Sie sind auf Seite 1von 361
© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Wiener Fo rum für T heol og ie und Religionswissens chaf t / Vienna Fo rum f or Theolog y a nd the Study of Religions

Band 13

Herausgegeben im Auft rag der Evangelisch-Theologischen Fa kult ät der Un iversit ät Wien, der Katholisch-Theologischen Fa kult ät d er Un iversit ät Wien und dem Institut f ür Islamisch-Theologische Studien der Universitä t Wien von E dnan Aslan, Ka rl Baier und Christian Danz

Die Bände dieser Reihe sind peer-reviewed.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Michael Hackl / Christian Danz (Hg.)

Die Klassische Deutsche Philosophie und ihre Folgen

Mit 3 Abbildungen

V & R unipress

Vienna Un iversit y P ress

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet þber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISSN 2197-0718

ISBN 978-3-8470-0665-7

Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erh Ð ltlich unter: www.v-r.de

Verç ffentlichungen der Vienna University Press erscheinen im Verlag V & R unipress GmbH.

Gedruckt mit freundlicher Unterst þ tzung des Rektorats der Universit Ð t Wien.

2017, V & R unipress GmbH, Robert-Bosch-Breite 6, D-37079 G çttingen / www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich gesch þtzt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen F Ðllen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Inhalt

Vo rwor t

7

Michael Hackl / Ch ristian Danz Einleitung : D ie Klassisch e D eutsche Philosophie und ihre gegenw ä rt ige Be deutung

9

Ernst-Otto Onnasch Kant als Anfang der

Klassischen Deutschen Philosophie ?

15

Alexander Schubach Die Frage nach dem Anfang der Philosophie. He gels Ph ä nomenologie des Geistes als wi ssenschaftliche Hinführung zum philosophischen Sy stem .

43

Andreas Arndt Freiheit in Re ligion und Philosophie. Heine und Hegel

77

Steffen Dietzsch Vo m s pekulativen Be gr iff zum my thischen Begr eifen. Wi e m it Schellings Philosophi e der Offenbarung der Deutsche Id ealismus anthropologisch in die Mo derne gef ühr t w ird

93

Hans Be rn hard S chmid Some Scenes from the Histor y of the “Volksgeist”. Social Ontolog y in 19 th Centur y G erman Na tionalism

111

Michael Hackl Ein Appell an die Freiheit. Existenz, My thos und Freiheit bei H . Jon as und F.W.J. Schelling

131

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

6

Antonios Kalatzis Sp ekulati on und Ereignis. Gott, We lt und Me nsch be i Hegel und Ro senzweig

155

Max Brinnich Die Be deutung des Wartens und der Hoff nung. Anmerkungen zu Kant und Levi nas

167

Violetta L. Wa ibel Kant und Fichte übe r d ie Antino mie der Freiheit. Was bleibt ?

183

Christian Danz Freiheit als Autonomie. An merkungen zur Fichte-Rezeption Paul Ti llichs im An schluss an Fritz Me dicus

217

Rainer Ad olphi Hegelscher Id ealismus im Zeitalter der Wi ssenschaft. Ü ber die Ro lle des Gedankens des ,Lebens‘ zwischen Ne ukanti anismus und neuem Hegelianismus des 20. Ja hrhunderts

231

Fernando Su re z Mü ller Le tztbegr ündung und Intersubjek ti vit ät i n der klassischen deutschen Philosophie

265

Christian Thein Sy nt hesis a p rior i und gesellschaftlich e Synthesis. Transformationen der idealistischen Semanti k in d er Kritischen Theorie

299

Cem K öm ü rc ü Ja cques Der rida im Ausgang von Schelling s D enken

321

Stefan Bird-Pollan Mc Dowell’s Two Readings of Kant

341

Personenregister

357

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Vo rwort

Die vo rliegenden Be itr ä ge gehe n auf die Ta gung Die Klassische Deutsche Philo- sophie und ihre Fo lgen zur ü ck, welche von d er Evan gelisch-Theologischen Fakult ät der Un iversit ä t Wien in Ko op eration mit der Internationalen He gel- Gesellschaf t e. V. a m 2 0. und 21. M ä rz 2015 in Wi en veranstaltet wurde. F ü r d ie gro ß z ü gi ge finanzielle Unterst ü tzung der Ta gung ist be sonders der Un iversit ät Wien, der Evangelisch-Theologischen-Fakultä t der Un iversitä t Wien sowi e d er Stadt Wien (MA 7) herzlich zu danken. Die Drucklegung des Sam- melbandes wurde dankenswerterweise du rch die gro ßz ü gi ge F örderun g der Un iversit ät Wien erm ö gl icht. Die Vo rarbeiten f ür d ie Drucklegung des Bandes lagen in den H ä nden von Frau Gyö rg yi Empacher-Mili. Wi r d anken ihr sehr herzlich fü r die geleistete Arbeit und ihre Unterst ützung . Auch be i Vandenhoeck & Ru precht, insbeson- dere be i Her rn Oliver K ä tsch, m öchten wi r uns für d ie z ügi ge Re alisierung und die ko mpetente Unterst ü tzung be i d er Publikation des vorliegenden Bandes sehr herzlich be danken.

Wi en, 2017

Michael Hackl / C hristian Danz

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Michael Hackl / Christian Danz

Einleitung : Die Klassische Deutsc he Philosophie und ihre gegenwärtige Bedeutung

Die Klassische Deutsche Philosophie und ihre Folgen

Die philosophische Epoche nach Immanuel Kant w ar die Zeit der groß en phi- losophischen Sy steme , d ie das Ganze zu fassen suchten. Bere its seit der Mitte des 19. Ja hrhunderts be steht e ine zunehmend e Ske psis gegen übe r den systemphi- losophischen Ko nzeptionen im Um feld des Deutschen Id ealismus, welche im We sentlichen au f d er Ab lehnung der metaphysischen Be antwortung erster, letzter Fragen seitens der erstarkten Na tur wi ssenschaften, wi e auch des au f- st re benden Historismus be ru ht. S chon deswegen ist es wenig verwunderlich, dass die Diskussion um die Ab so lu theit immer mehr ins Abseits driftet, wo- hingegen materiale und re lativistische Po sitionen mehr und mehr ins Zentr um

r ü cken. Diese Entwicklung ist von einer tiefsitzenden Wi ssenschaftsgl äubig ke it seit dem fr ühen 20. Jahrhunder t b egleitet. Die Philosophie entfer nt sic h s uk- zessive v om Einheitsdenken, l ässt sich doch in der j üngeren Philosophiege- schichte einerseits eine Fokussierung au f die Sprache, die Rationalit ä t ausma- chen, w ährend andererseits die Na tur auf i hr empirisches Dasein reduzier t w ird. 1 Die Ab wendung von d en Ve rnunftsystemen der nachaufkl ä reri schen Philo- sophie hat ein enormes philosophisches Po tenti al freigesetzt, sodass neue und wegweisende Richtungs ä nderungen innerhalb der Philosophie m ö gl ich waren, die dazu be igetragen ha be n, unser Ve rst ä ndnis vo n d er We lt neu zu entfalten. Hierzu z ählen unter anderem die Le be nsphilosophie, der Logische Po sitivismus, die Ph ä nomenologie od er der Existentialismus sowi e d ie Kritische Theorie, die Postmoderne, die Analy tische Philosophie und die Sprachphilosophie. Tr otz aller We iterentwicklungen ist nicht zu ü be rsehen, dass die Tr aditionen mitunter

1 Zur Bedeutung und zum Einfluss der Klassischen Deutschen Philosophie vgl. The Im pact of Id ealism. Th e L egacy of Po st-Kantian G erman T hought ,4B de. , h g. v. Ka rl Ameriks/John Wa lker/Christoph Ja mme/Ian C ooper/Nicholas Ad ams, Cambridge 2013.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

in klarer Ab grenzung zur Philosophie des Deutschen Id ealismus entstanden sind. Dabei haben sie sich nicht b lo ß weiterentwickelt, sondern au ch von d em vernunftp hilosophischen Anspr uch, allgem eingeltende Antwor ten zu geb en, verabschiedet. Es scheint, als h ä tten sich mit der Ab wendung von d en Ve rnunftsystemen zwei vö llig verschiedene und nichts miteinander zu schaffende Denkweisen aufgetan, die unvereinbar nebeneinanderstehen. Au s h eutiger Sicht scheint es g ar so, dass das Denken von I mmanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich He gel, Jo hann Gottlieb Fichte und Friedrich Wi lhel m Joseph Schelling das philosophische Denken der „ewig Ges tr ige[n]“ sei, 2 sind sie es doch, die vom metaphysischen Wahrheitsanspruch und vom Glauben an die Ve rnunf t nie abgelassen haben. Wir bed ürfen aber dieses Zugangs, um Antworten au f die ersten, letzten Fragen zu geben, nur so ist es m ö gl ich, das Allgemeine und nicht blo ß das Be sondere in den Blick zu nehmen. Gleichwohl es die System konzepti onen des Deutschen Id ealismus sind, die den Versuch unternommen haben, das Ganze, somit Geist und Na tur, be gr ifflich

zu fassen und dabei auf d ie weit re ichende Be deutung des Ve rn ünf ti gen f ü r das empirische Wissen hingewiesen haben, sind sie es, die au fg rund ihres ganz- heitlichen Anspruchs vi el Kritik haben erfahren m üssen. Diese Kritik f ührte dazu, dass die Philosophie seit der Mitte des 19. Ja hrhunderts danach st re bt, sich in Ab grenzung zu den groß en Ve rnunftsystemen neu zu be stimmen, womit sie gewisserma ß en die Folgen derer sind. Das s e s i n d en letzten Ja hrzehnten nicht nur zu Abg renzungsversuchen seitens der zeitgen össischen Philosophie, son- der n auch zu einer Ann äherung gekommen ist, dar f a ls Indiz einer zunehmen- den Anerkennung der Klassischen Deutschen Philosophie verstanden werden. Bez üge finden sich in der j ü ngeren Philosophiegeschichte nicht nur in den diskursethischen Arbeiten, sondern unter anderem auch in den Au sf ü hrungen

ˇ

von Rober t Brandom, Jo hn Mc Dowell, Christine Ko rsgaard, Slavoj Z izˇ ek und Judith Butler. S ie alle weisen mit Blick auf a ktuelle Forschungsfragen da s Po- tenti al, die Tragweite und die Be deutung der scheinbar obsolet gewordenen Ve rnunftphilosophie neu aus, wenngleich sie dem Systembegriff nicht i n d er klassischen We ise folgen. Dennoch be leg t d iese Entwicklung, dass die Klassische Deutsche Philosophie mit Blick au f sp ä tere Re zeptionen von zentraler Be deu- tung ist und dass sich die von i hr formulierten Gedanken mit den gegenw ärt igen Anspr üchen verbinden lassen. Au ch in der Philosophie ko mmt es weniger auf den Zeitgeist , d enn auf d ie Qualit ä t d er Begr ündung an.

2 Friedrich Schiller: Wa llenstein, i n: ders.: Sä mtlich e Werke, 5 Bde. , h g. v. Gerhard F ricke/ He rber t G . G ö pfert/Herber t S tubenrauch, Mü nchen 1962, Bd. 2, 415.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Diskussionsfelder im Umfeld der Klassischen Deutschen Philosophie

Die im vorliegenden Band ve rsammelten Aufs ä tze wi dmen sich sowohl den problemgeschichtlichen Ko nstellati onen mit Be zug au f die interpretativen Ent- wi cklungen im Um feld der Klassischen Deutschen Philosophie als auch den sp ä teren Entwicklungen im Geiste der Mo derne. 3 Des We iteren weisen die Be i- trä ge die Folgen dieses Denkens aus u nd nehmen hierauf Be zug , um s odan n in fruchtbarer We ise die Einfl ü sse der nachaufkl ä re ri schen Philosophie f ü r sp ä tere Ko nstellati onen herauszuarbeiten. In diesem Band werden nicht n ur verschiedene zeitgen össische Re zeptions- linien diskutiert, sondern auch die Re zeptionen moderner Denker mit Blick auf deren We iterfü hrungen und Entwicklungen bez ü gl ich der jeweiligen Ko nzep- tionen dargestellt, wodurch sich zeigen l ä sst, wi e s ich sp ätere philosophische, aber au ch theologische Denkrichtungen unter Be zugnahme auf die diskutierten idealistischen Philosophien entwickelt haben. 4 Dies hilf t n icht nur, das Denken der Spä teren zu verstehen, sondern tr ä gt wesentlich dazu bei, die Debattenlage neu zu erschlie ß en, wi rd doch verstä ndlich, unter welchem Einfluss die Te xte rezipier t wurden und inwi efer n d ies fü r das sp ä tere Denken von B edeutung ist. Hier von ausgehend l ä sst sich die thematische Entfaltung der Ans ätze besser verstehen, schlie ß lich wi rd nicht blo ß die Form des Denkens, sondern auch dessen Inhalt e nt faltet. Le tzteres ist von n icht minderer Be deutung , s chlie ß lich be gr ünden sowohl die Form als au ch der Inhalt den Anspruch jeder Philosophie. Entsprechend sind es au ch die Fragen nach dem Anfang allen Wi ssens oder nach der Bedeutung des my thologischen Wi ssens, welche uns Au fsch lu ss übe r uns geben. 5 Gerade der hohe Anspruch vom vern ünf tigen Begr eifen ist es, der die deut- sche Vernunftphilosophie unter den Ve rdacht s tellt, einen be stimmte n Wahr- heitsbegriff f ür sich in Anspruch zu nehmen und hierdurch die eigene Tr adition über a ndere Tradi tionen zu erh öhen. 6 Mitunter ist es diese Übe rh ö hu ng , die dazu gef ü hr t h at, d ass d ie deutsche Schreckensherrscha ft im fr ühen 20. Ja hr- hu nder t m it der Ve rnunftphilosophie des Deutschen Id ealismus in Zusam- menhang gebracht wurde. Die erlebte Dehumanisierung hat nicht nur dazu gef ü hrt, dass sich die Me nschen intensiv mit dem To d u nd der Ho ff nung au s- einandergesetzt haben, das Denkenwar au ch von einem Nihilismus begleite t und

3 Die Schwi erig ke iten dieser Bestimmung diskutier t E rn st-Otto Onnasch.

4 Vgl . h ierzu den Beitrag von A ndreas Arndt s ow ie Freiheit als Au tonomie.

5 Zu d iesen Themenfeldern vgl. die Be itr ä ge von Alexander Schubach und Steffen Dietzsch.

6 Auf dieses Problemfeld nimmt der Beitrag von H ans B er nhard S chmid Bezug.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

man stellte aufs Ne ue die Frage nach Gott. 7 Jene Schreckenszeit hat das Ve rt rauen an das Gute und in die Vern unf t z utiefst ersch üttert. Dass die „deutsche Bil- dung“, um sich der Wo rt e K arl Kraus’ zu be dienen, zu einem „Schm ü ckedein- heim, mit dem sich das Volk der Richter und Henker seine Leere ornamenti ert“, 8 verkommt, ist der Ve rnunftphilosophie nicht i mmanent. Die Übe rh ö hung des Ve rn ünf tigen ist gerade wi der die Ve rn unft, ist sie doch weit davon ent fer nt, e in blo ß es Schm ückedeinheim zu sein, sie ist ke in blo ß es Ornament. Ihr Zweck ist es, die Freiheit aller Me nschen und das Gute vern ü nf ti g zu b egr ünden und zu ent- falten. 9 Um zu pr ü fen, ob der idealistische Freiheitsbeg riff noch heute Gelt ung hat, ist es notwendig , sic h d ie Frage nach dessen Ve reinbarkeit mit unserem zeitge- n ö ssischen Wi ssen zu stellen. Jede Philosophie, deren Denken Anspruch auf G ültig ke it erheben m ö chte, dar f sich dem Ke nntn isstand der zeitgen össischen Wi ssenschaften nicht e nt ziehen, sonder n m uss sich vor diesem zu be haupten wi ssen. 10 Der interdisziplin ä re Au stausch ist nicht nur die Probe des Denkens, er erm ö gl icht dar über hinaus fruchtbare Sy nergien. Dass sich auch ü be r p hiloso- phische Traditionen hinweg Sy nergien ergeben, lä sst sich schon damit be legen, dass sich be reits in der Klassischen Deutschen Philosophie Mo ti ve sp ä teren Denkens ausmachen lassen. Ersic htlich wird dies unter anderem an der Dis- kursethik , die sich be ispielhaf t a n d en ko mmunikati on stheoretischen Be stim- mu nge n s ow ie an den Be gr iffen von Int ersubjektivitä t u nd Interaktion abm üht, welche be reits dem Deutsche n Idealismus wesentlich sind. 11 Die Be zugnahme be schr ä nkt sich hierauf nicht, so stehen doch sowohl der Dekonst ruktivismus als auch der Deutsche Id ealismus vor demselben Problem, n ä mlich das Un aus- sprechliche au szusprechen. 12 Be i näherer Be trachtung der gegenwä rt igen Ar- be iten zur Philosophie des Geistes zeig t s ich sehr deutlich, wi e thematisch und wi e gewinnbringend die Arbeiten der Klassischen Deutschen Philosophie f ür die Ve rh ä ltnisbestimmung vo n Mensch und We lt sind. 13 Das implizier t f reilich nicht, dass die alte Philosophie der neuen nichts mehr hinzuz ufü gen od er die neue Philosophie die alte übe rho lt h ätte, vielmehr ist anzuerkennen, dass die zeitge- n ö ssische Philosophie in einem kaum zu übe rsch ä tzenden Au sma ß von d en Le istungen der alten Philosophie lernen kann.

7 Zu d iesen Punkten vgl. die Beitr ä ge von Max Br innich und Antonios Ka latzis.

8 K arl Kraus: Die letzten Ta ge der Me nschheit. Tr ag ö die in f ü nf Akten mit Vorspiel und Epilog , in : d ers.: Die Fa ckel (in zwö lf B ä nden), Nr. 1–922, Mü nchen, 1968–1976, Bd. 12, 173.

