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ThPh 66 (1991) 570-573

WAs IST PHÄNOMENOLOGIE?

Was ist Phänomenologie? Er selbst ist in keinem der beiden Lager groß geworden. Er war Mathematiker, ar-
beitete als Assistent bei Weierstraß in Berlin und hatte als Jünger der strengsten aller
Wissenschaften eine gewisse Geringschätzung für die Philosophie, die ihm gar nicht als
(Nachdruck aus: Wissenschaft/Volksbildung - Wissenschaftliche Beilage zur eine Wissenschaft erschien. Das wurde anders, als er - nach einer Promotion* - in
Neuen Pfälzischen Landes-Zeitung, Nr. 5, 15. Mai 1924) * Wien in Franz Bren tanos Vorlesungen kam. Hier spürte er den Geist strenger Wis-
senschaftlichkeit und fühlte sich bewogen, mit der Philosophie nähere Bekanntschaft
VoN EDITH STEIN zu schließen. Er wurde Brentanos Schüler, und wenn dieser Mann auch seine eigenen
Bahnen ging, so hat doch der Geist der Scholastik seinem Denken das Gepräge gege-
ben. Und so zeigen sich hier gewisse Verbindungsfäden zwischen der philosophia per-
In den Spalten dieses Blattes hat schon manches über Phänomenologie und Phäno- ennis und dem allerrnodernsten, scheinbar ganz ahnenlosen Zweig der Philosophie.
rnenologen gestanden, wozu ich gern ein Wort gesagt hätte. So fand ich kürzlicli H us- Freilich betrifft das nur den Geist des Philosophierens, denn bestimmte Lehren hat
serl als Neukantianer bezeichnet, in einem Atemzug mit Rickert, mit dem er Husserl nicht herübergenornmen. Als er daran ging, selbständig zu philosophieren, ließ
nicht viel mehr zu tun hat, als daß er sein Nachfolger auf dem Freiburger Lehrstuhl ist er sich nicht von irgendwelchen Schriften der Vorzeit leiten, sondern von den Proble-
- eine Tatsache, die in dem philosophischen Leben Freiburgs eine Revolution bedeu- rnen selbst. Zunächst reizte es ihn, die Grundbegriffe der Wissenschaft, mit der er sich
tete. Hier scheinen mir einige aufklärende Bemerkungen arn Platze. bisher beschäftigt hatte, der Mathematik, einer philosophischen Klärung zu unterzie-
hen: sein erstes Werk war die "Philosophie der Arithmetik". Von da führte der
1. Weg dem sachlichen Zusammenhang der Problerne nach ganz naturgemäß zu den
Grundfragen der Logik. Und so entstand im nächsten Jahrzehnt das große Werk, das
Zunächst etwas über die Entstehung der phänomenologischen Schule. Busserls WeltrUf begründet hat: die "Logischen Untersuchungen" (Halle
Ihr Begründer ist Edrnund Husserl; diese Tatsache darf nicht verwischt werden 1901). Hierwandte er bereits ganz bewußt eine neue, eigene Methode an, ~lie er als
dadurch, daß sich sehr bald, von verwandten Ideen ausgehend und sehr stark von Bus- die p h ä n o rn e n o I o g i s c h e bezeichnete. Systematisch dargestellt hat er diese M~­
serl beeinflußt, aber doch vielfach von anderen Triebkräften bewegt, um Max Sehe.- thode erst sehr viel später in den "Ideen zu einer reinen Phänomenologie
! er eine eigene Gruppe gesammelt hat und in der breiten Öffentlichkeit mehr und phänomenologischen Philosophie" (Halle 1913). In der Zeit, die z":'i-
Aufsehen erregt als das Wirken des strengen Fachgelehrten Husserl. schen dem Erscheinen dieser beiden Werke liegt, wurde Husserl von Halle, wo er his-
Husserl in den Rubriken der herkömmlichen philosophischen Schulen einen Platz her als Privatdozent gelebt hatte, nach Göttingen berufen, und hier sammelte sich
anweisen zu wollen ist ein vergebliches Bemühen. Die Philosophie der Neuzeit schei- um ihn ein Schülerkreis, aus dem bald eine Reihe von fähigen Mitarbeitern hervorging.
