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Urheberrechtlich geschütztes ~1aterlal

3. überarbeitete Auflage

B. Kahi-Nieke

Einführung in die
Kieferorthopädie
Diagnostik, Behandlungsplanung, Therapie

Deutscher Zahnärzte Verlag


Urheberrechtlich geschütztes Material
B. Kahi-Nieke
Einführung in die Kieferorthopäd ie
B. Kahi-Nieke

Einführung in die
Kieferorthopädie
Diagnostik, Behandlungsplanung, Therapie

3. überarbeitete Auflage

Mit 290 Abbildungen in 501 Einzeldarstellungen und 10 Tabellen

Deutscher Zahnärzte Verlag Köln


Profe~sor Dr. med. dent. Bibl iografisch e Information der Deutschen Nationalbibliothek
Bärbei Kahi-Nieke Die Deutsche Nationalbibliot hek verzeichnet diese Publikation in
Arztliehe Zentrumsleitung. der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliog~<~fische
Direktorin der Poliklinik Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Kieferheilkunde (ZMK) bezeichnungen usw. ln diesem Werk berechtigt auch ohne beson-
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Eppendorf als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt
Martinistr. 52 werden dürften.
20246 Harnburg
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Satz: Plauman n. 47807 Krefeld
Druck/Bindung: Kösel, 87452 Altusried -Krugzell

s4 3210 / 612
Vorwort zur 3. Auflage

Apropo~ Zeitgeist: Mein kleines grünes Buch und all die anderen kleinen grünen Rucher mit
zahnmedizinischcn Basics, die die Studierenden und auch die Weiterbildungsassistenten bis-
her gerne gekauft und wohl auch gelesen haben, '"'urden vc>m Verlag plötdid1 und unerwar-
tet nicht meh r gedruckt. Und das in Zeiten zunehmenden Interesses an altersunabhängiger
kieferorthopädischer Behandlung. Wie alle Interessierten gemerl..t haben, hat es nun auch
ziemlich lange gedauert, bis wir mit neuen Auflagen, jetzt in hanseatischem Blauweiß wieder
auf den Markt gekommen sind.
Ich möchte an dieser Stelle dem Team des Ärzteverlages herzlich dafur danken, dass wir
ins Gespräch und dann auch ins Geschäft miteinander gekommen sind. Denn, dass Sie, liebe
Leserinnen und Leser, Interesse hatten, die Zahnmedizinische Reihe zu konsumieren, war uns
bekannt.
Was erwartet Sie nun mit dieser neucn alten Auflage 3? Eigentlich das Buch, das nun seit
geraumer Zelt vergriffen ist. Restfehler wurden verhe~sert und wichtige Ergänzungen sowie
Novitäten eingefügt. Bei dieser aktualisierten Auflage handelt es sich um die bekannte Ver-
sion, die nach der Lu langen Zwbchenzeit aufgrund der zahlreichen Nachfragen aufgelegt
wurde.
Liebe Leserinnen und Leser, Kieferorthopädie ist ein ausgesprochen dynamisches Fach, in
dem Diaj,'OOStik und Therapie einer permanenten Veränderung auf der Basis wissenschaftJi.
eher Erkenntnisse und klinischer Erfahrung unterwor[en sind. Wir freuen uns, dass Sie daran
Interesse haben und hoffen auf Ihre Kommentare und Ihre Kritik.

1/amburg, im November 2009 Prof Vr. Bärbel Kaiii·Nicke

Vorwort zur 1. Auflage

Kieferorthopädie, die Lehre von der F.rkennung, Verhütung und Behandlung von Dysgna-
lhien, ist so vielschichtig, dass eine dreijährige Weiterbildung nach Studienabschluss zur Gc-
bletsbezeichnung "Kieferorthopäde" bnv. "Kieferorthopädin" führt. Erkennen und Verhüten
von Uysgnathien sehe ich als eine der wesentlichen Aufgaben des Zahnarztes, Behandeln als
die des Fachzahnarztes. Zwei Drittel dieses Buches slnd deshalb der Schädel- und Gebissenl-
wicklung, Befunderhebung und Diagnostik gewidmet. Das abschließende Drittel behandelt
die Grundlagen der Therapie. Qualitativ und quantitativ präsentiert der Inhalt somit den
Lehrstoff für das Fach Kieferorthopädie wiihrend de-~ Studiums.
Der Rolle der Kieferorthopädie in der Zahnheilkunde entsprechend, soll dieses Buch einen
Baustein fü r die Lehre der Lahnmedizinischen Fächer an den I lochschulen bilden. Als Begleit-
lel:türe während des Studiums soll es helfen, den roten Faden auch in den KFO-freien Semes·
tern nicht zu verlieren. Es ist weder als Vorlesungsersatz noch als Kursskript, geschweige den n
als Therapieanleitung zur Durchfuhrung "kleiner" orthodontischer ~iaßnahmen gedacht.
Vielmehr sollte man es eher als ein Manual im eigentlichen Wortsinn bezeichnen.
Dieses Buch ist zum Lesen, •achschlagen und Lernen gedacht und soll die Vielfalt der
Konzepte in der Kieferorthopädie reflektieren. Da jedes Buch aurn eine subjekth·e, auf den Er-
fahrungen des Autors beruhende Lehrmeinung darstellt, Wissenschaft sich jedoch ständig im
Vl Vorwort

Fluss befindet, möchte es zu kritischem Den ken an regen und Raum für eine eigene Meinung
des Lesers und die Philosophie des jeweiligen Dozenten lassen.
Ich möch te an dieser Stelle me inen akademischen Lehrern Professor Schwarze (Köln), Pro-
fessor Diedrich (Aachen) und ProfessorTarnmoscheit (Regensburg) danken und betonen ., dass
sie wesentliche Grundlagen für diese Arbeit gelegt haben.

Kiiln, im Januar 1995 PD Dr. BiirfJel Kt~ltl-Nieke

Geleitwort zur 1. Auflage

Mit Freude gebe ich der soeben erschjenenen "Einführung in die Kieferorthopädie" me in Ge-
leit in der Überzeugung, dass das n eue Fachbuch weite Verbreitung und Anerken nung filnden
wird. für die geleistete Arbeit bin ich meiner langjährigen Mitarbeiterin und Oberärztin, Frau
Privatdozentin Doktor Kahl· "ieke, dankbar; spiegelt doch der Inhalt des vorliegenden Hlüch-
leins unser gemeinsames Bemühen wider, den angehenden Zahnmedi.dnern einen Überblick
über unser Fachgebiet zu vermitteln. Frau Kah l-Nieke hat sich selbst mit der .,Einführung in
die Kieferorthopädie" in d ie Rei he der Buchautoren bestens eingeführt. Man darf auf weitere
Erfolge gespannt sein.

Kbln, im Januar 1995 Prof Dr. Claus W Schwaru


..... VII

ln ha ltsverzeichnis

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

1 Begriffe und Definitionen . . .. .. ... . ...•. .. . •....•..... ....... . .. • ......... . . ... 3

2 Historischer Rückblick ....... .. ......... . .. . .... . .....•.... • .... • •... • .....•... s


2.1 Kieferorthopädisches Altertum - 5
2.2 Kieferorthopädisches Mittelalter - 5
2.3 Kieferorthopädische Neuzeit - 7
2.3.1 Angle-Periode - 7
2.3.2 Plattentherapie - 9
2.3.3 Funktionskieferorthopädie - 10

Schädel- und Ge bissentwicklung ....... .. .. . ... . ..... .. ....................... 13

3 Grundlagen ... . . . ............ .. ... .... . . ... . .... . ..... . .... . .... . . ... . .. .. ... . 15
3.1 Ossifikationstypen - 15
3.2 Knochenwachs tum - 17

4 Pränatale Schädelentwicklung ............... . .... . ..... . .............. . ..... .. 19


4.1 Viszerokranium und Neurokranium - 19
4.2 Oberkiefer - 23
4.3 Unterkiefer - 26
4.4 Kieferlagebeziehung - 28
4.5 Entwicklung der Zahngewebe - 29

5 Postnatale Entwicklung und Wachstum .......•..........•.... • .... • .........•.. 33


5.1 Gesamtentwicklung - 33
5.2 Oberkieferentw icklung - 36
5.3 Unterkieferentw icklung - 38
5.4 Dentition - 39
5.5 Lagebeziehung zwi schen Ober- und Unterkiefer - 44

6 Eugnathie . . . ... . ... .. ... . . .... . ... . ..........••....... .. .... .. .............•.. 45


6.1 Zahngröße und -form - 45
6.2 Zahnstellung - 45
6.3 Zahnbogenform - 48
6.4 Okk lusion und Bisslage - 48
6.5 Gesichts- und Schädelstruktur - so
VIII lnhaltsvenetchnis

Dysgnathe und dysfunktionelle Entwicklung ................ ................ 51

1 Zahnzahl ..................................................................... . 53
7.1 Unterzahl - 54
7.2 Überzahl - 56
7.2.1 Mesiodens - 56
7.2.2 Zapfenzahne - 58
7.2.3 Disto- und Paramolaren - 58
7.2.4 Eumorphe überzählige Zähne - 59
7.2.5 Odontom - 60

8 Zahngröße und -form ......................................................... . 61


8.1 Mikrodont ie - 61
8.2 M akrodontie - 62
8.3 Gemination - 63
8.4 Zwillingsbildung - 63
8.5 Zahnverschmelzung - 64
8.6 Zahnverwachsung - 64
8.1 Invagination - 64
8.8 Abnorme Höcker - 65
8.9 M argoide Differentiation - 65
8.10 Taurodontismus - 66
8.11 Wurzelverdoppelung - 67
8.12 Dilazeration - 67
8.13 Hutchinson-Zahne und Turner-Zahne - 68

9 Zahnentwicklung und -durchbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69


9.1 Spät anlage und -minerahsatton - 69
9.2 M ilchzahnpersist enz und -verlust - 69
9.3 Unterminierende Resorption - 72
9.4 Ankylose - 73
9.5 Dentitio praecox und tarda - 73
10 Zahnstellung und Zahnbogenform .. .. .. .. .. . .. .. . . • .. .. .. .. .. .. .. .. . . • . . . .. .. . 81
10.1 Heterotopie - 81
10.2 Transposition - 82
10.3 Fehlstellung oder Falschstand - 82
10.4 Transversale Abweichungen - 83
10.4.1 Lückenstellung der lnztstvi - 83
10.4.2 Engstand und Rot ation der tnzisivi sowie Mittellinienverschiebung - 84
10.5 Sagittale Abweichungen - 86
10.6 Vert ikale Abweichungen - 88

11 Abweichungen der Okklusion und der Lagebeziehungen der Kiefer ........ ...... 91
11.1 Okklusion - 91
11.1.1 Transversale Abw eichungen - 91
11.1.2 Sagittale Abweichungen - 91
11.1.2.1 Settenzahnokklusion - 91
11.1.2.2 Overjet - 92
lnh1altsverzelchnls _..- ,x
11.1.3 Vertikale Abweichungen - 93
11.2 Skelettale Abweichungen - 93
11.2.1 Transversale Abweichungen - 93
11.2.2 Sagittale Abweichungen - 95
11.2.3 Verti kale Abweichungen - 95
11.3 Disharmonisches Profil - 95

12 Dysklnesien .................... •... .. ... . •.. • . ...•... ......................... 97


12.1 Schluckakt - 97
12.2 Zungenpressen - 98
12.3 Mundatmung - 99
12.4 lippendyskinesien - 100
12.5 Wangendysltinesien - 101
12.6 Mentalisdyskinesie - 101
12.7 Lutschen - 102
12.8 Sigmatismus - 103

n Dysostosen, Syndrome und Fehlentwicklungen . . . . . . . . . • . . . . . . . . . • . . . . • . . . . • . . . 105


13.1 Apert-Syndrom - 105
13.2 Down -Syndrom - 106
13.3 Dysostosis cleidocranialis - 107
13.4 Dysostosis craniofacial is (Morbus Crouzon) - 107
13.5 Dysostosls mandibulofaclalls (Franceschetti·Syndrom) - 108
13.6 Dysostosis mandibularis und otomandibularis - 108
13.7 Dysplasia oculoauricularis - 110
13.8 Ektodermale Dysplasie - 112
13.9 Hemihypertroph ia faciei - 112
13.10 Lippen -Kiefer-Gaumenspalte - 113
13.11 Pierre-Robin-Syndrom - 116
13.12 Rachitis - 117

Diiagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

14 Klin ische Diagnostik ... . ......... _.... . ............••.......................... 121


14.1 Anamnese - 121
14.2 Klinische Befunderhebung - 125
14.2.1 Allgemeinbefund - 125
14.2.2 Extraoraler Befund - 125
Stirn, Nase, Lippen, Kin n - 126
14.2.3 Intraoraler Befund - 129
Lippen- und Wangenbä nder - 130
Gingiva - 130
Gaumen - 132
Zunge - 133
Zähne und Alveolarfortsatz - 134
14.2.4 Funktionsstatus - 135
Klinische Funktionsanalyse - 137
Manuelle Funktionsanalyse - 137
X Inha ltsv~r:z~id'l nis

Inst rumentelle Funktionsanalyse - BS

15 Röntgendiagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
15.1 Panoramaröntgenschichtaufnahme - 141
15.2 Fernröntgenseitenbild - 146
15.2.1 Röntgenkephalometrische Bezugspunkte - 148
15.2.2 Röntgenkephalometrische Bezugslinien - 149
15.2.3 Interpretation der Winkel und Streckenmaße - 150
Sagittale Einlagerung des Ober· und Unterkiefers - 150
Vertikale Gesichtsschädelanalyse - 151
Dentale Analyse - 153
Weichteilanalyse - 154
Wachstumsrichtung und -typ - 154
15.3 Handröntgenaufnahme - 156
15.3.1 Indikationen - 159
15.3.2 Herstellung der Handröntgenaufnahme - 160
15.3.3 Interpretation - 160

16 Fotoanalyse .. . .... . ......... . ... . ..... .. .. . . , . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161


16.1 Analyse der Profilaufnahmen - 161
16.2 Ana lyse derEn-face-Aufnahmen - 164

17 Modellanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • 165
17.1 Abdrucknahme und Modellanfertigung - 165
17.2 Zahnstatus und Zahnbreitenvermessung - 167
17.3 Platzbedarfsanalyse - 169
17.4 Zahnbogenbreit e - 169
17.5 Zahnbogenlänge - 171
17.6 Frontzahndisharmonie - 171
17.7 Transversaler und sagittaler Symmetrievergleich - 171
17.8 Analyse vertikaler Abweichungen - 173
17.9 Okklusion - 173
17.9.1 Seitenzahnverzahnung - 173
17.9.2 Sagittaler und vertikaler Überbiss, transversale
Okklusionsbest immung - 174

18 Diagnose und Behandlungsplan .. .. ... . ..... . ........ . ... , .. .. .. .. .. .. . . .. .. . . . 175

Kieferorthopädische Behandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179

19 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . • . . . . • . . . • . . 181
19.1 Orthodentische Zahnbewegung - 181
19.1.1 Physikalische Grundlagen - 181
Kraftgröße - 181
Kraftdauer - 182
Kraftansatz und Hubhöhe - 182
Kraftrichtung - 183
19.1.2 Biologische Grundlagen - 186
19.1.3 Paradontale Aspekte - 189
lnhJar tsverzt!ichnis ~ XI

Altersveränderung - 189
Entzündung - 190
Gingivaveränderungen - 190
Alveolarfortsatzkonfiguration - 190
19 .1.4 Iatrogene Schäden - 191
Wurzelresorption - 191
Parodon topathien - 192
Karies - 192
Schmelzdefekte - 192
Devitalisierungen - 192
19.2 Kieferorthopäd ische Bewegung - 192
19.2.1 Biologische Voraussetzungen - 193
Skelettales Alter - 193
Kiefergelenkbefund - 194
19.2.2 Wachstumshemmung - 194
19.2.3 Wachstumsstimulation - 194
19.2.4 Klasse II-Anomaiie - 195
19.2.5 Klasse 111-Anomalie - 195
19.3 Behandlungsprinzipien - 196
19.3.1 Indikation - 196
19.3.2 Orthodontie - 197
19.3.3 Orthopädie - 197
19.3.4 Kombiniert orthodontisch-kieferchirurgische Maßnahmen - 198
19.3.5 Präprothetische und präimplan tologische Maßnahmen - 198

20) Kieferorthopäd ische Geräte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199


20.1 Grundlagen - 199
20.1.1 Intraorale Geräte - 199
Platten - 199
Funktionskieferorthopädische Geräte - 199
Festsitzende Geräte - 199
20.1.2 Extraorale Geräte - 200
20.2 Verankerung - 200
20.2.1 Reziproke Verankerung - 201
20.2.2 Stationäre Verankerung - 201
20.2.3 Maximale Verankerung - 201
20.2.4 Moderate Verankerung - 202
20.2.5 Minimale Verankerung - 203
20.2.6 Verankerung durch Implantate - 203
20.3 Platten - 204
20.3.1 Geschichte - 204
20.3.2 Wirkungsweise und Indikation - 204
20.3.3 Bestandteile einer aktiven Platte - 204
Plattenbasis - 204
Halteelemente - 206
Aktive Elemente - 207
20.3.4 Plattenherstellung - 210
XII Inhaltsverzeichnis

20.4 Funktionskieferorthopädische Geräte - 211


20.4.1 Geschichte - 211
20.4.2 Konzepte - 212
20.4.3 Wirkungsweise - 213
Kraftprinzipien - 214
Konstruktionsbiss - 215
20.4.4 Bestandteile des Aktivators - 216
Kunststoffbasis - 216
Drahtelemente - 217
Schrauben - 217
20.4.5 Herstellung - 218
20.4.6 Anwendung - 219
Einsetzen - 219
Freischleifen - 219
Aktivieren - 219
Patienten Instruktion - 219
Einschleifen - 220
20.5 Festsitzende Geräte - 221
20.5.1 Geschichte - 221
20.5.2 Bestandteile einer fests itzenden kieferorthopädischen Apparatur - 224
Bänder - 224
Attachments - 225
Hilfselemente - 226
Drähte - 226
Hilfsgeräte - 228
20.5.3 Indikation - 230
20.5.4 Wirkungsweise - 231
20.5.5 Anwendung - 233
Bracket-Adhäsiv-Technik - 233
Bebänderung - 235
Bracket· und Bandentfernung - 236
20.5.6 Behandlungskonzepte - 236
Straight-w ire-Technik - 240
Bioprogressive Technik - 240
Begg-Technik - 243
Lingualtechnik - 244
20.6 Abnehmbare - festsitzende Geräte - 245
20.6.1 Schiefe Ebene - 245
20.6.2 lipbumper - 246
20.6.3 Headgear - 246
Geschichte - 246
Bestandteile - 247
Indikation - 249
Wirkungsweise - 249
Anwendung - 250
Alternative Distalisierungsgeräte - 251
lnhaltsve :teichnis ~ XIII

21 Bthandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
211 Behandlungsbeginn - 253
21.1.1 Art und Ausprägung der Anoma lie - 253
21.1.2 Dentitionsalter - 254
21.13 Skelettales Alt er - 254
21.1.4 Chronologisches Alter - 255
2.2 Behandlungszeiten - 255
21.2.1 Frühbehandlung und frühe Behandlung - 255
21.2.2 Normalbehandlung - 257
21.2.3 Spätbehandlung - 257
21.2.4 Erwachsenenbehandlung - 258
2.3 Retention - 258
2.4 Dysgnathien des progenen Formenkreises - 258
21.4.1 Echte Progenie - 260
21.4.2 Pseudoprogenie - 261
21.4.3 Progener Zwangsbiss - 263
21.4.4 Umgekehrter Schneidezahnüberbiss - 263
21.4.5 Therapie - 264
21.4.6 Geräte - 264
Kopf-Kinn-Kappe - 264
Gesichtsmasken - 265
Funktionskieferorthopädische Geräte - 266
Platten - 267
Schiefe Ebenen - 268
Multiband-Bracket-Apparaturen - 268
Kieferchirurgische M aßnahmen - 269
Epikritische Betrachtung der ..Progeniebehandlung" - 269
21.5 Klasse II-Anomaiien - 270
21.5.1 Angle Klasse 11 1 - 272
21.5.2 Angle Klasse 112 - 272
21.5.3 Therapie - 273
Klasse 111 - 274
Klasse 112 - 276
Deckbiss - 277
21.5.4 Geräte zur Therapie der Klasse II-Anomaiien - 278
Funktionskieferorthopädische Geräte - 278
Vorschubdoppelplatten - 278
lntermaxilläre Klasse II-Gummizüge - 279
Herbst-Scharnier - 279
Headgear - 280
Mundvorhofplatte - 280
Face Former - 280
Festsitzende Geräte - 281
21.5.5 Rezidivgefahr - 284
:1.6 Offener Biss - 282
21.6.1 Frontal offener Biss - 282
21.6.2 Seitlich offener Biss - 284
XIV lnhaltsvel'llceicchnis

21.6.3 Therapie - 284


Kausaltherapie - 284
Symptomatische Therapie - 286
Rez idivgefahr - 288
21.7 Tiefbiss - 288
21.7.1 Skelettaler Tiefbiss - 288
21.7.2 Ausbleiben der physiologischen Bisshebung - 289
21.7.3 Distallage des Unterkiefers - 289
21.7.4 Gestörte Tonn-Relation - 290
21.7.5 Deckbiss - 290
21.7.6 Therapie - 290
21.7.7 Geräte - 291
Funktionskieferorthopädische Geräte - 291
Platten - 291
Zervikaler Headgear - 291
Multiband-Bracket-Apparaturen - 291
21.8 Missverhältnis zwischen Zahn - und Kiefergröße - 292
21.8.1 Engstand - 292
Primärer Engstand - 292
Sekundärer Engstand - 293
Tertiärer Engstand - 293
21.8.2 Behandlungsmöglichkeiten - 293
21.8.3 Sagittale und transversale Erweiterung - 294
21.8.4 Extraktion bleibender Zähne - 295
Geschichte - 295
Indikation - 295
Zahnwahl - 299
Extraktionsregeln - 300
Extraktionszeit punkt - 300
21.8.5 Lücken - 302
Ätiologie - 302
Behandlung - 302
21.9 Verlagerung und Retent ion - 304
21.9.1 lnzidenz - 304
21.9.2 Ätiologie - 305
21.9.3 Diagnostik - 305
21.9.4 Therapie - 306
21.10 Traumata - 307
21.10.1 Frontzahntraumata - 308
Kronen - und Wurzelfraktur - 308
Subluxation - 309
Totalluxation - 309
21.10.2 Kiefergelenkfortsatzfraktur (Kollumfraktur) - 310
Diagnostik - 310
Therapie - 312
21.11 Präprothetische und präimplantologische Kiefero rthopädie - 313
21.11.1 Lückenverteilung - 313
Inhaltsverzeichnis ~ XV

21.11.2 Extrusion frakturierter Zähne - 313


21.11.3 Lückenöffnung und Aufrichtung gekippter Schneidezähne - 314
21.11.4 Aufrichtung gekippter Molaren - 315
21.11.5 Prämolarendistalisation - 316
21.12 Prä - und postchirurgische Kieferorthopädie - 317
21.12.1 Lippen-Kiefer-Gaumenspalten - 318
Frühbehandlung - 318
Behandlung im Milchgebiss - 320
Behandlung im Wechselgebiss - 321
Spätbehandlung - 321
21.12.2 Klasse II-Behandiung - 322
21.12.3 Klasse !II-Behandiung - 322
21.12.4 Vertikale Dysgnathien - 322
21.13 Kieferorthopädische Technik - 322
21.13.1 Modellherstellung - 323
Schaumodell - 323
Arbeitsmodell - 323
21.13.2 Geräteplanung - 323
21.13.3 Platten - 324
21.13.4 Doppelplatten - 325
21.13.5 Aktivator - 326
21.13.6 Reparaturen und Erweiterungen - 326
21.13.7 Gerätepflege - 327

Literaturverzeich nis . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . 329

Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • 333
Rad iologi sche 3D-Diagnostik in der Kieferorthopäd ie {CT/DVT) - 333
Grundsätzliche Vorteile der 30-Bildgebung für die Kieferorthopädie - 334
Indikationen der 30-Bildgebung in der Kieferorthopädie - 334
Einschränkungen der Indikationen - 335
Zusammenfassende Bewertung - 335
Literatur - 335

Stichwortverzeichnis . . . . . . • . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . • . . . . 339
Ei nleitung
• :mtnll J

1 Begriffe und Definitionen


II
Merke
Kieferorthopadie ist die Lehre von der Erkennung, Verhutung und
Behandlung von Dysgnathien.
----------------------~
Der Begriff Eugnatblc beinhaltet die harmonische Kombination von Form Eugnathie
und l·unktion der im Gcb•s~ und Gesichtsbereich vorhandenen Strukturen.
Fur Gcbi~sanomalie wird heute der Terminus Dysgnathie verwen- Dysgnathie
det. f.r bemhaltct alle morphologischen und funktionellen Abwegigkel-
ten im ßereich des orofazialen Systems.
ln der Kieferorthopädie werden drei wesen tli che Hehand lungs-
m aßnahme n un terschieden (Abb. 1-l).
..11 Dentoalveoläre Korrekturen. Oie Zähne werden Innerhalb des Al· Orthodontie
'eo!Jrfortsatzes bewegt, und auch der Alvt.'Oiarfortsatz wird umge-
baut. Diese Maßnahmen sind während des ge..amten Lebens mög-
hch und werden unter dem Begriff Orthodontie zusammengefasst.
..11 Skelettale Korrekturen. Die Beziehung der Kiefer zueinander und Orthopädie
zum Schädel wird verändert. Diese Korrekturen si nd nu r bis zum
Fnc.Je \.le~ Wachstums möglich. Sie werden unter dem i1egriff Ortho-
pädie zusammengefas\t.
..11 FunktJonskieferorthopadie (FKO). Oie funktionelle Umformung der
Weich- und HartgC\\ebsstrukturcn des stomatognathcn Systems un-
ter Ausnutrung de\ \Vach\tums.

Abb. 1-1: Schematische Darstellung der Aufgaben von .Orthodont.e•• und .Orthopadie"
4 1 Begnffe und Oefinotionen

Abb. 1· 2: Ooe Kieferorthopä-


doe als zentfi!les Bondeghed
innerhalb der verschiede·
nen zahnarztliehen Diszipli-
nen

KFO ""'\
Zahnersatz MKG·
kunde Choru rgie

L .....______.".

Jede kieferorthop<tdlsche Maßnahme ht ah em l~austein 1m Rahmen et·


ner Gesamtbehandlung des stomatognathen Systems lU verstehen. Das
Ziel jeder zahnmeditlnhchen Behandlung 1\t, da\ morphologische und
funktionelle Optimum anzustreben, sich der Cugnalhie anzunahem
oder sie zu erreichen. Konservierende und parodontale MaRnahmen
sind ebcmo wie die lleseiligung von Schmerzzuständen einer ki eferor·
th opäclischen Behandlung voranzustellen. Eine 1Jeferorthopädisd1e
Maßnahme al~ praprothetische oder präimplantologische Behandlung
wird vor der prothetischen bt.w. implantologischen Versorgung durch·
gefuhrt, ebenso wie bei envachsenen Patienten mit umfangreichen ske-
lettalen und dentoalveolaren Abweichungen die prachirurgische t<oor·
dination der Lahnbögen vor dem kieferchirurgischen Eingrifr stattfin·
det. Die po~tchirurj!hche l'cineinstellung der OJ..klu\IOn vervollständigt
diese Art der lnterdisz•plinaren Behandlung (Abb. 1·2).
4 f!.!lljfj 5

2 Historischer Rückblick

II
Hi\tori~Lh unterscheiden \\ir in der kieferorthopddi~chen Diag-
nostik und Therapie da\ klderorthopädische Alt<.>rtum (<lie Ze1t
der Etrusker), das ~littelalter (die so genannte Vor-Angle-Zeit) und
die kieferorthopadiKhe Neuteil gegen Ende dl'' 19.Jahrhunderts.
~~

2.1 Kieferorthopädisches Altertum

Das Bestreben zur Zahnstellungskorrektur reicht nachweislich bis ins I.


Jahrhundert v. Chr. und weiter zurOc:k. Hereih 400 v. Chr. beschrieb Hlp-
pokrates Unregelmäßigkeilen der Zahnstellung. Cehu~ {25 v. bis SO n.
Chr.) emplahJ die Entfernung langer verweilender Mllch7ähne, !>owelt
beim Zahndurchbruch der bleibende Lahn dadurch abgelenkt wurde.
ße1 Abwe1chungen der /.ahmtellung in folge Plat7mangd~ '' urde durch
Bearbeitung mit Feilen von Galcn (129-199 n. Chr.) der\ ersuch unter-
nommen, Pl<ltt. zu schaffen. Bei Fabricius (I 619} finden wir erste IHn-
weise aul die Zahnext raktion im Diemte der Zahnregulierung.

2.2 Kieferorthopädisches Mittelalter

1728 verwendete I auchard tur Korrektur von Zahnfehl~tellungen einen


Außenbogen aus Elfenbem (flbb. 2- 1). Hunter sctlte 1750 emen Metall-
bogen mit Ligaturen ein.
Im 19. Jahrhundert stand eine große Zahlu n ter~chiedlichster Re!,'ll· Regu llerungs-
lierungsapparate zur Au\wah l, IX11 denen die ' erschiedemten mcchani- apparate
sehen ~ lögtichkeiten ausgenullt und immer wieder 1n wechselnder
Form angewandt wu rdt.>n. fs gab jedoch keinerlt.>i S) \tem, mit dem es
Abb. 2-1: Auß~nbog~n nach

{(~
Fauchard

--
6 2 His1orischtr l<!ückblick

Abb. 2· 2: Band

L
.-- -- ---.
KI.use 11 1
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Abb. 2·3: E1nte1lung dtr Intra und intermaxillaren Gummizuge nach Baker

möglich gewesen ware, alle gewünschten Bewegungen gleichzeitig


durchzufuhren. Bei den komplizierten Apparaten Carabellis ( 1842) fan-
den Maschinen des täglichen Lebens wie Oruckerpre~sen und ~liniatur­
winden Verwendung. Tucker~ Gummiligatur ( UH6) diente dem einfa·
chcn llickcnschlu~~. Owinelles Druckschraube v. urde 1848 eingeführt
und später in eine Zugschraube umgewandelt. l>a' 18-10 von change
clngcfuhrte Ankerband, cme Art Schraubband, w1rd ~ls Vorlauter der
heutigen Bander angesehen. 1850 befestigte Magill die Bänder mit Ze·
ment, und 1876 seLLte l~aker intra- lllld intermaxillare GummiLÜge ein
(Abb. 2-2 und 2-3).
Vorbissplatte 1879 wurde ,·on Kingsley die Vorbissplatte mit dem Prinnp der
schiefen Lbene eingefuhrt. Bei Rücklage des Unterkiefer~ diente das Ge-
rat zur sagittalen I agekorrektur des Unterkiefers und Ist als Vorgänger
der heutigen funktion~l..ieferorthop.'idischen Gerate sowie der Vor-
Kopfkappe schubdoppelplatten an1.usehen. Kingslcy benuwe auch eine Kopf\:appe
mit Ah~tütnmg am l iinterhaupt als Vorgänger des lackcnbandzuges.
Das erste Literaturwerk in Deutschland über die Orthodontie
stammt von Kneisel ( 1836) und beinhaltet eine Einteilung iiber den
Schiefstand der lahne. Im Jahre 1842 folgte eine Veroffentlichung von
Carabelli mit einer F.inreilung der Gebissanomalien, und 1862 benutzte
der Anatom \\'elcker die Bisslage zu emer KlassifiZierung der Gebissano-
maUen.
2J Kieferorthopädische Neuzelt • :: !.)iffJ 7

2.3 Kieferorthopädische Neuzeit

2.3.1 Angle-Periode

Von einer Vorperiode un ter~llleidet sich die \'On E. II. Angle bestimmte
2. Periode (1899-1910). Angles Werk drud.te die lielset7ung bereits im
II
·ntel . OJ..klu,iun.gnomalien der Zähne" aus. Sein KJassifiLierungsprin7ip
basiert darauf, dass der Oberkiefer m sagittaler Rtchtung unbeeinflussbar
und der obere Sechsjahrmolar immer korrekt positioniert ist. Ausgehend
vom Uogma der Molarenkonstan" ( 16 und 26), gruppierte er die~- Molarenkonstanz
his~a nomalicn in drei Klas~en. Grundlage dieses ~ i nteilungsprinz.ips
bildete die Verzahnung der ~hsjahrmolaren. Die Molarenokklusion
~urde damals mit der Bis~lage (M-it 1931 am Fernröntgenseitenbild be-
stimmbar) gleichgesetzt. Bei der KlassifiTierung nach Angle besteht bei
KJasse I eine neutrale, bei Klasse II eine distale und bei KJasse lll eine me-
siale lktichung der unteren SechsJahrmolaren zu den oberen (Abb. 2-4).
ln J>eutsc hland wurden die Angle-Klassen von Körbitz Neutralbiss Angle-Klassen
(Klasse 1), Distalbiss (Kias~e 11) und Mesialbiss (Klasse 111) genann t.
Um die Schwierigkeit der Diagnose mit dem Angle-System bei früh-
zelliger Gebissreduktion durch Zahn\'erlust oder Fxt rdktion und nach-
folgende Zahnwanderungen 7U beherrschen, wurde das Symmetroskop
nach Gnmberg zur Rekonstrul..uon der Okklusionssituation ,-erwendet
(Abb. 2-5).
Oie eigentliche Angle- J>erlode \\-"U rde durch die Neu-A ngle-Schule
abgelöst , deren Aktivi täten aur therapeutischem Gebiet lagen. Als mar-

Abb. 2-4: D•e Angle-Klassen a) Klasse I, b) Klasse 11,, c) Klasse 111, d) Klasse 111
8 2 Historischer Ruckblick

Abb. 2-S: Symmetroskop


nach Grunberg

‫ﻳﺒﺮز‬- ‫ﻳﻤﯿﺰ‬-‫ﻳﺆﻛﺪ‬

kanter lk>griff aus dieser Zeit ist die Bestrebung zur körperlichen Bewe-
bodily movement gung der ühne, bodily movement, hel'\orzuheben. ,\uf therapeuti-
schem Gelm•t bildete sich fast gleich1eitig unter Mershon die biologi-
sche Richtung aus.
Zu flnfang de\ INzlen J a h rhu n dert~ begann ein neuer i\bschnitt der
orthodontischcn Therapie, und zwa r in engem Zusammenhang mit der
Wciterentwid.lung der orthodontischen Diagnostik. Mit ~einem Labial-

Abb. 2-6: Lablaibogen zur


Expansion [nach Angle)

Abb. 2-7: Labrille Federbill-


kenapparatur [nach Simon)
23 Ki~f~rorthopädisch~ N~uz~it

·-
__..

Abb. 2-8: Verankerung beim vert1ka len a) und horizontalen b) und c) Bandbogen [nach AngleI

bogen, einem federnden Drahtbogen, der an der Außenseite der Zahn-


reihe vorbeilief und mittels besonderer Schraubbänder an den ersten
Molaren befestigt war, versuchte Angle ein universelles Behandlung,.
mittel Lur Korrektur aller Zahnstellungs- und Bisslageabweichungen zu
verbreiten (Abb. 2-6).
1912 kam die Pin-and-tube-appliance, ein Stift- und Röhrchenappa-
rat, 7UT Anwendung.
Die labiale Federbalkenapparatur nach Simon (1920) wurde mit
Hilfe eines vertikalen Röhrchens an Schraub- oder Vollbändern befestigt
(Abb. 2-7).
GleichzeiUg kreierte Angle den vertikalen ßandbogen, auch Ribbon-
arch genannt. Dieser bestand, wie auch der 1929 auf den Markt ge-
brachte horizontale Bandbogcn, aus Vierkantplatindraht von 0,5 x 0,9 Standard-Edge-
mm Durchmesser. Heide Bögen, eine Vorform der Standard-Edgewise- wise-Technik
Technik, unterschieden sich durch ihre Einschubrichtung in die Röhr-
chen (Abb. 2-8). Ein weiterer 1929 benutzter Bogen war der Mershon-
Lingualbogen.

2.3.2 Plattentherapie

Platten zur Zahnregulierung, die aus Metall gegossen oder gestanzt wa-
ren und später aus Kau tschuk vulkanisiert wurden, gab e~ schon im 19.
Jahrhundert (Robinson, Linderer, Tomes). Sie wurden mit Ligaturen aus
gewachster Saite oder Draht mit Bändern oder Drahtklammern befestigt
w1d wirkten durch Metallhügel, Spiralfedern, Gummibänder, Kaut-
~chukkompressen oder eingewindige Tele~kopschraubcn auf die Zähne
ein. Von Pfaff wurde bereits 1906 eine zweigewindige Schraube zur Er-
weiterung der Zahnbögen beschrieben. Aus der Ära der Platten sind die
10 2 Historischer !Ruck blick

Abb. 2-9 : Dehnungsplatte


mit ausklinkbarer l.al bi al-
schllnge [nach Nordl

Abb. 2-10: Schwarz-P•Iatte

Aufbissplatte Aufbissplatte mit Jackson-KJammem sowie die Vorbissplatte ZlLI Ven-


tralen twicklung des Un terkiefers zu nennen. Le tztere ist auf Ki ngsley
( 1880) zurückzuführen .
Eigentliche Begründer der Plattentherapie sind Nord ( 1928) und
Schwarz (1935). A. M. Schwarz ist die Entwicklung der Platte zu einer
Art Universalgerät zu verdanken (Abb. 2-9 und 2-10). Er stellte zudem
1938 in \'\1ien die biologischen Wirkungsj,rrade vor.

2.3.3 Funktionski eferorth opädie

Für die Funktionskieferort hopädie gilt Andresen als Begründer. Er ent-


Aktivator wickelte den Ak tivato r, nachdem er lutschende Kinder beob.achtet
hatte und sich überlegte, wie der dazu benutzte Daumen auf die Kiefer
wirkt. 1930 )teilte er clen Aktivator mit Labialbogen, mu ldenförmiger
Aufbissfläche für die un teren Schneidezähne, intermaxillärer sd1iefer
Lbene und Coffin-Feder vor.
Als Vorlaufer des Aktivators wird der schon 1902 von Robin vorge-
Mono block stellte Monoblock dargestellt. Diese~ bimaxillär wirkende Gerät sieht
zwar dem Aktivator Andresens selu ähnlich, doch wollte Robin Ober-
und Unterkiefer gleichmäßig dehnen und strecken. Im Vergleich ium
Aktivator fehlte dem Monoblock etwas Entscheidendes, er hielt den Un-
terkiefer n icht in exzentrischer Lage nach vorne. Die Funktionskic feror-
2.3 Kiefcrorthopadischc Neuzeit • mntJ ,,

thropädie Andresens verzichtete auf jegliche künstliche Kraftapplikation


umd wollte den Gewebeumbau durch Anpassungserscheinungen errei-
chren.
Oicse sollten du rch intermittierende Tätigke1 der Muskulatur ausge-
lils1t werden, und die Übertragung der muskuläJen EinflilS-~e auf Zähne
un1d Kiefer erfolgte durch passive Platten. Es handelte sich also um ein
I
Sysaem von schiefen Ebenen, das durch Muskel raft aktiviert wurde.
Schädel- und Gebissentwicklung
*f!.IIQII 15

3 Grundlagen

Dil! rntwicklung der kramotaztalen !:>trukntren heruht auf drei un·



ter~c h tedliehen Wach\tum,met hanismen:
...,. Größentunahme
A (...nochenumb<Ju
A ~nochenverlagerung.

Knochen, als mineralisiert!? Substanz, ,\~eichst durch Apposition an au· Apposition


fkren (periostalen) und inneren (endostalen) Oberfl.ichcn.
IJie ,\nbauprozesse an der ltußereT1 Kortikalis laufen parallel zu den
Abbau t>rozessen an der entgegengesetzten Knochenobcrfläche, der in·
nen~n K<Jrtikalis, ab. Knochenapposition und -rc~orptlo n fuhren also Resorption
gleichzeitig mit der Größen1unahme zu einer Knochenverschiebung.

\<lecke
Wahrend des gesamten Wachstums finden Knochenneubildung
und -umbau, d .h. Rem odellicrung, statt. Diese Kombination ge·
wahrleistet einen ausgewogenen Größenzuwachs der Strukturen
unter Erhalt von Form und i'roport ionen . ‫ اﻧﺘﻘﺎل‬- ‫إراﺣﺔ‬
-=---- -- - Shift - Relocation

D1e dritte Komponente, die Kn ochen ve rl agerung, basiert darauf, da~~ Knochen·
benachbarte Knochen sich durch ihre Größemonahme im Bereich von verlagerung
gelenkigen Verbindungen wie Suturen, S}nChondrosen und Kondylen
vonetn.Lnder wegbewegen.

3.1 Ossifikationstypen

~ l eck~

Abhang•g von der l.okah'iaiiOn wird die pcrichondrale ,·on deren· ‫ﻈﻢ اﻟﻐﻀﺮوف‬
ّ ‫ﺗﻌ‬

chon<..lralen Ossiflkalion unterschieden.

Bei der e nch ondralen Ossifikation wi rd der Knochen knorpelig vorge- Enchondrale
bildet und durch Knochen ersetzt . Ossifikation
Die peri cho ndrale O~ifll~au on geht vom Perichondrium aus: Me· Perichondrale
senchym.tellen differenzieren 1u Osteobla~ten, die schon \'Or der \ 'er· Ossifikation
knocherung die Diaph)sen mit einer Knochenmansd1ette umgeben
und SOilllt indirekt die O~~lfikatlon~richtung beeinflussen. Oie enchOil·
drale O~s.fikation beginnt mit der Ausbildung der Primarspongiosa, d.h
‫ﺟﺪل )اﻟﺠﺰء اﻻﺳﻄﻮاﻧﻲ اﻟﻄﻮﻳﻞ ﻣﻦ اﻟﻌﻈﻢ‬
‫ﻈﻢ ﻣﺤﯿﻂ ﺑﺎﻟﻐﻀﺮوف‬
ّ ‫ﺗﻌ‬
16 3 Grundlagen

Vorknochen verlcallcter Knochen


lockeres Knochenzelle
Osteoblasten Mesenchym (Osteozyt) Osteoblasten

Abb. 3-1: Schematische Darstellung der desmalen Ossofikatoon (modofiziert nach


t.angman)

d ie Chondrohla~ten werden zu Blasenknorpel und die lnterLellulimna-


trix zu Kalkablagerungcn. Vom Perichondrium aus dringen Blutgefäße
ins Mesench) m ein. Die r-.lescnchymzeUen d•ffere1uieren zu Osteoblas-
ten und Chondroklasten. Dic!>e bauen den Knorpel höhlenartig ab und
die Osteoidschicht wird an den verbliebenen Balkchen der Knorpcl-
grundsuh\tal17 angelagert und zur knöchernen S)x>ngio~ mineralisiert.
Durch Auffullung der z~, Ischenraume wird d1e !>pongiosa zur Kompak-ta
umgebaut.
Desmale Bei der desmalen Ossifikation werden die r-..le\enth)mlt'llen in un-
Ossifikation regelmäßig angeordnete Osteoblasten umgewandelt, die Vorknochen
(Osteoid) t~blagern. Sie ordnen sich anschließend in regelmäßigen Rei-
hen an und bilden weiter Osteoid, das dann in Knochenmatrix umge-
wandelt wird, die ddlld<;h verkalJ..t. Neuer Kn\xhen l\t von den Osteo-
blasten immer durch OstL•oid getrennt (Abb. J- 1).
Das Wach~tum bei der enchondralen und pcrilhondralcn Knochen-
bildung breitet sich in Rlchtwlg Epiphysen b7.W. c.elenke aus. Das Lan-
genwachstum der cndwndral ossifizierten Knochen steht im Zu~am­
menbang mit dem 1\norpclwachstum der Ep1plwsenfugen. Xach
Schlu\5 der I pipilysenfugen •~t auch das Langenwachstum abgeschlos-
sen.
Epiphysen knorpel Die Ü\\ifiJ...<~tion von Cpiphysenknorpcl (prirua r~r Knmpcl) und
Kondylenknorpel (sekundärer Knorpel) ist un terschiedlich. Der Kondy-
Kondylenknorpel lenknorpel kann wegen seiner oberfläcllliclleren J.agc sliirJ...cr durch
Umwelteinflti~se becinnusst werden. Allgemein beruht die Größenzu-
nahme von Knorpel auf appo~itionellem und interstitiellem Wachstum.
3.2 Knochenwachstum 4:f!.h011 17

3.2 Knochenwachstum

Merke
Zwei Grundmechanismen, das direkte Knochenwachstum und die
Verlagerung des Knochens, sind für das Wachsen der Knochen im
fa7.ialen und kranialen Bereich bedeutsam.

Direktes Kn och enwaclt.~tum führt durch An- und Abbauprozesse an Direktes


II
den Knochenoberflächen zu einer Kortikalisdrift. Die Verlagerung des Knochen -
Knochem gt>schieht im Zusammenhang mit knocheneigenen Wachs- wachstum
tumsvorgängenoder durch Expansion benachbarter Strukturen.
Die Knochenkortikalis im Bereich des Viszerokraniurns wird unge-
fähr zur Hälfte von der äußeren Oberfläche, dem Periost, und zur ande-
ren Hälfte von der inneren Fläche, dem E.ndost, gebildet.
Oie kortikale Knochenablagerung kann periostal oder endostal sein,
sie kann sich aber auch aus periostalen und endostalen Knochenschlch-
ten zusammensetzen.
Ein gemeinsames Wachstumsprin7.ip aller Knochenstrukturen ist dje Knochen -
Kn ochenverschicbung, von Enlow ( 1963) als Drift bezeichnet. versch iebung
Wenn das Ausmaß der Resorptions- und Appositionsvorgänge gleich
groß ist, bleibt die Knochendicke konstant. Überwiegt die Apposition
während der Entwicklungsphase, vergrößern sich einzelne Knochenan-
teile allmählich. Da die Zähne während des Kieferwachstums der Drift
der Alveolen folgen , behalten sietrotzder Knochenverschiebungen ihre
Positionen im Alveolarfortsatz.
Findet an einer bestehenden Knochenoberfläche Apposition statt,
erfahren alle ührigen Bereiche dieser Struktu r eine Lagcveränderung, Re-
lokation genannt. folge der Relokation sind adap tive J<nochenumbau-
vorgänge im Sinne von selektiven Resorptions- und Appositlonsprozcs-
scn, wodurch der Bereich funktionell an die neue J)hysiologlsche Belas-
tung angepasst wird (Remodelliemng).
Ein weiterer wichtiger Grundmechanismus des Geslcht~schädel ­ V-Prinzip
wachstmns ist das V-Prinzip. Viele faziale und kraniale Knochen haben
eine V-förmige Konfigmation.
Entsprechend der Richtung der Oberflächen setzt auf der Außenseite
des V Knochenresorption und auf der Innenseite Knochenapposition
ein . Das V bewe~,>t sich in Richtung seiner offenen Seite bei gleichzeiti-
ger Größenzunahme.
Da an Knochenoberflachen in der Wachstumsrichtung Knochenan- Prinzip der
bau und an solchen entgegen der Wach\tum~rich tung Knochenabbau Oberflächen
stattfindet, spricht man auch vom Prinzip der Oberflächen. An einer
Kortü.alisfläd1e können gleichzeitig appositionelle und resorptive Pro-
zesse ablaufen.
Die Steuerung des Knochenwachs tums läuft über Wachsturnsfel-
der, die in den Weichgeweben lokalisiert sind w1d als funktionelle Ma-
trix vlirken.
18 3 Cruncdlagen

‫اﻻﻟﺘﺤﺎم‬
‫اﻟﻐﻀﺮوﻓﻲ و ﺧﺎﺻﺔ‬
‫ﻟﻌﻈﺎم اﻟﻘﺤﻒ‬
\ferke
Sehr aktive Wachstumsfelder wie die Suturen, die Tubera maxilllae,
die Al\eolarfortS.1lZe und die Synchondrosen werden als Wac.;hs-
tum.\Ze ntren beteichnet.

Displacement Die Verlagerung, Displacement genannt, ist neben dem direkten Kno-
chenwachstum durch Apposition und R~::~orption der zweite cha•rakte-
ristische Mechanismus beim Schädehvachstum. Der Knochen wiJTd im
Bereich winer gelent..lgen Verbindungen, den Suturen, ynchondJrosen
und Kondylen, von den benachbarten Knochen wegbcwegt. l:.nJ01w un-
te~che•det·
-A primlires Oisplacement, eine Verlagerung in Kombination mit" kno-
cheneigenem Wachstum
.A sekundäre~ Displacement, eine Knochenverlagerung durein die
Fernwirkung der Lxpansion nicht bendchharter Knochen und
Weichgewebe.

Die Verlagerung ~chartt den Platz für den Knochenllllvach~. cntsp>richt


dem Ausmaß de~ Knochenanbaus und läuft stets in entgegengestelzter
IUchtung zur Knochenapposition ab.
M:mttJCI 19

4 Pränatale Schädelentwicklung

Oie Kenntnis der prämtalen Schädelen twicklung bildet die


Grundlage fur das Verstandnis von Diagnostik un d Therapie in
der Kieferorth opädie.

4.1 Viszerokranium und Neurokranium

Die F.ntwicklung des Gesidltsschädels, Visl.erokranium genannt, be·


ginnt, nachdem zwischen dem 21. und 25. Tag der Schädel (Prosenze.
phalon) entstanden ist. Das Mesenchym vennehrt sich gleichmäßig,
und es en tstehen fünf durch Furchen abgegrenzte Gesichtswülste:
..o1 ein medianer Stirnwulst
"" die bilateralen Ober· und Unterkicferwülstc.

Aus der durch die rünf Hauptwülste umschlossenen primitiven Mund· Pr i m äre -
bucht (S tomadaeum) entwickelt sich durch weiteres Wachstum der um- Mund höhle
gebenden Weichteile dje primäre Mundhöhle. ln der fünften Woche
sind am Stirnwulst die paarigen medialen und lateralen asenwiilste zu
erkennen (Abb. 4· 1).
Kaudal der Oberkieferwülste liegen die vier bis fllnf durch Kiemen-
fu rchen voneinander getrennten Kiemenbögen.

medialer
N a~nwulst
Nasenplakode
lateraler
Nasenwulst
Augenplakode •
Processus
globulans

Oberkieferwulst

• · · - ·- Unterkieferwulst

l,Omm
Abb. 4-1: Gesicht eines fünf Wochen alten Embryos mit Gesichtsw ülsten, Augen-,
Ohrenanlagen und Stomadeum [aus R.-R. M iethke: Praxis der Zahnheilkunde, Bd.
11,4. AuO.]
20 4 Pränatale Schädelentwicklung

Kiemen- 2 3 4
furchen

-- lncus

Stapes
r Processus
•- - -- styloidl!us
lig. stylo-
.- · • • hyoideum
kleines Horn des
Zungenbeins
___ __ großes Horn des
Zungenbeins
- Zungen bein-
körper
• • • Schildknorpel
Herz- • Hyoidbogen
vorwölbung : - Ringknorpel
'
Oberkiefer-
w ulst
M andibular·
bogen
_--_-_-_r_rachealknorpel j(
Abb. 4-2: Sagittaldarstellung der Kiemenbögen und Kiemenfurchen bei einem fünf Wochen alten Embryo.
Daneben bennden sich die dennitiven Strukturen, die aus den knorpeligen Antei len der Kiemenbögen ent-
stehen [modifiziert nach Langman).

