlsituiertheit, die in diesem Maße normalerweise vor wenigen Jahren verstorbene Günstling und Minister eines
Arbeiter nicht erlangen konnten. Mit der weiteren Entwicklung großen Fürsten getan hat>>. 282 Die asketische Norm ist zwar auf-
des Automobilismus benutzten jedoch in den wichtigsten kapita- gelöst, aber die Konfrontation gegen die feudalen Genußformen
listischen Ländern auch viele Lohnarbeiter und Angestellte noch beibehalten. Smith sprach sich vor allem für die vorrangige
eigene Kraftfahrzeuge. Hans-Joachim Knebel meinte, man könne Anschaffung dauerhafter Waren aus, denn jede andere Pracht-
mit <<analytischer Überpointierung sagen, daß die primäre Funk- entfaltung ist in ihrer Gegenständlichkeit verschwindend. Wer
tion der (individuellen) Verkehrsmittel ist, soziales Selbstver- das beachtet, wird schließlich gegenüber einem anderen, der dem
ständnis und soziale Anerkennung zu gewähren, während seiner verfließenden Reicht.um den Vorzug gibt, der reichere Mann sein.
281 <<Er besitzt einen Vorrat an Waren dieser oder jener Art,
Funktion als Fahrzeug nur secundäre Bedeutung zukommt.»
Aber diese Analyse verdeckt einen wichtigen Tatbestand. Durch die zwar nicht das, was sie gekostet haben, wert sein mögen,
die kapitalistische Formierung der Lebensbedingungen, vor al- aber immer etwas wert sein werden. Von den Ausgaben des letz-

186 187
teren bleibt keine Spur und kein Merkmal zurück.»283 Diese noch, mit der a_u·sgezeichneten · gesellschaftlichen Geltung desselben
engbrüstige kapitalistische Genußkonzeption hinsichtlich der in- verband. Wenn große Teile der Arbeiterklasse schließlich dazu
dividuellen Leben~bedingungen unterstützte Smith dann durch gelangen, dieses Verkehrsmittel, welches zunächst fast ausnahms-
folgende, für unsere Problematik interessante Argumentation: los sozial exklusiv benutzt wurde, sich anzueignen, liegt darin
«Ebenso wie die eine Aufwandsart für den individuellen Wohl- die Verleitung, daß massenhaft Illusionen über die realen ge-
stand günstiger als die andere ist, ebenso ist sie es auch für den sellschaftlichen Verhältnisse verstärkt und stabilisiert werden.
nationalen Wohlstand. Die Häuser, die Möbel, die Kleidung 'Wenn nicht nur der Direktor, sondern der Arbeiter selbst am
des Reichen sind nach kurzer Zeit für die unteren und mittleren Fabriktor mit dem Auto vorfährt, erscheint docli ganz sinnfällig
Klassen des Volkes von Nutzen. Sie können sie kaufen, wenn die gesellschaftlicher Unterschied, wenn schon nicht aufgehoben, so
oberen Schichten ihrer überdrüssig werden, und die allgemeine doch gemindert. In der Volkswagenkonzeption hatten die 4eut-
Versorgung des gesamten Volkes wird auf diese Weise nach und schen Faschisten diesen Effekt der Illusionierung bewußt aus-
nach verbessert,· wenn sich diese Aufwandsart unter deff Leuten genutzt. Im vollen Maße ist er dann in den ersten Jahrzehnten
von Vermögen durchsetzt. In Ländern, die schon lange reich nach dem zweiten Weltkrieg in der BRD und in anderen kapi-
sind, findet man die unteren Klassen des Volkes oft im Besitz talistischen Ländern wirksam geworden. Daß es zuerst den so-
von Häusern und Möbeln, die noch gut und unbeschädigt sind, zialistischen Ländern nicht möglich war, eine schnelle Entwick-
aber für den Gebrauch dieser Klassen weder gebaut noch herge- lung des individuellen Verkehrs zu ermöglichen oder gar Alter-
stellt sein dürften. Der frühere Sitz der Familie Seymor ist jetzt nativen hierzu auf hohem technischem Niveau zu verwirklichen,
ein Gasthof an der Straße nach Bath. Das Hochzeitsbett Jakobs I. verstärkte zweifellos die für den Imperialismus günstigen und
von Großbritannien, das ihm seine Königin als geeignetes Ge- durch seine Propaganda selbstverständlich systematisch forcier-
schenk eines Souveräns für einen Souverän aus Dänemark mit- ten und antikommunistisch gerichteten Einflüsse dieser indivi-
gebracht hatte, war vor einigen Jahren die· Zierde .einer Bier- duellen Motorisierung. Und daß Theoretiker mit kritischen Am-
schänke in Dunfermline.>>284 Zweifellos weist dieser Prozeß der bitionen, aber ohne tieferen analytischen Sinn und ohne jeden
sozialen Verlagerung vop gegenständlichem Reichtum, den Begriff des 'weit- und nicht individualhistorischen Charakters
Smith in naiver Apologie und nicht frei von sicher ungewolltem revolutionärer Umwälzungen aus diesen Irritationen von prole-
Zynismus -darstellte, unter den Bedingungen des entwickelten tarischem Klassenbewußtsein durch den kapitalistischen Kon-
Kapitalismus neuartige Züge quf. So wird jetzt die Allgemein- sumdruck nun a11f die revolu,tionäre Impotenz des Proletariats
setzung von Lebensbedingungen schon durch die Produktions- schließen würden, muß nicht verwundern. Es soll aber auch nicht
konzeption bewirkt \md ist nicht.auf d,en Gellrauchtwarenhan- übersehen werden, daß eine marxistisch-leninistische Analyse
del beschränkt. Zum anderen können wir vermuten, daß die dieser Entwicklung nur zögernd ansetzte und bis heute noch un-
Leute in der Bierschänke von Dunfermline durch das ihnen an- zureichend entwickelt ist.
sichtige Hochzeitsbett .Jakobs I. nicht dazu verleitet wurden, Zweifellos ist der Kapitalismus nicht fähig, die drastischen
königlich zu empfinden, selbst wenn der eine oder andere auch F~rmen des nackten Elends zu überwinden. Aber die radikale
praktisch ausprobierte, wie es sich in ein'em solchen Bett nun Kritik dies~s gesellschaftlichen Systems verlangt, die Gesamt,-
eigentlich liegt. Das soziale Sinken der feudalen Gegenständ- heit des Elends und alle Erscheinungen des gegen menschliche
lichkeit destruierte nicht das bürgerliche Bewußtsein, ·sondern Lebensmöglichkeiten verkehrten Reiclitums zu erfassen. Und das
bestätigte es. Im Unterschied hierzu hat die gesellschaftliche V er- betrifft nicht zuletzt die. Mo'mente der Lebensbedingungen, die
allgemeinerung von · Elementen der Lebensbedingungen des Kant das «glänzende Elend»285 nannte. Marx' Begriff der kapi-
bourgeoisen Gebrauchs auf große Teile des Proletariats illusio- talistischen Verelendung des Proletariats meinte keine Progres-
nierende Wirkungen. Wir ,wollen das Beispiel des Kraftfahr- sion direkter Armut an individuellen Lebensbedingungc;n, son-
zeuges wieder aufgreifen, weil es für diesen Prozeß zwar nicht dern die wachsende Ohrnacht, Unterworfenheit der lebendigen
isoliert steht, aber von besonderer Repräsentanz ist, Das Auto Arbeit durch ihre kapitalistische Vergegenständlichung. <<Je mehr
hatte für breite Massen der werhätigen Bevölkerung der kapi- sie sich - die Arbeit sich - objektiviert, desto größer wird die
talistischen Länder einen großen Reiz, weil sich hier ein hoher objektive Welt der Werte, die ihr als fremde - als fremdes
ästhetischer Genuß und pr~ktischer Gebrauchswert überhaupt Eigep,tum - gegenübersteht.» 286 ·

188
189,
Daß -die sachlichen Lebensbedingungen, welche sich die Pro- tion der Individuen bestimmten subjektiven Erlebnisgehalt.
letarier durchschnittlich aneignen können, erweitert werden, hat Selbst wenn ein Proletarier das gleiche Kraftfahrzeug benutzt
Marx auch so ausgesprochen und inteipretiert: <<Obgleich also wie ein Kapitalist, so ist dieses Verkehrsmittel für den Kapita-
die Genüsse des Arbeiters gestiegen sind, ist die gesellschaftliche listen in seine Lebensbedingungen insgesamt eingeordnet, und
Befriedigung, die sie gewähren, gefallen im V er gleich mit den er kann mit dem ihm nicht ganz gemäßen Mittel kokettieren,
vermehrten Genüssen des Kapitalisten, die dem Arbeiter unzu- während das gleichartige Mittel die proletarische Lebensbestim•
gänglich sind, im Vergleich mit dem Entwicklungsstand der · mung des Arbeiters verschärft, seine Abhängigkeit gegenüber
Gesellschaft überhaupt. Unsere Bedürfnisse und Genüsse ent- dem Kapital erhöht und damit seine menschliche Ohnmacht
springen aus der Gesellschaft; wir messen sie daher an der Ge- und sein Elend. Die Auffassung, daß in der modernen bürger-
s-ellschaft ;· wir messen sie nicht an den Gegenständen ihrer Be- lichen Gesellschaft <<der Konsum zu einem Instrument der Ver-
friedigung. Weil sie gesellschaftlicher Natur sind, sind sie rela- bürgerlichung der verschiedensten Bevölkerungsschichtem>
tiver Natur.>>287 In der Kritik Eduard Bernsteins, der durch die wird, 291 trifft allgemein sicher für seine erste ideologische Wir-
Entwicklung des Kapitalismus die Voraussetzungen der Ver- kung, nicht aber uneingeschränkt für die objektive und auch
elendungskonzeption von Marx aufgehoben sah, bemerkte Lenin nicht für die subjektiv-erlebnishafte Situation der Proletarier
abschließend, es wachse <<das Elend nicht im physischen, sondern zu, obgleich ge'l'ade in letzterer sehr komplizierte und für be-
im sozialen Sinne, d. h. in dem Sinne, daß das steigende Niveau bestimmte Zeit hemmende Faktoren für die Entwicklung des
der Bedürfnisse der Bourgeoisie und der Bedürfnisse der gan- Klassenbewußtseins der Proletariate der kapitalistischen Länder
zen Gesellschaft im Mißverhältnis steht zum Le.bensniveau der entstanden waren. Zweifellos bedurfte es erst einer längeren Er-
werktätigen Massen>>. 288 Das gilt auch für unsere Gegenwart. fahrµng der werktätigen Massen mit diesen Erscheinungsformen
Aber mit dem wesentlichen Unterschied, daß dieser Gegensatz von bürgerlichem Reichtum, bevor das Bewußtsein, daß hierin
unanschaulicher geworden ist. Während sich im V er gleich zum eine höhere Potenz des Elends selbst hervortritt, sich bilden
vormonopolistischen Kapitalismus der objektive ökonomische konnte. Es ist dieses ein Prozeß, dessen Bewegung gegenwärtig
Antagonismus zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat deutlich sichtbar wird und auf den selbstverständlich die im-
vertieft, schwächt sich.die phänomenale Repräsentanz dieses An- perialistische Bourgeoisie wiederum funktionierend einzuwirken
tagonismus in den Lebensbedingungen ab. <<Unter den Bedin- versucht, indem sie zum Beispiel durch ihre Ideologen als Anwalt
gungen des modern~n Kapitalismus», schrieb Walentin Tolstych, der ökologischen Krise aufzutreten bemüht ist. Und es ist nun
«kennt die Lebensweise der Menschen keine so ausgeprägte Po- phänome1pl die gleiche vom Kapital gesetzte Form der Gegen-
laris~erung von Reichtum und Armut wie in den Zeiten der ur- ständlichkeit, welche schließlich das Bewußtsein des Elends pro-
. sprünglichen Akkumulation des Kapitalismus und in seinem <in- voziert, die zuerst die Illusion seiner Überwindung erregte. Das
dustriellen> Entwicklungsstadium.>>289 Das trifft zweifellos zu, Kapital treibt aus den Erfordernissen seiner Behauptung im
wenn wir das erscheinende Moment des Reichtums ins Auge fß_s- Klassenkampf und zugleich aus der ihm immanenten Entwick-
sen. So ist in den Städten des entwickelten Kapitalismus der lungslogik die modischen Signaturen der gesellschaftlichen Diffe-
freien Konkurrenz der Gegensatz von Bourgeoisie und Prole- renzierung am Gegenstand des individuellen Gebrauchs bis an
tariat räumlich viel klarer gefaßt als in den Siedlungsagglome- die Grenze ihrer Wahrnehmbarkeit, aber es kann diese modi-
rationen der Gegenwart. Aber wenn <<es sich heute Kellner und sche Differenzierung nie überschreiten. Piese Darstellung ist,
Chefköche, Klempner und Zimmerleute, Mechaniker, 'Automo- bezogen auf den zeitgenössischen Kapitalismus, idealisierend,
bil- und Stahlarbeiter leisten können, die gleichen Autos zu er- doch drückt sie so die sich tatsächlich abzeichnende Tendenz
werben, die gleichen Anzüge zu tragen, den gleichen Urlaub zu der Erzeugung von Gleichartigkeit in den Lebensbedingungen
verbringen wie Beamte, Händler, Lehrer und Geschäftsleute», 290 der Individuen richtig aus. D<;:r demonstrative Konsum als Dar-
so ist diese Gleichheit selbst scheinbar, weil durch unscheinbare stellung von bürgerlichem Haben mußte notwendig durch einen
Signaturen des sozialen Unterschieds geschieden, und selbst weniger kontrastreich differenzierten Gebrauch individueller
wenn wir die ja nicht einfach vorgestellte, sondern real erleb- Lebensbedingungen abgelöst werden.
bare Gleichartigkeit solcher Aneignungen voraussetzen, haben Diese Tendenz zur Gleichartigkeit bei gleichzeitiger Repro-
sie einen völlig unterschiedenen, durch die gesellschaftliche Situa• duktion der · Signalisierung von sozialer Differenzierung hat
190 191
David Riesmann so beschrieben: Ein Fremder, <<der nach Ame- stellungen, andre Sitten und Sittenprinzipien, andre Religion
rika kommt, wird wahrscheinlich annehmen, daß sich Verkäufe- . und Politik als die Bourgeoisie. Es sind zwei ganz verschiedene
rinnen, Damen der Gesellschaft und Filmschauspielerinnen alle Völker ... »293 Das gilt selbstverständlich in gewis6er Hinsicht
gleich anziehen, verglichen mit derr augenfälligen Unterschieden, für den Kapitalismus überhaupt. Aber wichtig ist doch zu be~
wie sie in Europa in der Kleidung der verschiedenen Schichten merken, daß Engels hier den kulturellen Gegensatz von Bour-
bemerkbar werden. Ein Amerikaner aber weiß und er muß wis- geoisie und Proletariat auf einem historischen .. Niveau seiner
sen, um im Leben und in der Liebe weiterzukommen -, daß Entfaltung beschrieb, das im Grunde nocq den kulturellen Ge-
das einfach nicht stimmt: daß man kleine Qualitätsunterschiede gensatz zwischen Feudalen und Leibeigerfen, selbs~verständlich
aufzuspüren hat, die Stil und Stand ausweisen, beispielsweise, mit anderer inhaltlicher Erfülltheit der Form, reproduzierte.
wenn man ·einmal die ungezwungene Lässigkeit, die sich viel- Die sprachlichen Differenzierungen schwächen sich durch den
fach in der Klei4;lung des oberen Mittelstandes findet, mit der Einfluß der kapitalistischen Bildungsprogramme und besonders
gezwungenen Strenge in der Kleidung der Arbeiterklasse ver-. durch den Einfluß der technischen informationellen Kommuni-
gleicht.» 292 Diese Bemerkungen Riesmanns zeigen, daß derar- kation ab, und gleichzeitig bildet sich die eigene Weltanschauung
' tige Unterscheidungen der Individuen keine persönlichen sind, und schließlich auch Kunst des Proletariats. Der ·zu fassende
sondern als Formen wechselseitiger gesellschl!ftlicher Abgren- Prozeß von Angleichung und Polarisierung ist damit hin- •
zung funktionieren. Das wichtige Moment des konkurrierenden reichend charakterisiert. Und es ist zu beachten, daß der weit·-
Gebrauchs von Lebensbedingungen innerhalb der einzel!).en so- . historisch letztlich entscheideni;le Kampf zwischen Bourgeoisie
zialen Gruppe ist hiermit noch nicht gefaßt. Während unter den und Proletariat, auf dem so gefaßten Niveau des gesellschaft-
feudalen Verhältnissen die individuellen Lebensbeding1,mgen lichen Antagonismus ausgetragen werden muß. Das Kapital bil-
teilweise ständisch normiert und so relativ unbewegt waren, det, selbstverständlich in hohem Maße in den Gestalten der
erweisen sich die Gestaltungen solcher Lebensbedingungen, in · Bürgerlichkeit, die gesellschaftliche Potenz der Bec:Jürfnisse der
der bürgerlichen Gesellschaft als gesellschaftlich offen, wobei Proletarier. Und es ist keJn bloßer Wunsch, wenn wir davon
si!11 in dieser so gesetzten Bewegung der Formen pie soziale Dif- ausgehen, daß diese so gebildete Genußfähigkeit der proletari-
ferenzierung immer wieder notwendig reproduziert. In der Ge- schen Massen notwendig gegen die bürgerliche Form ihrer Be-
samtentwicklung des Kapitalismus zeigen sich zwei formell ge- friedigung stoßen muß und ständig stößt. Der bestimmende
genläufige Prozesse in der ästhetischen Kultur. Die phänomenal Ausgangspunkt für dieses Aufbrechen des in der Bürgerlichkeit
diskn:pante Polarisierung der materiell-gegenständlichen Le- befangenen proletarischen Bewußtseins ist zweifellos in dem Ant-
bensbedingungen in Wohnung, Kleidung, Nahrung. und Ver- agonismu~ der: Produktion, in dem Gegensatz von Lohnarbeit
kehrsmöglichkeiten, wie sie im frühen Kapitalismus hervortrat, und Kapital und dem hiermit unvermeidlichen Klassenkampf.
schwächt sich ab. Gleichzeitig bildet sich in der Entwicklung gegeben. Aber es ist für die Entwicklung dieses Klassenkampfes
des Kapitalismus der Antagonismus von bürgerlicher und pro- . nicht gleichgültig zu verfolgen, wie sich dieser Antagonismu~
letarischer Kultur erst vollständig heraus. Selbstverständlich · in der Bewegung des bürgerlichen Reichtums außerhalb der Pro-
reproduziert das Kapital auch in .der Gegenwart unablässig duktionssphäre a1Jsdrückt.
physisches Elend auf der einen und bourgeoi~e Exklusivität in «Warum sollten die Menschem>, ,fragte Reich in <<Die Welt
gegenständlichen Aneignungen auf der anderen Seite. Aber der wird jung. Der Gewaltlose Aufstand>>, «wo di~ Maschine doch
Gegensatz von bourgeoisem Genuß und proletarischem Elend heute Ess~n uqd Obdach für alle gewährleistet, nicht die Feind-
bildete sich auch immer umfassender und tiefer in formellen schaft beenden, die aus der Knappheit der Mittel entstanden •
gleichartig praktisch-gegenständlichen Aneignungen. Über war, und ihre Gesellschaft auf der Liebe zu ihren Mitmenschen
England in den vlerziger Jahren des 19. Jahrhunderts schrieb , begründen? )Venn die Maschine unsere materiellen Bedürfnisse
Engels,• «daß die arbeitende Klasse allmählich ein ganz andres befriedigen kann, warum sollten da nicht die Menschen die ,.
Volk geworden ist als die englische Bourgeoisie; Die Bour- ästhetischen und geistigen Regungen ihrer Natur entwik-
. geoisie hat mit allen andern Nationen der Erde mehr Verwanq- keln ?>> 294 Wir können diese etwas naiv gefaßte Frage mit dem
tes als mit den Arbeitern, die dicht neben ihr wohnen. Die . Hinweis -darauf beantworten, daß eben durch "die bürgerliche
Arbeiter sprechen andre Dialekte, haben andre Ideen und Vo_r- Gestalt des gegenständli.chen Reichtums, der die Menschen
13 .Kühne, Gegenstand
192 1 93
. ~~.,,..,"r;