~et sich in zwei große Lager: in die ka tholis ehe Philosophie, die die großen Tradi- Für die Abhandlungen dieser Schule und der ihr nahestehenden Forscher- ne~en M.
tl~>ne? der _Scholastik, vor ~llern des Hl. Thornas., fo:csetzt, und _in die P~ilosophie, Scheler vor allem die Münchener Philosophen A. Pfänder und M. Geiger -
die Sich mit Nachdruck die moderne nennt, die mit der Renaissance emsetzt, in wurde i.J. 1913 das "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische
Kan t gipfelt und heute in eine ganze Reihe verschiedener Interpretationen und Wei- Forschung" begründet, von dem bisher sechs Bände erschienen sind (bei M. Nie-
terführungen der Kamischen Lehre zersplittert ist. Diese beiden Lager haben sich bis rneyer in Halle). 1916 wurde Busserl nach Freiburg i.Br. berufen, wo er seit dem
vor wenigen Jahren nicht viel urneinander gekümmert. Der Nicht-Katholik pflegte die · Ende des Krieges wieder eine ausgedehnte Lehrtätigkeit ausübt. Die Ergebnisse seiner
Scholastik, der durchschnittliche katholische Student Kant nicht zu studieren. Erst in Forschungen aus dem letzten Jahrzehnt sind noch nicht veröffentlicht. .
den letzten Jahren bricht sich mehr und mehr die Erkenntnis Bahn, daß diese doppelte
Buchführung in Sachen der Philosophie auf die Dauer doch nicht angeht. Und in 2.
nicht-katholischen Kreisen hat niemand mehr dazu beigetragen, dieser Erkenntnis
Boden zu bereiten - ohne es gerade als Ziel anzustreben - als Busserl. Soviel zur Geschichte der Phänomenologie. Nun noch einiges über die Eigenart
ihrer Methode.
Zunächst noch eine Vorbemerkung über den Namen. Er ist ein rechtes Verhängnis,
* Anlaß für den vorliegenden Nachdruck ist der Geburtstag Edith Steins, der sich am denn er muß fast notwendig zu Mißverständnissen Anlaß geben. Es kommt ja den Phä-
12. Oktober 1991 zum hundertsten Male jährt. Die Publikation erfolgt im Einvernehmen nomenoiegen nicht auf "Phänomene" im landläufigen Sinne, auf "bloße Erscheinun-
mit der Leiterin des Edith-Stein-Archivs im Kölner Karmel, Sr. Maria Amata Neyer OCD. gen" an, sonderngerade auf die letzten, objektiven Wesenheiten. Aber der Name ist in
Aufsatztitel, Gliederung, Zwischenüberschriften sowie Sperrungen und in Anführungszei- den letzten 20 Jahren historisch geworden und kann nicht mehr rückgängig gernacht
chen Gesetztes der Originalfassung wurden beibehalten. Ein Originalexemplar des Zei~. , werden. .
tungsartikels befindet sich in der Pfälzischen Landesbibliothek Speyer. Über den Verbleib Was die Methode angeht, so kann eine Einführung in eigentlichem Sinne in knap-
des zugehörigen Manuskripts ist bislang nichts Näheres in Erfahrung zu bringen. Mögli"
eherweise existiert es nicht mehr. · · '·''::· pem Rahmen nicht gegeben werden. Wer sie kennen lernen will, muß sie an der Hand
Seit seinem Erscheinen am 15. Mai 1924 ist der Beitrag, soweit ich feststellen konnte, nirS' · der grundlegenden Werke selbst studieren. Nur ein paar charakteristische Punkte
gendwo sonst veröffentlicht worden. Die einschlägige Forschung hat bis jetzt nahezu . · · ' möchte ich hervorheben, um das Verhältnis der Phänomenologie zu den beiden
nerlei Notiz von ihm genommen. Lediglich in einer einzigen Bibliographie ist er Hauptrichtungen der Philosophie, die ich anfangs erwähnte - der traditionellen scho-
Dabei muß dieser Aufsatz als philosophiegeschichtliches Dokument gelten. Dem heutigeti i::, lastischen und der kantischen -, einigermaßen zu beleuchten.