9 Zu d iesen Themenfeldern vgl. den Au fsatz Appell an die Freiheit.

10 Auf d iese Fragen gehen sowohl Violetta L. Wa ibe l als auch Rainer Ad olphi nä her ein.

11 Dies wi rd von F ernando Su rez Mü ller und im weitere n S inn auch von Chris ti an Thein n äher diskutie rt.

12 Vgl. hierzu die Au sfü hrungen von Cem K ö m ürcü.

13 Dieser Frage geht S tefan Bird-Pollan nach.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Problemgeschichtliche Aufarbeitung

Die hier versammelten Beitr ä ge liefer n n icht nur einen Einblick in die zeitge-

n ö ssischen Re zeptionslinien der vernunftphilosophischen Ko nzeptionen, son- der n auch hinsichtlich sp äterer Po sitionen und setzen sic h kri ti sch mit dem Erfolgsversprechen und den Folgen der metaphysischen Vernunftsysteme und ihrer philosophischen Be deutung au seinander. Die Ve rnunftphilosophie ist nicht auf ihre Wirkungsgeschichte zu reduzieren, unterlieg t sie doch ke iner einheitlichen Re zeption und trä gt dar über h inaus auf eigenst ä ndige We ise dazu bei, den philosophischen, theologischen und prakti- schen He rausforderungen in der Zeit gewahr zu werden. Der vorliegende Sam- melband besch ä ft ig t s ich mit den philosophiegeschichtlichen Zusammenh än- gen, weist aber sogleich auf d ie Be deutung der nachaufkl ä re ri schen Philosophie f ür die Be antwortung philosophischer Fragen unserer Zeit hin. Der Band darf, ohne dass er einer be stimmten Re zeptionslinie folg t o der ein be stimmte s Bild verteidigen wi ll, als Offer t verstande n w erden, sich kritisch mit dem Erfolgs- versprechen vern ünf ti ger Systemkonzeptionen und deren Folgen neu ausein- anderzusetzen. Es ist ebenso wenig der Anspruch des Sammelbandes , d ie unterschiedlichen Ko nzeptionen und vi elf ältigen Re zeptionslinien vollstä ndig abzubilden, statt- dessen liefer n d ie Beitr ä ge einen diversifizierenden Blick au f diese, wi e auf die Be gr ündungskonzepte im Um feld des Deutschen Id ealismus, wo du rch das Denken jener Zeit in seiner weit re ichende n B edeutung fassbar wi rd. Trotz aller We iterentwicklungen und problemgeschichtlicher Au farbeitungen ist es der Leser, d er ü be r die geltungstheoretische Tr agweite der Vernunftphilosophie ur- teilen muss. Res ümierend lä sst sich etwa s z ugespitzt sagen, dass vern ü nf tiges Philosophieren nie au ßer Mo de ko mmen wird und diesem der philosophische Zeitgeist, um sich der Wo rt e H an s Jonas’ z u b edienen, den „Buckel herunter- rutschen“ kann. 14

14 Hans Jonas: „Der Zeitgeist kann mir den Buckel herunter ru tschen“ , i n: ders.: Kr it ische Ge- samtausgabe der We rke, h g. v. Dietrich B ö hler/Michael Bongh ardt/Holger Bu rc khart/ Christian Wiese/Walter Christoph Zimmerli, Freiburg i. Br./Berlin/Wien 2010 ff. , Abt. I, Bd. 2,1, 547.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Ernst-Otto Onnasch

Kant als Anfan g d er Klassische n D eutschen Philosophie?

Die Klassische Deutsche Philosophie 1 ist urspr ü nglich verwurzelt in der Philo- sophie Immanuel Kants. Mit dieser Be hauptung , d ie ke iner bezweifeln wi rd, i st allerdings zugleich ein philosophiehistorisches Problem verbunden, n ä mlich das der Kont inuitä t o der Einhei t der Philosophie von K ant bis Hegel. Die Frage ist n ä mlich, ob es ü be rhaupt eine solche Ko nt inuitä t o der Einheit gi bt und, wenn ja, wi e d iese zu verstehen ist ? Sobald wi r u ns hierin ver tiefen, tauchen mehr Fragen als Antworten au f. Ganz allgemein ist schlechthin unklar, w ie überhaupt der Einfluss Kants auf die unmittelbar folgende Entwicklung der deutschen Philosophie zu deuten ist. Es gab n ä mlich vi el zu wenig Zeit, die kanti sche Philosophie angemessen zu rezipieren, zwischen ihrem Aufkommen um 1786 und ihrer Abl ö sung durch ganz andere p hilosophischen Te ndenzen, angefangen mit der Grundsatzphilosophie Karl Leonhard Reinholds und Jo hann Gottlieb Fichtes. Ein anderes Problem ist die gegenw ärt ige Re zeptionslage der kanti schen Philosophie, die entweder als ein eigenst ä ndiges philosophisches Ereignis be- tr achtet wi rd od er aber sehr eng mit ihrer nachfolgenden Entwicklung verkn ü pft

1 Der Titel Klassische Deutsche Philosophie geht auf Friedrich Engels zur ü ck, der ihn erstmals in seiner kleinen Schrift Lu dwi g Feuerbach und der Au sgang der klassischen deutschen Philo- sophie , Stuttga rt 1888, verwendet. Als klassisch wi rd von E ngels die philosophiegeschichtliche Epoche von Kant bis Feuerbach bezeichnet. Le tzterer h abe, so Engels, die Ko ns equenz der philosophischen Ko nt inuit ä t v on Ka nt bis He gel darin erkannt , da ß Hegel der Natur erstm als eine von d er Id ee unabhä ngige Existenz zubillig t h abe , w omit die Vo raussetzung daf ü r g e- schaffen ist, da ß Feuerbach zunä chst den „Materialismus […] au f d en Thron“ hebe n konnte (F. E ngels: Au sgang der klassischen deutschen Philosophie , 1 2). Somit ist die Klassische Deutsche Philosophie lediglich eine Vo rstufe f ü r d en wi ssenschaftlichen Sozialismus, kul- minierend in den Wo rten : „Die deutsche Arbeiterbewegun g ist die Erbin der deutschen klassischen Philos op hie“ (F. Engels: Au sgang der klassischen deutsche n P hilosophie, 78). Im damaligen Ostbloc k b estand das Erbe der Klassischen Deutschen Philosophie dann haupt- sä chlich darin, da ß es bü rgerliche s Kulturgut, wi e d as der philosophisch inferioren deutschen Ro manti k ausschlo ß . V gl . d azu au ch Ernst-Otto Onnasch: Vo n Kant z u Hegel. Oder : Was hei ß t klassische deutsche Philosophie, i n: Wi ssenschaft und Natur. S tudien zur Aktualitä t d er Phi- losophiegeschichte , hg. v. Klaus Wi egerling/Wolfgan g Lenski, No rd hausen 2011, 109–123.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

wird, wobei in der Re gel unser heutiges versiertes Verst ä ndnis der kanti schen Philosophie fü r d ie Deutung dieser nachfolgenden Entwicklung eingesetzt wi rd. Hinsichtlich des Letzt eren gi lt es allerdings erst einmal genauer zu kl ä ren, wie Kants Na chfolge r dessen Philosophie lasen und welche Ke nntn isse sie von ihr hatten ; allerdings auch, was ihre philosophischen Fragen waren, von d enen aus sie sich der ka nt ischen Philosophie zuwendeten. Die nachkantische philosophische Entwicklung wi rd von v ielen entweder nicht b esonders ernst genommen od er sogar als philosophiehistorischer Ir rweg gedeutet. Kant i st dann ein Denker, d er alle wesentlichen Problem e der Philo- sophie gel ö st hat und wi r n ur sein We rk be sser ve rstehen m ü ssen, um die un- zweifelhaf t b estehenden L ö sungen herbeizuf ühren. Gegen eine solche Kant- Au ffassung spricht d ie einfache Ta tsache, die von v ielen Kanti aner n p einlichst od er mit den absurdesten Argumenten von d er Hand gewiesen wi rd. Kant spricht n ä mlich in den sp ä ten 90er Ja hren in authenti schen Zeugnissen von einem „tantalische n Schmerz“, 2 der ihm eine L ü cke im System der Tr anszen- dentalphilosophie machte. Diese L ü cke musste Kant unbeding t b eheben, um seine Philosophie zu retten. Das sie um diese Zeit tatsä chlich schon nicht mehr zu retten war, hatten fast alle be deutenden Na chkantianer, allen voran K. L. Re in- hold und J. G. Fichte und ihnen hinterher Schelling und He gel erkannt. Die L ücke schlie ß en, sollte Kants fragmentarisc h e rhaltenes Ho rsd’œuv re, d as heute so genannte Opus postumum. Es handelt sich hierbei ke ineswegs um ein kleines Fragment, sonder n um ü be r 1 .400 Druckseiten Te xt, die von d er ein- schl ägi gen Kant-Forschung bislang kaum wahrgenommen worden sind. Kants Schmerz kann seiner sic h a nbahnende n D emenz nicht z ugesch ri eben werden, 3 wi e ich an andere Stelle gezeig t habe, 4 denn um 1799 gl aubte Kant und seine Um gebung , dass das geplante Ü bergangswerk kur z vor dem Ab schluss stand. Ich werde nachher auf d en Inhalt dieses Fragmentes zu sprechen kommen. An dieser Stelle soll lediglich gesag t sein, dass auch der mit Selbstkritik äu ß erst sparsame Kant g ravi erende Probleme in seiner Tr anszendentalphilosophie erkannt h atte. Diese Probleme sind also durchaus ernst zu nehmen, obwohl sie nicht direkt auf Kants Re zeption der nachkantischen Philosophieentwicklung zur ü ckgehen. Allerdings gilt genauso gut umgekehrt, dass auch die Na chkantianer nichts von

2 Vgl . I mmanuel Kant a n C hristian Garve, 21. September 1798, Akad.-Ausg. XII, 257, in : I m- manuel Kant: Ka nt ’s gesammelte Schriften , 22 B de. , h g. v. der Preuß ischen Akademie der Wi ssenschaften, Be rlin 1900 ff. , B d. XII, 256–258, hier: 257. Im Folgenden zitier t als Akad.- Au sg. mit Angab e d er Bandnummer in r ö mischen Zahlen.

3 Vgl . z u Kants Krankheit Re nato Fellin/Alessandro Bl : The disease of Immanuel Kant , i n: The Lancet 350/13, Dezember 1997, 1771–1773.

4 Vgl . E rnst-Otto Onnasch: Der Briefwechsel zwischen Im manuel Ka nt und Je ronimo de Bosch. Oder ein Beitrag zum holl ä ndisch-de utschen Au stausch ü ber die kritische Philosophie, i n:

Kant -Studien 102/1 (2011), 89–112.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

jenen Problemen wussten, die der sp ä te Kant m it seinem Ü be rgangswerk be- absichtigt e zu b eheben. Solange nun einerseits Un klarheit übe r K ants Ab sicht mit seinem Übe rgangswerk be steht, und anderseits f ür die Na chkanti ane r das darin adressierte Problem nicht e xistierte, kann man in der Ta t b ehaupten, dass sich die Na chkanti aner mit einer Chim ä re der kritischen Philosophie ausein- andergesetzt haben. In diesem Lichte be sehen, ist es bemerkenswert, wenn so- wohl Re inhold als auch Fichte ziemlich unkritisch behaupten, ihre Philosophie sei nichts anderes als eine Ve rt iefung oder Be gr ündung der an sich ri chti gen und als abgeschlosse n b etrachteten Re sultate der Kant’schen Transzendentalphilo- sophie. Ihre Sto ß richtung ist die, das von Kant n och n ic ht gelieferte System der Ve rnunf t auf der Grundlage von P ri nzipien au fzustellen, die die ka nt ische Phi- losophie voraussetzt, jedoch nicht b egr ü ndet. Dass es der kritischen Philosophie an einer Be gr ü ndung fehle, ist allerdings gar ke ine von K ant g eforderte od er gar vert retene Auffassung . Folglich geht die Diskussion um die kritische Philosophie bald We ge, die Kant f ü r s eine Philo- sophie weder sieht n och i n B etracht zieht. So gesehen, muss die sich an Kants Philosophie anschlie ß ende Diskussion als eine eigenst ändige Entwicklung be- tr achtet werden, die ihren Ansto ß zwar in jener findet, hinsichtlich der daraus gezogenen Ko nsequenzen jedoch ganz eigene We ge geht, wobei die Fr age ist, ob und inwi efer n diese mit der kanti schen Philosophie ü berhaupt in irgendeinem Zusammenhang stehen. Mit anderen Wo rt en ist die Frage, wi e von Kant aus die nachfolgende philosophiehistorische Entwicklung zu verstehen und zu ve rorten ist.

Angesto ß en wurde die Be gr ündungsdebatte in der modernen Philosophie eigentlich von Dav id Hume. Er leg t dar, d ass die empiristische Po sition not- wendig auf e inen Skeptizismus hinauslaufen mu ss, wenn sie sich selbst radikal ernst nimmt und ihren eigenen philosophischen Anspruch ebenfalls empirisch versucht z u l egitimieren. Kant s cheint d ieses Proble m Humes irgendwie erkannt zu haben, obwohl die Details trotz vi eler Nachforsc hu ngen im Dunkeln bleiben. 5 Kants L ö sung ist nun nicht von einem Begr ündungsden ken getragen, sondern ist transzendentalphilosophisch motiviert, indem er Raum und Zeit zu reinen Anschauungsformen umdefinier t; hierin liegt, wi e auch immer man das histo- risch im Detail deuten mag , e ine entscheidende Po inte fü r die Ü be rwi ndung des Hume’schen Skeptizismus und damit auch f ür die Mö gl ichkeit von Wissenschaft und letztendlich Me taphysik übe rhaupt. Kant b egrü ndet jene M ögl ichkeit nicht st re ng od er more geomet rico, v ielmeh r i st sie die Folge einer Problemanalyse, die darlegt, dass sy nt hetische Ur teile a p rior i m ö gl ich sind, was jedoch noch

5 Vgl . e twa Manfred K ü hn: Kant ’s Conception of „Hume’s Problem“, in: Jo urnal of the History of Philosophy 21/2 (1983), 175–193 ; ders.: Scottish common sense in Germany, 1 768–1800. A cont ri bution t o t he history of critical philosophy, K ingston/Montr eal 1987.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

nicht hei ß t, dass sie Wa hrheit über e mp irische Sachverhalte aussagen . F ür Le tzteres ist mehr n ö tig a ls nur P rinzipien a pri or i für mögl iche Erfahrung . Nach Kant ist Er fahr ung n ämlich schlechthin m ö gl ich, womit allerdings nichts über das Objekt der Erfahrung au sgemacht w ird, d a dieses in ke iner durchg ä ngigen Be stimmung steht, was f ü r wahre Objekterkenntn is notwendig w äre. Eine Be- gr ündung im st re ngen Sinne des Wo rtes von m ögl icher Erfahrung ist folglich nach Kant – wi e j a auch schon nach Hume – s chlechthin unm ögl ich. Die Mö g- lichkeit sy nt hetischer S ä tze a prior i i st lediglich gegeben, sofer n d er Gegenstand auf E rscheinung be ru ht, weshalb au ch alles Existierende blo ß in der Anschauung und mithin subjektiv ist. Un d h ier lieg t e in zentrales Problem der kanti schen Philosophie, dass n ä mlich Existenz etwas Subjektives ist. Das gilt fü r die Existenz der Dinge, aber auch f ü r die Produkte unseres Wi llens und sowi eso f ür die des Denkens ; alle Existenz ist nach Kant aus prinzipiellen Gr ü nden subjektiv. H is- torisch wi chti g ist nun die blo ß e Tatsache, dass man ohne vi el Kant-Exegese auf diese Einsicht sto ß en kann. Un d d as ist nun genau d er Punkt, f ür den ich mich hier stark machen m ö chte. In den Anfangsjah re n der Kant-Rezeption konnte man ohne detaillie rte Exegese der allein schon textuell schwi erigen Philosophie Kants trotzdem ent- scheidend e Einsichten in ihre wesentlichen Probleme gewinnen, die f ür die Entwicklung der modernen Philosophiegeschichte dann be stimmend werden sollten. Auch die wi chti gen Ve rt reter der Klassische n D eutschen Philosophie, gemeint s ind die Na chkantiane r i m Tü binger Stift, ha be n i hre Einsichten in die kanti sche Philosophie aus d en Diskussionen im Stift ü be r d ie kant ische Philo- sophie gewonnen, nu r sehr be schr ä nkt entstammen sie einer eigenst ä ndigen Le kt üre. 6 Diese These m ö chte ich im Folgenden n ä her erl ä utern.

6 I n d iesem Zusammenhang ist au ch ein Blick au f die Au ktionskataloge der Bibliotheken He gels und Schellings verbl ü ffend, auffallend ist nä mlich, wi e wenige Schriften Ka nt s i n b eiden Bibliotheken, was den Zufallsfaktor einschr ä nkt, au fgelistet sind. Was S chelling und He gel von

Ka nt be sa ßen, ist ersch ü tternd wenig . F ü r S chelling ist Kr it ik der Ve rn unft in der Au sgab e v on

1781

und 1790 ausgewiesen, die be iden anderen Kritiken sind lediglich in Raubdrucken von

1794

( Kr itik der Ur teilskraft) u nd 1795 ( Kr it ik der praktischen Ve rn unft) v er tr eten. Ne be n d en

Prolegomena (1794) und Über eine Entdeckung (1796), ebenfalls Raubdrucke, verzeichnet der Ka talog lediglich noch die Tu gend- und Rechtslehre. Be i Hegel sieht es ä hnlic h t raurig au s; die erste Kr it ik fehlt, allerdings sind die Kr it ik der Ur teilskraft, d ie Kr it ik der prakti schen Ve rn unft,

die An fangsgrü nde der Natur wi ssenschaft und die Religionsschrift in den Erstdrucken ver- zeichnet, wi e auch die Tu gend- und Rechtslehre, damit ist der Katalog allerdings au ch schon erschö pft. Vo n Reinhold fehlt in beide n K atalogen alles, im letzten Ja hrzehnt d es 18. Ja hr- hu nderts, Wi chti ge.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Die Kant-Rezeption in den 80er Jahren : Reinhold

Hinsichtlich der fr ühen Re zeption Kants kann man nicht o ft genug wi ederholen, dass eine philosophisch wi rklic h ernstzunehmende Auseinandersetzung mit den Raffinessen der kanti schen Philosophie erst sehr sp ä t in G ang kam. Un d w o s ie in Gang kam, hatte sie kaum Einfluss au f die Entwicklung der Klassischen Deut- schen Philosophie ; hier kann ma n auch an Kants Debatte mit Jo hann August Eberhard denken. Die eigentlich f ür die Klassische Deutsche Philosophie be- stimmende Debatte wurde im Grunde genommen abseits von K ant und seiner Einflussnahme gef ü hr t und entfaltete eine ganz eigene Dynamik, durch die die kanti sche Philosophie bald von g anz anderen philosophische n Tendenzen ab- gel ö st wurde, wi e e twa durch die Re inhold-Fichte’sche Grundsatzphilosophie sowi e durch ihre Gegenbewegung , i nsbesondere i n Tü bingen. Allgemein ist je- doch festzustellen, dass es einfach zu wenig Zeit gab, Kants, zugegebenerma ß en auch f ü r v iele von u ns sc hw ierige Philosophie angemessen zu verstehen. In diesem Zusammenhang sollte man sich au ch stets vergegenw ärt igen, dass es eine positive B re itenwirkung der kanti schen Philosophie erst seit dem Erscheinen von K arl Leonhard Reinholds Briefen über die Ka nt ische Philosophie gab, a lso seit 1786/87, mehr als f ü nf Ja hre nach dem Erscheine n d er ersten Kritik. 7 Und auch Re inhold darf man, wi e i ch meine an anderer Stelle plausibel gemacht zu haben, 8 ke ine tiefergehenden Kant- Ke nntn isse zuschreiben, als er seine Briefe anfing zu schreiben. Hiermit hat er den To n g esetzt, sofer n m an offenbar mit ziemlich wenigen Ke nntn issen vi eles ü ber K ants Philosophie sagen, mit ihm mitdenken und in gewisser We ise au ch ü be r i hn hinausgehen ko nnte, wie Re inhold da s i n s einer Je naer Zeit (von 1 787 bis 1794) vorgef ü hr t hat. Historisch fatal war sicherlich die Kritiklosig ke it Kants, mit der er Re inholds Briefe au fnahm, was vi elleicht auch da du rch motivier t w ar, e ndlich jenen Zu- spruch mit Breitenwi rkung erhalten zu haben, auf den Kant s o lange gehofft hatte. Es ist bemerkenswe rt , dass selbst an jener Stelle, wo Kant mit seinen Na chfolger n a brechnet, insbesondere mit Fichte, jede Zuspielung auf Reinhold fehlt, der nota be ne der erste war, d er von d er kritischen Philosophie behauptet hat, sie sei lediglich eine Prop ä deutik des Systems der Ve rnunft, welche Be- hauptung Kant i n d er hier zur Re de stehenden Erklä rung unverfroren Fichte zuschreibt, der das lediglich ein einer Fuß note in der schlecht erh ä lt lichen ersten

7 Ich muss an dieser Stelle von d er Sonderent wi cklung der Un iv ersitä t Jena absehen, wo die kanti sche Philosophie seit Mitte der 80er Ja hre fest in den Le hrplan veranker t w ar, v gl. hierzu Ho rst Schrö pfer: Ka nt s Weg in die Öffentlichkeit. Christian Gottfried Sch ütz als We gbereiter der kritischen Philosophie (FMDA), Stuttgart-Bad Cannstatt 2003.