'
zwingt, über ihr gegenständliches Haben miteinander zu kon-
kurrieren, kein Produktivitätsgrad der Maschinerie absehbar ist, sehen Gesamtinteressen der Bourgeoisie zu suchen sind. Das
der die Bedürfnisse der Menschen wirklich befriedigen könnte. Kapital organisiert die gemeinschaftlichen Lebensbedingungen
Wie das Geld als Inkarnation des abstrakten Reichtums gren- minimalistisch, nur als die unumgängliche Vermittlung der pri-
zenlos, so wird das Streben nach gegenständlichem Reichtum vaten Lebensbedingungen. So formiert es durch die Lebensbe-
als Darstellungsform des abstrakten selbst unbegrenzt. Im Geld dingungen die bürgerlichen Anschaffungszwänge, was für die
ist die Universalitä~ der Individuen zuerst abstrakt gesetzt. Proletarier immer gleichbedC1,1tend mit der Vertiefung ihrer Ab-
Unsere Kritik des bürgerlichen Reichtums ist nicht derart, daß hängigkeit gegenüber dem-Kapital ist. Jeder Art der Entlastung
sie seine geschichtlichen Wirkungen aus der Welt schaffen möchte, von solchen Zwängen zu privater Aneignung ist das kapitalisti-
denn er ist das negative, notwendig herauszubildende Dasein sche Gesamtinteresse entgegengesetzt. Erst jenseits dieses Ge-
des kommunistischen Reichtums. Der abstrakte Reichtum kann samtinteresses beginnt die Konkurrenz zwischen den einzelnen
den konkreten zwar indirekt vorwegnehmen und in bestimmten Kapitalgruppen. Wenn also betont wurde, daß die Maschinerie
Beziehungen seine Herausbildung auch vermitteln, aber entfal- die Tendenz hat, den bürgerlichen Reichtum aufzulösen, gilt zu!
tet können beide Gestaltungen des Genusses in einem gesell- gleich, daß die Aktualisierung der Potenzen der Maschinerie
schaftlichen System nicht miteinander koexistieren. Die Ent- innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse zugleich zur Vertiefung
wicklung der Maschinerie ist die Grundlage, und ihre Wirkung und gesellschaftlichen Verallgemeinerung von Privatheit führt.
erzeugt auch unablässig die Tendenz der Auflösung des bürger- Die kommunistische Perspektive muß also durch. den revolu-
lichen und der Herausbildung des kommunistischen Reichtums. tionären Kampf der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft,
Aber innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse wird so zugleich durch die Errichtung der Diktatur des Proletariats, durch die
die Beziehung der Privatheit gesellschaftlich verallgemeinert. Entwicklung des Sozialismus und schließlich durch den Über-
Und diese verkehrt jede kommunistische Potenz des entfalteten gang von hier in die zweite Phase der kommunistischen Gesell-
Maschinensystems. Aus diesem Grunde gilt es zuerst, die Macht schaftsformation durchgesetzt werden. Wir können uns. diesen
des Kapitals zu überwinden und das erfordert eben Gewalt, Zusammenhang durch einen analogen Prozeß ·verdeutlichen.
. denn hier geht es um Interessen. John Kenneth Galbraith, ein Marx hatte erkannt, -daß die Maschinerie zuerst die lebende
kritischer Apologet des Kapitalismus, hat das selbst bezeugt. Arbeit aufsaugt, sie sich unterordnet, schließlich aber in ihrer
Er fragte nach den Ursachen des trotz der bedrückenden De- weiteren Entwicklung die lebendige Arbeit freisetzt, daß der ,..:1

struktion der räumlichen Lebensbedingungen fortdauernden Arbeiter immer mehr aus dem unmittelbaren Produktionspro-
Trends zur privaten Motorisierung und setzte in der Argumenta- zeß ausscheidet. Hierin hatte er eine Grundvoraussetzung der
tion richtig bei der architektonischen Organisierung des Raumes Verwirklichung des Kommunismus erkannt. Aber dieser Pro-
an. <<Die Umgestaltung der Städte in ein menschliches Univer- zeß der Ersetzung des Arbeiters durch die qualifizierte Maschi-
sum schließt weit mehr ein als den Abbruch von Elendsvierteln: nerie ereignet sich im Kapitalismus für die Proletarier nicht
sie läuft auf die buchstäbliche Auflösung der Großstadte und als kommunistische Erlebnisform, sondern als Potenzierung ihres
ihren Neubau nach streng durchgeführten architektonischen Elends. Nur unter den Voraussetzungen der Herrschaft der Ar-
Plänen hinaus. Würde sie für die Gesamtbevölkerung anstatt beiterklasse ist diese durch ihre freie und assoziierte Aktion
für jene durchgeführt, die zahlungskräftig sind, so. wäre die artikulierte Tendenz der Entwicklung der Produktivkräfte Ge-
Rekonstruktion schlicht uneinträglich und ihre öffentliche Fi- staltung ihrer Freiheit, gewonnener Raum der Entfaltung der Per-
nanzierung würde die Abschaffung einiger der mächtigsten Ein- sönlichkeit innerhalb der Produktionssphäre und so auch außer-
flußgruppen im Lande bedeuten. Sie würde beispielsweise die halb derselben. Wo die Arbeitsbedingungen den Arbeitenden
Errichtung eines umfassenden und öffentlichen Transportwesens nicht mehr als Kapital und somit notwendig feindlich entge-
implizieren, welches das private Hauptfahrzeug im Beruf und genstehen, sondern selbst die wesentlichste Form des gegen-
in der Freizeit ersetzt - das Ende der Automobilindustrie, wie ständlichen Reichtums bilden, kann auch die einseitige Orien-
sie jetzt organisiert ist.>> 295 Wir haben in der exemplarischen tiertheit der Menschen auf das individuelle Haben aufgehoben
Frage des Verkehrs angedeutet, daß die Gründe für seine For- werden. Gestützt auf die entwickelte Produktivkraft der In-
mierung im Kapitalismus in den ökonomischen und ideologi- dustrie und geortet in dem umfassend geweiteten Raum der
menschlichen Gemeinschaft, kann das individuelle Haben jetzt
194 13*

195
~

i'\
erst persönliches werden. Das Verschwinden des Tauschwerts dürfnisse der nichtproduktiven Konsumtion geben. Auch hier
ist die Voraussetzung. Die kommunistische Allgemeinheit der ist der Charakter der individuellen Konsumtio'n vollständig von
Proc;lukte des individuellen Gebrauchs für alle Mitglieder des dem Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse der Produk-
Gemeinwesens ist nicht durch eine gleichartige Verteilung, die tion und von dem Niveau der gesellschaftlichen Produktivkraft
ja nur das Prinzip des bürgerlichen );!,goismus bestätigen würde, bestimmt. Wir erkennen aber, 9aß im Unterschied zu den Be~
sondern durch die prinzipiell geg~bene Verfügbarkeit und An- ziehungen des bürgerlichen nichtproduktiven Reichtums zumin-
eignungsmöglichkeit solcher Lebensbedingungen durch alle ge- ' dest ein Widerspruch des kommunistischen individuellen Reich-
geben .. Die Negation der abstrakten Wertgeltung der Produkte tums, eben der Gegensatz von konkreter individueller Aneignung
entlastet die Individuen von dem psychischen Druck bürgei:- und ges~llschaftlither Allgemeinheit des Gegenstandes, auf die
licher Anschaffungszwänge, das bloß auf die eigene Gegen- Sphäre der Arbeit zurückweist. Der solidarische Zusammen-
ständlichkeit fixierte Bedürfnis ist jetzt relativiert, universell schluß der Individuen innerhalb der Konsumtionssphäre ist also
geworden, weil der Mensch den Gegenstand dieses Bedürfnisses letztlich immer über die Produktion vermittelt. Denn das ein-
jetzt hat, nicht als einen sich ihm ständig entziehenden, sondern zelne Individuum bildet die Allgemeinheit seines besonderen
als dauernden Gegenstand. Und in diesem- ist nicht mehr ein Gegenstandes ja nicht, indem es ihn teilt, zeitweilig seinem
konkurrierendes, sondern ein solidarisches Verhältnis der Men- • Gebrauch im Interesse anderer entsagt oder in anderer Art.
sehen zueinander praktisch und anschaulich bestätigt. seinem Bedürfnis im Gegenstande eine Grenze setzt, sondern
Innerhalb der feudalen gesellschaftlichen Verhältnisse ist die indem es durch seine Arbeit mit beiträgt, die geyellschaftliche
Allgemeinheit der Aneignungen bereits durch die Rechtsformen Allgemeinheit des Gegenstandes als prinzipiell gegebene Ver-
ausgeschlossen. Die bürgerliche Gesellschaft setzt diese 'Allge- fügbarkeit über ihn für alle zu sichern. Die Tiefe der indivi-
meinheit formell durch das Recht, aber darin einen Inhalt des duellen Aneignung von Gegenständlichkeit, damit auch der
Eigentums, der diese formelle Allgemeinheit notwendig ver- Charakter ihrer gesellschaftlichen Gesichertheit für das Indivi-
kehrt. Es kann, abstrakt gefaßt, jeder in dieser Gesellschaft duum, steht in direkter Entsprechung zur realen gesellschaft-
Kapitalist werden, aber es liegt zugleich im Wesen des Kapi- lichen Allgemeinheit dieser Gegenständlichkeit. Wir sehen, wie
talisten begründet, daß nicht alle zugleich Kapitalisten sein die Arbeit nicht nur den Gegenstand als stoffliches Objekt,
können. Es ist also eine abstrakte Gleichheit der Individuen sondern als vergegenständlichte gesellschaftliche Beziehung des
-gesetzt, welche die reale Ungleichheit ihrer sozialen Existenz sich ihn aneignenden Individuums bildet.
nicht aufhebt, sondern vermittelt, sie ist das <<Menschenrecht des Dieser Widerspruch der Verhältniseigenschaft des persön-
Privateigentums>>. 296 Indem der Kommunismus als endgültige lichen Gegenstandes ist selbstverständlich auch zum Gestalt-
Aufhebung der Klassen gleiche soziale Existenzbedingungen für charakteristischen hin zu verfolgen. Das soll hier nur unter dem·
alle Individuen herstellt, kann sich die ·gesellschaftliche Ent- ' Gesichtspunkt der räumlichen Beziehungen versucht werden ..
wicklung dieser Individuen nur als Persönlichkeit und die Ent- Stellen wir die indiviq.uelle und die gesellschaftliche Raumwelt
faltung ihrer Widersprüche zueinander nur als die persönlicher . zunächst einander entgegen, so zeigen sich beide innerhalb der
Widersprüche-vollziehen; Und damit ist auch der gegensätzliche bürgerlichen Verhältnisse in bloßer Polarität. Die gesellschaft-
yharakter des persönlichen Eigentums zu fassen. Ein wesent- lichen Mächte beherrschen den individuellen Raum, je quali-
licher Widerspruch des kommunistischen individuellen Eigen- fizierter die Sicherheitstechnik allgemein und die Schließtechnik
tums ist die Beziehung von konkreter individueller Zuordnung, , besonders ausgebildet ist. Im kommunistischen Verhältnis ist
Aneignung, und realer gesellschaftlicher Allgemeinheit des Ge- es eine Beziehung von Polarität und Durchdringung. Um in
genstandes. Wie dieser Widerspruch erst auf der Grundlage der V?rstellungshafo,n Sprache zu bleiben: Der individuelle
der Allgemeinheit der Arbeit entstehen kann; ist seine Entwick- Raum ist persönlich für die Menschen in dem Maße entfaltet
lung von dem fortschreitend höheren Niveau der subjektiven und auch psychisch gesichert, wie er zum gemeinschaftlichen hin
Bedingungen dieser Allgemeinheit der Arbeit abhängig. Anders aufschließbar und aufgeschlossen ist. Es ist dieses ein Zusam-
gesagt: Getrennt von dem für die gesellschaftliche Produktion menhang, den wir im Sozi~lismus noch nicht umfassend architek-
hinreichenden individuellen Bedürfnis nach 1Arbeit kann es keine tonisch objektivieren können, der sich aber in äer' Entfaltung
entwickelt kommunistische Befriedigung der individuellen Be- der sozialistischen Beziehungen im Hause bereits deutlich ab-
197
196
''i•-''!


spezifizierende Zeichen entstanden sind oder solche bewußt ge-
zeichnet. Die persönliche Geborgenheit in der Wohnung steht
hier in wesentlicher Beziehung zum Bewußtsein von Gemein- bildet wurden.
schaftlichkeit oder wenigstens Vertrauenswürdigkeit der Bewoh- ·Es ist unschwer zu -begreifen, daß diese serielle Gegenständ-
ner des Hauses untereinander und hierüber hinaus der des lichkeit dem Wesen des bürgerlichen Reichtums entgegengesetzt'
Wohngebietes und weiter. Erst in der entfalteten gegenseitigen ist. Die Exklusivität des Gegenstandes ist im Serienprodukt
Offenheit und Durchdringung der individuellen und der gesell- technologisch und phänomenal verneint, die Potenz des Gegen-
schaftlichen Raumcharaktere ist ihre inhaltliche Polarisierung standes, gesellschaftlich allgemein zu werden, tritt provokativ
real durchgebildet. Das ist ein Werden, dessen Strukturen wir hervor. Mit der Serienproduktion beginnt die latente Krise der
ohne jede Spekulation theoretisch umreißen können und das für bürgerlichen Gegenständlichkeit. Das ist allerdings nicht in der
uns nicht nur Zukunft, sondern zugleich Notwendigkeit und Er- unzutreffend einfachen Art zu verstehen, daß jede Erscheinung
fahrung der weiteren Gestaltung des Sozialismus ist. der Serienproduktion entweder das bürgerliche Verhältnis auf-
hebt oder durch dieses Verhältnis aufgehoben wird. Das Kapital
steigert ·diese Produktion in gewaltigen Ausmaßen, es hat hier-
Die kommunistische Potenz der Serie
gegen keine Wahl. Aber es strebt zugleich unablässig danach,
Durch die maschinelle Herstellungsweise entsteht die Serien- durch die wachsende Differenzierung der Produktionen des
produktion. Hierin.liegt eine Bestimmung des industriell erzeug- gleichen funktionellen Grundtyps und durch ästhetische Gestal-
ten Gegenstandes, die mit dem Begriff des reproduktiven Typs tungskonzeptionen die ihm negativen Tendenzen der Serie ab-
bezeichnet worden soll. Wir haben die hiermit zu erfassende zuschwächen. Die gesellschaftlich hierarchische Differenzierung
Problematik bereits erörtert und wollen uns für das Erfassen von gegenständlichen Lebensbedingungen der Menschen er-
des Wesens der Serie mit wenig,en Bemerkungen begnügen. scheint jetzt als solche serieller Gruppen und damit letztlich als
Funktions- und Gestalttypen bilden die Grundlage jeder Ar- absurd.
beitstätigkeit. Aber in der auf Handarbeit beruhenden Produk- Das bürgerliche Unbehagen gegenüber der Standardisierung
tion differenzieren sich die Gegenstände gleicher Typik in der individueller Lebensbedingungen äußert sich besonders in der
Regel individuell. Das betrifft zunächst die technologische Un- Behauptung, hierdurch sei eine Desindividualisierung des Mi-
möglichkeit, gleichartige Produkte gegenständlich ununterscheid- lieus der Menschen erzwungen. Obgleich auch in der sozialisti-
bar werden zulassen, und wird bei entsprechenden sozialökono- schen Gesellschaft die Erfahrungen vieler Menschen das zu
mischen Bedingungen als Äußerung der Kunstfertigkeit des bestätigen scheinen, trifft dem Wesen und der Möglichkeit nach
Arbeiters verstärkt. Wenn der Töpfer mit der Scheibe ein Gefäß "' das Gegenteil zu. Auf der Grundlage moderner ästhetischer
formt, ist seine Tätigkeit selbstverständlich auf einen bestimm- Gestaltungskonzeptionen können Wohnräume mit standardi-
ten Gestalttyp hin. orientiert und hat er ein ideales Bild von sierten :Elementen und entsprechender Erscheinungsweise cha-
dessen bestimmter Ausdeutung in seinem Produkt in der Vor- rakteristischer auf individuelle Bedürfnisse hin gebildet werden,
stellung erzeugt. Die letzte Festlegung über die besondere Er- als es in allen bisherigen kulturellen Perioden der Fall war.
scheinung seines Gegenstandes bildet dieser Handarbeiter jedoch Bürgerliche Wohnungseinrichtungen des Mittelalters, feudale
im Prozeß der Arbeit selbst. So ist sein kunstartiger Gegenstand Prunkräume der Zeit des Absolutismus und bourgeoise In~
zwar als allgemeiner Typ reproduzierbar, aber als besonderer terieurs des Neubarocks weisen innerhalb der jeweiligen Form
ist er es nicht, er ist allen gleichen Gegenständen gegenüber und des kulturellen Raumes sehr geringfügige Unterschiede von
durch Gestalteigenschaften seiner Einmaligkeit gesondert. individueller Relevanz auf, wenn unter <<individuell>> nicht die
Selbstverständlich ist auch im weiten Sinne das Erzeugnis in- ökonomische Potenz des Nutzers verstanden werden soll. Die
dustrieller Massenproduktion einmalig, nicht wiederholbar. Problematik der modernen Gestaltung individueller räumlicher
,Aber das gilt nicht für die dem Menschen wesentlichen funk- Lebe,!lsbedingungen wird zwar subjektiv allgemein als solche
tionellen Eigenschaften und für die W ahrnehmbarkeit der Ge- der Individualisierung reflektiert, sie liegt aber. objektiv auf
staltdifferenzierungen. Zwei Gegenstände des gleichen seriellen einer anderen Ebene. Der sich verfestigende Widerstand gegen
Typs sind für das normale Verhalten zu ihnen nur durch ihre ß die Bildung des individuellen Raumes durch standardisierte
Ortung zu unterscheiden, wenn nicht durch ihren Gebrauch Elemente ist ·durch die so gegebene Herausforderung zur kom-
198 199

:,
inunistischen Individualisierung des Raumes gegenüber bürger- einander geschieden sind. Aber die weltanschaulichen und darin
licher erregt. Diese standardisierten Elemente der funktionellen auch ästhetischen Grundlagen und Orientierungen dieser Arbeit
Konkretisierung des Raumes können als die eines Baukastens sind doch theoretisch· sehr prägnant zu bestimmen. Wenn die
vorgestellt und ästhetisch wirksam nur so eingesetzt werden. kommunistischen Potenzen der Serienproduktion hervorgehoben
Eben hierdurch sind sehr mannigfaltige Gestaltungen ermög- werden und die Herausbildung einer sie ästhetisch bejahenden
licht. Die ästhetische Bejahung ·des so gewordenen Raumes und gestalterisch beherrschenden Sinnlichkeit als wesentliches
schließt aber letztlich die Anerkennung und den individuellen Moment der Revolution menschlicher Sinnlichkeit aufgefaßt
Genuß der darin erscheinenden gesellschaftlichen Allgemeinheit wird, wie sie sich mit der Verwirklichung des Kommunismus
oder doch der Potenz dieser Allgemeinheit ein. Es ist ein Genuß notwendig vollzieht, ist damit keiner V erabsolutierung der
des Raumes, der individuell, aber nicht mehr exklusiv ist. Denn Funktion derartiger Gestaltcharaktere für die Bildung der Le-
~s ist der tragende Widerspruch des persönlichen Raumes, bensbedingungen das Wort geredet. In einem Pressegespräch er-
daß er nur durch die gesell~chaftliche Ailgemeinheit der klärte Flierl: «Ich glaube, daß vieles, was bei uns den Namen
ihn wesentlich bildenden gegenständlichen Elemente konstitu- ·Nostalgie trägt, eine Art von Sehnsucht ist, eine Sehnsucht da-
iert ist. , nach, mit Vergangenem in die Zukunft zu gehen.» 297 Allerdings
Die abweisende Reaktion auf standardisierte Elemente im wollen wir nicht übersehen, daß solche Orientierungen gegen-
individuellen räumlichen Milieu ist sicher auch durch antiin- wärtig seh.r. unterschiedlich motiviert und die Tendenzen ihrer
dustrielle Ressentiments verursacht, die wirken werden, solange V erselbständigung auch auf gesellschaftlich zu lösende Aufgaben
die Arbeit nicht hinreichend durch das Bedürfnis der Menschen in der Gestaltung der räumlichen Lebensbctdingung~n hinweisen.
getragen ist. Schließlich muß beachtet werden, daß die Gegen Flierl muß das nicht polemisch bemerkt werden, er hat in
Monotonie in der architektonischen Erscheinung der in dem hier zitierten Text einen Gesichtspunkt von prinzipieller
industrieller Bauweise errichteten neuen Wohngebiete den Gültigkeit hervorgehoben. ·
Drang zu individuierter Gegenständlichkeit in der Wohnung Die Differenzierung der seriellen Produkte gl~icher allgemei-
verstärkt. - ner funktioneller Typik bleibt selbstverständlich eine Aufgabe
Ein letzter Gesichtspunkt soll noch berührt werden. Es ist dies des Sozialismus wie des Kommunismus überhaupt. Hier sei nur
die Ungeübtheit im Umgang mit den neuen Gestaltungselemen- bedacht, daß für die zweite Phase der kommunistischen Gesell-
ten, wobei hier idealisierend vorausgesetzt wird, daß diese in schaft diese· Differenzierung nicht mehr werthierarchisch ist,
guter ästhetischer Qualität und ausreichend vorhanden sind'. worin der wesentliche Charakter derselben in der Gegenwart
Während die Wohnung, welche mit handwerklichen oder so besteht, sondern auf unterschiedliche persönliche Bedürfnisse von
erscheinenden, aber industriell hergestellten Gegenständen g~ Gruppi:n der Bevölkerung bezogen werden kann. Die wert-
staltet ist, als Stauraum von Gegenständlichkeit gebildet ist, ver- hierarchische Gliederung der Serienproduktion gleicher allgemei-
langt· die moderne Gegenständlichkeit einen gegenständlich ent- ner funktioneller Typik, also etwa Rundfunk-, Fernsehgeräte,
lasteten Raum. Die ästhetische Wirkung der seriellen Gegen- Kraftfahrzeuge, ordnet die Serie immer den bürgerlichen V er-
ständlichkeit erfordert ein völlig gewandeltes Raumempfinden hältniseigenschaften unter. Gegenwärtig erscheint auch teilweise
und versagt sich tradierten Organisationsformen des Raume~. die hier behauptete gesellschaftliche Tendenz der Serienproduk-
Die Gestaltung des individuellen Raumes verlangt somit auch tion dadurch verkehrt, daß durch gebrochene Serien ästhetisch
eine entwickelte ästhetische Sinnlichkeit und ausgebildetes Ge- ·hochwertige industrielle Erzeugnisse ils bevorzugte Gegenstände
staltungsvermögen. Heinz Hirdina hat, bezogen aufdiese für uns exklusiver Geltung eingesetzt werden könnet;1. Es kann sich folg-
sehr dringliche Aufgabe, in der für die Menschen weltanschau- lich auch in der Frage der Serienproduktion nicht darum han-
liche und ästhetische Momente in besonderer Weise eng mitein- deln, von ihrer Wirkung an sich gesellschaftlich umwälzende
ander verbunden sind, den Begriff der visuellen Alphabetisi~ Veränderungen zu erwarten. Die kommunistische Potenz der
rung eingesetzt. Die gegenwärtige Situation und die Größe der Serie kann erst durch kommunistische Verhältnisse aktualisiert
zu bewältigenden Aufgabe in dieser Beziehung sind so scharf werden.
gefaßt. Selbstverständlich kann es sich hier nur um einen Prozeß Durch die industrielle Serienfertigung ist das Schicksal des
handeln, in welchem Lehrer und Lernende wenig eindeutig von- Gegenstandes als Typ von dem des menschlichen Individuums
.zoo 2.01