~enntnisstand zufolge dürfte er Steins erste philosophische Veröffentlichung nach
Ubertritt zum katholischen Glauben (am 1. 1.1922) sein. Er fällt in die Frühphase
Auseinandersetzung mit der christlichen ·Metaphysik. Diese Auseinandersetzung ·ist · ·
gleich eine kritische Reflexion auf die Phänomenologie, vor allem auf die Husserlsche.
des spiegelt der Artikel an mehreren Stellen wider, er ist aber auch selbst ein Teil '' Da Husserl nicht mehrfacher Doktor war, müßte es genauer seiner Promotion heißen.
Prozesses. Wichtige Positionen und Themen aus späteren Arbeiten Steins · Vielleicht liegt ein Druckfehler. vor, oder Stein hat in ihrem Manuskript versehentlich einer
· hier ab. Gott/ried statt seiner geschrieben (G. P.).

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EDITH STEIN WAS IST PHÄNOMENOLOGIE?

1. Die Objektivität der Erkenntnis 3. Der Idealismus


Es ist das historische Verdienst von Busserls "Logischen Untersuchungen":... ein . Wie ist es möglich, daß trotzder radikalen Unterschiede zwischen der phänomeno-
Verdienst, das auch von denen anerkannt wird, die sich im übrigen mit seiner Methode logischen und der kantischen Philosophie doch immer wieder eine Verbindung zwi-
nicht befreunden konnten-, daß er die Idee der absoluten Wahrheit und die ihr schen beiden gefunden wird? Das hat seinen Grund - abgesehen von der
entsprechende der objektiven Erkenntnis in aller Reinheit herausgearbeitet und Gemeinsamkeit, die sich schließlich doch in aller Philosophie a I s Philosophie finden
mit allen Relativismen der modernen Philosophie gründliche Abrechnung gehalten hat · muß - in dem Husse rl s c h e n I d e a I i s m u s. (In philosophischem Sprachgebrauch
-mit dem Naturalismus, dem Psychologismus, dem Historizismus. Der Geist findet bedeutet Idealismus die Auffassung, die eine Abhängigkeit der Welt von einem erken-
die Wahrheit, er erzeugt sie nicht. Und sie ist ewig -wenn die menschliche Natl.lr nenden Bewußtsein annimmt.) Bereits in den "Ideen" fand sich der ominöse Satz:
wenn der psychische Organismus, wenn der Geist der Zeiten sich ändert, dann könne~ "Streichen wir das Bewußtsein, so streichen wir die Welt." In den letzten Jahren hat
wohl die Meinungen der Menschen sich ändern, aber die Wahrheit ändert sich nicht. diese idealistische Grundüberzeugung bei Husserl immer zentralere Bedeutung gewon-
Das bedeutete eine Rückkehr zu den großen Traditionen der Philosophie, und so er- nen. Darin liegt in der Tat eine Annäherung an Kant und ein radikaler Unterschied ge-
tönte aus dem Lager der Angegriffenen alsbald der Ruf: Das ist Platonismus! Das ist genüber der katholischen Philosophie, für die die Seinsselbständigkeit der Welt
Aristotelismus! Das ist eine neue Scholastik! (Was in jenen Kreisen für eine Widerle- feststeht. Aber die ersten Gegner l:iat diese idealistische Auffassung unter Busserls
gung galt.) Aber unter ernsthaften Philosophen wird die Idee der objektiven Erkennt- Göttinger Schülern sowie in Scheler und den genannten Münchener Forschern gefun-
nis seitdem hochgehalten. Auch die Kantianer suchen zu zeigen, daß sie sie für sich in den. Er selbst hat früher stets betont- ob er es heute noch tut, weiß ich nicht, da ich ihn
Anspruch nehmen dürfen. Und ein Psychologist will niemand mehr sein. seit einigen Jahren nicht mehr gesprochen habe-, "die Phänomenologie steht und fällt
nicht mit dem Idealismus". Der Idealismus ist nach meiner Auffassung eine persönli-
2. Die Intuition che, metaphysische Grundüberzeugung, kein einwandfreies Ergebnis phänomenologi-
scher Forschung. Wer sich davon überzeugen will, daß mit den Mitteln der
Die neue Methode hat eine Eigentümlichkeit, die es nicht gestattet, sie unter irgend~ phänomenologischen Methode eine Philosophie von strengster Objektivität und mit
einen der großen Namen der Vergangenheit eindeutig unterzuordnen, obwohl diese realistischer Grundtendenz möglich ist, der lese die Arbeiten von Busserls bedeutend-
Methode sicherlich die Praxis aller großen Philosophen gewesen ist, seit überhaupt in sten Schülern: Adolf Reinach (Gesammelte Schriften, Halle 1921) und Hedwig
der Welt philosophiert wird. Das ist ihr intuitiver Charakter. Was bedeutet das? Die Conrad-Martius, Bergzabern ("Zur Ontologie und Erscheinungslehre der realen
Philosophie ist- nach der Auffassung der Phänomenologen- keine deduktive Außenwelt" im 3. Band und "Realontologie" im 6. Band des genannten Jahrbuches.
