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Lothar Kühne
f Haus und Landschaft
Aufsät~

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, VEB Verlag der Kunst Dresden


Chrhta, meiner lieben Frau, gewidmet
Inhalt

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Vorw9rt 7
Haus und Landschaft
r• Zu einem Umriß der kommunistischen Kultur
des gesellschaftlichen Raumes 9
Ornament - <<Poesie der 'Erinnerung>> und Ästhetik
kommunistischer Praxis 47
Tod und Auferstehung des Ornaments 47
Differenziertheit der ästhetischen Kultur
oder Gesamtkunstwerk 60
Zum Begriff und zur Methode der ETforschung
der Lebensweise
Ansätze zur Bestimmung der J;unktion
der marxistisch-leninistischen Kulturtheorie 87
Lebensweise und Lebensbedingungen 91
Lebensweise, Lebensniveau und Bedürfnis 101
<<Lebensweise>> als typologischer und als
soziologischer Begriff 108
Gesellschaftliche Verhältnisse, Lebensbedingungen
und Leben_sweise 119
Kritische Revue
Anmerkungen in drei Abschnitten zu Ästhetik-heute 147
Das Ästhetische und der Grundwiderspruch
des ästhetischen Verhältnisses 149
Ornament und Stadt 152
Die Kunst 158
Räumliche Organisation des menschlichen Lebensprozesses
und Gegesntandsfunktionen 167
-Funktionalismus als zukunftsorientierte
Gestaltungskonzeption 178
© VEB Verlag der Kunst Dresden 1985 Über Postmodernismus 187
I""'
tu,- Dl1~u11lon Ohcr Gef{enstand und Raum
.,,,.,.,,,,,,H CH Marx: Gestaltungen des Reichtums
200
,Vorwort
223
IOrttrllchtr und kommunistischer Reichtum 224
A1kt11 od,r licnuß 232
lflhlull
,,.,,,,,,,,,,.,,1.i,. 2 37

241
1',,111H,11rt11tJ,1·/dr 242

Die hier vorgestellten Aufsätze wurden zwischen 1974 und 1983


geschrieben. Sie sind nach der Folge ihres Entstehens geordnet,
aber nur eine Auswahl von Arbeiten, die ich in diesen Jahren
für Zeitschriften verfaßt habe.
Diese Zusammenstellung von selbständigen Texten ist kein
Ersatz für eine geschlossene theoretische Abhandlung, auf wel-
che der Autor großmütig verzichtet, weil ihm die Lust oder die
Gelegenheit zu solchem Unterfangen fehlt. Es gibt zwischen den
Beiträgen dieses Bandes thematische Brüche, und sie sind durch
die Sprache und die Art der Argumentation auch sehr unterschied-
lich subjektiv gestimmt, lassen partikuläre persönliche Situatio-
nen und polemische Konfrontationen, die nicht festgeschrieben
werden sollen, durchaus erkennen. Wesenhaft gehören sie damit
in die Zeitschriften, für die sie geschrieben wurden. Die Ver-
öffentlichung dieser Aufsätze jetzt beruht auf der Hoffnung, daß
dieses Heterogene ihres Zusammenhanges ein sie verbindendes
Streben, eine besondere Weise, Gedanken entwickelnd zu be-
haupten, ausdrücken kann und daß darum diese Bün1elung von
Aufsätzen Interesse finden wird. Solche Veröffentlichung eigener
Arbeiten ist selbstverständlich ein Bekenntnis des Autors zu ih-
nen. Es ist gesetzt nicht in dem doktrinären Sinne des Recht-
habens in allem, sondern in der Meinung, daß derart Haltungen
und Gehalte bezeugt sind, die es wert sind, über den Augenblick
hinaus im Sozialismus, für den Sozialismus zu wirken. Es ist
ein Bekenntnis, das Phantasie und ihre geistige Disziplinierung
auf gute Möglichkeit hin herausfordern soll und das auch als
Herausforderµng zur Kritik verstanden werden kann.
Der Aufsatz Haus und Landschaft ist für diesen Band leit-
motivisch hervorgehoben, weil die dort skizzierten raumkonzep-
tionellen Kernmotive in einigen dieser Aufsätze mit reflektiert
werden und für jeden von ihnen denkwürdig sind. Letztes gilt
zugleich für die Auffassung des von mir nach einigem Zöger!)
aufgenommenen Ausdrucks «Funktionalismµs>>. Funktionalis-
7
fflUI llt durch Traditionen nur ansetzend bestimmt, aktuell erst
cl111ch cl1ona1 Sinnwollen, in Entwürfen und Gestaltverwirkli- Haus und Landschaft
lhun„n, die IWf fortschrittlichem gesellschaftsstrategischem Zu einem Umriß
Punktlon1vcmindnis beruhen. der kommunistischen ~ulttur des gesells,chaftlichen Raumes
Die Verbindung der Begriffe <<Haus>> und <<Landschaft» durch
•und• l1t 1ehnsuchterfüllt. Freudig habe ich vor kurzem gefun-
tlon, d11ß 1lc in ähnlicher Form - hinschwingend zum Begriff der
llelmat - bei Rainer Maria Rilke und in gleicher Form bei Bruno
T1rnt 1tcht. Das Thema <<Haus und Landschaft>> ist geschichtlich
tief gegrQndet. Seine ungebrochene praktische Ge·genwart für
die Menschen ist noch einzulösen oder es wird weiter durch küm-
merliche Kreationen eingelöst, welche die nicht zu überbauende Mit der Verwirklichung der entwickelten sozialistischen Gesell-
Mächtigkeit universeller Raumansprüche zwar bestätigen und schaft gewinnt die fortschreitend dem Wesen des Kommunismus
Joch die Potenzen ihrer Erfüllung oft privatistisch verkehren. entsprechende Gestaltung der Lebensbedingungen der Menschen
Meine Absicht war nicht, neue Kategorien· zu bilden, sondern für die Veränderung ihrer Lebensweise unmittelbar dringliche
die emanzipativen Dimensionen, uns'überkommener auszuloten. Bedeutung. Die räumliche Umwelt als das grundlegende Mo~
Daß Bauen jemals bloß durch ein Modell des Hauses orien·- ment der materiellen Lebensbedingungen ist für die Menschen
tiert sein wird, habe ich nie vermutet. Die Begriffe <<Haus» un~ nicht einfach durch die Natur an sich gesetzt, sondern in Natur
<<Landschafo> sollen vor idyllischer Verklärung bewahrt und objektiviertes gesellschaftliches Verhältnis. Sie ist· nicht nur
nicht zu Elementen einer raumtheoretischen Gebetmühle abge- die Grundlage und die passive Vermittl'ung der gesellschaftli-
stumpft werden. In provozierender und erhellender Verkürzung chen Lebensweise der Menschen, sondern ein wesentlicher•Fak-
des Gedankens notierte Reiner Müller die Einsicht, daß in der tor ihrer Formierung. In den uns überkommenen gesellschaftlich
Zeit des Verrats die Landschaften schön sind. Heimat und Land- relevanten Strukturen der Umwelt sind Strukturen gesellschaft-
schaft als Vermittlungen der Einfühlung in das Bornierte, der licher Lebensweise eingeprägt und so verfestigt. Obgleich durch
idealischen Abfindung mit Versagungen oder als Ästhetisierun- gesellschaftliche Interessen in der Praxis gesetzt, erscheint dem
gen des Verbrechens seien gewußt und unvergessen. Aber es gibt
naiven Auffassen dk Umwelt und ihre Bewegung ~her durch
eine anqere H<:imat und eine andere; Landschaft. Mögen die Le- einen natur- als durch einen sozialgeschichtlichen Zusammen-
ser meine geäußerten Gedanken besonders hierzu streng prüfen. hang bestimmt. So ist zu erklären, daß sich das Kapitel zum
Ich habe es wiederholt getan. Dieser Band, für dessen Erscheinen Subjekt der Milderung oder Überwindung der Umweltkrise durch
ich dem VEB Verlag der•Kunst und seinem Cheflektor, Erhard den Umweltschutz deklarieren kann, obgleich die destruierte,
Frommhold, danke, spricht die eigene Entscheidung in dieser sich dem Leben versagende Umwelt seine eigene Form ist. Die
Frage aus. Von anderem will ich so nicht ablenken.
Funktionierung der Produktivkräfte in Destruktivkräfte des Le-
bens der Menschen ist kein Resultat ihrer natürlichen Grundla-
Berlin-Grünau, Januar 198 5 Lothar Kühne gen und der technischen Aktualisierung ihrer Potenzen, sondern
der kapitalistischen gesellschaftlichen Form ihrer Bewegung. Das
Mysterium der Umweltkrise ist in dem von Marx entdeckten Ge-
setz der gesellschaftlichen Produktionsweise enthüllt. 1845/46, in
der Schrift Die deutsche Ideologie, war das so gesagt: «In der
Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher
" Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden,
welche unt~r den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrich-
ten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruk-
tionskräfte ... >> 1 Die Denunziation des Scheins der Naturwüch-
sigkeit der Bewegung der Umwelt und die Erhellung ihrer ge-·

9
lth1n Orundln~cn in Interessen ist für uns in dreifacher duzieren, als auch damit, wie sie produzieren.>>2 Dem Gerede
1llh1ht b11nndtrN notwendig. Sie weist auf ein Grundmotiv des von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Gerechtigkeit der Ver-
... lfflltfN•llathch~n Knmpfcs, das wachsende Bedeutung ge- treter der II. Internationale gegen die junge Sowjetmacht stellte
„11111, 111 Wtl•t 11uf die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Lenin das Grundpri'nzip kommunistischer Befreiung auf der
ltltllllUftl dtr lJ111wclt durch den Sozialismus. Und sie öffnet Grundlage der·crrungenen politischen Herrschaft der Arbeiter-
tfflllftlft ltlh1k filr die kommunistischen Perspektiven unserer Ar- klasse und der vollzogenen sozialökonomischen Veränderung
~tlt, entgegen. «Die <Formeln> des echten Kommunismus unterschei-
· Uh1 der Lebensweise hat gegenüber ihrem räum-
lil'WC'l(IIII~ den sich von der schwülstigen, raffinierten, feierlichen Phrasen-
ll1h1111 lh•1ll111(1111gssystcm einen bestimmten Spielraum, sie ist drescherei der Kautsky, der Menschewiki und Sozialrevolutio-
dUr\!h 111,·NrN nicht mechanisch festgelegt. Aber ein bestimmtes näre samt ihrer lieben Berner <Brüdern> gerade dadurch, daß sie
Midi lNI dt·r qualitativen Veränderung der Lebensweise auch alles auf die Arbeitsbedingungen zurückführen.» 3 Und Lenin
1lurl'l1 dir vorherrschenden materiellen Bedingungen als Grenze hat im gleichen Zusammenhang in der Frage der Gleichberech- "
,i11u11:,1, Ehen aus diesem Grunde tritt nach der Durchsetzung tigung und Befreiung der Frau deutlich werden lassen, daß der
,Ir,· -111.inlistischcn Produktionsverhältnisse die Aufgabe der V er- hier bestimmte Grundsatz nicht nur für die Arbeitsbedingungen,
ltn1krung der materiellen Lebensbedingungen, hierin insbeson- sondern für die Gesamtheit der Lebensbedingungen der Men-
drrt· 1kr Arbeitsbedingungen, in das Zentrum sozialistischer Po- schen gilt. Indem die revolutionäre Klasse die objektiven Be-
llti k. Das bestimmende gesellschaftliche Subjekt und der primäre dingungen der Verwirklichung des Inhalts, der Ziele, Ideale
lntl'resscnt dieser Umwälzung der Lebensbedingungen von sol- ihrer Bewegung allseitig geschichtlich herausarbeitet, setzt sie
dll'll, welche die Individuen beherrschen und knechten, zu Bedin- diesen Inhalt selbst erst als objektiven. Ihr Kampf gegen das
gungen ihres freien Lebens ist die Arbeiterklasse. In den vom dem revolutionären Inhalt äußerlich Entgegenstehende ist zu-
Kapitalismus überkommenen, dem Proletariat spezifischen räum- gleich die Überwindung des diesem Inhalt in ihr selbst Entge-
lichen und gegenständlichen Lebensbedingungen findet es keinen genstehenden. Die Entwicklun·g der sozialistischen Lebenswei-
Ansatz zur Idealisierung der persönlicher Subjektivität entfre111- se hat die politische Führung und ideologische Erziehung des
dcten äußeren Formen des Lebens. Während das kleinbürgerliche ganzen Volkes durch die Arbeiterklasse zur Voraussetzung, aber
Bewußtsein bei seiner Annäherung an den Sozialismus die Eman- ihre Grundlage ist die fortschreitende Veränderung der mate-
zipation in einer im bürgerlichen Inhalt begriffenen intellektuel- riellen Lebensbedingungen in einer dem Sozialismus gemäßen
len Freiheit und kunstkulturellen Verwirklichung sieht, darin Weise. Hierin finden die politische Führung und die ideologi-
seine Befangenheit im Arbeitsteiligen und seine einheimelnde sche Erziehung selbst ihr objektives Kriterium. Dieser in der
Abfindung mit den materiellen Voraussetzungen des Lebens be- dialektisch-materialistischen Weltanschauung und Methode des
kundend, drängt die Arbeiterklasse durch ihre marxistisch-le- Marxismus-Leninismus begründete Ausgangspunkt sozialisti-
ninistischen Parteien gerade auf die Umwälzung der Bedingun- scher Politik bestimmt auch die vom VIII. Parteitag der SED
gen der Arbeit und des Lebens überhaupt. Wissenschaft und beschlossene strategische Konzeption der Gestaltung der ent-
Kunst werden durch sie zuerst als Organe dieser Umwälzung wickelten sozialistischen Gesellschaft in der DDR.
verstanden und entwickelt. Die Arbeiterklasse braucht keine , Mit der allseitigen Durchsetzung des Sozialismus tritt die Auf-
neue kulturelle Garnitur für eine ihrer Struktur nach alte Lebens- gabe der Herausbildung einer neuen Lebensweise notwendig in
weise, sondern drängt auf die Herausbildung der Kultur der den Mittelpunkt sozialistischer Politik. Die Größe dieser Auf-
neuen Lebensweise. Ihre Mitte ist die neue Art der Arbeit. Die gabe und die Wege zu ihrer Lösung bewußt werden zu lassen,
<<Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu be- ist ein notwendiger Beitrag, den die marxistisch-kninistischen
trachten, daß sie die Reproduktion der physischen Existenz der Gesellschaftswissenschaften bei der weiteren Herausbildung der
Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine bestimmte Art der sozialistischen Lebensweise leisten müssen. Die Entwicklung
Tätigkeit dieser Individuen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu des Bewußtseins von der Tiefe der zu bewirkenden Verände-
äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben. Wie die Indi- rungen in der Lebensweise der Menschen findet besonders in
viduen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt al- der naturistischen Auffassung der räumlichen U mweltbedingun-
so zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie pro- gcn, die sich in dem häufigen nicht problematisierten Gebrauch
10 II
;; 't',.

i11ll1 wla «Umweltschutz>• nicht einzig, wenn auch be- Sozialismus ausgesprochen. Denn der Sozialismus ist noch nicht
f1t1I 1111,ce, c:lnc:n ideellen Widerstand. «Die Tradition die. vollständig vollzogene .positive AufheJmng des Privateigen-
. ..., 011chlechtcr lnstet wie ein Alp auf dem Gehirne der tums, vielmehr ist er eben der diese Aufhebung abschließende
_ _lldtn,t4 Aber die hierin beruhende Macht der Gewohnheit Prozeß. Und hierbei müssen gesellschaftliche Beziehungen der
'1ft ~ltlu nur eine pNychische, sondern auch eine räumliche und Bürgerlichkeit durch die sozialistische Politik selbst als Vermitt-
•1t111tlndllc:hc: Vcrharrungskraft, eben das Widerstehen des lungen der Aufhebung des Privateigentümlichen durch das Kom-
Ut1tn1t1rndr• und seiner räumlichen Umstruktur gegen gesell- munistische wirksam werden. So ~ind Warenproduktion und
111h11ftlld!c Vt•rlinucrung. <<Das Privateigentum», schrieb Marx in Geldbeziehungen unter der Voraussetzung konsequenter sozia-
dtn Mt1„1u!t.riptt!n, <<hat uns so dumm u_nd einseitig gemacht, daß listischer Politik und vollzogener sozialistischer Umgestaltung
tln (lC!,CC:flNtnnd erst der unsrige ist, wenn wir ihn haben ... »n der ökonomischen Basis der Gesellschaft den neuen, ihrem We-
1)1n krltiNchcn Begriff <<Sinn des Habens» konkretisierte Marx sen nach kommunistischen Produktionsverhältnissen untergeord-
,1111111 dnhin, daß die Borniertheit und Entfremdung nicht im net und zu Vermittlungen der Entwicklung des Sozialismus
Jlnhtm, Rondcrn in seiner privateigentümlichen Form besteht.
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,Jf So 'wird Stirner vorgeworfen, daß er «das <Haben> als Privat-
c:l,cc:nHimcr mit dem <Haben> überhaupt>> identifiziert. 6 Für uns'
selbst geworden. Aber damit haben sie nicht ihre objektive ei-
gengesetzliche ökonomische Bestimmtheit verloren, die dem
Kommunismrus entgegengesetzt ist. Unter diesen gesellschaftli-
Nind hieraus zwei Fragen ableitbar, die unmittelbare Bedeutung chen Bedingungen wird das klare Erfassen der kommunistischen
, ,
fUr die praktische gesellschaftliche Arbeit bei der weiteren Ge-
Htnltung des Sozialismus haben. Sind wir von der privateigen-
Ideale der Arbeiterklasse, die im Marxismus-Leninismus umfas-
send dargelegt und theoretisch begründet sind, zu einer notwen-
tümlichcn Dummheit zur kommunistischen Weisheit umfassend digen Gestaltungsbedingung des entwickelten Sozialismus. Denn
schon dadurch gelangt, daß wir die Kapitalisten, die fanatischen die entwickelte s.ozialistische Gesellschaft ist ja auch zugleich die
Funktionäre des Privateigentums, überwunden haben? Und die Stufe der geschichtlichen Entfaltung des Sozialismus, durch die
zweite Frage ist die nach dem Unterschied dieser beiden Arten er in die zweite, höhere Form der kommunistischen Gesellschafts-
des Habens, der bürgerlichen, privateigentümlichen, und der formation übergeht. Die letzte Figur der Mächte der V ergangeri-
kommunistischen. heit ist ihre Erscheinung als Theoretiker der Zukunft. Wo eine
Wir müssen stets beachten, daß die durch das Privateigentum Negation objektiv erfordert ist, wird Prothetik geboten, die ihre
geprägten Sinne und Begierden nicht einfach mit der Beseitigung Akribie im Detail zu beweisen sucht. Zukunft erweist sich so als
des Kapitalismus überwunden sind. Bestimmte vom Privat- die ideale Verlängerung der Gegenwart." Und darin hat die Ver-
eigentum erzeugte Momente der gesellschaftlichen Psy~he muß gangenheit Macht über die Lebenden.
die herrschende Arbeiterklasse sogar ausnutzen, um die nötige Das in der Weltanschauung der Arbeiterklasse entwickelte
gesellschaftliche Energie für die Schaffung der materiellen Be- Ideal kommunistischen Lebens wird im Maße der weiteren Ent-
dingungen des vollständigen Übergangs zum Kommunismus frei- wicklung der Produktivkräfte zu einer Bedingung ihrer huma-
zusetzen. Das ist sicher ein komplizierter Prozeß, in dem auch nistischen Wirkung. Die theoretische Reflexion eines <<Zukunft-
bestimmte Seiten der gewonnenen gesellschaftlichen Produkti- schocks>>9 spiegelt das Grunderlebnis einer Gesellschaft, die aus
vität entgegen ihrer Möglichkeit verkehrt werden können. Der den Interessenzwängen der herrschenden Klasse kein solches
Marxismus-Leninismus begreift die kommunistische Aufhebung Ideal zu,setzen vermag, deren Futurologie die fehlende Perspek-
des Privateigentums dialektisch, als <<positive Aufhebung des tive nicht ersetzen, sonqern im günstigen Falle ihr Fehlen nur
Privateigentums>>,7 welche_r der rohe Kommunismus des Neides verdecken kann. Die Anziehungskraft des Marxismus-Leninismus
entgegensteht. «Der allgemeine und als Macht sich konstituie- auf alles zukunftsoffene Denken in unserer Zeit ist nicht zuletzt
rende Neid ist die versteckte Form, in welcher die Hab.sucht sich dadurch bewirkt, daß in ihm dieses Ideal als kommunistisches
• herstellt und nur auf eine andre Weise sich befriedigt. Der Ge- Menschenbild und begründete neue Lebensweise enthalten ist,
danke jeäes Privateigentums als. eines solchen ist wenigstens nicht als pedantischt; Auspinselung von Einzelheiten, nicht als
gegen das reichere Privateigentum als Neid und Nivellierungs- Enthebung von eigener Anstrengung des Kopfes und eigenem
sucht gekehrt ... >> 8 So sind bereits früh im Marxismus wichtige Entscheiden, sondern als Aufdeckung der Grundstrukturen die-
Einsichten für die Analyse ultralinker Reaktionsweisen auf den ser Zukunft aus den Gesetzmäßigkeiten der g~~ellschaftlichen
I2
13
lt1twllklun1 und Ah die Verwirklichung von Interessen. Ge- programm des gesellschaftlichen Lebens nur als Ausweitung und
lNftftt von dtm kommunistischen Menschenbild und seiner Ver- Perfektionierung des dem Sozialismus gemäßen Raumpro-
wlrltllchun1 In der rcvol utionären Praxis erscheinen die Ergebnis- gramms begriffen wird. In der gesellschaftspolitischen Konzep-
" dir Wluen1cl11tft und der Produktion immer stärker als dem tion der SED nimmt das Wohnungsbauprogramm einen bestim-
Mtntcllfll Widerwärtiges. Die Menschen haben es nicht nur so menden Platz ein. 11 Es ist klargestellt, daß die Architektur eine
WIii •br11d1t, d11ß sie über die Mittel verfügen, sich als Mensch- der grundlegenden materiellen Lebensbedingungen ist und daß
h,lt ll!U vrrnkhtcn, sie gewinnen durch die Genetik nicht nur die ihre großen ästhetischen und ideologischen Wirkungsdimensio-
Mhttl, •Ich hiologisch umzubauen, sie können sich auch als Men- nen gedanklich und schließlich auch praktisch nicht dahin ver-
l~llt llhc:rflüssig machen, ohne aufzuhören, anwesend zu sein. kehrt werden dürfen, daß Bildwerk und Plastik die architekto-
l>11U der Mensch ein schöpferisches Wesen ist, schließt ein, daß_ nische Leistung und Wirkung ersetzen oder daß die Bauwerke
er 1111di technische Systeme produzieren kann, die ihn nicht in selbst zu Bildern und Nachbildungen nichtarchitektonischer Ob-
1111rtldlcn, sondern auch in seinen universellen Eigenschaften jekte werden. Aber in der ästhetischen Bewältigung des indu-
Ohcrtrdfcn. Das Menschenbild ist zu einer Bedingung seiner striellen Bauens und in der architektonischen Raumordnung zei-
Produktion und seiner Reproduktion als Mensch geworden. Wie gen sich ungelöste Probleme. Das -Beklagen von Monotonie in-
die menschliche Gattung die einzige ist, die sich selbst vernich- nerhalb unserer Architektur ist im Grunde nur eine sich ihres
ten kann, und wie es hierzu einer langen Entwicklung der Pro- Inhalts nicht voll bewußte Äußerung von Unbehagen, dessen
duktion und des Verkehrs bedurfte, um diese Fähigkeit zu erzeu- Ursachen weder durch die Künste des Malermeisters noch durch
gen, so bringt sie' auch die Mittel hervor, die sie zu einer zivili- die des friseurkünstlerischen Architekten zu beheben sind. Ar-
sntorischen, genußvollen Selbstaufhebung befähigen. Die ge- chitektur ist als Aufgabe gestellt. Und zugleich ist es gut, zu be-
schichtlichen Möglichkeiten dominierender Spontaneität sind greifen, daß bestimmte architektonische Lösungen von gesell-
erschöpft. Die Überwindung des Kapitalismus ist zu einer Le- schaftlichen Determinanten abhängen, die durch den Architek-
bensfrage, die konkrete Wirklichkeit des Kommunismus als Ge- ten allein nicht unmittelbar zu beeinflussen sind. So ist die Aus-
sellschaft, also die Wirklichkeit der UdSSR und der anderen weitung des individuellen Kraftfahrzeugverkehrs durch das Au-
sozialistischen Länder, die Wirklichkeit des sozialistischen Welt- to eine nahezu naturgewaltige Formierungsmacht der Struktur
systems, ist zu einer Lebensbedingung dieser Menschheit ge- der räumlichen Lebensbedingungen, die in bestimmten Momen-
worden. In seinem Buch Soziologie der Wissenschaft diskutiert ten unserer gesellschaftlichen Verhältnisse und in bestimmten
Wolkow die auch hier berührte Frage, ob durch die Entwicklung gesellschaftlichen Erfordernissen ihre Grundlage hat. Aber es
der Technik der Mensch als universelles Wesen und damit eben ist für architektonische und übergreifende räumliche Entschei-
als Mensch übertroffen werden kann, und antwortet: <<Es wird dungen schon wichtig, aus welcher Perspektive diese Verkehrs-
für die Menschen nicht nötig sein.>>10 Diese Antwort ist richtig form gesehen wird. Ich bin der Meinung, daß in unserer archi-
von dem Standpunkt, von dem aus sie gegeben wurde, dem tektonische·n gestalterischen Praxis in dieser und in anderen Fra-
Standpunkt des Kommunismus. Aber was für den Menschen gen zum T~il die Möglichkeiten des Sozialismus nicht voll er-
nötig ist, erweist sich nicht selbständig als hinreichende Weg- faßt und damit zugleich die Erfordernisse seiner weiteren Ent-
bestimmung für die Geschichte. Und die Gestalten der Ohn- wicklung unzureichend erfüllt werden. So wirken Architekten
macht sind oft sehr einfühlend. 1
weniger als Wegbereiter einer neuen Lebensweise, als Gestalter,
Die Tatsache, daß wir über die gesellschaftlichen und theore- denn als Maskenbildner gesellschaftlicher Spontaneität. Das
tischen Grundlagen schöpferischer, zukunftsorientierter Arbeit theoretisch undifferenzierte Verhältnis zur Wirklichkeit des sich
verfügen,,setzt diese Praxis selbst noch nicht allseitig. Besonders entwickelnden Sozialismus ist eine Ursache hierfür.
in der architektonischen Umweltgestaltung zeigt sich, daß die Wie wenig in der ersten Entwicklungsphase unserer Architek-
richtige Beziehung zwischen den unmittelbaren Erfordernissen tur ihre kommunistische Zielstellung als zugleich sich in der
und Möglichkeiten des Bauens zu den gesellschaftlichen Zu- Praxis verwirklichend und von ihr abgehoben begriffen wurde,
kunftsaufgaben nicht von selbst entsteht. Und die Dialektik der zeigte sich in den füntziger Jahren besonders in der Auffassung,
Beziehung dieser beiden Momente unserer Arbeit wird oft schon daß viele Züge der zu entwickelnden sozialistischen Architek-
gedanklich abgeflacht erfaßt, so daß das kommunistische Raum- tur bereits in den fortgeschrittenen konstruktiven und ästheti-
r.4 I j
1chen I.tlatungcn der Architektur im Kapitalismus ausgebildet nisse der Lebenden mit·der überkommenen Frage konfrontieren
ltlon. Die Verschiebung des Inter'esses vom Raumwesen der und auch die Antworten, die auf sie innerhalb der Arbeiterbe-
Architektur auf deren gegenständliche Bildungselemente ließ wegung und die besonders durch die Begründer der W eltan-
dlctc Betrachtungsweise dann auch in ihren Ergebnissen sinn- schauung der Arbeiterklasse gegeben wurden, bedenken.
• llc:h evident erscheinen, als die Versuche, die sozialistische Archi- Die Entscheidung für die 'Stadt als der nicht nur im Sozia-
tektur in der ästhetischen Elementwirkung durch den Rückgriff lismus bestimmenden, sondern auch als der für den Kommunis-
auf den Historizismus und Eklektizismus von der moderni.sti- mus grundlegenden räumlichen Lebensform hat vom Standpunkt
Nchcn Architektur des Kapitalismus zu unterscheiden, aufgege- des Marxismus_-Leninismus eine klare Bestimmung der theore- .
t•JI ben werden mußten. Diese faktische Gleichsetzung fortgeschrit- tischen und praktischen Problematik, die mit einer solchen Ent-
tener Architektur im Kapitalismus mit der des Sozialismus stieß scheidung verbunden ist, zur Voraussetzung. Fehlt diese Vor-
natürlich gegenüber dem Bemühen, die selbständigen Inhalt!! aussetzung, und sie fehlt, so ist diese Entscheidung noch nicht
der sozialistischen Architektur herauszubilden, auf Kritik. An- als falsch erwiesen, aber der Verdacht, daß es sich in diesem
ders verhält es sich mit der jetzt vorherrschenden Bestimmung Falle um eine positivistische Perspektivbildung, um Cine un-
des Wesens der kommunistischen Architektur als einer bloßen dialektische Auffassung des Ideals als Wirklichkeit handelt, ist
Ausweitung, Fortsetzung des sich im Sozialismus abzeichnenden begründet. Auf der Grundlage und durch die sozialistische Poli-
Trends. Die Voraussetzung ist hier die gleiche, von der aus die tik, in der fortschreitenden Aneignung des Marxismus-Leninis-
Übereinstimmung von Architektur im Kapitalismus mit der des mus undt seiner Anwendung müssen wir unser Denken der Zu-
Sozialismus geschlossen wurde, die Aufhebung von Differenz kunft öffnen, Aufgaben erkennen, wo bereits Lösungen sich zu
und so das Verdecken von Aufgaben durch die Gleichsetzung zeigen scheinen, Wege suchen, wo schon eine Straße sich anbietet,
des Ziels mit dem Bestehenden. Die gegensätzliche Gestalt bei- die Richtung zu bilden, In der Architekturtheorie verschließt sich
der Schlußfolgerungen ist nur dadurch entstanden, weil sie von im Grunde schon die normierte Sprache gegen die Ausbildung
unterschiedlichen Seiten her gefaßt wurden. Sie sind Schlußfol- eines solchen Problembewußtseins. Der verfestigte und insti.tu-
gerungen eines Inhalts. Die naive Vorstellung vom Kommunis- tionalisierte wissenschafts- und . praxisprogrammatische Ge-
mus, die ihn nur als ihrer Widerstände enthobene, ideal gewor- brauch von <(Architektur und Städtebau» oder <(Städtebau und
dene Gegenwart begreift, setzt sich hierin theoretisch und ge- Architektur» verschließt ;ich nicht nur der theoretischen Mög-
winnt ihre Selbstgewißheit durch die Prognose. Daß die zurück- lichkeit von Alternativen zur Stadt, da in dieser Beziehung des
,I
gewiesene Gleichsetzung von Architektur im Kapitalismus mit kategorialen Zusammenhanges ((Architektur» nur ((Stadtelement,>
der des Sozialismus in Hinsicht auf ,die ästhetischen Eigenschaf- oder <(Stadtelementbildung» bedeuten kann, sondern auch der
ten ihrer gegenständlichen Elemente jetzt als die Gleichsetzung · korrekten Beschreibung der von den l):lassikern des Marxismus-
der Makrostruktur kapitalistischer und kommunistischer Raum- . Leninismus entwickelten Raumkonzeption cfes kommunistischen
ordnung gesetzt ist, wird zwar nicht sinnfällig, ist aber eine un- , Lebens. Architektur wird in dieser Weise nicht als die übergrei-
ausgesprochene Konsequenz, die in dem Losungswort <<Urbani-. fende, mannigfaltige räumliche Ordnungsformen, Siedlung, Dorf,
sierung>> auch ihre Sprache hat. Der Nachweis ge~nsätzlicher Stadt, Haus und Industriebau, umf;1ssende Gestaltungspraxis
Elemente in der räumlichen Makrostruktur hebt die stillschwei- oder Gestaltwirklichkeit, · sondern als Attribut d~r Stadt oder
gende Übereinkunft nicht auf, daß die Stadt ein geradezu an- als Funktion des Städtebaus aufgefaßt. Diese Sprache kann al„
thropologischer Organismus ist. Die polemische Absicht dieser ternatives Denken zwar nicht verhindern, aber sie sichert den
Aussagen wird hier nicht verborgen. Aber sie haben nicht die in sie gefaßten Inhalt dadurch, daß ihm, Entgegengesetztes schon.
Bedeutung des Arguments. Denn die Frage, ob die Stadt die durch die Sprache als suspekt gezeichnet ist. Die vorherrschende
grundlegende räumliche Lebensform des Kommunismus ist, Praxis hat ihre V erharrungskraft so auch als Sprache gesetzt. In
kann, ohne in schematische Antithesen zu verfallen, nicht ein- einem Gespräch der Zeitung Forum mit Werner Heynisch ant-
fach mit dem Hinweis verneinend beantwortet werden, daß sie wortete dieser auf die Frage <(Warum konzentrieren wir uns auf
ja die charakteristische Lebensform des Kapitalismus ist. Um die Stadt? Liegen dem lediglich Überlegungen aus der Ökono-
diese Frage zu erörtern, müssen wir sie jedoch aus ihrem kon- mie des Raumes zugrunde, oder ist vielmehr die Stadt jene Le-
kreten geschichtlichen Zusammenhang begreifen, die Bedürf- bensform, die die Forderungen der 'Zukunft am besten zu er-
2 KühAe, Haus
16 I7
fOll,n varmA11r» NO: <<Ich würde sagen, die Stadt ist die dem seinen deutlichen und programmatischen Ausdruck in den Grund-
Kommunl•mu1 gemäße Siedlungsform, weil sie die kulturvollste sätzen des Kommunismus von 1847. Hier wird als Ziel der Kom-
und llkonomhchstc Art menschlichen Zusammenlebens gewähr- munisten auch gestellt, die «Errichtung großer Paläste auf den
l1l1tat, Mit ihren steigenden Ansprüchen stimuliert sie am be- Nationalgütern als gemeinschaftliche Wohnungen für Gemein-
Ntan Jle riuche Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Ver- den von Staatsbürgern, welche sowohl Industrie wie Ackerbau
hjjltnluc, D111! wir in der DDR im Gegensatz zu Westdeutsch- treiben und die Vorteile sowohl des städtischen wie des Land-
lnnd l11ngfristig wissenschaftlich auf die Entwicklung der Stadt lebens in sich vereinigen, ohne die Einseitigkeiten und Nach-
Kura nehmen, halte ich für eine großartige Entwicklung.» 12 Die teile beider Lebensweisen zu teilen.» 1·3 Die Vorstellung des Kon-
CikichMct:-.ung von sozialistischer Gegenwartsaufgabe und kom- kreten ist sicher durch die Projekte der utopischen Sozialisten,
munistischem Ziel ist hier besonders in der Argumentationswei- besonders Owens, beeinflußt, 14 sie zidt jedoch auf einen gegen-
NC des zweiten Satzes der Antwort gut sichtbar geworden. Ob- über den utopischen Sozialisten weiterführenden, revolutions-
jckti v vollzieht sich die Konzentration auf die Stadt natürlich theoretisch begründeten Inhalt. 15 Bestimmend für die von En-
nuch im Kapitalismus. Daß im Marxismus-Leninismus ein um- gels formulierte Aufgabe ist nicht der bildbelegte Begriff des
fassendes Gedankensystem entwickelt ist, welches die Behaup- Palastes, der auch Bedeutungen von knechtender und ausbeu-
tung, die Stadt sei die dem Kommunismus gemäße Siedlungs- tender Herrschaft umschließt, sondern der prinzipielle Gesichts-
form, zumindest in einem auch kritischen Licht erscheinen läßt, punkt der Synthese der Werte zweier Lebensweisen als eines
bleibt unausgesprochen wie auch der bestimmende klassenge- Zielpunktes der revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft
schichtliche Grund, aus dem sich die besondere Bedeutung der durch das Proletariat.
Stadt für die Entwicklung des Sozialismus ergibt. Wichtige theoretische Voraussetzungen der Raumkonzeption
Der Ausgangspunkt der von .Marx und Engels entwickelten des Kommunismus waren von Marx und Engels schon vor den
und von Lenin aufgenommenen.und vertieften kommunistischen Grundsätzen besonders in der Schrift _Die deutsche /deologie
Raumkonzeption ist der einer Synthese, nicht von Kunst und entwickelt worden. Die Beziehung von Stadt und- Land wurde
Wirklichkeit als Kitsch und Lebenssurrogat, sondern von gesell- als eine Beziehung tiefgreifender gesellschaftlicher Arbeitstei-
schaftspraktischen und ästhetischen Werten, die in der Entge- lung begriffen. «Die Stadt ist bereits die Tatsache c;ler Konzen-
gensetzung von Stadt und Land erst voll ausgebildet, aber in die- tration der Bevölkerung, der Produktionsinstrumente, des Ka-
sem Zusammenhang zugleich als Antagonismus und Entfrem- pitals, der Genüsse, der Bedürfnisse, während das Land gerade
dung gesetzt waren. Diese Raumkonzeption des Marxismus- die entgegengesetzte Tatsache, die Isolierung und Vereinzelung,
Leninismus ist kein beiläufig produzierter utopischer Entwurf, zur Anschauung bringt. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land
sondern eine Konsequenz und ein Bestandteil der Philosophie kann nur innerhalb des Privateigentums existieren. Er ist der
und der Revolutionstheorie des Marxismus-Leninismus. Sie ist krasseste Ausdruck der Subsumtion des Individuums unter die
damit nicht dogmatisch festgeschrieben, keine der kritischen Prü- Teilung der Arbeit, unter eine bestimmte, ihm aufgezwungene
fung enthobene Anweisung für das Handeln. Aber wer die Be- Tätigkeit, eine Subsumtion, die den Einen zum bornierten Stadt-
dürfnisse und Nöte· der Menschen unserer Gesellschaft etwas tier, den Andern zum bornierten Landtier macht und den Ge-
kennt, wird begreifen, daß nicht die schöpferische Negation die- gensatz der Interessen Beider täglich neu erzeugt.>>16 In der Be-
ses Vermächtnisses der Klassiker des Kommunismus, sondern ziehung der Begriffe «borniertes Stadttier>> und <<borniertes Land-
daß seine -schöpferische und die Idee selbst weiterbildende Ver- tier>> ist die Struktur der von Engels in den Grundsätzen gefaß-
wirklichung objektiv ansteht. Nur wenn unsere Praxis zu dieser ten Synthese bereits negativ vorweggenommen. Schon diese
Perspektive sich öffnet, gewinnt sie die nötige Tiefe in der Ver- frühen Texte zeigen eindeutig, daß Marx und Engels die Aufhe-
wirklichung des heute Notwendigen im Maße des Möglichen. bung des Widerspruchs von Stadt und Land als eine schöpferi-
Hier können nur die wichtigsten Aspekte der kommunisti- sche dialektische Aufhebung und nicht als eine ordinäre Aufhe-
schen Raumkonzeption, wie sie von Marx, Engels und Lenin bung des Gegensatzes von Stadt und Land, einfach durch die
entwickelt wurde, dargestellt und ihre Begründung, im Gedan- Beseitigung der einen Seite, auffaßten. Auch die Einsicht in die
kensystem des Marxismus-Leninismus kann nur angedeutet wer- zivilisatorische Rolle der Stadt und ihre Bedeutung für den
den. Der synthetische Charakter dieser Raumkonzeption findet Befreiungskampf der Arbeiterklasse verführte Marx und En-
2*
18 19
lilllt d11u, einen nur einseitigen Bezug der Überwindung die Erschließung der in den Städten konzentrierten kulturellen
0111111111111 von Stndt und Land als notwendige gesell- Schätze nicht durch die Konzentration ,der Bevölkeru~g in ihnen,
•tHlht lntwlc:klungHrichtung anzunehmen. Im Kapital sprach sondern durch die Revolutionierung des Verkehrs erfolgen muß.
_ ~III dl\lfln, d1tB die Konzentration der in den Städten zusam- Die kommunistische Aufheb~ng des Gegensatzes von Stadt und
llltllltdr•n11te1n JnduMtricbcvölkerung Bedingungen erzeugt, <<die Land ist kein Verzicht der Menschen auf die Schätze der Kul-
IIHft unholll,11rcn Riß hervorrufen in dem Zusammenhang des tur, der Wissenschaft' und der Kunst. «Ganz im Gegenteil: das
lfltlhcl11tftlld1cn und durch die Naturgesetze des Lebens vor- ist notwendig, um diese Schätze dem ganzen Volke zugänglich
lt1Chrlchncn Stoffwechsels ... »17 zu machen, u.m die.Entfr-emdung•der Millionenniassen der Land-
M1m1 entwickelt diesen Gesichtspunkt in Hinsicht auf die bevölkerung von der Kultur aufzuheben ... Und heute, da die
NMtohlulogiNchen Forschungen Liebigs. Aber der von ihm gefaßte Übertragung der elektri~en Energie auf große Entfernungen
Z11111111mcnhang von gesellschaftlichem und durch die Naturge- möglich ist und die Verkehrstechnik einen solchen Entwicklungs-
uit:,:c bestimmtem Stoffwechsel des Menschen greift in seinem grad erreicht hat, daß mit geringerem (als dem jetztigen) Ko-
Vcmllndnis auch nach der Seite des natürlichen Stoffwechsels stenaufwand Passagiere in einer. Stµndengeschwindigkeit von
weit über das allein durch die Fäkalien gesetzte Weltverhältnis mehr als 200 Werst befördert werden können, gibt es gar keine
des Menschen hinaus. technischen Hindernisse mehr dafür, daß die gesamte, mehr
Mit der,Formulierung <<Verschmelzung von Stadt und Land,> oder minder über das ganze Land verteilte Bevölkerung in den
nnhm Engels im /Antidühring erneut den Gesichtspunkt der Genuß der Schätze von Wissenschaft und Kunst gelangt.» 21 En-
schöpferischen Synthese auf. 18 Und· der Text läßt klar werden, gels hatte geschrieben, daß es darauf ankomme, die Mittel der
daß auch hier ein cfoppelseitiges Verhältrtis und keine bloße Veränderung <<nicht etwa aus dem Kopf zu erfinden, sondern
Einschmelzung des Dorfes in die wuchernde Stadt gemeint ist. vermittelst des Kopfes in den vorliegenden materiellen T~tsa-
<<Die Aufhebung der Scheidung von Stadt und Land ist ... keine chen der Produktion zu entdecken.» 22 Die, Art, in der Lenin in
Utopie ... Die Zivilisation hat uns freilich in den großen Städ- der erörterten Fragestellung der räumlichen Aneignung das kom-
ten tine Erbschaft hinterlassen, die zu beseitigen viel Zeit und munistische Ziel konkretisiert, ist ein _bedeutsames Beis-piel für
Mühe kosten wird. Aber sie müssen und werden beseitigt wer- die Verwirklichung der methodischen Forderung von Engels. Le-
den, mag es auch ein langwieriger Prozeß sein. W eiche Geschicke nins Aufsatz Die Agrar/rage und die <<Marxkritiken> ist vor
auch dem Deutschen Reich preußischer Nation vorbehalten sei_n knapp 70 Jahren, 1906, erschienen. Die Aufdeckung der Ursa-
mögen, Bismarck kann mit dem stolzen Bewußtsein in die Gru- chen, warum he~te nur in besonderen Fällen öffentliche Ver-
be fahren, daß sein Lieblingswunsch sicher erfüllt wird: der U n- kehrsmittel 200 Werst Stundengeschwindigkeit bei der doch ra-
tergang der großen Städte.» 19 santen technischen Entwicklung überhaupt erreichen, 200 Werst,
Lenin hatte die grundsätzliche revolutionstheoretische und das sind reichlich 200 Kilometer, würde zu den hier bereits ein-
emanzipatorische Bedeutung der von Marx und Engels entwik- gangs berührten sozialökonomischen und sozialpsychischen Pro-
kelten kommunistischen Raumkonzeption bereits früh erfaßt und blemen, dem Unterschied von bürgerlicher und kommunistischer
sie gegen die Argumente ihrer bürgerlichen Kritiker verteidigt. Aneignung zurückführen. Und sie würde uns zugleich auf eine
Gegen Struve, der in der kommunistischen Aufhebung des Ge- Kernfrage der Entwicklung der sozialistischen Lebensweise und
gensatzes von Stadt und Land die breite Vermittlung der Kul- entsprechender Aneignungen hinweisen.
', tur gefährdet sah, schrieb Lenin: «Daß d1e Sozialdemokraten Die Bestimmung der Rolle des öffentlichen_ Verkehrswesens
das historische Verdienst der Kraft- und Kulturzentren zu schät: bei der Durchsetzung des kömmunistischen Raumprogramms,
zen wissen, beweisen sie durch ihren unversöhnlichen Kampf ge- die Lenin gegeben hat, und sein weitsichtiger Hinweis auf die
gen alles, was der Bevölke.rung im allgemeinen, den Bauern konkreten technischen Mittel für diese Revolutionierung des
und Landarbeitern im besonderen die Freizügigkeit himmt ... Verkehrs- ist ein Beitrag zur Entwicklung der kommunistischen
Aber die ausdrückliche Anerkennung der Fortschrittlichkeit der Revolutionstheorie, der für die Entwicklung der Lebensweise
Großstädte hindect uns durchaus nicht, in unser Ideal (und in der Menschen im Übergang des Sozialismus zum Kommunis_mus
unser Aktionsprogramm ., .. ) die Aufhebung des Gegensatzes zu einem bestimmenden Orientierungspunkt kommunistischer
zwischen Stadt und Land einzuschließen.>> 20 Lenin erkannte, daß Praxis werden muß und .dieses in einem gewissen Maße bereits
20
21
/

bei der Entwicklung des Sozialismus ist. Die Konkretisierung «Stadt>>. Lewis Mumford bestimmte den Begriff der Stadt unter
des Ziels, Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land, dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Kommunikation, sie
durch die Aufdeckung der Funktion des Verkehrs ist zugleich objektiviert und räumlicht einen als· anthropologisch allgemein
eine bedeutungsvolle Erweiterung des Ziels, des Ideals. Auch aufgefaßten Trieb der Geselligkeit. «In der ersten Versammlung
aus diesem Zusammenhang muß die Epochenformel Lenins: um ein Grab oder ein bemaltes Symbol, um einen mächtigen
<<Kommunismus= Sowjetmacht+ Elektrifizierung>> gelesen und Stein oder einen heiligen Hain begegnen wir derh Anfang einer
durch uns angewandt werden. <<Sowjetmacht» steht für Herr- Folge von städtischen Institutionen, die vom Tempel bis zur
schaft der Arbeitei;klasse, und «Elektrifizierung>> steht nicht nur Sternwarte und vom Theater bis zur Universität reichen:» 23 Die
für technische Revolution, neue Art des Arbeitens, steht nicht so begriffene Stadt als bestimmende räumliche Lebensform auf-
nur für die allgemeine Erhellung der Räume, um Wissen zu er- heben zu wollen hieße dann, die Grundlagen menschlicher Exi-
möglichen, es steht auch für die Revolution des Verkehrs, um den stenz anzutasten. Der Prozeß dieser Aufhebung vollzieht sich
Raum für alle zu öffnen und umfassende Gemeinschaft zu er- allerdings in der Ausbrehung der Form räumlicher Aneignung,
möglichen. die heute eben als <<Stadt» bezeichnet wird. Denn die Stadtfunk- ,
tion, wie Mumford sie faßt, wird von der Großstadt als einem
Die Ursachen für die gedankliche Verfestigung und Überhö- Konglomerat von Siedlungen und Wohnquartieren mit hoher
hung des Begriffs der Stadt können hier nicht dargestellt wer- Dichte der Bewohner je Raumeinheit nicht vermittelt, sondern
den. Nur zwei Aspekte sind hier zu nennen. Das ist einmal die eher eingeschränkt. Hans Paul Bahrdt bestimmte in Anlehnung
Tatsache, daß die Stadt notwendig im Sozialismus eine über- an den Stadtbegriff von Max Weber Jdie Stadt unter dem Ge-
greifende Rolle im Raumsystem der Gesellschaft innehat. Indem sichtspunkt des Marktes und hierauf begründet durch die Ei-
die Beziehung zur Stadt von einer nur theoretischen zu einer ge- genschaften und Funktionen der Öffentlichkeit, der Anonymität
sellschaftspraktischen wird, Städte, die im Kriege zerstört wur- und Privatheit, des darstellenden Verhaltens und der Reprä-
den, neu aufgebaut, neue Städte gegründet werden müsseh, er- sentation. Wenn der so gefaßte Begriff der Stadt auch darauf
hält für das Bewußtsein die Forderung nach der Aufhebung der beruht, daß er die Eigenschaften der bürgerlichen Stadt allge-
Stadt, die zugleich noch in einem undialektischen Sinne verstan- .mein setzt, so bietet er auch Voraussetzungen, vorbürgerliche
den sein mag, nicht nur etwas Phantastisches und Abenteuer- und sozialistische Stadtgeschichte in wesentlichen Seiten theo-
liches, sondern auch ein Mo·ment des Kränkenden. Zugleich retisch zu analysieren. Den zentralen Bestimmungszusammen-
erscheinen die ökonomischen Zwänge der Konzentration von in- hang der Stadt faßt Bahrdt so: <<Eine Stadt ist eine Ansiedlung,
dustriellen Produktionsanlagen und von Menschen in den Städ- in der das gesamte, also auch das alltägliche L1eben die Tendenz
ten nicht als Zwänge, die aus bestimmten gesellschaftlichen Ver- . zeigt, sich zu polarisieren, d. h. ennyeder in dem Aggregatzu-
hältnissen erwachsen, sondern als solche einer naturgesetzlichen stand der Öffentlichkeit oder in dem der Privatheit stattzufin-
Ökonomie. Die kurzzeitigen und in der Skalierung der Erfül- den.>>24 Dieses soziologische Kriterium der Stadt müßte näher
lungswerte abgeflachten ökonomischen Strategien für das Bauen, nach seinen architektonischen Entsprechungen und Vorausset-
die in einem bestimmten Grade objektiv erfordert sein können, zungen befragt werden. Zugleich wäre näher zu bestimmen, in
verstärken diesen Eindruck noch. ' · welchen verschiedenen sozialen Strukturen diese Polarisierung
Zum anderen führt die Unschärfe des Begriffs der Stadt in sich vollzogen hat und sich vollziehen kann. Die hier gemeinte
seinem vorherrschenden Gebrauch dazu, daß die Problematik Polarisierung des Lebens erweist sich ja stets als die Wirklich-
der Stadt -als gesellschaftlicher Lebensform eher verdeckt als be- keit gesellschaftlicher Verhältnisse. Und hier zeigt sich, daß die
wußt wird. Hinter dem architektonischen Begriff der Stadt steht von Bahrdt offenbarte Logik der Stadt nicht zu beliebigen gesell-
der politische, aber der Unterschied beider ist schon darum schaftlichen Verhältnissen im vermittelnden Zusammenhang
schwer zu fassen, weil die empirisch zu erkundende Wirklich- steht, daß die Stadt, wenn so ein Moment ihres allgemeinen
keit der modernen Großstadt die völlige Umkehrung grundle~ Wesens getroffen ist, eine für den Kommunismus auf der Grund-
gender Eigenschaften der vorkapitalistischen Städte darstellt. lage der Stadt nicht behebbare Problematik in sich faßt und daß
Aber auf die Wirklichkeit dieser vorkapitalistischen Stadt zie- die bürgerliche Lebensweise in ihr die adäquate räumliche Form
len im Grunde auch die Bedeutungen des heutigen Begriffs gefunden hatte. ·
22 23
'.
Um die geschichtliche Rolle und Entwicklung der Stadt und der Idee' des alten Hauses, dessen mehr oder weniger verbor-
den Charakter ih'rer dialektischen Aufhebung durch den Kom- gene Mitte nicht dje Gemeinschaft, sondern das herrschende In,
munismus sichtbar werden zu lassen, muß neben dem Begriff dividuum ist. Wo dieses noch den Notwendigkeiten der Gemein-
der Stadt der des Hauses gebildet und als ein für die Architek- , schaft untergeordnet ist oder sich als genießendes Individuum
turtheorie grundlegender Begriff erkannt werden, Das Ha~s freisetzt, kann sich Häusliches schon bilden. Aber es hatte in die-
erweist sich zunächst als das in einem Baukörp~r zusammenge- ser Gestalt immer die Tendenz, in die hyp'ertrophe Form des
faßte System räumlicher Organisation vielschichtiger und kom- Hauses, in die des Palastes überzutreten. Palast und Hütte als
plexer Bereiche des Lebens menschlicher Gemeinschaften. Daß architektonische Gestalten d<':s ausbeuterisch herrschenden und
der Begriff des Hauses in seiner weiter gefaßten Bedeutung des beherrschten, niedergedrückten Lebens sind die Antipoden
auch auf architektonische Objekte anderer funktioneller Be- des Hauses. <<Friede den. Hütten! Krieg den Palästen_!» In die-
stimmtheit angewandt wird, kann hier vernachlässigt werden. sem Kampfruf spricht sich ein gesellschaftliches Subjekt aus,
Das Haus in seiner typen- und idealgeschichtlichen Auf- das noch nicht auf eine allseitige Überwindung der Entfrem-
fassung ist ein autonomes architektonisches Gebilde. 25 Es fof dung hinzielt. ·
miert eil'len ·selbständigen ästhetischen Umraum auf charakten- Die geschichtlich p,roduktive Negation des alten Hauses ist
stische Weise und ist dadurch von architektonischen Substituten die Stadt. In der Straßen- und Platzfront der Stadt ist die kör-
unterschieden, die nur als Element einer sie einschließenden pereigene Selbständig~eit der sie bildeµden Elemente aufge-
Ganzheit, Straße, Piatz, monotypisches Ensemble, ihre spezi- hoben. Sie sind im rechtlichen und in einem bestimmten Maße
fische architektonische ästhetische Wirkung haben. auch im praktischen Sinne Häuser, aber die Grundlage ihrer
Das zum Teil noch heute anzutreffende freikörperlich in der Autonomie ist aufgehoben. In diesem Erscheinungswandel äu-
Landschaft stehende Haus der, bäuerlichen Großfamilie ist ein ßert sich die Veränderung des ganzen Funktionszusammenhan-
kulturell besonders wertvolles Zeugnis der Entwicklung des ges, der das alte Haus begründete. Der Verlust· der ästhetischen
1'
Hauses innerhalb der Volksarchitektur. Seine Einordnung in Autonomie des Hause·s führte zur ästhetischen Akdvierung sei-
die Landschaft durch ·Größe, Proportion, tektonische Struktur ner dem öffentlichen Stadtraum zugewandten Schauseite, der
und Material und sein ästhetisches Zusammenwirken mit den Fassade. Haus und Stadt sind unvereinbare Gegensätze. Die
Häusern seines Verbandes objektivieren eine wichtige Seite un- Stadt kann sich nur verwirklichen, wenn sie das Haus sich un-
seres architektonischen Erbes. Die ästhetische Autonomie des terordnet, es so in seiner spezifischen Eigenschaft als Haus auf-
Hauses erklärt eine Gemeinschaft von Menschen und die sich hebt. biese Aussage setzt natürlich voraus, daß• unter <<Haus,>
im Hause zusammenfassenden und die von ihm hinaus greifen- nicht einfach ein funktionell gesonderter Abschnitt einer Stra-
den und sich wieder rückbeziehenden Momente ihrer Lebens- ßenzeile verstanden wird. Auch freikörperliche Bauwerke ver-
weise sinnlich. Die ästhetische Autonomie des Hauses ist die Er- lieren die Hauseigenschaft, wenn sie einer räumlichen Verbund-
scheinungsweise einer konkreten Totalität menschlicher Bezie- form, Straße, Platz, untergeordnet werden. Das erscheint sehr
hungen, die im Hause ihr materielles, praktisches Leben unmit- deutlich in Siedlungen mit gereihten typisierten Einfamilien~
telbar bedingendes und vermittelndes, Raumzentrum haben. Es ist häusern. D~s Wort «Einfamilienhäusern folgt hier dem üblichen
kein Werk der Kunst, sondern ein Werl,( der Architektur. Sein Gebrauch, nicht der hier entwickelten Auffassung des Hauses.
ästhetischer und weltanschaulicher Sinngehalt kann nur als ar- Es wird ncich gezeigt werden, daß erst ein bestimmter Grad der
chitektonischer, seine Inhalte aus dem zu ermöglichenden Leben Enthäuslichung erreicht sein muß, bevor die Alltagssprache die-
der Menschen unmittelbar ableitender, verwirklicht werden. sen Objekten das Wort «Haus>> verweigert. In ihrer vollen Aus-
Natürlich kann die Gestalt eines Bauwerkes auch von Objekten bildung negiert •die Stadt die eigenkörperliche Raumstellung
wie Segeln, Schanzen, Wegsteinen, Röhren usw. abgeleitet und ihrer Elemente. Das gilt in der Regel auch für die Rathäuser.
so für den abgestumpften Sinn ein ·bestimmtes lnt~resse erregt Prinzipiell erfolgt die Aufhebung der baukörperlichen Autono-
werden. Aber Häuser werden so nicht. Architektur setzt etwas mie nicht bei den Kirchen der vorkapitalistischen Bürgerstädte.
tiefer an. Das Bauwerk der neueren gehobenen Architektur, Wenn die Sta:dtkirchen auch teilweise mit anderen Bauten ver-
welches die Idee des Hauses beispielhaft ausdrückt, ist die Villa woben sind, so setzen sie die eigene Erscheinung zugleich über
Rotonda in Vicenca. Sie ist die programmatische Verwirklichung diese. Indem die Stadt das Haus aufhebt, setzt sie es in der Ge-
24 25
stalt der Kirche zugleich neu, als Haus der Gemeinschaft. Daß gen, wenn sie in den Zentrumsbereich des als «Stadt» bezeich-
diese Verwirklichung des Hauses nur die kulthafte und illusio- neten Konglomerats fahren: <<Ich fahre in die Stadt.>> Das Vor-
näre Verwirklichung von Gemeinschaft als harmonisches und stellungsvermögen der Bewohner moderner Großstädte erfaßt
übereinstimmendes Verhältnis von Menschen ermöglicht, ist deren Ganzheit nur durch punktuelle Fixierungen und ihr in-
nicht in den architektonisch-räumlichen, sondern in den unmit- neres Gefüge nur in der Vorstellung von Strängen, die durch
telbar gesellschaftlichen Verhältnissen angelegt. Wie die Bürger- das reguläre Raumverhalten bestimmt und durch zufällige Er-
stadt selbst als das Modell eines neuen Hauses begriffen werden fahrungen ausgeweitet und durch Bildungsprozesse ergänzt wer-
i1. kann, weil sie die Eigenschaften, die sie dem Haus enthebt, als den. Die Ganzheit der Stadt wird abstrakt, das erlebnishaft
solche der Stadt verwirklicht, zentriert und symbolisiert sie sich Konkrete faßt sich im Partikulären und Zufälligen. 28 Die alte
zugleich durch das Haus in ihrer Mitte, das selbst wieder sym- Stadt war nicht nur ein gesellschaftlich funktioneller, sondern
bolisierend als Modell für eine Stadt steht. Die Einsetzung ei- auch ein ästhetisch formierter Örganismus. 29 Allerdings war
nes McideHs der himmlischen Stadt Jerusalem als Plaus in die sie kein OrganisfllUS des persönlichen, Lebens qer Individuen
irdische Stadt war nicht nur von über die Stadt und ihre gesell- oder das nur in einem eingeschränkten Maße. Denn der Raum
schaftlichen Beziehungen hinausweisender, sondern auch von des Individuums innerhalb der Stadt war nicht durch ein har-
in diese einfügender Bedeutung. 26 Die doppe\te Anwesenheit monisches und ·universelles Leben, sondern durch Arbeitsteilung
der Stadt als irdische und himmlische, als Haus negierende Stadt und verselbständigte gesellschaftliche Verhältnisse festgelegt,
die eine und als Stadt symbolisierendes Haus die andere, weist deren Struktur sich weitgehend im räumlichen System der Stadt
auf eine gesellschaftliche Zweiheit und Polarisierung, die freie, objektiviert hatte. Die Individuen waren durch ihre gesellschaft-
harmonische menschliche Verwirklichung nicht ermöglicht, son- liche Stellung bereits räumlich festgelegt. Der innere Antago-
dern verweigert. Indem die Inhalte von Stadt und Kirche ein- nismus, der bereits verborgen dem alten Haus innewohnte, war
ander entgegengesetzt sind, obgleich sich bedingend, ist die Kir- in der Bürgerstadt nicht aufgehoben, vielmehr raumgliedriger
I'
che als Symbol des Stadtganzen zugleich der Kqnstwelt angenä- in. Erscheinung getreten. Um ihre psychischen Voraussetzungen
hert. Und ihre Bedeutungen werden in dem Ma~e vom konkreten zu sichern, war das Haus in der Stadt zu einer notwendigen
Leben abgehoben und darstellend, indem sie aufhört, objektiver Bedürfnisanstalt geworden. Noch war der städtisqchen Gemein-
Repräsentant der Stadtgemeinschaft zu sein. Hier gewinnt sie schaft ein gemeinsames Interesse von außen gesetzt. In der kapi-
Kunstartigkeit, die schließlich in die Kitschwelt hineintreibt. taListischen Großstadt verschwindet diese Gemeinsamkeit, die
Die tiefgreifende, wirkliche Aufhebung der Raumteile ideali- die sichernde Mauer nach außen setzt, der gesellschaftliche Ant-
sierter Entfremdung und Selbsterniedrigung des Menschen hat agonismus von Bourgeoisie und Proletariat zerreißt ihre organi-
auch die Umwälzung der Raumbedingungen alltäglicher Ent- sche Einheit. In den Lebensbedingungen des Proletariats ist' die
fremdung zur Voraussetzung. <<Die Forderung, die Illusionen Stadt bereits aufgehoben. 30
über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zu- Die alte Stadt war durchschreitbar. Naturraum war in ihr·
stand aufzugeben, der der Illusionen bedar/.1127 Die Schöpfung schon durch die Raumzwänge der mauergeschützten Gemein-
des neuen Hauses ist nicht nur die dialektische Negation der schaft stadträumlich kaum zu entfalten. Doch sie war den Men-
Stadt, sondern auch die des Hauses in ihr. schen nicht durch die räumliche Distanzierung entrückt wie in
Die vorkapitalistische Bürgerstadt war ein gestaltprägnantes der modernen Großstadt, deren Flächenausbreitung ihre Be-
Gebilde. Sie .zersetzte und überwucherte nicht wie die kapitali- wohner nicht nur von der Natur außerhalb der Stadt, sondern
stische Stadt den Naturraum, aus dem heraus sie aufgebaut wur- auch vom kulturellen Zentrum in ihr absondert. Wenn der Be-
de, sondern krönte ihn. Die Menschen in ihr hatten nicht nur wohner der Bürgerstadt die freie Natur aufsuchen wollte, so war
ein durch eigene Anschauung und Tätigkeit erzeugtes Bild der der Weg aus dem sozietären Raumbereich der Stadt zu ihr durch
äußeren Erscheinung der Stadt und der Stellung der Stadt in ein kontinuierliches Schreiten des genießenden Menschen erfüllt.
der sie umgebenden Natur, sondern auch ein Bild ihrer inneren Der Genuß, setzte zwar das Absehen von den widernatürlichen
räumlichen Struktur. Die kapitalistische Stadt hat keine räum- Seiten des Stadtlebens und von den widergesellschaJtlichen Mo-
liche Prägnanz, sie verläuft, ihre Grenze ist nur verwaltungs- menten des Landlebens voraus. Wenn auch die alte Stadt dem
technisch scharf festgelegt. Die Bewohner ihrer Randzonen sa- Mens1=hen den Naturraum immer nah hielt, so war sie als Stadt
1

26 27
ffl~).;'l";;f ~"t1~'f~"'li~':'-': ~n.-•F ~,,''

auch Im Ge11ensntz zur Natur. Und das in einem tieferen Sinne, rem Raum und Naturraum erzeugt, sondern die Tendenz zu aus-
11• or c.lurch Raummangel und unzureichende Stadthygiene be- gleichenden Siedlungsformen in den Randzonen der Städte und
1tlmnH wltrc, Marx sprach in Hinsicht auf die. kapitalistische in den Naturräumen selbst, daß sie ·also die Tendenz hat, die
Stadt' der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von der ver- Natur zu verdrängen und die Stadt aufzulösen. Sie ist damit
faulten N11tur,: 11 Wenn dieses Urteil uneingeschränkt für die mo- der Natur auf eine rohe, zerstörerische Art entgegengesetzt. Marx
dernen Städte auch nicht mehr zutreffend ist, so drückt sich in hatte den Begriff der faulenden Natur auf die proletarischen
c.lc-m Wandel doch keine Aufhebung des Widersetzigen der Stadt Stadträume angewandt. Der dort diagnostizierte Infekt hat heu-
11c:uc11 die Natur, sondern lediglich ein Formwandel desselben te globale Verbreitung gefunden, und schon zeichnen sich seine
nuN, Die verfaulte Natur ist durch die asphaltierte Natu,r über- kosmischen Dimensionen ab. Die Ursache hierfür ist keine be-
deckt. Natur ist nicht mehr sterbend, sie ist tot. Natur ist in der stimmte Art räumlicher Aneignung, sondern die durch den Im-
Stndt nur symbolisch anwesend, als Rasenstreifen, Ziergesträuch, perialismus ·gesteigerte, den Lebenserfordernissen der. Mensch-
Bnumgruppe oder Baumreihe und als Park. Natur als Wildnis heit entfremdete Elementargewalt des Kapitals. Seine gesell-
knnn nur im geschützten und begrenzten ·Raum fortbestehen. Nac schaftliche Überwindung durch den .Sozialismus darf uns nicht
tur kann allgemein im engeren Sinne für die Zukunft nur als gegenüber den vom Kapital formierten räumlichen Lebensbe-
Einheit von Produktions~· und Erlebnisraum bestehen. Die Ein- dingungen gleichgültig werden lassen, weil diese ihre eigene ob-
,beziehung so aufgefaßter Natur, und nur so muß und kann sie jektive Logik haben, die d<!r Entwicklung des .kommunistischen
durch den Komn\unismus umfassend verwirklicht werden, wür- Lebens entgegenwirkt, weil sie zu privatistischen Aneignungen
de die Stadt auflösen. Schon der Begriff .der Gartenstadt, det verleitet. Die sich im Sozialismus vollziehende Umwälzung die-
ja immer noch eine der Stadt selbst angenährte Natur zur Voraus- ser Lebensbedingungen ist nicht scheinradikal als die Umwäl-
setzung hat, ist, sofern er eben als Stadtbegriff gefaßt wird, im zung von Beliebigem zu vollziehen. Ihr Inhalt ist durch die kom-
Widerspruch zu seinen Voraussetzungen'. Er ist kein Begriff munistische Verwirklichung des menschlichen Individuums als
einer schöpferischen Synthese, sondern ein Begriff des Ausgleichs Persönlichkeit bestimmt.
1'
durch Abschwächung, der Versuch, geschichtlich gewordene Dia- · Wir haben die Stadt nicht nur auf ihre ökonomischen und
lektik zurücklunehmen. Der Begriff der Natur ist hier als Mo- ökologischen, sondern auch auf ihre ästhetischen und ideologi-
tiv der Versöhnung aufgerufen. Die Stadt ist ein sozietäres schen Konsequenzen zu befragen. Eine Schwierigkeit dieser Ar-
Raumkontinuum, unmittelbar gesellschaftlicher Raum. Sie muß beit beruht darin, daß der Begriff <<Stadt» in seiner durch den
folglich alle von außen kommenden Raumbestimmungen ihrem vorherrschenden Gebrauch bestimmten Bedeutung sich auf zwei
Raumwesen unterordnen. Das ist der grundlegende theoreti- in ihrem Wesen gegensätzliche makrorätirnliche Gebilde in ei-
sche Ausgangspunkt sowohl für das Verständnis der die Raum- ner Weise bezieht, daß der Unterschied beider eher verdeckt
kultur revolutionierenden Rolle der Stadt als auch der Ursachen als aufgeklärt wird. Stadt - das ist einmal die schöpferische
des Widerspruchs zwischen der Stadt und der Natur, wie er aus Aufhebung des alten Hauses, die nicht nur wieder Haus ist,
dem Wesen der Stadt notwendig erwächst und Raumausdrttck insofern si.e Eigenschaften des alten Hauses als ihre setzt, son-
für eine Stufe des Hinaustretens des Menschen aus der Natur dern auch die negative Verwirklichung des neuen Hauses. Und
ist. Das alte Haus konnte diese in der Stadt erreichte Ausson- Stadt, das ist dann die Zerstörung ,oder Umwucherung dis:ser
derung und Verdichtung der gesellschaftlichen Raumwerte nicht Stadt in der Entwicklung des Kapitalismus. Und. schließlich
erreichen. Die Problematik der modernen Großstadt besteht für ist die Stadt als sozialistische das politische, wirtschaftliche und
den Kommunismus nicht darin, daß sie eine gegenüber dem kulturelle Zentrum der Arbeiterklasse.
Naturraum selbständige Raumwelt formiert. Es besteht viel- In ihren Zeit- und Raumbedeutungen ist die Stadt endlich,
mehr die Aufgabe, diese gesellschaftliche Raumwelt der Men- die Natur unendlich. Im Hause und in .der Hausstadt war die
schen auf einem höheren Niveau zu verwirklichen. Die Unan- Unendlichkeit der Natur als eine nun im Menschen gewordene,
gemessenheit der Stadt als Lebensform gegenüber dem entwik~ in seiner Endlichkeit zusammengefaßte, produzierte, sinnlich er-
kelten Kom1_11unismus ist darin begründet, daß diese neue Qua- scheinende Unendlichkeit uffenbart. Die Gegensetzung des Ge-
lität der Gesellschaftung des Raumes durch die Großstadt nicht bauten zur Natur und mit ihr erst das volle Sichtbarwerden der
zu erreichen ist, daß sie nicht die Spannung zwischen sozietä- Natur für den Menschen ist im alten Hause durch die überwie-
2.8 29
/
gende und das Haus noch durchdringende Natur abgeschwächt. te1> als <<die Erzeugung des Menschen durch die menschliche' Ar-
Erst in der Stadt hat es seine eigene, herrliche Gestalt. In der beit, als das Werden der Natur für den Menschem>. 32 Wie die
Hausstadt ist die Unendlichkeit endlich und in der Großstadt Natur für den Menschen wird, hängt auch von ihr als ,der un-
ist die Endlichkeit endlos, nicht im Weltsinn unendlich, sondern aufhebbaren und nie total anzueignenden Grundlage seines Wer-
im Lebenssinn sich maßlos ausweitend geworden. Sie ist die dens ab. Die Natur und ihre Gegenstände haben ihr eigenes
Aufhebung des Widerspruchs von Unendlichkeit und Endlich- Maß. Der Mensch konnte sich durch die Arbeit aus der unmit-
keit im Tristen, die Raumform einer zum bloßen Mittel, zur telbaren Bindung an die Natur lösen, sich zu ihr als nach seinem
Notdurft gewordenen mit der Natur stoffwechselnden Praxis Maß aneignende Naturkraft in Beziehung setzen, weil er eine
und zugleich die Raumform eines Bewußtseins, das den Tod des Möglichkeit der Natur ist, weil in der Natur zu ihm Hinführen-
Individuums zwar als dessen Ende, nicht aber als eine aufrich- des ist, er in der Natur auch ihm Nahes, Verwandtes findet. Aber
tende und herausfordernde Kraft des Lebens kennt. Die Raum- der Mensch ist nicht durch ,einen Willen der Natur. Er wäre so
und Sachwelt hat sich so ganz das Individuum angeeignet. Die ihr Mittel. Ernst Bloch hatte die Vermutung ausgesprochen,
1 Kirche ist damit unnötig geworden, es gibt keinen selbständi- «daß Marxismus in der Technik auch zum unbekannten; in sich
''
'f gen Anspruch mehr, der noch zur Darstellung zu bringen wäre, noch nicht manifestierten Subjekt der Naturvorgänge vordringt:
aber die Religion ist nicht aufgehoben. Es ist der sich auflösende die Menschen mit ihm, es mit den Menschen, sich mit sich ver-
Widerspruch der Bürgerstadt auf der Grundlage der Stadt, mittelnd>>.33 Die Deutung des Marxismus als Idealismus erweist
keine Aufhebung. Die Erscheinung der Hausstadt lenkt unser sich hier als die philosophische Form, durch welche die dialek-
Denken auf den wichtigen Befund, daß die Eroberung der Un- tische Theorie der Befreiung in romantischen Utopismus aufge-
endlichkeit im Menschlich-Endlichen hier nur eine phantastische löst wird, der wirklicher Befreiung schließlich entgegengesetzt
war. Sie überträgt uns keine Lösung, sondern eine Aufgabe. sein muß. Die Natur ist eine Seite der objektiven Realität. Da-
mit ,ist der Mensch als Subjekt ermöglicht und das Aufgehen der
Das kommunistische Ideal der ~ufhebung des Gegensatzes von Beziehung Mensch-Natur in Harmonie ausgeschlossen. So mußte _
Stadt und Land ist untrennbar mit der Philosophie des Marxis- Marx in den Manuskripten der materialistischen Entscheidung
mus-Leninismus verbunden. Erst wenn die philosophischen Vor- der Mensch-Natur-Beziehung in der letzten Konsequenz aus-
aussetzungen dieser Seite der kommunistischen Ideale der Ar- weichen, nicht weil er philosophisch dem Idealismus noch sym-
beiterklasse erfaßt werden, wird deutlich, daß es sich hier nicht pathisierend verbunden war, sondern weil er die romantische
nur um eine Lösung von unmittelbar lebenspraktischer Bedeu- Idee der Versöhnung noch nicht dialektisch zu überwinden ver-
trung handelt, sondern um die räumliche Verwirklichung des mochte. So heißt es: Der «Kommunismus ist als vollendeter Na-
Weltverhältnisses kommunistischer Menschen. Und dieses hat, turalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus =
äußerlich gefaßt, zwei Seiten. Es 1st nicht nur eine Beziehung zur Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreits
Gesellschaft, sondern auch eine Beziehung zur Natur. Diese Be- zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Men-
ziehung zur Natur ist eine unaufhebbare Grundlage menschli- schen ... >>34 In den Umrissen zu einer Kritik der Nationalöko-
chen Lebens, aber ihr konkreter Charakter ist durch die Ent- nomie hatte Engels von der <<Versöhnung der Menschheit mit
wicklung der Produktivkräfte und durch den formationsspezi- der Natur und mit sich selbst1> geschrieben. 35 Die ideengeschicht-
fischen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt, lichen Zusammenhänge dieser frühen Auffassungen von Marx
tind sie vermittelt zugleich die gesellschaftlichen Beziehungen und Engels und die' Art ihrer Aufhebung in der Entwicklung
der Individuen. Daß die besondere Form der Naturbeziehun- des Marxismus wären näher auszuführen.
gen der Menschen gesellschaftlich bestimmt ist, hebt die der Durch die Verbindung des Materialismus mit der Dialektik
Natur eigene Gesetzmäßigkeit nicht auf. und der so ermöglichten konsequenten Verwirklichung beider
Mit der Entwicklung des Kdmmunismus verändern sich auch konnte bewußt werden, daß die Gesellschaft d,ie Natur zur Vor-
wesentliche Beziehungen der Menschen zur Natur. Diese Wand- aussetzung hat, aber nicht ihre Fortsetzung ist, und daß folglich
lung umfaßt das ästhetische, praktisch-gegenständliche und prak- die Produktion nicht die Natur als Natur verwesentlicht, son-
tisch-räumliche Naturverhältnis der Menschen. In den Manu- dern sich durch sie der Mensch als gesellschaftliches Wesen ver-
skripten bezeichnete Marx «die ganze sogenannte W eltgeschich- gegenständlicht. Jetzt war einzusehen, daß die Natur sowohl
30 31
in bedingender und harmonisierender als auch in entgegenge- gen· der Arbeit - denn, wie das arbeitende Sµbjekt natürliches
setzter, aufhebender Beziehung zum Menschen ist, er also mit Individuum ... - erscheint die erste objektive Bedingung seiner
der Natur ringen muß, um zu leben. Aber dieses hat eben Über- Arbeit als Natur, Erde, als' sein unorganischer Leib; es selbst
einstimmendes, Harmonisierendes zur Voraussetzung. Die frühe ist nicht nur der organische Leib, sondern diese unorganische
Auffassung von Marx und Engels über die Beziehung von Natur als Subjekt.» 40 Diese Subsumtion des Individuums unter
Mensch und Natur, ihrer Versöhnung als Kommunismus, war die Erde wird durch die Ent~icklung des Kapitals aufgelöst,
nicht einfach aufzugeben, sondern aufzuheben. Marx hat das das im Pr~letarier ein <<objektivloses, rein subjektives Arbeits-
«Explorieren der ganzen Natur, um neue nützliche Eigenschaf- vermögem> setzt, 41 das direkt den gesellschaftlichen Verhältnis-
ten der Dinge zu entdecken; ... neue Zubereitung (künstliche) sen subsumiert ist. Durch das Kapital wird die Natur <<rein
der Namirgegenstände, wodurch ihnen neue Gebrauchswerte ge- Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich erkannt zu
geben werden» als eine der zivilisato'rischen Leistungen des Ka- werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen
pitals hervorgehoben. 36 In dem bedeutungsschweren Exk,i,;.rs über Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen
freiheit und Notwendigkeit im dritten Band des Kapitals wird Bedürfnissen ... zu unterwerfen.»42 Hier ist nicht nur durch die
die Naturnotwendigkeit als Grundlage' und als Gegensatz der Kennzeichnung der Beziehung kapitalistischer Praxis zur Natur
Freiheit begriffen. 37 Aber die Natur als Erde ist nicht nur der als die völliger Unterordnung der Natur unter das Nützlichkeits-
dem Menschen äußere Gegenstand, den er sich durch die Arbeit prinzip eine Grenze zwischen kapitalistischer und kommunisti-
aneignet, sondern selbst eine Seite des gegenständlichen Men- scher Praxis, sondern in der Funktionsbestimmung von Theorie
schen, sein _unorganischer Leib. Dieser Gesichtspunkt ist bei Marx auch eine Grenze zwischen bürgerlicher und kommunistischer
bereits früh, in den Manuskripten, angesetzt und später konkreti- Theorie erhellt. 43 Es ist dies der Punkt, wo das Ästhetische als
siert worden. <<Die Universalität des Menschen erscheint prak- Gestaltmacht des praktischen Lebens nicht einfach beiläufig oder
tisch eben in der Universalität, die die ganze Natur zu seinem als Form der Durchsetzung des Tauschwertstandpunktes funk-
unorganischen Körper macht, sowohl insofern sie (r.) ein un- tioniert ist, sondern zu einem konstitutiven Moment revolutio-
mittelbares Lebensmittel, als inwiefern sie (2.) die Materie, der närer und emanzipierter Praxis wird.
Gegenstand und das Werkzeug seiner Lebenstätigkeit ist. Die D.ie ihren Gegenstand nicht anerkennende List verkehrt sich
Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich. die gegen ihr Subjekt in der entfremdeten Gewalt ihres Gegenstan-
Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist.>> 38 Und wie des. Wenn das Subjekt die Maße der Natur nur aufspürt, um
die herausgearbeitete Universalität der Menschen ihnen die Na- seine durchzusetzen, wirkt es gegen die eigenen Voraussetzun-
tur zu ihrem erweiterten Leib werden ließ, so wird dieser zu- gen. Es gibt keinen Gott, kein allmächtiges Subjekt wie und wo
gleich zu einer Form ihres menschlichen Zusammenschlusses. immer. Und der Mensch ist auch nicht einfach die Wirklichkeit,
«Das menschliche Wesen der Natur ist erst da für den gesell- die in der Jdee <<Gott» ihr ideales und verkehrtes Selbstver-
scl!,aftlichen Menschen; denn erst hier ist sie für ihn da als Band ständnis gefunden hat, denn das so gewonnene Bild des Men-
mit dem Menschen, als Dasein seiper für den andren und des · schen. ist zwangsläufig nach der Seite der Herrschaft verzeichnet
andren für ihn, wie als Leberiselement der menschlichen Wirk- und so menschlicher Freiheit in harmonischer Assoziation ent-
lichkeit, erst hier ist sie da als Grundlage seines eignen mensch- gegengesetzt. Gott kann nur Herr sein, er hat keine Gemein-
·lichen Daseins.>>39 Die Auffassung der Natur als unorganischen schaft, in welcher er als sittliches Wesen wirklich sein könnte.
Leib des Menschen, die schon in ihrer ersten Ausbildung bei Im Kapitalisten ist Gott Mensch geworden. Darin haben die
Marx das historische. Moment einschließt und auf die welthisto- moderne Theologie, sofern sie Gott als Mensch begreift, und
rische Verwirklichung des Menschen ·durch den Kommunismus der subjektive Idealismus ihre Wirklichkeit. Der konkrete Hu-
zielt, wird später formationsgeschicht!ich konkretisiert und auf manismus kann philcisophisch folgerichtig nur als dialektischer
die Natur als Erde bezogen. So in der Polemik gegen Proudhon Materialismus entwickelt werden. N1Jr er kann die Dialektik
in den Grundrissen: <<Was Herr Proudhon die außerökonomische kommunistischer Herrschaft des Menschen aus den allgemein-
Entstehung des Privateigentums nennt, ... ist das vorbürgerliche sten weltanschaulichen Voraussetzungen und aus den Interessen
Verhältnis des Individuums zu den objektiven Bedingungen der der revolutionären Klasse gleicherma~n bewußt werden las-
Arbeit, und zunächst den natürlichen - objektiven Bedingun- sen. Die verweltlichte Religion als hypertrophiertes Bewußtsein
3 Kühne, Haus
32 ·33
von Herrschaft müssen wir besonders dort als in ihren Voraus- Mensch ein von ihr gesetztes Subjekt, ihr Mittel. Sein Welt-
setzungen bürgerlich denunzieren, wo sie sich als der Geist der verhältnis wäre das der Weltknechtschaft. Weil es zwischen dem
kommunistischen Freiheit darzustellen sucht. Menschen und der Natur Übereinstimmendes, aber ,keine Über-
Die kommunistische Weltanschauung der Arbeiterklasse ist einstimmung geben kann, Gegensätzliches sowohl von der Natur
die ideelle Grundlage eines neuen Naturempfindens und schließ- gegen den Menschen wie vom Menschen gegen die Natur ,unter
lich auch, eines neuen gesellschaftlichen Charakters Natur an- der Voraussetzung des Menschen unaufhebbar ist, kann kom-
eignender gesellschaftlicher Praxis. Die Natur als romantischer munistisches Naturempfinden nie auf die Natur aneignende Pra-
Fluchtraum vor der Gesellschaft ist dem Proletariat schon durch xis vermittelnden Seiten reduziert sein. Die illustrierte Frauen-
seine materiellen Existenzb.edingungen verlegt. Innerhalb sei- zeitschrift Für Dich publizierte in einem Bericht über einen
nes Klassenbewußtseins wird die Natur zu einem Motiv des landwirtschaftlichen Betrieb folgenden Text: <<6986 - Lieblings-
Freiheitskampfes, ein Richtungsweiser gegen den Klassenfeind kalb der Kollegin Föke. Fragte in F. unlängst ein republikbe-
und auf die Zukunft'. Sein Naturempfinden, nicht einfach als kannter satirischer Schriftsteller: <Würden Sie heulen, wenn ich
Empfinden der Natur durch den Menschen, sondern auch als das Tier jetzt schlachten lasse, um es zu verspeisen?> Darauf
die Empfindlichkeit der Natur in ihm, deckt nicht Empfindungs- die Bäuerin: <Keine Träne. Aber ich würde heulen, wenn das
losigkeit und Brutalität gegen Menschen ab. Das Naturbewußt- Kalb nicht frißt.>» 44 Durch die Kunstfertigkeit des Satirikers ist
sein und Naturgefühl der Arbeiterklasse werden im Sozialismus so das Bild einer flächigen, nur von den Erfordernissen und
zu einer ideellen Triebkraft für die Entwicklung der Produktiv- Werten der vorherrschenden Praxis bestimmten Empfindungs-
kräfte. Ihre Bedeutung für die praktische Aneignung der Natur weise entstanden, deren eigentlicher Träger der Satiriker und
ist nach zwei Seiten zu fassen, die nur in ihrem Zusammenhang nicht die Bäuerin zu sein scheint. Denn die Antwort ist ihr durch
wirken. Naturgefühl wird zu einem die Produktion stimulieren- die Fragestellung und durch das Fragesubjekt faktisch in den
den und sie zugleich richtenden, ihr Maß setzenden Faktor. Die Mund gelegt. Wir müssen unsere Auffassung nicht nur der nai-
kommunistische Produktion dient nicht nur wie jede der An- ven oder demagogischen ideellen Verstärkung und Fixierung
eignung von Natur durch die Umformung d,es Naturstoffs, sie der Widersprüche zwischen dem Menschen und dem Tier, dem
ist auch das wichtigste Mittel der Menschen, sich Natur als Na- Spießer, der das Schnitzel ißt und es anstößig findet, daß die
tur anzueignen. Daß diese Natur in einem bestimmten Grade Bäuerin ihm nicht noch die Tränen für das getötete Kalb ab-
nicht mehr Wildnis, unberührte Natur, ist, sondern zum Pro- weint, entgegensetzen. Ich halte es für nötig, auch entschieden
duktionsraum und Produktionsmittel der Menschen gewordene, gegen alle Tendenze:n der Primitivierung der Empfindungsweise
sei sie Feld, Wald oder Wiese, hebt s,ie als Natur nicht auf. über- der Werktätigen zu wirken. Die Entwicklung dieser kommu-
haupt sollte nicht übersehen werden, daß auch die sogenannte nistischen Empfindungsweise ist eine Seite der kulturellen Tra-
<<zweite Natur» de:n Gesetzen der Natur folgt, wie der Mensch. ditionen der Arbeiterbewegung. In einem Brief aus dem Bres-
Indem der Kommunismus Natur als selbständige wieder be- lauer Gefängnis schrieb Rosa Luxemburg über einen blutenden
greifbar werden läßt, verfestigt er sie nicht gegen das mensch- Büffel. << ... Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still er-
liche Leben. Die Beziehung der Menschen zur Natur ist nicht schöpft und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich
einfach durch Wissenschaft und Empfindsamkeit, sondern durch hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanf-
die Lebenserfordernisse der Menschen und die Möglichkeiten ten schwarzen Augen, wie ein verweintes Kind. Es war direkt
ihrer Erfüllung bestimmt. Die sich hieraus ergebenden Wider- der Ausdruck eines Kindes, das bestraft worden ist und nicht
sprüche zwischen den einzelnen Momenten der gesellschaftlichen weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual der rohen
Naturbeziehung können so zu einem Bestimmungsgrund einer Gewalt entgehen soll ... Ich stand davor und das Tier blickte
die Art der Naturaneignung selbst verändernden Praxis wer- mich an, mir rannen die Tränen herunter - es waren seine Trä-
den. Die Beziehung der Menschen zur Natur kann nie nur über- nen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zuk-
einstimmend, ,harmonisch sein. Das vermuten, heißt -das Den- ken, als ich in meiner stillen Ohnmacht um dieses stille Leid
ken dem Idealismus zu öffnen, durch den sich nun diese Überein- zuckte .... 0, mein armer Büffel, mein armer geliebter Bruder,
stimmung und Versöhnung nur in einer flachen .Auffassung be- wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur
greifen läßt. Denn wenn die Natur subjektiv ist, dann ist der eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. ->> 45
3*
34 35
Die Herausbildung des ästhetischen Verqaltens der Menschen eine naive Weise die Keime einer allseitigen Entwicklung in
zur Natur war ein geschichtlicher Prozeß. Er hat in der Entwick- sich. Die Materie lacht in poetisch-sinnlichem Glanze den gan-
lung der Produktivkräfte seine allgemeine Grundlage. Die kon- zen Menschen an.>> 4 7
kreten Inhalte des ästhetischen Naturverhältnisses der Men- Die ästhetische Faszination des Menschen durch die Natur,
schen sind stets formations- und klassengeschichtlich bestimmt. das Schwingen seines Gemüts zwischen Bewunderung und Er-
So vollzog ·sich die Entdeckung der Natur durch das frühe Bür- schaudern, kann nur im Materialismus ihr theoretisches Bewußt-
gertum und seine künstlerischen und theoretischen Vertreter ge- sein finden. Der philosophische Idealismus kann sich das ästhe-
gen die Foodalmächte, obgleich deren Lebensweise schon räum- tische Naturverhalten der Menschen nur theoretisch aneignen,'
lich der Natur viel angenäherter war als die des städtischen indem er seine eigenen Voraussetzungen überspringt. Wenn eine
Bürgertums. Naturempfinderi ist gesellschaftlich bestimmtes Welt- voraussetzungslose Idee der letzte Inhalt unserer sinnlichen Er-
verhältnis. Als kosmischer Körper ist der Mond für alle Men- fahrung ist, bleibt kein Staunen. Denn für diese Idee bietet die
schen ein Objekt gleicher Art. Aber in ihrem ästhetischen Emp- Welt keinen Widerstand, die natürliche Welt kann nur als ihre
fiQ.den spiegeln sie sich selbst in ihm. Ihre unterschiedlichen Wirklichkeit und Schöpfung begriffen werden. Die im Wesen
Empfindungen weisen auf Unterschiede der Menschen und we- alles seiende Idee ist allmächtig. Aber Allmacht ist das Ende
niger auf solche des Mondes. Etwa: «Der Mond ist aufgegan- jeder ästhetischen Reaktionsweise auf die Wirklichkeit.
gen, die goldnen Sternlein prangen ... >> - und dann der gleiche Die Frage nach dem Wesen und nach der praktischen Bedeu-
kosmische Prozeß in Büchners W oyzeck so: · tung des Natutempfindens bei der Verwirklichung des Kommu-
nismus ist aus ihren konkreten klassen- und formationsgeschicht-
MARIE. Was sagst du? lichen Zusammenhängen zu bedenken. Ihre Beantwortung kann
WOYZECK. Nix. Schweigen nicht von der gesellschaftlichen Praxis, von der Ideologie des
MARIE. Was der Mond rot aufgeht! Proletariats und von der Praxis der Entwicklung des Sozialis-
WOYZECK. Wie ein blutig Eisen. 46 mus getrennt werden. Daß es sich hier um ein Problem von gro-
ßer gesellschaftlicher Bedeutung handelt, zeigen. die sich in der
Das Werden der Natur für den Menschen durch den Kommunis- Entwicklung der Lebensweise artikulierenden Bedürfnisse der
mus ist auch eine praktische Verwirklichung von Natur durch Me~schen im Sozialismus. Aber die für die Vollendung des So-
den Menschen. Indem die Selbständigkeit der Natur zu einem zialismus und für sein Übergehen in den reifen Kommunismus
sittlichen, aus den Lebenserfordernissen der Menschen selbst erforde<rte Lösung kann durch die praktische Bewegung der
abgeleiteten Maßpunkt der Praxis wird, erschließt sie sich dem Menschen und der sich darin abzeichnenden Richtung ihrer Be-
ästhetischen Bewußtsein neu. In einer bc;:stimmten Hinsicht steht dürfnisse allein nicht erreicht werden. Denn unabhängig vom
die einfachste Schöpfung menschlicher Arbeit über der Natur, Fortwirken alter Gewohnheiten produziert und reproduziert die
nicht nur das Kunstwerk. Aber es gibt auch Beziehungen, in Makrostruktur der räumlichen Lebensbedingungen der Indi-
welchen die Natur über allen Schöpfungen der Menschen steht, viduen notwendig bestimmte Verhaltensweisen und Bedürfnis-
Kunst ist nicht schöner als Natur. Der Bewunderung mensch- se, die zwar die Produktivität der Individuen, durch das Geld
licher Werke steht das-Staunen über die Natur nicht nach. Nur vermittelt, welches sie erlangen wollen, um diese Bedürfnisse
Pedanten werden hier messen wollen. Die Ästhetik der Welt- zu befriedigen, stimulieren, diese 'Bedürfnisse aber damit noch
·anschauung kann von der Philosophie des Marxismus-Leninis- nicht zu kommunistischen werden lassen. So ist der wachsende
mus_ nicht getrennt werden, ohne den dialektischen Materialis- . Drang nach privaten Grundstücken in der Nähe von Natur-
mus dem bürgerlichen Materialismus wieder anzunähern. Die räumen nicht einfach nur in überkommenen bürgerlichen Ap-
These von der qualitativen Mannigfaltigkeit der Natur ist in eignungsweisen, Erwartungen und Geltungsbedürfnissen an-
der Geschichte des Marxismus schon früh gesetzt. Besonders in gelegt, sondern auch in der vorherrschenden Raumstruktur des
der Schrift Die heilige Familie hatten Marx und Engels die en- Lebens der Individuen. Die parodistisch-privateigentümliche
geren Traditionslinien ihrer Materialauffassung und damit auch Aneignung von Natur ist eine Konsequenz dieser räumlichen
die _Richtung ihrer weiteren Entwicklung dargestellt. «In Bacon, Lebensbedingungen. Sie stehen im Widerspruch zu den öko-
als seinem ersten Schöpfer, birgt der Materialismus noch auf nomischen und kulturellen Entwicklungserfordernissen des So-
36 37
· zialismus. Die ständige Belegung zweier Raumbereiche, Stadt- Ziele unserer gesellschaftlichen Arbeit nicht nur abstrakt zu
wohnung und Wochenendhaus, durch ein~elne Individuen wi- bestimmen, sondern die Wege ihrer Verwirklichung bereits in
derspricht sozialistischer Raumökonomie. Deren Bestimmungs- der Entwicklung des Sozialismus zu konkretisieren. In der Idee
grund ist nicht Raumnot im Sinne von Überbevölkerung. Die der Schöpfung eines neuen Hauses, das die Werte des städtischen
Menschheit muß sich befähigen, ihre Population zu beherrschen, Lebens mit denen der Natur für die Menschen verbindet, haben
wenn sie nicht ihre Voraussetzungen zerstören will. Der Hinweis uns die Klassiker des Marxismus-Leninismus eine wichtige
auf die wachsende Population zur Begründung der fortschrei- Orientierung für diese Arbeit hinterlassen. Dieses Haus ist hier
tenden Urbanisierung geht von unbedachten Voraussetzungen nicht auszumalen, und es kann hier auch nicht gezeigt werden,
aus. Der grundlegende Gesichtspunkt der sozialistischen Rqum- wo u~d wie sich seine Konturen in unserer Wirklichkeit bereits
ökonomie ist der der Entwicklung der sozialistischen Lebens- positiv und negativ abzeichnen. Es sollte ein Umriß der welt-
weise. Die Grenzen der Durchsetzung sozialistischer Raumöko- anschaulich und klassengeschichtlich festgelegten Linien dieses
nomie sind durch die konkreten gesellschaftlichen Vorausset- Hauses versucht werden. Heute verweigert schon die Alltags-
zungen und Erfordernisse der Sicherung und Entwicklung des sprache den Bauten das Wort «Haus>> und ersetzt es etwa durch
Sozialismus bestimmt. Hieraus ergibt sich auch, daß private <<Wohnblock». Es gibt kein gesellschaftliches Maß für, die _Zahl
Raumaneignungen außerhalb des individuellen Wohnbereichs der Menschen, Familien, alleinstehenden Personen, die in die-
der Individuen unter Umständen auch ermöglicht werden müs- sen Bauten wohnen. Sie sind Häufungen von Wohneinheiten,
sen. Aber in ihnen liegt keine dem Sozialismus spezifische Form und die Raumbasis der Kommunikation, die das Treppenhaus
der Aneigl]llng des Raumes. Marx hat hervorgehoben, daß jede des mehrgeschossigen Wohnblocks noch bietet, wird durch den
Form abgrenzenden Eigentums an der Erde mit dem Kommu- Fahrstuhl reduziert. Ansätze, die soziale Funktion des neuen
nismus unvereinbar ist. «Vom Standpunkt einer höhern öko- Hauses praktisch zu erkunden, wurden besonders in der Ent-
nomischen Gesellschaftsformation>>, schrieb er im Kapital, <<wird wicklung der Einheit Wohnkomplex im sozialistischen Städte-
das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so bau erreicht. Das neue Haus kann nur die räumliche Verwirk-
abgeschmackt erscheinen, wie das Privateigentum eines Men- lichung einer konkreten Gemeinschaft sein. Es wird so architek-
schen an einem andern Menschen. Selbst eine ganze Gesellschaft, tonisch wieder zu einem charakteristischen Gebilde, der aufge-
eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammenge- hobene Widerspruch zwischen der industrialisierten Baupro-
nommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre duktion und dem individuellen architektonischen Entwurf.
Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias
den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.>> 48 Der Begriff des neuen Hauses erscheint schon dadurch in seiner
Um diese Besonderung und poetische Bildung des Begriffs der entfalteten dialektischen Struktur, weil er einen anderen Begriff
Erde beim Marx des Kapitals in ihrer Voraussetz~ng und vollen zum Gegenglied hat, ohne den er nicht zu bestimmen ist. Es ist
Bedeutung zu erfassen, ist es wichtig, die Auffassung der Erde der Begriff der Landschaft.
als Körper der Menschen im Auge zu haben. Die Landschaft als die grundlegende räumliche Lebensform
Die Verwirklichung des Kommunismus setzt voraus, jede des Kommunismus ist die Einheit von sozietären, mikrogemein-
Form des abgrenzenden räumlichen und gegenständlichen Ge- schaftlichen und individuellen Raumbereichen, die als Haus zu-
nusses zu .überwinden. Jean Fourastie hat das bürgerliche Ver- sammengefaßt und im Zusammenhang sind, und dem Natur-
hältnis zum räumlichen und gegenständlichen Reichtum so for- raum und dem Produktionsraum. Das Individuum lebt in der
muliert: <<Das heimliche Ideal eines jeden von uns ist, reich in Landschaft, es hat alltägliche, für seine Lebensweise normale
einer armen Gesellschaft zu sein.>> 49 Von den gesellschaftlichen und konstitutive Wirklichkeit in 'allen Raumbereichen, die ge-
Voraussetzungen des Sozialismus her genügt es nicht, den für schichtlich herausgearbeitet sind. Der Zusammenhang dieser die
die bürgerliche Gesellschaft apologetischen Charakter der Un- Universalität des Individuums vermittelnden Raumsphären ist
terstelLung, daß es sich hier um einen Wunsch aller handelt, zu für dieses sinnlich erlebbar, praktisch ohne ein besonders einzu-
widerlegen. Wir müssen auch den neuen Bedürfnissen den prak- setzendes Verkehrsmittel oder durch eine besondere Zeitabhän-
tischen Weg zu ihrer Fixierung und gesellschaftlichen Durchset- gigkeit von Verkehrsmitteln durch Gehen erschließbar und gei-
zung ebnen. Und hierzu ist es notwendig, die kommunistischen stig als Vorstellungsbild angeeignet. In der Landschaft ist das

