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T

hrengedächtnis

Grafen Miclas Briny von Zigeth.


Ein Vortr über Zrinys Heldentod
7. September 1566
und deſſen dichteriſche Verherlichung.
Von

H. C. G. Stier.
–o-OOO-o–

Mit einigen Beigaben, namentlich Ueberſetzungen aus der


Triniade Niclas Zrinys des jüngeren.
-

Bum beſten bedürftiger evangeliſcher Gemeinden in Ungarn,


insbeſondere der in Sigeth.

–- F-QZVSTOSSG-F>–

C0IBERG 1866.

C. F. Poſt'ſche Buchhandlung.
Die Stimme des Jahrhunderts wird verhallen,
und das Geſchlecht verſinken, das mich kennt;
doch Enkel werden zu den Trümmern wallen,
wo dankbar dann mich manche Lippe nennt.
Wer muthig für ſein Vaterland gefallen,
der baut ſich ſelbſt ein ewig Monument
im treuen Herzen /einer Landesbrüder,
und dieß Gebäude reißt kein Sturmwind nieder.
Theodor Körner
(Niklas Zriny, 5. Aufzug, 2. Auftritt).

Bécs városa! hinné-e valaki,


érted mennyi magyar vér omla ki?
(Du /tolzes Wien! Wer möcht' es glauben wol,
wie vieler Ungarn Blut für dich gefloſſen)
Ungariſches Volkslied.
Niclas Zrinys

Heldentod vor dreihundert Jahren

und deſſen

Verherlichung durch die Dichter.


N. Zrinys Heldentod und defſen Verher
lichung durch die Dichter").

Am 7. September 1566 ſtarb Graf Niclas Zriny


der ältere vor dem brennenden Sigeth den Heldentod
durch Türkenhand. Man hat ihn den ungariſchen Leo
nidas genannt, obwol er verſchieden von ſeinem Vor
bilde den Feind wirklich abhielt vom weitern vordringen,
ſo daſs ein großer Theil der bedrängten Länder gerettet
war. Das wuſste man auch in Ungarn wie in Deutſch
land; Von beiden Völkern iſt er darum von jeher gefei
ert worden wie kaum einer, und es iſt eine Pflicht der
Dankbarkeit, die dreihundertjährige Wiederkehr ſeines
Todestages nicht unbeachtet vorübergehen zu laſſen.
Einen Beitrag zur Belebung ſeines Gedächtniſſes will
auch dieß Schriftchen liefern, und zwar zunächſt ein
fach erzählen was geſchehen iſt, um dann noch des
Helden Verherlichung durch die Dichter beider Sprachen
*) Urfprünglich als öffentlicher Vortrag zu Gunften der Guſtav
Adolfs-Zwecke gehalten, hier mehrfach umgearbeitet.
-
VI

kurz zu betrachten. Vielleicht iſt die bewegte Zeit, in


der dieſe Zeilen" geſchrieben werden – weit entfernt,
von ſolchen Studien abzuhalten – noch ein Anlaſs mehr,
grade auf Ungarn einen Blick zu richten, und zu ſehen,
was es für die Habsburgiſchen Herſcher gethan und wie
es ihm vergolten worden. *

Längſt waren die Zeiten Ludwigs des großen,


des Mongolenſiegers, vorüber, der außer den eigentlich
ungariſchen Landen ganz Polen, Bulgarien, Serbien,
Dalmatien ſamt der Hälfte Italiens beſaß – einſt an
erkanntermaßen der mächtigſte Fürſt ſeiner Zeit. Hun
dert Jahre ſpäter hatte Matthias Hunyad Corvinus
(Ungarns größter König, Staatsmann, Gelehrter und
Feldherr) Ludwigs Glanz erneuert, und auch die ſeit
Conſtantinopels Einnahme immer gefährlicher gegen
Weſten anbrandenden Osmanen in ehrerbietiger Ent
fernung gehalten.
Aber dieſe führte ſeit 1520 der gewaltige Soliman;
gegen ihn verlor der jugendliche König Ludwig II bei
Mohatſch (27,000 Ungarn gegen 200,000 Türken) Land
und Leben, und von den beiden gleichzeitig gewählten
Nachfolgern behauptete ſich als der mächtigere Ferdi
dinand von Oeſtreich, der erſte in der ununterbroche
nen Reihe Habsburgiſcher Könige von Ungarn.
Den Türken gegenüber ſchien ihr Glück nun dahin.
Zwar Wien, bis wohin jene im Siegesflug vorgedrungen
VII

waren, blieb unerobert, aber ein großer Theil des Kö


nigreichs wurde Osmaniſche Provinz, Ferdinands Ge
genkönig Johann Zápolya von Siebenbürgen, der ſeine
Anſprüche auf die Krone des heiligen Stephan nie auf
gegeben und ſich ſtets in einem Theile des Landes
behauptet, des Sultans Vaſall. Blutige Kriege zwiſchen
Ungarn und Türken wechſeln Jahrzehnte hindurch mit
kürzeren Waffenſtillſtänden, welche dem Lande dazwi
ſchen einige Zeit zweifelhaften Friedens ſichern – bis
endlich unter Ferdinands Nachfolger Maximilian (in
Deutſchland dem zweiten des Namens) Soliman einen
neuen Kriegszug beginnt, der – obwol gewaltiger als
alle frühern – ſein letzter werden ſollte.
Hier war es, wo der in der Heimat längſt geach
tete Name Zriny ſolchen Ruhm erwarb, daſs er von
da ab in ganz Europa wie im türkiſchen Aſien und
Afrika genannt und gekannt wurde. Ludwig der große
hatte im 14. Jahrhundert den Ritter Georg von Brebir,
aus deſſen Geſchlechte ſchon mancher die Banus- oder
Statthalter-Würde über Croatien, Bosnien und Dalma
tien verwaltet hatte, mit einigen ſechzig Schlöſſern be
ſchenkt, darunter das wichtigſte Serin (Zrin) in Croa
tien war. Von dieſen nun nannte ſich die Hauptlinie
Brebir von Serin oder ſchlechthin Zriny!) Um die

!) Eigentlich Zrini, neu-ungariſch Zrinyi, ſprich frinji.


VIII

Reformationszeit lebten drei Brüder des Namens; der


älteſte fiel bei Mohatſch, der jüngſte frühzeitig über
lebende war unſer Niclas. Im Jahre 1518 geboren,
hatte er ſich ſchon im zwölften Lebensjahre durch per
ſönliche Tapferkeit von Kaiſer Karl eine goldne Kette
und ein Streitroſs verdient. Neun Jahr ſpäter nahm
er theil an der Tötung des zu den Türken abgefallenen
Verräthers Katzianer (Katzenſteiner). Wegen ſchlechter
Führung eines königlichen Heeres in Wien gefangen
geſetzt und mit dem Todesurteile bedroht, war dieſer
aus dem Kerker nach Koſtainitza in Croatien entwiſcht
und hatte von hier aus mit dem Sandſchak von Bel
grad Unterhandlungen wegen Uebergabe des Landes
angeknüpft. Von Ferdinand geächtet ſuchte er dennoch
die Grafen Zriny, ſeine Nachbarn, zum Landesverrathe
mit ſich zu verbinden, wurde aber auf ihre Veranſtal
tung bei einem Gaſtmahle ermordet, worauf ſie ſeinen
Kopf nach Wien ſchickten. Bald nachher erhielt Niclas
Zriny das Banat von Croatien wie ſein Vater; und
weil er dieß Land viele Jahre tapfer gegen die Ein
fälle der Muſelmänner verteidigte, erhob ihn ſein Ober
herr ſogar zum Tavernicus von ganz Ungarn, deſſen
Hauptſtadt Peſt-Ofen damals freilich in türkiſchen
Händen war.
Je mehr aber ſeine Treue des erhabenen Lehnsherrn
Huld verdiente, deſto mehr hatte er (wie man vermuthen
IX

darf) unter den Ränken öſterreichiſcher Neider zu lei


den, die das Ohr des Kaiſers oft und nicht ohne
ſchließlichen Erfolg zu ſeinen Ungunſten beſtürmten.
Nicht wenig vielleicht hatte daran Antheil, daſs Zriny,
obwol natürlich katholiſch erzogen, in gereifterem Alter
aus innerem Herzensdrange zur Evangeliſchen Kirche
übergetreten war, deren Blütezeit in Ungarn von 1564
bis 1584 gerechnet zu werden pflegt. Neun Zehntel
des Landes bekannten ſich damals zum reformatoriſchen
Glauben; auch Croatien und Slavonien waren faſt ganz
evangeliſch; in der 2 Meilen nördlich von der Donau,
4 Meilen weſtlich von Fünfkirchen gelegenen Feſtung
Sigeth ) herſchte die Reformation ſchon ſeit 1524.
Für dieſen Ort, damals eine der wichtigeren Vorfeſten
des nichttürkiſchen Ungarn, gewann Zriny ſeit 1556 be
ſonderes Intereſſe. Der vom Almoſchfluſſe rings um
floſſene, auch von tiefen Sümpfen umgebene Platz, zur
Zeit von Marcus Horváth - Stansics?) befehligt, ent
hielt hinter drei breiten und tiefen ſtets gefüllten Gräben
fünf Bollwerke, in ihrer Mitte das Schloſs mit hohem
Wachtturme, gegen Weſten den Marktflecken mit dop
peltem Walle und Graben, wiederum getheilt in eine
durch Brücken verbundene Altſtadt und Neuſtadt.
Die Türken hatten ſie rings eingeſchloſſen; verge
*) Ungariſch Sziget oder Szigetvár, zu deutſch Inſelburg
*) Schtanſchitſch.
X

bens ſuchte der Palatin Thomas Nádasdy!), bei welchem


u. a. Niclas Zriny mit 1000 Reitern ſich befand, ſie zu
entſetzen – die Stadt wurde ein Raub der Flammen,
die Burg mit größter Mühe gerettet, nachdem die Be
lagerer am 22. Juli abgezogen; Zriny entging in ſeiner
Unerſchrockenheit mit genauer Noth dem Tode oder der
Gefangennehmung durch Aali Paſcha?). Allmählich er
ſtand auch die Stadt wieder aus den Ruinen. Stansics
ſtarb am 14. Septbr. 1561; Zriny konnte ſichs nicht
verſagen, des bewunderten Helden Panzer und Säbel
für hohen Preis von den Erben an ſich zu kaufen –
ja die Erfahrungen der letzten Jahre vermochten ihn,
nach freiwilliger Niederlegung der Banuswürde als Com
mandant von Sigeth ſich ganz in dieſe Feſte zurückzu
ziehen. Schon im nächſtfolgenden Jahre 1562 fand er
Gelegenheit, eine neue Belagerung abzuwehren und von
da ab faſt unabläſſig den Türken empfindlichen Schaden
zuzufügen.
Da gelangte (wie erwähnt) 1564 Maximilian in
der Fülle männlicher Kraft, 37 Jahr alt, auf den Kö
nigsthron. Mahnend erhoben die erſten des Landes,
am eindringlichſten Zriny, ihre Stimme: es ſei Zeit,
zur Pflicht, zur Ehre zu erwachen, dem alternden
Sultan den ſchimpflichen Jahrestribut aufzukündigen, und
*) Nödaſchdi. *) Ausführlicher beſchreibt dieſe Belagerung
Hammer-Purgſtall III, 356 f.
XI

das Recht dazu mit dem Schwerte zu beweiſen. Ver


gebens; Max erklärte ſich gleich anfangs unter Erneu
rung des Vertrages mit Soliman zur Weiterzahlung
des Tributes bereit; es blieb wie unter Ferdinand das
ſelbe ängſtliche Streben nach Freundſchaft der Pforte,
unter dem Vorwande mangelnder Streitkräfte, dasſelbe
Mistrauen in die Treue des Ungariſchen Volkes, die
ſelben Verſuche, unumſchränkte Herſchergewalt in Un
garn zu erringen!).
Und die Nachgibigkeit gegen den Feind, deſſen
Uebermuth deſto mehr zu erlangen ſuchte jemehr die
Schwäche ihm einräumte, erreichte nicht einmal was
ſie wollte – bald war im Mai 1565 der Krieg, wie
mit Johann Sigmund, Zápolyas Sohne, ſo mit Soliman
ſelbſt wieder ausgebrochen. Eine der erſten Unterneh
mungen der Türken war die Belagerung von Erdöd?);
am 44ten Tage derſelben, den 14. Juli, muſste die hel
denmüthig verteidigte Feſte capitulieren – gegen Treue
und Glauben wurde die ausziehende Beſatzung faſt gänz
lich niedergemetzelt. Aufs dringendſte, doch vergeblich,
war der öſtreichiſche Feldherr Lazar Schwendi, der
mit bedeutender Heeresmacht im verſchanzten Lager
bei Szathmár ſtand, um Hülfe angegangen worden –
bald auf Maßregeln der Vorſicht, bald auf Mangel
*) Feſsler VII, 1. *) An der Nordgrenze Siebenbürgens,"14
Meilen von Szathmár.
XII

königlicher Befehle ſich berufend, blieb er unbeweglich.


Die Ungarn ſahen: weder auf des Feindes Rechtlichkeit
noch auf des eigenen Königs Hülfe war zu zählen –
um ſo herlicher trat in zahlreichen Beiſpielen der opfer
muthige Heldenſinn jener Zeit hervor. Im September
desſelben Jahres ſchloſs der in Croatien eingefallene
Bosnier Paſcha Muſtafa Sokolowitſch die dem Grafen
Zriny gehörige Feſte Krupa ) ein, und forderte von
dem Burghauptmann Matthias Bakitſch Uebergabe –
natürlich vergebens. Schon am 16. Tage der Belage
rung war alle Munition verſchoſſen, am 26ten zündete
der Feind die Burg an. – Da weiht die ganze Be
ſatzung mit Weib und Kind ſich dem Tode; „nicht ein
einziger gibt ſich gefangen, nicht einer will den Verluſt
ſeines Poſtens überleben; im wüthendſten Gefechte wer
den ſie mit den übrigen bis auf den letzten niederge
macht.“ Unthätig ſtand indeſs der oberſte Feldhaupt
mann Graf Auersperg mit einem dem Feinde vollkommen
gewachſenen Heere von 7000 auserleſenen Grenzern in
der Nähe jenſeit des Fluſſes; nur um 100 Mann Ver
ſtärkung hatte B. gebeten, Auersperg nicht einen ge
ſendet. Alle edeln im Lande hätten wie Bakitſch ge
handelt; wars ein Wunder, wenn ſie damals den Unmuth
gegen Oeſtreich nicht bergen mochten? Im December
• !) Zwiſchen Nowi und Bihatſch an der Unna, jetzt türkiſch,
vgl. unten S. 84.
XIII

d. J. verlangte Maximilian zu ſeinem Prachtgefolge für


den Augsburger Reichstag 400 ungariſche Ritter in koſt
barer Rüſtung, etwa befehligt von Zrinys jungem Sohne
Georg – einmüthig ſchlug es die Magnatentafel ab:
ſie ſeien durch ſeine drei Krönungen wie durch die ſte
ten Feindesüberfälle während des Vertrauens auf Frie
den zu ſehr erſchöpft. Noch ſtürmiſcher brach die
Unzufriedenheit der Ungarn auf dem von Erzherzog
Karl abgehaltenen Reichstage zu Preſsburg los.
So ſtunden die Sachen in Ungarn, als der 72jäh
rige Soliman noch einmal zu allgemeinem Heereszuge
die Fahne des Propheten entfaltete; 45 Jahre zuvor
hatte er ſeine Siegerlaufbahn mit der Eroberung Bel
grads begonnen – mit der Einnahme von Erlau, Sigeth,
Raab, Kamorn, kurz von ganz Ungarn, hoffte er ſie
zu beſchließen. Einerſeits die Berichte des Ofener
Statthalters Arslan über die mangelhaften Zuſtände der
Feinde, anderſeits religiöſe Mahnungen, daſs er der
Verpflichtung des Gläubigen zum heiligen Kriege ſo
lange nicht nachgekommen, hatten weſentlichen Antheil
an ſeinem Entſchluſſe. Mit aller Pracht und Herlich
keit des Morgenlandes zog der greiſe Sultan Ende Mai
genannten Jahres!) vor die Thore Stambuls, um auf
dem altberühmten Felde Ruſtem-Tſchelebis noch Mu

*) Vgl. unten S. 74.


XIV

ſterung zu halten. Während er die von ihm erſt ſo


herlich gezierte Siebenhügelſtadt (die er lebend nicht
wiederſehen ſollte) zum Abſchied überſchaute: überreich
ten ihm verſchiedene Dichter glückweißagende Gedichte.
Eines derſelben, von dem gefeierten Abdu 'l Baki, hat
folgende Strophen:
Im Reich der Schönheit ruht hier der Sultan,
/ein Auszug zeiget uns den Frühling an.
Der Lenz iſt da; ſo mög', o Herr, dein Ro/s
die Welt ſich auserſehn zur Siegesbahn.
Durchzeuch der Römer Land! Es ſei der Sieg
nur Deinem ſtolzen Banner unterthan!
Es wehe, wie der Traurcypreſſe Zweig
im Siegeswinde weht, fortan – fortan!
Das Waſſer Deines Schwertsſchwemm' weg die Welt–
des Feindes Blut mach’ ſie zum Roſenplan!
Am Himmel ſoll Dir Beifall lächeln Mars,
denn an dem Tag der Schlacht biſt Du der Mann.
Wir beten (Baki), es behüte Gott
den Herrn der Welt, den Schach Süleiman")!
Am 49ten Tage nach dem Ausmarſche aus Con
ſtantinopel langte das Heer in Belgrad an. Die Man
nigfaltigkeit des troſsreichen Zuges (man rechnet allein
300,000 Streiter) hat Theod. Körner in ſeinem bekann
*) Vgl. Hammer v. Purgſtall Geſch. d. Osm. Reichs III, S. 439.
XV

ten Trauerſpiele faſt mit den Worten der alten Chronik


die er benutzte erzählt; auf ihn verweiſe ich auch für
das folgende, ſo weit es gilt nur einen allgemeinen Ein
druck des Feldzuges ohne ſtrenggeſchichtliche Wahrheit
im einzelnen zu erhalten. Für dieſe ſind uns beſonders
zwei deutſche Berichte von Wichtigkeit: der erſtere, von
einem Offizier Zrinys nur zwei Jahre nach dem Ereig
niſſe ſelbſt in kroatiſcher und lateiniſcher Sprache
verfaſst, dann auch verdeutſcht, findet ſich unten unter
Nr I S. 1–32 vollſtändig abgedruckt; der zweite aus
führlichere von dem K. K. Hofhiſtoricus Hoſsmann 1617
zuſammengeſtellt, auch von Körner wol meiſt zu Grunde
gelegt, iſt wenigſtens durch eine Probe S. 32–39 ver
treten. Natürlich iſt prinzipiell in allen Punkten, wo
ein Widerſpruch zwiſchen beiden obwaltet, dem äl
tern der Vorzug gegeben, zumal der kaiſerliche Hiſto
riograph hie und da den Einfluſs ſeiner Stellung ver
ſpüren läſst. Im ganzen ſtimmen hiemit mehr oder
weniger die lateiniſch geſchriebenen Berichte der Ungarn,
des Peter Bizari (1573), ſowie die entſprechenden
Partien der von Feſsler benutzten größeren Geſchicht
ſchreiber Istvánfi, Budina u. anderer, am wenigſten die
türkiſchen Darſtellungen, die wir ſo ziemlich bei J.
v. Hammer-Purgſtall zuſammengefaſst finden. Schreiber
dieſes wird ſich zunächſt an die Hiſtori von 1568 halten,
ohne dieſelbe nochmals hier auszuſchreiben.
XVI

Zwiſchen Belgrad und Semlin ſchlug der Sultan,


nachdem er die Sau bei Schabatz paſſiert, ſein Gezelt
auf der Höhe auf, wo einſt Hunyads Schloſs ſtand.
Hier erſchien der Kronprätendent Joh. Sigmund aus
Siebenbürgen mit prächtigen Geſchenken; Soliman ver
hieß ihn dreimal größer zu machen als er ſei – aber
drei Monate nachher war der große Osmanenfürſt nichts
als eine Handvoll Staub, und fünf Jahre ſpäter neigte
ſich auch Zápolyas Haupt im Tode, ohne daſs eine
Königskrone es zuvor geſchmückt hatte.
Die Türkenmacht erſtreckte ſich damals Donauauf
werts bis Gran, weſtlich waren Dotis (Tata), Weßprim,
Fünfkirchen, Siklós ihre Grenzorte. Soliman beabſich
tigte mit dem Hauptheere bei Peterwardein oder
Vukovár über die Donau zu gehen, auf dem linken
Ufer vorzudringen und vor allem Erlau zu nehmen;
Sigeths Eroberung ſollte der Weſtarmee unter dem
Sandſchak von Tirhala Mohammed (oder Mehemed, vgl.
u. S. 6.85) überlaſſen bleiben, deren Vortrab bereits
Anfang Juni die Drau an mehreren Stellen erreicht,
auch wol zu überſchreiten begonnen hatte. Zriny, wel
cher dem Preſsburger Landtage bis zu Ende beigewohnt,
erfuhr dieſe Nachrichten durch ſeine Kundſchafter beizei
ten; raſch entſchloſſen ſandte er einen ſeiner tüchtigſten
Hauptleute Kaſpar Aläpi mit einer kleinen Abtheilung
den Türken nach Siklós entgegen – mit unermeſslicher
XVII .

Beute kehrten dieſe, nachdem ſie Mohammeds Sohn ge


fangen, ihn ſelbſt mit unzähligen getötet, am 18. Juni
nach Sigeth zurück. Dieſe Nachricht muſste den grei
ſen Sultan umſomehr erbittern, als bald auch von an
dern Seiten ungünſtige Berichte eingingen. Voreilig
hatte Arslan Paſcha von Ofen aus einen Angriff auf die
an ſich ſchwache, durch Georg Thuri aber heldenhaft
verteidigte Feſte Palóta nördlich am Plattenſee gewagt,
War aber an demſelben 18. Juni unverrichteter Sache
abgezogen; ja die Ungarn hatten wenige Tage darauf
das benachbarte ſtarke Weßprim und am 2. Juli auch
Dotis den Türken weggenommen. Auch von Gran
flüchteten dieſe alles koſtbare ſtromabwerts nach Ofen,
denn ein ſchnelles losſchlagen Maximilians ſchien ihnen
gewiſs. Nur vor Gyula (fpr. Djüla) am Köröſch lag
ſeit dem 24. Juni Pertey Paſcha in der Hoffnung es
bald einzunehmen – eine Hoffnung, deren Erfüllung
übrigens des Befehlshabers Kerecsény (Keretſchén, auch
Keretſchéni) ausdauernde Tapferkeit über zwei Monate
hinauszuziehen wuſste. So ſchien es unter allen Um
ſtänden gerathen, auch die Hauptmacht zunächſt auf
das rechte Donauufer zu werfen und vor allem Sigeth
zu nehmen. -

Hiezu war die in Wildheit der Donau wenig nach


gebende Drau zu überſchreiten. Kleinere Abtheilungen
waren bei Barotto und Moszlawina übergegangen, für
II
. XVIII

das Hauptheer muſste die von 118 Schiffen getragene,


4600 Ellen lange Brücke bei Eſſeck geſchlagen wer
den – nach den ungariſchen Quellen durch Hamſa Beg,
welcher nach den türkiſchen Berichterſtattern damit
nichts zu thun hatte. Ende Juli ſtand Soliman in dem
weinreichen Harsány zwiſchen Siklós und Mohács mit
100,000 Mann Reiterei ohne Janitſcharen, zum Vor
rücken gegen Fünfkirchen bereit. Zuvor aber ſandte
er den Todesboten mit der Saitenſchnur an den un
glücklichen Paſcha von Ofen, den auch die verſuchte
mündliche Rechtfertigung nicht rettete und nun Mustafa
Beg von Bosnien erſetzte, während Osman Beg von
Karaman zum Befehlshaber von Stuhlweißenburg d. h.
von Weſtungarn ernannt wurde. Am 4. Auguſt fand
der feierliche Einzug der Osmanenmacht in Fünfkirchen
ſtatt, am 5. paſſierte ſie St. Lorenz, und Soliman ſchlug
das Lager zwiſchen den Schibolter und Szemliker Wein
hügeln auf, in Schuſsweite von Sigeth.
Alsbald begann die Belagerung dieſer Feſte, vor
welcher ſchon einige Tage zuvor Sal Mahmud Beglerbeg
von Rümeli mit 90,000 Mann und 300 Kanonen ange
langt war, und nördlich von Sigeth bei Simlehof!) Stel
lung genommen hatte, unter den Augen des Sultans,
den die ſeinen mit lermenden Feſtlichkeiten und furcht

*) Siclohof S. 28 iſt wol Verſehen des Chroniſten.


XIX -

barem Allahgebrüll empfingen. Der wackere Zriny


wollte aber auch ſeinerſeits nicht zurückbleiben, ſon
dern ließ Mauern und Wälle mit Scharlachtuche
behängen, den Schloſsturm mit glänzenden Blechen
beſchlagen und eine große Kanone zum Gruße abfeu
ern – zugleich erſcholl von den Mauerzinnen das
Schlachtgeſchrei Jeſus, Jeſus, Jeſus! Seine nach Wien,
Raab und Komorn gerichteten Bitten um Verſtärkung
waren unbeachtet geblieben; doch kamen, als es zu ſpät
und die Feſtungsthore ſchon geſperrt waren, zwei Fah
nen (Compagnien) deutſcher Landsknechte an. So war
er durchaus auf die eigne Kraft angewieſen: er ver
fügte zur Zeit über 2500 Mann Ungarn, Croaten und
Serbier, 69 Geſchütze, Pulver im Ueberfluſs, auch ziem
liche Mundvorräthe. Leider raubte ihm eine Krankheit
während der Belagerung den tüchtigſten ſeiner Haupt
leute, Peter Farkasics. An dieſe ſeine Mannſchaft rich
tete er nun jene gewaltige Anrede, die uns in der
Hauptſache erhalten iſt und unten Seite 12 ſich abge
druckt findet, jenen feierlichen Eid der Treue bis zum
Tode, den ſie mit einem gleichernſten ihrerſeits zu
erwidern hatten (S. 13), jenen ſtrengen Armeebefehl,
den er ſeiner Commandantenpflicht gemäß gleichzeitig
ausgehen ließ (S. 15). Von der Ermordung der 300
gefangenen Türken, die Körner hier erzählt, finde ich
in meinen Berichten nichts, wol aber die Hinrichtung
II“
XX

eines gefangenen türkiſchen Aga, welcher den Chriſten


gott geläſtert hatte, ſowie eines widerſpenſtigen Fuß
klaechts Von der eignen Beſatzung.
Nun begann am 8. Auguſt von drei Seiten aus die
fürchterlichſte Beſchießung der Neuſtadt; rechts befeh
ligte Ferhad Paſcha mit dem Beglerbeg von Anatolien,
links Weſſir Mustafa und der von Rumeli, in der Mitte
die Janitſcharen mit Ali Portuk – voran Naſuf (Naſſuh)
Beg mit fünf großen Kanonen oder Mauerbrechern.
Schon Tags darauf war auch die Altſtadt beſchädigt,
ja ſelbſt der Glockenturm des inneren Schloſſes zer
riſſen. Sofort ließ Zriny noch in der Abenddämmerung
die nicht mehr zu haltende Neuſtadt anzünden und
warf ſich in die ſtark verrammelte Altſtadt. Aber
auch dieſer rückten die Türken von Tage zu Tage nä
her, in unaufhörlicher Thätigkeit, indem ſie unter dem
Schutze ihrer Stücke die Gräben ausfüllten und Dämme
durch den Sumpf führten – voran jene fünf Rieſen
geſchütze, unter denen namentlich eine dem obenge
nannten (Seite VIII) Katzianer einſt abgenommene.
Noch einmal verſuchte es Zriny bei ſeinem König;
gleichzeitig mit dem ſeinigen bat ein Bote Keretſchenys
aus Gyula, unter treuer Darlegung der gefahrvollen
Lage ihrer Gebieter, aufs dringendſte um ſchnellen
Entſatz. Kaiſer Max war am 15. Auguſt endlich, nach
dem er lange mit Sammlung ſeines Heeres zugebracht,
/
XXI

Ukfit 7700 Mann Reiterei Und 3300 Fußknechten ins


Lager bei Wieſelburg eingerückt, wo ſchon 24,000 Rei
ter, 37,700 Mann Fußvolk ſtanden; dazu in Komorn
30,000 unter Salm, bei Kaſchau, Neutra und Perlak
weitere 32,000, nicht zu rechnen 34 mit Munition be
frachtete Schiffe auf der Donau. Eine anſehnliche Hee
resmacht, und größtentheils nur 25–30 Meilen (die
Perlaker ſogar nur dreizehn) von Sigeth entfernt! Der
Kriegsrath wurde berufen, die ungariſchen Feldoberſten
ftimmten für Kampf und Angriff, Maximilian folgte dem
Rathe der übrigen bis Raab vorzurücken (was übrigens
erſt am 29. Auguſt geſchah und ihn Sigeth nur um 3
Meilen näher brachte) und dort „nach den Umſtänden
zu ermeſſen, was ſich mit Ausſicht auf Erfolg unter
nehmen laſſe“. Zriny und Keretſcheny blieben ohne
Hülfe.
Inzwiſchen war am 19. Auguſt nach neuntägiger
unabläſſiger Anſtrengung des geſammten Waffenvolkes
der Belagerer die Altſtadt erſtürmt worden, 400 Un
garn (darunter die wackerſten Hauptleute) aber auch
3000 Janitſcharen deckten die Walſtatt – die bela
gerten zogen ſich in die innere Burg zurück, deren
Beſchießung den 21. begann. Vorher verſuchte Soli
man (nach den türkiſchen Quellen) Zrinys Treue durch
Aufforderung zur Uebergabe und Verheißung von ganz -
Croatiens Beſitz; er ſcheute ſich ſelbſt nicht, ihn durch
XXII

falſche Nachrichten von der Gefangenſchaft ſeines Soh


nes Georg zu hintergehen – auch ſchoſs man deutſche,
kroatiſche, ungariſche Zettel an Pfeilen in die Stadt,
um die Treue der Truppen zu erſchüttern oder ſie un
ter ſich zu enzweien. Natürlich umſonſt. So wagte
denn Ali Portuk, durch ein kaiſerliches Geſchenk von
200 Ducaten angefeuert, am 26. den erſten Sturm –
er wurde abgeſchlagen; die Ungarn erbeuteten beim Aus
falle zwei Fahnen, unter den toten lagen Ali Portuk
ſelbſt, und Sofi Ali, genannt Mißerſki Paſcha (d. i. ehe
maliger Paſcha von Aegypten). Am 2. September unter
nahmen die Janitſcharen den zweiten Sturmangriff unter
Alis Nachfolger Seifeddin – auch er mislang; erſt am
5tn ſetzten ſie die große Baſtei am größern Schloſs in
Brand, nachdem ſie die darunter gelegten Minen mit
furchtbaren Brennſtoffen angefüllt. Schnell griff die
Flamme von heftigem Südwind getrieben in der äußern
Burg um ſich, dennoch warf zunächſt Zriny ſelbſt, wäh
rend die wackren Waffengefährten A. Bika und J. No
wakowitſch an ſeiner Seite fielen, den Feind mit 7000
Mann Verluſt zurück. Auch Soliman hatte ſich Tags
zuvor, obwol ſchon krank und ſchwach, noch einmal
ſeinen Völkern zu Pferde gezeigt und perſönlich deren
Muth aufs höchſte zu ſpannen verſucht; wüthend rief
er an jenem 5. Septbr dem Großweſſir mit Bezug auf
ein beiden geläufiges perſiſches Lied zu:
XXIII

Iſt dieſer Rauchfang noch nicht ausgebrannt?


und tönet noch nicht der Erobrung Pauke?
Da war ſein eigenes Lebensöl ausgebrannt und
nur eines brennenden Turmes Einſturz leuchtete ihm
als Leichenfackel. Es iſt zweifelhaft, ob ihn die Nach
richt von Gyulas Einnahme noch lebend getroffen: in
der That hatte Keretſcheny am 1. Septbr, dem ſiebzig
ſten Tage der heldenmüthigen aber fruchtloſen Vertei
digung auf andringen eines Theiles ſeiner Mannſchaft
die Feſte gegen Vergleich übergeben. Gleich nach des
Sultans Tode, den der Großweſir noch zu verheimlichen
wuſste, ordnete dieſer auf den 7. Septbr wieder einen
allgemeinen Sturm an, den 20ten innerhalb 31 Tagen,
jetzt auf den allein noch übrigen Theil des inneren
Schloſſes.
Denn in dieſes hatte ſich Zriny, der unauslöſchlichen
Feuersbrunſt, welche bereits alle Vorrathskammern und
Wallkeller ergriffen hatte, weichend, zurückziehen müſ
ſen. Noch 500 Waffengefährten waren ihm geblieben;
noch fehlte es nicht ganz an Vorräthen, wol aber an
Waſſer, um das gewaltig um ſich greifende Feuer zu
löſchen. Bald muſste es den allein noch unverſehrten
Pulverturm ergreifen; wenn nicht jetzt noch plötz
licher Entſatz vom Kaiſer kam, ſo war der Augenblick
da, ſich zu ergeben, oder zu ſterben und zugleich mög
lichſt viel Feinden den Untergang zu bereiten. Zriny
XXIV

(für den auch in der höchſten Noth Keretſchenys Beiſpiel


verloren war) beſchloſs das zweite. Ueber ſeine letzte
Waffnung und Reden berichten alle Geſchichtſchreiber,
auch die türkiſchen, ausführlich (ſ. unten S. 33–39).
Auch manche beherztere Frau oder Jungfrau waffnet
ſich in Männertracht. Es war die höchſte Zeit zum
Ausfalle. Ein unter dem Thore liegendes Geſchütz wird
abgefeuert – einige Hundert der auf die Brücke an
dringenden Stürmer ſtürzen zu Boden. Aus dem Rauche
des Geſchützes bricht Zriny hervor; ohne Helm, ohne
Panzer, einen kleinen Schild an der Hand, ſtürmt er
mit den ſeinen dem Fahnenträger Juranitſch nach in
die Reihen der gedrängten Feinde, deren er noch manchen
erlegt. Bald wird er in die Bruſt getroffen, wenig ſpäter
in den Kopf zwiſchen Aug' und Ohr; ein dritter Schuſs
(ob Pfeil oder Kugel, iſt zweifelhaft) endigt ſeinen Kampf
und ſein Leben. Dreimal ertönt das wilde Freudenge
ſchrei Allah; während die Janitſcharen des Helden Leib
(ſchwerlich noch lebend, wie die türkiſchen Erzähler be
haupten) zur Lafette der Katzianerſchen Kanone tragen
und auf dieſer ihm den Kopf abſchneiden!), wird die
kleine Heldenſchar aufs greulichſte niedergemetzelt –
ein Theil floh von Ungläubigen auf der Ferſe verfolgt
in das brennende Schloſs zurück (f. u. S. 26), nur vier
*) So berichtet der türkiſche Augenzeuge Selaniki nach
v. Hammer-Purgſtall III, 452.
XXV

wurden lebend gefangen, darunter Franz Tſcherenkö


und Kaspar Alapi. Mit edlem. Stolze ertrugen ſie den
Hohn und die Mishandlungen der Feinde, beantworteten
fie deren Fragen nach des Grafen Schätzen. Der eine
derſelben (Zrinys Mundſchenk) konnte ſich nicht enthalten
feine Rede mit den frohlockenden Worten zu ſchließen:
Mag er gehabt haben was er will, deſto mehr hatte er
Pulver, das jetzt, während wir reden, auffliegen wird, ſo
daſs das Feuer, ohne welches ihr das Schloſs nie erobert
hättet, eures eignes Heeres Verderben ſein wird. Sofort
befahl der erſchreckte Großweſir wenn möglich Ver
hütung des gedrohten Unheils. Inzwiſchen hatten im
eroberten Schloſſe Mord und Brand fortgewüthet, Weiber
und Kinder wurden weggeſchleppt, die gefangnen oft
von darob enzweiten Janitſcharen niedergeſäbelt – da,
ehe noch des Großweſirs Warnungsboten anlangen konn
ten, flog der von Ziegelſteinen aufgemauerte Pulverturm
in die Luft und ſchleuderte die zerriſsnen Glieder von
3000 Türken auf das ſchauerliche Leichenfeld. Minde
ftens 30,000 im ganzen ſind nach den osmaniſchen Be
richterſtattern vor Sigeth gefallen – dafür beſaßen ſie
nun eine Ruine, die einſt Sigeth hieß.
Zrinys abgeſchnittenes Haupt wurde, wie die
Chronik (unten S. 29 ff.) berichtet, mit andern auf eine
Stange geſteckt und einen Steinwurf vom großherrlichen
Zelte aufgeſtellt – daneben die Sigethſchen Fahnen
XXVI

mit umgekehrten Spitzen. Später wurde es von Muſtafa


Paſcha, welcher des Helden Leib mit Ehren beſtattet
zu haben verſicherte, dem Grafen Salm, durch dieſen
dem Kaiſer nach Raab zugeſandt, endlich von Baltha
ſar Batſchäni nach Tſchakaturn gebracht und dort im
St. Helenakloſter begraben neben Zrinys erſte Gemah
lin mit ihren Kindern. -
Und wie nahm nun Maximilian die Nachricht
vom Opfertode ſeines treueſtens Dieners auf, den er
ſamt ſeiner tapfern Schar ſo ſchmählich im Stich gelaſ
ſen? Schwerlich konnten ſeine Klagen den lauten Ruf
des Gewiſſens übertäuben, deſſen Entſchuldigungsgründe
wir freilich zum Theil ahnen. Nach dem was wir von
Zrinys Uebertritt zur evangeliſchen Kirche wiſſen, hat
auch die Vermuthung Raum: daſs die öſtreichiſchen Ge
neräle ſchon aus Haſs gegen den abtrünnigen Ketzer
dem Kaiſer die Entſetzung Sigeths als zu ſchwer darge
ſtellt, ſo ſtattlich auch das aus ganz Deutſchland zuſam
mengekommene auserleſne Chriſtenheer daſtand. Nach
der officiellen Geſchichte jener Zeit erſchien des geopfer
ten einziger Sohn Georg, der während der Belagerung
Sigeths fern geweſen war, vor Kaiſer Max, fiel auf die
Knie und bat, daſs an Statt ſeines abgeſtorbenen Vaters
Ihre Majeſtät ſein Vater ſein möchte; der Kaiſer aber
habe ihn mit eignen Händen von der Erde aufgehoben
und verſprochen, daſs er alle wege ein guter Beſchirmer
XXVII

und Vater dem Geſchlechte derer von Serin ſein wolle.


Es liegt kein Grund vor, an ſolchem Vorkommnis
zu zweifeln; ſehen wir, ob Thaten den Worten ent
ſprochen haben.

