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Kritisch-politische Jugendarbeit

in der Auseinandersetzung mit


Rechtsextremismus
Grundlegung und Perspektive
Friedemann Affolderbach

Kritisch-politische Jugendarbeit …

1 Einleitung

Neben ordnungspolitischen und polizeilichen Maßnahmen gewannen in den


letzten zwanzig Jahren vor allem zwei Interventionsmodelle in der Auseinander-
setzung mit Rechtsextremismus an Bedeutung. Hierzu gehört für den Kontext der
Jugendarbeit die akzeptierende Jugendarbeit als einzige Konzeption für eine Arbeit
mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen. Kernpunkt dieses pädagogischen
Konzeptes war die Idee einer Beziehungsarbeit, die ihren „Blick nicht auf politische
Positionen und auf Verhaltensweisen“ fi xiert, sondern einen Kontext erarbeitet, in
dem sich Personen mit differenten, gegensätzlichen Weltverständnissen begegnen
und diese in einem gemeinsamen pädagogischen Prozess problematisieren (Kra-
feld 1996, S. 35). In den Mittelpunkt rücken die Probleme, die diese Jugendlichen
„mit der Gesellschaft haben“ (ebd., S. 42). Diese Position versteht sich auch als eine
Kritik an einer Jugend- und Bildungsarbeit, die in Form einer Aufk lärungs- und
Belehrungspädagogik als moralischer Appell funktioniert und hierbei die gesell-
schaft lichen „Erfahrungsprozesse“ rechtsextremer Jugendlicher ignoriert (vgl. ebd.,
S. 42). Vor allem Gewalt in Verknüpfung mit rechtsextremen Positionen wurde
als Erfahrungszusammenhang Jugendlicher und als Ausdruck einer Reibung an
gesellschaft lichen Verhältnissen interpretiert (vgl. Wippermann / Zarcos-Lamolda
2002). Hiervon sich abgrenzend, wurde als Reaktion auf ein Erstarken rechtsex-
tremer Hegemoniebestrebungen im Osten der Bundesrepublik im Jahr 2001 mit
dem Bundesprogramm „Civitas – initiativ gegen Rechtsextremismus in den neuen
Bundesländern“ reagiert. Mit diesem Ansatz war ein Perspektivwechsel verknüpft,
der sich von der Fixierung des Problems rechtsextremer Erscheinungsformen
auf Jugendliche löste und von der Grundannahme ausging, dass rechtsextreme
Einstellungsmuster ein gesellschaft lich allgemeineres Problem darstellen und
einer entsprechend angepassten Bearbeitungsform bedürfen. Ein durch das Civi-
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2017 159
R. Braches-Chyrek und H. Sünker (Hrsg.), Soziale Arbeit in gesellschaftlichen
Konflikten und Kämpfen, DOI 10.1007/978-3-658-10848-9_9
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tas-Programm gesetzter Impuls, war z. B. die Einrichtung sogenannter „Mobiler


Beratungsteams“, welche die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen und die
Förderung bürgerschaftlichen Engagements1 zum Ziel hatten. Zentral für die Ar-
beit der „Mobile Beratungsteams“ war ihre gemeinwesenorientierte Ausrichtung,
was auch bedeutete, dass entsprechende konzeptionelle Ansätze Sozialer Arbeit
in diesen Kontext eingebracht wurden. Hiermit war die Vorstellung verbunden,
dass die Entwicklung einer starken demokratischen Kultur im Lokalen rechts-
extreme Erscheinungsformen zurückdrängen könne. In diesem Zusammenhang
war auch für die Arbeit der Mobilen Beratungsteams eine Auseinandersetzung
mit Jugendarbeit von zentraler Bedeutung. Hierbei stand weniger Kritik einer
akzeptierenden Jugendarbeit im Mittelpunkt als vielmehr die Erfahrung mit einer
Jugendhilfe, die zwischen widersprüchlichen Anforderungen der ‚Politik‘, eine
pädagogische Bearbeitung von Rechtsextremismus im Lokalen zu organisieren, bei
gleichzeitiger Bremsung notwendiger finanzieller Ressourcen aufgerieben wurde
(vgl. Affolderbach 2005 und Affolderbach/Höppner 2013). Im Folgenden werde ich
weniger auf die konzeptionelle Rahmung akzeptierender Jugendarbeit und Mobi-
ler Beratungsarbeit eingehen, sondern einzelne Erfahrungen aus diesem Kontext
zur Unterfütterung – auch durch Kontrastierung – bei der Herausarbeitung von
Elementen einer kritisch-politischen Jugendarbeit nutzen.2
Grundsätzlich sind Arbeitsansätze in der Auseinandersetzung mit rechtsextremen
Erscheinungsformen vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher Ver-
hältnisse zu diskutieren, die sich im Kontext neoliberaler Hegemoniebestrebungen
und ihrer Regulationsweisen ergeben. Soziale Arbeit oder Initiativen zur Stärkung
bürgerschaftlichen Engagements sind in diesem Zusammenhang in spezifischer
Weise in die Organisation von Herrschaft einbezogen. Deshalb möchte ich zunächst
einzelne Problematiken und Widersprüche zum Stichwort Neoliberalismus themati-
sieren, um die hiermit verknüpften Veränderungen Sozialer Arbeit und Jugendarbeit
zu skizzieren. Anschließend möchte ich Problematiken und Widersprüchlichkeiten
des Begriffs Rechtsextremismus und Rassismus diskutieren sowie am Beispiel der

1 Anstatt von zivilgesellschaftlichem wird im folgenden von bürgerschaftlichem Engage-


ment gesprochen. Im Kontext des hegemonietheoretischen Konzepts Gramscis hat der
Begriff Zivilgesellschaft eine herrschaftsanalytische Bedeutung (vgl. Opratko 2012). Im
Unterschied hierzu wird in demokratietheoretischen Konzepten Zivilgesellschaft als ein
eigenständiger gesellschaftlicher Bereich mit entsprechenden Akteuren verstanden (vgl.
Klein 2001). In dieser Perspektive geht der ursprünglich herrschaftskritische Aspekt des
Begriffes verloren.
2 Zu kritischen Anmerkungen zur Arbeit der „Mobilen Beratungsteams“, insbesondere
zum verkürzten Verständnis von Gemeinwesen und der Idee des Sozialraums, s. Affol-
derbach 2015.
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beiden Arbeitsansätze exemplarisch Elemente herausheben, die m. E. als Impulse


für eine kritisch-politische Jugendarbeit von zentraler Bedeutung sind.

2 Neoliberalismus als Spannungsfeld gesellschaftlicher


Transformationsprozesse

Verallgemeinernd werden gegenwärtig gesellschaftliche Veränderungen der Pro-


duktionsweise unter dem Stichwort Neoliberalismus oder High-Tech Kapitalismus
diskutiert (vgl. hierzu z. B. Candeias 2003, Haug 2003). Der Begriff des High-Tech
Kapitalismus verweist dabei auf den „qualitativen Niveausprung der Produktiv-
kräfte“, der durch die „Informationstechnologie“ ausgelöst wurde und in entspre-
chenden Wechselwirkungen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen steht (Haug
2012, S. 11; vgl. auch Haug 2003, S. 34 ff.).
In diesem Zusammenhang ist auf zwei Tendenzen aufmerksam zu machen.
Zum ersten findet diese Entwicklung ihren Ausdruck im Umbau des Staates, der
als Umbau des Sozialstaates hin zum aktivierenden Staat diskutiert wird (vgl. hier-
zu Clarke 2003 und Jessop 1993/1996b). Konkret bedeutet dies, dass sich Formen
solidarischer Verabredungen der Gesellschaft auflösen, die z. B. in wohlfahrts-
staatlichen Institutionen des Staates kompromisshaft verdichtet (Poulantzas 2002)3
und gebunden waren.4 An die Stelle staatlich regulierter „Klassenkompromisse“
(vgl. Hirschfeld 2000) und ihrer kompromisshaften Institutionalisierung tritt die
Organisation zur Optimierung nationaler Kapitalverwertung im Spannungsfeld
transnationaler Konkurrenzverhältnisse. Im Mittelpunkt steht die Idee des Wettbe-
werbs bei gleichzeitiger Anrufung von Selbstverantwortung der Individuen.5 Zum

3 Zur Metapher der Verdichtung bei Poulantzas auch Demirovic 2007.


4 Hierzu ist anzumerken, dass es offene Fragen gibt, wie z. B. die Problematik: „Wie sich
die herrschende Ideologie, die sich in den ideologischen Staatsapparaten materialisieren
soll, herausbildet“ (Candeias 2003: 70). Zudem ist darauf hinzuweisen, dass sich die
bürgerliche Gesellschaft auf vielfältigste Weise reproduziert und der Staat selbst „als
gesellschaftliches Verhältnis […] in das Netz des Ensembles gesellschaftlicher Verhält-
nisse verwoben“ (ebd., S. 71, Auslassung F.A.) ist. Die Institutionen des Sozialstaates
haben sich historisch entwickelt. Sie sind in ihren Funktionen selbst umkämpft sowie
gleichzeitig Instrument von Herrschaft. In diesem Zusammenhang geht es nicht um
eine Romantisierung fordistischer Wohlfahrt und ihrer paternalistischen Bürokratie,
sondern um die Betonung ihrer Veränderung hin zur Privatisierung gesellschaftlicher
Risiken in die Verantwortung der Einzelnen.
5 Mit Hobsbawm kann pointiert formuliert werden, dass die in die Idee des Sozialstaates
eingebundene Verbindung von demokratischer Organisation der Gesellschaft und
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zweiten wird die Idee der Selbstverantwortung durch eine Politik des Kulturellen
vorangetrieben: „Gefordert wird eine neue Kultur der konsensuellen Zusammen-
arbeit, des Eigentums, von Eigenverantwortung, privater Vorsorge, persönlicher
Risikobereitschaft, kreativen und flexiblen Lebens- und Arbeitsweisen, Aktien-
kultur, kosmopolitischen Konsumtionsweisen und diversifizierten Lebensstilen“
(Candeias 2003: 408). Die hier angedeutete Subjektfunktion ist eine, die zwischen
„Selbstermächtigung und Selbstentmächtigung“ (Kaindl 2010, S. 86) sowie Selbst-
und Fremdbestimmung zirkuliert. Die Einzelnen sind angehalten „autonom ihre
Subjektfunktion für ihr Überleben einzusetzen, […] durch ihre kollektive wettbe-
werbsorientierte Praxis Verhältnisse zu schaffen, unter denen sie ihre Subjektivität
permanent für ihre individuelle Selbsterhaltung einsetzen und diesen Einsatz als
Bestätigung ihrer Autonomie erfahren“ (Demirovic 2010, S. 165, Auslassung F.A.).
Im Kern geht es demnach darum, dass die Individuen Handlungsformen entwi-
ckeln, die sie dazu befähigen „unter fremd gesetzten Zielen“ gleichzeitig „aktiv,
kreativ, demütig“ agieren zu können (Kaindl 2010, S. 93). In diesem Sinne handelt
es sich um die Ausformung von Eigenschaften, um die individuelle Arbeitskraft
und ihre Verwertbarkeit passgenau auf die Anforderungen des Marktes hin zu
modellieren sowie gleichzeitig darüber hinaus weisende Flexibilitäten, wie z. B.
die als Konsumenten zu entwickeln. In dieser Form angerufen, werden sie als fle-
xible „kleine Einheiten […] von oben her vereinheitlicht“, als „Lebensstilgruppen,
Risikogruppen, Käufergruppen, Konsumgruppen, […] im Detail erfasst und nach
Clustern differenziert“ und so in die Interessen „weltweit operierender, marktbeherr-
schender Unternehmen“ eingespannt (Demirovic 2010, S. 165, Auslassungen F.A.).