3!! 39
Individuum nicht nur mit einer bestimmten Gemeinschaft zu- lokaler Charakter. Die Entwicklung der welthistorischen Uni-
sammengeschlossen, durch das Haus, das die Landschaft krönt, versalität der Individuen, des tiefsten Bestimmungspunktes des
es hat in der Landschaft auch die einsetzende räumliche Form proletarischen Internation.:+lismus de~ in der gegenseitigen An-
seines Zusammenschlusses mit der Menschheit, weil die Land- näherung der sozialistischen Länder bereits Verwirklichung fin-
schaft wohl durch das Haus ist, aber in ihrem Grunde Natur, det, hat in u~serer Epoche die Kraft zur Gren?)setzung gegen
Erde. Die Endlichkeit des individuellen Lebens ist durch den den Imperialismus zur Voraussetzung. Diese Grenze, soweit sie
schöpferiscqen Alltag in der Gattung aufhebbar geworden. Die durch den Sozialismus gegen den Kapitalismus gezogen ist und
Sehnsucht nach Verwirklichung bedarf nicht mehr eines beson- durch ihn behauptet wird, erscheint als Grenze der Lokalität,
deren Raumes, keines besonderen Hauses, weil die Landschaft aber sie ist die einzige Grenze von welthistorischer Dimension.
der Raumgrund der Universalität, der innere Kreis der Selbst- Die kommunistische Landschaft ist der Raumgrund der weit-
,verwirklichung ist. So nimmt das Haus die in der Kirche abge- historischen Verwi~klichung des Menschen. Das wird· durch die
sonderten und herrschaftlich verkehrten Werte in sich zurück. besondere Art ihres Aufbaus gegenüber anderen Raumeinheiten,
Es ist nicht herrschaftlich, sondern häuslich und wunderbar. nationale Territorien, Stadt, Provinz, Bezirk, erkennba'.r. Die.
Die kommunistische Landschaft ist der Raumgrund der Uni- Landschaft gründet sich stets in einer durch die Erde selbst ge-
versalität des Menschen. Die kommunistische Universalität des gebenen Ganzheit, die zum Gegenstand der Geographie werden
Menschen hat in der Landschaft den voraussetzenden Raum- kann und die der Begriff der geographischen Landschaft bezeich-
grund, nicht ihren Erfülll\ngsraum, denn ihr Inhalt ist die net. Obgleich in der Regel die geographische Landschaft durch
Menschheit. 50 Der Kommunismus ist die überwundene lokale die vom Menschen unabhängige Erdgeschichte vorgebildet ist, ,
Borniertheit der Individuen durch ihre weltgeschichtliche Ver- setzt die Auffassung eines bestimmten Erdraumes als Land-
wirklichung. Die Menschen waren durch die Erde immer in schaft den Menschen voraus, ist sie als Landschaft durch die '
einem objektiven Zusammenhang. ,Aber es bedurfte einer lan- Maße seiner gesellschaftlichen Praxis ausgemacht. Die Raum-
gen Entwicklung der Produktivkräfte und des Verkehrs, bis die- einheiten, welche die Geographie als Wissenschaft von der Land-
ser als Weltgeschichte und Verhältnis gesellschaftlich werden schaft u11.tersucht, sind zwar durch die Erde objektiv gesetzt, abe.:
konnte. Diese Weltgeschichte entwickelte sich zuerst auf kapi- als geographische durch den Lebensprozeß von Menschen fest-
talistische, barbarische Weise. Und sie entwickelt sich auf der gelegt. Die Geographie der Ameisen hätte zwar keine andere
Grundlage des Kapitalismus immer als Widerspruch zwischen Erde, aber ein anderes Maßsystem ihrer Abbildung zur Voraus-
der wachsenden weltgeschichtlichen Abhängigkeit und der lo- setzung. Auf der geophysikalischen Grundlage bildet-sich die Um-
. kalen Existenz der Individuen. Lokalität ist eine abgegrenzte zeichnung der Landschaft durch Pflanzen, Tiere und das Klima.
und die Individuen subsumierende Raumwirklichkeit. Sie ist Bedeutend tiefgreifender als die geophysikalische wurde die '
die räumliche Form der Herrschaft der Lebensbedingungen über biologische Schicht der Landschaft durch die Menschen verän- ·
das Leben. Naturwüchsige Feindschaft bildete schon die Räume dert. Was diese natürlichen Bedingungen zu Elementen der
der frühen menschlichen Gemeinschaften zur Lokalität. Die Landschaft werden läßt, i'st nicht einfach die Anwesenhe~t von
letzte geschichtliche Formierungskraft lokaler 'Räume, Nationen Menschen, sondern deren Lebensweise, ihr praktischer und ästhe-
oder umfassendere Interessenfixierungen durch geseHschaftliche tischer Horizont und die Inhalte seiner Erfüllung. Erst die prak-
Raumbegrenzung,'war das Kapital. Die Durchsetzung der Welt- tische und ästhetische Sonderung von Erdraum durpi Menschen
geschichte ist das Werk des Kapitalismus, aber die Verwirkli- gebiert die Landschaft. Das Mittelglied, durch welches der in
chung der welthistorischen Existenz der Individuen kann nur der Natur lebende Mensch Landschaft verwirklicht, ist das Bau-
als Kommunismus erfolgen. Die weltgeschichtliche Existenz der werk. Natur, Architektur, Mensch - das sind die konstitutiven
Individuen ,begriff Marx als die «Existenz der Individuen, die Elemente der Landschaft. Ihr Zusammepstimmen als Landschaft
unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist>>. 51 Indem durch ist durch ihr Dasein noch nicht gewährt.
den Kommunismus endgültig <<weltgeschichtliche, empirisch uni- Landschaft ist nicht wie Stadtraum oder Staatsraum statisch
verselle Individuen an die Stelle der lokalen» treten 52 , wird zu fixieren. Sie ist nicht abgrenzend, sondern übergehend be-
nicht ihre räumliche Besonderung aufgehoben, sondern nur de- grenzt. Stadt- und Staats'raum sind w~e alle lokalen Räume
ren bornierter, abgrenzender, das In'dividuum subsumierender durch gesellschaftliche Entwicklung für das Individuum festge-
40 4r
legt und legen damit zugleich das Individuum fest. Landschaft 17 Karl Marx·: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter
ist stets gesellschaftlich gewordener Raum, aber für das Indivi- Band, in: MEW, Bd. 25, Berlin 1964, S. 821
duum nur durch sein eigenes Werden wirklich. Es muß den 18 Friedrich Engels: Herrn Bugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft,
eigenen Reichtum herausarbeiten, um den Landschaft gewor- in: MEW, Bd. 20, Berlin 1962, S. 276
19 Ebenda, S. 276 f.
denen Reichtum sich anzueignen, es findet keine Grenze, die es
20 Wladimir I. Lenin: Die Agrarfrage und die <<Marxkritiker», in: Werke,
in den eigenen Raum zurückweist, weil es die Grenze seines Bd. 5, Berlin 1958, S. 194
Raumes als Landschaft nur durch sein übergehen, durch die 21 Ebenda, S. 149 f.
Entfaltung seiner Individualität als welthistorische Universali- 22 Friedrich Engels: Herrn Bugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft,
tät bilden kann. a. a. 0., S. 249
23 Lewis Mumford: Die Stadt. Geschichte und Ausblick, Köln/Berlin
(West) 1961, S. 9 ·
Anmerkungen 24 Hans Paul Bahrdt: Die moderne Großstadt. Soziologische Überlegun-
gen zum Städtebau, Reinbek bei Hamburg 1961, S. 24
1 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, in: MEW, 2 5 Hierzu: Lothar Kühne: Bedingungen des Monumentalen in der sozia-
Bd. 3, Berlin 1958, S. 69 listischen Architektur, in: deutsche architektur, 4/1969
2 Ebenda, S. 21 26 Über den Modellcharakter des mittelalterlichen Kirchenbaus hat Hans
Wladimir I. Lenin: Die große Initiative, in: Werke, Bd. 29, Berlin Sedlmayr wichtige Gesichtspunkte vorgetragen, vgl. Hans Sedlmayr:
1971, s. 417 f. Architektur als abbildende Kunst, in: Epochen und Werke, Bd. 2,
4 Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW, Wien/München 1960
Bd. 8, S. u5 27 Karl Marx: Zur Kritik der Hege/sehen Rechtsphilosophie. Einleitung,
Karl Marx: Ökonomi-sch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre in: M.EW, Bd. 1, Berlin 1957, S. 379
1844, in: MEW, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, erster Teil, Ber- 28 In diesem Zusammenhang ist aufschlußreich, daß Kevin Lynch in seinen
lin 1968, S. 540 Untersuchungen über das Vorstellungsbild des Bewohners der ameri-
6 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, a. a. 0., kanischen Großstadt die Problematik des Vorstellungsbildes der Stadt
S. 187 als Gesamtorganismus ausgeklammert und sich den Vorstellungsinhal-
7 Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a. a. 0., S. 537 ten zugewandt hat, die Binnenorientierungen ermögli~hen. Hierzu: Ke-
8 Ebenda, S. 5,4 . vin Lynch: Das Bild der Stadt, Berlin (West)/Frankfurt (Main) 1965
9 An die Stelle des futurologischen Optimismus sind düstere Prophe- 29 In den Grundrissen hatte Marx die Stadt als Organismus begriffen.
zeiungen getreten, «Zukunft>> funktioniert nicht mehr im gewünschten «Bei der Vereinigung in der Stadt besitzt die Gemeinde als solche
Sinne ideologisch. Bezeichnend für diese Tendenz sind Arbeiten wie eine ökonomische Existenz; das bloße Dasein der Stadt als solcher ist
A. Toffler: Der Zukunftsschock, Bern/München/Wien 1970 verschieden von bloßer Vielheit von unabhängigen Häusern. Das Gan-
ro G. N. Wolkow: Soziologie der Wissenschaft. Studien zur Erforschung ze ist nicht hier aus seinen Teilen bestehend. Es ist eine Art selbstän-
von Wissenschaft und Technik, Berlin 1970, S. 68 diger Organismus.» Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen
11 Vgl. Wolfgang Junker: Das Wohnungsbauprogramm der Deutschen Ökonomie. (Rohentwurf), Berlin 1953, S. 382
Demokratischen Republik für die Jahre 1967 bis 1990, Berlin 197, 30 Die proletarischen Wohnbereiche sind ästhetisch verdeckt, sie bilden·
12 Forum, 3/1970, S. 5 einen Nebenraum der kapitalistischen Stadt. In der Arbeit Lage der
13 Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus, in: MEW, Bd. 4, arbeitenden Klasse in England, in: MEW, Bd. 2, hatte Engels beson-
Berlin 1959, S. ,73 f. (Hervorhebung von mir, L. K.) ders am Beispiel von Manchester die Struktur der kapitalistischen
14 Vgl. Gerhard Strauß: Siedlungs-und Architekturkonzeptionen der Uto- Stadt und den ökonomischen Mechanismus dieser zartfühlenden <<V er-
pisten, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu hüllung alles dessen, was das Auge und die Nerven der Bourgeoisie
Berlin, Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe, 4/ 1962 beleidigen könnte», aufgedeckt. <<Die Stadt ist so eigentümlich gebaut.
15 Der Begriff der Revolutionstheorie bezeichnet hier das theoretische . so daß man jahrelang in ihr wohnen und täglich hinein- und herausge-
Bewußtsein aller Formen revolutionärer Praxis der Arbeiterklasse vom hen kann, ohne je in ein Arbeiterviertel oder nur mit Arbeitern in
Sturz der Bourgeoisie und der Errichtung der Diktatur des Proletariats Berührung zu kommen - solange man nämlich eben nur seinen Ge-
bis zur Aufhebung der Klassen im Übergang von der ersten zur zweiten schäften nach- oder spazierengeht. Das kommt aber hauptsächlich da-
Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation. her, daß durch unbewußte, stillschweigende Übereinkunft wie durch
16 Karl Marx und Friedrich· Engels: Die deutsche Ideologie, a. a. 0., bewußte ausgesprochene Absicht die Arbeiterbezirke von den der
s. 50 Mittelklasse überlassenen Stadtteilen aufs schärfste getrennt oder, wo

42 43
dies nicht geht, mit dem Mantel der Liebe verdeckt werden.» (S. 276) Lesart dieser Texte der Grundrisse steht unter anderem die Tatsache,
Die Entwicklung der kapitalistischen Stadtstruktur bis zum Imperialis- daß sie Gedanken der Arbeit Die deutsche Ideologie zum Teil in dieser
mus zeigt die allgemeine Gültigkeit der frühen Analyse von Engels. angenäherter Sprache und mit der gleichen theoretischen Intention auf-
Sie ist trotz modifizierender Faktoren auch der bestimmende Struktur- greifen. Das Absolutsetzen des Nützlichkeitsprinzips und der List faßte
zusammenhang der Großstadt des Imperialismus. Die proletarische Be- Marx eben als ein spezifisch kapitalistisches Verhältnis. Wo Schmidt ein
völkerung ist zum Zentrum der Stadt nicht räumlich, sondern nur im in dieser Frage nur übereinstimmendes Verhalten Marx' zu Hegel sieht,
Maße ihres Klassenbewußtseins und ihrer politischen Aktionen in Be- ist bei Marx eine dialektische Beziehung der Theorie kommunistischer
ziehung gesetzt. Praxis zur Theorie kapitalistischer Praxis formuliert. Sie ist im Text hin-
In der großen Analyse von 1845 hatte Engels auch gezeigt, wie die tergründig, tritt nicht prngrammatisch hervor, aber zugleich auch wieder
kapitalistische Großstadt das Wohnelend nicht aufhebt, sondern ver- eindeutig, wenn der Text aus der Entwicklung der Weltanschauung von
lagert. Barbara Ward und Rene Dubos schrieben über die heutige ka- Marx heraus gelesen wird. Hierzu besonders: der Abschnitt Moral, Ver-
pitalistische Stadt: <<Viele moderne Bauten - Hochhäuser, Apparte- kehr, Exploitationstheorie aus Die deutsche Ideologie. Dort heißt es
mentblocks, ja sogar die Anlage neuer Straßen und Grünanlagen - u. a. über den Bourgeois: «Ihm gilt nur ein Verhältnis um seiner selbst
bedeute()_ für viele der allerärmsten Stadtbewohner eine weitere Ver- willen, das Exploitationsverhältqis; alle anderen Verhältnisse gelten
schlechterung ihrer Lebensbedingungen, also eine Depravation, wie ihm nur so weit, als er sie unter dieses Verhältnis subsumieren kann,
der Fachausdruck lautet. Im Zuge der <Slum-Bereinigung> werden ihre und selbst wo ihm Verhältnisse vorkommen, die sich dem Exploita-
Straßen niedergewalzt, und die an diesen Stellen neu erbauten Woh- tionsverhältnis nicht direkt unterordnen lassen, subordiniert er sie ihm
nungen liegen weit über ihren finanziellen Möglichkeiten, sie müsse~ wenigstens in der Illusion.>> (S. 395) Die <<vollständige Subsumtion aller
umziehen und verdoppeln die Zahl derer, die 1n anderen, oft noch existierenden Verhältnisse unter das Nützlichkeitsverhältnis, die unbe-
älteren Häusern wohnen.» Barbara Ward, Rene Dubos: Wie retten dingte Erhebung dieses Nützlichkeitsverhältnisses zum einzigen Inhalt
wir unsere Erde? Umweltschutz: Bilanz und Prognose, Freiburg/Ba- aller übrigen», S. 397 f., · drückt sich voll in der bürgerlichen Ideologie
'.I erst aus, nachdem die Bourgeoisie <<nicht mehr als eine besondre Klasse,
sel/Wien 1972, S. 130
31 Karl Marx: Okonomisch-philosophische Manuskripte,. a. a. 0., S. 548 sondern als die Klasse auftritt, deren Bedingungen die Bedingungen der
32 Ebenda, S. 546 ganzen Gesellschaft sind>>. Die Entwicklung dieser Gedanken von den
33 Ernst Bloch: bas Prinzip Hoffnung. 2. Bd., Berlin 1955, S. 246 Manuskripten bis zum Kapital kann hier nicht verfolgt · werden.
34 Karl Marx: Okonomisch-philosophische Manuskripte a. a. 0., S. 536 Sie schließen jeden Utopismus und jeden Praktizismus aus, der in der
35 Friedrich Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, in: Illusiqn begründet ist, das Neue könnte verwirklicht werden, indem
MEW, Bd. 1, Berlin 1957, S. 505 das Alte fortgesetzt wird, nur besser.
36 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Okonomie. (Rohent- 44 Für Dich, .II/1974, S. 17
wurf), a. a. 0., S. 312 45 Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis, Berlin 1946, S. 58 f. In
37 Karl Marx: Das Kapital, a. a. 0., S. 828 seiner Zeitschrift Die Fackel hatte Karl Kraus die Antwort an Rosa
38 Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte a. a. Ö., S. 515 f. Luxemburg von einer Unsentimentalen, der Frau v. X-Y, und seine
39 Ebenda, S. 537 f. Antwort veröffentlicht. Frau v. X-Y reagierte auf den Brief Rosa Lu-
40 Karl Marx: Grundrisse, a. a. 0., S. 388 xemburgs, aus· dem hier zitiert wurde. Abschließend schrieb sie, an
41 Ebenda, S. 397 Kraus gerichtet: «Stille Kraft, Arbeit im nächsten Wirkungskreis, ru-
42 Ebenda, S. 31 3. hige Güte u. Versöhnlichkeit ist, was 'uns mehr not tut, als Senti-
43 Alfred Schmidt hat die sich in diesem Text der Grundrisse zugleich mentalität u. Verhetzung. Meinen Sie nicht auch?» Die Antwort von
ausdrückende Distanz und damit Grenzbestimmung zwischen kapi- Kraus zielte auf die -gesellschaftlichen Gründe dieser gegensätzlichen
talistischer und kommunistischer Praxis in ihrem unmittelbaren Na- Gefühle, ,ohne daß er zu einem wesentlichen Verständnis des Kom-
turbezug übersehen. Er leitet die Zitierung des hier noch stärker ver- munismils gelangte. Siehe: Karl Kraus: In dieser großen Zeit, Aus-
kürzt gegebenen Textes so ein: ~Deutlich zeigt eine Stelle im <Roh- wahl 1914-1925, Berlin 1971', S. 343 f.
entwurf>, daß Marx sich im Hinblick auf das Verhältnis von Teleologie 46 Georg Büchner: Werke und Briefe, Gesamtausgabe, Leipzig 1967,
der Arbeit und Naturgesetz mit Hegel einig weifü - und setzt nach S. 182
dem zitierten Text fort: ~ob an diesem Sachverhalt sich unter nicht- 47 Karl Marx und Friedrich Engels: Die Heilige Familie oder Kritile
kapitalistischen Verhältnissen etwas ändern kann, steht sehr dahin.>> der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: _MEW,
Alfred Schmidt: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, 'Mann- Bd. 2, Berlin 1957, S. 135
heim 1967, S. 136. Die Diskussion dieser Problematik würde eine selb- 48 Karl Marx: Das Kapital, a. a. 0., S. 784
ständige Arbeit erfordern. Es handelt sich hier um eine zentrale Frage 49 Jean Fourastie: Die 40 ooo Stunden. Aufgaben und Chancen der so-
der Auffassung des Marxismus und seiner Ästhetik. Gegen eine flache zialen RevolutiJn, Düsseldorf/Wien 1966, S. 48

44 45
50 Die einzelnen Aspekte des Landschaftsbegriffes können hier nur an-
gedeutet werden; von der literarischen und. bildkünstlerischen Spie-
Ornament-
gelung der Landschaft wie von ihrer historischen Typologie muß ab-
gesehen werden.
„Poesie der Erinnerung•• und Ästhetik
Hingewiesen sei auf die interessante Arbeit von Harald Thomasius kommunistischer Praxis
und anderen Autoren: Wald, Landeskultur und Gesellschaft, Dresden
197 3, in der forstästhetische, ökonomische und ökologische Aspekte
der Landeskultur erörtert werden. Die Literaturangaben auf den Sei-
ten 52-5 5 dieses Buches gewähren einen Zugang zur landschafts-
theoretischen Literatur.
Genannt sei noch die Arbeit von Renate Krysmanski: Die Nützlich-
keit der Landschaft. Überlegungen zur Raumplanung, Düsseldorf 1971,
die ein sehr instruktives Literaturverzeichnis enthält. ·
51 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, a. a. 0., Hier soll kein systematisch gefaßter Beitrag zu einer Ästhetik
s. 36 kommunistischer Praxis geleistet werden. Die Gedanken wer-
5z Ebenda, S. 3 5 den am Partikulären, das selbst nur in groben Zügen umrissen
und gedeutet wird, gebildet. Das Vergangenheitliche und Dü-
stere des engeren Gegenstandes symbolisiert in dem hier geüb-
ten Gebrauch schon das Wort <<Ornament>>. Es steht in dieser
Bedeutung zumindest, soweit ihm der Wert einer Orientierung
für die Gestaltung industrieller Produkte im Sozialismus zuge-
sprochen wird. Das· Pathos der Vertreter des gestalterischen
Avantgardismus im Kampf gegen die Ornamentik kann hier
nicht aufleben. Die überlieferte Kritik muß auch auf ihre Trag-
fähigkeit für neue gesellschaftliche Erfordernisse befragt werden.
Hier .wird keine Lösung dieser Aufgabe gegeben, sondern der
Versuch, zu solcher Arbeit anzuregen.

Tod und Auferstehung des Ornaments

Als Adolf Loos indirekt den Bannsatz «Ornament ist Verbre-


chen L> formulierte, gab er einem der tiefsten Umbrüche in der
Entwicklung der ästhetischen Kultur zwar nicht den einzigen,
aber wohl den drastischsten Ausdruck. Der bestimmende Satz
des Aufsatzes Ornament und Verbrechen (r908) ist: «Ich habe
folgende erkenntnis gefunden und der weit geschenkt: evolution
der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornaments
aus dem gebrauchsgegenstande.» 1 Adorno war etwas betrof-
fen, daß Loos das Ornament <<mit Berserkerwut ächtete, die
sonderbar absticht vor seiner Humanität>>. 2 Hierüber soll jetzt
nicht gestritten werden. Die Bedeutung der Überwindung der
Ornamentik in Bereichen der produktgestalterischen Tätigkeit
in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts beginnen wir
erst zögernd zu begreifen. Die Vorstellung, es habe sich um eine
puristische Reaktion auf die <<Krise der Ornamentik>> im r9. Jahr-

47
"'
hundert3 und auf den Eklektizismus und Historismus gehandelt, in ihren frühen gesellschaftlichen und individuellen Lebensfor-
ist verbreitet. Der radikale und schöpferische Inhalt der funk- men erfahrbar. Erst hierdurch konnten sie auf die Natur über-
tionalistischen Kritik der Ornamentik kann von solcher Vor- tragen werden. Die Menschen hatten hiergegen keine Wahl,
aussetzung her nicht erkennbar werden. Die Abweisung der denn ihre &inzigen funktionalen Erfahrungen waren die mit
Ornamentik richtete sich jedoch auch gegen ihre antihistoristische sich selbst und ihren Beziehungen. Weltanschauung war aber
Wiederbelebung im Jugendstil. In scherzhaft-polemischer Form bereits zu einer ideellen Lebensbedingung geworden, weil ein
prophezeite Adolf Loos, es würde eine Zeit kommen, <<in der Subjekt, welches sich _am begrenzten Gegen,stand der Arbeit
die einrichtung einer zelle vom hoftapezierer Schulze oder vom das Wissen von Kausalität bereits erarbeitet hat, in einer unvor-
professor van de Velde als strafverschärfend gelten wird»." gestellten Welt nicht mehr leben kann. Die Vorstellung der Na-
Wird die funktionalistische Kritik nur in Beziehung zum Eklek- tur als einer Vielheit subjektiver Kräfte (and in den prakti-
tizismus des 19. Jahrhunderts gesehen, so erscheint sie für die schen Gegenständen der Menschen, den Arbeitsmitteln, Waffen
Entwicklung der ästhetischen Kultur von nur episodischer Be- und Geräten des individuellen Gebrauchs, besondere Ausprä-
deutung, gewissermaßen als negative Form der Erneuerung der gung. Das Ornament_ tritt ein als Figur der Beschworung, als
Ornamentik. Der besondere Charakter der in dieser Periode Fetischzeichen. Der Versuch phantastischer Herrschaft über die
erfolgten Zurückweisung der Ornamentik wird auch verkannt, Natur symbolisiert sich besonders an den Gegenständen der ·
wenn sie als <<ästhetische Askese>> gedeutet wird. 5 Sie wäre da-, praktisch schon errungenen Herrscha,ft der Mensch~n. Von hier
mit nur eine der geschichtlich zyklisch auftretenden puristischen greift die Ornamentik atlf die Bekleidung und teilweise auf den
Gestalthaltungen. Bevor ein hinreichendes Bewußtsein über die Körper. In dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist die brna- ,
Werte der funktionalistischen Kritik der Ornamentik und deren mentik der wohl bedeutsamste Repräsentant der ästhetischen
objektive Beziehung zur Verwirklichung des Kommunismus er- ~ultur, Werte, die wir bewundern, aber nicht ersehnen sollt~n.
schlossen wurde, wird das Orn~ment als Zeiche~ der Besänfti- Sie künden von keinem Paradies, aber von einem Gebundensein
gung oder als Zeichen von Zukunft beschworen. Was ist hier in die Natur, worin eigene Harmonie und etwas wie Freiheit ist.
los? Das zweite große Bildungsgesetz des Ornaments, das dieses
Das Orna19ent als dem praktischen Gegenstand anhängendes, auch in unser Leben einführt, ist der Warenfetischismus. Die
seine Erscheinung artikulierendes oder auch seine Struktur selbst frühe Doppelung der Gegenstände in ihre praktische und in
mit bildendes Kunstwerk6 hat seine sozialpsychischen Grund- ihre kultische Bedeutung, die dann auch als Beziehung von
lagen zuerst geschichtlich im kultischen Fetischismus. Seine Her- praktis'chen und kultischen Gegenständen erscheinen kann, wo-
ausbildung ist die erste kunstartige Vergegenständlichung ge- durch sie jedoch für' die praktischen nur besonders fixiert und
stalterischer Spontaneität, die jedoch als wesentlich zwanghaft nicht anfgehoben ist,· ließ bereits am unmittelbar, aus der Natur
vermittelt, weil durch ein entfremdetes geistiges und emotiona- herausgearbeiteten Gegenstande die Selbständigkeit des Prak-
les Weltverhältnis erzwungen, begriffen werden muß. Das Ent- tischen nicht erket1nbar werden. Denn er hat durc.h, die Welt-
ftemdete tritt in die Geschichte nicht als Aufhebung eines posi- anschauung das Ornament schon eingeprägt, bevor es in Erschei-
tiven menschlichen Oaseins, als Vertreibung, sondern als die nung tritt. Die Macht des Menschen als Gegenstand war ver-
notwendige oder doch unvermeidbare Form menschlichen Wer- deckt, durch die Einhüllung nur durchschimmernd. Dieses fand
dens. <<Entfremdung>> ist damit zunächst eine dialektische Kate~ mit der materiellen Spaltung des Gegenstandes in Gebrauchs-
gorie des Aufstiegs des Menschen. Erst durch die zugespitzt- wert und Wert eine neue Grundlage. In der Beziehung prakti-
zynische Entfaltung als Kapitalismus, wo es nicht mehr die scher Gegenstand und Ornament wird die aus der W arenpro-
Natur, sondern das Produkt der Menschen selbst ist, welches duktion hervorgehende Spaltung des Gegenstandes sinnfällig.
sie knechtet, wird sie aufhebbar. Indem die Menschen der frü~ In der kleinen Warenproduktion waren die sozialökonomischen
hen Kulturen Naturkräften Eigenschaften ihrer eigenen Sub- Grundlagen und die unmittelbaren Produktionsbedingungen für
jektivität zusprachen, waren sie bereits in_ einer weltanschau- die Entwicklung des Ornaments gleichermaßen vorhanden. Die
lichen Knechtschaft gegenüber der Natur, bevor sich ihr gesell- Herstellung der Produkte erfolgte auf eine Weise, die struktu-
schaftliches Verhältnis selbst zu einem von Herrschaft und relf der von Kunstwerken entsprach. In derklassischeh Form
Knechtschaft bildete. Modi solcht;r Beziehungen waren schon der. Handarbeit war nicht nur die Objektivierung ästhetischer
1

48 4 Kiihne. Haus
111 49
Impulse des Arbeitenden während der Produktion möglich, son- hängendes, von ihren unmittelbaren Erfordernissen her eindeu-
dern in der Regel erfordert, um überhaupt den Arbeitsgegen- tig Überflüssiges, sie sucht die Form der bloßen technischen
st11nd zum fertigen Produkt, zu einer funktionalen Ganzheit Rationalität des Gegenstandes und sieht sich dabei sehr bald im
und Gestalt zu bilden. Wie der Künstler die der Gestaltung Widerspruch zu ihren ideologischen Voraussetzungen. In der
vorausgehende Vorstellung des Werkes während der Gestaltung gesonderten · figuralen Erscheinung am Gegenstand steht das
selbst modifiziert, kritisiert und bildet, so muß es dieser Hand- Ornament dem Kapital nicht nur in den gegenständlichen Pro-
werker tun. Phantasie, ästhetisches Empfinden und Gestaltungs- duktionsbedingungen, sondern auch in der individuell-konsum-
vermögen sind notwendige Momente seiner Arbeit, in der er sich, tiven Produktwelt entgegen. Die Konsumtion und damit der
durch das eigene Interesse gestützt und getrieben, (<bis zu einem Gebrauchswert sind nicht der Zweck der kapitalistischen Pro-
gewissen bornierten Kunstsinn steigern konnte>>. 7 Das Ornament duktion, die im eigentlichen Wesen nicht einfach Waren-, son-
vermittelte jetzt nicht mehr die Beziehung der Menschen zur dern Mehrwertproduktion ist. 10 Um den Zweck der kapitali-
Natur, sondern ihr eigenes Verhältnis, war nicht nur Ausdruck stischen Produktion, Mehrwert und darin Profit, zu realisieren,
der allgemeinen Macht der V ~rhältnisse über die Menschen, es kann sich das Kapital nicht gleichgültig gegen das konsumtive
nahm bereits erste Funktionen der Werbung und Reklame auf, Verhalten der Individuen und gegen den Gebrauchswert der
wurde schon teilweise penetrant und bezeugte dann während der Waren verhalten. Es muß besondere Gebrauchsweisen produ-
kapitalistischen Industrialisierung das verlorene Paradies. zieren, welche den schnellen Austausch der von den Nutzern er-
Durch die Maschinerie war ein neuer gegenständlicher und worbenen Gütef ermöglichen und erzwingen. Die ordinärste,
räumlicher Charakter der Arbeit gesetzt. Was die Tätigkeit des nie verschmähte Methode ist der Einbau technischer Defekte in
Arbeiters war, wurde zur Funktion der Maschine, sein Arbeits- die Gebrauchsgegenstände. Durch instinktives Finden hatten
mittel, das Werkzeug seiner Hand, wurde zum beherrschenden bereits die kleinen Warenproduzenten eine Erweiterungsmög-
Glied des mechll;nischen Systems und der Gegenstand seines lichkeit der Menge der praktischen Gebrauchsgegenstände über
Arbeitens dessen Gegenstand. (<Sein Arbeiten selbst wird ganz das Maß praktischer Bedürfnisse und selbst über die Kapazi-
mechanisch>>,8 schrieb Hegel 1805 oder 1806. (<Die menschliche tät praktischer Aneignung hinaus gefunden. Sie erhöhten die
Arbeit>>, so Marx 1 844, (<ist einfache mechanische Bewegung; Wertsignifikanz der Form, verwandelten so den. praktischen
die Hauptsache tun die'materiellen Eigenschaften derGegenstän- Gegenstand in einen Gegenstand der Anschauung und kamen
de.»9 Die Trennung des Arbeiters von seinem Arbeitsgegenstand dami~ nicht nur ihrem eigenen Interesse am V erkaufen, sondern
und seinem Arbeitsmittel und seine Einordnung als Teilfunktion auch dem Bedürfnis der Käufer entgegen, das eigene Geld im
in das Maschinensystem konnten sich nur durch die Trennung Sachhaben sich und anderen vor Augen zu stellen. Das Geld
von Arbeit und Eigentum als Kapitalismus durchsetzen. Es war als Form des abstrakten Reichtums, das in -seiner gemäßen Wei-
die bis dahin tiefgreifendste Revolutionierung der Weise des se zwar nicht erscheinungslos, aber als Papiergeld oder ähnlich
Arbeitens in ihrem' unmittelbar gegenstandsbestimmten Charak- in bedeutungsloser Erscheinung existiert, stellt sich im Ge-
ter. Hierdurch waren auch neue Gestaltungsbedingungen der Pro- brauchsgegenstand und im sinnlichen Genuß des Gegenstandes
dukte entstanden. Diese Produktion erforderte eine ihr voran- dar. Als konkretes Abstraktum erscheint es jetzt in der Kunst-
gehende perfekte Disposition, deren Verwirklichung jede Ob- form, in den Lebensbedingungen und im Leben der Menschen
jektivierung ästhetischer Lebensäußerungen des Arbeiters im selbst, indem diese zu einem abstrakten Konkretum werden.
Gegenstand der Arbeit ausschloß. Der Proletarier ist überhaupt Für den Schatzbildner, für den noch (<Gold und Silber das Ma-
von der Disponierung des Produkts getrennt. Den Zweck der terial des abstrakten Reichtums sind; besteht die größte Schau-
Produktion und damit den Sinn der im wachsenden Maße ar- stellung des Reichtums in ihrer Benutzung als konkrete Ge~·
beitsteilig von Abteilungen der Intelligenz erzeugten Disposi- brauchswerte, und wenn der \Varenbesitzer auf gewissen Stufen
tionen personifiziert der Kapitalist. In ihm tritt dem Ornament der Produktion seinen Schatz verbirgt, treibt es ihn überall, wo
in seiner Jahrtausende währenden Geschichte erstmalig ein Inter- es mit Sicherheit geschehn kann, als rico hombre (reicher Mann,
essent entgegen, der auf die Überwindung des Ornaments aus L. K.) den andern Warenbesitzern zu erscheinem>. 11 Im Um-
ist. Die kapitalistische Ökonomie der gegenständlichen und schmelzen von Barrengold oder Barrensilber als Geldform in
räumlichen Produktionsbedingungen duldet nichts diesen An- Luxusgegenstände und deren Einschmelzung zu Barren zeigt
4* 51
50
/

sich hier der Gestaltwandel des Abstrakten und die Beses- Konkurrenz voneinander getrennt sind, suchen sie auch, sich
senheit des Konkreten durch dieses noch in naiver und sinnfäl- durch ihre Gegenstände zu differenzieren, in der Beziehung
liger Erscheinung. Als direkte Geldform, Barren, ist das Gold ihrer Gegenstände zu konkurrieren. Im revolutionären Kampf
zwar bis auf seine ästhetische Erscheinung jedem besonderen
des Proletariats, seiner Solidarität und eigenen Organisier~heit
Gebrauchswert entrückt, aber als Gebrauchsgegenstand hat es
ist zwar noch nicht die Macht, aber die Allmacht des bürgerli-
den abstrakten Reichtum als sein Wesen irµmer in sich. Das chen Reichtums zdbrochen. Nicht vom Standpunkt der Askese,
Maß der Kunsthaftigkeit des Gegenstandes ist hier zugleich das
die das Ornament dem Gegenstand entzieht und in der Seele
der Beherrschtheit des Korlkreten öurch das Abstrakte und ·das fixiert, deren pseudorevolutionäres Losungswort der Bourgeoi-
der Verharrungskraft der konkreten Form gegen die Metamor-
sie di~ Maßhalteparole bietet, sondern vom Standpunkt des
phose in die Form des Abstrakten. Aber das Kapital treibt nicht
Genusses müssep die Proletarier gegen das Kapital kämpfen.
nur den Geldschatz zum Zirkulieren, es· sucht auch die Unbe-
Durch diesen K~mpf haben sie bereits konkreten Genuß, an ihm
wegtheit von dessen dinglicher Repräsentanz zu überwinden.
m.üssen sie die Angebote des Kapitals messen, und durch diesen
Und hier ist ihm das Ornament ~idersetzig. Als Kunstfigur steht
Maßstab ·der ,Zukunft können sie den Gegensatz von Verhei-
es für die Dauer der Gegenstände. . ßung und Erfüllung im Gegenstand, von Verpackung und Le-
Wenn das Kapital das selbständige figurale Ornament über- bensinhalt sichtbar werden lassen und gegen das Kapital wen-
windet, zielt es nicht auf eine im Gebrauchswert beruhende den. Die Möglichkeit, auch die individuelle Konsumtion für
Ästhetik des praktischen Gegenstandes, sondern auf dessen völ • die revolutionäre Wirkung gegen das Kapital auszunutzen, ent-
lige Unterordnung unter die eigenen Verwertungserfordernis- steht erst durch den Kampf um die politische Macht der Arbei-
. se. Hierdurch ist der Gebrauchswert selbst konkretisiert, denn terklasse und damit um die Herrschaft der Produzenten über
es ist nur in der theoretischen Konstruktion die Auffassung eines die Produktionsmittel.
vom abstrakten Reichtum freien Gebrauchswertes zu bilden. Das Kleinbürgertum setzte der Entwicklung der Maschinerie
Mit der Entwicklung der kapitalistischen Mode werden Gegen· besonderen Widerstand entgegen. Die Sehnsucht nach dem Or-
stand und Ornament identisch, das Ornament ist jetzt wie die nament.beruht in~seinen sozialökonomischen Existenzbedingun-
Selbständigkeit des Praktischen unsichtbar geworden. Du,rch die gen. Die imperialistische Bourgeoisie hat es stets verstanden,
Mode ist der Gegenstand, vermittelt durch die eigene Erschei- das kleinbürgerliche ideologische und ästhetische Ressentiment
nung und durch v9m Produkt abgehobene Werbung, in ein_ Feld gegen die Maschinerie und gegen die sie ausdrückende Ästhetik
ihn tangierender Bedeutungen gehüllt, die seinen eigentlichen der praktischen und technischen Gegenstände auszunutzen. Der
Sinn bilden und auf die bezogen seine praktische Brauchbarkeit deutsche Hitlerfaschismus aktivierte diese Einstellungen zu de-
als Träger funktioniert. Es sind dieses die Bedeutungen bürger- monstrativen Reaktionen gegen die moderne Architektur und be-
licher sozialer Geltung, Haben, Es-sich-leisten-Können, mit Ne- sonders gegen die modernistische Kunst. Als Antwort auf die
benwerten wie Aufstieg, Sexualität, Jugend. Hierdurch wird moderne Architektur der zwanziger Jahre persp_ektivierte Bloch
die ästhetisch bewirkte Entwertung von Generationsgruppen der in Das Prinzip Hoffnung: «Der Baumeister gibt dann seinem
gegenständlichen Produkte weitgehend stratifizierbar. In der Re- Werk vielleicht <das Wasser einer Perle>, doch endlich auch eine
gel s,ind es jährlich Umwälzunge~ als Verntüllung nach der Sei- verlorene, weniger durchsichtige Chiffre: den bildnerischen
te der Gegenstände und als Erzeugung neuer Bedürftigkeit nach Überfluß in nuce - das Ornament.» 12 Gegenwärtig mehren sich
der Seite der Individuen. Es besteht die Tendenz, Produktgrup- die Stimmen, die i,m Ornament eine Leitgestalt sozialistischer
pen mit bedeutend längerer Brauchbarkeit direkt oder indirekt Kulturentwicklung sehen wollen. So schrieb, seine eigene Gestal-
den kurz.en Umschlagzeiten anzugleichen. In dieser vergeuden- tungskonzeption abschließend, Erich John: <<Und endlich ist ein
den und räuberischen Entwertung des gegenständlichen Reich- gewissenhaftes Gleichgewicht zwischen Ornamentik und der
tums stößt das Kapital nicht nur auf Widerstreben, sondern Oberfläche und dem Gegenstand notwendig, für den sie be~
auch auf -Resonanz in bestimmten Bedürfnissen des Proleta- stimmt ist.>>- 13 Er fordert, <<mit gestalterischen Mitteln zur Ver-
riats, der verschiedenen Schichten der bürgerlichen Intelligenz deutlichung sozialistischer Gebrauchsorientierung beömtragen>>. 14 /
und des Kleinbürgertums. Um diese richtige Forderung zu erfüllen, ist es allerdings not-
Soweit die Proletarier selbst durch die vom Kapital erzeugte
wendig, den Inhalt ~ozialistischer Gebrauchsorientierung sozial-

52 n
ökonomisch und politisch zu konkretisieren. Das betrifft beson- sondere gesellschaftliche Weise ihrer Schöpfung ästhetisch ob-
ders die Beziehung des unmittelbar praktischen Verhältnisses jektivieren. Hierfür ist die Transparenz von Technologie, Kon-
der Menschen zu den Gegenständen und den zum Teil noch bür- struktion, Funktionsgliederung und in einem bestimmten Sinne
gerlichen Vermittlungen dieser Beziehung, wie sie durch das auch des Materials eine unabdingbare, aber nicht die alleinige
sozialistische Leistungsprinzip und durch die Aneignung der Ge- Grundlage. Die ästhetische Erscheinungsweise des besonderen
genstände über Geld determiniert sind. 15 Selobst wenn in beson- gesellschaftlichen Charakters der ind~striellen Produktion, der
deren Fällen durch Ornamentierung der praktische Gebrauch ja nicht nur von den technischen Produktionsbedingungen, son-
effektiver geleitet werden könnte, bliebe die Frage, ob dadurch dern in seinem Wesen durch die Produktionsverhältnisse be-
nicht trotzdem eine andere Bedeutung für den Gegenstand do- stimmt ist, kann unter den Bedingungen des Sozialismus durch -
minierend gesetzt ist. Dem Wesen nach verklärt Ornamentik das Ornament als Eigenschaft solcher Gegenstände nicht erhellt,
den unmittelbar praktischen Gebrauch, selbst wenn sie ihn im sondern nur verdeckt werden. Die Konzeption von Er.ich John
engeren psychologischen Sinne leitet. Mit einem Hinweis auf bercht auf der Verbindung einer modernen, an der Maschinerie
Henry van de V elde meint Erich John, die gestalterischen Ge- orientierten Ästhetik mit einer künstlerischen Gestaltungskon-
setze zwingen «zur schlagenden Logik in der Struktur der Ge- zeption, die an in11ustriellen Produkten immer nur ihre ver-
genstände, zu unerbittlicher Logik bei der Anwendung der Stof- kehrte Form, das Fetischzeichen Ornament hervorbringen kann.
fe ... , zur stolzen und offenen Zur-Schau-Stellung der Herstel- Das Ornament ist am praktischen Gegenstand ansetzende
lungsverfahren und zum anstandslosen Eingeständnis der bei Subjektivität, deren Logik nicht im Gegenstand und seinen Pro-
ihrer Zusammenfügung angewandten Mitteh. 16 Von über-, duktionsbedingungen beruht, sondern nur auf diese hin modi-
schwänglichen Attributierungen, <<schlagend>>, <mnerbittlich», ab- fiziert, diesen angepaßt ist. Es steht dem in der Selbständigkeit
gesehen, bleibt das Problem, daß sämtliche dieser Gesetze an des Praktischen hervortretenden Gegenstand kaschierend und
einem Gegenstand überhaupt nicht realisierbar sind. Ihre Be- verhüllend gegenüber, es ist eine Gestalt der Kunstwelt, nicht
deutung ist damit nicht negiert. Wenn von dem besonderen Fall, wie sie das Praktische vermittelt, sondern wie sie sich dieses
daß Ornament nicht anhängende Figur, sondern den Gegenstand unterordnet. Die Bedürftigkeit nach dem Ornament erwächst ·
selbst figürlich bildende Form ist, abgesehen wird, steht die in der Gegenwart auch aus dem Streben, den praktischen Gegen-
Orientierung auf das Ornament im schroffen Gegensatz zu den stand anheimelnd zu binden, ihn dem Druck des zynischen mo-
Forderungen einer an der Maschinerie orientierten Ästhetik der dischen Verschleißes zu entziehen. Zugleich wirkt auch im So-
Gestaltung. Das Ornament ist Form, die nicht aus der konstruk- zialismus nicht überwundenes oder neu gebildetes Unbehagen
tiven, technologischen und funktionalen ästhetischen Logik des gegenüber der industriellen Technik und der Wunsch, den Ge-
Gegenstandes, sondern aus der unvermittelt subjektiyen Logik genstand als V erkörp~rung von Wert einzusetzen.
künstlerischer Gestaltung gebildet wurde und am Gegenstand Der ohne Zugeständnisse an künstlerische Ästhetik der Ge-
eine selbständige Figur oder selbständige Figuren darstellt oder staltung erscheinende moderne Gegenstand der industriellen
als selbständig ansetzende Figur mit ihm synthetisiert ist. Ästhe- Produkt,ion mag noch so ästhetisch hochwertig sein, er versagt
tische Phantasie ist ein wichtiger Faktor bei der Lösung tech- gegenüber bestimmten Erwa~tungen, die sich durch seine An-
nisch-konstruktiver Aufgaben, und sie kann die Erschließung eignung als Ware einstellen. Jeder der Gegenstände des prak-
neuer konstruktiver Lösungen ermöglichen. Kunstwerk und Or- tischen Gebrauchs ist für sich genommen zunächst ·einfach. Mit
nament sind nicht die, sondern eine Ausdrucksweise des Ästheti- Ausnahme bestimmter Gegenstände, deren Aneignung mit ei-
schen. Die ornamentale Gestaltung technischer und praktischer ner großen finanziellen Belastung verbunden ist, weist er vor-
Gegenstände steht nicht einfach darum im Widerspruch zu den dergründig auf keine besondere menschliche Problematik. Die
hier vorgestellten sozialistischen Anforderungen zur Gestaltung Tasse zum Trinken, der Löffel zum Sdiöpfen, das Bett zum Lie-
solcher Objekte, weil sie den jeweils möglichen Ausdruck der gen, der Kamm zum Kämmen. Aber als Ganzheit der Gegen-·
Herstellungsweise und der ästhetischen Werte des Materials stände eines Individuums objektivieren sie zugleich ein existen-
verdeckt, das ist in der Regel der Fall, aber es kann Ausnahmen tielles Drama. Der eine Gegenstand ist die Entsagung eines
geben. Die Gegenstände sollen doch nicht vor allem ihre tech- anderen. Das bedeutet im bestehenden Verhältnis nicht nur ver-
nische Bestimmtheit und ihr stoffliches Dasefo, sondern die be- sagten tätigen Gebrauch und konkreten Genuß, sondern auch

54 55
eirie in den Gegenständen vorgestellte Differenz zu anderen mus einen neuen gesellschaftlichen Typ von Warenbeziehungen
Individuen. Die Gegenstände stehen für die Konflikte der in durchsetzen, konnte, hebt den grundlegenden theoretischen
engerer Gemein-schaft lebenden Menschen, auch für ihren Zu- Aspekt, der den gegensät~lichen Inhalt von Kommunistischem
sammenschluß. Sie haben in ihrem Gegenstand schließlich nicht und Warenbeziehungen betrifft, nicht auf. Daß Warenbeziehun-
nur 1den Widerschein des so entsagten anderen/im besonderen, gen spezifischen Charakters die Entwicklung des Kommunismus
doch nicht im Ausnahmefalle, auch den des im Gegenstand ver- vermitteln können, kennzeichnet zugleich ein wesentliches Mo-
sagten anderen Menschen. So steht er etwa für das zweite oder ment der Dialektik des Sozialismus. Die «Warenform des Pro-
dritte Kind und zeichnet den Weg des Alten ins Aftersheim. dukts der sozialistischen Produktion ist eine Kategorie, in der
Der in seiner bloß technischen ,und pr~ktischen Ästhetik erschei- nicht nur und nicht einmal so sehr ein ihr adäquater Inhalt fixiert
nende Gegenstand wirkt hier leicht zynisch, er verweigert nicht wird als vielmehr ,Elemente des unmittelbar gesellschaftlichen
nur Erinnerungen, sondern erinnert an die Möglichkeiten eines Zusammenhanges der Produktion, die gezwungen sind, sich in
anderen, noch unerfüllten Lebens und - stört. Für die Faszina- einer bestimmten Etappe der Entwicklung in Formen zu zei~
tion der Einfa'chheit des Praktischen ist noch kein dauerhaftes gen, die ihrer inneren Natur fremd sind.» 19 Diese Auffassung
Organ gebildet. So tritt wieder das Verkläningszeichen, das Or- Pokrytans steht in der Traditi~n des von Marx in den Rand-
nament, an den Gegenstand,_ hebt ihn vom Reich des Prakti- glossen entwickelten klassischen Ansatzes der Sozialismustheo-
schen wenigstens etwas ab, weil sein Subjekt dort nocp nicht rie, der den frühen Entwurf einer phasengeschichtlichen Dar-
ganz angekomn;ien ist. stellung der Entwicklung des Kommunismus in den Manuskrip-
Die Vorstellung, im Sozialismus wäre schon vollständig eine ten von r 844 ·von den Voraussetzungen der herausgebildeten
im kommunistischen Sinne freie Beziehung der Menschen zu neuen Weltanschauung und Methode wieder aufnahm und prä-
ihren individuellen sachlich.en und räumlichen Lebensbedingun- zisierte. Während die pseudolinken Reaktionen auf den Sozialis-
gen möglich, setzt die Annahme voraus, beim Bestehen einer mus negieren, daß unter der Voraussetzung sozialistischer Poli-
noch in gewisser Hinsicht knechtenden Unterordnung der Indivi- tik und sozialistischen Eigentums Strukturen der Bürgerlich-
duen unter' die Arbeitsteilung17 sei ein allseitig freies, in keiner keit kommunistische Beziehungen vermitteln können und daß
Beziehung mehr knechtendes Verhalten Zill den Produkten der es hierfür vom Standpunkt des Kampfes um den Kommunismus
Arbeit zu verwirklichen, Warenbeziehungen und Geld seien im keine Wahl gibt, erweisen sich die marktwirtschaft'lichen Kon-
Sozialismus bloße gesellschaftstechnische Formalismen ohne zeptionen des Sozialismus als urifähig, den Widerspruch zwi-
selbständige Formierungskraft und Wirkung und das Voran- schen dem kommunistischen Inhalt sozialistischer Verhältnisse
schreiten zum Kommunismus hätte nicht vor allem die Durch- und ihrer partiellen Vermittlung durch Warenbeziehungen oder
setzung kommunistischer Produktionsbedingungen durch die durch diesen analoge Beziehungen zu erkennen. Aus diesen hier
Schaffung der entsprechenden materiell-technischen Basis, son- gefaßten Beziehungen des Sozialismus entstehen zwangsläufig
dern eine hiervon weitgehend unabhängige kommunistische Kon- gegensätzliche Tendenzen der Bildung der gegenständlichen und
sumtionsweise zur Voraussetzung. Über das Verkennen der all- der räumlichen Lebensbedingungen und entstehen für die Ent-
gemeinen gesellschaftlichen Charakteristik der W arenproduk- wicklung ästhetischer Gestaltungskonzeptionen komplizierte
tidn in Hihsicht auf den Kommunismus hat Engels in der Pole- Probleme. Ihre prinzipielle Orientiertheit auf die _Entwicklung
mik gegen Dühring bereits Wesentliches dargelegt. «In der Wert- der kommunistischen Inhalte der sozialistischen Lebensweise er-
form der Produkte steckt ... im Keim die ganze kapitalistische gibt sich aus dem objektiven Wesen des Sozialismus. F,ür die
Produktionsform ... Die kapitalistische Produktionsfoo:n ab- Produkte der individuellen Konsumtion müssen die gestalte-
schaffen wollen durch-die Herstellung des <wahren Werts>, heißt rischen Konzeptionen zielstrebig und elastisch sein. Der Sozia-
daher de~ :Katholizismus abschaffen wollen durch die Herstel- lismus kann und muß das Ornament des praktischen Gegen-
lung des <wahren> Papstes oder eine Gesellschaft, in der die Pro- stande~ nicht überhaupt aufh~ben, aber es kann nicht das Zei-
duzenten endlich einmal ihr P.rodukt beherrschen, herstellen durch chen oder eine Orientierung der ästhetischen Kultur dieser Ge-
konsequente Durchführung einer ökonomischen Kategorie, die sellschaft sein.
der umfassendste Ausdruck der Knechtung der- Produzenten Das Interesse am Ornament trat in den kapitalistischen Staa-
durch ihr eignes Produkt ist.>> 18 Die Tatsache, daß der Sozialis- ten in den vergangenen Jahren besonders hervor. Das betrifft

56 57
1
auch die Beachtung, die der Jugendstil erneut gewann. Der Ju- zu bedenken. In einer Besprechung des Preßglassortiments EU-
gendstil aktivierte die an der Handarbeit gebildete individuelle ROPA, es handelt sich um auch für häuslichen Gebrauch ge-
Gestaltästhetik gegen die schon weitgehend typisierte Ornamen- eignetes Hotelgeschirr, diagnostizierte Dagmar Lüder: <<Tatsache
tik des Neubarocks. Er entwickelte zugleich wesentliche Mo- ist, daß es ein Preßglas wie EUROPA für den Binnenhandel
mente der Gestaltung, die zu einer modernen Ästhetik des nicht gibt, daß zur Zeit.überhaupt kein undekoriertes und unge-
Technischen und des Praktischen hinführten und sie zum Teil schliffenes Glas angeboten wird. Handel und Industrie sind sich
vorbereiteten. Die Auflösung der tradierten anthropomorphen in der Haltung zu Schliff und Dekor nicht einig. Der Handel
Tektonik der Architektur und praktischer Gegenstände, die wünscht auch glattes Glas, die Industrie will nicht so recht.» 21
Ausweitung der in die Gestaltung einbezogenen Stoffe und die Obgleich das glatte Glas eindeutig produktionsökonomischer
Entdeckung neuer ästhetischer Werte derselben und in einer be- als das dekorierte ist, widerstrebt gerade die Industrie. Das ~ird
stimmten Beziehung auch die zum Teil erstrebte Einheit von verstehbar, wenn wir beachten, daß die Produktionsökonomie
technischer Konstruktion, Funktion und Ornament waren wich- im Sozialismus noch wai:enwirtschaftlich vermittelt werden muß.
tige Grundlagen für die Entwicklung einer neuen Gestaltungs- Hier liegt ein Interesse, das die Tendenz hat, sich im Gegen-
konzeption des Technischen und des Praktischen. Aber die ent- stand zu besondern. So verdeckt es den Ausdruck der industriel-
scheidende Grundlage dieser Konzeption war nicht der Jugend- len Potenz, denn <<Schliff und Dekor sind willkommene Mittel,
stil, sie lag in den ingenieurtechnischen Werken der Industrie, um dem Glas alle profanen Zeichen seitfer maschinellen Geburt
in der besonderen Di·sziplin des ingenieurtechnischen Entwurfs, zu nehmen». 22 Was die Erwartung nach dem Glas EUROPA
in den Formkonsequenzen kapitalistischer Produktiomökono- angeht, ist die Industrie dabei zuzusagen. «Allerdings mit eini-
mie, im Standard und Typ technischer Serienprodukte auf der gen Einschränkungen. Das Glas soll nicht rauchgrau, sondern
einen und s-chließlich in der modernistischen, abstrakten Kunst weiß in unsere Läden kommen, und nicht dekorlos, sondern mit
auf der anderen Seite. Erst durch letztere konnten die bis in das einem ganz leichten Dekor. So leicht, versichert der Betrieb, daß
I 8. Jahrhundert hineinreichenden technisch-funktionalistischen er kaum auffällt und daß der ästhetische Wert nicht gemindert
Traditionen zu einer neuartigen und programmatisch begriffe- wird.» 23 Der Warenproduzent ist der große Künstler, er zeich-
nen Gestaltpraxis hinführen. net die einfühlenden Figuren der Ohnmacht in die Dinge und
Die von <<Henry van de Velde intendierte Vereinigung von schmeichelt dem Bedürfnis der Menschen in dem Maße, wie er
Konstruktion und Ornament im Gestaltbild», von der Michael ihre Interessen verletzt. Daß dies nicht für alle Bedürfnisse gilt,
Franz schrieb, daß sie eine <<Aufgabe für die Zukunft>> bleibt, 20 zeigt schon das eingesetzte Beispiel, und daß die so umrissene
· erweist sich als ein Punkt des Umsteigens. Sie ist nicht für die Beziehung von Warenproduktion, Bedürfnis und Interesse hi-
Gesamtheit gestalterischer Aufgaben tragfähig. Bei van de Velde storisch zu relativieren und sozialökonomisch zu konkretisieren
führte diese Synthese oft in die Nähe moderner gestalterischer ist, kann hier nur betont werden. Aus den Warenbeziehungen er-
Einstellung im hier gefaßten Sinne. Die Tendenz zur Einheit wächst die Tendenz, die Erscheinung der Produkte anzureichern
1 von Konstruktion und Ornament ist in der Bewegung von an- und den praktisch-funktionellen Wert, besonders die Dauer der
hängendem,Ornament zum synthetisierten einmal Erscheinung Brauchbarkeit derselben, einzuschränken. Diese Polarität kann
des Prozessierenden des Ornaments gegen den Gegenstand. Sie innerhalb der kapitalistischen Warenproduktion teilweise durch
kann die Bewegung zu einer modernen Gestaltungsweise sein, besondere Bedingungen der Konkurrenz eingeschränkt oder auf-
ist aber nicht Moment dieser Gestaltungsweise, sondern ihr Ge- gehoben werden. Die sozialistische Gesellschaft verfügt über
gensatz. die gesellschaftlichen Instrum€ntarien, im wachsenden Maße eine
Die theoretische Diskussion über die Bedeutung des Orna- neue Produktkonzeption durchzusetzen, in welcher der Antago-
ments für die Lösung kultureller Aufgaben im Sozialismus soll- nismus von ökonomischer Produktion und auf den Verschleiß
te die faktischen Gegebenheiten nicht unbeachtet lassen. Daß es hin konzipiertem Produkt überwunden ist.· Wie langwierig und
in einigen Produktgruppen gegenüber ornamentierten oder auf widerspruchsvoll dieser Prozeß ist, läßt bereits die unmittelbare
ancJere Weise dekorierten Gegenständen des praktischen Ge- Erfahrung sichtbar werden und drückt sich auch in der Ausein-
brauchs trotz bestehender Nachfrage keine Alternative gibt, ist andersetzung um die ästhetische Gestaltung aus. Clauss Dietel
zwar kein Argument für prinzipielle Erwägungen, aber doch zeigt das Problem an einer persönlichen Situation: <<Wenn meine
58 59
,,.

Glaskugelleuchte aus der Bauhauszeit einmal zerbrechen wird, werken». 27 Van de Velde hatte dagegen ·schon die industrielle
finde ich zur Zeit unter dem Wust an modischen, für den Tag ge- Produktion als einen für das gestalterische Schaffen werthalti-
machteh Lampen keine, die sie an gestalterischer Klarheit und gen Bereich erkannt. <<Von den kleinen elektrischen Apparaten,
funktioneller Güte ersetzen könnte. Der Aufwand aber, mit dem den telephonischen und telegraphischen, deh elektrischeµ Bir-
wir uns dieses absichtlic.h Vergängliche meinen leisten zu kön- nen und elektrischen Instt'umenten für Massagezwecke bis zu
nen, ist meist Stück für Stück.höher als jener für eben diese Ku- den mächtigen Dampfmaschinen, tragen alle diese Gegenstände
gelleuchte. Diese Praxis kostet uns jährli<f Millionen.>>~: Also das Merkmal einer Eigenschaft, die sich definieren läßt: das
wieder diese für den ökonomischen Laien widersinnige Okono- Bemühen, es so gut wie möglich zu machen.» 28 Er spürte die
mie, die schon am Preßglas EUROPA erschien. Clauss Dietel Möglichkeit einer neuen Einstellung zur Form, blieb jedoch
diagnostiziert dann über den besonderen Gegenstand hinaus: theoretisch unentschieden und praktisch, trotz zeitweiligen Vor-
«In unserer Konsumgüterindustrie, zunehmend aber auch in an- dringens zu einer neuen, der an der Handarbeit orientierten
deren Bereichen, wird nach wi~ vor in der E.rzeugnisentwicklung Ästhetik verhaftet. «Und w.enn dich der Wunsch beseelt, diese
sehr oft ein moralischer Verschleiß fest eingeplant, der weit vor Formen und Konstruktionen zu verschönern, so gib dich dem
dem materiellen Nutzensende liegt.» 25 Somit sind für die sozia- V erlangen nach Raffinement, zu welchem di eh deine ästhetische
listische Politik wichtige Aufgaben gefaßt, für deren Lösung die Sensibilität oder dein Geschmack für Ornamentik - welcher Art
theoretischen Grundlagen umfassender entwickelt werden müs- sie auch immer se_i - nur insoweit hin, als du das Recht und das
sen. Die Auseinandersetzung um die Funktion der Ornamentik wesentliche Aussehen dieser Formen und Konstruktionen ach-
ist ein Beitrag hierfür, weil sie auf mehr als eine Form gerichtet ten und beibehalten kannst.» 29 Erst nachdem die selbständige
.ist. Diese Auseinandersetzung bezieht notwendig die Struktur Schönheit der auf konstruktiver Logik beruhenden Form emp-
und die Funktion des Ästhetischen in der Entwicklung des So- funden und begriffen war, konnte sich eine neue gestalterische
zalismus ein und scheint mir nur von hier in sinnvoller Weise Sensibilität bilden. Eine Sensibilität, die nicht in der an Kon-
möglich. struktiq~ und Form von außen he~ngetragenen Figur, sondern
in der ästhetisch beherrschten Konstruktion und so gewonnenen
Form ihre Subjektivität und ihren Gegenstand hatte. Von hier
Differenziertheit der ästhetischen Kultur war nun das Kunstwerk selbst zu messen. «Das Kunstwerk»,
schrieb Walter Gropius in dem Aufsatz Wo berühren sich die
oder Gesamtkunstwerk
Schaffensgebiete des Technikers und des Künstlers, «ist immer
auch ein Produkt der Technik. Was zieht den künstlerischen Ge-
Durch die Maschinentechnik wurde die Selbständigkeit der prak-
stalter zu den vollendeten Vernunfterzeugnissen des Technikers
tischen Gegenstände gegenüber den künstlerischen erst voll her-
hin? Die Mittel seiner Gestaltung. Denn seine innere Wahr-
ausgebildet. In den technischen und den praktischen Gegenstän-
haftigkeit, die knappe, phrasenlose, der Funktion entsprechende
den wurde eine neue Einstellung zur ästhetischen Gestaltung Durchführung aller Teile zu einem Organismus, die kühne Aus-
'Objektivierf. Dem Aufbegehren gegen die Maschinerie· folgte
nutzung der neuen Stoffe und Methoden ist auch für dte künst-
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Versuch, c;lie in-
lerische Schöpfung logische Voraussetzung. Das <Kunstwerk> hat
dustrielle Technik der Ästhetik der Handarbeit unterzuordnen.
im geistigen wie im materiellen Sinne genau so zu <funktionie-
Ruskin wollte noch die «rein mechanische Beschäftigung, die zu-
ren> wie das Erzeugnis der Ingenieure ... »30
gestandenermaßen· erniedrigend in ihrer Rückwirkung ist, weni-
Mit gro~er Leidenschaft und teilweise großer theoretis~her
ger glücklichen und habgierigen Völkern überlassen>> und hoffte,
Scharfsi<;ht wurde durch sowjetische Architekten die .Bedeutung
eine «vollständige Schule für Metallarbeit einzurichten, bei wel-
der Maschinerie und der modernen Technik für die Herausbil-.
cher nicht die Eisenschmiede, sondern die Goldschmiede an der
Spitze stehen werdem>.2G Morris sah die 'Unabwendbarkeit der dung einer neuen K~ltur erfaßt. Den einführenden Abschnitt
industriellen Entwicklung, aber in ihr nicht die Möglichkeit ei- <<Unterbaw> des Buches Rußland begann EI Lissitzky so: <<Die
ner neuen ästhetischen Beziehung zu den Gebrauchsgegenstän- Geburt der Maschine ist der Anfang der technischen Revolu-
den. Das Leitbild war der Künstler und das Ziel <<die Gestal- tion, die das Handwerk vernichtet und für die moderne Groß-
tung der notwendigen täglichen Gebrauchsg~genstände zu Kunst- industrie entscheidend wird. Während eines Jahrhunderts wer-

60 61
den durch die neuen technischen Produktionssysteme die gesam- strahierte Naturprozesse, sondern zugleich gesellschaftliche Ver-
ten Lebensvorgänge umgestaltet. Die Technik hat heute nicht hältnisse und damit Situationen menschlicher Subjektivität. Die
allein die soziale und wirtschaftliche, sondern auch die ästhe- Gestaltwerte des Technischen waren also auf zwei Wegen er-
tische Entwicklung revolutioniert. Diese Revolution hat in schließbar: über die äußere Erscheinung des Technischen sowie
Westeuropa und Amerika die Grundelemente des neuen Bauens der Methoden un'd der Disziplin seiner Bildung und über die
bestimmt. - Oktober 1917 beginnt unsere Revolution und damit psychische Spiegelung gesellschaftlicher Beziehungen. Die Hert-
ein neues Blatt in der menschlichen Gesellschaft. Die Grund- schaft der Arbeitsbedingungen über den Arbeiter und die Herr-
elemente unserer Architektur gehören dieser sozialen und nicht schaft der Lebensbedingungen überhaupt über das Leben, die
der technischen Revolution an.>>31 Hierdurch waren für den So- sich in dem Vorrang des Scheins der. Rationalität der Sachen
zialismus prinzipielle Voraussetzungen der theoretischen Ana- gegenüber menschlichem Anspruch durchsetzt, fand so in der
lyse und perspektivischen Sicht kultureller Entwicklung um- Kunst ihre adäquate Gestalt. Aber damit war Kunst im Sinne
rissen. Viele Projekte von Architekten der Sowjetunion, wie frühbürgerlicher 'und revolutionärer bürgerlicher Klassenge-
Leonidow, Melnikow, die Wesnins, gaben dieser in der Revo- schichte aufgehoben. Die modernistische Kunst in ihrer konse-
lutiol). und dem Sozialismus beruhenden ästhetischen Konzep- quenten Bildung war nicht mehr der im Gegensatz zur Wirk-
tion klassischen Ausdruck. Die Vertreter der jungen sowjeti- lichkeit vergegenständlichte Sinn, Erinnerung und Hoffnung,
schen Architektur erkannten klarer als die meisten der Pioniere sondern bloße Matrize von Wirklichem. Der frühbürgerliche
moderner Gestaltung in den kapitalistischen Ländern, daß die Kunstbegriff, der noch heute im Denken wirkt, faßte nicht so
menschliche Bestimmtheit der auf der .industriellen Technik be- sehr den Unterschied von praktischen und künstlerischen Ge-
ruhenden neuen Kultur die Aufhebung des Kapitalismus und genständen, sondern mehr deren Gemeinsamkeit als Außerung
die Verwirklichung des Kommunismus voraussetzt. Ihre Beja- der Kunstfertigkeit der Hand; Auf der Grundlage der kleinen
hung der ästhetischen Werte und Möglichkeiten des Technischen Warenproduktion prägte das Artifizielle der Hand individuelle
beruhte auf neuen politisch-=n und sozialen Grundlagen und Subjektivität im Gegenstand aus. Und genau diese innerhalb der
konnte so von allem Illusionären und menschlichen Zwiespälti- Borniertheit harmonische und innerhalb der Entfremdung noch
gen frei sein. Die Revolution hatte die Trennung von Arbeit ungeteilte Arbeit des Handwerkers bildete die Substanz des
und Eigentum zerbrochen -und durch die Klassenherrschaft des Begriffes <<Kunst». Dieser noch naive und selbstgefällige Be-
Proletariats gesellschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln griff der Kunst, der aber wirkliche Verhältnisse durchaus richtig
geschaffen. Nur auf der Grundlage dieser Macht und dieses Ei- spiegelte, gewann die dem entwickelten bürgerlichen Begriff
gentums konnte und kann die Technik für alle einen neuen Sinn der Kunst eigene Bedeutung, nachdem diese Verhältnisse durch
gewinnen. ihre eigene Entwicklungslogik zerstört waren. Als Begriff eines
Die mit der Ausbildung der technischen Gegenstände ermög- jetzt kritischen oder ausweichenden Verhaltens zielt er auf das
lichte Differenzierung innerhalb der ästhetischen Kultur, be- verlorene Paradies. Daß dieser Verlust die verborgene Wahrheit
1 sonders der Wechselwirkung von technischer und künstlerischer der verlorenen Verhältnisse ausspricht, war nicht durchschaut.
' Formerfahrung, durch welche zugleich das Se-sondere von Kunst So wurde frühbürgerlicher Klasseninhalt der Kunst gegen die
1
tiefer gefaßt werden konnte, wurde durch die imperialistische kapitalistische. Praxis konfrontierbar. «Die Menschheit hat ihre
Bourgeoisie negiert. Das Subjekt dieser Differenzierung und Würde verloren, aber die Kunst hat sie aufbewahrt in bedeu-
Wechselwirkung kann nur das Proletariat, die Gesellschaft ihrer tenden Steinen: die Wahrheit lebt in der Täuschung fort, und
Entfaltung kann nur der Kommunismus sein. Der Kapitalismus aus den Nachbildungen wird das Urbild wieder hergestellt wer-
hat die Tendenz, die Selbständigkeit der Kunst in den auf der den.>>32
industriellen Technik beruhenden ästhetischen Reaktionsweisen Im Sinne dieses Kunstbegriffes, den das Proletariat nicht über-
aufzulösen. Die Herausbildung einer selbständigen Asthetik des nehmen kann, obgleich er wesentliche Strukturen seines eigenen
Technischen und die Entwicklung des Technizismus und Ab- aufweist, gibt es bürgerliche, aber keine kapitalistische Kunst.
straktionismus der Kunst vollzogen sich wesentlich gleichzeitig Kunst ist tler ungebrochene Ausdruck von Menschlichkeit, so ge-
und vermittelten sich wechselseitig. Die jeweils konkrete Totali- brochen die Menschen selbst sein mögen. 33 Aber Kapitalismus ist
tät des Technischen objektiviert nicht nur funktionierte und ab- die radikal durchgesetzte Herrschaft der Produkte von Menschen
62 6,
':r,1

über die· Menschen. Als personales Subjekt dieser Herrschaft ist .