I,
''"''{;!"

auf neue und sehr bedeutungsvolle Weise geschieden. Der Ge- _


genstand als Typ - und das ist das Serienprodukt seinem Wesen die durch die Wissenschaft zweifellos erzeugten Möglichkeiten,
und seiner Erscheinung nach - ist jetzt in ;eder für den Menschen die biophysische Kontingenz der Menschen zu verändern, prak-
wesentlichen Beziehung ersetzbar und unter der Voraussetzung tisch nutzen werden. Nur zwei Aspekte sollen hierzu bezeichnet
der Existenz der Menschheit oder ·wenigstens des ihn reprodu- werden. Es bedarf wohl keiner besonderen Begründung, um in
zierenden technischen Systems bei entsprechender Einstellung ganzer Dringlichkeit zu verstehen, daß die Aktualisierung solcher
desselben unsterblich. Hierin liegt für die Menschen -die Mög- Möglichkeiten für menschliches Leben kommunistische Verhält-
lichkeit einer neuen Freiheit zu ihren Gegenständen. Sie sind nisse verlangt, welche deren Allgemeinheit für alle Menschen
durch ihr Gemüt an den seriellen Gegenstand nicht gefesselt wie streng sichern. Und schließlich können wir als sicher vorausset-
an den individuierten. Wie die Maschine den Arbeiter von der zen, daß die kommunistische Anwendung solcher Methoden der
bornierten Bindung an den Arbeitsgegenstand löst, ermöglicht Veränderung der biophysischen Grundlagen menschlichen Le-
sie auch ein souveräneres Verhalten der Menschen zu ihren pro- bens nicht dazu gebraucht wird, den menschlichen Individuen
seriellen Charakter zu verleihen. Die Sehnsucht von Menschen,
duzierten gegenständlichen Lebensbedingungen überhaupt. Vom
Standpunkt des kommunistischen Interesses gibt es keine Veran- Serienprodukt und wie eine Maschine zu sein, ist weniger aus
lassung zu Wehleidigkeit gegenüber dieser Ent~icklung der ge- dem Drange na'4 existentieller Unsterblichkeit als vielmehr aus
der völligen Unt~rwerfung unter die kapitalistische 1;,ntfremdung
genständlichen Beziehungen der Menschen in der hirr gefaßten
Ebene, denn sie können sich erst unter den neuen gesellschaftli- zu erklären. Anders argumentierte so: <<Wenn Serienprodukte
durch ihre Ersetzbarkeit <Todlosigkeit> gewonnen haben; und·
chen Verhältnissen umfassend als Äußerung individueller Sub-
jektivität bewähren: Unter der Kapitalherrschaft ist diese Po- wenn der Mensch von der Serienexistenz ausgeschlossen ist,
tenz neuen ,gegenständlichen Verhaltens für einen Teil der Men- dann ist er a:uch von der Todlosigkeit ausgeschlossen. Die Erfah-
rung, daß er keine Serienware ist, wirkt als Anemento mori.»300
schen durch physische Not verdeckt und für andere in der Form
Es·ist dieses die Wendung der ideaU:schen Knechtschaft des Re-
des vergeudeooen, die Gegenständlichkeit demonstrativ als
ligiösen, der sich in der Hoffnung auf seine himmlische Unsterb-
Müll werfenden Verbrauchs bürgerlich verkehrt.
lichkeit dem Gotte unterwirft, ins Profane. Wenn die Individuen
Die mit der Serienproduktion gesetzte <<Tatsache der Asynchro-
freie Menschlichkeit entfalten und bewahren wollen, müssen sie
nisiertheit des Mi!nschen mit seiner Produktenwelt»298 hat Gün-
ther Anders so beschrieben~ «Unser Leib von heute ist der von auch fähig und bedürftig sein, deren Widersprüche weltanschau-
gestern, noch heute der Leib unserer Eltern, noch der Leib un-' lich und damit auch ästhetisch die Welt anschauend zu bejahen.
Zu diesen Widersprüchen gehört der Gegensatz von Endlichem
serer Ahnen, der des Raketenbauers unterscheidet sich von dem
und, Unendlichkeit, und hierin ist der Tod ein beschlossen, als ne-
des Troglodyten in so gut wie nichts. Er ist morphologi~ch kon-
gative Kristallisation des Lebens. Diese Eigenschaft des Todes
stant; moralisch gesprochen: unfrei, widerspenstig und stur; aus
' ist nicht an sich gegeben, sondern eine Aufgabe: für tlie Gesell-
der Perspektive der Geräte gesehen: konservativ, unprogressiv,
schaft, indem sie das Leben der Individuen sichert und die Mög-
antiquiert, unrev:dierbar, ein Totgewicht im Aufstieg der Geräte.
lichkeiten ihrer Entfaltung in gesellschaftlicher Aktivität stetig
Kurz: die Subjekte von Freiheit und Unfreiheit ~ind ausge-
erweitert, und für die Individuen, indem sie durch ihr solidari-
tauscht. Frei sind die Dinge, unfrei ist der Mensch.» 299 .,Das ist
sches Dasein für andere die zeitliche Grenze ihres Lebens über-
eine sehr einseitige Betrachtung dieses Auseinandertretens von
schreiten. So wird der Tod von einer Verleitung zur Unterwer-
Mensch und Gegenstand. Die sich in dieser Entwicklung abzeich-
fung, zu einer Herausforderung des Lebens selbst.
nende Aufhebung der Herrschaft der sachlichen Lebensbedin-
Becher hat das so ausgesprochen: «Was haben wir, um unsere
gungen über Menschen - nicht als realer Vollzug -, der durch
Endlichkeit dem Unendlichen entgegenzustellen? Ohne diese
die industrielle Produktion sich bereits ereignet, aber hierin doch
unsere Endlichkeit wäre keine Erkenntnis des Unendlichen, kein·
als eindeutig zu begreifende Grundlage solcher Freiheit -, ist
ahnungsvolles Schaudern vor ihm, und es ist so: Unsere Endlich-
so völlig verdeckt. Zweifellos ist mit dieser Bewegung der Ge-
keit ist die Krönung des Unendlichen. - Ohne das Elend unserer
genständlichkeit auch eine Herausforderung gegenüber der na-
türlichen Existenzbestimmung der Menschen gegeben. Es ist Endlichkeit bliebe das Unendliche eine unbekannte Größe, und
müßig, heute darüber zu reflektieren, wie künftige Generationen in dem Maße, wie unser Leben Gestalt und Raum gewinnt,
türmt sich Unendlichkeit empor über Unendlichkeit. So ist es
202
20;,
eine schöpferische, eine <heilige> Angst, die zutiefst unserem Le- schaftliche Führungsrolle der marxistisch-leninistischen Parteien
ben innewohnt und aus unbewußten Tiefen her uns bedrängt, und durch die Funktion des sozialistischen Staates verwirklichen
Gestalt anzunehmen. Wäre der Mensch unsterblich, wäre er un- die Arbeiter in den sozialistischen Ländern innerhalb der Pro-
endlich, so wäre er in der Unendlichkeit keine Gestalt, in deren duktion ihren eigenen Klasse~zweck. Aber die Mitwirkung an
Endlichkeit die Unendlichkeit sich bewußt würde. So sind wir der Konkretisierung dieses Zwecks durch die Bildung von Pro-
endlich, aber zugleich auch <das A,uge der Unendlichkeit>. So duktionsdispositionen ist in bestimmtem Maße noch arbeitsteilig
sind wir elend und groß zugleich, so sind wir sterblich und zu- differenziert. Die auf die Produktion bezogenen Abteilungen der
gleich ewig.»301 Intelligenz sind im Kapitalismus der Macht der Kapitaleigen-
tümer unterworfen. Letzte können auf die.Produktionsprozesse
Privatheit und gesellschaftliche Konstituierung der Produktion hin noch so unwissend sein, sie haben im Profit einen absolut
z~verlässigen Maßstab, nach dem sieebewerten können, ob ein
Mit dem Kapitalismus entwickelt sich der Widerspruch zwischen Managerteam ihrem. Interesse. dient oder nicht. Aus diesem
dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und dem pri- Grunde ist die Vorstellung, daß die personalen Repräsentanten
vaten Charakter des Eigentums· und - dem tntsprechend not• des Kapitals heute in ihrer Funktio.n für die Gesellschaft folgen-
wendig - qer Aneignung. Der gesellschaftliche Charakter der los sind, wie etwa die Königin von England, ein für das Leben
Produktion bildet sich unter der gesellschaftlichen Form des ka- der Menschen sehr folgenschwerer Irrtum. In der sozialistischen
pitalistischen Eigentums als umfassende Abhängigkeit und Gesellschaft ist die Schicht der Intelligenz ein Organ der herr-
Bezogenheit aller gesellschaftlich relevanten Produktionen von- schenden Arbeiterklasse, die ihr Interesse in dieser Arbeitstei-
und aufeinander. Er vermittelt sich zunächst über die Heraus· lung zunächst durchsetzen muß, weil die Bedingungen ihrer Auf-.
bildung des nationalen Marktes und schließlich' über den Welt- hebung erst voll herausgearbeitet werden müssen. Die Funktion
markt. Wir haben unter verschiedenen Gesichtspunkten verfolgt, des Eigentums wird im Sozialismus wesentlich durch das poli-
wie das Kapital, um die Bedingungen seiner'Reproduktion zu tische System uieser Ges~llschaft realisiert, und sie ist damit wie
erhalten, die modernen Produktivkräfte und deren Produktio: .im Kommunismus überhaupt bereits gesellschaftlich allgemein.
nen der Privatheit unterordnet und welche unermeßlich bedro· Kommunistische Funktion des Eigen·tums an Produktionsmitteln
henden Folgen sich hieraus für die Menschheit ergeben. D~r ka- und an gesellschaftlichen Lebensbedingungen überhaupt ist durch
pitalistische. Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Cha- gesellschaftliche Arbeit verwirklicht. Diese Vergesellschaftung
rakter der Produktion und der Privatheit des Eigentums weist der Eigentümerfunktion vollzieht sich bereits- im Imperialismus.
darauf, daß die Gesellschaftlichkeit der Produktion hier selbst Aber hier in den Grenzen der Privatheit. Schon bezogen auf die
einseitig ist. Die Gesellschaft als Gesamtheit der Individuen ist Bildung von Aktiengesellschaften schrieb Marx: <<Es ist die.Auf-
von der Verfügung über die Produktionsmittel ubd damit eben hebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen
von der Sinnbestimmung. der Produktion, ausgeschlossen. Marx der kapitalistischen Produktionsweise selbst.»30i Der Begriff des
hatte gezeigt, wie das Kapital auch notwendige Bedingungen Privateigentums ist hier auf den des individuellen reduziert, was
produziert, um den Widerspruch seiner Bewegung zu lösen. Die der Kontext eindeutig zeigt. Prinzipiell gilt jedoch, daß sich auch
Entgegenständlichung'der Arbeit durch die Maschinerie und die Kollektive in der Beziehung der Frivatheit .aufeinander bezie-
durch deren Entwicklung bewirkte fortschreitende Herauslösung , hen können.
des Arbeiters aus dem unmittelbaren Arbeitsprozeß bilden Vor- Der kleineJ Warenproduzent äußerte seine Subjektiv,ität als
aussetzungen für die Aufhebung der klassenspezifischen Arbeits- Eigentügier im individuierten Qegenstand. Für ihn war in der
teilung. ' vertikalen, gesellschaftlich hieraj:chischen, Beziehung die Arbeit
In der kapitalistischen Gesellschaft verwirklichen die Prole- ungeteilt. Er personifizierte den Zweck der Arbeit, bildete die
tarier innerhalb der Lohnarbeit einen ihnen nicht nur äußeren, Dispositionen seiner Verwirklichung und objektivierte ihn in
sondern feindlich entgegengesetzten Klassenzweck. Dieser Ant· seinem Produkt.- Aber diese Subjektivität des kleinen W 8:ren-
agonismus von Zwecksetzung und Zweckverwirklichung als ge- produzenten war nur sch~inbar, weil er vollständig dem gesell-
sellschaftliche Arbeitsteilung zwischen Bourgeoisie und Prole- schaftlichen Verhältnis seiner Produktion untergeordnet war,
tariat ist mit dem Sozialismus aufgehoben. Durch die gesell- purch dieses beherrscnt wurde. Einmal als Individuum innerhalb
204 205
.;,rp.•. ·', ,"=,~-~·;,.',:)/~}':~

dieses ~ystems der horizontalen, gesellschaftlich gleichrangige b. Mode und funktionale Gestaltung
Tätigkeiten betreffenden, Arbeitsteilung festgesetzt, blieb ihm ß,
Zum Begriff der Mode
faktisch kein Entscheidungsraum eigener Subjektivität, wenn er
nicht aus seiner Bestimmtheit in diesem Verhältnis ausscheiden Eine ansetzende Bestimmung. des Begriffs der Mode wurde
wollte. Sein Produkt mußte auf dem Markt als persönliches er- bereits als die einer Zwischengestalt von an der Handarbeit einer-
scheinen, nicht etwa, weil er dort als persönliches Individuum seits und an der Maschinerie andererseits orientierter Gestalt-
, wesentlich war, sondern mit dem Ziel, einem anderen Individuum ästhetik gegeben und zugleich klargestellt, daß modische Gestal-
als Käufer dessen Anerkennung als Persönlichkeit durch das Pro- tung in dem so begriffenen Sinne auf die spezifischen phänome-
dukt zu suggerieren. Die Technologie und die Ökonomie der nalen Eigenschaften handwerklicher Produkte notwendig nur
kapitalistischen Produktionsweise haben die Tendenz, die Ge- hinsichtlich der Subjektivierung der Gegenständlichkeit und nicht
stalteigenschaften der Prdtlukte zu objektivieren, jede Spur d-:s notwendig auf bestimmte ~istorische Gestaltcharaktere .dersel-
Individuellen und in diesem Bezug bedeutungsvoll Zufälligen ben bezogen ist. Heinz Hirdina schrieb in seiner Dissertation,
auszulöschen. Zugleich erzwingt das bürgerliche Produktionsver- daß es zu den <<Eigenheiten der Mode gehört, daß sie als Zeit-
hältnis die Subjektivierung der Erscheinung von Produkten des raffer der Vergangenheit auftritt, daß sie vergangene Stilepochen
individuellen Gebrauchs. Die Gegenständlichkeit muß in die anschaulich ins Gedächtnis zurückruft und so, zufällig und spon-
Sprache vorkapitalistischer Bürgerlichkeit zurückübersetzt wer- tan, die Geschichte der menschlichen Gesellschaft in ihren ge-
den, um dem kapitalistischen Interesse untergeordnet zu wer- genständlichen Attributen noch einmal wiederholt.>>303 Dieser
den. Es kann dieses selbstverständlich immer nur als Tendenz Historismus der Gestaltung ist in der entwickelten Form der
verwirklicht werden. In diesem Sinne wurde zuvor die Mode als Mode aber aufgehoben. Hierbei muß allerdings beachtet wer-
Zwischengestalt von an der Handarbeit und von an der maschi- den, daß der Begriff der Mode selbst im allgemeinen Gebrauch
nellen Produktion orientierter ästhetischer Gestaltung bezeich- 'sehr unbestimmt ist. <<Mode» bedeutet hier einzig die ästhetische
net. Und das meint nicht, wie zunächst vermutet werden könnte, Bewegungsform von Warenproduktion. Benjamin hat die Be-
eine ständige Adaption des industriellen Produkts an bestimmte ziehung von Warenverhältnissen und Mode treffend charakteri-
Gestaltphänomene handwerklicher Gestaltungen, sondern einzig siert: «Die Mode schreibt das Ritual vor, nach dem der Fetisch
die zuletzt gefaßt Eigenschaft der Subjektivierung der Gegen- Ware verehrt sein will.>>304 Der so zunächst allgemein vorge--
ständlichkeit. Diese Subjektivierung der individuell gebrauchten stellte Begriff der Mode bezieht sich auf die Inhalte, die Wolf-
Produktwelt hat in der kapitalistischen Gesellschaft eine ganz gang Fritz Haug als «Warenästhetik>> bezeichnet hat. Dieser
ähnliche Bedeutung wie unter den Verhältnissen der kleinen Begriff «bezeichnet einen aus der Warenform der Produkte ent-
Warenproduktion. Sie dient nicht der allgemeinen Subjekt- sprungenen, vom Tauschwert her funktionell bestimmten Kom-
werdung der Individuen, sondern der Verhinderung der plex dinglicher Erscheinungen und davon bedingter sinnlicher
Entwickh1ng von psychischen Bedingungen solcher Subjek- Subjekt-Objekt-Beziehungeti>.305 Selbstverständlich ist der
tivität. sprachliche Ausdruck <<Mode» auch für andere Bedeutungen of-
Dagegen ist diese Objektivität der Gestalteigenschaften in- fen, aber diese müßten dann besonders angezeigt werden, weil
dustriell erzeugter Lebensbedingungen unter kommunistischen die zuvor umrissene für uns· dominant ist.
Verhältnissen die Form, in welcher die Individuen die Produkte Die Mode als Gestaltmacht der Warenproduktion ist nicht
als Ergebnis ihrer gesellschaftlichen Arbeit als Eigentümer an- • kons,ervativ oder in bloß historisierender Weise reproduzierend,
schauen und bejahen. Alle Gegenständlichkeit und der Ra1,1m sondern provozierend, sie zielt nicht auf die Befriedigung tra-
sind gesellschaftlich bedacht, nicht jeder ist in seinem Mitdenken dierter, sondern auf die Erregung neuer Bedürfnisse. Das gilt
auf jeden Gegenstand bezogen, aber alle sind einbezogen als entsprechend auch für ihre Gestaltcharaktere, die nicht wesent-
Teil ihrer gesellschaftlich gebotenen Arbeit. Keiner hat das Recht lich retrospektiv, sondern erkundend sind. In den Erscheinun-
und den Trieb, diese Gegenständlichkeit durch ein individuelles gen des Historismus und des Eklektizismus war die Mode noch
Zeichen zu belasten, weil sie von dem freien und assoziierten durch ihre Entfaltung hemmenden Formen befangen. Eben aus
Handeln der ganzen Gemeinschaft des Volkes, der Gemeinschaft ihrer produktiven Funktion ergibt sich die voraussetzende Be-
von Völkern und schließlich der Menschheit zeugt. deutung der Mode für die kommunistische Kultur. Und deshalb