8 V gl . m eine Einleitung zu Ka p. 5 Reinhold ein Ka nt ia ner? , i n: Ka rl Le onhard Re inhold: Ve rsuch einer neuen Theorie des menschlichen Vo rstellungsverm ö gens , 2 Te ilbde. , H ambur g 2 010, LV III ff.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Jenaer Wissenschaftslehre vert ritt und noch dazu im Anschluss an Re inhold. 9 Seine Kritiklosig ke it erkl ä rt Kant i n e inem Gespr ä ch mit Daniel Jenisch in den 90er Ja hren und be dar f keines weitere n Kommentars : „ Reinhold hat m ir zu viel guts gethan, als da ß ich b ö ses von ihm sagen wollte.10 Man kann sic h i n d er Tat kaum vorstellen, wi e d ie sp ä tere Kant-Rezeption au sgesehen h ä tte, mit einem von K ant selbst ramponierten Re inhold, besonders f ür die T übinger Situation. Re inholds Briefe , d ie erst in Au fsatzform in dem weitverbreiteten Te utschen Merkur erscheinen (1790 erscheint e ine Buchausgabe, erst als Raubdruck, dann als erweiterte Fassun g von Re inholds Hand), ist eines der allerersten Bü cher, das sich positiv au f Kant e inl ä sst. Entgegen allen Be teue rungen Re inholds stammen allerdings so gut wi e a lle seine Einsichten in die kant ische Philosophie aus d er anderen, hinsichtlich ihrer Wi rkung nicht zu u nt ersch ä tzenden Publikation von Jo hann Schultz, Erlä uterungen ü ber des He rr n Pro fessor Kant Criti k der re inen Ve rn unft vo n 1 784. Diese Schrif t b ri ng t auf etwa 250 Seiten in wi rklich her vo r- ragender Ar t eine konzise Zusammenfassung der ersten Kr itik. Nicht n ur Re inhold, auch die Studenten am T übinge r S ti ft sind übe r diese Schrif t m it der kanti schen Philosophie famili ä r g ewo rden. Hierzu sp ä ter mehr. Eine historisch sehr be deutend gewo rdene Stelle in den Erl ä ut erungen ist ein kurzer Abri ss zur Be deutung der Re ligion f ür die Philosophie. Wi e auch in der ersten Kr itik hei ß t es d ort, dass ohne Gott und Un sterblichkeit die Id een der Sittlichkeit ke ine Tr iebfeder ihrer Au sf ührung sein k önnen. 11 Genau d iese Stelle wi rd Re inhold in seinem ersten Br ief an Kant vom 12. Oktober 1787 als jenes „Morceau“ der kritischen Philosophie be zeichnen, das er irgendwie verstanden hat. 12 Es geht freilich um dieses ,irgendwie‘, dass tatsä chlich schwer zu deuten ist. Interessa nterweise wi rd nun diese Stelle auch im T übinger Stif t i mmer und immer wi eder herangezogen, obwohl den T übinger n auch klar war, dass s ich Kant sp ä testens seit seiner Gr undle gu ng zur Metaphysik der Sitten von 1 785 von dieser Po sition gel öst hatte. 13 Die Pointe dieser Stelle ist nun, dass die sittlichen Id een nicht den ganzen Zw eck der Philosophie erfü llen, „der einem jeden ve rn ü nf ti gen We sen natü rlich ist“, 14 denn der nat ürliche Me nsch muss zus ätzlich au ch hoffen k önnen, ihrer teilhaf ti g w erden zu k ö nnen. Mit anderen Wo rt en muss es eine wi e auch immer

9 S iehe Ka nts Erklä ru ng in Beziehung auf F ichtes Wi ssenschaftslehre vom 7. Au gust 1799, Akad.-Ausg . X II, 370 f.

10 Vgl. Immanuel Kant in Rede u nd Gespr äch , hg. v. Rudolf Malter, H amburg 1 990, 353.

11 Vgl. Jo hann Schultz: Erlä uterungen ü ber des He rr n P rofessor Kant Criti k der reinen Ve rn unft,

K ö nigsberg 1784, 176 ; die Stelle geht auf die Kr it ik der reinen Ver nu nft , A 813/B 841 zur ü ck.

12 Karl Le onhard Re inhold an Immanuel Ka nt , 12. Oktober 1787, Akad.-Ausg. X, 498.

13 Vgl. dazu au ch Eberhard G ü nt er Schulz: Rehber gs Opposition gegen Kant s E thik. Eine Un- tersuchung über Grundlagen, ihrer Ber ü cksichtigung du rch Kant u nd ihrer Wi rkungen auf Reinhold, Schiller und Fichte, K öln/Wien 1975.

14 I. Ka nt: Kr it ik der reinen Ve rn unft, A 813/B 841.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

gestaltete Harmonie zwischen sinnlicher und intelli gi bler We lt geben, die hier unter dem Begr iff der Hoffnung zum Ausdruck ko mmt. Es geht also um die Frage, wie e ine solche Hoffnung ve rstanden und kraf t w elchen Prinzips sie zum Tragen ko mmt, sodass eine reine Wi llensbestimmung auch wi rklic h E influss auf unsere sinnlichen Ne igungen haben kann, letztendendes auch, um uns zu be s- seren Menschen zu machen, worum es ja in der Ethik geht. Die Tr iebfeder unseres Handelns steht s omit unter dem zweifachen Aspekt, sowohl sinnlich (affek tiv) sein zu m ü ssen, um auf d en sinnlichen Me nschen wi rken zu kö nnen, als auch intelli gibe l s ein zu m ü ssen, da ansonsten die Handlung nicht f rei w äre (vor- au sgesetzt, die Freiheit ist ein intelligibles We sen, wofü r K ant j a e inen philoso- phisch star ke n Nachweis erbracht h at). Allgemein geht es u m d ie Frage, wi e e ine reine oder intelligible Vorstellung übe rhaupt irgendeinen Einfluss auf die sinnliche We lt haben k ö nne. F ü r i hre B eantwortung dar f n un nicht auf Gott od er Un sterblichkeit als ko nstitutive Gr ü nde re ku rrier t werden, weil damit ein zen- tr aler We senszug der kanti schen Philosophie au fgegeben w ü rd e, n ämlich Em- pirismus und Rati on alismus miteinander in einer gr undlegend neuen philoso- phischen Form zu verbinden. Dem Ge danken der Ve rbindung v on Empiris mu s u nd Rationalismus durch die kritische Philosophie lieg t nun tats ächlich die Gedankenf ü hrung der Re in- hold’schen Briefe ü ber die Ka nt ische Philosophie zug runde. 15 In dem methodisch wi chti gen Entwur f z u ihnen schreibt er : „ Ka nt beri chti get die Le ibnizische und Lockische Le hre und vereinig t das Wa hre von be yden“. 16 Ein be sonderer Aspekt der Re inhold’schen Briefe ist allerdings, dass sie den St reit zwischen den phi- losophischen Pa rteien als das gro ß e Problem der zeitgen ö ssischen Philosophie und Theologie analysieren, womit Re inhold im Grunde genommen die kanti sche Antinomieenlehre zu einem Gegensatz innerhalb des damaligen Zeitgeistes ausweitet. Die kant ische Po sition mit ihrem moralischen Ve rnunftglauben sei dann nach Re inhold erstmals in der Lage „die glücklichste Ve reinigung“ zwi- schen den Lager n h erbeizuf ü hren, 17 um so einen Frieden unter den Parteien zu stiften. Dieses Friedensmotiv ist zwar durchaus au ch ein Anliegen der kritischen Philosophie selbst, allerdings geht e s K ant nicht um eine Ve reinigung der Standpunkte Empirismus und Rationalismus, sonder n v ielmehr darum, ihre Einseitig ke it und damit Falschheit darzutun. 18 Das s d ie kritische Philosophie

15 Vgl. dazu au ch Gerhard W. F uchs: Karl Leonhard R einhold. Illuminat u nd Philosoph : Eine Studie ü ber den Zusammenhang s eines Engagements als Freimaurer und Illuminat m it sei- nem Leben und philosophischen Wirken , F ra nkfurt/M. u. a. 1994, 115.

16 Vgl. Karl Leonhard Re inhold: Ko rrespondenzausgabe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften , B d. 1, Stuttgart-Bad Canstatt, 1983, 156.

17 Dieses Mo tiv i st be sonders in den Briefen 2, 3 u nd 4 gegenwä rt ig.

18 Vgl. etwa I. Kant: Kr itik der reinen Ve rn unft , A 423 f. und A 3 88 f. ; d ers.: Prolegomena , A ka d.- Au sg . I II, 134 und 236 sowi e d ers.: Reflexionen zur Me taphysik 5645 , Aka d.-Ausg . XVIII, 293:

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

eine Ve reinigung be ider Standpunkte be absichti ge, wi rd jedoch zur vorher r- schenden Vo rstellung der damaligen Zeit, die au f Reinholds Kont o geht. 19 Re inholds Einfluss au f die sich damals erst anbahnende Kant-Rezeption ist kaum zu übe rsch ä tzen ; dies nicht s o sehr, weil er die kritische Philosophie in Be zug auf i hre Richti gkeit verteidig t hat, sonder n v ielmehr, weil er ihre Be deu- tung au f h öchst ingeni öse We ise mit einem allgemeinen Bed ü rf nis der damaligen Zeit abzustimmen wusste, was ihn auch quasi ü ber Nacht b er ühmt machte. Die eher technische und vornehmlich kritische Au seinandersetzung mit Kant bleibt seit den Briefen eine akademische Angelegenheit , d ie das gelehrte Publikum eher nur a m R ande wahrgenommen hat. Re inhold ist mit seinen Briefen der gro ße Wur f g elungen, die kritische Phi- losophie vom K atheder in die He rzen der Me nschen zu bringen. Und d as unter Um gehung der damaligen Debatte zwischen Popular- und Schulphilosophie, die im Grunde genommen ebenfalls ein St re it zwischen Empirismus u nd Rati on a- lismus war. N ichtsdestot rotz wi rd Re inholds Leistung oftmals als Popularisie- rung der kritischen Philosophie getadelt. Dieses Ur teil wi rd allerdings seiner eigenst ä ndigen philosophiegeschic htlichen Leistung nicht g erecht. Der ich mich nunmeh r zuwenden m ö chte. Nicht e rst wenn Re inhold selbst durch seine Je naer Professur ins akademische Lager ü bersiedelt, sondern von A nfang an hat er die These vert reten, dass die kritische Philosophie nicht ü ber die Mittel verf ügt , die ihr entgegengebrachten „unphilosophischen“ sowi e „ philosophische n Vorurtheile“ au s d em We g zu r ä umen. Die kritische Philosophie kann folglich dem ihr von Reinhold zuge- schriebenen Vereinigunspotential nicht g erecht w erden, welche Erkenntn is ihn dann dazu bringt, jenes Po tenti al in einem „ ä u ß eren Grund“ zu suchen, 20 n ä mlich im Zeitgeist. Kants Philosophie, so die implizit e T hese Re inholds, ver- einig t alle Probleme der Gegenwar t und f ü hr t diese einer letztendlichen L ösung zu. So av ancier t die kritische Philosophie zum Kulminationspunkt der gesamten durch die Philosophie getragenen Kulturgeschichte ; und da s ist, was ihr ihre epochale Be deutung gi bt. Die Ve rbindung von k anti scher Philosophie mit dem Zeitgeist basier t w ie gesag t auf ä u ßeren Gründen , w ie Re inhold sie nennt, was dann ferner impliziert, dass die inneren Grü nde der kritischen Philosophie zu ihrer eigenen Re chtfer ti gung nicht hinreichen. In dem s oeben erwähnten me-

„Zwischen dem Dogmatism und Scepticism ist die mittlere und eintzig-gesetzmäßige Den- kungsar t d er Criticism.“

19 Seit der Mitte des 19. Ja hrhunderts ist die Tr ichotomie Dogmatismus, E mpirismus und die

Ü be rw indung im Kritizismus durch Ku no Fischer und Friedrich Ueberweg in der Philoso-

phiegeschic ht e kanonisch geworden, vgl. dazu Hans-Jü rgen Engfer: Empirismus v ersus Rati onalismus ? Kritik e ines philosophiegeschichtlichen Schemas, Paderbor n 1 996, 27 f.

20 Karl Le onhard Re inhold: Briefe ü ber die Ka nt is che Philosophie. 3. Brief , i n: Der Te utsche Merkur, F ebruar 1787, 117–142, hier : 118 Anm.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

thodisch w ichtigen Entw urfschreiben Reinho ld s geht es u m diese beide n Gründ e; die äußeren Gründ e werden von den Br iefen erörtert, über die i nneren Gründe sagt der E nt wurf jed och kaum etwas. D ie Gr undanlage ist jedo ch, dass diese inneren Gr ü nde dann von Reinholds Hauptwerk Ve rsuch einer neuen Theorie des menschlichen Vo rstellungsverm ö gens vo n 1 789 geliefer t w erden, und zwar au f- gr und eines Gr undsatzes , der der kritischen Philosophie du rchaus fremd ist. Re inhold re ko nstruier t i n s einem Ve rsuch au fg ru nd dieses, wi e e r i hn nennt, Grundsatzes des Be wusstseins die an sich richti gen Re sultate der kritischen Philosophie. Die ä u ß eren Gr ü nde führen zu diesem Grundsatz. 21 Re inholds Kant-Analyse ist im Grunde genommen schlechthin bahnbre- chend, sofern eine so inti me Ve rbindung von P hilosophie und Zeitgeist ein echtes No vu m i st. Nur e rinner t sei hier, d ass Hegel diesen Gedanken vi ele Ja hre sp ä ter in dem Diktum wi eder au fg re ift, dass „die Philosophie ihre Z eit in Ge- danken erfa ß t.“ 22 Kulminiere n alle philosophische n Probleme der Zeit in der kritischen Philosophie, ist eine R ückbesinnung auf die Zeit ke ine blo ß e histo- rische Ü bung , sonder n t rifft übe rhaupt den Ke rn der Au ffassung von Philoso- phie, der sich, wi e gesagt, nicht aus ihr selbst herleitet. Die Philosophie versteht die Zeit, diese jedoch bring t sie au s ihrem du nklen Scho ß e h ervor. So b etrachtet, ist die epochale Be deutung der kritischen Philosophie von Reinhold überhaupt erst gestiftet, und f äng t mit ihr die neue Philosophie eigentlich erst an. In der Philosophie be ziehungsweise in der kanti schen Philosophie lieg t b eschlossen, was die No t d er Zeit ist, w ä hrend sie ihr zugleich den We g aus dieser No t w eist. Hieraus folg t eine weitere wi chti ge Po inte, n ä mlich die Emanzipierung der Philosophiegeschichte von d er Philosophie, indem n ä mlich die Philosophiege- schichte f ür die Erkl ä rung dessen notwendig ist, was von d er Philosophie selbst (in diesem Falle von d er ka nt ischen) als erkl ä rungsbed ürf ti g aufgestellt wi rd, wobei die Philosophiegeschichte allerdings zugleich mit der Philosophie ver- bunden bleibt. Dies ist auch der der He gel’schen Ph ä nomenologie des Geistes zug rundeliegende Kern , dass sich n ämlich der Anfang erst aus d em Re sultat ergibt, sofer n n ichts als Re sultat zu erkennen ist, was nicht auch von d iesem her, allerdings als Anfang genommen, entwickelt werden ka nn . In diesem Zusam- menhang wunder t e s d eshalb nicht, dass Re inhold, nachdem er von Hegel und Schelling im Kr itischen Journal zur Schnecke gemacht w orden ist, urpl ö tzlich wi eder in der Wissenschaft der Logik auft ritt, wenn es um die Frage geht, womit in der Philosophie der Anfang gemacht w erden soll. Offensichtlich verdankt

21 Näheres zu dieser Konzeption von ä u ßeren und inneren Grü nden in meiner Einleitung zu Kap. 8 Zur Entstehung des Ve rsuchs in : K .L. Re inhold: Ve rsuch einer neuen Theorie , LXXXIIIff.