Aus dem kranialen Anteil des ersten Kiemenbogens (Mandibula rbo-


gen) entwickelt sich der Obe rkieferwulst und aus dem kaudalen An teil
der Unterkiefcrwulst, die Kaumuskulatur, der Hauptteil der Zunge sowie
Ham mer (Malleus) und Amboss (lncus). Aus dem zweiten Kiemenbo-
gen, 1-lyoidbogen, entstehen der Reichert-Knorpel, das Zungenbein inkl.
Muskulatur, der Processus styloideus, das Ligamen tum ~tylohyoideum,
der Steigbügel (Stapes) sowie die mimische Muskula tur (Abb. 4-2).
Durch allgemeine Gewebevermehrung kommt e~ Lu einer Vergröße-
rung der einzelnen Strukturen und zu einer :-Jivellierung der F:pithelein-
senkungen. Die Ge~ich t~wülste nähern ~ich, vereinigen sich ?um primä-
ren Gaumen und schließen die primiti ve :'\1undhöhle nach kraJlial ab.
Während der in der sechsten Woche ablau fenden Ge~icht sentwick­
tung schreitet die En twicklung der Augen, Ohren und des Halses fort.
Parallel 1ur Gewebeverruch rung findet auch eine Gewebedifferen-
zierung statt: Von der siebten Woche ab differenzieren sich Bindege-
Primordial- web:.anhäufungen an der Schadetbasis zu KllOrpet (Primo rdialkranium
kranium oder Chondrokranium, rasen - und Ohrkapsel). Gleichzeitig differen-
ziert sich im ersten Kiemenbogen der Meckel-Knorpel.
Schädelbasis Mit zweiein halb bis drei Monaten ist die knorplige Schädelbasis als
Basalplatte ausgebildet, und das sich bildende Gehirn wird lediglich
durd1 eine Bindegewebsmembran gestützt. Zu den knorplig angelegten
Schädelbasisknochen gehören:
_" das Os occipitale (ausgenommen der obere Teil der Schuppe)
_" da~ 0:. sphenoidale
_" das Os ethm oidal e
_" die Pars petrosa des Os temporale (Abb. 4-3).
4.1 Visztrokranlum und Neurokranium •:mtQCJ 21

. ------ Trabeculae cranll

Ala orbitahs

II
Hypophysenknorpel

Ala temporaUs

parachordaler
Knorpel

Labyrinthkapsel

okzipitale
Sklerotome

'
-~--· ... -- .. ·--- Chorda

Ethmold

kleiner
Keilbelnflügel

Keilbelnkörper
großer
Kellbelnflugel
Pars basilaris des
Hinterhauptbeins

Felsenbein

Squama occipitaiis

Abb. 4-3: Entwicklung des Chondrokranlums: Oben sind die knorpeligen Vorstufen
der Schadelbasis und unten die daraus entstandenen Schädelbasiskomponenten
beim Erwachsenen dargestellt [modifiziert nach Langman).
22 4 Pränatale Schadclentwiacl<lung

Desmokrani um ln der ach ten Woche beginnt auch die desmale Knochenbildumg der
Schädelkapsel (De~mokranium) im Bereich de~ Stirnbeins.
Zum Desmokranium gehören:
~ das Os frontale
~ das Os parietale

~ der obere Teil der Schuppe des Os ocdpitalc


~ die Schuppe des Os temporale.

Primordial- Die enchond rale Ossifikation des Primordialkraniums beginnt im de r


kran ium ze hnten Woch e in derbasookzipitalen Region. Später tritt eine Verreini-
gung des Desmo- und Chondrokraniums ein.
Synchondrosen Während der intrauterinen Phase sind im mittleren Bcreiclh der
Schädelbasis drei Synchondrosen (zwischen zwei Knochen !iemende
Knorpelfugen), Reste des Chondrokrdniums, lokalisiert. Die Syna:hon-
drosis sphenofrontalis, -cthmoidalis und -occipitalis sorgen filir ein
schnelles Wachstum die~er Regionen. Parallel dazu verlagert siclh die
Schädelbasis nach vorne unten (Abb. 4-4).
Ab der zeh n ten Woch e finden bereits Resorptionen zur Plattzbe-
schaffung für die sich entwickelnden Zahnkeime statt. Außerderm ver-
schieben sich die Schädelproportionen. t::s kommt zu einer Verg\röße-
rung des VisLerokraniums gegenüber dem ~eurokranium.

Synchondrosis int raoccipo lalis


Synchondrosos sphenooccipitalis
I
I
I
Synchondrosis intersphenoldalis
• Synchondrosls sphcnofrontalis

••
• Synchondrosis

I I sphenoethmoidalis
• ''
'' '' •
' •
'
'' ''
\ '
'
''
''
'

Abb. 4-4: Die für das Schädelbasiswachstum w ichtigen Synchondrosen [aus R;.-R.
Miethkt, Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11, 4. Aufl.)
4.2 Oberkiefer

Merke
Knochenwachstum bedeutet zuerst lediglich l<nochenapposirion.
Remodeliierendes Wachstum im Sinne von Resorption und Apposi-
tion ~ginn t erst nach vollständiger Konfiguration der Schädelkno-
chen.

4.2 Oberkiefer II
Merke
Der Oberkiefer v.ird durch Vereinigung der Stirn- und Oberkiefer-
wülste gebildet.

Die Oberkieferwülste schieben sich unter die lateralen Na~enwübte und Bildung des
wachsen auf die medialen Nasenwülste zu, um sich mit ihnen zu ver- primären
binden. Zur Bildung des primären Gaumens legen sich die Epithel- Gaumens
schichten aufeinander. Das Epithel wird aufgelöst und durch Mesen-
chym ersetzt. An einigen Stellen bleibt Epithel erhalten, z.B. zwischen
Oberkieferwulst und lateralem Nasenwulst. Sekundär wird so der Cana-
lis nasolacrimalis gebildet (Abb. 4-5).
Die l'\asenformung, als erster Schritt der embryonalen Gesichtsbil·
dung, beginnt mit den sich entwickelnden Riechpla koden, die zu Riech-
gruben und danach zu Riechschläuchen werden. Oie Membrana bucco-
nasalis trennt die Riechgruben vom Mund- und ~asenraurn ah und
reißt allmählich am Ende der ftinften Woche ein, was zur Ausbildung
der primiliven Choanen führt (Abb. 4-6).
Zu Beginn der siebten Woche bildet sid1 der sekundäre Gaumen. Oie Bildung des
gemeinsame Mund-Nasenhöhle wird in der ~ilte durch das hcrabhän- sekundären
gende Nasenseptum und die Zunge geglieclert. Die au~ dem Oberkiefer- Gaumens
Y.'Ulst entstammenden Gaumenfortsätze erstrecken sich lateral der Zunge.

Na res
primärer Gaumen
Oberlippe
Gaumenfortsatz
Nasenseptum

l,Omm

Abb. 4-5: Bildung des primaren Gaumens bei einem sechs Wochen alten Embryo
[aus R.-R. Miethke, Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11, 4. Aufl.J
24 4 Pränatale Schädelentwicklung

--- Nase/Nasenseptum

Riechschlauch
-- Oberkiefer/Oberlippe
Membrana bucconasalis
Unterkiefer/Unt erlippe
---- - Zunge

1,0 mm

Abb. 4-6: Viszerokranium eines funfWochen alten Embryos vor dem Einreißen der
M embrana bucconasalis [aus R.·R. Miethke, Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11, 4.
Aufl.]

Parallel zur Ventralentwicklung des Unterkiefe10 verlagert sich die


Zunge nach kaudoventral, und die Gaumenfortsätze richten sich auf.
ßei gleichzeitiger Zunahme der Xasenprominenz streckt sich das aus
Stirn- und medialem Nasenwulst gebildete Nasenseptum. Das 1\asen-
septum und die beiden Gaumenfortsätze legen sich aneinander und
vereinigen sich durch Bildung einer Epithelmauer, Einschmelzung der
Epithelmauer und Rindcgcwebsersatz, beginnend dorsal des späteren

gemeinsame
Nasen-Mundhöhle
Nasenseptum
Zunge
Sulcus
alveololingualis
- - Gaumenfortsatz

Nasenhöhle
Nasenseptum
__ Concha nasalis
inferio r
-- --- - Gaumenfortsatz
M undhöhle

• Zunge

l,Omm

Abb. 4· 7: Nasen· und MundhöhlenbereiCh a) vor und b) nach dem Aufrichten der
Gaumenfortsatze [aus R.·R. M iethke, Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11,4 Aufl.)
4.2 Oberkiefer •&t.iitJCI 2s

Foramen indsivum. Anterior erfolgt die Vereinigung erst nach weiterer


Kaudalentwickl ung des Nasensept1.1ms und Medianentwicklung der
Gaumenfortsätze ca. 3 Wochen nach Beginn des Gaumenschlusses. Am
Ende der neunten Woche hi: die Bildung des sekundären Gaumens ab-
geschlossen, und der Vereinigungsvorgang setzt sich bis in die Uvulare-
gion fort (zehnte Woche) (Abb. 4-7).
Der nasomaxilläre Komplex entsteht fast volJständig aus desmalern Nasomaxillärer
.Knochen, lediglich im Bereich des ~asenseptums läuit die Ossifikation
enchondral ab. ln der ac hten Woche beginnt die erste Os~ifikation im
Bereich des Oberkiefers; Die Ossi palatini ttnd die paarigen YomeranJa-
Komplex
II
gen verknöchern.
Durch Gewebevermehrung und Einsenkung von 1.wei Epithelleisten
vor und hinter dem späteren Processus alveolaris entsteht der Alveolar-
fortsatz.
Trot1. einer linearen Größenzunal1me kommt es danach zu einer Ge-
staltsänderung, begründet in einer generellen Längenzunahme von
0,3 rnm pro Woche und Breitenzunahme von 0,7 mm pro Woche. Das
heißt, die frü hfetale spitzbogige Oberkieferform gebt über in eine prä·
natale breitbogige Form. Der größte Teil der Kieferbreitenentwicklung
erfolgt pränatal, postnatal findet vorwiegend L<'ingenwachstum statt
(+ 34 mm), jedoch nur 10 mm Breitenzunahme.
Morp hologische Besonderheiten des embryonalen und fetalen Furchensyst em
Oberkiefers sind das Furchensystem, das deutlich sichtbaie Kieferregio-
nen voneinander trennt. Die Zahnkeimfurche trennt den lateralliegen-
den Alveolarwall vom oralen TektaJwall und Pseudoalveolarwall. Fron-
tal bilden diese ineinander übergehenden Wälle die Schneidenplatte Frenulum
mit der Schneidenkante. Das Frenulum tcctolabiale erstreckt sich zwi- tectolabiale

Abb. 4-8: Furchensystem des obe·


ren Neugeborencnkicfcrs:
a = Zahnkeimfurche,
b = transitorische Gaumenfurche,
c = Glnglva lfurche,
d = anteriore Furche,
e • antero- laterale Fu rche,
f = bukko-tektale Furche,
g : Papilla lnclslva;
1 = Alveola rwall,
2 = Telctalwall,
3 = Pseudoalveolarwall
[aus R.-R. Mlethke, Pra xis der
Zahnheilkunde, Bd. 11, 4. Aufl.]

1.0cm
26 4 Pränatale Schädelentlwicklung

sehen Lippe und Papilla incbiva und bildet sich normalcrv. eLse zum
oberen Lippenbändchen (Frenulum labii superioris) zurück. Beil Persh-
tenz spricht man vom persistierenden Frenulum tectolabiale, \Welches
Ursache für ein Diasterna mediale sein kann (1\bh. 4-8).
Die auffälligste Veränderung der Oberkieferdimension ist die Vergrö-
ßerung der Gaumentiefe (1 mm in 6 Wochen). Beim Übergang won der
Embryonal- zur Fetalzeit vergrößern sich die funktionel len Hollllräurne
( asen- und Mundhöhle), so dass ein freier Zungenraum entsteht. Au-
ßerdem verlagert sich der Oberkiefer in Relation zur Schädelbmsis um
zo• nach ventral.

4.3 Unterkiefer

Die Unterkieferentwicklung beginnt mit dem Einwachsen des Nervus


mandibularis in das Bindegewebe der späteren ersten Kiemenbogenre-
gion. ln der fünften inrrauterinen Woche sind in diesem Bereich die
beiden Unterkieferwtilste zu erkennen. Sie vergroßem sich während der
F.nt~tehung des primären Gaumens und schieben sich aufeinander zu.
Ab der sechsten Woche ist die Einsenkung zwischen dem recht~en und
linken Unterkieferwulst nicht mehr sichtbar.
Meckei-Knorpel Zwischen dem 41. und 45. Tag formt sich der Meckei-Knoll'pel als
Leitsclliene für die Verl-..nöchenmg. Er träg t jedoch fast nichts zur Kno-
chenbildung des Unterkiefers bei. Sein Hauptanteil wird bis zur 2 4. Wo-
che resorbiert.
Aus dem Meckei-Knorpel entstehen:
"' Knochenanteile der Kinnregion
JA Hammer und Amboss
JA Spina inferior de~ 0~ ~phenoida l e
"' vorderes Band des Os mallrum
"' Ligamentum sphenomandlbularc.

Die ersten Verknöcherungszonen im Unterkiefer treten an der Teilungs-


stelle des Nervus mandibularis, in den Nervus i ncisivus und ::--lervus
mentalis während des llöhepunkts der Ausbildung des Meckci-Knorpels
auf. Die Verknöcherung setzt sich U-förmig um die Nerven fort, und es
entsteht ein trogartiges Gebilde, in dem sich die Zahnkeime enl:\"'ickeln
(Abb. 4-9).
Processus ln der zehnten bis elften Wod1e entstehen Sekundärknorpel in den
condylaris Enden der Mandlbula, die Processus condylaris, coronoideus u11d die
Proruberantia mentalis. Am Kinn und am Processus muscularis (coro-
noideus) werden die Knorpelanteile in den desmalen Knochen des Un-
terkiefers integriert, die kranialen Anteile des Processus condylaris je-
doch bleiben 7.eitlebens erhalten.
Ab der elften Woche beginnt der Knorpel im Processus condylaris
.w mineralisieren; er ist ab dem fünften Monat weitgehend verknbchert,
4.3 Unterkiefer M :®QJI 27

M eckei-Knorpel

Nervus mandibularis

Nervus Iingualis

Nervus alveolaris inferior

primitive Mandibula

Nervus incisivus

Nervus mentalis
I
t--
l,Omm

Abb. 4--9: Die erste Verknöcherungszone des Un terkiefers und ihre räumliche Be-
ziehung zu den Unterkieferstrutetoren bei einem sechs Wochen alten Em bryo [aus
R.-R. M lethke, Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11,4. Aufl.]

der Rest b leibt als Wachstumsknorpel des Kiefergelenks zeitlebens erhal-


ten. i\ach der zehnten Woche finden Resorptionen um die Zahnkeime
und in dt!r 13. Woche auch lin!,•ual de~ aufsteigenden und h oriLontalen
Astes statt
Parallel zum Wachsturn findet eine Urn~trukturiemng des embryo-
nalen Unterkiefers statt. Der embryonale Unterkiefer ist charakterisiert
durch einen breiten kurzen aufsteigenden Ast mit ausgeprägtem Mus-
kelfortsatz und kurzem Gelenkfortsatz und durch einen sehr großen
KieferwinkeL Zur int rauterinen Kieferverbreiterung h·ägt die Synchon-
drose zwischen der rechten und linken Knochenspange bei. Die trans-
ver~ale Entwicklung eilt der sagittalen vorau~ (+ 0,7 mm vs. + 0,35 mm
pro Woche).
Die Strukturierung des Unterkiefers bes teht aus der der Schneiden-
platte des Oberki efers gegenüberliegenden Schneidenkante in primär
abgerundeter Form, jedoch spä ter mit spitzer Gestalt.
Die Entwicklung des Kiefergelenks beginnt in der fünften Woch e Kiefergelenk
mit dem Musculus pterygoideus lateralis. Mit sieben Wochen bilden
sich die Fossa mandibularis und die Gelenkscheihe, m it neun bis elf
Wochen die Gelenkkapsel und mi t zehn bis elf Woche n der Processus
condylaris.
Die erste Knochenmineralisation der temporomandibulären Region
lauft parallel zur Differenzierung des Sekundärknorpels am Processus
condylaris und Os temporale ab. Der obere und untere Gelenk~palt ist
mit 7chn b is zwölf Wochen differenziert.
Während der Fetalentwicklung setzt sich der oberste Pol der Kondy-
len aus fünf Zellschichten zusammen:
.oll der gefä ßarmen Bindegewebs.wnc (I )
.oll der Prächondrobla~tenzone (2)
28 4 Pränatale Schädelentwicklung

Abb. 4-10: Diffe·


renzierung der
fünf Zellschichten
des kondyl~ ren
Knorpels [aus R.·
R. Miethke, Praxis
2 der Zahnheil·
kunde, Bd. 11, 4.
3 Aufl.)

~ der Zone unreifen hyalinen Knorpels (3)


~ der Chondrozytenzone (4)
~ der Verknöcherungszone (S) (i\bb. 4-10).

Die gefäßarme Bindegewebszone ist stark altersabhängig. Während des


Wach~turm i~t sie zellhaltig und stimuliert die Chondroblastenbildung,
beim Erwachsenen ist sie zellarm im Sinne einer Gleitknorpelschicht
Die darunterliegende l'rächonclrobla5ten7.0ne i~t charakterisiert durch
appositionelle Zellvermehrung.
Gelenk pfanne Der temporale Anteil des Kiefergelenks, das Tuberculum postglenoi-
clale, die Fossa articularis und das Tuberculum articulare sind während
der intrauterinen und anfänglichen postnatalen Phase strukturarrn. Erst
unter Funktion mit dem Milchzahndurchbruch entwickelt sich eine
charakteristische Konfi1:,'11ration. Sie ist funk! ionsabhängig und erreicht
ihren Endzustand mit dem Durchbruch der Zwölfjahrmolaren.

4.4 Kieferlagebeziehung

Embryonale Bis zur sechs ten Woche besteht eine embryonale Retrogcnic (nach A.
Retrogenie M. Schwarz). Mit der Bildung des sek'lmdilrcn Gaumens nach der sech~­
tcn Woche verdoppelt sich die Unterkieferlänge. Schwarz und andere
Autoren beschreiben danach die intrauterine Kieferbeziehung im drit-
Progenie ten Monat als embryonale J>rogenie. 'euere, auch eigene Untersu-
chungen haben jedoch bei der Mehrahl der Embryoncn/~cten eher
eine Kopfbisssituation, d.h. gleiche sagittale I!öhe beider Kiefer, festge-
steHt (Thiele, Miethkc, ßroer, Kahl-Nicke),
Danach kommt es erneut zu einem forcierten Oberkieferwachstum,
und bis zum Zeitpunkt der Geburt hat sich eine sagittale Stufe von
Neugeborenen- 4 mm im Sinne einer 2. embryonalen Retrogcnie (Neugcborenenrück-
rücklage lage) ausgebildet (Abb. +-11).
4.5 Entwicklung der Zahngewebe 4$t.HOCI 29

Abb. 4 · 11: Relative Lage des Unterkie· r


fers zum Oberkiefer in verschiedenen
Entwicklungsstadien [nach Schwarz);
I =embryonale Retrogenle vor Bildung
des hint eren Gaumendaches, ll • em ·
bryonale Progenie nach Verein igung
der Gaumenfortsätze, lll • Neugebore·
nenrücklage zur Zeit der Geburt, IV =
beim Durchbruch der Milchzähne

II
II

111

IV

Vertikal besteht 1wischen Ober· und Unterkiefer kein Kontal-.'t. Die


Zunge füllt den Raum zwischen den Alveolarfortsätzen auf. Offene Bisse
jeglicher Ausbildungsgrade werden beschrieben.
Tra nsversal treten intrauterin häufig mandibuläre Verschiebungen
und daraus resultierende Kreuzbisse auf. Sie werden der zunehmenden
Raumenge in den letzten Schwangerschaftswochen und der daraus re-
sultierenden Seitenlage des Ungeborenen zugeschrieben, bestehen je-
doch nur temporär und gleichen sich fast immer postnatal aus.

4.5 Entwicklung der Zahngewebe

Oie Odontogenese beginnt 30 bis 40 Tage nach der Ovulation durch die
Ausbildung eines odon togenen [ pithelbandes. Die Anlagen der Milch-
lähne ent~tehen durch Proliferation der Basal7ellen des primären Epi·
30 4 Pränatale Schädelentwi<klung

thelbandes und differenzieren sich in der Reihenfolge ihres Erscheinens


uber mehrere Zwischenstadien aus epithelialen Zellhaufen zum funkti-
onsbereiten Zahnkeim. Bis zur 17. Woche wird über Knospen- und Kap-
penstadilun die Zahnglocke gebildet.
Parallel zur Entwicklung des Schmelzorgans ent~tehen aus dem sich
verdichtenden Mesenchym die Zahnpapille und das /.ahnsäckchen.
Schmelzorgan, Papille und Z.ahmäckchcn bilden Lusammcn den Zahn-
keim. Während der Vergrößerung der Zahnkeime und entsprechender
Zahnleiste Kieferabschnitte verlängert sich auch die Zahnleiste. Dennoch nimmt
die ursprüngliche Distanz zwischen den benachbarten Keimen ab, so-
dass schon im frühen Glockenstadium einzelne Keime eine gestaffelte
Stellung einnehmen.
Die Zuwachszahnkeime (Molarenkeime) entsteh en in der 14. bis 15.
Woch e posterior der sich nach distal durch proliferatives Wachstum
verlängernden Zahnleiste der Milch molaren.
Sie erreichen das Glocken stadium in der 24. ·w oche und beginnen
kurz vor der Geburt Dentin zu bilden. Die Keime der zweiten Molaren
erreichen das frühe Glockenstadium sechs Monate, die dritten Molaren
sechs Jah re nach der Geburt.
Die Dentinbildung beginnt bei den zwe iten Molaren mit zwei bis
drei Jahren, bei den dritten Molaren mit sieben bis zehn j ah ren.
Zuwachszähne Die bleibenden Mo larenkeime entwickeln sich im Bereich des Tuber
maxillar bzw. im aufsteigenden Unterkieferast, d ie Basis der obe ren Mo-
laren keime ist rnesialwärts, die der unteren distalwä rts geneigt. Da zwi-
~chen den Ri l dung~phasen der drei Zuwachs71lhne jeweils drei Jahre lie-
gen, haben Ober- und Unterkiefer genligend Zeit, um für die Entwick-
lung eines weiteren Zuwachszahnes Pla tz zu schaffen.
Ersatzzähne Oie Ersatzzähne, die als zweite Dentition die Milchzähne ersetzen, ent-
stehen lingual bzw. pala tinaJ der Milchzahnkeime. Die generelle Zahnleiste
zieh t dort in wellenartigem Verlauf von Keim zu Keim der er~ten Dentition
und verlängert sich zur Ersatzzahnleiste. Bei der Entstehung der Ersatz-
za hnleiste löst sich die laterale Zaluueiste auf, d.h. die Glocke des Mikh-
zahnkeims löst sich von der Zahnleiste ab. Die E.rsatzzahnkeimentwicldung
beginnt im fün ften Monat mit der Knospenbildung der mittleren lnzisivi
lmd endet mit zwei bis d rei Jahren mit lleginn der Zahnhartsubstanzbil-
dung der zweiten Prämolaren. Oie ursprunglieh lingual bzw. palatlnal der
l\lilchzahnglocken liegenden lnzisiVikeime verlagern sich durch Wachs-
tum und Durchbruch der Mildwihnc sp<itcr weiter nach apikal der Mllch-
ahnwurLeln, die der Pr<irnolaren zwischen die Milchmolarenwurzeln. Der
zeitliche Ablauf der 7.ahnentwicklung wird in Abbildung 4-12 dargestell t.
Mineralisation Die Mineralisation der ~lilchzähne (I, II, 111) beginnt in der 17. em -
bryonalen Woche und die der Milchmolaren (1'1, V) um die 20. Woche.
Zum Zeitpunkt der Geburt sind die Kronen von I, ll und 111 fast ausge-
bildet, die Kronen von IV und V etwa zur Halfte.
Gleichzeitig minera lisieren die Höckerspitzen der Sechsjahrmolaren
(Abb. 4-13).
4.5 IEilltw icklung der Zahngewebe • :mmnct 31

5 Monate
in utero
2 Jahre
(t 6 Monate)

7 Monate
in utero

I
Geburt 3 Jahre
(:!: 6 Monate)

·- 6 Monate
(:!: 2 M onate)

4 Jahre
(± 9 Monate)

9 Monale
(:!: 2 Monate)

5 Jahre
(± 9 Monate)

1Jahr
(t 3 Monate)

6 Jahre
18 Monate (± 9 Monate)
(t 3 Monate)

Abb. 4 ·12: Auszug aus der Dentitionstabelle [nach Schour und M assler]
32 4 Pränatale Schädclcrrtvwi<Ckdung

Abb. 4-13: Mineralisation der M ilchzähne sowie der Sechsjahrmolaren, zum Zeitpun kt der Geburt simd dlie
blauen Abschnitte verkalkt [nach Pierce und Rauber·Kopschj.
M :ti.IIGJ1 33

5 Postnatale Entwicklung und Wachstum

Das Erkennen und Dilferenzieren von /.ahn- und Kieferfchlstcl-


lunKI:'n \Oll dt:r Geburt bh Lum Erwachsenenalter hangt im \Vt'-
5entlichen von der Kenntnis der Hnom1alt'nu Lntwicklungs- und
\\laclntunt~\Orgdnge nach der Geburt ab.
I
----------------------~

5.1 Gesamtentwicklung

Zum Zeitpunkt der Geburt sind die einzelnen Komponenten der Kalotte
durch Sut uren und Fontanellen voneinander getrennt. Fontanellen,
wo mehr als zwei Schädeldachknochen aufeinanderstoßen, bestehen
aus Rindegewebe mit kollagenen Fasern, sind Vorläufer der späteren Su-
turen und ermöglichen schnell ablaufendes Gehirnwachstum. Die drei-
fache JX>~tnat..lle Volumenzunahme der Schadelkapsel ha\iert auf Kno-
chenzuwach~ an den Suturenrändern und Apposition und Resorption
an den Schadellillochen. Die Verschiebliehkelt dt!r Suturen und Fonta·
nellen ermöglicht eine leichtere Passage des Geburtskanals. ln der gro-
ßen Fontanelle treHen sich die beiden Stirn- und Scheitelbeine, in der
kleinen die lx!iden Scheitelbeine und das Hinterhauptbein (Abb. 5-1).
Ot!r normale Versc hlu.~s der l'mltanellen findet 7wbchen dem Verschluss der
sechsten Monat (Fonliculus posterior) und dem zweiten Lebensjahr Fontanellen
(Fontlcul u~ anterior) statt. Bei vo rzeitigem Ver~ch lu~' t!ntstehen Sch ä-
dcld y~oMmcn (l.B. beim Apert-Syndrom = A ~ro7ephalo~yndaktylie).
ß('i \Or/t'ltlgl:'r <;ynmto~e aller Fontanellen (Kraniostenose) ~ornmt es

Abb. S-1: Schade! emes Neu-


geborenen mit großer und
kleiner Fontanelle (modifi-
Ziert nach LangmanI
• ---su.~
___ gro~
Fontanelle
Kranznaht
Pfeilnaht
Scheitelbeln
kleine
Fontanelle
Hinterhaupt-
schuppe
-
34 S Postnatale Entwicklung und Wachstum

a b

Abb. 5·2: Allgemeine Größenzunahme und Proportionsverschiebungen zwischen Neurokranium und Vlsze-
rokranium von der Geburt (a) bis zum Alter von 20 Jahren (d), b • 1Jahr, c = 6 Jahre [aus R.-lt Miethke, Pra-
xis der Zahnheilkunde, Bd. 11, 4. Aufl.)

wegen der zu frühen Verknöcherung und des fortschreitenden Hirn-


wachstums zur Mikrozephalie sowie durch Verformung der Kalotte und
den Druck des wachsenden Gehirns zu Schadeldefonnitäten (Tunmchä-
del). Beim rlydrozephalus mit vergrößertem Schädelinhalt ist die ßil·
dungvon Syndesmosen und Synostosen aus den Fontanellen stark ver-
zögert.
Da die Schädeldeckehis wm 20. Lebensjahr wächst, läuft der Über-
gang von Syndesmosen zu Synostosen über einen längeren Zeitraum.
Die Verknöcherung der Suturen beginnt mit dem zehnten Lebensjahr
und endet mit der Verknöcherung der zwischen den beiden Schläfen-
beinen liegenden Suturen in der dritten Dekade.
Viszerokranium Das Viszerokranium ist beim Neugeborenen relativ unterentwi-
ckelt. Es hat Im ?.weite n Lebensjahr ein Viertel, im achten Lehensjahr
die Hälfte seiner Endgröße erreicht (Abb. 5-2).
Die pneumati~lerten Räume (Processus mastoideus, Nasenneben-
höhlen) entfalten sich erst im Zuge der Pneumatisation des Schädels
und erreichen ihre endgullige Ausdehnung während der Pubertät. Das
Innenohr hat als einziges Organ seine Erwachsenengröße bereits vor der
Geburt erreicht.
Die kaudalen Anteile de~ Os zygomaticum 7eigen nach der Geburt
starke Knochenappositionen, ~o wi rd ausreichend Plat7 für die Enlwick-
Jung der :VIilch- und bleibenden Zähne zur Verfügtlllg gestellt.
Eine deu tliche Größenzunahme de<. gesamten Viszerokraniums wird
mit dem Durchbrud1 der ersten Milchzähne beobachtet. 13ei intensivem
Gehimwachstum bleibt jedoch das Verhciltnis Neurol..ranium .c:u Visze.
rokranium 8: 1. Erst beim Durchbruch der Milcheckzahne und Milch-
molaren findet intemives Alveolarfortsatzwachstum statt.
Um das ftinfte Lebensjahr findet ein Wed1sel in der Wachstumsdo-
minanz zwischen Schädel- und Gesichtswachstum statt. Dieser wird je-
doch erst am Ende der ersten Wcchsclgebissperiode, im Alter von acht
Jahren, deutlich, da zu diesem Zeitpunkt das Neurokranium sein
Wachstum beendet hat. Im Sinne einer Gestaltsumproportionicrung
wäch~t das Viszerokranium durch Tramlation von Ober- und Unterkie-
51 G~s~mtentwicklung

fer und durch vertikale Drift der AJveolarfortsat7e nach 'ome und un·
ten.
Im Ucreich des Viszerokranium~ ist da~ Vertikalwachstum am stärks-
ten. ~s ~chließen sich Längen· und Ureitenwach~tum dll. Beim Ncuro-
kranium ist das Uingenwach\tum am stärksten ausgcpragt, gefolgt von
Breiten- und Höhcnzunahme. Das heißt, die postnatale Schädelhöhe
und GeJ.ichtsbreite \Crändern sich am wenigsten. Die \'entralverlage·
rung des Ober- und Unterldefer fuhrt zur typisch menschlichen und
ge~chlcchtsspeziflschen Gesichtsphysiognomie. Diese Verandenmgen
sind beim weiblichen Ge~chlecht mit 18, beim männlichen Ge!>chlecht
mit 2l )aluen abgeschlossen (Vcrhältnh Neurokranium zu Viszerokra-
nium 2,5: 1). Dd~ Waclntum des lllrnschädels erfolgt durt:h Resorption
II
und Apposition der Schädelkalortenanteile. Die Verlagerung der Schä·
delba~is, als Dach des nasomaxillaren Komplex~. nd<:h \'Ome und un-
ten ~N7t \iCh in den na~omaxillaren Komplex fort, bceinfluN jedoch
den UnteriJefer wegen seiner raumliehen Fntfernung nur wenig. Die
GclcnJ...gruhe, db visLeraler Bestandteil der Schadelba\i~, verschiebt sich
relativ ?lun Os sphenoldale nach hinten unten (Abb. 5·3).
Nach Enlow ist das Wachstum der Schadetbasis autonom, das der
KalottE.• hängt von der funktionellt:n Matrix ab. Als Stimuli wirken die
sich' ergroßemden Itimantcile.
01e \.t-rknocherung dt:r Knorpelfugen, Synchondro\cn, \pielt eine Verk nöcherung
wichtige Rolle. Postnatal sind die Synchondrosis sphenooccipitalis, der Knorpelfugen
sphcnofrontalis und sphcnoethmoidalis von großer Bedeutung. Die
Synchcmdrosis sphen ofron tali ~ und -eU1moidalis zeigen nur noch aus·
nahrnsweise nach dem siebten Lebensjahr Ver.lnderungen. Die dann
enhtan<.lcnen Suturen Jassen nach dem siebten I ebcnsjahr keine sagil·

- Ausgangs·
sotuation
- - Endzust;md

Abb. 5·3: Wachstumsvorgänge der vord~ren Schadetbasis und des nasomaxillar~n


Komplexes, bedongt durch Großenzunahme und Verlagerung [aus R.-R Miethke,
Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11, 3. Aufl.)
36 5 Postnalö~le Entwicklung und Wachstum

Abb. S-4: Wachstumsrichtung der Schädelbasis, des Ober· und Unterkiefers (blaue
Pfeile) und die daraus resultierende Translation von Ober- und Unterkiefer
(schw;me Pfeile) (aus R.-R. Miethke, Praxis der lahnheilkunde, Bd. 11, 4. Aufl.)

talen und vertikalen Dimensionsvt:ränderungen zu. Deshalb werden die


Knochenstrukturen der vorderen Schädelbasis als zuverlässige Anhalts·
punkte bei der Überlagerung von Fernröntgemeitenbildern angesehen.
Die Synchondrosis sphenooccipitalis, die bei ~ädchen mit 12 bis l3
Jahren, bei Jungen mit 14 bis 15 Jahren verknöchert, wu rde schon im
vergangeneo Jahrhundert von Virchow (1857) und Welcker (1862) als
primäres oder sekundäre~ Wachstumszentrum der Schlldelbasis be-
schrieben. Ihre Verknöcherung dauert ein bis zwei Jahre. Auch danach
wurden Knorpelzellen im Bereich der ehemaligen Synchondrose gefun-
den. Ein voneiliger Synchondrosenverschluss im Bereich der Schädel-
basis führt aufgrundder engen nachbarschaftliehen Beziehung zur Mit-
tclges.ch tsh ypoplasi e.
Oie Grö ßem:unahme belder Kiefe r erfolgt vorwgswelse nach dorso-
kranial, und daraus resultiert sowohl für den Oberkiefer als auch rür den
Unterkiefer eine kaudoventrale Translation (Abb. S-4).
Rei Betrachtung des Schädelwachstums als Ganzes wird deutlich,
dass das Wachstumsmu~ter und der Wachstumstyp (horizon tal, neutral
UJ1d vertikal) meistens zeitlebens erhalten bleibt bzw. sich verstä rkt.

5.2 Oberkieferentwicklung

Postnatal ist der nasomaxilläre Komplex wenig entwickelt, beim Durch-


bruch der Milchzähne Uberwiegt eine ve rtikale Größenzunahme
durch Knochenappmition. 1ur am Nasenboden findet Resorption sta tt.
Diese Resorption im Nasenbodenbereich und in der gesamten Nasen-
höhle prägt ihre Gestalt und Größe. Durch Knochenapposition am Gau-
5.2 Oberkieferentwicklung 4AQf1 J7

Abb. 5·5: Fronlai sichtbare


Suturen, die zum Oberkie·
ferwachstum beitragen
{aus R.·R. Mlethke. Praxis
der Zahnheilkunde, Bd. 11, 4.
Aufl.]: 1.. Sutura frontozy
gomatica, 2 • Sutura sphe·
nozygomatlca, 3 = Sutura
frontolacrimalis, 4 = Sutura
frontomaxillaris. 5 = Sutura
frontonasalis, 6 • Sutura
temporozygomatica, 7 = Su-
tura ethmoideomaxillaris,
B = Sutura nasomaxillaris,
9 = Sutura zygomaticoma·
xillaris
I

mendach erfolgt Kaudalwachstum des Oberkiefers um 0,3 mm pro jaJu.


Parallel findet eine Verlangerung des harten Gaumens an seinem dorsa-
len l~nde und der Alveolarfortsätze im Bereich der Tubera maxillar statt.
Außerdem tragt Wachstum (Knochenapposilion) im Rereich 1ahlreicher
Oberkiefersuturen zum Oberkieferwachstum bei. Die Sutur zwischen der
l'rlunaxilla und Maxilla schließt sich mit ein bis zwei J ahren. Nach dem
vierten Lebensjahr stellen die Suturen keinen aktiven Wachstumsbei-
trag mehr dar. Ihr Schluss ist funktiomabhangig (Abb. 5·5).
Beim Oberkieferwachstum treffen Apposition und Resorption auf
der vestibulären Seite der Pramaxilla im Bereich des A-Punkte~ (die Prämaxilla
tiefste Einziehung an der ventralen Begrenzung des Oberkiefers im l·ern-
röntgenseitcnbild) zusammen. Kranial davon findet Apposition, kaudill
Resorption statt. Insgesamt führt dies zu einer Verlagerung des A-Punk-
te~ nach dorsa l und kaudal. Es resultiert eine geringe Counterclt>ckwl~e-
Rotation (Rotation gegen den Uhrzeigersinn) des Oberkiefers.
Als Folge des vertikalen Wachst1.1ms des Oberkieferalveolarfortsatzes
nach dem V-Prinzip kommt es tu einer Verbreiterung und Höhenzu- V-Prinzip
nahme der Alveolarfortsätze. :--!ach der Pubertät sind diese Umbauvor-
gänge reduziert. Durch das Wachs tum der mittleren Schädelgrube wird
der Oberkiefer 7u~amrnen mit der vorderen Schädelbasis, der Stirn und
den Jochbögen nach ventral verlagert. Im Sinne eines sekundären Dis-
placements wird die Maxma durch Expansion der mittleren Schädel-
grube passiv im Raum verlagert, ohne dass der Oberkiefer direkt an
diesen Wachstumsvorgängen beteiligt ist. Ein primäre~ Displacement
findet gleichzeitig durch Apposition w1d Resorptionsvorgänge nach
mcsiokaudal statt.
38 S Postnatale Entwicklung und Wachstum

5.3 Unterkieferentwicklung

Der postnatale Unterkiefer hat kur7e aufsteigende Äste, einen großen


Kieferwinkel, rudimentäre Gelenkfortsätze und kräftige Muskelfort-
sätze. Die rechte und linke Knochenspange sind durch eine Synarthmse
verbunden.
Diese geht jedoch im ersten Lebensjah r in eine Synostose über, so-
dass die Breitenentwicklung des Unterkiefer~ unabhängig davon ab-
läuft. Während der weiteren Entwicklung kommt es zu einer Abnahme
des Kieferwinkels, Längenzunahme bei weniger Breitenentwicklung,
Vergrößerung und Ausformung des Kiefergelenks und Höhenwnah.me
des Corpus mandibulae. Die Höhenzunahme der aufsteigenden Äste ist
im intensiven Wachstum des Gelenkfortsatzes begründet und bewirkt
eine Kaudoventralverlagerung des Unterkiefers.
Wachstums- f.ine individueUe Wachstumsrichtung de.~ Komlylu~ bewirkt auch
muster eine individuelle Unterkieferrotation. Beim brachyfa?ialen (counter-
clockwise = ccw) Wachstumsmuster entwid.elt sich der Gelenkfortsatz
hauptsächlich nach kranial und ventral, sodass der gesamte Unterkiefer
nach kranial und ventral rotiert. ßeim dolichofazialen (clockwise = cw)
Wachstumsmuster erfolgt die Rotation nach dorsokaudal (Abb. 5-6).
Entgegen früheren Annahmen stellt der Kond ylus jedoch nicht das
Obergeordnete Wachstumszentrum der yfandibula dar, sondern hat nur
lokale Funktion. Kontakt des kondylären Knorpels mit der Schädelbasis
bewirkt Druckkräfte, und da Knorpel ein druckadaptives Gewebe ist,
führt dies zu einer Reaktion des Unterkiefers. Die frühere Auffassung,
dass der Druck de~ wachsenden Kondylus auf die Gelenkpfanne die Ur-
sache für die Ventralverlagerung der Mandibula sei, konnte experimen-
tell widerlegt werden. Auch nach Entfernung beider Kondylen kann der
Unterkiefer eine normale Lage einnehmen. Das Displacement des Un-
terkiefers wird als primarer Vorgang und Folge der Expansion der
Weichgewebe angesehen. Einer Autorotation folgt adaptives Kondylen-

..
: '
'

'
'
.•

'
........... ---

Abb. 5-6: Relation zwischen Wachstumsrichtung des Gelenkfortsat2es (dünner Pfeil) und Rotation des Un-
terkiefers (dicker Pfeil): a) brachyfazra les oder counterclockwrse-Wachstum, b) dolichofaziales oder clock-
wise-Wachstum [aus R.-R. M lethke, Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11, 4. Aufl.)
S.4 ~ntition 4 :n:1iQ J1 39

wachstum, um die Lagebe7iehung des nach ventral verlagerten Unter-


l...iefers 1m Kiefergelenk wiederher?Ustellen.
Vier Vorgänge laufen wJhrend der mandibulären Wachstumsvor-
gänge ab:
-"' Remodeliierung
_, prim;ire~ Displacement
_, sckundares Displacement
_, honLontales Wacrutum des Ramus ascenden'i.

Durch RcmodciHenmg verändert sich der Unterkieferl-.orpcr nach pos- Remodeliierung B


terlor in gleichem Umfang, wie sich der Oberkieferbasalbogen verlän- ..
gert. Parallel zum Längenwachstum wird der Unterkiefer nach vorne
verlagert. Dieser ProLess wird stimuliert durch nach po~terior gerichtete
Wachstumsvorgänge der Kondylen und der posterioren Abschnitte vom
Ramus ascendens. Durch die Lxpamion der mittleren Schädelgrube
wird der Unterkiefer ebenso wie der Oberkiefer nach vorne unten verla-
gert. Da sich das Wachstum der mittleren \chädelgrubc jedoch vorwie-
gend an terior der Kondylen etabliert, ist das sekundäre Dl~placemen l
der Mandibula geringer als das der Maxilla. Dies ist der Grund, warum
trotl gleicher Längenentwicklung eine distale l.agchetlehung zwischen
Ober- und Unterkiefer l>e'iteht. Der Ramus asccndcns, al~ Wachstums-
aqUivalcnt der mittleren Schadelgrube, wird nach posterior verlagert biS
1u einer AU'idehnung, die die miiUere Schädelgruppe erreicht hat.
Durch das parallel stattfindende ~chrag nach kranlodorsal ablaufend!.'
Kondylenwachstum kommt es zu einer Unterkieferverlagerung nach
kaudoventral. Die sagittale Di\krCJ>anz zwischen Ober- und Unterkiefer-
lage wird dadurch ausgeglichen, und gleichzeitig wird die Kauebene
nach kaudal verlagert.

5.4 Dentition

ln Anlehnung an die Be?eithnungen Milch-, Wechsel- und bleibendes Phasen der post·
Gebiss werden drei Phasen der po~tnatalen Gebissentwickl ung unter- natalen Gebiss-
schieden: entwicklung
_, du.- Milchgebissperiode
_, die Wechselgebissperiode
_, da~ bletl>ende Gebiss.

D1e Milchgebissperiode wird unterteilt in die Entwicklungsphase von Milchgebiss-


der Geburt bis mm dritten Lebensjahr und die Nut?ung~phase vom dril- periode
len bis sechsten Lebensjahr b?w. bis 7um Beginn des rruhen Wechselge-
biS'iC\.
\ht Beginn des 7..ahnwech..eh im sechsten Lebensjahr besteht da\
fruhc Wechselgebiss (6. b1s 9. Lebensjahr), danach das späte Wccbscl-
gehis~ vom I0. bis 13. 1el>en\jahr.
40 S Postnatale Entwicklung und Wachstum

Tab. 5·1: Durchbruchszeiten der Milchzähne


Zähne Alter bei Durchbruch
71. 81, 51,61 6 t 2Monate
72, 82, 52, 62 10 ± 2 Monate
74, 84, 54,64 14 ± 2 Monate
73, 83, 53,63 18 ± 2 Monate
75, 85, 55, 65 25 t 2Monate

Mit dem Durchbruch des letzten bleibenden Zahnes, ausgenommen


die dritten Molaren, beginnt die Phase des bleibenden Gebisse~.
Während der Entwicklungsperi ode des Milch gebisses finden der
Mi lchzahndurchbruch und die Wur..:elbildung der Milchza hne statt
(Tab. 5-l ).
Die Milch7.ähne der Neugeborenen sind okklusal nicht von Kno-
chen bedeckt, der Durd1bruch durch die Kieferkammschleimhaut er-
folgt durch Druckatrophie. Als erster Lahn bricht im sechsten Lebens-
monat ein mittlerer un terer Schneidezahn durch, im Lweiten bis dritten
Lebensjahr isl d ie Milchdentition vollständig.
Die Wurzelbildung der Milchzähne ist jedoch ers t ein bis eineinhalb
Jahre nach ihrem Durchbruch abgeschlossen.
Wä hrend der Nutzu ngsphase des Milch gebisses ist eine normale
Kaufunktion 7u r Abrasion der ~I i Ichzahne wünschenswert.
Die Durch bruchszeiten d er b leibende n Zä h ne sind größeren
Schwankungen unterworfen als die der Milchzähne. Abweichungen
von der normalen Durchbruchszeit b is zu d rei Jah ren sind h.eine Selten-
heit. ßei Mädchen brechen die permanenten Zähne im Allgemeinen
dre i bis sechs Mona te früher durch als bei j ungen.
Wechselgeblss- Die erste Phase des Zahnwechsels beginnt mit dem Durchbruch der
periode Sechsjahrmolaren d istal der zweiten :VIilchmolaren und endet mit dem
vollständigen Durchbntch der oberen seitlic hen Schneidez.~hne. Die
unteren Inzisivi brechen in der Regel vor den oberen durch, die mittle-
ren vor den sei tlichen SchneideLähnen. Danach tritt eine Pause (1 ,5
Jahre) im Zahnwechsel ein.
Zwischen dem neunt{'n und zwölften Lebensjahr wechseln die
Zäh ne der Stützzone (spä tes Wechselgebiss) in der in Tabelle 5·2 darge-
stellten Reihenfolge.

Tab. 5-2: Oie drei Phasen des späten Wechselgebisses


Phase Zähne Alter beim Wechsel
33, 43, 34, 44, 14, 24 10 Jahre± 9 Monate
2 13, IS, 23, 25, 35,45 11 Jahre± 9 Monate
3 17, 27, 37, 47 12 Jahre± 9 Monate
5.4 Dentition 4WijJ1 41

Ein Abweichen von dieser Reihenfolge wi rd häufig beobachtet. Die


Durchbruchszeiten gelten für den Normalzahnerund können bei Früh·
bzw. Spätzahnern deullich unter- bzw. überschritten werden.
MH dem Durchbruch der Weisheitsz.'ilme ist zwischen 17 und 22
Jahren .:u rechnen.
Die f-ntwicklungsdaucr der bleibenden Zä hne beträgt von der ers-
ten AnJage bis zur fertigen Ausbildung ca. zehn Jahre. Die normale
Durchbruchszeit eines Zahnes ist erreicht, wenn die Hälfte bis Dreivier-
tel der Wurzel ausgebildet ist.
Zwischen dem Durchbruch der /.ähne und dem Erreichen der Ok·
klusionsebene liegen unterschiedliche Zeitintervalle: bei Prämolaren
wenige Wochen, bei Schneidezähnen drei bis fünf Monate und bei Eck-
zähnen ein bis eineinhalb Jahre.
Der Ablauf der Dentition wird durch die Dentitionstabelle (1941)
von Schour und Massler zusammengefasst dargestellt (s. Abb. 4-12). Die
Dentitionstabelle wurde 1985 von Kahl für ein Kölner Patientengut ge-
schlechtsspezifisch aktualisiert (Ahb. S-7).
Mit ihrer Hilfe lässt sich das Dentitionsalter - als ein wesentliches Dentitionsalter
Kriterium zu r Bestimmung des günstigsten Zeitpunktes flir den Behand-
lungsbeginn - festlegen. Der Mineralisationsgrdd und Durchbruchs-
stand der bleibenden Zähne sowie der Resorptionsgrad der Milchzähne
werden als Kriterien zugrunde gele1,>t.
Folgende physiologische Veränderungen geschehen während de r Physiologische
Gebissentwicklung und des Zahnwechsels: Veränderungen
-" Vertikal. Die erste physiologisch e Risshehung, Abstandsvergröße- wäh rend der
rung der Kieferbasen durch Alvcolarfortsatzwachstum, Durchbmch Gebissentwick-
der Zähne und Längenwachstu m der aufsteigenden Äste, findet crst- lung und des
mals während des Milchzahndurchbmchs statt und ist mit dem Zahnwechsels
Durchbruch des zweiten Milchmolaren beende!. Die zweite physio-
logische Rissh ebung findet mit dem Durchl>mch der Sechsjahrmo-
laren und die dritte mit dem Durchbruch der Prämolaren und
Zwölfjahrmolaren start. Die OkkJusionsebene de~ ~filchgebisses ver-
läuft fl ach, eine Spce-Kurve ist n icht vorhanden.
-" Sagittal. Die dorsale t\bsch lu~sebene der Milchzahnreihen wird Post-
laktea leben e genannt. Je nach Konfiguration dieser Ebene, d.h. ab-
hängig davon, ob es eine Ebc11e oder eine Stufe ist, brechen die Sechs-
jahrmolaren im singulären Antagonismus oder alternierend vcr-
7-<~hn t durch. Die Erklänmg für die PostlaJ..-tealebene liegt in den
untersch iedlichen Breiten der oberen und unteren Milchmolaren;
der untere Milchmolar i~t in der Regel breiter als der obere (Abb. S-8).
..oll TransversaL Während der Nutzungsphase des Milchgebisses bilden
sich Lücken zur Verbesserung des Platzangebots für die permanen-
ten Frontzähne.
42 5 Postnatale Entwicklung und Wac:h1sturn

SJahre

6 Jahre 11 Jahre 16 Jahre

12 Jahre 17 Jahre

8 Jahre 18- 19 Jahra:

9 Jahre 14 Jahre 2o-24 Jal'lrre

Abb. 5-7: Geschlechtsspezifisch aktualisierte Dentitionstabelle (nach Kahl1985l: a) Entwicklung der blei·
benden Zähne und Resorptionsstand der Milchzähne bei Mädchen
5.4 D~ntttion 1 ;fi.lltJJ1 43

5Jahre , 10 Jahre 15 Jahre

6 Jahre 11 Jahre 16 Jahre

I
7 Jahre 17 Jahre

18- 19 Jahre

20-24 Jahre

Abb. 5·7: Geschlechtsspezrfisch aktualisierte Dentitionstabelle [nach Kahl 1985): b} Entwicklung der blel·
benden Zahne und Resorplronsstand der Milchzähne bei Jungen
44 S Postnatale Entwicklung und Wachstum

Abb. 5·8: Die verschiedenen Modi-


fikationen des distalen Abschlus-
ses im Milchgebiss: a) scharfe Ver-
zahnung, gerader Abschluss der
Distalflächen der zweiten lMilch-
molaren; b) Wenn der Befund wie
bei a) bestehen bleibt, entsteht
beim Durchbruch der Sech5jahr-
molaren keine alternierende Ver-
zahnung; c) alternierende lllerzah-
nung der Sechsjahrmolaren nach
physiologischer M esialverl age-
rung der unteren Zahnre lh e bei
abradiertem M ilchgebiss [111ach
KorkhausI

5.5 Lagebeziehung zwischen Ober- und Unterkiefer

Innerhalb der ersten Lebensjahre weist der Unterkiefer ein stärkeres sa-
gittales Wachstum auf als der Oberkiefer, wa~ zu einem Au~gleich der
Neugeborenenrücklage führt. Bei ausbleibender Abrasion im Ytilchge-
biss Ist die physiologische Kompensabon der Neugeborenenrucklage
nicht möglich. Danach kommt es bei neutralem Wachstum zu keinen
nennenswerten Kleferlageverschlebungen.