206 207
ist es unmöglich, wie einige pseudolinke I<ritiker des Sozialis- wendig aus der gegenseitigen Konkurrenz der einzelnen Kapi-
mus meinen, der neuen Gesellschaft gemäße Gestaltungs¼,on- tale hervor und ist zugleich gegen alle verselbständigt. Er schrieb
zeptionen als. einfache Negation der Gestaltcharaktere der Mode von den <<menschenmörderischen, inhaltlosen und an. sich dem
.und ihrer psychischen Korrelate zu entwickeln. Die Mode bil- System der großen Industrie. unangemeßnen Flatterlaunen der
det das Bedürfnis nach der Logik des Geldes: grenzenlos. Sie Mode». 308 Der <<erste rationelle Zügel» für diese. ist <<die Regu-
durchbricht damit massenhaft die bornierte Naturwüchsigkeit lation des Arbeitstags». 309 Unter den Verhältnissen des impe-
der Bedürfnisse und wirkt zunächst dahip., die so erzeugte Be- riafümus ist diese V erselbständigung der Mode gegenüber allen
wegung der Bedürfnisse auf immer höherer Potenz zu reprodu- partikulären Kapitalen weitgehend durch die Monopolfunktio-
zieren. Wir werden noch verfolgen, wie sie hierbei in einen diese nen aufgehoben, durch welche die Bewegung der Mode im In-
Bewegung der Bedürfnisse verkehrenden Widerspruch zu ihren teresse bestimmter Kapitalgruppen beherrscht wird. Damit wird
Voraussetzungen gerät. Aber das verlangt, zuerst die revolutiq- die Verstärkung der Mächtigkeit der Mode gegenüber den Kon-
nierende, progressive Rolle der Mode näher zu bestimmen. <<Das sumenten bevirkt. Das äußert sich einmal in der Erweiterung
Bedürfnis ·des Geldes>>, schrieb Marx 1844, <<ist .•. das wahre, der Vermodung von Produktionstypen und Verhaltensformen der
von der Nationalökonomie produzierte Bedürfnis und das. ein7 Individuen und dann in der Vorkürzung der modischen Um-
zige Bedürfnis, das sie produziert. -· Die Quantität des Geldes schläge. Den jährlichen Umschlägen in der Bekleidung, welche
wfrd immer mehr seine einzige mächtige Eigenschaft; wie es eine Art Pionierrolle in der Herausbildung der Prozessualität
alles Wesen auf seine Abstraktion reduziert, so reduziert es sich der Mode innehatte, werden die anderer Produkte immer mehr
in seiner eignen Be)Vegung als quantitatives Wesen. Die Maß- angenähert. <<Bei Automobilen>>, so Wolfgang Dödng, <<rechnet · •
losigkeit und Unmäßigkeit wird sein wahres Maß. - Subjektiv man mit einer Amortisationszeit von vier Jahren - und bei Häu-
selbst erscheint dies so, teils daß die Ausdehnung der Produkte sern von fünfzig Jahren. Und Häuser sind damit die, technolo-
und der Bedürfnisse zum e~finderischen und stets kalkulieren- gisch rückständigsten Industrieprodukte. Es ist also in der Kon-
dep Sklaven unmenschlicher, raffinierter, unnatürlicher und ein- sequenz dringend notwendig, das Produkt <Haus> in seiner Le-
gebildeter Gelüste wird- das Privateigentum weiß das rohe Be- benszeit drastisch zu verkürzen, um seine Amortisationszeit
dürfnis nicht zum menschlichen Bedürfnis zu machen; sein ldf!a- herabzusetzen, um es damit für Forschung und Entwicklung at-
lismus ist die Einbildung, die Willkür, die Laune, und ein Eunu- traktiv machen zu können und auf diese Weise zu entscheiden-
che schmeichelt nicht niederträchtiger seinem Despoten und sucht den Verbilligungen zu gelangen.»310 Nahezu alle Elemente der
durch keine infameren Mittel seine abgestumpfte Genußfähig- kapitalistischen Ideologisierung dieser vergeudenden Praxis sind
keit zu irritieren, um sich selbst Gunst zu erschleichen, wie der hier in 1naiver Dreistigkeit ausgesprochen. Amortisation, das ist
Industrieeunuche, der Produzent, um sich Silberpfennige zu er- Gewinnchance Verkürzung der Amortisation ist Erhöhung der
schleichen ... »306 Die aktive, verändernde Wirkung der kapi- Gewinnchancen. Und dein ist nun der Begriff der Technologie
talistischen Produktionsweise gegellüber d~n Bedürfnis-sen ist streng zugeordnet. Es ist alles vollständig logisch, k'apitallo&isch.
so treffend dargestellt, obgleich die Kritik von Marx hier noch Eine wichtige Erscheinung der Mode in ihrer für den Imperialis-
durch unhistorische Anthropologismen in der Vorstellung der mus charakteristischen Entwicklung ist der sich unablässig er-
Entwicklung der Sinnlichkeit belastet ist. Er analysierte aber weiternde mediale Überbau der stofflichen Gegenständlichkeit.
bereits hier wesentliche .Erscheinungs- und Wirkungsforme.n der Dieser erscheint einmal im engeren Sinne gegenständlich in der
Mode und verwandte auch den entsprechenden Terminus im tendenziellen Dominanz ger Verpackung gegenüber dem ge-
waren theoretischen Sinne. So, wenn er gegen J ean-Baptiste, Say brauchswertigen Inhalt, reflektiert so aber nur die unsichtbar
und David Ricardo einwandte, sie würden bei ihrer Ablehnung den Gegenstand einliüllenden Schichtungen informationeller und
des Luxus vergessen, <<daß die Produktion durch die Konkurrenz psychosuggestiver Kommunikation äls mediale Werbung. Da-
...' allseitiger, luxuriöser werden muß ... und· daß die Mode mit ist eine neue Marktsituation derart gegeben, daß die Wir-
den Gebrauch bestimmt>>.30 7 kungskraft von Gütern auf mögliche Käufer immer mehr von
In seiner klassischen Kapitalanalyse faßte Marx die Mode dem Einfluß des Verkäufers auf die kommunikativen Medien
noch in ihrer für den vormonopolistischen Kapitalismus der abhängt. Medien- und Marktmächtigkeit werden im wachsenden
freien Konkurrenz kennzeichnenden Bewegung. Sie geht hier not- Maße identisch. Die Gleichsetzung des Warenabsatzes mit me-
14 Kühne, Gegenstand
208 209
,,,,.,,

dialer Kommunikation, wie sie Peter Hunziker vertritt, überdeckt hat die voraussetzende Bedeutung der allgemeinen Warentheorie
jedoch eine wesentliche Differenz zwischen beiden. <<Indem die für die zutreffende Charakterisierung des Imperialismus nach-
Warenkommunikation gleichermaßen als einseitiger Übertra- drücklich betont. Bezogen auf den Übergang des Kapitalismus
gungsprozeß aufgefaßt wird wie qie Massenkommunikation im der freien Konkurrenz zum Imperialismus schrieb er: <<Es ist
engeren Sinne, verliert der Begriff des Warenaustausches seine außerordentlich wichtig, dabei zu beachten, daß dieser Wechsel.
Bedeutung.»311 Wenn der Arbeiter einen medienspezifischen durch nichts anderes herbeigeführt worden ist als durch die un'."
Empfänger und vielleicht sogar die Gebrauchssteuer entrichtet mittelbare Entwicklung, Erweiterung und Fortsetzung der dem
hat, k;rnn er in den Maßen seiner Kapazität unbegrenzt ~mpfan- Kapitalismus und der Warenproduktion überhaupt zutiefst in-
gen, aber diese Erfahrung kann er nicht in dem Raum der soge- newohnenden Tendenzen.>>312 Wir waren bereits bei der Betrach-
nannten Warenkommunikation erlangen. Zwischen der medialen tung de; Entwicklung des bürgerlichen Reichtums darauf ge-
Umhüllung und Vermittlung der Ware und ihrer Verpackung stoßen, daß die umfassende Kapitalisierung der räumlichen und
und zwischen dieser und der materialen Ware selbst liegen sehr der gegenständlichen Lebensbedingungen in einer dem Kapital
widerspruchsträchtige Beziehungen, die nicht über;ehen werden annähernd entsprechenden Weise erst unter Bedingungen erreicht
sollten. Zweifellos hat Hunziker berechtigt darauf verwiesen, wird, in denen sich das Kapital nur noch durch Funktionen sei-
daß die Warenbewegung für die Konsumenten im Imperialismus nem Wesen nicht gemäßer gesellschaftlicher Formen reproduzie-
nicht mehr der Situation eines noch idyllisch erscheinenden Wo- ren kann.
chenmarktes entspricht. Hier begegnen sich normalerweise Käu-
• · fer und Verkäufer als gleichrangige Akteure des Austausches. Der Gegenstand als Gespenst
Aber diese reale Symmetrie des Warenaustausches ist schon in
der Beziehung von Lohnarbeit und Kapital durchbrochen. Jede Jetzt soll versucht werden, eine Vorstellung des Begriffs der
Warenbewegung im Imperialismus zielt auf die Ausplünderung Mode in Hinsicht auf ihre Gegenständlichkeit zu geben, in~em
der proletarischen Arbeitskraft, selbstverständlich auch die die uriterschiedlichen Bewegungsrichtungen der Gegenständlich~
Funktionen der; Medien. Aber hieraus ergibt sich, daß auch der keit innerhalb bürgerlicher Verhältnisse dargestellt werden. Den
Imperialismus nicht das Marktverhältnis aufheben, sondern nur Weg, den wir hierbei beschreiten wollen, setzt, wenn schon nicht
seine Gestaltung neu formieren kann. die Gunst des Lesers gegenüber dem sich mühenden Autor,
Wenn es sich also erweist, daß die konkrete Bestimmung von so doch die Fähigkeit und die Bereitschaft voraus, sich an
Mode nur durch die sozialökonomische Konkretisierung ihrer den zahlreichen Klippen dieses Unterfangens nicht zu arg zu.
gesellschaftlichen Bedingungen möglich ist, könnte gefragt wer- stoßen.
den, ob der allgemein dem Begriff der Mode gesetzte waren- Es wird zunächst ein Motiv der allgemeinen Warenanalyse
theoretische Ausgangspunkt überhaupt tragfähig ist. Er ist es. von Marx, das der gespenstigen Gegenständlichkeit, aufgenom-
Nur so kann die formationelle Allgemeinheit der Mode theore- men mit der Absicht, es über die ursprüngliche Bedeutung hin-
tisch erfaßt werden. Jedes Abgehen hiervon führt zu empiristi- aus fortzubilden. Aber die wdtertreibende Deutung dieses Mo-
schem Eklektizismus, und jedes Verharren auf dem vorausgesetz- tivs soll vollständig auf dem von Marx gesetzten Sinn b~ruhen.
ten Niveau der Allgemeinheit produziert nur den Schein eines Wenn sie einen rationalen Gehalt etfüllt, ist es im Grunde seine.
theoretischen Verständnisses, während es damit befaßt ist, grobe Um den Tauschwertcharakter der Produkte warenproduzierender
Mißverständnisse kritisch zu stilisieren. Von der hier gefaßten Arbeit zu erklären, forderte Marx dazu auf, diese Produkte
Voraussetzung ist zu erklären, daß Tendenzen der Mode not- als bloße Verkörperung abstrakter menschlicher Arbeit zu be-
wendig aüftreten, wo Warenproduktion selbständige Form an- trachten, und folgerte: «Es ist nichts von ihnen übriggeblieben
nimmt, die der Mode eiget1artige Bewegung der Gestaltwelt je- als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte
doch erst mit der Entwicklung des Kapitalismus hervortritt und unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d. h. der Verausgabung
in diesem zuerst mit einer retardierenden Verschiebung derart, menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer
daß ihre Entfaltung erst innerhalb des imperialistischen Stadiums V erausgabung.>>313 Die Eigenart dieser Gegenständlichkeit ist
des Kapitalismus erfolgt. Letztes steht nicht im Widerspruch zur also, daß in ihr als wesentlich erscheint, was objektiv in ihr
allgemeineq warentheoretischen_Bestimmung der Mode. Lenin aufgehoben ist. Das Abstrakte, die Arbeit an sich, beseelt den
14* 2Il
210
besonderen Gegenstand. In den Gegenständen selbst bewegen „ liehe. Er formte ein tassenähnliches Gefäß, dessen Erscheinung
sich die V erhältni$Se der Menschen als selbständige Mächte. Aufmerksamkeit und Bewunderung.erregen mußte. Nur wenige
Wir wollen uns jetzt der Aufgabe, die Bewegung der Ge- Motive der Plastik und der Malerei wären zu nennen, die nicht
genständlichkeit innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse zu ver- wenigstens als Andeutung hier eingefaßt waren. Die Absicht
folgen, zuwenden und gehen von der groben Vereinfachung des Produzenten war zwar berechnend, aber doch einfach. Er
aus, daß wir die Beziehungen von zwei Individuen voraussetzen, wollte unseren Mann als Käufer für sich zurückgewinnen und
von denen das eine waren produzierender Verkäufer und das wußte genau, daß es hierzu eines großen Einsatzes bedurfte.
andere zahlender Empfänger und Konsument ist. Beide werden Das Ergebnis lag vor, und alle Nöte lösten sich. Unser_ Mann
in verschiedenen Stadien der Entwicklung ihrer Beziehungen war mißtrauisch geworden, und da ilim die Tassen der anderen
betrachtet. Der Prozeß vollzieht sich an der Gegenständlichkeit Verkäufer der zuletzt so schnell gebrochenen sehr ähnlich waren,
einer Tasse. Der Konsument wohnt in einem Raum, in dessen z..ögerte er mit dem Kauf. Auf dem Rückweg, ohne Absicht, an
Mitte ein Tisch steht. diesem Tage noch zu kaufen, wurde se'in Blick von der letzten
Erstens: der Gebrauchsgegenstand. Unser Mann, es soll der Schöpfung des Produzenten gebannt, und es bedurfte nur einer
Konsument sein, kaufte bei dem Produzenten eine 'Passe, er Ire- einladenden Geste und eines Warenlächelns durch den Pro-
nötigt sie zum Trinken. Der Produzent war ein qualifizierter .duzenten, da war er schon im Geschäft, und bald danach .konnte
Arbeiter. Die Tasse, die auf dem Tisch unseres Mannes stand, er seine Tasse auf seinen Tisch stellen.
war gut geformt und außerordentlich dauerhaft. Er hatte lange Der Produzent und Verkäufer war zufrieden und überlegte,
Zeit Gefallen an ihr. Aber das Verharren der Tasse im prakti- wie er wieder einfache Tassen absetzen könn.te, als er am Abend,
schen Gebrauch erregte bald das Mißfallen des Produzenten, durchs Fenster unseres Mannes in dessen Raum blickend, dessen
er hätte gern mehr Tassen an unseren Mann verkauftr Geschäftigkeit gemerkte. Eine Wand wurde mit einem Gerüst
Zweitens: V ermüllung. Der Produzent erkannte, daß der bedeckt, darin eine ebene Platte angebracht und diese zum
Fehler bei ihm zu suchen war, er hatte seine Qualifikation Raume hin mit einer Gfa·s$cheibe begrenzt. Unser Mann war
falsch eingesetzt. Fähig, wie er war, formte er eine Tasse, die dabei, den Schauschrank, den Vorläufer &r Schrankwand, zu
aussah wie die erst'e, deren Material aber spröde und brüchig erfinden. Wenn auch nicht so überlegt und berechnend wie der
war. Unserem Manne entglitt seine T~se doch einmal im Ge- Produzent und· auch ohne dessen praktische· Fertigkeiten, war
brauch und freudig erkannte er in der zweiten vom Produzenten er doch empfindungsfähiger als dieser, im Grunde seines We-
hergestellten ihren vollen Ersatz. Der Kauf war schnell abge- sens noch naiv. Als er, wie zuvor andere, diese wundersame
macht. Tasse auf seinen Tisch stellte, empfand er die ganze Unange-
Zur Verwunderung unseres Mannes brach die zweite Tasse messenheit zwischen diesem Kunstwerk als Tasse und seiner .
bald. Da sich derartiges doch oft zu >'7iederholen schien, er- ursprünglichen Absicht, hieraus zu trinken. Er begriff auf seine -·
gänzte er die Einrichtung seines Raumes durch ein Müllgefäß. einfache Art, daß ihm hier kein Gegenstand des praktischen Ge-
Zuerst war der Verlust einer Tasse ohne jede gesellschaftliche brauchs, sondern ein Gegenstand der Anschauung auf den Tisch
Typik. Wir halten damit ihre Stellung auf dem Tisch als dau- gelangt war, und diese Stellung sich diesem Gegenstand nicht
ernde Gebrauchsform in der Erinnerung fest. Jetzt erst haben ziemt.
wir eine dem Verhältnis der Warenproduktion spezifische Be- Dem· Produzenten ging jetzt die Erkenntnis auf, daß es für
wegung des Gegenstandes ausgemacht, sein Abfallen von der. ihn keinen Rückzug zu einfachen Tassen hin geben konnte. Die
Gebrauchsebene in die Müllebene. dauerhafte erwies sich , seinen Interessen als widersetzig, die
Unser Mann war enttäuscht und verärgert. Der Produzent zerbrechliche hatte ihm kurzfristig Hoffnung gegeben, aber dann
hatte schon von dem Mißgeschick seines Kunden zufrieden eine für ihn gefährliche Lage heraufbeschworen. Die aus der
Kenntnis erhalten und bereitete sich auf den nächsten Verkauf größten Not gezeugte Form erschien ihm jetzt klar als die Wen-
Yor. Wie groß w~r aber seine Verwunderung, als er unseren dung aller Not. Es war:· ·
Mann an seiner Ladentür vorbeischreiten und nach anderen drittens: die Bekunstung. Die so gewordene Gegenständlich-
Verkäufern von Tassen Ausschau halten sah. Das steigerte· die keit, das erkannte der Produzent sehr• bald, war ja durch kein
Phantasie und Erfindungskraft des Produzenten ins Unermeß- praktisches Bedürfnis begrenzt, also eine grenzenlose Gegen-
212 213
·,1,
. ''\. ~ . '"( '!"!,~ \,'<0:-,

ständlichkeit. Und wo ihn das Leben nun auf die Höhen schon zu fassenden Punktualität der Ortung und auf einer gleichar-
theoretischer Reflexion getrieben hatte, wurde ihm auch ein an- tigen Linearität der gegenständlichen Bewegung.' Die Lösung
deres klar: Dieser jetzt zum Kunstwerk erhobene, formell prak- des Problems kann diese Klarheit der riiumlichen Bestimmung
tische, aber faktisch für die bloße Anschauung festgesetzte und des Gegenstandes nicht fortsetzen, trotz allem Licht gerät der
eingeräumte Gegenstand war für sein. Interesse nur die ideale Gegenstands ins Dämmrige. Den Schlüssel zu dieser Lösung
Gestalt des strategisch gesetzten Gegenstandes als Müll, der bietet der Begriff der Synthese. Alle ihr voranstehenden Seirts-
jetzt für unseren Mann einheimelnd und anhänglich geworden weisen der Tasse, die Gebrauchsform, die Vermüllung, die Be-
war. Diese Idealisierung des Mülls in der Erscheinung des kunstung, waren jetzt in eine zu fassen.Es ist dieses die vierte
bekunsteten Gegenstandes entwickelte nun eine Tendenz der Bestimmung der Gegenständlichkeit, der Gegenstand als Ge-
Verdrängung der praktischen Raumwehe, es wurde die <<gute spenst. Der Gegenstand ist jetzt über dem Tisch, er erscheint
stehend, ruhig, aber in seinem Wesen, seinem tiefsten Triebe
Stube>>.
Die Konzentration unseres Interesses auf einen Gegenstand nach ist er bewegt, überall, nur nicht für den Gebrauch, aber
war ja nur eine Vereinfachung, die Überbelegung der Gegen- dennoch so erscheinend, er sinkt nieder, fällt als Müll, steigt
stände mit Insignien von Wert ergreift alle Elemente des Rau- auf in die Erhabenheit der Kunst. Er erscheint noch immer ganz
mes und s'eine Flächenbegrenzungen. Die Gegenständlichkeit in Ruhe, wir schauen ihn an, greifen, haben ihn ·in unseren Hän-
und der Raum werden so wertvoll, daß sie sich für das alltäg- den. Aber nicht in unserer Macht.
liche Leben nicht mehr eignen, sie werden sonntäglich. Wir
wollen hier die kulturelle Schöpfungsgeschichte unserer Aneignung und Enteignung
beiden Männer abbrechen. Beide haben große Leistungen voll-
bracht, die bis in unsere Tage und in unsere Räume hinein- Die Funktionen der M,ode ergeben sich folgerichtig aus den
•gesellschaftlichen Beziehungen der Warenproduktion, was
wirken.
Die größte Schwierigkeit war allerdings noch zu bewältigen. unsere Geschichte von dem Produzenten und dem Konsumen-
Da die Tasse als Kunstwerk dem praktischen Gebrauch ent- ten vielleicht doch anschaulich und eindringlich gezeigt hat. Es
zogen war, stellte sich die Frage, ob unser Mann in die größte soll nur noch bemerkt werden, daß die so vorgestellte zeitliche
Einfachheit zurücktreten und im Interesse der Kunst atif den Beziehung der einzelnen Seins- und Bewegungsformen der Ge-
Gebrauch einer Tasse verzichten oder der Produzent sich be- genständlichkeit innerhalb bürgerlicher Verhältnisse zueinander
reitfinden würde, wieder eine funktionale Tasse zu formen. Wir keine logisch-historische Typologie bietet.
wissen aber, daß er fest entschlossen war, den Ausgangspunkt Der eigentliche Warenproduzent steht unter normalen Be- ,;