22 Vgl. He gels Vo rrede der Grundlinie n d er Philosophie des Rechts , i n: Georg Wi lhelm Friedrich Hegel: We rke in 2 0 B ä nden. Theorie We rkausgabe, h g. v. Ev a Moldenh au er/Karl Markus Michel, Frankfurt/M. 1970, Bd. 7, 26.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Hegel Re inhold h ö chst entscheidende Denkanst öße fü r sein e p hilosophische Me thode. 23 Doch kommen wi r z ur ü ck au f Reinholds ä u ß ere Re chtfer ti gungsgr ünde der kritischen Philosophie, die er der Systemati k s einer Philosophie nac h i n d en Briefen über die Ka nt ische Philosophie darlegt. Diese liegen in den moralischen Bed ürfnissen der Zeit, die die kanti sche Mo raltheologie lediglich systematisch auf d en Punk t bri ngt. Um noch einmal an da s h isto risch so wi chti g gewordene Zitat der ersten Kr itik zu erinnern, bed ürfen wi r d er Re ligion, um den Id een der Sittlichkeit eine Tr iebfeder ihrer Au sf ü hrung zu geben. Es ist nu n nicht so, dass Re inhold den systematischen Vo rrang der Mo ral vor d er Re ligion wi eder um- ke hrte ; v ielmehr ist ja die Re de von d en äu ß eren Grü nden f ür d ie kritische Philosophie, die histo ri sch vermittelt u nd irgendwann zu einem wi rklich ge- f ühlten Bed ürfnis geworden sind. Es geht i n d en Briefen in diesem Zusam- menhang um Grundwahrheiten der Moral und Re ligion, 24 übe r die es in der vorkritischen Philosophie ke in Einverstä ndnis geben konnte , weil sie von d en verschiedenen philosophischen Pa rteien gegeneinander eingebracht und aus- gespielt wurden. Kant h abe, so Re inhold, mit seiner kritischen Philosophie diesen Part eienstreit ü be rwunden, womit er, ohne es zu wi ssen, das Bedürfnis der Zeit ans Licht g ef ü hr t hat. Die philosophiehistorische Leistung der kritischen Philosophie, die Einseitig ke iten von Empiris mu s u nd Rationalismus in einem überg reifenden philosophischen Ne uentwur f zu ü be rwi nden, w ürde tatsä chlich zu Nichts vergl ühen, wenn damit nicht auch ein vi el Gr öß eres geleistet w ürde, was n ä mlich das Bedü rfnis des Me nschen angeht. Dies ist ke inesfalls eine po- pularphilosophische Ve re innahmung Kants, sondern vi elmeh r d er Ve rsuch, die Philosophie als etwas zu verstehen , w as No t t ut, um so Denken und He rz wi eder miteinander in Einklang zu bringen. Hierbei hat Re inhold freilich auch immer den folgenden Schritt im Blick, dass n ämlich das He rz od er unser sittliches be ziehungsweise sittlich-religiö ses Gef ü hl nur unter der Bedingun g einer phi- losophischen Re chtfer tigung seine Re chtm äßikeit erh ä lt . M itunter muss die Philosophie übe r e ine prak tische Ve rn unf t auf das Gefü hl zur ü ckwirken ; und wenn die Philosophie selbst als ein Bedü rfnis der Zeit oder als ein Zeitgef ühl verstanden wi rd, wirkt sie auch auf d asselbe, nun a llerdings rechtfer tigend zu- r ück. Wa s also zun ächst als ä u ß ere Re chtfer tigungsgrü nde der kritischen Phi- losophie in den Briefen er örter t w ird, be dar f n och e iner eigenen Re chtfer ti gung durch innere Gr ü nde, was in Re inholds eigentlichem Hauptwerk, dem Ve rsuch einer neuen Theori e d es menschlichen Vo rstellungsverm ö gens geschieht, das von

23 Vgl. dazu au ch Mar ti n B ondeli: He gel und Reinhold , i n: He gel-Studien 30 (1995), 45–87.

24 Kant s pricht n irgends von s olchen Grundwahrheiten der Re ligion oder Mo ral. Einem Fragment z ufolge schl ä gt er sie soga r d em nat ürlichen Ve rn unftgebrauch zu und zwar „nach der analogie des empirischen Gebrauchs “ ( I. Kant: Reflexionen , Aka d.-Ausg . XVIII, 6).

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

einem aus d en ä u ß eren Gr ü nden hergeleiteten Standpunkt, nämlich dem des Be wusstseins, die an sich ri chti gen Re sultate der kritischen Philosophie f ür alles Be wus stsein ableitet. 25 An dieser Stelle brauchen wi r n icht n ä her au f d ie von Reinhold verf olgte Strategie einzugehen. Entscheidend ist der Gedanke, dass die Philosophie ein praktisches Interesse haben muss, und dass dieses Interesse Denken und He rz gl eicherweise angeht. Diese Einsichten hatte Re inhold in nu ce be reits in seiner vorkanti schen Peri od e e ntwi ckelt, 26 mit ihrer Anwendung auf d ie kritische Philosophie verschafft er ihr erstmals eine Br eitenwi rkung , die einen Fl ächen- brand ausl ö st. Kant w ird zur Sensation, obwohl sein kritisches Program m um 1788 weder fer tig w ar noch, wegen seiner unglaublichen Ko mplexit ä t, dem zeitgen össische n Verstand wi rklic h o ffen lag . M an mu ss sich deshalb auch ernsthaf t fragen, ob die Au fnahme der kanti schen Philosophie ohne die von Re inhold entwickelten Vo raussetzungen nicht v öllig anders ausgesehen h ätte. Me ines Erachtens ist dies nicht nur eine m üßige Fr age, sie ist schlechthin un- sinnig ; denn es geht h ier um ke ine individuelle philosophische Leistung Re in- holds, sonder n u m d ie Breitenwi rkung , w ofü r Reinhold zwar die unmittelbare Ur sache war, a ls Wi rkung jedoch nicht nur mit dieser Ur sache, sondern au ch mit dem von i hm unabh ä ngigen Zeitgeist im Zusammenhang steht, der vi el zu komplex ist, als dass Re inhold ihn h ä tte einfangen k ö nnen. In der Philosophiegeschichte, wi e in d er Geschichte überhaupt, h ä ngen wir meines Erachtens noch vi el zu stark an der anti ken Auffassung , dass Individuen Geschichte machen, w ä hrend diese lediglich etwa s h instellen, das entfesselt. Was allerdings genau ent fesselt w ird, welche untergr ü ndigen Kr ä ft e pl ötzlich be- gi nnen zu wi rken, hat einen schier unentwirrbaren Zusammenhan g m it der Ur sache, sofer n d ie Entfesselung selbst der ganze Sinn ist. Von d iesem Sinn als Wi rkung auf die Ur sache Re inhold zur ü ckzuschlie ß en ist ein absurde s Unt er- fangen. Die We lt, insbesonde re die philosophische We lt , d ie zu jenem Zeitpunkt noch ziemlic h d eckungs gl eich mit der wi ssenscha ft lichen We lt ist, hat sich nach Re inhold in dem Sinne gr undlegend ver ändert, dass philosophische Fragen dem dunklen Zeitgeist entstammen, in ihrer eigenen Dom ä ne der Ve rn unft zur Darstellung ko mmen, allerdings in irgendeiner We ise au ch wi eder kanalisierend

25 Es ist ü brigens nicht u ninteressant zu e rw ä hnen , d ass Ka nt Re inholds Ve rsuch einer neuen Theorie des menschlichen Vo rstellungsverm ö gens bef ü rw ortend gegen ü be rstand, das Prinzip der kritischen Philosophie von d en ä u ßeren Gr ü nden au fwä rts z u suchen, nur d en Weg abwä rt s, au s d iesem Prinzip dann die an sich ric ht igen Re sultate der kritischen Philosophie abzuleiten, konnte Kant n ichts abgewinnen, vgl. meine Einleitung zu Kap. 8 Zur E ntstehung des Ve rsuchs, i n: K.L. Re inhold: Ve rsuch einer neuen Theorie , L XXXIIIff.

26 Vgl. Kariann e Marx/Ernst-Otto Onnasch: Zwei Wi ener Reden Reinholds : E in Be itrag zu Reinholds Fr ü hphilosophie, in: Karl Leonhard Reinhold and the Enlightenment (Studies in German Id ealism 9), hg . v. George di Giovanni, Dordrecht/Heidelberg/London/New Yo rk 2009, 269–289.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

auf d en Zeitgeist zur ückwirken m üssen. Seit Re inhold ist Philosophie ohne praktische Wirkung so etwas wi e Unp hilosophie.

Umbruch und Neuorientierung der Kant-Rezeption Anfang der 90er Jahre im Tübinger Stift

Die weitere n Schicksale von Reinholds Au fg riff und Ve rbreitung der kanti schen Philosophie sind in vi elen Punkten histo risch falsch au fgearbeitet. Eine immer noch v öllig untersch ä tzte Schl ü sselfigur ist in diesem Zusammenhang der T ü- binger Theolog e und zeitweilige Philosophieprofesso r Johann Fried rich Flatt. Er stand, wi e a lle anderen Tübinger Professoren, der kantischen Philosophie und damit au ch ihrer Ve rbreitung du rch Re inhold skeptisc h g egen ü be r, dem aller- dings sofor t n achzusetze n i st, dass diese Skepsis eine du rchaus offenherzige war. Das hei ß t, man konnte es sich in T ü bingen durchaus leisten, sich mit der kan- tischen Philosophie einzulassen, offenbar weil dor t sch on sehr bald tr agfä hige Argumente gegen sie entwickelt waren. So ko nnte Flatt be reits um 1789 re cht gelassen be haupten , „ da ß das System des K ö nigsbergischen Philosophen sich nicht nur vollkommen gut mit der Re ligion ve rt rage, sonder n auch dieser eine neue unersch ü tterlich feste St ü ze gebe, mit der alle übrige, einzeln be trachtet od er zusammen genommen, die Ve rgleichung nicht aushalten.“ 27 Ä hnlich ver- tri tt er in seiner Metaphysik-Vor lesung gegen ü be r seinen Studenten, daru nt er auch Hegel und H ölderlin : „ Das Kantische System ist also in Ab sicht auf ihre Re sultate nichts weniger, als gef ä hrlich.“ 28 Un d als sich in T ü bingen die ersten Studenten mit Kant in d er Hand von d er christlichen Offenbarungswahrheit abkehrten, wi e Friedrich Niethammer und noch energischer Immanuel Carl Diez, war f d as niemanden aus d er Bahn. Diez disqualifizierte sich mit seiner philosophischen Haltung nicht e inma l f ür e ine Stelle als Re petent i m Sti ft . Diese Offenheit gegen übe r der kantischen Philosophie, die es an vielen anderen

27 Jo hann Friedrich Flatt: Briefe ü ber den moralischen Erkenntn isg rund der Religion ü berhaupt, und besonders in Beziehung auf d ie Kant is che Philosophie , Tü bingen 1789, 4. – Lediglich Flatts Kollege Jo hann Friedrich Le Brett hatte anl ä sslich einer Disputati on seine Studenten vor Kant u nd Re inhold gewarnt, indem er sie als „flü chti ge Scholastiker“ be zeichnete und letz- terem au ßerdem seinen katholischen Hintergrund ankreidete, vgl. Immanuel C arl D iez, Briefwechse l u nd Kant ische Schriften. Wi ssensbegr ündung in der Glaubenskrise T ü bingen– Je na (1790–1792), hg. v. Dieter He nrich, Stuttgar t 1 997, 30 f.

28 Vgl. Me taphysische Vo rlesungen im Sommerhalb-Jahre 1790 gehalten (Nachschrif t v on Au- gust Friedrich Kl ü pfel), Ms. 64. Die Ver ö ffentlichung der Nachschriften Flatts ist in Vo rbe- reitung : Johann Friedrich Flatt: Philosophische Vorlesungen 1790. Na chschriften vo n August Friedrich Klü pfel , hg. , e ingeleitet und ko mmenti er t v. M ichael Franz/Ernst-Otto Onnasch, Spekulati on und Erfahrung (Abt. I), Stuttgart-Bad Cannstatt (vorau ssichtlich 2017).

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

deutschen Un iversitä ten nicht g ab, s ollte vi ele junge T ü binger Fl ü gel geben, sich au f e ine eigenst ändige We ise mit ihr einzulassen und au seinanderzusetzen. Flatts philosophische Au ffassungen waren allerding s n icht nur fü r seine Studenten wi chtig. Wi e i ch an anderer Stelle gezeig t habe, hat er au ch J. G. Fichte, der ihn 1793 vermutlich au ch aus d iesem Grunde in T übingen besuchte, ent- scheidend e D enkanstöß e vermittelt, du rch die ihm die Defizite der Re in- hold’schen Grundsatzphilosophie ü be rhaupt erst ri chti g klar wurden. 29 Fichte wi rd sp äter die von F latt stammenden Einsichten publizistisch herunterspielen, indem er die Le kt üre des Ae nesidemus-Schulze fü r seine neuen, über Reinhold hinausfü hrenden Einsic hten verantwortlich macht, die ihn schlie ß lich zu seiner Wi ssenschaftslehre gef ühr t h ab en. Die genaueren Um st ä nde m ü ssen hier wegen ihrer verschachtelten histo ri sch-philologischen Argumentation ü bergangen werden. Dennoch ist diese neue Einsicht von gro ßem philosophiehistorischem Interesse. Ist sie n ämlich richti g, dann av ancier t F latt zu einem histo ri sch durchaus wi chti gen Bindeglied zwischen den be iden Str ä ngen der sp ä teren Kant-Rezeption, wovon der eine ü ber Reinhold zu Fichte und der andere über Re inhold zu den junge n Tü binger Studenten fü hrt. Ferne r er öffnet sie au ch eine neue Strategie, das von A nfang an zwiesp ältig e Verh ä ltnis der junge n Tü binger zu Fichte genauer zu ve rorten. An dieser Stelle entstehen schon die ersten Br üche hinsichtlich der von K ant ausgehenden verm eintlichen Ko nt inuitä t o der Einheit der Klassischen Deut- schen Philosophie. Wi r h atten be reits gesehen, dass die Kant-Rezeption von Re inhold auf e ine philosophisch eigensinnig e Weis e voranget rieben wurde, weshalb man das zeitgen ö ssische Kant-Verst ä ndnis historisch kaum angemes- sen verstehe n kann , wenn man diesem Um stand nicht g en ü gend Re chnung trä gt. Vo n u nserem versierteren Kant-Verst ändnis heraus ist es histo ri sch nur sehr be schr ä nkt sinnvoll, seine Na chfolger verstehen zu wollen. Die damalige Kant- Exegese war einfach ke ine, wi e w ir sie heute ke nnen, weshalb wir uns darum bem ühen m üssen, jenes zeitgen össisch e K ant-Bild genauer zu verstehen, das eben nicht aus den technischen Raffinessen der kantischen Philosophie argu- mentiert. Fichte ist eigentlich der einzige Zeitgenosse, von d em man behaupten kann, dass er Kants Kr iti ken gelesen hat und im Gegensatz zu Re inhold und den T ü- binger n s ei ne Kant-Kenntn isse nicht aus dem Schultze’schen Ha ndbuch sch öpft. Was F ichte allerdings aus Kant macht, hat seinen Ur sprung in Flatts Re inhold- und Kant-Kritik. Ä hnliches gi lt auch fü r die jungen T übinger Studenten, f ür die

29 Vgl. Ernst-Otto Onnasch: Fichte im Tü binger Stift. Jo hann Friedrich Flatts Einflu ss auf Fichtes philosophische Entwicklung , in: Fichte-Studien 43 (2016): Fichte und seine Zeit. Ko nt ext, Konfront at io nen, Rezeptionen , hg. v. Ma tteo V. d’Alfonso/Carla De Pascale/Erich Fuchs/Marco Iv aldo, 31–47.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

die direkte Kant-Lekt üre vi elleicht e ine zu hohe H ü rde w ar oder aber aus i r- gendwelchen Gr ünden als ü berfl üssig empfunden wurde : f ür die frü hen 90er Ja hren lä sst sic h e ine intensivere Kant-Lekt üre im T ü binger Stif t n ur sehr be- schr änkt nachweisen. Als schwi erig wurde Kant in T ü bingen au f jeden Fall empfunden , m an sollte sich jedoch au ch die Frage stellen, ob sein e Lekt üre wirklich notwendig war, um an den do rt igen Diskussionen teilnehmen zu kö nnen. Es ist nun t atsä chlich kaum zu erkennen, weshalb zu diesem Zw eck die Lekt üre des Schultze’schen Ha ndbuches nicht ausreichen sollte. Die T übinger Kant-Rezeption arbeitet sich im Gegensatz zu Fichte nicht aus der Re inhold’schen Grundsatzphilosophie hervor, der die T ü binger ablehnen d g egen überstehen, sondern ist stark von Re inholds Briefen und vi el weniger als Fichte von e iner gewissenhaften Kant- Le kt üre inspiriert. Untersch ätzt und au ch falsch be wertet ist bislang die Ro lle Flatts fü r die Entwicklung der nachkantischen Philosophie. Seine kritischen Einsichten haben nicht nur Fichte, sonder n auch die jungen T übinger Studenten ma ß geblich be einflusst. Flatt beschä ft ig t s ich seit sp ä testens 1787 mit der Philosophie Kants, zun ächst in Re zensionen f ür d ie T übingischen gelehrten An zeigen , dann auch mit Bu ch- publikati on en. Sein Scharfsinn mu ss be deutend gewesen sein, denn Fichte, der diesen Scharfsinn anerkennt, ist ä u ß erst sparsam mit solchen Ko mplimenten. Sein philosophischer Einfluss auf d ie T ü binger Studenten war zweischneidig. Einerseits erkennt e r S chwachstelle n in d er kanti schen aber auch re inholdschen Philosophie, die er anderseits – w ohl eher unbewusst – s o d arlegt, dass sie als Vo rgaben f ü r e in We iterdenken jener Po sitionen funktionieren. Ein wi chti ges Dokument seiner Kant-Auseinandersetzung in der Lehre ist eine Na chschrif t seiner Metaphysik-Vor lesung au s d em Ja hre 1790. In dieser Na chschrif t findet sich auch eine Ü be rsicht der zeitgen ö ssischen Kant-Literatur mit einer knappen Ev aluation. Au ffallend ist zun ä chst, dass er zur Einfü hrung in die kritische Philosophie uneingeschr änkt Schultzes Erl ä uterungen empfiehlt, was sich viele Stiftler au ch zu He rzen genommen haben. Au s d er Biographie Plitts geht hervor, d ass Schelling sich im Frü hjahr 1791 durch ihre Lekt ü re erstmals mit der kritischen Philosophie vert raut gemacht hat. 30 In der Vo rlesung geht Flatt auch ausf ührlich au f Reinhold ein, was au ch die gro ß e B edeutung seiner bis dahin erschienenen Schriften f ür v iele Stiftler unterst re icht. In sechs Punkten zusammengefasst be hauptet er folgendes:

30 Vgl. Gu stav Leopold Plitt: Au s S chellings Leben. In Briefen, 3. B de. , Leipzig 1869–1870, Bd. 1, 27 : „ Ne be n seinen flei ßigen alttestamentlichen Arbeiten hatte ü brigens Schelling […] sich auch an Ka nt gemacht; er be diente sich be im ersten Studium der Kritik der re inen Vern unft des Schulzeschen Au szugs, den er au ch spä ter Anfä ngern empfahl ; i n s einem Exemplar stehen unter seinem Na men und der Ja hreszahl 1791 die Wo rt e: abs. pr. d . 23 Mart. ej. Da hatte er also Ka nt s K ri tik zum erstenmal gelesen.“

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

1. Re inhold hab e „ manche Kanti sche Id een in ein sehr vorteilhaftes Licht g e- sezt“;

2. Dennoch sind diese We rke n ic ht „gleich anfangs zu empfehlen“;

3. Denn sie tragen die kant ische Philosophie nicht s o vor, „wi e s ie Kant l ehrte“;

4. Re inhold tr ä gt vielmehr sein eigenes System vor, „ das zwar auf K anti sche Re sultate fü hrt, aber au s h ö her n P ri nzipien abgeleitet ist“;

5. Die im Ve rsuch au fgestellten allgemeing ü ltigen Prinzipen sind mi ß raten;

6. Ab schlie ß end h ä lt Flatt zusammenfassend und auch ad hominem gegen Re inhold fest (wo er diese Information her hat, i st unklar, aus Kants Um kreis kann sie ke ineswegs stammen) : „ Kant selbst ist mit diesem We rk gar nicht zufrieden“. 31

Flatt erkennt sehr klar die philosophischen Intuitionen Re inholds und setzt sie der kritischen Philosophie entgegen. 32 Der Ve rsuch war im Okto be r 1 789 er- schienen und im Sommer 1790 hat ihn, soweit ich sehe, noch ke in Stiftler ganz gelesen. We nn also, w ie au s d em Dietz’schen Briefwechsel au s d erselben Zeit hervorgeht, im Stif t „ reinholdisiert“ wurde, kann sich das nu r auf die Briefe be ziehen, die wegen des Ausdrucks „reinholdisieren“ 33 offenbar groß en Einfluss auf die damalige Diskussion im Stif t hatten. Das be st äti gt au ch die Biographie Niethammers, in der es hei ß t, dass „die Gr ünde f ür das Dasein Gottes“, die tats ächlich in den Briefen thematisch sind, Hauptgegenstand des damaligen Kant-Interesses waren. 34 Hinweise auf e ine intensivere Auseinandersetzung mit den Schriften des K önigsbergers selbst fehlen fü r d iesen Zeitpunk t i m S ti ft fast ganz. Diesbezü glich scheint i m S ti ft, F latt der Platzhirsch und die einzige In- formationsquelle zu sein. Seine Kant-Kritik hat er offenba r mit einem Scharfsinn und einer Ü be rzeugungskra ft vorgetragen, dass kaum ein Stiftler noch den Andrang verspürte, sich auf die Schriften des Königsbergers einzulassen . Als ebenso scharfsinnig ist auch dessen Re inhold-Kritik wahrgenommen worden. Denn als Niethammer Anfang 1790 nach Jena abgereist war und anl ä sslich eines Be suchs be i Reinhold feststellen mu sste, „Zweifel“ an der Vorstellungstheorie zu haben, 35 so hat er ihm allem Anschein nach – d enn es gi bt ke inen Hinw eis darauf, dass er zu diesem Zeitpun kt Re inholds Ve rsuch einer neuen Theorie des menschlichen Vo rstellungsverm ö gens gelese n h at – e ine durch Flatt informierte

31 Metaphysik-Vorlesung , s iehe oben Anm. 28, Ms. 16.

32 Ü brigens ist au ch Immanuel Carl Diez der Meinung, Flatt h abe Ka nt oft be sser verstanden als Reinhold, vgl. Immanuel C arl Diez , h g. v. D. He nrich, 280.

33 Briefwechse l u nd Kant ische Schriften : Wissensbegr ü ndung in der Glaubenskrise Tü bingen- Je na (1790–1792), hg. v. Dieter He nrich, Stuttgar t 1 997, 12.

34 Julius D öderlein: Un sere V äter Kirchenrat Christoph Dö derlein, Ob erconsistorialrat Imma- nuel von Niethammer und Ho frat Ludwig von D ö derlein, E rlangen/ Leipzig 1891, 23.

35 J. Dö derlein: Unsere V ä ter, 21.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Kritik an derselben vorgetragen, die Re inhold nicht a ngemessen parierte. Mithin kann man be haupten, dass in T übingen die Grundsatzphilosophie be reits tot zu Bo den lag als sie no ch kaum die Presse verlassen hatte. Mithin hat Flatts Kr it ik den Ve rsuch sehr vi el h ä rt er get roff en als sie Re inholds Briefe getroffen hat, w enn sie diese übe rhaupt get roffen hat. Das ist ke ine ganz unwi chti ge Erkenntn is, deren genauere Deutung jedoch noch aussteht. Bedeutungsvoll ist eine weitere Be hauptung in der Metaphysik-Vor lesung , die der Na chschreibe r Kl üpfel in indirekter Re de au fzeichnet, wi e n ämlich das kantische Sy stem „durch und du rch mit sich selbst zusammenstimme, sieht Flatt gegenw ärt ig noch nicht e in. Wi rd aber dieses noch gezeigt, so ist es unst re itig das vollkommenste System.“ 36 Hierin lieg t ein Ansto ß , s ich n äher mit dem inneren Zusammenhang der kritischen Philosophie als System zu be fassen. Wi e gesagt, hatte Re inhold bere its den Anspruch vert reten, jenes Sy stem der kritischen Philosophie in seinem Ve rsuch entwickelt zu haben. Doch stie ß dieses vo n e inem Grundsatz her entwickelte System be i Flatt auf Ablehnung , die offenbar wegen ihrer guten Be gr ündung von v ielen Tübinge r Studenten übern ommen wurde. 37 Damit war, w ie die Vo rlesung zeigt, die Id ee eines Sy stem s a llerdings noch nicht zu Grab e getragen ; F latt h ä lt ein solches n ämlich du rchaus fü r mögl ich. Die Su che nach diesem System voranzut reiben, ist au ch theologisch motivier t; schon 1789 schreib t Flatt n ä mlich, „da ß das System des K önigsbergischen Philosophen sich nicht nur vollkommen gut mit der Re ligion ver tr age, sondern auch dieser eine neue unersch ütterlich fest e St üze gebe, mit der alle ü brige, einzeln be- tr achtet oder zusammen genommen, die Ve rgleichung nicht aushalten.“ 38 Das ist ke ine H ö flichkeitsfloskel, sonder n ein ernster Rat, den Flatt sicherlich auch seinen Studenten mitgegeben hat. Die wesentlich von F latt geschaffene Ausgangslage der Kant-Rezeption in T ü bingen ist, dass Re inholds Grundsatzphilosophie abgewiesen wi rd, ohne dass deshalb auch der von ihm popularisierte Gedanke e ines Sy stems der kanti schen Philosophie abgewiesen w ü rde. Die stark religions- und moralphilosophisch gepr ä gt en Briefe werden von F latt kaum angeg riffen, weshalb sie auch wegwei- send fü r die weiteren Diskussionen um die kant ische Philosophie im Stif t b leiben konnten. Ü brigens ist es be merkenswert, dass Flatt zuweilen auch selbst ein sich stark an Re inholds Briefen anlehnendes Vokabular zur Ho chsch ä tzung Kants verwendet.

36 Metaphysik-Vorlesung , s iehe oben Anm. 28, Ms. 64.

37 Vgl. dazu auch Schellings sp ä tere Kritik von „ ungl ü cklichen Untersuchungen über einen ersten Grundsatz in der Philosophie“, worin der „Tod alles Philosophirens“ be steht, vgl. dessen Antikritik im Intelligenzblatt der Al lgemeinen Literatur-Zeitung von 1 796, nachge- tragen in Schellings Sä mtlichen Werke in X IV Bä nden, hg. v. Karl Friedrich Au gust Schelling, Stuttgart/Augsburg 1856–1861, Bd. I, 242.

38 J. F. Flatt: Briefe ü ber den moralischen Erkenntnisg ru nd, 4.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Jedenfalls dauer t e s relativ lange, bis die sp äteren Hauptver treter der Klassi-

schen Deutsche n P hilosophie eine eigenst ändige Le kt ü re Kants vorn ehmen. Zw ar bildet sich im St if t u m 1 790 ein Kant- Lesekreis, do ch gi bt es ke inen Hinweis daf ür, dass ihm jene Studenten angeh ö ren. Der Kreis ist den sp ä rlichen Na ch- richten zufolge aus d em Bedü rf nis her vorgegangen, dass in T übingen die „Wasser des Denkens […] trübe und schlammig “ seien. 39 Hiermit kann nu n der durchaus scharfsinnige Vort rag Flatts nicht g emeint sein. Nimmt man allerdings dessen Kritik an Re inhold ernst, ihm gehe es nicht um K ant, sondern um sein eigens System, dann lieg t d ie Ve rmutun g n ahe, dass Re inhold dieser Ve r- schlammung vorgearbeitet hat. Der Le sekreis zerschl ä gt sich bald wi eder, wo- m ö gl ich weil die Lekt ü re Kants eigener Schriften nicht j enes Li cht a bgewonnen werden ko nnte, das man sich von i hr erhoffte. So ko nnte Re inholds Diktum in

T ü bingen irgendwie in Kraf t b leiben, dass die kanti sche Philosophie ein Be-

dü rfnis der Zeit ist, weshalb man, wie ja auch Re inhold in seinen Briefen , l e- diglich die Po inte der kritischen Philosophie zu erfassen brauche – w as diese au ch immer sein mag –, um au ch dieses Bed ü rf nis zu erfassen. Diese Te ndenz ist auch noch in dem sp ä teren Ältesten Sy stemprogramm des deutschen Id ealismus gr eifbar, das ebenfalls kraf t e iner Analyse der Zeitumst ände ein an Kant ange- lehntes Progr amm entwickelt, das der Zeit nottut. Jedenfalls tut sich, wenn wir um 1790 be i den sp ä teren Hauptver treter n d er klassischen deutschen Philoso- phie angekommen sind, ein Re zeptionsgef ü ge auf, in dem der kanti schen Phi- losophie selbst kaum eine Ro lle von B edeutung zukommt. Letzteres zeig t auch der Leutwein-Bericht , aus dem her vorgeht, dass He gel im He rbst 1792 noch kaum mit Kant ver tr au t war : „ Dieser war Eklektiger, u nd schweifte noch im Re iche des Wi ssens cavalieremente herum.“ 40 Na ch den Quellen zu urteilen, ist auch be i H ölderlin und Schelling um diese Zeit ke ine ins Gewicht fallende Kant- Le kt üre zu erkennen. Un d j ene Stiftler, die sich in den Folgejahren tats ächlich mit Kants Schriften auseinandersetzen, werden von Schelling 1795 dann als solche kritisiert, die den moralischen Be weis an der Schnur f ü hren. 41 Erst Fichtes Of- fenbarungsschrift von 1792 und dann Kants Religionsschrift von 1 793 haben Hegel fü r die kritische Philosophie sensibilisiert, wenn au ch unter Einfluss eines anderen T ü binger Diskussionsstranges, der ebenfalls stark au f Reinhold be zo-

39 Vgl. dazu den Be ri cht v on Dieter He nrich: Grundlegung aus dem Ich. Untersuchungen zur Vorgeschichte des Id ealismus T ü bingen-Jena (1790–1794) , 2 Bde. , F ra nkfurt/M. 2004, 716 ff.

40 Vgl. Dieter Henrich: Leutwein ü ber He gel. Ein Dokument z u Hegels Biographie, i n: He gel- Studien 3 ( 1965), 39–77, hier : 5 7.

41 Fried rich Wilhelm Jo seph Schelling an Georg Wilhelm Friedrich He gel, 6. Ja nu ar 1795, in:

Fried rich Wi lhelm Jo seph Schelling: Historisch-Kr it ische Au sgabe , hg. v. der Schelling- Ko mmission d er Bayerischen Akademie der Wi ssenschaften. Stuttgart-Bad Cannstatt 1976 ff. , Abt. III, Bd. 1, 16. Im Folgenden zitier t als AA mit Angabe der Abteilung i n r ö mi- schen Zahlen und der Bandnummer in arabischen Za hlen.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

gen ist, jedoch au ch, und das ist wi chtig, die Flatt’sch e K ant-Kritik ber ück- sichtigt. Es handelt sich um den ä lt eren Stiftler und sp ä teren Re petenten, allerdings be reits 1794 verstorbenen Gottlob Christian Rapp. Dieser unternimmt 1790 eine Bildungsreise nach Jena, wo er intensiv mit Re inhold diskutier t u nd Ende 1790 eine kleine Schrif t v erfasst , m it dem Anspruch, die kanti sch-reinholdische Po- sition mit der der T übinger Storrschule und ihrer Kant-Kri ti k z u v ersö hnen. Seine T übinge r Fre unde standen diesem Ve rsuch eher kritisch gegen ü be r. In einem brieflichen Be ri cht hei ß t es übe r i hn, er „sei als entschiedener Kanti aner und Stor rianer von Jena gekommen“, 42 was ihm weder von d em kanti schen Enrag Diez noch dem Stor rianer Friedrich Gottlieb S ü sskind Be ifall einbrachte. Die j ü ngeren Stiftler dagege n erkennen in Rapps Versuch einen We g, die Skylla moralischer Be weise und die Charybdis der storrianischen Kant-Kritik zu um- schiffen. Vielleicht auch unter F ü rsprache des von H ölderlin hochgesch ä tzten Re petenten Carl Philipp Conz, der ü brigens die Position Diezen s s char f ablehnte, haben He gel und H ölderlin Rapps Versuch nicht n ur wahrgenommen, sondern ihn auch fü r i hr eigenes Denken anti zipiert. 43 Conz Ho chachtung entgegen- bringen und zugleich mit Diezens Po sition zu sympathisieren, war sicherlich nicht m öglich ; aus diesem Grunde sollte man den Einfluss Diezens auf d ie sp ä teren T ü binge r P rotagnisten der Klassischen Deutschen Philosophie auch nicht übe rbewe rten. Ferner implizierte Rapps Po sition auch eine gewisse Kritik an der T übinge r S tor r- Schule. Un d genau h ieran sollten die sp ä teren Differenzen abgeglichen werden, die die j ü ngeren Tü binger der Stor r- Schule entgegen- brachten. Mit einer vermeintlichen T ü binger Orthodoxie haben diese Diffe- renzen wenig zu tun, denn orthodox war die Stor r- Schule ke ineswegs. 44 Flatts Kritik am Kanti anismus und Rapps Antwor t sind die entscheidenden Vorgaben f ür die j ü ngeren Studenten gewesen, sic h auf den Kanti anismus einzulassen . D ie Le kt üre Kants spielte dabei eine untergeordnete, wenn ü berhaupt eine Ro lle. In einer seiner frü hesten Schriften zur Re ligionsphilosophie (Sommer 1793) gr eift He gel be re its das zentr ale Topos Rapps au f: Der Me nsch brauche „ausser der re inen Acht ung f ürs Gesez noch andre sich au f sein e S innlichkeit be ziehende Tr iebfedern“. 45 In diesem Zusammenhang wi rd der ebenfalls von R app übe r-

42 Immanuel Carl Diez an Friedrich Immanuel Nieth ammer, 5. D ezember 1790, in: Immanuel Carl Diez , h g. v. D. He nrich, 47.

43 Vgl. dazu au ch Wo lfgang Wi rt h: Tr an szendentalort hodoxie ? E in Be itrag zum Ve rstä ndnis von H ölderlins Fichte-Rezepti on und zur Kr it ik der Wissenschaftslehre des jungen Fichte anhand von Hö lderlins Brief an He gel vo m 2 6. 1. 1795 , in: Hö lderlin. Lesarten seines Lebens, Dichtens und Denkens, h g. v. Uwe Breyer, W ü rzburg 1997, 159–234, be s. 168 ff.

44 Vgl. dazu auch Michael Franz: „T ü binge r O rthodoxie“. Ein Feindbild der jungen Schelling und He gel, i n: Ve rn unft und Glauben. Ein p hilosophischer Dialo g d er Mo derne mit dem Christentum, h g. v. Steffen Dietzsch/Gian Franco Frigo, B erlin 2006, 141–160.

45 Georg Wi lhelm Friedrich Hegel: Gesam me lte We rke, i n Verbindung mit der Deutschen

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

nommene Be gr iff der Li eb e i ns Sp iel gebracht. Diese ko mmt n ä mlich als ein Ve rbindungsstü ck zwischen sinnlicher Ne igun g u nd re in-vern ü ft igem sittli- chem Gesetz zur Geltung , k raf t d er der ganze Me nsch als Te il einer sowohl sinnlichen als au ch ü be rsinnlichen We lt in einem erf ü llten S inne handelt. Handelt der Me nsch lediglich im Sinne seiner sittlichen Pflicht, wi e e s Kants Sittengeset z fordert, nicht j edoch auch als sinnliches Dasein, geht mit der Aus- f ührung des moralischen Gesetzes ein wesentlicher Mangel einher, s ofer n nicht klar ist, wi e s ich der Me nsch als ganzer Me nsch moralisch be sser n k önne. Erfü llt kann das Gesetz nur dan n sein, das hei ß t s ein Pleroma, wenn der Me nsch auch dazu geneigt ist, moralisch zu handeln ; es ist mithin entschieden zu wenig, lediglich dem Gebot der Pflicht z u gehorchen. Die Lieb e w ird von R app, w orin ihm H ö lderlin und He gel folgen, als jenes St rukturprinzip eingef ührt, das Sinnliches und Re invern ü nf ti ges vereint, um so den ganzen Me nschen in ein erf ülltes s ittliches Dasein zu fü hren. Genau b etrachtet, wird die Li eb e v on einem der kritischen Philosophie übe rliegenden Standpunkt, n ä mlich einem re ligi ö sen Standpunt, als jenes der kantischen Philosophie fehlende Bindeglied eingef ührt, um Empirisches und Rationales übe rhaupt miteinander zu vereinen. Es ist be kannt, dass He gel den Li ebesbegriff sp ä ter unter Kritik stellt, weil in ihm der wi rkliche Unterschie d n icht b esteht, weshalb er ihn durch den reicheren Geistbeg riff ersetzt. 46 Die Lieb e s elbst scheint Hegel dann sp äter der ewigen Id ee zuzuschlagen, die noch nicht i n ihre Entä u ß erung übergegangen ist, in der sie als Geist das wi rkliche Anderssein erkennt und im absoluten Geist übe rwi ndet. Mit den histo ri schen Details der Entwicklung des He gel’sche n Liebesbeg riffes wollen wi r uns hier nicht b efassen, hervorgehoben sei lediglich, dass hier ein lebendiges Prinzip zum Tragen kommt, das die be reits von Reinhold f ür die kanti sche Philosophie be klagte No t abstellen soll, die Dichotomie von E mpiris mu s u nd Rationalismus auf e iner h öheren re flexiven Stufe wi rklich zu übe rw inden. Kant bleibt, wi e Hegel an vi elen Stellen immer wi eder her vorhebt, der Philosoph der endlichen Re flexion, was be deutet, dass er des Grundes dieser Re flexion nicht habhaf t g ewo rden ist. Be i d er Li eb e g eht es f reilich auch um ein Prinzip, das der christlichen Offenbarung Re chnung tr ägt , die der Storrschule zufolge wahre Erkenntn isse enth ä lt . D iesen Erkenntn is anspruch weist die kanti sche Philoso- phie allerdings ab, w omit sie sich auch vereinseitigt. Kant kan n deshalb, w ie Flatt ihn kritisiert, lediglich blo ß wollen , dass ein Gott sei, 47 womit er das Ab solute, allerdings damit letztlich au ch die ganze daseiende Wi rklichkeit subjektiviert.