Merke
jede der physiologischen Bisshebungen kann als Symptomatil.. der
übergeordneten Schädelstreckung interpretiert werden. Auch die
transvers.1le Klcferlagebcziehung gleicht sich bei der Geburt schnell
aus.
6 Eugnath ie

Merke
Einzelne Abweichungen vom eugnathen Befund, dem anatomisch
und funktionell feh lerfreien Zustand des Kauorgans, sind nicht mit
Dysgnalhie gleichzusetzen. Erst die Summe der Abweichungen
führt zu einem dysgnathen Gebissbefund.

Ein funktionelles Gleichgewicht beinhaltet ungehinderte Ok-


klu~i on und Artikulation, Harmonie der orofazialen ~uskulatur
sowie der Kiefergelenke und keine Fehlbelastung einzelner Zähne.
Funktionelle Kriterien ~ind regelrechte MastikaUon, Phonetik,
Schluckmodus, Lippenschluss und Zungenposition.
Das normale Milchgebi~s besteht aus 20 Zähnen, das bleibende
Gebiss aus 32 Zähne n.
Die Entwickhu1gsdauer der bleibenden Zähne beträgt etwa Lehn
Jahre, die normale Durchbruchszeit eines Zahnes ist erreicht,
wenn die Hälfte bis Dreiviertel der Wur7e1 amgebildet sind.

6.1 Zahngröße und -form

Sowohl die Größe - Volumen, 1-löhe und Umfang der Krone sowie
Länge und Durchmesser der Wurzeln- der Zähne beider Dentitionen als
auch die Form der einLeinen Zahntypen sind genetisch determiniert
und sehr variabel. Hinsichtlich der Gesamtgröße wie auch der Zahnkro-
nendimension bestehen Geschlechtsunterschiede. Auch :zwischen ße·
völkerungsgruppen werden Unterschiede in der durchschnittlichen
Zahngröße und in der Zahnform beobadltet.
Die stärkste Variabilität der Zahnform zeigen obere laterale lnzisivi
und dritte Molaren. Die Schaufelform oberer Schneidezähne ist ein
Mer(.. mal, da~ ~ich individuell häufig von der Milch- auf die Ersatzdenti-
tion fortsetzt.

6.2 Zahnstellung

Nach Andrews gibt es sechs Schlüssel der normalen Okklusion:


..; Molaren be:ziehung: Der mesiobukkalc Höcker des oberen ersten Molaren·
Molaren liegt in der Fossa zwischen dem mesio- und zenLrobukkalen beziehung
46 6 Eugnathie

Abb. 6· 1; Korrekte Klasse I·


Okklusion der Molaren
[nach Andrews]

Höcker des unteren Sechsjahrmolaren, und der mesiolingua le Hö·


cker des oberen Sechsjahrmolaren hat Kontakt mit der Querfissur
des unteren Scchsjahrrnolaren. Die Krone des oberen ersten Molaren
sollte M> anguliert sein, dass die dista le Kan te seiner dis talen Rand·
leiste m it der Mcsialfläche der mcsialen Randleiste des unteren zwei-
ten Molaren okkludiert (Abb. 6·1).
Mesiodistale ~ Mesiodistalc Krone nang ula tion: Der gingivale Teil der Kronen-
Kronen- längsachse muss distal des okklusalen Teils liegen. So ergibt ~ich die
angulation mesiodistale Kronenneigung als WinkeJung des Zahnes zu einer
Senkrechten auf die Okklusionsebene. Nach Andrews Ist die Kronen-
angu lation im Oberkiefer für den Eckzahn am größten und für die
Prämolaren am kleinsten (Abb. 6-2).
Labiolinguale ~ Labioling ual e Kro n cn in klina tion: Der Winkel zwischen der Tao-
Kronen· gente an die fazialsie Fläche der Zahnmitte und der Senkrechten au f
Inklination die Okklusionsebene (Kronentorque) sollte positiv sein, d.h., die
Krone steht im okklusalen Bereich labialer als im lingualen bzw. pa-
Abb. 6-2; Mesiodostale Kro-
nenneigung der Selten-
zähne
6.2 Zahnstellung ,emmr.1 47

Abb. 6-3: Relation zwischen


den oberen und unteren ln-
zisivi [nach Andrews]. La bio·
linguale Inklination der
Zahnkronen: Im Oberkiefer
stehen die Kronen zervikal
.

• Kronentorque
lingualer als Im Unterkiefer. '

,. . •-1·
I
-~:
16' .
latinalen Bereich. Bei einem Steilstand der lnzisivi bestehen Minus-
werte für die labiolinguale Kroneninklination. Bei den oberen
Schneidezähnen besteht eine positive Angulienmg zwischen der
Kronentangente und der Senkrechten Lur Okklusionsebene von + 7°,
zwischen der Kronentangente und der Zahnlängsachse von + 18"
(Abb. 6-2). Der Kronento rquc des unteren Schneidezahnes beträgt
- 1•, der Winkel zwischen seiner Kronentangente und der Sehneide-
zahnachse 16• (Abb. 6-3). llei korrekter Okklusion beträgt der ,.Inter·
koronalwinkel" zwischen den Kronentangenten des oberen und un -
teren Schneidezahnes -1 74°.

Die Tangenten an die vestibulärcn Kronennachen der Seitenzähne bil·


den mit der Senkrechten auf die OJ...klusionscbene Minuswerte, d .h., die
Gingivaanteile der Kronen der Seitenzähne stehen bukkaler als die Ok·
klu sionsantcile. Im Oberkiefer ist die Kroneninklination ftir Eckzähne
und Prämolaren fa~t gleich groß, für die Molaren etwas stärker, im Un-
terkiefer nimmt die Kroneninklination vom Eckzahn zum zweiten Prä·
molaren progressiv zu.
"" Zahnrotatio nen : Für eine nonnale Okklusion dürfen keine Zahnro- Zahnrotationen
tationen bestehen, rotierte Molaren und Prämolaren br<~uchen
mehr, rotierte Schneidezähne weniger Platz.
"" Zahnkontakt: Um Stabilität zu erreichen, durfcn keine Lücken vor- Zahnkontakt
handt'n sein, d.h., enge Kontaktpunktverhältnisse sind wünschens-
wert.
"" Spec-Kurve: Die normale Okklusion ha t eine flache Okklusions- Spee-Kurve
ebene, die Spee-Kurve sollte nicht tiefer als 1,5 mm sein. Eine au ~ge-
prägte Spce-Kurvc bewirkt PlatzJnangel für die Obcrkleferzähne, d ie
48 6 Eugnathre

Abb. 6-4: Ellipsoider Ober-


kiefer und parabelförmiger
Unterkiefer
r

Oberkiefer-Zahnbogen: ellipsoid
Unterklefer-Zahnbogen: parabolold

nach mesial und distal ausweichen müssen. E.ine umgekehrte Spee-


Kurve bewirkt ein Platzüberangehot im Oberkiefer.

6.3 Zahnbogenform

Der Zahnbogen des eugnathen Milchgebisses we ist eine I laibkreisform


auf. Der Oberklefer7.ahnbogen gleicht einer Ellipse, der Untcrkiefcr-
zahnbogcn einer Parabel (Abb. 6-4).

6.4 Okklusion und Bisslage

Okklusion, definiert als jeder Kontakt .:wischen Zähnen des Ober- und
Unterkiefers, is t prinzipiell von der l~isslage, d.h. der skelettalen Lagebe-
ziehung ;.wischen Ober- und Unterkiefer, w unterscheiden (Abb. 6-5).
Nach der Angle-Klassifikation wird die regelrechte Verzahnung oder
Okklusion als Kla~se I-Verzahnung oder 1\:eutralokklusion bezeichnet.
Andrews hat 1970 die staUsd1en Voraussetzungen für eine optimale
funktionelle Okklusion in den sechs Schlüsseln der Okklusion (s.a. Kap.
6.2) neu formuliert.
6.4 Okklusion und Bisslage 4:i!.l!§l1 49

Abb. 6-5: Sche-


matische Dar-
stellung einer
Seitenzahnok-
klusion von
rechts, der Biss-
lage und der
Kondylenposl· I
Bisslage
tton

\lach aktuellen wissemchaftlichen und llinisd1en FJkenntnissen ist Alternierende


übergeordnet die alternierende Veruhnung (7.ahn-7u-Lweizahn· ßelJC· Veruhnung und
hung) dem singulären Antagonismus (Zahn-zu-Zahn-Beziehung) vor7u· singulärer
7iehen. Daher kann auch eine Klasse 11-Ver;ahnung von einer Prämola- Antagonismus
renbreite im Sinne der alternierenden Ver7a hnu ng physiologisdl sein,
d. h . .,kiefergelenkfreu ndll chu funkt Ion iercn.
I>a die Kondylenposition primär unab hängig von der Okklusion is t,
gibt es vcr~chiedene Definitionen fur korrespondierende Zahn l-.ontakte.
f.s wtrd ?wischen sta tisch er Okklusion ohne Bewegung des Unterkie- Statische
fers und dyn ami~ch cr Okklusion bei Bewe1,•1mg de~ Unterkiefers diffe- Okklusion
renLiert. Oie statisdle O kklusion wird in eine zentrische, habituelle und
maximale Okklusion unterteilt. I ur die dynamische 01-.klusion \ind dre1
Okklu~ionskonzepte von lledeulung.
Oie ; cntrische Okklusion besthreiht die 7.ahnkontakte, bei denen
sich die Kondylen in emcr zentri schen Position befinden. Dies kann ein
Eimelkonta kl oder ein maximaler Vielpunktkontakt ~in.
l>1e habitu elle Okklusion ist die gewohnhe1tsmaßig eingenom-
mene Okklusion, die die ho~bituelle Kondylenpos1110n be~timmt. Sie
kann 1m Einzelfall mit der zentrischen Okklu ~ion ubereinstimmcn. ln
Abhllllgigkei t von der Anomalie kdnn die habituelle OU.Iusion aus ein-
teinen oder mehreren Zahnkontakten bestehen. Sie determiniert die
habituelle Kon<.lylenposilion.
Bei der maximalen O kklu ,ion liegt maximaler Vielpunktkontakt Dynamische
' ·or, ohne dass die Kondylen in einer bestimmten Po\ltlon ~ind. Okklusion
Die (ur die dyn amische OJ..IJu,ion releYanten Okklusionskonzepte
~ind die rront-/Eckuhn-ge~tutt te Okklusion, die umlateral balancierte
Okl..lusion und die bilateral balancierte Okklusion.
so 6 Eugn01th1t

Zentrische Die zentrische l<ondyl~npo~ilion ist die ldeal7uordnung des Kicf~r­


Kondylenpositlon gelenk:., die seit Jahrzehnten in der ZahnmediZin kontrover<i definiert,~­
schrit'~n und di~kutlerl wird. Nach aktuellen wissenschaftlid1en Et-
J..enntnissen werden dle7.entrische. die habituelle, die therapeutischt> und
die ttdaptierte Kondylcnposilion unter<iChieden. Nur die zentrische Kon-
d} Jenposition ist bei die\Cr Betrachtungsweise mcht zwangslauflg oUlu-
'al detenniniert. Sie ist eine kranioventrale, nicht lateral \'erschobene Po-
sition beider GelenJ..J..t>pfe bei physiologischer ll:ondrlus-Disku'i-Relation
und physiologischer Belastung der Ge\\ebe. Sie kann nur ohne Zahnkcm-
takte klini!>ch erfasst werden, da sie von der Okklusion unabhängig ist
und ausschließlich Ober da\ neu romusl-.uläre System ge~teuert wird.
Habituelle Die gewohnheitsmllßig eingenommene Lage des Gelenkkopfes ist
Kondylen position die habituelle J<ondylenpo'iition, die ausschlleßliLh \'On der statischen
Okklusion des Patienten abhimgt, jedoch nicht von der Gelenkpfanne
und Position der G~lenJ..scheibe. Die habituelle kann im Idealfall mit
der zentrischen 1\ondylenposition übereinstimmen.
Der tramversale Uberbiss im Seitenlahngebiet beinhaltet im eugna-
then Gebiss die vestihuloorale Überlappung der oberen Seitentirhr1e
liber die unteren.
Overbite/Overjet Der horizontale (0\erbite) und der vertiJ..ale Überbiss (Ovef)et - sa-
gittale Stufe) sollten 2-3 mm nicht uber~hreiten. Die UnterJ..iefer-
schneidezähne sollen die O~rkieferinzisivl am Wendepunkt der palall-
nalen Kri.lmmungen beri.lhren (~. Abb. 6-3).
Die regelrechte sagittale Lagebeziehu ng zwischen Ober- und Un ter-
kiefer, die Bisslage, welche mit llilfe dt>s Fernröntgenseitenblldes bc-
stinuut wird, wird ~i eint>m Ai'!B-Winkcl zwischen o• und 4" als neutral
oder skelettale Klasse I bezeichnet.

6.5 Gesichts- und Schädelstruktur


Zur Analyse der Be7iehung zwischen Geb1ssanmnalie und Weichtcii-
J..onturen des Gesichts werden Profil- und J.:n face-1otos aufgenommen.
Fotostatanalyse Oie fotostatanal yse ermöglicht mH Hilfe von Bezugsebenen z.B. von A.
~1. Schwarz (1958) eine detaillierte Klassifikation der Variationen d<:~
Ge~ichtsprofils (s. Abb. 16-l). Be1 einem idealen ~httelwertge~1cht he-
ruhet der Subnasalpunkt die . asionsenJ..redlle. Der Weichteilkinn-
punkt (der \'entralste Punkt des Weichteilkmn~) befindet sich in der
Mitte des Kieferprofilfeldes, der kaudalsie Kinnpunkt (Hautgnathion)
auf der Orbitalsenkrcchten.
Fernröntgen- Das Fern rö ntgenseilenhild gibt Aufschluss übe r den sagittalen und
seitenaufnahme vertikalen Gesichtssch.'ldclaufbau, die antenor-posteriore Fernrontgcn-
aufnahme über die tranwer..ale Dimension ormwerte, zu denen der
Istwert in Beziehung gesetzt wrrd, gelten als Richtwerte zur gro~n On-
entierung, jedoch nicht Lur Abgrenzung ?wischen l:ugnathie und Dys-
gnathie.
Dysgnathe und dysfunktionelle Entwicklung
..
M :W IQij S3

7 Zahnzahl

Bei den Abweichungen von der normalen Zahnzahl wird die Un -


tcrzahl (llypodon tie, Aplasie, Agenesie, Nichtanlage) von der
Überzahl (Hyperodontie) unterschieden.
Weiterhin wird die echte Unter1.ahl bei Aplasie sowie bei trauma-
tisch oder durch l<aries verlorengegangenen Zähnen von der un-
echten Unterzahl (vorübergehend, während des physiologischen
Zahnwechsels) unter~chieden . Oie echte Überzahl als Überschuss-
bildung der 7.ahnleiste wird von der unechten Überzahl bei Stö-
rung des Zahnwechsels durch paraxialen Du rchbruch und Milch·
II
Zahnpersistenz differenziert (Abb. 7-1).
Sowohl die Ober- als auch die Unterzahl von ein7elnen oder meh-
reren Zälmen Lählen zu den hereditär bedingten Fehlbi ldun-
gen . Reide tTeten gehäuft an be~tirnmten Stellen des Kauorgans
auf:
A am Ende der Frsatzzahnleiste (I 5, 25, 35, 45)
A am Ende der Zuwachszahnleiste (lR, 28, 38, 48)
A im Bereich von Suturen (12, 22)
A in Regio der Unterkiefersymphyse (31, 41).
L-.- - ----------~~

Abb. 7·1: Unechte Überzahl bei sechsjähriger Pat ientin mit Persistenz von 81 und
Lingualdurchbruch von 41
54 7 Zahnzahl

7.1 Unterzahl

Merl..e
Zahnunter1ahl l..ann die Abwesenheit einzelner Lahne (Hypodon-
tie), vieler Lähne (Oiigodontie) oder aller Zahnt! (Anodontie) in ei-
ner oder beiden Dentitionen bedeuten.

Anodontie Anodontie ist extrem selten und entweder mit oder ohne Hypodontic
im Milchgehls,. Oie meisten Falle sind mit ektodermaler Oysplasie (s.a.
Kap. 13.8) assoziiert.
Oligodontie Oligodontie, eme schwere Form der Hypodontle (c~uch partielle
Anodontie), kann ohne Symptome eines Syndroms auftreten, autoso-
mal-<lommant vererbt werden und z.B. nur die SelteruJhnc betreffen.
Hypodontie Hypodontie, Abwesenheit einzelner Zähne, ist rm Milchgebiss sel-
ten (0,1 bis 0,7'111) und im bleibenden Gebi~\ variabel haung (2-10%
ohne Weisheit\7lihne). Hypodontie l..ann mit Mikrodontie phylogene-
tisch atiologisch asso7iiert sein. Die große V<~ric~bilität der Refunde be-
ruht einerseits auf nicht zufälligen Stichprobenerhehungcn und ande-
rerseits auf tatsl1chlichen Unterschieden im Oligodontlebefall..:wischen
verschiedenen ße\ölkerungsgruppcn und Dentitionen.

Abb. 7-2: Oligodont<e be• neunj;~hriger Pat ientin: a) mrt v<er Jahren Nichtanlage
von n und 81, b) Nrchtanlage von 12, 2.2. 25, 35, 31,41 und 4S.Im Bereich des bisher
nicht angelegten Zahnes 35 konnte sich erne Spatanlage entwrckeln
7.1 Unte"ahl -:smn•• ss

Tab. 7·1: Häufigkeitsreihenfolge nicht angelegter bleibender Zähne


nhne %
35,45 1-5
12,22 0,5-3
15, 25 1-2,5
31,41 0,5

Im Miteilgebiss fehlen vorwiegend die oberen seitlichen und unte-


ren mi ttleren und seitlichen lnzisivi. Häufig sind auch die entsprechen-
den f.rsatr.zähne nicht angelegt (Abb. 7-2).
Die lläufigkcitsreihenfolge von Nichtanlagen im bleibenden Gebiss
ist in Tabelle 7-1 dargestellt.
Die Weishei tsZähne sind bei 10 bis 35% der Individuen nicht ange-
legt, bei der Hälfte symmetrisch. ßei Individuen mit nicht angelegten
Weisheitsz.'ihnen sind auch andere Zähne häufiger aplastisch.
Bei etwa 50% der Individuen mit Nichtanlage fehlt mehr als ein
II
Zahn. Viele der Nich tanlagen sind bilateral symmetrisch (Ahh. 7-3), mit
Ausnahme des oberen seitlichen lnzisivus, der häufiger links als rechts
n icht angelegt ist.
Hypodon ~ie (auch Oligodontie) findet man besonders häufig bei
autosomal-domina nt vere rbten Krankbeilen wie ektodermaler Dys-
pla~i e, orodigitofazJaler Dysostose, Down-Syndrom und Lippen-Kiefer-
Gaumen-Spalten.
Als Mikrosymptome des Hauptsymptoms "ichtanlage gelten:
A Spätanlage
A Spätmineralisation
A Keimverlagerung
A Durchbruchsverspätung
A Diminutivform (Mikrodontie).

Genetisch sind die Mikrosymptome eine Tendenz des betroffenen Zah-


nes, aus dem Gebiss zu verSchv.~nden .

Abb. 7-3: Symmetrische Nicht anlage der oberen seitlichen lnzlsivl und der Weis-
heitszähne im Unterkiefer einer erwachsenen Patient in
56 7 Zahnzahl

7.2 Überzahl

Überuihlige Zähne treten vor allem im bleibenden Gebiss, bcvor7ugt im


Oberkiefer und be~onders im Frontzahn- und Molarenbereich auf. Bei
den Oberzähligen Zähnen werden eumorphe, d.h. Zähne mit 7.ahntypi-
schcr Form, von dysmorphen Zähnen unterschieden. Zu den dysmor-
phen über7.ähligen Zähnen i'lihlen:
"' Mesiodentes
"' Distomolaren
"' Paramolart-n
"' Odontome.

Zwillingszahn Wenn durch Verwachsung und Verschmelrung keine getrenn te Ent-


wicklung der Doppclanlagen erfolgt, imponieren diese als übergroße
Zahnformanomalie oder als Zwillingszahn (Geminatio).
Hyperodontie Hyperodontie tritt im Milchgebiss zu 0,2-2,0% und im bleibenden
Gebiss zu 0,1-4,0% auf. 80-90% der überzähligen Zähne sind im Ober-
l..iefer angelegt. Im Milchgebiss sind überzählige Zähne bei Jungen häu-
figer als bei Mädchen und vorv.•iegend im Bereich der seitlichen oberen
Schneide- und Eckzähne, meist unilateral lokalisiert. Im bleibenden Ge-
biss sind überzählige Zähne beim männlichen Geschlecht mehr als d01>·
pell so häufig wie beim weiblichen und kommen sechs- bis neunmal
haufiger im Oberkiefer (meist mittlere Schneidezähne und Molaren) vor
(Abb. 7-4).

7.2.1 Mesiodens

Der Mesiodens i~t als überzählige rudimentäre Zahnanlage in Zapfen-


oder Tütenform mit koni~cher Krone und l..urzer Wurzel, palatinal zwi-

Abb. 7-4: Lokalisation überzähliger Zähne [nach Bodin et al. 1978, modifiziert nach
Schroeder 1993)
7.2 Ubl!!rzahl 1 $1011 57

Abb. 7-5: M eslodens bei neunjähriger Patlentin m it Persistenz von 61 und 62 sowie
Retention von 21

sehen den oberen rnitUeren Schneidezäh nen lokalisiert, die häufigste


Form der Hyperodontie. lnfolge sei ner mangelhaften Wurzelbildung
I
und Durchbruchsenergie brich t er in 75% der Fälle nicht d urch und
führt nicht selten ..:u erheblichen Störungen des regu lären Schneide·
Zahnd urchbruchs.
F.r wird bei 0,2-1,4% der Adole~len ten gefunden und \•ertrit t Häufi gkeit
45-67% aller überzähligen Zähne. Er entsteht wahrscheinlich aus einem
zusätzlichen Z<lhnkeim, der sich von einem der zentralen Schneide·
zahnkeime abspaltet, und wird möglicherweise autosomal-dominant
vererbt.
Nach Schulze wurde er bei ungleichgeschlechtlichen Gesdnvistern
fa miliär geh äu ft und in meh reren Generationen einer Familie nachei·
nandcr beobachtet.
Me~iodentes treten häufiger auch in der Mehrzahl auf und sind
manchma l im Röntgenbild schwer zu erkennen, besonders wenn ihre
Wurzel &chwach ausgebildet ist und auf den Schatten eines regelrech ten
Zahnkeimes projiziert wird. Röntgenaufnahmen in drei Ebenen oder
Schichtaufnahmen dienen der Klärung der topogra j) hischen Re7.iehun·
gen.
Die Therap ie d er Wa hl ist die operative Entfernung, bei der die Ge- Therapie
fahr der Wurzelschädigung bei ungünstiger wurzelnaher Position zu
den regulären Schneidezähnen besteh t (Abb. 7-S). icht selten wird des-
halb bei noch nich t ausreichen d en twickel ten Schneidezahnwurzeln
zugewartet.
Die Pano ramaröntgenschich taufnah men in Abbildung 7-6 zeigen
den Verlauf des Zahndurchbruchs über mehrere Jahre bei ei ner Patien-
tin mit einem Mesio<.lens, de r trotz rechtzeitiger Diagnose und Indika-
tion nicht entfernt wurde. Der verspätete, aber regu läre Durchbruch der
mittleren bleibenden Schn eidezähne kan n nicht als typische F.ntwick·
lung, sehr woh l aber als günstiger Selbstausgleich betrachtet werden.
SB 7 Zahnzahl

Abb. 7-6: Verlauf des Zahndurchbruchsbel einer Pa Iientin mit ~inem Mesiodens, der
trotzlndikation nicht entfernt wurde. Die erste Panoramaröntgenschichtaufnahme
z~igt ~benso wie die Aufbissaufnahme den überzähligen dysmorphen Zahn. Der
verspätete, aber reguläre Durchbruch der mittleren bleibenden Schneidezähne auf
dem zweiten OPG kann nicht als typische Entwicklung bezeichnet werden.

7.2.2 Zapfenzä hne

Zapfenzäh ne (fütenzähne) sind mesiodenS<ihnlich, entstehen aber zwi·


sehen den Schneidezähnen la teral der Mitte und treten zu 1-2% auf
(i\bb. 7-7).

7.2.3 Disto· und Paramolaren

Disto- und Paramolaren sind kleine mo larenähn liche Zähne, die als
vierte oder fünfte Mola ren distal der Weisheitszähne oder meist bukkal

Abb. 7-7: Ein Odon tom uber 21 und ein Zapfenzahn über 22 behindern den Durch -
bruch von 21 und 22 bei einer achteinhalbjährigen Patientin.
7.2 Überzahl *$HIIQII 59

Abb. 7-8: Überziihliger Zahn 19

II
der In terdentalräume zwischen den Molaren entstehen. Distornotaren
sind me ist einwurzelig, mit ei ner zylind risch konischen, mehrhöckrigen
Krone und treten in einer !Iäufigkeit von 0.1-0,3% auf.
Paramolaren treten etwa zu 0,1% au f. Gelegentlich werden auch
zwei Distornotaren beobachtet. Es sind Abkömmlinge einer weil nach
dhtal verlängerten Zuwachszahn leiste (Abb. 7-8).

7.2.4 Eumorphe überzählige Zähne

Seitliche obere sowie zentrale untere Schneid~ähne können doppelt


angelegt sein. F.ntfernt wird jeweils der schwieriger einzuordnende
Zahn.
Überzahl von Schneidezähnen, F.ck1ä hnen und Prämolaren ist ty- Dysostosis
pisch ~ür den Zahnbefun d bei Dysostosis cle idocranialis (s.a. Kap. cleidocranialis
13.3).
Supplementäre Eckzähne im Oberkiefer und Prämolaren im Unter-
kiefer si nd relativ selten, in f-orm und Größe den entsprechenden regu-
lären Zähnen aber sehr ähnlich. Überzählige Prämolaren entstehen
häufig lingual der Zahnreihe (Abb. 7-9).

Abb. 7-9: Symmetrische Überza hl '\IOn zwei Prämolaren im Unterkiefer zwischen den
Wurzeln der Eckzähne und ersten Prämolaren bei einem 9 112-jährigen Patienten
60 7 Zahnzahl

Abb. 7·10: a) Odontom d istal


und okklusal vom durch·
bruchsbehinderten Zahn
46, b) operativ entferntes
Odontom, c) Spontandurch·
bruch des retlnierten Zah·
nes

7.2.5 Odontom

Odontome als Fehlen twickl ung der Zahnbildungsgewebe sind Schmelz·


Oentin· Zement-Konglomerate oder überzäh lige Zahneinheiten unter-
schiedlicher Zahl, 1:orm und Größe, die häufig den regulären Zahn-
durchbruch behindern und operativ entrernt werden mü:.~en (Abb.
7-10).
4 :®01:1 61

8 Zahngröße und -form

Die Größe der Zähne beider Dentitionen i~t genetisch detemli-


nierL Die individuelle Variationsbreite der Zahngröße ist ausge-
prägt. Aus kieferorthopädischer Sicht ist weniger die absolute
Zahngröße als da\ Verhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße
dUS)ch laggebend.

8.1 M ikrodontie

Mikrodontie kann generalisiert oder an Einzelz.älu1en auftreten. Die


generalisierte Form ist selten anzutreffen und erscheint im Zusammen-
Einzelzahn-
mikrodontie
I
hang mit kongenitalen Defekten wie Herzerkrankung und Down-Syn-
drom. Ein zelza hnmikrod o nti e betrifft am häufig~ten die oberen late-
ralen Schneidezähne und die dritten Molaren (Abb. 8-1 ). Bei Nichtan-
lage eines seitlichen oberen Schneidezahnes ist häufig der kontralaterale
seitliche Schneidezahn verkleinert .
Bei der ektodermalen Dysplasie treten gehäu ft atypisch verkleinerte Rhizom ikrie
Zähne aur. Abnorm kurze Wurzeln , Rhizomikrie, konu11en bei oberen
.lentralen Schneide7.ähnen, Prämolaren und dritten Mola ren vor.

Abb. 8·1: Diminutivform beider seitlichen oberen lnzisivi, besonders von 22 und
von 28 bei generalisierter Mikrodontie bei einem 15-jährigen Patienten
62 8 Zahngröße und -form

Abb. 8-2: Sehr breite lnzisivi, auch im Vergleich zu Abb. 8-1

8.2 Makrodontie

Einzelzahn- Auch Makrodontie kann sich generalisiert oder an Einzellähnen mani-


makrodontie festieren (Abb. R-2). Die generalisierte Form ist sehr selten. Makrodonte
Einzelzähne sind nicht häufig und diirfen nicht mit Zahnpaarung ver-
Rhizomegalie wechselt werden. Abnorm lange Wurzeln, Rhizomcgalie, kommen bei
oberen Eckzähnen (bis 45 mm lang) vor.

Abb. 8-3: Überbreiter über-


zähliger unterer Schneide-
zahn distal von 32, a) klini-
scher Befund mit axialer
Fu rche entlang der Teilungs-
linie; b) Oie Panoramaauf-
nahme zeigt zusatzlieh die
atypische Lage von zwei re-
gulären Prämolaren im Un-
terkiefer links, bei Nichtan-
lage von 74 und die Nicht-
anlage von 45 bei einer
zehnjährigen Patlentln.
8.4 Zwillingsbildung • :mm•=• 63
8.3 Gemination

Die Za h nkei mpaa rung stellt den gescheiterten Versuch eines Zahnes, Zahnkeim-
sich zu teilen, dar. Gepaarte Zähne sind bis zu doppelt so breit wie der paarung
entsprechende Einzelzahn. Sie treten bei 0,1-0,3% der Fälle, sowohl in
der ersten als auch in der zweiten Dentition, vorwiegend an unteren
Schneide- und Eckzähnen aur. Die unvollständige Paarung result iert
häufig in einer zentral eingekerbten Sch neidekante bzw. in einer axial
verlaufenden Fmche en tlang der Teilungsebene.
Es liegt eine gemeinsame Pulpakammer vor, diese kann sich koranal
aufzweigen (Abb. 8-3).

8.4 Zwillingsbildung

Sie ist das Resultat einer erfolgreichen und vollständigen Zahnkcimtci- Schizodontie
lung (Schizodon tie). Es entsteht ein uberzähliger Zahn, der in Form und
Größe ein Spiegelbild seines Zwillingspartners ist (Abb. 8-4). I
Paarung Zwillingsbildung VcrKhmclzung ~rwl!chsung

ro a~ ~

lZi-hnkrim 1Zahnke"" 2lahnkcomc 2Z..hn\eime


I lal\n 2 Zahne Otntin· Zement-
ve-rschmehung vet~h tMfzung

Puruna


b

• ~@® ü
b
~ ~ ®® ®®
Abb. 8-4: Schematische Darstellung der Entstehung und der Art verschiedener
Zahnformanomal ien (nach Schmutziger 1948; Tannenbaum und Alling 1963)
64 8 Zanngröße und -form

8.5 Zahnverschmelzung

Synodontie Die 7.ahnverschmelr.ung (Synodontle) ist die Folge einer Vereinigung


zweierursprünglich getrennt angelegter benachbarter Zahnkeime zu ir-
gendelnem Zeltpunkt während der Zahnbildung. Die Vereinigung kann
total oder partiell sein, d.h. im Kronen- und/oder Wurzelbereich statt-
finden . Diese nihne weisen zwei getrennte Pulpenkammern aur. Die
Verschmelzung hat immer zu r Folge, da~s der verschmolzene Zahn als
Einzelzahn fehll. Zahnverschmelzungen wurden zwischen 0, J und
0,9% bei Weißen und zwischen 2,0 und 3,0% bei Japanern beobachtet,
häufiger im Milch- als Im bleibenden Gebiss. Die Verschmelzung
kommt vorwiegend zwischen normalen Sd1neidezähnen, Schneidezäh-
nen und F.ck7lihnen, aber auch ?wischen Schneidezähnen und überzäh-
ligen Schneidezähnen zustande. Zahnverschmelzungen treten fam iliär
gehä uft, nicht selten bilateral auf und dürften autosomal-dominan t
vererbt werden. Klinisch lässt sich die Zahnverschmelzung nur schwer
von der Zahnkeimpaarung unter~cheiden (Abb. 8-S).

8.6 Zahnverwachsung

Die Zahnverwachsung ist eine Verkoppelw1g zunachst getrennt ent-


standener benachbarter Z.~hne durch Vereinigung de<> Wurzelzements.
Sie tritt bei sehr eng benad1barten Zähnen oder inlolge entzündlich ver-
ursachter Hyper7ementose nur im Rereich der Zahnwurzeln auf.

8.7 Invagination

Densi nd ent e Es handelt sich um eine durch EinstüJpu ng seiner Oberfläche entstan-
dent: Fehlbildung eine~ Einzelzahnes (Dens in dentc). Die !Oin~tülpung
kann zur Zeit der Kronenentwicklung {koron aJe Invagination) oder bei
der En twicklung der Zahnwurzel (rad ikul!ire Invagination) L.ustandc
kommen. Selten treten beide Formen an eine m Zahn auf.

Abb. 8-S: V~rschmt!lzung von 81 und 82


8 9 Margoide D•fferentiatlon

Abb. 8·6: Überzähliger lll!stibularer Höcker an 26, Oifferentialbt'fund: Paramolar

L.s werden physiologische l'altungen (vom Foramen caecum bei der


Bildung des Tuberculum dent1s ausgehend) von patholog1schen Faltun·
gen (bei der l'ormung des 7.allnkt.'imes entstanden) abgegrenzt. Die ph y·
sio logisch en Faltungen kommen bei allen Zähnen mit Tuberculum
dentl~ (obere mittlere und ~ei tliche Schneide· und l·.cll.ähne) vor. Pa-
I
Ulologische Faltungen treten bei oberen lateralen Schneidezähnen
und bei ~fesiodentö auf und resultieren in \tlftfbrrnigen Zähnen, bei
denen der Lingang in die lnvagmationshohle auf oder neben der Zahn·
~pilze liegt.

8.8 Abnorme Höcker

Abnorme I-locker im oberen chneidezahnbereich treten fast immer pa·


latln al auf. E~ kann sich um eine Abnormität im Randleistenbereich
handeln oder um Vergroßerungen bzw. Vermehrungen de~ nom1alen
Tuberculum dentis (Abb. 8-6).

8.9 Margoide Differentiation

I· oder Y-formige Kro nen der oberen seitlichen S<:hneide.lähne werden T·/Y-fö rmige
als margoide Uifferentiation be1eithnet. Es handelt sich um ein eigen- Kronen
stand1ges Merlilllal mit unbcl-annter Ätiologu! und der klinischen Re-
deutung. dass inzisale Stufen nicht oder nur schwer ausgeglichen wer·
den können, da rigoroses lleKhleifen zur Eroffnung der t>ulpa fUh rt
(.\bh. 8-7).
66 8 Zahngroße und -form

Abb. 8·7: il) V formige obere bleobende lnzisivi bei Wh jähriger Patientin; b) Auch doe unteren Molaren wei-
sen abnorme Hocker auf, und es besteht eine temporare Zahnüberzahl wegen Mllchzahnpersostenz.

8.10 Taurodontismus

Taurodontismus i~t cme typische Formveränderung der Molaren, z.T.


auch der Prämolaren, bei der das Kronenkavum der Pulpa .Juf den Wur-
zelkanälen sehr weil nach apikal verlängert erscheint. Die normal ge-
formte Zahnkrone wird von einem breiten ma,~iven Wur,wiJ..örper ge-
tragen, der weit apikal oder gar nicht in stark verkürzte stummelhafte
Hypo-, Meso-, ~leluwuuligkcit ubergeht. Man unterscheidet Lwischen hypo-, meso-
Hypertauro- und hypertaurodonten zahnen, je nach Länge des Wur7elkörpers und
dontismus der ungeteilten Pulpakammer (Abb. 8-8). Taurodontismus wird bei
Milchmolaren und bleibenden Molaren mit emer Haufigkeit von bis zu
0,3% bei europäischen Weißen, 0,5% bei Japanern, 0,6-J,J% bei wei-
ßen, 4,3% bei schwar1en Amerikanern und J0-40% hci \frikancrn be-
obachtet.
Histologisch zeigen tamodonte Zähne eine normale !>chrnclz-, Den-
tin- und Zcmcn tst ruktu r.

Abb. 8-8: Mesotaurodontismus an 16 und 26


8.12 Dlluer<alion

8.11 Wurzelverdoppelung

Verdoppelungen der Wur?eln 1-.ommcn vor allem an den oberen scilli·


chen Sclu1eidczähnen vor. Sie können mesiodlstal oder labiopalatlnal
angeordnet \ein. Lettiere ~tnd turneist Anhäng~el an der llauptwurzl'l.
Sie haben nur dann l'ine Bl'<leutung, wenn sie die /.ahnhalsparlle mit
einbclichcn, da sie so der Lntstt.>hung von Parodontopathil'n Vorschub
leisten.
Une Sonderform der Wurzelverdoppelung ist der Ocns tortuosus, Dens tortuosus
eine Wunelverdoppelung mit gleichzeitiger nlerenformiger Verfor-
mung und korkenzieherartiger Drehung der Wur7t.>ln umeinander. Bei
c.liest.>n Zahnen ist die Schmelz-/'ement-Grenze nach apikal ve rlagert,
der obere Teil der Wum~l al<,<> mit Schmelz bcde<kt, wa\ ausgedehnte
margtnale Parodootopathien zur l'olge haben kann.

8.12 Dilazeration I
Kleferorthopildisch bedeutsamer und häufiger ist eine Verbiegung der Verbiegung
Wur~el , die Dilazeration. Sie hat eine Sichelform de\ 7ahnes zur folge, der Wurzel
tritt nur an einem der beiden oberen mittJt.>ren Schneidt.>7ähne auf und
erretcht unterschiedliche Auspragungsgrade. Die Wuncl tst gegenuber

Abb, 8·9: Dilazeration


des retin ierten Zah·
nes 21: a) auf der Pa·
noramaaufnahme;
b) Das ~rnröntgen­
seitenbJid zeigt die
sagittale Abkn•ckung
des dilnenerten Z<~h­
nes 21, c) freigelegter
dolazeroerter Zahn 21
intra Operationern vor
dem Elnordnungsver·
such nach Platzbe-
schaffung
68 8 Zahngroßt und -form

der Krone ~Ich nach \'estibulär abgebogen. Wurde d1e Krone korrekt im
Zahnbogen stehen, musste die Wu17elspitze ins Vestibulum ragen. Da
dies unmöglich i~t. \teht die Wurzel korrekt und die Krone bricht vesti-
bular, bei \tarker Knickung sogar nasenwarts, durch. Ätiologisch wird
Milchzahntrauma für diese Zähne ein akute\ Milchzahntrauma disJ..utierl. Da die Krone di-
lazerierter Schneide~<ihne immer unversehrt und wohlgeformt ist und
die Abkn ickung stets am Za hnhals beginn t, müsste das rrauma jedoch
dann erfolgt sein, wenn die Krone Uu Wachstum beendet hat und der
Zahn kurz vor dem Durchbruch steht. Dies ist unwahrscheinlich und
deshalb wurde lolgende Hypothese aufgcsteUt: Bei Durchbruchsbeginn
wird der obere miniere Schneideahn durch Verwach ung am 7.ahn-
sackchen fixiert. D1e zum Durchbruch nötige Lnerg•e re1cht aus, die
Durchbruchsbewegung in Gang zu setzen, nitht ahcr, die Fixation tu lö-
sen. Die Krone wird durch das Wurzelwachstum langsam um diesen Fix-
punkt gedreht und bricht vestibulär oder nasenwart\ durch, v.obei die
palatinale Seite nach vorne zeigt (Abb. 8-9).

8.13 Hutchinson- Zähne und Turner-Zähne

Tonnenförmlge I tutchinson-Zähne findet man neben einer Sattelnase


und Innenohrtaubheit als Symptom einer Lues connata. Turner-lahne
entstehen dun;h 'ichmclzschadigung infolge pathologl~cher Milch ·
7.ahnpron~sse.
M :tJ.HCJ·l 69

9 Zahnentwicklung und -durchbruch

!>törungen in der physiologi\chcn Chrono logie der Zahnentwick-


lung und de~ Zahndurchbruchs spielen in der Umsct.:tmg der
'I hcrapte eine wichtige Rolle.

9.1 Spätanlage und -mineralisation

Die Späta nl age, als Mikrosymptom der ~ichtanlagc, tritt seltener ah Spätanlage
da\ l l<~upts> mptom auf, jedoch auch gehäuft l>ei den von ~ichtanlagc
betroffenen /.ähnen (dritte Molaren, Prämolaren) u nd kann zu einer
Vcr.tögcrung des Behandlungsverlaufs führen (Abb. 9- l).
Der Befund Spätanlage ist nur selten festzustellen, da i.d.R. die Rönt-
genaufnahme ein verzögertes \\ur7.elwachstum des betrorrenen Zahne!>
Spätminera-
lisation
I
7etgt, sodass bei der Mehrzahl der Patienten Spatmi n cralisation cn fest-
gestellt werden können (t\bb. 9-2).

9 .2 Milchzahnpersistenz und -verlust

Besonders bei atypischer dysto1x:r Keimlage der ersten und zweiten Pra- Resorptions-
molaren kommt es zu Rcsorptlormlii rungcn der Milch1ah nwurzeln. störungen
TrotL Voranschrcitens der Wurzelentwicklung der bleibenden :\achfol-
ger fmdet jedoch kem Durchbruch ohne vorherige Milthzahnentfer-
nung statt.

Abb. 9-1: Nichta nlage 35 und Spdtanlage 45 bei einem zehnjahrlgen Patienten
70 9 Zahnentwicklung und durchbruch

Abb. 9· 2: Sp3tmine~llsilllon des Zahnes 45 bei Extraktionsnotwendigkelt von vier


bleibenden Zahnen

Abb. 9 -3: Zehnjährige Patient in mit generalisierter Mllchzahnwurzclrcsorptlons·


störung, besonders deutlich an den Eckzähnen

Milchzah n· Unter Milch1almpe rsistcnz versteht man da\ Verharren cmes re·
persistenz sorptionsgestörten ~1ilchzahnes über den normalen Verlu~t7eitpunkt
hinaus (Abb. 9·J). Su? 1\t eine Folge von Milchzahnwurzelresorptions-
störung dur<.h el..topische Lage der bleibenden i'/a<.hfolger, oder sie tritt
generali\ien auf.
Milchzahnverlu~t Der vorzeitige Ve rlust von Milch za hnen durch !..ariose Zerstörung
und/oder apikale Pro7essc hat für die Entw•cklung de\ hle•benden Ge-
bisses häufig schwerwiegende Folgen.
~ine Verlt>gerung de~ /.ahndurchbruchs ist lU erwarten, wenn zum
Zeitpunkt des Milchzahnverlustes eine Knochenschicht oder schwartige
Gingivaperlostdccke uber dem 1-.eim des permanenten Lahnes vorhan·
den ist w1<.l die rxtraktion des 1\lilchahne\ mehr ah 1,5 Jahre vor
Durchbruch des permanenten Nachfolgers erfolgte.
i\üt euter BesLhleunigung des ZahndurLhbrudt) 1\t ro rL•chnen,
wenn die Knochen- bzw. Schlelmhautpenostded:e uber dem lahnkeim
9.2 Mlkhzahn~rsistenz und -verlust M:®§fl n

bereit\ pt!rforiert ist. Dies gilt insbesondere bei apil..a lcn Prozessen an
M•lch7ahnwurzeln. Der Durchbruch des 1'\achfolgers 1\t in den folgen-
den I bis 1,5 Jahren .w erwarten. Die Mineralisation der bleibenden
NiJChfolger bt bei Verzögerung bzw. ßcschlcunlgung des Zahndurch-
bruchs nicht unmittelbar betroffen. Auch rcUnicrte la hnewerden voll-
standig ausgebildet. Die Wurzeln der 111 fruh durchgebrochenen Zähne
sind jedoch meistens erst gering mineralisiert (Abb. 9-4).

Abb. 9-4: ~)sehr frühzeitigerVertust der M ilchinzisivi mit 4,5 Jahren nach Trauma,
b) fruher Verlust von 74 mrt Perforation der Schleomhaut uber dem Nachfolger mit
6 Jahren und 8 Monaten, c) unre•fer Durchbruch von 34 mot 7 Jahren und 9 Monaten
72 9 Z~hnentwicklung und -durchbruch

9.3 Unterminierende Resorption

Wenn ein permanenter 7.ahn nicht seinen Vorgangcr, ~ondcrn auch den
benachbarten \filch73hn resorbiert, spricht man \'On un term iniereo -
der Rc~orpt ion . Die Ursachen für eine unterminierende Resorpt ion der
Milch7ahnwurt.eln können Raununangel be1 enger Keirnlage, eine ex-
treme Breitendifferenz zwischen Milch- und bleibenden Schneidezäh-
nen und eine atypische Keimlage bzw. L>urchbruchsrichtung der J>errna-
ncnten Ziillne ~ein. folge der untenniniercmlen Resorption ist häufig
Plat1mangel ein Plat7mangel (il r d ie ~achfolger der unterminierend resorbierten
~lilchzahne, d.h. ein Stütnoneneinbruch und dardu\ resultierender sa-
gittaler Fngstand. Klassische Beispiele für die unterminierende Milch-
ahnresorption sind die Re.~rption der diStalen Wuuel de<. 1.weiten obe-
ren Milchmolaren durch den zu weit nach m~ial durchbrechenden
Secmjahrrnolaren !Abb. 9-5) und die Resorption der Wurt.el dc\ Milch-
eckzahnes durch den ~eitlichcn permanenten Schneidelahn bei deutli-
chem Miswerhältn ls zwischen Zahn- und Kiefergröße (Abb. 9-6).