Wenig im ganzen genommen wiſſen wir von den


weiteren Schickſalen des ebengenannten Georg Zriny;
doch verdienen zwei Ereigniſſe Erwähnung: daſs er im
November 1593 im Verein mit Nádasdy zwiſchen Pa
kózd und Stuhlweißenburg, als letzteres von den
Ungarn belagert wurde, den mit Uebermacht zum Ent
ſatze heranziehenden Haſſan Paſcha von Ofen aufs Haupt
ſchlug, und daſs er zwei Jahre ſpäter von dem kroati
ſchen Landeshauptmann Herberſtein unterſtützt mit nur
10,000 Mann faſt ohne Verluſt die wichtige türkiſche
Grenzfeſte Babotſcha an der Drau eroberte. Seine
Hauptleute riethen, in raſchem Siegeslaufe auch das
nur 5 Meilen öſtlich entfernte ſeit 1566 noch immer
den Türken gehörige Sigeth ) zu nehmen; der beſon
nene Feldherr aber erkannte, daſs es beſſer war zunächſt
den erworbenen Platz in feſten Verteidigungsſtand zu
ſetzen und zu behaupten – leider umſonſt. Er ſelbſt
wie ſein Sohn Georg II gehörten der katholiſchen
*) Man hatte es wieder aufgebaut, aber ſelbſt heute zählt es
höchſtens 2–3000 Einwohner und läſst ſeine frühere Bedeutung
kaum ahnen.
XXVIII

Kirche an, ebenſo ihre ganze Nachkommenſchaft. Der


genannte Enkel des Sigether Helden focht noch jung
gegen Türken und Schweden mit gleicher Auszeichnung,
25 Jahre alt wurde er Banus, vier Jahre ſpäter zog er
mit einer Schar Illyrier unter Wallenſtein gegen die
Türken. Aber ein unbedachtſam raſch geſprochnes Wort,
als er jenem zur Beſchämung mit eigner Hand einen
Türkenaga erlegte, traf des Friedländers Stolz ſo empfind
lich, daſs dieſer dem graden und ehrlichen Zriny den
Tod ſchwur; er vergiftete ihn in Prag, ehe der Held
das 30. Lebensjahr erreicht hatte !). Er hinterließ zwei
Söhne, Niclas und Peter.
Der ältere, Niclas Zriny der jüngere oder der
Dichter genannt, war zwar erſt zehn Jahre; aber auch
er hatte ſchon an Waters Seite ſeinen Säbel mit Türken
wie mit Schwedenblut geröthet. Dreizehn Jahr alt ward
er als königlicher Oberſtallmeiſter den Reichsbaronen
beigezählt, und nach manchen glücklichen Kämpfen wie
gegen jene ſo gegen des Kaiſers beſondern Feind Georg
Rákóczy von Siebenbürgen ward er zum Obergeſpan der
beiden Grafſchaften Szala und Schümegh (worin Sigeth
gelegen hatte) ernannt. Dreißig Jahr alt ward er Ban von
Croatien, bei der feierlichen Einführung durch den
Agramer Biſchof legte er in einer längeren Rede (die
*) So Rattkai bei Hormayr und Mednyänßki, Taſchenbuch
für 1821, S. 361.
XXIX

Von echt claſſiſcher Bildung zeugte) ſeine Beſcheidenheit,


ſeinen Edelſinn, ſeine Ergebenheit und Liebe für König
und Vaterland an den Tag. Im nächſten Jahre (1650)
muſste er in Légrád den mit dem Sultan geſchloſſenen
Frieden durch eine Zuſammenkunft mit der türkiſchen
Beſatzung in der nächſten Grenzfeſte Kanäſcha bekräf
tigen. Eine ungeheure Menge Turbanträger ſtrömte
zuſammen, den ſchönen hohen ſchlanken Mann zu ſehen,
der ſo oft ſchon ihre Krieger zum weichen brachte.
Als nun der allgemeine Friede eingekehrt und der
Krieg Oeſtreichs gegen die Pforte völlig aufgegeben
ſchien: wollte auch Niclas Zriny ſich gänzlich den Ge
ſchäften der inneren Verwaltung ſeines Landes widmen.
Aber ſein Schwert durfte daneben nicht roſten; die
den Friedensſchluſs misachtenden Grenzräubereien gaben
ihm Anlaſs zu mancher kühnen Waffenthat, die ihn
ſtets als Sieger nannte. Die Gelegenheit wuchs, als
anfangs der 60er Jahre der Krieg wieder offen ausbrach:
überall verkündeten flüchtige Türken, befreite Chriſten
ſklaven die Furchtbarkeit der Zrinyer, denn Peter that
es dem Bruder faſt gleich, Es führt zu weit, alle jene
Züge und Siege aufzuführen, welche der Papſt und
die Könige Von Frankreich und Spanien durch Aus
zeichnungen ehrten, auch der Kaiſer auf ſeine Weiſe
durch das (nicht angenommene) Verſprechen, ihm und
ſeinem Geſchlechte den bleibenden Titel eines Reichs
A
XXX

fürſten zu verleihen – man lieſt ſie ausführlich bei


Feſsler IX, 109–145, ſowie in Hormayrs obengenanntem
Taſchenbuche S. 366–382, und wir werden unten nur
einzelne Züge noch aufführen.
Aber der edle Ungargraf wuſste nicht minder durch
geſchriebenes oder geſprochenes Wort ſeines Landes
Rechte zu verteidigen. Leopolds Regierung hatte gleich
mit den immer offener dargelegten, immer heftiger be
kämpften Plänen begonnen, Ungarn in ein erbliches
Königreich zu verwandeln. Der Landtag vom 1. Mai
1662 begann unter ſehr ungünſtiger Stimmung: bereits
drei Jahre lang waren den Evangeliſchen alle Kirchen
entzogen, überhaupt viele Punkte des Wahlvertrages
nicht gehalten worden; die Erbitterung der Stände
wurde noch gemehrt durch eine Denkſchrift des kaiſer
lichen Feldherrn Raimund Montecuculi, welche bei
manchen wahrhaften Anklagen gegen das Wiener Mini
ſterium doch die Ungarn durch eine Reihe bitter höh
nender Bemerkungen über dieſe Nation aufs tiefſte
kränkte. Ein ungenannter (die allgemeine Stimme be
zeichnete unſern Zriny) verfocht ihm gegenüber durch
eine ebenſo gründliche als beißende Widerlegungsſchrift
den Waffenruhm und die Ehre ſeines Volkes und Ver
nichtete den Gegner in den Augen aller redlichen voll
ſtändig.
Kein Wunder, wenn Montecuculis Feindſchaft ſich
XXXI

nun perſönlicher gegen den vermutheten Widerſacher


wandte. Obwol der Italiener einen Winterfeldzug für
den Kriegsregeln widerſtreitend erklärte, brach Zriny
mit einigen anderen Führern und einem Heere von noch
nicht 10,000 Mann am 20. Januar von der Légrád.
gegenüber erbauten Feſte Serénvár auf, ging ſchnell
über die Mur und rückte nach ebenſo raſcher Erobe
rung der feſten Oerter Berzencze und Babotſcha ſchon
am 29. desſ. M., inzwiſchen auf 25,000 Mann verſtärkt,
vor Fünfkirchen: die Beſatzung wurde theils niederge
macht, theils gefangen genommen, theils in die Burg
zurückgetrieben, deren Belagerung einem Unterfeldherrn
überlaſſen blieb. Zriny zog ſofort weiter gegen Eſſeck,
verbrannte die hier von Soliman 98 Jahre früher er
baute, ſeitdem vervollſtändigte und mit Kaſtellen und
Türmen befeſtigte gewaltige Draubrücke (vgl. S. XVIII),
und zog ſich dann der ſtrengen Kälte wegen in guter
Ordnung über Sigeth, wo noch ein Haufen Türken zer
ſtreut wurde, nach dem Ausgangsorte zurück. Mehrere
hundert türkiſche Dörfer waren zerſtört, die Beute an
Geſchütz, Viehherden, Metall unermeſslich, vielen ge
fangenen Landeskindern die Freiheit wieder gegeben,
den Türken der Grenzgegenden ein nachhaltiger Schrek
ken eingejagt – das alles trotz Montecuculi in einem
vierwöchentlichen Winterzuge. Da zog wenige Monate
ſpäter im Juli der Großweſſir (welchem der ergrimmte
XXXII

Sultan Muhamed nicht zu ruhen befahl, bis er Zriny,


den Anſtifter ſo vieles Unheils, dem wohlverdienten Tode
übergeben) mit einem gewaltigen Heere an die Mur
mündung vor Serénvár (bei andern Neu-Zrin), jene von
Zriny 1661 in größter Schnelligkeit erbaute, von beiden
Brüdern mit beſonderer Kühnheit verteidigte und darum
Zriny vor allem theure Feſte. Montecuculi, der ſie für
kaum haltbar erklärte, ſchickte die darin lagernden
Ungarn und Croaten hinaus und übergab die Feſte
ſtatt deſſen 1700 Mann deutſchen Söldnern unter dem
Italiener Taſſo und dem Franzoſen Avancour, deren
Tapferkeit bei mangelnder Hülfe von außen auf die
Dauer nicht Stand halten konnte. Zwei Monate ſpäter
war der Platz, zu deſſen Gunſten Graf Montecuculi
kaum den Degen gezogen hatte, in den Händen der
Türken, welche die Wälle mit nicht geringerem Eifer
ſchleiften als einſt Cremas Bürger die von Mailand unter
den Augen des Rothbart. Wer konnte ſich des am
1. Auguſt durch die allerdings höchſt geſchickte Taktik
des nämlichen Oberfeldherrn bei St. Gotthard an der
Raab erfochtenen Sieges freuen, da ein übereilter, für
den Sultan viel zu günſtiger, für Ungarn faſt ſchimpfli
cher Friede ſich daran ſchloſs! Zriny zog ſich in ſein
Familienſchloſs Tſchakaturn zurück und überlebte den
Gram über ſeiner geliebten Feſte Verluſt und die
Schande Ungarns nur wenige Monate. Es war noch
XXXIII

im November 1664, als er auf der Jagd auf eine faſt


unbegreifliche Weiſe von einem Eber tödlich verwundet
wurde. Vergebens verſuchte er ſelbſt blutſtillende Mit
tel, die er ſtets bei ſich führte; er verblutete ſich an drei
ſtarken Kopfwunden, eh er heimgebracht worden. So
unwürdigen Todes ſtarb der edle Held, erſt 46 Jahr
alt. Im Ausland und daheim, von niedern und hohen
ward er betrauert, in Paris auf königlichen Befehl (da
er auch Pair von Frankreich war) ein Totenamt für ihn
gehalten. Unter den vielen Grabſchriften enthält
die an ſeinem Denkmal (wo er den Tod fand) einge
grabene einige lateiniſche Verſe, welche zu deutſch etwa
ſo lauten:
„ Hier liegt Zrini im Grabe, vom Eber zu Tode ge
troffen –
welchen der Feind oftmals wünſchte vom Schwerte
gefällt.
Der ſonſt wild wie der Leu im Kampfe die Feinde
dahin warf
nimmerbeſiegt, den hat ſelber gefället das Wild.
Gutes Geſchick – ſonſt nichts errettete ihn in den
Schlachten;
böſes Geſchick – ſonſt nichts raffte den edeln
hinweg.
Das letzte Diſtichon ſpielt auf Zrinys Wahlſpruch sors
bona – nil aliud an. - -

III
Am liebſten ſchlöſſen wir mit dieſem größten Hel
den des Geſchlechtes deſſen Geſchichte. Sein obenge
nannter Bruder Peter hatte bei aller Tapferkeit doch
als Staatsmann nicht den klaren Blick wie jener; er
ſchloſs ſich bald dieſer bald jener Partei an, und griff
wol fehl, wo er allein handelte. Ungarns Grundver
faſſung war umgeſtoßen, die Rechte und Freiheiten der
Nation vernichtet, namentlich die Unterdrückung der
Evangeliſchen in die Augen ſpringend. Soweit hatte es
Habsburg insbeſondere durch die Verwaltung des Für
ſten W. von Lobkowitz gebracht, daſs die meiſten
Edeln bewaffneten Aufſtand und Erzwingung der alten
Rechte, wo nicht Anſchluſs an die Pforte, von welcher
damals Duldung der evangeliſchen Glaubensfreiheit noch
eher erwartet werden durfte, für das geringere Uebel
hielten. Auch Peter Zriny ließ ſich zu eigenmächtigen,
ja verrätheriſchen Schritten hinreißen – doch ohne Er
folg. Durch Liſt zu vertrauensvoller Selbſtauslieferung
an den Kaiſer vermocht, wurde er gegen die ertheilten
Verſprechungen eingekerkert, von nicht-ungariſchen
Richtern verurteilt und 30. April 1671 zu Wieneriſch
Neuſtadt nach Abhauung der rechten Hand enthauptet.
Noch lebten ſeine beiden Kinder: Helene, ver
mählt an Franz Rákóczy, ſpäter an Emerich Tököli, und
Balthaſar Zriny. Ohne Rachegefühl für des Vaters
rechtloſe Ermordung widmete letzterer ſeine Dienſte
XXX.VT

dem Kaiſer in treuer Gefolgſchaft, während ſein Schwager


Tököli als Rächer der ärger als je verfolgten Evange
liſchen !), von den fremden unterſtützt den Titel eines
Königs von Ungarn annahm. In unwandelbarer Treue
folgte Balthaſar 1683 ſeinem Fürſten, als Wiens Bela
gerung drohte, auf die Flucht gen Linz; aber als er
unterwegs bei heftigem Platzregen vorausritt die Furt des
Traiſenfluſſes zu unterſuchen, wurde ſein Benehmen durch
ein Misverftändnis für Verrätherei angeſehen und der
junge, geiſt- und kraftvolle Mann ungehört auf einem
Tiroler Schloſs feſtgeſetzt, in deſſen Kerker er nach
zwanzigjähriger barbariſcher Gefangenſchaft durch den
Tod von ſeinen Leiden befreit wurde.
Seine Schweſter Helene verteidigte, nachdem ihr
Gemahl Tököli von den Osmanen als gefangener nach
Adrianopel geführt worden, ihren Felſenfitz Munkács
drei Jahre lang allein gegen die Oeſtreicher; durch
Verrath gefangen ſtarb ſie nach langer Haft bei ihrem
Gemahle in Kleinaſien 17032).
So endeten die letzten Zrinys. Wer möchte ſich

!) Ich verweiſe ſtatt alles andern auf die von Paul Lichner
neuerdings herausgegebenen Tagebücher eines Pogner und Lieber
gott über die Verfolgungen der Evangeliſchen zwiſchen 1672–1683
Presburg 1861, und das verwandte Buch desſelben Herausgebers
Burti Micae, ibid. 1864. ?) Hormayr l. l. S. 388. Feſsler IV,
324.358.
III*
XXXVI

wundern, wenn man zu ihrer Grabſchrift das Motiv aus


dem bittern Worte Butlers entnähme, welche wir in
Schillers Wallenſtein II, 6 leſen?

Von allen Zrinys aber bleibt für uns Deutſche der


von Sigeth der wichtigſte; er ſteht uns heute noch am
nächſten, und ſchon zu ſeiner Zeit wurde die That des
ſelben vor allem in unſerem Vaterlande dankbar ge
würdigt. Wie ſollte man auch damals, wo in allen
lutheriſchen Kirchen mit voller Inbrunſt geſungen wurde
Erhalt uns Herr bei deinem wort Und /leur des papſt
und türken mord, wo man jede neue Zeitung vom vor
dringen der Türken gegen die deutſchen Grenzen (die
Telegramme jener Zeit) mit fieberhafter Angſt vernahm,
jede Kunde von einem Chriſtenſiege, der den Glanz der
alten Kreuzzüge zu erneuern ſchien, mit angemeſſenem
Jubel empfing und weiter trug – wie ſollte man da
nicht mit dem tiefſten Mitgefühl das Ende jenes wahr
haft edeln ungariſchen Helden vernommen haben, vor
deſſen Mauerzinnen ein Soliman den Tod fand.
Zeugnis giebt uns davon ein jedenfalls bald nach
dem Ereigniſſe ſelbſt gedichtetes balladenartiges ſchlich
tes Volkslied in 19 Geſetzen, wie man deren nament
lich im Reformationsjahrhundert unzählige gedichtet.
Auf tieferen poetiſchen Werth machen jene Erzeugniſſe
XXXVII

keinen Anſpruch, aber ſie waren ſingbar und wurden


geſungen – ſicherlich zeugt das unſrige, unten S. 41
ff. abgedruckte, von der lebhaften Theilnahme in den
Kreiſen, aus denen es hervorgegangen.
Hieran ſchließen ſich zunächſt eine ungariſche
und eine türkiſche Reimchronik. Dieſe, ein Werk
Merachis, welcher den Tod Solimans und die Erobe
rung von Sigeth unter dem Titel Felhname Sigetwar
beſang, würde wahrſcheinlich, auch wenn es überſetzt
vorläge - und wir den Ungarhelden gerecht behandelt
fänden, uns nicht weiter anſprechen, als daſs wir es
eben in der Literatur des Gegenſtandes regiſtrieren!).
Jene, von unbekanntem Verfaſſer noch 1566 gedichtet
und Sziget veszedelme zu deutſch der Fall von Sigeth
genannt, iſt durch die Mittheilungen Toldys in ſeiner
Geſchichte der Ung. Dichtung (1854 I, S. 172) bekannt.
Das Werkchen iſt jedenfalls weniger durch poetiſchen
Werth (namentlich dichteriſche Erfindung lag ja jenen
Chroniſten gänzlich fern) als durch einzelne auffallende
Abweichungen von den übrigen Hiſtorikern intereſſant,
auf die wir hier nicht näher eingehen können. Der
Verfaſſer erzählte ſicherlich nicht als Augenzeuge, ſon
dern nur was er von andern vernommen, und zwar
ohne Kritik.

*) Hammer-Purgſtall III, S. VI, ohne näher darauf einzugehen.


XXXVIII

Als größere Dichtungen, welche unſer Ereignis


zum Vorwurfe gewählt haben, wären endlich eine un
gariſche und eine deutſche zu nennen; namentlich
bei jener länger zu verweilen liegt um ſo näher, als
wir auch für den Dichter derſelben bereits einiges Inter
eſſe gewonnen haben. Jener jüngere Niclas Zriny
nämlich, ſeinem Urgroßvater als Kriegsheld durchaus
ebenbürtig, war ſeit Corvinus Zeiten der erſte ungariſche
Edelmann, deſſen Burg zugleich ein Muſentempel heißen
konnte, der den Ruhm des Staatsmannes und Feldherrn
mit dem des Schriftſtellers und Dichters vereinigte.
Welchen Unterricht er genoſſen, ob wir alle ſeine Auf
zeichnungen beſitzen, darüber wiſſen wir nichts. Tollius
erzählt, daſs er die ungariſche, kroatiſche, deutſche, la
teiniſche, italiäniſche und türkiſche Sprache mit gleicher
Fertigkeit geſprochen habe; aus ihm ſelbſt erſehen wir,
daſs er Homer und Virgil, namentlich aber Taſſo kannte
und liebte.
Schon waren die Volkslieder, welche die dichteriſche
Literatur ſeines Volkes zur Zeit noch faſt allein aus
gemacht hatten, faſt verſtummt vor dem ununterbroche
nen Kriegsgetümmel, und nur hie und da entſproſsten
neue Schöſslinge den Wurzeln der alten Balladen
dichtung. Neue Einflüſſe waren von Italien und
Deutſchland aus eingedrungen. Kein Wunder, daſs nun
durch dieſe lebhaft angeregt ein Mann aus den gebilde
XXXIX

tëren Ständen in claſſiſch-romantiſchem Geiſte zu dich


ten verſuchte und ſo für Ungarn der (lange Zeit freilich
öhne Nachfolger bleibende) Schöpfer der Kunſtdich
tung wurde. Dieß war eben unſer Niclas Zriny der
jüngere, von ſeinem Volke der Dichter zu benannt.
Früh fing er an, dem was ſein Herz bewegte Aus
druck zu geben; vermuthlich aber veröffentlichte der
Ban und Kriegsoberſte jene Jugendgedichte ſchon des
wegen nicht, weil er ſie als ſeinem Stande nicht zie
mende Spiele anſah. Doch hatte er nichts dagegen,
als einige ſeiner Freunde ſieben Jahre vor ſeinem Tode
fie geſammelt herausgaben. Es genüge zu erwähnen,
daſs ſich darunter namentlich Nachahmungen Virgiliſcher
Hirtengedichte finden, Wechſelreden zwiſchen einem Jäger
und ſeiner Geliebten Viola – offenbar Einkleidungen
eigener Herzenserlebniſſe. Einige 30 Jahre alt faſste
er den Plan, ſeinen großen Ahnen in Taſſos Weiſe zu
beſingen. Und in der That keiner war wie er im Stande,
die Türkenkämpfe ſeines Helden zu würdigen, keiner
darum wie er berufen ſie darzuſtellen. Nicht viel mehr
als ein faſt kriegsfreier Winter genügte ihm, das Werk
in funfzehn hundertſtrophigen Geſängen auszuführen –
er nannte es 0bsidio Szigetiana, die Nachwelt hat ihm
den Namen der Zriniade gegeben.
Wie die Aeneide Virgils uns ohne die letzte Feile
durch den Dichter vorliegt: ſo hat auch Zriny nicht
XL

Zeit gefunden – vielleicht nie Luſt empfunden, ſein


Heldengedicht auszufeilen, ſo ſteht auch in dieſer Hin
ſicht die Zriniade ähnlich neben dem Befreiten Jeruſalem,
wie die Aeneis neben der Iliade. Wenn uns freilich
das ungariſche Epos um ein gut Theil roher erſcheint
in der Form als beide italieniſche Schöpfungen: ſo
vergeſſe man nicht, daſs Virgil und Taſſo Muße hatten
am Hofe eines kunſtliebenden Fürſten, und daſs ſelbſt
jenem ſchon ein Ennius vorhergegangen war. Wir dürfen
die Zrinias nur betrachten als einen mitten zwiſchen
Kriegsſtürmen, zu deren Streiter eben der Dichter an
erſter Stelle berufen war, raſh und keck hingeworfenen
Verſuch, ob die Magyaren ſprache etwa nur Räuber
und Wanderlieder nebſt Reimchroniken hervorbringen
könne, oder ob ſie wirklich Fähigkeit beſitze, neben den
Sprachen der europäiſchen Bildung einen Platz durch
eigene Schöpfungen zu erwerben. Was die Form an
langt, ſo hat der Dichter die in alter Zeit übliche, nicht
grade leichte Balaſcha-Strophe gewählt; dieſelbe hat
den Namen von des älteren Zriny Zeitgenoſſen Valentin
Balaſſa und beſteht aus vier mit dem nämlichen Reime
ſchließenden (nicht ſelten cäſurloſen) Alexandrinern. Sie
klingt jetzt ermüdend; unſern Wollautsanforderungen
gegenüber erſcheint dem Ueberſetzer eine leichte Aen
derung geboten. Aber nicht die Ausführung im einzel
nen iſt (mein' ich) der Hauptvorzug unſeres Gedichtes,
XLI

ſondern mehr die geiſtvolle Anordnung des Stoffes.


Zur Beurteilung derſelben lade ich nunmehr den Leſer
ein, indem ich unten S. 51 ff. eine möglichſt getreue,
hoffentlich aber lesbare Ueberſetzung eines großen
Theiles, zu einem Bilde des ganzen Gedichtes durch
eingeſchaltete Inhaltsangaben des Reſtes ergänzt, zu bie
ten wage. Die Veröffentlichung dieſes Uebertragungs
verſuches, welcher das von Horaz vorgeſchriebene neunte
Jahr längſt überdauert hat – doch ohne der Gegenſtand
ſteter Feile geweſen zu ſein, entſchuldige ich damit,
daſs die Zriniade bis jetzt in Deutſchland ſo gut wie
unbekannt zu ſein ſcheint; ob eine Verdeutſchung des
ganzen Epos heutzutage Glück machen würde, er
ſchien mir zweifelhaft.
Die Nachahmung Virgils und Taſſos tritt gleich im
Eingange auffallend hervor, nicht minder der Catholi
cismus des Dichters. Die vier erſten Geſänge bilden
die Grundlage des ganzen. Wir ſehen (wie Toldy l. l.
II, S. 8 f. mit Recht urteilt) wie der Dichter ſeinen
Gegenſtand dadurch zur Höhe des Epos erhebt, daſs er
ihn zum Ausdruck einer auf die ganze Nation einwir
kenden großen moraliſchen Idee macht. Es iſt eine
von Gott angeordnete Züchtigung eines reichbegabten,
aber in Sünden verſunkenen Volkes. Darum kann ſie
nur durch außergewöhnliche Mittel ins Werk geſetzt
werden: Himmel und Hölle werden erregt und auch
XLII

das ſpäter im Gedichte auftretende wunderbare zanh


voraus motiviert. Allmählich werden wir auf den Schau
platz der künftigen Kämpfe geführt: zwei Feſtungsſtürme
von verſchiedenem Erfolge, die Schilderung der beiden
Hauptträger der Handlung Zriny und Soliman bereiten
uns würdig vor. Die Theilnahme ſteigert ſich mehr
und mehr durch Bilder aus dem Waffenleben zu Sigeth
wie im Türkenlager. Eine große Reihe von Helden
beiderſeits mit oft überraſchender Anlehnung an die
Geſchichte wird uns vorgeführt; Zrinys Anreden an die
gefallenen Streiter, an ſeinen (nach des Dichters An
nahme in der Feſtung befindlichen) Sohn Georg, die
ritterliche Behandlung der gefangenen – ſind eine
Reihe lebendiger, für das nachfolgende wirkſamer Züge,
ebenſo wie die Verwirrung, welche einmal durch Irrthum
der bloße Name Zriny im feindlichen Lager anrichtet.
Doch ſtören den aufmerkſamen Leſer hie und da Flüch
tigkeiten, wie die mehrmalige wenig verſchieden gefärbte
Anrede an den jungen Georg, und ähnliche Wieder
holungen. "

Geſang 5–13 bilden dann den eigentlichen Rumpf


des Gedichtes: zunächſt die Vorbereitungen zum
Widerſtande in Sigeth, die Schilderung der Hauptleute
wie der muthvollen Mannſchaft, der gegenſeitige Treu
ſchwur, ſodann die Uebergabe und der Ungarn gezie
mende Antwort. Ich überlaſſe dem Leſer die Analyſe
XLIII

der nun folgenden vielfach fich verwickelnden Kämpfe


mit ihren intereſſanten Einzelgemälden und Epiſoden,
ſowie die Zurückführung des etwa nachgebildeten auf
ſein Muſter; der Kenner der Urbilder glaubt bald von
Niſus und Euryalus zu leſen, bald Michaëls weißagende
Worte an Gottfrid und ähnliche zu vernehmen. Die
beiden letzten Geſänge machen den Schluſs aus. Die
Ungläubigen ſtehen natürlich mit teufliſcher Zauberei
im Bunde und benutzen ſie als letztes Mittel; dem Epos
entſprechend muſs dieſelbe in ſichtbarer plaſtiſcher Weiſe
bekämpft und beſiegt werden. Dieß geſchieht durch
Fngelslegionen unter Gabriel, während Zriny mit dem
Reſte der ſeinen im letzten Ausfall den grimmen Demir
Hám und nach ihm Soliman ſelbſt mit eigener Hand
tötet und mit ſeinen Helden fällt.
Dieſe letzte ſtarke Abweichung von der Geſchichte
mag im erſten Augenblicke ſehr auffallen. Allerdings
erzählt uns der Dichter in der Vorrede zu dem Gedichte,
daſs kroatiſche und italieniſche Chroniken, ja ſogar eine
türkiſche Sage ſelbſt den Sultan von der Hand Zrinys
erlegt werden laſſen (Toldy I, 173); aber dieß hat frei
lich, nachdem die kritiſche Geſchichte die Thatſachen
geklärt – und das war ſchon vor 1650 der Fall –
für uns hier nicht viel mehr Bedeutung, als wenn in
einer gleichzeitigen Reimchronik umgekehrt ſogar Zrinys
Heldenende in den Tod auf dem Krankenbette während
XLIV

des letzten Sturmes verwandelt wird. Die Hauptfrage


iſt die, ob der Dichter künſtleriſch berechtigt war, dieſe
Form der Sage zu wählen; er war es in der That, ja.
der Epiker (möchte man ſagen) hätte dieſen Schluſs
erfinden müſſen, wenn er die Aufgabe des ungariſchen
Helden als eines wahren Befreiers der Chriſtenheit
würdig ergänzen und der Bewunderung ſeines Opfer
todes die Beimiſchung der Bitterkeit entziehen oder
erſparen wollte.
Gegen das Epos überhaupt iſt vom Standpunkte
des Kunſtrichters aus wol wenig einzuwenden. Es
beobachtet die architektoniſchen Regeln, in ſofern
es von bedeutendem – aber überſichtlich geordne
tem Umfange iſt; die plaſtiſchen, in ſofern es ganze
und volle Geſtalten giebt; die maleriſchen mittels kla
rer – oft durch Gleichniſſe gehobener Anſchaulich
keit. Der Gegenſtand iſt eine fertig vor des
Dichters Auge liegende, der Erinnerung der Nach
Welt würdige Begebenheit. Der Held des ganzen zeigt
körperliche Kraft, Muth, Beharrlichkeit, Frömmigkeit;
er tritt in den Vordergrund als Vertreter ſeiner Nation,
Welche zugleich in ganzer Breite neben ihm handelt
und an den meiſt treuloſen, öfter planlos handelnden
Türken ein Gegenbild findet. Epiſoden bieten will
kommene Abwechſelung und ſchöne phychologiſche Ge
mälde der Liebe, Treue, Freundſchaft. Endlich zeigt
XLV

ſich dem inneren Auge der Phantaſie eine jenſeitige


Welt, die in kindlicher Weiſe zur Rettung und Hülfe
wie zu Ausmalungen herangezogen und in unmittelbare
Beziehung zu Gedanken, Worten und Werken der Men
ſchen geſetzt wird.
Dennoch befriedigt uns heutzutage ſolche poetiſche
Verherlichung eines unſrer Zeit verhältnismäßig noch
naheſtehenden geſchichtlichen Ereigniſſes nicht in dem
erwarteten Grade. Dem claſſiſchen Muſter zuliebe
erſcheint mancher Ungar minder tapfer (vgl. unten S.
90). Unſere veränderte Denkweiſe nimmt an der Ein
führung eines Zauberers und ſeiner Beſchwörungen An
ſtoß, da wir uns nicht zum Glauben an die Wirklichkeit
dieſes Ereigniſſes zwingen können, während wir die
Haupthandlung als eine geſchichtliche empfinden. Das her
anziehen der antikmythologiſchen Geſtalten des Cupido,
der Alekto in ein chriſtliches Lebensbild ſtört uns hier
ebenſo wie bei Taſſo und Camoens. Hierzu kommt noch,
daſs der (wie wir oben ſahen) eifrig katholiſche Dichter,
während er des Proteſtantismus ſeines Helden nirgend
gedenkt, mehrfach die Glaubensſpaltung des Ungar
volkes als eine Sünde bezeichnet und ſich hier für Er
faſſung eines nicht unweſentlichen Momentes unfähig
erweiſt. Endlich aber – und dieß wäre ein Haupt
grund – faſst unſre allzuwenig objective Zeit mit Vor
liebe das tragiſche in einem erſchütternden Ereigniſſe
XLWI

auf und hat dem Epos im allgemeinen ſeine Gunft mehr


und mehr entzogen,
Es War gewiſs ein glücklicher Griff, daſs der ju
gendliche Theaterdichter zu Wien Theodor Körner,
der talentvolle Schüler Schillers, zum Gegenſtande des
erſten Trauerſpiels, das er in Angriff nahm, grade
Zriny wählte. Sein Werk iſt in aller Händen; dennoch
glaube ich eine kurze Inhaltsüberſicht zur Rückerinnerung:
hier einfügen zu ſollen.
Der erſte grundlegende Act ſpielt theils in Bel
grad theils in Sigeth. Dort wird uns der gealterte
Soliman vorgeführt, im Geſpräche mit ſeinem Leib
arzte, der ihm auf befragen noch zehn Lebensjahre in
Ausſicht ſtellt, wenn er ſich ſchone, und ihn ſo ermunr
tert wenigſtens noch Ein kriegsſturmerfülltes zu hoffen;
im Geſpräche ferner mit dem Großweſfir, dem er als
heißen letzten Wunſch Wiens Erſtürmung nennt. Im
Kriegsrathe zeigt ſich verhaltene Furcht vor Zriny;
grade das beſtimmt den launiſchen Despoten, ſtatt des
eben beſchloſſenen Zuges den vielleicht unnöthigen Um
weg über Sigeth zu nehmen und deſſen Befehlshaber zu
züchtigen. In Sigeth erfährt man, wem es gelte; ne
ben dem ruhiggetroſten Zriny erſcheinen ſein helden
haftes Weib Eva und ſeine von keimender Liebe zu
dem Heldenjünglinge Lorenz Juranitſch erfüllte Tochter
Helene. Dieſer bekennt auch ſeinerſeits ſeine Liebe,
XLWI

er iſt voller Kampfesmuth und Hoffnungen auf Sieg


und Glück.
Der 2, Aufzug ſpielt nur in Sigeth. Während
die Frauen über die Liebeshoffnungen ſich unterreden,
zeigt Zriny volle Erkenntnis der Gefahr. Juranitſch
kehrt als Sieger über Mehmeds Scharen heim und er
höht den Muth, während andrerſeits ein kühler Brief
Kaiſer Maximilians, der ſich bei Raab verſchanzt, die
Hoffnungen zwar vernichtet, dagegen Zrinys vollen
Opfermuth erregt, dem auch Weib und Kind entſprechen;
Helene wird durch Juranitſch zu gleicher Höhe der Ge
ſinnung emporgehoben. Schon laſſen des Feldherrn
ſtrenge Befehle und der Schwur, den er leiſtet und for
dert, das Gefühl der Todesweihe ſpüren, -

Der 3, Act zeigt uns wiederum die Wirkung des


geſchehenen zuerſt im Türkenlager, ſodann bei Zriny.
Die Fruchtloſigkeit der Sturmangriffe entmuthigt die
Ungläubigen, erregt des Sultans Despotenlaune immer
heftiger. Ein gefangener Ungar wird vor ihn geführt;
Soliman kann dieſem durch nichts bezwingbaren Stolze
des Feindes die Achtung nicht verſagen, zeigt aber gleich
darauf, wie wenig er ſolche freie Heldennaturen verſteht:
er befiehlt den Verſuch, was ſich bei Zriny, deſſen Sohn
angeblich gefangen worden, durch Anerbietungen oder
Drohungen ausrichten laſſe. – Indeſſen wird in Zrinys
Kriegsrath erwogen, ob man die Neuſtadt ſchon opfern
XLVIII

müſſe; ſo ſehr ſich auch die Menſchlichkeit dagegen


ſträubt, die kriegeriſche Nothwendigkeit gebietet es.
Ein kurzes Selbſtgeſpräch zeigt den Widerſtreit auch
im Herzen des Helden. Die gegen des Kaiſers Läſſig
keit erhobenen Anklagen ſeiner getreuen weiſt er edlen
Sinnes zurück. Der türkiſche Unterhändler erſcheint;
er ſpricht zwar ſeinen Auftrag aus, erkennt aber bald,
daſs ſelbſt die dem Sohne Zrinys gedrohten Martern den
Vater vom Pfade der Pflicht zu verlocken nicht im
Stande ſind, ja daſs alle Bewohner Sigeths – auch die
Frauen – mit Freuden dem Opfertode entgegenſehn.
Der 4. Aufzug nähert uns der Kataſtrophe bis
um einen Tag, während zugleich der Tod Solimans
noch einmal Hoffnungen weckt. Der greiſe Sultan iſt
aufs äußerſte ergriffen durch die Erfolgloſigkeit aller
Schritte; die Eroberung der Altſtadt, wobei auf einen
Ungarn 10 Türkenleichen kamen, genügt ihm ſo wenig
als die jetzt gemeldete Einnahme der Feſtung Gyula.
Hamſa Beg büßt mit dem Tode; der Sultan verlangt
Sturm, und zwar immer wüthender, je mehr man ihm
zur Schonung zuredet; die Kunde der jüngſten Nieder
lage bringt ihm plötzlichen Tod. Der Gegenſatz zwi
ſchen dem an ſklaviſchen Gehorſam gewöhnten Despoten,
deſſen Drohbefehle dennoch den Sieg der ſeinen nicht
bewirken können, und dem menſchlich milden Chriſten
helden, dem ſich alle zum freiwilligen Tode anſchließen
XLIX

und dadurch ſiegen, iſt von großartiger Wirkung. –


Die drei türkiſchen Würdenträger vereinigen ſich, den
Tod Solimans bis zur Erſtürmung der Feſte zu ver
heimlichen, dann aber mit Aufgebung aller weitern
Pläne nach Stambul zurückzukehren. – In Sigeth wird
es inzwiſchen offen ausgeſprochen, daſs die Burg ſich
nur noch einen Tag halten kann; die Frauen ſollen
fliehen – ſie wollen bleiben. Von des Sultans Tode
hat keiner eine Ahnung. Auch das Türkenheer nicht,
ſonſt zöge es ſofort ab; ſo ſehen wir das grauſe Ende
ganz vor uns, obwol wir zugleich wiſſen, daſs Wien
und die Chriſtenheit vom weitern vordringen der Un
gläubigen erlöſt ſind.
Der fünfte Aufzug bringt des Grafen Schmückung
zum letzten Gange, getreu der Ueberlieferung, die Fa
milie im letzten Abſchiede, die Helden um den Führer
verſammelt. Helene will den ohnehin gewiſſen Tod am
liebſten durch die Hand ihres geliebten ſterben; nach
ſchwerem Kampfe erſticht ſie Juranitſch !). Dann eilt
er dem Zuge mit der Fahne voran, Ausfall der fünf

1) Der oben S. XXXVII genannte Reimchroniſt von 1566 berichtet


ausdrücklich, daſs nicht wenige der hart bedrängten Helden ihre
Frauen töteten, damit dieſe nicht lebend in der Ungläubigen
Hände kämen. Die ſchrecklichen Dinge, welche Hoſsmann von
den überlebenden erzählt, ſcheinen ſolche That nur zu ſehr zu
rechtfertigen.
IV
L

hundert, Zriny fällt – in demſelben Augenblick ſchleu


dert Eva die Fackel in den Pulverturm.“
Es iſt wol ein ſeltener Fall, wenn ein 21jähriger
Dichter gleich in dem erſten Verſuche eines großen
heroiſchen Trauerſpiels, nachdem er ſich bisher nur in
ſcherzhaften Dramen geübt, ein völlig tadelfreies Werk
liefert; es liegt daher nahe, ohne Anlegung eines allzu
ſtrengen Maßſtabes zu prüfen, ob ſeine Tragödie den
Erwartungen der Kunſtrichter wie der Kenner der Ge
ſchichte entſpricht. Im allgemeinen wird man dieſe
Frage bejahen können. Der Dichter hat ſich gehütet,
die Wirklichkeit ſchlechthin nachzuahmen und insbeſon
dere den Schluſs mit verhältnismäßig geringer Aende
rung in einen wahrhaft tragiſchen umgeſtaltet: ſo daſs
alle mit Zriny fallen, bei der Entzündung des Pulver
turms der bloße Zufall ausgeſchloſſen wird und der freien
That des Helden eine freie That ſeiner nicht minder
heldenmüthigen Gattin zur Seite tritt. Er hat die Mo
mente der Handlung mit Motivierung auseinander folgen
laſſen, Zriny überall als Haupthelden hingeſtellt, in ei
ner Handlung, welche einheitlich zu Einem Zwecke
hinſtrebt. Die Peripetie findet gegen Ende des 4.
Actes ſtatt; gleich wol bleibt der aufmerkſame Zu
ſchauer noch in einer gewiſſen Spannung, ob nicht im
letzten Momente ein Bote des Kaiſers oder die Kunde
Von Solimans Tode das gräſsliche verhindert, dem Wir
LI

doch mit einem gewiſſen bangen Verlangen entgegen


ſehn; denn auch die ariſtoteliſche Regel, daſs die Tra
gödie Furcht und Mitleid erregen und dieſe Affecte
reinigen müſſe, daſs die niederdrückende Empfindung
ermäßigt und in eine gehobene Stimmung gewandelt
werden ſoll, finden wir vollkommen beachtet.
Es muſs auch zugegeben werden, daſs Zriny aus
einem Conflicte, in den er geräth, ſiegreich hervor
geht – es iſt der Widerſtreit zwiſchen der Verpflich
tung zu rückſichtsloſer ſoldatiſcher Strenge und ſeiner
natürlichen, ganz beſonders jetzt beim Liebesfrühling
der Tochter hervortretenden Milde und Güte; zwiſchen
dem ſo natürlichen Verlangen, nicht nur den Frauen,
ſondern vor allem ſeinem gefangenen einzigen Sohne
den qualvollen Tod zu erſparen, mit dem fein gan
zes Geſchlecht unterzugehen drohte, und ander
ſeits der ſtrengen Pflicht der Ehre, auszuharren auf
dem Poſten bis zum letzten Augenblicke. Ob es frei
lich ein Hegelſcher Conflict zwiſchen zwei vollkommen
gleichberechtigten Tendenzen iſt, wollen wir hier nicht
unterſuchen.
Was ſoll ich viel reden von der trefflichen Zeich
nung der durchweg unſer tiefſtes Mitgefühl erweckenden
Charaktere: der dem Gatten völlig ebenbürtigen Eva,
der nur im Anfange gar zu weichen Helene, des her
lichen Jüngling Juranitſch; des alten Paprutowitſch,
LII

der ſich auch wol einen freimüthigen nur zu berech


tigten Tadel über den Kaiſer erlaubt; des kernhaften
Vilaki, des beſten, der dem greiſen nur Sklaven ge
wohnten Despoten gegenüber geſtellt werden konnte.
Und nun endlich die faſt durchaus Schilleriſch uns an
muthende ſchöne, reiche, kräftige Diction, ſowie
(was ſich bei dem Theaterdichter von ſelbſt verſtand)
die verſtändige Rückſicht auf die Forderungen und
Mittel wirklicher Aufführung – es iſt durchaus büh
nengerecht.
Hier ſind wir gleichwol geneigt, noch andre Fra
gen aufzuwerfen, zunächſt: wie verhält ſich nun Kör
ners Darſtellung zur wirklichen Geſchichte? ſind
ſeine Abweichungen von derſelben alle berechtigt?
iſt er ihr etwa zum Schaden der dramatiſchen Wirkung
an unrechter Stelle treu geblieben? Fragen, die
begreiflich je nach dem Standpunkte des antwortenden
ſehr verſchieden erwidert werden können. Man weiß
beiſpielsweiſe, wie ſtreng Schiller über Göthes Egmont
urteilte; manchen gilt es aber auch für erwieſen, daſs
die geſchichtliche Jungfrau von Orleans noch geeigneter
iſt, unſer volles Mitgefühl in Anſpruch zu nehmen als
die Schillerſche; gleichwie jene um ihres Glaubens
willen verfolgte Salzburgerin, deren Schickſale der her
lichen Dorothea Göthes zu Grunde liegen, wol eine
herlichere Geſtalt abgegeben haben könnte.
LIII