Forschungsgemeinschaf t h g. v. der Rh einisch-Westf ä lischen Akadem ie der Wi ssenschaften (bzw. Nordrhein-Westf älischen Akademie der Wi ssenschaften und K ü nste), Hamburg 1968 ff. , B d. 1, 100.

46 Vgl. Dieter Henrich: He gel im Ko nt ext , F ra nkfurt/M. 1971, 27 ; Walter Jaeschke: Die Ve rnunft in der Religion, Stuttgart-Bad Cannstatt 1986, 131–133.

47 Vgl. J. F. Flatt: Briefe ü ber den moralischen Erkenntnisg ru nd, 7 2.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Nun kommt, wi e g esagt, die Rapp’sche Po sition au ch nicht o hne Kritik am

T ü binger Stor ri anismus aus. Sich ihr au fzuschlie ß en, hei ß t s omit auch, diese

Kr it ik mitzut ragen. Das sollte man auch für die j ü ngeren Stiftler He gel, H ö lderlin und Schelling im Blick haben, weshalb be i ihnen – w ie ja auch bei R app – Kri tik nicht g leich pauschale Abweisung ist. Wi e sehr die j ü ngeren T ü binger be- stimmten Elementen der Stor r-Schule trotz aller Kritik aufgeschlossen bleiben, zeig t sic h i m bislang falsch interpretierten Briefwechsel zwischen Hegel und Schelling um den Ja hreswechsel 1794/95. Schelling be ri chtet, im Stif t gä be es um diese Zeit jede Me nge Kantianer, die den kant ischen Mo ralbeweis an der Schur ziehen, und „ehe man sich’s versieht [ …] das pers ö nliche indivi du elle We sen, das da oben im Himmel sitzt“ her vorsprin gt. 48 Dies ist sicher ke ine Kritik, die die

T ü binger Le hrer au fs Ko rn nimmt , sonder n v ielmehr studenti sche Um tr ieb e im

Tü binger Stift, denen Hegel und Schelling , abe r sicherlich auch H ö lderlin ab- lehnend gegen ü berstanden. Dass mit dieser Kritik, wie o ftmals angenommen, Flatt nicht g emeint s ein kann, geht allein schon aus d er Ta tsache her vor, dass dieser ausdr ü cklich gegen den ka nt ischen moralischen Be we is argumenti ert. 49 We nn Flatt dem Mo ralbeweis etwas abgewinnen ka nn, dann nu r u nt er der Be dingung der G ültig ke it andere Argume nt e, die der kanti schen Po sition schlechthin entgegenlaufen . Eines dieser Argumente for mu lier t nun ausge- rechnet He gel in einem Antwortschreiben von A nfang 1795 an Schelling. In diesem Brief erkl ärt er den Un fug , der im Stif t m it dem Mo ralbeweis get ri eben wi rd, a nhand von F ichtes Offenbarungsschrift , d ie dieser Schlussart „Th ü r u. A ngel“ geö ffnet hab e u nd so „die alte Manier der Dogmatik zu beweisen wieder eingef ühr t hat“. 50 Diese Manier der Dogmatik ist zweifelsohne nicht die der Storrschule, die mit der herrschenden lutherischen Kirchendogmatik, ins- be sondere hinsichtlich der Ve rs ö hnungs- und Re chtfer ti gungslehre, ganz be- stimmte Probleme hat und deshalb au ch nicht o rthodox ist. 51 Ü be rhaupt be- deutet be i d en T übinger n dogmatisch , dass einem der christlich e G laubensinhalt durch blo ß en Glauben zufalle, ohne dass daf ür e ine eigene Bem ühu ng im Le ben, sich diesem w ürdig zu machen, notwendig w ä re. D as ist schlussendlich auch eine Po inte der kant ischen Philosophie, die als theoretisch e Ver nunf t die Id ee eines Un bedingten zwar als Postulat erzeugt, jedoch nicht realisiert, worauf schlie ß - lich be i K ant d as praktisches Postulat aufbaut. Das hei ß t, dass Kants praktischer

48 F. W. J. Schelling an G.W.F. Hegel, 6. Ja nuar 1795, AA III/1, 16.

49 Vgl. etwa J. F. Flatt: Briefe ü ber den moralischen Erkenntn isg rund , 1 3: „[E]s scheint m ir immer, die prac ti sche Ve rn unft spann e vergebens ihre Fl ügel au s, um sich zu dem Ueber- sinnlichen empor zu schwi ngen, wenn der theoretischen die ihrigen in dem Maasse be- schnitten seyen, wie e s durch die Critik der reinen Vernunf t geschehen ist“.

50 AA III/1, 19.

51 Vgl. Albrecht Ritschl: Die christlich e L ehre v on der Rechtf erti gu ng und Ve rs öhnung , B d. 1: Die Geschichte der Lehre, B onn 3 1889, 426 f.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Philosophie ein theoretischer Be gr ü ndungsimpuls vorhergehen muss, den seine theoretisch e Philosophie allerdings s elbst nicht e rbringen ka nn . Hier ko mmt Flatts Kritik an Kants inkonsequentem Begr iff der Kausalit ä t z um Tragen, sofern Kausalitä t n ach Kant nur in der Erfahrung Anwendung finden darf, obwohl er auch ihren transzendentalen Gebrauch, hinsichtlich des Affiziertseins des Sub- jekts durch ein tr anszendentales Objekt, zulassen mu ss. Aus d iesem Grund muss und dar f der moralisch e B eweis auch, so Flatt an vi elen Stellen, um den ko s- mologischen und physikotheologischen erweiter t w erden. Genau d iese Strategie verfolg t nun der junge Hegel, der Schelling in Bezug auf s eine Kritik an den Kantianer n im S ti ft antwortet:

„Wenn ich Zeit h ä tte so w ü rde ich suchen, es n ä her zu be stimmen, wie weit wir–n ach Bevestigung des moralischen Glaubens die legitimirte Idee von Gott izt r ü kwarts brauchen z. B. in Erkl ä rung der Zwekbeziehung, u. s. w. – sie von der Ethikotheolog ie her izt zur Physikotheolog ie mitnehmen, u. d a izt mit ihr walten d ü rf ten – di ß scheint mir der Gang ü berhaupt zu seyn, den man be i der Id ee der Vorsehung , sowohl ü ber- haupt – als auch be i Wundern, u. wie Fichte be i Offenbahrung nimmt u. s. w. Soll te ich dazu kommen, meine Meinung weiter zu entwikeln, so werde ich sie deiner Kritik unterwerfen“. 52

Wo raufhin ihm Schelling antwortet : „ Ein herrlicher Gedanke, den Du au szu- f ü hren im Sinne hast ! Ich be schw ö re Dich, so eilig als m ö gl ich Hand an’s We rk zu legen.“ 53 Hegel be absichtigt also den moralischen Beweis mit einer Physiko- theologie zu erweiter n und in diese einzubetten, um so jene Fehler zu vermeiden, die aus Fichtes Offenbarungsschrift hervorgehen, wenn ihre Grunds ätze einmal fest angenommen sind, was be i den kritisierten kantianisierenden Stiftler n o f- fenbar der Fall ist. Die Sto ß ri chtung des Hegel’schen Planes ist klarerweise nicht, aus d em moralischen Be weis einen Be weis f ür das Dasein Gottes zu liefern, sondern im Gegenteil, den moralischen Be weis du rch theoretisch e B eweise zu be st ä tigen. Un d d as ist auch genau j ene Strategie, die Flatt hinsichtlich des moralischen Be we ises im Au ge hatte. Dieser kritisier t n ä mlich Kants Ab weisung des physikotheologischen Be weise s m it dem durchaus tr if ti gen Argume nt , d ass, wenn Kausalit ät nur auf G egenst ä nde in der Anschauung geht, diese jedoch von einem nur g edachten Objekt affizie rt ist (das hei ß t e inem auß er der Vo rstellung liegenden Ding-an-sich), ein transzendentaler Gebrauch der Kausalit ä tskate- gorie vorliegt, den die kritische Philosophie unterstellt, jedoch theoretisch un- ber ücksichtigt l ässt. 54 Wi e Flatt an vi elen Stellen immer wi eder her vorbrin gt,

52 AA III/1, 19 (ohne kritische Zeichen).

53 AA III/1, 21.

54 Vgl. Mu ke ndi Mbuy i: Ka nt s T ü binger Kr itiker. D ie Kr it ik vo n Johann Friedr ich Flatt an Kants moralische m Argument f ü r die An nahme Gottes, Aachen 2001 , 46–69. Siehe au ch Mar tin Brecht: Die Anf änge der idealistische n P hilosophie und die Reze pt ion Kant s in Tü bingen (1788–1795), i n: 500 Ja hre Eberhard-Karls-Universit ä t Tübingen. Beiträ ge zur Geschichte der

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

mu ss deshalb auch der moralische Be weis um den physikotheologischen erg änzt werden. Der moralische Be weis fü hr t n ach Flatt auf e ine Voraussetzung , d ie nicht nur Naturerscheinun gen oder auß ernatü rliche Fa ct a b est ä tigen, wi e e twa die Auct orit ät Jesu und die eines h ö chsten Geistes. 55 Die Allmacht Gottes, aber auch die von F ichte vorausgesetzte Offenbarung oder die Wu nder lassen sic h d urch einen mit Hilfe des kosmologisch und physikotheologisch, also theoretisch ab- gesicherten moralischen Bewe is einsichti g m achen ; auch hier sind Hegel und Flatt ganz einer Me inung. Nicht n ur Kants Kausalit ätsbegriff wi rd von F latt kritisiert. Auch dessen Prinzip der Sittlichkeit als „ eine subjective vor aller Erfahrung hergehende Ve rnunf tn othwendig ke it“, von d er aus s ich eben nicht „ auf e ine ob jective G ül- tigkeit und No thwendig ke it“ schlie ß en l ässt. 56 We il nach Flatt be i K ant d as Ve rbindungsstü ck zwischen Subjektivit ät und objektiver No twendig ke it fehlt, ist das kant ische Sittengesetz einseitig und verfehlt letztendlic h „ alle Antr ieb e z ur Be folgung des Sittengesezes“. 57 Es geht hier um Antr iebe, die weder in einer blo ß en Acht ung vor dem Gesetz noch in einem Wu nsche oder einer Ho ffnung liegen. Vielmeh r b edar f e s zur Ausf ührung des Sittengesetzes eines wi rklichen in der Sinnenwelt gelegenen Antr iebs, um das, was sich im Rahmen der kanti schen Philosophie nur denken lä sst, auch zu erkennen und im wi rklichen Le ben nutzba r z u m achen. Kurzum, die Id een m ü ssen der Erkenntn is zug ä nglich sein; od er, anders gewendet, was gedacht we rden ka nn , muss au ch wirklich und mithin erkennbar sein. Hiermit sin d w ir dem reifen Hegel schon greifbar nahe, der der kanti schen Philosophie diesen in ihr fehlenden Ü be rgang von D enken zu Erkennen immer und immer wi eder angelastet hat. In einem Br ief von 1 793 an Kant erö rter t Flatt dasselb e Problem von e inem etwas anderen Blickwinkel au s u nd frag t i hn, wi e e r e s z u lö sen gedenke ( allem Anschein nach ist der Brief die Folge der für Flatt nicht z ufriedenstellenden Antworten Fichtes). 58 Ist n ämlich Mo ralit ät e twa s blo ß Gedachtes, ist (im Rah- men der kritischen Philosophie) übe rhaupt nicht e inzusehen, wi e sie uns zu

Universitä t Tü bingen 1477–1977, h g. v. Hansmar ti n Decker-Hauff, T ü bingen 1977, 381–428,

408.

55 Vgl. Jo hann Friedrich Flatt: Bemerkungen ü ber den aus der Bi bel, besonders aus der Lehre und Geschichte Je su, hergenommenen Ueberzeugungsg rund von Daseyn Gottes, i n: ders.:

Beytr äge zur christlichen Dogmatik und Mo ral u nd zur Geschichte derselben, Tü bingen 1792, 56 f. Siehe au ch ders.: Briefe ü ber den moralischen Erkenntn isg rund , 105.

56 J. F. Flatt: Briefe ü ber den moralischen Erkenntnisg ru nd, 15 f.

57 J. F. Flatt: Briefe ü ber den moralischen Erkenntnisg ru nd, 18.

58 Vgl. dazu auch Michae l Fra nz, Jo hann F riedrich Flatts philosophisch-theologische Au sein- andersetzung mit Kant , i n: „…an der Galeere der Theologie“? H ölderlins, He gels und Schellings Philosophiestudium an der Un iversität Tü bingen, in: Schriften der Hö lderlin-Ge- sellschaft. Mat erialien zum bildungsgeschichtlichen Hinterg ru nd vo n Hö lderlin, He gel und Schelling , B d. 23/3, T übingen 2007, 189–222.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

wirklich be sseren Menschen machen kö nne. Denn, um einen fr ü heren Gedanken Flatts aufzug re ifen, es gi bt ja ke inen kausalen Einfluss zwischen intelligibler und ph änomenaler We lt, weshalb eine Ver ä nderung , b eziehungsweise moralische Be sse rung kraf t des moralischen Gesetzes der kantischen Philosophie nicht zu erwarten ist. Die Kritik k önnte in dieser konkreten Gestalt v on Rapp be einflusst sein, sie ergibt sich jedoch auch aus F latts Grundgedanken gegen den morali- schen Beweis. Zw ar argume nt ier t F latt, wi e gesagt, nicht mit dem Li ebesprinzip f ür d as be i K ant f ehlende Bindeglied zwischen ph ä nomenaler und intelli gibler We lt, sondern damit, dass nu r d ann, wenn der moralisch e B eweis mit dem physikotheologischen (verbunden mit dem ko smologischen) zusammen- stimmt, 59 er n ützlich f ür d en Me nschen sein kann. Die von F latt gestiftete und von R app weiter au sgebaute Ausgangslage hin- sichtlich der Kant-Rezeption im T ü binger Stif t w ar im Grunde genommen die, wie s ich unser du rchaus legitimes St re ben n ach Gl ü ckselig ke it mit der als richtig anerkannten kant ischen Mo ralphilosophie vereinen lasse. Oder : Wie kann ich meinen Wi llen nac h Glückselig ke it erhalten, ohne deshalb die Fr eiheit aufgeben zu m ü ssen ? H ier geht e s freilich auch um christliche Heilsfragen, sofer n w ir ja au ch als fleischliche We se n d em g ö ttlichen He il vorbestimmt sind, mit der ex- tremen Steigerung der fleischlichen Au ferstehung. Die Diskussionen Anfang der 90er Ja hre i m T übinger Stif t mussten insbe- sondere d ie j ü ngeren Studenten davon überzeugen, dass weder Kant n och Re inhold das verhei ß ene Ve rnunftsyste m e rric htet haben. Das ist auch schon eine Po inte von Schellings Magisterdissertati on De malorum or igine von 1 792. In dem wi chti gen § 7 stellt dieser n ä mlich fest, dass die menschliche Na tur sow ohl sinnlich als au ch vern ünf tig s ei. Das scheint z un ä chst eine offene T ü r, interessant ist allerdings, wi e S chelling aus d iesen be iden Aspekten der menschlichen Na tur seine drei Epochenlehre ausgestaltet, die die gesamte Geschichte der Me nschheit charakterisie rt. D ieses Epochenmodell ist sicherlic h auch von Reinhold inspi- ri ert, obwohl es au ch ein du rchaus zeitgen ö ssisches Topos ist. Die erste Epoche ist durch Sinnlichkeit, die zweite du rch den St re it zwischen Sinnlich ke it und Ve rnunf t und die dritte durch die Ve rnunf t b eherrscht. Gegen Re inholds Au f- fassung , d ass diese dritte Epoche mit der kantischen Philosophie erreicht sei, f ühr t der junge Schelling jedoch an, dass die kant ische Philosophie sie lediglich angekündigt habe. Diese Einsicht konnte Schelling vielleicht der 1791 erschie- nenen Fundame nt schrif t Reinholds entn ehmen, die erstmals den blo ß prop ä- deutischen Charakter der kritischen Philosophie bez ügl ich des noch aufzustel- lenden Systems der Vernunf t h er vorhebt. 60 Re inhold deutet also in seinen sp ä- teren Schriften auf e ine weder von K ant n oc h von ihm selbst geleistete Aufga be

