Sie sind auf Seite 1von 1

Raum/Körper/Text in (post-)phänomenologischer Literatur

Section: Humanities and Social Sciences


Thematic priority: The Organisation and Transformation of Semantic Spaces
Faculty: Philology

Supervisor: Prof. Behrens / Prof. Freitag

Project description:

(1) Mit Sartres L’Être et le néant (1943), Merleau-Pontys Phénoménologie de la per-


ception (1945) und benachbarten Texten sind Gründungsurkunden einer ‚modernen‘
anthropologischen Identitätstheorie gegeben. Sie haben – unterschiedlich - die leibli-
che Verortung des Menschen im Raum als unhintergehbare Basis für alle Selbstent-
würfe und soziale Erfahrungen ausgewiesen. Historisch rückwärtig kann man diese
Linie auf Heideggers Analyse der ‚Räumlichkeit des Daseins‘ zurückführen, ‚nach
vorne‘ – und zwar bis in den Umbruch zu einer metropolitan-postnationalen Welt hin
– kann man sie bis De Certeaus Theorie der ‚arts de faire‘ verfolgen.
(2) Auf der Ebene literarischer Artikulationen von ‚Selbst-Vergewisserungen‘ läßt sich
nun für die Literatur zwischen später Moderne und Postmoderne feststellen, daß vor
allem die Erzählliteratur die Probleme von Konturierungen eines sozial belangbaren
‚Selbst‘ sowie die alienationsbezogenen Entwürfe von (fehlschlagender) Identität an
leiblich/körperlichen Erfahrungen im und am Raum festgemacht hat. Raum ist dabei
zu verstehen als den Sinnen korrelierendes ‚Außen‘ der Dingwelt, aber auch als
Konstellation sozialer Beziehungen und Machtrelationen. Für die französische Lite-
ratur wären bespielhaft dafür Werke zu nennen von Sartre, Sarraute, Simon, Robbe-
Grillet, Le Clézio, Duras, Houellebeq, Goldstein, Ernaux, Résa, im Bereich des
Maghreb Boudjedra oder im Bereich frankokanadischer Literatur Trembley, Poulain.
(3) Die Forschung hat bislang die Körper-Raum-Thematik akzentuiert kulturtheore-
tisch bearbeitet. Weniger hat sie bedacht, daß viele dieser Texte sich an den Vorga-
ben der französischen Phänomenologie und/oder Existenzphilosophie abarbeiten,
indem sie deren Modelle der räumlichen Positionierung des Subjekts experimental
unterschiedlich ausfalten und gleichzeitig die Darstellung im Text-Raum fokussieren.
(4) Das ausgeschriebene Forschungsprojekt sollte hier ansetzen und in paradigmati-
scher Beschränkung (frankoromanistisch oder komparatistisch) sich an einigen der
folgenden Fragen orientieren: (a) Welche Rolle spielt (dingliche und personal kondi-
tionierte) Raumerfahrung für literarische Figuren? (b) In welcher Weise kodiert und
umschreibt Raumerfahrung (Nähe/Ferne/Distanzierung/Begehren/Bei-Sich-Sein
usw.) Bedeutung des Raums? (c) Wie wird der ‚Andere‘ als das personale Gegenü-
ber und/oder als der ‚Fremde‘ an räumlich-leiblicher Erfahrung gebunden? (d) Wie
differenzieren sich aus der subjektiven Sicht literarischer Figuren ‚Sozialräume‘ als
topographisch markierte Kulturen? (d) Wie konturieren sich Übergänge und Übertritte
zwischen diesen letztgenannten Bereichen, aber auch Frontstellungen und unüberb-
rückbare Alteritäten? (e) Inwieweit generieren die genannten Leib-Raum-Subjekt-
Konstellationen unter Bedingungen von komplexen Machstrukturen affektiver ‚Unei-
gentlichkeiten‘ wie Scham, Haß, Abwehr, Verdrängung und invers-komplementäre
Aggression? (f) Welche literarischen Muster entwickeln sich, um auf der Ebene des
‚discours‘ eine Art Räumlichkeit des Textes zu erzeugen, auf dem die Gegenstände
der ‚histoire‘ gestaltet und perspektiviert werden? (g) Wo endet hier das ‚Projekt der
Moderne‘ und beginnen nachmoderne Körper-Raum-Konzepte?