Im allgemeinen dürfen wir ſagen, daſs Körner


der Geſchichte möglichſt treu geblieben iſt und (im
entſchiedenen Gegenſatze zu jenem von ihm gar nicht
gekannten romantiſchen Epos) bei dem Leſer den Ein
druck hiſtoriſcher Wahrheit erweckt, ohne dem Drama
Eintrag zu thun. Daſs er (von dem oben ſchon be
rührten Schluſſe abgeſehen) dem Grafen Zriny, der
allerdings ſeine Gattin in Sigeth bei ſich hatte, gegen
geſchichtliches Zeugnis ſo viel ich weiß eine Tochter
gegeben und Juranitſch um ſie werben läſst, das be
einträchtigt natürlich die Wahrheit ſo wenig wie alle
die einzelnen Züge, Vorkommniſſe, Reden, die der Dichter
eben unter allen Umſtänden erfinden muſs, wenn er ein
dramatiſches Kunſtwerk ſchaffen will. Anderſeits aber,
wie ſtehts mit Solimans Tod? Verletzt dieſer nicht
als unmotiviert, als durch Zufall herbeigeführt eine
weſentliche Kunſtregel? Hatte nicht der ungariſche Dich
ter recht, eben deswegen ihn erſt ganz zuletzt durch
Zrinys Hand ſterben zu laſſen? Ich meine, Körner hat
hier in ſeinem Gefühle das für das Drama richtige
getroffen, indem er zwar das weltgeſchichtliche Ereignis
feſthielt (das ja auch – wie wir ſahen – den tragiſchen
Charakter des Opfertodes nur verſtärken konnte), den
Zufall aber in ſofern ausſchloſs, als er Zriny mittel
bar als Urſache von Solimans Ende bezeichnet. Wir
ſehen dieß ganz deutlich aus den erſten Worten des
LIV

4. Aufzuges. Aufregungen ſchaden dem alten morſchen


Krieger und beſchleunigen ſeinen Tod unaufhaltſam –
nichts aber hat ihn ſo aufgeregt, ſo tief erſchüttert, als
der Bericht des Großweſirs über die Art, wie Zriny ſeine
Anträge aufgenommen und durch Anzündung der eignen
Stadt erwidert. Zrinys Antwort tötet Soliman, darum
iſt deſſen Tod kein Zufall; Solimans Tod nöthigt das
ganze Türkenheer zur Umkehr, darum wird Zriny Retter
ſeines Kaiſers.
So weit dürfen wir ſchwerlich einen Tadel erheben.
Dennoch iſt Körners Zriny kein Trauerſpiel in der
ſchärferen Leſſingſchen Faſſung des Begriffes. Fragen
wir vor allem, um welcher Schuld willen, die er auf
ſich geladen, ſtirbt denn Zriny? Er ſoll im Drama nur
ſo weit hart erſcheinen, als es die ſoldatiſche Nothwen
digkeit verlangt – wenigſtens gibt uns kein Wort des
Dichters ein Recht, hier ſeine Schuld zu ſuchen. Darum
wird der ſtrenge Kunſtrichter eine dieſe Forderung er
füllende Erfindung des Dichters vermiſſen, die ſich
immerhin an einen Zug der Sage oder abweichender
Berichte anlehnen konnte. So kennt (wie wir oben S.
XXIV ſahen) des Türken Selaniki Darſtellung eine Schuld,
welche der Held von Sigeth im Tode büßte, die Gaſt
rechtsverletzung an dem abtrünnigen Katzianer, den er
um des nämlichen Kaiſers willen mordete, welcher ihn
jetzt im Stiche ließ. Viel lieber entbehrten wir bei
LV

Körner die in der Geſchichtsüberlieferung gottlob nicht


beglaubigte wahrhaft grauſame Niedermetzelung der 300
gefangenen Türken, deren wir ebenfalls oben gedachten.
Auch in Zrinys Verhältnis zum Kaiſer hat ſich
Körner mehrere Motive entgehen laſſen, welche des ge
opferten Treue um ſo kräftiger ins Licht ſtellen konnten.
Aber an dergleichen freilich durfte ein Wiener Dichter
nicht denken; und ſelbſt das Was er ſich erlaubte ſchien
damals manchen noch zu kühn. Göthe wenigſtens ſchrieb
(dießmal als Miniſter und nicht bloß als Dichterfürſt)
im November 1812 an Theodor Körners Vater: Was
den Zriny betrifft, über den ſind wir noch nicht einig;
in politiſcher und theatraliſcher fiückſicht iſt manches
dabei zu bedenken. Es wäre daher wünſchenswerth,
wenn man ein Exemplar hälle, wie das Stück in Wien
geſpielt worden – gewiſs haben ſie dort manches be
dacht, was wir auch bedenken müſſen.
Doch rechten wir nicht länger mit dem Dichter,
der eben – auch wenn er es nicht ausſprach – in
erſter Linie ein hiſtoriſches Trauerſpiel wollte; ein
ſolches erträgt viel eher den umgekehrten Fehler als
den, welchen jene oben Schillers Jungfrau von Orleans
vorwarfen, ja er hört auf ein Fehler zu ſein. Körners
Zriny erweckt unſer volles Mitgefühl – Wenn möglich,
da er milder und deutſcher erſcheint, noch größeres als
der geſchichtliche, und iſt uns jedenfalls ein theuer
LVI

werthes Vermächtnis des früh abgerufenen. Es iſt ein


erklärliches Zuſammentreffen, daſs, wie das ungariſche
Heldengedicht einen tapferen Krieger zum Verfaſſer hatte,
der in Friedensaugenblicken ſich auch den Muſen wid
mete, ſo unſer deutſches Trauerſpiel von einem Jüng
linge gedichtet wurde, der nach dem Ausbruch des
heiligen Krieges ſich ſehnte, um ſelbſt zum Schwerte zu
greifen und ſich dem Tode für's Vaterland zu weihen.
Am 7. September dieſes Jahres werden die Enkel
jener Türkenſieger zu der einſt blutgetränkten Stätte
in Sigeth wallend, ſoweit die großen Intereſſen der Gegen
wart es zulaſſen, ſich dankbar des vor drei Jahrhunder
ten geſchehenen erinnern. Auch uns iſt Zriny, der zuerſt
und zuletzt von Deutſchen gefeiert wurde, ein wolbe
kannter Klang geworden, aber nicht zum wenigſten
darum, weil mit dem Gedanken an ſeinen Opfertod
ſich ſo leicht die Erinnerung an den Heldentod ſeines
Sängers verbindet, deſſen 50jähriges Gedächtnis nun
auch bereits ein neues Geſchlecht an der Wöbbeliner
Eiche begangen hat – ein Geſchlecht, dem heute erſt die
völlige Frucht jener Freiheitskämpfe zntheil werden ſoll.
I.

H iſt 0 r i

Eroberung der anſehlichen Veſten Sigeth,


welche

der Türkiſch Kaiſer Solimanus


im Jar 1566 den 7. Septembris eingenomen.

Erſtlich
eon einem anſehlichen des Herrn Graven von Serin /eligen diener
in Crabatiſcher Sprach beſchriben, und den, ſo auch
mit und bei geweſen, in Lateiniſch,
jetzt aber
dem gmainen man und/unſt menigklich zu gefallen
in Teutſch transferiert.
- M.
M.

Gedruckt zu Wienn in Oſterreich


durch Caſpar Stainhofer in S. Anna Hof.
– Anno M.D.LXVIII.
1.
Vorbemerkung. Der nachfolgende Text iſt ſprachlich
durchaus genau wiedergegeben. Dagegen glaubte ich in
der Schreibung die großartige Inconſequenz der Ur
ſchrift nicht peinlich beibehalten zu müſſen, ſondern
habe öfter in unweſentlichen Dingen zur Erleichterung
des Leſers gleich die neuere Schreibart angewendet.
Hierher gehört u. a. und, imen, komen, Türk für rnnd
oder vnd, jnen, khumen, Türckh.
Mit was dürſtigkait") und grauſamkeit der erſchreck
liche feind, der Türk, gegen der armen Chriſ.enhait
wüten und toben thuet, mit was unerſettlichen grim
men und begierde zu herſchen, auch unaufhörlichen
haß er dieſelbig verfolge und ängſtige – acht' ich ſei
kainer, der es auß denen groſſen thaten die er voll
bracht nicht wiſſe. Diſes kan uns ain' merkliche an
zaigung ſein die eroberung der Veſten Sigeth, wel
liche von natur und angelegten werk ſchier ungewindlich
geſchätzt, denn ſie allenthalben mit gemoß?) umbgeben
und gleich eingeſenkt an dem end der Windiſchen grä
nitzen *) ligt, die der Türkiſch Kaiſer Solimanus nicht
vor lengſt mit groſſen Volk belegert und geengſtiget,
letzlich auch doch nit on groſſen ſeinen verluſt einge
nummen und in ſeinen gewalt bracht. Wie auß dieſer
Hiſtori klärlich zu vernemen iſt.
Im Jar 1566 iſt Graf Niclas V On Serin aines
hohen und anſehlichen geſchlechts und berümbten Na
mens von diſem erſtlich durch ain kundſchaffer, wellicher
den 15. Junij zu im kumen, erindert worden, der ime
!) Thürſticheit d. i. Verwegenheit. *) Ahd, gimusi Sumpf
gegend. *) Slavoniſchen Grenze.
1"
– 4 –

bei der warhait anzeiget, daß er des Türkiſchen Kai


ſers Heer nahend bei Sarbeg geſehen hab, welches ſich
auf zwo meil wegs in die leng nach einander gezogen
und außgebreitet, hab auch dem Zug alſo von ferren
nachgevolgt. Es ſei aber das geſchrei, daß er diſen
zug aintweder auf Sigeth oder Erla fürgenumen habe,
und derhalben ain Brucken über die Donau bei Petter
Wardein ſchlagen laſſen. Bald hernach kumbt ein an
der kundſchafter von Fünfkirchen, bringt ein ſchreiben,
daß der Kaiſer gewiß im anzug ſei, man wiß nicht
wohin, oder auf welliche Veſten. Denn volgt bald der
dritt von Eſſeck (iſt ain Stätl an der Traa), es ſei
ſchon ein Beg oder Haubtman dort ankumen, als ain
Vorlaufer, daß er uber die Trag!) uberfaren ſolle, dahin
ſei auch der Caram Beg auß Boſſen?) (iſt ain Obriſter
desſelben ganzen Kraiß) ankumen, und in Windiſchland
oder Sclavonien auf der andern ſeiten der Traa und
terhalb Moßlau *) ſich niedergelaſſen; wohin er aber
ziehen ſolle wiſſe er nicht. Nach dem kumbt auch der
vierdte kuntſchafter, zaigt än er ſei nahent bei Eſſeck
geweſen, hab geſehen daß man vil Schiff bei der Porten
oder zuelendt Otto*) genant, dem Waſſer aufwerts auf
Soklioſch") zuegeführt; hab auch gehört, daß der Beg,

*) Traa oder Trag, lat. Travus, Drau. *) Bosnien, *) Mosz


lawina. *) Ottowo. *) Siklös?
– 5 –

wellichen der Türkiſch Kaiſer voran geſchickt, des vor


habens ſei uber die Traa zu ſchiffen und bei Soklioſch
ain weil zu verharren. Er wiſſe auch wol, daß er da
mehrers Volks werde erwarten, wohin er aber alsdann
außwolte wiſſe niemands. Letzlich kumt ain andere
kundſchaft, auß der Türken Leger, zaigte für gewiß
an, daß der ganz haufen bei der Porten Otto obge
nant zu Schiff uberfare, und die Türken die uber wä
ren ſtracks auf Ofen zuziehen, und dieſelbig nacht bei
Soklioſch bleiben ſolten.
Wie ſolliches der Graf den 17. Junij erfaren, daß
ſich die Türken ſtracks uber die Traa herein begeben
und bei nacht unter dem Schloß Soklioſch allenthalben
im Feldt herumb lagen, hat er ſich bald bedacht und
1000 Fueßknecht mit 500 Huſſariſchen Pferden dahin
geſchickt, ir hail da zuverſuchen. Mit denen hat er
Caſparn Alapi, Nicolaum Kobatz, Peter Batſcha
titz und Wolfgangen Praprutowitſch, ſambt der
Fueßknechten Haubtleuten die ſie Weida nennen"),
voran geſchickt mit bevelh, daß ſie das glück verſuchen
ſolten, ſo ſie etliche Türken funden, die angreifen, vnd
mit inen ſchluegen; ſo ſie aber die nit anträfen, daß
ſie Soklioſch überfielen, außbrenneten und alles darin
verhereten. Wie nun die unſern nahent zum Schloß

*) Ungariſch vajda, Woiwode.


– 6 –

kummen, ſchicken ſie 200 zu fueß und 100 Pferdt


voran zum Schloß, denen iſt allein bevolhen worden,
wann die Türken daſelbſt im Feld und in der ebne nit
zu roß weren, daß ſie es den andern von ſtunden an
zaigten, auch ſich ſunſt aller gelegenheit umbſehen vnd
erkündigten. Wie ſie nun hinder Soklioſch kummen,
treffen ſie ſtracks an das Türkiſch Leger, da der Meh
met Beg, Haubtmann oder Landtpfleger von Thearch
ſich nider gelaſſen hette; welchen der Türkiſch Kaiſer
kurz zuvor an ſeinn Hof erfordert und mit den gülden
Apfel Theari Sanſakh genant nahent bei Conſtantinopel
begabt hatte. Dieſer Apfel iſt ein ſundere anzaigung
einer mehrern gnad, ſo der Kaiſer gegen ainem der
gleichen Haubtman tregt, damit er im auch die Haubt
manſchaft oder den gewalt uber ein Kriegsvolk uber
gibt; wird derwegen an den Fahnen gehenkt. Dem iſt
nun bevolhen geweſen, daß er alſo vor dem andern hau
fen anziehen und uber die Traa ſchiffen, alsdann in dem
Kraiß bei Fünfkirchen ſtill ligen ſolte, da der ganz hau
fen zuſammen kummen und als dann uberfarn möchte.
Es iſt im auch bevolhen worden, von dannen nicht zu
rucken, biß er derwegen vom Kaiſer bevelch empfange.
Als die unſern nun iren anſchlag gemacht, haben
ſie die Türken an einem morgen frue gähling uberfallen,
in ſie gehawen, zertrent, irer ein groſſen tail erlegt, deren
viel in dz gemöß und nechſtes geſtreuß nackendt und
– 7 –

allein in IIembdern entflohen ſein. Darundter iſt der


Beg ſelbſt hart verwundt entwiſcht und im ſelben gemöß
umbkumen, ſeinn Sun aber und noch drei Türken haben
die unſern lebendig gefangen und darvon bracht, haben
alſo die unſern eine groſſen vorrath von Gold und Silber,
Zelten und Roß ſambt anderer gueten Peut zuwegen
bracht, und ſein wol zu mueth mit guCten gewin alle
wider auf Sigeth zugezogen, haben mit inen bracht
8 Cameln, 60 Samroß ), 50 Eſel alle mit Geld und
ſchönen Türkiſchen Wahren geladen, darzu 6 Wägen,
darauf ſie allerlei Raub was ſie bekommen gelegt haben.
Alſo feind auch die vom Adel ſo in Sigeth geweſt in
ſchönen güldin ſtücken und Mardern röcken, die ſie von
dem Türken erlanget, mit groſſen freuden heimkumen,
haben auch dem Feind zwen groſſe rote Fahnen abge
drungen, an deren ſpitz iſt an ſtat des eiſen ain ſilbre
ner ſpitz und ubergult ainer hand brait angemacht ge
weſen. Weiter auf den ſpieß, darauf der Fahnen angeheft
wirdt, iſt ain geferbter Roßſchwanz, ſambt ainer ſilberen
Kugl wie ain Apfel geſtalt, den man Schanſukh nennet,
gehangen. Dergleichen ſieg oder peut haben die unſern
von den Feindt in langer zeit nit gehabt.
Den andern Tag Julij iſt Muſtafa auß Boſſen, der

*) Saumroſs, sagmarius. Feſsler VII p. 39 gibt nach Istvánfi


60 Streitroſſe, 17000 Goldgulden u. ſ. f. an.
– 8 –

Waſcha Sokolovitſch, ſambt allen Boßniern, und dem


Waſcha Carambey auf Barotto zu uber die Traa ge
ſchifft und bei Soklioſch hinder der Hardanay ſich gele
gert. Den 7. Julijkumbt ein Kundtſchafter von Kriechiſch
Weiſſenburg), zaigt an der Kaiſer ſei dort ankumen,
laß die Schiff an der Traa uber ſich füren, wölle am
ſelben ort nahent bei Soklioſch ain Schiffbrucken uber
die Traa ſchlahen und auf Sigeth zuziehen, laß auch
die Brucken, die er uber die Donau gemacht, wider von
ainanderthuen. So kumen auch ſchreiben von Fünf
kirchen, darinnen der Naſuf Aga (iſt ain Haubtman
uber etlich wenig Fueßvolk) dem Grafen zu wiſſen thuet:
es ſei ain Zauſch *), den man zu aufmanung des Kriegs
Volks außſchickt, der bei dem Haubtman als ain Zueſeher
bleiben und zu zeiten ſein Stat verweſen mueß, ankumen,
und [habe dem Hamſabeg in namen ſeines Kaiſers
bevolhen, daß er von Stund an zu der Traa ziehen und
die brucken darüber ſchlagen ſolle; ſo er das mit thue,
ſo ſolle er vor ſeinem hauß geſpiſt werden. Hab auch
bevolen, daß in Dörfern und ſunſt allenthalben ain blue
tiger ſpieß herumb getragen werde. Alſo hat er nicht
weit von Barotto die Brucken zuſchlahen angehebt, die
er dann vorhin lengſt darzue zuerichten hette laſſen.

*) Belgrad. *) Tſchauſch, Tſchaus, türk. Läufer, Polizeidiener


Schreiber u. dgl.
– 9 –

Aber das Waſſer kam in der nacht ſo ſtark und groß,


daß es alles zerriſſen und wegkgeführet, und er alſo
da kain Brucken nit ſchlahen mügen. Von dannen iſt
er weiter hinab an der Traa zogen und [hat] das werk
wider angefangen; was er aber in zweien tagen gemacht,
das hat im das waſſer in ainer nacht wider zerriſſen.
Von dannen iſt er noch weiter nahent bei Eſſeck geruckt
und da auch verſucht, aber es war umbſunſt, und kundte
des groſſen waſſers halben nichts außrichten. Derhalben
hat er den Zauſchen wider zum Türkiſchen Kaiſer ab
gefertigt und im anzaigen laſſen, daß er vor gröſſe des
waſſers kein Brucken ſchlahen mochte; er hab keinen
fleiß oder müh bißher gleichwol nie geſpart.
Wie der Kaiſer diſe ſeine Botſchaft vernimbt, ſchickt
er den Zauſchen wider hin mit aim Türkiſchen faciletl !),
an welchem auſſen herumb am ort ſein namen Sultan So
liman mit gulden Buchſtaben geſchrieben war, damit be
felhend, er ſol die Brucken uber die Traa machen wo und
wie er kündte; ſo die nit fertig wenn er ankumen werde,
ſo wolle er in an der ain Seiten der Brucken mit dem
Faciletl oder Tuech ſtrangulieren und aufhenken laſſen.
Wie ſolches der Hamſa Beg vernimbt, hat er in der
ſelben ſtundt zu der Traa unter Eſſeck ſtracks zugeeilet,

*) Schweizeriſch Fazenetle, ital. fazzoletto, hier das ſogenannte


ſchwarze Tuch, vgl. Feſsler VII pag. 43.

G)
– 10 –

und alle Schiffholz und vorrath, ſo darzu von nöten,


dahin führen laſſen, und das werk mit groſſen ernſt an
gefangen. Damit daſſelbig deſto beſſer von ſtat gienge,
hat er all die undterthanen, die dem Türken daſelbſt
Tribut geben oder ſich ſelbſt willig untergeben und ge
huldiget haben, auch ſunft jederman – niemandt auß
genommen, ja auch die Edlen und die Ambt- und Be
velchsleut, Spähia genant ) – zu der Arbeit angeſchafft
und angetrieben; daran hat auch er Hamſa Beg nie
gefeiret, weder tag noch nacht rue gehabt, biß er die
Brucken gefertigt; die hat er uber felder, gemöß und
ſümpf bei einer meil wegs brait geführt und ſolches
alles in zehen tagen vollbracht. Das Faciletl aber oder
das tuch, welches dem Hamſa Beg wie gemeldt von ſein
Kaiſer zugeſchickt worden, das hat der Naſuf Aga –
ſo an des Hamſa Beg ſtat, wie er abweſig war, zu
Fünfkirchen blieben – dem Grafen von Serin heimblich
zugeſchickt.
Den 20. Julij iſt der auß Boſſen und Caram Bey
Baſſa von Soklioſch verruckt auf Fünfkirchen zu, von
dannen dem Baſcha von Ofen zu hülf gen Stuelweiſ
fenburg zogen. Mit inen iſt auch der Hamſa Beg
ſambt allen Spähien oder Edlen von Fünfkirchen auß,
darumb dann alle Inwoner traurig waren, zogen. Diſen

*) Spahi, Sipahi.
– 11 –

tag hat auch der Begler Beg auß Anatolia, welcher


Obriſter in Aſia und gegen Orient iſt, zum erſten uber
die gemeldte Brucken geſetzt, dem als dann der Akhay
Baſcha mit einm ſondern Haufen und der Uru meli
Begler Beg (das iſt der Obriſt Feldthauptman und
obriſter uber die Landt, ſo uber das Griechiſch Meer
gegen uns her ſtehn) nachgevolgt, haben ſich in die
ebne bei Muhatſch!) nidergelaſſen, und dem Türki
ſchen Kaiſer ſeine Zelten aufgeſchlagen. Nach dem iſt
der Kaiſer Soliman ſelbſt uber die Traa auch uberko
men, ſein Leger da geſchlagen, und rath gehalten, wie
die ſach anzugreifen, alſo etlich tag, biß der ganz hau
fen ubergefürt, gar frölich alda verharret. Den erſten
tag Auguſti hat er ſich auß demſelben Feld Muhatſch
erhebt und auf Sigeth zuezogen, den dritten tag nit
weit hinder Soklioſch ankumen, daſelbſt er den Oros
lam *) Baſcha von Ofen köpfen laſſen, den 4. gen
Fünfkirchen, den 5. gen S. Lorenz, nit weit von Si
geth, da er denn ſein Leger geſchlagen.
Mitler zeit hat der Graf ſeine Leut vom Adl und
ſunſt zu Roß und zu Fueß zuſammen berufen, alle ding
in Ordnung bracht und zugericht. Wie er nun eigent
lich erfarn, daß der Türkiſch Kaiſer Sigeth wölle be

*) Mohács. ?) Sonſt Arslan oder Aslan; Löwe heißt ungar.


oroszlány, türkiſch arslän, aslºn.
– 12 –

legern, und geſehen ſeinen groſſen haufen an und


zueziehen, hat er alle Haubtleut Weida, die vom Adel,
zu Roß und zu Fueß, ſambt den Burgern und Inwo
nern, die dißmal verhanden waren, in das Schloß be
rueft, und wie ſie hinein kumen, das Statthor ſperren
laſſen. Als ſie nun alle zuſammen kumen, iſt er mitten
undter inen herfür treten, im Hof des klainen Schloß,
und die ungfehrlich auf nachvolgende mainung angeredt:
Meine Brüder, die ir in der Kaiſerl. Majeſtät un
fers allergenedigſten Herren dienflen/eit, ir redlichen
und ritterlichen Kriegsleut! wir ſehen jetzt alle mit
einander, daß der Türkiſch Kaiſer uns uberzogen und
uber dem halb iſt;/o erfordert die notturft, daß wir uns
dahin /taffieren und zurichten, damit wir des feindls des
Chriſtlichen Glaubens und Namens mit unerſchrocknem
herzen erwarten, welcher auß groſſer hoffart und ver
wegenheit, in dem er ſich auf ſein macht und groſſen
haufen des unglaubigen volks verle/t, wider uns ſein
ſchwert außzogen hat. Wir ſetzen aber unſer hoff
nung und hülf in Gott den Almechtigen, der uns
gar leichtlich erhalten und /ie entgegen liederlich
/türzen und verderben mag. Der halben wöllen wir
feiner ankunft getröſ erwarten. Es ſollen uns auch
/ein groſſe macht und eile des volks nicht erſchrecken;
denn wir zweifeln nit, der Almechtig Gott werde uns,
ſo wir in mit rechten ernſt anrufen, ſein hülfgenedigk
– 13 –

lich beweiſen, und uns bei/lehn. Wir müſſen uns


aber ſonderlich befleiſſen, daß wir einhellig und treu
gegen einander ſein, daß kein neid, zorn oder unai
nigkeit zwiſchen uns raum habe, daß keiner wider
den andern /lrebe, ſonder uns dahin begeben, daß
alles erbar zugehe, wir mit groſſerfreundlichkeit und
einigkeit bei einander feſt halten, als lang es Gott
dem Allmechtigen gefallen wird. Derwegen hab ichs
nicht umb/um/l bedacht, ſonder es iſt hoch von nöten,
daß wir getreulich zuſamen ſchweren, wöllen alſo erſt
lich Gott einen eidt thun, dann auch unſer höchſten
Oberkait und diſen armen verderbten Landt, darbei
treulich und ſtandhaftigklich zu bleiben. Ich will
zum erſten /chweren, das ſolt ir mir nach thuen, da
mit kainer den andern mißzutrauen urſach habe. So
hört alſo meinen aid:
Ich Niclas Graf zn Serin ſchwer und gelob'
Golt dem Almechtigen zuforderſt, dann der Röm.
Kaiſerl. Majeſtät etc. als meiner höchſten Oberkeit und
diſem verheerten Landt, dann auch Euch redlichen
Männern und Kriegsleuten, wie ir hie verſamlet ſeidt,
«gls war mir Golt der Vater Sun und heiliger Geiſt –
die heilige Trifaltigkeit und Ainiger Gott helfen ſolle:
daß ich euch zu keiner zeit verlaſſen, ſonder bei euch
ſterben und geneſen, und alles böß oder guls, ſo zu
fallen möchle, neben euch leiden und gedulden wil,
– 14 –

Alſo iſt auch billich, daß ir gleichen aid thut,


zuren finger aufrecht, und Gott zu zeugen eurer
rerheiſſung nemet; /ol als dann ein jeder undler euch
ſeinem Hauhlman in der porten ſeinen aid ihuen, da
wir dann fleiſſig aufmerken wollen, daß jeder dem
vorleſer mit lauter ſlim und zweien aufgerechten fin
gern nachſage. Den aber, /o ſich deſſen wegern
würde, wöllen wir in harte /traf darumb nemen, dann
derſelbig wirt biß auf die letzt bei uns mit verharren
wöllen, iſt auch mit für einn rechten menſchen oder
freundt/onder für ein Werreler zuhalten, den wöllen
wir auch von ſundan derwegen annemen laſſen.
Darauf ſei nun diß ewer eid:
Wir alle Burger, Reuter und Knecht, von der
Kaiſ Maj. unſerm allergenedigiſten Herrn beſoldet
und beſtellt, geloben und ſchweren erſtlich dem Al
mechtigen Gott, unſerer Chriſtlichen Obrigkeit, diſem
Landt, und diſem unſern 0hriſten dem Herrn Graven
Miclaßn zu Serin, und zuſagen gewiß, daß wir als
die getreuen und gehorſamen ime alle/chuldigepflicht
und gehorſam leiſten, mit im leben und ſterben wüllen.
Vernembt auch weiler, was ich euch zu wiſſen
ihun will: ob ich milller zeit mit lod abgieng öde?
umbkeme, ſo ſtelle ich euch hiemit an mein /tat diſen
meinen freunt Caſparn Alapi, und gebiete euch, daß
ir im gehorſam /eit, in alle ehr beweiſ/et, ſo wol als
– 15 –

mir ſelbſt, und was er euch befelhen wirdt, ſolches


mit ganzen treuen verrichtet.
Merkt auch dieſe Artikel: (1) So einer von den
Reutern oder Fußknechlen /einem Ilaublman oder
Berelchsman mit gehorſam ſein, wider in /etzen und
in mit bloſſer wehr angreifen wolle, der ſol rom le
ben zum tod gebracht werden.
(2) So einer ein Türkiſches ſchreiben anneme
oder leſe, ſol rom ſlund an niedergehauen werden.
Der aber ein ſchreiben an einem pfeil herein geſchoß
/en oder ſunft gelegt findet, befill ich daß derſelb
ron ſtund an ſeinem Ilaublman zaige, und der Haubt
man es /tracks verbrenne.
(3) Und nach dem man die ſtändt und plätz, wo
ein jeder bleiben und wacht halten ſolle, außtheilen
wirdt: ſo einer auß denen vom Adl oder andern ſei
wer er wöll begriffen wirt, der auſſer ſeines Haupt
mans oder Weida uiſſen und erlaubnuß von ſeiner ſtelle
weichen oder weg gehen würdet, der ſolle ohn alles
ferrer rechten /lracks eruürgel und /lranguliert wer
den. Welcher ein Weib oder Muller hat, dem mögen
ſie Speiß und Trank und andere nolturft auf /einn
ort zutragen, er ſoll aber an ſeiner Stell unterandert
und /lant bleiben. Der aber weder Muller noch Weib
da hat, dem wird man auß meiner Kuchel zueſſen
geben, und ſoll im ſolches durch ſeinen Ilauplman zu
– 16 –

gelegnen und gewiſſen ſtunden geraicht werden. De


nen ſo keinen Wein haben, wird man jedem ainen
lag ein ſeill (das iſt der vierd lail einer Wienner maß)
fumht dem Brodl, Salz und Eſſig gehen. Denen aber
ſo Weiher haben und doch Brols mangeln wollen wir
/chweinen fleiſch und meel das ſie inen ſelbſt bachen
dargeben.
(4) So ir zuren haimhlich mit einander reden und
berathſchlagen, darüher ergriffen würden, ſollen/tracks
gehenkt uerden, und ſo ainer ſolches etwa horte oder
ſehe, und von freundſchaft wegen irer verſchonte und
mit anzaigt, ſoll gleiche /lraf mit inen leiden.
Letztlich (5) der dem andern nur eines hällers
werth flielt, ſoll von ſlund an mit dem ſtrang gerichlt
werden.
Auf ſolche und von mehrer ſorg und aufmerkens
wegen hat der Graf in dem gröſſern ſchloß nechſt beim
thor ein Crucifix ſetzen laſſen, baldt darauf einen Fueß
knecht oder Heidocken, der wider ſeinen Weida von
leder zuckt, am Platz der gröſſern Stat enthaupten laſ
fen. Am ſelben ort auch hat der Graf den Mahmut
Aga (iſt ein Türkiſcher Hauptman) wegen ſeiner groſſen
treuloſigkeit und andere grobe ſchedliche thaten, die
er am weg als er gen Sigeth zogen begangen, köpfen
laſſen; iſt zuerachten, daß er ſolches mehrer forcht und
aufſehen auf in zu haben gethan habe. Nachdem ſolches
– 17 –

vollbracht, hat der Graf allen Edelleuten und Fueß


knechten ſo in der groſſen Stadt gewont befolhen, daß
ſie ire Heuſer abbrechen und niederreiſſen, das ſtro
und heu hinauß tragen und verbrennen, die aber in der
Newen Stat gewont, daß ſie das ſtro undter den tä
chern Weg nemen und in die heuſer legen ſolten, damit
dieſelb Stat, die allein mit holz und zaun umbgeben,
deſto geſchwindter verbrinnen möchte. Als nun der
Graf ſie alle dermaſſen verpflichtet und vereidet, iſt er
mit allen dem Volk und kriegsleuten alda belieben, de
ren, ſo zu der wehr tauglich, waren allenthalben 2300
und etlich, one die weiber und kinder, ſo darunter mit
gezelet worden.
Den letzten tag Julij iſt der Urumeli Beglerbeg
und Akhanſki Waſcha mit 90 tauſent Türken ankU
men, und bei S. Lorenzen, ein meil von Sigeth, ſich
nidergelaſſen; dahin haben ſich auch auß des Türki
ſchen Keiſers leger in die 100 tauſent Türken verfügt,
und von ſtund an noch denſelbigen tag, von morgen
frue biß auf mittag, zwiſchen dem Zaun mit den unſern
geſcharmitzelt, und gegen abent ins Leger zu irer ruhe
wider abzogen.
Den 1. Auguſti haben ſich beide der Beglerbeg und
Abkanſki Baſcha mit den bemeldten 90 tauſent und den
ganzen Türkiſchen haufen alda erhebt, und ſich bei
Simlehoven ein viertel einer meil vom Schloß an einem
2
– 18 –

bergle nit weit von der Sigeter weingarten gelegert,


und am morgen früh zu den Zeunen mit den unſern zu
ſcharmützeln zugerennet, und als ſie von mittag an biß
gegen abent redlich mit einander kempft, ſein viel auß
den Türken erſchoſſen und umbkomen. Auf die weiß
ſein die Türken alle tag dreimal herbei kommen, biß
der Türkiſch Kaiſer auch ſelbſt angeſtoſſen.
Den 5. tag Auguſti iſt der Beglerweg und Abkhanſki
Baſcha ſampt irem Volk von dem gemeldten bühl, den
ſie für den Kaiſer erwehlet und frei gelaſſen hetten, ab
zogen, und ire zelten neben dem ſchloß hinzu aufge
richt. Am ſelben montag auch hat man des Türki
ſchen Kaiſers zelten an den bühl, von dem ſich der
Beglerbeg und Abkanſki Baſcha gezogen hatten, auf
gemacht.
Den folgenden Erchtag!) den 6. Auguſti iſt der
Türkiſch Kaiſer ſelbſt mit dem ganzen übrigen haufen
hinach komen, und denſelben bühl, ſo neben der Sige
ther weingebürg iſt?), eingenumen, ſein Leger da ge
macht und befeſtigt; die andern haufen aber, die legten
ſich ſo dick dem Schloß zu, umb und umb, daß die
zelten und hütten uberall an einander anrüreten, daß
keiner ins Schloß mit komen mocht, den die feindt
*) Bairiſch-öſtreichiſch = Dinstag, ſchwäbiſch Ziestag.
*) Feſsler VII p. 43 ſagt auf den Zstholter und Szemliker
Weinhügeln in der Schuſsweite von Sigeth.
– 19 –

wegen irer groſſen menig mit ſehen kunten. Denſelben


tag hat man bei den Zäunen und rinkmauren allent
halben bis auf die nacht heftig gekempft, und wie die
ſunn untergangen der Kaiſer alles geſchütz, ſo er mit
ſich bracht, abgehen laſſen, die Janitſcharn, ſo auf ſeinn
Leib warten, deren er dann allzeit etlich tauſent an
ſeinem Hof erhelt, ſein von jugent auf zum Krieg ge
wont und die beſten ſchützen, die haben gleichsfals ir
handtgeſchütz abgeſchoſſen, da ein ſolches gedöß und
krachen erſchollen, als wenn es vom Himmel herab
donnert. Darauf ſie durch das ganz Leger dreimal ge
ſchrien Halla (das iſt Gott), und das zu einen zeichen
ires Kaiſers glücklichen ankunft zum Sigeth, die Chri
ſten haben entgegen im Schloß Jeſus geſchrieren.
Den 7. Auguſti haben die Türken auß der ebne
und nebenliegenden feldern die ſchanzkörb mit erden
außgefüllet und zu der Newen Stat voran geſchickt,
dann ein ſchanz oder wall aufgeworfen, den wider mit
graben und ſchütten verſichert, darauf ſie alsbalt das
geſchütz bracht und hindergeſtellt haben, und auf die
unſern, welche hinder den zaun oder gemachten umb
fang der Newen Stat ſich enthielten, ohn unterlas ge
ſchoſſen. Sie kundten aber denſelben tag wegen unſers
groſſen widerſchieſſens nichts außrichten; daſelbſt haben
auch die Janitſcharen, nach dem ſie nahent zum ge
machten zaun herzukomen, gar heftig mit den unſern.
OM
4-.
– 20 –

geſchlagen, und ſein im ſelbigen ſcharmützl von den


unſern nur ainer, irer aber gar viel umbkumen. Diſen
tag hat auch der Graf alle die zeun, gerten und paum
abhawen und verbrennen, und beide ſtatthor, die als
dann mit erden außgefüllt und verſichert worden, zue
ſperren und vermachen laſſen; denſelben abendt und
den nechſten donnerstag hernach haben die Türken fort
an der ſchanz gearbeit, die Janitſcharn aber haben ſich
in die gräben gelegt, und ſich unter denen wällen er
halten, da inen das geſchütz nicht ſchaden künnen.
Den 8. Auguſti, nemblich am donnerstag, haben
die Türken in aller früh angehebt von dreien orten auf
die Neuſtat heftig zuſchieſſen, die Janitſchären haben
gleichsfals nit gefeiert, ſonder an unterlas in beide ſtet
geſchoſſen. Darauf hat der Alli Portuk bei tag und
nacht ein andere ſchanz undterhalb des innern Schloß
nahent bei des Künigs garten, alſo genannt, gerad im
gemöß und ſchloßgraben erhebt und aufgefürt, und die
groſſen ſtück darauf zu ſtellen angehebt.
Den 9. Auguſti am freitag hat gemeldter Alli Por
tuk, welcher dann des Türkiſchen Kaiſers obriſter zeug
maiſter zu land und waſſer iſt, mit fünf mauerbrecherin
und etlichen kleinern geſchütz auf das inder Schloß
geplitzt, und denſelben tag mit dem embſigen und ſtäten
ſchieſſen dahin kumen, daß er auch darinnen den Thurn
Und die Glocken zerſchmättert und zerriſſen hat; dann
– 21 –

er am morgen in aller frü angehebt, biß auf den abent


zu ſchieſſen nie aufgehört; und ob er gleich immer ein
wenig ſtillgehalten, iſt er doch bald wider fortgefarn
und die ganze nacht on unterlas hinein gedonnert.
Wie ſolches der Graf am freitag zum abent ſicht, und
vernimmt, daß ſeiner Leut viel vom geſchütz umbkum
men, hat er gleich mit angehender nacht in der tunkel
die Neuſtatt uber und uber außbrennen laſſen, und ſich
in die alte Statt gemacht und eingeſpert.
Den 10. Auguſti am Samstag haben die Türken
auf die alt Statt von dreien orten anheben zu ſchieſ
ſen, die Janitſcharn aber ſchanzten immer nähmer hinzu,
haben auch alſo etlich geſchütz in die Neuſtat ſo auß
brunnen, als balt gefüert danenher ſie auf die Alt
ſtat ſchieſſen mügen. Denſelben tag haben die Türken
und Aliportuk ein Brucken von ſchüt, holz und ſtau
den, darauf ſie durch das gemöß kumen möchten, zu
gericht, darzu haben ſie groſſe plöcher!), paum und
hölzer tragen, mit denen ſie eins tails vor den geſchütz
bedeckt den weg oder brucken gemacht, und von tag
zu tag näher zum Schloß kummen. Es waren aber die
Türken alle zum höchſten befliſſen, damit ſie dieſe
brucken durch das geſümpf mit erſten fertigten, und

*) Bleche.
– 22 –

hat ſich keiner dieſer arbeit entziehen dörfen, ſonder


haben alle holz und ſtaudeU zutragen, und ein jeder
was daran arbeiten müſſen; darzu haben weder die
Cameln, Saumroß oder Eſel gefeiert, es war die Au
darbei und das ganz Feld herumb uber und uber fol
mit Türken, Cameln, Roſſen, und andern zuetragen
den vieh. Sein alſo an zwaien orten von der Stat an
gegen dem Schloß die brucken zugericht geweſen, und
auf deren jetwedern ein groſſen haufen von holz gelegt.
. Wie ſie nun die brucken mit,erden außgefüllt, gemacht,
und nahendt zu der ſchloßmauern gefürt, haben ſie
etlich thürn wie die blochheuſer mit außgeſchopten
ſecken von woll und werk dahin geſtellt, darunter die
Janitſcharn ſicher ſtunden und dermaſſen auf die mau
ern geſchoſſen, daß ſich keiner auß den unſern dorten
erhalten oder bleiben künnen.
Den 19. Auguſti am montag vor Bartolomei ha
ben die Türken die gröſſer Statt gewunnen und
in iren gewalt bracht. Daſelbſt ſein vil gueter red
licher Leut, die ins ſchloß nit kummen und dem feind
entfliehen mügen, umbracht worden; dann die Türken,
damit ſie inen den eingang wereten, liefen ſie den un
ſern mit groſſer geſchwindigkait biß zur Schloßbrucken
Vor und jagten die jenen ab, derwegen die ſo zeitlich
nit hinein haben kumen künnen, ſein alle darvor nie
der gehawet worden. Darunter war Martinus Bofinack,
– 23 –

Petrus Botoſch) ein Fueßknecht - Weida, und ander


vil redliche und erfarne kriegsleut; auf der Brucken
ſein auch Peter Bath, Blaſi Diak, Georg Mathiaſch ?),
alle Weida oder Fueßknecht - haubtleut, erbermblich
umbkommen. Da iſt auch Mathias Seckſedi Weida mit
einer kugl geſchoſſen worden, darvon er nimmer aufkom
men mügen. In eroberung der Stat haben auch der
Rodovan und Franciscus Dando*), baide Weida, auch
andre namhafte Kriegsleut die zu lang zu erzelen, ir
leben geendet. Wie nun die Statt mit groſſen verluft
und ſchaden eingenummen, dann es waren vil alte
Weida und die beſten leut darinn blieben, haben ſich
die andern all mit groſſen unmuth und traurigkeit ins
Schloß ſampt dem Graven begeben und eingeſchloſſen.
Die Türken aber hetten die ſtatt ſchon mit einer ſtar
ken beſatzung innen, und ſich darein gelegt.
Den 21. Auguſti heben die Türken an von vier
ort auf das Schloß auß groſſen ſtücken zu ſchieſſen,
machen auch dahin zu zween weg oder ſchütt von ftau
den und erden; dann das geſümpf und gräben waren
maiſtes tails außtrucknet und on Waſſer, war nichts
darinnen als laim und lötten.
*) Bei Feſsler M. Bosniák und P. Botos, ſchon unter M. Hor
vaths Führung 1557 erprobte Verteidiger des Platzes. ) Bei Feſs
ler P. Bathay, Bl, Deák, und Mathias Györy (ungariſch Györy
Mátyás). *) Feſsler: M. Szécsödy, Rädván, Fr. Dandó.
– 24 –

Den 26. Auguſti am Montag nach Bartolomei ha


ben die Türken uber ihre geſchütte weg auß des Ali
portukh ſchanz den erſten ſturm aufs inner Schloß
thon, darüber ir viel umbkummen. Die unſern aber
haben inen zwen Fanen abgedrungen und hinein ins
Schloßbracht, daſelbſt auch den Miſerſki Waſcha erſchoſ
ſen; auß dem Ort haben die Türken mit ſpot und ſchan
den weichen müſſen, deren ein groſſe anzal unter der
maur mit ſampt iren ſchaufeln, damit ſie das Schloß
zerreiſſen und abarbeiten haben wöllen, erſchlagen
und erſchoſſen gelegen ſein. Auf diſe weiß haben
die Türken von Montag an alle tag imer zu haftiger
von dreien orten auß der Haſardei und zwaien Polwer
ken (deren eins nahent beim Thor, das ander am Berg
hinan gelegen) 0n unterlaß in das inner Schloß geſchoſ
ſen und groſſen ſchaden gethan.
Den andern September haben die Janitſcharn wider
einn ſturm angelaufen und alſo ins Schloß zu kum
men fürgenummen. Aber ſie haben diſen iren anſchlag
verendert, und bei der nacht die groß Paſteien, die
nächſt am berg gelegen ), zu untergraben angehebt;
und als ſie drei ganze tag ſtreng daran gearbeitt, ha
ben ſie ein ſolchen haufen erden und ſchütt herauß
geführt, daß ein Janitſchar daſelbſt ſicher hin und

*) Feſsler: das Bollwerk, Berg genannt.