tisch-gegenständliche und technische Gestaltung im Sozialismus.
der Kapitalist selbst nur der Funktionär des Sachlichen und die-
Mit dem bürgerlichen Modernismus wurde auch eine neue Dif-
sem noch zynischer unterworfen als der Arbeiter. Sein Name 0
ferenzierung innerhalb des bildneris chen Schaffens möglich. Aus-
sagt es schon. In ihm ist die Entfremdung totalisiert und ihm ist
druck kapitalistischer Klasseninteressen kann sie nicht sein, weil
sie genußvoll. Und diese Totalität kann den ihr gemäßen ästhe-
sie die Kunst zur Voraussetzung hat. Nicht die abstrakte Ge-
tischen Ausdruck nur in einer Ges,talt finden, die von jedem
staltung an sich, sonde~n ihre Umrichtung von der architektoni-
besonderen menschlichen Sinn und damit vom Menschen selbst
schen und technischen Gestaltung auf die Kunst bildet den Ge-
abstrahiert. Kapitalistische Kunst ist also die Aufhebung der
gensatz zu sozialistischen Zielen. Es ist wahrscheinlich kein Zu-
Kunst. Denn im entwickelten bürgerlichen Begriff der Kunst
fall, daß diese Beziehung bildnerischen Schaffens zur Wirklich-
war ein Inhalt hervorgetreten, der für Kunst allgemein gilt, die
keit zuerst mit theoretischer Bewußtheit aus den Bedingungen
Nichtidentität von Kunst und Wirklichkeit als Voraussetzung
des Sozialismus heraus gefaßt wurde. EI Lissitzky bezeichnete
menschlicher Verwirklichung. Die Aufhebung der Kunst im bür-
seine Prounen als <(Umsteigestationen von der Malerei in die Ar-
gerlichen Modernismus, die in seinen Werken selbst nicht in je-
chitekturn.35 Das ist natürlich keine hinreichende Bestimmung
dem Falle als rein vorgestellt werden darf, sondern so nur durch
solcher für die kulturelle Entwicklung des Sozialismus notwen-
die Abstraktion zu bilden ist, hatte zwei Bedeutungen, die hier
digen Gestaltungsweisen, bestimmt aber deren ·Struktur.
hervorgehoben werden müssen. Einmal war die für bürgerliche
Die Arbeiterklasse verteidigte die Kunst gegen den bürger~
Verhältnisse charakteristische, durch das Hervortreten der be~ 1

liehen Modernismus, den die imperialistische Bourgeoisie an


sonderen ästhetischen Werte des Technischen aber in Frage ge-
die Stelle der Kunst oder als Kunst setzen wollte. Ihr Verhält-
stellte Einschichtigkeit der ästhetischen Kultur wieder erreicht.
nis zur kultµrellen Tradition war in einer bestimmten Beziehung
Zugleich waren in der Formsprache des bürgerlichen Modernis-
konservativ. Aber es gab und gibt ein Moment dieses Konser-
mus der industriellen Produktion gemäße ästhetische Gestalt-
modi technischer und praktischer Gegenstände und der gegen- vatismus, welches nicht aus der Macht einfach überkommener
Traditionen und Gewohnheiten, sondern aus dem Interesse der
ständlichen architektonischen Raumbedingungen formuliert. Die
Klasse erwächst, und das sie im Bewußtsein ihrer revoultionä-
revolutionäre Bedeutung des frühen bürgerlichen Modernismus
ren und humanistischen Aufgaben verteidigen muß. Im Sozia-
ist nicht nach der Seite der Kunst, sondern nach der Seite der
Ästhetik des Technischen, Praktischen und Architektonischen zu lismus ist die Kunst nicht mehr gegen das Ganze dieser Wirk-
lichkeit k0nfrontiert, aber sie ist auch nicht der bloße Schein und
erschließen. Die vermittelnde Funktion des Modernismus für
auch nicht das Muster des Wirklichen. l<ür das Proletariat kann
die Entwicklung der Architektur bildete sich nach dem Krieg
·voll aus. Über die Entwicklung der n;todernen Architektur in immer nur so -viel seiner Ideale verwirklicht sein, wie die Wirk-
lichkeit sie transzendierendes Ideal verwirklichbar werden läßt.
dieser Zeit schrieb Banham: <(Es hatte den Anschein, als sei
Die Gleichzeitigkeit von Identität und Differenz von Wirklich-
keine der einzelnen Architekturschul~n in der Lage gewesen,
,1 keit und humanistischem Ideal kann nur eine Beziehung des.So-
diese ästhetische Disziplin zu finden. Die Lösung der Schwie-
zialismus und des Kommunismus überhaupt sein. Kommunistisch
rigkeiten in der Architektur sollte schließlich aus dem Be-
kann keine Ku~st sein, in welcher nu~ die Differenz erscheint,
reich der Malerei und der Skulptur kommen, nämlich von jener
aber als wesentliche, menschliches Leben richtende Differenz
Entwicklung zur reinen abstrakten Kunst, die die Kubisten und
kann sie nur in der Kunst erscheiqen. Wenn der gesellschaftliche
Futuristen bereits eingeleitet hatten, die aber erst nach dem er-
Inhalt der durch die industrielle Technik ermöglichten Differen-
sten Weltkrieg als brauchbare Disziplin zur Verfügung stand.>>34
zierung des Ästhetischen gefaßt ist, erscheint die Einschichtig-
Die Arbeiterklasse muß diese zweifache Bestimmtheit des frühen
keit bürgerlicher ästhetischer Kultur als Vermittlung einer be-
Modernismus, als Aufhebung der Kunst und als Formulierung
stimmten sozialen Praxis und schließlich eines bestimmten Klas-
von Grundwerten neuer ästhetischer Gestaltung, nicht nur er-
seninteresses. Bürgerliches ästhetisches Weltverhältnis ist ein-
fassen, um eine ihren Interessen und damit der geschichtlichen
schichtig, als auf der Hand beruhende-Kunstwelt, oder iri der
Objektivität entsprechende dialektische Beziehung zu-dieser Pe-
Beziehung von Kunstwelt und Antiw~lt oder als technisch-ra-
rioqe der kulturellen Entwicklung zu bilden. Sie braucht diese
tionalistische Unifizierung. Die Natur ist zuerst der Hintergrund
Beziehung für die eigene Praxis, für die architektonische, prak-
der Kunstwelt und wird wie sie gesehen, dann Fluchtraum und
64 5 Kührie, Haus
65
'\«J

,
dann unsichtbar. Das imperialistische Kulturmodell kann in sei- ner Ästhetik der Warenproduktion, WolfgangFritzHaug hat den
ner Einschichtigkeit als Antikunst, Massenkultur oder als Ge- Begriff «W arenästhetib gebildet, 41 waren so gegeben. Marx
samtwerk begriffen werden'. Für die Vermittlung imperialisti- suchte bereits hier, den Ausdruck des sozial-ökonomischen Ver-
scher Politik gewinnt der Aspekt des Gesamtkunstwerks beson- hältnisses in der Erscheinung der Gegenstände theoretisch zu
dere Bedeutung, weil dieses die ästhetischen Instrumentarien der erfassen, nicht aber die Erscheinung zu beschreiben. Der Punkt
Formierung gesellschaftlicher Praxis bildet. Die Kunstfeind- des Einstiegs in die Analyse war die Arbeit. <<Nur als das, was
lichkeit des Kapitalismus, die einmal auf den ihm nicht gemäßen meine Arbeit ist, kann sie in meinem Gegenstand erscheinen.
ökonomischen Verwertungs- und technischen Produktionsbedin- Sie kann nicht als das erscheinen, was sie dem Wesen nach nicht
gungen von Kunst und zweitens auf der Unvereinbarkeit des ist. Daher erscheint sie nur noch als der gegenständliche, sinn-
Wesens beider, Kapitalismus und Kunst, beruht, schließt nicht liche, angeschaute und darum über allen Zweifel erhabene Aus-
aus, daß in einer bestimmten Beziehung die Kunst, vielleicht druck meines Selbstverlustes und meiner Ohnmacht.» 42
richtiger: das Kunsthafte, das dem Kapitalismus Gemäße ist. Dieser Phänomenalität des bürgerlichen Gegenstandes, man
Marx zeigte, daß die «Agenten der kapitalistischen Produktion könnte versucht sein, ein bestimmtes Wort für sie hier einzu-
in einer verzauberten Welt>> leben. 3~ Das ergibt sich zunächst setzen, stellte Marx das Erscheinen des kommunistischen Gegen-
aus dem Schein, der den warenfetischhaften Produkten der Ar- standes entgegen. Er umriß auch hier zuerst die gesellschaftlichen
beit anhaftet und durch welchen sich den Menschen ihre eigenen Beziehungen kommunistischer Arbeit und schloß dann zum Ge-
Beziehungen als Eigenschaften der Dinge fixieren. Das Festhal- genstand: <<Unsere Produktionen wären ebenso viele: Spiegel,
ten an diesem Schein ist eine ideologische Bedingung der Re- woraus unser Wesen sich entgegenleuchtete.»43
produktion des Kapitalverhältnisses. Die bürgerlichen Ökono- Die ökonomische Analyse der Warenproduktion war noch zu
men fassen das Kapital nicht als gesellschaftliches Verhältnis leisten. Sie hat den frühen Ansatz konkretisiert, nicht zurück-
auf. <<Sie können d;s nicht>>, schrieb Marx, «ohne es zugleich alo . genommen. Seine Bewertung ~ls bloß moralisierende Kritik
historisch transitorische, relative, nicht absolute Form der Pro- übersieht dessen analytischen und antizipatorischen Wert. Die
'duktion aufzufassen.»37 Der gegenständliche Reichtum erscheint Wiederaufnahme von Motiven der Auszüge von 1844 ist im Ka-
in diesen Verhältnissen immer mystifiziert. Die Absolutheit der pital eindeutig nachweisbar. In den Auszügen hatte Marx über
Mystifikation erklärt, daß sie als solche schwer auszumachen ist. die Beziehungen der Warenproduzenten geschrieben: «Die ein-
Auch der Traum ist nicht aus sich zu begreifen. zig verständliche Sprache, die wir zueinander reden, sind uns-
Wurzeln bürgerlicher Kunstartigkeit hatte Marx schon I 844 re Gegenstände in ihrer Beziehung aufeinander. Eine mensch-
in den sozialen Beziehungen und psychischen Vermittlungen der liche Sprache verständen wir nicht ... >>4.4 Und im Kapital heißt
kleinen Warenproduktion erkannt. In den sogenannten Auszü- es über die Ware: <<Nur verrät sie ihre Gedanken in der ihr
gen zu Mill ist der erste Ansatz zu einer gesellschaftstheoreti- allein geläufigen Sprache, der Warensprache.»45 Die «Körper-
schen lJnterscheidung der Grundeigenschaften bürgerlicher und form» der Ware wird hier als die <<sichtbare Inkarnation, die
1'
.1 kommunistischer Ästhetik der praktischen Gegenstände entwik- allgemeine gesellschaftliche Verpuppung aller menschlicher Ar-
'f kelt. Das Produkt des kleinen Warenproduzenten ist nicht sinn- beit>> bezeichnet. 46 Das Warenverhältnis produziert eine «ge-
haft auf die Befriedigung' von Bedürfnissen des anderen, son- spenstige Gegenständlichkeit>>. 47
dern über Bedürfnisse des anderen auf dessen Produkt bezo- Die warenspezifische Formierung bezieht sich -nicht n~r auf
gen, darum <<berechnet, raffiniert». 38 Ihre wechselseitige Aner- die praktischen Gegenstände, sondern greift auf die räumlicheQ
kennung ist als me;nschliches Verhältnis <<bloßer Scheim>. 39 <<Un- Lebensbedingungen und auf das Leben der Menschen selbst
sere wechselseitige Anerkennung über die wechselseitige Macht A1
über. Der Maskierung- des Gegenstandes entspricht das dar-
unserer Gegenstände ist aber ein Kampf, und im Kampf siegt, stellende Verhalten. Der Stil wird so zur Vermittlung der Unter-
wer mehr Energie, Kraft, Einsicht oder Gewandtheit besitzt. ordnung individueller Subjektivität unter die Bewegungsbedin-
Reicht die physische Kraft hin, so plündere ich dich direkt. Ist gungen der Sachen. Der Schein wird umfassend und durchdrin-
das Reich der physischen Kraft gebrochen, so suchen wir uns gend, die Welt zum Kunstwerk. Sein Ansetzen soll zuerst in
wechselseitig einen Schein vorzumachen und der Gewandteste einer dekadenten und spielerischen Gestalt vorgestellt werden.
übervorteilt den andern.>>40 Grundlegende Voraussetzungen ei- In dem Abschnitt <<Das Bemühen des Jugends~ils um ein ein-

66
5* 67
heitliches G~samtkutistwerk» seines Buches Jugendstil schrieb schaftlicher Stilisierung verfolgt werden, der' Verkauf ·von Gü-
Mieczyslaw W allis: <<Der Jugendstil wollte, daß die Innen- tern für die individuelle :rs;:ortsumtion, besonders die Funktio-
räume und das ganze Gebäude in einheitlichem Stil - natürlich nierung des Verkäufers. In der Schrift Verkaufspsychologie wird
im Jugendstil - gehalten _sein sollten. Doch war das noch nicht nach einigen verklärenden Einführungen, wie <<König Kunde», 51
alles: das Gebäude und die Interieurs oder wenigstens die In- die Werbung als <<dem Wesen nach nichts anderes>> denn «als
terieur~ sollten, soweit das irgend möglich war, von einem Kaufvorbereitung, als <Vorverkauf»> gekennzeichnet. 52 Es geht
Künstler entworfen sein. Sie sollten nicht nur zeitge'mäßer Aus- also nicht um die -Befriedigung der Bedürfnisse des Käufers
druck, sondern auch Ausdruck der Persönlichkeit ihres Schöp- König; sondern um Absatz und Umsatz. Der funktionale Ver-
fers sein. Horta, van de V elde, Gaudi,, Mackintosh, Behrens käufer ist deren unmittelbarer Akteur, der sich <<mit ganzer Kraft
und in Polen Wyspianski, Frycz, Rembowski, Niesioiowski und auf das sinnvolle und bewußte Steuern und Lenken des Ver-
andere entwarfen - Gebäude oder wenigstens die Innenräume kaufsprozesses zu konzentrieren>> hat. Dazu sind keine Redens-
mit ganzer .Ausstattung, i;nit Eisengittern, Täfelungen, Glas- arten, es ist eine <<Verkaufstaktik» erforderlich. 53 Eine ihrer Re-
fenstern, Möbeln; Lampen und sogar mit Klinken und Aschen- geln: Hat der König Einwände, so sollte der Verkäufer ihm
. bechern. Van de Velde entwarf für seine Frau Kleider, die in «Gelegenheit bieten, seine Einwände selbst zu·beantworten und
Schnitt und Musterung mit d\!n Linien der Möbel und Tapeten zu überwindem>. 54 Sollte der Kauf bereut werden, so ergibt sich
in ihrer Villa in Uccle übereinstimmten. Als er Toulouse-Lau- für den Verkäti"fer die Aufgabe, «dem Kunden den guten Kauf
trec bei sich bewirtete, waren Farbe und Konsistenz der Speisen _zu bestätigen. <Damit werden Sie gewiß lange Freude haben»>. 55
sorgfältig auf den Tafelaufsatz und das ganze Interieur abge- Wie er so für den Warensieg ausgerüstet ist,. ist er der Ware
stimmt. So wurde:n z. B. rote Tomaten auf grünen Tellern ser- doch zugleich unterworfen. Das phänomenale Mittel hierzu ist 1
viert ... - In dem Bemühen, dem Leben einen einheitlichen die Stilisierung. <<Auf jeden Fall sollte ein Verkäufer gut ge-
neuen Stil zu verleihen, ging man manchmal noch weiter. Damen launt sein. Seine Stellung im öffentlichen Leben verbietet es ihm,
der Großbourgeoisie und der intellektuellen Schichten pflegten etwa vorhandene persönliche Sorgen oder Verärgerung zur Schau
die rhythmische Gymnastik, um die Bewegungen ihrer Körper zu tragen.» 56 Schon die bedrohende Sprache, etwa vorhandene
dem Stil der Räume anzupassen.>>48 Hinter dem Episodischen Sorgen zur Schau tragen, zeigt, wo das Gesamtkunstwerk an-
zeichnet sich hier das Bild völliger Beherrschtheit der Menschen setzt und was es bewirkt: die Formierung des gespaltenen Men-
durch ihre Lebensbedingungen, der in diesem Falle noch spiele- schen zum Gesamtkunstwerk. Durch ihn erscheint nicht sein
1
risch anmutenden Auflösung menschlicher Eigenheit in den Le- individuelles Leben, Glück, Sorgen und brennender Schmerz,
bensbedingungen durch die Totafüierung des Stils. das Verhältnis zeichnet in ihm seine Figuren, er ist, wenn nicht
Die auf praktische Ziele gerichtete und militante Form der gar schon eine Synthese vollzogen ist, als gute Laune maskiert.
Stilisierung der Gesellschaft fum Gesamtkunstwerk konzipierte So ist d_as erst anhängende Ornament als das ansetzende Gesamt-
dann Friedrich Naumann. Er wollte «eine ganz in sich einheit- kunstwerk· erkannt.
liche Kultur, die sich den anderen Völkern aufprägt>>. Die Ma- Den Erfordernissen sozialistischer Praxis kann eine wesent-
schine war schon im ästhetischen Blickfeld, es ging <mm deut- lich nur auf der Kunst gegründete Asthetik nur unzureichend
schen Volksstil im Maschinenzeitaltern. 49 Und das Volk sollte entsprechen. Da die Struktur solcher Asthetik ein einschichtiges
ein <<künstlerisch durchgebildetes Maschinenvolk werden». 50 Die ästhetisches Verhältnis voraussetzt, muß sie die Beziehung von
dritte wesentliche Konzeption des Gesamtkunstwerks, die un- Asthetischem und gesellschaftlicher Praxis auf die Beziehung
mittelbar in unsere Zeit hineinwirkt, beruht auf utopischen Mo- von Kunst und gesellschaftlicher Praxis beschränken, es sei denn,
dellen zur. Lösung der sozialen Probleme des Kapitalismus. Sie sie stellt sich auf den Standpunkt des Gesamtkunstwerks. Dieser
wird in anderem Zu~ammenhang 'noch kurz berührt werden. Die ist im ersten Fall faktisch schon eingenommen, da er die Tren-·
verschiedenen Konzenptionen votn Gesamtkunstwerk spiegeln nung von Kunstwelt und Antiwelt zur Voraussetzung hat. Von
die für bürgerliche Verhältnisse kenqzeichnende Einschichtigkeit dieser ist aber Kunst immer das· schon vorgestellte und erhoffte
des Asthetischen auf der einen und die kunstartige Scheinhaf- Gesamtkunstwerk. Der Kampf um die Verwirklichung des Korn-'
tigkeit des Phänomenalen a_uf der anderen Seite. Um die·se Ge- munismus führt _zu einer Asthetik, welche die Kunst als ein Mo-
sichtspunkte zu erklären, soll ein begrenzter Prozeß warenwirt- ment der ästhetischen gesellschaftlichen Beziehungen begreift
68 69
Umwelt zur Kunst gehört - und wo hört diese denn auf? - wird
und die Einheit des Ästhetischen in der Wechselbeziehung der
mit wirklich schlagender Logik begegnet. <<Trivial ist es festzu-
unterschiedlichen ästhetischen Verhaltensweise sieht. Ausgangs-
stellen, daß Häuser, Städte, Brücken etc. keine Kunstwerke seien
punkt dieser Theorie des Ästhetischen ist die Ästhetik des Prak-
im Sinne von Produkten, die ausschließlich für ästhetische Kom-
tischen. In den Manuskripten schrieb Marx, daß. der Mensch
munikation bzw. hauptsächlich für sie produziert wurden.>>6 2
«universell produziert>>57, und zeigte die seine ganze Lebenstä-
Durch <<trivial» soll hier schon der Einstieg in eine Diskussion
tigkeit vermittelnde Bedeutung des Ästhetischen. Der Mensch
blockiert werden. Es gibt keine Aussagen, die für sich trivial
weiß <<überall das inhärente Maß dem Gegenstand anzulegen•>
sind. Und wenn es überhaupt einen Sinn hat, Produktemensch-
und «formiert daher auch nach den Gesetzen der Schönheit». 53
licher Arbeit unter philosophischen und darin ästhetisch-theore-
Die Arbeit überhaupt, nicht nur ihre Besonderung als künstle-
tischen Aspekten zu differenzieren, so ist doch die Unterschei-
rische, war als Objektivierung ästhetischer Gesetze begriffen.
dung von unmittelbar. handlungsvermittelnden und kommuni-
<<Der Gegenstand der Arbeit ist ... die Vergegenständlichung
kativen Gegenständen für die Entwicklung eines Begriffes der
des Gattungsl~bens des Menschen; indem er sich nicht nur wie
Kunst zumindest diskussionswürdig. Selbstverständlich reicht
im Bewußtsein intellektuell, sondern werktätig, wirklich ·ver-
diese Unterscheidung zum Erreidien des Zieles nicht aus. Aber
doppelt und sich selbst daher in einer von ihm geschaffenen Welt
von ihr könnte doch weitertreibend gefragt werden, ob die
anschaut>>. 59 Damit war keine Konzeption vom G_esamtkunstwerk
Kunstwerke nicht eine besondere Gruppe der kommunikativen
formuliert, sondern ein neues Weltbild erschlossen, dem Diffe-
Gegenstände sind. Die theoretischen Kategorien stellen ihre Ge-
renz nicht voraussetzungslos als Hierarchie gilt. ·
genstände notwendig zunächst in einer <<Reinheit» vor, die in der
Das hat, wie mir scheint, Wolfgang Heise nicht bedacht, al~
Wirklichkeit nicht aufgefunden werden kann. Es gibt kein rei-
er schrieb: ,,Ich halte jeden Versuch, der Architektur den Kunst-
nes, ideales gesellschaftliches Bewußtsein und auch kein rei-
charakter abzusprechen - um ihres materiellen Gebrauchscha-
nes materielles gesellschaftliches Sein. Durch die abstrakte Tren-
rakters willen - für ein trübes Relikt der vom Kapitalismus er-
nung beider wird die wirkliche Beziehung erst erkennbar. Dia-
zeugten wechselseitigen Entfremdung von künstlerischer Form
lektisches Auffassen der Welt schreitet vom Erkennen des
und technischer Konstruktion und Produktion, von auf Profita-
Unterschiedes zu dem der Wechselwirkung des Unterschiedenen
bilität und das Technische reduzierter Zweckmäßigkeit und der
und erschließt endlich die Beziehungen, in denen die Gegen-
Schönheit, die' dadurch formalistisch wird.>>60 Daß die kapita-
sätze identisch werden, ohne ihre gegensätzliche Bestimmtheit zu
listische Ökonomie der gegenständlichen Produktionsbedingun-
verlieren. Der Unterschied von Kunst und Wissenschaft ist doch
gen die Möglichkeit einer neuen, mit dem Begriff des Kunst-
nicht dadurch aufgehoben, daß es vielleicht wissenschaftliche
,schönen nicht zu erfassenden Schönheit hervorbrachte, wird
Werke gibt, die von höherem ästhetischem Wert sind als be-
übersehen. So wird die Vorstellung, daß die Schönheit forma-
stimmte Kunstwerke, und daß viel~ Kunstwerke bedeutend hö-
listisch werden kann, erst möglich. Es gibt zwar im weiten Sin-
heren Erkenntniswert im wissenschaftlich relevanten Sinne im
ne des Wortes abstrakte und formalistische Kunst, aber keine
Vergleich zu vielen wissenschaftlichen Arbeiten aufweisen. Es
formalistische Schönheit.
ist denkbar, daß in Beziehung auf Kunst und Wi~enschaft syn-
Erst wenn die faktische Gleichsetzung von ~ünstlerischem
thetische Werke in der Zukunft angestrebt werden, aber der Un-
und Ästhetischem als unantastbare Weiheformel aufgegeben ist,
terschied von Kunst und Wissenschaft möge bewahrt bleiben.
wird eine nüchterne Erörterung der Beziehung von Architektur, Die Synthese, welche die Gegensätze in sich aufhebt, deren selb-
praktischen und techni~chen Gegenständen und Kunst möglich. ständige Wirklichkeit verschwindend werden läßt, ist als ästhe-
Der auf die Konzeption des Gesamtkunstwerks zielende Begriff
tische der Kitsch. Die Wirklichkeit als Gesamtkunstwerk, wie
der Kunst versagt sozialistischer Politik die notwendige Funk- erhaben es auch gedacht sein mag, ist immer die Kitschwelt.
tion, weil er nur idealisierte Erinnerung theoretisch faßt. <<Zur Es geht nicht zuerst um den Architekturbegriff, sondern um
Kunst>>, schrieb Wolfgang Heise, «gehört die Architektur als
die Diskussion weltanschaulicher Voraussetzungen desselben.
Baukunst. Sie betrifft nicht nur Einzelgebäude, Städte als gan-
Ich glaube, daß die wichtigste die theoretische Anerkennung der
ze - schließlich die ganze baulich-räumliche Umwelt.»61 Dem
gegenüber der Kunst selbständigen und spezifischen ästhetischen
Zweifel an der Behauptung, daß bei Erfüllung baukünstlerischer
Wertigkeit der praktischen Lebenstätigkeit der Menschen und
Werte schließlich die ganze durch Bauen gebildete räumliche
71
70
damit auch der praktischen und technischen Gegenstände sowie tisthen Bedeutung des Architektonischen und der ästhetischen
der produzierten materiellen Raumbedingungeq ihres Lebens Bedeutung des Künstlerischen, durch deren Analyse die Dif-
ist. Das erfordert, vom Standpunkt des Sozialismus zugleich die ferenzierung theoretisch objektivierbar wird. Und diese Struk-
besonders ästhetische Polarität des technisch-industriellen und tur beruht auf dem unterschiedlichen <<Aufbau» dieser Gegen-
des künstlerischen Gegenstandes als Grundbeziehung der sich stände und auf der jeweils b.esonderen Weise ihrer Verbindung
entwickelnden und zu entwickelnden ästhetischen ~ultur zu be.- mit der Lebenstätigkeit der Menschen. Für Wolfgang Reise re-
greifen. Erst im Spannungsfeld der Asthetik des Praktischen, duziert sich die noch gesuchte qualitative Differenz der Gegen-
der Asthetik des Technischen und der Asthetik der Kunst ist von stände auf das unterschiedliche Maß· ihrer Repräsentanzfunk-
der Asthetik ein Beitrag zur Bildung eines Architekturbegriffes · tion. Es geht, bezogen auf die Architektur, <mm mehr als bei der
zu leisten, der zukunftsoffen ist. Hierbei hat der Begriff der Bau- schönen Form des Autos: sie repräsentiert die wirkliche Gesell-
kunst eine besondere Funktion, er bezeichnet eine Menge durch schaft - und dies in deren Dialektik von Sein und individueller
Bauen objektivi~rter Werte, die Architektur aufheben muß. Ar- Selbstdarstellung». 65 Auch die <<schöne Form>> des Autos ist in-
chitektur ist zum Leben hin aufgehobene Baukunst. Die Werke dividuelle Selbstdarstellung, und zwar eine im Unterschied zur
der Baukunst repräsentieren gesellschaftliches Leben in der Ent- Architektur besonders begriffene, und in ihr stellt sich die <<wirk-
fremdung, als Gottheit in der. Cella des Tempels, der das Haus liche Gesellschafo> nicht weniger sinnfällig vor als im Gebauten.
schon zur Voraussetzung hat, es modelliert, aber als ganz klein- Dieses Gebaute und das Auto sind in der Trennung ;aneinan-
räumiges Haus, in dem Menschen nicht leben, oder sie sind in der überhaupt nicht zu begreifen, beide stellen ,einen Inhalt dar,
der entfaltetsten Gestalt, dem Dom, Raumform einer kultisch weil sich das Raum-. und das Verkehrssystem wechselseitig for-
formierten Gemeinschaft und als Raumbild des himmlischen Je- mieren. Eine Theorie, welche die Architektur nicht als Einheit
rusalem modellierte Utopie und als außenräumlich wirkende von Raum- und Verkehrssyste·m begreift, ist schon Kunsttheorie.
Bauwerke zugleich Symbole städtischen Gemeinwesens. Das Wort Das muß in ihr nicht erkannt sein. Wenn das Wort «Baukunst,>
«Baukunst» mag später noch uhd heute für Architektur stehen, nicht einfach etwas bedeutet wie «Kochkunst>> oder «Unterhal-
hier war sein Inhalt. Seine Aufhebung ist eine Bedingung der Ar- tungskunst>>, steht es den Hoffnungen der Menschen auf Häuser
chitektur, sein wohl nicht ganz zu vermeidendes Fortwirken in entgegen, weil es eine unwiederholbare Schönheit gegen die uns
aktueller Praxis gebaute Parodie. mögliche konfrontiert. Zukunft kann nicht im Bilde der Vergan-
Bauwerke können zum <<großen Ausdruck der historischen Ge- genheit gestaltet werden.
meinschaft>> werden. 63 Aber darum müssen sie doch nicht Kunst- · <<Das Grundproblem, um das es geht>>, schrieb Siegfried Gie-
werke sein. Wenn das Bauwerk «zugleich erzeugte materielle dion; <,ist die Wiederherstellung der Intimität des Lebens.»66 Die
Lebensbedingung, Gebrauchsgegenstand, Bild und Zeichen>> Retrospektiv'e war als Mittel der Lösung schon lange geboten.
ist, 64 ist doch die Frage zu stellen, warum es als Kunst aufgefaßt r 9 58, fünfzig Jahre nach der bekannten Streitschrift von Adolf
wird, obgleich es mit den anderen Kunstwerken eine sehr we-- Loos gegen die Ornamentik, erschien, ebenfalls in Wien, das
sentliche Struktur nicht,. aber mit allen praktischen Gegenstän- V erschimmlungs-Manifest gegen den Rationalismus in der Archi-
den, materidlen Verkehrsbedingungen wie Autobahnen und mit tektur von Hundertwasser. <,Um die funktionelle Architektur vor
bestimmten Maschinen gemeinsam hat. Der Kunstgegenstand dem moralischen Ruin zu retten, soll man auf die sauberen Glas-
muß materiell funktionieren, um eine Kommunikation, und sei wände und Betonglätten ein Zersetzungsptodukt gießen, .damit
es zuerst nur als menschliche Bewältigung ein Bezug zum Künst- sich dor_t der Schimmelpilz festsetzen kann.>>67 Das Unbehagen ge~
ler, zu realisieren. Die architektonischen Lebensbedingungen genüber der als funktionalistisch aufgefaßten neueren Architek-
müssen ideell und ästhetisch, in bedeutender Weise emotional tur in den kapitalistischen Ländern fand sehr bald seine psy-
funktionieren, um als materielle räumliche Lebensform zu funk- choanalytische Deutung. So begann eine breite Kritik des <<Funk-
tionieren. Der Unterschied der ästhetischen Bedeutung von tionalismus>> der Architektur und der Produktgestaltung. <<Der
Architektur und Kunst ,ist nicht durch Quantifizierung zu erfas- Unterdrückung der Pari:ialtriebe>>, schrieb Heide Berndt, <<ent-
sen. Bestimmte Architektur kann ästhetisch weniger und bedeut- spricht in der heutigen Architektur der Verlust des Ornaments.»68
samer sein als bestimmte. Kunst, hier als Menge bestimmter Obgleich hier gesellschaftliche Beziehungen als Bestimmungs-
Werke gemeint. Es ist die unterschiedliche Struktur der ästhe- gründe der Form gefaßt werden, wird diese schließlich als Mit-

·72 73
tel der Lösung geboten. Das Ornament war, wenn schon nicht Arbeit im raum-gegenständlichen Sinne und Privateigentum faß.
als Verheißungs-, so doch als Besänftigungszeichen, wieder ein- te er den ersten Ansatz für die Entwicklung der Theorie der
gesetzt. Trotz der kritischen Abweisung ekLektizistischer Orna- Produktionsweise und damit für die Überwindung der idea-
mentik zielt die Forderung, daß die Architektur «die Materia- listischen Entfremdungskonzeption. Während die Nationalöko-
lien, mit denen sie arbeiten, in ·satirischer Verwendung zum Le~ nomen die kapitalistische Arbeitsteilung aus der Anthropologie
ben>• bringen müßte, 69 auf die Einsetzung von Außenbedeutun- zu erklären suchten und hierdurch zu der Naturformgesellschaft-
gen in primäre architektonische Strukturen. Marcuse zeigte in licher Beziehungen erstarren ließen, erklärte Marx das <<mensch-
der Abhandlung Der eindimensionale Mensch nur die zerstöre- liche Wesen>• aus den ökonomischen Verhältnissen und diese Ver-
rischen Folgen der industriellen Entwicklung. Mit der «Land- hältnisse aus der Entwicklung der Produktivkräfte der Men-
schaft» verschwand <<ein Medium lustbetonter ·Erfahrung,• und schen. Damit war der Standpunkt «des Menschen>> nicht aufge-
wurde <<eine ganze Dimension menschlicher Aktivität und Pas- geben, sondern ein neuer gewonnen, durc;h den Geschichte er-
siviität enterotisiert. Die Umgebung, von der das Individuum kennbar wurde. Der kleinbürgerliche und feudale Romantizis-
Lust empfangen konnte - die es als Genuß gewährende und fast mus blickt von der Maschine zurück, der Kapitalist sah in ihr
als erweiterte Körperzone empfangen konnte -, wurde streng das eigene Verhältnis gegen alle weiterführende Geschichte fi-
beschnitten. Damit reduziert sich gleichermaßen das <Univer- xiert, das Proletariat sah über sie schon Zukunft. Bezogen auf
sum> Libidinöser Besetzung. Die Folge ist die Lokalisierung und die kapitalistische Entfremdung schrieb Marx in d~n Manu-
Kontraktion der Libido, die Reduktion erotischer auf sexuelle skripten: «Die sentimentalen Tränen, welche die Romantik hier-
Erfahrung und Befriedigung.>>7° Solche Kritik verdeckt mehr über weint, teilen wir nicht.>•72 Und <<in der politischen Form der
als sie zeigt. Und sie zeigt viel. Sie läßt die neuen Möglichkei- · Arbeiteremanzipatiom>73 war bereits das entscheidende Mittel
ten für die Menschen nicht erkennbar werden. Es sind Mög- der Verwirklichung einer neuen gesellschaftlichen Welt erkannt.
lichkeiten von Form up.d Raum, die entweder für die Men- Von diesen Inhalten, die das Klas1,eninteresse des .Proletariats
schen kapitalistisch verkehrt oder im Sozialismus erst ansetzend theoretisch aussprechen und auch die Grundlage eines neuen
und noch ungebildet sind. Wenn die Kritik nur ihre verkehrte ästhetischen Weltverhältnisses durch die so gefaßte Beziehung
Form visiert, ,ist, ausgesprochen oder unausgesprochen, ihre zur Technik bilden, geht eine ungebrochene Linie der Entwick-
Offenbarung der Lösung selbst nur die einer Form: das Orna- lung der kommunistischen Weltanschauung, von Marx und En-
ment. gels zu Lenin und zu den programmatischen Konzeptionen der
Eine auf der entwickelten qualitativen Differenzierung des Partei Lenins und der anderen, mit ihr untrennbar verbundenen
Asthetischen in Technisches, Architektonisch'.es, Praktisches und Parteien der Arbeiterklasse.
Künstlerisches beruhende, Synthetisches ermöglichende Kultur Nur das Proletariat ist eindeutig an der weiteren Entwi_ck-
kann nur durch den revolutionären Klassenkampf der Arbeiter lung der Produktivkräfte interessiert. Das Kapital treibt diese
möglich und durch die V e:rwirklichung des Kommunismus aus- Entwicklung nur als Reaktion auf den Klassenkampf des Prole-
gebildet werden. Das Proletariat und der Sozialismus entwickeln tariats und aus den Zwängen der kapitalistischen Konkurrenz
diese Kultur einmal durch die Verteidigung der Kunst. Und. weiter. In der kleinbürgerlichen Technikkritik spricht sich auch
durch sie entsteht auch eine neue Beziehung zur industriellen das Unbehagen der imperialistischen Bourgeoisie gegenüber der
Technik. In den Manuskripten zitierte Marx den Gedanken von wissenschaftlich-technischen Revolution aus, und sie hat in die- .
Wilhelm Schulz, daß es ein großer Unterschied ist, «wieweit die ser Kritik zugleich ein wirksames ideologisches Mittel, um die
Menschen durch die Maschinen oder wieweit sie als Maschinen Folgen der kapitalistischen Formierung und Anwendung der
arbeiten>•. 71 Die zunächst mit dem Schlüsselbegriff <<Entfrem- Technik als nicht durch den Kapitalismus, sondern durch die
dung>• erreichte erste Analyse der kapitalistischen Produktions- Technik verursacht erscheinen zu lassen. Und genau das zeigt ja
weise hat bereits deren Überwindung zum Ziel, und in der Ent- die Erscheinung. Bei der Ge:stal11ung der entwickelten sozialisti-
wicklung der Produktivkräfte war schon die hierfür letzlich ent- schen Gesellschaft und der Sch~ffung der materiell·technischen
scheidende Grundlage erkannt. In d~r Beziehung von <<entfrem- Grundlagen des Kommunismus darf die Arbeiterklasse die vom
deter Arbeit>• als zunächst durch die gegenständlichen Produk- Kapital erzwungene Ökonomisierung der -gegenständlichen Pro-
tionsbedingungen als notwendig gesetzte Außerlichkeit der duktionsbedingungen nicht einfach zurücknehmen, sondern sie

74 75
muß· diese im wachsenden Maße der kommunistischen Öko"no•
unmittelbar persönliche Fähigkeiten vergegenständlichen und
mie der lebendigen Arbeit und des menschlichen Lebens über-
konkrete Leidenschaften erfüllen. Leidenschaft nicht als die
haupt unterordnen. Marx erkannte in der-kapitalistischen Öko·
Macht des abstrakten, ungegenständlichen Reichtums über den
nomie der vergegenständlichten Ar_beit eine Voraussetzung .des
Menschen, sondern als <<die nach seinem Gegenstand energisch
Kommunismus. Sie liegt in der ökonomischen Ten9enz des ~a-
strebende Wesenskraft des Menschen>>. 76 Die sich anhäufende und
pitals, «die die Menschheit lehrt, hauszuhalten mit ihren Kräften
sich dem Menschen anschmiegende Sachenwelt wird auflösbar.
und den produktiven Zweck mit dem geringsten Aufwand von
Die privateigentümlichen, Tauschwert darstellenden, also ver•
Mitteln zu erreichen». 74 Daß sich gegenwärtig am Ornament in-
schacherbaren Gegenstände trennen die Menschen voneinander.
dustriell hergesteHtc,;r praktischer Gegenstände und architekto-
Je tiefer die Menschen durch ihre Gegenstände getrennt, um
nischer Formen, die t'echnischen sind ja noch weitgehend von ihm
so inniger sind sie m,it ihren Gegenständen verbunden. Im bür·,
frei, Reaktionen gegen die Technik äußern, 'Yürde wahrschein-
gediehen Verhältnis sind die Beziehungen( der Individuen sach-
lich jede Analyse zeigen, die nicht nur die vordergründigen, sich
lich und ist der Schein ihrer Gegenstände persönlich. Das bür-
ihres Inhalts nicht bewußten psychischen Vermittlungen dessel-
gerliche Individuum kann sich nicht in Gegenständen bejahen,
ben beschreibt. Der bestimmende gesellschaftliche Inhalt sol-
die eine kollektive ökonomische Disziplin und eine gesellschaft-
cher Reaktionen ist im Kapitalismus gegensätzlich. Für den So-
liche Schöpfungsweise ästhetisch ausdrücken. Es.sucht im prak-
zialismus wären die Auswirkungen der besonderen Arbeitstei-
tischen Gegenstand nicht den Spiegel der eigenen Individuali-
lung, monotone Arbeit und die besondere Ökonomie der leben-
tät, sondern deren Ersatz als Bild. Diese Beziehungen werden
digen Arbeit in diesem Zusammenhang zu beachten. Aber in
faktisch programmiert, wenn für die Gestaltung <<eine ästhe-
dem neuen gesellschaftlichen Charakter der sozialistischen Ar-
tisch-subjektkonzentrierte Lösung der gestalterischen A~fgabe,
beit sind die Möglichkeit und die Notwendigkeit einer fortschrei-
die ihre technische Lösung subjektiv deutet, umspielt», verlangt
tend modernen ästhetischen Gestaltung der industriell erzeugten
wird. 77 Wenn der Gegenstand dei; neuen Produktionsweis·e
Gegenstände und der gegenständlichen architektpnischen Bil-
nicht mehr eine partikuläre und individuell stratifizierbare 1
dungselemente gegeben. Die Unwilligkeit oder Unfähigkeit, die
Arbeitszeit als Wert, sondern die gesellschaftliche Produktiv-
Ökonomie der Produktion, die erst im Kommunismus, also schon
kraft als Macht der assoziierten Produzenten uneingeschränkt
1 im Sozialismus, eine sittliche Ökonomie ist, als Grundlage einer
bedeutet, verliert er endgültig seine fetischisierte Selbständigkeit
kommunistischen Asthetik des Praktischen und Architektoni-
gegen das Leben und wird erst so als dieser bestimmte Gegen-
schen zu begreifen und anzuwenden, zeichnet im Ornament ihr
stand wesentlich und für das Individuum persönlich. Die von
einfühlendes Zeichen, läßt so in den praktischen und architekto·
Marx in den Feuerbachthesen theoretisch aufgedeckte Würde
nischen Gegenständen kommunistische Sittlichkeit nicht erfahr-
des praktischen Lebens kann jetzt unverhüllt als Form erschei-
bar werden, verweigert ihnen den Widerschein der <<Poesie der
nen. «Die ganze objektive Welt, die <Güterwelt>, versinkt hier
Zukunft» durch die Figuren der <<Poesie der Vergangenheit», der
als bloßes Moment, bloß verschwindende, stets und stets neu-
«Poesie der Erinnerung>>. 75
erzeugte Betätigung der gesellschaftlich produzierenden Men-
Erst durch den Übergang in die zweite Phase der kommunisti-
schen.>>78 Aber indem das <<Phantom der Güterwelt>> zerrinnt und
schen Gesellschaftsformation kann, der im Sozialismus nicht auf•
nur noch <<als beständig verschwindende und beständig wieder-
gehobene, wenn auch gegenüber dem Kapitalismus und den vor-
erzeugte Objektivierung der menschlichen Arbeit» erscheint, 79
kapitalistischen bürgerlichen Produktionsverhältnissen besondere
gewinnt der kommunistische Gegenstand zugleich Dauer im
privateigentümliche Charakter des individuellen .Habens über-
Gegensatz zur Geworfenheit des modischen Gegenstandes, in 1
wunden werden. Indem die praktischen Gegenstände von den
welcher die Gegenständlichkeit ständig verschwindend is't und
gesellschaftlichen Voraussetzungen her für jeden ohne einen nur ihr Fetischzeichen bleibt.
besonderen Vermittler aneigbar werden, ist das Maß vollzoge-
Das Werden des kommunistischen Gegenstandes ist in der
ner Aneignung durch die praktischen Bedürfnisse.der Menschen
sozialistischen Politik gegründet. Einmal gesellschaftlich durch
begrenzt, bloßes Haben ermöglicht keine Selbstdarstellung mehr,
das Maß, in welchem diese die sozialistischen Warenbeziehun·
- wird belastend. Das Individuum kann sich durch den Gegen·
gen zur Durchsetzung ihrer Inhalte funktionieren kann und
stand nur als positives zu anderen äußern, soweit sich in ihm
funktioqiert. Und zugltich für die Individuen, wie sie sich als
76
77
Subjekte dieser Politik begreifen und diese sind. Sie haben so liehe zu schärfen. Hierzu haben bisher besonders sowjetische
eine Gemeinschaft über ihrem Zusammenschluß in der Arbeit,, Asthetiker wichtige Arbeit geleistet, einmal durch Forschung
durch welche sie das Privateigentümliche und sie noch Bedrük- zu speziellen Aspekten, technische Asthetik, Arbeitsästhetik,
kende. ihres individuellen Habens noch nicht überwinden, ihm und dann zur Bestimmung des allgemeinen theoretischen An-
aber schon widerstehen und neue Beziehungen in diesem Haben satzes. Zu letzterem schrieb Anatoli Jegorow: <<Die gesell-
selbst schon bilden können. So kann unq muß sich Kommuni- schaftliche Praxis der sozialistischen Gesellschaft, die den Kom-
stisches in der Einstellung zu den praktischen Gegenständen be- munismus errichtet, erfordert ein breiteres Herangehen an die
reits im Sozialismus entwickeln. Dieser kann sich die besondere Aufgaben der ästhetischen Wissenschaft als früher. Ganz offen~
gesellschaftliche und ökonomische Schöpfung der Gegenstände sichtlich wird in der Gegenwart die Asthetik erheblich erwei-
durch die moderne Industrie nicht verbergen, sondern will sie tert, werden ihre Aufgaben und Gebiete differenzierter und zu-
im Gegenstand als Möglichkeit kommunistischen Lebens sinn- gleich mannigfaltiger. In der Vergangenheit befaßte sich die
lich bejahen können. Die den Kommunismus gestaltenden ästhetische Wissenschaft beinahe ausschließlich mit der Erfor-
Menschen können im Sozialismus nicht das Gütezeichen des klei- schung der Kunst und des künstlerischen Schaffens; es wurde
nen Warenproduzenten zu einem Leitbild ihrer Kultur erheben. sogar manchmal die Auffassung vertreten, daß keine andere
Sie müssen es, nicht pedantisch abweisen, wo es sich gefallend Tätigkeit ebenbürtige ästhetische Bedeutung hätte und je haben
einbildet, oder gar als Mal der Selbstanklage aufbauen. Der könnte.)>81 So ist klar gefaßt, daß die Asthetik ihre Aufgaben
Kampf gegen das Ornament würde nur auf ein Bewußtsein' nicht durch eine bloße Ausweitung des Horizonts lösen kann,
weisen, welches noch von dem Glauben an eine selbständige sondern eine andere Struktur der Asthetik notwendig ist. Sie
Macht der Dinge und Formen besessen ist. So wären nur die ist als Konsequenz bereits im Marxismus-Leninismus enthalten ..
Erscheinung und· der Ort des Ornaments verschoben, es un- Das sollte, zunächst bezogen auf Marx, hier nicht systematisch
greifbarer verinnerlicht fixiert, aber nicht überwunden. dargestellt, aber doch erkennbar werden. Das zwangsläufige
Die geschichtlich neuen ästhetischen Aufgaben und Möglich- Ergebnis der Horizonterweiterung einer wie auch immer be-
keiten des Kommunismus beruhen zuerst, von der Formseite griffenen Kunstästhetik ist die Konzeption vom Gesamtkunst-
gefaßt, auf der Polarität von Technischem und Künstlerischem. werk. Die ästhetischen Beziehungen des Kommunismus können
In den sozialistischen Ländern sind bereits Konturen der kom- nui durch eine mehrstellige Ästhetik erfaßt und theoretisch ver-
munistischen ästhetischen Kultur erkennbar. Die Entwicklung mittelt werd~n. Diese Asthetik, als deren Orte hier das Tech-
de~ sozialistischen realistischen Kunst und die Absage an den ' nische, die praktische Lebenstätigkeit unmittelbar, ihre Gegen-
Historismus der Architektur, der ja eine an der Handarbeit orien- stände und ihr Raum und die Kunst als besondere Vermitt-
tierte Gestaltung imitierte und so eine wesentliche Differenz lung des Praktischen eingesetzt wurden, läßt erkennbar wer-
zwischen künstlerischer Gestaltung und entwickelt arbeitsteili- den, daß die Verbindung der kommunistischen Kunst mit dem
ger und weitgehend industrialisierter Bauproduktion verdeckte, Leben nicht in der Verwandlung der materiellen Lebensbedin-
erwiesen sich nicht nur als ästhetisch vereinbar, sondern erschlos- gungen und des Lebens selbst in Kunst, sondern in der Ver-
sen den Werken der bildenden Kunst und der Plastik neue bindung der Kunst mit der gesellschaftlichen Praxis b.esteht.
Wirkungsmöglichkeiten. In ihrer Beziehung zueinander wer- Und das ist für das Proletariat und für die sozialistische Gesell-
den die Schönheit der Kunst und die Schönheit moderner Archi- schaft zuerst die Verbindung von Kunst und Politik. Die Kunst
tektur auf neue Weise erfaßbar. Vor dem Widersetzigen und vermittelt nicht nur die politische Praxis des Kommunismus,
Abstoßenden des Anfangs dürfen wir den Blick nicht zurück- weil sie zugleich eine notwendige Form ist, um die Inhalte dje-
wenden, nicht in/ der Vergangenheit, sondern in der Zukunft ' ser Politik zu konkretisieren.
liegen die Möglichkeiten, unsere Aufgaben zu lösen. Die Praxis In dem V ersuch über Befreiung hatte Marcuse geschrieben:
der Entwicklung der Architektur hat gezeigt, daß nicht der «Wir deuten die historische Möglichkeit von Bedingungen an,
«Dom des Sozialismus»,80 sondern das Haus im Sozialismus das , unter denen das Asthetische zur gesellschaftlichen Produktiv-
Ziel ist. Das ist politisch klar programmiert. Das neue ästheti- kraft werden und als solche zum <Ende> der Kunst durch ihre
sche Weltverhältnis ist schon zu entdecken. Die Theorie muß Verwirklichung führen könnte.>>82 Das Einstellige seines Be-
seine Strukturen konstruieren, um den Blick für das schon Wirk- griffs des Asthetischen ist sofort erkennbar. Es ist entweder
78 79
K~nst oder deren <Ende> als Gesamtkunst~erk. Ausgehend S. 66. Daß diese Umkehrung in den fortgeschrittensten Konzeptio-
von der· entwickelten bürgerlichen Kunstkonzeption, welche die nen des gestalterischen Avantgardismus der ersten Jahrzehnte dieses
Jahrhunderts bereits gedacht war, ihre Kennzeichnung als puristisch,
Entfremdung in der Beziehung von Kunstwelt und Antiwelt
asketisch also ein Mißverständnis ist, das allerdings aus eiern bürger-
begreift, bildet Marcuse durch die Rückbeziehung dieses1
Begrif- lichen Empfindungshorizont notwendig erwächst, ist so übersehen.
fes auf den frühbürgerlichen die weise Deutung. Sie ist der Auf- 6 Der Begriff «Ornament>> wird hier nicht definiert. Es wird auch von
putz eines bürgerlichen Denkinhalts zur Utopie. Marcuse hat der notwendigen Differenzierung von Dekor, Ornament und Muster
zwar mit. dem Begriff der Dimension spielen, aber nur eine bil- weit~hend abgesehen. Dekor und Muster können Formen der Re-
den können. Seine Kritik wurde so zum negativen Ornament. duzierung des Ornaments oder auch Formen seiner Ausbildung in der
Hier beginnt eine neue Geschichte über das alte Ornament. Entwicklung einer ästhetischen Kultur sein. Letztere·s halte ich für
unsere Situation als vorherrschend, und so · erscheint es mir zunächst
als gerechtfertigt, Dekor und Muster in diesem Zusammenhang nach
der Seite der Ornamentik hin zu fassen; Die Problematik der Orna-
, Anmerkungen
1 mentik wird wesentlich in Hinsicht auf die industriell hergestellten
1 Adolf Loos: Ornament und \;" erbrechen, in: Sämtliche Schriften in · Gebrauchsgegenstände und auf die Architektur diskutiert. Von den
zwei Bänden, Bd. 2: Trotzdem. Wien/München 1972, S. 277. Bereits Handwerkserzeugnissen sowie von den Schmuckgegenständen und
ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen von Ornament und V erbrechen den Hüllenformen wird abgesehen. · ·
Auf die Funktionen des Schmuckenden und Verzierenden beschränkte
hatte Loos in dem Aufsatz Das Luxusfuhrwerk seine abstrakte und
Begriffe des Ornaments bezeichnen bestenfalls die unmittelbar psy-
evolut:onistische Konzeption von der Aufhebung der Ornamentik
ausgesprochen. Ihre Bedeutung lag nicht so sehr im Erfassen des Cha- chische Vermittlung des Ornaments, aber nicht deren ästhetische Di-
mension und weltanschaulichen Irinalt. Vgl. Wörterbuch der Kunst,
rakters moderner Gestaltungskonzeptionen, die sich bereits.im 19. Jahr-
Stuttgart 1950, oder Lexikon der Kunst, a. a. 0. Einen wichtigen
hundert anzeichne'ten, sondern in der propagandistischen Konfron-
Ansatz für die Entwicklung der theoretischen Auffassung über das
tation und Denunziation. 1898 schrieb er: «Je tiefer ein volk steht,
desto verschwenderischer ist es mit seinem ornament, seinem schmuck. Ornament bildete Heinrich Wölfflin in den Prolegomena zu einer
Psychologie der Architektur. Die Aussage <<Das Ornament ist Aus-
Der indianer bedeckt jeden gegenstand, jedes boot, jedes rud~r,
druck überschüssiger Formkraft» ermöglicht eine neue Sicht des Orna-
jeden pfeil über und·über mit ornamenten. Im schmuck einen vorzug
ments, wenn die Eigenschaft, die Wölfflin in der Form entdeckt hat,
erblicken zu wollen, heißt auf dem indianerstandpunkte stehen. Der
als Äußerung des gesellschaftlichen Subjekts begriffen wird. Hier
indianer in uns aber muß üben;t,unden werden, Der indianer sagt: Die-
ses weih ist schön, weil es goldne ringe in der nase und in den ohrlap- stellt sich dann auch die Frage, wo für die bestimmte Ornamentik die
pen trägt. Der mensch auf der höhe der kultur sagt: Dieses weih ist· Zwänge zu solcher «Überprod~ktion>> liegen. Die zitierte Aussage in:
schön, weil es keine ringe in der nase und in den ohrlappen trägt. • Heinrich Wölfflin: Kleine Schriften (1886 bis 1933), hg .. von J. Gant-
Die schönheit nur in der form z~ sudten und nicht vom orna- ner, Darmstadt 1956, S. 41 -
ment abhängig zu machen, ist das ziel, dem die ganze menschheit zu- 7 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, in: MEW,
strebt.>> - Das Luxusfuhrwerk, in: Ins Leere gesprochen. Die Schrif; Bd. 3, B.erlin 195 8, S 52
8 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Jenaer Realphilosophie. Vorlesungs- ~
ten von Adolf Loos in zwei Bänden, Bd. 1, Innsbruck 1932, S. 66 C
2 Theodor W. Adorno: Funktionalismus heute, in: Ohne Leitbild. Parva
manuskript zur Philosophie der Natur und des Geistes von 1805 bis
Aesthetika, Frankfurt (Main) 1967, S. 107 1806, hg. von J. Hoffmeister, Berlin 1966, S. 21 j
9 Karl Marx: Ökonomiich-philosophisct.Je Manuskripte aus dem Jahre
Lexikon der Kunst, Bd. III, Leipzig 1975, S. 648
4 Adolf Laos: Ornament und Verbrechen, a. a. 0., S. 288 1844, in: MEW, Eß 1, Berlin 1968, S. 562
1 o «Der kapitalistische Produktionsprozeß>>, schrieb Marx, MEW, Bd. 26. 1,
Zu der Arbeit Negative Ikonographie. Aktuelle Bildformen des Athe'.
ismus gab, ihr Autor, Peter Gorsen, folgenden Text in einer Anmer- S. 376, «ist ... nicht bloß die Produktion von Waren. Er ist
ein Prozeß, der unbezahlte - ärbeit absorbiert, Material und Ar··
kung: «Es kann für eine hedonistische Perspektive gar kein Zweifel
beitsmittel - die Produktionsmittel - zu Mitteln der Absorption
darüber bestehen, ob heute dem Schmuckfetischismus der katholischen
unbezahlter Arbeit macht.>> Und er zeigte, «daß erst auf der Grundlage
Kunstkirche oder· dem Schmuckpuritanismus der kunstarmen Aufklä-
des Kapitals W arenproduktioo oder Produktion des Produkts als
rungskirche der Vorrang gebührt. Vorstellbar ist aber ebenso immer
Ware umfassend und das Wesen des Produkts selbst ergreifend» wird.
eine historische Entwicklung, die das Verhältnis umkehrt und die
ästhetische Askese, wie zu Zeiten von Adolf Loos und des <Bau- - MEW, Bd. 26.3, S. 307
11 Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW, Bd. 1;,
hauses>, als Reichtum erfahren läßt.» - Peter Gorsen: Das Bild Pyg-
Berlin 1961, S. u2
malions. Kunstsoziologische Essays, Reinbek bei Hamburg 1969,
Kühne, Haus 81
So
12 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Bd. 2, Berlin 195 5, S. 312 hellt, daß der Begriff des Funktionalismus keine hin~~ichende Orien-
13 Erich John: Gebrauchswert und Ästhetik, in: Bildende Kunst, 12/1975, tierung für sozialistische Gestaltung ist.
S. 595 2 r Dagmar Lüder: Von Dauer, aber karg? in: form+zweck, 5/ 197 5,
14 Ebenda S. 1 3
15 Vgl. Lothar Kühne: Zu einer gesellscbaftstheoretiscben Typologie 22 Ebenda
des Gebrauchs, in: form+zweck, 4/ 197 5 23 Ebenda
16 Erich John, a. a. 0. 24 Clauss Dietel: Vom Brauchen und vom Machen, in: Bildende Kunst,
17 In dem klassischen sozialismustheoretischen Teil der Randglossen 6/1976, s. 298
zum Programm der deutschen Arbeiterpartei hob Marx als das .wich- 25 Ebenda
tigste Kriterium der höheren Phase der kommunistischen Gesell- 26 John Ruskin: Vorträge über Kunst, Leipzig 1901, S. 6 f.
schaftsformation hervor, daß «die knechtende Unterordnung der Indi- ,', 27 William Morris: Die Aussiebten der Architektur in der Civi-
viduen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz gei- lisation, in: Morris: Kunsthoffnungen und Kunstsorgen, Leipzig 1901,.
stiger und körperlicher Arbeit verschwunden» ist. - MEW, Bd. 19, S. 50
S. 21. Marx und Lenin betonten wiederholt nachdrücklich, daß, wie 2 8 Henry van de V elde: Vom neuen Stil, Berlin 1 907, S. 14
überhaupt, die Weise der individuellen Konsumtion im Sozialismus 29 Ebenda, S. 28
von der Entwicklung des Charakters der Arbeit abhängt und daß 30 Walter Gropius: Wo berühren sich die Schaffensgebiete des Techni-
der letztlich hierfür entscheidende Faktor die Entwicklung der Pro- kers und des Künstlers, in: Die Form. Zeitschrift für gestaltende
duktivkräfte ist. Arbeit, 6/ r 926, S. 12 r .
18 Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissen- ; 1 EI Lissitzky: Rußland. Bd. 1 von Neues Bauen in der Welt. Einzeldar-
schaft (Anti-Dühring), in: MEW, Bd. 20, Berlin 1962, S. 289 stellungen, hg. von J. Gantner, Wien 1930, S. 5
19 A. K. Pokrytan: Produktionsverhältnisse und ökonomische Gesetze 32 Friedrich von Schiller: Ober die ästhetische Erziehung in einer Reibe
des Sozialismus. Eine methodische Studie zur Analyse und zur Theo- von Briefen. 9. Brief, in Schiller: Sämtliche Werke, Bd. 4: Philoso-
rie, Berlin 1973, S. 202 phische Schriften, Leipzig o. J., S. 21 2
20 Michael Franz: Normen und Formen, in form+zweck, 5/1975, S. 29. 33 <<Menschlichkeit» ist hier nicht als für die Gattung Mensch genereller,
In dem Aufsatz Konstruktion und Ornament, in form+zweck, sondern als wertrelevanter Begriff gebraucht. <<Wert» bedeutet hier
3/1976, hat sich der Autor um eine differenziertere und in der Hin- eine geschichtlich gebildete Eigenschaft von Menschen, die für die Auf-
wendung zum Ornament weniger überschwengliche Skizzierung seiner wärtsentwicklung der Gattung konstitutiv ist oder werden kann.
Konzeption bemüht. Er akzeptiert die für die Diskussion der Proble- 34 Reyner Banham: Die Revolution der Architektur. Theorie und Gestal-
matik der Ornament.ik grundlegende Voraussetzung, daß Ornamen- tung im Ersten Maschinenzeitalter, Reinbek bei Hamburg 1964, S. 69
tierung und ästhetische Produktionsgestaltung nicht identisch sind. 3 5 EI Lissitzky schrieb über den Proun: <<Die Bildleinwand ist mir zu eng
Die Person der Orientierung bleibt für Michael Franz jedoch Henry geworden. Der Kreis der Farbenharmonien-Feinschmecker ist mir zu
van de Velde, und er präzisiert den antifunktionalistischen Charak- eng geworden, und ich schuf den Proun als Umsteigestation aus der
ter seiner Gestaltungskonzeption mit der Forderung nach einer <<sub- Malerei in die Architektur.» - El Lissitzky. Maler, A,-cbitekt, Typo-
j ektzentrierten Lösung der gestalterischen Aufgaben, die ihre tech- graf, Fotograf. Erinnerungen, Briefe, Schriften - übergeben von
nische Lösung subjektiv ausdeutet, umspielt.» (S. 52, Hervorhebung Sophie Lissitzky-Küppers, Dresden 19t7, S. 325. Der Begriff der Um-
von mir, L. K.). Damit ist eine im .Grunde kunstästhetische Orien- steigestation darf in diesem Gebrauch nicht zu eng, etwa im Sinne der
tierung für die industrielle Formgestaltung ausgesprochen, und ich Architekturskizze, aufgefaßt werden. Es ist eine Erkundung gemeint,
glaube, daß solche unseren gesellschaftlichen Aufgaben und Pers1;ek- die unmittelbar an keinen besonderen Zweck gebunden ist «Proun
tiven letztlich entgegensteht. führt uns zum Aufbau eines neuen Körpers. Hier entsteht die Frage
Die Unbestimmtheit des Begriffs <<Funktionalismus» soll hier nicht der Zweckmäßigkeit. Der Zweck ist das, was hinter uns bleibt. Die
erörtert werden. Im eigentlichen Sinne ist auch die eklektizistische Schöpfong vollbringt die Tatsache und sie wird Forderung.» - Ebenda,
Gestaltungspraxis funktionalistisch. Aber zugleich steht dieser Be- S. 345,
griff in seiner tradierten Bedeutung für eine besondere Diszipli- 36 Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, in: MEW, Bd. 26.3, Berlin
nierung und Objektivierung der Gestalt, welche ein neues ästheti- 1972, S. 503
sches Verhältnis der Menschen zu ihren technischen und praktischen 37 Ebenda, S. 269
Gegenständen ausdrücken kann. Daß es sich hierbei um keine zeit- 38 Karl Marx: Auszüge aus Mills «Elements d'economie politique», in:
lose Disziplin und um keine ontologische Objektivität handelt, wird MEW, EB I, S. 460
vollständig erst vom Standpunkt der dialektischen und materialisti- 39 Ebenda
schen Weltanschauung erkennbar. Daraus ist zugleich eindeutig er- 40 Ebenda, S. 460 f.
6*
82 8;
41 Vgl. Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik, Frankfurt {Main) 74 Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, in: MEW, Bd. 26.2, Ber-
1971 lin 1967, S. 549 ,
42 Karl Marx: Auszüge aus Mills, a. a. 0., S. 463 7 5 Den Ausdruck «Poesie der Erinnerung» gebraucht Marx in den Manu-
43 Ebenda skripten von 1844, in: MEW, EB 1, S. 527. Er hat dieses Motiv oft
44 Ebenda, S. 461 aufgegriffen und sprachlich variiert, weil sich durch dieses ein wesent-
45 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW, liches Moment seiner Weltanschauung negativ ausdrücken ließ. In der 1
Bd. 2 3, Berlin 1962, S. 66 Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte schrieb er, be-
46 Ebenda, S. 8 1 zogen auf die proletarische Revolution? «Die soziale Revolution des
4 7 Ebenda, S. 52 neunzehnten Jahrhunderts kann ihre Poesie nicht aus der Vergangen-
48 Mieczyslaw Wallis: Jugendstil, Dresden/Warschau 1974, S. 161 heit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft: Sie kann nicht mit sich
49 Friedrich Naumann: Die Kunst im Zeitalter der Maschine, Berlin 1908, beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abge-
S. 15 streift hat.» - MEW, Bd. 8, S. 117. So ist ein wichtiger Ansatzpunkt
50 Ebenda, S. 17 einer m_arxistisch-leninistischen Konzeption des Erbes umrissen, die
51 Günter Fabiunke, Otto Grünewald, Jürgen Lehm: Verkaufspsycholo- nicht nur' gegen pseudorevoluti~näre, sondern auch gegen bloß kon-
gie, Berlin 1975, S. 14 servative und evolutionistische Positionen abgegrenzt ist.
52 Ebenda, S. 128 76 Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a. a. 0., S. 579
53 Ebenda, S. 127 77 Michael Franz: Konstruktion und Ornament, in: form+zweck, 3/1976,
54 Ebenda, S. 148 S. 52 (Hervorhebung von mir, L. K.)
55 Ebenda, S. 133 78 Karl Marx: Theorien, Bd. 2.6.3, a. a. 0., S. 263
56 Ebenda, S. 100 79 Ebenda, S. 421
57 Karl Marx: Ökonomisch-ppilosophische Manuskripte, a. a. 0., S. 517 So Lyonel Feininger schuf 1919 die Grafik Die Kathedrale des Sozialis-
58 Ebenda mus. Sie drückte den auf eine noch weitgehend utopische Idee des So-
59 Ebenda zialismus bezogenen Baugedanken vieler Architekten und Künstler in
60 Wolfgang Heise: Zur Fragestellung, in: Jürgen Kuczynski, Wolfgang dieser Zeit aus. Es wutde nach einer baulichen Gestalt gestrebt, die
Heise: Bild und Begriff. Studien über die Beziehungen von Kunst und eine neue Gesellschaft architektonisch symbolisieren könnte. Bruno
Wissenschaft, Berlin und Weimar 1975, S: 430 (Hervorhebung von mir, Taut hatte die Idee der Stadtkrone zu der architektonischen Vision
L. K.) vom Haus des Himmels gesteigert, hierzu besonders: Kurt Junghanns:
61 Ebenda, S. 428 Bruno Taut, 1880-1938. Walter Gropius schrieb: <<Bilden wir also eine
62 Ebenda neue Zunft der Handwerker ohne die klassenmäßige Anmaßung, die
63 Ebenda, S. 429 eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errich-
64 Ebenda ten wollte! Wo1len, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen
65 Ebenda, S. 430 Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und
66 Siegfried Giedion: Raum, Zeit, Architektur. Die Entstehung einer Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst
neuen Tradition, Ravensburg 19651 S. 23 gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kom-
67 Hundertwasser: Verschimmlungs-Manifest gegen den Rationalismus in menden Glaubens.» - Programm des Staatlichen.Bauhauses in Weimar
der Architektur, in: Ulrich Conrads: Programme und Manifeste zur (1919); zitiert nach Karl-Heinz Hüter: D;s Bauhaus in Weimar, Ber-
Architektur des 20. Jahrhunderts. Berli~ (West)/Frankfurt (Main)/ lin 1976, S. 2.08.
Wien 1964, S. 152. Die für kommunistische Praxis entscheidende Neusetzung des Archi-
68 Heide Berndt: Ist der Funktionalismus eine funktionale Architektur? tekturbegriffs ist in diesen Konzeptionen, die noch ganz auf der idealen
Soziologische Betrachtungen einer architektonischen Kategorie, in: Hei- Erhöhung tradierter Muster beruhen, nicht erfolgt. Von ihnen führt
de Berndt, Alfred Lorenzer, Klaus Horn: Architektur als Ideologie, bei aller folmaler Gegensätzlichkeit eine verborgene Linie zu den
Frankfurt (Main) 1968, S. 42 monumentalen und historisierenden Entwürfen der sowjetischen Ar-
69 Ebenda chitektur, etwa dem Projekt Jofans für den Sowjetpalast. Die bloße
70 Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie Abwendung vom historisierenden architektonischen Detail und von
der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied u. Berlin (West) übersteigerter Monumentalität erwiesen sich noch nicht als wirkliche
1974, S. 92 f. dialektische Überwindung eines gegenüber dem alltäglichen Leben
71 Karl 'Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a. a. 0., S. 479 der Menschen entfremdeten Prinzips der Raumbildung. Durch den So-
72 Ebenda, S. 505 zialismus wird erkennbar, daß sich eine kommunistische Gese11schaft
73 Ebenda, S. 521 nic.'it mehr in einzelnen Bauwerken symbolisier~n kann. Der besondere

84 85
Rang gesellschaftlicher Bauten im Raumsystem ist damit nicht aufge-
hoben. Aber als wesentlichste Form gesellschaftlicher Symbolisierung
Zum Begriff und zur Methode
ist jetzt die unmittelbare Form des Lebens der Menschen selbst funk- der Erforschung der Lebe~sweise
tioniert. Erst so ist mit der Aufhebung der Baukunst durch Architektur
die idealisierte Form der Entfremdung durch die ideale Form des An~ätze zur"Bestimmung der Funktion
freien Lebens negiert. Die Geschichte hat einen neuen poetischen Ge- der marxistisch-leninistischen Kulturtheorie
halt objektiviert. Das ist eine große Möglichkeit, der die Beschwörung
des Ornaments entgegensteht.
81 Anatoli Jegorow: Ästhetik und gesellschaftliches Leben, Berlin 1976,
s.36
82 Herbert Marcuse: Versuch 'Über Befreiung, Frankfurt (Main) 1969,
s.71
Daß bei der Verwirklichung des vom IX. Parteitag der Sozia-
listischen Einheitspartei Deutschlands beschlossenen Programms
die Funktion der kulturtheoretischen Arbeit erhöht werden
muß, ist wohl so unbestritten wie die besondere Bedeutung der
Problematik der Lebensweise für die Kulturtheorie. Indem der
Soziali'smus im Unterschied zur kapitalistischen Gesellschaft
<<die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik im interesse
der Arbeiterklasse und aller Werktätigen zum obersten Leitge-
danken erheben» kann, 1 wird es notwendig, diese Politik stets un-
ter dem G~sichtspunkt des Lebensprozesses der Menschen wei-
ter wissenschaftlich zu konkretisieren. Um die gesellschaftsprak-
tische Wirkung der Kulturtheorie zu erhöhen, ist es auch erfor-
derlich, ihren spezifischen Gegenstandsbereich näher zu be-
stimmen. Und es ist vielleicht sinnvoll, diese Aufgabe zunächst
von der Seite der Funktionen dieser Wissenschaft anzugehen.
Eine gewisse Unschärfe der Gegenstandsbestimmung einer Wis-
senschaft kann zu einem bedingenden Moment ihrer besonde-
ren Produktivität werden. In der Diskussion um die Funktio-
nen und um den Gegenstand der Kulturtheorie sollte vor allem
die Beziehung dieser Theorie zum historischen Materialismus
näher verfolgt werden. Die Überhöhung des Aspektes des Wer-
tes und der Bewertung und die Übersetzung allgemeiner ge-
sellschaftstheoretischer Bestimmungen in eine entsprechende
Terminologie ist problematisch, weil so nur der Schein eines
neuen theoretischen Inhalts und immer die Möglichkeit der Ver-
klärung eines bereits gefaßten erzeugt werden kann. Die hier
dargelegten Auffassungen zur Lebensweise sind vorwiegend
selfr allgemein gefaßt, und die Aspekte der Kulturtheorie wer-
den nur angedeutet. Der Nachteil, hierdurch verschiedene Miß-
verständnisse zu veranlassen, wird durch die besondere Mög-
lichkeit, zur Auseinandersetzung anzuregen, aufgehoben.
Für den Marxismus-Leninismus ergibt sich die Orientierung
der theoretischen Arbeit auf die Lebensweise wesentlich aus

