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Das schönste Fest meines Lebens

Rebecca Winters

Julia Weihnachten

1/4 1998

gescannt von suzi_kay


korrigiert von Dodoree
1. KAPITEL

Das Wasserflugzeug schaukelte zu dem


einsamen Steg und legte an. Kip drehte sich in
seinem Sitz um. "Jilly, wo ist Daddy denn?"
Das hätte Jill Barton auch gern gewusst.
"Ich kann ihn auch nirgends entdecken. Aber
keine Angst, wir finden ihn bestimmt",
versicherte sie ihrem kleinen Reisebegleiter,
während sie angestrengt aus dem kleinen
Fenster des Flugzeugs starrte.
Sie kannte Kips Vater nicht und war auch noch
nie in Kaslit Bay gewesen. Das
Holzarbeitercamp, nicht mehr als eine kleine
Ansammlung von Gebäuden und Wohnwagen
entlang der Küste, wirkte verlassen und
menschenleer. In der Nacht hatte es geschneit,
und jetzt lag eine dünne weiße Schneeschicht
über dem Ort. Es sah aus, als wäre das ganze
Land bis zum Frühling in einen Winterschlaf
versunken.
Man musste die Augen anstrengen, um den
Lastwagen auf dem Hohlweg auszumachen. Er
kam in ihre Richtung. Am Pier stand ein Mann
in einer rotkarierten Wolljacke und schwarzer
Baseballkappe und schwenkte grüßend die
Arme über dem Kopf. Das war vermutlich der
Besitzer des kleinen Supermarkts, den Kips
Mutter Marianne erwähnt hatte. Der Lastwagen
war in einiger Entfernung stehen geblieben. Ein
Mann stieg aus, und Jills Herz fing an zu
hämmern. Mit ein bisschen Glück war das Kips
Vater.
Erleichtert öffnete Jill ihren Gurt und half dann
Kip. Sie knöpfte seinen Parka bis oben zu, zog
ihm die Kapuze über und wickelte ihn in den
breiten Schal, so dass Wangen und Nase vor
dem eisigen Wind geschützt waren.
Während der Pilot anfing, das Flugzeug zu
entladen, half der Mann in der rotkarierten
Jacke Jill und Kip beim Aussteigen. "R. J.
ROSS", stellte er sich vor. "Mir gehört der
Laden da drüben. Ich will Sie ja nicht
abschrecken, aber ehrlich gesagt, ich kann mir
um alles in der Welt nicht vorstellen, was Sie
bei uns suchen. Die meisten Leute verbringen
den Winter an einem freundlicheren Ort und
kommen erst im Frühjahr wieder zurück."
Jill lebte in Ketchikan und war an die nasse
Kälte der Winter in Alaska gewöhnt. Aber hier
war es besonders ungemütlich. Starker Wind
war aufgekommen und ließ sie frösteln. Sie zog
die Kapuze über die kurzen weißblonden Haare,
schlüpfte in ihre warmen Handschuhe und nahm
Kip an die Hand.
"Ich habe nur den jungen Mann her begleitet. Er
soll die Weihnachtsferien bei seinem Vater
verbringen, einem gewissen Zane Doyle",
erzählte sie und spähte an J. R. ROSS vorbei
nach dem hoch gewachsenen Mann, der jetzt in
ihre Richtung kam. Er schien Ende dreißig zu
sein, war dunkelblond und hatte markante, sehr
männliche Züge. Er trug nichts auf dem Kopf.
In ihm erkannte sie auf Anhieb den Mann, der
der kleine Junge an ihrer Hand noch zu werden
versprach.
Unter dem dick gefütterten Parka war seine
kräftige Statur zu ahnen. Vielleicht war er
Holzfäller. Seine Augen waren von einem
ungewöhnlich tiefen Meerblau, und er hatte eine
unerwartet sinnliche Ausstrahlung.
Als Jill ihrer Klasse vor einiger Zeit die
Geschichte von Paul Bunyan erzählt hatte, hatte
Kip behauptet, dass sein Vater ganz genauso
aussähe wie der legendäre amerikanische
Volksheld. Und dieser Fremde war, bis auf die
Haarfarbe, Paul Bunyans exaktes Ebenbild.
Jetzt ließ er einen schnellen, routinierten Blick
über Jill gleiten, und ein ganz neues,
unbekanntes Gefühl, das sie nicht benennen
konnte, regte sich in ihr. Dann streifte er Kip
mit einem flüchtigen Blick, nickte R. J. zu und
ging weiter zu dem Piloten.

Jill sah ihm verwirrt nach. Man konnte fast den


Eindruck gewinnen, dass Vater und Sohn sich
nicht erkannt hatten. Sie hatte erwartet, dass Kip
zu seinem Vater laufen und sich in seine Arme
werfen würde. Statt dessen verhielten sich
beide, als hätten sie sich noch nie gesehen.
Inzwischen hatte Kips Vater mit J. R. ROSS
angefangen, den Lastwagen abzuladen.
Jill wusste nicht, was sie davon halten sollte.
Hatte Kip seinen Vater so lange nicht gesehen,
dass er wirklich glaubte, er habe schwarze
Haare? Und hatte er sich nur täuschen lassen,
weil ihn die Haarfarbe irritierte? Aber das war
auch nicht logisch, denn es erklärte nicht,
warum Zane Doyle seinen eigenen Sohn nicht
erkannt hatte. An dem dicken Parka konnte es
doch wohl nicht liegen. Jill nahm Kip beiseite
und ging vor ihm in die Hocke.
"Hör mal, mein Kleiner, ich muss dich etwas
fragen, und es ist sehr wichtig, dass du mir die
Wahrheit sagst. Hast du deinen Daddy
überhaupt schon einmal gesehen?"
Ein Schatten legte sich über Kips Augen, und er
schüttelte nur stumm den Kopf.
Jill konnte es kaum glauben. Kip kannte seinen
Vater nicht! Und sie hatte den starken Verdacht,
dass auch Zane Doyle seinen Sohn noch nie
gesehen hatte. War es möglich, dass er nicht
einmal etwas von seiner Existenz ahnte? Sie
wusste, dass Marianne Mongrief viel zuzutrauen
war, aber das?
Eisige Kälte breitete sich in ihr aus. Irgendwie
musste sie Kip hier wieder wegbringen, bevor
etwas geschah, das nicht wieder gutzumachen
war. Aber es war schon zu spät. In geradezu
panikartiger Furcht sah sie den fremden Mann,
in dem sie Kips Vater vermutete, auf sich
zukommen. Sein Blick war kalt. Nichts mehr
war von seiner sinnlichen Ausstrahlung übrig
geblieben, die sie so fasziniert hatte.
"Ich bin Zane Doyle", sagte er. "Ich habe
gehört, dass Sie auf der Suche nach dem Vater
dieses Jungen sind, der angeblich genauso
heißt." Seine Stimme war tief und aufregend.
"Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen.
Meine Frau starb vor zehn Jahren bei einem
Flugzeugabsturz, Kinder hatten wir keine. Es tut
mir leid, dass Sie den weiten Weg von
Ketchikan umsonst gemacht haben. Ich bin
nicht der Mann, den Sie suchen. Und von einem
Namensvetter ist mir nichts bekannt."
Jill glaubte ihm. Sie kannte ihn nicht, aber sie
spürte instinktiv, dass er die Wahrheit sagte.
Aber sie wusste auch, dass er trotzdem der
richtige Zane Doyle war. Denn sein kleines
Abbild stand ein paar Meter von ihr entfernt und
schaute zu, wie die beiden anderen Männer das
Flugzeug entluden.
Marianne hatte etwas mit diesem Mann gehabt,
vielleicht hatte er in seiner Einsamkeit bei ihr
Trost und Wärme gesucht. Mit einem Mal
gingen Jill die Augen auf, und ihr wurde klar,
was Marianne ihr nie erzählt, nie erklärt hatte.
Und sie verstand auch, warum Kip sich
ausgerechnet Paul Bunyan zum Helden erkoren
hatte. Er war der Ersatz für den Vater, von dem
er immer geträumt hatte.
Jill stöhnte auf, ohne dass es ihr bewusst
geworden wäre, und der Mann vor ihr umfasste
ihre Oberarme und hielt sie fest, als befürchtete
er, sie könnte sich nicht auf den Beinen halten.
Mit ihrer Größe von einem Meter
zweiundsechzig kam sie sich ihm gegenüber
winzig und hilflos vor und wich unwillkürlich
einen Schritt zurück.
"Sie sind ganz blass. Geht es Ihnen nicht gut?"
fragte er besorgt.
"Doch, doch", versicherte sie ihm hastig. Dann
sah sie ihn fast flehentlich aus ihren braunen
Augen an. "Mir tut nur Kip so leid. Er hat sich
so auf seinen Vater gefreut, und jetzt muss ich
ihm beibringen, dass es ihn gar nicht gibt.
Vielleicht sind wir aus Versehen in der falschen
Bucht gelandet." Sie feuchtete nervös die
Lippen an. "Diese Orte haben alle so ähnliche
Namen." Aber sie wusste selbst, wie unsinnig
ihre Vermutung war.
Er sah sie forschend an. "Sind Sie eine
Verwandte des Kleinen?"
"Nein." Sie schüttelte den Kopf und wünschte
sich weit weg. "Ich bin Kips Vorschullehrerin.
Jill Barton."
Er hielt sie immer noch fest, und sie spürte seine
Hände durch ihre dicke Jacke hindurch. "Aber
warum haben Sie ihn ausgerechnet hierher
gebracht? Wo ist seine Mutter?"
Jill wandte den Blick ab. "Das ist so auf die
Schnelle etwas schwierig zu erklären. Es ist im
Moment auch nicht so wichtig."
"Jilly? Mir ist kalt", jammerte Kip. "Wann
kommt Daddy denn endlich?"
"Wart noch einen Moment, Kip", sagte Jill und
wandte sich dann wieder Zane Doyle zu. "Der
Pilot wartet. Es ist wohl am besten, wenn wir
gleich wieder mit ihm zurückfliegen."
"Nicht so hastig", widersprach Zane, und
Autorität klang aus seiner Stimme. "Der Wind
frischt auf, und der Flug nach Ketchikan wird
sehr unruhig werden. Ich würde Ihnen sehr
davon abraten."
"Aber ich habe keine andere Wahl. Hier können
wir nicht bleiben."
"Darf ich Sie einladen, mit dem Jungen mein
Gast zu sein, bis das Wetter wieder besser ist?"
Jill schüttelte den Kopf. Das Letzte, was sie sich
wünschte, war, sich mit Kips Vater - der ja gar
nicht wusste, dass er überhaupt einen Sohn hatte
- in einer solchen Situation wieder zu finden.
"Der Flug wird bestimmt kein Problem." Aber
noch als sie das sagte, sah sie, dass die weißen
Schaumkronen in der Bucht zahlreicher
geworden waren.
"Das hat meine Frau auch gesagt, bevor sie
damals in das Flugzeug stieg."
Das hatte bitter geklungen. Jill sah zu ihm auf.
Seine Augen waren nachtblau geworden, und
ihr Herz zog sich zusammen.
"Alaska ist ein gastfreundliches Land, aber das
wissen Sie ja, wenn Sie in Ketchikan leben.
Dem Reisenden steht jede Tür offen, vor allem
bei schlechtem Wetter. Sie wollen doch sicher
nicht das Leben eines Kindes riskieren, nur weil
Sie sich fürchten, meine Einladung
anzunehmen?"
Zu ihrer eigenen Überraschung traten Jill
Tränen in die Augen. "Niemals würde ich meine
eigenen Gefühle wichtiger nehmen als Kips
Sicherheit!"
Es war ihr unerträglich, dass er sie so aufgelöst
erlebte, und sie wischte sich hastig mit dem
Handschuh die Tränen ab.
"Was ist dann das Problem?" wollte er wissen.
Marianne Mongrief, dachte sie. Das Herz tat ihr
weh. Zane Doyle war Kips Vater, daran hatte
sie nicht den geringsten Zweifel. Aber das sollte
er von Marianne selbst erfahren, nicht von ihr.
"Ma'am? Wenn Sie mit mir zurück wollen,
müssen Sie es sich bald überlegen", rief der
Pilot in diesem Augenblick und rettete Jill vor
einer Antwort.
Sie erwachte aus ihrer Erstarrung und entzog
sich Zane Doyles Griff, um zu Kip zu gehen.
"Dein Daddy ist offenbar nicht gekommen",
erklärte sie und legte ihm den Arm um die
Schultern. "Wir dürfen bei Mr. Doyle bleiben,
bis das Wetter besser wird. Möchtest du das?"
"Ich weiß nicht." Die Enttäuschung war dem
Fünfjährigen deutlich anzumerken, und Jill hätte
Marianne dafür umbringen können. Woher
nahm sie die Frechheit, sie alle in diese
unwürdige Situation zu bringen?
Jill drehte sich zu dem Piloten um. "Ich glaube,
wir warten den Sturm lieber hier ab."
"Das ist sicher vernünftig. Bis dann, Partner."
Der Pilot lächelte Kip an und schlug ihm zum
Abschied liebevoll auf die Schulter. Dann
kletterte er in sein Cockpit. Kurz darauf hob
sich die Maschine in die Lüfte.
R. J. ROSS sah Jill an. "Wenn Sie etwas
brauchen, kommen Sie einfach vorbei. Die Frau
gibt Ihnen alles. Sei schön brav, Kleiner." Mit
einem kurzen Nicken machte er sich auf den
Weg zu seinem Laden.
"Kip?" Zane übernahm das Kommando. "Du
bist bestimmt schon groß und stark genug, um
diesen Karton zu meinem Wagen zu tragen. Je
früher wir hier fertig sind, um so schneller
kommen wir weg, und deine Lehrerin muss
nicht mehr frieren."
"Ich kann noch viel mehr tragen!" behauptete
Kip stolz.
Jill betrachtete ihn verblüfft. Normalerweise
war er Erwachsenen gegenüber ziemlich
schüchtern. Aber Zane Doyle fasste ihn offenbar
richtig an. War das Zufall oder Instinkt? Es war
jedenfalls eine interessante Beobachtung. Sie
nahm das Gepäck und folgte Vater und Sohn.
Jetzt wusste sie auch, woher Kip seinen
energischen Gang hatte. Dieser Gleichklang der
Bewegungen war wirklich unglaublich.
Als die Kisten aus dem Flugzeug auf der
offenen Ladefläche des kleinen Lastwagens
verstaut waren, war das Wasserflugzeug längst
aus der Sicht verschwunden, und das Dröhnen
der Motoren war im Tosen des Windes
untergegangen.
Wieder überkam Jill der Zorn auf Marianne und
ihren Verrat. Ohne jede Rücksicht auf die
Gefühle anderer, vor allem auf die ihres Sohnes,
hatte sie drei Menschen in eine mehr als
peinliche und belastende Lage gebracht.
Auf einmal fiel ihr auf, dass Zane Doyle sie
forschend und mit einem Anflug von
Belustigung betrachtete. "Entspannen Sie sich,
Miss Barton. Sie müssen sich nicht auf eine
Nacht im Iglu einrichten. Sie werden mein Haus
ganz bequem finden."
Zum Glück hatte er ihre Miene falsch
interpretiert. "Ich kann mir Schlimmeres
vorstellen, als in einem Iglu Schutz vor
schlechtem Wetter zu suchen", gab sie etwas
kühl zurück.
Er lächelte unerwartet, und unter anderen
Umständen hätte dieses Lächeln sie verzaubert.
Jetzt öffnete er die Beifahrertür. "Kip, du setzt
dich am besten neben mich. Dann kannst du
unterwegs nach Rentieren und Hühnerhabichten
Ausschau halten."
"Jilly sagt, dass es davon nur noch ganz wenige
gibt." Kip kletterte ins Führerhaus und rutschte
in die Mitte, um Platz für Jill zu machen. Seine
Wangen glühten vor Aufregung. Wenn Zane
den Kleinen doch nur einmal richtig anschauen
würde! Dann muss ihm die verblüffende
Ähnlichkeit doch auffallen, dachte Jill.
Jetzt drückte er die Tür zu und lachte. Und
dieses Lachen traf sie mitten ins Herz. "Deine
Jilly hat recht. Und deshalb hat meine Firma
über hundert Quadratkilometer Wald zur
Verfügung gestellt, wo sie ungestört nisten
können."
Jill musste an sich halten, um ihn nicht
anzustarren, als er um den Wagen herum zu
seiner Seite ging und sich hinter das Lenkrad
setzte.
"Gehört der Wald dir ganz allein? Und die
Firma auch?" Kips Augen wurden groß. Wieder
fragte Jill sich, wo seine Schüchternheit
geblieben war. Sie wusste, dass das erst der
Anfang einer Reihe endloser Fragen war, die
Zane Doyle ab jetzt zu beantworten hatte. Aber
das tat ihm vielleicht gut. Er wirkte auf sie, als
führte er mehr oder weniger ein
Einsiedlerdasein. Aber was machte sie sich
überhaupt Gedanken über diesen Mann?
"Ja. Der gehört mir ganz allein. Und die Firma
auch." Er startete den Motor. "Sie heißt
Bellingham-Wales Bau- und Nutzholz."
"Jilly, hast du schon mal so einen komischen
Namen gehört?"
Jill wandte den Kopf um und sah mitten in Zane
Doyles Augen.
"Sie sind das geheimnisvolle Orakel, Miss
Barton. Ich warte mit Spannung auf Ihre
Antwort."
"Was ist ein Orkel?"
Zane lachte, und Jill ließ sich trotz ihrer
Anspannung davon anstecken. Sein Blick ging
ihr durch und durch, und sie zog Kip auf ihren
Schoß, um sich abzulenken.
"Das heißt, dass deine Lehrerin unfehlbar ist",
erwiderte Zane mit leiser Ironie.
Kip sah zu Jill auf. "Was ist unfällbar?" wollte
er wissen.
Sie hatte Mühe, ernst zu bleiben.
"Na los", forderte Zane sie auf. "Ich bin sehr

neugierig auf Ihre Erklärung."

Jill spürte, dass ihr das Blut in die Wangen

stieg. "Das bedeutet, dass ich angeblich immer

recht habe. Aber Mr. Doyle macht nur Spaß.

Natürlich weiß ich nicht alles, nur weil ich deine

Lehrerin bin."

"Doch", widersprach Kip mit Nachdruck.

"Robbie hat gesagt, dass du viel gescheiter bist

als sein Dad."

"Das ist offenbar höchstes Lob", meinte ihr

Gastgeber beeindruckt. "Und was meint Mr.

Barton dazu?" fragte er nach einer fast

unmerklichen Pause.

"Du bist aber dumm!" warf Kip ihm kichernd

vor. "Jilly ist doch gar nicht verheiratet!