seiner Produktionen von Tassen nicht wieder aufzun<thmen. Und dingungen immer vor einer zweieinigen Aufgabe. Er muß durch
zu ,dieser inneren Weigerung hatte er allen Grund, denn jeder das Gebrauchswertversprechen den Kauf seiner Produktionen
Schritt zurück war ein Schritt in den Abgrund, aber dieser und formell deren Gebrauch selbst ermöglichen, aber zugleich
letzte, zum Anfang unserer Geschichte, hätte seinen sicheren bemüht sein, diesen Gebrauch zu verkürzen, um den Bedarf
Untergang, den Sturz in den Abgrund bedeutet. Wie war nun für neuen Absatz zu sichern. Der Gebrauchswert seiner Pro-
unser Mann in den Besitz einer Tasse zu bringen, die er nach dukte ist eine Bedingung der Vermittlung derselben und ein
allen Erfahrungen mit gutem Gewissen ,wieder auf den Tisch Faktor der Verhinderung dieser Vermittlung zugleich.'Da der
zum praktischen Gebrauch stellen konnte, ohne daß eine der Warenproduzent für die Auflösung des Gegenstandes in den
bereits durchlaufenen Stufen dieser E,ntwicklung der Gegen- Händen des Nutzers~ keine physische Gewalt anwenden darf,
ständlichkeit wieder eingesetzt wurde? Meine Erzählung würde ohne die Voraussetzungen dieses gesellschaftlichen V erhält-
ihre Glaubwürdigkeit verlieren, wenn die Lösung dieses Pro- nisses zu verletzen, und er auch nicht übec politische Institutio-
blems dem Produzenten oder dem r,:;::onsumenten oder auch bei- nen in der Weise verfügt, daß durch diese eine rechtliche Ent-
den zugemutet werden würde. V efglichen mit dieser Aufgabe eignung des Nutzers zu bewirken ist, muß er zur Durchsetzung
war das von ihnen Geleistete sehr einfach, jede ihrer Lösungen, seines Interesses ganz auf die Möglichkeiten· setzen, die in den
für die der Produzent doch immer die inspirierende und die bürgerlichen Verhältnissen und in den diesen entsprechenden
Gegenständlichkeit bildende Kraft war, beruhte auf einer klar For111en von Individualitäten selbst liegen. Die technologische
215
214
und ästhetische Konzipierung der Produkte im Interesse ge- Gebrauchsform }
winnorientierter Absatzstrategien erhält voraussetzende Bedeu- Vermüllung
tung für die Aktualisierung dieser gesellschaftlich gegebenen Bekunst1Jng Vermodung
Möglichkeiten. Und das heißt eben, daß die produzierte Gegen- Geworfenheit
ständlichkeit vollständig von dem gesellschaftlichen Verhältnis Veröffent~ichung
der Produktion durchdrungen ist, sie ist das vergegenständlichte
Verhältnis. Es sei darauf verwiesen; daß der Gehalt dieser Die Veröffentlichung ist zunächst- kaufvermittelnd, das Vorwei-
Aussage bereits konkretisiert wurde. Sie gilt also nicht derart, sen von Produkten in Schaufenstern; Verkaufsräumen und Aus- ·
daß sie an jedem isolierten Objekt zu belegen wäre, sondern stellungen, schließlich auch ihre Propagierung durch informatio-
zunächst für das System der produzierten gegenständlichen Le-' nelle Kommunikation. Die Ver(,iffentlichung zeigt sich aber auch
bensbedingungen. Das gilt einmal für die technologische Konsti- in einer demonstrativen Art und hebt nicht nur und nicht vor-
tuierung von Erzeugnissen und dann auch für ihre ästhetisch rangig die Glanzform des Gegenstandes, sondern seine unter-
relevante Gestaltung, soweit sich diese als Produktionsbedin- schiedlichen Bestimmungen als Müll hervor. 'So tritt der Gegen-
gung erweist. stand doppelt in das Reich der Kunst, im individuellen Raum
Die Gestalteigenschaften der Mode haben einen funktionalen als bekunstetet und in den gesellschaftlich gesetzten Kunstraum,
Doppelcharakter: Sie bilden zuerst die Faszination des Gegen- den der Kunstausstellung, in den Erscheinungen der Vermül-
standes und erregen den Drang zu seiner Aneignung und damit lung und der Geworfenheit. Und diese Bewegung kann apolo-
Begegenständlichung des betreffenden Individuums, und sie be- getisch oder kritisch funktioniert sein, auch in der Gebärde einer
wirken dann den psychischen Zwang zur faktischen Enteignung kritisch gefaßten Apologie. Das ist jetzt nicht ZU entwickeln.
und damit zur Entgegenständlichung des Individuums. Der so- Wichtig ist hier~ die ganze Dimensioniertheit des entfalteten bür,
ziale Defekt des Gegenstandes, der die faktische Selbstent- gediehen Gegenstandes zu erfassen, denn diese Momente sind
eignung der Nutzer erzwingt, wird mit denselben phänomenalen für das Individuum gleichzeitig bedeutend, wenn auch immer
Eigenschaften der Produkte erreicht, die zuerst ihre besondere besonders gegenständlich bestimmt. Hieraus ist nun erklärt, daß
Suggestivkraft auf eine Masse von Käufern bewirkten. Die die Beziehung von Aneignung und Enteignung der Gegenständ-
letzte Figur der Selbstenteignung des Individuums ist das Werfen lichkeit für das Individuum nicht wesenhaft die einer zeitlichen
des noch gebrauchswertigen Gegenstandes als Müll. Die Be- · Folge ist, daß vielmehr die Aneignung des konkreten Gegen-
wegung des Gegenstandes von der Gebrauchs- in die Müllebene standes enteignend und erst seine demonstrative Geworfenheit
ist also doppelt gegeben. Sie wird zuerst als Verlust und Not und so die formelle Enteignung aneignend ist. Die erste Be-
erfahren und dann als Genuß. Erst jetzt hat das bürgerliche stimmung ·ist leicht zu fassen: Wenn der wahre Reichtum ab-
Verhältnis die Individualität durchdringend erfüllt und damit 1 . strakt, so ist das Ersetzen von Geld durch Gebrauchsware der
den Warencharakter der Gegenständlichkeit als endgültig über Übergang von der wesenhaften zur unwesenhaften, von der un-
die konkrete Materialität herrschende gesetzt. Marx hob hervor, vergänglichen zur vergänglichen Form des Reichtums. Erst indem
«daß erst auf der Grundlage des Kapitals Warenproduktion das Individuum die konkrete Gegenständlichkeit wirft, bestä~
oder Produktion des Produkts als Ware umfassend und das tigt es sich und anderen, daß es wirklich reich ist, genießt es die
Wesen des Produkts selbst ergreifend>> wird. 314 Zuerst war der Macht des abstrakten Reichtums voll. In dieser Entfaltung der
Gegenstand vor seinem Abfallen in die Müllebene praktisch bürgerlichen Individualität bewegt sie ..sich schon in Strukturen
entwertet, jetzt ist dieses Abfallen die Entwertung, Enteignung, kommunistischer Menschlichkeit. Die 'gesellschaftliche Geltung
Entgegenständlichung selbst. ist bereits wesentlicher als die reale Verfügung über Sachen.
Die Bestimmung der Gegenständlichkeit als synthetische er- Aber es ist dieses zugleich im Wesen die totale Zuspitzung des
möglicht die nähere Betrachtung dieses zuletzt berührten Zu- Gegensatzes von bürgerlicher und kommunistischer Individuali-
sammenhanges von Enteignung und Arieignung. Die möglichen tät. Denn die Werte dieser Geltung, welche die Gegenständlich-
partikulären Seins- und Bewegungsformen der Gegenständ- keit so bewegen, sind die der Privatheit, der Exklusiv.ität und
lichkeit innerhalb bürgerlicher Verhältnisse, welche die Mode damit der Konkurrenz. Ulrich Reinisch hat dieses W egwerfver-
synthetisiert, sind: halten als <<Aufhebung des bürgerlichen Verhältnisses zum Ge-

216 217
,. . ·. ~.·~.}j ·,

'
genstand>> gedeutet,315 weil nach seinem Verständnis so die <<Do- Wirklichkeit ist vom Realen ins Illusionäre verschoben. Die kit-
minanz des Wertes>> verschwindet. <<Sie macht einer Gleichgül- schige Psyche synthetisiert immer Hoffnung und Phantasie, sie
tiglieit gegenüber dem Wert Platz, die auch die ästhetischen hat damit immer eine poetische Dimension. Becher hat diesen
Insignien des Wertes betrifft.»316 Solche Vorstellung ist vollstän- Gesichtspunkt reflektiert. «Das Poetische setzt sich durch in ver-
dig von der Erscheinung geblendet, sie begreift die letzte Be- krüppelten Formen und als Ersatz, wenn es nicht auf wahrhafte
wegungsform des Kapitals, die Bewegung in der Form seiner Weise befriedigt wird, und es setzt sich durch in anderen Kün-
Aufhebung als diese Aufhebung selbst. lndividualpsychologisch sten, die alsdann an die Stelle der Poesie treten. Oder die Poesie-
gilt, daß die «Gleichgültigkeit gegen4ber dem Wert>> erst mög- zieht sich, vom Dichter verlassen, ins Kunstgewerbe zurück, flüch-
lich ist, wenn jede Gleichgültigkeit gegenüber dem Gebrauchs- tet in Schlager, denn der Mensch braucht Poesie und schafft sie
wert überwunden ist. Das erscheint mir als eine sehr elementare sich, wenn die Dichter versagen.»317 Diese so vorgestellte Verla-
Wahrheit. Der durch die Moäe vermittelte bürgerliche Genuß gerung des Poetischen ist selbstverständlich nicht einfach auf in-
gegenständlicher Lebensbedingungen treibt notwendig auf ein dividuelles Versagen zurückzuführen, sondern drückt tiefer lie-
Niveau hin, in welchem die naturwüchsige Befangenheit und gende sozialpsychische Bedingungen ästhetischer Produktion und
Rohheit der Bedürfnisse, die er zunächst in revolutionierender Rezeption aus. Einer bestimmten individuellen Erfahrung ge-
Weise aufgehoben hat, in einer auf gesellschaftliche Potenz ge- sellschaftlicher Ohnmacht und subjektiver Reaktion auf diese ist
steigerten· Weise wieder in ihrer Selbständigkeit reproduziert Kunst nicht zuträglich, sie kann nur psychisch durch Kitsch ver-
werden. Es sind jetzt eben die privatistische Befangenheit und mittelt werden. Gesellschaftliche Subjekte von Kitsch können
die gesellschaftliche Rohheit, die dem bürgerlichen Genuß immer herrschende soziale Klassen in der Periode des Niedergangs
eigen waren, die jetzt aber die zivilisatorischen Werte, wie sie ihrer Macht sein, solange ihre Individuen diesen Niedergang
mi.t der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft herausgebil- nicht direkt existentiell, sondern genußvoll erleben. Sie haben
det wurden, verkehrt haben. keine Welt mehr zu verändern, ihr Klassenideal ist in der Wirk-
lichkeit erfüllt, wenn diese nur bleibt, wie sie ist. In besonderer
Weise kitschhaltig ist die feudale Kultur des Rokoko. In der
Mode und Kitsch
kapitalisdschen Gesellschaft sind kleinbürgerliche Schichten in
Eine besondere Erscheinung des Synthetischen ist der Kitsch. besoµderer Weise resonant für Kitsch, aber in bestimmten Ent-
Die komplizierte Problematik seiner theoretischen Vorstellung wicklungsphasen aµch Teile des Proletariats. Carl Baumann hat
und der Bestimmung seiner phänomenalen Außerungen ist hier eine enge Beziehung zwischen revolutionären Haltungen und
nicht zn erörtern. Es soll nur seine Beziehung zur Mode umris- dem Kitsch gesetzt. «Revolutionäre und ihre Programme sind
sen werden, weil so deren spezifischer Charakter mit zu erfassen kitschverseucht.>>318 Es ist aber unschwer zu beweisen, daß alle
ist. Der Kitsch kann zum Psychischen hin als Emotionalität vor- bisherigen revolutionären und historisch progressiven Perioden
gestellt werden, in deren rationalem Korrelat das Wissen vom der Geschichte kitschreduziert waren, Das gilt für die Entwick-
Widerspruch ausgelöscht ist. Das ist darin genauer zu fassen, lung der Sklavenhaltergesellschaft wie für den Feudalismus und
daß es sich hierbei nicht um die Begrifflichkeit des Widerspruchs für den Kapitalismus. Ein Vergleich von griechischer archaischer
als philosophischer handelt, sondern um das völlige Abscheiden mit hellenistischer Kultur oder von der Kultur der Romanik mit
jeglicher ihrer Inhalte vom Denken. Im Schönen sind die In- der des Rokoko belegt das sehr anschaulich. Auch die theoreti-
halte des Widerspruchs harmonisch organisiert und so auf die schen Grundwerke, welche die revolutionäre Weltanschauung
Antagonismen menschlichen Lebens bezogen, diese wirken mit, des Proletariats begründen, und beiitimmende Werke der prole-
nur so kann Harmonisches aufklingen. Eben durch diesen Zusam- tarisch-revolutionären und der sozialistischen Kunst sind nicht i
menhang ist zu erklären, wie das Häßliche in der Kunst in einem nur kitschreduziert, sondern eindeutig antikitschig. Ich weise hier
höheren Sinne schön sein kann. Es ist nur eine andere Bestim- nur auf die radikale Objektivität der Sprache Lenins, auf Maja- I
mung des Schönen als die seiner unvermittelten Darstellung. Die kowski und auf Brecht. Der Kitsch ist eine Bindungskraft der
ihrer Widersprüche enthobene Schönheit wird niedlich, Kitsch. Individuen an ihnen widersetzige Verhältnisse. Er enthält für
Im Kitsch sind Wirklichkeit und Ideal als widerspruchfreie die werktätigen Massen immer eine Perspektive, die aber durch
Identität gesetzt, aber die Vorstellung der so empfundenen die Illusion verkehrt ist. Baumann hat die für den uns zeitge-
218 219
nössischen Kapitalismus ideologisch und ökonomisch wichtige der wir uns im Traum und im Gespräch bekleiden, um die Kraft •
Bedeutung von Kitsch selbst bezeugt. <<Aktivierte Kitschhal- der ausgestorbenen Dingwelt in uns· zu nehmen. - Was wir Kunst
tungen sind heute für Millionen wesentlich geworden. Ihre Aus- nannten, beginnt erst zwei Meter vom Körper entfernt. Nun aber
wirkungen haben derart epidemisches Ausmaß erreicht, daß ein rückt im Kitsch die Dingwelt auf den Menschen zu, sie .ergibt
wesentlicher Teil der volkswirtschaftlichen Energien ihnen sich seinem tastenden Griff und bildet schließlich in seinem In-
dient. Wirtschaftliche Prosperität ist heute weitgehend kitschbe- nern die Figuren. Der neue Mensch hat alle Quintessenzen der
dingt.>>319 ·Die letzte Aussage Baumanns ist eine Übertreibung, alten Form in sich, und was die Auseinandersetzung mit seiner
denn konstitutiv für die ästhetische Vermittlung des Kapitals Umwelt sich bildet, in Träumen wie in Satz und Bild gewisser
ist nicht der Kitsch, sondern die Mode. Künstler, ist ein Wesen, das der <möblierte Mensch> zu nennen
Exponierte Kitschgegenständlichkeit haben wir bereits in der wäre.>>320 Diese ballastige Anhänglichkeit der Kitschgegenständ-
Gestalt des bekunsteten Gegenstandes betrachtet. Die Identi- lichkeit, das Synthetische und Fetischhafte der sich als Raum
fizierung von Wirklichkeit als praktisch-gegenständlichem Han- verdichtenden Dingwelt des Menschen hat Benjamin in dem Aus-
deln und Kunst erscheint so bereits als gesetzt. Und wir hatten druck <<möblierter Mensch>> ganz deutlich für uns gespiegelt.
auch den sich durch diese Gegenständlichkeit vollziehenden Dä- !Jenken wir noch einmal an den Bericht über die Taten der bei-
monismus ,der Verdrängung de~ praktischen Lebensanspruchs den Männer. War es nicht die in den Raum eingebrachte Kunst~
durch diesen Gegenstand und schließlich durch den ihm entspre- tasse, die unseren Mann zur Möblierung seines Zimmers autf
chenden Raum erkannt. Jetzt ist dem nachzutragen, daß diese brechen ließ? Und jetzt wird neben der bereits vorgestellten
Verdrängung mit. der idealischen Verklärung der Ohnmacht Raumverdrängung, pämlich der Verdrängung unseres Mannes
einhergeht, nicht als Entfremdung, sondern als Bestätigung des als eines lebenden, tätigen aus seinem eigenen Raum durch die
Individuums empfunden wird. Wenn diese Kitschwelt für das sich llufbauende Kunstwelt, noch ein anderes sichtbar. Benjamin
Individuum vollständig zu verwirklichen wäre, herrschte reine hat es gesehen. Die Gegenständlichkeit rückt dem Menschen auf
Ruhe. Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit, den Leib, verdrängt <len Raum, die Kitsch.weit ist die Ruhe des
alle Dimensionen menschlichen Lebens wären in einem raum- lebendigen Todes.
dinglichen Kontinuum erstarrt. Es wäre dieses nicht die eindi- Die Gegenständlichkeit der Mode ist nicht nur gegenständ-
mensionale Menschlichkeit, die Marcuse zu offenbaren glaubte, lich bewegt; sie verharrt in keiner Ortung, obgleich ihr die Dä-
sondern ein Kontinuum, in dem alle Dimensionen erstarrt zu- monie des Kitschs nicht fremd, sondern eng verwandt ist. Sie ist
sammengefaßt sind und nun selbstverständlich als eine erschei- ja gespenstisch. Und Gespenster sind unruhig, rastlos. Die Mode,
nen. Aber die unterschiedliche Analyse macht einen großen Un- das ist durch die Struktur der sie konstituierenden Seins-' und
terschied für die Beantwortung der Frage nach der revolutionä- Bewegungsformen der ·Gegenständlichkeit innerhalb der bür-
ren Perspektive. Wir sehen, daß der im Kitsch als verschwunden, gerlichen Verhältniss~ eindeutig belegt, konfrontiert die Indi-
ausgelöscht erscheinende Widerspruch Ausdruck von Widersprü- viduen unablässig mit den Widersprüchen def bürgerlichen Ge-
chen und daß die kitschige Ruhe eine ungeheure, eine explosive sellschaft, sie hat aber in sie~ nicht die Logik der Lösung dieser
Ruhe ist. Wir haben erlebt, wie der Hitletfaschismus Kitschpo- Widersprüche durch die Negation, sondern ist, für. sich gefaßt,
tentiale löste und reproduzierte. Aber dasist kein Ausdruck der Form ihrer reproduzierenden Vermittlung. Insofern ist es durch-
Gerichtetheit des Kitschs, er hat keine Richtung. Diese Deutung aus folgerichtig, wenn theoretische Reflektierungen der indivi-
der Gegenständlichkeit des Kit~chs berü~rt sich mit Äußerun- duellen Konsumtionsweisen im Imperialismus, welche diese in
gen Benjamins über den Surrealismus. Es geht nicht um die theoretisch unzulässiger Weise isolieren, zu resignativen Schluß-
Einbeziehung des Surrealismus in den Kitsch, sondern um die folgerungen hinsichtlich der Perspektiven der Überwindung die-
Berührungen, um die Nähe. Hieraus ergibt sich auch, daß nicht ser gesellschaftlichen Verhältnisse führen. Zugleich ist jedoch zu
alle Bestimmungen des Surrealismus, die Benjamin gibt, als sol- bestimmen, wo die Potenz des durch die kapitalistische Mode
che von Kitsch .aufgefaßt werden können. Die Surrealiste::n such- formierten Genusses liegt, gegen seine gesellschaftliche Form
ten «den Totenbaum der Gegenstände ... im Dickicht der Ur- selbst aktualisiert zu werden, Das verlangt selbstverständlich
geschichte auf. Die oberste, die allerletzte Fratze dieses Toten- eine eigenständige Entwicklung, die hier nicht gegeben werden
baumes ist der Kitsch. Er ist die letzte Maske des Banalen, mit kann, aber es soll die Richtung bezeichnet werden. Es ist einmal
220 221
'.\-' ., . \][~[·'.' w~j