Marktwirtschaft im Neoliberalismus auseinandertreten, da „das Ideal der Marktsou-


veränität“ sich nicht als „Ergänzung der liberalen Demokratie“ verstehe, sondern
sich als „Alternative“ hierzu sehe und präsentiere (ebd. 2009, S. 105). Insofern sei das
Marktideal „sogar eine Alternative zu jeglicher Form von Politik, denn es leugnet die
Notwendigkeit politischer Entscheidungen, die ja gerade Entscheidungen über allge-
meine oder Gruppeninteressen sind im Unterschied zur Summe der […] getroffenen
Entscheidungen von Individuen, die ihre persönlichen Präferenzen im Auge haben“
(ebd., S. 105 f., Auslassung F.A.). In der Folge ersetze die „Partizipation am Markt […]
die Partizipation an der Politik; an die Stelle des Bürgers tritt der Konsument“ (ebd.,
S. 106, Auslassung F.A.). Hobsbawm zeichnet hier das umkämpfte Feld und die Form
der Ausrichtung neoliberaler Machtbestrebungen. Anfällig ist hierbei insbesondere die
formalisierte demokratische Form zur Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte sowie
ihr Einschluss in institutionellen Kontexten. Zielrichtung einer Gegenbewegung wäre
folgerichtig die einer Demokratisierung, um Demokratie aus ihrer Versteifung zu lösen.
Demokratie ist demzufolge als Entwicklung zu denken, die als eine „gemeinsame Regelung
der gesellschaftlichen Angelegenheiten“ zu sehen ist und sich nicht auf „den Punkt der
Entscheidung reduzieren lässt“ sowie gleichzeitig „öffentliche Verständigungsprozesse
voraussetzt“ (Hirschfeld 2007, S. 6).
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Umkämpft ist somit die Handlungsfähigkeit der Individuen und damit verknüpft
die Versuche, Handlungsfähigkeit instrumentell zu kanalisieren und auf das Maß
vorgegebener Interessen zu beschränken. Der Versuch, die Individuen auf diese
Weise „zu isolieren, von anderen abzuschneiden, sie an eine Identität zu binden“
ist widersprüchlich, da die Menschen unter „von ihnen bislang nicht frei gewählten
Verhältnissen […] immer frei“ handeln, „sie gestalten sich immerzu selbst, indem
sie permanent dieses Ensemble von Verhältnissen bearbeiten und transformieren“
(ebd., S. 172, Auslassung F.A.). Umkämpft ist Handlungsfähigkeit als Form gemein-
samer Kooperation und geteilter Öffentlichkeit. Diese Überlegung weist über die
skizzierte Subjektfunktion hinaus. Neoliberale Strategien eines Wettbewerbes des
Marktes erfassen auch die „herkömmliche Konzeption von öffentlichem Interesse“
und setzen an die Stelle von Öffentlichkeit die Perspektive der „Privatisierung“
(Clarke 2003, S. 42). John Clarke charakterisiert diese Veränderung als eine „Ver-
schiebung von Aktivitäten, Ressourcen […] Gütern und Dienstleistungen“, die
bisher in staatlichen Institutionen und anhängiger Bürokratie gebunden waren,
hin zum „privaten (profitorientierten, korporativen) Sektor“ mit entsprechenden
„Konsequenzen für die politischen, ökonomischen und sozialen Beziehungen der
Wohlfahrt“ (ebd.: 42, Auslassung F.A.). Im Kern geht es hierbei um eine „Neube-
stimmung staatlichen Handelns“ (Dahme/Wohlfahrt 2003: 42) durch den Staat
selbst. Bisher staatliche Aufgaben werden ausgelagert, privatisiert. Gleichzeitig wird
staatliches Handeln, unterstützt durch betriebswirtschaftliche Steuerungsinstru-
mente, markt- und wettbewerbsorientiert ausgerichtet. Verknüpft ist hiermit eine
Reduktion staatlicher Versorgungssysteme auf Kernaufgaben, bei gleichzeitiger
Erweiterung staatlicher Handlungsmöglichkeiten durch aktivierenden Einbezug
der BürgerInnen unter Betonung von deren „individueller Verantwortung“ für
gesellschaftliche Konflikte. In diesem Sinne ist Privatisierung außerdem als eine
„Verlagerung der gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten vom öffentlichen Raum
(wo sie in die Zuständigkeit der Regierung fielen) in den privaten Bereich (wo sie
zu Angelegenheiten von individueller, familialer oder kommunaler Sorge wurden)“
(Clarke 2003, S. 43) zu verstehen. Einher geht hiermit eine Schwächung „demokra-
tischer Gehalte“ (Hirschfeld 2000, S. 45) institutionalisierter Demokratie sowie
eine Kanalisierung des Politischen von Öffentlichkeit, beispielsweise in Form von
Versuchen einer Aufspaltung der BürgerInnen in „verschiedene Rollen“, wie „die des
‚Steuerzahlers‘, des ‚Schnorrers‘ und des ‚Verbrauchers‘“ (Clarke 2003, S. 50). Im Kern
geht es hierbei um eine „Entsolidarisierung von Sozialpolitik“ (ebd., S. 43). In diesem
Zusammenhang gewinnen Politiken des Ausschlusses an Bedeutung, die mit einer
Naturalisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge, Geschlecht oder ethnischen
Zugehörigkeiten einhergehen und in ihren Ausformungen selbst umkämpft sind.
Clarke sieht in diesen Erscheinungsformen, Versuche „solidarisierende Erkennt-
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nisse“ sozialer Bewegungen6 anzugreifen, um den sozialen Charakter „sozialer


Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten sowie ihre gesellschaftliche Verursachung
zu individualisieren (personalisieren) und auf „naturgegebene“ Ursachen „zurück
zu führen“ (ebd., S. 44).

3 Was bedeuten diese Überlegungen für Soziale Arbeit


und Jugendarbeit?

Orientierte sich Soziale Arbeit im Kontext einer fordistischen Regulationsweise


bisher am Paradigma, eine „Integration durch Normalisierung“ zu erzeugen, kommt
Sozialer Arbeit unter neoliberalen Vorzeichen die Aufgabe zu, eine „dauerhafte
Ausgliederung (aus der Lohnarbeit)“ zu organisieren (Hirschfeld 1998, S. 202).
Mit den Gruppen der Betroffenen wird „(pädagogisch gestützt), das Leben in dau-
ernder Armut“ (Hirschfeld 2015a, S. 38) trainiert. Ein hierin liegender Hinweis ist
als verallgemeinerbare Tendenz Sozialer Arbeit herauszuheben. Das Subjekt ist in
die Bearbeitungsprozesse gesellschaftlicher Konflikte durch Soziale Arbeit aktiv
einbezogen und wird gleichzeitig dazu angehalten die zugewiesene Position in ihrer
gesellschaftlichen Begrenzung zu halten, zu passivieren. In diesem Zusammenhang
kommt es zu einer „grundlegenden Änderung der ideologischen Ausrichtung
Sozialer Arbeit und Erziehung“ (ebd., S. 39). Das Ziel Sozialer Arbeit ist die des
„ökologischen Ausbalancierens der vielfältigen gesellschaftlichen Spaltungen in
Teilgesellschaften“ (Hirschfeld 1998, S. 203), um „Gefährdungen des Gesamtsys-
tems“ (Kunstreich 1996, S. 67) zu verhindern. In diesem Sinne ist Soziale Arbeit
selbst aktiver Teil von Herrschaft, deren AdressatInnen „die ökonomischen und
politischen Machtgruppen“ sind und ein „Interesse an spezifischen gesellschaft-

6 Er bezieht sich hier auf zwei Perspektiven. Ein Ergebnis sozialer Kämpfe gegen Unge-
rechtigkeit und ihrer Naturalisierung sieht er in den „Nachkriegs-Regelungen“, die in
den sozialstaalichen Kompromissen zur Ausrichtung „der Balance zwischen öffentli-
chem und Privatem“ (ebd., S. 44) eingeflossen sind. Die andere Perspektive skizziert
er als die Kämpfe der 1960er, 70er und 80er Jahre mit ihren Problematisierungen von
Rassismus, Diskriminierung, Geschlechterverhältnissen, gegen eine Biologisierung von
Medizin und Behinderung incl. den Versuchen, die sozialen Bedingungen hierfür im
öffentlichen Raum zu verändern. Im Neoliberalismus artikuliert sich demnach nicht
nur eine veränderte Produktionsweise, sondern auch eine veränderte Politikform, die
zwischen Neoliberalismus und Neokonservatismus zirkuliert (vgl. ebd.). Im Kontext einer
Politik von oben hat dies z. B. Jessop als populistische Politik bezeichnet und Steinert
bzw. Cremer-Schäfer haben dies als „strukturellen Populismus“ herausgearbeitet (vgl.
Jessop 1996a, S. 366 ff.; Steinert 1998, S. 164 ff.; Cremer-Schäfer 2015, S. 22 ff.).
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lichen Reproduktionsmodalitäten haben“ sowie „in Sozialarbeit übersetzt“ eine


kommunikative Brücke zum Alltagsverstand der Menschen finden (Hirschfeld
2015a, S. 40; vgl. auch Kunstreich/Peters 1988). Mit dem Zugeständnis von einem
gewissen Maß an „Eigensinn und Selbstbestimmung“ (Hirschfeld 2015a, S. 40)
organisiert Soziale Arbeit das Einverständnis der Menschen mit der herrschenden
Politik und den gesellschaftlichen Verhältnissen. Eingebettet in „Aushandlungspro-
zesse“, unter Einbezug „der Subjektivität des Gegenübers“ und orientiert an dessen
„Ressourcen“ (Kunstreich 1996, S. 66), versucht sie „Erklärungsmuster anzubieten,
die es ermöglichen sollen […] die Fremdverfügung als eigene Entscheidung, die
Abhängigkeit als Autonomie zu interpretieren“ (Hirschfeld 2015a, S. 40, Auslassung
F.A.). Hieraus ergibt sich die Tendenz Sozialer Arbeit, das Individuum oder die
„soziale Gruppe in ihrem ‚So-Sein‘ zu akzeptieren und lediglich die Übergänge
zwischen unterschiedlichen sozialen Räumen und Zielen moderierend und flexibel
[…] zu gestalten“ (Kunstreich 1996, S. 67, Auslassung F.A.).
Für den Kontext der Jugendarbeit können diese Überlegungen so zusam-
mengefasst werden: War Jugendarbeit unter fordistischen Vorzeichen an einem
Normativ orientiert, wie Jugend sein soll, ist mit den skizzierten Überlegungen
davon auszugehen, dass dieses Modell nicht mehr trägt und der Neoliberalismus
ein neues Ordnungsprinzip anbietet. Jugend hat sich im Marktmodell zu platzie-
ren, was bedeutet, dass sich die Einzelnen am „unternehmerischen Selbst“7 und
an permanenter Konkurrenz ausrichten müssen. Ein Effekt dieser Dynamik ist es,
dass Jugend in Teilen nicht mehr gebraucht wird. Soziale Arbeit, im Besonderen
in ihrer Form der Jugendarbeit steht somit unter der Anforderung Jugendliche für
den Verwertungsprozess fit zu machen, sie dazu anzuhalten sich anpassungsfähig
in marktkonformen Konkurrenzverhältnissen bewegen zu können.
Kann an den aufgemachten Widersprüchen Jugendarbeit als ein hegemoniales
Spannungsfeld erkannt werden, so drückt sich dies für das Stichwort „Jugend“ in
einer doppelten Weise aus. Kunstreich und Peters halten fest, dass Jugend „zum
einen eine empirisch feststellbare, in sich reich gegliederte Gruppe mit mehr oder
weniger umstrittenen Definitionsmerkmalen“ (Kunstreich/Peters 1988, S. 43) ist.
Zum anderen bildet sie einen Diskurs gesellschaftlicher Zuschreibungen ab, der
darüber verhandelt, „was ‚Jugend‘ sein soll“ (ebd., S. 43). Jugendarbeit ist in der
Folge eine „staatliche oder staatlich regulierte“ Einrichtung zur Produktion und
„Reproduktion dieses ‚doppelten‘ Verhältnisses“ (ebd.). Jugendarbeit ist einge-
spannt in ein vielschichtiges Interessengeflecht innerhalb dessen ihre differenzierte
Angebotsstruktur zwischen „kompensatorischen, subsitären“ Regulierungen und
einer „Sortierfunktion“, Jugendliche in „gute und böse“ zu unterteilen, zirkuliert

7 Bröckling 2007.
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(vgl. ebd.). Gerade letzterer Punkt gewinnt eine besondere Relevanz, wenn sich
Jugendarbeit an kategorisierenden Leitbegriffen wie Rechtsextremismus ausrich-
tet und die Widersprüchlichkeit sowie Herrschaftsfunktion des Begriffes nicht
erkennt. Ein hieraus entstehender Konflikt für Jugendarbeit ist z. B. der Versuch
einer „Pädagogisierung“ des Auftrages in der Auseinandersetzung mit Rechtsex-
tremismus. In diesem Falle sollen rechtsextreme Erscheinungsformen losgelöst
von ihren „politisch-ideologischen Bedingungen“ Gegenstand pädagogischer
Bemühungen sein, die dann als pädagogische Bearbeitung von Vorurteilen des
Individuums oder als Phänomen der Gewalt in spezifischen Bearbeitungsformen
kanalisiert werden (vgl. Reimer 2013, S. 415). Die hier angerissene Perspektive war
die politische Klammer für die akzeptierende Jugendarbeit, die in den 1990iger
Jahren im Kontext des damaligen AgAG Programms8 im Osten Deutschlands, als
Konzept zur Bearbeitung eines gewalttätigen Rechtsextremismus, einer dort im
Aufbau befindlichen Jugendarbeit übertragen wurde. In diesem Zusammenhang
war der Ansatz breiter Kritik ausgesetzt, die sich vor allem daran entzündete, dass
rechtsextreme Akteure die Räume der Jugendarbeit als Plattform für ihre Organi-
sation zu nutzen suchten.9 Die Ausrichtung der Kritik verkannte allerdings, dass
mit dem Ansatz von Krafeld vier Fragestellungen benannt waren, die versuchten
zum (1) „Zusammenhänge zwischen neoliberalem Projekt und rechtsextremer
Ideologie sowie deren subjektive Funktionalität in den Blick“ zu nehmen, dass (2)
„nach Begründungen rechtsextremer Orientierungen und Gewalt gefragt“ wur-
de, (3) „sozioökonomische Dimensionen in den Positionen und Lebenslagen von
Jugendlichen“ berücksichtigt wurden sowie (4) sich aus den genannten Punkten
ergebende „subjektive Handlungsproblematiken“ zum „Ansatzpunkt pädagogischer
Arbeit“ gemacht werden können (Reimer 2013, S. 416). Vor dem Hintergrund der
Anerkennung dieser Dimensionen als Grundannahmen einer akzeptierenden
Jugendarbeit formuliert Katrin Reimer zwei kritische Einwände. Anknüpfend an
Analysen von Ulrich Beck zur Risikogesellschaft und denen von Wilhelm Heitmeyer
zu rechtextremistischen Orientierungen bei Jugendlichen, erfasst die Perspektive
der akzeptierenden Jugendarbeit die Dimension veränderter Vergesellschaftung,
wie sie oben skizziert wurden. Zu problematisieren sind allerdings einzelne Schluss-
folgerungen. Eine erste ist die, dass mit der Auflösung „intermediärer Instanzen
(Familie, Arbeitsgruppe, Nachbarschaft)“ deren Bedeutungsverlust einhergehe und
in diesem Zusammenhang Gesellschaftliches direkt auf das Individuum durch-
schlage (Reimer 2013, S. 415). Aus dem Blick geraten hierbei die oben skizzierten
Subjektfunktionen, die das Individuum als aktiven Teil einer Transformation

8 Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (1992-1996).


9 Vgl. zur Problematik solcher Konflikte Affolderbach (2000).
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gesellschaftlicher Verhältnisse ausweist. Hieran schließt eine zweite Annahme,


die davon ausgeht, dass „Desintegrationsdynamiken“ und entsprechende Erfah-
rungen, „in den Köpfen der Einzelnen so umgeformt“ würden, dass rechtsextreme
Positionen dort ihre Anschlussstellen finden würden (ebd., S. 416). Im Kern wären
so die biografischen Erfahrungen und hiermit einhergehende „Handlungsunsicher-
heiten“ Anknüpfungspunkte für eine Orientierung an rechtsextreme „Denk- und
Handlungsweisen“ rechtsextremer Jugendlicher (ebd.). Unterstellt wird, „dass es
eindeutige, zugrundeliegende soziale Widersprüche gibt, denen erst nachträglich
eine soziale Bedeutung aufgeherrscht wird“ (Demirovic 1992, S. 32). Der hierin
liegende Hinweis ist, dass z. B. Rassismus nicht ausschließlich als Verdrängung
oder Verschiebung von Widersprüchen ideologisch bearbeitet wird, sondern durch
seine konzeptionelle Entfaltung als „Neorassismus“ ungleichzeitig selbst ein aktiver
„Faktor bei der Auflösung des fordistischen Konsenses“ war (ebd.). Gleichzeitig stellt
sich auch die Frage, inwieweit Entwicklungen wie die „ideologische Transformation
durch rechtsextreme und rechtspopulistische Akteure“ sowie die Aneignung des
Ideologischen durch die Jugendlichen selbst „als Prämisse individuellen Denkens
und Handelns in Rechnung zu stellen“ sind (Reimer 2013, S. 416). Zu diesen letz-
ten Überlegungen sind weitere kritische Anmerkung hinzuzufügen. Nicht erfasst
wird der reproduktive Zusammenhang von Sozialer Arbeit und ihre Bedeutung
für Jugendarbeit. Dieser Zusammenhang ist deshalb von Bedeutung, da z. B. die
Zielstellungen einer akzeptierenden Jugendarbeit emanzipatorischen Perspektiven
folgen. Der gesellschaftlich strukturelle Zusammenhang stellt demgegenüber darauf
ab, Jugendarbeit als funktionale Dienstleitung in den Herrschaftszusammenhang
einzubinden. Verschärft wird dieser Widerspruch durch populistische Begriffe
wie Rechtsextremismus, die auf eine zwanghafte Ausrichtung der konzeptionellen
Perspektiven drängen. Hieraus ergibt sich z. B. das Problem, dass eine Jugendarbeit
mit rechtsextremen Jugendlichen einer gesellschaftlichen Erwartung entsprechen
muss, die als Idee der „Normalisierung“ durch Wege der pädagogisch geförderten
Einsicht erfolgen sollen. Nun ist gegen eine pädagogisch initiierte Abkehr von
rechtsextremer Orientierung grundsätzlich nichts einzuwenden, aber die Frage ist,
welche Perspektive von Normalität im Zusammenhang mit Rechtsextremismus im
Raum steht und welchen Beitrag emanzipatorische Impulse über die hierin liegende
Begrenzung hinaus geben können (oder müssen). Diese Problematik gilt im übri-
gen nicht nur für eine akzeptierende Jugendarbeit. Die gleiche Frage stellt sich der
Jugendarbeit allgemein, der Arbeit „Mobiler Beratungsteams“ genauso sowie einer
emanzipatorischen Jugendarbeit im Besonderen. Zu kritisieren ist weiterhin der Be-
griff Rechtsextremismus und seine vereinfachende Weise, gesellschaftliche Konflikte
als ein Spannungsfeld zwischen Extrem und Normalität begreifen zu wollen. Die
hierin liegende Tendenz einer Entpolitisierung gesellschaftlicher Konflikte verdeckt
168 Friedemann Affolderbach

Problematiken wie Rassismus sowie deren Kanalisierung in populistischen Politiken.


Vor diesem Hintergrund ist der Begriff Rechtsextremismus widersprüchlich und
im Zusammenhang mit Jugend selbst als populistische Kategorisierung kritisch
zu machen. Dies in einer doppelten Weise. Einerseits steht Rechtsextremismus
als Begriff in einer bestimmten Diskursgeschichte, die vor allem die Anwesenheit
des Extremen justiziabel kontrollierbar machen möchte. Andererseits werden im
Begriff verschiedene gesellschaftliche Konfliktfelder aufgelöst und im Kontext
einer Politik des strukturellen Populismus aufbereitet sowie nutzbar gemacht.
Dieses Spannungsfeld soll folgend kurz skizziert und dessen Widersprüchlichkeit
als Problematik für Jugendarbeit herausgestellt werden.

4 Zum Verhältnis von strukturellem Populismus und


Rechtsextremismus

Die Popularität des Begriffes Rechtsextremismus und die damit verknüpften In-
terventionsmodelle stehen m. E. auch im Zusammenhang mit den im Begriff ge-
bündelten und verdichteten gesellschaftlichen Phänomenen. Die hieraus resultie-
renden Vereinfachungen gesellschaftlicher Entwicklungen und Konflikte sind
Ausdruck und Mittel des Ideologischen, einer Form der Vergesellschaftung von
oben. In Verbindung mit den bisherigen Überlegungen zum Neoliberalismus hat
Bob Jessop in seiner Untersuchung von Sepzifika der Thatcher-Ära eine sich ver-
ändernde Politikform ausgemacht. Im Kern geht es darum, dass politische Inter-
essen weniger in und durch intermediären Instanzen wie Parteien oder Gewerk-
schaften artikuliert und vermittelt werden, sondern, wie er am Beispiel von Thatcher
zeigt, durch direkte Ansprache der Menschen in Kooperation mit den Massenme-
dien erfolgt (Jessop 1996a, S. 353ff.). In dieser Tendenz sieht er eine „quasi-präsi-
diale, plebiszitäre“ Politik aufziehen, die medial als ein Wettbewerb „einer Elite
um politische Ämter“ inszeniert wird (ebd.: 366). Hieraus entspringt eine Über-
zeugungspolitik, die in der Zuspitzung politisch umstrittener Themenfelder versucht,
bisherige „Konsensmuster“ aufzulösen. Gleichzeitig wird der Anspruch formuliert,
die Allgemeinheit exklusiv zu vertreten. Der hiermit verknüpfte Effekt, so Jessop,
ist die Hinwendung „zum plebiszitären Populismus und zum starken Staat“ (ebd.,
S. 367). Die Allgemeinheit wird dazu angehalten sich „gegen ihre Interessen auf
das Große und Ganze“ (Steinert 1998: 166) zu verpflichten. In diesem Sinne ist
Populismus als „politisches Manöver“ darauf gerichtet, „Interessenpolitik durch
Identitätspolitik abzulösen“, Interessenunterschiede durch „‚naturalisierende‘
Kategorien von behaupteter Gemeinsamkeit“ (Cremer-Schäfer/Steinert 2014, S. 24)
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zu neutralisieren, um so eine „passive Teilnahme“ (Steinert 1998, S. 167) der All-


gemeinheit zu organisieren. Das so skizzierte Politikmuster wird im Begriff des
„strukturellen Populismus“ zusammengefasst und verweist darauf, dass die ange-
deuteten Punkte „inzwischen die Grundstrategien von Politik“ bilden (Cremer-Schä-
fer 2015, S. 28).10 Wie angedeutet, ist die Verwendung von Kategorisierungen ein
wesentliches Merkmal „strukturell populistischer“ Politik. Wie Helga Cremer-Schä-
fer am Beispiel der Dimensionen von Verbrechen und Strafe deutlich macht, for-
muliert populistische Politik beispielsweise das „‚allgemeine Interesse‘ […] als das
‚ohne Kriminalität‘ leben“ zu können, bei gleichzeitiger Betonung der Notwendig-
keit „mit dem staatlichen Strafen zu leben“ (ebd., S. 29, Auslassung F.A.). Historisch
ist in diesem Zusammenhang auch der Diskurs zum Stichwort Gewalt von Bedeu-
tung, der sich im deutschen Kontext vor allem als Vorwurf „gegen den ‚linken
Terrorismus‘ und die ‚Jugend-Gewalt‘„ formte (ebd.). Die assoziative Kraft von
Gewalt „als ein Indikator und ‚Verdichtungssymbol‘ für gefährliche Zustände der
gesellschaftlichen Ordnung“ (Cremer-Schäfer/Steinert 2014, S. 117) ermöglicht
Bilder vom „inneren Feind und Zerstörer“ sowie „Bedrohungsszenarien als klas-
senübergreifend zu behaupten, die ein entschiedenes bis kriegerisches Eingreifen
des Staates verlangen“ (Cremer-Schäfer 2015, S. 30). Auf diese Weise sollen Prozes-
se der „inneren Ausschließung“ (ebd.) plausibilisiert und legitimiert werden.
Anknüpfend hieran hebt Cremer-Schäfer hervor, dass im Diskurs um Kriminali-
tät und Gewalt nicht nur die Stärkung des „Gewaltmonopol[s] des Staates durch-
gesetzt und bekräftigt“ würde, sondern gleichzeitig die „Durchsetzung eines au-
toritären Politik-Modells“ (ebd., Einfügung F.A.) erfolge. Das populistische Moment
dieser Politik zeichnet sich dadurch aus, „jedes Problem als Teil einer umfassenden
Ordnungskrise rahmen zu können“, um so ein „auf personalisierende Kontrolle
zielende[s] Analyse- und Politikmuster als das hegemoniale“ (ebd., S. 32, Einfügung
F.A.) durchzusetzen. Ein diesem Spannungsfeld entspringendes Deutungsmuster
ist Rechtsextremismus. Das Dilemma des Begriffs besteht grundsätzlich in seiner
Bestimmung von Normalität in Verknüpfung mit dem Extremismuskonzept. Der
Diskurs um den Begriff des Extremismus geht bis in die 1970iger Jahre zurück.11

10 Verknüpft ist „struktureller Populismus“ mit den „repräsentativen Formen der


Demokratie“ und deren Besonderheit, gesellschaftliche Teilnahme der Bürger, „nur
als Teil eines übergeordneten Ganzen realisieren“ zu können (Cremer-Schäfer 2015,
S. 27). Sie sind eingebunden als „ein ‚anerkannter‘ Teil von Nation, Wahlberechtigten,
Wirtschaftsstandort, Sozialstaat, westlicher Zivilisation, Schicksalsgemeinschaft,
Solidargemeinschaft“ (ebd.). Die Einbindung ist somit exklusiv und gleichzeitig, z. B.
durch Wahlen auf die Form der Repräsentation und Delegation beschränkt.
11 Die historische Entwicklung des Begriffes Extremismus reicht weiter zurück, als ich
hier darstellen kann. Die hier verwendete Begriffsfassung ist vor allem eine, die nach
170 Friedemann Affolderbach

Dort dominierte noch der Gebrauch des Begriffes Radikalismus. Als politischer
Begriff diente er vor allem dazu, die neue Linke (mit ihren Gruppierungen sowie
AktivistInnen), als politisch Radikale zu kennzeichnen. Die hiermit verknüpfte
Kategorisierung erlaubte eine Kontrastierung von Rechtsstaat auf der einen und
den Radikalen auf der anderen Seite. Einen historischen Scheitelpunkt der mit
dieser Gegenüberstellung verbundenen Begrifflichkeiten, sieht beispielsweise Op-
penhäuser im Radikalenerlass, der auch Extremismusbeschluss genannt wurde.
Wesentlich hierbei ist, dass durch diesen Erlass die Grundlage geschaffen wurde,
„BewerberInnen für den öffentlichen Dienst vom Bundesamt für Verfassungsschutz“
(Oppenhäuser 2011, S. 39) überprüfen zu lassen. Der Begriff wurde justiziabel, was
z. B. zu Berufsverboten für eine Reihe von AktivistInnen der neuen (und alten)
Linken führte.12 In diesem Zusammenhang etablierte sich z. B. in den jährlichen
Berichten des Verfassungsschutzes das Wort des politischen Extremismus als
Kategorie zur Fassung politischer Orientierungen, die als verfassungsfeindlich zu
gelten haben. Zwei Tendenzen sind hiermit verbunden: Oppenhäuser verweist zum
einen darauf, dass der Begriff Extremismus als „juristische[r] Term der Verfas-
sungsfeindlichkeit“ auf diesem Wege Einzug in den „allgemeinen Sprachgebrauch“
fand (ebd., Einfügung F.A.) sowie gleichzeitig geheimdienstliches, polizeiliches
und ordnungspolitisches Handeln der Politik ausrichtet und legitimiert. Zum
anderen wurde diese Entwicklung durch Ausarbeitung des Begriffes im Kontext
der Sozialwissenschaften begleitet und der Begriff Extremismus als spezifischer
Diskurs um Normalität auch im wissenschaftlichen Kontext etabliert.13 Im Kern
geht es darum, dass mit der Polarität von Links und Rechts gleichzeitig eine neu-
trale Mitte definiert wird, die sich selbst als Position der Normalität versteht. Im
Prozess der Definierung, was als abweichend, extrem oder als politisch verächtlich
zu gelten hat, formuliert sich das Normale als „ein Bild gesellschaftlicher Ordnung“

1947 im Zusammenhang mit der Totalitarismustheorie populär und im demokratischen


Verfassungsstaat als Konzept der „wehrhaften Demokratie“ diskutiert wurde. Rechts und
Links werden als Extremismen gleichgestellt und in Abgrenzung vom positiv gefassten
demokratischen Verfassungsstaat als dessen Gefährdung konstruiert (vgl. Fülberth 1997,
S. 1208ff.).
12 Hierzu eine Anmerkung von W.F. Haug: „Politiken wie die der Berufsverbote kon-
trollieren den Zugang zu den ideologischen Apparaten“ (Haug 1993, S. 55). Insofern
ist der Begriff des Extremismus Ausdruck einer spezifischen Form zur Regulation von
Herrschaft. Meine Bemerkung zur „alten“ Linken verweist außerdem darauf, dass von
Berufsverboten auch Mitglieder der „alten“ KPD betroffen waren.
13 Prominet sind in diesem Zusammenhang Uwe Backes und Eckhard Jesse, die seit ca.
1989 das „Jahrbuch Extremismus und Demokratie herausgeben (vgl. Oppenhäuser 2011,
S. 40).
Kritisch-politische Jugendarbeit … 171

und „legitimiert“ diese zugleich (Feustel 2011, S. 118). Weil der Begriff Extremismus
mit „seinen Konturen nichts präzise“ bestimmen kann, „lässt er sich in der argu-
mentativen Praxis breit gefächert anwenden und provoziert Vorstellungen einer
Ordnung, die auf einfache Weise […] gefährlich von ungefährlich“ (ebd., Auslassung
F.A.) zu unterscheiden vermag. Insofern ist der Begriff des Extremismus Ausdruck
einer spezifischen Form der Regulation von Herrschaft. In diesem Zusammenhang
ist danach zu fragen, was mit dem Begriff beherrscht werden soll. Rechtsextremis-
mus als Ausdruck populistischer Politik erzwingt nicht umstandlos Unterwerfung,
sondern eröffnet ein Feld imaginärer Teilhabe am Kollektiv der Normalität. Im
Begriff ist Widersprüchliches vereint. Problematisch ist z. B. eine mit dem Begriff
einhergehende Unterscheidung von „nützlichem“ und „gefährlichem“ Rassismus,
die Rassismus so aktiv und legitimiert in Herrschaft einbeziehen lässt. Etwas ge-
nauer: Rechtsextremismus ist eine Begriffs-Kategorie, die es erlaubt, Rassismus
politisch von oben zu gebrauchen und gleichzeitig den von unten zu beschneiden,
justiziabel zu machen sowie in „nützlichen“ und „gefährlichen“ zu unterscheiden.
Der „nützliche“ wäre dann z. B. die Form politischer Kampagnen („Kinder statt
Inder“), die auf bestimmte politische Interessen abzielen, aber dabei auch immer
Effekte hervorrufen, die „gefährlich“ werden und beherrscht werden müssen.
Rechtextremismus ist in diesem Zusammenhang ein Begriff, um diese Effekte
politisch legitimiert zu begradigen und gleichzeitig an „regulierenden“ Politiken
etwa im Zusammenhang mit Flüchtlingen oder Bevölkerung festhalten zu können,
ohne diese Formen der Politik auf ihre rassistische Praxis hinterfragen zu müssen.
Im Kern unterstellt der Begriff Rechtsextremismus klar abgrenzbare, geschlossene
und starre Weltbilder mit zugehörigen Eigenschaften und entsprechenden Erken-
nungsmerkmalen, die das Wesen eines Individuums ausmachen.

5 Dimensionen von Rassismus

Im Wissen um diese Problematik entwickelte sich z. B. in der Praxis „Mobiler Bera-
tung“ eine „Hilfskonstruktion“, die Rechtsextremismus anhand seiner konstituie-
renden Diskurse thematisierte. Rechtsextremismus wurde als eine Verzahnung aus
drei verschiedenen Dimensionen beschrieben, zu denen die Ideologisch-Politische:
Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus, die Strukturelle: Organisations-
formen wie Parteien und Kameradschaften und die Kulturell-Ästhetische: z. B.
Bild- und Musiksprache zählten (vgl. Affolderbach/Höppner 2013, S. 77f.). Dies war
der Versuch, verschiedene Erscheinungsformen, die im Begriff Rechtsextremismus
aufgelöst sind, sowie ihre Überschneidungen sichtbar machen und entsprechend
172 Friedemann Affolderbach

thematisieren zu können.14 Allerdings ist in dieser Position das skizzierte Dilemma


der Polarisierung von „Normalität“ und „Extrem“ nicht aufgehoben, sondern wird
im Gegenteil durch die Bereitstellung eines differenzierteren Musters der Kate-
gorisierung – erweiternd – reproduziert. Beispielhaft steht hierfür das Stichwort
Rassismus, was schon in seiner (unkritischen) „Übernahme des Ausdrucks […]
implizit der Überzeugung Raum [gibt], dass Rassen realiter existieren oder richtig
erfasst werden könnten, oder besagt bestenfalls, dass die Rassenidee unbesehen
akzeptiert wird“ (Miles 1991, S. 97, Auslassung u. Einlassung F.A.).
An dieser Stelle ist deutlich zu machen, dass in den letzten Jahren der Diskurs
um Rassismus häufig von einer Biologisierung von Menschengruppen in eine
Naturalisierung von Kultur transformiert worden ist. Zum Beispiel wird „Flücht-
lingen und Asylsuchenden […] attestiert, dass die einmal erlebte Kulturalisierung
nicht mehr aufgehoben werden kann, woraus die Verdinglichung des Menschen
zu bloßen Kulturträgern folgt“ (Bauer 2015, S. 29, Auslassung F.A.). An die Stelle
„biologistischer Modelle“ tritt ein reaktionärer Kulturalismus und hat das „Ziel,
stigmatisierte (fremde) Kulturen einzudämmen und die eigene zu überhöhen“ (ebd.,
S. 30). Die hierauf bauende „Identitäre Bewegung“ setzt auf den sogenannten Ethn-
opluralismus – die Übereinstimmung von Kultur und Raum und knüpft damit an
völkische Vorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts an“ (ebd., S. 30). Die Folge
ist eine Hierarchisierung von Kulturen. Ausdruck dieser Position ist z. B. auch das
Stichwort der Leitkultur, das in widersprüchlicher Weise eine Hierarchisierung von
Kulturen mit der Idee der Einpassung des Fremden verknüpft. Kultur scheint in
diesem Zusammenhang veränderlich, als „Fremde“ hat sie sich aber die Vorgaben
einer leitenden Idee zu eigen zu machen und sich entsprechend selbstformend in
eine hierarchische Ordnung zu fügen. Vom reaktionären kann der konservative
Kulturalismus unterschieden werden. Im Kern geht es hierbei darum, „Kulturen
in ihrer Eigenständigkeit“ anzuerkennen und als gleichwertig anzusehen, „das
Gebot der Eindämmung wird vom Wunsch der Statik verdrängt“ (ebd. S. 32). Die
Äußerungsform des konservativen Kulturalismus sieht Bauer beispielsweise im
„Multikulturalismus“, bei dem „die kulturelle Eigenständigkeit bewahrt“ und
entsprechend vielfältige Ausdrucksformen als „Bereicherung des Stadtbezirks oder
Region“ gelten (ebd.). Zugespitzt wird diese Position im liberalen Kulturalismus,
der dazu ermutigt, „die jeweilige Kultur bei Beibehaltung zentraler Eigenschaften
im Sinne eines diversity management produktiv zu nutzen“ (ebd.). Für Rassismus
und Kulturalismus ist eine spezifische Form der Herstellung von Zusammenhän-
gen kennzeichnend. Rassismus und Kulturalismus naturalisieren gesellschaft-
liche Zusammenhänge und organisieren so die „soziale Welt“ durch „ethnische

14 Weitere Dimensionen könnten hinzugefügt werden, wie z. B. Sexismus, Gewalt etc..
Kritisch-politische Jugendarbeit … 173

Teilungen des Sozialen“ (Scherschel 2006, S. 79). Die hierin liegende symbolische
Macht und ihr „symbolischer Klassifikationsmodus“ überschneiden sich mit einer
„Ökonomisierungsfunktion des Rassismus“ (ebd.). Diese besteht darin, dass in
der Verfügung über Rassismus und Kulturalismus als symbolische Ressourcen,
die Möglichkeiten von Grenzziehungen enthalten sind. So wird der Zugang und
Ausschluss „materieller und symbolischer Teilhabe“ (ebd.) an gesellschaftlichen
Ressourcen und somit der Ein- bzw. Ausschluss gesellschaftlicher Gruppen defi-
niert (vgl. auch Miles 1991, S. 93ff.). Hiermit verknüpfen sich zwei Dimensionen.
Zum einen kann Rassismus und Kulturalismus als Form der Vergesellschaftung
von oben gesehen werden, bei der z. B. Staatsbürgerschaft oder Arbeitsmarkt (mit
ihren rechtlichen Verdichtungen) als gesellschaftliche (territoriale, lokale) Struk-
turelemente entsprechend selektiv wirken.15 Gleichzeitig kann Rassismus und
Kulturalismus auch „eine Form sein […], in der sozialer Protest in Entfremdung
steckenbleibt“ (Haug 1999, S. 120, Auslassug F.A.) und vor diesem Hintergrund
eine an Ausschluss knüpfende Vergesellschaftung von unten hervorbringt. Letztere
„kann den Herrschenden Sorge bereiten, erst recht seine politische Verwertung
durch oppositionelle Machtanwärter“ (ebd., S. 121). Sich widersprüchlich gegen-
überstehend sind sie ineinandergreifend Funktionsbedingung gesellschaftlicher
Herrschaft sowie in ihrer Form und Färbung gleichzeitig umkämpft. Einerseits bieten
sie das Material zur „politischen Machtgenerierung“ (ebd.). Andererseits vernichtet
„Kapitalismus […] beständig herkömmliche Unterschiede und schafft neue“ (ebd.,
Auslassung F.A.). Die hieraus resultierenden Konflikte mit ihren Krisen sieht Haug
als „Aufschrei der sozial getretenen Kreatur“, der „zum Hass-Schrei werden kann“
(ebd.). Dieser letzte Gedanke ist mit einer weiteren Überlegung anzureichern. Im
bis hier skizzierten Bild, ist Rassismus als ideologisch-kultureller Zusammenhang
bzw. als Form ideologischer Vergesellschaftung beschrieben worden. Rassismus
kann somit strategisches Mittel von Herrschaft oder Ausdruck einer ideologischen
Bearbeitung gesellschaftlicher Widersprüche sein.16 Unbestritten ist dies auch so,

15 Vgl. Terkessidis 2004. Er skizziert Rassismus als ein spezifisches Ungleichheitverhältnis


und beschreibt dieses anhand „des unterdrückten Wissens“ (ebd., S. 90) aus der Per-
spektive von Betroffenen.
16 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass Rassismus und seine Konstruk-
tionsweise von Rassen nicht als ein dem Kapitalismus „funktionales Element“ entspringt.
Historisch gewachsen stellt Rassismus ein eigenes gesellschaftliches Verhältnis dar. In
diesem Zusammenhang besteht die „Wirksamkeit von Rassenkonstruktionen und Ras-
sismus“ in „ihrer Verknüpfung mit der Gesamtheit der Verhältnisse innerhalb historisch
spezifischer Gesellschaftsformationen“ (Miles 1991, S. 131). Dies heißt: „Rassismus hat
nicht nur unterschiedliche Formen angenommen, sondern ist auch mit ökonomischen
174 Friedemann Affolderbach

allerdings kann dabei übersehen werden, dass Rassismus für einzelne gesellschaft-
lichen Gruppen mehr ist, sie „tatsächlich rassistisch“ sind (Demirovic 1992, S. 19).
Wie Alex Demirovic hervorhebt, ist es so, „dass es der Lebensweise des Bürger-
tums immanente Tendenzen gibt, die verbunden sind mit einer Orientierung an
guter Abstammung, der Reinhaltung des Blutes, der hohen Intelligenz und Kultur,
Tendenzen, die zu biopolitischen Maßnahmen führen, mit denen die organische
Zusammensetzung der Bevölkerung“ reguliert werden soll (ebd.: 18). Vor diesem
Hintergrund ist den skizzierten ideologisch-kulturellen Mustern von Rassismus
die „biologistische Argumentationslinie“ (ebd.: 33, Hervorhebung F.A.) zur Seite zu
stellen. Demirovic verweist auf Positionen, die beispielsweise für sich in Anspruch
nehmen, „mit den Mitteln der Gentechnologie eine Biopolitik zu verfolgen, die
nicht nur minderwertiges und fremdes genetisches Material aus dem Genpool eines
Volkes ausschneidet, sondern auch“ daran interessiert ist „durch gezielte genetische
Selektion“ den reinen „Europäer“ zu züchten (ebd.). Die Aufmerksamkeit ist somit
auf biopolitische Vorstellungen zur Regulation von Bevölkerung gerichtet. Diese
Perspektive ist deshalb von Bedeutung, da im Zusammenhang mit dem Neolibe-
ralismus eine neue Form gesellschaftlicher Regulationsweise aufgerufen ist, die
nach einer entsprechenden „Regulation der gesellschaftlichen Naturverhältnisse“
(ebd.) verlangt und in der Verknüpfung mit Rassismus spezifische Momente dieser
Naturverhältnisse hervorbringt. Zwei Dimensionen sind hierbei hervorzuheben.
Eine erste ist als Diskurs um die „demografische Zusammensetzung einer Bevöl-
kerung“ (ebd.) zu fassen. Demirovic verweist darauf, dass sich im kapitalistischen
Akkumulationsprozess „innerhalb eines Nationalstaates eine organische Pro-
duktionsstruktur“ herausbildet, mit der eine spezifische Form der Arbeitsteilung
einhergeht (ebd.). Entsprechend werde Bevölkerung nach „sozialer Stellung, Beruf
oder Regionen“ gliedert, was unter kapitalistischen Bedingungen prozesshaft
„traditions- und marktvermittelt“ erfolgt und in der Folge zur „Freisetzung großer
Bevölkerungsgruppen“ führt (ebd.). Anderseits gibt es im „Fall von Frauen und
Arbeitsimmigranten spezifische Praktiken „der Ausgrenzung, wie Privatisierung
oder nationalchauvinistische Grenzziehung“ (ebd.). Demirovic sieht „im letzteren
Fall […] die zugrundeliegende Erfahrung für eine rassistische Artikulation nicht
[in] der eigenen Verelendung, sondern die einer Relation zu und eines Vergleichs
mit Individuen und Gruppen, die mit ihrer bloßen Anwesenheit ein eingeschliffe-
nes Arrangement zwischen Herrschenden und Beherrschten herausfordern“ (ebd.,
Auslassung u. Einfügung F.A.). Darüber hinaus beteiligt sich Wissenschaft steuernd
an Prozessen einer marktkonformen bevölkerungspolitischen Ausrichtung von

und politischen Verhältnissen in kapitalistischen und nicht-kapitalistischen Gesell-


schaftsformationen auf je unterschiedliche Art und Weise verknüpft worden“ (ebd.).
Kritisch-politische Jugendarbeit … 175

Bevölkerungsgruppen und deren Ausbalancierung. Mit „Formen der statistischen


Beobachtung […], Sozialhygiene, Sozialmedizin, Gentechnologie, Sexuallehren“ wird
versucht, das „private“ Individuum entsprechend zu vermessen und in den Prozess
der Formung von Bevölkerung aktiv einzubeziehen (ebd., Auslassung F.A.). Die
Grenzen zu „Rassismus sind fließend“ und versprechen „den Prozess entschieden
und mit rigiden Mitteln (Einschließung, Ausgrenzung, Vernichtung) steuern zu
können“ (ebd.). In diesem Sinne kann Rassismus „als ein Programm verstanden
werden, das die konservative Politik einer etatistisch-liberalen Kontrolle des ge-
nerativen Verhaltens […] staatsinterventionistisch radikalisieren möchte“ (ebd.,
S. 34, Auslassung F.A.). Ein zweiter Aspekt einer biopolitischen Ausrichtung ist der
Versuch der Kontrolle von Sexualität. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das
„familial-generative Verhalten“ und dessen Absicherung durch „soziale Endogamie“,
um „Erwartungen über die zukünftigen Orientierungen nachfolgender Generationen
zu stabilisieren“ sowie gleichzeitig „allen anderen der gleichen Generation jeweils
ein Bild über den Grad der sozialen Konformität“ zu vermitteln (ebd.). Sinn ist die
Stabilisierung der sozialen Zusammenhänge und des „sozialen Konsens“ (ebd.).
Dieses Muster durchzieht in unterschiedlichen Formen „alle sozialen Klassen“
und führt zu einer rassistischen Zuspitzung beispielsweise in den Stichworten der
„Rassen- und Blutsschande“ (ebd.). Diesen Gedanken führt Demirovic weiter aus:
Die „sozialen Kollektive beobachten […] sorgfältig das generative Verhalten ihrer
Mitglieder und entwickeln Normen, an denen sie sich faktisch orientieren“ (ebd.,
Auslassung F.A.). Im Alltäglichen formt sich Rassismus als „Alltagseinstellung aus,
indem er Orientierungsmaßstäbe für ein richtiges Heiratsverhalten zur Verfügung
stellt und dessen Kontrolle verspricht“ (ebd.). In diesem Sinne ist Rassismus nicht
nur Ausdruck einer „imaginären Problemlösung“, sondern wird zum „Programm
einer realen […] bevölkerungspolitischen Lösung“ (ebd., Auslassung F.A.).
Verallgemeinernd lassen sich aus der hier skizzierten Vielschichtigkeit von
Rassismus drei Punkte zusammenfassen: Erstens gibt es nicht den Rassismus,
sondern mit der hier deutlich gemachten Vielschichtigkeit ist von Rassismen zu
sprechen.17 Kennzeichnend sind wiederum deren widersprüchliche und mitunter