Abb. 9 -5: ~)unterminierende Resorption von 65 durch 26 bei Nichtanlage von 25


sowie 12, 22, 35,44 und 45, b) teilweise Spontanlückenschluss nach Entfernung 110n
65 durch Mesoalwanderung von 26
9.5 Centrho pra~cox und tarda M :t®OJ·l 7J

Abb. 9·6: Behinderter Durchbruch von 26 durch unterminierende Resorption von


65 bcl Anlage von 25, außerdem temporäre Zahnüberzahl durch Persistenz von 52
und 62

9.4 Ankylose

Bei Ankylose tritt durch eme Verschmelzung zwischen Wurzelzement


und Knochen eine unphyslologische starre Verhindung twischen Zahn
und Zahnhalteapparat ein. Es konunt zu einem wnehmenden vertika·
len l':iveauunterschied zwischen dem betroffenen Alveolarfortsatz und
den Nachharregionen, die ihre physiologische Vertikalentwicklung un·
gehindert fortsetzen können (i\hh. 9-7).
I

Abb. 9·7: Ankylose 36 und 37 mit Infraokklusion und deutlich reduzierter Hohe des
horizontalen Astes

9.5 Dentitio praecox und tarda

1-.ine verfrOhte Zahnung oder Oenlilio praecox liegt vor, wenn das Zahn· Dentitio praecox
alter mehr als zwei Jahre \'Om Durchschnittswert ab~\eichl. Bei einem
·orrnal7.ahner ~timmen chronologisches und dentale~ \lter llberein.
Oie Dentitio praccox, als generalisierte ,·erlruhte vebissentwJCk·
lung, i\t d1fferentialdiagnosthch \'Om verfrOhten Ourt:hhruch einzelner
l.ihne zu unterscheiden. Die Differenzierung zwischen Dentitio prae-
74 9 Zahnentwicklung und -durchbruch

Verfrühter Einzel· cox und verfrühlern Einzelzahndurchbruch hat ihre wesent liche the-
zahndurchbruch rapcutisehe Bedeutung für den Zeitpun kt des Behandlungsbeginns und
solite daher ~tets am Anfang der Diagnostik stehen. Wenn die ersten
du rchbrechenden Milchzähne, die unteren mittleren Milchinzisivi, vor
Abschluss des vierten Lebensmonats durchbrechen und bei einem ver-
frühten Zahnwechsel um mehr als zwei Jah re, spricht man von Dentitio
praecox. Sie ist häufiger (10,7%) als die Dentitio tarda (5,7%) und beide
Abweichungen sind vorzugsweise erbbedingt.
Natale und - Eine Sonderform von Dentitio praecox sind natale und neonatale
neonatale Zähne Zähne. Nalale oder kongenitille Z.ihne sind bereits bei der Geburt teil-
weise durchgebrochen, neonatalc Zähne erscheinen bis turn 30. Leben~­
tag in der Mundhöhle. Sie werden mit einer Häufigkeit von 1: 800 bis
I :3000 Geburten beobachtet. Sie repräsentieren fast ausschließlich un-
tere zentrale Milchschneldezähne, oft auch bilateral, und nur in weni-
gen Fällen (5%) übeT7.ählige ~i hne. Sie sind sehr beweglich, weisen eine
nur partieli gebildete Wurzel auf, können sich aber weiter entwickeln
und entweder mit dem Zahnwechsel ausgestoßen werden oder darüber
hinaus erhalten bleiben. Sie treten familiär gehäuft auf w1d kömtten au-
tosomal-domlnant vererbt werden. Oer Schmelz dieser Zähne ist meist
dysplastisch, himichtlich des Kindesalters normal rntwjckell, aber noch
unvollständig mineralisiert. Die~ i~t der Grund, wa rum die~e Zähne
nach der Geburt eine gelb-braune Farbe annehmen.
Ursachen Bei den Gründen für die verfrühte allgemeine Zahnung und für den
verfrühten Durchbruch einzelner Zähne werden Systemische Faktoren,
die zur generalisierten Bescltleunigung der Zahnentwicklung führen,
und lokale Faktoren, die zum frühen Einzelzahndurchbruch führen, un-
terschieden. Zur Feststellung der Oentitio praecox ist die Panoramarönt-
genschichtaufnahme bei rechtfertigender Indikation geeignet. Mlt llilfe
der Dentitionstabelle gibt sie Auf\chluss über ein chronolo&>isches Mbs-
verhältnis zwischen Zahn- und Lebensalter.
Allgemeine Allgemeine Erkrankungen mit beschleunigter Zahnentwicklung sind
Erkrankungen die Hemihypertrophie, Hyperthyreose und Pubertas praecox. Bei der ein-
seitige n Hypertropltie mil ha lbseitiger Vergrößerung der Gesich ts-, Ske-
lett- und Weichteile sind die Zähne auf der betroffenen Seite in der Regel
gröl~er als auf der gesunden und sie brechen früher durch. Eine Sonder-
form tritt im ZusammenJtang mit dem Klippei-Trenaunay-Syndrom auf.
Diese embryonale Enn,~cklungsstörung mit Riesenwuchs, Naevus nam-
meus und Varizen zeigt orofazial eine Gesichtsasyrnmetrie, eine Gebiss-
fehlentwicklung und einseitigen frühzeitigen Zahndurchbruch.
Bei der Hyperthyreose, dem Überschuss an Schilddrüsenhormonen,
mit Hypermelabolismus der Gewebe können längen- und Skelett- so-
wie Zahnentwicklwtg beschleunigt sein.
Die durch Testosteron- und Östrogenexzess allgemein beschleunigte
Körperent>\lickJung, Pubertas praecox, kann auch mit in Relation zum
chronologischen Alter verfrühter Zahnentwicklung und vor.::eitigcm
Zahndurchbruch ablaufen.
9.5 Oentitio praecox und tarda 4:fi.liGfJ 7S

Lokale Störfaktoren mit nachrolgender Dentition~l~chleunigung


sind der vor1eitige Mildwa hn verlust und Ent zU ndu ngsprozesse der
Kieferknochen. ~ei apikalen Prozessen an Milcluahnwurzeln und be-
reits perforierter Knochen- bzw. SchleimhautperiO\ttlecke über dem
Nachfolger kommt es zu einer Reschleunigung des L.ahndurchbrud1s.
Bei Milchzahngangrim und rarefilierender Ostitis mit Auflösung der
den F.r..at71..eim schüt7enden Laminadura tritt nach l'ntfemung derbe-
troffenen Milchzahne mehr als 1wei Jahre vor ihrem physiologischen
Verlu\l eine Durchbruchsbeschleunigung der blt>ibentlen 1'\achfolger
auf.
[ine verspätete Zahnung oder Dentitio ta rda liegt vor, wenn die Dentitio tarda
1uerst durchbrechenden Milchzahne nach dem 13. I ebensmonat
durchbrechen und wenn das Lahnalter mehr als-'" ei Jahre vom Durch-
\chn•ttswert abweicht. Auch d1e Dentitio tarda als generalisierte Verspa-
tung der Gebissemwicklung ht differentialdjagnostisch vom verspäte-
ten Durchbruch einzelner Zcihne bzw. Lahngruppen .tu unterscheiden.
Wichtige anamnestische Fragen im Zusammenhang mit dem Verdacht Anamnese
aur eine Uentitio tarda sind:
_. Ernährung
_. /eitpunkt des }.Jilch7ahnverlusts
_. Durchbruchszeitpunkt d~ ersten Milchzahnes und des ersten blei-
benden Zahnes
_. Traumata
-' angeborene und/oder erworbene allgemeine Entwicklungs- blw.
Wach~tum~störungcn
-' endokrine Erkrankungen
-' Medikamenteneinnahme.

Der klinische intraorale Dentilionsstatus gibt den er~tcn Hinweis auf Diagnostik
eine ver,patete Oenhhon. lmbe\Ondere der Symmetrievergleich gibt
Auf~chluss über einen seitenungleichen Zahm~echsel durch lokale Stör-
faktoren. !>ystemische Störfaktoren, die als Grunde fur einen ausbleiben- Ursachen
den Zahndurchbruch bzw. einen verspäteten Zahnwechsel in rrage
kommen, ~ind eine allgemeine EntwiciJungs\·erzogerung, Vererbungen,
endol...rine Störungen, Trisomie 21 (Abb. 9-8), kraniofaziale Dysostosen
und Mangelernahrung. Zu den lokalen Starfaktoren Lahlen Traumata,
mechanische Durchbruchsbehinderungen, fruher Mdchzahnverlust,
Milchzahm\ urzelresorptionsstönmg und idiopathische Retention.
Zu den Skeletterkra nt..ungen mit verzögerter Zahnentwicklung Skelett-
z.~hlen : erkrankungen
-' Apert-Syndrom
-' C'herubhmus (eine <ionderform der polyostoti\chen fibrösen 0) S·
plasie mJt Gesjchtsdeformierung durch verdrangende fibröse Herde
und den entsprechenden Dcntitionsstönmgen)
-' Dysostosis cleidocraniali\
-' Dysostosis cran1ofaciahs
76 9 Z~hncntwocklung und -durchbruch

Abb. 9·8: ~ntitio tarda und Milchzahnp~rsistenz ~~ ~in~m 18 j5hrig~n Patient~n


mit Morbus Down

A Dysostmls mandibulofacialis
"' ektodermale Dysplasie
"' Uppen-Kiefer-Gaumen-Spalten
A Down-Syndrom.

Hormonelle Eine verwgene Zahnentwicklung im Zusammenhang mit hormonei-


Störung~n len Störungen kann auftreten bei:
"' Hypoparathyreoid1~mus mit trophischen Storungcn an allen ckto-
dennalen Geweben
"' Hyperthyreose m1t Zahnentwicklungsstörungen
"' 1\iereninsuffiticnl
"' Rachltl ~
"' WachstumshormonmangeL

Oiffer~ntial­ Da die Differentialdiagnostik bei vcrfrühtem bt~. \ crspatetem Zahn-


diagnostik wechsel -.ehr komplc.\ Ist, sind alle moghchcn \bwegigkeiten, d1e zum
verfrühten bzw. \ ersp.lleten Zahnwechsel führen können, in den Iabel-
Ien 9-1 bis 9-S tU\dmmengcfasst.
9.5 Oentllio p~ecox und t~rd~ 4WIQ(l n

Tab. 9-1: Sk~l~tt~rkrankung~n mit verzogerter Zahn~ntwicklung [aus Mkhalk)


Syndrom Symptom~ Diagnostik
Ap~rt-Syndrom = Hoher Spitzschadel oder kahnförmi Schadelront gen:
Akrozephalosyn- ger Langschädel. Syndaktylie pramature Naht-
daktylie Vorzeitig~ Verknöcherung der Sutu synost ose
ren des Schadeis FRS: Pseudoprogenie
Dysmorph.e des Gesichtsschadeis
Ch~rubismus = Gesichtsdeformierung (Pausbacken) Schadelröntgen:
Sonderform der durch verdrangende fibröse Herde Ober und Unter-
polyostotischen Schmerz~n kiefersymmetrisch
fibrösen Dyspla- Spont anfrakturen befallen
sie Dentitionsstörungen OPG: Retentionen
Dysostosis Hypo-/Aplasie der Schlüsselbeine OPG: Unterkiefer-
cleidocranialis = mit Hyp~rmobilität der SChulterge korp~rhypoplasie,
Sc:heuthauer- lent.e Milchzahnpersis-
Marie-Sainton- ~rsistenz der Fontan~llen und kra tenz, Retentionen,
Syndrom nialen Suturen Zahnüberzahl
Brachykephalie, Unterentwicklung
des Mittelgesichtes
Dysostosis Turmschädel durch vorzeitige Ver- Schädeiröntgen:
cranlofaclalis =
Morbus Crouzon
knöcherung der Suturen und Syn-
chond rosen
Nasomaxillare Hypoplasie
Wolkenschädel mit
Arrosionen der Ka -
lotte
I
Erhöhter intrakranieller Druck mit OPG. Zahnengstand,
Exophthalmus Klinik. hoher Gau-
Strabrsmus divergens und N.-optl- men
cus-Schadigung
Dysostosis man- Vogelgesicht, Ohrmuschelfehlbrl- FRS: extrem offener
dibulofacialis = dung, -tiefstand, -aplasie Brss
Franceschetti- Oberkleferhypoplasie, uni- oder blla- OPG: extremer Platz
Syndrom t erale Unterkieferhypoplasie mangel mit Durch-
Aunkularanhangsel bruchsbehinderung
Ektodemnale Ältliches Aussehen durch spärliche OPG: Anodontre, Oli-
Dysplasie = Kopfbehaarung godontie. we nrge
Christ-Siemens- Trockene schuppende Haut spat durchbre-
Touraine-Syn- Spärliche Augenbrauen chende Zapfen-
drom Chronische Ekzembrldung zähne. atroph ierte
Keine Schweißdrusen Alveolarfortsätze
Unterentwicklung des Mittelgesich-
tes
Lippen-Kiefer- Kontrnuitatsunterbrechung rn Lippe, OPG: Knochendefizit
Gaumen-Spalt e Kiefer und/oder Gaumen rm Kieferspalt. über-
Dretdimensionale Wachstumshem- zahlige, verlagerte
mung des Oberkreters mit Pla tzman- Zahne
gel
Trisomie 21 • Typische Gesichtsdysmorph re OPG· extrem spät
Down Syndrom Muskelhypotonie bei Makro- und durchbrechende
Exoglossre Zahne verminderte
Nasamaxillare Hypoplasie Knochenresorptron·
Mikrozephalie, Oligophrenie Gingrvitis
Epikanthus
78 9 ZahnentwKklung und ·durchbruch

Tab. 9·2: Hormonelle Storungen und verzogerte Zahnentwicklung (aus Michalkj


Syndrom Symptome Diagnostik
Hypoparathy- Hypokalzamie Klinik Schmelzhypo-
reoidi smus Parathormonmangel bei angebore- plasien, kariöse
ner Unterfunktion der Nebenschild- Zahne, spater Durch-
druse bruch, früher Zahn-
Trophische Störungen an den ekto- verlust
dermalen Geweben
Hypothyreose Allgemeine Stoffwechselretardie OPG: Spätentwick-
rung lungen
Zahnentwicklungsstorungen
Nieren· Hypokalzamie OPG, verzögerte
Insuffizienz Angeborene Nierenhypoplasie oder Z.lhnentwicklung
erworbene Nierenfunkttonsstorung
Rachitis Ungenügende Skelettmtncralisation Klinik: Abflachung
Caput quadratum des unteren Schnei-
Lyraförmlger Kiefer dezahnbogens, Mas-
Vergroßerter Kieferwinkel seterknick = Unter·
kieferaufbieguns
Wachstums- Vermtnderte Wachstumsgeschwin- OPG· Oenhtto tarda
hormonmangel digkeit
Verzbgerte Zahnentwicklung

Tab. 9·3: Otfferentialdtagnose für den einseitig verzögerten Zahndurchbruch


bzw. -wechsel wahrend des frühen Wechselgebisses vom 6. bis zum 9. le·
bensjahr (aus MIChalk)
Hauptsymptom Weiterführende Verdachts- Bestiitigung der
Nebenbefunde dlagnosen Diagnose
Asymmetrischer Mllchzahnpersis· Idiopathische oder OPG-Befund. Zahn -
frontaler Oenti· lenz auf der betrof- durch Zahnuber- filme, Aufbissauf-
tionsstand im fenen Seite zahl, Odontom, nahme
Wechselgebiss Zyste verursachte
Retent,on
Verfarbung der per- Retention nach fru Anamnese, OPG-
sistterenden Milch- herem Milchzahn· 8efund
zahne trauma
Verlust des Milch- Retention nach fru Anamnese, OPG·
zahnes, Mittellini- herem Milchzahn Befund
enüberwanderung traumamit Totallu·
durch den kontra Ia· xation
tera len lnzisivus
Mtlchzahnpersls- Retention durch OPG-Befund, Fern-
lenz Wurzelabkntckung rontgensettenbld.
des lnzisivus (Dila· Zahnfilme
zeratton)
9 S Denhtio prilecox und tilrdil 4:tt.li§fl 79

Tab. 9·3: Fortsetzung


Hiluptsymptom Weiterführende Verduhts· Bestätigung der
Nebenbefunde diagnosen Diagnose
Asymmetrischer Einseitig vollstan- Unterminierende OPG· Befund: Sechs
Dentitionsstand dig durchgebroche- Resorption des jahrmolar distal un-
im Bereich der ner Molar /einseitig 2. Milchmolaren ter anresorbiertem
Stchsjahrmola- Durchbruch e~nes durch den mesial Milchmolar verhakt
ren distalen Zahnan- anguliert durehbre·
tei ls ehenden Molaren

Tab. 9-4: Differentialdia~nose für den symmetrisch verzögerten Zahndurch -


bruch bzw. -w echsel wä rend des fruhen Wechselgebisses vom 6. bis zum 9.
Lebensjahr [aus Michalk]
Hauptsymptom Weiterfuhrende Verdachts- Bestätigung der
Nebenbefunde diilgnosen Diagnose
Symmetrische Missverhältnis zwi· Durchbruchsbehln· Zahnbreitenmes·
Stagnation des sehen Zi!hn· und derung durch sung, OPG-Befund
frontalen Zahn - Kiefergröße Milchzähne
weehsels {Schmalkiefer,
brerte Zahne), Platz-
mangell-verlust
und/oder bleibende
Nachbarzähne I
Atypische Persistenz der mrtt Idiopathische oder Anamnese, OPG·
Durchbruchsre1· leren MilchinZISIVI traumatische Ent· Befund
henfolge: seitli- wicklungsverzoge·
ehe vor mlttle- ru ng der m lttleren
ren lnzlsivi lnzisivi
Symmetrische Anamnese: Milch- Persistierendes vis· Funktionsanalyse:
oder asymmetri- zahnverlustvor lan- zerales Schluck- positive Schluck·
sehe Stagnation ger Zelt, lispeln musterund/oder und Sprechprobe,
des frontalen Lutschhabit kontinUierlicher
Zahnwechsels Zahndurchbruch
nach Umtralnie·
rung des Schluck·
musters
Ausbleibender Anamnese: fruhzei- Durchbruehshem- Anamnese, OPG·
Zahndurchbruch tiger kariesbeding mende Gingiva Befund: Wurzel·
nach sehr fru- ter Milchzahnver· penostschwarte wachsturn des aus
hem Milchzahn· Iust mit oder ohne und reduzierte bleibenden Nach·
verlust Lückenelnengung Durchbruchsener- folgers weitgehend
gie des bleibenden abgeschlossen
Nachfolgers
80 9 Zilhnentwocklung und durchbruch

Tab. 9-5: Differentlaidiagnose fiir den verzogerten Zahnwechsel wahrend des


späten Wechselgebisses vom 9. bis zum 13.Lebensjahr (aus Michalk)
Hauptsymptom Weiterführende Verdachts- Bestätigung der
Nebenbefunde diagnosen Diagnose
Trotz Milchzahn Anamnese· frühzei- Ourchbruchshem- Anamnese, OPG-
verlust ausblei· tiger kariesbeding- mende Glngiva- Befund: Wurzel-
bender Durch- ter Mllchzahnver- periostschwarte wachsturn des aus-
bruch der Prä Iust mit oder ohne und reduzierte bleibenden Nach-
molaren und Luckenelnengung Durchbruchsener- folgers weitgehend
Eckzahne gie des bleibenden abgeschlossen
Nachfolgers
Anamnese: sehr Ourchbruchshem- Anamnese, OPG-
fruhzeitiger Milch- mende Gingiva Befund, Wurzel-
zahnverlustmit periostschwarte wachst um des aus·
oder ohne Lucken - und Entwicklungs· ble1benden Nach·
einengung verzögerungdes folgers verzögert
bleibenden Nach-
folgers
Keine oder nur ge- Milchzahnwurzelre- OPG-Befund: keine
nnge Lockerung der sorptlonsstbrung, altersgemäße Re·
Milchzahne Milchzahnpersis sorption, weitge-
tenz hend abgeschlosse-
nes Wurzelwachs-
tum der Nachfolger
Altersgemäßer Platzma ngel/-ver· OPG·Befund, sehr
Milchzahnverlust Iust ZWISChen enge Ke1mlage mit
Sechsjahrmolar gegenseitiger
und seitlichem lnzi Durchbruchsbehln-
sivus (Stützzone) derung
Kein Zahnwech Milchzahnpersis· Spätanlage/-mmc- OPG-Befund. im
sei im Bere1ch tenz , kontra laterale ralisation Vergleich zum all-
einzelner Pra Pramol;nen durch- gemeinen Denht1-
molaren gebrochen onsstand verzö
gerte EntwKiclung
emes oder mehre-
rer Prarnolaren
Ausbleibender Keine generalisierte Molarenfeld distal OPG·Befund: sehr
Durchbruch des Dentitionsverzoge- des Sechsjahrmola- enge Keimlage in
Zwölfja hrmola · rung ren endend, sagit reglo des 2. und 3.
ren tales Platzproblem Molaren, evtl. auch
Anlage eines 4. Mo-
Iaren (Para molaren)
A f!.:l(JI:,J 81

10 Zahnstellung und Zahnbogenform

Abw~irhungen der Stellung ' on finzelzähnen oder Lahngruppen


~tnd dentoalveolare l\bwetchungen. Die primare U~ache von
Zahnfehlstellungen ist oft ein~ fahche Keimlage oder ein Plat..:-
defizit im Zahnbogen, da\ 7Um I>urchbruch oder Teildurchbruch
eines Zdhne~ in falscher Position fuhrt.
11antbt'r htnaus konnen e'ogene Hnflüssc wie Muskeldruck beJ
orofaz.ialen Dy~kine\ien und eine atyptschc Dun.hhrm h\reihen-
tolge ?ur Vvanderung, Kippung oder Drehung lx•retts durchgebro-
chener Z.ihne führen Durch I rauma kann dnc \ef..undare Keim-
\"Crlagcrung bzw. !>törung der weiteren Kei mentwic:klung entstc-
lum.

10.1 Heterotopie

F.ine fal~che Keimlage be7eichnet man allgemein als lleterotopie. Be-


troffen sind Zahnkeime und Z.~hne, die entweder nur rt>tlniert oder
auch tugleich n.•rlagert sinc.J (Abi>. I0-1 ).

Abb. 10.1: Nasenzahn rechts aptkal des rotierten Zahnes 11


82 10 Zahnst~llung und Z<lhnbogenform

10.2 Transposition

Eine besondere Form der Heterotopie i~t die Transposition, bei der zwei
Zähne ihren Platt mehr oder weniger vollstimdig getauscht haben.
Meistens sind die oberen Fck7ähne mit den ersten Prämolaren oder seit·
Iichen Schneidezahnen vertauscht (Abb. I0-2).

Abb. 10-2: Transposition von 14 und 13 bei Retention des Eckzahnes. der bei abge-
schlossenem Wurzelwachstum aufgrunddes Platzverlusts retlnlert ist, und Persis·
tenz des Milcheckzahnes. 121frjährlge Patientin

10.3 Fehlstellung oder Falschstand

Falschstand Aus didal..llschen Grunden wird nviKhen einem falschstand im Gan-


im Ganzen zen, einem Kippstand und einem Drehstand unter)ch•eden, obwohl
diese drei Abwell·hungen von der regelrechten Position eines lahnes
häufig kombiniert und seltener isoliert auftreten.
Der ve\tlhuldre (fa.dale, labiale, bul..kale) und der ordle (linguale, pa-
latinale) l'alschstand ~ind transversale Befunde. Ocr me~lale und distale
Falschstand 7~lhlen tu den 'agittalen Befunden. ~upra- und Infraokklu-
sion sind Befunde der Vertikalebene (Abb. 10-3).
Kippstand Reim Kippstand l..ann man zwischen vestibulärem (fazialem, labia-
lem, bukkalem), oralem (lint:ualem, paJaunalem) und mc)1aJem sowie
distalem Kippstand differenzieren.

Abb. 10.1: <~) sag1t1aler Falschstand der oberen lnzisrv1, b) Infraokklusion von 21 nach Trauma
10.4 Transversale Abwekhungen

Abb. 10-4: OPG einer lippen·Kiefer-Gaumenspalt-Patient in mit a) 90• -Rotat ion


von 11 und 21 bei nicht eindeut ig zu differenzierender Zahnüberzahl und b) nach
I
Oerotation mit erkennbarer Doppelanlage von 12 und 22

Man unterscheidet zwischen einem zentrischen und exzentrischen Drehstand


Drehstand, je nach Position der gedachten Drehachse. Verläuft diese
durch den Pulpenkanal des Schneidezahnes oder langs durch das Zen-
trum eines Seiten7ahnes, liegt ein zentrisc her Drehstand vor. Denkt
man sich die Achse dagegen mesial oder distal des Zentrums, so handelt
es sich um einen exLentrischen Drehstand. Dies<.' Unterscheidung ist
klinisch relevant, da für die Korrektur eines zentrisch ged rehten Zahnes
eine gegengleiche t:influssnahme von oral und vestibulär vorgenom-
men werden muss.
Bei Rotat ionen in der Front werden MesiaJro lation (der Zahn Ist Rotationen
nach mesial gedreht), Di.s lalrotation (der Zahn ist nach distaJ gedreht) in der Front
und die zentrische Ro tati o n unterschieden (Abb. 10-4).

10.4 Transversale Abweichungen

10.4.1 Lückenstellung der lnzisivi

AUgemeiner Lückenstand tritt verhältnismäßig selten auf, denn Platz-


überschuss zähl t LU den seltensten Fehlentwicklungen. Er Ist begrundet
in einem Missverhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße bei zu kleinen
84 10 Zahnst~llung und Zahnbogenform

Zähnen und normalem Plat1angebot oder normalt>r lahngroße und


libcnnaßigem l,latzangebot in den Kiefern.
Diastema Ah Oia\tema beLelchnet man eine I üd.e 7\\1\<.hcn den Schnt>ide-
zähnen.
Trema oder Dia- Trema oder Dlasternd mediale nennt man dnc Frontzahnlücke
stema mediale zwischen den oberen mittleren Schneidezahnen. Hliufig ist das Trema
durch ein persislierendes Frenulum tectolahialc und/oder einen über-
zähligen Zahn 7wischcn den Wurzeln der oberen ~en tra l en Schneide-
zahne (Meslodens) bedingt. Physiologisch kommt es bei di~ta lem Kip(>·
stand der Schneide.z.ihne während des Lahnwechsels zum spontanen
Schluss des Trema\ durch den Durchbruchsdruck der ~eil liehen Schnei-
dezähne und der lckz.iline.
Lückige Fine luckige Lahlc~lkippung der Oberkieferln7i~ivi I.ann llabitbe-
labialkippung dingt (lutschen, Lippensaugen) sein. tuckenstand der Unterkiefer-
schneidezähne \teilt oft mit einer Zungend ysfu nktion (Zungenpres-
sen) im Zusammenhang (Abb. 10-5).

Abb. 10-5: Lutschbedingte


lückige Protruslon der obe-
ren lnzlslvl, Diastema und
frontal offener Biss bei re-
t rudicrter, engst ehender,
verkurzi er unterer Front

10.4.2 Engstand und Rotation der lnzisivi sowie


M ittellinienverschiebung

Beim Engstand werden aufgrund der unterschiedlicht>n Atiologac drei


Formen unterschieden:
..,. primärer Fng,tand
..,. sckundarer l:ngstand
..,. tertiarer Eng,tand.

Primärer Der primllre Engstand iSI hereditär durch ein MISS I erhältnis zwi~chen
Engstand Zahn- und Kiefcrgröf~e bedingt, wenn die Kiefergröße und die tahn-
größe nicht mltclnandt:>r korrelit>ren, sodass die Zähne tu grog und der
Kiefer zu klein ist (Abb. 10-6 und 10-7).
Sekundärer Der sekundäre Fng\tand l't erworben durch Stütuonenverkürzung,
Engstand entweder nach Verlust von Milchzahnen oder durch Appro:<amaii.aries
der \<filch7.;ihne Fr enl\\ ld.elt sich während der Wednclgebissperiode
und kann asymmetnsch auftreten.
10.4 Transv~rsale Abweichungen 4$1Cit.l SS

Abb. 10-6: Primärer Eng-


stand im Unterkiefer bei
vollständig erhaltenen
Stützzonen bei einer 81fr
j ährigen Patientln

Abb. 10-7: Extremer oberer


Schmalkiefer bei Anlage al-
ler bleibenden Zähne und
daraus resu ltierendem kras-
sem Missverhältnis zwi-
schen Zahn- und Kiefer-
größe bei einem achtjähri-
gen Patienten (a). Oie
Panoramaaufnahme zeigt
den Platzverlust fur die obe-
ren Eckzähne und zweiten
Prämolaren (b).

Der tertiäre Engstand (Adole\zentenengstand) ist durch ,·erschie- Tertiärer


dene Fal..toren bedingt. Spätes Unterkieferwachstum nach ventral bei Engstand
weniger Ventralentwicklung des OberiJefer~ mit Verkleinenmg der sa-
gittalen Stufe und Lingualkippung der Unterkieferinzisivi kann die Ur-
sache sein. Ein weiterer Faktor fiir die Entwicklung des Adoleszenten-
engstandes ist eine unphysiologische thcrapeuti~che Zahnbogenerwei-
terung und -verlangerung üher die anatomischen Grenzen hinaus.
Besonders im Unterkiefer führt dies nicht selten zu einem Rezidiv der
Frontzahnstellung, d.h. erneutem Eng- und Dreh\taml. F.in Kofaktor
sind die Weisheitszähne, da die natürliche Mesialwanderungstendenz
der Seitenzähne bei Verbleib aller ~olaren umfangreicher ist al~ nach
Entfernung von Zähnen (Schwächung des Molarenblocks).
Außerdem werden apikaler und koronaler Engstand unterschieden. Apikaler und ko-
Reim apikalen Engstand (OPG) sind die Schneidezähne fächerförmig ronaler Engstand
86 10 Zahn$tellung und Zahnbogenform

Abb. 10-8: Apikaler, primärer


Engstand im Oberkiefer mit
Konvergenz der Wurzeln

(wie ein Blumenstrauß) angelegt und durchgebrochen (Abb. 10-8). Api-


kal konvergieren dabei die Wurzeln im Engstand und koronal können
dahei Lücken imponieren.
Der ko ro na le Engstand manifestiert ~ich klini eh durch verschie-
dene Abweichungen von der physiologischen Zahnstellung als
Rotation, als Staffelstellung oder als Durchbruch in zwei Reihen .
Rotationen Auch Rotationen der lnzisivi gehören zu den tran.wersalen Abwe-
gigkeiten.
Mittellinien- Den toalvcoläre Mittcllin lcn vcrsch iebu ngen treten auf nach VOr-
verschiebungen zeitigem Verlust von einl(.elnen Milchschneidezä hnen oder von bleiben-
den Schneidezähnen durch Trauma oder bei asymmetrischer Entfer-
nung von seitlichen Milchinzisivi oder -eckzähnen.
F.ine dentoalveoläre Mittelllnienabweichung kann bedingt sein
durch eine Mittellinienabweichung im Ober- und Unterkiefer, die ent-
weder in un lersdliedücher Richtung oder unterschiedlich groß sein
muss, um klinisch aufzufallen.
Diagnostik Diagnosllsche Hilfen sind im Oberkiefer die Raphe-Median-Ebe ne,
im Un terkiefer die Spina m enta lis und die Rekonstruktion evtl. Zahn-
wanderungen.

10.5 Sagittale Abweichungen

Labial Als La bialstand bezeichnet ma n die körperliche Labialstellung der lnzi-


sivi, als labialen Kippstand oder Protrusion die Kippung nach labial
(Abb. I 0-9). Besteht in belden Kiefern eine Prot rusion, spricht man von
bialveolärer Proliusion. Die Proleusion im oberen Schneidezahnbereich
hat entweder eine hereditäre Grundlage und/oder ist auf ein Habit, wie
Lutschen und Lippensaugen, zurückzuführen. Im Ober- und Unterkie-
fer kann außerdem Zungenpressen der Grund für eine Protrusion sein.
lingual Unter Linl,'lralstand versteht man die körperlid1c Lingualstellung
der Schneidez.~hne. Als lingua le n Kippsta nd bezeichnet man die Kip-
pung der lnzisivi nach lingual bzw. palatinal (Reliusion). Die Retrusion
der oberen mittleren lnzisivi ist ein typisches Symptom des Deckbisses
und dabei als hered itä r anzusehen (Abb. 10-10). Die Retrusion der unte-
10.5 Sagittale Abweichungen

Abb. 10-9: Ausgeprägte Pro·


t rusion der oberen lnzisivi

Abb. l0-10: Retrusion der


oberen mittleren lnzlslvl
und der unteren lnzisivi
bei Deckbiss

Abb. 10·11: Distalstand der unteren zw eiten Prä molaren, die nach Entfernung der
Sechsjahrmolaren vor Ihrem Durchbruch nach distal gewandert sind

ren lnzisivi tri ll gehäuft bei lutschenden Pati enten auf (s.a. Abb. 10 -S
und 10-10).
Als Mesialstand bezeichnet man die körperliche Versetzu ng eines Mes ial
Zahnes nach mesial, als Mes ialkippung die Klppu ng eines Zahnes nach
mesial.
Für den Dis tal sta nd und die Distalkippung gilt Analoge~ (Abb. Distal
10·11).
88 10 Zahnstellung und Zahnbogenform

10.6 Vertikale Abweichungen

Infraokklusion Erreicht ein Zahn das Okklusionsniveau nicht, spricht man von Infra-
okklusion (Verkürzung, lnfraposition, Intrusion).
Supraokklusion Als Supraokklusion bezeichnet man die relative Verlängerung (Ver-
längerung, Supraposition, Extrusion, Elongation) eines oder meh rerer
7.ähne (Abb. 10-12).
Halbret ention Alle Stadien gerade begonnenen bis nicht ganz abgeschlossenen Zahn-
durchbruch~ werden als Halbreten tion zusammengefasst, wenn eine
spontane Beendigung des Durchbruchs nicht mehr zu erwarten ist. llier-
fur können persistierende Milchmolaren, störende Zahnkontakte, Platz-
mangel oder-verlustund Ankylosen verantwortlich sein (Abb. 10-13).
Retent ion Bei Retention ist das Tegument über der Zahnkrone an keiner Stelle
durchbrachen. Man spricht von Retention, wenn der Durchbruch nich t
fristgerecht (um 1,5 Jahre überschritten) vollendet wurde. Da~ Wur.:el-
wachstum des betroffenen Zahnes muss nicht abgeschlossen sein (Abb.
10-14).
Ein relinierter Zahn, der an ein llindcrnis stößt oder von etwas be-
drängt wird, ist impaktiert.

Abb. 10-12; Supraokklusion


aller Oberkieferzähne durch
Verlängerung infolge man-
gelnder transversaler und
sagittaler Abstützung bei
Nonokklusion

Abb. 10-13; Halbretention der unteren dritten Molaren bei einer 26-jährigen Pa-
t ientin. Aus Platzmangel wird kein weiterer Durchbruch stattfinden.
10.6 Vertikale Abweichungen AnttfQI[tJ 89

Abb. 10-14: Retention der verlagerten oberen Eckzähne mit 15 Jahren bei Persistenz
der Milcheckzähne

Als Rci nkl u~ion (Depression, Infraokklusion nach Simon) bezeich- Reinklusion
net man die Wrsenkung eines Zahnes, sein allmählid1es chronisches
Tiefertreten oder sogar Ver~chwinden unter dem Tegument, nachdem er
die Okklusionsebene bereits mehr oder weniger vollständig erreicht
hatte. Oie Reinl-lusion tritt vorwiegend bei Milchmolaren auf, die auf-
geund einer Ankylose die Okklusionsebcne nicht mehr erreichen. Der
netmffene Zahn bleibt auf seinem ursprünglichen vertikalen Niveau,
die Nachbarzähne, z.B. der erste Prämolar und der Sechsjahrmolar, set-
zen ihr vertikale~ Alveolarfortsatzwachstum und ihren Durchbruch fort,
sodass ein vertikaler 'ivcauunterschied entsteht. Im Extremfall ver-
schwindet ein solcher Milchmolar un ter der Kieferkammschleimhaut
(Abb. 10 -15).
Verlagert ist ein Zahn, der nicht in Orthologer Durchbruchsposition Verlagerung
liegt, häut1g sind Verlagerungen mit Retentionen kombiniert (Abb.
10-16).

Abb.10·15: Spätmineralisation 15, 25, 45 bei Persistenz und Reinklusion 55,65 und
85 durch Ankylose
90 10 Zahnstellung und Zahnbogennorm

Abb. 10-16: Extrem e Verlagerung und lmpakt ion von 48 bei einem 29-jährlgen P'a·
tienten. Oie Krone beAndet sich kaudal. die Wurzel kranial. Der Zahn 18 Ist retinl•ert.
4\fl.ilfllll 91

11 Abweichungen der Okklusion und der


Lagebeziehungen der Kiefer

Neben der Ei m elbetrachtung von Zahn fehlstellungen und Kiefer-


anomalien spielen die Abweichungen der Okklusion und des 1.<~ ­
gevcrhä ltnis~ö von Ober- und Unterkider ein e übergeordnete
Rolle.

11.1 Okklusion

11.1.1 Transversale Abweichungen

Zu den transversalen Okklusionsabwcichungen zählen im Bereich der


Schneidezllhne die Mittellinienabweichu ng und alle formen der oro·
vestibulären Okklusionsvarianten, die sowohl dentoalveolär als auch
gnathisch bedingt sein kö1u1en. In Abhängigkeit von der Breite des
Ober- und Unterkiefers sowie von der oroveslibulären Stellung der Sei-
tenzähne können die Abwcidlungen von bukkaler bis zu lingualer Non-
okklusion reichen (Ahh. 11-1 ).
I
linguale Nonokklusion
l

~
V V

..,
lln b<Jt 11ft·
...
buk lln
" b<Jt.

S"fr-: ~
8"•1 bl suol bl

--
(\ I (\

Bukkal · Norm - s~itlicher seitlicher LinF.ual·


Okklusion Okklusion Kopfbiss Kreuzbiss Okk usion

Abb.l l-1: Okklusionsvarianten in derTransversalebene

11.1.2 Sagittale Abw eichungen

11.1.2.1 Seitenzahnokklusion
Oie Ver:whnung wird gemä f~ der Angl e-Kias~ifikat ion klinisch oder am
Modell beurteil t und von der ßisslagc, der sagittal skclcttalen Lagcbezie-
92 11 Abweichungen der Okklusion und der Lagebeziehungen der Kiefer

hung ;:wischen Ober- und Unterkiefer, un ter\chleden. Die Verzahnung


wi•·d an den Sechsjahrmolaren oder im Milchgebiss an den zweiten
Mi lchmolaren und an den Milch- oder bleibenden Eckzähnen beurteilt.
Einteilung ~ Bei Klasse l (NeutraJokklusion) üegt eine alternierende Verzah-
nung vor.
~ Bei Kl asse II (D istalokkJusion ) sind die unteren Seitenzähne in Re-
la tion zu den oberen um •t4, •h lf4 oder eine Prämolarenbreite (Pb)
nach distal versetzt .
~ Bei Klasse 111 (Mesia lokklusio n) sind die unteren SeitenLähne im
Verhältnis zu den oberen um •t4 , •Jz, IJ 4 oder eine Peilmolarenbreite
nach mesial versetzt (s. Abb. 2-4).
Rekonstruktion Die Okklusion kann im Bereich der Molaren, Prämola ren und Eck-
nach Grünberg 7äh ne sowie auch link~ und rechts u nter~ch iedlich sein, wenn keine Re-
konstruktion durchgeführt wird. Bei der Rekonstruktion nach Grünberg
werden a~ymmetri ehe Aufwanderungen der Seitenzähne rekonstruiert
(zurlickgedacht) un d so bei rein dentoa lvcolären Abweich ungen eine
seitengleiche Okkl usion bestimmt.

11.1.2.2 Overjet
Vergröße rung Eine Vergrößeru ng bzw. Verkleinerung der sagittalen Stufe (Kopfbiss,
bzw. progene Verzahnung, frontaler Kreuzbiss) kann demoalveolär und/oder
Verkleinerung skelettalbedingt sein. Dentoalveoläre Gründe für eine Vergrößerung der
sagittalen Stufesi nd eine l'rotrusion der oberen lmbivi und/oder Reti'U-
sion der unteren Schneidezähne. Ein frontaler Kopf- oder Kreuzbiss
(umgekt'h rte oder negative Schneide7.ah nstufe) kann du rch Retrusion
der oberen und/oder Protrusion de r unteren lnzisivi bedingt sein.
Skelettal kann dabei die Lagebe.liehung zwischen Ober- und Unter-
kiefer sowie deren Verhä ltni~ zu den Bezugsebenen nicht der Norm
entsp rechen: Eine relative (zur Schädelbasis) Vorverlagerung des Ober-
kiefers und/oder Rücklage des Unterkiefers können eine vergrößerte sa-
gi ttale Stufe m itbedingen. Eine Rücklage des Oberkidc rs und/oder Vor-
verlagenmg des Unterkiefers können eine verkleinerte sagittale Stufe
verursachen (Abb. 11-2).

Abb. 11-2: a) vergrößerter Overjet und Overbite im M ilchgebiss und b) progene Verzahnung im f rühen
Wechselgebiss
11.2 Skelettale Abweichungen 4:fi.htJIII 93

11.1.3 Vertikale Abweichungen

Ein vergrößerter Overbite (ficfbiss) ist vom ve rkleinerten Overbile {offe- Tiefbiss,
ocr ßiss) zu unterscheiden. Atiologisch kommen die Supra- bzw. Infra- offener Biss
okklusion einer oder beider Schneidezahngruppen {dentoalveolär), ein
skelettal tiefer bzw. offen er Biss sowie funktionelle Einflüsse (Zwlgen-
prcssen, Lutschhabit) in Betracht. Ein frontal o ffener Biss wird vom seit-
lich uffenen ßiss sowie vom zirkulär o ffenen Biss unterschieden (Abb.
11 -3 und IH).

Abb. 11-3: Fronta l offener


Biss du rch Zungenhabit bei
einem erwachsenen Patien-
ten mit Schmelzdysplasie

Abb. 11·4: Seitlich offener


Bissbel einer zwöl~ährigen

111
Patientin mit Einlagerung
der Zunge

11.2 Skelettale Abweichungen

11.2.1 Transversale Abweichungen

Ei ne skelettalc (gnathische) Mittellinienabweichung kan n sowohl


durch eine Mittenabweichung des Ol>erkiefers als auch durch eine man-
dibuläre Schwenkung bcdjngt sein.
Bei der mandibulären Schwenkung, beispielsweise nach einer unila- Mandibuläre
teralen Kollumfraklm, liegt eine seitenungleiche Verzahnung vor. Je Schwenkung
nach Ausprägungsgrad bestehen eine einseitige Lingualokl-lusion und
eine Bukka lokkl u~ion auf der anderen Seite. Auffällig ist meist eine deut-
liche Gesichtsasymmelrie (Abb. 11 -5).
94 11 Abweichungen der Okklusion und der l.<lgebeziehungen der Kiefer

Abb.11-S: Gesichtsasymmetrie mit man-


dibulärer Mittellinienverschiebung nach
rechts bei rechtsseitiger Kondylushypo-
plasie und Verkürzung des rechten auf-
steigenden Unterkieferastes

Rücklage

Vorverlageruog

Abb. 11-6: Sagittalskelettale Lagebeziehung zwischen Ober und Unterkiefer


(ANS-Winkel) 1n Relation zur vorderen Schadelbasis (SNA-, SNB-Winkel)
11.3 Oisharmoni~ches Profil 4 :®0111 95

11.2.2 Sagittale Abweichungen

Bei am Fernröntgenseitenbild zu ermittelnden Abweichungen der Lage-


beziehung zwischen Ober- und Unterkiefer W!.>rden die skelettalen Klas-
sen II sowie lll von der skeleHalen Klasse I unterschieden.
~ Bei s kelettalcr Klasse l beträgt der ANB-Winkelzwischen o• und 4•. Einteilung
~ Bei einer skelettalen Klasse n (ANB-Winkel ~ 4•) kann eine relative
(zm Schädelbasis) Vorvcrlagenmg des Oberkiefers und/oder Rück-
lage des Unterkiefer~ vorliegen.
~ Bei skelcttaler Klasse IU (ANB-Winkel ~ o•) bestehen eine relative
Rücklage des Oberkiefers und/oder Vorverlagerung de~ Un terkiefer~
(Abb. 11-6).

11.2.3 Vertikale Abweichungen

Ein skelettal offener brw. tiefer Biss wird ebenfalls durch die l·ernrönt-
genseitenbildanalyse festgestell t. Die Kenntnis der Wad1sturns richtung
und ana tomischer Besonderheiten, die bei den unterschiedlichen
Wachstumstypen röntgenologisch erfasst werden. ermöglicht es, eine
Präd i~posilion zum offenen tmv. Tiefbhs 7.1.1 berücksichtigen (ausführli·
ehe Informations. Kap. 15.2).

11.3 Disharmonisches Profil


111
Der Profilverlauf wird klinisch, fern röntgenologisch und anhand von Profilverlauf
Fotoprofilaufnahmen beurteiJt. lippcnhaltung, -form und -profil wer·
den durch die Schneidezahnstellung und ~kelettale Lagebezieh ung r;wi-
schen Ober· und Unterkiefer beeinflusst. Man unterscheidet ein harmo·
nisches Profil vom di~harmonischen, ein konkaves, eher flaches Profil
vom konvexen, den zwanglosen vom inkompetenten oder erzwunge-
nen Lippenschluss und das Klasse Ir-Profil vom Klasse 111- <>der progenen
Profil (Abb. 11 -7).
96 11 Abweichungen der Okklusion und der Lagebeziehungen der Kiefer

Abb. 11·7; Unterschiedliche Profiltypen; a) typisches Klasse II-Profi i mit und b) ohne
lippenschluss, <)Klasse 111-Profil mit negativer llppentreppe, d) spalttypisches Pro-
fil mit relativer nasomaxillärer Hypoplasie bei einer Patient in mit Lippen-Kiefer-
Gaumen -Spalte
A :#I.H(§ IfJ 97

12 Dyskinesien

,-\h orofuiale DysiJnesie (llabitl bezeichnet man eine I ehlfunk-


llon der stomatognathen Mu\kulatur, der ein unwillkurlich ab·
l.tuft>ndes Reflexmuster 711 <.runde liegt. Atiologisch werden alle
Dyskinesien in primäre, d.h \'en1rsachende, und seku ndä re, d.h.
adaptive Fehlfunktionen unterteilt. Eine primare fehlfunktion
kann de r Grund fur e1ne vebtssanomalie \tin, D1e l herapu.• nelt
htu auf die Ue~itigung de~ llabits ab. Line sekundarc Dy~IJnesie
kann ah Anpassungscrschemung an eine schon vorhandene \ke-
lcttale und/oder den toah eolare Anomalie betrachtet werden.
Durch die Behandlung drr morphologtschen 1\hwt.>ich ung kann
l'ine 'lormalisiemng der run ktion eintreten 7u den orofazialen
Dy~kinesien zahlrn:
~ '1\zeralt-s Schlucken
A Zungenpressen
A h.tbituelle Mundatmung
A l.1ppenpre!>sen und Lippensaugen
" Wangensaugen und Wangenbeißen
A 'vlcntalishabit
" l.u t ~chhabit
-- A ,·ersch1cdene rorml'n dc\ S1gmati.>mu~.
--------------'

12.1 Schluckakt

Während des viszeralen (infantilen) Schluckakts des Säuglings stehen Viszeraler (infan·
die Klefer au\einander, d1e von erlagerte Zunge liegt /wischen den Kie- tiler) Schluckakt
ferwulsten, und die lungenspitze ist anterior. Der Unterkiefer '''ird
durch 1\ontraklion der orofa~ialen Mus\..ulatur und durch den Zungen-
Lippen-Kontakt in semcr Lage stabilisiert. D1eser physiologische
Schluck' organg des Neugeborenen wird normalem·e1se 1m laufe der
ersten Dentition durch das somatische Schlucken ersetzt. Beim ~oma­ Somatisches
ti">Chcn Schluckakt kommt c\ ;u einer Kontraktion der Unterkieferleva- Schlucken
toren (Musculus massetcr). l:.s besteht Zahnkontakt, und die Zunge 1st
im \lundinnenraum eingl»chlossen.
Z" ischendem zweiten und '1erten Lebensjahr, m der so genannten Übergangs·
Übergang~- oder Mischschluckphase, wird der .. 1\lerale Schluckmodu\ oder Misch·
\Chntt weise durch den somatiSChen ersetzt. Bei Perststenz des viszeralen schluckphase
Schluckem nach dem .. ierten I ebemjahr besteht eine ororaziale Dyski·
98 12 Oyskin~si ~n

nesie. In der Regt•! kommt sie bei älteren Kindern Jls gemischte Form
de~ 'ichlud.ens, ,.visLeral-somatische SchluckartH, 'or

12.2 Zungenpressen

Primäres und Wir unterscheiden das primäre, d.h. dentoal\ coläre und ~kclettale Ab-
sekundäres weichungen verur.arhende, und das sekundare, d.h. adapti\·e Zungen-
Zungenpressen pressen, welches bei schon vorhandener skelettalcr oder dentoah eolä-
rer Anomalte ent\teht. Ersteres sollte therapcutl\l'h beseitigt werden,
das Sekundare Zungenpressen normalisiert sich h.iufig bei Therapie der
morphologischen Abwegigkeit.
Folgen Fotgen cmer ZungendysiJnesie sind je nach Prl'\smodus ein frontal,
lateral oder ZJTkulär offener Bis~. eine vergroßerte sagittale Stufe oder die
Tendenz zur Verkleinerung der sagittalen Stufe bei Kla\\e 111.
\\'enn die Iunge unter Funktion frontalemgelagert w1rd, hemmt sie
die Vertikalentwicklung der Alveolarfortsatze und der Zahne und führt
zum frontal offenen Biss (Abb. 12-1).
Wird die Zunge un ter Funktion lateral zwischen die Zahnreihen ein-
gelagert, kann e\ /U einem seitlich offenen Bi\s kommen.
Tonsillen- Auch bei Ionsillenhyperplasie kann ein Vermeidungsmechanismus
hyperplasie (Schmerzen bei Kontakt mit den entzundeten fon\illen) dazu fuhren,
dass der Unt<:rkiefer gesenkt und die Zunge nach vorne gelagert wird.
Adaptive Zungen- Bei den adaptiven Zungendyskmesien sp1elen Zahn,erlust und l ü-
dyskinesien ckenbildung, ~kehmale Ursgnathicn und der Wach\tum~typ eine wich-
tige Rolle. Rei Iahnverlust wird die Zunge m den fre1en Raum eingela-
gert (Abb. 12-2). Auch nach Ersatz des betroffenen Zahnes kann die Dys-
kinesle per\i\tleren.
Rci skelcttal offenem Bi~s. bialveolärer Protrusion, vcrgröf~erter sa-
gittaler Stufe und einer Kla\se I II-Anomalie kann die Zunge adaptiv die
morphologischen Gegebenheiten verstärken.
Ursachen Weiter~? den 7ungendyskinesien lugrunde hegende Ursachen kon-
nen ~ein:
.A Makroglos~ic
.A Hypoglm\Je

.Abb. 12-1: Frontal offener


Biss mtt Stagnation d~s
Zilhnw echsels durch persis·
tierendes vlszerilles
Schluckm uster w ährend des
fruhen Wechselgebisses
12.3 Mundatmung 4 !#i.:lbl fl 99

Abb. 12·2: a) frontal offener Biss bcl b) adaptiver (sekundärer) Zungenrehlrunlc:tion nach frühkindlichem
Trauma mit Verlust der mittleren M llchinzisivi im Oberkiefer

.A HyJX>· oder Hypertonie der Zungenmu~J..ulatur


.A Haschenernährung bei Venvendung konventioneller Sauger.

12.3 Mundatmung

Die ~lundatmung rrhöht die Kariesdisposition und Tendenz zur bakte-


riellen lnfel..hon der Atemwege. Ohne ~1undschluss, bei Mundatmung,
fehlt der Rei7 der perloralen Muskulatur und e~ entwicl..elt sich ein Un-
gleiChgewicht zwischen Lungen-, Wangen- und Ltppcnmusk-ulatur. Das
Absinl-.cn der Zunge aus ihrer ph)'Siologischen Position am Gaumen-
dach fuhrt zu charakteristi~chcn Symptomen· Symptome
.A hoher, ~chmal er Gaumen
.A oberer S<:hmalkiefcr
... pcrsi~ticrcnde Kcimstcllun~: der Schneidezähne
.A keine Auflockerung des Milchgebisses
.A Kreu?biss
... \thlcchte ~iundhygienc mtt (,mgivahypcrplasie

l)as 1\U\\chen der Mundatmer wird häufig auch al~ Facies adenoidea Facies adenoidea
bclcichnet U\bb. 12-3).
Zwei lypcn von Mundatmung werden unterschieden:
.A die habituelle ~lundatmung als angewöhnte l)ysfunktion (80%)
"' die organisch bedmgte kon~litutionelle \lundatmung (20'JU) durch
eing<:schränkte :-.:asenatmung.