– 25 –

wider gehn und gar zum innern zaun, da er einen auß


den unſern auf der Paſteien erſchoſſen, kumen, und alſo
die unſern unter der erden herauf treffen künnen. Da
hin haben ſie nun ein groſſen haufen dürres holz, bret
ter, ſtro und pulver tragen und eingeſteckt.
Den 5. September, am pfinztag!) vor Maria geburt,
haben die Türken die groß Paſteien am gröſſern Schloß
in aller frü anzünt; gleichwol ſie ſelbſt ſtark brunnen,
iſt doch das feur vom windt ſo von mittag gangen je
gröſſer und heftiger und gar ins Schloß getragen wor
den, iſt alsdann in die baum und träm, welche zu beſ
ſerung der gäng an den Rinkmaurn hingelegt waren,
kummen, die verbrent und fort ins Grafen Stal und die
andern wonungen im gröſſern Schloß fortgangen und
alles verhergt. Auf derſelben Paſteien und in demſel
ben feur waren alle des Kaiſers groſſe ſtück geſchütz alſo
geſtelt, daß man von 4 orten on unterlaß daraus geſchoſ
ſen. Darzu haben auch die Janitſcharn mit – – –*) l '
– – – mit bloſſen ſäbl und einer kleinen run-jº
delln hinauß zogen; vor im gieng der Juranitſch mit -9

1) Donnerstag. ?) In dem mir vorliegenden Exemplar fehlt


hier augenſcheinlich ein Blatt. Zur Ergänzung gebe ich Seite 32
aus Abrahami Hossmanni „Hiſtoria der Einnehmung der Haupt
Feſtung Sigeth in Ungern u. f. w.. Magdeburg 1617“ eine Dar
ftellung des fehlenden, welche auch in Feſslers Geſchichte der
Ungarn und ihrer Land/a//en VII, 55–59 wiederklingt.
– 26 –

dem hauptfanen, die andern aber von huffärn und knech


ten, die noch uberbliben, giengen im alle nach, haben
alſo auf der prucken mit den Türken zu ſchlahen ange
hebt. Am ſelben Ort haben die Janitſcharn den Grafen
an dreien orten geſchoſſen und getroffen, da er auch
von dem Schuß, ſo er in Kopf empfangen, gefallen iſt.
Wie das beſchehen, haben die Türken flux dreimal
Halla das iſt Gott geſchrien, die unſern aber ſein wider
zuruck ins inner Schloß geflohen !). Die Türken haben
inen heftig nachgeſetzt und mit grimmen nachgedrungen,
ſein alſo mit groſſen gewalt und anlauf ſambt inen ins
Schloß hinein gefallen und geloffen.
Dieweil war die inner, auch die Rinkmaur, allent
halben vol mit Türken, da hinab ſie die unſern mit
ſtangen und maurſtainen ſchlugen und wurfen und gar
ein ernſtlichen ſtreit hielten. Diſe alle, außgenummen
die etwa mit Türkiſchen kappen oder heublein bedeckt
und alſo darvon geſtolen worden, haben ſie umbracht,
kinder und weiber aber haben ſie all bei leben behalten
und gefangen weckgeführt; das haben aber die Janit
ſchärn maiſtes tails und vilmehr als die andern Türken
gethan. Wenn ſie einem ain gefangnen nit nemen kun
ten, haben ſie im den unter den henden nidergeſäbelt.

*) Hiervon erzählt weder Feſsler noch wie es ſcheint ein andrer


Geſchichtsſchreiber.
– 27 –

An ſelbem ort des Schloß war es mit Todten Chriſten


und Türken Cörpern ſo voll, daß kainer der ins Schloß
kummen oder darinnen umbgehen wollen, anderſt als
uber die toten gehen und auf ſie treten müſſen. Es
war auch auf den mauren des innern Schloß ein ſollicher
haufen von toten leuten, daß ainer leicht bluet genug
het ſchopfen mögen. Wie ſie nun die Chriſten alle
hinauß geführt, und die Türken beide Schlöſſer, das groß
und klain, ſambt den gemächten maueren und höfen
innen hätten, iſt das feuer zum pulver, welliches in ein
gewelb in thurn des innern Schloß gar an der erden
behalten wardt, kummen, und die alten Zimmer, die im
indern Schloß warn, von grundt auß erhebt, zerſtoſſen
und zerworfen, und ſein in dieſen feuer viel Türken
vom pulver und den gemeuer erſchlagen und erſtoſſen
worden. Und wie die Türken ſelbſt ſagen, ſollen allein
an ſelben Ort irer mehr als in die 3000 ains tails durchs
feuer, ains tails von gemeur, ſtain und dachzieglen über
fallen und erſchlagen ſein und umbkummen; den von
diſes unfals und ſchadens wegen iſt ein groß geſchrei
und klagen durch das ganz leger gangen, dann einer
bewainet ſeinen Vatern, ainer ſeinen Sun, der dritt ſei
nen bruder.
Den tag hat der Janitſcharn obriſter den Graven,
ſo ſchon tot war, den kopf abhawen und dem Türkiſchen
Kaiſer fürtragen laſſen. Aber der Obriſt Baſcha Machmet
– 28 –

ſambt den andern Viſir Baſcha iſt mit ſöllicher liſtigkeit


umbgangen, daß weder auß den unteren Wäſchen noch!)
Begen jemands, viel weniger die Janitſcharn oder das
ander Kriegsvolk, ires Kaiſers todt innen wurden. Welli
cher doch zuvor den 4. tag September nach mittag
umb eins an dem Ort Siclohof genandt, ein viertel meil
von Sigeth neben der Sigether weingarten gelegen, ge
ſtorben war, biß daß Sigeth nun eingenummen war, und
er des Kaiſers Sun Selimum derwegen ſchon gewarnet
hat; und damit fölliches gar nit außkäm, hat Er Mach
met Baſcha den doctor, ſo dem Kaiſer auf ſeinen leib
gewartt und curiert, bei der Nacht, damit er ſeinn
Todt nit ausſchwetze, haimblich umbbringen laſſen.
Hiezwiſchen als der Kaiſer tot war, het er nichts we
niger alle tag aufblaſen laſſen und mit drometen und
andern Muſicaliſchen Inſtrumenten hofieren, auch Speiß
kochen und auftragen laſſen, als ob er noch bei leben
were. Aber nach ſeinem todt iſt ein groß ungewitter
und ſtarker windt entſtanden, wellicher alle des Kaiſers
zelten nider geriffen, und die als wolte erſ mit ſich fü
ren, umbkehrt; der iſt auch durch das ganz Türkiſch
leger und gar zu des Machmet Baſcha Sokolowitſch
zelten fortgedrungen, alles hey und ſtro, ſo er im leger
gefunden, erhebt und hinweckgefürt. Zu der zeit auch

*) Im Texte nach.
– 29 –

hat ſich etwas Wunderlichs zuetragen: dann die Thonau.


unterhalb nahendt bei Tulna!) ſo trüb, ſo löttig?) und
ſandig geweſen, daß die in dreien tagen nit lauter wor
den, oder man ſich des Waſſers, wie es die Türken und
die Burger von Tulna ſelbſt geſagt, weder zu kochen,
waſchen oder trinken gebrauchen mögen.
Den 8. September am Suntag unſer frawen tag*) hat
man des Graven kopf,. ſambt andern ehrlichen Sigether
köpfen, an ein ſtangen nit hoch von der erden ge
ſteckt und ein ſtainwurf von des Kaiſers zelt aufgeſtellt;
darneben umbher ſein auch die Sigethiſchen Fahnen mit
umbgekerten ſpitzen in die erden geſteckt geſtanden.
Alſo iſt denſelben ganzen tag des Graven Haupt am
ſpieß geſehen worden, denn die Türken hetten kain
ruhe, ſonder haben ohn unterlaß das gedachte Haupt
des Graven, auch der ander kriegsleut köpf, ſo all auf
einen haufen zuſammentragen worden, beſchawet und
daſelbſt zu beſehen hinzukummen. Einen jedlichen Tür
ken auch, der aines Sigethiſchen Kriegsmans kopf zu
des Kaiſers oder an ſeiner ſtatt zu des Machmet Baſcha
zelt getragen, dem hat man zehen ducaten geſchenkt
und geben. -

Den 9. Septembris am Montag frü hat der Mach


met Baſcha Sokolowitſch, des Kaiſers Ayden *) und
1) Tolna. *) lettig, leimig. *) Nach Feſsler u. a. fand Zrinys
Ausfall und Tod an Mariä Geburt d. i. 8. Sept. ſtatt. *) Eidam.
– 30 –

Obriſter Rath, des Grafen von Serin kopf, ſeinen Bru


dern Muſtafa Sokolowitſch Baſcha zu Ofen dahin gen
Ofen zuegeſchickt. Wie er den empfangen, hat er im
in ein ſeidentuch eingewicklet und mit einer reinen
leinbat bedeckt und bei zwen Bauern gen Raab in un
ſers Kaiſers leger abgefertigt.
Davon iſt der durch Balthaſarn Batſchani mit groſſen
trauern und klagen gen Tſchakaturn!) gefürt und
da in S. Helena Cloſter, in der gruft da ſein erſte
Haußfrawe Catharina von Frangepan ſeliger gedöchtnuß
mit zwaien Sünen und einer Tochter eingelegt iſt, be
graben worden. Deſſen Seel wölle der Almechtig Gott
das ewig reich in ſeinen Himmel verleihen!

Die Grabſchrift an des Herrn Graven Niclaſen


von Serin grabftain zu Tſchakhaturn.
Dem Hochgebornen Niclaßn von Serin, des Tor
quali ſchweſter Suhnn, welcher, von Kayſer Carl den
fünfften, nach entſetzung der Statt Wienn, Darumben
das er als ein Junger viel redliche thaten bewiſen hat,
mit einem ſchönen Roß vnnd Gulden ketten begabt, der
ſein manheit bey Ofen vnnd Peſt mit groſſen Ehren
erzaygt, der dem Banamdt der 3 Khönigreich Kraba
*) Csáktornya auf der Mur-Inſel zwiſchen Mur und Drau.
– 31 –

ten, Dalmatien und Windiſchlandt ), auch dem 0briſten


Mundſchencken ambt in Hungern mit groſſer fürſich
tigkeit vorgeſtanden, der bayder Rhömiſcher Khayſer,
Ferdinand vnnd Maximiliani des andern, di3halb des
Donauſtrams Obriſter Craiß Haubtmann geweſ, der ?)
die feindt ſo offt uberwunden geſchlagen, gefangen,
vnd veriagt hat. Letzlich in der unglückhafftigen vnnd
erbärmdlichen eroberung Sigeth, Welliche Weſten er
wider ein vnzelliche menig des Türkiſchen Kayſers
Solimani kriegsuolck, mit jrem mercklichen ſchaden
vnd niderlag, lenger als ſein vermögen war, aufge
halten, vnd beſchirmbt, da die geiſl der ganzen Welt
ſelbſt der Solimanus ſein geiſt aufgeben müſſen gar
herrlich vnd Rümblich vmbkhummen, Dem Ritterlichen
vnd in kriegs ehren berumbten, vnnd vnüberwuntnen
Haubtman, der bey den gantzen Landt woll erdient,
iſt diſer Stain zu gedächnuß geſetzt worden.
Hat gelebt 48 Jar iſt geſtorben den 7. Septem
ber im Jar 1566.

Die Zal der umbkumnen Türken.

Es ſein aber zum Sigeth, wie es der Janitſchärn.


haubtman von Ofen, als er auß dem leger gen Ofen
zug, zu Tulna erzelt hat, der Türken zu roß 18 tau
') Slawonien oder Wendenland f. ob pag. 3. *) Im Text den
– 32 –

ſent, der Janitſcharn 7000, welliche mit einander ma


chen 25 tauſent man, umbkumen, und diß ſein allein
die in die Regiſter eingeſchriben, on die andern gerin
gen leut und die nit eingeſchriben geweſen. Von den
fürnemſten aber iſt der Miſanſki!) Baſcha, der Alipor
tuk Baſcha Cäpitſch (das iſt des Kaiſers Obriſter Camrer)
und der Baſcha Haßnadar (das iſt ſein Schatzmaiſter)
umbkummen. Auß den Begen oder Haubtleuten ſein
gar vil erlegt worden, deren zal man nit waiß; den
ſie halten wenig darauf und ſprechen, es ſein nur ſein
des Kaiſers gefangene und künftige knecht. Aber das
iſt gewiß, daß eine groſſe menig Türken umbkummen
iſt, dan es kaum zuſagen, wie vil ir von den ſtäten
ſchieſſen der Sigether getroffen und in der eroberung
nider gehawt findt. So ſein auch unzellich vil toter
uberall in graben gelegen, daß es ein grauſam ublen
geſtank wie weit gemacht hat.

Ergänzung zu Seite 25.


Aus Abrahami Hossmanni Hiſtoria der gantz Kleg
lichen vnd erbermlichen Einnehmung der Treflichen
Haupt-Feſtung Sigeth in Ungern – auß vielen be
werten richtigen geſchicht-Schreibern, wie denn auch
auß der Türken eignen Scribenten verzeichniſſe, Doch
*) Lies Miſer/ei.
– 33 –

vornemlichen aber auß der groſſen Handbeſchriebenen


Chronica, ſo zu Wien in der Käyſerlichen Bibliotheca
verwahret, hin vnd wider mitfleiß zuſammen gebracht.
Zu Magdeburg bey Johan Francken, Anno 1617.
Fol. 15. Darauf man denn alles geordnet, was
FP von nöten ſein mögen, und von neuem zum Sturm ge
rüſtet, auf folgenden Tag, welcher der 6. Herbſtmonats
geweſen, und wiewol dieſes ein rauher Sturm, doch ſeind
ſie von denen in der Beſatzung abgetrieben, und haben
mit Verluſt eines und des andern Theils nichts geſchafft.
Letzlich den 7. Tag haben ſie den letzten angelau
fen, der ſchröcklich geweſen, und mit groſſer Macht,
ſo viel müglich, und ſeind lange zwiſchen Hoffnung und
Furcht geſtanden. Dieſer Sturm hat lange gewähret,
und in dem hat Graf Niclas von Serin eines tapfern
Hauptmanns und mannliches Kriegsoberſten Ampt voll
f bracht, mit anmahnen, fürſehen, hin und widerlaufen,
ſtreiten, und verſäumbt ihm ſelber und den Kriegsleuten
nichts, und that mehr, denn er ihm ſelbſt vertrauete.
Derhalben, als er geſpüret daſs der Feinde Geſchütz die
Gebäu der Feſtung angezündet, ward er von dem Ernſt
getrieben, gedachte wol, daſs er ſich nicht länger dar
innen könnt aufhalten. Darumb befahl er ſeinem Cäm
merer Herrn Franzen Scherenk!), daſs er ihm ein

*) Ungariſch Cserenkö d. i.: Tſcherenkö.


– 34 –

ganz ſammetes Kleid!) holen ſollt, und thät darnach


zu den Kriegesleuten, die damals noch bei ihm waren,
dieſe kurze Rede: Jetzund bedarf ich nicht einer ſchwe
ren Kleidung, ſondern muſs mich gering anthun, in
welcher ich mich ohne Verhinderung hin und herbe
geben und ſchützen möge. Er thät demnach auch
Verordnung; daſs man ihm ſeinn Hut geben ſollt, von
Sammat, mit Gold eingewirkt und gezieret, welchen
er auf Hochzeiten pflegte zu tragen. Daran war an
geheft ein fürtreffentlich ſchön gülden Kleinod, und in
der Mitten im fördern Theil ſtunde ein köſtlicher Demant,
mit einer ſchönen Reiger-Federn geſchmückt. Zu dem
ließ er auch herfürbringen einhundert Hungeriſche Du
caten, unter denen er doch kein Türkiſche Münz haben
wollt: welche als ſie nun der Kämmerling gebracht
hette, ſchnid er alsdann den ſeiden Rock von einander
und thät das Geld unter die Baumwoll, darmit er gefüttert
geweſen, ließ das Loch wieder vermachen, und ſagte
darnach zu den ſeinigen alſo: Ihr ſollt aber wiſſen,
daſs ich dieſes derowegen gethan habe, auf daſs, wenn
mich etwa einer unter den Feinden oder Mördern mei
ner Kleidungen berauben würde, daſs derſelbig nicht
ſagen möge, er hätte bei mir keinen Raub noch Ge
winn gefunden. Und uber ſolches alles verſchuf er

*) Leichtes Gewand von Seide – Feſsler.


– 35 –

auch, daſs ihm der Kämmerling die Schloſsſchlüſſel ge


ben ſollt, welche allezeit, dieweil die Feſtung belagert
ward von den Feinden, er in ſeiner Gewalt gehabt hat.
Und als er die empfangen, legt er ſie von Stund an in
den Rock zu den 100 Ducaten, und redet die ſeinen
auf ſolche Geſtalt an: Ihr mögt mir in der Wahrheit
gläuben, ſo lange ich dieſe Fauſt gebrauchen und
bewegen, und mit dieſem Schwert das Leben werde
beſchützen können, daſs niemand mir dieſe hundert Du
caten und Schloſsſchlüſſel ſoll hinweg nehmen. Wenn
ich aber geſtorben, ſo mag dieſelbigen behalten der
jenige ſo ſie bekommen wird, /intemal ich zu Gott im
Himmel geſchworen und ein Gelübd gethan habe, daſs
zch mich nicht wolle dnrch der Türken Läger führen
laſſen noch ein Urfach ſein, daſs die Kinder auf mich
zeigen ſollen.
Endlich hat er ſeinem vorbemeldten Cämmerer be
fohlen, daſs er ihm ſeine Säbel mit Gold und Silber
gezieret ſollte dargeben, welche als er einn nach
dem andern verſucht gehabt, hat er aus vieren einen,
der noch ſeines Vaters geweſen, erwöhlet, ſprechend:
Das iſt eins aus meinen alten Schwertern; mit dieſem
Schwert habe ich vor allen andern Ehre, Ruhm und
Lob erworben, und alles das/o ich habe damit bekommen.
Und mit dieſem Schwert will ich itzund alles das,
welches Gott der Herr mit ſeinem gerechten Urtheiß
3“
– 36 –

wider mich verordnet hat, mit /tandhaftem Herzen lei


den. Damit nahm er den Säbel in die rechte Hand,
trat aus ſeinem Gemach, und ließ ihm einen Schild
oder runde Tartſchen nachtragen. Und wollte ſich mit
keinem andern Waffen, weder mit Harniſch noch Helm,
verwahren, mit Vermeldung, Gott der HErr werde wahr
haftiglichen auf dieſes Mal ſein Beſchützer und Beſchir
mer fein; er wolle auch durchaus nicht aus Sigeth ent
gehen und darvon fliehen, ſondern alle Sachen mit ſtand
haftem Herzen, wie es Gott ſchicken werde, aufnehmen
und geduldig leiden. - -

Darauf kam er in den Hof oder Platz des innern


Schloſſes und fande daſelbſt alle redliche Kriegsleut, -

Reuter und Fußknecht, bereit ſein, die denn bedecket


mit Harniſch, Helm und Schilden, auch mit bloßen
ausgezogenen Schwerten, mit willigem und bereitem
Gemüth, ſeiner warteten. Und als ſie vermerkten, daſs
die Feſtung von den Flammen, die in keinerlei Wege
mehr kunnten ausgeleſcht werden, gänzlich verzehrt
ward, und wol gedachten, daſs ſie von wegen des großen
mächtigen Feuers und Rauchs nicht länger möchten in
derſelben verharren: da hat der edle und theure Graf
Niclas von Serin ſchier auf folgende Meinung,
alſo daſs er von jederman leichtlich könnt verſtanden,
vernommen und gehört werden, auf dem Platz des
Schloſſes angefangen zu reden und geſagt:
– 37 –

„Ihr meine lieben Brüder und dapfern Kriegsleut,


jetzund ſehen wir alle zugleich vor Augen und befin
den es in der That, wie Gott im Himmel uns mit der
Brunſt heimſucht und ſtraft, mit dem Feuer überwin
den und zwingen uns unſre Feinde. Zwar es würde
uns der Türken Macht und großes Krieges-Heer nicht
ſo faſt ſchaden können, als ſtark uns das Feuer zu
unſerem merklichen Verderben jetzt zuſetzt. Nichts
deſto weniger aber ſollen wir dieſe Strafe, uns von
dem Allmächtigen Gott verordnet, mit geduldigem und
dankbarem Gemüth gern annehmen. Denn mit dieſer
Züchtigung hat er uns nicht allein unſer Sünden
halben, ſondern auch von wegen der Laſter, damit
die ganze Landſchaft Sigeth beſchrieben iſt, alſo wol
len heimſuchen und ſtrafen. Mu gedenke ich, daſs
ihr noch in guter friſcher Gedächtnuſs behalten habt,
wie ich euch vormals mich verbunden, und ihr auch
gleichesfalls mir mit einem Eidſchwur theuer verſpro
chen, daſs wir allhie bei einander leben und ſterben
wollten. Wie wir dann auch, bis auf dieſe gegen
wärtige Stunde (Gott dem HErrn ſei ewiges Lob ge
ſagt) ſolches recht und wol gehalten haben, und auch
in ſolcher Beſtändigkeit bleiben wollen. Wir ſehen
jetzund alle öffentlich vor Augen, daſs wir an dieſem 0rt,
ob wir ſchon gern wollten, nicht länger können ver
harren. Dann es/eind unſer wenig, und werden vom
– 38 –

Feuer aufgetrieben, haben kein Proviant mehr, und


/terben euch euer Kinder und Weiber für Hunger und
Durſt. Warumb wollten wir dann alſo muthwillig im
Feuer verderben? Ei ſo laſst uns, ihr ritterlichen
Kriegsleut, in das auswendige Schloſs friſch treten
und mit den Feinden männlich und tapfer ſtreiten,
und wenn wir gleich ſollten umbkommen, werden wir
doch bei Gott ohn allen Zweifel ewiglich leben; ich
will der erſte fortziehen, folget ihr mir nur tapfer
nach, ich will bei euch halten und euch nimmermehr
verlaſſen, ihr redlichen Kriegsleut!
Als er dieſes ausgeredt hatte, da rufet er dreimal
mit heller Stimme den allerheiligſten Namen JEſu an,
und uberantwortet das Kaiſerliche Pannier dem Herrn
Lorenzen Juranitſch, einem edeln tapfern Crabati
ſchen Edelmann, daſs er ſolches vor ihm tragen ſollte:
thät demnach das Thor des Schloſſes auf, und ließ eine
Carthaunen mit vielen Kugeln geladen unter die Tür
ken los, ) und erſchlug damit ihrer ein ziemliche Anzahl,
daſs (wie der Türken eigene Scribenten bezeugen) durch
dieſen Schuſs uber dreihundert Türken tot geſchoſſen
worden, unter welchen ihr viel der vornehmbſten ge

*) Feſsler VII 58: Marcus Szerecsény will die Karthaune ab


feuern, doch früher fällt er durch einen Büchſenſchuſs zu Boden.
Schnell ergreift Georg Horváth die brennende Lunte u. ſ. f.
– 39 –

weſen. Darnach trat er mannlich auf die Brücken, und


hielt ſein Schwert und Schild in den Händen und folg
ten ihm die ſeinen, welcher nur 5 Hundert noch ubrig
waren (wiewol Budina in ſeiner Hiſtoria, die er hievon ge
ſchrieben, nur etwas weniger dann zweihundert meldet).
Allhie hat der edle Graf ritterlich geſtritten, wollte
ſich nicht ergeben, ungeacht die Türken ſchrien, er ſollt
ſich gefangen geben, damit ſie ihn lebendig in ihren
Gewalt bringen möchten. Indem er nu unter den Fein
den mit tapferm ſtreiten ſeine Mannheit zu verwundern
gibt, wird er mit einem Spieß an die Bruſt geſtochen,
doch hat er den Schmerzen verborgen, daſs die andern
darob nicht das Herz entfallen ließen, bis zuletzt, daſs
er am Haupt ubel beſchädiget, auch von Janitſchären
mit drei Kugeln getroffen ward, da iſt er endlich tot
zu Boden gefalleU.
Es haben aber deswegen die ſeinen vom ſtreiten
nicht abgelaſſen, doch nicht mehr denn Widerſtand thun
mögen wie zuvor; derhalben zuletzt Sigeth mit allen
denen ſo lebendig darinnen blieben erobert worden,
welche wenig Tage hernach, ohne die man wegſchicket,
mehrentheils jämmerlich ertötet u. ſ. f.
– 41 – -,

II.
Von dem Grafen und theuren Ritter
Nicolaus von Serin,
wie er ſo ritterlich in Hungern geſtritten und gefochten
hat wider den Erbfeind den Türken
(Nach Fr. L. v. Soltau, Einhundert deutſche hiſtor. Volklieder S. 419).

Wie gerne wolt' ich ſingen,


So ficht mich trauren an;
Ich weiß nit zu verbringen,
Jedoch kann ichs nit lan.
Herr Gott, dir thu ichs klagen
Den jammer und die noth,
So ſich vor wenigen tagen
Neulich hat zugetragen –
Laſs dichs erbarmen, Gott!
2
Als man zählt fünfzehnhundert
Sechs und ſechzigſten jar,
Hat ſich der Türk verwundert
Mit einer großen ſchar
– 42 – -

Uns Chriſten zu bekriegen


Mit rauben, mort und brand –
Wolt Gott ich ſolt es liegen,
Es wurd mir leicht verzigen,
Wolt leiden dieſe ſchmach.
3.

Ziget, die wol erbauet


Und auserwölte veſt',
Vor der dem Türken grauet, -
Bewart aufs allerbeſt',
Darinnen iſt gelegen
Graf Niclas von Serin
Mit manchen künen degen, «

That großer manheit pflegen,


Nach ehren ſtund ſein finn.
4
Unſerm Chriſtlichen Kaiſer
Hat er ein eid gethan,
Als ein alter und greiſer
Wolt er den feind beſtan, f
Die veſtung nit aufgeben -
Dem Türken in ſein gwalt, ?
Vilmehr darwider ſtreben
Dieweil er hat ſein leben
Als irs werdt hören bald.
– 43 –

5.

Im Auguſtmonat ſpate
Im vorgemeldten jar
Berennt der Türk die ſtatte
Mit gwalt und großer ſchar,
Mehr dann dreihunderttauſend
Bracht er gerüſt ins land,
Hat darin ſchröcklich ghauſet,
Drob manchen Chriſten grauſet,
Wenn ſolches wird bekandt.
6.

An Sant Johannistage
Der enthauptung gewiſs
(Iſt wahr, wie ich euch ſage)
Der feind ſich merken ließ:
Ziget wolt er gewinnen,
Auf den tag hant er glück,
Das mocht ihm nicht zurinnen;
Der Graf ward ſolchs bald innen,
Er merkt ihm auf ſein dück.
7

Der Türk den ſturm anfinge


Auf den gemeldten tag;
Was alles da erginge,
Ich nit erzälen mag,
– 44 –

Mein herz iſt mir gar ſchwere,


Wenn ich gedenk daran;
Der Türk wüt grauſam ſehre,
Man ſchuſs hinaus je mehre,
Noch wolt er nicht abe laI.

8.
In ſturmen hat verloren
Der Turk gar manchen mann,
Der Graf ſo wolgeboren
Hat ihm den ſchaden gthan,
Mit ſeinen fromm'n lanzknechten,
Die wagten leib und gut,
Sie ſtunden bei dem g'rechten
Und thäten mannlich fechten
Aus ritterlichem muth.

9.
Auch thät der Graf vermanen
Sein treue kriegsleut frumb,
Sie ſolten bei ihm wonen
Und ihm nit fallen umb;
Bald haben ſie geſchworen
Zuſammen einen eid,
Die ſtadt war bald verloren
Der Graf ſo wolgeboren
Stund des in großer leid.
– 45 –

10.
Nach dem thät er bald rucken
Ins inner Schloſs hinein.
Aut zug man die ſchlagbrucken,
Das Türkiſch heer gemein
Thät ihm gwaltig nachdringen;
Erſt ſtellt man ſich zur wehr,
Die püchſen hört man ſingen,
Die kugl und ketten klingen,
Verdroſs den Türken ſehr.
11.

Man thät gewaltig ſchießen,


Viel Türken kamen umb,
Dennoch ſie nicht nachließen –
Es war ſehr groß die ſumb.
Der Türk mit gwalt thät treiben
Sein volk zum ſturm hinan;
Wer wolt dahinten bleiben,
Den ließ er gar entleiben,
Sie muſsten alle dran.
12.
Da nun der Graf vername
Wie es ihm wird ergehn,
Kein hülf ihm auch zukame:
Mocht er nicht lang beſtehn,
– 46 –

Wolt er umb gnad nicht werben


Bei dem Türkiſchen hund,
Der ihn dacht zu verderben;
Drumb wolt er lieber ſterben,
Eh ſein lob gieng zu grund.
13.
Zu leſst ruft er zuſammen
Sein kriegsvolk in der ſtill,
Sprach: wer in Chriſtus namen
Bei mir verharren will,
Sein leib und leben wagen,
Der glob mir an aufs neu,
Mit dn feind wölln wir uns ſchlagen!
Da theit ein jeder ſagen,
Sie wolten halten treu.
14.
Nach dem ſtellt er ſein ſachen
Fröhlich in Gottes hand,
That ein ſchlachtordnung machen,
Es nahet ihm ſein end.
Dem feind zog er zuwider
Und ſtund ſelbſt voren dran,
Er ſtach manchn Türken nider,
Alſo wehrt ſich ein ieder
Bis auf den letzten mann.
– 47 –

15.
Der Türk het ihr beim leben
Gern gfenglich gnommen an,
Doch woltr ſich nicht ergeben
Der theur ritterlich mann.
Gleich wie ein löw er ſtunde
mit ritterlichem muth,
Sein leib ward ihm verwunde,
Zwen ſchuſs er wol empfunde,
Da vergoſs er auch ſein blut.
16.
Endlich iſt er gefallen,
Hat ſein geiſt geben auf,
Mit ſeinn kriegsleuten allen.
Der feind ſchickt bald hinauf,
Ließ die veſten erkünden,
Ob noch kriegsvolk drinn wär,
Wor zween oder drei ſie funden,
Alſo hat überwunden
Der Türk das Chriſtlich heer.
17.
Auch iſt der Graf gefunden
(Wie ich vernommen hab)
Verſehrt mit mancher wunden;
Sein haupt ſchlug man ihm ab,
– 48 –

Der Türk gen Raab es ſchicket


Zu unſerem Kaiſer gut;
So bald er das anblicket,
Sein herz im leib verſtricket,
War traurig ungemuth.
18.
Das haupt gar wirdiglichen
Ließ er begraben ſchon,
Es klagt noch arm und riche
Den werden ritters mann.
Sein ritterliche thaten
Breiſt man durch alle land,
Bei fürſten, potentaten,
Bei biſchof und prälaten
Wird ſein lob hoch erkannt.
19.
Chriſtlich und weltlich herren,
Habt keinn vertruſs daran;
Diß lied ſing ich zu ehren
Dem werden ritters mann.
Hilf Gott, daſs werd gerochen
Sein ritterlicher tod!
Sein treu hat er nie gbrochen,
Des ſei lob ihm geſprochen –
Gnad ihm der Ewge Gott!
III.

Obsidio Sigetiana,

Der Sturm auf Sig eth oder


die

Zr in i a d e.
Ungariſches Heldengedicht des 17. Jahrhunderts
VON

Niklas Graf Zriny dem Jüngern. .

Theils in Ueberſetzung, theils in Inhaltsangabe.


Er ſt er Geſang,
(1) Ich der icheinſt im Jünglingsmuthe bang
das ſüße Lied der Liebe laut geſungen,
mit Violas grauſamem Sinn gerungen:
jetzt fing ich lauter Mars gewaltgen Sang,
(2) das Schwert, den Helden ſing' ich, ders
- gewagt,
dem Zorn des großen Suliman zu ſtehen,
dem Suliman ins Antlitz feſt zu ſehen,
vor deſſen Arm Europa bang gezagt.")
(3) O Muſe, die du trägſt den Ehrenkranz
nicht aus des Lorbers welkenden Gezweigen,
die du die Himmelskrone nenneſt eigen
aus Sternenflimmer, Mond- und Sonnenglanz!
') In genauer Nachbildung der Reime und Maße der Urſchrift
würden dieſe Strophen etwa lauten:
(1) Ich der vor dieſer Zeit im Jünglingsmuthe bang
der Licbe ſüßes Licd zum Spiel der Leier ſang,
der ich mit Violas herzloſem Sinne rang:
jetzt fing ich kühner noch des Mars gewaltgen Klang,
(2) die Waffenwehr, den Helden fing' ich, ders gewagt
dem Zorne Sulimans zu ſtehen unverzagt,
des großen Suliman, der hoch ob allen ragt,
in deſſen Feſſeln lang Europa wehgeklagt
– 52 –

(4) Du keuſche Mutter deines ew'gen Herrn,


du Magd des Sohns, um den du viel gelitten!
Zu deiner Gnade ſteigen meine Bitten,
hochheil'ge Königin in Himmelsfern'!
(5) Gib daſs ich ſinge, was mit ihm geſchah,
der einſt für Chriſti Namen kühn geſtorben,
der nimmer um der Erde Glanz geworben;
drum ſtarb er auch, ſein Geiſt iſt allen nah.
(6) Wo nur die Sonn' erſteht und wandelt, laut
erſchalle ſtets ſein Lob aus Ungarmunde!
Ja lernen ſollen ſie's, die Heidenhunde:
nicht ſtirbt – nein ewig lebt wer Gott vertraut!

(7) Vom Himmel ſah Gott auf die Erd' herab;


mit einem Blick durchmuſtert er die Lande,
zumal der Ungarn: des Geſetzes Bande
zerſprengten ſie, das ihnen Chriſtus gab.
(8) Er ſah des Ungarn ſchnöden Wankelmuth:
denn Gott verſchmähend fröhnt er nur den Götzen,
darauf allein bedacht, den Gaum zu letzen
mit üppger Koſt und dunklem Traubenblut.
(9) Nichts gilt ihm Chriſti heil'ger Name mehr,
nichts mehr ſein Blut, für unſre Schuld vergoſſen;
der guten Werke Reih' hat er geſchloſſen,
nicht gibt dem Alter er die ſchuld'ge Ehr'.
– 53 –

(10) Vom Himmel wendet er ſich höllenwerts:


viel ſchlechte Sitte, laſterhaftes wollen,
Meineid und Unzucht, ſchelſuchtsvolles grollen,
Diebſtahl und Mord – nichts andres füllt ſein Herz.

(11) Da wandte ſich zum Zorn Sein heil'ger Mund,


Erzengel Michael heiſcht er zu holen;
und alſo hat er finſter ihm befohlen,
als nun der Engel vor dem Throne ſtund:
(12) Sieh dort des Skythenvolks Halsſtarrigkeit,
wie ſie der guten Ungarn Art erließen:
des Wortes Predigt haben ſie mit Füßen
getreten, und im Glauben ſich enzweit.
(13) Du ſelbſt betrachte jetzt die Chriſtenwelt,
ob beſſer nicht du findeſt eine Menge!
Vom Sythenlande – jenen war's zu enge –
rief ich ſie her, zu meinem Volk erwählt;
(14) von Shylhien her, wo lange ſie gelebt –
uie Judahs Söhn' einſt aus Aegyptenlande:
mit kräftigem Arm ſchlug ich den Feind in Bande,
es fiel durch mich wer ihnen widerſtrebt.
(15) Ins Milch- und Honigland Pannonia –
ins Ungarland hab' ich ſie hergeleitet,
/tels über ſie die Segenshand gebreitet,
ſie hoch erhöht, in allem war ich nah.
– 54 –

(16) Und Helden/inn ward ihnen auch zu theil –


zehn andre mag ein guter Ungar wiegen.
So zogen ſie von Siegen ſtets zu Siegen,
wie Slaub vorm Winde floh der Feind in Eil.
(17) Ich gab, daſs ihnen Jeſu Wort erſcholl,
daſs ſie durch ihn den Chriſtenglauben fanden:
manch heil'gen König ſchenkt' ich ihren Landen,
ich ſchenkte Frieden, Ehren, ruhmesvoll.
(18) 0 herhes Wort! Für alles das ich hat
undankbar wagen ſie's mich zu verlaſſen;
/ie fingen an Gott, ihren Goll, zu haſſen,
von mir gewandt zu ihrem eignen Ralh.
(19) Ach daß ich ſo viel ihnen gab, mich reut's –
ernährt' ich nicht an meinem Herzen Schlangen?
Doch einſt gedenk' ich ihrer, daſs ſie bangen;
es kommt der Rache Zeit, es kommt das Kreuz.
(29). Drum auf Erzengel! zu der Hölle fleug,
der grimm/len Furien eine wähl und ſporne
ſie hin zu Sultan Suliman, im Zorne -

wälz’ er auf Ungarns Volk ſein Kriegeszeug!


(21) Und alſoſehr höh’ ich der Türken Macht,
daſs ſie den Ungarn ſtürzen und verderben;
ſo lange ſoll im Joch ſein Wacken /erben,
ſo lang er ſeines (olles Nicht gedacht.
– 55 –
(22) Ich hör' ihn nicht, und ob er zu mir /chreit,
und ſeiner Drangſalsplagen will ich lachen,
will taub mein 0hr nicht leihen ſeinen Klagen,
nicht mit dem Auge blicken auf ſein Leid.
(23) Und iſts der ſchweren Strafe nicht genug:
drei – viermal zehn Geſchlechter ſoll ſie währen;
und wenn ſie zeitig nicht zu mir ſich kehren,
ſo ſchweb’ ob ihnen ewiglich mein Fluch!
(24) Doch nähren jene wieder Reu‘ im Sinn:
zum Leben führ' ich dann vom Tod der Sünden.
Weh Türke! Du ſollſt dann den Zorn empfinden:
noch lebſt du; kehren ſie, dann biſt du hin.
(25) Zu flehn begann Erzengel Michael,
für's Recht die Gnade ihnen zu erwerben:
Herr, ſoll der Fromme gehen ins Verderben,
vernichtet werden um der Schlechten Fehl?
(26) Zur Antwort Gott der ewigheil'ge ſpricht:
Geſchaffner, meinen Rath willſt du ergründen?
mein groß Geheimnis – dir foll ich es künden?
Dein Ohr vernähm's, dochfaſſen magſt du's nicht!
(27) Zu meines Zornes Dienrin gehe hin,
die nimmer nichts bewältigt auch im Tode;
Erleichtrung bring ihr als ein froher Bote,
drum eile zu erfriſchen ihren Sinn.
– 56 –

(28) Nichts mehr erwidert Gott der Engel drauf,


er breitet durch die Luft die Stralenſchwingen,
daſs ſchnell und ſchneller rauſchend ſie erklingen,
und ſucht Alekto in der Hölle auf.

(29) Ein Schlangenquell ſträubt ſich ihr Haar empor,


es binden hundert Feſſeln Hand und Füße,
vom Auge triefen blutgen Eiters Güſſe
und Schwefeldampf ſtrömt aus dem Schlunde vor.
(30) Die Furie löſt der Engel alſogleich
mit Gottes Kraft, und ſpricht zu ihr die Worte:
Alekto! Gott befiehlt von dieſem 0rte
dich flugs zu ſenden in der Türken Reich.
(31) Dort in des Sultans Buſen ſchleiche du,
Entflammung ſeines Zornes neu zu ſchaffen,
gen Ungarn ſoll er ziehen ſein Gewaffen,
vernichten Macht und Reich in einem Wu.
(32) Die Furie jauchzt, ſie fliegt zur Höll' hinaus,
ins Türkenreich läſst ſie den Flug ſich tragen;
ſchon iſt ſie da, wo Stambuls Kuppeln ragen
um Mitternacht, und ſchleicht in Sultans Haus;
(33) und daſs ſie ſichrer noch ihn hetz' und ganz
der Schreckenstraum die Seele ſein erfülle,
borgt ſie von Selims Geiſt die Schattenhülle
(er war im Leben Vater Sulimans).
– 57 –

(34) Mein Sohn, du ſchläfſt? iſt ihres Worts Beginn,


haſt du vergeſſen Gottes reicher Milde,
wie er dir Kraft verlieh nach ſeinem Bilde
und vollen Schatz und Rath und Heldenſinn?
(35) 0 ſchlummre nur, und ſchaue nicht um dich,
welch Wetterwolken Karl ) in Ungarn türmet;
und haſt du zeitig nicht dein Thor geſchirmet,
fie dringen bis ans Bett dir ſicherlich.
(36) Glaub meinem grauen Haar; des Landes Mark
erreichen ſie und werden dich vertreiben,
verſäumſt du ſie bei Zeiten aufzureiben;
denn ſind ſie einig nur, ſo ſind ſie ſtark.
(37) Noch unterhandeln ſie: drum laſs die Friſt
zum handeln ihnen nimmer vom Gedanken.
So that ich, als die Mameluken ſanken,
bezwang Kampſon?), bezwang der Syrer Liſt.
(38) Steh auf den Säbel von der Seite zieh;
auf Ungarn führ', das irrende, die Krieger!
Mit dir bin ich: wohin du gehſt, als Sieger
mit immerwacher Treue leit ich ſie. –
*) Bruder und Vertreter Maximilians in Ungarn. *) Eigentlich
Kanßu Ghawri, Sultan der Mameluken, fällt 1517 in der Schlacht
bei Merdſch Dabik. Dieſe und die ſpäteren Namenangaben nach
der Ausgabe der Zriniade von A. Greguſs, Pest 1863.
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(39) Nach Perſien ziehen – thöricht war's von dir,
viel tapfre Helden alſofern zu ſenden:
was das Geſchick uns nicht erlaubt zu enden,
will Gott uns lehren – hör' ſein Wort in mir!
(40) Viel Leiden hat mir Ismaël gebracht,
doch mich zu brechen war ihm nimmer möglich;
alſo verurſacht Leid dir Tamma täglich,
beraubt in Liſt dich deiner Heeresmacht.
(41) Allein den Ungar zwingſt du jederzeit:
zwir rüſten nicht für Kriegeszug der Ferne;
ſo nahe bleichen nicht des Glückes Sterne,
da zweifle nicht: der Sieg iſt uns bereit.
(42) Glaub nicht, den Ungarn helf' ein ander Land!
olehre mich die närriſchen Hunde kennen:
ſo lange nicht die eignen Mauern brennen,
löſchen ſie nicht des Nachbarhauſes Brand.
(43) Drum zage nicht, mein Sohn! Du ſollſt mich
- ſchau'n
hatfreich im Geiſte dir zur Seite ſchreiten,
ja Mahomed wird ſelbſt dich fürder leiten:
darnach, mein Sohn, muſst du dem Glücke trau'n.
(44) Alſo zum Sultan ſprach das Höllenweib
und ſtreift die Schlange ſich vom runden Arme,
daſs ſie im Pfühle Solimans erwarme:
ſchon ſchlüpft ſie hurtig um des Schläfers Leib.
– 59 –

(45) Vergiftend alles gleitet ſie zur Bruſt


von ſeiner Schulter, von der Bruſt zum Herzen,
entzündet’s ihm mit wüthendgrimmen Schmerzen,
und dennoch wälzt er ſich in Zornesluft.

(46) Fröh fleugt Alektofern in duñkle Nacht, *

da ſie des Sultans Zornglut neu geſchaffen.


Doch der ſpringt auf und Waffen ruft er, Waffen!
beinäh von Sinnen duröh Alekt0s Macht.

(47) Laut ruft er aus: Der du zu kühner Thät


mich ſporneſt, zu gewaltger Kriegesreiſe!
Mehr als ein Menſch biſt du, ob du die Weiſe
des Menſchen nachgeahmt in Red und Rath.
(48) Bereit iſt Sulimane er zieht von hie,
wohin den Feind du bannſ, mit Feuermuthe:
des Roſſes Huf bad' ich in Chriſtenblute,
und Stadt und Burg – in Aſche ſtürz' ich ſie.
(49) Er ſteht vom Bett auf, es befiehlt ſein Mund:
es eil' ins Lager jeder Führer dannen.
Timär und Begſchaft ſtellt erlesne Mannen,-
ſo vielen er durchs Amt befiehlt zur Stund.

(50) Daſs zu Adrianopel Ende Mai


das Heer beiſammen ſei vom ganzen Lande!
der Tſchäus eilt im ſchneeigen Gewande
und jede Schar gebietet er herbei.
5“
– 60 –

(51) Sein gutes Roſs beſteigt nun Suliman,


zum Diwan heißt er ſchnell die Führer eilen,
und auf der Höh', wo ſich die Gärten theilen,
hebt er zu ihnen ſo zu reden an:

(52) Paſchas, Weſire, Stützen meinem Thron!


die über meine Völker weit ihr ſchaltet,
mit euerm Schwerte mir das Reich erhaltet,
beſieget die dem Islam ſprechen Hohn!
(53) Betrachtet jetzt bei uns der Sachen Stand!
In Trägheit darf nicht unſer Reich erſchlaffen;
der Diwan hält nicht, was das Schwert geſchaffen –
Schwerter und Helden will das Vaterland!
(54) So überwinden wir der Chriſten Macht;
ſie die den Schoſs wohl ſchneller zahlen mögen,
eh ſie auf uns den Heldenſäbel zögen:
ſo ſei des Islams Nam' zur Ehr gebracht.
(55) Noch aber ſind es wenge, die wir ſehn
uns kühn die Zähne weiſen voll Verblendung.
Die Thoren! Beſſer wär's, ſtatt Ueberwindung
zu leiden, ihre Ohnmacht za geſtehn.
(56) Die Ungarn ſinds, die ohne König ſind
(wie oft im Sturm ein leckes Boot geſunken),
/eitdem die Walſtatt Ludwigs Blut getrunken:
ſie ſchau'n ſich noch nach vielen Kronen blind.
– 61 –

(57) Ich leugn es nicht: wär' eins das Reich und ganz,
wol machte dann ein Schwert in Ungarhänden
viel Sorg und Kummer uns, ſie möchten blenden –
vielleicht vernichten unſrer Krone Glanz.
(58) Doch Allahs Geißel iſt es, die ſie ſchreckt:
nicht mögen ſie mit Rath und Liebe dienen
einander; Geiz und Haſs herſcht unter ihnen,
vom Nebel iſt der Krone Glanz bedeckt.
(59) So woll'n wir flehn zu Allahs Gnade jetzt,
daſs er den Kampf um Ungarn laſſ" gelingen.
viel leichter werden dann wir Tamma zwingen,
wenn wir den Ungarn erſt zu Tod gehetzt.
(68) Ich ſchwör' es euch bei dieſes Mondes Stral,
bei Gott dem lebenden, bei meinem Schilde :
daſs nächten Mahomed in Selims Bilde
mir insgeheim dieß alles anbefahl.
(61) Auch ſchreibt von 0fen Arslan der Weſſir,
ich dürfe zweifeln nicht an meinem Siege.
Seht da den Brief, und daſs er keinen trüge,
lies laut ihn, Schreiber ſieh wir horchen dir.
(62) Der Türkenſchreiber nimmt und lieſt den Brief:
Dein Sklav Arslan, o Herr der Siegespfade!
von Ofen Hauptwe/fir durch deine Gnade,
grüßt unterthänigſt und verneigt ſich tief
– 62 –

(63) Bericht vom Chriſtenvolk verlangſt du ſehr?


ſie nahen mehr und mehr des Abgrunds Flammen:
Landtag auf Landtag rufet Karl zuſammen,
und dreht des Glaubens Sache hin und her.
(64) Ein Heer iſt nicht hereit, und wie ein Marr
denkt er nicht dran, wie wankend ſei der Frieden,
und bei den Ungarn wohnet MaT zufrieden,
und iſst und trinkt, in Hul der Sorgen baar.
(65) Sie kümmert nicht des Vaterlandes Pflicht;
ſie haſſen jeder jeden wie die Hunde:
nicht einer der vom Krieg beſäße Kunde,
und hält er ſie – die Feldherrn litten's nicht.
(66) Wenn jeder Sieg fern deinen Namen trug,
jetzt iſt die Zeit dich neu mit Ruhm zu krönen.
Mög' Ungarn bald von Giaurenblute ſtrömen,
- mög' man erſchaun der Leichenhügel gnug.
(67) Als ſie gehört nun was da ſchrieb Arslan,
vornehmlich ihres Kaiſers feften Willen:
da wagt nicht einer feinen zu enthüllen,
und laut preiſt jeglicher den tapfern Plan. –
(68) Nicht lange ſpäter nahn aus Afia
yOn fernen Meeres Strande viele Scharen:
Vom Aſoffmeer unzählige Tataren,
geſendet von dem Chan PrekOpità ).
---

*) Chan von Perekop.


– 63 –

(69) Ihr Feldherr war der junge Déliman,


der Sohn des großen Hám,") des großen Fürſten:
vieltauſend Schützen die nach Blute dürften,
wol hunderttauſend tapfre führt er an.
(70) Leichtfüßig ſchnell wie Ueberſchwemmungsflut
bricht er daher, den Tod in beiden Händen:
dem Roſs nur traut er, Pfeil und Sper verſenden.
nur mag er, und verſchmäht der Brander Glut.
(71) Die Leute ſagen: als einſt Déliman
her zog des Landes Städte zu durchwandern,
ſchaut er im weißen Galata vor andern
Kumilla ſchön, gezeugt von Suliman.
(72) Ihr glänzend Haargeflecht umſchlang das Herz
des Helden, ihres Auges Stral verwundet -

es alſo, daſs es nimmermehr geſundet:


ach ohne ſie ſchien alles Leben Schmerz.
(73) Nun kehret er, mit Scharen auserwählt,
voll Kummers wie die Jungfrau zu erlangen. –
In herber Teuſchung war er, weh! befangen,
denn Ruſtem Beg war längſt die Maid vermählt.
(74) Nun ſchleicht er kummervoll umher ohn' Ruh,
vom Auge ſtrömen ſtets die Thränenquellen;
das Herz erſtarrt zu Eis wie Bacheswellen,
als deckt ihn lebend ſchon die Erde zu.
) Großchan.
– 64 –

(75) Behüt', o Ruſtem, deine Schritte gut:


nach deinem Tod lechzt er in Wolfeswüthen,
dem Schmerz vermag er nimmer zu gebieten,
- er ſucht die Sättigung in deinem Blut.
(76) Fünf Fähnlein folgten, die man weit und breit
als teufelgleiche Krieger lange kannte. -

Adrianopel wars wohin ſich wandte


die Sarazenen ſchar, erprobt im Streit.
(77) Ein jeglich Fähnlein zählt ſechstauſend Mann,
mit drei'n auf einmal wagt es jeder Streiter:
das Roſs dem Vogel gleich, und drauf der Reiter
raſch wie ſich kaum der Vampyr wenden kann.
(78) Nach Perſien zogen die einſt hin: ihr Sper
traf König Ludwig blutend im Gefilde.
Ein Held war jeder, aber weder Schilde
gewährten Schutz, Harniſch, noch andre Wehr.
(79) Vor ihnen reitet her Amiraſchén
in ſchwarzer Rüſtung ſelbſt, auf ſchwarzem Roſſe.
Hoch ragt er aus des ganzen Heeres Troſſe
auf ſeinem Karabul, der Sarazen.
(80) Man ſagt, das Roſs ward in Arabia
aus gutem Stamm gezeuget von dem Winde –
und glaublich wär's, da nimmer ſo geſchwinde
man je den Wind noch Feuerflammen ſah.
– 65 –

(81) Amiraſchen folgten der Führer drei:


von des Olindus Witz wär' viel zu ſagen
und ſchlauem Sinn: drum ward ihm übertragen
vom Sarazenenheer der vierte Theil.
(82) Der zweite kam vom weiſen Mémet Häm!)
dem König Syriens, Hamviv än zu nennen,
vom Syrerland auch und den Sarazenen
der dritte kam, der grimme Demir Häm#)
(83) Der Demir Hám, des Stärke nimmer fand
in allen Landen einen ſeines gleichen:
denn ſeine Fauſt entwurzelt mächt'ge Eichen,
ja ſeiner Fauſt erlag manch Elephant.
(84) Der Bruder Demir Häms nun, Alderan:
er war's der Speiſe gab des Heeres Leuten,
der jedes Mannes Traum verſtand zu deuten
und auszulegen Mahomeds Korán.
(85) Der Mamelukenſcharen nahten viel;
ſie waren ohne Führer aufgebrochen –
ihr Herr war Suliman ſeit wenig Wochen,
ihr Vaterland das weite Thal am Nil.
(86) Es führt ſie Kaier Beg, *) den Suliman
trotz Paſcha Mehmed Junnus auserkoren
zu ihrem Führer: denn in Angſt verloren
trug jener ihm das große Amt nicht an.
*) Mehmed Chán. *) Demir Chán. *) Kahir Beg.
– 66 –

(87) Bei Tommen!) lehrte ſie den Heldenmuth


und Vogelgleich hinfliegen auf den Roſſen:
verſchiednen Stämmen Waren ſie entſproſſen,
doch einte ſie des klugen Führers Hut.
(88) Nach dieſen hatten ſich in Reihn geſtellt -
im reichen Silberpanzer die Tſcherkeſſen;
wohl funfzigtauſend waren's vollgemeſſen:
Baſtarner*), Geten, Sintſcher*) mitgezählt.
- (89) Die Führer hatten ſelber ſie gewählt,
Paſcha Aigäs*) gehorchten dieſe wieder:
ihn prieſen nicht umſonſt die Kampfeslieder,
denn manches Volk hat der dem Tod vermählt.
(90) Es folgt der Sagataren *) Volk ſo kühn
aus Skythenlandes innrem; alle waren -

Koranbekenner; von der Türken Scharen


ſchied ſie allein des Kriegsgewandes Grün.
(91) Ameiſen gleich zog dieß Volk über Land,
ſie ſtunden wie die Mandeln im Gefilde:
weit blitzten Pfeil und Säbel und die Schilde,
und hohe Wimpellanzen ſchwang die Hand.
(92) Nie träf man wol in ſolchem Heereszug
nicht ein Volk wenigſtens das ſie beſiegten: -

vielmehr, wohin ſie ihre Schritte richten,


da wendet hin ſich ihres Sieges Flug.
*) Beg Tuman. *) Barſchten, wol Baſchkiren. *) Sendſchier,
Sarazenen. *) Ajas. *) Dſchagatai, öſtliche Türken.
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93) Als die dem Halbmond drohten dichtgeſchart,


da war ſein Stolz wol nahe tiefem Falle;
doch unſrer Laſter wegen ſind ſie alle
VOn Gott zu unſrer Geißel aufgeſpart.
(94) Den Türken ſchlug den Skythe Tamurlán,
Chan Bajaſid hat lebender gefangen.
Da mocht uns Wol Vor Gottes Allmacht bangen:
als Spiel ſieht er der Menſchen Treiben an.
(95) Nicht einer iſt der je die Skythen ſchlug,
noch ernſtlich ſie bedroht mit ſcharfen Waffen:
zwar Mithridat macht ihnen viel zu ſchaffen,
dach ſag mir ob zu End'ers brachte klug.
(96) Wo hörten ſie vom allgewaltgen Rom,
doch ſahn ſie nur von weitem ſein Gebaren.
Iskander") auch, der große, hats erfahren,
- am Felſen brach ſich ſeines Heeres Strom. –
(97) Das ganze Heer umfah'n der Lager vier,
für jedes zwanzigtauſend auserkoren:
befehligt jegliches von einem Mohren, 4

Lehel und Turantſchén und Uldair.


(98) Wer zählte wol der Wogen Zahl im Meer?
wer rechnet nach des Harzwalds Blättermenge?
Der dem die Mannen Sulimans gelänge
einſtmals zu zählen und ſein furchtbar Heer.
) Alexander, von den Arabern als al Exander aufgefaſst.
– 68 –

(99) Wer nur vernahm mit Heeresaufgebot


zieht auf die Chriſten Suliman der Große,
eilt, daſs er zu des Kaiſers Banner ſtoße,
und jeder freut ſich auf des Gjaurén Tod.
(100) Jenſeits des Indus wohnt kein Türke mehr,
noch geben ſie dem Kaiſer Zoll und Steuer:
doch kommt Atapalik von dorten heuer,"
der Chriſten Tod zu ſehen kommt er her.
(101) Wo aber ſenkt ſich dieſer Wolke Wucht?
In welchen Erdenwinkel bricht ſie nieder?
Der, gegen den dieß Heer ſich wendet wieder –
vor Gottes Zorn ergreif' er ſchnelle Flucht.
(102) Der Wolken Flug gleich zogen über Land
in Eil' die Kriegerſcharen aller Zungen:
nicht Aſiens Volk zu zählen wär’ gelungen,
noch die Europa in den Kampf geſandt.

Zweiter Geſang.
(1) Beg Arslan, Ofens Fürſten, ward gebracht
die Mähr, der Bund ſei wie ers wünſcht gebrochen.
Er denkt: Verzug iſt ſchlimm in allen Sachen,
doch mehr noch ſchadet Faulheit in der Schlacht,
– 69 –

(2) Wol manche Pläne kreuzen ſich in ihm,


doch weiſe Prüfung fehlte den Gedanken.
Drum widerſprach er ſich in ſtetem ſchwanken,
drum geht es ihm in allen Dingen ſchlimm.
(3) Viel Scharen zieht er, auf des Herſchers Wort,
zuſammen, neue Gnaden zu erjagen:
recht viele Gjauren hofft er zu erſchlagen,
und zu erobern feſter Burgen Hort.
(4) Sein Wort iſt offen: jeder kennt den Plan,
denn ſeine Prahlerei verräth ihn allen;
Bald – meint er – ſei Burg Palota gefallen:
um Georg Turis Kopf ſei's dann gethan.
(5) So ſammelt er ſein Heer zu einem Schlag,
ein jeglicher den Säbel an der Seite;
ins Lager kommen täglich neue Leute,
zehntauſend Säbel zählt ein kurzer Tag.
(6) Mit dieſem Heer wird Palota berannt,
mit vieler Feuerkunſt und viel Geſchützen;
er ſäumet nicht mit ſeinen Pulverblitzen
zum Angriff auf des More Schanzenwand!).
(7) Doch Turi ſchämt ſich hinter Felſenwand
verſchanzt zu ſein: im Lager wär’ er gerne. –
Der Leu auch bleibt dem Kampf nicht lange ferne,
wenn ihn der Jäger in der Höhle fand.
*) Ein von Ladislaus Moré aufgeführtes Bollwerk. Feſsler
VII, 36.
– 70 –

(8) Wild ſpringt er vor, bricht manchen Sperés Schaft


wie morſches Holz, des Jägers Arm zerbeißt er,
Inach überall gewandt; das Netz zerreißt er: –
So ſtraft den Türken Turis Leidenſchaft.

(9) Er hinterläſst Befehle wie's gebührt,


ſtürzt mit zweihundert aus der Feſte Thoren:
der Türken Reihen gilt es zu durchbohren,
ſchon ſanken viel vom Todesſtreich berührt.
(10) Sie ſchliefen all' in feſter Zuverſicht
('s war Mitternacht) und ſchnarchten gar bequeme;
daſs ſolcher Dinge Muth den Ungarn käme
und Turi ſelbſt – das dachte keiner nicht.

(11) Kurt Aga war geſtellf zunächſt der Burg


er war's der hier ſein Zelt verwegen ſpannte,
die Schanze rings mit Janitſchar’n bemannte:
doch Georg Turi ſtürmte kühn hindurch.
(12) Zweihundert Türken faſt ſind in der Zeit,
eh Aga Kurt aufſpringt, zu Tod geſunken:
beim Abendimbiſs hatt' er viel getrunken,
auf Turis Tod geſchworen manchen Eid.
(13) Nun ſpringt er aus der Thür mit bloßem Schwert,
Beiſtand von Arslan wagt er noch zu hoffen;
bald hat ſein Ruf der anderh Ohr getroffen,
doch denen war das eigne Leben werth.
= 71 =

(14) Zu Pferde ſpringen wollte ſchon der Held,


das Lager Arslans fliehend zu gewinnen:
da nahet Blaſi Tót, und jagt ihn hinnen,
raſch plündert Ungarhand des Türken Zelt.
(15) Im Schlaf den Tod fand mancher Janitſchar:
vom Schlaf zum Tod nicht hätte weit die Seele.
Der Wein ſpritzt vielen aus der vollen Kehle,
ſo zahlt den Lohn der Trunkenheit man baar.

(16) Von den dreihundert kommen fünfzehn Heinh;


Arslan Weffir zu bringen trübe Kunde.
Der faſſet kaum das Wort aus ihrem Munde;
dann ſprengt er fort, zweitäuſend hinterdrein.
(17) Schon in der Feſt iſt Turi ungeſäumt,
drum traf Arslan den Thäter nimmer dorten.
Viel Türkenleichen trifft er an den Pforten,
die Leiber tot, die Zelte leergeräumt.
(18) Ins Lager kehrt er eilig zornesroth;
laut rufet er zu Mahom dem Propheten;
im Staube woll’ er Turis Leib zertreten,
dieß Opfer ſühne dann Kurt Aga's Tod.
(19) Und als der Morgenröthe linde Pracht
mit Thau und neuem Licht die Erde ſchmückte
mit neuer Lebensluſt die Welt beglückte:
hat ſie, o Arslan, dir nur Leid gebracht.
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(20) Schleunig zerſtören drum den Moreturm


will er im Zorn, ihn machen gleich der Erde;
laut ſtößt er in ſein Horn und ſpringt zu Pferde,
auf die Baſtei bereitet er den Sturm.

(21) Er ſchlürfte täglich von dem giftigen Mohn,


der Chriſten Blut noch grauſer zu verſchwenden:
nichts konnt' er klug beginnen noch vollenden,
von Opiumſaft berauſcht am Morgen ſchon."
(22) Vampyr und Dieb ſchmäht er vor allem Troſs
den Kapitan, ſamt andern Hohnesworten.
Die Antwort ſpei'n ihm Turis Feuerpforten
im Nu: zuſammen ſtürzt ſein edles Roſs.
(23) Und floh er zu den Seinen nicht zurück,
ſo traf ein zweiter Schuſs des Roſſes Reiter:
mit Schimpf entrann in Windeseil’ er weiter,
das iſt der Trägheit wolverdient Geſchick.
(24) Vom guten Feldherrn wird der Wein veracht
ſamt anderen berauſchenden Getränken:
will er den Siegesruhm, muſs er bedenken
wie er ſich und die Seinen nehm' in Acht.
(25) Was ſcheidet denn vom dummen Thier den Mann
der ſich von Klugheit trennt in eignem Willen,
der lieber mag den Kopf mit Weine füllen,
der gut und ſchlecht nicht unterſcheiden kann?
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(26) So war Arslan, von Wein und Mohnesſchaum


betäubt, vor'm nüchternen beſiegt geſunken.
Kurt Aga war dahin, er ſelber trunken,
ſo taumelt er, und gehen konnt' er kaum.
(27) Auf die Baſtei nun ſchaut er thränenheiß:
zweihundert Krieger ließen hier ihr Leben;
noch ſchirmen immer Palota zwei Gräben,
gegraben auf des Kapitans Geheiß.
(28) Auch zwei Kanonen raubt ihm jener Tag,
Durmiſch den Bruder bei dem zweiten Sturme.
Zehn Tage zählen ſchon ſie vor dem Turme
nur Niederlage, hoffnungsloſe Schmach.
(29) Voll Angſt war Luftis Aga auch; das nahn
des Chriſtenheers vernahm er voller bangen );
ſchnell brach Arslan nun ab der Zelte Stangen,
und floh davon, voll Angſt man möcht' ihn fah'n.
(30) Das war der wilde Sturm auf Palota;
ſo endet Arslans Zorn, des grimmen Helden.
Nur gute Poſt blieb Turi zu vermelden
dem Kapitan: nun herſchte Friede da.

*) Lutfi-Deli, von Arslan auf Kundſchaft nach Papa aus


geſandt, bemerkt von weitem 300 Wagen im Bakonywalde, mit
Bauholz beladen und 1200 Mann Bedeckung; hierauf meldet er
ſchleunigſt zurück, das ganze Chriften heer komme zum Ent
ſatz. Feſsler a. a. O. Hiernach iſt Hammer P. Geſch. d. Osm.
R. III, 437 zu berichtigen.
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(31) Am 10. tag im St. Johannesmond )


hat Stambul Sultan Soliman verlaſſen:
ſein Heer verödet reicher Städte Gaſſen,
der Fluſs wird leer, der Berge Höh entthront.
(32) Ein ſchwarzer Hengſt war's den der Kaiſer ritt, –
kein Maler möcht' ein ſchönres Bild vollführen –
den Boden ſiehſt du nie den Fuß berühren,
ſo leicht hebts Huf um Huf im Wechſelſchritt.
(33) Roth trat hervor des großen Auges Rund;
auf ſeiner Stirne lag das Haar beiſammen;
aus ſeinen Nüſtern züngelten die Flammen,
und wie der Springquell ſprühte Schaum der Mund,
(34) Stolz hob der Nacken ſich zum Kopf hinauf:
im Winde flog die kurzgefranzte Mähne;
die Bruſt dem Elenn gleich; die trockne Sehne
wohl überträf den Hirſch im eil'gen Lauf.
(35) Fromm trug es ſeinen Reiter, hörbar kaum;
doch wenn das Zeichen ihm vom Mann gegeben,
flogs, wie der Falke den die Schwingen heben,
wie ſchnell das Eichhorn huſcht von Baum zu Baum.
(36) In Sattel ſaß der große Kaiſer ſtarr,
das Haupt mit weißem Linnenbund umwunden;
drin Reiherfedern wol zwei Reihen ſtunden;
ſein Antlitz bleich, und greis des Bartes Haar.
) Nach Feſsler 31. März, nach IIammer Purgſtall 1. Mai
– 75 –

(37) Die Hasdia ſchwebt von ſeinem Arm herab


mit Gold geſtickt, der Dolmán über'm Kleide;
Aegyptens Schwert hängt drohend ihm zur Seite –
dem Griechenkaiſer nahm Cs Mußa ab.
(38) Furchtbar und finſter ſandt' er ſeinen Blick:
wol ſah man's daſs ihn drückte Sorgenſchwere,
daſs er nur dacht' an Glut und Waffenwehre,
dem Chriſtenvolke drohend Misgeſchick. –
(39) Nach ihm und vor ihm dichter Spere Wald,
weithin das Land bedeckt von Kriegerſcharen:
vor allen doch der Zug der Janitſcharen,
wie Ameishaufen bunt und mannigfalt.
(40) Doch zwiſchen Zug und Zug gewahreſt du
zahllos Geſchütz, ſtark, Felſen zu durchbohren;
viel Mörfer, durch die mancher ſchon verloren
ſein Leben: Pulver, Kugeln, Blei dazu;
(41) gewaltge Taue, mancherlei Geräth;
Bretter und Klammern, Brücken draus zu ſchlagen,
ſamt Eiſenkatzen und beſchlagnen Wagen: -

Ali Portuk an ihrer Spitze geht. -

(42) Sodann der Pferde viel mit reichem Zaum,


Kamel' und Mäuler neben ihnen rannten;
ſamt Büffeln, Eſeln und ſechs Elefanten, -
auch dieſe boten manchem Krieger Raum.
– 76 –

(43) Voran dem Kaiſer auf zwei Meilen geht


die Schar der Hodſchas!), Geld auf jedem Pfade
den Armen ſpendend, daſs von Gottes Gnade
ſie Sieg ihm ſchafften durch ihr Dankgebet.
(44) Die Wahrheit ſag' ich; höret drum auf mich;
ob Suliman auch feind war unſren Fahnen,
ob Heide auch: nie rühmten die Osmanen
ſonſt je ſich ſolchen Herſchers ſicherlich.
(45) Und weiter ſag' ich kühnlich dieſes noch:
bei allen Heiden auf dem Erdenrunde
ward nimmer ein ſo weiſer Held gefunden,
der überall ſiegreich das Land durchzog.
(46) Klugheit und Ritterſinn ziert ihn zugleich,
der Schlachtendrang vornehmlich den er erbte;
wenn nicht die Grauſamkeit ſein Herz verderbte:
er wär’ der größt' auch in der Chriſten Reich.
(47) Doch als er ſeinen eignen Sohn?) erſchlug,
da hat ſein Herz er ganz erkennen laſſen;
da fing ſein eignes Volk ihn an zu haſſen –
die Liebe Roxas*) bracht' ihm dieſen Fluch.
(48) Nie hat das Glück mit Suliman geſpielt
wie mit den andern; mocht's ihn auch beladen
mit Heersverluſt und andrem Kriegesſchaden:
auf ihn den ſtarken war's umſonſt gezielt.
1) 63 an Zahl. *) Mustafa, hingerichtet 6. October 1553.
*) Roxelane, eine Ruſſin, als Sultanin Chaſſeki Churrem, † 1558.
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49) Nicht rohrgleich ſchwankt er; wie der Felſen ſteht


ſo ſtand er wogumwühlt im wilden Meere.
Ob auch das Glück ihm Sieg auf Sieg gewähre,
nie ward er ſelbſtvertrauend aufgebläht.
(50) Solch Herr und Heer naht unſerm Vaterland,
es drohten uns ſo finſtre Wolkenſchichten,
nicht Ungarn bloß genügend zu vernichten,
nein – drin die ganze Welt ihr Ende fand.
(51) Iskanders Heer hat ſoviel nicht gezählt,
und doch blieb es in Oſt und Weſten Sieger.
Nie hatte Rom ſo viel gewaltge Krieger,
und machte ſich zur Herrin doch der Welt.
(52) Wol eilt auf ſeinem Wege Suliman:
ſchon war der Weg bis Weißenburg durchflogen,
von Andrinopel aber war gezogen W

Petraf!) voraus, zu greifen Gyula an.


(53) Es war Petraf der Neffe Solimans,
und von Morea Beglerbeg; ihm waren
unzählig Fußvolk?), ferner Janitſcharen
4000 zugezählt zum blut'gen Tanz.
(54) Von vielen Tauſend °) ward der Ort berannt,
ſein Lager ſchlug Petraf auf in den Gründen:
der Sturm begann aus 40 Feuerſchlünden
auf jener Feſtung weiße Felſenwand.
*) Auch Pertaf, Pertev. *) Wörtlich: 25000 Lanzen. *) 32000.
–=-78 –=

(55) Keretſcheni war drinnen Kapitan,


untauglich nun zu ſolchem Amt befunden.
Er übergab die Stadt den Heidenhunden,
die Schande that er ſich und Ungarn an.
(56) Hin iſt fein Ruhm nun, da in gutem Muth -
den Trug er nicht in Petrafs Eiden ſpürte,
bis mit den andern ihn gefangen führte
der Türke, fern in ew'ge Kerkerhut").
(57) Ein Thor, wer glaubt was ihm ein Türk ver
ſpricht,
ein größrer Thor, wer ihm vertraut ſein Leben;
die Sünde würd' ein Türk ſich nie vergeben,
daſs einem Chriſten er das Wort nicht bricht.

(58) Schlag auf in Ungarns Chronik jedes Blatt,


die alten, byzantiniſchen Jahresbücher:
und du wirſt fehn: nie hielt ein Türke ſicher,
was einem Chriſten er verſprochen hat.

(59) Indeſſen eilt der Sultan fürderhin!


Wem ſoll er nächſten Untergang bereiten?
Es wendet ſich ſein Geiſt nach zweien Seiten:
ſoll er auf Erlau 0der Sigeth ziehn?
') Siebzig Tage lang hatte fich Ladislaus Kerecsény tapfer ge
halten, da verzweifelte er an der Kaiſerlichen Hülfg und ergab ſich.
(60) In Sigeth ſtand der weltberühmte Held
Zriny, von Max ernannt zum Kapitane,
fürs übrige Croatenland zum Bane.
Der iſt es nun, von dem die ß Lied erzählt.
(61) Nicht einmal nur hatt' er des Türken Kraft
erprobt, in vielen Schlachten ſie geſchlagen;
es wuſste jeder Türk von ihm zu ſagen,
der ihnen oftmals Schand' und Schmach geſchafft.
(62) Die Türken zu verderben gnügte ſchon
das eine Wort: es naht des Zriny Haufe.
Wie vor dem Wind die Wolke eilt im Laufe,
fo lief der Türk dann heimatwerts davon.

(63) Gott war's von dem er ſolche Macht empfing,


wie Sand zerſtob vor ihm der Feinde Dreuen;
wol wuſst' es Gott, wie er ihm dient in Treuen,
– drum ſegnet er ihn auch in jedem Ding.
(64) An einem Morgen – wie er immer thät
/ ſo oft die dunkle Nacht begann zu fliehen –
lag Zriny vor dem Kreuz auf ſeinen Knieen,
und ſeinem Mund' entquoll ein fromm Gebet.
(65) Hochheil'ger Gott, barmherzigkeilerfüllt,
Beiſtand in allerfeſte
du unbeſiegbar Moth, die und
Wehr mich Waffen,
betroffen! g

du einge Hoffnung, meine Burg und Schild!


– 80 –

(66) Neig mir dein Ohr vom Himmel blau und hell,
vernimm mein Flehn, laſs deine Huld dir rathen
und handle nicht mit mir nach meinen Thaten,
nein ſchöpf" aus der Barmherzigkeiten (uell.
(67) Haſt du mich nicht geformt aus Erdenkloß?
aus Mutterſchoße kam ich /ündbeladen:
Du macht/t mich rein davon aus lauter Gnaden,
dir dank' ich alles des ich je genoſs.
(68) Ein Grafenland das ausreicht gabſt du mir,
gabſt mir ein tapfres Herz: ich bin geehret
vor aller Welt; haſt ohn. Verdienſt gemehret
der Güter Zahl, die ich erhielt von dir.
(69) Doch mein Verdienſt – wie iſt's gering und klein!
/oviel der Schwalbe Mund vermag zu faſſen -

gegen des 0ceanes Flutenmaſſen –


/o ſchwach iſt's im Vergleich der Gnade dein.
(70) Wie bin ich gegen dich – ach undankbar,
und täglich geb' ich Urſach neuer Strafe.
Herr, wecke mich aus meiner Sünden Schlafe,
waſch mich im Geiſt: denn ich bin ſchmutziggar.
(71) Gedenke nicht der Väter /ündenvoll,
vergiſs der Sünden all, der blutigrothen:
dich preiſt der lebende, nicht nur die toten,
und bringen Ehre dar und Dankes Zoll.
– 81 –

(72) Achſorg' – o Herr – doch, daſs dem Türkenhund


der Zahn ſich ſtumpfe, unſers (laubens Feinde;
denn allen, die der Chriſtenglaub vereinte,
zu ſchaden /innet er von Herzensgrund.
(73) Und wenn wir's auch verdienen: gib – o Gott –
nicht zu, daſs uns dein Zorn zu Boden werfe:
daſs gegen dich ſie kehr'n des Hohnes Schärfe,
nach deiner Macht uns fragen voller Spolt!
(74) Daſs du allein Gott, zeig' dem Muſelmann,
daſs ſie es klar und deutlich lernen müſſen:
„wer dir folgt, wandelt nicht in Finſterniſſen“,
zur ew'gen Wonne führt ihn dieſe Bahn.
(75) Nicht uns, nicht uns verleih die Ehre, Herr!
den Namen dein laſs ehrgekrönt uns ſchauen.
Segn uns darum, daſs ihm wir feſt vertrauen:
o ſteh uns bei und mach' uns mächtiger! –
(76) Um eins, o Herr! noch bitt' ich deine Macht:
ich nah' – du ſiehſt es – mehr und mehr der Bahre;
fern flohen längſt mir jener Jugend Jahre, -

da ich den Feind zermalmt in mancher Schlacht.


(77) Zu dir nimm meinen Geiſt, der auf dich hofft
wie auf Entſatz die Burg in Heersbedrängnis,
befrei' ihn aus dem Leib, der ihm Gefängnis,
der wider Willen ihn zurückhielt oft. –
7
– 82 –

(78) Alſo zu Gott hat Zriny ſtill gefleht,


drum thät ihm der auch die Gewährung zeigen.
Zu dreien Malen ſchien ſich ihm zu neigen
das Haupt am Kreuz als Antwort aufs Gebet:
(79) Erhöret hab' ich, was du brünſtiglich
von mir erfleht in deines Herzens Falten.
Was dich bekümmert, laſs mich drüber wallen
und ſei getroſt: ich ſtarb ja auch für dich.
(80) Freu dich – gehandelt haſt du recht, mein Sohn !
fünf neu' erwarbeſt du mit deinen Pfunden,
haſt dir die Kron auf Erden ſelbſt gewunden,
die goldne, die du trägſt an Gottes Thron.
(81) Die Engel ſteh'n dir zum Empfang bereit,
die vor ihm in gereihten Scharen dienen:
Zur rechten leiten dich die Cherubinen,
- mit dir zu preiſen Gott in Euigkeit.
(82) Bald nehm' ich deinen edeln Geiſt zu mir,
du wünſchſt ja ſelbſt den Tod dir bald zum Lohne.
Doch daſs noch heller auf dem Haupt die Krone
dir /trale, ſo gewähr' ich dieſes dir:
(83) Am Heiden ſollſt du werden Märterer,
für meinen Mamen /chau'n des Todes Pforte:
Wernimm, o Zriny – meiner Stimme Worte,
/ieh, deine Zukunft ſag ich dir vorher.
– 83 –

(84) Gen Ungarn rüſtet Suliman den Zug,


War dein zuerſt gelten die Heeresfahrten:
dem Wolf gleich will er deines Todes warten,
Sigeth vernichten dann im Siegesflug.
(85) Doch ſchau'n dein Ende ſoll er nimmermehr,
von deinen Heldenhänden wird er ſterben,
und eh' vieltauſend Türken noch verderben, /
die Seele dein ruf' ich zu mir nicht her. /
(86) Dein Sohn Georg erhalte dein Geſchlecht,
daſs ruhmgekrönt es ſpäte Nachwelt ſehe;
daſs phönixgleich es aus der Aſch' erſtehe
in Kraft und Glanz auf ewig ungeſchwächt.

Dritter Ge ſang.
(1) Wie wenig gilt vor dir, Gott, unſer Wahn!
der Menſchen Weisheit iſt ein ſtetes ſchwanken:
was auch der Menſch erſonnen in Gedanken,
Gott wendet's doch nach Seinem weiſen Plan.

(2) Auf Erlau wandte Suliman den Sinn,


um Schanz und Wall im Staube zu vernichten;
Gott wendet gänzlich gleich ſein thun und tichten,
und gegen Sigeth führt das Heer er hin.
– 84 –

(3) Ich laſs den Grund euch ſeines Zornes ſchau'n:


geboten hatt' er ſchon, daſs man die Wege,
nach Erlau mit dem Heer beſetzen möge,
und eine Donaubrücke flugs zu bau'n.
(4) Von Bosnien der Paſcha, Muſtafa,
kam nun im Lager an voll Durſt nach Thaten.
Man kannt' ihn wol im Lande der Croaten,
ſeit Krupa!) ihn als Ueberwinder ſah.
(5) Der Kaiſer wuſst' ihn tüchtig überall,
drum hat er Arslans Amt ihm flugs gegeben,
dazu den Auftrag, jenem auch das Leben
zu nehmen, da er ſah der Fehler Zahl.
(6) Arslan Weſfir, was warſt du für ein Thor,
daſs ohne Auftrag du die Fehde muſsteſt
beginnen, und mit dem was falſch du wuſsteſt
ohn' Fährde füllteſt deines Herren Ohr!
(7) Doch Arslan harrte Muſtafas nicht lang:
gleich ließ er ſeinen ganzen Kram *) im Stiche,
auf daſs er nach dem Kaiſerlager ſchliche,
doch fand auch ſo er ſeinen Untergang.

*) In Türkiſch Croatien an der Unna, Burg Zrinys, wo Ba


kitſch Septbr 1565 ſich dem Heldentode weihte wie Zriny ſpäter
in Sigeth. *) In Ofen.
– 85 –

(8) Das Bosnerland ward Mehmed Gülergi")


gegeben, und der Kaiſer hieß ihn eilen,
und ſorgen ſollt er dorten ohn' verweilen,
daſs nie kein Chriſt dort ſchade irgendwie.
(9) Mit zweimaltauſend Reitern brach er auf;
vor Siklós?) kam er an nach wenig Tagen:
bald auf der Flur war’s Lager aufgeſchlagen,
und drin erhob ſich ſeines Zeltes Knauf.

(10) Von Siklós Skender Beg*) eilt hin in Haft,


grüßt Mehemed und ſpricht mit ſchlauen Worten:
Herr, weißt du denn auch wol, an was für Orten
du hier die Wohnſtatt dir erwählet haſt?
(11) Wähnſt du dich etwa noch in Friedens Land,
auf Türk'ſcher Flur, wo keine Feinde rauben?
Weit ſind wir hier von Andrinopels Lauben,
vielmehr ſchon an der (jaurenhölle Rand.
(12) Die Chriſtenburg ragt nicht gar fern empor,
die Leut' in Sigeth haben Wolfes Weiſe.
Ein Tag genügt und eine Macht zur Reiſe
hieher; ſie wohnen faſt vor unſerm Thor.

*) Gr. Kilerdſchl, etwa Oberkellermeiſter, richtiger Tſchaſchne


girbaſchi d. i. Oberſttruchfeſs; er war Sandſchak von Tirhala.
Hammer P. *) Spr, Schiklölch. *) Beg Alexander.
– 86 –

(13) Wir ahnten lange, daſs du hieher drängſt:


der Landmann weiß nun, daſs du angekommen;
und hat es einmal Sigeths Ban vernommen,
ſo weit ich meinen Kopf: er lauert längſt.
(14) Mein Herr, dem Türken iſt hier kein Verbleib!
auf jeder Straß" iſt ihm zu reiſen miſslich:
Heiducken trifft er hier und dort gewiſslich,
den Kopf verliert er, kopflos bleibt der Leib.
(15) Auch in der Vorſtadt bleiben wir nicht lang,
es zieht uns zu der Binnenfeſte Thoren,
ja in der Stadt ſelbſt ſind wir bald verloren,
ſo ſehr iſt jedem vor dem Zriny bang.
(16) Auf Mahomeds Beiſtand nicht allzuſehr z .
darf man allhier, Herr, (glaub es mir nur) bauen:
ach lieber magſt du meinem Rathe trauen,
und in Umzäunung bring dein Lagerheer.
(17) Drauß in der Vorſtadt finden ohne Volk
die Pferde Raum, die Reiter in den Thoren;
denn beſſer iſt's die Pferde gehn verloren,
als ſo viel Helden finden ihren Tod.
(18) Dir ſelbſt, o Herr, ſchaffſt ſonſt du nur Gefahr,
lädſt auf mein Haupt des Zornes tiefe Wunde;
auf mich allein kommt deines Rathes Kunde –
/ieh was du ihuſt – ich bitte dich fürwahr.
– 87 –

(19) Noch kannte Mehmed nicht des Chriſten Macht,


am Hofe war als Knab' er ſtets geweſen;
und im Korane freilich ſteht zu leſen
vier Chriſten tötet ein Türk in der Schlacht.
(20) Drum glaubt er auch dem Skender nicht ein Wort,
und Antwort gab er, lächelnd in Gedanken:
Ich mu/s, 0 Skender, für den Hath zwar danken –
allein verzeih: mein Heer weicht nicht vom 0rt.

(21) Voll Schimpfes käm ich heim nach Bosnaland,


wär ich nicht eine einz'ge Macht geblieben,
und hält ein Wichts mich ſo in Angſt getrieben,
daſs ich auch hier für mich nicht Raumes fand.
(22) Doch auch die weichen Wolken tröſten mich:
du ſiehſt ſie gleich im vollen Regen ſtehen.
Wer wird die Nachtzeit für die Schlacht erſehen?
zum Kriegsmarſch taugt ſie nimmer ſicherlich.
(23) Den Zriny aber, den du mir genannt,
hört' ich als tapfer ſchon in Stambul preiſen.
0 möchte (olt die Gnade mir erweiſen,
daſs ich mit ihm hier würd' im Kampf bekannt.
(24) Den Säbel – ſagt man – ſchwingt er ohne Raſt;
drum will ihm Suliman der mächtge wehren,
und ſeinen Zorn auf ihn alleine kehren –
nur hemmt noch manches ſeiner Rache Haft.
(25) Doch ihn auch muſs einmal die Schlinge fah'n,
gleichwie den Fuchs die lang verhöhnte Falle:
ich aber bin unglücklich mehr als alle:
ich lagre hier und ſeh' ihn nirgend nahn.
(26) Wir bleiben nun zuſammen über Nacht:
beim Kaffee wird manch kluger Plan beſprochen,
dann ruhn wir bis der Tag neu angebrochen;
ich weiß es, daſs kein (jaur zu nahen wagt.
(27) Drauf Skender alſo: Gut, ſo bleib' ich hier,
bis Mitternacht, Herr, deinen Dienſt zu theilen;
dann denk ich in die Stadt hineinzueilen,
und eine ruhge Nacht dann wünſch' ich dir.
(28) So ſprachen die: ein Diener muſs daher
den goldnen Teppich auf den Boden breiten,
Samtkiſſen ſtellt er ſchön zu beiden Seiten,
und mit Arabiens Weihrauch räuchert er.

(29) Auf jene Kiſſen ſetzten ſich die zwei,


von künft'gem und vergangnem Sieg zu prahlen:
den Kaffee ſchlürften ſie aus winz'gen Schalen,
und hierauf kam das Nachtmahl an die Reih.
(30) Dann trat ein ſchöner Türkenknab’ herein
auf ſeines Herrn Befehl, zart und manierlich;
in ſeiner Hand blinkt die Taſchán gar zierlich,
ſein Haupt umwand ein Linnen weiß und fein.
– 89 –

(31) Nachläſſig hängt ein Sammetkaftan bunt


von ſeiner Schulter, ſchnell prüft er die Saiten;
die Füße kreuzend ſaß er vor den beiden,
und hell erklang zur Leier nun ſein Mund:
(32) Wie ſollt’ – o. Glück – ich klagen über dich,
da du die Freude täglich mir erhöhet?
Treu bleibſt du mir, ob auch die Sage gehet,
all deine Luſt ſei unbeſtändiglich!
(33) Du ſchenkſt im Lenz den ſchattengrünen Wald,
vom Bach durchmurmelt, um die Luft zu friſchen:
das Lied der Machtigall /challt in den Büſchen,
und um ſie her viel Vögel mannigfalt.
(34) Mein treues Lieb betracht/t du nicht mit Neid,
vielmehr du hilft ihr innig mich zu lieben:
durch dich iſt ſtets mir frohe Luft geblieben,
und ſtündlich mehrſt du meine Herlichkeit.
(35) Im Sommer ſchenkſt du Einſamkeit und Ruh,
in ſtrebender Cypreſſen kühlem Schatten,
ein Zeltesdach genäht aus feinen Matten,
durſtlöſchend duftendes Getränk dazu.
(36) Im Herbſt beſchenkſt du mich mit Früchten reich,
Granat- und Sinaäpfeln und Limonen;
den Tiſch beſorgen mir des Waldes Donen,
und alles Wild von Wald und Wieſ" und Teich.
8
(37) Im Winter dann, wenn alles jammernd klagt,
vermag mein Herz erſt rechte Luft zu finden:
die Sorgen – oh's auch draußen ſtürmt – verſchwinden
am Herdesfeuer, das mir traulich lacht.
(38) Und meine Ehr“ iſt dann beim Kaiſer groß,
groß iſt der Ruhm, den ich bei allen habe:
mir gnüget als des Glückes ſchönſte (ahe,
ein ſüßes Lieh, ein Schwert, ein edles Roſs.
(39) An meinen Fuß biſt du gebunden, Glück;
du wäreſt fern zum Feinde ſchon geflohen,
wenn frei du wär/l; doch kannſt du mir nicht drohen,
an meinen Fuß biſt du gebannt, o Glück.
(40) So ſprach das Kind. –
Von Sigeth doch der Ban,
der Mehmeds nahn von Bauern hat vernommen,
prahlt nicht; ihm mag nur eine Sorge frommen,
ſein Heer zu ſammeln, und bald iſt's gethan.
(41) Achthundert Reiter, Fußvolk tauſend Mann –
ſoviel bedarfs (meint er) zu großen Dingen.
Den Grafen ſelbſt ſieht man zu Roſſe ſpringen,
und alſo redet er die Krieger an:
(42) Nicht Worte noch bedarfs, ihr Helden gut!
Anfeurung nicht zu mannlichkühnen Thaten!
Ihr alle wiſst euch in der Schlacht zu rathen,
und einer ſtets entflammt des andern Muth.
– 91 –

(43) Der Kampfesthaten denkt aus früh’rer Zeit,


der Proben, die ihr gabt von wahrem Ruhme,
/lrebt alle jetzt nach neuem Ileldenthume,
wie ihr bisher gekannt als Helden ſeit.
(44) Da wo der Türk bei Siklós Lager hält,
mit großer Macht uns dann zu überfallen,
ſcheut er die Chriſten nicht; er meldet allen:
zu unſrer Schmach lagr er auf Siklósfeld.
(45) Drum Helden, höret auf die Worte mein !
ſei niemand allzueilig einzuhauen:
doch mir und jedem Leutnant mag er trauen,
daſs er nicht Wirwarr bring' in unſre Reih'n.
(46) Hat Mehmed auch ein unerfahrnes Heer,
/ah auch der Paſcha nie ein blutig Meſſer:
ſo iſt die Vorſicht, mein ich, dennoch beſſer,
als wär'n wir zuverſichtlich allzuſehr.
(47) Kühn brecht nun auf ihr Krieger, auf mein Wort!
Dreimal ruft Jeſus an und ſeine Wunden!
Wir fürchten nichts von jenen Heidenhunden,
denn Gott iſt unſer Führer, Schild und Hort.
(48) So zog ſie aus, der Chriſtenkrieger Macht –
die Fahn' voran – um Zriny enggeſchloſſen;
zwei Stunden war'n ſeit Mittag ſchon verfloſſen –
es blinkt die Wehr, die Banner wehn zur Schlacht,
– 92 –

(49) Nach Siklós zwar gelangt er nicht mehr heint!),


nicht weit erſt waren ſie beim Morgenglanze;
indeſſen feiert noch in ſeiner Schanze,
wiewohl das Roſs geſattelt ſteht, der Feind.
(50) Ein tiefes Thal läſst ſich vorm Lager ſehn,
beinahe rührt die Stadt ans eine Ende;
das andre wird geſchaut in kühner Wende
nach Sigeth hin, halbſtündig wol zu gehn.
(51) Der Sigeth-Ban mit ſeiner ganzen Schar
ſteigt, ſtets in Ordnung, in des Thales Oede;
ſchon von der Schanze ſchallt der Schildwach Rede,
die Chriſten aber gehn der Rede baar.
(52) Jenſeit ſind hundert Reiter noch zurück,
die ſieht man endlich ſchon bei Tageshelle
in ruhigem Zuge nahn ohn' alle Schnelle,
dem Türkenlager zu – vor aller Blick.
(53) Als dieſe nun erblickt die Türkenſchar,
da dachte ſie: es ſei'n Fünfkircher Reiter,
dem Paſcha längſt beſtellete Begleiter;
und nichts gefürchtet ward da ganz und gar.
(54) Der Zweifel ſchwand vor ihnen ſchnell genug,
viel Türken ſanken unter ihren Streichen;
doch folgt der kleine Trupp, ſchnell zu erreichen
das Lager ſelber, auf der Ferſ' im Flug.
*) Von Sigeth nach Siklós ſind über 6 Meilen Entfernung.
– 93 –

(55) Bald ſchallt Alarm von allen Seiten her,


als wenn die Hölle voller Teufel bellte.
Aufſchreckt der Paſcha, zaudert nicht im Zelte,
raſch ſpringt er auf ſein Roſs in Waffenwehr.
(56) Steht uns – ruft jener – ehrlich ſteht im Streit!
In deren Blut wir Schwert und Hand zu färben
gehofft und Ruhm von ihnen zu erwerben,
/teht uns als Männer – jetzo iſt's die Zeit.
(57) Ihr Diebsgeſindel! Jetzt vergelten wir!
wo un/re Fahnen weh'n, wagt ihr zu nahen?
Ihr ſollt den Lohn ganz nach Verdienſt empfahen,
wir ſtürmen nach zu Roſs voll Rachbegier.
(58) So ſpricht er und ſtürmt auf ſie ſelber ſchon,
ſchwingt in der Hand den Sper den wimpelreichen.
Wer fliehn kann flieht, und ſpornt des Roſſes Weichen,
doch blieb zurücke bald des Paſcha Sohn.

(59) Fünfhundert Mann befehligte Resman,


(ſo hieß der Sohn) – da kam die Flucht ins ſtocken.
Klug zwar, verlor er noch im Schmuck der Locken
den Leib – durch andrer Thorheit wards gethan.
(60) Umſonſt trieb Mehmed, raſcher noch zu fliehn –
da ſtürzet Zriny auf des Blutbads Bühne,
und auf des Paſcha Lager ſtürmt der kühne –
wer konnte dort Stand halten wider ihn?
*.
– 94 –

(61) Zuſammen hält er ſtreng der Krieger Schar,


und läſst ſie plündernd nicht im Lager weilen;
in feſter Ordnung ohne grad' zu eilen
folgt er den Türken über Siklósvár !).
(62) Wol hat Resman die Chriſtenſchar geſehn;
zu fluchen Vaters Thorheit nun begann er,
doch gegen Zriny ſtreckt er kühn ſein Banner;
dem Vater meldt er, wie die Sachen ſtehn.
(63) Vom Roſſe ſchoſs jetzt den Andreas Frank
Resman, und riſs die Lanz' ihm aus dem Schlunde;
noch eher floh die Seel' aus ſeinem Munde,
eh aus dem Sattel er zu Boden ſank.
(64) Das Banner in der Hand ſtand bei ihm dicht
Görg Cſillag?), ſchwang das Schwert den Freund zu
rächen;
doch den Kornelſper konnt' er nicht durchbrechen,
auch von ſich ſelbſt den Schuſs ablenken nicht.

(65) Ihn ſchützt ein Panzer, doch der wich dem Stoß,
und in ſein Herz drang Resmans ſcharfe Wehre;
ſein Leben riſs der 'raus mit ſamt dem Spere.
Görg ſtürzte hin und ließ das Banner los.

*) Schikloſch-Burg, wie Szigetvár = Burg Sigeth, Pécsvár =


Burg Fünfkirchen. *) Spr. Tſchillag.
– 95 –

(66) Drauf traf er eilends noch den Solymofi!)


Demeter Tholnai ſchlug er mit dem Schwerte,
auch Georg Sarkánys?) Kopf rollt auf die Erde,
auch Juratſchitſch verlor das Leben hie.
(67) Die warf der Säbel Resmans auf den Sand.
Ihm thut es gleich in tapfrer Krieger Weiſen
Held Peter Farkaſchitſch mit ſcharfem Eiſen:
denn Aga Butal fällt durch ſeine Hand.
(68) Tot ſtürzt zu Boden – kaum noch weiß er wie –
Juſſuf Odábaſchi*), und Kurt daneben,
du auch verhauchſt dein fleckenloſes Leben,
zum Tod verwundet, Achmed Jaſidſchi.
(69) Gern ſpar' ich euch der Namen weitre Zahl
die Resman ſchlug mit Farkaſchitſch zuſammen,
ſie ſtürmen üb’rall wie lebend'ge Flammen,
in Haufen liegen Leichen überall.
(70) Ins Auge faſst jetzt jeder ſeinen Feind,
wild miſchen Chriſten ſich und Türkenſöhne,
hoch ſtäubt empor der ſterbenden Geſtöhne
zum Himmel mit der Sieger Schrei vereint.
(71) Von ferne ſchaut dieß der Croatenban
ſieht ſchon ſein Volk durch Resmans Arm verloren.
Da gibt er ſeinem Roſſe wild die Sporen,
die fliehnden hält er alſo rufend an:
*) Spr. Scholmöſchi. *) Scharkänj. *) Hauptmann über 100
Janitſcharen.
– 96 –

(72) Wohin, wohin, du kampfbegier'ger Held?


wagſt du es ſchon nicht mehr zurückzublicken?
So riele Chriſten wenden ihren Rücken
vor einem Türkenkind im blachen Feld?

(73) In Siklósſtadt flieht euer Heldenthum?


hier wollt ihr ſchmählich euern Herrn verlaſſen?
Kommt, wer mir folgt auf meine blutgen Straßen,
dem zeig ich nun den Weg zu Sieg und Ruhm.
(74) So ſprach der Held und ſprengt auf Resman los;
der eben wog den ſcharfen Sper in Händen,
ihn auf den tapfern Zriny zu verſenden;
und Todsgefahren drohte dem der Stoß.
(75) Der Eiſenſchild ſchwächt zwar des Stoßes Wucht,
doch drang der Sper durch Eiſenſchildes Mitten,
der Panzer erſt ward nicht von ihm durchſchnitten:
- da ward Resman von Zrinys Schwert geſucht.
(76) Dem Zriny hielt nicht Stand des Panzers Erz,
roth wird des Türken Hals vom Purpurblute,
doch denkt er nicht an Flucht im Kampfesmuthe,
auf Zriny haut er mit der Wucht des Schwerts.
(77) Indeſs kam Mehmed auch von fern herbei,
da er Resmans des Sohnes Noth vernommen:
er ſieht daſs – wenn nicht Hülfe bald gekommen –
das theure Leben jetzt verloren ſei.
– 97 –

(78) Gleichwie vom Berg ein Felsſtück, das im Lauf


nichts hemmte, ſtürzt toddrohenden Gewichtes:
mit Sturmeseile Baum an Baum zerbricht es,
wohin es rollt; kein Sterblicher hälts auf –
(79) So Mehmed, da des Sohns Gefahr er ſchaut,
nimmt jedem, den er antrifft, Leib und Leben;
zerſchmettert, würgt, zerfleiſcht in Zornesbeben
jeden, der ihn zu hemmen ſich getraut.
(80) Doch da der Sohn ſchon aushaucht ſeinen Geiſt –
glaubſt du daſs Reu ſein wildes Herz erweiche?
Der Tigrin gleich, die bei des Jungen Leiche
des Jägers Netz, den Jäger ſelbſt zerreißt,
(81) zum guten Zriny ſpricht er Zu dem Sohn,
leg du des Vaters Leiche jetzt in Schnelle!
wo nicht, ſo fließt auch deines Blutes Welle,
und nagt mein Zahn dein Herze lebend ſchon.
(82) Den Grafen trifft zugleich ein Schwertesſchlag,
geborſten iſt vor ihm des Helmes Härte;
wenn Gott nicht Einhalt that des Paſchas Schwerte,
ſo wars des guten Zriny letzter Tag.
(83) Doch Gottes Engel hielt ihn auf, den Streich,
und wandt' in Mehmeds Hand des Schwertes Schneide;
alsbald vergilt ihm Zriny Leid mit Leide,
und trennt die Recht ihm von dem Arm ſogleich.
9
– 98 –

(84) Zu Boden ſank Mehmed vom Roſſe nun,


behende war ihm Zriny nachgeſprungen:
0 Mehmed, iſt die Rache dir gelungen?
nun wirſt du deinem Sohn Begleitung thun.
(85) Doch ſei getroſt, nicht ſtirbſt du ruhmberaubt:
dich haben ja gefällt des Zr in y Hände.
Er ſprach's, indem er Seel' und Körper trennte,
indem er von dem Rumpfe ſchlug das Haupt. –
(86) Von Mehmeds Tod die Kund' im Schreckenslauf
durchläuft die ganze Reih' der Türkenkrieger.
Fliehn woll'n ſie ſchon das Angeſicht der Sieger –
Beg Olai!) von Fünfkirchen hält ſie auf.
(87) Den Türken ruft er nach mit lautem Mund:
Der gute Paſcha Mehmed iſt gefallen,
und ueiler nichts nahm das den Muth uns allen?
thun unſre Rache wir durch fliehen kund?
(88) Wo wollt ihr leben wo nicht Spülter droh'n?
vor wem von nun an wagt ihr euch zu zeigen?
wenn ihr wegrennt von eurer Herren Leichen,
ſie liegen laſst, den Vater ſamt dem Sohn?
(89) Ach ſchaute das niemals der Sonne Glut,
daſs ſo geſchwächt der Türk den Rücken wende!
doch Mutzen bringt die Flucht auch nicht am Ende –
der Chriſten Schwerter färbt nur unſer Blut.
*) Ibrahim, Führer eines Reitergeſchwaders.
– 99 –

(90) Die Hoffnung bleibt beſiegten noch allein,


daſs keinen Sieg ſie hoffen zu erwerben.
Und iſt's nicht beſſer ehrenvoll zu ſterben,
als ſchmachbedeckt in aller Aug' zu ſein?
(91) Ich will, wenn euch eur Muth zu wagen treibt,
/o viel als euer Arm zu thun vermöchte,
zum Sieg euch Führer werden im Gefechte;
wo nicht, ſo/terh' ich und mein Nachruhm bleibt.
(92) Sprach's, und den harten Sper zückt er zurück,
und Szila Marko ſtürzt vor ihm zu Boden;
dann Bendix Tót und einen Wojewoden,
Paul Cſerei!) auch traf er am Genick.
(93) Zu Pferde hält ſich Cſerei nicht mehr,
bewuſstlos ſinkt vom Pferd er auf die Erde;
ſchon ſtand der Beg bei ihm mit Drohgeberde,
da fing er todwund an zu flehen ſehr:
(94) Mimm zum gefangnen mich, du tapfrer Held!
viel (oldgewicht geh' ich zu meiner Welle:
bei Zriny bin ich Oberſter; die Kette
trag' ich gewiſs nicht lang in deinem Zell.
(95) Wild lacht ihm Ibrahim in's Angeſicht
und ſpricht: dein Erz will ich dir nicht vermindern !
laſs es daheim zur Freude deinen Kindern,
mein Schatzhaus iſt auch dann ſo dürftig nicht.
!) Sprich Tſchere-i.
– 100 –

(96) Erbarmen dir! Hat Zriny denn vielleicht


gelauſchet auf Resmans wehmüthge Klagen?
Den tapfern Paſcha hat er lot geſchlagen,
Der Zriny iſt's nun, der auch dich erreicht.
(97) Dick tropfte von Pauls Stirn der Todesſchweiß,
doch ſprach er noch zum Beg mit blaſſem Munde:
So ſei es denn für mich die letzte Stunde,
dein Leben aber ſei des meinen Preis!
(98) Nicht lange rühmſt du meines Todes dich;
die gleiche Pein feh' ich dir nahe ſtehen;
ein ſtarker Arm heißt dich zur Hölle gehen,
mein aber harrt der Himmel ſehnendlich.
(99) Grauſam lacht Ibrahim, dann haut er zu –
noch mehr zu reden ſehnt ſich jenes Seele –
allein das Schwert durchſchneidet ſcharf die Kehle,
und Red' und Leben endet er im Nu.
(100) Er ſpricht dazu, indem er führt das Schwert:
Allah allein weiß, was mir wird geſchehen.
So magſt du /lerhen und zum llimmel gehen,
erzähl, daſs 0lai Beg zur Hölle fährt.
(101) Indeſstürmt Farkaſchitſch, ein grimmer Leu,
dort Leichenhügel von den Heiden allen.
Durch ihn War Durlik, war Resman gefallen;
des Paſcha Adjutant") auch lag dabei.
*) Türkiſch Kiha.
– 101 –

(102) Breit öffnet ſich vor ihm des Todes Bahn,


denn jeder flieht ſo weit er kann in Schnelle;
ſo furchen der Geſchütze Todesbälle
ſich Straßen, eh' am Ziel ſie langen an.
od» Gewalt'ger Rachmad, du allein fliehſt nicht,
auf Farkaſchitſch ſchwingſt du die Rieſenkeule.
Vom Roſs war er geſtiegen; eine Seule
zu Fuß ſchwang er den Kolben zum Gericht.
(104) Vergebens iſt's, daſs Farkaſchitſch ihn ſucht
von ſich zu wehren mit des Säbels Schneide.
Wo nicht durch deine Kugel fällt der Heide,
trifft dich des Kolbens, trifft des Leibes Wucht.
(105) Nun greifet Farkaſchitſch zur Büchſe Grft,
zum Grab dem Rachmad ſchnellen Weg zu zeigen.
Dem banget nicht, kühn ruft er 0 des feigen,
der du von weitem dich des Feinds erwehrſt!
(106) Zu deiner Wehr hol' nur dieß oder das –
Jiachmud vermagſt du nichts damit zu ſchaden;
in Lauf magſt du die Todeskugel laden –
doch bleibſt du Hund und Raben hier zum Fraß.
(107) Und in die Bruſt die Kugel ſchickt ihm der,
doch ſtürzt der Rieſe nicht von ſolchem Schuſſe,
ſein Stab trifft jenes Haupt zum Gegengruße,
und nebens Roſs zu Boden ſtürzet er.
– 102 –
(108) Nun über Farkaſchitſch ſank er ins Knie –
aufrecht zu ſtehn verwehrt ihm ſchon die Wunde;
und unter Flüchen floh ſein Geiſt zur Stunde,
der ſolchen Stolz dem Leib im Leben lieh. –

(109) Nun ungehemmt ſtürmt Zrinys Schar daher,


die Türken haben all’ Reißaus genommen;
ſeht Olai Beg zu Fuße grimmig kommen,
er will nicht fliehen, ſterben nur will er.
(110) Zur Hälfte noch hängt auf dem Kopf der Helm,
zerſchroten iſt er faſt in den Gefechten;
ein Säbelſtumpf nur iſt in ſeiner Rechten,
er ſelbſt geſchwärzt von Chriſtenblut und Melm.
(111) Der Schild durchlöchert, ganz zerſtückt der Spieß.
So ſteht er bald von Kämpfern rings umgeben,
die doch Gefahr nicht drohen ſeinem Leben,
gleichwie am Fels der Brandung Flut zerriſs.
(112) Doch als der Niclas Zriny dieß gewahrt,
ſprengt er zu Roſs hin, ſelbſt ihn zu verteid'gen;
wehrt allen, daſs ſie Olai Beg beleid'gen,
bewundert ſelber ſolche Helden-Art.

(113) 0 Held, ergib dich mir! drauf Zriny ſprach;


dein Heldenthum mag mancher dir beneiden:
drum lhät's mir weh, ſollt/t du den Tod erleiden:
Zrinys gefangner ſein iſt nimmer Schmach.
– 103 –

(114) Da wirft der Beg des Schwertes Stumpf hinweg,


da Zrinys Worte tief das Herz ihm trafen;
er ſpricht es und umfaſst die Knie des Grafen:
Mur deinem Namen huldigt, Herr, der Beg.
(115) Glaub mir, vom Ungarvolk kein andrer Held
empfing mein Schwert, ſo lang ich lebend wäre.
Beg 0lai nennt man mich im Türkenheere,
Fünfkirchen hab' ich mir zum Sitz erwählt.
(116) In die Drommete ſtieß darauf der Ban,
zuhaufe rief er ſeiner Kämpfer Scharen,
denn auch die ſchönen Sonnenpferde waren
ins Bad hinabgetaucht zum Ocean.
(117) Ins Paſchalager führt er ſeinen Fang,
und ließ von treuen Hütern ihn umgehen
für dieſe Nacht. Was Tags darauf geſchehen,
verſpar’ ich auf des Liedes vierten Sang.

Vierter Geſang.
(1) Es rennt der Menſch und müht ſich in der Welt,
hofft hie und dort beſtändiges Glück zu ſchöpfen;
er glaubts nicht, daſs für Einen ſüßen Tropfen
er hundert bittre von dem Glück erhält.
– 104 –

(2) Oft in die Ferne flieht das Unglück hier,


hervorzubrechen dann mit Wucherwehe;
es ſtürzt herab von höhren Berges Höhe
mit deſto größrer Schadenfreud' und Gier.
(3) Es jauchzt das Glück bei eines Menſchen Fall:
drum hebts ihn grade zu der Wolken Bläue,
damits am ärgern Falle ſich erfreue,
dem Hirten gleich, rollt ihm ein Stein zuthal.
(4) Kein Beiſpiel wähl' ich fernentlegner Art,
doch könnt' ich viel zu ſagen mich vermeſſen.
Von Mehmeds Fall vernahmt ihr, der geſeſſen
dem Glück im Schoß, und doch trafs ihn ſo hart.
(5) Den preiſ' ich der im Glück ſich ſelbſt nicht traut,
vielmehr ihm vorbereitet tritt entgegen.
So wird von uns im Leiden wie im Segen
des Glückes vielfach wechſelnd Spiel geſchaut.
(6) Wol glücklich wird heut Zriny noch geglaubt,
doch höher noch iſt ſeine Macht zu ſchätzen;
des Sultans Purpur riſs er heut in Fetzen,
und morgen ſteckt am Sper ſein Heldenhaupt.
(7) Du jubelſt, Zriny, ob der Türkenſchlacht!
Bald wol erkaufteſt du um Goldesgaben,
den Paſcha Mehmed nie geſehn zu haben;
wenn er Verderben dir und Tod gebracht.
– 105 –

(8) Doch wer erlaubt von dir mir ſolches Wort?


ich weiß von Gottes Geiſte dich geleitet.
Der Tod in Sigeths Burg fand ihn bereitet,
drum nicht er ſelbſt – Gott war ſein einz'ger Hort.
(9) Des Glücks Geſchenk nahm er, wie wenn die Hand
ſoll einen rothbewangten Apfel heben,
den er mag kummerlos zurückegeben –
und thut er's nicht, hat er ihn faul erkannt.
(10). Doch wie? – vergaß ich Lied und Schlachtenbild?
vergaß ich etwa Sigeths letzte Stunden?
Das nicht, doch lindern wir des Schmerzes Wunden
durch ſolch ein Wort von dem was uns erfüllt?

(11) Mit mir auch ſpielt gar oft des Glückes Hand,
zeigt ſüße Huld mir, zeigt mir bittre Schmerzen!
Spiel's auch mit mir! So arg nicht wird ſein ſcherzen,
daſs ich nicht fühlte ſeinen Unbeſtand. –
(12) Der Tag indeſs erfreut mit friſchem Thau
die junge Welt im Glanz der Morgenſtunden.
Vor ſeinem Purpur war die Nacht entſchwunden,
die Erde wieder grün, der Himmel blau.
(13) Da ſchallt Trompetenton und ruft zur Fahrt;
vom Trommelzorne wiederhallt die Erde:
Gewaffnet ſitzt der Reiter bald zu Pferde,
, das Fußvolk ſteht in Heldenreih'n geſchart.
-, - 10
Y
– 106 –

(14) Auch Zriny ſteht in voller Wehre dort,


vom Helme hoch die Straußenfedern nicken.
Die heil'ge Kampfluſt ſprüht aus ſeinen Blicken:
den Sper in ſtarker Fauſt – ſpricht er das Wort.
(15) Ihr tapfern Brüder! Seht wir haben's nun,
was wir von Gott ſo brünſtiglich erbeten.
Des Feindes Haupt hat unſer Fuß getreten,
ein Zeichen ſei's, daſs Gott mit unſerm thun!
(16) Dank laſst uns bringen, daſs wir das erreicht,
ihm dienen wollen wir in heißen Trieben;
was uns zu thun mit jenen übrigblieben,
geſtattet er mit größrem Feind vielleicht.
(17) Der Freunde Leichen laſſen wir nicht hier,
für ihr Verdienſt vertrau'n wir ſie dem Grabe.
Was wir vermögen, iſt's die beſte Gabe,
und ſo von Gott geſegnet werden wir.
(18) Aufs Roſs nun hob man Cſereis Leibgeſchwind
und ſo auch thaten ſie den andern allen:
Es waren zwei und zwanzig, die gefallen, –
die trugen Chriſtenkämpen ſanft und lind.
(19) Mit Farkaſchitſch ward eine Bahr beſchwert;
noch war des Lebens Kraft nicht ganz gebrochen,
doch lebt er kaum noch: von des Hauptes Knochen
war ſicher auch nicht einer unverſehrt. -
– 107 –

(20) Getragen werden ſo die Helden gut


umgeben von der Freundesſchar und Sippen;
manch tröſtlich Heldenwort floſs von den Lippen,
zu lindern ſamt dem Oel der Wunden Glut.

(21) Zweihundert Reiter ziehn dem Zug voran,


in reichem Federſchmuck, mit ernſten Mienen.
Die Brünne blinkt, es funkeln Helm und Schienen –
ein grimmer Wolfspelz hüllet jeden Mann.
(22) Kein Wurfſpieß ward in ihrer Hand entdeckt –
ein Karabiner hing am Sattelſitze,
die Hand hält einen Sper, auf deſſen Spitze
ein Türkenhaupt mit bleichem Antlitz ſteckt.
(23) Zu Fuß zweihundert folgen, und im Schritt
führt jeder einen neben ſich gefangen;
im Mantel ſieht man jedes Schultern prangen,
doch kaum vernimmſt du ſeines Fußes Tritt.

(24) Sechs Reiter, eines Türkenaga Haupt


hoch auf dem Spere, reiten nun im Schritte,
das Schwert ReSmans ſammt denen in Mitte,
die man dem Kiha und Mehmed geraubt.
(25) Drei Leutnants dann, in Pardelfell gehüllt,
der Köpfe drei auf Rieſenlanzen tragend,
dann Olai Beg hoch über allen ragend,
auf Roſſes Rücken ſitzt er zornerfüllt.
– 108 –

(26) Nun ſchwingen dreizehn Jünglinge zu Fuß


die dreizehn Banner von dem Türkenheere.
Nach ihnen die Brigad' in blanker Wehre,
weithin grüßt wehnder Fahnen Siegesgruß.
(27) Beladen mit des Paſcha Prachtgezelt
ſiehſt dann du zwanzig Laſtkamele ſchreiten,
Maulthiere vierzig, Büffel viel zur Seiten –
das war die Beute dort von Siklósfeld.
(28) Und als ſie angelangt bei SzigetWär,
geordnet ſtunden da die Kämpen alle;
dankbringend dem lebendigen Gott mit Schalle
rief dreimal ſeinen Namen laut die Schar.
(29) Vom Roſſe ſtieg Zriny der Held allda,
ins Gotteshaus ſind alle ſchnell getreten,
Zu danken Gott in brünſtigen Gebeten –
ihm dankt er allen Sieg der je geſchah.
(30) Dort vor der Kirche knallt da manch Gewehr,
auf den Baſteien krachen die Geſchütze;
und Jubelruf ſamt Rauch und Pulverblitze
dringt hoch empor bis zu des Himmels Heer.
(31) Dort Vor der Kirch auf einen Teppich legt
die Leiber der gefallnen man in Reihen.
Zriny tritt aus der Kirch und ſieht die treuen,
da ſpricht er. Von dem Anblick tief bewegt:
– 109 –

32) Welch Segenswort iſt euch zu ehren gut,


ihr Helden, früh in Tod dahin gegeben!
Für unſer Vaterland gabt ihr das Leben,
uns hat verherlicht euer Heldenblut!
(33) Ach ſchlief" ich unter euch, ſo wünſch' ich heut –
faſt neid' ich eures Martyrglanzes Schimmer:
zur Rechten Gottes ſitzet ihr für immer –
/o lebt denn wol in alle Ewigkeit!
(34) Er, de/s ihr euch nun freuet, ſpart vielleicht
noch lange Prüfung mir und Erdenwandern;
bald laſſ' ich meinen Leib hier bei den andern,
indeſs zum Wiederſehn die Seel' entfleugt.
(35) Dieß zu den Dienern war ſein Abſchiedswort,
drauf in die Stadt zog er und ſeine Krieger.
Sein Sohn Georg ) ward da dem Türkenſieger
gebracht, und ſchön ſprach er zu ihm:
(36) Furcht Gottes üb, o Sohn, wie ich's gelhan,
lern von mir herben Heldenthumes Strenge:
und ob dir /üß're Lockung auch erklänge,
mir mußt du folgen einſt auf blutger Bahn. –
(37) Nun nahm man flugs die großen Tafeln ein,
zum Mahle Zrinys ſetzten ſich die Helden,
und auch Beg Olai bot man Brot und Wein. ?)
') Den der Dichter viel jünger anzunehmen ſcheint als ge
ſchichtlich iſt. *) Die Unvollſtändigkeit iſt abſichtliche Nachahmung
Virgils.
– 110 –

(38) Für all die Helden ſorgt der Zriny dort:


des Bechers Goldwillkomm bringt er dem einen
und preiſt ihn als den Schlachtenhort der ſeinen,
den andern grüßt zum wenigſten ein Wort.
(39) Bald aber hat der Wein den Kopf beſchwert:
ſchon hört man auf, die Worte klug zu wählen,
das Schlachtlied ſchallet aus Croatenkehlen –
Heiducken tanzen ihren Tanz bewehrt.

(40) Der preiſt ſein gutes Roſs, der ſeine Wehr,


ſich ſelber der, die Brüder und die Beute;
doch ward, ſo viel auch Lob erhoben heute,
von allen leiſ' und laut geprieſen er. –
(41) Nur Olaibeg ſitzt finſter blickend da,
ſein Haupt ergreift in der Erinnrung Mühen,
kühl bleibt ſein Herz bei all der Reden glühen,
oft überwältigt ihn der Schmerz beinah.
(42) Held Zriny ſchaute ſeine Traurigkeit,
zu Ibrahim bald hub er an zu ſprechen:
Laſs dir dein Herz, o Held! vom Weh nicht brechen;
dem Trank, der Speiſe weih mit uns die Zeit.
(43) Der Gott, der dir Gefangenſchaft beſchied,
wird noch Befreiung ſicher für dich finden;
ſo magſt du denn des Herzens Weh verwinden;
harr aus – bald ſingſt du wol der freien Lied.
– 111 –

(44) Was du zu thun vermocht, das alles haſt


gethan du; Gottes Will iſt nicht zu beugen.
Du giltſt mir nicht als Sklave, der mir eigen –
vielmehr als frei gekommner Heldengaſt.
(45) Und ihm erwidert nun der Beg gerührt:
Held, ritterlicher als dein Ruf erfunden,
mild gegen die ſelbſt, die du überwunden!
ich dank’s dem Schickſal, das mich hergeführt!
(46) Wie ſchämt ich mich Knecht/ein in deinem Haus,
der du der Türken Reich gebracht zum wanken,
vor dem des Halbmonds Stralen bleicher ſanken?
mach' ich des Reichs vornehmſte Stütze aus?
(47) Nie meiner Heldenthaten rühm' ich mich,
von Allah kommt all Heldenthum der Erde:
nur bilt' ich dich demüthiger Geberde,
mit mir als ſolchem Knecht fahr' ſäuberlich!
48) Sechs Centner Silbers /ei mein Löſungspreis;
ſechs Roſſe, nur von Helden zu beſteigen.
Nimm's gütig an; ich geb' es dir zu eigen,
weil ich nicht mehr als dieß zu bieten weiß.
(491) Und Zriny ſpricht: Nicht Gold nach Silbererz
vermögen dir die Freiheit zu erwirken:
doch einen Diener nahmen mir die Türken –
und dieſen frei zu ſehn ſehnt ſich mein Herz.
– 112 –

(50) Den Wojewoden mein ich Radowan:


nichts nennt er ſein als nur die Kraft des Schwertes.
(laub' mir's, ich weiß: die Schätzung ſeines Werthes
macht lang ſo viel nicht als du boteſt an.
(51) Ich geh' dich los, den nur befreie mir.
Da küſst der Beg dem Grafen beide Hände,
er dankt ihm ja der Knechtſchaft nahes Ende –
ihm bürgten die gefangnen all' dafür.

(52) Doch nun beſchwingt macht ſich die Kunde auf


wie Adlerflug raſch, raſch wie Sturmwindswelle;
nichts gleicht ihr ja im läſtern, nichts an Schnelle –
ſie wächſt an Stärke je und je im Lauf.
(53) Wohin der Paſcha geht, Poſaunenklang
ruft hunderttönig ſeine Niederlage;
nicht ruht ſie, bis ins Ohr die laute Klage
auch Suliman, dem großen Kaiſer, drang.
(54) Zudichtend meldets – wie es ſtets gethan –
die Türkenburgen ſeien all verloren,
dem Zriny habe Gülergi geſchworen,
und alles fiel: nicht einer auch entrann.
(55) Dieſs melden bringt dem Kaiſer Zorn und Schmerz
längſt war ſein Ohr entwöhnt von ſolchen Worten:
doch vor den Paſchas die Gedankenpforten
ſchließt er, und zeigt ein unverzagtes Herz.
– 113 –

(56) Er glaubt die Niederlage nicht; Verſtand


war Mehmeds reichſtes Erbtheil – wie er dachte;
doch als Islan, der wunde, Kund' ihm brachte,
ward aller Zweifel bald von ihm verbannt.

(57) Daſs er nur ſchwer der Siklósſchlacht entrann,


vermochte dieſer Hekd ihm klar zu weiſen;
noch ſaß im Rücken ihm des Speres Eiſen,
und zwiefach klafft das Haupt. – So ſprach Islan:
(58) 0 Herr, deſs Mam' fern am 0ceanus
die Grenze fand und an der Wolken Schwingen!
Wol wünſcht ich beſſre Kunde dir zu bringen
als die gezwungen ich nun bringen muſs.
(59) Dein Paſcha Mehmed, der ſonſt keinem wich,
/chlug, da zur Unzeit er den Kampf erkoren,
bei Siklósvär das Lager auf; verloren
hat er das Lager, Heer und Sohn und/ich.
(60) Des Zriny Säbel hat das all verzehrt,
von uns gar wenge/ind ihm noch entflohen;
und manche Feſten /lehn, von ſeinem drohen
entſetzt, beinah ſchon alles Volks entleert.
(6) Kaum ſelbſt entrann ich der Verfolger Schwarm,
den Paſcha ſamt dem Sohn – ich ſah ſie enden,
Beg 0lai ließ ich in des Gjauren Händen –
vernichtet alles hat der Chriſten Arm.
11
– 114 –

(62) Schnell die Weſſire ſammelt Suliman,


nachdem ihm alſo bittre Poſt geworden.
Wir ſpähn den Feind, ſpricht er, an andern Orten,
und was indeſs thut der Croatenban?
(63) 0 Schande, Schande bringt uns dieſe That,
die wir von Zriny ausgeführt vernommen.
Wart“, mit dem Stock zu ſtrafen woll'n wir kommen,
drum laſst von Erlau ab, das nichts uns that.
(64) Welch ſüße Rache nehm' ich bald an dir,
wie ſollſt du alles mir mit Blute büßen!
Kühner Kroat! Dein Kopf zu meinen Füßen –
für Taieléri ) /ollſt du zahlen mir!
(65) Auf drum, ihr Paſchas! ruft im Augenblick
die Scharen wieder, die mit Pflichtenſchnelle
durchſchwammen auf mein Wort der Donau Welle:
hieher ſoll gleich das ganze Heer zurück !
(66) Und nun befahl der kaiſerliche Herr
Mehmed Sokolowitſch !) dem Großweſire,
daſs er, zum Fraß den Adlern Allahs, führe
eintauſend Schafe zum Kadileſcher *).
*) Vergl. Fünfter Geſang 22. *) Auch abgekürzt Sokolli, gebo
ren zu Sokol = Falkenneſt; Oheim des Paſcha von Bosnien Muſtafa
Sokollowitſch. *) Oberprieſter gleich nach dem Mufti und gewiſ
ſermaßen Feldpropſt, genauer Kadt Leſchher.
– 115 –

(67) Und alle ſchlachtete im freien Feld


Kadileſcher, und ließ nicht eins im Felle;
hoch ſtand beim Sultan ſeiner Ehre Stelle,
zu aller Islamsprieſter Haupt beſtellt.
(68) Gleich ſtürzet Aar an Aar aufs Vieh herab,
ſchnell trennt der krumme Schnabel Fleiſch und Därme;
es krächzen rings zahlloſe Rabenſchwärme,
Hausfalken – Weih'n, und was es ſonſt noch gab.
(69) Nun höret welch ein Wunder dort geſchah! .
Da ſchwebt ein Aar heran mit Klau'n von Erze,
und dunkler als der Teufel ſelbſt an Schwärze,
gewaltig, größer als der Ur beinah.
(70) Dreimal umkreiſet er das Opferfeld,
ſchwingt wie Galeerenſegel ſein Gefieder,
dann ſchnell wie Blitzftral ſtößt er plötzlich nieder,
jagt fort die andern alle neidgeſchwellt.
(71) Als er ſie all' vertrieben von der Au,
durchſchreitet ſtolz er jener Leiber Gaſſen,
dann hat er ungekoſtet ſie verlaſſen,
und ſchnell entrückt ihn einer Wolke Grau.
(72) Gar ſehr erſchrak davon Kadileſcher;
ein böſes Zeichen ſieht er ſich geſendet,
drum ſpricht er zu Sokolowitſch gewendet
Dein Ohr zu meinem Munde neig, o Herr!
– 116–

(73) Zwar oft gebotſt du „laſs die Rede ruhn,


die du von künft'ger Zeit mir denkſt zu ſagen“;
heut ſag' ich: bittres wird der Zug uns tragen –
denn Gott verwehrt's, ſagt mir der Vögel thun.
(74) Du ſahſt den Adler, der der kleinern Schar
wegjagte wild und ſelbſt doch nichts gefreſſen.
Draus müſſen wir des Kaiſers Zorn ermeſſen
auf uns, weil er nicht einnimmt Szigetvár.
(75) Hart ſtrafen wird er uns mit Zorneshand,
wir werden fliehn ihn wie den Aar die Raben;
dem Kaiſer ſelbſt weißag ich Unglücksgaben,
weil unſerm Blick der Aar ſo bald entſchwand.
(76) Da wir für Erlau wnſre Kunſ gefragt,
da zeigt ſie uns, was wir ſchon ſelber ahnen;
bald wehn in Erlau unſres Kaiſers Fahnen,
dort ziehn wir ein in froher Siegesjagd.
(77) Drob bangt noch nicht der große Suliman;
ſein Antlitz weiß noch nichts von Angſt und Buße.
Denkt auch ſein Herz dem Wort gleich? Fuß mit Fuße
gekreuzt, höhnt er der Seher Zukunfthann.
(78) Wir wollen handeln, er zu Mehmed ſpricht,
wie wir's am beſten wiſſen und als Männer.
Das andre laſst Allah dem Zukunftkenner,
unreiner Vögel ihun erſchreck' uns nicht.
- 117 -

(79) Doch gibt's uns beſſ're Zukunft nicht als das:


kannſt du, Sokolowitſch, denn nicht ermeſſen,
warum die Vogelſchar kein Aas gefreſſen?
Sie hofft von Chriſtenleibern beffern Fraß.
(80) Schenkt uns Geſundheit morgen Allahs Macht,
/o ſteh' an jedes Zelt das Roſs gezäumet;
aufbrechen Allahs Streiter ungeſäumet,
vom Paradis hat Mah'med auf uns acht.

(81) Geſunken war indeſs in Thetis Schoß


der Sonnengott, Nacht ruht auf Fluſs und Felde.
Da plötzlich von den Pflöcken in dem Zelte
reißt ſich ein Paar der wild’ſten Roſſe los.
(82) Gewalt'gen Kampfes bricht es aus dem Zelt,
ihr Huf zerreißt der Leinwand mürbe Seile,
wild ſtampft ihr Eiſenfuß; in wüth'ger Eile
durch's Lager rennen beide muthgeſchwellt.
(83) Und wo der Weg mun nicht gebahnet iſt,
ſtürzt ein Zelt über's andre vor den Roffen;
der klagt, der greift zum Schwert, ſpricht den Genoſſen
Troſt ein, und denkt an nichts als Gjaurenliſt.
(84) Da ruft ein Mann – vom Namen ſchweigt das Lied:
weh, wäre jetzt Ban Zriny hier am 0rte –
uns alle triebe der zur Todespforte –
vor Wiglas Zriny Gott uns jetzt behüt'.
-– 118 –

(85) Iskender Talisman 1) vernahm das Wort,


doch hört er alles nicht, was der geſprochen;
denkt warlich: Zriny ſei hereingebrochen,
verkriecht betäubt ſich, flieht dann auch von dort.
(86) So ſchreit der Türke denn Zriny iſt hier,
dieß Aug' hat ihn geſehn; kommt laſst uns fliehen!
Wer's hört, entfleucht; nur wenige tapfre ziehen
den Säbel kühn, der andern müß'ge Zier.
(87) Wild durcheinander rennt das Lagerheer,
der Türke wird hier wund vom Türkenſchwerte;
nicht den Gefährten kennet der Gefährte,
ein Gjaur iſt jedem heut ein jeglicher.
(88) Schreit über Chriſten wer: man fällt ihn an,
für einen Gjauren muſs er ſelber gelten.
Das Lager tönt von Angſtſchrei, fluchen, ſchelten;
im Wirwarr wirrt ſich Zelt und Roſs und Mann.
(89) Bis endlich Murtuſan 2) ins freie rückt,
des Streites erſte Urſach zu ergründen;
dreitauſend Reiſ'ge ſind bei ihm zu finden –
Paſcha Sokolowitſch hat ſie geſchickt.
(90) Zugleich umringt, an dem die Reihe war,
Tſcherkeſſenfürſt Aigas des Lagers Schanzen
und um ihn blitzen dreizehnhundert Lanzen, .
da ſtellt ſich Murtuſan dem Paſcha dar.
*) D. i. Prieſter Alexander. *) Paſcha Murtëſa.
– 119 – .
(91) Der (jauren Haufe denkt er muſs das ſein,
ſo ſpornt er ſeine Schar mit wenig Worten,
lenkt kühn die Krieger auf die Türken dorten –
fragt nicht und ſpricht nicht, zornig haut er ein.
(92) Viel ſchlägt zu Boden ſein gewaltger Sper,
denn keines Antlitz mag er heut erkennen –
heut ſieht man manchen tapfern vor ihm rennen:
er ſelbſt iſt tapfer, tapfer auch ſein Heer.
(93) Mit allem Volk zurück flieht Murtuſan,
ſein Haufe flieht, läſst alle Ehr' den Siegern.
Doch ihn erreicht Aigas mit ſeinen Kriegern,
ſieht ihn, und wähnt es ſei der Chriſtenban.
(94) Schnell trifft den Murtuſan des Kolbens Stern,
zu Boden ſtreckt Aigas den ſinneswunden,
doch geht kein Wort aus ſeinem Mund; gebunden
führt er ihn fort und ſucht nach ſeinem Herrn. –
(95) Dem Kaiſer meldet's jetzt der Boten Mund;
dreitauſenden befiehlt er aufzuſitzen,
dazu der Janitſcharen ſcharfe Schützen,
mit dieſen naht er, forſcht des Wirwarrs Grund.
(96) Vor Zriny bangt der Kaiſer nicht: er weiß,
kein Vogel wär' ſo ſchnellen Flugs geflogen;
drum hemmt er jeden, dem die Angſt gelogen,
und tritt beruhigt in der Wachtfeu'r Kreis.
– 120 –

(97) Da kommt Aigas Paſcha mit Murtuſan;


zu ſehn, wers ſei, wünſcht er bei Feuers Blicke,
da ſtößt er auf den Kaiſer ſelbſt zum Glücke,
erkennt ihn gleich und ruft ihn fern ſchon an.

(98) Großmächtger Kaiſer, ſieh ich nahe mich


mit Zriny dich als Sklaven zu beſchenken.
Doch Murtuſan: wie magſt du ſo mich kränken;
Türk' bin auch ich, ja nun erkenn' ich dich.
(99) Da erſt blickt ihm Aigas ins Aug und ſagt
Bei Gott, dem Türkennamen machſt du Schande.
Er ſprichts und löſt der Hände feſte Bande,
ihm, der den Blick zu heben nimmer wagt.
(100) Und alles zeigt Aigas dem Kaiſer an,
wie Murtuſan floh, wie er ihn gebunden,
viel Türken noch durch ihn den Tod gefunden,
weil ſie kein Zeichen kannten, keines ſahn.
(101) So blieb denn Held Aigas allzeit geehrt,
doch Murtuſan, da er gefloh'n in Schande,
blieb bei den Helden ungeehrt im Lande;
indeſs in Lagers Ruh der Kaiſer kehrt.
(102) Dreitauſend Türken ſanken hint ins Grab,
darunter tauſend von Aigas getroffen:
des einen Bruſt war Todeskugeln offen,
dem ſchlug das Haupt ein Damaſcener ab.
– 121 –

(103) Viel Mühe hat's dem Kaiſer da gemacht


und den Weffiren macht es Mühe lange,
zu tilgen der verſchonten Todesbange,
und ſpät erſt ruhig ward die Schreckensnacht.

Fünfter Geſang.
(1) So ſchau'n wir hier in Waffen Suliman
und dort nachdenklich den Croaten helden.
Wol macht ihm Sorge, was die Boten melden:
daſs jener nur zu ſeinem Sturz rückt an.
(2) Nachdenklich ſteht der Held, doch ungeſchreckt,
den Felſen gleich, die ſich bei Kesmark türmen:
ſie bieten ihre nackte Bruſt den Stürmen,
furchtlos zum Himmelsblau emporgereckt.
(3) So bleibt auch bangen fern von Zrinys Bruſt,
ob Atlas ſtürzt, ob auch der Pol erzittert;
von keinem bangen wird ein Held erſchüttert,
iſt er gerechter Sache ſich bewuſst.
(4) Die Führer, die Woiwoden rief er vor,
die erſten feiner edeln Streiterſcharen;
und als ſie all zuhauf verſammelt waren,
da ſprach er Weisheit in der Krieger Ohr:
12
– 122 –

(5) Nicht überraſchend tritt das Schickſal nah,


und was es bringt, geſchieht nicht unerwartet;
worauf mit Herzensluſt ihr lange harrtet:
der Heiden Waffenglanz und Kampf iſt da.
(6) Der mächtige Türkenkaiſer Suliman
iſt löwenzornig gegen uns entbronnen;
Tod und Vernichtung hat er uns erſonnen,
er trotzet auf gewaltgen Heeresbann.
(7) Auf Heereszahl ruht ſeiner Hoffnung Bau,
des Heeres Kern iſt Janitſcharenmeute:
der Reiterſchaft verheißt er unſre Beute,
und Heiden ſammelt er aus jedem Gau.
(8) Ein Thor iſt, wer auf Menſchenkraft und Heer,
auf Gottes Gnade nicht, ſein hoffen ſetzte;
Gott mag vernichten, was ſo hoch er ſchätzte,
Fußvolk und Reiterei und Waffenwehr.
(9) Drum ſtürzt er König Pharao in den Staub,
ſchlug Goliath auch durch eines Knaben Hände,
dem Volk Phili/lhim ward ein ſchrecklich Ende,
die Heiden wurden ſeiner Rache Raub.
(10) Doch auch Barmherzigkeit ward dem zu theil,
der demuthsvoll zur Hoffnung ihn erkoren:
drum hatt' er Davids Sproſſen Heil geſchworen,
ward Davids Volk in ſeinen Köngen Heil.
– 123 –

(11) Verkürzt iſt ſeine Hand auch heute nicht,


noch ſteht der Gnaden Ohr uns heute offen:
wir haben oft ja – was uns auch betroffen –
für reiche Gab' gefühlt des Dankes Pflicht.
(12) Mit jenen Feinden gilt's auch heut den Streit,
die wir vor uns wie Vieh oft hergetrieben;
mit Ehren ſind wir Sieger ſtets geblieben
durch Gottes mächtige Barmherzigkeit.
(13) Hat wer von euch, ihr Kämpen, wol gedacht,
daſs (ob auch noch ſo tapfer –) un/re Hände
es waren, die zu ſolch ruhmvollem Ende
die weitgeprieſ'ne That allein gebracht?
(14) Nein höh're Macht war's, denn der große Gott
hat ſelbſt für uns gewaltiglich geſtritten.
Er lieh dem Arme Kraft auf unſre Bilten,
und machte dort der Heiden Zahl zu Spott.
(15) Was hat bei Siklós er für uns gethan,
der Gnadengott! Mit ungezähltem Volke
drang auf uns ein die wetterſchwang're Wolke,
für ſich're Beute hielt uns Suliman!
(16) Drum nieder ſtürzte Gott der Stolzen Reih,
die blanke Waffe ſtumpft er ihnen allen:
" uns zu erharr'n mocht ihnen nicht gefallen:
viertauſend ſchrien ihren Todesſchrei.
– 124 –

(17) Wir ſchlugen Ulam") ſonder Müh' und Bhut,


und unwirſch ließ er ſeine Beute fahren,
den Sohn?) verlor er, mancher Agas Scharen –
ein ſolches Ende fand des Heiden Wuth.
(18) Vom Türkenblut iſt jetzt auch Rinya") warm,
weiß von der Schädel Zahl das Feld geworden;
windſchnell aus Buda“) flohn der Türken Horden,
denn unſre Waffen ſtärkte Gottes Arm.
(19) (ott/chirmte mich als Schild auch, da das Roſs
die Kugeln mir von Babooſa zerriſſen,
und durch den zweiten Schuſs mir vor den Füßen
der Helmſchmuck lag – faſt war ich leibeslos.
(20) Und weiter – war es nicht ein Wender gar,
da (olt Korontas") Burgthor uns erſchloſſen?
Wir hofftens nur von unſern Wurfgeſchoſſen,
doch ſtürmten wir die Feſtung ohn Gefahr.
(21) Arslan Jahiogli") floh vor uns drauf:
er wagt es nicht zu bieten uns die Spitze.
Gott iſt mit uns (wuſst er) vom Himmelsſitze,
drum ſchlugen wir und ſchlachteten vollau/.
- (22) Mehmed Tailer – dort auf Siklósfeld
hat Lager, Sohn und Leben er verloren,
und um den Boten, der des Sultans 0hren
die Kunde brächte, war es föhler belell.
) Ulama. *) Dehafer. *) Babocsai Rinya = Rinya von Babo
tſcha. *) Ofen. *) Gr. Korotna?") Gr. Jahjäöglu = Jachjaſohn
– 125 –

(23) Eh ſchwände meines Lebens Hauch dahin,


eh ich erzählte Gottes ganze Gnade:
er ebnet jetzt auch uns der Thaten Pfade:
bringt denn auch ihr ihm Zoll mit Heldenſinn.
(24) Die Chriſten ſchau'n auf uns von übrall her,
auf unſrem Heldenarm ruht all ihr hoffen.
So hat uns auch noch Schande nie betroffen,
voll un/ers Ruhms iſt Himmel, Erd' und Meer.
(25) So werde jetzt denn unſer Ruhm gemehrt,
wo nicht – geendet ehrenvoll das Leben,
Vergeſſenheit wird's unſrer Tat nicht gehen,
ſo weit der Menſch hier Goltes Donner hört.
(26) Denn das iſt unſres Ruhmes groß Gewicht,
daſs Sulöme an /elb/t gegen uns in Waffen.
Wenn ihn (wir hoffens) unſre Schwerter trafen:
ſo iſt's der Erde Schreck, den wir beſiegt.
(27) Doch nicht um das nur kämpfen wir – vielmehr,
daſs Gott das Chriſtenland mit Frieden kröne,
/ür unſern Herrn und Kaiſer, un/re Söhne,
für unſer Leben, und die eigne Ehr'.
(28) Wein eher //ürzen wir zum Tode bleich,
eh' einer ſeinen eignen Wünſchen löge,
eh' wer am Strick gefaſst uns mit ſich zöge,
die Freiheit raubend und den Ruf zugleich,
– 126 –

(29) Dranſetzen wird er alles liſtiglich,


Zum Glauben uns zu locken als die Thoren.
Wer Türkenworten glaubt iſt bald verloren:
die Burg verlör' er, ſeinen Glauben, ſich.
(30) Den Türken hat den hohen Wiſſegrad
Held Amadi durſtlechzend übergeben ),
die That zahlt er bereuend mit dem Leben, –
ſo an Loſoncz' übt Achmed einſt Verrath.
(31) Loſonczi übergab in großer Noth
von Temesvar die Stadt vertraunden Sinnes?);
er büßt es mit dem Leben, ſtatt Gewinnes,
und mit der treuen Kampfgefährten Tod.
(32) Glaubt nicht dem Türkenkaiſer! Seht er hält
niemals als Mann das Wort, das er geſchworen:
Seht Buda ging des Königs Sohn verloren,
und treulos ſpannt der Türk dort ſein Gezelt.
(33) Wer ſchenkt auch Glauben dem, der keinen hat?!
den Türken wer, die doch in allem lügen?!
Wir müſſen unſerm Gott vertrauend ſiegen;
wo nicht, ſo ſterben wir auf dieſer Statt.
!) Königsſchloſs zwiſchen Gran und Waitzen, 1544 von Amadé
an Mehmed Jahi Oglu übergeben, nachdem die Beſatzung 5 Tage
ohne Trunk ausgehalten. *) 30. Juli 1552, Feſsler VI, 769. Te
meſchwar blieb bis 1713 türkiſch. Spr. Loſchontzi.
– 127 –

(34) Der 0rt – die Burg hier ſei uns Ruhmesmahl,


wo nicht – begrab’ uns denn ein Geiermagen;
und unſer Ruhm wird hoch zum Himmel ragen,
führt jeder nur als Held der Waffe Stahl.
(35) Ich bin bei Euch, ſo lang mein Leben währt –
ich ſchwör's bei Zebaoth, der euig lebel.
Zu gleichem Schwure drum die Rechle hebet,
legt ſie zum Eidſchwur auf das blanke Schwert.
(36) Ermuthigt wurden da durch Zrinys Wort
von Szigetvár die Heldenpaladine:
ein jeder ſtund mit unerſchrockner Miene,
in ſeiner Hand des nackten Schwertes Ort.
(37) Wie wenn der Nord brauſt vom Karpatenfirſt,
und durch den Eichwald an der Halde ſauſet,
nicht ſtockend – nirgend matt, gewaltig brauſet,
der weiche Aſt ſich beugt, der ſpröde birſt:
(38) So iſt die Wuth, die jetzt die Reih'n durchfährt,
von der empört die Adern alle ſchwellen:
in Blut begehren Zrinys Kampfgeſellen –
in Feindes Herz zu tauchen Hand und Schwert.
(39) Und Peter Farkaſchitſch reißt hoch empor
(geheilt von Rachmads Schlägen, die ihn trafen)
den Säbel aus der Scheide vor dem Grafen;
zum Himmel blickend ſchwört er jenen vor:
– 128 –

(40) Wernimm, gerechter Gott! vernimm, du Held,


der Helden erſter, meines Schwures Rede!
Schon' ich mein Blut in Walerlandes Fehde,
verſtröm' ichs nicht gern, wo es dir gefällt;
(41) verlaſſ" ich lebend deinen Feldherrnſtab,
/inn' ich Verrat gar gegen dieſe Mauern:
dann triff mich,6alt, mit deiner Rache Schauern,
/türz' mich zum Höllenpful rücklings hinab.
(42) So Farkaſchitſch, des Zriny Capitan,
zweihundertdreißig folgten ſeinen Spuren,
bepanzert Haupt und Hand, und alle ſchwuren
mit lauter Stimme wie der Held gethan.
(43) Iwan Nowakowitſch folgt; dieſer führt
noch hundertfunfzig an mit trotz gen Blicken.
Des grimmen Tigers Fell hängt ihm vom Rücken,
mit Aaresfedern iſt der Schild geziert.
(44) Sproſs war der Held des Nowak Debeljak,
an Zügen gleich dem ritterlichen Ahnen.
Oſt ſtampfte ſchon ſein Fuß der Türken Fahnen,
manch Türkenroſs, manch Reiter ihm erlag.
(45) Mit hundert Säbeln ziehet Dandó auf,
dem Leun gleich gierig nach der Heidenbeute,
er ſchwur den gleichen Eid, und trat zur Seite;
mit andern hundert Stefan Orſchitſch drauf.
- 129 =

(46) Ob einen kühnern wo ein Weib gebar,


der höher ragte, ſtattlicher gebauet?
Mars käme, dachtſt du wenn du ihn geſchauet,
wie ſchon ſein Blick geſcheucht der Feinde Schar.
(47) Im bunten Waffenrock und Panzerwehr
folgt nun Matthä Szetfchödi auf die beide;
ihm blinkt in nerv'ger Fauſt des Säbels Schneide –
mit hundert ſtarken Kriegern ſchwur auch er.
(48) Mit funfzig Säbeln Kaſpar Alapi,
ein Pantherfell hängt ihm vom Rücken nieder,
ihn zieret noch des Kranichs bunt. Gefieder:
in Heldenthum und Weisheit wich er nie.

(49) Auch Radowán der ſtrenge ſtellt ſich dar


von Zriny losgekauft um Türkenbaſſen,
Nicht wüth'ger mag der Leu ſich denken laſſen,
wenn er hinein ſtürmt in die Türkenſchar.
(50) Sechshundert hatt' er ſchon zur Höll' geſchafft,
doch tauſend Türken denkt er noch zu ſchlachten,
der Narben hundert zählt er, die ihm brachten
die Schlachten all bis zur Gefangenſchaft.
(51) Golémi Stipán ſchaut nun an einmal,
dem Rieſen gleich an Furchtbarkeit geſchaffen:
ihm ſchaden nimmer ird'ſcher Krieger Waffen,
denn ſeine Haut iſt hart wie Fels und Stahl.
- 13
(52) Auch Peter Bata!) kommt im Kriegerkleid,
und Patatitſch der grimme, gleich genannte; -

Wolfgang Papratowitſch?) der allgewandte,


und jedem folgen hundert ſchlachtbereit.
(53) Nun Klaus Kobatſch: zweihundert führt er an,
Paul Tſcherei – ſein Genoſs – war ja gefallen.
Auch tauſend führt er leichtlich – denn von allen
im ganzen Heer war er der klügſte Mann.
(54) Györi und Balázs*), den man Deák *) nennt,
und Bendix Medvei*) mit Bikas") Stärke –
Andreas Bika ſag' ich, deſſen Werke
- das Türkenlager längſt mit Grauſen kennt.
(55) Mit funfzig Kriegern naht Geréczi ſtill,
Olai Beg ſchlug den andern Todeswunden;
Geréczi ſelbſt trug noch das Haupt verbunden
ſeit jener Schlacht, in der der Paſcha fiel.
(56) Held Lorenz Juranitſch das Banner trug;
doch weil ſein Woiwode war gefallen,
ward er an deſſen Platz geſtellt von allen,
denn tapfer war er in der Schlacht und klug.
*) Feſsler Bathay, oben S. 23 Bath. *) Feſsler Paprotowitſch.
*) Sprich Diöri und (franzöſiſch) Balàge; vgl. übrigens S. 23, Anm. 2.
*) Bedeutet Lateiner, Student, Schreiber – eigentlich diaconus.
*) Bed. bärenhaft. *) Bed. Stier.
– 131 –

(57) Held Juranitſch – nie einen ſchönern kann


des Tages Auge ſchau'n in Männer Mitten,
wol funfzig Säbel folgen ſeinen Schritten;
dem Peter Ostroni noch hundert dann.
(58) Auch Radivoi führt hundert Krieger dar,
weil andre hundert Bajoni geleiten.
Nach ihm ſieht man Andreas Gufitſch ſchreiten,
der Zrinyburg Schirmherrn, mit gleicher Schar.
(59) Sieh nun den Deli Vid ), der Ungarn Schild,
der Türken Geißel, die er laufen lehrte:
er ſchließt die ganze Schar, die erzbewehrte,
mit fünf mal funfzig Säbeln zornerfüllt.
(60) Vergleich' ich ihn dem Leu'n? Ich ſage mehr:
Mars ſelber nenn' ich ihn, den Scharenbrecher;
Tod ſprüht ſein Auge, allen Hohnes Rächer;
vier Klaftern ſpannt ſein eiſenſchwerer Sper.
(61) Den Leib umſpannt ihm blankes Stahlgewand;
des Marders Fell umſchließt der Schläfe Weichen,
drauf ihren Glanz des Falken Federn zeigen;
ein wucht'ger Schild beſchwert die linke Hand.
(62) Den Boden pflügt des Reiterſtiefels Sporn,
zur Seite klirrt die Damaſcenerklinge.
Vor ihm ſind jene Kämpen ſelbſt geringe –
die Blum' iſt er; ſchnell, weiſe, ſtark im Zorn.
*) Wid = Vitus, deli als Beiwort bedeutet ſtattlich, heldenhaft.
(63) Sie alle ſchwuren Zriny hier aufs neu,
freudig mit ihm den Heldentod zu ſterben,
nie ihn zu laſſen, eher zu verderben,
treu ihrem Land und ihrem Feldherrn treu. –
(64) Die Muſtrung dehnt der Graf noch weiter aus,
beſichtigt ſeine Burg: Geſchütz in Reihen
läſst er hinaufziehn auf die Schloſsbaſteien;
Zündkraut und Waffen theilt er reichlich aus.
(65) Viel Kriegsgeräth und Schwarzbrot-Proviant,
ſamt Fleiſch und Wein, auch Salz in großen Gelten,
und Spaten, Hacken, Leitern – die noch fehlten –
ſo Feuerkunſt wie Löſchzeug allerhand.
(66) Viel Planken, Brennholzſcheiter ohne Zahl,
ſamt Haſelzunder, Schwefel und Salpeter;
von hartem Eichenholz gewaltge Breter –
kurz, Was Belagrung heiſcht, das ſchafft er all.
(67) Hierauf befahl er:
Wiemand denke dran,
mit einem Türken nur ein Wort zu ſprechen.
Mit ſeines Kopfs Verluſte uerd' ich rächen
die Debertretung ohne Gnade dann,
(68) Rings um die Planke ſolln bei Macht und Tag
in ſteter Ordnung Kriegerwachen wandern.
Es ſorgen die Woiwoden ſamt den andern
für die Beuaghung, die ich ihnen ſag'.
– 133

(69) Als nun zu ordnen nichts mehr überblieb


und jeder den Befehl im Schloſſe wuſste:
ſchrieb er an Ungarns König, wie er muſste,
und dieſes wars, was er dem König ſchrieb:
(70) Großmächtger Herr! Zwei Wochen ſind es ſchon,
daſs Tod mir drohn des Türkenkaiſers Horden.
Durch ſichre Boten iſt ſie mir geworden,
drum bring' ich dieſe Poſt vor Deinen Thron.
(71) Bereit iſt in der Burg (ſoweit es /tand
in meinen Kräften, alles zu beſchaffen)
der tapfern Krieger Schar, der Schatz der Waffen;
der Ausgang freilich ſteht in Gottes Hand.
(72) Mein Nam, o König, ſei Dir Bürg und Pfand,
daſs ich beſtrebt war, alles zu erfüllen.
Soll Sigeth halten ſich nach Gottes Willen,
ſo hält es der, der Dir dieß Blatt geſandt.
(73) Doch fürcht' ich faſt – ein andres Ziel und Mahl
wird, wie der Burg, /o Deinem treuen Knechte.
Dem Sand gleich – ſagt man – ſei'n des Feindes
Mächte,
Ein Korn bedeck' uns ſchon – ſo ſei die Zahl.
(74) Doch wenn Dein Haupt nur frei von Unheil blieb –
mag dann in Sigeths Sturz mein Leben enden!
Gefall' es Dir dann, Gnade zuzuwenden
den Söhnen des, der dieſen Abſchied ſchrieb.
– 134 –

(75) So ſag' ich Dir Lehwol auf ew'ge Zeit:


ich weiß, daſs ich nie wieder ſchau'n Dich werde,
drum ſei des Himmels Schöpfer und der Erde
für alle Noth Dir treu und hülfbereit!
(76) So ſprach der Brief. Ihn ſiegelt er ſofort,
nachdem zuſammen er das Blatt gebrochen.
Dann hat er weiſe zu Georg geſprochen –
begierig lauſcht der Sohn des Vaters Wort:
(77) Zum letzten Male ſchau' ich dich, mein Sohn;
drum preiſ" ich auch der Weſen ew'gen Vater,
daſs ich dir noch nah ſein darf als Berather:
vernimm ſie denn, der letzten Warnung Ton.
(78) Herrn einer Grafſchaft laſſ' ich dich zurück,
die ich erwarb durch meines Säbels Wehre:
hoch ſteh' dir immer Gottes Furcht und Ehre –
ſo wachſe für und für durch Ihn dein Glück.
(79) Lern auch von mir das ſchwere Heldenthum,
wie man dem Vaterland die Heldentreue
bewahr, und harten Sinn zu zeigen ſcheue –
von andern lerne Glückes Frucht und Ruhm.
(80) Ich habe gnug erlebt, ſo Leid wie Glück,
die Welt geſehn, der Menſchen eitles Streben:
Was jene ja mit einer Hand gegeben,
das nahm ſie dann mit heiden gleich zurück.
– 135 –

(81) In keinem Gute fand ich Ruh und Heil


im Menſchenleben noch auf keiner Seite;
nur wenn Jehowah ich die Dienſte weihte –
da gnügt' ich mir, da ward mir Ruh zu theil.
(82) Den Weg drum wandle, Sohn, der ihm gefällt,
die Straße, die die Gotteskinder gehen:
Er gibt dir Kraft, im Heidenkampf zu ſtehen;
Er nur gewährt uns Glück auf dieſer Welt.
(83) Gedenke du dann meiner Thaten gut:
des Aares Sohn darf nicht der Taube gleichen,
von Zrinys Art darf nie ein Zriny weichen –
den Ruf verdien' dir drum im Heidenblut.
(84) So bitt' ich denn Gott, der im Himmel iſt,
zu allen Zeiten deine Kraft zu mehren;
Er geb', daſs du ihm dienſt in Luſt und Ehren
und daſs du droben /pät mich wiederſieht.
(85) Den Brief hier trage flugs dem König hin:
des Krieges Mähe wiſſ’ er ſo beizeiten,
des Landes Leiden Hülſe zu bereiten: -“

denn Suliman naht uns in haſt'gem Sinn. –


(86) „Grauſamer Vater! 0 wie biſt du hart!“ .
ſpricht Zriny da, der junge, zu dem Bane.
„Verjagen willſt du mich vom Ehrenplane?
„von dir mich ewig trennen durch die Fahrt?
-136 -

(87) „Nicht ſo! Des Aars Sohn iſt ein echter Aur.
„Ein Baſtart, der des Tods ſich ſchuldig machte,
„wär ich dann, wenn ich vor dem Tode zagte.
Ich fliehn, wo du als Held dich/tellteſt dar?
(88) „Welch Glück dir auch der Ewige verliehn –
„doch nur, zu heben mich zu gleicher Stufe!
„Blieb' ich verſteckt – Schmach brächt's auch deinem
Rufe:
„für wen ) (ich bitte) ſoll den Tod ich fliehn?
(89) „Soll vor dem Volk ich ſtehn als feiger Wicht?
„I/t dieß das Heldenthum, das du befohlen?
„Ungleichen Sohn des großen Vaters ſollen
„mich alle nennen? Golt, das füge nicht!
(90) „Entweder, Herr, laſs du mich hie bei dir;
„wo nicht – mein Leben end' ich mit dem
Schwerte.
„Eh ſchwinde Zrinys Name von der Erde,
„eh daſs ihn einer nur mit Schanden führ'.“ –
(91) Doch klugen Sinnes drauf der Vater ſpricht:
Mein weisheitsvoller Sohn voll heißen Blutes!
Haſt du auch Ueberfluſs hochherzgen Muthes:
dein Feur zu löſchen iſt mir dennoch Pflicht,
*) Kinek; Greguſs lieſt minek.
– 137 –

(92) Der Ehre ſüß iſt ihr Gedanke wol,


und mancher hat ſich gern mit ihm betrogen;
den rechten Brauch hat ſelten wer erwogen,
das gute thun zugleich mit Ruhmes Zoll.
(93) Verwegnem Muthe folgteſt du ſo jach
wie gegen Sturmwind ſich der Zweig nicht wehret.
AWoch kommt die Zeit, wo Wonne dich verkläret,
gleichwie die Blume /tralt im Roſenhag.
(94) Wer pflückte wol die Roſe vor der Zeit?
So bringts auch dir nicht Lob, Tod zu begehren.
Wes Wortheil möchte wol dein Tod vermehren?
Zu leben noch – zu dienen ſei bereit.
(95) Die Seel' iſt Gottes – nicht nur unſer Theil:
iſt zu Willkür gebrauch ſie dir gegeben?
Für größeres behalte du dein Leben,
zu deines armen Vaterlandes Heil.