87
zwei Gründen. Das ist einmal der konsequente materialistische der Begriff der Lebensweise nicht beiläufig enthalten ist, son-
Charakter der Weltanschauung der Arbeiterklasse und der dern eine bestimmende Funktion realisiert.
k.ommuni.stischen Gesellschaft. Indem Marx das Spezifische des Schließlich ergibt sich für uns die besondere Wichtigkeit des
mat'eriell~n gesellschaftlich,en Seins entdeckte, wurde zugleich Problems der I.:ebensweise aus dem konkreten humanistischen
die besondere Objektivität der menschlichen Individuen be- ' Charakter des Marxismus-Leninismus und der sozialistischen
griffen. Diese Bestimmtheit der Individuen war nicht, wie im Politik und der kommunistischen Bewegung überhaupt. Der
bürgerlichen Materialismus, mit ihrem physischen Dasein und Kommunismus findet · sein gesellschaftliches Maß letztlich
auch nicht, wie im Idealismus, als Selbstbewußtsein aufgefaßt. in der Universalität, in dem Reichtum der gesellschaftlichen
«Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Beziehungen der fodividuen. Während sich das Kapitalverhält-'
Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebenspro- nis am Grad entfremdeter, sich die Individuen subsumierender
zeß.»2 Der bürgerliche Materialismus konnte zwischen dem Sachlichkeit mißt und im Profit die ihm gemäße W ertbestim-
1 spezifischen Sein der menschlichen Individuen und den Bedin- mung hat, kann die Verwirklichung der kommunistischen Ziele
gungen desselben nicht unterscheiden. <<Unsere Denkweisen>>,, der Arbeiterklasse letztlich nur am Grad der Entfaltung indi-
heißt es bei Holbach, <<werden notwendig durch unsere Seins- viduellen Lebens als persönlichem, durch das Maß der H(m-
weisen bestimmt; sie hängen also von unserem natürlichen Kör- schaft der Individuen über ihre gesellschaftlichen Verhältnisse
perbau und vbn · den Modifikationen ab, die unsere Maschine bestimmt sein. In ihrer Polemik gegen Stirner schrieben Marx
unabhängig von unserem Willen erfährt.» 3 Obgleich Marx .mit und Engels, dieser glaube, <<die Kommunisten warteten darauf,
der allgemeinen Votausset;.;;ung Holbachs bis in die Ähnlichkeit daß ihnen <die Gesellschaft> irgend etwas <gebe>, während sie
der sprachlichep Form, das Bewußtsein wird durch das. Sein sich höchstens eine Gesellschaft geben wollen»5• Und sie wand- -
bestimmt, übereinstimmt, unterscheidet sich deren Konkreti- ten sich gegen die Vorstellung, <<daß die kommunistischen Prole-
sierung durch Marx tiefgreifend von der des bürgerlichen Ma- tarier, die die Gesellschaft revolutionieren, die Produktions-
terialisten. Da der bürgerliche Materialismus wegen der klas· verhältnisse und die Form des Verkehrs auf eine neue Basis,
senmäßigen Beschränktheit seines Denkhorizonts die Arbeit das heißt auf sich als die Neuen, auf ihre neue Lebensweise
nur als Bedingung menschlichen Seins, nicht aber als wesentliche setzen, <die Alten> bleibell>>6• Die kommunistische revolutions-
Form der Selbstbetätigung der Menschen, ihrer Selbsterzeu- theoretische Bedeutung der Herausbildung einer neuen Lebens-
gung u~d Geschichte begreifen konnte, erhielt seine Gesell- weise war damit deutlich ausgesprochen. Und genau dieser An-
schaftstheorie zwangsläufig einen naturistischen Charakter und satz muß aufgenommen werden, um zu verstehen, warum mit
, war sie für tdealistische Schlußmöglichkeiten offen. Obgleich der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft die
vom Ansatz der Subjektivität ausgehend, konnte auch der bür- breite Hinwendung zu den _Fragen der Lebensweise und der
gerliche philosophische Idealismus zu keinem rationellen V er- Persönlichkeitsentwicklung nicht aus einem modischen und wis-
ständnis der praktischen Tätigkeit der Menschen gelangen. senschaftskonj1Jnkturellen Trend, sondern aus objektiven Ent-
Erst vom Standpunkt einer' Klasse, deren Befreiung nicht als wicklungserfordernissen des Sozialismus erwuchs. Die Ausein-
Heraustreten ihrer Individuen aus der Welt der Arbeit, son- andersetzung um die Lebensweise, die über die Wissenschaften
dern als Eroberung der Wirklichkeit universeller Arbeit unter hinaus ein wichtiges Moment des geistigen Lebens im Sozialis-
der Herrschaft der Arbeitenden selbst, :m begreifen war, konnte :r;nus ist, zeugt von der Radikalität der mit der Oktoberrevolu-
die ganze Bedeutung des praktischen Lebens erfaßt und das Ge- tio'n eingeleiteten Umgestaltung der Gesellschaft. Bereits in den
heimnis des menschlichen Wesens enthüllt werden. Die Forde- ersten Jahren der S9wjetmacht entwickelte sich eine breite Dis-
rung nach dem <<Studium des wirklichen Lebensprozesses und kussion vieler uns heute noch bewegender Fragen der sozialisti-
der Aktion der Individuen jeder Epoche» 4 ergab sich so folge- schen Lebensweise. Die neue Verfa;sung der Union der So-
richtig aus dem theoretischen Selbstbewußtsein des Proletariats. zialistischen Sowjetrepubliken faßt wesentliche Ergebnisse die-
Der Gesichtspunkt der Lebensweise war. damit gefaßt. Und es ser Entwicklung zusammen und perspektiviert sie schon auf den
ist nicht zufällig, daß in der Schrift Die deutsche Ideologie, wo- Übergang vom Sozialismus in die zweite Phase der kommuni-
rin die Grundzüge dieser Weltanschauung zuerst systematisch stischen Gesellschafts'formation. Diese besonderen historischen
und auf eigener Voraussetzung beruhend dargestellt wurden, Sachverhalte können ni<;ht näher dargelegt werden. Sie sind ge-
88 89
nannt, um den besonderen Bezug sozialistischer Politik zur Ent- der seine Richtungsbestimmungen in der Entfaltung der gesell-
wicklung der Menschen und damit wesentlich ihrer Lebenswei- schaftlich schöpferischen Kräfte der Menschen findet. Die theo-
se zu kennzeichnen. Aus dieser Beziehung ergab sich auch, daß retische Konkretisierung der Aussagen über die kommunistische
in dem neuen Programm der SED eine selbständige Darle- Entwicklungsweise der Individuen erweist sich ,so als notwen-
gung zur sozialistischen Lebensweise erfolgte. dig, um den Charakter der sozialistischen Politik praktisch zn
Die bereits bezeichnete besondere Maßfunktion der Entwick- konkretisieren. Diese praktische Dringlichkeit sollte jedoch nicht
lung der Individuen, ihrer Wohlfahrt und Bedürfnisbefriedigung, zu dem Schluß verleiten, die theoretische Arbeit hätte nur die
für die sozialistische Politik muß selbstverständlich von den Vor- unmittelbar praktischen Erfordernisse zu reflektieren und müs-
aussetzungen der marxistisch-leninistischen Gesellschaftstheorie se in jedem Fall unvermittelt dort ansetzen. Die Wissenschaft
her begriffen werden, wenn die Vorstellung über sie nicht hätte dann der Praxis dem Wesen nach nur Ergebnisse zu bie-
phraseologisch werden soll. Sie ergibt sich eben nicht aus anthro- ten, die sie auch ohne die Wissenschaft haben könnte oder im
pologischen Voraussetzungen, der Annahme einer ahistorischen bestimmten Falle schon hat.
Substanz allgemeinmenschlicher Wesensbestimmung, und ist
nicht primär aus der Moral, sondern aus der Theorie der Pro-
duktionsweise abgeleitet. Damit ist das revolutionäre und hu-
Lebei,sweise und Lebensbedingungen
manistische Motiv des Schaffens einer neuen Gesellschaft für die,
freie und universelle Entwicklung der Menschen gegen jede sub-
Der Begriff der Lebensweise wird hier nicht systematisch ent-
jektivistische Interpretation abgegrenzt. Es erhält einen wis-
wickelt. <<Lebensweise>> soll zunächst die Struktur des Lebens-
senschaftlich objektivierten, konkreten klassen- und forma-
prozesses von menschlichen Individuen, welche eine konkrete
tionsgeschichtlichen Inhalt. Seine Verwirklichung hat die Fähig- gesellschaftliche Bestimmtheit dieser Individuen materialisiert,
keit und die Bereitschaft zur theoretischen Objektivierung der bedeuten. Diese Struktur kann zuerst durch ihre Elemente, ein-
notwendigen Stufen dieses geschichtlichen Prozesses zur Voraus- zelne Tätigkeitsformen in ihrem unmittelbaren Verhaltensaspekt,
setzung. Die Aufhebung des Antagonismus von Individuen und
erfaßt werden. Allein hierdurch wäre eine nur äußerliche, em-
Gattung, innerhalb dessen <<die höhere Entwicklung der Indivi- pirische Auffassung dieser Struktur gegeben. Grundlegend für
dualität nur durch einen historischen Prozeß erkauft wird, worin
das Verstehen des Wesens solcher Strukturen ist die Analyse des
die Individuen geopfert werden>>, und «die Vorteile der Gat- gesellschaftlichen Charakters der einzelnen Tätigkeitsformen.
tung ... sich stets durchsetzen auf Kosten der Vorteile von Indi-
Um die Struktureigenschaft von Lebensprozessen nicht nur de-
viduen, weil diese Gattungsvorteile zusammenfallen mit den skriptiv widerzuspiegeln, müssen schließlich die Beziehungen
Vorteilen besondrer Individuen, die zugleich die Kraft dieser, wechselseitiger Durchdringung und Qualifizierung zwischen ih-
Bevorzugten bilden>>/ ist erst möglich, indem sie zur notwendi- ren Elementen und muß die funktionelle Hierarchie derselben
gen Entwicklungsbedingung der Produktivkräfte wird. Die Ent- erfaßt werden. Selbstverständlich interessiert auch, wie und in
wicklung universeller Individuen, damit die Aufhebung klas- welchen zeitlichen Proportionen die einzelnen Formen der Le-
senspezifischer Arbeitsteilung, ist Bedingung und Resultat von benstätigkeit miteinander verbunden sind. Für die sozialistische
Produktivkräften, die aufgehört haben, die Individuen zu defor- Lebensweise ist die Arbeit als das wesentlichste, die ganze Le-
mieren und ihre Lebensbedingungen zu destruieren. Die Ver-
benstätigkeit der Menschen charakterisierende Element erkannt.
wirklichung der politischen Herrschaft der Arbeiterklasse ist die So wäre auch näher zu untersuchen, wie die Arbeit in die nicht-
erste Voraussetzung dieser universellen Entwicklung der Men- produktiven Genußweisen der Menschen <<eingeht>>. Auch in
schen und selbst ein entscheidender Schritt der Durchsetzung den Schlaf. Die Soziologie der Arbeit wäre eine Voraussetzung
dieser Universalität. Durch ihre Diktatur gestaltet die Arbei- der Psychologie des Schlafes. Für die allgemeine Durchsetzung
terklasse nicht nur sozialistische Produktionsverhältnisse, son- der sozialistischen Lebensweise muß vor allem untersucht wer-
dern ein System von Lebensbedingungen, welche unmittelbar die den, wie ein gesellschaftlich objektiv gesetzter Inhalt des Lebens-
Herausbildung und Stabilisierung einer neuen Lebensweise ver- prozesses von Menschen, so der in den sozialistischen Produk-
mitteln. Die Veränderung der Lebensbedingungen wird im So- tionsverhältnissen beruhende Charakter ihrer Arbeit, subjektiv
zialismus in wachsendem Maße ein bewußt gestalteter Prozeß, als Bestimmungsmoment ihrer Lebensweise angeeignet wird.
90 91
Das würde am Beispiel der Arbeit notwendig auf den politi- im Inhalt, was durch die Sprache besonders hervorgehoben wer-
schen Charakteo der sozialistischen Lebensweise hinlenken. den soll, die besondere Bedeutung der Geselkchaft für die Le-
Der bestimmte Gegenstand, den der Begriff der Lebensweise bensweise. Tatsächlich ist so die Lebensweise der Individuen
abbildet, ist der gesellschaftlich relevante Lebensprozeß mensch- als außergesellschaftliche neben .die der Gesellschaft gesetz. Es
licher. Subjekte. Entsprechend den verschiedenen Ebenen gesell- ist dieses die falsche Gegeriüberstellung von Individuen und
schaftlicher Subjektivität könnten verschiedene .Begriffe der Le- Gesellschaft, die Karl Marx wiederholt kritisierte. «Die so-
bensweise gebildet werden. Aber es ist nicht sinnvoll, unter- ziale Geschichte der Menschen>>, schrieb er 1846 an Annenkow,
schiedliche Stufen der Subjektivität, Individuen, Klassen, Ge- «ist stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung,
sellschaft, additiv in einem Begriff der Lebensweise z~sammeq- ob sie sich· dessen bewußt sind oder nicht.» 8 Zugleich sollte in
zufassen, weil die Subj ektivitätsformen verschiedener Ebenen diesem ther,natischen Zusammenhang beachtet werden, daß der
zwar aufeinander bezogen, sind und sich einander bedingen und Ausdruck <<Gesellschaft» für zwei Begriffe steht. Einmal bedeu-
charakterisieren, nicht aber gleichartig sind. Eine soziale Klasse tet <<Gesellschaft>> <<die vereinigten einzelnen;>. 9 Die. Art dieser
als gesellschaftliches Subjekt ißi:, singt und schläft nicht, und Vereinigung kann unterschiedlich gebildet sein, antagonistische
selbst zu einer mit ihr befreundeten Klasse tritt sie nicht in sexu- Klassenbeziehungen sind also hierin einbegriffen. Dieser Be-
elle Beziehungen. Die Lebensweise umfaßt den gesellschaftlich griff drückt jedoch die Revolution, die der Marxismus für die
charakteristischen Lebensprozeß menschlicher Individuen, wie Entwicklung der Gesellschaftstheorie bedeutet, nicht aus. Eine
er reproduzierbar durch die -gesellschaftlichen Verhältnisse und entscheidende Bedingung für die Ausarbeitung einer wissen-
durch die Lebensbedingungen objektiv und durch die Psyche schaftlichen Gesellschaftstheorie war, daß in bestimmter Hin-
der Individuen, Gewohnheiten, Emotionalität, Weltanschauung, sicht von den Individuen abgesehen, die Gesellschaft nicht mehr
subjektiv vermittelt wird. Die Lebensweise umfaßt folglich nicht einfach als Beziehungsgefüge der sie bildenden Individuen, son-
nur das Alltagsleben der Menschen, sondern auch Feste und dern als das Beziehungs.gefüge ihrer Verhältnisse aufgefaßt wur-
Feiern als wichtige gesellschaftliche Formierungsfaktoren ihres de. Diesen für die marxistisch-leninistische Gesellschaftstheorie
Lebens. Aus der Reproduzierbarkeit und der spezifischen Ver- grundlegenden Begriff der Gesellschaft kennzeichnete Marx auch
mitteltheit der Lebensweise ergibt sich, daß sie als solche einer so: «Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern
bestimmten sozialen Gruppe von Menschen im unterschiedli- drückt die Summe1 der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin die-
chen Maße auf die Lebensweise der Individuen einer anderen se Individuen zu einander stehn.» 10 Von dieser Voraussetzung
Gruppe projiziert werden kann. konnte nun gefragt werden, wie die Beziehung der einzelnen
Wenn wir in der Bildung des Begriffs der Lebensweise den In- gesellschaftlichen Verhältnisse zueinander ist, konnte zwischen
dividuen noch andere Subjekte der Lebensweis.e additiv zuord- mate4ellen und ideologis~en gesellschaftlichen Verhältnissen so-
nen, wird die Subjektivität letzterer, etwa einer Klasse oder der wie Z}Vischen Basis uhd Uberbau unterschieden, das Gesetz der
Gesellschaft, bezogen· auf die Individuen als diesen äußerliche Produktionsweise entdeckt und die Theorie der ökonomischen
gefaßt. Die Aufgabe besteht aber gerade darin, die Subjekti.: GeseI!schaftsformation entwickelt werden. Erst von einem sol-
vität einer Klasse oder der Gesellschaft als Eigenschaft der chen Gesellschaftsbegriff her ist der Zusammenhang zwischen
.Lebenstätigkeit wirklicher Menschen aufzufinden. Die Lebens- individueller, gruppen- und gesellschaftsspezifischer Subjekti-
weise von Individuen einer Klassengesellschaft ist folglich in vität konkret zu erschließen. Was bestimmte Indrviduen als
ihrem Wesen stets klassenspezifisch charakterisiert. Aber es gibt menschliche charakterisiert, ist die Verhältniseigenschaft ihrer
in der gleichen Ebene der Subjektivität nicht die Lebensweise Lebenstätigkeit. Obgleich die Verhältnisse nicht mit den Indi-
der bestimmten Individuen. und die der bestimmten Klassen. viduen itlentisch sind, existieren sie, bezogen auf die Individuen,
So ist die Subjektivität menschlicher Individuen in ganz anderer nicht einfach äußerlich, sondern sind zugleich durch die Indivi-
Weise als die einer Klasse oder einer Gesellschaft biologisch duen personifiziert. 11 Indem die Lebensweise der Menschen nicht
konstituiert und modifiziert. In diesem Sinne ist die sozialisti- als dem Wesen nach biologischer, sond.ern als gesellschaftlicher
sche LebensweUe als die dem W esl';n des Sozialismus entspre- Prozeß begriffen wird, können ihre EigeRschaften .außerhalb der
chende Lebensweise aufgefaßt. Die additive Trennung von In- realen Sozietät der bestimmten Individuen überhaupt nicht auf-
dividuen ~nd Gesellschaft in dem hier erörterten Bezug negiert gesucht werden. Hieraus folgt, daß die wirklichen Individuen
92 93
stets Gegenstand der Analyse sind. Aber nicht so, daß diese als Herrschaft der Menschen über ihre gesellschaftlichen Ver-
Analyse unvermittelt mit dem Lebensprozeß der Individuen be- hältnisse überhaupt nicht mehr gedacht werden kann. Marx,
ginnt. Wenn die Bestimmtheit menschlicher Individuen in der Engels und Lenin haben mit dem Begriff des Menschen eindeu-
Verhältniseigenschaft ihrer Lebensäußerungen beruht, kann tig spezifische biologisch konstituierte und in ihrem Wesen ge-
nicht die unvermittelte Analyse ihrer Verhaltensformen, sondern sellschaftliche Individuen bezeichnet und nicht, wie Dietrich
nur die Analyse der Verhältnisse selbst der Ausgangspunkt sein, Mühlberg meint, im philosophischen Sinne <<die geschichtliche
um zu einem objektiven Verständnis der Individuen zu gelan- Totalität gesellschaftlicher Verhältnisse>>. 14 Lesen wir eine so
gen. Die Schwierigkeit besteht hier darin, zu begreifen, daß die wichtige Aussage von Marx wie: «In der gesellschaftlichen .,Pro-
Verhältnisse <<unter allen Umständen nichts andres als ihr wech- duktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendi-
selseitiges Verhalten>> sein können, 12 und doch etwas gegenüber ge, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produk-
den sich verhaltenden Individuen Selbständiges, nicht einfach tionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer
aus ihrem Willen Hervorgehendes darstellen. - materiellen Produktivkräfte entsptechen.>> 15 Diese Aussage wird
Das scheinbare Paradoxon, daß für den Marxismus-Leninis- 1
" absolut sinnlos, wenn wir den AusdruGk <<Mensch>>, richtiger
mus die Menschen stets als die Voraussetzung und schließlich «Menschen», durch den <<die geschichtliche Totalität gesellschaft-
auch als das Ziel der gesellschaftstheoretischen Analyse begrif- licher Verhältnisse», notwendig wäre: «die geschichtlichen Tota-
fen werden, aber als solche nicht der Ausgangspunkt der Analyse litäten gesellschaftlicher Verhältnisse», ersetzen. Die objektive
sind, hat sich für einige Theoretiker als nicht auflösbar erwiesen. Logik der Geschichte als die Gesetzmäßigkeit der Abfolge der
Lenin zeigte gegenüber Struve, daß der scheinbar evidente Ver- Gesellschaftsformationen ist aus von den Menschen abgehobe-
such, in der Soziologie von den «lebenden Individuen» auszu- nen, ihnen einfach äußeren Beziehungen ihrer Gesellschaftlich-
gehen, zum Subjektivismus in der Soziologie führt. Der «mate- keit oder von der Voraussetzung, daß im Grunde die gesell-
rialistische Soziologe, der bestimmte gesellschaftliche Verhält- schaftlichen Beziehungen die Menschen selbst sind, nicht zu er-
nisse der Menschen zum Gegenstand seiner Untersuchung macht, fassen, da schon die Bestimmtheit, in der diese Individuen aus
erforscht damit auch die realen Persönlichkeiten, aus deren der Natur hervorgehen, bereits eine bestimmte Logik der Ent-
Handlungen diese Verhältnisse ja hervorgehen.>>13 Der Versuch, faltung ihrer Produktivkräfre determiniert. Also ist das Gesetz
die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse durch den unver- der Produktionsweise und die darauf beruhende Abfolge der
mittelten Einstieg in die Ebene der Individualität zu übersprin- Gesellschaftsformationen das Grundgesetz gesellschaftlicher
gen, erwächst allerdings nicht nur aus der Verführungskraft des und menschlicher Historizität. Eine Totalität gesellschaftlicher
Augenscheinlichen, sondern auch aus der kleinbürgerlichen Ten- Verhältnisse wie die des Kapitals bedeutet, wie Marx zeigte,
denz, objektive gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit und NÖtwen- nicht ein menschliches Wesen, sondern den Klassenantagonismus
digkeit aus subjektivem Verwirklichungsanspruch heraus zu ne- von Bourgeoisie. und Proletariat. Wer die Aussage: Das <<mensch-
gieren. Die dieser Tendenz entsprechende subjektivistische Pra- liche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes
xis kann sich in gegensätzlichen Erscheinungsformen, der Über- ' Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der
höhung pädagogischer und administrativer Methoden oder als gesellschaftlichen Verhältnisse>> 16 einfach als soziologische, auf
terroristisches Handeln, äußern. beliebige Individuen und Verhältnisse konstatierend anwend-
Die scheinbare Absehung des Marxismus-Leninismus von der bare, versteht, übersieht ihren ideal- und revolutionstheoreti-
Individualität, gegen welche die subjektivistische Soziologie kri- schen Inhalt und zugleich ihre besondere Stellung in der Ent-
1
tisch reagiert, etwa durch die Empfehlung, den Marxismus-Le- wicklung des Marxismus. Indem der gegenüber der Natur
nismus durch die Psychologie Freuds oder durch den Existen- spezifische Charakter der gesellschaftlichen Gesetze und der
tialismus zu ergänzen, wird durch den strukturalistischen Anti- menschlichen Individualitätsformen nachgewiesen wird, ist eine
humanismus als eine wirkliche Negation des Problems der konkrete A.nalyse der Beziehung von Natürlichem und Gesell-
menschlichen Individualität mißverstanden. Der antihumanisti- schaftlichem möglich. Aber diese Analyse ist durch den histori-
sche Strukturalismus hat seine falsche Interpretation der Kapital- , schen Materialismus nur in einem begrenzten Maße zu leisten.
theorie von Marx zu einer gesellschaftstheoretischen Ontologie Denn die allgemeine Gesellschaftstheorie darf die Ebene ihrer
erhoben, von der aus die Grundbestimmung des Kommunismus Abstraktion nicht aufgeben, ohne sich selbst aufzugeben, sie kann,
94 95
nur auf der Ebene ihrer Abstraktion konkretisieren. So kann sellschaftlichen Beziehungen - beides verschiedene Seiten des
der historische Materialismus nicht Psychologie oder Ethnqgra- gesellschaftlichen Individuums ... »19 Aber das gilt für die Le-
phie werden, sondern muß deren Voraussetzungen mit ausbil- bensbedingungen, wenn hierunter nicht die sozialen Lebensbe-
den. Aber es. könnte gefragt werden, ob zur näheren Untersu- dingungen, also die Verhältnisse, gemeint sind, nicht uneinge-
chung praktisch interessierender Aspekte dieser Beziehung eine schränkt. Der Begriff .der Lebensbedingungen erfaßt auch die
synthetisierende Wissenschaft nötig ist. vor aller gesellschaftlicher Praxis und die durch diese· nicht di-
Um den Begriff der Lebensweise zu entwickeln, ist es erfor- . rekt gestalteten Bereiche der materiellen Welt. Zu den Lebens-
derlich, die Beziehung von Lebensprozeß und Lebensbedingun- bedingungen gehört nicht nur die den Menschen äußere Natur,
, gen näher zu erfassen. Die Lebensweise ist eine bestimmte sondern auch ihre eigene und eine bestimmte biologisch deter-
Struktur des Lebensprozesses von Menschen. Hierbei ~st voraus- minierte psychische Kapazität. Die Selbständigkeit des biolo-
gesetzt und schon durch die einfache Wortbed~utung, .die auch gischen Faktors ist für die gesellschaftlichen Individuen zwar
theoretisch gelten soll, gesagt, daß dieser Lebensprozeß ohne gegenüber den gesellschaftlich determinierten Eigenschaften
diese Lebensbedingungen nicht möglich ist. Einige Autoren be- ihrer Physis und Psyche nicht eindeutig zu partikulieren, aber
ziehen den Begriff der Lebensbedingungen falsch in den Begriff• prinzipiell immer vorauszusetzen. Der Begriff der Lebensbe-
der Lebensweise ein. So Dieter Strützel, wenn er die Lebens- dingungen hat einen anderen Bezug· zu dem der menschlichen
weise als <<das Wechselverhältnis von Lebensbedingungen und Subjektivität als der Begriff des Verhältnisses. Nun gilt, da_ß die
Lebenstätigkeit» auffaß~. 17 Grigori Gleserman definierte .<<Le- Lebensbedingungen mit der Entwicklung der Produktivkräfte
bensweise» «als. die für eine bestimmte Gesellschaft typischen in wachsendem Maße Verhältniseigenschaft erhalten, als Ob-
Formen der Lebenstätigkeit in ihrer Einheit mit den Bedin- jektivierung gesellschaftlicher Verhältnisse, und daß die Ver-
gungen für diese Lebenstätigkeit>>. 18 Hier ist der Lebensprozeß hältnisse stets auch Bedingungen des Lebens menschlicher Indi-
als der besondere Gegenstand des Begriffs der Lebensweise viduen sind. Das einmal dadurch, daß unabhängig von gesell-
gefaßt, aber die Tendenz, Lebensweise schließlich doch als Ein- schaftlichen Verhältnissen beliebige Individuen nicht Menschen
heit voq Lebensbedingungen und Lebensprozeß zu begreifen, im spezifischen Sinne sein können, und im engereh Sinne schließ-
ist nicht eindeutig abgewiesen. Daß von den Voraussetzungen lich darin, daß ein bestimmtes Individuum immer schon bestimm-
der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und aus den Er- te Verhältnisse vorfindet. Der Verhältnischarakter der Lebens-
fordernissen sozfalistischer Politik die besondere: Bedeutung der bedingungen ist stets relativ, für den Charakter der Lebens-
Lebensbedingungen für die Lebensweis.e nachdrücklich betont weise von Menschen nie unmittelbar, sondern als historische
werden muß, kann theoretisch nicht richtig dadurch ausgedrückt Tendenz zwingend. Indem Marx den Unterschied von Lebens-
werden, daß die Lebensweise als Einheit von Lebensbedingun- bedingungen und Verhältnissen und damit auch d,en von Ar-
gen und Lebensprozeß bezeichnet wird. Der spezifische Ge- ' beitsbedingungen und Produktionsverhältnisssen scharf faßte,
genstand des Begriß:s wäre so zwar erfaßt, aber seine Spezifik konnte er zeigen, wie das Kapitalverhältnis seinem Wesen ent-
zugleich verfehlt. sprechende Arbeitsbedingungen formierte. So wurde das Kapi-
Der ·Begriff der Lebensbedingungen muß zunächst von dem talverhältnis als die vermittelnde Form der Herrschaft der Ar-
der gesellschaftlichen Verhältnisse abgehoben werden. Die Ver- beitsbedingungen über den Arbeiter und der Kapitalist <<als
hältnisse sind Resultate und die bestimmenden Determinan- Personifizierung der Arbeitsbedingungen gegenüber der Arbeit>>
ten der Lebenstätigkeit der Menschen zugleich. Die Verhältnisse erkennbar. 20 Der gesellschaftliche Charakt~r der Arbeit wird ;
gehen aus der Lebenstätigkeit der Menschen hervor. Ind.em der nicht unmittelbar zwingend , durch die Arbeitsbedingungen,
Marxismus-Leninismus die den Charakter der Lebentätigkeit ,, sondern durch die Produktionsverhältnisse besti.mmt. Auf der
der Menschen bestimmende Funktion der gesellschaftlichen · Grundlage gleichartiger Arbeitsbedingungen können unter-
Verhältnisse hervorhebt, überschreitet er nicht die für ihn ele- schiedliche, nicht beliebige, Produktionsverhältnisse realisiert
mentare Voraussetzung menschlicher Subjektivität. Marx faßte werden. Da die Arbeitsbedingung~n ein Bestandteil der Le-
grundlegende Kategorien seiner Gesellschaftstheorie wie <<Pro- bensbedingungen sind, kann von der so vorgestellten Beziehung
duktivkräfte» und «Produktionsverhältnisse» zunächst auf die von Arbeitsbedingungen und Produktionsverhältnissen auf die
Subjektivität der Menschen hin. «Die Produktivkräfte und ge- Beziehung von Lebensbedingungen und gesellschaftlichen V er-
i,6 7 Kü~ne, Haus
97
hältnissen überhaupt geschlossen werden. Selbstverständlich mäßen Weise gestaltet werden. Hier)Jei zeigt sich, daß die Ent-
kann, bezogen auf bestimmte Arbeitsbedingungen, die Unter- faltung der zuerst durch die politische Herrschaft ansetzend ge.;:
scheidung zwischen Bedingungen und Verhältnissen nur in einer bildeten kommunistischen Verqältnisse auch von der Verände-
bestimmten Beziehung sinnvoll sein. Dem Arbeiter erscheint in rung des Systems der Lebensbedingungen abhängt. In ihrem
seinen gegenständlichen und räumlichen Produktionsbedingun- kommunistischen Charakter unentwickelte Lebensbedingungen
gen immer das gesellschaftliche Verhältnis der Produktion, und setzen der vollen Ausbildur1g der sozialistischen Lebensweise
dessen Verhaltensaspekte sind tatsächlich ein wesentliches Mo- und ihrem Übergehen zu einer entwickelten kommunistischen
ment dieser Arbeitsbedingungen. Aber es handelt sich hier um Lebensweise eine objektive Schranke entgegen, die nicht durch
eine Beziehung, die den bezeichneten Unterschied nicht aufhebt pseudorevolutionäre Wünsche und solche Handlungen zu uber-
und deren Analyse die entsprechende Unterscheidung zur Vor- winden ist. Die Dialektik der Beziehungen von Lebensbedingun-
aussetzung hat. gen und Lebensweise ist nur zu erfassen, wenn der unterschied-
Nach der Errichtung der Sowjetmacht schrieb Lenin von den liche Charakter der Determination der Verhältnisse einerseits
<<iFormeln> des echten Kommunismus», die <<alles auf die Ar- und der Lebensbedingungen andererseits gegenüber der Lebens-
beitsbedingungen zurückführen>>, Lenin reagierte hiermit auch weise beachtet wird. Eine bestimmte Lebensweise und ein be-
auf Versuche, außerhalb der materiellen Produktion kommuni- stimmtes, bereits gesellschaftlich formiertes System der Lebens-
stische Lebensformen zu entwickeln, ohne die notwendigen Be- bedingungen bedingen und formieren sich wechselseitig. Aber
dingungen hierfür gebildet zu haben. <<Öffentliche Speiseanstal- die jeweils bestimmte Beziehung von Lebensbedingungen und
ten, Krippen, Kindergärten - das sind Musterbeispiele derar- Lebensprozeß, ihr konkretes Wesen als Widerspruch, ist nicht
tiger Keime (des Kommunismus, L. K.), das sind jene einfa- unvermittelt aus dieser Beziehung, sondern nur über die gesell-
chen, alltäglichen Mittel, die frei sind von allem Schwülstigen, schaftlichen Verhältnisse zu erschließen. ·
Hochtrabenden, Feierlichen, die aber tatsächlich geeignet sind, Die Vorstellung der Lebensweise als Einheit von Lebensbe-
die Frau zu befreien, tatsächlich geeignet sind, ihre Ungleichheit dingungen und Lebensprozeß wird teilweise auch durch eine
gegenüber dem Mann im Hinblick auf ihre Rolle in der gesell- Aussage von Marx über die <<Weise der Produktion» und die Le-
schaftlichen Produktion wie im öffentlichen Leben ... aus der bensweise begründet. Es soll unterstellt werden, daß in diesem
Welt zu ~chafü;n.>>21 Es muß sicher nicht näher begründet wer- oft zitierten Text der Ausdruck <<Weise der Produktion» schon
den, daß die hier aufgeworfene Problematik der Entwicklung die Bedeutung des Begriffs der Produktionsweise vollständig ~r-
der kommunistischen Gesellschaftsformation auch heute von faßt. <<Diese Weise der Produktion», schrieb Marx, <<ist nicht bloß
außerordentlicher Bedeutung für die Bildung der strategischen nach der Seite hin zu betrachten, daß sie die Repr~duktion der
Konzeptionen für den allmählichen Übergang vom Sozialismus physischen Existenz -der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon
zum Kommunismus ist und wie besonders die pseudolinken An- eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Individuen, eine be-
griffe auf den Sozialismus von der Ignoranz gegenüber der Auf- stimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebenswei-
gabe, die materiell-technische Basis und. folglich notwendig se derselben·.» 22 Es muß sicher nicht näher begründet werden, wie
schließlich das System kommunistischer Lebensbedingungen über- aus diesem Text eindeutig hervorgeht, daß Marx hier unter Le-
haupt zu, schaffen, gekennzeichnet ist. Die besondere Orientie- bensweise einzig die Tätigkeit der Individuen, eine bestimmte
rung der Politik der marxistisch-leninistischen Parteien auf die Art derselben, ihr Leben zu äußern, verstand. <<Di~ Weise der
Entwicklung der Lebensbedingungen hat als Moment einer dem Produkti_ion ... ist ... schon eine bestimmte Tätigkeit dieser Indi-
Wesen nach revolutionären gesellschaftlichen Praxis die politi- viduen ... » Arbeit und Leben sind nicht zwei voneinander ge-
sche Herrschaft der Arbeiterklasse und die Durchsetzung sozia- trennte Seinsweisen der Menschen, die Arbeit ist selbst eine
listischer Produktionsverhältnisse zur Voraussetzung. Hiervon bestimmte Lebensäußerung, und folglich sind die Arbeitsbedin-
getrennt, wäre diese Betonung der Rolle der Lebensbedingun- gungen ein( Bestandteil der Lebensbedingungen. Solche Schluß•-
gen Ausdruck eine~ reformistischen Politik. Erst durch die ge- folgdrungen ergeben sich aus dieser Aussage. In welchem Sinne
sellschaftliche Führungsrolle der Arbeiterklasse und auf der ist nun die Aussage, daß die Produktionsweise selbst schon eine
Grundlage sozialistischer Produktionsverhältnisse können die bestimmte Lebensweise ist, sinnvoll? Nicht darin, daß der Be-
Lebensbedingungen umfassend in einer dem Kommunismus ge- griff der Lebensweise analog zu dem der Produktionsweise ge-
7*
98 99
Faktoren ist die schöpferische Gestaltung der Lebensbedingun•
bildet wird. Die Suggestion des sprachlichen Materials gen nicht möglich. «Alpenbewohner werden immer andere Le..:
hierzu verleiten, aber nicht die Analyse der Beziehung von Pro- bensbedingungen haben als Leute des flachen Landes.>> 23 Schließ-
duktionsweise und Lebensweise. Die Produktivkräfte beruhen lich überkommt den Lebenden in ihren Lebensbedingungen ein
auf menschlicher Subjektivität und determinieren besonders gesellschaftliches Erbe, zu dem ein bewußtes Verhalten stets neu
durch die Produktionsinstrumente zwingend Tätigkeiten von bestimmt werden muß. Die technische Vergesellschaftung der
Menschen. Die Produktivkräfte sind ja die auf Aneignung von Lebensbedingungen durch die Ergebnisse der wissenschaftlich-
Natur durch Menschen, den Stoffwechsel der Menschen mit der technischen Revolution, so die Entwicklung der Medien infor-
ihnen äußeren Natur vermittelnden Kräfte von Menschen. Da mationeller Kommunikation und die des Verkehrs, stellt Pro-
sie dieses nur als die Kraft assoziierter Individuen sind, ist di~ bleme, welche die Bedingungen und den. Charakter der Lebens-
bestimmte Produktivkraft immer zugleich als eine bestimmte weise unmittelbar berühren, die aber von den Gesellschaftswis-
Art des vereinten Handelns derselben zu begreifen. Die Pro- senschaften nur zögernd aufgenommen werden. Diese Fragen
duktionsinstrumente potenzieren, qualifizieren und objektivie- berühren viele wissenschaftliche Disziplinen. Aber der Versuch,
ren nicht nur menschliche Fähigkeiten, sondern sind auch gegen- sie isoliert zu lösen, wird nur Ergebnisse ermöglichen, die ge-
ständliche Leiter der Arbeit. Aber die Produktionsweise ist genüber den Erfordernissen der weiteren Entwicklung der so-
nicht nur als eiri bestimmtes gegenständliches Handeln von Men- zialistischen Lebensweise unzureichend sind. Die Vermittlung
schen, sondern durch dieses zugleich als ein gesellschaftliches variabler Ensembles von Wissenschaften kann durch wissen-
Verhalten der Menschen zueinander, als Produktionsverhältnis, schaftsorganisatorische Funktionen nicht hinreichend erfolgen,
zu begreifen. Lebensbedingungen und Lebensprozeß beziehen ,,: sie müßte durch die Funktion einer Wissenschaft begriffen wer-
sich eben nicht zueinander wie Produktivkräfte und Produktions- den, welche diese Vermittlung weitgehend durch die Leitfunk-
verhältnisse, weil die Produktivkräfte anders als die Lebens- ; tion ihrer Inhalte realisiert. ·
bedingungen strukturiert sind und die Produktionsverhältnis-
se'einen völlig anderen Charakter als die Lebensprozesse gesell-
schaftlicher Subjekte haben. Dieser Sachverhalt wird schon Lebensweise, Lebensniveau und Bedürfrfis
dadurch deutlich, daß sich die Produktivkräfte und die Produk-
. tionsverhältnisse nicht wie Arbeitsbedingungen und Arbeitspro- Dem Begriff <<Lebensniveam> kommt für die konzeptionelle
zeß aufeinander beziehen. Schließlich sollte beachtet werden, Grundlegung der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik im
daß ni-cht jeder Produktionsweise eine Lebensweise entspricht. Sozialismus eine wichtige Funktion zu. Die qualitative Entwick-
Die gesellschaftstheoretische Untersuchung der Lebensbedin- lung des Lebensniveaus von Individuen ist durch den Entwick-
gungen, der Systeme von Lebensbedingungen und der Bezie- lungsgrad der ihm entsprechenden gesellschaftlichen Verhält-
hungen bestimmter Lebensweisen zu ihnen ist eine für die ge- nisse bestimmt unc{vom Charakter des Systems der Lebensbe-
sellschaftliche Praxis wichtige Aufgabe. Die sozialistische Ge- · dingungen abhängig. Weil die Verhältnisse das Resultat der
sellschaft muß ein weitgehend vom Kapitalverhältnis formiertes Lebenstätigkeit der sie bildenden Individuen sind, ist die be-
System von Lebensbedingungen übernehmen. Diesem System ent- stimmte gesellschaftliche Eigenschaft dieser Individuen ein un-
spricht eine bestimmte Produktions- und Bedürfnisstruktur. Und ' mittelbar determinierendes Moment ihres Lebensniveaus. Die ,
deren Verharrungskräfte sind in vieler Hinsicht groß. Dieyrin- , Lebensbedingungen· und die Befriedigung der Bedürfnisse sind
zipiell gefaßte Aufgabe, dem kommunis,tischen Leben von Men- )1
unabdingbare Bestimmungsfaktoren der Lebensweise. Die ge-
sehen gemäße Lebensbedingungen zu gestalten, erweist sich prak- sellschaftliche Praxis wirkt auf die Entwicklung des Lebensni-
tisch als eine Vielzahl von Aufgaben, die zu konkretisieren sind veaus wesentlich durch die Veränderung der Lebensbedingun-
und deren Zusammenhang näher gefaßt werden muß. Zu den gen und damit auf die Richtung der Entwicklung der Bedürf-
Lebensbedingungen gehören auch natürliche Konstanten, die für nisse und auf die Art der Bedürfnisbefriedigung ein. Der Be-
das gesellschaftliche Leben sehr wichtig sind. Die allgemeine ge- 1ri~digung von B-edürfnissen, nicht zuletzt von sich durch Geld
sellschaftstheoretische Charakteristik des Systems kommunisti- marktaktuell als Bedarf manifestierenden Bedürfnissen, kommt
scher Lebensbedingungen muß hiervon weitgehend absehen. Aber im Sozialismus. eine besondere strategische ,Bedeutung zu. Aber
ohne die gründliche Analyse und praktische Beachtung dieser
101
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j

das Lebensniveau kann weder hinreichend durch das Maß der tigkeit der Gesellschaft befriedigt werden>>, als für das Lebens-
den Individuen äußeren Lebe;nsbedingungen, dem Lebensstan- niveau der Menschen im Sozialismus konstitutiv aufzufassen.
dard, noch allein am Grad der Bedürfnisbefriedigung unmittel- Aber Bedürfnisse politischer und kultureller Aktivität und Be-
bar, sondern zuerst nur durch den objektiven Charakter des Le- dürfnisse sozialistischer' Gemeinschaft sind für das Lebensni-
bensprozesses der Individuen bestimmt werden. Selbstverständ- veau ebenso grundlegend wie konsumtive Bedürfnisse. Diese
lich ist nicht nur die Entwicklung der Lebensbedingungen, etwa unterschiedlichen Bedürfnisse lassen sich nur durch die Abstrak-
der Arbeits-, Wohn- und Verkehrsbedingungen, eine wichtige tion theoretisch isolieren. Das bestimmte Bedürfnis, wenn es
Voraussetzung für die Erhöhung des dem Sozialismus spezifischen nich'.t durch drastische Not reduziert ist, umfaßt immer eine Man-
Lebensniveaus der Menschen, sondern auch das Maß der Be- nigfaltigkeit von Orientierungen. Daß selbst elementare, schon
dürfnisbefriedigung. Aber es ist falsch, das <<Lebensniveau im durch die biologische Bedingtheit gesetzte Bedürfnisse zugleich
Sozialismus>> einfach als «das Niveau der Befriedigung der Be- einen gesellschaftlichen und in diesem Sinne kulturellen Aspekt
dürfnisse schöpferisch handelnder, umfassend . gebildeter und haben, jedes bestimmte Bedürfnis eine komplexe Strukturierung
allseitig entwickelter sozialistischer Menschen» zu kennzeichnen. 24 aufweist, welche das ganze Individuum abbildet, deutet auf die
Wenn diese Charakteristik der Menschen, deren Bedürfnisse be- grobe Einseitigkeit des Versuchs, die Entwicklung des Lebens-
friedigt werden sollen, in dem zitierten Text nicht bedeutet, daß niveaus der Individuen prinzipiell nur auf eine begrenzte Gruppe
nur deren Bedürfnisse oder eben nur diese Bedürfnisse, nicht von Bedürfnissen zu beziehen. Es sei noch bemerkt, daß die von
die anderer oder nicht auch andere, zur Erhöhung des Lebens- der «Wirtschaftstätigkeit der Gesellschaft>> anerkannten Bedürf-
niveaus zu befriedigen sind, ich gehöre zu den anderen, da schon nisse nicht notwendig dem Wesen des Sozialismus gemäße Be-
meine Bildung nicht umfassend ist, geht es darauf hinaus, daß dürfnisse sein müssen. Und die sich aus den Erfordernissen der
die Bedürfnisse der wirklichen Menschen, die den Sozialismus Wirtschaft ergebende Rangfolge und Entwicklungstenden,z der
gestalten und hierbei ihre schöpferischen Kräfte, ihre Bildung Bedürfnisse stimmen nicht voraussetzungslos mit der Rang-
und Allseitigkeit in unterschiedlicher Weise entwickeln, in je- folge der Bedürfnisse überein, die sich aus den Erfordernissen
, dem Falle beachtet, auf differenzierte Weise befriedigt und teil- ' der Entwicklung der sozialistischen Lebensweise ergibt. Diesen
weise auch nicht befriedigt ,yerden müssen, um den sozialisti- Widerspruch nicht zu verdecken und nicht zu fetischisieren, son-
schen Charakter ihrer Lebensweise zu entwickeln. dern konkret zu erfassen und prozessiv zti lösen, ist für die Ent-
Die hier kritisierte Auffassung beruht auf einer falschen Idea- wicklung der dem Sozialismus entsprechenden Einheit von
lisierung, die eine bloß empiristische Analyse vermittelt. Sie Wirtschafts- und Sozialpolitik notwendig. Diese Einheit ergibt
faßt den Kommunismus einfach als Resultat und ist damit der sich nicht aus spontaner ökonomischer Selbstregulierung, son-
Aufgabe enthoben, sich der besonderen Dialektik seines Wer- dern ist durch die gesellschaftliche Führungsrolle der marxi-
dens zu stellen. Die Einseitigkeit eines solchen StandpunRtes stisch-leninistischen Partei und durch die Funktion des Staates
tritt in einer anderen Aussage deutlicher hervor. Der Text: «Im bedingt.
Lebensniveau oder Lebensstandard zeigt sich Umfang und Qua- Der Begriff des Bedürfnisses kann hier nicht besonders ent-
lität der Befriedigung individueller Bedürfnisse der Gesell- wickelt werden. <<Bedürfnis>> wird als Begriff der in den mensch-
schaft. Dabei geht es um Bedürfnisse, die durch die Wirtschafts- lichen Individuen beruhenden Gerichtetheit ihres Verhaltens
tätigkeit der Gesellschaft befriedig werden.>> 25 Von der Gleich- gebraucht. ~Der Bedürfniszustand wird durch 'eine klare gegen-
setzung des Lebensniveaus mit dem Lebensstandard soll hier ständliche Gerichtetheit gekennzeichnet, wobei diese Orientie-
abgesehen werden. Indem die Beziehung von Bedürfnisbefrie- rung auf die Außenwelt das Erreichen, die Einbeziehung die-
digung und Lebensniveau verkehrt begriffen ist, verselbständigt ses Äußerlichen in irgendeiner bestimmten Qualität in das in-
sich der Aspekt der Bedürfnisbefriedigung in der Auffassung des nere System der Lebenstätigkeit des Individuums voraussetzt.» 26
Lebensniveaus folgerichtig. Die Beziehung von materiellem und , Die dialektisch-materialistische Analyse der Bedürfnisse ergibt,
geistigem Lebensprozeß und die von individuellem Bedürfnis- daß die Anerkennung der materiellen Bedingtheit und des ob-
system und Bedürfnisbefriedigung ist so verkannt. jektiven Inhalts der Bedürfnisse nicht ausschließt, zugleich das
- Die sich hier ausdrückende konsequent ökonomistische Sicht subjektive Wesen und den psychischen Charakter der Bedürf-
führt dahin, nur die Bedürfnisse, «die durch die Wirtschaftstä- ' nisse anzuerkennen. Marx kennzeichnete das Bedürfnis als «den

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idealen innerlich treibenden Grund der Produktiom. 27 Bezo- erstens die Schaffung der materieU-technischenBasis des Kom-
gen auf die Beziehung von Procluktion und Konsumtion, schrieb munismus;
er, «daß die Konsumtion den Gegenstand der Produktion zweitens die Hera~sbildung kommunistischer Produktions-
ideal setzt,· als innerliches Bild, als Bedürfnis, als Trieb, als verhältnisse und des kommunistischen Charakters der Arbeit;
Zweck. Sie schafft die Gegenstände der Produktion in noch sub- drittens die Entwicklung kommunistischer gesellschaftlicher
jektiver Form.» 28 Di~ Bedürfnisse sind eine besondere Form der Beziehungen und die Erziehung der Menschen der kommunisti-
Kristallisation des objektiven, in der praktischen Lebensäuße-
schen Gesellschaft.» 29 _ D\e Befriedigung der ~ed~rfniss_e der
rung und damit in der gesellschaftlichen Verhältniseigenschaft Menschen kann also mcht nur von der Produkt10n uber die Le-
beruhenden Wesens der Menschen. So ist das kommunistische bensbedingungen erfolgen, sondern schließt· als sozialistische
Verhalten der Menschen erst in vollem Maße individuell sta- die Entwicklung des kommunistischen Charakters dieser Be-
bilisiert, wenn es hinreichend durch ihre Bedürfnisse vermittelt dürfnisse, die nur das Ergebnis der Wirkung aller gesellschaftli-
wird. Eine wesentliche Eigenschaft der Arbeit in der zweiten cher Faktoren sein kann, ein. Der dem Sozialismus gemäße Cha-
Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation ist darin er- rakter des Widerspruchs von Arbeit und Bedürfnis ist progres-
kannt, daß sie hinreichend durch die Bedürfnisse der Arbeiten- siv, eine Triebkraft der Gestaltung kommunistischer Arbeits-
den vermittelt ist: Und es ist klar, daß eine Verteilung nach den bedingungen und sozialistischer Persönlichkeitsentwicklung.
Bedürfnissen nicht nur ein bestimmtes Niveau der Produktion; Selbstverständlich wirken im Sozialismus auch Widersprüche
sondern zugleich notwendig diese Beziehung von Arbeit und von Arbeit und Bedürfnis, die ihm entgegengesetzt sind. Das
Bedürfnis voraussetzt. Solange diese noch nicht voll herausge- kann aber auch für bestimmte Formen der Übereinstimmung
bildet ist, muß die Gesellschaft die Individuen zunächst von des Bedürfnisses nach Arbeit mit einer bestimmten Arbeit zu-
ihren Produkten trennen, um sie durch die Konsumverheißung treffen. Die Bedürfnisbefriedigung zum wesentlichsten Krite-
zu der gesellschaftlich notwendigen ,Arbeitsleistung zu stimu- rium des Lebensniveaus erklären, heißt faktisch, einen in der
lieren. Das Verhalten kann gegen die Bedürfnisse durch die Le- praktischen Wirkungsdimension, zunächst richtungslos erschei-
bensbedingungen oder durch gesellschaftlicherr Zwang oder nenden soziologischen Subjektivismus zu entwickeln.
durch die Verbindung der Leitfunktion der Lebensbedingun- In seinem zweiten Entwurf des Programms der SDAPR hatte
gen mit institutionalisierter gesellschaftlicher Herrschaft orga- Plechanow, bezogen auf den Sozialismus, von dem Ziel der
nisiert werden. Die hinreichen'1ie Vermittlung der gesellschaft- «planmi/.ßigen Organisation des gesellschaftlichen Produktions-
lich erforderten Arbeit durch die Bedürfnisse hat auf der Grund- prozesses zur Befriedigung der Bedürfnisse sowohl der gesam-
lage der durch den Sozialismus vollzogenen Aufhebung des ten Gesellschaft als auch ihrer einzelnen Mitgliedern geschrie-
Antagonismus von Arbeit und Eigentum die Entwicklung des ge- ben.30 Aus der Kritik Lenins hieran soll ein' Gesichtspunkt in-
sellschaftlichen Charakters der Bedürfnisse selbst und zugleich terpretiert werden. Lenin schrieb: «Das genügt nicht. Eine
die Gestaltung kommunistischer Arbeitsbedingungen und Pro- solche Organisation werden am Ende auch die Truste vorneh-
duktionsverhältnisse zur Voraussetzung. Auch hier zeigt sich, men können. Es wäre genauer, wenn man sagte, <auf Rechnung
daß aus der unvermittelten Beziehung von Lebensbedingungen der gesamten Gesellschaft> _(denn das schließt die Planmäßigt
und Lebellsprozeß keine konkrete Analyse abgeleitet werden keit ein· und weist auf denjenigen hin, der der Planmäßigkeit
kann. Die 'Beziehung zwischen Lebensbedingungen und Bedürf- die Richtung gibt), und nicht nur zur Befriedigung der Bedürf-
nissen kann nur über den objektiven Charakter der Lebenstä- nisse der Mitglieder, sondern zur Sicherung der höchsten Wohl-
tigkeit und somit über die gesellschaftlichen Verhältnisse theo- fahrt und der freien allseitigen Entwicklung aller Mitglieder
retisch erschlossen und durch die gesellschaftliche Praxis verän- der Gesellschaft.»31 Lenin wies die Aufgabe, die Bedürfnisse
dert werden. In dem Abschnitt V. Der Kommunismus unser Ziel zu befriedigen, nicht zurück. Aber er setzte die Befriedigung
des Programms der SED ist diese gesellschaftsstrategisch wich- der Bedürfnisse mit der Entwicklung der Wohlfahrt und der
tige Frage des Übergangs von der ersten in die zweite Phase der Allseitigkeit der Menschen nicht einfach gleich. So konnte er
kommunistischen Gesellschaftsformation so beantwortet: «Beim den dem Sozialismus wie dem Kommunismus überhaupt spe-
Aufbau des Kommunismus sind drei untrennbar miteinander zifischen gesellschaftlichem Inhalt der Bedürfnisbefriedigung
verbundene Aufgaben zu lösen: erst präzise definieren. Und damit war es nötig zu erklären, wer
104 IOj
<<der Planmäßigkeit die Richtung gibt». Das gilt zweifellos be- dung von allgemeiner ökonomischer The~rie, durch die allein
sonders dringlich· für den Sozialismus, weil hier noch in ihrem der Begriff der bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisse for-
gesellschaftlichen Charakter auf unterschiedliche Weise diffe- mationstheoretisch konkretisiert werden kann, Psychologie und
renzierte Bedürfnisse wirken. Die dem Wesen des Kommunis- Ästhetik ist einer komplexen Analyse der Bedürfnisse voraus-
mus entsprechende Beziehung von Produktion und Bedürfnis gesetzt. Ein weiteres Moment der Objektivität des Bedürfnis-
ist also stets gesellschaftlich vermittelt und nicht als spontan· ses kann in seiner Beziehung zu dem fodividuum, dessen Be-
regulierte Beziehung zu begreifen. S{e setzt damit immer eine dürfnis es ist, gesehen werden. Das Bedürfnis gewinnt zwar zur
weltanschauliche Wertbestimmung der Bedürfnisse voraus, die Handlung hin einen volitiven Charakter, aber es widersteht
zwar in den bestimmten Bedürfnissen selbst beruht, mit ihnen zugleich willentlichen Reaktionen des Individuums gegen seine
aber nicht einfach identisch ist. Marx hatte wiederholt hervor- Bestimmtheit. Wie das ästhetische Verhalten folgt es nicht ein-
gehoben, daß sich die einfache Auffassung über die Beziehung fach der Einsicht und dem Willen, weil es in spezifischen Le-
von Produktion und Bedürfnis darauf beschränkt, die Produk- bensbedingungen, Gewohnheiten und teilweise auch in der
tion darin zu fassen, wie sie das Bedürfnis befriedigt, es aber physischen Konstitution des Individuums verfestigt ist. Die Be-
vor allem darauf ankomme zu verstehen, wie die Produktion dürfnisse sind ein objektiverer Ausdruck des gesellschaftlichen
das bestimmte Bedürfnis selbst produziert. Für die Entwicklung Charakters der bestimmten Person als die Motive. In seinen Mo-
des sozialistischen Lebensniveaus der Menschen ist es nicht nur tiven kann sich das Individuum auch selbst täuschen, aber nicht
geboten, die gesellschaftlich anerkannten Bedürfnisse im wach- in seinen Bedürfnissen.
senden Maße zu befriedigen, sondern zugleich eine <<Gesamt- Der letztlich bestimmende Orientierungspunkt sozialistischer
heit von Begierden zu entwickeln»,32 welche die gesellschaftli- Politik sind die Interessen der Arbeiterklasse, schließlich die
chen Verhältnisse des Sozialismus ausdrücken. Eine solche gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsinteressen. Die Interessen
Gesamtheit von Begierden, mit der die Individuen sich in Bezie- werden als objektive, in den Verhältnissen und Lebensbedin-
hung zum ganzen gesellschaftlichen Reichtum setzen, alle grund- gungen eines Subjekts begründete Wert- und Handlungsorien-
legenden gesellschaftlichen Tätigkeitsweisen als eigenen Le- tierungen aufgefaßt. So k~nn die Bourgeoisie in der Gegenwart
bensanspruch fassen, <<hängt davon ab, ob wir unter Umständen ihre Herrschaft nur aufrechterhalten, indem sie vor allem durch
leben, die uns eine allseitige Tätigkeit und damit eine Ausbil- den Opportunismus die gesellschaftliche Subjektivität 'von Tei-
dung aller unserer Anlagen gestatten.>>33 Darin ist nicht nur ein len der Arbeiterklasse ihren Interessen unterordnet. Indem
bestimmtes Maß der Befriedigung der Bedürfnisse von Indivi- solche Proletarier gegen die eigenen Klasseninteressen handeln,
duen gesetzt, sondern auch das ihrer wachsenden Bedürftigkeit. hören sie nicht auf, in ihrem Lebensprozeß als Proletarier eben
Die Objektivität der Bedürfnisse ist nach verschiedenen Sei- diese Interessen zu reproduzieren. Der Unterschied von Interes-
ten zu begreifen. Sie beruht zuerst in der Tatsache, daß der ge- se und Bedürfnis erscheint im Sozialismus besonders sinnfällig
sellschaftliche Charakter der Bedürfnisse durch die materiellen darin, daß die Arbeit zwar im Interesse aller liegt, aber durch
gesellschaftlichen Verhältnisse und durch die Lebensbedingun- die Bedürfnisse noch nicht hinreichend vermittelt wird. Mit der
gen der Individuen determiniert wird. Sie erscheint dann als Entwicklung des Sozialismus vermitteln die Bedürfnisse immer
.die den Individuen gesetzte Objektivität des Gegenstandes, größerer Teile der Bevölkerung in immer höherem Maße ihre
Gegenstand im engeren Sinne oder Situation, des bestimmten objektiven Interessen. Aber es wäre falsch, eine einfache Iden-
Bedürfnisses. Der bestimmte Gegenstand ist für das soziali- tität von Interessen und Bedürfnissen vorauszusetzen. Schließ-
1
sierte Bedürfnis wesentlich ein vergegenständlichtes gesell- lich sei bemerkt, daß, von bestimmten, dem Sozialismus in· be-
schaftliches Verhältnis. Denn er ist ein gesellschaftlich gebilde- sonderer Weise entgegengesetzten Bedürfnissen abgesehen, die
ter und funktionierter Gegenstand, und durch ihn bezieht sich wesentlichste und effektivste Form der Entwicklung mancher
das Individuum zugleich auf andere. Dieses kann im besonderen Bedürfnisse nicht die Verweigerung ihrer Befriedigung, sondern
Falle für das Individuum dringlicher sein als der besondere Ge- ihre Befriedigung selbst ist. In diesem Falle gewinnt die Be-
genstand selbst. In dem Verhältnischarakter des Gegenstandes dürfnisbefriedigung eine spezifische strategische Bedeutung.
und des Bedürfnisses beruhen besondere ästhetische Formie- Die elementarste Voraussetzung hierzu ist sicher, daß •solche
rungen des Gegenstandes und seiner Genußweisen. Die Verbin- Strategien ausgearbeitet werden.
106 107
„Lebensweise» als typologischer steht eben (darin), alle Elemente der Gesellschaft sich unterzu-
und als soziologischer Begriff ordnen,· oder die ihm noch fehlenden Organe aus ihr heraus zu
schaffen. Es wird so historisch zur Totalität.»34
Die typologische Bedeutung des Begriffs der Lebensweise ist Die gesellschaftlichen Verhältnisse können ~ach ihrer ab-
wiederholt betont worden. Da~ hier gegenüber <<typologisch>> strakten Funktionalität - Produktionsverhältnisse, politische
eingesetzte Attribut <<soziologisch>> muß als provisorisch aufge- Verhältnisse, Familienverhältnisse und andere - sowie nach ih-
faßt werden, da der typologische Begriff der Lebensweise selbst rer gesellschaftlichen Typik - sklavenhalterische, feudale, kapi-
ein soziologischer ist. Es soll eine Beziehung ausgedrückt wer- talistische, kommunistische - unterschieden werden. Der Begriff
den, die sich aus der Unterscheidung des Begriffs der Gesell- der Familie bedeutet/unabhängig von jeder bei,timmten gesell-
schaftsformation von dem der Gesellschaft <,rgibt. Eine bestimm- schaftlichen Kennzeichnung, einige Verhaltensformen und
te Gesellschaft kann Verhältnisse unterschiedlicher formationel- Funktionen, die realisiert sein müssen, wenn es überhaupt sinn-
ler Typik umfassen. Das ist in Perioden des Übergangs von einer voll sein soll, von einer Familie zu sprechen. Aber durch den
Gesellschaftsformation in eine andere besonders s1usgeprägt 1

allgemeinen Begriff <<Familie•> ist noch keine besondere begriffen.
Aber es kann µberhaupt davon ausgegangen werden, daß in Hierzu ist vor allem die Untersuchung des gesellschaftlichen
keiner Gesellschaft iht spezifischer formationeller Charakter Charakters der Verhältnisse der bestimmten Familie notwen-
so ausgeprägt ist, daß in ihr keine Verhältniseigenschaften an- dig. Da sämtliche Beziehungen einer Familie in unserer Zeit
derer forrriationeller Typik mehr auftreten. «Gesellschaft» be- k:aum rein bürgerlich oder rein kommunistisch sein werden, ist
deutet doch zunächst kdiglich eine Gesamtheit gesellschaftli- die allgemeine Typologie der formationsgeschic9tlichen Ver-
cher Verhältnisse, die zwar stets strukturiert, aber nicht notwen- hältnischataktere die Grundlage, von der aus der komplexe ge-
dig durch solche gleicher formationeller Typik gebildet sein sellschaftliche Charakter der Beziehungen innerhalb beliebiger
muß. So war der Feudalabsolutismus eine Synthese zwischen Familien erschlossen werden kann.
feudalen politischen und bürgerlichen ökonomischen Verhält- Die Produktionsverhältnisse sind die konstitutive Basis der
nissen. Die Theorie der Gesellschaftsformation konnte nicht Gesellschaft. Sie charakterisieren und funktionieren alle anderen
durch die theor.etische Verallgemeinerung der Verh~ltnisse Verhältnisse und determinieren das Beziehungsgefüge dersel.-
einer Gesellschaft gebildet werden. Marx begriff zwar für seine ben. Um dfo gesellschaftliche Basisfunktion der Produktionsver-
Zeit England als das klassische Land des Kapitalismus, aber hältnisse konkret zu erfassen, muß ihre allgemeine gesellschaft-
er hat es nicht als rein kapitalistisches Land aufgefaßt. Was für liche Charakteristik entwickelt werden, da die Produktionsver-
die Wirklichkeit' verneint war, mußte jedoch in der Theorie ver- hältnisse .nicht ihre funktionelle Eigenschaft, Produktionsver-
wirklicht werden. So auch· in dem Begriff der Gesellschaftsfor- hältnisse zu sein, sondern ihre allgemeine gesellschaftliche
mation, der nicht wie der Begriff der Gesellschaft beliebige Typik, feudales, bürgerliches, kommunistisches Verhältnis zu•
funktionelle Gesamtheiten gesellschaftlicher Verhältnisse, son- sein, in den anderen Verhältnissen durchsetzen'. Die konkrete
dern zuerst nur solche als entfaltete Totalität abbildet. Aussage über das bürgerliche Produktionsverhältnis setzt die
T~talität ist die Gesellschaft, wie sie durch ein soziales Ba- über das bürgerliche Verhältnis voraus. Daß letzte selbst
sisverhältnis strukturiert und wie alle ihre Elemente durch die- nur durch die Analyse der Produktionsverhältnisse ·gebildet
ses charakterisiert sind. Von der Voraussetzung des Begriffs der werden kann, hebt diese Voraussetzung nicht auf. Die Frage,
entfalteten Totalität erfaßt die Theorie der Gesellschaftsfor- welche Eigenschaften unterschiedlicher funktioneller Verhält-
mation zugleich die historisch gesetzmäßigen Stufen der Ent- nisse es ermöglichen, diese als Verhältnisse der gleichen gesell-
faltung eines bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses zur schaftlichen Typik aufzufassen, kann nur durch die formations-
gesellschaftlichen, Totalität. <<Wenn im vollendeten bürgerlichen theoretische ·Untersuchung beantwortet werden. Und in dieser
System, jedes ökonomische Verhältniß das andre in der bür- Antwort ist zugleich der entscheidende Ansatz für die Auffas-
gerlich- ökonomischen Form voraussezt und so jedes Gesezte zu- · sung der jeweiligen Lebensweise oder der jeweiligen Lebens-
gleich Voratis;etzung ist, so ist das mit jedem organischen'. Sy- weisen gegeben. Um die Lebensweise oder die sich wechselsei-
stem der Fall. Dieß organische System selbst als Totalität hat Jig bedingenden Lebensweisen der Individuen einer Gesell-
seine Voranssetzungen und seine Entwicklung zur Totalität be- schaft zu erklären, muß die formationstheoretische Typologie
108 109
der Lebensweisen, deren Elemente den Lebensprozeß dieser gesellschaftlichen Funktionen und die gesellschaftlichen Verhal-
Typ Individuen kennzeichnen, gebildet sein. Es kann zuerst tenscharaktere aufzufinden, die für einen Typ gesellschaftlicher
keirte Typologie von Verhaltensformen, sondern nur eine Typo- Verhältnisse unabdingbar sind, die also, gleich in welcher Form,
logie vön Verhaltenscharakteren, gesellschaftlicher Funktions- realisiert werden müssen, damit sich diese Verhältnisse herstel-
bestimmungen, sein. Denn die Schwierigkeit des Studiums eines len. «Die· Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümern,
bestimmten gesellschaftlichen Typs der Lebensweise besteht schrieb Marx im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals, <<zeich-
nicht zuletzt darin, daß unterschiedli~he, ja gegensätzliche Ver- ne ich keines wegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um
haltensformen, etwa Darben und Prassen, einen gleichen gesell- die Personen nur, soweit sie die Personifikation ök;onomischer
schaftlichen Funktionswert realisieren, also Verhaltensformen Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen
des gleichen gesellschaftlichen Typs sein können. Die für kapi- und lnteressen.» 36 Die Lebensweise des einzelnen Bourgeois um-
talistische Genußweisen charakteristische Unterordnung des faßt viele Verhaltensformen, die an sich nicht sämtlich für seine
konkreten Reichtums unter den abstrakten erscheint im Verhal- klassenmäßige lndividualitätseigenschaft charakteristisch sind.
ten des asketischen Schatzbildners, für den ja die Entsagung Sie liegen aber als Eigenschaften dieses Konkretums individuel-
konkreter Genüsse tatsächlich Genuß, den der Kapitalisierung, ler Lebensweise nicht einfach außerhalb von deren gesellschaft-
bedeutet, sinnfällig und im kapitalistischen Luxusverhalten ver- lichem Basischarakter, weil sie eben durch diesen charakterisiert
kehrt, obgleich sie erst hier ihre entwickelte Form hat. Zugleich sind und die obligatorische Funktionalität dieses bourgeoisen
gilt, daß gleichartige Verhaltensformen Vermittlungen gegen- Individuums vermitteln. Charitative Handlungen von Kapita-
sätzlicher gesellschaftlicher Inhalte des Lebensprozesses von In- listen können Form menschlicher Bewältigung der Ausbeuter-
dividuen sein können. Die bestimmte Methode der typologi- funktion, Selbstbesänftigung, oder taktisches Täuschungsverhal-
schen Idealisierung, wie Marx sie in seiner Kapitaltheorie bei- ten oder beides zugleich sein. Es kann aber auch Momente in
spielhaft entwickelt und angewandt hat, ist kein von der Wirk- den Lebensäußerungen eines Individuums geben, welche seine
lichkeit abgewandte;s Konstruktionsverfahren. reiner Denkfor- gesellschaftliche Basiseigenschaft überschreiten, und diese kön-
men und kl!ine Idealisierung in dem Sinne, daß die Illusionen nen so dominant werden, daß das Individuum seiJien gesell-
über die Wirklichkeit für diese selbst gehalten werden, sondern schaftlichen Charakter ändert. Das Überschreiten einer 'domi-
zielt auf das Erkennen gesellschaftlicher Gesetze und gesell- nanten gesellschaftlichen Eigenschaft durch ein Individuum liegt
schaftlicher Gesetzmäßigkeit, erschließt erst das Mannigfaltige also nie außerhalb der Verhältnisse. Die Verselbständigung der
der Wirklichkeit als Widerspruch. Erst durch sie kann die be- typologischen Analyse gegenüber der soziologischen führt zur
sondere Erscheinung begriffen und das richtige theoretische In- Vulgärsoziologie, die Entwicklung der soziologischen Analyse
teresse für sie gebildet werden. Engels hat die weltanschaulich~n ohne hinreichende typologische Voraussetzungen zum soziolo-
Voraussetzungen dieser Methode in einer Rezension über Marx' gischen Eklektizismus. Marx hatte bemerkt, daß Adam Smith
Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie treffend umrissen. die Beziehung von logischer Analyse und empirischer Beschrei-
<<Die logische Behandlungsweise war also allein am Platz. Diese bung nur unzureichend differenziert entwickeln konnte. <<Diese
aber ist in der Tat nichts andres als die historische, nur entklei- beiden Auffassungsweisen - wovon die eine in den innren Zu-
det der historischen Form und der störenden Zufälligkeiten. sammenhang, sozusagen in die Physiologie des bürgerlichen Sy-
Womit die Geschichte anfängt, damit muß der Gedanken- stems eindringt, die andre nur beschreibt, katalogisiert, erzählt
gang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fortgang wird nichts und unter schematisierende Begriffsbestimmungen bringt, was
sein als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konsequen- sich in dem Lebensprozeß äußerlich zeigt, so wie es sich zeigt
ter Form, des historischen Verlaufs; ein korrigiertes Spiegel- und erscheint - laufen bei Smith nicht nur unbefangen neben-
bild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der wirkliche geschicht- einander, sondern durcheinander 'und widersprechen sich fort-
liche Verlauf selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment auf während. »37
dem E~twicklungspunkt seiner vollen Reife, seiner Klassizität Um die phasengeschichtliche Typologie cler Entwicklung des
betrachtet werden kann.>>3.5 Kommunismus weiter auszuarbeiten, muß von der allgemeinen
In der typologischen Analyse der Lebensweise muß zuerst von Charakteristik kommunistischer Verhältnisse ausgegangen wer-
den bestimmten Lebensäußerungen abgesehen werden, um die den. Das ist hier besonders wichtig, weil der Kommunismus im
IIO III
Unterschied zum Kapitalismus nicht als bestimmtes Produk- logik hervorging. Hierin, und nicht in der einfachen Identität des
tiopsver'hältnis, sondern als politisches Verhältnis der revolu- Bürgerlichen mit dem Kapitalistischen, ist zugleich der Klassen-
tionären Arbeiterbewegung, beso11ders als Verhältnis der kom- charakter jeder bürgerlichen Verhaltensform begründet. Wie weit
munistischen Partei, ansetzt. Die Problematik der Keime des oder ob überhaupt sich deren <<Logik>> entfalten konnte, das hing
Kommunismus in der vorsozialistischen gesellschaftlichen Ent- geschichtlich vor allem vom Entwicklungsstand der Produktiv-
1
wicklung, die für die Persönlichkeitstheorie grundlegend ist, kräfte ab und wird in der, Gegenwart vor allem durch den grund-
kann so konkret entwickelt werden. Auch die Spezifils: der ·so- legenden Charakter des bestimmten Systems geseHschaftlicher
zialistischen Lebensweise, ihr Begriff ist eindeutig ein phasen- Verhältnisse oder der wesentlichen Verhältniseigenschaft be-
geschichtlicher, kann nur über den Begriff der kommunistisc~en stimmter Individuen bedingt. Die Entwicklung einfacher Wa-
Lebensweise erfaßt werden. Um zu erkennen, was das besondere renbeziehungen zum Kapitalverhältnis als die Entfaltung der
Wesen der sozialistischen Lebensweise ist, müssen wir zuerst in Elementarverhältnisse, des <<Keims>>, bis zur Stufe der Totalität
einem bestimmten Maße wissen, worin die kommunistische Le- ist keine einf~chc Evolution seiner· Struktur oder bloße gesell-
bensweise überhaupt beruht. Die Methode der Konkretisierung schaftliche Allgemeinsetzung derselben.
der Kategorien der der entfalteten Totalität eines gesellschaft- Der so aufgefaßte Kapitalismus wäre mehr v"rkannt·als er-
. liehen Verhältnisses notwendig vorausgehenden Stufen ihrer Her- kannt. Denn er ist zugleich die Negation seiner Grundlage, in-
ausbildung aus der Kategorie dieser Totalität gilt auch hierfüt. dem deren allgemeine Struktur, die spezifische Äquivalenz, zwar
Der Begriff des ansetzenden Verhältnisses einer Gesellschafts- vorausgesetzt bleibt, aber von einer realen in.eine formale ver-
formation ist erst durch die Analyse dieser als Totalität zu kon- wandelt wird. Mit der Entwicklung des Kapitalismus <<schlägt
kreÜsieren. So setzten die entwickelte Warentheorie und die offenbar das auf Warenproduktion und Warenzirkulation be-
logische Historiographie der Wertform im Kapital die bereits ruhende Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigen-
ausgearbeitete Kapitalanalyse voraus. Die zeitlichen Schritte der tums durch seine eigne, innere, unvermeidliche''Dialektik in
Analyse standen also irt einer bestimmten Hinsicht in umgekehr- sein direktes-Gegenteil um. Der Austausch von Äquivalenten,
ter Beziehung zur Darstellungsweise, wie sie durch die Archi- der als die ursprüngliche Operatiori'erschien, hat sich so gedreht,
tektonik des Werks gegeben war. .Marx hatte erkannt, daß für daß nur zum Schein ausgetauscht wird, indem erstens der gegen
die bürgerliche Gesellschaft <<die Warenform des Arbeitspro- Arbeitskraft ausgetauschte Kapitalteil selbst nur ein Teil des ohne
dukts oder die Wertform der Ware die ökonomische Zellen- Äquivalent angeeigneten fremden Arbeitsproduktes ist, und
form>> ist. 38 Die hierin liegende Schwierigkeit, zu verstehen, daß zweitens von seinem Produzenten, dem Arbeiter, nicht nur er-
Bürgerliches in diesem bestimmten Sinne, und er hat eine für setzt, sondern mit neuem Surplus ersetzt werden muß. Das Ver-
den Marxismus-Leninismus grundlegende Bedeutung, nicht not- hältnis des Austausches zwischen Kapitalist und Arbeiter wird
wendig kapitalistisch charakterisiert sein muß, aber eine bürgcr- also nur ein dem Zirkulationsprozeß angehöriger Schein, bloße
0liche Gesellscti.aft nur eine kapitalistische sein kann, hatte schon Form, die dem Inhalt selbst fremd ist und ihn nur mystifiziert.»40
Marx reflektiert. Er schrieb, bezogen auf das Problem dieser Die allgemeinste Bestimmung der bürgerlichen Verhältnisei-
Elementarform: <<Dem Ungebildeten scheint sich ihre Analyse genschaft durch den Begriff der warenspezifischen Äquivalenz
in bloßen Spitzfindigkeiten herumzutreiben. Es handelt sich da- ist darum nicht aufzugeben. Denn nur von hier kann.gezeigt wer-
bei in der Tat um Spitzfindigkeiten, aber nur so, wie es sich in den, worin so unterschiedliche Lebensweisen wie die des Klein-
der mikrologischen Anatomie darum handelt.»39 Mit der Wa- bürgertums und die der Bourgeoisie einen gemeinsamen Inhalt
renbeziehung war eine dieser spezifischen Beziehung der Äqui- haben, und welche Elemente der Lebensweisen nichtbürgerlicher
valenz als die allgemeinste und abstrakteste bürgerliche Verhal- Klassen und Schichten einer Gesellschaft selbst in einem be-
tenseigenschaft erkannt. Das bürgerliche Verhältnis war zunächst stimmten Maße bürgerlich sind .. Und hier wäre erst die wich-
als ein Verhältnis warenspezifischer Äquivalenz oder dies.er ana- tigste Aufgabe zu stellen, nämlich herauszufinden, wie diese
loger Äquivalenz, so als Verhältnis warencharakteristischen Pri- funktioniert sin.d. Die kapitalistische Verkehrung der Äquiva-
vateigentums aufgefaßt. In seiner unentfalteten Form war das lenz beruht auf dem Verkauf der Ware Arbeitskraft des Prole-
bürgerliche Verhältnis die notwendige Voraussetzung des Kapi- tariers durch den Proletarier an den Kapitalisten, und darin ist
talverhältnisses, weil letztes aus dessen objektiver Entwicklungs- eine Beziehung der Äquivalenz zu begreifen, um dieses Verhält-
8 Kühne, Haus
II 2 113
nis zu begreifen. <<Die Oekonomen haben nie den Mehrwerth das nicht als Form des Austausches - es ·ist kein Tauschwert-
mit dem von ihnen selbst aufgestellten Gesetz der Equivalenz standpunkt -, sondern in der eines rohen Ausgleichs auf immer
ausgleichen können». 41 Als Verkäufer der eigenen Arbeitskraft niederer Stufe. Es ist das Prinzip des Faustrechts und der indi-
traten die Proletarier zugleich als Käufer von Lebensmitteln und viduellen Rache. Das Drama der Vermittlung kann sich weder
anderen Elementen ihrer Lebensbedingungen auf. Wie weit der ökonomisch noch moralisch ereignen. Es fehlt das Geld und der
Warencharakter der so angeeigneten Lebensbedingungen in Richter. Das Handeln ist noch nicht berechnend, sondern leiden- ·
der Wirkung auf ihre Lebensweise verschwindend ist oder auf schaftlich.
sie formierend einwirkt, wäre gesondert darzustellen. Der Begriff der Äquivalenzbeziehungen, wie er durch die öko-
Die Beziehung der warencharakteristischen Äquivalenz als nomische Theorie von Marx präzisiert worden und für den der ··
allgemeine Eigenschaft der bürgerlichen Lebensweise bedingt Begriff des Äquivalenzprinzips einsetzbar ist, bedeutet nicht ein-
einen spezifischen Individualismus und ein sachliches Verhal- fach, daß zwei-Subjekte aufeinander Gleichartiges beziehen, son-
ten der Individuen zueinander. Für den Begriff der bürgerlichen dern daß der Austausch von Äquivalenten die Bedingung dafür
Lebensweise müssen die ihrem Grundverhältnis entsprechenden ist, daß zwei Subjekte überhaupt in bestimmte Beziehung zu-
Verhaltenscharaktere abgeleitet werden, weil das Grundverhält- einander treten. Die Äquivalenz in solidarischen Verhältnissen
nis das Verhalten nicht unvermittelt erklärt. Die Beziehung der ist dem Äquivalenzprinzip entgegengesetzt, weil die wechselsei-
Isoliertheit der Individuen voneinander, ihres monadisches Da- tige Entsprechung von -Handlungen im bestimmten Falle ein
seins, und des menschlich gleichgültigen, sachlichen Verhaltens Resultat der Bedingungen des ,Handelns sein kann, aber keine
zueinander ist sinnfällig als die des Warenaustausches, des notwendige Bedingung derselben ist. Der solidarisch Handeln-
Schachers. Die Aufgabe ist, ihre Wirkung auch dort zu erken- de findet in der Not, im Bedürfnis des anderen den Sinn seines
nen, wo sie als ihr Gegenteil erscheint, so in bestimmten Ver- Tuns und in der Überwindung der Not und in der Befriedigung
haltensformen der bürgerlichen Familie. Wenn der Begriff der , des Bedürfnisses des anderen auch eigene Befriedigung. Anders
gesellschaftlichen Grundbeziehung einer Gesellschaftsformation · in der Beziehung bürgerlicher Äquivalenz. Das Bedürfnis des
unscharf gefaßt ist, wird es unmöglich, den Zusammenhang un- Hungernden wird vom Verkaufenden nur über dessen Geld
terschiedlicher formationeller Momente in der Lebensweise ei- anerkannt. Der auf den Austausch von Äquivalenten hin Pro-
nes Subjektes richtig zu erfassen. So ist das Prinzip <<Wie du mir, duzierende faßt und bildet das Bedürfnis des zahlungskräftigen
so ich dir» nicht notwend~g Ausdruck einer Beziehung bürger- anderen .tendenziell nicht auf dessen Interessen, sondern auf das
licher Äquivalenz, weil sie keine abstrakten, sondern konkrete, eigene Interesse hin. Im Sozialismus werden spezifische Beziehun-
nicht quantitative, sondern qualitativ1,: Wertbestimmungen des gen des Äquivalenzprinzips zur Durchsetzung dem Wesen nach
Verhaltens aufeinander bezieht und nicht notwendig als Ver- solidarischer Beziehungen, wie sie auch durch das Motiv der
hältnis des Austausches faßt. Beziehungen der Äquivalenz tre- ' Brüderlichkeit ausgesprochen sind, funktioniert. Durch das so-
ten auch in kommunistischen Verhältnissen auf, wenn sich zwei. zialistische Verteilungsprinzips ist eine spezifisch strukturierte
Subjekte mit gleichem Handlungsaufwand solidarisch zueinan- Beziehung der Äquivalenz im Vergleich zum Kapital wiederum
der verhalten. Solche Beziehungen stehen in dem Gegensatz von verkehrt und gegen das Kapital gewendet. Durch den sozialisti-
Kommunistischem und Bürgerlichem zu Beziehungen waren- schen Staat werden Geldbeziehungen, und das G~ld ist das all-
spezifischer Äquivalenz. Sie undifferenz,iert mit dem Begriff ' gemeine Äquivalent, funktioniert, um einen kommunistischen
der Äquivalenz zusammenzufassen, heißt, die Abstraktion ins Produktionsinhalt auch darin wachsend durchzusetzen, daß durch
Leere zu treiben. Die bestimmte Problematik des Äquivalenz- die Produktion die Bedürfnisse der Werktätigen auf ihre Inter-
prinzips wäre so zwar nicht praktisch, aber doch für das theü- essen bezogen werden. Diese kommunistische Beziehung von
retische Denken negiert. Beziehungen der Äquivalenz können Produktion, Bedürfnis und Interesse muß vorausgesetzt sein,
in unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Typen gesell- wenn die Formulierung des ökonomischen Grundgesetzes des
schaftlicher Verhältnisse auftreten. Das Prinzip «Auge um Au- Sozialismus nicht vereinfacht interpretiert werden soll. Um die
ge, Zahn um Zahn» spricht zwar auch einen Standpunkt der Vermittlungsfähigkeit dem Sozialismus eigener Beziehungen
Äquivalenz aus, aber keinen bürgerlichen. Hier wird noch un- warenspezifischer oder dieser analoger Äquivalenz zu erhöhen,
vermittelt Gebrauchswert gegen Gebrauchswert gesetzt. Und ist es erforderlich, die besondere Dialektik der hier gefaßten
114
s• II 5
Äquivalenz immer zu beachten, sie nicht undifferenziert mit an~ setzung. tim durch die theoretische Untersuchung der Lebenswei-
deren Strukturen der Äquivalenz oder gar solchen, die keine der . se zu ihrer Entwicklung selbst beizutragen. Wie die Kulturtheo-
Äquivalenz sind, zu verbinden. Ich stimme mit Reinhold Miller j rie sich diesen beiden Aspekten des Begriffs der Lebensweise
darin überein, daß es «mannigfaltige progressive Ausdrucksfor- bereits stellt und weiterhin stellen sollte, das wäre näher zu ver-
men der Wirksamkeit des Äquivalenzprinzips unter sozialistic folgen.
sehen Bedingungem>42 gibt. Aber wenn Prinzipien wie <<Wer nicht
arbeitet, soll auch nicht essen» und <<Für das gleiche Quantum
Arbeit das gleiche Quantum Produkte>> gleichermaßen als solche Anmerkungen
des Äquivalenzprinzips dargestellt werden, weist dieses darauf
hin, daß der bestimmte Begriff der Äquivalenz unzureichend 1 Erich Honecker: Die sozialistische Revolution in der DDR und ihre
konkretisiert ist und nicht mehr als Begriff einer 4"nalyse gesell- Perspektive, in: Neues Deutschland, 27. ro. 1977, S. 3
schaftlicher Verhältnisse funktioniert. Das erste Prinzip spricht 2 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, ini MEW,

im Unterschied zum zweiten, dessen Problematik nicht näher Bd. 3, Berlin 195_8, S. 26 .
erörtert werden soll, überhaupt keine Beziehung der Äquiva- Paul Thiry d'Hoibach: System der Natur oder von den Gesetzen der
lenz aus. · physischen und der moralischen Welt, Berlin 1960, S. 149
4 Karl Marx und Friedrich Engels, a. a. 0., S. 27
5 Ebenda, S. 194
Um die sozialistische Lebensweise zu verstehen, müssen die all- 6 Ebenda, S. 195
gemeinen gesellschaftstheoretis~hen Grundlagen hierffut be- 7 Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. (Vierter Band des Kapitals).
stimmt sein. Die Problematik des Äquivalenzprinzips ist hier- Zweiter Teil, in: MEW, Bd. 26.2, Berlin 1967, S. II 1 ·
bei nur ein Aspekt. Seine Beachtung führt. zwar nicht zum · 8 Karl Marx: Brief an Pawel Wassilje~itsch Annenkow, Brüssel, 28.
\{erständnis des kommunistischen Wesens der sozialistischen Le- Dezember 1846, in: MEW, Bd. 27, Berlin 1963, S. 453
bensweise, aber im Sinne der Begründer des Marxismus-Leninis- 9 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politische~ Ökonomie. (Rohent-
mus doch dazu, ein Moment ihres Besonderen gegenüber der wurf 1857-1858), Berlin 1953, S. 427
1o Karl Marx: ökonomische Manuskripte 18 57 / 58, in: MEGA, II. 1. 1,
entwickelten kommunistischen Lebensweise näher zu erfassen.
Berlin 1976, S. 188
Indem die marxistisch-leninistische Gesellschaftstheorie den
11 In der vorzüglichen Arbeit von Luden Seve, Marxismus und Theorie
kommuoistischen Charakter· der sozialistischen· Lebensweise-und der Persönlichkeit, Berlin l'J7Z, der ich für die in diesem Aufsatz dar-
zugleich ihre relativen Grenzen in bezug auf den Kommunismus gelegten Überlegungen viele Anregungen verdanke, wurde der Ge-
konkret erschließt, ermöglicht sie zugleich ein erfordertes dia- sichtspunkt dei; Personifizierung der gesellschaftlichen Verhältnisse bei
logisches Verhältnis zwischen der wissenschaftlichen und der der Bildung d~s Begriffs der Juxtastruktur vielleicht ungenügend be-
künstlerischen Erkundung der Wirklichkeit und des Werdens _rücksichtigt.
einer neuen Lebensweise. Die wichtige Frage der historisch-logi- 12 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, ·a. a. 0.,
schen' Entwicklung des Begriffs des kommunistischen Verhält- s. 423 .
13 Wladimir I. Lenin: Der ökonomische Inhalt' der V olkstüml,errichtZfng,
nisses, die über die kapitalistische Gesellschaftsformation hin-
in: Werke, ;Bd. 1, Berlin 1961, S. 419
aus eine menschheitsgeschichtliche Dimension hat, konnte nur
14 Dietrich Mühlberg: Zur Diskussion des Kulturbegriffs, in: Weimarer
indirekt, aus dem Bezug zur Kapitaltheorie von Marx, gestellt Beiträge, 1/ 1976, S. 2 3 .
werden. Schließlich waren die Ableitungen aus den bestimmten 15 Karl Marx:'Zur Kritik der politischen Ökonomie. Vorwort, in: MEW,
Verhältnissen zu den bestimmten Verhaltenscharakteren und Bd. 13, Berlin 1961, S. 8
Verhaltensformen der Menschen nur anzudeuten. Der Weg des 16 Karl Marx: Thesen über Peuerbach, in: MEW, Bd. 3, Berlin 1958,
Denkens zu den wirklichen Menschen, zu den Erfüllungen und s. 6
Nöten ihres Lebens, kann nicht gradlinig sein, wenn er sein Ziel 17 Dieter Strützel: Kulturtheoretische Anmerkungen zur Kategorie «so-
nicht verfehlen soll. Der typologische Begriff der Lebensweise zialistische Lebensweise», in: Weimarer Beiträge, 1/1977, S. 160
18 G. }. Gleserman: Gesellschaft und Lebensweise, Kapitel XVI von
ist eine, der hier als <<soziologisch>> bezeichnete Begriff der Le- Grundlagen des historischen Materialismus, hg. vom Institut für Ge-
bensweise, dessen jeweils besondere Inhalte die Mannigfaltig- sellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Berlin 1976, S. 821
keit des bestimmten Lebens erschließen, ist die andere Voraus- 19 Karl Marx: Grundrisse, a. a. 0., S. 593 f.

