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Die Kraft der Erinnerung

kommt aus der Dankbarkeit.


Dietrich Bonhoeffer

Im Gedenken an mein Elternhaus


für Marianne und Christiane
Sabine Leibholz-Bonhoeffer

Weihnachten
im Hause Bonhoeffer

Gütersloher Verlagshaus
Die Deutsche Bibliothek- CIP-Einheitsaufnahme

Leibholz-Bonhoeffer Sabine
Weihnachten im Hause Bonhoeffer/Sabine Leibholz-Bonhoeffer
-9. Aufl., (19. –28. Tsd. ) - Gütersloh
Gütersloher Verl. -Haus, 1994
(Gütersloher Taschenbücher, 1545)
ISBN 3-579-01545-1
NE: GT

ISBN 3-579-01545-1
9. Auflage (19. –28.Tsd ), 1994
© Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1991
©1.-6. Auflage Kiefel Verlag GmbH, Wuppertal 1971
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt
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Printed in Germany
Als meine Eltern ihr erstes Weihnachten zusam-
men feierten, schenkte unser Vater Mama eine
Weihnachtskrippe, die uns acht Kindern über
mehr als fünfzig Jahre der Mittelpunkt des elter-
lichen Weihnachtszimmers blieb und die heute
noch die Urenkel erfreut.
Unser Vater ist Schwabe, seine Familie ist seit
1513 in Schwäbisch Hall ansässig. Einige der Vor-
fahren liegen ehrenvoll in der schönen St. Micha-
elskirche begraben, in der alten Kirche mit der be-
rühmten Treppe und mit dem farbigen Standbild
des Heiligen Michael als Drachentöter am Haupt-
portal, das aus dem Jahre 1290 stammen soll. Pa-
pas Vorfahren waren Goldschmiede, Ratsherren,
Theologen und später Ärzte und Juristen. Unser
Vater, der Professor für Psychiatrie und Neurolo-
gie war, wurde von Breslau über Königberg an
die Heidelberger Universität berufen; 1912 kam
er nach Berlin. So gab es viele Umzüge für die
Familie, und wir Kinder wurden an verschiedenen
Orten geboren.
Unsere Mutter, Paula Bonhoeffer, geb. von Hase,
hat uns acht Geschwister in den Jahren 1899 bis
1909 zur Welt gebracht: Karl-Friedrich, Walter,

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Klaus, Ursula, Christine, Dietrich und Sabine als
Zwillinge, und Susanne. Das war noch im ersten
Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende, in der Zeit
der Gaslaternen, der Droschkengäule, der elegan-
ten Equipagen - und doch schon an der Wende des
bürgerlich-viktorianischen Zeitalters. 1898 stirbt
Bismarck, 1901 Queen Viktoria, Kaiser Wil-
helm II. regiert und baut eine Flotte auf. Wagner
ist tot; aber seine Opern feiern Triumphe. Gerhart
Hauptmanns "Weber" sind längst erschienen;
auch Freuds "Traumanalyse". Pierre und Marie
Curie entdecken das Radium und eröffnen die
Ära der Kernphysik. Einstein gibt seine Relativi-
tätstheorie bekannt. Telefon und drahtlose Tele-
grafie verbinden die Menschen und tragen die gro-
ßen Ereignisse der Zeit in alle Welt. 1906 versinkt
San Franzisko bei einem Erdbeben, bald darauf
auch Messina. Der riesige Ozeandampfer "Tita-
nic", der Stolz der Engländer, zerschellt an einem
Eisberg. Der Zeppelin steigt auf. Fortschritt, Neu-
gestaltung, Neuorientierung überall.
Aber so unruhig die Zeit ist, in unserer Familie
erhält sich bei lebendiger Offenheit für das Neue
ein ausgeprägter Sinn für das Gewordene. So pfle-
gen unsere Eltern im Zusammenleben mit uns acht
Kindern bewußt die Bräuche und Formen, wie sie
seit langem in den Familien unserer Vorfahren
lebendig waren und fügen neue hinzu. Welche un-

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verlierbaren Werte uns unsere Eltern damit gege-
ben haben, wurde uns in den schweren, wechsel-
vollen Zeiten unseres späteren Lebens bewußt.
Dies gilt besonders von der Weihnachtszeit. So
will ich gerne den Wunsch erfüllen und von den
Weihnachtsfesten in unserem Haus erzählen.
Wenn ich dies tue, fließt in der Erinnerung frei-
lich manches Erlebte ineinander, doch Gestalten,
Stimmen, Räume, Farben, Gerüche erwachen le-
bendig.

Über der Vorweihnachtszeit der frühen Kinder-


jahre leuchtet der rötlich-goldene vielspitzige Ad-
ventsstern, den Mama mit Fräulein Horn, unse-
rer Erzieherin aus der Brüdergemeine, gearbeitet
und im Treppenhaus über einer Glühbirne auf-
gehängt hat. Schon Wochen vor der Adventszeit
ist unsere Mutter mit den unzähligen Weihnachts-
besorgungen beschäftigt. Solange wir klein sind,
hilft ihr dabei ,Hörnchen', ihre rechte Hand, die
wie Mama alles Wichtige im Kopf hat. In späteren
Jahren geht eine von uns Töchtern mit der Mutter
zur Stadt. Einmal vor Weihnachten begleitet Papa
sie, um Mamas Wünsche zu erfahren.
Wir Kleinsten haben unsere Wunschzettel an das
Christkind diktiert oder selbst geschrieben und

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auf den Balkon gelegt. Unser Vertrauen in die
Güte und Findigkeit des Christkindes ist grenzen-
los. Begeistert ruf Susi, die jüngste von uns Ge-
schwistern, am nächsten Morgen: "Sie sind weg!"
Mama gibt sich unendliche Mühe, für jeden das
Erwünschte zu finden. Sie ist ganz aufs Freude-
machen eingestellt, und es fehlt ihr auch nie an
Ideen für Überraschungen. Unsere Eltern wollen
immer außer ihren Kindern und den Verwandten
auch die im Hause mit uns lebenden Hilfen und
alle, die ins Haus kommen, beschenken: den
Schneider, die Näherinnen, die Waschfrauen, die
Büglerin, die Handwerker. Unsere Mutter denkt
an alle. Unser Tischler und seine Familie, der Hei-
zer, der Postbote und die Hausleute in Friedrichs-
brunn, wo unser Landhäuschen steht, werden
ebenso eingefühlt bedacht wie die in Breslau ge-
bliebenen, verheirateten Haushilfen früherer Jah-
re, wie die Pfleger und Schwestern in der Charité,
in der Papa als Chefarzt arbeitet.
Für die Kinder in der Charité fragt Papa bei uns
Geschwistern nach Spielsachen. Mama veranstal-
tet dann mit uns eine Razzia in unseren Bücher-
und Spielschränken, die sich bei der Gelegenheit
auch wieder etwas leeren, so daß Platz wird für die
Weihnachtsgeschenke, die in Aussicht stehen.
Einmal darf Suse mit Mama mit den herausge-
suchten Weihnachtssachen zur Nervenklinik der

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Charité zu den kranken Kindern mitfahren. Sie
erzählt: „Papa kommt auch bald, merkwürdig
fremd in dem weißen Kittel; durch lange Gänge
geht es; es sind hier keine schwachsinnigen, son-
dern nervenkranke Kinder. Sie zucken und schla-
gen teilweise mit Armen und Beinen, die sie nicht
beherrschen können, um sich, als sie auf Papa zu-
eilen, um ihn zu begrüßen. Man spürt, wie sie ihn
lieben. Wir würden uns gar nicht trauen, ihm so
inanspruchnehmend zu begegnen. Ein besonde-
rer kleiner Freund von ihm, von dem er uns schon
erzählt hat, liegt gekrümmt auf dem Boden und
lächelt verzerrt zu ihm auf. Ich setze mich zu ihm;
auch Papa hockt sich hin und bewundert, was er
da macht. Aus winzig kleinen Stäbchen baut er
ein durchsichtiges Haus, so hoch wie er reichen
kann, denn aufstellen kann er sich nicht und dau-
ernd zuckt sein Körper, aber die Hände hat er in
der Gewalt und bastelt mit unendlicher Ausdauer
sein Haus. Sprechen kann er etwas, aber ich ver-
stehe ihn nicht. Doch Papa unterhält sich mit ihm.
Manche Kinder malen, andere sitzen nur in ihren
Betten und versuchen, mit einer Puppe zu spielen."
Wir glauben, daß die Kinder unsere Geschenke
wirklich nötig haben und sonst nichts bekommen.
Wahrscheinlich ist es aber mehr eine pädagogi-
sche Maßnahme der Eltern, die diesen Tropfen
Wermut in der ganzen sanften Weihnachtselig-

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keit für notwendig halten. Wir sollen wenigstens
bei anderen Kindern sehen, was es in der Welt
an Leiden gibt.
Zum Kreis derer, die beschenkt werden sollen, ge-
hören natürlich auch die Privatlehrer, die uns Kla-
vier-, Geigen- und Cellostunden geben oder in
Französisch, Tanzen oder Gymnastik unterrichten.
Die größte Arbeit ist mit dem Einkaufen nicht ge-
tan. Die Hauptlast sind die Pakete, die Mama an
viele Unversorgte, an einsame Menschen und an
alte und neue Freunde des Hauses schickt. Wir
Kinder dürfen beim Packen dieser Weihnachts-
pakete helfen, die Mama am liebsten schon vor
dem 1. Advent fertig haben will. Denn danach
möchte sie gern mehr Zeit für uns Kinder haben.

Der lang ausgezogene Eßzimmertisch nimmt alles


auf, was verpackt werden soll: Tannenzweige,
Kartons und die Berge von Geschenken. Beim
Packen helfen wir gerne. Es macht uns Freude,
die Geschenke für die einzelnen Pakete aufein-
anderzuschichten, jedes einzelne Geschenk in grü-
nes Seidenpapier einzuwickeln, alle Päckchen mit
Gold- oder Silberfäden zu verschnüren und Stern-
chen auf die Anhänger aufzukleben, die Mama
dann eigenhändig beschreibt. Ein Tannenzweig
kommt obenauf in jedes Paket. Wenn alles für
die Post fertiggemacht ist, ziehen zwei von uns

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die Weihnachtsladung im Leiterwagen zum Post-
amt Grunewald. Das tut keiner von uns gern.
Aber unsere Mutter ist der Ansicht, daß wir uns
getrost ein bißchen Mühe für andere machen sol-
len. Schließlich ziehen zwei von uns mit dem
hochbeladenen Wagen ab, aber unterwegs murren
wir, wenn etwas herunterfällt; doch mit der Zeit
merken wir, daß zu zweit die Mühe halb so groß
ist, und auf dem Rückweg sind wir mit dem leeren
Wagen sogar lustig und rennen, daß er schlängelt
und rattert. Manchmal haben wir auf diesen We-
gen aber auch 'tiefsinnige' Gespräche miteinander.

Vor dem ersten Weltkrieg hat unsere Mutter auch


immer bei uns zu Hause noch eine Weihnachts-
bescherung für besonders arme und in Not befind-
liche Menschen gehalten. Die Löhne waren damals
meistens noch sehr niedrig und Geschenke oft
wirklich notwendig. Wir Kinder machten bei die-
ser Bescherung Krippenspiele und stellten lebende
Bilder. Die älteren von uns sagten die Weih-
nachtsgeschichte auf. Die Freude, die wir damit
bereiteten, machte uns fröhlich und ausgelassen.
Meine Mutter aber traf immer den richtigen Ton,
wenn sie sich mit allen, die zur Feier gekommen
waren, ausführlich unterhielt.

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Damals war es nicht üblich, Kinder mit Süßig-
keiten zu verwöhnen. Es gab bei uns zwar immer
zum Mittagessen einen süßen Nachtisch, aber
Leckereien zwischendurch höchstens einmal als
Belohnung oder an Festtagen. Auch Apfelsinen
und Mandarinen waren nichts Alltägliches. Doch
zu Weihnachten erschien dies alles in Hülle und
Fülle. Das Beste war das selbstgemachte Marzi-
pankonfekt, das nach einem alten Familienrezept
jedes Jahr hergestellt wurde.
Eine meiner frühesten Erinnerungen ist ein Win-
ternachmittag, an dem wieder einmal das Weih-
nachtsmarzipan gemacht wurde. Ich sehe es noch
vor mir, wie unsere Mutter, Hörnchen, Fräulein
Kate und meine älteren Schwestern Ursel und
Christel am Eßzimmertisch stehen, auf den die
Köchin die Zutaten gestellt hat. Alle haben weiße
Schürzen an. Dietrich und ich dürfen zum ersten-
mal 'mithelfen'. Zuerst werden die Hände gebür-
stet, über unsere Kleider werden unsere frischen,
weißen, langärmeligen Nachthemden gezogen. So
steht Dietrich mir noch ganz deutlich vor Augen.
Wir bekommen nun einen Teller mit abgebrüh-
ten, warmen Mandeln vorgesetzt, die wir aus den
Schalen schlüpfen lassen dürfen, „vorsichtig, nicht
auf die Erde springen lassen", ruft Hörnchen. Das
macht uns Spaß, wie die weißen Kerne aus den
braunen Schalen hüpfen. Auch die Mandelmühle

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dürfen wir drehen und Rosenwasser mit Puder-
zucker verrühren. Dietrich knetet und rollt die
Marzipanmasse mit eifrigen Händen.
Eine ähnliche Szene ergibt sich beim Pfeffer-
kuchenbacken. Nach einem urgroßelterlichen Re-
zept wird jedes Jahr diese Weihnachtsbäckerei
wieder begonnen. Schon Mitte November wird
der Teig vorbereitet, der dann einige Wochen ru-
hen muß. Er wird nach einem delikaten, aber et-
was umständlichen Rezept hergestellt. Der Erfolg
ist aber die Mühe wert! Noch heute sehe ich
unsere sehr geräumige Küche vor mir, die Fliesen
des Bodens und die Kacheln in strahlendem Weiß.
Hier waltet unsere Köchin Anna, und heute beim
Backen hilft ihr Hörnchen. Auf den riesigen Meiß-
ner Bratenschüsseln türmen sich die abgebackenen
braunen Pfefferkuchen. Wir Kinder haben in der
Küche zwar im allgemeinen nichts zu suchen, aber
heute holen Dietrich und ich uns dort den Teig,
den wir im Spielzimmer mit den Händen zu Männ-
lein und Frauchen formen. Die großen Schwestern
helfen beim Ausstechen des Teigs in der Küche.
Backblech über Backblech füllen sie. Dann
werden Mond und Sterne, Blätter und Kringel von
Ursel und Christel mit Zuckerglasur und
Schokoladenguß bestrichen. Dabei darf auch etwas
geschleckt werden - aber appetitlich und mit
Maßen. Die Vorfreude auf Weihnachten beginnt
offenbar sehr frühzeitig, denn in einem

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Briefchen schreibe ich achtjährig an unsere
Großmutter: "In fünfundachtzig Tagen ist
Weihnachten, da kommst Du doch?"
Schon am Sonnabend abend vor dem 1. Advent
suchen wir Tannenzweige und stecken sie in den
Kinder- und Mädchenzimmern hinter die Bilder-
rahmen. Auf das ganz kleine Bildchen, das morgen
hinter dem ersten Türchen des Adventskalenders
erscheinen wird, sind die Kleinsten von uns sehr
gespannt. Wir sind in der Vorfreude gar nicht ab-
gelenkt, denn wir werden in dieser Zeit nicht in
die Stadt mitgenommen, wo der Weihnachtstrubel
und die glitzernden übervollen Fensterauslagen
so vieles schon vorwegnehmen. Unsere Mutter
will alle Weihnachtseindrücke für den Heiligen
Abend zu Hause vorbehalten.

Am schönsten waren für uns die Adventssonntage.


Am Nachmittag nach der Vesper versammelt sich
die ganze Familie um den lang ausgezogenen Eß-
zimmertisch, um bei Weihnachtsarbeiten und
Weihnachtsliedern Advent zu feiern. Das Eßzim-
mer, für heutige Maßstäbe ein Tanzsaal, an das
sich die Glasveranda, Mamas Wohnzimmer, und
auf der anderen Seite der Salon und Papas Arbeits-
zimmer anschließen, sieht heute besonders feier-
lich aus. Von den Wänden blicken wie sonst die

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Porträts der Großmutter Kalckreuth, der Kalck-
reuth' schen Tanten, die Büste des Urgroßvaters,
des Theologen Karl von Hase, und "die schöne
Bonhoefferin" auf uns herab. Der Umfang des
Pfefferkuchentellers, der in der Mitte des Tisches
steht, ist beträchtlich, doch die allerbesten Dinge
vom Backwerk erscheinen erst auf den bunten Tel-
lern am Heiligen Abend zusammen mit noch vie-
len anderen festlichen Genüssen.

Wir Kinder sticken, kleben, malen, häkeln und


sägen, feilen und lackieren mit Volleifer. Hörn-
chen und Fräulein Kate helfen rechts und links, wo
wir nicht weiterkommen. Wir alle wollen mit un-
seren Weihnachtsarbeiten voran und bedrängen
sie. Oben am Tisch sitzt Mama. Sie wird von uns
immer wieder ermahnt, nicht zu gucken wegen
unserer großen Überraschungen. Für sie liegt der
Hauptakzent auf dem Singen der Advents- und
Weihnachtslieder. Wir singen alle zusammen und
können schon früh viele Verse der Weihnachts-
lieder, da unsere Mutter sie um unsertwillen ganz
deutlich singt in der Hoffnung, daß wir sie uns
für immer einprägen. Meist stimmt Mama an. Zu-
erst ein Adventslied:

'Mit Ernst, o Menschenkinder,


das Herz in euch bestellt'

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'Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.'
Unsere Mutter möchte auch die alten Lieder nicht
vergessen:
'Fröhlich soll mein Herze springen,
dieser Zeit, da vor Freud
alle Engel singen.'
oder
,Dies ist die Nacht, da mir erschienen
des großen Gottes Freundlichkeit'.

Durch Hörnchen lernen wir auch die Lieder der


Brüdergemeine, so daß unser Repertoire groß und
vielfältig wird. Nach den Adventsliedern singen
wir Weihnachtslieder, wobei jeder vorschlagen
darf. Oft singen wir an einem Adventssonntag
dreißig und mehr Lieder. Mein Vater wählt gern
'Es ist ein Ros entsprungen'. Er kommt meist et-
was später zu unserem Zusammensein, ein Buch
mit Andersens Märchen in der Hand. Nun wird
es ganz still. Der bunte Teller macht leise die Run-
de, und nur die geräuschlosen Arbeiten dürfen
fortgesetzt werden, denn Papa liest uns die
'Schneekönigin' vor. Während sonst unsere Mut-
ter vorliest, bald schwungvoll mit Wärme und
nicht ohne Pathos, bald streng mit Überzeugungs-
kraft und Eindringlichkeit, ganz auf uns Kinder
eingestellt, liest Papa leise, aber sehr akzentuiert,

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auch er liest anschaulich und humorvoll, aber da-
bei ganz schlicht.
Nach dem Lesen schaut er sich um und geht auch
einmal um den Tisch, bewundert, was wir alles
Schönes machen, und fragt leise: „Was habt ihr
denn für die Mutter?" Diese leicht besorgte Frage
stellt er auch am Abend vor Weihnachten, wir
sind dann sehr stolz, wenn wir etwas Schönes
gearbeitet haben und Papa die Arbeit lobt.

So vergeht uns der 1. Adventssonntag viel zu


schnell, und wir räumen nur ungern unsere Weih-
nachtsarbeiten vom Eßtisch, wenn die Mädchen
den Abendbrottisch decken wollen. Aber wir wis-
sen, es gibt vier Adventssonntage, und jeder wird
schön gefeiert werden.

Ich habe noch ein Briefchen von Dietrich aus dem


Jahre 1911, das er unserem Vater diktierte. Darin
berichtet er fünfjährig der Großmutter nach Tü-
bingen von einem Adventssonntag.
"Liebe Großmama, gestern haben wir gearbeitet,
und ich mache für die Klara zu Weihnachten ein
Nadelkissen, und gestern haben wir auch Weih-
nachtslieder gesungen. Wir haben gesungen 'Toch-
ter Zion' und 'Ihr Kinderlein kommet' und 'Der
Christbaum ist der schönste Baum'. Die Ursel hat
ein Deckchen genäht. Ich habe noch sieben Sachen

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zu machen. Gestern habe ich nicht meinen Pferde-
stall aufgeräumt.
Viele Grüße Dein Dietrich."

Die Dankesbriefe sind uns oft eine kleine Plage;


es wird zeitlich kein Zwang ausgeübt, aber wenn
man öfter das Geschenk zur Hand nimmt und der
Dank noch aussteht — meist aus Faulheit —
schlägt doch eines Tages das Gewissen. So
bekommt die Großmutter in Tübingen doch
schließlich von uns allen ein Briefchen.

In die Adventszeit fällt am 10. Dezember der Ge-


burtstag unseres Bruders Walter. Zum Nachmit-
tag sind oft Kinder eingeladen, und an diesem Tag
macht Mama den Niklas. Sie zieht Papas Winter-
mantel an, aber mit dem Pelzfutter nach außen
gewendet, so daß wir den Mantel nicht wieder-
erkennen, setzt die Pelzmütze tief in die Stirn bis
an die Augen. Den Mund verdeckt ein enorm lan-
ger Bart aus echten weißen Haaren, und sie trägt
Papas dicke Bergstiefel und seine Pelzhandschu-
he. Gebeugt unter der Last eines Sackes, der ihr
über die Schulter hängt, eine Rute aus Reisig in
der Hand und mit vielen Geschenken an der Gür-
telschnur, ist sie wirklich nicht wiederzuerkennen!
Sobald ein langes ununterbrochenes Läuten,

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stampfende schwere Fußtritte und eine laute tiefe
Stimme von der Diele hereindringen, sind wir
sehr aufgeregt - halb ängstlich, halb freudig. Die
Größeren stürmen zur Tür. Der Niklas bittet zwar
bald um einen Stuhl, scheint aber sonst höchst
machtvoll; streng und begütigend zugleich ist sein
Auftreten. Mit tiefer Stimme befragt er uns nach
allerlei Tugenden und Untugenden, läßt jeden her-
vortreten und erhebt auch drohend die Rute, wenn
er seine Ermahnungen gibt. Aber er lobt auch sehr
und belohnt mit Geschenken, er läßt sich Gedichte
aufsagen und auch Weihnachtslieder singen und
brummt selber mit. Dann erhebt er sich plötzlich
und leert polternd einen großen Sack mit Äpfeln,
Nüssen und eingewickelten Süßigkeiten auf das
Parkett. Während ein ganzes Knäuel von Kindern
aufsammelnd und zusammenraffend auf den
Knien liegt, entschwindet der Niklas, und fünf
Minuten später ist Mama wieder unter uns, ohne
daß wir ihre Abwesenheit beobachtet haben! Wer
älter ist und hinter die Verwandlung kommt, dem
wird auferlegt, nichts zu verraten und sich 'wie
die Erwachsenen' zu verhalten.

In den Weihnachtswochen an Walters oder an


Mamas Geburtstag findet auch oft das Puppen-
theater statt, Mama führt dann ,Rotkäppchen'
auf. Sie spricht den ganzen Text höchst tempera-

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mentvoll auswendig und führt dabei allein alle
Figuren. Ihre Fähigkeit, sich in Kinder hineinzu-
denken, wird dabei besonders deutlich. Auch Papa
kommt immer zum Rotkäppchen-Theater. Die
Bühne stammt aus dem urgroßelterlichen Haus.
Die Kulissen sind einst von meinem Urgroßvater,
Graf Stanislaus Kalkreuth, der die Weimarer
Kunstschule gründete, und von Kunstschülern für
seine Kinder gemalt worden. Den Text schrieb
Tieck.
In einer großen Familie gibt es ja niemals Mangel
an Abwechslung. Stumpfsinnig und ereignislos
verläuft das Leben nie. Eher mag es an Stille zur
Konzentration, an Besinnungszeit fehlen. Aber
wenn eines von uns Kindern den Wunsch danach
ausspricht, wird auch ungestörtes Alleinsein er-
möglicht. Für Ruhe für unseren Vater sorgt Mama
unerbittlich. Es wird nichts Unwesentliches an ihn
herangelassen. Weniger gelingt es Papa, unsere
Mutter in Festzeiten 'außer Betrieb' oder 'auf
Schongang' zu setzen. Er weiß vielleicht zu gut,
wie sehr ihr Temperament ihr Leben gestaltet und
daß sie in ihrem Element ist, wenn sie Festtage
vorbereiten und feiern kann. Aber manchmal
spricht er doch ein Machtwort zu uns, wenn wir
Mama zu sehr bedrängen.

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Zwei Briefe der siebenjährigen Zwillinge
Sabine und Dietrich
Auch das Baumschmücken hat eine feste Tradi-
tion. Immer am Vorabend des Heiligen Abend
wird der Christbaum geschmückt, aber nur von
den Großen, die schon zur Konfirmandenschule
gegangen sind. Meist haben wir eine Tanne aus
dem Friedrichsbrunner Wald im Harz, wo unser
Ferienhaus steht. Zu der Zeit, als wir noch in
Breslau wohnten, kam der Christbaum aus dem
Glatzer Gebirge aus Wölfelsgrund, wo unser er-
stes Sommerhaus stand. Da die Räume in unserer
Berliner Wohnung groß und hoch sind, ist auch
der Christbaum mächtig, er reicht bis zur Decke
mit einem großen Stern an der Spitze. Unser
Christbaum wird nicht nach ästhetischen Gesichts-
punkten geschmückt, sondern er wird ganz im
Hinblick auf die Kinder behängt. Zuerst hängen
wir die von uns blank geriebenen roten Äpfel
auf, weil sie schwer sind und die Zweige nieder-
halten, dann befestigen wir die Kerzen, deren
Dochte Papa schon kurz anbrennt, damit er beim
Anzünden am Heiligen Abend weniger Mühe hat.

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Während wir den Baum schmücken, singen wir
ein Weihnachtlied nach dem anderen. Dietrich
liebt besonders 'Tochter Zion, freue dich'. Wenn
die Kerzen aufgesteckt sind, hängt jeder in bun-
tem Durcheinander auf, was immer er an Weih-
nachtsschmuck in den Kästen vorfindet, in de-
nen der Christbaumschmuck aufbewahrt wird. Da
sind wunderniedliche Dinge, bunte glänzende
Vögel mit Glasschweifen, Wachsengelchen, Tan-
nenzapfen, vergoldete Nüsse, kleinesilberne Trom-
peten, allerliebste Glöckchen und Kugeln über
Kugeln in allen Farben. Auch Zuckerringe und
Schokoladenkringel sind in den Kriegsjahren sehr
begehrt. Zuletzt kommt das Lametta. Sogar der
harzige Stamm wird damit behängt, er leuchtet
dann schön silbern auf, wenn die Kerzen brennen.

Wenn wir mit dem Schmücken des Christbaums


fertig sind, stellen wir die Krippe auf. Das ist gar
nicht so einfach. Aber unser Vater weiß, wie alles
zusammengesetzt werden muß, und einer der Jun-
gen hilft ihm beim Zusammenbauen des Stalles.
Der hat ein Strohdach mit einem Kometen dar-
über, denn nicht nur die heilige Familie, die Hir-
ten und Herden gibt es in unserer Krippe, sondern
auch die stattlichen Drei Könige aus dem Morgen-
land mit ihren Kamelen. Wenn alles an seinem

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Platz steht und aufgeräumt ist, bringt eines der
Mädchen herrlich heißen Punsch herein. Auch das
Punschtrinken gehört zu unseren Weihnachts-
bräuchen. Wir trinken den Punsch aus schönen
Gläsern, die vom Urgroßvater stammen. Dazu
gibt es frisch gebackenen Lebkuchen, und es ist
sehr gemütlich. Wenn wir müde werden von al-
lem Vorbereiten und Punschtrinken, drängt mein
Vater Mama, im Hinblick auf die bevorstehenden
Festtage die Nachtruhe nicht weiter zu verkürzen.

Am Morgen des Heiligen Abend sind wir Kinder


alle zusammen daheim. Eine gewisse Erregung
und innere Unruhe erfüllt uns, immer haben eini-
ge von uns ihre Weihnachtsgeschenke nicht ganz
fertig, es sind noch Geschenke einzuwickeln, die
wir zu Freunden bringen wollen, hier und da fehlt
es noch an einer helfenden Hand. Im Salon wird
eifrig Trio und Klavier geübt, Hörnchen wird von
uns mit vielen Wünschen bestürmt. Sie ist der
gute Engel, der immer hilft und schnell und prak-
tisch zugreift, aber auch energisch werden kann,
doch sie ist nie launisch oder mißmutig.

Am Vormittag des Heiligen Abend sind die Eltern


unsichtbar. Sie bauen die Weihnachtstische auf,
und Hörnchen hilft auch hier. Jeder Weihnachts-
tisch soll hübsch aussehen und wird mit Liebe her-

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gerichtet. Papa ist rührend mit tätig. Um die mit-
tägliche Zeit verschließt er das Weihnachtszimmer
von allen vier Seiten.

Die Mädchen tragen heute das Mittagessen in


Papas Arbeitszimmer auf. Es gibt ein einfaches
Gericht, die in unserer Familie für den Heiligen
Abend traditionelle Kartoffelsuppe mit Würst-
chen und hinterher Rote Grütze. Das kann schnell
gegessen werden und hat auch der Köchin, die
schon bei den Vorbereitungen für das Weihnachts-
essen ist, wenig Arbeit gemacht.
Bis zum Nachmittag herrscht noch große Weih-
nachtseile, aber dann findet sich die ganze Familie
im Wohnzimmer zum Tee zusammen, wo wir
noch ein halbes Stündchen gemütlich beieinander
sitzen. Zum erstenmal gibt es vom selbstgebak-
kenen Christstollen. Auch die Dresdner Stollen
stammen aus eigener Küche. Die Köchin Anna
backt unzählige. Sie sind sehr gut, aber schwer
und werden deshalb in dünnen Scheiben aufge-
schnitten. Nach diesem gemütlichen Teetrinken
geht jeder in sein Zimmer, um ein Festkleid anzu-
ziehen.