Mommy sagt immer, dass sie viele Männer

haben kann. Aber sie wartet auf einen Prinzen."

"Kip ...!" murmelte Jill unglücklich.

"Ich fürchte, in Alaska gibt es nicht besonders

viele Märchenprinzen", meinte Zane genüsslich.

"Was ist ein Märchenprinz?"

"Das ist eine gute Frage, mein Junge. Wenn wir

Männer die Antwort darauf wüssten, wäre deine

Jilly längst verheiratet."

"Bist du verheiratet?"

"Ich war es früher einmal."

"Und jetzt nicht mehr?"

"Meine Frau ist gestorben."

"Das ist aber traurig. Wo sind denn deine

Kinder?"

"Ich habe keine Kinder."

"Warum nicht?"

Eine kleine Pause entstand. "Wir haben es nicht

rechtzeitig geschafft."

"Ich bin froh, dass mein Dad es geschafft hat.

Kennst du ihn?"

"Ich weiß nicht. Wie heißt er denn?"

"Mongrief."

2. KAPITEL

Zane Doyle schwieg lange. "Nein", sagte er


schließlich. "Ich glaube nicht, dass ich deinen
Dad kenne."
Jill hielt unwillkürlich den Atem an. Sie merkte
Zane an der Stimme an, dass er den Namen
Mongrief nicht zum ersten Mal gehört hatte.
Und sie spürte es auch. Jetzt war das Thema,
das sie am liebsten gemieden hätte, auf dem
Tisch.
Marianne war nach dem Tod des Vaters mit
ihrer Mutter aus Schottland zu Verwandten nach
Nord-Idaho ausgewandert. Als sie in finanzielle
Schwierigkeiten geraten waren, war Marianne
nach Alaska gegangen, um sich dort Arbeit zu
suchen. Damals musste sie Zane Doyle kennen
gelernt haben. Jill vermutete, dass Marianne im
Staat Alaska der einzige Mensch war, der
Mongrief hieß.
"Schau mal!" Sie drehte Kip zum Fenster.

"Dahinten zwischen den Bäumen bewegt sich

etwas. Kannst du erkennen, was das ist?"

"Wo?"

"Da drüben." Jill wies mit dem Finger auf ein

Pinienwäldchen. Die Baumwipfel schwankten

im Wind. Tiere ästen am Waldrand.

"Rentiere! Kannst du sie auch sehen, Mr.

Doyle?"

Zane hatte alle Hände damit zu tun, den Wagen

auf der glatten Straße zu halten. "Du kannst

Zane zu mir sagen. Wie viele sind es?"

"Drei."

"Du hast aber gute Augen."

"Aber Jilly hat sie zuerst gesehen." Kip wollte

keine falschen Lorbeeren einheimsen. "Robbies

Dad sagt immer, dass sie sogar hinten am Kopf

Augen hat."

"Stimmt das, Miss Barton?"

"Keine Ahnung. Ich kann nicht um die Ecke

schauen."

Kip kicherte und rutschte näher zu Zane.

"Wohnst du in einem Wohnwagen?"

"Nein, in einem richtigen Haus. Aber wir sind

bald da, dann kannst du es selbst sehen."

Jill gestand sich nur ungern ein, dass sie


genauso neugierig auf Zanes Haus war wie Kip.
Sie sah aus dem Fenster, ob sie irgendwo in
diesen verschneiten Wäldern ein Anzeichen von
Zivilisation entdecken konnte. Kurz darauf
machte die Straße eine Biegung, und sie kamen
zu einer weiten Lichtung auf einem Hügel.
"Wow!" Kip und Jill staunten, als sie vor einem
modernen zweistöckigen Haus anhielten. Es war
ganz aus Holz und Glas gebaut worden und
stand mitten in einer Wiese. Im Sommer war sie
wahrscheinlich bunt vor Blumen. Man hatte
einen herrlichen Blick von hier über die Bucht
mit ihren vielen bewaldeten Inselchen, die sie
schon vom Flugzeug aus so bewundert hatten.
Im Sommer musste es hier herrlich sein.
Schnee wehte um den Wagen, als der Wind böig
auffrischte und die Flocken aufwirbelte. In der
Ferne schimmerten weiße Gletscher.
"Ist das schön!" sagte Jill ehrfürchtig.
"Genau dasselbe habe ich auch gesagt, als ich
das erste Mal hier war."
"Wann war das?" Sie wollte alles von ihm
wissen.
"Vor zwanzig Jahren. Damals war dieser Teil

der Prince of Wales Island noch völlig

unberührt."

"Wohnst du ganz allein hier?" fragte Kip

neugierig.

"Nein. Mein Freund Beastlie leistet mir

Gesellschaft", antwortete Zane.

Kip warf Jill einen etwas ängstlichen Blick zu.

"Ist er ein richtiges Biest, weil er so heißt?"

"Das glaube ich nicht. Aber das musst du am

besten Mr. Doyle selbst fragen."

"Beastlie ist ein Hundemischling."

"Was ist ein Mischling?"

"Wenn ein Hund von verschiedenen Rassen

abstammt."

"So wie der Hund von Mr. Ling. Er heißt Mutt."

"Genau."

Zane sah Jill an und machte eine etwas

unverständliche Bemerkung, die darauf

hinauslief, dass Robbies Vater offenbar doch

recht habe. Dann fuhren sie wieder an, bis sie

schließlich hinter dem Haus anhielten.

Mit Planen bedecktes Baumaterial lagerte hier.

Zane bemerkte Jills Blick. "Das Haus selbst ist

schon seit zwei Jahren fertig", erklärte er. "Jetzt

bin ich mit dem Innenausbau beschäftigt." Es

war verblüffend, wie leicht er ihre Gedanken zu


lesen schien. "Gehen Sie doch schon hinein und
machen Sie sich mit meinem ..." Er zögerte
einen Moment. "... mit meinem Mutt bekannt.
Kip und ich laden inzwischen den Wagen aus."
Sein Blick verursachte ihr eine Gänsehaut, und
ihr Herz schlug schneller. "Es ist nur recht und
billig, dass ich Ihnen helfe. Immerhin habe ich
Sie mehr oder weniger überfallen. Ihrem Hund
können Sie mich und Kip später auch noch
vorstellen."
Zanes Mundwinkel zuckten, dann sah er Kip an.
"Ich bin heilfroh, dass sie nicht meine Lehrerin
war. Sie ist so gescheit, dass ich richtig Angst
bekomme."
"Ich habe es dir ja gesagt", erwiderte Kip sehr
zufrieden mit sich.
Zane warf Jill erneut einen schnellen Blick zu.
Ein Ausdruck stand in seinen Augen, den sie
nicht enträtseln konnte. Nach einer Weile sagte
er: "Ich werde auf der Hut sein müssen."
Ein Unterton in seiner Stimme sagte ihr, dass
unter dieser liebenswürdigen, freundlichen
Fassade, die er um Kips willen trug, mehr
steckte. Und sie wusste, dass er unter normalen
Umständen nie auf die Idee gekommen wäre,
sie einfach einzuladen Dazu war er viel zu
zurückhaltend.
Wenn der Pilot es für sicher genug gehalten
hatte, nach Ketchikan zurückzufliegen, dann
hätte doch wohl auch keine Gefahr für sie und
Kip bestanden? Zu spät erst machte sie sich
klar, dass in dieser Einladung keine Logik
steckte.
Zane Doyle stand nicht zufällig einem großen
Unternehmen vor. Lange bevor der Name
Mongrief gefallen war, hatte er schon ein
Geheimnis gewittert. Und entschlossen, diesem
Geheimnis auf den Grund zu gehen, hatte er ihr
und Kip erlaubt, in seine private Festung
einzudringen. Vielleicht nahm er an, dass sie
eine Rolle in Mariannes üblem Plan spielte.
Sie konnte kaum glauben, dass Marianne so
grausam und rücksichtslos war, ihrem früheren
Liebhaber seinen Sohn auf diese Art und Weise
zu präsentieren. Warum sie das tat, wusste Jill
nicht, aber es spielte eigentlich auch keine
Rolle.
Wichtig war nur, dass Kip keinen Schaden litt,
und dafür würde sie mit allen ihren Kräften
sorgen.
"Was ist das denn?"
Das fragte Jill sich auch. Sie waren gerade
ausgestiegen, als sie ein mächtiges Heulen
hörte, das sie sofort an einen Wolf denken ließ.
Sie legte unwillkürlich den Arm um Kips
Schultern.
Zane hatte bereits mit dem Ausladen begonnen.
"Das ist Beastlie", informierte er seine beiden
Gäste. "Er will uns begrüßen. "
"Wo ist er?" Kip hüpfte aufgeregt auf und ab.
"Hinter dir."
Jill und Kip fuhren herum und sahen einen
grauweißen Hund auf sich zulaufen. Er hatte
große Ähnlichkeit mit einem Huskie, schien
aber auch etwas von einem Wolf in sich zu
haben.
"Ist der aber groß!" Kip war sichtlich
beeindruckt. Beastlie lief zu seinem Herrn und
rieb seinen mächtigen Kopf an dessen Knie. Er
stellte gegenüber den Phantasiehunden von Kips
Phantasievater eindeutig eine Verbesserung dar.
"Zieh die Handschuhe aus und lass ihn an
deinen Händen schnuppern", ermunterte Zane
den kleinen Jungen.
Kip zögerte keinen Augenblick. Schon nach
dieser kurzen Bekanntschaft hatte er
grenzenloses Vertrauen zu Zane. Das war die
Wirkung, die Zane Doyle auf andere Menschen
hatte.
"Sehr gut machst du das. So, und jetzt musst du
ihn am Kopf kraulen, genau hier. Dann hast du
einen Freund fürs Leben."
Kip versuchte, Zanes Anweisungen zu befolgen.
Das war gar nicht einfach, denn der Hund war
größer als er. Aber Beastlie schien das Problem
zu erkennen und senkte mit einem leisen
Brummlaut den Kopf. Kip fing vor
Begeisterung und Aufregung an zu kichern, als
der Hund sich an ihn drückte.
Ein fast zärtlicher Ausdruck zog über Zanes
Gesicht, als er Kind und Hund beobachtete, eine
Gefühlsregung, die vermutlich nur wenige
Menschen an ihm zu sehen bekamen. Jill war
ganz gerührt.
Im Augenblick erschien Zane Doyle entspannt
und unbeschwert. Der Wind zerzauste sein kurz
geschnittenes Haar und presste den Parka und
die Jeans eng an seinen Körper.
Jill war davon überzeugt, dass sie noch nie
einen so gutaussehenden Mann gesehen hatte.
Marianne war offenbar derselben Meinung
gewesen. Dieser Gedanke versetzte Jill
unerwartet einen Stich, und sie bewegte sich ein
wenig von Zane fort. Aber sie fing noch einen
Blick aus seinen blauen Augen auf. Er hatte sie
dabei ertappt, dass sie ihn angestarrt hatte, und
das war ihr mehr als unangenehm. Dass sie sich
auf so unerklärliche Weise zu ihm hingezogen
fühlte, machte die ohnehin schon komplizierte
Situation noch komplizierter.
"Wo wollen Sie hin, Miss Barton? Sie müssen
auch noch Freundschaft mit Beastlie schließen."
"Er tut dir bestimmt nichts, Jilly." Kip befreite
sie von ihrem dicken Handschuh und zog ihre
Hand an Beastlies Nase, damit er daran
schnüffeln konnte. "Und jetzt musst du ihn
kraulen. Schau mal, so."
Gehorsam fuhr Jill dem Hund in das dichte Fell.
"Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Mr.
Beastlie", sagte sie feierlich.
Kip lachte entzückt. "Du bist aber dumm, Jilly.
Er heißt doch nicht Mister Beastlie!"
"Ich dachte, es könnte nicht schaden, wenn ich
besonders höflich bin, damit er mich mag."
"Sehr weise", befand Beastlies Herrchen. Jill
konnte nicht entscheiden, ob er das im Scherz
gesagt hatte oder als Warnung verstanden haben
wollte. Er stand so dicht neben ihr, dass sie
diese Nähe kaum ertrug.
Wie um sich dagegen zu wehren, fuhr sie jetzt
mit beiden Händen in Beastlies dicken Pelz.
"Trotz deines Namens bist du wunderschön",
erklärte sie, und der Hund gab ein Geräusch von
sich, das fast wie das Schnurren einer Katze
klang.
"Wenn Sie so weitermachen, wird er mit
fliegenden Fahnen zu Ihnen überlaufen", warf
Zane ihr nicht ganz ernst gemeint vor. "Gehen
wir also lieber ins Haus, bevor das passiert. Kip,
du gehst voraus. Siehst du die Tür? Das ist der
Hintereingang."
"Darf Beastlie mitkommen?" erkundigte Kip
sich, als sie in eine Art verglaste Veranda traten,
in der es im Vergleich zu den arktischen
Temperaturen draußen geradezu himmlisch
warm war.
Jill zog ihren Parka aus, während Zane Kip half,
die Bänder an seiner Kapuze zu lösen. "Er ist
gern im Freien, die Kälte macht ihm nichts aus.
Aber heute nacht darf er neben deinem Bett
schlafen, wenn du willst."
Kip strahlte ihn an. "Ehrlich?"
Jill schloss einen Moment lang die Augen. Es
war wirklich unglaublich, wie ähnlich die
beiden sich waren. Weitere Beweise für Zanes
Vaterschaft waren gar nicht notwendig: Die
Form der Augenbrauen und Ohren, der kleine
Wirbel am Scheitel, das feste Kinn, das breite
Lächeln, die Körperform - der eine war ein
Spiegelbild des anderen.
3. KAPITEL

Das war ein sehr privater Augenblick, und Jill


hätte viel dafür gegeben, wenn sie nicht Zeugin
dieser Szene geworden wäre. Das erste
Zusammentreffen zwischen Vater und Sohn
hätte anders verlaufen sollen, nicht so profan.
Das war einfach nicht fair.
Am liebsten hätte sie alle beide in die Arme
genommen und sich entschuldigt. Sie hätte
Mariannes Plan durchschauen und verhindern
müssen.
"Dann wollen wir mal in die Küche gehen und
uns etwas zu essen machen", schlug Zane vor.
"Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich bin
halb verhungert."
Er tat so, als wäre nichts geschehen, aber Jill
ließ sich nicht täuschen. Seine Stimme klang
belegt und etwas rau. Er musste inzwischen
erkannt haben, dass Kip sein Sohn war, und das

hatte ihn tief berührt.

Sie folgten ihm durch die Diele, und Kip

imitierte dabei den Schritt seines Vaters bis zur

Perfektion, ohne dass es ihm bewusst war.

"Gibt es Thunfisch?"

"Nein. Hamburger. Ich kann Thunfisch nicht

leiden."

"Ich auch nicht. Aber Jilly sagt, dass er gesund

ist. Fürs Gehirn oder so."

"Meine Mutter hat das auch immer behauptet.

Weißt du, was ich gemacht habe? Ich habe

einfach mein Schulbrot mit meinem Freund

getauscht. Er hat nämlich Erdnussbutter

gehasst."

"Wenn ich in die erste Klasse komme, mache

ich das auch!" verkündete Kip.

"Gute Idee. Das Bad ist links, die Küche rechts.

Kannst du das schon auseinander halten?"

"Klar! Das hat Jill mir gelernt."

"Dann hat sie dir sicher auch beigebracht, dass

man sich vor dem Essen die Hände wäscht."

"Ja. Und danach muss man sich die Zähne

putzen, damit den Zickzäckchen nichts

passiert."

"Zickzäckchen?" Zane lachte.

"Mhm. Sie erfindet immer so lustige Namen für

alles."

"Was denn noch?"

"Sie sagt Knubbel zu meinen Zehen und Mop zu

den Haaren, solche Sachen. Alle Kinder müssen

immer schrecklich über sie lachen."

"Ich habe trotzdem ein bisschen Angst vor ihr."

"Das brauchst du aber gar nicht!" Kip stemmte

die Hände in die Hüften. "Ich hab' sie am

allermeisten auf der Welt lieb."

"Kip ..." Jill freute sich über diese

Liebeserklärung, wenn sie auch ein wenig rot

wurde.

"Das ist ja höchste Anerkennung", meinte Zane.

"Kann sie denn auch kochen?"

"Sie macht die besten Plätzchen und das beste

Chili und die allerbesten Mickymaus-

Pfannkuchen auf der ganzen Welt."

"Tatsächlich?" Zane war beeindruckt. "Dann

ernenne ich sie hiermit zu unserer Köchin. Wir

zwei Männer sägen dafür das Holz für den

Kamin."

"Mit einer echten Säge?"

"Mit etwas anderem kann man nicht sägen."

"Gehen wir gleich nach dem Essen?"

"Es ist aber ziemlich windig."

"Das ist mir egal."

"Na, gut. Abgemacht."

"Geh nicht weg", sagte Kip ein wenig besorgt.

"Ich muss schnell ins Bad."

"Ich bleibe bei Jill in der Küche "

"Ehrenwort?"

"Großes Ehrenwort."

Kip hüpfte beruhigt davon, und Jill empfand die

Spannung in der Küche als ziemlich

unerträglich. Sie versteifte sich unwillkürlich,

als Zane sich zu ihr umdrehte und sie aus

schmalen, kalten Augen ansah. Verschwunden

war der Charme, den er vor wenigen

Augenblicken noch so großzügig versprüht

hatte. Er schien auf einmal ein ganz anderer

Mensch zu sein. Eine Vielzahl von Gefühlen,

von Schmerz bis hin zu Wut, drückte sich in

seinem Gesicht aus. Sie fühlte sich völlig

hilflos.

"Sagen Sie mir nur eines." Seine Stimme klang

eisig. "Wo ist Marianne?"

Jill schluckte. "Ich ... ich weiß es nicht.

Ehrlich."