u6 117
20 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter
Band, in: MEW, Bd. 25, Berlin 1964, S. 888
Gesellschaftliche Verhältnisse,
21 Wladimir 1. Lenin: Die große Initiative. (Über das Heldentum der Lebensbedingungen
Arbeiter im Hinterland. Aus Anlaß der <<kommunistischen Subbotniks>>),
in: Werke, Bd. 29, Berlin 1961, S. 417-419 und Lebensweise
22 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, a. a.0 ., S. 21
23 Friedrich Engels: Brief an Bebe!, London 18./19. März 1875, in: MEW,
Bd. 19, Berlin 1962, S. 7 .
24 Das materielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes und seine
volkswirtschaftliche Planung, hg. von der Hochschule für Ökonomie
«Bmno Leuschner», Sektion Sozialistische Volkswirtschaft, Berlin 197 5,
s. 37
25 Lebensweise und Lebensniveau, Autorenkollektiv, Leitung: Prof. Dr.
Erstmalig tritt mit dem Sozialismus die Entwicklung der Men-
sc. Günter Manz, Berlin 1977, S. 16
26 1. A. Dshidarjan: Über den Platz der Bedürfnisse, der Empfindungen
schen als Persönlichkeit in das Zentrum der gesellschaftlichen
und der Gefühle in der Motivation der Persönlichkeit, in: Zur Psy• Zielstellungen. Die Entwicklung der Universalität der Lebens-
chologie der Persönlichkeit, hg. von E. W. Schor·.;chowa, Berlin 1976, beziehungen der Menschen, ihres konkreten Reichtums und da-
S. 131 mit ihrer Wohlfahrt sind für den Sozialismus kein fernes Ziel,
27 Karl Marx: Einleitung zur Kritik der politische/} Ökonomie, a. a. 0., sondern sich millionenfach bestätigende Praxis. Aber zugleich er-
S. 623 geben sich aus diesem humanistischen Wesen des Sozialismus
28 Ebenda als der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaftsforma-
29 Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin 1976, tion hohe Anforderungen an alle, die an seiner· Gestaltung mit-
s. 75 . wirken. Das bestimmende Wertmaß der kapitalistischen Ver-
30 Zitiert nach Wladimir I. Lenin: Bemerkungen zum zweiten Programm-
entwurf Plechanows, in: Lenin: Werke, Bd. 6, Berlin 1956, S. 40
hältnisse ist der Profit, das Wertmaß der kommunistischen Ver-
31 Ebenda hältnisse, und damit schon des Sozialismus, ist die Persönlich-
32 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, a. a. 0., keit. Darum ist der Sozialismus die Welt des Friedens, der
s. 237 sozialen Sicherheit und der Ausbildung der schöpferischen Kräf-
33 Ebenda te aller Menschen. Und daher geht beim Aufbau des Sozialismus
34 Karl Marx: ökonomische Manuskripte r857/58, a. a. 0.,'S. 201 «wissenschaftlich-technischer und ökonomischer Fortschritt mit
3 5 Friedrich Engels und Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökono- der Vervollkommnung sozialer Sicherheit einher und hilft, die
mie. (Rezension), in: MEW, Bd. 13, Berlin 1961, S. 475 Voraussetzungen für die Entfaltung der Persönlichkeit immer
36 Karl Marx: Vorwort zur ersten Auflage des <<Kapitals>>. Erster Band, mehr zu verbessern.» 1 Für die bewußte Gestaltu.ng des Zusam-
in: MEW, Bd. 23, Berlin 1962, S. 16
menhanges zwischen wissenschaftlich-technischem Fortschritt und
37 Karl Marx: Theorien über den Mehtwert. (Vierter Band des Kapi-
tals). Zweiter Teil, in: MEW, Bd. 26.2, Berlin 1967, S. 16i · sozialistischer Persönlichkeitsentwicklung ist es notwendig, theo-
3 8 Karl Marx: Vorwort zur ersten Auflage des <<Kapitals», a. a. 0., S. 12 retisch konkret zu bestimmen, wie durch die gesellschaftliche
39 Ebenda Praxis die Entwicklung der Menschen tatsächlich ermöglicht
40 Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, a. a. 0., S. 609 wird, welche Widersprüche hierbei notwendig wirken und wor-
41 Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. (Manuskript 1861 bis• in die Richtung ihrer Lösung beruht. Für die DDR wurde durch
1863), in: MEGA, Il.3.1, Berlin 1976, S. 79 ' den VIII. und durch den IX. Parteitag der SED eine tief im
42 Reinhold Miller: Gesellschaftliche Reproduktion, sozialistische Le- Marxismus-Leninismus begründete gesellschaftliche Entwick-
bensweise und Moral, in: DZfPh, 8/1977, S. 899 lungskonzeption gebildet, die ihren konzentrierten Ausdruck in
dem Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands
gefunden hat. Die Veränderung der Lebensbedingungen ist in
dieser Konzeption eine Aufgabe von besonderer strategischer Be-
deutung. Das betrifft generell vor allem die Gestaltung der
materiell-technischen Basis des Kommunismus und für den ge-
119
'\
genwärtigen Entwicklungsabschnitt der DDR besonders die Ver- ; terschiedlicher Faktoren beeinflußt. Zweifellos sind erzieheri-
änderung der Wohnbedingungen mit dem Ziel der Lösung der. sche Wirkungen und organisatorische Beziehungen hierbei von
Wohnungsfrage auf einem dem Sozialismus gemäßen Niveau. besonderer Bedeutung. Aber das für die Ausprägung und Sta-
Bereits in der Grundbestimmung des Ziels der Partei für die bilisierung d,er sozialistischen Lebensweise bestimmende Mo-
gegenwi).rtige Entwicklung der DDR wird die Einheit von Ge- ment, auf das Pädagogik und Organisation selbst wesentlich be-
genwarts- und Zukunftsaufgaben klar gefaßt. <<Die Sozialistische zogen sind, ist die Veränderung der materiellen Lebensbedin-
Einheitspartei Deutschlands ste1lt sich das Ziel, in der Deut- gungen in einer dem Kommunismus gemäßen Weise. Die Ver-
schen Demokratischen Republik weiterhin die entwickelte sozia- selbständigung des Pädagogischen oder des Administrativen und
listische Gesellschaft zu gestalten und so grundlegenoe Voraus- Organisatorischen kennzeichnet die rechtsopportunistischen so-
setzungen für den allmählichen Übergang zum Kommunismus zu wie die trotzkistischen und maoistischen Angriffe auf den So-
schaffen.>> 2 Aus dieser Zielstellung ergeben sich notwendige zialismus. Die Problematik der Determination der Lebenweise
Orientierungen für die Richtung und für die Methoden der ge- berührt unmitt!;lbar Grundfragen der marxistisch-leninistischen
sellschaftswissenschaftlichen Arbeit. Der Lebensweise, ihren so- gesellschaftsstrategischen Konzeption der Entwicklung des So-
zialökonomischen, räumlich-gegenständlichen und sozialpsychi- zialismus und des allmählichen Übergangs von der ersten zur
schen Bestimmungsfaktoren, den bes9nderen Entwicklungsten- zweiten Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation.
denzen der einzelnen Momente der Lebensweise und den Durch die nähere theoretische Analyse der Beziehungen der
Beziehungen zwischen diesen kommt besonderes Interesse zu', Determination der Lebensweise wird es auch möglich, die für
weil_ sich hier der Sinn des Sozialismus in entscheidender Weise den Sozialismus charakteristischen Widersprüche der Entwick-
erfüllt. lung der Lebensweise und das System der Lebensbedingungen
Im gesellschaftlichen Maßstab kann die Entwicklung der Per- konkreter zu erfassen. Es handelt sich hierbei um historisch neu-
sönlichkeitseigenschaften der Menschen nur an der bestimmten artige Widersprüche, deren Begreifen nicht die seit der Okto-
Art ihrer Lebensweise gemessen werden. <<Persönlichkeit>> ist berrevolution erreichten Siege des Sozialismus schmälert, deren
in diesem Gebrauch immer der Begriff kommunistischer Indivi- richtiges theoretisches Verständnis vielmehr die absolute Vor-
dualität. Diese Bedeutung des Begriffs der Persönlichkeit hat züglichkeit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus erst
Marx in der Unterscheidung von zufälligem und persönlichem voll erkennbar werden läßt. Es. wird im wachsenden Maße not-
Individuum sowie iri der von privatem und persönlichem Ei- wendig, die Gesetzmäßigkeiten der Formierung der räumlichen
gentum gefaßt.3 Da die Verwirklichung und die Wirklichkeit Lebensbedingungen im Sozialismus gründlich zu erforschen, weil
des persönlichen Individuums wie die jeder menschlichen Indi- sich hieraus wichtige Schlußfolgerungen für die perspektivische
vidualität wesentlich praktisch, der objektive Charakter des Orientierung der Bewertung soziologischer Untersuchungen über
Selbstbewußtseins, der Absichten und Wünsche von Menschen das Wohnverhalten, über die Wohnzufriedenheit und µher ähn-
erst in ihrem praktischen Verhalten festgelegt ist, erweist sich liche Beziehungen ergeben. Angesichts der großen ökonomi-
die Lebensweise ;ils der eigentliche Prozeß, in dem Persönlichkeit schen Aufwendungen und gesellschaftlichen Anstrengungen zur
real ist. Allerdings besteht keine direkte Proportionalität zwi- · Lösung der Wohnungsfrage auf einem dem Sozialismus entspre-
sehen dem Charakter und dem Maß bestimmter praktischer Le- chenden Niveau sind die gesellschaftstheoretischen Arbeiten zum
bensäußerungen eines Individuums und seiner Persönlichkeits- Wohnverhalten und zu den Formen individueller räumlicher
eigenschaft. Diese Problematik kann hier vernachlässigt wer- Aneignung im Sozialismus unzureichend. Das betrifft auch die
den, weil sie die Gültigkeit der über die Beziehung von bestimm- mit der räumlichen Aneignung untrennbar verbundene Entwick-
ter Lebensweise und Persönlichk.eit getroffenen Aussage nicht lung des Verkehrs. Die Bestimmung der Möglichkeiten und
aufhebt, sondern nur darauf weist, daß es notwendig ist, sie Grenzen unserer gegenwärtigen Praxis gegenüber dem entwik-
differenziert zu entwickeln. Die zunächst allgemein gefaßte Be- kelten Kommunismus trägt nicht nur dazu bei, den revolutio-
ziehung von bestimmter Lebensweise und Persönlichkeitsent- nären Charakter der Entwicklung des Sozialismus und die Größe
wicklung läßt erkennen, wie sozialistische Politik auf die Ge- der noch vor uns stehenden Aufgaben zu erkennen, sondern
staltung der Bedingungen der Persönlichkeitsentwicklung der dient auch dazu, die gesellschaftliche Effektivität der Lösung
Menschen einwirkt. Die Lebensweise wird durch ein System un- der unmittelbar dringenden Aufgaben zu erhöhen.
120 121
Die Entwicklung dieser Probleme hat ihre allgemeinen theo- in einem bestimmten Maße stets durch ihren gesellschaftlichen
retischen Voraussetzungen. Eine ist die hier nur unter einem Ge- Lebensprozeß formierte und produzierte. Zugleich gilt jedoch,
sichtspunkt und umrißhaft zu erörternde Frage der Determina- daß die Lebensbedingungen in bestimmter Hinsicht überhaupt
tion der Lebensweise. Hier soll nur die Beziehung von gesell- unabhängig von den Menschen existieren. Daß die Menschen
schaftlichen Verhältnissen, Lebensbedingungen und Lebenswei- gesellschaftlich bestimmlle Beziehungen zur Natur eingehen,
se näher gefaßt werden. Von der notwendigen Differenzierung auch die Sonne und den Sternenhimmel immer von einem durch
der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Lebensbedingungen ihre V crhältnisse georteten Standpunkt wahrnehmen, hebt die
wird weitgehend abgesehen und auf eine selbständige Entwick- Unabhängigkeit der Natur gegenüber den Menschen nicht auf.
lung des Begriffs der Lebensweise wird verzichtet. Unter beson- Schon darum ist es geboten, den Begriff «Einheit>> in der Charak-
derer Beachtung der Kapitaltheorie von Marx s6ll versucht terisierung des Zusammenhanges von Lebensprozeß und Le-
werden., einen allgemeinen theoretischen Ansatz zur Entwicklung bensbedingungen sehr differenziert zu fassen.
der bezeichneten Problematik darzustellen. In der Schrift Die deutsche Ideologie schrieb Marx: <<Die
Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkür-
lichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von
1. denen man nur in der Einbildung abstrah_ieren kann. Es sind
die wirklichen Indi;viduen, ihre Aktion und ihre materiellen Le-
Um eine dialektische und materialistische Analyse der Determi- bensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre
nation der Lebensweise zu ermöglichen, ist es notwendig, zunächst Aktion erzeugten.>>5 Gegenüber dem philosophischen Idealismus,
streng zwischen den gesellschaftlichen Verhältnissen und den Le- aber auch gegenüber dem bürgerlichen Materialismus, der über
bensbedingungen zu unterscheiden. Schon aus diesem Grunde eine linear aufgefaßte Beziehung der Bestimmtheit der Indivi-
sind alle Kennzeichnungen der Lebensweise als Einheit von duen durch ihre Lebensbedingungen nicht hinausgelangte, wurde
Lebensprozeß und Lebensbedingungen fehlerhaft. 4 Selbstver- hier bereits eine dialektisch begriffene Beziehung von Lebens-
ständlich hat jeder Lebensprozeß bestimmte, seinem Subjekt bedingungen und menschlichem Lebensprozeß darstellbar, weil
äußere und dieses selbst in gewisser Beziehung konstituierende die beson_dere Bedeutung der produzierten Lebensbedingungen
Bedingungen. Und da diese Bedingungen nicht einfach eine neu- - und vor allem die des Aktes der Produktion -für die Selbster-
trale Basis dieses Prozesses bilden, ist er immer als in einer spe- zeugung der Menschen aus der Natur und für ihre Geschichte
zifischen Einheit mit diesen Bedingungen zu begreifen. Das begriffen war. <<Indem die Menschen ihre Lebensmittel produ-
Problematische der Auffassung der Lebensweise als Einheit von zieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.»6
Lebensprozeß und Lebensbedingungen liegt zuerst darin, daß Aber diese Produktion des materiellen Lebens der Menschen ist
der bestimmte Gegenstand dieses Begriffs so zwar mit erfaßt, eben als der Bildungsprozeß ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse
aber verschoben abgebildet ist. Indem die Lebensbedingungen zu begreifen. «In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens
selbst als eine Seite der Lebensweise begriffen werden, erscheint gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen
die Lebensweise als etwas in sich Beruhendes und Unbedingtes. unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer
Die Lebensweise ist eine Eigenschaft des gesellschaftlich rele- bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte
vanten Lebensprozesses menschlicher Individuen. Sie ist eine cntsprechen.>>7 Diese Verhältnisse und nicht die produzierten
sich reproduzierende Struktur des Lebensprozesses, welche eine Lebensbedingungen sind die bestimmenden Determinanten des
konkrete gesellschaftliche Bestimmtheit der Individuen mate- menschlichen Lebensprozesses. Aus diesem Grunde ist es nicht
rialisiert. Um die Struktureigenschaft und somit den System-. möglich, die Lebensweise einfach in Beziehung zu den Lebens-
charakter des Lebensprozesses menschlicher Individuen zu be- bedingungen zu fassen, weil ihre Spezifik erst über den Zusam-
greifen, muß die Beziehung ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse menhang von den gesellschaftlichen Verhältnissen und den Le-
zu ihren Lebensbedingungen konkret erfaßt werden. Während bensbedingungen einsichtig wird. Daß Marx und Engels den
die gesellschaftlichen V crhältnisse aus dem Lebensprozeß der Begriff der Lebensweise nicht auf die Einheit von Lebensbedin-
Menschen hervorgehen und in keiner Hinsicht von diesem un- gungen und Lebensprozeß, sondern auf den Lebensprozeß der
abhängig existieren, sind die Lebensbedingungen der Menschen Menschen bezogen hatten, ist nicht nur durch die Aussage, daß
122 123
das «Sein der Menschen ... ihr wirklicher Lebensprozeß» ist, 8 be- die Existenz lebendiger menschli<;her Individuen. Der erste zu
legt, sondern hinreichend eindeutig vor allem durch einen Text, konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation
der auch gegenteilig interpretiert wurde. «Die Weise, in der die dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur üb-
Menschen ihre Lebensmittel produzieren, hängt zunächst von der rigen Natur. ,Wir können hier natürlich weder auf die physische
Beschaffenheit der vorgefundenen und zu reproduzierenden Le 0 Beschaffenheit der Menschen selbst noch auf die von den Men-
bensmittel selbst ab. Diese Weise der Produktion ist nicht bloß schen vorgefundenen Naturbedingungen, die geologischen, oro-
nach der Seite hin zu betrachten, daß sie die Reproduktion der hydrographischen, klimatischen und andern Verhältni;se, ein-
physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon gehen. Alle Geschichtsschreibung muß von diesen natürlichen
eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Individuen, eine be- Grundlagen und ihrer Modifikation im Lauf der Geschichte
stimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise durch die Aktion der Menschen ausgehen.>> 10 Die Bedeutung
derselben. Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. dieser Aspekte der theoretischen Anschauungen von Marx für
Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl die Auseinandersetzung mit revisionistischer Marxrezeption muß
damit, was sie produzier_en, als auch damit, wie sie produzie- hier nicht näher dargelegt werden. Aber auch in dieser Bezie-
ren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den ma- hung ist zu beachten, daß die marxistische Auffassung vom Men-
teriellen Bedingungen ihrer Produktion.»9 Die Lebensweise ist schen aus einer wie auch immer begriffenen Beziehbng von
bezeichnet als eine bestimmte Art der Tätigkeit menschlicher Mensch und Natur nicht erschlossen werden kann. Erst mit dem
Individuen. Es ist wichtig, die Unterscheidung zwischen dt::n Be- 1 Begriff der gesellschaftlichen Verhältnisse ist der entscheidende
stimmungen des Seins der Individuen und denen der Bedingun- Ansatz für die konkrete Entwicklung der materialistischen Ge~
ge~ dieses Seins zu beachten. <<Wie die Individuen ihr Leben sellschaftstheorie gebildet. Die Verhältnisse sind die bestim-
äußern, so sind sie. Was sie also sind, fällt also zusammen mit menden Determinanten des Lebensprozesses der Menschen. Im
ihrer Produktion ... Was die Individuen also sind, hängt ab Unterschied zu den Lebensbedingungen gehen die Verhältnisse
von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.>> in jeder Hinsicht aus dem Lebensprozeß der Menschen hervor.
Bereits auf dieser Ebene der Interpretation wird deutlich, <<Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf be-
das es theoretisch nicht" haltbar ist, unter Berufung' auf den zu- stimmte Weise p,.roduktiv tätig sind, gehen diese bestimmten ge-
letzt zitierten Text den Begriff der Lebensweise in Analogie zum sellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein.>> 11 Die Verhält-
Begriff der Produktionsweise als Einheit von Lebensbedingun- nisse sind die Beziehungen ·der Menschen zueinander,, die aus
gen und Lebensprozeß zu definieren. ·Marx zeigte, daß be.ide ihrer praktischen Lebenstätigkeit hervorgehen. Insofern kann
Seiten der Produktionsweise, die Produktivkräfte und die Pro- zwischen den natürlichen und den gesellschaftlichen Beziehungen
duktionsverhältnisse, sich eben darin als bestimmte Lebens- der Menschen zueinander unterschieden werden. Nur die gesell-
weise der Menschen erweisen, ,weil sie sämtlich als bestimmte schaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander sind~erhält-
Tätigkeiten der Menschen, als bestimmte Beziehung ihres prak- nisse, wobei auch sie immer durch Natur ver~ittelt sind. In den
tischen Lebensprozesses zu begreifen sind. Die Unterscheidung <,Grundrissen» hat Marx diese Differenz zwischen natürlicher ·
von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen faßt die Beziehung von Menschen zueinander und Verhältnissen am Bei-
menschliche Subjektivität in ganz anderer Weise als die Unter- spiel der Warenproduktion so erklärt: <<Wenn das Individuum
scheidung von Lebensprozeß und Lebensbedingungen. Aber A dasselbe Bedürfnis hätte wie das Individuum B und in dem-
hiermit wären die bereits in der Schrift «Die deutsche Ideo- selben Gegenstand realisiert hätte, wie das Individuum B, so
logie>> entwickelten theoretischen Voraussetzungen zur Diskus- wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vorhanden; sie wär!'!n
sion des hier gefaßten Problems nur unzureichend eingesetzt. gar nicht verschiedne ·Individuen nach der Seite ihrer Produk-
Es wurde schon gezeigt, daß Marx zunächst zwischen den vor- tion hin betrachtet. Beide hatten das Bedürfnis zu atmen; für
,gefundenen und den produzierten Lebensbedingungeri unter- beide existiert die Luft als Atmosphäre; dies bringt sie in kei-
schied, daß ihm die Anerkennung einer Natur unabhängig nen sozialen Kontakt; als atmende Individuen stehn sie nur als
vom Menschen als eine unabdingbare Grundlage eines nicht- Naturkörper zueinander in Beziehung, nicht als Personen.» 12
spekulativen Verständnisses der Menschheitsgeschichte galt. Eine Schwierigkeit für die ,Auffassung des Verhältnisbegriffs
<<Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich von Marx besteht darin, daß die Verhältnisse zwar aus der Le-
124 12 5
benstätigkeit der Menschen hervorgehen, aber nicht vorausset- gilt nun, daß für die bestimmten Individuen die gesellschaftli-
zungslos dem Willen der Menschen gehorchen, nicht im psycho- chen Verhältnisse immer Lebensbedingungen sind. Unabhängig
logischen Sinne Verhaltensbeziehungen der Menschen sind. Marx von gesellschaftlichen Verhältnissen können beliebige Individuen
bezeichnete die Vorstellung Stirners, daß die <<Verhältnisse der nicht Menschen im spezifischen Sinne sein, weil diese Eigenschaft
Individuen ihr V erhalten sein sollen», als eine «ideologische Um- von Individuen die V erhältniseigenschaft ihres Lebensprozes-
schreibung des Bestehenden, denn die Verhältnisse der Indivi- ses ist. Der Unterschied zwischen Lebensbedingungen und gesell-
duen können unter allen Umständen nichts andres als ihr wech- schaftlichen Verhältnissen ist empirisch schon darum nicht ein-
selseitiges Verhalten, und ihre Unterschiede können nichts and- deutig auszumachen, weil viele Verhältniseigenschaften den
res als ihre Selbstunterscheidungen sein.» 13 Indem Marx den Menschen wie Naturbedingungen ihres Lebens erscheinen. Pie
Begriff des Wechselseitigen als konstitutiv für den Begriff des Menschen werden in bestimmte Verhältnisse hineingeboren wie
Verhältnisses faßte, konnte er die für ~ine personalistische Deu- in Natur und die unvermittelte Trennung beider ist für sie ob-
tung des Verhältnisbegriffs nicht denkbare Beziehung eines «uni- jektiv abgehoben. Aus diesem Grunde ist es durchaus sinnvoll,
versellen Widerspruchs zwischen den Verhältnissen und den in bestimmten Aussagebeziehungen die gesellschaftlichen Ver-
Bedürfnissen der Menschen>> 14 für bestimmte Verhältnisse aus- hältnisse und die Lebensbedingungen im engeren Sinne mit dem
sprechen und zeigen, daß diese «widersinnige Form des abstrak- Begriff der Lebensbedingungen zusammenzufassen. Aber es wä-
ten Satzes ... ganz der Widersinnigkeit der auf ihre höchste re ein schwerwiegender Irrtum, hieraus zu folgern, daß für eine
Spitze getriebenen Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft» marxistisch-leninistische Analyse der Lebensweise die theore-
ent~pricht. 15 Marx' erste entscheidende Antwort auf die Frage tische Unterscheidung von Verhältnissen und Lebensbedingun-
nach dem Wesen des Menschen ist nicht auf den Begriff der Le- gen aufgegeben werden könnte. Vielmehr ist die konkrete Ent- '
bensbedingungen, sondern auf den Begriff des Verhältnisses ge- wicklung dieser Beziehung eine Bedingung solcher Analyse. So
stützt. Und diese Voraussetzung wird in der weiteren Entwick- sind wesentliche Seiten der Kapitaltheorie von Marx nur von der
lung der Weltanschauung von Marx nicht aufgegeben, sondern Voraussetzung dieser Unterscheidung von Bedingung und Ver-
konkretisiert. Das <<menschiliche Wesen ist kein dem einzelnen hältnis, Ding und Verhältnis im besonderen Fall, zu begreifen
Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit und die konkrete Aufhebung der abstrakten Entgegensetzung
ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.>> 16 beider hat letztere· immer zur Voraussetzung. Diese Seite der
Durch den Begriff der gesellschaftlichen Verhältnisse konnte Dialektik soll ruerst an einer Aussage von Engels vorgestellt
ein Aspekt der gegenständlichen und räumlichen Lebensbedin- werden. In einer Rezension «Zur Kritik der politischen Ökono-
gungen der Menschen erfaßt werden, der sich durch die abstrakte mie>> von Marx schrieb er: «Die Ökomomie handelt nicht von
Gegenübt;:rstellung von Lebensbedingungen und Lebensprozeß Dingen, sondern von Verhältnissen zwischen Personen und in
überhaupt nicht darstellen läßt. Es ist die Formierung der Le- letzter Instanz zwischen Klassen; diese Verhältnisse sind aber
bensbedingungen durch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Hier- stets an Dinge gebunden und erscheinen als Dinge.»17
durch ist die gefaßte: Differenz von Lebensbedingungen und ge-
sellschaftlichen Verhältnissen zunächst in doppelter Weise auf-
gehoben. Einmal darin, daß die gegenständlichen und die II.
räumlichen Lebensbedingungen selbst in einem bestimmten
Maße Verhältniseigenschaften haben. Und diese Eigenschaft ist Die Unterscheidung von Ding und Verhältnis als SonderfaÜ
nicht auf bestimmte1Bereiche der Lebensbedingungen beschränkt, der Beziehung von Lebensbedingungen und Verhältnissen war
wenn sie auch für d ie einzelnen Bereiche derselben unterschied- eine Voraussetzung für die Enthüllung des Geheimnisses des
lich realisiert ist. Es wurde schon darauf verwiesen, daß allein . Fetischcharakters der Ware durch Marx. «Das Geheimnisvolle
durch die gesellschaftliche Ortung des Lebens der Individuen, der Warenform besteht ... einfach darin, daß sie den Menschen
die sich auch in durch Produktion nicht gestalteten Raumbedin- die gesellschaftli,chen Charaktere ihrer eignen Arbeit als ge-
gungen notwendig vollzieht, selbst die Beziehung der einzelnen genständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als ge-
Menschen zum W eltganzen ein gesellschaftlich determiniertes sellschaftliche Natureigenschafte-0 dieser Dinge zurückspiegelt,
Moment und insofern ·verhältniseigenschaft gewinnt. Zugleich daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur
126 127

Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches aber des unmittelbaren Charakters der lebendigen Arbeit als
Verhältnis von Gegenständen.>> 18 Hier liegt nun die Deutung bloß einzelner, ·oder bloß innerlich, oder bloß äußerlich allge-
nahe, daß der Warenfetischismus nicht in dem besonderen Ver- meiner, mit dem Setzen der Tätigkeit der Individuen als unmit-
hältnis der Warenproduktion, sondern in der Produktion ver- telbar allgemeiner oder gesellschaftlicher, wird den gegenständ-
gesellschafteter Gegenstände, in der Vergegenständlichung ge- lichen Momenten der F'roduktion diese Form der Entfremdung
sellschaftlicher Verhältnisse beruht. Marx ging aber davon aus, abgestreift; sie werden damit gesetzt aJs Eigentum, als der or-
daß nicht in der Vergegenständlichung der Verhältnisse, son- ganische gesellschaftliche Leib, worin die Individuen sich repro-
dern in der Verselbständigung der Verhältnisse gegenüber den duzieren als Einzelne, aber als gesellschaftliche Einzelne.>> 23
Individuen die besondere Funktion des Gegenständlichen und Die Unterscheidung von Lebensbedingungen und gesellschaft-
der bestimmte Fetischismus seine Grundlagen hat. In der Be- lichen Verhältnissen ist nicht nur der Warenanalyse von Mar'x
schränkung der Beziehungen der Menschen auf das sachliche vorausgesetzt, sondern der von ihm entwickelten materialisti·-
Interesse ist die Macht der Sachwelt über die Menschen gegrün- schen Gesellschaftstheorie überhaupt. So wird in der Auffassung
det. «Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der der Produktionsweise dargelegt,,daß und in welcher Weise die
Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Produktivkräfte den Charakter und die Entwicklungsrichtung
Form eines Verhältnis.ses von Dingen annimmt.>> 19 Bereits in den der Produktionsverhältnisse determinieren. Wenn es auch nicht
Manuskripten von 1844 faßte Marx unter dem Gesichtspunkt möglich ist, den Begriff der Produktivkräfte in Analogie zu dem
der kommunistischen A~fhebung des Privateigentums den der Lebensbedingungen zu bilden, so gilt doch, daß den gegen-
Gegen~tand, die Sache, als «ein gegenständliches menschli- ständlichen Produktionsinstrumenten als den objektiven Maß-
ches V'erhalten>>. 20 Und kritisch gegen Hegel heißt es. über die faktoren der Produktivkräfte eine besondere Bedeutung für die
Beziehung von Vergegenständlichung und Entfremdung: <<Die Entwicklung einer Produktionsweise zukommt. Das· System der
Aneignung des entfremdeten gegenständlichen Wesens oder gegenständlichen Arbeitsbedingungen, wie es durch die Pro-
die Aufhebung der Gegenständlichkeit unter der Bestimmung duktionsinstrumente notwendig formiert ist, bestimmt letztlich
der Entfremdung - die von der gleichgültigen Fremdheit bis den Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse der Produk-
zur wirklichen feindseligen Entfremdung fortgehn muß - hat tion. Das ist selbstverständlich konkret immer nur unter der
für Hegel zugleich oder sogar hauptsächlich die Bedeutung, Voraussetzung der wirklichen Menschen und ihrer wirklichen
die Gegenständlichkeit aufzuheben, w~il nicht der bestimmte Geschichte zu begreifen. Da sich diese determinierende Funk-
Charakter des Gegenstandes, sondern sein gegenständlicher tion der Produktivkräfte durch unterschiedliche Charaktere von
Charakter für das Selbstbewußtsein das Anstößige und die Widersprüchen zwischen Produktivkräften und Produktionsver-
Entfremdung ist. Der Gegenstand ist daher ein Negatives, ein hältnissen durchsetzt, kann nie unvermittelt von bestimmten ge-
sich selbst Aufhebendes; eine Nichtigkeit.» 21 In dieser ideali- genständlichen Produktionsbedingungen auf bestimmte Pro-
stischen Auffassung der Gegenständlichkeit erblickt Marx duktion;verhältnisse geschlossen werden. Es ist eben eine
«die Wurzel des falschen Positivismus Hegels oder seines nur Eigenschaft industriegesellschaftlicher Konzeptionen, die dia-
scheinbaren Kritizism11s». 22 Damit ist auch Wichtiges über ge- lektische Auffassung der Beziehung von Produktivkräften und
genwärtige Versuche, das im Wesen bürgerliche Ideale der Produktionsverhältnissen zueinander in die Denkform eines
Askese mit einer kommunistischen Revolutions- und Gesell- antidialektischen Mechanizi.smus übersetzt zu haben.
schaftskonzeption zu verbinden, ausgesagt. Marx hat sich zu Den ersten Ansatz der Theorie der Produktionsweise bildete
der Beziehung von Vergegenständlichung und Entfremdung in Marx in den Manuskripten von I 844. So behauptet er geg~n-
den Grundrissen ganz im Sinne der frühen Positionssetzung über den bürgerlichen Ökonomen, daß, «wenn das Privateigen-
geäußert. <<Pie bürgerlichen Ökonomen sind so eingepfercht in tum als Grund, als Ursache der entäußerten Arbeit erscheint,
den Vorstellungen einer bestimmten historischen Entwicklungs- es vielmehr eine Konsequenz derselben ist, wie auch die Götter
stufe der Gesellschaft, daß die Notwendigkeit der Vergegen- ursprünglich nicht die Ursache, sondern die Wirkung der mensch-
ständlichung der gesellschaftlichen Mächte d~r Arbeit ihnen lichen Verstandesverirrung sind. Später schlägt dies Verhält-
unzertrennbar erscheint mit der Notwendigkeit der Entfremdung nis in Wechselwirkung um.l> 24 Marx verlangte, die erste Form
derselben gegenüber der lebendigen Arbeit. Mit der Aufhebung der entäußerten oder entfremdeten Arbeit nicht unter dem
128 9 Kühne, Haus ,
129

Aspekt des gesellschaftlichen Verhältnisses, dem Privateigentum, die· eigene theoretische Aufgabe bereits gefaßt und der prin-
zu fassen, sondern <<im Akt der Produktion, innerhalb der produ- zipiell richtige Ansatz der Antwort auf die gestellten Fragen
zierenden Tätigkeit selbst.» 25 Die Äußerlichkeit der Arbeit wur- war schon gebildet. Aber zugleich waren neue Probleme auf-
de zuerst durch die Maschinerie technologisch gesetzte begrif- geworfen, die erst in der weiteren Entwicklung der theoretischen
fen. <<Die menschliche Arbeit ist einfache mechanische Bewegung; Auffassung von Marx gelöst werden konnten.
die Hauptsache tun die materiellen Eigenschaften der Gegen- Die weitere Durchführung des ersten Ansatzes der Theorie
stände.>>26 Und <<die Maschine ist das unmittelbar mit der Arbeit der Produktionsweise und die hiermit erfolgte Kritik und Kor-
identisch gesetzte Kapitah. 27 Von hier erschließt sich nun ein rektur bestimmter Aspekte desselben können hier nicht umfas-
Text eindeutig, in welchem Marx seine frühe Konzeption der send nachgezeichnet werden. Es soll zunächst an einem Text von
Beziehung von Privateigentum und entäußerter Arbeit verhält- 1847 gezeigt werden, wie Marx die zuvor in der Terminologie
nismäßig umfassend darlegte. Gefragt wird: <<Worin besteht nun «Privateigentum und entfremdete Arbeit» gewonnenen Einsich-
die Entäußerung der Arbeit? Erstens, daß die Arbeit dem Ar- ten weiterführte. 30 «Die Arbeit organisiert und teilt sich ver-
beiter äußerlich ist, d. h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er schieden, je nach den Werkzeugen, über die sie verfügt. Die
sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, .nicht Handmühle setzt eine andere Arb~itsteilung voraus als die
wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und gei- Dampfmühle. Es heißt somit der Geschichte ins Gesicht schlagen,
stige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und sei- wenn man mit der Arbeitsteilung im allgemeinen beginnt, um
nen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der in der Folge zu einem speziellen Produktionsinstrument, den
Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, Maschinen, zu gelangen.>>31 Es ist dieses die gleiche Frage- ,
wenn er nicht arbeitet,.und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. stellung wie die von 1844 und auch eine gleiche Art ihrer Be-
Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, antwortung. Durch die Entdeckung der bestimmenden deter-
Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürf- minierenden Funktion der gegenständlichen Produktionsbedin-
nisses, sondern nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befrie- gungen wurde es Marx möglich, die materiell-technischen Be-
digen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein dingungen nachzuweisen, durch deren Herausbildung in der
physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine zwangsläufigen Entwicklung der Maschinerie der Kommunis-
Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher mus nicht nur möglich, sondern auch notwendig wird. Marx hat
der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, den Prozeß der wissenschaftlich-technischen Revolution zwar
der Kasteiung. Endlich erscheint die Äußerlichkeit der Arbeit nicht in seinen besonderen technischen und technologischen Kon-
für den Arbeiter darin, daß sie nicht sein eigen, sondern eines kretionen vorausgesehen und er hätte jeden Versuch einer derar-
andren ist, daß sie ihm nicht gehört, daß er in ihr nicht sich tigen Ausmalung der Zukunft entschieden abgewiesen. Aber
selbst, sondern einem andern angehört.>> 28 Dieser Text i_st durch die allgemeinsten und die wesentlichsten Momente dieses Pro-
«Erstens» und «Endlich>> klar gegliedert. Die Eigentumsbestim- zesses, vor allem die Veränderung der Stellung der unmittel-
mungen sind unter <<Endlich>> gegeben und damit ist zweifellos baren Produzenten im Produktionsprozeß und die Gesetzmä-
ausgedrückt, .daß die ersten Charaktere der entäußerten Arbeit, ßigkeit der fortschreitenden Verwissenschaftlichung der Pro-
die dargestellt werden, als Ergebnisse der Maschinerie unmit- duktion, hatte er in ganzer Schärfe und in ihrer vollen Bedeutung
telbar vorgestellt sind. Darin liegt nun für die dem Standpunkt für die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit erkannt.
des Proletariats entsprechtnde Erklärung des Kapitalismus eine Nicht zuletzt konnte hierdurch erstmalig eine wissenschaftliche
außerordentlich wichtige Konsequenz. <<Die Nationalökonomie», Theorie des Kommunismus ausgearbeitet werden. Insofern ent-
schrieb Marx, «geht vom Faktum des Privateigentums aus. Sie hält der I 844 gebildete Ansatz der Theorie der Gesellschaftsfor-
.erklärt uns dasselbe nicht ... Die Nationalökonomie gibt uns mation einen Gesichtspunkt, der grundlegend für die marxi-
keinen Aufschluß über den Grund der Teilung von Arbeit und · stisch-leninistischen gesellschaftstheoretischen Konzeptionen des
Kapital, von Kapital und Erde. Wenn sie z. B. das Verhältnis ' allmählichen Übergangs von der ersten zur zweiten Phase der
des Arbeitslohns zum Profit des Kapitals bestimmt, so gilt ihr kommunistischen Gesellschaftsformation ist. Es ist die Aufgabe
als letzter Grund das Interesse der Kapitalisten; d. h., sie un- der Schaffung der materiell-technischen Basis des Kommunis-
terstellt, was sie entwickeln soll.» 29 In dieser Kritik hatte Marx mus. Die Aufhebung der dem Sozialismus spezifischen klasse!1-
9•
130 I~I
.• , 'i, ~•.,:,,··r:-·, -

und klasscn-schichtspezifischen Arbeitsteilung hat nicht nur ge- technische Basis des Kommunismus nur als bestimmtes System
sellschaftsorganisatorische und ideologische Voraussetzungen, der räumlichen und gegenständlichen Lebensbedingungen über-
sondern beruhte vor allem auf einem bestimmten Niveau der haupt begriffen und verwirklicht werden kann. Und es soll die
Produktivkraftentwicklung und auf technologischen Arbeitsin- Hypothese gebildet werden, daß im Unterschied zu den Lebens-
halten, die durch eine dem Kommunismus entsprechende ma- bedingungen des Kapitalismus, für welche den Individuen das
teriell-technische Basi's der Produktion möglich sind. So ist klar, gegenständliche Moment ihres Lebens dominant ist, die kom-
daß die Gesellschaft bei aller Steigerung der Arbeitsproduktivi- munistischen Lebensbedingungen durch die Dominanz des
tät nie zur Verteilung der Arbeitsergebnisse nach den Bedürf• Räumlichen gegenüber dem Gegenständlichen charakterisiert
nissen übergehen kann, wenn die gesellschaftlich notwendige Ar- sind.32 Wenn in der kommunistischen Gesellschaft i<die Entwick-
beit nicht zugleich hinreichend durch die Bedürfnisse der Indi- lung des gesellschaftlichen Individuums ... als der große Eck-
viduen nach Arbeit selbst vermittelt ist. Das Bekenntnis zum pfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint>>,33 und die
Kommunismus wird zu einem frommen Wunsch und schließlich Arbeitenden nicht mehr vorwiegend unter die gegenständ-
zu einer heuchlerischen Phrase, wenn man sich nicht entschieden lichen Bedingungen ihrer Arbeit subsumiert sind, sondern mehr
theoretisch und praktisch der Aufgabe stellt, die materiell-tech- und mehr neben diese treten, wenn deren Arbeit zugleich nicht
nischen Bedingungen des kommunistischen Lebens der Menschen auf die Kontrolle der Produktion beschränkt ist, sondern die
zu schaffen. Eine gemeinsame ~jgenschaft der formal gegen- Produktion des bestimmten gesellschaftlichen Sinns der Produk-
sätzlichen Äußerungen des Opportunismus ist, daß sie sich dieser · tion und die Bildung der verschiedensten Djspositionen zur Er-
Aufgabe nicht stellen. So ist es leicht, gegen die Bewegung des füllung dieses Sinns in sich faßt, so wird die Beziehung zwischen
Sozialismus als Gesellschaft naives Denken verlockende Alter- den einz.elnen Raumbereicher1 menschlicher Tätigkeit für die
nativen zu bilden, deren auch nur ansetzende Verwirklichung Menschen notwendig in besonderer Weise wesentlich. Zugleich
zur Gefährdung des Sozialismus und schließlich zur verdeckten, ist die beherrschte räumliche Beziehung des Lebens der Men-
schleichenden oder offenen Restitution des Kapitalismus führen schen nicht nur die Bedingung ihrer unterschiedlichen Tätigkeiten,
würde. sondern auch die der verschiedenen Dimensionen ihrer Gemein-
Der Begriff der materiell-technischen Basiis des Kommunismus schaftlichkeit. Selbstverständlich bilden die gegenständlichen
ist im Unterschied zu dem Begriff der materiell-technischen Ba- Produktionsbedingungen den Kern dieser materiell-technischen
sis des Kapitalismus nicht mehr hinreichend durch die Bestim- , Basis. Aus diesem Grunde wäre es falsch, den Begriff des Sy:
mung des für sie charakteristischen Typs und Systems von Pro- stems kommunistischer Lebensbedingungen einfach mit dem der
duktionsinstrumenten zu bilden. Die· Schwierigkeit liegt nicht ,; materiell-technischen Basis des Kommunismus gleichzus,etzen.
darin, daß im Imperialismus im Vergleich zum Sozialismus in für die Entwicklung der theoretischen Auffassung üb~r die
wesentlicher Hinsi1:ht gleichartige gegenständliche Produktions- Herausbildung der materiell-technischen Basis des Kommunis-
bedingungen bestehen. Wesentliche Unterschiede werden in die- mus ist in dem frühen Marxschen Ansatz der Theorie ·der Pro-
ser Beziehung erst erfaßbar, ,wenn die Systemeigenschaften der duktionsweise ein außerordentlich interessantes Problem gesetzt.
materiell-technischen Basis kapitalistischer und entwickelter so- Es ist der eigenartige Widerspruch von Logischem und Histori-
zialistischer Länder verglichen werden. Das betrifft auch solche '1
schem in der Beziehung von,«Erstens» und «Endlich>>. Marx hat•
Eigenschaften derselben wie die Produktionsstruktur, die Pro- te den bürgerlichen Ökonomen vorgeworfen, sie würden nur die
portionalität der Produktionsressourcen, die Standortverteilung Erscheinung reflektieren und die kapitalistische Ausbeutung le-
der Produktionsstätten und den Grad der Durchgängigkeit der diglich aus dem Privateigentum trklären. Während der erste
Mechanisierung und der Automatisierung der einzelnen Arbei- Schritt dem theoretisch unzureichend gebildeten 'Bewußtsein ge-
ten und der einzelnen Betriebe. So ist es eine wichtige Frage, radezu als Inbegriff des Marxismus erscheint, erweist sich der
ob Standortentscheidungen einzig unter dem Gesichtspunkt der zweite deutlich als eine den Interessen der Kapitalisten-
Ökonomie der vergegenständlichten Arbeit getroffen werden klasse entsprechende Deutung. Nun ergibt sich allerdings der
oder wieweit hierbei die Erfordernisse der Ökonomie des Le- zweite Schritt folgerichtig aus dem ersten. Durch den national-
bens der Menschen bestimmenden Einfluß hatten. Und genau ökonomischen Einstieg in die Frage nach der Genesis des Ka-
h~er ist zu fragen, ob nicht im entfalteten Sinne die materiell- pitalverhältnisses war dieses als die der menschlichen Natur·ge-
132 133
mäße Form gesellschaftlichen Lebens aufgefaßt und so über den · so erst die ihm eigenthümliche Productionsweise1>.36 In den Ka-
Prozeß seines Werdens hinaus dem Gesichtspunkt der Histori- piteln Kooperation, Teilung der Arbeit und Manufaktur sowie
tät entrückt. Marx konnte dieser auf die Anthropologie gestütz- Maschinerie und große Industrie von dem Werk Das Kapital
ten theoretischen Verteidigung des Kapitalismus nur den theo- wurden die Stufen des Übergangs von der formellen zur reellen
retischen Interessenausdruck des Proletariats entgegensetzen und Subsumtion der Arbeit unter das Kapital dargestellt. Es wird
eine gründliche Denunziation leisten, indem er tiefer als die gezeigt, daß dieser Prozeß erst in einem auf bestimmte Weise
bürgerlichen Ökonomen die historische Ursächlichkeit des Kapi- charakteristierten System von gegenständlichen und räumlichen
tals aufdeckte, überzeugender als sie seine Notwendigkeit nach- Arbeitsbedingungen abgeschlossen ist und daß erst in diesen das
wies, um - giestützt auf die theoretischen VoraussetZ1Ungen dieses Kapital seine adäquate technologische Bedingung und seine ei-
Nachweises - die Notwendigkeit der Überwindung des Kapi- gentliche ökonomische Form findet, indem es sich zu einer ge-
talismus durch den Kommuni.smus begründen zu können. 34 Tra- sellschaftlichen Produktionsweise durchgebildet hat. «Aller ka-
gend hierfür war der Gedanke, daß die Notwendigkeit des Ka- pitalistischen Produktion, soweit sie nicht nur Arbeitsprozeß,
pitals allein in einer transitorischen Stufe der Entwicklung der sondern zugleich Verwertungsprozeß des Kapitals, ist es ge-
menschlichen Arbeit begründet ist. Insofern bringt eben nur die meinsam, daß nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, son-
entäußerte Arbeit notwendig das kapitalistische Privateigentum dern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet,
hervor. Dieser Ansatz wurde in der weiteren Entwicklung des aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technisch
Marxismus nie aufgegeben. «Der Kapitalist als Kapitalist>>, heißt handgreifliche Wirklichkeit. Durch seine Verwandlung in einen
es in den <<Theorien über den Mehrwert», «ist bloß die Personifi- Automaten tritt das Arbeitsmittel während des Arbeitsprozesses
kation des Kapitals, die mit eignem Willen, Persönlichkeit be- selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als tote Arbeit, wel-
gabte Schöpfung der Arbeit im Gegensatz zur Arbeit.»35 Nun che die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt. Die
blieb allerdings zu erklären, wie ein bestimmter durch die gegen- Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von
ständlichen Produktionsbedingungen technologisch determinier- , der Handarbeit und die Verwandlung derselben in Mächte des
ter Charakter de:r Arbeit ein bestimmtes Produktionsverhältnis Kapitals über die Arbeit vollendet sich ... in der auf Grundlage
verursachen kann, wenn"diese Arbeit ohne dieses Verhältnis über- der Maschinerie aufgebauten großen Industrie. Das Detailge-
haupt nicht real sein kann. Die: dem Kapital gemäßen Arbeitsbe- . schick des individuellen, entleerten Maschinenarbeiters ver-
, dingungen setzten ja das Kapital als wesentlichen Formierungs- schwindet als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft, den
faktor derselben voraus. Was die Nationalökonomen konstatier- ungeheuren Naturkräften und der gesellschaftlichen Massen-
ten, das Hervorgehen der Maschinerie aus dem kapitalistischeo arbeit, die im Maschinensystem verkörpert sind und mit ihm die
Privateigentum, war ja kein täuschender Schein, sondern ent- Macht des <Meisters> (master) bilden.»37 Die entwickelte Form
sprach einem empirisch belegbaren historischen Prozeß. · des Kapitals beruht also auf der Durchsetzung diesem gemäßer
Die Lösung dieses Problems konnte für Marx nicht darin be- technologischer Produktionsbedingungeri. Und in der Vermitt-
stehen, das Ergebnis der logischen Analyse einfach den empi- lung des Bildungsprozesses dieser Bedingungen ist die histori-
risch gewonnenen Daten anzupassen, aber sie mußte auch deren 1 sehe Notwendigkeit des Kapitals begründet. Das Kapital ist
wirkliche Erklärung enthalten. Das leistete er vor allem im Zu- den es begründenden Arbeitsbedingungen vorausgesetzt, weil die
sammenhang der Unterscheidung von absolutem und relativem technologische raum-gegenständliche Trennung des Arbeiters
Mehrwert und der für das Verständnis der Genesis dieser Be- von seinem Arbeitsmittel und seirte Verwandlung in eine Teil-
ziehung erforderten Untersclieidung von formeller und reeller funktion des Maschinensystems nur durch die Trennung von
Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Die formelle Sub- Arbeit und Eigentum, von subjektivem Arbeitsvermögen und
sumtion der Arbeit unter das Kapital besteht darin, daß es sich objektiven Arbeitsbedingungen möglich war. So ist zugleich der
zuerst die handwerkliche Produktion ökonomisch unterordnet, Kapitalist als die personifizierte Herrschaft der Arbeitsbedin-
<<ohne etwas an' ihrer technologischen Bestimmtheit zu ändern. gungen über den Arbeiter begriffen. Es kennzeichnet die kapi-
Erst im Lauf seiner Entwicklung subsumirt das Capital den Ar- talistische Produktionsweise, «daß der Kapitalist nicht in irgend-
beitsproceß nicht nur formell unter sich, sondern wandelt ihn einer persönlichen Eigenschaft den Arbeiter beherrscht, sondern
um, gestaltet seine Productionsweise selbst neu und scliafft sich daß dies nur, soweit er <Kapital> ist; seine Herrschaft ist nur

1;4 i; j
die der vergegenständlichten Arbeit über die lebendige, des Pro- esse setzte, die eigenen Begierden noch als den }iebel der Ge-
dukts des Arbeiters über den Arbeiter selbst>>. 38 schichte auffaßte. Aus der Unidealität der menschlichen Natur
Damit wird deutlich, wie in der entwickelten Kapitalismus- ergab sich für sie die Vernunftgemäßheit und Idealität der bür-
theorie von Marx der frühe Ansatz von 1 844 gegenwärtig ist. Es gerlichen Gesellschaft. So war die kapitalistische Maschinenar-
wird nicht von den Begierden der Kapitalisten auf bestimmte beit aus der menschlichen Habgier zu erklären. Mit der Ent-
Arbeitsbedingungen, sondern von der bestimmten transistori- ', wicklung des proletarischen Klassenkampfes und der aktuellen
sehen Notwendigkeit der Arbeit auf die Notwendigkeit des Ka- Gefährdung der Herr~chaft der Bourgeoisie versucht diese
pitalisten geschlossen. Aber erst innerhalb der klassischen Ka- schließlich,. ihren Existenzanspruch von den bestimmten niate-
pitalanalyse konnte die zunächst nur indirekt gestellte Frage be- riellen Produktionsbedingungen und der Formen ihrer kapita-
antwortet werden, wie die proletarische Arbeit !-lie erste Ur- listischen Ökonomisierung abzuleiten. Die kapitalistische Ratio-
sache des' kapitalistischen Privateigentums sein kann, wenn die nalität der Produktion wird als die Farin der Rationalität über-
Wirklichkeit dieser Arbeit ohne den eigentumslosen Arbeiter haupt, aufgefaßt. «Um die spezifisch gesellschaftliche Form, i. e.
auf der einen und ohne den die objektiven Arbeitsbedingungen die kapitalistische Form, worin das Verhältnis von Arbeit und
gegoo den Arbeiter personifizierenden Kapitalisten auf der an- Arbeitsbedingungen sich verkehrt, so daß nicht der Arbeiter die
deren Seite unmöglich ist. Es ist die Frage nach der Realität oder Bedingungen, sondern die Bedingungen den Arbeiter anwenden,
nach der bloßen Vorgestelltheit einer Beziehung, in welche die '· auch technologisch zu rechtfertigen, geben die Ökonomen dem
Wirkm1g ihrer eigenen Ursache in bestimmter Hinsicht zeitlich gegenständlichen Moment der Arbeit eine falsche Wichtigkeit
voransteht. Marx löste das Problem ohne jede Mystifikation. gegenüber der Arbeit selbst.>>39 Marx zeigte die besondere Macht
Auf der Grundlage der vorkapitalistischen Produktionsweise der gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber der Gegenständ-
wurde durch die Effektivierung der Arbeit auf der tradierten lichkeit, indem er nachwies, daß bereits der unentwickelte ka-
technologischen Grundlage sowie durch die Entwicklung der pitalistische Maschinenbetrieb die Möglichkeit und für das Le-
Arbeitsteilung eine Vertiefung und Ausweitung der Austausch- ben des Arbeiters die Notwendigkeit beständigen Wechsels der
beziehungen und damit eine Verselbständigung der Geldfunk- 1 Arbeiten bildet, während das Interesse der Kapitalisten dahin
tionen gegenüber der Produktion möglich. Hierdurch konnte drängte, die Verteilung der Arbeiten <<manufakturmäßig zu be-
Geld bereits Kapitalfunkti9nen ausbilden. Die zuerst auf die festigen».40 Die Zurückweisung einer undialektischen Auffassung
vorkapitalistische Produktionsweise gestützten Kapitalbeziehun- der determinierenden Funktion des gegenständlichen Faktors der
gen formierten nun durch die fortschreitende Subsumtion von Produktion gegenüber den Möglichkeiten der revolutionären
von Arbeit unter sich ihnen gemäße Arbeitsbedingungen und zer- Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse wurde in den
störten so ihre ursprüngliche Grundlage. Die kapitalistische Pro-· ersten Jahrzehnten dies,es Jahrhunderts zu einem zentralen Punkt
duktion ging nicht aus der kleinen Warenproduktion hervor, son- der Auseinandersetzung zwischen dem Leninismus und dem
dern brach von außen in diese ein. Die frühe Auffassung von Opportunismus. Die Vertreter des Opportunismus setzten und
proletarischer Arbeit und kapitalistischem Eigentum war so nicht setzen einen Marxismus ohne die Lehre von der proletarischen
nur konkretisiert, sondern in bestimmter Hinsicht auch korrigiert. Revolution und ohne die Lehre von der Diktatur des Proleta-
Die einfache Beziehung einer ansetzenden Ursächlichkeit der riats und - method~logisch gefaßt- einen Marxismus ohne Dia-
entäußerten Arbeit gegenüber dem Privateigentum und das ihr lektik gegen· den kämpfenden und schließlich siegreichen Sozia-
nachfolgende übergehen derselben in Wechselwirkung sind so lismus.
nicht mehr gefaßt und in einem höheren Niveau des Dialekti-
schen aufgehoben.
· Hinsichtlich der Beziehung von gegenständlich-räumlich~n III.
Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Verhältnissen soll hier
noch eine andere Seite der Entwicklung der theoretischen Auf- Die hier umrissenen theoretischen Aspekte der Kaj:>italismus-
bssungen von Marx berührt werden. In den 4oer Jahren war, theorie von Marx sind ohne die Unterscheidung zwischen dem
Marx mit einer Bourgeoisie konfrontiert, die bei allem gesell- Begriff der Arbeitsbedingungen und dem der gesellschaftlichen
schaftlichen Illusionismus in ihre; Ideologie auf das eigenelnter- Verhältnisse nicht zu bilden. Das sollte vor allem nachgewiesen
1 37
136
werden. Nun ist die Beziehung von Arbeitsbedingungen und ge- daß auch Licht und Luft und in bestimmter Hinsicht Sicher-
sellschaftlichen Verhältnissen eine besondere Form der allge- heitsfaktoren selbst als Raummomente zu begreifen sind. Die
meinen Beziehung von Lebens.bedingungen und gesellschaftli- besondere Bedeutung der räumlichen Momente der Arbeitsbe-
chen Verhältnissen. Denn die Arbeitsbedingungen sind nicht dingungen besteht darin, daß sie in einem weit höheren
eine Gruppe von Bedin~ngen neben den Lebensbedingungen, Maße als die gegenständlichen der unmittelbar formierenden
sondern ein Teil derselben. Obgleich diese Tatsache im gegen- ~' Funktion des bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses unter-
wärtigen Sprachgebrauch nicht immer gemäß ausgedrückt wird, liegen.
bleibt doch ihre Anerkennung einer marxistisch~leninistischen Die Produktionsinstrumente entwickeln sich im Unterschied
Auffassung dieser Beziehung vorausgesetzt. Selbst bezogen auf zu den anderen Elementen der Lebensbedingungen nach einer
die kapitalistische Gesellschaft schrieb Marx: «Da der Arbeiter eigenen objektiven Entwicklungslogikj welche die historische
den größten Teil seines Lebens im Produktionsprozeß zubringt, Abfolge der Gesellschaftsformationen in der Art eines naturge-
so sind die Bedingungen des Produktionsprozesses zum großen schichtlichen Prozesses bedingt und in der Beziehung der intel-
Teil Bedingungen seines aktiven Lebensprozesses, seine Lebens- lektuellen und physischen Produktionsfähigkeit der Menschen
bedingungen ... >>41 Und er betonte, daß <<der gesellschaftliche zu den Gesetzen und Produktionspotentialen der Natur beruht.
Reichtum sich mehr und mehr ausdrückt in den von der Arbeit Obgleich diese Beziehung zwischen den Menschen und der Natur
selbst geschaffenen Bedingungen der Arbeib>. 42 <<Arbeitsbedin- immer mehr durch die produz1erten Arbeitsmittel modifiziert
gungen>> bedeutet also in dem spezifischen theoretischen Ge- ist, muß sie zunächst aufgesucht werden, um die Zwangsläufig-
brauch immer <<die gegenständlichen Bedingungen der Arbeit». 43 keit der großen Entwicklungsabschnitte der Produktionsinstru-
Daß Marx neben dem Aspekt des Gegenständlichen die selb- mente zu verstehen. Zwischen dem Faustkeil und dem entwickel-
ständige Bedeutung des Räumlichen für die Lebensbedingun- ten Maschinensystem liegt eine Stufenfolge der Entwicklung
gen durchaus erfaßt hatte, der Ausdruck <<gegenständliche Be- der Produktionsinstrumente, deren wesentliche Abschnitte
dingungen der Arbeit>> als solcher der krbeitsbedingungen über- menschheitsgeschichtlich nicht zu überspringen waren. Derarti-
haupt also eine Sprachverkürzung ist, soll hier nur kurz belegt ges ist für die Beziehung der einzelnen Typen räumlicher Makro-
werden. Da die Bildungsgesetze des gegenständlichen und des systeme nicht nachweisbar.' Das Raumsystem der Feudalordnung
räumlichen Moments der Arbeitsbedingungen nicht gleichartig oder das des vormonopolistischen Kapitalismus ist wie jedes an-
sind, kommt diesem Problem besonderes Interess,e zu. Die Ge- dere in den wesentlichen Strukturen nur als Ausdruck der gesell-
nealogie des Maschinensystems in den Stufen Kooperation, Ma- schaftlichen Verhältnisse zu begreifen. Selbstverständlich ist die
nufaktur, Maschinerie, die in dem Werk Das Kapital gegeben technische Weise der Bildung und der Umfang der durch die
ist, enthält wichtige Aussagen über die Veränderung der Raum- Produktion bewirkten Raumcharaktere direkt vom Entwick-
charaktere in diesem Prozeß. So wird bezogen auf die Koopera- lungsstand der Produktivkräfte abhängig. Die Mietkasernen-
tion über die <<Beschränkung der Raumsphäre der Arbeit bei viertel der kapitalistischen Städte hatten eine zentrale Wasser-
gleichzeitiger Ausdehnung ihrer Wirkungssphäre>> ausgesagt. 44 versorgung und städtische Kanalisation zur Voraussetzung, wo-
Bei der Untersuchung der kapitalistischen Ökonomisierung der bei die zentrale Wasserversorgung durch Maschinenpumpen di-
Arbeitsbedingungen wies Marx auf die besondere Funktion der rekt vom erreichten technischen Niveau der Produktion abhängig
«Ökonomie am Raum» hin. 45 <<Die Ökonomisierung der gesell- war. Daß sich jedoch eine bestimmte Produktivität der gesell-
schaftlichen Produktionsmittel, erst im Fabriksystem treibhaus- schaftlichen Arbeit einerseits in der Gestalt der Proletariervier-
mäßig gereift, wird in der Hand des Kapitals zugleich zum tel und andererseits in der Gestalt der Wohnbereiche der Bour-
systematischen Raub an den Lebensbedingungen des Arbeiters geoisie und der Mittelschichten aktualisierte/kann unvermittelt
während der Arbeit, an Raum, Luft, Licht, und an persönlichen von der bestimmten Produktivkraft überhaupt nicht abgeleitet
Schutzmitteln wider lebensgefährliche oder gesundheitswidrige ' werden. Während die räumlichen Makrostrukturen einer Ge-
Umstände des Produktionsprozesses, von Vorrichtungen zur sellschaft unter allen historischen Bedingungen primär durch die
Bequemlichkeit des Arbeiters gar nicht zu sprechen.» 46 Die F'.ol- gesellschaftlichen Verhältnisse determiniert sind, erweitert sich .
ge, in welcher die einzelnen Aspekte der Lebensbedingungen die V erhältniseigenschaft von Elementen der Lebensbedingun-
genannt sind, ist nicht zufällig. Hierbei wäre auch zu bemerken, gen, die unvermittelter als die räumlichen Beziehungen durch

138 139
die Produktivkräfte determiniert sind im Maße der Entwicklung ' Lebensbedingungen kämpft, wächst sie zugleich sowohl mora-
der Produktivkräfte. lisch als auch geistig und politisch wird sie fähiger, ihre großen
Es ist eine wichtige Aufgabe der ideologischen Erziehung so- Freiheitsziele zu verwirklichen.>>47 Die 'reformistische Verselb-
wohl im Kampf gegen den Imperialismus als auch bei der Ge- • ständigung der Umweltproblematik gegenüber den kapitalisti-
staltung des Sozialismus, den Schein der Naturwüchsigkeit der schen· Pr-oduktionsverhältnissen zeigt, daß so die Gefährdung
Lebensbedingungen der Menschen zu ·durchbrechen, den Ver- der Umwelt nur unzureichend und ihre bestimmenden Ursachen
hältnischarakter dieser Bedingungen bewußt werden zu lassen nicht er~annt sind.
und dadurch das Bewußtsein der Gestaltungsmöglichkeiten der Selbstverständlich ergibt sich für den Sozialismus aus der be-
Umwelt zu konkretisieren. Der Kapitalist ist heute 'in der Regel sonderen Wichtigkeit der Gestaltung von Lebensbedingungen,
räumlich im System der Arbeitsbedingungen des monopolisti- welche die Herausbildung und Durchsetzung einer neuen Le-
schen Kapitalismus überhaupt nicht auszumachen. Das zeigt an, bensweise umfassend ermöglichen, keine Gleichgültigkeit ge~
daß er vom Standpunkt der Produktion vollständig überflüssig genüber der Aufgabe, die gesellschaftlichen Verhältnisse weiter-
geworden ist. Aber er bleibt der durch die Eigentümerfunktion zuentwickeln. In seiner Schrift Die große Initiative äußerte
mächtige Anwalt des kapitalistischen Zwecks der Produktion Lenin sich auch kritisch zu Versuchen, kommunistische Lebens-
und darum ist es für die Volksmassen ein verhängnisvoller Ir&- , formen ohne die notwendigsten materiellen Voraussetzungen zu
turn, aus seiner· Überflüssigkeit für die Produktion auf seine bilden und sie als <<Kommune>> zu bezeichnen. <<Es wäre sehr
Wirkungslosigkeit auf die Art der Aktualisierung der Produk- nützlicl!)), erklärte Lenin, <<das Wort <Kommune> aus dem land-
tivkräfte zu schließen. Die kapitalistische Produktionsweise läufigen Sprachgebrauch zu verbannen, zu verbieten, daß jeder
treibt nicht evolutionär über sich hinaus, sondern muß durch die erste beste dieses Wort aufgreift; oder man sollte diesen Namen·
sozialistische Revolution überwunden werden. Die durch das nur wirklichen .Kommunen zuerkennen, die wirklich in der
Kapital herausgebildeten· Produktivkräfte hören erst auf, De- Praxis bewiesen (und durch die einmütige Anerkennung der
struktivkräfte des Lebens der Menschen und ihrer Lebensbedin- ganzen benachbarten Bevölkerung die Be~tätigung beigebracht)
gungen zu sein, wenn ihre Potenz durch kommunistische gesell- haben, daß sie fähig und imstande sind, die Sache auf kommu-
schaftliche Verhältnisse aktualisiert wird. Darum steht für die nistische Art anzupacken. Beweise zuerst deine Fähigkeit zu
Arbeiterklasse im Kapitalismus nicht die Veränderung der Le- unentgeltlicher Arbeit im Interesse der Gesellschaft, im Inter-
bensbedingungen, sondern die Veränderung der gesellschaftli- esse aller Werkätigen, die Fähigkeit, <auf revolutionäre Art zu
chen Verhältnisse im Zentrum ihrer gesellschaftlichen Aufgaben. arbeiten>, die Fähigkeit, die Arbeitsproduktivität zu.heben, eine
Demgegenüber wird die Veränderung der Lebensbedingungen Sache mustergültig ins Werk zu setzen, und dann erst strecke
zu der letztlich entscheidenden Gestaltungsaufgabe der Gesell- die Hand nach dem Ehrennamen <Kommune> aus.>> 48 Hiermit
schaft, nachdem die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum waren durch Lenin Gesichtspunkte von allgemeingültiger Be-
Sozialismus abgeschlossen ist. deutung für die Entwicklung der kommunistischen Lebensweise
Aus jeder richtigen Aussage lassen sich viele falsche Schluß- umrissen. Die sozialistische Lebensweise ist die erste: gesamtge-
folgerungen ziehen. So wäre es ein grober Fehler, aus der Auf- sellschaftliche Form der Entwicklung der kommunistischen Le-
gabe, die Verhältnisse, auf der einen und der Aufgabe, die Le- bensweise. Entgegen der Neigung bestimmter Bevölkerungs-
bensbedingungen zu verändern, auf der anderen Seite zu schluß- gruppen, die Herausbildung neuer Lebensformen vor allem
folgern, daß der Kampf um die Verbesserung der Lebensbedin- außerhalb der Produktion anzustreben, betonte Lenin vor allem
gungen der Arbeiterklasse und der anderen werktätigen Klassen die grundlegende Rolle der Beziehungen der Menschen in der
und Schichten im kapitalismus in irgendeiner Hinsicht vernach- Arbeit für die Entwicklung ihrer Lebensweise überhaupt. Schließ-
lässigt oder gering bewertet werden dürfte. Die Frage ist nur, lich zeigte er in der Frage der Befreiung der Frau, daß jeder
ob der Kampf um die Verbesserung der Lebensbedingungen dei: Schritt der weiteren sozialen Emanzipation der Frau über die
We~ktätigen dazu führt, das politische Bewußtsein der Arbei- durch die Revolution politisch bewirkten Schritte hinaus von der.
terklasse und der anderen antiimperialistischen Volkskräfte zu Veränderung ihrer Lebensbedingungen abhängig ist. <<Öffent-
entwickeltn oder reformistische Illusionen zu vertiefen. Lenin liche Speiseanstalten, Krippen, Kindergärten - das sind Muster-
schrieb: «Indem die Arbeiterklasse für eine Verbesserung der beispiele derartiger Keime des Kommunismus, das sind jene
140 141
einfachen, alltäglichen Mittel, die frei sind von allem Schwül- Ökonomie der vergegenständlichten Arbeit in einer auf den
,stigen, Hochtrabenden, Feierlichen, die aber tatsächlich geeig- Kommunismüs orientierten Weise mit den wachsenden .Lebens-
net sind, die Frau zu befreien, tatsächlich geeignet sind, ihre Un- ansprüchen der Menschen schrittweise in Übereinstimmung zu
gleichheit gegenüber dem Mann im Hinblick auf ihre Rolle in bringen.
der gesellschaftlichen Produktion wie im öffentlichen Leben zu Die unmittelbar bestimmenden Determinanten der Lebens-
verringern und aus der Welt zu schaffen.>>49 Zugleich betonte Le- weise der Menschen sind die gesellschaftlichen Verhältnisse und
nin den besonderen Stellenwert der Entwicklung der Arbeits- in dem konkreten System dieser Verhältnisse sind es wiederum
bedingungen. Er schrieb von den <«Formeln> des echten Kommu- vor allem die Produktionsverhältnisse. Bestimmte Lebensbedin-
nismus ... alles auf die Arbeitsbedingungen zurückführen>>;50 gungen können unterschiedliche geseITschaftliche Verhältnisse,
Es ergibt sich folgerichtig aus der marxistisch-leninistischen selbstverständlich nicht beliebige, vermitteln. Zugleich gilt, daß
Theorie unct ist durch die Entwicklung des Sozialismus bestätigt, ein bestimmtes Niveau von Lebensbedingungen der Entwicklung
daß die Steigerung der Arbeitsproduktivität und die ~ffektivie- eines auf ihrer Grundlage ansetzend gebildeten Systems von
rung der Produktion zur Erhöhung des Lebensniveaus der Werk- Verhältnissen eine objektive Entfaltungsgrenze setzt, die nur
tätigen die Entwicklung der politischen Verhältnisse des Sozia- durch di'e Veränderung der Lebensbedingungen selbst aufgeho-
lismus, die der gesellschaftlichen Führungsrolle der marxistisch- ben werden kann. Der Übergang vom Kapitalismus zum Sozia-
leninistischeri Parteien und der Funktion der sozialistischen lismus ist der tiefgreifendste Umbruch der bisherigen Mensch-
Staaten vor allem, zur Voraussetzung hat. Die dem Sozialismm heitsgeschichte. Dieser revolutionäre Prozeß ist mit der Verwirk-
gemäße Wirkung der sozialistischen Produktion auf die Persön- lichung des Sozialismus nicht abgeschlossen, sondern erhält jetzt
lichkeitsentwicklung der Menschen - und in diesem Sinne auf · notwendig eine evolutionäre Form seiner Weiterführung. Es ist
die Erhöhung ihres Lebensniveaus - stellt sich nicht automatisch selbstverständlich, daß die für die kommunistische Gesellschafts-
durch die Waren- und Geldbeziehungen her, sondern verlangt • formation charakteristische Gestaltung der Lebensbedingungen
deren stete Funktionierung für die Durchsetzung der dem Sozia- umfassend erst unter den Bedingungen.des Sozialismus vollzogen
lismus entspt'echenden Einheit von Wirtschafts- und Sozialpoli- werden karin. So besteht notwendig ein Widerspruch zwischen
tik. Die Erweiterung von arbeitsfreier Zeit und die Vergröße- dem kommunistischen Charakter der gesellschaftlichen Verhält-
rung des Sachhabens der Individuen ermöglichen und stimulieren nisse des Sozialismus und den diesem nicht voll entsprechenden
nicht von sich clen schöpferischen Charakter ihrer Lebensgestal- Lebensbedingungen. Da sich dieser Widerspruch notwendig in
tung. Die Veränderung der Lebensbedingungen, die weitere Ge- den sozialistschen Verhältnissen selbst in spezifischer Weise aus-
staltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Entwicklung drückt, ist die durch sie vermittelte Entwjcklung der Lebensbe-
der Menschen, ihrer moralischen und politischen Eigenschaften dingungen nicht in jeder Hinsicht als eine gradlinige Evolution
und ihrer gei~tigen Interessiertheit an den Gestaltungsaufgaben in Richtung auf den Kommunismus aufzufassen. Hinzu kommen
der Gesellschaft, bilden im Sozialismus einen untrennbaren Zu- noch Entscheidungszwänge, etwa in Fragen der Beziehung der
sammenhang. Im Abschnitt V. <<Der Kommunismus unser Zieh Produktion zur Umwelt, die sich aus der Bedrohung des Sozia-
des Parteiprogramms der SED ist die bestimmte Dialektik der lismus durch' den Imperialismus ergeben. Die notwendige p~r-
Beziehungen zwischen den verschiedenen Ebenen gesellschaftli- spektivische Entwicklung der Lebensbedingungen kann über
cher Gestaltungsauf gaben des Sozialismus sehr genau erfaßt. 51 Bei eine bestimmte Entwicklungsstufe hinaus nicht- einfach als die
aller Bedeutung der gegenständlichen und räumlichen Arbeits- idealisierte Fortsetzung der gegenwärtigen Strukturen der For-
bedingungen und der Leb&nsbedingungen überhaupt für die Ge- mierung der Lebensbedingungen aufgefaßt werden. Es geht
staltung' des entwickelten Sozialismus und schließlich seines all- hierbei nicht so sehr darum, fertige Lösungen zu präsentieren,
mählichen Übergangs in den Kommunismus gilt auch hier der als vielmehr darum, ein unseren Aufgaben angemessenes Pro-
Hinweis von Marx, den gegenständlichen Bedingungen des Le- blembewußtsein zu bilden. Das betrifft solche Fragen wie die
bens keine falsche Wichtigkeit zu geben. Das verlangt einmal, des Verkehrs, so die Beziehung zwischen der Entwicklung der
die gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten bestimmter Be- öffentlichen Verkehrsmittel auf der einen und dem individuellen
dingungen nie als empirisch bereits hinreichend definiert aufzu- Verkehr auf der anderen Seite. Die Tatsache, daß die sozialisti-
fassen, sondern sie zu erkunden. Und das verlangt zugleich, die schen Länder gegenwärtig kaum die Möglichkeit haben, dem
142 143
sich verstärkenden Trend der indivduellen Motorisierung eine rangieren, da er inir über kein auch noch so geringes Quantum frem-
tragfähige Alternative entgegenzusetzen, entbindet uns nicht der Arbeit noch ein Kommando gibt. Der . Jurist, der Ideologe
der Aufgabe, die so.zialökonomischen und die sozialpsychischen des Privateigentums, kann vielleicht noch so etwas faseln. Das Pri-
Grundlagen dieses\Prozes.ses sowie seine kulturell wertigen und vateigentum entfremdet nicht nur die Individualität der Menschen,
sondern auch die der Dinge. •> Ebenda, S. 211 f. ·
seine den gesellschaftlichen Erfordernissen des Sozialismus wi-
4 Hierzu auch Lothar Kühne:' Zum Begriff und zur Methode der Erfor-
dersetzigen Wirkungen gründlich zu studieren. Ähnliche Auf-
schung der Lebensweise, in: Weimarer Beiträge, 8/1968
gaben stehen für die Entwicklung der Stadt, der-Wohngebiete, 5 Die deutsche Ideologie, a. a. 0., S. 20
der Wohnbauten und des Wohnverhaltens. Die sich ausweitt;n- 6 Ebenda, S. 21
de Tendenz zu doppelter ständiger Raumbelegung in der Form 7 Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Vorwort, in: MEW,
der Wohnung und in der des Wochenendhauses erfordert eine Bd. 13, Berlin 1961, S. 8
gründliche Analys,e, welche die Komplexität der sich hierin aus- 8 Die deutsche Ideologie, a. a. 0., S. 26
drückenden Probleme erschließt. Die gesellschaftlichen Verhält- 9 Ebenda, S. 21
nisse wirken direkt auf die Lebensweise durch ihren spezifischen 10 Ebenda, S. 20 f.
11 Ebenda, S. 2)
Verhaltensaspekt und indirekt durch die Lebensbedingungen.
12 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. (Rohent-
Der theoretische Ausgangspunkt für _die Untersuchung der Le-
wurf 18q.-18j8), Berlin 19)3, S. 1.)4
bensweise sind die gesellschaftlichen Verhältnisse. Erst durch sie 13 Die deutsche Ideologie, •a. a. 0., S. 422 f.
ist der Charakter der bestimmten Lebensbedingungen selbst zu 14 Ebenda,S.41)
klären. 15 Ebenda
16 Ebenda, S. 6
17 Friedrich Engels und Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökono-
mie. (Rezension), in: MEW, Bd. 13, Berlin 1961, S. 476
Anmerkungen 18 Karl Marx: Das Kapital. Kritife der politischen Ökonomie. Erster
Band, in: MEW, Bd.·23, Berlin 1962; S. 86
Erich Honecker: Die Gestaltung der entwickelten sozialistischen Ge- 19 Ebenda
sellschaft - Aufgabe von historischer Größe. ,Einheit (1978) 7/8, S. 7 20 Karl Marx: Okonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre
2 Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Berlin 1976. 1844, in: MEW, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, erster Tei_l, Ber-
S. 19 lin 1968, S. 540
Privates und persönliches Eigentum faßte Marx zunächst als gegen- 21 Ebenda, S. 579 f.
sätzliche gesellschaftliche Charaktere von individuellem Eigentum 22 Ebenda, S. 581
auf. Das private Eigentum ist bürgerliches, das persönliche Eigen- 23 Grundrisse, a. a. 0., S. 716
tum ist dem Wesen nach kommunistisches individuelles Eigentum. Die 24 Manuskripte, a. a. 0., S. 520
bestimmende Eigenschaft des Privateigentums ist «die Ausschließ- 25 Ebenda, S. 514
lichkeit, oh~e die es Unsinn wäre>>. MEW, Bd. 3, Berlin 19)8, S. 3)0 f. 26 Ebenda, S. 562
Hierauf beruhen zugleich die Austauschbarkeit und die Abstraktheit 27 Ebenda, S. 552
des bürgerlichen Eigentums, die Spaltung des Gegenstandes in Ge- 28 Ebenda, S. 514
brauchswert und Wert. Das persönliche Eigentum ist konkretes, soli- 29 Ebenda, S. l 10
darische Beziehungen der Menschen ausdrückendes Haben. Marx hat 3o Der Begriff d.er entfremdeten oder entäußerten Arbeit faßt im Ge-
die Differenz zwischen Privatem und Persönlichem gegenüber Stirner brauch durch Marx um 1844 dem Wesen nach die proletarische Lohn-
auch so dargestellt: «In der Wirklichkeit habe ich nur insoweit Pri- arbeit. Nach der endgültigen Überwindung der idealistischen Momente,
. vateigentum, als ich Verschacherbares habe, während meine Eigen- die dem Entfremdungsbegriff von Marx in dieser Zeit hoch anhafte-
heit durchaus unverschacherbar sein kann. An mein4!m Rock habe ich ten, gebrauchte er den Ausdruck «entfremdete Arbeit>> nicht mehr.
nur so lange Privatoigentum, ak ich ihn wenigstens verschachern, ver- 31 Karl Marx: Elend der Philosophie, in: MEW, Bd. 4, Berlin 1959,
setzen oder verkaufen kann ... Verliert er diese Eigenschaft, wird s. 149
er zerlumpt, so kann er für mich noch allerri Eigenschaften haben, 32 Hierzu auch' Lothar Kühne: Das Ästhetische als Fak,tor der Aneignung
die ·ihn mir wertvoll machen, er kann soga zu meiner Eigenschaft und des Eigentums. Zur Bestimmung des gegenständlichen Verhaltens.
werden und mich zu einem zerlumpten Individuum machen. Aber es Abschnitt 2.0.1. Gegenstand und Umraum-Arbeit, Spiel, Muße. Diss.
wird keinem Ökonomen einfallen, ihn als mein Privateigentum zu (B;, (Manuskript), Berlin 1977

144 10 Kühne, Haus


145
H Grundrisse,,a. a. 0., S. 593
34 Eine Darstellung der Bedeutung der Manuskripte für die Entwick- Kritische Revue.
lung des Marxismus ist hier nicht zu geben. Sie sind weder eine
Schwachstelle noch die Offenbarung des wahren Marxismus, sondern Anmerkungen in drei Abschnitten zu Ästhetik heute
ein außerordentlich bedeutsames Dokument der Herausbildung der
Weltanschauung des Proletariats. Ich verweise besonders auf die Ar-
beit von T. 1. Oisermann: Der <junge> Marx im ideologischen Kampf .~
der Gegenwart, Berlin 1976. ,,.
35 Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. (Vierter Band des Kapi-
tals). Dritter Teil, in: MEW, Bd. 26.3, Berlin 1972, S. 290
36 Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. (Manu~kript 1861
bis 1963), in: MEGA, 11.p, Berlin 1976, S. 83
37 Das Kapital. Erster Band, a. a. 0., S. 446
38 Theorien. Erster Teil, in: MEW, Bd. 26.1, Berlin 1965, S. 366 Seit langem habe ich keine Arbeit zur Ästhetik so interessiert
39 Theorien. Dritter Teil, in MEW, Bd. 26.3, a. a. 0., S. 271 gelesen wie Ästhetik heute. 1 Der Anspruch, den die, Autoren
40 Das Kapital. Erster Band, a. a. 0., S. 443 stellen, ist hoch. Er zielt nicht auf einzelne theoretische Aspekte,
41 Das Kapital. Dritter Band, in: MEW, Bd. 25, Berlin 1964, S. 96 sondern auf die zentrale theoretische Entwicklungsfrage der
42 Grundrisse, a. a. 0., S. 71 5 .: marxistisch-leninistischen Ästhetik in der Gegenwart. V ersucht
43 Zur Kritik der politischen Ökonomie. (Manuskript 1861 bis 1863), wird, «einen theoretischen Ansatz - historisch wie systematisch -
a. a. b., S. 116 zu entwickeln, von dem her künstlerische wie außerkünstlerische
44 Das Kapital. Erster Band, a. a. 0., S. 348
Beziehungen gleichermaßen in ihrer Spezifik zu erfassen sind.»
45 Das Kapital. Dritter Band, a. a. 0., S. 101
(S. 5). Im Kapitalismus war die marxistisch-leninistische Ästhe-
46 Das Kapital. Erster Band, a. a. 0., S. 449 f.
47 Wladimir 1. Lenin: Wirtschaftlicher und politischer Streik, in: Werke,
tik durch die Erfordernisse des Klassenkampfes besonders auf
Bd. 18, Berlin 1968, S. 73 die Kunst orientiert. Unter der Herrschaft des Kapitals kann
48 Wladimir 1. Lenin: Die große Initiative, in: Werke,! Bd. 29, Berlin das Proletariat keine dem eigenen Klasseninteresse entsprechen-
1971, s. 421 f. de umfassende gestalterische Praxis, bezogen auf das gesamte
49 Ebenda, S. 419 System der Lebensbedingungen, ausbilden. Es muß in der Ebene
50 Ebenda, S. 417 f. der ästhetischen Wirkungsmöglichkeiten vor alfem danach stre-
51 Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Berlin 1976, ben, eigene künstlerische Verhältnisse zu entwickeln. Während
S. 74 f.
bereits im Imperialismus das Überschreiten des Kunsthorizonts
für den ideologischen Kampf der Arbeiterklasse notwendig wird,
erweist sich dieses für den Sozialismus als eine Aufgabe von
größter praktischer Dringlichkeit. Eine im,Begriff der Kunst be-
fangene Ästhetik versagt gegenüber den Fragen det sozialisti-
schen Gestaltung der gegenständlichen und räumlichen Lebens-
bedingungen und gegenüber den komplexen Problemen der Ent-
wicklung der sozialistischen Lebensweise nicht in dem einfachen
Sinne, daß sie Antworten versagen muß, sondern in dem, daß
in ihren flüssig paraten Antworten die Möglichkeiten des Sozia-
lismus unerschlossen bleiben und die Konkretheit kommunisti-
scher Perspektive verdeckt wird.
Der Versuch, den Ansatz einer Ästhetik vorzustellen, wie e.r
durch den Kampf um den Sozialismus, durch den Sozialismus
selbst und besonders durch den Übergang von dem Sozialismus
in die zweite Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation
notwendig bestimmt ist, verdient Aufmerksamkeit und Aner-·
10* 147
kennung auch dann, wenn sich seine konkrete Form nicht als Das Ästhetische und der Grundwiderspruch

tragfähig erweist. Und das gilt hier. Und m~hr. Ästhetik heute des ästhetischen Verhältnisses
hat mich arg enttäuscht. Geblieben ist mir ein trotziges Wohlbe-
hagen an der eigenen Konzeption. Bruno Flierl schrieb in einer Der theoretische Kern von Ästhetik heute ist die als konzeptio-
Rezension, die Autoren würden mich «als Gewährsmann in Fra- neller Ansatz vorgestellte <<Grundthese: Der spezifische Wider-
gen des gegenständlichen Verhaltens der Menschen zitieren». 2 Ein spruch des ästhetischen Verhältnisses ist der dialektische Wider-
solcher Eindruck kann vielleicht entstehen, aber er trügt. Tat- spruch zwischen Gebrauchswert und Gestaltwert.» (S. 197). ,Ob
sächlich kokettieren die Autoren von Ästhetik heute nur mit deni es sich hier wirklich um den Grundwiderspruch des ästhetischen
Anspruch, die Beschränkung der Ästhetik auf die Begrifflich- Verhältnisses handelt und ob die Auffassung, für alle komple-
keit der Kunst zu überwinden. Ihre Konzeption ist unter dem xen Beziehungen einen Grundwiderspruch auffinden zu müssen,
Anschein, die Befangenheit der Ästhetik in den Kunsthorizont nicht zuerst auf ihre Berechtigung hin befragt werden sollte, ist
aufzuheben, eine artistische und in sich logische Wiederherstellung jetzt nicht zu erörtern. In dell;l Fassen der Beziehung von Ge-
desselben auf einem Umweg. Wenn heute einige die Architektur brauchswert und Gestaltwert als Widerspruch ästhetischer Ver-
oder die Produkte der industriellen Formgestaltungen als Kunst hältnisse ist ein außerordentlich produktiver theoretischer Ent-
bezeichnen und hierbei noch als Anwälte ideologischer Ansprüche· wurf gegeben. Daß die so gebildeten mannigf::iltigen Denkmög-
auftreten, regt mich· das nicht 11\ehr auf. Im wachsenden Maße'/ lichkeiten durch die Autoren auch nicht annähernd umrissen
wird begriffen, daß sich in solchen Auffassungen über die Ar-. wurden, ist auch eine vorzügliche Herausforderung an andere,
chitektur und über die industrielle Formgestaltung nur ein be- hier mitzuwirken. Allerdings ergibt sich die Zurückhaltung in
trächtliches Unverständnis des besonderen Charakters der Ar- dieser Hinsicht vor allem aus der durch den entwickelten Be-
chitektur und der industriellen Formgestaltung äußert. Es spricht griff des Äst-hetischen selbst ge'setzten Gesperrtheit gegenüber
sich langsam herum, daß etwa praktisch-gegenständliche Kon- den formell eröffneten Inhalten. Dieser Begriff des Ästhetischen
sumti~nsmittel ästh>etische Erw11rtungen erfüllen müssen, darum isrdie Grundlage des faktischen Verharrens in der Absolutset-
aber keine Kunstwerke sind. Und gerade in diesem Prozeß der zung des Kunstbegriffs für die Ästhetik und die dogmatische
Erhellung, dem nur einige-Institutionen würdig widerstehen, 3 Klammer, welche die Entfaltung des für die Ästhetik viel ver-
ist die Verführungskraft einer Arbeit, die in vielen außerordent- heißenden theoretischen Ansatzes verhindert. Bis auf eine Aus-
lich wertige theoretische Ansätze und Entwicklungen bietet, und nahme, die noch näher besprochen wird, ist bei 1llen Variatio-
die vorgibt, diese gesellschaftlichen Erfordernisse und Einsich- nen, welche die verschiedenen Definierungen des Ästhetischen
ten in dem .theoretischen Ansatz einer Ästhetik auszudrücken, geben, ein gemeinsames Grµndverständnis in der Beschränkung
aber in der Durchführung genau das wieder herstellt, was auf- des Ästhetischen auf das Kontemplative bekundet. «Das ästhe-
gehoben werden sollte, unermeßlich. ; tische Verhältnis ist ein aktiv-wertendes, direkt (indirekt) kon-
Diese Kritik sucht nicht alle Aussagen auf, die kritisiert wer- stitutiv sinnliches, von der Dominanz unmittelbaren, instrumen-
den könnten, sondern die Konzeption. Sie folgt der inneren talen Gebrauchs relativ freies Verhältnis der Individuen zu Ge-
Logik von Ästhetik heute mit dem Ziel, deren Voraussetzungen · genständen und Ereignissen, zu sich und zueinander ... >> (S. 2.32).
anzugreifen und zu negieren. Eine methodische Einseitigkeit Nun besteht zwischen dem Gesichtspunkt des aktiv wertenden
der Argumentation ist schon durch den möglichen Umfang dieses und dem des vom instrumentalen Gebrauch relativ freien Ver-
Beitrages erfordert. Diese Kritik ist damit nicht allen gebotenen haltens eine Deutungsmöglichkeit, welche sich der Behauptung,
Aspekten und Differenzierungen gerecht, aber, wie ich hoffe, das Kontemplative würde hier isoliert und in seiner Relevanz
dem Ganzen. Denn dieses ist die Konzeption, der manches nur für das Ästhetische v(i:rabsolutiert,'nicht einfach fügt. Eindeutig
anhängt. ist, daß nur ein Typ des Verhaltens als ästhetisch relevant aus-
gegeben wird. Und durch die Entwicklung dieser Bestimmung
des ästhetis.chen Verhältnisses wird klar, daß dieses Verhalten
durch die Charaktere künstlerischer Rezeption gekennzeichnet
ist. Die Möglichkeit einer ästhetischen Beziehung, die auf. der
Dominanz. technischer oder praktischer Funktionalität gegen-

148 149

über der Wahrnehmungsform beruht, ist durch die gegebene unterschiedliche theoretische Relevanz der verschiedenen Sinne
Auffassung des ästhetischen Verhältnisses bereits ausgeschlos- nicht unreflektiert einer Theorie der ästhetischen Sinnlichkeit
sen. Der praktische Lebensprozeß der Menschen ist damit von unterstellt werden. Ist es richtig, bestimmten sinnli.chen Fähig-
dem Reich des Asthetischen getrennt. Ausgesagt wird, daß ästhe- keiten jede ästhetische Wertigkeit abzusprechen? Ist das entfal-
tisches Verhalten «nur unter der Voraussetzung relativer Frei- tete ästhetische Erleben nur auf das Organ gestützt, welches den
heit von der Dominanz unmittelbarer Zwecksetzung, der Be- spezifischen Sinnesreiz vermittelt, oder umfaßt es die ganze Sinn-
gierde, der Notdurft zustandekommt, das heißt im uneigen- lichkeit des Menschen? In den Körper- und Bewegungsempfin-
nützigen kommunikativen Gebrauch per sinnlichen Genuß, der dungen der Menschen gibt es eine ästhetische Dimension, die
nicht Verbrauch und Verzehr ist ... » (S. 2 72). Der rationelle nicht nur beachtet sein muß, um wesentliche Momente der Ent-
'Kern, der in dem Gesichtspunkt der relativen Freiheit gegen- wicklung des Stils, so die Wandlung tektonischer Haltungen, zu
über der Dominanz unmittelbarer Zwecksetzung enthalten ist, erklären. Die Individuen reagieren doch ästhetisch nicht nur
findet in dieser Sprache nicht nur eine falsche Form, weil auch auf gestaltprägnante Realität, sondern vor allem auf ihre Situa-
das Asthetische. durch die Begierde gefaßt und als Zweck un- tion, in der sich die Mannigfaltigkeit der Bestimmungen ihres
mittelbar gesetzt sein kanh, sondern auch eine total verkehrte Seins zusammenfaßt.
inhaltliche Gestalt. Asthetisch wertig ist so das Brot nicht mehr Schließlich wird der Geruchssinn in die gesetzten Grenzen
für den Hungrigen, der es kaut, im Speichel löst, schmeckt und gewiesen, weil es unangebracht ist zu sagen, es rieche schön oder
im Schlucken sein Ringleiten zum Magen ·spürt, sondern nur für tragisch. Das soll nicht bestri~ten werden. Aber in solcher Weise
die bloß anschauende W ahrnehinung des Satten oder des über- argumentieren, bildet doch die Vorstellung, eine konkrete ästhe-
sättigten. Da aber für den Sinn des Übersättigten nicht das ein- tische Analyse könnte mit Wertungspolaritäten wie «schön» und
fache Brot, sondern nur das konditorische Kunstwerk Torte «häßlich>> auskommen. Daß sich auch das Tragische wie der Ge-
ästhetisch wertig ist, haben es die Autoren von Ästhetik heute ruch nicht der Beziehung von Gebrauchswert und Gestaltwert
nicht versäumt, ihren Begriff des ästhetischen Gegenstandes nicht ohne besondere Willkür zuordnen läßt, wurde leider übersehen.
nur wahrnehmungs-, sondern auch ge_stalttheoretisch so zu kon- In ihrer Polemik war es den Autoren nicht immer möglich, die
kretisieren, daß in die Objektwelt des Asthetischen nicht noch durch Sprache klar gefaßten Aussagen anderer entsprechend
menschliche Lebensmittel wie Brote dazwischengeraten. Das ist zu erkennen. So zitieren sie eine Außerung von Günther K. Leh-
ein thematischl!r Vorgriff. mann, die ich grundsätzlich teile, «daß ästhetisches Gestalten
Dieser von der materiell produzierenden und von der prak- jedem menschlichen Akt der Aneignung oder Umweltveräqde-
tisch-konsumtiven Lebenstätigkeit des Menschen abgehobenen rung eigen ist>> (S. 463). Mit dem Ausdruck «menschliches Gestal-
Auffassung des Asthetischen entspricht die Konzeption der Sinn- tern> drückt Lehmann aus, daß die reduzierte Tätigkeit des ab-
lichkeit, die auf die .überhöhte Bedeutung des Gestaltaspekts solut den Ar~itsbedingungen untergeordneten Teilarbeiters hier
für die Asthetik gestützt ist. Über den Geschmacks- _und über genausowenig gemeint ist wie die dürftige Erfüllung einer durch
den Geruchssinn wird ausgesagt, daß trotz <<ausgeprägter Ge- drastische Not fixierten und gesteigerten Begierde. Wenn ihm
brauchswertbeziehungen im Bereich dieser beiden Sinne ... die nun unterstellt wird, «eine Gleichsetzung von menschlicher Le-
wesentliche Grenze für die Bedeutungslosigkeit in der ästheti- benstätigkeit und ästhetischen Verhältnissem> (ebenda) zu vertre-
schen Aneignung di~ fehlende Gestaltprägnanz>> (S. 2 55) ihrer ten, ermöglicht das zwar den Autoren die Kritik einer Auffas-
Objekte ist. Dieses wird durch den Hinweis ergänzt, daß «diese sung, von der sie glauben, sie widerlegen zu können, aber sie
Sinne eine relativ begrenzte Erkenntnisfunktion» haben. Zweifel- widerlegen nicht die Auffassung von Lehmann. Und wenn sie
los handelt es sich hier um ein interessantes Problem, und die schreiben: <«Menschliche Akte der Aneignung> wie Essen und
von den Autoren gefaßten Gesichtspunkte möchte ich nicht ein- Trinken, sexuelle ~eziehungen, Arbeiten müssen keineswegs
fach abweisen. Aber in der Art, in der sie es entwickeln, zeigt ästhetische Verhältnis.Se herausbilden oder gar ästhetisch gestal-
sich ihre Vorliebe dafür, mehr Fragen zu beantworten, als ge- tet sein.» - ist so eine offenskhtliche Sinnverkehrung erfolgt. Be-
stellt werden, und nichts offen zu lassen. Wenn die Auffassung hauptet wurde, daß diesen Akten ästhetisch Gestaltendes eigen
der ästhetischen Aneignung nicht mehr in strikter Analogie zur ist, und kritisch reflektiert wird die Frage, ob' diese Akte selbst
theoretischen Erkenntnis gebildet werden soll, kann doch die ästhetisch gestaltet sein müssen. Es ist einsichtig, daß, gesehen
I jl
150
von der Konzeption des Ästhetischen, wie sie be~onders nach der zweck besteht nur darin, daß er dazu führt, «die Formgebung
Seite der Sinnlichkeit in Ästhetik heute gegeben ist, nicht nur im Interesse der -Verleugnung des konkreten Produktcharakters,>
Essen, Trinken und Arbeiten, sondern auch die praktische Sexua- anzuwenden. Ein feiner Selbstzweck! Vielleicht werden die Au-
lität in nahezu jeder Entfaltung problematisch ist. Denn hier toren noch einmal herausfinden, um wessen Interessen und um
sind nicht nur Geruch und Geschmack im Spiel. Dieses Ganze welchen Zweck es sich hier handelt. Heute treten sie in dem
ist ja letztlich nicht auf die theoretische Sinnlichkeit von Auge, Widerstreit ihrer Extreme erst einmal als Vermittler auf, for-
Ohr und Hand, sondern auf die untheoretischen Empfindungen dern sie, diese Gegensätze zur Synthese zu bringen. <<Und wenn
der Genitalien gegründet. Hier können nur Artisten und Heilige wir gegen diese Extreme betonen, daß eine Produktgestalt erst
vor den hohen Anforderungen ästhetischer Wertung bestehen. dann ästhetischen Charakter gewinnt, wenn sie nicht gänzlich
dem materiellen Gebrauchszweck untergeordnet ist, sondern
wenn über Sachlichkeit und Materialgerechtigkeit hinaus die
Ornament und Stadt Objektivierung geistiger Subjektivität in den Grenzen und mit
den Mitteln materiell-technischer Gestaltung als dialektisches
Offen gesagt, der erste Teil könnte als ein Spaß }Veggelasseri Spannungsverhältnis zwischen praktischer Zweckmäßigkeit und
werden, wenn es nicht um den zweiten ginge. War zuerst noch relativen Selbstzweck wesentlich sein sollte, also auch das tech-
eine gewisse Heiterkeit möglich, um auf die Hartstellen der nisch Funktionslose die Konstruktion unterstützen, ihre Mittel
Theorie nicht zu roh aufzuschlagen, so tritt jetzt der Ernst des andeuten und zugleich die Funktion paben sollte, als übertra-
Lebens unverhüllt hervor'. Hier sind große praktische Entschei- ' gende Gebärde die Handschrift des Subjekts Zlll zeigen, so also
dungsfragen für unser Leben aufgeworfen, auf welche die Au- Kqnstruktion und Ornament zur begründeten Synthese zu brin-
toren von Ästhetik heute Antworten gegeben haben, die von ver- gen wären - so ist das auch eine verbalisierte Norm.» (S. 324/
blüffender Klarheit sind. 325). Diese gestaltungsprogrammatische Aussage ist auch dar-
Weil die Autoren den unmittelbar durch die praktische LeJ um interessant, weil die welta~chaulichen Voraussetzungen mit
benstätigkeit ermöglichten ästhetischen Genuß negieren, kön- umrissen sind. Einige Elemente dieser Aussage sollen bedacht
nen sie auch die technischen und praktischen Gegenstände nur werden.
in ihrer bekunsteten Gestalt als ästhetisch wertig anerkennen. Das Ornament wird zum obligatorrschen Attribut der ästhe-
Auf dem Gebiet der Produktgestaltung unterscheiden sie zwei tischen Wertigkeit technischer und praktischer Gegenständlich-
Ext1:eme: «Auf der einen Seite bestand das Ziel der absoluten keit erklärt. Große Bereiche der Industrie, der technischen und
Dominanz der praktisch'en Zweckmäßigkeit, der Ableitung jedes auch der praktißchen Gegenstände sind damit als ästhetisch
Details aus der Funktion des Gegenstandes. Das bedeutet Orna- unwertig charakterisiert, und es ist eine Orientierung der ge-
mentfeindschaft. Auf der anderen Seite bestand das Ziel der ab- samten gestalterischen Praxis gegeben, die nicht kommentiert
soluten Dominanz des gestalterischen <Selbstzwecks> gegenüber werden muß. 4 Zugleich tritt der verborgene Mechanizismus der
der praktischen Zweckmäßigkeit. Das bedeutet ein sehr positi- Gestalt- und der Gestaltungskonzeption von Ästhetik heute
ves Verhältnis zur Formgebung im Interesse der Verleugnung · hier deutlich hervor. Es ist die Vorstellung, daß der Gegen-
des konkreten Produktionscharakters.» (S. 324) stand schon irgendwie technisch konstruiert und realisiert da ist
Eine ästhetische Gestaltungskorizeption praktischer Gegen- und dann gestaltet werden muß. Ohne ästhetische Gestaltent-
stände und eine gestalterische Subjektivität, für welche sich di~ scheide ist aber kein praktischer Gegenstand zu bilden. Ästhe-
Frage der Dominanz des Praktischen in der Gestalt überhaupt tisches Gestaltungsvenpögen ist wie die Denkfähigkeit eine
nicht stellt, weil sie die Konturen der Gestalt allein in den prak- Produktionsbedingung. Wenn das Ästhetische nicht Eigenschaft
tischen Lebenserfordernissen sucht, die ja gesellschaftliche, kul- des Praktischen selbst ist, muß es an den praktischen Gegen-
turgechichtlich gewordene sind, ist hier ausgeschieden. Die stand herangetragen werden, indem ·dieser von der Dominanz
funktionalistischen Gestaltungstraditionen sind so beiläufig ab- des Praktischen · emanzipiert wird. Zu fragen bleibt nur, ob
getan. Ein' «sehr positives Verhältnis zur Formgebung>> haben diese Voraussetzung stimmt, ob sie auf einem marxistisch-leni-
alle~n die Ornamentiker, ihre edlen Kunstübungen verkörpern nistischen Begriff der Praxis beruht. Es fällt schwer, diese Frage
zugleich den Selbstzweck. Eine Schwierigkeit mit dem Selbst- eindeutig bejahend zu beantworten, wenn die Beziehung von_
152 ' 153

«praktischer Zweckmäßigkeit und relativem Selbstzweck» prin- konstruktive Herstellungsbedingungen birgt die Gefahr des ein-
zipiell als solche einander äußerlicher Bestimmungen gefaßt geschränkten Gebrauchs: technische und konstruktive Gesetze
wird. Und das ist keine Deutung, die der Kritiker am Gegen- sind ärmer als die realen Gebrauchsbedingungen des biologisch
stand einer isolierten Formulierung zu einem Weltanschauungs- wie sozial determinierten Menschen.>> (S. 447). Der Ausgangs-
symbol hochstilisiert, sondern eine theoretische Voraussetzung der punkt ist hier die Feststellung, daß den <«konstruktivistischen> und
gesamten Konz,eption des Ästhetischen, wie sie von den Auto- <technizistischen> Geb'ilden eine programmatisch angelegte
ren gegeben ist. Und erst hierdurch wurde es ihnen möglich, die Orientierung auf den Gebrauch in der Konsumtion fehlt, wie
pseudokritisch verkehrte Funktionalismuskritik Adornos andäch- sie dem Funktionalismus eige.n ist>>. Es ist, verglichen mit der
tig nachzusprechen. <<Fast jeder Verbraucher wird das Unprak- zitierten-Äußerung von Adorno und den Auffassungen der Au-
tische des erbarmungslos Praktischen an seinem Leib schmerz- toren von Ästhetik heute, bis auf einen, das gleiche Leiden,
haft gespürt haben.>> (S. 316). Es ist also nicht die Aufgabe, welches hier diagnostiziert ist, aber eine andere Diagnose. Die
entfaltet praktische Lebensbeziehungen durch die Überwindung einen b~haupten, der Mangel beruhe in einer zu umfassenden
des Kapitals zu erkämpfen. Nach Adorno leiden die Menschen oder gar ausschließlichen Anerkennung des Praktischen in der,
am Übermaß dessen, was ihnen faktisc-h fehlt. Derartige Kritik Gestalt, und der andere meint, das Gegenteil sei zutreffend.
gefährdet die Macht der imperialistischen Bourgeoisie nicht, Zwischen beiden Standpunkten ist nur eine eklektische Vermitt-
weil sie nicht die kommunistischen Ideale des Proletariats, son- lung möglich.
dern die Illusionen des Kleinbürgers ausspricht. In diesem bezogen auf Ästhetik heute objektiv gegenkonzep-
Die offenbarte Wahrheit von Ästhetik heute ist das Orna- tionellen Teil ist nun auch eine Form des ästhetischen Genusses
ment. Im Ornament haben künstlerische und ein Teil der außer- gefaßt, der nicht auf dem dominant kontemplativen Verhalten
künstlerischen Realität in ästhetischer Hinsicht ihre Klammer. zum Gegenstande, sondern im praktischen Gebrauch desselben
Da aber das Ornament selbst eine ansetzende Kunstform ist, beruht. <1Funktionalismus reduziert nicht ästhetischen Genuß, son-
bleibt die Spezifik des Ästhetischen außerhalb der Kunst uner- dern integriert ihn der Tätigkeit und nicht lediglich der An-
schlossen. In dem Teil über industrielle Formgestaltung wird schauung.>> (S. 451). Von hier wird eine besondere ästhetische
die hier als Gegenstand der Kritik nachgezeichnete Konzeption Wahrnehmungsweise erkennbar. <<Ästhetischer Genuß durch
des Ästhetischen durchbrochen. Auch andere Teile der Arbeit Kontemplation wird funktional orientierten Produkten nur ge-
ordnen sich ihr nicht immer ganz ein, aber dieser steht ihr so recht, wenn in ihm das sinnliche Begreifen seiner Gebrauchs-
konträr entgegen, daß er eine selbständige konzeptionelle Be- funktion enthalten ist.» (S. 551). Die Ausbildung einer solchen
deutung erhält. Hier wird klar und theoretisch überzeugend Wahrnehmungsfähigkeit, die natürlich von einer nur am Kunst-
zwischen technisc!Jen und praktischen Gegenständen und nach modell orientierten Ästhetik her überhaupt begriffen werden
der Seite der Gestaltungsweise zwischen Technizismus, Kon- kann, ist für die Gestaltung der gegenständlichen und der räum-
struktivismus und Funktionalismus unterschieden. Es sind dieses lichen Lebensbedingungen im Sozialismus außerordentlich wich-
Differenzierungen, die sonst in Ästhetik heute selten scharf ge- tig. Am Beispiel der Architektur könnte gezeigt werden, welche
faßt werden. Aber erst auf ihrer Grundlage kann auch erklärt großen Möglichkeiten verbaut wurden, weil die Hinwendung zu
werden, daß nicht in der entfalteten Praktikabilität der prakti- den praktischen Lebensansprüchen der Menschen unter dem
schen Gegenstände das menschlichen Ansprüchen Widersetzige Druck tradierter Wahrnehmungserwartungen zögernd und un-
liegt, sondern in den Gestalteigenschaften des ,technizistischen zureichend erfolgte. Selbstverständlich ist die produktgestalte-
und des konstruktivistischen Formalismus, die gegenüber der rische und architektonische Praxis im Sozialismus in besonderer
tradierten subjektiven Ornamentik nur eine andere Form der Weise ein gesellschaftlicher Lernprozeß. Eben darum gilt es,
Negation der Würde des Praktischen bilden. So wird nicht nur die theoretischen Schlußfolgerungen sorgfältig zu wägen.
durch allgemeine weltanschauliche Bestimmungen, sondern auch Der Vernbsolutierung des Ornaments durch Ästhetik heute
durch die gestaltungstheoretische Analyse deutlich, daß der Af- entspricht eine gleichartige Entwicklung der Stadtkonzeption.
front gegen eine vorgestellte übermacht des praktisch Zweck- Die als <<V erstädtischung des Landes>> begriffene Urbanisierung
mäßigen im Gegenstand aus falschem Bewußtsein erwächst. ist nicht als Form einer bestimmten sozialökonomischen Vermitt-
<<Die rigorose.und rücksichtslose Orientierung auf technische und lung der Vergesellschaftung, sondern als <<Folge und Form der
154 l5j
Vergesellschaftung>> (S. 413) aufgefaßt. Eine Auseinanderset- - wie früher - über die Austauschbeziehungen des Marktes, son-'
zung mit der kommupistischen Raumkonzeption von Marx, En~ dem unmittelbar als gesellschaftliche.>> (S. 20)_ Nun ist in der
gels und Lenin erfofgt nicht. 5 Einige Texte von Marx werden bezeichneten Ebene der Widerspruch des Kapitalismus nicht der
so zitiert, daß der nicht besonders in dieser Frage kundige Leser von privater und gesellschaftlicher Arbeit, sondern der von ent-
zu der Vorstellung gelangen muß, dieser hätte aus der Anerken- wickelter Vergesellschaftung der Produktion und kapitalistischem ,
nung der die Lebensweise revolutionierenden Rolle der Groß- Eigentum und somit entsprechender Aneignung. Und dieser Ant-
städte und ihrer Bedeutung für die Entwicklung und für den agonismus wird nicht im Sozialismus aufgehoben, vielmehr ist
Befieiungskampf des Proletariats gefolgert, die Stadt müsse der Sozialismus seine A1,1fhebung. Um diese Eigenschaft des So-
auch als die bestimmende räumliche Lebensform des Kommunis- zialismus zu yerstehen, muß aber gezeigt werden, wodurch der un-
mus aufgefaßt werden. Selbstverständlkh wollen wir die Texte mittelbar gesellschaftliche Charakte~ der Arbeit hier real ist.
der Begründer der Weltanschauung des Proletariats und des Und hierbei stoßen wir auf die interessante und nicht nur das
Kommunismus nicht als heilige Offenbarungen, die nicht tnehr Attribut «dialektisch>>, sondern dialektisches Denken erheischen-
auf ihre Gültigkeit zu befragen sind, lesen und einsetzen. Aber de Tatsache, daß diese Unmittelbarkeit über die Funktion _so-
sie sind uns doch in jec;lem Falle eine geistige Herausforderung. zialistischer Politik in bestimmtem Maße durch Warenbeziehun-
Die Aufhebung der Stadt in räumlichen Lebensbedingungen, gen vermittelt ist und daß sie von den Individuen durchaus auch
<<welche ... die Vorteile sowohl des städtischen wie des Land-- über Austauschbeziehungen erfahren wird. Durch die Vernach-
lebens in sich vereinigen, ohne die Einseitigkeiten und Nach- lässigung 'wesentlicher Widersprüche der· sozial-ökonomischen
teile beider Lebensweisen zu teilen>>, 6 kann vor allem -aus öko- Grundlagen des Sozialismus wird es für die Autoren weder not-
nomischen Gründen noch keine Aufgabe des Sozialismus sein. wendig noch möglich, die besondere Bedeutung der politischen·
Aber eine Terminologie zu entwickeln, welche diesen Entwurf Beziehungen des Sozialismus für die Entwicklung der ästhe-
ausschließt, heißt, sich bereits heute massenhaft artikulierenderr tischen Kultur desselben hinreichend zu erfassen. Zum anderen
Bedürfnissen zu verschVießen: Der Bürger, der seine Parzelle ist von einem derartigen sozialismustheoretischen Ansatz auch
einzäunt und seinen Bungalow baut, reagiert, wenn auch in nicht mehr nach spezifischen Widersprüchen der Entwicklung der
problematischer Form, auf Widersprüche seiner räumlichen Le- Lebensweise und der Formierung der gegenständlichen und
bensbedingungen, welche die Autoren-zumindest in ihrem Den-· räumlichen Lebensbedingungen zu fragen. Von solcher Auffas-
ken als Theoretiker nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen ge- sung des Sozialismus her kann dessen Bewegung zur zweiten
geneigt sind. Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation nur als Evo-
Innerhalb solcher Darlegung der Verstädterungsprozesse in lution, nicht mehr als zugleich tiefgreifende und umfassende re-
diesem Jahrhundert erhält. der Gebrauch statistischer Aussagen volutionäre Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse,
über diese eine argumenderende und apologetische Funktion. der Lebensbedinguhgen und der Lebensweise begriffen werden.
Es zeigt sich, daß die Autoren so im Banne der vorherrschen- Bewunderungswürdig ist die logische Entwicklung der grund-
den Praxis stehen, daß sie die Zukunft nur als deren Auswei- legenden Positionen von Ästhetik heute. Von der kun~tkonzep- ·
tung und Idealisierung begreifen. Das ergibt sich auch aus ihrer tionellen Durchführung des theoretischen Ansatzes zum Orna-
Auffassung des Sozialismus. Im Gegensatz ZU Marx meinen sie, ment, dann die perspektivische Allgemeinsetzung der Stadt als
daß die von ihm metaphorisch als «Muttermale» bezeichneten räumliche Lebensform. Schließlich die unbegriffene und wenn
Eigenschaften bereits mit der Verwirklichung der Grundlagen auch verkehrt, so doch angearbeitete Logik der bestimmten Be-
des Sozialismus vollständig überwunden werden und daß es ziehung von Gegenstand und Raum als die von Ornament und
sich bei diesen in. jeder Hinsicht um dem Sozialismus äußere Er~ Stadt: Die, Unterordnung der Okonomie des praktischen Le-
scheinungen handelt. 7 Über die Unmittelbarkeit der gesellschaft- ' bens der Menschen unter die Produktionsökonomie der räum-
liehen Arbeit im Sozialismus wird ausgesagt: <<Der antagonisti- lichen Lebensbedingung~n findet ihre ökonomisch und psychisch
sche Widerspruch von privater und gesellschaftlicher Arbeit wird notwendige Vermittlung in der am praktischen Gegenstand vor-
im Sozialismus beseitigt, denn durch die Rückgewinnung der geführten Überproduktion, dem Ornament. Der Sozialismu~
Identität von Produzenten und Eigentümern erfahren die Werk- kann diese Beziehung noch nicht vollständig aufheben. Aber
tätigen den gesellschaftlichen Charakter ihrer Arbeit nicht mehr i das Bewußtsein von diesem Widerspruch und von den Methoden
15 6 157
und Inhalten seiner Lösung kann sich bereits als praktisch wirk- nen Grundformen ästhetischer Rezeptionsbedingungen, techni-
sam erweisen. Es zielt nicht auf singuläre, sondern auf variable sche, praktische, architektonische, künstlerische und natürliche,
Gestaltungskonzeptionen und provoziert mehr Fragen, als es nach diesen spezifisch entsprechenden Bildungsgesetzen der
Antworten bietet. ästhetischen Emotionen zu fragen wäre, ist auch hier durch die
große Sicherheit der Autoren ausgeschieden.
Der Widerspruch zwischen Sein und Meinen, zwischen der
Die Kunst faktischen Verfestigung einer rationilistischen Konzeption des
.Ästhetischen und dem Anspruch, diese überwunden zu haben,
Endlich bei den schönen Künsten angelangt, wollen und können führt nun zu eigenartigen Verwicklungen. «In ästhetischer An-
wir uns wieder etwas gelöster bewegen. Die Abhandlung dieses eignung .und Kunst werden Gefühl und Verstand gleicher-
Gegenstandes hier ist mehr eine Frage des Anstandes als der maßen angesprochen, wenngleich ihr Ideengehalt niemals
Neigung. D~ die .Autoren von Ästhetik heute, wie wir gesehen schlechthin ins Begrifflich-Rationale übersetzbar ist. Das wäre
haben, auch dann im Geiste bei der Kunst waren, wenn sie von eine 1hnen nicht gemäße, da ihre Spezifik negierende und
anderem sprachen, könnte die Ausklammerung dieses Themas ignorierende Forderung.>> (Ebenda). Dieses Spezifische ist al-
als taktlos empfunden werden. Und das vor allem, weil hierzu so; wie bereits gezeigt, selbst als Idee, Ideengehalt, aufge-
viele theoretisch aufschlußreiche und anregende Überlegungen faßt und nur in der Form gesondert, daß es sich um einen
in ihrer Arbeit zu finden sind. Es sollen nur zwei Aspekte her- nichtrationalen, um eine~ begrifflich unaussprechbaren Ideen-
ausgegriffen werden. Und dlas sind sol_che, die besonders deut- gehalt handeln soll. Und das ist eine ungeheure Entmach-
lich die allgemeine Konzeption des .Ästhetischen, wie die Auto- tung des humanistischen Inhalts des Begriffs der Idee, Die
ren sie entwickelt haben, ausdrücken. Behauptung eines Ideengehalts, der nicht mehr gewußt, der be-
Das ist zuerst die Frage nach der Erkenntnisfunktion der grifflich unaussprechbar, logisch nicht zu entwickeln und zu kon-
Kunst. Der Versuch, die ästhetische und künstlerische Aneig- trollieren, der keine im Denken gefaßte Vereinbarung mensch-
nung als spezifische und gegenüber den Formen theoretischer lichen Verhaltens als Vernunft, ~eil ein nicht <<schlechthin ins
Aneignung der Wirklichkeit gleichrangige zu erfassen, bleibt Begrifflich-Rationale übersetzbarer Ideengehalt>> ist, erweist sich
weitgehend inhaltlich unerfüllt, weil auf eine hintergründige Ar-t als eine irrationalistische Unterwanderung des Begriffs der Idee.
das .Ästhetische trotz vieler gegenteiliger Bekenntnisse am Funk- Das ist sicher nicht die Absicht der Autoren. Die theoretische
tions- und Wertschema theoretischer Aneignung gemessen wird. Mystifikation', die in der Vorstellung eines nicht begrifflich-ratio-
Die Autoren sehen sich als rechte Anwälte der Kunst und bieten nalen Ideengeh.alts ganz unabhängig von der Frage nach seiner
einer <<in ästhetischen Fragen nicht allzu urteilssicheren Praxis>> Übersetzbarkeit ins Begrifflich-Rationale liegt, ergibt •sich für
ihre Hilfe (S. 48). sie auch, weil sie die abstrakte Gegenüberstellung von Bild und
Obgleich sie sich dagegen wenden, «die wissenschaftliche Er- Begriff-nicht als falsch begreifen und schließlich das Erleben von
kenntnis als die Norm,. als das allein gültige Muster geistiger Kunstwerken so theoretisch darstellen, wie er erscheint. Damit
Aneignung der Welt» (S. 46) zu setzen, bleiben sie einer im übersehen sie, daß, nach der Funktion der Erkenntnis gefaßt, die
Wesen rationalistischen Auffassung des .Ästhetischen nicht nur Rezeption von Kunstwerken wesentlich durch den Doppelcha-
in ihrer Theorie der Sinnlichkeit, sondern auch in der Bestim- rakter ihres Seins als objektiviertes Bewußtsein und als Er-
mung der ästhetischen Emotionalität verhaftet. <<Bei den ästhe- kenntnismittel bestimmt ist. Die Unerschöpflichkeit von Kunst-
tischen Gefühlen handelt es sich, wie der sowjetische Psychologe werken beruht nicht nur in der Offenheit der vom Künstler
S. L. Rubinstein schreibt, um <höhere>, sogenannte intellektuelle gebildeten Inhalte, sondern zugleich in der Produktivität des re-
Gefühle. Das heißt, die Emotionalität des ästhetischen Erleb- zipierenden Subjekts. Wie diesem das .Ästhetische als unrela-
nisses ist stets rational gerichtet ... >> (Ebenda). Die ästh_etische tionistische, ihm nur äußere Eigenschaft von Objekten erscheint,
Emotionalität hat also keinen in sich gefaßten, sondern einen so erfährt es auch den selbsterzeugten, ihm eigenen Bedeutungs-
ledig durch die Beziehung zum Rationalen und durch die modi- gehalt von Kunstwerken als bereits durch deren Gegenständ-
fizierte Eigenschaft der Rationalität gesetzten Inhalt. Daß für lichkeit gesetzten. In dieser Beziehung der ästhetischen Subjek-
unterschiedliche künstlerische Methoden und für die verschiede- tivität ist vielleicht ein Ansatz für die Entwicklung des Wider-

158 159
spruchs von Gestaltwert und Gebrauchswert in seiner ästheti- Selbstbewußtsein eines leibeigenen Bauern etwa war weder not-
schen Eigenheit gegeben. Er zeigt sich als Beziehung von wendig noch möglich durch wissenschaftliche Erkenntnisse zen-
Konstanz und Varianz, von objektivierter und aktueller Subjek- 1
' triert, und da~ Bewußtsein vieler Proletariet ist es heute immer
. . .. \ .
t1v1tat. _ noch nicht, was für die Erhaltung der Herrschaft der Kapitali-
Weil die Autoren von Ästhetik heute keinen hinreichend kon- sten sehr notwendig ist. Aber das gilt doch nicht für das Selbst-
stitutiven Inhalt der Kunst außer ihrer Beschränkung auf die bewußtsein des Proletariats, in -welchem es seine Wirklichkeit
Erkenntnis fassen könndn, wird deren spezifische Funktion vor und sich als den Schöpfer einer kommunistischen Gemeinsqiaft
allem durch die Grenzen der Erkenntnisfunktion der Wissen- der Menschheit begreift. Zumindest am Marxismus-Leninislnus
schaft erklärt. Die so aufgefaßte Unersetzbarkeit der Kunst ver- erweist sich diese Art Trennung von Objekt-, Selbst- und Hand-
langt ihren Raum, und wo dieser sich nicht schon bietet, muß er lungsbewußtsein als schon der Erscheinung widersprechend.
geschaffen werden. Daß es nicht ·ohne tiefgreifende Amputa- Daß nach den Voraussetzungen von Ästhetik heute das Pro-
tionen der Wissenschaft abgeht, wird durch die Rettung der blem der Spontaneität nicht ,gut zu entwickeln ist, kann einge-
Kunst vielfach wieder abgegolten. «Der Begriff spiegelt die all- sehen werden. Die ganze Psyche der Menschen ist ja bis auf
gemeinen, gesetzmäßigen Merkmale eines Gegenstandes, einer einige niedere Sinne ideeisch, und das verlangt entsprechende
Beziehung wider. Aber dieses Allgemeine ist niemals in der La- Schlußfolgerungen auch für die Auffassung der Handlung. Die
ge, den ganzen Reichtum des Besonderen und Einzelnen wieder- Argumentation der Autoren wird hier doktrinär, indem sie be-
zugeben. Im <wertorientierten Verhalten>, im Handlungsbewußt- haupten, der Begriff der Spontaneität habe gegenüber <<traditio-
sein, in der subjektzentrierten Aneignungsweise der Welt - wie neller philosophischer Auffassung (Leibniz, )Volff, Kant)>> in
Kunst und Moral usw. - wird eben nicht nur eine Tatsache oder <<der marxistisch-leninistischen Philosophie eine gegenteilige, ne-
Gesetzmäßigkeit kommentarlos abgebildet, formuliert, sondern gative Bedeutung erhalten». (S. 57). Aus erkenntnistheoretischen
auch eine bestimmte Einstellung des Subjekts dazu zum Aus- Erwägungen wird zwar ein unaufhebbarer Rest des Spontanen
druck gebracht.>> (S. p/52). Hierzu kurz: Die Wissenschaft ope- anerkannt, der aber dem bewußten Handeln negativ entgegen-
riert nicht nur mit Begriffen, und es gibt kein Besonderes, das steht und im Maß fortschreitender Erkenntnis eingeschränkt
ihr verschlossen ist. Die Wissenschaft wäre überflüssig, und kei- wird. So ist riicht mehr zu fragen,' ob unter kommunistischen
ne Gesellschaft würde immer größere Mittel zu ihrer Förderung Beding;.mgen die Bewußtheit des gesellschaftlichen Handelns
aufbringen, wenn sie kein Handlungsbewußtsein erzeugen wür- eine bestimmte Spontaneität freisetzt und ihre Entfaltung er-
de. In bestimmter Hinsicht ist die Wissenschaft genau so sehr fordert. Aus dem Kampf Lenins gegen die Anbetung der Spon-
und genau so wenig subjektzentriert wie die Kunst. Besonders taneität und den notwendigen Auseinandersetzungen mit Be-
interessant ist, wie sich die Autoren auf einen positivistischen strebungen, die Bewußtheit und Planmäßigkeit sozialistischer
Begriff der Wissenschaft stützen, um ihre theoretische Konstruk-. Praxis einzuschränken, wird die Schlußfolgerung gezogen, die
1
tion des Begriffs der Kunst zu entfalten. 8 Denn es ist eindeutig Spontaneität möglichst aufzuheben. Aber das formelle Gegen-
ausgesagt, daß nach der Auffassung der Autoren im Unferschied teil eines• Fehlers ist oft wieder ein Fehler.
zur Kunst und Moral die Wissenschaft eine «Tatsache oder Ge- Was ist von der Behauptung zu halten, die marxistisch-leni-
setzmäßigkeit kommentarlos abbildet>> und keine <<bestimmte nistische Philosophie würde die Spontaneität negativ bewerten?
Einstellung des Subjekts dazu zum Ausdruck» bringt. Zu diesem Thema wurde: 1966 ein Aufsatz von Heinrich Taut
Aus der zunächst sinnvollen aspektologischen Differenzierung veröffentlicht, der. nach meiner Wertung auf eine diale~tisch-
des Bewußtseins unter den Gesichtspunkten des Objekts, des materialistische Entwicklung dieser Problematik zielt. 9 Ich ken-
Subjekts als dem Selbst der Erkenptnis und der Handlung zu '1 ne keine kritische Auseinandersetzung mit seinen Positionen.
versuchen, eine Ortsbestimmung der Kunst zu gewinnen, heißt In jedem Falle müßten alle, die innerhalb unserer Philosophie
immer, die Methode des Lückenfüllens beibehalten. Vom Selbst- auf eine voraussetzungslos negative Bewertung des Begriffs der
bewußtsein wird gesagt: <<Seine höchste Form bilden nicht not- Spontaneität aus sind, sich unbedingt mit den Äußerungen Le-
wendig wissenschaftliche Erkenntnisse.» (S.65). Die Apodiktik nins hierzu auseinandersetzen. Etwa mit der Tatsache, daß Le-
der zuvor berührten Aussagen über Kunst und Wissenschaft ist nin in Was tun? zwischen ver~chiedenen Formen der 'Spontanei-
hier zwar aufgegeben, aber theoretisch ist nichts gewonnen.
, Das tät unterschied und eine als Keimform der Bewußtheit bezeich-
11 Kühne, Haus
160 I 6r
nete. Das Material hierzu ist außerordentlich vielschichtig und flektierung vermittelten Momente: des Lebensprozesses der Men-
nicht auf Was tun? beschränkt. So wäre zu bedenken, wie Lenin schen. Wenn, der Vorstellung der Autoren folgend, Spontaneität
mit größtem methodischem Bewußtsein in den spontan entstan- im psychologischen Sinne schließlich auch <<die Außerung sub-
denen Sowjets die Grundform einer neuen Staatsmacht entdek- jektiver Sinnlichkeit über den motorischen Apparat, die Gewalt
ken konnte, denn vom Standpunkt einer allgemeinen negativen der 'Emotionen und volitiven Kräfte, nichtrationalisierbare Vor-
Bewertung des Spontanen hätte er darauf bestehen müssen, sie gänge im rationalen Denken, Phantasie und spielerisches Verhal-
zu <;rfinden. Und wenn es als zu mühsam empfunden wird, sich ten>> (S. 71) bedeuten soll, muß sie auch notwendig als Sponta-
auf diese einzelnen Aspekte einzulassen, müßte doch unbedingt neität im sogenannten ptilosophischen Sinne im Verhalten der
die Stellungnahme dazu gegeben werden, ob die folgende Aus- Individuen - und zwar nicht nrur als Spiel - hervortreten. Und
sage Lenins aus dem Jahre 1917 ein theoretischer Irrtum ist damit ist sie immer zugleich als ein Moment der Bewegung der
oder sich in ihrer Gültigkeit auf die historische Partikularität gesellschaftlichen Verhältnisse zu begreifen. Das durch die
erschöpft: <<Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Spontaneität selbstgefällige Beugung von Begriffen zu verdecken, führt nicht
einer Bewegung ein Zeichen dafür ist, daß sie tiefe Wurzeln in zu höherer Bewußtheit, sondern vermittelt nur den Druck schlech-
den Massen hat und nicht auszumerzen ist.>> 10 Ich bin davon ter Spontaneität gegen die uns nötige, schließt die Denkwür-
überzeugt, daß hier zugleich ein für den Marxismus-Leninismus digkeit praktisch wesentlicher Probleme aus und orientiert auf
und damit auch für das Gesellschafts- und Menschenbild des unelastische, mechanistische Konzeptionen der Strategiebildung
Kommunismus unaufhebbarer und prinzipieller Inhalt gefaßt für die Entwicklung der Lebensweise und für die Gestaltung
ist. der gegenständlichen und der räumlichen Lebensbedingungen.
Allerdings strebi:-:n die Autoren von Ästhetik heute danach, Durch die Macht· der Vergangenheit eingeübte Muster werden
der zuerst gesetzten einwertigen Bestimmung der Spontaneität so als Grundbestimmungen vorgestellter Bewußtheit für die
eine gewisse Elastizität zu verleihen. So weisen sie darauf hin, Gegenwart und für die Zukunft verfestigt.
«daß der philosophische Begriff der Spontaneität vom psycholo- Wir haben gesehen, daß sich die Logik von Ästhetik heute
gischen Begriff zu unterscheiden ist>>. (S. 70). Sie unterstellen der auch im Begriff der Kunst und schließlich in der Auffassung
.Psychologie überhaupt einen Begriff der Spontari'eität im Sinne menschlichen Lebens überhaupt fortbildet. Der überrationali-
der <<Selbstbetätigung menschlicher Individuen» (ebenda) und sierten Kunst entspricht das überreflektierte Leben. Das Ver-
schreiben: <<Gegenbild der Spontaneität (im psychologischen sprechen, im dritten Teil wieder etwas heiteren Sinn aufkom-
Sinne) ist nicht die totale Rationalisierung des menschlichen Ver- men zu lassen, ist nicht eingelöst. Das hätte ich auch vorher be-
haltens, die alle spontanen Aktionen negativer Bewertung aus- greifen können. Denn zuerst ging es nur um das Ornament an
liefert.» (Ebenda). Wenn philosophische und psychologische Be- der Tasse. Dort hatten die Autoren dem gestalterischen Über-
griffe so abstrakt auseinandergelegt werden, bedeutet das selten schwang noch eine gewisse Mäßigung geboten, damit sie zum
Gutes, weil die marxistisch-leninistische Psychologie selbst eine Trinken etwas geeignet bleibt. Hier ging es aber um das Leben
Ebene der Allgemeinheit bildet, die philosophisch ist. Für die selbst, und übermächtig erschien das dem Gegenstand anhän-
Autoren ist das nur ein Kunstgriff, um sich der Fatalität ihrer gende Ornament jetzt als das am menschlichen Leben selbst an-
Voraussetzungen zu entziehen. Wenn Bewußtheit durchaus rich- setzende Gesamtkunstwerk. Da bleibt kein Lachen.
tig als, <<optimale, Reflektiertheit des praktischen Lebensprozes-
ses im ganzem> (S. 69) bestimmt wird, so bedootet «Spontanei- Anmerkungen
tät>> fehlende, nicht erkenntnismäßig adäquate oder nicht opti-
male Reflektiertheit des Lebensprozesses. Ohne das Problem 1 Ästhetik heute, Berlin 1978. Autoren: Joachim Fiebach, Michael Franz,
dieser Begriffe näher zu verfolgen, ist klar, daß beide für die Heinz Hirdina, Karin Hirdina, Günter Mayer, Erwin Pracht (Leitung),
Philosophie und für die Psychologie gleichermaßen relevant sein Renate Rescbke; Mitwirkende: Irene Dölling, Wolfgang Heise, Arno
Hochmuth, Norbert Krenzlin, Waltraud Schröder; Redaktion: Mi-
können. Wenn das nicht. gilt, liegt an einer Stelle ein Fehler.
chael Franz, Karin Hirdina, Günter Mayer, Erwin Pracht (Leitung).
Wenn die Spontaneität überhaupt als negativ wertig gilt, so ist Seitenangaben erscheinen im Text.
das zugleich eine entsprechende Wertung aller nicht optimal 2 Bruno Flierl: Aufforderung zur Diskussion, fo: form+z.weck, ;/1978,
oder nicht adäquat oder überhaupt nicht durch theoretische Re- s. 46
162 11* 163
.3 Die industriellen Formgestalter sind immer noch im Verband Bilden- malen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.» - MEW,
der Künstler der DDR organisiert. Hierzu: Karin Hirdina: Zum Be- Bd. 19, Berlin 1962, S. 20. Daß dieser Ansatz der marxistisch-leni-
griff der ästhetischen Kultur, in: Weimarer Beiträge, 2/1977 nistischen Sozialismustheorie für jede Entwicklungsetappe des So-
4 Hierzu: Michael Franz: Konstruktion und Ornament, in: form+zweck, zialismus konkretisiert werden muß, gilt hier als selbstverständlich,
3/19j5, und Lothar Kühne, Ornament - «Poesie der Erinnerung>> und hebt aber seine für den Sozialismus überhaupt allgemeine Gültig-
Ästhetik kommunistischer Praxis, in: Weimarer Beiträge, 1/1977, und keit nicht auf; sondern setzt diese voraus. Nicht zuletzt hierdurch
derselbe: Henry van de Velde und der Typisierungsstreit, in: form+ erhält die Kennzeichnung des Sozialismus als erste Phase des Kom-
zweck, 4/1978 munismus ihren bestimmten Sinn. Die Grundlagen des Sozialismus
Das Besondere der in Ästhetik heute gesetzten Ornamentkonzeption entsprechen nicht .im vollen Maße dem, was Marx als die Grund-
ist der absolute Gestaltungsanspruch der Ornamentik für die ästheti- lagen der. kommunistischen Gesellschaft begriff.. Die Aufgahen der
sche Wertigkeit nichtkünstlerischer Produkte. Wenn dieser Rigorismus Schaffung der materiell-technischen Basis des Kommunismus würde
auch in anderen Darlegungen der Autoren zur ästhetischen Kultur \ sich dann erübrigen, und es bliebe nur zu fragen, warum die Men-
des Sozialismus nicht immer erscheint, verdient er doch besondere Auf- schen noch kein Leben gemäß der hliheren Phase der kommunisti-
merks~mkeit, weil er die Konsequenz der von ihnen vertret~nen Theo- schen Gesellschaftsformation entfalten können. Es handelt sich also
rie des Asthetischen ausdrückt. auch um eine Frage von gesellschaftsstrategischer Bedeutung.
Hierzu: Lothar Kühne: Haus und Landschaft. Zu einem Umriß der Die Frage, ob es nicht ungemäß ist, die Kritik an einer vielleicht
kommunistischen Kultur des gesellschaftlichen Raumes, in: Weimarer nur etwas mißverständlichen Formulierung derart festzusetzen, muß
Beiträge, 10/1974 nicht nur wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes, sondern auch dar-
Wie in der Frage ·der Ornamentik besteht auch, bezogen auf die Raum- um zurückgewiesen werden, weil bis auf eine Ausnahme, dem Ab-
konzeption von Ästhetik heute, für mich der besondere Gegensatz zti schnitt über industrielle Formgebung„die ganze Konzeption von Ästhe-
den Autoren nicht darin, daß sie andere Auffassungen' vertreten, son- tik heute belegt, daß es sich hier nicht um eine Flüchtigkeit, sondern
dern in der durch ihre allgemeinen theoretischen Bestimmungen er- um eine prinzipielle Positionssetzung handelt, deren Konsequenzen
folgten prinzipiellen Ausschließung von alternativem Denken. Sicher in jeder Hinsicht durchgeführt wurden.
werden die d<1n Kommunismus gestaltenden Menschen auf der Grund- 8 Der Konzeption von Ästhetik heute nahe Auffassungen über .den Er-
lage entwickelter ökonomischer Möglichkeiten und bestimmt durch ihre kenntnischarakter der Kunst hat Horst Redeker mit bedenkenswerten
Bedürfnisse diese Fragen selbständig entscheiden. Aber unsere theo- Argumenten kritisiert. Allerdings gewinnt der Begriff der objektiven
retische Arbeit muß auch darauf schon im Interesse der gegenwärtigen Wahrheit durch ihn keine dialektische Entfaltung. Aus der für den
Praxis der Gestaltung der entwickelten ~zialistischen Gesellschaft ge- Materialismus grundsätzlichen Behauptung, daß dem menschlichen
richtet sein, weil sie von dieser Zukunft nicht einfach abgetrennt ist. Denken ein überhaupt subjektun.ibhängiger Inhalt gegeben ist, schließt
Das erfordert vor allem die Ausbildung des nötigen Problembewußt- er, daß ein Subjekt seine Erkenntnisfunktion im' Sinne der objektiven
seins und das Offenhalten des Denkens für alternative Lösungen. Wahrheit nicht auf sich selbst beziehen könne. So heißt es dann: <<Ob-
6 Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus, in: MEW, Bd. 4, jektive Wahrheit ist mithin in der Kunst dort, wo Inhaltliches vom
Berlin 1959, S. 373 f. . Subjekt der Kunst unabhängig ist, sie kani;t nirgends anders sein.>> Zur
7 Hierzu heißt_ es: <<Bei der Errichtung der Grundlagen des Sozialismus Sys~ematik von Abbildung, Erkenntnis und Wahrheit in der Kunst, in:
konnte von einer Umgestaltung und Neuorganisation aller Lebensbe- Weimarer Beiträge, 1/1978, S. 33. Während er hier mit den Autoren
dingungen der werktätigen Massen n0ch nicht die Rede sein. Es ging von Ästhetik heute nur in der Tendenz übereinstimmt, faßt er die
hier um die schrittweise Überwindhng der <Muttermale> der alten Ge- Beziehung von 'wissenschaftlicher Erkenntnis und Wertung wie die-
sellschaft in den materiellen und kulturellen Lebensbedingungen.» se positivistisch. l1Jl Unterschied zu Jürgen Kuczynski, den er zwischen
Ästhetik heute, S. 16. Es ist klar, daß diese Aussage auf Marx' Rand- Belinski ·und Burow klar zeitgeistig einordnet und dem er bestätigt, daß
glossen zum Programm der deutschen Arbeiterparte/ bezogen ist, was er «die Entwicklung der marxistisch-leninistischen Ästhetik in den letz-
die Autoren durch eine entsprechende Anmerkung zu diesem Text ten zwei Jahrzehnten, besonders hinsichtlich der Diskussi,on um die
nachdrücklich hervorheben. Ganz unabhängig von der Auffassung des Spe;zifik der Kunst» nicht zur Kenntnis genommen hat (S . .28), · stellt
Sozialismus, drückt sich hierin ein Umgang mit Texten aus, den ich er sich auf den Standpunkt der <<10., neubearbeiteten Auflage von
wissenschaftlich nicht für vertretbar halte. Marx schrieb in den Rand- 1974>> des Philosophischen W örterb;chs. Dort wurde klargestellt, daß
glossen über den Sozialismus überhaupt: «Womit wir es hier zu tun es unsta,tth,aft ist, <<an wertende Aussagen die Wahrheitsrelation>> anzu-
haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer legen (S. 9). Sollte, was ich nicht hoffe, Horst Redecker das Wörterbuch
eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie. eben falsch gelesen haben, 1974 ist ja auch ·nicht mehr der letzte Stand bei
aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Bezie- der stürmischen Erweiterung der Erkenntnis, so muß ich natürlich die
hung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Mutter- Autoren desselben bitten, sich an ihn zu halten.
164
165
Was die Autoren von Ästhetik heute betrifft, vermute ich, daß sie Räumliche Organisation
zu ihrer Vorstellung über die Erkenntnisfunktion der Kunst durch einen
Satz von Brecht verleitet wurden, den Erwin Pracht wiederholt als des menschlichen Lebensprozesses
Schlüsselsatz seiner Auffassung zitierte. «Wo die Wissenschaft Zutritt
hat, hat die Kunst keinen Zutritt. Der Wissenschaft gegenüber muß sie und Gegenstandsfunktionen
sich nicht verantworten.>• Zitiert nach: Einführung in den sozialisti-
schen Realismus, Berlin 1975 ,S. 183. Im gleichen Zusammenhang schrieb
Brecht auch folgende Sätze: «Nur auf bestimmte Gebiete angewandt,
ist Können <Kunst>, und, was immer sonst in der Welt sich ändern
mag, diese Gebiete ändern sich niemals. Die <Kunst,, ist geradezu
daran gebunden, nur Dinge zu behandeln,. die unveränderlich <ewig>
sind. Die veränderlichen Triebe der Menschen sind nicht würdig, von
der Kunst behandelt zu werden.» Schriften zur Literatur und Kunst II, Handlungsräume der Menschen werden architektonisch und ge-
Berlin 1966, S. 97. Spätestens hier wird sicher der etwas stutzige
gegenständliche Mittel ihrer Handlungen werden durch Form-
Kenner Brechts, und wer kennt ihn nicht, stutzig. Solche Sätze soll der
Meister der materialistischen Dialektik, Brecht, geschrieben haben? gestaltung gebildet. Lassen wir unbeachtet, daß nicht alle Raum-
Jawohl, er hat sie geschrieben, auch den über Kunst und Wissenschaft bedingungen menschlichen Lebens architektonische sind, und
un·d andere, und er umriß damit <<sehr streng, wenn auch sehr dun- sehen wir von den besonderen technischen Voraussetzungen so-
kle Doktrinen» über die Kunst. wie von den verschiedenen ästhetischen Charakteren der Ge-
9 Heinrich. Taut: Bewußtheit, Spontaneität und Emotionalität im Sozia- staltung gegenständlicher Mittel ab, kann in der hier vorange-
lismus, in: DZfPh, n/1966 stellten Aussage eine Beziehung von Architektur und Formge-
ro Wladimir I. Lenin: Die russische Revolution und der Bürgerkrieg, in: staltung erscheinen, die wesentlich ist. Aber dieser Wesenszu-
Werke, Bd. 26, Berlin 1972, S. 14 sammenhang von Architektur und Formgestaltung erscheint so
auch verkehrt. Die Vorstellung, daß die Architektur Raum und
daß die als «Formgestaltung» etwas irritierend bezeichnete
Praxis Gegenständlichkeit für das Leben der Menschen bildet,
kann nur als ansetzende, jedoch nicht als entwickelte, konkrete,
die wesentliche Mannigfaltigkeit der Beziehungen beider er-
fassende Bestimmung anerkannt werden.
Der architektonische Raum ist selbst durch gegenständliche
Elemente, die gebaut werden, fixiert. Die Unterscheidung von
Raum und Gegenstand ist in gestaltungstheoretischer Hinsicht
nur bezogen auf den menschlichen Lebensprozeß sinnvoll.- Raum
ist in dieser Auffassung Bewegungsraum, Gegenstand demge-
genüber Bewegungshemmung, die Wand etwa, oder Vermitt-
lung von Bewegung, wie bestimmte Geräte, handliche Mittel
und im weiten Sinne die Verkehrsmittel. Der Begriff des Ge-
genstandes schließt die durch den einfachen Wortsinn gesetzte
Bedeutung <<Gegenstehendes>> ein; Erst so kann der Gegenstand
als technische und gesellschaftliche Vermittlung von Handlun-
gen begriffen werden. ,
Der nur gebaute, sich bloß durch wesenhaft architektonische
Elemente darbietende Raum ist in der Regel für das konkrete
Bedürfnis unvollendet. Er befriedigt erst, wenn er gegenständ-
lich bestimmt - erfüllt - ist. Wir werden noch auf eine garstige
Raumfunktion von Gegenständen, die <<erfüllt» auch bezeichnen
167
kann, stoßen, aber das Wort bleibt frei für den allgemein ge- diesen einnehmen, ab. So· ist die räumliche Entgegensetzung
faßten Zusammenhang. Seiner engeren Sinnbestimmung ent- '\ von bourgeoisem und proletarischem Wohnbereich in der kapi- ·
sprechend ist der architektonische Raum für den Menschen Um- talistischen Stadt wie jede andere makroräumliche Ordnung
raum . nicht anthropologisch zu erklären. Der Lebensprozeß der Indi-
Die gegenständlichen Mittel sind nicht nur im Raum. Sie sind viduen und ihre individuellen gegenständlichen Lebensbedin-
nicht nur existentiell wie alle materielle Realität räumlich, son- gungen sind sozial geortet. Die Ökonomisierung des Raumes
dern sind es auch in ihrer ästhetischen Relevanz. Die prakti- folgt keiner geschichtslos allgemeinen Wertnorm und kann im
schen Gegenstände erfordern für ihr bloßes Sein und für ihren ,
1
Wesen,nur als Entfaltungs-, Effektivierungs- oder als Behaup-
Gebrauch Raum, der handlungs-, ortungs- und lagertechnisch ,,. tungsform gesellschaftlicher Verhältnisse erklärt werden. Und
minimiert werden kann. Diese gestaltungsrelevanten Raum- das verlangt immer, die Herausbildung und. Durchsetzung
aspekte sind eindeutig meßbar, verdienen große Beachtung für räumlicher Strukturen als Verwirklichung von Interessen zu be-
die Entwicklung unserer Lebensbedingungen, aber sie sollten greifen.
keine falsche Wichtigkeit für unser Denken erhalten, indem un- Durch den Sozialismus ·wird der antagonistische Charakter
sere Auffassung von der gegenständlich vermittelten Ökonomie der grundlegenden gesellschaftlichen Raumbeziehungen aufge-
des Raumes diese Beziehungen isoliert und nicht ihre gesell- hoben. Raum funktioniert nicht mehr im Interesse ~iner Gruppe
schaftlichen Vermittlungen erschließt. Denn so blieben die we- der Gesellschaft zur Ausbeutung und ideologischen Niederhal-
sentlichsten Probleme der Gestaltung der gegenständlichen und tung einer anderen. Durch die Diktatur des Proletariats wird
der räumlichen Lebensbedingungen unbedacht. Fassen wir die die gesellschaftliche Organisierung des, Raumes zu einer we-
ästhetische Dimension der Beziehung von Raum und Gegen- sentlichen Bedingung der Entwicklung der Individuen als Per-
stand zunächst in formelhafter Vereinfachung: In der architek- sönlichkeit. «Persönlichkeit» steht hier in der von Marx gebil-
tonischen Erscheinung sind Ffäche, Linie und Punkt als Raum- deten engeren Bedeutung dieses Wortes, für den Begriff der
eigenschaften gesetzt, werden aber im komp,lementären Bezug kommunistischen Individualität. Der Begriff der Persönlichkeit
·zu Gegenständlichem, wie Körper, Stab, erfahren. Für die hand- faßt vor allem die Eigenschaften der Universalität, der Subjek-
iungsinstrumentale Gegenständlichkeit gilt, daß hier die Punkt-, tivität und des Charakteristischen als die des menschlichen In-
Linien- und Flachenwerte die gegenständliche, also in bestimm- dividuums. Schon für den Sozialismus gilt als Prinzip der Ge-
ter Weise enträumlichende, Wesenheit dieser Mittel dem Se- staltung gegenständlicher und räumlicher Lebensbedingungen
hen offenbaren und· zugleich .ästhetische Raumbestimmungen durch die Gesellschaft, was Marx und Engels in der Schrift
setzen. Der Gegenstand interpretiert den Raum. Raum und Die deutsche Ideologie über die Menschen der neuen Gesell-
Gegenstand interpretieren sich wechselseitig. schaft schrieben: <<Innerhalb der kommunistischen Gesell-
Es muß vermutet werden, daß diese Beziehung von Gegerr- schaft, der einzigen, worin die originelle und freie Entwicklung
ständlichkeit und Raum sehr konfliktträchtig ist, weil ihre bei- der Individuen keine Phrase ist, ist sie bedingt eben durch den
den Momente zwar untrennbar aufeinander bezogen sind und Zusammenhang de;r Individuen, ein Zusammenhang, der teils·
ihre gegensätzlichen Bestimmungen zugleich wechselseitig in in den ökonomischen Voraussetzungen besteht, teils in der not-
sich haben, damit jedoch als selbständige nicht aufgehoben sind. wendigen Solidarität der freien Entwicklung Aller, und end-
Hier liegen also Möglichkeiten von Geschichte. lich in der universellen Betätigungsweise der Individuen auf
Wenden wir uns zunächst den Bildungsgesetzen des.Raumes der Basis der vorhandenen Produktivkräfte.>>t
zu. Diese Gesetze sind darin historische, daß sich in ihnen der Das Orientierungsmaß für die. Gestaltung der· Lebensbedin-
Charakter der einzelnen Produktionsweisen_ ausdrückt und gungen ist im Kapitalismus' der Profit und im Kommunismus
durchsetzt. Sie vermitteln sich, wie es jedem sinnfällig ist, durch die Persönlichkeit. Wenn wir das allgemeine Wesen des Sozia"
die Raumbedürfnisse der Individuen. Aber diese Bedürfnisse lismus als Kommunismus begreifen, müssen wir zugleich seine.
sind, was schon nicht deutlich erscheint, weitgehend gesell- gegenüber der höheren Phase der kommunistischen Gesell-
schaftlich bestimmt und die Art und der Grad ihrer Befriedi- schaftsformation spezifischen Widersprüche analysieren, um zu
gung hängen vorwiegend von den sozialökonomischen und po- erkennen, wie dieses Wesentliche hier wirklich ist qnd in wel-
litischen Verhältnissen, von dem Platz, den die Individuen in cher Weise es sich entfaltet. Eine solche für. de.n Sozialismus
..168 169
charakteristische Beziehung habe ich in der Kritik an der Ver- ehe Aneignungszwänge, welche ihre Räume zu Stauräumen von
absolutierung der Stadt- und der Ornamentkonzeption durch Sachen werden lassen, und durch die Bekunstung von Dingli-
Ästhetik heute umrissen. Die besondere Logik von Raum und chem. Das Ornament ist in diesem Zusammenhang von Räum-
Gegenstand hatte ich so ausgedrückt: <1Die Unterordnung der lichem und Dinglichem nicht nur Medium praktischer Enträum-
Ökonomie des praktischen Lebens der Menschen unter die Pro- lichung, sondern zugleich Erlösungszeichen, ästhetisches Opiat,
duktionsökonomie der räumlichen Lebensbedingungen findet welches das Gemüt zum magischen Absolutismus einer Kunst-
ihre ökonomisch und psychisch notwendige Vermittlung in der welt hinführt. Es erwächst notwendig aus der spezifischen Struk-
am praktischen Gegenstand vorgeführten Überproduktion, dem tur der gegenständlichen und räumlichen Lebensbedingungen
Ornament.>> 2 Die polemische Pointierung dieser Aussage auf das und bindet die Individuen unablässig psychisch in diese ein.
Ornament i~t einseitig, weil sie nur einen Aspekt der Problema- ,. Für die Gestaltung der Lebensbedingungen im Sozialismus
tik der Gegenständlichkeit faßt. Aber diese Einseitigkeit ist erhält die Problematik des Raumes erstrangige Bedeutung. Nur
durchaus geeignet, das Gemeinte deutlich werden zu lassen. durch die Wandlung des Raumes ist eine tiefgreifende Verän-
Die Verselbständigung der Gegenständlichkeit gegenüber derung des gegenständlichen Verhaltens zu erreichen. Hieraus
dem Raum, die sich ästhetisch bereits in der Kultur der Ren'ais- ergibt sich nicht Gleichgültigkeit gegenüber den Aufgaben und
sance anzeigt, erwächst zunächst aus den Beziehungen der W a- Möglichkeiten der Formgestaltung, aber wir müssen die Priori-
renproduktion. Nicht als Raum, sondern als Gegenstand kri- tät beachten, wenn danach gestrebt werden soll, Gestaltungs-
stalliert sich die auf den .Tausch gerichtete Arbeit. Und wie konzeptionen gesellschaftsstrategisch zu konzipieren. Die Über-
innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse die vergegenständ- ~indung der vom Kapitalismus formierten Struktur von Ge-
lichte Arbeit die lebendige Arbeit beherrscht, gewinnt das Ding- genständlichem und Räumlichem ist kein kurzzeitiger und bloß
liche überhaupt Macht über das L.eben der Menschen. Die ge- revolutionärer Akt, sondern ein phasengeschichtlicher Prozeß,
genüber den Individuen verselbständigten Verhältnisse erschei- der zwar einen revolutionären Inhalt, aber notwendig auch evo-
nen und wirken in der Macht der Sachen. Die eigentliche Form lutionäre Formen seines Vollzuges hat. So könnte sinnvoll ge-
des bürgerlichen Reichtums ist zwar nicht die konkrete Gegen- fragt werden, wieso die zuvor charakterisierte Beziehung von
ständlichkeit, sondern das Geld. Der einzelne Gegenstand ist Stadt und Ornament, die wesenhaft den kapitalistischen Ver-
im Grunde nichtig, doch nur er vermittelt und repräsentiert den hältnissen entspricht, auch auf den Sozialismus bezogen werden
Wert. Hierin ist bereits die Gegensätzlichkeit von stauender kann.
Aneignung und stilisiertem Werfen von Gegenständlichkeit als Die Antwort auf diese Frage ist vor allem gegeben, wenn die
Müll angelegt. Der in den Grenzen des Utopismus verharrende spezifischen Ursachen der Unterproduktion an Raum in der Ent-
Protest gegen die Verdinglichung spricht sich in dem Motiv der wicklung des Sozialismus bezeichnet sind. Diese Ursachen ha-
Aufhebung der Gegenständlichkeit aus. Simmel, dessen An· ben gegenüber dem Kapitalismus eine völlig verschiedene Cha-
schauungen die Kritik des jungen Lukacs an dem Phänomen der rakteristik, sind das direkte Gegenteil von Profitstreben. Sie er-
Verdinglichung beeinflußten, schrieb: <<Wie die Freiheit nichts geben sich, so unvermutet es erscheinen mag, aus dem Kampf
Negatives ist, sondern die positive Erstreckung des Ich über ihm der marxistisch-leninistischen Partei für das Wohl des Volkes.
nachgebende Objekte, so ist umgekehrt Objekt für uns nur das- ·· Die dem Sozialismus überkommene Wohnungsnot auf der einen
jenige, woran unsere Freiheit erlahmt, d. h. wozu wir in Bezie- und die gegenüber seinen Gestaltungsaufgaben noch uazurei-
hung stehen, ohne es unserem Ich assimilieren zu ki.innen. Das chend entwickelten Produktivkräfte auf der anderen Seite set-
Gefühl, von den Äußerlichkeiten erdrückt zu werden, mit denen zen_ der Verwirklichung von Raumbedingungen Grenzen, die
uns das moderne Leben umgibt, ist nicht nur die Folge, sondern vom Standpunkt sozialistischer Politik auch eine gewisse· Ver-
die Ursache davon, daß sie uns als autonome Objekte gegen- selbständigung des Produktionsökonomischen erzwingen. Aber
1
übertreten.»3 diese Grenzen, deren Anerkennung nicht jede architektonisch
Die Unterproduktion an Raumbedingungen 'menschlichen unbewältigte Lösung rechtfertigt, verlegen nicht ihre perspek-
Lebens, die aus der Wirkungslogik des Kapitals erwächst und tivische Auflösung, vielmehr liegt diese in der Bewegung des
in der kapitalistischen Großstadt ihre Raumform findet, ver- Widerspruchs, der die Perspektive bildet. Das ist genauer zu
stärkt ihre Wirkungen auf die_ Individuen durch untei;,schiedli- fassen. Die Perspektive liegt nicht einfach in dem Widerspruch,
170 171
aber sie ist nicht ohne diesen, nicht unabhängig von der Gegen- von Engels an, in denen_ sich dieser künftige Ra:umordnungen
wart des Sozialismus. Das Bild von Zukunft erscheint im Ge- pach dem Modell beispielsweise etwa ... » vorstellt. Diese Be-
gensatz zur Utopie als Perspektive nur durch ein reales System, hauptung ist zugleich gegenüber Engels verzeichnend einseitig,
welches sie bildet. Aber die Perspektive ist nicht ohne das Sub- denn die ·Anregungen, die Marx und er von den utopischen So-
jekt, welches sieht. Sie ist auch eine Funktion der Einstellung. zialisten aufgenommen haben, wurden in radikaler Schärfe kri-
Den grundlegenden Ansatz einer kommunistischen Raum- tisch gebrochen. Sehr leicht, nämlich durch das bloße Vorweisen
. konzeption haben Marx, Engels und Lenin von der Vorausset- von Texten, ist die Behauptung zu widerlegen, ich würde mich
zung des revolutionstheoretischen Prinzips der Aufhebung des nur auf einige frühe Vorstellungen von Engels in der umstritte-
Gegensatzes von Stadt und Land .als spezifischer Form der ge- nen Frage stützen. Und das unte~stellt ja zugleich, daß µiese
sellschaftlichen Arbeitsteilung her entwickelt. Das bestimmen- Raumkonzeption nur dort zu belegen ist.
de Motiv _dieses zugleich in der Philosophie des Marxismus-Le- In dem Aufsatz Haus und Landschaft habe ich nicht nur ge-
ninismus beruhenden Ansatzes ist das einer Synthese, eines 1' zeigt, daß Marx. und Engels die kommunistische Raumkonzep-
Wertaustausches, f.ür welchen die Stadt als Raumgestalt -.wie tion, die Engels 1847 in Grunds'ätze des Kommunismus umris-
die Arbeiterklasse als Subjekt zwar der bestimmende Faktor sen hatte, nie zurückgenommen ~aben. Es ist dort auch beson-
der Vermittlung, das Land - also vor allem die Raumgestalt ders bemerkt, Lenin habe «die grundsätzliche revolutionstheo-
Dorf - aber kein bloß zu negierendes Moment darstellt. Auf retische und emanzipatorische Bedeutung der von Marx und
meine Kritik der Konzeption von Ästhetik heute, besonders Engels entwickelten kommunistischen Raumkonzeption bereits
auf mein erbittertes Reagieren auf die Verabsolutierung der früh erfaßt und sie gegen die Argumente ihrer bürgerlichen Kri-
·Raumfunktion der Stadt und auf das ignorante Ausschließen tiker verteidigt>>. 6 Das wird gezeigt, und es wird vor allem her-
des raumtheoretischen Vermächtnisses von Marx, Engels und vorgehoben, daß Lenin diese I<onzeption zugleich in bedeu-
Lenin erwiderten einige Autoren von Ästhetik' heute - Mi- ,tungsvoller Weise entwickelt hat, indem er die die Raumsyn-
chael Franz, Karin Hirdina, Günter Mayer, Erwin Pracht - .in. 'these, von Stadt und Land vermittelnde Funktion des öffentli-
einer «Revue der Kritik»: <<Kühnes Konzeption läßt kaum Ver- chen Verkehrs entdeckte. 7 Allein hieraus ist auch erhellt, daß
mittlungen zwischen Sozialismus und Kommunismus erken- ich nie die Konzeption der <<Auflösung der Städte» vertreten
nen - auch nicht in bezug auf die Raumordnung.>> 4 Die besonde- , 1: habe. Und ich werte es als eine Unterstellung zu behaupten,
r-e geistige Würde dieser Denunziation erblicke ich darin, daß mein Eintreten für diese Raumkonzeption gegen Überschweigen
sie den Inhalt, den sie zu offenbaren vorgibt, erst setzt. und Entstellungen diene dem Ziel, «sich der Erarbeitung auch
Nur eine Argumentationsfolge der At1toren der <<Revue der ' ästhetikspezifischer Konzeptionen für heutige Bedürfnisse zu
Kritik>> soll kurz erörtert werden, weil sie den Kern der für den entziehen mit,dem Hinweis auf die ohnehin bald erfolgende
Sozialismus wesentlichen raumtheoretischen Problematik be- Auflösung der Städte>>. Gegen Ästhetik heute hatte ich ge-
sonders berührt. <<Kühnes· Hinweise auf die Raumkonzeption schrieben: <<Eine Auseinandersetzung mit der kommunistischen
der Klassikern, heißt es, «sind einseitig, sie knüpfen vor alle!I\ Raumkonzeption von Marx, Engels und Lenin erfolgt nicht.
etwa an die Aussagen von Engels an, in denen sich dieser künf- Einige Texte von Marx werden so zitiert, daß der nicht beson-
tige Raumordnungen nach dem Modell beispielsweise etwa der ders in dieser Frage kundige Leser zu der Vorstellung gelan-
Phalansteres der utopischen Sozialisten vorstellt. Gerade diese gen muß, dieser hätte aus der Anerkennung der die Lebens-
Aussagen aber sind gründlicher zu befragen nach den in ihnen weise revolutionierenden Rolle der Großstädte und ihrer Be·
enthaltenen Vorstellungen über die Produktionswdse, die Or- deutung für die Entwicklung und für den Befreiungskampf des
ganisation der Produktion als Grundlage der Gemeinschaft. Proletariats gefolgert, die Stadt müsse auch als die bestimmende
Dies ist eine Aufgabe.. Sich ihr .zu stellen kann aber unseres räumliche Lebensform des Kommunismus aufgefaßt werden.
Erachtens nicht bedeuten, sich der Erarbeitung auch ästhetik- Selbstverständlich wöllen wir die Texte der Begründer der
spezifi,§cher Konzeptionen für heutige Bedürfnisse· zu entzie- Weltanschauung des Proletariats und \Cles Kommunismus nicht
hen mit dem Hinweis auf die ohnehin _bald 'erfolgende Auflö- als heilige Offenbarungen, die nicht mehr auf ihre Gültigkeit
sung der Städt~.>>5 Das taktierende Moment dieser Sprache ist zu befragen sind, lesen und einsetzen. Aber sie sind uns doch
bemerkenswert. Ich knüpfe <<vor allem etwa an die Aussagen in jedem Falle eine geistige Herausforderung. Die Aufhebung
172
173
der Stadt in räuml.ichen Lebensbedingungen, <welche die Vor- dringlich. Aber auch das ist nur ein partikulärer Aspekt. Im
teile des städtischen wie des Landlebens in sich vereinigen, Grtinde geht es um die Entwicklung von gegenüber den einzel-
ohne die Einseitigkeiten und die Nachteile beider Lebensweisen nen Stadtformen und dem Dorfe übergreifenden regfonalen
zu teilen>, kann vor allem aus ökonomischen. Gründen noch Raumkonzeptionen. Und diese müssen nicht erfunden werden,
keine Aufgabe des Sozialismus sein. Aber eine Terminologie weil sich derartige regionale Raumfunktionen bereits heraus-
zu entwickeln, welche diesen Entwurf ausschließt, heißt sich be- gebildet haben. Aber eine regionale Orientierung der räumli-
reits heute massenhaft artikulierenden Bedürfnissen zu ver- chen Organisation, welche die Gestaltungs- und Lebensmöglich-
schließen. Der Bürger, der seine Parzelle einzäunt und seinen keiten dieser räumlichen Zusammenhänge erschließt, findet ihre
Bungalow baut, reagiert, wenn auch in problematischer Form, weltanschaulichen und gesellschaftsstrategischen Grundlagen
auf Widersprüche, welche die Autoren zumindest in ihrem Den- nicht in dem als Urbani~mus vorgestellten Stadtabsolutismus,
ken als Theoretiker nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen ge- sondern in dem von Marx, Engels und Lenin entwickelten kom-
neigt sind.»8 munistischen Raumprogramm.
Der für den Sozialismus wesentliche Zusammenhang von Ge- Nur in der Beziehung zu dieser Entfaltungsmöglichkeit des
gegenwarts- und Zukunftsaufgaben ist so charakterisiert, daß Raumes, die ja nichts anderes ist als die Möglichkeit praktischer
die kommunistischen Fernziele in die Gegenwart eingreifend 1 Universalität der Individuen, können tragende Auffassungen
sind. Haus und Landschaft ist für den Sozialismus geschrie- , über die ästhetischen Charaktere und über die gesellschaftlichen
ben. Das am Modell der Großstadt orientierte urbanistische Funktionen der Formgestaltung gebildet werden. Funktionale
Credo von Ästhetik heute: <<Die Stadt ist die adäquate räum- Gestaltung kann sich dauernd nur in harmonischen Raumbedin-
liche Organisationsform für zunehmend gesellschaftliche Pro- gungen bewähren. Die antifunktionalistische Kritik, sofern sie
duktion, für zentralisierte Produktionsmittel also und die koope- nicht einfach die Depravationen des Funktionalismus mit die-
rierenden Arbeitskräfte»9 ignoriert nicht nur sich bereits in der sem gleichsetzt, reflektiert dur.:haus wesentliche Widersprüche.
Gegenwart vollziehende Funktionswandlungen makroräumli- Wo dem Individuum harmonischer Raum versagt ist, weicht es
cher Strukturen, sondern bildet zugleich einen schon für den So- in die Gegenständlichkeit aus und diese blüht paradiesisch auf.
zialismus einseitigen und seine Potenzen negativ verkehrenden .,. Die funktionale Gestalt folgt dem nicht und provoziert Schmerz.
Orientierungszwang der architektonischen Praxis. Mit der sich Das Harmonische ist uns als Aufgabe gestellt. Aber es ist nicht
zeitlich abzeichnenden Verwirklichung des W ohnungsbaupro- mehr in bornierten, sondern nur in universellen Beziehungen
gramms wird die zunächst notwendige Konzentration des der Menschen zu gewinnen. Selbstverständlich bedarf es hier-
Bauens auf Großstäte schrittweise aufgegeben, richtet sich das zu vieler Schritte und Erkundungen, ist hierfür auch jedes Par-
Bauen auch immer mehr auf die Mittel- und Kleinstädte und tikuläre wesentlich. Wenn sich allerdings die: Ausrichtung des
auch auf die Dörfer. Das urbanistische Konzept von Ästhetik Interesses auf die Funktionen von Kunstwerken in städtischen
heute, das ja programmatisch alle nicht großstädtischen Sied- Räumen, auf individuelle Balkon- und Loggiengestaltung ver-
lungsformen als entwickelt_er Vergesellschaftung inadäquat ab- selbständigt, indem diese faktisch als Prothesen der Raumbe-
wertet, kann auf die gesetzmäßige Entwicklungsrichtung des wältigung funktioniert werden, bleiben die wesentlichen Fra-
Bauens im Sozialismus nicht produktiv antworten. In dieser gen räumlicher Organisation verdeckt und diese Raumattribute
Auffassung des Urbanismus ist das Bild von Vergangenheit als artikulieren schließlich nur Unbehagen.
Zukunftsentwurf gesetzt und die Entwicklung der räumlichen Die Beziehung von Architektur und bildender Kunst wird
Beziehungen als bloße Effektivierung der tradierten Struktu- vorherrschend nur unter dem Gesichtspunkt der sogenannten
ren vorgestellt. Gegenüber dem Dorf hat solches Raumpro- Synthese verfolgt. Hierdurch werden die hervorragenden ana-
gramm nur das Angebot der Verstädtischung, worin Marx die lysierenden und wertsetzenden Leistungen von Künstlern für
kapitalistische Weise der Lösung des Gegensatzes von Stadt und räumliche Gestaltung - und dies~ ist ja nie von der gesell-
Land sah. Die Verteidigung der ästhetischen Raumwerte des schaftlichen getrennt, ist im Wesen selbst gesellschaftliche Ge-
Dorfes gegen Verdatschung und die Sicherung einer die ästhe- staltung - ungenügend erschlossen. Wolfgang Mattheuer offen-
tischen Raumwerte des Dorfes bewahrenden individuellen und barte in dem Bilde <<Ein Baum wird gestutzt» in erregender
gesellschaftlichen Bautätigkeit auf dem Lande sind äußerst Weise einen Prozeß denaturierenden Raumverhaltens und die
174 1 75
übergreifende Dimension seiner Erstreckung. Der Zwangshand- Anmerkungen
lung der Stutzung des Baumes entspricht die Blumenschale 1
über dem Erdboden. In dem Bilde <<Fenster» gab .i\{artin Hoff- 1 Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, in: MEW,
Bd. 3, ~erlin 1958, S. 424 f.
mann eine treffende Raumanalyse, welche Desindividualisie-
2 Lothar Kühne: Kritische Revue. Anmerkungen in drei Abschnitten zu·
rung und 'Enträumlichung in bloßen Strukturen darlegt. Die «Ästhetik heute>>, in: Weimarer Beiträge, 4/1979, S. 158
Darstellungsbedeutungen dieses Bildes korrespondieren mit. 3 Gemg Simmel: Philosophie des Geldes, Leipzig r-900, S. 492
den soziologischen Untersuchungen stadträumlicher Orientie- 4 Michael Franz, Karin Hirdina, Günter Mayer, Erwin Pracht: Revue
rungen, die Olaf Weber und Gerd Zimmermann in Halle der Kritik. Anmerkungen zum wissenschaftlichen Meinungsstreit zu
durchführten. Über die objektiven Bedingungen räumlicher «Ästhetik heute», in: Weimarer Beiträge, 6/1980, S. 37
Orientierung in Halle-Neustadt heißt es: «Symptomatisch für 5 Ebenda, S. 38
die neue Stadt·ist der Verlust des Raumes als prägnanter Ge- 6 Lothar Kühne: Haus und Landschaft. Zu einem Umriß der kommu-
stalt - man befindet sich zum Beispiel nicht in der Straße, .son- nistischen Kultur des gesellschaftlichen Raumes, in: Weimarer Bei-
träge, 10/1974, S. 72.
dern auf der Straße, nicht auf einem Platz, sondern zwischen 7 Ebenda, S. 73 f.
Ge-bäuden.>> 10
8 Lothar Kühne: Kritische Revue, a. a; 0., S. 157
Wenn wir die Funktionen des Gegenständlichen zu erfassen 9 Joachim Fiebach, Michael Franz, Heinz Hirdina, Karin Hirdina, Gün-
suchen, müssen die zuletzt umrissenen Momente von Raumver- ter Mayer, Erwin Pracht (Leitung), Renate Reschke: Ästhetik heute,
halten und die in diesem Zusammenhang angedeuteten Raum- Berlin 1978, S. 414
eigenschaften berücksichtigt werden. Es geht hierbei nicht dar- 10 Olaf Weber, Gerd Zimmermann, Orientierungen in der Stadt, in:
um, das Denken an den Schwierigkeiten festzusetzen. Es hat form+zweck, _4/1980, S. 21 f.
sich herumgesprochen, daß es für die Wissenschaft keine Land-
straße gibt. Und es gibt auch keine Landstraße für den Kom-
munismus. Für die architektonische Gestaltung von Raum hat
die 7. Baukonferenz des Zentralkomitees· der SED -und de~
1
Ministerrates der DDR im Juni 1980 wichtige Orientierungen'
gebildet. Die für die Gestaltung makroräumlicher Zusammen-
hänge grundlegende Rolle des Verkehrs muß theoretisch er-
schlossen werden. Die tiefgreifende technische Revolutionierung
des Verkehrs ist eine Zukunftsaufgabe. Obgleich ihre Lösung
in absehbarer Zeit noch nicht in Angriff genommen werden
kann, ist es für die gegenwärtige Praxis ein großer Unterschied, )

ob diese Aufgabe und ihre revolutionierende Bedeutung für die


Formierung und Aneignung des Raumes begriffen sind oder
nicht. Das gilt zum Beispiel auch für die Bewertung des Ranges
der individuellen Kraftfahrzeuge und für die Auffassungen dar-
über, ob diejenigen, welche diese nutzen, angemessen finanziell
zur Ermöglichung dieser Verkehrsform und zu einem zumin-
dest formellen Ausgleich ihrer ökologischen Auswirkungen bei--
tragen sollen. Was die hier besonders zu entfaltende Proble 0

matik der Formgestaltung betrifft, so erweist die perspektivi-


sche Bestimmung der Entwicklung des Raumes im Sozialismus
und nicht zuletzt auch die Einsicht in die Probleme und Wider-
setzigkeiten räumlicher Organisation die prinzipielle_ Bedeu-
tung funktionaler Gestaltungskonzeptionen für die neue Ge-
sellschaft.
12 Kühne, Haus
176
/,'

Funktionalismus als zukunhsorientierte ist so Vorgriff kommunistischer Verwirklichung und schließlich


die Bezeugung ihres realen Werdens.
Gestaltungskonzeption Das' Poetische funktionaler Gestaltung soll mit dem Begriff
der Perspektive erschlossen werden. Perspektive, das ist die Re-
surrektion der Natur für den Menschen •und vor allem harmo-
nischer, solidarischer Zusammenschluß des Menschen mit der
Menschheit. Karin Hirdina hat in einem Aufsatz über den
Funktionalismus einen Text von Adolf Behne zitiert, den ich
aufgreife. Über die Einfachheit als Wesenszug funktionaler Ge-
staltung schrieb Behne, diese sei <<Verzieht auf Verteidigungs-
stellung, auf Mißtrauen, auf Festungsbauten, ist Abbau der Bar-
Wenn wir das Wort «Funktionalismus>> zur Bezeichnung be- rieren. Sie ist menschliche Offenheit und menschliche Solidari-
stimmter gestalterischer Grundsätze einsetzen, sollte immer die tät».1 Und das bedeutet, wenn nicht mit Worten gespielt wird,
hiermit verbundene Problematik bedacht werden. Diese be- sie ist eine Bedingung des Kommunismus. Und diese Bedingung
steht einmal darin, daß durch den Ausdruck <<Funktionalismus» wird in der funktionalen Gestaltung nicht als äußere Not.wen-'
die Vorstellung geweckt und bestätigt werden könnte, daß die digkeit, sondern als durch das Bedürfnis gefaßte Erfüllung, als
dem Funktionalismus entgegenstehende Gestaltungskonzeptio- erscheinender Reichtum anerkannt. Die <<Zertrümmerung der
nen und ihre Objektivationen nicht funktional seien. In dieser Aura>>, von der Walter Benjamin schrieb, diese <<Entschälung
sprachlichen Verleitung des Denkens liegt nun die Gefahr, daß des Gegenstandes aus seiner Hülle>> 2 ist die Aufhebung dessen,
der Begriff «Funktionalismus» zum reklamehaften Vehikel was Marx auch als die Poesie der Erinnerung begriff und der
einer Suggestion mißrät. er als Ausdruck des welthistorischen Befreiungsauftrages des
Zugleich sei immer bedacht, daß die verschiedenen funktio- Proletariats die Poesie der Zukunft entgegenstellte.3
nalistischen Konzeptionen auf gegensätzlichen gesellschaftli- So wird das Maß gesellschaftlicher Zielbestimmung funktio-
chen Sinnbestimmungen beruhen. In seiner vermittelnden Be- '.J naler Gestaltungskonzeption sichtbar und ein Weiteres, das
ziehung zur Entwicklung der revolutionären Arbeiterbewegung -~ Wichtigste: der innere, logische Sinnzusammenhang von funk-
und zur Gestaltung des Sozialismus ist der Funktionalismus tionaler Gestaltungskonzeption und sozialistischer Politik.
kein im Wesen sachliches, sondern ein humanistisches und poe- Aus der weltanschaulich bestimmten Programmatik mpderner
tisches Gestaltungsprinzip. Die ästhetische Relevanz des Ant- Gestaltungskonzeption und der spezifischen Dialektik des So-
agonismus von bürgerlicher und kommunistischer Funktionali- zialismus ergibt sich, daß der behauptete Verwirklichungszu-
tät des Funktionalismus kann zunächst in der Unterscheidung sammenhang von Funktionalismus und Kommunismus keine
zwischen einer auf die Gegenständlichkeit fixierten und einer einfache Abweisung nichtfunkti@aler Gestaltungsweisen, etwa
auf den Raum orientierten, zwischen einer die Gegenstände in modischer oder dekorativer, bedeuten kann. Eine Konzeption
der Wahrnehmung isolierenden und einer die Gegenstände des Dualismus von dekorativer und funktionaler Gestaltung
räumlich relationierenden Sinnlichkeit vorgestellt werden. hat Joachim Skerl vorgestellt. 4 Hierbei hat er sein aufs Deko-
Wenn der Funktionalismus in seinem vermittelnden Bezug rative gerichtetes Streben nicht verborgen. Es ist für ihn damit
zum Befreiungskampf des Proletariats als humanistisches und folgerichtig, die wesenhafte Beziehung von Funktionalismus
poetisches Prinzip begriffen wird, verlangen diese Bestimmun- -· und Kommunismus zu bestreiten. Damit ist aber die Kernfrage
gen eine umfassende Entwicklung. Ansätze einer solchen kön- 'l des hier gefaßten Selbstverständnisses funktionaler Gestal-
neo darin gefaßt werden, daß der Funktionalismus in dieser ' tungskonzeption getroffen, und darum möchte ich in erforderter
gesellschaftlichen· Gerichtetheit die Unterordnung der Produk- Kürze, mehr die Probleme anreißend als argumentierend, eini-
tionsökonomie unter die Lebenserfordernisse der Menschen ge Auffassungen von Joachim Skerl erörtern.
ästhetisch offenbart. Seine Konsequenz ist die Aufhebung der Die Problematik des Dekorativen, die in dem Beitrag von
antagonistischen ästhetischen Beziehung von Arbeitsbedingun- Joachim Skerl zur Sprache gebracht ist, wurde aus der Sicht
gen und individuellen Lebensbedingungen. Funktionalismus
funktionalistisch orientierter Architektur- und Designtheorie
178 12*
179
vernachlässigt. Das funktionalistische Gestaltungspathos er- liehen und ästhetischen Rigorismus solcher Gestaltauffassung
wuchs ja zuerst mit aus der Frontstellung gegen die Ornamentik erkennen, heißt selbstverständlich auch, die Widerstände ihrer
· und gegen das Dekorative überhaupt. Jetzt ist der Gegensatz· Verwirklichung zu begreifen. •
von Funktionalismus und Mode zum bestimmenden Bewe- Joachim Skerl will Toleranz zwischen funktionaler und deko-
gungsmoment funktionalistischer Gestaltung geworden. Das rativer Gestaltung. Diese ist vom Standpunkt funktionalistisch
verlangt für den Funktionalismus zwat keine Rückwendung orientierter Auffassung, wie sie hier vertreten wird, schon au~
zum Dekorativen, aber vielleicht doch eine Neubestimmung des zwei Gründen geboten. Der erste ist: Es wäre ein großes Un-
Funktionszusammenhanges von Funktionalem und Dekorati- glück, wenn die Entscheidung für Funktionales den Menschen
vem. Hiermit bleibt die selbst zu problematisierende abstrakte durch ein faktisches Diktat des Industrialismus abgenommen
Gegenüberstellung von <<funktional» und «dekorativ>> immer wäre. Erfordert ist für viele Produktgruppen die Qualifizie-
vorausgesetzt. Der Begriff des Dekorativen ist also in einem rung der Entscheidungsmöglichkeiten durch das Angebot. Die
engeren Sinne gefaßt. Entfaltung des Bedürfnisses der Menschen nach funktional ge- ·
' In seiner Architekturlehre· nannte Bruno Taut· die Dekora- stalteten Lebensbedingungen muß im Sozialismus aus der Ent-
tion. die <<Schmutzkntstei> des Gegenstandes. 5 Wen~ wir diesen wicklung ihrer Weltanschauung, ihrer sozialistischen Bewußts
provozierenden Vergleich von der Architekturauffassung Brus heit, ihrer ästhetischen Sensibilität und Rezeptionsfähigkeit her-
no Tauts abheben, sinkt es auf das Niveau einer bloß konfron-. vorgehen. 'Das Funktionale· ist eine Provokatiop hierzu, die
tativen Sprachgeste· herab. Ein Grundbegriff der Architektur- aber nur wirkt, wenn sie bedürftig angenommen, aber auch ab-
lehre von Bruno Taut ist der Begriff der Proportion. 'Propor- gewiesen werden kann. Und das verbietet jede ideologische
tion ist aber nicht nur eine Struktur der äußeren Erscheinung des Nötigung zur Annahme funktionaler Gestaltungen. Die Aner-
Baus, sondern die Übereinstimmung aller Elemente des Baus kennung dieser Voraussetzung schließt aber nicht die Notwen-
mit seinem inneren Gehalt. Und das ist der Mensch selbst. Di~ digkeit der Vermittlung funktionaler Gestaltung durch das
se Übereinstimmung verlangt zugleich eine andere, die Über- Medium der Öffentlichkeit aus. Die Öffentlichkeit ist eine; unab-
einstimmung des Innen mit seinem Außen, mit der Erde, dem dingbare Voraussetzung zur Entfaltung det sozialistischen' ideo-
Klima und dem Universum. So erfüllt sich Proportion als Har- logischen Wirkungspotenz funktionaler' Gestaltung. Zum zwei-
monie. In seinem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung «Bru- ten: Es ist schon indirekt gefaßt, wo immer die Grenzen funk-
no Taut>> an der Bauakademie der DDR sprach Kurt Jung- tionaler Gestaltungsverwirklichung und Gestaltbejahung lie-
hanns auch von dem Schüler Bruno Taut in dessen Geburts- gen, in den Individuen oder in den Verhältnissen, wird vom
stadt Königsberg. Und er wies auf das Grab Kants mit der In- Standpunkt funktionalistischen Strebens das Angebot des Deko-
schrift aus der• Kritik der praktischen Vernunft: «Der gestirnte rativen dankbar angenommen werden. Das Eingehen • auf To-
'

Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.>> Diese leranz ist vom Funktionalismus her kein gönnerhaftes, kein von
Dimensionierung von Weltanschauung hat Bruno Taut archi- der Pose des Siege:rs her formuliertes·, weil es in dieser Hinsicht
tektonisch zu erfüllen gesucht. In der Alpinen Architektur und die Toleranz des Kranken ist gegenüber dem Arzt.
im Haus des Himmels phantastisch und dann in realisierten Wir brauchen nicht nur eine stätkere Profilierung unterschied-
Entwürfen, vor allem in Britz. In diesem Maß setzten wohl alle licher funktional orientierter Gestaltungskonzeptionen, sondern
Pioniere der gestalterischen Avantgarde der zwanziger Jahre auch das spannungsvolle Miteinander dieser mit anderen.
an. Und wer sie, ihnen bewußt oder auch nicht bewußt, zu einer, Joachim Skerl, der meint, daß es möglich sei, die den Funktio-
großen internationalen Gemeinschaft verband, das waren die nalismus betreffende Gestaltungsproblematik in der Gegenüber-
revolutionären Kämpfe nationaler Proletariate, das war der stellung von <<Formvereinfachung>> und <<Formbereicherung>> in
Geist von Marx und Lenin. einer das Wesen betreffenden Weise diskutieren und lösen zu
In der gestalteten Proportion, in der erfüllten Harmonie können, kaschiert so schon im Ansatz den spezifischen ästheti-
also, sah Bruno Taut nun die Überflüssigkeit der Dekoration. schen Charakter des Funktionalismus. Wie sich die Menschen
Seine Gestaltauffassung berührt sich hier mit der von Walter in der Regel in weibliche und männliche Individuen unterschei-
Gropius. «Wir wollen den klaren organischen Bauleib schaffen, den, so differenzieren sie sich in seiner.Vorstellung nach einem
nackt und strahlend aus innerem Gesetz heraus .. .116 Den sitt- anthropen Kontingent in solche, welche in 'ihrer ästp.etischen
r.80 181
Orientierung auf <<formvereinfachte» und auf <<formbereicherte>> von <<Art deco». Ich habe nicht das Mandat und den Drang, im
Gegenständlichkeit gerichtet sind. Sein gestaltungsstrategisches Namen der Kunstwissenschaft zu sprechen, sondern möchte nur
Konzept ist ein reines Reproduktionsmodell von Klassenver- auf ein Zweifaches solcher Vorstellung weisen: auf ihre drasti-
hältnissen auf noch unentwickelter industrieller Grundlage. Er sche Antiquiertheit und avf ihre reale, bis in die Institutionali-
unterscheidet zwischen geringen, durchschnittlichen und hohen sierung gestalterischer Praxis hinein gefaßte Mächtigkeit. Schon
<<Anforderungem> an Komfort. Wer glaubt denn wirklich, daß durch solche Sprache wird verdeckt, daß sich in diesem Jahr-
hier eine Differenzierung von Bedürfnissen und nicht eine Dif- hundert die in gewisser Hinsicht tiefgreifendste Revolution in
ferenzierung von Befriedigungsmögltchkeiten gegeben ist? Es der ästhetischen Kultur der ganzen vorangegangenen Mensch-
ist nicht, wie die Verheißung lautet, im Wesen eine Befri'edi- heitsgeschichte vollzogen hat. Und so ist die Frage, ob zwischen
gung differenzierter Bedürfnisse, sondern eine differenzierte dieser Revolution und einer anderen Revolution in diesem
Bedürfnisbefriedigung. Selbstverständlich haben wir uns im Jahrhundert vielleicht ein wesenhafter Zusammenhang besteht,
Interesse des Sozialismus diesem Problem dialektisch zu stellen, schon terminologisch abgewehrt.
aber wir können das auf sozialistischer Weise nur, wenn wir es Die bisher umrissenen Meinungsverschiedenheiten sind um-
erst einmal richtig formulieren. Sein notwendig auf die Ent- fassend und tief. Aber sie müssen keine Barriere bilden, weil sie
ideologisierung sich gesellschaftlich reproduzierender gegen- wirkliche Probleme betreffen, deren Klärung unsere sozialisti-
sätzlicher ästhetischer Orientierungen zielendes theoretische~ sche Gesellschaft stärkt. Ich wende mich nun zum Letzten. Die
Konzept wirkt nur verständlich, wenn übersehen wird, daß sich Wirkung funktionaler und dekorativer Gestaltung betreffend
der Unterschied von Klassen, ihr Verhältnis zueinander in den schrieb Joachim Skerl: «Die Ursachen der begrenzten Wirkun-
einzelnen Klassen selbst reflektiert. Und die andere Vorausset- gen des Funktionalismus werden oft in den Umständen, nicht
zung seines Beweisverfahrens ist ein arger Mechanizismus der aber in seiner Theorie selbst gesucht.» Von der Wirkung von
Vorstellung des Zusammenhanges von gesellschaftlicher Lage, Ware-Geld-Beziehungen und von sozialer Ungleichheit können
weltanschaulicher,· politischer und ästhetischer Orientiertheit wir leider nicht absehen, wenn die Realisierungsmöglichkeiten
der Individuen. So geht für ihn zwischen den Klassen in der hier und die Wirkungsmöglichkeiten funktionaler Gestaltung nüch-
diskutierten Beziehung alles durcheinander. Wie sehr er in wa- tern einges~hätzt werden sollen. Besonders angesichts deutscher
renideologischer Blindheit verweilt, zeigt besonders der ab- Geschichte bewerte· ich diese Aussage von Joachim Skerl in ih-
schließende Satz seines Beitrages. Er zielt noch einmal auf die rem objektiven Charakter als zynisch. In seiner entwickelten
Bestätigung seines statischen dualistischen Modells von <<Form- Form und als kontinuierliche Gestaltungspraxis gehört der
vereinfachung>> und <<Formbereicherung>> und beginnt: «Das An- Funktionalismus nur diesem Jahrhundert: an. Er hatte als zu
gebot auf dem Binnenmarkt und auf den kapitalistischen Märk- negierende Grundlage eine in Jahrtausenden gebildete, modifi-
ten beweist, daß solche Differenzierung vorhanden ... » ist. Aber zierte und verfestigte handorientierte Basisästhetik gegen sich.
sein Anpassungsmodell trägt weder politisch im Innern noch Und hiergegen entwickelte er in geschichtlich kürzester Zeit
marktstrategisch nach außen. Das Beste, was von solcher Vor- eine explosive Entfaltungsdynamik.
aussetzung noch halbwegs begriffen werden kann, ist ein Zu- Seine positive gestaltungsästhetische Programmatik und wich-
stand, was sich ihr vollständig verschließt, ist der Prozeß, die tige Ergebnisse ihrer ansetzenden Verwirklichung erlangte der
· objektive Dynamik geschichtlicher Entwicklung. Es paßt etwa Funktionalismus erst durch seine Korrespondenz zu Werten,
für das kapitalistische Deutschland um 1900, aber nicht für die die allein durch das Proletariat getragen wurden, und durch
sozialistische Deutsche Demokratische Republik in den acht- seine Identifizierung mit Hoffnungen, welche die europäischen
ziger Jahren. Revolutionen der Jahre 1917, 1918 und 1919 weckten. Die gro-
Joachim Skerl ignoriert nicht nur das Spezifische funktiona- ßen Repräsentanten des Funktionalismus in Deutschland haben
ler Gestaltungskonzeption, sondern subsumiert den Funktiona- den Sieg der Revolution, die Verwirklichung einer neuen Ge~
lismus auch unter das Kategoriale des Dekorativen. Nach sei- sellschaft. gewollt. Sie haben diesen Prozeß nicht auf dem Ni-
ner Auffassung hat «die Kunstwissenschaft . . . den Begriff veau marxistisch-leninistischer Bewußtheit gedacht, aber die
<Art deco> geprägt, der ·in der Vielfalt das Bauhaus als eine utopischen, reformerischen und anarchistischen Züge ihres Den-
Äußerung einschließt>>. Das Bauhaus ist also eine <<Äußerung,> kens waren himmelweit von dem politischen Opportunismus,

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der als Organ der Bourgeoisie die Revolution schließlich er- liehen Geiste diktiert wird, werden alle ihre Bildungen mensch-
würgte, entfernt. Das Bauhaus steht hierfür nicht allein. Doch liches Gefühl verkörpern, und solange ein Zweck erfüllt werden
durch die erfolgte Institutionalisierung zeigt seine Entwicklung soll, wird der menschliche Intellekt darauf ausgehen, zweckmä-
die Entfaltungslogik konsequenter funktionaler Gestaltungs- ßig zu gestalten.» Die Entgegenstellung von Gefühlsmäßigem
konzeption besonders anschaulich. Und es waren nicht die <<be- und Geistigem auf der einen und von Zweckmäßigem auf der an-
grenzten Wirkungen» des Bauhauses, welche letztlich alle kon- deren Seite ist hier ganz scharf gefaßt. Auf dieser theoretischen
servativen Mächte der alten Gesellschaft gegen das Bauhaus Grundlage beruht letztlich das Dualismusangebot von Joachim
aufbrachten und die schließlich zur faschistischen Hetzjagd auf Skerl. Hier findet er auch den Ansatz seiner Funktionalismus-
das Bauhaus, die hervorragendsten Repräsentanten des Funk- kritik. Er steht damit nicht allein. Hannes Meyer gehörte zu
tionalismus und der gestalterischen Moderne überhaupt führ- denen, die radika( mit di~sem verengten Funktionsbegriff ge-
ten. brochen haben. W,as verstand er denn unter «funktion»? Lesen
ln Deutschland bestanden günstige Vorausetzungen einer wir in dem Aufsatz bauen, der angeblich mit der so düsteren
kontinuierlichen Entfaltung des Funktionalismus, und das Ablehnung des Außerfunktionellen beginnt. Dort heißt es zum
heißt notwendig auch, der Konkretisierung seiner Beziehungen Beispiel, das Wohnhaus ist ein «biologischer apparat<<. Uud wo-
zur Arbeiterklasse. Es gibt viele Tatsachen, welche die hier ge- für? Es ist ein «biologischer apparat für seelische und körperli-
zeichnete Linie nicht nur irritieren, sondern auch verkehrt er- che bedürfnisse>>. 7 Wie tastend, suchend die Formulierungen von
scheinen lassen. Aber ich behaupte diese Linie, weil ich davon Hannes Meyer auch immer }Varen, diese Dimension des Funk-
überzeugt bin, daß sie das Wesen wir.klicher Geschichte aus- tionsbegriffs hat er nie aufgegeben, hier wurde ein neuer Hori-
drückt. Und das gilt nicht nur für Deutschland. Wer hier her- zont aufgebrochen. In bauhaus und gesellschaft heißt es:
vorgetreten ist, drückt das wesenhafte Verhältnis von Bour- ·die neue b~ulehre
geoisie und Proletariat und sqiließlich von Kapitalismus und ist eine erkenntnislehre vom dasein.
Sozialismus zum konsequen~en Funktionalismus aus. als gestaltungslehre ·
Es ist vielleicht nicht ganz zufällig, daß Joachim Skerl sein ist sie das hohelied der harmonik.
Unbehagen· gegenüber dem Funktionalismus ausgerechnet an als gesellschaftslehre
Hannes Meyer artikuliert. Der Funktionsbegriff finde am Bau- ist sie eine strategie des ausgleichs.
haus <<zumindest konzeptionell .. : eine betont soziale Orien- der kooperativkräfte und der individualkräfte.
tierung>>, zugleich <<aber auch seine radikalste Ausprägung in der innerhalb derlebensgemeinschaft eines volkes.
Ablehnung alles Außerfunktionellen». Hannes 'Meyer habe das diese baulehre ist keine stil-lehre.
«am deutlichsten formuliert: <alle dinge dieser weit sind ein pro- sie ist kein konstruktivistisches system,
dukt der forme!: (funktion mal ökonomie)»>. Eine Ablehnung und sie ist keine mirakellehre der technik.
wird in dieser Aussage ,zwa~ nicht formuliert und ~uch keine · sie ist eine systematik des lebensaufbaues,
Funktio_nalismusformel. Wenn wir als sicher voraussetzen, daß und sie klärt gleicherweise die belange des
mit «alle dinge>> nur die produzierten Dinge gemeint sind, ~hysischen, psychischen, materiellen, ökonomischen-8
fällt zuerst die Nähe dieser Aussage zum Arbeitsbegriff von Das Programmbauhaus und gesellschaft schließt mit dem Satz:
Marx auf. Die Tugend des frühen Funktionalismus, sofern er <<als gestalter erfüllen wir das geschick der landschaft.»
nach theoretischem Selbstverständnis strebte, war die Reduzie- Nach dieser Konfession hat Hannes Meyer die Gewerk-
rung des Funktionsbegriffs. So konnte der Ballast der tradierten schaftsschule bei Bernau gebaut. Leise Töne, keine Gestik, der
Bedeutungen vom Gegenstand abgeworfen und der Tod der al- Schulbau der Straße entrückt, eingefühlt in den Boden und mit
ten Aura besiegelt. werden. Dieses Funktionalismusverständnis dem Walde verwoben.
teilte zunächst auch Hermann Muthesius, durch den Joachim <<Der fortschrittliche Architekt>>, schrieb Hannes Meyer 19 33,
Skerl sein ästhetisches Dualismuskonzept zu stützen sucht und <<tritt als aktiver Kämpfer in die Front des revolutionären Pro-
von dem er zugleich die Grundlage seiner Funktionalismuskri- letariats.»9 Dieses gestaltungsprogrammatische und uns gestalt-
tik entlehnt. So zitiert er von Hermann M.uthesius auch folgen- haft gegebene und dieses politische Vermächtnis sind ein Gan·
den Text: <<Solange unsere bildende H~nd von unserm mensch- zes. Es enthält wie das Vermächtnis der anderen Pioniere mo-
184 185
.
derner Gestaltung keine Ewigkeitsformeln, keine absoluten
Offenbarungen und Gestaltungsdoktrinen, aber eine große
Uber Postmodernismus
Herausforderung für alle, die sich ihm verpflichtet wissen.

Anmerkungen

Zitiert nach: Karin Hirdina: Der Funktionalismus: Programm ästheti-


scher Wertung, in: Weimarer Beiträge, 6/1981, S. 172
2 Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Re-

produzierbarkeit, Frankfurt (Main) 196 3, S. 19


Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW,
Bd. 8, Berlin 1960, S. 117 Der zerstrittenen Gemeinschaft der Ismen hat sich ein weiterer
4 Siehe den Beitrag von Joachim Skerl: Design und differenzierte ästhe- zugesellt, der Postmodernismus. Unterschiedliche gestalterische
tische Bedürfnisse, in: form+zweck, 6/1981, S. 6 f. Alle im weiteren Konzeptionen über Architektur und Design fassen das sie Ver-
zitierten Äußerungen von Skerl sind diesem Beitrag entnommen. red. bindende mit diesem Begriff zusammen, indem sie sich dem ent-
Bruno Taut: Architekturlehre. Grundlagen, Theorie und Kritik aus der
gegensetzen, was als <<Modernismus>> vorgesteJlt wird.
Sicht eines sozialistischen Architekten, Hamburg/Berlin (West) 1977,
Was aber ist aber Modernismus? Für einige ist die Antwort
S. 48
6 Walter Gropius: Staatliches Bauhaus. Weimar 1919-1923, S. 1 5 schnell und völlig plausibel erscheinend gegeben: Funktionalis-
7 Hannes Meyer: bauen, inl: H. Meyer: Bauen und Gesellschaft. Schriften, mus. Zweifellos kann in der antifunktionalistischen Gestik eine
Briefe, Projekte. Dresden 1980, S. 47 die einzelnen Richtungen des Postmodernismus umschließende
8 Hannes Meyer: Bauen und Gesellschaft. Ebenda, S. 5'z Klammer gesehen werden. Die Rehabilitierung der Ornamentik
9 Hannes Meyer: Antworten auf Fragen der Prager Architektengruppe für industrielle Erzeugnisse, das Bekennen zum Historismus
<<Leva Fronta» (1933). Ebenda, S. 125 und zum Eklektizi_smus - Charles Jencks spricht emphatisch vom
<<radikalen Eklektizismus>> 1 - und die Behauptung der Bedeut-
samkeit des Banalen und des Absurden werden programma-
tisch bezeugt und bilden einen in sich logischen Sinnzusammen-
hang. Dessen Widerlegung ist durch die tradierte abwertende
Bedeutung dieser Begriffe nicht gegeben. Gestalterische Hal-
tungen wie die des Eklektizismus und d'es Absurdismus können
abgelehnt, aber sie können auch bejaht werden. Begriffen sind
sie hierdurch weder in dem einen noch in dem anderen Fall.
Postmodernismus ist bekenntnisfreudiger, offener Antifunk-
tionalismus. Aber seine Rechtfertigung durch Bedürfnisse er-
wächst kaum aus Reaktionen gegen den Funktionalismus. Der
Postmodernismus hat wie jede andere Praxis nur durch beson-
dere Bedürfnisse gesellschaftliche Wirkungskraft. Gleichartige
Bedürfnisse können aber entgegengesetzte Inteiessen vermit-
teln. Wenn «Bedürfnis» die unmittelbar psychisch determinier-
te Gerichtetheit der Menschen und wenn <<Interesse» die durch
ihre gesellschaftliche Situation und ihren sozialen Status objek-
tiv gesetzte Wertorientierung meint, sind sehr denkwürdige
Beispiele zu nennen, welche erkennen lassen, daß sich. die Be-
dürfnisse von Individuen gegen ihre Interessen verkehren kön- ·
ncn. Das letzte Argument zur Verteidigung postmodernistischer
187
,.
Kreationen ist in der Regel, daß sie gefallen. Progressive Ge- bruch in die Illusiom> 2 gescheitert ist, der wieder Schuldige
staltung in Architektur und Design kann sich jedoch nur darin sucht und zugleich Befriedigungen ermöglichen muß. Der Anti-
bewähren, daß sie das Gefallen selbst hinterfragt und die Men- , funktionalismus in seiner postmodernistischen Ausrichtung ant-
sehen befähigt, in ihren Befriedigungen das eigene Interesse zu wortet auf die nicht mehr zu verdeckende Krise des Kapitalis-
erfüllen. Das wird noch genauer zu fassen sein. mus, indem 'er das falsche Bewußtsein über ihre Ursachen
· In seiner konsequenten Entfaltung ist der Funktionalismus ästhetisch bestätigt. Schuld tragen jetzt nicht die Juden, zunächst
als der eigentliche Widerpart' cles Postmodernismus nicht bloße
1
auch nicht in erster Linie die Kommunisten, sondern die Pro- ·
Abweisung von Ornamentik für industrielle Produktionen, ist duktivkräfte, die Technik und die Rationalität. Die ökologische
er nicht auf die Überwindung des Historismus und Eklektizismus Krise, die wa.chsende soziale Unsicherheit und die Proletarisie-
und seine Gestaltungskonzeption nicht auf die ästhetische An- rung großer Teile der Intelligenz und anderer mittelständischer
erkennung wissenschaftlicher Technologien und vergesellschaf- Bevölkerungsgruppen verstärken das im Kleinbürgertum wur-
teter Herstellung, auf Ökonomisierung und Gestaltdisziplinie- zelnde antiindustrielle Ressentiment. Auch jetzt e[)Veist sich die
rung zu reduzieren. Ih unserer Zeit kann als modern nur eine kleinbürgerliche ideologische Reflektierung der gesellschaftlichen
Gestaltungskonzeption anerkannt werden, die einen auf die .; Zustände als geeignetes Medium imperialistischer Herrschafts-
Menschheit bezogenen emanzipatorischen Gehalt objt;ktiviert. sicherung.
Mit Ausnahme der luxushaften Sonderungen des Postmodernis- In dem prognostisch einige Jahrzehnte vorgefaßten Bericht
mus leitet dieser seinen empirisch gestützten Wirkungsanspruch <<Stein-Zeit» von Claude Schnaidt heißt es: <<Durch Leitsätze wie
nicht aus einer im engeren Sinne funktionalen und damit moder- <wir sind alle Verschmutzen fühlte sich jeder für die Zerstö-
nen, sondern aus tindernonstrativ verkehrter funktionaler Ge- rung der Umwelt verantwortlich. Das ermöglichte, die echten.
staltung ab. Eben das ist im hier zu fassenden Sinne Moder- Verantwortungen zu tarnen .... Die Führer dieser ökologischen
nismus, vermarkteter, dem Kapitel unterworfener und damit Bewegung waren zuerst mal apolitisch ... Sie sprachen nie vom
gegen sich gekehrter Funktionalismus. Es fehlt ihm so .die Wür- Regime oder vorn Eigentum an Produktionsmitteln. Ihre Sensi-
de der harmonischen Einfachheit. Der Modernismus hat die bilität ging nicht bis zu Lärm, Gestank, Kälte und Hitze des
Struktur entfremdeter Repräsentation, gegen die der Funktio- Alltags der Arbeiter ... Die Ökologisten stammten aus den
nalismus gestoßen ist und stößt, nicht aufgehoben, sondern ge- Mittelschichten, die sich zwar bedroht fühlten, die aber mit der
gegenüber den ihm vorangegangen Formen monumentaler Arbeiterklasse nichts zu tun, haben wollten, da sie allein regie-
Architektur nur anders formuliert. In der funktionalistischen Ge- ren wollten. Sie sprachen laut, aber waren ungefährlich. Als sie
bärde von Prunkvillen Zahlungskräftiger und in der höhensüch- politisch tätig wurden, spielte alle Welt die <grüne Karte>: vom'
tigen Herrlil::hkeit technoid präsentierter :r<onzern- und Bank- Großindustriellen bis zu alten Professoren, von Maoistengrup-
gebäude ist das Maß der Gestaltung gegen die Lebenserforder- pen bis zum HeimatschutZ.>>3 Es bedarf wohl keiner besonderen
nisse der meisten Menschen gesetzt. Dem steht die Monotonie analytischen Gabe, um zu ahnen, wer in diesem Spiel sein Ge-
und Öde von Wohnsilos für den Massenbedarf gegenüber. schäft machen wird. Schnaidt führte seinen die Entwicklungs-
Hierzu bietet der Postmodernismus keine Alternitive. Viele ·potenz des Postmodernismus erhellenden Berich~ zur Vision
seiner Richtungen überbieten sich in gestalterischer Dienstbeflis- eines formell ökologisch begründeten Despotismus. Als Ant-
senheit gegenüber bürgerlichen Wahrnehmungserwartungen. Es wort auf den ersten Krisenbericht des Club .of Rome hatte
gibt keinen Wert, dessen Signatur nicht feilgeboten wird. Wolfgang Harich bereits vor Jahren der Menschheit empfohlen,
Modernismus und Postmodernismus sind Zwillinge. Der z~r Sicherung ihrer Existenz einen globalen Despotismus auf
eine ist ein verschwiegener und getarnter, der andere ist ein red- sich zu nehmen. 4
seliger Feind des Funktionalismus. Was der Postmodernismus Der Postmodernismus ist zwar auch durch verkehrtes Krisen-
·gegen den Funktionalismus kritisch zur Sprache bringt, ist neben bewußtsein gestützt, aber weit davon entfernt, es ZU aktivie-
der semiotischen Argumentation besonders der Zusammenhang ren. Denn in der Aktivierung solchen Bewußtseins liegt immer
von Gestaltung und Sittlichkeit. die Tendenz der Aufhebung der Verkehrung durch die Einsicht,
Der legitime Boden, aus dem der Postmodernismus erwach- daß die ökologische die sozialökonomische Analyse nicht erset-
sen ist und der ihn nährt, ist der Imperialismus, dessen <<Auf- zen kann. In der extremen Subjektivierui:J.g und ornamentalen
188 189
Aufblähung der Gegenständlichkeit spricht der Postmodernis- Aufnahme von Klassizismus und Barock trotz ihrer Diskrepanz
mus der einfachsten ökologischen Konsequenz Hohn. Dieses zum gesellschaftlichen Inhalt auch Ausdruck eines humanisti-
· Gestaltungskonzept ergibt sich, weil er auf unreflektierte Be- schen, antiimperialistischen Behauptungswillens. Wenn jetzt in
friedigung, auf blinde Genüßlichkeit zielt. Mit dem Stichwort Rostock das Motiv des Spitzbogens an den Außenfläch'en von
<<Unterhaltung» gab Chup Friemert einen Ansatz für das Ver- Wohnbauten als zierender Auftrag erscheint, spricht das nur
ständnis des Postmodernismus. 5 noch von gestalterischer Verlegenheit gegenüber der Aufgabe,
Das Unterhalte:nde postmodernistischer Gestaltung entspricht charakteristisches räumliches Milieu zu bilden, und von dem gu-
vollständig der Funktion der Unterhaltungsindustrie. Unterhal- ten Willen einiger Architekten, trotzdem Befriedigung zu ermög-
tung ist hier nicht die Aktivität sich unterhaltender Individuen, lichen. Die Bedeutung der Form ist auf das Niveau einer loka-
sondern Form ihrer Passivität, in der sie unterhalten werden lisierten dekorativen Allegorie gesunken.
und in der sie ihr Schweigen trainieren. Die wohl wichtigste Einen für den Postmodernismus wegen der über die Banali-
Bestimmung des Postmodernismus erschließt sich durch den Be- sierung hinaustreibenden Tendenz sehr aussagevollen Vorgang
griff des Banalen. Über den Beitrag Robert Venturis zur post- der Wertmetamorphose zeigt eine Werbung für die Likörfa-
modernistischen Architektur schrieb Jencks: <<Das Schwergewicht brik Metaxa. Drei kunstig unterschiedliche Spirituosenflaschen
von Venturis Beitrag als Ganzem lag auf der Aufwertung kom- werden vor den Hintergrund der Athener Akropolis ins Bild
merzieller Gags und des Eklektizis,mus des neunzehnten Jahr- gesetzt. 7
hunderts wie sie sich auf der Massenebene mitteilen.» 6 Der Die Bourgeoisie faßt also ein brei~es Spektrum des kulturel-
«dekorierte Schuppen>> als absatzstrategischer Raum definiert len Erbes, strukturiert es iUS der .Logik ihrer Interessen. Und
die Gestaltungslogik. Das Banale als Sinnleeres ist jedoch nicht es gehört zu den gängigen Argumenten postm9dernistischer
sinnfrei wie die Natur an sich, weil es durch Werte bestimmt Apologie, dem Funktionalismus umfassenden Tr~ditionsbezug
wird, auf die es bezogen ist. Ein Inhalt ist banal erst durch die abzusprechen. Erbe ist gegenwärtige Vergangenheit. Es umfaßt
Banalisierung. vielartige Bestimmthejten unseres Seins, auch den ihm''inneren
Der Vollzug von Banalisierung soll zuerst in rigoroser V er- Gegensatz von Vermächtnis und potentiellem Verhängnis.
kürzung der Interpretation seiner einzelnen Stufen in einer dem Wie Vergangenheit für ein Subjekt wirkend ist, hängt wesint 0

Postmodernismus verwandten Endform gefaßt werden: Ur- lieh von einer anderen Zeitdimension der Gegenwart ab, ist
sprünglich war der Spitzbogen der gotischen Architektur die durch Zukunft bestimmt. Damit ist die Differenz von Interessen
Einheit von statisch-funktioneller und symbolischer Gestalt- berührt. Und in dieser Zeit sind es zwei Charaktere von Inter-
erfüllung. Der gotische Kirchenraum kann auch als ästhetische essen, auf die letztlich alle Sonderungen hinführen, die der im-
Vorwegnahme der Reformation, als räumliche Aussetzung des perialistischen Bourgeoisie auf der einen und ·die des Proleta-
Anspruchs irdischer Vermittlung zwischen dem Menschen und riats, des Sozialismus und der Menschheit auf der anderen.Seite.
Gott gedacht und erlebt werden. Diese Architektur bezeugt so Für die herrschende Bourgeoisie ist Zukunft nur sich reprodu-
eine Entfaltung der Emanzipation des Menschen, die sich noch zierende Gegenwart, mit der Erfüllung ihrer Klassenziele er-
als Herausarbeiten aus der Entfremdung innerhalb der Ent- schöpft sich für sie Geschichte als Werden, wird ihre Zeit end-
fremdung'selbst vollzog. Das weltanschauliche Knechtsverhält- zeitlich. Für das Proletariat, gleich ob es noch unter das Kapital
nis der Menschen mußte erst verinnerlicht werden, bevor die gebannt oder bereits Subjekt eigener Klassenherrschaft ist, er-
Aufgabe seiner Überwindung allgemein gestellt werden konnte. füllt sich das Interesse endgültig erst durch die Negation seiner
Die Neogotik war in romantischer Weise historisierend, sie be- selbst. Seine Gegenwart ist zukunftsgerichtet.
rief das ideal gefaßte Bild von Vergangenheit als Anspruch ge- Das organisierende Zentrum, der «Kern>>, des der Arbeiter-
genwärtiger Verwirklichung oder wenigstens als Zeichen einer klasse gemäßen Traditionsverständnisses ist die kommunisti-
Sehnsucht. Gotische Zitierungen in der zweiten Hälfte des sche Revolution. Die strukturierende Mitte gegenwärtig vor-
19. Jahrhunderts waren vorwiegend funktionsgliedernd, wiesen herrschenden kapitalistischen Traditionsverhaltens· ist die bür-
ein bestimmtes Bauwerk als Rathaus oder als Kirche aus und gerliche Konterrevolution. Beide Begriffe, der der Revolution
hatten immer no,ch einen ,historisierenden Hintergrund. Die Go- und der der Konterrevolution, müssen weit gefaßt werden.
tizismen in der frühen Architektur der DDR waren wie die. Kommunistische Revolution ist heute vor allem die weitere

190 191
Entwicklung des Sozialismus. Sie ist im Leben der Menschen dicke Beine eines -Tisches eine dünne Glasplatte - heißt es zu-
nicht nur in wachsender Bewußtheit und entfalteter Aktivität, treffend: Solche «Möbel sind keineswegs disfunktional; sie stel-
sondern auch in der Fähigkeit der Muße und des Spiels durchge- len vielmehr andere Prioritäten in den Vordergrund: das De-
setzt. Konterrevolution ist nicht nur das unablässige Versuchen korative, das Symbolische, das Rituelle.>>8 Derartige Gestaltun-
des Imperialismus, durch Gewalt und einfühlende List die neue gen <<erinnern an die Malerei des Surrealismus. Sogenannte
Gesellschaft wieder zu tilgen. Konterrevolution ist auch der <absurde Bilder> werden assoziiert, um den Eindruck des Über-
mit Gewalt und Befriedigung gewährender Tücke gepaarte Ver- wirklichen darzustellen. Reales und Traumhaftes werden ver-
such, die weitere Bewegung der Revolution in den vom K;apital mischt.>>9 Burckhardt übersieht hier jedoch die funktionelle und
beherrschten · Ländern zu verhindern. Die Bourgeoisie eignet
damit auch die semiotische Differenz zwischen bildender Kunst
sich heute Vergangenheit nicht als Vermächtnis menschlicher · und Design. Stuhl und Tisch, Teller und Löffel dienen nach
Entfaltung, sondern als Konglomerat wertentleerter Hüllen an.
dem <<normalem> Verständnis dem praktischen Verhalten und
Weil sie gegen den Fortschritt steht, ist ihr der transitorische · Tun der Menschen, sind im Unterschied zum Bilde keine Ge-
Gehalt des Erbes widersetzig. Vergangenheit verliert das Ge-
genstände für die Anschauung, sondern anschauliche und hap-
richtete und damit Weiterführende und verdichtet sich so tisch erschließbare Bedingungen der Lebenstätigkeit. Konstitu-
amorph als Gegenwart. Das ist der radikale Eklektizismus, durch
tiv für den Stuhl ist das Sitzen. Dieses schließt schon viel Ge-
den die Leute im Erbe baden können wie 'der Rheumatiker im schichte in sich. Bevor sich die Götter auf den gethronten Stüh-
Schlamm. Aber während dieser Linderung seines· Leidens sucht len, niederließen, saßen Menschen. Vor den großen, göttlichen
und auch erhoffen kann, ist die postmodernistische V ergegen-
saßen die kleinen, irdischen Herrscher. Selbstverständlich ist es
wärtigung von Vergangenheit ganz von den Gebrechen der al-
möglich, gegenüber der als normal vorgestellten Auffassung
ten Gesellschaft erfüllt und funktioniert als Behauptung gegen
des Stuhles ander~ Prioritäten zu setzen. Es wurden una!Jllässig
jedes Streben nach Veränderung. andere Prioritäten gesetzt. Das heißt für die Gegenwart allge-
Eine elementare semiotische Einsicht, die das objektive We-
mein riur, die Logik von Warenverhältnissen zu erfüllen, die
sen des postmodernistischen Eklektizism~s mit erklärt, ist, daß
Macht der Sachen über die Menschen ästheti~ch zu bekunden
diese Aufnahme von überlieferten Formen deren Bedeutung
und den Interessenten dieser Verhältnisse zugleich die Möglich-
immer mehr reduzieren muß. Und wenn es nicht gelingt, gei-
keit zu bieten, ihr borniertes Dasein sich in der verkehrten
stige Wachheit durch ästhetische Verleitung vollständig abzu-
Wi<;htigkeit der Dinge zu verbergen. Das Prosaische der Be-
bauen, führt sie zur Erfahrung des Absurden. Die Banalisie-
ziehungen der Konkurrenz bestätigt sich in der poetisierenden
rung als Sinnentleerung führt zum Widersinnigen. Auch der Draperie der Dinge.
neue Eklektizismus kann den Historismus nicht ganz überwin-
Das aufstrebende Bürgertum wollte um die <<gemeine Deut-
den. Er zehrt von der Erinnerung, obgleich er auf ein erinne-
lichkeit der Dinge» den «goldenen Duft der Morgenröte» we-
rungsloses Wohlgefallen am Erbe zielt. Die nicht von und für
ben.10 <<Die praktische Anschauung», schrieb Ludwig Feuerbach,
Ausbeutung leben, müssen wissen, daß die Dorik nicht ihre
<<ist eine schmutzige, vom Egoismus befleckte Anschauung; denn
Macht und daß die korinthische Säule nicht ihre Freu.den trägt.
ich verhalte mich in ihr zu einem Dinge nur um meinetwil-
Die Idealität des Tempels lastet auch auf dem Schicksal der
len .... >> 11 Feuerbach sah für bürgerliche Verhältnisse Richtiges.
·Sklaven, und die Erhabenheit der Kathedralen soll uns das
Sein Fehler war, dieses gesellschaftstheoretisch allgemein zu
Knechtische ihres Gehalts nicht vergessen lassen. Da.s Land der
setzen. Aber der · Kommunismus ist ein anderes praktisches
Griechen wird heute nicht mehr mit der Seele gesucht, und das
Weltverhältnis der Menschen. In diesem ist auch Poesie gegrün-
Mittelalter ist uns keine Welt eigener Erfüllung. Die Unbefan-
det, denn es ist nicht mehr ei.ne Bezie~ung der Konkurrenz und.
genheit .naiver Illusion ist endgültig zerbrochen. Es bleibt nur
der wechselseitigen Ausschließung der Menschen durch das Ge-
eine im Grunde zynische Systematik sinnlicher Illusionierung.
genständliche, sondern eine des soliciarischen Zusammenhan-
In einer Besprechung von Arbeiten italienischer Designer,
ges des Menschen mit der Menschheit. Wenn· der Zweck nicht
die in der Nähe des Postmodernismus stehen, hat Franc,:ois
mehr schmutzig ist, muß die erscheinende praktische Zweckmä-
Burckhardt sehr denkwürdige Aspekte bezeichnet. Über Möbel,
ßigkeit nicht mehr wegdekoriert werden. Die im praktischen
welche der «Logik der Konstruktion» nicht folgen - so stützen
Leben der Menschen sich gründende Poesie findet ihren Wider-
192 13 Kühne, Haus
193
schein in den gegenständlichen Lebensbedingungen, indem die- hältnissen Enttäuschten treten. Und außer den Apologeten des ·
se ihr Sein für diese Praxis ästhetisch offenbaren. Alten und den vom Neuen Enttäuschten gibt es viele Pragma-
Der Postmodernismus ist ein Reproduktionsmuster von Ent- tiker, die in der postmodernistischen Welle Möglichkeiten des
fremdung. Aber es fehlt ihm gegenüber anderen Formen der Geschäfts und der Karriere wittern. Sicher geraten in den ka-
Entfremdung das Moment der allgemeinen Notwendigkeit. Er pitalistischen Läncilern auch Architekten und Designer in die
ist nur tradierend, nicht transitorisch. Damit so wie die alte Ge- Nähe des Postmodernismus, weil sie nach Alternativen gegen
sellschaft. Wie sie steht er gegen das heute für die Menschheit die modernistische Gestaltung suchen und sich nicht, wie Burck-
Notwendige. Das Absurde surrealistischer Bildgestalt kann hardt schrieb, <<dem Verdacht systemerhaltender Tätigkeit>> aus-
durch Verfremdung Realität erhellen und Impulse zu realisti- setzen wollen. 13 Besonders sie sollten aufmerken, wenn ana-
schem Verhalten auslösen. Aber der unterschwellige _Absurdis- lytisch richtig von der Gestaltung im Wesen materieller Lebens-.
mus des Banalen verschließt sich wie die in praktischen Le- bedingungen festgestellt wird: <<Reales und Traumhaftes wer-
bensbedingungen bekundete Absurdität solcher Wirkung, weil den vermischt.>> Anders ausgesprochen: <<Sogenannte <sinnlose
hieraus nicht verändernde Aktivität, sondern Gewöhnung er- Zusammenhänge> beanspruchen den gleichen Realitätsgrad wie
wächst. Wolfgang Fritz Haug bezeichnete <«Das Absurde> als die alltägliche Wirklichkeit.>> 14 Surrealistische Bildgestaltung
Theologie der Enttäuschung>>. 12 So ist bereits ein Bedingungs- die realistisch gerichtet ist, denunziert allerdings diese Gleich-
zusammenhang gesehen. Der Absurdismus bildet _sich auch· als setzung, zielt auf Provokation und nicht auf eine «Poetik der Bil-
Apologie von Weltanschauungen oder von gesellschaftlichen der, die Faszination auslöst und hier ihre Parallele hat in der
Verhältnissen, die ins Absurde gelangt sind. Der Absurdismus Aufwertung des <Falschen»>. 15
ist die Mitte von polaren Werten. Er behauptet den <<verkehr- Bei solchen diagnosti'schen Befunden über Design ist es nicht
tem> Wert gegen seinen Antagonisten, der aber noch formell an- nur geboten, die Parallele zu bildender Kunst genauer zu fas-
erkannt bleibt. sen und zu problematisieren, sondern sehr gründlich auch die
Gefragt sei, ob es einen Funktionszusammenhang zwischen Möglichkeit von Parallelität zu bestimmter Politik zu erörtern.
dem Absurdismus in Architektur und Design und gesellschaft- Bangend sei gefragt, ob so begriffene Gestaltwirkung nicht bei-
licher Wirklichkeit gibt. Wenn das Leben der Menschen auf der tragen kann, noch größere geistige Dunkelheit, in der sich
Erde als Wert behauptet wird, ist es absurd, daß täglich Tau- schauriges Verbrechen bereitet, zu fördern. Keinem Gestalter,
sende Menschen den Hungertod sterben und in einigen Län- ob Architekt oder Designer, wird solche Absicht unterstellt,
dern gleichzeitig Arbeitswillige ohne Arbeit sind. Absurd ist aber die objektive Wirkung von Gestaltung muß bedacht wer-
- wenn einfachste menschliche Werte nicht aufgegeben werden - den. Für die Verständigung hierüber haben wir unsere Worte.
der Imperialismus, der die Gefahr der militärischen Vernichtung Ihren Wert für die Bewahrung von Menschlichkeit sollten wir
der Menschheit heraufbeschworen hat und sie ständig erhöht. sorgsam hüten und ihren Raum ausweiten. Worte postmoderni-
Wo die alte Gesellschaft keine produktive Antwort auf nur eine stischen Selbstverständnisses sind: Banales, Absurdes, Sinnlo-
Lebensfrage der Menschheit mehr zu geben hat, präsentiert sie ses, Falsches. Mit oder ohne Apostroph in der Schrift versehen
noch eine ihrem allgemeinen Wesen entsprechende saubere, sollten sie nicht das Erregende verlieren. Die Erregung muß
eine gegenstandsfreundliche Bombe. Aus dem dekorierten durch den Gedanken diszipliniert werden, sonst ta_ugt sie nichts.
Schmutz ihrer Dingwelt erstrahlt dieser Glanz. . Ein Gedanke ist vielleicht: Die Synthese von Wirklichkeit und
Ohne die Überlegung in vereinfachter Analogie festzusetzen, Traum im Bewußtsein vieler und die Umformung des vom
sollte der Frage nach möglichen Wirkungsvermittlungen zwi- ': Standpunkt der Humanität als absurd zu Empfindenden ins
11
sehen der gewordenen Absurdität des Kapitalismus und dem ·' Faszinative hat nicht nur in deutscher Gefolgschaft für Adolf
Absurdismus in Architektur und Design nicht ausgewichen wer- 1-Iitler Ausdruck gefunden.
den. Postinodernistische Gestaltungen erwachsen wohl kaum Die Geschichte bietet keine einfachen Wiederholungen. Es
aus bewußter Verteidigung des Kapitalismus. Aber das führt , ist nicht zu Vermuten, daß der neue Messias einen Bart tragen
unser Verständnis lediglich zu den Motiven dieser Gestaltung wird. Die absurden Stühle werden ihn stören wie die absurden
und nicht zur Wirkung der Gestalt. Zugleich gilt, daß zu den Bilder gestört haben. Wenn das Falsche auf den rechten Stuhl
Apologeten alter Verhältnisse sehr oft die von den neuen Ver- gelangt ist, verlangt es seine Anerkennung als das Wahre.
13*
194 195
Vom Absurdismus führt auch ein Weg nach vorn, aber er ist wisser Hinsicht sind sie zwei Seiten einer Gestaltung. Was hier
nicht der Weg. Die Ambivalenz des Absurdismus ergibt sich, interessieren und. kurz diskutiert werden soll, ist die Beziehung
weil er den Gegenwert noch anerkennt, die Herrschaft des ver- beider Gestaltungsweisen zur Moral, Weltanschauung und Po-
kehrt Gewordenen damit noch nicht als absolute gesetzt ist. Be- litik. Postmodernistisches Selbstverständnis ist in der Regel mit
stimmend für den Postmodernismus ist das Eklektische und da- · der Leugnung eines Wirkungszusammenhanges zwischen der
mit das Banale. Regressive Herrschaft. vermittelt sich dauer- Gestaltung der gegenständlichen und räumlichen Lebensbedin-
haft nicht durch Absurdismus, sondern durch die Banalisie- gungen einerseits und der Ideologie und der gesellschaftlichen
rung, läßt den _Traum nicht mehr als Traum, die Wirklichkeit Praxis ·andererseits verbunden. Der widerspruchsvolle Charak-
nicht mehr als Wirklichkeit bewußt werden, indem sie die Syn- ter dieses Zusammenhanges bietet dem· Denken viele Ansätze,
ili~e ~~~ · · ihn überhaupt zu verkennen und zu bestreiten. ,
Für die Auseinandersetzung mit dem. Postmodernismus sol- Der Beziehung von Gestaltung und Ideologie hat David
len drei Gesichtspunkte thesenhaft umrissen werden. Das ist Watkin eine selbständige Abhandlung gewidmet. Um einen
zuerst dje semiotische Argumentation, die das Problem des Re- Zusammenhang von Gestaltung und Weltanschauung zu bestrei-
gionalismus und des Kontextualismus einschließt. Die semioti- ten, argumentiert er so: <<Die katholische Kirche betrachtet sich
sche Konzeption des Postmodernismus ist elementar bürgerlich, als Vertreter der offenbarten Wahrheit und kann behaupten, daß
den Menschen wird im Grunde nichts, den Dingen alles zuge- ihre Mitglieder 1977 im wesentlichen an dieselbe Lehre glauben
traut. So werden die im Leben nicht objektivierten Bedeutun- wie 1477. Dennoch sind die Formen der Kirchenarchitektur in ·
gen den Dingen aufgetragen. Aber der Symbolwert von prakti- beiden Perioden vollständig verschieden. Und diese Unterschie-
schen Gegenständen beruht nicht in der durch das Dekorative de können nicht erklärt werden in Begriffen von Wahrheiten
verkehrten Priorität, sondern in der objektiven Bedeutung des oder Lehren, die die Anhänger als ewig und unveränderbar an-
Praktischen, in seinen Erfüllungen und in seinen Niederlagen. sehen.>>16 Das ist eine Betrachtung von verblüffender Überzeu-
So ist der symbolische Gehalt des Kreuzes nicht darauf gestützt, gungskraft. Aber es sind Einwände möglich. Wird qoch zuge-
daß es später in Ornamente gefaßt wurde. standen, daß die Gläubigen von 1477 bis 1977 nur <<im wesent-
Zweitens sei der gegen die moderne Gestaltungspraxis erho- lichen an dieselbe Lehre» glaubten. Und es ist nun eindeutig zu.
bene Vorwurf ihres Mangels an Begründetheit ini Erbe beach- belegen, daß «im wesentlichen>> auch die Kirchenbauten gleich-
tet. Darin ist nicht alles falsch. Jede Revolution ist ein Brechen artig geblieben sind. So finden wir die Dächer stets ob~n und
mit der Vergangenheit. Eine radikalere Revolution als die so- die Fenster in den Seitenbegrenzungen der Innenräume. Es wird
zialistische hat es nicht gegeben. Und das gilt auch für den kon- von W atkin aiuch zugestanden, daß <<Religionen heutzutage
sequenten Funktionalismus, der die gestaltlogische Konsequenz nicht sehr Mode>> siri.d. 17 Damit ist doch alles erklärt. Es gab
•dieser Revolution ist. Wir denken die Revolution nicht als eine . einen Abfall der religiösen Gläubigkeit. Wenn wir noch beden-
gradlinige, rein ideale Erfüllung, nicht als frei von Einseitig- ken, daß es schon um 1 500 sehr unterschiedliche Tiefe1n des
keiten und tragischen Fehlern. Aber die Revolution ist die ein- Glaubens gegeben ·hat und harte Zurechtweisungen nötig wur-
zig mögliche, die wahre Aufnahme des Erbes, wenn wir es als den, um die Wahrheit rein zu halten, wird die verwirrende
Vermächtnis begreifen. Vielfalt architektonischer Erscheinungen schon einsichtiger.
Schließlich verlangt die Auseinandersetzung mit dem Post-, Schließlich gab es ja auch Verstöße gegen den rechten Glauben,
modernismus eine genauere Bestimmung des besonderen Cha- die nicht alle sofort aufgedeckt wurden. Ketzerei war doch im
rakters von Architektur und Design. Das betrifft einmal den Grunde, gewollt oder nicht gewollt, auch Bramantes Entwurf
Unterschied beider und dann ihre Beziehung zur Kunst. Es ist für •die neue Kathedrale S. Pietro in Rom. Als Zentralbau soll-
sinnfällig, daß Architektur und Design in besonders enger Be- te sie sich über das Grab des Apostels Petrus erheben. Da ein
ziehung zueinander stehen, sich wechselseitig erfüllen und daß Apostel aber nicht Gott ist, blieb die Bestimmung des eigent-
jede tragfähige Konzeption der Gestaltung gegenständlicher lichen Mittelpunktes offen. Palladio hat in der Rotonda das
Lebensbedingungen ihre räumlichen Korrelate erkunden muß. Geheimnis des Zentralbaumotivs preisgegeben. Das waren gro-
Architektur ·ist immer auf Regionales bezogen, während das ße Schritte. Vom Tempel, den noch die Götter behausten, zur
Design immer mehr eine globqle Tendenz erhält. Aber in ge- gotischen Kathedrale, die schon von den Menschen erfüllt, aber
196 '197
Anmerkungen
immer noch Gottes Haus war, bis zur selbstherrlichen Setzung
des Indiviguums als Mitte. Hier ist Aufsteigen des Menschen,
I Charles Jencks: Die Sprache der postmodernen Architektur. Die Ent-
Fortschritt, der zu uns führt, wenn wir fortschreiten. Und hier stehung einer alternativen Tradition, Stuttgart 1980
wird uns Vergangenheit entgegengestellt. Es kann als Ironie 2 Wolfgang Heise: Aufbruch in die Illusion. Zur Kritik der bürger-
gedeutet werden, daß Bruno Reichlin und Fabio Reinhardt den lichen Philosophie in Deutschland. Berlin 1964
Topos der Rotonda auf dem Baumarkt umsetzten. Und wenn Claude Schnaidt: Die Stein-Zeit, in: tendenzen Nr. 134, April-Juni
sie hierzu bemerkten, diese <<ikonische Heraufbeschwörung der 1981, s. 6
Rotonda war ein Lockvogel für ein aufmerksame,s Publikum>> 18 , 4 Wolfgang Harich: Kommunismus ohne Wachstum?, Babeuf und «Club
sch~ingt auch hier Ironie mit. Ironie, die Charakterlosigkeit of Rome>>, Reinbek bei Hamburg 1975
Chup Friemert: Thesen über den Postmodernismus, in: tendenzen,
dekoriert. a. a. 0., S. 4
Die zuvor wiedergegebene Argumentation von Watkin, an 6 Charles Jencks: a. a. 0., S. 87
der alle, die den ideologisch relevanten Charakter von Archi- 7 messemagazin international. Das Magazin für den Ost-West-Handel.
tektur und Design zu bestreiten suchen, verdientes Wohlgefal- Leipzig 1982, S. 72
len finden können, entspricht polemischen Fragen wie der nach 8 Francois Burckhardt: Das andere Design. Das neue Design (? ). «Pro-
dem Unterschied zwischen einer kapitalistischen und einer so- vokationen>> oder: Die Aufwertung des Falschen, in: form 96 - IV -
zialistischen Lokomotive oder der nach dem Unterschied zwi- 8/82
schen einer bürgerlichen und einer kommunistischen Zahnbürste. 9 Ebenda
1 o Friedrich von Schiller: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht. Wal-
Architektur und Design sind nicht im einfachen Sinne ange-
wandte Weltanschauung. Sie stehen aber nicht außerhalb der lensteins Tod, in: Schillers Werke. Nationalausgabe, hg. von Her-
mann Schneider und Lieselotte Blumenthal, Weimar 1949, S. 333
gesellschaftlichen Kämpfe und sind ideologisch in ihren Ge-
r I Ludwig Peuerbach: Das Wesen des Christentums, in: Gesammelte
staltwerten nicht irrelevant wie die Reinigung von Abwässern Werke, hg. von Werner Schuffenhauer, Bd. 5, Berlin 1974, S. 333
oder das Putzen von Fenstern. 12 Wolfgang Fritz Haug: Kritik des Absurdismus, Köln 1976,
Eine theoretische Untersuchung der Zusammenhänge von Po- s. 7
litik, Weltanschauung und Gestaltung in Architektur und De- 13 Francois Burckhardt, a. a. 0.
sign ist hier nicht zu geben. Sie hätte diese Beziehungen als Wi- 14 Ebenda
dersprüche zu begreifen', denn das Wesen des Zusammenhanges 15 Ebenda
16 David Watkin: Moral und Architektur, in: Opposition zur Moderne.
ist der Widerspruch. Es sollten in diesem Beitrag Standpunkte
und auch Punkte des Anstoßes gesetzt werden. Nur ein Ge- Aktuelle Probleme in der Architektur. Ein Textbuch von G. R. Blo-
meyer, B. Tietze, Braunschweig/Wiesbaden 1980, S. 29
sichtspunkt zum zuletzt berührten Problem sei noch gefaßt: 17 Ebenda
Wenn wir zunächst im Wortsinn unter <<Weltanschauung>> nur 18 Bruno Reichlin, Fabio Reinhardt: Die Auseinandersetzung mit Pal-
die Art, in der die Welt angeschaut und über das sich so Er- ladio in der zeitgenössischen Architektur, in: neue heimat, Monats-
schließende hinaus vorgestellt wird, verstehen, lassen sich zwei hefte. 28. Hamburg 1981, Heft 1, S. 47
gegensätzliche Einstellungen bestimmen, die von physiopsychi-
schen Eigenarten der Individuen vollständig unabhängig sind.
Sehen wir im eigenen Gegenstand unser Verhältnis zu anderen
Menschen, unser Verhalten zur Menschheit oder ist uns der Ge-
genstand eine Blende, die den Blick aufsaugt und die Vorstel-
lung erfüllt? Das gesellschaftsblinde Verhalten sucht Bestäti-
gung und Genuß im aufblühenden Gegenstand, die innere Ar-
mut erquickt sich am Reichtum der äußeren Erscheinung. Archi-
tekten und Designer können ihre Schöpfungen von moralischer
Verantwortung lossagen, aber sie sind damit ~on ihr nicht ent-
bunden.

198
Antworten und Fragwürdigem nicht getilgt. Daß hieran nicht erinnert wird,
um der Diskussion auszuweichen, wird auch dieser Beitrag be-
Zur Diskussion über Gegenstand und Raum weisen.

1. Zuerst weisen Letsch und S~harf in ihren Bemerkungen auf


eine kunstzentristische Tendenz meiner ästhetischen Anschauun-
gen. Zu dieser Deutung leitet sie vor allem der .t\usdruck «ästhe-
tische Gestalt». Sie erkennen, daß der damit gefaßte.Begriff nicht
die ästhetische Relevanz von Gegenständen überhaupt, sondern
diese unter dem Gesichtspunkt ihrer Bildung begreift. Aber mit
Alle Gesichtspunkte, die bisher kritisch zu Gegenstand und dem Begriff der ästhetischeh Gestalt sei nun unabhängig von
Raum gefaßt wurden, sollen hier nicht erörtert werden. Es meiner Bestimmung des Ästhetischen von der Emotionalität her,
wird ein Problem in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ge- was «nicht einzusehen sein dürfte», «~ine ästhetische Determina-
stellt, dem für die geseUschaftsstrategisch begriffene Effektivie- tion technischer und praktischer Gegenstände doch wohl vom
rung der Funktionen von Architektur und Design bei der wei- Tisch>>. (S. I 65). Diese Behauptung geht doch wohl etwas sehr
teren Gestaltung des efltwickelten Sozialismus besondere Be- fehl. Folgendes kann gelesen werden: <<Der Begriff der ästhe,_ti-
deutung zukommt und das den konzeptionellen Ansatz meiner schen Gestalt meint einzig die ästhetisch determinierten und
ästhetischen Auffassungen in seinen weltanschaulichen und damit nicht die ästhetisch wertigen Gestaltqualitäten überhaupt. Die-
auch politischen Grundlagen kriteriumshaft berührt. Es geht ser Begriff stellt die· ästhetisch determinierten Gestaltqualitä-
um den Charakter menschlicher Individualität im Sozialismus ten idealisierend als Totalität vor, obgleich diese keine kongru-
und um den Anspruch der Menschen, .sich in gestalteten räum- ente reale Entsprechung hat. Das ist ein wesentlicher Unter-
lich-gegenständlichen Lebensbedingungen emotional und geistig schied gegenüber dem Begriff der technischen oder dem der
in ihrer Individualität ~u bestätigen. Herbert Letsch und Karla praktischen Gestalt. Der Begriff der ästhetischen Gestalt wird
Scharf haben diese wichtigen Fragen gestellt und in kritischer mit durch die Bestimmung der praktischen gebildet. Wie es
Wendung gegen meine Vorstellungen hierzu ihre Antworten kein selbständiges moralisches Verhalten gibt, die ;Eigenschaft
umrissen.1 Das sei bedacht. Der Vorwurf, von Wesentlichem des Moralischen vielmehr in allen besonderen Verhaltensweisen
auf Nebensächliches ablenken zu wollen, wird in lauterer Weise realisiert ist, gibt es auch keine besonderen ästhetischen Verhält-
gegenüber dieser Verteidigung eigener Standpunkte nicht zu nisse. Selbst die künstlerischen Verhältnisse sind verkannt, wenn
erheben sein. sie einfach als ästhetis.che vorgestellt werden.>> 4 Hierzu ist zwei-
Einige durch die Rezension von Karin Hirdina über Gegen- fellos kritische Reflektierung geboten, die sich jedoch den Be-
stand und Raum ange~egte Bemerkungen sollen den Äußerun- stimmungen der Begriffe und den methodologischen Vorausset-
gen zum zuvor bestimmten Thema vorangestellt werden. In die- zungen ihrer Bildung stellen muß. Diese Kritik führt zu der
ser Rezension wird an das von mir in Kritische Revue bezeugte Konsequenz, daß der Begriff der ästhetischen Gestalt irritierend
trotzige Wohlbehagen an der eigenen Konzeption erinnert. 2 ist und aufgegeben werden muß. Aber den geringsten Anschein
Wenn dieses Geständnis von seinem Bezug auf Ästhetik heute3 von Kunstzentrismus erweckt er nicht. Eine auf die souveräne .
abgehoben wird, kann es leicht die Vorstellung eitler Selbstge- Vorsteflungskraft gestützte Argumentation hat gegenüber einer
fälligkeit wecken. Dieses Risiko war zuvor gedacht, und es s©ll auf Tatsachen gestützten zweifellos den Vorzug, daß sie sich ohne
nicht versucht werden, es durch gegenteilige Beteuerungen ab- Mühen hemmungslos frei entfalten kann. Es wäre leicht, durch
zuschwächen. Aber ein belegbarer Tatbestand sei ausgesprochen: Zitate zu belegen, daß auch die Entgegensetzung von techni-
Gegenstand und Raum ist nicht als Offenbarungsschrift, deren schen und ästhetischen Gestaltdeterminanten in Gegenstand und
Inhalte jetzt die Ungläubigen von den Rechtgläubigen scheiden, Raum relativiert ist und daß dem Ästhetischen eine wichtige Ver-
dargeboten. Es fehlt jede Suggestion fertiger Lös1,mgen, und be- mittlungsfunktion für technisches Entwerfen zuerkannt ist. Hier-
sonders in den beiden ersten Kapiteln sind die Spuren der An- auf soll verzichtet werden, weil wir uns noch im Vorfeld des
strengung und die sprachlichen Bloßlegungen von Unfertigem gesetzten Themas befinden.
200 201
Nach dem Operieren mit dem Vorwurf des Kunstzentrismus getragen sein können, und die Vermittlungen der Rolle der ge-
geben Letsch und Scharf eine wichtige Interpretation für die samtgesellschaftlichen Assoziation bei der Konkretisierung des
Aufnahme und für das ihrer Vorstellung gemäße Verständnis allgemeinen Sinns kommunistischer gesellschaftlicher Produktion
von Gegenstand und Raum: <<Die vorgeschlagene Ästhetik ist auf die Individuen hin sind für zukünftige Entwicklungen kaum
funktionalistisch, eine Ästhetik der technischen und praktischen dargestellt. Im Sozialismus ist diese Funktion der Gesellschaft
Gegenstände.>> (S. 166). Und von hier schwingt dann der Bogen durch die Diktatur des Proletariats, durch die sozialistische Po-
zu der zusammenfassenden und die innere Blutung von Ge- litik zu verwirklichen. D~s ist klar gefaßt. Alles weitere hätte
genstand und Raum diagnostizierenden Charakteristik. Sie zielt dahin geführt, Zukunftsbilder zu entwerfen. Die hier diskutierte
auf das Problem menschlicher Individualität, und hier scheint Aussage, zu der ich mich noch heute freudig bekenne, sollte eine
sich «doch - angesichts der recht zurückhaltenden Behandlung elementare Funktionsbeziehung kommunistischer Verhältnisse
der Relation Individuum-Gesellschaft, der Dialektik von kol- in provozierender und einprägsamer Schärfe umreißen.
lektiver und individueller Subjektivität, verstanden als metho- Der zuvor angeführte Vorschlag einer V ~ränderung dieser ,.
dologisch-konzeptiver Ansatz - ein gewisser asthenischer Zug Aussage bringt nicht Genauigkeit, sondern bedeutet eine tiefgrei-
in dieser ... Schrift von Lothar Kühne zu offenbaren.>> (S. 168). fende Umformung ihres Gehalts. In der Formulierung von
Damit ist zugleich der Kern ihrer Kritik eindeutig bestimmt. Letsch und Scharf wird zugleich ihr allgemeiner theoretischer
Eine wichtige Aussage in meiner hier berührten Arbeit ist die Ansatz deutlich. Die Individuen werden als geteilte vorgestellt.
über den kommunistischen Funktionszusammenhang zwischen Auf das Gleichartige ihrer Bedürfnisse ist der serielle prakti-
der Produktion praktischer Lebensbedingungen und künstleri- sche Gegenstand bezogen und auf das den einzelnen Einmalige
1
scher Produktion. <<Der praktische Gegenstand ist eine auf das das Kunstwerk als Setzung der <<besonderen Individualität>>. Ihr
Individuum bezogene Setzung der gesellschaftlichen Assozia- gesamter Beitrag belegt, daß der Ausdruck <<besondere Indivi-
tion, und das Kunstwerk ist eine auf die Assoziation bezogene dualität>> nicht sprachlicher Flüchtigkeit entsprungen ist. Er er-
individuelle Setzung.» (S. 166). Diese formelhafte Aussage, die gibt sich aus ihrem individualtheoretischen Konzept. Hier ist
sel,bstverständlich der Interpretation bedürftig ist, haben Letsch ein Grund unserer Meinungsverschiedenheiten.
und Scharf nicht einfach zurückgewiesen, sondern vorgeschla- Im Gegensatz zu der Vorstellung von Letsch und Scharf be-
gen, sie <<genauen> so zu verändern: <<Der praktische Gegenstand, haupte ich, daß der serielle praktische Gegenstand wie das
beziehungsweise d?e serielle und standardisierte Gegenständlich- Kunstwerk auf die Individuen in ihrer Ganzheit bezogen ist.
keit, ist eine auf das Individuum als Träger kollektiver, gleich- Das Individuum ist immer Einheit von Allgemeinem und Be-
artiger, gemeinsamer Bedürfnisse bezogene Setzung der gesell- sonderem, insofern auch Einmaligem. Und dieser Zusammen-
schaftlichen Assoziation, und das Kunstwerk ist eine auf die hang kennzeichnet zugleich alle Bedürfnisse der Individuen. Zu
Assoziation bezogene Setzung der besonderen Individualität.>> beachten ist nur, daß dieser Zusammenhang für unterschiedliche
(S. 166 f.). Hier ist die Diskussion nicht mehr durch Mißverständ- Aneignungen und Gegenständlichkeit unterschiedlich struktu-
nisse belastet, und wesentliche Meinungsverschiedenheiten wer- riert ist. Das Kraftfahrzeug ist wie der Löffel heute in der Regel
den deutlich. Eine verkürzte Fassung des kommunistischen serieller Gegenstand. Das Individuum, welches sich ein Kraft-
Funktionszusammenhangs von industrieller und künstlerischer fahrzeug im Gebrauch aneignet, artikuliert und bestätigt sich
Produktion wie die in Gegenstand und Raum gegebene ist nicht darin nicht nur Bedürfnisse, die in dem Sinne allgemein sind,
frei von Unbestimmtheiten. So sind in ihr mit dem Begriff des daß bestimmte ihrer Momente mit denen anderer Individuen
praktischen Gegenstandes selbstverständlich nur die seriellen übereinstimmen, sondern notwendig immer zugleich das gegen-
gemeint. Es ist durchaus möglich, daß auch unter entwickelten über anderen Individuen Besondere .seiner Bedürfnisse. Das
kommunistischen Verhältnissen einige bestimmte Gegenstände gilt für beliebige Aneignungen auch in entwickelten kommunisti-
ihres persönlichen Gebrauchs selbst herstellen. Aber grundle- schen Verhältnissen, für die allerdings eine andere Charakteri-
gend für die Gestaltung der individuellen Lebensbedingungen stik dieser Bedürfnisse zutrifft. Hiergegen wird gesetzt: <<Auf
der Menschen werden die industriellen Erzeugnisse sein. Durch den Ausdruck unmittelbar kollektiver Subjektivität, wie er im
meine Formulierung ist verdeckt, daß künstlerische Schöpfun- Umgang mit dem Serienprodukt erlebbar ist, kann sich der
gen im unterschiedlichen Grade durch kollektive Subjektivität Mensch bejahend beziehen, sofern er sich gegenüber dem all-
201 203
gemeinen Individualitätstypus nicht - im Sinne der Besonder- viduation des Soziums, dessen personale Umarbeitung ins Nicht-
heit - abhebt.>> (S. 167). Diese nicht nur enge, sondern drastisch austauschbare, Unverwechselbare, in die Besonderheit der Indi-
falsche Auffassung von der Bedeutung serieller Gegenstände vidualität ein. Es hat für den Leser den Ans,chein, daß Kühne
für die Individuen ist schon daran zu erkennen, daß Gegenstän- diese Konkretisierung der Individualität nicht gebührend ins
de des gleichen _seriellen Typs für verschiedene Individuen völ- Auge faßt.>> (S. 167). Das ist, von den Voraussetzungen der
lig un,terschiedliche Bedeutung erlangen können, ohne daß diese Kritik her gesehen, nicht ganz in Abrede zu stellen, obgleich
sich in ihrer Individualitätstypik unterscheiden müssen. Wer die Lesehilfe für «den Lesen> nicht nur ein-, sondern leerseitig
von einer derart verkehrten Entgegensetzung von seriellen prak- ist.
tischen Gegenständen und Kunstwerken ausgeht, indem er die In Gegenstand und Raum ist auch de.r theoretische Umriß
einen nur auf das den Individuen AllgemeitJ,e und die anderen eines Menschenbildes 'gegeben. So in den Wertsetzungen: Ar-
nur auf das ihnen Besondere bezogen sieht, kann nicht, ver- beit, Spiel und Muße. Das faßt nicht alles, wie auch die Unter-
stehen, daß die Bedeutungen des seriellen Gegenstandes indi- scheidung von Kunstwerk, technischer und praktischer Gegen-
:viduiert, durch die Individuen gesondert, und daß die des Kunst- ständlichkeit nicht alle möglichen Gegenstandsbestimrimngen er-
werkes in der T~ndenz gesellschaftlich allgemein werden oder schließt, weil sie dazu dient, einen formationsgeschichtlichen Wir-
doch die Potenz haben, gesellschaftlich allgemein zu werden. kungszusammenhang von Gegenständlichkeit zu. bestimmen.
Genau diese für kommunistische Verhältnisse konstitutive Dia- Aber diese nach vielen Beziehungen skizzierte Auffassung '\'om
lektik, die in Gegenstand. und Raum ausgesprochen we~den Menschen - wie unsystematisch und unvollständig sie auch ist -
sollte, muß dann verborgen bleiben. Und solche Begrenztheit zeichnet nie das Bild eines abstrakten Kqllektivwesens Mensch,
der Vorstellung führt entgegen aller Erfahrung zu der B~haup- sondern meint immer Individuen, die sich als Charaktere wis-
tung, daß die standardisierten Gegenstände einzig vermögen, sen, sich praktisch so erfahren und die darum nicht: unablässig
<<die Individuen zu assoziieren>>. (S. 167). Bezogen auf das indi- mit ihrer Einmaligkeit kokettieren müssen. Und es wird von
viduelle Kraftfahrzeug, wäre also zu sagen: Das Auto als seriel- einer Gemeinschaft der Menschen ausgegangen U:nd auf deren
les Industrieprodukt assoziiert, die Autonummer in ihrer Ein- Entfaltung hingedacht, die eben nicht nur in der Austauschbar-
maligkeit individuiert die Individuen. keit der Individuen· beruht, deren Produktivität vielmehr im
Der serielle praktische Gegenstand dient der Assoziierung Widerspruch der individuellen Charaktere gegründet ist. Die·
der Individuen, und das Kunstwerk dient der «Individuation gestaltungskonzeptionellen Meinungsverschiedenheiten weisen
des Soziums>> (S .. 167). Das ist eine theoretische Voraussetzung also auf umfassendere weltanschauliche zurück.
von Letsch und Scharf. Unter der «Individuation des -Soziums» Leider haben Letsch und Scharf es in ihrem Beitrag versäumt,
ist die «personale Verarbeitung des Soziums in die besondere sich mit den in Gegenstand und Raum enthaltenen Ai:tßerungen
Individualität>> (S. 167) zu verstehen. Was erst dunkel wirkte, über die Möglichkeit, durch standardisierte Gegenstände mo-
wird durch die Erhellung dann schaurig. Dieser Verarbeitung derner Gestaltung Raum in einer für das Individuum charakte-
dient die Kunst. Und sie <<halten (nun) dafür, daß hier der An-, ristischen Weise zu 'bilden, auseinanderzusetzen. Die Behaup-
satz zur Bestimmung der unersetzbaren gesellschaftlichen Funk- tung, daß auf der Grundlage moderner Gestaltungskonzeptionen
tion von Kunst unter sozialistisch/kommunistischen Bedingun- Räume durch standardisierte Elemente individuell charakteri-
gen zu finden· sei>> (S. 167). Die Bedeutung der Kunst für die stischer zu bilden sind als durch kunstig individuierte Gegen-
Assoziierung der Individuen ist damit negiert wie zuvor die ständlichkeit, weist nicht nur auf die zu wenig genutzte Möglich-
der praktischen Gegenstände seriellen Charakters für ihre In- keit, theoretische Erörterungen auch auf empirisch konstatier-
dividuation. Aber das Kunstwerk ist auf das Individuum auch bare Sachverhalte zu gründen. Sie belegt ebenfalls die Entschie-
als «Träger kollektiver, gleichartiger, gemeinsamer Bedürfnis- denheit, in der die Problematik der Bildung von individuellem
se>> bezogen._Die Auffassung, die das Kunstwerk auf die Indi- Raum aufgenommen ist. Es wird in diesem Zusammenhang
viduation beschränkt, erkennt die Notwendigkeit der· Kunst das Motiv des Baukastens eingesetzt und besonders auf die
letztlich mar im Kompensativen. «Aber die individuelle Verge- Wandlung des Raumverhaltens gewiesen. Hier gibt es bis hin
sellschaftung kann nicht auf die Sozialistation der Individuen zu pädagogischen Fragen viel zu erörtern. Aber es ist nicht so,
hin vereinseitigt werden, sondern schließt dialektisch die Indi- daß Letsch und Scharf sich der Aufgabe der Individualisierung
204 205
von Lebensbedingungen stellen, während ich sie im Grunde ständen die besondere Individualität signalisieren, macht sich
ignoriere oder doch vernachlässige. Wir antworten anders auf geltend. Und zwar nicht als Ausdruck des antiindustriellen Res-
diese Frage. sentiments der Menschen. Mit diesem Argument wird einmal
Viele industriell erzeugte serielle Gegenstände gelangen in das Bedürfnis nach dem gestalteten Ausdruck besonderer Indi-
den Raum oder in die Räum,e des Individuums durch dessen vidualität abgewertet, und zum anderen wird damit die Pro-
Entscheidung und werden dort geordnet. Das Individuum weiß blematik auf die psychologische Ebene verlagert. · Dieses Be-
die serielle Eigenschaft seines Gegenstandes, aber es nimmt dürfnis zeigt vielmehr an, daß sich der objektive Prozeß indi-
ihn in der Regel nicht in der Gruppe seiner Typik wahr. Der Ge- vidueller Vergesellschaftung im dialektischen Spannungsfeld der
genstand, Stuhl, Tisch, Radio, ist dem Individu4m sein Gegen- Sozialisation des Individuums und der Individuation des So-
stand' geworden, Element der engeren individuellen Raumwelt. ziums vollzieht.>> (S. 167). Die außerordentlich widersprüchliche
Und es ist schon gesagt, was jetzt auch gegen Letsch und Scharf Weise endet also im «dialektischen Spannungsfeld». Die Begriffe
einzuwenden ist: «Die Problematik moderner Gestaltung indi- <<Sozialisation des Individuums» und <<Individuation des Soziums>>
vidueller räumlicher Lebensbedingungen wird zwar subjektiv ersetzen jede sozialhistorische Analyse, wenn die «besondere
allgemein als solche der Individualisierung reflektiert, sie liegt Individualität>> ihre Ansprüche anmeldet.
aber objektiv auf einer anderen Ebene.>> (S.199). Letsch und In Gegenstand und Raum heißt es: <<Die abweisende Reak-
Scharf flechten um das falsche Bewußtsein, wie es sich naiv aus- tion auf standardisierte Elemente im individuellen räumlichen
spricht, einen theoretischen Lorbeerkranz. Aber wenn sie Ge- Milieu ist sicher auch durch antiindustrielle Ressentiments verur-
genstand und Raum zum Gestänge seiner Erhebung auserwäh- sacht, die wirken werden, solange die Arbeit nicht hinreichend·
len, sollten sie doch nicht unbemerkt lassen/daß sie Vorstellun- durch das Bedürfnis der Menschen getragen ist. Schließlich muß
gen darlegen, die dort bereits kritisiert sind. Sie hatten die Mög- beachtet werden, daß die Monotonie in der architektonischen
lichkeit, dem zu widersprechen, zu widerlegen. Aber diese Mei- Erscheinung der in industrieU-er Bauweise errichteten Wohnge-
nungen zu ignorieren und dann polemisch zu argumentieren, biete den Drang zu individuierter Gegenständlichkeit in der
trägt keine objektive Kritik. Sie hätten doch aussprechen kön- Wohnung verstärkt.>> JS. 200). Es kann also festgestellt werden,
nen, daß für sie die Unter~cheidung zwischen einer bürgerlichen daß ich ein als problematisch vorgestelltes ästhetisches Verhal-
\lind einer kommunistischen Individualisierung des Raumes eine ten nicht bloß auf antiindustrielle Ressentiments zurückgeführt
Fiktion ist. Damit hätten sie in dieser Hinsicht die Grundfrage habe. Obgleich diese ästhetischen Haltungen in Gegenstand und
gestellt. Das bürgerliche Wahrnehmungsverlangen stößt sich an Raum nicht systematisch untersucht werden, führt die Über-
dem in seiner Erscheinung .nicht durch Attrappen der Handar- legung zur Betonung und inhaltlichen Richtung gesellschaftli-
beit kascliierten seriellen Gegenstand, weil er den Prickel der cher Verantwortung für die Gestaltung der räumlichen Lebens-
Exklusivität versagt. Die Individualität wird als gefährdet bedingungen der Mensch. Bezogen auf die Imitationen, wird
empfunden, weil sich die bürgerliche Individmdität bedrängt das auch zum Design hin gefaßt durch die Feststellung: «Die
sieht. Darum werden serielle Produktionen gleicher Typik wert- Imitation ist auch als Reagieren auf den Druck modischer Ober-
hierarchisch gestuft, oder das Serielle wird, wo es möglich ist, flächlichkeit zu werten, in der sich die Mode vollständig in der
gütig abgedeckt. Erscheinung des perfekten Industrialismus anbietet.>> (S. 256).
Zur Erklärung einer Erscheinung werden also unterschiedliche
2. Wer die individuelle Charakteristik von Milieu nicht vom Faktoren in das Blickfeld gerückt. Letsch und Scharf ignorie-
Raum her begreift, muß ihre Attribute notwendig an den Ge- ren das, und sie stellen sich nicht meinen Überlegungen über, die
genständen ·aufsuchen. Der «Prozeß der Individuation des So- Ursachen von antiindustriellem Ressentiment, die auf dessen
ziums>>, erklären Letsch und Scharf, finde «tatsächlich statt, wenn- Beziehung zu bestimmten Arbeitsbedingungen und somit Arten
1 gleich in außerordentlich widersprüchlicher Weise>. (S. 167 ). von Arbeit und auf die subjektive Einstellung zur Arbeit zie-
Da solches die Art ist, von Widersprüchen zu reden, sogar von len. Für sie gilt der Hinweis auf die <<psychologische Ebene» als
außerordentlicher Widersprüchlichkeit, ohne auch nur einen Wi- Widerlegung oder wenigstens als Hinweis auf Anrüchiges. Marx
derspruch zart anzudeuten, wird dem zuletzt Zitierten ange- und Lenin waren ausgezeichnete Psychologen. Ich kann nur
schlossen: <<Doch wie auch immer, das Bedürfnis nach Gegen- bedauern, daß mir wenig gute psychologische Analysen gelin- ,
206 207
gen. Aber ich hoffe, daß sich meine Anstrengungen in dieser lehnt werden muß, aber die Freude des Arbeiters am individuel-
Beziehung nicht als nutzlos und sich ihre Ergebnisse nicht als len Gegenstapd soll man nicht pejorativ beurteilen. Antiindu-
vollständig unsinnig erweisen. In jedem Falle könnte doch an- strielle Ressentiments gibt es sicher, aber das Problem liegt
erkannt werden, daß trotz der dürftigen AQ.alysen das Bemü- tiefer. Es ist .. : im dialektischen Charakter des Vergesellschaf-
hen zu erkennen ist, das psychische Reagieren der Menschen aus tungsprozesses begründet.>> (S. 168 f.). Im «dialektischen Charak-
ihren materiellen Verhältnissen und aus ihrer Stellung in diesen ter des Vergesellschaftungsprozesses» ist nahezu alles begrün-
zu erklären. Die Auffassungen von Letsch und Scharf sind in det. Aber der Kampf zwischen Neuem und Al,tem, auch der
der hier erörterten Umfänglichkeit allerdings weder philoso- Widerspruch zwischen entwickelter politischer Bewußthdt und .
phisch noch psychologisch gut zu erklären. Die verkehrte Tren- retrospektiven ästhetischen Orientierungen gehört hierzu wohl
nung von Allgemeinem und Besonderem in ihrer Vorstellung nicht. Der Arbeiter soll seine Freude an der Imitation haben,
menschlicher Indivi.dualität führt sie zu eiher gleichsam ver- und Letsch und Scharf haben ihre Freude und Geruhsamkeit,
kehrten Differenzierung der Funktionen von praktischen Ge- indem sie die Imitationen ablehnen, aber dem Arbeiter zugleich
genständen seriellen Charakters einerseits und Kunstwerken seine Befriedigungen durch Imitation gönnen. Sie meinen, daß
andererseits. Sie übersehen, daß im Sozialismus gesellschaftlich sich hier in der Tiefe eine progressive Tendenz in der Entwick-
die Individualitätsentwicklung nicht durch Sozialisation- und In- lung der Menschen at,isdrückt. Dieser Gesichtspunkt ist durch
dividuation allgemein, sondern durch die Entwicklung der so- mich nicht grundsätzlich zurückgewiesen, weil ich ihn als Reak-
zialistischen Individualität als der ersten gesamtgesells~haftli- tion gegen modischen Verschleiß selbst gefaßt habe. Aber wenn
chen Form kommunistischer Individualität gekennzeichnet ist. sich ein progressives Bedürfnis verkehrt artikuliert, unterliegt
,Die unablässigen, inhaltlich aber unbestimmten Hinweise auf es schließlich selbst der Verkehrung. '
die <<Sozialisation des Individuums>> und auf die «Individuatio,n Wer bedenkt, welch ein Widerspruch;:wischen den objektiven
des Soziums>> können auch die Vorstellung erwecken, daß der Interessen ,in der Arbeiterklasse im Sozialismus an der Beherr-
Sozialismus. zunächst Millionen Einsiedler vorfindet, die er nun schung und der Entwicklung der Technik einerseits .und dem
zu sozialisieren hat, und daß dieser Sozialismus eine bisher sich in ästhetischem Verhalten wie der Neigung zur Imitation
durch individuelle Charaktere unbestimmte Gesellschaft ist, sich äußernden Ressentiment gegen die Technik andererseits zeigt,
jetzt aber einige bereit gefunden haben, ihm ihr Gesicht zu wid: wird nicht dazu gelangen, hier zu bagatellisieren. Selbstverständ- .
men, indem sie das Sozium «verarbeiten>>. lieh wollen wir uns von einer verkehrten Vorstellung über die
Obwohl Letsch und Scharf meiner kritischen Einschätzung Wichtigkeit dieses Problems bewahren. Was in der Imitation
der Imitation unter sozialistischen Bedingungen zustimmen, wen- letztlich gesucht wird, ist d~ch nicht der Ausdruck von Individua-
'•den sie sich dagegen, das Angebot derartiger Produkte als Zu- lität. Sonst hätten wir davon auszugehen, daß die Individuen,
mutung aufzufassen. So in Gegenstand und Raum: <<Verlangt es die sich wertbetont imitierte Gegenständlichkeit aneignen, den
nicht größte politische Aufmerksamkeit, wenn dem Arbeiter Gestaltausdruck ihrer Individualität in den ästhetischen Objek-
zugemutet wird, die Ergebnisse seiner anständigen Arbeit in 'tivationen anderer suchen und schließlich anerkennen. Wenn
der Industrie, die er sich durch das ehrlich erlangte Geld hier- nach der Vorstellung von Letsch und Scharf der individuierte
für angeeignet hat, in den eigenen vier Wänden zu Hause in Gegenstand nur das seinem Schöpfer Spezifische, Einmalige,
den Signaturen des Handwerkmeisters von 1840 anzuschauen?» verkörpert, kann doch ein anderes ~ndividuum hierin nicht sei-
(S. 2 56). Auf diese in der Sprache nicht elegante, aber für meinen ne Einmaligkeit bestätigt finden. Die Lösung dieses Dilemmas
Sinn durchaus herzerfrischende Bemerkung, die ja nicht auf könnte nur darin gefunden werden, daß jeder seine Dinge selbst
hektische Geschäftigkeit und falschen Eifer, sondern auf «größ- herstellt. Die bornierte Fesselung der Indiv1duen an die Ge-
te politische Aufmerksamkeit» hinlenken soll, wird distanziert genständlichkeit hätte dann ihre vollendete Form erhalten. Es
reagiert. Es <<ist nämlich überhaupt nicht bewiesen, daß <der wäre der Weg vom Handwerker zum Heimwerker. Diese Selbst-
Arbeiter> dies als Zumutung erlebt. Und wenn er, was der Rea- tätigkeit ist sicher immer als ein Moment der Gestaltung indi-
lität wohl näher kommt, an derartigen Zumutungen sogar seine vidueller Lebensbedingungen vorauszusetzen, aber sie kann für
Freude hat, dann läßt sich zwar mit. Recht sagen, daß die Imi- die ästhetische Kultur der sozialistischen Gesellschaft nicht das
tation des Handwerklichen durch industrielle Methoden abge- Grundlegende sein, weil so die ganze für gesellschaftlich ge-
208 14 Kühne, Haus 209
'richtete Aktivität der Individuen offene Zeit durch diese Tätig- ' tionen gegen Monotonie und Öde des Raumes jetzt als Heils·
keit aufgesogen wäre. Insofern gibt es für den Kapitalismus zeichen anzuerkennen und sie gesellschaftlich zu programmieren.
nicht nur ökonomische Gründe zur Förderung dieser Heimar- Die nachhaltigen postmodernistischen Einflüsse in unserer Ar-
beit, die einigen Industriezweigen gute Geschäfte ermöglicht, chitektur belegen das sehr anschaulich. Die selbstbefriedigenden
sondern auch herrschaftsstrategische Interessen. In der -Imita- ästhetischen_ Analysen helfen nicht. Hieraus ergibt sich selbst-
tion erscheinen heute Weltanschauungswerte, die eine andere verständlich nicht, daß jede kritische richtig ist. Aber wenn Über-
als diese Welt vorstellen. Wenn ich gegenüber solchem Ange- einstimmung besteht, daß eine bestimmte ästhetische Gestalt-
bot - und gemeint war und ist zuerst das Dominieren von sol- eigenschaft für uns gesellschaftswidersetzig ist, verlangt die be-
. ehern und ähnlichem Angebot in vielen Produktgruppen - von jahende Aufnahme derselben durch Teile der Bevölkerung auch
einer <<Zumutung>> gegenüber dem Arbeiter gesprochen habe, kritische Wertungen. Diese können allerdings nur positiv wir-
war das von den Interessen der Arbeiterklasse her gedacht, dar- ken, wenn sie nicht in der Reflektierung individueller Entwick-
um <<der Arbeiten>. Der Begriff der Zumutung soll nicht kate- lungsproblematik verharren. Und das heißt~ hier: Wenn die
gorial festgeschrieben werden, aber es wäre nicht schlecht, alle Aufgabe der Gestaltung harmonischen Raumes für die Men-
Produktionen im Sozialismus, gleich, ob materielle oder ideelle, schen nicht oder in unzureichender Tiefe: gestellt ist, wird
auch unter dem Gesichtspunkt des Zumutbaren zu bewerten. Atets der Dienst der Gegenständlichkeit in für den Sozia-
Und dessen Normen müßten streng nach den Werten, die diese lismus verkehrter W-eise angerufen. So gelangte Bruno Flierl
Gesellschaft zu behaupten und zu entfalten hat, festgelegt wer- von seiner Rechtfertigung einer ökonomisch aufwendigen und
den. Wo nun die Zumutung im Grunde das Unzumutbare bietet in ihrem praktischen Gebrauchswert eingeschränkten <<Bild-
und dieses dann noch bei den Empfängern derartiger Botschaf- zeichenarchitektur»!\ die in schroffem Gegensatz zu den objek-
ten Freude stiftet, besteht vom Standpunkt revolutionärer so- tiven Erfordernissen des Bauens geriet und deren wichtig-
zialistischer Politik keine Veranlassung, sich in der Gewißheit ster Repräsentant Hermann Henselniann war, trotz einiger
zu wiegen, daß trotz einiger Unpäßlichkeiten an der Oberfläche Bedenklichkeit zu einer anthropologisch gestützten Apologie
in der Tiefe doch alles seinen rechten Gang nimmt. der skurrilen Äußerungen von Unbehagen gegenüber dem
Die Zuspitzung der ästhetischen Gestaltungsproblematik am Raum in Balkon- und Log'giengestaltung, die diskrepant und
Beispiel der Imitation ist produktiv, wenn die uns hier interes- in privatistischer Weise aufdringlich wirken. Der diese er-
sierenden Formen der Imitation in ihrer ideologischen Relevanz klärende und Flierls Beitrag in der Wochenzeitung Sonntag
begriffen sind und im Zusammenhang der gesamten ästhetischen titelnde Satz lautet: «Der ungeheure Drang, Spuren zu hin-
Gestaltung der gegenständlichen und räumlichen Lebensbedin- terlassem>.6 So endet also die Spur von den Erdentagen. Weil
gungen gesehen werden. Getrennt von diesen übergreifenden die Leute angesichts der vielen Wände, die handwerklich
Beziehungen erhält die kritische Auseinandersetzung mit der individuierend zu bewältigen sind, zu wenig Zeit haben und
Imitation oder mit der systematischen Ornamentik den Zug ein- ihre Qualifikation für solche Entäußerung ihrer besonderen
fältiger Verbissenheit. Für die erfolgreiche Lösung der wirt- Menschlichkeit noch unzureichend ist, liefert die Industrie
schaftlichen und der umfassenden gesellschaftlichen Aufgaben hilfreich Tapeten, welche an Wohnbauten industrieller Ferti-
des Sozialismus in der Gegenwart ist es dringend notwendig gung Holzfachwerk oder gemauerten Backstein erscheinen las-
geworden, das Niveau ästhetischen Verhaltens zu erhöhen, es sen.
in Übereinstimmung mit dem Niveau politischer und ökonomi- Die auf Abfindung mit derartigen problematischen Ver-
scher Strategie der weiteren Gestaltung des entwickelten Sozia- haltensweisen zielenden theoretischen Erklärungen Flierls ha-
lismus zu bringen. Und das verlangt qualitative Wandli,mgen. ben für die Entwicklung gestalterischer Konzcptionsbildung
Die bisherige Verwirklichung des Wohnungsbauprogramms in nachhaltig gewirkt. In ihnen ist in einem hohen Maße auch
der DDR hat den Widerspruch zwischen politischer Program- die Vorstellung von Letsch und Scharf gegründet. Ihr beson-
matik- und ästhetischer Konzeptionsbildung besonders deutlich derer Beitrag gegenüber Flierl, der, be·zogen auf die zuvor
hervortreten lassen. Aber das gilt nicht nur hier. Für pragmati- umrissene~ Erscheinungen, auch immer Transitorisches offen-
sches Denken mag es schlüssig oder doch denkwürdig erschei- ließ, besteht in dem Streben nach einer gestaltungstheoretischen
nen, die gesellschaftlich unprogrammierten individuellen Reak- Systematik, welche die Strukturen einer bestimmten Praxis
210 14* 211
auch philosophisch verfestigt. So ist es für sie folgerichtig. dieser Besonderheit an sich tragen.>> (S. 168). Einiges zu die-
daß sie sich gege~ meine Auffassung wenden. Hierbei ist ih- \ sen Vorstellungen wurde schon reflektiert, alles soll nicht
nen kider auch widerfahren, leer gegen mich zu polemisieren. i erörtert werden. •Wichtig ist hier vor allem zu sehen, daß die
So schrieben sie: «Das für den Sozialismus gültige Maß der :! Individuen als Träger kollektiver Subjektivität auf die Eigen-
Gestaltung dürfte weder das autonome Individuum noch die ') schaft des Durchschnittsindividuums reduziert sind. Sie sind
abstrakt gefaßte kqllektive Subjektivität sein, sondern die ' ih der ;Beziehung ihrer Kollektivität <<numerische, standardi-
Persönlichkeit.>> (S. 168). Wenn Letsch und Scharf die Schrift · sierte, austauschbar~> Individuen. Damit ist nun das Wesen
Gegenstand und Raum kritisieren, können sie selbstverständ- kommunistischer Kollektivität vollständig verkannt, ihre Indi~
lich andere Arbeiten von mir_ unbeachtet lassen. Diese Ent- vidualität mit der von Individuen in Klassen antagonistischer
bindung von. Verantwortung gilt aber nicht für den Text, tdem Verhältnisse gleiplgesetzt. Das is5 eben das abstrakte lndivi a
sie sich zugewandt ·haben und auf den bezogen· sie polemi- duum, welches aber in den Freiräumen der eigenen Wohnung
sierten. Hier hätte ihnen bereits das Sachregister von Gegen- nicht konkretes Individuum wird, sondern seine Konkretheit
stand und Raum gute Dienste leisten können. Neben dem in den Zierden der Dinge vorgetäuscht sieht, aber die Täu-
Stichwort· «Persönlichkeitsentwicklung>> sind unter «Persönlich- ;; schung nicht d_urchschauen kann oder nicht durchschauen will.
keit, Persönliches>> fünfzehn Seiten genannt. Dort wären si{; 'c~ Es ist ja: nicht nur das Streben nach Exklusivität, welches die
auch darauf gestoßen, daß ich, Marx folgend, zwischen «pri- · Gegenständlichkeit aufblühen läßt, sondern auch die ver-
vat>> und «persönlich>> streng unterscheide und daß «Persönlich- drängte Hoffnung auf universelle Entfaltung, die Flucht vor
keit>> 'auf Seite 181 «als kommunistische Bestimmung der Indi- der Anschauung einer dem Empfinden widersetzigen Welt
vidualität» eingesetzt wird. Und sie hätten auf Seite 239 die in die Idylle. Diese Verlagerung der Individualität in die Ge-
Aussage gefunden, daß, wie im Kapitalismus der Profit, im genständlichkeit wird in Gegenstand und Raum als Form de-
Kommunismus die Persönlichkeit das eigentliche Ziel der nunziert, in welcher sich die Entwicklung der Individuen als
Produktion ist. Das ist doch zugleich Maßbestimmung. Das Persönlichkeit letztlich nicht reflektieren kann, weil sie hier-
. vom Standpunkt der Ästhetik näher zu fassen, ist der Kern durch verhindert wird. Am Beispiel der Imitation ist das gut
von Gegenstand und Raum. Und ich glaube, daß diese Arbeit zu erkennen, Persönlichkeit ist das Individuum nur, wenn
trotz vieler Einseitigkeiten und Mängel über alles Phraseologi- _ es die allgemeinen Bedingungen menschlichen Lebens auf der
1
sehe hinaus analytisch den Satz trägt: «Das Ziel kommunisfi- ' Erde begreift, bejaht und für ihre Durchsetzung aktiv wirkt.
scher Gestaltung ist, nach außen gefaßt, die Welt, zum Wesen zu· diesen Bedingungen gehören unter der Voraussetzung über-
hin begriffen, der Mensch.» wunden~r Kapitalherrschaft nicht nur technische Rationalität,
Diese Feststellungen, die ich angesichts solcher Art von sondern auch synthetische Rohstoffe und nicht zuletzt der Beton.
Polemik für notwendig halte, sollen nicht davon absehen las- W eiche Mentalität spricht sich aus, wenn Menschen heute, wo
sen, ,daß Letsch und Scharf die Beziehung von Individuum die Wälder auf der Erde fortlaufend fallen, süchtig sind, ihre
und Kollektiv im Sozialismus anders als ich sehen. Ihre kri- Dinge und Raumbegrenzungen hölzern sehen zu wollen? Drän-
tische Wendung gegen die Vorstellung eines autonomen Indi- gen die, welche sich nach den Erscheinungen von der Hand ge-
viduums ·auf der einen und gegen die abstrakt gefaßte Kol- ' mauerter Flächen sehnen, darauf, selbst auf die Gerüste zu stei-
lektivität auf der anderen Seite berührt unbeab$ichtigt ihre- gen und ihre vollen Arbeitstage in den Dienst ihrer ästhetischen
eigenen theoretischen Schwierigkeiten. Sie schrieben zur Erklä- Erwartungen zu stellen? Das sind Punkte, wo ästhetische Er-
ruJ.'lg der Persönlidikeit als Maß: <<Die sozialistische Persön- ziehung unmittelbar politische wird. Hier findet Bewußtheit
lichkeit als . vergesellschaftete und nicht, wie . das exklusive ein unbestechliches ästhetisches Kriterium und ästhetische Ge-
bürgerliche Individuum, als <entgesellschaftete> Individualität; staltung in ~rchitektur und Pesign die weltrevolutionäre Di-
als eine Maßgröße, die kollektive Subjektivität realisiert und mension ihres Auftrages. Es wird Zeit, die falsche Zärtlichkeit
daher dieser /gemäßen Gestaltwertigkeit bedürftig ist, die aber gegenüber retrospektiven ästhetischen Erwartungen aufzugeben,
nicht auf das numerische, standarisierte, austauschbare Durch- weil in diesen jetzt die Entwicklung der politischen Bewußtheit
schnittsindividuum reduziert .ist, sondern als besonderes Indi- selbst eine Grenze findet. Das ist, kurz gefaßt, die Überlegung.
viduum auch jener Gestaltwerte bedarf, welche die Signaturen Wer meine Auffassungen über die Funktionen unterschiedlicher
212 15 Kühne, Haus 2r;
ästhetischer Charaktere von Gegenständlichkeit widerlegen \vill, Es gehört zu den Leistungen von Karin Hirdina, daß der hier
kann an dieser Argumentation nicht vorbeireden. diskutierte Ansatz <<Pathos der Sachlichkeit» in ihren Analysen
relativiert wird. Ich habe also der Sache nach nicht gegen sie
3. Als Ausgleich gegen die von mir begangenen Fehler weisen zu polemisieren.
Letsch und Scharf auf das Buch Pathos der Sachlichkeit von Ka- , Der Begriff des Funktionalismus wurde in Gegenstand und
rin Hirdina. Diese vortreffliche Arbeit, mit deren konzeptionel- Raum aufgenommen, und e;s wurde versucht, <<Funktionalismus>>
len Voraussetzungen und wesentlichen Wertungen ich überein- von den Entwicklungserfordernissen des Kommunismus her zu
stimme, hat einen groben Fehler. Das ist der Titel <<Pathos der bestimmen. Lothar Schelhorn hat das in der Gestaltung des Ti-
Sachlichkeit>>, der von den gestalterischen Bewegungen, die un- telblattes von Gegenstand und Raum ausgezeichnet gestalterisch
tersucht werden, jedes soziale und.,emanzipative Ethos abweist ausgedrückt. Zu dieser Aufnahme des Ausdrucks <<Funktionalis-
und deren Gestaltungsmotive als fanatisches Streben nach Ka- mus>> habe ich mich entschlossen, weil zwischen den progressiven
pitalisierung der Lebensbedingungen deutet. Es ist nämlich ein Konzeptionen und Gestaltungen der Architektur und des Design
großer Unterschied, ob Sachlichkeit einen übergreifenden Ge- in den ,;:wanziger Jahren dieses Jahrhunderts, die oft als <<funk-
halt vermittelt oder als <<Pathos der Sachlichkeit>> ihren Inhalt tionalistisch>> bezeichnet wurden, und unseren gestalterischen
in sich zu fassen vorgibt. Letztes be,deutet ja nur, die entfrem- Aufgaben auf den bestimmten Gebieten ein im Inhalt ungebro-
dete Gewalt gesellschaftlicher Verhältnisse ästhetisch zu effek- chener Zusammenhang besteht. Das heißt nicht, die Antworten
tivieren. Selbstverständlich gibt es,in der Architektur der zwan- auf unsere Fragen seien dort bereits gegeben, ist keine Doktri-
ziger Jahre dieses Jahrhunderts auch diese Tendenz, die damit nation der Form, söndern Hinweisen auf Konzeptionelles. Die
den kapitalapologetischen Zügen der Neuen Sachlichkeit zuge- Aufnahme des Ausdrucks «Funktionalismus>> bedeutet für mich
hört. Aber das gilt nicht überhaupt für die modernen Gestal- keine Subsumtion der ästhetischen Auffassungen unter den Funk-
tungen in Architektur und Design dieser Zeit. Es. ist so, daß tionalismus. In seiner entwickelten Form ist der Funktionalismus
einige, die einsehen, daß es nicht ohne negative Folgen möglich eine allgemeine Gestaltungsprogrammatik, deren Herausbildung
ist, die gestalterischen Traditionen des sogenannten Funktio- wesentlich durch_ die Revol!ltionen der Jahre 1917, 1918 urid
nalismus vollständig zu ignorieren, gern nach dem Erklärungs- 1919 beeinflußt wurde und die auf wesentliche Fragen der Ent-
code <<Pathos der Sachlichkeit>> greifen, weil sie sich damit der wicklung der kommunistischen gesellschaftlichen Verhältnisse
Aufgabe enthoben sehen, deren humanistische und poetische antwortet. Das sittliche Grundprinzip dieser Programmatik ist
Gehalte anzuerkennen. Wessen \\i'ahrnehmungsweise nicht auf die soziale Gleichheit. War ihre Entwicklung zuerst durch uto-
das Gegenständliche fixiert, wer kein systematischer Ornamen- pische, reformerische und anarchistische Vorstellungen vermit-
tiker ist, wird Christian Borcherts wunderbare Fotoaufnahme der telt, so verlangt ihre Konkretisierung unter den Bedingungen des
Leuchte von Marianne Brandt im Dessauer Bauhausgebäude Sozialismus politische Bewußtheit, Prinzipienfestigkeit und
auch als Erschließung eines poetischen Raumwertes begreifen Flexibilität. Wir müssen nicht befürchten, daß die Auseinander-
können. Diese Lampe ist da, um Menschen etwas von der Welt setzung um moderne gestalterische Positionen in Architektur und
zu beleuchten. Sie stellt nicht wie die Kunstlampen für die nach Design andere Gestaltungen verdrängt. Auch in der Frage der
individuierter Gegenständlichkeit Gierenden selbst eine Welt Imitation, die ja im Gwnde eine abgeleitete ist, kann es nicht
dar. Sie ist - was auch fotografisch hervorgehoben wird - im darum gehen, durch administrativen Rigorismus derartiges zu
Dienste des Raumes. Und welch ein Raum! Wie er begrenzt verhindern. Weder Gestalter noch Nutzer dürfen zu funktiona-
und offen ist, verknüpft mit anderen Räumen, die alle keine ler Gestalthaltung genötigt werden. Aber die geistige Au~einan-
feste Grenze setzen, sondern empfinden und denken lassen eine dersetzung um diese Fragen muß ·einen höheren Rang iµ unse-
Unendlichkeit. Ein systematischer Ornamentiker muß hierauf rem gesellschaftlichen Leben erhalten. Gegenstand und Raum
mit bitterer Verachtung reagieren. Er tastet mit den -Augen die ist keine systematische Ästhetik. Es kann darüber befunden wer-
den Raum organisierenden Formen ab und findet bei aller Be- den, ob diese Arbeit ohne den gedanklichen Hintergrund einer
reitschaft keine für ihn individuelle Ungleichmäßigkeit, welche solche~ möglich wäre oder nicht. Die Ausrichtung der Darstel-
eine frohe Botschaft verheißt. Solches kan·n und muß als sachlich, lung auf die Gestaltung unmittelbar praktisch relevanter Le-
nicht aber ;ls poetisch anerkannt werden. bensbedingungen unter dem Gesichtspunkt des Funktionalismus
15* 215
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war von der Überzeugung gelenkt, daß von der Lösung der Auf- ganisatorisch und ideologisch gebildet, und diese ließen im Grade
gaben dieser gestalterischen Bereiche die Entwicklung der Kün- der psychischen Unterworfenheit ihrer Individuen diese auch
ste und ihrer Wirkungsmöglichkeiten wesentlich mit abhängt. etwas wie Kameradschaft erfahren. Das Streben, Teile des Pro-
Trotz langer Überlegung verstehe ich nicht, warum Letsch letariats in derartige Kollektivität zu binden, zeigt sich nicht
und Scharf pole,misch gegen mich auf die Einschätzung des Kon- nur unter faschistischen Herrschaftsformen, sondern' im Imperia-
struktivismus durch Karin Hirdina verweisen. Sie heben hierbei lismus überhaupt. Das wäre: eine Antwort auf die Frage nach
ihre Bemerkungen hervor, welche die <<Grenzen der kollektivi- dem «bürgerlichen Kollektivismus>>, wobei allerdings der Be-
stischen Konzeptionell>> konstruktivistischer Piogrammatik be- griff des Kollektivismus in dies~r Bezüglichkeit ZU problemati-
treffen. Wenn ich die eigenen Vorstellungen überdenke, sehe ich sieren wäre. Mir scheint es nicht sinnvoll, die:sen Begriff derart
in ihnen weder gesellschaftstheoretisch allgemein und auch nicht weit zu fassen, daß er auch für solche Grupp(mcharaktere gilt.
in dem gegebenen Umriß von Kunstfunktionen eine Verselb- Letsch und Scharf zeigen 'selbst nach der bereits an ihrer Auf-
ständigung des Kollektivismus. Die zuvor bezeichneten Fest- fassu~g erfolgten Kritik keine Neigung, eigenes zu bedenken.
stellungen von Karin Hirdina über den Konstruktivismus er- Das hätte sie aber vielleicht doch zti einer differenzierteren Fas-
scheinen mir gerechtfertigt, und ich muß es ihr überlassen, Dif- sung ihres theoretischen Ansatzes und unter Umständen zu etwas
ferenzen in dieser Beziehung zu dem von mir Geäußerten her- mehr Nähe zu meinen Vorstellungen führen können.
vorzuheben. Solches 'kann doch nur Denken stimulieren, wenn Der- Konstruktivismus in seiner progressiven Entwicklung,
die Kritik nicht ins Unfaßbare gerät. Was Karin Hirdina be- die von dem wesenhaft abgehoben ist, was Erhard Frommhold
zogen auf den Konstruktivismus vor allem zeigt, ist die konkrete den <<Verschleiß des K~nstruktivismus>> genannt hat, 8 zielt~ be-
historische Wertigkeit dieser das Kollektiv einseitig hervorhe- reits auf den Zusammenschluß freier Menschen. Kollektivismus
benden Orientierung. Letsch und Scharf weisen auf die Seiten ars Zusammenschluß der Menschen in Freiheit ist selbstverständ-
100 und 101 von Pathos der Sachlichkeit. Wer von den Lesern lich ein Prozeß, der Befreiung in sich schließt. Daß der Kon-
noch die folgende Seite.beachtet, findet dort eine Kritik an det struktivismus wie andere progressive Bewegungen in den zwan-
Auffassung von Letsch und Scharf über die Beziehung von In- ziger Jahren dieses• Jahrhunderts den Zusammenhang von Kol-
dividualismus und Kollektivismus in der kapitalistischen Gesell- lektivität und Individualität noch nicht im marxistische-leninisti-
schaft. Sie meinen, <idaß der industrielle Kapitalismus in der schen Sinne dialektisch - und das heißt: auf die Entwicklung
ideologisch-subjektiven Reflexion w;id in seiner politischen Stra- der Individuen als universeller bezogen - begreifen und gestal-
tegie nicht nur den Individualismus, sondern auch den Kollekti- terisch artikulieren konnte, lag vor allem an der naiven Re-
vismus bereithält». Karin Hirdina forderte sie auf zu erklären, flektierung ~er Bedingungen und Ziele der proletarischen
<<was <bürgerlicher Kollektivismus> sein soll, welche Eigenschaf- Revolution. Es ist das eine Schwierigkeit, die nicht auf die ,
ten und Verhaltensweisen mit ihm normativ und herrschafts- Vertreter des frühen Konstruktivi.smus begrenzt ist, obgleich
stabilisierend verallgemeinert werden sollen.»7 Letsch und Scharf sie dort oft besonderen Ausdruck gefunden hat. In Abend-
sahen zweifellos einen wichtigen Zusammenhang, dessen Ver- licht erzählt Stephan Hermlin: <<Mit dreizehn Jahren las ich
nachlässigung zu falschen Schlußfolgerungen führen kann. Weil zufällig das <Kommunistische Manifest>; es hatte später Fol-
sie aber über die abstrakte, ahistorische Vorstellung der Bezie- gen. Mich bestach daran der gtoße poetische Stil, dann die
hung von Individuum und Gruppe nicht hinausgelangen, <<Grup- Schlüssigkeit des Gesagten. Zu den Folgen gehörte, daß ich
pe» und <<Kollektiv» im Grunde gleichsetzen, fassen sie in der es mehrmals las, im Laufe der Jahre sicher zwei dutzendmal.
Begrifflichkeit <<das numerische, standardisierte, austauschbare In drei Ländern hörte ich bei meinem Lehrer Hermann
Durchschnittsindividuum» eine gruppenbezogene Individuali- Duncker Vorlesungen über das Manifest; Duncker, der das Werk
tätsbestimmung für sozialistische Verhältnisse, die genau für be- vom er~ten bis zum letzten Wort hätte auswendig hersagen
stimmte Gruppencharaktere des Kapitalismus zutrifft, Es ist hier können, gehört zu jenen nicht mehr Lebenden, die noch mit
im besonderen Falle für Individuen außerhalb der herrschenden Tränen der Ergriffenheit in den Augen über marxistische Theo-
Klasse zweifache Subsumtion. Die Individuen sind unter die rie sprachen. Das berühmte Werk führte mich zu schwierigeren,
Gruppe und die Gruppe ist unter ihr im Wesen fremde Herrschaft umfangreicheren Schriften der ma1xistischen Literatur, aber
subsumiert. Solche Gruppenbeziehungen hat der Faschismus or- , ich kehrte immer wieder auch zu ihm zurück. Längst, schon
2.16 1 2.17
glaubte ich, es genau zu kennen, als ich, es war etwa in mei- Versuch wenden, derartige Gestaltungen in unkritischer· Über-
nem fünfzigsten Lebensjahr, eine unheimliche Entdeckung schwenglichkeit aufzufassen und sie gegen den Realismus der
machte. Unter den Sätzen, die für mich seit langem selbst- Kunst zu wenden. Das schließt jedoch die Frage nach ihren
verständlich geworden waren, befand sich einer, der folgen- möglichen Funktionen in der ästhetischen Kultur der neuen Ge-
dermaßen lautete: <An die Stelle der alten bürgerlichen Ge- sellschaft nicht aus. Derartige Gestaltungen hatten grundle-
sellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine gende Bedeutung für die Herausbildung des entwickelten
Assoziation, worin die freie Entwicklung aller die Bedingung Funktionalismus in der Architektur und im Design. Und es
für die freie Entwicklung eines jeden ist.> Ich weiß nicht, ist kein gegen den Realismus der Kunst gerichtetes Argument,
wann ich begonnen hatte, den Satz zu lesen, wie er hier steht. wenn eine notwendige Beziehung zwischen moderner Gestal-
Ich las ihn so, er lautete für mich so, weil er meinem damali- tung in Arch4:ektur und Design zu dem ganzen gewordenen
gen Weltverständnis auf diese Weise entsprach. Wie groß Spektrum bildnerischen und plastischen Schaffens behauptet wird.
war mein Erstaunen, ja mein Entsetzen, als ich nach vielen Karl Max Kober erklärte: <<Bei aller Bereitschaft zum Zuhören
Jahren fand, daß der Satz gerade das Gegenteil besagt: und zum Mitdenken und auch im Wissen darum, daß Lissitzki,
<... worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung Kandinski, Klee und viele andere ästhetisch bedeutsame Ent-
für die freie Entwicklung ;,iller ist.»>9 Es zeugt von der Lau- deckungen vollzogen haben, muß ich doch sagen, daß mich diese
terkeit Hermlins, daß er diese Sinnverkehrung auf sich ge- Argumente noch nicht überzeugen. Dafür habe ich zwei Haupt-
nommen, keinen Schuldigen gesucht hat. Denn in ihr verbirgt gründe. Einerseits ist mir der Gewinn, den solche Kunst zu
sich die Problematik einer ganzen Epoche. Gegenstand und erzielen vermag, viel zu teuer erkauft, nämlich um den Preis
Raum zeigt das Suchen nach Antworten auf die Frage nach eines konstituierenden Elements, des Stoffes, an dem sich Ge-
den ästhetischen Bedingungen des kommunistschen Humanis- staltung -,_ meiner Überzeugung nach - überhaupt erst an-
mus, den Marx, Engels und Lenin theo_retisch begründet ha- spruchsvoll und nicht selbstgenügsam bewähren kann und muß,
ben und zu dem die Menschheit fortschreiten muß, wenn sie und andererseits habe ich an mir selbst oft genug erfahren,
sich nicht aufgeben will. Die herausgestellten Antworten sind daß qualitätvolle realistische Kunst alle die geforderten
zu befragen. Aber das ist nicht gut von einem Standpunkt Aspekte mitzuerfüllen vermag.>> 10 Die Entgegensetzung von
möglich, dem das Problem noch verschlossen ist, von dem aus abstrakter und realistischer Gestaltung, die Kober als unver-
der Mensch in das standardisierte Durchschnittsindividuum mittelte und an sich gegebene voraussetzt und von der er dann
der Kollektivität und in das besondere Individuum der hei,- den zu hohen Preis für <<ästhetisch bedeutsame Entdeckungen»
mischen Unheimlichkeit gespalten ist. Diese Trennung hat ableitet, muß doch angesichts historischer Erfahrung und der
im Sozialismus noch empirischen Boden. Darin liegt auch die entwickelten Potenz des Sozialismus in der Gegenwart in
ideologische Mächtigkeit solcher theoretischen Konstruktion Frage gestellt werden. Und die Anerkennung bedeutsamer Ent-
und die augenscheinliche Plausibilität ihres gestaltungsstrate- deckungen durch den Abstraktionismus sollte ihn etwas be-
gischen Konzepts. Aber im Sozialismus wird anderes, er selbst denklich über seine Vorstellung des Zusammenhangs von
ist auf anderem gegründet. Der politische Zusammenschluß <<Stoff>> und Gestaltung stimmen. Es gibt hier viele Fragen,
klassenbewußter Arbeiter und anderer, die sich mit der revo- und alle Antworten wollen wir verantwortungsbewußt prüfen.
lutionären Vorhut der Arbeiterklasse verbunden haben und Aber Kober sollte erklären, mit welchem auf einer Analyse
verbinden, läßt schon unter den Bedingungen des Kapitalis- von Tatsachen und nicht auf die bloße Anmaßung gestützten
mus wahre Kollektivität werden. Und diese gründet die wer- Recht er gestalterische Leistungen etwa von El Lissitzky als
dende Assoziation der neuen Gesellschaft. Hierauf muß Ge- <<selbstgenügsam>> kennzeichnet? Selbstverständlich ist es mög-
staltung orientiert sein, die zukunftsoffen ist. lich, sich zur Behauptung eigener Vorstellungen eine andere
Das Streben nach einer objektiven Wertung des Konstruk- als die wirkliche Geschichte zu denken. Wenn hervorragende
tivismus und des Abstraktionismus überhaupt, welches ich auch Architekten und Designer den Einfluß des Werkes von Ge-
bei Letsch und Scharf sehe, berührt wichtige Dimensionen der ' .]J, staltern wie Malewitsch, Kandinsky, Mondrian, EI Lissitzky
~1!
ästhetischen Kultur des Sozialismus. Im Interesse des Sozialis- auf ihr eigenes Schaffen bezeugt haben, kann Kober zweifellos
mus müssen wir uns entschieden und überzeugend gegen jeden selbstherrlich auf die eigene Erfahrung setzen. Doch solches
218 219
'
1
ist das Gegenteil von, einem historischen ,Ve~ständnis. In- meiner gesellschaftlicher Maßbestimmung hinsichtlich des
dem Kober Gestaltungen, die ihm nicht kunstwertig sind Gebrauchs. Aber be1de Maßbeziehungen sind von den am
und deren Charakter im besonderen Falle durch bedachtsame Durchschnitts1ndividuum ästhetisch orientierten Gestaltungen
Erkundungen vieler zu erschließen ist, als nicht auf den «Tisch unterschieden. Dieses durchschnittsindividuelle ästhetische
des Kunstwissenschaftlers>> gehörend qualifiziert und bemerkt: Wahrnehmungserwarten wäre gegenwärtig als das eines Indi-
«Ich habe nicht gesagt, daß uns solche Ereignisse nicht lzu in- viduums vorzustellen, das in seinen ästhetischen Bedürfnissen
teressieren brauchen, aber die Kunstwissenschaft ist nicht als die Mitte zwischen den Bedürfnissen eines systematischen Or-
eine Art Kübel zu betrachten, in den jeder, der vorbeigeht, namentikers, der seine Gegenstände mit den Spuren v·eraus-
etwas hineinwirft ... >>, 11 ermöglicht er nicht nur eine bisher gabter Arbeit überladen sehen will, und den Bedürfnissen
noch ungeahnte Klarstellung von Wissenschaftsfunktionen. Er eines Individuums, welche die Hervorkehrung vermeidbarer
bezeugt zugleich - bildhaft durch die gesetzte Beziehung von Arbeit oder gar die Vortäuschung von Handarbeit an indu-
Tisch und Kübel - eigenes Wertbewußtsein, welches gegen die striell erzeugten Produktep abweisen und die sich hiervon
Wertstruktur der Gegenständlichkeit, auf die es bezogen ist, ästhetisch abgestoßen sehen, vorzustellen. Bei der Ansahauung
kontrastiert. In diesem Geist, aus dem heraus dann die von der Gestaltung bestimmtet Produktionen könnte der Eindruck
der Kunst abgegrenzten ästhetischen Gestaltung allgemein entstehen, daß sich unser Design zunehmend einem solchen
neben anderen Disziplinen der Psychiatrie zugewiesen werden, Mittelmaß nähert. Auch hier hätte die Konzeption von Le_tsch
können wir den Realismus der sozialistischen Kunst nicht wahr- und Scharf einen sie stützenden empirischen Beleg. Ohne dem
haft entfalten. Kampf gegen das Mittelmaß, durch den ja letztlich nur das
Untermäßige Boden gewinnen kann, das Wort zu reden, sei
4. Die Aussage <<Der praktische Gegenstand ist eine auf das betont, daß mir zuerst eine qualitative Differenzierung des
Individuum bezogene Setzung der gesellschaftlichen Assozia- Angebots durch hochwertige Leistungen eines funktional ge-
tion, und das Kunstwerk ist eine auf die Assoziation bezogene richteten Designs auf dem Sektor der Konsumgüter erfordert
individuelle Setzung>> meint nicht, daß Design und Kunst in zu sein scheint. Und solche Gestaltungen sind dauerhaft nur
ihrem ästhetischen Niveau auf. ein vorgestelltes Durchschnitts- auf der Grundlage -einer kommunistischen Ethik der Gestal- ·
individuum zu beziehen seien. Das ist für die Kunst in Gegen- ttrng möglich. Denn die Fragen ästhetischer Gestaltung sind
stand und Raum deutlich ausgesprochefü Die Auffassung des im Grunde nicht von clen gesellschaftlichen Funktionsbestim":.
Kunstwerks als auf die Assoziation bezogene Setzung drückt mungen der Produkte zu trennen. Auch darum ·muß die Ent-
nicht die unterschiedlichen Vermittluhgen dieser Funktion aus wicklung derartiger Gestaltung als ein. evolutionärer Prozeß
und ermöglicht damit natürlich eine drastische Vereinfachung aufgefaßt werden. Erst durch die Entfaltung der neuen In-
der theoretischen Vorstellung der Wirkungsdimensionen der halte des Gebr~uchs kann sich kontinuierlich das Werden mo-
Kunst. Auch hier gHt, daß dieser Orientierungssatz nur durch derner Gestaltung durchsetzen. Der Gartenzwerg, der eine
den ganzen Inhalt der ihn tragenden Schrift erklärt werden· k·leinmütige, aber doch human gedachte Vorwegnahme des
kann. Die Abweisung verdnfachter Deutungen desselben hätte qualifizierten Automaten ist, stört uns wie· andere problemati-.
für das Design und auch für die Architektur pointierter er- sehe Gestaltung bei der Herausbildung einer gestalterischen
folgen können. Es ist jedoch prinzipiell' gefaßt: Der serielle Praxis auf dem Gebiet der Architektur und des Designs, welche
praktische Gegenstand ist wie das architektonische Werk auch als moderne den gesellschaftlichen· Erfordnernissen des Sozia-
als individuelle Schöpfung zu begreifen. Beide, die Schöpfung lismus entspricht und zugleich nach :,iußen die Wirksamkeit
des Architekten und die des .Designers, können wie Kunst- unserer Produkte auf den internationalen Märkten ökonomisch
werke Herausforderungen zur Entfaltung menschlichen Lebens und ideologisch erhöht, nicht, wenn im Angebot keine ver-
objektivieren. Selbstverständlich haben sich Architektur und kehrte Dominanz gegenüber oder gar ·Ausschließung von mo-
Design unter verschiedenen Aspekten auch dem Problem des dernen Gestaltungen besteht. Die durchschnittsindividuelle-'-
Durchschnittsindividuums zu stellen. Das gilt zum Beispiel für Mitte zwischen der Asthetik des Gartenzwerges und der einer
quantitative Maßbestimmungen von Gegenständen und Räu- modernen Gestaltung technisch qualifizierter Automaten wer-
men. Hiervon zu unters<feiden wäre die Problematik allge- den wir noch lange· haben. Es muß nur die Frage beantwortet
. 220
. 22 I
"
werden, wohin wir in dieser Ebene der Gestaltung wollen.
Theorie kann Gestaltung weder ersetzen noch ihre Charaktere
Denkübungen zu· Marx:
vorkonstruieren. Aber Gestaltung in Architektur und Design Gestaltungen_ des Reichtums
ist auch nicht ohne theoretisches Selbstverständnis zu realisie-
ren. Der Streit um allgemeine theoretische Vorstellungen, den
wir führen, hat damit praktische Relevanz. Darum der Streit.