59 J. F. Flatt: Briefe ü ber den moralischen Erkenntnisg ru nd, 105.

60 Karl Le onhard Reinhold: Ueber das Fundament d es philosophischen Wi ssens, Jena 1791, 115 f.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

hin, die allerdings in T ü bingen be reits von Rapp in Ang ri ff genommen worden war. D ie j üngeren T ü binge r kon nt en in Rapps Po sition eine erfolgversprechende Id ee erkennen, die – auch von F latt – anerkannten Einseit ig ke iten der kanti schen Position zu ü be rw inden, um endlich so da s vollkommenste Sy stem hervorzu- bringen. Alle Indizien weisen darauf hin, was in seiner ganzen Provokation hier einfach einmal gesag t werden soll, dass Kant f ür die j ü ngeren Tü binger schon gegessen war, a ls sie mit der Au sarbeitung ihrer eigenen Philosophie begannen. Das zeigt auch ein Blick au f die Kant-Bez üge in den frü heren Arbeiten von S chelling und Hegel, wo sich hinsichtlich der Philosophie Kants lediglich Gemeinpl ätze und nur selten Zitate od er gar Erl äuterungen zu irgendwelchen Raffinessen seiner Philosophie finden. Das sollte hinsichtlich des gä ngigen Bildes einer Ko nt inuitä t o der Einheit der Klassische n Deutschen Philosophie von K ant bis Hegel/Schelling nachdenklich stimmen. Meines Erachtens wi rd man sich sehr viel st ä rker als bisher mit der in T ü bingen seit Flatt gescha ffenen Au sgangslage der Kant-Diskussion be fassen m ü ssen, um zu verstehen, was be i Hegel und Schelling philosophisch überhaupt passier t ist. Je denfalls scheint e in wi chtiger Hinterg rund für die Au seinander- setzung mit Kant und Re inhold die Frage gewesen zu sein, wi e unser legitimes Streben nach Gl ückselig ke it ohne Ve rlust unser Freiheit systematisch zu ent- wi ckeln ist. Dieses Anliegen hat seinen Ur sprung in der Flatt’schen Kant-Kritik. Eine L ö sungsstrategie hat er lediglich angedeutet. Rapp war es dann, der unter Zuhilfenahme des Li ebesbeg riffs den Ve rsuch unternommen hat, die schroffe kanti sche Gegen übe rstellung von P flicht und Ne igung systematisch zu übe r- br ücken. Be i s ei nem Li ebesbeg riff geht e s u m e in selbst lebendiges Prinzip, die selbst nur als lebendig zu verstehende Be zogenheit von Sinnlichem und Ü be r- sinnlichem darzutun. Dass die Substanz als Su bjekt verstanden werden muss, ist Hegels technische Version dieser Einsicht. Systematisc h arbeitet er sie in seiner Wissenschaft der Logik heraus, wo das Lebe n d as erste, noch unvermittelte Mo ment der Id ee ist. Das s d as Denken od er die reine Ve rnunf t l ebendig ist und auch so verstande n w erden muss, war jene Einsicht, durch die die Klassische Deutsche Philosophie ihre eigentliche Be deutung f ür unsere Zeit erlang t hat. Re inholds Re kurs au f den Zeitgeist hat diesen Gedanken in seiner ganzen, da- mals jedoch auch noch unverstandenen Un mittelbarkeit gestiftet. Diese Le- be ndig ke it ist in den meisten der sp äteren philosophisch wi chtigen Grund- st rukturen pr ä sent; ob nun in Schopenhauers Wi llen, Nietzsches Machtwillen, Heideggers Sein oder Wi ttgensteins Sp rache, ü berall geht es u m s elbstzweck- hafte Grundst rukturen, die au ß erdem auf e in irgendwie physikotheologisch erschlossenes Ab solutes hinausweisen, ob als blinder Wi lle, Ü be rm ensch, ret- tender Gott oder schweigender Sprache verstanden.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Ausblick : Kants Opus postumum und Hegel

Hat nun Kant jene in T ü bingen erkannten systematischen Problem e auch selbst gesehen ? Ich bin der Me inung , d ass er das in gewisser We ise hat, und dabei au ch die soeben erw ä hnte Le be ndig ke it versucht hat, philosophisch zu ber ücksich- tigen. 61 Das umfang reiche Fragment, das heut e unt er dem Ti tel Opus postumum be kannt i st, unternimmt in seinen fr ü heren Te ilen in der Ta t d en Ve rsuch, einen durch das re ine Denken selbst gefü hrten transzendentalen Be weis f ür den em- pirischen Materiebeg ri ff zu erbringen, womit er vi elleicht die in der Transzen- dentalphilosophie erkannte L ü cke b eheben wollte, was allerdings au s d en Te xt- fragmenten nicht so k lar hervorgeht. In den sp ä teren Te ilen des Fragme nt s r ü ckt dann die Mo ralphilosophie zu- nehmend in den Vordergr und. Hier stellt der alte K önigsberger S ä tze auf, die Flatts Forderung nach einer kausalen Wi rkung der re in-sittliche n Idee auf d en Me nschen entgegenkommen : „ Auch Id een der moralisch-prac tischen Vern unft haben be wegend e Kr ä ft e auf die Na tur des Me nschen“. 62 In dem sp ä testen ersten Ko nvolut des Opus po stumum geht e s d ann um einen h öchste n Standpunkt der Transzendentalphilosophie, wobei der seiner Pflicht, das hei ß t Gott angemes- sene Me nsch in der We lt steht u nd so Gott und We lt miteinander vereinig t „ in Einem das All der We sen vereinigenden Sy stem der reinen Ve rnunft“. 63 Der Me nsch wi rd in diesem System als die Verbindung einer Spont aneit ä t o hne Re zeptivit ä t ( Gott) und einer Re zeptivit ät o hne Sp ontaneit ät ( We lt ) v orgestellt. 64 Sofern sich der Me nsch od er da s Ich sowohl als erkennend als au ch als frei selbst bestimmt , kö nnen kraf t d ieser Selbstbestimmung , das hei ß t e iner Wi rkun g d es Su bjekts au f s ich selbst, au ch We lt und Gott miteinander vereini gt werden. Le- be ndige Selbstbestimmung ist somit das eigentlich zentr ale Prinzip der Tran- szendentalphilosophie. Sie folg t u nmittelbar au s d er Ta ts ache der Erfahrungs- erkenntn is . E rfahrungserkenntn isse gibt es n ämlich vi ele, die jedoch alle in dem einen Ich z usammenkommen. Un d d ieses Ic h h at die be iden Seiten, zum einen, wi e d ie eingestandene Ta tsache der Erkenntn is, empirisch zu sein, zum anderen allerdings auch transzendental zu sein, sofer n es ja auch alle meine Vo rstellungen be gl eitet. Als empirisches Ic h e xistiere Ic h a ls raum-zeitliches We sen, dessen Existenz allerdings auch einen Grund haben muss, den sich die erkennende Existenz selbst setzt – da sie sich ja nicht unt er raumzeitlichen Be dingungen erkennen lä sst – u nd zwar a prior i a ls Bedingung der M ögl ichkeit von E rkenntnis

61 Vgl. dazu Ernst-Otto Onnasch: The Ro le of the Organi sm in the Tran scendental Philosophy of Kant ’s Opus postumum, in: Ka nt ’s Theory of Bi ology, h g. v. Ina Goy/Eric Watkins, B er lin/New Yo rk 2013, 239–256.

62 I. Ka nt: Opus Po stumum, A ka d.-Ausg . X XII, 59.

63 I. Ka nt: Opus Po stumum, A ka d.-Ausg . X XI, 38.

64 Vgl. I. Kant: Opus Po stumum, Aka d.-Ausg. XXI, 40.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

überhaupt. Kraf t d ieser Be dingung setzt es sich diesen Grund spontan und mithin frei, wo du rch sich das Ich auch selbst und zwar denkend zur wi rklichen We lt machen kann, die einerseits in der Anschauung immer nu r a ls eine par ti elle Erkenntn is der ganzen We lt od er der einen Erfahrung gegeben ist, anderseits aber auch ein Akt der Freiheit ist, die aus d iesem Grunde au ch mit der We lt verbunden gedacht w erden mu ss. Erfahrungserkenntn is zu haben od er zu be haupten, setzt in uns einen Grund der Existen z voraus, zu dem wi r zwar lediglich Zugan g kraf t des Denkens haben und der mithin st re nggenommen nicht so existiert , w ie die We ltteile in der Anschauung existieren, welchen Grund wi r uns aber dennoch selbst frei er- schaffen m ü ssen, wenn die Be hauptung Erfahrungserkenntn is zu haben, sinn- voll sein soll, was ja die kritische Philosophie voraussetzt. Sind wi r also in der Lage au ch nur irgendetwas zu erkennen, ist damit die Tr anszendentalphiloso- phie in Gang gesetzt, um aus d em Denken zwar nicht den Inhalt, allerdings die Formen hervorzubringen, unter denen alle Erkenntn is eines Ve rnunftwesens steht. Die Fragmente des Opus postumum lassen sich somit durchaus vor dem Hinterg rund jener Probleme lesen, die die T ü binger der ka nt ischen Philosophie attestier t haben, weshalb diese Fragme nt e auch du rchaus als eine Alternative zu den groß en nachkanti schen Entw ürfen verstanden werden k ö nnen. In gewisser We ise steht K ants sp ä ter Entwur f im Opus postumum unter der Be dingung der Ta tsache vo n E rkenntn is, vo n d er dann gezeig t w ird, dass sie genauso unmittelbar ist, wi e s ie au ch vermittelt ist. Gen ügt Kant s Sp ä tansatz damit allerdings d em spekulati ven S atz ? Man wi rd hier meines Erachtens He gel Re cht g eben m ü ssen, dass dem nicht so i st, sofer n n ä mlich die kant ische Tr an- szendentalphilosophie ihre Formalit ä t n icht v ermag abzulegen. Sie entbehr t j ede Su bstantialit ät, solang e Existenz oder Dasein von A nfang an unter dem Ge- sichtspunk t unendlicher Zeit und unendlichem Raum steht. Die Einheit, unter der Raumzeitliches gedacht w ird, ist n ämlich niemals eine substantielle Einheit von R aum u nd Zeit , sondern eben nur e ine gedachte, das hei ß t formell-ideelle od er blo ß regulati ve Einheit. Un d w egen der Un endlichkeit von Raum u nd Zeit gi bt es nu r a ngeschautes Dasein und daher kann die To talit ä t d es Daseins le- diglich nur u nt er einem formalen Gesichtspunk t er ört er t w erden. So kann ich zwar wi ssen, dass ich frei handeln kann, niemals jedoch, ob meine Handlung auch wi rklich frei ist. Un d h iermit har rt das anthropologische Problem der moralischen Be sserung des Me nschen der L ö sung. Diese Formalit ä t meinte He gel zu übe rwi nden, indem er die Freiheit in die We lt legt, die sich als Ge ist be ziehungsweise als Institution re alisiert. He gels philosophische L ösung zahlt allerdings keinen geringen Preis, sofer n n ä mlich die eigentlich e Individualit ä t des im Re chtstaat handelnden Individuums letzt- endlich be deutungslos ist. In Be zug auf d en Geist, egal ob dieser sich als Voll-

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

st re cker des We ltgeistes od er als institutionalisierter Geist manifestiert, ist es n ä mlich vollkommen egal, ob man als Individuum moralisch oder unmoralisch handelt, ledig lich ein Handeln gegen den Geist oder gegen die Inst itut ion hat wirkliche Ko nsequenzen fü r das Individuum. Das hei ß t, ob ich nun ein guter od er ein schlechter Me nsch bin, geht den Geist nichts an, es se i d enn, es gi bt einen pers ö nlichen Gott. Un d ein solcher Gott ist von Hegel vi elleicht i rgendwie intendiert, bleibt jedoch philosophisch au f d er Strecke. Von Hegel zu Nietzsches Nihilismus ist der Schritt dann nicht mehr gro ß, wobei au ch die den Nihilismus ü berw indende Wi llensbejahung als Wi lle zur Macht j enseits aller Mo ral ist. Die Alternative K ant o der Hegel spitzt sich somit auf die Frage zu, ob wi r moralisch sein sollen, ohne jemals zu wi ssen, ob wi r es auch wi rklich sind, oder ob wi r unt er einem freien Ge ist handeln sollen, dem meine Individualit ät l etztendlic h v öllig egal ist. Die Herausforderung der Klas- sischen Deutsche n Philosophie scheint somit darauf hinauszulaufen, ob und wie sich noch ein der Mo ralit ät verpflichtetes Individuum ohne einen pers ö nlichen Gott re tten l ä sst. Vor d em Hinterg rund dieser He rausforderung ist He ideggers Gelassenheit oder fragende Einstellung des Me nschen noch lä ngst ke ine Ü berwi ndung der klassischen Me taphysik. Denn He ideggers Frage h ä lt den gelassenen Me nschen ans Sein, w ährend der nichtfragend e Mensch der Seinsvergessenheit anheim- gestellt ist. Die Frage baut an einem Empfangsor t fü r d as Re ttende, erlischt jedoch die Frage, gi lt dasselb e auch f ür die Re ttung . M itunter bleiben wi r auch als Fragende in der Verantwortung ohne zu be sitzen, was es zu verantworten gi lt, n ä mlich das Re ttende. Ein nachmetaphysisches von d em rettenden Sein wi rklich erf ü lltes Leben ist also trotz aller Fragen vorerst der Sprachlosig ke it anheim- gestellt. Zur Sp rache ko mmt lediglich, was m ögl ich ist, wi rklich ist es damit freilich noch nicht. Das Wi rkliche ist sprachlos. Un d d as ist im Grunde ge- nommen die kanti sche Position, die uns ebenfalls in der Ve rantwortung f ü r M ögl iches und nicht f ür Wirkliches h ä lt (denn ob eine Handlung wi rklic h frei ist, kann nicht g ewusst werden). Na ch He gel ist die Frage, ob wir u ns fü r Wirkliches zu verantworten haben, allerdings mit ja zu be antworten, obwohl die Verant- wortung von der Wi rklichkeit erzwungen ist, sofern das Individuum ganz in den freien Geist au fgeht. Das Individuum ist hinsichtlich seiner personellen Indivi- dualitä t l ediglich scheinbar frei im freien Staat, denn diese personelle Indivi- dualitä t i st dem Staat ganz und gar egal. Ist mithin He ideggers fragender Me nsch und die Frage selbst die allerletzte Festung eigentlich freier Individualit ät? Ist nu r der K ünstler und Philosoph in eigentlichem Sinne frei ? Und ist deren Aus ü bung von Freiheit die Ve rw irkli- chung einer institutionslose n F re iheit, im Sinne des kommenden Re tters ? K ann die Freiheit mithin ü berhaupt noch als die Freiheit eines daseienden Seins oder gar eines entborgenen und damit wahren Seins verstanden werden ? Werfen uns

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

die Entwicklungssträ nge der Klassischen Deutschen Philosophie also in eine Freiheit, die ganz ohn e Wahrhei t auskommen soll ?

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Alexander Schubach

Die Fr age nach dem Anfang der Philo so phie. Hegels Phänomenologie de s Geist es als wissensc ha ftliche Hinführung zum philosophische n System

1.

Einleitung

1.1 Problemexposition : Die Fr age nach dem Anfang der Philosophie

G.W.F. Hege ls 1807 publiziertes erstes Hauptwerk, das unter dem voll stä ndigen Titel Sy stem der Wissenschaft. Erster Theil. Die Ph ä nomenologie des Geistes 1 erschien, ve rstand er als gr undlegenden ersten Te il des geplanten Gesamtsys- tems, welchem die prop ä deutische Au fgab e e iner Einf ü hrung in dasselb e z u- ko mmt. 2 Aus w elchen Gr ünden setzt He gel seinem Sy stem, und das hei ß t d er Philosophie als Wi ssenschaft, eine Hinführung zum wi ssenschaftlichen Stand- punkt voraus? Diese Frage erw ä chst nicht aus einem blo ß en Interesse an einer werkgeschichtlichen Einordnung von Hegel s Frühw erk 3 , sondern zielt gr und-

1 G eorg Wilhelm Fried rich Hegel: Ph änomenologie des Geistes, i n: ders.: Gesammelte We rke, in Ve rbindung mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft hg . v. d er Rh einisch-Westf ä lischen Akademie der Wissenschaften (bzw. Nordrhein-Westf ä lischen Akademie der Wi ssenschaften und K ü nste), Hamburg 1968 ff. , B d. 9, hg . v. Wolfgang Bonsiepen/Reinhard Heede , H amburg 1980. Im Folgenden zitier t als GW mit Angabe der Bandnu mm er in arabischen Zahlen.

2 Hierbei ist zu be tonen, dass die Phä nomenologie des Geistes als Hinf ü hrun g zur Wissenschaft den erste n Teil der Wi ssenschaft au smacht, insofern, wi e i m F olgenden noch zu erlä uter n i st, die dargestellten Bewusstseinsgestalten von A nfang an Fo rmen des absoluten Wi ssens sind.

3 Auf die Frage, ob die Phänomenologie des Geistes in der spä teren Sy stemfassung ihre syste- matische, wesentlich einf ü hrende Funktion eingebüß t h at be ziehungsweise ob dieselbe dem Sy stem als zweiter Te il der Philosophie des subjektiven Geistes lediglich integrier t w urde, kann i m Kontext dieses Au fsatzes nicht e ingegangen werden. Vgl . h ierzu : E merich Coreth:

Das absolute Wi ssen bei He gel , i n: Zeitschrift f ür Kat holische Theologie 105, He ft 4, Wien 1983, 389–405, hier : 389 f. Mar ti n Heidegger: Erläuterung der „Einleitung“ zu He gels „Phä nome- nologie des Geistes“ (1942), in : d ers.: Gesamtausgabe, I II. Ab t. , B d. 68: He gel, hg. v. Ingrid Schüß ler, Fra nkfurt/M. 2 2009, 63–146, hier : 65–72. Ders.: Gesamtausgabe, I I. Abt. , B d. 32:

He gels Phä nomenolo gi e des Geistes, hg . v. I ngtraud G ö rland, Frankfurt/M. 3 1997, 1–61, hier:

1–13.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

legender au f die Problemati k d es Anfangs der Philosophie ü be rhaupt : D er An- fang des Philosophierens, so He gel in der Vo rr ede , m ü sse von d er Philosophie als ihr Anfang notwendig vermit telt werden, oder anders for mulier t: Die Ve rm itt- lung ihres Anfangs ist der Philosophie wesentlich. 4 Mit dem Begr iff des Anfangs ist nicht e in zeitlich zuerst fassbares Entwick- lungsstadium im Sinne des Be ginnens gemeint, sonder n er b ezeichne t zun ächst ganz allgemein mit Aristoteles gesprochen die !qw , n ä mlich dasjenige, von woher etwas au sgeht. 5 Als solche ist sie der Erm ö gl ichungsg rund, der niemals zeitlich zur ückgelassen werden kann, insofer n er das von i hm Erm ö gl ichte durchwaltet und be gr ündet. Der Anfang der Philosophie be schreibt demnach das der Sache nach Erste im Sinne des be gr ündende n Pri us, von d em au sgehen d d ie Ko mplexitä t der Wi rklichkeit systematisch und das hei ß t i m Aufweis der inneren Gliederung der Einheit und Unterschiedenheit des Seiende n b eschrieben werden soll. Vor d em Hinterg rund dieser skizzenhaften Charakterisierung des Anfangs der Philosophie gewin nt die Frage nac h der No twendig ke it der Ve rmitt lu ng desselben erst ihre Brisanz : Worin sieht Hegel die No tw endig ke it be gr ündet, zum Wissen des sachlichen Prius als schlechthin nicht o bjektivierbare Größ e hinf ühren zu m üssen ? E inleitend soll die Grundproblematik, welche in der zu- letzt gestellten Frage zum Ausdruck ko mmt und der sich He gel in der Ph ä no- menologie des Geistes wi dmet, vor dem problemgeschichtlichen Horizont näher be schrieben werden.