"Was soll das heißen: Sie wissen es nicht? Sie

tauchen aus heiterem Himmel hier auf,

konfrontieren mich mit einem Sohn, von dem

ich bisher nichts ahnte, und haben die Frechheit


zu behaupten, Sie wüssten nicht, wo seine
Mutter sich herumtreibt?" Seine
Halsschlagadern waren hervorgetreten, so
wütend war er. Sein Mund war zu einer
schmalen Linie zusammengepresst.
Jill fürchtete sich ein wenig vor ihm. "Sie wollte
heiraten. Mehr weiß ich nicht."
Er umfasste ihr Kinn, so dass sie sich nicht von
ihm abwenden konnte. "Sie erwarten doch wohl
nicht, dass ich das akzeptiere?" Er war außer
sich vor Ärger, und sie konnte es ihm nicht
verdenken.
"Nein. Es tut mir so furchtbar leid", flüsterte sie
und sah ihn flehend an. Wenn er ihr doch nur
glauben würde! "Hier." Sie zog den Brief, den
Marianne neben dem Spülbecken in der Küche
für sie hinterlassen hatte, aus der Tasche. "Lesen
Sie ihn, dann wissen Sie genauso viel wie ich."
Sein Blick wurde nicht freundlicher, und Jill tat
das Herz für ihn weh, als sie sah, wie seine
Brust sich hob und senkte. Wie hatte Marianne
ihm das nur antun können?
"Jilly? Küsst ihr euch gerade?" erkundigte sich
da Kip von der Tür.
"So kann man das nicht nennen, Sportsfreund."
Jill bekam kein Wort heraus, und Zane hatte an
ihrer Stelle geantwortet. Fast widerstrebend ließ
er die Hand sinken und nahm den Brief an sich.
Immer würde sie sich daran erinnern, wie seine
Hand sich auf ihrer Haut angefühlt hatte. Wenn
Kip nicht in diesem Moment zurückgekommen
wäre, hätte sie Zanes Wut vielleicht noch
deutlicher zu spüren bekommen. Er warf sie mit
Marianne in einen Topf, und daran würde
vermutlich auch der Brief nichts ändern. Für ihn
war sie so schuldig wie Marianne, und sie
fürchtete sich ein wenig vor seiner Vergeltung.
Was für eine Ironie des Schicksals. In dieser
kurzen Zeit war ihr Zane Doyle schon wichtiger
geworden als Harris Walker - wichtiger als jeder
andere Mann bisher in ihrem Leben. Dabei
kannte sie ihn noch nicht einmal zwei Stunden
...
"Ich glaube, deine Lehrerin möchte sich auch
gern ein bisschen frisch machen, bevor wir
essen."
Kip ahnte zum Glück nicht, was zwischen den
beiden Erwachsenen vor sich ging. Aber Jill
hatte Zane sehr wohl verstanden. Er schickte sie
fort, weil er ihren Anblick nicht mehr ertragen
konnte. Und er wollte mit seinem Sohn allein
sein, um seine neue Situation zu begreifen
lernen.
Sie blieb im Bad, bis Kip kam, um sie zum
Essen zu holen.
4. KAPITEL

"Willst du Jill nicht beim Abwasch helfen,


während ich mich umziehe? Danach gehen wir
beide Holz sägen, wenn du Lust dazu hast."
"O ja. Bitte!"
Zane hatte grünen Salat, Hamburger und Eis
aufgetischt, und Kip hatte mit großem Appetit
gegessen. Er war wie verwandelt. Eigentlich
mochte er Salat nicht, aber jetzt wollte er
offenbar seinem neuen Idol Zane in allem
nacheifern.
Zum Glück hatten Kip und Zane vorwiegend die
Unterhaltung bestritten, denn Jill hätte kein
Wort herausgebracht. Seit sie in die Küche
zurückgekommen war, hatte sie Zanes Blick
gemieden. Der Brief steckte noch ungeöffnet in
seiner hinteren Hosentasche. Ein paar Minuten
in seinem Zimmer würden ihm Zeit geben, ihn
zu lesen und vielleicht zu verstehen, was
Marianne zu ihrem Verhalten bewogen hatte.
Seit er heute morgen zum Dock gefahren war,
war sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt
worden. Von einem Augenblick auf den anderen
war er Vater geworden - Vater eines
hinreißenden, sensiblen fünfjährigen Jungen,
der sich in dieser kurzen Zeit bereits in sein
Herz geschlichen hatte. Ihr selbst war es ja
ähnlich gegangen, als er damals zu ihr in die
Vorschule gekommen war.
Sie wusste instinktiv, dass Zane ein Mann war,
der zu seiner Verantwortung stand, ganz gleich,
wie schwierig es für ihn wurde. Auch wenn man
vielleicht über ihn klatschte, Kip würde für ihn
immer an erster Stelle stehen. Daran hatte sie
nicht den geringsten Zweifel, und damit war die
größte Sorge von ihr genommen.
Menschen, die Zane nahe standen, würden
ohnehin verständnisvoll reagieren, und gegen
alle anderen würde er sich zu wehren wissen.
Allein wie nett und natürlich er mit Kip
umgegangen war, hatte ihr gezeigt, was er für
ein wundervoller Mann war. Warum, um alles
in der Welt, hatte Marianne ihn gehen lassen?
Warum hatte sie nicht alles in ihrer Macht
Stehende getan, um einen solchen Mann
festzuhalten - wenn nicht für sich, so doch für
Kip?
Jill verstand es einfach nicht. Am besten fing sie
endlich mit dem Abwasch an, damit sie sich
nicht dauernd über etwas den Kopf zerbrach,
das sie doch nicht beeinflussen konnte.
Normalerweise hätte es ihr Spaß gemacht, in
einer so großen, modernen Küche zu arbeiten.
Sie war hell und luftig wie das ganze Haus. Die
langen dunklen Wintermonate in Alaska
konnten sehr deprimierend sein, und deshalb
war ein schönes Heim besonders wichtig. Das
ganze Haus schien so gebaut zu sein, dass es die
Illusion von Licht schuf. Das war in den übrigen
Räumen sicher auch so.
Zane hatte Kip beim Essen erzählt, dass er noch
eine Wohnung in Bellingham, Washington,
hatte, wo auch der Hauptsitz seines
Unternehmens war. Der zweite Firmensitz war
Thorne Bay, fünfzig Kilometer südlich von
Kaslit Bay, wo sie heute morgen mit dem
Wasserflugzeug gelandet waren.
Dank Kips Neugier hatte sie auch erfahren, dass
Zane vorhatte, hier zu leben, sobald die letzten
Arbeiten am Haus abgeschlossen waren. Das
würde bald nach Weihnachten sein, wenn die
Arbeiter aus ihrem kurzen Urlaub zurückkamen.
Zur Arbeit wollte er mit dem Flugzeug
zwischen Thorne Bay und Bellingham pendeln.
Jill hatte keine Ahnung, ob er Weihnachten hier
oder in seiner Wohnung in Bellingham
verbringen wollte, wenn ihm das Wetter keinen
Strich durch die Rechnung machte. Bis dahin
waren es noch zwei Tage.
Er hatte seine Mutter erwähnt, aber nicht, ob sie
und sein Vater noch lebten und ob er
Geschwister, vielleicht Nichten oder Neffen
hatte. Sie hatte noch so viele Fragen, aber sie
wollte nicht zu neugierig erscheinen.
"Jilly, wir gehen jetzt raus", verkündete Kip von
der Tür.
Jill hatte gerade Gläser in den Schrank räumen
wollen und ließ sie vor Schreck fast fallen, als
sie sich umdrehte und ihren Gastgeber hinter
Kip in die Küche kommen sah. Er war viel zu
attraktiv für ihr Seelenheil.
Zane betrachtete sie ausgiebig: das hellblonde
Haar, die vollen Rundungen unter dem dicken
Pullover, die schlanken, jeansverhüllten Beine.
Aber seine Miene war vollkommen
ausdruckslos und machte es ihr unmöglich zu
erraten, wie er Mariannes Brief aufgenommen
hatte. Ob er sie immer noch für mitschuldig
hielt?
Ihr Herz sank. "Komm her, mein Schatz", sagte
sie zu Kip. "Ich will sehen, ob du auch gut
eingepackt bist." Mit zitternden Händen band
sie die Kordel an seiner Kapuze fest.
"Was machst du, wenn wir weg sind?"
Sie küsste ihn auf die Nasenspitze und lächelte.
"Das ist ein Geheimnis." Ihr Lächeln schwand,
als sie zu Zane hinüber sah. "Das heißt, wenn
Sie nichts dagegen haben, dass ich allein im
Haus bleibe."
Zane legte Kip die Hand auf die Schulter, als
hätte er sein Leben lang nichts anderes getan.
Mit jeder Geste gab er dem Kind das Gefühl,
etwas ganz Besonderes zu sein. Was für ein
Jammer, dass den beiden das Zusammensein
fünf Jahre verwehrt worden ist, dachte Jill. Sie
waren ein so wundervolles Paar. Sie fühlte, wie
gefährlich nahe ihr die Tränen waren. Aber ihre
Augen blieben trocken.
"Ich habe Ihnen ja gesagt, dass Sie in der Küche
nach Lust und Laune schalten und walten
können, solange Sie hier sind", sagte Zane im
Hinausgehen.
Solange Sie hier sind ... Das hatte einen
unheilverkündenden Klang.
Ihre Gedanken hatten sich so ausschließlich um
Kip und seinen Vater gedreht, dass sie gar nicht
weitergedacht hatte. Jetzt wurde ihr auf einmal
klar, dass sie vielleicht ohne Kip wieder nach
Hause zurückkehren würde. Wenn Marianne
ihren Willen bekam und Zane ihn in Zukunft bei
sich haben wollte, würde sie ihn vielleicht nie
mehr wieder sehen.
Seit September teilte sie mit Marianne die
Wohnung, und in diesen vier Monaten hatte sie
an Kip Mutterstelle vertreten, da Marianne jede
Verantwortung für ihren Sohn auf sie abgeladen
hatte. Die Vorstellung, ihn in Zukunft nicht
mehr um sich zu haben, war viel zu
schmerzlich, und so schob sie den Gedanken
daran schnell beiseite.
Als sie ihre Eltern am Thanksgiving besucht
hatte, hatten sie ihr Vorwürfe gemacht. "Harris
wird nicht ewig auf deine Antwort warten. Du
könntest längst verheiratet sein und ein eigenes
Kind haben, wenn du wolltest, und brauchtest
dich nicht so an Kip zu hängen."
Aber in ihrer Beziehung zu Harris fehlte etwas
Entscheidendes. Er sah gut aus, war intelligent
und liebte sie, aber sie konnte sich einfach nicht
vorstellen, dass sie mit ihm verheiratet war und
seine Kinder bekam. Diesen Wunsch hatte noch
kein Mann in ihr geweckt. Bis heute.
Was war los mit ihr? Dieser Mann hatte eine
Affäre mit Marianne gehabt, und aller
Wahrscheinlichkeit nach hatte er eine Freundin.
Ein attraktiver Mann wie er ...
Beim Essen hatte Kip von Zane wissen wollen,
ob er wieder verheiratet war. Das war offenbar
nicht der Fall, aber das bedeutete schließlich
nicht, dass er keine Beziehung pflegte. Einem so
anziehenden und aufregenden Mann wie Zane
Doyle konnte es nie an weiblicher Gesellschaft
fehlen. Jill konnte sich beim besten Willen nicht
vorstellen, dass es Frauen gab, die ihm
widerstehen konnten. Sie selbst am wenigsten ...
Sie war nervös und musste sich bewegen. Und
so entschloss sie sich zu einer kleinen
Erkundungstour durch das untere Stockwerk.
Stufen führten in ein geräumiges Wohnzimmer,
dessen riesige Fenster über die Bucht schauten.
Daran schloss sich ein Studierzimmer mit
hohen, bis zur Decke reichenden Bücherregalen.
Beide Räume waren durch einen gemeinsamen
Kamin verbunden. Von einem kleinen Erker
konnte man gleichzeitig den Blick auf die Bucht
und den Wald genießen.
Die Einrichtung war auf die nötigsten Möbel
beschränkt: ein Sofa, ein paar Sessel und Stühle,
ein Schreibtisch. Teppiche fehlten ganz, aber
der helle Holzboden verlieh den Räumen viel
Wärme und verlangte nicht danach.
Sie wanderte weiter zum Bad, fand eine
Speisekammer und einen Wirtschaftsraum mit
Tiefkühltruhe, Waschmaschine und Trockner.
Zane hatte sich ein Traumhaus mitten im
Paradies geschaffen.
Jill war ein Einzelkind und früher viel mit ihren
Eltern gereist - nach Europa, Südamerika, in den
Orient. Aber erst ihr Besuch in Alaska vor ein
paar Jahren hatte ihr die Augen für die
Schönheit und das Wunder unberührter Natur
geöffnet. Sie hatte einfach keine Worte
gefunden, um diese atemberaubende Landschaft
zu beschreiben - den leuchtend blauen Himmel,
die hohen Berggipfel und glitzernden Gletscher,
die rauschenden Wasserfälle, die saftiggrünen
Wälder und die plätschernden Bäche und vielen
Flüsse, in denen sich zahlreiche Fische
tummelten. Alaska war seither für sie der
schönste Teil der Erde.
Auf dieser Reise mit ihren Eltern damals hatte
sie beschlossen, eines Tages nach Alaska
zurückzukehren und zumindest für eine Weile
hier zu leben. Und dann hatte sich plötzlich die
Chance dazu ergeben, als eine Vorschullehrerin
eine Pause einlegte und ihre Stelle für ein Jahr
frei geworden war.
Aber jetzt wünschte sie sich, sie hätte diese
Gelegenheit nicht wahrgenommen und Kip nie
kennen gelernt. Natürlich war sie nicht dagegen,
dass er und sein Vater endlich zusammenkamen.
Das hätte schon vor langer Zeit geschehen
sollen. Aber jetzt wurde ihr schmerzlich klar,
dass sie alles, was sie je vom Leben hatte haben
wollen, hier fand: einen Mann, der das Land
verkörperte, das ihre Heimat geworden war, und
den kleinen Jungen, den sie so liebte, als wäre er
ihr eigener Sohn.
Sie konnte nur hoffen, dass das Wetter morgen
aufklarte und sie nach Hause zu ihrer Familie
fliehen konnte, um zu versuchen, ihr
Gleichgewicht wieder zu finden. Aber
wahrscheinlich war es dazu ohnehin schon zu
spät.
Allein der Gedanke, diesen paradiesischen Ort
wieder verlassen zu müssen, tat so weh, dass sie
sich gar nicht vorstellen konnte, wie sie die
Weihnachtsferien überstehen sollte.
Die Stärke ihrer Gefühle machte ihr angst, und
sie lief in die Küche zurück, um sich an die
Vorbereitung des Abendessens zu machen.
Während sie sich die einzelnen Zutaten für Kips
Lieblingsplätzchen zusammensuchte, hörte sie
von draußen über dem Rauschen des Windes
das Kreischen der Säge. Kip fühlte sich
wahrscheinlich wie im siebten Himmel. Vor ein
paar Wochen hatte sie ihm eine Spielzeugsäge
und eine kleine Axt aus Holz gekauft, aber das
heute war natürlich etwas ganz anderes, das war
etwas für Männer!
Jill hätte sich am liebsten zu den beiden gesellt,
aber sie wagte es nicht. Statt dessen stürzte sie
sich mit mehr als der üblichen Energie in ihre
Backarbeit und begnügte sich damit, Vater und
Sohn durchs Fenster zu beobachten. Es schneite
nur leicht, aber sie hatte den Eindruck, dass der
Wind auffrischte.
Auf einmal läutete das Telefon, und sie fuhr
zusammen. Eine Weile hatte sie sich jenseits der
Zivilisation gefühlt. Ob sie abheben sollte? Das
Klingeln hörte nicht auf. Der Anrufer war
hartnäckig. Vielleicht war es ja Marianne.
Möglicherweise hatte sie im letzten Moment
doch noch ein schlechtes Gewissen bekommen
und wollte wissen, ob ihr Sohn heil
angekommen war und es ihm gut ging.
Das wäre zwar das erste Mal, aber Jill war
willens, ausnahmsweise einmal das Beste
anzunehmen. Da sie selbst Kip so liebte, konnte
sie sich gar nicht vorstellen, dass seine Mutter
ihn so leichten Herzens weggeben konnte. Ohne
weitere Überlegung lief sie in Zanes
Studierzimmer und hob den Telefonhörer ab.
Eine weibliche Stimme mit schottischem
Akzent antwortete ihr.
"Bin ich da richtig bei Mr. Zane Doyle?"
Jill umfasste den Hörer nachdrücklicher. "Ja ..."
Eine kleine Pause entstand. "Und wer sind Sie?"
wollte die Frau am anderen Ende dann wissen.
Jill wollte keinen falschen Eindruck vermitteln.
"Ich bin mehr oder weniger wegen des
schlechten Wetters hier gestrandet. Mr. Doyle
ist draußen und macht Feuerholz. Soll ich ihn
holen?"
"Nein." Die Frau schien enttäuscht zu sein. "Sie
brauchen ihn nicht zu stören. Aber er hatte
eigentlich gestern schon nach Bellingham
kommen wollen. Sagen Sie ihm doch bitte, er
möchte mich zurückrufen - Brenda."
"Ja, natürlich." Jill legte wieder auf. Einen
Moment war sie versucht gewesen, diese
Brenda zu fragen, ob Zane ihre Telefonnummer
hatte. Aber daran bestand ja wohl kein Zweifel.
Wenn sie ihn bei sich erwartet hatte, konnte das
nur heißen, dass die beiden eine engere
Beziehung zueinander hatten.
Der Gedanke versetzte ihr einen schmerzhaften
Stich. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und
machte ihre erste Erfahrung mit der Eifersucht.
Das Telefon klingelte noch zweimal, bevor sie
das Studierzimmer wieder verließ. Beide Male
waren es geschäftliche Anrufe. Sie machte eine
kurze Notiz und legte sie Zane auf den
Schreibtisch. Dann lief sie in die Küche zurück,
um sich wieder um die Plätzchen zu kümmern.
Im selben Moment kamen Vater und Sohn ins
Haus zurück. Sie hörte, wie sie den Schnee von
den Schuhen stampften und Kip aufgeregt auf
Zane einredete. Sie zog gerade das Backblech
aus dem Herd, als die beiden in die Küche
kamen. Ihre Gesichter waren gerötet, und Zanes
Augen wirkten ganz unglaublich blau. Kip hatte
knallrote Wangen.
"Oh! Schokoladenplätzchen!" Er drehte sich
begeistert zu seinem Vater um. "Die schmecken
ganz toll!"
Jill versuchte, seinen Enthusiasmus etwas zu
dämpfen. "Warten wir ab, bis Zane sie probiert
hat. Vielleicht mag er sie ja gar nicht."
"Warum denn nicht?" Zanes tiefe Stimme ging
ihr durch und durch.
Sie rieb sich nervös den Nacken, eine Geste, die
ihn zu faszinieren schien. "Sie waren ein
bisschen zu lang im Rohr." Sie räusperte sich.
"Sie haben in der Zwischenzeit übrigens drei
Anrufe bekommen."
Zane sah auf Kip hinunter. "Wollen wir einen
Versuch mit den Wunderplätzchen riskieren,
Sportsfreund?"
Kip nickte eifrig, und innerhalb weniger
Minuten hatten sie zu zweit fast ein ganzes
Blech vertilgt.
Zane holte Milch aus dem Kühlschrank und
schenkte zwei Gläser ein. Dann rückte er ein
wenig näher zu Jill. "Sie hätten das Klingeln
ignorieren sollen." Das klang nicht so, als wäre
er immer noch böse auf sie, und auch sein Blick
war nicht mehr zornig oder vorwurfsvoll. "Ich
habe seit Montag Urlaub, und für das Telefon ist
der Anrufbeantworter zuständig. Ich hebe
grundsätzlich nicht ab."
Jill hielt unwillkürlich den Atem an. "Auch
nicht, wenn Brenda anruft?" fragte sie dann ein
wenig herausfordernd.
5. KAPITEL