F.ine gc~törte
Nasenatmung kommt häufiger betm vertikalen Wachs-
tum~ typ vor. Bei diesen Patienten bestehen oft Wucherungen der ade-
noiden Vegetationen und vermehrt llyperplasien der Gawncnmandeln.
Bct \iundatmern werden auRerdem .lwei 'l)pcn der Zungenlage un- Zungenlage
tcrsch•eden. Bei Patienten mit flacher Zungenlage befindet sich dte lun-
gempitze hinter den unteren Schneidezähnen, und e\ treten hc1ufig
frontale Kreuzbisse auf. Beim I}'P mit flacher und retrahierter Zunge
hegt haufiger ein Olstalbl\\ vor
lOO l2 Oyskinesien

Abb. 12·3: Erwachsener Patient mit habitueller


Mundatmung und a) typischem Aussehen bei lan·
gem Gesicht und angestrengtem Uppenschluss.
b) extremer oberer Schma lkiefer mit ausgepräg-
tem Engstand. Kreuzbiss und knappem vertikalem
und sagittalem Überbiss

12.4 lippendyskinesien

Klassifikation Bei den zahlreichen Klassifikationen der Lippenkonfigu ration werden


morphologische und funktionelle Kriterien unterschieden. Eine die
Funlo.tion der Lippen berücksichtigende Einteilung untersd1eidet kom-
petente von inkompetenten und potenzieiJ inkompetenten Lippen .
.; Kompeten te Lippen berühren sich bei entspannter Muskulatur.
.; Inkom petente Lippen si nd zu kurz und können sich nicht berüh-
ren, deshalb wird der Lippenschluss nur durch akti ve Kontraktion
des Mu~culus orblcularis oris erzielt.
..o11 Potenziell inkompetent e Lippen können auf Grund der Protrusion
der oberen Schneidezahne nicht geschlossen werden, sind jedoch
morphologisch normal entwickelt.

Zu den Lippendyskinesien zählen:


"' Lippensaugen
.; Lippenbeißen
.; Lippenpressen.

Lippensaugen Beim Lippensaugen wi rd die Unterlippe hint er die oberen Schneide-


zähne eingelagert. Dieses Habit wird hi!Ufig bei Klasse 11 1-Patienten mit
Rücklage des Unterkiefers, Pro trusion der oberen und Retrusion der un-
teren lnzisivi ausgeübt und führt zu einer Progredicnt der Anomalie
(Abb. 12·4).
lippenpressen Beim Li ppen pressen , welches häufig bei einer Rclmsion der ln zisivi
ausgeübt wird, kommt e~ ebenfalls zu einer Ve~tä rkung de~ Befundes.
12.6 Mentalisdysldn~ie 4 ti.HdlfJ 101

Abb. 12·4: Uppensaugen bei


zehnjahriger Patientin mit
Protruslon der oberen lnz•·
sivl und vergroßerter sagit·
talerStufe

Abb. 12·5: Uppenpressen


und Verspannung des Mus-
culus mentalis ..

Bcadc Dysfunktionen treten auch zusammen mit eaner 1-lypcraktivitdt


dc\ Musculus mentali~ (~lentali\habit) auf (Abb. 12·5).

12.5 Wangendyskinesien

l:ane Überfunktion de~ !lluKulu) buccinator kann 'ith in Wangensau-


gen oder -beißen manifestieren, was zu einer I ntwicklung des seitlich
offenen Bisses oder zum laefbi\\ fuhren kann. Außerdem kann durch
den Druck de~ :vf. buccinator die transversale l:.ntwicklung des Ober-
und/oder Unterkiefer~ gehemmt werden. Die Weichteile, die L.wlschen
die 7.ahnreihen eingelagert werden, zeigen häufig lahnimpres_~ionen
oder Ki\werletzungen.

12.6 Mentalisdyskinesie

Beim Mentalishabit Lieht der hrpcraktive Musculus mcntalis die Un-


terlippe nach oben hinten und druckt sie an die Pdl.atmcliOächen der
oberen Sdlncidezähne. Bei gestortem Uppenschtuss ist dae /.unge nach
kaudal verlagert Dae>e t\ktavitc1t tritt häufig in 1\omhanation mit einer
l.ippendyskinesie auf und verst.arkt die bei diesen l'ataenten oft beste·
hende Kl a\~e 11 1-t\nomalie. Außerdem wird die SJgiltalentwicklung de\
102 12 O~tinesien

Unterkiefcn gehemmt. Die lfrJ>ervalenz des \1. mentali\ tritt familiar


gehäuft auf und soll hcrcd1tar bedingt sein.

12.7 Lutschen

Das Lutschhabit gilt als ein wichtiger Fa!..tor hei der C.cncsc verschiede-
ner Dysgnathicn. In Abhä ngigkeit vom Lutschmodus (Intensität,
Dauer, Art) J,;ann da~ Lutschen zu skelettalen und demoalveolären Ab-
weichungen fuh ren.
Folgen Bei Anlagerung des Daumens an den vorderen Ober!..ieferabschnitt
kommt e~ ro einer forcierten Ventralentwicklung des Oberkieferalveo-
larfortsatzes sowie Lur Protrusion der oberen lnzis1vi bei gleichLeitiger
Hemmung der Vl:'rtikalentwicklung der lahne und des Kiefers. Im Un·
terkiefer wird die Sagittalentwicklung behindert und es resultiert eine
Retrusion der unteren Schneidezähne. Umgekehrt kann die l:inlagerung
des Lutschfingers oder Daumens an den Un terkiefer zu einer Vorverla-
gerung der unteren 7.ahnreihe und fbrderung einer F.ntwicklung in
Richtung Klas\e 111 führen .

G 1erke
LutKhen g11t ebenso wie das viszerale Schlucken In den ersten Le·
bensjahren als phy~iologisch, jedoch sollte die orale LutKhphase
(freud) nach dem dritten Lebensjahr bcendct sein.

Psychologische Vom dritten bi\ ;um ftinften Lebensjahr g•lt das l.ut~chen als verzieht·
Aspekte bare~ Habit und soll Ausdruc!.. der Aunösung der engen Muttcr-Kind-Be-
7.iehung sein. I· rst nach dem sechsten Lebensjahr wird im persistieren·
den Lutschen ein p;llhologischer Vorgang im Sinne eines Symptoms ei-
ne\ ~eeli\chen Konflil..ts gesehen.
Da die Muskelaktivität bei Flaschenernährung geringer ist als bei
Brusternalmmg, w1rd dem lutschen als Befriedigung des Saugrenexes
ebenso Bedeutung rugemessen (Abb. 12·6 und 12-7).

Abb. 12-6: Siebenjähriger


Pi!tient mit frontal offenem
BISS (s a. Kap. 10.4.1, Abb. 10·
5) durch Lutschhabit
12.8 Slgm.1tismus A:#!.HblfJ lOJ

Abb. 12-7: Kleinkind mit frontal offe


nem Biss im Milchgebiss durch Dauer-
einlagerung des am Pluschtier ange-
nähten Schnullers; spontaner Biss·
schlussnach Abgewöhnen des
Schnullerhabtts, a) eingelagertes
lutschObJekt, b) offener Biss, c) Boss-
schluss nach Abgewohnen des Habots

12.8 Sigmatismus

I ine fehlerhafte Aussprache der S-Laute wird al~ Sigmatismus bezeich- Formen
net. Vrrschledene formende' Sigmatismus werden unterschieden:
.-1 Sigmatismus interdentalis: Die Zungenspille lieg1 l'\;schen den
/.,thnen, S-Laute l.hngcn v.ic das englische .,th" .
.., Sigmatismus adentali~: Durth Anpressen der Zunge .m die Palatinal-
flächen der oberen lrnisivi entsteht ein dumpfer .,sch"-ähnlicher S-
Lau t.
."; 'i•gmatismus lateralis· Die Iunge hegt an den !>citem.lhnen, die Iuft
fließt in die Wangentaschen ab und er?eugt ein schlurfendes Ra·
schein.
4:f !.UOIU lOS

13 Dysostosen, Syndrome und


Fehlentwicklungen

1\ngt>bor~ne Sturungt>n der Knochenentwicklung de\ Gesichts-


schadcis und typische als S)mptomcnkompll'\ auftretende Dys-
gnathien haben als Syndrome einen wkhtigen Stellenwert in der
kiererorthopadischen Diagnostik und rherapie
--~----~----------~

13.1 Apert-Syndrom

JA Die Akro7cphalosyndaktylie ist eine seltene Erkrankung, die den


Schädel und die Extremitäten betrifft. 1 ' handelt ~ich um eine prä-
mature 1ahl\ynostose, d.h. die Suturen {Kr;uvn ah t) verknöchern
vorzeitig be• persistierender grofSer Fontanelle.

Typische !lymptomc ~ind: Symptome


JA hoher Spllzschadcl oder kahnrörmlgcr lang'iChJdel
JA Protrusio bulb1 mit !ltrabismus divergen\
JA deutlich unterentwickeltes ~!ittelgesilht einschließlich hypoplasti-
scher Ma\1lla und hohen engen Gaumcm m1t darau\ resultierender
Pscudoprogenie.

Abb. 13-1: 3 Jahre 8 Monate alte Patientln, a) mit ty-


pischer Ph~iognomie und b) Oentltio tarda bei
Apert-Syndrom
106 13 Dysost osen, Syndrome und Fehlenlw•cklungen

Ei n Drittel der Akrozephalosyndaktylic-Patlenten hat eine isolierte Gau-


menspalte (Abb. 13-1).
Folgen Wegen de~ hochgradigen Platzmangels im schmalen Ol>erJ..iefer trt>-
tt>n ein stark verspäteter Durchbruch der Milch-, Ersatz- und Zuwachs-
zähne bei ektopischem Durchbruch der Oberkieferzä hne, eine irregulare
Zahnstellung und ein frontal offener Biss auf. Die Löffelhände weisen
eine Syndaktylie der Finger auf, l>ei den Füßen besteht eine vollständige
Syndaktylie. Entvricklungsrückstand ist nicht obligat. Ätiologisch wie-
sen alle untersuchten Patienten eine Genmutation auf, die dem au toso-
mal-dominanten Erbgang folgt und väterlicherseits wird ein positiver
Alter~effekt beschrieben.

13.2 Down-Syndrom

Symptome Bei dem genetisch bedingten Syndrom Trisomie 21 (Mo ngo lismus, !Je-
zeichnung heute nicht mehr gebräuchlich) bestehen folgende Symp-
tome:
~ Mikrozephalie

~ Schlitz- und Schrägäugigkeit


~ Epikanthus (Mongolenfalte)
~ Oligophrenie

~ Makroglo~sie
~ Exoglossie
~ Unterentwicklung des nasomaxillärcn Komplexes
~ Dentitio tarda

Abb. 13-2: a) typtsehe Physiognomie bei


Morbus Down, b) hypotone Lippen- und
Zungenhaltung, c) Stimula tionspla tte
nach Castillo Morales mit q uerovalem
Saugknopf und Relief der labialen Plat-
tenausleger zur Lippenstimulation
13.4 Oysost~ls craniofacialis (Morbus Crouzon) •:;:J,!ihlll 107

.A haufig Hypodontie
.A t-.lus~elhypotonie.

Die friJhe kieferorthopädi~che Behandlung, StimulatIo nsbehandlung Stimulations·


naL11 castillo Moral es, besteht in einer Stimulation der hypotonen Zun- behandlungnach
gen-, Wangen- und Uppcnmuskulatur mit ~timulahon~platten (Abb. Castillo Morales
13-2). Sie sollte parallel 7ur I ruhförderung durch Ph) siotherapeuten,
Sprachp.1dagogen und Logopaden durchgeflihrt werden.

13.3 Dysostosis cleidocranialis

Die Dy'><>\tosis cleidocranialis beruht auf einer de\malen Ossifikations-


störung bei ~1itbeteiligung der chondralen Ossifikation. Die fur diese Fr-
~ran~ung typische \'erknocherungsstorung im Bereich der Kalotte mit
Persistenz der Fontanellen und ~ranialen Suturen außert sich in folgen-
den Symptomen: Symptome
.A Brachykephalie
.A Un terentwicklung de~ Mitleigesichts
.A Hyperplasie des Unterkieferkorpers
A renden.r .rur skelettalen Klasse lll.

Bei Per\istenz der ~filchzahnc und Hyperodo ntie tritt i.d.R. eine Reten- Folgen
tion der bleibenden Zahne auf. Oie Therapie der Wahlist meist die ~.nt-
fernung von Retentions7ysten, ungünstig verlagerten und retiniertcn
L.ihncn sowie die Einordnung der gunslig lokalisierten Zähne. Das all-
gemeine I eitsymptom l ~t die H)rpoplasic der Schltisselbcine mit lly- Hypoplasie der
permobihtat der Schultergelen~e. Oie minderwuch\igen Patienten wei-
sen eine normale Intelligcll.l auf. Das Kran~heitsbild wird autosomal-
dominant vererbt.
Claviculae
I
13.4 Dysostosis craniofacialis (Morbus Crouzon)

Der Morbus Crouzon ist eine dominant vererbbare Sch.idelfehlbildung


mit pr.1maturer 'ahts~no~tose (Kra nz- und Lambdanaht) und nachfol-
gender Ausbildung eines so genannten Turmschadcls. Durch die fruh-
/Citige Verknocherung der~> nchondrosen und Suturl!n dt!r Schadclba-
sis ko mmt es zur transversalen und sagillalen Unterentwicklung de~
max illärcn Komplexe). Die l'olgen sind:
A deu tlich konkaves Mittelgesiebt Folgen
.A erhöhter interkranieller ))ruck mit symmetrischem E.xophthalmus
.A Strabismus divergens
.A Sch.•digungen des '!ervu\ opllcus
.A \ erengung oder Atresie der außeren Gehörgange
.A raubheil und Fehlbildungen der Mittelo hrknöchelchen.
108 13 Dysostos~n. Syndrom~ und Fehlentwicklungen

Abb. 11· 3: Mor-


bus Crouzon,
Wolkenschadet
im Fernrontg~n·
se•tenbild

Röntgenbefunde Ein t)'piKhcr Rüntgenbefund ist der sog. Wolkcnsch<idcl mit Arrosio-
nen der dünnen Kalotte. I läufig bestehen auch eine H )'popia ~ic des
Oberklefers und der Oberltppe sowie lahnengstand bei hohem Gau-
men (t\bb. 1l-3).

13.5 Dysostosis mandibulofacialis (Franceschetti-


Syndrom}
Symptome Das Franceschctti-Syndrom wird dominant vererbt und ai~ Fehlbil-
dung de\ HinterJ.. opforganisators bezeichnet. Eme uru- oder bilaterale
UnterentwicJ..lung des Gesichts, v.a. des Unterkitfer , rehlbildung und
liefstand der Ohrmu~hel h1s 7ur Aplasie mit <..chorgangsatresie und
Aurikularanhangen sind typische Symptome. Durth die Unterkieferhy-
poplasie treten GebiSS\ erformungen auf, die \Ich ~~ bilateraler Hypo-
plasie ah Vogelgesicht manifestieren (Abb. IJ-4).

13.6 Dysostosis mandibularis und otomandibularis


Dysostosls L>le Dyso~tmi~ mandihularis mit isolierter cmscltlgcr llypo- bzw. Apla-
mandibularis sie von Unterkieferstrukturen kann Weic.:h- und Hartgewebe betreffen
und unterschit'<llichc klinhche \u~prägungsgrade aufweisen Die Pa-
tienten smd geJ..ennzeichnet durch eine progrcdiente a~ymmetrische
Gesicht senll~icklung, d1c neben der asthetl~chen ßffintrachtlgung zu
13.6 Oysostos•s mandibularis und otom~ndibularis A:fJ.!ICIU 109

Abb. 13-4: Achtjährige Patientln mit Franceschetti·


Syndrom, a) intraoral, fast zirkular offener Biss.
b) Fernr<intgenseitenbild mit typischer Unterkiefer·
form

deutlichen Okklusiom· und Funl..tionsstörungen fuhrt. Abbildung 13·5


J.eigt eine fünrjährigc Paticntin mit deuUichcr Gesichtsasymmetrie
nach rechts durch rechtsseitige llypoplasie dt>~ Kondylus und aufstel·
genden Astes. Die dreidimensionale Rekonstruktion des rechten und
linken K•efergelenl..s zeigt auch die ~ehlposition de~ Gelenkkopfs nach
antcrior und die Verlängerung des ~luskelfortsatzes. Der laterale Ptery·
goidmusl..cl 1St ebenso rudimcntar angelegt, sem Muskelvolumen be·
trägt nur ein Drittel des Volumens der gesunden linken Seite.

Abb. H ·S: Funfjahrige Pattenttn mit Oysostosts


mandibularis, a) bei deutlicher lateralabweKhung
des Kinns nach rechts durch b) Hypoplaste des
rechten aufsteigenden Unterkieferastes und Kon·
dylus im Vergleich zur linken gesunden Seite
110 13 Dysostosen, Syndrome und Fehlentwicklungen

Abb. 13-6 : Patlentln mit Dysostosis otomandibularls, a) Unterentwicklung der


rechten Gesichtshälfte mit deutlicher Abweichung der Unterkiefermitte nach
rechts durch normales Wachstum im linken Kiefergelenk, b) kleines rudimentäres
Ohr rechts

Dysostosis Auch bei der Dysostosis otomandibularis besteht eine Un terent-


otomandibularis wicklung de'> befallenen Gesichtsabschmtt\ mit klemem, nach unten
hängendem llaul\\ ulst als äußeres Ohr (Mil.rotie). J)cr Unterl.iefer, vor
allem der auf\teigende \st, ist hypoplastisch, und ein regt'lrechtes Kie-
fergelenk fehlt. Da die Funktion des Kauorgans emsprechend gestört ist,
ist das Geb1ss verformt {Ahb. 13-6).
Hemifaziale - Zahlreiche ~mteilungsprinzipien stehen in der nationalen und in-
Mikrosomie ternationalen I ileratur fur die F.inordnung der angeborenen Dysostosen
zur Verfügung. ln jüng~ter Zeit wird der Terminus hemifazialc Mikro-
somie mit quantltaliH'r lleurteilung der Hart- und Wekhgewebsdefizlte
von einigen Kllmkern und Wissenschaftlern be' orrugt. Sie beurteilen
metrisch durch entsprechende Röntgen- und lunl.tionsdiagnostil. die
Hrpoplas•e der Org.me Unterkjefer, Ohr, Auge und der Weichteile sowie
d~ ef\engewebes in den entsprechenden Arealen.

13.7 Dysplasia oculoauricularis

Beim Goldenhar-Synd rom liegt eine charal.teristische Kombination


meist unilateraler, sonst a~ymmctrischer Fehlhlldungcn im Gcsichts-
halsbcreich, die Deri vate des ersten und zweiten Kiemenbogens betref-
femJ, q>r.
Symptome Die typischen unilateralen Befunde smd:
A Gesichl\awmmetric bei einseitiger llypopla\ic mit Redul.tion des
~lu~culus massetcr und ~I. temporalis
A llypoplas•c einer Unterkiefern-He
B .7 O~plui<J oculoaurocularls 4fi.JICIU 111

~ II) poplasie einer Ohrmuschel


..o1 pr,lauril.uläre Anhangsei vom Ohr 1um Mundwmkel und Hals
..o1 ~challleitungsstörungen
..ol rehlbildungen der Mittelohrknochen
..o1 cpibulbäres Dermoid am Unterlid
..o1 ant •mongoloide Achwn~tellung
..o1 Strabismus.

Auch einseitige Zungenhypoplasie, 1\ichtanlage der Parotis und Kehl·


kopffehlhildungen wurden beschrieben. ln IS% der F;ille besteht elm•
geistige llehinderung. Zwei Drittel der PaLienten mit Golllenhar-Syn·
drom sind mannlieh (Abb. 13-7).

Abb. U -7: Slcbcnjahrige Patlentm mtt


Goldenhar·Syndrom· <1) mandlbuiMe
Mittellinienverschiebung nach ltnks mit
deutlicher Gesichtsasymmetrle, b) je·
doch Lid kolobom auf der rechten Seite
und c) linksseitiges Ohranhangsei
112 13 Oysostoserl, Syndrome und Fehlentwicklungen

13.8 Ektodermale Dysplasie

Extraorale Die ektodermale Dysplasie (Christ·Siemens-lourraine-~yndrom) ist ge·


Symptome kennzeichnet durch folgende typische extraorale ~ymptome:
~ heiiL') dunnes Kopfhaar
~ Unterentwicklung der Augenbrauen und Wimpern
~ breite Nascnwur7el mit wulstiger Lippenkonfiguration
~ ver",irkte Mcntolabialfalte
~ sehr trockene schuppende Haut mit chronischer EJaembildung.

Anodontie Es kann volligc oder tellweise Anodontie (Ohgodontie) bestehen. Die


angelegten und häufig \p;it durchbrechenden Zahne vmd 1.d.R. diminu·
Zapfenzähne b\· und konisch llapfenzahne, Abb. 13-8). Eine Unterent\\'icklung des
Mittelgesichb und der Untergesichtshöhe bei llypopla~ie der Alveolar-
fortsat7e •~t 1olge der multiplen ichtaolagen mit dem charakteristi-
schen WeichteilprofiL

810

Abb. 13-8: Ollgodontie bei


einem achtjahrlgen Patien-
ten mit ektodermaler Oys·
plasre, a) Panoramabefund:
deutliche Reduktion der Al·
veolarfortsatzhohe Im Be-
reich der nicht angelegten
Zahne, b) intraoraler Befund
mtt atypischen Zapfenzah -
nen und fehlender Abstut-
zung

13.9 Hemihypertrophia faciei

Oie Hemlhypcrtrophla fac1el wird auch unilaterale llypertrophie ge-


nannt und betrifft bei manchen Palienten nicht nur das Gesicht, son-
dern auch die I \tremllatcn und sonstige 1\örperteile.
Symptome [s hegt eine halb\Citige \'ergrößerung des Cre\lc;hl\ (Skelett und
Weichteile) vor \uf der betroffenen Seite sind i d R. die lähne großer
als auf der gesunden und brechen fniher durch. S} mpt<>me treten
13.10 Llppcn·K•efer Gaumenspalte A :t !.!10111 lB

manchmal schon perinatal auf, aber erst wahrend der Pubertät tritt die
S)1nptomc1tik deutlich in Erscheinung.

13.10 Lippen-Kiefer-Gaumenspalte

Bei der primären Spaltbildung durch mangelhafte Proliferation der Primäre


beiden Nasenwülste rröndury, 1950) kommen die Gesichtswülste nicht Spaltbildung
in Kontakt, es l..ann sich keine Epithelmauer und auch keine bindegewe-
hige Vem·dch~ung ausbilden (Abb. 13-9). Folge 1\t eine durchgehende
Lippcn-Kieferspaltc, die zumeist auch eine Gaumenspalte nach sich
lieht (Abb. 13-1 0).
Bei der sekundäre n Spaltbildung (lfochstetter, 1891) kommt es zur Sekundäre
Aneinanderlagerung der medialen und lateralen , asen" ulste, Verkle- Spaltbildung
bung der Epllhelien, jedoch nicht zur bindegcwebigen Durchwachsung.
Unterbleibt die Vereinigung der Gaumenfortsime, entsteht eine to- Totale
tale, \'Om Foramen incisivum bis zur Uvula reichende, Gaumenspalte, Gaumenspalte
die median sagittalliegt und es besteht auch keil1e Verbindung zum Na-
scnscptum. F.s können unterschiedliche Ausprägungsgrade zwischen to-
talerSpalte unli Uvulakerbe auflreten.
Die lläufigl..eit des Zu.sammentreffem einer Lippen-Kiefer- und einer
Gaumenspalte beim gleichen Individuum ist großer, ab es bei rein 7Ufal-
ligem Zusammentreffen verschiedener Fehlbildungen der Fall wäre
(i\bb. l.H I).

lateraler
Nasenwulst

med•aler
m
Nasenwulst

Oberk•efer-
wulst

Abb. U -9: Entstehung e1nes pnmaren L•ppen-Kieferspalts auf der linken Se•te We-
gen mangelhaften Wi!chst ums erreicht der laterale Nasenwulst den medialen Na-
senwulst und den Oberkieferwulst nicht (modifiz•ert nach S<hulzeJ.
114 13 Dysostosen, Syndrome und Fehlentwicklungen

Abb. 13-10: Rechtsseitige


breite durchgehende Lip·
pen·Kiefer-Gaumenspalte

Abb. 13-11: Rechtsseitige Lip-


penspalte und linksseitige
Lippen-Kieferspalte mit iso-
lierter Gaumenspalte

Internationale Nach der internationalen Klassifikation der Lippen-Kiefer-Gaumen-


Klassifikation spalten werden die folgenden vier Gn1ppen unterschieden;
_. Spaltformen des primären Gaumens
- Uppc rechts und/oder links
- Kiefer rechts und/oder links
""' Spaltformen des primären und sekundären Gaumens
- Lippe rechts und/oder links
- Kiefer rechts und/oder links
- harter Gaumen rechts und/oder links
- weicher Gaumen median
""' Spaltformen des sekundäicn Gaumens
- harter Gaumen rechts und/oder links
- weicher Gaumen median
""' Seltene Gesichtsspalten
- mediane Spalten mit oder ohne Hypoplasie (Aplasie) der Präma-
xilla
- scluägc Gesichtsspalten
- quere Ge~icht~spalten
- Spalten der Unterlippe, der Nase oder andere seltene !~palten.
13.10 lippen·Kiefer·Gaumenspalte AWOIU 115

Oie Häufigkeit von Uppen-Kiefer-Gaumempalten variiert. Sie treten Häufigkeit


bei Europäern und Weißen Nordamerikas zu 0, 1%, bei Japanern zu
0,17% und bei Schwarzen Nordamerikas zu 0,04% auf. Durch die Verrin-
gerung der Säuglingssterblichkeit, Reduk'tion der Operationssterblich-
keit, Verbes~erung des ästhetischen und funktioneUen Ergebnisses von
chirurgischen, kieferorthopädischen und logopädischen Behandlungs-
maßnahmen ist die Häufigkeit in den let?.ten jahr?.ehnten angestiegen.
"" Lippenspal ten kommen auf der linken Seite doppelt so häufig vor
wie auf der rechten und ca. 25% aller Lippenspalten treten beidsei-
tig auf. Das männliche Geschlecht ist in einem Verhältnis von 2: 1
häuriger betroffen als das weibliche.
"" Bei Lippcn-Kicfcrs-pillten h1 die linke Seite ca. dreimal so häufig be-
fallen wie die rechte, doppelseitige Lippen-Kieferspalten treten
ebenso zu 25% der Fälle auf und das männliche Geschlecht ist etwas
seltener betroffen als da~ weibliche.
"" VoUständige Lippen-Kiefer-Gaumenspalten treten linksseitig dop-
pelt so häufig wie recht~eitig auf, bis 45% sind doppelseitig. Auch
bei den vollständigen Spalten ist das Verhältnis von männlichen zu
weiblichen Spaltträgern 2: I.
"" 60% der isolierten Gaumenspalten wurden beim weiblichen Ge-
schlecht festgestell t. Wohingegen Velumspalten beim männlichen
Geschlecht häufiger vorkommen.

Als Mikrosymptome werden strich- bzw. dellenförmige Hauteinsenlnm- Mikrosymptome


gen neben dem Philtrum, Verziehungen des asenlochs, Kerben im Lip-
penrot, Tiefstand der Apertura piriformis und Nichtanlage oder Verküm-
merung oberer seitlicher Milch- oder bleibender Schneidezähne genannt.
ln Zu5amrnenhang mit l.ippen-Kiefer-Gaumenspallen auftretende Oysgnathien
Dysgnathien sind asymmetrische Alveolarfortsatzschwenkungen, Zahn-
stellungsanomalien und eine sagittale und transve rsale Wachstums-
hemmung des Oberkiefers. Häufig wird durch die spaitbeding1e Zun-
gendyskinesie der Unterkiefer zusätzlich im Wachsn•m stimuliert und
dadurch eine echte Progenie provoziert.
Zu den Zahnform- und Zahn7.ahlanomalien bei Lippen-Kiefer- Zahnform- und
Gaumenspalten zählen • ichtanlagen, besonders der oberen seitlichen Zahnzahl-
Schncidezähne, überzählige Zähne und verkleinerte bzw. verformte anomalien
Schneidezähne. Insgesamt tritt Zahnunterzahl bei Spaltträgern sechs-
mal häufiger auf als bei Nichtspaltbehafteten (Abb. 13- I 2).
Zur Ätiologie der Uppen-Kiefer-Gaumenspalten: Der Insult für die Ätiologie
Entstehung der Spalten muss um die fUnfte Woche, d.h. wäh rend der
Entwicklung des primaren Gaumens, oder um die neunte Woche zur Zeit
der Bildung des sekundären Gaumem eintreten. Gründe können sein:
.4 Chromosomenaberration (5%)
"" Zivilisationsprobleme (20%) wie Radiation, Medikamente (Thalido-
mid), Drogen (Alkohol, Nikotin), Stofn-vechselstörungen (latenter
Diabetes), Sauerstoffmangel (Hypoxämie)
116 13 Oy~ostosen, Syndrome und Fehlentwicklungen

Abb. 13·12: Spaltseilige go·-


Rotation von 21 und Persis·
tenz von 62 bei Nichtanlage
von 22

A genetische Prädisposition (20-25%)


A unbekannte Ursachen (50%).

Risiko Das normale Risiko beläuft ~ich auf 0. 1-0,1 R%, steigt jedoch in folgen-
der Reihenfolge:
A Rei zwei nicht behafteten Eltern und einem Kind mit Spalte erhöht
sich das Risiko für das zweite Kind um 4%.
A Bei Lwel nicht behafteten Ehern und zwei Kindern mit Spalte für das
dritte Kind um 9%.
A Bei einem Elternteil mit Spalte steigt das Risiko um 4%.
A Bei einem Elternteil mit Spalte und einem Kind mit Spalte für das
zweite Kind um 17%.

Vererbung Die Vererbung verläuft polyge n, d.h. an der Ausp rägung des Merkmals
sind mehrere Gene beteiligt, die sich von Generation zu Generation neu
kombinieren. Umweltfaktoren können dieses Geschehen zusätzlich be-
einträchtigen. Die Entwicklung der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten un-
terliegt der polygenen Vererbung mit Schwellenwerteffekt (ebenso wie
der Klumpfuß, die Spina bifida und die Hüftluxation), d.h. die Wirkung
mehrerer Gene kann sich addieren (additive Polygenie), und es bedarf
einer bestimmten 7_ahl von Genen, bis sich eine Manifestation zeigt.

13.11 Pierre-Robin-Syndrom

Robin-Trias Die angeborene Unterentwicklung und Rücklage der Mandibula, Mikro-


und Retrogenie, ist bei der typischen Robin-Trias mit Glossoptose (Zun-
genriickfall) bei .\llikrogiossie und bei einem Drittel der Patienten mit
Gaumen- oder Unterkleferspaite vergesellschaftet (Abb. 13- J3).
Folgen Folgen sind Atemstörungen mit pfeifenden Atemgeräuschen, Ersti-
ckungsanfälle mit Zyanose, Aspirationspneumonien und- früher häufi-
ger als heute - Exitus letalis. Allgemeinsymptome sind :-lierenfehlbil-
dungen, Vitium cordis (FaUot-Symptomenkomplex), Fehlbildungen der
Füße, des Thorax, der Hände und der Augen.
13.12 Rachitis 4f!.llCIU 117

Abb.13·13:Si1Ugling mit Pierre·Robin-Syndrom, a) typische Rücklagedes kleinen und kurzen Unterkiefers


(Mikrogenie) sowie b) isolierte Gaumenspalte

13.12 Rachitis

Die durch Mangel oder unzureichende Synthese von Vitamin D hervorge-


rufene systemlsche Allgemeinerkrankung rtihrt zur ungenügenden Mi·
neraJisation des Skeletts und der Zähne. Aus didaktischen Gründen wird
diese exogen bedingte Erkrankung unter den Syndromen beschrieben,
obwohl nur die familiäre hypophosphatämische Rachitis ein Syndrom ist.
Kieferorthopädisch relevante Symptome sind: Symptome
..oll Zungenhypoplasie bei Abflachung des unteren Schneidezahnbogens
(Schmidi-Gussenbaucr-Linie, Abb. 13-1 4)
..oll lyraförmiger Kiefer
..o11 Masseteri-nick (Unterkieferautl>iegung) wegen mangelnder Resistenz

gegenüber der Muskeleinwirkung


..o11 vergrößerter Kieferwinkel und daraus resultierendes überhöhtes Un-

tergesicht und Caput quadratum, d.h. eine beulenartige Auftreibung


der Stirnhöhlenkörper bei gleichzeitiger Hinterkopfabflachung.

Abb. 13-14: Rachitisch fron·


t aloffener Biss bei achtjäh-
riger Patientin mit typi·
sehen Verfärbungen der
zentralen oberen lnzisivi
und Abflachung des unte·
ren Schneidezahnbogens
Diagnostik
41m1QI§J 121

14 Klinische Diagnostik

Die klinische Diagnostik mit Anamnese und Befunderhebung ht


die Basis für alle weiteren Untersuchungen. Sie sollte primär erfol-
gen.

14.1 Anamnese

~terke
Die Anamnese, die sich in die Familien- und F.igenanamnese glie-
dert, dient dem Ziel, die Genese einer Anomalie zu erfassen.

Die Familienanamnese soll Aufschluss geben über das fam iliär ge- Familien-
häufte Auftreten bestimmter Dysgnalhien. Bei positlver familienanam- anamnese
nesc wird i.d.R. an Vererbung gedacht. Familiäre ~läufungen besonderer
Gewohnheiten (Imitation) sind ebenso möglich. Da die Klasse 111, der
IJeckbiss, der IJistalbiss, der skclcttal offene Biss und die bimaxilläre
Protrusion ebenso wie da~ Vorkommen von l.ippen-Klefer-Gaumenspal-
ten vererbte Anomalien sind, ist die familicnanamnese von großer Be-
deutung.
Die Eigenanamnese, die i.d.R. durch Befragung der Eltern erfolgt, Eigenanamnese
betrifft sowohl die pränatale als auch die postnatale Entwicklung. Wich-
tige fragen betreffen folgende Punkte:
..oll Ernährungsstörungen
..oll Erkrankungen der Mutter wä hrend der Schwangerschaft (Virusinfek-
m
tion)
..oll Geburtsverlauf
..oll Saugling\ernährung
..oll 7..ahndurchbruchsz.eiten
..oll Angaben über orofaziale Dyskinesien
..oll Unfälle im Kindesalter
..oll früher Verlust von Milchzähnen.

Aus allgemeinmedizinischer Sicht interessieren:


..oll Rachitis
..o11 Dysostosen

..oll Allergien
..oll Mundatmung
..oll Adenotomie und Tonsillektomie
122 14 Klinische Diagnostik

Gesundheitsf ragebogen für Kinder/Jugendliche


1. Ist Ihr Kind mit dem Aussehen seiner Zähne unzufrieden? O Ja 0 Nein
2. Sond Sie mit dem Aussehen der Zähne Ihres Kindes unzufroedenl 0 Ja O Nein
3. Gab es Schwierigkeiten bei der Schwangerschaft, Geburt oder
wahrend der ersten Lebensjahre Ihres Kindes?
Wenn ja, welche? J Ja L Nein
4. Hat Ihr Kind S<hwierigkeiten beim Kauen
oder beo weiter Mundoffnung? O Ja O Nein
5. Hat jemand in Ihrer Familie eine ähnliche Zahn- oder
Kleferfehlstellung? Wenn ja, wer? O Ja O Nein
6. Hat Ihr Kind häufiger ZahnschmeJ'1enl O Ja O Neln
7. Hat Ihr Kind Angewohnheiten wie Lutschen, Beißen auf
Unterlippe und Zunge, Zungenpressen, Uppensaugen,
Schluckgewohnheiten o.A.? O Ja O Nein
8. Hat Ihr Kind jemals einen Unfall mit Verletzung im Gesichts-
oder Kieferbereich oder der Zahne gehabt? O Ja O Nein
9. Hat Ihr Kond schon einma l schmerzhaft geschwollene
Gelenke gehabt? LJ Ja L Nein
10. Atmet Ihr Kind normaierweose durch die Nase? 0 Ja O Nein
11. Sind bei Ihrem Kind die Mandeln oder Polypen entfernt worden? O Ja O Neon
12. Wird Ihr Kind zurzeit ärztlich behandelt? 0 Ja O Nein
13. Hat sich der Gesundheitszustand Ihres Kindes
in letzter Zeit verändert? O Ja O Neln
14. Nimmt Ihr Kind zurzeit oder hat Ihr Kind innerhalb der letzten
6 Monate Medikamente genommen (Verschreibungs- oder nicht
verschreibungspnichtig)? Wenn ja, welche? Ci Ja O Nein
15. Ist Ihr Kind allergisch gegen bestimmte Medikamente oder Stoffe
(z.B. Nickel, Pollen)? O Ja :J Nein
16. Besitzt Ihr Kind einen Allergiepass? O Ja :! Nein
17. Ist Ihr Kind jemals ernsthaft krank gewesen oder hatte es einen
chirurgischen Eongriffl D ia O Nein
18. Nur bei Mädchen: Ist Ihre Tochter schwanger? U Ja O Neon
19. Nur bei Mädchen: Hat Ihre Tochter schon Ihre erste
Regelblutung gehabt? Wenn Ja, Alter: O Ja O Neon
20. Nur bei Jungen: Ist/war Ihr Sohn bereits im Stommbruch?
Wenn ja. Alter: 0 Ja O Nein
21. Hat Ihr Kind zurzeit Röteln, Mumps, Masern, Scharlach? O Ja O Neln
22. Hat oder hatte Ihr Kind eine der folgenden Erkrankungen? O Ja D Nein
Rheumatisches Fieber O Ja O Nein
Herz (z.B. Herzmuskelentzündung) C Ja O Nein
Atemwege/Lunge (z.B. Asthma, Bronchitis) 0 Ja O Nein
Magen-Darm-Trakt, Noere und Blase 0 Ja U Nein
Leber (z.B. Gelbsucht) 0 Ja 0 Neon
Bewegungsapparat (z.B. Rheuma) U Ja 0 Nem
Zentralnervensystem (z.B. epileptische Anfälle) 0 Ja 0 Nein
Vegetatives Nervensystem (z.B. Kopfschmerzen, M ogräne) O Ja O Nein
Stoffwechsel (z.B. Zuckerkrankheit, Gicht) O Ja UNein
Schilddrüse (z.B. Über- bzw. Unterfunktion) O Ja 0 Nein
Erkrankung des blutbildenden Systems
(z.B. Blutarmut/Biuter/Eisenmangel) OJa 0 Nein
Tuberkulose OJa O Nein
Hepatitis OJa C Nein
HIV (AIDS) OJa O Nein
Hautkrankheiten O Ja O Nein
Augen 0 Ja O Nein
Andere hier nicht aufgefuhrte Erkrankungen.
Wenn ja, welche: O Ja O Nein

Abb. 14-l a: Gesundheitsfragebogen fü r Kinder und Jugendliche


14.1 Anamnese 4:tm1QI§I 123

Gesundheitsfragebogen für Erwachsene


Denken Sie, dass Ihre Zähne Ihr allgemeines Wohlbefinden
beeinträchtigen? I.J Ja U Nein
2 Sind Sie mit dem Aussehen Ihrer Zahne unzufrieden? O Ja O Nein
3. Fühlen Sie sich unwohl bei dem Gedan ken an eme
bevorstehende Zahnbehandlungl O Ja O Neln
4. Haben Sie Schwierigkelten beim Kauen
oder belweiter Mundöffnung? O Ja O Nein
5. Haben Sie empfindliche Z<ihne, ZahnOeischblutcn
oder ZahnOeischbeschwerden? O Ja O Nein
6. Haben Sie häufiger Z<ihnschmerzen ? O Ja O Nein
7. Haben Sie jemals einen Unfall mit Verletzung im Gesichts-
oder Kieferbereich oder der Zähne gehabt? U Ja D Nem
8. leiden Sie unter Kieferhöhlenbeschwerden I 0 Ja O Nein
9. Haben Sie schon einmal schmerzhaft geschwollene Gelenke
gehabt? 0 Ja O Nein
10. Haben soch Ihr Appetit oder Ihr Gewteht in letzter Zeit
verändert? O Ja O Nein
11. Werden Sie zurzeit ärztlich behandelt? O Ja O Nein
12. Hat sich Ih r Gesundheitszustand ln den letzten Jahren
verandert? O Ja O Neln
13. Nehmen Sie zurzeit oder haben Sie Innerhalb der letzten
6 Monate Medikamente genommen {Verschreibungs- oder nicht
vcrschreibungspOichtig)? Wenn ja, welche? O Ja O Nein
14. Sind Sie allergisch gegen bestimmte Medikamente oder Stoffe
(z.B. Nickel, Pollen)? 0 Ja O Nein
15. Besitzen Sie einen Allergiepass? O Ja O Nein
16. Nehmen Sie regelmaßig Orogen zu sich? O Ja O Nein
17. Sind Sie jemals ernsthaft krank gewesen oder hatten Sie einen
chirurgischen Eingriff? 0 Ja 0 Neon
18. Sind Sie schon einmal mit Bestrahlungen behandelt w orden? O Ja 0 Nein
19. Hat man Sie schon einmal wegen Krebs, eines Tumors oder
anderer Geschwulste behandelt? O Ja O Nein
20. Sind Sie schwanger? O Ja O Neln
21. Haben Sie zurzeit Röteln, Mumps. Masern, Scharlach? O Ja O Neon

m
22. Hatten oder haben Sie eine der folgenden Erkrankungen? O Ja O Nein
Hell (z.B. Infarkt, Herzmuskelentzündung) 0 Ja O Nein
Kreisl3uf (z B. Bluthochdruck, Ourchblutungsstorungen.
Schlaganfall) O Ja O Neon
Atemwege/Lunge (z B. Asthma, Bronchitis) O Ja O Nein
Magen-Darm-Trakt, Niere und Blase IJ Ja U Neon
Leber (z.B. Gelbsucht) O Ja O Neon
Bewegungsapparat (z.B. Rheuma) O Ja n Neln
Zentralnervensystem (z.B. epileptische Anfalle) .J Ja 0 Neon
Vegetatives Nervensystem (z.B. Kopfschmerzen,Migrane) :J Ja O Nein
Stoffwechsel (z.B. Zuckerkrankheit. Gicht) O Ja O Neln
Schilddrüse (z.B. Ober- bzw. Unterfunktion) :J Ja O Nein
Erkran kung des blutbildenden Systems
(z.B. Blutarmut/Biuter/Eisenmangel) .J Ja O Nein
Tuberkulose O Ja O Nein
Hepatrtis O Ja r! Nein
HIV (AIDS) O Ja O Nein
Hautkrankheiten 0 Ja 0 Nein
Geschlechtskrankheoten O Ja l. Nein
Augen (z.B grauer bzw. gruner Star) 0 Ja C Nein
Andere hier nicht aufgeführte Erkrankungen
Wenn ja. welche: O Ja C Nein

Abb. 14-1b: Gesundheitsfragebogen fur Erwachsene


124 14 Klinische Diagnostik

Allgemeine Anamnese
1. Grund des Kommens:
0 Überweisung vom Hauszahnarzt - - - - - - - - - -- -- --
C Elgenlnltlattve (was stort?) - - - - - - - - - - - - - - - - -
2. Frühere/aktuelle KFO·Behandlung ca. v o n - - - - - b i s - - - - - - -
[' Nein Na m e - - - - - -- - - - - - - - - - -
C Abgeschlossen Cl Abgebrochen Adresse------- --
0 Zu rzeit in Behandlung alio loco Telefon : - - - - - - -- -
0 Platten [J FKO 0 MB 0 M aske D HG 0 Extraktion--- -
0Diverse - - - - -- - - - - - - - - - - - - - - - -- -
Eigen- und Familienanamnese
1. Bestehende Krankhei ten, Medikamente (Rheuma, Ast hma, Allergien etc.) _ _ _

2. LKG 0 Trauma OP - - - - - - - - - - -
3. Besonderheiten (geisbge/körperliche/soziale} - - - - - - - - - - - -
4. Besonderheiten im Kiefer- und Gesichtsbereich innerhalb der Familie - - - -

Kli nischer Befund


1. Extraoral
- Profil 0 harmomsch konvex 0 konkav
O progen Cl prognath
L ausgepr. Supramentalfalte
- Lippen 0 harmonisch 0 erschwerter Schluss 0 offene Lippenhaltung
- Atmung 0 Nasenatmung 0 Mundatmung 0 Steckdosennase
-Asymmetrie 0 Kinn 0 OK-Inzisivi LJ UK·Inzlslvl
- KG O o.B. OGerJusehe relfi 0 Muskelschmerz relli
0 Kopfschmerz
- Bewegungs· 0 MO. SKO O varschub C latero re
Iimitation mm 0 latero Ii
- Divc:rsc:s
2. Intraoral
-Okklusion (Klasse I. II, II I in Pb in regio 3/111, 6/V) - - - - - - - - - - -
- Overbite mm Overjet mm transversal _ _ _ __
- ZahnbOgen (Zahnstellung. 3er mit Tastbefund, fehlende Zähne) _ _ _ __
- Platzsituation - - - - - - - -- - - - - - - - - - - - --
- Schlelmhaute, U o.B. C Besonderheiten
Tonsillen
- Lippenbändchen 0 o.B 0 zwischen den SchneidezJihnen durchziehend
- Mundhygiene 0 gut 0 Karies w
Gingivitis
0 mäßig 0 mangelhaft
-Habits 0 lutschen 0 viszerales Schluckfm 0 Sigmatismus
0 Lippensaugenf pressen 0 Sonstige

L
Abb. 14-2: Erstberatungsformular mit Zusammenfassung der allgemeinen, Eigen -
und Familienanamnese sowie klinisch!! Befunderhebung

-" 11iabetes mellitus


-" Epilepsie
-" Bluterkra nkungen
-" rheumatische Erkrankungen
-" psychologische Aspekte IVie Kooperation in der Schule und sportli-
che Aktivitäten.
14.2 Klinische Befunderhebung

Der Gesundheitsfragebogen ermöglicht eine exakte Protol-.ollierung Gesundheits-


und die spätere Interpretation der einzelnen Anamnesefaktoren für die fragebogen
geplante Behandlung (Abb. 14-1). Er beinhaltet die altersspezifischen
!-'ragen in den unterschiedlichen Versionen für Kinder bzw. Jugendliche
und Erwachsene und ist die Basis für das Beratungsgespräch mit dem Pa-
tienten (Abb. 14-2).

14.2 Klinische Befunderhebung

Merke
Der klinische Befund vor Behandlung, auch als Status praesens be-
zeichnet, sollte ~y~tematisch und stets in gleicher Reihenfolge erho-
ben werden. Er umfasst allgemeine Korpermerkmale (AIIgemeinbe-
fund), Gesichtsmerkmale (extraoraler Befund), 1-.lundmerkmale (in-
traoraler Behmd) und funktionsmerkmale (Funktionsbefund).

14.2.1 Allgemeinbefund

Die Beurteilung des Allgemeinbefundes (Konstitution, Körperbau, Kör-


pergröße und Gewicht) hat die Aufgabe allgemeine Fehlentwicklungen
festzustellen, um eine fachärztliche Untersuchung (Kinderarzt, Ortho-
päde) 7U veranlassen. Die Beurteilung der geistigen Entwicklung und
Molivalion des Patienten dient der Abschätzung der für eine Behand-
lung notwendigen Compliance, kann jedoch bei pathologischen Auffäl-
ligkeilen auch zur Überweisung zum Fachkollegen (Psychologe, Psy-
chiater) führen.

14.2.2 Extraoraler Befund

Der extraorale Befund beinhaltet die Beurteilung der Schädel- und Ge- Schädel- und -
sichtsform. Geschätzt werden das Längen-Breiten-Verhältnis (Schmal-, Gesichtsform
Mittel-, ßreitgesicht) und der Gesichtsumriss {oval, schildförmig, fünf-
ecl-.ig, u~w.). Quantitativ kann mit Hilfe verschiedener Indizes (Längen-
ßreitcnindex, morphologischer Gesichtsindex) eine Bewertung vorge-
nommen werden. Da bei einem ßreltge~icht auch häufig eine breite api-
kale Basis der Kiefer vorliegt bzw. bei einem Schmalgesicht die apikale
Basis eher zierlich gestaltet ist, kann die fa7ia le Morphologie einen ers-
ten Hinweis auf die bei Platzmangelsymptomatik einzuschlagende The-
rapie geben (primärer; koronaler- apikaler Engstand, Extral-.tion)thera-
pie) {Abb. 14-3).
Gesichtsasymmetrien haben u.U. große Bedeutung fur die kieferor- Gesichts-
Ulopadische Therapie w1d sollten auch routinemäßig überprüft werden. asymmetrien
Eine bei Abweichung 7wischen Kinn- und :-.!asenspilZe leicht zu erken-
126 14 Klinische Diagnostik

Abb. 14·3: a)Breitgesicht, normal breiter Oberkiefer, b) Schmalgesicht, extremer


oberer Schmalkiefer mit bilateralem Kreuzbiss und habitueller Mundatmung (s.a.
Kap. 12.3, Abb. 1B)

nende Gesichtsa\ymmetrie tritt besonders häufig bei Patienten des pro-


geneo Formenkreises in jeder Altcrsstufe auf. Durch das Breitenmissver-
hältnis zwischen Ober- und Unterkiefer kommt es l.d.R. LU einer man-
dibulären Mittellinienverschiebung. die sich je nach Ausprägungsgrad
auch als Gesichtsasymmetrie (Abb. 14-2) äußert. Weitere mit ausgepräg-
ter Gesichtsasymmetrie vergeseUschaftete Krankheiten sind die llemi-
hypertrophia faciei, die Dysostosis mandibularis und otomandibularis
und dje Dysplasia oculoauricularis (s.a. Kap. 13). Nach ei nseitiger Kiefer-
gelenkfraktur und juveni ler idiopathischer Arthritis führt das asymme-
trische Unterkieferwachstum ebenso zu einer Gesichtsasymmetrie.
Auch beim Lymphangiom und llämangiom der Gesichtshaut sind
die Knochenpartien vergrößert, ebens() wie die Ah'eoluforl~ätze und
auch bestimmte Zähne vergrößert sein können. Außerdem liegt oft eine
Dentitio praecox vor.
Auch ausgeprägte, jahrelang ausgeübte orofaziale Dyskinesien (Lut-
schen) können zu asymmetrischen Verformungen der Knochen und
Weichteile füluen.

Stirn, Nase, Lippen, Kinn


Konfiguration Die Konfiguration der St irn ist genetisch und ethnisch determiniert.
der Stirn Oie laterale Stirnkontur kann flach, gewölbt oder fliehend verlaufen,
wodurch das ästhetische Bild des Nasenpronls und der Einbau der Kie-
ferbasen mitbestimmt werden.
14.2 Kilonische Befunderhebung 4jHIIQirt 127

Abb. 14-4: Einteilung des


Gesicht s in drei Drittel
[modifioziert nach Rakosi
und Jonas[ - -- --- Haarlinie

::;~ ·rw--- - -- Glabella

<-) _____ _ ---- - Subnasale


~ 1/3

- -- --- ----- Menton

Merke
Bei einem harmonischen Gesicht beträgt die Stlrnhöhe, d.h. die
Distanz Haarlinie-Giabella, ein Drittel, die Distanz Glabella-Subna-
sale ebenfalls ein Drittel, und die Distanz Subnasale-Menton um-
fasst das untere Gesichtsdrittel (Abb. H -4).