1.2

Problemgeschichtlicher Horizont 6

1.2.1

Das Problem der endlichen Vernunft in der Tr anszendentalphilosophie Kants als Ausgangspunkt des Schellingschen und Hegelschen Fr ageansatzes

Den Ausgangspunkt markier t die Transzendentalphilosophie Kants, die sich unter anderem der Fr age nach der gr unds ä tzlichen Erm ögl ichungsbedingung

4 Vgl . das programmatische und seinem Gehalt nach im Folgenden noch zu erl ä uternde Zitat au s d er Vo rr ed e: „Das Wa hre ist das Ganze. Das Ganze abe r i st nu r d as durch seine Ent- wi cklung s ich vollendende We sen. Es ist von d em Ab soluten z u s agen, da ß es wesentlich Resultat , da ß es erst am Ende das ist, was es in Wa hrheit ist ; und hierin ebe n b esteht s eine Na tu r, Wi rkliches, Subj ect, od er sich selbst We rden, z u s eyn. […] Der Anfang , d as Princip, od er das Absolute, w ie es zuerst und unmittelbar au sgesprochen wi rd, ist nur das Allgemeine.“ (GW 9, 19)

5 A ristoteles : Met. 1012b–1013 a ( = Aristoteles: Me taphysik , 1. H albband : B ü cher I [ A]–VI [E], hg . v. Horst Seidl, Hamburg 2 1982, 176–179).

6 Vgl . f ü r d as Folgende : E. C oreth: Das absolute Wi ssen bei He gel, 390–395.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

unseres We ltbezug s s tellt : Worin be steht d ie Be dingung der M ö gl ichkeit des Ü berhaupt-Erscheinen s v on etwas und damit von E rkenntn is ü be rhaupt, so lautet die Gr undfra ge der Kr itik der re inen Ve rnunft . Im Zuge der Selbst re fl exion der Ve rnunf t u nt erscheidet sie zwischen den empirischen Inha lt en einerseits, und den in ihr selbst liegenden Erm ögl ichungsgrü nden des Ü be rhaupt-Er- scheinens eben dieser re zeptiv erworbenen Qualit ä ten andererseits. Me nschliche Erkenntn is ist stets von z wei Ko mponenten ko nstituier t: Anschauung und Denken. Das anschaulich Gegebene muss denkend und das hei ß t b eg rifflich be stimmt werden. 7 Es ist die überi ndivi duell sich vollziehende Ve rnunf t o der mit dem Kanti schen Te rm inus gesprochen : d as tr anszendentale Su bjekt, das die Be dingungen f ür d as Ü be rhaupt-Erscheinen eines Gegenstandes f ü r das Subjekt be reitstellt. Zusammengefasst kann der kanti sche Erkenntn isbeg ri ff wi e f olg t b eschrie- be n werden : D as Su bjekt setzt die ihm rezeptiv, das hei ß t sinnlich gegebenen Qualit ä ten voraus, be st immt jedoch dieses Vorauszusetzende, indem es das Gegenstand sein des Gegenstandes f ür das Subjekt a p riori konstituiert. 8 Die Ve rnunf t als eine auf Vorgab e von etwa s angewiesene ist f ür K ant e ine wesentlich endliche Gr öß e: Das transzendentale Su bjekt be stimmt den Gegenstan d n icht hinsichtlich seines Daseins , das hei ß t an sich , sondern nu r hinsichtlich seiner Gegenst ä ndlichkeit, qua seines Erscheinen-k önnens f ür d as Subjekt. Es bleibt letztlich auf d ie Affektion eines Dinges an sich angewiesen. Damit wi rd jedoch – u nd dies ist im gegenw ä rt igen Kont ext der entscheidende As pekt – e ine ur- spr ü ngliche Affinitä t des Dinge s an sich als In begriff aller Erkenntn isgegen- st ä nde und des tr anszendentalen Subjekts als In begriff aller Intelligenz voraus- gesetzt. 9

7 Die nachfolgen d genannten Pa ssage n aus der Einleitung zur Tr anszendentalen Logik fassen das Gesagte pr ä gn ant z usammen : I mmanuel Ka nt: Kr itik der reinen Vernunft , i n: ders.:

We rkausgabe. 12 B ä nde, B d. 3/4, hg . v. Wilhelm We ischedel, Frankfurt/M. 1974, A 5 1/B 75.

8 Kant s tellt sich die rhetorische Frage, ob wi r b ezü glich der Frage nach der Reichweite unserer Erkenntnis nicht „damit be sser fortkommen, daß wi r a nnehmen, die Gegenstä nde m ü ssen sich nach unserem Erkenntn is ric ht en, welches so schon b esser mit der verlangt en Mö g- lichkeit einer Erkenntnis derselben a prio ri zusammenstimmt, die ü ber Gegenstä nde, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll“ (I. Kant: Kr it ik der reinen Vernunft, B XVI ; im Original kursiv gedruckt).

9 Fü r e ine alternat ive der heute weithin akzeptierten Le sar t K ants siehe : G erhard G otz: Der „intelligible Charakter“ des Me nschen , in: Ho mo universalis. Evolution, Inform atio n, Rekon- st ru ktion, P hilosophie . Festschrift fü r E rhard Oeser ( = Wi ener Arbeiten zur Philos ophie. Re ihe B: Beitr ä ge zur philosophischen Forschung 21), hg . v. S tephan Haltm ay er/Franz M. Wuke ti ts/ Gerhard G otz, Frankfurt/M. 2011, 93–120, hier : 101–120.

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

1.2.2 Schellings identitätsphilosophischer Ansatz 10

Indem der tr anszendentalphilosophisch e A nsatz Kants wesentlich von d er Endlichkeit der die Gegenst ändlich ke it des Gegenst ands ko nst ituieren den Ver- nunf t ausgeht, lasse Kant, wi e Schelling be merkt, die Frage offen, wi e t ran- szendentales Subjekt und Objekt in einer sie umg re ifenden Einheit vermittelt sind. 11 Gehen wi r auf die Kritik Schellings n äher ein, indem wi r Schellings Begr iff der Differenz explizieren:

Differenz wird von S chelling als Selbstdifferenzierung einer ihr ü be rgeord- neten Einheit verstanden : Es i st die Einheit, welche sich selbst differenziert. Nur innerhalb dieser ihnen sachlich vorgeordneten Einheit k önnen Entgegengesetze ihren Gegensatz entfalten. Die Einheit dar f hierbei in ke iner We ise als synthe- tische Einheit verstanden werden, welche die Gegens ätze lediglich voraussetzt und erst nachträ glich, das hei ß t rein ä u ß erlich vereint. Sie muss vi elmeh r a ls eine urspr ü ngliche Einheit begr iffen we rden, die selbst den Ur sprung der Differenzen ausmacht. 12 Ke hren wi r zu Schellings Kritik an Kant z ur ück : D er Kanti sche Ansatz vermag es nach Schelling nicht, die im konkreten Wi ssensvollzug waltende Id entitä t von Su bjektivem und Objektivem, das hei ß t v on Denkvollzu g u nd seinem Inha lt zu erkl ä ren, sonder n b leib e b ei einer Dualit ät von Subjek t und Objekt stehen, welche die Grundst ruktur des menschlichen Wi ssen s – wohlgemerkt sowohl in seinem theoretischen als auch in seinem praktischen Vollzug – nicht a ngemessen be schreibt. Re flektieren wi r n ä mlich, so Schelling in den Einleitungspar ti en seines 1800 erschienenen Sy stems des transscendentalen Id ealis mus, auf unser je inhaltlich be stimmtes Wi ssen, so k ö nnen wi r z war nachträ glich zwischen zwei Mo menten – unserem Wi ssen und dem im Wi ssen Gewussten – u nt erscheiden, im Vo llzug des Wi ssens jedoch handle es sich um zwei Mo mente eines Vo llzuges. 13

10 Vgl. dazu den demn ä chst erscheinenden Au fsatz d es Verf .: Reflexive Entwicklung und sys- temati sch st rukturelle Entfaltung d es philosophischen Begriffs der absoluten Identit ä t als Hinführung zu Schellings W ürzburger System von 1 804 , in: Schelling in W ü rzburg , h g. v. Christian Danz/Patrick Le istner, S tuttgart-Bad Cannstatt (im Erscheinen).

11 Friedrich Wilhelm Jo seph Schelling: Zur G eschichte der neuere n P hilosophie (M ünchener Vo rlesungen ; aus dem handschriftlichen Na chla ß), in : d ers.: S ämmtliche We rke, h g. v. Ka rl Friedrich August Schelling, 1. Ab t. , B d. 10, Stuttgart/Augsburg 1861, 1–200, hier : 84 f.

12 Schelling entfalten die hier nu r a ngedeutete Vo rstellung einer „Einheit der Einheit und des Gegensatzes“ u. a. in seiner Schrift Bruno oder ü ber das gö ttliche un d n atü rliche Princip der Dinge von 1 802 : F riedrich Wi lhelm Jo seph Schelling: Bruno oder ü ber das g ö ttliche und nat ü rliche Princip der Dinge. Ein G esprä ch (1802), in : d ers.: Sämmtliche We rke, h g. v. Ka rl Friedrich Au gust Schelling, 1. Abt. , B d. 4, Stuttgart/Augsburg 1859, 213–332, hier : 239, 295, 298. Der be schr ä nkte Rahmen dieses Au fsatzes erlaubt es nicht, au f d ie Diskussion u m d ie Frage, ob die Id ee einer in sich differenzierten absoluten Id entitä t Hegel oder Schelling zuzuschreibe n i st, einzugehen.

13 Friedrich Wi lhelm Jo seph Schelling: System des transscendentalen Id ealismus (1800), in:

ders.: Historisch-kritische Au sgabe , im Auf tr ag der Schelling-Kommission d er Bayerischen

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

Res ümierend kann das Gesagte folgenderma ß en ausgedr ückt werden : D as Er- scheinen eines ko nkreten Inhalts f ür das Wi ssen ereignet sich als unser Wissen selbst. 14 Es gilt im An schluss an Kant – und zwar nicht nur f ür S chelling , son der n in au sgezeichneter We is e auch f ü r Hegel – d iese im jeweiligen Wi ssensvollzug ge- schehene Vo llzugsidentit ä t vo n Wissen und seinem Inhalt zu erkl ä re n, indem die in der Differenz von Subjekt und Objekt waltende Einheit und damit die unbe- dingte Be dingung des gesamten theoretisch en wi e praktischen Wi ssens au fge- zeig t w ird. Insofern die re in bedingende absolute Id entitä t die du rch den Sub- jekt-Objekt-Gegensatz gekennzeichnete Sphä re des menschlichen Wi ssens konstituiert, ist sie als eine nicht objek ti vierbare Gr öß e z u v erstehen und lieg t als Be dingung jegliches Gegenstandsbewusstseins sachlich voraus und zug runde. 15 Wir s ind zur Ausgangsfrage nach dem Anfang der Philosophie zur ückge- ke hr t: Wi ll die Philosophie jenes absolute Prius als Prinzip der Wi rklichkeit ausweisen, so be zieht sich die Frage nach dem Anfang der Philosophie im Rahmen des Schelling’schen identitä tsphilosophischen Systems au f die Proble- matik der Objektivierbarkeit eines an sich nicht O bjektivierbaren. Schelling setzt dem philosophischen System die intellektuelle Anschauung des Ab so lu ten vor- aus; der Philosoph wi rd der absoluten Id entitä t als einer nicht o bjektivierbaren Gr öß e im e inem Akt der unmittelbaren, intellektual sich vollziehenden An-

Akademie d er Wi ssenschaften hg . v. Wilhelm G. Ja cobs/J ö rg Ja ntzen/Hermann Krings, Stuttgart-Bad Cannstatt 1976 ff. , 1. Abt. , B d. 9,1, hg . v. Har ald Kort en/Pau l Ziche, Stuttgart- Bad Cannstatt 2 005, 15–334, hier : 29.

14 Vgl. hierzu G ü nt her P ö ltner: Schö nheit a ls endliche Darstel lu ng des Unendlichen. Schelling , in : d ers.: Philosophische Ä sthetik ( = Grundkurs Philosophie 16), Stuttgar t 2 008, 130–148, hier : 1 30 f.

15 Die absolute Identit ä t a ls das schlechthin Eine lieg t j eder Zw eiheit und Vielheit als deren ermö gl ichende r Grun d voraus. Be denkt man die angesprochene Tran szendenz der absoluten Identitä t, so kann das Eine weder Objekt des Wissens oder einer satzhaften Au ssage, noch als das Su bjekt von Wissen verstanden werden. Versucht Fichte in der Wi ssensch af tslehre von 1794 die Ko nstitution der Subjekt-Objekt-Entgegensetzung im menschlichen Wi ssen im Au sgang einer tr anszendentalen Subjektivit ä t als absolutes Ap rior i z u b eschreiben, so be- stimmt er das Absolute d och w iederum, mit Schelling gesprochen, als ich-haft e Gr öße:

„Wenn abe r F ichte glaube n konnt e“, so Schelling, „den Schwierig ke iten, dene n d er philo- sophisch e G eist unter Vo raussetzung des objektiven D aseyns der Dinge be i E rkl ä run g d er We lt be gegnet, dadurch entgangen zu seyn, daß er die ganze Erkl ä ru ng in das Ich verlegte, so muß te er nur um so mehr sich verbunden erkennen, ausführlich zu zeigen, wi e m it dem blo ß en Ich b in f ü r einen jeden die ganze sogenannte Au ßenwelt mit allen ihren sowohl nothwendigen als zufä lligen Be stimmungen gesetzt sey. […] Allein es ist, als ob Fichte in der Au ßenwelt gar ke ine Unterschied e wahrgenommen h ä tte. Die Na tur ist ihm in dem ab- strakten, eine blo ße S chranke b ezeichnenden Be gr iff des Nicht-Ich, des v öllig leeren O bjekts, an dem gar nichts wahrzunehmen ist, als daß es ebe n d em Su bjekt entgegengesetzt ist, – d ie ganze Na tur ist ihm in diesem Be gr iff so zusammengeschw unden, daß er eine Deduktion, d ie weiter als dieser Be gr iff sich erst re ckte, nicht f ü r n ö thig hielt.“ ( F. W. J. Schelling: Zur Ge- schichte der neueren Philosophie, 9 0 f.)

© 2017, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847106654 – ISBN E-Book: 9783847006657

schauung inne. Besag t S elbstbewusstsein Re flexivit ä t und implizier t j ene wi e- derum die Unterscheidun g v on re flektierendem Subjekt und re flektiertem Ob- jekt, so kann die intellektuelle Anschauung ke ine Form des Selbstbewusstseins be ziehungsweise des endlichen Wi ssens sein. 16 Kann Kants methodisch-systematisches Vo rgehen als re du ktiv be schrieben werden, insofer n er von der Gegebenheit der Erfahrung schrittweise die Be-

dingung der M ö gl ichkeit derselben aufweist , so e rm ö gl icht die Un mittelbarkeit der intellektuellen Anschauung ein – i m weiten Sinne verstandenes – deduktives

mehr vom Be dingten auf d essen Be dingung,

Ve rf ahren : S chelling schlie ß t n icht

die wohlgemerkt stets in Be zug auf d as Be dingte, niemals jedoch als solche in den Blick ko mmt, sonder n er b eansprucht d as Ab solute seinem We sen nach, das hei ß t rein fü r sich, dank der intellektuellen Anschauung au fzuzeigen und in einem weiteren Schritt das Be dingungsverh ä lt nis zwischen Ab solutem und in ihm gr ü ndenden Endlichem aufzuweisen. 17

16 E. Coreth arbeitet in seinem Au fsatz Das absolute Wi ssen bei He gel u. a. pr ä zi se die pro- blemgeschichtliche Stellung von Hegels Frü hw erk im Ko nt ext der Debattenlage um einen identitä tsphilosophischen Ansatz heraus. Wa s j edoc h seine Beschreibung der intellektuellen Anschauung be i Schelling ange ht , w ird seine Interpretation derselben als einen „geradezu my stischen Akt der Gottessch au“ ( E. Coreth: Das absolute Wi ssen bei He gel , 3 92) dem Schelling’schen Problembewusstsei n n icht g erecht, denn der im Gedanken der my stischen Schau z um Ausdruck kommende elit ä re und exklusive Anspruch widerstreb t gerade dem- jenigen Schellings auf e in allgemein nachvollziehbares Verf ahren der Philosophie. Resultiert Coreths Einsch ätzung offensichtlich aus e iner klaren Ab grenzung des Schelling’schen Ve r- st ä ndnis des Ab soluten zur Philosophie He gels, so bleibt jedoch au ch be i Hegel am Ende die Frage offen, w ie eine (wenngleich vermittelte) Erkenntn is des das diskursive Denken tr an- szendierenden Absoluten zu begreifen ist.

17 Schelling orienti er t s ich zwar be i d er Sy stemdarstellung an Sp inoza, es bleibt jedoc h b ei einer blo ß en Orienti erung, insofer n S chelling seiner Sy stemdurchf ührung die fü r das Ve rfahren more g eometrico kons ti tutiven Leitsä tzen, Axiomen und Po stula te nicht z ugrunde legt. Dar ü ber hinaus dar f d er von S chelling zur Beschreibung seines methodischen Vo rgehens gew ä hlte Be griff der Deduktion nicht m issverstanden werden. Schellings methodisches Verfahren zielt nicht auf kausale od er syllogi st isch-deduktive Systemkonstruktion. Z um Sy stembeg riff Schellings sowie d essen Abgrenzung gegenü ber der nach dem Ve rfahren more geometrico verfahrenden Sy stemkonzeption S pi nozas vgl. Paul Ziche: Das Sy stem als Me- dium. Mediale s Aufweisen und deduktives Ab leiten bei Schelling , i n: Sy stem und Systemkritik um 1800 ( = Sy stem der Vern unft. Ka nt und der Deutsche Idealismus III), hg . v. C hristian Danz/J ürgen Stolzenberg , H ambu rg 2011, 147–168, hier : 147 f. sowi e C hris tian Danz: Natur und Geist. Schelling s Systemkonzeption z wi schen 1801 und 1809 , in: Systeme in Be wegung: