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Anna Goppel / Corinna Mieth /

Christian Neuhäuser (Hg.)

Handbuch
Gerechtigkeit
Anna Goppel / Corinna Mieth / Christian Neuhäuser (Hg.)

Handbuch Gerechtigkeit

J. B. Metzler Verlag
Die Herausgeber
Anna Goppel ist Assistenzprofessorin für Praktische
Philosophie mit Schwerpunkt Politische Philosophie
an der Universität Bern.
Corinna Mieth ist Professorin für Philosophie an der Ruhr-
Universität Bochum.
Christian Neuhäuser ist Professor für Praktische Philosophie
an der TU Dortmund.

Bibliografische Information der Deutschen


Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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ISBN 978-3-476-05345-9 (eBook) alterungsbeständigem Papier

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Inhalt

I Der Begriff der Gerechtigkeit 18 Soziale Gerechtigkeit Peter Koller 118


19 Strafgerechtigkeit Jan C. Joerden 124
1 Einleitung Anna Goppel / Corinna Mieth / 20 Generationengerechtigkeit
Christian Neuhäuser 2 Michael Schefczyk 130
2 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: 21 Verfahrensgerechtigkeit Wilfried Hinsch 138
Antike und Mittelalter Christoph Horn 6 22 Ergebnisgerechtigkeit
3 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Stephan Schlothfeldt 143
Neuzeit Peter Koller 14 23 Historische Gerechtigkeit
4 Grundpositionen der Gerechtigkeitstheorie Michael Schefczyk 147
in Neuzeit und Gegenwart Corinna Mieth / 24 Personale Gerechtigkeit
Christian Neuhäuser / Alessandro Pinzani 20 Alessandro Pinzani 154
5 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: 25 Das Differenzprinzip Christine Bratu 158
Buddhismus und Konfuzianismus 26 Chancengleichheit Kirsten Meyer 164
Paulus Kaufmann 30 27 Fairness Sonja Dänzer 168
6 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Judentum 28 Gleichheit Stefan Gosepath 173
und Christentum Gerhard Kruip 35
7 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Islam
Christine Schirrmacher 41 III Gerechtigkeitskonzeptionen
8 Inter- und transkulturelle Perspektiven
Sarhan Dhouib / Franziska Dübgen 47 29 Gerechtigkeit als Tugend
9 Ungerechtigkeit Dagmar Borchers / Svantje Guinebert 182
Oliver Flügel-Martinsen / Franziska 30 Kontraktualistische Gerechtigkeit
Martinsen 53 Peter Rinderle 191
10 Kritik am Gerechtigkeitsbegriff 31 Liberale Gerechtigkeit Jörg Schroth 199
Martin Hartmann 60 32 Libertäre Gerechtigkeit Fabian Wendt 205
33 Sozialistische Gerechtigkeit
Christoph Henning 211
II Gerechtigkeitstypen und Aspekte 34 Utilitaristische Gerechtigkeit
des Gerechtigkeitsbegriffs Ulla Wessels 217
35 Kosmopolitische Gerechtigkeit
11 Empirische Gerechtigkeitsforschung Andreas Niederberger 223
Alexander Lenger / Stephan Wolf 68 36 Kommunitaristische Gerechtigkeit
12 Distributive Gerechtigkeit Martin Beckstein 230
Wilfried Hinsch 77 37 Gerechtigkeit in der Diskursethik
13 Tauschgerechtigkeit Peter Koller 86 Regina Kreide 236
14 Feministische Gerechtigkeit Beate Rössler 92 38 Gerechtigkeit in der Kritischen Theorie
15 Internationale Gerechtigkeit Esther Neuhann / Bastian Ronge 241
Steve Schlegel / Christoph Schuck 98 39 Luck Egalitarianism Gabriel Wollner 249
16 Transnationale Gerechtigkeit
Regina Kreide 105
17 Globale Gerechtigkeit Henning Hahn 111
VI Inhalt

IV Gerechtigkeit im Kontext 59 Demokratie und Selbstbestimmung


Robin Celikates 368
40 Menschenwürde Peter Schaber 256 60 Enhancement Jan-Christoph Heilinger 373
41 Moral Ludwig Siep 262 61 Familie Magdalena Hoffmann 375
42 Gutes Leben Eva Weber-Guskar 268 62 Geschlecht Franziska Martinsen 380
43 Grundgüter und Fähigkeiten 63 Gesundheit Stefan Huster 386
Jan-Hendrik Heinrichs 274 64 Gewalt und Krieg Johannes Müller-Salo /
44 Moralische Rechte Markus Stepanians 280 Reinold Schmücker 392
45 Menschenrechte und Grundrechte 65 Institutionen und Organisationen
Arnd Pollmann 287 Cord Schmelzle 400
46 Verantwortung und Pflicht 66 Klima und Umwelt Dominic Roser 406
Corinna Mieth / Christian Neuhäuser 295 67 Konsum Daniel Saar 413
47 Positives Recht und Völkerrecht 68 Lohn und Leistung Carsten Köllmann 417
Andreas Fischer-Lescano / Johan Horst 301 69 Migration Andreas Cassee 423
48 Staat Francis Cheneval 305 70 Politische Zugehörigkeit Anna Goppel 429
49 Mensch, Bürger, moralische Person 71 Ressourcen Eugen Pissarskoi 434
Bernd Ladwig 309 72 Risiko Klaus Steigleder 438
50 Politik und Demokratie 73 Soziale Ungleichheit und Sozialwesen
Robin Celikates 316 Gottfried Schweiger 443
51 Gesellschaft und Kultur 74 Sprache Hannes Kuch 447
Maria-Sibylla Lotter 323 75 Steuern Felix Koch 451
52 Anerkennung und Toleranz 76 Strafe und Strafvollzug
Susanne Schmetkamp 328 Thomas Hoffmann 456
53 Macht Katrin Meyer / Martin Saar 334 77 Tiere Johann S. Ach 462
78 Unternehmen Jens Schnitker 467
79 Weltwirtschaft und Finanzmärkte
V Anwendungsfragen Klaus Steigleder 472
80 Zukünftige Generationen Sabine Hohl 478
54 Alter Mark Schweda 340
55 Arbeit und Einkommen
Walter Pfannkuche 344 VI Anhang
56 Armut Valentin Beck 350
57 Behinderung Franziska Felder 358 Autorinnen und Autoren 486
58 Bildung Kirsten Meyer 363 Personenregister 489
I Der Begriff
der Gerechtigkeit

A. Goppel et al. (Hrsg.), Handbuch Gerechtigkeit, DOI 10.1007/978-3-476-05345-9_1,


© Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2016
1 Einleitung zeichnen in den obigen Beispielen etwa die Entschei-
dung des Schiedsrichters als ungerecht. Ebenso kann
In seiner Theorie der Gerechtigkeit baut John Rawls man eine Gesellschaft als ungerecht bezeichnen, die
darauf, dass Menschen normalerweise über einen Ge- manchen Kindern gleiche Chancen vorenthält. Wenn-
rechtigkeitssinn verfügen. Es spricht einiges dafür, gleich unterschiedliche Güter betroffen sind, geht es
dass dies auf die allermeisten Menschen zutrifft und im Beispiel des Kindergeburtstags wie im Beispiel der
Gerechtigkeit in unserem Leben und unserer Wahr- Schulbildung um die gerechte Verteilung von Chan-
nehmung eine wichtige Rolle spielt. Das zeigen nicht cen, d. h. um Verteilungsgerechtigkeit. Im Beispiel des
nur die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung, Richters hingegen ist die Strafgerechtigkeit betroffen,
die auch über Kulturen hinweg die große Bedeutung d. h. die Bestrafung ist Gegenstand der Gerechtigkeits-
des Gerechtigkeitsdenkens bestätigen. Das zeigt auch überlegungen. Im Falle der unterschiedlichen Bezah-
die schiere Anzahl der Themenfelder, mit Blick auf die lung der Nationalspielerinnen besteht die Ungerech-
sich Menschen immer wieder darüber auseinander- tigkeit in der Ungleichbehandlung. Dabei können in
setzen, was gerecht ist und was nicht. Bezug auf alle drei Beispiele auf den ersten Blick be-
Schon in der Alltagssprache kommt der empörte stimmte Regeln oder Verfahren gerecht oder unge-
Vorwurf ›das ist ungerecht‹ oder ›das ist unfair‹ sehr recht sein oder auch das Ergebnis als ungerecht be-
oft vor. Wenn Bayern gegen Dortmund spielt und der zeichnet werden. Was den Maßstab der Verteilung an-
Schiedsrichter für ein Foul eines Dortmunder Spielers geht, ist hinsichtlich der Verteilung von Gütern wohl
eine Rote Karte zückt, aber in einer vergleichbaren Si- unsere erste Alltagsintuition, dass Gleichverteilung ge-
tuation den Bayern-Spieler nur verwarnt, so werden recht ist: Beim Kindergeburtstag sollte jedes Kind ein
viele diese Ungleichbehandlung als Ungerechtigkeit ähnlich großes Stück vom Kuchen erhalten. Doch es
anprangern. Ebenso könnten die deutschen National- kann Gründe geben, von einer Gleichverteilung von
spielerinnen es als ungerecht empfinden, dass sie we- Gütern abzusehen; etwa, wenn ein Kind beim Backen
niger verdienen als ihre männlichen Counterparts. geholfen hat, könnte ihm im Sinne der Leistungs-
Wenn ein Kind auf einem Kindergeburtstag kein gerechtigkeit mehr zustehen, oder wenn ein Kind zwei
Stück des Geburtstagskuchens bekommt oder aber ein Stücke braucht, weil es den ganzen Tag noch nichts ge-
deutlich kleineres als die anderen Kinder, wird es sich gessen hat, könnte es aufgrund der Idee der Bedarfs-
ungerecht behandelt fühlen. Ein Strafrichter, der für gerechtigkeit gerechterweise mehr erhalten als die an-
Bagatelldelikte Gefängnisstrafen verhängt, ist dem deren Kinder. Da verschiedene Verteilungsregeln (z. B.
Vorwurf der Ungerechtigkeit ausgesetzt. Der derzei- Leistungsgerechtigkeit und Bedarfsgerechtigkeit) mit-
tige Ressourcenverbrauch wird als ungerecht ge- einander konkurrieren können, müssen wir auch die
genüber zukünftigen Generationen bezeichnet. Und Frage nach der Rechtfertigung dieser Ansprüche stel-
schließlich prägen ungerechte Benachteiligungen be- len: Welche Verteilungsregeln können mit welcher Be-
stimmter Gruppen unseren Alltag: z. B. dass der er- gründung Akzeptanz durch diejenigen, die ihnen un-
worbene Schulabschluss von Kindern in vielen Län- terworfen sind, beanspruchen? Wird eine bestehende
dern statistisch signifikant vom Bildungsniveau ihrer Güterverteilung verletzt, z. B. durch einen Diebstahl,
Eltern abhängt. so tritt die korrektive Gerechtigkeit auf den Plan: Die
Alltagssprachlich meist generell als ›ungerecht‹ be- ursprüngliche Güterordnung muss wiederhergestellt
zeichnet, illustrieren die angeführten Beispiele unter- werden. Sowohl hinsichtlich des Gegenstands als auch
schiedliche Aspekte von Gerechtigkeit bzw. Ungerech- hinsichtlich des Maßstabs der Gerechtigkeitsbeurtei-
tigkeit und werfen unterschiedliche Fragen und Pro- lung illustrieren die Beispiele also wesentliche Unter-
bleme auf. Die Begriffe ›Gerechtigkeit‹ und ›Ungerech- schiede und beleuchten unterschiedliche Typen und
tigkeit‹ können wir – wie dies auch in der Antike im Aspekte von Gerechtigkeit.
Mittelpunkt stand – zum einen auf Personen und ihre Naheliegenderweise stehen darüber hinaus sub-
Handlungen beziehen. Zum anderen können speziell stanziell andere Fragen auf dem Spiel, will man für die
Institutionen in den Blick genommen werden. Wir be- genannten Beispiele eine gerechte Lösung finden. Im
1 Einleitung 3

Bereich der Strafe stellt sich beispielsweise die Frage, für die meisten Menschen eine wichtige Rolle spielt, es
wann eine Strafzumessung gerecht ist. Dies betrifft zu- aber weder in alltäglichen Auseinandersetzungen
nächst die Verhältnismäßigkeit der Strafe. Jemanden noch in der philosophischen Debatte vollständige Ei-
für einen Ladendiebstahl lebenslänglich einzusperren, nigkeit darüber gibt, was als gerecht zu gelten hat. Für
ist ungerecht. Ferner gilt der Gleichbehandlungsgrund- diese Uneinigkeit lassen sich mindestens zwei Gründe
satz, wonach die Strafe für die Tat und unabhängig von anführen. Vor allem alltagssprachliche Vorstellungen
der Person festzulegen ist. Es wäre beispielsweise un- von Gerechtigkeit basieren häufig auf ganz unter-
angemessen, Frauen anders als Männer oder Aka- schiedlichen historischen und religiösen Wurzeln.
demikerinnen anders als Handwerkerinnen zu bestra- Und im gegenwärtigen philosophischen Diskurs exis-
fen. Gleichzeitig gilt jedoch, dass die Strafe vom Aus- tieren – wie bereits an den verschiedenen Beispielen
maß des persönlichen Verschuldens abhängen sollte. möglicher Grundlagen der Güterverteilung deutlich
Dafür ist es wiederum notwendig, sich die zu bestra- geworden ist – darüber hinaus sehr verschiedene Aus-
fende Person, ihre Fähigkeiten und Eigenschaften ganz arbeitungen der Gerechtigkeitsidee, die die Vielfalt
genau anzuschauen. Weiterhin muss bestimmt wer- vor allem gegenwärtiger westlicher Gerechtigkeits-
den, welche Strafformen sich überhaupt rechtfertigen vorstellungen in unseren Gesellschaften widerspie-
lassen. Üblich sind in Ländern wie Deutschland haupt- geln. Wie unterschiedlich die Wurzeln sind, zeigt sich
sächlich Freiheits- und Geldstrafen. Körperliche Stra- beispielsweise, wenn man antike und buddhistische
fen und vor allem die Todesstrafe sind verboten. Doch Gerechtigkeitsvorstellungen betrachtet. Wie groß die
viele andere Länder strafen noch körperlich, beispiels- Unterschiede zwischen gegenwärtigen westlichen
weise mit Stockschlägen, und zahlreiche Länder voll- Vorstellungen sind, zeigt ein Vergleich libertärer und
strecken die Todesstrafe. Ist das ungerecht? Bezieht sozialistischer Gerechtigkeitsvorstellungen.
sich die Gerechtigkeitsfrage nur darauf, ob das Straf- In der Antike beispielsweise wurde eine viel engere
maß im Verhältnis zur Tat steht, oder auch darauf, ob Verbindung zwischen dem gerechten und dem guten
bestimmte Strafformen zu grausam sind? Hier können Staat einerseits und dem gerechten und dem guten
wir Fragen der ausgleichenden Gerechtigkeit von Fra- Menschen andererseits hergestellt, als dies in heutigen
gen der Rechtfertigung trennen. Gerechtigkeitsvorstellungen in Europa und Nordame-
Im Themenfeld der Bildungsgerechtigkeit geht es rika der Fall ist. Außerdem spielte die Idee der kos-
vor allem darum, wie sich im Bildungssystem mehr mischen Gerechtigkeit in Form eines Gleichgewichts,
Chancengleichheit herstellen lässt. Doch was bedeutet das es zu wahren gilt, eine wichtige Rolle. Deswegen
Chancengleichheit überhaupt? Müssen nur soziale war etwa die vergeltende Strafe eine Angelegenheit
oder auch natürliche Unterschiede zwischen den der Gerechtigkeit, denn sie stellte die kosmische Ord-
Menschen ausgeglichen werden? Und auf welche Wei- nung wieder her. Außerdem wurde Gerechtigkeit vor
se dürfen Unterschiede ausgeglichen werden, um für allem personal und nicht institutionell verstanden. Es
eine größere Gleichverteilung der Chancen zu sorgen? ging darum, dass erst die Menschen und dann die po-
Ist es sogar rechtfertigbar, Unterschiede durch leis- litischen Institutionen gerecht sind, weil sich in der
tungsverbessernde Medikamente auszugleichen? Wie antiken Vorstellung das Zweite aus dem Ersten ergibt.
stark darf der Staat in die Erziehung der Eltern ein- Auch im Buddhismus herrscht die Idee einer kos-
greifen, um für mehr Chancengleichheit bei den Kin- mischen Ordnung. Diese stellt sich, so die Vorstel-
dern zu sorgen? Müssen Schulen auch erziehen oder lung, allerdings selbst immer wieder neu her, indem
nur bilden? So gibt es beispielsweise einen Streit zu der alle Wesen gemäß ihrem Karma, also der Balance ih-
Frage, ob die Bildungsmöglichkeiten für Kinder unge- rer guten und schlechten Taten, so lange wiedergebo-
fähr gleich gut sein müssen oder ob es reicht, wenn al- ren werden, bis sie Erleuchtung erreichen. Selbst die
le Kinder hinreichend gute Bildungsmöglichkeiten körperliche Verfassung und der soziale Status bestim-
besitzen. Davon hängt auch ab, was die konkreten men sich über ihr Karma, so dass auf sehr differenzier-
Maßnahmen und Institutionen sind, die für mehr Bil- te Weise Lohn und Strafe über die Zeit hinweg gerecht
dungsgerechtigkeit benötigt werden. Sorgt etwa eine verteilt werden. Gerechtes Handeln bedeutet dem-
Gesamtschule für mehr Bildungsgleichheit und ist sie nach ganz allgemein, das moralisch Richtige zu tun,
daher aus Gerechtigkeitsperspektive zu fordern? und stellt stets eine gute Investition in die Zukunft dar.
Wenn man eine Weile über die genannten Beispiele Moderne Buddhisten betonen darüber hinaus die
nachdenkt und andere Menschen nach ihrer Meinung wichtige Rolle der Demokratie und der Ehrfurcht vor
fragt, dann zeigt sich bereits, dass Gerechtigkeit zwar der Natur als Erfordernisse der Gerechtigkeit, denn
4 I Der Begriff der Gerechtigkeit

beide leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, mehr nehmen. Auch das Verhältnis von Gerechtigkeit zu
Menschen die Möglichkeit zu geben, das Leiden der anderen wichtigen normativen Konzepten lässt sich
Wiedergeburt zu überwinden. aufgrund dieser Problematik der Pluralität nur schwer
In der gegenwärtigen philosophischen Debatte ist bestimmen. Dennoch sind allgemeine Antworten auf
für die libertäre Gerechtigkeitstheorie die Idee ent- Fragen wie die folgenden möglich: Was hat Gerechtig-
scheidend, dass die Menschen im Naturzustand sich keit mit dem guten Leben zu tun? Wie verhalten sich
selbst besitzen und dadurch auch ein natürliches Gerechtigkeit und Demokratie zueinander?
Recht am Privatbesitz äußerer Gegenstände erwerben In Bezug auf die Theorie des guten Lebens werden
können. Gerechtigkeit herrscht dann, wenn dieser na- gegenwärtig drei Theoriegruppen unterschieden: He-
türliche Besitz respektiert wird. Das muss auch die donistische Theorien, Wunschtheorien und objekti-
freie Übertragung dieses Besitzes ermöglichen. Unge- vistische Theorien. Hedonistischen Theorien zufolge
rechter Erwerb oder ungerechte Übertragung sind ist ein Leben gut, wenn es besonders viel Lust und we-
hingegen auf gerechte Weise auszugleichen. Darüber nig Leid mit sich bringt. Wunschtheorien gemäß ist
hinaus gibt es keine Gerechtigkeitsansprüche. Man ein Leben gut, wenn sich die subjektiven Wünsche ei-
kann die Gerechtigkeit einer Gesellschaft also nicht nes Menschen erfüllen. Bei objektivistischen Theorien
daran bemessen, wie gleich oder ungleich die Güter zu hängt das gute Leben an der Verwirklichung objektiv
einem bestimmten Zeitpunkt verteilt sind. wichtiger Werte. Aus Gerechtigkeitsperspektive lässt
Ganz anders stellt sich die Lage aus einer sozialisti- sich bei allen drei Theorien danach fragen, ob die
schen Gerechtigkeitsposition heraus dar. Die auf Marx Chancen auf ein gutes Leben gleich verteilt sind. Aus
zurückgehende Formel ›Jeder nach seinen Fähigkei- Sicht der Theorie des guten Lebens ist der Wert der
ten, jedem nach seinen Bedürfnissen‹ verlangt zwar Gerechtigkeit selbst jedoch unterschiedlich zu beur-
keine absolute Gleichverteilung von Gütern, aber im- teilen. Für hedonistische Theorien ist Gerechtigkeit
merhin eine Verteilung, die den verschiedenen Be- nur dann ein wichtiger Bestandteil des guten Lebens,
dürfnissen der Menschen zu jedem Zeitpunkt glei- wenn sie zur Steigerung von Lust und Vermeidung
chermaßen gerecht wird. Verdienst bestimmt sich in von Leid führt. Für Wunschtheorien ist Gerechtigkeit
dieser sozialistischen Vorstellung nicht aus der Ar- nur relevant, wenn sich ein Mensch auch Gerechtig-
beitsleistung, sondern aus den individuellen Bedürf- keit bzw. ein gerechtes Leben wünscht. Allein die ob-
nissen. Eine schwangere Frau beispielsweise hat bei jektivistischen Theorien sehen in der Gerechtigkeit
einem höheren Bedarf auch mehr Nahrungsmittel als üblicherweise einen zwingenden Bestandteil des gu-
eine andere Frau verdient, ganz unabhängig davon, ob ten Lebens. Wer sich nicht um Gerechtigkeit bemüht,
sie arbeitet oder nicht. Ihr stehen beispielsweise so verfehlt demnach, um was es im Leben geht.
viele Nahrungsmittel zu, wie sie braucht, um ein ge- Wie verhält es sich mit Demokratie und Gerechtig-
sundes Kind zur Welt zu bringen. Was der Schwange- keit? Sie stehen in einem gewissen Spannungsverhält-
ren zusteht, bemisst sich an ihren Bedürfnissen und nis zueinander. Einerseits ergeben sich gerechte Ge-
nicht, wie in der libertären Theorie, an ihrem Ein- setze unmittelbar aus vernünftigen Überlegungen da-
kommen oder ihrem Besitz. Durch die Bemessung rüber, was gerecht und was ungerecht ist. Andererseits
der Bedürfnisse lässt sich der sozialistischen Position sollen in einer Demokratie die Gesetze in demokrati-
gemäß an der Güterverteilung zu einem bestimmten schen Verfahren bestimmt werden. Dabei ist nicht
Zeitpunkt feststellen, wie gerecht oder ungerecht die selbstverständlich, dass sich die politische Mehrheit in
Gesellschaft ist. Gerecht ist die Gesellschaft, wenn der Gesetzgebung auch an Gerechtigkeit und nicht an
die Güterverteilung sich an den Grundbedürfnissen ihren Gruppeninteressen orientiert. Gleichzeitig ist es
der Menschen ausrichtet, also etwa niemand Armut jedoch so, dass die Einrichtung eines demokratischen
leidet. Staatswesens selbst als Erfordernis der Gerechtigkeit
Es gibt selbstverständlich noch viel mehr als diese erscheint. Denn erstens sind demokratische Staaten
zwei dargestellten philosophischen Gerechtigkeits- besser als andere in der Lage, für Gerechtigkeit zu sor-
konzeptionen und ebenfalls noch viele verschiedene gen, indem sie besser als andere Systeme Kriege und
historische und religiöse Ausgangspunkte für die Ge- Hunger vermeiden sowie für Wohlstand und seine
nese verschiedener Gerechtigkeitsvorstellungen. Des- breite Verteilung sorgen. Zweitens lässt sich argumen-
wegen ist es nicht leicht, abstrakt viel dazu zu sagen, tieren, dass die möglichst gleiche und weitreichende
was Gerechtigkeit überhaupt ist, ohne auf die eine Beteiligung aller Bürger_innen an der kollektiven
oder andere dieser Positionen unmittelbar Bezug zu Selbstbestimmung selbst einen Gerechtigkeits-
1 Einleitung 5

anspruch darstellt, was wiederum ein demokratisches beispielsweise geklärt, was Gerechtigkeit mit Demo-
Staatswesen erforderlich macht. kratie, mit Verantwortung, den Menschenrechten,
Das Ziel des Handbuchs Gerechtigkeit besteht darin, dem guten Leben oder mit Moral zu tun hat. Dabei
die verschiedenen Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs, wird deutlich, dass sich diese Begriffe eigentlich nie
wie sie hier kurz und beispielshaft skizziert wurden, isoliert voneinander betrachten lassen, sondern wech-
umfassend darzustellen und den aktuellen Stand der selseitig aufeinander verweisen. Abhängig davon, wel-
Forschung zu den jeweiligen Gerechtigkeitsfragen zu ches Verständnis von Moral jemand besitzt, kann der
präsentieren. Dazu ist das Handbuch in fünf Teile un- Gerechtigkeitsbegriff beispielsweise eher personal
tergliedert. oder eher institutionell verstanden werden.
Im ersten Kapitel werden die zentralen historischen Im fünften und längsten Kapitel werden schließlich
Phasen der Entwicklung der Gerechtigkeitsidee in Eu- verschiedene gesellschaftlich, moralisch und politisch
ropa und darüber hinaus verschiedene kulturell-reli- einschlägige Themenbereiche und Anwendungsfra-
giöse Wurzeln dargestellt. Abgerundet wird das Kapi- gen diskutiert. Dieses Kapitel umfasst Artikel zum
tel durch eine Darstellung interkultureller Perspekti- Thema Alter, zu Enhancement, zu Migration, zu Tie-
ven sowie der gängigen philosophischen Kritik am ren, zur Weltwirtschaft und vielem mehr. Hier zeigt
Gerechtigkeitskonzept. sich besonders die Vielfalt der in der Philosophie, aber
Im zweiten Kapitel werden zentrale Gerechtigkeits- auch im Alltag diskutierten Gerechtigkeitsfragen. Au-
typen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs versam- ßerdem wird deutlich, dass das philosophische Nach-
melt. Typisiert wird Gerechtigkeit in der philosophi- denken über Gerechtigkeit notwendig auf zwei Ebe-
schen Debatte auf ganz unterschiedliche Weise, ein- nen stattfindet. Einerseits geht es um konkrete Fragen
mal räumlich von einzelstaatlich bis global, aber auch wie das Steuerrecht, andererseits um abstrakte Fragen
temporal als vergangenheits- oder zukunftsbezogen der Architektonik der Gerechtigkeitstheorie. Dabei
sowie sektoral von sozial bis retributiv. Diese verschie- wäre es falsch anzunehmen, dass nur die abstrakte auf
denen Typisierungen und der Fokus ihrer Fragestel- die konkrete Ebene einwirkt. Vielmehr hat die Be-
lung werden jeweils vorgestellt. Dargestellt werden schäftigung mit konkreten Gerechtigkeitsfragen auch
auch die wichtigsten Aspekte insbesondere der domi- Auswirkungen auf die grundlegenderen Aspekte der
nanten liberalen Gerechtigkeitstheorie, wie die Kon- Gerechtigkeitstheorie und macht zum Teil erhebliche
zepte der Chancengleichheit, der Fairness, der Gleich- Veränderungen notwendig, weil die Theorie das kon-
heit und das berühmte Differenzprinzip von John krete Problem nicht angemessen erfassen kann.
Rawls. Abschließend werden in diesem Kapitel darü- Ein Handbuch herauszugeben, das den Gerechtig-
ber hinaus die Grundthemen der empirischen Ge- keitsbegriff in diesem Umfang beleuchtet, war nur
rechtigkeitsforschung vorgestellt. durch die Unterstützung und Beteiligung vieler Men-
Das dritte Kapitel versammelt die zentralen syste- schen möglich, denen wir an dieser Stelle ganz herz-
matischen Gerechtigkeitskonzeptionen. Dies reicht lich danken möchten. Zunächst danken wir den Auto-
von liberalen über sozialistische, feministische und rinnen und Autoren für ihre Beiträge sowie die durch-
utilitaristische bis hin zu kommunitaristischen Ge- wegs konstruktive und angenehme Zusammenarbeit.
rechtigkeitsvorstellungen. Es geht in der Darstellung Nora Kassan, Roya Saadati und Vanessa Sooth danken
dieser Gerechtigkeitsvorstellungen darum, die Beson- wir für ihre gründliche Durchsicht der Beiträge. Nor-
derheiten und zentralen Argumente für die jeweiligen bert Axel Richter sind wir für seine unersetzliche re-
Konzeptionen vorzustellen und zu zeigen, wie sie sich daktionelle Überarbeitung zu Dank verpflichtet. Und
von anderen Vorstellungen unterscheiden. Dabei wird nicht zuletzt möchten wir Ute Hechtfischer und Fran-
deutlich, dass es eine große Pluralität von normativen ziska Remeika vom Metzler Verlag unseren besonde-
Gerechtigkeitsvorstellungen gibt. Dennoch herrscht ren Dank aussprechen für die durchwegs unterstüt-
keine Beliebigkeit, denn die dargestellten Konzeptio- zende und konstruktive Zusammenarbeit und die
nen erheben jeweils auf nachvollziehbare Weise den Möglichkeit, dieses Projekt mit dem Metzler Verlag
Anspruch, wohlbegründet und allgemeingültig zu durchzuführen.
sein, was für andere – etwa egoistische – Gerechtig-
Anna Goppel / Corinna Mieth / Christian Neuhäuser
keitsvorstellungen nicht gilt.
Im vierten Kapitel wird Gerechtigkeit zu anderen
zentralen Konzepten der politischen Philosophie und
der Moralphilosophie in Beziehung gesetzt. Es wird
6 I Der Begriff der Gerechtigkeit

2 Geschichte des Gerechtigkeits- Frühe griechische Theorieansätze


begriffs: Antike und Mittelalter
Aus dem Blickwinkel der älteren Hochkulturen
(Ägypten, Babylon, Alt-Israel) betrachtet ist es ein
Die Thematisierung von Gerechtigkeit weicht inner- merkwürdiger Umstand, dass die Vorstellung kos-
halb der antiken und mittelalterlichen Begriffs- und mischer Gerechtigkeit in den maßgeblichen Texten
Theoriegeschichte in einigen grundlegenden Hinsich- des frühen Griechenland, den homerischen Epen, na-
ten von unserer zeitgenössischen Behandlung des hezu fehlt. Im Alten Ägypten war die Vorstellung ei-
Themas ab. Drei markante Differenzen seien hervor- ner übergreifenden kosmischen Gerechtigkeitsord-
gehoben. nung von zentraler Bedeutung. Gerechtigkeit (ma’at)
1. Der griechische Ausdruck dikaiosynê und sein steht hier für einen strikten Tun-Ergehens-Konnex,
lateinisches Äquivalent iustitia bezeichnen das der die kosmisch-religiöse Ebene ebenso umfasst wie
normativ wünschenswerte Sozialverhalten eines die moralische und die politisch-rechtliche Dimensi-
Individuums sowie den moralisch angemessenen on (dazu Assmann 1990). Vor diesem Hintergrund ist
Zustand eines politischen Gebildes in einem um- es erstaunlich, dass sogar krasse Fälle moralischer
fassenderen Sinn, als dies unser moderner Ge- Schuld nicht als Verstöße gegen die göttliche Gerech-
rechtigkeitsbegriff tut. In unserer modernen Ter- tigkeitsordnung bewertet werden. Betrachtet man
minologie ziehen wir es vor, hier von einem ›guten beispielsweise die Schilderung der Rückkehr des
Menschen‹ oder einem ›guten Staat‹ zu sprechen, Odysseus nach Ithaka in Buch XXIV der Odyssee
während ›gerechter Mensch‹ und ›gerechter Staat‹ (413–466), so fällt ins Auge, dass sein Mord an sämtli-
für unsere Ohren spezifischer klingen, weil wir chen jungen Adligen, die um Penelopes Hand anhal-
Gerechtigkeit stärker mit Verteilungsfragen in Zu- ten, nicht als Gerechtigkeitsproblem aufgefasst wird.
sammenhang bringen. Dass Odysseus nicht als moralisch verurteilenswert
2. Zu den ältesten und in Antike und Mittelalter viel- gilt, lässt sich nur vor dem Hintergrund erklären, dass
fach erörterten Gerechtigkeiten gehört die kos- man sich nicht an Standards göttlicher Gerechtigkeit,
mische Gerechtigkeit: Ist die Weltordnung an- sondern stattdessen an einer Adels- und Kriegerethik
gemessen? Wie sind die natürlichen Begabungen orientiert (dazu Flaig 1998). Den zentralen Wert die-
und Ressourcen unter den Menschen verteilt? ser kompetitiven oder agonalen Gesellschaft bildet die
Honoriert die Weltordnung ein moralisch gutes Ehre (timê); und die Einhaltung der ethischen Stan-
Verhalten und stellt sie schlechte Handlungen un- dards wird durch das Empfinden von Scham (aidôs),
ter Strafe? In der Moderne kommt leicht der Ver- nicht durch ein Schuldprinzip gewährleistet (vgl. be-
dacht auf, eine solche Perspektive sei insgesamt sonders Williams 1993).
obsolet; immerhin spielt sie dann noch eine ge- Es wäre dennoch überpointiert zu behaupten, die
wisse Rolle, wenn wir etwa eine Körperbehin- Vorstellung kosmischer Gerechtigkeit sei im frühen
derung, die ein berufliches Handicap darstellt, als Griechenland gänzlich unbekannt gewesen. Hesiod
eine ausgleichenswerte kosmische Ungerechtig- unternahm (mit bescheidenem Erfolg) den Versuch,
keit betrachten. in seinem epischen Werk entsprechende metaphysi-
3. In der vormodernen Theoriegeschichte wird per- sche Ordnungsprinzipien zu etablieren (vgl. Erga kai
sonale Gerechtigkeit (s. Kap. II.24, III.29) tenden- hêmerai 247–284). Ferner mag man Spuren einer kos-
ziell gegenüber institutioneller Gerechtigkeit favo- mischen Gerechtigkeitsvorstellung im zentralen Frag-
risiert. Dass primär Menschen gerecht sein müs- ment des Anaximander sehen (Diels/Kranz 12B1). In
sen, nicht Institutionen, scheint uns fernliegend; dieselbe Richtung weist folgende Feststellung inner-
insbesondere wirkt die ältere Frage nach einem ge- halb eines Heraklit-Fragments: »Denn alle mensch-
rechten Herrscher oder einem gerechten Staats- lichen Gesetze werden vom Einen, Göttlichen, er-
bürger anachronistisch. Immerhin scheint per- nährt; dessen Kraft ist unbegrenzt, und es reicht für
sonale Gerechtigkeit in modernen politischen alles aus und setzt sich durch« (DK 22B114; auch DK
Theoriekontexten in Form eines ›Sinns für Ge- 22B44, B94 [Vorstellung von den Erinyen] sowie
rechtigkeit‹ wiederaufzutauchen. B102). Es steht ferner außer Zweifel, dass die Pythago-
reer und Empedokles ein kosmisches Vergeltungs-
prinzip für menschliche Handlungen angenommen
haben, bei dem ein jenseitiges Totengericht und die
2 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Antike und Mittelalter 7

Reinkarnation zentrale Vorstellungen bilden. Bei So- Klassische griechische Philosophie


lon findet sich der Versuch, eine Synthese aus kos-
mischer und politisch-juridischer Gerechtigkeit her- Platon scheint erstmals betont zu haben, dass man Ge-
zustellen (vgl. frg. 2). rechtigkeit primär als personale Einstellung, als see-
Die explizite philosophische Gerechtigkeitsdebatte lische Haltung verstehen muss (Kraut 1992). Während
beginnt im fünften vorchristlichen Jahrhundert mit die Sophisten von Gerechtigkeitsproblemen nur im
den Sophisten. Deren Diskussion wird durch die Kontext der Natur- und Rechtsordnung sprachen, be-
Kontrastierung bestimmt, wonach Gerechtigkeit ent- handelt Platon unter dem Stichwort Gerechtigkeit in
weder eine natürliche Quelle (physis) besitzt oder erster Linie das individualethische Problem, welche
aber auf menschliche Setzung (thesis) bzw. auf Üb- Lebensform als wählenswert angesehen werden kann.
lichkeiten und Traditionen (nomos) zurückgeht. Den Für Platon zahlt sich eine gerechte Lebensführung
Anstoß zu dieser Debatte gab das Problem des Kul- aus, unter welch widrigen Bedingungen der Gerechte
turrelativismus. Auf der Grundlage der Physis-no- auch immer leben muss. Im Gorgias sucht er die Vor-
mos-Antithese wurden allerdings ganz unterschiedli- stellung zu verteidigen, dass Gerechtigkeit für die See-
che Konzeptionen entwickelt, darunter die amoralis- le dieselbe Funktion besitzt wie Gesundheit für den
tische Position des Kallikles (in Platons Gorgias) und Körper: Jedes Unrechttun schädigt die Seele des be-
die ideologiekritische Position des Thrasymachos (in treffenden Akteurs und ist daher unklug; sogar Un-
der Politeia). rechtleiden soll folgerichtig dem Unrechttun vorzu-
Bei Kallikles von Acharnai handelt es sich um einen ziehen sein (469b f., 473a ff.; ähnlich bereits Kriton 49a
amoralischen Provokateur, der sich selbst affirmativ ff.). Der Politeia zufolge unterscheidet sich jedes
auf den Gerechtigkeitsbegriff stützt, diesem jedoch ei- menschliche Individuum durch seine spezifische An-
ne radikal revisionäre Deutung verleiht. Kallikles be- lage von jedem anderen (370a–b). In einem gut orga-
ruft sich auf die Antithese von physis und nomos (Gor- nisierten Staat sollen den Individuen folglich unter-
gias 482e), um die Behauptung zu stützen, von Natur schiedliche Aufgaben zugewiesen werden, woraus
aus angemessen seien Privilegien für die Stärksten sich die Etablierung verschiedener sozialer Stände er-
und Besten, die gegenwärtig geltende Gesetzesord- gebe. Platon gelangt auf diese Weise zunächst zu sei-
nung sei dagegen ein Konstrukt der Schwachen und ner politischen Gerechtigkeitstheorie: Jeder soll die
der breiten Menge. Kallikles nimmt also für sich aus- soziale Rolle oder Funktion erfüllen, für die er sich
drücklich in Anspruch, die wahre »Gerechtigkeit der eignet, und jeder soll die Güter erhalten, die ihm zu-
Natur« zu kennen (to tês physeôs dikaion: Gorgias stehen. Damit ist die bekannte Idiopragieformel er-
484b1). reicht, der zufolge Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder
Demgegenüber erweist sich Thrasymachos von das Seine tut (ta hautou prattein: Politeia 433a8, vgl.
Chalkedon als gesellschaftlicher Ideologiekritiker, 586e) oder dass jeder ›hat und tut‹, was ihm zukommt
der wie später Rousseau das geteilte Gerechtigkeits- (433e f.). Gemeint ist der harmonische Zustand, in
verständnis als Täuschungsmanöver der Mächtigen dem jedes Individuum seine ihm angeborene Funk-
entlarven möchte. Im Kontrast zur kallikleischen Po- tion mit Blick auf die Polis erfüllt. Die Gerechtigkeits-
sition will er darauf hinaus, dass eine Gerechtigkeits- definition der Idiopragieformel geht nach Platons ei-
ordnung immer nur den Mächtigen eines Staates gener Auskunft auf den Dichter Simonides zurück:
nützt. Sie sind es nämlich, die die Regeln der staatli- Man müsse, sagt dieser, jedem das ihm Geschuldete
chen Ordnung zu ihrem Vorteil festlegen. Nach Thra- geben (ta opheilomena hekastô apodidonai: 332a). Be-
symachos bedeutet der Umstand, dass die Herr- ginnend mit Platon hat diese Gerechtigkeitsdefinition
schenden ihre Bürger zur Einhaltung der Rechtsord- eine bemerkenswerte theoriegeschichtliche Wirkung
nung, zur Gerechtigkeit, nötigen, nichts anderes als entfaltet. Vielleicht die bekannteste Variante ist die
eine Maßnahme zur eigenen Interessenwahrung. Da- Formulierung, die Ulpian an den Beginn der Digesten
gegen würde es dem Vorteil der Bürger entsprechen, (I 1,10 pr.) wie auch der Institutionen (I 1 pr.) gestellt
würde man ihnen zur Ungerechtigkeit raten. Gerech- hat: Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum
tigkeit impliziere nämlich stets die Respektierung cuique tribuendi; in der einfacheren Form: Iustitia est
»fremden Gutes« (allotrion agathon: Politeia I 343c3); suum cuique tribuere. Platon überträgt die Definition
wer sie praktiziert, handelt sich folglich einen Nach- vom Beispiel des Staates aus auf die Seele, deren ›Teile‹
teil ein. er in einer ausführlichen Analogie mit den Schichten
der Polis parallelisiert. Personale Gerechtigkeit wird
8 I Der Begriff der Gerechtigkeit

damit als Harmonie oder Gesundheit der Seele gedeu- der subjektive Rechtsgedanke sei mit Blick auf Aristo-
tet (444c f., vgl. 591b f. und 609b9–c1). teles anachronistisch. Er schloss sich damit der These
Aristoteles unterscheidet zwischen den beiden Ver- Hegels an, wonach Aristoteles das Politische in den
wendungsweisen von Gerechtigkeit. Er arbeitet he- Mittelpunkt gerückt und folglich kein »abstraktes
raus, dass dikaiosynê in der Alltagssprache nicht nur Recht« gekannt habe, welches »den Einzelnen isoliert«
den Sammel- oder Inbegriff für alle Formen richtigen (Hegel 1979, 227). Wie neuere Forschungen zeigen,
Handelns und Verhaltens darstellt, sondern darüber gibt es bei Aristoteles aber tatsächlich sowohl natürli-
hinaus den personalen Habitus bezeichnet, der je- che wie gesetzliche Rechte (vgl. Miller 1995 und Coo-
manden zu einer angemessenen Güterverteilung be- per 1996). Eine andere Kontroverse dreht sich um die
fähigt (Buch V der Nikomachischen Ethik). Er bezeich- Frage, inwieweit man aus Aristoteles’ distributiver Ge-
net erstere als umfassende Gerechtigkeit (Gerechtig- rechtigkeitstheorie eine sozialstaatliche Konzeption
keit ist so gesehen mit der gesamten Tugend gleich- herauslesen kann. In den letzten Jahren war es beson-
zusetzen) und letztere als partikulare Gerechtigkeit ders Martha Nussbaum, die Aristoteles nicht nur ein
(Keyt 1985). Bei den scholastischen Kommentatoren gehaltvolles essentialistisches Menschenbild zu ent-
des 13. Jahrhunderts wird die iustitia generalis oder nehmen suchte, sondern auch die Vorstellung von ei-
universalis mit der iustitia specialis oder particularis ner ›aristotelischen Sozialdemokratie‹ verteidigte
kontrastiert. Letztere wird bei Aristoteles nochmals (1990, 206; dazu kritisch Knoll 2009).
differenziert in eine Verteilungsgerechtigkeit (nemêti-
kon) und eine ausgleichende Gerechtigkeit (diorthôti-
kon) (vgl. die scholastischen Begriffe iustitia distribu- Hellenistische Philosophie
tiva und iustitia correctiva; s. auch Kap. II.12, 13). Die
distributive Gerechtigkeit kommt in normalen Situa- Eine erwähnenswerte Zwischenposition zwischen
tionen der Güterverteilung zum Zuge, d. h. bei der Zu- Gerechtigkeitspositivismus und Naturrechtstheorie
weisung irgendwelcher Vorteile, Ehren, Ämter usw. an findet sich bei Epikur. Für ihn besitzt Gerechtigkeit
mehrere Personen, und zwar solange zwischen diesen kein natürliches Fundament; der Ausdruck meine ein-
keinerlei Unrecht begangen worden ist. Ihr Prinzip ist fach so viel wie das Bestehen einer vorteilhaften Ge-
die geometrische Proportionalität. Gemeint ist, dass setzesordnung. Dabei interpretiert Epikur Gerechtig-
die zu verteilenden Güter nach Maßgabe der Ver- keit als Resultat derjenigen Rechtsordnung, die sich
dienste der Adressaten zugewiesen werden. Demnach auf eine wechselseitige Übereinkunft (synthêkê) zu-
verhält sich die Gütermenge, die einer Person A zu- rückführen lässt; und zwar soll diese in der allgemei-
steht, zur Gütermenge, auf welche eine Person B einen nen Selbstverpflichtung bestehen, einander nicht zu
Anspruch hat, wie die Würdigkeit von A zur Würdig- schädigen (Kyriai doxai 31 und 35). Epikur gehört ein-
keit von B (vgl. Nikomachische Ethik V, 1131a24–28). deutig zu den Vertragstheoretikern (vgl. auch das Re-
Die korrektive Gerechtigkeit tritt dagegen in zwei un- ferat des Hermarchos bei Porphyrios: Long/Sedley
terschiedlichen Fällen in Erscheinung: a) bei freiwil- 22M). Dennoch lässt sich daraus nicht schließen, Epi-
ligen geschäftlichen Transaktionen (etwa bei Kauf kur sei Gerechtigkeitspositivist. Gesetze sind für ihn
und Verkauf, Gewährung von Darlehen usw.) und b) keineswegs eo ipso gerecht; sie sind es ausschließlich
bei Verbrechen (also unfreiwilligen Transaktionen), nach Maßgabe ihrer Funktionserfüllung. Epikur kann
sei es, dass diese heimlich, sei es, dass sie offen began- durchaus von ungerechten Gesetzen sprechen; für un-
gen werden. Ihr Prinzip ist die Gleichheit von Gabe gerecht erklärt er solche, die keinen oder nur einen
und Gegengabe bzw. die Kompensation einer Schädi- eingeschränkten Nutzen stiften. Er vertritt eine Positi-
gung gemäß arithmetischer Gleichheit. Wer ein Gut on, die man als kontextsensitiven Universalismus be-
von einem anderen erhält, schuldet diesem eine exak- zeichnen kann. Einerseits nimmt er an, bestimmte
te Entsprechung, und wer einen anderen schädigt, Gesetze müssten gerechterweise immer und überall
muss zur Wiedergutmachung ebenfalls ein exaktes gelten. Sein Beispiel dafür ist das allgemeine Tötungs-
Äquivalent dieser Schädigung aufbringen (ebd.). verbot mit Blick auf Menschen. Andererseits kann für
In der älteren Forschung wurde die Frage kontro- ihn der Fall eintreten, dass ein Gesetz A, das sich zu
vers diskutiert, ob Aristoteles seine Gerechtigkeits- einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten
konzeption in der Politik mit der Vorstellung von Ort als nützlich und damit als gerecht erweist, zu ei-
Rechten (nämlich individuellen Anspruchsrechten) nem anderen Zeitpunkt oder an einem anderen Ort
verbindet. Beispielsweise hat Leo Strauss behauptet, seinen Nutzen einbüßt. Es muss dann angemessener-
2 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Antike und Mittelalter 9

weise durch ein Gesetz B ersetzt werden, das unter den antiken Debatte gewandelt haben. Zwei Veränderun-
veränderten Bedingungen den erwünschten Nutzen gen seien akzentuiert.
stiftet. Das bedeutet, dass A und B Gesetze sein kön- Die erste ergibt sich aus dem starken Einfluss des
nen, die ein und denselben Gegenstandsbereich un- biblischen Sprachgebrauchs. Spezifisch biblisch ist der
terschiedlich, ja widersprüchlich regeln und dennoch Begriff der ›Rechtfertigung‹ (dikaiôsis) des Sünders
beide zu verschiedenen Zeiten oder an verschiedenen durch das vergebende Handeln Gottes. Die Nähe der
Orten als gerecht anzusehen sind (Alberti 1995). Ausdrücke dikaiosynê und dikaiôsis bzw. iustitia und
Die Betonung personaler Gerechtigkeit kennzeich- iustificatio sorgt in der christlichen Begriffsgeschichte
net dagegen die Position der Stoa. Die älteren Stoiker für einen deutlichen thematischen Wandel. Zu einer
behandelten Gerechtigkeit in erster Linie als personale wichtigen Frage wird nun, wodurch der Mensch als
Tugend. In seiner Schrift Politeia, die mit Platons ›gerecht vor Gott‹ gelten kann. Bei zahlreichen Auto-
gleichnamigem Werk konkurrieren sollte, entwickelt ren der Spätantike und des Mittelalters findet sich –
Zenon von Kition eine naturrechtliche Gerechtigkeits- besonders mit Blick auf Röm 1,17, 3,21 oder 10,3 f. –
theorie. Diese wendet sich nachdrücklich gegen jeden ein Gerechtigkeitsverständnis mit einem solchen fi-
Kulturrelativismus. Nach Zenon soll jeder Mensch als deistischen Hintergrund. Ein weiterer relevanter
Mitbürger in einem globalen Staat betrachtet werden; Punkt ergibt sich aus der Bergpredigt, wo ein Mehr an
dessen gemeinsame naturrechtliche Gesetzesordnung Gerechtigkeit im Vergleich zur einfachen Regelobser-
skizzierte Zenon in seiner Schrift (vgl. Long/Sedley vanz der Pharisäer und Schriftgelehrten gefordert
67 A; dazu Schofield 1991 und 1995). In einer für uns wird (Mt 5,6–10; 20; 45; 6,1; 33). Der Jesus des Mat-
besser greifbaren Version findet sich die stoische Ge- thäusevangeliums bezeichnet die vollkommene Hal-
rechtigkeitstheorie bei Cicero in De re publica und in tung ausdrücklich als Gerechtigkeit (Mt 10,41; 27,19).
De legibus. Cicero ergänzt stoische Elemente um ge- Für die Theoriegeschichte von Gerechtigkeit scheint
nuin römisches Traditionsgut und gelangt zu einer ei- damit das Thema des Supererogatorischen vorgebildet
gentümlichen Synthese. Seine grundlegende Innovati- zu sein, das sich in der heidnischen Ethik der Antike
on besteht darin, dass er Gerechtigkeit erstmals von nicht findet.
der sozialen Einheit der res publica her denkt (vgl. At- Ein zweiter Ausgangspunkt, der zu einer veränder-
kins 1990). Bezeichnenderweise ist es für Cicero nicht ten Basis der Gerechtigkeitsdebatte in Spätantike und
nur eine Gerechtigkeitsforderung, niemanden zu Mittelalter geführt hat, liegt bei dem paganen Philoso-
schädigen; vielmehr versetzt Gerechtigkeit ihren Trä- phen Plotin. Der Begründer des Neuplatonismus
ger auch in die Lage, dem gemeinsamen Nutzen zu die- greift zwar auf eine Antithese aus Platons Phaidon
nen (De officiis I 31; vgl. De re publica I 26, 41). Auch (82a) zurück, wenn er seine pointierte Unterschei-
mit der Betonung der fides als eines weiteren fun- dung zwischen bürgerlichen Tugenden (politikai are-
damentum iustitiae (De officiis I 23) beschreibt Cicero tai) und höheren Tugenden (meizous) vornimmt (vgl.
eine personale Eigenschaft, die geeignet ist, den Zu- Enneaden I.2[19]1,16 f.). Plotin unterlegt diesem Be-
sammenhalt der societas zu vergrößern. Er folgt zwar griffspaar aber den neuartigen Sinn, dass bürgerliche
Platon und den Stoikern in der individualethisch ak- Tugenden diejenige Charakterhaltung bezeichnen,
zentuierten Lehre von den vier Kardinaltugenden; welche unter den Bedingungen einer zeitlich-ir-
aber dabei spielt die soziale Komponente im Hinter- dischen Existenz angemessen ist, während ihre ›Urbil-
grund die eigentlich sinntragende Rolle. Zusammen- der‹, die höheren Tugenden, die vortreffliche seelische
fassend versteht Cicero unter Gerechtigkeit eine feste Verfassung in einer intelligiblen und unkörperlichen
Charakterhaltung, die unter Wahrung des Gemeinnut- Welt darstellen. Porphyrios, Iamblich und die späte-
zens jedem seine Würde zuteilt (iustitia est habitus ani- ren Neuplatoniker, besonders Marinos, haben diese
mi communi utilitate conservata suam cuique tribuens gestufte Tugendkonzeption Plotins mit ihrer Hervor-
dignitatem: De inventione II 160). hebung intelligibler Tugenden fortgeführt und weiter
differenziert (dazu Dihle 1978, 277–280).
Augustinus versteht unter Gerechtigkeit ebenfalls
Spätantike in erster Linie eine personale Tugend. Auch er folgt
dabei der platonischen Standarddefinition in der For-
Die Begriffs- und Theoriegeschichte von Gerechtig- mulierung Ciceros (iustitia, cuius munus est sua cui-
keit beruht in Spätantike und Mittelalter teilweise auf que tribuere: De civitate dei XIX 4). Augustinus
Fundamenten, die sich im Vergleich zu denen der schließt sich ferner an Plotin in dessen zentralem
10 I Der Begriff der Gerechtigkeit

Punkt an, nämlich bei der Differenzierung zwischen ritate); in dieser Abhandlung verfolgt Anselm das Ziel,
ihrer vorläufigen, unzulänglichen, inchoativen Form, die biblische Gleichsetzung der Wahrheit mit Gott
die unter irdischen Bedingungen am Platz ist, und ei- (nach Joh 14,6) mit rationalen Mitteln zu untermau-
ner ewigen oder himmlischen Ausprägung von Ge- ern. Hierfür bedient er sich eines Argumentations-
rechtigkeit. Die irdische Gerechtigkeit verschafft dem topos des Boethius: Wenn sich alle einzelnen Erschei-
betreffenden Individuum nur eine relative charakter- nungsformen der Wahrheit mit dem Wesen Gottes
liche Vollkommenheit; sie wird erst in der jenseitigen identifizieren lassen, dann kann man auch die Wahr-
Existenzform des Tugendhaften perfektioniert (z. B. heit insgesamt mit Gott gleichsetzen (dazu ausführ-
Contra duas epistulas Pelagianorum III 7,19). Politi- lich Enders 1999). Anselm versucht nun zu zeigen,
sche Gerechtigkeit bildet für Augustinus kein Defini- dass alle Teilphänomene der Wahrheit tatsächlich in
tionsmerkmal des Staates, sondern lediglich eine einem einzigen Basisphänomen fundiert sind, das sich
wünschenswerte Zielbestimmung. Doch diese nor- auf Gott zurückführen lässt. Dabei führt seine Unter-
mative Vorgabe ist allenfalls in geringem Umfang ein- suchung auch zu der Frage, ob es nicht konsequent
lösbar; Staaten bleibt ein hohes Maß an Gerechtigkeit wäre, Wahrheit bzw. Rechtheit mit Gerechtigkeit
prinzipiell verwehrt. Augustinus’ Auffassung zeigt gleichzusetzen; die Ausdrücke rectitudo und iustitia
sich an jenem absoluten Ablativ in der Frage ›Was sind scheinen einfach dasselbe zu bezeichnen. Die Pointe
Königreiche bei fehlender Gerechtigkeit anderes als seines Gerechtigkeitsverständnisses besteht allerdings
große Räuberbanden?‹ (remota iustitia quid sint regna erst darin, dass Anselm als diejenige Größe, die einen
nisi magna latrocinia). Er bedeutet gerade nicht ›wenn Akt vollends gerecht macht, den moralisch guten Wil-
ihnen Gerechtigkeit fehlt‹, sondern ›weil ihnen Ge- len begreift. Weder der äußere Akt noch das Wissen
rechtigkeit fehlt‹. Allen irdischen Staaten der post- um seine Richtigkeit kann nach Anselm dasjenige
lapsarischen Zeit mangelt es im Unterschied zur ci- sein, was uns eine Handlung als gerecht erscheinen
vitas dei grundsätzlich an Gerechtigkeit. Augustinus lässt. Denn man vermag sich durchaus jemanden vor-
scheint in diesem Punkt seine Auffassung spürbar zustellen, der weiß, dass eine bestimmte Verhaltens-
modifiziert zu haben (vgl. Christes 1980; Fortin 1997). weise moralisch angemessen ist, der sie überdies fak-
Noch im Frühwerk – und indirekt in De civitate dei tisch ausführt, sie aber gleichwohl nicht intendiert.
XIX 21 – vertritt er die Ansicht, jede staatliche Rechts- Für Anselm besteht daher ein weiteres Definitionsele-
ordnung müsse auf Gerechtigkeit beruhen; er behaup- ment der Gerechtigkeit im wissentlichen, auf intrinsi-
tet, es liege überhaupt kein Gesetz vor, wenn eine Be- scher Motivation beruhenden Wollen des Gesollten.
stimmung nicht auch gerecht sei (vgl. nam lex mihi es- Es kommt aber noch ein fünfter Punkt hinzu. Dieser
se non videtur, quae iusta non fuerit: De libero arbitrio I beruht auf Anselms Unterscheidung zwischen dem
11). Übrigens findet sich bereits bei Platon (Nomoi direkten Objekt eines Aktes (dem quid), und dem wei-
715b2–6) die Feststellung, dass eine nicht am Gemein- teren Ziel des Aktes (dem propter quid), um dessent-
wohl der Polis orientierte Verfassung oder ein nicht- willen das quid gewählt wird. Es kann zwei Fälle ge-
gemeinwohlbezogenes Gesetz ihre jeweilige Bezeich- ben: Entweder wird etwas um eines davon verschiede-
nung gar nicht verdient. nen Zieles willen getan; dann ist das Objekt das Mittel
oder Instrument zur Erlangung des Ziels (extrinsi-
scher Zweckcharakter). Oder aber das Objekt ist selbst
Frühes Mittelalter das Ziel; das Objekt wird um seinetwillen gewählt (in-
trinsischer Zweckcharakter). Im zweiten Fall koinzi-
Die mittelalterliche Debatte um den Gerechtigkeits- dieren quid und propter quid. Anselm verlangt nun,
begriff lässt sich im lateinischen Westen in zwei große die rectitudo des Willens müsse das quid und das prop-
Phasen einteilen: in eine Epoche vor der Rezeption ter quid des Aktes sein. Als gerecht im Vollsinn kann
von Buch V der Nikomachischen Ethik (bis ca. 1250) z. B. keine Handlung gelten, bei der das moralisch
und in die Epoche der Aristoteles-Kommentierung. Richtige zwar wissentlich gewollt wird, aber um eines
Aus der vor-aristotelischen Phase ist zunächst Beda davon verschiedenen Zieles willen – wie wenn jemand
Venerabilis erwähnenswert, der in De tabernaculo III etwas moralisch Richtiges wissentlich ausführt, dies
14 eine stark augustinisch inspirierte Konzeption ent- aber in Erwartung eines hieraus resultierenden Vor-
wickelt. Ungleich selbständiger fällt die Gerechtig- teils tut. Gerecht ist die Handlung, bei der das Richtige
keitskonzeption des Anselm von Canterbury aus. Sie wissentlich und um seiner Richtigkeit willen getan
findet sich in seiner Schrift Über die Wahrheit (De ve- wird. Daher lautet Anselms abschließende Definition
2 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Antike und Mittelalter 11

der iustitia: »Gerechtigkeit ist die um ihrer selbst wil- Zudem spricht er von einer zuweisenden Gerechtig-
len bewahrte Rechtheit des Willens« (iustitia igitur est keit (iustitia directiva), unter der er die aristotelische
rectitudo voluntatis propter se servata: Opera omnia I, reziproke Gerechtigkeit (antipeponthos) zu verstehen
194, 26 f.). Es zeigt sich, dass Anselm Gerechtigkeit als scheint. Es fällt ins Auge, dass Albert die aristotelische
personale Eigenschaft versteht, und zwar als umfas- Bestimmung von Gerechtigkeit verteidigt, ja sogar als
sende richtige Willensorientierung im Sinn der aristo- die »beste Definition« bezeichnet (vgl. dicendum,
telischen iustitia universalis. Zudem bietet es sich na- quod diffinitio, quam ponit hic Aristoteles, optima est:
türlich an, diese Konzeption mit Kants Moralitäts- Ed. Colon. XIV/1, 347,89 f.).
begriff zu vergleichen (Enders 1999). Thomas von Aquin konnte sich also bei seiner
Kommentierung von Buch V der Nikomachischen
Ethik (besonders in der Schrift Sententia libri Ethico-
Hohes und spätes Mittelalter rum, in seinem Sentenzenkommentar sowie in der
Summa theologiae) bereits auf die hochdifferenzierte,
Die Kommentierung der Nikomachischen Ethik aus vor der Aristoteles-Rezeption liegende Auseinander-
der Feder des Albertus Magnus stellt ein bemerkens- setzung sowie auf seinen Lehrer Albert stützen. Seine
wertes historisches Dokument dar (1250; Editio Co- Ausführungen haben grundsätzlich dieselbe Tendenz
lon. XIV). Albert stützte sich auf die erst wenige Jahre wie die Albertschen: Auch Thomas entscheidet sich
zuvor (um 1246/47) abgeschlossene lateinische Über- gegen die ältere Tradition und für einen Gerechtig-
setzung der Nikomachischen Ethik von Robert Grosse- keitsbegriff in enger Anlehnung an Aristoteles. In der
teste, konnte sich aber immerhin am Ethik-Kommen- Secunda Secundae (II-II 57–79) der Summa theologiae
tar des Ibn Rushd orientieren (lat. Averroes, In Mora- setzt er mit einer Kennzeichnung der Gerechtigkeit als
lia Nicomachia Expositio). Dennoch bleiben die Aus- Gleichheit oder – wegen des aktiven Aspekts – als
führungen Alberts eine respektable Leistung; sie ›Ausgleich‹ (aequalitas) ein (57,1). Sodann schließt
zeichnen den aristotelischen Gedankengang grund- sich Thomas der ulpianischen Definition an: Iustitia
sätzlich adäquat nach. Albert sieht richtig, dass Aris- est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribu-
toteles’ zentrales Verdienst in der Differenzierung ver- endi (58,1). Um zu verdeutlichen, dass er trotz seines
schiedener Begriffsaspekte von Gerechtigkeit besteht. Rückgriffs auf den Willensbegriff keine andere Auffas-
Zunächst behandelt er die umfassende Gerechtigkeit sung als die aristotelische vertritt, erweitert er die De-
(iustitia generalis) des Aristoteles. Er setzt sie mit der finitionsformel um den Hinweis, dass mit dem ›Wil-
gesetzesorientierten Gerechtigkeit (iustitia legalis) len‹ ein fester Habitus des Charakters gemeint sei: Ius-
gleich – eine Identifikation, die freilich in der hoch- titia est habitus secundum quem aliquis constanti et
mittelalterlichen Gerechtigkeitsdebatte umstritten perpetua voluntate ius suum unicuique tribuit. Da-
blieb. Ein weiterer wichtiger Punkt besteht darin, dass gegen bezeichnet er den platonischen Gerechtigkeits-
Albert iustitia nicht als habitus im Selbstverhältnis ei- begriff mit Aristoteles als ›metaphorisch‹ (58,2) – was
ner Person, sondern als habitudo, als Verhältnis zu an- allerdings gänzlich unpolemisch zu verstehen ist: Ge-
deren Personen, auffasst; folglich stellt sie in gewisser meint ist nur, dass eine Konzeption, die Gerechtigkeit
Weise keine Tugend dar (dazu Canavero 1992). Dies als eine harmonische und funktional optimierte See-
macht die Frage umso dringlicher, ob Aristoteles’ In- lenordnung interpretiert, eher die Ebene der Voraus-
tention nicht darin bestand, die umfassende Gerech- setzungen betrifft als das Phänomen selbst beschreibt.
tigkeit als Umschreibung für die Gesamtheit aller Tu- Als Gerechtigkeit im eigentlichen Wortsinn gilt
genden zu präsentieren. Albert beantwortet diese Fra- denn auch für Thomas die iustitia particularis oder
ge in der Nachfolge des Averroes, indem er die iustitia iustitia specialis des Aristoteles: die Gerechtigkeit als
generalis als Bezogensein eines Individuums auf alle Teil der Tugend. Thomas unterscheidet innerhalb die-
anderen gemäß den Tugenden auffasst; die umfassen- ser partikularen Gerechtigkeit zwischen einer vertei-
de Gerechtigkeit wird auf die politische Gemeinschaft lenden und einer ausgleichenden Gerechtigkeit (iusti-
bezogen (vgl. Lambertini 1999). Auch was die ›spezi- tia distributiva – iustitia commutativa: 58,7; 61,1). Die-
elle Gerechtigkeit‹ (iustitia specialis) anlangt, erweist se Unterscheidung begründet er anders als Aristoteles,
sich Alberts Rekonstruktion als textnah. Er unter- nämlich mit der Relation Ganzes-Teil einerseits und
scheidet zutreffend zwischen ihren zwei Teilen: der der Relation Teil-Teil andererseits. Das bedeutet: Die
Verteilungsgerechtigkeit (iustitia distributiva) und der iustitia distributiva wird von einem politisch Verant-
ausgleichenden Gerechtigkeit (iustitia commutativa). wortlichen, der das Ganze eines Staates repräsentiert,
12 I Der Begriff der Gerechtigkeit

mit Blick auf die einzelnen Bürger praktiziert; die Bür- beschriebenen – Weltmonarchie. Innerhalb der Tradi-
ger partizipieren an ihr nur insofern, als sie die Ge- tion der mittelalterlichen Zwei-Reiche- oder Zwei-
rechtigkeit des Verteilenden nachzuvollziehen ver- Schwerter-Lehren steht Dantes Theorie damit klar für
mögen. Dagegen tritt die iustitia commutativa immer eine Verteidigung der Stellung des Kaisers gegen die
nur bei Vertragsbeziehungen (contractus) zwischen weltliche Autorität der Kirche und des Papstes. Dantes
Einzelbürgern auf den Plan. Dabei hat Thomas ebenso Anliegen zielt aber wesentlich weiter, nämlich auf die
wie Aristoteles keineswegs nur Tauschakte, d. h. auf Etablierung einer echten Universalmonarchie nach
Wechselseitigkeit zielende freiwillige Gütertrans- dem Vorbild des alten römischen Kaisertums. Den-
aktionen im Sinn. Vielmehr denkt er zudem an einsei- noch handelt es sich nicht um eine pagane oder um
tige Schädigungen, die jemand an den Gütern des an- eine säkulare Theorie einer Autonomie des Politi-
deren verübt und für die der Übeltäter eine Wieder- schen. Dante vertritt vielmehr eine politische Theo-
gutmachung (compensatio, restitutio) leisten muss. Es logie aus dem Geist des Christentums, die zugleich
liegt somit auf der Hand, dass iustitia commutativa den irdischen wie ewigen Elementen der conditio hu-
nicht so viel wie Tauschgerechtigkeit bedeuten kann. mana gerecht zu werden sucht. Auf dieser vorausset-
Unter sie fallen ebenso die unfreiwilligen, gewalt- zungsreichen Basis gelangt er zu einer in der Theorie-
samen Veränderungen beim Güterbesitz. Besonders geschichte recht ungewöhnlichen Gerechtigkeitskon-
deutlich zeigt sich dies daran, dass Thomas Mord als zeption (zum Folgenden vgl. Imbach/Flüeler 1989,
einen Fall von verletzter iustitia commutativa inter- 274–295). Dante stützt sich in der Monarchia auf den
pretiert (63,1 f.). Thomas folgt Aristoteles ferner in der Gerechtigkeitsbegriff, um mit seiner Hilfe die Univer-
inhaltlichen Beschreibung der beiden Gerechtigkeits- salmonarchie als erforderlich für die beste Ordnung
varianten: Die iustitia distributiva folgt dem Würde- der Welt zu erweisen. Diesem Nachweis versucht er
prinzip, die iustitia commutativa dem Ausgleichsprin- die strenge Form eines Syllogismus zu geben. Als
zip (61,2). Obersatz oder Maior fungiert dabei die Feststellung,
Erwähnenswert ist zudem, wie Thomas zwischen die Welt sei am besten geordnet, wenn in ihr Gerech-
zwei Typen von Teilen der Gerechtigkeit differenziert: tigkeit die größtmögliche Macht besitze. Um von die-
Während er die Teile iustitia distributiva und iustitia sem – intuitiv plausiblen – Obersatz aus zu der ange-
commutativa als die ›inhaltlichen Teile‹ (partes subiec- strebten Konklusion zu gelangen, dass die beste aller
tivae) bezeichnet, weist er den erstmals von Cicero politischen Ordnungen in der Weltmonarchie liegt,
thematisierten konstitutiven Bestandteilen der Ge- muss er auf folgenden Untersatz zurückgreifen kön-
rechtigkeit die Bezeichnung ›ermöglichende Teile‹ nen: »Die Gerechtigkeit besitzt am meisten Macht in
(partes potentiales) zu. Zu letzteren gehört besonders der Welt, wenn sie sich in jenem Subjekt befindet, das
die aristotelische Billigkeit (epieikeia, aequitas). Auch den besten Willen und die meiste Macht besitzt« (Mo-
Thomas versteht diese als ein personales Korrektur- narchia I xi, 8). Lässt sich diese Minor überzeugend
prinzip, das der staatlichen Rechtsordnung ausglei- darstellen, so ist auch der Schluss insgesamt gelungen.
chend und ergänzend zur Seite treten soll. Um nun nachzuweisen, dass es der Monarch ist, der
Bei Aegidius Romanus findet sich eine modifizierte die beiden in der Minor genannten Bedingungen er-
Aufnahme thomasischer Gedanken in seinem Fürs- füllt, will Dante u. a. zeigen, dass dieser am wenigsten
tenspiegel De regimine principum (I 2, 10–15). Wie von Begierden getrieben, sondern habituell von Liebe
Thomas sieht sich Aegidius vor das Problem gestellt, bestimmt sei. Erläuternd behauptet Dante, der Mo-
in welchem Sinn man Aristoteles’ Feststellung aus- narch sei insofern durch eine besondere Liebe zur
legen muss, dass die iustitia legalis oder generalis alle Menschheit gekennzeichnet, als er dieser besonders
Tugenden zusammenfasst. Auch Aegidius lehnt die ›nahe‹ sei. Nach der Interpretation von Lüddecke
Vorstellung ab, es handle sich bei ihr einfach um das (1999, 50–60) meint diese Nähe die besondere Affini-
Genus Tugend. Seine Lösung sieht vor, dass die umfas- tät des Monarchen zum Menschheitsziel einer voll-
sende Gerechtigkeit den Menschen nicht mit Blick auf kommenen Entfaltung irdischen Glücks. Zweifellos
sich selbst perfektioniert, sondern sein Verhalten zu handelt es sich bei Dantes Konzeption um ein äußerst
den Gesetzen sowie zum Fürsten vervollkommnet anspruchsvolles personales Gerechtigkeitsverständ-
(Lambertini 1999, 141–49). nis, das einem gleichfalls extrem weitreichenden poli-
Im Zentrum der politischen Theorie Dante Ali- tischen Gerechtigkeitsideal zugrunde gelegt wird.
ghieris steht die Figur eines idealisierten Monarchen. Schließlich ist noch erwähnenswert, dass die plato-
Gemeint ist der Lenker einer – als die beste Staatsform nische und neuplatonische Tradition im Mittelalter
2 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Antike und Mittelalter 13

nahezu kontinuierlich fortgesetzt wird. Ein besonders toph Horn (Hg.): Augustinus. De civitate dei. Berlin 1997,
markantes Beispiel bietet Meister Eckhart; sein Rück- 41–62.
griff auf die Tradition besteht darin, dass sich auch Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Ge-
schichte der Philosophie II. In: Ders.: Werke in 20 Bänden,
Eckhart für Gerechtigkeit als Eigenschaft interessiert, Bd. 19. Frankfurt a. M. 1979.
mit welcher der Mensch unmittelbar auf die göttlich- Horn, Christoph/Scarano, Nico (Hg.): Philosophie der Ge-
höhere Welt bezogen ist. Gerechtigkeit gilt bei ihm als rechtigkeit. Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Frank-
eine der spirituellen Vollkommenheiten (perfectiones furt a. M. 2002.
spirituales); zugleich wird sie als ein Gottesprädikat Imbach, Ruedi/Flüeler, Christoph (Hg.): Dante, Monarchia.
Stuttgart1989.
aufgefasst: Gott ist selbst die Gerechtigkeit schlecht-
Keyt, Donald: Distributive justice in Aristotle’s ethics and
hin (vgl. Johanneskommentar, Lateinische Werke III politics. In: Topoi 4 (1985), 23–46.
13,1–19,2). Gemäß Eckharts Lehre von der ›Gottes- Knoll, Manuel: Aristokratische oder demokratische Gerech-
geburt in der Seele‹ kann sich nun ein Mensch diese tigkeit? Die politische Philosophie des Aristoteles und Mar-
Gerechtigkeit vollständig und in einem univoken Sinn tha Nussbaums egalitaristische Rezeption. München 2009.
zu eigen machen; er kann zum perfekten Spiegelbild Kraut, Richard: The defense of justice in Plato’s Republic. In:
Ders. (Hg.): The Cambridge Companion to Plato. Cam-
Gottes werden. Dabei bringt die ›ungeborene‹ Ge- bridge 1992, 311–337.
rechtigkeit den ›geborenen‹ Gerechten so hervor, dass Lambertini, Roberto: Von der iustitia generalis zur iustitia
hinsichtlich ihres Gerechtseins kein Unterschied zwi- legalis: Die Politisierung des Gerechtigkeitsbegriffs im
schen ihnen besteht (vgl. Buoch der goetlîchen troes- 13. Jahrhundert am Beispiel des Aegidius Romanus. In:
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community: Augustine and his Pagan Models. In: Chris-
14 I Der Begriff der Gerechtigkeit

3 Geschichte des Gerechtigkeits- Gruppen, deren Interessen sie dienen; drittens die
begriffs: Neuzeit Möglichkeiten ihrer Realisierung durch soziale Institu-
tionen, die ihnen zu realer Geltung verhelfen.

Das neuzeitliche Verständnis von Gerechtigkeit


knüpft an den gelehrten Gerechtigkeitsdiskurs des Die Idee der Gerechtigkeit in der frühen
Mittelalters an, der seinerseits unter dem Einfluss des Neuzeit
Gerechtigkeitsdenkens der Antike stand und deren
Vokabular rezipierte. In der frühen Neuzeit erlebt die- Wie schon die Philosophie des Mittelalters geht auch
ses Vokabular jedoch eine erhebliche Bedeutungsver- das Denken der frühen Neuzeit von der auf Aristoteles
schiebung, die in das bis heute maßgebliche Grund- zurückgehenden Unterscheidung zwischen iustitia dis-
verständnis von Gerechtigkeit mündet. Dieses Ver- tributiva und iustitia commutativa aus. Hat die distri-
ständnis, das den modernen Begriff von Gerechtigkeit butive Gerechtigkeit (s. Kap. II.12) zunächst wenig Be-
konstituiert, hebt sich vom Verständnis früherer Zei- achtung gefunden, so war die ausgleichende Gerech-
ten durch folgende Merkmale ab: 1) durch die Aus- tigkeit (s. Kap. II.12), vor allem die Gerechtigkeit ver-
dehnung des Gegenstandsbereichs der Gerechtigkeit traglicher Tauschbeziehungen, Gegenstand vielfältiger
auf die institutionelle Rahmenordnung sozialen Han- Überlegungen: der Lehren vom gerechten Preis. Daraus
delns, so auf die Verfassung staatlicher Herrschaft und stechen zwei Ansätze hervor: zum einen der alte, an
die rechtliche Eigentumsordnung (während das anti- Aristoteles anknüpfende Ansatz, wonach ein Tausch
ke und mittelalterliche Gerechtigkeitsdenken haupt- gerecht ist, wenn die getauschten Güter gleichen Wert
sächlich auf interpersonales Handeln abstellte); 2) haben (so Albertus Magnus und Thomas von Aquin);
durch die Einbettung der Gerechtigkeit in eine Moral zum anderen die neuere Auffassung, vertragliche
der gleichen Achtung, der zufolge alle Menschen von Tauschverhältnisse seien gerecht, wenn der Preis der
Natur aus grundsätzlich gleichen Wert besitzen und getauschten Güter oder Leistungen dem Marktpreis
darum auch als Gleiche behandelt werden müssen entspricht, der im Wechselspiel von Angebot und
(wogegen das Gerechtigkeitsverständnis der Antike Nachfrage auf einem wohlgeordneten Markt zustande
und des Mittelalters geburtsbedingte Unterschiede kommt. Während sich der erste Ansatz zunehmend in
zuließ); 3) durch eine Verstärkung des der Idee der praktisch nutzlose Spekulationen über den Maßstab
Gerechtigkeit inhärenten Prinzips, Gleiches gleich zu des Wertes von Gütern verstieg (Kaulla 1904), hat sich
behandeln, durch das gehaltvollere Gleichheitspostulat, der zweite als fruchtbar erwiesen, weil er einige hand-
dass die Ungleichbehandlung von Personen in gerech- feste Kriterien dafür lieferte, wann vertragliche Ge-
tigkeitsrelevanten Kontexten einer allgemein einsich- schäfte im allseitigen Interesse der beteiligten Parteien
tigen Rechtfertigung bedarf (ein Postulat, das im Den- liegen und darum als gerecht gelten können, nämlich
ken der Antike und des Mittelalters kaum begegnet, dann, wenn sie von allen Parteien freiwillig in Kenntnis
zumindest keine breite Zustimmung fand). der relevanten Informationen unter ausgewoge-
Der moderne Gerechtigkeitsbegriff bildet die nen Wettbewerbsbedingungen abgeschlossen wer-
Grundlage für die Entwicklung einer Sequenz von spe- den. Dieser Ansatz wurde im 16. Jahrhundert von den
zifischeren Ideen und Forderungen, die in der Neuzeit Protagonisten der spanischen Spätscholastik, Francis-
von maßgeblichen Denkern formuliert und von macht- co de Vitoria und Luis de Molina, im Detail ausgearbei-
vollen sozialen Bewegungen verbreitet wurden und zur tet. Sie argumentierten, der gerechte Preis richte sich
heute vorherrschenden Vorstellung sozialer Gerechtig- nicht nach dem Gewinn und Verlust der Kaufleute,
keit (s. Kap. II.18) führten. Obwohl diese Entwicklung sondern nach dem Verhältnis von Angebot und Nach-
einer dem modernen Gerechtigkeitsverständnis inhä- frage an dem Ort, wo die Waren verkauft werden. Fer-
renten Logik folgt, kann sie angemessen nur verstan- ner betonten sie die Rolle des Wettbewerbs für die Bil-
den werden, wenn man die in ihrem Verlauf sich entfal- dung gerechter Marktpreise und überhaupt für das
tenden Ideen mit den sozialen Tatsachen in Beziehung Funktionieren des Marktes. Deshalb hielten sie regulie-
setzt, die ihr Auftreten bedingen und ihnen Wirksam- rende Maßnahmen der öffentlichen Autoritäten für zu-
keit verschaffen. Diese sozialen Tatsachen sind erstens lässig, ja geboten, um der Bildung privater Monopole
die gesellschaftlichen Konflikte und Probleme, auf de- und anderer Formen von Marktmacht entgegenzuwir-
ren Regelung jene Ideen zielen; zweitens die Organisa- ken (Höffner 1953; Trusen 1997; Langholm 1998).
tionsfähigkeit und Durchsetzungsmacht der sozialen Die Vorstellung, dass soziale Verhältnisse jedenfalls
3 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Neuzeit 15

dann als gerecht gelten können, wenn sie aus allseitig auch gewisse vorvertragliche natürliche Rechte und
vorteilhaften Vertragsbeziehungen resultieren, scheint Pflichten (wie das Recht auf Eigentum) annahmen,
bis weit in die Neuzeit hinein so bestechend gewesen wie etwa die Theorien von Samuel Pufendorf (Denzer
zu sein, dass sie nicht nur auf die Ergebnisse bilateraler 1972) und von John Locke (Euchner 2011). Die win-
Vertragsgeschäfte zwischen Privaten angewendet wur- dungsreiche Geschichte der Lehre vom Gesellschafts-
de, sondern darüber hinaus auf die Beziehungen zwi- vertrag spiegelt die sich verändernden sozialen Kon-
schen Fürsten und Ständen, zwischen den Fürsten un- flikte wider, die zur Herausbildung einiger grund-
tereinander und schließlich sogar auf die soziale Ord- legender Gerechtigkeitsforderungen der Moderne
nung politischer Gemeinwesen im Ganzen. So wurde Anlass gaben (Kersting 1994).
schon im Mittelalter der Versuch unternommen, die Der moderne Staat bildete sich seit Beginn der Neu-
Bedingungen der Legitimität politischer Herrschaft zeit aus der Welt des Mittelalters mit ihren ständischen
durch die Annahme eines Herrschaftsvertrags zu be- Unterschieden und vielfältig fragmentierten Herr-
gründen, durch den sich der Herrscher und die ihm schaftsverhältnissen im Wege verheerender Hegemo-
Unterworfenen auf ihre wechselseitigen Rechte und nialkriege zuerst in der Gestalt des landesfürstlichen
Pflichten einigen (Voight 1965). Da die Konstruktion Absolutismus heraus (Schulze 1994). Die Fürsten, die
eines solchen Vertrags die Existenz des Herrschers als in diesen Kriegen obsiegten und ein Territorium
gegeben voraussetzte, statt sie zu begründen, und da dauerhaft unter ihre Kontrolle zu bringen vermochten,
sie außerdem die Machtungleichheit zwischen den setzten ihren Anspruch auf absolute, uneingeschränk-
Parteien dieses Vertrags nicht in Frage stellte, hat sie in te Herrschaftsgewalt über dieses Territorium durch.
dem Maße an Plausibilität verloren, in dem die Idee Und eingedenk der desaströsen Kriege, die ihm voran-
der natürlichen Gleichheit der Menschen Verbreitung gegangen waren, wurde der Absolutismus vielerorts ei-
fand wie auch die Einsicht, dass vertragliche Überein- ne Zeitlang nicht nur von breiten Bevölkerungsteilen
künfte nur unter der Bedingung der gleichen Freiheit begrüßt, sondern auch von bedeutenden politischen
der beteiligten Parteien zu gerechten Ergebnissen füh- Denkern legitimiert, da sie von ihm viele Verbesserun-
ren. Damit lag es nahe, das Projekt, die Grundsätze ei- gen erhofften: Pazifizierung des Landes, Abbau stän-
ner legitimen politischen Ordnung durch die Annah- discher Ungleichheiten, Vereinheitlichung des Rechts-
me einer vertraglichen Übereinkunft ihrer Mitglieder wesens, Schaffung einer zentralen Verwaltungsorgani-
zu begründen, einer radikalen Revision zu unterzie- sation und Förderung des Wirtschaftslebens. So argu-
hen, die in den Theorien des Sozialkontrakts oder Ge- mentierte Thomas Hobbes (1651/1984), die Menschen
sellschaftsvertrags Niederschlag fand. im Naturzustand würden sich einmütig einer unein-
Ausgangspunkt dieser Theorien, die das rationale geschränkten Herrschaft der staatlichen Obrigkeit un-
Naturrechtsdenken vom 17. bis ins 19. Jahrhundert terwerfen, weil nur diese in der Lage sei, den Macht-
dominierten, war das Konstrukt eines Naturzustands. kampf eines jeden gegen jeden zu beenden und so den
Darunter stellte man sich einen anfänglichen Zustand Frieden und das Gedeihen der Gesellschaft zum Vor-
der Koexistenz ursprünglich freier und gleicher Men- teil aller zu sichern. Darum gebe es auch keine die
schen ohne rechtliche Ordnung vor, dessen Unsicher- staatliche Gewalt bindenden Gebote der Gerechtig-
heiten und Gefahren die Bewohner eines Landes nö- keit, weil diese erst aus den Regelungen der staatlichen
tigten, sich in ihrem wechselseitigen Interesse durch Ordnung resultierten. Dessen ungeachtet war Hobbes
eine allseitige Übereinkunft zu einem politischen Ge- ein vehementer Verfechter der Idee der rechtlichen
meinwesen zu vereinigen und sich eine Ordnung zu Gleichheit, nach der alle Bürger den gleichen allgemei-
geben, die das Leben, die Sicherheit und das Wohl- nen Gesetzen unterworfen sein sollten, eine Idee, die
ergehen aller Mitglieder wirksam sichert. Welchen vor allem in Kreisen des nichtadligen Besitzbürger-
Zwecken eine solche Ordnung im Einzelnen dienen tums wachsende Verbreitung fand.
und wie sie im Detail beschaffen sein sollte, darüber
stimmten die verschiedenen Theorien des Sozialkon-
trakts allerdings nicht überein. Dessen ungeachtet Der Kampf um bürgerliche Gleichheit
brachten diese Theorien – wenn auch meist nicht ex- und Freiheit
plizit, so doch in der Sache – das Problem der distribu-
tiven Gerechtigkeit sozialer Ordnungen ins Spiel, in- Die absolutistische Herrschaft hat jedoch die in sie ge-
dem sie zumindest eine anfängliche Gleichheit der setzten Hoffnungen im Laufe der Zeit immer mehr
Ausgangspositionen aller Beteiligten und vielfach enttäuscht. Denn einerseits blieben erhebliche recht-
16 I Der Begriff der Gerechtigkeit

liche Unterschiede zwischen den Ständen bestehen die auf die Verteilung gemeinschaftlicher Güter ab-
und andererseits nahmen zahlreiche Missstände über- stellt und sich darum im Fall der privaten Aneignung
hand, wie Korruption, Vetternwirtschaft, Verschwen- der ursprünglich im Gemeinbesitz der Menschen be-
dung, Willkürjustiz und Intoleranz. All dies brachte findlichen Naturgüter aufdrängt. Eben dies hat Kant
den Absolutismus zunehmend in Misskredit, vor al- (1797/1968, Rechtslehre § 41) deutlich unterstrichen,
lem beim wachsenden städtischen Bürgertum, das in indem er betonte, die distributive Gerechtigkeit erfor-
dem Maße, wie es wirtschaftlich reüssierte, mit zuneh- dere im Übergang zu einer rechtlichen Ordnung die
mender Vehemenz nicht nur rechtliche Gleichheit, allseitige Anerkennung der im Naturzustand erwor-
sondern auch bürgerliche Freiheit einforderte. Im Ein- benen Besitztümer der Einzelnen als deren Eigentum
zelnen wurden vor allem die folgenden Forderungen (Fleischacker 2004). Zur Attraktivität der besitzindi-
erhoben: Gleichheit aller Bürger im Recht durch all- vidualistischen Auffassung bürgerlicher Gleichheit
gemeine, für alle gleichermaßen geltende Gesetze, und Freiheit trug aber auch die im 18. Jahrhundert
Schutz der physischen Freiheit jeder Person, Religi- aufkommende liberale Wirtschaftslehre der klassi-
ons- und Gewissensfreiheit, Meinungs- und Redefrei- schen Ökonomik mit der Auffassung bei, die größt-
heit, Eigentums- und Vertragsfreiheit, Unabhängig- mögliche gleiche Freiheit der Bürger – insbesondere
keit der Gerichte und ein gewisses Maß an politischer die Freiheit des Eigentums, des Vertragsverkehrs und
Mitsprache (Grimm 1987, 53–83). Das gedankliche des Gewerbes – führe von selber zu einem Zustand
Fundament für diese Forderungen lieferten zwei ei- allgemeiner Wohlfahrt, weil das eigennützige Han-
nander ergänzende Lehren: zum einen die rationale deln der Menschen durch den Marktprozess letztlich
Naturrechtslehre in Gestalt der Sozialkontraktstheo- zum Vorteil aller ausschlage (Smith 1776/1974; Sturn
rien nach Hobbes sowie zum anderen die liberale 2008). Demgemäß meinte David Hume (1751/1984,
Wirtschaftslehre in Gestalt der von Adam Smith in- 112–125), die Gerechtigkeit einer Gesellschaft forde-
augurierten klassischen politischen Ökonomie. re nicht mehr als den wirksamen rechtlichen Schutz
Die einflussreichste jener Sozialkontraktstheorien der individuellen Freiheit und des privaten Eigen-
war die von John Locke (1690/1977). Sie modelliert tums der Bürger und die Durchsetzung freiwillig ge-
die staatliche Ordnung als das Ergebnis eines Vertrags schlossener Verträge.
gleicher und freier Bürger, die sich deshalb, weil ih- Im Namen der von diesen Lehren artikulierten Ide-
nen schon im Naturzustand bestimmte natürliche en von Gleichheit und Freiheit formierten sich in wei-
Rechte – nämlich die auf Leben, Gesundheit, Freiheit ten Teilen der westlichen Welt bürgerliche Bewegun-
und Eigentum – zukommen, staatlicher Herrschaft gen, die, in einigen Ländern durch gewaltsame Revo-
nur in dem für die Sicherung jener Rechte notwendi- lutionen, über kurz oder lang ihre wesentlichen For-
gen Umfang unterwerfen. Das erfordere eine konsti- derungen durchsetzen konnten. So wurden nach und
tutionelle Staatsform, deren Gesetzgebung in den nach Verfassungen erkämpft, die rechtliche Gleichheit
Händen der Besitzenden liegt und deren Gerichtsbar- und die elementarsten Freiheitsrechte garantierten,
keit dem Herrscher entzogen ist. In diesem Zusam- die staatliche Herrschaft durch Gewaltenteilung und
menhang entwickelte Locke auch eine neue Konzep- Gesetzesbindung beschränkten und dem besitzenden
tion des ursprünglichen Eigentumserwerbs, der zu- Bürgertum ein bescheidenes Maß an politischer Mit-
folge privates Eigentum an den – anfänglich allen sprache gewährten. Damit wandelte sich die absolute
Menschen zur freien Verfügung stehenden – Natur- Monarchie in den bürgerlichen Verfassungsstaat, sei es
gütern ursprünglich nicht durch deren Okkupation, in Form einer konstitutionellen Monarchie oder einer
wie bis dahin angenommen wurde, sondern durch Republik (Dann 1980, 132–218; Grimm 1991, 31–61).
Arbeit entstehe (Brocker 1992). Denn, so argumen- Die Errungenschaften dieser staatlichen Ordnung ka-
tierte er, indem eine Person herrenlose Naturgüter men jedoch hauptsächlich dem wohlhabenden Besitz-
bearbeite, erwerbe sie daran privates Eigentum, so- bürgertum zugute, während sie den unteren sozialen
fern sie sich davon nicht mehr aneigne, als sie selber Schichten – den kleinen Bauern und Gewerbetreiben-
nutzen könne, und für Andere genügend Naturgüter den sowie der rapide wachsenden Klasse besitzloser
gleicher Qualität zum Aneignen übrig lasse. Diese Arbeiter – wenig brachten oder sogar zum Nachteil
Einschränkungen, die Locke jedoch durch diverse ausschlugen. Denn diese Schichten blieben nicht nur
Ausnahmen weitgehend lockerte, zielten offenbar da- weiterhin von jeder politischen Mitsprache aus-
rauf ab, die von ihm konzipierte Eigentumsordnung geschlossen, sondern ihnen wurden überdies die für
mit der Idee distributiver Gerechtigkeit zu versöhnen, die Verfolgung ihrer Interessen maßgeblichen Freihei-
3 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Neuzeit 17

ten, wie Meinungs-, Versammlungs- und Koalitions- Klassen zunehmend als unerträglich und ungerecht
freiheit, weitgehend verwehrt. empfunden. In den fortgeschrittenen Industriegesell-
In Reaktion auf diese von breiten Bevölkerungstei- schaften wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die
len als ungerecht empfundene Benachteiligung for- Soziale Frage zum beherrschenden Thema der öffent-
mierte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine wach- lichen Debatte, und allmählich bürgerte sich die Rede
sende demokratische Bewegung, die uneingeschränkte von sozialer Gerechtigkeit ein, um der Forderung nach
Grundfreiheiten und politische Mitsprache für alle einer grundlegenden Reform der bestehenden kapita-
Bürger forderte, womit zunächst meist nur die männ- listischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung
lichen Bürger gemeint waren, bis die langsam erstar- Nachdruck zu verleihen (Dann 1980, 219–235).
kende Frauenrechtsbewegung ihrem Verlangen nach In dem Maße, in dem mit der Ausbreitung des Ka-
Gleichberechtigung nach und nach Gehör verschaffen pitalismus die Arbeiterklasse anwuchs, verstärkten
konnte. Nachdem es in vielen Ländern gelungen war, sich auch deren Bemühungen, sich zu organisieren,
zunächst eine Ausweitung des Wahlrechts auf breitere um gemeinsam für eine Verbesserung ihrer Lebens-
Teile der Bevölkerung zu erreichen, ging es schließlich und Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Trotz des Koa-
um das allgemeine und gleiche Wahlrecht, das um die litions- und Streikverbots und drückender polizei-
Jahrhundertwende vielerorts für die Männer ein- licher Repression schlossen sich immer mehr Arbei-
geführt und später auf die Frauen ausgedehnt wurde ter zu Arbeitervereinen, Gewerkschaften und schließ-
(Canfora 2006). Auch die demokratische Bewegung lich auch zu politischen Parteien zusammen. Nach
konnte sich auf diverse Lehren des rationalen Natur- und nach bildete sich eine neue soziale Bewegung, die
rechts und der Philosophie der Aufklärung berufen, Arbeiterbewegung, die vor allem folgende Forderun-
wie jene von Jean-Jacques Rousseau (1762/1977) oder gen erhob: uneingeschränkte Gewährleistung der
Thomas Paine (1776/1982), denen zufolge alle Bürger bürgerlichen Rechte und Freiheiten, insbesondere
Anspruch auf gleiche Teilhabe an der Gesetzgebung der Koalitionsbildung und der politischen Betäti-
haben, weil sie nur so ihre natürliche Freiheit mit der gung, allgemeines und gleiches Wahlrecht, Verbot der
Unterwerfung unter allgemein verbindliche Zwangs- Kinderarbeit, Beschränkung der Arbeitszeit, Streik-
gesetze in Einklang bringen und sich gegen den Miss- recht und kollektive Arbeitsverträge, Existenzsiche-
brauch und die Korruption der staatlichen Gewalt ab- rung kranker und alter Menschen sowie als Fernziele
sichern können. überhaupt die Beseitigung der Klassenunterschiede
und eine gerechte Verteilung des gesellschaftlichen
Reichtums (Abendroth 1975). Auch die Forderungen
Die Forderung sozialer Gerechtigkeit der Arbeiterbewegung fanden theoretische Unter-
stützung durch vielfältige Konzepte, die von radika-
Mit dem Kampf um demokratische Beteiligung eng len Entwürfen eines revolutionären Umbaus der kapi-
verschränkt war ein weiterer sozialer Konflikt, der mit talistischen Gesellschaft in eine sozialistische bis zu
der rasanten Entwicklung des Kapitalismus im Gefol- gemäßigten Projekten einer Reform des kapitalisti-
ge der industriellen Revolution immer mehr an Schär- schen Systems durch dessen politische Regulierung
fe gewann: die wachsende Spaltung der Gesellschaft, reichten (Hofmann 1974).
als deren Resultat sich zwei Klassen formierten, näm- Zu den bedeutendsten und einflussreichsten Theo-
lich einerseits eine relativ kleine Zahl von Besitzen- retikern des radikalen Flügels gehören Karl Marx und
den, die dank der steigenden Produktivität der in ih- Friedrich Engels, die jedoch glaubten, ihre Kritik der
rem Eigentum befindlichen Produktionsmittel große kapitalistischen Gesellschaft und ihre Hoffnung auf
Gewinne erzielen und ihren Reichtum weiter mehren eine sozialistische Revolution allein auf die Einsicht in
konnten, und andererseits eine ständig wachsende den notwendigen Geschichtsverlauf stützen zu kön-
Masse besitzloser Lohnarbeiter, die mit ihrer Arbeit, nen, ohne ein Konzept von Gerechtigkeit zu benöti-
falls sie eine fanden, trotz überlanger Arbeitszeiten gen (Marx 1891/1968). Doch in dieser Hinsicht haben
und schlimmer Arbeitsbedingungen kaum ihren Le- sie wohl geirrt, da die zentralen Begriffe ihrer Analyse
bensunterhalt bestreiten konnten und im Fall von Ar- des Kapitalismus – wie ›Mehrwert‹, ›Ausbeutung‹,
beitslosigkeit und Krankheit vollends in Elend versan- ›Klassengesellschaft‹ – die Vorstellung einer gerechten
ken. Diese Entwicklung provozierte nicht nur auf Sei- Gesellschaftsordnung reflektieren, die allen Mitglie-
ten der Arbeiterschaft wachsenden Widerstand, son- dern gleiche soziale Entfaltungsmöglichkeiten bietet
dern wurde auch von Teilen der besser gestellten und einen angemessenen Anteil an den Früchten der
18 I Der Begriff der Gerechtigkeit

wirtschaftlichen Zusammenarbeit zukommen lässt lich interpretiert wurde und wird, inkludiert er jeden-
(Peffer 1990). falls zwei Forderungen: die Forderung sozialer Chan-
Aus der Vielfalt der gemäßigten Ansätze stechen cengleichheit (s. Kap. II.26), die zuerst hauptsächlich
drei Lager hervor: erstens das sozialdemokratische La- auf die Verringerung der Klassenunterschiede durch
ger, dessen Vordenker, darunter Ferdinand Lassalle die Verbesserung der sozialen Lage der Unterschich-
(Na’aman 1991), für eine Transformation des Kapita- ten zielte und danach in Richtung auf eine weiter ge-
lismus in eine sozialistische Gesellschaft im Wege tief- hende Angleichung der individuellen Startpositionen
greifender Sozialreformen plädierten; zweitens das so- und Erfolgsaussichten ausgedehnt wurde; und die
zialliberale Lager, dessen Vertreter, wie Gustav Schmol- Forderung ökonomischer Verteilungsgerechtigkeit, die
ler (Goldschmidt 2008), für eine Domestizierung des sich anfänglich insbesondere gegen die ausbeuteri-
kapitalistischen Systems durch staatliche Marktregu- schen Arbeitsverhältnisse im industriellen Sektor
lierung und öffentliche Einrichtungen sozialer Siche- richtete und dann in einem weiteren Sinn die Kritik
rung eintraten (Müssiggang 1968); und drittens das der fortbestehenden wirtschaftlichen Ungleichheiten
christlich-soziale Lager, dessen Protagonisten, darunter fundierte, deren Ausmaß in keinem Verhältnis zu den
Heinrich Pesch (Große Kracht 2007) und Oswald Nell- geleisteten Beiträgen zur gesellschaftlichen Wert-
Breuning (Hengsbach et al. 1990), zwischen Kapitalis- schöpfung zu stehen schien.
mus und Sozialismus einen dritten Weg konzipierten, Beflügelt von der Idee der sozialen Gerechtigkeit,
auf dem die offenkundigen Unzulänglichkeiten des gelang es der mit der industriellen Entwicklung an-
Marktsystems gemäß dem Subsidiaritätsprinzip durch wachsenden Arbeiterbewegung, Gewerkschaften und
geeignete staatliche Maßnahmen korrigiert werden Massenparteien zu bilden, die in den entwickelten Ge-
sollten (Löffler 2001). sellschaften einen bis weit in die zweite Hälfte des
Alle diese Doktrinen der sozialen Bewegung haben 20. Jahrhunderts dauernden Prozess der sozialen Re-
trotz ihrer Differenzen etwas gemeinsam, wodurch sie form bewirken konnten, der mehr oder minder un-
sich von den früheren Theorien unterscheiden: Das ist geplant zu der heute existierenden gemischten Gesell-
die ihnen zugrunde liegende kommunitäre Gesell- schaftsordnung einer Marktwirtschaft mit einem Sozi-
schaftsauffassung, die den Gemeinschaftscharakter alstaat führte.
der modernen Gesellschaft betont. Anders als der
klassische Liberalismus, der eine Gesellschaft als eine
Ansammlung selbständiger, mit Eigentumsrechten Ausblick
ausgestatteter Individuen betrachtete, verstehen die
Theorien der Arbeiterbewegung die Gesellschaft als Die in groben Strichen skizzierte Geschichte der Ge-
eine Gemeinschaft, in der alle Mitglieder gemeinsam rechtigkeit in der Neuzeit sollte deutlich machen, wie
das allgemeine Wohl und den gesellschaftlichen sich der moderne Begriff von Gerechtigkeit im Zu-
Reichtum hervorbringen und deshalb nicht nur An- sammenwirken mit den gesellschaftlichen Entwick-
spruch auf gleiche bürgerliche Rechte und Freiheiten, lungen nach und nach in spezifischere Forderungen
sondern auch auf gerechte Teilhabe am gesellschaftli- der Gerechtigkeit differenziert hat, die heute zumin-
chen Leben und an der wirtschaftlichen Wertschöp- dest im Prinzip weithin Zustimmung finden und zu-
fung haben (Marshall 1992). Diese Gesellschaftsauf- sammen die heute in entwickelten demokratischen
fassung wurde von den radikalen Theorien mit der Gesellschaften vorherrschende Vorstellung sozialer Ge-
von ihnen propagierten Idee des Kommunismus auf rechtigkeit bilden: die Forderungen rechtlicher Gleich-
die Spitze getrieben, spielt aber auch in den reformisti- heit, bürgerlicher Freiheit, demokratischer Teilhabe,
schen Ansätzen eine tragende Rolle. So betont sozialer Chancengleichheit und wirtschaftlicher Ver-
Schmoller (1881), die fortschreitende Arbeitsteilung teilungsgerechtigkeit. Da alle diese Forderungen mehr
verbinde die Einzelnen zu einer unlöslichen Gemein- oder minder unbestimmt und im Detail umstritten
schaft, deren Produktion den Charakter eines gemein- sind, wurden in den vergangenen Jahrzehnten zahlrei-
samen Unternehmens annehme, womit sich die For- che Theorien der Gerechtigkeit entwickelt mit dem
derung nach einer gerechten Verteilung des Sozial- Ziel, die Forderungen in ihrer Gesamtheit systema-
produkts erhebe. Und dies ist auch die Zielrichtung tisch zu begründen und einer näheren Interpretation
des Begriffs der sozialen Gerechtigkeit, der sich gegen zuzuführen. Die bekannteste und originellste dieser
Ende des 19. Jahrhunderts einzubürgern begann (Wil- Theorien stammt von John Rawls, dessen Werk A
loughby 1900). Auch wenn dieser Begriff unterschied- Theory of Justice (1971) weit über die akademische
3 Geschichte des Gerechtigkeitsbegriffs: Neuzeit 19

Philosophie hinaus Resonanz gefunden und einen Metaphysik. Zur Solidarismus-Konzeption von Heinrich
enormen, bis heute anwachsenden Strom von Trakta- Pesch SJ. In: Hermann-Josef Große Kracht/Tobias Kar-
ten über Gerechtigkeit ausgelöst hat. Da sich Rawls’ cher/Christian Spieß (Hg.): Das System des Solidarismus.
Zur Auseinandersetzung mit dem Werk von Heinrich Pesch
Theorie – wie auch die meisten anderen, ihr nachfol- SJ. Berlin 2007, 59–89.
genden Traktate – im Wesentlichen auf eine rationale Hengsbach, Friedhelm SJ/Möhring-Hesse, Matthias/Schroe-
Rekonstruktion und Fundierung der vorherrschen- der, Wolfgang: Ein unbekannter Bekannter. Eine Auseinan-
den Vorstellung von Gerechtigkeit beschränkt und dersetzung mit dem Werk von Oswald Nell-Breuning. Köln
damit die Entwicklung des letzten Jahrhunderts 1990.
Hobbes, Thomas: Leviathan. Hg. von Iring Fetscher. Frank-
gleichsam nachholend reflektiert, ist sie allerdings
furt a. M. 1984 (engl. 1651).
kaum geeignet, gegenwärtigen und künftigen sozialen Höffner, Joseph: Der Wettbewerb in der Scholastik. In: Ordo
Bewegungen eine neue Perspektive für den Kampf um 5 (1953), 181–202.
Gerechtigkeit zu eröffnen; dies schon deswegen nicht, Hofmann, Werner: Ideengeschichte der sozialen Bewegung
weil sie – wie alle erwähnten Gerechtigkeitsideen der des 19. und 20. Jahrhunderts. Berlin/New York 51974.
Neuzeit – ausschließlich auf die interne soziale Ord- Hume, David: Eine Untersuchung über die Prinzipien der
Moral. Hg. von Gerhard Streminger. Stuttgart 1984 (engl.
nung einzelner Gesellschaften abstellt und die interna- 1751).
tionale Ordnung außer Betracht lässt. Kant, Immanuel: Metaphysik der Sitten [1797]. In: Ders.:
So unverzichtbar die genannten Forderungen der Werke in zwölf Bänden. Hg. von Wilhelm Weischedel, Bd.
Gerechtigkeit für den politischen Kampf um eine ge- VIII. Frankfurt a. M. 1968.
rechte innere Ordnung der nationalen Gesellschaften Kaulla, Rudolf: Die Lehre vom gerechten Preis in der Scho-
lastik. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft
sind, um deren Errungenschaften zu bewahren und
60/4 (1904), 579–602.
verbleibende Ungerechtigkeiten zu verringern, so we- Kersting, Wolfgang: Die politische Philosophie des Gesell-
nig taugen sie für die Bewältigung der Konflikte und schaftsvertrags. Darmstadt 1994.
Probleme, die sich aus dem seit einiger Zeit rapide Langholm, Odd: The Legacy of Scholasticism in Economic
fortschreitenden Prozess der Globalisierung ergeben. Thought. Cambridge 1998.
Diese Entwicklung wirft eine Vielzahl drängender Ge- Locke, John: Zwei Abhandlungen über die Regierung. Hg. von
Walter Euchner. Frankfurt a. M. 1977 (engl. 1690).
rechtigkeitsfragen neuen Zuschnitts auf, nämlich Fra-
Löffler, Winfried: Soziale Gerechtigkeit. Wurzeln und Ge-
gen der globalen und internationalen Gerechtigkeit, genwart eines Konzepts in der Christlichen Soziallehre.
die gegenwärtig in den Wissenschaften, aber auch in In: Peter Koller (Hg.): Gerechtigkeit im politischen Diskurs
der Öffentlichkeit in wachsendem Umfang zur Debat- der Gegenwart. Wien 2001, 65–88.
te stehen. Marshall, Thomas H.: Bürgerrechte und soziale Klassen.
Frankfurt a. M. 1992 (engl. 1981).
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Die politische Philosophie ist für Hobbes im Unter-
schied zu Platon und Aristoteles nicht mehr die Lehre
vom gelungenen Leben, sondern die Ursachenwissen-
schaft von Krieg und Frieden. Der neue Gedanke ist,
den Menschen nicht wie bei Aristoteles als ein soziales
Wesen, das seine Bestimmung in der Gemeinschaft
findet zu denken, sondern als Individuum, das sich
nur auf sich selbst und seine eigene Vernunft berufen
kann und zunächst nur auf seinen eigenen Vorteil
blickt. Die staatliche Zwangsordnung, die die indivi-
duelle Freiheit einschränkt, kann dabei nur unter Re-
kurs darauf legitimiert werden, dass jeder Einzelne sie
der Anarchie vorziehen würde. Hobbes macht diese
Annahme durch das Gedankenexperiment des Natur-
zustandes deutlich. Dazu muss man sich den Staat, der
die Neigung des Menschen, sich alles anzueignen, zu-
nächst in Schach hält, wegdenken.
Nach Hobbes ist die menschliche Natur durch »ers-
tens Konkurrenz, zweitens Unsicherheit, drittens
Ruhmsucht« (Hobbes 1651/1996, 104) gekennzeich-
net. Das, was der Einzelne für gut im Sinne von erstre-
benswert hält, was ihn antreibt, führt nicht natürlich
zu einem gelungenen Zusammenleben. Im Gegenteil:
Zwei Menschen, die dasselbe Ding begehren, werden
zu Feinden, wenn es nur einer haben kann. Daraus
folgt die Vernichtung des Anderen oder dessen Unter-
werfung. So ist der Naturzustand ein permanenter
Kriegszustand, in dem sich jeder gegenüber jedem an-
deren befindet, ein Krieg aller gegen alle, in dem jeder
um sein Leben fürchten muss. Da Hobbes davon aus-
geht, dass sich die Menschen hinsichtlich ihrer kör-
perlichen und geistigen Fähigkeiten nicht so sehr un-
terscheiden, dass nicht jeder – notfalls durch Zusam-
menarbeit mit anderen – in der Lage wäre, jeden an-
deren zu töten, ist der Hobbessche Naturzustand auch
ein Zustand der Gleichheit. Es besteht zwischen allen
Menschen eine permanente Bedrohungssituation.
Dieser Zustand scheint nun, weil jeder, der an seiner
Selbsterhaltung interessiert ist, auch Präventivkriege
gegen andere führen muss, die das gegenseitige Miss-
trauen verstärken, ziemlich ausweglos. Das mensch-
liche Leben in diesem Zustand ist »einsam, armselig,
widerwärtig, vertiert und kurz« (ebd., 105). Da sich al-
4 Grundpositionen der Gerechtigkeitstheorie in Neuzeit und Gegenwart 21

le permanent bekriegen, kann es zu keiner Kultur und John Locke, Jean-Jaques Rousseau
zu keiner materiellen Sicherheit kommen. Es gibt kei- und Immanuel Kant: Eigentum und
nen Rechtsschutz und kein Eigentum. Jeder hat ein Gerechtigkeit
grenzenloses natürliches »Recht auf alles« (ebd., 108).
Wie kann nun eine Einigung, die im langfristigen Bei den auf Hobbes folgenden klassischen vertrags-
Eigeninteresse der Beteiligten liegen muss, erzielt wer- theoretischen und naturrechtlichen Ansätzen spielt
den? Die Überwindung des Naturzustands ist teils von Privateigentum (fast immer als Bodenbesitz verstan-
den Leidenschaften, teils von der Vernunft motiviert. den) eine zentrale Rolle bei der Frage der Legitimität
Die Furcht vor dem Tode einerseits und das Verlangen einer rechtlichen und staatlichen Ordnung im All-
nach Dingen, die das Leben angenehmer machen an- gemeinen und der Legitimität spezifischer rechtlicher
dererseits, bringen die Vernunft des Menschen zu der Normen insbesondere. So besteht ein vertragstheoreti-
Einsicht, dass ein friedlicher Zustand langfristig bes- sches Hauptargument in der Rechtfertigung der Er-
ser wäre als der Naturzustand. Aber erst die Errich- richtung des Staates bzw. des bürgerlichen Zustandes
tung des Staates, d. h. das Einsetzen einer Zwangs- aufgrund der Notwendigkeit, die Rechte der (Land-)
gewalt, führt zur Überwindung des Naturzustandes. Eigentümer gegen die Eingriffe anderer zu schützen,
Der Staat kann durch die Androhung einer Strafe die denen sie im Naturzustand ausgesetzt sind. Der Staat
Erfüllung von Verträgen garantieren. Ferner sorgt er diene somit der Erfüllung der traditionellen Maxime
für die Sicherung des Besitzes, um derentwillen man suum unicuique tribue, d. h. »gebe jedem das Seine«. Zu
auf sein ›Recht auf alles‹ verzichtet. den Autoren, die die Errichtung des Staates mit diesem
Der Staatsvertrag ist bei Hobbes ein Unterwerfungs- Argument gerechtfertigt haben, zählt auch John Locke,
vertrag: Jeder schließt mit jedem einen Vertrag darüber der sowohl eine naturrechtliche Position (bezüglich
ab, auf sein ›Recht auf alles‹, das ihm im Naturzustand des Rechts auf Eigentum) als auch einen vertragstheo-
zukommt, zu verzichten und jeder überträgt sein retischen Ansatz (bezüglich der Entstehung des Staats)
›Recht auf alles‹ auf den Souverän. Das ist die Lehre vertritt. Das Recht auf Eigentum besteht demnach
vom Souverän als autorisiertem Stellvertreter (Hobbes noch vor seiner Positivierung durch den Staat, bedarf
1651/1996, 134–139). Dieser ist nicht Vertragspartner, jedoch seinerseits einer Rechtfertigung (Locke 1689/
sondern der Gesetzgeber. Er ist der einzige, der sein 1977). In dieser Hinsicht geht Locke einen Schritt wei-
›Recht auf alles‹ behält und letztinstanzlich alle Streit- ter als seine Vorgänger und hinterfragt die Legitimität
fragen klären soll, die zwischen den Untertanen auftre- von Eigentum überhaupt. Dabei entwickelt er in seiner
ten können. Gewaltenteilung ist in Hobbes’ Staatstheo- Zweiten Abhandlung über die Regierung eine originelle
rie nicht vorgesehen, sondern das Volk wird zu einer Theorie der Entstehung des Bodenbesitzes, die gleich-
Person durch die Einheit der Person, die es vertritt zeitig das entsprechende Recht begründen soll (ebd.).
(ebd., 144 f.). Stabilität wird durch die Letztinstanzlich- Zunächst ist festzustellen, dass Locke Eigentum wei-
keit der souveränen Entscheidungen erreicht. Und die- ter auffasst als andere Autoren. So gehören zum Privat-
se Stabilität, die der Staatsvertrag garantiert, ist auch besitz eines Individuums nicht nur Bodenparzellen
der Hauptgrund, ihn dem Naturzustand vorzuziehen. und materielle Sachen, sondern auch (und ursprüng-
Der Vertrag ist für Hobbes der »Ursprung der Ge- licher) sein Leben und sein Leib. Um sich am Leben zu
rechtigkeit« (ebd., 120). Da aber ohne Zwangsgewalt erhalten, bearbeitet [der Mensch] durch Einsatz seiner
kein Vertrag gültig ist, gibt es Gerechtigkeit für ihn nur körperlichen Kraft die Ressourcen, die ihm die Natur
im Staat. Ungerechtigkeit wird als »die Nichterfüllung anbietet – allen voran den Boden. Dadurch gewinnt er
eines Vertrages« (ebd.) definiert und setzt damit eben- das Recht auf die ausschließliche Verfügung über die
so wie die Gerechtigkeit den Staat voraus. Hobbes’ Ge- Früchte seiner Tätigkeit, einschließlich über das Stück
rechtigkeitsauffassung ist entsprechend rechtspositi- Land, das er bewirtschaftet hat. Allerdings erstreckt
vistisch und unterscheidet sich damit grundlegend von sich dieses Recht nur auf jene natürlichen Produkte,
Auffassungen, die natürliche Rechte als vertragsnor- die für das Überleben des Individuums und seiner Fa-
mierend und vertragstranszendent begriffen haben milie notwendig sind. Sollte die Ernte größer als sein
(zur Diskussion der umstrittenen Frage, ob Hobbes ein Bedarf sein, hat er kein Recht auf diesen Überschuss,
Rechtspositivist oder doch ein Naturrechtler ist, vgl. und sollte ihn denjenigen zur Verfügung stellen, die
Kap. 26 des Leviathan sowie Höffe 1996). Gerechtigkeit nicht genug haben. Diese Klausel wird allerdings von
meint bei Hobbes darüber hinaus nur formal das Ein- Locke selbst sofort abgeschwächt, wenn nicht komplett
halten von Verträgen, deren Inhalt überprüft sie nicht. umgangen, wenn er erklärt, dass es doch erlaubt sei,
22 I Der Begriff der Gerechtigkeit

den Überschuss zu behalten, wenn es sich um lager- die Früchte allen gehören und die Erde niemandem‹«
fähige Produkte handelt (z. B. um Nüsse und nicht um (Rousseau 1755/2008, 173).
Salat). Da außerdem die Menschen die Möglichkeit ha-
ben, die im Überschuss produzierten Güter mit den Nach Rousseau resultiert Privateigentum von Land al-
von anderen produzierten Gütern zu tauschen, haben so von vornherein aus einem Betrug und stellt eine
sie das Recht, Güter zu produzieren, die nicht zum un- Verletzung des ursprünglichen Rechts aller auf die
mittelbaren Verzehr dienen. Somit entsteht ein rudi- Früchte der Erde dar. Es ist somit höchst ungerecht.
mentärer Markt, der die Einführung eines allgemeinen Nichtsdestotrotz rekurriert Rousseau in seinem Gesell-
Tauschmittels erfordert. Die produzierten Güter wer- schaftsvertrag (1762/2010) auf das übliche vertrags-
den nicht länger für andere Güter, sondern für das theoretische Argument, nach dem sich die Individuen
Tauschmittel getauscht. Dieses besteht aus einem Gut, in eine bürgerliche Gesellschaft vereinigen und einer
das nicht verderblich ist – normalerweise aus Metall – Rechtsordnung unterwerfen, um ihr Leben und Eigen-
und kann uneingeschränkt akkumuliert werden. tum gegen die fremde Gewalt zu sichern. Möge der Ur-
Schrittweise wird damit das Recht auf Geldakku- sprung des Privateigentums ungerecht sein, so handelt
mulation gerechtfertigt, das an sich aus dem Recht auf es sich doch um eine aus der modernen Gesellschaft
jene Früchte der eigenen körperlichen Arbeit, die zum nicht wegzudenkende Institution. Ihr Schutz könne
eigenen Überleben dienen, nicht unmittelbar folgt. somit zu einem Kriterium werden, nicht bloß um die
Außerdem wird das Recht auf die Erträge gerechtfer- Effizienz einer Rechts- und Staatsordnung zu messen,
tigt, die das Geld durch Investition und Ausleihe in sondern auch um ihre Legitimität zu überprüfen.
der Form von Zinsen und Renditen aufbringt. Was zu- Das andere zentrale Kriterium, das nach Rousseau
nächst wie eine Rechtfertigungsstrategie aussieht, die für die Legitimität einer Rechts- und Staatsordnung
zur Kritik der herrschenden Eigentumsverhältnisse entscheidend ist, ist die direkte Teilnahme der Staats-
hätte führen können, resultiert somit in das Gegenteil bürger am gesetzgebenden Prozess. Damit eine recht-
einer solchen Kritik, also in die Legitimierung dieser liche Ordnung wahrlich legitim wird, sollen die Indi-
Verhältnisse und der Mechanismen, die zu ihnen ge- viduen, die ihren Gesetzen gehorchen, gleichzeitig die
führt haben. Der Produktion von Gütern und dem Urheber derselben Gesetze sein: Jeder Staatsbürger
Markt wohnt somit eine Gerechtigkeit inne, nach der vereinigt in sich die beiden Rollen des Untertanen und
jeder durch die eigene Arbeit bzw. durch die Mobili- des Souveräns. Gerechtigkeit entsteht entsprechend in
sierung der Erträge dieser Arbeit (etwa durch Investi- einer Rechts- und Staatsordnung nur dann, wenn die
tion des damit verdienten Geldes) das bekommt, was citoyens (Bürger) für deren Normen verantwortlich
ihm zusteht. Dem Staat obliegt nun, zu sichern, dass sind, denn nur somit entscheiden sie autonom über
nichts das Funktionieren dieser Mechanismen zur ihr Leben. Rousseau verwirft jegliche Art politischer
Schaffung und Verteilung von Reichtum stört. Repräsentation als eine Form von Sklaverei, und somit
Der prominenteste Autor, der sich historisch zum eines ungerechten, illegitimen Regimes.
Teil gegen eine solche Rechtfertigung des wirtschaftli- Ähnlich wie Locke und Rousseau scheint Immanuel
chen Status quo ausspricht ist Jean-Jacques Rousseau. Kant zu argumentieren, wenn er in der Rechtslehre
In seiner Rede über den Ursprung und die Grundlage (1797) die klassische Formel suum cuique tribue als
der Ungleichheit unter den Menschen rekonstruiert der »Tritt in einen Zustand, worin jedermann das Seine
Genfer Philosoph die Entstehung des Privateigentums gegen jeden anderen gesichert sein kann« übersetzt
mit den sehr kritischen Worten: bzw. neu interpretiert (AA VI, 237). Auch Kant vertei-
digt somit die Idee, der bürgerliche Zustand solle zur
»Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es Sicherung des Privateigentums dienen (obwohl er
sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute schließlich die Entstehung des Staates durch ein Postu-
fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war lat begründet, das gebietet, die eigene äußere Freiheit
der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie zu schützen – und nicht durch Hinweis auf das Eigen-
viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Not und Elend interesse der besitzenden Individuen). Dies erklärt
und wie viele Schrecken hätte derjenige dem Men- auch, warum er, wenn er die drei traditionellen Arten
schengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen der iustitia (tutatrix, commutativa und distributiva –
oder den Graben zugeschüttet und seinen Mitmen- respektiv: schützende, ›wechselseitig erwerbende‹ und
schen zugerufen hätte: ›Hütet euch, auf diesen Betrü- verteilende Gerechtigkeit) einführt, die letzten zwei
ger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass auf die Frage von Eigentum bezieht (die erste bezieht
4 Grundpositionen der Gerechtigkeitstheorie in Neuzeit und Gegenwart 23

sich auf den Schutz der Rechtspersönlichkeit des ein- mäßigte Knappheit geben, zweitens muss ein Interes-
zelnen Subjekts). Dabei fällt auf, dass nach Kant die sengegensatz bestehen und drittens muss ein relatives
iustitia distributiva eigentlich keine Verteilung gebie- Machtgleichgewicht herrschen. Die erste Annahme ist
tet, sondern im Gegenteil jedem das sichern soll, was wichtig, weil sich unter der Bedingung eines absoluten
er ohnehin schon besitzt. Gerecht ist somit die Rechts- Überflusses jeder nehmen kann, was er begehrt und es
ordnung, die keine direkte Verteilung vornimmt, auch entsprechend kein Gerechtigkeitsproblem gibt. Unter
nicht um den arbiträren Charakter der ursprünglichen den Bedingungen absoluter Knappheit hingegen
Aneignung des Bodens durch die Menschen zu korri- kämpft jeder um sein Überleben. Auch dann ist für
gieren. Vielmehr soll sie den provisorischen Status der Gerechtigkeitsfragen kein Platz. Die Bedingung des
im Naturzustand herrschenden (Privat-)Rechtsver- Interessengegensatzes ist eine eigene Bedingung, weil
hältnisse verändern, damit diese einen peremptori- auch dann vollkommene Interessenharmonie beste-
schen (sprich: endgültigen) Charakter annehmen. Ge- hen kann, wenn die Güter gemäßigt knapp sind. Wenn
rechtigkeit ist also rein rechtlich-formal als die defini- es beispielsweise auf einer Feier nicht genug Bier und
tive, durch die Staatsmacht sanktionierte Sicherung Wein für alle gibt, dann stellt das kein Gerechtigkeits-
des juridischen Charakters von zwischenmensch- problem dar, wenn einige Gäste nur Wein und andere
lichen Verhältnissen zu verstehen, die an sich zwar le- Gäste nur Bier trinken.
gitime rechtliche Beziehungen bilden, jedoch nur pro- Die dritte Bedingung des relativen Machtgleichge-
visorische Natur besitzen. wichts war für Hume wichtig, weil er davon ausging,
dass sich bei einer absoluten Übermacht die Mächti-
gen einfach nehmen, was sie begehren. Sie haben ja
David Hume: Die Umstände absolut nichts zu verlieren. Allerdings geht man ge-
der Gerechtigkeit genwärtig davon aus, dass es auch Gerechtigkeits-
pflichten gegenüber Tieren und zukünftigen Genera-
David Hume hat keine politische Philosophie betrie- tionen geben kann, obwohl diese beiden Gruppen den
ben und auch keine Gerechtigkeitstheorie im engeren derzeit lebenden Menschen gegenüber ganz ohn-
Sinne entwickelt. Vielmehr hat er in seinen Über- mächtig sind. Bei Hume scheinen Gerechtigkeits-
legungen zur Moralphilosophie auch vereinzelt zu pflichten aufgrund seiner emotivistischen Ausrich-
Fragen der Gerechtigkeit Stellung genommen (Hume tung noch auf einem gewissen Kalkül zu beruhen. Ge-
1738/1989). Seine Moralphilosophie beschäftigt sich genwärtig geht man hingegen davon aus, dass sie auf
vor allem mit metaethischen Fragen, besonders der genuin moralisch motivierten Unparteilichkeitsüber-
Bedeutung von Emotionen für moralische Urteile. legungen beruhen (Ladwig 2011).
Auch für den Hinweis auf die Gefahr eines falschen
Schließens vom Sein auf das Sollen, ist Hume berühmt
(Mackie 1980). Auf der normativen Ebene verbinden John Stuart Mill: Utilitarismus und
seine moralphilosophischen Überlegungen tugende- das Nicht-Schädigungs-Prinzip
thische und proto-utilitaristische Züge. Das zeigt sich
etwa daran, wie er das Koordinationsproblem mehre- Bei Utilitaristen wie Jeremy Bentham und John Stuart
rer Bauern löst, für die es ratsam ist, sich wechselseitig Mill ist die Gerechtigkeitstheorie vollständig in ihre
bei der Ernte zu helfen. Warum sollten diejenigen Moraltheorie eingebettet. Denn das Moralprinzip des
Bauern, deren Ernte schon eingeholt ist, den anderen Utilitarismus ist zugleich auch dessen zentrales Ge-
noch helfen? Ein Teil der Antwort besteht darin, dass rechtigkeitsprinzip. In der Formulierung von Bent-
sie auch im Folgejahr die Hilfe der anderen Bauern be- ham lautet es, dass man das größtmögliche Glück der
anspruchen wollen. Ein anderer Teil der Antwort be- größtmöglichen Zahl befördern soll (Bentham
ruht jedoch darauf, dass die Bauern ein Verhältnis des 1789/1970). Der zweite Teil dieses Prinzips besagt im
Vertrauens und der Solidarität zueinander aufgebaut Grunde nur, dass alle Menschen zu berücksichtigen
haben (Hume 1738/1989, Buch III, Teil II, Sektion V). sind. Der erste Teil stellt offensichtlich auf eine aggre-
In der Gerechtigkeitstheorie sind Humes Über- gierte Nutzenmaximierung ab (Fehige 1995). Davon
legungen zu den Umständen der Gerechtigkeit von gehen noch heute beispielsweise die Wirtschaftswis-
bleibender Bedeutung. Er möchte bestimmen, wann senschaften aus, wenn sie eine höhere Wirtschaftsleis-
sich Fragen der Gerechtigkeit überhaupt stellen. Dazu tung und ein höheres Bruttoinlandsprodukt als gut
macht er drei Annahmen. Erstens muss es eine ge- darstellen, unabhängig davon, wie die ökonomischen
24 I Der Begriff der Gerechtigkeit

Güter verteilt sind. Allerdings weichen sie damit auch Gesellschaft seien und der Aufrechterhaltung der je-
schon in einem wichtigen Punkt von Bentham ab. weiligen Produktionsverhältnisse dienen, um die
Denn für Bentham ist Glück subjektiv und es besitzt Produktionsbedingungen optimal ausnutzen zu kön-
einen Grenznutzen. Wenn eine Person schon sehr vie- nen (Marx 1867/2014; 1858/2015; Engels 1845/1990).
le Güter hat, dann produziert ein zusätzliches Gut die- Gerechtigkeitstheorien dienen dieser Kritik zufolge
ser Art bei dieser Person üblicherweise weniger Glück vor allem der herrschenden Klasse. Insofern besteht
als dasselbe Gut es bei einer anderen Person tut, die die Aufgabe des Marxismus nicht in der Aufstellung
nur wenig von diesen Gütern besitzt. einer eigenen Gerechtigkeitstheorie, sondern in der
Mill weicht in einem wesentlichen Punkt von Bent- Kritik der herrschenden Gerechtigkeitsvorstellun-
ham ab, indem er bei Nutzen nicht nur quantitative, gen. Hier nimmt auch die Kritische Theorie in ihrer
sondern auch qualitative Unterschiede zulässt (Mill Kritik bestehender Gerechtigkeitsideen ihren Aus-
1861/1976). Es gibt höhere und niedrigere Lüste und gang und wendet den marxistischen Gedanken auf
die Qualität der höheren Lüste lässt sich auch nicht gegenwärtige Gesellschaftsstrukturen an (Geuss
durch größere Mengen Güter, die zu niedrigerer Lust 1983).
führen, aufwiegen. Das wird in seinem Slogan: ›Lieber Tatsächlich finden sich bei Marx und Engels nur
ein unglücklicher Sokrates, als ein glückliches Schwein‹ wenige Äußerungen dazu, wie eine gerechte kom-
(ebd., 18) deutlich. Aufgrund dieses so genannten munistische Gesellschaft beschaffen wäre (Lohmann
Qualitativen Hedonismus lässt sich Gerechtigkeit bei 1991). Allerdings ist ihre Kritik am Kapitalismus des
Mill auch nicht über einfache Kosten-Nutzen-Kalkula- 19. Jahrhunderts offensichtlich stark normativ auf-
tionen bestimmen. Da es nicht nur eine Qualität von geladen. Das lässt sich durchaus als eine Art negative
Lust gibt, gibt es auch nicht nur eine Qualität von Gü- Gerechtigkeitstheorie verstehen, durch die sich be-
tern. Es bedarf daher abstrakter Gerechtigkeitsprinzi- sonders gravierende Ungerechtigkeiten erfassen las-
pien, die in der Lage sind, die unterschiedliche Qualität sen (Wood 2004). Im Marxismus sind diese Unge-
von Gütern in der gerechten Verteilung zu berücksich- rechtigkeiten mit den Begriffen der ›Ausbeutung‹ und
tigen. Ein Freiheitsprinzip kann beispielsweise be- ›Entfremdung‹ belegt. Während Marx und Engels
stimmte Güter der persönlichen Lebensführung Mill noch davon ausgegangen waren, Ausbeutung rein de-
zufolge besser schützen als ein Gleichheitsprinzip und skriptiv als Vorenthaltung des Mehrwerts der eigenen
genießt daher politisch Vorrang. Arbeitsleistung beschreiben zu können, ist inzwi-
Dieser Qualitative Hedonismus ist es daher auch, schen auch unter marxistisch orientierten Autoren die
der es Mill erlaubt, eine liberale Gerechtigkeitstheorie Meinung verbreitet, dass es sich um eine normative
zu entwickeln (Mill 1861/1976; Riley 2003). Mill glaubt, Idee handelt (Wolff 1999; Wood 2004). Demnach wird
dass das wichtigste Gut für die Menschen ihre persönli- den Arbeitern der faire Anteil ihrer Arbeitsleistung
che Sicherheit und Grundsicherung ist. Das zweitwich- vorenthalten.
tigste Gut ist ihre Freiheit. Sozioökonomische Gleich- Der Begriff der Entfremdung hat, entgegen ihrem
heit ist erst das drittwichtigste Gut und daher dürfen Selbstverständnis, bereits bei Marx und Engels einen
individuelle Sicherheit und Freiheit dieser Gleichheit klar normativen Charakter (Honneth 2013). Arbeiter
nicht geopfert werden. Das bringt Mill dazu, vor allem werden demnach von dem Produkt ihrer Arbeit, von
ein negatives Gerechtigkeitsprinzip anzunehmen. Es ihrer eigenen Tätigkeit, ihren Mitmenschen und
lautet in seiner Kurzfassung: ›Do no harm‹, also ›Schade schließlich sogar ihrer eigenen Menschlichkeit ent-
niemandem‹ (vgl. dazu Gray 1996). fremdet. Hier zeigt sich, dass dem Marxismus eine
spezifische Anthropologie und vielleicht sogar eine
relativ starke Vorstellung vom gelingenden Leben zu-
Karl Marx und Friedrich Engels: grunde liegt, die sich unter kapitalistischen Arbeits-
Ausbeutung und Entfremdung bedingungen nicht realisieren lässt (Jaeggi 2005). Ka-
pitalismuskritik hat insofern eine gerechtigkeitstheo-
Der Marxismus beruht seinem Selbstverständnis retische Ebene. Denn ungerecht am Kapitalismus ist,
nach nicht auf einer Gerechtigkeitstheorie, ganz im dass er den meisten Menschen die Möglichkeit nimmt,
Gegensatz zu anderen Formen des Sozialismus im ein Leben zu führen, dass nicht von Entfremdungen
19. Jahrhundert. Marx und Engels hatten gegen Ge- geprägt ist.
rechtigkeitsüberlegungen kritisch eingewendet, dass
diese immer Teil des ideologischen Überbaus einer
4 Grundpositionen der Gerechtigkeitstheorie in Neuzeit und Gegenwart 25

John Rawls: Gerechtigkeit und die Grund- »Dinge, von denen man annimmt, dass sie ein vernünf-
struktur der Gesellschaft tiger Mensch haben möchte, was auch immer er sonst
noch haben möchte […]. Wer mehr davon hat, kann
John Rawls’ 1971 erschienene Theorie der Gerechtig- sich allgemein mehr Erfolg bei der Ausführung seiner
keit will zunächst eine Alternative zum Utilitarismus Absichten versprechen, welcher Art sie auch immer
etablieren, die unseren grundlegenden Gerechtig- sein mögen. Die wichtigsten Arten gesellschaftlicher
keitsintuitionen besser entspricht. Denn wir sprechen Grundgüter sind Rechte, Freiheiten und Chancen, so-
laut Rawls »[j]edem Mitglied der Gesellschaft [...] eine wie Einkommen und Vermögen« (ebd., 112 f.).
auf der Gerechtigkeit – oder wie manche sagen, dem
Naturrecht – beruhende Unverletzlichkeit zu, die Diese Grundgüter sollen durch die Gerechtigkeits-
auch im Namen des Wohles aller anderen nicht auf- prinzipien gesichert werden.
gehoben werden kann« (Rawls 1971/1975, 46). Rawls’ erstes Gerechtigkeitsprinzip lautet: »Jeder-
Während das Nutzenprinzip des Utilitarismus als mann soll gleiches Recht auf das umfangreichste Sys-
alleiniger Maßstab für die Beurteilung aller Fragen, tem gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem
sowohl öffentlicher, institutioneller als auch indivi- gleichen System für alle anderen verträglich ist«
dueller moralischer Entscheidungen gilt, beschränkt (ebd., 81). Grundrechte auf Leben und Eigentum,
Rawls die politische Philosophie im Unterschied zur die Freiheitsrechte auch auf Meinungs- und Gewis-
Moralphilosophie auf Fragen, die die »Grundstruk- sensfreiheit sowie das Wahlrecht sollen allen Bür-
tur der Gesellschaft« betreffen (ebd., 19). Hier geht gerinnen und Bürgern unabhängig von Abstam-
es um die institutionelle Verteilung von Rechten und mung, Klasse, Geschlecht und sozialer Stellung glei-
Pflichten und Aussichten auf Einkommen und Ver- chermaßen zukommen. Diese gleichen Rechte haben
mögen. Rawls geht davon aus, dass es Gerechtig- vor allen umverteilenden Maßnahmen Priorität.
keitsprinzipien gibt, die als Maßstab zur Bewertung Denn: »Es ist mit der Gerechtigkeit unvereinbar, dass
bestehender Institutionen gelten können. Diese müs- der Freiheitsverlust einiger durch ein größeres Wohl
sen »abgeändert oder abgeschafft werden, wenn sie aller gutgemacht werden könnte« (ebd., 46). Gleich-
ungerecht sind« (ebd.). Diese Gerechtigkeitsprinzi- wohl ist Rawls davon überzeugt, dass gleiche Grund-
pien, anhand derer bestehende Institutionen be- rechte noch nicht hinreichen, um eine gerechte
wertet werden können, lassen sich innerhalb eines Grundstruktur in einer Gesellschaft zu garantieren.
Gedankenexperiments, das Rawls den Urzustand Ferner muss Chancengleichheit in dem anspruchs-
nennt, legitimieren. Rawls stellt sich vor, dass wir vollen Sinn garantiert sein, dass diejenigen, die die-
Gerechtigkeitsprinzipien gegenüber einander da- selben Begabungen haben, auch dieselben Chancen
durch rechtfertigen können, dass wir uns auf einen haben, sie nutzen zu können. Ferner sollen Ämter
Fairnessgrundsatz berufen: unter fairen Bedingun- und Positionen allen offenstehen. Durch diesen ers-
gen hättest du diesen Prinzipien ebenfalls zu- ten Teil des zweiten Gerechtigkeitsprinzips soll ga-
gestimmt. Der Urzustand soll faire Ausgangsbedin- rantiert werden, dass die soziale Herkunft nicht da-
gungen für die Wahl von Gerechtigkeitsprinzipien rüber entscheidet, welche Ausbildungschancen Indi-
garantieren. Die wichtigste Bedingung ist der viduen de facto haben und durch den Grundsatz,
›Schleier des Nichtwissens‹. Dieser garantiert, dass dass Ämter und Positionen allen offenstehen müssen,
keiner seine individuelle Stellung in der Gesellschaft, sollen Machtakkumulationen bei bestimmten Grup-
seine Abstammung, Klasse, Hautfarbe oder sein Ge- pen verhindert werden.
schlecht zu seinem Vorteil ausnutzen kann, da alle Erst wenn dieser anspruchsvolle Gleichheits-
diese Tatsachen der Kenntnis der Parteien entzogen grundsatz garantiert ist, kommen Unterschiede von
werden. So ist jeder gezwungen, sich in einen unpar- Einkommen und Vermögen in den Blick. Hier geht
teilichen Standpunkt hinein zu versetzen (vgl. ebd., Rawls wieder von der Voraussetzung aus, dass alle
27–34). Gerade dadurch wird wiederum der gleiche Menschen in moralischer Hinsicht gleich sind. Die
moralische Wert aller Beteiligten zum Ausdruck ge- Idee des zweiten Teils des zweiten Gerechtigkeitsprin-
bracht (vgl. ebd., 283–290). zips (Differenzprinzip oder Unterschiedsprinzip) lau-
Welche Gerechtigkeitsprinzipien würden nun un- tet, dass Unterschiede im Einkommen und Vermögen
ter unparteilichen Bedingungen gewählt? Rawls geht nur dadurch gerechtfertigt werden können, dass sie
davon aus, dass alle an der Wahl beteiligten Personen den Schlechtestgestellten in einer Gesellschaft die
nach Grundgütern streben. Darunter fasst er bestmöglichen Aussichten bringen. Rawls hat die
26 I Der Begriff der Gerechtigkeit

Idee, dass die natürlichen Anlagen oder Begabungen genährt zu sein (Sen 1999/2002). Mit Funktionswei-
ihrem Träger nicht als Verdienst zugerechnet werden sen sind hier alle Zustände und Tätigkeiten gemeint,
können. Wer unbegabt ist, trägt daran keine Schuld, die ein Mensch erreichen kann. Wenn zwei Men-
ebenso wenig hat sich der Talentierte seine Talente schen die gleiche Funktionsweise erreichen sollen,
verdient. Beides wurde einem in die Wiege gelegt. Da dann kann das eine sehr unterschiedliche Güteraus-
man also seine natürlichen Fähigkeiten nicht verdient stattung erfordern, die noch viel stärker voneinander
hat, hat man, so Rawls, auch keinen exklusiven An- abweicht als bei zwei Menschen mit unterschiedli-
spruch auf die aus ihnen resultierenden Vorteile. Das chem Nährstoffbedarf. Wenn beispielsweise ein blin-
Ziel der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie ist es, »den der Mensch die Funktionsweise der Mobilität errei-
Einfluss gesellschaftlicher und natürlicher Zufällig- chen soll, dann reicht es nicht, wie bei den meisten
keiten auf die Verteilung zu mildern« (ebd, 93). Die anderen Menschen, ihm ein Auto hinzustellen. Viel-
gerechte Verteilung, die Rawls hier im Blick hat, soll, mehr bedarf es ganz anderer Güter, die ihn dazu be-
plakativ gesagt, die weniger Fähigen für die unver- fähigen mobil zu sein.
dienten Nachteile, die ihnen dadurch entstehen, dass Doch warum fokussieren sich Nussbaum und Sen
sie schlechtere Ausgangsbedingungen haben, ent- in ihrem Ansatz auf Fähigkeiten und nicht auf er-
schädigen. reichte Funktionsweisen wie die tatsächliche Wohl-
genährtheit oder Mobilität? Sie wollen damit dem
Paternalismusverdacht entgehen, dass sie bestim-
Martha Nussbaum und Amartya Sen: men, welche Funktionsweisen die Menschen zu er-
Der Fähigkeitenansatz reichen haben, um ein gelingendes Leben führen zu
können (Nussbaum 2012). Vielmehr müsste ihnen
Anfangs nicht unbedingt als grundlegende Kritik der daher ein bestimmtes Set von Fähigkeiten zur Ver-
Gerechtigkeitstheorie, sondern als Ergänzung und fügung gestellt werden, dass es ihnen erlaubt, selbst
Verschiebung in einer Detailfrage haben Martha zu entscheiden, welche Funktionsweisen sie errei-
Nussbaum und Amartya Sen den so genannten Fä- chen und welche Vorstellung vom gelingenden Le-
higkeitenansatz entwickelt (Sen 1985; Nussbaum/Sen ben sie realisieren wollen. In dieser Grundüber-
1993). Sie kritisieren an der Gerechtigkeitstheorie legung sind sich Nussbaum und Sen einig, in De-
von Rawls, dass er sich in Fragen der Verteilungs- tailfragen dazu, wie sich Fähigkeiten und Funk-
gerechtigkeit auf Grundgüter konzentriert. Zwar geht tionsweisen zueinander verhalten, sind sie jedoch
er damit über die Wohlfahrtsökonomie hinaus, die unterschiedlicher Ansicht. Außerdem schlägt Nuss-
ausschließlich ökonomische Güter einbezieht. Zu baum eine feste Liste von Fähigkeiten vor, die für al-
den Grundgütern von Rawls gehört viel mehr als nur le Menschen wichtig sein sollen. Sen lehnt solch eine
Einkommen und Vermögen, z. B. auch die Grund- Liste ab und argumentiert, dass kontextsensitiv ent-
freiheiten, Macht und Autorität, die sozialen Grund- schieden werden müsste, welche Fähigkeiten zentral
lagen der Selbstachtung und die Möglichkeit, seine sind (Sen 2004).
eigene Vorstellung vom guten Leben zu verfolgen. In den letzten Jahren haben Nussbaum und Sen
Dennoch halten Nussbaum und Sen den Grund- von ihrem Fähigkeitenansatz ausgehend auf unter-
güteransatz von Rawls für defizitär. Was gerecht zu schiedliche Weise eine zunehmend grundlegende
verteilen ist, muss ihrer Meinung nach in einer ande- Kritik an der Gerechtigkeitstheorie von Rawls geübt
ren ›Währung‹ als Güter gemessen werden, nämlich (Nussbaum 2006; Sen 2010). Nussbaum argumen-
in Form von Fähigkeiten. tiert, dass Rawls nicht in der Lage ist, Tiere, behin-
Der zentrale Grund dafür lautet, dass verschiede- derte Menschen und Menschen in anderen Ländern
ne Menschen mit bestimmten Gütern unterschied- zu berücksichtigen. Deswegen müsse man dem Fä-
lich viel anfangen können. Sen nennt das Beispiel ei- higkeitenansatz doch eine andere begründungstheo-
ner schwangeren Frau, die im Durchschnitt mehr retische Grundlage geben, die sie im Begriff der Wür-
Nährstoffe braucht als eine Frau, die nicht schwanger de sucht. Sen hingegen hält die Gerechtigkeitstheorie
ist. Es wäre daher ungerecht, beiden Frauen gleich- von Rawls für viel zu idealistisch, weil sie nur einen
viel von dem Grundgut Nahrungsmittel zu geben. idealen Gesellschaftszustand beschreibt. Stattdessen
Vielmehr müsste man beiden Frauen jeweils so viel müsse man überlegen, wie man von dem gegenwärti-
Nahrungsmittel geben, dass sie die gleiche Funk- gen sehr ungerechten Zustand schrittweise zu einem
tionsweise erreichen, nämlich hinreichend wohl- etwas gerechteren Zustand komme.
4 Grundpositionen der Gerechtigkeitstheorie in Neuzeit und Gegenwart 27

Feminismus und Gerechtigkeit genüber im scheinbar privaten Raum der Familie ge-
schehen. Allerdings soll dabei die Unterscheidung
Eine die verschiedenen Strömungen des philosophi- auch nicht zugunsten einer allgegenwärtigen Öffent-
schen Theoretisierens von Gerechtigkeit umspannen- lichkeit und damit eines allmächtigen Staates auf-
de Denkrichtung ist der Feminismus. Der gesell- gehoben werden (Rössler 2001). Drittens stellt sich die
schaftliche Kampf um die Gleichberechtigung der Ge- Frage, wann Entscheidungen von Frauen wirklich als
schlechter hat sich in der Moderne stets auch als ein autonom gelten können. Das betrifft beispielsweise
Anliegen der Gerechtigkeit dargestellt. Dieser soziale die Entscheidung für Prostitution oder die Teilnahme
Kampf lässt sich grob in drei Phasen einteilen. In einer an pornographischen Filmen unter schwierigen öko-
ersten Phase ging es solchen frühen Feministinnen nomischen Bedingungen (Dworkin/MacKinnon
wie Mary Wollstonecraft und Olympe de Gouge da- 1997). Viertens stellt sich die Frage, ob zwischen dem
rum, die grundsätzliche Gleichheit von Frauen im biologischen Geschlecht (sex) und dem sozialen Ge-
Vergleich zu Männern zu zeigen. Frauen sind genauso schlecht (gender) unterschieden werden sollte (Gil-
mit Vernunft begabt wie Männer, so mussten sie gegen ligan 1982/1988; Butler 1990/2003). Davon hängt ab,
vorherrschende Vorurteile argumentieren. Ihr Ziel auf welche Weise die Rolle von Frauen im Berufsleben
war es dabei vor allem, Frauen zu mehr persönlicher zu stärken ist: eher, indem spezifisch weibliche Eigen-
Freiheit zu verhelfen. In einer zweiten Phase haben schaften gezielt gefördert, oder indem die Behauptung
Feministinnen wie Simone de Beauvoir (1949/2005) dieser spezifisch weiblichen Eigenschaften als ideo-
für eine nicht nur formale, sondern wirkliche Freiheit logisch kritisiert werden.
von Frauen gestritten, beispielsweise in der politi-
schen Beteiligung. Gegenwärtig gibt es eine Diskussi-
on dazu, ob wir Zeitgenossen einer dritten Phase des Luck Egalitarianism
Feminismus sind, in der es darum geht, die wirkliche
Gleichheit von Frauen durchzusetzen (Jagger/Young Eine andere gegenwärtig prominente Gerechtigkeits-
2000). Das betrifft beispielsweise politische Ämter, be- theorie, die ihren Ausgang in den Überlegungen von
rufliche Karrieren und die gleiche Teilung reprodukti- Rawls nimmt, ist der so genannte Luck Egalitarianism
ver Arbeit zwischen Mann und Frau. Hier gibt es un- (Tan 2012). Dabei spielt die Doppelbedeutung von
terschiedliche Meinungen, weil einige Feministinnen ›Luck‹ als ›Glück‹ und ›Zufall‹ eine wichtige Rolle,
dafür argumentieren, dass diese Gleichheit sich im weswegen die Übersetzung als Glücksegalitarismus
Laufe der Zeit auf der Grundlage der bereits erstritte- nicht geeignet ist. Luck Egalitaristen beziehen sich auf
nen Freiheit von alleine einstellen wird. Andere Fe- die Überlegung von Rawls, dass Vorteile in Talenten
ministinnen hingegen argumentieren, dass es dafür und aus sozialen Kontexten ungerecht sind, weil sie
aufgrund existierender Machtverhältnisse zugunsten nicht auf eigene Leistung zurückgehen. Rawls zieht
von Männern einer Politik der positiven Diskriminie- daraus den Schluss, dass die Idee des Verdienstes für
rung bedarf, die existierende Machtstrukturen aus- Fragen der Verteilungsgerechtigkeit keine besondere
gleicht und aufbricht (Rössler 1993; Kerner 2009). Rolle spielen sollte. Luck Egalitaristen hingegen argu-
Hier zeigt sich, dass es innerhalb der feministischen mentieren, dass Talente und soziale Vorteile ausgegli-
Bewegung unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellun- chen werden müssten. Wenn das geschehen ist, seien
gen von eher liberal bis hin zu eher marxistisch oder spätere sozioökonomische Unterschiede auch gerecht,
poststrukturalistisch gibt. weil sie auf eigene Entscheidungen und Leistungen
Es sind vor diesem Hintergrund vor allem vier Ge- zurückgehen (Knight/Stemplowska 2011).
rechtigkeitsfragen, die sich aus feministischer Per- Luck Egalitaristen unterscheiden dazu zwischen
spektive stellen. Erstens wäre zu klären, ob die soziale »brute luck« (bloßem Zufall) und »option luck« (auf
und politische Freiheit von Frauen tatsächlich eine Wahlentscheidungen zurückgehender Zufall; vgl.
verwirklichte gleiche Freiheit darstellt oder nur als ei- Dworkin 1981a; 1981b). Wenn sich also jemand ent-
ne bloß formal auf dem Papier zugestandene Freiheit schieden hat, Professorin für Meeresbiologie werden
angesehen werden muss. Das betrifft beispielsweise zu wollen, wohl wissend wie schwierig dieser Karrie-
den Zugang zu Führungspositionen im Berufsleben. reweg ist, dann muss sie akzeptieren, wenn das auf-
Zweitens ist die weiterhin geltende relativ strenge Un- grund von zufälligen Gegebenheiten nicht klappt.
terscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit zu Das gilt jedoch nur, wenn sie dieselben Startchancen
hinterfragen, weil viele Ungerechtigkeiten Frauen ge- besessen hat wie andere Kandidatinnen. Für ihre Po-
28 I Der Begriff der Gerechtigkeit

sition machen Luck Egalitaristen geltend, dass sie un- heit ihres Staates. Diejenigen Staaten, die hinreichend
sere Intuitionen über die Verantwortung von Akteu- wohlgeordnet sind, kommen dann auf einer zweiten
ren besser einfangen kann als die Theorie von Rawls. Stufe unter einen zweiten Schleier des Nichtwissens
Bei Rawls gilt, dass die Schlechtestgestellten besser- zusammen, um ein gemeinsames Völkerrecht und
zustellen sind, ganz egal aus welchen Gründen sie entsprechende supranationale Institutionen zu be-
sich in ihrer Lage befinden. Luck Egalitaristen argu- stimmen. Zu deren Aufgaben gehört der Schutz vor
mentieren hingegen, dass es einen Unterscheid Krieg, aber auch die Bekämpfung absoluter Armut
macht, ob jemand für seine Lage selbst verantwortlich und anderer gravierender Ungerechtigkeiten.
ist oder nicht. Die auf der zweiten Stufe vertretenen wohlgeord-
Ein zentrales Problem des Luck Egalitarianism be- neten Staaten sind solche Staaten, die die Menschen-
steht allerdings darin, dass nicht klar ist, wie gut sich rechte anerkennen. Sie müssen nicht unbedingt de-
brute luck und option luck wirklich unterscheiden las- mokratisch verfasst sein, aber über Verfahren der öf-
sen. Viele psychologische Eigenschaften von Men- fentlichen Meinungsbildung verfügen, bei der sich al-
schen, wie Risikoaversität oder Abstraktionsver- le ihre Bürgerinnen und Bürger Gehör verschaffen
mögen sind für Wahlentscheidungen von großer Be- können. Daneben gibt es noch ›Schurkenstaaten‹ und
deutung, hängen aber selbst ebenfalls von genetischen belastete Gesellschaften, die nicht Teil des Völkerbun-
und sozialen Faktoren ab. Außerdem besitzen Luck des sein können. Es stellt jedoch ein wichtiges Ziel dar,
Egalitaristen derzeit noch keine gute Theorie darüber, dazu beizutragen, beide in wohlgeordnete Gesell-
wie sich unterschiedliche Talente auf eine Weise aus- schaften umzuwandeln.
gleichen lassen, die mit liberalen Grundüberzeugun- Ein zentraler Grund für das zweistufige Verfahren
gen vereinbar ist (Hurley 2003). besteht Rawls zufolge darin, dass man mit Bezug auf
die Wohlgeordnetheit von Gesellschaften und Staaten
einen vernünftigen Pluralismus annehmen muss
Lokale und globale Gerechtigkeit (ebd.; Nagel 2010). Das war die zentrale Einsicht sei-
nes politisch gewendeten Liberalismus, der nicht
Rawls hat seine Gerechtigkeitstheorie noch im Rah- letztbegründet werden kann. Nur ein zweistufiges
men einer einzelnen Gesellschaft entworfen und diese Verfahren, so argumentiert Rawls, kann diesem Plu-
Gesellschaft dabei losgelöst von einem globalen Kon- ralismus gerecht werden. Stärker kosmopolitisch ori-
text gedacht. Anhänger der Rawlsschen Gerechtig- entierte Autoren müssen demgegenüber argumentie-
keitstheorie haben seinen Ansatz jedoch auf die glo- ren, dass der vernünftige Pluralismus enger ausfällt,
bale Ebene bezogen und eine kosmopolitische Positi- als Rawls es annimmt (Caney 2005). Dann sind nur
on entwickelt (Beitz 1979; 2009; Pogge 1989; liberale Gesellschaften und nur durch ganz bestimmte
2002/2011). Ihre Grundidee besteht darin, den Ur- Gerechtigkeitsprinzipien geleitete Staaten hinrei-
zustand und Schleier des Nichtwissens nicht auf eine chend gerecht. Das ist die zentrale Voraussetzung für
einzelne Gesellschaft zu beschränken, sondern auf die eine starke kosmopolitische Position.
gesamte Welt auszudehnen. Die Gerechtigkeitsprinzi-
pien und damit die gleichen Grundfreiheiten, die faire Literatur
Chancengleichheit und selbst das Differenzprinzip Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Reinbek bei
müssten dann global zur Anwendung kommen. Erst Hamburg 2005 (frz. 1949).
Beitz, Charles: Political Theory and International Relations.
wenn die Schlechtestgestellten weltweit, also die abso- Princeton 1979.
lut armen Menschen, so gut wie möglich gestellt sind, Beitz, Charles: The Idea of Human Rights. Oxford 2009.
sind auch die Gerechtigkeitsansprüche erfüllt. Bentham, Jeremy: The Principles of Morals and Legislation.
Rawls selbst hat sich in einer späteren Arbeit zur Darien 1970 (engl. 1789).
globalen Gerechtigkeit gegen diese direkte Übertra- Brandt, Reinhard/Herb, Karlfriedrich (Hg.): Jean-Jacques
Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag. Berlin 22012.
gung des Urzustandes und des Schleiers des Nichtwis-
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt
sens auf die globale Ebene ausgesprochen (Rawls a. M. 2003 (engl. 1990).
1999/2002). Stattdessen schlägt er ein zweistufiges Caney, Simon: Justice Beyond Borders. A Global Political Per-
Verfahren vor. Die erste Stufe bleibt wie in seiner klas- spective. New York 2005.
sischen Gerechtigkeitstheorie. Die Repräsentanten Dworkin, Andrea/MacKinnon, Catharine: In Harm’s Way.
der Bevölkerung eines Landes bestimmen im Ur- The Pornography Civil Rights Hearings. Cambridge MA
1997.
zustand die Gerechtigkeitsprinzipien und Beschaffen-
4 Grundpositionen der Gerechtigkeitstheorie in Neuzeit und Gegenwart 29

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30 I Der Begriff der Gerechtigkeit

5 Religiöse Wurzeln und sind ethische Überlegungen vor allem als Teil des We-
Perspektiven: Buddhismus ges relevant, der es Lebewesen ermöglicht, den Kreis-
lauf der Wiedergeburten zu verlassen. Auch wenn
und Konfuzianismus Wiedergeburten in relativ angenehmen Daseinsfor-
men möglich sind, bewerten Buddhisten alle Lebens-
Der westliche Gerechtigkeitsdiskurs hatte vor dem formen als leidvoll und streben nach der Erleuchtung,
19. Jahrhundert keinen signifikanten Einfluss auf die die den endgültigen Austritt aus dem Wiedergeburts-
ethischen und politischen Debatten in Süd- und Ost- kreislauf darstellt. Diese Erleuchtung setzt neben dem
asien. Wenn wir nach den Konzeptionen von Gerech- Wissen um die doktrinär-religiösen Inhalte des Bud-
tigkeit und Ungerechtigkeit fragen, die sich in diesen dhismus ethisches Wissen sowie eine vollendete mo-
Debatten erkennen lassen, dann ordnen wir deren ralische Praxis voraus. Zudem bestimmt die mora-
Thesen und Argumente somit neu und orientieren lische Qualität des Handelns die Position eines Lebe-
uns bei ihrer Darstellung nicht an Kategorien, die in wesens innerhalb des Kreislaufes. In den buddhisti-
den Debatten selbst verwendet worden sind. Dies ver- schen Karma-Theorien zeitigt das Verhalten der
spricht neue und interessante Einsichten, ist jedoch Lebewesen nämlich Folgen im gegenwärtigen Leben,
auch mit besonderen Schwierigkeiten verbunden: bestimmt aber auch, ob man im nächsten oder in spä-
Erstens muss man davon ausgehen, dass sich die west- teren Leben als Gottheit, Mensch, Tier oder Höllen-
lichen Begriffe nicht ohne weiteres in den Sprachen bewohner wiedergeboren wird. Es wird somit ein Me-
der betrachteten Regionen wiedergeben lassen. Zwei- chanismus vorausgesetzt, der den Lebewesen ›Lohn‹
tens müssen die Kontexte der asiatischen Debatten im und ›Strafe‹ unparteilich zuteilt und sich dabei an ei-
Auge behalten werden, die mitunter andere Erkennt- nem ethischen Standard orientiert. Auch wenn dieser
nisinteressen verfolgten und unter anderen politi- Mechanismus als Naturprozess, der ohne göttliche
schen, wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Be- Eingriffe abläuft, verstanden wird, wird das karmische
dingungen stattgefunden haben als die westlichen Ge- Gesetz durch Yama, den König der Unterwelt, sym-
rechtigkeitsdiskurse. Drittens ist die Frage nach den bolisiert, der über die Lebewesen richtet und ihnen ei-
Gerechtigkeitsvorstellungen in Asien nur eine Teilfra- ne Wiedergeburt zuweist, die ihren in früheren Leben
ge im interkulturellen Dialog. Die andere Frage muss begangenen Taten entspricht. In dieser Hinsicht ist
lauten, inwiefern sich die dortigen Begriffe in den eu- das buddhistische Weltbild somit grundlegend von
ropäischen Diskursen wiederfinden lassen. Fragen Gerechtigkeitsvorstellungen geprägt und setzt die
dieser Art werden in der westlichen Literatur aber nur Moralität der kosmischen Ordnung voraus (Bronk-
sehr selten gestellt, und auch dieser Beitrag wird sich horst 2011, 118).
auf den Blick aus dem Westen nach Asien beschrän- Zu diesem Glauben an eine gerechte Grundord-
ken und den asiatischen Blick auf den Westen außen nung der Welt kommt bei den meisten buddhistischen
vor lassen. Zudem wird sich dieser Beitrag aus Platz- Autoren noch ein Menschenbild hinzu, das die Egali-
gründen auf den Buddhismus und den Konfuzianis- tät aller Lebewesen betont. Abgesehen von einigen
mus konzentrieren, also auf nur zwei der zahlreichen Anhängern der Yogacāra-Schule, die die Kategorie der
Denktraditionen, die sich in Asien entwickelt haben. Nicht-Erleuchtungsfähigen (icchantikas) kennt, beto-
Diese beiden Traditionen haben sich zeitlich wie nen die meisten Buddhisten die Erleuchtungsfähig-
räumlich besonders weit ausgebreitet und üben auch keit aller Lebewesen. Vor allem die in Ostasien ein-
heute noch großen Einfluss auf die asiatischen und zu- flussreiche Tathāgatagarbha-Lehre besagt, dass alle
nehmend auch auf die westlichen Gesellschaften aus. Lebewesen ›einen Buddha in sich tragen‹ und die Er-
leuchtung erlangen können – wenn auch vielleicht erst
nach zahlreichen weiteren Wiedergeburten. Da bud-
Buddhismus dhistische Autoren somit die Existenz naturgegebener
Rangunterschiede zwischen den Lebewesen ablehnen,
Die buddhistischen Moral- und Gerechtigkeitsvor- weisen sie auch das vedische Kastensystem und ande-
stellungen können nicht unabhängig von den religiö- re Formen systematischer Diskriminierung wie Ras-
sen Inhalten des Buddhismus betrachtet werden. Ins- sismus, Machismus und Speziezismus zurück.
besondere das buddhistische Verständnis von Karma Auch der buddhistische Egalitarismus muss jedoch
und Wiedergeburt hat großen Einfluss auf die im Bud- in seinem religiösen Kontext betrachtet werden. So
dhismus vertretenen Gerechtigkeitskonzeptionen. So bezieht sich die buddhistische Auffassung der Gleich-
5 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Buddhismus und Konfuzianismus 31

heit nur auf das spirituelle Ziel der Erleuchtung und losen Charakterdisposition hinaus. In vielen Schulen
umfasst nicht die Forderung nach Gleichheit der Gü- des zwischen dem ersten und dritten Jahrhundert
ter, Chancen und Rechte in diesem Leben. In Kom- unserer Zeitrechnung entstandenen Mahāyāna-Bud-
bination mit dem Glauben an karmisch bedingte Wie- dhismus werden Verletzungen der Vorschriften als le-
dergeburten führt das buddhistische Menschenbild gitim betrachtet, die aus Mitleid vollzogen werden.
sogar zu einer fatalistischen Bewertung sozialer und Moralische Prinzipien besitzen bei vielen buddhisti-
politischer Ungleichheit. Zu den karmischen Wirkun- schen Autoren somit einen perfektionistischen Cha-
gen gehört nämlich nicht nur die Art der Wieder- rakter und fokussieren auf die Einstellung des Han-
geburt, sondern auch die körperliche Verfassung und delnden (Keown 1992, 18–22). Sie stellen in erster Li-
der soziale Status. Wer krank, arm oder in niedrigem nie Richtlinien für die individuelle spirituelle Kultivie-
Stand geboren wird, büßt damit für das Unrecht und rung dar und gehen nicht von den Ansprüchen und
karmisch unheilsame Tun, das er in früheren Existen- Rechten der betroffenen Lebewesen aus (Sizemore/
zen begangen hat. So gibt es in den Augen buddhisti- Swearer 1990, 5). Die Gerechtigkeit spielt in buddhis-
scher Ethiker keine Lotterie der Natur, da alle negativ tischen Ethiken daher nicht die moderne Rolle, einen
bewerteten Aspekte des jetzigen Lebens als Wirkun- Bereich der Moral zu markieren, der von jedem Men-
gen früherer Handlungen betrachtet werden. Zum an- schen eingefordert werden kann.
deren bestimmt das karmische Weltbild die Güterleh- In der Anwendung führt die mitleidsorientierte
re des Buddhismus. Güter wie Gesundheit, Wohl- buddhistische Ethik oft zu ähnlichen Ergebnissen wie
stand, aber auch soziale Partizipation und Freiheit tre- Ethiken, die die Rechte der Betroffenen betonen. Bud-
ten gegenüber den längerfristigen karmischen Folgen dhistische Mönche und Laien haben im Laufe der Ge-
in den Hintergrund. Daher gibt es in den Augen der schichte zahlreiche gute Werke vollbracht und bei-
meisten vormodernen Buddhisten keine moralische spielsweise Waisenhäuser, Schulen und Bewässerungs-
Pflicht, Ungleichheiten in Bezug auf diese weltlichen systeme gebaut. Die Vorstellung der Unabänderlich-
Güter zu beseitigen. keit und Gerechtigkeit der karmischen Ordnung hat
Diese Merkmale des Karmaglaubens spiegeln sich jedoch dafür gesorgt, dass sich Buddhisten zumindest
auch in der buddhistischen Auffassung moralischer in vormodernen Zeiten kaum für eine systematische
Prinzipien wider. Die karmischen Folgen von Hand- Veränderung der Gesellschaft engagiert haben. Hinzu
lungen werden vor allem in populären Darstellungen kommt vermutlich noch ein pragmatischer Grund:
bestimmten Handlungstypen zugeordnet, so dass es Die meisten buddhistischen Institutionen verfügten
etwa heißt, jemand, der in diesem Leben stehle, werde nicht über eigene Einkünfte und waren somit von den
im nächsten Leben als Ochse wiedergeboren (vgl. z. B. Zuwendungen politischer Machthaber oder reicher
Nakamura 1973). Ein zentrales Element vieler bud- Gönner abhängig. In einigen Staaten wie Japan, Korea
dhistischer Moraltheorien sind daher Listen von Vor- und Tibet wurde der Buddhismus zudem überhaupt
schriften. Eine der meistverwendeten Listen enthält erst von den politischen Herrschern eingeführt und
die fünf Vorschriften, nicht zu töten, nicht zu stehlen, streng kontrolliert. Auch diese Verflechtungen mit den
sich nicht unkeusch zu verhalten, nicht zu lügen und gesellschaftlichen Eliten haben wohl dazu geführt,
sich nicht zu berauschen. Einige Interpreten haben dass buddhistische Autoren keine nennenswerte Ge-
diese Vorschriften als absolute Verbote aufgefasst sellschaftstheorie und Herrschaftskritik hervor-
(Keown 1995, 20). Üblicherweise versteht man sie gebracht haben.
aber als Formulierungen eines Ideals, das nicht von al- Auch wenn man im Buddhismus somit keine um-
len Buddhisten im selben Umfang erreicht werden fassende Theorie gerechter Institutionen findet, lassen
muss. Die erste Vorschrift beispielsweise verbietet al- sich doch Ansätze zur moralischen Bewertung gesell-
len Menschen das Töten eines anderen Menschen, für schaftlicher Institutionen und Herrschaftsformen er-
Mönche untersagt sie aber überdies sowohl das Töten kennen. So taucht in einigen buddhistischen Texten
als auch das Verletzen eines jeden Lebewesens und die Utopie des cakravartin, eines weltbeherrschenden
macht somit den Vegetarismus zur Norm in buddhis- Königs auf, der die Welt durch seine Güte und Weit-
tischen Klöstern. Eine vollständige Befolgung dieser sicht regiert und dadurch jegliches menschliche Fehl-
ersten Vorschrift führt schließlich dazu, dass man verhalten eliminiert (Zimmermann 2006, 216–217).
»um das Wohl aller Lebewesen zittert« (Harvey 2000, Neben dieser Utopie sind auch Verhaltensregeln und
69), wie es in einigen Sutren heißt, und läuft demnach Empfehlungen für reale Herrscher formuliert worden,
auf die Ausbildung einer mitleidsvollen und gewalt- die z. B. in Nagarjunas Texten Suhrllekha (Jamspal
32 I Der Begriff der Gerechtigkeit

1978) und Ratnāvalī (Tucci 1936) sowie im Rājadhar- und ebenso sind Kinder ihren Eltern, Frauen ihren
ma-nyāya-śāstra (Jan 1984) zu finden sind. Unter an- Männern und jüngere den älteren Verwandten gegen-
derem fordern diese Texte zu einem humanen Straf- über zum Gehorsam verpflichtet. Im Gegenzug haben
recht auf, das auf die Todesstrafe und andere irrever- Herrscher, Eltern, Männer und ältere Verwandte Für-
sible Strafarten verzichtet (Zimmermann 2006, 227– sorgepflichten für ihre Untergebenen. Beziehungen
235). Schließlich findet man in den Sutren Belege sind daher in den Augen der Konfuzianer nur dann
dafür, dass der Buddha die Herrschafts- und Um- harmonisch, wenn beide Parteien ihre wechselseitigen
gangsformen der altindischen Stammesrepubliken und komplementären Rollenpflichten erfüllen (Li
schätzte und diese auch auf den saۨgha, d. h. auf die 2006). Die konkreten Ausformungen dieser Pflichten
buddhistische Mönchsgemeinde übertragen wollte werden als ›Riten‹ (䰽 chin. li) bezeichnet, und für
(Harvey 2000, 113). Handlungen, Institutionen und Personen, die diesen
Nach dem Kontakt mit westlichen Werten ist in Riten entsprechen, verwendet man den Ausdruck ›yi‹
Süd- und Südostasien im 20. Jahrhundert der so ge- (券). Es ist vor allem dieser vieldeutige Ausdruck, der
nannte ›Engaged Buddhism‹ entstanden, der das tra- von Übersetzern mit dem Wort ›gerecht‹ wiedergege-
ditionelle Streben nach der spirituellen Befreiung mit ben wird (u. a. Roetz 1992, 181).
einem Engagement für die weltliche Befreiung ver- Ursprünglich verweist der Ausdruck ›yi‹ auf einen
bindet. Moderne Buddhisten wie der thailändische rituellen Kontext. So besteht das für ›yi‹ verwendete
Mönch Buddhadasa Bhikkhu (1906–1993) und der Schriftzeichen 券 aus einer Axt, die als Clan-Symbol
vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh (geb. 1926) fungiert, sowie aus Federn, die diese Axt schmücken
setzen sich für mehr soziale Gerechtigkeit, demokra- und auf einen rituellen Zusammenhang hindeuten. In
tische Entscheidungsformen und einen respektvollen den Knochen- und Bronzeinschriften aus dem Zeit-
Umgang mit der Natur ein. Dabei verweisen sie auf raum von 1400 bis ungefähr 1000 v. Chr. bezeichnet
klassische buddhistische Ideale wie Gewaltlosigkeit das Schriftzeichen somit die Rituale, die innerhalb ei-
und Mitleid, sie beziehen diese Ideale jedoch explizit nes Clans oder vom Führer eines Clans praktiziert
auf gesellschaftliche Institutionen und verbinden so worden sind (Jia/Kwok 2007, 34–36). Auch im Buch
das Streben nach der Erleuchtung mit dem Eintreten der Riten, einem der fünf konfuzianischen Klassiker,
für eine bessere Welt (Queen 1996, 11). Auch die Dis- wird das Schriftzeichen zur Bezeichnung von Ritualen
kussion um das Verhältnis von Buddhismus und verwendet (vgl. Zhang 2002, 293). In diesem Text um-
Menschenrechten wird gegenwärtig intensiv geführt fasst ›yi‹ jedoch bereits mehr als konkrete Rituale und
(Harvey 2000, 118–122; Bauer/Bell 1999). Damien bezeichnet zudem die Disposition oder Eigenschaft,
Keown beispielsweise argumentiert, dass es in der »die Noblen nobel zu behandeln und die Ehrenwerten
buddhistischen Tradition zwar kein explizites Äqui- zu ehren« (Zhang 2002, 298). Hier wird der Ausdruck
valent zum westlichen Rechtsbegriff gibt, dass sie ein also allgemeiner zur Bezeichnung der Eigenschaft
solches aber implizit enthält. Das buddhistische Ziel, verwendet, dem Status eines Menschen angemessen
die Leiden des Wiedergeburtskreislaufes zu überwin- zu sein (vgl. Jia/Kwok 2007, 39–41). Ausgehend von
den, setze nämlich bestimmte Güter wie Leben, Ge- dieser Bedeutung kann ›yi‹ sowohl individuelle Cha-
sundheit, Freiheit und Bildung voraus. Da alle Men- raktereigenschaften als auch gesellschaftliche Institu-
schen die Fähigkeit zur Erleuchtung haben und nach tionen bezeichnen.
buddhistischer Auffassung nach diesem Ziel streben Wird ›yi‹ zur Bezeichnung individueller Charakter-
sollen, muss man ihnen in Keowns Augen auch die eigenschaften verwendet, so wird sie oft als die all-
dafür notwendigen Güter zur Verfügung stellen gemeine Disposition einer Person verstanden, sich
(Keown 1995). ausgewogen und den Riten gemäß zu verhalten. Über-
dies wird diese Disposition mit der Standhaftigkeit ge-
genüber ungerechten materiellen Verlockungen asso-
Konfuzianismus ziiert. In diesem Verständnis weist ›yi‹ somit einige
Ähnlichkeiten mit dem westlichen Konzept der Ge-
Konfuzianische Autoren zielen darauf ab, den Weg zu rechtigkeit als Tugend auf. Im Laufe der Entwicklung
einer harmonischen Gesellschaft aufzuzeigen. Nach und Ausbreitung des Konfuzianismus hat dieses Kon-
konfuzianischer Vorstellung wird diese Harmonie vor zept allerdings diverse Ausformungen erfahren, die
allem durch hierarchisch geordnete Beziehungen be- signifikante Unterschiede zu westlichen Gerechtig-
fördert. Untertanen sollen ihren Herrschern folgen, keitskonzepten deutlich werden lassen. Brian van
5 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Buddhismus und Konfuzianismus 33

Norden zufolge bezeichnet ›yi‹ bei Menzius (370–290 aufzuzeigen, wie sie in der Gegenwart anzuwenden
v. Chr.) beispielsweise die Disposition, den eigenen sind. Die Frage, welche Aspekte des antiken Herr-
Wertvorstellungen gemäß zu handeln und diese auch schaftssystems Vorbildfunktion besitzen und daher
gegen Widerstände durchzusetzen. Diese Eigenschaft in die Gegenwart zu übernehmen sind, ist unter kon-
orientiert sich an einem inneren ethischen Standard, fuzianischen Autoren umstritten. Die meisten Kon-
der uns in Form des Schamgefühls angeboren ist. Die- fuzianer befürworten jedoch ein Herrschaftssystem,
ser Standard lässt sich jedoch nicht als klar definiertes das sowohl vererbte als auch nach Eignung zugespro-
Regelsystem verstehen, sondern wird vom Individu- chene gesellschaftliche Positionen umfasst. Der mo-
um, das die Eigenschaft yi hinreichend kultiviert hat, narchische Herrscher erbt sein Amt normalerweise
situationsspezifisch erkannt. Yi wird hier also stark von seinen Blutsverwandten, zumindest ein Teil der
partikularistisch interpretiert und ist durch ihren Be- Elite von Ministern und Beamten wird dagegen leis-
zug zur Scham eine eher selbstbezügliche Disposition tungsbezogen bestimmt. Im China der Han-Zeit (206
(van Norden 2004; s. auch Ames 2011). Diese Tendenz v. Chr. – 220 n. Chr.) etwa wurde eine staatliche
ist bei Dong Zhongshu (179–104 v. Chr.) noch deutli- Hochschule geschaffen, die prinzipiell allen offen-
cher erkennbar, der yi als die Fähigkeit versteht, sich stand und den unteren Schichten eine Möglichkeit
selbst zu kritisieren (Zhang 2002, 300). Seit der Song- bot, in die staatliche Bürokratie aufzusteigen, wenn
Zeit (960–1279) verbinden Neo-Konfuzianer wie auch nicht in die höchsten Staatsämter (van Ess 2003,
Cheng Yi (1033–1107), Zhu Xi (1130–1200) und 49). Diese meritokratischen Elemente des Herr-
Chen Beixi (1159–1223) den selbstbezüglichen As- schaftssystems waren im China der Song-Zeit (960–
pekt des Ausdrucks ›yi‹ mit der ebenfalls ausgedrück- 1279) voll entwickelt, wurden aber in Japan beispiels-
ten Bedeutung, einem objektiven Standard zu ent- weise nie adaptiert.
sprechen. Sie verstehen yi dementsprechend als die Die geschilderten hierarchischen Rollen und
moralische Fähigkeit, durch Introspektion die dem Herrschaftsformen gelten nach konfuzianischer Auf-
Prinzip der Natur entsprechenden Verhaltensweisen fassung als gerecht, obgleich sie Güter, Ämter und
zu erkennen und sie gegen innere und äußere Wider- Rollen nicht nur leistungs- und bedürfnisgemäß zu-
stände durchzusetzen (Zhang 2002, 303–310). An die- teilen, sondern auch Kriterien wie ererbtem Status,
ser Interpretation des yi-Konzeptes wird innerhalb Alter und Geschlecht Relevanz beimessen. Konfuzia-
des Konfuzianismus jedoch auch grundlegende Kritik ner wie Xunzi (298–220 v. Chr.) und Ogyū Sorai be-
geäußert. Der neoklassische japanische Autor Ogyū tonen, dass diese Verteilung allen Mitgliedern einer
Sorai (1666–1728) beispielsweise betont, die klassi- Gesellschaft nutzt, da klare Rollen- und Statuszuord-
schen Autoren vor Menzius hätten sich noch an einem nungen Neid, Konkurrenz und somit gesellschaft-
rituellen yi-Konzept orientiert und den Ausdruck ›yi‹ liche Konflikte vermeiden helfen (Roetz 1992, 183).
nur für die Fähigkeit von Herrschern verwendet, tra- Andere konfuzianische Autoren wie Menzius, Dong
ditionelle rituelle und institutionelle Formen an die Zhongshu und Zhu Xi betonen wiederum, dass hie-
sich verändernden historischen Umstände anzupas- rarchische Beziehungen ›natürlich‹ seien. Da ein na-
sen (Tucker 2006, 210–221). Für diesen Autor be- turgemäßes Verhalten in den Augen dieser Konfuzia-
zeichnet ›yi‹ also eine amoralische Eigenschaft, die ner dafür sorgt, dass auch die außermenschlichen Na-
nur die Herrscherelite betrifft. In diesem Verständnis turvorgänge reibungslos verlaufen und beispielsweise
ist eine Übersetzung von ›yi‹ durch den Ausdruck ›ge- Unwetter, Dürren und Erdbeben ausbleiben, enthält
recht‹ somit unangemessen. auch diese Argumentation einen Verweis auf den all-
Ogyū Sorais Kritik am Verständnis von yi als ei- gemeinen Nutzen der betreffenden gesellschaftlichen
nem individualmoralischen Konzept geht auch mit Arrangements.
einer stärkeren Gewichtung der gesellschaftlichen In- Neben dem Ausdruck ›yi‹ wird auch der Ausdruck
stitutionen einher. Die Frage nach gerechten gesell- ›gong‹ (⏻, jap. kō) herangezogen, um das konfuzia-
schaftlichen Institutionen gehört zu den Kernanlie- nische Verständnis gerechter gesellschaftlicher Insti-
gen der meisten Konfuzianer. Sie gehen fast alle da- tutionen zu charakterisieren (Chan 1994; Roetz 1992).
von aus, dass eine gerechte und harmonische Gesell- ›Gong‹ wird häufig mit dem Ausdruck ›unparteilich‹
schaft in der chinesischen Antike existiert habe und übersetzt und bezeichnet die Disposition oder Eigen-
die Hauptaufgabe konfuzianischer Autoren darin be- schaft von Personen und Institutionen, das allgemeine
stehe, die Herrschaftsmethoden der antiken Könige im Gegensatz zum bloß privaten Wohl zu befördern.
an die gegenwärtig Herrschenden weiterzugeben und Die durch ›yi‹ und ›gong‹ bezeichneten Ideale schüt-
34 I Der Begriff der Gerechtigkeit

zen die Gesellschaft somit vor dem eigennützigen seinen Augen allerdings anders strukturiert sein als
oder klientelorientierten Handeln des Herrschers und viele westliche Demokratien (Chen 2008).
seiner Beamten. Sie bieten dem Individuum jedoch
keinen Schutz vor gemeinnützigen Übergriffen durch Literatur
die Gesellschaft. Die Vorstellung, dass die konfuzia- Ames, Roger: Confucian Role Ethics: A Vocabulary. Hong-
nischen Ideale und insbesondere das Ideal gong nicht kong 2011.
Bary, Wm. Theodore de: Confucianism and Human Rights.
nur durch das selbstlose Verhalten des Herrschers ver- New York 1998.
wirklicht werden, sondern auch durch politische In- Bauer, Joanne R./Bell, Daniel A. (Hg.): The East Asian Chal-
stitutionen, die Deliberation und eine Mitbestim- lenge for Human Rights. Cambridge 1999.
mung größerer Bevölkerungsschichten ermöglichen, Bell, Daniel: East Meets West: Human Rights and Democracy
finden sich in China seit der späten Ming-Zeit (1369– in East Asia. Princeton 2000.
Bronkhorst, Johannes: Karma. Honolulu 2011.
1644). Diese neuen Ideen werden u. a. von dem chine-
Chan, Joseph: Making sense of Confucian justice. In: Phi-
sischen Philosophen Huang Zongxi (1610–1695) losophy East and West 44 (1994), 559–575.
prägnant zusammengefasst (Struve 1988) und ab dem Chen, Xunwu: Justice, Humanity, and Social Toleration. Lan-
19. Jahrhundert auch in Japan positiv rezipiert (Wata- ham 2008.
nabe 2012, 328–331). Ess, Hans van: Der Konfuzianismus. München 2003.
In gegenwärtigen Debatten in China wie im Westen Fan, Ruiping: Social justice: Rawlsian or Confucian? In: Mou
Bo (Hg.): Comparative Approaches to Chinese Philosophy.
spielt das Verhältnis des konfuzianischen Gerechtig-
Burlington 2003, 144–168.
keitsverständnisses zu westlichen Werten und Institu- Harvey, Peter: An Introduction to Buddhist Ethics. Cam-
tionen eine zentrale Rolle. Besonders das Verhältnis bridge 2000.
zwischen konfuzianischen Werten und Menschen- Jamspal, L./Chophel, N. S./Della Santina, Peter (Übers.):
rechten (de Bary 1998; Bauer/Bell 1999; Shun/Wong Nagarjuna’s Letter to King Gautamiputra. Delhi 1978.
2004) sowie die Kompatibilität von Konfuzianismus Jan, Yün-hua: Rajadharma ideal in Yogacara Buddhism. In:
Pranabananda Jash (Hg.): Religion and Society in Ancient
und Demokratie nehmen darin großen Raum ein. In India. Calcutta 1984, 221–234.
einer umfassenden Studie zeigt der koreanische Sozi- Jia, Jinhua/Kwok Pang-Fei: From clan manners to ethical
alwissenschaftler Doh Chull Shin, dass die Bevölke- obligation and righteousness: A new interpretation of the
rungen konfuzianisch geprägter Staaten zwar demo- term yi 券. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great
kratische Institutionen befürworten, eine liberale Ge- Britain and Ireland 17/1 (2007), 33–42.
Keown, Damien: The Nature of Buddhist Ethics. New York
sellschaftsordnung jedoch mehrheitlich ablehnen
1992.
(Shin 2012). Im intellektuellen Diskurs lassen sich da- –: Are there ›Human Rights‹ in Buddhism? In: Journal of
rüber hinaus noch weitere Positionen ausmachen: Der Buddhist Ethics 2 (1995), 3–27.
zeitgenössische Konfuzianer Ruiping Fan beispiels- Li, Chenyang: The Confucian ideal of harmony. In: Philoso-
weise fordert ein rein meritokratisches Herrschafts- phy East and West 56 (2006), 583–603.
system für konfuzianisch geprägte Staaten, in dem ei- Nakamura, Kyoko (Übers.): Miraculous Stories from the Ja-
panese Buddhist Tradition – The Nihon Ryōiki of the Monk
ne durch Bildungsinstitutionen ausgewählte Elite die Kyōkai. Cambridge MA 1973.
gesellschaftlich relevanten Entscheidungen trifft (Fan Norden, Bryan van: The virtue of righteousness in Mencius.
2003). Fan zufolge spiegelt nur ein meritokratisches In: Kwong-loi Shun/David B. Wong (Hg.): Confucian Et-
System die Unterschiede in Intelligenz und Tugend hics: A Comparative Study of Self, Autonomy, and Commu-
zwischen den Menschen wider und gewährt gesell- nity. New York 2004, 148–182.
Queen, Christopher/King, Sallie (Hg.): Engaged Buddhism:
schaftliche Stabilität. David Bell propagiert stattdes-
Buddhist Liberation Movements in Asia. Albany 1996.
sen ein Zwei-Kammer-System, in dem die eine Kam- Roetz, Heiner: Die chinesische Ethik der Achsenzeit. Frank-
mer gewählt, die andere jedoch nach Bildungsleistung furt a. M. 1992.
bestimmt wird (Bell 2000), so dass sowohl liberale als Shin, Doh Chull: Confucianism and Democratization in East
auch meritokratische Gesichtspunkte im politischen Asia. Cambridge 2012.
System Berücksichtigung finden. Xunwu Chen argu- Shun, Kwong-loi/Wong, David B. (Hg.): Confucian Ethics: A
Comparative Study of Self, Autonomy, and Community.
mentiert allgemein, dass der Konfuzianismus durch-
New York 2004.
aus eine Grundlage für die Einrichtung demokrati- Sizemore, R. F./Swearer, D. K. (Hg.): Ethics, Wealth, and Sal-
scher Institutionen biete. Der Konfuzianismus habe vation: A Study in Buddhist Social Ethics. Columbia 1990.
sein eigenes Gerechtigkeitsverständnis, und da gute Struve, Lynn: Huang Zongxi in context: A reappraisal of his
Demokratien auf einer Vorstellung von Gerechtigkeit major writings. In: The Journal of Asian Studies 47/3
basieren, muss eine konfuzianische Demokratie in (1988), 474–502.
6 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Judentum und Christentum 35

Tucci, Giuseppe: The Ratnavali of Nagarjuna. In: Journal of 6 Religiöse Wurzeln und
the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland 68/2
(1936), 423–435.
Perspektiven: Judentum
Tucker, John (Übers.): Ogyū Sorai’s Philosophical Master- und Christentum
works. Honolulu 2006.
Watanabe, Hiroshi: A History of Japanese Political Thought,
1600–1901. Tokyo 2012. Judentum und Christentum sind zweieinhalb bzw. fast
Zhang, Dainian: Key Concepts in Chinese Philosophy. New zwei Jahrtausende alt. Sie haben eine wechselvolle Ge-
Haven 2002. schichte. Beide standen immer in einem intensiven
Zimmermann, Michael: Only a fool becomes a king: Bud-
Austausch mit ihren Umwelten. Dabei übernahmen
dhist stances on punishment. In: Ders. (Hg.): Buddhism
and Violence. Lumbini 2006, 213–242. sie viele Elemente aus anderen Religionen und Kul-
turen, in denen sie sich entwickelten und die sie umge-
Paulus Kaufmann kehrt auch prägten. Angesichts dieser Komplexität ist
es nicht überraschend, dass es kaum möglich ist, von
einem oder dem jüdisch-christlichen Gerechtigkeits-
begriff zu sprechen. Sowohl diachron als auch syn-
chron haben wir es innerhalb beider Religionen mit ei-
ner kaum überschaubaren Vielfalt zu tun. Schon unter
den verschiedenen Büchern der Bibel, die eigentlich
eine in einem Zeitraum von etwa tausend Jahren ent-
standene Bibliothek ist, gibt es einen enormen Reich-
tum an Bedeutungsvarianten von Gerechtigkeit. Dass
hier zugleich über Judentum und Christentum ge-
sprochen wird, ist deshalb sinnvoll, weil das Christen-
tum sich aus einer Nachfolgebewegung jüdischer An-
hänger des Juden Jesus entwickelt hat und den größe-
ren Teil seiner Heiligen Schrift, die von Christen Altes
Testament genannte jüdische Bibel, mit dem Juden-
tum gemeinsam hat.
Wie alle Religionen bieten auch Judentum und
Christentum zunächst holistische Weltbilder, inner-
halb derer nicht immer zwischen unterschiedlichen
Geltungsansprüchen unterschieden wird. Deshalb
lassen sich religiöse Vorstellungen von Gerechtigkeit
auch kaum von Gerechtigkeitsüberlegungen ablösen,
die auf Vernunftargumenten gründen. Die vielen Re-
ligionen und Kulturen gemeinsamen basalen und
historisch sehr alten vernünftigen Gerechtigkeitsvor-
stellungen des Reziprozitätsprinzips, der Goldenen
Regel, der Unparteilichkeit der Richter oder der Not-
wendigkeit von mindestens zwei Zeugen vor Gericht
finden sich selbstverständlich auch in Judentum und
Christentum. Die vom griechischen Dichter Aischy-
los im 5. Jahrhundert v. Chr. erstmals erwähnten
Haupttugenden, deren größte und wichtigste neben
Maß, Tapferkeit und Klugheit die Gerechtigkeit ist,
finden sich auch im (deuterokanonischen) alttesta-
mentlichen Buch der Weisheit (Weish 8,7) und an
mehreren Stellen im Neuen Testament (1 Tim 6,11; 2
Tim 2,22; Phil 4,8). Gerechtigkeit steht in Judentum
und Christentum umfassend für die Gesamtheit mo-
ralischer Normen und ethischer Werte. Wer diesen
36 I Der Begriff der Gerechtigkeit

Normen entsprechend handelt, ist ›gerecht‹. Darüber nig der Bäume in Ri 9,7–15 oder die detaillierten Vor-
hinaus hat Gerechtigkeit dort aber auch einen zutiefst schriften zur Begrenzung von Macht und Reichtum
religiösen Sinn, ist sie doch ein Schlüsselbegriff jü- des Königs in Dtn 17,14–20).
disch-christlichen – und übrigens auch islamischen Zwei weitere einschneidende Ereignisse in der
– Gottes- und Offenbarungsverständnisses (zum Fol- Geschichte des alten Israel waren der Untergang des
genden vgl. Ansorge 2009; Weinfeld 1995; Witte Nordreiches Samaria um 722 v. Chr. durch die Ober-
2012; Scoralick 2000; Kruip 2008). Der Mensch ver- herrschaft der Assyrer sowie 587 v. Chr. die Erobe-
dankt sein Gerechtsein letzten Endes einem gerech- rung Jerusalems durch die Babylonier mit dem Un-
ten Gott. tergang des Südreichs Juda. In beiden Fällen wurden
die Eliten deportiert, die Tempel zerstört, und viele
Angehörige des Volkes Israel suchten Zuflucht in an-
Historische Hintergründe und wichtige grenzenden Ländern, versuchten aber, ihre religiöse
Elemente des Gerechtigkeitsbegriffs Identität zu bewahren – der Beginn der später so ge-
im Alten Testament nannten jüdischen Diaspora. Nachdem die Perser
Babylon erobert hatten, kehrten einige der Depor-
Im Kern geht der Jahwe-Glaube der Juden auf Erfah- tierten ab 538 v. Chr. wieder nach Jerusalem zurück,
rungen einer kleinen Gruppe von semitischen ›Gast- was als ein von ihrem Gott, dem Befreier, ermöglich-
arbeitern‹ in Ägypten zurück, die sich aus der über- ter neuer Exodus gedeutet wurde (vgl. Jes 43,14–21).
mächtigen Pharaonenherrschaft befreien konnten, Eigentlich erst jetzt entwickelt sich die Religion, die
wobei ein ›Wunder‹ an einem ›Schilfmeer‹ zwischen später ›Judentum‹ genannt wird. Das bescheidene
Ägypten und der Halbinsel Sinai eine Rolle gespielt Gemeinwesen in Jerusalem und Umgebung stand
haben soll. Welche historischen Ereignisse wirklich immer unter Fremdherrschaft, zuerst der Perser,
dahinter standen, lässt sich heute nicht mehr rekon- dann der griechisch (hellenistisch) geprägten Ptole-
struieren. Sie wären etwa ins 13. Jahrhundert v. Chr. mäer aus Ägypten und der Seleukiden aus Syrien,
zu datieren. Wichtig ist, dass diese Erfahrungen, die schließlich der Römer. Nach der Zerstörung des
im Laufe der Geschichte des alten Israel theologisch zweiten Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. und der
immer wieder neu aufgearbeitet wurden, sein Gottes- Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes 135
bild entscheidend geprägt haben. So heißt es am Be- n. Chr. konnte das Judentum bis zur Gründung des
ginn eines der beiden Abschnitte über die Zehn Ge- Staates Israel 1948 jedoch nur noch in der Zerstreu-
bote: »Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten ung überleben und musste häufig Anfeindungen bis
herausgeführt hat, aus dem Sklavenhaus« (Ex 20,2). hin zum unvergleichlich brutalen Völkermord unter
Der Bezug auf diese Befreiungserfahrung spielt bei den Nationalsozialisten in Deutschland (1933–1945)
der Begründung sozialer Normen eine wichtige Rolle erleiden.
(vor allem im Buch Deuteronomium – vgl. Hieke Solche Erfahrungen von Ungerechtigkeit haben
2007): Weil Gott sein Volk aus Ägypten befreit hat, die Gerechtigkeitsvorstellungen des Judentums si-
steht es unter einem besonderen moralischen An- cherlich maßgeblich geprägt. Die meisten der Texte
spruch, Sklaven, Fremde, sozial Schwache und Aus- der jüdischen Bibel und viele theologische Reflexio-
gegrenzte menschenwürdig zu behandeln. Deshalb nen danach sind aus der Perspektive der Armen, der
ist es nur folgerichtig, dass menschliche Herrschaft Opfer der Geschichte geschrieben. Insofern hatte
nur dann als legitim angesehen wird, wenn sie für Ge- Nietzsche durchaus recht, wenn er die jüdisch-christ-
rechtigkeit sorgt, d. h. niemanden benachteiligt, zwi- liche Moral als eine ›Moral der Sklaven‹ bezeichnete,
schen Armen und Reichen für einen Ausgleich sorgt, unrecht hat er jedoch in der Rückführung ihres Ur-
im Gericht in fairer Weise Recht spricht usw., wobei sprungs auf das ›Ressentiment‹, denn der Ausschluss
sich ein waches Bewusstsein dafür ausgebildet hat, der Gewalt und des Rechts des Stärkeren »ist nicht
dass Menschen durch Macht oft zum Gegenteil ver- die Sache einer historisch späten und anthropolo-
führt werden. Die biblischen Texte sind dementspre- gisch perversen Umwertung aller natürlichen Werte,
chend skeptisch gegenüber jeder Form von Herr- sondern der Kernpunkt aller Kultur« (Assmann
schaft, sowohl gegenüber der Unterdrückung durch 1990, 275).
fremde Völker als auch durch eigene Könige, die
durch die Propheten härtester Kritik ausgesetzt wa-
ren (vgl. etwa die Fabel vom Dornstrauch als dem Kö-
6 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Judentum und Christentum 37

Historische Hintergründe und wichtige nen eigentlichen Kern, seine Botschaft der Befreiung,
Elemente des Gerechtigkeitsbegriffs zu vergessen drohte. Dass weder das Judentum noch
im Neuen Testament vor allem das Christentum dieser Botschaft immer
treu blieben, ist eine große Tragik und fordert zu einer
Für die Entstehung des Christentums war die Erfah- (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit dieser
rung der Anhänger von Jesus von Nazareth auschlag- schmerzvollen Schuldgeschichte heraus. Trotzdem
gebend, dass nach dem Tod ihres Meisters am Kreuz gab es auch immer wieder Gegenbewegungen gegen
dessen offenbar faszinierendes und mit harter Kritik dieses Vergessen, von den im Mittelalter gegründeten
an den Eliten seiner Zeit einhergehendes Eintreten für Bettelorden über die protestantische Reformation und
Menschlichkeit als Kern seiner Reich-Gottes-Bot- die von der Utopie einer besseren Welt geprägten Mis-
schaft nicht sinnlos geworden sein könne, sondern sionsbemühungen des 16. Jahrhunderts, die Entste-
Gott vielmehr sein Engagement bekräftigte und es hung sozialreformerischer Bewegungen im 19. Jahr-
auch von denen erwartete, die an ihn und sein kom- hundert und die sozialistisch geprägten Teile des Zio-
mendes Reich glaubten. Auch hier weiß man nicht, nismus bis hin zu den befreiungstheologischen Neu-
welche Auslöser historisch zum Glauben an die Auf- ansätzen in den Ländern der so genannten Dritten
erweckung Jesu geführt haben, die eindeutig als Bestä- Welt im 20. Jahrhundert.
tigung seiner Botschaft verstanden und als Beginn
dieses Reiches Gottes interpretiert wurde, in dessen
unmittelbarer Naherwartung auch die ersten Christen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes
lebten (vgl. noch heute die zweite Bitte des Vater Un-
ser: »Dein Reich komme!«). Der Evangelist Lukas legt Wie auch in Ägypten, in Mesopotamien und in Grie-
der Mutter Jesu im Magnifikat Worte in den Mund, die chenland war in Palästina die Gerechtigkeit zunächst
diese Ankunft des Reiches Gottes in seinen Kon- eine eigene Gottheit, die häufig mit der Sonne iden-
sequenzen illustrieren: »Er stürzt die Mächtigen vom tifiziert wurde (Assmann 1990). Ein Nachhall davon
Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden be- findet sich auch in Mal 3,20. Je mehr sich der Mono-
schenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer theismus des Jahwe-Glaubens bei den Israeliten
ausgehen« (Lk 1,52 f.). Wie oft im Neuen Testament durchsetzte, umso mehr wurde die Gerechtigkeit als
gibt es hier zahlreiche Bezüge zum Alten Testament zentrale Eigenschaft des einzigen Gottes betrachtet.
(Ez 17,24; Ps 147,6; Ps 34,11; Ps 107,8–9; Ps 146,7). Je- Gott ist »der Gerechte« (2 Chr 12,6; Ps 11,7 und öfter
su Tod am Kreuz und seine Auferweckung wurden – in den Psalmen; Jes 45,21; Dan 9,14; Zef 3,5), der
ebenfalls in enger Anbindung an die Heiligen Schrif- »oberste Richter« (Jer 11,20; Ez 34,17 etc.), und es
ten der Juden – als Befreiung von der Sünde und vom wird ihm die Aussage in den Mund gelegt: »Als Senk-
Tod für alle Menschen interpretiert. Der zum Glauben blei nehme ich das Recht und die Gerechtigkeit als
an Jesus gelangte Jude Paulus war es dann, der durch Wasserwaage« (Jes 28,17). Dabei war von Beginn an
die Durchsetzung der Befreiung von den jüdischen klar, dass diese göttliche Gerechtigkeit von den Men-
Speisevorschriften und von der Beschneidung für die- schen Nachahmung und Nachfolge, imitatio Dei, ver-
jenigen Christen, die vor ihrer Bekehrung keine Juden langt (vgl. Dtn 13,5) – also eine gerechte Gestaltung
gewesen waren, eine Ausbreitung des Christentums der Beziehungen unter den Israeliten, vor allem zu-
im gesamten Mittelmeerraum ermöglichte. Auch das gunsten der Armen, zwischen dem Volk und seinen
Christentum war also zunächst sehr wohl eine Religi- Herrschern, zwischen den Israeliten und den Frem-
on der »Mühseligen und Beladenen« (Mt 11,28). Im den, ja sogar zwischen den Menschen und der außer-
vierten Jahrhundert wurde es dann erst zu einer tole- menschlichen Natur: »So spricht der Herr: Wahrt das
rierten Religion, dann sogar zur römischen Staatsreli- Recht und sorgt für Gerechtigkeit [...]« (Jes 56,1) (So-
gion (konstantinische Wende). lomon 1994). Eine der beeindruckendsten, aber si-
In der Folgezeit, vor allem im Mittelalter bis hin zur cher auch nicht unproblematischen Gerechtigkeits-
Zeit des Absolutismus, kam es zu engen und hochpro- ideen des Judentums war das Erlassjahr: Alle sieben
blematischen Verflechtungen von religiöser und staat- Jahre sollte es einen allgemeinen Schuldenerlass ge-
licher Gewalt, auch zur religiösen Legitimation staatli- ben (Dtn 15), sehr viel regelmäßiger als die altbaby-
cher Unterdrückung, ab dem 16. Jahrhundert auch lonischen Schuldenerlasse, die meist nur aus Anlass
von Kolonialismus und Imperialismus. Dabei bestand einer Thronbesteigung verkündet wurden (Hieke
immer wieder die Gefahr, dass das Christentum sei- 2007, 210). Noch weiter ging das so genannte Jo-
38 I Der Begriff der Gerechtigkeit

beljahr (Lev 25,8–31) – wobei man nicht weiß, ob es fallen (vgl. z. B. Spr 26,27). Dass leider häufig genau
jemals wirklich praktiziert worden ist. Nach sieben das Gegenteil passiert, hat die Verfasser der biblischen
mal sieben Jahren, also im 50. Jahr, sollten alle Skla- Schriften sehr beschäftigt, besonders eindrücklich aus
ven freigelassen, alle Schulden erlassen und die ur- der Perspektive eines betroffenen Gerechten in Psalm
sprünglichen Besitzverhältnisse wiederhergestellt 73 oder besonders differenziert im Buch Ijob und bei
werden, sozusagen um einen fairen Anfangszustand Kohelet. Der Ijob der Rahmenerzählung lässt sich
nach Jahren des Anwachsens von Ungleichheiten trotz seines unschuldigen Leidens in seiner Gottes-
wiederherzustellen. Gerechtigkeit beinhaltete jedoch beziehung nicht erschüttern; für Kohelet bleibt das
nicht allein die Einhaltung moralischer Normen, die Problem undurchschaubar, weshalb für ihn letztlich
im religiösen Kontext selbstverständlich als Gesetze alles menschliche Streben ›Windhauch‹ ist. Sicher
Gottes aufgefasst wurden, sondern darin umfassen- liegt in der Erfahrung so vieler, zu Lebzeiten unaus-
der zugleich die Treue der Menschen zu ihrem Gott, geglichener Ungerechtigkeiten eine der Wurzeln für
als deren Grundlage immer auch die Treue Gottes zu die (allerdings vergleichsweise späte) Entstehung des
seinem Volk gesehen wurde. So konnte Gott den Glaubens an eine Auferstehung bzw. ein Weiterleben
Glauben des Abraham ihm als Gerechtigkeit anrech- nach dem Tod und ein letztes Gericht Gottes. Ähnlich
nen (Gen 15,6). Gerechtigkeit ist hier ein relationaler wie in Psalm 73,4 formulieren die Beter auch in Psalm
und dynamischer Begriff, er beinhaltete auch die 49,16 oder im vierten Gottesknechtslied (Jes 53,8–11)
Barmherzigkeit Gottes, der sich seines Volkes immer die Erwartung eines Ausgleichs nach dem Tod. Die im
wieder erbarmt, obwohl es dies nicht verdient hat gerechten Widerstand gefolterten und getöteten Mak-
(z. B. Dan 9,7–19; Mi 7,18–20). Zwischen einer mora- kabäer stärkten sich durch den Glauben an Auferste-
lischen, also das Handeln des Menschen qualifizie- hung und göttliches Gericht (2 Makk 7). Klaus Bieber-
renden, und einer soteriologischen, also Gottes Heils- stein (2011) hat anhand der schwierigen Stelle in Dan
handeln ansprechenden Dimension von Gerechtig- 12,1–3 und im Rückbezug auf das pseudepigraphische
keit wird nicht unterschieden, wenngleich die Span- äthiopische Henochbuch, die wohl älteste apokalypti-
nung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, wie sie sche Schrift (ca. 3. Jahrhundert v. Chr.), gezeigt, dass
etwa in der Gnadenformel von Ex 34,6–7 thematisiert im Ursprung der Auferstehungserwartung tatsächlich
wird, erhalten bleibt. Gegen die Gnosis mit ihrer die Idee der Gerechtigkeit liegt. Denn dort sollten zu-
Zweigötterlehre haben die Kirchenlehrer im 3. Jahr- nächst nur diejenigen aus dem Tod auferstehen, die
hundert und die mittelalterlichen Theologen wie Pe- entweder als gute Menschen ihren Lohn oder als
trus Lombardus oder Thomas von Aquin an der Zu- schlechte Menschen ihre Strafe zu Lebzeiten noch
sammengehörigkeit von Barmherzigkeit und Ge- nicht erhalten haben, während bei denjenigen, bei de-
rechtigkeit als Eigenschaften des einen Gottes fest- nen der Tun-Ergehens-Zusammenhang auch schon
gehalten. Bis heute setzen sich Judentum und zu Lebzeiten in gerechter Weise gegeben war, von ei-
Christentum mit dieser Polarität auseinander, teilwei- ner Auferstehung nicht die Rede ist und auch nicht
se auch unter den Begriffspaaren Gerechtigkeit und sein muss.
Solidarität oder Gerechtigkeit und (soziale) Liebe
(vgl. etwa Jacob/Homolka 2006).
Rechtfertigung Gottes angesichts
der Ungerechtigkeit in der Welt?
Vom innerweltlichen Tun-Ergehens-
Zusammenhang zur Auferstehungs- Trotz einer solchen Auferstehungshoffnung ist die
hoffnung Existenz des Bösen und des Übels in der Welt auch in
Judentum und Christentum als Problem für den Glau-
Immer wieder handelt die jüdische Bibel vom so ge- ben an einen gerechten und allmächtigen Gott emp-
nannten ›Tun-Ergehens-Zusammenhang‹, der auch funden worden. Wenn Gott wirklich gerecht und all-
für die ägyptische Gerechtigkeitsvorstellung einer mächtig ist, muss er etwas gegen das Böse und die
›konnektiven Gerechtigkeit‹ zentral war (Assmann Übel in der Welt tun, sonst ist er entweder nicht all-
1990, 283–288). Dahinter steht die Erwartung, dass mächtig oder nicht gerecht. In allen Religionen, deren
das gute Handeln gerechter Menschen dazu führt, Gottesvorstellungen die Eigenschaften Gerechtigkeit
dass es ihnen auch gut geht, während die Taten der bö- und Allmacht implizieren, führen erfahrene Unge-
sen Menschen noch zu ihren Lebzeiten auf sie zurück- rechtigkeiten und Leid zu dieser, von Gottfried Wil-
6 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Judentum und Christentum 39

helm Leibniz (1646–1716) als Theodizeeproblem be- identifiziert: »Alles, was ihr von den anderen erwar-
zeichneten Frage der Rechtfertigung Gottes ange- tet, das tut auch für sie! Darin besteht das Gesetz und
sichts des Bösen und des Leids (zum Folgenden die Propheten«. In der Gerichtsrede Jesu in Mt 25,31–
Loichinger/Kreiner 2010). Schon bei Ijob, der Gott 46 wird von Jesus denjenigen das Heil zugesprochen,
(im Dialogteil der Schrift) mit harten Worten anklagt die den ärmsten ihrer Mitmenschen geholfen und
(Ijob 9,24), findet sich eine differenzierte Auseinan- Liebestaten erwiesen haben. Wie schon in der jü-
dersetzung mit diesem Problem. Aber während man dischen Bibel (Lev 19,2) wird von den Christen Hei-
bis ins 17. Jahrhundert hinein von der Existenz Gottes ligkeit oder Vollkommenheit nach dem Vorbild Got-
überzeugt war und eine Lösung des Problems vor al- tes selbst verlangt (Mt 5,48). Auch wenn das jesua-
lem darin sah, dass Gottes Weisheit und damit die nische Gebot der Feindesliebe oft für eine besondere
Sinnhaftigkeit des Bösen und des Leids den Menschen christliche Zuspitzung gehalten wird, finden sich
letztlich verborgen, sehr wohl aber möglich sei, wurde auch schon in der jüdischen Bibel konkrete Einzel-
mit Entstehung des Atheismus das Theodizeeproblem vorschriften, die in die gleiche Richtung gehen (Ex
zu einer massiven Anfrage an den Gottesglauben 23,4 f.; Spr 24,17, Spr 25,21). Die häufige Kritik Jesu
selbst. Nicht zuletzt wurden die gängigen Lösungsver- an einer religiösen Praxis, die nicht mit einem Han-
suche, das Leid als Strafe für begangene Sünden, als deln zugunsten der Armen und Bedrängten einher-
stellvertretende Sühne oder als Prüfung der Gläubigen geht, kann ebenfalls an das Alte Testament anknüpfen
zu verstehen – was angesichts des dafür anzunehmen- (Jes 58,6–8; Amos 2,6–8). Die eigentliche Pointe des
den Gottesbildes nicht unproblematisch ist –, zuletzt häufig zitierten Samaritergleichnisses (Lk 10,25–37)
sicherlich durch die Shoa (den Holocaust) und das da- ist auch weniger der Aufruf zur Hilfeleistung als die
mit verbundene, ungeheuerliche Ausmaß an Schuld Aussage, dass die Forderung nach gerechtem Han-
und Leid erschüttert. Jüdische wie christliche Theo- deln höher zu gewichten ist als Frömmigkeitsvor-
logen stellen seitdem die Frage, ob und in welcher schriften, die für den Priester und Levit galten, die
Weise ›nach Auschwitz‹ noch Theologie getrieben und achtlos vorbeigingen. Sogar die Kritik Jesu an einer
an Gott geglaubt werden kann. rigorosen Praxis der Einhaltung des Sabbatgebotes
(Mk 2,27) entspricht sehr wohl dem Geist des jü-
dischen Gesetzes (vgl. 1 Makk 2,41). Auch heute ver-
Christliche Akzentuierungen des Gerechtig- treten die meisten Rabbiner den Vorrang der Rettung
keitsbegriffs menschlichen Lebens vor der Einhaltung des Sabbat-
gebotes (Solomon 1994, 144).
Aufbauend auf das Beispiel Jesu und seine Erwartung
des nahen Reiches Gottes wird das Gerechtigkeits-
denken des Judentums durch das Christentum zwar Rechtfertigung des Menschen aus Glauben
in manchen Punkten anders akzentuiert, in wesentli-
chen Elementen jedoch fortgeführt. Die schon im Trotz solcher prägnanten moralischen Forderungen
vorchristlichen Judentum vorhandene messianische bleibt in den biblischen Texten aber klar, dass sich
Erwartung (vgl. z. B. Jes 11,1–16; 56,1–8), für die die der Mensch vor Gott nicht durch seine Werke recht-
Manifestation göttlicher Gerechtigkeit das zentrale fertigen kann, sondern immer auf die Gnade Gottes
Element darstellt (Jes 11,5; 56,1), wird auf die Reich- angewiesen bleibt. ›Gerecht‹ wird der Mensch ›aus
Gottes-Botschaft als Herstellung endgültiger Gerech- Glauben‹ (vor allem Röm 1,17; 5,19; 3,21–26; 10,3 f.;
tigkeit und auf Jesus selbst als den erwarteten Messias 2 Kor 5,21; Gal 3,13). Paulus kann dabei auf alttesta-
bezogen. Dementsprechend wird Jesus als Modell des mentliche Wurzeln zurückgreifen (Gen 15,6; Hab
Gerechten (1 Joh 2,1) verstanden und in der Leidens- 2,4; Dtn 9,4–6; Ps 143,2), ähnliche Überlegungen fin-
geschichte als unschuldiger Gerechter dargestellt (Mt den sich auch in der rabbinischen Theologie (Finkel
27,19; Lk 23,47). Dabei wird immer wieder betont, 1984, 413).
dass sich Jesus mit seinen Gerechtigkeitsforderungen In der Martin Luther besonders bedrängenden Fra-
nicht gegen das jüdische Gesetz stellt, sondern es ge- ge, wie der Mensch denn vor Gott gerecht sein könne,
rade dadurch erfüllt, weil es in seinem Kern aus dem entdeckt die Reformation im 16. Jahrhundert den
Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe besteht gnädigen Gott und die Rechtfertigung des Menschen
(Mt 22,40; vgl. Dtn 6,5; Lev 19,18). In Mt 7,12 wird so- durch die Gnade Gottes wieder. Damit ergeben sich
gar die Goldene Regel mit dem jüdischen Gesetz drei zu unterscheidende Arten von Gerechtigkeit: ers-
40 I Der Begriff der Gerechtigkeit

tens die weltliche, zivile Gerechtigkeit (iustitia civilis), bot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über
der die Christen als Weltbürger selbstverständlich zu deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im
folgen haben, zweitens die allein von Gott kommende Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns
Rechtfertigung aus Glauben (iustitia passiva), die in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet
dann aber drittens durchaus gute Werke als Frucht des es uns [...]? [...] Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es
Glaubens (iustitia actualis) nach sich zieht, nicht aber ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst
mit der Werkgerechtigkeit identisch ist, die die Auffas- es halten« (Dtn 30,11 f. und 14).
sung nahelegen könnte, der Mensch könne sich sein So konnte schon Philo von Alexandrien (15/10
Heil gegenüber Gott verdienen. v. Chr. bis 40 n. Chr.) wie Paulus (Röm 2,14–15) die
Eine zu starke Betonung dieser Rechtfertigungsleh- jüdische Tora als natürliches Gesetz verstehen (Solo-
re impliziert freilich einige theologische Probleme, mon 1994, 135–137). Die ersten großen christlichen
beispielsweise die Fragen, wie es um diejenigen steht, Theologen (Kirchenväter) und das gesamte Mittelalter
die schuldlos nicht zum Glauben gefunden haben, haben denn auch versucht, die christliche Lehre mit-
welche Rolle die guten Taten dann noch vor dem Ge- hilfe griechischer und römischer Philosophie aus-
richt Gottes spielen und nicht zuletzt, zu welchem zulegen und zu plausibilisieren, selbstverständlich in
Gottesbild es führt, wenn man davon ausgeht, dass ständigem Austausch mit jüdischen Theologen und
Gott der Satisfaktion für die Sünden der Menschen Philosophen. In der Scholastik wurde, vermittelt
durch den Sühnetod seines Sohnes bedurfte. Die Vor- durch jüdische (Maimonides, 1135/38–1204) und
stellung einer Rettung allein aus Gnade steht auch in arabische Philosophen (Averroës, 1126–1198), ver-
einer gewissen Spannung zur Betonung der guten stärkt auf Aristoteles zurückgegriffen, ohne dessen
Werke in Jak 2,17, ja sogar zu manchen Aussagen von Schriften einer der größten mittelalterlichen Theo-
Paulus selbst, der ebenfalls zu guten Werken gegen- logen, Thomas von Aquin (1225–1274), gar nicht zu
über den Armen aufruft (vgl. auch 2 Kor 9,6–10), wo- verstehen ist. Dieser ständige, sehr intensiv geführte
bei bei ihm wie bei Luther der Indikativ der von Gott Dialog zwischen jüdisch-christlicher Ethik und Phi-
zugesprochenen Gnade immer dem Imperativ der losophie wird bis in die heutige Zeit hinein fort-
Aufforderung zu gerechtem Handeln vorausgeht. Im geführt. Für jüdische Ansätze kann etwa auf Lenn E.
Zuge ökumenischer Verständigungsprozesse haben Goodman (1991) oder Hermann Cohen (2008) ver-
sich die Kirchen der Reformation und die katholische wiesen werden. In der katholischen Theologie gab es
Kirche gerade in der Frage der Rechtfertigung aus eine besonders intensive Debatte um die so genannte
Glauben aufeinander zubewegt, was prägnant in der – ›autonome Moral‹ (Auer 1971); ihr zufolge ist der re-
allerdings in der evangelischen Kirche nicht un- ligiöse Glaube zwar wichtig für die Motivation, über-
umstrittenen – Gemeinsamen Erklärung des lutheri- haupt moralisch zu handeln, für das moralische Ur-
schen Weltbundes und der katholischen Kirche zur teil seien aber Vernunftargumente entscheidend. An-
Rechtfertigungslehre (1999) zum Ausdruck kommt. sätze in dieser Denkrichtung sind freilich innerkirch-
lich nicht unumstritten, sie setzen die Moraltheologie
unter Modernisierungsdruck. Auch seitens protes-
Die Bedeutung der Vernunft für das jüdische tantischer Entwürfe zur Gerechtigkeit wird ein inten-
und christliche Verständnis von Moral als siver Dialog mit der Philosophie geführt, beispiels-
autonome Moral weise mit Rawls (Bedford-Strohm 1993) und anderen
philosophischen Positionen (Müller 2003). Die la-
Analysiert man die auf das Verhältnis der Menschen teinamerikanische Befreiungstheologie hat wichtige
untereinander zielenden biblischen Texte zur Gerech- Impulse gegeben, besonders die Sozialethik als eine
tigkeit genauer, so lässt sich zeigen, dass hier oft all- Ethik gesellschaftlicher Strukturen zu begreifen, für
gemein-menschlich vernünftig argumentiert wird, die der Austausch mit den Sozial- und Wirtschafts-
freilich nicht in Form von philosophischen Traktaten, wissenschaften wichtig ist. Inzwischen gibt es einen
sondern narrativ in Geschichten, Parabeln, Fallbei- relativ breiten Konsens, dass Ethik und Sozialethik als
spielen und Ermahnungen. Entscheidend ist dabei, gegenüber der Theologie autonome wissenschaftliche
dass die moralischen Normen nicht als etwas betrach- Disziplinen zu verstehen seien, die jedoch trotzdem
tet werden, das eine dem Menschen fremde Autorität als Reflexion der Gerechtigkeitspraxis von Christen
ihm auferlegt, sondern als Normen, die dem Men- und Kirche einen unaufgebbaren Bezug zu Theologie
schen zugänglich und verständlich sind: »Dieses Ge- und Kirche aufweisen.
7 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Islam 41

Literatur 7 Religiöse Wurzeln und


Ansorge, Dirk: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes. Die
Dramatik von Vergebung und Versöhnung in bibeltheologi-
Perspektiven: Islam
scher, theologiegeschichtlicher und philosophiegeschicht-
licher Perspektive. Freiburg i. Br. 2009.
Assmann, Jan: Ma’at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Der Islam hat eine über 1400-jährige, wechselvolle
alten Ägypten. München 1990. Geschichte auf mehreren Kontinenten, die eine theo-
Auer, Alfons: Autonome Moral und christlicher Glaube. Düs- logisch diverse Entwicklung und sehr unterschiedli-
seldorf 1971. che islamisch geprägte Gesellschaften hervorgebracht
Bedford-Strohm, Heinrich: Vorrang für die Armen. Auf dem
hat. Bereits im Koran und in der Überlieferung taucht
Weg zu einer theologischen Theorie der Gerechtigkeit. Gü-
tersloh 1993. der Begriff der Gerechtigkeit auf. Die islamische Phi-
Bieberstein, Klaus: Vom Verlangen nach Gerechtigkeit zur losophie diskutiert den Terminus, sodann spielt er im
Erwartung einer Auferweckung von Toten. In: Erasmus Rechts- und Gerichtswesen eine Rolle. Gerechtigkeit
Gaß/Hermann-Josef Stipp (Hg.): Ich werde meinen Bund wird von Juristen und Theologen auch in Bezug auf
mit euch niemals brechen! (Ri 2,1). Freiburg i. Br. 2011, die Festlegung der an einen gerechten Herrscher zu
295–313.
stellenden Anforderungen sowie in Bezug auf Frauen-
Cohen, Hermann: Religion der Vernunft aus den Quellen des
Judentums. Eine jüdische Religionsphilosophie. Wiesbaden rechte, soziale Verantwortung und ab dem 20. Jahr-
2008. hundert vermehrt im Bereich des Islamismus dis-
Finkel, Asher: Gerechtigkeit II. Judentum. In: Gerhard kutiert. Eine prominente Position nimmt der Begriff
Krause/Siegfried M. Schwertner/Gerhard Müller (Hg.): der Gerechtigkeit in der Erörterung von Theologen
Theologische Realenzyklopädie, Bd. 12. Berlin 1984, 411– und Juristen jedoch insgesamt nicht ein, und er er-
414.
Goodman, Lenn Evan: On Justice. An Essay in Jewish Phi- fährt auch keine systematische inhaltliche Analyse in
losophy. New Haven/Yale 1991. der islamischen Rechtsliteratur. Im Bereich der klassi-
Hieke, Thomas: ›Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du schen Theologie findet bis zur Gegenwart keine Ver-
nachjagen‹ (Dtn 16,20). Die Sozialutopie des Buches Deu- knüpfung des Menschenrechtsgedankens mit der
teronomium. In: Religionsunterricht an höheren Schulen Thematik der Gerechtigkeit statt.
50/4 (2007), 208–217.
Jacob, Walter/Homolka, Walter: Hesed and Tzedakah. From
Bible to Modernity. Berlin 2006.
Krause, Gerhard et al.: Gerechtigkeit. In: Theologische Real- Der gerechte Gott: Koran und Überlieferung
enzyklopädie, Bd. 12. Berlin 1984, 404–440.
Kruip, Gerhard: Traditional conceptions of justice in Chris- Schon in Koran und Überlieferung finden sich mehre-
tianity. In: Rajeev Bhargava/Michael Dusche/Helmut Rei- re Verse, die Gerechtigkeit bzw. gerechtes Verhalten
feld (Hg.): Justice. Political, Social, Juridical. New Delhi
2008, 94–115.
thematisieren. Dort finden sich etwa allgemeine Auf-
Loichinger, Alexander/Kreiner, Armin: Theodizee in den forderungen, gerecht zu sein (»seid gerecht!«, Sure
Weltreligionen. Ein Studienbuch. Paderborn 2010. 5: 8), weil Gott Gerechtigkeit befiehlt (7: 29). Die Ge-
Müller, Wolfgang Erich: Argumentationsmodelle der Ethik. rechten können sich des Wohlgefallens Gottes sicher
Positionen philosophischer, katholischer und evangelischer sein, denn: »Gott liebt die Gerechten« bzw. diejenigen,
Ethik. Stuttgart 2003.
»die gerecht handeln« (Sure 60: 8), ohne dass eine in-
Scoralick, Ruth (Hg.): Das Drama der Barmherzigkeit Gottes.
Studien zur biblischen Gottesrede und ihrer Wirkungs- haltliche Umschreibung des Begriffs der Gerechtigkeit
geschichte in Judentum und Christentum. Stuttgart 2000. gegeben würde; eine einhellige Auffassung über die
Solomon, Norman: Judaism. In: Jean Holm/John Westerdale inhaltliche Füllung des Begriffs der Gerechtigkeit
Bowker (Hg.): Making Moral Decisions. London/New existiert in der islamischen Theologie nicht.
York 1994, 123–152. Die Offenbarung des Islam wird im Koran sehr
Weinfeld, Moshe: Social Justice in Ancient Israel and in the
Ancient Near East. Jerusalem 1995.
grundsätzlich mit der Gerechtigkeit verknüpft, denn
Witte, Markus (Hg.): Gerechtigkeit. Tübingen 2012. das Ziel der Herabsendung des Korans war die Schaf-
fung von Gerechtigkeit: Die »Gesandten« wurden mit
Gerhard Kruip der Offenbarung Gottes zu den Menschen geschickt,
damit »die Menschen für Gerechtigkeit sorgen« (Sure
57: 25). Gerechtigkeit ist damit, wie der Koran und spä-
ter auch die Überlieferung deutlich machen, religiös
definiert. Denn Gott handelt gerecht, er »sorgt für Ge-
rechtigkeit« (Sure 3: 18); ja, seine Gerechtigkeit ist der
42 I Der Begriff der Gerechtigkeit

Maßstab allen menschlichen Handelns. Abseits der Ge- schen prädestiniert sind durch die Allmacht Gottes,
rechtigkeit Gottes gibt es keine Gerechtigkeit, so dass der durch nichts begrenzt und von nichts beeinflusst
der Mensch nur dann gerecht sein kann, wenn er dieser werden kann, stellt sich die Frage, wie Gott gerecht
Gerechtigkeit Gottes nacheifert und die Gebote Gottes sein könne, der doch den Menschen im Jüngsten Ge-
hält (Alabied 2001, 23). Der wohl bedeutendste Vertre- richt für sein Tun zur Verantwortung ziehen und den
ter der frühislamischen Jurisprudenz, Muhammad ibn Sünder verurteilen werde. Die in dieser Frage differie-
Idris ash-Shafi’i (767/768–820) definierte Gerechtigkeit renden Anhänger der Qadariten und Jabariten stimm-
daher als Gehorsam gegen Gott (Khadduri 1984, 57). ten zwar darin überein, dass Gott die Quelle aller Ge-
Zwar bezeichnet der Koran Gott nicht unmittelbar rechtigkeit und diese vollkommen, ewig und unüber-
als ›den Gerechten‹, jedoch wird ihm dieser Beiname trefflich sei, sie unterschieden sich aber grundsätzlich
im Rahmen der so genannten 99 schönsten Namen hinsichtlich der Frage, ob die Gerechtigkeit Gottes ein
Gottes sehr häufig zugewiesen (Rahbar 1960, 9). Auch Ausdruck seines Willens und seiner Macht sei, wie die
an seinem Lebensende wird dem Menschen Gerech- Jabariten behaupteten, oder aber ein Ausdruck seines
tigkeit zuteilwerden, denn Gott ist ein gerechter Rich- Wesens und seiner Vollkommenheit, wie die Qadari-
ter und Vergelter (10: 4), er wird Glauben und Tun je- ten verfochten, zu denen auch die theologisch-phi-
des Menschen auf »gerechten Waagen« abwägen losophische Schule der Muҵtaziliten zu rechnen ist
(21: 47) und in absoluter Gerechtigkeit jedem das im (vgl. Khadduri 1984, 39 f.).
Jenseits zukommen lassen, was er verdient (42: 22). Für die in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts ge-
Der Koran benutzt für Gerechtigkeit im Ara- gründete theologische Schule der Muҵtaziliten besaß
bischen häufig die Begriffe cadl oder qi‫܈‬t und bezeich- die Lehre von der Gerechtigkeit Gottes besonders gro-
net damit ein gerechtes, angemessenes, nicht betrüge- ße Bedeutung, auch wenn der Mensch, wie sie lehrten,
risches Handeln. Insbesondere cadl besitzt eine um- nicht zu jedem Zeitpunkt die Gerechtigkeit Gottes be-
fassendere Bedeutung und weist auf ein moralisch greifen könne (Ende 2008, 26). Sie nannten sich selbst
einwandfreies Tun, auf Integrität, Aufrichtigkeit und ›Leute der Gerechtigkeit und der Einheit‹ (Gottes)
Redlichkeit hin (Krämer 2007, 24 f.). Die gegentei- (arab. ahl al-cadl wa-t-tau‫ۊ‬īd), denn Gott ist, so lautet
ligen Begriffe lauten fāsiq (gottlos, sündhaft, ruchlos) einer ihrer fünf grundlegenden Lehrsätze, absolut ge-
oder ܲulm (Unrecht, Sündhaftigkeit, Schlechtigkeit). recht, ja, habe die Verpflichtung, gerecht zu handeln,
Mit der Betonung der Notwendigkeit gerechten da Ungerechtigkeit grundsätzlich seinem Wesen wi-
Handelns spiegelt der Koran die vom Handel geprägte derspräche. Daher könnten die Handlungen des Men-
Gesellschaft der Arabischen Halbinsel wider, wenn er schen nicht vorherbestimmt sein – so die Muҵtazila –,
die Gläubigen ermahnt, das Vermögen der Waisen sondern der Mensch könne selbst zwischen gerechten
nicht anzutasten (6: 152), volles Maß und Gewicht zu und ungerechten Handlungen wählen und sei damit
geben, gerecht zu sein beim Zeugnis und ganz all- auch allein verantwortlich für sein Tun. Andernfalls
gemein der Gerechtigkeit vor dem persönlichen Vorteil wäre aus Sicht des muҵtazilitischen Voluntarismus das
den Vorzug zu geben (4: 135), Schuldverträge gerecht Gericht über die Menschen nicht gerecht. Langfristig
abzufassen (2: 282), zwischen den Menschen gerecht konnte sich die voluntaristische Position der Muҵtazila
zu richten (4: 58) und, schließlich, mehrere Ehefrauen politisch allerdings nicht durchsetzen. Die Gegen-
gerecht zu behandeln (4: 3). Insbesondere wenn Ver- spieler der Muҵtaziliten, die Ashҵariten, verfochten die
wandte involviert sind, mahnt er die Gläubigen, keine Auffassung von der Allmacht Gottes in allen seinen
ungerechten – falschen – Aussagen zu treffen (6: 152). Handlungen. Gerechtigkeit zu bewirken, ist ihrer Auf-
fassung nach nicht dem (freien) Willen des Menschen
überlassen, sondern immer ein Ausdruck des Willens
Willensfreiheit und Gerechtigkeit: Gottes, während der Mensch gleichzeitig aufgefordert
Theologie und Philosophie ist, Gottes Gebote zu erfüllen (Khadduri 1984, 56).

In der Theologie entzündete sich bereits in der Früh-


zeit des Islam eine intensive Diskussion an der Frage, Gerechte Herrschaft
ob der Mensch in seinem Handeln Willens- und Ent-
scheidungsfreiheit besitze oder ob alle seine Handlun- Grundsätzlich bedeutet die positive koranische Wer-
gen von Gott vorherbestimmt seien, weil Gott all- tung und die spätere theologische Diskussion des Be-
mächtig sei. Denn wenn alle Handlungen des Men- griffs der Gerechtigkeit nicht, dass Gerechtigkeit mit
7 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Islam 43

Gleichheit, Gleichberechtigung oder Gleichrangigkeit recht gilt, der die Gebote Gottes zur Anwendung
gleichgesetzt würde, obwohl Gott alle Menschen bringt und auf diese Weise irdische Gerechtigkeit her-
gleich an Würde geschaffen hat und sie zur Brüder- stellt. Dies gilt als eine seiner vornehmsten Aufgaben.
lichkeit aufruft. Vielmehr erkennt das klassische Wie diese Herrschaftsform im Einzelnen auszusehen
Schariarecht verschiedenen Personen(gruppen) un- hat, darüber finden sich im Koran keine konkreten
terschiedliche Rechte zu, die bis heute vor allem in Angaben, und auch das Kalifat ist eine historische
den arabischen Staaten des Nahen Ostens die dorti- Entwicklung, die sich erst aus der Praxis nach dem
ge Rechtswirklichkeit widerspiegeln: Muslimische Tod Muhammads ergab. Unter der Ägide des gerech-
Staatsbürger besitzen umfangreichere Rechte als ten Herrschers soll auch ein Richter Gerechtigkeit
Nichtmuslime (denen häufig der Aufstieg in höhere üben, indem er gemäß dem Gesetz Gottes Recht
Ämter in Militär, Gerichtswesen, Universität oder Si- spricht. Damit ihm das möglich ist, ist der ihm über-
cherheitsdiensten verwehrt ist). Dessen ungeachtet geordnete Herrscher aufgefordert, das Schariarecht zu
gelten Juden und Christen als ›Buch-‹ oder ›Schrift- achten und zu schützen.
besitzer‹, als prinzipiell anerkannte Minderheiten und Zur Wahrung von Gerechtigkeit und Sicherheit ge-
besitzen mehr Rechte, etwa zur Abhaltung von Got- hörte, je nach Erfordernis, auch der Jihad, sei es ein
tesdiensten und zum Erhalt ihres Gemeinschaftsbesit- defensiver Kampf für den Schutz der Grenzen vor
zes, als nicht-anerkannte religiöse Gruppierungen wie dem Feind oder ein offensiver Kampf mit dem Ziel
etwa die Baha’i, die in einigen Ländern wie etwa dem der Expansion. Als weitere Aufgaben eines gerechten
Iran keine legale Existenz haben. Männer besitzen Herrschers gelten die Aufrechterhaltung der inneren
nach Schariarecht und gemäß Familienrecht ara- Ordnung sowie die Steuereintreibung und Verwal-
bischer Länder mehr Rechte als Frauen (z. B. im Erb-, tung der Staatskasse. Zur Erfüllung dieser Aufgaben
Ehe- und Scheidungsrecht), und Freie besaßen mehr galt die Anwendung des göttlichen Gesetzes gewis-
Rechte als Sklaven, die eigentlich außerhalb des Ge- sermaßen als Garant für die Etablierung von Gerech-
meinwesens standen. Volle Rechte besitzt nach Auf- tigkeit; kam der Herrscher dieser Aufgabe nicht nach,
fassung des klassischen Schariarechts daher nur der galt seine Herrschaft als tyrannisch. Ob und wann
freie, männliche Muslim. Untertanen berechtigt seien, einem ungerechten
Ungeachtet dieser rechtlich definierten Ungleich- Herrscher die Loyalität aufzukündigen, wurde von
heit diskutierten Theologen schon früh die Frage nach Theologen und Juristen ausführlich erörtert. Nicht
den Voraussetzungen einer gerechten Herrschaft über selten findet sich in ihren Abhandlungen die Auffas-
die muslimische Gemeinschaft. Sie entzündete sich sung, dass ein tyrannischer Herrscher der Anarchie
nach dem Tod Muhammads im Jahr 632 n. Chr. vor vorzuziehen sei; so fordert etwa auch einer der bedeu-
allen Dingen deshalb, weil er Prophet und Verkünder, tendsten Rechtsgelehrten, Abū ণāmid Muতammad b.
Gesetzgeber und Heerführer in einer Person gewesen Muতammad al-Ġazālī (1058–1111) nachdrücklich,
war, zu Lebzeiten aber keine Nachfolgeregelung ge- dass sich Untertanen auch ungerechten Herrschern
troffen hatte. Damit war auch die Frage nach den not- zu unterwerfen hätten (Ende 2008, 27).
wendigen Voraussetzungen einer gerechten Fortfüh- Übt der Herrscher Gerechtigkeit, gebührt ihm im
rung seiner Herrschaft ungeklärt. Für die Mehrheit Gegenzug Gehorsam, der erst dort endet, wo er von
der muslimischen Gemeinde, die später die Bezeich- seinen Untertanen Verstöße gegen das Schariarecht
nung ›Sunniten‹ erhalten, war die Fortführung einer fordert. Diese von ihm aufgerichtete Gerechtigkeit –
gerechten, legitimen Herrschaft durch die Wahl eines und nicht etwa die Freiheit, die in der frühislamischen
Angehörigen aus dem Stamm Muhammads, den Qu- Rechtsliteratur als individuelles Freiheitsrecht über-
raysh, und dessen Bestätigung durch Wahl und Treue- haupt keine Rolle spielt – gilt als Gegenstück zur Ty-
eid durch seine Anhänger gewährleistet, während die rannei (Lewis 2002, 188 f.). Gerechtigkeit entsteht al-
Minderheit der ›Partei Alis‹, die später den Beinamen so durch Wahrung der Ordnung, nicht durch Gleich-
›Schiiten‹ erhielten, die direkte leibliche Abstammung berechtigung und Einebnung der Unterschiede. Sie
von Muhammad als Voraussetzung für die Fortfüh- gedeiht durch die Rückbindung des Herrschers an
rung einer gerechten Herrschaft über die islamische göttliche Normen; die Aufrechterhaltung der öffent-
Gemeinschaft betrachteten. lichen Ordnung hat dabei höchsten Stellenwert. Ver-
Große Übereinstimmung kristallisierte sich schon hilft der Herrscher den schariarechtlichen Normen
früh unter Theologen wie Juristen hinsichtlich der zur Umsetzung, entsteht eine gerechte Gesellschaft.
Auffassung heraus, dass derjenige Herrscher als ge- Übt der Herrscher jedoch Tyrannei, indem er die
44 I Der Begriff der Gerechtigkeit

göttlichen Rechtsnormen missachtet, bedeutet seine Mehrzahl der Theologen hat sich jedoch, nicht zuletzt
Herrschaft Ungerechtigkeit, die als schwere Sünde aufgrund der nachzuahmenden Vorbildhaftigkeit
aufgefasst wird, als Ursache für Niedergang und Zer- Muhammads, der Auffassung von der prinzipiellen
störung, aber auch als Angriff auf Gott selbst (Tamimi Erlaubnis zur Mehrehe angeschlossen. Allerdings for-
2001, 98). muliert das Schariarecht als unerlässliche Bedingung
Vollkommene Gerechtigkeit wird am Ende der für den Abschluss einer Mehrehe die gerechte Be-
Zeiten erreicht, wenn der in der sunnitischen wie handlung der Ehefrauen, was ihre materielle Ausstat-
schiitischen Überlieferung verheißene Mahdi (der tung, Versorgung und Zuwendung durch den Ehe-
›Rechtgeleitete‹) erscheinen und auf Erden ein Reich mann betrifft.
der Gerechtigkeit aufrichten wird. Seinem Auftre- Hinsichtlich der Regelung des halben Erbteils für
ten werden schreckliche Vorzeichen vorausgehen, weibliche Familienangehörige lautet die vorherr-
wie z. B. Sonnen- und Mondfinsternisse, Erdbeben, schende Abwehr des Vorwurfs einer ungerechten Be-
Heuschreckenplagen und Wasserfluten. Seine Herr- handlung, dass die – ebenfalls schariarechtlich vor-
schaft wird alle Ungerechtigkeit, allen Widerstand geschriebene – Pflicht des Ehemanns, die Versorgung
und alle nicht-islamischen Kräfte vernichten, um der Familie vollständig zu übernehmen, und das Ver-
so ein endzeitliches Friedensreich entstehen zu bot, die Ehefrau zum Miterwerb des Lebensunter-
lassen. halts zu verpflichten, letztlich durch das ungleiche
Erbrecht lediglich ausgeglichen werde, also keine Un-
gerechtigkeit darstelle. Mit dieser Argumentation der
Geschlechtergerechtigkeit ›Geschlechtergerechtigkeit‹ argumentiert etwa der Is-
lamwissenschaftler Tariq Ramadan (2009, 282). An-
Eine besondere Diskussion in Bezug auf die Thematik dere gegenwärtige Theologen wie Wasiyoddin R. Mu-
der Gerechtigkeit ergibt sich in Bezug auf die zunächst jawar führen aus, dass der Islam die Diskriminierung
koranisch exemplarisch aufgeführten, später scharia- zwischen Männern und Frauen nicht erlaube, außer
rechtlich systematisch definierten Frauenrechte. Die in den Fällen, in denen ihre Ungleichbehandlung auf
Frage der Gerechtigkeit stellt sich einmal für die Gü- ihr Wesen als Frau zurückgehe und letztlich der Frau
terverteilung zwischen weiblichen und männlichen selbst und der ganzen Gemeinschaft zum Guten die-
Nachkommen aufgrund der koranischen Regelung ne. Das sei etwa bei der ausschließlichen Verpflich-
der Zuweisung eines halben Erbteils für weibliche tung des Ehemanns, den Lebensunterhalt zu verdie-
Nachkommen (Sure 4: 11), aber auch in Hinblick auf nen, dem hälftigen Erbe, dem Vorstehen der Familie,
die Polygamie. Hinsichtlich der Polygamie scheint der dem Zeugnisrecht und der Scheidung gemäß dem
koranische Befund zunächst durchaus mehrdeutig: weithin im klassischen Schariarecht anerkannten
Zwar scheint Sure 4: 3 zunächst grundsätzlich die Er- Grundsatz gegeben, dass erst dann Gerechtigkeit her-
laubnis zu erteilen, »zwei, drei oder vier« Frauen zu gestellt sei, wenn Gleiches gleich, aber Ungleiches (al-
heiraten, schränkt jedoch im Nachsatz ein: »Wenn ihr so Männer und Frauen) ungleich behandelt werde
aber fürchtet, (so viele) nicht gerecht zu (be)handeln, (Mujawar 2009, 31). Auch der Spiritus Rector der
dann (nur) eine« (Paret 2014). Noch entschiedener Muslimbruderschaft Sayyid Qutb (1906–1966) argu-
wird jedoch einige Verse weiter, in Sure 4: 129, geur- mentiert mit der physischen Verfassung der Frau,
teilt: »Und ihr werdet die Frauen (die ihr zu gleicher aufgrund derer ihr bestimmte Rechte vorenthalten
Zeit als Ehefrauen habt) nicht (wirklich) gerecht be- blieben, was keinerlei Ungerechtigkeit darstelle (Qutb
handeln können, ihr mögt noch so sehr darauf aus 2000, 73). Aufgrund der unterschiedlichen, von
sein.« Verlangt der Koran also eigentlich die Einehe, Mann und Frau nach schariarechtlichen Grundsätzen
weil eine gerechte Behandlung mehrerer Ehefrauen für das Eherecht zu erfüllenden Verpflichtungen
per se ausgeschlossen ist? kann eine rechtliche Ungleichstellung – so die Argu-
Dieser Auffassung waren zumindest bedeutende mentation – nicht Beweis für Ungerechtigkeit oder
Vertreter der Reformtheologie des 19. Jahrhunderts Benachteiligung der Frau sein. Diese zu erfüllenden
wie vor allem der ägyptische Religions- und Rechts- Verpflichtungen sind in erster Linie die in der klassi-
gelehrte, Mufti und Journalist Muhammad ‫ޏ‬Abduh schen Rechtsliteratur eingeforderten generellen Ge-
(1849–1905). Aber auch heute wird von einzelnen horsamspflichten der Ehefrau gegenüber ihrem Ehe-
Theologen im Namen der Gerechtigkeit die Abschaf- mann (insbesondere ihr sexueller Gehorsam), die in
fung der Polygamie gefordert (vgl. Engineer o. J.). Die dessen Verpflichtung zum Verdienst des Lebens-
7 Religiöse Wurzeln und Perspektiven: Islam 45

unterhalts ihre ›gerechte‹ Entsprechung finden und Gerechtigkeit und Islamismus


erst dort enden, wo er von ihr einen Verstoß gegen
das Schariarecht einfordert. Heute genießt der Begriff der Gerechtigkeit unter
muslimischen Theologen erneut große Aufmerksam-
keit, und zwar sowohl unter progressiv-modernis-
Soziale Gerechtigkeit tischen Vertretern, wie etwa dem ägyptischen Koran-
und Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid
Auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit ist eine (1943–2010) oder dem afghanischstämmigen Dozen-
Thematik, die bereits in der Frühzeit des Islam ver- ten für Rechtswissenschaft Hashim Kamali (geb.
wurzelt ist. Der Koran hebt hervor, dass es Arme und 1944), wie auch unter Vertretern eines politischen Is-
Reiche gibt und die Erschwernisse dieses Lebens Teil lam. Innerhalb beider theologischer Diskurse wird die
der Prüfung für die Menschheit sind (z. B. Sure Bedeutung der Gerechtigkeit stark betont: So vertritt
7: 168), fordert also weder die Einebnung der Unter- Abu Zaid entschieden, dass sich zwar im Koran die
schiede noch verurteilt er Reichtum und Besitz an »göttliche Gerechtigkeit« entfalte, ja dass die »gött-
sich. Er verbietet jedoch Betrug, Wucher, unrechte liche Gerechtigkeit [...] das ganze Universum« durch-
Geschäfte (Sure 83), Waisen zu berauben (6: 152), Gut dringe (Abu Zaid 2001, 14). Aus seiner Sicht ist zwar
zu veruntreuen (3: 161) und ordnet die Almosen- zweifellos der Korantext, nicht aber unbedingt die
abgabe aller Gläubigen zugunsten der Bedürftigen an. Auslegung des Korans gemäß dem klassischen Scha-
Die Almosen gehören mit zu den fünf Säulen des Is- riarecht gerecht. Denn das Schariarecht, das letztlich
lam und damit zu den grundlegendsten Glaubens- Interpretation darstellt, erlaubt die Polygamie, weil die
pflichten überhaupt. Weitere Traditionen wie die Auslegung der Mehrehe als Bestandteil der Offen-
Weitergabe eines Teils des Fleisches des Schlachttieres barung des Islam betrachtet wird, während doch dem
beim Opferfest an Bedürftige ebenso wie beim Fest Koran das Prinzip der Gleichheit inhärent sei, so Abu
des Fastenbrechens am Ende des Ramadan weisen auf Zaid. Damit finde eine ›Entkontextualisierung‹ statt,
die Bedeutung der Thematik innerhalb der isla- eine Sinnentleerung der Texte, die sie ihrer ursprüng-
mischen Glaubenspraxis hin. lichen Aussage beraube (ebd., 6 f.). Damit lässt Abu
Im 20. Jahrhundert wurde die Thematik der sozia- Zaid den Offenbarungstext unangetastet, stellt aber
len Gerechtigkeit von Intellektuellen, insbesondere die klassisch-orthodoxe Auslegungstradition zur Dis-
aus dem politischen Islam, mehrfach aufgegriffen. Ei- position.
nes der prominenten Beispiele dafür stellt das Werk Auch Mohammad Hashim Kamali verteidigt die
Social Justice in Islam (al-cadāla al-iğtimāҵīya fī l- unbedingte Notwendigkeit der Aufrichtung von Ge-
Islām) von Sayyid Qutb dar. Qutb preist in dieser rechtigkeit in der Gesellschaft als eines der grund-
Schrift aus dem Jahr 1949 den Islam als Weg zur sozia- legendsten Prinzipien im Islam, das von der Bedeu-
len Gerechtigkeit, der dem materialistischen Denken tung her der Einheit Gottes und dem Prophetentum
des Marxismus und dem weltabgewandt-spirituellen Muhammads sehr nahe kommt, also den Grundlagen
Christentum weit überlegen sei und eine Gesellschaft des Islam schlechthin (Kamali 2013, 107). Die Thema-
hervorbringe, in der die Bedürfnisse des Einzelnen tik der Gerechtigkeit erfährt in Koran und Überliefe-
und der Gesellschaft perfekt miteinander in Einklang rung große Wertschätzung und muss aus seiner Sicht
stünden. Sie sei gekennzeichnet durch Barmherzig- daher heute u. a. in der Politik zum Tragen kommen.
keit, Liebe und Anteilnahme anstelle von Kaltherzig- Allerdings widerspricht für ihn z. B. die Polygamie
keit und Materialismus. Aufgrund der Allumfassend- nicht dem Prinzip der Gerechtigkeit (ebd., 114), so
heit des Islam, der alle Sphären des Lebens mit ein- wie es für ihn überhaupt keinen grundsätzlichen Ge-
schließe, und aufgrund der Verantwortung des Ein- gensatz zwischen Gerechtigkeit und der Umsetzung
zelnen und der Gesellschaft bringe der Islam des traditionell interpretierten Schariarechts zu geben
umfassende soziale Gerechtigkeit hervor, ja er garan- scheint. Kamali begründet Gerechtigkeit ausschließ-
tiere sie geradezu (Qutb 2000, 45, 58). Diese Gerech- lich mithilfe des Schariarechts, das für ihn alle not-
tigkeit basiere auf der absoluten Gewissensfreiheit, wendigen Regelungen bereithält, um eine gerechte
der völligen Gleichheit aller Menschen und der gegen- Gesellschaft zu schaffen.
seitigen Verantwortlichkeit innerhalb einer Gesell- Im Kontext des politischen Islam wird weithin die
schaft, wie sie etwa in der Pflicht zur Almosengabe Grundannahme von der Notwendigkeit einer Re-
zum Ausdruck komme (Qutb 2000, 52). form der islamischen Gesellschaft geteilt, als deren
46 I Der Begriff der Gerechtigkeit

Voraussetzung die Aufrichtung und vollkommene einzelner ›Stellvertreter‹ westlicher Nationen vor lau-
Umsetzung des Schariarechts betrachtet wird. Hier fender Kamera, wie sie derzeit im so genannten ›Isla-
erhalten Forderungen nach Etablierung einer gerech- mischen Staat‹ (IS) in Syrien-Irak propagandistisch
ten Gesellschaft durch die Schaffung einer Gemein- genutzt wird, als Bestrafung der ungerechten west-
schaft, die der urislamischen Gesellschaft möglichst lichen Nationen gedeutet wird, denen sie angehören:
nahe kommt, heute erneut Prominenz. So erläutert »a lawful death sentence, a just punishment« (Prucha
etwa der Führer des tunesischen Zweiges der Mus- 2013, 158). Außer der Verhängung einer gerechten
limbruderschaft, der Ennahda-Bewegung, Rashid al- Strafe geht es dabei, sofern es sich um amerikanische
Ghannushi (geb. 1941), dass das Prinzip der Gerech- Hinrichtungsopfer handelt, auch um Vergeltung –
tigkeit auf der Annahme der Gleichheit aller Men- insbesondere für die Behandlung muslimischer Ge-
schen basiere, und dies aufgrund des »gemeinsamen fangener in Guantanamo Bay – und zugleich um ei-
Ursprungs der Menschheit«, ihres gemeinsamen nen Baustein auf dem Weg zu einer vermeintlichen
Herrn und Glaubens (al-Ghannushi 1993, 65 f.), wo- Etablierung der gerechten Herrschaft Gottes auf Er-
raus sich al-Ghannushi zufolge für alle Menschen den (ebd., 167 f.).
gleiche Rechte und Pflichten ergeben. Diese Gemein- Es wäre wünschenswert, wenn sich die Forschung
schaft ist zur Abwehr jeglicher Ungerechtigkeit ver- in Zukunft vermehrt der vergleichenden Analyse von
pflichtet sowie zur Ausübung von Gerechtigkeit, wie Begrifflichkeiten im Kontext islamisch geprägter Kul-
al-Ghannushis Biograph Tamimi ergänzt: »Islam’s turen und Rechtssysteme widmen würde, da hier
main mission is the administration of justice and the noch erhebliche Forschungslücken bestehen.
elimination of all forms of oppression« (Tamimi
2001, 98). Literatur
Dabei gehen die Meinungen unter islamistischen Abu Zaid/Nasr Hamid: Der Begriff ›Gerechtigkeit‹ nach
Wortführern und Gruppierungen dahingehend aus- dem Koran. In: Polylog. Forum für interkulturelle Philoso-
phie 3 (2001), http://them.polylog.org/3/fan-de.htm
einander, auf welchem Weg das Ideal einer gerechten (10.3.2015).
Gesellschaft erreicht werden kann, d. h. ob die Schaf- Alabied, Ryad: Die Gerechtigkeit im Islam unter besonderer
fung dieser gerechten Gesellschaft gewissermaßen Berücksichtigung des Koran. Aachen 2001.
von unten nach oben geschehen müsse, also da- Ende, Werner: Gerechtigkeit als politisches Ordnungsprin-
durch, dass sich der Einzelne möglichst genau an die zip im Islam. In: Birgit Krawietz (Hg.): Islam und Rechts-
staat: Zwischen Scharia und Säkularisierung. St. Augustin
Kleidungs- und Lebensregeln aus der Zeit Muham-
2008, 19–35.
mads hält, oder von oben nach unten, nämlich da- Engineer, Ashgar Ali: Islam, women and gender justice
durch, dass zuerst eine islamische Herrschaft in (o. J.). In: http://andromeda.rutgers.edu/~rtavakol/
Form eines Kalifats errichtet wird, in der das Scha- engineer/genderj.htm (10.3.2015).
riarecht angewendet wird, und dann die gerechte Ge- al-Ġannūšī, Rāšid: ‫ۊ‬uqūq al-muwā‫ܒ‬ana. ‫ۊ‬uqūq ġair al-mus-
sellschaft entsteht, indem alle Menschen darauf ver- lim fī ’l-muğtamac al-islāmī. Herndon 1979 (arab. 1993).
Kamali, Mohammad Hashim: Freedom, Equality and Justice
pflichtet werden.
in Islam. Chicago 2013.
Gemeinsam ist der islamistischen Argumentation, Khadduri, Majid: The Islamic Conception of Justice. Balti-
dass als Konsequenz aus der Aufrichtung des Scharia- more 1984.
rechts die quasi automatische Entstehung einer ge- Krämer, Gudrun: Justice in modern Islamic thought. In: Ab-
rechten Gesellschaft behauptet wird; die schariarecht- bas Amanat/Frank Griffel (Hg.): Shari’a. Islamic Law in the
liche Definition verminderter Frauen- und Minder- Contemporary Context. Stanford 2007, 20–37.
Lewis, Bernard: Die politische Sprache des Islam. Hamburg
heitenrechte wird dabei als Mittel zur Herstellung von 2002.
Gerechtigkeit proklamiert, und die Anwendung der Mujawar, Wasiyoddin R.: Justice and Human Rigths in Isla-
Körperstrafen (Amputation, Auspeitschung, Steini- mic Law. Delhi 2009.
gung) wird als wirksames Erziehungs- und Abschre- Paret, Rudi: Der Koran. Stuttgart 122014.
ckungswerkzeug und insofern als positives Hilfsmittel Prucha, Nico: Kangaroo Trials. Justice in the name of God.
In: Rüdiger Lohlker (Hg.): Jihadism: Online Discourses
definiert. Der Islam erscheint in diesem Diskurs als
and Representations. Göttingen 2013, 141–206.
Synonym der Gerechtigkeit: Sobald der Islam voll- Qutb, Sayyid: Social Justice in Islam. Übers. von John B. Har-
ständig umgesetzt wird, entsteht auch umfassende die. New York 2000.
Gerechtigkeit (Kamali 2013, XI). Rahbar, Daud: God of Justice. A Study in the Ethical Doctrine
Im Bereich des Jihadismus wird die Argumentati- of the Qur’an. Leiden 1960.
on dahingehend fortgeführt, dass die Hinrichtung
8 Inter- und transkulturelle Perspektiven 47

Ramadan, Tariq: Radikale Reform. Die Botschaft des Islam 8 Inter- und transkulturelle
für die moderne Gesellschaft. München 2009.
Tamimi, Azzam S.: Rachid Ghannouchi. A Democrat within
Perspektiven
Islamism. New York 2001.

Christine Schirrmacher Der interkulturelle Diskurs ist zunächst als Reaktion


auf eurozentrische Diskurse über andere Kulturräume
und deren vermeintlich homogene Denksysteme ent-
standen. Dieser Diskurs reagiert sowohl auf historische
Unrechts- bzw. Ausgrenzungserfahrungen wie den Ko-
lonialismus als auch auf vorherrschende akademische
Diskurse, die außereuropäische Kulturen und deren
Philosophien exotisieren und marginalisieren.
Darüber hinaus entstand der interkulturelle Dis-
kurs im Rahmen einer Suche nach alternativen Mo-
dellen gegenüber einer als monolithisch wahrgenom-
menen okzidentalen Denkweise. Er strebt daher nach
der Anerkennung von kultureller Vielfalt und einer
Pluralität von Wissensformen. Eine Konsequenz die-
ser erhöhten Sensibilität für Differenzen ist die Forde-
rung, dass Philosophinnen und Philosophen die sie
leitenden Erfahrungen und Fragen verstärkt zeitlich
und räumlich kontextualisieren sollten. Eine weitere
Konsequenz besteht in dem Streben nach einer zu-
nehmenden Zusammenarbeit von Philosophinnen
und Philosophen mit unterschiedlichen lebenswelt-
lichen Hintergründen und kulturellen Prägungen. In-
terkulturelle Philosophie bietet die Möglichkeit, ins-
besondere in postkolonialen Debatten eine eigene
Sprache der Kritik zu entwickeln und vorherrschende
Begrifflichkeiten kritisch zu beleuchten. Vor diesem
Hintergrund übernimmt die Philosophie in inter- und
transkultureller Perspektive auch die Aufgabe einer
hybriden Identitätssuche innerhalb einer Vielfalt an
Traditionslinien und lebensweltlichen Erfahrungen.
Interkulturelle Philosophie hat es insofern immer
schon gegeben, als man von einem wechselseitigen
Einfluss zwischen einzelnen philosophischen Tradi-
tionen ausgehen muss. Als terminus technicus hat sich
der Begriff jedoch erst in den 1980er Jahren heraus-
gebildet und sich seitdem innerhalb der akademi-
schen Institutionen etabliert. Ihm trat – aufgrund der
Kritik eines angeblich hermetischen Kulturverständ-
nisses innerhalb der interkulturellen Philosophie –
der seit den 1990er Jahren populärer gewordene Be-
griff der Transkulturalität zur Seite, der die Durch-
dringung, Verschränkung und Hybridisierung phi-
losophischer Diskurse betont.
Der erste Teil des Artikels widmet sich einigen zen-
tralen Modellen des inter- und transkulturellen Phi-
losophierens unter Berücksichtigung ihrer Methodik.
Der zweite Teil stellt exemplarisch einige gerechtig-
48 I Der Begriff der Gerechtigkeit

keitstheoretische Ansätze transkultureller Prägung ves Othering, das den Anderen in das »Ghetto seiner
vor und zeigt deren Konsequenzen für eine globale Andersheit« (Welsch 1994, 91) verdrängt, läuft stets
Debatte um Gerechtigkeit auf. Gefahr, lediglich ein Spiegelbild der verdrängten eige-
nen Ideen und Wünsche abzubilden.
Mit dem Interkulturalitätsbegriff werden Inter-
Modelle inter- und transkulturellen aktionen zwischen den Kulturen herausgestellt, die
Philosophierens fruchtbare Reibungen und konstruktive Übereinstim-
mungen ebenso hervorbringen wie sie deutliche Un-
Die interkulturelle Philosophie verfolgt nach Raúl For- terschiede erkennen lassen. Erst innerhalb des inter-
net-Betancourt die programmatische Perspektive, kulturellen Diskurses wird dem kulturellen Pluralis-
durch einen symmetrischen Dialog zwischen den un- mus Rechnung getragen. Aus diesem Grund liegt das
terschiedlichen philosophischen Traditionen eine ra- Hauptanliegen der Interkulturalität darin, gegen die
dikale Transformation der Philosophie zu vollziehen gesellschaftliche Homogenisierung und die damit ein-
(Fornet-Betancourt 2007, 42). Für eine interkulturelle hergehende Nivellierung der Lebensweisen vorzu-
Transformation der Philosophie ist es daher unabding- gehen, um die kulturelle Vielfalt fruchtbar zu machen.
bar, die Vielfalt der philosophischen Traditionen mit Mit Interkulturalität ist daher eine Philosophie ver-
ihren jeweiligen kulturellen Matrizen und den daraus bunden, die es erlaubt, sowohl die strukturellen Un-
folgenden Formen der Argumentation und Begrün- terschiede der Kulturen als auch deren Gleichheit hin-
dung zunächst anzuerkennen und einen Beitrag zum sichtlich ihrer intrinsischen Werte zu respektieren
»epistemologischen Gleichgewicht«, d. h. zum »Aus- und jede Kultur als Träger einer Universalität zu ver-
gleich zwischen den Wissenskulturen der Menschheit« stehen, die das Angebot eines bonum commune an die
zu leisten (ebd., 29). ganze Menschheit macht (Triki 2011, 183).
Entsprechend dieser programmatischen Orientie- Der Begriff der Interkulturalität setzt Kritikern zu-
rung strebt die interkulturelle Philosophie nach einer folge eine empirisch nicht haltbare Homogenität ein-
»Kontextualisierung« und einer »Dezentrierung« der zelner Kulturräume voraus. Wolfgang Welsch legt
vorherrschenden Philosophie. Beide Prozesse werden stattdessen nahe, dass wir davon ausgehen müssen,
durch eine Dekonstruktion der dominanten west- dass andere Kulturen bereits Binnengehalte der eige-
europäischen und nordamerikanischen Philosophie nen Kultur sind (Welsch 1994, 95 f.). Die meisten Bio-
sowie durch ein Streben nach der »Dekolonisation« graphien von Menschen sind heute nicht mehr mono-
des eigenen Denkens ausgelöst (ebd., 33). Die An- kulturell, sondern von unterschiedlichen kulturellen
erkennung der Pluralität der philosophischen Tradi- Einflüssen geprägt. Diese Tatsache ist häufig auch ein
tionen setzt demzufolge die ›Kontextualität‹ als Be- Produkt ökonomischer und politischer Machtverhält-
dingung ihrer Möglichkeit voraus. Erst mit dieser nisse, die Menschen dazu zwingen, zu flüchten oder
grundsätzlichen Einsicht und der Förderung des Dia- zu migrieren (ebd., 96–99). Andererseits ist die Ver-
logs zwischen den Philosophien entsteht eine ernst- mischung einzelner Kulturen ein Phänomen, das es
hafte Möglichkeit, wichtige Begriffe der Philosophie stets gegeben hat und das häufig zu Erneuerungen, Er-
aus der ›Polyperspektivität‹ des Vergleichs der Kul- kenntnisgewinnen und kreativen Ergebnissen geführt
turen heraus neu zu bestimmen. Universalität entsteht hat. Nicht der vermeintliche Konflikt der Kulturen,
daher nicht aus der Dominanz eines vorherrschenden sondern die Hybridisierung, Überlappung und wech-
Diskurses über die anderen, sondern durch geduldige selseitige Durchdringung verschiedener Kulturen
Prozesse der Kommunikation und der kritischen Aus- steht hier im Zentrum der philosophischen Analyse.
einandersetzung (ebd., 39). Es ließe sich daher statt von interkultureller auch von
Franz Wimmer bezeichnet das interkulturell ge- transkultureller Philosophie sprechen. Der Horizont
führte philosophische Gespräch daher auch als ›Poly- einer transkulturellen Philosophie besteht in einer
log‹, d. h. als mehrstimmig geführten Dialog (Wim- friedlicheren Weltgesellschaft, weil durch sie ver-
mer 2004). Dieser Polylog wendet sich gegen jegliche meintlich starre Grenzlinien, beispielsweise in Form
Zentrismen innerhalb der Philosophie, sei es nun der der Ineinssetzung von Kultur und Nationalstaat, auf-
Eurozentrismus oder ein anderer Ethnozentrismus. In gelöst werden und neue Verbindungen durch verstän-
diesem Sinne sollte es die Philosophie auch vermei- digungsorientierte kommunikative Prozesse geschaf-
den, andere Kulturen zu exotisieren und in ihnen le- fen werden (ebd., 110).
diglich die Differenz zu betonen. Ein solches projekti- Der transkulturelle philosophische Diskurs bietet
8 Inter- und transkulturelle Perspektiven 49

einzelnen Individuen die Möglichkeit, kritisch mit- Besonders mit letzterem Aspekt befasst sich Kwasi
einander zu kommunizieren. Er besteht aus einer ho- Wiredu. Er hebt hervor, dass die Verwendung ehema-
rizontalen Bewegung, die dazu führen sollte, gemein- liger Kolonialsprachen von Menschen aus dem globa-
same Werte und Normen zwischen den Kulturen zu len Süden bereits als ein Akt der Gewalt empfunden
suchen, und einer vertikalen Bewegung, die darauf und beschrieben werden kann, und schlägt die Über-
zielt, neue Begriffe auszubilden, die über die empiri- setzung von normativen Konzepten als Modus der
sche Vielfalt der Kulturen hinausgehen. Die transkul- philosophischen Dekolonisierung vor. Wiredu for-
turelle Philosophie wendet sich gegen einen statischen dert eine Überprüfung der Angemessenheit einer
Begriff der Differenz. Vielmehr zielt sie darauf ab, den sich als universell deklarierenden philosophischen
kritischen Aspekt aller Kulturen wieder aufzuneh- Idee durch Übersetzung in afrikanische Sprachen
men, um das, was universell sein kann, auf transver- (Wiredu 1996, 137). Nur durch das Philosophieren in
sale und transzendente Weise zu bestimmen und hier- Lokalsprachen könnten afrikanische Bürger für phi-
durch ein kritisches und stets erneuerbares Korpus losophische Probleme sensibilisiert und die Fremd-
von Werten zu konstruieren, das der ganzen Mensch- bestimmung durch Denkkategorien aus den ehema-
heit gemein ist (Triki 2011, 194). Der transkulturelle ligen Metropolen überwunden werden. Wiredu folgt
Diskurs zielt auf eine Form der gewaltlosen Kom- den sprachphilosophischen Thesen der sprachkriti-
munikation, die es vermag, über politische und öko- schen Wende bei Wittgenstein und zentralen Annah-
nomische Konfliktlinien hinweg einen reflexiven Dis- men der philosophischen Logik. Sprache ist demnach
kurs über divergierende oder auch sich überschnei- nicht philosophisch neutral, sondern leitet durch ihre
dende philosophische Perspektiven zu führen. Dabei Struktur, ihre Syntax und Semantik sowie ihre be-
können Vorurteile überwunden, Toleranz eingeübt grifflichen Mittel die Denkerin und den Denker in ih-
und ein friedliches und gerechtes menschliches Mit- ren Reflexionsprozessen. Es gebe jedoch auch Fälle, in
einander praktiziert werden. Deshalb hat die transkul- denen für ein Konzept kein passendes Wort in der
turelle Philosophie das Potential, sich positiv auf poli- Sprache vorhanden sei, in welche übersetzt werden
tische Prozesse auszuwirken. So kann auch die Men- soll. In einem solchen Fall ließe sich das Konzept al-
schenrechtserklärung als ein Resultat eines solchen ternativ durch logische Argumentation innerhalb ei-
transkulturellen Polylogs gedeutet werden (ebd., ner lokalen Sprache rekonstruieren. Gelinge eine sol-
218 f.; Paul 2008). che Argumentation, die Wiredu als einen Prozess der
Sobald wir versuchen, inter- und transkulturell zu ›Transliteration‹ bezeichnet, so sei eventuell das je-
philosophieren, treten einige Probleme auf, die zum weilige Wort für das Konzept zwar noch nicht ent-
einen methodologische Fragen aufwerfen und zum standen, widerspreche jedoch nicht dem lokalen lin-
anderen bereits genuine gerechtigkeitstheoretische guistisch-epistemischen Horizont der jeweiligen
Aspekte hervorbringen. Sprachgemeinschaft. Eine solche widerspruchsfreie
und kohärente Argumentation transzendiere den
Horizont einer jeweiligen Sprachgemeinschaft, da sie
Sprachliche Gerechtigkeit den Gesetzmäßigkeiten jeder natürlichen Sprache
selber zugrunde liege. Schließlich würden grund-
Bereits das Sprechen über philosophische Fragen er- legende Elemente der Logik durch die Sprache als be-
folgt stets in einem spezifischen Idiom, innerhalb des- griffliches Medium stets bereits vorausgesetzt. Gera-
sen ein philosophischer Gedanke artikuliert wird. Die de wenn es um Konzepte gehe, deren Universalität
Dominanz einiger Sprachen gegenüber anderen birgt von zentraler Bedeutung sei, sei es unumgänglich, ih-
damit die Gefahr von Asymmetrien in gerechtigkeits- re Validität innerhalb unterschiedlicher sprachlicher
theoretischen Diskursen (s  Kap. V.74). Philippe van Kontexte zu überprüfen (ebd., 207).
Parijs spricht daher auch von ›linguistischer Gerech- Eine »Erneuerung des Wörterbuchs der Begriffe«
tigkeit‹ als moralisch und politisch relevanter Per- (Triki 2011, 95) ist auch nach der Ansicht von Fathi
spektive (Parijs 2002). Die Dominanz einzelner Spra- Triki eine dringende Aufgabe des inter- und transkul-
chen als Wissenschaftssprachen favorisiert jedoch turellen Philosophierens in einer Welt, in der Verlet-
nicht nur eine bestimmte Gruppe an Akteuren inner- zungen der Menschenrechte, Völkermorde, Neokolo-
halb der transkulturellen Kommunikation, sie impli- nialismus und diverse Formen von Ausgrenzung fort-
ziert auch stets soziale Praktiken und Denkweisen, dauern und in der die Kommunikation zwischen den
welche in einer Sprache enthalten sind. Kulturen, Nationen und Religionen bereits in ihren
50 I Der Begriff der Gerechtigkeit

Anfängen in gravierenden Missverständnissen ver- zess wahrgenommen wird. Zweitens die Gleichset-
harrt. Vor dem Hintergrund kultureller und episte- zung mit dem, der ausschließt: Es gibt ein Bewusstsein
mischer Pluralität müssten Begriffe wie Unrecht und der Gleichheit mit den Anderen, die die Vorherrschaft
Gerechtigkeit konzeptuell überdacht werden. ausüben. Dies bildet das zweite Moment, der Unge-
rechtigkeit zu entkommen. Drittens die Anerkennung
der Anderen: Dieses letzte Moment trägt zur Überwin-
Ungerechtigkeit als Ausgangspunkt dung der Ungerechtigkeit und der Exklusion bei, inso-
gerechtigkeitstheoretischer Überlegungen fern der Ausgeschlossene ein universalisierbares
Recht auf Nicht-Exklusion einfordern kann. Dieser
Innerhalb der transkulturellen globalen Gerechtig- negative Weg muss allerdings durch einen positiven
keitsdebatte gibt es zunehmend Diskurse, die sich mit ergänzt werden, der die Universalisierung von Rech-
den vorherrschenden Gerechtigkeitstheorien liberaler ten – vor allem des Rechts auf Nicht-Exklusion – und
Prägung kritisch auseinandersetzen. Dabei wird ver- zugleich die Aufrechterhaltung der kulturellen Unter-
sucht, auf die unterschiedlichen Kontexte der Gerech- schiede möglich macht (ebd., 115–117).
tigkeit aufmerksam zu machen. Die Forderung nach Das Streben nach Gerechtigkeit findet somit seine
Kontextualisierung philosophischen Denkens mün- Wurzel in dem Bewusstsein von der Erfahrung der
det nicht selten in ein Plädoyer für eine methodologi- Ungerechtigkeit. Es wird als ein intersubjektives und
sche Wende in der Art und Weise, wie wir über Ge- interkulturelles Streben von moralischen Subjekten
rechtigkeit nachdenken. nach einer gerechten politischen Gesellschaftsord-
Vor dem Hintergrund einer konkreten historisch- nung verstanden. Die Anerkennung der Pluralität
kulturellen Erfahrung, innerhalb derer Ungerechtig- der Kulturen bereite den Weg für die Gründung ei-
keit (s. Kap. I.9) deutlich zu beobachten ist, entwickelt nes pluralen Staates, der sich als Einheit verschiede-
Luis Villoro seine Kritik an einer normativen liberalen ner kultureller Gemeinschaften gestalten ließe und
Theorie der Gerechtigkeit. Er betrachtet John Rawls’ eine neue Ordnung transkultureller und inklusiver
Gerechtigkeitstheorie als »hegemonial« und kritisiert Gerechtigkeit ermögliche. Villoro orientiert sich da-
dessen Streben nach »Konsens« (García González bei an einem »ethischen Universalismus«, der die
2013, 112). Seiner Meinung nach verabsolutiert diese Grundlage für das Streben nach gerechteren Zustän-
Theorie die Freiheit und die Gleichheit des Menschen den sei (ebd., 124).
und erhebt sie zu universellen Normen. Dadurch laufe Amartya Sen (2012) plädiert ebenfalls für einen
sie Gefahr, konkrete Exklusionsformen und Unge- kulturübergreifenden Dialog über Fragen der Gerech-
rechtigkeit nicht ausreichend zu berücksichtigen, da tigkeit, der auf konkrete Phänomene des Unrechts fo-
sie sich auf die Bestimmung universaler Prinzipien kussiert. Damit sich Menschen überhaupt innerhalb
der Gerechtigkeit und nicht auf die partikulare Erfah- einer Debatte über die Korrektheit einer philosophi-
rung von Ungerechtigkeit konzentriere. schen Aussage verständigen könnten, müsse erst ein-
Erfahrungen der Ungerechtigkeit, der sozialen Un- mal davon ausgegangen werden, dass eine philosophi-
gleichheit und der Exklusion sind für die Überlegun- sche Aussage einen gewissen Anspruch auf Objektivi-
gen von Villoro von großer Bedeutung. Er geht daher tät erhebe. Der Blick aus fremden kulturellen Kontex-
von der Abwesenheit der Gerechtigkeit sowie der Fak- ten sei für den kulturimmanenten Blick eine wichtige
tizität der realen Ungerechtigkeit aus und beschreibt Ergänzung, weil er nicht in denselben lokalen Sitten,
seinen Zugang als »negativen Weg zur Gerechtigkeit« Gewohnheiten und Vorurteilen befangen sei. Die
(ebd.). Er zielt auf eine »authentische ethische« (ebd.) Vorstellung des unparteiischen Zuschauers, die er
Reflexion, die sich der Erfahrung der Ungerechtigkeit Adam Smith entlehnt, symbolisiert eine Haltung der
als Erfahrung des Leidens widmet. Somit ist für Villo- Distanz, die sich nicht von Konventionen und Interes-
ro die Ungerechtigkeit das radikale Übel. Sie hat mit sen verzerren lasse. Sich einem Blick von außen zu
der systematischen Negation dessen zu tun, was als verschließen, führe dazu, mögliche Gegenargumente
Allgemeinwohl vorgestellt wird (ebd., 114). In Hin- bereits im Vorhinein auszuschließen, und schließlich
blick auf die Frage, wie der Ungerechtigkeit zu ent- zu einer Provinzialisierung des Denkens. Das Ziel ei-
kommen sei, lassen sich drei wesentliche Momente nes philosophischen interkulturellen Dialogs über
skizzieren. Erstens die Erfahrung der Exklusion einer Gerechtigkeit besteht Sen zufolge nicht in der Kon-
Person oder Gruppe, die nicht als Gesprächspartner struktion einer idealen Realität, auf die sich alle Wel-
im gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Pro- tenbürger einigen könnten, sondern in der öffent-
8 Inter- und transkulturelle Perspektiven 51

lichen Diskussion und Bewertung gerechterer und Materielle Gleichstellung und gesell-
weniger gerechter gesellschaftlicher Zustände. Er be- schaftliche Kohäsion als Imperative
zieht sich als Alternative zum vorherrschenden Ge- der Gerechtigkeit
rechtigkeitsdiskurs auf die Unterscheidung zwischen
niti und nyaya in der frühen indischen Jurisprudenz Theorieproduktion über Gerechtigkeit innerhalb des
– zwei Begriffe aus dem klassischen Sanskrit, die un- globalen Südens führt häufig zu einer Fokusverschie-
terschiedliche Ebenen der Gerechtigkeit bezeichneten bung gegenüber theoretischen Anstrengungen inner-
(ebd., 15, 48–50). Der Begriff nyaya stehe für eine um- halb des globalen Nordens, und zwar in Bezug auf die
fassende Vorstellung einer gerechten Ordnung; niti gravierendsten Übel, auf welche eine Gerechtigkeits-
kennzeichne dagegen Eigenschaften der Organisation theorie reagieren soll.
einer Gemeinschaft und Verhaltensweisen von Indivi- Henry Odera Oruka argumentiert in kritischer
duen. Man könne nicht allein auf nyaya fokussieren, Auseinandersetzung mit John Rawls’ Gerechtigkeits-
auf die Vision einer perfekt geordneten Gesellschaft, theorie für ein menschliches Minimum als Grund-
ohne den Blick für niti offenzuhalten – und damit prinzip internationaler Gerechtigkeit. Er begründet
auch für das konkrete Unrecht, das sich alltäglich in diese Forderung damit, dass ein gewisser Lebensstan-
unserer Welt ereigne. Es bedürfe demnach einer Per- dard eine Voraussetzung dafür sei, ein moralisches
spektive der Gerechtigkeit, welche nicht allein auf ein Subjekt zu werden und die eigenen Freiheiten inner-
Ideal fokussiere, sondern sich mit konkreten Zustän- halb einer Gesellschaft überhaupt wahrnehmen zu
den unterschiedlicher Gesellschaften befasse und da- können (Odera Oruka 2000, 12; Graness 2011). Er
durch auch auf die Vermeidung von extremem Un- stellt damit infrage, dass internationale Hilfe gegen-
recht abziele. über ärmeren Staaten nur eine freiwillige Tätigkeit, al-
Ein weiteres Beispiel bietet Trikis (2011) Philoso- so eine supererogatorische Leistung sei, und argumen-
phie des Zusammenlebens, die auf dem Begriff der tiert, dass globale Umverteilung unter bestimmten
Würde (al-Karāma) fußt und sich mit Rechtferti- Umständen vielmehr eine universale Pflicht globaler
gungsstrategien von Dominanz und Gewalt im loka- Gerechtigkeit darstelle. Die Perspektiven zwischen so
len und globalen Kontext kritisch auseinandersetzt. genannten Gebern und Nehmern der ›Entwicklungs-
Seine Rekonstruktion der Rechtfertigung (justifica- hilfe‹ gingen in dieser Frage stark auseinander. Die Ge-
tion) lässt sich als eine Kritik ideologischer Gründe berstaaten gingen von dem Prinzip des nationalen
auffassen, die versuchen, eine bestimmte politische Überschusses aus, dem gemäß Staaten dasjenige, was
und soziale (Un-)Ordnung gerecht/richtig/recht sie erwirtschaften, einbehalten könnten und selber be-
(rendre juste) zu machen. Im Fokus seiner Kritik an stimmen dürften, was sie anderen überlassen. Dagegen
den verschiedenen politischen Rechtfertigungsstra- betrachteten die postkolonialen Empfängerstaaten sol-
tegien steht die Dekonstruktion ihrer vermeintlichen cherlei Zahlungen gar nicht als supererogatorische
Macht- und Interessenfreiheit. Ansätze einer an diese ›Hilfeleistung‹, sondern als eine Notwendigkeit, die
Dekonstruktion anschließenden positiven Bestim- sich allein daraus ergebe, dass das Handelssystem zwi-
mung der Philosophie des Zusammenlebens, die die schen sich entwickelnden Staaten und Industriestaaten
Würde des Menschen zum Leitbegriff erhoben hat, auf einem System des ungleichen Tauschs und dem-
gewinnt Triki aus der konkreten Analyse von Unge- nach strukturell auf historischer Ungerechtigkeit ba-
rechtigkeits- und Unrechtserfahrung (ebd., 153). siere. Daraus folgt aus der Perspektive von Staaten des
Die arabischen Worte al-cAdl oder al-cAdāla ent- globalen Südens das Primat der historischen Wieder-
sprechen dem europäischen Begriff der Gerechtigkeit, gutmachung. Der Transfer von materiellem Über-
wobei es in der klassischen arabischen Sprache kein schuss aus den reichen in die ärmeren Länder könne
negatives Präfix für die Bezeichnung der Ungerechtig- als Reparationszahlung für das durch den Kolonialis-
keit gibt. Die Ungerechtigkeit im Arabischen verfügt mus verursachte Leiden gewertet werden (Odera Oru-
somit über ihren eigenen semantischen Bereich und ka 2000, 6). Odera Oruka schränkt hierbei ein, dass
wird häufig mit den Begriffen al-ܱulm oder al-Ğawr sich diese historische Kausalität nicht immer nachwei-
zum Ausdruck gebracht. Phänomene der Ungerech- sen lasse. Deswegen führt er zusätzlich das Prinzip der
tigkeit bedeuten demnach nicht allein die Abwesen- Selbsterhaltung ein, welches prima facie Rechte, bei-
heit von Gerechtigkeit. Ungerechtigkeit hat ihre eige- spielsweise auf nationales Eigentum an Luxusgütern,
ne Struktur und ihre eigenen Erscheinungsformen durch ein Recht auf Selbsterhaltung einschränkt. Je-
und muss als solche analysiert werden. dem menschlichen Individuum müsse ein mensch-
52 I Der Begriff der Gerechtigkeit

liches Minimum zugesichert werden. Dieses Recht gel- überschreiten. Es ist daher eine Aufgabe transkul-
te universell, unabhängig vom Geburtsort, der Religi- turellen Philosophierens, sich auch dieser Komplexi-
on oder der ethnischen Zugehörigkeit. tät anzunehmen und die Relevanz von lokalen Kon-
Ein weiteres Beispiel für die Debatte um Gerechtig- zepten für ›glokale‹, das heißt weder rein lokal noch
keit aus der afrikanischen Philosophie bietet die Dis- global erklärbare, sondern transnational interdepen-
kussion um den Ubuntu-Begriff. Die Ubuntu-Phi- dente Phänomene zu überprüfen.
losophie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten,
insbesondere im Rahmen der Übergangsgerechtigkeit
in Südafrika zu Beginn der 1990er Jahre, eine starke Ausblick
Renaissance erlebt (Ramose 2000; Metz 2015; Murove
2014). Die Ubuntu-Semantik lässt sich auf unter- Die inter- und transkulturelle Philosophie zielt darauf
schiedliche sprachliche Quellen zurückführen: auf das ab, Erfahrungen des Unrechts (Kolonialismus, Aus-
Hona-Wort Hunhuism aus dem heutigen Sambia oder beutung, Ausgrenzung, Neokolonialismus) als Aus-
das Sprichwort der Nguni ›umuntu ngumuntu nga- gangspunkt für jegliche Reflexion über Gerechtigkeit
bantu‹, das mit ›Ein Mensch ist ein Mensch durch an- zu nehmen, im Interesse einer gleichberechtigten
dere Menschen‹ übersetzt wird. Dieses Sprichwort Kommunikation die wechselseitige Übersetzung un-
verweist auf eine relationale Ontologie als Grundlage terschiedlicher philosophischer Diskurse voran-
der Ubuntu-Philosophie, der zufolge sich Menschen zutreiben und die Debatte um globale Gerechtigkeit
in ihren Beziehungen zu anderen als Personen konsti- unter Berücksichtigung unterschiedlicher Traditio-
tuieren. Manche Autorinnen und Autoren sehen da- nen, Akteure und Institutionen zu erweitern. Aller-
rin eine genuin afrozentrische Ethik – als Alternative dings läuft der interkulturelle Diskurs Gefahr, sich zu
zu westlichen Gerechtigkeitskonzeptionen –, die auf fragmentieren, wenn er lokale Kontexte zugunsten
die entmenschlichenden Erfahrungen während des des Globalen überbetont.
Sklavenhandels und des Kolonialismus reagiert und Die Art und Weise, wie ein gerechtigkeitstheoreti-
eng mit dem afrikanischen Humanismus verwoben scher Diskurs geführt wird, erweist sich daher ange-
sei. Ubuntu wird für gewöhnlich mit bestimmten sichts postkolonialer und transkultureller Ansätze,
menschlichen Qualitäten in Verbindung gebracht, die welche auch die den Diskurs bestimmenden Macht-
stets einen Bezug des Einzelnen zur Gemeinschaft verhältnisse thematisieren, als eine genuin gerechtig-
aufweisen: Mitleid, Respekt, Fürsorge, Großzügigkeit keitstheoretische Thematik auf einer Metaebene: Auf
und Menschlichkeit. Die Ubuntu-Philosophie kann der einen Seite stellt sich die Frage, wer über und für
demnach als eine Tugendethik beschrieben werden, wen innerhalb gerechtigkeitstheoretischer Diskurse
die an gemeinschaftsorientierte Werte geknüpft ist spricht. Wer sind die Autoren, wer die Adressaten und
und dadurch den Zusammenhalt einer Gemeinschaft wer die Objekte der jeweiligen Gerechtigkeitstheorie?
sicherstellen soll. Diese Tugenden betonen stärker die Auf der anderen Seite stellt sich die Frage nach dem
Pflichten des Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft Idiom, in welchem der gerechtigkeitstheoretische Dis-
als dessen Rechte gegen sie. Insofern kann Ubuntu kurs geführt wird. Welche Sprache nutzen wir und
auch als eine kommunitaristische Ethik eingestuft wessen akademischen Konventionen fügen wir uns?
werden. Die wissenschaftliche Praxis zeigt, dass die öko-
Der Rückgriff auf lokale Werte und Normen kann nomischen Zentren in der Welt häufig zugleich die
einerseits dazu dienen, Wissensarchive nutzbar zu Zentren der akademischen Wissensproduktion sind,
machen, die in den hegemonialen akademischen De- die mit In- und Exklusionsmechanismen operieren.
batten nicht vorkommen, und die Theorieproduktion Durch die Dominanz spezifischer Standards, Netz-
wieder stärker an soziale Praktiken rückbinden. An- werke und Publikationsorgane innerhalb dieser Zen-
dererseits liegt eine mögliche Beschränkung solcher tren werden zahlreiche kompetente Philosophen und
Strategien darin, dazu dienlich zu sein, über globale Philosophinnen aus dem nicht-okzidentalen Raum
Phänomene nachzudenken, die den jeweiligen aus hegemonialen Diskursen über globalgesellschaft-
sprachlichen und kulturellen Kontext überschreiten. liche Themen ausgeschlossen. Zudem mangelt es im
Die meisten Unrechtsphänomene sind heute weder gegenwärtigen Wissenschaftsapparat innerhalb der
rein lokal noch global zu erklären, sondern bedingen akademischen Philosophie in Europa noch an Diver-
sich transnational durch das Wechselspiel von Prozes- sität seitens der Forschenden und Lehrenden, ob-
sen, die tradierte Grenzlinien und Identitätsmuster gleich die Diversität der Studierenden bereits ein Fak-
9 Ungerechtigkeit 53

tum geworden ist. Institutionell erfordert transkul- 9 Ungerechtigkeit


turelles Philosophieren demnach, durch die aktive Su-
che und die kritische Auseinandersetzung mit Ungerechtigkeit bleibt in den meisten Gerechtigkeits-
unsichtbar gemachten und marginalisierten Stimmen theorien ein Epiphänomen und wird allenfalls als ab-
diesem Macht-Wissen-Nexus entgegenzuwirken. geleiteter Begriff, vielfach einfach als das Gegenteil
von Gerechtigkeit behandelt. Judith Shklars kritische
Literatur Diagnose, dass »keines der üblichen Modelle von Ge-
Fornet-Betancourt, Raúl: Interkulturalität in der Auseinan- rechtigkeit eine angemessene Beschreibung von Un-
dersetzung. Frankfurt a. M./London 2007. gerechtigkeit liefert« (Shklar 1997, 18), trifft auch ein
García González, Dora E.: Konzeptionen von der Universali-
tät der Gerechtigkeit in der mexikanischen politischen
Vierteljahrhundert nach Erscheinen der englischspra-
Philosophie. In: Raúl Fornet-Betancourt/Hans Schelks- chigen Fassung (1990) ihres Buches Ungerechtigkeit –
horn/Franz Gmainer-Pranzl (Hg.): Auf dem Weg zu einer einem der wenigen Werke der neueren politischen
gerechten Universalität. Philosophische Grundlagen und Philosophie, die sich expressis verbis dem Phänomen
politische Perspektiven. Aachen 2013, 111–126. und dem Begriff der Ungerechtigkeit zuwenden –
Graness, Anke: Das menschliche Minimum. Globale Gerech-
noch weitgehend zu. Während die Gerechtigkeit der
tigkeit aus afrikanischer Sicht: Henry Odera Oruka. Frank-
furt a. M. 2011. zentrale Gegenstand einer der Hauptströmungen der
Metz, Thaddeus: Auf dem Weg zu einer Afrikanischen Mo- zeitgenössischen politischen Philosophie ist, fällt der
raltheorie. In: Franziska Dübgen/Stefan Skupien (Hg.): Ungerechtigkeit weiterhin der Part zu, schlicht ›das
Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positio- Andere‹ der Gerechtigkeit zu sein und als solches eher
nen. Berlin 2015, 295–329. unbestimmt zu bleiben. Das ist in gewisser Weise er-
Murove, Munyaradzi Felix: Ubuntu. In: Diogenes 59/3–4
staunlich: Die seit dem Erscheinen von Rawls’ Eine
(2014), 36–47.
Odera Oruka, Henry: Philosophie der Entwicklungshilfe. Theorie der Gerechtigkeit (1979) anhaltende Hochkon-
Eine Frage des Rechts auf ein menschliches Minimum. In: junktur der Gerechtigkeitstheorie in der politischen
Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 6 Philosophie, die sich mittlerweile als Debatte über glo-
(2000), 6–16. bal justice (s. Kap. II.17) auch als zentrales Thema der
Parijs, Philippe van: Linguistic justice. In: Politics, Philosophy internationalen politischen Theorie etabliert hat, ist
& Economics 1/1 (2002), 59–74.
Paul, Gregor: Einführung in die interkulturelle Philosophie.
nämlich beileibe kein Zufall, sondern hier spielt Un-
Darmstadt 2008. gerechtigkeit, wenigstens indirekt, eine zentrale Rolle.
Ramose, Mogobe: African Philosophy through Ubuntu. Hara- Dass Gerechtigkeit ein so zentraler Gegenstand der
re 2000. politischen Philosophie ist, so dass teilweise der Ein-
Sen, Amartya: Die Idee der Gerechtigkeit. München 2012. druck entstehen könnte, politische Philosophie sei
Triki, Fathi: Demokratische Ethik und Politik im Islam. Ara-
wesentlich Gerechtigkeitstheorie, dürfte nämlich vor
bische Studien zur transkulturellen Philosophie des Zusam-
menlebens. Weilerswist 2011. allem auf das häufige Vorkommen globaler wie lokaler
Welsch, Wolfgang: Transkulturalität – Die veränderte Ver- Ungerechtigkeitsphänomene zurückzuführen sein.
fassung heutiger Kulturen. In: Freimut Duve (Hg.): Sicht- Umso überraschender ist es auf den ersten Blick, dass
weisen. Die Vielheit in der Einheit. Weimar 1994, 83–122. eine weitergehende Reflexion von Ungerechtigkeit
Wimmer, Franz Martin: Interkulturelle Philosophie. Wien großenteils ausbleibt, die dieser eine eigenständige
2004.
Wiredu, Kwasi: Cultural Universals and Particulars. India-
Betrachtung widmet und sie nicht einfach nur als Ge-
napolis 1996. genbegriff betrachtet, der selbst eine terra incognita
war und ist.
Sarhan Dhouib / Franziska Dübgen Natürlich blieb Ungerechtigkeit in der Geschichte
der politischen Philosophie keineswegs unerwähnt
oder gänzlich unreflektiert. Shklar zeichnet in ihrer
Studie über Ungerechtigkeit nach, dass es in jenen
Werken oder jenen Passagen von Werken, die gegen-
über der Formulierung oder gar Umsetzung eines an-
gemessenen Konzepts von Gerechtigkeit skeptisch
bleiben, durchaus weitergehende Reflexionen über
Ungerechtigkeit gibt. Solche finden sich dann keines-
wegs nur bei Randgestalten, sondern auch in den gro-
ßen Texten der politischen Ideengeschichte. In Shklars
54 I Der Begriff der Gerechtigkeit

Perspektive kommen hier bestimmte Facetten von Philosophie der Gegenwart eine allenfalls minoritäre
Platons Politeia (1991) ebenso in Betracht (vgl. Shklar und marginale Position einnehmen.
1997, 32–36) wie die gegenüber der Möglichkeit einer Systematisch lassen sich hier im Wesentlichen drei
innerweltlichen Gerechtigkeit skeptisch eingestellte Positionen unterscheiden, die durch die Schriften von
Theologie, die Augustinus in De civitate Dei (1997) drei Autorinnen und Autoren exemplarisch exponiert
entwirft (vgl. Shklar 1997, 36–38). Weiterhin verweist werden können. Zunächst ist dabei an die Position zu
Shklar zu Recht auf die große Relevanz von Ungerech- denken, die Judith Shklar einnimmt. Nach ihrem Ein-
tigkeitsdiagnosen im Aufklärungsdiskurs, wie sie uns druck wird Ungerechtigkeit zu wenig ausgeleuchtet,
etwa in den Schriften Voltaires und stärker noch und die Aufgabe der Ungerechtigkeitstheorie wird
Rousseaus begegnen (vgl. ebd., 105–113). von Shklar deshalb als eine komplementäre verstan-
Neben diesen von Shklar herangezogenen Beispie- den: Vermittels des Nachdenkens über Ungerechtig-
len ist in theoriegeschichtlicher Perspektive wohl vor keit sollen Gerechtigkeitstheorien nicht in Zweifel ge-
allem auch an die Stellung des Ungerechtigkeitsden- zogen, sondern vielmehr ergänzt werden (vgl. Shklar
kens in zumindest in diagnostischer Hinsicht negati- 1997, 26).
vistischen Gesellschaftstheorien in der Nachfolge He- Eine zweite und radikalere Position wird sodann
gels zu denken. Bereits Hegel selbst entwirft seine durch die Überlegungen Iris Marion Youngs besetzt:
Analytik moderner Gesellschaften ausgehend von der Im Unterschied zu Shklar lässt sich Young nämlich
Diagnose der Verwerfungen und Ungerechtigkeiten, durchaus so verstehen, dass die Reflexion über Unge-
die sie hervorbringen (vgl. Hegel 1821/1986, Teil III). rechtigkeit nicht einfach eine notwendige Ergänzung
Radikalisiert wird diese Ungerechtigkeits- und Ver- des gängigen Gerechtigkeitsdenkens darstellt. Statt-
werfungsvorstellung, die Hegel selbst noch der Ver- dessen erhebt Young den weiter reichenden Vorwurf,
mittlung zuzuführen suchte, in Adornos negativer dass die Diskurse über Gerechtigkeit insgesamt fehl-
Dialektik: Deren Konzentration auf das umfassende geleitet sind, weil sie Gerechtigkeit nicht oder in ei-
Falsche lässt sich nicht nur als ein Abgesang auf die nem deutlich zu geringen Maße von der Ungerechtig-
Geschichte der philosophischen Versuche verstehen, keit aus in den Blick nehmen, die den Blickwinkel
Gerechtigkeitskonzepte zu ersinnen, die ein richtiges nicht einfach nur erweitert, sondern neu ausrichtet
und gerechtes Leben ermöglichen sollen, sondern von (vgl. Young 1990, Kap. 1; 1996).
ihrer Warte aus wird Moralphilosophie insgesamt mit Neben der komplementären und der alternativen
der negativistischen und ungerechtigkeitstheoreti- Deutung stoßen wir drittens schließlich in Derridas
schen Aufgabe der »konkreten Denunziation des Un- Beschäftigung mit der Gerechtigkeit auf eine dekon-
menschlichen« (Adorno 1996, 261) betraut. Adorno struktive Variante, die weitreichende Verschiebungen
verpflichtet die Moralphilosophie übrigens auf diese des Gerechtigkeitsdenkens zur Folge hat. Derrida
negative Aufgabe, weil er mit Blick auf die positive nämlich arbeitet – ausgehend von seiner Beobachtung
Klärung von Normen skeptisch bleibt (vgl. ebd.). Da- einer Unmöglichkeit der Gerechtigkeit – Spannungs-
mit trifft Shklars Einsicht, dass die Konzentration auf verhältnisse sowohl im Begriff der Gerechtigkeit selbst
Ungerechtigkeit, so sie denn stattfindet, auf eine Skep- als auch in der Beziehung von Recht und Gerechtig-
sis gegenüber positiven Gewissheiten zurückgeht (vgl. keit heraus, angesichts derer hinter alle Versuche, eine
Shklar 1997, 30 f.), die Gerechtigkeitstheorien nicht positive Konzeption der Gerechtigkeit zu formulieren,
nur zu erreichen suchen, sondern deren Möglichkeit ein grundsätzliches skeptisches Fragezeichen zu set-
sie auch voraussetzen müssen, um eine positiv aus- zen ist.
zeichnende Konzeption der Gerechtigkeit formulie-
ren zu können, auch für ihn zu. Negativistische Phä-
nomene nimmt schließlich, unter Bezugnahme auf Die ausgeblendete Ungerechtigkeit
Hegel, in der Sozialphilosophie der Gegenwart Axel
Honneth zum Ausgangspunkt des Gerechtigkeitsden- Für Judith Shklars Beschäftigung mit der Ungerech-
kens, wenn er seine Anerkennungstheorie von Miss- tigkeit sind drei Grundüberlegungen wesentlich. Zu-
achtungsphänomenen und Unrechtserfahrungen her nächst ist hier natürlich an ihre bereits erwähnte Di-
schreibt (vgl. Honneth 1994, Kap. 6). Das alles ändert agnose zu denken, dass Ungerechtigkeit ein in der po-
aber nichts daran, dass diese Ungerechtigkeitstheo- litischen Philosophie weitgehend unterbelichteter Be-
rien bzw. Versuche, sich der Gerechtigkeit von der Un- griff ist. Das ist, und hierin liegt Shklars zweite
gerechtigkeit aus zu nähern, auch in der politischen wichtige Überlegung, aus ihrer Sicht kein Zufall, son-
9 Ungerechtigkeit 55

dern spiegelt vielmehr eine letztlich nicht haltbare epi- nicht so weit, wie dies etwa Raymond Geuss (2011)
stemische und kategoriale Ausgangsthese von moral- oder Bernard Williams (2005) tun, die gegen diese Art
philosophischen Versuchen, Gerechtigkeitskonzepte der moralphilosophischen Annäherung an Politik ein
zu begründen, wider. Diese gehen nämlich von der realistisch informiertes politisches Denken postulie-
Shklar zufolge ausgesprochen fragwürdigen Über- ren. Shklar hebt demgegenüber deutlich hervor, dass
legung aus, dass sich klare kategoriale Trennungen mit ihre Untersuchungen die Suche der Gerechtigkeits-
Gewissheit vornehmen und begründen lassen. Im Fal- theorien nach philosophischen Begründungen der
le der Ungerechtigkeit geht es dabei um die Möglich- Gerechtigkeit nicht in Zweifel zu ziehen suchen (vgl.
keit einer distinkten Unterscheidung von Unglück, Shklar 1997, 26). Aber dennoch versteht sie ihre eige-
das, da es letztlich auf Zufall basiert und keinen ver- ne Erkundung der Ungerechtigkeit, die »anders [...],
antwortlichen Verursacher hat, keinen Gegenstand direkter, ausführlicher und mit größerer Tiefe« (ebd.)
der Gerechtigkeit bilden kann, und Ungerechtigkeit, als in den gängigen philosophischen Gerechtigkeits-
die Gegenstand eines gerechten Ausgleichs sein müss- theorien betrachtet werden soll, aus der Perspektive
te. Nach Shklars Überzeugung lassen sich aber Un- der politischen Theorie. In dieser disziplinären Zu-
glück und Ungerechtigkeit ebenso wenig klar von- ordnung liegt ihre dritte Grundüberlegung, die auf
einander unterscheiden (vgl. Shklar 1997, 18) wie die systematische Motive zurückzuführen ist. Dabei spielt
für die liberale Moralphilosophie und politische Phi- Shklars Beobachtung, dass Unterscheidungen wie die
losophie so grundlegenden Begriffe des Privaten und zwischen Unglück und Ungerechtigkeit auf politische
des Öffentlichen (vgl. ebd., 15). Mit dieser Überlegung Entscheidungen zurückzuführen sind, eine wesentli-
berührt Shklar einen neuralgischen Punkt der bis che Rolle. Die politische Theorie scheint ihr nun des-
heute vorherrschenden liberalen Ansätze in der Ge- halb prädestiniert zur Reflexion dieses politischen
rechtigkeitstheorie und der Moralphilosophie, deren Kontextes der Ungerechtigkeit, weil sie empirisch ge-
Plausibilität in der Tat vielfach auf die Möglichkeit sättigter verfährt als die in diesen Fragen zu abstrakte
solch klarer Unterscheidungen wie der zwischen Pri- Moralphilosophie, aber gleichzeitig deutlich analyti-
vatheit und Öffentlichkeit angewiesen bleibt (vgl. scher ausgerichtet ist als die narrativ angelegte Ge-
Rössler 2001). Shklars Kritik setzt dabei auf ein Argu- schichtswissenschaft (ebd.).
ment, das bereits Hegel gegen moralphilosophisch Ein weiteres Motiv reflektiert zugleich eine zentrale
fundierte politische Philosophien ins Feld geführt hat Annahme von Shklars Ungerechtigkeitsbegriff: Wir
(vgl. Hegel 1821/1986, 37) und auf das auch in den Ge- müssen uns, wenn wir Ungerechtigkeit als ein politi-
genwartsdiskursen im Zuge der Kritik einer moral- sches Phänomen verstehen, viel stärker mit der Rolle
philosophisch verstandenen politischen Philosophie der politischen Akteure beschäftigen, als dies in übli-
zurückgegriffen wird (vgl. Geuss 2002): Nach Shklars chen Gerechtigkeitstheorien der Fall ist – und zwar
Überzeugung unterliegen solche Unterscheidungen auch und gerade mit den einfachen Akteuren, den
nämlich schlicht einem historischen Wandel (vgl. Bürgerinnen und Bürgern eines Gemeinwesens, die
Shklar 1997, 17) – und sie gehen zudem auf politische einen erheblichen Anteil an der Ungerechtigkeitspra-
Entscheidungen und nicht auf philosophisch be- xis haben, auf die wir allerorts stoßen. Hier kommt ein
gründbare Distinktionskriterien zurück (vgl. ebd., für Shklars Ungerechtigkeitsdenken wichtiger Begriff
14). Im Falle der Unterscheidung von Unglück und ins Spiel: der der passiven Ungerechtigkeit (vgl. ebd.,
Ungerechtigkeit etwa macht es einen enormen Unter- 54–66). Mithilfe dieses Begriffs kann Shklar nämlich
schied, welche Faktoren als beurteilungsrelevant er- all jene gerechtigkeitstheoretisch kaum erfassbaren Si-
achtet werden: So kann es als persönliches Unglück tuationen in den Blick nehmen, in denen Personen zu
betrachtet werden, die Arbeitsstelle zu verlieren, einer ungerechten Praxis oder ungerechten Einzelfäl-
nimmt man aber darüber hinaus größere ökonomi- len beitragen, die nach dem gängigen Modell der Ver-
sche Prozesse (z. B. Umstellungen auf Gewinnmaxi- antwortungszurechnung nicht für diese Fälle oder
mierungsstrategien) oder politische Kontexte (z. B. Praxen verantwortlich gemacht werden können. Hier
fehlenden Kündigungsschutz) oder geschlechtsspezi- ist beispielsweise an die im Alltagsleben zahlreichen
fische Dimensionen usw. in den Blick, kann sich das Fälle zu denken, in denen wir uns selbst zwar nicht di-
vermeintliche Unglück schnell als Ungerechtigkeit he- rekt eines Vergehens schuldig machen, aber untätige
rausstellen. Zeuginnen oder Zeugen von Ungerechtigkeiten wie
Zwar geht Shklar in ihrer Kritik der begründungs- Schikanen oder Formen verbaler oder gar physischer
theoretischen Ansätze in der Gerechtigkeitstheorie Gewalt sind und zu diesen Ungerechtigkeiten beitra-
56 I Der Begriff der Gerechtigkeit

gen, indem wir ihnen nicht aktiv entgegentreten. Pas- ausgleichenden Gerechtigkeit muss in vielen Fällen
siv ungerecht verhalten sich demnach all jene, die, wie konstatiert werden, dass das, was Shklar als den »Ma-
Shklar meint, ihre Rolle als Bürgerinnen und Bürger kel der Ungerechtigkeit« (ebd., 21), den die Opfer
zu eng auslegen, da sie den Blick aus Bequemlichkeit, empfinden, bezeichnet, von der ausgleichenden Ge-
Desinteresse oder ähnlichen Motiven abwenden, ob- rechtigkeit nicht getilgt wird. Ungerechte Erfahrun-
wohl sie die Opfer unterstützen könnten. Der Ver- gen hinterlassen Narben und Schäden, die sich nicht
such, Ungerechtigkeit von der Vorstellung einer direk- einfach kompensieren lassen. Teilweise kann es den
ten personalen Verantwortung abzulösen, ist übrigens Ausgleichsmechanismen gar nicht gelingen, wesentli-
ein zentrales und gemeinsames Motiv der unter- che Dimensionen der Verletzung in den Blick zu neh-
schiedlichen Bemühungen, die Gerechtigkeitstheorie men, da diese – etwa massive Erniedrigungserfah-
um eine Theorie der Ungerechtigkeit zu erweitern rungen – auch dann weiterleben, wenn z. B. ein Ver-
oder sie gar von der Warte einer Theorie der Unge- gehen als begangener Regelverstoß rechtlich geahn-
rechtigkeit aus zu denken; das ist, wie weiter unten det wird. Natürlich kann auch keine noch so
noch deutlicher wird, in einer noch emphatischeren tiefgehende Theorie der Ungerechtigkeit diesen Man-
Variante einer der grundlegenden Züge von Iris Mari- gel beheben, sie kann uns aber darauf aufmerksam
on Youngs Ungerechtigkeitsdenken. machen, wie wichtig es ist, die Stimmen und die
Mit der Vorstellung der passiven Ungerechtigkeit Selbstverständnisse der Opfer zur Kenntnis zu neh-
erweitert Shklar ganz deutlich den Skopus der gerech- men (vgl. ebd., 49 f.) – wobei wir damit rechnen müs-
tigkeitstheoretischen Reflexion der Ungerechtigkeit, sen, dass sich diese oftmals gar nicht als Opfer begrei-
indem sie eine politische Theorie des schlechten Bür- fen wollen, u. a. möglicherweise deshalb, weil das Op-
gerseins entwirft, das als ein auf den ersten Blick viel- fersein als solches eine erniedrigende Erfahrung ist
fach unscheinbarer, aber bei genauerer Betrachtung (vgl. ebd., 53). Das zeigt aber im Grunde nur umso
wesentlicher Beitrag zur Ungerechtigkeit zu begreifen mehr, inwiefern eine begründungs- und regelfixierte
ist. Passiv ungerecht sind wir nämlich bereits dann, Gerechtigkeitstheorie hier an ihre Grenzen stößt und
wie Shklar unter ideengeschichtlichem Rekurs auf Ci- durch eine politische Theorie der Ungerechtigkeit er-
cero ausführt, wenn wir der Ungerechtigkeit nicht weitert werden muss, die nicht nur Regelverstöße,
entgegentreten, obwohl wir es könnten (vgl. ebd., 55). sondern auch ungerechte Praktiken im Ganzen und
Das schlechte Bürgersein korrespondiert hier sehr eng den Beitrag, den passiv Ungerechte an ihr haben, zu
mit einer politischen Bequemlichkeitspraxis, die sich denken in der Lage ist.
aus der Ungerechtigkeit geradezu speist: Wie Shklar Von diesem Punkt aus lassen sich Shklars Über-
überzeugend darlegt, sind viele Ungerechtigkeitsphä- legungen bündeln: Was ihr vorschwebt, ist eine politi-
nomene für einen häufig großen Teil eines politischen sche Theorie der Ungerechtigkeit, die den histori-
Gemeinwesens schlicht in dem Sinne angenehm, dass schen Wandel von Maßstäben sowie deren politischen
sie Ruhe und Frieden bieten (vgl. ebd., 61). Ungerech- Charakter mitdenkt und die zudem die Stimmen der
tigkeit ereignet sich nämlich vielfach in etablierten Opfer hört, um dem Zusammenspiel von politischen
Strukturen, die zu hinterfragen ungewisse Folgen ha- und subjektiven Dimensionen Rechnung zu tragen.
ben kann, oder sie findet in Situationen statt, gegen die Shklars Überlegungen kulminieren dabei in der The-
einzuschreiten unbequem sein kann, weil der übliche se, dass sich eine feste oder gar universelle Begrün-
Ablauf gestört oder weil unangenehmes Aufsehen er- dung von Maßstäben der Gerechtigkeit bzw. Unge-
regt wird. Was eine solche politische Theorie der Un- rechtigkeit gerade nicht liefern lässt und dass wir des-
gerechtigkeit demnach lehrt, ist, dass Ungerechtigkeit halb als Bürgerinnen und Bürger stets dazu aufgefor-
häufig nicht in erster Linie davon abhängt, dass klare dert sind, möglichen Ungerechtigkeiten unserer
Gerechtigkeitsmaßstäbe fehlen (ebd.), sondern von Gemeinwesen und ihrer Institutionen im Dialog mit
den Beziehungen der Bürgerinnen und Bürger unter- jenen, denen sie widerfahren, nachzuspüren. Ohne
einander, ihrem Verhältnis zu politischen und sozia- mit jenen, denen Ungerechtigkeit widerfährt, zu spre-
len Institutionen und, in institutionentheoretischer chen, und zwar immer wieder zu sprechen, und ohne
Perspektive, von deren Beschaffenheit. stets aufs Neue zu erkunden, worin diese Ungerechtig-
Zudem lenkt Shklars Ungerechtigkeitstheorie un- keit besteht, lassen sich Maßstäbe der Gerechtigkeit
seren Blick darauf, dass eine positive, auf Gerechtig- eben gerade nicht ex cathedra verordnen. Diese politi-
keit bedachte Perspektive unvollständig bleibt: Selbst sche Theorie der Ungerechtigkeit ist damit zugleich
bei einer wohletablierten institutionellen Praxis der die Aufforderung zu einer gestalterischen Politik, die
9 Ungerechtigkeit 57

sich nicht durch Notwendigkeitssemantiken stillstel- hängigkeit gefördert werden, die Menschen in ihrer
len lässt (vgl. ebd., 89–103). Autonomie aufgrund einer (gesetzlichen oder fak-
tischen) Beraubung bestimmter Rechte und Freihei-
ten, obwohl diese allen qua Menschsein zustünden,
Ungerechtigkeit als Ausdruck von Unter- eingeschränkt werden. Objektiv drücke sich Margina-
drückung lisierung z. B. in fehlender faktischer Partizipations-
möglichkeit von Individuen in Zusammenhängen, in
Anhand von Iris Marion Youngs Ansatz, fünf Formen denen sie Betroffene sind, aus. Subjektiv erführen die
der Unterdrückung als Formen (faces) der Ungerech- Betroffenen Marginalisierung in Form des Gefühls
tigkeit auszuweisen (vgl. Young 1990, Kap. 1; 1996), der Nutzlosigkeit oder des Überflüssigseins. ›Macht-
lässt sich exemplarisch zeigen, inwiefern Theoretike- losigkeit‹ bedeute für Betroffene, dass ihnen aufgrund
rinnen und Theoretikern die Diagnostizierung von mangelnder Respektbezeigung durch andere die nöti-
Phänomenen der Ungerechtigkeit als plausibler er- ge Autorität und Macht im Hinblick auf z. T. basale
scheint denn eine positive Benennung von Kriterien Entscheidungskompetenzen, nicht nur in Bezug auf
der Gerechtigkeit. Youngs Ungerechtigkeitsansatz ihre eigenen Belange, sondern auch im Hinblick auf
nimmt explizit keinen Bezug auf eine mögliche Be- die Kommunikation und Interaktion mit anderen,
gründung von Gerechtigkeitsprinzipien, sondern fehlt. ›Kulturimperialismus‹ wirke sich auf Individuen
wendet sich insbesondere gegen das liberale (Vertei- wie Kollektive vor allem so aus, dass sie Unverständnis
lungs-)Paradigma, das Individuen als abstrakte An- gegenüber den ihnen in identitärer Hinsicht bedeut-
spruchsberechtigte behandelt, ohne deren kontextuel- samen sozialen und kulturellen Lebensbedingungen
le und interaktionale Bezüge und Beziehungen, ge- und -inhalten erfahren. Dieses Unverständnis kann
schweige denn die damit verbundenen Macht- und sich in der Beschränkung oder Verwehrung bestimm-
Hierarchieverhältnisse angemessen zu berücksichti- ter Rechte auf ein kulturell selbstbestimmtes Leben
gen. Young betont demgegenüber, dass Individuen in ausdrücken. ›Gewalt‹ sei als ein systemisches – und
gesellschaftliche Interaktionszusammenhänge ein- das heißt nicht kontingentes – Phänomen anzusehen,
gebunden sind, die sich nicht allein unter dem Ge- das sich als Unterdrückung Einzelner und Gruppen
sichtspunkt der (Verteilungs-)Gerechtigkeit erfassen insofern erkennen lasse, als sie sich gegen Betroffene
lassen. Deshalb wählt sie die umgekehrte Blickrich- aufgrund spezifischer Merkmale (z. B. Hautfarbe, Ras-
tung, aus der heraus sie die phänomenologisch erfass- se, Geschlecht, sozialer Status) richte (vgl. Young
baren Dimensionen von Ungerechtigkeit darlegt, die 1996, 114–132).
sie vornehmlich als Unterdrückung (oppression) ver- Youngs Ansatz, Unterdrückung als strukturelles
steht (vgl. Young 1990, Kap. 1; 1996, 114–132). Problem zu begreifen, bietet zunächst einmal den
Youngs These lautet hierbei, dass Unterdrückungs- Vorteil, vereinfachende Täter- und Opferzuweisungen
verhältnisse sich gerade nicht als binäre Beziehungs- von Ungerechtigkeit zu vermeiden. Anders als vielen
strukturen von Unterdrückern versus Unterdrückten liberalen Gerechtigkeitstheorien geht es Young jedoch
klassifizieren lassen, sondern dass die meisten For- darum, herauszustreichen, dass eine ȟberzeugende
men der Ungerechtigkeit darin bestehen, dass Indivi- Konzeption von Gerechtigkeit« nicht (nur) in der Klä-
duen als Angehörige bestimmter Gruppen von für das rung der Frage der Verteilung, sondern vor allem in
kapitalistische Gesellschaftssystem charakteristischen der Klärung der für die »Entwicklung und Ausübung
strukturellen Benachteiligungen betroffen sind (vgl. individueller Fähigkeiten sowie der kollektiven Kom-
Young 1996, 104–105; vgl. auch Nagl-Docekal 1996, munikation und Kooperation notwendigen institutio-
11–15): So produziere ›Ausbeutung‹ als zentrales nellen Bedingungen« (ebd., 99) besteht. Im Anschluss
Merkmal moderner Arbeitsprozesse ein spezifisches an Young lässt sich etwa Armut als Form von Unter-
soziales Machtgefälle, durch das sich die gesellschaftli- drückung und damit als Ungerechtigkeit auffassen.
che Ordnung insofern als ungerecht erweist, als Men- Armut sei nicht nur begleitet von »systematischen
schen einer bestimmten Güterverteilungsordnung Verletzungen von Grundfreiheiten, sondern Armut
unterstellt werden, die weder ihre Grundbedürfnisse ist tiefergehend Teil eines sozialen Mechanismus, der
noch ihre spezifischen Leistungen innerhalb des die Integrität von Menschen verletzt, indem sie in ei-
Übertragungsprozesses von Arbeitserträgen von einer nen Zustand unzulässiger Unterwerfung unter den
Gruppe zu einer anderen angemessen berücksichtigt. Willen anderer versetzt werden« (Fleurbaey 2007,
›Marginalisierung‹ finde statt, wenn Formen der Ab- 154; eigene Übers.). In dieser Lesart werden insbeson-
58 I Der Begriff der Gerechtigkeit

dere die Wirkungen von Armut auf das soziale Gefüge zur Welt« (Derrida 2000, 14 f.). Diese provokative
ganzer politischer Gemeinschaften, aber auch auf die These, die Derrida vor allem in Auseinandersetzung
Beziehungen zwischen einzelnen Menschen in Bezug mit Walter Benjamins berühmtem Aufsatz »Zur Kri-
auf die aus ihr resultierenden Abhängigkeiten betont. tik der Gewalt« (Benjamin 1980) diskutiert (Derrida
1991, Teil II), hat eine lange ideengeschichtliche Tra-
dition, auch wenn sie eher abseits des Mainstreams
Die Dekonstruktion der Gerechtigkeit der okzidentalen Rechts- und Staatslegitimierungs-
diskurse zu verorten ist: So findet sich eine vergleich-
Einen weiteren wichtigen Beitrag zur Theorie der Un- bare Überlegung bereits bei Augustinus, der festhält,
gerechtigkeit finden wir schließlich bei Derrida. Der- dass die Legitimität von politisch-rechtlichen Ord-
ridas Gerechtigkeitsdenken bewegt sich dabei auf mä- nungen eine Frage der Macht und nicht der Gerech-
andernden Pfaden um eine Beobachtung, die vielfälti- tigkeit sei (Augustinus 1997, 173 f.), und sie taucht
ge Konsequenzen für die Gerechtigkeitstheorie und wieder auf in Spinozas bekannter Formel, dass das
die Beziehung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit Recht der Natur nicht auf eine Vorstellung von Ge-
hat. Nach seinem Eindruck ist Gerechtigkeit »eine Er- rechtigkeit, sondern auf die Macht der Natur verweise
fahrung des Unmöglichen« (Derrida 1991, 33). Dieser (vgl. Spinoza 1677/2006, 11).
Satz könnte leicht wie eine Verabschiedung allen Wenn die Rechtsgewalt aber eine Gewalt ist, die
Nachdenkens über Gerechtigkeit erscheinen, tatsäch- nicht auf eine legitime und gerechte Quelle verweist,
lich aber versteht ihn Derrida als nachdrückliche Auf- dann gerät die rechtliche Umsetzung der Gerechtig-
forderung, die Reflexionen über Gerechtigkeit gerade keit in Gefahr, ungerecht zu verfahren. Eben dies ist
nicht abreißen zu lassen. Eine Absage ist dieser Satz Derrida zufolge der Fall, wie sich am Spannungsver-
aber tatsächlich an alle Gerechtigkeitskonzeptionen, hältnis von Recht und Gerechtigkeit zeigt: Denn wäh-
die versuchen, ein festes, gewisses und regelbewehrtes rend das Recht im Medium der allgemeinen Regel ver-
Modell der Gerechtigkeit zu begründen. Gerechtig- fährt, verlangt die Gerechtigkeit, dass der Besonder-
keit, so versucht Derrida nahezulegen, muss als etwas heit auch jenseits der Regel Gerechtigkeit widerfährt
begriffen werden, das sich niemals aneignen, niemals (Derrida 1991, 33–35). Jemandem gerecht zu werden,
erreichen lässt, sondern das stets im Kommen bleibt meint, ihr oder ihm in ihrer oder seiner Besonderheit
(ebd., 56), sich also fortwährend entzieht. Man könnte gerecht zu werden. Weit gefehlt wäre allerdings der
das auch so formulieren, dass Gerechtigkeit perma- Schluss, dass eine angemessene Praxis der Gerechtig-
nent von der Ungerechtigkeit heimgesucht wird – und keit dann eben jenseits des Rechts zu suchen sei: Die
das nicht in dem Sinne, dass Ungerechtigkeit der Ge- Spannung zwischen dem Allgemeinen des Rechts und
rechtigkeit äußerlich widerstreitet, sondern in dem dem Besonderen der Gerechtigkeit ist nämlich keine
ungleich grundsätzlicheren Sinne, dass Gerechtigkeit äußerliche Spannung zwischen Recht und Gerechtig-
selbst in sich und in ihrer Umsetzung gebrochen ist. keit, sondern sie kehrt im Inneren der Gerechtigkeit
Diese Überlegung lässt sich an Derridas Behand- wieder. Die Gerechtigkeit kann die allgemeine Regel
lung des Spannungsverhältnisses von Recht und Ge- nicht einfach suspendieren, denn eine Praxis ohne Re-
rechtigkeit verdeutlichen, in dem sich gewissermaßen gel würde ebenfalls nicht als gerecht gelten können
die interne Spannung der Gerechtigkeit spiegelt. Üb- (ebd., 46–48).
licherweise wird Recht als Medium der Gerechtigkeit Diese Dekonstruktion der Gerechtigkeit mündet
verstanden, und zugleich wird Gerechtigkeit als die le- nun zwar in die These der unmöglichen Gerechtigkeit,
gitime Quelle des Rechts aufgefasst, die dessen Ge- allerdings besagt diese gerade nicht, dass Gerechtig-
walt, im Unterschied zur rohen Gewalt, zur legitimen keit zu verabschieden ist. Ganz im Gegenteil fordert
Gewalt außerrechtlicher Zustände macht. Derrida uns Derridas Satz, dass die Dekonstruktion die Ge-
zeigt nun, dass es sich bei diesen beiden Annahmen, rechtigkeit sei (ebd., 30), dazu auf, uns nicht bequem
die für das Zusammenspiel von Recht und Gerechtig- in eingespielten Regelwerken, Institutionen und Prak-
keit wesentlich sind, um ausgesprochen fragwürdige tiken einzurichten, sondern zu bedenken, dass Ge-
Annahmen handelt. Zunächst lässt sich Recht keines- rechtigkeit eine unendliche Aufgabe bleibt. Hier be-
wegs so einfach auf eine durch Gerechtigkeit legiti- rühren sich seine Überlegungen übrigens mit denen
mierte Gewalt zurückführen, sondern kommt durch Shklars und Youngs, die ja beide auch immer wieder
bloße Gewalt in die Welt: »Der Gewaltstreich macht darauf hingewiesen haben, dass sich Gerechtigkeit
und gründet Recht, gibt Recht, er bringt das Gesetz nicht durch feste Unterscheidungen und Konzeptio-
9 Ungerechtigkeit 59

nen erreichen lässt. Wie Young und Shklar nimmt Butler, Judith: Kann das ›Andere‹ der Philosophie sprechen?
auch Derrida den konkreten Einspruch gegen Unge- In: Dies. (Hg.): Die Macht der Geschlechternormen. Frank-
rechtigkeiten in den Blick, indem er darauf hinweist, furt a. M. 2009, 367–393.
Derrida, Jacques: Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der
dass die Dekonstruktion der Gerechtigkeit gerade Autorität«. Frankfurt a. M. 1991.
nicht »eine Unempfindlichkeit gegenüber der Unge- –: OTOBIOGRAPHIEN – Die Lehre Nietzsches und die
rechtigkeit« (ebd., 41) bedeutet, sondern im Gegenteil Politik des Eigennamens. In: Ders./Friedrich Kittler (Hg.):
ein Aufdecken von Ungerechtigkeiten gerade dort er- Nietzsche – Politik des Eigennamens. Berlin 2000, 7–63.
möglicht, »wo das gute und ruhige Gewissen bei die- Fleurbaey, Marc: Poverty as a form of oppression. In: Tho-
mas W. Pogge (Hg.): Freedom from Poverty as a Human
ser oder jener überkommenen Bestimmung der Ge-
Right. Who Owes What to the Very Poor? Oxford 2007,
rechtigkeit stehenbleibt« (ebd.). 133–154.
Geuss, Raymond: Privatheit. Eine Genealogie. Frankfurt
a. M. 2002.
Perspektiven –: Kritik der politischen Philosophie. Hamburg 2011.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Grundlinien der Philoso-
phie des Rechts [1821]. In: Ders.: Werke, Bd. 7. Hg. von Eva
In der praktischen und politischen Philosophie ist die Moldenhauer und Karl Markus Michel. Frankfurt a. M.
Auseinandersetzung mit Ungerechtigkeit nach wie 1986.
vor eher eine Nischenbeschäftigung. Über den gerech- Honneth, Axel: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen
tigkeitsphilosophischen Diskurs im engeren Sinne hi- Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt a. M. 1994.
naus hat die (kritische) Diskussion über Bedingungen Kaplow, Ian/Lienkamp, Christoph (Hg.): Sinn für Ungerech-
tigkeit. Baden-Baden 2005.
und Strukturmerkmale von Ungerechtigkeit derzeit
Kapur, Ratna: Human rights in the 21st century. Take a walk
insbesondere in den Gebieten der Gender/Queer on the dark side. In: Sidney Law Review 28/4 (2006), 665–
Theory und der Postcolonial Studies ihren Ort gefun- 687.
den. Hier werden insbesondere Vermachtungs- und Nagl-Docekal, Herta: Gleichbehandlung und Anerkennung
Exklusionsmechanismen, die Ungleichheiten in Ge- von Differenz: Kontroversielle Themen feministischer po-
schlechterverhältnissen wie auch in der von der litischer Philosophie. In: Dies./Herlinde Pauer-Studer
(Hg.): Politische Theorie. Differenz und Lebensqualität.
Asymmetrie eines Nord-Süd-Gefälles gekennzeichne-
Frankfurt a. M. 1996, 9–53.
ten globalen Ordnung haben virulent werden lassen, Platon: Politeia. In: Ders.: Sämtliche Werke, Bd. V (grie-
reflektiert. Judith Butler etwa problematisiert mit der chisch und deutsch). Frankfurt a. M. 1991.
Frage, ob das ›Andere‹ der Philosophie sprechen kann Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a. M.
(2009), dass Diskurse über Bedeutungen bereits auf 1979 (engl. 1971).
der begrifflichen Ebene vergeschlechtlichte Macht- Rössler, Beate: Vom Wert des Privaten. Frankfurt a. M. 2001.
Shklar, Judith N.: Über Ungerechtigkeit. Erkundungen zu ei-
strukturen aufweisen, die marginalisierende und ex- nem moralischen Gefühl. Frankfurt a. M. 1997 (engl.
kludierende Auswirkungen auf weite gesellschaftliche 1990).
Bereiche haben. Gayatri Chakravorty Spivak (2008) Spinoza, Baruch de: Politischer Traktat [1677]. In: Ders.:
thematisiert die Schwierigkeiten eines postkolonialen Werke, Bd. 3. Hamburg 2006.
Righting Wrongs angesichts des Eurozentrismus inner- Spivak, Gayatri Chakravorty: Righting Wrongs – Unrecht
richten. Berlin/Zürich 2008.
halb des internationalen Gerechtigkeitsdiskurses.
Williams, Bernard: Realism and Moralism in Political Theo-
Und Ratna Kapur beispielsweise zeigt die ebenso pa- ry. In: Ders. (Hg.): In the Beginning Was the Deed. Realism
ternalistischen wie strukturvergessenen Implikatio- and Moralism in Political Argument. Princeton NJ/Oxford
nen eines »discriminatory universalism« (Kapur 2006, 2005, 1–17.
673) auf, der insbesondere im Namen der Menschen- Young, Iris Marion: Justice and the Politics of Difference.
rechte Modi der Ungerechtigkeit perpetuiert und ze- Princeton NJ 1990.
–: Fünf Formen der Unterdrückung. In: Herta Nagl-Doce-
mentiert. kal/Herlinde Pauer-Studer (Hg.): Politische Theorie. Diffe-
renz und Lebensqualität. Frankfurt a. M. 1996, 99–139.
Literatur
Adorno, Theodor W: Probleme der Moralphilosophie Oliver Flügel-Martinsen / Franziska Martinsen
[1963]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften, Bd. IV.10.
Frankfurt a. M. 1996.
Augustinus, Aurelius: Vom Gottesstaat (De civitate dei).
2 Bde. München 41997.
Benjamin, Walter: Zur Kritik der Gewalt. In: Ders.: Gesam-
melte Schriften, Bd. II.1. Frankfurt a. M. 1980, 179–203.
60 I Der Begriff der Gerechtigkeit

10 Kritik am Gerechtigkeitsbegriff davon aber wenig hat, wenn es gleichzeitig andere gibt,
die ohne Hemmung das Recht brechen. Entscheidend
Angesichts der traditionellen und auch zeitgenössi- ist für Thrasymachos hier die Kategorie des Glücks.
schen Hochschätzung der Gerechtigkeit als individuel- Während die gehorsam Gerechten die Starken durch
ler und sozialer Tugend sind radikale Formen der Kri- ihr Dienen glücklich machen, sind sie selbst »alles an-
tik an Gerechtigkeit philosophisch eher marginal. Ei- dere eher als glücklich« (ebd., 343c–d). In Frage steht
nige Typen einer solchen radikalen, die Gerechtigkeit also, ob Gerechtigkeit dem Glücksinteresse des Men-
insgesamt in Frage stellenden Kritik lassen sich gleich- schen widerstreitet oder ob sie kompatibel damit ist,
wohl ausfindig machen. So konzentriert sich eine Kri- und die Antwort des Thrasymachos ist eindeutig: Da
tik auf die rationalitätstheoretische Annahme, Gerech- Glück in der Befriedigung eigener Interessen liegt,
tigkeit lohne sich nicht; ein anderer Typ der Kritik wirft wird nur der wirklich glücklich sein, der im Zweifels-
den gängigen Theoriemodellen vor, Gerechtigkeitsfra- fall auch gegen die Interessen anderer oder gegen die
gen zu sehr an normativen Prinzipien zu orientieren Forderungen der Gerechtigkeit agiert. So wird der Ge-
und damit unabhängig von den konkreten sozioöko- rechte im Geschäftsverkehr am Ende weniger Gewinn
nomischen Umständen zu thematisieren, auf die diese haben als der Ungerechte und auch mehr Steuern zah-
Prinzipien angewendet werden sollen. Weniger radi- len als dieser; der Ungerechte wiederum wird sich
kale Modelle der Kritik akzeptieren Gerechtigkeit als auch aus Ämtern, die er innehat, mehr Vorteile »wider
zentrale, individuelle und soziale Tugend, zweifeln das Recht« (ebd., 343d–e) verschaffen als der Gerechte.
aber am Sinn der Orientierung an Fragen der Distribu- Der Gerechte dient dem Ungerechten dabei wohl nicht
tion oder verweisen auf Konflikte zwischen dem Wert einmal in einem direkten Sinne, sondern eher indem
der Gerechtigkeit und anderen Werten wie Liebe, Frei- er tut, was das Recht vorschreibt, und damit den Un-
heit, Anstand oder Fürsorge, die, so die Annahme, gerechten in die Lage versetzt, einseitig von der Ge-
durch eine einseitige Ausrichtung an Gerechtigkeit in rechtigkeit anderer zu profitieren. Ungerechtigkeit
ihrem Eigenwert aus dem Blick geraten. In dieser Per- lohnt sich dabei vor allem im großen Maßstab: Der
spektive gibt es erstrebenswerte Formen des sozialen glückseligste ist der Tyrann, der den anderen die Re-
Zusammenlebens jenseits der Gerechtigkeit, so dass geln zu seinem eigenen Vorteil vorschreibt.
der Wert der Gerechtigkeit relativiert wird. Die radika- Klar ist damit auch, dass Thrasymachos einen kon-
len und die weniger radikalen Formen einer Kritik der ventionellen Gerechtigkeitsbegriff zugrunde legt und
Gerechtigkeit sind an verschiedenen Punkten der Phi- keine eigene Definition von Gerechtigkeit oder Unge-
losophiegeschichte in unterschiedlicher Ausprägung rechtigkeit vorschlägt. Der glücklich Ungerechte zehrt
artikuliert worden, die sich allerdings eher in einer sys- parasitär von der Gerechtigkeit anderer, auf die er an-
tematischen denn einer historisch-chronologischen gewiesen ist, um selbst ungerecht zu sein. Im Mittel-
Logik entschlüsseln lassen. punkt dieser Gerechtigkeitskritik steht folglich weni-
ger die Frage nach der besten Definition von Gerech-
tigkeit oder Ungerechtigkeit als die Frage nach den eu-
Platon, Nietzsche und Aristoteles dämonistischen Folgen der Einhaltung oder des
Bruchs der wie immer begründeten oder etablierten
Trotz der insgesamt großen Akzeptanz des Gerechtig- Gerechtigkeitsprinzipien (Kersting 2006, 30).
keitsgedankens in der abendländischen Philosophie Glaukon wird im zweiten Buch des Staats ähnliche
findet sich gleich in ihrer Frühphase eine scharfe Ge- Überlegungen anstellen. Ursprünglich zieht es jeder
rechtigkeitskritik, ja man kann sagen, dass sich Platons Mensch vor, ungerecht zu sein, sofern keine Strafe
Der Staat als Antwort auf diese Kritik verstehen lässt, droht; die, die zu ›schwach‹ zum Unrechttun sind und
die als Kritik damit durchaus ernst genommen wird. folglich unter den Ungerechtigkeiten anderer leiden,
Es ist Thrasymachos, der definiert, Gerechtigkeit sei vereinbaren Gesetze und Verträge, die sie dann als
»das dem Stärkeren und Herrschenden Zuträgliche, »Gesetzliches und Gerechtes« (Platon 1988a, 359a)
dagegen des Gehorchenden und Dienenden eigener bezeichnen. Gerechtigkeit ist, so gesehen, kein Gut an
Schaden« (Platon 1988a, 343c). Mehr noch, Ungerech- sich, sondern nur der Ausweg aus einer Situation ei-
tigkeit »im Großen verübt [sei etwas viel] Kraftvol- gener Schwäche. Sie ist eine Fessel, die den Starken an-
leres, Vornehmeres und Herrenmäßigeres als die Ge- gelegt wird, um sie daran zu hindern, auf Kosten der
rechtigkeit« (ebd., 344c). Mit anderen Worten, gerecht Schwachen ungerecht zu sein, ein Verhalten, das jeder,
ist der Schwache oder Feige, der sich an das Recht hält, der es kann, allerdings vorziehen würde. Platon muss
10 Kritik am Gerechtigkeitsbegriff 61

nun in seiner Antwort auf diese Gerechtigkeitskritik keit schlicht als »Gewinnsucht« (NE 1130a), die darauf
zeigen, dass Gerechtigkeit mit Glückseligkeit kom- hinausläuft, mehr haben zu wollen als einem zusteht.
patibel ist, weil sie nicht an den ›begehrlichen Teil‹ der Eine Kritik der Gerechtigkeit sucht man bei Aristo-
Seele, sondern an den vernünftigen Teil appelliert, teles folglich vergeblich, allerdings eröffnet Aristoteles
dessen Aufgabe es ist, innerhalb der Seele so zu herr- mit seinen Überlegungen zur Güte (Billigkeit) eine
schen wie die Philosophenkönige außerhalb. Tradition, die gleichwohl ein Gespür für die Grenzen
Friedrich Nietzsche hat in neuerer Zeit in seiner Ge- dessen offenbart, was Aristoteles selbst als »Gesetzes-
nealogie der Moral (1887/1988) diesen Gedanken einer Gerechtigkeit« bezeichnet (NE 1137b). In dem Maße
von den ›Schwachen‹ ersonnenen Moral aufgegriffen, nämlich, in dem Gesetze eine allgemeine, Einzelfälle
mit Blick auf die Gerechtigkeitsthematik allerdings umfassende Ausrichtung haben, kann es gar nicht
ausdrücklich vor einer Herleitung der Gerechtigkeit ausbleiben, dass sie nicht alle Aspekte an einem Fall
aus dem Ressentiment der ›Schwachen‹ gewarnt. Weil erfassen und damit einer ›Fehlerquelle‹ unterliegen.
zur Gerechtigkeit das Vergleichen gehöre, das Verglei- Platon lässt den Fremden in seinem Dialog Politikos
chen aber nach einem ›freien‹ Auge und einer unper- ganz ähnlich formulieren, dass die »Ungleichheiten
sönlichen ›Abschätzung‹ verlange, eigne sich das der Menschen [und die] Unbeständigkeit der mensch-
»Wüthen« (ebd., 311) des Ressentiments nicht, um lichen Dinge« die »genaue Anpassung« des Gesetzes
Gerechtigkeit zu etablieren. Vielmehr sind es die »Ak- an Einzelfälle unmöglich machen (Platon 1988b,
tiven, Starken, Spontanen [und] Aggressiven« (ebd.), 294b). Für Aristoteles ist Güte nun der Gesetzes-Ge-
die durch das Aufrichten des Gesetzes überhaupt die rechtigkeit in dem Sinne überlegen, dass sie über das
Kategorien Recht und Unrecht und damit ein gewisses hinausgeht, was die Gesetze verlangen, und ein Ge-
Maß schaffen, um das Ressentiment der ›Schwachen‹ spür für unverwechselbare Aspekte eines Einzelfalls
zu bändigen. Allerdings nähert sich Nietzsche einzel- entwickelt. Damit liegt allerdings deswegen keine Kri-
nen Gedanken aus der im Staat verhandelten Gerech- tik der Gerechtigkeit vor, weil die Güte zwar als ›Be-
tigkeitskritik doch wieder an, wenn er nahelegt, dass richtigung‹ der Gesetze betrachtet wird, gleichwohl
Rechtsordnungen von den ›Starken‹ im »Kampf von aber weiterhin der Gattung des Gerechten zugehörig
Macht-Complexen« (ebd., 313) eingesetzt werden. Der bleiben soll. Die Güte, so scheint es, verkörpert gleich-
Genealogie der Gerechtigkeit aus dem Ressentiment sam eine höhere Form der Gerechtigkeit. Unklar ist
wird eine Genealogie der Gerechtigkeit aus der Stärke nur, ob Aristoteles davon ausgeht, dass dieser Defekt
gegenübergestellt, der zufolge Gerechtigkeit den ›Star- die Gesetzes-Gerechtigkeit generell trifft, weil sie per
ken‹ und ›Aktiven‹ dazu dient, die unberechenbaren se ›lückenhaft‹ ist, oder bestimmte Gesetze, die sich
Züge der »reaktiven Affekte« (ebd., 310), also vor allem nur so formulieren lassen, dass sie sich auf die meis-
den Wunsch nach Rache, zu bändigen. ten, aber eben nicht auf alle Fälle anwenden lassen
Im Anschluss an Platon verbindet auch Aristoteles (Wolf 2007, 113). Der Gütige ist in jedem Fall derjeni-
im fünften Buch der Nikomachischen Ethik den Ge- ge, der nicht auf dem Wortlaut des Gesetzes beharrt
rechtigkeits- und den Glücksgedanken, aber auf der und es »so lange verfolgt, bis es zum Unrecht wird«
Ebene des allgemeinen Gerechtigkeitsbegriffs ist die (NE 1137b), sondern der im Einzelfall auf das, was
Glücksorientierung explizit auf den Mitbürger bezo- ihm qua Gesetz zusteht, verzichtet. Der Gesetzes-Ge-
gen, so dass die stärker egozentrische Position des rechtigkeit wird damit eine Perspektive hinzugefügt,
Thrasymachos und Glaukons von Anfang an bestritten die den Gefahren, ja dem Unrecht eines ungebroche-
ist. Wenn Gerechtigkeit in einer ersten – allgemeinen – nen Gesetzesgehorsams Rechnung trägt; gleichzeitig
Bedeutung heißt, die Gesetze zu achten, die Gesetze wird eine höhere Gerechtigkeit formuliert, deren Auf-
aber die Aufgabe haben, »das Glück sowie dessen gabe es ist, über das Gesetz hinaus alle relevanten As-
Komponenten für das Gemeinwesen hervorzubringen pekte eines Einzelfalls zu berücksichtigen.
oder zu erhalten« (NE 1129b), dann kann der Unge-
rechte offensichtlich an diesem Glück nicht partizipie-
ren. Auch im Kontext der speziellen Gerechtigkeit, die Wertkonflikte und die Grenzen
um die Frage der Güterverteilung kreist, kann der Un- der Gerechtigkeit
gerechte kaum als glücklich bezeichnet werden, zumal
andere ihn tadeln werden – die leise Bewunderung des Die Kritik des Thrasymachos zielt auf Gerechtigkeit
Ungerechten bei Thrasymachos und Glaukon fällt ganz nur in dem Maße, in dem diese mit dem Glücksstre-
weg. Aristoteles bezeichnet diese Art der Ungerechtig- ben des Menschen kollidiert. Damit ist ein Konflikt er-
62 I Der Begriff der Gerechtigkeit

öffnet, der auf der Annahme möglicher Kollisionen weisen, die aus ihrer Orientierung an Gleichheit,
zwischen dem Wert der Gerechtigkeit und anderen, Gleichbehandlung und Neutralität der Prinzipien-
der Gerechtigkeit offenbar nicht allzu fernen Werten anwendung stammen, gleichzeitig aber bemüht sind,
beruht. Dabei zeigt sich, dass die Feststellung be- die Idee der Gerechtigkeit so zu erweitern, dass sie um
stimmter Wertkollisionen oft den Versuch nach sich die Komponente der Rücksichtnahme auf individuelle
zieht, den vermeintlich mit Gerechtigkeit kollidieren- Aspekte der Person oder ihrer Situation erweitert
den Wert in die Gerechtigkeit zu integrieren, so dass wird. So glaubt Martha Nussbaum etwa, in juristi-
der Konflikt entschärft wird. Die Perspektive der aris- schen Kontexten die regelgeleiteten formalen Ent-
totelischen Güte dagegen sensibilisiert für mögliche scheidungsprozesse um eine literarisch geschulte Vor-
Formen des Unrechts im vermeintlich gerechten stellungskraft ergänzen zu müssen, die eine größere
Recht selbst. Sensibilität für Einzelfälle und Einzelschicksale mit
Neben dem Glück ist etwa die Liebe der Gerechtig- sich bringt, will damit das Ideal der Neutralität aber
keit entgegengesetzt worden, Paul Ricœur spricht von nicht preisgeben, sondern reformulieren und zu ei-
einer »Disproportion zwischen beiden Begriffen« nem »komplexen Ideal juridischer Neutralität« ver-
(Ricœur 1990, 7), die darin besteht, dass die Gerech- dichten (Nussbaum 1995, 82).
tigkeit einer »Logik der Entsprechung«, die Liebe aber Eine Kritik an einem zu engen Verständnis von
einer »Logik der Überfülle« folgt (ebd., 57–58). Die Recht und Gesetz liegt auch Jacques Derridas Versuch
Liebe geht nach diesem Verständnis insofern über die zugrunde, jenseits von Recht und Gesetz Platz für eine
Gerechtigkeit hinaus, als sie sich nicht in einer stren- Gerechtigkeit zu schaffen, die sich ihrer epistemischen
gen Logik der Gegenseitigkeit erschöpft, wie sie etwa und moralischen Grenzen bewusst ist; die also mit ei-
mit Hilfe der Goldenen Regel formuliert wird: »Was nem Bewusstsein dafür einhergeht, dass Gerechtigkeit
du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem in ihrer rechtsstaatlichen Implementation stets eine
andern zu.« Die Liebe folgt eher dem Gebot der Gabe, allgemeine Form aufweist, die jedem Einzelfall Un-
das für Ricœur seinen strengsten Ausdruck im christ- recht tut. Wahre Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit,
lichen Gebot der Feindesliebe findet, das mit jeder Lo- »die kein Recht ist«, bemüht sich demgegenüber gera-
gik der Gegenseitigkeit bricht. Der Gegensatz, der da- de aufgrund ihrer Universalität um die Besonderheit
mit zwischen Liebe und Gerechtigkeit etabliert ist, des Anderen (Derrida 1991, 52 und 41), von der sie
wird von Ricœur allerdings nicht absolut gesetzt; am allerdings auch weiß, dass sie unerreichbar bleiben
Ende geht es ähnlich wie bei Aristoteles darum, der muss. So wird Gerechtigkeit zu einer »unendlichen«
Gerechtigkeit das »Korrektiv des Liebesgebots« an die Gerechtigkeit (ebd., 51), zu einer Bewegung ohne Ab-
Seite zu stellen und gleichzeitig zu erkennen, dass die schluss, die gleichwohl darauf setzen muss, nicht un-
Liebe aufgrund ihrer radikalen Gabestruktur das erreichbar zu bleiben, ja deren einziger Ort am Ende
»notwendige Medium der Gerechtigkeit« braucht, doch die Anwendung oder der Vollzug des Rechts ist;
weil sie, die sonst jedes ethische Gebot überfordert, ein Vollzug, der mit der je gegebenen Ordnung des
nur so auf ein praktikables ethisches Maß gebracht Rechts bricht und es damit bestenfalls im Sinne der
werden kann (ebd., 59, 63). Forderung nach größerer Gerechtigkeit erweitert. Ge-
In diesem Sinne kann die Liebe im Innern der Ge- rechtigkeit dynamisiert das Recht, das gerecht nur ap-
rechtigkeit Forderungen nach Gleichheit und Fairness proximativ sein kann, sie sensibilisiert es für seine ei-
insoweit affizieren, als sie die Perspektive des rezipro- genen Beschränkungen und Ungerechtigkeiten. Auch
ken Eigennutzes bricht, die sonst den Diskurs der Ge- hier handelt es sich um eine Kritik der Gerechtigkeit
rechtigkeit beherrscht, und auf die Perspektive der im Namen der Gerechtigkeit oder einer höheren Ge-
Uneigennützigkeit hin erweitert. Ricœurs Ansatz rechtigkeit (Forst 2011, 193).
gleicht damit jenen Modellen, die auf die Begrenztheit Als normative Konkurrenzprinzipien zur Gerech-
der Gerechtigkeit verweisen, nur dass er glaubt, durch tigkeit werden in der Regel solche Werte betrachtet, die
eine Reinterpretation der Gerechtigkeit zeigen zu durch Gerechtigkeit gefährdet sind (Glück) oder mit
können, dass die Inkompatibilität zur Liebe eine ihr unvereinbar zu sein scheinen (Liebe), selbst wenn
scheinbare ist. Richtig verstandene Gerechtigkeit ent- sie – wie im Fall der Liebe – einer gewissen Logik der
hält Elemente der Liebe. Verteilung folgen; die ›Überfülle‹ der Liebe impliziert
Wie damit die Perspektive der Gerechtigkeit intern schließlich, mehr zu geben, als von der Gerechtigkeit
erweitert wird, zeigt sich auch an anderen Ansätzen, gefordert werden kann, und ist damit immerhin auch
die einerseits auf die Grenzen der Gerechtigkeit ver- ein Geben. Anders verhält es sich mit dem Gegensatz
10 Kritik am Gerechtigkeitsbegriff 63

von Gerechtigkeit und Freiheit, der etwa im Kontext »argwöhnische Tugend« (cautious, jealous virtue; Hu-
liberalen Denkens an manchen Punkten als scharf und me 1751/1984, 101), die nur unter der Bedingung der
unversöhnlich gedeutet wird. Friedrich A. Hayek etwa Güterknappheit und des begrenzten Wohlwollens der
räumt zwar ein, dass freie Gesellschaften der gerechten Menschen wirklich nötig ist. Wo Güter in Überfülle
Anwendung eines Rechts bedürfen, das die Freiheiten vorhanden sind oder wo die Menschen voller Wohl-
aller sichern hilft, er polemisiert allerdings heftig ge- wollen gegenüber allen anderen sind, da ist Gerechtig-
gen die Idee einer »sozialen« Gerechtigkeit (Hayek keit fehl am Platz. Familien ähneln nach Hume einem
2003, 213), die von Gesellschaften verlangt, Umvertei- solchen Zustand starken reziproken Wohlwollens,
lungen im Lichte der Gerechtigkeit vorzunehmen. Un- auch die Ehe stiftet ein »Band der Freundschaft«, das
gleichheiten, die durch das ungehinderte Wirken der jede Eigentumstrennung aufhebt. Andererseits gibt es
Marktmechanismen zustande kommen, gibt es zwar, Situationen existenzbedrohender Not, die eine Orien-
aber sie können nie ungerecht sein, weil sie von nie- tierung an Gerechtigkeitsprinzipien unmöglich ma-
mandem intendiert sind und auch nicht vorhergese- chen, da in ihnen »Habgier« und »Bosheit« unaus-
hen werden können. Da sich Forderungen nach Ge- weichlich sind. Die Möglichkeit der Gerechtigkeit
rechtigkeit nur auf solche Handlungen beziehen kön- liegt gleichsam in der Mitte zwischen Wohlwollen und
nen, die gewollt und beabsichtigt sind, hat die Forde- Überfluss, Not und Habgier, sie wird möglich im Kon-
rung nach Gerechtigkeit dort nichts zu suchen, wo der text von Güterknappheit und begrenztem Wohlwollen
Bereich des Absichtlichen verlassen wird oder wo sich (ebd., Kap. 3). Auch wenn für Hume diese Mitte die
Ordnung nur durch »spontane Prozesse« einstellt »übliche Situation der Menschen« beschreibt (ebd.,
(ebd., 215). Staatliche Eingriffe in Prozesse, die nicht 107), impliziert seine Beschreibung der Umstände der
lenkbar sind, haben als Folge die »Zerstörung des un- Gerechtigkeit institutionelle Bereiche menschlichen
erläßlichen Nährbodens, auf dem allein die traditio- Handelns, die ohne Gerechtigkeit auskommen und
nellen moralischen Werte gedeihen können, nämlich die durch eine Ausrichtung auf Gerechtigkeit in ihrem
der persönlichen Freiheit« (ebd., 218). Liberale Posi- normativen Kern berührt wären. Deutlich wird damit,
tionen siedeln sich demgemäß nicht in einem Recht dass die Orientierung an Gerechtigkeit verbunden
jenseits der Gerechtigkeit an, aber sie warnen vor über- wird mit durchaus zweifelhaften menschlichen Cha-
zogenen, freiheitsgefährdenden Aspekten einer um- rakterzügen, die in der Formel von der »vorsichtigen«
verteilenden Gerechtigkeit, vor einem »Gerechtig- und »argwöhnischen« Tugend erfasst sind.
keitsfuror«, der auch »kontingente Distributionen der Vor allem die feministisch inspirierte Fürsor-
Natur« durch gesellschaftliche Maßnahmen korrigie- geethik hat aus ähnlichen Überlegungen heraus eine
ren will (Kersting 2002, 61). Hier geht es also um eine am Rechtsbegriff orientierte Gerechtigkeit kritisiert,
deutliche Einschränkung einer ›sozialen‹ Gerechtig- da diese zu wenig Platz lasse für solche Fürsorgeleis-
keit, die im Namen der Gerechtigkeit regeln will, was tungen, die einzelnen Individuen in ihrer unverwech-
sich nicht regeln lässt oder nicht geregelt werden sollte, selbaren, immer auch leiblich gebundenen Hilfs-
weil dadurch andere wichtige Werte wie die Freiheit bedürftigkeit gelten (Baier 1994). Fürsorge und Ge-
gefährdet wären. rechtigkeit wurden entsprechend in vielen Modellen
Es bleibt aber dabei, dass alle bislang vorgestellten konflikthaft gegeneinandergestellt; andere Ansätze
Ansätze den Boden der Gerechtigkeit nicht wirklich wiederum bemühen sich um eine Integration von Ge-
verlassen. Gerechtigkeit bleibt eine Tugend oder ein rechtigkeit in die Fürsorge oder von Fürsorge in die
zentraler Wert, umstritten ist nur, wie sie genau zu Gerechtigkeit, und wieder andere Ansätze versuchen,
verstehen ist und welche Gefahren in einem verkürz- eine beide Tugenden umfassende Moral zu entwerfen,
ten oder ›maßlosen‹ Gerechtigkeitsverständnis liegen. die mögliche Differenzen zwischen Forderungen der
Versuche, den Boden der Gerechtigkeit in normativer Gerechtigkeit und Forderungen der Fürsorge bewahrt
Hinsicht tatsächlich zu verlassen, sind rar; eine gewis- (Held 2006, 546–549).
se Vorstufe mag man aber in all jenen Ansätzen sehen,
die zwar nicht bestreiten, dass Gerechtigkeit eine für
das soziale Zusammenleben zentrale Tugend ist, die Radikalere Kritikformen
aber Umstände markieren, unter denen Gerechtigkeit
nicht nötig wäre, oder sogar Tugenden benennen, die Wie schwierig eine radikale Kritik der Gerechtigkeit
der Gerechtigkeit überlegen sind. David Hume etwa ist, zeigt sich daran, dass die meisten Ansätze dieser
bezeichnet die Gerechtigkeit als »vorsichtige« und Art eher gestisch bleiben. Wenn Avishai Margalit etwa
64 I Der Begriff der Gerechtigkeit

betont, das »dringlichste« Problem unserer Gesell- wie sehr das, was jeweils als gerecht oder ungerecht
schaften sei nicht die »gerechte«, sondern die »anstän- angesehen wird, abhängig ist vom Zusammenspiel der
dige Gesellschaft« (Margalit 1997, 11), in der Institu- ökonomischen Verhältnisse mit den politischen, kul-
tionen Menschen nicht demütigen, macht die Anlage turellen und sozialen Verhältnissen. Karl Marx ist, wie
des Modells deutlich, dass es um eine vollkommen häufig betont wurde, weder selbst als Gerechtigkeits-
neue Perspektive auf Gesellschaft geht, in deren Rah- theoretiker noch als Kritiker der Gerechtigkeit auf-
men Fragen der Gerechtigkeit nicht vorrangig sind. getreten (Wood 1972). Gleichwohl lässt sich mit Marx
Wie sich allerdings Gerechtigkeit und Anständigkeit festhalten, dass eine abstrakte Formulierung von Prin-
(decency) genauer zueinander verhalten, bleibt un- zipien der Gerechtigkeit der Tendenz nach den gege-
deutlich. An manchen Punkten wird suggeriert, dass benen Stand der Produktionsverhältnisse widerspie-
eine ungerechte Gesellschaft nicht unbedingt un- gelt oder sogar rechtfertigt und darüber hinaus, soll
anständig sein muss (ebd., 63), was die Ausgangsthese sie kritisch sein, ohne eine echte Reform oder Trans-
zu bestätigen scheint, dass Fragen der Anständigkeit formation dieser Verhältnisse leer und sinnlos bleiben
Vorrang haben und Fragen der Gerechtigkeit gleich- muss. So ist Sklaverei nach Marx unter kapitalisti-
sam erst dann relevant werden, wenn Fragen der An- schen Produktionsbedingungen ungerecht, nicht aber
ständigkeit institutionell erfolgreich bearbeitet wor- gewisse Formen der Ausbeutung, die diese Bedingun-
den sind. Eine Kritik der Gerechtigkeit liegt diesem gen wesentlich definieren (Marx 1988, 352). Ein sol-
Modell also insofern zugrunde, als die Annahme, Ge- cher Ansatz kritisiert nicht Gerechtigkeit an sich, son-
rechtigkeit sei die »erste Tugend sozialer Institutio- dern nur Formen der Theoretisierung von Gerechtig-
nen« (Rawls 1975, 19), mit dem Hinweis bestritten keit, die ihre Einbettung in ökonomische Zusammen-
wird, eine Konzentration auf Gerechtigkeitsfragen hänge außer Acht lassen.
unterschlage andere Formen der normativ angemes-
senen oder unangemessenen Behandlung durch Insti-
tutionen, die nicht aufgehen in einer Perspektive der Ausblick
Gerechtigkeit und für die stellvertretend der Begriff
der Anständigkeit gewählt wird. Wie kaum ein anderer Begriff der Praktischen und Po-
Während Margalit damit die Spannung zwischen litischen Philosophie besitzt der Gerechtigkeitsbegriff
Gerechtigkeit und anderen Tugenden (Anstand) nicht die Eigenschaft, Formen der Kritik an Gerechtigkeit in
aufzulösen versucht, bemühen sich andere Ansätze sich aufzusaugen oder, mit Hegel gesprochen, in sich
darum, die Kritik an bestimmten Gerechtigkeits- aufzuheben und dadurch eine neue, weitere oder um-
modellen so zu formulieren, dass als Zielpunkt eine fassendere Gerechtigkeitskonzeption zu generieren.
umfassendere Konzeption der Gerechtigkeit steht, die Selten ist die Kritik an Gerechtigkeit so radikal, dass
die scheinbar konkurrierenden Werte integriert. tatsächlich Gerechtigkeit als solche zur Disposition
Wenn Iris Marion Young und Axel Honneth etwa das gestellt wird. Die Mehrzahl der kritischen Ansätze ist
Distributionsparadigma der Gerechtigkeit kritisieren, in dem Sinne konstruktiv, dass sie eine Verbesserung
tun sie das nicht, weil sie Gerechtigkeit insgesamt für überkommener Modelle anstrebt. Allerdings haben
einen problematischen Wert halten. Sie wollen aber sich verschiedene Ansätze herauskristallisiert, die
darauf hinweisen, dass viele Güter keinen materiellen durchaus alternative Werte betonen, die zumindest in
Charakter haben und folglich nicht im gleichen Maße einem konflikthaften Bezug zur Gerechtigkeit stehen.
verteilt werden können wie materielle Güter (Young Dieser Konflikt sollte nicht vorschnell eingeebnet wer-
1990, 24) oder aber anerkennungsrelevante Bezie- den, indem darauf verwiesen wird, dass eine umfas-
hungsmuster ausblenden, die ebenfalls nicht zur Ver- sende Gerechtigkeit will, was die Liebe, die Fürsorge,
teilung stehen (Honneth 2010). der Anstand oder das Wohlwollen will. Eher schon
Eine wirklich radikale Kritik der Gerechtigkeit scheint es sinnvoll, die anspruchsvollen Vorausset-
kann vielleicht nur dort artikuliert werden, wo, wie im zungen und den kontinuierlichen Korrekturbedarf
marxistischen Kontext, Gerechtigkeit an sich als Teil der Gerechtigkeit stärker hervorzuheben, ohne dass
der Rechtsverhältnisse begriffen wird, die wiederum dies gleich im Namen einer ›höheren‹ Gerechtigkeit
in den »materiellen Lebensverhältnissen wurzeln« geschieht. Wenn Hume Recht hat und Gerechtigkeit
(Marx 1985, 8). Eine Gerechtigkeitstheorie, die von eine vorsichtige und sogar argwöhnische Tugend ist,
diesen materiellen Lebensverhältnissen abstrahiert müsste dies auch für jede Form einer höheren Gerech-
und den Gerechtigkeitsgedanken isoliert, übersieht, tigkeit gelten, es sei denn, die Gerechtigkeit wird so
10 Kritik am Gerechtigkeitsbegriff 65

stark aus ihrer Assoziation mit Fragen der Verteilung Kersting, Wolfgang: Kritik der Gleichheit. Über die Grenzen
von Gütern herausgelöst, dass ihre Differenz zu Wer- der Gerechtigkeit und der Moral. Weilerswist 2002.
ten und Prinzipien, die nicht primär verteilungsorien- –: Platons Staat. Darmstadt 2006.
Margalit, Avishai: Politik der Würde. Über Achtung und Ver-
tiert sind, verschwindet. Eine solche Einebnung aber achtung. Berlin 1997 (engl. 1996).
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II Gerechtigkeitstypen
und Aspekte des
Gerechtigkeitsbegriffs

A. Goppel et al. (Hrsg.), Handbuch Gerechtigkeit, DOI 10.1007/978-3-476-05345-9_2,


© Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2016
11 Empirische Gerechtigkeits- empirischen Gerechtigkeitsforschung darstellen und
forschung für philosophische Konzepte besondere Bedeutung
entfalten können.
Dieses Vorgehen soll auch der Tatsache gerecht wer-
Methoden der empirischen Gerechtigkeits- den, dass empirische Sozialforschung nicht einfach
forschung mit Fragebogenumfragen und Demoskopie gleichge-
setzt werden kann, sondern dass eine Vielzahl von
Im Gegensatz zu normativen Gerechtigkeitstheorien Techniken und Methoden zur Erhebung und Auswer-
beschäftigt sich die empirische Gerechtigkeitsforschung tung empirischer Daten existieren: persönliche,
mit der Beschreibung und Erklärung der tatsächlich schriftliche und telefonische Interviews, qualitative
vorhandenen Vorstellungen von sozialer Gerechtig- Befragungen, systematische Beobachtungsverfahren,
keit. Zentraler Ausgangspunkt ihrer Überlegung ist Fallstudien, Inhaltsanalyse von Texten, Verfahren der
die Einsicht, dass sich Gerechtigkeitsvorstellungen Stichprobenziehung, Einstellungsmessung und Skalie-
nicht vornehmlich durch die Auseinandersetzung mit rung, Randomized-Response-Technik und nichtreak-
rationalen Argumenten bilden, sondern dass für die tive Verfahren, experimentelle und quasiexperimen-
Entwicklung eines bestimmten Gerechtigkeitsstand- telle Längs- und Querschnittstudien, Laborexperi-
punktes vielmehr unterschiedliche Einflüsse der Per- mente, ökonometrische Verfahren etc. (Diekmann
sönlichkeit, der sozialen Herkunft, des ökonomischen 2009, 18–20, 236).
und politischen Interesses sowie die Zugehörigkeit zu Ohne Zweifel ist nicht jede Erhebungsmethode
einem bestimmten Kulturkreis entscheidend sind. Im gleichermaßen geeignet, eine spezifische Forschungs-
Gegensatz zum normativen Ansatz wird Gerechtig- frage zu beantworten und relevante empirische Daten
keit also nicht als Maßstab für moralisch richtiges zu liefern. Vielmehr empfiehlt sich – je nach Fragestel-
Handeln bzw. als Grundsatz für die Gestaltung sozia- lung und Untersuchungsziel – eine Auswahl unter-
ler Institutionen verstanden, sondern es wird empi- schiedlicher bzw. eine Kombination verschiedener
risch untersucht, welche Faktoren dazu führen, dass empirischer Methoden und Techniken: die so ge-
Menschen einen bestimmten Gerechtigkeitsstand- nannte ›Triangulation‹ (Flick 2004; Kelle 2007). Durch
punkt einnehmen, von welchen sozialen Bedingun- die Kombination verschiedener Methoden gelingt es
gen diese Wahl beeinflusst wird, welche Funktion nach Norman K. Denzin (1978), die Begrenztheit von
Gerechtigkeitsvorstellungen für das alltägliche Han- Einzelmethoden methodologisch zu überwinden und
deln haben und welche Verhaltensweisen aus wahr- die Qualität bzw. Güte von empirischen Befunden zu
genommenen (Un-)Gerechtigkeiten resultieren (Lie- steigern, v. a. hinsichtlich Validität, Objektivität und
big/Lengfeld 2002, 8; Müller/Wegener 1995, 25). Reliabilität der Ergebnisse (Webb et al. 1966, 35). Die
Um einen möglichst umfassenden Einblick in die Triangulation von empirischen Befunden erfüllt im
Methodik und zentralen Befunde der empirischen Ge- Wesentlichen drei Funktionen: Erstens ist empirische
rechtigkeitsforschung zu geben, werden im Folgenden ›Verifizierung‹ grundsätzlich problematisch, so dass
nicht nur die zentralen Befunde der empirischen Ge- die wechselseitige Methodenüberprüfung Validie-
rechtigkeitsforschung aufgelistet (vgl. hierfür exem- rungsprobleme und Erhebungsfehler identifizieren
plarisch die Zusammenfassung von Konow 2003), und korrigieren kann. Zweitens kann die Methoden-
sondern darüber hinaus die grundlegenden Methoden kombination der wechselseitigen Ergänzung von For-
der Einstellungs- sowie der Entscheidungs- und Ver- schungsergebnissen dienen, d. h. mit Hilfe von Ver-
haltensanalyse systematisch zusammengefasst. Auf- fahren aus einem bestimmten Forschungsgebiet kön-
grund der Vielzahl vorliegender Studien und konkur- nen soziale Phänomene in den Blick genommen wer-
rierender Erhebungsansätze wird nicht der gesamte den, die durch Methoden anderer Fachdisziplinen
Forschungsstand referiert. Stattdessen werden die Be- nicht oder nur ungenügend erfasst bzw. beschrieben
funde derjenigen Forschungsansätze zusammengetra- werden können. Drittens ermöglicht eine trianguläre
gen, die unserer Meinung nach den Grundkanon der Analyse eine überdurchschnittlich hohe interdiszipli-
11 Empirische Gerechtigkeitsforschung 69

näre Anschlussfähigkeit. Durch die Rückbindung von Im Kern zielt die empirisch-soziologische Gerech-
theoretischen Überlegungen an empirische Befunde tigkeitsforschung darauf ab, mittels standardisierter
aus verschiedenen Fachbereichen steigt die Chance, Survey-Befragungen die subjektiven Gerechtigkeits-
dass relevante Überlegungen auch in anderen Fach- einstellungen von Personen zu ermitteln und in Bezug
disziplinen Anerkennung finden. zu deren sozialer Position zu setzen. Als maßgeblicher
Vor dem Hintergrund dieser Gedanken werden im Impulsgeber für diesen Forschungszweig ist das zu
Folgenden die empirischen Arbeiten zu Gerechtig- Beginn der 1990er Jahre gegründete International So-
keitsvorstellungen danach kategorisiert, ob die Pri- cial Justice Project (vgl. grundsätzlich Kluegel et al.
märdaten durch die Methode der Befragung oder die 1995; Mason et al. 2000) zu nennen, das mittels Ein-
Methode der Beobachtung erhoben wurden. Die Be- stellungsanalysen komparative Gerechtigkeitsana-
funde aus den Forschungsgebieten, die einen direkten lysen in 13 Ländern durchführte. Im Rahmen des
Rückschluss auf Gerechtigkeitsvorstellungen ermögli- International Social Justice Project wurden in den
chen, da subjektive Gerechtigkeitsvorstellungen un- Jahren 1991, 1996, 2000 und 2006 in verschiedenen
mittelbar abgefragt werden, werden im Abschnitt ›Ein- Ländern Umfragen zu Gerechtigkeitseinstellungen
stellungsanalyse subjektiver Gerechtigkeitsvorstellun- durchgeführt, aus denen sich ein Großteil der empiri-
gen‹ besprochen. Bei diesen Forschungsbereichen schen Befunde der soziologischen Gerechtigkeitsfor-
handelt es sich um die soziologische Gerechtigkeitsfor- schung bis heute speist (Jasso 1999; vgl. auch http://
schung, die wohlfahrtsstaatliche Akzeptanzforschung www.isjp.de; für Befunde zu Deutschland vgl. Wege-
sowie die Markt- und Demoskopieforschung. Die em- ner 1992; 1995; Wegener/Liebig 1993; 1995; Liebig/
pirischen Befunde, welche indirekte Rückschlüsse auf Lengfeld/Mau 2004). Ausgangspunkt des Forschungs-
zugrunde liegende Gerechtigkeitsvorstellungen durch projektes war die Frage, welche sozialen Faktoren für
Beobachtung ermöglichen, werden hingegen im Ab- die Ausbildung spezifischer Gerechtigkeitssichtwei-
schnitt »Entscheidungs- und Verhaltensanalyse vor- sen verantwortlich sind und wie sich die Einstellungs-
herrschender Gerechtigkeitsvorstellungen« behandelt. strukturen in ost- und westeuropäischen Ländern im
Die relevanten Forschungsgebiete hier sind die sozial- Zeitablauf seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion
psychologische Gerechtigkeitsforschung, die experi- entwickelt haben.
mentelle Ökonomik sowie die Verhaltensökonomik. Methodisch arbeitet die soziologische Gerechtig-
keitsforschung mit dem klassischen Instrument der so
genannten Survey- bzw. Meinungsbefragung (Jasso/
Einstellungsanalyse subjektiver Gerechtig- Wegener 1997). Grundidee dieses Vorgehens ist, dass
keitsvorstellungen mit Hilfe von standardisierten Fragebögen statistische
Repräsentativität und internationale Vergleichbarkeit
Empirisch-soziologische Gerechtigkeitsforschung
erreicht werden kann. Hierzu werden den Teilneh-
Die empirisch-soziologische Gerechtigkeitsforschung mer/innen einheitlich formulierte Fragen zu verschie-
hat sich – insbesondere durch die Arbeiten von Bernd denen Gerechtigkeitsmotiven gestellt und die Befrag-
Wegener und Stefan Liebig – in den vergangenen Jah- ten wählen zwischen vorgegebenen Antworten aus.
ren als eigenständiges Forschungsgebiet etabliert. Ei- Dabei wird besonders häufig auf so genannte Rating-
ne zweite Strömung der empirisch-soziologischen Ge- skalen zurückgegriffen (Beispiel: ›Wie (un-)gerecht ist
rechtigkeitsforschung, die jedoch an dieser Stelle ver- Ihr Bruttoeinkommen?‹ Antwortspektrum von (-5)
nachlässigt werden muss, wäre der von Jon Elster ›ungerechterweise zu niedrig‹ über (0) ›gerecht‹ bis
(1992) entwickelte und insbesondere von Volker H. (+ 5) ›ungerechterweise zu hoch‹). Durch die Ver-
Schmidt (1992; 2000) auf Deutschland übertragene knüpfung mit sozialstrukturellen Merkmalen wie Ge-
institutionenanalytische Ansatz. Dieser geht davon schlecht, Alter, sozialer Herkunft oder Nationalität ge-
aus, dass Gerechtigkeit immer kontextuell eingebun- lingt es der empirisch-soziologischen Gerechtigkeits-
den ist und entsprechend eine ›lokale‹ oder ›bedingte‹ forschung, bestimmten Bevölkerungsgruppen bzw.
Gerechtigkeit existiert. Entsprechend wird empirisch -schichten spezifische Gerechtigkeitseinstellungen
untersucht, wie und in welcher Gestalt Gerechtig- zuzuschreiben. Beispiel: Menschen aus höherer sozia-
keitserwägungen Eingang in die Entscheidungen von ler Stellung befürworten eher Leistungsgerechtigkeit,
Organisationen gefunden haben und welche Rolle Bürger osteuropäischer Länder eher egalitäre Vertei-
Gerechtigkeitsvorstellungen in institutionalisierten lungen (vgl. Kluegel et al. 1995; Mason et al. 2000;
Verteilungsprozessen spielen (vgl. Liebig 2004, 4). Scharpf/Schmidt 2000).
70 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

Im Kern sind für die philosophische Gerechtig-


Wohlfahrtsstaatliche Akzeptanzforschung
keitsforschung drei Befunde der empirisch-soziologi-
und Demoskopieforschung
schen Gerechtigkeitsforschung von Relevanz (Liebig
2004, 5 f.): Die wohlfahrtsstaatliche Akzeptanzforschung ist ur-
1. Gerechtigkeitsurteile beziehen sich sowohl auf sprünglich in der Politikwissenschaft beheimatet und
distributive wie auch auf prozessuale Gerechtig- untersucht, wie groß die jeweilige Zustimmung der
keitsnormen, d. h. Subjekte bewerten die Ergeb- Bürger/innen zu verschiedenen Wohlfahrtsstaaten ist
nisse einer Güterverteilung wie auch die zugrunde (Esping-Andersen 1990; Mau 2003). Ausgangspunkt
liegenden Regeln, nach denen die Güterverteilung dieses Forschungsansatzes bildet das so genannte Ein-
zustande gekommen ist. stellungsmodell von Edeltraut Roller (1992); er wird
2. Entgegen der philosophischen Annahme univer- in Deutschland heute prominent von dem Soziologen
sell gültiger Gerechtigkeitsnormen zeigt die empi- Carsten G. Ullrich (2008) vertreten. Der Ansatz geht
risch-soziologische Gerechtigkeitsforschung, dass allgemein davon aus, dass bestimmte Einstellungen
in der Praxis die ergebnisbezogenen Gerechtig- zur wohlfahrtsstaatlichen Ausgestaltung die Akzep-
keitsvorstellungen von Menschen in Abhängigkeit tanz beeinflussen und dabei den subjektiven Gerech-
von der sozialen Position variieren und sich dem- tigkeitsvorstellungen der Bürger/innen eine zentrale
entsprechend sozialstrukturelle Gemeinsamkeiten Rolle zukommt. So ist davon auszugehen, dass wohl-
bei Gerechtigkeitsurteilen rekonstruieren lassen. fahrtsstaatliche Institutionen, deren Gerechtigkeits-
3. Schließlich lassen sich verschiedene ›Gerechtig- prinzipien mit den Überzeugungen der Bürger/innen
keitsideologien‹ rekonstruieren. Gesellschaften übereinstimmen, eine hohe Akzeptanz erfahren.
unterscheiden sich demnach grundlegend darin, Methodisch ist in Abgrenzung zur soziologischen
welche Verteilungsprinzipien als ›gerecht‹ emp- Einstellungsforschung darauf hinzuweisen, dass die in
funden werden. Länder wie die USA, die einen In- der Akzeptanzforschung zum Wohlfahrtsstaat erhobe-
dividualismus vertreten, legitimieren hohe soziale nen Gerechtigkeitsurteile und Präferenzen sich in der
Ungleichheiten und befürworten eine Verteilung Regel nicht unmittelbar auf Gerechtigkeitsurteile oder
über den Marktmechanismus. Egalitaristische Ge- die wohlfahrtsstaatlichen Institutionen selbst bezie-
sellschaften wie Dänemark oder Schweden hin- hen, sondern dass typischerweise Einstellungen zu ein-
gegen befürworten eine Gleichverteilung über zelnen Maßnahmen (z. B. höhere Selbstbeteiligungen
staatliche Interventionen. In Ländern mit askripti- bei Arzneimitteln) oder Präferenzen zu spezifischen
vistischen Gerechtigkeitsideologien herrscht die Aspekten wie der Leistungs- oder Ausgabenhöhe und
Auffassung vor, dass Güter in Abhängigkeit von der staatlichen Zuständigkeit für Bereiche der sozialen
bestimmten Gruppenzugehörigkeiten ungleich Sicherung erhoben werden (Ullrich 2008, 31).
verteilt werden sollten. Fatalistische Gesellschaften Grundsätzlich hat die internationale Akzeptanzfor-
schließlich verzichten auf Gerechtigkeitsforde- schung vier zentrale empirische Gerechtigkeitsbefun-
rungen und sehen gesellschaftliche Verteilungen de herausgefiltert (Ullrich 2008, 59–61; vgl. auch
durch transzendentale Phänomene begründet. Rothstein 1998):
Zusammenfassend hat die empirisch-soziologische 1. Insgesamt besteht in Wohlfahrtsstaaten hohe Zu-
Gerechtigkeitsforschung in einer Vielzahl von natio- stimmung zu sozialpolitischen Zielen und sozia-
nalen und internationalen Studien gezeigt, dass indi- len Sicherungssystemen.
viduelle Gerechtigkeitsurteile zu weiten Teilen durch 2. Dabei unterscheiden sich die Akzeptanzraten aber
die soziale Position der Urteilenden sowie den gesell- international: In Europa finden Wohlfahrtsmaß-
schaftlichen bzw. kulturellen Kontext, in dem die be- nahmen mehr Unterstützung als in den USA, aber
troffenen Subjekte leben, geprägt werden (vgl. für ei- die Variation innerhalb eines Nationalstaates ist
nen generellen Überblick über die internationale For- zu groß, als dass von ›stabilen Mustern‹ gespro-
schungsliteratur Miller 1992; 1999). chen werden könnte (Ullrich 2008, 60).
3. Die Befragten differenzieren zwischen verschie-
denen Leistungssystemen. Alterssicherung findet
am meisten Zuspruch, eine Arbeitslosenversiche-
rung sowie Mindestsicherungs- und Fürsorgeleis-
tungen zur Armutsbekämpfung (wie die Sozialhil-
fe) sind weit unpopulärer.
11 Empirische Gerechtigkeitsforschung 71

4. Innerhalb einer Bevölkerung ist eine leicht stärke- Vergleich zur Gleichheit deutlich und liegt inzwi-
re Unterstützung durch Leistungsempfänger zu schen als Folge der Wiedervereinigung fast gleich-
verzeichnen, wobei aber auch Menschen ohne ak- auf. Insgesamt lässt sich somit aus den vielfältigen
tuellen oder absehbaren Leistungsbezug grund- Befunden der Demoskopieforschung unseres Er-
sätzlich positiv eingestellt sind. Der Einfluss von achtens eine deutliche Zunahme von Gerechtig-
soziodemographischen Faktoren (wie Schicht und keits- und Gleichheitspräferenzen im Zeitablauf
Klasse, Einkommen, Alter und Geschlecht) und herauslesen (vgl. exemplarisch die Allensbacher
von Parteipräferenzen bleibt uneindeutig (Ullrich Jahrbücher der Demoskopie, Band 1–11).
2008, 66).
Die Demoskopieforschung (oder auch politische Mei-
nungs- oder Umfrageforschung) hat das Ziel, die Mei- Entscheidungs- und Verhaltensanalyse vor-
nungen von bestimmten Gruppen zu erheben, also die herrschender Gerechtigkeitsvorstellungen
Einstellungen und Stimmungen der Bürger zu unter-
suchen. Wie auch bei der soziologisch-empirischen Ge- Der folgende Abschnitt widmet sich der experimen-
rechtigkeitsforschung werden mittels Befragungen auf tellen Forschung zu Gerechtigkeitseinstellungen. Der
der Basis eines repräsentativen Querschnitts der Bevöl- Schwerpunkt liegt dabei auf der Zusammenfassung
kerung Primärdaten erhoben, wobei zwischen einmali- der wesentlichen Ergebnisse der Sozialpsychologie
gen Erhebungen und Langzeituntersuchungen zu un- und der experimentellen Ökonomik zu Fairnesspräfe-
terscheiden ist. Relevant ist die Demoskopieforschung renzen, wobei auf einzelne, das Feld prägende Arbei-
für die empirische Gerechtigkeitsforschung, weil in ten besonders eingegangen wird.
Deutschland die Demoskopieforschung insbesondere
durch die großen Meinungsforschungsinstitute betrie-
Sozialpsychologie
ben wird und entsprechend umfangreiches empirisches
Material vorliegt. Der entscheidende Vorteil der Demo- Die Sozialpsychologie erforscht menschliche Inter-
skopieforschung liegt darin, dass in bestimmten Berei- aktionen mithilfe psychologischer Methoden. Sozial-
chen Längsschnittstudien zu Gerechtigkeitsfragen vor- psychologen interessieren sich dafür, wie sich per-
liegen, z. B. hinsichtlich der Einstellungen zu Freiheit, sönliche Einstellungen, Annahmen, Gefühle und be-
Gleichheit, Gerechtigkeit, Gemeinwohl oder Eigeninte- wusste Gedanken auf das Entscheidungsverhalten
resse, Leistungsgesellschaft, Einkommensverteilung, auswirken – sei es im Rahmen einer Gruppe oder als
sozialer Marktwirtschaft etc. Zudem werden die Ein- Individuum im Beisein anderer (z. B. Deutsch 1985).
stellungen zu konkreten politischen Maßnahmen er- Als empirische Wissenschaft bedient sich die Sozial-
hoben, so dass Rückschlüsse auf die langfristige Ent- psychologie oft Laborversuchen, um die zu unter-
wicklung der zugrunde liegenden Gerechtigkeitsurteile suchenden Faktoren isolieren und ggf. reproduzieren
der Bevölkerung möglich werden. zu können. Aufgrund ihres Gegenstandes, weniger
Da es sich aber bei der Demoskopieforschung in wegen gemeinsamer empirischer Methoden, weist sie
der Regel um Auftragsarbeiten handelt und sie sich Schnittmengen mit der Soziologie auf.
deswegen durch eine noch größere Heterogenität aus- Laut John T. Jost und Aaron C. Kay (2010, 1123)
zeichnet, ist es schwierig, die Unmengen an Einzel- beschäftigen sich Sozialpsychologen bereits seit den
befunden allgemein zusammenzufassen. Dennoch 1960er Jahren mit Gerechtigkeits- und Fairnessfra-
lässt sich mithilfe der Demoskopieforschung festhal- gen. Allerdings geschah dies oftmals noch nicht un-
ten, dass sich das Verhältnis zur Gerechtigkeit in der ter explizitem Bezug auf ›justice‹ oder ›fairness‹,
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland auch wenn viele Arbeiten aus heutiger Sicht ein-
fundamental gewandelt hat. deutig diesem Themenbereich zugeordnet werden
1. Untersuchungen zu Gerechtigkeit und Wahlver- können (Jost/Kay 2010; Deutsch 1985). Dabei inter-
halten zeigen, dass Gerechtigkeitseinstellungen pretierten Sozialpsychologen zu Anfang Handlun-
die Parteiidentifikation prägen, die Wahlentschei- gen ihrer Probanden in der Regel durch das so ge-
dung für eine bestimmte Partei maßgeblich beein- nannte Equity-Prinzip. Equity bedeutet dabei in
flussen und einen Einfluss auf die Wahlbeteiligung Anlehnung an Aristoteles’ Prinzip ›proportionaler
ausüben (Mühleck 2009). Gleichheit‹ (Deutsch 1985), dass Individuen einen
2. Über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts sinkt Anteil an einem Gesamtprodukt erhalten, der pro-
beispielsweise die Zustimmung zur Freiheit im portional zu ihren Aufwendungen ist. Equity-An-
72 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

sätze basieren somit im Wesentlichen auf sozialen equity, equality und need, also proportionaler Gleich-
Vergleichen (Liebig 2004, 1). heit, absoluter Gleichheit und Bedürftigkeit vor. Für
In ihrer einfachsten Form verlangt equity formal die ihn ist aber zentral, dass Gleichheit und Bedürftigkeit
Gültigkeit folgender Beziehung (Konow 2003, 1211): nicht, wie es oft geschieht (vgl. Konow 2003), einan-
der gleichgestellt werden. Unterschiedliche Bedürf-
OA OB
= nisniveaus implizieren nach Deutsch logischerweise
IA IB
ungleiche Behandlung, wie z. B. die unterschiedliche
Dabei steht OA für den Output, den Person A erhält Behandlung von Kindern oder Kranken gegenüber
(z. B. Lohn), und IA für ihren Input (z. B. Menge und/ gesunden Erwachsenen zeigt. Auch das Gleichheits-
oder Qualität des Arbeitsaufwands). Analog sind in prinzip findet Deutsch zufolge weit verbreitete An-
der Gleichung die Terme für Person B zu verstehen. wendung. Gerade in weitgehend bindungslosen per-
Der wesentliche Wert von equity liegt darin, dass es sönlichen Beziehungen wie Freundschaften würden
einen Maßstab bietet, anhand dessen Maßnahmen zur viele die gleiche Verteilung von Vorteilen und Lasten
Reallokation von Ressourcen vorgenommen werden bevorzugen (Deutsch 1985).
können. Sozialpsychologisch bzw. soziologisch be- Morton Deutsch lehnt die alleinige Fokussierung
trachtet fungiert ein solches Gerechtigkeitsprinzip in auf equity aber auch aus einem zunächst unerwarteten
Kombination mit einem Sanktionsapparat als Kon- Grund ab, nämlich dem, dass sich proportionale Auf-
fliktlösungsmechanismus: Inequitables Verhalten, so wandsentschädigung entgegen landläufiger Auffas-
Stefan Liebig (2004, 1), wird dann formal oder infor- sung nicht leistungssteigernd auswirke – obwohl für
mell bestraft, equitables dagegen belohnt. Damit be- mehr Einsatz der Anreiz einer höheren Auszahlung
steht ein Ausgleichssystem, das die schädlichen Aus- vorliegt –, sondern sogar leistungssenkend wirken
wüchse der unbeschränkten Verfolgung reinen Eigen- könne. Deutsch beruft sich dabei auf eine Vielzahl ei-
interesses (Maximierungsaktivitäten) in gesellschaft- gener Experimente mit studentischen Probanden. Al-
lich verträglichen oder sogar produktiven Grenzen lem voran hält Deutsch es für bedeutend, wie sich das
hält. Aus Sicht der sozialpsychologischen Equity-For- Entlohnungssystem auf die Arbeitsmotivation aus-
schung versuchen Menschen also stets, Verstöße ge- wirkt (Deutsch 1985). Eine zu starke Orientierung an
gen das Equity-Prinzip auszugleichen. Wesentliches extrinsischer Belohnung, wie sie durch Equity-Syste-
Ergebnis ist, dass die Auflösung der Dissonanz nicht me impliziert wird, könne eine bestehende intrinsi-
notwendigerweise eine Änderung der realen Inputs sche Motivation zerstören. Im schlimmsten Fall ent-
und Outputs erfordert. Das Gleichgewicht lässt sich stünde bei den Probanden sogar der Eindruck, dass
nämlich auch durch kognitive Anpassung wiederher- eine (monetäre) Entlohnung in Abhängigkeit vom
stellen: Eine übervorteilte, weil unterproportional be- Arbeitseinsatz eine Kompensation für Arbeitsleid
zahlte Person kann ihre Meinung – auch objektiv kon- darstellt, die zu erledigende Aufgabe also per se un-
trafaktisch – dahingehend ändern, dass die eigene angenehm sein muss – denn andernfalls müsste ja
Aufwendung heruntergespielt und die des anderen in kein Leistungsanreiz gesetzt werden. Werden alle Be-
der Wahrnehmung aufgewertet, oder der Wert der teiligten jedoch gleich bezahlt, wird dieser Gedanke
Auszahlung relativiert wird. viel weniger gefördert, und die Bereitschaft, gute Ar-
Morton Deutsch wendet sich massiv gegen diese beit zu leisten, ist stark von inneren Motiven der Pro-
bis in die 1990er Jahre dominante Interpretation von banden getrieben. Diese grundsätzlich produktive Ar-
Gerechtigkeit. Seines Erachtens greift proportionale beitsatmosphäre wird zudem dadurch unterstützt,
Gerechtigkeit allein viel zu kurz und ist vielmehr eines dass in gleichbezahlten Gruppen laut Deutsch eine
von mehreren möglichen Motiven, das lediglich auf- sehr kooperative Atmosphäre gegenseitigen Vertrau-
grund bestimmter Umstände manchmal eine heraus- ens unter gleichwertigen Kollegen entsteht, während
ragende Rolle spielt. Laut Deutsch ist proportionale vordergründig leistungsbezogene Bezahlung eine
Gerechtigkeit insbesondere in marktlichen Aus- kompetitive Umwelt schaffe, in der die anderen als po-
tauschbeziehungen von Bedeutung, und solche sind tentiell gefährliche Konkurrenten angesehen werden,
außer in westlichen Kulturen moderner Prägung his- denen nicht allzu viel Vertrauen entgegengebracht
torisch nie derart dominant gewesen, dass Gerechtig- werden sollte. Konkurrenz, so könnte man folgern,
keit sinnvollerweise auf equity reduziert werden belebt hier nicht das Geschäft, sondern lähmt es. Die
könnte. Anstelle dieser eindimensionalen Betrach- zentrale Meta-Folgerung, die der Autor als »Deutsch’s
tung schlägt Deutsch einen Prinzipiendreiklang aus crude law of social relations« (Deutsch 1985, 69) be-
11 Empirische Gerechtigkeitsforschung 73

zeichnet, ist dabei folgende: Nicht nur führen unter- ken. Dies ist gerade dann relevant, wenn ex ante
schiedliche Produktions- und Entlohnungssysteme zu Unklarheit bezüglich eines gerechten Ergebnisses
den dargestellten Verhaltensunterschieden; diese spe- herrscht (vgl. Rawls 1971, 83–90). Als fair empfunde-
zifischen Verhaltensmuster sorgen auch stets dafür, ne Prozesse, bei denen z. B. alle betroffenen Parteien
dass die sie erzeugende Situation aufrechterhalten und die Möglichkeit hatten, Informationen einzubringen
sogar verstärkt wird. und bei einer Entscheidung mit abzustimmen, erhö-
Allerdings könnte diese starke intrinsische Motiva- hen ceteris paribus die empfundene Legitimität des
tion der Versuchsteilnehmer auch auf den soziokul- Ergebnisses entscheidend (Jost/Kay 2010). Dies kann
turellen Hintergrund zurückzuführen sein. Studieren- so weit gehen, dass eigentlich als ungerecht betrachte-
de, so auch Deutsch, seien kaum von ihrer Arbeit und te Ergebnisse durch die Beteiligung an dem Verfahren,
deren Ergebnissen ›entfremdet‹, so dass von vorn- welches das Ergebnis hervorbrachte, wesentlich an
herein eine positive Einstellung zu vielen Tätigkeiten Akzeptanz gewinnen.
bestehe. Bei Tätigkeiten, für die kaum intrinsischer Eine damit verwandte, aber nicht identische Di-
Antrieb vorhanden ist – etwa Produktionsarbeit am mension, die in der Sozialpsychologie zunehmend un-
Band – könne es daher durchaus sein, dass eine extrin- tersucht wird, ist ›Interaktionsgerechtigkeit‹ bzw. ›in-
sische Komponente (z. B. durch monetäre Entlohnung formelle Gerechtigkeit‹ (Jost/Kay 2010). Diese hebt
im Einklang mit dem Equity-Prinzip) die Produktivi- hervor, dass die Legitimität von Ergebnissen auch da-
tät gegenüber Gleichbezahlung wesentlich erhöhe. von abhängt, ob sich die Betroffenen bzw. an der Ent-
Wie im Kapitel zuvor dargestellt, bezieht sich sozio- scheidung Beteiligten als Personen ernst genommen
logische Gerechtigkeitsforschung im Wesentlichen auf und berücksichtigt fühlen. Der Bezug zu prozeduraler
kontextbasierte Urteile. Diese werden anhand sozialer Gerechtigkeit ist offensichtlich: Ein optimales Proze-
Vergleiche in unterschiedlichen Situationen gefällt, dere integriert alle relevanten Stakeholder, so dass die-
wobei sich diese Situationen zu sehr voneinander un- se sich als gerecht behandelter Teil der politischen Ge-
terscheiden, als dass man allgemeine Gesetze erken- meinschaft fühlen können. Gerade der Begriff ›in-
nen könnte. Dies gilt nach Stefan Liebig auch für einen formelle‹ Gerechtigkeit betont aber, dass das Ernst-
Teil der damit verwandten sozialpsychologischen For- genommenwerden über rein formale Beteiligung
schung (Liebig 2004, 1). Darüber hinaus identifiziert hinausgeht und damit eine grundsätzliche Wertschät-
er einen zweiten Strang moderner Gerechtigkeitsfor- zung zum Ausdruck gebracht werden muss, insbeson-
schung, nämlich ›prinzipiengeleitete‹ Theorien, wie sie dere durch einen ehrlichen gesellschaftlichen Umgang
bei Morton Deutsch (1985) zu finden sind. So existie- miteinander. Ein formal korrekter Prozess, in dem für
ren verschiedene unabhängige Gerechtigkeitsprinzi- alle Beteiligten gleiche Möglichkeiten zur gegenseiti-
pien (equity, equality und need), die zueinander im Wi- gen Falschinformation bestehen, könnte daher im Ein-
derspruch stehen können. Relevant ist dann für Indivi- klang mit prozeduraler Gerechtigkeit stehen, verletzte
duen, dass in Abhängigkeit von der jeweiligen Situati- aber wesentliche Prinzipien informeller Gerechtigkeit,
on das adäquate Verteilungsprinzip angewandt wird. weil Lügen mit Wertschätzung und Offenheit unver-
Bedeutende Parameter sind hierbei, um welche soziale einbar sind. Daher kann mit Jost und Kay gefolgert
Beziehung und um welches Gut es sich handelt. werden, dass es zwar einen relevanten Überlappungs-
Wie auch die soziologische Gerechtigkeitsfor- bereich von prozeduraler und interaktioneller/infor-
schung zeigen sozialpsychologische Untersuchungen, meller Gerechtigkeit gibt, beide Konzepte aber nicht
dass prozedurale Gerechtigkeitsvorstellungen massiv deckungsgleich sind (Jost/Kay 2010, 1143): Prozedu-
die Gerechtigkeitsempfindungen beeinflussen (vgl. rale Gerechtigkeit verlangt ein Mindestmaß an formal
Jost/Kay 2010): Die bisher beschriebenen Verteilungs- definierten Handlungen unabhängig von Personen, in-
prinzipien bzw. psychologischen Beurteilungsvorgän- teraktionale Gerechtigkeit stellt das Individuum als
ge basierten im Wesentlichen auf der Betrachtung von solches in den Vordergrund und betont die Notwen-
›Ergebnissen‹. Eine nicht zu vernachlässigende Rolle digkeit eines menschlichen Umgangs miteinander.
bei der Beurteilung der Legitimität eines Resultats
spielt aber nach John T. Jost und Aaron C. Kay das
Ökonomische Gerechtigkeitsforschung
›Zustandekommen‹ der betrachteten Allokation (Jost/
Kay 2010). Besonders von Bedeutung ist dabei, ob und In seinem Artikel von 2003 liefert James Konow den
wie Individuen eine Möglichkeit haben, auf das Er- wohl aktuell umfassendsten Überblick über beson-
gebnis in einer von ihnen erwarteten Weise einzuwir- ders für die Ökonomik relevante Arbeiten zum Thema
74 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

›Gerechtigkeit‹ aus deskriptiver Sicht. Aus Gründen aus auf Teile ihres eigenen Einkommens verzichteten,
der Systematisierung orientiert sich auch Konow an wenn dies zugunsten eines höheren Gesamtergebnis-
einer Anzahl zunächst distinkter Verteilungsprinzi- ses geschehe. Die utilitaristische Norm der Maximie-
pien (Konow 2003). Ähnlich wie Morton Deutsch rung des Wohlfahrtsaggregats finde also neben Equity-
(1985) identifiziert er equity/desert als leistungsorien- und Gleichheitsargumenten Eingang in individuelle
tiertes Prinzip, unterscheidet sich aber in seiner Be- oder kollektive Gerechtigkeitsüberlegungen.
handlung der beiden nach Deutsch separaten Prinzi- Drittens schlussfolgert Konow, dass viele, die wie
pien ›Gleichheit‹ und ›Bedürftigkeit‹. Entgegen der Deutsch stark in Richtung distinkter Prinzipien argu-
Argumentation von Deutsch sieht Konow beide Nor- mentierten, letztlich übersähen, dass die Wahl unter-
men als grundsätzlich verwandt an, da sich need im schiedlicher Normen oftmals eher ein Problem des je-
Wesentlichen auf ›gleiche‹ Grundbedürfnisse beziehe, weils unterschiedlichen Kontextes sei. So sei es – im
also doch enger mit equality verwandt sei. Über Widerspruch zu Deutschs Hauptthese – durchaus
Deutsch hinaus führt Konow auch noch das Prinzip plausibel, dass Menschen sich grundsätzlich am Equi-
maximization of utility/welfare an, das sich etwa mit ty-Prinzip orientierten, aber die Zuordnung von ›Leis-
›Überschussmaximierung‹ oder ›Maximierung des tung/Inputs‹ und ›entitlements/Outputs‹ verantwor-
Gesamtergebnisses‹ übersetzen ließe. Eine vierte für tungssensitiv erfolge. Konow (2003) verweist hier auf
ihn relevante Kategorie ist zudem ›Kontext‹; eine Ka- die reiche Tradition der verantwortungsbezogenen
tegorie, die in der soziologischen und partiell in der Gerechtigkeitstheorien (z. B. Dworkin 1981). Je nach-
sozialpsychologischen Forschung dominiert. Damit dem, wie sehr ein Individuum in einer Situation selbst
könnte nach Liebig gefolgert werden, dass Konows für die relevanten Inputs verantwortlich ist, ändere
Metaanalyse ökonomisch-experimenteller Studien sich die Wahrnehmung bezüglich legitimer Output-
sich zum einen an abstrakten Verteilungsprinzipien Ansprüche. Gleichheit ließe sich z. B. dort begründen,
orientiert, zum anderen aber auch die kontextbetonte wo niemand für unterschiedliche Fähigkeiten verant-
soziologisch-psychologische Ausrichtung mit berück- wortlich sei bzw. diese rein zufällig verteilt seien. Ne-
sichtigt (Konow 2003). Konow geht in seinem Artikel ben Unterschieden in der Interpretation dessen, wo-
aber explizit über eine reine Auflistung und Anord- für Individuen letztlich selbst verantwortlich seien,
nung bestehender Ansätze und Studien hinaus (ebd.). identifiziert Konow noch eine weitere Quelle für Kon-
Seine Einordnung in einen metatheoretischen Rah- troversen um Verteilungsfragen: die Verzerrung der
men dient ihm dazu, Grundzüge einer allgemeineren Wahrnehmung bzw. interessengebundene Argumente
Gerechtigkeitstheorie aufzuspüren und die vermeint- aufgrund persönlicher Ansprüche. Ohne persönliche
lich separaten Stränge zu vereinen. Betroffenheit und bei klarer Verantwortungszuschrei-
Die Arbeit Deutschs kritisiert er dabei aus dreierlei bung müsse es daher zu einer Konvergenz von Nor-
Gründen: Erstens sei Deutschs Auffassung, Indivi- men kommen. Ein relevantes Forschungsobjekt sei al-
duen würden sehr viel stärker nach Gleichverteilung so die Untersuchung solch unverzerrter Gerechtig-
streben als gemeinhin angenommen, angesichts einer keitsvorstellungen, wie sie z. B. Adam Smiths ›unpar-
Vielzahl neuerer Untersuchungen nicht haltbar (ebd.). teiischem Beobachter‹ oder dem Rawlsschen ›Schleier
Deutschs eigene Arbeiten seien viel zu eng ausgerich- des Nichtwissens‹ zugrunde lägen.
tet. Gerade auf der Makroebene, also gesamtgesell- John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit (1971) liefert
schaftlich betrachtet, fänden Gleichverteilungsansätze auch die Vorlage für eines der bekanntesten ökonomi-
kaum Unterstützung seitens der Bevölkerung. Auch schen Experimente im Bereich der Gerechtigkeitsfor-
auf der Mikroebene, also in experimentellen Studien, schung. Er argumentierte, dass sich Individuen in ei-
sei die Zustimmung zu Gleichverteilung im Allgemei- ner Situation ohne Wissen über die eigene gesell-
nen weitaus geringer, als Deutsch (1985) impliziere. schaftliche Position hinsichtlich der materiellen Aus-
Equity-Argumente fänden in den meisten Unter- stattung für die Maximierung der Mindesteinkommen
suchungen recht starken Zuspruch, wenn auch meist entscheiden würden (Differenzprinzip), sofern dies
mit gewissen Einschränkungen hinsichtlich allzu nicht mit maximalen Freiheitsrechten kollidiere. Der
niedriger Einkommen. Ökonom John Harsanyi widersprach diesem Ansatz
Ein zweiter Kritikpunkt von Konow ist, dass und argumentierte, dass rationale Individuen sich
Deutsch die relevante Dimension der Überschuss- eher risikoneutral am Durchschnittseinkommen ori-
maximierung ignoriere. Auch hier liege eine Reihe von entieren würden, statt einseitig nur den schlimmsten
Ergebnissen vor, die belegten, dass Menschen durch- Fall in Betracht zu ziehen (Harsanyi 1975). In einem
11 Empirische Gerechtigkeitsforschung 75

Experiment mit 85 Teilnehmergruppen konfrontier- wurde; allzu ungleiche Aufteilungen (z. B. 80:20) sen-
ten Norman Frohlich und Joe A. Oppenheimer (1990; ken die Wahrscheinlichkeit der Akzeptanz durch den
1992) jeweils fünf Probanden mit der Aufgabe, aus decider wesentlich (vgl. Güth et al. 1982). Dabei zeigen
vier verschiedenen Verteilungsprinzipien im Konsens sich kulturell gewisse Unterschiede, innerhalb der
eines zu bestimmen. Die Prinzipien erlaubten dabei westlichen Welt entsprechen die Ergebnisse aber recht
auch die Wahl zwischen Maximierung des Durch- robust dem Dargestellten (Henrich et al. 2005). Eine
schnitts und dem Rawlsschen Differenzprinzip. Nach mögliche Interpretation dafür ist, dass in westlichen
der Wahl wurde den Teilnehmern abhängig vom Gesellschaften, die stark auf Tauschbeziehungen be-
Schema ein Einkommen zugelost. Knapp 80 % aller ruhen, die Bestrafung unkooperativen und unfairen
Gruppen – sowohl in den USA als auch in Kanada und Verhaltens dauerhaft allen einen Vorteil verschafft,
Polen – entschieden sich dabei für die Maximierung wodurch wir wieder an sozialpsychologisch-evolutio-
des Durchschnitts unter der Bedingung, dass ein näre Argumente anknüpfen.
von der Gruppe gewähltes Mindesteinkommen nicht
unterschritten wurde (vgl. Frohlich/Oppenheimer
1992). Selbst in einem alternativen Setting, in dem das Fazit
Einkommen erst erwirtschaftet werden musste, war
dies die mit Abstand populärste Norm (Frohlich/Op- Insgesamt hat die empirische Gerechtigkeitsfor-
penheimer 1990). Die beiden Autoren schlussfolger- schung die Betrachtung von Gerechtigkeitsmotiven
ten, dass sowohl die Theorie Rawls’ als auch der Ge- bzw. gerechtigkeitsbezogenen Entscheidungen realer
genentwurf John Harsanyis durch die empirische Individuen und Gruppen wesentlich beeinflusst. Mo-
Konfrontation mit realen Gerechtigkeitspräferenzen derne Gerechtigkeitsforschung beschäftigt sich da-
widerlegt seien. her, wie Konow argumentiert, intensiv damit, wie
Einen anderen Weg der Erforschung sozialer Prä- ökonomische und sozialstrukturelle Variablen Ge-
ferenzen bieten spieltheoretisch fundierte ökonomi- rechtigkeitseinstellungen beeinflussen bzw. welche
sche Experimente wie das Ultimatum-Spiel (z. B. Auswirkungen bestimmte Gerechtigkeitsvorstellun-
Güth et al. 1982). Im Ergebnis zeigten Individuen gen auf ökonomische, politische und soziale Ent-
selbst dann starke soziale Präferenzen, wenn sie ohne scheidungsfindung haben (Konow 2003). Ob dabei
größere formale Sanktionsmechanismen ihren eige- eine allumfassende Theorie distributiver Gerechtig-
nen Nutzen maximieren konnten. Konkret stellten keit geschaffen werden kann, die – durch Integration
die Forscher Studierende vor folgende Aufgabe: In ei- von Verantwortungssensibilität in den Equity-Ansatz
ner Zweiergruppe wurde einer Person zufällig die – sowohl den Prinzipienpluralismus als auch die so-
Rolle des proposer zugeteilt, der andere spielte den de- zialstrukturelle Einbettung und die prinzipienfreie
cider. Der proposer kann einen Geldbetrag, z. B. 10 Kontext-Dominanz gleichsam überwindet, sei an
Euro, nach eigener Entscheidung zwischen beiden dieser Stelle dahingestellt. Wahrscheinlich würde ei-
aufteilen und seinen Vorschlag dem decider anonym ne solche, fast schon tautologische Theorie das Pro-
mitteilen. Der decider, der den proposer nicht kennt, blem dann einfach auf die definitorische Ebene ver-
aber über den Aufteilungsvorschlag informiert wird, schieben, es also auf die Frage reduzieren, was je nach
hat nur zwei Möglichkeiten: Entscheidet er sich, die Situation genau unter ›Verantwortung‹ zu verstehen
Aufteilung zu akzeptieren, wird die Summe wie vom sei. Festzuhalten bleibt aber, dass sowohl Soziologie
proposer angegeben aufgeteilt. Der decider kann aber als auch Politikwissenschaft, Sozialpsychologie und
den Vorschlag auch ablehnen, woraufhin keiner der Ökonomik ganz wesentlich zur Erforschung beste-
beiden Geld erhält. Streng rational betrachtet sollte hender Gerechtigkeitsvorstellungen beigetragen ha-
ein decider jede Aufteilung akzeptieren, die ihm mehr ben, wobei die gewählten Methoden und Befunde
als 0 Euro überlässt. Ein Verzicht auf eine positive sich grundlegend unterscheiden und entsprechend
Auszahlung wäre gleichbedeutend mit einer indivi- für einen dezidierten Einsatz von Methodentriangu-
duell irrationalen Investition in die Bestrafung eines lation sprechen: auf der einen Seite die direkte Befra-
vollkommen Fremden. gung der Betroffenen, auf der anderen Seite das Expe-
Überraschend war für die Forscher, wie stark die riment, das mittels kontrafaktischer Zustände verzer-
Ablehnungsrate in den Versuchen war. Alvin Roth et rende Faktoren eliminieren und reproduzierbare
al. (1991) stellten fest, dass am häufigsten eine Gleich- Grundmechanismen aufdecken möchte. Daraus las-
verteilung der verfügbaren Summe vorgeschlagen sen sich zwar noch nicht direkt normative Schlussfol-
76 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

gerungen ziehen, sofern man nicht von reinem Sein analysis of justice theories. In: Journal of Economic Litera-
auf ein Sollen schließen möchte, aber relevante Er- ture 41 (2003), 1188–1239.
kenntnisse lassen sich daraus auch für die normative Liebig, Stefan: Empirische Gerechtigkeitsforschung: Überblick
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12 Distributive Gerechtigkeit 77

schung. In: Müller, Hans-Peter/Wegener, Bernd (Hg.): 12 Distributive Gerechtigkeit


Soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit. Opladen
1995, 195–218. In diesem Kapitel wird die Entwicklung der Idee der
–/Liebig, Stefan: Eine Grid-Group-Analyse sozialer Gerech-
tigkeit: Die neuen und alten Bundesländer im Vergleich. distributiven Gerechtigkeit von ihren aristotelischen
In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Anfängen bis in die Gegenwart nachgezeichnet. Dabei
45/4 (1993), 668–690. wird gegenüber dem aristotelischen Paradigma die
–/Liebig, Stefan: Dominant ideologies and the variation of strukturelle Neuartigkeit des modernen Verständnis-
distributive justice norms: A comparison of East and West ses der distributiven Gerechtigkeit als einer Form der
Germany, and the United States. In: James R. Kluegel/Da-
sozialen Gerechtigkeit herausgestellt.
vid S. Mason/Bernd Wegener (Hg.): Social Justice and Po-
litical Change. Public Opinion in Capitalist and Post-Com-
munist States. Berlin 1995, 239–259.
Die aristotelische Einteilung
Alexander Lenger / Stephan Wolf
Aristoteles unterscheidet im fünften Buch der Niko-
machischen Ethik (NE) zwischen der Gerechtigkeit in
einem allgemeinen und in einem speziellen Sinn, wo-
bei letztere noch einmal in die ›austeilende‹ und die
›ausgleichende‹ Gerechtigkeit unterteilt wird. Die Ge-
rechtigkeit im allgemeinen Sinn besteht in der Fähig-
keit und Bereitschaft zum Handeln in Übereinstim-
mung mit den Gesetzen der Polis und wird gelegent-
lich auch ›Gesetzesgerechtigkeit‹ genannt. ›Gesetz‹
(nomos) ist bei Aristoteles in einem weiten, über das
Juridische hinausgehenden Sinn zu verstehen und
schließt alle sozialen Regeln ein, von denen Aristoteles
annimmt, dass sie in einer wohlgeordneten Polis zum
tugendhaften und damit ethisch richtigen Handeln an-
leiten (vgl. NE 1129b–1130a; Kraut 2002, Kap. 4.5).
Die Gerechtigkeit im speziellen Sinn bezieht sich
auf Güterverteilungen, und ihr allgemeines Kriterium
ist die Gleichheit. Als ungerecht gilt nach Aristoteles,
wer ›mehr haben will‹ und eine ›Einstellung der Un-
gleichheit‹ hat. Gerecht handelt dagegen, wer ande-
ren nicht um des eigenen Vorteils willen oder wegen
der Lust daran, mehr zu haben als diese (pleonexia),
Güter vorenthält oder entwendet, die ihm unter dem
Gesichtspunkt der Gleichheit nicht zustehen (NE
1129a–1130b).
Die Gerechtigkeit im speziellen Sinn unterteilt sich
in die ›austeilende‹ und die ›ausgleichende‹ Gerechtig-
keit. Erstere befasst sich mit der Güterverteilung ›an‹
Bürger, letztere mit dem freiwilligen und unfreiwil-
ligen Austausch von Gütern ›unter‹ Bürgern. In den
Anwendungsbereich der austeilenden Gerechtigkeit
fällt bei Aristoteles die Vergabe von politischen Äm-
tern und Ehren, aber auch die Verteilung von Kriegs-
beute, Ländereien und Tributzahlungen durch die da-
für autorisierten Amtsinhaber der Polis. Die Grund-
sätze der ausgleichenden Gerechtigkeit regulieren, von
den Ämtern und Ehrungen abgesehen, denselben Be-
reich allgemein nützlicher und teilbarer Güter.
78 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

Bei Aristoteles heißt die ›austeilende‹ Gerechtigkeit in demselben Verhältnis wie A und B zueinander ste-
›dianemetische Gerechtigkeit‹. Daraus wurde in den hen (NE 1131a). Das Verhältnis von A und B ist dabei
Übersetzungen und Kommentaren des Mittelalters ein Verhältnis ihrer relativen ›Würdigkeit‹, denn ver-
›iustitia distributiva‹ und später die distributive Ge- teilt wird kat’ axian, nach Wert oder Würdigkeit: Die
rechtigkeit. Die ›ausgleichende‹ Gerechtigkeit heißt gerechten Anteile aller Beteiligten sollen dem entspre-
bei Aristoteles ›diorthotische Gerechtigkeit‹, woraus chen, was diese aufgrund der Vorzüge ihres Charak-
später die ›korrektive Gerechtigkeit‹ (iustitia correcti- ters im Sinne der aristotelischen Tugendlehre ›verdie-
va) und die ›kommutative Gerechtigkeit‹ (iustitia nen‹. Proportionale Gleichheit lässt Ungleichheit
commutativa) wurden. Letztere hat man dann gele- nicht nur zu; bei ungleicher Würdigkeit fordert sie
gentlich zur ›Tauschgerechtigkeit‹ verkürzt (s. Kap. diese ausdrücklich: Größere Anteile für die Würdige-
II.13), was nicht dem entspricht, worum es der Sache ren, kleinere für die weniger Würdigen. Darüber hi-
nach geht. Die diorthotische Gerechtigkeit reguliert naus setzt distributive Gerechtigkeit bei Aristoteles
zwischenmenschliche Transaktionen, und nicht alle Ungleichheit bereits voraus, denn es muss eine höher-
Transaktionen haben die Form freiwilliger Tausch- gestellte Instanz geben, die über die Autorität verfügt,
geschäfte. Der griechische Ausdruck für ›Transaktio- Güter zu verteilen. Und sie reproduziert bestehende
nen‹ ist ›synallagmata‹, woraus im Mittellateinischen Ungleichheiten zwischen denen, die aufgrund ihrer
›commutationes‹ wurde. Alle drei Ausdrücke bezeich- größeren Würdigkeit mehr erhalten, und denen, die
nen Austauschbeziehungen zwischen Personen, an weniger erhalten, und damit auch zwischen denen, die
denen diese entweder freiwillig oder unfreiwillig be- als Inhaber politischer Ämter – die ja ebenfalls nach
teiligt sind und die für ihren Besitzstand und ihr Würdigkeit verteilt werden – die Autorität haben, Gü-
Wohlergehen in der einen oder anderen Form von Be- ter zu verteilen, und denen, die sie als ›einfache‹ Bür-
deutung sind. Zu den freiwilligen Transaktionen ge- ger lediglich empfangen.
hören Tauschgeschäfte, in Bezug auf die sich die Frage Unter dem Gesichtspunkt der kommutativen Ge-
nach dem gerechten Verhältnis von Leistung und Ge- rechtigkeit werden die Mitglieder der Polis demgegen-
genleistung stellt. Bei den unfreiwilligen Transaktio- über als gleichberechtigte Bürger betrachtet. Das
nen geht es um Schädigungen oder allgemein Nach- Prinzip der kommutativen Gerechtigkeit ist die arith-
teile, die einer Person durch die Ausnutzung ihrer Un- metische oder absolute Gleichheit. Der Wert der bei
wissenheit oder durch Zwangseinwirkung durch an- einem Tauschgeschäft zu erbringenden Gegenleistung
dere entstehen. Hier stellt sich die Frage einer muss genau dem Wert der erbrachten Leistung und
gerechten Entschädigung. In beiden Bereichen be- der Wert der für einen verursachten Schaden zu leis-
steht Gerechtigkeit nach Aristoteles darin, dass tenden Kompensation muss genau dem verursachten
Gleichheit im Sinne eines Ausgleichs hergestellt wird: Schaden entsprechen. Es wird dabei von allen Unter-
bei freiwilligen Transaktionen durch die Beteiligten schieden in der Würdigkeit der Beteiligten abgesehen
selbst, bei unfreiwilligen Transaktionen ggf. durch ei- und lediglich der Wert der erbrachten Leistungen und
nen Richter. Diorthotische Gerechtigkeit ist deshalb Gegenleistungen bzw. der (negative) Wert eines erlit-
zugleich eine (ihrer Funktion nach) ›ausgleichende‹ tenen Schadens und des zu leistenden Schadensersat-
und eine (ihrem Anwendungsbereich nach) Trans- zes in Betracht gezogen.
aktionen regulierende ›synallagmatische‹ oder ›kom- Aristoteles bestreitet nicht, dass Güter und Leistun-
mutative‹ Gerechtigkeit (vgl. Bien 1995). Im Folgen- gen ausgetauscht werden, weil sich die Beteiligten da-
den wird für sie wie üblich der Ausdruck ›kommutati- von einen subjektiven Vorteil und damit auch eine
ve Gerechtigkeit‹ verwendet und für die dianemeti- Besserstellung versprechen. Es kann aber niemand
sche Gerechtigkeit der Ausdruck ›distributive durch gerechte Transaktionen einen ›objektiven‹
Gerechtigkeit‹. Wertzuwachs realisieren. Dies ist für das Zusammen-
spiel von kommutativer und distributiver Gerechtig-
keit mit Blick auf die Stabilität einer wohlgeordneten
Proportionale und absolute Gleichheit Polis von Bedeutung. Distributive Gerechtigkeit be-
wirkt – die allgemeine Akzeptanz des Prinzips der
Distributive Gerechtigkeit bedeutet bei Aristoteles proportionalen Gleichheit und Einigkeit über das ver-
proportionale Gleichheit. Eine Verteilung von Gütern teilungsrelevante Merkmal vorausgesetzt – eine ver-
auf zwei Parteien A und B wäre demnach gerecht, tikale Integration der Polismitglieder: Die ungleiche
wenn die auf sie entfallenden Güterbündel GA und GB Verteilung von Ehrungen, Ämtern und anderen Gü-
12 Distributive Gerechtigkeit 79

tern in der Polis wird im hypothetischen Idealfall auch verständnis über den ethischen Wert von Personen
von den durch sie weniger Begünstigten als gerecht besteht. Reichtum betrachten wir nicht einmal prima
angesehen und aus diesem Grunde hingenommen. facie als einen Grund, denen, die ohnehin schon mehr
Unter Voraussetzung eines allgemeinen Konsenses als andere besitzen, zusätzliche Vorteile zukommen zu
über ihre Grundsätze bewirkt die kommutative Ge- lassen. Dies hätte Aristoteles wohl nicht anders gese-
rechtigkeit demgegenüber eine horizontale Integrati- hen. Er hielt es aber zumindest für nachvollziehbar,
on: Alle Beteiligten sind sich im Idealfall einig, dass dass diejenigen, die – wie in der klassischen Polis der
sich gerechte Transaktionen zwischen ihnen durch ei- Fall – aus ihren privaten Vermögen die für das Ge-
nen Ausgleich von Wertäquivalenten auszeichnen; meinwesen nötigen Ausgaben tragen, bei der Vergabe
und in Konfliktfällen gibt es damit eine Basis für ein- von Ämtern und anderen Dingen bevorzugt werden.
vernehmliche Lösungen. Das Merkmal der freien Geburt schließlich ist in ver-
allgemeinerter Form als ›normativer Status‹ nach wie
vor relevant. So wird allgemein angenommen, dass
Konkurrierende Verteilungsprinzipien freie und gleiche Personen prima facie einen An-
spruch auf gleiche politische Partizipationsrechte ha-
Gregory Vlastos hat die aristotelische Idee der pro- ben. Ein verteilungsrelevantes Merkmal, das in der
portionalen Gleichheit als einen ideologischen Ta- Gegenwart eine wichtige Rolle spielt, das bei Aristote-
schenspielertrick verstanden. Sie sei ein Tribut des les jedoch nicht einmal erwähnt wird, ist menschliche
Meritokraten Aristoteles an populäre egalitäre Ge- Bedürftigkeit aufgrund von Notlagen wie z. B. Ar-
rechtigkeitsvorstellungen und diene lediglich dazu, beitslosigkeit oder Nahrungsmittelknappheit. Spätes-
die faktische Ungleichheit unter den Bürgern der Po- tens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts stehen ›Jedem
lis als eine besondere Form der Gleichheit und damit nach seinem Verdienst‹ und ›Jedem nach seinen Be-
auch den Schlechtergestellten als akzeptabel erschei- dürfnissen‹ als paradigmatische Gerechtigkeitsfor-
nen zu lassen (Vlastos 1962, 32 f.). Diese Sichtweise meln gleichberechtigt nebeneinander. In der ideen-
verrät realpolitischen Sinn, verkennt jedoch die syste- geschichtlichen Forschung wird die Anerkennung
matische Bedeutung der Auffassung der Gerechtig- von Bedürftigkeit als Grund für Gerechtigkeitsforde-
keit als proportionaler Gleichheit. Wenn wir anneh- rungen von einigen Autoren als ein spezifisches Cha-
men, dass gerechte Güterverteilungen jedem in per- rakteristikum des modernen Verständnisses distribu-
sonam eben das zukommen lassen, was er gerechter- tiver Gerechtigkeit genannt (vgl. etwa Miller 1976,
weise für sich beanspruchen kann, stellt sich ja nicht 83–87; Fleischacker 2004, 5–14). Es ist deshalb bemer-
nur für Aristoteles, sondern für jeden die Frage, auf- kenswert, dass Bedürftigkeit in John Stuart Mills ein-
grund welcher persönlichen Merkmale Ansprüche flussreicher Erörterung der Gerechtigkeit im 5. Kapi-
auf bestimmte Güter oder Güteranteile erhoben wer- tel von Utilitarianism (1861) nicht auftaucht. Zu beto-
den können; und eben darüber bestehen Meinungs- nen ist aber, dass Bedürftigkeit das aristotelische Prin-
verschiedenheiten. Auseinandersetzungen zwischen zip der proportionalen Gleichheit nicht infrage stellt,
konkurrierenden Gerechtigkeitskonzeptionen sind sondern es im Gegenteil bestätigt. Ebenso wie für
deshalb immer auch Auseinandersetzungen darüber, Leistung und Verdienst gilt, dass unter dem Gesichts-
anhand welcher Merkmale entschieden werden soll, punkt der Bedürftigkeit gerechte Güterzuteilungen
ob zwei Personen in für Verteilungsfragen relevanter proportional der persönlichen Bedürftigkeit sein
Weise als gleich oder ungleich zu betrachten sind (so müssen.
auch Aristoteles, vgl. NE 1131a). Anders als die Würdigkeit bei Aristoteles ist Be-
Das moderne Verständnis distributiver Gerechtig- dürftigkeit in modernen Gerechtigkeitskonzeptionen
keit beruht, nicht anders als das aristotelische, an zen- allerdings nur eines von vielen zum Teil komplemen-
tralen Punkten auf der Idee der proportionalen tären, zum Teil konkurrierenden Verteilungsprinzi-
Gleichheit. Es haben aber Verschiebungen in der Aus- pien. Die strikte Gleichverteilung von Gütern, das
wahl der als relevant betrachteten Merkmale statt- Rawlssche Differenzprinzip (Rawls 1975, Kap. 5) und
gefunden. Im Rückblick auf die von Aristoteles dis- Parfits priority principle (Parfit 1984), die gleicherma-
kutierten Merkmale Tugend, Reichtum und freie Ge- ßen bei ungleichen Güterverteilungen die weniger Be-
burt können wir feststellen, dass Tugend in modernen günstigten bevorzugen, aber auch das utilitaristische
Gesellschaften nicht länger als Kriterium distributiver Nutzenprinzip in allen seinen Varianten (vgl. etwa
Gerechtigkeit taugt, weil kein hinreichend weites Ein- Sidgwick 1907; Hare 1981; Harsanyi 1982, und all-
80 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

gemein zum Utilitarismus als einer Konzeption distri- totelische Gerechtigkeitskonzeption gehört in diese
butiver Gerechtigkeit Hinsch 2015) bieten Kriterien Gruppe, da sie sich auch auf die Verteilung von Res-
für die gerechte oder moralisch richtige Verteilung sourcen bezieht. Das Prinzip der proportionalen
von Gütern, die unabhängig von Proportionalitäts- Gleichheit fordert Gleiches für Gleiche, Ungleiches
erwägungen sind und von denen ausgehend alternati- für Ungleiche, und Aristoteles führt Verteilungskon-
ve, nicht-aristotelische Konzeptionen formuliert wor- flikte in der Polis darauf zurück, dass »Gleiche unglei-
den sind (vgl. auch Dworkin 2000; Sen 2009). che Anteile oder Ungleiche gleiche Anteile haben oder
zugeteilt bekommen« (NE 1131a). Dies zeigt, dass
sein Maß für die Gleich- oder Ungleichbehandlung
Gleichheit in Bezug auf was? von Personen die zugeteilten Ämter und Güter selbst
sind und weder das Wohlergehen dieser Personen
Eine Theorie distributiver Gerechtigkeit muss an- noch (pace Sen und Nussbaum) ihre auf dieses Wohl-
geben, woran sich bemisst, ob zwei Personen bei ei- ergehen bezogenen Handlungsmöglichkeiten oder ca-
ner gegebenen Güterverteilung mit Blick auf den pabilities.
Wert ihrer jeweiligen Güteranteile gleichgestellt sind Ein generelles Problem von Gerechtigkeitskonzep-
oder nicht. Nach einem Aufsatztitel von Amartya Sen tionen, die Personen als gleichgestellt betrachten,
wurde diese Frage seit den 1980er Jahren unter dem wenn sie über die gleiche Güter- und Ressourcenaus-
Stichwort »Equality of What?« diskutiert (vgl. Sen stattung verfügen können, besteht darin, dass ver-
1980; Dworkin 2000, Teil I). Sens Titel kann im Sinne schiedene Menschen abhängig von ihrer persönlichen
einer egalitären Gerechtigkeitsauffassung als Frage Lebenssituation unverschuldet nicht gleichermaßen
danach verstanden werden, in welchem Bereich oder in der Lage sein mögen, die ihnen verfügbaren Güter
in Bezug auf welche Güter Personen gleichgestellt und Ressourcen zur Förderung ihres eigenen Wohls
werden sollen. Sie kann aber auch als Frage nach ei- zu nutzen. So mag es ungerecht erscheinen, zwei Men-
ner Basis für interpersonelle Vergleiche verstanden schen als gleichgestellt zu betrachten, weil beide ein
werden, die auch nicht-egalitäre Gerechtigkeitskon- Fahrrad besitzen, wenn eine der beiden etwa aufgrund
zeptionen beantworten müssen. Auch für sie gilt das einer Behinderung gar nicht in der Lage ist, Fahrrad
formale Gerechtigkeitsprinzip, dass gleiche Fälle zu fahren (vgl. Sen 1983).
gleich zu behandeln sind, und auch sie müssen des-
halb angeben können, wann eine Gleichbehandlung
Equality of Welfare
vorliegt.
In der aktuellen Diskussion werden drei prominen- Zwei Personen gelten den Equality-of-Welfare-Ansät-
te Antworten auf die Equality-of-What-Frage dis- zen zufolge dann als gleichgestellt, wenn ihre Güter-
kutiert: Equality of Resources, Equality of Welfare und und Ressourcenausstattung bei ihnen zum selben
der Capability-Ansatz von Amartya Sen und Martha Grad persönlichen Wohlergehens führt, wobei der Be-
Nussbaum. griff des Wohlergehens auf verschiedene Weisen kon-
kretisiert werden kann. Utilitaristische Konzeptionen
gehören in diese Gruppe (etwa Hare 1981 und Harsa-
Equality of Resources
nyi 1982), aber auch an der Befriedigung von Grund-
Zwei Personen gelten dann als gleichgestellt, wenn sie bedürfnissen orientierte Ansätze (etwa Stewart 1989),
über das gleiche Güterbündel oder die gleiche Res- insoweit sie sich bei den relevanten Vergleichen nicht
sourcenausstattung verfügen. Dies könnte z. B. dann an den jeweiligen Handlungsmöglichkeiten von Men-
der Fall sein, wenn sie das gleiche Einkommen bezie- schen orientieren, sondern daran, inwieweit diese eine
hen oder gleichermaßen mit gewissen grundlegenden vorgegebene Konzeption des individuellen Wohls fak-
Gütern versorgt sind. Diese Auffassung wurde in der tisch verwirklichen. Equality-of-Welfare-Ansätze ste-
aktuellen Diskussion u. a. von John Rawls und Ronald hen in modernen pluralistischen Gesellschaften vor
Dworkin vertreten (vgl. Rawls 2001, § 17; Dworkin der schwierigen Aufgabe, eine zugleich hinreichend
2000, Teil I). Bei Rawls etwa bildet die Liste der umfassende und konsensfähige Konzeption des
Grundgüter (primary goods) die Basis für die nötigen menschlichen Wohls zu formulieren, die als Maßstab
interpersonellen Vergleiche: Zwei Personen wären für interpersonelle Vergleiche dienen könnte. Utilita-
demzufolge gleichgestellt, wenn sie über die gleiche ristische Ansätze haben mit den zahlreichen tech-
Grundgüterausstattung verfügen. Aber auch die aris- nischen und grundsätzlichen Schwierigkeiten zu
12 Distributive Gerechtigkeit 81

kämpfen, die mit der Messung von Graden des hedo- persönlichen Konstitution nicht dieselben sind. Men-
nischen Glücks bzw. der Präferenzerfüllung verbun- schen dagegen, die bei einer gegebenen Güterausstat-
den sind (vgl. Hinsch 2002, Kap. 7). Ein grundsätzli- tung dieselben Handlungsmöglichkeiten (die glei-
ches Problem für Ansätze des utilitaristischen Typs be- chen capability-sets) haben, werden als gleichgestellt
steht darüber hinaus darin, dass in ihnen das von einer betrachtet, und zwar auch dann, wenn sie mit den
Person realisierte Wohlergehen von deren persönli- verfügbaren Gütern jeweils bei der Verwirklichung
chen Bedürfnissen, Wünschen und Präferenzen ab- ihrer ambitionierteren oder weniger ambitionierten
hängig ist, das heißt aber von Faktoren, die selbst be- Lebenspläne nicht gleichermaßen weit kommen. Ob
reits das Resultat womöglich ungerechter Gütervertei- der Capability-Ansatz alles in allem eine den anderen
lungen sind. Wer in Wohlstand aufgewachsen ist, wird Ansätzen überlegene und über sie hinausgehende Al-
häufig kostspieligere und schwieriger zu erfüllende ternative darstellt, muss hier offen bleiben (vgl. kri-
Wünsche und Präferenzen haben als jemand mit einer tisch dazu Dworkin 2000, Kap. 7 und die Erwiderung
durch Armut gekennzeichneten Lebensgeschichte. Bei in Sen 2009, 264–268 und Pogge 2010). Ebenso wie
gleicher Güterzuweisung könnte er dann unter dem die am faktischen Wohlergehen orientierten Ansätze
Gesichtspunkt der Equality of Welfare aufgrund seiner steht er vor dem Problem, eine in pluralistischen Ge-
weiter gesteckten Lebensziele schlechter gestellt er- sellschaften umfassende und konsensfähige Konzep-
scheinen als die in Armut aufgewachsene Personen tion des menschlichen Wohls zu formulieren, denn
mit ihren bescheideneren Vorstellungen vom eigenen ohne eine solche Konzeption könnte nicht ermittelt
Wohl, und dies stünde im Konflikt mit weit verbreite- werden, ›welche‹ Handlungsmöglichkeiten für inter-
ten Gerechtigkeitsvorstellungen. In der neueren Dis- personelle Vergleiche und Gerechtigkeitsurteile rele-
kussion ist dieser Punkt von Sen unter dem Stichwort vant sind. Auch dürften die Schwierigkeiten der Er-
der »adaptiven Präferenzen« hervorgehoben worden mittlung und des Vergleichs individueller capability-
(Sen 1992, 55; 2009, 282–284; vgl. Arrow 1973; Dwor- sets kaum geringer sein als die, welche mit interper-
kin 2000, 50–52, 56–58). sonellen Vergleichen von Graden des hedonischen
Glücks oder der Präferenzerfüllung verbunden sind
(vgl. die Beiträge in Brighouse/Robeyns 2010 und
Equality of Capability Rawls 2001, § 51).

Amartya Sen und Martha Nussbaum zufolge werden


die Schwächen der an Güter- und Ressourcengleich- Was wird verteilt?
heit oder am gleichen Wohlergehen orientierten An-
sätze durch den Capability-Ansatz überwunden (vgl. Die Rede von ›Güterverteilung‹ muss in der Gerech-
Sen 1992; 2009; Nussbaum 2011). Diesem Ansatz zu- tigkeitstheorie in einem weiten Sinne verstanden wer-
folge gelten zwei Personen dann als gleichgestellt, den. Es geht nicht lediglich um die Verteilung von üb-
wenn ihre Güter- und Ressourcenausstattung ihnen licherweise erstrebenswerten Dingen (Gütern), son-
unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Eigen- dern auch um die Verteilung von lästigen Dienstver-
schaften und Fähigkeiten dieselben Handlungsmög- pflichtungen und anderen Nachteilen (Übeln), die
lichkeiten oder Verwirklichungschancen (capabili- sich beim Zusammenleben mit anderen ergeben.
ties) bietet, Dinge zu realisieren, die ihr eigenes Wohl- Denn es ist, wie schon Aristoteles feststellt, ein Gut,
ergehen ausmachen, wie Gesundheit, soziale Integra- weniger mit einem Übel belastet zu werden als andere
tion und Bildung. Sen und Nussbaum bezeichnen die (NE 1131b). Auch müssen wir uns vor allzu konkreten
konstitutiven Bestandteile des menschlichen Wohls Vorstellungen darüber hüten, was gerecht verteilt wer-
als functionings, so dass zwei Menschen genau dann den soll: Die Kuchenstücke, welche die Mutter ihren
gleichgestellt sind, wenn ihre capability-sets, das heißt Kindern zuschneidet und auf den Teller legt, sind eher
die Menge aller Functioning-Kombinationen, die sie die Ausnahme. Selten werden materielle Güter im
verwirklichen können, die gleichen Elemente enthal- wörtlichen Sinne zugeschnitten, ausgeteilt oder über-
ten. Der Capability-Ansatz ist geeignet, Probleme der geben, wenn es um distributive Gerechtigkeit geht. In
anderen beiden Ansätze zu vermeiden. Menschen mit der Regel geht es um abstrakte Rechte (Eigentums-,
und ohne Behinderungen werden bei gleicher Güter- Nutzungs-, Zugangs-, Partizipationsrechte), die ›ver-
ausstattung nicht als gleichgestellt betrachtet, weil ih- teilt‹ werden, indem wir sie Personen zu- oder abspre-
re capability-sets aufgrund ihrer unterschiedlichen chen. Die Aufteilung und Übergabe konkreter Dinge
82 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

spielt demgegenüber eine untergeordnete Rolle. So ist ben, denn stets müssen wir mit Verteilungen z. B. von
die ›Schlüsselübergabe‹ ein symbolischer Teil der Eigentumsrechten rechnen, die distributiv ungerecht
Übertragung von Eigentumsrechten (an einer Woh- sind, so dass es zu einem Zielkonflikt zwischen dem
nung oder einem Fahrzeug). Sie bietet ein praktisches Schutz dieser Rechte auf der einen und der Verwirk-
Hilfsmittel zur Markierung des Zeitpunktes der Ei- lichung distributiver Gerechtigkeit auf der anderen
gentumsübertragung. Für die Frage nach der Gerech- Seite kommt.
tigkeit oder Ungerechtigkeit einer solchen Übertra-
gung ist sie dagegen irrelevant.
›Güterverteilung‹ kann in einem aktiven und ei- Personelle und soziale distributive
nem passiven Sinn verstanden werden: Aktivisch ver- Gerechtigkeit
standen geht es um den Vorgang des Verteilens oder
um Verteilungsprozesse, passivisch um das Vertei- Für das gegenwärtige durch John Rawls’ Theorie ge-
lungsergebnis. Auch ist ›Verteilung‹ nicht so zu ver- prägte Verständnis distributiver Gerechtigkeit ist die
stehen, dass notwendigerweise ein Akteur voraus- Annahme grundlegend, dass sich deren Forderungen
gesetzt wird, der einseitig etwas an andere verteilt. primär und direkt auf Institutionen und soziale Struk-
Vielmehr sollen alle Transaktionen und sozialen Pro- turen beziehen und nur sekundär und indirekt auf
zesse eingeschlossen sein, die bestimmend dafür sind, Personen. Distributive Gerechtigkeit ist bei Rawls
über welche Güter die Mitglieder einer Gemeinschaft nicht länger in erster Linie personale Gerechtigkeit
verfügen können, also auch solche Transaktionen, die (s. Kap. II.24) wie bei Aristoteles, sondern sie ist vor-
in den Anwendungsbereich der kommutativen Ge- rangig soziale Gerechtigkeit (s. Kap. II.18).
rechtigkeit fallen. Im aristotelischen Paradigma ist Gerechtigkeit eine
Bei Aristoteles ist der Bereich der nach Grundsät- komplexe Disposition natürlicher Personen, die Ein-
zen der distributiven Gerechtigkeit zu verteilenden sichten, Intentionen, Wünsche und Gefühle ein-
Güter auf solche Dinge beschränkt, die sich nicht be- schließt, welche in ihrer Gesamtheit Menschen dazu
reits im privaten Besitz der Polismitglieder befinden. befähigen und motivieren, andere Personen gerecht
Es geht neben den politischen Ämtern und Ehrungen zu behandeln. Kollektive, Institutionen, Sozialstruk-
um Güter wie Kriegsbeute oder Tributzahlungen, die turen und statistische Verteilungen etwa von Einkom-
zu ihrer Nutzung unter den Bürgern der Polis auf- men oder Lebenschancen können unter dieser Vo-
geteilt werden. Es ist Aristoteles nicht in den Sinn ge- raussetzung nur indirekt als gerecht oder ungerecht
kommen, die Verteilung tendenziell aller für das betrachtet werden, nämlich mit Bezug auf Personen,
menschliche Wohl relevanten Güter – also auch Pri- die sie durch ihr Handeln hervorgebracht haben. Bei
vatbesitz – unter Grundsätze der distributiven Ge- Rawls legen die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit
rechtigkeit zu stellen. Einen Konflikt zwischen den demgegenüber »die richtige Verteilung der Früchte
Besitzstand wahrenden Ansprüchen der kommutati- und der Lasten der gesellschaftlichen Zusammen-
ven Gerechtigkeit und womöglich gegenläufigen For- arbeit fest«. Ihm zufolge »ist der erste Gegenstand der
derungen der distributiven Gerechtigkeit – wenn etwa Gerechtigkeit die Grundstruktur der Gesellschaft, ge-
die weniger Würdigen de facto über die größeren Be- nauer: die Art, wie die wichtigsten gesellschaftlichen
sitzstände verfügen – kann es bei Aristoteles aus die- Institutionen Grundrechte und -pflichten und die
sem Grund nicht geben. Das moderne philosophische Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit ver-
Verständnis distributiver Gerechtigkeit ist demgegen- teilen« (Rawls 1975, 20–23). Hier geht es weder um
über in Bezug auf ihren Anwendungsbereich tenden- Personen und ihre Tugenden noch um persönliche
ziell totalisierend und eben deshalb kontrovers: Alle Fähigkeiten und Dispositionen. Gegenstand der (dis-
für die Lebenschancen von Menschen wichtigen Gü- tributiven oder sozialen) Gerechtigkeit ist vielmehr
ter – einschließlich der privaten Einkommen und Ver- die institutionelle Grundstruktur der Gesellschaft und
mögen – sollen etwa im Utilitarismus oder in der die mit ihr verbundene Verteilung grundlegender
Rawlsschen Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness Rechte und Pflichten sowie der aus der sozialen Ko-
so verteilt werden, wie es den Grundsätzen der distri- operation resultierenden Gewinne.
butiven Gerechtigkeit entspricht. Ein konfliktfreies Die Grundstruktur und die durch sie bedingten
Nebeneinander von kommutativer und distributiver Formen politischer, ökonomischer und sozialer Un-
Gerechtigkeit aufgrund klar getrennter Regelungs- gleichheit bilden den normativen und empirischen
bereiche kann es unter dieser Voraussetzung nicht ge- Hintergrund für alle individuellen Handlungen und
12 Distributive Gerechtigkeit 83

Transaktionen. Die distributive Gerechtigkeit dieses Nach Hayek müssen wir ›spontane Ordnungen‹
Hintergrundes muss, so Rawls, bereits vorausgesetzt wie marktwirtschaftlich organisierte Gesellschaften
werden, bevor wir über die Gerechtigkeit individuel- von ›Organisationen‹ wie Unternehmen oder Kran-
ler Handlungen und Transaktionen urteilen können kenhäusern unterscheiden (vgl. zum Folgenden Ha-
(ebd., Abschn. 2). Darüber hinaus gilt, dass weder die yek 1976, Kap. 7 und 8). Organisationen dienen der
institutionelle Grundstruktur selbst noch die durch Verfolgung spezifischer Ziele, z. B. der Erzielung von
sie mitbewirkte Güterverteilung auf das gerechte oder Profit oder der Bereitstellung von Gesundheitsleistun-
ungerechte Handeln Einzelner zurückgeführt werden gen. Wenn sie wohlorganisiert sind, sind alle ihre Teile
können. Sie sind zum Teil das Ergebnis organisierten und alle Handlungen ihrer Mitglieder so aufeinander
kollektiven Handelns und zum Teil das nicht-inten- abgestimmt, dass das Organisationsziel so gut wie
dierte kumulative Resultat unzähliger individueller möglich erreicht wird. Eine spontane Ordnung beruht
Handlungen und Transaktionen. demgegenüber auf Handlungsregeln, die kein ge-
Wenn wir Institutionen analog zu natürlichen Per- meinsames Ziel vorgeben oder voraussetzen, sondern
sonen als (korporative) Akteure verstehen, können lediglich der Verfolgung individueller Ziele wechsel-
wir uns – mit Rawls und mit Aristoteles – fragen, ob seitig anzuerkennende Grenzen setzen. Dies geschieht
sie gerecht eingerichtet worden sind und ob sie ge- im Wesentlichen durch Verbote.
recht handeln. Darüber hinaus können und müssen Marktwirtschaften sind, anders als Planwirtschaf-
wir uns – mit Rawls, aber eben nicht mit Aristoteles – ten, spontane Ordnungen und keine Organisationen.
fragen, ob Institutionen mit Blick auf die aus ihrem Die für sie charakteristischen Regeln sind individuelle
Bestehen resultierende gesamtgesellschaftliche Güter- Eigentumsrechte und Regeln für den Transfer von Ei-
verteilung gerecht oder ungerecht sind. Denn für die- gentum. Eigentumsrechte verbinden eine bestimmte
se Verteilung gilt, dass sie zwar durch die Institutionen Freiheit – sein Eigentum innerhalb gewisser Grenzen
einer Gesellschaft maßgeblich beeinflusst, aber kei- nach Gutdünken zu gebrauchen – mit einem Verbot –
nesfalls durch diese Institutionen in geplanter und das Eigentum anderer ohne deren Zustimmung zu be-
kontrollierter Weise hervorgebracht wird. Ein aus nutzen. Anders als die Regeln einer Organisation die-
diesem Umstand resultierender notorischer Streitfall nen Eigentumsrechte nicht dazu, individuelles Han-
ist die Gerechtigkeit von Einkommensverteilungen deln so zu koordinieren, dass ein allen gemeinsames
durch Märkte. Egalitären Theoretikern wie Rawls zu- Ziel erreicht wird. In spontanen Ordnungen kann Ge-
folge sind Umverteilungsmaßnahmen hier angezeigt. rechtigkeit nach Hayek deshalb nur die Befolgung von
Andere Autoren wie Friedrich von Hayek und Robert Regeln für individuelle Handlungen und Transaktio-
Nozick bestreiten dies. Nozick geht so weit, die Be- nen (im Sinne einer kommutativen Gerechtigkeit) be-
steuerung von rechtmäßig erwirtschafteten Marktein- deuten. Grundsätze distributiver oder sozialer Ge-
kommen als eine Form der Zwangsarbeit zu betrach- rechtigkeit können, so Hayek, in ihnen prinzipiell kei-
ten (vgl. Nozick 1974, 169). ne sinnvolle Anwendung finden.
Hayeks Begründung für seine These beruht im We-
sentlichen auf zwei (aristotelischen) Voraussetzungen.
Kritik der sozialen Gerechtigkeit Die erste Voraussetzung ist, dass etwas nur in Bezug
auf menschliche Handlungen als gerecht oder unge-
In The Road to Serfdom konstatiert Friedrich von Ha- recht bezeichnet werden kann. Von Gerechtigkeit zu
yek, dass die westlichen Demokratien im Namen der sprechen, impliziert bereits, dass es jemanden gibt,
sozialen Gerechtigkeit in das Wirtschaftsgeschehen der eine Handlung ausführen oder nicht ausführen
eingreifen, um die aus Marktprozessen resultierenden soll. Die zweite Voraussetzung besteht in der Annah-
Einkommensverteilungen zu korrigieren. Im Ergeb- me, dass soziale Gerechtigkeit – ebenfalls ganz aristo-
nis werde dadurch die Idee der individuellen Freiheit telisch gedacht – darin besteht, jedem Einzelnen ge-
preisgegeben und eine Entwicklung zu einer kollekti- nau das Einkommen zukommen zu lassen, das ihm
vistischen, sozialistischen Planwirtschaft in Gang ge- gerechterweise zusteht. Beide Voraussetzungen kön-
setzt. ›Soziale Gerechtigkeit‹ sei lediglich eine rhetori- nen, so Hayek, in der spontanen Ordnung einer
sche Phrase, die politisch von denjenigen genutzt wer- Marktwirtschaft nicht erfüllt sein. Ein Markt ist keine
de, die den marktwirtschaftlichen Wettbewerb ab- Organisation, und es gibt keinen Akteur, der die aus
lehnten, sobald er ihre Besitzstände gefährde (vgl. unzähligen Marktgeschäften hervorgegangene Güter-
Hayek 1944). verteilung durch sein planerisches Tun und durch ent-
84 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

sprechende Anweisungen an alle Beteiligten hervor- Für Nozicks Kritik an der Rawlsschen Idee der dis-
gebracht hätte. Die aus dem Marktgeschehen resultie- tributiven Gerechtigkeit ist die Annahme entschei-
rende Einkommensverteilung ist das kumulative Er- dend, dass konsistente Gerechtigkeitstheorien entwe-
gebnis eines anonymen Prozesses, der von keiner der historische oder strukturelle Theorien sind, je-
Instanz vollständig kontrolliert werden kann. Es gibt doch niemals beides zugleich. Nozick konstatiert –
deshalb niemanden, dem diese Verteilung aufgrund ebenso wie zuvor schon Hayek –, dass in der Praxis
seines falschen Handelns als ungerecht zugerechnet jedes von einer Theorie strukturell vorgeschriebene
werden könnte. In der spontanen Ordnung einer Verteilungsergebnis auf längere Sicht durch eine Folge
Marktwirtschaft kann Gerechtigkeit nach Hayek des- individueller Transaktionen aufgehoben würde, und
wegen nur darin bestehen, dass die beteiligten Per- zwar auch dann, wenn diese Transaktionen historisch-
sonen sich an die für die Ordnung konstitutiven wech- prozeduralen Gerechtigkeitskriterien genügen: Man
selseitigen Verhaltensbeschränkungen halten. Und beginnt etwa, so die intuitive Idee, mit einem mut-
ebendiese Regeln legen kein bestimmtes Verteilungs- maßlich gerechten Verteilungsmuster distributiver
ergebnis für individuell gerechte Transaktionen fest Gleichheit und endet, aufgrund der Dynamik freiwil-
(vgl. ebd., Kap. 7). liger Tauschgeschäfte und Kooperationsbeziehungen
Hayeks Argumentation beruht nicht auf der (fal- und der aus ihnen resultierenden unterschiedlichen
schen) Annahme, dass es Regierungen unmöglich wä- Gewinne, doch bei einer (strukturell gesehen unge-
re, durch Märkte zustande gekommene Einkommens- rechten) ungleichen Güterverteilung (ebd., 160–164).
verteilungen zielgerichtet zu beeinflussen oder zu kor- Da nun jede Gerechtigkeitstheorie historische Infor-
rigieren. Er spricht sich etwa für die Gewährleistung mationen über das Zustandekommen von Güterver-
eines sozialen Minimums und damit für eine korrekti- teilungen als relevant betrachtet und damit historisch
ve Umverteilungsmaßnahme aus (vgl. ebd., Kap. 11). sein muss – es ist ja ein Unterschied, ob man Geld be-
Was er allerdings bestreitet, ist die Möglichkeit, in ei- sitzt, weil man in der Vergangenheit dafür gearbeitet
ner spontanen Ordnung durch Regeln individuellen oder weil man es gestohlen hat –, scheint Nozicks und
Handelns sicherzustellen, dass jedes Gesellschaftsmit- Hayeks Zurückweisung struktureller Theorien distri-
glied ein bestimmtes Einkommen erhält, das von ei- butiver Gerechtigkeit zwingend. Dies gilt zumindest,
ner Konzeption distributiver Gerechtigkeit festgelegt falls es zutrifft, dass Grundsätze für gerechte Güter-
wird. Hieran knüpft Robert Nozicks kritische Analyse verteilungen nicht zugleich historische und struktu-
der distributiven Gerechtigkeit an. relle Grundsätze einschließen können (vgl. Hinsch
Nozick unterscheidet zwischen strukturellen und 2016, 101–115).
historischen Gerechtigkeitstheorien (vgl. Nozick
1974, 153–155). Strukturelle Theorien beurteilen die
Gerechtigkeit einer Güterverteilung ausschließlich Distributive Hintergrundgerechtigkeit
aufgrund ihres Verteilungsergebnisses (Profils), das
heißt danach, welche Güteranteile auf die beteiligten Wenn distributive Gerechtigkeit darin bestünde, je-
Personen jeweils entfallen. Abhängig von dem Krite- dem das Einkommen (oder das Güterbündel) zukom-
rium, das zur Beurteilung eines Verteilungsprofils he- men zu lassen, das ihm gerechterweise zusteht, müsste
rangezogen wird, fragen sie z. B., ob alle Beteiligten eine Theorie distributiver Gerechtigkeit in der Tat eine
gleich viel bekommen haben oder ob alle das be- historische Theorie sein. Denn natürlich können wir
kommen haben, was ihrem Verdienst oder ihren Be- jemandem nur das Einkommen gerechterweise zu-
dürfnissen entspricht. Historische Theorien dagegen gestehen, das von ihm in rechtmäßiger Weise erwirt-
beurteilen Güterverteilungen nicht aufgrund ihres schaftet wurde und das damit eine gerechte Erwerbs-
Ergebnisses, sondern aufgrund des Hergangs ihres historie hat. Wenn wir uns allerdings das Rawlssche
Zustandekommens. Ihnen liegt ein prozedurales Ge- Differenzprinzip (s. Kap. II.25) als ein Prinzip der dis-
rechtigkeitsverständnis zugrunde: Gerecht ist, was tributiven Gerechtigkeit anschauen, stellen wir fest,
durch eine gerechte Vorgehensweise erreicht wurde, dass es gar keine Aussagen darüber zulässt, wer in ei-
wobei vorausgesetzt wird, dass die Ausgangslage, von ner Gesellschaft welches Einkommen beziehen sollte.
der aus eine bestimmte Güterverteilung erreicht wur- Das Differenzprinzip besagt, dass soziale und öko-
de, selbst gerecht war. Gerecht wäre dann, was immer nomische Ungleichheiten nur insoweit zulässig sind,
aus einer gerechten Ausgangslage in einer gerechten als sie sich zum größten Vorteil der am wenigsten be-
Weise hervorgeht. günstigten Mitglieder einer Gesellschaft auswirken.
12 Distributive Gerechtigkeit 85

Dies bedeutet aber nicht, dass irgendeine konkrete onsstandards und dergleichen mehr. Diese Regeln
Person ein bestimmtes Einkommen erhalten müsste. können aber keine Grundsätze der Hintergrund-
Es legt lediglich fest, dass die Einkommen der nied- gerechtigkeit wie etwa das Rawlssche Differenzprin-
rigsten Einkommensklasse so hoch wie möglich sein zip ersetzen, denn eine Person bezieht nicht schon
sollen, und zwar ganz unabhängig davon, wer in per- dann ein gerechtes Einkommen, wenn sie zu ihrem
sonam zu dieser Klasse gehört. Platz in der gesellschaftlichen Einkommensvertei-
Das Differenzprinzip bezieht sich als ein Prinzip lung auf rechtmäßige Weise gelangt ist, sondern erst
der distributiven Gerechtigkeit nicht auf Einzelper- wenn auch diese Einkommensverteilung selbst struk-
sonen, die in seinem Namen bestimmte Dinge für sich turellen und ergebnisorientierten Grundsätzen dis-
reklamieren könnten. Es bezieht sich auf Einkom- tributiver Gerechtigkeit genügt. Eine Theorie der Ge-
mensklassen, das heißt auf abstrakte statistische Grö- rechtigkeit gesellschaftlicher Einkommens- und Gü-
ßen, die nicht durch konkrete Personen und deren terverteilungen muss deshalb, anders als Nozick und
persönliche Eigenschaften definiert werden, sondern Hayek annehmen, sowohl ein historisches als auch
ausschließlich durch eine bestimmte Einkommens- ein strukturelles Gerechtigkeitsverständnis einschlie-
höhe. Das Differenzprinzip ist ein strukturelles Prin- ßen und damit Grundsätzen der kommutativen und
zip der distributiven Gerechtigkeit, insofern es ein be- der institutionellen distributiven (Hintergrund-)Ge-
stimmtes Verteilungsschema – mit maximalen Ein- rechtigkeit genügen.
kommen in der niedrigsten Einkommensklasse – vor-
gibt. Es legt uns aber auf kein Verteilungsprofil im Literatur
Sinne Nozicks fest, das eine bestimmte Gütervertei- Aristoteles: Nikomachische Ethik. Hg. und übers. von Ursula
lung auf Einzelpersonen vorschreiben würde. Viel- Wolf. Reinbek bei Hamburg 2006 [NE].
Arrow, Kenneth J.: Some ordinalist-utilitarian notes on
mehr zielt es auf statistische Einkommensklassen und Rawls’ theory of justice. In: The Journal of Philosophy 70
deren Verhältnis untereinander, völlig unabhängig da- (1973), 245–263.
von, welche Personen jeweils zu ihnen gehören. Bien, Günther: Gerechtigkeit bei Aristoteles. In: Otfried
Als ein strukturelles Prinzip, das statistische Ein- Höffe (Hg.): Die Nikomachische Ethik. Berlin 1995, 135–
kommensklassen und keine Beziehungen zwischen 164.
Brighouse, Harry/Robeyns, Ingrid (Hg.): Measuring Justice.
Individuen reguliert, ist das Differenzprinzip eine
Primary Goods and Capabilities. Cambridge 2010.
Norm der sozialen Hintergrundgerechtigkeit und Dworkin, Ronald: Sovereign Virtue, the Theory and Practice
nicht der personellen bzw. interpersonellen Gerech- of Equality. Cambridge MA 2000.
tigkeit. Es ist eine Frage, ob eine Person sich zu Recht Fleischacker, Samuel: A Short History of Distributive Justice.
oder gerechterweise in einer bestimmten sozialen Po- Cambridge MA 2004.
sition befindet, z. B. in der eines Arztes in einem städ- Hare, Richard M.: Moral Thinking: Its Levels, Method, and
Point. Oxford 1981.
tischen Krankenhaus. Und es ist eine andere Frage, ob
Harsanyi, John C.: Morality and the theory of rational beha-
das Einkommen, das sie in dieser Position bezieht, im viour. In: Amartya Sen/Bernard Williams (Hg.): Utilita-
Verhältnis zu allen anderen individuellen Einkom- rianism and Beyond. Cambridge 1982, 39–62.
men in der gesellschaftlichen Gesamtverteilung ge- Hayek, Friedrich A. von: The Road to Serfdom. Chicago
recht ist oder nicht. Auf beide Fragen müssen wir eine 1944.
prinzipiengeleitete Antwort geben können, wenn wir –: The Mirage of Social Justice. London 1976.
Hinsch, Wilfried: Gerechtfertigte Ungleichheiten. Grundsätze
über die Gerechtigkeit von gesellschaftlichen Güter- sozialer Gerechtigkeit. Berlin 2002.
verteilungen urteilen wollen. Und natürlich ist die –: Die gerechte Gesellschaft. Stuttgart 2016.
Antwort auf die Frage, ob Ärzte in städtischen Kran- Kraut, Richard: Aristotle. Political Philosophy. Oxford 2002.
kenhäusern gerecht entlohnt werden, völlig unabhän- Mill, John Stuart: Utilitarianism. London 1861 (dt. Stuttgart
gig davon, ob eine konkrete Person zu Recht das Ein- 1976).
Miller, David: Social Justice. Oxford 1976.
kommen eines Arztes in einem städtischen Kranken-
Nozick, Robert: Anarchy, State, and Utopia. New York 1974.
haus bezieht. Zur Beantwortung dieser letzten Frage Nussbaum, Martha: Creating Capabilities. The Human Deve-
benötigen wir Regeln individuellen Handelns, die lopment Approach. Cambridge MA 2011.
sich im Sinne einer kommutativen Gerechtigkeit auf Parfit, Derek: Reasons and Persons. Oxford 1984.
interpersonelle Transaktionen beziehen, wie sie in Pogge, Thomas: A critique of the capability approach. In:
Hayeks und Nozicks Konzeptionen eine zentrale Rol- Harry Brighouse/Ingrid Robeyns (Hg.): Measuring Justice.
Primary Goods and Capabilities. Cambridge 2010, 17–60.
le spielen: wechselseitige Verhaltensbeschränkungen,
Eigentumsrechte, Kooperationsregeln, Qualifikati-
86 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a. M. 13 Tauschgerechtigkeit


1975 (engl. 1971).
–: Gerechtigkeit als Fairness. Frankfurt a. M. 2006 (engl. Gegenstand der Tauschgerechtigkeit sind Tauschver-
2001).
Sen, Amartya K.: Equality of What? In: The Tanner Lectures hältnisse, zu denen neben dem nicht-kommerziellen
on Human Values I. Cambridge 1980, 195–220. Austausch von Gaben oder Leistungen insbesondere
–: Poor relatively speaking. In: Oxford Economic Papers 35/2 vertragliche Transaktionen wie Kauf-, Miet-, Darle-
(1983), 153–169. hens- und Arbeitsverträge gehören. Ein solches Ver-
–: Inequality Reexamined. Oxford 1992. hältnis liegt vor, wenn mehrere (meist zwei) Personen,
–: The Idea of Justice. Cambridge MA 2009.
von denen jede berechtigt ist, über bestimmte Güter
Sidgwick, Henry: The Methods of Ethics. London 71907.
Stewart, Frances: Basic needs strategies, human rights, and oder Leistungen zu disponieren, aus freien Stücken
the right to development. In: Human Rights Quarterly auf einen wechselseitigen Transfer solcher Güter oder
11/3 (1989), 347–375. Leistungen übereinkommen. Da Tauschverhältnisse
Vlastos, Gregory: Justice as equality. In: Richard Brandt auf die Zirkulation privater Besitz- und Verfügungs-
(Hg.): Social Justice. Englewood Cliffs NJ 1962, 31–72. rechte an knappen Gütern zielen, um die Menschen
Wilfried Hinsch konkurrieren, unterliegen sie Erfordernissen der Ge-
rechtigkeit. Und da sie der freien Einwilligung der be-
teiligten Parteien bedürfen, die diese bei rechter Erwä-
gung nur dann erteilen werden, wenn sie sich davon
einen Vorteil erwarten, liegt es nahe anzunehmen,
dass die Gerechtigkeit ein wohlausgewogenes, aus un-
parteiischer Sicht allgemein annehmbares Verhältnis
der getauschten Güter oder Leistungen zum allseiti-
gen Vorteil der Parteien verlangt. Damit stellt sich die
Frage nach den Erfordernissen der Gerechtigkeit, die
Tauschverhältnisse erfüllen müssen, um diesem Pos-
tulat zu entsprechen.
Die Beschäftigung mit dieser Frage hat eine lange
Tradition, die bis auf Aristoteles zurückgeht. Sein
Vorschlag war, Tauschverhältnisse dann als gerecht
zu betrachten, wenn die getauschten Güter oder Leis-
tungen gleichwertig oder äquivalent sind. Dieser Vor-
schlag war bis in die frühe Neuzeit die Leitidee diver-
ser Lehren des gerechten Preises, die versuchten, die
Angemessenheit der Preise der auf Märkten gehan-
delten Waren wie auch der Löhne für Arbeitstätigkei-
ten auf den diesen Gütern und Tätigkeiten inhärenten
Wert zurückzuführen. Da sich diese Lehren zuneh-
mend in unfruchtbare Spekulationen verliefen, ging
man nach und nach dazu über, den Blick auf die
Rahmenbedingungen vertraglicher Transaktionen zu
richten, welche die Vermutung der Äquivalenz der ge-
tauschten Waren oder Leistungen begründen könn-
ten. Damit verschob sich der Fokus der Theorien des
gerechten Preises von den Eigenschaften der ge-
tauschten Güter und Leistungen auf die prozeduralen
Bedingungen des Zustandekommens von Trans-
aktionen. Daraus hat sich schließlich die moderne,
heute vorherrschende Vorstellung der Tauschgerech-
tigkeit entwickelt, der zufolge vertragliche Trans-
aktionen dann als gerecht gelten, wenn sie von ent-
scheidungsfähigen Personen in Kenntnis der relevan-
13 Tauschgerechtigkeit 87

ten Tatsachen aus freien Stücken in ihrem wohlüber- dem Titel iustitia correctiva zu behandeln (s. Kap.
legten Interesse eingegangen werden. II.19). Dementsprechend wird es auch im Folgenden
nur um die Gerechtigkeit vertraglicher Tauschverhält-
nisse gehen, für die im Deutschen der Name Tausch-
Tauschgerechtigkeit bei Aristoteles gerechtigkeit zur Verfügung steht, während sie in ande-
ren Sprachen vielfach weiterhin als kommutative Ge-
Aristoteles hat zwei partikulare Grundformen der rechtigkeit angesprochen wird (im Englischen auch
Gerechtigkeit unterschieden, die sich auf verschiede- als justice in exchange oder transactional justice).
ne Handlungsbereiche beziehen und unterschiedli- Aristoteles’ Ausführungen über Tauschgerechtig-
che Erfordernisse der Gerechtigkeit inkludieren: ers- keit sind gedankenreich, aber auch ziemlich unklar
tens die Gerechtigkeit der Verteilung von öffent- (Bien 1995). Hier sollen nur die zentralen Thesen her-
lichen Anerkennungen, Geld oder sonstigen Gütern, vorgehoben werden:
die den Mitgliedern eines Gemeinwesens zugeteilt 1. Da die Bürger infolge der Arbeitsteilung verschie-
werden können, und zweitens die Gerechtigkeit des dene Leistungen erbringen und zur Befriedigung
Ausgleichs der Vorteile oder Nachteile von Inter- ihrer Bedürfnisse die Leistungen Anderer benöti-
aktionen zwischen einzelnen Personen, wobei er zu gen, gehen sie zum Austausch ihrer jeweiligen
diesen Interaktionen sowohl freiwillige Vertragsver- Leistungen vertragliche Transaktionen ein, wo-
hältnisse (wie Kauf, Darlehen, Bürgschaft) als auch durch zugleich der Zusammenhalt der Gesell-
unfreiwillig erlittene Rechtsverletzungen (wie Dieb- schaft gesichert werde (NE V 8 1132b 32–1133a
stahl, Ehebruch, Misshandlung, Raub, Freiheitsbe- 14).
raubung) zählte. In diesem Beitrag interessiert nur 2. Solche Transaktionen seien gerecht, wenn Gleiches
die zweite Grundform, die, in Anlehnung an den von mit Gleichem nach ›arithmetischer Proportionali-
Thomas von Aquin eingeführten Terminus iustitia tät‹ vergolten werde, d. h. allein in Hinsicht auf die
commutativa, als kommutative oder ausgleichende ausgetauschten Leistungen und unabhängig von
Gerechtigkeit bezeichnet wird (s. Kap. II.12), weil sie den Eigenschaften der beteiligten Parteien, die
mit Bezug auf beide Sorten von Interaktionen einen von Rechts wegen als Gleiche behandelt werden
Ausgleich zwischen den beteiligten Personen im Sin- (NE V 7 1131b 32–1132a 10).
ne einer gewissen Gleichheit ihrer Vor- und Nachtei- 3. Als Messeinheit, mit der die getauschten Güter be-
le verlangt. züglich ihres Werts verglichen werden können,
Die zweifache Bezugnahme der kommutativen Ge- diene zunächst das Geld, das eben zu diesem
rechtigkeit auf vertragliche Transaktionen und auf Zweck durch Übereinkunft geschaffen worden sei.
Rechtsverletzungen leuchtet allerdings kaum noch Da aber der Bereitschaft, für ein Gut Geld zu zah-
ein, auch wenn sie im Kontext des archaischen Rechts- len, stets ein Bedarf an diesem Gut zugrunde liege,
denkens, dem Aristoteles noch bis zu einem gewissen sei der letzte Maßstab des Werts der Tauschobjek-
Grade verhaftet war, als naheliegend erscheinen te der Bedarf der Menschen (NE V 8 1133a 19–31).
mochte, weil das grundlegende Prinzip dieses Den- 4. Die Gleichheit der Tauschgüter liege vor, wenn die-
kens, das Prinzip der Vergeltung, sowohl die Erwide- se zueinander im gleichen Verhältnis stünden wie
rung empfangener Leistungen durch angemessene die Vertragsparteien, was wohl bedeuten soll:
Gegenleistungen als auch die Berichtigung eines erlit- wenn diese an den eingetauschten Gütern glei-
tenen Unrechts durch eine entsprechende Entschädi- chen Bedarf haben und daher gleichen Vorteil da-
gung oder Strafe verlangte (vgl. NE V 8 1132b 21– raus ziehen (NE V 8 1133a 31–1133b 20).
1133a 6). Diese Verknüpfung ist aber im Kontext grö- Diese Thesen können trotz der vielen Fragen, die sie
ßerer Gesellschaften, in denen sich der marktliche Ge- aufwerfen, wohl nur so gedeutet werden, dass die Ge-
schäftsverkehr und die staatliche Rechtsprechung zu rechtigkeit von Tauschverhältnissen die Gleichwertig-
eigenständigen Handlungsbereichen ausdifferenziert keit oder Äquivalenz der Tauschgüter verlangt, welche
haben, nicht mehr tragfähig. Infolgedessen ist es sich ihrerseits letztlich am Nutzen dieser Güter für die
schon seit dem späten Mittelalter zunehmend üblich Beteiligten bemisst. In diesem Sinn wurde Aristoteles’
geworden, die Kategorie der iustitia commutativa in Auffassung jedenfalls von den Denkern des Mittel-
erster Linie auf vertragliche Transaktionen zu bezie- alters verstanden, die an sie anknüpfend Lehren des ge-
hen und die Gerechtigkeit der Kompensation oder Pö- rechten Preises entwickelten. Zu diesem Zweck muss-
nalisierung von Rechtsverletzungen separat unter ten sie sich mit einer Reihe von Fragen beschäftigen,
88 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

die Aristoteles offengelassen oder aus christlicher einzuwenden, »wann jemand den maßvollen Gewinn,
Sicht nicht überzeugend beantwortetet hatte. Eine of- den er als Kaufmann sucht, auf die Erhaltung seines
fene Frage war das von Aristoteles nicht geklärte Ver- Hauses hinordnet, oder auch, um den Bedürftigen zu
hältnis zwischen dem Gebrauchswert von Gütern, der helfen; oder auch, wann einer sich auf den Handel ver-
sich aus dem an ihnen bestehenden Bedarf ergibt, und legt des öffentlichen Nutzens wegen, damit nämlich
ihrem Tauschwert, der in ihrem Preis Ausdruck findet nicht die notwendigen Dinge für das Leben im Vater-
und offensichtlich nicht bloß vom Bedarf, sondern lande fehlen, und er den Gewinn nicht sozusagen als
auch vom Grad der Knappheit der Güter und dem für Zweck, sondern als Lohn der Mühe erstrebt« (STh II-
ihre Herstellung erforderlichen Aufwand abhängt. Ein II, 77 Art. 4, zit. nach Thomas 1985, 353). Obwohl
weiteres Problem ergab sich aus der von Aristoteles Thomas im Prinzip die aristotelische Auffassung der
weitgehend vernachlässigten Rolle der menschlichen Tauschgerechtigkeit als Äquivalenz verteidigte, reflek-
Arbeit, die durch das Christentum eine erhebliche tieren seine Überlegungen bis zu einem gewissen Gra-
Aufwertung gegenüber dem Denken der antiken Skla- de schon eine davon abweichende Auffassung. Das gilt
venhaltergesellschaften erfahren hatte. Auch Aristote- insbesondere für seine Erörterungen in Quaestio 77
les’ Geringschätzung gewinnorientierter Handels- über Betrügereien beim Kauf und Verkauf, also über
geschäfte, vor allem solcher des Fernhandels, konnte Umstände, die vertragliche Geschäfte ungerecht ma-
angesichts ihrer wachsenden Bedeutung für die wirt- chen, wie überteuerte Preise, Sachmängel der verkauf-
schaftliche Entwicklung der Städte im Hochmittel- ten Dinge und das Verschweigen solcher Mängel
alter nicht mehr überzeugen. durch den Verkäufer. Darin stellt Thomas nicht auf ei-
nen – wie auch immer zu messenden – wahren Wert
der Güter ab, sondern vielmehr auf das Verhalten der
Die Lehren des gerechten Preises Vertragsparteien und die Bedingungen, unter denen
und ihre Probleme sie sich auf ein Geschäft einigen.
Dessen ungeachtet wurden nach Thomas bis zum
In Reaktion auf diese Probleme hat schon Albertus ausgehenden Mittelalter weiterhin vielfältige Bemü-
Magnus (1193–1280), der Aristoteles’ Konzeption von hungen unternommen, ein brauchbares Maß für den
Gerechtigkeit weitgehend übernahm und bekräftigte, Wert von Gütern und Leistungen zu finden, indem
dessen Herleitung des Werts von Gütern aus dem man die subjektiven Komponenten ihres Gebrauchs-
nach ihnen bestehenden Bedarf durch eine objektive werts zu präzisieren und mit diversen objektiven Fak-
Bestimmungsgröße des Tauschwerts ergänzt. So toren der für ihre Produktion und Bereitstellung er-
schlug er vor, die Gleichheit der Tauschgüter in dem forderlichen Kosten zu kombinieren suchte. So wurde
Sinne zu verstehen, »dass gleiche Mengen von Arbeit z. B. vorgeschlagen, dass bei der Bemessung des Prei-
und Kosten (labores et expensae) gegeneinander aus- ses von Gütern auch die erwarteten künftigen Wert-
getauscht werden müssen. Denn wenn der Verfertiger steigerungen zu berücksichtigen seien oder dass der
von Betten nicht an Quantität und Qualität so viel gerechte Preis von Gütern und Leistungen deren Ver-
empfängt, als seinem Aufwand für dieselben ent- käufern oder Anbietern ein standesgemäßes Einkom-
spricht, wird er in Zukunft kein Bett mehr machen; so men sichern müsse (vgl. Kaulla 1904, 597 f.). Besonde-
wird das Gewerbe des Bettmachens zerstört werden. re Probleme bereitete dabei der Versuch, den Wert
Ähnlich steht es mit den übrigen Gewerben« (Alber- von Arbeitsleistungen für die Bemessung gerechter
tus Magnus 1651, Ethicorum, V II, 7, zit. nach Kaulla Löhne zu ermitteln (Johnson 1938; Epstein 1991). Alle
1904, 588 f.). diese Bemühungen haben jedoch wenig gefruchtet,
Noch einen Schritt weiter ging Alberts Schüler weil sie die für den Wert von Gütern oder Leistungen
Thomas von Aquin (1225–1274), der für die Einschät- maßgeblichen Kriterien zunehmend vermehrten und
zung des Werts gehandelter Güter neben dem für ihre damit den Maßstab selber immer unklarer werden lie-
Produktion erforderlichen landesüblichen Aufwand ßen. Dennoch waren sie insofern durchaus produktiv,
an Arbeit und Kosten auch die mit ihrem Transport als sie in Lehren des gerechten Preises mündeten, die
verbundenen Risiken gelten ließ und überdies den ge- von der Vermutung ausgingen, der gerechte Preis zei-
winnorientierten Handel nicht mehr verdammte, son- ge sich in der Regel im Marktpreis, dessen Gerechtig-
dern wegen seines öffentlichen Nutzens als moralisch keit sie jedoch dann in Frage stellten, wenn der Markt-
erlaubt betrachtete: Gegen die im kaufmännischen prozess, durch den er sich bildete, als unausgewogen
Geschäft erzielten Gewinne sei nämlich dann nichts erschien (vgl. Trusen 1997; Langholm 1998, 77–99).
13 Tauschgerechtigkeit 89

Die Marktkonzeption Demgemäß gilt eine Transaktion als gerecht, wenn sie
der Tauschgerechtigkeit unter Bedingungen zustande kommt, die sicherstellen,
dass sie im wohlverstandenen Interesse aller beteilig-
Diese Annäherung an das Problem des gerechten ten Parteien liegt, also jeder Partei hinreichenden Vor-
Preises hat sich der einschlägigen historischen For- teil bringt. Und da ein wohlgeordneter Markt diese Be-
schung zufolge im späten Mittelalter und in der frü- dingungen prima facie zu garantieren scheint, kann
hen Neuzeit weithin durchgesetzt (vgl. Höffner 1953; vermutet werden, dass die Preise, die sich auf einem
De Roover 1958; Trusen 1997; Langholm 1998; Wood solchen Markt durch das Zusammenspiel von Angebot
2002). So waren sich laut Winfried Trusen die deut- und Nachfrage von selber bilden, gerecht sind. Diese
schen Gelehrten des Spätmittelalters, Theologen wie Konzeption der Tauschgerechtigkeit steht und fällt al-
Juristen, weitgehend darüber einig, »daß sich der Wert lerdings mit der Möglichkeit, die Bedingungen eines
einer Ware in der Regel nach der allgemeinen Schät- wohlgeordneten Marktes auf eine Weise zu spezifizie-
zung und der Stärke der Nachfrage in gerechter Weise ren, welche die Annahme rechtfertigt, dass die auf ihm
bestimme. Allerdings muß dabei Betrug, Zwang und getätigten Transaktionen tatsächlich im besten Inte-
Irrtum ausgeschlossen sein. Der Marktpreis, so meint resse der beteiligten Parteien liegen, aber auch das Ge-
man, sei immer dann gerecht, wenn er nicht durch un- meinwohl fördern (vgl. Langholm 1998; Wood 2002,
lautere Manipulation und Spekulationen sowie durch 132–158; Sturn 2007).
eine unverantwortliche Haltung bestehender Mono- Eine Theorie der Tauschgerechtigkeit, die eben dies
pole gestört werde, wenn er also das Ergebnis ehr- leistet, stand jedoch lange Zeit nicht zur Verfügung.
lichen Wettstreites verantwortungsbewußter Kaufleu- Die Tradition der Lehre vom gerechten Preis erreichte
te sei« (Trusen 1997, 535). ihren Gipfelpunkt in der Spätscholastik des 16. Jahr-
Eine ziemlich ausgefeilte Lehre der gerechten Preis- hunderts und ist danach weitgehend zum Stillstand ge-
bildung auf einem wohlgeordneten Markt wurde von kommen; die sich von der Theologie zunehmend
der spanischen Spätscholastik der Schule von Salaman- emanzipierende akademische Philosophie hat sich für
ca des 16. Jahrhunderts entwickelt. Deren Vertreter, so die Tauschgerechtigkeit nicht mehr interessiert; und
insbesondere Francisco de Vitoria (1483–1546) und die sich zugleich entwickelnde Ökonomik hat zwar
Luis de Molina (1535–1600), erklärten, der gerechte dem Markt wachsende Aufmerksamkeit geschenkt,
Preis bestimme sich nicht nach dem Gewinn und Ver- aber nicht unter dem Gesichtspunkt der Tausch-
lust der Kaufleute, sondern nach dem Verhältnis von gerechtigkeit, sondern dem der Nützlichkeit für die
Angebot und Nachfrage an dem Ort, wo die Waren Beteiligten und die Gesellschaft insgesamt. Allerdings
verkauft werden. Infolgedessen könne der Preis eines kristallisierte sich in der Jurisprudenz eine vage Vor-
Gutes zwar von Ort zu Ort variieren, pendle sich am stellung davon heraus, welcher Regelungen Märkte be-
selben Ort aber auf einen einheitlichen Preis ein. Die dürfen, damit sie funktionieren und einigermaßen ge-
genannten Gelehrten betonten auch die Bedeutung rechte, zumindest nicht allzu ungerechte Ergebnisse
des Wettbewerbs für die Bildung gerechter Marktprei- zeitigen. Die Grundzüge dieser juristischen Vorstellung
se und überhaupt für das richtige Funktionieren des des Marktes kann mit etwas Mut zur Typisierung wie
Marktes. Deshalb hielten sie regulierende Maßnah- folgt resümiert werden.
men der öffentlichen Autoritäten für zulässig, ja für ge- Der Bereich marktfähiger Güter umfasst all jene
boten, wenn bestimmte Umstände den Marktprozess Dinge, die Objekt veräußerlicher Eigentums- oder
behinderten. Als solche Umstände galten insbesonde- Verfügungsrechte sein können. Dieser Bereich wird
re private Monopole, wozu alle Formen von Markt- beschränkt durch Normen, die bestimmte Dinge ent-
macht gerechnet wurden, die es einzelnen Beteiligten, weder überhaupt für unveräußerlich erklären oder der
wie etwa Zünften und Kaufleuten, ermöglichten, die kommerziellen Verwertung entziehen. Den Kreis
Preise entweder über oder unter das Wettbewerbs- möglicher Marktteilnehmer bilden all jene Personen,
niveau zu drücken (vgl. Höffner 1941, 101–146; Höff- die geschäftsfähig, d. h. zur Durchführung gültiger
ner 1953, 190–202; De Roover 1958, 424–430). Rechtsgeschäfte befugt sind. Diese Personen müssen
Damit schälte sich nach und nach eine neue, proze- wenigstens über ein Mindestmaß jener geistigen Fä-
durale Konzeption der Tauschgerechtigkeit heraus, higkeiten verfügen, die dafür erforderlich sind, eigene
welche die Gerechtigkeit vertraglicher Transaktionen Interessen selber wahrzunehmen. Die Regeln über die
an deren Rahmenbedingungen statt an den von ihnen zulässigen Formen vertraglicher Transaktionen sollen
unabhängigen Wert der Güter oder Leistungen knüpft. gewährleisten, dass solche Transaktionen von den Be-
90 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

teiligten freiwillig in Kenntnis der wesentlichen Ei- ren (vgl. Buchanan 1985, 14–18; Gauthier 1986, 85–
genschaften der in Betracht stehenden Güter und 90; Stiglitz 1999, Kap. 8 und 13).
Leistungen zustande kommen. Zu diesem Zweck Markttransaktionen, die unter diesen Bedingungen
muss das Recht den Gebrauch von Gewalt und Zwang zustande kommen, sind jedenfalls effizient, weil sie
ebenso wie Irreführung und Betrug verbieten und na- von jeder Vertragspartei gegenüber dem jeweils zuvor
türlich auch die Einhaltung gültig geschlossener Ver- bestehenden Zustand vorgezogen werden und keine
träge sicherstellen. Und die Regelung des Marktwett- nachteiligen Auswirkungen auf Dritte haben. Sie er-
bewerbs soll einen fairen Wettbewerb garantieren, der scheinen aber auch als gerecht, also aus unparteiischer
die Bildung von Marktmacht verhindert, damit es kei- Sicht akzeptabel, wenn gilt, dass jede Vertragspartei ei-
ner Partei möglich ist, andere zur Einwilligung in nen begründeten, auch gegenüber Dritten vertret-
nachteilige Vertragskonditionen zu nötigen. baren Anspruch hat, über die von ihr jeweils trans-
Eine elaborierte ökonomische Markttheorie, die die- ferierten Güter oder Leistungen zu verfügen. Das setzt
se rechtliche Vorstellung fundieren konnte, ist erst mit allerdings voraus, dass die den Transaktionen voran-
der Entwicklung der klassischen politischen Öko- gehende Verteilung der Eigentums- und Verfügungs-
nomie entstanden. Der locus classicus dieser Theorie rechte der Beteiligten selber schon gerecht ist, also den
ist Adam Smiths berühmte These der unsichtbaren dafür maßgeblichen Erfordernissen der Gerechtigkeit
Hand: Eine freie Marktwirtschaft, die das Privateigen- entspricht. Gerechte Tauschverhältnisse erfordern
tum garantiert, die Einhaltung von Verträgen er- demnach zweierlei: erstens einen fairen Markt, der im
zwingt und einen freizügigen Wettbewerb sichert, idealen Fall dem Modell eines perfekten Marktes na-
bringe auch dann, wenn jede Person nur ihren eige- hekommt, von dem reale Märkte freilich stets mehr
nen Vorteil verfolgt, von selber Ergebnisse hervor, die oder minder abweichen; und zweitens eine gerechte
allen Beteiligten größtmöglichen Nutzen bringen und Ausgangsverteilung der getauschten Güter, die jedoch
den allgemeinen Wohlstand steigern. Denn der Markt nicht allein den Erfordernissen der Tauschgerechtig-
bewirke nicht nur, dass sich das Angebot eines jeden keit, sondern letztlich jenen der distributiven Gerech-
Guts von selber auf die Nachfrage einpendle, sondern tigkeit unterliegt, da auch den früheren Transaktionen,
er induziere auch eine stetige Steigerung der Arbeits- aus denen sie hervorgegangen sein mag, selber schon
teilung und der Arbeitsproduktivität, die schließlich eine gerechte Ausgangsverteilung zugrunde gelegen
der ganzen Gesellschaft zum Nutzen gereiche (Smith haben muss. Dies führt zu der Konzeption der Tausch-
1776/1974, 9–22, 48–56). Diese These hat eine pro- gerechtigkeit als Marktgerechtigkeit, die zum Abschluss
duktive Tradition ökonomischer Theoriebildung in- in aller Kürze skizziert sei (dazu näher Koller 2010).
spiriert, die bis zur gegenwärtig vorherrschenden
Neoklassik führt (dazu Haslinger/Schneider 1983;
Kurz 2013, Kap. 4–9). Konklusion
Die neoklassische Theorie geht zur Erklärung und
Bewertung realer Märkte vom idealisierten Modell ei- Die vorgeschlagene Konzeption der Tauschgerechtig-
nes perfekten Wettbewerbsmarktes aus, das einen for- keit, deren Erfordernisse den Bedingungen eines per-
malen Beweis dafür liefert, dass unter bestimmten fekten Marktes nachgebildet sind, kann in erster An-
Idealbedingungen ein Gleichgewicht von Angebot näherung etwa so formuliert werden: Marktliche
und Nachfrage entsteht, bei dem der Preis der Güter Tauschverhältnisse sind gerecht, wenn sie von voll-
auf das geringstmögliche Niveau der notwendigen kommen rationalen Personen, die ihr bestes Interesse
Produktionskosten sinkt und eine Pareto-optimale zu verfolgen vermögen, in vollkommener Kenntnis al-
Allokation knapper Ressourcen zustande kommt. Zu ler hierfür relevanten Informationen aus freien Stü-
diesen Bedingungen gehören vor allem die folgenden: cken unbeeinflusst von sozialen Machtungleichheiten
die Ausstattung aller Teilnehmer mit marktfähigen geschlossen werden, unter der Voraussetzung einer
Ressourcen, die ihnen einen freien Marktzugang er- gerechten Ausgangsverteilung der individuellen Ei-
möglichen; die vollkommene Rationalität und Infor- gentums- und Verfügungsrechte an den getauschten
miertheit aller Beteiligten; die Nichtexistenz von Gütern und Leistungen. So formuliert, stellt die Kon-
Transaktionskosten und externen Effekten; die Elas- zeption allerdings extrem hohe Anforderungen, die
tizität von Angebot und Nachfrage; sowie ein freier von realen Vertragsgeschäften ebenso wenig erfüllt
Wettbewerb, in dem kein Teilnehmer die Macht hat, werden können wie die Idealbedingungen des perfek-
die Ergebnisse marktlicher Transaktionen zu diktie- ten Marktes von realen Märkten. Diese Version kann
13 Tauschgerechtigkeit 91

daher nur als eine Idealvorstellung, als eine regulative oder minder gravierenden Mängeln leiden. Aus die-
Idee, verstanden werden, von der entsprechende Ab- sem Grund ist es entgegen der Ansicht der Verfechter
striche gemacht werden müssen, um zu einer prakti- eines radikalen Marktliberalismus wie Robert Nozick
kablen Deutung der Tauschgerechtigkeit zu gelangen, (1974) oder Friedrich A. von Hayek (1976) auch ver-
die einerseits die Anforderungen an zulässige Trans- fehlt, von der Annahme einer Marktordnung, in
aktionen auf ein erfüllbares Niveau reduziert, ande- der sich aus einer für gerecht oder akzeptabel gehalte-
rerseits aber die freie Selbstbestimmungsfähigkeit je- nen ursprünglichen Anfangsverteilung individueller
der Person garantiert und deren Übervorteilung und Rechte im Wege einer Sequenz gerechter Transaktio-
Ausbeutung unterbindet. Eine solche Deutung muss nen eine bestimmte Güterverteilung ergeben hat, auf
aber doch stärkere Anforderungen an den Marktver- deren Gerechtigkeit oder Unanfechtbarkeit zu schlie-
kehr stellen als das positive Recht, das die Gültigkeit ßen. Die Gewährleistung einer akzeptablen Ausgangs-
von Verträgen nur an Minimalbedingungen knüpfen verteilung, welche die Tauschgerechtigkeit verlangt,
kann, um dem Geschäftsleben nicht allzu große Hin- ist daher eine ständige Aufgabe einer gerechten sozia-
dernisse entgegenzusetzen. len Ordnung. Die Frage, wie diese Ausgangsverteilung
Eine praktikable Deutung der Tauschgerechtigkeit, beschaffen sein muss, ist jedoch nicht allein eine Frage
die diesen Erwägungen Rechnung trägt, könnte so der Tauschgerechtigkeit, sondern insbesondere auch
lauten: Vertragliche Transaktionen können als gerecht eine der sozialen Verteilungsgerechtigkeit (Koller
gelten, wenn sie 2008; s. auch Kap. II.18).
• im Wege freier Übereinkünfte hinreichend selbst-
bestimmungsfähiger und informierter Personen Literatur
zustande kommen, Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Hg. von Olof Gigon.
• keine gravierenden negativen Auswirkungen auf München 1972 [NE].
Bien, Günther: Gerechtigkeit bei Aristoteles. In: Otfried Höf-
Dritte haben, fe (Hg.): Die Nikomachische Ethik. Berlin 1995, 135–164.
• nicht von erheblichen sozialen Machtungleichhei- Buchanan, Allen: Ethics, Efficiency, and the Market. Totowa
ten bestimmt werden und schließlich 1985.
• auf der Basis einer einigermaßen akzeptablen, zu- De Roover, Raymond: The concept of the just price: Theory
mindest nicht offenkundig ungerechten Aus- and economic policy. In: The Journal of Economic History
18/4 (1958), 418–434.
gangsverteilung der individuellen Eigentums-
Epstein, Steven A.: The theory and practice of the just wage.
und Verfügungsrechte stattfinden. In: Journal of Medieval History 17 (1991), 53–69.
Demgemäß sind Transaktionen in dem Maße unge- Gauthier, David: Morals by Agreement. Oxford 1986.
recht, in dem sie diese Anforderungen nicht erfüllen. Haslinger, Franz/Schneider, Johannes: Die Relevanz der
Infolgedessen hat eine Marktordnung für Rahmen- Gleichgewichtstheorie. In: Ökonomie und Gesellschaft, Jb.
bedingungen des Vertragsverkehrs Sorge zu tragen, 1: Die Neoklassik und ihre Herausforderungen. Frankfurt
a. M. 1983, 1–55.
die einerseits sicherstellen, dass die getätigten Trans-
Hayek, Friedrich August von: Law, Legislation and Liberty,
aktionen im Großen und Ganzen den genannten An- Vol. 2: The Mirage of Social Justice. London 1976.
forderungen entsprechen, andererseits aber auch ge- Höffner, Joseph: Wirtschaftsethik und Monopole im fünf-
eignete Mittel bieten, die Ergebnisse ungerechter zehnten und sechzehnten Jahrhundert. Jena 1941.
Transaktionen zu korrigieren, sei es durch deren Au- –: Der Wettbewerb in der Scholastik. In: Ordo 5 (1953), 181–
ßerkraftsetzung, Nachbesserung oder Berichtigung 202.
Johnson, E. A. J.: Just price in an unjust world. In: Ethics 48
im Wege der Kompensation erlittener Nachteile. Da (1938), 165–181.
jedoch selbst wohlfunktionierende und einigermaßen Kaulla, Rudolf: Die Lehre vom gerechten Preis in der Scho-
gerechte Märkte wegen ihrer Eigendynamik oder in- lastik. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 60
folge der kumulativen Effekte kleiner Ungerechtigkei- (1904), 579–602.
ten zu erheblichen Ungleichheiten führen können, Koller, Peter: Markt, Tauschgerechtigkeit und Macht. In:
Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik,
welche die nachfolgenden Transaktionen zunehmend
Jb. 7: Macht in der Ökonomie. Marburg 2008, 215–240.
verzerren, kann es auch notwendig sein, diese Un- –: Market efficiency and contractual justice. In: Tadeusz
gleichheiten durch eine Neujustierung der individuel- Czarnecki et al. (Hg.): The Analytical Way. Proceedings of
len Verfügungsrechte oder durch umverteilende Maß- the 6th European Congress of Analytic Philosophy. London
nahmen zu korrigieren, um den Marktprozess wieder 2010, 167–186.
in halbwegs gerechte Bahnen zu lenken. Und das gilt Kurz, Heinz D.: Geschichte des ökonomischen Denkens. Mün-
chen 2013.
umso mehr für die meisten realen Märkte, die an mehr
92 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

Langholm, Odd: The Legacy of Scholasticism in Economic 14 Feministische Gerechtigkeit


Thought. Antecedents of Choice and Power. Cambridge
1998. Ausgangspunkt feministischer Theorien der Gerech-
Nozick, Robert: Anarchy, State, and Utopia. New York 1974.
Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen. Eine Unter- tigkeit ist die Frage nach dem Verhältnis der Ge-
suchung seiner Natur und seiner Ursachen. Hg. von Horst schlechter und die Kritik an geschlechtshierarchischen
Claus Recktenwald. München 1974 (engl. 1776). Strukturen, gesellschaftlicher Diskriminierung und
Stiglitz, Joseph E.: Volkswirtschaftslehre. München 1999 Marginalisierungen von Frauen. Grundlegend ist folg-
(engl. 1997). lich ein Interesse daran, zu analysieren und zu konzep-
Sturn, Richard: Gerechter Preis und Marktpreis. Zur Inter-
tualisieren, welche Relevanz der Unterschied zwischen
dependenz von Religion, Ökonomie und Sozialtheorie. In:
Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomie, Geschlechtern in gerechten Gesellschaften noch ha-
Jb. 6: Ökonomie und Religion. Marburg 2007, 89–111. ben kann und sollte (s. Kap. V.62). Trotz dieses ein-
Thomas von Aquin: Summe der Theologie, Bd. 3: Der Mensch heitlichen Kennzeichens sind feministische Theorien
und das Heil. Hg. von Joseph Bernhart. Stuttgart 21954, der Gerechtigkeit so vielfältig wie feministische Theo-
Nachdr. 1985. rien generell: Es gibt nicht eine feministische Gerech-
Trusen, Winfried: Äquivalenzprinzip und gerechter Preis im
Spätmittelalter [1967]. In: Ders.: Gelehrtes Recht im Mittel-
tigkeitstheorie, sondern unterschiedliche Positionen,
alter und in der frühen Neuzeit. Goldbach 1997, 531–547. Traditionen und politische Ideale (vgl. Dietz 1998; vgl.
Wood, Diana: Medieval Economic Thought. Cambridge 2002. auch Jaggar/Young 1998, 487–581). Diese verschiede-
nen Perspektiven sollen anhand dreier Problemfelder
Peter Koller
beschrieben werden, nämlich dem von Gleichheit vs.
Differenz, dem der Differenz zwischen dem Privaten
und Öffentlichen und dem von Demokratie und Öf-
fentlichkeit. Abschließend werden gegenwärtig zen-
trale und richtungsweisende Debatten skizziert.