Gegen achtzehn Uhr werden wir herbeigerufen,


weil unsere Weihnachtsfeier beginnen soll. Dies
ist ein großer, erregender Augenblick für uns Kin-

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der. Doch bei den Erwachsenen ist jetzt alle Hetze
und Unruhe wie weggeblasen. Feierlichkeit, Fest-
freude und andächtige Stille gehen von ihnen aus
und teilen sich uns mit.
Die Feierstunde halten wir in Papas Arbeitszim-
mer. Viele Stühle stehen in zwei Reihen um den
großen sechseckigen Tisch, an dem die Eltern
schon Platz genommen haben. Wir kommen einer
nach dem anderen und finden unsere Plätze,
schließlich schickt Mutter Ursula, die Mädchen zu
holen. Es erscheinen hintereinander, auch etwas
zögernd, die Köchin Anna, die Mädchen, die
Näherinnen, die Büglerin und die Frauen, die
gelegentlich helfen. Auch sie wirken etwas
beklommen genauso wie die Kinder. Alle sind sie
schwarz gekleidet und weiß beschürzt. In einer
langen Reihe nehmen sie Platz, ihre Hände liegen
im Schoß.

Die Feier am Heiligen Abend beginnt bei uns im-


mer mit der Weihnachtsgeschichte. Unsere Mutter
liest sie mit fester klarer Stimme vor. Ich sehe sie
vor mir in ihrem schwarzen Samtkleid mit dem
schönen Spitzenkragen, mit ihren schweren dun-
kelblonden Zöpfen, die sie um den Kopf gelegt
trägt, darunter die breite ernste Stirn. Sie hat
eigentlich die blasse Haut mancher Blauäugigen,
die jetzt aber von der Festfreude gerötet ist. Alle
Spuren der Übermüdung und Angespanntheit, die

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ihr die Weihnachtsvorbereitungen eingebracht
haben, scheinen mit dem Kommen des Heiligen
Abends ausgelöscht. Nach der Weihnachtsge-
geschichte stimmt sie das Lied an 'Dies ist der
Tag, den Gott gemacht'. Sie spricht jeden Vers
vor, damit alle den Text kennen und mitsingen
können. Ich entsinne mich, daß ihr bei dem
schönen Vers
'Wenn ich dies Wunder fassen will,
so steht mein Geist vor Ehrfurcht still,
er betet an und er ermißt,
das Gottes Lieb' ohn Ende ist'
manchmal die Tränen in die Augen kamen, wie
auch bei den Worten der Weihnachtsgeschichte
„Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte
sie in ihrem Herzen". Dietrich und ich sprachen
einmal darüber, weil Mamas Anblick uns ergriff
und zugleich bedrückte, wir sind erst erleichtert,
wenn ihre Augen wieder klar sind.
Wenn unsere Mutter das Weihnachtsevangelium
gelesen hat und das erste Lied von uns allen ge-
sungen ist, wird das Licht gelöscht, und im Dun-
keln werden viele Weihnachtslieder gesungen.
Suschen, die Jüngste, darf zuerst ein Lied vor-
schlagen. Dann geht es weiter im Alter hinauf. In-
zwischen hat unser Vater auf Zehenspitzen und
für uns unhörbar das Zimmer verlassen, um die

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Lichter am Christbaum und an der Krippe anzu-
zünden und noch einmal einen Blick auf Mamas
Weihnachtstisch zu werfen. Plötzlich klingelt sehr
hell ein Glöckchen. Wir Kleinen wissen, das tut
das Christkind, das ja auch unsere Wunschzettel
vom Fensterbrett holte und überhaupt alles
schenkt, selbst den Christbaum. Alle erheben sich,
und wir tasten uns im Dunkeln singend über die
Diele zum Eßzimmer, voran Susi, dann Dietrich
und ich, die anderen älteren Geschwister und die
Erwachsenen folgen.
Und dann sehen wir unseren Christbaum! So
strahlend und hell nach dem Singen in der Dun-
kelheit! In seinem Lichtkreis stehen wir nun alle
und singen zusammen das Kinderweihnachtslied
'Der Christbaum ist der schönste Baum, den wir
auf Erden kennen'. Wir Kinder wissen und füh-
len es längst, daß es nicht schön wäre, jetzt zu den
Gabentischen hinzublinzeln. Zugedeckt ist nichts
von den Geschenken. Die Krippe wird nun be-
wundert. Ein Lichtchen dringt aus der Stalltür.
Die ganze Weihnachtsgeschichte liegt vor uns aus-
gebreitet.
Dann beginnt Mama mit der Bescherung. Zuerst
sind die Mädchen an der Reihe, die Köchin und
die anderen häuslichen Hilfen, für die die Ge-
schenke auf dem langen Eßzimmertisch aufgebaut
sind. Sie danken, nehmen die Gaben und gehen

30
beglückt auf ihre Zimmer. Dann treten wir Kinder
und Hörnchen an unsere Tische. Jeder bekommt
Dinge für seine speziellen Interessen und Wün-
sche. Kleidung gibt es nicht. Bücher, Noten,
Spiele, phantasiereiche Puppensachen, Burgen und
Pferdestall, Schlittschuhe, Schneeschuhe,
Dampfmaschinen und Fotoapparate, Tuschkasten
und Ölfarbenkasten, seltene Schmetterlinge und
Aquarien, auch hübsche Dinge für unsere Zimmer.
Während nun ein ziemlicher Trubel entsteht,
bescheren sich die Eltern gegenseitig. Auf Papas
Tisch findet sich immer auch von seiner Mutter
oder von Ursula zubereitetes schwäbisches
Gebäck, 'Springerle', 'Zimtsterne', 'Hutzelbrot', 'S-
le' sind für ihn Kindheitserinnerungen.
Wir tragen dann unsere Geschenke für Eltern und
Geschwister, an die wir in den letzten Wochen
mehr gedacht haben als an unsere eigenen
Wunschzettel, in tannengeschmückten Spankör-
ben herein, verteilen sie und schauen auf die Zei-
chen der Freude in den Gesichtern. Dies gegensei-
tige Austeilen macht uns sehr viel Spaß. Die Ge-
schenke, die wir für die Eltern und Geschwister
gebastelt haben, sind eine hochbedeutsame An-
gelegenheit für uns, und wir merken genau, ob
wir das Richtige getroffen haben. Es hat uns viel
Mühe gemacht, herauszufinden, was jeden freut,
um es dann zu basteln oder später auch vom

31
1
Karl Bonhoeffer, 34 Jahre,
Paula Bonhoeffer, 26 Jahre.
Im Jahre 1902 war Karl Bonhoeffer in Breslau
Professor geworden, und das vierte Kind,
die erwünschte Tochter Ursula, wurde geboren.

Aufnahme aus dem Jahre 1902

2
Im Wohn- und Musikzimmer der Familie hängt
über dem Flügel das Bild der Urgroßmutter
Pauline von Hase, geborene Härtel, Tochter des
Inhabers der alten angesehenen Verlags-
buchhandlung Breitkopf und Härtel aus dem
Jahre 1831. Sie war mit dem Theologen, Professor
Karl August von Hase verheiratet. Gegenüber
im ovalen Rahmen "die schöne Bonhoefferin" aus
dem 18. Jahrhundert. Hinter der Portiere lag
die Tür, die zum Herrenzimmer führte. Vorn
trennte eine große Glasschiebetür den Wohnraum
vom Eßzimmer. Hinter dem Mittelfenster lag
eine Loggia. Die Wände waren orange-gelb.
Aufnahme aus dem Jahre 1930
32
3
Paula Bonhoeffer mit ihren acht Kindern
Von links nach rechts stehend: Christine, Klaus,
Ursula, Karl-Friedrich, Walter; sitzend: Sabine,
Paula Bonhoeffer mit Susanne im Steckkissen,
Dietrich

Aufnahme aus dem Jahre 1909

4
Walter Bonhoeffer, geboren am 10. Dezember
1899 in Breslau, war ein ritterlicher, sehr
disziplinierter, fröhlicher Junge. Sein Haupt-
interesse galt der Zoologie. Aber auch seine Geige
und Gedichte liebte er. Sein liebster Aufenthalt
waren Wald, Wiese und Seen. Gleich nach dem
Abitur 1917 meldete er sich freiwillig und fiel
als achtzehnjähriger Fahnenjunker im Westen
im April 1918.

Aufnahme aus dem Jahre 1915

33
Taschengeld zu erstehen. Für die Eltern ist nur ein
selbstgearbeitetes Geschenk möglich, etwas ande-
res gibt es in der Kinderzeit nicht. Es zählte die
Bemühung und die Sorgfalt, Schludriges wurde
nicht geschätzt. Aber die kindlichen Künste schrei-
ten jährlich etwas voran, und ich erinnere mich,
wie stolz ich war, als ich Mama mit vierzehn Jah-
ren einen von mir selbst auf der Nähmaschine
genähten weißwollenen Morgenrock schenkte,
während ich bis dahin meist nur etwas be- oder
gemalt hatte. Auch Papas Lob, der sich immer an
meinen Malereien auf Kalendern oder Briefbogen
freute, war diesmal begründet, wie ich fand.
Das Festessen am Heiligen Abend beginnt mit
einer Gänseleberpastete als Vorspeise, die eine
Lieblingsspezialität meines Vaters ist und die
unter Mamas Anleitung nach urgroßmütterlichem
Rezept zubereitet wird. Für den Hauptgang zieht
Mama am Heiligen Abend Pute dem schweren
Gänsebraten vor; sie weiß ja auch, welche Anzie-
hungskraft die bunten Teller auf uns ausüben!
Nach dem Abendessen wird im Salon musiziert,
oft haben wir ein Trio geübt, oder Dietrich spielt
etwas vor, was er aber eigentlich nicht gern tut.
Er begleitet viel lieber, Ursel zum Gesang, Klaus
zum Cello, mich zur Geige. Dann sitzen wir Ge-
schwister noch lange vergnügt zusammen, wäh-
rend die Eltern meist schon bald nach 22 Uhr hin-

34
aufgehen. Wir Geschwister lesen dann noch in
unseren Weihnachtsbüchern und schnabulieren
dabei von den bunten Tellern, die so herrlich man-
nigfaltig in ihren Leckereien sind. Manche von
uns musizieren noch ein bißchen oder spielen mit
ihren Geschenken.

Am ersten Feiertag steht jeder auf, wann er will.


Frühstück gibt es über eine lange Zeit. Jeder fin-
det, selbst wenn er spät erscheint, auf dem Früh-
stückstisch noch alles, was er möchte. Ist man zei-
tig gegen 8.30 Uhr unten, trifft man die Eltern
noch beim Frühstück, was natürlich sehr gemüt-
lich ist, aber oft verschlafen wir nach dem langen
Abend die Zeit. Wunderbar und überraschend ist
jedesmal wieder der Duft des Weihnachtszim-
mers, der ja wirklich etwas Einzigartiges ist, ein
Gemisch von Honigwachskerzen, von Tannen-
zweigen, warmem Harz, Pfefferkuchen und Blu-
men. Und obwohl das Weihnachtszimmer gut ge-
lüftet wird, stellt sich der schöne Duft immer wie-
der ein. Er ist etwas Einmaliges im Jahr und bleibt
immer in Erinnerung.
Nach dem Frühstück wenden wir uns natürlich
zuerst wieder unseren Weihnachtssachen zu; aber
kaum haben wir angefangen, uns etwas einzu-
spielen, so erscheint Papa, der einen kurzen Mor-
gengang durch den Garten gemacht hat, und

35
schlägt vor, daß wir alle Spazierengehen, zum
Grunewaldsee oder näher, jedenfalls sollen alle an
die frische Luft. Wir haben keine große Lust dazu
und würden lieber bei unseren Geschenken blei-
ben, aber das sagen wir an Weihnachten nicht,
höchstens Susi fragt vorsichtig: „Müssen wir?"
Oft liegt der Schnee hochgeschaufelt an den Stra-
ßenrändern. Die Größeren von uns laufen schnel-
ler und weiter und gucken noch bei den Freunden
in der Nachbarschaft ins Weihnachtszimmer. Die-
se Spaziergänge sind sehr hübsch ausgedacht, aber
besonders wir Jüngeren wären eigentlich lieber zu
Hause geblieben. Selten ist es so sonnig und
schön, daß wir einen längeren Weg bis zum
Grunewaldsee machen können. Meistens sind wir
etwas verfroren, und die Geduld reicht nur zu
einem kurzen Spaziergang in der Grune-
waldkolonie. Wir Kinder wechseln uns ab, neben
den Eltern zu gehen, die übrigen laufen hinterher;
es gibt Gespräche untereinander, und schließlich
sind wir doch alle vergnügt und lustig. Die frische
Luft tut uns gut, und wir kommen mittags mit dem
entsprechenden Appetit nach Hause.
Zum Mittagessen erwarten wir die in Berlin leben-
den Verwandten, zum Tee werden dann noch al-
leinstehende Bekannte dazu geladen. Am späten
Nachmittag brennen die Kerzen am Christbaum
wieder, und Mama singt uns die Weihnachtslieder

36
von Peter Cornelius. Das ist Papas große Freude,
aber er sieht doch oft etwas besorgt auf unsere
Mutter, ob es ihr nicht zuviel wird. Besonders ein-
drucksvoll singt sie das Lied 'Drei Könige
wandern aus Morgenland', das in der
Klavierbegleitung den Choral ,Wie schön leucht'
uns der Morgenstern' aufklingen läßt. Auch das
Lied vom alten Simeon

'Nun lassest du in Frieden,


Herr, deinen Diener gehn.
Da es mir doch beschieden,
den Heiland anzusehn',

macht uns Kinder nachdenklich. Diese Lieder ge-


hören auch zu unserem Weihnachten, und wir
alle lieben diese Stunde, in der wir sie hören. Diet-
rich begleitet unsere Mutter auf dem Flügel, man
sieht ihm an, wie gern er es tut.
Die große Gestaltungskraft unserer Mutter und
die Großzügigkeit im Wesen unseres Vaters, der
ihr seelisch und äußerlich durch sein Verständnis,
seine Güte und Klugheit den Wirkungsraum gibt,
können sich zu unserer aller Bestem auswirken.

37
Die Jungen wachsen heran. 1914 beim Ausbruch
des Krieges ist Karl-Friedrich, der Älteste, fünf-
zehn Jahre alt, Walter vierzehn, Klaus dreizehn,
Ursel zwölf, Christel elf, Dietrich und ich acht,
Susi erst fünf Jahre. Noch sind die Brüder zu
Hause. Aber die Nachrichten vom Tod von drei
Vettern bringt den Eltern Leid, und wir fühlen
auch am Weihnachtsabend, wie sie an all das den-
ken, was das Kriegsjahr ihren Geschwistern und
so vielen Menschen an Schmerz gebracht hat.
1917 kommen Karl-Friedrich und Walter ins Feld.
Beide werden schnell Unteroffiziere. Täglich
schreiben sie nach Haus und berichten uns, was
sich ereignet.
Auch die Eltern schreiben jeden Tag an die Söhne.
Weihnachten und Neujahr kommt Walter auf Ur-
laub. Er genießt das Fest und geigt mit Klaus und
Dietrich im Trio. Aber in Gedanken und Gesprä-
chen ist er viel bei seinen Kameraden.