Auch die form der Nase ist hereditär und ethnisch bedingt. Da die äs- Form der Nase
thetische Beurteilung des Gesicht~ sta rk von der Nase bestimmt wird,
sollte der Patient darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Nasen-
profil durch eine kieferorthopädische Maßnahme nicht direkt l:>eein-
trächtigt wird. Gleichwohl kann es zu einer Veränderung der Relation
zwischen Nase und Oberlippe kommen.

Merke
Normalerweise beträgt die Relation zwischen Nasenlänge und
-breite 2: I. I
Außer der Morphologie der Nase (:'Jasenrücken, Nasenspitze) sollten
auch die Naseneingänge und die Stellung des Nasenstegs beurteilt wer-
den. Sie können Aufschluss geben über eine Beeinträchtigung der Na-
senatmung (s.a. Kap. 12.3, Abb. J 2-3).
Bei mikrorhiner Dysplasie mit hohcr Nasenwurzel, kurzem asen-
rucken und aufwärts gerichteter Na~en~tilt7e ($teckdo~enna5enlöcher)
besteht eine sehr eingeschränkte Kasenatmung.
Beim Großnasen pro fi l (Hefe Nasenwurzel, langer Nasennicken und
vorwärts gerichtete Nasenspitze) liegt häufig eine Klasse 11 2- oder Deck-
bissanomalie vor.
Bei der Lip pen ko nfiguration werden die Länge, Breite und Wöl- lippen-
bung, das Verhältnis zwischen Lippenrot (Schleimhautlippe) und lnte- ko nfigurat ion
gumentallippe (llaullippe) beurteilt.
128 14 Klinische Diagnostik

Merke
Bei harmonischen Lippenverhältn i s~en setzt ~ich da~ untere Ge-
sichtsdrittel aus ein Drittel Oberlippe und zwei Drittel Unterlippe
sowie Kinn zusammen.

Ocr Lippenübergang in den Nasensteg (Nasolabialwinkel) und in die Men-


tolabialfalle erlaubt Rückschlüsse auf den Grad der Lippenverspannung.
Die Lippenkonfiguration wird von der Weichteildicke und dem To-
nus des Musculus orbicularis oris, von der Sdmeidezallnstellung und
von der Konfiguration der dar(Jberliegenden Knochenanteile beein-
flusst. Die Relation der überlippenlänge zu den Schneidezähnen soUte
harmonisch sei n, d.h., die ln zisalkanten sollten in Ruheposition und
beim Lächeln die Oberlippe um zirka 2 mm nach kaudal überragen
(Abb. 1-l-S). Bei einer disha rmonischen Beziehu ng zwischen Oberlip-
penlänge und lnzisalkanten, d.h. bei kurzer Oberlippe bzw. vertikaler
Überentwicklung des oberen Alveolarfortsatzes bzw. Extrusion der
Schneidezähne, werden die Gingiva und Schleimhäute der Alveolarfort-
sä t7.e sichtbar (Gu mmy smile, Abb. 14-6).
Das horizontale Lippenprofil wird ebenso wie die Stufe zwischen
den oberen und unteren lmislvi beurteilt.

Merke
Typisd1 für eine neutrale Lagebeziehung zwischen Ober- und Unter-
kiefer und eine normale sagittale Stufe ist eine leicht negative Lip-
pentreppe, d.h., d ie Oberlippe ist ein wenig ventral der Unterlippe.

Abb. 14-S: Harmoni~che Relation zw i- Abb. 14-6: Gummy smile bei einem
schen Lippen und Zähnen bei einer lä - zehnjährigen Patienten mit kurzer
chelnden Patientin Oberlippe und ausgeprägtem Tiefbiss
14.2 Klinische Befunderhebung • :mtneo 129

Abb. 14· 7: Positive Lippentreppe bei Abb. 14-8: Inkompetenter Lippenschluss


fünfjährigem Palienten mit ausge- und deutlich sichtbares Mentallshablt
prägter Klasse III·Anomaiie bei einer erwachsenen Patientin

Bei Klasse II I-Anomalie besteht eine in Relation zur Oberlippe vorverla-


gerte Unterlippe (Abb. 14-7), im Sinne einer positiven Lippentreppe
nach Korkhau\, bei Klasse II hingegen eine betont negative Lippen-
treppe.
Oie Konfig\lration des Weicht eilkinns, das von der knöchernen Konfigurati ondes
Kinnstruktur, von der Weichteildicke und vom Tonus des Musculw, Weichteilkinns
mentalis bestimmt wird, sollte bei der extraoralen Untersuchung nicht
übersehen werden. Bei Überentwicklung der Kinnhöhe (Abstand Sulcus
mentolabialis-Menton) beslehen häufig eine Hyperaktivität des Muscu-
Jus mentalis und ein erschwerter Lippenschluss (Abb. 14-8}.
Ge~ichtsa~ymmetrien durch Rotation des Unterkiefers äußern sich
in einer Lateralverschiebung des Kinns aus der Schädelmcdianen. Es er-
gibt sich eine asymmetrische Kinnposition als extraorales Symptom filr
rnandibuläre Zwangsbisse, unilateralen Kreuzbiss bei mandlbulärer l<l·
terognathie und asymmetrischem KJefcrgelenkbefund (Kollumfraktur,
Ko!Jum- bzw. Kondylusaplasie, Ankylose; s.a. Abb. 13·5).

14.2.3 Intraoraler Befund

Außer den Zähnen sind der Mundvorhof (Vestibulum oris), d ie i ippen-


wld Wangenbänder, d ie Gingiva, die Schleimhäute der Alvcolarfort-
sät7e, der Gaumen, der Pharynx (~lesopharynx) und die Zunge für die
kieferorthopädische Diagnostik von Bedeutung.
HO 14 Klinisthe Oiagnostik

Lippen - und Wangenbänder


Ober- und Unterlippenbändchen können ~ehr tief (hoch) ansetzen, in
die Interdentale l'apille zwischen den mittleren Schneidezähnen überge-
hen und Ursache eine~ Trema~ sein. Normalerweise setzt das Lippen-
bändchen am Ubergang von Gingiva propria und Mucosa vesUbularis an.
Sei einem Diastema mediale :Lieht das Bändchen of\ bis zur Papilla inci-
siva, und der Papillenstiel kann bis vor die Zähne reichen. Die Indikation
zur Feenektomie bei persistierendem Frenulum tectolabiale b;t gegeben,
wenn das Bändchen sehr tief inseriert und wenn beim manuellen Zug am
Lippenbandehen der palalinale Anteil anamisch wird (Abb. 14-9).
Da~ untere Lippenbändchen ist seltener an einer Diastemaausbil-
dung beteiligt, jedoch übt es häufig du rch )einen breiten Ansatz einen
starken Zug auf die freie und unhewegliche Gingiva aus und kann schon
sehr früh zu gingivalen Retraktionen im Bereich der unteren Inzisiv!
führen. Die Wangenbänder sind kieferorthopädisch meistens ohne Be-
deutung, auch wenn sie relativ hoch ansetzen (Abb. 14-10). Beim orofa-
z.iodigitalen Syndrom durchziehen multiple Unteüippenbänder das
Vestibulum oris, kerben den Alveolarfortsatz ein und strahlen in lviund-
bogen und Zunge ein. Dieses sdu seltene erbliche Leiden kommt nur
beim weiblichen Geschlecht vor.

Abb. 14· 9: Sehr tief anset-


zendes Frenulum tectola
biiile ohne Diastema

Abb. 14-10: Vestibuläre Nar-


benzüge im Unterkiefer
nach früherem operativem
Eingriff

Gingiva
Gingivatyp Gingivatyp (derb-fibrös oder dünn-fragil), Entli.llldungs.t.eichen und
mukogingivale Veränderungen werden bei der Inspektion der Gingiva
überprüft.
14 2 l(linosche Befunderhebung A :tt.I!OIU 131

Abb. 14-11: Sehr fragile Gon·


gova, besonders im Bereich
der unteren lnzosivi bei ei-
nem erwachsenen Patien-
ten mit einer sehr ausge-
pragtcn dentoalveolären
und skelettalen Gebissano-
malie, doe kombiniert kiefer-
orthopadosch-kieferchirur-
gisch behandelt wurde

ßcim dünn-fragilen Gingivatyp sind d ie Zahnwurzeln durch die


Schleimhaut palpierbar und tlingivarezessionen entwickeln sich früh·
zeitig (1-\ bb. 14-11 ).
Beim derb-fibrosen Gmgtvabefund, z.B. bet einer idiopathischen derb-fibröser
Gingivahyperplasie, kann eme kieferorthopadische Zahnbewegung Gingivabefund
oder auch der Zahndurchbruch durch die derbe Gewebeschicht behin-
dert \Ctn.
ßei glngtvalen F.nt1.11ndungen liegen bei Kindern und jugendlichen Gingivale
häufig Sehrnutzging ivitiden vor, diese sind durch eine Verbesserung Entzündungen
der \iundh)'glene leicht tu therapieren (Abb. l+ 12)
ßei erwachsenen Patienten sind vor Beginn einer kieferorthopadi-
schen Behandlung parodontale \.laßnahmen, wie 7.ahmteinentfernung,
Scaling, Kürettage und/oder mukochirurgische Eingriffe notwendig.
Grunde fur eine Gi ngl vah yperpla~ie können neben der schlechten Gingiva-
Mundhygiene chronische Munda tmung und die I innah rne von Hydan- hyperplasie

Abb. 14·12: Patoent mit !(fasse 111 und a) Uppensau·


gen beo habotuell offener Mundhaltung und Mund-
atmung, b) Schmutzgongovotis vor Begonn der kie·
ferorthopadischen Behandlung
132 14 Klinische Oiagnostik

toinderivaten bei Epileptikern sein. Mukogingivalc Veränderungen kön-


nen begründet sein in okldusaler Überbel a~h.m& z.ß. bei im Kreuzbh~
oder im Kopfbiss durchbrechenden lnzisivi oder auch dtuch chronische
Zungendyskinesie und re~ultierende unph>'Siologische Gewebebelas-
tung.

Gaumen
Die Gaumen~chlelmhaut wird inspiziert nach pathologischen Vorwöl-
bungen, Ulzeralionen und Narbenziigen. Vorwölbungen, z.B. im Be-
reich der oberen Eckzähne, sprechen für Zahnverlagerung. Schleirn-
hautimpressionen und Verletzungen der J>apilla indsiva treten bei sehr
au~geprägtem Tiefbiss mit Gaumenschleimhauteinbiss bei der Klasse 11 1
auf. :-1/arbenLüge können Folge eines operativ verschlossenen Gaumens
bei l.ippen-Kiefer-Gaumempaltpatienten sein (Abb. 14-13 und 14-14).
Die Höhe des Gaumengewölbes in Relation zur Gesichtshöhe ist ein
Kriterium einer~eits für die ßefe~tigung herausnehmbarer Behandlungs-
geräte, andererseits für die Möglichkeit der Nasenatmung. Ein hoher,
schmaler Gaumen einschließlich deutlicher Rugae palatlnae i~t ein Indi-
kator für habituelle Mundatmung mit Zungenlage im Unterkiefer.
Asymmetrien Asymmctrien de~ Gaumens können durch Zahnverlagerungen (Eck-
z.'ilme oder zweite Prämolaren), aber auch durch unilaterale \'erschmä-
lentng beim Kreuzbiss auftreten. Im dorsalen Ab\chnitl der Sutura pala-
tina mediana befindet sich der Torus palatinus, ein häufig feiner Grad,
seltener ein breiter harter Wulst, der sich tastbar erst nach der Pubertät

Abb. 14-13: Gaumen einer


zehnjährigen Patientin mit
isolierter Gau menspalte.
Narbenzüge und Restloch

Abb. 14-14: Stark geröteter


Gaumen bei einer Patientln
mit schlechter Mundhy-
giene, die auf Grund der
Nichtanlagen und trauma-
tisch verlorener Z:ihne eine
Platte mit Za hnersatz trägt
14.2 Klinische Befunderhebung 4$! .!1 §10 133

entwickelt und bei erwachsenen Europäern zu 15% bei Männern und


J()lKJ bei hauen auftritt. Beim Einsatz von herausnehmbaren Geräten
kann der Torus palalinus zu DrucksteUen führen und deshalb sollte die-
ser Bereich ausgespart werden .
Selten ist unter der Schleimhaut des Gaumens ein Knochendefekt zu
tasten, der ab Mikrosymptom einer Gaumenspalte als submuköse Spalte
zu interpretieren ist. l~ei der Betrachtung des Gaumens sollte auch der
Mesopharynx inspiziert werden. Die lonsillae palatinae wölhen ~ich vor
und sind bei Kindern groß und zerklüftet. Sie bilden sich spontan auf
das ubliche Maß zurück, so dass ihre Entfernung i.d.R. nicht notwendig
i~t. Bei chronisch erschwerter Nasenatmung und Tonsillitiden sollte eine
hals-nasen-ohren-är7tliche Kon trolle empfohlen werden (Abb. 14-15).

Zunge
Bei der klinischen Untersuchung werden Farbe, Größe, Form, Beschaf- Makroglassie
fenheit, Lage und Funktion der Zunge beurteilt. ßei der Inspektion der
Zungengröße (l...inge und Breite) spielt die Beweglichkeit eine entschei-
dende Rolle. Der Befund ~akroglossie (Abb. 1-1- 16) erf<>rdert eine auf-
wendige Befunderhebung (Röntgenkinematographie) und beinhaltet
die Analyse der ZlUlgenlage, -beweb'l.mg und der phy~iol ogischen Funk·
tionsabl<iufe wie Sprechen und Schlucken. Eine große Zunge, insbeson-
Abb.14-1S: Patientin mit
submuköser Spalte

Abb. 14-16: M akroglassie bei


einem Patienten mit Mor-
bus Down
B4 14 Klinisch~ Diagnostik

Abb. 14-17: Patient mit Wie-


demann-Beckwith-Syndrom
und typischer langer Zunge.
die ln den ersten Lebensjan-
ren operativ verkürzt wurde

Zungendyskinesie dere jedoch eine Zungendyskincsie kann multiple unterschiedliche


Zahn- und Kieferfehlstellungen mit verursachen (offener Biss, Proge-
nie).
Asymmet rische Asymmetrische Zungenvergrößerungen kommen vor beim Lymph-
Zungen - oder Jlämangiom, bei der Hemihypertrophia faciei und der Neuroßbro-
vergrößerung rnatose. Da die Makroglassie genetisch bedingt sein kann und h1lllfiger
als Teilsymptom im Rahmen übergeordneter erblicher Krankheitsbilder
vorkommt, ist eine ausführliche Familienanamnese wichtig. Beim Wie-
demann-Beckwith-Syndrom ist die Zunge stark vergrößert und wird
i.d.R. operativ verkleinert (Abb. 14-17). Wird die Zunge fixiert durch ein
an der Zungenspitze statt an der Zungenunterfläche ansetzendes derbes
Unterzungenbändchen (Frenulum lin!,'ltae), spricht man von dem rela-
Ankyloglosson tiv häufig vererbt auftretenden Ankyloglosson.

Zähne und Alveolarfortsatz


Oie klinische Gebissuntersuchung umfasst dle Mundhygiene, den
ZaJtnstatus und die Beschaffenheit der Zahnoberflächen (Struktur, Ka-
ries, Abrasionen). Zuerst werden Zähne und Gingiva auf ihren Gesund-
heitszustand überprüft: Beläge, starke Kariesanfälligkeit (Füllungen, un-
versorgte kariöse Defekte) und gingiviti~che Verlinderungen werden
festgehal ten. Abrasionen, die auf eine Parafunktion (Pressen, Knir-
schen) schließen lassen, werden ebenfalls vermerkt. Die Su·uktur der
Zahnoberflächen wird auf evtl. vorhandene SchmeiLaplasien, Schmelz-
defekte und -verfärbungen überprüft. Sie können generalisiert oder an
Einzelzähnen auftreten und verschiedene Ursachen (Kariesinitial, Tur-
ner-Zahn, Pulpentod, Vitamin-D-Mangel, Telrazykline, Fluorose) ha-
ben. Bei der AmeJogcnesis bzw. Dentinogenesis imperfecta handelt es
sich um erblich bedingte Mineralisationsstörungen von Schmelz und
Dentin (s.a. Kap. 13.12, Abb. 13-14 und Kap. 11.1, Abb. 11 -3).
Bei Verdacht auf ein Trauma und bei ausgeprägtem Parodontalbe-
fund (Erwachsene) wird der Lockerungsgrad der bleibenden Zähne, bei
Patienten im Wechselgebiss der Lockerungsgrad der Milch1ähne übcr-
pnift. Bel pulpentoten Milchmolaren muss auf Hsteln geachtet werden.
Zahnbogenform, Zahnstellung und der Okklusionsbefund werden
visuell erfasst tmd fcstgehalten. Wie beim Modellbefund werden trans-
versale, sagittale und vertikale Abwegigkeilen getrennt beurteilt.
14 2 Khnlsc.he Befunderhebung 4;; !.I!QICI 1)5

14.2.4 Funktionsstatus

Der Funktlons~tatus umfas\t den l.ippenschluss, den Schluckakt, die


Sprache, die Atmung, die Zungenfunktion und die Unterldcterfu nktion.
Bei Oy\funktionen der omfat.ialen Muskulatur werden generalisiert Hy-
per- und llypotonie sowie Spasmen unterschieden. fur jede Fehlfunk-
tion wird nach Ursachen und d}sfunktionell bedingten Veranderungen
gesucht. So können beispielsweise vergroßerte Tonsillen, rezidivierende
Otitiden, Bronchitiden und Allergien organische Grunde für eine
Mundatmung sein. Impressionen in der Zunge sowie scharfe Rugae arn
Gaumen sprechen fOr ein fahches "kindliches" oder "viszerales"
Schluckmu~ter. Oie Verspannung des Musculus mentali~ weist auf eine
umfassende Oysfunktion Im Bereich des Lippen-, Zungen- und Kinn-
muskels hin (Abb. 14-18).
Auth der psychologische Aspel..t aller orofazialen Dy\kinesien sollte Orofaziale
nicht unberücksichtigt ble1ben. So werden lustbetonte Habits, wie das Oyskinesien
Ddumcnlutschen oder Lutschen an anderen Gegemtänden, von kiefer-
orthopädisch und interdis7ipllnär relevanten Details de r autoagressiven
Habits, wie Nägelkauen und nruxismus, unter\chleden. Abbildung

Abb. 14-18: Typtsehe Physio-


gnomie eines dysfunktio-
nellen Patienten mit M und-
at mung, Mentalisverspan-
nung.llppensaugen und
persistierendem viszeralem
Schluckmustl!r. Die ~g
St eckdosennasenlöcher sind
em erst er Hrnweis auf dlt!
m1krorh1ne Dysplasie
H6 14 Klinische Di<~gnos\ik

Patient: Geb.·Dat.: US- Datum:

Muskuliltur 0
Generalisiert Orofasziale Wachstumsqualität Kopfhaltung Therapie
Muskulatur (KFO)
0 hyperton 0 Kaumuskulatur 0 neutral 0 Reklinatron @(§)@>
0 hypoton 0 M. massetcr 0 vertikal U Anteklinatron @
0 Spasmen 0 mrmrsche 0 horizontal
Muskulatur
0 M. mentalos

Mundiltmung 0
Nue Uppen Intraoral Therapie
0 Tonsillen 0 mikrorhin lJ kompetent O Gingivitis
0 Otitismedia 0 Septumdeviation 0 inkompetent @)(§)@
0 Bronchitiden 0 Nasenmuschel· 0 pot. inkompetent (§)
LJ Allergren hypcrplasie 0 dick aufgerollt
0 dunneOL

Zunge 0
Lage Verlinderungen Zungepressen Schlucken Therapie
0 kaudal 0 scharfe Rugae 0 gegen O OK 0 viszeral
0 frontal 0 verwischte Rugae 0UK 0 somatrsch @(§)<§)
0 retral 0 Impressionen 0 Front 0 Gesichhgrimassen ~
0 Seite

Hilbib 0
lustbetont Aut oaggressiv Therapie
0 lutschen 0 Nägelkauen 0 Uppenhabits (§>@)<§)
0 Bruxismus ~
Sigmiltismus 0
0 interdent.;~los 0 Schetismus 0 Asrgmatismus Therapie
0 addentalis 0 Chilismus @)@)@
0 lateralis <:§)
Kfo·Befund 0
Kopf·/Kreuzbiss Offen Lücken Achsenneigung der Therapie
(Transversal) (Vertikal) {Sagittal) Schneidezähne
Protruslon OOK O UK <§)(§)@
87654JZlllZJ.4S678 81654l21llzJ4son 17654llllllJ4S678
R 876'1&Ul\ll~S&78 l R 17&S4lll\lll•son l R 876S4l21112l~S67& l RetrusiOn OOK O UK ~

0 OKschmal Kieferlage
Vorlage OOK O UK
Rucklage OOK OUK

Gewünschte Therapiefolge

(Stempel Erstuntersucher)
-
Abb. 14-19: Funktionsuntersuchungsbogen
14.2 Klinische Befunderhebung A :flfiJQI[J 137

14-19 fas~t die Funktionsüberprüfung in einem Untersuchungsbogen


zusammen. Er dient insbesondere auch als Kommun ikationshi lfe (Lauf-
zettel) im interdis.dplinären KontaU mit den HNO-Ärzten, Sprach- und
Muskelfunktionstherapeuten sowie Logopäden. Die Un tersuchung der
Kiefergelenke und der orofazialen Muskula tur wird gesondert als klini-
sche, manuelle und/oder instrumentelle Funktionsanalyse durchge-
führt.

Klinische Funktionsanalyse
Die Ruhelage des Unterkiefers (dynamisches Gleichgewicht zwischen Ruhelage des
Synergist~:>n und Antagonisten de~ orofaLial~:>n Syst~:>ms) wird am ent- Unterkiefers
spannt sitzenden Patien ten bei aufrechter Körperhaltung bestimmt.
Normalerweise befindet sich der Unterkiefer in der Ruhelage 2 bis 3 mm
unter und hinter der SchJussbissstellung.
Die Beziehung zwischen der Ruheschwebelage und der Schlussbiss-
stellung, d.h. d ie Bewegung des Unterkiefers aus der Ruhelage in die
Schlussbissstellung, wird in den drei Dimensionen sagittal, vertikal und
frontal beurteilt.
Die klinische Untersuchung der Kiefergelenke beinhaltet die Aus- Auskultation und
kultati011 und t>a Jpation des Gelenkbereichs sowie der an der Unterkie- Palpation
ferbewegung beteiligten Muskulatur. E.s werden als Symptome Knack-
und Reibegeräusche sowie Dmck- und Zugschmerz unterschieden. Die
Auskultation und Palpation werden in Ruhelage sowie bei Funktions-
ausilbung durchgeführt (Abb. 14-20).

Abb. 14--20: Palpation des


Muscu lus t emporalis im
Rahmen der klinischen Un·
tersuchung

Manuelle Funktionsanalyse
ln Analogie 1u manuellen Untersuch ungstechniken in der Orthopädie
wurde die manuelle Funktionsanalyse in die Zahnheilkunde integriert.
In der konventionellen Funktionsdiagnostik werden, wie beschrieben,
aktive Bewegungen eliasst und eine Muske lpalpation durchgeführt. Das
Printip der manuellen Funktion!>analysc h ingegen beinhaltet die Fahn-
H8 14 Klinisch~ Diagnostik

Abb. 14-21: Erhebung des Endgefühls bei


passiver Mundöffnung zur Überprüfung
eoner nicht schmerzhaften Bewegungs-
einschränkung. Das EndgefUhl kann hart
ligamentär (durch Bänder bedmgt). hart
knöchern (durch knöcherne Strukturen,
w ie z.B. einen hyperplastischen Muskel-
fortsatz) und weich (z.B. bei einer Schon-
haltung) seon. Dies äußert sich auch in
einer größeren Diskrepanz zwischen ak·
tiver und passiver Mundöffnung. Diese
unterschiedlichen Empfindungen sind
vom Untersucher im Sinne verschiede·
ner Gründe für die Bewegungsein-
schränkung zu Interpretieren.

dung nach dem jeweiligen Belastungsvektor und die Überprüfung


möglicher Restriktionen und unterschiedlicher Einflüsse. Grundlagen,
Methodik und Anwendung sind ein komplexes Thema, das im Folgen-
den lediglich ku rz zusammengefasst werden kann.
Im ersten Teil der manuellen Funktionsanalyse werden die l'atien-
tenbeschwerden aufgenommen und der Schädigungsgrad der Gewebe
beurteilt. Dazu werden in einer bestimmten Reihenfolge die Strukturen
des Kausystems maximal gewebespezifisch belastet und auf Grund der
unterschiedlichen Reaktion der Patienten beurteilt.
Kompensierte Ruft die Gewebebelastung keine Schmerzen bzw. Symptome hervor,
und dekompen - lie~:t eine physiologische Situation vor oder die Strukturen haben sich
sierte Funktions - optimal an die veränderte, pathologische Situation angepasst. Treten
störung belastung~bedin1,rte Symptome auf, die dem Patienten unbekannt sind,
liegt eine kompensierte Funktionsstörung vor. Alternativ kann die
Symptomatik, die den Patienten zum Behandler gerührt hat, reprodu-
zierbat provoziert werden. Es liegt dann eine dekompensierte Funk-
tionsstörung vor. Dle~e Ist bedingt entweder in einer Überbelastung ei-
nes Muskels oder traumatisch oder entzündlich durch Gewebezerstö-
rung (Abb. 14-21).

Instrumentelle Funktionsanalyse
Die instrumentelle Funktions- oder Bewegungsanalyse umfasst die dy-
namische Aufzeichnung der Unterkieferbewegungen (Öffnung, Schluss,
Vor- und Rückschub sowie Lateralexkursionen) {Abb. 14-22). Sie dient
turn einen der Bestimmung der patientenbezüglichen Gelenkwerte
(l<ondylenbahn, ßennet-Winkel) w1d zum anderen der grafischen Dar-
stellung der Bewegungsspuren des Kondylu5 bei aktiven und bei mani-
pulierten Unterklefcrbewegtmgcn. Bei Patienten mit pathologischen
Kiefergelenkbefunden und bei erwachsenen Patienten vor einer kom-
14.2 Klinische Befunderhebung

Abb. 14-22: Aufzeichnung der Unterkie-


ferbewegungen während der instru-
mentellen Funktionsanalyse

biniert kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Therapie ist sie zur Er-


fassung des Status quo, insbesondere jedoch zur Analyse von okklu-
sionsbedingten l<ondylenverlagerungen, indiziert. Die instrumentelle
Funktionsanalyse kann mechanisch und elektronisch durchgeführt
werden. Durch den Austausch der in Abbildung 14-22 dargestellten me-
chanischen Analogmessuhr durch einen hochauflösenden elektroni-
schen Taster und Ersatz des Registrieretiketts durch eine Widerstandsfo-
lie können Bewegungen des Scharnierachsenpunktes elektronisch drei-
dimensional erfasst werden. Die elektronische Achsiografie bietet den
Vortdl der computergötütrten Messwerterfassung, Datenverarbeitung
und Dokumentation der Achsenverlagerungen. Außerdem werden die
Bewegungen, die - außerhalb des Kiefergelenks registliert - verzerrt
sind, auf die tatsächlichen Bewegungsabläufe im Kiefergelenk zurückge-
rechnet Durch Geschwindigkeits- und Beschleunigungsanalysen der
Achsenbewegungen können tudem wertvolle I tinweise auf die neuro-
musl-.-uläre Bewe~::ungskoordination und mechanische Gelenkhinder-
nisse erfasst werden.
4 :fi.HG1f1 141

15 Röntgendiagnostik

Merke
Für eine kieferorthopädische Erstberatung sollte nur dann eine
Röntgenübersichtsaufnahme zur Remteilung des Zahnstatus, der
Parodontien und der Knochenstrukturen angefertigt werden, wenn
eine rechtfertigende Indikation besteht.

Um die vorliegende Gebissanomalie in Bezug zum Schädelaufbau


und Gesichtswach~tum zu beurteilen, ~ind je nach Ausprägungs-
grad der Anomalie, Alter des Patienten sowie Art und Umfang der

eine Röntgenaufnahme des Handskeletts angezeigt. ____


geplanten rherapie ein Fernrontgenseitenb!ld und in Einzelfällen
_.

15.1 Panoramaröntgenschichtaufnahme

Da diese Aufnahme eine Gesamtüber)icht der Zähne und der angrenzen-


den Knochenstrukturen bei gleichzeitiger Erfassung der Kiefergelenke
und der Kieferhöhlen ermöglicht, wird sie der Panoramavergrößerungs-
aufna hme und dem Zahnstatus vorgezogen. Neben der Zeitersparnis
bei Exposition, Entwicklung und Bearbeitung spielt hauptsächlich die
geringere Strahlenexposition (1/ 10 der Hautoberflächendosis und 'IICX>
der Gonadendosts eines Röntgenstatus) eine wesentliche Rolle.
Folgende Nachteile des Rotationsschichtsverfahrcns sind zu nen- Nac hteile
nen:
_. die Verzeichnung im Frontzahnbereich durch die anatomisch be-
di ng te Überlagerung der \'Virbelsäule
_. die systemilllinanentc Vergrößerungsunschärfe
_. die allgemeinen Nachteile de~ Tomogramms (bcgrenJ:tc Schicht,
4-9 mm in der Front, lS- 20 mm im Seitenzahnbereich)
A die nichtorthoradialc Einstellung der ApproxJmalräume.

Die l'anoramaröntgenschichtaufnahme (PSA) oder das Orthopantomo-


gramm (OPG) sind geeignet für folgende Informationen:
_. Zahnzahl
_. Zahnform
A Mineralisatiomgrad
_. Mincralisationsstönmgen
A Zahnkeimpo!>ition
142 15 Röntgendi~gnostik

Abb. 15·1: OPG einer neunjährigen Patientin mit noch nicht durchgebrochenem 11
und Verdacht auf Oilazeration

Abb. 15· 2: a) Panoramavergrößerungs-


aufnahme und b) Aufbiss bei o.g. Pa-
tient in: typischer Befund bei sicheiför-
migem Zahn, dessen Wurzelentwick·
Jung noch nicht abgeschlossen ist. Die
Abknickung zwischen Kronen- und
Wurzelachse führt dazu, dass der Zahn
in intraoralen Röntgenaufnahmen auf
den Betrachter .. zuwächst"
15.1 Panoramarontgenschichtaufnahme 4ji.hGif1 143

...11 apikale Veränderungen


...11 Knochenabbau
...11 Veränderungen im Kieferknochen
...11 Kiefergelenkverändenmgen
...11 Wurzelinklination.

Außerdem können mittels Ol'G patholo~,rische Prozesse in der Kiefer·


höhle wie z.B. eine Verschaltung als Zeich!.'n einer chronischen oder
akuten Sinusiris oder eine Mukozele (Schlcimhautretentionszyste) fest-
gestellt werden.
Während einer kicferorthopadischen Behandlung sind i.d.R. min-
destens drei OPG ?ur Rehandlungsplanung, zur Verlaufskontrolle und
zum Behandlungsabschluss indiziert (Abb. 15-1).
Alternati v und/oder ergänzend Lur Panoramaröntgenschichtauf- Alternativen/
nahme sind die Panoramavergrößerungsaufnahrne, der 7.ahnstatus, der Ergänzungen zur
Einzelzahnfihn, die Aufbissaufnahme, die Spinaaufnahme, die 13iss0ü- Panorama-
gelaufnahme, die Kiefergelenkaufnahme und die Computertomogra- röntgensch icht-
phie Lu nennen. a ufnahme

Abb. 15-3: a) OPG und


b) Zahnstatus eines
erwachsenen Patien·
ten mit generalisier·
tem horizontalem
Knochenabbau und
vertikalen Einbrüchen
144 IS Rontgendiagnostik

Der \'orteal der Panoramavergroßerung'><!ufnahme (l'anoramamix)


ist die gute Darstellung des Front7.ahnberelchs mat dem Nachteil der
Verzeichnung 1111 Seiten7ahnbereich (Abb. 15·2).
Der Zahmta tus sollte bei Erwachsenen dem 01'{, vorgezogen oder
rosatzlich angefertigt werden, da er eine präzisere Wiedergabe der paro-
dontalen Strukturen und der Zahnwurzeln erlaubt (Abb. 1S-3).
Ein7cl7ahnfi lme dienen der Lagebestimmung eines verlagerten
Zahnes. Zus.itzlich ..:ur orthoradialcn Aufnahme werden \Og. exzentri·
sehe Projektionen, d.h. Auslenkung des Zentralstrahls nach mesial (me·
sialex7entrische Aufnahme) und nach distal (distalexzentrische Auf.
nahme), angefertigt (Technik nach Clark). Eine um 30• 1ur orthoradia·
Jen Einstellung \'eränderte Position nach mesial bzw. distal erlaubt eine
Ortung emes z.B. palatinal verlagerten oberen l:.ci..Lahnes (}..liHi-Regel
nach llotz: Oll' Bt>wegung des verlagerten Zahnt"> verlauft mit der Be\\'e·
b'Ung der Röhre, was bedeutet, dass der Zahn palatinal [hinten] üegt)
(Abb. I 5·4).
Auch eine Aufbissaufnahme dient der genaucren Lokalisation pala-
ti nal verlagerter Zähne oder Oberzähliger zahne. Aul~erdem gibt ~ie vor,
während und nach cint'f Gaumennahterweiterung bei oberem Schmal-
kiefer Aufschluss ub('r die Veränderungen der Sutura palatina mediana
(Abb. 1S·2b und 15·5).
Die transversale Schichtaufnahme (I)A) erlaubt ubcr ein Zusat7·
prog.ramm wr orthopantomografuchen Standardaufnahml' die Lagebe-
stimmung verlagener Zähne

mc~1~l ·
exzcntmch

d1stal
exzentnsch

Abb. 15-4: Schernahsehe Darstellung e1ner ~) mes1~l- und b) distalexzentrischen


Rontgenaufnahme emes palatinal verlagerten Eckzahnes (aus G. P. F. Schmuth,
Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11, 3. Aufl)
15.1 Ponoramarontgenschichtaufnahme 4fi.!!Oif1 145

Abb. 15-5: Aufbissaufnahme zur Darstel·


lung der Sutura palatina mediana a) vor,
b) wahrend und c) nach der Gaumen·
nahterweiterung beleinem erwachse-
nen Patienten

Abb. 15·6 : DVT zur Lo-


kalisation der verla-
gerten und retinier·
ten oberen Eckzahne:
Diese liegen symme-
t risch in einem W in-
kel von 30• zur M edi-
anebene nach lateral
ausgerichtet in enger
Beziehung zu den
Prämolaren, bisher
ohne erkennbare Re-
sorption an den
Nachbarzahnen.
146 15 Röntgendiagnostik

Abb. 15-7: Bissflügelau f-


nahme zur Abklärung von
Sekundärkaries

Über die rechtfertigende Indikation der digitalen Volumentomo-


gr'dfie (OVT) zur Beurteilung spezieller radiologischer Fragcste!Jungen,
wie überzähliger Zahne, Resorptionen, Knochenbeschaffenheit im
Spaltbereich und vieles mehr, gibt ein Auszug aus der aktuellen Stel-
lungnahme der DGKFO im Anhang Auskunft (Abb. 15-6).

Abb. 15-8: a) Das OPG zeigt rechts eine t iefe Koll-


umfraktur mit Dislokation des kleinen Fragments
nach medial bei einer achtjährigen Patlentln : b) Die
axiale Darstellung der Kiefergelen ke in der Kondy-
lenebene sowie die c) 3D-Rekonstruktion des sechs
Jahrespater bei einer Nachuntersuchung angefer-
tigten Splrai-CT zeigen einen Condylus biftdus auf
der Fr<~kturseite mit Artikulation des ventralen
Kopfsam Jochbogen.
15.2 Fernröntgcnseitcnbild 4 J!.iibl f1 147

ßissOügelaufnah men ermöglichen die Feststellung approximaler


Karies und von Sekundärkaries (Abb. 15-7).
Die Computertomogra phie erlaubt eine Überlagerungs- und verzer-
rungsfreie Abbildung anatombcher Strukturen auch in röntgenologisch
schwer zugänglichen Schädelregionen, z.ß. nach Kiefergelen kfraktur so-
wie bei fazialen und kraniofazialen Asymmetrien und bei Patienten mit
schweren Kiefergelenkstörungen (Ahb. I S-R).

15.2 Fernröntgenseitenbild

Da~ Femröntgenseitenbild (FRS) wu rde 1931 von Hofrath und Rroadbent


in die Kieferorthopädie eingeführt und gilt seitdem als wichtiges diagnos-
tisches Hilfsmlttel für den Kieferorthopäden. Die große Entfernung
(heute 1,5 m, früher 4 m) bei der Anfertigung des Fernröntgenbildes er-
möglicht eine weitgehend originalgetreue neprodu ktion des Gesichts-
schädels mlt geringer Vergrößerung und Verzerrung (Abb. 15-14 und
15-15). Moderne Geräte arbeiten mit einem Fokusfilmabstand von
1,50 m; so halten sich Aufnahmeverzerrungen durch die Strahlendiver-
genz und Röntgenstrahlenintensität die Waage. Der Schädel wird bei FRS-
Aufnahmen links anliegend eingestellt. Die sorgfältige Positionierung im
Kephalostat erlaubt die reprodu7ierbare Markierung vo n Referem:punk-
ten und ihre Ausweitung. Die Weichteile (das l'rofil) werden mit einem
speziellen Weichtellnlter am Aluminium verbessert dargestellt.
Für die röntgenkephalometrische Auswert ung werden Bezugs-
punkte im Bereich der kraniofazialen Strukturen bestimmt, die der Kon-
struktion von Bezugslinien und -ebenen dienen. Voraussetzungen für
die kephalometrische Auswertung sind eine genaue Definition und gute
Reproduzierbarkeil dieser Bezugspunkte, da sie Grundlagen für das wei-
tere metri~che Analyseverfahren sind. Die ~kelettalen, dentoalveolären
und Weichteil-Bezugs- oder-Referenzpunkte sind anatomische, röntge-
nologische und konstruierte Punkte. Die Lokalisierbarkeit der Referenz-
I
punk-tc hängt von der Qualität des Röntgenbildes, von der Dichte der
Struktur und von den umgebenden und überlagernden Strukturen sowie
von der Erfahrung des Durchzeichners ab. Unilaterale medjanc Bezugs-
puni-te sind genauer zu lokalisieren als bllaterale (Doppelkontur).
Schwierig zu lokalisierende Be7Ugspunkte sind der A-Punt..-t. die Spina
nasalis an terior und posterior sowie der Apexpunkt der unteren Jnzisivi.
Mit Hilfe des Fernröntgenseitenbildes können versdliedene diag- Diagnostische
nostische Aussagen gemacht werden: Aussagen
~ sagittale Einlagcnmg des Ober- und Unterkiefers und ihre Lagebezie-
hung zueinander
~ Qualität des skelettalcn Wachstums
~ Achsenstellung der lnt.isivi

~ sagittale Position der Molaren


~ Weichtellmorphologie (Profil)
148 15 Röntgendiagnostik

Wachstumsvorhersage
.o1
A VTO (visualized treatment objective =sichtbar gemachtes 13ehand-
lungsziel).

15.2.1 Röntgenkephalometrische Bezugspunkte

A Nasion ( 1) ist der ventrokranialste Punkt der Sutura nasofrontalis.


.o1 Sella (S) ist der J..onstruierte Mittelpun kt der knöchernen Kontur der
Sella turcica .
.o1 Artikulare (Ar) ist als konstruierter Punkt der Schnittpunkt des
Röntgenschattens der Schädelbasis (Os occipita le) mit dem Schatten
des dorsalen Randes des aufsteigenden Astes .
.A Gonion (Go) ist der Schnittpunkt einer Tangen te durch Artikulare,
d ie do rsal an den aufsteigenden Ast gelegt wird, mit der Tangente,
die durch Menton geh t und den tiefsten Pu nkt des Unterkieferran-
des am Kieferwinkel berührt.
.A Menton (Me) ist der kautiahte Pu nkt der Unterki efersymphyse.
.A Gnathion (Gn) ist der Schnittpunkt der Unterkieferebene (Go- Me)
über Menton hinaus mit der Gesichtsebene (N-Pog) über Pogonion
hinaus .
.o1 t>ogonion (Pog) ist der ventralsie I\111kt des knöchernen Kinns .
.A J>unkt ß liegt in der tiefsten Einziehung des Alveolarfortsatzes des
Un terkiefers .
.A Punkt A liegt an der tiefsten Einziehung der ventra len Begrenzung
des Alveolarfortsatzes im Oberkiefer 7wischen der Spina nasalis an-
terior und dem Limbus alveola ris der oberen Inzisivi.
A Spa ist der ven tralsie Punkt des knöchernen Oberkiefers, die Spina
nasalis anterior.
A Spp ist der dorsalste 1\mkt des knöchernen Oberkiefers, die Spina
nasalis posterior.
A Apicale Superior (Ap 1) ist die Wur.:ehpitze de~ am weitesten labial
stehenden mittleren oberen lnzisivus.
A Inzisio n supe rior ( I ~ l ) ist d ie Spitze der Schneidekante des am wei-
testen labial stehenden m ittleren oberen Inzisivus.
.A Apicale inferior (Ap 1) ist die Wurzelspitze des am weitesten labial
stehenden mittleren unteren lnzisivus.
A In zision inferior (Ts I) ist die Spitze der Schneidekante des am wei-
testen labial stehenden mittleren unteren lnzisivus.
A 'asen spitze s) ist der\ entralste Punkt der Weichteilnase.
.A Labrale superius (Ls) ist die Obcrlippenkantc.
A Labrale inferius (Li) ist die Unterlippenkante.
A Weichteilnasion (N') ist die tiefste Einziehung zwischen Glabella
und Nasen nicken .
..111 Wcichtcilpogonion (Pog') ist der ventralste Pun kt des Weich teil-
kinn~ (Abb. 1 S-9).
15.2 Fer nröntgenscitenbild 4:; !.iilJif1 149

···...

N<

Ls

Li

Pog'

Gn

Abb. 15-9: Anatomische und konstruierte Bezugspunkte bei der ..Hamburger A.a-
lyse"

15.2.2 Röntgenkephalometrische Bezugslinien

Oie Voraussetzung für die angulären, linearen und pro portionden


Vem1essungen des Fernröntgenseitenbildes Ist die Festlegung von l'lnt-
I
genkephalometrischen Bezugslinien und -ebenen:
JA Vordere Schädelbasis: Linie zwischen S und N, dient der sagittJen
Beurteilung des Ober- und Unterkiefers
JA Hintere Schädelbasis: Linie zwischen Sund Ar
JA Spinaebene: Suecke Spa-Spp
JA Ramuslinie: Linie zwischen Ar und Go
JA Mandlbularebene: Unterkieferebene zwischen Go und Me
JA llintere Gesichtshöhe: Strecke S-Go
~ Vordere Gesichts höhe: Strecke -Me
JA Gcsich tsebcne: Strecke :-1-Pog
JA Y-Achse: Strecke 5-G n
~ Ästhetiklinie nach Ricketts: Linie lWischcn Ns und Pog' (Abb. I 510).
150 15 Röntgendiagnostik

\
\

- Pog

Abb. 1S..10: Bezugsebenen und -Iinien

15.2.3 Interpretation der Winkel und Streckenmaße

Sagittale Einlagerung des Ober- und Unterkiefers


SNA-Winkel Der Wi nkel SNA ),>ibt Aufschluss über die skelcttal sagittale Einlagerung
des Oberkiefers zur vorderen Schadelbasis. Der Richtwert beträgt 82 ± z•.
Ein vergrößerter SJ'\A-Winkel spricht für eine relative Vorverlagerung
des Oberkiefers, ein verkleinerter $NA-Winkel für eine relative Rücklage.
SNB-Winkel Zur Beurteilung der sagittalen Einlagerung des Unterkiefers dient der
SNB-Win kcl. Bei ÜbeNchreitung des Richtwertes von 80 ± z• liegt eine
relative Vorverlagerung, bei Unterschreitung eine relative Rücklage des
Unterkiefers vor.
ANB-Winkel Die Differenz der beiden Winkel, der ANß-Winkel mi t einem Richt-
wer1 von 2 ± z• (skeleUa le Klasse 1), gibt Aufschluss Ober das Ausmaß
der sagittalen Lagebeziehung zwischen Ober- und Unterkiefer. Bei ei-
nem ANB-Winkel s o• liegt eine skclcttalc Klasse 111, bei einem ANB-
Winkcl ~ 4• eine skclettale Klasse II vor. Eine skelcttale Klasse lll kann
durch Vorverlagerung des Unterkiefers und/oder Rückverlagerung des
15.2 Femr.Ontgenseitenblld 4:f1.11Gif1 151

SNA SNB

.•
•..
..
. ·······
\

Abb. 15·11: Sagittale Parameter: SNA·, SNB· und ANB·Winkel

Oberkiefers bedingt sein. Eine Skelettale Klasse II kann durch Vorverla-


gerung des Oberkiefers und/oder relative Rucklage des Unterkiefers ver·
ursacht sein (i\bb. 15-11 ).

Vertikale Gesichtsschädelana lyse


Das Verhältnis der hinteren zur vorderen Gesichtshohe beträgt bei neu- posteriore
tralem Vorwärts-Abwärts-Wach~tum des Gesichtsschädels Lwischen 60 Rotation des
und 64%. liegt die f>rozent7ahl darunter, d.h., die hintere ist gegenüber Unterkiefers
der vorderen Gesichtshöhe verkleinert, ergibt sich eine posteriore Rota-
tion des Unterkiefers. Sie wird auch als Wachs tum im Ulu·Leigersinn =
cw = clockwise = vertikales = dolich ofaziaJcs Wachstum bezeichnet.
Bei einem Verhältnis zwischen hinterer und vorderer Gesichtshöhe
von mehr als 65%, einer relativen Vergrößenmg der hinteren Gesichts- Anteriore
höhe, liegt eine anteriore Rotation des Unterkiefers vor, die als gegen den Rotati on des
Uhrzeigersi nn gerichtet es Wachstum = ccw = counterclockwisc = ho- Unterkiefers
rizontales= brachiofaziales Wachstum bezeichnet wird (Abb. 15-12).
Der Winkel zwischen der vorderen Schädelbasis und dem Punkt Gn NSGn-Winkel
gibt einen weiteren wichtigen Hinweis für den Wach~tumstyp, denn da~
Vorwärts-Abwärts-Wachstum des Gesichtsschädels vollzieht sich in
etwa entlang der Y-Ach~e. der Strecke S-Gn . Der Richtwert beträgt .:wi-
1S2 lS Rontgendlagnostik

Artikularewmkel Sellawmkel y-Achsenwmkel

Grundebenen-
wmkel

••
hmt ere
Gesocht shohe

I.

oberer und unt erer


Gonoonwinkel

Abb. 1~·12: Vertikale Parameter

sd1en 65 und 67". Lin vergrößerter NSGn-Winkcl {V-Achsen-Winkel)


deutet auf eine verstärkt vertikale Wachstumskomponcntc, ein verklei-
nerter ~SGn-Winkel auf eine eher horizontale Wachs tumskomponente
hin.
Sellawinkel NSAr Der Sella win kel 'ISAr ist ein Maß fur den Verlauf der SchadelbJsis
und fur die Linlagerung des Unterkiefers. Bei einem Richtwert von 12]
± s• bedeutet em kleinerer Sella\\inkel cme verstarkt 'ertil.ale Wach~­
tumsrichtung, em größerer Sellawinkel eine eher horizomale \\'achs-
tumstendem.
Artikularewinkel Ein gewisser Ausgleich veränderter Scllawinkelwerte t..:ann erfolgt-n
SArGo durch den Art ikularewinkel SArG o. Der Richtwert de\ Artikularewin
kels Jieg1 bei 14J ± 6•. Ein vergrößerter Artikularewinkel ist Ausdruck t:i·
nes verstJrkt vertikalen Wachstums, ein verkleinerter Artikularewinkel
zeigt f.'in mehr horizontales Wachstum an.
Kieferwin kel Ucr Kleferwl nl..el t\rGoMe mit einem Richtwert von 130 ± 7• ze•gt
ArGoMe bei Vergrößerung ein \'ertikales, bei Verl...teJncrung ein horizontale~
Wachstum an
Summenwinkel D1e Summe des Sella-, Artil.:ularc- und Gonionwmt..:eh, der sog. Sum-
nach Björ'k menwinkel nach B1örk, betragt 396 ± 4• und 7eigt bei \'erkleinerunt,
15.2 Fernröntgenseitenblld 40fi.i!Qif1 153

eine insgesamt horizontale, bei Vergrößerung eine insgesamt vertikale


Wachsttunsrichtung an.
Der obere Gonionwinkel ArGoN mit dem Richtwert von 52 bis ss• Oberer Gonion-
ist ein zusätzliches Kriteriwn zur Beurteilung des Gesichtswachs tu ms. winkel ArGoN
Ist er vergrößert, spricht dies fü r eine ccw-Wachstum~ri chtung, ist er
kleiner als s2•, sprich t dies für eine cw-Wachstumstendenz.
Der untere Gonionwinkel NGoMe schließt die vordere Gesichts- Unterer Gon ion-
höhe ein und weist bei Vergrößerung auf eine Tendenz zum skelettal of- winkel NGoMe
fenen Biss, bei Verkleinerung auf eine Tendenz zum skelettalen Tiefbiss
( armwert 75°) hin.
Der Grundebenenwinkel zwischen der vorderen Schädelbasis und Grundebenen-
der Unterkieferebene nach Schud)' wird gebildet durch Verlängerung winkel nach
de r vorderen Schädelbasis und der Mandibularebene nach dorsal. Sein Schudy
Normwert beträgt 34 ± 2• und auch er deutet bei Vergrößerung ei n eher
vertikales, bei Verkleinerung ein eher hori7ontale~ Wachstum an.
Der Winkel zwischen der Spinaebene bzw. Oberkieferbasis und der Winkel zwischen
vorderen Schädelbasi~ beträgt im Idealfall 9 ± 2•. Eine Vergrößerung Spina- bzw. Ober-
weist auf eine anteriore Rotation des Oberkiefers oder Kranialkippung, kieferbasisebene
eine Verkleinerung auf eine posteriore Rotation oder Kaudalkippung im und vorderer
anterioren Bereich hin. Dieser Winkel hilft, vertjkale Probleme einzel- Schädelbasis
kieferbezogcn differenzierter zu diagnostizjeren.