Ein merkwürdiger Glanz trat in Zanes Augen,


als er sein leeres Glas in die Spüle stellte.
"Meine wohlmeinende Schwester will an
Weihnachten immer die Familie um sich
scharen. Aber ich fürchte, gewisse
Vorkommnisse haben das unmöglich gemacht."
Aus einem Wust von Gründen, den Jill im
Augenblick nicht entwirren mochte, war sie
über die Antwort so erleichtert, dass es aus ihr
herausplatzte: "Ich ... ich dachte, es wäre
vielleicht Marianne, die wissen wollte, wie es
Kip geht."
Seine Miene verdüsterte sich. "Sie glauben ja
wohl nicht im Ernst, dass sie sich darum schert,
wie es irgend jemandem außer ihr geht? Sonst
wären Sie schließlich nicht hier. Machen wir
uns nichts vor."
Er schien tief verärgert zu sein. Vermutlich
steckte etwas dahinter, wovon sie nichts wusste.
Und wenn sie ehrlich war, wollte sie es auch
nicht wissen.
"Kriege ich noch ein Plätzchen, Jilly?" Jill
drehte sich um. "Lieber nicht. Wir essen bald."
"Wie wäre es, wenn du Beastlie rufst und ins
Haus holst?" schlug Zane vor. Ein Glück, dass
ihm das eingefallen war.
"Jippü"
"Wir müssen uns ausführlich unterhalten",
verkündete er, nachdem sein Sohn
verschwunden war. "Sobald Kip im Bett ist.
Und das bringt mich gleich zum nächsten
Thema: Er wird sicher mit Ihnen im selben
Zimmer schlafen wollen. Oben geht das nicht.
Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, im
Wohnzimmer auf der Schlafcouch zu
übernachten."
"Nein, nein, natürlich nicht", erwiderte Jill
schnell. "Kip wird begeistert sein."
"Davon bin ich überzeugt. Ich fahre schnell zu
ROSS, um Bettzeug zu holen."
Ganz offensichtlich hatte noch niemand hier
übernachtet.
Es war verrückt, wie glücklich und froh es sie
machte, dass sie die Nacht mit ihm und Kip im
selben Haus verbringen durfte, und ihr Herz
klopfte wie rasend.
"Darf Kip baden, während Sie weg sind?"
"Ja, natürlich. Das erinnert mich gleich daran,
dass wir auch ein paar Handtücher brauchen.
Soll ich sonst noch etwas mitbringen?"
Jill schüttelte den Kopf. "Nein. Für Kip habe ich
alles reichlich dabei. Vorsichtshalber, falls ..."
Sie kam ins Stammeln und suchte nach den
richtigen Worten.
"Sparen Sie sich die Erklärung", unterbrach er
sie schroff. "Sie konnten schließlich nicht
wissen, ob sein Vater nicht vielleicht genauso
verantwortungslos ist wie seine Mutter." Der
Brief hatte Marianne also offenbar nicht ins
beste Licht gesetzt. Er holte tief Atem. "Ich
wollte auch eher wissen, ob Sie etwas brauchen,
nicht Kip."
Jill sah ihn nicht an. Alles, was sie brauchte und
wollte, fand sie bei ihm, unter diesem Dach.
Dann zögerte sie. "Ein kleines Problem habe ich
doch. Ich wollte eigentlich gestern die
Weihnachtsgeschenke für Kip kaufen. Aber
dann kam Mariannes Brief dazwischen ..."
"Was wollten Sie ihm denn schenken?"
"Holzfällerstiefel und einen Schutzhelm,
möglichst in Orange." Sie sah zu ihm auf. Sein
Blick war beunruhigend intensiv. "Er möchte
doch so gern so sein wie Sie."
Er war gerührt. "Ich fürchte, es wird ein gelber
Helm sein müssen. Die Stiefel muss R. J.
bestellen, nehme ich an, aber sie werden sicher
noch rechtzeitig geliefert."
"Bei dem Wetter?" gab sie ungläubig zurück.
"Ich dachte, der Sturm kann noch Tage
andauern."
"Das stimmt. Aber Sonderbestellungen werden
auf dem Landweg geliefert. Von hier nach
Thorne Bay führt eine kleine Straße."
Jill kam sich ziemlich dumm vor. "Darauf hätte
ich auch selbst kommen können."
"Wie denn, nachdem Sie bis gestern noch nicht
einmal wussten, dass Kaslit Bay überhaupt
existiert?" gab er zurück. "Aber Sie haben
meine erste Frage immer noch nicht
beantwortet. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?"
"Nein, ich brauche nichts, danke."
Er runzelte die Stirn. "Welche Frau hätte keine
eigenen Wünsche und opferte ihr Leben für das
Kind einer anderen?"
Wahrscheinlich hatte er von Anfang an gespürt,
dass ihr Verhältnis zu Kip weit über das einer
Lehrerin zu ihrem Schüler hinausging, und
wollte sie jetzt davor warnen, zu
besitzergreifend zu werden. Zweifellos sah er
eine Art alte Jungfer in ihr. Jill geriet in Panik,
als sie daran dachte, dass er möglicherweise
mitbekommen hatte, wie sie sich zu ihm
hingezogen fühlte. In welch peinliche Lage
hatte sie sich nur gebracht!
Sie kämpfte gegen ihre Gefühle an. "Sie
brauchen sich keine Sorgen zu machen, Mr.
Doyle", erwiderte sie ein wenig zu scharf. "Ob
Sie es glauben oder nicht, ich habe auch noch
ein anderes Leben. Nachdem ich jetzt weiß, dass
Kip bei seinem Vater gut aufgehoben ist, werde
ich das erste Flugzeug von hier nach Hause
nehmen."
"Das kann noch eine Weile dauern."
Seine Stimme hatte ein wenig spöttisch
geklungen, und Jill ergriff die Flucht ins
Wohnzimmer. Bevor sie noch dort ankam,
konnte sie schon Kip hören, der offenbar
versuchte, Beastlie irgendwelche Kunststücke
beizubringen.
Bis sie ihn dazu überredet hatte, sich wenigstens
für die Dauer eines Bades von dem Hund zu
trennen, hatte Zane das Haus verlassen, und ihr
Atem ging wieder etwas ruhiger.
Während sie den Hackbraten und die Kartoffeln
in den Herd schob, amüsierte Kip sich königlich
in der Badewanne. Offenbar machte ihm das
Baden hier viel mehr Spaß als zu Hause,
wahrscheinlich weil alles so neu für ihn war ­
und weil es Zanes Haus war. Jill hätte auf den
weinroten Bademantel an der Tür und den
Rasierapparat als Erinnerung an den Mann, der
sie weit mehr beschäftigte, als es für ihr
Seelenheil gut war, verzichten können - an den
Mann, der mehr als deutlich gemacht hatte, dass
das einzige Gefühl, das er ihr entgegenbrachte,
Mitleid war.
Sie badete nach Kip, schlüpfte danach in ihr
altes hoch geknöpftes Großmutternachthemd
mit dem geflickten Kragen und zog ihren
abgewetzten blauen Bademantel darüber. Da sie
darin ohnehin schon aussah wie eine Jungfer,
machte sie sich gar nicht erst die Mühe, sich zu
schminken.
Als Zane schließlich von seiner Einkaufsfahrt
zurückkam, tobten Jill und Kip in ihren
Plüschhasenpantoffeln, deren Ohren bei jedem
Schritt fröhlich wippten, mit Beastlie durchs
Wohnzimmer.
"Zane!" teilte Kip ihm aufgeregt mit. "Beastlie
will meine Pantoffeln fressen!"
"Das kann ich ihm nicht verdenken. Wenn ich
Beastlie wäre, würde ich da auch reinbeißen
wollen."
Er stand da und sah mit eindeutig väterlichem
Stolz auf Kip hinunter. Und Jill glaubte sogar,
ein Lächeln um seine Mundwinkel zu
entdecken.
"Meinst du, ihr drei könntet euer Spiel für kurze
Zeit unterbrechen und einem halbverhungerten
Mann etwas zu essen geben? Ich bin kurz vor
dem Zusammenbrechen."
Kip rannte zu ihm. "Jilly hat das Essen schon
fertig", teilte er ihm stolz mit. "Und ich habe
den Tisch gedeckt! Ganz allein!"
Zane registrierte Jills Morgenrock und die
Pantoffeln, aber er schien von ihrer Erscheinung
nicht sehr angetan, denn nach einem flüchtigen
Blick wandte er sich wieder Kip zu, der sich
glücklich in seine Arme schmiegte.
"Dann werde ich nachher wohl abwaschen
müssen", meinte er und zog eine Grimasse, über
die Kip entzückt lachte. Dann ging er mit
seinem Sohn auf den Armen in die Küche.
"Ich helfe dir!"
Er war so ein liebes Kind, und Jill beneidete
Zane - und Kip, weil er ihm so nahe sein durfte.
Wie schön wäre es, wenn sie auch dazugehören
dürfte ... Aber dann gab sie sich einen Ruck. Sie
musste völlig verrückt sein, so etwas auch nur
zu denken!
Während sie das Essen auf den Tisch stellte,
dachte sie daran, wie anders jetzt alles wäre,
wenn sie nicht Vorschullehrerin geworden wäre
oder an einer anderen Schule arbeiten würde.
Dann wäre sie nie in diese Situation geraten.
Aber es war müßig, sich mit solchen
Gedankenspielchen zu beschäftigen.
Beim Essen musste Jill immer wieder den
Impuls unterdrücken, ihren Gastgeber
anzustarren. Den größten Teil der Zeit schwieg
sie und überließ die Unterhaltung Vater und
Sohn. Als die beiden beim Nachtisch angelangt
waren, stand sie auf. "Ich mache mich schon
mal im Wohnzimmer nützlich."
"Das Bettzeug finden Sie im Wäscheschrank im
Wirtschaftsraum", teilte Zane ihr liebenswürdig
mit.
In der nächsten halben Stunde schienen die
beiden Männer sich beim Abwasch königlich zu
amüsieren, während Jill unter Beastlies
Anteilnahme die Betten für sich und Kip
vorbereitete. Der Wind heulte ums Haus, aber
sie fühlte sich warm und geborgen.
Zane schloss die Türen und Fensterläden und
löschte die Lichter. In der Zwischenzeit putzten
Jill und Kip sich die Zähne, dann durfte Kip
sich aussuchen, auf welchem Sofa er schlafen
wollte. Er entschied sich für das größere, weil
darauf auch für Beastlie Platz war. Der dachte
gar nicht daran, am Fußende zu bleiben, sondern
arbeitete sich Zentimeter um Zentimeter vor, bis
sein Kopf endlich auf Kips Brust lag. Die
beiden gaben ein so rührendes Bild ab, dass Jill
nicht das Herz hatte, den Hund fortzuscheuchen.
Zane ging es nicht anders.
"Gute Nacht, Zane."
"Gute Nacht, Kip."
"Zane? Glaubst du, dass das Flugzeug bald
kommt?" fragte Kip dann mit dünner Stimme.
"Ich weiß es nicht. Aber darum wollen wir uns
heute keine Gedanken mehr machen."
"Es soll nie kommen. Dann müssen wir immer

hier bleiben!"

"Würdest du das denn gern?"

"Ja."

Jills Augen wurden feucht.

"Hm ..."

"Was machen wir morgen?" wollte Kip wissen.

"Wir könnten uns nach einem Weihnachtsbaum

umschauen. Was hältst du davon?"

"Jilly muss aber auch mitkommen."

"Ich ... ich weiß nicht ..."

"Ja, natürlich. Wir ziehen alle drei zusammen

los." Zane ließ keinen Widerspruch gelten.

"Bleibst du bei mir, bis ich eingeschlafen bin?"

"Was denkst du denn? Natürlich."

"Erzählst du mir noch eine Geschichte?"

"Vielleicht die von Kabloona?"

"Was ist das?"

"Kabloona ist ein starker, tapferer kleiner Junge,

genau wie du. Er ist Eskimo und hat seine

Familie verloren. Auf einer Eisscholle wird er

bis weit in den Norden getrieben, und da lernt er

einen Polarbären kennen und freundet sich mit

ihm an."

"Ist das ein großer Bär?"

Sein Vater lachte, und dieses Lachen traf Jill


mitten ins Herz. "Er ist so groß, dass Kabloona
ihn zuerst für einen Eisberg hielt."
"Jilly hat schon einmal einen ganz echten
Eisberg gesehen", teilte Kip ihm wichtig mit.
"Was ist dann passiert?"
Selbst Jill ließ sich von Zanes Geschichte
einspinnen. Es ging ihr wie Kip: Am liebsten
wäre sie für immer hier geblieben.
Zanes Stimme hatte eine fast hypnotische
Wirkung, und Kip schlief bald ein. Aber Jill war
hellwach. Sie musste sich beherrschen, um Zane
nicht um eine zweite Geschichte zu bitten.
Aber der Bann war bald gebrochen. "Ich glaube,
das war genug für heute. Wollen wir uns in die
Küche begeben, Miss Barton?"
6. KAPITEL

Es gab keinen Aufschub mehr. Jill klopfte das


Herz bis zum Halse, als sie aufstand, in ihre
Pantoffeln schlüpfte und Zane folgte. Mariannes
Brief lag auf dem Küchentisch.

Liebe Jill,
es fällt mir nicht leicht, diesen Brief zu
schreiben. Aber gestern Abend hat Lyle mir
einen Heiratsantrag gemacht, und ich habe ja
gesagt. Ich weiß, dass das ziemlich
überraschend kommt, aber er ist der Mann, auf
den ich immer gewartet habe. Leider gibt es da
ein Problem: Lyle weiß zwar von Kip, glaubt
aber, dass er bei seinem Vater lebt. Ich konnte
ihm die Wahrheit nicht sagen, weil Lyle noch
keine Kinder haben will. Nach den Ferien, wenn
wir von unserer Hochzeitsreise zurückkommen
und uns eingerichtet haben, werde ich ihn
bearbeiten, dass Kip uns auf der Ranch
besuchen darf. Es wird schon klappen. Ich habe
Dir nie von Kips Vater erzählt. Er wünscht sich
so sehr, dass Kip endlich einmal zu ihm kommt.
Aber ich war immer der Ansicht, dass ein
Holzfällercamp nicht der richtige Ort für ein
Kind ist. Deshalb musste er immer nach
Ketchikan fliegen, wenn er seinen Sohn sehen
wollte.
Zum Glück fällt die Hochzeit genau in die
Weihnachtsferien, und Kip ist jetzt alt genug,
um auch einmal allein wegzufahren. Leider hat
Zane mich noch nicht zurückgerufen, so dass
ich nicht genau sagen kann, wann er ihn abholt,
aber es wird vermutlich gegen sechs Uhr sein.
Wenn er bis dahin nicht gekommen ist, hat ihn
das schlechte Wetter aufgehalten. Sollte er heute
gar nicht mehr kommen, findest Du in der
obersten Kommodenschublade einen Umschlag
mit zwei Flugtickets für Dich und Kip nach
Kaslit Bay.
Sag Kip, dass der Weihnachtsmann ihm seinen
Wunsch erfüllt hätte und er Weihnachten bei
seinem Vater sein darf. Du kannst ihn am Dock
von Kaslit Bay absetzen, Zane holt ihn dort ab.
Wenn Du ihn nicht gleich findest, sag in dem
kleinen Supermarkt Bescheid, dass man Zane
Doyle anrufen soll. Du brauchst Dich selbst
nicht in Kaslit Bay aufzuhalten, sondern kannst
gleich wieder nach Hause zurückfliegen.
Kips Koffer sind fertig gepackt, seine
Weihnachtsgeschenke habe ich dazugelegt. Ich
werde Kip am Weihnachtsmorgen anrufen und
ihm erzählen, dass ich geheiratet habe. Er wird
die Neuigkeit leichter verdauen, wenn er bei
seinem Vater ist.
Mach Dir keine Gedanken über meinen
Mietanteil. Lyle hat die nächsten drei Monate
bezahlt, damit Du Zeit hast, eine neue
Mitbewohnerin zu finden. Ende Januar rufe ich
Dich an. Vielleicht können wir uns dann einmal
treffen. Zum Schluss möchte ich mich bei Dir
bedanken. Du hast mir immer sehr geholfen,
und Du kannst so gut mit Kindern umgehen,
dass Kip mich vermutlich gar nicht vermissen
wird. Ich wünsche Dir schöne Weihnachten,
und, wer weiß, vielleicht stellst Du ja doch noch
fest, dass Harris Dein ersehnter Märchenprinz
ist. Liebe Grüße, Marianne