Wissenschaft; sie leitet nicht- wie die Mathematik- aus einer endlichen Anzahl "Metaphysische Gespräche", Halle 1921). Von Busserls eigenen Schriften muß betont
von Axiomen, von selbst unbeweisbaren Prinzipien, in lückenlosen Beweisketten nach werden, daß jene metaphysische Überzeugung nur in wenigen Abschnitten hervortritt
den Gesetzen der Logik ihre Lehrsätze ab. Die Zahl der philosophischen Wahrheiten und den Hauptbestand seines Werkes nicht berührt. Und dieses Werk besitzt eine
ist unendlich, und es können prinzipiell immer neue gefunden werden, ohne daß man heute noch nicht zu ermessende Bedeutung. In seinen Geist einzudringen, das erfor-
sie aus den bereits bekannten auf logischem Wege ableitet. Man wird nun geneigt sein; dert ein Studium von Jahren. Aber wer mit wahrhaft philosophischem Sinn auch nur
ihr Vorbild in der naturwissenschaftlichen Methode zu sehen, die auf indirektem Wege eine der "logischen Untersuchungen" oder ein Kapitel der "Ideen" durcharbeitet, der
-durch Aufsteigen von den Tatsachen der sinnlichen Erfahrungen- zu allgemeinen wird sich dem Eindruck nicht entziehen können, daß er eines jener klassischen Mei-
Wahrheiten gelangt. Aber auch das ist nicht der Fall. Die Philosophie ist auch keine sterwerke in der Hand hat, mit denen eine neue Epoche in der Geschichte der Philoso-
induktive Wissenschaft. Induktion und Deduktion können ihr in gewisser Weise bei phie beginnt.
der Herbeischaffung ihres Materials und bei der Darstellung ihrer Ergebnisse hilfrei-
che Hand leisten, aber als ihr spezifisches Instrument dient ein Verfahren sui generis,
ein intuitives Erkennen der philosophischen Wahrheiten, die in sich selbst gewiß
- "evident" - sind und keiner Ableitung aus anderen bedürfen. Diese ·dies
geistige Schauen, ist nicht zu verwechseln mit der mystischen Intuition. Sie ist
übernatürliche Erleuchtung, sondern ein natürliches Erkenntnismittel wie die sinnliche
Wahrnehmung auch; das spezifische Erkenntnismittel für dieidealen Wahrheiten, wie
die sinnliche Wahrnehmung das spezifische Erkenntnismittel für die Tatsachender
materiellen Welt ist. Sie ist keine mystische Intuition, hat aber doch eine gewisse Ver-
wandtschaft damit, sie ist gewissermaßen deren Abbild im Bereich der natürlichen Erc
kenntnis.
Mit der systematischen Ausbildung und Anwendung der intuitiven Erkenntnis
mit ihrer theoretischen Betonung entfernt sich die Phänomenologie von der ka11ti!>chen.
Philosophie und zugleich von der aristotelisch-thomistischen Tradition. Gewisse
knüpfungspunkte finden sich bei Plato und in der m""P'·'""'Jm>coii-alllJ<:ILl>Lmi>coi.t-Inutu,,-
kanischen Richtung innerhalb der kirchlichen
Mittelalters.

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