(96) Ich muſs dahier beſchließen meinen Tag,


hier endet (alſo will es Gott) mein Leben;
noch einmal zeig' ich, was er mir gegeben –
zeig' du dann auch, was deine Kraft vermag.

14
– 138 –

Sechster Geſang. *)
Soliman, der bei Harsány halt macht, läſst nun
Sigeth durch Chalil und Demir Chán zur Uebergabe
auffordern. Erſcheint letzterer als derber Krieger, der
ohne Umſchweife auf ſein Ziel losgeht: ſo zeigt dagegen
des erſteren Rede den ſchlau umgarnenden Diplomaten.
Dieſe erwidert Zriny mit einfach aber ſtolz abweiſender
Antwort; auf Demir Cháns leidenſchaftlichen Ausruf
bricht auch die Beſatzung, in deren Gegenwart der Ban
die Geſandten empfangen hatte, in die wildbegeiſterte
Antwort aus: Waffen, Waffen!
Nicht Worte – Waffen nehmen Sigelh ein!
Hierauf beſchließt Soliman die Erſtürmung der
Feſtung und ſendet die Vorhut unter Osman gegen die
ſelbe, um den geeigneten Platz für das Lager auszu
ſuchen. Zriny, hievon durch gefangene Türken unter
richtet, entwirft raſch einen Plan zum Ueberfalle, zieht
Osman entgegen und ſchlägt ihn bei dem (Sigeth umflie
ßenden) Bache Almás in die Flucht. Unter Zrinys Helden
thut ſich hier beſonders Deli Wid hervor; er zieht allein
zum Angriffe über den Bach zum Entſetzen der Feinde,
tötet den ſyriſchen Königsſohn Hamviván (vgl. I, 82),
und bald darauf deſſen treuen Diener Kambir, der den
*) Bei den hier folgenden Inhaltsangaben liegt meiſt Fr. Toldys
a magyar költészet története Pest 1854 zu Grunde.
– 139 –

Tod ſeines jungen Herrn rächen will. Auf Deli Wid


kommt der Dichter mehrfach ſpäter zurück.

Siebenter G e ſang.
Im Zelte Solimans ſchwört Demir Chan, von Hel
denliebe für Menetham und deſſen gefallenen Sohn Ham
vivan erfüllt, des letzteren Tod blutig zu rächen. Der
Sultan ſchlägt ſein Lager vor Sigeth auf, wo eben
Farkaſchitſch im Sterben iſt. Dieſer Held, von den durch
Rachmad erhaltenen Wunden geheilt (III, 69 folg. V,
39 f.), ſtirbt unter bitteren Klagen, daſs ihm der Schlach
tentod verwehrt iſt, an heftiger Krankheit, und Zriny
empfindet den tiefſten Schmerz über den früh abgerufe
nen Kameraden. Bei einem darauf folgenden neuen
Ausfalle des Feldherrn treffen Wid und Demir Chan in
leidenſchaftlichem Zweikampfe auf einander; die Nacht
trennt dieſen, ehe es zur Entſcheidung gekommen iſt,
und die beiden Helden ſagen einander die Fortſetzung
des Kampfes auf den folgenden Tag zu.

A c h t er Geſang.
Während Zriny eine himmliſche Tröſtung erfährt,
verſammelt Soliman, durch die fortgeſetzten Verluſte
14*
– 140 –
bekümmert, einen Rath mit ſeinen Weſfiren, worin des
Sultans Eidam Ruſtem (I, 73) eine regelrechte Belagerung
mit Laufgräben und andern Erdarbeiten ſtatt der bis
herigen planloſen Angriffe anräth. Dagegen ſtimmt De
liman in höhniſcher Erwiderung für einen plötzlichen
Angriff, und entfernt ſich, ohne jenes Antwort abzu
warten. Ihm folgt Demir Chan, während Pertaf, indem
er die einreißende Uneinigkeit geißelt, durch ſeinen
Einfluſs Ruſtems Antrage zur Annahme verhilft. Indeſs
geht Deliman zum Sultan und bittet ihn, zu geſtatten,
daſs er ſelbſt mit fünf andern den Zriny und fünf ſeiner
Hauptleute zum Zweikampfe auftordere; deſſen Ausgang
ſoll entſcheiden und ſo werde ſicher Sigeth am ſchnell
ſten in ſeine Gewalt kommen. Soliman beruhigt ihn
mit dem Verſprechen, daſs, wenn die nun befohlene
Beſchießung der Feſtung erfolglos bliebe, jene Zwei
kämpfe allerdings ſtattfinden ſollten.

Ne unter Geſang.
Im Eingange ſpricht der Dichter ſeinen brennenden
Eifer, den Helden von Sigeth durch Thaten nachzuah
men, derart aus, daſs der Leſer erfährt: während der
Arbeit an dem Gedichte hat ein Trupp Türken aus
Kaniſcha den Dichter in ſeiner Burg zu Tſchakaturn
– 141 –

(vgl. S. 30) beunruhigt. Hierauf kehrt er zur Hand


lung zurück.
Zriny verabredet in ſeinem Gemache mit Deli Vid
einen Scheinangriff, während deſſen ein Eilbote an König
Maximilian abgehen ſoll, um demſelben Bericht über die
Noth der Feſtung zu erſtatten. Radivoi, einer der die
Nachtwache befehligenden Hauptleute, hört dieß Ge
ſpräch, theilt es ſeinem jüngeren Freunde Juranitſch
mit, und beide erbitten ſich nun von Zriny die Erlaub
nis, die Botſchaft übernehmen zu dürfen. Sie ſchleichen
ſich aus der Feſtung; indem ſie aber zwiſchen Opium
und weinberauſchten Türken dahinziehn, können ſie der
Verſuchung nicht widerſtehn, mehrere zu töten, darunter
den Kadileſchker (ſ. IV, 66). Schon ſind ſie glücklich
zwiſchen den Zeltreihen hindurch ans Ende des Lagers
gelangt – da werden ſie von der tatariſchen Lager
wache bemerkt; zwar durchbohrt Radivois Pfeil den
Anführer Idris, aber auch beide Freunde finden den
gemeinſamen Tod. Noch in derſelben Nacht erblickt
Deli Wid den gefallenen Radivoi!) im Traume und ver
nimmt deſſen Vorherſagungen über ſeinen und Zrinys
Märterertod. Die Türken begraben ihre Toten.
*) Jeder ſieht, daſs Homers Doloneia und mehr noch Virgils
Nisus und Euryalus zum Vorbilde gedient haben; aber auch die
Geſchichte bietet bis auf Markos Bótzaris (30. Auguſt 1826) hin
reichende Parallelen.
– 142 –

Zehnter Gefang.
Der erſte Sturm auf Sigeth brauſt in naturwahrer
Schilderung vor uns vorüber. Hervortreten einzelne per
ſönliche Gefechte, ſo Demir Chán mit Radovan, welchen
dann Durak von rückwärts durchbohrt. Seine Baſtei
übernimmt Dandó und verteidigt ſie in bedenklich ſchwan
kendem Kampfe gegen Demir Chan. Peter Bot!) macht
einen Ausfall, Deliman ſchlägt ihn zurück und dringt
mit einem Türkenhaufen durch das von zwei Kroaten
liſtig geöffnete kleine Thor in die Feſtung ein; aber
rechtzeitig noch werden ſie entdeckt, umzingelt und nie
dergehauen – nur der Führer entrinnt. Indeſſen eilt
Zriny ſelbſt dem bedrängten Dandó zu Hülfe, und ſo
wird der Sturm gänzlich abgeſchlagen.

E 1 ft er Gefang.
Streit zwiſchen Deliman und Ruſtem Beg; dieſer
verhöhnt jenen und wird von ihm niedergeſtochen. Der
Sultan beſchließt auf Antrag des Käßim Paſcha ſeine
Beſtrafung, der Tartarenchan droht mit Widerſtand, aber
ſeine Freunde Demir Chán und Chalil bewegen ihn ſich
zu entfernen. Erſterer fordert nun durch einen beſon
dern Boten Deli Vid zur Fortſetzung des Zweikampfes
!) Vgl. S. 23, Anm. 1.
– 143 –

auf, welcher in Gegenwart ungariſcher und türkiſcher


Truppen auf dem Sigether Felde vor ſich geht – auch
Zriny ſelbſt ſieht von dem Schloſsturme, Soliman von
einem Hügel aus zu. Plötzlich eilt Amiraſchén (I, 79)
mit ſeinen Mohren dem Demir Chán zu Hülfe; natürlich
veranlaſst dieſe Vertragswidrigkeit auch Vids kleine
Schar, ihrem Führer beizuſtehn – der Kampf wird all
gemein, und Amiraſchén fällt durch Vids Hand. Auch
Zriny macht nun mit fünfhundert Mann einen Ausfall,
und da er Deli Vid nirgends mehr gewahrt, beweint er
ihn als einen gefallenen und richtet in ſeinem Schmerze
ein fürchterliches Blutbad unter den Feinden an.

Zwölft er Geſang.
Der in Ungnade gefallene Deliman fühlt nun nach
Ruſtems Tode ſeine frühere Liebe zu deſſen Witwe Ku
milla, die ſich jetzt in Belgrad befindet, durch den Lie
besgott von neuem angefacht. Das gleiche iſt bei ihr
ſelbſt der Fall; ſie lädt den Helden zu ſich ein, und die
beiden liebenden vereinigen ſich wieder. Indeſſen ver
langt das türkiſche Heer, das neuerdings viele tüchtige
Führer verloren, in drohender Haltung Delimans Zurück
berufung. Soliman aber hat dieſem ſoeben ſchon durch
einen eigenen Boten Begnadigung und die Hand ſeiner
Tochter anbieten laſſen; obwol Kumilla böſes ahnend
– 144 –

ihn abzuhalten ſucht, geht er darauf ein; ſie fleht zu


Gott, ihren Geliebten zu ſchützen, ſonſt aber ſie vorher
ſterben zu laſſen – darauf machen ſich beide auf den
Weg nach Sigeth. Unterwegs trinkt Kumilla aus Deli
mans Reiſebecher, der aus Schlangenhaut bereitet und
Vergiftet iſt, und ſtirbt unter Qualen; Deliman gelobt
ſeinen Schmerz im Chriſtenblute zu ſtillen.

Dreizehnt er Geſang.
Deli Wid war aus dem Kampfe mit Demir Chan
nicht wiedergekehrt; durch ein Wunder von den ihm
umgebenden Türken nicht erkannt durchwandert er das
Lager, um noch dieß und jenes zu erſpähen. Vergebens
harrt ſeiner die treue Gattin Barbara, die aus einem
Türkenmädchen (AIfcha genannt) ein den Chriftenhelden
treuliebendes Weib geworden war. Doch nicht lange
jammert ſie unthätig; kriegeriſchen Sinnes
hängt ſie zur Seit des Gatten gutes Schwert,
den Leib in Erz, das Haar in Schleier hüllend,
die zarte Hand mit einem Spere füllend,
und ſchwingt ſich eilig auf ein ſchnelles Pferd.
So als Türkin angethan eilt ſie ins Türkenlager, deſſen
Sprache ihr von Jugend auf geläufig war, durchſtreift
es überall hin nach ihrem Gatten, doch vergebens. Da
gewahrt ſie am andern Thore einen Mohren, der Mühe
– 145 –

hat ſein launiges Roſs zu zwingen; ſie erkennt in ihm


einen Kaiſerboten; ihren Schmeichelworten gehorchend
vertraut er ihr an, daſs er dem Kaiſer zu melden habe,
Deli Vid ſei im Lager – nicht weit davon liege er
ſchlafend. Freudig erſchreckt hat ſie doch, um die
Botſchaft zu hintertreiben, nichts eiligeres zu thun, als
den Mohren niederzuhauen. Aber ehe ſie nun nach
ihrem Gatten ſpähen kann, iſt ſie der blutigen That
wegen von allen Seiten umringt; mit Mühe beſchwich
tigt ſie die Fragen durch das vorgeben, daſs ſie eben
nur Blutrache geübt, da der Mohr einſt in Al Kahira.
ihren Bruder gemordet. Da kommt Vid hinzu; ſchnell
gefaſst erklärt er ſie für eine entlaufene Sklavin und
will ſie fortführen, aber ein anweſender Kadi verlangt
Beweiſe vor regelrechtem Gericht. Da gilt es raſche
Gewalt: mit blitzſchnellen Streichen liegen ſieben Tür
ken rings um ſie erſchlagen, er hebt die Geliebte auf
den Karabul (vgl. I, 79), und obwol von unzähligen
verfolgt, rettet ſich das Paar glücklich nach Sigeth zu
dem überraſchten Zriny, dem der totgeglaubte nun ge
treulich Bericht über das Türkenlager abſtattet.
Während deſſen hält Soliman abermals Kriegsrath:
Ali Begräth zum Rückzuge, Deliman aufs heftigſte zur
Weiterführung des Kampfes. Der Sultan beſchließt
bereits, da ſein Feldzeugmeiſter Ali Kurt durch eine
Kugel des Paul Csontos (Tſchontoſch) fällt und ſeine
– 146 –

Kanonen bei einem Ausfalle Zrinys größtentheils un


brauchbar gemacht worden, die Belagerung der Feſtung
aufzuheben. Da erfährt er plötzlich durch eine einge
fangene Brieftaube aus einem Schreiben Zrinys an K.
Maximilian den in Sigeth herrſchenden Mangel und die
zuſammengeſchmolzene Zahl der belagerten; von neuem
ermuthigt, befiehlt er allgemeinen Sturm.

Vier zehnt er Geſang.


Nach einer perſönlichen Abſchweifung des Dichters
(ähnlich der obigen Geſ. IX) werden wir in Solimans
Zelt geführt, wo der Zauberer Alderan dem Sultan
ſeine Dienſte anbietet, Lucifer heraufbeſchwört und mit
deſſen ganzer Macht den nächtlichen Sturm unterſtützt.
Dieſer wird darauf eingehend beſchrieben. Die Türken
und mit dieſen um die Wette die hölliſchen Heerſcharen
werfen Feuer in die Feſte, nehmen die äußere Burg
im Sturm, und nöthigen Zriny, ſich mit ſeinen letzten
fünfhundert Mann in das innere Schloſs (die Cittadelle)
zurückzuziehen. Auch hier findet er keinen Schutz
vor dem feindlichen Feuer; ſo ermuthigt er die ſeinen
zu neuem entſchloſſenen Kampfe und thut einen Ausfall
auf den äußeren Schloſshof; hier wird der Feind durch
das Schwert der Ungarn und durch ſein eigenes auf
ihn zurückſprühendes Feuer trotz aller Tapferkeit Demir
– 147 –

Chans hart bedrängt. Dieſer, durch ſein Verhängnis


getrieben, ruft Deli Vid auf; beide verlaſſen den allge
meinen Kampfplatz, und nachdem letzterer von ſeinem
Gegner die Verſicherung empfangen, daſs er an dem
Zwiſchenangriff Amiraſchens keinen Theil gehabt, wird
der zweimal unterbrochene Kampf fortgeſetzt und be
endet: der tapfere Mohr fällt durch Deli Wid, dieſer
ſelbſt ſtirbt ſpäter an den von jenem erhaltenen Wunden.

Fun fzehnt er G e fang.


(1) Der Ban erkennt die letzte Stunde nah,
zuſammenrufen läſst er drum die Scharen,
auch die zum Ausfall ausgezogen waren –
nur Deli Wid, der Held, war nimmer da.
(2) Und alſo ſpricht er: Helden ! ihr erkennt,
in welcher Lag ihr euch mit mir beweget;
nicht Krieger bloß /inds, die der Türk erreget,
nein Feur und Schwert und jedes Element.
(3) Gleich wie den Ring der Goldſchmid in der Glut,
/o prüft uns Gott, ob wir uns von Ihm wenden;
doch ſieht er uns bewährt, ſo wird er ſpenden
die Himmelskronen unſerm treuen Muth.
– 148 –

(4) Schon zürnt er uns nicht mehr, der ew'ge Sohn


hat unſre Schuld gebüßt, der ew'gen Wahrheit
Geſetz vollzogen; zu des Himmels Klarheit
lädt er uns nun, zu unſrer Treue Lohn.
(5) Drum vor dem Todesgange nicht geſcheut,
durch den zur eugen Wonne wir entſchweben!
Heut wird das Heldenleben hingegeben,
beſiegelt unſre ganze Prüfung heut!
(6) Als Helden lebten wir: ſo ſei der Welt
als Vorbild hingeſtell ein Heldenſterben!
Ruhm unſerm Namen woll'n wir heut erwerben,
den höchſten Ruhm auf blutgem Schlachtenfeld.
(7) Uns ſchleppe nicht der Heidenhund zum Spott
am Strick herum, den Siegeshohn im Munde -
Der Türk auch ſterb' in unſrer letzten Stunde;
er ſehe, daſs Gott iſt der Chriſten Gott!
(8) So wollen wir (das Feuer friſst geſchwind),
ſobald ſich röthet uns der neue Morgen,
der Burg entſtürmen, die uns lang geborgen –
zu zeigen, was wir waren, was wir ſind.
(9) Der große Zriny ſprachs, und insgemein
bereit ſtehn alle, folgſam ſeinen Winken;
und wie von Mars Luſt alle Waffen blinken,
flammt jedes Auge gleich dem Demantſtein.
– 149 –

(10) Laut brauſt der Beifall durch der Helden Reihn,


wie wenn der Sturm fauſt durch der Tannen ſtarren;
und jeder mag kaum noch die Stund' erharren,
da er befehle Gott die Seele ſein.

(11) Den Harniſch legen ſie von ſich, den Schild,


und die ſie ſonſt belaſten, Säbelſcheiden;
wer möchte jetzt noch blutge Wunden meiden,
durch die bald himmelan die Seele quillt?
(12) Doch Zriny geht zum reichen Waffenſal,
die Kleinod' alle ſchichtet er zuſammen,
darunter legt er dann der Fackel Flammen,
und überläſst dem Rauch die Schätze all.
(13) Nur eines Dolmans Pelzkleid wählt er aus –
den ſchönſten unter allen, die ihm hingen;
ihn trug er, wenn zu Königs Hof ſie gingen
im Siegeszug, wie einſt beim Hochzeitſchmaus.
(14) Zwei Ringe dann, von Gold geſchmiedet, breit,
läſst er zum Zeichen an dem Arme blinken,
vom Kalpak auch die Reiherzierde winken;
zweihundet Goldſtück birgt er noch im Kleid.
(15) Welch' Edelmuth – dem Mörder beuter Lohn!
Auf ewig ſoll ſein Ruhm im Liede klingen –
ach daſs ich muſs von ſeinem Falle ſingen !
vor ihm wich' Hektor, wiche Peleus Sohn.
– 150 –

(16) Als Sigeths Hektor zeigt er ſich der Welt


im Tode noch, dem fürchterlich geſtalten; -

er kämpft auch mit den furchtbarſten Gewalten,


zeigt, wie man fällt ein unbeſiegter Held.
(17) Er facht die Glut, und alles wird verbrannt.
Vom Nagel dann nahm er der Säbel Klingen;
vor allen einen liebt er ſtets zu ſchwingen,
den ſchnallt er um ſein herlich Prunkgewand.

(18) Auf ſeinem Thron ſaß Gott (wie allezeit),


von wo er ſchaut der Welt geſammte Pfade;
die Würde ſteht, die Ehr', im Kreis der Gnade,
der rings umgibt den Thron der Ewigkeit.
(19) Doch unterhalb desſelben, dienſtbereit,
ſieht man Natur und Glück demüthig lauſchen –
Reichthum vor ihm in vollen Bächen rauſchen –
dem ehrnen Meer gleich blinkt Barmherzigkeit.
(20) Nie ruhnden Preis dem Hocherhabnen bringt
die Schar der ſeligkeitserfüllten Seelen;
dem Pſalmenſänger hört man nimmer fehlen
der Lieder Fluſs, die er zur Harfe fingt.
(21) Der dort vernommnen Himmelsſphären Klang –
er wechſelt mit der Echo Ruf, der ſchönen.
Das Heilig – heilig – heilig hört man tönen
endlos im jubelfrohen Engelſang.
– 151 –

(22) Der Cherubim –, der Seraphinen Schar


demüthigt ſich dem Lamm des Sieges gerne;
und lichtgekleidet andre nahn von ferne
und bieten ſich dem Lamm zu Dienern dar.

(23) Da plötzlich machtvoll der Befehl erſcholl


Jehowahs, dem allein die Wahrheit eigen:
daſs all der Jubelharfen Klang nun ſchweigen,
des Himmelskönigs Hof ſich ſammeln ſoll.
(24) Und es geſchieht. Es ſammeln ſich ſofort
der Engel Reih'n, von Gottes anſchau'n trunken; º,

und auf die Knie vor ſeinem Thron geſunken


vernehmen ſie des Hocherhabnen Wort.

(25) Wernimm mein Wort, der Himmel ew'ges Rund!


vernehmls, ihr treugebliebnen Himmelſcharen!
hör's, Erde! Ströme, die von Anfang waren,
vernimms, des 0ceans grundloſer Schlund!
(26) Euch iſt die Thorenfrechheit kundgethan,
mit der ſich gegen mich der Rieſ” erhoben.
Wol weiß er, daſs für ſolch verwegnes toben
ich keine Strafe gnügend finden kann.
(27) Gefällt vom Donnerkeile ſtürzt er hin,
ich ſtieß ihn aus der Reih der Himmelserben.
Verſcherzt hat ers, den Himmel zu erwerben –
nun tobt er noch in frechheitsvollem Sinn.
– 152 –

(28) Michts gnüget ihm, es zollen ſchon Tribut


auf breiter Laſterbahn viel tauſend Seelen.
Auch meine treuen wagt er nun zu quälen,
ſie, denen ich verheißen meine Hut.
(29) Von Sigelh kämpft für mich die Heldenſchar,
für meinen Glauben iſt ihr Blut gefloſſen.
Feindſchaft zum Tod iſt gegen ſie beſchloſſen;
doch jene wiſſen, daſs ihr Glaube wahr.
(30) Wie gäbe jemals das mein Wille zu?
wie könnt' ich ſäumend, wenn ich Gott bin, weilen?
Mein nimmermehr! Ein Engelheer ſoll eilen,
zur Erde ſchleunig ſteig's hinab im Mu.
(31) Eil Gabriel, Feldherr der Himmelshut !
nach Sigeth fliege mit bewehrter Rechten.
Dort findſt du ſie, und ob ſie grimmig fechten –
vernichte ſie ſamt ihrem Frevelmuth.
(32) Erfpähe Sigeths Helden. Wenn vom Leib
die Seelen dann ſich löſen unter bangen:
/oll euer Arm zuerſt ſie froh empfangen,
zu mir ſie führ’n zu ewigem Verbleib.
(33) Er ſprachs, doch nicht mit Menſchenzungenlaut,
vielmehr mit leuchtendhellem Gotteswillen.
Der Engel Schar verſtehts, und zu erfüllen
eilt jeder treu, was ihnen Gott vertraut.
– 153 –

(34) Die Schar führt Gabriel erdwärts geneigt,


ein Kreuz bezeichnend, auf des Fittigs Eile.
Wol herlich glänzt des Himmels Straßenzeile,
auf der das Engelheer herniederfleugt.
(35) Iris erſchließt ihr Thor mit Freudenlaut,
den Kämpfern wünſcht ſie Waffenglück und Segen;
der weiße Milchweg jubelt auch entgegen,
da er die vielen Gottesengel ſchaut.
(36) Der Himmelswagen will die Kämpferſchar
mit Waffen reich verſeh'n, ſich zu entlaſten;
und mit den Blitzen, die die Klauen faſsten,
ausrüſtet ſie zum Streit der edle Aar.

(37) Gern zög' ich mit, ruft ſeufzend Herkules,


doch darf ich meine Stätte leer nicht laſſen;
mein Auftrag iſt der Schutz der Himmelsſtraßen,
mit meiner Keule hüt ich ſie indeſs.
(38) Der Fürſt ruft halt, und in den Lüften ſteht
das Engelheer; nur Gabriel ſtürmt weiter
hinab nach Sigeth zu dem Gottesſtreiter –
vollendet hatt' er eben ſein Gebet.
(39) Da plötzlich Gabriel herniederfährt –
wol ſtralt vom Engelskleide Glanzesfülle,
es ſchimmert ihm der Leib in Purpurhülle,
in ſeiner Rechten flammt das Cherubsſchwert.
15
– 154 –
(40) Erhöben trägt er in der linken Hand
den Palmenzweig ſamt einem Siegeskrañze.
Es ſtralt das Haus von überird'ſchem Glanze,
und alſo ſprach er, Zriny zugewandt:
(41) Du träuer Diener Gottes Zebaoth,
der Chriſtenheit hochperte Heldenhlümé,
Kriegsoberſter in Jeſ Rilterthüme!
ſieh hier der Kröne Glanz, geſandt von Golt.
(42) Der kriegsgewältge Gott ſchickt dieſe dir;
noch eine andré will er bereiten,
die Sternenkrone hehrer Ewigkeiten –
- im Himmel wird ſie #
als euge Zier.
(43) Cohorten Engel hat dir Gott geſandt
zu Hülfe; kannſt du überwinden
die Feinde, die vom Flammenhäus der Sünden
herzogen, kriegriſch gegen dich entbrannt.
(44) Drum/timme freudig noch dein Menſchenherz,
ein zwiefach tapfrer Held, ſcheuch alles Wehe
und eh dein totes Haupt der Räuber ſehe,
/end ihm die Seele vorher höllenwerts!
(45) Er ſprachs – die Rede macht den Helden froh,
Doch ſieh, nicht ferne von den Engelſcharen
muſst er den Lucifer ſamt Heer gewahren –
zu dem ſprach Gabriel im zürnen ſo:
- 155 -

(46) Elende! uqzu ſteht ihr da bereit,


ihr übermüthgen, wenn auch vielgequällen?
Saht ihr ihn nicht, den ew'gen Herrn der Welten, .
aus deſſen Hand der Donnerkeil euch dreut?
(47) Beſchloſſen iſt's im hehren Gottesrath:
die hier in Sigeths Burg als Helden ſterben,
/ie ziehn mit uns, in Gottes Reich zu erben;
was hofft ihr hier umſonſt von eigner That?
(48) Hinab, verfluchte, in der Erde Schlund!
dort hetzet eure Sünder in den Qualen!
Raſch flieht hinab zu des Cocytus Thalen,
dorthin verbannt' euch ſtrafend Gottes Mund.
(49) So ſprach und ſchwang das Schlachtſchwert Gabriel,
das himmliſche, furchtbaren Zornes Zeichen.
Nur zaudernd ſah er ſie von hinnen weichen,
ingrimmig gegen ſeinen Machtbefehl.
(50). Mit ſchwirrendem Fittig ſchlägt die Legion
ſiegblitzend los auf jene ſchwarzen Scharen.
Die hattens längſt in frührem Streit erfahren,
daſs gegen ſie ohnmächtig all ihr drohn.
(51) Die Luft durchdröhnt es, wie der Wirbelwind –
ſie heulen ſchaurig im Gewölk, dem trüben.
So mögen Raben vor dem Aar zerſtieben,
ſo Krähn zur Nachtzeit vor ihm fliehngeſchwind.
– 156 –

(52) Nur du wirſt ihre Beut', o Alderán,


und im Triumph die Seele fortgeriſſen.
Der ſo viel Flüche flucht', ein Höllenbiſſen –
ihr Raub mit Leib und Seele wird der Mann.
(53) So von der Lichtwelt ſchied die Teufelshut;
und ob auch kaum noch erſt der Morgen graute,
doch thauig aus dem Wolkendüſter ſchaute
das Morgenroth, füllt alles nun mit Muth.

(54) Wol kennet Zriny ſeines Lebens Ziel;


er zählt um ſich fünfhundert kühne Streiter.
Die Feuersglut erträgt er nun nicht weiter;
er ſtürmt heraus, mit ihm der Krieger viel.
(55) Kühnherzig tritt er vor aus ſeiner Burg,
die Türken fliehn vor ihm nach allen Winden.
Er ſteht; es weiß ſein Flammenaug zu finden
das Heidenheer, er ſchaut ſie durch und durch.
(56) So aus der Höhle tritt der grimme Leu;
ſo funkelt der Komet aus grauſer Ferne –
die Lande zittern vor dem Schreckensſterne,
der zukunftsträchtig nahet ihrer Scheu.
(57) Kein Türke wagt bei Zrinys Blick ſich vor;
ſie wiſſens, was des Auges Glut bedeute,
und er – zu werden nicht der Flammen Beute,
ſchreitet er langſam aus dem innern Thor.
– 157 –

(58) Die ihr die Welt ſo eben ſtürmtet noch,


ihr landverheerenden, verzehrnden Scharen,
ihr Sarazenen, Türken und Tataren!
w0 ſeit ihr dreier Erden Völker doch?

(59) In Waffen ſeht den Zriny vor euch ſtehn!


Wo iſt der Türken kühner Mars geblieben,
Déliman? Wo die andern, die im Frieden
nach Zrinys Blute dürſten man geſehn?
(60) Süß kommt das Heldenthum die Lippen an,
doch ſchrecklich in der Todesprobe brennen.
Ja bebend muſs das Déliman erkennen,
wie Sommerlaub bebt Sultan Suliman.

(61) Von Hügelfern ſieht er ihn treten dar –


wie klopft das Herz ihm da in banger Scheue!
Daſs er auf Sigeth zog, wie faſst ihn Reue!
wie ſchmäht mit Flüchen er ſein greiſes Haar!
(62) Doch Zriny bleibt nicht ſtehn als Schreckgeſtalt,
ſein Heldenſchwert nicht zeigt er ihnen lange
in träger Ruh. Er naht in raſchem Gange,
ihm folgt der grimme Tod fünfhundertfalt.
(63) Da ſieht man Waffen Waffen zugekehrt,
wo mordend ſich der Held mit Helden dränget.
Mit Blut und Staub dringt Jammerſchrei'n vermenget
empor; es klirrt die Lanze, ſchwirrt das Schwert.
– 158 –
(64) Es naht der Ban, des Todes lebend Bild.
So praſſeln wol im Schilfe Feuersgluten,
ſo rauſchen hoch vom Berge Stromesfluten,
wie Zriny jetzt nur Grauſamkeit umhüllt.
(65) Tſchebar den Rieſen traf zu Tod' er gut,
Tſchirkin und Jakub auf dem grünen Plane,
den Junker Jakul mit der grünen Fahne,
und Sulfikar aus des Propheten Blut.
(66) Der Säbel hundert fall'n auf Zrinys Schild,
der Lanzen hundert, gleich des Hagels Wolke.
Er hält ſie aus, zum ſtaunen allem Volke,
er ganz allein vom heil'gen Zorn erfüllt.

So ſchildert der Dichter das Blutbad weiter mit


grellen Farben, Iwan Nowák, Stefan Ortſchitſch und
andre Ungarhelden treten neben dem Führer auf, des
ſen Opfer ins ungeheure wachſen, wenn gleich jetzt nur
Paſcha Murtuſan genannt wird. Leichenhügel türmen
ſich um Leichenhügel; Menſchen, Pferde, Fahnen, Waf
fen decken überall das Feld – aber auch im Tode
ſcheidet ſich das froh in den Himmel blickende Chriſten
antlitz von den den Boden beißenden Ungläubigen.
Da erkennt Deliman von Weitem den nahenden Zriny,
und nachdem er im Selbſtgeſpräche ſeine plötzliche Zag
heit überwunden, ſtürmt er den Sper in der Fauſt auf
– 159 –

den Helden los; machtlos prallt auf deſſen Schilde die


Spitze ab, da greift er zum Schwerte – aber auch
deſſen Blitze vermögen jetzt nichts mehr gegen den
ungariſchen Leuen.
(88) Den Helm zerhaut des Banes grimmer Schlag
ihm ſchnell, und trifft den Hals ihm hart; der zweite
Hieb öffnet ihm die bloßgelegte Seite,
und ſchwarzes Blut entſtrömt in reichem Bach.
(89) Noch fammelt der die Kraft in glühnder Wuth –
die Bruſt des Banes trifft ſein Stoß inmitten;
doch ſchnell wird des Tataren Hals durchſchnitten:
ſein Leben quillt heraus in ſchäumend Blut.
(90) Zum Totenreich hinab in düftre Nacht,
wie Rauch entſchwindet, ſo entflog er ſchnelle.
Doch ſeine Wildheit ſchwänd an Todes Schwelle:
ein Schatten ward des Heldenlebens Macht.
(91) Und nun, da dieſer tot, hebt jener an.
Von Leichen türmt er Hügel ungeheuer:
dreihundert Heiden – ſchöner Fraß dem Feuer
die ſchlachtet alle der Croatenban.
(92) Jedoch bei Delimans des Helden Fall
faſst jäh das ganze Türkenheer der Schrecken.
Bleich faſst die Furcht die ritterlichen Recken;
ſo weit die Kraft reicht, fliehn ſie überall.
– 160 –

(93) Weit hat er ſich mit nimmermüder Hand,


die fliehnden niederhauend, durchgerungen.
Schon iſt dem Sultan näher er gedrungen,
aus weiter Fern' hat Zriny ihn erkannt.
(94) Still tönt ſein Wunſch zu Gottes Himmelsſitz,
nur Gottes Ehre ſucht ſein Heldenringen.
Hin, wo der Sultan hält, auf Sturmesſchwingen
dringt er, in ſeiner Fauſt der Klinge Blitz.
(95) Boſtandſchis!) tauſend, tauſend Spahoglans 2)
ſtehn um den zagen Kaiſer in der Schanze.
Durch alle die im heißen Waffentanze
bahnt Weg die Schneide des Croatenbans.
(96) Zu ſtehn wagt keiner ihm in höchſter Noth,
noch Stand zu halten ſeinem grimmen Blicke.
Wol hundert haut er auf der Stell' in Stücke,
und hundert andern wieder droht er Tod.
(97) Zu ſetzen eilt ſich Suliman aufs Roſs,
doch eh iſt Zriny bis zu ihm gedrungen,
der zehn Trabanten Tötung ihm gelungen;
nun brauſt er alſo auf den Kaiſer los.
(98) Blutdürſtger Hund, du Räuber aller Welt!
erſchienen iſt des Blutdurſts Racheſtunde!
Nicht duldet Hohn Gott mehr aus deinem Munde,
den längſt verdammten wirſt du nun geſellt.
*) Leibwache. *) Ziemlich dasſelbe wie Spahis = Reiter.
– 161 –
(99) Indes der Mund ihn ſeiner Sünden zieh,
zerſpaltet ihn der Arm; er ſtürzt zu Boden.
Mit einem Fluch' entfloh des Kaiſers Odem,
der ſolchen Stolz dem Leib im Leben lieh.
(100) Alſo war Sulimans des großen Tod
und ſo das Ende ſeiner Macht beſchaffen.
Geſtattet ſo gewaltge That dem Grafen,
dem Niclas Zriny, hat der Chriſtengott.
(101) Nun ſchauet er zurück und ſieht von fern –
es ſtürzt der ſeinen Schar vorm Türkenſchwerte.
Da wie des Hirten Wort zu ſeiner Herde
ſchallt es zu ihnen vom geliebten Herrn.
(102) Bis jetzt, ihr Helden, lebten wir zum Ruhm
des, der am Kreuze ſtarb uns zu befreien.
Mun gils zu /terben und das Leben weihen,
beſiegeln unſers Namens Heldenthum.
(103) Aufthut ſich meinen Augen Gottes Land:
Elohims") Sohn, des großen, ſeh ich winken,
vor – neben ihm der Engel Palmen blinken,
die Martyrkrone beut uns ihre Hand.
(104) Doch dicht umringt ſie nun der Türken Schar,
und Todeskugeln hageln auf die treuen.
Vorm Kampf auf Aug' im Auge mag ſich ſcheuen –
ſonſt ſäbelfroh – der wilde Janitſchar,
!) Hebräiſch = Gott.
– 162 –

(105) Und aus der Heldenſchar kein Klageton!


kein Wehgeſchrei hört man von ihnen allen.
Wo jeder ſteht, da ſieht man jeden fallen,
den Geiſt befehlend Gottes ew'gem Sohn.
(106) Wer iſts, der ihm noch nahn zu dürfen meint?
Von fern zwei feige Kugeln han getroffen.
Der Weg zur Stirn, ins Herz war ihnen offen –
nun liegt er da, der treuen Schar vereint.
(107) Da ſteigen aus des Himmels offnem Thor
Legionen Engel jubeljauchzend nieder.
Es hebet Gabriel im Glanzgefieder
des Banes Seele von der Erd' empor.
(108) Und eine Seel' nimmt jeglicher mit ſich,
und führt ſie vor des Gottesthrones Stufen.
Nun hört man ſchallen aller Chöre rufen,
und ſchweigen heißen ſolche Klänge mich.

Du Heldengott! Ofchau, Dein treuer Knecht –


um Dich gab gern er hin das ird'ſche Leben.
Sein Herzensblut ſchrieb ſeinen Namen echt,
daſs er vor aller Welt fich Dir ergeben, –
gib drum im Paradis ihm Sohnesrecht!
-

Inhaltsüberſicht.

Abhandlung: Zrinys Heldentod und ſeine Verherlichung durch


die Dichter......... ++++++++++++++++ Seite V.

I. Hiſtori von der Eroberung der Veſten Sigeth. Wien 1568 „ 1.


Ergänzung aus Abr. Hossmanni Hiſtoria, Magdeburg 1617 „ 32.
II. Deutſches Volkslied von dem Grafen und theuern Ritter
Nicolaus von Serin. ........................................... „ 41.
III. Die Zriniade, Ungariſches Heldengedicht des 17. Jahr
hunderts von Niclas Graf Zriny dem jüngern „ 49.
Erſter Geſang … „ 51.
Zweiter Geſang „ 68.
Dritter Geſang ................
* * * * * *- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - „ 83.
Vierter Geſang“------------------------- … „ 103.
Fünfter Geſang… „ 121.
Inhaltsangabe des VI – XIV. Geſanges ... „ 138.
Funfzehnter Geſang ------------------------------------------------ „ 147.