Dentale Analyse
Der \>Vinkel zw ischen der Achse des oberen mittleren ln zisivus und der Schneidezahn-
vorderen Schädelba~i~ beträgt bei korrekter Angulation 103 ± 2•. F.rgän- achsenwl nkel
zend gibt der Winkel zwischen der Achse des oberen mittleren Schnei-
dezahnes und der Spinaebene Aufschluss uber die Achsenstellung der
oberen lnzisivi (112 ± z•). ln Abhängigkeit von der Position und Nei·
gung der Bezugsebenen besteh t Übereinstimmung bzw. Diskrepanz
beider Werte. Der Wi nkel zwischen der Achse des unteren mitt leren Jn -
zi~ ivus und der }.;fandibularebene beträgt normalerweise 90 ± 3•. Bei
Vergroßemng des oberen oder unteren Schneidezahnachsenwinkels be-
\ teht eine Protrusion, bei Verkleinerung eine Retmsion der Inzisivi. Bei
hialveolarer Protrusion sind sowohl die oberen als auch die unteren
Schneidezähne nach labial gekippt.
Der lnterinzisaJwinkel, den die Schneidezahnachsen der oberen lnterinzisalwinkel
und unteren lnzisivi miteinander bilden, beträgt normal 132 :1: s•. Bei
einer bialveolären Protrusion ist der lnterinzisalwinkel verkleinert, bei
einer Klasse 11 2 oder einem Deckbiss (bialveoläre Retmsion) ist der Inter-
in7isalwinkel vergrößert.
Die oberen InzJsivi sollten mit ihrer Schneidekante 2-4 mm vor der
N-Pog-Unie liegen, die unteren lnzjsivi zwischen 2 mm ventral und 2
m m dorsal der Gesichtsebene.
Aus der Analyse der Schneidezahns tellung (Winkel- und St r~ken­
mcssung) ergibt sich die therapeutische Zielsetzung. je nach Kombina-
tiOn der Abweich ung (labialer/lingualer/ palat inaler Kippstand und/oder
154 1S Röntgendiagnostik

''
',

........
/" .
•,
Ar

Apl

Gn

Abb. 15-13: Dentale Analyse

Norm-, Ante-, Retroposition) besteht die "otwendigkeit, eine Kippung,


einen Wurzelto rque oder eine körperliche Bewegung der lnzisivi durch-
zuführen (Abb. 15-13).

Weichteilanalyse
Ästhetiklinie Das \•Veichteilprofil wird relativ zur Ästheti klinie nach Ricketts beurteilt.
Die an Kinn (Pog') und Nasenspitze (Ns) angelegte Tangente soll bei ei-
nem Neu tralprofil 1-4 mm ventral vom vordersten Punkt der Oberlippe
(Ls) verlaufen. Die Unterlippe (U) darf diese Tangente berühren bzw. 2
mm ventral von ihr liegen (Abb. 15-13).

Wachstumsrichtung und -typ


Die Wachstumsrichtung (Wachstumstyp, Ge~ichtstyp) hängt ab vom
Verhältnis Lwi~chen den Wachstumsraten im kondylären und sutural-
alveolären Gesichtsschädelbereich. Bei neutralem Wachstum sind die
Zuwachsraten zwischen dem hinteren und vorderen Wachstumsbereidl
ausgeglichen.
15.2 Fernröntgenseit enbild •a t.iiG'f' 1ss

Erst mit dem neunten l.ehemjahr ist die Schwenkung des Unterkie-
fers zu r vorderen Schädelbasis stabilisiert.

Merke
Beim horizon ta len (ccw) \'\lachstumstyp überwiegt das kondyläre
Wachstum, beim vertikalen (cw) Wachstum überwiegt das sutural-
alveoläre Wachstum.

Typische mmphologische Cha rakteristika bei c.Jer horiLontalen Schwen- Horizontale


kung des Unterkiefers (anteriore Rotation, ccw-Wachstum, brachyfazia- Unterkiefer-
ler Schädelaufbau) sind eine geringe Differenz in der Lä ngenentwick- schwenku ng
lung zwischen vorderer und hinterer Gesichtshöhe, ein langer, breiter
aufsteigender Ast, eine geräumige Symphyse, ein fast rechtwinkliger
Kieferwinkel (ArGoMe) und eine flache lncisu ra semilunaris (Abb. 15-
14). Bei vertikaler Unterkieferschwenkung relativ zur vorderen Schädel- Verti kale
basis {posteriore Rotation, cw-Wachstum, dolichofazia ler Gesich tsauf- Unterkiefer-
bau) überwiegt die Länge der vorderen Geslchtshöhe: Oie Patienten ha- schwenkung
ben einen ku rzen, schmalen aufsteigenden Ast, eine hohe, schmale,
tropfenförmige Symphyse, eine betonte antegoniale EinLiehung (ante-
gonial notch), einen vergrößerten Kieferwinkel (130°) und eine tiefe Ln-
cisura semilunaris (Abb. 15-15).
Beim horizontalen Wachstumstyp beste ht eine Prädisposition zum
Tiefbiss, beim vertikalen Schädelaufbau d ie Tendenz zum offenen Biss.

Abb. 15-14: FRS eines Erwachsenen mit horizonta - Abb. 15-15: FRS eines erwachsenen Patienten mit
lem Schädelaufbau vertikalem Schadelaufbau
156 15 Ronlgendlagnostlk

15.3 Handröntgenaufnahme

Seit den 20\>r Jahren des Ieuten Jahrhundert\ werde11 Romgenaufnah-


men des lland~J..elctts zur Beurteilung der Knochenreife herangezogen.
Die Tech11lk da;u basiert auf der visuellen Beurteilung cint.elner Kno-
chen, ihrem ersten röntgenologischen 1\uftreten und ihren verknöche-
rungsbed ingten Form- und Größenveränderungen. Von den zahlrei-
chen knöchernen Regionen (Fuß, Knie, I lüfte, Ellenbogen, Handwurzel
und I laiswirbell wurde die Handv.'lrr7el am häurlgstcn zur Bestimmung
des Knochenalters ausgewählt, weil in d1esem Ber<~ich d ie meisten Ver-
knöcherungszonen zu beurteilen sind. 30 Jahre spater wurden die IJe-
ferorthopädi~che Oiagnostik- und Therapieplanung und die Beurteilung
von Handröntgenaufnahmen Lur Bestimmung de\ Knochenaltt>rs und
zur ~estlegung des Behandlungsbeginns t>rweitert, 15 Jahre danach
mehrten ~ich wissenschaftliche Untersuchungen Lur frage der Vrrläss-
lichkt>it von I Iandskeiettanalysen und in den letzten Jahren ist die Indi-
kation sehr eingeschränkt worden.
Wachstum und Pubertatscntwicklung voll71ehen sich immer vor
dem llintergrund der ~og. Knocht>nreifung, die sich am besten in der
Reihenfolge der Verknöcherung und des Verschlm~es der Epiphysenfu-
gen \ '011 distalen Unterarmkn ochen, Karpalia und Knochen der Hand
wide~piegelt und in Atlanten von Greulich und P} le oder Tanner stan-
dardisiert ist (Abb. I 5-16).

cm/Jahr cm/Jahr

23
• 23

22 WKhstumsaeschwlndlakelt 22 Wachstumsaeschwindigkeit
21 M.idchen 21 Jungen
20 20
19 19
18 18
17 11
16 16
1S IS
14 14
I) I)
12 12
11 11
10 10
9 9
8 8
7 7
6 6
5 5
4 4
3 3
2 fl 2
I ~ I
0 ~-o~~~~~--~~~~~w~~ 0
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18
Alter (Jahre) Alter (Jahre)

Abb. 1S·16: Wachstumsgeschwindigkeitskurven für Mädchen links und Jungen rechts (nach Tanner). Oie
S<hraffiert gezeichneten Bänder geben die Pet'lenhten der tempokonditionierten Wachstumsgeschwindig-
keit wahrend des PubertatswilchstumsS<hubs an (ilus B.Kaht-Nieke, PraJOs der Zahnheilkunde, Bd. ntl, 4.
Aun .)
15.3 Handröntg~naufnahme •:ff.i!Qifj 157

4 3 2

I Pi
--
pPl
~ (j~
mP1 s
c u
mP 1 dP 1u
-..~ooo

pPl• mPlu
e•d e• d cap

.. -··
-.- ---
in- juvenil adoleszent erwachsen
l fantil
Abb. 15-17: D1e Reifestadien der Hand nach Bjork in Relation zur Wachstumskurve. Oie aus der deskriptiven
Anatomie entnommenen Abkürzungen bedeuten: pP ~proximale Phalanx, mP =media le Phalanx, dP = dis-
tale Phalanx, S = Sesamoid, R, ~Radius closed, Zahlen von 1-5 für die Finger beginnen am Daumen, e ~ d:
Epi- und Diaphyse haben die gleiche Breite [aus B. Kahi-N iek~. Praxis der Zahnh~ilkunde, Sd. 1111, 4. Aufl.).

Die klassische Methode zur klinischen Vorhersage der skelettalen Reifestadien


Reife und des puberalen Wachstumsschubs ben1ht auf einer Arbeit von der Hand
Björk und Mitarbeitern, die in einer Langzeituntersuchung die Bezie-
hung 7Wischen bestimmten skelettalen Reifestadien der Hand im Ver·
hältnis zum maximalen puberalen Wachstum an 52 dänischen jungen
erfasst haben. F.s wurden vier lange Knochen der Hand und das Se-
samoid des Daumens ausgewählt, um das Auftreten, die Größe und den
Verschmelzungszeitpunkt der betreffenden Epiphysen festzustellen
(Abb. 15-17). Aus dieser Untersuchung resultieren acht Reifestadien der
I land und ihre Relationen zum llmgenwachstum. Die von Björk defi-
nierten Reifestadien umfassen clie Entwicklung des Handskeletts zwi-
schen dem 9. und 17. Leben~ja h r.
Das Breitenverhältnis von Epi- und Diaphyse, der proximalen, me-
dialen und dis talen Phalangen des zweiten und dritten Fingers, die be-
ginnende Verknöcherung des ulnaren Sesamoid..~ am Daumen und die
Verknöcherung der di~talen Epiphysenfugen de~ Radiu~ marl-ieren die
wesentlichen Stufen der skelettalen Reife. Unterschieden werden die
Phasen:
_. = für den Zustand der gleichen Weite von Epi- und Diaphyse
_. cap für die kappenförmige Umfassung der Epiphyse tlbcr die Dia-
physe und
_. u für "unit", d.h. Verschrnel.mng von l::pi- und Diaphyse.

Die Zeitpunl-te des Auftretens dieser Reifestadien bilden mit den jährli- Wachstumskurve
eben Wachstumsraten des allgemeinen Längenwachstums die Wachs-
tum~kurve. Die Kurve beginnt mit dem drei Jahre vor Erreichen des
158 15 Röntgendiagnostik

Wachstumsgipfels auftretenden Stadium PP2=, w dem die Epiphyse der


proximalen Phalanx des Zeigefingers die gleiche Breite aufweist wie die
Diaphy~e und das die Adoleszenzphase einleitet. Wenn Epi- und Dia-
physe der mittleren Phalanx des dritten f.ingers gleiche Kreite aufweisen
MP3=, sind noch ein bis zwei Jahre bis zum maximalen puberalen
Wachstumsspurt zu erwarten und ein Jahr später ist im Stadium Sund
mit dem Auftreten des Sesamoids am Daumen der optimale Zeitpunkt
für den Be&'inn einer kieferorthopädischen Behandlung mit skelettaler
Heeinflussung gegeben. Der Ossifikatiomgrad MP3cap, zu dem eine kap-
penförrnigc Umfassung der Diaphyse durch die Epiphyse an der mittle-
ren Phalanx des MitteUingers zu beobachten i~t, bedeutet, dass die Spitze
des puberalen Wachstumsgipfels gerade erreicht oder soeben überschrit-
ten ist. Wenn die Epiphyse der distalen Phalanx des dritten Fingers mit
ihrem Schaft zu einer Einheit verschmolzen ist (DP3u), ist der gröf~tc
Wachstumsspurt ein biseineinhalb Jalue vorher abgelaufen und der pu-
berale Wachstumsspurt beendet. Zu diesem Zeitpunkt tritt bei Mädchen

Wachstum pro Jahr (cm)

10

4
Mädchen
2

10 11 12 13 14 15 16 17 18
Alter (Jahre)

Abb. 15· 18: Ergänzung der Björk-Relfestadien durch Grave und Brown, die da sEr-
scheinen des Os pisiforme, das Stadium R•, d.h. gleiche Weite von Epi- und Dia-
physe am Radius sowie H2, der Haken des Hamatums und PP~up zur Vcrbesstrung
der Präzision ergimzten [aus 8. Kahi-Nreke, Praxis der Zahnheilkunde, Bd.llll 4.
Aufl.]
15.3 Handröntgenaufnahme 4Jlfi1Qif1 159

die erste Menarche auf, und die Jungen haben die Pubertät weilgehend
überschritten. Etwa zwei bis zweieinhalb Jahre nach dem maximalen pu-
beralen Wachstumsschub ist im Stadium PP3u b7w. MP3u kaum noch
Wachstum zu erwarten und mit Ru bzw. Re (radius closed) ist das kiefer-
orthopätli~ch au~nutzbare 3kelettale Wachsturn abgeschlossen.
Nach Grave und Brown dienen sechs weitere Ossifikationsstadien Ossifikations-
Im Bereid1 der Handwurzelknochen Lur genaueren Vorherbestimmung stadien
des Zeitpunkts der größten Wachstumsgeschwindigkeit (Abb. 15-18).

15.3.1 Indikationen

Abweichend von der früheren fast standardmäßigen Anfertigung und


Bewertung von Handröntgenaufnahmen zur Festlegung des Behand-
lungsbeginns in der Kieferorthopädie werden heute unter Berück.~ichti­
gung der zunehmenden Strahlenexposition und -Sensibilität die Indika-
tionen für eine Handröntgenaufnahme strenger formuliert (rechtferti·
gende Indikation):
.A Wenn bei umfangreicher später orthopädischer Behandlungsnot-
wendigkeit die Frage nach dem noch verbliebenen Wachstum auf
Grund der Anamnese nicht beantwortet werden kann .
.A Wenn beieiner Klasse !II-Anomaiie oder einem skelettal offenen Biss
die Frage der wachstumsbedingten Progredienz vor oder während
der Behandlung zu beantworten ist.
.A Wenn für eine geplante kieferorthopädisch-kieferchirurgische Be-
handlung die Bestimmung des optimalen Zeitpunkts für den Be·
handlung~beginn aus übergeordneten Gründen wesentlich ist.
.A Wenn wahrend bzw. nach der präoperativen Harmonisienmg der
Zahnbögen Unsicherheit bezüglich des definitiven Wachstumsab-
sch lu~ses besteht.

Auch die internationale Literatur gibt zunehmend Hinweise auf eine


eingeschränkte Indikation der Handröntgenaufnahme.
GruntlsätLlich können die lnfonnationen über das Skelettwachstum
der zukünftigen Patienten durch eine gründliche Anamnese (Menarche,
Stimmbruch, beobachtetes Längenwachstum) in Erfahrung gebracht
werden, so dass die röntgenologische restlegung des Knochenalters auf
kritische Fälle zu beschränken ist.

Merke
Nach einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschalt für Kieferor-
thopadie von 1997 sollte das Handröntgenbild aus Gritoden der
Strahlenexposition nur unter Beachtung eines engen zeitlichen
Rahmens um den pubertären Wachstumsgipfel angefertigt werden
und/oder wenn entsprechende Informationen nicht durch anam-
nestische Angaben zur Verfugung stehen.
160 15 Rontgendlagnosllk

15.3.2 Herstellung der Handröntgenaufnahme

Die Röntgenaufnahme der I land sollte wegen der allgerneinen größeren


ßeanspn•chung der rechten Hand bei Rechtshändern links angefertigt
werden. In der Zahnmedizin werden Handaufnahmen mit dem Dental-
röntgengerät, mit dem fernröntgengerät oder als Dualaufnahme gleich-
zeitig mit dem Fernriintgenseitenbild angefertigt. Übergeordnet ist bei
der Vlahl der Technik die Reduktion der Strahlendosis für den jugendli-
chen Patienten.

15.3.3 Interpretation

Skelettales Alter Der Vergleich der Handröntgenaufnahme mit den Standardaufnahmen


im Atlas von Greulich und Pyle ermöglicht die Bestimmung des ~kelet­
talen Alters eines Patienten bzw. einer Patientin, das zusammen mit
dem Dentitionsalter, der Ausprägung der Anomalie und der psychoso-
matischen Entwicklung d ie definitive Festle&'lmg des Behandlungsbe-
ginns ermöglicht.
Berechnung der Bei Verdacht auf Minderwuchs oder Entwicklungsverzögenmg kann
voraussicht lichen mit der I Iandröntgenau fnahme auch die voraussichtliche Größe be-
Endgröße rechnet und der Patient zur erwei terten Diagnostik bzw. Therapie zum
Pädiater oder Kinderendokrinologen üherwl e~en werden. Die F:ndlän-
genprognose erlaubt bei Kenntnis des chronologischen Al ters, des Kno-
chenalters und der Körperlänge eine Schätzung der endgültigen Körper-
größe. Die voraussichtliche Endgröße wi rd mit Hilfe der folgenden For-
mel berechnet:

tatsächl iche Körpergröße in cm x 100%


Erwachsenengröße nach Tabdie (von Bayley und Pinneau)

Die Endlängenschatzung ergibt einen Mittelwert mit Fehlerbreite, der


von der Genauigkeit der Knochenaltersbestimmung abhängig ist, und
hat für kieferorthopädische Planungen keine Bedeutung.
16 Fotoanalyse

~lerke
Vor Beginn und nach Abschluss einer kieferorthopadischen Re·
handlungwerden intra- und extraorale Fotografien angefertigt. Ab·
hängig vom Behandlungsverlauf werden Zwischenfotos zur Doku·
mentation hergestellt.

Die Fotodokumentation beinhaltet eine extraorale Profil- und


zwei En-face-Aufnahmen des Ge5icht~. intraora l die Aufsicht des
oberen und unteren Zahnbogcns, die beidseitige Seitenzahnok-
klusion, die sa~,>ittale Stufe und die Frontalansicht der Schneide·
zähne in Okklusion (Abb. 16-1).
Ote extraorale Aufnahme des Iacheinden Pattenten erganzt den
Funktionsbefund und gibt Aufschluss über die ~og. Lachlinie und
den Bukkalkorridor. Oie Lachlinie ist planungs· und therapierele-
vant bei der Positionierung der Schneidelähne in \'ertikaler Rich-
tung (lntrusion/Extrusion; Abb. 16-2). Der Bukt.alkorridor gibt
Aufschlu~s über die Relation zwischen Zahnbogen- und Gesichts-
breite, was insbesondere fu r die Entscheidung transversale Erwei·
tcrung \ ersus Zahnextraktion sehr wichtig ist.
je nach Behandlungsverlauf werden diese Standardaufnahmen
auch wä hrend der Behandlung zurReevaluationder Therapiest ra-
tegie angefertigt.
Profil- und En-face-Fotos werden zusätzlich zur A naly~e der Bczie·
hung zwischen Gebi~sanomalie und \'\1eichteilkonturen als
Schwarzweiß-Kopieabzügc angefertigt. Die Fotografien werden
am aufrecht sitzenden Patienten in habitueller Okklusion bei un-
gezwungen er Lippenhaltung angefertigt.

16.1 Analyse der Profilaufnahmen

Das Gesichtsprofil wurde 1958 von A. M. Schwarz klassifiziert als Ges ichtsprofil
Durchschni ttsgesicht, Vorgesich t oder Rückgesicht. Diese Gmppie-
rung beruht auf der Konstruktion von drei Rezugsebenen:
..;1 Frankfurter Horizontale (Verbindung zwischen Porion (Po), dem

oberen Punkt des Gehöreingangs und Orbitale (Or), eine Lidspalt·


breite unter der Pupille des ungezwungen geöffneten, geradea us bli·
ckenden Auges)
162 16 FotOdnalyse

Abb. 16·1: Fotostatus mit


extra- und lntraor.~len fo.
tograflen: Profilanslcht,
En·face-Ansicht ohne und
mit Lachen, intraorale
Frontansicht, intraorale
Seltenansicht und obere
und untere Kieferaufsicht
16.1 Analyseder Profilaufnahmen 41'·"""1 163

Abb. 16-2: En-filce-Foto emes Iieheinden


P3tienten mrt lilchlime

.4 asiomenkrechte (Senkrechte durch das Weichtelinasion auf die


rrankfurter llorizontale)
.4 Orbitalsenkrechte (Senkrechte durch den Orbitalpunkt auf die
rrankfurter llori?ontale).

Zwischen der '\a~ion- und Orbitalsenkrechten liegt das sog. J(j eferpro- Kieferprofilfeld
filfeld (KPf). Bei regelrechtem Profilverlauf (Riomed- oder 1deale) Mit-
telwertge,itht) beruhren der Subnasalpunkt und die Oberlippe die Na-
sionsenkrechte, und das Hautgnathion hegt auf der Orbitalsenkrechten.
Befindet sich das Subnasale vor der Nasionsenkrechten, be!>teht die Va-
riante eh~' Vorge\icltb, hegt das Subnasale hinter der '\a~ionsenkrech-
ten, ~pricht man von einem Rückgesicht. für die\c drei Profiltypen wer-
den je nach i>osition des Weichteilpogonlom in He7ug 1um Subnasale je
zwei weitere Gesichtstypen unterschieden (nach vorne bzw. nach hin-
Abb. 16-3: Fotostatanalyse (nach A.M.
Schwarz). Gerades Mrtlelwertgesicht.
der Subnasalpunkt (Sn) liegt auf der Pn-
(Perpendicula re· niiSille-)Senkrechten.
der Weichterlkrnnpunkt Pog hegt am
Übergang zum hinteren Orrttel des Kie- /
ferprofilfeldes. • N

Sn

Gn Pog

Po ""
KPf
164 16 Fotoanalysl!

ten schief). lnsgeo;amt werden also neun unter'>Chiedllche Profile einge-


teilt ( \bb. 16-3).

16.2 Analyse derEn-face-Aufnahmen

Das En-face-ßild dien t der Beurteilung von Disproportionen und Asym-


metricn des Ge~icht' in transversaler und vertll..dler F.bene.
Zur Analyse werden die Orbitalpunkte, der Naslonpunkt, der Subna-
salpunkt und der PunktStomion eingezeichnet.
Als \"Crtil..ale Bezugsebene dient die Verhindung de~ Nasionpunkte~
mit dem Subnasalpunl..t, ah obere Horizontalebene die Bipupillarlinie
und als untere llori7ontalebene die ParaiJele zur Blpupillarlinie durch
Stomion. Muskelhrpcrplasien (~fusculus masseter) sowie Kinnabwei-
chungen (mandibulare Unterkieferschwenkung) können •;o auch foto-
ana lyti~ch fe\tgestellt werden (Ahb. 16-4 und 16-5).

Abb. 16-4 : Schematische


Darstellung eines symme-
t rischen Gesichtes [nach Ra·
kosl und Jonas]

Bipupillar-
linie
- Orbitale
Subnasale
---- Stomion

Abb. 16-S: Kontrolle des Behandlungsverlilufs bei einer Patient in mit hemifolzialer
Mikrosom1e und durch rechtsse.t1ge Kondylushypoplasie bedingter Gesichbilsym-
metrie nach rechts
4$(.ji01ij 165

17 Modellanalyse

Die dreidimensionale Vermessung des Gipsmodell~ von Ober-


und Unterkiefer sowie die Erfassung aller nicht messbaren Mo-
dellbefunde sind wi chtige Bausteine der kieferorthopädischen Be-
tunderhebu ng.

17.1 Abdrucknahme und Modellanfertigung

Die Abdrücke zur Herstellung des kieferorthopädischen Schau- und Ar-


b ei tsm od ells (s.a. Kap. 21.13) werden mit nich t perforierten Löffeln,
die eher zu groß als zu klein sein sollten, und Alginatabformmasse her-
gestellt. Diese Vergehensweise sichert die Verdrängung der vestlbulä ren
Umschlagfalte und gewährleistet, dass die apikale Basis am Modell opti-
ma l sichtbar ist, außerdem werden die sublingualen Räume und Band-
ansä tze gut dargestellt.
Um die Raphe palatina mediana für den Symmetrievergleich ein-
zeichnen zu können, wird ein Pfeil in die Abdrud.masse im Bereich der
Sechsjahrmolaren auf der im feuchten Abdruckmaterial gut sichtbaren
Mittellinie (Übergang vom weichen zum harten Gaumen= A-Unie) ein-
geritzt (Abb. 17-I).
Die Abformung wird für das Schaumodell mit Spezialhartgips, für
das Arbeitsmodell mit llarlgips ausgegossen. Mit Hilfe eines Wachsbis- Wachsb iss
seswerden die Gipsmodelle dreidimensional zur Raphe-Mcdian-, Tuber-
und Kauebene orientiert. Bei der \Vachsbissna hme wird der dem Zahn-

Abb. 17-1: Konstruktion der


Raphe-Median-Ebene
(RME), x = Einstrahlungs-
punkt des zweiten Gau-
menfaltenpaares, Ll• Über-
gang des harten zum wei-
chen Gaumen, senkrecht
dazu durch die am weit es-
ten distal stehenden Tubera
maxillae die Tuberebene

Tuberebene
166 17 Modellanalyse

Abb. 17·2: Wachsbissnahme:


auf dte unteren Olcklusalflä·
chen und hmter die unteren
lnzis.v• gelegter YOrgeform-
ter Wachswall zur dreidi·
mensionalen Zuordnung
des Ober· und Unterkiefer·
gipsmodells

bogen angepasste, vorgeformte Wadmvall auf tlie OJ..klu~lflächen der


unteren Seitenzahne und hinter die unteren Schneidezahne gelegt. Der
Patient wird gebeten 7U7ubeißen und der abgeJ..uhlte Wach~bi~5 v.rird
auf dem zuvor angefertigten Gipsmodell auf seine Passgenauigkeit und
Richtigkeit uberprüft (Abb. 17-2).
Raphe·Median· Oie Raphe-Median-Ebene (RME), zur Restimmung transversaler
Ebene Abwegigkelten und Lum ~agittalen Symmctrievergleich, ist eine
Median-Sagittalebene (Körbitz), die durch den F.imtrahlungspunkt des
zweiten Gaumenfaltenpaares und den Obergang vom harten zum wei-
chen Gaumen fe\tgelegt ist. Sagittale Abweg•gJ.. eiten werden in Relation
Tuberebene zur Tuberebenc, die dorsal der Tubera maxlllae ~enJ..recht zur Raphe-
Kauebene Median-l:bene verlauft, und vertikale Abweichungen .:ur Kauebene
(Okklusionsebene). die durch die bukkalen Hti<:J..e~pluen der Prämola·
ren brw. die meslo-buJ...kalen Hockerspitzen des ersten Molaren und des
ersten Prämolaren verlauft, bestimmt (1\bb. 17·3).

Tuberebene

Abb. 17·3: Oreodtmenslonale Orientierung der Ktefermodelle


17.2 Zahnstatus und Zahnbr4!it4!nv4!rm4!ssung 4 :f t.i!Q i fl 167

,, """' C.Umtbol••"'"'' (Oifl)


..... l.e.lbogtof'll;)"'gtft
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stutttOtltnsoll SIOK
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""" SI IUIQ mm .... T• bot«'l>n&M (l!l)

~ le~lbolt'.,l~n (Sol4)
(in, Ta'l~b) -I - • lOS

""" "'"' mm l<lbol<"linl<" (O.H)
.1.
lt
"''" 1 """ mml Gtumtho,t.
t

~W~~ (tMf)

Abb. 17-4: Zahnschema zur Erfassung des klin ischen Status mit allen durchgebrochenen bzw. im Durch -
bruch befindlichen bleibenden Zähne sowie den Milchzähnen. Der Röntgenstatus beinhaltet die nicht
durchgebrochenen, angelegten Zähne und die Nichtanlagen. Die m4!siodistalen Diameter ermögl ichen die
Berechnung der Tei l bogenlängen-Soll- und -Istwerte.

17.2 Zahnstatus und Zahnbreitenvermessung

Alle durchgebrochenen und im Durchbruch befindlichen ZäJme wer-


den in ein Zahnschema eingelragen (Abb. 17-4, klini scher Status).
Mit HUfe eines Stech7irkels uder einer Schieblehre mit Nonius wer- Mesiodistale
den die mcsio -distalen Diameter aller bleibenden, vollständig durch- Diameter
gebrochenen Zähne erfasst (s.a. Abb. 17·4, mesio-distal e Diameter). Die
Summe der ln zisivibreiten im Oberkiefer SIOK und im Unterkiefer SIUK SIOK und SIUK
ergibt den fur d ie oberen bzw. unteren ln zisi vi benotigten Platz. (Soll)
(Abb. 17-S, s.a. Abb. 17- 4, SIOK und SI UK).
Oie Summ e der mesio-distalen Diameter des Eckzahnes und der Prä-
molaren (sofern durchgebroch en) je Quadrant ergibt das PlaLZsoll für
die jeweilige Stlitzzo ne (s.a. Abb. 17-4, Teil bogenlängen [Sollj). Sie ist de- St ützzone
fini ert als Distanz von mesial des Sechsjahrmolaren nach dista l des sei t·
liehen lnzisivus (Abb. 17 -6).
Fehlen Schneidezähne im Ober- oder Unterkiefer einseitig, wird die
mesiodistale Breite des fehlenden Zahnes durch di e l~reite des entspre-
chenden Zahnes der Gegenseite ergänzt. I

Abb. 17-5: Die Summe der mesiodista len Diameter der oberen a) bzw. der unteren
b) Inzisiv! ergibt das Tei lbogenlimgensoll für die Front.
168 17 Modellanalyse

Abb. 11·6: Oie Stützzone im


Stutzzone OK intakt~n WKh~lg~biss: die
Summe der mesiOdostalen
Diameter des MilchKkzah-
nes. des ersten und zweiten
Milchmolaren und di~ Dis-
tanz zwischen dem Sechs·
jahrmolar und dem seitli-
chen Schneidezahn je Qua·
drant. Oie Differenz
zwischen der Breiten-
summe der Milchzähne und
der der bleibenden Nachfol·
ger, der L~eway space, ost
mit P{ellen gekennzeichnet.

Stutzzone UK

Tonn ·R~Iation Bei bilateralem l·chlen wird das Soll (PiatzbcdarO über die To nn- Re-
la tion berechnet. Die Tonn-Relation beschreibt da!> Verhältnis der Brei-
tensumrne der oberen zur Breitensumme der unteren lnzisi\·i. Die obere
lmisi\ ibreitensumme (32 mm) verhält sich zur unteren hru~ivibreiten­
summc (24 111111) wie 4:3.

SIOK : SIUK • .J: 3

Bei fehlenden :>eitenzähnen in der Stützzone oder nicht vollständigem


Tanaka-Formel Durchbruch wird der Plat7bedarf über die Ta naJ..a-Formel ermittelt.
~ach der Tanaka-l'ormcl wird der Platzbedarf für den Ober- und Unter-
kiefer getrennt bcrl'<:hnet·

Plat1bedarf OK- ~IUK · 2 + II


Platzbedarf UK = SIUK: 2 + 10,5
17.4 Zahnbogenbreite 4:fi.IIDIU 169

Abb.17-7: Teilbegenlängen-
Ist für den Schneidezahn·
und Seitenzahnbereich

113 Platzbedarfsanalyse

Zur Berechnung des PlalLbedarfs im bleibenden oder Wechselgebiss


muss das Platzangebot (Istwert) für die beiden Stützzonen und den
Schneidezahnbereich getrennt je Kiefer gemessen werden. In der Front
wird ein idealer harmonischer Bogen zwischen der Mesialfläche der Eck-
zähne (Distal fläche der seitlichen Schneidezlihne) mit biegbarem Lineal
oder weichem Draht gemessen. Diese Methode birgt insbesondere für
den Unerfahrenen einen relativ großen Methodenfehler, da häufig der
Umfang der Schneidekanten erfasst wird. Dies führt bei Protrusion bzw.
Retrusion zu einem stark vergrößerten bzw. verkleinerten PlalLangebot
und zu einer Fehleinschätzung der Platzbilanz. Der in den Stützzonen Platzbilan z
zur Verfügung stehende Platz wird ebenfalls mit dem Lineal oder mit
der Schieblehre erfasst (Abb. 17-7).
Die Beurteilung der Raumverhältnisse oder Platzbilanz folgt aus der
Diffe renz zwisch en Soll- tutd Istwerten, bei Minuswerten besteht Platz-
mangel, bei Pluswerten Plallübcrschuss. Die Addition der J.:inleldiskre-
panzen je Kiefer ergibt die Gesamtbogen Iangendifferenz (s.a. Abh. 17-4).

17.4 Zahnbogenbreite

Basierend auf zah lreichen Untersuchungen lum Schn eidezahn breiten- Pont-Relat ion
Za hn bogenbreiten ln dex {flont) wird der Sollwert für die tranwer~ale
Zahnbogenbreite im Prämolaren- und Molarenbereich in Abhängigkeit
von der mcsiodistalen Breite der vier oberen lnzisivi berechnet. Die
Pont-Relation lautete für den transversalen Abstand zwischen den
Messpunkten an den ersten Prämolaren SI x 100 : 80 und Wr den trans-
versalen Abstand zwi~chen den Messpunl.."ien an den ersten Molaren
SI-: 100:6-L
Da mehrere Studien ergeben haben, da.~s im individuellen Fall nur
selten die so berechneten Zahnbogenbreiten bestanden, wurden ver-
170 17 Modellanalyse

schiedene korrigi erte T<1bellen zusammengestellt (llard, Linder, Kork·


haus, A. M. Schwarz). Nachflocket a1. und Sctunuth wurden in Anleh-
nung an eigene Nachuntersuchungen die Formeln vereinfach!. Für die
anteriore Za h nbogen brei te SIOK + l:lund für die posteriorc Zahnbo-
ge nbreite SIO K + 16 (Sollwerte).
Anteriore und Oie Messpunkte wurden für den Ober· und Unterkiefer so gewählt,
posteriore Zahn· dass bei korrekter Okklusion die Bezugspunkte aufeinander liegen (kor-
bogenbreite respondierende Punkte). Im Oberkiefer wird die a nteriore Za hn bogen ·
breite vom tiefsten Punkt der Querfissur des ersLen Prämolaren zur Ge-
gensei te gemessen, für die postcriore Zahnbogenbreite wird der tiefste
Punkt der Lentralen Fossa mit dem der Gegenseite verbunden. Im Un-
terkiefer sind die anterioren Messpunktc der vestibuläre Kontaktpunkt
zwischen dem ersten und zweiten Prämolaren und posterlor die Spitze
des zentrobukkalen Höckers des Sechsjahrmolaren (Abb. 17-8).
Der Vergleich der Soll- mit den Istwerten ergibt die Dia~:,rn osen :
~ normal breiter Kiefer
~ anterior<'C und/oder posteriorer Schmalkiefer
~ anteriorer und/oder posteriorer ßreitkiefer.

lntercanine Die Zahnbogenbreitenanalyse ist auch heute noch eine sinnvolle Me·
Distanz thode zur Objektivierung eines Missverhällnisses zwischen Zahn- und
Kiefergröße sowie zwischen den Kieferbreiten von Ober· und Unterkie-
fer. Neben der Vermes~ung und dem Vergleich von Ist· und Sollwerten
müssen die transversale Position und die eigung der Ober· und Unter·
kieferseitenzc'ihne visuell beurteilt und bei der r:rage der Platlbeschaf·
hmg und der Angleichung der Kieferbreiten berücksichtigt werden.
Abb. 17-8: Anteriore und
postcriorc Zahn bogen-
breite. Pont·Messpunlcte
und antcriore Zahn bogen·
langen (aus G. Schmuth.
Praxis der Zahnheilkunde,
Bd. 11, 3. Aufl.)

Richtwerte
Lo • Lu • SI : 2
P- P • SloK+ 8
M - M • 5101< +16
17.7 Transv~rsal~r und sagittaler Symmetrievergleich 4 \fhllQifl 1'71

Zahlreiche Studien nu Unveränderlich keit des transversalen Abstands


zwischen den unteren Eckz.'ihnen, der sog. intercaninen Distanz, be- lntercanine
schäftigten sid1 mit dieser Thematik. Distanz

17.5 Zahnbogenlänge

Die vordere Zahnbogenlänge nach Korkhaus (s. Abb. 17-8), d.h. das Lot
vom Schnittpunkl der Schneidekanten der mitlleren ln zisivi auf die
Verbindungslinie der Ylesspunkte der vorderen Zahnbogenbreite, dient
der Erfassung sagittaler Stellungsanomalien der Schneidezähne.
Da die vordere Zahnbogenlänge durch Fehlstellung sowohl der
Schneidezähne als auch der e rsten Prämolaren beeinfluss t wird, un ter-
liegt sie äußerst großen Schwankungen .

17.6 Frontzahndisharmonie

Das Ausmaß von Rotationen im Bereich der vier Schneidezähne wird


durch den sog. l rregt•laritätsin dex nach Little erfasst. Der lrregulari- lrregularitäts-
tä tsindex beinhaltet die sagittalen Distanzen der mesiodistalen Kontakt- index
punkte zwischen rollert positionierten Schneidezähnen. Die sagittalen
Abstände werden zum Index addiert und sind ein Maß für die Front-
zahnirregu larität. Dieses Maß erlaubt keine Aussage über das Platzange-
bot im Bereich der rotierten Zähne, d.h., es können sowohl Lücken als
auch Engstände be$tehen (Abb. 17-9).

Abb. 17-9: Messmethode


mit Schiebelehre zur Erfas-
sung der Frontzahndishar-
monie durch den lrregulari·
tätslndex (nach little)

I
17.7 Transversaler und sagittaler Symmetrievergleich

Beim transversale n Symmetrieverg le ic h werden transversale Kiefer-


en twi cklung und lnkongruenzen zwischen Zahnbogenmitte und Kiefer-
mitte (dentoalveoläre Mittellinienvcrschiebungen) relativ zur Raphe-
Median-Ebene mil Hilfe der Schmuth-l'la tte überpruft. Die Mes~platte
17 Modellanalyse

Abb. 17-10: Schmuth-Piatte


auf Ol>erkiefermodell

mit einem Visierraster dien t der Ausscha ltung von Blickrichtungsfeh-


lern (Parallaxenausgleich) und wird im Oberkiefer auf die Raphe-Me-
dian-Ebene ausgerichtet (Abb. 17-10).
Bestimmung der Die Unterkiefermitte könnte durch eine Spinaaufnahme und durch
Unterkiefermitte ein frontales Fernröntgenbild beurteilt werden. Aus strahlenhygieni-
schen Gründen ist d ies aber nicht indiziert.
Daher wird sie durch Beurteilung der Ansatzstelle des Zungenbänd-
chens und das von der Oberkiefermitte auf d ie Un terkiefermitte gefällte
t.ot im dorsalen Bereich bestimmt. Bei unilateralem Kreuzbiss, Kopfbiss
und bukkaler bzw. lingualer Nonokklusion kann so abgeklärt werden,
in\\ridern ei ne asymmetrische Breitenentwicklung des Ober- und/oder
Unterkiefers an der Entstehung der Dysgnathie beteiligt ist. Die radiolo-
gische Bestimmung der Unterkieferschwenkung sollte lediglich bei aus-
geprägten skeleltalen Anomalien prächirurgisch durchgeführt werden.
Bestimmung der Eine dentoalveolare :Mittellinienabweichung im Oberkiefer wird mit
Oberkiefermitte Hilfe der Schmuth-Platte festgestellt. Mittenabweichungen im Oberkie-
fer durch eine tranwersale Fehlposition des Oberkiefers treten selten auf
und werden dann im Zusammenhang mit komplexen Gesichtsasymme-
trien bei ausgep ragten Dysgnathlen durch da~ frontale Fernröntgen-
seitenbild metrisch verifiziert. Jm Unterkiefer jedoch muss häufig
lwischen dentoalveolärcr und mandibularer Mittellinienabweichung
differenziert werden. Eine rnandibuläre (gnathische) ~lit teJUnienver­
schiebung kann extraoral als Gesichtsasymmetrie imponieren bzw. auf
einem anterior-posterioren Rön tgenbild (frontales Fern rön tgenbild)
festgestellt werden. Außerdem liegen bei mandibulären Mlttellinielll'er-
schiebungcn häufig hälftcnungleid1e Okklusionsverhältnisse vor.
Am schwierigsten ist die Differentialdiagnose zwischen der Mittelli·
nienabweichung dentoalvcolärcr Art im Ober- und/oder im Un terkiefer
und einer zusätzlichen mandibularen Mi ttellinienverschiebung.
Der sagittale Syrnmetri evergleich , der ebenfalls mit der Schmuth-
Piatte durchgeführt wird, o rientiert sich an der Tuberebene. Diese Ana-
17.9 Okklusion • :m1n1n 173

lyse d ient der Fesl5teUung von asymmetrischen Zahnwandenmgen,


i.d.R. nach mes ial, nach frühem asymmetrischem Zahnverlust selten im
Unterkiefer auch nach distal.

17.8 Analyse vertikaler Abweichungen

Die Kaueben e (Okklusionsebene), als vertikale Bezugsebene, ist defi-


niert durch die Tangente an den mesiobukkalen Höckerspitzen der ers-
ten Molaren und an den bukkalen Höckerspitzen der Prämolaren. Ver-
längerungen von Einzelzähnen oder Zahngruppen über die Kauebene
hinalL~ (Suprapo~ition, Supraokklusicm, F.longation) und Verkürzungen
von Einzelzähnen oder Zahngruppen in Bezug zur Kauebene (lnfraposi-
tion, lnfraokklusion) werden optisch erfasst und nicht gemessen. Der
Verlauf der Spee-Kurve (steil, nach oder umgekehrt) wird ebenfalls
durch Aunegen der Schmuth-Platte oder eines Uneals in die Analyse
einbezogen.

17.9 Okklusion

17.9.1 Seitenzahnverzahnung

Oie Okklusion im Bereich der Sechsjahrmolaren sowie der Milch- oder


bleibenden Eckzähne wird in 1h 1/z, Jf4 und 1 Prämolarenbreite ange-
geben. ~wird eine Klasse 1-, Klasse II- und Klasse JJI-Verzahnung für die
rechte und linke Seite getrennt bestimmt.
174 17 Modelanalyse

11.9.2 Sagittaler und vertikaler Übe rbi ss, transversale


Okklusionsbestimmung

Overjet Die \agittale Stufe (Overjet) wird mit einem Lineal als der Absta1d zwi -
schen der Labialfläche der unteren mittleren Schneidezähne und Jer ln-
zisalka nte der oberen mittleren lm:isivi parallel zur Kauebene mttrisch
erfasst (Abb. 1 7-I I).
Overbite DN vertikale Überl>iss (Overbite) wird von der Schneidekar.te der
unteren zur Schneidekante der oberen Jnzisivi gemessen (s. Abb. !7· 11).
Uni- oder bilaterale tranwecsale Okklusionsabweichunge;, wie
Kreuzbiss und 'on okklus ion werden optisch erfasst (s.a. Kap. 11.2.1,
Abb.l l -1).

Abb. 17·11: Overjct unJ Over·


blte [aus G. Schmuth Praxis
der Zahnheilkunde, 8:!. 11, 3.
Aufl.)
4$!.hijll:l 175

18 Diagnose und Behandlungsplan

Einzeihefunde und Vennemmgsergehnl~\e werden als Ge~amtbefund


zusammengefasst und ergeben die Diagnose. Zur besseren Übersicht wer-
den die Befunde fu r den Ober- und Unterkiefer ~owie für die Kieferbezie-
hung und Okklusion getrennt dargestellt. Innerhalb dieser Unterteilun-
gen werden zur Optimierung der Systematik transversale, sagittale und
vertikale Einzelbefunde zusammengefasst in der Reihenfolge ihrer Rele-
vanz erwähnt. Aus der Diagnose, basierend auf Anamnese, klinischem
und röntgenologischem Befund, wird ein detaillierter Behandlungsplan
für Ober- und Unterklt>fer sowie die Okklusion ausgearbeitet (Abb. 18-1).
Zu den transversalen Abweichungen (Einzelkiefer und Okklusion Transversale
betreffend) gehören: Abweichungen
~ oberer und unterer Schmal-/ Breitkiefer
~ frontaler Eng-/Lückenstand (Diastema, Trema)
~ Rotationen der lnzisivi

~ alveoläre Mittellinienverschiebung {}.I LV) nach rechts/links


~ Palatinal-/Vcstibulärstand \'On einzelnen Seitenzähnen b1w. der ge-
samten linken und/oder rechten Seitenzahnreihe
~ uni-/bilateraler Kreuzbiss, Nonokklusion, Bukkai-/Lingualokklusion
~ mandibuläre (gnathische) Mittellinienverschiebung.

Zu den sagittalen Abweichungen (EinLeiJ..iefer und Okklusion betref- Sagittale


fcnd) zählen: Abweichungen
~ seitlicher Platzmangel/-vcrlust/-übcrschuss
~ Mesiai-/Distalwandcrung/-stand der Seitenz.iihnc

~ Rotationen der Seitenzähne


~ Protrusion (Labialkippung)/Rctrusion (Linguai-/J>alatinalkippung)
der lrlliSi vi
~ Labial-/l.inguai-/Palatinalstand der lnzisivi
~ Klasse I-/Klasse li-/Klasse 111-Verzahnung im Molaren-/Eckzahnbe-
reich
~ vergrößerter/verkleinerter Overjet (sagittale Stufe)
~ umgekehrter frontza lmubcrbiss (negative sagittale Stufe).

Bei den ve rtikalen Abweichungen (Fimelkiefer und Okklusion betref- Vertikale


fend) sind zu nennen: Abweichungen
~ Infraokklusion (lnfrapmition, Verkü rzung)/Supraokklusion (Verlän-
gerung, Elongation) von Eimellähnen und Zahngruppen
~ vergrößerter (Tiefbiss)/verkleinerter Overbite
~ Crontal/seitüch/zirk'Uiär offener Biss.
~
"'

O. >
.. <T
"' <T Diagnostik Therapie
c:..
::> co Kllnischer-/M odellbefund Röntgenbefund
~· ,;.
~ >
tC. c: OK: Schmalklefer, f ront aler Eng- und Drehstand
... .,.
OPG OK
Ol o N M LV n. recht s, zu erwartender Platzmangel in den
:;l;c
... oo Stützzonen
=GI
" c
~""
CQ.
3 ..
..3if,.
"' 3 UK
:z::." FRS
Skelettal
UK

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Q.:::J
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Okkl. Okkl.
~ Dental
~ 1-NS öö
;;;;
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1-GoMe
Profil Prognose
..
2
OQ
:::>
C' Lebensalter
~
Hand Dat um Sagittale Stufe mm Überzahltgepl. Ex. Unterzahllerf. Ex. ~
c
MLV
"'iö'iO' 1- :::>
a.
:r:r
~
Dentitionsalier
..5.
~ c
:I
a. Skelet tales Alter
;; ~
gnath. M lV
....
ii
I I I I I I :I
18 Diagnose und Behandlungsplan 4'fHiijii:J 1n

Zusammen mit den Informationen aus der Familien- und Eigenanam-


nese, dem Funktionsbefund, dem OPG-, Handröntgen-und FRS-Befund
kann so die Diagnose erstellt werden.
Sie lautet beispielsweise: ,.Oberer und unterer Schmalkiefer mit fron-
talem Eng- und Drehstand bei bialveolärer Protrusion und Klasse II-Ver-
zahnung, skelettaler Klasse II durch relative Vorverlagerung des Ober-
und Rückverlagerung des Unterkiefers mit vertikalem Wachstum~mus­
ter. Alle bleibenden Zähne ~ind angelegt, die dritten Molaren befinden
sich, bei enger Keimlage in den Stützzoncn, in hoffnungslosem Platz-
mangel. Die sehr ausgeprägte dentoalveoläre und skelettale Anomalie
wird durch eine orofaziale Dyskinesie (Zungenprcssen) zusätzlich er-
schwert."
Kieferorthopädische Behandlung
A:fi.hblfl 181

19 Grundlagen

Eine kieferorthopädische Kraft ist charakt~risiert durch ihre


Größe, Richtung, Dauer, Hubhöhe und den Ansatzpunkt. Es wer-
den auf Grund der unter~chiedllchen Kraftgröße und de~ unter-
schiedlichen Ansatzes dentoalveoläre oder orthodontische Kräfte
von skelettalen oder orthopäd i ~chen Kräften und die daraus resul-
tierenden Bewegungen von Zähnen bzw. Veränderungen der Kie-
fer unterschieden.

19.1 Orthodontische Zahnbewegung

19.1.1 Physikalische Gru ndlage n

Die Größe und Richtung einer definierten Kraft wird durch einen Vek-
tor repräsentiert. Seine Länge beschreibt die Kraftgröße, die Pfeilspitze
die Kraftrichtung. ln einem Gleichgewichtssystem addieren sich alle
Vektoren zur Vektorsumme null, d.h., alle Kräfte und Momente kom-
pensieren sich zum Gleichgewich t.

Kraftgröße
Nach Reitan (1957, 1969) sind optimale Kra ftgrößen für verschiedene
Zähne und Bewegungen zu unterscheiden. Er gibt für Kippbewegungen
kleiner Zähne 0,2-0,3 N, großer Zähne 0,5-0,75 ; für die körperliche
Bewegung klclncr Zähne 0,4-0,5 N, großer Zähne 1,5 ; für die Wurzel-
bewegung kleiner Zähne 0,5 N und großer Zlihne 1,2-1,5 N sowie für die
J::xtruslon 0,3~.5 N an. Für die Intrusion sollten 0,25 N pro Zahn nicht
überschritten we rden. Eine Orientierung über die Wuw~loberflächen
der bleibenden Zahne nach jepsen (1963) vennittelt Abbildung 19-1.
Sowohl wurzelresorbierte Zähne als auch horizontaler Knochenabbau
im Bereich des Alveolarfortsatzes führen zu einer Reduktion der zu be-
rücksich tigenden Wurzeloberfläche.
Insgesamt sollte die verwendete Kraft 1 N/cm2 Wurzeloberfläche
nich t überschreiten. Bei gesunde m Parodontalapparat gibt Ricketts für
die bioprogressive 1 herapie für verschiedene Bewegungsarten unter-
schiedliche Kräfte an. Bei geschädigtem Attachrnent müssen d iese Kraft-
größen reduziert werden.
182 19 Grundlagen

Oberkiefer 4H 220 234 273 179 201

Unterkiefer 4 31 207 180 268 168


-
154

Abb. 19·1: Wurzeloberfläche in mml für die oberen und unteren Schneide- und
Eckzähne, Prämolaren und ersten M olaren

Kraftdauer
Kontinuierliche Es wird zwischen kontinuierlichen und Intermittierenden Kräften un-
Krafteinwirkung terschieden.
Eine kontinuierliche (dauernde) Krafteinwirkung ist bei der Behand-
lung mit festsitzenden Apparaturen so lange gewährleistet, wie die akti·
ven Elemente wirksam sind.
Intermitt ierende Eine intermittierende dynamische Kraft wird bei Behandlung mit
dynamische Kraft abnehmbaren Geräten appliziert. Es findet ein Wechsel zwischen Belas-
tungs- und Ruhephasen statt. Fü r eine intermittierende Kraft ist cUe
schonende Belastung bei anfängl ich schwacher Knochenapposition mit
täglich kleinen Rezidiven und eine rasche Resorption durch Vermeh-
rung der Ostcoklasten bei geringer l lya linisierung typisch.