Gleichheit und Differenz

Zentraler Aspekt in der Diskussion feministischer Ge-


rechtigkeitstheorien ist die Frage, ob Nicht-Diskrimi-
nierung von Frauen einfachhin die ›Gleichheit‹ der
Geschlechter bedeutet, respektive was denn eine sol-
che ›Gleichheit‹ impliziert: Welche Gleichheit ist
möglich, welche Differenz ist nötig? Besonders in den
ersten Jahren feministischer Theoriebildung in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Debatte
um Gleichheit vs. Differenz erbittert geführt (vgl. ge-
nauer meinen Beitrag Rössler 1996, auf den ich mich
im Folgenden stütze).
In einer ersten Runde des Streits lassen sich die
beiden Positionen noch vergleichsweise schematisch
beschreiben: Kultivierung, Zelebrierung weiblicher
Eigenschaften und ›weiblicher Differenz‹ auf der ei-
nen Seite und Orientierung an Gleichheit (mit den
Männern) auf der anderen Seite, wie etwa im Blick auf
die gleiche Verteilung von Erwerbsarbeit, einher-
gehend allerdings mit einer grundsätzlichen Kritik an
der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung (z. B. Mol-
ler Okin 1989). Demgegenüber beharrten die Positio-
nen der Differenz auf der Unterschiedlichkeit der Ge-
schlechter und damit auch auf der Unterschiedlich-
keit ihrer gesellschaftlichen Rollen und klagten deren
14 Feministische Gerechtigkeit 93

gesellschaftliche Gleichbewertung – also eine beson- soziale Anerkennung von Differenzen in der Lebens-
dere Aufwertung der Familie und der im traditionel- situation von Frauen überschritten werden, da das
len Privatbereich verrichteten Arbeiten – ein (z. B. männliche Paradigma dessen, was als gleich zu gelten
Elshtain 1981). Deshalb wurde der Position der Diffe- habe, permanent unterlaufen werde, wenn Frauen da-
renz generell ein Essentialismus vorgeworfen, der die rauf insistieren, dass sie gegebenenfalls anderer Rech-
so genannten weiblichen Eigenschaften oder das so te bedürfen, um gleiche Freiheiten zu erringen (das
genannte weibliche Denken verabsolutiere und onto- betrifft den Schwangerschaftsabbruch ebenso wie
logisch verfestige, während umgekehrt der Position Quotenregelungen im Erwerbsarbeitsbereich, das
der Gleichheit die Orientierung an einem nur schein- Scheidungsrecht oder die Forderung nach Kinder-
bar humanistischen, eigentlich jedoch ›männlichen‹ tagesstätten). Damit wird die Idee liberaler Gleichheit
Gleichheitsideal zum Vorwurf gemacht wurde (Bock/ nicht tout court infrage gestellt, sondern benutzt, um
James 1992; Butler/Scott 1992; Hackett/Haslanger ›gleiche‹ als vergleichbare Rechte und Freiheiten auch
2006). für Frauen zu sichern. Dreh- und Angelpunkt ist
In einer zweiten Runde der Auseinandersetzungen dann die Frage, in welcher Weise Diskriminierungen
steht die Kritik an der thetischen Gegenüberstellung von Frauen rechtlich und sozial beseitigt, differente
im Vordergrund: Die Schematisierung von ›weibli- Lebenssituationen ›anerkannt‹ werden können, ohne
cher Differenz‹ und ›männlich orientierter Gleichheit‹ diese Diskriminierungen und differenten Verhältnis-
führe in eine theoretische Sackgasse. Deshalb ver- se festzuschreiben (Nagl-Docekal/Pauer-Studer 1996;
schob sich die Debattenlage in den Jahren danach sig- Olson 2008).
nifikant. Die erste Form einer solchen differenzierten In den letzten Jahren kann man nun eine weitere
Kritik am Begriff der Gleichheit ohne den Rekurs auf Runde der Debatte um Gleichheit vs. Differenz aus-
essentialisierende Differenzpositionen findet sich machen, die zugleich eine thematische Verschiebung
prominent bei Catherine MacKinnon (1989): Mit der bedeutet: Hier steht zum einen im Vordergrund, wie
Orientierung an der ›Gleichheit‹ der Geschlechter sei- mit den nicht bestreitbaren Differenzen zwischen
en die tatsächlichen Macht- und Dominanzstruktu- Frauen untereinander angemessen umzugehen sei,
ren, die in einer patriarchalen Gesellschaft herrschen, wer also eigentlich mit ›den Frauen‹ gemeint sei. Un-
nicht zu analysieren; der Begriff der Gleichheit setze terschiedliche Lebenskontexte von Frauen, damit ver-
notwendigerweise die Situation und Bedürfnisse ›des bundene unterschiedliche Interessen, unterschiedli-
Mannes‹ als die Norm, die Gleichheit definiere, gegen- che ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, all die-
über der die Situation und Bedürfnisse von Frauen se Differenzen zwischen Frauen rückten zunehmend
immer als ›anders‹ und damit als unterlegen, als devi- in den Vordergrund und führten zu einer Modifizie-
ant begriffen würden. Stattdessen müsse es darum ge- rung und noch stärkeren Pluralisierung feministi-
hen, die Idee liberaler Gleichheit und Neutralität des scher Theorien, auch feministischer Theorien der Ge-
liberalen Staates von Grund auf zu kritisieren, ebenso rechtigkeit (Young 1990; Hackett/Haslanger 2006; Ro-
wie den Begriff von Gerechtigkeit, der jenen zugrunde beyns/Brighouse 2010).
liege: allerdings gerade ohne damit einer Essentialisie- Zum anderen liegt ein Grund für eine Verschiebung
rung und Ontologisierung weiblicher Eigenschaften der Kontroverse in der zunehmenden Kritik an der Di-
das Wort zu reden. Deshalb muss die Analyse von chotomie zwischen sex und gender, zwischen biologi-
Macht- und Dominanzstrukturen im Zentrum fe- schem und kulturellem oder sozialem Geschlecht. War
ministischer Theoriebildung stehen (ebd.). diese Unterscheidung zunächst als ein emanzipativer
Auch die zweite Form der differenzierteren Kritik Schritt begriffen worden, weil sie gerade die Unabhän-
am Gleichheitsbegriff hält nicht mehr fest am ›Feiern gigkeit kulturell geformter so genannter weiblicher Ei-
der Differenz‹, hat jedoch einen anderen Ausgangs- genschaften vom biologisch-anatomischen Geschlecht
punkt. Sie behauptet, dass das alte Schema von beweisen sollte, so wurde zunehmend deutlich, dass
Gleichheit und Differenz nicht ausschließlich in Be- das Festhalten an der biologischen Zweigeschlechtlich-
griffen von Macht und Dominanz analysiert werden keit immer noch mit kulturell codierten Hierarchisie-
könne, da so eine grundsätzliche Kritik an einem rungen, wie denen der normalisierenden Heterosexua-
›männlichen‹ Begriff von Gleichheit nur durch die lität, einherging (Hackett/Haslanger 2006; Butler 1991;
Viktimisierung von Frauen zu leisten sei (dies der Hartsock 1998; Mikkola 2012). Bei der Frage, was Ge-
Vorwurf gegen MacKinnon). Sie behauptet weiterhin, rechtigkeit zwischen den Geschlechtern bedeutet, was
jenes Schema könne gerade durch die rechtliche und die sozial-kulturelle, ökonomische Konstruktion von
94 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

gender beinhaltet, wie soziale und andere Differenzen (Moller Okin 1989). Und drittens sorgt genau dieser
zwischen Frauen anerkannt werden können, ohne zu- angeblich idyllische Bereich für die Unsichtbarkeit
gleich sanktioniert zu werden, müssen folglich diese und Unterrepräsentation von Frauen in allen Formen
heterogenen Formen struktureller Diskriminierung von Öffentlichkeit (Fraser 1992). Diese gegenseitige
mit berücksichtigt werden. Diese Fragen sind auch in Abhängigkeit des Privaten und Öffentlichen und die
den gegenwärtigen Debatten noch umstritten. Einer Weise, wie sie aufeinander verweisen, wurde in der li-
der zentralen Streitpunkte ist dabei die Bedeutung und beralen Tradition weitgehend ausgeblendet und ist
Rolle der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. konstitutiv für soziale Geschlechterungerechtigkeit in
modernen Gesellschaften.
Nun geht jedoch mit dieser fundamentalen ideo-
Privat und öffentlich logiekritischen Argumentation gegen den liberal kon-
struierten Bereich des Privaten häufig zugleich der
Auch deshalb ist die Analyse und Kritik der Unter- rechtlich-konventionelle Aspekt von Privatheit ver-
scheidung zwischen ›privat‹ und ›öffentlich‹ zentral für loren, der sich in der Idee privater Freiheiten zum
eine feministische Theorie der Gerechtigkeit: Die ge- Ausdruck bringt und auf der Notwendigkeit und dem
schlechtsspezifische Arbeitsteilung gehört zu den fun- Sinn einer privaten Sphäre für jede Person einer Ge-
damentalen Hindernissen sozialer Gerechtigkeit. Mitt- sellschaft gleichermaßen insistiert. Deshalb haben
lerweile klassisch geworden ist Carole Patemans Über- auch feministische Theorien versucht, den Begriff des
zeugung: »[T]he dichotomy between the private and Privaten als verbunden mit spezifischen Freiheiten zu
the public is central to almost two centuries of feminist retten, so etwa Autorinnen wie Jean Cohen und Anita
writing and political struggle; it is, ultimately, what the Allen (vgl. Allen 1988; Cohen 2004). Sie begreifen als
feminist movement is about« (Pateman 1989, 118). ein zentrales Desiderat feministischer Politik- und
Im liberalen Verständnis von Privatheit kann man Gerechtigkeitstheorie die Entwicklung eines Kon-
nämlich eine fundamentale Ambivalenz der politi- zepts von Privatheit, das einerseits der Lebenssituati-
schen Semantik feststellen: Ist auf der einen Seite der on und den Bedürfnissen von Frauen gerecht wird,
Begriff des Privaten rechtlich-konventionell begrün- ohne in die alte Falle der ideologischen Zuordnung
det – im Sinne von Bürger- und ökonomischen Frei- von Frauen zum Bereich des angeblich ›natürlich‹ Pri-
heiten –, markiert er auf der anderen Seite einen quasi vaten zu laufen, und andererseits als ›Neubeschrei-
natürlichen Bereich, dem ebenso natürlicherweise die bung der Privatsphäre‹ eine normative Konzeption
Frauen als Gruppe zugeordnet sind (vgl. Moller Okin gleicher privater Freiheitsräume für Frauen und Män-
1989; Rössler 2001). Es ist dieser quasi natürliche Be- ner sichert.
griff von Privatheit, der von Beginn der feministi- Feministische Konzeptionen von Privatheit setzen
schen Kritik an im Mittelpunkt steht, da er mit einem grundsätzlich anders an als über den Rekurs auf eine
grundlegenden, hierarchisierenden Strukturmerkmal wie auch immer spezifizierte ›natürliche‹ Sphäre,
moderner Gesellschaften konstitutiv verknüpft ist, wenn sie nämlich ausgehen vom Begriff der (relatio-
nämlich der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. nalen) Autonomie, so dass Frauen wie Männer in glei-
Zum einen sind mit der Zuordnung der Frauen cher – vergleichbarer – Weise angewiesen sind auf den
zum Bereich des Privaten diese aus dem öffentlichen, Schutz privater Räume und Lebensdimensionen, um
gesellschaftlichen und politischen Leben und – jeden- den Sinn individueller – auch sozialer – Freiheit, das
falls symbolisch – aus dem Bereich der Erwerbsarbeit selbstgewählte Leben mit anderen, zu gewährleisten.
ausgeschlossen und damit zugleich die Reprodukti- Mit einem solchen Ansatz wird die mit dieser Unter-
onsarbeit, die Betreuung von Familie und Kindern als scheidung einhergehende und von ihr sanktionierte
gesellschaftlich nicht relevante, da nicht bezahlte Ar- geschlechtsspezifische Arbeitsteilung gerade unter-
beit ausgewiesen. Zum zweiten ist es falsch, zu meinen laufen, da von vornherein ein egalitärer, nichtdiskri-
(wie die liberale Theorie), der ›private‹ Bereich der Fa- minierender Ansatz in der Bestimmung des Privaten
milie sei der idyllische Bereich, frei von Repressionen vorgenommen wird und mit ihm gerade nicht eine an-
und gesellschaftlichen Macht- und Dominanzstruktu- geblich biologisch begründete gesellschaftliche Rol-
ren. Falsch ist dies, weil der häusliche Bereich struk- lenverteilung für Frauen und Männer verbunden ist.
turell durch häusliche Gewalt gekennzeichnet ist; weil Generelle Idee dieser feministischen Theorie von Pri-
andererseits auch öffentliche Regelungen permanent vatheit ist offensichtlich, dass gesellschaftliche Diskri-
in die Familie hineingreifen und diese organisieren minierungen und soziale Ungerechtigkeit über den
14 Feministische Gerechtigkeit 95

Weg der Kritik an der traditionellen Unterscheidung Gerechtigkeit, Demokratie und Staats-
zweier Sphären beseitigt werden müssen. bürgerschaft
Dies gilt insbesondere für das Recht auf die ›Privat-
heit des Körpers‹: Denn es ist besonders diese Form Die meisten feministischen Autorinnen sehen einen
von Privatheit, auf die Frauen historisch keinen oder direkten kausalen Zusammenhang zwischen der tra-
jedenfalls keinen gleichwertigen Anspruch hatten wie ditionellen liberalen Unterscheidung zwischen pri-
Männer (dazu besonders Allen 1988). In den USA hat vatem und öffentlichem Bereich einerseits und der
in diesem Kontext auch das Recht auf Schwanger- Marginalisierung von Frauen in der Öffentlichkeit an-
schaftsabbruch eine besondere Bedeutung, da der dererseits (vgl. Phillips 1995; Moller Okin 1989; 1999).
Oberste Gerichtshof 1973 in einem folgenreichen Ur- Es kann nicht einfach Zufall sein, so etwa Seyla Ben-
teil dieses Recht mit dem Recht auf Privatheit begrün- habib, dass Frauen in der liberaldemokratischen poli-
det hat (vgl. Cohen 2004). Nun ist allerdings auch die- tischen Öffentlichkeit so gut wie keine Rolle spielen.
se Form der Begründung des Rechts auf Schwanger- Dies müsse mit der theoretischen Konzeption selbst
schaftsabbruch auf feministische Kritik gestoßen, und zu tun haben und mit den verzerrenden Kategorien,
zwar von zwei Seiten: Prominent unter den Kritike- die liberalen Theorien notwendigerweise innewohnen
rinnen eines solchen Konzepts liberaler Privatheit aus (Benhabib 1995).
›radikaler‹ Perspektive ist Catherine MacKinnon Aus der Perspektive feministischer Gerechtigkeits-
(1989). Für sie zeigt sich im Rekurs auf Privatheits- theorien gesehen, muss folglich Ausgangspunkt fe-
rechte nur weiterhin die Idee, Frauen in einen ideo- ministischer Kritik und Diskussion des Begriffs der
logisch besetzten Bereich des Privaten und damit des Öffentlichkeit und der Demokratie- und Staatsbür-
Nicht- und Vorpolitischen abzudrängen und ihnen gerschaftstheorie zunächst einmal die Tatsache der
wiederum Rechte immer nur als differente und devi- Unterrepräsentation von Frauen sein – in so gut wie
ante ›zuzugestehen‹. Zum anderen kam Kritik aus den allen Bereichen sozialer, ökonomischer, zivilgesell-
Reihen der Maternal-thinking-Theoretikerinnen, ei- schaftlicher und politischer Öffentlichkeit. Auf die
nerseits wegen der für ein Recht auf Privatheit not- Frage danach, warum die Anwesenheit und die (poli-
wendigen Orientierung am Begriff der liberalen Auto- tische) Repräsentation von Frauen in der Öffentlich-
nomie, beispielsweise von Mary Ann Glendon (1987), keit so wichtig ist, geben feministische Theoretikerin-
andererseits von Jean B. Elshtain mit der Verteidigung nen verschiedene Antworten (Mouffe 1992; Moller
der klassischen Privatheit, da in ihr die ›weiblichen‹ Okin 1989; 1999; Phillips 1995; Young 2000).
Tugenden (wie Mütterlichkeit, Fürsorge (care), Ver- Relevant ist zunächst die politische Repräsentation
antwortlichkeit in Beziehungen), die unverzichtbar von Frauen deshalb, weil der Einfluss der politischen
für das Wohlergehen der Gesellschaft als ganzer seien, auf alle anderen Sphären der Gesellschaft so immens
ausgebildet werden (Elshtain 1981; kritisch Dietz ist und deshalb Diskriminierung oder Unterrepräsen-
1998). Ziel einer an weiblichen Beziehungsbedürfnis- tation in dieser Sphäre durchgreift auf alle anderen ge-
sen orientierten Theorie müsse folglich die gesell- sellschaftlichen Sphären und Bereiche (vgl. zum Fol-
schaftliche Aufwertung dieser Tugenden und damit genden Fraser 1992). Damit hängt zusammen, dass
die Gleichwertigkeit männlicher und weiblicher Le- die Interessen von Frauen besonders unterdrückt wer-
benssituationen und Eigenschaften sein. den, wenn sie in der Öffentlichkeit nicht oder nicht
Doch aus der Perspektive feministischer Gerech- ausreichend vielfältig artikuliert werden, da gerade in
tigkeitstheorien kann man gerade jene »Neubeschrei- den Jahren seit der ›zweiten Frauenbewegung‹ deut-
bungen des Privaten« (Cohen) als aussichtsreiche Ver- lich geworden ist, wie zentral und bestimmend öffent-
suche begreifen, die unterschiedlichen gesellschaft- liche Diskurse mit und zwischen Frauen für die Refle-
lichen Diskriminierungen von Frauen, die sich in der xion auf die je eigene Situation und die Artikulation
strukturell ungerechten Rollenzuordnung der ge- von Bedürfnissen und Identitäten sind, für alle Frau-
schlechtsspezifischen Arbeitsteilung manifestieren, en, die von solchen Diskursen betroffen sind (vgl.
normativ zu begreifen und normativ tragfähige Ge- ebd.; Young 2000).
genentwürfe zu entwickeln, die rechtlich sensibel sind Hier lassen sich unterschiedliche feministische Be-
für die differenten Lebenssituationen von Frauen, oh- gründungsstrategien unterscheiden: auf der einen Sei-
ne auf dem Weg einer solchen sozialen und recht- te Iris M. Youngs Idee der Gruppenrepräsentation, auf
lichen Anerkennung die Differenzen als hierarchische der anderen Seite Anne Phillips’ Idee der gleichen de-
festzuschreiben. mokratischen Partizipation (Young 1990; Phillips
96 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

1995 und besonders Teil III und IV in Phillips 1998). Gleichheit) ist, sondern zugleich unabdingbares Mit-
Beide Strategien stützen sich im Prinzip auf ein Mo- tel, um notwendige Transformationen sozialer Ge-
dell deliberativer Demokratie und streben eine größe- rechtigkeit im Sinne der (institutionalisierten) Mög-
re Beteiligung von Frauen in den politischen Organen lichkeit der Artikulation und Interpretation, der Ein-
und Institutionen an, tun dies aber im Rekurs auf un- flussnahme auf Meinungs- und Willensbildung von
terschiedliche Ideen. unterschiedlichen Frauen-Standpunkten aus herbei-
Während die erste auf ein Prinzip der Interessen- zuführen.
oder Standpunktvertretung rekurriert, das sich auf
die Tatsache spezieller Interessen oder Sichtweisen,
auf weibliche Erfahrungen, Bedürfnisse und Wahr- Weitergehende Fragen und Debatten
nehmungen gründet (Young 2000), rekurriert die
zweite auf das Prinzip demokratischer Gleichheit Abschließend soll eine Reihe von Problemstellungen
und Gerechtigkeit und damit auf die Idee, dass glei- skizziert werden, die derzeit als relevant und richtung-
che politische Partizipationsrechte, die für alle Per- weisend begriffen werden müssen. Sie schließen an
sonen einer Gesellschaft in gleicher Weise zu gelten die skizzierten Problemgebiete auf verschiedene Wei-
haben, nur dann realisiert seien, wenn tatsächlich alle se an und können zugleich Hinweise darauf geben,
gesellschaftlich relevanten Gruppen in ungefähr glei- warum die Ungerechtigkeit im Geschlechterverhält-
cher Weise vertreten sind (Phillips 1995). Beide Mo- nis so persistent ist.
delle zielen auf (feministisch motivierte) substanziel- A) In der traditionellen Trennung zwischen dem
le Änderungen von Politiken, und beide Modelle ver- privaten und öffentlichen Bereich bildet die Familie
binden diese Theorie mit einer fundamentalen Kritik die zentrale Schnittstelle. Sie steht immer noch, auch
an der traditionellen liberalen Unterscheidung zwi- als Bezugspunkt für die strukturelle Ungerechtigkeit
schen einem privaten und einem öffentlichen Be- der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, im Zen-
reich. In der feministischen Debatte um den Begriff trum der Debatten um feministische Gerechtigkeit.
der Staatsbürgerschaft spiegeln sich dieselben Be- Wenn man davon ausgeht, dass die familiäre Struktur
gründungsstrategien (Dietz 1998), hier werden je- keine vollständig von anderen gesellschaftlichen
doch auch weitere Probleme multikultureller moder- Strukturen abgetrennte Einheit bildet, sondern sich
ner Gesellschaften diskutiert (vgl. vor allem Fried- jene in diesen ebenso wie diese in jener fortsetzen und
man 2005). widerspiegeln, dann kommt der Problematik, wie
Gerechtigkeitsfragen ergeben sich, das wurde denn diese familiären Strukturen begriffen werden
schon deutlich, auch in der zivilgesellschaftlichen Öf- sollen, zentrale Bedeutung zu. Dabei sind es vor allem
fentlichkeit; auch hier ist die Beteiligung und Abwe- drei Fragen, die sich hier für eine feministische Ge-
senheit von Frauen wiederum in erster Linie als Folge- rechtigkeitstheorie stellen: Wie soll die Verteilung und
problem der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung Bewertung der so genannten ›Reproduktionsarbeiten‹
zu konzeptualisieren. In der Öffentlichkeit werden in und Betreuungsarbeiten vorgenommen werden? Ist
den unterschiedlichen öffentlichen Diskursen – wie die Anwendung des Gerechtigkeitsbegriffs auf fami-
freien Assoziationen, Medien etc. – Themen gesetzt liäre Strukturen nicht unangebracht, da es hier nicht
und Themen ausgehandelt, die Konsequenzen nicht um Gerechtigkeit, sondern doch um Liebe geht? Und
nur für die parlamentarische Willensbildung haben, schließlich: Welcher Stellenwert soll in einer normati-
sondern konstitutiv sind für das Verständnis dessen, ven Konzeption von Familie (und Gesellschaft) der
was allererst als ›politisch‹ im Sinne von ›von all- Differenz der Geschlechter überhaupt noch zukom-
gemeinem Belang‹ begriffen werden kann und soll. men? Auf alle drei Fragen geben feministische Theo-
Öffentlich werden Bedürfnisse artikuliert und inter- rien unterschiedliche Antworten (Fraser 1997; Ander-
pretiert, unterschiedliche Positionen konstituiert und son/Kleingeld 2008; Moller Okin 1989; Gheaus 2012).
diskutiert, Gerechtigkeitsfragen als solche bestimmt Eine wichtige Rolle spielt auch hier die Auseinander-
oder verworfen und damit auch generell Gründe und setzung mit der Rawlsschen Theorie der Gerechtigkeit
Folgen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung thema- (Rawls 1979; 1993) und dem Platz der Familie in der
tisch (vgl. Fraser 1992). Dabei muss als gerechtigkeits- Grundstruktur (Moller Okin 1989; kritisch dazu
theoretische Pointe begriffen werden, dass eine gleich- Chambers 2008). Weiterhin kann man hier darauf
berechtigte Teilhabe von Frauen an öffentlichen Dis- verweisen, dass die Debatte um ideale versus nicht-
kursen in jedem Sinn nicht nur Ziel (demokratischer ideale Theorien der Gerechtigkeit auch in der feminis-
14 Feministische Gerechtigkeit 97

tischen Diskussion eine wichtige Rolle spielt (Young Literatur


2000). Allen, Anita: Uneasy Access: Privacy for Women in a Free So-
B) Eine weitere Problematik bildet die Frage nach ciety. Totowa 1988.
Anderson, Joel/Kleingeld, Pauline: Die gerechtigkeitsorien-
den Konsequenzen von Multikulturalismus und der tierte Familie: Jenseits der Spannung zwischen Liebe und
Globalisierung von Gerechtigkeit für eine feministi- Gerechtigkeit. In: Axel Honneth/Beate Rössler (Hg.): Von
sche Gerechtigkeitstheorie; beide Probleme schlie- Person zu Person: Zur Moralität persönlicher Beziehungen.
ßen an die Themen von Demokratie und Staatsbür- Frankfurt a. M. 2008, 283–312.
gerschaft an. Zum einen geht es hier um Debatten, Benhabib, Seyla: Selbst im Kontext. Kommunikative Ethik im
Spannungsfeld von Kommunitarismus, Feminismus und
die Susan Moller Okin angestoßen hat: In welcher
Postmoderne. Frankfurt a. M. 1995.
Weise sind multikulturelle Gesellschaften und Politi- Bock, Gisela/James, Susan (Hg.): Beyond Equality and Diffe-
ken nachteilig für Frauen, in welcher Weise können rence. Citizenship, Feminist Politics, Female Subjectivity.
sie Geschlechtergerechtigkeit ermöglichen? Zu die- London 1992.
sen Debatten gehören auch die Frage der grundsätz- Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt
lichen feministischen Kritik am Liberalismus (Mol- a. M. 1991.
–/Scott, Joan W. (Hg.): Feminists Theorize the Political. New
ler Okin 1999; Benhabib 1995; Nussbaum 1999;
York 1992.
Phillips 2009), die Frage von Quoten und deren mo- Chambers, Clare: The Family as basic institution: a feminist
ralischer und politischer Relevanz (Rössler 1993) analysis of the basic structure as subject. In: Ruth Abbey
und die Auseinandersetzung um ideale vs. nicht- (Hg.): Feminist Interpretations of John Rawls. Pennsylvania
ideale Ansätze in den Gerechtigkeitstheorien (Young 2008, 75–95.
2000). Cohen, Jean L.: Regulating Intimacy. A New Legal Paradigm.
Princeton 2004.
Zum zweiten muss hier auf die feministischen De- Dietz, Mary G.: Context is all: Feminism and theories of citi-
batten über internationale Gerechtigkeit verwiesen zenship. In: Anne Phillips (Hg.): Feminism and Politics.
werden: Hier werden Fragen diskutiert wie die nach Oxford 1998, 378–401.
dem Status von Migrantinnen, den Folgen der Globa- Elshtain, Jean B.: Public Man, Private Woman. Princeton
lisierung für die Arbeitssituation von Frauen, dem 1981.
Fraser, Nancy: Rethinking the public sphere. In: Craig Cal-
Problem von Sexarbeiterinnen und des trafficking in
houn (Hg.): Habermas and the Public Sphere. Cambridge
women (O’Neill 1993; Nussbaum 1999; Olson 2008, MA 1992.
273 ff.; Jaggar 2014). –: Justice Interruptus. New York 1997.
C) Schließlich will ich auf eine Reihe von methodo- Fricker, Miranda: Epistemic Injustice. Power and the Ethics of
logischen Problemstellungen verweisen. Bei jeder die- Knowing. Oxford 2007.
ser Problemstellungen geht es um (teilweise erst in Friedman, Marilyn (Hg.): Women and Citizenship. Oxford
2005.
den letzten Jahren entwickelte) Formen des Auf- Gheaus, Anca: Gender justice. In: Journal of Ethics and So-
deckens, Analysierens, Erkennens und Interpretierens cial Philosophy 60/1 (2012), 1–25.
von Ungerechtigkeiten im Geschlechterverhältnis. So Glendon, Mary Ann: Abortion and Divorce in Western Law.
entwickelt Miranda Fricker mit dem Begriff der epi- Cambridge 1987.
stemischen Ungerechtigkeit ein neues Instrumentari- Hackett, Elizabeth/Haslanger, Sally: Theorizing Feminisms. A
Reader. Oxford 2006.
um, um Ausschlussmechanismen und Diskriminie-
Hartsock, Nancy: The Feminist Standpoint Revisited and Ot-
rungen von Frauen aus einer epistemologischen Per- her Essays. Boulder 1998.
spektive zu analysieren und zu kritisieren (Fricker Jaggar, Alison M. (Hg.): Gender and Global Justice. Cam-
2007). Die neueren Diskussionen, anknüpfend an em- bridge 2014.
pirische Forschungen, über implicit bias und die Rolle –/Young, Iris Marion (Hg.): A Companion to Feminist Phi-
von Schemata und Stereotypisierungen geben neue losophy. Malden MA 1998.
MacKinnon, Catharine: Towards a Feminist Theory of the
Hinweise auf die alltägliche Re-Produktion von Ge- State. Cambridge MA 1989.
schlechterungerechtigkeit (Saul 2013). Und schließ- Mikkola, Mari: Feminist perspectives on sex and gender. In:
lich sind hier die Entwicklungen in der feministischen Edward N. Zalta (Hg.): Stanford Encyclopaedia of Philoso-
Ideologiekritik wichtig, die weniger an der Kritik von phy (Fall 2012 Edition), https://plato.stanford.edu/archi-
individuellen psychologischen Mikromechanismen ves/fall2012/entries/feminism-gender/ (30.4.2015).
Moller Okin, Susan: Justice, Gender, and the Family. New
als an der von tiefgreifenden Machtstrukturen interes-
York 1989.
siert ist und an der Frage, wie Unterdrückung von –: Is Multiculturalism Bad for Women? Princeton 1999.
Frauen begriffen und kritisiert werden muss (Velt- Mouffe, Chantal: Feminism, citizenship and radical demo-
man/Piper 2014).
98 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

cratic politics. In: Judith Butler/Joan W. Scott (Hg.): Fe- 15 Internationale Gerechtigkeit
minists Theorize the Political. New York 1992.
Nagl-Docekal, Herta/Pauer-Studer, Herlinde: Politische Mit Blick auf die über- bzw. zwischenstaatliche Ge-
Theorie: Differenz und Lebensqualität. Frankfurt a. M.
1996. rechtigkeitsdebatte kann zwischen den Begriffen der
Nussbaum, Martha: Sex and Social Justice. Oxford 1999. globalen, internationalen und transnationalen Ge-
O’Neill, Onora: Justice, gender, and international bounda- rechtigkeit differenziert werden (s. Kap. II.16, 17). Ein
ries. In: Martha Nussbaum/Amartya Sen (Hg.): The Quali- wesentliches Unterscheidungskriterium ist dabei die
ty of Life. Oxford 1993. Position souveräner Staaten im Theoriegefüge. Theo-
Olson, Kevin (Hg.): Adding Insult to Injury. Nancy Fraser
rien internationaler Gerechtigkeit sehen eine durch
Debates her Critics. London 2008.
Pateman, Carole: Feminist critiques of the public/private souveräne Staaten geordnete Welt als gegebenen Sach-
dichotomy. In: Dies.: The Disorder of Women. Democracy, verhalt an und klassifizieren Staaten als die dominante
Feminism and Political Theory. Cambridge 1989. Organisationseinheit.
Phillips, Anne: Geschlecht und Demokratie. Hamburg 1995. Der folgende Beitrag nähert sich dem Konzept der
– (Hg.): Feminism and Politics. Oxford 1998. internationalen Gerechtigkeit aus einer primär poli-
–: Multiculturalism without Culture. Princeton 2009.
Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a. M.
tikwissenschaftlichen Perspektive, d. h. er konzen-
1979. triert sich vorwiegend auf die Zustände und Entwick-
–: Political Liberalism. Cambridge MA 1993. lungsmöglichkeiten in der realen, nicht-idealen Welt.
Robeyns, Ingrid/Brighouse, Harry: Measuring Justice: Pri- Es werden drei Schritte unternommen, um den Ge-
mary Goods and Capabilities. Cambridge 2010. genstand der internationalen Gerechtigkeit zu er-
Rössler, Beate: Quotierung und Gerechtigkeit. Eine moralphi-
schließen: Erstens wird auf Basis einer ideengeschicht-
losophische Kontroverse. Frankfurt a. M. 1993.
–: Feministische Theorien der Politik. In: Klaus v. Beyme/ lichen Einordnung erläutert, warum der Begriff der
Claus Offe (Hg.): Politische Theorien in der Ära der Trans- internationalen Gerechtigkeit bis Ende des Kalten
formation. Opladen 1996, 267–294. Krieges keine prägende Rolle in den einschlägigen po-
–: Der Wert des Privaten. Frankfurt a. M. 2001. litikwissenschaftlichen Debatten spielte. Zweitens
Saul, Jennifer: Implicit bias, stereotype threat and women in wird der Einzug gerechtigkeitsbezogener, insbesonde-
philosophy. In: Fiona Jenkins/Katrina Hutchison (Hg.):
re den kosmopolitischen philosophischen Ansätzen
Women in Philosophy: What Needs to Change? Oxford
2013. nahestehender Ideen in die politikwissenschaftlichen
Veltman, Andrea/Piper, Mark (Hg.): Autonomy, Oppression, und politischen Diskurse nach Ende des Kalten Krie-
and Gender. Oxford 2014. ges besprochen. Hierbei wird anhand von zwei Bei-
Young, Iris Marion: Justice and the Politics of Difference. spielen – der Debatte zu gerechten Kriegen und der in-
Princeton 1990. ternationalen Entwicklungszusammenarbeit als einem
–: Inclusion and Democracy. Oxford 2000.
Beitrag zur Entwicklungsgerechtigkeit – aufgezeigt,
Beate Rössler dass die Aufnahme kosmopolitischer Überlegungen
zwar normativ sinnvoll, aber in einer nicht-idealen
und nach wie vor staatenbasierten Welt nur schwer
implementierbar ist. Drittens schließlich werden aus
dieser Erkenntnis einige Schlussfolgerungen abgelei-
tet und diskutiert.

Internationale Gerechtigkeit bis zum Ende


des Kalten Krieges

Lässt man die wenigen historischen Vordenker wie


Immanuel Kant, der (wenn auch ohne explizite Ver-
wendung des Gerechtigkeitsbegriffs) mit seinem
Werk Zum ewigen Frieden (1795) versuchte, eine Ver-
tragstheorie auf die internationale Ebene zu übertra-
gen, außen vor, wird ersichtlich, dass es sich bei der
Thematik der internationalen Gerechtigkeit in Phi-
losophie und Politikwissenschaft um ein relativ jun-
15 Internationale Gerechtigkeit 99

ges Forschungsfeld handelt. Wählt man Charles Beitz’ tikpunkt auch für die anderen politikwissenschaft-
Political Theory and International Relations von 1979 lichen Großtheorien der IB formuliert werden, spielt
als Ausgangspunkt, kann zudem festgestellt werden, der Aspekt der Gerechtigkeit doch bei keiner eine ent-
dass die systematische Beschäftigung mit dem Feld scheidende Rolle. Stattdessen wird auch bei idealisti-
der internationalen Gerechtigkeit auch innerhalb der schen (bzw. liberalen) und institutionalistischen (bzw.
vielschichtigen Gerechtigkeitsdebatte zu den Teil- neoliberalen) Theorien der IB der Fokus auf die Schaf-
aspekten zählt, denen bisher vergleichsweise geringe fung von Frieden und Sicherheit gerichtet und der Be-
wissenschaftliche und politische Aufmerksamkeit griff der Gerechtigkeit in aller Regel nicht verwendet.
eingeräumt worden ist. Beitz’ Werk ist sowohl in phi- Staaten spielen dabei eine entscheidende Rolle, sei es
losophischer als auch in politikwissenschaftlicher als Garanten eines stabilisierenden Kräftegleichge-
Hinsicht als zentral zu bewerten: In philosophischer wichts (Neorealismus), als Akteure der Gewährleis-
Hinsicht argumentiert er für die Berücksichtigung ei- tung und Ausbreitung von Demokratie und Rechts-
ner über das Individuum hinausgehenden Gerechtig- staatlichkeit (Idealismus) oder als Initiatoren wirt-
keitsdimension in Form einer modifizierten Übertra- schaftlicher und sozialer Interdependenzen in Form
gung der Rawlsschen Gerechtigkeitsprinzipien auf intergouvernementaler oder supranationaler Rege-
die globale Ebene. Somit kann Beitz als wichtiger lungsinstanzen bzw. Regime (Institutionalismus). So-
Vordenker des philosophischen Kosmopolitismus ge- lange diese Ziele nicht erreicht sind, erweisen sich Fra-
sehen werden. In politikwissenschaftlicher Hinsicht gen internationaler Gerechtigkeit in der Theoriedebat-
kritisiert Beitz die generelle Blindheit der Forschung te als von peripherer Relevanz. Daran ändern auch die
gegenüber Gerechtigkeitsüberlegungen, insbesonde- mittlerweile verbreiteten konzeptionellen Abhandlun-
re in den Theorien des (Neo-)Realismus (vgl. hierzu gen zu den Möglichkeiten des ›Regierens jenseits des
etwa Morgenthau 1948/1993; Waltz 1959/2001). Folgt Nationalstaates‹ (vgl. Zürn 1998), die vorliegenden
man diesen (neo-)realistischen Theorien der Politik- Analysen zur ›postnationalen Konstellation‹ (vgl. Ha-
wissenschaft, sind die Internationalen Beziehungen bermas 2001) oder etwa die Überlegungen zur Ver-
(IB) durch rational handelnde Staaten charakterisiert, rechtlichung bzw. Habitualisierung globaler Struktu-
die in einem anarchischen Umfeld nach Macht (Rea- ren und Normen (vgl. Ougaard/Higgott 2002) nichts.
lismus) bzw. nach Sicherheit (Neorealismus) streben. Abseits der einschlägigen Theoriedebatte der IB
Der Vordenker des Neorealismus, Kenneth Waltz, wurde der Gedanke einer internationalen distributi-
fasst das grundlegende Kalkül von Staaten in einer ven Gerechtigkeit allerdings auch schon während des
solchen Welt dahingehend zusammen, dass diese Kalten Krieges aufgegriffen; hier insbesondere im
permanent verteidigungsfähig sein müssten, um Kontext der internationalen Entwicklungszusam-
nicht aufgrund ihrer Schwäche erpresst oder erobert menarbeit. Interessant dabei ist jedoch der Befund,
zu werden (vgl. Waltz 1959/2001, 160). In einer sol- dass Gerechtigkeit nicht als Selbstzweck, sondern als
chen Welt ohne eine übergeordnete ordnungsstiften- notwendiges Mittel zur Schaffung und Absicherung
de Instanz existiert kein Spielraum für Gerechtig- von Frieden betrachtet wurde – der bereits innerhalb
keitsfragen, in ihr dominiert die bereits von Hobbes der Großtheorien der IB etablierte Fokus auf Frieden
zum Ausdruck gebrachte Irrelevanz von Gerechtig- blieb also, wenngleich nun anders veranschlagt, letzt-
keit: »Begriffe von Recht und Unrecht, Gerechtigkeit lich konstant. So entwickelte z. B. der norwegische Po-
und Ungerechtigkeit haben hier keinen Platz. Wo kei- litikwissenschaftler Johan Galtung im Rahmen des
ne öffentliche Macht ist, gibt es kein Gesetz, wo kein Aufkommens so genannter Dependenztheorien das
Gesetz ist, gibt es keine Ungerechtigkeit« (Hobbes Konzept des ›positiven Friedens‹, das zu dieser Zeit
1651/1996, 106). Nach realistischer Lesart wäre ent- zwar eine bereits sichtbare, aber im politikwissen-
sprechend jedweder Bezug auf moralisches oder ge- schaftlichen wie politischen Kontext keinesfalls domi-
rechtes Handeln staatlicher Akteure überflüssig. Soll- nante Rolle spielte. Durch die Bekämpfung ›struktu-
te dennoch gerechtes oder moralisches Handeln von reller Gewalt‹ könne, so Galtung, ein dauerhafter Frie-
Staaten erkennbar sein, so diene dies, wie von Mor- denszustand erreicht werden, entsprechend müssten
genthau postuliert, als bloße Verschleierung ihres ei- »die Bedingungen der strukturellen Gewalt zuweilen
gentlichen Strebens nach Macht (vgl. Morgenthau als soziale Ungleichheit bezeichnet« werden (Galtung
1948/1993, 219). 1975, 13). Bei Aufrechterhaltung der zentralen Rolle
Auch wenn sich Beitz in seiner Kritik vorwiegend des Nationalstaates geht Galtung davon aus, dass eine
auf den (Neo-)Realismus bezieht, kann derselbe Kri- distributive internationale Gerechtigkeit das Errei-
100 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

chen eines Friedenszustandes erleichtern und dieser Debatten in der Politik, die sich zunächst mit Defini-
Sachverhalt dann wiederum positiv auf Gerechtig- tionen von Gerechtigkeit sowie den Möglichkeiten
keitsaspekte rückwirken würde. Er bemerkt: »Die po- und Grenzen der Implementierung auf internationa-
sitiven Aspekte von ›Frieden‹ würden uns veranlas- ler Ebene befassen. Bereits an dieser Stelle ist es wich-
sen, uns [...] um die Anwesenheit einer gewaltlosen tig darauf hinzuweisen, dass beide Punkte bis zum
Form der egalitären, nicht-ausbeuterischen und heutigen Tage nicht abschließend geklärt wurden und
nicht-unterdrückerischen Kooperationen zwischen somit nach wie vor Bestandteil des wissenschaftlichen
[...] Nationen« zu bemühen (ebd., 48). Sollten diese wie politischen Diskurses sind. Die Rede ist erstens
Bemühungen scheitern, fände laut Galtung jedoch von den so genannten gerechten Kriegen, d. h. dem
nicht weniger als »der ›dritte Weltkrieg‹ zwischen Fragekomplex ob, unter welchen Bedingungen und in
Reich und Arm« statt (ebd., 53). Diese Gedankengän- welcher Form unter der Prämisse von Gerechtigkeit
ge einer Friedenssicherung durch distributive Gerech- von außen in innerstaatliche Konflikte militärisch ein-
tigkeit sollten im Zuge der Weiterentwicklung politik- gegriffen werden darf. Darüber hinaus sind zweitens
wissenschaftlicher Theorien nach Ende des Kalten Fragen von Bedeutung, ob bzw. wie die erheblichen
Krieges aufgegriffen und das lange vernachlässigte Entwicklungsunterschiede zwischen verschiedenen
Konzept der Gerechtigkeit zumindest in Ansätzen auf Staaten und Weltregionen überwunden werden kön-
die internationale Agenda gehoben werden. nen. Beiden Debatten ist hierbei auch heutzutage eine
gewisse Ironie gemein: Während im Zeitalter des Kal-
ten Krieges Fragen nach internationaler Gerechtigkeit
Internationale Gerechtigkeit nach Ende zugunsten von Fragen nach Sicherheit und Frieden
des Kalten Krieges vernachlässigt wurden, wird seit Ende des Kalten
Krieges die Schaffung von internationaler Gerechtig-
Mit dem Niedergang der Sowjetunion und dem damit keit, ganz im Sinne der frühen Überlegungen Johan
einhergehenden Ende der Blockkonfrontation ver- Galtungs, als ein utilitaristisches Mittel zur Errei-
änderte sich die internationale Arena, was in zweierlei chung von Frieden betrachtet (vgl. UNDP 1994, 22).
Hinsicht auch Auswirkungen auf die Debatte über in- Bemerkenswert ist dabei, dass der Begriff ›internatio-
ternationale Gerechtigkeit hatte: Zum einen eröffnete nale Gerechtigkeit‹ als solcher nach wie vor kaum Ver-
die so genannte Friedensdividende, die sich aus dem wendung findet, wohl aber etwa ›social injustice‹ als
Wegfall des Spannungsverhältnisses zwischen Ost Sicherheitsbedrohung definiert wird (ebd., 40). Im
und West ergab, neue ideelle, konzeptionelle und ma- Folgenden werden die beiden die Thematik der inter-
terielle Spielräume für politikwissenschaftliche und nationalen Gerechtigkeit bis heute prägenden politik-
politische Themen jenseits von Krieg und Frieden – wissenschaftlichen und politischen Debatten – gerech-
und damit auch für normative Fragen, die in den te Kriege und die damit verbundene Fragestellung
Theorien der IB und in außenpolitischen Entschei- nach humanitären Interventionen sowie Aspekte der
dungsprozessen bis zu diesem Zeitpunkt nur eine un- internationalen Entwicklungszusammenarbeit – pro-
tergeordnete Rolle gespielt hatten. Zum anderen er- blemorientiert skizziert.
hielt die Hoffnung auf ein Zeitalter des dauerhaften
Friedens dahingehend einen Dämpfer, dass zwar die
Anzahl zwischenstaatlicher Kriege nach Ende der Internationale Gerechtigkeit durch
Blockkonfrontation tatsächlich abgenommen hat, humanitäre Interventionen: Probleme
sich jedoch parallel die Anzahl innerstaatlicher Kon- des gerechten Krieges
flikte steigerte (vgl. UCDP). Beide Sachverhalte haben
eine stärkere Berücksichtigung von Fragen zur inter- Auch wenn man die Debatte über gerechte Kriege (vgl.
nationalen Gerechtigkeit begünstigt; während ersterer dazu etwa Walzer 1977/2006; s. Kap. V.64) historisch
dafür notwendige Kapazitäten freisetzte, unterstrich weit zurückverfolgen kann, sollen hier vor allem ak-
letzterer durch zunehmende und durch mediale Prä- tuelle Bezugspunkte unter besonderer Beachtung der
senz immer sichtbarer werdende Menschenrechtsver- Richtlinien der Vereinten Nationen (VN) berücksich-
letzungen, Armutsprobleme usw. eine akute Hand- tigt werden. Hierbei steht wiederum die Frage im Zen-
lungsnotwendigkeit. In Kombination aus beiden Ar- trum, inwiefern Kriegsverbrechen und Verletzungen
gumenten entwickelten sich hinsichtlich der Thema- der Human Security (vgl. dazu etwa Schuck 2011) in
tik internationaler Gerechtigkeit zwei übergeordnete einem innerstaatlichen Konflikt ein Eingreifen von au-
15 Internationale Gerechtigkeit 101

ßen rechtfertigen, wie also aus einer Gerechtigkeits- an die Generalversammlung 1999 zur Schaffung von
perspektive das Verhältnis zwischen individueller und Richtlinien über humanitäre Interventionen auf (vgl.
staatlicher Souveränität gewichtet werden soll. Gerade Annan 1999, SG/SM/7136). Dieser Initiative folgend,
für die Bewertung des jus ad bellum (des Rechts zur setzte der Staat Kanada (und nicht etwa ein suprana-
Kriegsführung) wäre ein kosmopolitischer Ansatz in tionales Gremium) im Jahr 2000 die so genannte In-
Gestalt eines globalen, gleichwohl nicht staatsbezoge- ternational Commission on Intervention and State
nen Zugangs wünschenswert. Um nicht in das vom Sovereignty (ICISS) ein, die Vorschläge zur Implemen-
Neorealismus beschriebene staatsfokussierte Sicher- tierung verbindlicher Kriterien für humanitäre Inter-
heitsdilemma zurückzufallen, wären überstaatliche ventionen entwickeln sollte. Der 2001 veröffentlichte
Institutionen und vor allem Regime notwendig, die Abschlussbericht der ICISS unter dem Titel The Re-
universell anerkannte Regeln verabschieden und um- sponsibility to Protect sollte fortan die Grundlage für
setzen. Definiert man jedoch die 1945 unterzeichnete die Debatte innerhalb der VN darstellen. Die sechs
Charta der Vereinten Nationen und damit das gegen- von der Kommission vorgeschlagenen Kriterien –
wärtig einschlägigste Regelwerk des kodifizierten Völ- right authority, just cause, right intention, last resort,
kerrechts als Ausgangspunkt, lässt sich feststellen, dass proportional means und reasonable prospects (vgl.
sich in ihr das Konzept einer von Staaten dominierten ICISS 2001, 32) – sind hierbei keineswegs als neu zu
Welt widerspiegelt: Die Mitglieder der VN sind Staaten bewerten, sondern konnten aus der langen Tradition
(Art. 3/4), in den Gremien treffen Staaten die Be- der Formulierung von Kriterien für das jus ad bellum
schlüsse (Art. 18/27) und diese werden wiederum von sowie das jus in bello (das Recht während der Kriegs-
den Mitgliedstaaten umgesetzt (z. B. Art. 42 bei Inter- führung) übernommen werden.
ventionen). Auch wenn in Artikel 1 der Charta von Für die Betrachtung der Implementierung in der
den »Grundsätzen der Gerechtigkeit« als Mittel der realen Welt ist jedoch der Abschlussbericht des Welt-
friedlichen Konfliktbeilegung gesprochen wird, wer- gipfels der VN von 2005, in dem das Konzept der Re-
den diese nicht näher definiert. Explizit verboten sind sponsibility to Protect (R2P) in das offizielle Regelwerk
dagegen Eingriffe in die inneren Angelegenheiten ei- der VN aufgenommen wurde, wesentlich entschei-
nes anderen Staates (Art. 2/1 und 2/7), wodurch sämt- dender als der Bericht der Expertenkommission. Zwei
liche aus den kosmopolitischen Strömungen hergelei- Beobachtungen sind für die Bewertung der Imple-
teten Grundsätze im Rahmen der Charta der Verein- mentierung wichtig: Zum einen hat der Abschluss-
ten Nationen nur durch das Wohlwollen der Mitglied- bericht den Status einer Resolution der VN-General-
staaten – die Betonung liegt auch hier einmal mehr auf versammlung, d. h. er ist de jure nicht bindend. Somit
Staaten – implementiert werden können. Die einzige kann zwar durchaus argumentiert werden, dass das
rechtliche Ausnahme des Nichteinmischungsgebots Konzept von einem Großteil der Staaten der Erde als
besteht im Fall einer »Bedrohung oder ein[es] Bruch[s] normativer Zugewinn betrachtet wird und damit de
des Friedens« (Art. 39). Ein solcher Fall ist jedoch in facto an Akzeptanz gewonnen hat, doch bleibt es letzt-
der Charta nicht klar nach Gerechtigkeits- oder lich nicht mehr als eine unverbindliche Erklärung.
Rechtsgrundsätzen definiert, sondern wird vielmehr Zum anderen blieben nur zwei der sechs Kriterien in
bei Bedarf durch einen Mehrheitsentscheid der Mit- angepasster Form erhalten, nämlich right authority in
glieder des Sicherheitsrates festgelegt (Art. 39). Aus Form der Notwendigkeit des Mandats des VN-Sicher-
dieser Konstruktion erwachsen ein konzeptionelles heitsrats sowie just cause in Form von vier definierten
und ein machtpolitisches Problem internationaler Ge- Sachverhalten, die ein Eingreifen von außen erforder-
rechtigkeit. lich machen; im Einzelnen: genocide, war crimes, eth-
Aus konzeptioneller Sicht stellt sich die Gerechtig- nic cleansing und crimes against humanity (UN A/
keitsfrage, nach welchen Kriterien überhaupt in Kon- RES/60/1, para. 138). Andere Kriterien, die nicht nä-
flikte eingegriffen werden darf und wer berechtigt ist, her definiert werden, sollen dagegen »on a case-by-ca-
diese festzulegen. Nachdem die Interventionspraxis se basis« (ebd., para. 139) in die Bewertung einfließen.
der 1990er Jahre auf einer reinen Ad-hoc-Basis erfolgt Für die Praxis bedeutet das, dass die Gefahr von will-
war und sowohl gescheiterte (Somalia) als auch trotz kürlichen Entscheidungen selbst in einem vergleichs-
offensichtlicher Notwendigkeit nicht erfolgte (Ruan- weise stark regulierten Kontext bestehen bleibt, dass
da) und sogar formal völkerrechtswidrige Interven- also, ganz im Sinne des realistischen Verständnisses
tionen (Kosovo) beinhaltet hatte, rief der damalige Morgenthaus, etwa machtmotivierte Handlungen un-
VN-Generalsekretär Kofi Annan in seiner Ansprache ter dem Deckmantel von Moral und Gerechtigkeit im
102 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

Einklang mit dem Regelwerk der VN eine prozedurale wie vor erfolgen, wie z. B. der Angriff der US-geführ-
Legitimation erfahren können. ten Coalition of the Willing auf den Irak 2003 verdeut-
Das machtpolitische Gerechtigkeitsproblem ist da- licht hat. Trotz erster Ansätze zur Verrechtlichung der
mit eng verbunden und lässt sich durch folgende Di- internationalen Beziehungen und der Entwicklung
lemmasituation illustrieren: Wenn einerseits die fünf kosmopolitischer Konzepte zur Konfliktbearbeitung
Vetomächte (VR China, Frankreich, Russland, UK, erinnert der Ist-Zustand der nicht-idealen Welt nach
USA) VN-Sicherheitsratsbeschlüsse zur Bedrohung wie vor an die Warnung von Thomas Hobbes, dass oh-
des Weltfriedens im Sinne des Artikels 39 aus eigenen ne Sanktionsmöglichkeiten Abkommen zum Schutz
machtpolitischen Interessen blockieren können, der Menschen von begrenztem Wert sind: »Und Ver-
zeichnen sich im Umkehrschluss Konflikte, bei denen träge ohne das Schwert sind nur Worte und haben
ein Konsens der Vetomächte besteht, häufig dadurch überhaupt keine Kraft, einen Menschen zu sichern«
aus, dass keine Vetomacht herausgehobene macht- (Hobbes 1651/1996, 141).
politische Interessen in diesem Konflikt verfolgt. In
solchen Fällen sind die betreffenden Vetomächte in
der Regel aber auch nicht bereit, in den Konflikt zu in- Internationale Gerechtigkeit durch Umver-
tervenieren, so dass eine erfolgversprechende Inter- teilung: Probleme der internationalen Ent-
vention aufgrund mangelnder Ressourcen erschwert wicklungszusammenarbeit am Beispiel der
wird. Herfried Münkler fasst dieses Dilemma für die Millennium Development Goals
reale Welt treffend zusammen: Es »stehen sich zu Be-
ginn des 21. Jahrhunderts eine schnell wachsende Das zweite hier betrachtete Fallbeispiel umfasst die
Zahl von Krisengebieten und eine eng begrenzte Men- Thematik der internationalen Entwicklungszusam-
ge interventionsfähiger, aufgrund ihrer spezifischen menarbeit mit besonderer Berücksichtigung der Mil-
Interessenlage sowie ihrer politischen Verfassung je- lennium Development Goals (MDG) der VN, stellte
doch nur selten interventionsbereiter Mächte gegen- dieses Konzept doch im weiteren Sinn einen Versuch
über« (Münkler 2007, 232; kursiv im Original). Inso- der Implementierung distributiver Gerechtigkeit dar.
fern lässt sich also die Frage nach gerechten Kriegen Nach dem offensichtlichen Scheitern sowohl von
und humanitären Interventionen in der nicht-idealen staatszentrierten Modernisierungs- als auch von De-
Welt wie folgt zusammenfassen: Einerseits besteht ei- pendenz- bzw. Abkoppelungsansätzen begann sich in
ne Debatte, wann eine militärische Intervention legi- den 1990er Jahren ein neuer, insbesondere auf VN-
tim sein kann (mit der Responsibility to Protect als prä- Ebene diskutierter Ansatz zu etablieren: die Idee des
gendem Konzept), doch würde die Festlegung detail- Human Development, die zu wesentlichen Teilen eine
lierter Kriterien, die nicht willkürlichen politischen Operationalisierung der philosophischen Konzepte
Mehrheitsstrukturen unterliegen, in letzter Kon- Amartya Sens darstellt (vgl. u. a. Sen 1999). Human
sequenz einen Weltstaat erfordern, der in der Lage wä- Development wird hierbei zunächst allgemein durch
re, verbindliche Regeln weltweit zu definieren und das United Nations Development Programme (UNDP)
auch durchzusetzen. Eine derartige Institutionen- als eine Erweiterung der Möglichkeiten der Men-
struktur ist derzeit und wohl auch in absehbarer Zu- schen, ihr Leben selbstbestimmt zu leben, definiert
kunft nicht gegeben, vielmehr verbleibt die internatio- (vgl. UNDP 1990, 10) und weist somit mehrere inhalt-
nale Konstellation nach wie vor klar staatszentriert. liche Parallelen zum bereits angesprochenen Konzept
Eine Konsequenz dessen ist, dass potenziell interven- der Human Security auf. Insofern hebt dieser Entwick-
tionsfähige Staaten entweder aus Machtinteressen – lungsansatz insbesondere die Bekämpfung extremer
d. h. unabhängig von Fragen internationaler Gerech- Armut (s. Kap. V.57), die Schaffung von Bildungs-
tigkeit – oder, wenn das nicht der Fall ist, nur halbher- chancen (s. Kap. V.59) sowie einer gesundheitlichen
zig bzw. gar nicht intervenieren. Daraus folgt wiede- Grundversorgung (s. Kap. V.62) als Schwerpunkte
rum, dass externe Eingriffe zur Verhinderung von hervor, um rein ökonomische Kriterien der Entwick-
Menschenrechtsverletzungen häufig entweder schei- lungsförderung (wie etwa die Steigerung des Brutto-
tern oder trotz festgestellter Notwendigkeit erst gar inlandprodukts, BIP) zu überwinden. In der Praxis
nicht durchgeführt werden. Völkerrechtswidrige In- der Entwicklungspolitik der VN wurde dieser Ansatz
terventionen aus den von realistischen Theorien be- weiter operationalisiert und führte schließlich im Jahr
tonten Machtinteressen können dagegen mangels su- 2000 zur Annahme der MDG durch die Generalver-
pranationaler Sanktionierungsmöglichkeiten nach sammlung (A/RES/55/2, para. 19). Das Konzept be-
15 Internationale Gerechtigkeit 103

stand darin, konkrete, messbare Richtwerte zu de- standen ist. Ein Beispiel hierfür ist das formal erreich-
finieren, die bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollten. te Ziel, die absolute Armut (d. h. die Anzahl der Per-
Diese Kriterien wiederum rückten explizit die indivi- sonen, die von weniger als 1, später 1,25 US-Dollar
duelle – und nicht, wie bisher üblich, die staatliche – pro Tag leben) zu halbieren: Zwar ging die Zahl dieser
Entwicklung in den Mittelpunkt: So wurde z. B. be- Personen tatsächlich um über eine Milliarde weltweit
absichtigt, die Zahl der Menschen, die von weniger als zurück, doch handelt es sich bei ca. zwei Drittel davon
1 US-Dollar pro Tag leben, zu halbieren (ebd.), und um chinesische Bürgerinnen und Bürger, die vom na-
nicht etwa, das BIP eines Staates um einen bestimm- tionalen Wirtschaftswachstum Chinas profitierten
ten Prozentsatz zu steigern, wie es klassische moder- (vgl. ebd., 14). Ob jedoch auf Basis der Ergebnisse na-
nisierungstheoretische Ansätze veranschlagten. Inso- tionaler Politiken noch die Verwendung des Begriffs
fern stellen die Ziele auf konzeptioneller Ebene durch- einer explizit internationalen Gerechtigkeit angemes-
aus eine Initiative dar, einen kosmopolitischen Ansatz sen ist, darf mit guten Gründen bezweifelt werden. In-
in der realen Welt zu implementieren. sofern kann zwar ein sichtbarer Fortschritt im Bereich
Beim Versuch der Implementierung der MDG in des Human Development nach MDG-Kriterien attes-
einer durch Staaten dominierten Welt sind jedoch tiert werden, doch zeigen sich nach wie vor große Un-
mehrere Probleme aufgetreten, von denen für die hier terschiede zwischen einzelnen Staaten und Weltregio-
zu besprechende Thematik drei von besonderer Be- nen. Hierbei bleibt mit Blick auf die Thematik der in-
deutung sind: Erstens handelt es sich bei der Fest- ternationalen Gerechtigkeit vor allem die Frage beste-
legung der MDG, ähnlich wie bei der Einführung der hen, wie derartige Programme in Zukunft organisiert
Responsibility to Protect, um eine Resolution der Ge- werden sollen. Wahrscheinlich wird sich auch hier
neralversammlung der VN, d. h. sie ist de jure nicht wieder eine Gemengelage aus einer formal nicht-ver-
bindend. Zweitens legt die Millennium Declaration nur bindlichen Zielvorgabe durch die VN, einer Imple-
die zu erreichenden Ziele fest, nicht aber, wie diese mentierung durch Nationalstaaten und fehlenden
Ziele erreicht werden sollen, d. h. es werden keine Ver- Sanktionsmöglichkeiten für nicht eingehaltene Zusa-
antwortlichkeiten definiert, wer für die Implementie- gen ergeben. Aus diesem Grund bleiben auch mit
rung der Ziele zuständig ist. Es bleibt unklar, ob dies in Blick auf die Thematik der internationalen Entwick-
der Verantwortung internationaler Organisationen lungszusammenarbeit die Fragen bestehen, ob erstens
wie des UNDP, der so genannten Industrieländer oder kosmopolitische Konzepte der Gerechtigkeit über-
gar der Entwicklungsländer selbst liegt. Drittens haupt in einer durch Staaten dominierten Welt an-
schließlich ergibt sich ein Implementierungsproblem wendbar sind und wie ausgeprägt zweitens der politi-
aus den nicht vorhandenen Möglichkeiten einer su- sche Wille von Staaten ist, Konzepte der internationa-
pranationalen Sanktionierung für den Fall, dass Zusa- len Gerechtigkeit nachhaltig zu implementieren.
gen nicht eingehalten werden. So ist etwa auffällig,
dass die von den Industriestaaten beschlossene Ver-
einbarung, mindestens 0,7 Prozent ihres BIP in Maß- Fazit
nahmen der Entwicklungszusammenarbeit zu inves-
tieren, von vielen Staaten nicht eingehalten wird. Kon- Auch wenn die Ergebnisse der beiden Fallbeispiele im
sequenzen entstehen für diese Industrieländer daraus Hinblick auf die Implementierung von internationaler
freilich nicht. Dieser auch mit der oben beschriebenen Gerechtigkeit in der nicht-idealen Welt als ernüch-
Problematik humanitärer Interventionen korrespon- ternd zu bezeichnen sind, lässt sich dennoch ein posi-
dierende Befund unterstreicht einmal mehr, wie we- tiver Aspekt der Debatte hervorheben: Die eher phi-
nig Staaten Sanktionen einer übergeordneten Organi- losophisch als politikwissenschaftlich geprägte Debat-
sationseinheit fürchten müssen, wenn sie Beschlüsse te über internationale Gerechtigkeit ist zumindest in
nicht umsetzen oder gar Abkommen verletzen. Vor ihren Anfängen in der politischen Welt angekommen,
diesem Hintergrund fällt auch die Bewertung der Er- auch wenn der Gerechtigkeitsbegriff selbst nach wie
gebnisse des MDG-Programms schwer. Zwar konn- vor kaum in der internationalen Politik verwendet
ten, wenn auch regional sehr unterschiedlich, in meh- wird. Aus politikwissenschaftlicher Sicht lässt sich ge-
reren Bereichen Fortschritte vermeldet werden (vgl. genwärtig (und wohl auch in den kommenden Jahren)
UN 2015, 9). Allerdings stellt sich die Frage, inwiefern feststellen, dass der Versuch, länderübergreifende Ge-
dieses Ergebnis eher durch nationale Politikentschei- rechtigkeitskonzepte in einer von Staaten dominierten
dungen als durch internationale Anstrengungen ent- Welt zu implementieren, nur unter größten Schwierig-
104 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

keiten möglich ist – nämlich dann, wenn die Staaten Höffe, Otfried: Für und Wider eine Weltrepublik. In: Chris-
der Welt bereit sind, signifikante Teile ihrer nationalen toph Broszies/Henning Hahn (Hg.): Globale Gerechtigkeit.
Souveränität an eine supranationale Ebene zu trans- Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und
Kosmopolitismus. Berlin 22013, 242–262.
ferieren und dieser dann auch Sanktionsrechte und vor ICISS (International Commission on Intervention and State
allem -fähigkeiten einzuräumen. Die Schwierigkeiten Sovereignty): The Responsibility to Protect. Report of the In-
einer solchen Entwicklung lassen sich in der in einigen ternational Commission on Intervention and State Sove-
Bereichen bereits supranational organisierten Euro- reignty. Ottawa 2001.
päischen Union (EU) erkennen. Dies lässt erahnen, McGrew, Anthony: From Global Governance to Good Go-
vernance: Theories and Prospects of Democratizing the
wie wenig realistisch gegenwärtig ein Transfer solcher
Global Polity. In: Morton Ougaard/Richard Higgott (Hg.):
Steuerungsmechanismen auf eine globale Ebene ist. Towards a Global Polity. New York 2002, 207–227.
Eine Auseinandersetzung mit Konzepten interna- Morgenthau, Hans J.: Politics among Nations. The Struggle for
tionaler Gerechtigkeit muss dennoch als Grundlage Power and Peace, Brief Edition [1948]. Hg. von Kenneth
und Voraussetzung dafür verstanden werden, dass W. Thompson. Boston 1993.
sukzessive Implementierungen in der politischen Pra- Münkler, Herfried: Die neuen Kriege. Reinbek bei Hamburg
32007.
xis überhaupt erfolgen können. Insofern kann vor die- Ougaard, Morton/Higgot, Richard (Hg.): Towards a Global
sem Hintergrund auch festgehalten werden, dass die Polity. New York 2002.
Beschäftigung mit dem noch relativ jungen Thema in- Schuck, Christoph (Hg.): Security in a Changing Global En-
ternationaler Gerechtigkeit notwendiger denn je ist vironment. Challenging the Human Security Approach. Ba-
und der normativ unbefriedigende empirische Be- den-Baden 2011.
Sen, Amartya: Development as Freedom. Oxford 1999.
fund nicht Hindernis, sondern vielmehr Motivation
UCDP (Uppsala Conflict Data Program): Armed Conflict by
sein sollte, sich noch eingehender mit diesen Fragen Type 1946–2013.
zu beschäftigen (vgl. McGrew 2002, 216). Die zentrale United Nations Millennium Declaration 2000 (= UN Ge-
Überlegung, die sich in diesem Zusammenhang er- neral Assembly Resolution A/RES/55/2).
gibt, besteht darin, welcher Zweig der Gerechtigkeits- UN (United Nations): Millennium Development Goals Re-
theorien in Zukunft fokussiert werden soll: Ist es sinn- port 2015. New York 2015.
UNDP (United Nations Development Programme): Human
voll, wie Otfried Höffe fordert, das kosmopolitische
Development Report 1990. New York 1990.
Konzept der Gerechtigkeit zu einer konkreten Utopie –: Human Development Report 1994. New York 1994.
auszuarbeiten? Höffe strebt hier »eine Utopie des Waltz, Kenneth N.: Man, the State and War. A Theoretical
Noch-Nicht« an, »ein politisches Ideal, zu dessen Ver- Analysis [1959]. New York 2001.
wirklichung wir schon unterwegs sind« (Höffe 2013, Walzer, Michael: Just and Unjust Wars. A Moral Argument
262). Oder aber soll die von Staaten dominierte Welt with Historical Illustrations [1977]. New York 42006.
Zürn, Michael: Regieren jenseits des Nationalstaates. Frank-
auch in der Theoriebildung als gegebener Parameter furt a. M. 1998.
angesehen werden, was mit bestehenden kosmopoliti-
schen Ansätzen jedoch nur schwer zu vereinen wäre? Steve Schlegel / Christoph Schuck
In jedem Fall scheint es erforderlich, dass bei der The-
matik der internationalen Gerechtigkeit stets auch
Fragen nach ihrer Implementierbarkeit berücksichtigt
werden.

Literatur
Annan, Kofi: Address of the Secretary-General to the General
Assembly (= SG/SM/7136) 1999.
Beitz, Charles: Political Theory and International Relations.
Princeton 1979.
Charta der Vereinten Nationen. Hg. von der Deutschen Ge-
sellschaft für die Vereinten Nationen e. V. Berlin.
Galtung, Johan: Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens-
und Konfliktforschung. Reinbek bei Hamburg 1975.
Habermas, Jürgen: The Postnational Constellation. Political
Essays. Cambridge MA 2001.
Hobbes, Thomas: Leviathan. Hg. von Hermann Klenner.
Hamburg 1996 (engl. 1651).
16 Transnationale Gerechtigkeit 105

16 Transnationale Gerechtigkeit polites) zu sein. Als Verantwortungskonzeption inte-


ressiert sich der Kosmopolitismus für Verpflichtun-
Globale Probleme wie die anhaltende weltweite Ar- gen, die nicht nur gegenüber Verwandten, Freunden
mut, Migration und die schädlichen Folgen des Klima- und Nachbarn gelten, sondern auch gegenüber jenen,
wandels haben dazu beigetragen, dass einige philoso- die uns fremd sind. Und in der Theorie internationaler
phische Konzeptionen wie Gleichheit, Freiheit, aber Beziehungen schließlich wird ›Kosmopolitismus‹ häu-
auch Gerechtigkeit nicht mehr allein als nationalstaat- fig mit der Konzeption eines Weltstaates oder auch
liches, sondern als weltweites Problem thematisiert globaler Bürgerschaft gleichgesetzt (Brock/Brighouse
werden. Ein »methodologischer Nationalismus« 2005, 1–10). Die ›transnationale Gerechtigkeit‹ ist
(Beck/Grande 2010, 187) ist auf einigen Gebieten der ebenso wie die ›globale Gerechtigkeit‹ eine Spielart des
politischen Philosophie einem ›methodologischen Kosmopolitismus, die sich anhand einiger Unterschei-
Kosmopolitismus‹ bzw. ›methodologischen Trans- dungen charakterisieren lässt.
nationalismus‹ gewichen, bei dem beispielsweise Fra- Nicht-relationale Ansätze transnationaler Gerech-
gen der Gerechtigkeit nicht mehr von vornherein aus tigkeit schlagen völlig unabhängig von existierenden
einer Perspektive staatlich organisierter politischer Beziehungen zwischen Menschen Prinzipien einer
Gemeinschaften (von Staatsbürgern), sondern aus globalen Ethik vor. Relationale Gerechtigkeitsansätze
Sicht von Individuen (bzw. Weltbürgern) unabhängig hingegen verteidigen grundlegende Gerechtigkeits-
von ihrer staatlichen Zugehörigkeit analysiert und be- prinzipien auf Basis einer zwischen den Beteiligten
wertet werden. Gerechtigkeit wird daher seit einiger bestehenden Beziehung. Sie können dann zum nor-
Zeit mit Adjektiven wie ›international‹, ›kosmopoli- mativen Standard einer gerechten internationalen
tisch‹ und ›transnational‹ bzw. ›global‹ beschrieben. Ordnung werden, der alle Menschen in der einen oder
Trotz einiger Gemeinsamkeiten gibt es aber durchaus anderen Weise unterworfen sind. Auf einer anderen
Unterschiede zwischen diesen vier Konzeptionen der Ebene liegt die Unterscheidung zwischen Ansätzen
Gerechtigkeit. Die größte Verschiedenheit besteht zwi- transnationaler distributiver Gerechtigkeit, die da-
schen ›internationalen‹ und den anderen drei genann- nach fragen, wie Vorteile und Lasten weltweit gerecht
ten Ansätzen. Während Konzeptionen transnationaler verteilt werden können, und Positionen, die die ›klas-
und globaler Gerechtigkeit (s. Kap. II.17) davon aus- sischen‹ Verteilungsansätze kritisieren und ihnen an-
gehen, dass staatliche Bedingungen für eine normative thropologisch begründete Fähigkeiten des Menschen
Bewertung gesellschaftlicher Verhältnisse keine Rolle als Basis für eine Güterverteilung gegenüberstellen.
spielen bzw. spielen sollten, gehen internationale Posi- Eine fünfte Position schließlich versteht transnationa-
tionen von einer staatlich geordneten realen Welt aus, le Gerechtigkeit als politische Gerechtigkeit, die,
die durch Globalisierungsprozesse geprägt ist. Wäh- durch Moral gespeist, im politischen Prozess und in
rend ›internationale‹ Gerechtigkeitstheorien von ei- Auseinandersetzung mit bestehenden Machtkonstel-
nem normativen Vorrang jener Beziehungen spre- lationen erst begründet und juridifiziert werden kann.
chen, die in einem institutionellen (meist staatlichen) Für die Zukunft scheint diese Position aussichtsreich,
Rahmen stattfinden, berufen sich ›transnationale‹ und da in ihr transnationale Gerechtigkeit durch den poli-
›globale‹ Gerechtigkeitstheorien auf eine Kontinuität tischen Prozess vermittelt ist und so auch weitere Pro-
zwischen inner- und überstaatlichen normativen Ge- blembereiche wie Fragen der Klimagerechtigkeit, der
rechtigkeitsbedingungen. Aus der einen Sicht sollen Verteilung natürlicher Ressourcen und des Nord-Süd-
Grundsätze internationaler Gerechtigkeit die Bezie- Konfliktes mit aufgenommen werden können.
hungen zwischen Staaten auf faire Weise regeln, aus
der anderen soll das Verhältnis zwischen allen Men-
schen weltweit gerecht geregelt werden (Forst 2002, Nicht-relationale Gerechtigkeit
215). ›Kosmopolitismus‹ hingegen ist der ›Dach-
begriff‹ aller Ansätze, die eine normative Sicht auch Die Unterscheidung zwischen nicht-relationaler und
jenseits nationalstaatlicher Grenzen in Betracht zie- relationaler Gerechtigkeit geht auf Andrea Sangiovan-
hen. Das Bedeutungsspektrum ist dabei sehr breit. Als ni zurück (2007). Demnach schlagen relationale An-
Identitätsbeschreibung bezeichnet ›kosmopolitisch‹, sätze vor, Gerechtigkeit sei für Beziehungen relevant,
dass jemand weltgewandt ist und viel gesehen hat. In bei denen Menschen einen bestimmten personalen
der griechischen Philosophie steht ›kosmopolitisch‹ oder institutionellen Kontext teilen. Verpflichtungen
dafür, Bürger einer universellen Gemeinschaft (kosmo- ergeben sich dann beispielsweise, weil man die gleiche
106 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

Staatsbürgerschaft besitzt, oder aber, weil man einem ne effektive Verwendung der Spenden richtet (Kuper
globalen Regelsystem unterworfen ist. Relationale 2005, 160), und ob sie nicht zu stark von der selektiven
Ansätze können dabei etatistisch sein (z. B. Nagel Thematisierung in der Öffentlichkeit abhängen.
2005; Miller 2007) und davon ausgehen, dass eine ge-
teilte Staatsangehörigkeit spezielle Pflichten mit sich
bringt, oder aber sie können eine transnationale Per- Relationale Gerechtigkeit
spektive einnehmen und internationale juridische
und politische Regelsysteme als Bezugspunkt wählen Eine weitreichende Kritik an dieser Variante nicht-re-
(z. B. Pogge 2002). In beiden Fällen wird unterstellt, lationaler Gerechtigkeitstheorien kommt von Thomas
dass Gerechtigkeit innerhalb des jeweiligen geteilten Pogge, der in Anlehnung an John Rawls einen ent-
Kontextes, nicht aber außerhalb davon Bedeutung hat. scheidenden Perspektivenwechsel vornimmt – von
Im Gegensatz dazu schlagen nicht-relationale Positio- der utilitaristischen, ›interaktiven Hilfe‹ zur vertrags-
nen vor, dass Menschen Ansprüche einfach als Men- theoretischen, ›institutionellen Reform‹. Die utilita-
schen besitzen. Sie gehen davon aus, dass unserem ristische Ethik, so die Kritik, unterlässt es, die Ursa-
Menschsein oder unserer Würde bereits gleiche An- chen weltweiter Armut zu untersuchen. Aber erst
sprüche innewohnen, gerecht behandelt zu werden – durch eine Ursachenanalyse gerät in den Blick, dass
was wiederum, je nach Theorie, Unterschiedliches be- das internationale Finanz-, Wirtschafts- und Rechts-
deuten kann. system durch internationale Investitionen, Handels-
Ein wichtiger Vertreter einer nicht-relationalen Po- regeln und Kreditvergabepraktiken maßgeblichen
sition ist der australische Philosoph Peter Singer. Er Einfluss auf innerstaatliche Verhältnisse und somit auf
hat bereits zu Beginn der 1970er Jahre die Diskussion die Armuts- und Reichtumsentwicklung ausübt (Pog-
geprägt (Singer 1972). Singer sieht es als moralisches, ge 2002). Pogge steht zwar in der Rawlsschen Traditi-
nicht als politisches oder juridisches Versagen an, dass on, aber während Rawls davon ausgeht, dass das große
vielen Menschen weltweit trotz des Wohlstands in den Übel für arme Länder vielfach die lokale Kultur und
Industrieländern nicht hinreichend geholfen wird. die korrupten Eliten und Regierungen sind (Rawls
Das utilitaristische Moralprinzip, das seiner Theorie 1999, 89), analysiert Pogge, ähnlich wie die ›Depen-
zugrunde liegt, besagt, dass, wenn es in unserer Macht denztheorien‹ in den 1970er Jahren, die Auswirkun-
steht, etwas Schlechtes zu verhindern, ohne dabei et- gen internationaler Abkommen auf das Leben von
was von gleicher moralischer Bedeutung opfern zu Menschen. Und während Rawls in seiner »Charta des
müssen, wir dies tun sollten. Auf die Situation der Rechts der Völker« (ebd., 78) eine Pflicht aufnimmt,
Menschen in Entwicklungsländern übertragen be- anderen Völkern zu helfen, spricht Pogge von Ver-
deutet dies, dass die Bürger der relativ reichen Indus- pflichtungen, die sich für diejenigen ergeben, die von
trieländer moralisch falsch handeln, wenn sie nichts dem bestehenden Regelsystem profitieren, etwa durch
unternehmen, obwohl Tausende von Menschen ster- billige Rohstoffe. Für Rawls liegt ein entscheidender
ben – genauso, als würden wir an einem Teich, in dem Schritt zur Beförderung globaler Gerechtigkeit darin,
ein Kind ertrinkt, achtlos vorbeigehen. Singer hat in dass es Ziel jeglicher materiellen und technologischen
späteren Schriften akribisch dargelegt, wie wenig es Hilfe sein sollte, gerechte und demokratische Institu-
kosten würde, Kinderleben zu retten; wir müssten nur tionen zu installieren; dazu könnten Bildungspro-
auf ein paar Luxusartikel wie teure Markenkleidung gramme ebenso beitragen wie Maßnahmen zur Ge-
oder ein Abendessen in einem noblen Restaurant ver- burtenkontrolle (Rawls 1999). Pogge hingegen setzt
zichten, um unseren moralischen Pflichten nach- auf die schrittweise Reform des internationalen Regel-
zukommen (Singer 2009). systems. Alle Bürger, die in irgendeiner Weise von
Diese Position wurde von verschiedenen Seiten dem bestehenden Regelsystem profitieren, haben die
kritisiert. Singers Theorie fordere weit umfangreiche- negative Pflicht, diese ungerechten Institutionen nicht
re Opfer von jedem Einzelnen, und eine Moraltheorie, weiter aufrechtzuerhalten und Kompensationen zu
die so umfangreiche Opfer fordere, schränke unsere leisten.
autonome Lebensplanung unzulässig ein, denn sie Zu den jüngsten Reformvorschlägen gehört Pogges
würde einzig für den Zweck der Hilfe instrumentali- Vorschlag, das bestehende Patentrecht zu ändern. Bis-
siert (Mieth 2012). Empirisch stellt sich die Frage, wie lang bietet dies keine Anreize für die Erforschung und
wirkungsvoll Spenden tatsächlich sind, wenn sich das den Vertrieb von Medikamenten, die sich auf jene
politische Umfeld (etwa durch Korruption) gegen ei- Krankheiten richten, von denen vor allem die Armen
16 Transnationale Gerechtigkeit 107

betroffen sind (z. B. Malaria). Ein Health Impact Fund rie von Pogge ist Gerechtigkeit nicht ein normativer
(HIF), der hauptsächlich von Regierungen finanziert Maßstab für das internationale Regelsystem, sondern
wird, soll diese Lücken schließen und die weltweite bildet den normativen Kern eines wechselseitigen Gü-
Versorgung mit neuen Medikamenten verbessern. teraustauschs bzw. Güterverzichts. Nach Höffe (1999)
Auf diese Weise soll auch das Menschenrecht auf si- ist ein transzendentaler Tausch ein hypothetisch glo-
cheren Zugang zu Gesundheitsgütern gewährleistet bal ablaufender Tausch, bei dem alle Weltbürger ihre
werden (Pogge 2009). negativen Freiheiten durch einen primären Vertrag
Kritik an dieser Position ließ nicht lange auf sich wechselseitiger, allseits vorteilhafter Selbsteinschrän-
warten. So sei eine kausale Verknüpfung zwischen kung gegen die Geltung sozialer Regeln tauschen.
globalen Regelungen und innerstaatlichen Auswir- Transzendental ist dieser Tausch, weil durch ihn die
kungen auf die Armutsentwicklung weder empirisch Bedingungen von Handlungsfähigkeit überhaupt ge-
nachweisbar noch philosophisch überzeugend. Denn sichert werden, die auf universellen anthropologi-
dies würde bedeuten, dass gravierende Armut in Län- schen Interessen basieren. Auf Basis dieses Vertrags
dern wie Kongo oder Simbabwe beendet werden entwirft Höffe rechtsnormierende Gerechtigkeits-
könnte, selbst wenn die innerstaatlichen Verhältnisse prinzipien, die sich auf Freiheitsrechte, Gewaltentei-
unverändert blieben, und genau diese Annahme wird lung sowie auf ein universales Demokratie- und Sozi-
bestritten (Cohen 2010). Unklar sei auch, wer eigent- alstaatsgebot beziehen und dann in einer Kantischen
lich zu welchen Maßnahmen verpflichtet ist, da es kei- Version der komplementären Weltrepublik mit föde-
ne genaue Bestimmung dessen gibt, was es heißt, un- ralem Charakter ausbuchstabiert werden. Diese
rechtmäßigerweise zu profitieren (Anwander/Bleisch rechtsnormierenden Gerechtigkeitsprinzipien sind
2007), und da man, durch die Fixierung auf das ano- deckungsgleich mit Menschenrechten. Sie gehen be-
nyme Regelsystem, nicht diejenigen zur Verantwor- reits aus diesem originären Vertrag, dem primären
tung ziehen kann, die durch ihr Handeln die üblen Rechtsvertrag hervor, der einem eigentlichen, globa-
Zustände erst herbeigeführt haben (Miller 2007). len Staatsvertrag vorausgeht (ebd., 62–66). Der vor-
staatliche Rechtsvertrag besitzt einen Kern der Ge-
rechtigkeit, wie Höffe es ausdrückt (ebd., 63), der in
Distributive Gerechtigkeit distributiv-kollektiven Vorteilen liegt, etwa dem
Schutz von Rechtsgütern wie Leib, Leben und Eigen-
Ein weiterer Grund für die lange Abstinenz der politi- tum.
schen Theorie, sich mit globaler bzw. transnationaler
Gerechtigkeit zu befassen, mag auch darin liegen, dass
Verteilende Gerechtigkeit
unter ›Gerechtigkeit‹ vor allem Verteilungsgerechtig-
keit (s. Kap. II.12) verstanden wurde. Diese setzt üb- Vertreter der zeitgenössischen ›verteilenden Gerech-
licherweise eine enge soziale Kooperation und die tigkeit‹ stellen die bisherige Annahme in Frage, dass
Verteilung gemeinsam erwirtschafteter Güter voraus eine ungleiche Verteilung von Gütern (Bruttosozial-
(Brooks 2008) und scheint daher auf politische Ge- produkt, natürlichen Ressourcen, Bildungschancen,
meinschaften zugeschnitten zu sein. Inzwischen hat Gesundheitsversorgung und Umweltlasten) als selbst-
sich die Vorstellung durchgesetzt, dass Verteilungs- verständlich angesehen wird oder aber, wie bei utilita-
gerechtigkeit auch jenseits von Nationalstaaten ihre ristischen Positionen, durch Hilfeleistungen (ein we-
Berechtigung hat. Man kann sie, allgemein gespro- nig) ausgeglichen werden kann (Gosepath 2004). Ei-
chen, als Art und Weise verstehen, wie Vorteile und ner der Ersten, der ein Modell globaler Umverteilung
Lasten unseres Lebens zwischen uns geteilt werden vorgeschlagen hat, ist der Politikwissenschaftler
sollten (Armstrong 2012, 16). Es lassen sich auch hier Charles Beitz (1979). In Anlehnung an John Rawls
verschiedene Ansätze unterscheiden. entwickelt er ein ›globales Differenzprinzip‹, das Maß-
stab für eine transnationale Grundstruktur ist und
Auskunft darüber gibt, wann Ungleichheiten zugelas-
Tauschgerechtigkeit
sen sind. Noch einen Schritt weiter als Beitz geht der
Mit der Arbeit von Otfried Höffe erhält die Vertei- Vorschlag von Darrell Moellendorf, der von einem
lungsgerechtigkeit in der Begründung einer globalen Ideal des globalen Egalitarismus ausgeht (Moellen-
politischen Ordnung einen prominenten Platz. Aber dorf 2002, 42). Für Moellendorf drückt sich ein sub-
anders als bei der institutionellen Gerechtigkeitstheo- stanzieller Egalitarismus in ›fairer Chancengleichheit‹
108 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

mit globaler Reichweite aus. Das hieße beispielsweise, (Forst 2011, 31). Dieser Punkt wird weiter unten
dass ein Kind, das auf dem Land in Mozambique auf- nochmals aufgenommen.
wächst, statistisch gesehen die gleiche Chance auf ein
gutes Leben besitzen soll wie das Kind des geschäfts-
führenden Direktors einer Schweizer Bank (ebd., 49). Anthropologische Gerechtigkeit:
der Fähigkeitenansatz
Korrektive Gerechtigkeit
Schließlich kritisieren Martha Nussbaum (2006) und
Theorien globaler, korrektiver Gerechtigkeit beziehen Amartya Sen (2010) an den vorherrschenden Vertei-
sich auf die Wiedergutmachung historischen Un- lungsansätzen, dass bei der Ressourcenverteilung
rechts (Meyer 2005). Die bestehenden enormen öko- zwar auf die Gleichverteilung von Gütern geachtet
nomischen Ungleichheiten können nicht einfach auf wird, nicht aber darauf, dass die Verteilung die indivi-
geographische und klimatische Besonderheiten zu- duellen Voraussetzungen mit in Betracht zieht. Wel-
rückgeführt werden. Entscheidender Faktor für die chen Einfluss diese Güter auf das subjektive Wohl-
ungleichzeitigen Entwicklungen ist der Kolonialis- ergehen haben, das heißt auf die Erfüllung von indivi-
mus, der zum einen zur Verfestigung imperialer poli- duellen Wünschen und Verlangen, wird nicht weiter
tischer und sozialer Strukturen geführt (Randeria/ berücksichtigt (Neuhäuser 2013, 91–114). Nussbaums
Eckert 2009), aber auch zur ökonomischen Schädi- und Sens Position wurde auch als midfare bezeichnet
gung der Entwicklungsländer beigetragen hat. Studi- (Cohen 1993, 18), die in die Gerechtigkeitsüberlegun-
en zu transitional justice, bei denen es stets um die gen die Auswirkungen von Gütern auf das Wohlerge-
Wiedergutmachung erfahrenen Unrechts geht, bezie- hen von Menschen mit einbezieht. Die Lebensqualität
hen sich nicht immer auf transnationale Gerechtig- soll auf Basis von Fähigkeiten beurteilt werden, über
keit, sondern haben die verschiedenen Formen der die eine Person verfügt. Unter ›Fähigkeit‹ verstehen
nationalen Verarbeitung von historischem Unrecht in Nussbaum und Sen das tatsächliche oder potenzielle
Wahrheits- und Versöhnungskommissionen zum Vermögen, die als wertvoll eingeschätzten mensch-
Gegenstand (Rotberg/Thompson 2000). Zu einer lichen Funktionsfähigkeiten zu erlangen.
strafrechtlichen Auseinandersetzung mit dieser Form Vor allem Nussbaum hat den Fähigkeitenansatz
historischen Unrechts ist es jedoch bislang nicht ge- auch für die globale Ebene ausgearbeitet (Nussbaum
kommen. 2006). Sie wendet sich gegen globale Vertragstheorien
Eine grundlegende Kritik an Konzeptionen trans- wie die von John Rawls, aber auch diejenigen von Beitz
nationaler Verteilungsgerechtigkeit – gleich welcher und Pogge, da sie alle von einer Naturzustandssituati-
Variante – stammt u. a. von Wolfgang Kersting. Ein on ausgehen, in der unterstellt wird, alle Beteiligten
solcher Weltegalitarismus kennt, so Kersting, nur seien gleichwertige Vertragspartner, die sich mit ratio-
noch bedürftige Erdenmenschen und verwandelt die nalen Gründen auf geteilte Gerechtigkeitsprinzipien
ganze Weltbevölkerung in die Klientel einer ›anony- einigen können. Diese idealisierte Entscheidungs-
men globalen Verteilungsagentur‹ (Kersting 2002). situation blende jedoch die tatsächlich bestehenden
Auch wurde eingewandt, dass eine Fokussierung auf Ungleichheiten zwischen Nationen und zwischen
Ungleichverteilung andere Formen der Erniedrigung, Menschen völlig aus. Mehr noch, Nussbaum wirft den
der Ausgrenzung und Unterdrückung gar nicht in den Kontraktualisten vor, dass ihre gesamten Begrün-
Blick geraten lässt (Honneth 2010; Young 1996). Zu- dungsverfahren einzig dazu dienen, eine bestimmte
dem werden die strukturellen Ursachen von globalen Moralvorstellung zu begründen, die man viel überzeu-
Ausbeutungs-, Abhängigkeits- und Ausgrenzungsver- gender auch anders haben kann: durch einen gehalt-
hältnissen nicht thematisiert, wenn sich das Augen- vollen Würdebegriff, der eben nicht prozeduralistisch,
merk allein auf die ungerechte bzw. gerechte Vertei- sondern substantialistisch ist und ganz konkrete Aus-
lung von Gütern, Vorteilen oder Lasten konzentriert. sagen über universale menschliche Fähigkeiten macht.
Ungerechte Verhältnisse werden nicht abgeschafft, Dazu gehört, körperlich gesund und politisch aktiv
wenn es nur darum geht, »welche Güter aus welchen zu sein, Vernunft und Gefühle auszubilden und Bezie-
Gründen in welchem Maße an wen zu verteilen sind«; hungen zu anderen Menschen herzustellen. Diese Be-
es sollte daher vor allem darum gehen, »wie diese Gü- dürfnisse können sich in Ansprüchen auf die politi-
ter zuallererst in die Welt kommen sowie wer über die sche Realisierung eben dieser Bedürfnisse ausdrü-
Verteilung bestimmt und wie sie vorgenommen wird« cken. Die entscheidende Frage ist natürlich, was all
16 Transnationale Gerechtigkeit 109

dies für die globale Ebene bedeutet. Transnational ist Kommunikationsblockaden, die eine gleichberechtig-
dieser Ansatz allein schon deshalb, weil er auf das Sub- te gesellschaftliche Partizipation verhindern. Oder in
jekt zielt und immer Einzelpersonen (und nicht Völ- anderen Worten: Sie spüren gesellschaftliche Unge-
ker oder Nationen) im Zentrum der Gerechtigkeits- rechtigkeiten auf – Ausbeutung, Erniedrigung, Ent-
überlegungen stehen: Die Fähigkeiten und Tätigkeits- würdigung, Respektlosigkeit.
felder sind unabdingbar für ein menschliches Leben Die Analyse von Ungerechtigkeiten aber reicht
in Würde. Der Fähigkeitenansatz ist dabei vorpoli- nicht aus, sie bedarf der Ergänzung durch normative
tisch und erlaubt es, Anforderungen an den Staat zu Überlegungen darüber, aus welchen Gründen etwas
stellen, so dass die entsprechenden Bedingungen zur als ungerecht oder gerecht klassifiziert wird. Die Be-
Entwicklung der Fähigkeiten durchgesetzt werden antwortung dieser Frage ist auf Verfahren angewiesen,
(Nussbaum 2006, 285). Internationale Organisationen in denen die Rechtfertigungen bestehender Güterver-
sind erst dann in der Pflicht, wenn die Nationalstaaten sorgungen, Regelsysteme und anderer sozialer Prakti-
in der Umsetzung versagen; die Institutionen auf glo- ken analysiert und unter Einbeziehung der Betroffe-
baler Ebene bleiben in Nussbaums Ansatz rar und de- nen hinterfragt werden können (Forst 2007). Auf diese
zentral organisiert (ebd., 314). Weise wird auch ausgeschlossen, dass die Bestimmung
Nussbaums Versuch, transnationale Gerechtigkeit der Gerechtigkeit ein paternalistisches Unterfangen
aus anthropologischer Sicht zu begründen, ist auf brei- bleibt, bei dem die betroffenen Personen nicht auto-
te Kritik gestoßen. Aus machtrealistischer Perspektive nome Subjekte, sondern bloße Objekte einer Gerech-
ist die Vorstellung, dass Staatenvertreter aus men- tigkeitstheorie wären.
schenrechtlicher Verbundenheit die umfangreiche Fä- Allen Ansätzen eines diskurstheoretischen Kosmo-
higkeitenliste in ihre Verfassungen integrieren und politismus ist gemein, dass eine Gesellschaft, auch die
umsetzen, zumindest fraglich. Schwer wiegt auch, dass Weltgesellschaft, dann ungerecht ist, wenn sie nicht je-
ihr moralischer Kosmopolitismus ganz losgekoppelt dem Mitglied die Chance einräumt, Interessen gegen-
von politischen Verfahren ausbuchstabiert wird und über Entscheidungsträgern zu rechtfertigen und an
zwischen der moralisch-anthropologischen Begrün- Regelsetzungen zu partizipieren, von denen man be-
dung der Fähigkeitenliste und der politischen Wirk- troffen ist.
lichkeit keine Verbindung zu bestehen scheint (Hahn Für zukünftige Diskussionen ist die Frage zentral,
2009, 125–126). unter welchen Bedingungen die Regeln für trans-
nationale Beziehungen zustande kommen, die den
Anforderungen prozeduraler Gerechtigkeit entspre-
Politische Gerechtigkeit: diskurstheore- chen. Für Seyla Benhabib liegt der Schlüssel hierfür in
tischer Kosmopolitismus einer ›demokratischen Iteration‹ globalen Rechts, das
einerseits in einem Prozess anhaltender Interpretati-
Für diskurstheoretische Ansätze (s. Kap. III.37) sind on an lokale Besonderheiten angepasst wird und in
Gerechtigkeit und politische Verfahren aufeinander dem andererseits lokale Regeln, die das Potenzial zur
bezogen, daher kann man auch von ›politischer Ge- Universalisierung besitzen, Einlass ins globale Recht
rechtigkeit‹ sprechen. In der Tradition der Kritischen finden (Benhabib 2008). Jürgen Habermas’ Welt-
Theorie stehend, stellen sie die Analyse und empiri- gesellschaft besteht aus einem postnationalen Mehr-
sche Diagnose von Ungerechtigkeiten der Begrün- ebenensystem, das sich, ebenfalls durch Prozesse der
dung von Gerechtigkeitsprinzipien voran (Benhabib Deliberation, im Prozess der Verrechtlichung befin-
2008; Habermas 2005; Forst 2007; Fraser 2005). Zur det, ohne jedoch, wie beim Vorschlag von Höffe, eine
diagnostischen Seite gehört beispielsweise die Frage Staatlichkeit auszubilden. Transnationale Gerechtig-
nach den gesellschaftlichen Verhältnissen, unter de- keitsprobleme werden bei Habermas, je nach Wir-
nen zu verteilende Güter produziert, Ressourcen ge- kungsgrad, auf den unterschiedlichen Funktionsebe-
fördert oder Fähigkeiten entwickelt werden sollen nen bearbeitet (national, trans- und supranational),
(Brunkhorst 2002; Forst 2002; Honneth 2010; Young wobei Menschenrechte als Teil des UN-Systems einen
2007). Ansätze einer politischen Gerechtigkeit er- universellen Gerechtigkeitsmaßstab für die Bearbei-
örtern aus sozialtheoretischer Sicht die ökonomischen, tung globaler Probleme darstellen (Habermas 2005).
sozialen und politischen Bedingungen der Produkti- Habermas spricht von einem internen Zusammen-
onsverhältnisse, des Zustandekommens von Regelsys- hang zwischen Menschenrechten und Volkssouverä-
temen und Rechtsnormen und die Handlungs- und nität und meint damit die kontrafaktische Annahme,
110 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

dass Menschenrechte und Demokratie jeweils sowohl Grenzen des zeitgenössischen Prozeduralismus. In: Ders.:
Voraussetzung füreinander als auch Resultat sind. Er Das Ich im Wir. Frankfurt a. M. 2010, 51–77.
nennt dies die »Gleichursprünglichkeit von Men- Kersting, Wolfgang: Kritik der Gleichheit. Über die Grenzen
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ist somit auf ein politisches Verfahren angewiesen, Meyer, Lukas H.: Historische Gerechtigkeit. Berlin 2005.
das selbst wiederum gerecht sein sollte: Das bedeutet, Mieth, Corinna: Positive Pflichten. Über das Verhältnis von
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17 Globale Gerechtigkeit 111