17 Konsequenter Weise, aber aus Platzgründen kann dies hier nicht weiter ausgeführt
werden, ist auf eine Differenzierung von Robert Miles hinzuweisen. Er unterscheidet
zwischen Rassismus und Rassenkonstruktion. Rassenkonstruktion bezeichnet dabei den
Prozess, biologischen Merkmalen von Menschen soziale Bedeutungen zuzuschreiben,
sie so zu kategorisieren und in „differenzierte gesellschaftliche Gruppen“ (Miles 1991,
S. 100) zu teilen. In der Definition der Anderen, definiert sich gleichzeitig das davon zu
unterscheidende Selbst. Als analytischer Begriff dient Rassenkonstruktion dazu, Prak-
tiken und Prozesse der Rassifizierung beschreiben zu können. Rassismus bezeichnet
bei Miles einen vielschichtigen ideologischen Diskurs einer spezifischen Form einer
176 Friedemann Affolderbach

gegenläufige Interessenlagen. Darüber hinaus verändern sich rassistische Vorstel-


lungen „nicht historisch konstant“ sondern in Verknüpfung „mit unterschiedlichen
Klasseninteressen und -Strategien, unterschiedlichen Formen des Widerstandes
und unterschiedlichen materiellen und kulturellen Kontexten“ (Miles 1991, S. 175).
Ein Begriff wie Rechtsextremismus und ein rein ökonomisch-funktionaler Begriff
von Rassismus beschneiden die Vielschichtigkeit und kanalisiert sie eindimensi-
onal. Zweitens ist im Anschluss an Robert Miles hevorzuheben, dass Ideologien
und die ideologische Ausformung von Rassismus nicht einfach von den Menschen
„aufgenommen“ werden, sondern als „Reaktion“ und „Konstruktion“ in „Relation“
zu ihren „Lebensumständen“ entspringt, um „die Welt sinnhaft zu begreifen“ (vgl.
ebd., S. 172 f.). Auch in diesem Zusammenhang ist Widersprüchliches zu vermer-
ken. Rassismus kann demnach Ausdruck einer Bewältigung von Widersprüchen,
politisch strategisch kalkulierte Größe sowie Ausdruck einer elitären Weltsicht
sein.18 Anknüpfend hieran ist in Orientierung an Antonio Gramsci festzuhalten,
dass „jede soziale Schicht“ ihre „eigenen Methoden“ hat, ihre „Denkweisen“ zu
formen und einen entsprechend widersprüchlichen Alltagsverstand hervorzu-
bringen (vgl. Hirschfeld 2015b, S. 99). Die skizzierten Rassismen wären somit auch
Ausdruck verschiedener Äußerungsformen und Praxen des Alltagsverstandes.
Hierbei kann davon ausgegangen werden, dass die unterschiedlichen Rassismen
gleichzeitig in verschiedener Art und Weise miteinander verzahnt, überschnitten
oder nebeneinander bestehen sowie gegenseitig widersprechend Klassenpositionen
oder Zugehörigkeiten zu spezifischen sozialen Schichten und Gruppen markieren.
Drittens, „die Wirkungsweise des Rassismus“ ist „immer mit den bestehenden
politisch-ökonomischen Verhältnissen und mit anderen Ideologien verknüpft“,
was die „Subjekte und Objekte von Rassismus in ein umfassendes Netz von gesell-
schaftlichen Verhältnissen“ einbindet (Miles 1991, S. 173). Rassismus ist also immer
in einem je spezifischen Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse zu betrachten. Dies
bedeutet auch, dass die mit Rassismus „verbundenen Ausgrenzungspraktiken“ ihre
eigenen „Besonderheiten“ haben und zu „besonderen, gewissermaßen ‚exklusiven‘

Eingrenzungs- und Ausgrenzungspraxis, deren Kern „gedanklich bestimmte beobachtete


Regelmäßigkeiten widerspiegelt und eine kausale Interpretation konstruiert, die als mit
diesen Regelmäßigkeiten übereinstimmend dargestellt werden kann und zur Lösung
wahrgenommener Probleme dient“ (ebd., S. 107). Insofern ist Rassismus ein „spezifische[r]
Fall eines umfassenderen (deskriptiven) Prozesses der Rassenkonstruktion“ (ebd., S. 12,
Einfügung F.A.). Deswegen ist Rassismus als eigenständige Form einer Ausgrenzung-
spraxis von anderen Formen der Ausgrenzung analytisch zu unterscheiden.
18 Im Anschluss an Antonio Gramsci ist dieser Gedanke weiterzuführen und die Weltsicht
als Weltauffassung zu begreifen, die nicht nur eine Gedankenwelt widerspiegelt, sondern
als „praktische Handlung“ vollzogen wird (vgl. Hirschfeld 2013 und 2015b).
Kritisch-politische Jugendarbeit … 177

Erfahrungen“ (ebd., S. 174) führen. Gemeinsam ist den Rassismen demnach die
Form einer auf Ausschluß beruhenden Vergesellschaftung, deren „materielle[s]
Resultat, die Tatsache der Ausgrenzung“ (ebd., Einfügung F.A.) mit anderen (auch
gerade über die skizzierten Widersprüche hinweg) geteilt werden kann. Ein zweiter
Effekt ist, dass in der Kennzeichnung des Anderen durch körperliche und kulturelle
Differenzfaktoren sowie Eigenschaften, sich hiervon absetzend das Selbst und die
Zugehörigkeit zu einer spezifischen Gruppe definieren. In der Verknüpfung und
Überschneidung dieser beiden Momente liegt die hegemoniale und ausschließende
Kraft von Rassismus.

6 Problematisierungen für die Jugendarbeit –


Rassismus und Alltagsverstand

Was die skizzierte Problematik von Rechtsextremismus und Rassismus für die
Jugendarbeit bedeutet, kann hier nur schlaglichtartig in der Gestalt von ‚Fallstri-
cken‘ angedeutet werden. Claus Melter hat in einer Untersuchung zu Rassismuse-
rfahrungen in der Jugendhilfe herausgearbeitet, dass JugendarbeiterInnen in der
Arbeit mit von Rassismus Betroffenen „wenig Interesse an den Erfahrungen der
Jugendlichen mit Alltagsrassismus zeigen“ (ebd. 2006, S. 310). Ein Punkt kann in
diesem Zusammenhang tendenziell für in der Jugendarbeit Tätige verallgemeinert
werden.19 Er hat festgestellt, dass im Umgang mit Rassismus spezifische Sichtweisen
der JugendarbeiterInnen zum tragen kommen und die Bearbeitung des Problem-
feldes mitbestimmen. Hierzu gehört, dass JugendarbeiterInnen „Rassismus als
unveränderlich ansehen“, „Rassismus nicht zum Problem machen zu wollen“ oder
vorgeben „keine Interventionsmöglichkeiten gegen Rassismus zu kennen“ (vgl.
ebd.). In diesem Sinne spiegele sich in den „Betreuungspraxen der PadagogInnen“

19 Es ist an diesem Punkt ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass eine Verallgemeinerbarkeit


dieser Punkte einer tiefergehenderen Untersuchung bedürfte (vgl. auch Melter 2006,
S. 325). Ich greife die Überlegungen von Claus Melter auf, um Tendenzen beschreiben zu
können, die mir in meiner eigenen Tätigkeit im Kontext der Jugendhilfe begegnet sind
und insbesondere im Kontext der Mobilen Beratungsarbeit eine Rolle gespielt haben.
Dort war es zum Beispiel so, dass in Orten, wo Jugendarbeit den Auftrag von Politik
erhalten hatte, sich speziell um rechtsextreme Jugendliche zu bemühen, in vergleichbaren
Denkmustern agierte, wie sie Melter skizziert. (Dies betraf nicht nur die Jugendhilfe,
sondern Politik genauso wie Diskussionen in Vereinen oder Schule). In der Arbeit mit
rechtsextremen Jugendlichen bedeutete dies zum Beispiel, dass Rassismus als Orien-
tierungsrahmen der Jugendlichen abgewehrt wurde, Rassismus keine Rolle spiele, oder
Rassismus als Angriff, als ungerechtfertigter Vorwurf zurückgewiesen wurde.
178 Friedemann Affolderbach

eine Haltung wider, in der Rassismus „individualisiert, naturalisiert [und] patho-


logisiert“ (ebd., S. 312, Einfügung F.A.) werde. Dieses Spannungsfeld bezeichnet
er als „sekundären Rassismus“, dessen besonderes Moment die Vermeidung einer
„offenen Abwertung“ bei gleichzeitiger Unterlassung einer Verantwortungsüber-
nahme für strukturelle und diskursive Bedingungen von Diskriminierung sei (vgl.
ebd., S. 312). Wie weiter oben deutlich wurde, ist Soziale Arbeit unter neoliberalen
Vorzeichen dazu angehalten, das Subjekt durch Einbezug zu passivieren. Anknüp-
fend an der Überlegung von Melter, kann der „Passivierung“ die Dimension des
passiv-aktiven Ausschlusses als ein weiteres Element zur Seite gestellt werden. Das
Moment der Vermeidung einer „offenen Abwertung“ bei gleichzeitiger Unterlassung
einer Auseinandersetzung mit den Problemen, die die Jugendlichen haben, ist eine
Passivierung durch Ausschluss. Die Unterdrückungserfahrung durch Rassismus
wird individualisiert und als Verantwortungszusammenhang den Jugendlichen
überlassen. Dabei wird die Ausgrenzungspraxis Rassismus als individueller und
gesellschaftlicher Erfahrungshorizont mit seinen Kategorisierungen als Problem
der Jugendhilfe verdrängt.
Ein weiterer Punkt ist beispielsweise, dass im Versuch Jugendliche zu stärken,
die mit „Rechten“ nix zu tun haben wollen, diese der Kategorie „menschenrechtso-
rientierte Jugendliche“ zugeordnet werden. Bei allem Verständnis dafür, dass viele
Jugendliche tatsächlich in Bedrohungssituationen leben und berechtigte Angst vor
Übergriffen von Nazis haben20, impliziert die Annahme der „Menschenrechtso-
rientierung“ als kleinster gemeinsamer Nenner (vgl. Feustel/Nattke 2014, S. 17)
auf der „richtigen“ Seite zu stehen. Ungewollt wird so der Gegensatz von „gut und
böse“, oder von „menschenrechtsorientiert“ auf der einen und „rechtsextrem“ auf
der anderen Seite reproduziert. Stillschweigend wird davon ausgegangen, dass im
Zusammenhang einer Menschenrechtsorientierung Rassismen keine Rolle spielen
würden und wenn nur dann als Problem, was bei anderen zu kritisieren ist. Hiermit
verknüpft ist ein weiterer Fallstrick, die Fokussierung auf den Rassismus-Begriff
und eine hieraus wachsende Vorstellung, den Rassismus im Rassisten bekämpfen
zu wollen und somit Rassismus zu personalisieren. Auch andere Positionen der
Jugendarbeit, die für sich eine antirassistische Haltung in Anspruch nehmen, sind
mit Widersprüchen konfrontiert. Beispielsweise haben antirassistische Positionen
das „Subjekt […] als Substitut seiner spezifischen Erfahrungen […] seiner Kultura-
lisation anerkannt“ (Bauer 2015, S. 33, Auslassungen F.A.). Dies führt zum einen zur

20 Vgl. hierzu beispielsweise Erfahrungen von Jugendlichen, die sich in ihrem Ort Limbach-
Oberfrohna (eine Kleinstadt im sächsischen Erzgebirge) mit rechtsextremen Entwick-
lungen auseinandergesetzt haben. Sie wurden Ziel von Angriffen und Verfolgungen
durch Nazis und gelten in ihrem Ort als „Nestbeschmutzer“ (Piotrowski 2014).
Kritisch-politische Jugendarbeit … 179

Problematik, dass „zu Themen […] der Diskriminierung kultureller Minderheiten


auch nur diese Minderheiten sprechen“ (ebd., Auslassung F.A.) dürfen. Zum anderen
liegt hierin die Tendenz, aus den individuellen kulturellen Erfahrungen „die Identität
des Subjekts zu stricken, die Erfahrungen also zur Grundlage des Sprechens über
Rasse […] zu erheben“ und somit „die Sprecher […] auf ihre kulturelle Herkunft“
(ebd., Auslassungen F.A.) zu reduzieren.
Was mit den hier angedeuteten Punkten deutlich gemacht werden soll, ist, dass
sich die skizzierte Vielschichtigkeit von Rassismus in entsprechend komplexer,
uneinheitlicher und widersprüchlicher Weise als Konflikte in der Jugendarbeit
widerspiegeln. Diese betreffen JugendarbeiterInnen und Jugendliche gleichermaßen.
Allerdings ist die Position der JugendarbeiterInnen als besonders widersprüchlich
zu betonen. Wie ich weiter oben herausgearbeitet habe, bildet Soziale Arbeit ei-
nen „Kampfplatz der verschiedenen Klassen und sozialen Gruppen“ (Hirschfeld
1998, S. 201) sowie deren Interessenlagen ab. Soziale Arbeit ist Vertretung von
Interessen, die „selbst außerhalb der Sozialarbeit liegen“ (ebd.). Gleichzeitig ist sie
kommunikative Brücke zum Alltagsverstand. Besonders problematisch wird dies
für Soziale Arbeit unter dem Gesichtspunkt, Jugend am Marktmodell und damit
die Einzelnen am „unternehmerischen Selbst“ und in permanenter Konkurrenz
ausrichten zu müssen, ob der möglichen Verknüpfungen mit der Vielschichtigkeit
von Rassismen. Ein Konflikt liegt im impliziten Versprechen des Marktmodells,
„dass es jeder zu etwas bringen kann“ (Cohen 1994, S. 43). Die Übersetzung in
Soziale Arbeit erfährt dieser Anspruch zuspitzend darin, dass es jeder zu etwas
bringen kann, „wenn er es versucht und sich an die Regeln hält“ (ebd.). Im Spiegel
dieser Perspektive leiden „diejenigen, die versagen […] entweder unter einem
angeborenen Mangel an Fähigkeiten oder haben irgendeine fremdartige Veranla-
gung“ (ebd., Auslassung F.A.).21 Ist letztere Perspektive in ihrer Zuschreibung von
Differenzfaktoren rassistisch, so erfährt sie vermittelt über den Alltagsverstand eine
„Verknüpfung mit einer herrschenden, aber selbst nicht rassistischen Ideologie des
Konkurrenzindividualismus“ (ebd.). Insofern steht Soziale Arbeit im Widerspruch
zwischen Produktion bzw. Zuspitzung dieses Verhältnisses und der Möglichkeit,
in der Unterscheidung von Rassismus und Konkurrenzindividualismus sowie der
Vielschichtigkeit von Rassismus die Brüche zu erkennen, die Eingriffspunkte für
eine kritische Bearbeitung des Alltagsverstandes wären.

21 Cohen verweist auf einen Beispieldiskurs, dem Vergleich zwischen „arbeitslosen weißen
und erfolgreichen schwarzen Jugendlichen“ (1994, S. 43). Auf unseren hiesigen Kontext
übertragen mündet dies in populistischen Behauptungen, wie etwa, dass „Ausländer“ in
besonderer Weise durch die Sozialsysteme bevorzugt wären und so einen privilegierten
Ausgangspunkt im Konkurrenzindividualismus hätten.
180 Friedemann Affolderbach

7 Alltagsverstand und das Dialogische als Gegenstand


einer kritisch-politischen Jugendarbeit

Im Anschluss an Miles habe ich festgestellt, dass die ideologische Ausformung von
Rassismus nicht einfach als Ideologie von den Menschen „aufgenommen“ wird,
sondern einer Auseinandersetzung mit ihren Lebensumständen entspringt, um „die
Welt sinnhaft zu begreifen“ (Miles 1991, S. 172). In diesem Zusammenhang ist der
von Franz Josef Krafeld für die akzeptierende Jugendarbeit formulierte Grundsatz,
nicht „diejenigen Probleme in den Mittelpunkt zu stellen, die Jugendliche machen,
sondern diejenigen, die Jugendliche haben“ (vgl. Krafeld 1996, S. 14, Hervorhebung
F.A.) als Perspektive einer kritisch-politischen Jugendarbeit aufzunehmen und
zu verallgemeinern22. Im Mittelpunkt stehen somit Fragen und Probleme der
Alltäglichkeit und ihrer Lebensvollzüge sowie in der Folge die Bearbeitungs- und
Denkweisen der Jugendlichen. Wie schon mit Blick auf die Vielschichtigkeit von
Rassismus deutlich wurde, sind die hiermit verknüpften Denk- und Bearbeitungs-
weisen der Welt nicht kohärent, haben keine einheitlich feststehende Form und
drücken sich in entsprechend widersprüchlicher Weise im Alltagsverstand aus. Der
Alltagsverstand bei Antonio Gramsci ist ein aus verschiedenen, widersprüchlichen
Elementen zusammengesetzter unstrukturierter Zusammenhang. Entsprechend
formuliert er, dass sich im Alltagsverstand „Elemente des Höhlenmenschen und
Prinzipien der modernsten und fortgeschrittensten Wissenschaft, Vorurteile aller
vergangenen, lokal bornierten geschichtlichen Phasen und Institutionen einer
künftigen Philosophie“ finden (GH 6, S. 1376)23. Der Alltagsverstand ist „nichts
Erstarrtes und Unbewegliches, sondern verändert sich fortwährend, indem er sich
mit in das Alltagsleben übergegangenen wissenschaftlichen Begriffen und philo-
sophischen Meinungen anreichert“ (GH 1, S. 136 f.). Im Anschluss an Gramsci,
beschreibt „der Begriff des Alltagsverstandes […] die inhaltliche Zusammenset-
zung des Denkens“ (Hirschfeld 2013, S. 92, Auslassung F.A.). Bezieht sich diese
Überlegung darauf, Alltagsverstand als eine „Gedankenwelt“ zu fassen, erweitert
Gramsci diese Vorstellung durch die Verknüpfung des Alltagsverstandes einer
„Gedankenwelt“ mit dem „Oberbegriff der Weltauffassung“ (vgl. Hirschfeld 2015b,

22 An dieser Stelle kann nicht ausführlich darauf eingegangen werden, aber das Stichwort der
„Verallgemeinerung“ von Grundsätzen der akzeptierenden Jugendarbeit spiegelt meine
berufsbiografische Lesart des Ansatzes wider. Zwar wurde der Ansatz für eine Arbeit
mit rechtextremen Jugendlichen entwickelt, aber die aufgenommenen Bezugspunkte
sind m. E. grundsätzliche Anliegen und Orientierung für (eine kritisch-politische)
Jugendarbeit.
23 Die von Antiono Gramsci in den Gefängnisheften niedergeschriebenen Überlegungen
werden im folgenden abkürzend mit GH zitiert.
Kritisch-politische Jugendarbeit … 181

S. 100). Die „Weltauffassung einer Gedankenwelt“ wird zur „Weltauffassung der


Tätigkeitswelt“ (Hirschfeld 2013, S. 92). In den Blick kommt die soziale Praxis. In
diesem Zusammenhang ist „der Alltagsverstand […] nicht mehr nur Bewusstsein
sondern […, eine] in Praxis ausgedrückte Auffassung der Welt“ (Hirschfeld 2015b,
S. 100, Auslassung und Einfügung F.A.). Der übergreifende Begriff der Weltauffas-
sung verweist so auf „die soziale Funktion der Vergesellschaftung der Individuen“
(ebd.). Die Weltauffassung ermöglicht ein integrierendes Moment. Mit der „eigenen
Weltauffassung gehört man immer zu einer bestimmten Gruppierung […] die ein-
und dieselbe Denk- und Handlungsweise teilen“ (GH 6, S. 1376, Auslassung F.A.).
Weltauffassung in diesem Sinne wird „als verbindendes, die soziale Existenz der
Menschen bedingendes Element gedacht“, die „soziale Zugehörigkeit“ (Hirschfeld
2015b, S. 103), die „soziale Leistung der Weltauffassung“ wird betont (Hirschfeld
2013, S. 92). Dieser Punkt ist von zentraler Bedeutung. Auch wenn der Alltags-
verstand in sich widersprüchlich und unzusammenhängend ist, „dient [er] der
alltäglichen Bewältigung, dem Umgang mit den Aufgaben und Herausforderungen“
(ebd., S. 93, Einfügung F.A.) des alltäglichen Lebens. Zwei Punkte sind hierbei
hervorzuheben. Erstens ist der fragmentarische, widersprüchliche Charakter des
Alltagsverstandes „der kritischen Selbstreflexion“ entzogen und so Ausdruck „einer
passiven Vergesellschaftung […], keine selbstbestimmte, eigenaktive, sondern eine
passive“ (ebd., Auslassung F.A.). Ist die gesellschaftliche Realität für die Individuen
in ihren alltäglichen Vollzügen „widersprüchlich und unzusammenhängend […],
leistet der bizarre Alltagsverstand eine für das Individuum wichtige Orientierung
und einen sozialen Zusammenhalt“ (ebd., Auslassung F.A.), „der über einen, wie
imaginär auch immer gemeinsamen Begründungszusammenhang verfügt“ (vgl.
Affolderbach/Hirschfeld 2015, S. 204). Wie am Beispiel von Rassismus diskutiert,
sind dies „Formen der ideologischen Einbindung, es können aber auch, oft mit der
ideologischen Einbindung verschränkt, Formen des Widerstandes sein“ (ebd.).
Zweitens dienen „nicht nur die einzelnen Versatzstücke des Alltagsverstandes […]
der Lebensbewältigung, sondern es ist gerade ihre Trennung, die ein Denken in
Abteilungen erlaubt“ (Hirschfeld 2013, S. 93, Auslassung F.A.). Hiermit verknüpft
werden Handlungsformen hervorgebracht, die es den Individuen unter den Be-
dingungen der Klassengesellschaft in ihrer neoliberalen Ausformung ermöglicht,
„unter fremdgesetzten Zielen“ gleichzeitig „aktiv, kreativ und demütig“ agieren zu
können (Kaindl 2010, S. 93). Das spezifische Moment des Alltagsverstandes wäre
hier die Organisation der relativen Unabhängigkeit der einzelnen „Abteilungen“,
so dass sie sich nicht gegenseitig behindern. Die hier skizzierten Dimensionen
sind für eine kritisch-politische Jugendarbeit heikel, da ihre Bearbeitung sowie
ihre Befragung „die Gewohnheiten des Alltags“ in Frage stellen und „vermeintli-
che Sicherheiten entschwinden. Das reicht von der Bewältigung der alltäglichen
182 Friedemann Affolderbach