Die Kriegsweihnachten bringen freilich auch in


anderer Beziehung eine größere Belastung. Immer
mehr Feldpostpakete müssen hinausgesandt wer-
den, die Lebensmittelversorgung wird schwieri-
ger, und die Lebensmittel werden knapper und
knapper, bis schließlich während der Blockade im
Winter 1917 die Hungerzeit einsetzt. In Berlin ist
es damit besonders schlimm. 1917 ist der soge-
nannte Kohlrübenwinter, wo kaum etwas Nahr-

38
haftes zu ergattern ist; wer keine Freunde auf dem
Land hat und hin und wieder Pakete bekommt, ist
übel dran, besonders wenn er eine große Familie
hat, bei der die Kinder im Heranwachsen sind. So
hat Mama mit den alltäglichen Dingen viel Sor-
gen, und es macht ihr große Mühe, für so viele
Menschen Weihnachtsgeschenke zu beschaffen.
Aber gleichzeitig versucht sie auch ganz bewußt,
uns Kinder das Verzichten zu lehren. In allem
Wesentlichen wird unsere Weihnachtstradition
jedoch fortgesetzt.

Weihnachten 1918 ist alles sehr schwer. Unser


Bruder Walter fehlt. Er, der Zweitälteste Sohn
meiner Eltern, ist am 28. April 1918 als achtzehn-
jähriger Fahnenjunker im Westen gefallen. Eine
schreckliche Lücke, die sein Tod auch in unseren
Geschwisterkreis gerissen hat, ist nun da, und sie
bleibt offen. Unsere Mutter ist nur noch ein Schat-
ten ihrer selbst, unser Vater um Jahre gealtert.
An diesem Weihnachtsnachmittag sagt unsere
Mutter: "Wir wollen nachher hinübergehen." Das
Hinübergehen heißt, wir gehen alle auf den Fried-
hof. Walter ist nach Berlin überführt worden, sein
Grab liegt auf einem nahegelegenen Friedhof.
Bald treffen wir uns unten in der Diele. Mama und
Papa sind vorher noch einmal ins Weihnachtszim-
mer gegangen und haben einen Tannenzweig vom

39
Baum geschnitten mit einem Licht und Lametta
und nehmen diesen Weihnachtszweig für das
Grab von Walter mit. Der Friedhof ist nicht weit
entfernt, ungefähr eine Viertelstunde gehen wir
zu Fuß hinüber. An Walters Grab ist auch ein
Bänkchen, aber Papa rät Mama ab, sich hinzuset-
zen, weil es so kalt ist. Mama stellt Christrosen
auf das Grab, sie versucht, alles schön hinzulegen,
Papa hilft ihr dabei, und wir Kinder fegen Schnee
und dürre Blätter weg. Dann richtet Mama sich auf
und geht am Arm unseres Vaters voran. An der
Kapelle schaut sie noch einmal zurück. Jetzt geht
es zu Fuß durch die weihnachtlichen Straßen nach
Hause. Bis wir daheim sind, ist es fast dunkel,
aber das kahle Gezweig der Akazien und der Obst-
bäume in unserem Garten hebt sich noch scharf
vom Winterhimmel ab. Auch in den folgenden
Jahren ist es zu Weihnachten bei diesem Fried-
hofsgang geblieben.

Bei meiner Erinnerung an die Weihnachts- und


Nachweihnachtszeit in unserem Elternhaus denke
ich auch gern an die Silvesterfeier. Erst diese be-
endete die Weihnachtszeit. Auch dieser letzte Jah-
restag wird mit bestimmten Bräuchen gefeiert.
Nach dem Abendessen, zu dem es Karpfen oder
sonst etwas Besonderes gibt, ziehen sich unsere

40
Eltern zurück. Jedes Jahr schreiben sie dann in ihr
Silvesterbuch von allen wesentlichen Begebenhei-
ten, die das Jahr uns gebracht hat. Doch nach Wal-
ters Tod entsteht eine Pause von zehn Jahren. Der
Silvesterbericht schloß 1917, als beide älteren
Brüder Soldaten waren, mit dem Wunsche
"Möchten wir 1918 wieder vereint sein". In den
folgenden Jahren "fehlte der Mut, den
unterbrochenen Faden wieder aufzunehmen und
an das Verlorene anzuknüpfen". Wir Kinder
bekommen das Buch nicht zu sehen.

Ungefähr zwei Stunden vor der Jahreswende tref-


fen wir uns mit den Eltern wieder im Wohnzim-
mer. Auch heute dürfen nur die Geschwister, die
schon zum Konfirmandenunterricht gehen, bis
Mitternacht aufbleiben. Aber auch die Kleineren
dürfen noch 'Schiffchen schwimmen lassen' und
Bleigießen. Beim Schiffchenschwimmen werden
zwei Nußschalen mit Lichtchen darin in eine
große, mit Wasser gefüllte Schale gesetzt. Ganz
vorsichtig machen wir mit den Fingerspitzen
kleine Wellen, die Nußschiffchen schwimmen
herum, und wenn sie sich berühren, darf man sich
etwas Schönes für das neue Jahr wünschen.
Auch das Bleigießen macht uns viel Spaß, weil
jeder die selbstgegossenen vielfältigen Formen
auslegt oder die Deutungen der anderen mehr oder

41
weniger gerne annimmt. Wenn dieser vergnügte
Wirbel vorbei ist, trinken wir den wärmenden Sil-
vesterpunsch, der in den alten Punschgläsern her-
eingebracht wird, dazu gibt es Berliner Pfann-
kuchen.
Wenn dieser "heidnische Teil" unserer Silvester-
feier, wie Klaus verschmitzt sagt, vorbei ist, wer-
den die Kerzen am Christbaum noch einmal ange-
zündet. Die Tanne nadelt dann meist schon sehr.
Papa überzeugt sich, ob der Eimer mit Wasser, der
hinter der Tanne versteckt steht, auch gefüllt ist.
Aber brandsichere elektrische Kerzen möchte nie-
mand von uns haben. Nun werden die Lampen
gelöscht und die Kerzen von Papa ganz behutsam
angezündet. Wenn der Baum erstrahlt, schlägt
Mama den 90. Psalm auf und liest ihn uns. Frei-
lich kennt sie den ganzen Psalm auswendig, aber
sie schaut doch auf die Verse in der Bibel.

Herr, Gott, du bist unsre Zuflucht für und für.


Ehe denn die Berge wurden
und die Erde und die Welt geschaffen wurden,
bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit,
der du die Menschen lassest sterben
und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!
Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag,
der gestern vergangen ist, und wie eine
Nachtwache.

42
Du lassest sie dahinfahren wie einen Strom;
sie sind wie ein Schlaf,
gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird,
das da frühe blüht und bald welk wird
und des Abends abgehauen wird und verdorrt.
Besonders eindrücklich liest unsere Mutter uns
die Verse:
Unser Leben währet siebzig Jahre,
und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre,
und wenn's köstlich gewesen ist,
so ist es Mühe und Arbeit gewesen;
denn es fähret schnell dahin,
als flögen wir davon.
Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen,
auf daß wir klug werden.
Zeige deinen Knechten deine Werke
und deine Ehre ihren Kindern.
Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich
und fördere das Werk unsrer Hände bei uns;
ja, das Werk unsrer Hände
wolle er fördern!
Wenn die letzten Worte verklungen sind, schaut
Mama zu Papa und dann zu uns allen, damit das
Singen beginnen kann. Dann stimmt sie Paul Ger-
hardts Neujahrslied an, das schon im 30jährigen
Krieg gesungen wurde. Wir Geschwister kennen

43
alle dreizehn Strophen auswendig, und mit jedem
Jahr wird uns ihr Sinn lebendiger. Die Kerzen ver-
löschen allmählich, und die Tannenzweige werfen
lange Schatten an die Decke des Weihnachtszim-
mers. Nachdenklich singen wir

Nun laßt uns gehn und treten


mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben.

Unseren Vater erfreuen besonders die Verse, in


denen Paul Gerhardt auch der Kranken und
Schwermütigen gedenkt:

Hilf gnädig allen Kranken,


gib fröhliche Gedanken
den hochbetrübten Seelen,
die sich mit Schwermut quälen.

Nun ist es beinahe zwölf Uhr. Wir gehen auf die


Veranda und in den Garten hinaus, um die Glok-
ken zu hören. Die Uhren ringsum schlagen zwölf,
und die Glocken läuten das neue Jahr ein. Buntes
Feuerwerk schießt fern am Himmel auf, knallt und
beleuchtet farbig den verschneiten Garten. ,Prost
Neujahr' wünschen wir uns gegenseitig und sto-
ßen miteinander an: Prosit Neujahr!

44
Zwischen 1923 und 1930 ändert sich viel. Wir Ge-
schwister werden erwachsen. Abgesehen von Diet-
rich heiraten alle in dieser Zeit. Silvester 1927
schreibt mein Vater wieder in das Silvesterbuch.
Zehn Jahre hatte es geruht; seit Walters Tod:

"Das diesjährige Weihnachten, wo wir alle uns


gebliebenen Kinder wieder einmal zusammen ha-
ben, läßt uns das alte Buch wieder aufnehmen,
und wir wollen wieder berichten: Der Weihnachts-
abend verlief nun für uns Alte anders als früher.
Nachdem wir bei Walter einen Zweig vom Baum
niedergelegt, fuhren wir zu Schleichers, wo Ursel
und Rüdiger für Hans-Walter und Renate den
Baum geschmückt hatten, von da zu Leibholzens,
wo die kleine halbjährige Marianne schon Freude
an den Lichtern des Baumes hatte. Um sieben
sammelte sich alles bei uns. Von den Enkelkindern
nur die kleine Bärbel, die bei uns im Hause
wohnte. Die Weihnachtsgeschichte wurde von
Mama gelesen und die Weihnachtslieder im
Dunkeln gesungen ...". Daran schließt sich ein
Jahresbericht unseres Vaters.
1930 fährt Dietrich, der sich damals als Theologie-
student in den USA aufhält, zum Weihnachtsfest
nach Havanna-Vedado auf Cuba und schreibt:
"Ich werde Weihnachten hier mit einem Gottes-
dienst in der deutschen Kolonie feiern. Es ist nach

45
den eisigkalten Wochen in New York hier phan-
tastisch warm, 28 Grad Celsius im Schatten, die
Gärten voller Blumen, die Bäume grün wie im
Sommer. Die deutsche Schule, in der ich den Reli-
gionsunterricht für die letzten Schultage übernom-
men habe, macht einen ausgezeichneten Eindruck,
und die Kinder machen mir viel Freude."
Dietrich besucht hier die Schwestern unseres
Hörnchens, die die deutsche Schule in Havanna
leiten. Er bleibt dort noch über Silvester und hält
den Gottesdienst. Er predigt über das Wort „Meine
Zeit steht in deinen Händen".
Als Dietrich 1931 Privatdozent an der Berliner
theologischen Fakultät und Studentenpfarrer der
Technischen Hochschule geworden ist, predigt er
vor seiner Konfirmandenklasse am 1. Advent
über die Wort: "Selig sind die Knechte, die der
Herr, so er kommt, wachend findet."

Als manche der Geschwister außerhalb von Berlin


eigene Familien gegründet haben, finden sich nur
noch die in Berlin lebenden Kinder und Enkelkin-
der im Weihnachtszimmer bei unseren Eltern ein,
nachdem sie erst in ihren eigenen Familien gefei-
ert haben. Suse war inzwischen der Pfefferku-
chenhaus-Spezialist geworden. Sie erzählt: "Bei
Hörnchen hatte ich mich erkundigt, wie man es
machen könne. Jahr für Jahr wurden die Häuser,

46
die ich baute, stabiler, bunter, einfallsreicher. Das
Mühsame war das Einwickeln der schmalen,
hellen Bonbons in rotes Glanzpapier, die dann das
Dach ergaben und auf Pappe aufgenäht wurden,
Ziegel über Ziegel. Aber diese Dächer waren auch
das, was man nirgends sah oder kaufen konnte.
Auch die mit bunten Bonbonfrüchten
geschmückten Bäume aus Buchsbaum und die
Dachrinne mit Brezeln behängt, waren Sondergut.
Hänsel und Gretel nebst Hexe formte ich aus
Marzipan. Später beim Weihnachtsbasar der
Studentennothilfe brachten meine Häuser als
Hauptgewinne und durch Versteigerung viel Geld
ein, aber auch in der Haushaltungsschule wurden
sie beim Weihnachtsverkauf im Pestalozzi-Fröbel-
Haus viel bewundert. "Unsere Mutter findet auch
bei den Enkeln immer ein für jedes Kind speziell
ausgedachtes Geschenk.
Unsere älteste Tochter erinnert sich noch heute mit
Entzücken an einen Paradiesgarten, den Mama ihr
selbst gemacht hatte, zu dem alle erdenklichen
Tiere und ein Kind gehörten, dazu viele Bäume,
allerliebste Blumen, Wege und Seen.
1931 stand Weihnachten unter dem Schatten der
Weltwirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit, dem
Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmen.
Aber Dietrich wünscht uns trotzdem "ein beson-
ders schönes Fest" und schreibt meinem Mann und
mir nach Göttingen:

47
Berlin, 23.12.1931
"Liebe Sabine, lieber Gert!

Bei einem Weihnachtsbrief gehen einem die Gren-


zen einer Schreibmaschine doch deutlich auf. Aber
da er sowieso nur kurz sein kann, geht's für dies-
mal auch so. Es ist ja wirklich sehr schade, daß Ihr
nicht kommt! Wir hatten uns alle darauf gefreut,
und ich hatte sogar eine Wette abgeschlossen, daß
Euer Entschluß, nicht zu kommen, noch ins Wan-
ken gebracht werden könnte. Die scheine ich ja
nun leider endgültig verloren zu haben. Schade!
Wir werden auf diese Weise ganz kinderlos sein
und es wird nicht sehr wahrscheinlich klingen,
wenn morgen der Familienchor im Alter von 25-
89 singen wird „Ihr Kinderlein kommet".
Ich wünsche Euch nun ein besonders schönes Fest
im kleinsten Kreis. Wie geht das eigentlich bei
Euch vor sich, oder müßt Ihr Eure Weihnachtssitte
erst dies Jahr kreieren? Ihr wart wohl bis jetzt
immer noch hier? Bei uns ist richtiges
Winterwetter, das aber wohl im Hinblick darauf,
daß morgen Weihnachten ist, bis dahin
umgeschlagen sein wird. Vor einem Jahr saß ich in
der tollsten Hitze in Kuba. Das waren noch andere
Zeiten! - Vor ein paar Tagen war ich mit einigen
von meinen Konfirmanden auf zwei Tage im
Schnee. Das war für mich und

48
wohl auch für sie sehr lehrreich. Mein
Weihnachtsinteresse konzentriert sich dies Jahr
stark in der Richtung auf diese Konfirmanden, und
das Packen von Weihnachtspaketen ist neben der
Arbeit für das Kolleg eine durchaus erfreuliche
und mir als eine nicht weniger wichtig
erscheinende Abwechslung.
Ich werde morgen oft zu Euch herüber denken wie
wohl auch Ihr zu uns. Vielleicht sprechen wir uns
ja noch telefonisch. Sagt bitte meinem Patenkind
einen besonderen Gruß. Sie kriegt diesmal nichts
von mir (das klingt, als ob sie sonst immer was be-
kommen hätte, was ich kaum glaube), aber ich
verstecke mich diesmal noch mal hinter dem
Christkind, das ja die Geber verbirgt. Der wahre
Grund freilich ist einfach der, daß ich in den
letzten Tagen nicht dazu kam, an Weihnachten
ausreichend zu denken und mich darauf
vorzubereiten, also lebt wohl, feiert ein schönes
Weihnachtsfest und kommt gut ins neue Jahr, und
mit nicht gar zu viel Sorgen; die nützen doch sehr
wenig. Herzlich grüßt
Euch und die Kinder
Euer Dietrich"

49
Das Weihnachtsfest mit den Enkeln ist Mama sehr
wichtig gewesen; sie freute sich besonders, wenn
die Enkel die Weihnachtslieder mitsingen konnten
und viele Verse behielten. In ihrer Liebe zu den
Enkeln dachte sie immer an die Zukunft der Kin-
der. Als unsere Tochter einmal zu ihr sagte:
"Großmama, wenn du das dem Thomas nicht
erlaubst, hat der Thomas dich doch nicht mehr
lieb", antwortete sie ihr: „Er braucht mich jetzt gar
nicht lieb zu haben, er soll nur recht werden."
Mein Vater beobachtete die Enkel sehr genau und
hatte seine Freude an ihnen, gab aber nur Rat in
bezug auf ihre Erziehung, wenn man ihn danach
fragte.
Auch die auswärtigen Kinder unserer Eltern setzen
in ihren Familien die Tradition der Advents- und
Weihnachtsfeier des Elternhauses fort, weil sie
wissen: „Tradition bewahren, heißt nicht, Asche
aufheben, sondern eine Flamme am Brennen hal-
ten" (Jan Jaures).

Den großen Einbruch in die Fröhlichkeit des weih-


nachtlichen Feierns bringen unserer Familie die
Jahre nach Hitlers Machtergreifung. Unsere Fa-
milie steht dem Nationalsozialismus einheitlich
mit schärfster Ablehnung gegenüber. Wie be-
drückt sind wir alle Weihnachten 1933! Das "Frie-
de auf Erden und den Menschen ein Wohlgefal-

50
len" wird damals von vielen immer dringlicher er-
beten. Wir fühlen, wie bedroht der Friede ist.
Dietrich meint später in seinen Predigtmeditatio-
nen zum Weihnachtsfest:

„Nur wo man Jesus nicht herrschen läßt, wo


menschlicher Eigensinn, Trotz, Haß und Begehr-
lichkeit sich ungebrochen ausleben dürfen, dort
kann kein Friede sein. Wenn heute unsere christ-
lichen Völker zerrissen sind in Krieg und Haß, ja,
wenn selbst die christlichen Kirchen nicht zuein-
anderfinden, dann ist das nicht Schuld Jesu Chri-
sti, sondern Schuld der Menschen, die Jesus Chri-
stus nicht herrschen lassen wollen. Dadurch fällt
aber die Verheißung nicht hin, daß ,des Friedens
kein Ende' sein wird, wo das göttliche Kind über
uns herrscht."

Aus dem Geschwisterkreis werden Dietrich und


ich von den nationalsozialistischen Gesetzen zu-
erst und unmittelbar betroffen.
Dietrich ist betroffen durch den Angriff auf die
Kirchen. Er nimmt 1933 Urlaub von seiner Dozen-
tur in Berlin und arbeitet an der Bildung der Be-
kennenden Kirche mit. Aus Protest gegen die
'Deutschen Christen' nimmt er noch im gleichen
Jahr eine Pfarrstelle in London an. Nun fehlt auch
er beim Weihnachtsfest in Berlin bei den Eltern.

51
Als er nach eineinhalb Jahren zurückkehrt, weil
seine Pfarrbrüder in Deutschland ihn offenbar
nötiger brauchen und auch Karl Barth ihn sehr
drängt, übernimmt er das Predigerseminar der
Bekennenden Kirche der altpreußischen Union.
Später wird er wegen der Gefahr 'volkszersetzen-
der Tätigkeit' von den Nazis mit Schreib- und
Redeverbot bestraft und bekommt Aufenthalts-
meldepflicht. 1936 wird ihm seine Dozentur an
der Berliner Universität genommen.

Mein Mann, Gerhard Leibholz, und ich sind be-


troffen, weil mein Mann von jüdischen Eltern ab-
stammt. Schon Weihnachten 1933 liegt uns unsere
unsichere Zukunft schwer auf der Seele. Der
Druck verstärkt sich dann von Jahr zu Jahr. Mein
Mann ist zwar noch Professor für Staatsrecht in
Göttingen, aber seine Vorlesungen sind bereits
boykottiert worden. Viele jüdische Beamte sind
schon aus dem Staatsdienst entlassen worden,
unter ihnen auch Verwandte von Gerd und viele
unserer Freunde. Doch wir feiern Weihnachten
noch ohne Störung mit unseren beiden kleinen
Töchtern und den Brüdern von Gerd. Aber unsere
Lage wird immer schwieriger. Trotzdem feiern wir
1937 den Heiligen Abend noch einmal in Berlin
bei unseren Eltern in der alten Weise.

52
Auch in Berlin empfinden wir wie die Eltern und
die dort lebenden Geschwister besonders stark die
Veränderung im Geist und der Atmosphäre die-
ser Stadt. Um die Weihnachtszeit gibt es in Berlin
oft schon harten Frost mit Ostwind. Unser Bruder
Klaus ist immer gerne auf den Weihnachtsmarkt
gegangen, auf dem die Berliner Marktfrauen auch
bei strengster Kälte an ihrem Stand ausharren.
Gerne hört er den Berlinern in ihrer guten Laune
zu. Er freut sich an ihrem Witz und beobachtet die
staunenden und verlangenden Gesichter der Kin-
der vor den Buden. Er amüsiert sich über die
Sprüche auf den Lebkuchen. Einmal bringt er
unserem Vater einen mit, auf dem aus Zuckerguß
der Reim steht: "Es ist doch schön, wenn man be-
denkt, wie Vater so an Muttern hängt!"
Aber nach 1933 hört dieser schöne Spaß auf. Par-
teigrößen erscheinen auf dem Weihnachtsmarkt
und wollen sich populär machen. 1935 findet sich
Goebbels mit seinen Kindern auf dem Weihnachts-
markt am Schloßplatz ein, durch SS-Leute von
allen Seiten beschützt. Am Weihnachtsabend hö-
ren Nazianhänger eine Rede von Rudolf Hess.
Die Verfolgungsmaßnahmen gegen die 'Nicht-
arier' schaffen für sie unerträgliche Zustände in
Deutschland, und 1938 steht ihnen das Wasser
bis zum Hals.
Mein Mann und ich wandern nach England aus.

53
Dietrich schreibt im Dezember 1938 an mich und
meinen Mann in England:

5.12.38
„Liebe Sabine, lieber Gert!

Vielen Dank für den Brief. Jedes Lebenszeichen


freut einen, wenn man so weit voneinander ist.
Schön, daß Ihr so lange und freundlich dort einge-
laden seid; hoffentlich kommst Du ordentlich zum
Arbeiten in der Bibliothek des Britischen Muse-
ums. Es ist dort sehr ruhig und schön, findest Du
nicht auch? - Daß Ihr Weihnachten mit den Eltern
und Kindern zusammen feiern wollt, hat mich
ganz außerordentlich gefreut. Das werden sicher
sehr hübsche Tage bei Mucki Koenigs-Kalckreuth.
Eben schrieb mir Mama darüber. Ihr trefft nun
also alle meine alten Freunde und Gemeindeglie-
der. Grüßt doch Herrn Henne sehr von mir. Ich
werde ihm zu Weihnachten schreiben. Er ist ein
sehr treuer Mann und in allen Dingen hilfs-
bereit, wenn man ihn braucht, auch seine Frau ist
rührend. Geht doch ruhig gelegentlich hin, er freut
sich immer und ist nur ein bißchen unbeholfen und
geniert. Er soll Dich, lieber Gert, doch auch mal
mit Mr. Seagell zusammenbringen; der predigt
alle Monate in der Paulskirche und ist auch sehr
nett und hilfsbereit, ein alter Junggeselle, der all

54
sein Geld an bedürftige Leute abgegeben hat und
abgibt und lebt wie ein Asket. Er wird gewiß zu
Euch sehr nett sein. Rufe doch Henne mal des-
wegen an und grüße S. sehr von mir, wenn Du
ihn siehst. Außerdem sollten Cromwells Euch mal
die Leute nennen, die ich seinerzeit unterstützt
habe. Die schreiben immer noch mal eine Karte,
aber ich habe die Adressen nicht mehr. An George
schreibe ich morgen wieder. Er ist doch ein treuer
Freund. Ich denke, er wird Euch auch gefallen ha-
ben. Meldet Euch doch mal ein paar Tage bei ihm
an. Außerdem soll er Euch doch bestimmt mit dem
Sir Walter Moberly zusammenbringen, der ein
sehr gebildeter und feiner Mann ist. Das schiene
mir wirklich sehr wünschenswert. Ich schreibe
auch an ihn und schicke beide Briefe an Mama.
Übrigens ist es eine sehr allgemeine Erfahrung,
daß einem Deutschen alles immer zu langsam
geht. Davon lassen sich die Deutschen auch
anstecken und unsereiner gewöhnt sich sehr
langsam daran. Aber zur Ungeduld ist gar kein
Anlaß. Es geht eben alles langsamer, aber meist
auch sicher. Dies muß man sich als Deutscher
täglich dort drüben sagen, - bis man selbst so wird!
Das wird Dir allerdings nicht so sehr liegen! Kann
Mucki nicht mal mit Herrn Schröder sprechen?
Das fände ich ganz nett. Ich kann ihm auch
schreiben.- Du fragst nach Tillich. Ich kenne ihn,
d. h. ich lernte ihn

55
2 Tage bei seiner Arbeit hier kennen und vielleicht
denkt er noch gern daran zurück, wenn er nicht
zu vergeßlich ist. Erinnern wird er sich bestimmt.
Bitte beziehe Dich auf mich und sage ihm, daß ich
mich des Kirchentages bei seinen Freunden in
Wannsee sehr gern erinnerte. Ich schreibe natür-
lich auch selbst, wenn Du willst! Besser ist natür-
lich Niebuhr, von dem ich Dir schon sagte. An den
schrieb ich gern; er ist immer freundlich zu mir ge-
wesen und wollte mich vor einem Jahr noch hier
besuchen. Aber ich wüßte auch doch gern, ob ich
nur allgemein fragen soll oder ob ich Dich schon
anmelden soll. Dies wäre ja wirksamer. -
Ich denke täglich an Euch mit allen guten Wün-
schen. Wenn ich irgend etwas helfen kann, tue
ich's immer mit größten Freuden! Darauf müßt Ihr
Euch verlassen! Bitte sagt es nur! Bald wieder!
Von Herzen grüßt Euch und alle Freunde drüben
Euer getreuer Dietrich.

Herzliche Grüße an Miss Sharp."

58
Wie anders gestaltet sich unsere Advents- und
Weihnachtszeit von nun an! Unsere Kinder hat-
ten wir, als wir Deutschland verließen, mit der
Kinderfrau zunächst in die Obhut der Eltern ge-
geben. Im Dezember 1938 berichtet Mariannchen,
die elf Jahre alt ist, aus dem Großelternhaus in
Berlin nach London:

„Liebe Eltern!

Großmama hat gesagt, daß wir jeden Advent wo-


anders feiern dürfen, diesmal waren wir bei Schlei-
chers, wir gehen auch noch zu Onkel Klaus und
auch noch zu Tante Susi. Bei Schleichers tran-
ken wir am 1. Advent unten im Eßzimmer mit
den Schleicherkindern und Tante Ursel und Onkel
Rüdiger Kakao, und die Großeltern kamen auch.
Der Advent war wie bei uns zu Hause in Göt-
tingen, nur waren es eben sehr viel mehr Leute,
die Weihnachtsarbeiten machten, und es gab auch
viel mehr Pfefferkuchen und Äpfel deshalb. Ich
mache Abziehbilder auf Flaschen, die ich dann
lackiere. Tante Ursel hat uns auch Spankästen
gegeben, auf die ich Engel male und die dann lak-
kiert werden. Außerdem haben wir Kupferplatten
wie in der Schule in Göttingen, in die ich auch mit

59
einer stumpfen Feder Engel ritze, nachher kann
man die Engel aufhängen. Wir haben wie zu
Hause Weihnachtslieder gesungen, nur waren es
eben viel mehr, die mitsingen konnten und zweite
Stimme konnten, nicht nur Christiane. Großpapa
las uns Andersens Märchen vor, die kannte ich ja
aber schon. Wir hatten Papierservietten und die
Kleinen haben mit den Papierservietten gokeln
wollen, es wurde ihnen ausdrücklich verboten, und
im nächsten Augenblick war schon eine Flamme
da, es hatte also doch jemand gegokelt, und Groß-
papa hat sie sofort mit der Hand ausgedrückt, lei-
der hatte er eine große Brandblase an der Hand
danach. Es wurde aber niemand rausgeschickt, wir
haben alle weitergesungen, wohl, weil es Advent
war. Aber der ganze Tisch mit den Weihnachts-
arbeiten hätte ja abbrennen können. Hans-Walter
sägt etwas, was er hinterher zusammenklebt, er
sagt nicht, was es ist, ich glaube, es wird eine
Lampe. Es war ein sehr schöner Advent, weil es
so viele waren.

Liebe Eltern! Dezember 1938

Gestern waren wir zum Advent bei Onkel Klaus


und Tante Emmi. Die Kinder können noch nicht
lange Weihnachtsarbeiten machen, weil sie noch

60
zu klein sind, Cornelie hat gerade erst fünften Ge-
burtstag gehabt, Thomas ist natürlich schon sie-
ben, Walter ist noch ein kleines Baby, wir durften
ihn trinken sehen. Tante Emmi hat uns ein wun-
derschönes Kasperle-Theater gezeigt, man
schlüpft mit der Hand in die Figuren, ich durfte
den Kindern ein Stück vormachen und Tante
Emmi mochte es. Dann nahm Onkel Klaus mich
mit ins Herrenzimmer und zeigte mir viele Bilder
von seinen Reisen in Afrika und Spanien, das war
sehr schön. Vorher und nachher haben wir
Weihnachtslieder gesungen, und es gab auch
Pfefferkuchen, aber mit den Weihnachtsarbeiten
sind Christiane und ich nicht viel weiter
gekommen heute. Das ist aber egal, wir machen ja
sowieso meistens nachmittags eine Weile
Weihnachtsarbeiten, und wir werden
noch fertig werden.

Liebe Eltern! Dezember 1938

Wir waren mit den Großeltern bei Tante Susi. Es


waren sehr viele Leute da, alle saßen um einen
sehr großen Tisch, noch größer als bei
Schleichers, aber viele von den Leuten waren
Erwachsene. Wir haben Weihnachtslieder ge-
sungen, und Tante Susi hatte alle Farben da,
obwohl ich meinen Tuschkasten vergessen hatte,
konnte ich also weiter-

61
malen. Die Kinder von Tante Susi sind ja noch zu
klein, um Weihnachtsarbeiten zu machen, Michael
ist drei und Andreas ein Baby, wir durften ihn im
Körbchen nebenan ansehen. Die Erwachsenen
sind, glaube ich, aus Onkel Walters Gemeinde,
sie sangen gut. Frau Kluge hat manchmal Aus-
gang und manchmal kommt sie mit, wenn wir zu
den Tanten gehen, sie sagt, sie mag es sehr."

Kurz vor Weihnachten - einen Monat nach der


Kristallnacht und den Pogromen der Nazis brin-
gen uns unsere Eltern die Töchter nach Holland
entgegen. Als wir die Eltern und unsere Töchter-
chen von der Bahn abholten, sprang uns Mari-
anne entgegen und berichtete von der Schlafwa-
genfahrt, und wie der Großvater schon früh auf
dem Gang stand und den Sonnenaufgang be-
trachtete. „Großpapa mochte den Sonnenaufgang
aber sehr, und mir hat er ihn gezeigt!" „Und heute
hat Großmama mir die Zöpfe geflochten", erzählte
Christiane sehr stolz. Bei dem Abschied von der
Kinderfrau hatte es bei Christiane viele Tränen
gegeben. Noch aus dem Wagen hatte sie unent-
wegt der winkenden Frau Kluge nachgeweint und
die Großeltern bedrängt: 'Die Uli muß mit, die
Uli muß mit.' Jetzt war sie bester Laune. Aber
beide Eltern sahen müde aus, und wir fuhren
gleich zusammen nach Haarlem.

62
5
Klaus Bonhoeffer wurde am 5. Januar 1901
In Breslau geboren. Er studierte Rechtswissenschaft
in Heidelberg und Berlin. Später schlossen sich
Studienreisen nach Genf und Den Haag an.
Nach seinem Assessor-Examen ließ er sich in Berlin
als Anwalt nieder; in dieser Eigenschaft war er
Syndikus bei dem Reichsverband der Deutschen
Industrie und zuletzt Chefsyndikus bei der
Lufthansa. Er war mit Emmi Delbrück verheiratet,
und sie hatten drei Kinder. Als Mitglied der
Widerstandsbewegung wurde er vom
Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am
23. April 1945 von der SS ermordet.

Aufnahme aus dem Jahre 1937

63
6
Dietrich Bonhoeffer und die Zwillingsschwester
Sabine wurden 1906 in Breslau geboren.
Er studierte Theologie und wurde 1930 Privat-
dozent an der Universität Berlin. Dem National-
sozialismus erklärte er in aller Öffentlichkeit
1933 bereits seine kompromißlose Gegnerschaft.
Nachdem er eineinhalb Jahre in England als
Pfarrer gewirkt hat, wurde er 1935 Direktor des
Prediger-Seminars der Bekennenden Kirche in
Finkenwalde, 1936 verlor er seine Lehrbefugnis.
In der ökumenischen Bewegung spielte Dietrich
Bonhoeffer als Vertreter der deutschen kirchlichen
Opposition eine bedeutende Rolle. Vor Kriegs-
ausbruch kehrte Dietrich Bonhoeffer aus den USA
zurück, um an der Beseitigung der Hitlerschen
Tyrannis mitzuwirken. Für ihn setzte die
Nachfolge Christi voraus, daß der Mensch zu
seiner Diesseitigkeit stehen müsse. Im April 1943
wurde er verhaftet und schließlich zusammen
mit anderen Widerstandskämpfern am 9. April
1945 im Konzentrationslager Flossenbürg
hingerichtet.
Aufnahme aus dem Jahre 1941

64
5
7
Karl-Friedrich Bonhoeffer wurde am 13. Januar
1899 in Breslau geboren. Er studierte physikalische
Chemie in Tübingen und Berlin. Ihm gelang
es als Assistent, in dem von Haber geleiteten
Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin nachzuweisen,
daß der gewöhnliche Wasserstoff ein Gemisch
zweier Modifikationen, des Ortho- und
Parawasserstoffes, ist und stellte letzteren in
Gemeinschaft mit Paul Harteck rein dar. Aufgrund
dieser Entdeckung erhielt er Rufe aus den
Vereinigten Staaten, der Schweiz, der Sowjetunion
und aus anderen Ländern. Er entschloß sich, eine
Professur für physikalische Chemie an der
Universität Frankfurt anzunehmen, die er später
mit der in Leipzig vertauschte. Nach dem Krieg
war er Direktor des Max-Planck-Institutes für
physikalische Chemie in Berlin und seit 1949 in
Göttingen. Er war verheiratet mit Grete von
Dohnanyi und hatte vier Kinder. Er starb in
Göttingen am 15. Mai 1957.

Aufnahme aus dem Jahre 1955

65
8
Karl Bonhoeffer, geboren 1868 als schwäbischer
Juristensohn, studierte in Tübingen Medizin.
Als Professor für Psychiatrie und Neurologie
wurde er an die Universitäten Breslau, Königsberg,
Heidelberg und 1912 nach Berlin berufen.
Er übernahm jeweils die Leitung der Psychiatrisch-
neurologischen Universitätskliniken.
Professor Zutt schrieb über ihn:
Seine geduldige Offenheit für jede konkrete
Situation, die souveräne, gleichmäßige Beherr-
schung des ... Wissenstoffes, sein außerordent-
liches klinisches Differenzierungvermögen,
verbunden mit einem hervorragenden Gedächtnis,
seine bei aller vorsichtigen Zurückhaltung große
Sicherheit des Urteils setzten ihn in den Stand,
jede konkrete Situation am Krankenbett zu
durchschauen und so weitgehend zu klären ...
In der Klinik herrschte ein Ethos,
das in Bonhoeffers Wesen wurzelte.
Als hervorragender Gelehrter und Vertreter seines
Fachs war er weit über die Grenzen seines Landes
bekannt. Er heiratete Paula von Hase, und sie
hatten acht Kinder. Karl Bonhoeffer starb in
Berlin am 4. Dezember 1948.
Aufnahme aus dem Jahre 1926

66
Viele Amsterdamer hatten ihre Landhäuser seit
Jahrzehnten in Haarlem. Hier lag auch das Haus
meiner Tante Koenigs-Kalckreuth, einer Cousine
meiner Mutter. Meine Eltern wohnten mit uns
und den Kindern in einem Hotel in der Nähe.
Meine Tante hatte selbst sechs Kinder. Hier wurde
Weihnachten noch im alten Stil gefeiert, das Mar-
zipan mit den Kindern bei Weihnachtsliedern im
Hause selbst zubereitet. Alte Familienmöbel und
wunderschöne Bilder waren mit großem Ge-
schmack gestellt und gehängt. Der Mann meiner
Tante war auch ein großer Kunstkenner. Der
Christbaum hatte Raum genug, seine Zweige zur
Decke und in die Breite nach allen Seiten zu strek-
ken. Hier sangen wir zusammen die alten und
neueren Weihnachtslieder und hörten auch hol-
ländische. Auch in das Hotelzimmer der Kinder
war am 24. Dezember ein Christbaum "eingeflo-
gen", wie die Kinder sagten.

Der Wind blies eisig in diesen Weihnachtstagen,


aber wir ließen uns nicht abschrecken, gemeinsam
etwas Schönes zu unternehmen, denn Weihnach-
ten im Hotel waren wir alle nicht gewohnt. Mit
meinem Vater ging ich noch in das Frans-Hals-

67
Museum, um die herrlichen Gruppenbildnisse
anzusehen. Wir wanderten alle zur Altstadt und
besahen die Groote-Kerk, die langgestreckte spät-
gotische Basilika und das Haarlemer Rathaus. Wir
fuhren auch mit unseren Verwandten nach Am-
sterdam hinüber und freuten uns an der Prinsen-
Gracht, der Heeren-Gracht, der breiten Kaisers-
Gracht. Allerdings waren die herrlichen Bäume
jetzt kahl, umso stärker wirkten die edlen Fassa-
den der Häuser. Die Schönheiten der holländischen
Landschaften und Städte hatte Mamas Vetter
Graf Wolf Kalckreuth in einigen Gedichten be-
schrieben.
Bei unseren Spaziergängen durch Amsterdam hat-
ten wir seine schönen Verse leibhaftig vor Augen:

Amsterdam
Gleich stillen Farben auf erschloßnem Fächer
eint sich der schmalen Häuser Grau und Rot,
und über grünem Kahn und weißem Boot
der Schmuck der Giebel und der tausend Dächer.
Das Brausen der bewegten Kais wird schwächer
in diesen Straßen, wo der Lärm verloht.
Und in der Ferne bleichen Mast und Schlot,
die Fischerewer und die Wellenbrecher.
Unzähl'ge helle Fensterscheiben schaun
auf die Kanäle, wo die Nachen stocken,
wo vor den Brücken sich die Schuten staun.

68
Die Sonne taut durchs Laub in großen Flocken,
und in der Luft perlmutterfarbnes Blaun
entfließt und singt das lichte Spiel der Glocken.

Rilke schätzte die Gedichte von Wolf Kalckreuth,


und nach dessen frühen Tod hat er ein Requiem
auf den Neunzehnjährigen geschrieben.

Es war zu kalt, den Hafen genau anzusehen, wir


besuchten aber eine berühmte Diamantenschleife-
rei. Hier saßen bei der minutiösen Schleifarbeit,
die enorme Präzision erfordert, die Arbeiter an
langen Tischen. Wir sahen viele ernste, jüdische
Gesichter bei konzentrierter Arbeit. Wir als
deutschsprechende Besucher konnten ihnen kein
Lächeln abgewinnen, was wir sehr verstanden;
der Pogrom der Kristallnacht hatte schon stattge-
funden, und sie identifizierten uns mit den Nazis.
Da wir kein holländisch sprachen, konnten wir
unsere politische Einstellung nicht klarmachen,
was uns schmerzlich war.
Auch meines Mannes Bruder Hans, der mit seiner
Frau nach seiner Vertreibung aus dem Richteramt
durch die Nationalsozialisten nach Den Haag aus-
gewandert war, besuchten wir in diesen Tagen.
Wir fuhren auch nach Scheveningen ans Meer hin-
aus an einem trüben Nachmittag, an dem der kalte
Wind sich etwas gelegt hatte.

69
Wir waren dankbar, daß die Eltern mit uns zu-
sammen in Holland Weihnachten feierten, für sie
wohl zum ersten Mal nicht unter dem eigenen
Dach. Es war das letzte Weihnachtsfest, das wir
mit den Eltern begehen konnten, denn die folgen-
den zwölf Jahre erlebten mein Mann, unsere Töch-
ter und ich Weihnachten in England. Als wir 1951
Weihnachten zum ersten Mal wieder in Deutsch-
land sein konnten, lebten die Eltern nicht mehr.

Die Winternebel in England, durch die die Win-


tersonne nur selten dringt, isolieren die Menschen,
sie machen nachdenklicher. Man erlebt Advent
und die Weihnachtszeit innerlicher. Freilich zeigt
London auch die Unruhe einer sich im Weihnachts-
geschäft befindlichen Weltstadt. Aber auch das ist
in gewisser Weise eindrucksvoll.
1939 hat Hitler Polen, England und Frankreich in
den Krieg gestürzt. Wegen der drohenden Luft-
angriffe verlassen wir mit den Kindern London
und gehen nach St. Leonards-on-Sea-Hastings.
Gerd kann seine Arbeit für das World Council of
Churches auch dort tun. Hier verleben wir und
unsere Kinder das erste Kriegsweihnachten. Der
Golfstrom wärmt die Südküste, so daß hier viele
alte Leute den Winter verbringen. Aber 1939/40
ist er so streng wie seit vierzig Jahren nicht mehr.

70
Ein plötzlicher schwerer Schneesturm vor Weih-
nachten geht den Kindern, die gerade auf dem
Schulweg heimwärts sind, fast über die Kraft. Wir
machen uns auf, ihnen entgegen zu gehen und
finden sie ganz erschöpft. Weihnachten treiben
wir noch einen Christbaum auf und feiern mit
ihnen erst zu Hause. Am ersten Feiertag sind wir
morgens in St. Leonards Parish Church und nach-
mittags bei Mrs. Molony, der Witwe eines Bi-
schofs eingeladen, die viele deutsche Flüchtlinge
mit ihren Kindern zur Weihnachtsfeier gebeten
hat. Marianne und Christiane kennen schon viele
Weihnachtslieder aus der Schule und singen fröh-
lich mit, als mit dem bekanntesten Christmas carol
"Once in Royal Davids City stood a lowly cattle-
shed" begonnen wird. Jedes Kind findet auch ein
Päckchen, das am Christbaum angebunden hängt
und crackers, Knallbonbons, die zum englischen
Weihnachten dazu gehören.
Marianne schrieb in ihr Tagebuch: „Heute aßen
wir zum ersten Mal Christmas-cake mit dickem
Zuckerguß, und darauf saßen Porzellanfiguren.
Die weißen Mummelkinder auf Schlitten, die rot
waren, Pinguine und kleine verschneite Christ-
bäume, und ein roter Father Christmas, auch aus
Porzellan. Ein silbriges, schillerndes Band war um
den ganzen Kuchen." Für die Kinder war das zau-
berhaft.

71
Zur gleichen Zeit schrieb in Berlin mein Vater in
das Silvesterbuch: „Dafür, daß wir im Kriege sind
und wie im Weltkrieg nach Karten leben, haben
wir ein verhältnismäßig unbeschwertes Weihnach-
ten gefeiert ... es war wieder einmal ein Kinder-
weihnachten, durch die Anwesenheit der Dohna-
nyischen Kinder. Von den Kindern und Schwie-
gersöhnen ist keiner im Felde, so haben wir hier
keine unmittelbare Sorge. Von Leibholzens, an
die wir in diesen Tagen besonders denken, sind
die Nachrichten, was die Gesundheit angeht, gut,
doch sind sie, wie der letzte Brief zeigt, in Über-
legung wegen Amerika. Eindeutige Nachrichten
kann man wegen des Krieges nicht bekommen. Es
liegt darin immer ein Grund zu unfruchtbaren Sor-
gen. Daß Marianne und Christiane in der Schule
Gutes leisten, ist uns doch eine große Beruhigung
für die Zukunft..."

Unsere Weihnachten drüben werden von Jahr zu


Jahr reicher an Liedern und Bräuchen, denn wir
nehmen auch die englischen mit auf, die uns sehr
gefallen. So haben wir außer unserem Christbaum
auch noch 'holly', das sind einige Stechpalmen-
zweige mit roten Beeren, auch Christmaspudding
wird bereitet mit einem versteckten Glückspfennig
darin und Rosinenpastetchen. Etwas Neues sind
für uns die Christmas cards. Es gibt welche für

72
einen halfpenny, und es gibt die erlesensten. Die
Erwachsenen wie die Kinder senden sie sich zu,
damit sie am Weihnachtstag auf dem mantle-
piece, dem Bord über dem Feuerplatz stehen. In
der Schule unter den Freundinnen sind die Christ-
mas cards enorm wichtig; ganz genau überlegen
sich die Kinder, welches Bild für wen das richtige
ist. In den Papierläden stehen die Schulkinder nach
der Schule gedrängt im Eifer des Auswählens.