17 Globale Gerechtigkeit den auf Probleme globaler Ungerechtigkeit anwenden.


Dazu wird eine Analogie zwischen staatlicher und glo-
Es wird mittlerweile wie selbstverständlich und gera- baler Herrschaft vorausgesetzt, in deren Folge Kosmo-
dezu inflationär von globaler Gerechtigkeit gespro- politisten dieselben egalitären Gerechtigkeitsforde-
chen. Dabei wird oft übersehen, dass die Konzeption rungen aufstellen wie im innerstaatlichen Fall. In der
globaler Gerechtigkeit eine radikale Idee transpor- zweiten Phase formiert sich zunehmend Kritik an die-
tiert, die sich erst seit einer Generation durchzusetzen sem Analogieschluss. Partikularisten bezweifeln, dass
begonnen hat, deren Sinn aber nach wie vor als um- die globale Arena sinnvoll als Kontext sozialer Gerech-
stritten gelten muss. Bis heute findet sich beispielswei- tigkeit begriffen werden kann; zudem halten pragmati-
se in der Stanford Encyclopedia of Philosophy kein ei- sche Ansätze den Kosmopolitismus für politikverges-
genständiger Eintrag zu ›Global Justice‹. Teile der be- sen und utopisch. In der dritten und anhaltenden Pha-
treffenden Probleme werden im Beitrag ›International se differenziert sich der Kosmopolitismus in Reaktion
Justice‹ abgehandelt. Es gibt aber gute Gründe, den auf diese Kritik weiter aus. Das bedeutet vor allem,
Gegenstandsbereich von globaler und internationaler dass er sich stärker mit den politischen Realisierungs-
Gerechtigkeit klarer zu unterscheiden. Die globale bedingungen globaler Gerechtigkeit auseinander-
Gerechtigkeitsperspektive markiert einen Paradig- zusetzen beginnt. Das Resultat dieser Neuformierung
menwechsel. Internationale Gerechtigkeit evoziert, der kosmopolitischen Philosophie ist derzeit nicht ab-
dass souveräne Staaten ihre Außenpolitik fair gestal- sehbar. Trotzdem lassen sich bereits Tendenzen erken-
ten, rechtmäßige Vereinbarungen miteinander treffen nen. Auf der einen Seite bilden sich einzelne Bereichs-
und internationale Gremien zur Regulierung und Be- ethiken heraus, etwa in Form globaler Wirtschafts-,
friedung internationaler Beziehungen einrichten sol- Migrations- oder Umweltethik; andererseits geht der
len. Demgegenüber geht die globale Gerechtigkeits- Trend dahin, ein realistisches Ideal globaler Gerechtig-
theorie davon aus, dass wir es mit einer Sphäre globa- keit zu entwickeln, also eines, das an einer sorgfältigen
ler Herrschaft zu tun haben, durch die staatliche Auto- Analyse des politisch Möglichen ansetzt.
nomie erst ermöglicht, eingegrenzt und zunehmend
unterminiert wird.
Globale Herrschaftsregime bilden den ersten Ge- Phase 1: Übertragung innerstaatlicher
genstand globaler Gerechtigkeit. Dies lässt sich am Gerechtigkeitsmodelle auf globale
besten am globalen Wirtschafts- und Finanzregime Herrschaft
festmachen, das sich der Regelungskompetenz von
Staaten weitgehend entzieht, dabei aber die Möglich- Die Globalisierung stellt uns vor strukturell neuartige
keit individueller und politischer Autonomie weltweit Herausforderungen, die sich mit dem traditionellen
reglementiert. Die gegenwärtige Theoriebildung zu Methodenreservoir der politischen Philosophen nicht
globaler Gerechtigkeit reagiert damit auf eine genui- bewältigen lassen. Am Anfang der philosophischen
ne Herausforderung des 21. Jahrhunderts, nämlich Auseinandersetzung steht Immanuel Kants Philoso-
die politische Kontrolle globaler Herrschaft. Ins- phie des Weltbürgertums. In Zum Ewigen Frieden
gesamt bieten sich dazu drei Ordnungsmodelle an. (1795) entwirft Kant einen internationalen Friedens-
Erstens das kosmopolitische Modell eines föderalen vertrag, in dem sich aufgeklärte Monarchen inner-
Weltstaates, zweitens Mehrebenenmodelle mit dem staatlich auf eine gerechte Verfassung und zwischen-
Zweck, staatliche Autonomie wiederherzustellen, staatlich auf eine völkerrechtliche Friedensordnung
und drittens Modelle, die nach Alternativen für das verpflichten. Kants eigentliche Innovation liegt aber in
staatliche Ordnungsmodell suchen, indem sie etwa der Einrichtung einer kosmopolitischen Rechtsord-
auf die Emergenz eines multilateralen Netzwerks hof- nung, die jedem Weltbürger ein Grundrecht auf gast-
fen, an dem Staaten, Unternehmen und globale Insti- liche Behandlung (›Hospitalität‹) einräumt. Damit
tutionen genauso beteiligt sind wie zivilgesellschaftli- führt er ein globales Individualrecht ein, dessen un-
che Akteure. mittelbarer Zweck es ist, den globalen Handelsverkehr
Am besten lässt sich die Debatte zu globaler Ge- und diplomatische Beziehungen zu schützen, das mit-
rechtigkeit aber verstehen, wenn sie in einzelne Phasen telbar aber auch die weitere Kultivierung einer kosmo-
ihrer Entwicklung eingeteilt wird. Die erste Phase setzt politischen Gesinnung vorbereiten soll.
damit ein, dass Kosmopolitisten vorhandene, ur- Wenn in der heutigen Diskussion auf Kant zurück-
sprünglich also am Nationalstaat modellierte Metho- gegriffen wird, bleibt allerdings selten etwas von die-
112 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

ser kosmopolitischen Absicht übrig. Ein gutes Beispiel globaler Herrschaft zu übertragen. Zu den wichtigsten
hierfür ist John Rawls’ Theorie internationaler Ge- Vertretern dieser Position zählt David Held, der in
rechtigkeit (2002). Darin beruft er sich zwar auf Kant, den vergangenen Jahrzehnten ein umfassendes Re-
fällt aber hinter Kants Gedanken eines Weltbürger- formprogramm zur Demokratisierung globaler Herr-
rechts zurück. Rawls’ Ausgangsproblem ist nicht die schaft ausgearbeitet hat (1995; 2010). Held entwirft
Kontrolle globaler Herrschaft mit den damit verbun- hier kein freistehendes Ideal einer globalen Demokra-
denen Erscheinungen globaler Ausbeutung, Beherr- tie, sondern ein föderal und subsidiär organisiertes
schung und Deprivation, sondern die Außenpolitik li- Mehrebenenmodell, das in die bestehende Struktur
beraler Staaten. Seine Vision ist eine Welt unabhängi- globaler Herrschaft repräsentative Instrumente ein-
ger demokratischer (oder zumindest respektabler) baut (etwa in Form eines demokratischen Sicherheits-
Staaten, in der die kosmopolitische Ebene, die wir be- rats und eines globalen Parlamentarismus).
reits bei Kant angelegt finden, fehlt. Eine ähnliche Vision globaler Demokratie ist von
Im Grunde beginnt die zeitgenössische Philoso- Otfried Höffe (1999) entwickelt worden, der die Ein-
phie globaler Gerechtigkeit mit der Kritik an Rawls. richtung einer komplementären Weltrepublik für
Bekanntlich definiert Rawls Gerechtigkeit als »die rechtsmoralisch geboten und angesichts gemeinsamer
erste Tugend sozialer Institutionen« (Rawls 1979, 19) Risiken für unausweichlich hält. Höffes Kosmopolitis-
und läutet damit den institutional turn innerhalb der mus erscheint dabei als Konsequenz seines wiederum
Gerechtigkeitstheorie ein. Im Gegensatz zu mora- kontraktualistischen Ansatzes, den er als ›transzen-
lischen Prinzipien, die persönliche Einstellungen und dentalen Tausch‹ bezeichnet. Damit ist gemeint, dass
Interaktionen bestimmen, regeln Prinzipien der Ge- unter den Bedingungen der Globalisierung jeder
rechtigkeit institutionalisierte Beziehungen; vor al- Mensch ein Interesse daran hat, die sozialen Grund-
lem formulieren sie Standards für die Grundstruktur lagen seiner Handlungsfähigkeit in Form fundamen-
einer Gesellschaft. Nach Rawls würde sich jeder An- taler Menschen- und Mitbestimmungsrechte zu si-
gehörige einer Gesellschaft in einer unparteiischen chern und entsprechenden Reformen der globalen In-
Entscheidungssituation (original position) für seine stitutionen zuzustimmen. Höffe findet im rationalen
größtmögliche Freiheit und eine faire Umverteilung Interesse an der eigenen Handlungsfähigkeit den Kern
der Früchte gesellschaftlicher Zusammenarbeit aus- einer allgemeinmenschlichen Minimalmoral, aus der
sprechen. Dieser liberal-egalitäre Ansatz wurde von er nicht nur Standards der Kritik, sondern Konstruk-
Charles Beitz (1979) und Thomas Pogge (1989) in tionskriterien für das Design einer gerechten Weltord-
Richtung eines egalitären Kosmopolitismus aus- nung gewinnt.
gebaut. Beide weisen darauf hin, dass die globale Are- Diese Übertragung von moralischen Prinzipien auf
na in vergleichbarer Weise Formen sozialer Koope- die politische Vision einer gerechteren Weltordnung
ration organisiert und hinreichende Ansätze einer ist typisch für den moralischen Kosmopolitismus. Ge-
institutionellen Grundstruktur aufweist. Analog zu meint ist eine Position, die aus der kosmopolitischen
innerstaatlichen Institutionen müssten globale Insti- Moraldoktrin positive Gerechtigkeitspflichten zum
tutionen daher ebenfalls liberal-egalitären Legitimi- Aufbau einer globalen Gerechtigkeitsordnung ablei-
tätsanforderungen genügen. Schließlich würden sich tet. Diese kosmopolitische Moraldoktrin beinhaltet
alle Personen, deren Chancen durch das globale wiederum drei Aspekte: einen legitimatorischen Indi-
Wirtschaftsregime nachhaltig beeinflusst werden, vidualismus (von höchster moralischer Wichtigkeit ist
vernünftigerweise für ein globales distributives Ge- der einzelne Mensch), einen egalitären Universalis-
rechtigkeitsprinzip entscheiden. mus (den Status höchster moralischer Wichtigkeit tei-
Wie Rawls’ kontraktualistischer Liberalismus wur- len alle lebenden Menschen gleichermaßen) und ei-
de auch der gerechtigkeitstheoretische Republikanis- nen globalen Geltungsanspruch (moralische Pflichten
mus in kosmopolitischer Absicht weiterentwickelt. enden nicht an Staatsgrenzen). Offensichtlich handelt
Für den Republikanismus sind Herrschaftsverhältnis- es sich dabei um Grundgedanken einer jeden univer-
se nur dann gerechtfertigt, wenn sie den Allgemein- salistischen Moral; moralische Kosmopolitisten be-
willen repräsentieren, wenn sie also von jedem Betrof- haupten aber, dass die kosmopolitische Moral positive
fenen autorisiert wurden. Legitime Herrschaft setzt Pflichten begründet (etwa Peter Singer 2007) und auf
demokratische Verfahren voraus. Angesichts der zu- ein bestimmtes (egalitär-freiheitliches) Ideal kosmo-
nehmenden Macht globaler Institutionen war es na- politischer Gerechtigkeit hinausläuft (z. B. Simon Ca-
heliegend, das republikanische Modell auf die Ebene ney 2004).
17 Globale Gerechtigkeit 113

Noch einmal zusammengefasst ist die erste Phase in David Millers gerechtigkeitstheoretischem Natio-
der Theoriebildung zu globaler Gerechtigkeit dadurch nalismus deutliche Spuren hinterlassen. Für Miller ist
gekennzeichnet, dass die im Kontext innerstaatlicher es legitim, Angehörigen der eigenen Nation privile-
Gerechtigkeit eingeführten Ansätze auf die neuartige gierte Ansprüche auf soziale Gerechtigkeit einzuräu-
Wahrnehmung globaler Ungerechtigkeit übertragen men: »Die Pflichten, die wir unseren Mitbürgern [fel-
werden. Im Ergebnis begründen kosmopolitische Au- low nationals] schulden, sind sowohl verschieden von
toren substanzielle Prinzipien globaler distributiver den Pflichten, die wir Menschen als solchen schulden,
Gerechtigkeit und Demokratie, Prinzipien, die in die als auch weitgehender als diese« (Miller 1995, 111).
Forderung nach einem republikanischen und sozial- Denn »indem ich eine nationale Identität annehme,
staatlichen Design der globalen Grundstruktur mün- anerkenne ich auch, dass ich Mitgliedern meiner Nati-
den. Kurz gesagt, die Philosophie des Kosmopolitis- on spezielle Verpflichtungen schulde, die ich anderen
mus erhebt am Anfang der Debatte die Forderung Menschen nicht schulde« (ebd., 49).
nach einer freiheitlich-egalitären Weltrepublik. Was die Nation als Beziehungssystem so einzigartig
für die Entstehung besonderer Gerechtigkeitspflich-
ten macht, ist ihre Kombination aus identitätsstiften-
Phase 2: Partikularistische Kritik den und politischen Aspekten. Auf der einen Seite
und pragmatische Korrekturen gründen besondere Gerechtigkeitspflichten auf einer
gemeinsamen Nationalkultur, in der eine bestimmte
In der zweiten Phase formiert sich zunehmend Kritik Gerechtigkeitskonzeption ihre inhaltliche Bestim-
an der vorausgesetzten Strukturanalogie zwischen in- mung und verbindliche Anerkennung erhält. Zwei-
nerstaatlichen und globalen Gerechtigkeitsfragen. Zu tens bedarf es eines nationalen Zusammengehörig-
den offensichtlichen Disanalogien zählen das Fehlen keitsgefühls, damit Pflichten sozialer Gerechtigkeit
einer gemeinsamen Identität, das Fehlen effizienter motivational verankert werden; und drittens sorgt die
globaler Koordinations- und Sanktionierungsinstru- territoriale und politische Einheit der Nation dafür,
mente sowie die bedeutenden Machtasymmetrien dass Ansprüche sozialer Gerechtigkeit administrativ
zwischen den Staaten bzw. zwischen globalen Unter- organisiert und politisch durchgesetzt werden kön-
nehmen und Staaten. Partikularisten argumentieren nen. Im Zusammenspiel dieser drei Gründe bildet die
gegen die Idee einer globalen Domäne sozialer Ge- Nation für Miller die größtmögliche Domäne sozialer
rechtigkeit und Demokratie, indem sie immer neue Gerechtigkeit. Vergleichbare Voraussetzungen für
Variationen dieser Unterschiede ins Feld führen. globale soziale Gerechtigkeitsansprüche seien hin-
Generell behauptet der gerechtigkeitstheoretische gegen nicht zu erkennen; in der globalen Arena gelten
Partikularismus, dass immer nur ein bestimmter Per- zwar soziale Menschenrechte, die allgemeinmensch-
sonenkreis in einer für Gerechtigkeitsansprüche kon- liche Mindeststandards schützen (Miller 2007, 74),
stitutiven Beziehungsform zusammenlebt. In gewisser aber keine Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit.
Weise wird darin die Debatte zwischen Liberalismus Thomas Nagel (2010) unterscheidet sich von Mil-
und Kommunitarismus fortgeführt. Kommunitaristen ler, indem er den partikularistischen Einwand weni-
betonen, dass sich die Frage nach Gerechtigkeit nicht ger auf nationale Identifikation als auf den konstituti-
in abstrakter Weise stellt, sondern dass sich je be- ven Zusammenhang von Souveränität und Gerechtig-
stimmte Gerechtigkeitsvorstellungen mitsamt den keit abstellt. Damit ist auf der einen Seite gemeint,
entsprechenden Verpflichtungen immer nur in kon- dass Gerechtigkeitsansprüche nur unter bestimmten
kreten Gemeinschaften herausbilden. Anders gesagt machtpolitischen Voraussetzungen sinnvoll sind,
erzeugen distributive Gerechtigkeitsprinzipien keine nämlich dann, wenn sie sich an einen identifizier-
allgemeinen, sondern besondere Verpflichtungen; das baren Souverän adressieren lassen. Gerechtigkeits-
sind Verpflichtungen, die wir nicht gegenüber jeder standards haben die Funktion, staatliche Gewalt-
Person aufgrund ihres bloßen Menschseins haben, monopole zu legitimieren und gegebenenfalls zu kriti-
sondern allein gegenüber solchen Personen, mit denen sieren. Aufgrund dieser Funktion gelten Prinzipien
wir in bestimmten Beziehungen verbunden sind. Die sozialer Gerechtigkeit (s. Kap. II.18) ausschließlich im
hierzu relevanten Beziehungen sind durch eine ge- Kontext souveräner Herrschaft, worin sie sowohl ih-
meinsame Identität und einen gemeinsamen Sinn für ren Entstehungshintergrund als auch ihr Anwen-
die Bedeutung einzelner Verteilungsgüter konstituiert. dungsgebiet haben. Anders gesagt formulieren Forde-
Die kommunitaristische Argumentationsweise hat rungen der Gerechtigkeit konkrete Rechtsansprüche;
114 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

das sind Ansprüche, die erst dadurch entstehen, »dass das, wie schon Hobbes erklärt hat, eher einem Kriegs-
wir mit bestimmten anderen in einer politischen Ge- zustand als einem Gerechtigkeitskontext ähnelt. In
sellschaft eingebunden sind, die unter strenger zentra- dieser Lesart ist soziale Gerechtigkeit das Ergebnis so-
ler Kontrolle steht. Nur gegenüber einem solchen Sys- zialer Kämpfe, in denen sich unterprivilegierte Klas-
tem und nur gegenüber seinen Angehörigen können sen Teilhaberechte erstreiten. Dieser Kampf steht in
wir Rechte auf Demokratie, gleiche Staatsbürger- der globalen Arena allenfalls noch bevor. Bis auf Wei-
schaft, Nichtdiskriminierung, Chancengleichheit so- teres fehlt es den global Armen und Ausgegrenzten
wie auf die Verbesserung unfairer Verteilung sozialer aber an der Macht, globale Umverteilungs- und Mit-
und wirtschaftlicher Güter über die Institutionen die- bestimmungsansprüche durchzusetzen.
ses Systems geltend machen« (Nagel 2010, 121). Die zweite und dritte Variante der pragmatischen
Für Nagel ist die Frage der Gerechtigkeit aber nicht Kritik am Kosmopolitismus entsteht im Kontext der
allein auf die Legitimation politischer Zwangsverhält- Debatte um das Verhältnis von idealer zu nicht-idea-
nisse bezogen. Zusätzlich ist auch der Anspruch des ler Theorie. In dieser Debatte geht es allgemein um die
Souveräns, im Namen aller Bürger zu sprechen und zu Frage, welche Rolle – wenn überhaupt – die politische
handeln, von gerechten Partizipationsverhältnissen Philosophie in der Praxis spielen will. Im Zuge dieser
abhängig. Zusammengefasst resultieren die besonde- Debatte werden auch die Diskursposition des Theo-
ren Forderungen der Gerechtigkeit bei Nagel aus zwei retikers selbst sowie die Produktionsbedingungen sei-
Arten von Zumutungen, die mit unserer Staatsangehö- ner Theorie hinterfragt. Diese Fragen wurden in be-
rigkeit zusammenhängen. Auf der einen Seite werden sonderer Schärfe von Raymond Geuss (2008; 2010)
wir unfreiwillig in eine staatliche Herrschaftsordnung aufgeworfen. Geuss kritisiert insbesondere die ana-
hineingeboren, gegenüber der wir vollkommen macht- lytische politische Philosophie dafür, dass sie einen
los sind. Diese Zumutung soll durch sozialen Wohl- zweischrittigen Ansatz verfolgt, der in einem ideal-
stand kompensiert oder zumindest akzeptabler ge- theoretischen Teil normative Grundlagen erarbeitet,
macht werden. Dass auf der anderen Seite ein Souve- um diese dann in einem nicht-idealen Theorieteil auf
rän in unserem Namen sprechen kann, ist eine weitere die Praxis anzuwenden. Geuss sieht darin ein Pro-
Zumutung, jedenfalls so lange, wie wir dabei nicht ein blem, weil sich das theoretisch Gebotene, wenn es
Wörtchen mitreden können. Der Anspruch auf Reprä- nicht vom politisch Möglichen her gedacht wird, zu
sentation ist nur akzeptabel, wenn die Repräsentierten weit von der Praxis entfernt.
weitgehende Mitbestimmungsrechte geltend machen Der subversivere Punkt seiner Kritik lautet aber,
können. Forderungen sozialer und politischer Gerech- dass die politische Philosophie letztlich auch nur eine
tigkeit sind, so Nagels etatistische Pointe, eben auf die Form der Praxis darstellt, die unter bestimmten politi-
Institution souveräner Rechtsstaaten beschränkt. schen Voraussetzungen operiert und ein bestimmtes
Denn selbst unter den Bedingungen globaler Herr- Selbstverständnis reproduziert. Geuss’ Kontrahent ist,
schaft und in Anerkennung globaler Zwangsverhält- wie so oft, John Rawls, dessen Methode Geuss als eine
nisse fehlt es in der internationalen Arena an den für Scheinobjektivierung der liberalen Weltanschauung
besondere Gerechtigkeitsansprüche konstitutiven Be- begreift. Der Punkt ist, dass Rawls’ Konstruktivismus
dingungen, nämlich an globaler Rechtssicherheit, dem seine eigene Perspektive – die eines amerikanischen
Repräsentationsanspruch eines globalen Souveräns Autors – immunisiere und dadurch ins Ideologische
und, wie sich mit Miller hinzufügen ließe, einer ent- abzudriften drohe (vgl. Geuss 2010). Und auch wenn
sprechenden kosmopolitischen Identität. sich Rawls’ Theorie internationaler Gerechtigkeit
Zum zweiten wird die partikularistische Kritik an durchaus gegen diese Kritik verteidigen ließe, bleibt
der Idee globaler Gerechtigkeit durch eine pragma- von der Geuss-Debatte haften, dass die politische Phi-
tisch ansetzende Kritik am Kosmopolitismus ergänzt. losophie, zumal als Theorie globaler Gerechtigkeit, ih-
Kritisiert wird vor allem die Machtvergessenheit des ren eigenen Standort stärker mitzureflektieren hat
moralischen Kosmopolitismus, und zwar in mindes- und sich als nicht neutralen Teilnehmer an einem glo-
tens drei Varianten. Die erste Variante knüpft an den balen Diskurs über Gerechtigkeit verstehen sollte, der
klassischen Machtrealismus an (maßgebend Hans J. über kein privilegiertes Wissen verfügt.
Morgenthau 1948), für den Politik generell – und Au- Auch in ihrem dritten Aspekt schließt die pragma-
ßenpolitik im Besonderen – reine Interessenpolitik tische Argumentation zunächst an Geuss an. Wenn es
ist. Vom machtrealistischen Standpunkt aus betrach- in der Gerechtigkeitstheorie nicht allein um Wahrheit,
tet bildet die globale Arena ein anarchisches System, sondern um die Möglichkeit von Gesellschaftskritik
17 Globale Gerechtigkeit 115

und politischer Reform geht, dann ist dem, was sich keiner genaueren Informationen über eine vollkom-
im Namen der Gerechtigkeit sinnvoll einfordern lässt, men gerechte Weltordnung, um die vergleichsweise
durch das, was politisch möglich erscheint, eine mehr gerechtere Entscheidung zu fällen. Sens Ansatz ist
oder weniger klare Grenze gesetzt. Im Kosmopolitis- prinzipiengeleitet, aber nicht idealistisch. Er plädiert
mus der ersten Phase fallen aber Anspruch und Wirk- für die Anerkennung grundlegender Fähigkeiten (ca-
lichkeit in eklatanter Weise auseinander. Geuss mo- pabilities) zur Bewertung konkreter Entscheidungs-
niert vor allem, dass die politische Philosophie von ei- optionen, betrachtet diese aber nicht als Konstrukti-
nem naiven Begriff politischer Handlungsfähigkeit onsprinzipien für eine ideale Gerechtigkeitsordnung.
ausgeht. Seiner Auffassung zufolge sollten wir politi- Das Ideal einer vollkommen gerechten Gesellschaft, so
sches Handeln nicht als ein Handwerk (craft) betrach- die dritte Spielart pragmatischer Kritik, ist politisch
ten, in dem es um die technische Herstellung eines ge- impraktikabel und als solches verzichtbar.
danklich entworfenen Gegenstandes geht, sondern
vielmehr als eine Kompetenz (skill), die es uns erlaubt,
angemessen und flexibel auf die Erfordernisse des Ta- Phase 3: Kosmopolitische Neuansätze
ges zu reagieren: »Eine Kompetenz ist die Fähigkeit,
auf flexible Art zu handeln, so dass wir auf Eigenarten Rückblickend lässt sich sagen, dass die jüngste Theo-
der gegebenen Situation reagieren können, um Hand- riebildung zu globaler Gerechtigkeit die genannten
lungen oder Interaktionen zu verbessern bzw. zu er- Einwände in sich aufgenommen hat. Die Analogie
möglichen oder die Umwelt in einer Weise zu ver- zwischen innerstaatlicher und globaler Gerechtigkeit
ändern, die wir als positiv bewerten« (Geuss 2008, 15). wird kaum noch behauptet und die ambitionierten
Die Handlungsposition des Politikers ähnelt nicht der Forderungen nach globaler Umverteilung und De-
eines Verfassungsgebers oder Staatengründers, son- mokratie sind der Suche nach einem realistischen
dern eher der eines Torhüters, der situativ entscheiden Ideal gewichen. Gleichzeitig hat die partikularistische
muss, ob er fangen, fausten oder auf der Linie bleiben und pragmatische Kritik aber auch den Weg gewie-
soll. Dazu braucht er zwar spezifische Fähigkeiten und sen, auf dem sich der Kosmopolitismus neu aufzustel-
ein Verständnis vom Ziel des Spiels, aber keinen ferti- len beginnt. Das bedeutet nicht, dass die jüngste
gen Matchplan, keinen »vollständigen Theorieansatz, Theorieentwicklung einheitlich verläuft. Aber es
der ihm in jeder dieser Situationen die Richtung an- zeichnet sich doch ein Konsens darüber ab, dass es ei-
zeigt« (Geuss 2008, 16). nes methodischen Neuansatzes bedarf, um die politi-
Übertragen auf globale Gerechtigkeit erscheint das sche Anschlussfähigkeit der Theorie – möglichst im
Ideal einer Weltrepublik nutzlos, weil es sich nicht in Verbund mit Sozial-, Rechts- oder Wirtschaftswissen-
konkrete politische Verantwortlichkeiten zurücküber- schaften – wiederherzustellen. Auch wenn es für eine
setzen lässt. Amartya Sen (2010) hat diesen pragmati- Bilanz dieser Phase noch zu früh ist, lassen sich be-
schen Vorbehalt weiter verdeutlicht. Gerechtigkeits- reits vier Tendenzen beschreiben, die den Anfor-
ansätze, die das Ideal einer vollkommen gerechten derungen an eine pragmatische und motivational ver-
Grundstruktur in die Zukunft projizieren, bezeichnet ankerte Theorie globaler Gerechtigkeit entsprechen.
Sen als ›transzendentalen Institutionalismus‹. Für ihn Die erste besteht darin, die kosmopolitische Idee auf
bleibt die politische Philosophie von Platon bis Rawls einen Menschenrechtsansatz globaler Gerechtigkeit
zu stark darauf fixiert, das Ideal einer gerechten Ord- zurückzubauen (s. auch Kap. IV.45); die zweite lässt
nung unabhängig von seinen politischen Realisie- sich als Hinwendung zu spezifischen Bereichsethiken
rungsbedingungen zu entwerfen. Die politische Phi- beschreiben; eine dritte Tendenz ist die, Verantwor-
losophie, ausgeübt als ein freistehendes Strategiespiel, tung für globale Gerechtigkeit in Staaten zu ver-
hat ihre Fähigkeit zum Gespräch mit der Politik ver- ankern; und eine vierte Tendenz besteht darin, imma-
loren. Um diese Fähigkeit zurückzugewinnen, schlägt nente Standards der Kritik in der Analyse globaler In-
Sen eine komparative Methode vor. Die Aufgabe der stitutionen zu rekonstruieren.
Philosophie endet bei der Begründung allgemeiner
Prinzipien, anhand deren sich gegebene politische Op-
Menschenrechtsansätze
tionen als mehr oder weniger gerecht vergleichen las-
sen. Wie wir zum Höhenvergleich zwischen zwei Ber- Partikularistische Autoren bezweifeln zwar, dass es ei-
gen keine Beschreibung des höchsten Berges, sondern nen globalen Kontext sozialer (distributiver) Gerech-
lediglich das Metermaß benötigen, bedürfe es auch tigkeit gibt, gleichzeitig erkennen sie aber die Geltung
116 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

universal verbindlicher Menschenrechte an (etwa fristig gerechten Nachkriegsverhältnissen weiterhin


Miller 2007). Entsprechend ist es naheliegend, Men- ein holistisches Gerechtigkeitsideal voraussetzen.
schenrechte als universell anerkannte Währung glo-
baler Gerechtigkeit zu betrachten. In dieser Sichtweise
Staatsbasierter Kosmopolitismus
geht es in der globalen Arena nicht mehr um Gleich-
heit und politische Autonomie, sondern um den Ein Vorschlag dazu, wie der Kosmopolitismus die par-
Schutz fundamentaler Bedingungen der Menschen- tikularistische und pragmatistische Kritik in sich auf-
würde, minimaler Grundbedürfnisse, allgemein- nehmen könnte, präsentiert Lea Ypis Konzeption ei-
menschlicher Interessen etc. Einen Menschenrechts- nes staatsbasierten Kosmopolitismus (Ypi 2008). Für
ansatz globaler Gerechtigkeit vertreten etwa Christine Ypi sind Nationalstaaten nicht nur die wirkmächtigs-
Chwaszcza (2007), Martha Nussbaum (2010) oder ten Institutionen in der globalen Arena, sondern sie
Matthias Risse (2012). Bezeichnend ist in diesem Zu- sind auch diejenigen, in denen das Primat der Politik
sammenhang, dass die beiden bekanntesten Protago- noch gilt und die sich daher kosmopolitisch umpro-
nisten des egalitären Kosmopolitismus, Charles Beitz grammieren lassen. Möglich macht dies einerseits das
und Thomas Pogge, mittlerweile ihrerseits einen Men- Prinzip der Volkssouveränität, durch das eine kosmo-
schenrechtsansatz vertreten. Während Beitz’ prakti- politische Agenda Eingang in die Außen- und Ent-
sche Konzeption der Menschenrechte (2009) auf die wicklungspolitik einzelner Staaten finden kann; an-
politische Wirklichkeit sozialer Menschenrechts- dererseits kontrollieren Staaten die öffentlichen Bil-
ansprüche verweist, gründet Pogges institutioneller dungseinrichtungen, in denen staats-, aber eben auch
Ansatz (2011) darauf, dass globale Institutionen und weltbürgerliche Tugenden angelegt werden können.
Regelungen zu schwerwiegenden Menschenrechts- Realistischerweise lässt sich das Design globaler Herr-
verletzungen beitragen. Allgemein haben Menschen- schaft nur unter der Voraussetzung gerechter gestal-
rechtsansätze den heuristischen Vorzug, dass auch so- ten, dass Staaten ihre kosmopolitische Verantwortung
ziale und politische Menschenrechtsansprüche bereits nach außen wie nach innen, etwa gegenüber Migran-
völkerrechtlich anerkannt und zum Teil politisch rea- ten, anerkennen. Einen Weg dahin beschreibt auch
lisiert sind. Menschenrechtsstandards eignen sich so- Seyla Benhabib (2008), die unter dem Begriff der ›de-
wohl als komparative Standards der Weltinnenpolitik liberativen Iteration‹ eine Verfestigung kosmopoliti-
wie auch als Verfassungselemente eines globalen Kon- scher Menschenrechtsnormen im nationalen politi-
stitutionalismus (vgl. Habermas 1998). schen Selbstverständnis beschreibt.

Bereichsethiken Politischer Kosmopolitismus


Die Praktikabilität eines umfassenden globalen Ge- Neben der Frage, wie Staaten zu Akteuren globaler
rechtigkeitsideals steht zunehmend zur Disposition. Gerechtigkeit umprogrammiert werden können, be-
Um konkrete Akteure, Regeln und Praktiken zu beur- steht die größte Herausforderung darin, zu klären, wie
teilen, ist es hinreichend, wenn wir über bestimmte globale Herrschaftsregime, die sich staatlicher Kon-
Standards verfügen, Standards, die oft erst in der Aus- trolle entziehen, wieder in politische Verantwortungs-
einandersetzung mit bestimmten Problembereichen verhältnisse eingebettet werden können. Wer trägt die
gewonnen werden. Entsprechend lässt sich eine Aus- Verantwortung für die politische Kontrolle globaler
differenzierung in einzelne Bereichsethiken beobach- Herrschaft? Der politische Kosmopolitismus, der sich
ten. Dazu zählen die Theorie des gerechten Krieges so- mit dieser Frage beschäftigt, lässt sich in zwei mit-
wie Fragen einer globalen Entwicklungs-, Wirt- einander zusammenhängende Ausrichtungen unter-
schafts-, Gesundheits-, Migrations- oder Klimaethik. teilen. Auf der einen Seite steht der interaktionale An-
Einerseits erscheint es praktisch sinnvoll, sich auf die satz, der bei der individuellen Verantwortung von
Beurteilung konkreter Problembereiche zu konzen- Weltbürgern ansetzt (vgl. Cabrera 2010). Jeder Einzel-
trieren und dabei eine umfassendere globale Gerech- ne trägt eine politische Mitverantwortung dafür, zur
tigkeitsperspektive auszublenden. Auf der anderen Reform globaler Ungerechtigkeitsstrukturen in sei-
Seite bleibt diese Absonderung aber unbefriedigend, nem Einflussbereich beizutragen. Komplementär da-
weil Kernfragen wie die nach dem nachhaltigen Ein- zu setzt das institutionelle Modell bei der politischen
satz von Entwicklungsressourcen, nach dem Ziel einer Verantwortung globaler Institutionen wie der Welt-
gerechten Weltwirtschaftsordnung oder nach lang- bank, der WTO oder der G20 an. Das globale Herr-
17 Globale Gerechtigkeit 117

schaftsregime hat selbst ein Interesse an nachhaltiger –: National Responsibility and Global Justice. Oxford 2007.
Geltung und somit an Legitimität. An diesem Legi- Morgenthau, Hans J.: Politics Among Nations. The Struggle
timitätsanspruch kann eine immanente Kritik globa- for Power and Peace. New York 1948.
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ler Herrschaft ansetzen. Diesbezüglich wäre es ein Christoph Broszies/Henning Hahn (Hg.): Globale Gerech-
wichtiges Desiderat, die von Axel Honneth entwickel- tigkeit. Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus
te Methode eines normativen Rekonstruktivismus und Kosmopolitismus. Berlin 2010, 104–146.
(vgl. Honneth 2013) auf globale Herrschaft auszuwei- Nussbaum, Martha: Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behin-
ten und in den Satzungen und öffentlichen Rechtferti- derung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Berlin 2010.
Pogge, Thomas: Realizing Rawls. Ithaca 1989.
gungen globaler Institutionen Ansatzpunkte für ihre
–: Weltarmut und Menschenrechte. Kosmopolitische Verant-
immanente Kritik zu rekonstruieren. Eine Inventur wortung und Reformen. Berlin 2011.
der Legitimitätsansprüche globaler Herrschaft würde Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a. M.
die Grundzüge einer realistischen Utopie der Men- 1979 (engl. 1971).
schenrechte (vgl. Habermas 2010) im Sinne eines –: Das Recht der Völker. Berlin 2002 (engl. 1999).
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118 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

18 Soziale Gerechtigkeit rum über soziale Gerechtigkeit überhaupt gestritten


wird, wenn nicht wenigstens darüber Einigkeit be-
Was soziale Gerechtigkeit ist und welcher Stellenwert stünde, wovon dabei die Rede ist. Es ist also anzuneh-
dem Begriff innerhalb der Gerechtigkeitstheorie zu- men, dass die diversen Deutungen zumindest ein ge-
kommen sollte, ist sehr umstritten. Selbst der Gegen- wisses Grundverständnis der Bedeutung und damit
stand der sozialen Gerechtigkeit variiert mit dem einen allgemeinen Begriff von sozialer Gerechtigkeit
Kontext, in dem von ihr die Rede ist. Wird sie im po- teilen. Überdies sprechen viele Evidenzen dafür, dass
litischen Alltagsdiskurs oft mit einer gerechten Vertei- zumindest innerhalb einzelner Gesellschaften die
lung der Einkommen, Vermögen und Steuerlasten der meisten, wenn auch nicht unbedingt alle verschiede-
Gesellschaftsmitglieder gleichgesetzt, besteht in der nen Deutungen gewöhnlich auch bezüglich diverser
Fachliteratur die Tendenz, sie in einem weiten Sinn als substanzieller Fragen mehr oder minder konvergieren
die Gesamtheit der für ganze Gesellschaften geltenden und eine Schnittmenge weithin geteilter Überzeugun-
Gerechtigkeitserfordernisse zu verstehen. Alle Rede- gen bilden. Insoweit solche Konvergenzen zwischen
weisen von sozialer Gerechtigkeit haben aber insofern den in einer Gesellschaft auftretenden Deutungen be-
etwas gemeinsam, als sie sich auf soziale Ordnungen, stehen, kann deren Schnittmenge als die in dieser Ge-
d. h. auf soziale Regeln, Institutionen und Verhältnisse sellschaft vorherrschende Vorstellung von sozialer
beziehen und für diese die Geltung von Erfordernis- Gerechtigkeit angesprochen werden.
sen der distributiven Gerechtigkeit (s. Kap. II.12) un- Im Folgenden soll zunächst ein allgemeiner Begriff
terstellen. Hier sei angenommen, dass soziale Ge- der sozialen Gerechtigkeit formuliert werden, der sich
rechtigkeit die ganze Grundordnung staatlich organi- zu deren verschiedenen Deutungen neutral verhält
sierter Gesellschaften zum Gegenstand hat und alle und einen Ausgangspunkt für die Herausarbeitung
darauf Anwendung findenden Gerechtigkeitserfor- derjenigen Konstruktionselemente bietet, die für eine
dernisse umfasst. elaborierte Vorstellung sozialer Gerechtigkeit unver-
Obwohl die Vorstellung, dass gesellschaftliche Ord- zichtbar sind und auf eine ihr jeweils entsprechende
nungen gewissen Erfordernissen der Gerechtigkeit Weise spezifiziert werden müssen. Davon ausgehend
unterliegen, seit alters besteht, ist die Rede von sozia- wird es dann insbesondere darum gehen, die spezi-
ler Gerechtigkeit, mit der an eine gesellschaftliche fischen Elemente der in den westlichen Gesellschaften
Ordnung auch bestimmte Anforderungen der distri- gegenwärtig vorherrschenden Vorstellung sozialer Ge-
butiven Gerechtigkeit gestellt werden, relativ jung. Sie rechtigkeit aufzuzeigen. Diese schließt jedenfalls die
taucht erst im 19. Jahrhundert in der Debatte um die folgenden Postulate ein: rechtliche Gleichheit, bürger-
Soziale Frage vereinzelt auf und findet nach 1900 all- liche Freiheit, demokratische Teilhabe, soziale Chan-
mählich zunehmende Verbreitung (Löffler 2001). cengleichheit und wirtschaftliche Ausgewogenheit.
Dies ist vor allem auf zwei Hand in Hand gehende so-
ziale Entwicklungen zurückzuführen: die Expansion
der kapitalistischen Marktwirtschaft, die zwar die ge- Ein allgemeiner Begriff der sozialen
sellschaftliche Wertschöpfung erheblich steigert, aber Gerechtigkeit
auch enorme soziale Ungleichheiten und Notlagen
hervorbringt, und die Expansion des modernen Staa- Für eine erste Annäherung an einen allgemeinen Be-
tes, mit der nicht nur die Gefahren des Missbrauchs griff sozialer Gerechtigkeit ist es ratsam, diese zunächst
politischer Macht, sondern auch die Möglichkeiten ei- nur formal zu bestimmen. Zu diesem Zweck soll sozia-
ner planmäßigen Gestaltung der gesellschaftlichen le Gerechtigkeit verstanden werden als die Gesamtheit
Verhältnisse wachsen. der Gerechtigkeitserfordernisse, die für die institutio-
Auch wenn soziale Gerechtigkeit zu einer Aller- nelle Grundordnung einer Gesellschaft gelten. Die sich
weltsformel des politischen Diskurses geworden ist, daraus ergebende Frage, worin diese Gerechtigkeits-
gibt es über ihre Bedeutung und Sinnhaftigkeit nach erfordernisse bestehen, lässt sich in zwei Teile zerlegen:
wie vor keine Einigkeit. Das wird mitunter als Grund erstens, welche Erfordernisse der Gerechtigkeit es gibt,
dafür vorgebracht, soziale Gerechtigkeit sei nichts und zweitens, ob und inwieweit sie auf eine gesell-
weiter als eine Leerformel, die sich nach Belieben in schaftliche Ordnung Anwendung finden.
verschiedene Richtungen auslegen lasse (Hayek 1976, Die Erfordernisse der Gerechtigkeit sind mora-
65–67; Vanberg 2004, 173). Diese Ansicht ist jedoch lische Standards, die dazu dienen, soziale Beziehun-
sicher überzogen. Denn es wäre kaum erklärlich, wa- gen und Ordnungen im Hinblick auf ihre allgemeine
18 Soziale Gerechtigkeit 119

Zustimmungsfähigkeit für alle betroffenen Personen gründete Ungleichbehandlung der betroffenen Per-
aus unparteiischer Sicht zu bewerten und entspre- sonen verbietet, ein ganz allgemeines, freilich nur sehr
chende Richtlinien für ihre Gestaltung bereitzustel- unspezifisches Grundprinzip distributiver Gerechtig-
len. Von den ganz allgemeinen Geboten der Moral he- keit impliziert: Es besagt, dass die Güter und Lasten
ben sie sich dadurch ab, dass sie nicht schlechthin jede sozialer Gemeinschaftsverhältnisse auf die beteiligten
Person gegenüber jeder anderen binden, sondern auf Personen gleich zu verteilen sind, sofern ihre Un-
bestimmte Bereiche des sozialen Handelns abstellen gleichverteilung nicht durch triftige, d. h. bei rechter
und nur die jeweils beteiligten Akteure verpflichten Erwägung allgemein akzeptable Gründe gerechtfer-
bzw. berechtigen. Angesichts der Vielfalt solcher Be- tigt erscheint; solche Gründe müssen plausibel ma-
reiche hat schon Aristoteles verschiedene Arten der chen, dass die in Betracht stehende Ungleichvertei-
Gerechtigkeit unterschieden. Gute Gründe sprechen lung letztlich im vernünftigen Interesse aller liegt, was
dafür, vier basale Arten anzunehmen, die sich auf ver- voraussetzt, dass es wesentliche Unterschiede zwi-
schiedene elementare Formen sozialen Handelns be- schen den Beteiligten zu berücksichtigen gilt, so vor
ziehen: allem ihre ungleichen Beiträge und Leistungen, die
1. distributive Gerechtigkeit betreffend die Verteilung ungleichen Ergebnisse ihres selbstverantwortlichen
gemeinschaftlicher Güter und Lasten zwischen Handelns oder ihre ungleiche Befähigung, ihre
Personen, denen diese Güter oder Lasten gemein- Grundbedürfnisse aus eigenen Kräften zu decken (vgl.
sam zukommen; Frankena 1962, 9–13; Gosepath 2004, 128–211).
2. Tauschgerechtigkeit für freiwillige Tauschbezie- Die genannten Arten der Gerechtigkeit sind trotz
hungen und vertragliche Transaktionen zwischen ihrer analytischen Differenz tatsächlich eng miteinan-
einzelnen Personen; der verwoben, weil sich die verschiedenen Formen so-
3. politische Gerechtigkeit in Hinsicht auf die Aus- zialen Handelns, auf die sie sich beziehen, in der sozia-
übung autoritativer Herrschaft von Menschen len Realität ständig kreuzen, verschränken und ver-
über andere mittels zwangsbewehrter Normen; binden. Das gilt schon für kleine soziale Gruppen wie
und Familien, und noch viel mehr für große und komplexe
4. korrektive Gerechtigkeit bezüglich der Berichti- soziale Systeme wie Gesellschaften. Infolgedessen ist
gung begangenen Unrechts durch Wiedergutma- eine gesellschaftliche Ordnung jeder der diversen Ar-
chung oder Strafe (vgl. Koller 2003, 239–241; zu ten der Gerechtigkeit unterworfen, insoweit sie deren
den Arten der Gerechtigkeit vgl. auch die entspre- Anwendungsbedingungen erfüllt: der distributiven
chenden Kapitel in vorliegendem Band). Gerechtigkeit, insoweit sie die Verteilung sozialer Gü-
Jede dieser Arten inkludiert eigene Anforderungen an ter und Lasten regelt, die allen Mitgliedern gemein-
das jeweils in Betracht stehende Handeln der beteilig- sam zukommen; der Tauschgerechtigkeit, insoweit sie
ten Personen. Da im Kontext der sozialen Gerechtig- die Allokation privater Güter und Leistungen im We-
keit die distributive Gerechtigkeit eine besondere Rol- ge vertraglicher Transaktionen reguliert; der politi-
le spielt, soll hier nur diese näher betrachtet werden. schen Gerechtigkeit, insoweit sie zur Sicherung eines
Gegenstand der Verteilungsgerechtigkeit sind Kon- friedlichen und gedeihlichen sozialen Lebens Herr-
stellationen, bei denen mehrere Personen ein Anrecht schaft braucht; und der korrektiven Gerechtigkeit, in-
auf bestimmte Güter oder eine Obliegenheit zur Über- soweit sie die Berichtigung begangenen Unrechts
nahme gewisser Lasten gemeinsam haben, kurz: Ge- durch Wiedergutmachung oder Strafe regelt. Dass
meinschaftsverhältnisse, die eine gerechte Verteilung dies jedenfalls für die Tausch-, die politische und die
jener Güter und Lasten erfordern. Gemeinschaftsver- korrektive Gerechtigkeit gilt, ist unbestritten. Kontro-
hältnisse treten im sozialen Leben in vielfältigen Kon- vers ist dagegen, ob und inwieweit eine gesellschaftli-
figurationen auf, bei denen sowohl die zu verteilenden che Ordnung auch Forderungen der distributiven Ge-
Güter und Lasten als auch die relevanten Verteilungs- rechtigkeit unterliegt.
maßstäbe variieren. Angesichts dessen mag es auf den Eine Quelle dieser Kontroverse liegt darin, dass die
ersten Blick aussichtslos scheinen, Erfordernisse der distributive Gerechtigkeit, insoweit sie auf eine gesell-
distributiven Gerechtigkeit zu finden, die für alle diese schaftliche Ordnung Anwendung findet, vor den an-
Konfigurationen gleichermaßen gelten (vgl. Walzer deren Arten Priorität hat, weil sie die Rahmenbedin-
1983, 3–6). Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, gungen der anderen Arten bestimmt. So setzt die Ge-
dass eine Moral gleicher Achtung, die im Fall zwi- rechtigkeit von Tauschverhältnissen eine gerechte Al-
schenmenschlicher Interessenkonflikte jede unbe- lokation der getauschten Güter voraus, die zwar selber
120 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

durch eine Abfolge vorangehender gerechter Tausch- schlossener Verträge. Nach dieser Auffassung, die im
akte zustande gekommen sein mag, aber letztlich Lager des Wirtschaftsliberalismus beheimatet ist,
doch aus einer Ausgangsverteilung privater Rechte kann die distributive Gerechtigkeit, wenn überhaupt,
und Besitztümer hervorgegangen sein muss, die der nur auf die Anfangsverteilung der grundlegenden
distributiven Gerechtigkeit unterliegt. Ähnliches gilt Freiheits- und Eigentumsrechte der Individuen An-
für Herrschafts- und Unrechtsverhältnisse. Da sich wendung finden, macht aber sonst keinen Sinn, da es,
die distributive Gerechtigkeit damit als der Kern der abgesehen von jenen Rechten, nichts gibt, was den
sozialen Gerechtigkeit erweist, überrascht es nicht, Gesellschaftsmitgliedern gemeinsam zusteht und da-
dass diese mit jener oft gleichgesetzt wird und dass rum der Verteilung bedarf (vgl. Nozick 1974; Hayek
sich die Debatte um soziale Gerechtigkeit vorwiegend 1976). Infolgedessen lässt sie beliebige Ungleichhei-
um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit dreht. Auch ten der sozialen und ökonomischen Aussichten der
hier soll es nur mehr um diese Fragen gehen, obwohl Mitglieder zu, die sich aus deren Aktivitäten im Rah-
eine umfassende Vorstellung sozialer Gerechtigkeit men jener Rechte ergeben. Demgegenüber versteht
den Erfordernissen aller Arten der Gerechtigkeit Be- die kollektivistisch-kommunitäre Auffassung die Ge-
achtung schenken sollte. sellschaft als eine umfassende Gemeinschaft, deren
Davon ausgehend kann der allgemeine Begriff der Ordnung die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder
sozialen Gerechtigkeit etwas näher bestimmt werden, von Geburt an maßgeblich bestimmt und deren
indem man darunter die Gesamtheit der für eine ge- Wohlstand aus dem Zusammenwirken aller Mitglie-
sellschaftliche Ordnung geltenden Gerechtigkeits- der resultiert, was diese gleichermaßen dazu berech-
erfordernisse versteht, unter denen die der distributi- tigt und verpflichtet, an den Vorteilen und Bürden
ven Gerechtigkeit Priorität besitzen, insoweit sie auf des gesellschaftlichen Lebens teilzuhaben (Schmoller
eine solche Ordnung Anwendung finden. Diese Be- 1881; Taylor 1998). Diese Auffassung, die in den Dok-
griffsbestimmung, die wiederum bloß formalen Cha- trinen des Kommunismus und des radikalen Sozialis-
rakter hat und mit jeder substanziellen Vorstellung so- mus ihre stärkste Ausprägung findet (s. Kap. III.33),
zialer Gerechtigkeit vereinbar ist, ja nicht einmal die impliziert, dass alle teilbaren und für das Wohlerge-
Negation der Geltung distributiver Forderungen aus- hen der Gesellschaftsmitglieder wesentlichen Güter
schließt, soll nun als Ausgangspunkt für die Analyse und Lasten, insbesondere auch die wirtschaftlichen,
der wesentlichen Konstruktionselemente der ver- der distributiven Gerechtigkeit unterliegen und des-
schiedenen Vorstellungen dienen, die mehr oder min- halb nur in dem Umfang ungleich verteilt werden
der strittig sind. dürfen, wie es für eine solche Ungleichverteilung trif-
tige Gründe gibt. Damit setzt sie – je nachdem, wel-
che Dinge sie als verteilungsbedürftige Güter und
Grundlegende Elemente der sozialen Lasten betrachtet und in welchem Umfang sie Un-
Gerechtigkeit gleichheiten für begründbar hält – sozialen Ungleich-
heiten mehr oder minder enge Grenzen, die entspre-
Das erste Element jeder Vorstellung sozialer Gerech- chende Einschränkungen des freien Handelns der Be-
tigkeit betrifft die Gesellschaftsauffassung, d. h. die teiligten erfordern.
Auffassung, was eine Gesellschaft ist, worin ihre Die heute in den entwickelten westlichen Gesell-
Funktionen bestehen und welche Güter und Lasten schaften vorherrschende Vorstellung sozialer Gerech-
ihren Mitgliedern gemeinsam zukommen (Koller tigkeit setzt eine Gesellschaftsauffassung voraus, die
1994). Darüber gibt es tiefgreifende Differenzen, de- zwischen den skizzierten Positionen liegt und Ele-
ren Spannweite von radikal individualistisch-libertä- mente beider verbindet. Dieser Auffassung zufolge ist
ren bis zu ausgeprägt kollektivistisch-kommunitären eine Gesellschaft weder ein Marktplatz, auf dem lauter
Auffassungen reicht. Die individualistisch-libertäre unabhängige Individuen zufällig zusammentreffen,
Auffassung sieht in einer Gesellschaft nichts weiter als noch eine Kommune, deren Mitglieder alles teilen,
eine Ansammlung selbständiger, bereits mit gewissen sondern ein politisches Gemeinwesen, das zwar je-
natürlichen Rechten ausgestatteter Privatpersonen, dem Mitglied entsprechende Grundfreiheiten für eine
die sich nur zum Zweck einer für sie vorteilhaften Ko- selbstbestimmte Lebensführung garantiert, aber auch
operation zu einer sozialen Ordnung verbinden und eine Reihe von Gemeinschaftsbelangen inkludiert,
darum einander auch nicht viel mehr schulden als die deren Güter und Lasten allen Mitgliedern zukommen.
Unterlassung von Gewalt und die Einhaltung ge- Diese Belange fallen sofort ins Auge, wenn man drei
18 Soziale Gerechtigkeit 121

Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in den Blick stimmt werden müssen, dass die Rechte jeder Person
nimmt, bezüglich welcher eine Gesellschaft die Züge mit korrelativen Pflichten anderer Personen Hand in
einer Gemeinschaft aufweist, und zwar die einer Be- Hand gehen. Dies ermöglicht es, im Weiteren einfach-
sitz-, einer Kooperations- und einer Solidaritäts- heitshalber nur mehr auf die Verteilung der Güter
gemeinschaft (Koller 1994, 132–138). bzw. der sie verkörpernden individuellen Rechte ab-
Eine Gesellschaft ist eine Besitzgemeinschaft in zustellen, wobei aber stets zu beachten ist, dass damit
dem Sinne, dass ihre natürlichen Ressourcen und kul- auch eine entsprechende Verteilung individueller
turellen Errungenschaften im Gemeinbesitz aller ih- Pflichten verbunden ist, welche die Lasten der Gesell-
rer Mitglieder stehen, einschließlich der künftigen. Je- schaftsmitglieder verkörpern.
des Mitglied hat daher grundsätzlich ein gleiches An- Das führt zum zweiten Element, das die Art der
recht auf Teilhabe an den Natur- und Kulturgütern der Güter betrifft, die der distributiven Gerechtigkeit un-
Gesellschaft, wie etwa an deren Umweltressourcen, terliegen. Da für eine nähere Erörterung dieser in der
tradierten Wissensbeständen und technischen Errun- Philosophie viel diskutierten Thematik hier nicht der
genschaften. Dieses Anrecht schließt privates Eigen- Platz ist, sei nur die Position des Autors resümiert, die
tum an solchen Gütern nicht aus, verlangt aber, dass weitgehend der Rawlsschen Konzeption sozialer
die gesellschaftliche Ordnung ihren Gebrauch so re- Primärgüter folgt, aber auch Elemente des Capability-
gelt, dass sie allen Mitgliedern zugutekommen (Stei- Ansatzes von Amartya Sen und der Theorie der Res-
ner 1981; Steinvorth 1999, 199–207). Eine Gesell- sourcengleichheit von Ronald Dworkin einbezieht
schaft ist ferner eine Kooperationsgemeinschaft inso- (vgl. Rawls 1971, 90–95; Sen 1992; Dworkin 2000, 65–
fern, als sie zur Gewährleistung eines friedlichen und 119; siehe dazu auch Roemer 1996, 163–203; Miller
zweckmäßigen sozialen Lebens die Bereitschaft ihrer 1999, 7–12; Kersting 2000, 26–30): Gegenstand der
Mitglieder verlangt, sich vielfältigen Normen zu un- distributiven Gerechtigkeit sind die fundamentalen
terwerfen, die ihr Verhalten einschränken oder sie zur gesellschaftlichen Güter, um die wegen ihres begrenz-
Erbringung bestimmter Leistungen verpflichten. Da- ten Umfangs Konkurrenz herrscht. Darunter sind Gü-
zu gehören jedenfalls die allgemein verbindlichen ter zu verstehen, die erstens im fundamentalen Inte-
Verhaltensregeln, die Gewalt und die Schädigung An- resse der Gesellschaftsmitglieder liegen, weil sie
derer verbieten, die Rechte und Freiheiten der Mit- grundlegende Voraussetzungen, Allzweckmittel oder
glieder, die es diesen ermöglichen, ihren Lebensunter- Befähigungsbedingungen für die Daseinsbewältigung
halt zu bestreiten und zur gesellschaftlichen Wert- und Selbstentfaltung der Individuen unabhängig von
schöpfung beizutragen, aber auch die Regelungen der deren jeweiligen Lebensplänen und Vorlieben verkör-
politischen Führung und Willensbildung, die eine ef- pern, und die zweitens gesellschaftlichen Charakter
fektive politische Gewalt etablieren (Rawls 1971, 520– haben, weil sie Objekt der gesellschaftlichen Besitz-,
529; Kersting 2000, 22–26). Und nicht zuletzt ist eine Kooperations- und Solidaritätsgemeinschaft sind und
jede Gesellschaft in einem gewissen Sinn auch eine durch die gesellschaftliche Ordnung verteilt werden.
Solidaritätsgemeinschaft, die ihren Mitgliedern, falls Diese Güter unterscheiden sich einerseits durch ihre
sie in Notlagen geraten und nicht für sich selber sor- Fundamentalität von privaten Gütern einzelner Per-
gen können, angemessene Unterstützung garantiert sonen, die diese durch ihre selbständigen Aktivitäten
und sie dazu verpflichtet, entsprechend ihrem Ver- im Rahmen der ihnen zukommenden Rechte erwor-
mögen zu einem entsprechenden System der sozialen ben haben, und andererseits durch ihre Gesellschaft-
Sicherung beizutragen. Infolgedessen hat jedes Mit- lichkeit von den natürlichen Gaben einzelner Per-
glied im Bedarfsfall Anspruch auf eine den gesell- sonen, über die diese aufgrund ihrer angeborenen
schaftlichen Lebensverhältnissen entsprechende Exis- physischen und psychischen Beschaffenheit verfügen.
tenzsicherung, die es ihm ermöglichen muss, seine Welche Dinge im Einzelnen als fundamentale ge-
Grundbedürfnisse zu befriedigen (Koller 2007). sellschaftliche Güter gelten sollen, hängt teils von rela-
Daraus folgt, dass jede Gesellschaft, auch eine mo- tiv konstanten Bedingungen der menschlichen Natur,
derne, eine Vielfalt an Gemeinschaftsbelangen inklu- teils von historisch und kulturell kontingenten Um-
diert, deren Güter und Lasten gerechter Verteilung be- ständen ab, so insbesondere vom Entwicklungsstand
dürfen. Diese Güter und Lasten nehmen im Rahmen der Gesellschaft. Obwohl darüber, worin diese Güter
der gesellschaftlichen Ordnung, durch die sie ja erst in den entwickelten Gesellschaften der Gegenwart be-
zur Verteilung gelangen, die Gestalt von Rechten und stehen, keine Einigkeit im Detail besteht, ist im Prin-
Pflichten der Mitglieder an, die so aufeinander abge- zip doch so viel offensichtlich, dass sie jedenfalls die
122 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

folgenden Mittel der Daseinsbewältigung und Selbst- schaftsmitglieder zur sozialen Kooperation zu ent-
entfaltung der Gesellschaftsmitglieder enthalten: sprechen, sofern deren Erträge bei unparteiischer Er-
1. die allgemeinen Rechte, die den einzelnen Mit- wägung allen zum Vorteil gereichen (Miller 1999,
gliedern unabhängig von deren besonderen Le- 131–155). Mit dem Freiheitsargument werden auch
bensumständen und Aktivitäten allein aufgrund solche Ungleichheiten legitimiert, die sich unver-
ihrer Gesellschaftszugehörigkeit zukommen; meidlich aus dem selbständigen Handeln der Einzel-
2. die individuellen Freiheiten, wozu neben den be- nen im Rahmen der ihnen durch die soziale Ordnung
kannten Grundfreiheiten auch ein grundsätzli- eingeräumten Rechte und Freiheiten ergeben, sofern
ches Recht auf allgemeine Handlungsfreiheit ge- diese Ordnung bei unparteiischer Erwägung im Inte-
hört; resse aller liegt (Dworkin 2000, 120–134). Und das Be-
3. die politischen Teilhabemöglichkeiten, nämlich dürfnisargument wird angeführt, um ungleiche sozia-
die Rechte der Mitglieder auf Teilnahme an der le Leistungen für Personen, die Unterstützung brau-
politischen Meinungs- und Willensbildung über chen, mit Berufung auf deren ungleiche Bedürfnis-
kollektive Entscheidungen; lagen zu rechtfertigen (Miller 1999, 203–229). Alle
4. die sozialen Stellungen, d. h. die öffentlichen diese Argumente sind mit dem gleichen Wert aller
Funktionen und beruflichen Positionen, die mit Menschen vereinbar und zumindest prima facie plau-
mehr oder weniger Verantwortung, Einkommen, sibel. Ihr gemeinsamer Grundgedanke ist, dass soziale
Vermögen, Macht, Einfluss und Ansehen einher- Ungleichheiten dann gerechtfertigt sind, wenn (und
gehen; und insoweit, als) sie bei rechter Erwägung letztlich allen
5. die ökonomischen Ressourcen, wozu vor allem die Gesellschaftsmitgliedern, insbesondere auch den
wesentlichen Bedingungen des wirtschaftlichen schlechter gestellten, zum Nutzen gereichen (s. dazu
Wohlergehens der Mitglieder gehören, wie ihre Rawls 1971, 75–83; Hinsch 2002, 170–173).
sozialisations- und ausbildungsabhängigen Fähig- Davon ausgehend kann nun geprüft werden, ob
keiten, ihre Grundausstattung mit materiellen und inwieweit eine Ungleichverteilung der genannten
Mitteln, ihre Zugangsmöglichkeiten zur Arbeits- fundamentalen Güter gerechtfertigt werden kann.
welt und zum Einkommenserwerb, ihre Anrechte Diese Prüfung führt zu einem gemischten Befund.
auf Leistungen des sozialen Sicherungssystems Was die allgemeinen Rechte, die individuellen Frei-
und ihre Gelegenheiten zur Nutzung öffentlicher heiten und die politischen Teilhaberechte betrifft, gibt
Güter. es offensichtlich keine annehmbaren Gründe für ihre
Unter der Annahme, dass alle diese Güter der distri- Ungleichverteilung. Anders liegt der Fall bei den so-
butiven Gerechtigkeit unterliegen, impliziert deren zialen Stellungen und den ökonomischen Ressourcen.
Grundprinzip den folgenden basalen Grundsatz der Denn hinsichtlich dieser Güter scheint es recht plausi-
sozialen Gerechtigkeit: Die gesellschaftliche Ordnung bel, dass die früher genannten Argumente gewisse
hat nach Möglichkeit für eine Gleichverteilung der ge- Ungleichheiten der sozialen Stellung und der wirt-
nannten Güter Sorge zu tragen, sofern deren Un- schaftlichen Aussichten der Gesellschaftsmitglieder
gleichverteilung nicht durch triftige Gründe als ge- rechtfertigen können.
rechtfertigt erscheint.
Die Rechtfertigungsgründe für Ungleichheiten bil-
den das dritte Element jeder Vorstellung von sozialer Die vorherrschende Vorstellung sozialer
Gerechtigkeit. Welche Gründe dafür in Frage kom- Gerechtigkeit
men und welche Ungleichheiten sie rechtfertigen kön-
nen, ist zwar wiederum im Detail umstritten, doch Aus alledem ergeben sich fünf Grundpostulate der so-
gibt es weitgehende Einigkeit über einige Arten von zialen Verteilungsgerechtigkeit, die den Kern der mo-
Gründen, die im Prinzip geeignet sind, gewisse Un- dernen Vorstellung sozialer Gerechtigkeit bilden und
gleichheiten zu rechtfertigen. Diese Gründe treten ge- heute in demokratischen Gesellschaften trotz erhebli-
wöhnlich im Gewand dreier Argumente auf, des Leis- cher Meinungsdifferenzen im Detail weitgehende Ak-
tungs-, des Freiheits- und des Bedürfnisarguments zeptanz finden, nämlich die folgenden:
(vgl. Frankena 1962, 12 f.; Honoré 1970, 72–81; Wal- 1. rechtliche Gleichheit, wonach alle Mitglieder glei-
zer 1983, 21–26). Das Leistungsargument besagt, dass che allgemeine Rechte und Pflichten haben müs-
gewisse Ungleichheiten zulässig, ja geboten sind, um sen, die auf generellen und unpersönlichen Geset-
den ungleichen Leistungen oder Beiträgen der Gesell- zen beruhen;
18 Soziale Gerechtigkeit 123

2. bürgerliche Freiheit, verstanden als die gleiche erhalten, die ihnen eine selbstbestimmte Lebens-
Freiheit jeder Person, ihr Leben nach eigenem gestaltung und eine gleichberechtigte Teilnahme am
Gutdünken zu gestalten, insoweit diese Freiheit im sozialen Leben ermöglichen (Rawls 1971, 83–90; Bar-
Rahmen einer wohlgeordneten Gesellschaft für ry 2005, 37–105).
alle möglich ist; Das Postulat der ökonomischen Ausgewogenheit
3. demokratische Teilhabe, also das Recht aller mün- beruht auf der Annahme, dass eine Gesellschaft eine
digen Bürger auf gleichberechtigte Mitwirkung an Gemeinschaft der wirtschaftlichen Zusammenarbeit
der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung; darstellt, deren Vorteile und Bürden einer gerechten
4. soziale Chancengleichheit, der zufolge begehrte Verteilung bedürfen. Das schließt ökonomische Un-
soziale Positionen allen Mitgliedern entsprechend gleichheiten, die eine zweckmäßige Gestaltung der
ihren Fähigkeiten und Leistungen gleichermaßen Wirtschaftsordnung mit sich bringen mag, nicht aus,
offenstehen müssen; macht sie aber begründungsbedürftig. Der zulässige
5. ökonomische Ausgewogenheit, nach der wirt- Umfang dieser Ungleichheiten ist zwar wiederum in
schaftliche Ungleichheiten zwar einerseits zulässig hohem Maße umstritten, aber vielleicht wird der fol-
sind, insoweit sie für ein effizientes Wirtschafts- gende allgemeine Grundsatz breite Zustimmung fin-
leben erforderlich sind, andererseits aber auf ein den können: Ökonomische Ungleichheiten, also sol-
Ausmaß begrenzt werden müssen, das sicherstellt, che der ökonomischen Ressourcen, sind zulässig,
dass alle Gesellschaftsmitglieder davon profitieren. wenn sie mit einer Wirtschaftsordnung verbunden
Während die drei ersten Postulate – rechtliche Gleich- sind, die bei rechter Erwägung im Interesse aller Mit-
heit, bürgerliche Freiheit und demokratische Teilhabe glieder, insbesondere auch der schlechter gestellten,
– heute grundsätzlich unbestritten und in den Verfas- liegt, sei es deswegen, weil die betreffenden Ungleich-
sungen moderner Rechtsstaaten rechtlich verankert heiten zur Gratifikation allgemein erwünschter Leis-
sind (s. Kap. IV.50), haben die zwei letzten Postulate – tungen erforderlich sind, unvermeidlich aus einem
soziale Chancengleichheit und ökonomische Aus- dem Vorteil aller dienenden wirtschaftlichen Wett-
gewogenheit – im Wesentlichen nur den Status von bewerb resultieren oder aber dazu dienen, hilfs-
Prinzipien des politischen Diskurses, die breite An- bedürftigen Menschen eine angemessene soziale Si-
erkennung finden, im Detail aber umstritten sind. cherung zu garantieren.
Deshalb sollen nur sie abschließend kurz erläutert
werden. Literatur
Soziale Chancengleichheit verlangt, dass alle Ge- Barry, Brian: Why Social Justice Matters. Cambridge 2005.
sellschaftsmitglieder gleiche Aussichten haben, in ver- Dworkin, Ronald: Sovereign Virtue. The Theory and Practice
of Equality. Cambridge MA 2000.
schiedene soziale Positionen (berufliche Stellungen, Frankena, William K.: The concept of social justice. In: Ri-
öffentliche Funktionen) mit mehr oder weniger Ein- chard B. Brandt (Hg.): Social Justice. New Jersey 1962,
kommen, Einfluss, Macht und Ansehen zu gelangen, 1–29.
vorausgesetzt, dass die zwischen den Positionen beste- Gosepath, Stefan: Gleiche Gerechtigkeit. Grundlagen eines
henden Unterschiede gerechtfertigt sind (s. Kap. liberalen Egalitarismus. Frankfurt a. M. 2004.
Hayek, Friedrich A. von: Law, Legislation and Liberty, Vol. 2:
II.22). Dieses Postulat enthält zwei Teilforderungen,
The Mirage of Social Justice. London 1976.
formelle und materielle Chancengleichheit, von de- Hinsch, Wilfried: Gerechtfertigte Ungleichheiten. Grundsätze
nen die erste heute weithin unbestritten ist, während sozialer Gerechtigkeit. Berlin 2002.
über die zweite große Meinungsverschiedenheiten Honoré, Anthony M.: Social justice. In: Robert S. Summers
herrschen. Formelle Chancengleichheit verlangt zwei- (Hg.): Essays in Legal Philosophy. Oxford 1970, 61–94.
erlei: erstens, dass niemand von Rechts wegen von be- Kersting, Wolfgang: Theorien der sozialen Gerechtigkeit.
Stuttgart 2000.
gehrten sozialen Positionen ausgeschlossen ist (recht-
Koller, Peter: Gesellschaftsauffassung und soziale Gerechtig-
liche Offenheit), und zweitens, dass solche Positionen keit. In: Günter Frankenberg (Hg.): Auf der Suche nach der
im Wege fairer Verfahren besetzt werden (faire Aus- gerechten Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1994, 129–150.
wahl). Materielle Chancengleichheit meint dagegen –: Soziale Gerechtigkeit – Begriff und Begründung. In: Er-
eine gewisse Gleichheit der Startpositionen der nach- wägen Wissen Ethik 14/2 (2003), 237–250.
kommenden Gesellschaftsmitglieder im Sinne einer –: Solidarität und soziale Gerechtigkeit. In: Hermann-Josef
Große Kracht/Tobias Karcher/Christian Spieß (Hg.): Das
Begrenzung der Ungleichheiten ihrer Startbedingun- System des Solidarismus. Berlin 2007, 179–205.
gen dadurch, dass alle eine gleiche Grundausstattung Löffler, Winfried: Soziale Gerechtigkeit. Wurzeln und Ge-
an humanen Fähigkeiten und materiellen Ressourcen
124 II Gerechtigkeitstypen und Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs

genwart eines Konzepts in der Christlichen Soziallehre. 19 Strafgerechtigkeit


In: Peter Koller (Hg.): Gerechtigkeit im politischen Diskurs
der Gegenwart. Wien 2001, 65–88. Der Ausdruck ›Strafgerechtigkeit‹ wird in mindestens
Miller, David: Principles of Social Justice. Cambridge MA
1999. drei verschiedenen Hinsichten verwendet. Zum einen
Nozick, Robert: Anarchy, State, and Utopia. New York 1974. geht es um die Frage, ob Strafe überhaupt eine ge-
Rawls, John: A Theory of Justice. Cambridge MA 1971. rechtfertigte Reaktion auf normwidriges (und schuld-
Roemer, John E.: Theories of Distributive Justice. Cambridge haftes) Verhalten darstellt. Es geht mit anderen Wor-
MA 1996. ten um die Begründung von Strafe als gerechte Reakti-
Schmoller, Gustav: Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft.
on auf die Straftat. Man kann diese Frage als die nach
In: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirt-
schaft 5 (1881), 19–54. der Strafbegründungsgerechtigkeit bezeichnen. Zum
Sen, Amartya: Inequality Reexamined. New York 1992. anderen lässt sich dann, wenn die vorstehende Frage
Steiner, Hillel: Liberty and equality. In: Political Studies 29 positiv beantwortet wurde, danach fragen, welche Art
(1981), 555–569. von Strafe und in welcher Höhe eine Strafe als gerecht
Steinvorth, Ulrich: Gleiche Freiheit. Politische Philosophie im Hinblick auf die betreffende Straftat gelten kann.
und Verteilungsgerechtigkeit. Berlin 1999.
Taylor, Charles: Wesen und Reichweite distributiver Gerech-
Es geht hier mit anderen Worten um die Strafbemes-
tigkeit. In: Ders.: Negative Freiheit? Frankfurt a. M. 1988, sungsgerechtigkeit. Schließlich ist die Frage aufzuwer-
145–187. fen, auf welche Weise festgestellt wird, ob jemand eine
Vanberg, Viktor J.: Sozialstaatsreform und die soziale Ge- Straftat begangen hat, die dann auch zu einer Bestra-
rechtigkeit. In: Politische Vierteljahresschrift 45/2 (2004), fung führt. Die hier maßgeblichen Verfahrensregeln
173–180.
sollen die Garantie dafür abgeben, dass nach Möglich-
Walzer, Michael: Spheres of Justice. A Defence of Pluralism
and Equality. Oxford 1983. keit kein Unschuldiger bestraft wird, sondern nur der-
jenige, dem die Straftat gerechterweise vorgeworfen
Peter Koller werden kann. Dies ist die Frage nach der Strafverfah-
rensgerechtigkeit (s. auch Kap. II.21).
Über die so skizzierten Fragen nach dem ›Warum‹
von Strafe, nach dem ›Wie‹ der Strafe sowie nach dem
›Wodurch‹ der Feststellung einer Straftat hinaus las-
sen sich weitere für die Gerechtigkeit von Strafe rele-
vante Fragen stellen, etwa die, ob nun der Täter eher
wegen seines Charakters oder primär wegen der von
ihm begangenen Tat bestraft werden soll, oder ob
Strafe nur rechtswidriges (bzw. normwidriges) Ver-
halten voraussetzt oder auch schuldhaftes Verhalten –
und ob es Letzteres überhaupt geben kann, wenn man
insbesondere die Entscheidungsfreiheit einer Person
in Abrede stellt. Da diese und ähnliche Fragen sich je-
doch in den Kontext der oben formulierten drei
Grundfragen nach der Strafgerechtigkeit integrieren
lassen, sollen sie auch jeweils in deren Zusammen-
hang behandelt werden.

Strafbegründungsgerechtigkeit

Die Verhängung und umso mehr die Exekution von


Strafe gegen eine Person verlangt nach einer überzeu-
genden Begründung, weil sie anderenfalls kaum als
gerechte Reaktion auf die Straftat akzeptiert würde.
Dies gilt umso mehr, als es durchaus Stimmen gibt, die
die Strafe und den mit ihr verbundenen öffentlichen
Tadel durch die Autorität des Staates als ein unbe-
19 Strafgerechtigkeit 125

gründetes und daher ungerechtes Vorgehen kritisie- der Strafbegründung überhaupt eine Rolle spielt (vgl.
ren und dementsprechend für eine Abschaffung des auch Lampe 1999, 16 f.).
Strafrechts plädieren (so genannter Abolitionismus; ›Absolut‹ sind die ersteren Theorien deshalb, weil
vgl. etwa Plack 1974). Dabei kann sich diese Kritik pri- sie die Straftat durch die Strafe gewissermaßen ›aus-
ma facie sowohl auf die mangelnde (rechts-)philoso- gleichen‹ wollen und keinen darüber hinausgehenden
phische Fundierung der Strafe stützen als auch auf ih- Zweck verfolgen. Im Vordergrund stehen hier deshalb
re prinzipielle Unzweckmäßigkeit, wie dies etwa in Vergeltung, gerechter Ausgleich, Sühne, Wiederher-
manchen Feststellungen von Pädagogen zur Strafe stellung des Rechts, zum Teil auch Wiedergutma-
zum Ausdruck kommt. So heißt es etwa in einem pä- chung (die indes genau genommen Schadensersatz
dagogischen Wörterbuch: »Die Strafe ist erzieherisch und nicht Strafe ist; vgl. Hoerster 2012, 12). Als typi-
bedenklich und ein ungeeignetes Erziehungsmittel, sche Vertreter einer absoluten Straftheorie gelten Im-
weil sie das unerwünschte Verhalten nur unterdrückt, manuel Kant und G. W. F. Hegel. Wenn Kant etwa
aber nicht auf Dauer auslöscht, weil durch sie kein er- schreibt: »Richterliche Strafe (poena forensis) [...]
wünschtes Verhalten gelernt wird und weil viele un- kann niemals bloß als Mittel ein anderes Gute zu be-
erwünschte Nebenwirkungen zu befürchten sind« fördern für den Verbrecher selbst, oder für die bürger-
(Keller/Novak 1993, 334). liche Gesellschaft, sondern muß jederzeit nur darum
Jedoch ist gegen diese These im vorliegenden Zu- wider ihn verhängt werden, weil er verbrochen hat;
sammenhang einzuwenden, dass sie nicht zugleich denn der Mensch kann nie bloß als Mittel zu den Ab-
gegen das Aussprechen von Lob oder die Belohnung sichten eines Anderen gehandhabt und unter die Ge-
eines Verhaltens votiert (was pädagogisch gesehen genstände des Sachenrechts gemengt werden« (AA
auch kaum sinnvoll wäre), der Verzicht auf Lob bzw. VI, 331), dann ist die Wendung ›weil er verbrochen
Belohnung im Einzelfall aber durchaus als Strafe gel- hat‹ nichts anderes als eine Übersetzung von quia pec-
ten muss und auch so empfunden wird. Wer demnach catum est; und Kant stellt sich damit bewusst in diese
zumindest in seiner pädagogischen Arbeit auch lobt, Tradition der Strafbegründung (vgl. auch AA VI, 363
straft auch, da er nicht jedes Verhalten loben kann. Fußnote) und damit gegen die Auffassung von Platon
Damit kommt er auch an einer Begründung für den und Seneca. Bei Hegel geht es ähnlich wie bei Kant um
Entzug von Lob, der Strafe gleichsteht, letztlich nicht die Tilgung des mit der Straftat verbundenen Rechts-
vorbei. bruchs, wenn er eine »Aufhebung des Verbrechens«
Als Ansatzpunkte für eine Begründung von Strafe durch »Verletzung der Verletzung« (bzw. »Negation
kommen zumindest seit Platon zwei Perspektiven in der Negation«) fordert, wobei die Straftat die erste Ne-
Betracht (vgl. Platon, Protagoras, 324a–b; übernom- gation (des Rechts) ist und die verhängte Strafe diese
men von Seneca, De ira I, 19): Man kann bestrafen, Negation ihrerseits negieren und dadurch das Recht
weil eine strafbare Handlung vorgenommen wurde wieder in seine ursprüngliche Position versetzen soll
(quia peccatum est – ›weil gesündigt wurde‹), oder man (vgl. Hegel 1821/1999, § 101).
kann strafen, um zu verhindern, dass weiterhin straf- Einwände gegen eine so oder ähnlich begründete
bare Handlungen vorgenommen werden (ne peccetur absolute Theorie werden etwa daraus hergeleitet, dass
– ›damit nicht gesündigt werde‹). Platon und Seneca die Strafe auf diese Weise in die Nähe bloßer Rache
lehnen dabei die erste Möglichkeit der Strafbegrün- gerückt werde (vgl. z. B. Schopenhauer 1819/1977,
dung ab und befürworten demgegenüber die zweite 433: »Alle Vergeltung des Unrechts durch Zufügung
(ebd.). Die Straftheorien, die sich auf die erste Perspek- eines Schmerzes, ohne Zweck für die Zukunft, ist Ra-
tive beziehen, werden herkömmlich als ›absolute Straf- che«), wenn sie auch nicht mehr private Rache ist,
theorien‹ bezeichnet, diejenigen Straftheorien da- sondern nunmehr staatlich vollzogene. Zudem wird
gegen, die die zweite Perspektive zugrunde legen, hei- eingewandt, dass Strafe immer Übelszufügung sei,
ßen ›relative Straftheorien‹ (vgl. etwa Jakobs 2004, die deshalb einer Rechtfertigung bedürfe durch etwas
5–7). Bei Verwendung klassischer Gerechtigkeits- Positives, das durch sie bewirkt werde. Der Blick müs-
begriffe kann man sagen, dass die absoluten Theorien se sich mit anderen Worten auf die Zukunft richten
primär den Gedanken der ›ausgleichenden Gerechtig- und nicht auf eine bloße Bewältigung der Vergangen-
keit‹ im Auge