die Tatsache, daß der bürgerliche Genuß für alle spürbar in sellschaftsmitglieder zu -einer spezifischen Form der Selbstbe-
antagonistischer Weise gegen die natürlichen Lebensbedingungen herrschung>> zwingt,322 so ist deren psychische Bildung für die
der Menschheit stößt, obgleich er in der Gegenwart erst für eine Individuen entsprechend ihrer ,;unterschiedlichen sozialökonomi-
Minderheit .dieser Menschheit durchgesetztdst. Die Illusionen schen Stellung in der Gesellschaft beträchtlich differenziert. Das
' von einer globalen Expansion der sogenannten amerikanischen neurotische Elend, welches mit der Entwicklung des bürgerlichen
Lebensweise, die vor einem Jahrzehnt noch das Denken vieler R.eichtums wächst, ist wahrscheinlich in kleinbürgerlichen Schich-
bewegten, sind zerstoben. Zugleich wirkt die Unvereinbarkeit des ten der kapitalistischen Länder am stärksten, weil deren Indi-
entfalteten bürgerlichen individuellen Genusses von gegenständ- viduen dem Frustrationserleben, welches der Druck modischer
lichert und räumlichen Lebensbedingungen mit den natürlichen Gegenständlichkeit bewirkt, ohne jede Stützung und Abschir-
Bedingungen menschlichen Lebens auch in den entwickelteri im- mung ausgesetzt sind. Der Kapitalist kann mit dem Gebrauch
perialistischen Ländern auf die Erlebnisweisen dieses Genusses einer modisch entwerteten Forin kokettieren, aber der kleine
zurück und erregt massenhaft Problembewußtsein. Gew·erbetreibende kann das nicht, er muß mit seiner gesellschaft-
· Der zuletzt gefaßte Gesichtspunkt ist sehr wichtig, aber er lich erscheinenden Gegenständlichkeit immer auf dem neuesten
kann für eine marxistisch-leninistische Analyse nicht der besttrh- , Stand sein, im Interesse des Geschäfts. Der Proletarier kann
qiende sein, weil sie die Perspektive der Überwindung des lm- solche Gegenständlichkeit mit bedeutend geringerem sozialen
·f'erialismus in dessen gesellschaftlichen Verhältnissen aufzusu- Schmerzempfinden als der Kleinbürger und ohne die bourgeoise
chen hat. Die Vorstellung von unbegrenzter Reproduzierbarkeit Affektiertheit in solchem Gebrauch aufnehmen, weil er mensch-
der Widersprüche des bürgerlichen individuellen Genusses, de- lich etwas in den solidarischen Beziehungen seiner Klassen ge-
ren Berechtigung wir zuerst bestätigt haben, beruht aber auf einer . borgen ist. Des demonstrative Werfen von Gegenständlichkeit
·unzulässigen Voraussetzung, sie unterstellt nicht klassenantago- als letzte Gestalt des bürgerlichen Genusses ist Selbstentsagung,
nistisch einander entgegengesetzte Individuen, sondern-ein bür- die als Genuß, als Selbstbestätigung der stilisierten, nur durch
gerliches Individuum an sich. Aber eine ungeteilte bürgerliche Selbstbeherrschung zu erreichenden Gestik bedarf. Der latente
Individualität ist nur die bourg~oise. Als Verkäufer der eigenen Asketismus des bürgerlichen Genusses erscheint so verkehrt,
Arbeitskraft sind die Proletarier zwar, auch in Konkurrenz zu- aber er ist damit nicht aufgehoben. Es ist nun durchaus verständ-
einander, aber diese führt sie imm~r bereits zu einfachen For- lich, daß das kleinbürgerliche gesellschaftliche Element die Nei-
men ihres solidarischen Zusammenschlusses. Durch ihre situative gung hat, diesen latenten Asketismus des bürgerlichen Genusses
Grundbestimmung als Proletarier, die eigentumsmäßige Tren- demonstrativ zu verkehren. Hiei:in erscheint nun dessen Aufhe-
nung ihres subjektiven Arbeitsvermögens von den objektiven bung, aber es ist ~eine.~as diese als oft links gebärdeten Reak-
Arbeitsbedingungen, und durch das jeweils unterschiedliche, tionen auf die in der Mode bewegte Mächtigkeit des Kapitals
aber nie aufzuhebende Niveau ihrer solidarischen Beziehungen konstituieren, sind nur formelle Antiwelten .des Kitschs. Der
'müssen sie notwendig dahin gelangen, den Doppelwert des bür- Kitsch erscheint jetzt nicht wesenhaft als diese Gegenständlich-
gerlichen gegenständlichen Gebrauchs als Einheit von Aneig- keit, sondern als Leben, Lebensweise.
nung und E;nteignung, von Be- und Entgegenständlichung in Als wesentlichste Bestimmung des Kitschs wurde die Aufhe-
seiner für sie wesenhaften Form, als Elend zu erkennen. Die bung des Widerspruchs von Ideal und Wirklichkeit in der
Blendung großer Teile der Proletariate der entwickeltsten impe- Synthese von Hoffnung und Illusion vorgestellt und damit die
rialistischen Länder ist eine zwangsläufige Erscheinung von histo- Richtungslosigkeit, der besondere Ruhecharakter des Kitschs.
risch nur episodischer Bedeutung. Aus dem Charakter des von Hierdurch werden gegenüber der gesellschaftlichen Realität par-
der Mode formierten Genusses ergibt sich, daß in ihm das aske- tikuläre Welten, Traum- und Scheinwelten, konstituiert, die sich
tische Moment nicht negiert ist. Ein <<bittersüßes Training», als Intermundien in den gesellschaftlich~n räumlichen Beziehun-
schrieb Haug, lehrt von klein auf die Individuen, <<das eigne gen festsetzen und subjektiv immer tendenziell als Ausdruck der
Verhalten zu den Objekten der Begierde, damit auch die Wahr- Totalität menschlichen Lebens oder als diese selbst erfahren wer-
nehmung dieser Objekte, der Herrschaft des Tauschwerts zu un- den. Für Proletarier, sofern sie kitschorientiert sind, ist dieser
terwerfen, unter der die Dinge so offenbar stehen und sich Totalitarismus des Kitschs stets wenigstens durch die Lohnarbeit
bewegen.>>321 Wenn die «Herrschaft des Tauschwerts ... die Ge- · diskrepant gebrochen. Räumlich stellt sich hier die Kitschgegen-
22'.z 223
ständlichkeit als Konzentrat und so partikulär im individuellen Fans die für den Kitsch kennzeiclinende Ungerichtetheit und
Raum dar. Der Totalitarismus des Kitschs kann sich entfalten, Gleichsetzung von partikulärer Situation mit existentieller To•
wenn sein Subjekt parasitär lebt, ,ilso ausbeutet oder durcli Aus- talität. Aber diese Ruhe erscheint hier als Aktivität. Sie ist ein-
beuter ausgehalten wird, oder wenn es sich, wie im Falle des mal an den körperlich ekstatischen und psychisch ungehemmt und
Gebrauchs von Drogen, durch den Kitschgenuß als Person redu- rauschhaften Reaktionen dieser Individuen und teilweise auch in
ziert und schließlich aufhebt. Am Beispiel des durch Drogen b<;- der Form gelöster AgressioQen durch deren Ausrichtung auf diese
wirkten Genusses können wir die Gültigkeit aller Bestimmungen Individuen und auf ihre unmittelbaren Raumbedingungen ~lbst
des Kitschs, die theoretisch zuerst durch die Analyse seiner Ge- zu konstatieren. Es ist nicht, wie durch die Werke der Kunst,
genständlichkeit entwickelt wurden, überprüfen. Das muß nicht eine weltverändernde, so_ndern eine in ganzer Absolutheit welt-
selbständig vorgeführt werden. Wir wollen unser Interesse For- setzende Aktivität, Subjektivismus. Der positive Kitsch faßt die ·
men des praktischen Kitschs zuwenden, die für den ideologischen Individualität in der idyllischen Gefälligkeit, der negative Kitsch
Klassenkampf irt der Gegenwart unmittelbar größere"Bedeutung faßt sie als Kontinuum des Schmerzes, als Absolutheit des
haben als der Gebrauch pharmazeutischer Opiate. Es sind dieses Schreis. Es ist jetzt nicht die Gegenständli-chkeit, die das Indivi-
'Verhaltensweisen, die teilweise mit dem Begriff der Subkultur duum enträumlicht, sondern der Raum, der es entgegenständ-
bezeichnet werden. Die Problematik dieses Begriffs wird nicht licht. Es ist nicht die als Raum aufgehobene Gegenständlichkeit,
diskutiert. «Subkultur>> bestimmte Rolf ~chwendter als <<Teil die wir als den ästhetischen Raumwert der Muße erkannt haben,·
einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, sondern der für den Menschen entgegenstäncllichte Raum ist das
Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Prä- Leere. Das Raumgefühl der Muße ist transitorisch, das des ne-
ferenzen, Bedürfnissen etc. in einem wesentlichen Ausmaß. von gativen Kitsqis ist absolutistisch.
den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtge- Die subkulturellen Bewegungen im Kapitalismus weisen we-
sellschaft unterscheidet>> und ein <<Eigendasein» führt. 323 sentliche Lebensformen und Elemente von Lebensbedingungen
, Die Beziehung von proletarischer und imperialistischer Kultur ab, die in der Entwicklung dieser Gesellschaft über <;lie Schran-
ist eine Bewegungsform des Klassenantagdnismus von Proleta- ken einer Klasse hinaus ausgeweitet und zur allgemeinen Basis
riat und Bourgeoisie. Mit dem Begriff der Subkultur sollen in des kulturellen Antagonismus wurden. Hand- und Landarbeit
. dem hier nur provisorisch gefaßten Gebrauch desselben kultu- werden für viele zu Leitbildern einer neuen Lebensweise, die
relle Erscheinungen bezeichnet werden, die auf beide Kulturen durch Kommunen innerhalb der alten Gesellschaft verwirklicht
hin formell ausweichend sind. -Das ist allerdings eine Bestim- werden soll. Es ist so nicht die Frage nach der gesellschaftlichen
mung, die nur in der letzten Abstraktion sinnvoll ist, weil sich die Verfügung über die modernen Produktivkräfte, also die Frage
bestimmten subkulturellen Äußerungen immer als klassenmäßig nach dem gesellschaftlichen Eigentum und damit zuerst notwen-
konkret funktioniert erweisen und ihre. Grundlagen einzig die dig nach der Diktatur des Proletariats gestellt, sondern in kitsch-
KlassenV'erhältnisse des Kapitalismus sind. In diesem Sinne ist hafter Verkürzung der Perspektiv<;_ unvermittelt der Versuch
auch die Eigenschaft der Ungerichtetheit als solche des Kitschs emanzipativer Verwirklichung unternommen. Damit sind die
nie rein auf empirischem Wege auszumachen. Aber das Festhal- allgemeinen _Kriterien des Kitschs realisiert. Ich. halte das für
ten an der durch Abstraktion entwickelten Bestimmung weist so eindeutig gegeben, daß auf jede Begründung dieser Behaup-
nicht ins Leere, sondern auf den für politische Praxis wichtigen tung verzichtet wird. <<Wir erleben zur Zeit; massiv hochgejubelt
Tatbestand der Funktionierbarkeit dieser gesellschaftlichen Er- von der bürgerlichen Presse, die <La~dkommunen>: angeblich
scheinungen. Die sogepannten subkulturellen Tendenzen traten sensible junge Menschen, die den Zwängen unserer Gesellschafts-
mit den Gammlern, Hippies und Beatniks besonders provozie- ordnung entfliehen wollen, daß sie sich ein Landhaus, eineri
re'nd gegenüber tra_dietten Erwartungen hervor. Es soll nun nicht Bauernhof, ein Schlößchen ( !) kaufen, dort Gemüse anbauen,
versucht werden, diese und ähnliche Bewegungen undifferenziert ihre Schuhe selber flicken und so - angeblich autark - eine neue'
in die Begrifflichkeit des Kitschs zu fassen. Aber es gibt hier Er- Lebensweise etablieren und eine neue Bedürfnisstruktur entfal-
scheinungen, die zu ihm in verwandter Beziehung stehen, und ten.>>324 So Rainer Eckerts Darstellung. Es ist gut zu verstehen,
solche, die für ihn besonders repräsentativ sind. So ·zeigt das ge- daß Theoretiker, welche die marxistisch-leninistische Theorie
steigerte Erleben von Rockmusik in Massenverans·taltungen von nicht auf die· Fragen der Ökologie anwenden,. sondern bestrebt
15 Kühne, Gegenstand
224 225
•'l;,:½, ,~' J ,-

sind, Ökonomie und Politik durch Ökologie zu ersetzen, den sehen nicht einmal den ei~enen Bildschirm in der Wohnung. Das
werktätigen Massen das Motiv der Askese als Lösungswort der bestimmte Problem kann nicht durch die Reduzierung des Reich-
unübersehbaren Bedrohung der ökologischen Situation anbieten. tums innerhalb der Bürgerlichkeit, sondern nur durch deren kom-
So zitierte· zur Stützung der eigenen utopischen Konzeptionen munistische Aufhebung gelöst werden, erst so können die Indi-
Andre Gorz die Ergebnisse einer Umfrage der Zeitschrift ELLE viduen von den verselbständigten Anschaffungszwängen befreit
in Frankreich, aus der sich ergab: «53 Prozent der Franzosen und zu einer bewußten Gestaltung ihrer Lebensbedingungen
würden eine Einschränkung des Konsums und des Wachstums durch kollektive Entscheidungen fähig werden.
akzeptieren, vorausgesetzt, sie geht mit einer neuen Lebensweise Wenn heute den Proletariern angeboten wird, im Interesse
einher. 75 Prozent der Franzosen sind der Meinung, daß Weg- der Umwelt vom Auto, wenn sie hierüber verfügen, aufs Fahr-
werfpackungen und Plastikflaschen törichte Verschwendung sind rad umzusteigen, so ist hier dem Bedürfnis eine Richtung ge-
und es besser wäre, zu Glasbehältern zurückzukehren. 68 Prozent -~etzt, die nicht die Umwelt entlastet, sondern gefährdet. Und
der Franzosen würden lieber zu einer Kleidung zurückkehren, das allein dadurcJ:i, daß solche Angebote durch Personen, die vor-
die klassischer und dauerhafter ist als eine, die unter dem Vor- geb_en, der Arbeiterbewegung nahezustehen, den Bewegungs-
wand der Mode nur eine Saison lang gebraucht wird. 78 Prozent raum des Kapitals erhöhen. Denn die Verwirklichung eines sol-
der Franzosen begrüßen einen Abend in der -Woche ohne Fern- chen Konzepts ist aus ökonomischen, raumorganisatorischen und
sehen als willkommene Gelegenheit, miteinander zu sprechen sozial psychischen Gründen. innerhalb der bürgerlichen V erhält-
und sich ins Gesicht .zu sehen.>>325 Wenn wir unterstellen, daß nisse unmöglich. Solche Utopien zersetzen nur den Kampfwillen
diese Ergebnisse halbwegs soziologisch repräsentativ sind, zei- der Arbeiterklasse und sind damit sehr kapitalträchtig. Und das
gen sie ein außerordentlich interessantes Resultat.· So die Tat- in ökonomischer Hinsicht in der Form des Profits und in ideolo-
sache, wie sehr viele Menschen den Zwangscharakter der ent- gischer Hinsicht clurch die fortwährende Stabilisierung der Vor-
wick-elten Form des Fernsehens empfinden, da sie folgerichtig stellung der einzelnen, daß die Wendung der durch die Lebens-
die zeitweilige Abschaltung der Sender verlangen, um eigene bedingungen erzeugten Not nicht von der Überwindung des
Möglichkeiten des Lebens zu erhalten. Uns soll hier besonders Kapitals, sondern von ihrer individuellen Befähigung Zll einer
nur die erste Aussage beschäftigen. Gorz und andere pseudolinke neuen Lebensweise unter den Bedingungen des Kapitals abhängt.
Theoretiker leiten von solchen Erhebungen ab, daß es möglich Bestim.mte Gruppen der sogenannten Subkultur erscheinen so
und sinnvoll wäre, solche Wege zur Entwicklung einer neuen notwendig als die wahre Avantgarde der Gesellschaft, denn in
Lebensweise tatsächlich zu beschreiten. Aber wenn 53 Prozent ihrem V erhalten erscheint ja das im Wesen falsche Bewußtsein
der Franzosen oder auch nur die Hälfte hiervon die Frage nach großer Teile des Volkes als positives bestätigt. Die Arbeiterbe-
der Einschränkung ihres Konsums in Beziehung zu einer bes- wegung muß aber den Kampf auf der Grundlage der vom Ka-
seren Lebensweise setzen, zeigt das die Beherrschtheit dieses pital erzeugten Bedingungen führen. Das Kapital hat in der
Denkens durch die impec,ialistische Interpretierung der Ursa- Tendenz das Auto gesellschaftlich allgemeingesetzt, nicht aus
chen der ökologischen Krise, eine Auf{assung, die es zunächst Menschenliebe, sondern im Zwange der eigenen Interessen. Es
leicht hat, sich als herrschend durchzusetzen, weil sie nicht nur hat durch die Veränderung der räumlichen Lebensbedingungen
durch die Macht der imperialistischen informationellen Medien, dieses Verkehrmittel für die Individuen faktisch als zwingendes
sondern zugleich durch den platten Empirismus gestützt ist. Es Lebensmittel gesetzt. Hieraus ergibt sic;h folgerichtig, daß die
ist die v-0n einigen ökologischen Kritikern der vom Kapital de- anfänglich normale Moto~isierung in der Form, daß eine Fa-
terminierten Lebensweisen systematisch genährte Vorstellung, milie sich ein Auto aneignete, jetzt dahin treibt, daß Zweitfahr-
daß jeder seinen individuellen Gebrauch einer ökologischen Dis- zeuge angeschafft werden. Die BRD nähert sich einem durch-
ziplin zu unterwerfen und ihn in seinen gegenständlichen Be- schnittlichen Anschaffungsgrad von Kraftfahrzeugen, bezogen
dingungen vor allem ,einzuschränken habe, um die anstehenden auf die einzelnen Haushalte, von 1,5. Die erste und entschieden-
Probleme der Umwelt zu lösen. Aber es ist kein Zweifel daran ste Reaktion im Interesse der Arbeiterklasse muß darin beste-
zu bilden, daß unter den bürgerlichen gesellsd1aftlichen V erhält- hen, dieser logischen Entwicklung, «logisch>> natürlich unter der
nissen die Individuen massen~ und dauerhaft nicht fähig sind, Voraussetzung bürgerlicher Verhältnisse, dadurch Rechnung zu
ihre Konsumbedingungen derart einzuschränken. Sie beherr- tragen, daß sich so Schlußfolgerungen für die Lohnkämpfe der
15* 227
226
Arbeiter ergeben müssen, Diese erste Reaktion schließt eine kris Assoziationsfähigkeit der Arbeiter auch auf die Gestaltung ihrer
tische Bewertung der Entwicklung c!er Verkehrsweise nicht aus. Beziehungen außerhalb der Arbeit auswirkte. Es sei hierzu nur
Das entschiedene Bintreten für die Erweiterung und für die auf den Bau und auf die Funktionen der Volkshäuser in den
technologische Revolutionierung der öffentlichen Verkehrsmittel zwanziger Jahren verwiesen. Die Entwicklung dieses Zusam:~
'lind für die rigorose Herabsetzung oder teilweise auch Nullset- /,menhanges ist vielfältig und nicht nur auf eine bestimmte Form
zung der Beförderungstarife ergeben sich hieraus. Hier ist keine, hin zu denken. Es wird deutlich, daß die Orientierung auf die
Programmkonzeption gewerkschaftlichen Kampfes der A.rbeiter vom Kapital egesetzten Mittel der Befriedigung praktischer Be-
in den Ländern des Imperialismus zu bilden, sondern einzig ein dürfnisse keine endlose Hörigkeit gegenüber dem Kapital stif-
prinzipieller Ansatz zu exemplifizieren. Das Beispiel Auto· ist tet, sondern mit der Herausbildung einer ihrem Wesen nach
etwas überstrapaziert, dient aber dem verfolgten Zwecke. Das revolutionären Kultur und. Lebensweise des' Proletariats verein-
perspektivische Bewußtsein des Arbeiters ist bei einer solcheu bar i und eine Voraussetzung hierfür ist. Dami~ bildet das Pro•
Einstellung nicht durch das individuelle Kraftfahrzeug blockiert, letariat bereits innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ein
sondern mit über dieses gebildet. Das entwickelte proletarische kulturelles <<Gegenmiliem>. Diesen Begriff <<Gegenmilieu» hat
Klassenbewußtsein schließt auch bereits unter den Bedingungen Rolf S(jiwendter eingesetzt und hiermit eine Funktion der Sub-
des Kapitalismus eigene praktisch-funktionelle und ästhetische kultur bezeichnet.326 Er rechnete hierzu auch die Kultur des Pro-
Konzeptionen über die zu·gestaltenden Lebensbedingungen ein. letariats, <<solange sie nicht in die Normen der Gesamtgesell-
Die Praxis der Arbeiterbewegung und vor allem ihrer marxi- schaft integriert wurde>>. 327 .Die entwickelte proletarische Kultur
stisch-leninistischen Parteien ist hierin auf eine sehr wirkungs- ist in dem hier gefaßten Sinne nicht subkulturell, aber bezogen
volle Tradition gestützt. Selbstverständlich wäre es verfehlt, al- auf die bürgerliche Kultur die einzige Gegenkultur, genauer aus-
lein von einer solchen Ausrichtung der Konsumorientierungen gedrückt: Sie ist der wahre Antagonist der bürgerlichen ~ultur.
die Bildung revolutionärer Potentiale zu erwarten, aber es er- Die Vorstellung von kulturellen <<Normen der Gesamtgesell-
weist sich, daß die Konsumsphäre keine unüberwindbare Grenze schaft» ist bezogen auf de~ Kapitalismus nur siQnvoll für die.
für die Herausbildung von revolutionärem proletarischem Klas- . Kennzeichnung basiskultureller Egalisierungen, die den kul-
senbewußtsein ist und dessen' Entwicklung selbst vermitteln turellen Antagonismus jedoch nicht aufheben, weil sich dieser
kann und muß. In den wc;:sentlichen Ebenen des praktischen Ge- Antagonismus erst auf ihrer Grundlage voll herausbildet. Wir
brauchs muß das Proletariat die Gebrauchsverheißdngen des Ka- haben diese gegenläufigen Bewegungen von Angleichuag und
pitals selbstbewußt annehmen und das Versprechen an der prak- Polarisierung der. kulturellen Beziehungen innerhalb des Kapi-
tischen Erfüllung messen. talismus bereits verfolgt. Es wurde bemerkt, daß hierdurch das
' Selbstverständlich muß der klassenbewußte Arbeiter bedeu- Niveau des entwickelten Kampfes der Arbeiterklasse um ihre
tend mehr in seiner Lebensweise verwirklicnen als zuletzt hier Befreiung von den Fesseln des Kapitals bestimmt ist. Die sub-
umrissen wurde. Er muß nämlich zur Umrichtung seines Bedürf- kulturellen Bewegungen unterschreiten dieses Niveau, indem sie
nisses aus dessen Fixiertheit auf ,die Gegenständlichkeit auf die die formelle Allgemeinheit kultureller Formen zurückweisen
Assoziation fähig werden. Aber das schließt die zuvor umris- und erscheinen so als der. eigentliche Gegensatz, als das wahre
sene Aktivität nicht aus, verlangt aber, bezogen auf die gegen- Gegenmilieu gegenüber den herrschenden Verhältnissen, aber
ständlichen Lebensbedingungen immer das Eintreten dafür, daß sie sind eine bloß ohnmächtige Reaktion auf diese. Die impe-
Teilen des werktätigen Volkes ermöglichte Aneignungen von rialistische Bourgeoisie muß im eigenen Interesse um die Re-
Lebensbedingungen tatsachlich für alle möglich werden. Diese produktion der einzelnen Formen dieser sogenannten Subkultur
Haltung des Solidarischen ist hier wieder nur einseitig vor,i der bemüht sein, weil deren Funktionen für ihren ideologischen
Konsumsphäre her gefaßt. Sie hat hier nicht ihre Grundlage, Behauptungskampf unersetzbar sind. Wir haben am Beispiel der
sondern in dem Zusammenschluß der Arbeiter durch die Arbeit. Umweltproblematik verfolgt, wie subkulturelle Praktiken das
Es ist zweifellos richtig, für die kapitalistischen · Verhält- verkehrte Bewußtsein großer Teile des. Volkes im Kapitalismus
nisse zu konstatieren, daß die Arbeit die Menschen vereint und anschaulich und herausfordernd verfestigen. Aber die Analyse
die Aneignu~ sie trennt. Aber die Entwicklung der Arbeiter- des Kitschs zeigt auch, daß sich hier der Gegensatz der Bür~
bewegung zei~, wie sich die in d~r Produktionssphäre gründende gerlichkeit in deren Form selbst bewegt. Das haben wir immer