Unsere schönsten Weihnachtsfreuden sind die


englischen Knabenchöre, die mit ihren engelhaften
Stimmen aus einer anderen Welt zu kommen
scheinen. In Oxford singen die College-Kirchen-
chöre oft schon in der Adventszeit, und auch die
Studenten singen in diesen Wochen, wenn es dun-
kelt, vor den Häusern und sammeln für die Ar-
men. In Grüppchen tun sie sich zusammen und
singen vielstimmig, manche nach Noten, die sie
im Lampenschimmer zu lesen versuchen, andere
ganz sicher führend. Es ist ein hübsches Bild, wie
sie da stehen, das mich an das Kurrendesingen zu
Luthers Zeiten denken ließ. Regen und Nebel
scheuen sie nicht, wetterhart, wie die englischen
jungen Leute sind. Sie singen einfach und sym-
pathisch und sind sehr dabei; man fühlt, daß sie es
gern tun. Marianne und Christiane lernen die be-
kanntesten Christmas carols in der Schule, so daß

73
wir sie schon bald zu Hause gemeinsam neben den
deutschen Weihnachtsliedern singen:
Als die Hirten bei den Herden wachten
auf der Erde lagernd,
kam des Herrn Engel herab
und himmlische Herrlichkeit umgab sie.
'Fürchtet Euch nicht', sprach er,
'denn ich verkündige Euch und aller
Welt die frohe Botschaft:
Euch ist in Davids Stadt
heute der Heiland geboren,
ein Retter, welcher ist
Christus, der Herr.
Wo immer wir Weihnachten mit den Kindern fei-
ern, lese ich ihnen die Weihnachtsgeschichte und
singen wir im Dunkeln zusammen vor der Besche-
rung deutsche und englische Weihnachtslieder.
Auch in den Gemeinden wird gerne und viel ge-
sungen. Manche Pfarrer laden Studenten und Stu-
dentinnen regelmäßig am Sonnabendabend in ihre
Häuser zum gemeinsamen Singen, Diskutieren
und zum Tee ein. Oft reichen die Stühle nicht, und
die ganze Gesellschaft sitzt auf dem Boden. Unsere
Tochter Marianne hat später beides oft und gerne
mitgemacht. Alle die hinkamen, mochten es.
Die Engländer feiern den Heiligen Abend nicht.
Für die Kinder beginnt Weihnachten am ersten

74
Feiertagsmorgen. Der ersehnte, gefüllte Strumpf,
der am Bettpfosten hängt, läßt sie nicht lange
schlafen, alle Herrlichkeiten, die darin stecken,
werden auf der Bettdecke ausgebreitet und be-
jubelt. Wenige Familien haben Christbäume. Nach
dem Frühstück geht beinah jeder Engländer zur
Kirche, auch wer sonst nur selten oder fast nie
zum Gottesdienst geht. Zum Lunch gibt es den
berühmten Truthahn und Yorkshire-Pudding, der
eine salzige pastetenartige Beilage ist.
Am Heiligen Abend, wenn unsere Kinder, die zu
Weihnachten auch in England glücklich sind, in
ihren Betten liegen, sitzen Gerd und ich noch lange
zusammen am Kamin, bis das zusammensinkende
Feuer und die feuchte Kälte, die dann gleich das
Zimmer durchzieht, uns aufstehen lassen.

Inzwischen hat der von Hitler verschuldete Krieg


begonnen, und in Deutschland wird die Verfol-
gung der Nazi-Opponenten immer teuflischer.
Die KZs füllen sich mit ihnen.
Wir sind schwer bedrückt im Gedanken an die
großen Deportationen und Massenermordungen
der Juden. Wir denken in großer Sorge an die Be-
drohung, in der sich unsere Geschwister befinden.
Dietrich und unser Schwager Hans von Dohnanyi,
Christels Mann, arbeiten im Widerstand gegen
Hitler bei Admiral Canaris, beide benutzen ihre

75
Stellung in der Abwehr unter anderem, um Juden
und gefährdeten Widerstandskämpfern zu helfen.
Unser Bruder Klaus, der Jurist ist, arbeitet in stän-
diger Verbindung mit unserem Schwager Rüdiger
Schleicher, Ursulas Mann, in einer anderen Wider-
standsgruppe. Susis Mann, Pfarrer Walter Dress,
hat seine Dozentur an der Berliner Universität
längst verloren.

1943 erhalten wir durch den Bischof von Chiche-


ster die Nachricht von Dietrichs Verhaftung und
der Gefangensetzung von Hans v. Dohnanyi und
meiner Schwester Christel v. Dohnanyi. Unsere
Gedanken kreisen um ihr Schicksal, wie mag es
ihnen Weihnachten in der Haft ergehen? Es ist ein
schwerer Druck - und kein Weihnachtsbrief
kommt mehr aus Deutschland!

1944 erfahren wir, daß die Gestapo auch meinen


Bruder Klaus und unseren Schwager Rüdiger
Schleicher ins Gefängnis gebracht und in Fesseln
gelegt hat.
In den Weihnachtsnächten, wenn wilde Wetter
über die Insel brausen und den Schlaf vertreiben,
kommen Stunden, in denen das 'fürchtet euch
nicht' der einzig wirkliche Trost und Halt ist, ge-
rade auch im Hinblick auf die Menschen, die unter
Luftangriffen und in Gefängnissen leiden.

76
Um diese Zeit schreibt Dietrich in einem Gedicht
"Vergangenheit" seine eigene Erfahrung darüber.
Er schließt mit dem Vers:
"Vergangenes kehrt dir zurück
als deines Lebens lebendigstes Stück
durch Dank und durch Reue.
Faß' im Vergangenen Gottes Vergebung und Güte,
bete, daß Gott dich heut und morgen behüte."

Die Weihnachtszeit der Jahre 1943 und 44, die für


die in Deutschland lebenden Familienglieder mit
besonderer Trauer und Sorge beladen sind, wer-
den durch die Briefe Dietrichs erhellt. In der Ad-
ventszeit 1943 schreibt Dietrich aus dem Gefäng-
nis an seinen Freund Eberhard Bethge:

Tegel, 28.11., 1. Advent

"... Außerdem habe ich zum ersten Mal in diesen


Tagen das Lied: 'Ich steh' an deiner Krippe hier...'
für mich entdeckt. Ich hatte mir bisher nicht viel
daraus gemacht. Man muß wohl lange allein sein
und es meditierend lesen, um es aufnehmen zu
können. Es ist in jedem Wort ganz außerordentlich
gefüllt und schön...
Am 24. soll hier immer ein rührender alter Mann
aus eigenem Antrieb kommen und Weihnachts-
lieder blasen. Nach Erfahrung vernünftiger Leute

77
ist aber die Wirkung nur die, daß die Häftlinge
das heulende Elend kriegen und ihnen dieser Tag
nur noch schwerer würde; es wirke 'demoralisie-
rend', sagt einer, und ich kann es mir vorstel-
len ..."

Und am 1. Advent 1943 schreibt Dietrich aus sei-


ner Zelle im Gefängnis Tegel nach neunmonatiger
Einzelhaft an die Eltern:

1. Advent, 28.11.43

„Liebe Eltern! Obwohl man nicht weiß, ob und


wie Briefe gegenwärtig bestellt werden, möchte
ich doch gern am Nachmittag des ersten Advent
an Euch schreiben. Das Altdorfersche Weihnachts-
bild, auf dem man die Heilige Familie mit der
Krippe unter den Trümmern eines verfallenen
Hauses sieht — wie kam es nur vor 400 Jahren da-
zu, entgegen aller Tradition, das so darzustellen?
- ist einem diesmal besonders gegenwärtig. Auch
so kann und soll man Weihnachten feiern, das
wollte er vielleicht sagen; jedenfalls sagt er es uns.
Ich denke gern daran, wie Ihr jetzt wohl mit den
Kindern zusammensitzt und mit ihnen Advent
feiert wie vor Jahren mit uns. Nur tut man alles
wohl jetzt intensiver, weil man nicht weiß, wie
lange man es noch hat.

78
Ich denke noch etwas mit Grausen daran, daß Ihr
beide, und ohne daß einer von uns dabei war, so
eine schlimme Nacht und einen so schlimmen
Augenblick durchmachen mußtet. Es kommt
einem so unfaßlich vor, daß man in solchen Zeiten
eingesperrt ist und nichts helfen kann."

Von unseren Eltern will Dietrich, soweit er es


kann, Beunruhigungen fernhalten. Aber an sei-
nen Freund Eberhard Bethge berichtet er auch
über die Luftangriffe:

28.11.43, der 1. Advent

"Es begann mit einer ruhigen Nacht. Gestern


abend im Bett habe ich zum erstenmal im Neuen
Lied die – 'unsere' - Adventslieder aufgeschlagen.
Kaum eines kann ich vor mich hinsummen, ohne
an Finkenwalde, Schlönwitz, Sigurdshof erinnert
zu werden. Heute früh hielt ich meine Sonntags-
andacht, hängte den Adventskranz an einen Na-
gel und band das Lippi'sche Krippenbild hinein.
Zum Frühstück aß ich das zweite Eurer Straußen-
eier mit Hochgenuß. Bald danach wurde ich aufs
Revier zu einer Besprechung geholt, die bis Mittag
dauerte. Nach dem Essen habe ich aufgrund der
üblen Erfahrung des letzten Alarms -
(eine Luftmine in 25 m Entfernung. Revier ohne

79
Fenster, Licht, hilfeschreiende Gefangene, um die
sich außer uns aus dem Revier niemand kümmer-
te; aber auch wir konnten in der Dunkelheit we-
nig helfen und beim öffnen einer Zelle von
Schwerbestraften muß man immer vorsichtig sein,
daß sie einem nicht mit dem Stuhlbein über den
Kopf schlagen, um auszureißen - kurz, es war
nicht schön!)-
einen Bericht über Erfahrungen und Notwendig-
keiten der ärztlichen Versorgung bei Alarmen hier
im Haus geschrieben. Hoffentlich nützt es was. Ich
bin froh, irgendwie mithelfen zu können, und
zwar an vernünftiger Stelle.
Beim Verbinden baten die Verwundeten um eine
Zigarette, und die Sanitäter und ich selber haben
vorher auch allerlei vertilgt. Um so dankbarer bin
ich für das, was Ihr mir vorgestern mitgebracht
habt! Übrigens sind fast im ganzen Haus die
Scheiben heraus, und die Leute sitzen frierend in
ihren Zellen. Obwohl ich vergessen hatte, mein
Fenster beim Hinausgehen zu öffnen, fand ich
nachts zu meiner größten Überraschung die Schei-
be unversehrt. Darüber bin ich sehr froh, wenn
mir auch die anderen schrecklich leid tun.
Wie schön, daß Du doch noch Advent mitfeiern
kannst! Ihr werdet jetzt gerade die ersten Lieder
zusammen singen. Das Altdorfer'sche Krippen-
bild fällt mir ein und dazu der Vers: "Die Krippen

80
glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht,
das Dunkel muß nicht kommen drein, der Glaub'
bleibt immer im Schein' - und dazu die advent-
liche Melodie, aber nicht im vierviertel Takt, son-
dern in dem schwebenden erwartenden Rhythmus,
der sich dem Text anpaßt!"

Bald darauf folgt ein Weihnachtsbrief an die El-


tern, in dem er auch von Maria von Wedemeyer
spricht, mit der er sich 1942 verlobt hatte. Unsere
Eltern freuten sich sehr über die Schwiegertochter.
Papa schrieb 1943 über Maria in das Silvesterbuch
der Eltern:
"Wir haben große Freude an ihr. Die Tapferkeit,
mit der sie den schweren Druck, der auf ihrer Ver-
lobungszeit liegt, trägt, die Warmherzigkeit, die
aus allem, was sie denkt und tut, spricht, die Liebe,
mit der sie an Dietrich hängt, läßt uns das Beste
für seine Zukunft hoffen ..."

Dietrich schrieb in der letzten Adventswoche an


die Eltern:
Tegel, 17.12.1943

„Liebe Eltern! Es bleibt mir wohl nichts übrig als


Euch für alle Fälle schon einen Weihnachtsbrief zu
schreiben. Wenn es mir auch über mein Begriffs-
vermögen geht, daß man mich möglicherweise noch

81
über Weihnachten hier sitzen lassen will, so habe
ich in den vergangenen achteinhalb Monaten doch
gelernt, das Unwahrscheinliche gerade für wahr-
scheinlich zu halten, und mit einem sacrificium
intellectus über mich ergehen zu lassen, was ich
nicht ändern kann - allerdings ganz vollständig
ist dieses sacrificium doch nicht und der intellectus
geht im Stillen seine eigenen Wege. Ihr müßt nun
vor allem nicht denken, daß ich mich durch diese
einsame Weihnachten werde niederschlagen las-
sen; es wird in der Reihe der verschiedenartigen
Weihnachten, die ich in Spanien, in Amerika, in
England gefeiert habe, für immer seinen beson-
deren Platz einnehmen, und ich will in späteren
Jahren nicht beschämt, sondern mit einem gewis-
sen Stolz an diese Tage zurückdenken können.
Das ist das einzige, was mir niemand nehmen
kann.
Daß es aber nun auch Euch, Maria und den Ge-
schwistern und Freunden nicht erspart bleibt, mich
Weihnachten im Gefängnis zu wissen, und daß
damit über die wenigen fröhlichen Stunden, die
Euch in dieser Zeit noch geblieben sind, ein Schat-
ten fallen soll, das kann ich nur dadurch verwin-
den, daß ich glaube und weiß, daß Ihr nicht anders
denken werdet als ich, und daß wir in unserer Hal-
tung angesichts dieses Weihnachtsfestes einig
sind; und das kann schon darum gar nicht anders

82
sein, weil ja diese Haltung nur ein geistiges Erb-
stück von Euch ist. Ich brauche Euch nicht zu sagen,
wie groß meine Sehnsucht nach Freiheit und nach
Euch allen ist. Aber Ihr habt uns durch Jahrzehnte
hindurch so unvergleichlich schöne Weihnachten
bereitet, daß die dankbare Erinnerung daran
stark genug ist, um auch ein dunkleres Weihnach-
ten zu überstrahlen. In solchen Zeiten erweist es
sich eigentlich erst, was es bedeutet, eine Vergan-
genheit und ein inneres Erbe zu besitzen, das von
dem Wandel der Zeiten und Zufälle unabhängig
ist. Das Bewußtsein, von einer geistigen Überlie-
ferung, die durch Jahrhunderte reicht, getragen zu
sein, gibt einem allen vorübergehenden Bedräng-
nissen gegenüber das sichere Gefühl der Gebor-
genheit. Ich glaube, wer sich im Besitz solcher
Kraftreserven weiß, braucht sich auch weicherer
Gefühle, die meiner Meinung nach doch zu den
besseren und edleren der Menschen gehören, nicht
zu schämen, wenn die Erinnerung an eine gute und
reiche Vergangenheit sie hervorruft. Überwältigen
werden sie denjenigen nicht, der an den Werten
festhält, die ihm kein Mensch nehmen kann.
Vom Christlichen her gesehen kann ein Weihnach-
ten in der Gefängniszelle ja kein besonderes Pro-
blem sein. Wahrscheinlich wird in diesem Hause
hier von vielen ein sinnvolleres und echteres Weih-
nachten gefeiert werden als dort, wo man nur noch

83
den Namen dieses Festes hat. Daß Elend, Leid, Ar-
mut, Einsamkeit, Hilflosigkeit und Schuld vor den
Augen Gottes etwas ganz anderes bedeuten als im
Urteil der Menschen, daß Gott sich gerade dorthin
wendet, wo die Menschen sich abzuwenden pfle-
gen, daß Christus im Stall geboren wurde, weil er
sonst keinen Raum in der Herberge fand, - das
begreift ein Gefangener besser als ein anderer, und
das ist für ihn wirklich eine frohe Botschaft, und
indem er das glaubt, weiß er sich in die alle räum-
lichen und zeitlichen Grenzen sprengende Ge-
meinschaft der Christenheit hineingestellt, und
die Gefängnismauern verlieren ihre Bedeutung.
Ich werde am Heiligen Abend sehr an Euch alle
denken, und ich möchte gern, daß Ihr glaubt, daß
auch ich ein paar wirklich schöne Stunden haben
werde und mich die Trübsal bestimmt nicht über-
mannt. Am schwersten wird es für Maria sein. Es
wäre schön, sie bei Euch zu wissen. Aber es wird
für sie besser sein, wenn sie zu Hause ist. Wenn
man an die Schrecken denkt, die in letzter Zeit in
Berlin über so viele Menschen gekommen sind,
dann wird einem erst bewußt, für wieviel wir noch
dankbar sein müssen. Es wird wohl überall ein
sehr stilles Weihnachten werden, und die Kinder
werden später noch lange daran zurückdenken.
Aber vielleicht geht gerade dabei manchem zum
ersten Mal auf, was Weihnachten eigentlich ist.