Jill hatte den Brief immer wieder gelesen, aber


das machte ihn nicht besser. Im Gegenteil. Sie
sah Zane unglücklich an.
"Es tut mir so leid, dass Sie es auf diese Weise
erfahren mussten. Ich hätte alles getan, um
Ihnen das zu ersparen."
"Ich weiß. Es war nicht fair von Marianne, Sie
in diese Lage zu bringen. Ich kann mir
vorstellen, wie unangenehm Ihnen Ihre Rolle
war, und dass Sie mir und Kip diese Situation
lieber erspart hätten. Aber Sie verstehen
hoffentlich, dass ich Sie und Kip nicht wieder
abfliegen lassen konnte, bis ich wusste, was das
alles zu bedeuten hatte."
Jill schüttelte den Kopf. "Es muss ein
Riesenschock für Sie gewesen sein, dass Sie auf
einmal einen Sohn haben."
"Das kann man wohl sagen." Seine Stimme
klang belegt. "Aber, so komisch das auch
klingen mag, ich bin froh, dass es so gekommen
ist."
"Warum?"
"So konnte ich Kip unauffällig kennen lernen.
Ich ... wenn ich mir einen kleinen Jungen hätte
aussuchen dürfen ..." Er musste nicht mehr
sagen. Sein Blick verriet alles. "Was auch
immer man Marianne vorwerfen mag, sie hat
mir einen hinreißenden Sohn geschenkt."
"Ja", sagte Jill nur.
"Er macht einen sehr aufgeweckten Eindruck
und fragt einem ein Loch in den Bauch."
Jill lächelte. "Das kann man wohl sagen."
"Aber was soll ich davon halten, wenn ein
Fünfjähriger seine Mutter nur ein einziges Mal,
und das nur nebenbei, erwähnt? Er hat nicht
einmal ein bisschen Heimweh nach ihr!" Zanes
Stimme klang ungläubig. "Ich habe zwei
Nichten, und die beiden würden jetzt am
Telefon hängen, wenn ihre Mutter nicht bei
ihnen wäre. Aber offenbar ist das bei meinem
Sohn nicht so. Er wirft sich jedem Mann an den
Hals, der ihn öfter als einmal anschaut." Seine
Miene war hart.
Jill räusperte sich. "Das ist nicht wahr. Er ist
sehr schüchtern Erwachsenen gegenüber, vor
allem gegenüber Männern. Als er zu mir in die
Vorschule kam, hatte er keine Freunde und
wusste auch gar nicht, wie er mit den anderen
Kindern umgehen sollte. Ich habe dann mit Mr.
Ling gesprochen, dem Hausmeister. Er brachte
seinen kleinen Hund Mutt mit in die Schule, und
ich übertrug es Kip, ihn jeden Morgen zu
füttern. Und es hat funktioniert!"
Jill war die Freude darüber noch immer
anzuhören. "Kip war schrecklich stolz auf
seinen ,Job', und die anderen Kinder wollten
ihm natürlich alle dabei helfen. Und so
freundete er sich mit Robbie an. Er kam nach
der Schule häufig zu uns in die Wohnung, und
bald lebte Kip richtig auf. Anfangs weigerte er
sich noch, mit Robbie etwas zu unternehmen,
und wollte unbedingt bei mir bleiben. Aber vor
ein paar Wochen fuhr er dann doch mit Robbie
und seinem Vater in ein indianisches Dorf, um
Totempfähle anzuschauen. Von unterwegs rief
er mich zweimal an, ob ich auch noch da bin."
Zanes Züge wurden hart. "Und wo war
Marianne in all dieser Zeit?"
"Sie hat gearbeitet."
Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare,
und das Herz tat ihr für ihn weh.
"Zane, Sie müssen eines wissen: In all der Zeit
hatte ich nicht den geringsten Grund
anzunehmen, dass Kip geschlagen oder
unfreundlich behandelt wurde. Marianne hat nur
einfach kein Gefühl dafür, wie man mit einem
Kind umgehen muss und was ein Kind braucht.
Und so überließ sie ihn immer anderen. Aber sie
hat es nie böse gemeint."
Zanes Augen waren dunkel vor unterdrücktem
Zorn. "Ein Glück, dass Kip Sie hatte."
Jill mied seinen Blick, damit er nicht sah, wie
sehr ihr das alles zu Herzen ging. Aber ihre
Stimme klang etwas brüchig, als sie jetzt sagte:
"Und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh
ich darüber war, als ich Sie am Dock auftauchen
sah."
"Was hätten Sie getan, wenn ich nicht zufällig
gekommen wäre?" wollte er wissen.
"Ich hätte Kip wieder mit zurück nach
Ketchikan genommen und ihn bei mir behalten."
Er schüttelte den Kopf. "Eigentlich hatte ich
vor, gestern nach Bellingham zu fliegen."
"Ja, das hat Ihre Schwester gesagt."
"Ich habe mich erst im letzten Moment
entschlossen, den Flug zu verschieben, um noch
ein paar dringende Arbeiten zu erledigen."
"Es sollte wohl so sein", meinte Jill. "Kip hat
sich immer einen Vater wie Sie gewünscht. Sie
hätten sehen sollen, wie aufgeregt er war, als er
hörte, dass er Weihnachten bei Ihnen verbringen
darf. Und dann waren Sie da, als gerade die
große Enttäuschung einsetzen wollte."
Jill lächelte. "Es war wie ein Wunder. Kip hat
Sie ganz instinktiv ausgewählt, und es spielte
überhaupt keine Rolle, dass Sie ein fremder
Mann waren. Er hat sofort eine Art Urvertrauen
zu Ihnen gefasst. Ich habe so etwas noch nie
gesehen."
"Ja, es war verblüffend", gab Zane zu. "Mir ging
es ganz genauso. Ich werde Marianne nie
verzeihen, dass sie ihn mir all diese Jahre
vorenthalten hat."
Jill sah zu ihm auf. "Sie haben ihn ja jetzt für
den Rest Ihres Lebens."
Zane war im Zimmer auf und ab gegangen und
blieb jetzt stehen, um sich zu ihr umzudrehen.
"Sie haben recht. Aber ein Problem gibt es
noch. Wenn Kip bei mir bleibt, wird er in
Bellingham wohnen und in die Schule gehen
müssen. Das bedeutet, dass ich ihn von Ihnen
trennen muss. Ich weiß nicht, ob ich ihm das
antun kann. Wenn er Sie nicht gehabt hätte,
wäre sein Verhältnis zu mir vielleicht ganz
anders."
"Was Zwischen Ihnen und ihm passiert ist, hat
überhaupt nichts mit mir zu tun", wehrte Jill ab.
"Da bin ich mir nicht so sicher. Sie haben seine
kleine Welt zusammengehalten, und er liebt Sie
abgöttisch."
"Aber Sie sind sein Vater", erinnerte Jill ihn
fest. "Zum ersten Mal in seinem Leben lernt er
Sicherheit kennen. Ich bin nur seine Lehrerin."
Das klang, als müsse sie sich selbst davon
überzeugen.
"Sie wissen genau, dass das nicht stimmt. Sie
sind viel mehr als das", gab er zurück. "Wer es
nicht weiß, würde Sie für Kips Mutter halten."
"Aber das bin ich nicht." Sie fühlte sich innen
ganz leer. "Haben Sie sich schon entschieden,
wie Sie reagieren wollen, wenn Marianne
anruft?"
"Falls sie anruft! Sollte sie mit Kip sprechen
wollen, gut. Aber ich habe nicht vor, mir
irgendwelche Rechtfertigungen oder abstrusen
Geschichten anzuhören. Mein Anwalt wird sich
mit ihr in Verbindung setzen und ihr mitteilen,
dass ich das alleinige Sorgerecht für Kip
beantragen werde. Natürlich kann sie ihn
besuchen, wenn sie will, aber die
Wahrscheinlichkeit ist vermutlich nicht sehr
hoch."
Ein Zittern durchlief Jill. Sie konnte sich nur
wünschen, niemals Zielscheibe seines Zorns zu
sein.
"Ich glaube, Sie haben das Recht, endlich zu
erfahren, was zwischen mir und Marianne
damals wirklich vorgefallen ist."
Jill schüttelte den Kopf. "Sie schulden mir keine
Erklärung. "
Er kreuzte die Arme über der Brust und lehnte
sich an die Küchentheke. "Ich möchte es Ihnen
aber erzählen. Ich würde meine Beziehung zu
Marianne nicht einmal als Affäre bezeichnen.
Wir lernten uns kennen, als ich mit Freunden
zwei Wochen beim Lachsfang war. Sie war bei
uns als Köchin angestellt, und abends saßen wir
oft zusammen. Nach dem Tod meiner Frau war
sie die erste Frau, die mich überhaupt wieder
interessierte. Vielleicht hing es mit ihrem
schottischen Akzent zusammen."
Das konnte Jill verstehen. Sie selbst fand
Mariannes Akzent sehr reizvoll.
"Aber auf einem Boot mit anderen Leuten kann
sich nicht mehr als eine oberflächliche
Bekanntschaft entwickeln. Gegen mein besseres
Wissen schlief ich einmal mit ihr. Wir haben
zwar aufgepasst, aber Kip ist der lebende
Beweis, dass es nicht geklappt hat." Er
schüttelte den Kopf. "Damals lebte Marianne in
Craig, und ich wollte sie gleich am nächsten
Wochenende nach den Ferien besuchen, um
meinen Gefühlen auf den Grund zu gehen und
einmal mit ihr allein zu sein. Auf dem Boot war
ja ständig etwas los, dauernd wurde gefeiert,
und es war unmöglich, sich näher kennen zu
lernen."
Jill wusste nur allzu gut, dass Marianne auf
jedem Fest anzutreffen war.
"Jedenfalls flog ich zu ihr und stellte fest, dass
sie aus ihrer Wohnung ausgezogen war und
keine Nachsendeadresse hinterlassen hatte. Ich
habe noch ein paar Erkundigungen angestellt,
genau wie meine Freunde, aber sie war spurlos
verschwunden."
"Genau wie gestern", meinte Jill. "Hatten Sie
damals Ihre Firma schon?" wollte sie dann
wissen.
"Nein, ich stand noch ganz am Anfang. Jetzt ist
mir klar, dass Marianne einen Mann mit Geld
suchte, bei dem sie vergessen konnte, woher sie
kam. Dieser Mann war ich nicht. Noch nicht."
Marianne Mongrief, wie dumm du doch warst,
einen Mann wie Zane Doyle ziehen zu lassen,
dachte Jill.
"Sollte ich überhaupt etwas für sie empfunden
haben, dann war es durch ihr Verschwinden
vorbei. Ich gratulierte mir dazu, dass ich
vielleicht gerade noch einmal davongekommen
war."
Er hatte Marianne also nicht geliebt. Jill war
unendlich erleichtert. Und so fand sie den Mut
zu ihrer nächsten Frage. "Wann werden Sie Kip
sagen, dass Sie sein richtiger Vater sind?"
Aber Zane kam gar nicht mehr dazu, ihr eine
Antwort zu geben. Jill hörte ein Geräusch hinter
sich, und als sie sich umdrehte, entdeckte sie
Kip und Beastlie unter der Tür. Kip kam zu ihr
und sah sie aus großen Augen an. "Ist Zane
wirklich mein Daddy?"
7. KAPITEL

Jill sah hilfesuchend zu Zane hinüber. Er nickte

fast unmerklich und überließ es damit ihr,

seinem Sohn die Wahrheit zu sagen. Sie wusste

am besten, wie sie mit ihm umgehen musste.

Jill war ganz gerührt von dem Vertrauen, das

Vater und Sohn ihr entgegenbrachten. Sie ging

vor Kip in die Knie und nahm ihn in die Arme.

"Wie lange bist du denn schon wach?"

"Ich weiß nicht. Der Wind hat mich aufgeweckt.

Ist Zane mein Daddy?"

"Ja." Jills Stimme klang ein wenig unsicher.

"Wie gefällt dir das?"

Er schwieg eine Weile. Der Wind heulte ums

Haus und verlieh der Situation etwas

Unheimliches. Zanes Züge waren angespannt,

und er war unnatürlich blass.

"Jilly, ich glaube, er will mich gar nicht haben",

flüsterte Kip ihr dann ins Ohr, aber Zane hatte

ihn gehört.

Sie strich ihm die Haare aus der Stirn. "Und wie
kommst du darauf, Schätzchen?"
"Weil er gestern gesagt hat, dass er keine Kinder
hat."
"Dann weißt du aber bestimmt, was er noch
gesagt hat: dass seine Frau gestorben ist, bevor
sie ein Kind bekommen konnten?"
"Ja."
"Lange danach hat er deine Mommy kennen
gelernt." Sie hoffte nur, dass sie jetzt die
richtigen Worte fand. "Erinnerst du dich noch
an die Geschichte von Kabloona? Wie er auf der
Eisscholle weggetrieben wurde, bevor seine
Familie es merkte?"
Kip nickte.
"Und genau das ist dir auch passiert. Deine
Eltern haben sich nicht lange gekannt, bevor
deine Mommy wegzog. Sie wusste erst viel
später, dass du schon in ihrem Bauch warst.
Dein Daddy hat sie gesucht, aber er hat sie nicht
gefunden. Genau wie es bei Kabloona und
seinem Daddy war. Deine Mom war fast sechs
Jahre weg, und dein Daddy hat nie
herausgefunden, wo sie ist, auch nicht, als sie
mit dir nach Ketchikan kam. Er wusste nicht
einmal, dass es dich gibt. Aber dann hat deine
Mom ihn gesucht, damit sie dich an
Weihnachten zu ihm schicken kann."
Diese kleine Unwahrheit würde ihr sicher
verziehen werden. "Aber dein Daddy hat heute
erst erfahren, dass du sein Sohn bist! Er hat es
gar nicht gewusst. Und er hatte ein bisschen
Angst, es dir zu sagen, weil er sich davor
gefürchtet hat, dass du ihn vielleicht nicht lieb
hast und gar nicht als Daddy haben willst."
"Aber ich habe ihn schrecklich lieb!" rief Kip.
"Dann komm, mein Sohn, und zeig es mir."
Zane breitete die Arme aus, und Kip warf sich
hinein und klammerte sich an ihn. "Ich habe mir
immer so einen wunderbaren kleinen Jungen
wie dich gewünscht, und ich habe dich sehr,
sehr lieb. Ich werde dich nie wieder hergeben",
versprach er rau.
Jill stand auf und verließ die Küche. Beastlie
nahm sie mit sich. Diese Minuten gehörten
Vater und Sohn, da störte sie nur. Über ihren
eigenen Schmerz wollte sie jetzt nicht
nachdenken. Nichts sollte das Glück dieses
Abends trüben.
Sie legte sich auf ihr Sofa in dem Bewusstsein,
dass ein kleines Wunder passiert war. Vater und
Sohn, die sich bis heute nicht gekannt hatten,
waren endlich vereint, und sie brauchte sich um
Kips Zukunft keine Sorgen mehr zu machen.
Was immer Marianne sich noch einfallen ließ,
ab jetzt war Zane da, sicher und zuverlässig,
und würde sich um seinen Sohn kümmern. Er
würde auf ihn aufpassen und ihm die Führung
geben, die er brauchte.
Sie konnte sich lebhaft vorstellen, welche Pläne
die beiden im Augenblick schmiedeten. Der
Hund lief noch eine Weile vor der Tür auf und
ab und wartete auf seinen kleinen Herrn. Aber
dann kam er wohl zu dem Ergebnis, dass das
nicht viel Sinn hatte, und legte sich vor Kips
Bett.
Langsam wurden Jill die Augenlider schwer,
und sie drehte sich mit einem Seufzer auf den
Bauch. Hoffentlich wusste Marianne, was sie
getan hatte, denn jetzt gab es kein Zurück mehr.
Wenn sie eines Tages beschloss, dass sie nicht
bei ihrem Mann bleiben wollte, dann war der
Weg nach Ketchikan zu ihrem Sohn versperrt.
Kip war nicht mehr der kleine Junge, den sie
einfach bei seiner Lehrerin unterbringen und
über den sie nach Belieben verfügen konnte,
sondern er war bei seinem Vater in Sicherheit.
Und dieser Vater würde ihn nie wieder hergeben
...
"Jilly? Jilly, bist du schon wach?"
"Guten Morgen, mein Herz", murmelte sie
verschlafen und spähte auf ihre Uhr. Halb acht.
Der Wind heulte noch genauso heftig wie
gestern ums Haus. Aber Kip war einfach nur
glücklich und hatte für nichts anderes Augen
und Ohren.
Offenbar hatte Zane ihn gestern ins Bett
gebracht, denn das Bettzeug auf der zweiten
Couch war zerwühlt. Hoffentlich hatte sie nicht
geschnarcht oder im Schlaf gesprochen oder
sonst etwas Peinliches getan!
"Wo ist Beastlie?" Jill setzte sich auf und strich
sich die Haare aus dem Gesicht.
"Daddy hat gesagt, wir sind jetzt eine Familie,
und deshalb muss ich für Beastlie sorgen. Ich
habe ihn schon hinausgelassen, damit er
draußen spielen kann. Daddy hat gesagt, das ist
wichtig, damit er gesund und stark bleibt."
Daddy hat gesagt ... Wie leicht ihm das über die
Lippen kam. Und was für ein wunderbares
Gefühl es für den Kleinen gewesen sein musste,
hier im Haus seines Vaters aufzuwachen und zu
wissen, dass er hierher gehörte und nie wieder
wegzugehen brauchte.
Jetzt erst wurde Jill so richtig bewusst, wie
selbstverständlich sie es als Kind immer
genommen hatte, dass ihr Vater da war. Kip
wusste noch gar nicht, wie seine Welt sich mit
einem Vater wie Zane, den er lieben und dem er
nacheifern konnte, verändern würde. Eines
Tages, wenn er älter war, würde ihm klar
werden, dass das Schicksal ihm einen Vater
geschenkt hatte, wie es ihn nur ganz selten gab.
Zane war ein wunderbarer Mann, und wenn alle
Kinder auf der Welt Väter wie ihn hätten ...
Kip brach in Jills Gedanken ein. "Machst du uns
Frühstück, Jilly? Daddy sagt, dass er auch am
liebsten Pfannkuchen isst." Damit ist die
Rollenverteilung endgültig klar, dachte Jill
trocken.
Fünf Minuten später war Jill gewaschen und
schlüpfte in Jeans und einen grünen Pullover
und suchte warme Sachen für Kip heraus. Dann
gingen sie zusammen in die Küche.
Sie fing an, das Frühstück vorzubereiten,
während Kip schon einmal voller Eifer den
Tisch deckte und Orangensaft in drei Gläser
schenkte. Danach machte er sich auf den Weg,
um seinen "Daddy" zu holen.
Zane war offenbar schon auf gewesen, denn es
dauerte nicht lange, bis er angezogen und frisch
rasiert, seinen Sohn auf den Armen, in der
Küche erschien.
Jill konnte gar nicht anders, als ihn anzustarren:
die markanten Züge, diese so intensiven,
unglaublich blauen Augen, die über dem hellen
Pullover noch mehr leuchteten. Die
dunkelblauen Cordhosen konnten seine
muskulösen Beine nicht verbergen.
Jill war so in seinen Anblick versunken, dass ihr
erst nach einer Weile fast schockartig auffiel,
dass er sie ebenso interessiert von Kopf bis Fuß
musterte. Besonders schienen es ihm ihre
weiblichen Rundungen angetan zu haben. Ihr
wurde heiß, und ihr Gesicht fing an zu glühen.
Die Zeit schien stillzustehen, als er den Blick
über ihr gerötetes Gesicht, das helle Haar, das
sie längst wieder hätte schneiden lassen sollen,
die ausdrucksvollen warmen braunen Augen
schweifen ließ.
"Ich habe solchen Hunger, dass ich ein ganzes
Dutzend Pfannkuchen essen könnte!"
verkündete er dann. "Wie sieht es mit dir aus,

Sportsfreund?"

Jill hörte nicht, was Kip darauf antwortete.

Denn Zane hatte zwar mit seinem Sohn

gesprochen, aber dabei hatte sein Blick sie nie

verlassen. Für sie gab es nur noch ihn. Aber

schließlich war sie es, die die Augen

niederschlug und sich abwandte.

Sie holte den gegrillten Schinken und die

Pfannkuchen aus dem Rohr, und Vater und

Sohn setzten sich.

"Die Pfannkuchen schmecken wunderbar",

bemerkte Zane nach einer Weile, "aber sie

sehen irgendwie komisch aus, finde ich."

Kip kicherte. "Finde ich auch."

Jill lächelte. "Eigentlich sollten sie Beastlie

darstellen. Aber ich fürchte, ich brauche noch

viel Übung, bis man ihn erkennt."

"Da sind wir aber froh, nicht wahr, mein Sohn?"

meinte Zane, und Kip nickte eifrig.

"Und warum, wenn ich fragen darf?" erkundigte

Jill sich.

"Sag du es ihr", forderte Zane sein kleines

Ebenbild auf.

Jill hörte auf zu essen und sah auf. "Was soll er

mir sagen?"

"Daddy und ich wollen, dass du bei uns bleibst",

lautete die Antwort.

"Ich bin ja hier."

"Wir wollen, dass du immer und immer und

immer hier bleibst."

Es war zu erwarten, dass Kip so etwas sagte.

Damit hatte Jill gerechnet, nur noch nicht so

früh und nicht vor seinem Vater. Zane sollte ihn

wirklich nicht zu etwas ermutigen, was doch nie

sein konnte. Aber als sie ihm in Erwartung eines

Protestes einen schnellen Blick zuwarf,


reagierte er gar nicht. Seine Miene war
undurchdringlich, sein Blick nicht zu
entschlüsseln.
Jill legte ihre Gabel ab. "Das wäre
wunderschön, Kip, aber es geht leider nicht."

"Doch! Daddy will dich nämlich heiraten,

sobald er eine Litz ..." Er sah hilfesuchend zu

Zane hinüber

"Eine Lizenz."

"Sobald er eine Lizenz hat. Sag es ihr doch,

Daddy". drängelte Kip.

Heiraten ...

Das Blut wich aus ihrem Gesicht, und sie

umfasste unwillkürlich die Tischkante, als

könnte sie dort Halt finden.

Zane lehnte sich zurück und legte Kip den Arm


um die Schultern. Das Blau seiner Augen war so
tief wie nie zuvor. "Wir haben uns das gestern
Abend ausgedacht. Wir beide brauchen eine
Frau, die sich um uns kümmert. Ich weiß
natürlich, dass ich nicht gerade der gesuchte
Märchenprinz bin, aber ich werde mir die größte
Mühe geben, mich zu bessern."
"Daddy will bei uns in Ketchikan wohnen, bis
das Schuljahr aus ist", berichtete Kip aufgeregt.
"Dann musst du nicht mehr arbeiten, und wir
können alle wieder hierher kommen."
"Es sei denn, Sie möchten weiter unterrichten",
warf Zane jetzt ein. "Dann werde ich mich
erkundigen, ob es nicht in Thorne eine
Möglichkeit gibt."
"Daddy hat gesagt, dass ich mit auf die
Hochzeitsreise fahren darf. Da gibt es Eisberge
und Walrösser und Eisbären, und im März
schauen wir uns die Schlittenhundrennen an.
Aber ich habe vergessen, wo das ist. Wo ist das,
Daddy?"
"In Wasilla."
"In Wasilla."
"Sie sehen also, Miss Barton ..." Zane schob
eine Augenbraue in die Höhe. "Wir haben alles
schon genau geplant. Sie brauchen nur noch ja
zu sagen."
8. KAPITEL

Jills Herz klopfte so heftig, dass sie fast um ihre


Gesundheit fürchtete. Kein Mann, der halbwegs
bei Verstand war, machte einer Frau, die er
noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden
kannte, einen Heiratsantrag.
Da Zane allerdings bisher sehr vernünftig auf
sie gewirkt und eher den Eindruck gemacht
hatte, als stünde er mit beiden Beinen auf der
Erde, konnte das nur eines heißen: Er liebte
seinen Sohn so bedingungslos, dass er bereit
war, sein Glück über alles andere zu stellen.
Er hatte seine Frau sehr geliebt und erwartete
offenbar nicht, dass das Leben ihm noch einmal
ein solches Glück schenkte. Und deshalb war er
bereit, eine Vernunftehe einzugehen. Das hatte
er sich fein ausgedacht: Er gab ihr seinen
Namen und einen Ring und kam dadurch nicht
nur an eine billige Haushälterin, sondern
verbesserte seine Chancen vor Gericht, wenn er
das alleinige Sorgerecht für Kip beantragte.
Zane wusste, wie sehr sie Kip liebte, und
vermutlich war sie in seinen Augen ohnehin ein
Mauerblümchen, das froh war, wenn ein Mann
es nur anschaute. Er war sicher davon
überzeugt, dass er ihr mit seinem Antrag einen
Gefallen tat.
Er irrte sich.
Denn dieser Heiratsantrag war vermutlich das
Unfreundlichste, was man ihr in ihrem ganzen
Leben angetan hatte -und vermutlich auch das
Unfreundlichste, das er jemals jemandem
angetan hatte. So sehr sie Kip liebte, sie hatte
keine andere Wahl, als abzulehnen. Das musste
sie Kip sofort sagen, bevor er sich zu große
Hoffnungen machte.
"Schätzchen, ich wollte wirklich, es ginge. Aber
ich kann deinen Daddy nicht heiraten. Ich liebe
nämlich einen anderen Mann."
Kip verzog den Mund. "Ist das der
Zahnarztmann?"
"Ja. Er wartet in Salem auf mich."
"Aber du hast immer gesagt, dass er dein Freund
ist."
"Das ist er auch." Und auf meine Art liebe ich
ihn auch, dachte sie. Es war nur nicht die
richtige Art von Liebe. Aber das ging nur sie
etwas an, niemanden sonst.
Seit sie Zane Doyle begegnet war, wusste sie,
dass sie nie einen Mann heiraten konnte, den sie
nicht liebte. Was für eine Ironie des Schicksals,
dass ausgerechnet der Mann, der ihr Herz
schneller schlagen ließ wie kein Mann zuvor,
der einzige war, den sie niemals heiraten
konnte.
"Wir beide werden immer Freunde bleiben",
versprach sie Kip jetzt. "Und ich bin ja noch bis
Juni in Ketchikan. Du kannst mich also immer
anrufen und mir erzählen, wo du mit deinem
Daddy wohnen wirst und wo du später in die
Schule gehst. Und du kannst mich natürlich
immer besuchen, wenn du willst und wenn dein
Daddy es dir erlaubt."
"Aber wir wollen haben, dass du bei uns
wohnst", protestierte Kip. "Oder nicht, Daddy?"
"Doch", bekräftigte Zane. "Wenn Jill länger mit
uns zusammen ist, dann liebt sie uns
irgendwann vielleicht einmal mehr als den
Zahnarztmann. Zahnärzte sind nämlich ziemlich
langweilig."
"Warum?"
"Sie sitzen den ganzen Tag nur herum und
schauen anderen Leuten in den Mund. Und dazu
hören sie irgendwelche Dudelmusik."
Das hatte Jill selbst schon mehrmals gedacht,
aber nichts auf der Welt brachte sie dazu, das
ausgerechnet jetzt zuzugeben.
"Und außerdem habe ich Angst vor ihnen."
"Zahnärzte sind sehr wichtig", sagte Jill jetzt,
die sich verpflichtet fühlte, Harris zu helfen,
nachdem er sich nicht selbst verteidigen konnte.
"Das mag sein", gestand Zane ihr zu. "Aber
dafür wissen sie nicht, wie aufregend es ist,
jeden Tag im Jahr hinaus in die Natur zu gehen.
Hinaus zu den Gletschern und Eisflüssen, wo
der Wind heult und Bären und Elche und Eulen
im Wald leben. Das ist nämlich nicht
langweilig."
Jill schloss die Augen. Mit zwei Sätzen hatte
Zane es geschafft, seinem Sohn einen wichtigen
Lebensgrundsatz mitzugeben. Und gleichzeitig
hatte er auch wieder die Erinnerung an ihre erste
Alaskareise heraufbeschworen, an die Reise, die
sie später wieder hierher zurückgebracht hatte.
Die beiden Männer hatten verschwörerisch die
Köpfe zusammengesteckt, und Zane flüsterte
Kip ins Ohr: "Hast du gewusst, dass Frauen ihre
Meinung öfter ändern als Männer?"
"Dann sag Jilly doch, dass sie das auch tun
soll."
"Genau das habe ich vor."
Das klang wie eine Drohung, und Jill spürte,
wie ihr innerlich kalt wurde. Sie war doch sehr
viel empfänglicher für den Charme der Doyles,
als ihr bewusst gewesen war.
Auf einmal wurde es ihr zuviel. Unfähig, Zanes
Blick noch länger standzuhalten, fing sie an, den
Tisch abzuräumen. "Warum geht ihr beide nicht
los und sucht einen schönen Weihnachtsbaum,
während ich hier saubermache?" schlug sie vor.
"Das machen wir alle drei zusammen", beschied
ihr Gastgeber in einem Ton, der keinen
Widerspruch duldete. "Und deshalb waschen
wir vorher auch zusammen ab."
Innerhalb kürzester Zeit war die Küche
makellos aufgeräumt und glänzte wieder, und
sie schlüpften in ihre warmen Jacken und
Stiefel. Jill hatte gar keine andere Wahl, als sich
Vater und Sohn anzuschließen. Sie stiegen alle
in den Lastwagen, und mit einem gewaltigen
Satz sprang Beastlie auf die Ladefläche und
vervollständigte die Familie. Dann fuhren sie
los.
Schnee und Wind machten die Sicht schlecht,
aber Jill hatte keine Angst, denn Zane fuhr
sicher und kannte den Weg genau. Kip zappelte
aufgeregt zwischen ihnen herum und sah durch
das hintere Fenster immer wieder zu seinem
Hund hinaus. Dazu gab er Kommentare zu
allem ab, was ihm gerade so einfiel.
Sie waren etwa zehn Minuten im Wald
unterwegs, als Zane den Wagen anhielt und
nach rechts wies. "Da hinten steht unser Baum.
Wer will ihn sehen?"
"Ich!" rief Kip. "Wo ist er, Daddy?"
"Er ist ein bisschen versteckt, aber er wartet auf
uns. Komm."
Kips Augen wurden groß. "Er wartet wirklich
auf uns?"
"Ja", lautete die Antwort. "Jeder Baum hat eine
Aufgabe. Und dieser Baum soll ein
Weihnachtsbaum werden. Das wusste ich schon,
als ich ihn vor ein paar Jahren zum ersten Mal
sah. Damals war er noch ganz winzig, wie ein
Babybaum." Kip lachte. "Aber seitdem ist er
jedes Jahr größer und schöner und blauer
geworden."
"Blauer? Aber Weihnachtsbäume sind doch
grün!"
Jetzt lachte Zane, und Jill stimmte mit ein. Kip
war einfach hinreißend.
"Nicht die echten", behauptete Zane. "Die sind
blau."
Kip war verwirrt. Natürlich würde er nie an
seinem Idol zweifeln, aber auf der anderen Seite
hatte er noch nie einen blauen Weihnachtsbaum
gesehen.
"Jilly, hast du gewusst, dass es blaue
Weihnachtsbäume gibt?"
Über seinem Kopf trafen sich Jills und Zanes
Blicke. Lachpünktchen tanzten in Zanes Augen,
und sie fühlte sich warm und geborgen. Ich
liebe ihn, dachte sie. Ich liebe ihn. Aber konnte
das wirklich sein? Konnte man sich so schnell
und ohne Vorwarnung verlieben?
Sie räusperte sich. "Ja, natürlich", antwortete sie
dann. "Dein Vater hat völlig recht. Die echten
Weihnachtsbäume sind immer blau. Aber sie
sind so schwer zu finden, dass die meisten Leute
einen grünen Baum nehmen müssen. Das war
bei uns zu Hause auch so."
"Mommy und ich haben noch nie einen
Weihnachtsbaum gehabt, weil sie so teuer sind",
berichtete Kip. "Aber Jilly hat uns letztes Mal
einen kleinen mitgebracht. Weißt du noch,
Jilly?"
Diesmal suchte Zane ihren Blick. Das Lachen
war aus seinen Augen verschwunden und hatte
einem Anflug von Traurigkeit Platz gemacht.
Jill zwang sich zu einem fröhlichen Gesicht.
"Da siehst du, was du für ein Glück mit deinem
Daddy hast. Er weiß ganz genau, wo die echten
Weihnachtsbäume wachsen. Das ganze Haus
wird danach duften."
"Darf ich Robbie anrufen und ihm alles
erzählen?" wollte Kip aufgeregt wissen. Was da
unter der Oberfläche zwischen seinem Vater
und Jill geschah, bekam er nicht mit.
"Ja, natürlich, sobald wir wieder zu Hause sind."
Der kritische Augenblick war vorüber, und auf
Zanes Gesicht erschien wieder ein Lächeln. Er
öffnete die Fahrertür. "Du hilfst Jilly, und ich
hole inzwischen die Säge von hinten."
Als sie ihre Spuren in den frisch gefallenen
Schnee setzten, war Jill, als hätte sie eine
Märchenwelt betreten, in der die Wirklichkeit
keinen Platz hatte. Zwischen den dicht
stehenden hohen Tannen waren sie vor dem
eisigen Wind geschützt, und die hochstrebenden
Stämme und die Stille ließen unwillkürlich an
eine Kathedrale denken. Selbst Beastlie verhielt
sich ruhig, fast feierlich.
Und dann waren sie an ihrem Ziel
angekommen. Eine vollkommen gewachsene,
über drei Meter hohe Blautanne, dicht mit
Tannenzapfen behangen, stand vor ihnen. Jill
hatte das Gefühl, dass sie sich mitten in einem
Zeichentrickfilm befand, und erwartete halb,
jeden Augenblick Bambi zwischen den Bäumen
auftauchen zu sehen.
"Aber der Baum ist ja gar nicht blau!"
Zane hatte diesen Einwand erwartet und ging
jetzt neben seinem Sohn in die Hocke. "Schau
nur genau hin", sagte er. "Vergleich ihn mit den
anderen Bäumen. Siehst du den Unterschied?"
Kip kniff angestrengt die Augen zusammen, und
nach einer Weile nickte er überzeugt und
schlang den Arm um Zanes Hals. "Es ist der
allerschönste Baum im ganzen Wald, Daddy."
"Ja, das finde ich auch", erwiderte Zane ein
wenig heiser und räusperte sich.
"Muss er sterben, wenn wir ihn absägen?"
"Ja, ich fürchte schon."
"Jilly?" Kip sah unglücklich zu ihr auf. "Ich will
aber nicht, dass er stirbt."
Sie holte tief Luft. "Das musst du entscheiden,

glaube ich."

"Wenn wir ihn absägen, dann ist er nächstes

Jahr gar nicht mehr da." Kips Stimme wurde

etwas unsicher.

Sein Vater schwieg eine Weile und schüttelte

dann den Kopf. "Nein, dann ist er nicht mehr

da."

"Wird er jedes Jahr immer noch viel größer?"

wollte Kip wissen.

"Ja, er wächst immer weiter, genau wie du."

"Müssen wir ihn absägen?"

Zane räusperte sich. "Nein, das müssen wir

nicht."

Kip war sichtlich erleichtert. "Er soll immer

noch da sein, wenn ich so groß bin wie du."

"Eines Tages kannst du ihn dann deinen eigenen

Kindern zeigen."

"Und dann wird er ganz, ganz groß sein, wie ein

Riese."

Jill sah Zane an. Er ist dein Sohn, sagte sie ihm

mit den Augen, durch und durch dein Sohn. Sie

wusste, dass er sie verstand, so wie sie ihn

verstehen konnte. Es war, als bestünde ein

geheimes Band zwischen ihnen. Noch nie hatte

sie sich mit einem Mann so verbunden gefühlt,

und diese Erkenntnis erschütterte sie bis ins


Innerste.
"Ich habe unterwegs eine umgestürzte Tanne
gesehen", sagte Zane jetzt. Jill nickte. Sie hatte
auch gerade daran gedacht. Es schien, als
gingen ihre Gedanken dieselben Wege. "Wir
könnten die Spitze absägen und zu Hause
aufstellen. Dann haben wir auch einen
Weihnachtsbaum."
Kip und Beastlie rannten voraus, und Jill folgte
langsamer mit Zane. Seine Gegenwart schien sie
ganz zu erfüllen. Es war ja nicht nur diese
körperliche Nähe, es war viel mehr. Sie wusste
ohne jeden Zweifel, dass er der Mann war, den
sie an ihrer Seite haben, der Mann, den sie
heiraten und mit dem sie Kinder haben wollte ...
Das Herz wurde ihr schwer. Hätte sie ihn doch
nur unter anderen Umständen kennen gelernt!
So würde er sie immer in Verbindung mit Kip
sehen, nie einfach nur als Frau. Gut, vielleicht
fühlte er sich zu ihr hingezogen. Es gab
Anzeichen, die sie nicht leugnen konnte. Aber
sie würde nie sicher sein können, ob diese
Zuwendung wirklich ihr allein galt oder er sie
nur brauchte, um Kip ein heiles Familienleben
zu bieten.
Marianne wusste gar nicht, wie glücklich sie
sich schätzen konnte, weil sie Zane so kennen
gelernt hatte, wie andere Frauen und Männer
sich auch kennen lernten und ineinander
verliebten. Wenn sie selbst an Mariannes Stelle
gewesen wäre, hätte er sie dann nach diesem
Urlaub auch zu Hause aufgesucht? Wäre er
gekommen, weil er nicht anders gekonnt hätte?
Weil er sich ein Leben ohne sie nicht hätte
vorstellen können?
Sie konnte es kaum ertragen, dass sie nie das
Glück erfahren würde, nur um ihretwillen und
aus keinem anderen Grund umworben zu
werden ... Es war ein Schmerz, wie sie ihn nie
empfunden hatte, und sie wusste nicht, wie sie
damit umgehen sollte. Aber sie versuchte, sich
so zu geben wie immer und sich nichts
anmerken zu lassen. Schließlich hatte Kip
seinen Vater gerade erst kennen gelernt. Für ihn
war das alles noch so neu und aufregend, und
sie wollte nicht zulassen, dass sein Glück nur im
geringsten getrübt wurde, vor allem nicht
ausgerechnet an Weihnachten.
Bis mittags hatte Zane die gut zweieinhalb
Meter hohe Baumspitze in einem eigens dafür
gezimmerten Fuß im Wohnzimmer aufgestellt,
und bei Suppe und belegten Broten überlegten
sie zu dritt, wie sie den Baum schmücken
wollten. Da Zane Weihnachten ursprünglich
nicht in Kaslit Bay hatte verbringen wollen,
hatte er weder Baumschmuck noch Kerzen im
Haus. Deshalb schlug Jill einen Ausflug in den
Camp-Laden vor.
Sie drängte darauf, mit Kip allein zu fahren,
damit Zane weiter am Haus arbeiten konnte.
Schließlich hatte ihn ihre unerwartete Ankunft
daran gehindert.
Zane begleitete sie zum Wagen hinaus. Der
Wind hatte immer noch nicht nachgelassen, und
Jill hatte Mühe, ihn zu verstehen, als er ihr
erklärte, wo der kleine Supermarkt zu finden
war. Sie wollten gerade abfahren, als er noch
einmal ans Fenster klopfte, zwei Zwanzig-
Dollar-Scheine in der Hand. Jill kurbelte das
Fenster hinunter. "Sie werden Geld brauchen",
sagte er.
Jill hörte ihn, aber sein Mund war ihr so nahe,
dass sie sich nicht darauf konzentrieren konnte,
was er sagte. Sehnsüchtig dachte sie daran, wie
es wohl war, von ihm geküsst zu werden.
"Nein", hörte sie sich sagen. "Der
Baumschmuck ist mein Beitrag zu
Weihnachten." Ihre Worte klangen ein wenig

atemlos, denn sein Blick war an ihrem Mund

hängen geblieben. Und zum ersten Mal fragte

sie sich, ob es ihm vielleicht ganz ähnlich ging

wie ihr ...

Kip suchte sich genau diesen Augenblick aus,

um sich zwischen sie und das Lenkrad zu

quetschen. "Wir machen ganz schnell, Daddy",

versprach er, und die Spannung löste sich.

"Wartest du auf uns?"

Zane warf Jill einen schnellen Blick zu. Kips

Angst davor, verlassen zu werden, von ihm

verlassen zu werden, saß tief, und es würde

vielleicht Jahre dauern, bis er sie überwunden

hatte. Er umrundete den Lastwagen und stieg

kurz entschlossen ein. "Weißt du was, mein

Sohn? Ich habe gerade beschlossen, dass die

Wände warten können. Ich begleite euch."

Kip kletterte entzückt auf seinen Schoß.

"Warum?"

Jill hatte ihm dieselbe Frage stellen wollen,

hatte es aber nicht gewagt. "Weil mir das Haus

ohne euch viel zu leer und einsam ist."

Seine Stimme klang tief, voll von Gefühlen, und


Jill suchte seinen Blick. Und was sie darin sah,
ließ ein Zittern durch ihren Körper laufen.
9. KAPITEL

Jill nickte mit einem Lächeln, und Kip rannte


aus dem Wohnzimmer und die Treppe hinauf.
"Daddy!" hörte sie ihn rufen. "Du darfst
kommen!"
Sie verteilte schnell all die
Weihnachtsgeschenke, die sie mitgebracht hatte,
unter dem Baum. Von Zane würden noch einige
dazukommen, denn sie hatte beim Einkaufen
beobachtet, dass er heimlich ein paar Päckchen
in einer Tüte verstaut hatte, als Kip anderweitig
abgelenkt war.
Den ganzen Nachmittag hatten sie damit
verbracht, die Weihnachtsdekoration zu basteln
und an den Baum zu hängen. Kip hatte endlose
Ketten aus Weihnachtspapier geflochten, das
Mrs. ROSS allem Anschein schon seit Jahren in
ihrem Laden hortete. Die Auswahl war nicht
sehr groß gewesen, und so hatten sie eben
nehmen müssen, was da war. Aus kleinen
Mandarinen und Nelken waren lustige Köpfe
entstanden, und mit Hilfe einer Sprühdose
hatten sie die gesammelten Tannenzapfen
versilbert, die jetzt im Schein der
Wohnzimmerlampe festlich schimmerten.
Den rohen Holzständer hatten sie mit Alufolie
umwickelt und mit Motiven verziert, die sie aus
Geschenkpapier ausgeschnitten hatten. Aber die
Krönung war ein Stern aus metallisch
glänzendem Sandpapier, der ganz allein Kips
Werk war. Jill war mehr als zufrieden mit dem
Ergebnis ihrer vereinten Anstrengungen.
Beastlie war von Kip mit einer Halskette aus
buntem Papier geschmückt worden, aber die
nelkenbesteckten Mandarinen hatten es ihm viel
mehr angetan, denn er schnüffelte immer wieder
daran.
Jill trat ein paar Schritte zurück, um das
Meisterwerk zu bewundern. Als Lehrerin war
sie darin geübt zu improvisieren, sich immer
wieder etwas Neues einfallen zu lassen, und
machte sich im Normalfall kaum Gedanken
darüber. Aber dieser Baum war ganz besonders
schön geworden, fand sie. Unwillkürlich hielt
sie den Atem an, als Zane mit Kip auf dem Arm
hereinkam.
Sie hatte sich vorgenommen, ihn nicht zu
beachten und nicht zuzulassen, dass er ihre
Gedanken und Träume beherrschte. Aber als er
sie jetzt mit seinen leuchtendblauen Augen
ansah, lösten alle guten Vorsätze sich in ein
Nichts auf.
"Haben wir das nicht schön gemacht, Daddy?"
erkundigte Kip sich stolz.
Es dauerte eine Weile, bis Zane antwortete.
"Ja", sagte er endlich. "Wunderschön. Es
verschlägt mir richtig die Sprache."
Jills Herz machte einen kleinen Sprung, denn er
sah immer noch nur sie an.
"Was heißt das, Daddy?"
Als Zane nicht antwortete, sprang Jill für ihn
ein. "Es heißt, dass er gar nicht sagen kann, wie
hübsch deine Ketten geworden sind, mein Herz.
Und dieser tolle Stern."
"Jilly hat die Gesichter auf die Mandarinen
gemacht."
"Das habe ich mir schon gedacht." Zane machte
sich, von Kip gespannt beobachtet, daran, den
Weihnachtsbaum in allen Einzelheiten zu
begutachten. "Kein Wunder, dass die Kinder
Jilly alle so gern haben."
"Aber ich habe sie am allerallerliebsten."
"Hat sie dir schon gesagt, ob sie bei uns wohnen
will?"
Diese Frage hatte Jill ganz bestimmt nicht
erwartet. Und sie war auch nicht fair. Ihr Puls
raste. Warum konnte er sie nicht in Frieden
lassen? Merkte er denn nicht, was er ihr damit
antat?
Sie musste weg hier. Sofort.
"Wo gehst du hin, Jilly?" wollte Kip wissen. Er
mochte erst fünf Jahre alt sein, aber er spürte,
dass etwas nicht stimmte.
"Ich wollte noch ein paar Minuten mit dem
Hund an die frische Luft, bevor wir ins Bett
gehen", antwortete Jill, ohne sich um Zanes
forschenden Blick zu kümmern. Sie öffnete die
Tür, und Beastlie folgte ihr, als hätte er genau
verstanden, worum es ging. Sie zog schnell
ihren warmen Parka über und öffnete die
Hintertür.
Der Wind hatte so aufgefrischt, dass sie mit
aller Kraft gegen die Tür drücken musste. Das
Wetter passte zu ihrer Gemütsverfassung. Alle
ihre Gedanken und Gefühle waren in Aufruhr,
und sie lief einfach los. ohne sich darum zu
kümmern, wohin sie ging. Beastlie sprang
fröhlich hinter ihr her. Er schien sich in diesem
Sturm wohl zu fühlen.
Zu ihrem Entsetzen stellte Jill fest, dass sie
ernsthaft erwog, Zanes unkonventionellen
Heiratsantrag anzunehmen. Aber sie musste sich
der Wahrheit stellen: Sie wollte ihn. Und sie
wollte ihn in jeder Hinsicht, so wie eine Frau
einen Mann haben wollte.
Sie hatte noch nie einen Mann wirklich geliebt,
und deshalb hatte sie immer angenommen, dass
sie einfach nicht sinnlich oder leidenschaftlich
veranlagt war. Aber sie hatte sich selbst nicht
gekannt. Wenn sie nur an Zane dachte, wurde
ihr ganz heiß vor Verlangen. Das versetzte sie in
Panik.
Der innere Aufruhr, der in ihr tobte, war so
stark, dass sie wie unter einem Zwang ihre
Schritte beschleunigte. Plötzlich packte jemand
sie von hinten an den Oberarmen, und sie stieß
einen kleinen Schrei aus.
Zane murmelte irgend etwas Unverständliches
und drehte sie dann mit einem Ruck so heftig
um, dass sie gegen ihn fiel. "Warum haben Sie
auf meine Rufe nicht geantwortet?" wollte er
barsch wissen. Im Dunkeln war sein Gesicht
nicht zu erkennen.
"Ich ... ich habe Sie nicht gehört", stammelte
sie.
"Wovor sind Sie weggelaufen?" Sein Griff
wurde fester, und ihre Körper berührten sich.
Sie hielt die Nähe zu ihm kaum noch aus.
"Ich brauchte etwas Zeit für mich."
"Und warum sind Sie dann nicht einfach nach
oben gegangen, statt hier draußen
herumzurennen, wo alles mögliche passieren
kann?"
Sie spürte die Angst hinter seiner Verärgerung,
und ihr Herz schlug schneller. "Beastlie ist ja
bei mir." Ihre Stimme klang selbst in ihren
eigenen Ohren schwach.
"Wenn Sie von einem Rudel Wölfe angegriffen
werden, kann Ihnen auch Beastlie nicht helfen."
Ein Zittern schüttelte Jill und sie wollte sich aus
seinem Griff befreien. Aber er hielt sie ohne
Erbarmen fest.
"Haben Sie sich auch nur einen Augenblick
überlegt, wie Kip auf Ihr Verschwinden
reagieren könnte?"
"Zane, ich ... Es tut mir leid. Ich wollte nicht ..."
Aber er gab ihr gar keine Möglichkeit mehr zu
irgendwelchen Erklärungen, denn im selben
Moment schlossen sich seine Lippen über ihrem
Mund und löschten jeden anderen Gedanken
aus.
Dieser Kuss kam so überraschend, dass sie
völlig wehrlos war und mit ungezügelter
Leidenschaft reagierte. Wie hatte sie diesen
Kuss herbeigesehnt, seit sie ihre Gefühle für
Zane entdeckt hatte! Vom ersten Augenblick an,
als er am Pier auf sie zugekommen war, hatte
sie nur diesen einen Wunsch gehabt, auch wenn
sie ihn sich jetzt erst eingestand.
Die Gewalt der Elemente war nichts im
Vergleich zu dem Aufruhr, der in ihrem Inneren
tobte. Sie sollte versuchen, Zane zu bremsen,
sollte ihn zurückweisen, aber es ging nicht mehr
darum, was richtig oder falsch war - nicht wenn
dieser Kuss eine solche Lust und Leidenschaft
in ihr entfachte und nährte.
Sie konnten gar nicht genug voneinander
bekommen. Erst als Zane sie noch enger an sich
zog und mit einem Aufstöhnen mit der Zunge
immer tiefer in ihren Mund vordrang, wurde Jill
auf einmal bewusst, was sie da tat.
Wie hatte sie ihn nur gewähren lassen können?
Scham erfasste sie, und endlich brachte sie die
Kraft auf, die Lippen von seinen zu lösen. Er
gab einen protestierenden Laut von sich, als sie
sich aus seinen Armen befreite und zur Straße
rannte.
Natürlich hätte Zane die Situation gern noch
ausgekostet. Welcher normale, gesunde Mann
würde das nicht wollen, wenn sich die
Gelegenheit so großzügig bot? Und Zane war
ein normaler, gesunder Mann.
Hochrot im Gesicht und wütend über sich, weil
sie so die Beherrschung über sich verloren hatte,
rannte Jill zum Haus und hoffte nur, dass sie es
vor Zane erreichte. Sie hielt sich nicht lange mit
dem Ausziehen ihrer Schuhe oder ihres Parkas
auf, sondern lief gleich ins Bad und schloss
hinter sich ab.
"Jilly?" Das war Kip. "Bist du krank?" wollte er
besorgt wissen.
"Nein, nein", antwortete sie schnell. "Mir geht
es wunderbar." Sie war so außer Atem, dass sie
kaum sprechen konnte. "Ich komme gleich zu
dir."
"Daddy? Ist Jilly krank?" Offenbar war Zane
inzwischen eingetroffen.
"Nein, nein. Aber draußen ist es sehr kalt, und
deshalb friert sie und braucht eine heiße
Dusche, um sich aufzuwärmen. Komm, ich
erzähle dir inzwischen eine Geschichte, bis sie
fertig ist."
Jill lehnte sich erschöpft an die Tür. Sie
brauchte keine heiße, sondern eher eine kalte
Dusche, so warm war ihr! Wie würde sie Zane
nur je wieder unter die Augen treten können? Er
musste sie ja für eine liebestolle alte Jungfer
halten!
Es dauerte weit über eine halbe Stunde, bis sie
geduscht und Nachthemd und Bademantel
angezogen hatte und sich wieder aus dem Bad
wagte. Aber wenn sie nicht bald auftauchte,
würde Zane vermutlich Nachforschungen
anstellen. Eine verschlossene Tür wäre ihm da
bestimmt kein großes Hindernis, und von
Demütigungen hatte sie für heute genug.
Zu ihrer unendlichen Erleichterung war alles
ruhig, als sie ins Wohnzimmer trat. Kip war mit
Beastlies Kopf auf der Brust eingeschlafen, und
Zane war nirgends zu sehen. Vermutlich war er
oben mit seinen Wänden beschäftigt und dachte
gar nicht mehr an diesen Kuss.
Jill machte das Licht aus und schlüpfte unter die
Decke. Frauen sind einfach anders als Männer,
dachte sie. Sie ärgerte sich dabei über sich
selbst. Wütend schlug sie mit der Faust aufs
Kopfkissen. Wie hatte sie sich nur so
unverzeihlich benehmen können?
"Jill?" Sie hielt unwillkürlich den Atem an, als
Zane sie im Dunkeln leise ansprach. "Keine
Angst, ich habe nicht vor, Sie zu überfallen",
flüsterte er, um seinen Sohn nicht zu wecken.
"Ich möchte nur noch ein paar Sachen unter den
Baum legen."
"Ich habe keine Angst."
"Schwindeln Sie nicht."
"Hören Sie, Zane, ich ..."
"Ich werde mich nicht für diesen Kuss
entschuldigen", unterbrach er sie schroff. "Wir
haben ihn beide gewollt. Aber eines wollte ich
Ihnen noch sagen: Wenn Sie diesen Harris
wirklich liebten, wären Sie nicht aus Salem fort
gegangen. Nach unserem kleinen Erlebnis da
draußen kann ich Ihnen prophezeien, dass Sie
nicht im Traum daran denken, ihn jemals zu
heiraten. Das war nur ein Vorwand."
Eines musste man Zane zugestehen: Er war
schonungslos ehrlich. Das war ja auch ein
Grund dafür, warum sie sich in ihn verliebt
hatte. Deshalb kam auch jetzt nur die Wahrheit
in Frage.
Sie wählte ihre Worte sorgfältig. "Sie haben
recht. Ich liebe Harris nicht genug, um ihn zu
heiraten. Aber das heißt noch lange nicht, dass
ich deswegen einen Mann heirate, den ich erst
seit zwei Tagen kenne, selbst wenn ich ihn noch
so anziehend finde - auch nicht, damit Kip eine
richtige Mutter bekommt."
"Anziehung ist eine seltsame Sache", meinte
Zane jetzt nachdenklich. "Man wagt nicht, ihr
zu trauen, aber ohne diese Anziehung kämen
Männer und Frauen oft gar nicht erst
zusammen. Sie können dagegen ankämpfen, wie
Sie wollen, Miss Barton. Aber ignorieren
können wir beide nicht, dass da etwas zwischen
uns ist, Kip hin oder her. Gute Nacht."
Das hatte wie eine Warnung geklungen, und sie
machte Jill angst. Lange nachdem Zanes
Schritte verklungen waren, lag sie noch wach
und trauerte um all das, was sie nie kennen
lernen würde.
Die Nacht schien endlos, und sie lauschte dem
Wind und den gelegentlichen Geräuschen, die
Kip und Beastlie im Schlaf von sich gaben.
Langsam rollten ihr Tränen übers Gesicht, bis
das Kopfkissen feucht war. Das hätte ihr Leben
sein können: der Junge und der Hund. Und der
Mann ...
10. KAPITEL

"Fröhliche Weihnachten, Daddy!"