t28 229
·•~{ J. ' «)"'t"
,-;,.,

streng zu beachten, um eine unseren Interessen gemäße differen- noch in einer weitgehend naturwüchsigen Funktionalität " be-
zierte Beziehung zu diesen Erscheinungen zu entwickeln. Auf . ruhte, sondern eine positive Aufhebung der Mode selbst. Für
dem Gebiete der musikalischen Kultur etwa oder auf dem der die Vorstellung der entwickelten Mode ist nun zu beachten,
Bekleidung zeigen schon die belegbaren Erfahrungen, wie be- daß sie diese so bestimmte funktionale Gestaltung in ihrer an-
stimmte Gestaltungen dieser Sphäre eine außergewöhnlich große setzenden Form zur Voraussetzung hat und selbst eine Bewe-
Suggestivkraft erhielten, die auclt in den sozialistischen Ländern gungsform derselben ist. Die Mode in ihrer entwickelten Form
beachtlich wirkten. Besondere Analysen sind hier dringend er- ist also die Aufhebung und negative Bewegung eines Gestal-
fordert, und jede dieser Erscheinungen verlangt eine besondere. tungsprinzips, dessen entwickelte Form die Aufhebung der
Allgemein kann aber gesagt werden, daß solche Erscheinungen Mode selbst ist. Die Mode konnte von ihren Voraussetzungen
nicht einfach als geschickte Inszenierungen der imperialistischen her die gestalterischen Historismen nicht überwinden, sondern
Bourgeoisie oder ihrer Funktionäre zu we.rten sind, obgleich nur variieren. Aber so reproduzierte sie immer noch eine ver-
ihre Wirkungen bereits weitgehend in einer vom Kapital direkt harrende Tendenz der Gegenständlichkeit und konnte sie ihre
beherrschten Form auf uns kommen. Die Resonanz solcher Er- ästhetische Wirkungskraft auf die Psyche der Menschen als
scheinungen besonders bei Jugendlichen ist nicht Ausdruck ihrer Funktion des Kapitals nicht vollständig ausbilden. Im Interesse
Anfälligkeit für die bürgerliche Ideologie, sondern weist auf der durch die Kapitalisten personifizierten Herrschaft der ver-
eine Struktur von Bedeutungen, die hier mit der Entwicklung gegenständlichten, also vergangenen, Arbeit über die lebendige
des Begriffes des Kitschs und der Bestimmung der verschiedenen Arbeit, also über den Arbeiter, mußte die gegenständliche Erin-
Gestaltungen desselben angezeichnet werden sollten. Hieraus nerung an die Vergangenheit ausgelöscht werden, weil durch
ergeben sich auch praktische Orientierungen. Wenn es richtig diese die Gegenständlichkeit gegenüber den sozialpsychischen
ist, daß Kitsch Hoffnung und Illusion synthetisiert, so gilt es, Verwertungserfordernissen des Kapitals rioch widersetzig war. . ~i
einmal die ganze Mächtigkeit zu begreifen, die hierin denen Diese Negation vorindustrieller Gestaltmodi war erst in den
· gegeben ist, deren Interesse jeder Hoffnung bis auf die des Pro- ästhetischen Auffassungen und Entwürfen des gestalterischen
fits entgegensteht. Zugleich gilt es aber, gen:a11 diesen Kern A vantgardismus erreicht, aber in einer antimodischen funktio-
freizusetzen, ihn seiner ihn .verkehrenden Form zu entheben. n.alistischen Konsequenz.
Hierzu gibt es keine allgemeinen Anleitungen. Es könnte unter- Der funktionalistische Rigorismus war zuerst unvermittelt
sucht werden, wie etwa Brecht diese Aufgabe löste, indem er von der kapitalistischen Produktionsökonomie und damit zu-
Kitschmotive künstlerisch aufhob. Eine Rezeptur wäre auch hier- gleich von der Gestaltlogik der Maschinerie her gefaßt. In seiner
durch nicht gewonnen. ' selbständigen Durchbildung in den zwanziger Jahren war er
jedoch bereits von Erwartungen und Einstellungen getragen,
welche durch die Erschütterungen des kapitalistischen Systems
Funktionale Gestaltung durch di; revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse und durch
Der Begriff der funktionalen Gestaltung ist wie der des Funk- die welthistorische Dimension des Sieges des russischen Pro-
tionalismus noch irritierender als der der Mode, denn er soll letariats ausgelöst und bestimmt wurden. Selbstverständlich ist
diesem entgegengesetzt sein, qbgleich unser ganzes Bemühen zu- das nicht so zu verstehen, daß von den meisten Vertretern des
letzt dahin gerichtet war, die gesellschaftliche Funktionalität gestalterischen Avantgardismus der zwanziger Jahre diese Hin-
der Mode zu begreifen. Es kann sich hier also nur um eine wendung zu einer Neubestimmung der Grundwerte mensch-
besondere Funktionalität handeln, die in dieser sprachlichen . lichen Lebens in den Kategorien einer marxistisch-leninistischen
Form zunächst als solche überhaupt erscheint. Ein Objekt der Analyse vermittelt war. Das Streben von Gropius nach betonter
funktionalen Gestaltung zeigte sich in der Gebrauchsform der Überparteilichkeit, von dem Hüter schrieb, es sei <<keineswegs
Tasse, von der das Drama der Gegenständlichkeit seinen An- als Tarnung, sondern als ernst genommene Taktik» zu begrei-
fang nahm. Wenn in der Begrifflichkeit des Funktionalismus fen,328 konnte die Feindschaft der politischen Rechten nicht vom
funktionale Gestaltung als ein Zielpunkt der Verwirklichung des Bauhaus abwenden. Dieser Kampf gegen das Bauhaus war
Kommunismus aufgefaßt wird, so ist damit nun keine einfache letztlich nicht durch die vielen politischen Aktivitäten und Be-
Wiederherstellung dieses Ausgangspunktes gemeint, weil dieser kenntnisse einzelner Personen und Gruppen desselben und nicht
2.30 2.3 I

nur durch die Bildung urid Wirkung einer Zelle der KPD be- und 1918, deren jeweils spezifischer Charakter hier vernachläs-
dingt, sondern durch die Tatsache; daß die Idee, die Konzeption sigt wird, und der entfalteten Form des Funktionalismus keine
des Bauhauses überhaupt durch die proletarischep. Revolutionen unvermittelte Beziehung besteht. Und die Frage ist, wie durch
von 1917 und 1918 ausgelöst und trotz allem Utopismus und die Orientierung auf die kapitalistische Industrie ein rigoroser ge-
Opportunismus einzelner auf eine andere Welt als die des Kapi- stalterischer Funktionalismus entwickelt werden konnte, der kein
talismus gerichtet war. Gropius schrieb 1920 an den Reichs- Rückgriff auf bornierte Funktionalität von Gegenständlichkeit,
kunstwart Edwin Redslob von der «neuen gotischen W eltan- sondern deren Setzung auf einem im Wesen antikapitalistischen'
schauung, der wir angehören ... >>. 329 Solche Sprache war an Niveau der Gesellschaftlichkeit war. Denn hier war pas Bau-
sich der politischen Reaktion nicht fremd. Aber sie faßte füt haus an eine entscheidende Wegscheide gelangt. Es konnte sich
Gropius Bedeutungen, die dem Faschismus verschlossen und zu einer subkulturellen -Enklave verfestigen oder zu einer dem
zur Arbeiterbewegung und zum Sozialismus hin offen waren. kapitalistischen Industrialismus unterworfenen Institution oder
Der <<Dom des Sozialismus>> war das Schicksal des Bauhauses. eben zu dem werden, was es wurde. Jetzt war zu entscheiden,
Unmittelbar nach 1918 hatte die Gestaltungskonzeption von ob der Impuls der Revolution, der die große Werkgemeinschaft
Gropius retrospektive und romantische Züge erhalten. Im Land- der Gestalter zusammengeführt hatte, bewahrt oder verkehrt
tag von Thüringen erklärte der Abgeordnete der KPD, Tenner, werden sollte. Aber die Frage war in völliger Absehung von
zu den Verdächtigungen gegen das Bauhauses: <<Wenn aber dann diesem gesellschaftlichen Inhalt zu entscheiden, scheinbar als
behauptet wird, im Bauhause sei eine sozialistische Kathedrale seine Aufhebung. Ein Schreiben Oskar Schlemmers vom 30. Ok-
verwirklicht - ich weiß nicht, von welcher Seite dieser Ausdruck tober 1922 an den Meisterrat des Bauhauses zeigt diese Situa-
stammt .,..., wenn deshalb aus politischen Motiven heraus von tion und die Richtung der Entscheidung: <<Das Bauhaus wurde
rechts besonders gegen das Bauhaus gekämpft wird, so möchte gegründet seiner Zeit mit Hinblick auf den zu erricht11ll.den Dom
ich bemerken, daß dieser Gedanke der Kunst, die Vereinigung oder Kirche des Sozialismus, und die Werkstätten wurden nach
der Kugst mit dem Handwerk kein sozialistischer, sondern mehr Art der Dombauhütten eingerichtet. Der Gedanke an den Dom
ein kle~nbürgerlicher Gedanke ist. Trotzdem begrüßen wir ist vorläufig in den Hintergrund getreten und damit ganz be- ·
ihn.>>330 Wenn diese Konzeption von Gropius auch in ihrem ur- stimmte Gedanken künstlerischer Art. I-reute ist es so, daß wir
sprünglichen Ansatz nicht vereinfacht vorgestellt werden darf, bestenfalls an das Haus denken dürfen, vielleicht sogar nur
so erfaßte Tenner doch in ganzer Schärfe ein Entwicklungspro- denken dürfen, jedenfalls an das Haus einfachster Art. Vielleicht
blem, welches im Bauhaus selbst'reflektiert wurde. <<Nicht in die- ist angesichts der wirtschaftlichen Not unsere Aufgabe, Pioniere
sen kleinlichen V-erhältnissen wird sich die Kultur der Zukunft einer Einfachheit zu sein, das heißt für alles Lebensnotwendige
entwickeln, sondern in der Großindustrie, im Industrialismus, - die einfache Form zu finden, die dabei anständig und gediegen
und dort die Brobleme der Kunst mit den Problemen der Pro- ist.>>334 Diese schöne, das Denken und das Gefühl•tief erregende
duktion zu vereinigen, das wird vielleicht erst die ko~munisti- Bestimmung des Wesens funktionaler Gestaltung erscheint als
sche Ges"ellschaft bringen. Trotzdem wird für kleinbürgerliche eine Zurücknahme, obgleich sie in ihrer allgemeinen Gültigkeit
Ausdrucksformen auch noch Platz sein.»331 Aber für das Bau- ein gestaltkonzeptioneller Vorgriff auf die Zukunft ist. Das zeigt
haus wurde die Hinwendung zur Industrie, und zwar sofort: sich auch daran, wie das Motiv des Hauses hier einsetzt. Im
1922/1923, zu einer Existenzfrage. Wenn <<wir nicht <Taten> nach Bilde des Domes, welches, natürlich nicht als historische Kopie
außen hin zeigen und uns die <Industriellen> nicht zu gewinnen gemeint war, erwies sich die Zukunft. noch als in die Gestalt-
vermögen», schrieb Lyonel Feininger im Oktober 1922, <<dann weit der Vergangenheit gefaßt. Nicht der Dom des Sozialismus,
steht es sehr schlecht mit den ferneren Au~sichten auf Bestehen sondern das Haus im Sozialismus erweist sich als Aufgabe. Wir
des Bauhauses. Es muß auf Verdienst - auf Betrieb, auf Verviel- wollen diesen bedeutungsvollen Unterschied hier nicht verfolgen.
fältigung! gesteuert werden. Und das ist uns allen entgegen und Aber festzuhalten ist, wie die Orientierung auf die funktionale
dem Entwicklungsgang ein schweres Zuvorgreifen.1>332 Aber die Gestaltung ganz selbstbewußt aus der Verantwortung für das
neue Orientierung war schon gefaßt: «I see a new Gropi - ... >>313 Leben der werktätigen Menschen erwächst, nicht als spekulative
Zumindest für die Entwicklung des Bauhauses zeigt sich also, und sehnsüchtige Konstruktion von Gestaltungsprinzipien ge-
daß zwischen den proletarischen Revolutionen der li.lhre 1917 bildet und nicht durch das Prisma von Profitinteressen gebrochen
232 233
ist. In diesem Sinne ging das Bauhaus mit dem Volk und konnte sie an eine Neuordnung der Menschheit glauben.>>338 Hieran ist
so die ihm zuerst noch eigene Bindung an modernistische Kunst- vom Standpunkt der Empirie viel Wahrheit. Zweifellos, das
gewerblichkeit überwinden. <<Wir schnitzen am Bauhaus nicht in wurde zuvor bereits entwickelt, darf die Bedeutung der revolu-
Holz, nicht, wie Meister Hartwig meint, weil uns nichts einfällt, tionären Arbeiterbewegung für die Herausbildung des Funktio-
sondern weil unser Gewissen es uns verbietet ... >> 335 Erst durch .nalismus nicht in einer falschen Wichtigkeit begriffen werden.
diese Konkretisierung der im utopischen Entwurf gefaßten Be- Aber die programmatische und rigorose Entwicklung des Funk-
ziehung der Werkgemeinschaft der Gestalter zum Leben des tionalismus wurde nicht in Amerika, sondern in Europa erreicht,
Volkes waren die geistigen Werte vollständig bestimmt, die in und es ist für das Wirken seiner Akteure immer der Schub der
der Raumgestalt des Bauhauses in Dessau ausgedrückt sind. Die europäischen Revolutionen nachzuweisen. Erst hierdurch war
Beziehungen der Gemeinschaft sind nicht introvertiert, sondern die notwendige Idealität gegeben, gleich ob anarchistisch und
offen, es ist keine Vollendung suggeriert, sondern die Raumbe- subjektivistisch oder reformistisch und utopisch verklärt, um
dingung von Prozessen offenbart, die nicht das Ganze sind, son- diese Geburt der Gestaltwerte des Praktischen aus einer neuen
dern auf ein Ganzes hinzielen. Gestaltwelt der Kunst zu ermöglichen. Diese Objektivität der
In dem rigorosen Funktionalismus des Bauhauses ist der funktionalen G.estalt war nicht mehr im naturwüchsigen Sinne
tiefste Grund des politischen Widerstandes gegen seine Wirkung elementarisch, s~ndern Erscheinung der höchsten Disziplinierung
zu sehen. Selbstverständlich müssen die verschiedenen kritischen des Subjektiven. Diese <<Pioniere einer Einfachheit>> schufen
Reaktionen gegen das Bauhaus differenziert gewertet werden. nicht die Gestaltwerte einer neuen Askese, sondern ansetzend
Die tradierten sinnlichen Erwartungen und Rezeptionsfähigkei- solche eines neuen Genusses. Peter Gorsen hat das so gese-
ten waren zu einem I.:ernprozeß herausgefordert, und hier muß- hen: <<Es kann für eine hedonistische Perspektive gar kein
ten sich ver.schiedenartige Widerstände bilden. Ernst Bloch fand Zweifel darüber bestehen, ob heute dem Schmuckfetischismus
für die Werke der funktionalistischen Architektur die Bewertung der katholischen Kirche oder dem Schmuckpuritanismus der
<<Lichtkitsch».336 Auch Ilja Ehrenburgs Meinung über; die Archi- Aufklärungskirche der Vorrang gebührt. Vorstellbar ist aber
tektur des Bauhauses war nicht ermunternd. «Ich war in Dessau, ebenso immer eine historische . Entwicklung, die das Ver- ·
wo sich jetzt das Bauhaus befindet, eine Schule der modernen hältnis umkehrt und die ästhetische Askese, wie zu Zeiten
Kunst. Ein Haus aus Glas. Der Stil der Epoche ist gefunden: von Adolf Loos und des <Bauhauses>, als Reichtum erfah-
der Kult der nackten Vernunft. Die Wohnhäuser im Umkreis ren läßt.>> 339
sind genauso gebaut. Entsetzlich! Sie gleichen einander so sehr, Die Bedingungen dieser Umkehrung sind genau zu beschrei-
daß die Kinder sich verlaufen.»337 Aber die Beziehung zwischen ben. Der puristische Gegenstand bekundet innerhalb der bür-
der Arbeiterbewegung und der funktionalistischen Architektur gerlichen Verhältnisse eine Disziplinierung des konkreten, eine
und Gestaltung überhaupt war besonders in Deutschland sehr Mannigfaltigkeit umfasseQden Bedürfnisses im Interesse 1des ab-
eng. <<Es ist ein wunderliches Mißverständnis», schrieb Wal.ter strakten Reichtums. Dieser Gegenstand ist zum einen Vermitt-
Riezler als Vertreter des Deutschen Werkbundes, <<daß diese lung von Genuß, dessen Inhalt aber nicht gegenständlich kon-
neuen Bauformen heute bei uns auch parteipolitisch beurteilt kret, sondern abstrakt, Geld oder ansetzendes Kapital ist. Er
werden. Sie gelten als Ausdruck <bolschewistischer> Gesinnung b_elegt aber zugh,ich die bestimmte Armut, die im Wesen nicht in
und werden daher leidenschaftlich überall da bekämpft, wo der Entlastung· der Gegenständlichkeit, sondern im unentfal-
auch der <Marxismus> und alles, was damit zusammenhängt, be- teten Grade' des angeeigneten abstrakten Reichtums besteht. Die
fehdet wird. Diese Gegnerschaft ist kaum zu verstehen, es sei entlastete und so objektivierte praktische Gegenständlichkeit des
denn aus einer gewissen rückwärts gewendeten Romantik ... individuellen Gebrauchs ist innerhalb bürgerlicher Verhältnisse
Die Wurzeln der neuen Baukunst liegen in Holland und Ame- Ausdruck des Werdens von bürgerlichem Reichtum, aber nicht
rika, also in zwei Ländern, in denen der <Marxismus> noch kaum Erscheinung seiner Entfaltung.
sichtbar geworden ist. In Deutschland allerdings waren es zuerst Inne_rhalb kommunistischer Verhältnisse ist die Objektivität
im wesentlichen <Marxisten>, die die neuen Formen für ihre der Gestaltwerte der industriell erzeugten Gegenstände des
Zwecke benutzten, aber gerade so gut hätten auch die anderen praktischen Gebrauchs die dem gesellschaftlichen Charakter der
sich dieser Formen bedienen können, um zu manifestieren, daß kommunistischen Arbeit gemäße Erscheinung. Sie weist darauf,
2.34 2.35
\
daß diese Gegenständlichkeit durch die freie Assoziation der lige Konstellationen. Abec zugleich liegt hierin eine verpflich-
Individuen gesetzt ist, bezeugt allen Individuen ihre der klassen- tende Symbolik, die in unserer Praxis einzulösen ist.
relevanten Arbeitsteilung enthobene und damit entfaltete Sub- · J Die funktionale Gestaltung ist in ihrer·umfassenden Ausbil- ·
jektivität und ist eben hierdurch wesenhafte Gestalt ihres Reich- ~ dung ästhetische Vermittlung des gesellschaftlichen Charakters
tums. Weil das Kapital diese 'Subjektivität der gesellschaftlicli kommunistischer Arbeit. Die besondere Objektivität ihrer Ge-
gestaltenden Arbeit der Masse der Individuen verweigern muß, staltcharaktere reflektiert die gesellschaftliche Konstituierung
wenn es sich nicht· aufheben will, muß die Subjektivität in die der Produkte, sie ermöglicht so im Gegenstand ·die Bejahung
Gegenständlichkeit verlagert werden. Hinsichtlich der funktio- der freien Assoziation der Menschen und die Bestätigung ihrer
nalistischen Gestaltung bemerkte Karin Hirdina, daß es hier persönlichen Subjektivität zugleich. Denn es ist in der neuen Ge-
<<nicht primär um den Ausdruck individueller Subjektivität sellschaft die Assoziatioi;i, in welcher jedes Individuum die
[geht], sondern vor allem um Gestaltungen, die allgemeineren . eigene freie und solidarische Entfaltung hat. Der gründende
Charakter tragen, von vielen alltäglich und,komplex gebraucht Reichtum ist hier die Persönlichkeit selbst, sind die konkreten Fä-
werden und deshalb weitaus stärker kollektive und gesellschaft- higkeiten, Bedürfnisse und Bewährungen der Menschen, die Uni-
liche Subjektivität zeigen als individuelle Besonderung.»340 So versalität ihrer praktisch erfüllten gesellschaftlichen Beziehun-
sind indirekt zwei wichtige Gesichtspunkte berührt. Einmal wird gen. Die Gegenständlichkeit vermittelt die Beziehungen der
gefaßt, daß diese Desindividualisierung s_olcher Gegenständ- Menschen 2iueinander nicht mehr als Barriere, sie ist offen. Da-
lichkeit die individuelle Kreativität des Gestalters nicht nur vor- mit verliert sie ihr privateigentümliches Gewicht.
aussetzt, daß diese vielmehr in dem gesellschaftlichen Selbst- "
verständnis einbegriffen ist. Zugleich bildet die Entlastung der
Zusammenfassung: funktionale Gestaltung und Mode
Gegenständlichkeit von Signaturen der Individualität gegen-
über dem handwerklichen Gegenstand eine völlig neue Basis Die für die entwickelte Mode voraussetzende Bedeutung der
der Assoziativität der sinnlichen Wahrnehmung. Der handwerk- funktionalen Gestaltung wurde bereits betont. Die Beziehung
liche Gegenstand ist in seinen generativen Bedeutungen zum der Mode zu ihr ist einmal darin zu sehen, daß sie in ihrer Be-
Nutzer, wenn dieser nicht zugleich dessen Produzent ist, abge- wegung funktionale <<Gestaltkerne» umhüllt und auch selbständig
schlossen, weil er für eine Aktivität steht, von welcher der Nut- solche indirekt bildet. Zugleich muß beachtet werden, daß sich
zer durch die privateigen1iimliche Differenzierung abgegrenzt die Mode auch funktionale Gestaltwerte unterordnen kann. Die
ist. Das gilt in veränderter Form auch für·den Kapitalismus. Die Begriffe <<Mode>> und <<funktionale Gestalt>> haben ja einen un-
Atbeiter sind hier zwar die unmittelbaren Produzenten der ge- terschiedlichen Bezugspunkt. Mode ist die Verhältniseigenschaft
genständlichen Formen des Reichtums, aber die Gegenständlich- von Gegenständlichkeit, während die funktionale Gestalt selbst-
keit ist gesellschaftlich durch das Kapital gesetzt. Doch im In- verständlich nur als Gestalteigenschaft begriffen. werden ~nn.
teresse der Kapitalisten muß die vom Arbeiter angeeignete Ge- Beide Momente der Gegenständlichkeit können in unterschied-
genständlichkeit als seine Subjektivität erscheinen, und das kann lichen Beziehungen zueinander stehen. Die der Mode adäquaten
sie nur als subjektivierte, in welcher nun die gesellschaftliche Gestaltcharaktere wurden bereits allgemein bestimmt.· Aber das
Ohnmacht, das soziale Elend des Arbeiters ihm als Gestaltwert heißt nicht, daß sie sich nur durch sie bewegen kann. Prinzipiell
des Reichtums offeriert ist. Dem stept die funktionale Gestal- gilt, daß die Verhältniseigenschaft der Gegenständlichkeit
tung entgegen, weil sie phänomenale Gestaltcharaktere bildet, gegenüber ihrer Gestalteigenschaft bestimmend ist. Oarum
die allgemein und dauerhaft nur unter der Voraussetzung an- ist es unmöglich, durch gestaltkonzeptionelle Veränderungen den
derer gesellschaftlicher Verhältnisse funktionieren können. Verhältnischarakter von Gegenständlichkeit zu verändern. Aber
Diese Gestaltung steht also in einem wesenhafteren Bezug zu den es ist kein Zeugnis einer dialektischen Analyse dieser Beziehung,
Interessen der Arbeiterklasse als ihre partielle V erwert- wenn solchen gestalterischen Bemühungen im Kapitalismus
barkeit durch das Kapital sichtbar werden läßt. WeRn in Dessau darum mit Gleichgültigkeit begegnet wird. Sie sind auch nicht
mit Ausnahme des Oberbürgermeisters nur die Vertreter der nur· Aktivitäten, in denen sich lediglich guter Wille b.ekundet,
KPD in der Stadtverordnetenversammlung gegen die Schlie- sondern im Maße ihrer Entschiedenheit unterstützen und vel:"'
ßung des Bauhauses stimmten, wirkten hierbei sicher auch zufäl- stärken sie die Kraft der antiimperialistischen Bewegung. Zu-
236 237
'