84
Grüßt die Geschwister und die Kinder und alle
Freunde sehr von mir. Gott behüte uns alle.
In großer Dankbarkeit und Liebe grüßt Euch Euer
Dietrich."

Dietrich schreibt auch Gebete für die Mitgefange-


nen und erklärt ihnen: „Weihnachten kann man
als Christ auch im Gefängnis feiern."
Er berichtet unseren Eltern von seinem Weihnach-
ten, wie er es in Einzelhaft im Gefängnis Tegel
erlebte:

Tegel, 25. XII. 1943

„Liebe Eltern! Weihnachten ist vorüber. Es hat


mir ein paar stille, friedliche Stunden gebracht und
vieles Vergangene war ganz gegenwärtig. Die
Dankbarkeit dafür, daß Ihr und alle Geschwister
in den schweren Luftangriffen bewahrt worden
seid, und die Zuversicht, Euch in nicht zu ferner Zeit
in Freiheit wiederzusehen, war größer als alles Be-
drückende. Ich habe mir Eure und Marias Kerze
angezündet und die Weihnachtsgeschichte und
einige schöne Weihnachtslieder gelesen und vor
mich hingesummt, und habe dabei an Euch alle
gedacht und gehofft, daß Ihr nach aller Unruhe
der vergangenen Wochen doch auch eine friedliche
Stunde finden möchtet. Euer Weihnachtspaket

85
war eine große Freude, besonders der Becher des
Urgroßvaters aus dem Jahre 1845, der nun mit
Tannengrün auf meinem Tisch steht. Aber auch
die materiellen Genüsse waren sehr schön und
werden noch eine Weile vorhalten. Von den Ge-
schwistern bekam ich interessante Bücher und
Weihnachtsgebäck. Ich lasse ihnen allen sehr da-
für danken.
Maria, die noch am 22. hier war, schenkte mir die
Armbanduhr, die ihr Vater getragen hat, als er
fiel. Dazu hatte sie noch ein Paket für mich abge-
geben, ganz wunderhübsch verpackt, mit Pfeffer-
kuchen und Grüßen von der Schwiegermutter und
Großmutter. Es war mir etwas traurig zumute,
daß ich ihr nichts schenken konnte. Aber ich möch-
te es erst tun, wenn ich wieder frei bin und es ihr
selbst geben kann; ich habe es ihr auch gesagt und
sie fand es schöner so. Ich bin ganz gewiß, daß sie
wie alles Bisherige so auch diese Weihnachtstage,
in denen sie Vater und Bruder vermißt und mich im
Gefängnis weiß, gefaßt und tapfer begehen wird.
Sie hat es sehr früh gelernt, in dem, was Menschen
uns zufügen, eine stärkere und gütigere Hand zu
erkennen."

86
In dem Silvesterbericht unseres Vaters von 1943
hören wir von den sorgenvollen Jahren:

„Silvester 43. 5tes Kriegsjahr. Wir sind wieder in


Sakrow, wie vor einem Jahr, aber unter anderen
Umständen; im vergangenen Jahr noch einiger-
maßen festlich gestimmt, dies Jahr aber Zufluchts-
ort, in dem wir seit mehreren Wochen schon näch-
tigen, weil unser Haus durch die Bombenangriffe
zweimal an Dach und Fenstern stark mitgenom-
men und kalt und unwirtlich ist. Es ist ein böses
Jahr gewesen, das wir durchlebt haben. Wenige
Tage nach meinem 75. Geburtstag, an dem noch
alle Kinder und Enkel außer Leibholzens mit uns
feierten und zahlreiche alte Assistenten und Colle-
gen gekommen waren, mit freundlichen Glück-
wünschen, am 5. April wurde Dietrich, Hans Doh-
nanyi und Christel in Haft genommen auf Grund
einer gemeinen Denunziation. Christel ist nach 4
Wochen wieder entlassen worden. Die beiden an-
deren sind noch in Haft. Wir sind zwar
hinsichtlich des Endergebnisses zuversichtlich,
aber die Monate, die wir durchlebt, waren
sorgenvoll und sind es noch. Sie sind uns aber
durch Dietrichs Briefe und die Besuche, die wir
nun alle 4 Wochen haben, erleichtert worden. Sie
zeigten eine so schöne Haltung, daß wir stolz auf
ihn sind. Durch die Inhaftierung Dietrichs ist seine
bis dahin nur uns und

88
der Mutter und Großmutter bekannte Verlobung
mit Maria von Wedemeyer auch der weiteren Fa-
milie bekannt geworden. Sie sollte noch geheim
bleiben, weil der Vater Marias im Sommer 42 in
Rußland gefallen ist. Wir haben große Freude an
ihr. Die Tapferkeit, mit der sie den schweren
Druck, der auf ihrer Verlobungszeit liegt, trägt,
die Warmherzigkeit, die aus allem, was sie denkt
und tut, spricht, die Liebe, mit der sie an Dietrich
hängt, läßt uns das Beste für seine Zukunft hoffen.
Wie Sakrow für Schleichers und uns ein Zufluchts-
ort vor den Bombenangriffen geworden ist, so ist
es Friedrichsbrunn für Karl-Friedrichs und Suses
Kinder. Grete und Suse wirtschaften dort mit
einem Hauslehrer für die Bonhoeffer-Kinder. Em-
mi ist mit ihren Kindern in Sommerfeld bei ihrer
Schwägerin Delbrück. Alle Familien sind durch
Bombenangriffe in ihren Wohnungen betroffen
worden, glücklicherweise ohne körperliche Schädi-
gung. Die Männer müssen natürlich an ihrer Ar-
beitsstätte bleiben - eine traurige Begleiterschei-
nung dieses unseligen Krieges dieses Auseinander-
reißen der Familien, das Fehlen des Vaters für die
Erziehung und des Zusammenlebens in all dem,
was den gemeinsamen Familiencharakter aus-
macht. - Man lebt von einem Tag zum anderen in
der Erwartung von Angriffen und dem notdürfti-
gen Ausbessern der Fenster, Türen, Dächer immer

90
mit dem Gedanken, daß es Sisyphusarbeit ist, von
der man kein Ende absieht. Dazu die Nachrichten
von den Fronten, die für das nächste Jahr nichts
Gutes erwarten lassen, wenn nicht ein Wunder ge-
schieht."

Am Weihnachtsfest 1944 ist die Bedrückung noch


größer als im vorangegangenen Jahr. Inzwischen
ist auch Pfarrer Eberhard Bethge, Dietrichs Freund
und Ursulas Schwiegersohn, von der Gestapo ver-
haftet worden und befindet sich in dem Gefäng-
nis, in dem auch Klaus und Ursulas Mann, Rüdi-
ger Schleicher, der seit Oktober in Einzelhaft ist,
mit vielen anderen leiden. Unser Schwager Rüdi-
ger ist ein guter Geiger, es gelingt Ursula, ihm
seine Geige zu bringen. Ein menschlich empfin-
dender Kommandant läßt ihm Weihnachten die
Handfesseln abnehmen. So spielt er aus der Mat-
thäuspassion die Arie 'Erbarme dich' und viele
Weihnachtslieder so kräftig, daß die Mitgefange-
nen in den anderen Einzelzellen sie hören können.
"Über dieses Weihnachten 1944 im Gefängnis be-
richtet Bischof Hanns Lilje in seinem Buch ,Im
finstern Tal'. Er erzählt, daß Rüdiger Schleicher
durch die Freundlichkeit jenes Kommandanten mit
ihm zusammen in die Zelle eines anderen zum
Tode Verurteilten geführt wurde, um mit ihm zu-

91
sammen das Abendmahl zu feiern. Rüdiger spielte
auf Befehl des Kommandanten einen Weihnachts-
choral und Hanns Lilje las das Weihnachtsevange-
lium: "Es begab sich aber zu der Zeit ..." und
"fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große
Freude: Euch ist heute der Heiland geboren."
In den letzten Kriegsjahren steht für unsere Eltern
die Fürsorge für die gefangenen Söhne und
Schwiegersöhne über allem. Durch keinen Ab-
grund sind die Eltern von ihren Kindern in den
Gefängnissen zu scheiden. Auf ihren Wegen zu
den Kindern geraten sie in die schwersten Luft-
angriffe, die auch Weihnachten nicht ausbleiben.
Aber trotz aller Strapazen und Gefahren schreibt
unsere Mutter an Dietrich im Februar 1945: "Wir
bleiben in Berlin, komme was da wolle."

Unser ältester Bruder Karl-Friedrich berichtet von


dieser Zeit im Juni 1945 an seine Kinder:
"Die Berliner Gefängnisse! Was wußte ich von
ihnen noch vor einigen Jahren, und mit wie an-
deren Augen habe ich sie seitdem angesehen. Das
Charlottenburger Untersuchungsgefängnis, in
dem Tante Christel einige Zeit gefangen saß, das
Tegeler Militäruntersuchungsgefängnis, in dem
Onkel Dietrich anderthalb Jahre saß, das Moabi-
ter Militärgefängnis mit Onkel Hans, das SS-Ge-
fängnis in der Prinz-Albrecht-Straße, wo Onkel

92
Dietrich ein halbes Jahr im Kellergeschoß hinter
Gittern gehalten wurde, und das Gefängnis in der
Lehrter Straße, wo man Onkel Klaus folterte und
Onkel Rüdiger quälte, wo sie noch zwei Monate
nach ihrem Todesurteil lebten.
Vor all diesen Gefängnissen habe ich an den
schweren Eisentoren gewartet, wenn ich in den
letzten Jahren in Berlin war und dort 'dienstlich'
zu tun hatte. Dorthin habe ich Tante Ursel und
Christel, Tante Emmi und Maria begleitet, die oft
täglich hingingen, um Sachen zu bringen oder ab-
zuholen. Oft kamen sie umsonst, oft mußten sie
sich von niederträchtigen Kommissaren beschimp-
fen lassen, manchmal aber fanden sie auch einen
freundlichen Pförtner, der menschlich dachte und
einen Gruß ausrichtete, der außerhalb der vorge-
schriebenen Zeit etwas abnahm oder Essen trotz
Verbotes den Gefangenen gab ..."

In dem Abschiedsbrief, den mein Bruder Klaus an


seine Kinder Ostern 1945 schreibt, nachdem das
"Volksgericht" unter dem Vorsitz von Freissler ihn
zum Tode verurteilt hatte, finden sich die Worte:
"Höre die Stimme der Vergangenheit. Verliere
dich nicht selbstherrlich an die flüchtige Gegen-
wart. Sei treu der guten Art deiner Familie und
überliefere sie Kindern und Enkeln. Liebe Kinder,
versteht nun diese Verpflichtung recht. Die Ehr-

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furcht vor der Vergangenheit und die Verantwor-
tung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die
rechte Haltung ..."
Wenn ich auf unsere unter Sternen und Unster-
nen durchlaufenen Lebenswege zurückblicke,
leuchten Dietrichs Verse auf, die er 1944 zum Hei-
ligen Abend und zu Silvester im vergitterten Kel-
lergefängnis der Gestapo für unsere Eltern und
seine Braut Maria von Wedemeyer schrieb:
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns bereitet hast.
Und reichst Du uns den schweren Kelch,
den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

94
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Am Weihnachtsfest 1945 blicken unsere Eltern


auf das schwerste Jahr ihres Lebens zurück. Im
April wurde Dietrich im KZ Flossenbürg gehängt,
Klaus zusammen mit unserem Schwager Rüdiger
Schleicher von der SS durch Genickschuß getötet.
Hans von Dohnanyi, Christels Mann, wurde in
Sachsenhausen hingerichtet. Zehn Enkelkinder
unserer Eltern haben Weihnachten 1945 keinen
Vater mehr.

Durch das Vermissen bleibt das schwere Gesche-


hen immer Gegenwart, doch auch die schönen Er-
innerungen an unsere glückliche Kindheit bleiben.
Dietrich hat in einem Brief aus dem Gestapoge-
fängnis ausgesprochen, was für uns alle gilt:
„Man trägt das Vergangene, Schöne nicht wie
einen Stachel, sondern wie ein Geschenk in sich."

95
Lebensberichte
Sabine Leibholz-Bonhoeffer
vergangen • erlebt
überwunden
Schicksale der Familie
Bonhoeffer.
6. Auflage. 230 Seiten und
8 Seiten Fotos.
Originalausgabe
GIB 201

Sabine Leibholz-Bonhoeffer,
die Zwillingsschwester des
1945 als Widerstandskämpfer
hingerichteten Theologen
vor Kriegsende, in der zwei
Dietrich Bonhoeffer, erzählt in
Brüder ihr Leben opferten -
ergreifender Weise ihr Schick-
das sind die schicksalhaften
sal und das ihrer Eltern und
Stationen einer Familie
sieben Geschwister.
unserer Zeit. Dieser Lebensbe-
Die Jugendzeit im Elternhaus
richt ist ein Dokument der
des Professors für Psychiatrie
Zeitgeschichte von hohem
Karl Bonhoeffer, das mit dem
Rang.
Staatsrechtslehrer und späte-
ren Bundesverfassungsrichter
Gerhard Leibholz geteilte Exil
in England, die Schreckenszeit
In Erinnerungen schildert Sabine Leibholz-
Sabine Leibholz-Bonhoeffer Bonhoeffer,
die Weihnachtsfeiern im Kreise geboren 1906, ist die
von sieben Geschwistern Zwillingsschwester
und den Eltern. des 1945 als Wider-
Verwurzelt in der christlichen standskämpfer hin-
Tradition brachten die Eltern gerichteten Theologen
ihren Kindern den wahren Sinn Dietrich Bonhoeffer.
von Weihnachten nahe – mit
adventlichem Singen und
Vorlesen, mit Beschenken von
Bedürftigen. Die Erinnerungen
an die harmonischen Weih-
nachtsfeiern der Kindheit
halfen ihnen später in der Zeit
des Widerstandes gegen den
Nationalsozialismus, als die
Brüder und Schwäger der
Autorin inhaftiert waren und
sie selber mit ihrer Familie nach
England emigrieren mußte.