Es war ein glücklicher kleiner Junge, der da mit
einem Helm von Jill auf dem Kopf, den neuen
Stiefeln von seinem Daddy und einer Spieluhr
von Marianne zu Zane lief, um ihm sein
Päckchen zu überreichen.
Jill entging der feuchte Glanz in Zanes Augen
nicht, als er den Gipsabdruck von Kips rechter
Hand entgegennahm. Er war vor ein paar
Wochen in der Vorschule entstanden, als die
Kinder unter ihrer Anleitung
Weihnachtsgeschenke für ihre Eltern gebastelt
hatten.
"Ich habe eine für dich und eine für Jilly
gemacht."
Zane schluckte, dann nahm er seinen Sohn in
die Arme und drückte ihn an sich. "Du hättest
mir keine größere Freude machen können",
sagte er rau und suchte dann Jills Blick. Er
wusste, wie viel er ihr zu verdanken hatte.
Sie lächelte ihm zu und stand dann auf. Er hatte
ihr einen wunderschönen blauweißen
Norwegerpullover geschenkt, den sie natürlich
sofort angezogen hatte. Jetzt holte sie ein
Päckchen unter dem Baum hervor und ging zu
ihm. "Das ist von mir."
Er war so verblüfft, dass er gar keine Anstalten
machte, sein Geschenk zu öffnen.
"Soll ich es für dich aufmachen?" bot Kip sich
bereitwillig an.
"Wenn du willst, mein Sohn." Zanes Stimme
klang noch immer ein wenig belegt.
Kip zog die rote Schleife auf und zerriss in
seiner Ungeduld das bunte Geschenkpapier. Ein
flacher Karton kam zum Vorschein, und er
öffnete den Deckel. "Das bin ich auf dem Bild",
erklärte er stolz. "Mommy hat die andere Seite
von meinem Gesicht."
Wortlos nahm Zane den Silberrahmen heraus.
Er enthielt einen Scherenschnitt von Kips Profil.
In einer kleinen Mappe darunter hatte Jill Bilder
gesammelt, die Kip in den letzten Wochen und
Monaten gemalt hatte.
Kip breitete die Blätter voller Eifer auf dem
Boden aus, damit sein Daddy sie auch gut sehen
konnte. Zane sah zu Jill auf. Seine Augen waren
fast schwarz vor Rührung.
"Meine Mutter hat auch alle meine Werke
aufbewahrt", erzählte sie ihm, als wäre eine
Erklärung nötig. "Ich wollte Ihnen nur zeigen,
wie künstlerisch begabt Ihr Sohn ist."
Zane nahm ihre Hand und drückte sie so fest,
dass es fast weh tat. Aber anders konnte er seine
Gefühle nicht ausdrücken. Jill spürte seine
Dankbarkeit in diesem Händedruck, auch wenn
er nichts sagte.
"Daddy?" Kip zupfte an seiner Hose. "Schau,
das bist alles du!"
Jetzt musste Jill vor Rührung mit den Tränen
kämpfen, und sie sah schnell zur Seite.
Wenigstens ein Dutzend Mal hatte Kip seinen
Helden Paul Bunyan bei jeder erdenklichen
Beschäftigung verewigt: beim Schleppen von
Holzstämmen, beim Holzhacken, hinter dem
Steuer eines Lastwagens ...
"Schau mal, die Hunde, das sind Prince und
King. Nur Beastlie fehlt noch. Jilly, kann ich
Malstifte haben?"
Er war so hinreißend in seinem Eifer, dass Jill
Schwierigkeiten hatte, ihre Stimme zu finden.
Sie wusste, dass es Zane nicht anders erging.
"Ich fürchte nein, mein Herz."
Zane räusperte sich. "Ich habe einen gelben
Markierstift. Geht der auch zur Not?"
"Ja."
"Er liegt auf dem Schreibtisch. Ich hole ihn dir."
"Lassen Sie mich gehen", bat Jill. Sie musste
einen Augenblick allein sein, um sich wieder zu
fassen. Bevor Zane noch etwas erwidern konnte,
hatte sie das Wohnzimmer schon verlassen.
"Jill ..." Zane war ihr ins Studierzimmer gefolgt.
Sie fuhr herum. Im nächsten Augenblick hatte
er sie schon in die Arme genommen und so
heftig an sich gepresst, dass ihr fast der Atem
wegblieb.
"Liebe, liebe Jill, wie kann ich Ihnen nur
danken?" stammelte er und verstärkte seine
Umarmung.
"Sie haben mir schon dadurch gedankt, dass Sie
Kip als Ihren Sohn anerkannt haben. Er hat sehr
großes Glück, dass er einen Vater wie Sie
bekommen hat."
Zane ließ die Hände an ihren Armen hinauf
gleiten und legte sie um ihr Gesicht. Seine
Augen brannten. "Jill ..." Aber bevor er noch
sagen konnte, was ihm auf der Zunge lag,
klingelte das Telefon und zerstörte den Zauber
dieses Augenblicks.
Zane verzog das Gesicht. Er hatte nicht
vergessen, dass Marianne anrufen wollte.
Vielleicht hielt sie ihr Versprechen gegen jede
Erwartung.
Jill war nicht böse über diese Unterbrechung,
denn sie bewahrte sie vielleicht vor einer
Dummheit. Ihre Pflicht war getan. Vater und
Sohn waren vereint, und je früher sie Kaslit Bay
verließ, um so eher konnte sie einen neuen
Anfang machen.
Aber Zane gab sie noch nicht frei. Er hielt sie
mit einem Arm fest an sich gedrückt, während
er den Telefonhörer abhob und sich meldete.
Das Blut pochte in ihren Schläfen.
"Ich wünsche dir auch schöne Weihnachten,
Marianne", sagte er mit unverkennbarem
Sarkasmus in den Hörer. "Und herzlichen Dank
für dein taktvolles Geschenk."
Jill ertrug es einfach nicht mehr und löste sich
mit einem Ruck von ihm. Er hatte keine andere
Wahl, als sie loszulassen. Sie mied seinen Blick,
als sie sein Arbeitszimmer verließ und leise die
Tür hinter sich schloss.
Kip sah zu ihr auf, als sie zu ihm zurückkam.
"Ist das Mommy am Telefon?"
"Ja." Jill legte sich neben ihn auf den Teppich
und gab ihm den Stift. "Aber zuerst möchte dein
Daddy mit ihr sprechen. Er ruft dich dann. So,
und jetzt zeig mir, wie du Beastlie malen
kannst."
"Er fährt mit Prince hinten auf dem Lastwagen
mit", erklärte Kip ihr und machte sich ans Werk.
Es mochte etwa eine Viertelstunde verstrichen
sein, bis Zane unter der Tür auftauchte und Kip
zum Telefon rief. Jill nutzte die Zeit, um in der
Küche die Zimtsterne fertig zu machen. Sie
waren von Mr. und Mrs. ROSS, deren Kinder
und Enkel dieses Jahr nicht kommen konnten,
zum Weihnachtsessen eingeladen worden, und
sie wollte nicht mit leeren Händen erscheinen.
Die beiden hatten von Zane erfahren, dass Kip
sein Sohn war, und wollten es sich nicht
nehmen lassen, diesen Anlass gebührend zu
feiern.
Zane hatte sich sehr über diese Einladung
gefreut, zeigte sie doch, dass man seine neue
Situation akzeptierte.
Jill freute sich für Zane und Kip. Und sie würde
ein bisschen Gesellschaft von ihren eigenen
Problemen ablenken und die Spannung
zwischen ihr und Zane lockern. Je länger sie mit
ihm und Kip allein war, um so schwerer würde
es ihr fallen, sie zu verlassen. Und aus diesem
Grund wollte sie bei dieser Gelegenheit gleich
eine Fahrgelegenheit für den nächsten Morgen
nach Thorne arrangieren. Selbst wenn das
Wetter noch immer schlecht war, würde sie von
dort einen Flug nach Ketchikan bekommen.
Dann konnte sie morgen Nachmittag schon in
Salem sein - weit weg von Zane. Und das
brauchte sie jetzt bitter nötig.
Sie hatte gerade den letzten Zimtstern auf das
Blech gelegt, als sie auf einmal das Gefühl
hatte, dass sie beobachtet wurde. Sie sah über
die Schulter und entdeckte Zane. Er stand unter
der Tür und betrachtete sie mit düsterer Miene.
Irgend etwas war nicht in Ordnung, und ihr
Herz sank.
"Marianne will mir das Sorgerecht nicht streitig
machen", begann er. "Und Kip hat es sich
offenbar nicht weiter zu Herzen genommen,
dass sie geheiratet hat. Er findet es einfach nur
aufregend, dass er sie jetzt auf ihrer neuen
Ranch besuchen kann."
Jill lehnte sich an die Küchentheke und sah ihn
ein wenig verwirrt an. "Das sind doch gute
Nachrichten. Warum schauen Sie dann so
skeptisch drein? Was ist los?"
"Ich versuche nur, in den Kopf zu bekommen,
wie zwei Wesen desselben Geschlechts so
gegensätzlich sein können. Marianne ist Kips
leibliche Mutter, aber offenbar fehlt ihr jeder
mütterliche Instinkt." Er schüttelte den Kopf.
"Und dann Sie ..."
Jill wehrte ab. "Stellen Sie mich nicht gleich auf
ein Podest, Zane. Millionen von Frauen sind
wunderbare Mütter, ganz gleich, ob sie ein Kind
selbst geboren haben. Die anderen haben in
ihrer Jugend offenbar nicht das richtige Vorbild
gehabt. Freuen Sie sich lieber darüber, dass
Marianne endlich etwas Richtiges getan und
Kip zu Ihnen geschickt hat. Sie muss davon
überzeugt gewesen sein, dass Sie ihm ein guter
Vater sein werden." Trotzdem würde sie nie
verstehen, wie Marianne ihn hatte gehen lassen
können. "Leben Ihre Eltern noch? Ich meine, hat
Kip Großeltern?"
Zane nickte. "Sie werden sicher überglücklich
über ihren neuen Enkel sein."
"Wie schön für Kip. Ich würde sie auch gern
kennen lernen." Das war ihr herausgerutscht,
bevor sie es verhindern konnte. Am liebsten
hätte sie sich die Zunge abgebissen.
Er lächelte, und sie meinte, mehr als nur eine
Andeutung von Selbstzufriedenheit in diesem
Lächeln zu erkennen. "Unbedingt." Er straffte
die Schultern. "Dauert das mit den Plätzchen
noch lange? Wir wollten doch noch etwas
zusammen spielen."
"Ich komme gleich."
Zane hatte kaum die Küche verlassen, als Jill
ein Blatt Papier und einen Stift aus ihrer
Handtasche holte. Sie konnte den Brief, den sie
Zane und Kip am Morgen hinterlassen wollte,
genauso gut gleich schreiben. In acht Tagen fing
die Schule wieder an, und Kip würde damit
zurechtkommen, dass er bis dahin auf sie
verzichten musste. Zane würde schon dafür
sorgen, dass er beschäftigt war und von seinem
Kummer abgelenkt wurde.
Sie konnte nur hoffen, dass sie selbst in dieser
Woche wieder so weit zu sich fand, dass sie Kip
und Zane danach genauso behandeln konnte wie
alle anderen Kinder und Eltern auch.
An die Möglichkeit, dass Kip vielleicht nie
mehr in ihre Klasse und damit zu ihr
zurückkam, wollte sie gar nicht erst denken.
11. KAPITEL

"Was ist mit dir los, Jill? Du bist seit deinem


letzten Besuch gar nicht mehr wieder zu
erkennen."
"Es tut mir leid, wenn ich dir Silvester
verdorben habe, Harris", gab Jill gepresst
zurück. "Aber ich hatte dich ja vorgewarnt. Ich
bin einfach nicht in der Stimmung zu feiern."
"Wer ist der Mann?"
"Ich möchte lieber nicht darüber sprechen."
Harris schlug mit den Fäusten aufs Lenkrad.
"Wirst du ihn heiraten?"
Hätte er sie das unmittelbar nach Weihnachten
gefragt, sie hätte ganz bestimmt nein gesagt.
Aber seit sie aus Kaslit Bay weggegangen war,
hatte sie die schlimmste, die schmerzhafteste
Woche ihres Lebens verbracht. Sie hatte den
Verdacht, dass sie Zane überallhin folgen
würde, wenn sie ihn je wieder sah. Sie würde
alles tun, was er von ihr verlangte, denn das
Leben ohne ihn und Kip erschien ihr
unerträglich.
Aber bis jetzt hatte sie weder von Zane noch
von seinem Sohn auch nur ein Wort gehört. Und
sie hatte eine innere Ahnung, dass Kip nicht
mehr nach Ketchikan zurückkommen würde. Ihr
ganzes Leben war zu einem Alptraum
geworden.
Jetzt wollte sie, sie hätte R. J. ROSS nie dazu
überredet, sie am Weihnachtsmorgen nach
Thorne zu fahren. Er hatte nicht versucht, sie
davon abzubringen, aber sie hatte ihm
angesehen, dass er gegen diese Nacht-und-
Nebel-Aktion gewesen war. Wie eine Diebin
hatte sie sich noch vor Tagesanbruch aus dem
Haus geschlichen.
Wie oft war sie seitdem schon zum Telefon
gegangen, um Zane anzurufen, um Kips Stimme
zu hören. Aber immer hatte sie im letzten
Moment der Mut verlassen. Zane richtete sich
mit seinem Sohn ein neues Leben ein, und sie
hatte nicht das Recht, ihn dabei zu stören.
Kinder brauchten Beständigkeit, und allein die
Tatsache, dass Kip sich noch nicht gemeldet
hatte, bewies doch, dass er mit seinem neu
gefundenen Vater glücklich war und ihm nichts
fehlte.
"Ich habe dich etwas gefragt und möchte eine
Antwort!"
Jill schloss einen Moment lang die Augen. In
dieser Verfassung hatte sie Harris noch nie
erlebt, und sie hatte auch ein gebührend
schlechtes Gewissen. Denn sie wusste, dass sie
allein die Schuld an der verfahrenen Situation
trug. "Ich kann dir keine Antwort geben. Es tut
mir leid. Wir werden uns nicht wieder sehen.
Verzeih mir." Sie öffnete die Autotür und stieg
aus. "Leb wohl, Harris."
"Jill ..."
"Harris, bitte! Ich kann es nicht ändern."
Sie wusste, dass sie ihm weh tat, aber ihr selbst
ging es ja nicht besser. Und ein schnelles Ende
war besser, als sich und ihn noch weiter zu
quälen.
Sie warf die Tür zu und lief zum Haus. Es war
aus. Der Abschied von Harris bedeutete
zugleich das Ende ihres bisherigen Lebens. Was
wollte sie noch in Ketchikan? Am besten ging
sie weg von hier, und wenn sie ihre Stelle
vorzeitig aufgeben musste. Das war zwar nicht
gut für ihre weitere Berufslaufbahn, aber
vielleicht war es trotzdem am besten so.
"Da bist du ja endlich!"
Sie blieb wie angewurzelt stehen und drehte
sich dann mit einem Ruck um. Vor ihr, mitten in
Salem, stand der Mann, der ihre Tage und
Nächte heimsuchte, dem jeder ihrer Gedanken,
jeder Traum galt. Er trug einen dunklen Anzug
mit weißem Hemd und Krawatte.
"Zane!"
"Immerhin erinnerst du dich noch an meinen
Namen. Das ist nicht schlecht für den Anfang."
Sie hörte an seiner Stimme, dass er seinen Ärger
nur mühsam unterdrückte, und lehnte sich an
die Tür, aus Angst, ihre Beine würden sie nicht
länger tragen.
"Was tust du hier? Und wo ist Kip?"
"Bei seinen Großeltern in Bellingham. Natürlich
wäre er lieber mitgefahren, aber er hat
eingesehen, dass ich ihn ausnahmsweise nicht
brauchen kann."
Jill schlug das Herz bis zum Halse, und sie
brachte keinen Ton heraus.
"Aber er lässt dich grüßen. Jedes zweite Wort
aus seinem Mund ist ,Jilly' - Jilly dies, Jilly das.
Er spricht kaum von etwas anderem. Und mir
geht es nicht anders", gestand er rau. "Komm
mit mir zurück, Jill. Ich brauche dich. Warum
hast du mich verlassen?"
Sie wagte nicht, ihm ins Gesicht zu schauen.
"Kip war so glücklich mit dir, deshalb habe ich
mir keine Sorgen um ihn gemacht. Ich ... ich
dachte, es wäre am besten so. Es gibt genügend
gute Haushälterinnen und Kindermädchen."
"Ich spreche nicht von Kip. Ich spreche von mir.
Ich brauche dich."
Er kam näher und raubte ihr jede Möglichkeit
zur Flucht. Im nächsten Augenblick spürte sie
seinen harten männlichen Körper, seine
drängenden Lippen. Sie war zu schwach, sich
gegen seine Küsse zu wehren, sie brauchte sie
so notwendig wie die Luft zum Atmen.
Eine Woche war sie von ihm getrennt gewesen,
und ihr Hunger nach ihm schien unstillbar. Jill
vergaß die Welt um sich herum und tauchte
ganz in ihre Liebe zu Zane ein. Sie erwiderte
Kuss um Kuss, bis sie vor Lust und Sehnsucht
nach ihm zitterte.
"Ich liebe dich, Zane", stieß sie an seinem Mund
hervor. "Ich weiß, es ist verrückt nach dieser
kurzen Zeit, aber ich liebe dich."
"Manchmal gibt es sie, die Liebe auf den ersten
Blick, ohne dass man sich dagegen wehren
kann. Wir beide haben einfach Glück gehabt.
Ich liebe dich auch, Jilly. Lass uns nicht noch
mehr Zeit vergeuden."
Sie war den Tränen nahe. "Ich möchte deine
Frau sein, Zane. In dieser letzten Woche habe
ich gemerkt, dass mein Leben ohne dich keinen
Sinn hat. Ich wusste es schon, bevor ich
weggefahren bin."
"Mir ging es doch genauso." Er fing wieder an,
sie mit Küssen zu überschütten, und sie gab sich
ganz seinen Liebkosungen hin. Und sie begann
zu ahnen, dass er zu ihr gekommen war, weil er
nicht anders konnte, weil er sie liebte ... Das
hatte nichts damit zu tun, dass er für Kip eine
Mutter suchte.
Dieses Wissen machte sie unbeschreiblich
glücklich.
"Deine Eltern waren ganz begeistert davon, dass
sie so unerwartet Großeltern werden sollen, und
möchten möglichst bald meine Eltern kennen
lernen." Zane verteilte kleine Küsse auf ihrem
Gesicht.
Jill sah ihn ungläubig an. "Du warst schon bei
Mom und Dad?"
"Ja, natürlich." Er lachte. "Sie waren sehr froh
darüber, dass ich bei ihnen aufgetaucht bin. Sie
meinten nämlich, ich könnte dir vielleicht gut
tun."
Jill war so überwältigt, dass sie kein Wort
herausbrachte.
"Lass uns so bald wie möglich heiraten. Kip
weiß auch schon eine Ersatzlehrerin für dich,
während wir beide auf Hochzeitsreise sind."
Sie lachte. "Ihr habt ja offenbar an alles gedacht.
Er meint vermutlich Mrs. Taft." Sie konnte gar
nicht genug von seinem Mund bekommen.
"Natürlich gibt es niemanden, der mit dir auch
nur entfernt vergleichbar wäre", meinte Zane,
nachdem er wieder zu Atem gekommen war.
"Aber das muss mir nicht erst mein Sohn sagen,
das weiß ich selbst."
Seine Stimme klang etwas unsicher, als er jetzt
ihr Kinn anhob, damit er ihr in die Augen sehen
konnte. "Das wusste ich schon, als ich dich zum
ersten Mal auf dem Pier gesehen habe. Wie ein
Weihnachtsengel hast du da gestanden mit
deinem goldenen Haar, so schön und so voller
Leben. Und ich kam mir vor wie ein
erbärmlicher Wicht, voller Fehler und ganz
unzulänglich. Und ich schwor, wenn ich den
Schlüssel zu deinem Herzen finden würde,
würde ich mir nie wieder etwas anderes
wünschen."
Jill konnte sich nicht vorstellen, dass jemals
eine Frau so glücklich gewesen war wie sie.
"Ich liebte ja deinen Sohn schon von ganzem
Herzen und musste nur noch den Mann treffen,
der ein so wunderbares Kind gezeugt hatte. Und
als du uns mit in dein Haus nahmst, weil du den
Verdacht hattest, Kip könnte dein Sohn sein, da
wusste ich, dass ich einem ganz besonderen
Menschen begegnet war, einem Menschen, wie
man ihn nur einmal im Leben trifft."
Ein Zittern durchlief sie, und ihre Stimme
wurde leise. "Wie sehr ich die Frau beneidete,
die einmal deine Liebe gewinnen würde. Ich
kann immer noch nicht glauben, dass es nicht
nur ein Traum ist."
"Es ist alles wirklich, mein Liebling", murmelte
er. "Ganz, ganz wirklich, wie unser Sohn sagen
würde."
"Genau das würde er sagen." Jill lächelte unter
Tränen. Und dann küsste sie wieder den Mann,
der sie für den Rest ihres Lebens glücklich
machen würde.
- ENDE ­