Anmerkungen

Herbert Letsch, Karla Scharf: Zu Lothar Kühnes <<Gegenstand und


Raum>>, in: Weimarer Beiträge, 5/1982; Zitate hieraus werden im Das Thema des Reichtums, welches Dichter, Ökonomen und
Text angegeben. Philosophen oft berührt haben, das in religiöser Mythologie
2 Karin Hirdina: Lothar Kühne: Gegenstan,d und Raum. (Rezension), und im Märchen entfaltet wurde, ist von Marx oft direkt auf-
in: Weimarer Beiträge, 1/1982, S. 17, genommen und im Grunde seiner ganzen theoretischen Arbeit
'Joachim Fiebach, Michael Franz, Heinz Hirdina, Karin Hirdina, Gün- unablässig reflektiert worden. Nicht zuletzt hierdurch hat er
ter Mayer, Erwin Pracht (Leitung), Renate Reschke: Ästhetik heute,
den Humanismus seiner Weltanschauung konkretisiert und
Berlin 1978
Meinem Beitrag Kritische Revue. ,-inmerkungen in drei Abschnitten unserem Denken Aufgaben übereignet, deren Lösung in das
zu «Ästhetik heute», in: Weimarer Beitväge, 4/1979, folgte von Mi- Praktische eingreift. <<Gestaltungen des Reichtums» meint hier
chael Franz, Karin Hirdina, Günter Mayer und Erwin Pracht eine einmal geschichtliche Formen des Reichtums und dann die Ge-
Revue der Kritik. Anmerkungen zum wissenschaftlichen Meinungs- staltung von Lebensbedingungen der Menschen, die auf Reich-
streit um «Ästhetik beute»', in:, Weimarer Beiträge, 6/1980. J\uf eine tum bezogen ist.
Behauptung der Autoren der Revue der Kritik über meine Auffas- Nach bündigen Definitionen des Begriffs «Reichtum>> wird
sungen habe ich beiläufig, aber in gebotener Verständlichkeit in dem nicht gestrebt. Reichtum wird einfach als die gesellschaftliche
Aufsatz Räumliche Organisation des menschlichen Lebensprozesses Leitbestimmung des Wertsystems von Aneignung vorgestellt.
und Gegenstandsfunktionen, in: form+zweck, 4/1981, geantwortet.
In Goethes Gedicht <1Der Schatzgräbern ist er <<das höchste
4 Lothar Kühne: Gegenstand und Raum. Über die Historizitiit des
Ästhetischen, Dresden 1981. S. 29; die Seitenangaben weiterer Zitie-
Gut>> genannt. D~r Reichtum prägt den sozialen Charakter des
rungen im Text. sinnlichen Weltverhaltens der Menschen. Zweifellos sind
Bruno Flierl: Hermann Hense/mann, Architekt und Architektur in der Reichtum zum einen sowie Glück und Befriedigung zum an-
DDR, in: Hermann Henselmann: Gedanken, Ideen, Bauten, Projekte, deren verwandter Natur. Es kann allerdings in der Verwandt-
Berlin 1978, S. 48 schaft arge Zerwürfnisse geben, aber ihr Zusammenhang bleibt.
6 Bruno Flierl (Gespräch): Der ung;heure Drang, Spuren zu hinterlas- Glück und Befriedigung sind psychisch. erfahrene Zustände,
sen, in: Sonntag, i,,11980, S. 8 während Reichtum unmittelbar objektiv gebildet oder in dem
7 Karin Hirdina: Pathos der Sachlichkeit. Traditionen materialistischer negativen Sein als Armut dem Individuum entzogen ist. Ar-
Ästhetik in den zwanziger Jahren, Berlin 1981, S. 102
mut ist in der noch heute geläufigen Meinung Mangel an Le-
8 Erhard Frommhold in seinem Diskussionsbeitrag in der Arbeitsgrup-
pe 2 des VIII. Kongresses des Verbandes Bildender Künstler der
bensnotwendigem, kein Haben. In der Unbehaustheit, dürfti-
DDR, in: Dokumentation über den VIII. Kongreß, hg. vom Ver- gen Kleidung und vor allem im Hunger werden die Grund-
band Bildender Künstler der DDR/Zentralvorstand, S. 127 gestalten der Armut gesehen. Die Aufhebung, die Wendung
9 Stephan Hermlin: Abendlicht, Leipzig 1980, S. 22 f. dieser Nöte durch Haus, Kleidung, Nahrung ist menschheit-
10 Karl Max Kober: Die Verantwortung des Künstlers in unserer Zeit, lich nur vom Standpunkt eines Reic;htums möglich, der in die-
in: Bildende Kunst, 2/1980, S. 58 sen Produkten zwar seine Grundlage, jedoch nicht die Charak-
1 r Ebenda, S. 58 f. tere seines Wesens hat.
Wenn das Betrachten des Reichtums eigenes Lebensverständ-
nis wesenhaft berühren soll, müssen wir uns se(nen formations-
223
·-.it•

geschichtlichen Erscheinungen zuwenden, weil sonst nur dürftig liehen modifiziert. Das zu ökonomischer Mächtigkeit erstar-
erfaßt wird, was für die Menschen der sozialistischen Gesell- kende Bürgertum uberließ dyn Feudalen das ,Feld der kon-
schaft Reichtum bedeuten kann und bedeuten muß. Die' histo- kreten Genüsse, suchte sie dort durch die Steigerung ihrer
risch nicht differenzierende Auffassung des Reichtums, die Geniußwut zu binden und zu überwinden, indem es sich selbst
dazu neigt, den neuen Reichtum als die bloße Abwesenheit in der Tugend des Erwerbs und der Akkumulation übte. Aber
der alten Armut zu begreifen, kann in der neuen Gesellschaft
I
der Gegensatz von Feudalität und Bürgerlichkeit produzierte
leicht zur Abfindung mit menschlichem Elend führen. Es ist . und reproduzierte sich auch in qer ideologischen Bewegungs-
bereits zu erfahren, daß durch Komfortwohnung, Auto, Über- weise dieser ·beiden gesellschaftlichn Kräfte. Die sich in ihrer
kleidung und Bedatschung wohl versorgte Körperlichkeit Kimstartigkeit übersteigernde feudale Gegenständlichkeit zeigt
keine hinreichende Grundlage menschlicher Erfüllung ist, an, daß ihre Individuen schon von der Sucht nach vergegen-
wenn das Geld und die von ihm begeistete Dinglichkeit den ständlichter Arbeit besessen waren. Das rauschhaft ihre reale
ersten gesellschaftlichen Rang verloren haben. Das bloße Ha- Potenz übersteigernde Bedürfnis der Feudalen befriedigte
ben bewältigt die Zeit der Individuen unvollständig. Die Lan- sich durch das imitative Prinzip. Sein Grundwert wa,r Gold.
geweile begriff Marx als «die Sehnsucht nach einem Inhalt». 1 Dem gegenüber bezeugte die puristische Gestik der bürgerli-
Und es ist so, daß sich diese Sehnsucht für einige in der über- chen Kultur die Fasziniertheit der sie tragenden Individueh
fülle des Magens, im Kalorienstau der Übergewichtigkeit, in durch die von den Feudalen repräsentierten Genußweiseh. Die
spirituoser Vergeistigung und in tclevisionärcr Sichtverkürzung Aktivierung dieser Gcnußw;eisen durch die zu politischer
zu bewältigen sucht. Auch damit, gleich _ob als Nahrung, Alko- Macht gelangte Bourgeoisie bedeutet also in vielem nicht Ad-
holikum oder als Vorsehung, sind Inhalte, <<Erfüllungen», ge- aption an Formen der Feudalität, sondern Aufnahme von Ver-
geben, die wir zwar nicht pauschal abweisen wollen, deren haltensmustern, die in der Bürgerlichkeit gegründet und zuerst
Proportionierung zum Leben doch stets zu befragen ist. in der Feudalität erwachsen waren.
Wesentliche Einsichten über den bürgerlichen Reichtum hat
Smith gewonnen. Der Titel seiner wichtigsten· Schrift <<Eine
Bürgerlicher und kommunistischer Reichtum Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Reich-
tums der Nationen» zeigt schon die Tendenz, den klassen-
Mit Reichtum haben sich die klassischen bürgerlichen Ökono- antagonistischen Charakter des entwickelten bürgerlichen
men gründlich befaßt. Für die Feudalen war Reichtum zuerst Reichtums zu verschleiern. Aber bestimmend für die Auffas-
aufs Schwert gestützte gesellschaftliche Mas;ht . und herr- sung von Smith ist ihr objektiver unq dialektischer Gehalt.
schaftsbetonter sinnlicher Genuß. Die Handlungs- und Genuß- Über den Reichtum schrieb er: «Jemand ist. reich oder arm, je
fähigkeit der Feudalen, die sich nur in der hierarchischen Kor- nachdem in welchem Grad er sich den Genuß -der notwendigen
poration ihres Klassenverbandes bestätigen konnte, setzte die- Artikel, der Annehmlichkeiten und Vergnügungen des mensch-
sem Reichtum trotz seiner diskrepanten Beziehung zu den lichen Lebens leisten kann. Aber nachdem sich die Arbeits-
Lebensbedingungen der Leibeigenen noch individuelle Gren- teilung· einmal völlig durchgesetzt hat, kann sich ein Mensch
zen. nur noch einen sehr kleinen Teil davon durch seine eigene Arbeit
Obgleich der feudale Reichtum durch die ausbeutende verschaffen. Ihren weitaus größten Teil muß er von der Arbeit
Herrschaft und ihre gesellschaftliche Organisation die Ten- anderer Menschen herleiten. Er muß reich oder arm sein, dem
denz hatte, den Umfang individueller Kapazität zu überschrei- Quantum Arbeit entsprechend, das er zu kommandieren oder
ten, blieb er im Unterschiea zum bürgerlichen Reichtum kon- zu kaufen vermag.>> 2 •

kret, erfaßte mannigfaltige Beziehungen, deren Einheit durch Nicht in der politischen Macht wie Hobbes und nicht in der
die Lebenstätigkeit seiner Subjekte unmittelbar vermittelt wundersamen Zeugungskraft des Geldfetischs wie die Merkan-
wurde. Allerdings wurde der feudale Rei<;htum bereits früh tilisten sah Smith die Gruhdlage des Reichtums, sondern in
durch den bürgerlichen beeinflußt. In der späten Feudalgesell-· der Arbeit. <<Arbeit war der erste Preis, das ursprüngliche
schaft wurde er tiefgreifend und bis zur Verkehrung der an- Kaufgeld, womit alle Dinge bezahlt wurden. Nicht mit Gold
setzenden Struktur von Macht und. Genuß durch den bürger- oder Silber, sondern mit Arbeit wurde der ganze Reichtum

224 .,. 225

"'
der Welt ursprünglich erworben.>r3 Die gegenüber der bürger- der relative Reichthum bestimmt wird durch die Vergleichung
lichen Gesellschaft revolutionäre Konsequenz dieser_ Einsicht des W erthes der Sachen, die man nothwendig hat, mit dem
konnte Smith noch nicht entfalten. Der Ansatz von Smith W erth deren, die man zum Austausch - en echange - geben
wurde von Hegel aufgenommen und schließlich von Marx zu kann - so wird von vorn herein der <Tausch> zum wesentlichen
einer neuen Auffassung der Geschichte und zu wissenschaftli- Element des Reichthums.» 5 So wird nicht mehr wie bei Ri- 1_
cher Zukunftsbestimmung_ geführt. Smith hatte die wesentli- cardo über die «unterschiedlichen Eigenschaften von Wert und
d1en Elemente des bürgerlichen Reichtums erfaßt, aber deren Reichtum» 6 reflektiert, sondern der Wert als das Wesen des I,
Struktur und damit den Grundwert dieses Reichtums konnte
er nicht enthüllen. Sein Begriff des Reichtums ist bereits histo-
bürgerlichen Reichtums und das Geld als dessen eigentliches I..,,
Dasein erkannt. Die konkrete Gegenständlichkeit ist zwar
risch, denn er geht von der gewordenen Arbeitsteilung aus. als Vermittl~ngs dieses Reichtums für die Individuen besonders
In dem Kommando über Arbeit erkannte Smith schon die fixiert, aber zugleich den Gesetzen seines Vollzuges unterwor-
Kerngestalt des bürgerlichen Reichtums, das Kapital selbst. fen,' im Grunde nichtig. In den Pariser Heften, Ende 1843
Aber der konkrete Genuß galt ihm noch als de!' erste Sinn- bis Januar r 84 5, faßte Marx die Bedingungen und den Cha-
bezug des Reichtums. Die Beziehung von Gebrauchswert und rakter des bürgerlichen Reichtums deutlich. «Es giebt keine
Tauschwert dominiert in seiner Vorstellung zum Gebrauchs- Reichthümer ohne Privateigenthum und die Nationalökono-
wert hin. . mie ist ihrem Wesen nach die Bereicherungswissenschaft.» 7
Auch Ricardo verstand unter <<Reichtum>> zuerst den Ge• Privateigentümlicher Genuß ist seinen Voraussetzungen nach
brauchswert der Produkte. Er begriff, daß sich durch die Stei- Ge:mß der Exklusivität, der Ausschließung anderer, setzt Be-
gerung der Arbeitsproduktivität bei gleichbleibendem Wert ziehungen der Konkurrenz, Empfindungen des Stolzes und des
der Gebrauchswert der Erzeugnisse erhöht. «Der Wert unter- Neides. Die Bewegung des Privateigentums ist der Schacher,
scheidet sich also grundsätzlich vom Reichtum, denn der Wert ünd das <<Motiv des Austauschenden ist nicht die Menschheit,
hängt nicht vom Übertluß, sondern vo11. der Schwierigkeit oder sondern der Egoismus.» 8 Schon Marx' frühe Untersuchungen
Leichtigkeit der Produktion ab. Die Arbeit von einer Million des Privateigentums sind vom historischen und darin transito-
Menschen in den Manufakturen wird stets den gleichen Wert, rischen Gesichtspunkt bestimmt. Ihre analytische Schärfe ar-
aber nicht immer den gleichen Reichtum produzieren. Durch die tikuliert keinen romantischen Protest gegen die Geschichte, son-
Erfindung von Maschinen, durch die Erhöhung der Geschick- dern sucht ihre objektive Gerichtetheit. Und so erkannte er
lichkeit, durch die bessere Arbeitsteilung ... kann eine Million gegenüber den Nationalökonomen, daß die Entwicklung 'der
Menschen bei einem bestimmten Entwicklungsstand der Ge- Maschinerie die Bedingungen des bürgerlichen Reichtums nicht
sellschaft die doppelte oder dreifache Menge an Reichtum, an nur anfänglich setzt. Die Produktivkräfte haben die Tendenz,
<lebenswichtigen-Artikeln, Annehmlichkeiten und Vergnügun- ·1;1
über die Grenzen des bürgerlichen Reichtums hinauszutreiben,
gen> im Vergleich mit anderen produzieren.»" Ricardo bezog seine ökonomischen und sozialpsychischen Bedingungen zu
sich nur auf die ansetzende Bestimmung der zweideutigen zersetzen. «Die wahre Schranke der kapitalistischen Produk-
Charakteristik des bürgerlichen Reichtums von Smith. Und tion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und seine
hier zeigt sich, daß der verkehrte begriffliche Ausgangspunkt Selbstverwertung als Ausgangspunkt und als Endpunkt, als
die weitere Herausarbeitung des Folgerichtigen erreichter Ein- Motiv und Zweck der Produktion erscheint; daß die Produk-
.;
sicht verhinderte. In der durch die Entwicklung der industriel- ,.
-.;,
tion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt
len Produktivkräfte bedingten gegensätzlichen Bewegung von die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erwei-
Wert und Gebrauchswert sah Ricardo das Menetekel der Kri- ternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der
senlogik des bürgerlichen Reichtums, ohne dahin zu gelangen, Produzenten sind.>>9
es spezifisch zu deuten.
Es könnte scheinen, daß der Streit um di<; Bestimmung des
Der bürgerliche Reichtum ist nicht der Gebrauchswert, son- bürgerlichen Reichtums gedanklich ins Leere treibt. So ist die
dern es ist der Tauschwert. In seinen Exzerpten aus dem Dopplung der Ware in Gebrauchswert und Wert im konkre-
<<Traite d' economie politique» von Say bemerkte Marx über ten Gegenstand synthetisiert, und für alle Individuen ist
dessen Darlegung der Problematik des Reichtums: «Indem der Genuß praktisch vermittelter Beziehungen unabdingbar.
226 227
_,.,
i
«W aare», heißt es bei Marx, <<ist die elementarischste Form des strakten als Konkretes tritt in dieser Bewegung des bürgerli-
bürgerlichen Reichthums.» 10 Und diese Aussage schließt für chen Reichtums deutlich hervor. Während sich die Macht de~
sein Verständnis das Werden des Geldes als wesenhafte Form abstrakten Reichtums über die Lebensbedingungen und über
des bürgerlichen Reichtums ein wie dessen Konstituierung als den Lebensprozeß der Individuen in der Situation des bürger-
Kapital. Weil Warenproduktion Produktion (ür den Austausch lichen Schatzbildners unverkennbar äuße.rt, erscheint sie in der
ist, ·sind Wert und Gebrauchswert in ihrer Ve·rmittlung durch eigentlichen kapitalistischen Weise verkehrt als Selbständigkeit
die ,Ware 1 nicht in symmetrischer Beziehung; Es gilt die Sub- des konkreten Genusses gegenüber jedem allgemeinmensch-
sumtion des Gebrauchswertes unter den Wert. Wenn der Be- lichen Maß der Lebensmöglichkeit. Sie wird Verschwendung.
griff des Reichtums einen theoretischen Sinn haben soll; hat Die Konkurrenz der partikuläre!). Kapitale setzt sich fort in der
er nicht einfach das Quantum von Werten eines gesellschaftli'0 konkurrierenden Konsumtion der Kapitalisten. Die Bedingun•
chen Subjekts, sondern die Struktur dieser Werte zu erschlie- gen des bourgeoisen Luxuskonsums müssen unablässig neu ge-
ßen. faßt werden, weil seine gegenständlichen Elemente durch
Die Grundbestimmung des bürgerlichen Reichtums ist der die industrielle Produktion in der Tendenz gesellschaftlich ver-
Tauschwert, dem der Gebrauchswert untergeordnet ist. Das allgemeinert werden. Dieses «Deplacement der Käufer», «.l\r-
Beherrschtsein des Gebrauchswertes durch den Tauschwert beiter statt Kapitalisten>> 13, verallgemeinert über bestimmte Kon-
erscheint im Verhalten. des vorkapitalistischen Schatzbildners sumbedingungen bürgerliche Verhaltensmuster, zersetzt aber
sinnfällig. Dessen besonderer Gegenstand ist das Geld und zugleich durch die Verschiebung von Exklusivität die sozial-
seine Verhaltenstugenden sind Darben am Lebensnotwendigen psychischen Bedingungen bürgerlicher Aneignung. Im Verhalten
und Anhäufen des unmittelbar Überflüssigen. <•Unser Schatz- ' . der bourgeoisen Individuen bleibt der konkrete Genuß ihrer
bpdnern, schrieb Marx, «erscheint als Märtyrer des Tauschwerts, Rolle der Personifizierung von Kapital untergeordnet. Wenn
' heiliger Asket auf dem Gipfel der Metallsäule. Es ist ihm nur um sich ein bourgeoises Individuum im konkreten Genusse verliert,
den Reichtum in seiner gesellschaftlichen Form zu tun, und <<Accumulation der Genüsse statt des Genusses der Accu~ula-
darum vergräbt er ihn vor der Gesellschaft. Er verlangt die tiom14 erstrebt, gerät es schließlich aus dieser Bestimmtheit. Die
Ware in ihrer stets zirkulationsfähigen Form, und darum ent- Bourgeoisie hat früh die Fähigkeit herausgebildet, sich in ihrer
zieht er sie der Zirkulation. Er schwärmt für den Tauschwert, konsumtiven Genüßlichkeit zu disziplinieren und konnte sogar
und darum tauscht er nicht aus. Die flüssige Form des Reich- die Funktion des ihr zugehörenden konsumtiven Genusses auf
tums und seine Petrefakt, Elixier des Lebens und Stein der andere Schichten der Gesellschaft delegieren. Malthus wollte
Weisen, spuken alchimistisch toll durcheinander. In seiner ein- diese Aufgabe, die zuerst den Feudalen zugefallen war, für diese
gebildeten schrankenlosen Genußsucht entsagt er allem Ge- geschichtlich festschreiben.
nusse. Weil er alle gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigen Die Grundbestimmung des kommunistischen Reichtums kann
will, befriedigt er kaum die natürliche Notdurft. Indem er den mit dem Begriff der Persönlichkeit gegeben werden. In diesem
Reichtum in seiner metallischen Leiblichkeit festhält, verdun- engeren Sinne bedeutet <<Persönlichkeit>> kommunistische Indi-
stet er ihn zum bloßen Hirngespinst.» 11 vidualität: die durch das Individuum in seinem Werden als To-
Im Schatzbildner erkannte Marx nicht nur den präexistie- talität· herausgebildete Einheit von Subjektivität, Universalität
renden Kapitalisten. Er zeigte zugleich, wie in dess.en Ver- und Charakteristischem. Marx schrieb, daß der Reichtum des
halten die ~ildung \<OU abstraktem Reichtum den konkreten Kapitals <<direct in der Aneignung von Surplusarbeitszeit
Reichtum modifiziert, Die bes.anderen Träger der Geldfunk- besteht; da sein Zweck direkt der W erth, nicht der Gebrauchs-
tionen waren die Edelmetalle Gold und Silber, durch welche werth>>.15 Aber auf der Grundlage der in ihrer Automatik
das Abstrakte in den Schein des Sinnlichen gefaßt, noch nicht qualifizierten Maschinerie, die qen Arbeiter aus seiner unmit-
zu seiner wesenhafteri Erscheinungslosigkeit gelangt war. Und telbaren Binqung an die Arbeitsmittel löst, und neuer gesell-
weil <<Gold und Silber das Material des abstrakten Reichtums schaftlicher Verhältnisse, in denen er diesen Wandel nicht als
sind, besteht die größte Schaustellung des Reichtums in ihrer . gesteigertes Elend, sondern als Potenz seiner sozialen '.M:ächtig-
Benutzung als konkrete Gebrauchswerte.>> 12 Die Besessenheit keit erfährt, ist <<der wirkliche Reichthum die entwickelte Pro-
des Konkreten durch das Abstrakte, die Erscheinung des Ab- ductivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr
\
228 16 Kühne, Haus 229
,,

die Arbeitszeit, sondern die. disposable time das Maaß des Dichter das tun. Doch kann er nicht, ohne den Rang seiner
Reichthums.>> 16 Der durch diese gesellschaftlichen Vorausset- Tätigkeit zu unterschreiten, für den Markt dichten. Zweifellos
zungen gesetzte Begriff der individuellen Produktivität ist uni- ist der Tauschwertstandpunkt selbst för künstlerische Produk-
versell gerichtet, denn in «dieser Umwandlung ist es weder die tion nicht folgenlos, obgleich sie wie die wissenschaftliche
unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch Leistung gegenüber der zahlungskräftigen Nachfrage auch ei-
die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen ~enen Gesetzen folgt. Und es sind das gegenüber bornierten
allgemeinen Productivkraft, sein Verständniß der Natur, und Verhältnissen Gesetze einer neuen gesellschaftlichen Welt.
die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gellschafts- Kommunistisches ist in aller Geschichte. Marx' Ethos der
körper - in einem Wort die Entwicklung des g12sellschaftlichen freien, universell gerichteten Produktivität des Menschen ist
Individuums, die als der grosse Eckpfeiler der Production und ideertgeschichtlich tief gegründet. 1839, im vierten der Hefte
des Reichthums erscheint>>. 17 zur epikureischen Philosophie, schrieb er in· polemischer Wen-
Das Geld ist das negative und verkehrte Dasein des entfal- dung gegen Plutarch, seine Sympathie für die Moral von Epi-
teten konkreten Genusses, abstrakte Universalität. Und Marx kur bezeugend: <<Wem es nicht mehr Vergnügen macht, aus
folgerte: «In fact aber, wenn die bornirte bürgerliche Form eignen Mitteln die: ganze Welt zu bauen, Weltschöpfer zu
abgestreift wird, was ist der Reichthum anders, als die: im uni- sein, als in seiner eignen Haut sich ewig herumzutreiben,
versellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, über den hat der Geist sein Anathema ausgesprochen, der
Fähigkeiten, Genüsse, Productivkräf'te etc. der Individuen? Die ist mit dem Interdikt belegt, aber mit einem umgekehrten, er ist
volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Na- aus. dem Tempel und dem ewigen Genuß des Geistes gestos-
turkräfte, die der s.g. Natur sowohl, wie seiner eignen Natur? sen und darauf hinge.wiesen, über seine eigne Privatseelig-
Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, keit Wiegenlieder zu singen und Nachts von sich selber zu
ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische träumen.>> 19 Vom Standpunkt dieses Aktivismus wurde das die
Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d. h. der Vorrede zur Doktordissertation von Marx abschließende Be-
Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht ge- kenntnis gesetzt: «Prometheus ist der vornehmste Heilige und
messen an einem vorhergegebnen Maaßstab, zum Selbstzweck Märtyrer im philosophischen Kalender.>> 20 Von hier führte sein
macht? wo er sich nicht reproducirt in einer Bestimmtheit, son- · Denken über das Gebot der Weltveränderung in der elften .
dern seine Totalität producirt? Nicht irgend etwas Geword- These über Feuerbach zu der das Manifest der Kommunisti-
nes ·zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des schen Partei zusammenfassenden Parole <<Proletarier aller
Werdens ist ?» 18 Marx hat diesen Gedanken in solcher Steige- Länder, vereinigt euch!» Hier ist Marx' Auffassung des kom-
rung und Unabdingbarkeit in keinem zur Veröffentlichung munistischen Reichtums gegründet, von hier muß sie geistig
gedachten Text ausgedrückt. Und er wußte sicher genau die und praktisch erschlossen werden.
Aspekte seiner notwendigen Relativierung anzugeben. Das soll Erst vom Ansatz der Subjektivität, der jeder knechtischen
gelten. Zu fragen bleibt, ob diese Herausforderung menschli- Unterordnung unter die· Arbeitsteilung enthobenen Produk-
chen Lebens, die ja unter allen Bedingungen die Dimension tivität der Individuen, wird die besoo.dere Bedeutung und der
des Scheiterns in sich einschließt, auf Notwendigkeit gegrün- Erfüllungssinn der freien Zeit in de~ Vorstellung des kom-
deter Entwurf von Zukunft ist und ob, wenn dieses zu be- munistischen Reichtums durch Marx erschließbar. Für kom-
jahen ist, dieser Entwurf zugleich auf empirisch belegtes Leben ~1; munistische Verhältnisse begriff Marx auch die Wissenschaft
verweist. Beides. und die Arbeitsbedingungen als Reichtum. Diese einzelnen
Die schöpferische menschliche Leistung kann ausbeuterischer Bestimmungen des kommunistischen Reichtums haben ihre
Herrschaft untergeordnet sein, aber sie hat gegen solche Sub- Mitte, ihren sie organisierenden Kern, in de·r Entfaltung der
. sumtion die .Tendenz, sich zu verselbständigen. Hieriri liegt Produktivität und Genußfähigkeit des ·Individuums. Bezogen
allerdings keine eigene geschichtliche Mächtigkeit zu kommu- auf die Zeit faßte Marx diesen Zusammenhang auch so: «Die
nistischer Verwirklichung, aber ein historischer Kontinuitäts- wirkliche Oekonomie - Ersparung - besteht in Ersparung von
bezug derselben.· Es. ist möglich, Dichtung auf dem Literatur- Arbeitszeit ; ... diese Ersparung aber identisch mit Entwick-
markt zu verkaufen. In bestimmten Verhältnissen muß der lung der Productivkraft. Also keineswegs Entsagen vom Ge-
230 16* 231
,
· nuß, sondern Entwickeln von power, von Fähigkeiten zur Pro- Geschichte arg verkannt. So ist die Triebkraft für die Heraus-
duction und daher sowohl der Fähigkeiten, wie der Mittel des bildung und Qualifizierung' der Maschinerie im Kapitalismus
Genusses.>>21 Aus der Fassung der disposable time als Maß nicht das Streben der Kapitalisten, die Arbeiter von der Schwere
des kommunistischen Reichtums ergibt sich keine Gleichgültig- ' der Arbeit zu entlasten, sondern der Klassenkampf zwischen
keit gegenüber der vergegenständlichten lebendigen Arbeit. Bourgeoisie und Proletariat und die kapitalistische Konkurrenz.
Es ist so: Während in bürgerlichen Verhältnissen die vergegen- Erst in der kommunistischen Gesellschaft, die mit dem Sozia-
.ständlichte Arbeit der eigentliche Wert ·ist, weil sie durch den lismus beginnt, erhält das Motiv der 'Entlastung einen gesell-
Austausch Verfügung· über andere vergegenständlichte Arbeit schaftsstrategischen Rang.
und schließlich das kapitalistische Kommando über lebendige Zu fragen ist, ob diese Entlastung nur nach der Seite der Pro-
Arbeit ermöglicht, wird die Quantität vergegenständlichter Ar- duktion hin zu fassen lst oder ob sie umfassender die ästhetische
beit zum Antiwert des kommunistischen Reichtums, obgleich sie Wahrnehmungserwartung der Menschen beeinflussen muß, wenn
ihn stiftet. Die Vergegenständlichung von Arbeit in ihrer Quan- sie dieses ökonomische Gebot ihres Lebens geistig und emotio-
tität ermöglicht den Individuen keine besondere Geltung und nal verinnerlicht haben. Denn hier ist ein zwingender Zusam-
keinerlei Verfügung über andere Sachen. Die Vergegenständ- menhang. Das Streben nach Entlastung von Zeit, Schwere und
lichung des Quantitativen der Arbeit, deren Maß ihre Rück- depersonifizierender Wirkung der Produktion ist objektiv ver-
führung auf depersonifiziert einfache voraussetzt, kann Wert kehrt und als bloß phraseologische oder noch nicht in ihrer Kon-
als Sein einer Nützlichkeit nur unter den Voraussetzungen der sequenz erfaßte Bekundung denunziert, wenn es nicht ästhetisch
Privatheit und des auf dieser beruli.enden Austa1:1sches werden. als Bedürfnis nach entlasteter Gegenständlichkeit bestätigt wird.
Eben hieraus evoliert das Geld, von dem Marx bemerkte, in Im Sozialismus gibt es noch Faktoren, welche die sinnliche
ihm sei <<der allgemeine Reichthum nicht nur eine Form, son- Bejahung der Produktionsökonomie in den individuellen Le-
dern zugleich der Inhalt selbst». 22 In den neuen gesellschaftlichen bensbedingungen entgegenstehen. Das ist nicht nur unzureichen-
Verhältnissen bezeugt das in den Dingen objektivierte Quantum des Angebot von Produkten moderner Gestaltung sowie Mono-
vergegenständlichter Arbeit nur das dem Reichtum dieser V er- tonie- und Ödeerleben in architektonischen Räumen. Neben der
hältnisse Widersetzige, die Eingeschränktheit freier Zeit. Indem Macht der Gewohnheit und der Erziehung bildet auch der durch
der abstrakte Wert verschwindet, ist auch die Wertform aufge- die Verhältnisse für die Individuen objektiv gesetzte Tai,!sch-
hoben, welche <<die abstrakteste, aber auch allgemeinste Form wertstanäpunkt ihre ä_5thetischen, Orientierungen. Durch den
·•I,,
der bürgerlichen Produktionsweise>>23 ist. Die gegensätzliche Be- Tauschwertcharakter ihres Sachhabens sind sie zu egozentrischer
deutung der Arbeitszeit für den bürgerlichen und den kom- Berechnung, täuschender Darstellung und Stauender Aneignung
munistischen Reichtum hat Marx auch so ausgesprochen: <<Time geleitet. So verharrt die Neigung, die Dinge in ihrer abstrakten
of labour, auch .wenn der Tauschwerth aufgehoben, bleibt im- okonomischen Wertbestimmth~it als individuelle Selbstbestäti-
mer die schaffende Substanz des Reichthums und das Maaß der gung und als Vermittlung exklusiver Abgrenzung gegen andere,
Kost, die seine Production -erheischt. Aber free time, dispo- einzusetzen. Die befreiende Entlastung vom Druck des Ding-
sable time ist der Reichthum selbst ... »24 lichen, die im Märchen von «Hans im Glück>> utopisch vörgedacht
ist, kann noch nicht dauerhaft errei91t werden. Die mit den
Geldbeziehungen gegebene ökonomische Formbestimmtheit des
Askese oder Genuß Lebens der Individuen ist durch sittliche Aufrichtung allein
nicht zu überschreiten. Aber die sozialistische Gesellschaft, die
Die verbreitete Wertung gestaltdisziplinierter Gegenständlich- den Tauschwert noch nicht aufheben kann, ihn im Gegenteil für
keit des individuellen Gebrauchs, in welcher die Produktions- ihre Entwicklung zur zweiten Phase der kommunistischen Ge-
ökonomie bejaht erscheint, als asketisch, ist durch eine auf der sellschaftsformation funktionieren muß, ist nicht auf den Tausch-
bloßen Anschauung beharrenden Argumentation nicht zu wi- ' wertstandpunkt, sondern auf das re~olutionäre Schöpfertum der
derlegen. Der bürgerliche Philosoph Gehlen hat das Motiv der Arbeiterklasse gegründet. Und durch dieses werden bereits ge-
Entlastung als anthropologischen Faktor für die Entwicklung sellschaftlich allgemein solidarische Beziehungen. Der Erfül-
der Produktionstechnik gedeutet. 25 Damit wird· die wirkliche lungssinn sozialistischer Planwirtschaft ist nicht der Gewinn,
232 2B
,;,,,,
sondern das Wohl der Menschen. Und damit ist für sie die Fra- Leistung fallen mit denen ihrer sich in Geld ausdrückenden Be-
ge', ob ihre Individualität bloß den Tauschwertstandpunkt mas- wertung nicht einfach zusammen. Wer• der Gewissenhaftigkeit
kiert oder ob sie fähig sind, diesen ihrer Entwicklung als Per- der Leistung den Vorrang vor dem Entgelt gibt, steht damit
sönlichkeit wachsend unterzuordnen, von neuen Voraussetzun- trotz der so versagten Möglichkeit von Befriedigungen nicht auf
gen gestellt. dem Standpunkt der Askese, wenn er diese für den Sozialismus
Vom Standpunkt des Kommunismus ist die Entscheidung zwi- konstitutive Rangbestimmung der Werte nicht in verkehrter
schen Askese und Genuß eindeutig. Die kommunistische Beja- Weise idealisiert und die Auffassung bildet, daß im Sozialismus
hung des Genusses ist allerdings seiner Verselbständigung als der Charakter der Individuen im umgekehrten Verhältnis zur
Wert entgegengesetzt. Im Begriffe der Wertabsolutheit des Ge- Größe i~res Einkommens steht, weil zwischen der Leistung und
nusses ist die durclt Marx, Engels u11d Lenin herausgearbeitete der gesellschaftlichen Leistungsbewertung kein objektivierbarer
Weltanschauung kein Hedonismus. Der höchste Wert kommu- Zusammenhang zu begreifen ist. Obgleich Individualität und
nistischer Verhältnisse ist die in der freien Assoziation aller be- Einkommen gesellschaftlich allgemein unrelationiert sind und
ruhende Persönlichkeit. Während der Genuß den Entwicklungs- die Geldbewertung besonders schöpferischer Leistung eine un-
erfordernissen der Persönlichkeit untergeordnet ist und hierin aufhebbare Problematik in sich schließt, gebärdete sich in so!- ·
zugleich seine Entfaltung h_at, steht die Entsagung der univer- eher Schlußfolgerung nur der Neid als-Thenretiker.
sellen Entwicklung des Individuums entgegen. Die hinreichen- Askese ist wertbetonte Entsagung des Anspruchs auf Befrie-
de Vermittlung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit durch digung von Bedürfnissen. Das durch die asketische Norm ne-
die Bedürfnisse der Menschen muß über die lustbetonte Befrie- gierte Bedürfnis ist zwar gedanklich abgewertet, aber für das
digung hinaus auch durch ihre Sittlichkeit getragen sein. Der die Individuum nicht aufgehoben. Diese Abwertung eines Bedürf-
Anstrengung und die Möglichkeit Opfers für gemeinschaftliche ' ~~
nisses hat einen Gegenwert zur Voraussetzung, der psychisch aus-
Interessen abweisende Genuß wird zur Leimrute der Selbster- " gleichend wirkt und im Grade der refkktierten Dringlichkeit
niedrigung. In d,er neuen Gesellschaft stehen sich Reichtum und des abgewiesenen Bedürfnisses und entsprechend der notwen-
Armut nicht mehr in der Beziehung von sozialen Klassen gegen- digen Intensität der Abweisung gesteigert wird.
über. Ihr Widerspruch ist damit nicht aufgehoben, sondern als Drei wesentliche Formen der Askese sollen kurz erörtert wer-
solcher individueller Entfaltung gesetzt. Das Asketische hat den: die religiöse, die vorkapitalistisch-bürgerliche und die an-
hier keinen Raum. • tikapitalistisch-bürgerliche Askese. Die religiöse Askese, wie sie
Wenn die strikte Entgegensetzung der kommunistischen Ide- das Christentum vermittelt, von deren besonderen sozialen Cha-
ale zu jeglichem Prinzip der Askese betont wird, entbindet das rakteren hier abgesehen wird, läßt die dem.Asketismus eigenen
nicht von der Aufgabe, die unterschiedlichen Charaktere und Wertbeziehungen gut erkennen. In seiner theologisch noch nicht
Funktionen des Asketischen zu erfassen. Die Schwierigkeit be- i\J' zersetzten Erscheinung enthält das Christentum immer eine Er-
ginnt beim Begriff. Wenn jede individuelle Abweisung bestimm- lösungsverheißung gegenüber irdischem Elend, dessen Bedin-
ter Befriedigung als Askese vorgestellt wird, ist das Asketische gungen zugleich durch die moralische Norm gewahrt werden. In
zu einer allgemeinen Bedingung menschlichen Lebens und nicht
1,f:
;!
der Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen erklärte
zuletzt zur Voraussetzung jeder schöpferischen Leistung erho- Luther diesen Zusammenhang von Norm und Verheißung. Er
)1 bemerkte, <<daß die ganze Heilige Schrift'in zweierlei Wort ge-
ben. Könnte ein Individuum über die gegenständlichen Bedin- ,:
gungen beliebiger Aneignungen verfügen, wären ihm schon durch teilt wird, nämlich in Gebote oder Gesetze Gottes und Verhei-
die Zeit Grenzen hierfür gesetzt. Das Individuum muß also, um ßungen oder Zusagem>. 26 Das ist nötig, weil die Gebote nicht
überhaupt anzueignen, eine Rangordnung seiner Bedürfnisse bil- dem Bedürfnis der Menschen entsprechen, die aber nicht durch
den. Diese kann nun so strukturiert sein, daß sich die Produk- '} Gewalt, sondern durch ideologische Leitung zu normgerechtem
tivität des Individuums in seinen Aneignungen verliert oder daß Verhalten geführt werden sollen. Diese Verheißung wirkt aber
sie sich darin verwirklicht. Der einzelne erfährt stets gesellschaft- nicht nur als Abfindung mit der versagten Befriedigung. In die-
liche Leitungen seiner Bedürfnisse. Im Sozialismus ist die Sti- ser Beziehung von Elend und Glücksversprechen gründet sich
mulierung der Arbeitsleistung auch durch das Geldversprechen die Tendenz, die dem Menschen durch die Norm oder die Not
notwendig. Aber die Bedingungen der Gewissenhaftigkeit der auferlegte Versagung bewußt in der Hoffnung auf um so höhere

234
2 35
Abfindung zu steigern. Genau hier ist Askese. Und insofern licht wird, um reale Emanzipation zu verhindern. Zwischen
steht die Askese nich~ außerhalb des Anspruchs auf Genuß. Die den gigantischen Systemen der großen Industrie und den Stütz-
Entgegensetzung von Askese und Genuß ist im Grunde nur punkten globaler Vernichtung bilden sich Enklaven der Heim-
sinnvoll als die Entgegensetzung von partikulärem und abstrak- arbeit. So ist auch auf das Erlösungszeichen der Kleingläubigen
tem Genuß auf der einen und universellem, konkretem Genuß zu hoffen. Es ist dieses nicht die Auferstehung des Christus. Der
auf der anderen Seite. Der universelle Genuß ist.auch durch ein- ist am Tage der großen proletarischen Revolution mit allen
zelne Gegenständlichkeit und punktuelle Zeit bedingt, darin Erniedrigten und Geschundenen, mit allen Opfern des langen
partikulär. Doch hier ist das besondere nicht die Form, worin Kampfes um Befreiung auferstanden als neuer. Er trägt das
sich die idealisierte Verdrängung bewältigt, weil sich in ihm die Kreuz nicht mehr in knechtischem Gehorsam gegenüber dem
Totalität des Individuums spiegelt. despotischen Vater, sondern hat es umgekehrt als Waffe und
Während für die Nonne Christus und für den Mönch Maria diese gerichtet gegen alle- Ausbeuter und Menschenvernichter.
als Ziel ihrer sinnlichen Orientierungen im Phantastischen blei- Was den Kleingläubigen zu ersehnen bleibt, ist die Wiederge-
ben, ist das Geld als Gegenstand des abstrakten Genusses im- ,, burt des Ornaments.
mer phantastischer und realer Gegenstand zugleich. Es ermög-
licht das Übergehen zu vielzähligen Genüssen, ist Geld aber
für den Schatzbildner nur, wenn er sich diese Genüsse versagt.
, Wenn das bürgerliche Individuum aus dieser Situation noch nicht
Schluß
in die des verschwendenden Luxuskonsums übergehen kann, be- Die erquickende Zuspitzung unseres Problems ist erreicht. Es
darf es zur Verwirklichung seiner gesellschaftlichen Funktion soll argumentierend noch etwas näher .verfolgt werden.
der ideologischen und hierin der ästhetischen Stützung. Beim · Der gegen moderne Gestaltung industrieller Produkte der
religiösen wie beim bürgerlichen Individuum zeigt die asketische Architektur und des Design erhobene Vorwurf des Asketismus
Haltung an, daß beide im eigenen Verständnis noch nicht zu ergibt sich folgerichtig aus der Wahrnehmungserwartung der
sich gelangt sind, 'keine Selbstverwirklichung haben. systematischen Ornamentiker. Da sie in solcher Gestaltung ihr
Es wird sichtbar, warum das Prinzip der Askese mit kommu- ästhetisches Heilszeichen nicht auffinden können, sehen sie in
nistischer Verwirklichung des Menscl:J.en unvereinbar ist. Das der gestaltdisziplinierten Gegenständlichkeit den Inbegriff von
gilt auch, wenn versucht wird, gegenüber den· praktischen und Armut und befinden sich im Geiste unablässig auf dem Weg
psychischen Verhaltenszwängen, welche sich aus dem Kapital nach Meißen. Wer diese ihnen widrigen Gestaltungen ästhetisch
ergeben, in die Innerlichkeit zu flüchten. Die notwendige Unter- anerkennt und in ihnen gar noch seine. Individualität bestätigt
ordnung der Produktivkräfte unter die Entwicklungserforder- sieht, ist dann schlüssig als Asket erkannt.
nisse der Menschen, damit die Aufgabe der sozialistischen Revo- Aber die Beziehung von dekorntiv überformter und gestalt-
lution, der Verwirklichung der Diktatur des,. Proletariats, der disziplinierter Gegenständlichkeit, wie sie sich in der spätfeu-
Gestaltung des Sozialismus durch diese und schließlich die der dalen und vorkapitalistischen bürgerlichen Kultur abzeichnete,
Verwirklichung des Kommunismus sind so abgewiesen. Die Ent- ist jetzt verkehrt. Die wuchernde Gegenständlichkeit, die den
sagung,des Religiösen ist auf eine harmonische Erfüllung seiner Raum verstopft, ist ja nicht nur für die Vorstellung von bornier.:
Menschlichkeit, die so aber nicht wird, gerichtet. Die Askese tem Sachhaben gebildet. Sie bietet dem gedrückten Gemüt, dem
des bürgerlichen Schatzbildners, der im Christentum wichtige Bewußtsein unentfalteter gesellschaftlicher Aktivität Trost und
Strukturen <c:iner für ihn funktionalen Weltanschauung vorgebil- Labs·al, gehörte dem Asketischen an, wenn es im Sozialismus
det fand, zielte auf ökon9mische Mächtigkeit. Heute ist die As- möglich wäre, diese Armut ZU idealisieren und einen sie hin-
kese nur stilisierte Ohnmacht.'Gegen das Kapital muß gekämpft reichend .ausgleichenden Wert zu finden. Es gibt ihn nicht. Und·
werden. Und das mit dem Anspruch auf Genuß: auf Frieden, so ist hier im Grunde bloßes Leiden.
Arbeit und Entwicklung der schöpferischen Lebenskräfte aller Dem bürgerlichen Schatzbildner erschien in der für ihn puri-
für a11e. Das Kapital duldet keine Intermundien der Mensch- fizierten Dinglichkeit seine Armut, die Unentfaltetheit seines
lichkeit, Was derart erscheint, sind seine eigenen Verleitungen Geldhabens und seine Ausschließung vom erstrebten verschwen-
. für die Einfältigen, denen das Spiel der Emanzipation ermög- denden Genuß. Er mußte diese Armut asketisch idealisieren,
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um eine Kompensation für die verdrängten Bedürfnisse zu ge- derner Gestaltung industriell produzierter Lebensbedingungen,
winnen. In der werdenden Macht seines Geldes lag seine Hoff- in~erhalb deren die gestalterischen Zeugen der souveränen Hand
nung, diese Bedrängnisse zu lösen. Wenn jedoch Individuen frei ihren Ort haben, auch das Ornament, .spricht nicht nur persönli-
von dem Streben nach verschwendendem Genuß sind, die Über- che Neigung aus, sondern gesellschaftliche Notwendigkeit. Daß
sättigung der Dinge mit Arbeit sie ästhetisch abstößt, dann ist diese Notwendigkeit in ihrer den Individuen bloß entgegenste-
eindeutig und endgültig in der sozialistischen Gesellschaft die henden Objektivität als Selbstzweck aufhebbar ist durch das
im gefaßten Sinne moderne Gestaltung das wesenhafte Dasein Bedürfnis, bestätigt die historische Erfahrung. Die eigengesetz-
des erscheinenden Reichtums. Diese Gestaltung verleugnet nicht lichen Bewegungen dieser Moderne kennen wir noch nicht. Und
den industriellen und den in der neuen Gesellsc,haft nicht durch wir sollten zögern, das Auf und Ab ihres Werdens als diese be-
Privatheit gebrochenen gesellschaftlichen Charakter der Produk- reits zu deuten. Aber ihr Werden scheint gewiß. Wenn es nicht
tion und offenbart im Praktischen der Dinge anschaulich die die Tugenden der Menschen sind, die sie dahin führen, werden
Ökonomie der Zeit als Grundprinzip der Produktion und in es ihre Nöte sein, die sie immer vor diese Aufgabe stellen.
differenzierter W dse des gesamten freien Lebens der Menschen.
Die Ökonomie der Zeit, deren Maß die Arbeitsproduktivität
ist, steht in unaufhebbarem Bedingungszusammenhang zum spar-
samen Gebrauch von Energie und zur Beschränkung des Ma- Anmerkungen
terialaufwandes der Herstellung von Gütern. Der Sozialismus r Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte. (Erste Wieder-
ordnet im Grade seiner Entwicklung die Rationalität .der Pro- . gabe), in: MEGA, I.2, Text, Berlin 1982, S. 304
duktion den Lebenserfordernissen der Arbeitenden unter. Die 2 Adam Smith: Eine Untersuchung über das Wesen und die Ursachen
strenge Maßsetzung des Aufwandes von Zeit, Energie und Ma- des Reichtums der Nationen. Erster Band, Berlin 1976, S. 40
terial in der Industrie steht hier nicht mehr wie im Kapitalismus 3 Ebenda, S. 41
gegen die lebendige Arbeit, sondern hat in dieser ihre sittliche 4 David Ricardo: Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und

Axiomatik. Und es ergibt sich jetzt für die Gestaltung der ge- der Besteuerung, Berlin 1979, S. 2j0
Karl Marx: Exzerpte aus Jean Baptiste Say: Traite d'economie poli-
•genständlichen und räumlichen Lebensbedingungen überhaupt,
tique, in: MEGA, IV.2, Text, Berlin 1981, S. 319
daß ihre Ökonomisierung nicht durch das vom Profitinteresse 1
6 David Ricardo: a. a. 0.
beherrschte, formell verselbständigte Sachliche, sondern durch 7 Karl Marx: Exzerpte, a. a. 0., S. 316:.319
den die universelle Entfaltung des Lebens der Menschen prak- 8 Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a. a. 0., S. 3 1 2
tisch vermittelnden Gebrauchswert gerichtet ist. 9 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der, politischen Ökonomie. Dritter
Wie die kapitalistische Produktionsökonomie das soziale Band, Buch III: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion.
Elend der Arbeiter vertieft, ist die des Sozialismus eine eman- Herausgegeben von Friedrich Engels, in: MEW, Bd. 25, Berlin ·1964,
zipatorische Ökonomie. Ih.re Orientiertheit auf Zeit, Energie S. 260
und Material der Produktion ist gegenüber dem Kapitalismus IO Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. (Manuskript 1861
bis 1863), Teil 2. Theorien über den Meh~wert, in: MEGA, II.3.2,
antagonistisch wertbestimmt. Hierdurch ist die Arbeit nicht nur
Text, Berlin 1977, S. 458
unverkehrt bildend für das Leben der Menschen, sondern auch II Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW, Bd. 13;
in bewahrender Art aneignend gegenüber der Natur, der Erde Berlin 1961, S. 111 ·
vor allem. Es gibt einen Satz von Marx, dessen Sinn vollständig 12 Ebenda, S. r 12
in seinen theoretischen Anschauungen beruht: <<Anticipation der 13 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Zweiter
Zukunft - wirkliche Anticipation, findet überhaupt in der Pro-
duction des Reichthums nur Statt mit Bezug auf den Arbeiter ./
/
Band, Buch II: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals. Herausgegeben
von Friedrich Engels, in: MEW, Bd. 24, Berlin 1963, S. 341
14 Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, a. a. 0., S. 601
und die Erde.» 27 Das ist eine der wichtigsten Richtungsweisun-
1 5 Karl Marx: ökonomische Manuskripte I 857 /5 8. Grundrisse der Kritik
gen für menschliches Handeln . der politischen Ökonomie. Zweiter Teil, in MEGA, II.1.2, Text, Ber-
Die Entwicklung der ästhetischen Kultur einer Gesellschaft lin 1981, S. 584
ist wissenschaftlich nicht vorauszusagen wie die nächste Mond- 16 Ebenda
finsternis. Aber die Behauptung der besonderen Bedeutung mo- 17 Ebenda, S. 581

. 238 . 2 39
.....,,;\'i•'

18 Ebenda, S. 3.92
19 Karl :fylarx: Hefte zur epikureischen Philosophie, in: MEGA, IV. 1, Text,
Textnachweise
Berlin 1976, S 79
20 Karl Marx: Differenz der demokritischen und epikureischen Natur-
philosophie nebst einem Anhange, in: MEGA, I.1, Text, Berlin 1975,
s. 15
2 1 Karl Marx: Grundriss~. Zweiter Teil, in: MEGA, II. 1.2, Text, Berlin
1981, s. 589
22 Karl Marx: Grundrisse. Erster Teil, in: MEGA, II.1.1, Text, Berlin
1976, S. 145
2 3 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster
Band, Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals, in: MEW, Bd. 2 3,
Berlin 1962, S 95
Haus und Landschaft. Zu einem Umriß der kommunistischen
24 Karl Marx: Theorien, in: MEGA, II.3.4, Text, Berlin 1979, S. 1388
~ 5 Vgl. Arnold Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stelltmg in
Kultur des gesellschaftlichen Raumes. Weimarer Beiträge,
der Welt, Bonn 1974 10/1974
26 Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen, Berlin 1982, Ornament - <<Poesie der Erinnerung» und Ästhetik kommunisti-
s. 10 scher Praxis. Weimarer Beiträge, 1/r977
27 Karl Marx: Theorien, in: MEGA, II.3.4, Text, Berlin 1979, S. 1445 Zum Begriff und zur Methode der Erforschung der Lebensweise.
Ansätze zur Bestimmung der Funktion der marxistisch-leni-
nistischen Kulturtheorie. Weimarer Beiträge, 8/ 1978
Gesellschaftliche Verhältnisse, Lebensbedingungen und Lebens-
weise. Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universi-
tät zu Berlin, Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche
Reihe, XXVIII (1979) r
Kritische Revue. Anmerkungen in drei Abschnitten zu Ästhe-
tik heute. Weimarer Beiträge, 4/ 19 8 1
Räumliche Organisation des menschlichen Lebensprozesses und
Gegenstandsfunktionen. form+zweck, 4/1981 ·
Funktionalismus als zukunftsorientierte Gestaltungskonzeption.
form+zweck, 5/r982
Ober Postmodernismus. form+zweck, 6/r982, 2/1983 Berichti-
gungen
Antworten. Zur Diskussion über Gegenstand und Raum. Weis
marer Beiträge, 4/ 198 3
Denkübungen zu Marx: Gestaltungen des Reichtums. Geschrie-'
ben für form+ zweck, dort nicht veröffentlicht.

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