Routinen als Konsument*in, als Verkehrsteilnermer*in, als Mediennutzer*in […]


usw. bis hin zu den wichtigen Fragen der persönlichen Zukunft“ (Hirschfeld 2013,
S. 94, Auslassung F.A.). Hirschfeld betont deshalb, dass „Handlungsfähigkeit in
den ideologischen Verhältnissen der Gegenwart […] von den Individuen nicht
aufgegeben werden“ kann, „solange es keine praktischen Alternativen gibt“ (ebd.,
Auslassung F.A.). Die Richtschnur für eine kritisch-politische Jugendarbeit ist es
deshalb erstens soziale Verbindungen hervorzubringen, „deren Qualität mindestens
jener der alten Beziehungen entspricht“ sowie zweitens Möglichkeiten zu erzeugen,
die „eine kritische ‚Inventur‘ des Denkens (Gramsci) befördern“ (vgl. Affolderbach/
Hirschfeld 2015, S. 205). Wie kann dies gelingen? Spuren für Impulse hierfür finden
sich bei Paulo Freire und seiner Idee des Dialogischen.24
Eine Pädagogik verstanden als dialogische Praxis ist eingebettet in die Idee
einer humanistischen und befreienden Pädagogik, deren Zielrichtung eine umfas-
sende Befreiung von Unterdrückung ist. Zwei Orientierungspunkte verdeutlichen
das prozesshafte Vorhaben einer solchen Pädagogik. Gemeinsam „enthüllen die
Unterdrückten die Welt der Unterdrückung und widmen sich ihrer Verände-
rung durch die Praxis“ (Freire 1973, S. 41). Ein so angestossener Prozess birgt die
Möglichkeit, „die Wirklichkeit der Unterdrückung“ zu verändern und wird darin
erkennbar, dass die Pädagogik aufhört, „den Unterdrückten zu gehören, und [wird]
zu einer Pädagogik aller Menschen im Prozess permanenter Befreiung“ (ebd.,
S. 41, Einfügung F.A.). Dies bedeutet, dass sich die Menschen in einem kritischen
pädagogischen Prozess der Frage stellen, welche gesellschaftlichen Bedingungen
und Bezüge ein bestimmtes Problem hervorbringen. Sie fragen auch danach, was
dieses Problem mit ihnen zu tun hat, welche Erfahrungen sie haben bzw. wie sie
sich selbst dazu verhalten. Auf Grundlage dieser Reflexion besteht die Hoffnung,
dass die Menschen selbstgestaltend in die gesellschaftliche Praxis verändernd
eingreifen. Paulo Freire weist darauf hin, dass dieser Prozess kein isolierter für
sich selbst stehender bleiben kann, wenn man eine tatsächliche Humanisierung
allen menschlichen Handelns im Blick hat. Wolfdietrich Schmied-Kowarzik for-
muliert deshalb: Eine „Aufhebung der unterdrückenden und die Unterdrückung
reproduzierenden Verhältnisse“ (ebd. 2008, S. 82) bedürfen einer grundlegenden
Veränderung. Paulo Freire’s Überlegungen verweisen grundsätzlich auf eine be-
deutende ethische Komponente mit praktischen Konsequenzen. Gemeint ist eine

24 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Überlegungen von ihm in der „Mo-
bilen Beratungsarbeit“ und ihrer gemeinwesenorientierten Ausrichtung (als „offen,
moderierender Ansatz“ vgl. Affolderbach/Höppner 2013) sowie bei Franz Josef Kra-
feld in seinen weiterführenden Überlegungen zur akzeptierenden Jugendarbeit als
„Gerechtigkeitsorientierung“ (vgl. Krafeld 2002) ihren Niederschlag finden.
Kritisch-politische Jugendarbeit … 183

Orientierung an einer „utopischen Vision einer Gesellschaft […] die von größerer
sozialer Gerechtigkeit gekennzeichnet ist“ und in diesem Sinne grundsätzlich jede
Anstrengung unternimmt, „demokratische soziale Beziehungen zu entwickeln“,
um so die Menschen zu Subjekten der Kontrolle ihrer Lebensbedingungen werden
zu lassen (Mayo 2006, S. 139). Aufgerufen ist somit Bildung als integrales Moment
von Jugendarbeit. Für den pädagogischen Kontext bedeutet dies ein Bruch mit
einem gängigen Verständnis von Bildung, bei dem die Lehrenden Wissen ver-
mitteln und die unwissenden Lernenden dieses Wissen aufzunehmen haben. Die
Wissen-Empfangenden werden „zu Behältern“ gemacht, die von den Wissenden
„gefüllt werden müssen“ (Freire 1973, S. 57). Dieses Verhältnis beschreibt Freire als
eine Form der Unterdrückung. Das Interesse der Unterdrücker bestehe darin, „das
Bewusstsein der Unterdrückten zu verändern, nicht aber die Situation, durch die
sie unterdrückt werden“ (ebd., S. 59). Hiermit verbunden ist es, „die Art und Weise
zu regulieren, in der die Welt in die Schüler eingeht“ (ebd., S. 61). Letztlich zielt dies
auf die Anpassung und Einpassung von Menschen in die Herrschaftsverhältnisse.
Vor diesem Hintergrund bekommen die von mir oben diskutierten Widersprüche
um Rechtsextremismus und Rassismus ihre Bedeutung. Bleiben sie unreflektiert
und unbearbeitet müssen sie reproduktiver Bestandteil des von Freire kritisierten
pädagogischen Verhältnisses bleiben. In der von Freire vorgeschlagenen Praxis der
Dialogizität ist das Aufbrechen von „vertikalen“ gesellschaftlichen Verhältnissen
zugunsten horizontaler Vergesellschaftung das zentrale Element. Hierzu gehört,
dass mit der Verflüssigung des Lern-Verhältnisses „der Lehrer der Schüler“ und die
„Schüler des Lehrers“ aufhören „zu existieren“ (Freire 1973, S. 64). An die Stelle tritt
„der Lehrer-Schüler und Schüler-Lehrer“ (ebd., S. 65). Die Basis ist ein wechselsei-
tiges, kooperatives Lern-Verhältnis. In diesem Zusammenhang erarbeiten sich die
„Erkenntnisakteure“ einen gemeinsamen Zugang zum „Erkenntnisobjekt“, begreifen
und verantworten es gemeinsam. Die Freilegung einer gemeinsamen Suchbewegung
des Begreifens ist für Freire ein zentrales Element kooperativer-dialogischer Bezie-
hungen. Insofern werden das Verstehen und Erforschen der eigenen Erfahrungen
und ihrer widersprüchlichen Erscheinungen zum Gegenstand eines pädagogischen
Prozesses. Entsprechend ist es die Aufgabe von Jugendarbeit „Mittel und Wege zur
Verfügung zu stellen“, mit denen Jugendliche „ihre eigene Kultur selbst kritisch
untersuchen können“ (Mayo 2006, S. 139). Anschliessend hieran formuliert Freire
zwei Dimensionen, die für diesen Prozess eine tragende Bedeutung haben. Zum
einen spricht er vom Prozess der Kodierung und Dekodierung von im Alltag der
Menschen erfahrenen Situationen. Am Beispiel konkreter Erfahrungen der Men-
schen zeigen sich Situationen, in denen die Wirklichkeit scheinbar „als festgefügt,
undurchdringlich und abgeschlossen“ erscheint. Eine solch existentielle Situation
erfordert eine Dekodierung, die sich in einem dialektisch analytischen Prozess
184 Friedemann Affolderbach

vom „Abstrakten auf das Konkrete zu bewegt“. In diesem Sinne geht es darum,
dass sich das „Subjekt im Objekt wiedererkennt (die kodierte, konkrete, existen-
tielle Situation) und das Objekt als die Situation erkennt, in der es sich selbst mit
anderen Subjekten zusammenfindet“ (Freire 1973, S. 87). Dieser Prozess versteht
sich als eine kollektive Interaktion wechselseitiger Beziehungen und gemeinsamen
Besprechens individueller Erfahrungen, bei dem sich die konstitutiven Bestandteile
der kodierten Situation herauskristallisieren, indem die Menschen ihre Sicht auf die
Welt, auf die vorgetragenen Probleme präsentieren. Hier offenbart sich die „Art und
Weise“, wie „sie über die Welt denken und der Welt begegnen“ (ebd., S. 88). Daran
anknüpfend zeigt sich die zweite Dimension, die der „generativen Themen“ (vgl.
ebd.). Im Mittelpunkt steht dabei das Fragen nach dem „Denken des Menschen über
die Wirklichkeit und nach seinem Handeln an der Wirklichkeit, worin seine Praxis
beruht“ (ebd.). Eine Bildungsarbeit als integrales Moment von Jugendarbeit wäre
demnach eine pädagogische Tätigkeit der Dekodierung gesellschaftlich erzeugter
Widersprüche und Bedeutungen. Fassen wir die Beschäftigung mit Widersprüchen
als eine Auseinandersetzung mit Grenzsituationen, als das Erkennen einer Grenze
„zwischen Sein und Menschlicher-Sein und nicht mehr als Grenze zwischen Sein und
Nichts“, so beginnen die Menschen „ihre zunehmend kritischen Aktionen darauf
abzustellen, die unerprobte Möglichkeit, die mit diesem Begreifen verbunden ist,
in die Tat umzusetzten“ (Freire 1973, S. 85). Eine kritisch-politische Jugendarbeit ist
somit zwingend eine Praxis gegen Formen fremdbestimmter Verhältnisse und wirft
die Frage nach Formen und Möglichkeiten zur Selbstbestimmung des Menschen auf.
Habe ich Bildung als integrales Moment von Jugendarbeit bestimmt, ist mit
Blick auf die hegemoniale Einbindung Sozialer Arbeit und Jugendarbeit in die
Matrix gesellschaftlicher Interessenlagen eine zentrale Überlegung von Heinz
Joachim Heydorn zu berücksichtigen. Heydorn verweist auf eine problematische
Verkürzung „politischer Hoffnungslosigkeit“, allein durch Bildung gesellschaftli-
che Veränderung bewirken zu wollen (Heydorn 2004, S. 131). Heinz Sünker hebt
deshalb im Anschluss an Heydorn zwei Dimensionen hervor: Erstens ist „Bildung
[…] kein selbständiges revolutionäres – und d. h. vor allem der kulturellen und
sozialen Entfaltung des Menschen dienende[s] – Element“ (Sünker 2003, S. 67,
Auslassung u. Einfügung F.A.), sondern kann dies nur „in Verbindung mit der
gesamten geschichtlichen Bewegung“ (Heydorn 2004, S. 61) sein. Zweitens ist zu
betonen, dass der Versuch „das gesellschaftliche Herrschaftssystem durch Bildung
allein unterlaufen zu wollen“ die „gesellschaftliche Bedeutung der Bildungsinsti-
tutionen“ übersieht (ebd., S. 131). Entsprechend hebt Heydorn den eigenständigen
Beitrag der Bildungsinstitutionen im Erkenntnisprozess zum Verstehen gesell-
schaftlicher Herrschaftsverhältnisse hervor. Er schreibt: „Die Bildungsinstitution ist
aber nicht nur eine wichtige Komponente der Gesellschaft, ihr bedeutungsvollster
Kritisch-politische Jugendarbeit … 185

Zubringer, sondern sie ermöglicht auch einen eigenen verändernden Beitrag, der
unverwechselbar ist. Dieser Beitrag darf nicht aus der Institution zurückgezogen
werden, er kann auf gleiche Weise an keiner anderen Stelle geleistet werden“ (ebd.;
vgl. auch Sünker 2003, S. 66 ff.). Für eine emanzipatorische Soziale Arbeit bedeutet
diese Überlegung auch, dass sie auf breite gesellschaftliche Emanzipations-Bewe-
gungen angewiesen ist, um ihre Stärken entfalten zu können. Gleichzeitig ist sie
als Praxis der Dialogizität unverzichtbare, potentielle Möglichkeit, gesellschaftlich
emanzipatorische Entwicklung zu stützen und so die Perspektive gesellschaftlicher
Selbstbestimmung der Menschen offen zu halten.

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