gleich ist es interessant und näher z{i verfolgen, wie funktiona- der Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse vermittelt
listische Gestaltungen auch unter den Bedingungen des deutschen werden. <<Die jedesmalige Verteilung der Konsumtionsmittel ist
Hitlerfaschismus fortgesetzt wurden. In dem Aufsatz «Zuflucht nur Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen selbst;
im Industriebam> hatte Rudolf Lodders auf einen Aspekt dieses letztere Verteilung aber ist ein Charakter der· Produktionsweise
Problems hingewiesen. Er beschrieb das Bemühen von Architek.:. selbst.»342 Aus dieser Feststellung von Marx kann nun die falsche
ten, die sich nicht der faschistischen Architekturkonzeption unter- Schlußfolgerung abgeleitet werden, daß es sich eigentlich erüb-
ordnen wollten, Arbeit in ihrem Beruf zu finden. «In all dieser rigt, die Konsumtion als ,selbständigen Gegenstand gesellschafts-
Geschäftigkeit, angeekelt und verzweifelt zugleich, sannen wir theoretischer Arbeit zu begreifen. Das folgt der undialektischen
auf einen Ausweg. So begann ein wahres Nomadenleben, und Auffassung, daß eine abgeleitete Beziehung keine eigene Selb-
schließlich tauchten wir dort unter, wo Hitler ein Ventil gelas- ständigkeit hat. Hieraus würde sich dann in der Konsequenz er-
sen hatte: im Industriebau.>> 341 Nun ging es hierbei sicher nicht geben, daß auch keine selbständige Theorie des Staates erfordert
darum, ein Ventil offen zu lassen, denn die wichtigsten Vertreter ist. Es ist allerdings nicht so, daß die. Sphäre der Konsumtion
der modernen Architektur in Deutschland waren außer Landes. derart prinzipiell ignoriert wird, wie dieser Einstieg in das
Aber der Rückgriff auf den Klassizismus in der Architektur war Thema der Konsumtion es vermuten lassen könnte. Die Zuspit-
nur in den repräsentativen Bauten vorgeführt und jede gestal- zung zielt aber auf eine untergründige Tendenz, deren Ergeb-
terische Gängelei mußte dort aufhören, wo es alltäglich um die nisse in der theoretisch völlig unzureichend er"arbeiteten f>roble-
Sichemng und Mehrung des Profits ging. matik der Konsumtion negativ vorliegen. In <<Die deutsche Ideo-
Die hier vor~estellte Entgegensetzung von Mode und funk- logie>> wurde erwähnt, <<daß gerade die Ökonomen, die von det
tionaler Gestaltung erscheint vielleicht dµrch solche Hinweise Konsumtion ausgingen, reaktionär waren und das revolutionäre
wieder aufgehoben oder doch abgeschwächt. Das trifft zwar nicht Element in der Konkurrenz und großen Industrie ignoriert ha- •
das W es.en, aber es ist notwendig zu sehen, wie sich dieser Ge- bern>. 343 Die kapitalistische Produktion ist ja nicht auf den Ge-
gensatz bewegt· und entfaltet. Nur so können wir für unsere brauchswert und damit auf die Konsumtion, sondern auf den
eigene Praxis eine effektive Einstellung zu den Erscheinungen Mehrwert gerichtet, sie verselbständigte die Produktion gegen- ,/

gestalterischer Praxi,s in der hier gefaßten Ebene bilden. Und das über den konkreten Bedürfnissen, steigerte sie formell zur Pro-
gilt auch für unsere Konzeptionsbildung. Jede abstrakte Abwei- duktion um der Produktion willen und - auch das zeigte uns
sung der Mode ist nur deklarativ und ohnmächtig ..Die ihr ent- Marx - revolutionierte notwendig die Bedürfnisse selbst. Auch
gegengesetzte und für unsere gesellschaftlichen Ziele tragende im Sozialismus und im Kommunismus überhaupt ist die Kon-
Gestaltungskonzeption muß stets durch die schöpferische Aus- 1
sumtion nicht das eigentliche Ziel der Produktion. Dieses ist hier
einandersetzung mit den Gestaltformen der Mode konkretisiert nicht der Profit, sondern die Persönlichkeit. Aber damit wird
werden. Der Funktionalismus der zwanziger Jahre hat die In- die Konsumtion für diese Produktion in einer ganz anderen
halte der funktionalen Gestaltung nicht e'ndbestimmt. Weise wesentlich, als es für das Verhältnis des Kapitals gilt. Es
kann auch hier nicht darnm gehen, ökonomische Theorie in der
Begrifflichkeit der Konsumtion zu zentrieren, aber diese ver-
2. Individuelle Konsumtion im Sozialismus langt jetzt einen völlig neuen Stellenwert im System der allge-
meinen ökonomischen Theorie. Ein besonderer Beitrag zu den
Den Veränderungen der individuellen Konsumtionsweise ge- so aufgeworfenen Fragen ist hier nicht zu geben. Die kurzen
bührt bei der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialisti- Entwicklungen zur individuellen Konsumtion sind streng der
schen Gesellschaft und schließlich im Prozeß des allmählichen besonderen Zielstellung dieser Ar~it untergeordnet und führeti
Übergangs von der ersten zur zweiten Phase der kommunisti- folglich zu gestaltungskonzeptionellen Ansätzen zurück.'
schen Gesellschaftsformation besoridere Aufmerksamkeit, weil
die inqividuelle Konsumtion immer nachhaltiger auf die Be- Zum Begriff der individuellen Konsumtion
ziehungen der Produktion selbst zurückwirkt und ihr objektiv
erfordertes gesellschaftliches Niveau nur realisiert werden kann, Die Einheit von Produktion und Konsumtion ist für jede Pro-
wenn die Beziehungen der Konsumtion immer umfassender von duktionsweise spezifisch bestimmt. Diese Beziehung wird hier nur

238 2 39
als die von Prnduktion und individueller Konsumtion verfolgt. Die Konsumtion kann zunächst als praktischer Gebrauch ma-
Der allgemeine Begriff der Konsumtion erfaßt eine Mannigfal- terieller Lebensbedingungen der Menschen aufgefaßt werden.
tigkeit von Aktivitäten und Beziehungen, die nicht in jeder indi- Die hier näher verfolgte individue1le Konsumtion umfaßt das
viduellen Konsunitionstätigkeit realisiert sein müssen. Das gilt bezeichnete V erhalten der Menschen außerhalb der Sphäre der
analog zur allgemeinen I;)efinierung des Arbeitsbegriffes. Die Produktion. Es ist sinnvoll, zwischen Konsumtion und Rezep-
gesellschaftliche Arbeitsteilung partikuliert die Mannigfaltigkeit t1on zu unterscheiden. Kunstwerke etwa werden nicht konsu-
der Bestimmungeµ der Arbeit durch die klassenspezifische Dif- miert, sondern rezipiert. Konsumtion ist auf ihre Gegenständ-
..ferenzierung der Individuen. Der allgemeine Begriff ist damit · lichkeit hin immer abnutzend oder verbrauchend. Aber in der
zugleich die wesentlichste Best_imrriung menschlicher UniversaH- Bestimmung der Konsumtion ist der Verbrauch nur eine Funk-
tät und damit ein kritischer Begriff in seinem analytischen Be- tion des Gebrauchs und. keine neben ihm. Das Maß det Kon-
zug auf Verhältnisse, in denen das gesellschaftliche Universum sumtion ist immer durch das des Gebrauchs und nicht durch das
durch partikulierte Individuen konstituiert ist. Der theoretisch des Verbrauchs bestimmt. Die erscheinende Gleichrangigkeit
tiefste Empirismus erweist sich so immer als die qualifizierteste des Verbrauchs neben dem Gebrauch ideologisiert, wenn sie be-
Apologie dieser Verhältnisse. Wir haben bereits verfolgt, wie grifflich fixiert wird, verborgen Beziehungen der kapitalistischen
das Verhältnis des Kapitals konsumprovozierend und konsum- Produktionsweise, weil für das Kapital nicht der Gebrauch, son-
reduzierend zugleich wirkt, daß für das Kapital die Kons'üm- dern der Verbrauch individueller Lebensbedingungen durch die
verheißung ein bloßes Mittel ist, den Profit zu realisieren, und Individuen interessant ist. So ist es kapitalistischen Verkäufem
es sofort dahin strebt, die von den Individuen angeeigneten Le- von Elektroenergie vollständig gleichgültig, ob deren individuel-
bensbedingungen in besonderer Weise zu enteignen. Die dein Ka- len Abnehmer durch den Gebrauch dieser Energie konsumtiv
' pital wesenhafte Beziehung zum individuellen gegenständlichen das· Niveau ihrer Lebensbedingungen reproduzieren oder auch
Reichtum ist inkonsumtiv. Es konnte selbstverständlich nicht aus- erhöhen oder einen vorwiegend gleichgültigen und vergeuden-
bleiben, daß die ideologischen Funktionäre des Kapitals auch den Verbrauch derselben ausbilden. Aus diesem Grunde ist auch
den Schein der Konsumtivifät als Wirklichkeit suggerieren wür- hinsichtlich der kapitalistischen Gesellschaft das von Lehmann
den. Der konzentrierte Ausdruck hierfür ist der Begriff <<Kon- eingesetzte Beispiel des Verzehrs in einer das Wesen dieser ge-
sumgesellschaft>• selbst. Es ist nun sehr aufschlußreich zu ver- sellscha~lichen Verhältnisse verzeichnenden Weise idealisierend.
foJgen, wie die zuerst kritische und _ironisierende Aufnahme die- Der Bewegungsraum, den das Kapital sich im Verhalten der In-
ses Begriffs in unseren Spnichgebrauch durch eine dessen Inhalte dividuen erzwingen muß, ist durch kons1,1mtiven Gebrauch al-
als objektiv fassende abgelöst wurde. So wird beteuert, daß wir, lein - und das ist ja der Verzehr, auch wenn er Fettleibigkeit
• der Sozialismus, weder den Standpunkt des A.sketismus vertre- bewirkt - nicht zu realisieren. Aus diesem Grunde muß eben
ten noch eine Konsumgesellschaft sind. Beides trifft zu, letztes der Verbrauch gegenübei: clem Gebrauch verselbständigt wer-
in besonders eindeutiger Weise, weil· der Begriff der Konsum- den. Dieses ist die Vefgeuc.'lung. Wir haben in ihr bereits die
gesellschaft die gleiche Erkenntniswertigkeit hat wie etwa der eigentliche Gestalt des entfalteten bürgerlichen Genusses ·kon-
der Natur- oder der Himmelsgesellschaft. Günter K. Lehmann kreter Gegenständlichkeit erkannt. Das gesellschaftliche Ver-
forderte, «die Qualität der Konsumgüter zielstrebig z_u erhö- hältnis des Kapitals erzwingt ein tendenziell inkonsumtives
hem•. 344 Diese Forderung erläuterte er so: <<Es geht hierbei eigent- Verhalten der Individuen zu ihren materiellen Lebensbedingun-
lich nicht um den Konsum, auch nicht um eine.n <sozialistischen> gen. Das Motiv der Konsumtion enthält eine antikapitalistische
Konsum; denn Konsum bedeutet in der imperialistischen Kon- Tendenz. ·
sumgesellschaft nur Verzehr, der eine, Bedarfslücke auf dem Aber die ansetzende Bestimmung des Begriffs der Konsum-
.Markt schafft, die durch neue Waren geschlossen werden tion als praktischen Gebrauch materieller Lebensbedingungen
muß.»345 Die Argumentation ist außerordentlich unschlüssig und ist besonders für die konkrete Auffassung der individuellen
zeigt gerade hierdurch die ideologische V erklemmtheit gegen- Konsumtiön unzureichend. Auch die individuelle Konsumtion
über den Fragen der Konsumtion. Es gibt nun tatsächlich eine ist Produktion. Marx begründete das so: <<Das Individuum pro-
sozialistische Konsumtion, aber es gibt keine imperialistische duziert einen Gegenstand und kehrt durch dessen Konsumtion
Konsumgesellschaft. wieder in sich zurück, aber als produktives Individuum, und
240 16 Kühne, Gegensta"d 241
sich selbst reproduzierendes. Die Konsumtion erscheint so als genständlichkeit beschränkt. Die Funktion des Eigentums ist
Moment der Produktion.»346 Die Produktion ist das eindeutig vom konsumtiven V erhalten abgeschieden. Für die Proletarier
bestimmende Moment in dieser Beziehung. <<Nicht nur der Ge„ ist diese Konsumtion zw~r auch eine Art Rückkehr, das über-
genstand der Konsumtion, sondern auch die Weise der Kon- gehen von einer Ebene des sozialen Elends in eine andere. Diese
sumtion wird . . . durch die Produktion produziert, nicht nur Desubjektivierung des konsumtiven Verhaltens verlangt nun
objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft also eine konsumtive Gegenständlichkeit, in welcher selbst die Sub-
den Konsumenten.>>347 Aber zugleich ist die «Konsumtion als jektivität erscheint. «In der bürgerlichen Gesellschaft ist das
Notdurft, als Bedürfnis ... selbst ein innres Moment der pro- Kapital selbständig und persönlich, während das tätige Indivi-
duktiven 'l;'ätigkeit».348 In der größten Allgemeinheit betrachtet, duum unselbständig und unpersönlich ist.>>352
ergibt sich zugleich, daß die Konsumtion <<nicht nur der ab- Die Verwirklichung der Konsumtion als inc;lividuelle Sub-
schli~ssende Akt [ist], wodurch das Produkt Produkt, sondern jektivität ist also eine Aufgabe. Sie zu erreichen heißt nicht,
auch, wodurch der Produzent Produzent wird». 349 Nun hat Mai;x die Menschen in robinsoneske Inselbewohner zu verwandeln,
die empirische Gültigkeit dieser allgemeinen Bestimmung des sondern verlangt zuerst die gesellschaftliche Durchsetzung der
Charakters der Konsumtion selbst denunziert. Welches «Indivi- Allgemeinheit der Arbeit und die Aufhebung der klassenspezi-
duum produziert einen Gegenstand und kehrt durch dessen fischen Arbeitsteilung. Es ist nicht mehr der individuell erzeugte,
Konsumtion wieder in sich zurück»? «In der Gesellschaft aber sondern der durch die Assoziation gesetzte und gesellschaftlich
ist die Beziehung des Produzenten auf das Produkt, sobald es erzeugte Gegenstand, der durch die individuelle Konsumtion
fertig ist, eine äußerliche und die Rückkehr desselben zu dem subjektiv bemessen wird. Die entfaltete konsumtive Subjektivi-
Subjekt hängt ab von seinen Beziehungen zu andren Indivi- tät der Indiv_iduen_ist nur als gesellschaftliche/ Aktivität in der
duen.>>350 Diese Vermittlung des Subjekts durch die Gegenständ- Sphäre der Öffentlichkeit herzustellen. Die totale Aneignung
lichkeit, die Marx mit dem provozierenden Motiv der Rückkehr von Gegenständlichkeit durch das Individuum bezieht es so
bedachte, kann sich selbstverständlich individuell nur für ein notweßdig subjektiv auf die Gesellschaft. Es ist nicht so, daß
produzierendes Individuum vollziehen. Denn dei; Ausgangs- jedes Individuum diese Aktivität an jedem Gegenstande aus·
punkt war: «Das Individuum produziert einen Gegenstand ...» bildet, aber es sieht jeden Gegenstand schon in seiner Erschei-
So Herr Robinson auf der Insel. Er jagte, sammelte,_Früchte nung für sich geöffnet und bejaht ihn derart als seinen. Die
und bereitete sich dann Nahrung. Wir sehen ganz deutilch, wie subjektiv entfaltete Konsumtion weist also zwingend auf die
sich für ihn dann in deren Verzehr seine Produktion und er materielle Produktion zurück, wenn die Bewegung der Produkt-
selbst sich als Produzent vollenden. Und während er speist, ist welt ihrer naturwüchsigen Form, die das Kapital im Grunde
er auch geistig auf sein produktives Dasein bezogen: die sich nicht aufhebt, sondern auf erhöhtem Niveau reproduziert, ent-
in der Konsumtion erfüllende Arbeit bestätigend und kritisie- hoben und zum Ergebnis der gesellschaftlich gestaltenden
rend und zugleich künftige Arbeit gegenständlich antizipierend. Aktivität der Menschen geworden ist.
Als Kriterium der Produktion ist die Konsumtion notwendig
subjektive Bestimmungs-, ideelle Produktionsform der Produk-
tion. <<Wenn es klar ist, daß die Produktion den Gegenstand Individuelle Konsumtiqn und Persönlichkeit
der Konsumtion äußerlich darbietet, so ist daher eberiso klar, - Im Sozialismus ist die grundlegende Sphäre der Persönlich-
daß die Konsumtion den Gegenstand der Produktion ideal setzt, keitsentwicklung die Arbeit. Das gilt für die gesamte kommu-
als innerliches Bild, als Bedürfnis, als Trieb und als Zweck. nistische Gesellschaftsformation, weil die Arbeit die wesent-
Sie schafft die Gegenstände der Produktion in noch subjektiver lichste Vermittlung solidarischer Beziehungen der Individuen
Form.>>351 Und jetzt wird sichtbar, daß die klassenrelevante Ar- als welthistorischer ist. Hierin begreift sich für die sozialistischen
beitsteilung für die Individuen die Funktionalität der Ko