Kraftansatz und Hubhöhe


Vom r\nsatzpwü:t der Kraft, weiter inzisal oder we iter okklusal, häng1
die resultierende Zahnbeweglmg ab. je näher der Ansatzpunkt der Kraft
am Widerstands7entrum lokalisiert ist, um so eher i~t eine körperliche
Zahnbewegung (Translation) möglich; je weiter entfernt der Kraftansatz
vom Wlderstandszentrum, umso eher findet eine reine Kronenbewe-
gung (Kippung) sta tt.
Bezüglich der Hubhöhe wird zwischen kurz- und langwegigen Kräf-
ten unterschieden. Kurzwegige Kräfte werden beispielsweise mit Sduau-
ben- in herausnehmbarcn Geräten - und langwegige Kräfte mit Rück-
holfedern appliziert.
19.1 Orthodontische Zahn~wegung 44 j.JiQißl 183

Kraftrichtung
Da ein starrer Körper unter Krafteinwirkung seine Form nicht ändert,
bewegt er sich unter Krafteinwirl..ung. Oie möglichen Bewegungen eines
starren Körpers sind die Parallelverschiebung oder körperliche Bewe-
gung (rranslation), die Drehung um eine Achse (Rotation) und Kombi-
nationen aus Translation und Rotation.
Rei einer Parallelverschiebung ( rranslation) verläuft der Kraftvektor Parallel -
durch das Widerstandszentrum eines Körpers (Abb. 19-2). Unter dem verschiebung
Widerstand~zentrum einer resiliertt aufgehangenen Hartgewebseinheit (Translation)
versteht man den Punkt, an dem eine Einzelkraft eine Translation bc·
wirkt. Es ist der Summationseffel..t zwischen Massenmittelpunkt und
Elnspannungszentrum. Die Lage des Widerstandszentrums hän!,'t bei ei- Widerstands-
nem Zahn ab von der VVurzellänge und -form, der Anzahl der Wurzeln, zentrum
der Höhe des Attachments, der Dicke und Qualität der Bindegewebs-
manschette und von der Form und Dicke des Parodontalligamentes. Für
einen einwurzligen Zahn im jugendlichen Gebiss ohne Parodontallä-
sion liegt das Widerstandszentrum etwa am Übergang vom zervikalen
zum mittleren WurzeldritteL Fur einen mchrwurzligen Zahn liegt es 1- 2
mm apikal der rurkation.
Bei Translation und Rotation wi rkt die Kraft in einem bestimmten Drehmoment
Abstand vom Widerstandszentrum. Das Produkt aus Kraft (Force = F)
und senkrechtem Abstand (a) zum Widerstandszentrum bezeichnet
man als Drehmoment M.

M = Kraft F x Abstand a

Die auf den Körper wirkende Kraft besitzt zwei Komponenten: eine
tramlatorische fur die lineate Bewegung und eine rotatorisehe fur die
Drehung des Körpers (Abb. 19-3).
Wird die Translation durch eine gleichgroße Gegenk raft kompen- Rotation
siert im Sinne eines Krärtepaares, kommt es nicht zur Translation, son-
Abb. 19·2: Bei der Transla-
tion verläuft der resultie-
rende Krartvektor durch das
Widerstandszentrum.

vorher nachher

Abb. 19-3: 01e Kraft F wirkt


Kraft F
im Abstand a vom Wider·
standszentrum, der Körper Ä

.. •
bewegt sich linear und y
dreht sich gleichzeitig.

vorher nachher
184 19 Grundlagen

Abb. 19·4: Um eine reine Ro-


A tation zu erreichen, wird die
...

Knft f ( ·) trJnslatorische Kompo-
nente durch e•ne Gegen-
kraft kompensiert, d.h., es
wirken zwei Drehmomente.

vorher nachher

dem 1.ur reinen Rotation, da .:wei gleichgl!rlchtete 1\lomente auf den


Körper wirken (Abh. 19-4).
Vom \lassenschwerpunl..t eines starren Kürpef\ {Widerstandszen-
trum) ist das Rotationszentrum der Punkt, um den sich ein starrer Kör-
per scheinbar dreht, 7U un terscheiden.
Da in der Kieferorthopädie als Kraftangriffspunkt das Bracket be-
nutzt wird, mu~\ dn Moment der Größt- ~ Kraft x senl-Iechter Ab~tand
Bracket - Widerstandszentrum" hinzugefügt werden. Dieser Abstand
der Parallelverschiebung der Kraft ist gegt-bcn durch den Quotienten
M/F. Mit geeigneten Kraftapplikationssystcmen, also orthodontischen
Apparaturen, kann man M/ F ein~tellen und da~ gewünschte Kraftsys-
tem individuell verändern. f.s resultieren
A reine Rota tlon
A unJ..ontrolliertc Kippung
A J..ontrollierte k:ippung und Translation oder
A reme \\'urzclbcwcgungen.

Unkontrollierte Bei emer unkontrollierten Kippung (z.B. durch den Labialbogen an Ci·
Ki ppung ner ObcrJJeferplalle) liegt der Kraftangriff ca. 10 mm koronal des Wi-
derstands.:entrum~. und das Rotationszentrum ist I 2 mm apikal des

Widerstandszentrums lokalisiert. Daraus re\u ltleren eine Kronenbewe-


gung in Kraftrichtung und eine Wurzelbewegung in die Gegenrichtung
(Abb. 19-5). Die unJ..ontrollierte Kippung ist mit ht•rausnchmbaren Ce-
raten .:u erreichen und !,rilt als typische Bewegung, um bei Angle Klasse
11 1 die Protrusion der oberen lnziSi\ i .:u J..orrlgier~n

.• Abb. 19·5: Unkontrollierte


ICippung
••

.
• •
:..\ ••
.•. •.'
•• .'
... ,'
M.f • O 1
19.1 Orthodontische Zahnbewegung

Bei der kontrollierten Kippung greifl dieKraft 5-7 mm inzisal vom Kontrollierte
Widerstandszentnun an, und das Rotatiornzentrum liegt am Apex. Sie Kippung
ist nur mit festsitzenden Apparaturen oder so genannten Tmque-Federn
an herausnehmbaren Geraten zu erdeten. Der Torque, eine Verwindung Torque
des Vierkantdrahts in sagittaler und vertikaler Rich tung, bewirkt ein
therapeutisches Drehmoment, das dem durch den exzentrischen Kraft-
angriff bedingten Moment entgegenwirkt. Das therapeutische Drehmo-
ment {Torque) kann in Abhängigkeit von der gewünschten Zahnbewe-
gung unterschiedlich groß gewählt werden. Bei der kontrollierten Kip-
pung liegt es unterhalb des Drehmoments, das bei der unkontrollierten
Kippung als reaktive Wurzelbewegung in die Gegenrichtung auftritt
{= immanentes Drehmoment) (Abb. 19-6).
Wenn der Kraftangriff durch das Widerstandszentrum eines Zahnes Translation
läuft und das Rotationszentrum im Unendlichen liegt, wird ein Zahn
körperlich bewe!,'t ( l'ranslation). Da ein dire\..ter Kraftangriff in Ilöhe
des Widerstandszentrums jedoch nicht möglich ist, wird ebenfalls mit
Hilfe einer festsitzenden Appa ratur ein Drehmoment erzeugt. Dieses
muss das Ausmaß des immanenten Drehmoments kompensieren (Ahb.
19-7).
Abb. 19-6: Kontrollierte Kip-
pung
••'\• '.••

\ ' '
''
' ' .
:1\\.. '
' '
!t
,' \ ~.

.•. .
:.. . N
.'.

'

''
"
M : F• 7 : 1

Abb. 19-7: Translation


,... .~

.• •
'•
••
...

'•
.•
••
.
.·..-.... \.'. ""':
.·-·'
L
M : F=10 : 1 I
186 19 Grundlagen

Abb. 19-8: Wurzelbewegung

M : F = 12 :1 J
Reine Wurzel- Liegt der Krafta ngriff 3Jlikal de~ Widerstandszentrurm eines Zahnes
bew egung und das Rotationszentnun inzisal, kommt es zur reinen Wurzelbcwe-
gung. Sie wird durch die Erhöhung des therapeutischen DrehmC>rnents
uber die Größe des immanenten Drehmoments erreicht (Abb. 19-8).

19.1.2 Biologisch e Grundlagen

Physiologische Physi ologi.~che Zahnbewegungen werden durch kleine Intermittie-


Zahn- rende spontane Kräfte der oralen Muskulatur und der Zähne beim
bew egungen Kauen, Schlucken und Pressen ausgellist Die~e physiolog l ~chen Z<lhn-
bewegungen regen zwar den Umsall der parodontalen Gewebe an, füh-
ren aber zu keiner bleibenden Änderu ng der Zahnstellung.
Physiologische Physiologische Zahn wandemngen und therapeutische Zahnbewe-
Zahn- gungen jedoch resu ltieren in einer bleibenden Positionsänderung der
wanderungen Zähne. Die physiologische Zahnwanderung läuft haupt~chlich nach
mesial, aber auch nach distal und okklu~l ab, die iatrogene Zahn be-
wegu ng hlngegen in alle RJchtungen des Raume5. Voraussetzung für die
Mesialwanderung ist der im Kontaktpunktbereich durch Attrition erfol-
gende Schmelzverlust und bei der okklusalen Drift der Schmelzvt:riU5t
durch Attrition an der Kaufläche der Antagonisten. Ph)•siologische
Zahn wanderungen und orthodon tischc Zahnbcwcgu11gen beruhen
auf den gleichen biologischen Grundlagen:
~ der physiologischen J<nochenerneuerung, die von den Osteoproge-
nitorzeUen, Osteoklastcn, Osteoblasten und Osteozyten unterhalten
wird
~ dem physiologischen Umsatz des Desmodonts, des Bindegewebes
und der Gingiva
~ dem appositionellen Dickenwachstum des Wurzelzcments, welches
von Zementoprogenitorzcllcn, Zementoblasten und Zementozyten
getragen wird.
19.1 Orthodontische Zahnbewegung 4$i .HCIQJ 187

0
Druckzone
G
Zugzone
Knochen-
abbau
Knochen-
anbau

.
.......·.··...,...

8
Zugzone
e
Druckzone
Knochen-
anbau
... ..
.....
..
....
..
.....
Knochen-
abbau
::·
!". •
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Abb. 19 ·9 : a) Druck- und Zug~onen, negative Ladung auf der Zugseile, positive Ladung auf der Druckseite,
b) Knochenabbau in der Druckzone, Knochenanbau in der Zugzone
Rel jeder Art orthodontischer Zahnbewegung werden im Desmodont
Oruck- und Zugzonen geschaffen; sie variieren je nach Lokalisation
und Ausdehnung der ßeweg\mg.

Merke
Im Bereich desmodontaler Druckzonen findet Knochenresorption,
im Bereich der Zugzonen Knochenapposition statt (Abb. 19-9).

Bei der Resorption unterscheidet man die direkte und indirekte Art.
Oie direkte Resorption des Alveolarknochens erfolgt bei geringem Direkte
Druck, unter dem die Blutzirkulation nich t unterbrochen wird und die Resorption
Zellaktivität erhalten bleibt. Bei der direkten Resorption wird nach
zwölf Stunden eine vermehrte Zellproliferation beobachtet, nach 24
Stunden treten im DruckTonenbereich O~teoklasten auf, nach 36 Stun-
den ist im Zugzonenbereich eine Kette von Osteoblasten an der Oberflä·
ehe entstanden. Nach 2-4 Tagen ist im Zugzonenbereich ein osteoider
Saum sichtbar, ein Zeichen fü r beginnende Knochenapposition. In den
Zugzonen sind die desmodontalen fasern gestreckt und werden so in
neue Knochenschichten eingebaut.
Indirekte Resorptionsvorgä nge treten bei übergroßen unphysiolo- Indirekte
gischen Kräften auf. Diese erzeugen im Bereich der Druckzonenmaxima Resorption
desmodontale · ekrosen, welche beson der~ bei kippenden Zahnbewe-
gungen zustande kommen und auch schon von kontinuierlichen Kräf-
ten (0,25 N) verursacht werden können. Nach zwei Stunden ist die Ne-
krotisierung irreversibel, und der der desmodontalen 1\ekrose benach-
barte Alveolarknochen wird indirekt, d.h. unterminierend, resorbiert.
Die Resorption geht bei dieser Art der Zahnbewegung von den Kno-
chenma rksräumen der benachbarten Spongiosa aus, in denen die Zell-
188 19 Grundlagen

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Abb. 19-10: a) direkte Resorption und b) ind 1rekte unterminierende Resorption

aktivität erhalten blieb. Dabei wird der im Bereich der nekro tisierten
Druckzone befindliche Alveolarknochen retrograd, indirekt, untermi-
nierend resorbiert. je nach Ausdehnung der Nekrose dauert es ein bis
7wei Wochen, bis die Resorption eintritt; in dieser Zeit findet keine Be-
wegung stat t. Danach erfolgt eine niCkartige und anschließend eine
kontinuierlich langsam verlaufende Bewegung (Abb. 19- 10).
ln Zugzonen wird selten eine Nekrotisierung des Desmodonts beob-
achtet. 30 bis 50 Stunden nach Kraftapplikation hat sich dje desmodon-
tale Zelldichte durch Proliferation von Fibroblasten und Osteoprogeni-
torzeUen verstärkt. Es ist nach einigen lagen ein osteoider Saum ent-
standen, und an seiner Obernäche befindet sich eine Osteoblastenreihe.
Die zwischen den Zellen einstrahlenden l;aserbündel werden dan n in
den neuen Knochen eingebaut.
Bei intermittierender Kraftapplikation kommt es 7u einer Verzö-
gerung der Umbaureaktion und zu einer pro Zeiteinheit kleineren Kno-
chenanbaurate als bei kontinuierlich wirkender Kraft.
Biologische Durch die Einfühnmg der vier biologischen Wirkungsgrade hat A. M.
Wirkungsgrade Schwarz Anhaltspunkte ..:ur Bemessung orthodontischer Krafte geliefert:
.JI Kräfte des ersten biologischen Wirkungsgrades sind unterschwel-
lige, nicht zu Zahnstellungsveränderungen führende Bewegungen.
Zu dieser Kategorie gehören die Lippen-, Wangen- und Zungen-
kräfte, wenn sie im dynamischen Gleichgewicht ablaufen, bei~piels­
weise auch das kUizdauemde Lutschen des Kleinkindes.
A Zum ?weiten biologischen Wirkungsgrad gehören ~ch wach e oder
kunwegigc Druck.kcäfte, welche aber den Blutstrom der Kapillaren
nicht unterbinden (0, 15-0,2 ~/cmZ). Sie engen den Raum zwischen
der Wurzeloberfläche und dem Alveolarknochen nicht vollstandig
ein, wie beispielsweise eine orthodontische Schraube. Bei einer llub-
19.1 Orthodontische Zahnbewegung A:f!.lUjiQJ 189

höhe von 0,64 mm ergibt eine Vierteldrehung a uf L.Wei Seiten ver-


teilt 0,08 rnm Verdrängung des Zahnes. Bei einer 13reite des Parodon-
talspaltes von 0,1 mm an der schmalsten Stelle erfolgt also kein e
Quetschung des t>a rodontiums.
~ Der dritte biologische Wirkungsgrad, die sog. m ittelstarke n Druc k-
kräfte, überschreiten den kapillären Blutdn1ck, klemmen aber das
Wurzelhautgewebe nicht vollständig ein (0,2-0,5 N/cm 2). Der dritte
biologische Wirkungsgrad ist bei intermittierender Krafteinwirkung,
d.h. einem Absetzen des Gerätes nach acht bis zwölf Stunden, ge-
währleistet.
~ Beim vierten biologischen Wirkungsgrad, mit Kräften übe r0,5 N/cmz
Wurzelo be rflächc, fuhren die starken Uruckkräfte zu einer Zerquet-
schung des parodontalen Gewebes, und Folge sind zwar teilweise re-
parable, aber gelegentlich auch zum Zahnverlust führende Umhau-
vorgänge.

19.1.3 Paradontale Aspekte

Altersverän derung
Die Altcrsinvolution des Desmodon ts führt zu folgenden Veränderun-
ge n (i\bb. 19- 1I):
~ Veränderung des Desmodontalspalts
A Venninderung der Zellzahl
~ En~·ei terung und Verringerung der Markräume

~ Verdichtung und Verdickung der Kompaktd.

Da das Parodontium bei Erwach~enen keine wachstumsbedingten Zel-


laktivitäten aufweist, sollte eine ßehandlung beim Erwachsenen lang-
sam mit kleinen Kräften begonnen werden, um das Desmodontalge-
webe aus dem inaktiven in den prolifera tionsberciten aktiven Zustand

Abb. 19-11: Sctlemati~cherVer-


gleich des Parodontalapparats
I
Juliend c~•·
bei Kindern und Jugendlichen
{links) und bei Erwachsenen
(rechts). Die Honigwabenstruktur
(oben links) charakterisiert den
.jungen Knochen •, der .ältere
Knochen• ist trabekular. Weniger
Spongiosa und aktive Zellen mit
mehr Kollagenfasern bei Erwach-
senen stehen vielen aktiven Zel-
len und wenig Fasern bei Kindem
und Jugendlichen gegenüber. Un-
ten sind typische lokale. altersbe-
I
dingte parodontale Veränderun-
gen dargestellt: horizontaler Kno-
chenabbau, Rezessionen, Spalten
und dunne fragile befestigte Gin·
g•va an den lnzisivi.
190 19 Grundlagen

Abb. 19·12: Zahnfilm mit


deutlich nach kaudal exten·
d1ertem rechtsseitigem Re-
zessus der Kieferhohle nach
Extraktion des Zahnes 16
vor dem geplanten ortho·
dontischen Lückenschluss
bei einem Erwachsenen

zu führen. Ein zusätzlich die Behandlung bei erwachsenen Patienten er·


schwerendes Phänomen ist der tief reichende Rezessus de r Kiefe rh ö h -
len (Abb. 19-12).

Entzündung

Merke
Da bei erwad1senen Patienten häufiger aktive Parodontopathien
vorliegen, ist die Vorau~setzung ftir jede orthodonthche Maß.
nahme eine Vorbehand lung mit Plaquekontrolle und Parodontal-
behandlung je nach Indikation.

Gingivaveränderungen
Bei dünner fragiler Gingiva besteht die Gefahr von Rezessionen, die ein
freies Schleimhauttransplantat (0,5-0,7 mm Dicke vom Gaumen) vor Be·
ginn oder nach der J,.i efcrorthopädischen Behandlung notwendig machen.

Alveolarfortsatzkon figuration
Bei vertikalem Wachstumsmuster bzw. Gesidltstyp mit hoher, schmaler,
tropfenförmiger Symphyse besteht oftmals wenig anteriorer Spongiosa-
knochen, ~o dass Labialbewegungen der Wurzeln koutraindi.dert luw.
nur geringfügig möglich sind (Abb. 19-13).

Abb. 19·13: Erwachsener Patient, bei dem eine kombiniert kieferorthopädisch -kieferchirurgische Ther.~pie
geplant und durchgefuhrt wurde. Ausgepragt dünne fragile GingM! Im Bereich der unteren Schneide-
zähne, a) vor, b) nach dem freien Schleimhauttransplantat
19.1 Orthodontische Zahnbewegung A:trniQifl 191

19.1.4 Iatrogene Schäden

Wurzelresorption
Während orthodontischer Zahnbewegungen können auch das Wurzel· Laterale
1ement )Owie oberflächliche Dentinbezirke von Dentoklasten abgebaut Wurzelresorption
werden. Man unterscheidet laterale und apikale Wurzelresorptionen. Oie
an seitlichen Wurzeloberflächen be~nders im ßereidl nekrotisierter
Oesmodontalabschnitte auftretenden Resorptionslakunen werden ei-
nige Monate nach Abschluss einer orthodontisch gesteuerten Zahnbewe-
gung mit knochenähnlichem zellulärem Zement (Zementoid) ausgefiilit
und später von zellulär-fibrolärem Zement bedeckt. Durch die sog. ana-
tomische Reparation sind die lateralen Wurzelresorptionen reversibel.
Die apikalen Wurzelresorptionen führen zu einer röntgenologisch Apikale
~ichtbaren irreversiblen Verktirzung der Wu rzellänge. Diese Art der Wur- Wurzelresorption
zelresorption tritt auch idiopathisch, d.h. ohne kieferorthopädische
Behandlung, bei 22% der Erwachsenen bei 70-S()!Hl aller Zähne auf und
erreicht mit zunehmendem Alter größere Ausmaße. Betroffen sind vor-
wiegend Oberkieferzahne, besonders die oberen Schneidezähne, zwei-
ten Prämolaren und Molaren (Abb. 19-14).
Knochen- und desmodentale Faktoren fö rdern die Wurzelresorp· Knochenfaktoren
tion. Zu den Knochenfaktoren gehören Allgemeinerkrankungen des
Kalziurnstoffwechsels, Schaukelbewegungen bei der kieferorthopädi·
schen Maßnahme und unkontroll ierte Kippbewegungen. Zu den des- Desmodontale
modontalen Faktoren zahlen zu hohe Kräfte, Bewegungen wie Intrusion Faktoren
und Kippung sowie Allersveränderungen.
Zu den exogenen Risikofaktoren für iatrogene Wurzelresorption en Risikofaktoren
zählen große Kräfte, lange ßehandlungsdauer, um fangreiche Zahnbewe- für iatrogene
gungen und besondere Bewegungen wie Torque, l:.xtrusion und lntm· Wurzelresorption
sion. Göz ct al. sprechen in diesem Zusammenhang von drei Determi-
nanten der orthodontisch verursachten Wurzelresorption: dem Impuls,
der kritischen Barriere und der Umgebungsdichte. ln diesem Zusam-
menhang ist die so genannte Jiggling-Belastung, d.h., das ständige

Abb. 19·14: 17-jähriger Patient mit idiopathischen apikalen Wurzelspitzenresorp-


tionen, besonders ausgeprägt an den lnzisivi, keine kieferorthopadische Behand·
lung
192 19 Grundlagen

Wech~eln der Kraftrichtung bei unkoordin ierter kieferorthopädischer


Therapie oder durch dysfunktionelle Einflüsse (Zungen- und Lippen-
fehlfunktionen) bLw. ungünstige okklu~ale Belastung, zu nerlllen.
Kli ni sche Schluss- Kli nische Schlussfolgeru nge n aus den aktuel lsten klinischen und
folgerungen experimentellen Studien zum Thema Wurze lresorption sind:
~ prätherapeutische J\ufklänmg über das mögliche Reliorptionsrisiko
~ erhöhtes Resorptionsrisiko bei endodonlisch versorgten Zähnen
~ geringeres Resorptionsrisiko bei nicht abgeschlossenem WurL:el-
wachstum
~ erhöhtes Resorptionsrisiko bei persistierenden Habits
~ höchstes Resorptionsrisiko bei Intrusion.

Pa rodontopathien
Neben Gingiva dehiszenzen , die durch eine initiale Schädi!,'tmg des
marginalen Knochens bedingt sein können, Lreten Parod onto pathi cn
(Parodontitiden) bei Trägern kieferorthopädischer Geräte durch ver-
stärkte Plaqueakkumulation auf.

Karies
Kariö~e Defekte können wahrend einer kieferorthopädischen Behand-
lung auftreten, vor allem in schwer zugänglichen Bereichen mit Bra-
ckets und Bändern, insbesondere in der Bracke tperipherie und im Be-
reich von Zementa uswaschungen zwischen Zahn und Band.

Schmelzdefekte
Da bei der Anwendung der Säure-Ät7technik d ie Schm elz.kond iti on ie-
rung über ca. 15-30 s mit Phosphorsäure durchgeführt wird, kommt es
z.u einem Herauslösen von Schmelzprismen (S-10 mm) und zur Entste-
hung von Mikroporositäten .
Das Risiko von Schmelzausrissen besteht beim Entfernen der Bra-
ckeis durch unsachgemäßes Vorgehen.

Devitalisierungen
Sie tre ten vor allem bei Erwachsenen durch Schaukelbewegungen, Ex-
trusionen oder ausgeprägten Bruxismus au f.

19.2 Kieferorthopädische Bewegung

Zu den gnathi~chen Veranderungen mit Beeinflussung der basa-


len Verhältnisse gehören die Erweiterung der Oberkiefer~utur, die
Verlängerung des Oberkiefers, die Beeinflus~ung der Oberkiefer-
lage und-neigungsowie die Veränderung der Unterkieferlage lllld
-neigung.
19.2 Kleferorthopidische Bewegung •i"lJGU·' 193

19.2.1 Biologische Voraussetzungen

llclm Gesidltswachstum muss ebenso wie bei der Gebissentwicklung


zwischen Wachstum im eigentlichen Sinn und der Adaptabilität unter-
J.chiedcn werden. Unter der Adaptabilität skelettaler Gewebe versteht Adaptabilität ske·
man die Fähigkeit knöcherner Strukturen, sich in Große und Form zu Iettaler Gewebe
verandern, um eine Veränderung der allgemeinen Morphologie be-
stimmter Knochen zu vermeiden (Remodellierung). Ein Beispiel sind
Veränderungen in den fazialen r\ähten und an den Unterkieferkondy·
len, die durch gesichtsorthopädische Maßnahmen herbeigeführt wer-
den. Adaptabilität besteht an einem wachsenden Gesichtsschädel
ha uptsächlich im Bereich der Kn uchennähte, an den Kondylen und
Im Periostium. Die Adaptabilität der Kondylen und auch der ähte
geht mtt zunehmendem Alter \ierloren.

Merke
Die Adaptabilität des Perlostiums bleibt - genauso wie dje des Paro-
dontium~- auch nach Ende des aktiven Wach~tums erhalten.

ne\halb können Apposition und Resorption während des ganzen I e-


bens Veränderungen an Knochenflächen hervorntfen. ln der gesichtsor-
thopadischen Therapie wird von den Mechanismen Gebrauch gemacht,
die da~ normale Gesichtswachstum ermöglichen. Das Wachstum knor-
peliger Strukturen, wie .t.B. des Condylus mandtbulae, ht nur in be·
schr.lnktem Maße, das der Synchondrosen überhaupt nicht zu beein·
flum' n. Oie größten Möglichkelten zur Veränderung liegen in den Kno-
chennähten des Mittelge..~ichb.

Skelettales Alter
Wenn eme Wachstum~beelnflu\\ung mit extraoralen oder bima\ illären
Geraten durchgeführt werden ~oll, kann bei .. ~patlällenk mit Hilfe der
Handröntgenaufnahme noch vorhandenes Wachstum festgestellt wer-
den.

Merke
Da\ StadiumS (Se~motd)- meist ein Jahr \·or oder I..ur" nach dem
puberalen Wachstumsgipfel ist als besonders gunstlger Zeitpunkt
fur den Beginn einer sl-.elettalen Behandlung an-tuschen.
- - - -----1
WJhrend der Stadien OP 111, PP 111 und MP1 •• eln bls zweieinhalb Jahre
nach dem pubertären Wachstumsschub, ist die Prognose fur den Erfolg
einer skelettalen Behandlung kritisch. Diese sollte jedoch mit realisti-
scher Prognose f(U den orthopadtschen Therapteansatz bei ausgepräg-
I
ten Anomalien noch begonnen werden.
194 19 Grundlagen

Kiefergelenkbefund
Liegt der Verdacht einer ausgeprägt gnathischen (mandibulären ) Mitlei-
linienabweichung vor, sollte die Gelenksituation mindestens mit einer
klinischen Funktionsanalyse liberpruft werden. Bei Verdacht auf eine de-
rangierte Gelenkposition (als Traumafolge oder funktionell bedingt)
~ollte diese durch eine instrumentelle ~unktionsanalyse ergimzt werden.

19.2.2 Wachstumshemmung

Die sagittale Wachstumshemmung des Oberkiefers (z.B. bei skelettaler


Klasse II) kann durch den reziproken Effekt eines funkti onskieferor-
thopädischen Ge rätes und mit Hilfe eines extraora len Gerä tes durch-
geführt werden.
Die sagittale \"lachstumshemmung des Unterkiefers ist wegen der
Gefahr der Kiefergelenksschädigung (Kompression) nu r bedingt ange-
zeigt. Patienten, die über Jahre mit Kopf-Kinn -Kappe (Dorsalbeeinnus-
sung des Unterkiefers) behandelt wurden, zeigten pathologische Kiefer-
gelenkbefunde.

19.2.3 Wachstumsstimulation

Die Stimulation des Oberkieferwachstums kann mit Gesic htsmasken


(Delairc-Maske, Grummons-Maske) durchgeführt werden (Abb. 19·15).

Abb. 19-15: Schematische Darstellung der Effekte gesichtsorthopädischer Geräte


bei unterschiedlicher Verankerung und Kraftansatz, direkte bimaxilläre Effekte auf
Ober· und Unterk1efer mittels Delaire-Maske (1, 3, 4) und unimaxillärer Kraft;m-
grlff auf den Oberkiefer mit sekundärer Unterkieferwachstumszügelung bei der
Suborbitalmaske (1, 2)
19.2 Kieferorthopädische ~gung Afj.)!QISJ 195

Da\ Wachstum des UntcriJefcrs lässt sich mit llilfe bimaxillärer ~­


räte bei Einstellung der Unterkieferposition uber d1e phy\iologi\Che Po-
~ition hinaus (z.ß. Kopfbiss) bceinfltLssen.

19.2.4 Klasse II-Anomaiie

Bei der 1Jcferorthopad1schen Korrek-tur der skelettalcn Klasse II mit


funktlomkleferorthopädischcn Gcräten kommt es w einer sagittalen
und vertikalen Beeinflussung de~ OberiJefcrkomplexe~ und des Un-
terkiefers. 1\n den Knochennäh tcn tritt ein Effekt au t, dcr das Vorwärts-
Abwärts-Wachstum de~ Oberkiefers ,-erlangsamt, hel gleichLeitiger
\\'achstumsbcschJeunigung an den Kondylen.
D1e Wirkungsweise des Akti vators ist also der nonnalen Entwick- Aktivator
lungsrichtung des Oberkiefer~ entgegengesetzt und fördert den norma-
len F.ntwtcklungsvorgang dcs Unterkiefers. DemLUfolge durften die f.f-
fekte eines Aktivators im UntcriJefcr größer sein als im Oberkiefer. Da
jedoch die Adaptabilität der Sutmen größer ist als die der Kondylen,
trifft die~ i.d.R. nicht zu.
Bei Unsatz eines extraordlen Zuges nach dorsal (Headgear) kommt Headgear
e~ /U Veränderungen, die auf der Aktivität der Suturen beruhen.
Beim zervikalen Headgear wird die Vorwärtsentwicklung des Ober-
kieferkomplexes beispielsweise zeitweilig aufgehalten, gleichzeitig fin.
det eine Rotation statt, die dazu fuhrt, das du\ vordere Ende der Gau-
menebcnc weiter kaudal ?u liegen kommt als das hintere.
Mit einer Aktivator-Headgear-Komblnation (Tcuscher) kann eine Aktivator-
Korrektur von Okklusion und Profil erreicht werden. Al!> ~kclettale Re- Headgear-
aktionen sind die Hemmung der ,\nteriorverlagcrung der Maxilla, die Kombination
Ver!Jgcrung der kondrtarcn Position nach ,·entral und nach kaudal und
d1e Ablenkung der kondylaren Wachstumsrichtung nat:h dorl>ill Lu nen-
nen. Da sich jedoch dentale und skelettaJe I herapieeffekte beim Einsalz
der r\ktivator-Headgear-J<ornblnation addieren, müssen auch die denta-
len Reaktionen genannt werden: Es kom mt zu einer Distalisation der
oberen ~olaren und SchneidcLahne, zu einer Hemmung ihres Vertikal-
wacllstums und zu einer Aufrichtung der unteren ~chne1de1.ähne nach
dor\31 Der !>kelettalc Korrektureffekt der ,\ktivator-lleadgear-Kombina-
tion ISt 111 der Nahe de-. Wachstumsspurtsam größten Diese Apparatur
kc~nn deshalb auch noch in der let7ten Phase einer Behandlung nach
fest5itLender Apparatur eingesctzt werden.

19.2.5 Klasse 111-Anomalie I


l ine \kelettalc Klasse 111, u.a. durch \littelgl'\klmhypoplasie bedingt,
kann durch eine auf die Maxilla ausgeubte ventrale /:ugkraft korrigiert
werden. ßct dieser Zugkraft auf den Oberkieferkomplex werden die Kno-
196 19 Grundlagen

ehennahte in Ihrer natürlichen Wachstumsrichtung c1ktivlert, es kommt


Tu einer verstarkten )...nochenformation am Tuber ma,illae, zu einer Ro-
tation der Gaumenebene, die dorsal weiter kaudal zu liegen kommt als
ventral, und daram folgt eine po~teriore Rotat1on des Lnterkiefers.
Die gleichzeitige dorsale Zugkraft im Unterkiefer. um das an den
Kondylen stattfimh.•nde Wachstum einzuschranl-.en (Kopf-Kin n-Kappe,
Delaire-Maske), ist wegen der schon erwJhnten Klefergel<'nksproblema-
tlk kritisch zu bcwerteu.

19.3 Behandlungsprinzipien

Kicferorthop.tdi<.<:he Behandlungen können nach unteN.hiedli-


chen l<ritenl.'n klassifiziert werden. Ühergwrdnl.'t ist die Unterschei-
dung in orthodonti!><:he und orthopädische Maßnahmen, welche
in Abhangigkeit vom Patientenalter, Schweregrad und von der Indi-
kation nacheinander oder parallel umgeset?t werden können.

19.3.1 Indikation

:-.lach einer 1988 \·on der Deutschen Gesellschaft fur Kieferorthopadie


veröffentlichten Stellungnahme zur Indikation kieferorthopädischer
Behandlung\maßnahmen sind diese unerllmllch, wenn folgende Stö-
rungen bzw. l·ehJblldungen vorliegen:
..oll Storungen des i\hhelßens und Kauens
..oll Störungen der Lippenfunkti on
..oll Störungen der Zungenfunktion
..o~~ Storungcu der Atmung

..oll Störungen des ~prcchens


..o~~ Fehlbildungen, die den Zahnbestand gefi1hrden und Karies sowie Pa-
rodontopathien bcgun:.tigen
..o~~ FehJbildungen, die die funktionelle Harmonie bt.>eintrachtigen oder
Störungen en~arten la$scn (Kiefergelenkerkrankungcn und Myopa-
thien).

Alle A)pekte, d1e bei der Entscheidung, ob und wann eine kieferortho-
pädische Behandlung du rchgefüh rt werden soll, eine Rolle spielen,
mussen gegeneinander abgewogen werden. Hierbei 'olltcn aktuelle Ge-
gebenheiten (Dysfunktionen) ~owie prospekt ivc 13cfunde (Wachs-
tum) berucksichtigt werden.
Ziele einer kiefer- Au~ der 7usammcnfassung .w r Indikation kieferorthopädischer Be-
orthopädischen handlungsmaßnahmen las\en sich eine Vielzahl von Begrundungen
Behandlung bzw. Ziele ei ner kieferorthopädischen Behandlung herausstellen:
..oll Karies- und Parodontalprophylaxe
..oll Verbesserung der \.fastlkation und Artikulatum
r
19.3 Behandlungsprmzipi~n 4fi.Udlfl 197

.A lllmmierung \On Fn.ihkontakten und l·ehlhelastungen einzelner


Z<ihne
.A Verbesserung der Muskelfunktion des gesamten orofazialen Muskel-
apparates (I ippemchlu~~. Schluckmodus, Mentallsfunktlon, Na~en­
atmung) mit daraus resultierender Verbesserung der Phonetik (Un-
te~tuttung einer logopadischen oder muskelfunktiomtherapeuti-
schen I herapie) und hthctik
.A Verhutung \Oll Kiefergelenkschaden (Fruhkontakte, Fehlkontakte,
lun kt iOn!>stönmgen)
.A Wachstumsfördenmg h7W. -hernmung untcrentv.ickelter bzw. uber-
cntwickelter Kiefe r- und Alveolarfortsatzanteile
.A Beseitigung von l urkcn und Engständen
.A Verbesserung präprothetischer bzw. präimplantologaschcr Situationen
.A Unu.•rstut7ung k.ieferchirurgascher). faßnahmen
.A Erganzung einer konser,·ierenden Behandlung
.A lnterdas7jpJinare Maßnahmen (IINO, Pädiatrie, Orthopadie).

19.3.2 Orthodontie

Orthodentische Bewegungen, d.h. Zahnbewegungen, werden in Ana-


logie zur Befundaufnahme und Diagnostik ebenso dreidimen~ional
nach ihrer Bewegungsrichtung differenziert. Wir unterscheiden bei den
sagittalen und trans\ crsalcn Zahnbewegungen:
.A kil>pcnde
.A kllrpcrllche
.A drehende
.A aufrichtende

Set den ' ertikalen Zahnbewegungen werden intnadierende und e"tru-


dicrcnde :-.1aßnahmen unterschieden.

Merke
Die MehrLahl aller kieferorthopädl\chen Bewegungen sind Kombi-
nationen.

19.3.3 Orthopädie

Auch bei den klererorthopädischen Bewegungen werden sagittale,


transver$ale und \'eJtikale Beeinflussungen unterschieden. Zu den sagit-
talen orthoplidischen Ver;inderung~n uhlen die Ventral- und DoNII>e-
eanflus~ung des Oberkieferkomplexes sowie de\ Un terkiefers. Die l:.rwei-
tcrung der Sutura palatind llll'<.liana i~t eine transve~le orthopadi~che
Maßnahme und die \'erlangerung bzw. Verkurzung der vorderen (,e-
sicht~höhe eine vertikale \.taßnahme.
198 19 Grundlagen

19.3.4 Kombiniert orthodontisch-kieferchirurgische Maßnahmen

Bei extremen Auspragungsgraden der skelettalen Klasse II und 111 sowie


bei allen c1ndenm ausgepragten skelettalen Dysgnathicn nach Wachs-
tumsabschluss mimen kombiniert IJeferchirurgi~ch-kieferorthopädi·
sehe Behandlungen durchgeführt werden. Die pra· und postoperative
Harrnoni~ierung der Zahnbögen sowie postoperative Feinkorrektur der
Okklusion und die anschließende Retention sind die Aufgaben des Kie-
fcrorthopadcn.

19.3.5 Präprothetische und präimplantologlsche Maßnahmen

Ziele der praprothetischen Behandlung durch den Kieferorthopaden


sind die Parallelisierung von Pfeilerzähnen, die Verteilung von Restzäh-
nen und die Veranderung der Okklusionsebene. Praprothethche Maß-
nahmen können nur im parodontal sanierten Gebiss durchgeführt
werden. Nach Ab~chlus~ der aktiven Behandlungsphase ist eine Reten-
tionspha~e 1ur Konsolidierung des Knochens vor Durthführung der de-
finitiven prothetischen Maßnahme indi7.iert.
Auch vor imertion von Implantaten in rcgio ahnloser Abschnitte
Ist eine orthodontische Lückenöffnung tl/W. -Verteilung moglich. Sie
dient insbesondere der mesiodistalen Verbreiterung der Lücke durch
Wurzelaufrichtung der achbarzähne.
20 Kieferorthopädische Geräte

20.1 Grundlagen

Kieferorthopädische Geräte werden nach ihrer Lokalisation in in-


tra- und extraorale Gerate eingeteilt. Alle extraoralen Geräte sind
abnehm- oder herausnehmbar, bei den intraoralen Geräten müs-
~en die abnehmbaren von den festsitzenden AptJaraturen der
Multiband-Bracket-Technit.. unterschieden werden.

20.1.1 Intraorale Geräte

Platten
Akti ve Pla tten haben die Aufgabe, d ie Zahnbögen in sagittaler und
trans,•ersaler Richtung auszufonnen und eingeschninkt I:Jn7el7.ahnbe-
wegungen du rchzuführen. Ihr Einsatzgebiet kann durch intermaxilläre
Gummizüge, Sporne, Vor- bzw. Rlickschubstege, Aufbisse, Zungengitter
und Pelotten variiert und/oder vergrößert werden. l'assive Platten hin·
gegen (ohne aktive f.lemente) finden als Retentionsgeräte (Retainer) An·
wendung.

Funktionskieferorthopädische Geräte
Oie typische Wirkungsweise der funklionskicferorthopädl~chen Ge räte
(FKO-Geräte, bimaxilläre Geräte) ist die Tramformation kö rpereigener
Kräfte, welche eine Posltion~änderung der Zahne und der Kiefe rbasen
durch Änderung des Funktionsmusters bewirkt.
Obwohl die Vor- bzw. Rückschubdoppel platten ebenso wie aktuelle
Modifika tionen klassischer funktionskieferorthopädischer Geräte auch
durch aktive Elemente zahlreiche Einzelzahnbewegungen ausführen
können, werden diese ebenso wie der Aktivator und seine Modifikatio-
nen zu den FKO-Geräten ge7ählt.

Festsitzende Geräte
Wenn Zahnbewegungen wie Tran slation, Rotation und Torque indi-
ziert sind, ist der Einsatz festsitzender Apparaturen notwendig, da diese
mit herausnehmbaren Geräten n icht möglich sind.
200 20 Koeferorthopadische Geräte

20.1.2 Extraorale Geräte

Den extraoralen Gero~ten ist gemeinsam, das5 ihre Kraft<ruelle und die
Verbindungselemt>nte zwischen Kraftquelle und -ansat7 e'(traorallokali-
siert sind. Der Kran ansatz befindet sich intraoral.
A lleadgear. Oer He<•dgear oder Nackenhandl ug erlaubt durch extra-
orale AbsHit7ung, je nach Verankerung und Zugricht ung am Kopf
oder Nad.en ~uwit' in Abhängigkeit von der Kraftgröfk eine Bewe-
gung der Molaren ohne reaktive Bela~tung anderer Zähne oder eine
lügeJung des Oberkn~ ferwachstums .
.A Kopf-Kinn-Kappe. Mit der Kopf-Kinn-Kappe kann mittels einer okzi-
pital abgcstutzten Kraftquelle em dorso-kra nialer Druck auf das
Kinn ausgeubt werden, was zur Behandlung einer echten Progertie
und de\ offenen ßisses einges~:t7t werdt>n kann (Wachstumshem-
mung des Unterkiefers).
A Delaire-~la ske. DIE.' VE.'nlral- und Vertikalbcei nOussung des Ober-
kiefers kann mit der Delaire-Maske bei gleichzeitiger Abstützung an
Stirn und Kinn dur('hgcfllhrt wt>rden .
.A Gnunmons-Mnske. Die sich an den Jochbogen abstützende Grum-
mons-~lasJ...e hat gegenuber der Delaire-Ma~ke den Vorteil, dass eine
Dorsalbeeinflussung des Kinns und daraus evtl. resultierende Kiefer-
gelenkprobleme 'errnieden werden können. Sie dient ebenso \\;e
die Delaire-Maske dt'r Vt'ntral- und Vertikalbeeinfl ussung des
Oberkiefers wahrend des Wachstums.

20.2 Verankerung

Vc rankl•nmg ist der Widerstand, den ein Lahn, eine Lahngruppe


und/oder t•inc anatomi\t'he ~ inhei t einer lkwcgung cn tgcgen~et­
zen, wenn sie als Tro~gcr einer Kraft zur Bewegung von einderen
l.lhncn hcr.mgetogen werden.

Oie Fifizit'nz jeder Verankerung, unabhängig von ihrer Qualitat, ist ab-
hiingig von dt'r Znhnform, dem \Vurzelquerschnitt, der WurzeiJänge
und der 1\chwnstellung der Zähne, die verankert werdcn sollcn. Außer-
dem spielen das Knochenangebot, d.h. die Ilöhe des Al\colarfort:satzes,
seine Strul..tur und besondere anatomi~che Gegebenheiten eine wich-
tige Rolle. ~in nach kaudal extendierter Rezessus dcr Kieferhöhle kann
beispielsweise die rMturliche Verankerung erhohen. Generell \pielen das
Wachstumsmu\ter des wachsenden Patienten und der !>childel- und Ge-
sicht:saufbau des Lrwach\enen eine Rolle bei der individuellen Veranke-
rung. Individuen rmt horizontalem Schade!- und Gesichtstyp weisen
eine ~tarkere naturliehe VeranJ.. erung auf, Patienten mit vertikalem Ge-
sichtstyp zeigen entsprechend reduzierte Verankuung,eigenschaften .
20.2 Verankerung 4\f '·"G'l" 201

Dies hängt insbe~ontlere mit der Kaukraft, Muskelaktivität und -tonus


sowie Keschaffenheit des Alveolarknochens zusammen.
Verankerung ist auch die Befestigung kieferorthopädischer Apparate
im Mund des Patienten mit Hilfe verschiedener llaltcclemente. Feh-
lende Zähne, Lücken und kurze klinische Kronen können die Veranke-
rungsquaUtä t von llalteelementen an hcrausnehmbaren Apparaturen
wesentlich redu7ieren. Im Folgenden werden verschiedene Veranke-
rungsmodalitäten definiert und erklärt.

20.2.1 Reziproke Verankerung

F.nt~pred1end dem . ewton-GeseLZ aclio = reactio wirkt jedes aktive or-


thodontische Element in zwei Richtungen. Wenn dies erwünscht ist,
wie z.B. bei octhodontischer Ltickenöffnung, werden die der LUcke be-
nachbarten Zähne in entgegengesetzte Richtung mit Hilfe einer Spiral-
feder an einer festsit7enden Apparatur bewegt. Der Widerstand der Ver-
ankerungseinheil ist hier identisch dem Widerstand der zu bewegenden
cinheit.
I
20.2.2 St ationäre Verankerung

Ist beispielsweise ein oberer Sechsjahrmolar nach vorzeitigem Milch-


zahnverlust nach mesial gewandert, kann dieser mit Hilfe einer statio-
nären Verankerung distalisiert werden. Die DistaUsationskraft darf also
nur nach distal wirk~am werden, nach mesial hingegen wird mit llilfc
einer Oberkieferplatte eine sog. stationäre Verankerung (starre, Block-
verankerung) erLielt.
Rei stationärer Verankerung setzt die Verankerungseinheit der zu be-
wegenden Einheit größeren Widerstand entgegen. Bei dieser stationä-
ren Verankerung sind die intraorale von der extraoralen und die intra-
maxiliäre von der intermaxiliären lU unterscheiden. Reicht beispiels-
weise die Große einer intramaxillären Verankerung nicht aus, muss der
Gegenkiefer im Sin11e einer Intermaxillären Verankerung mit l'lilfe von
Gummiztigen hinzugezogen werden.

20.2.3 Maximale Verankerung

Wenn, wie in der Multiband-Brackct-Tcchn.ik üblich, die Größe der Ver-


ankerungsein heitdes Seitenzahnsegments beschrieben werden soll, un-
terscheidet man die maximale von der moderaten und minimalen Ver-
ankerung. Bei maximaler Verankerung soll keine Bewegung des Veran-
kerungs-(= Seitenzahn-)Segments erfolgen.
20 2 20 Kieferorthopädische Geräte

Abb. 20-1: Wird der Lücken-


schluss allein durch Retru-
2 sion der Schneidezähne (2)
nach Distalisation der Eck-
zähne (1) angestrebt, müs-
sen die Seitenzähne ma xi-
mal verankert werden.

Bei maximaler Verankerung soll eln kieferorthopädischer Lücken-


schluss nach Extraktion allein durch OistaJisierung der Eckzä h~nc und Re-
traktion des Jnzisivisegmcnts (von mesial) erreicht werden (Abb. 20-1 ).
Als Verankerungshilfen werden extraorale Apparaturen (Headgear)
und intraorale Verankerungsgeräte, wie der Nance-Bogen, der Transpa-
latinalbogen (Goshgarian), der Li n~:ua l bogen, der bukkale Wurzeltorque
(kortikale Ve rankerung), intermaxilläre Gummizüge und der Lipbumper
(muskuläre Verankerung), verwendet.

20.2.4 Moderat e Verankerung

Die mode rate Verankerung (mittlere, midi, reziproke) beinhaltet eine


gleich große entgegengesetzte Bewegung von Verankerungs- und ilewe-
gungseinheit. Entsprechend dem Prinzip actio = reactio erfolgt der Lü-
ckenschJuss in gleichen Beträgen von mesial und distal (Abb. 20-2).

I~
j J
Abb. 20-2: Bei reziprokem Lückenschluss von meslal Abb. 20-3: Wird der Lückenschluss allein durch Me·
und distal besteht eine moderate Verankerungssl- slallsierung der Seitenzähne angestrebt, besteht
tuation. ei ne minimale Verankerungsnotwendigkeit für die
Seiten zähne, bei erhöhter Verankerungsnotwen-
digkeit für die Schneide· und Eckzähne.
20.2 Verankerung 4WltJf1el 203

20.2.5 M inimale Verankerung

Bei der minimalen Veran kerung findet der Lückenschluss nach Extrak-
tion von distal durch Mesialisierung des Seitenzahnsegments statt,
was 7.ltr Verankerungsnotwendigkeit für die Schneide- und Eckzähne
führt (Abb. 20-3).

20.2.6 Verankerung durch Implantate

Zur intraoralen Compliance-unabhängigen Verankerung stehen heute


positionsstabile osscointcgriertc Implantate zur Verfügung. Nach
Wachstumsabschluss können diese sog. euossalen Implantate als Ortho-
dontische oder orthodontisch-prothetische Verankerung dienen. Sie
sind indi7iert bei:
.A reduzierter Zahnzahl und fortgeschrittenem Knochenabbau

I .A unzu reichender Compliance bezüglich extraoraler Verankerungshil-


fen (Headgear)
.A zu hohen unerwünschten Nebenwirkungen durch konventionelle
intraorale Verankerungshilfen.

Ort, Dimension und Typ der Implantatverankerung hängen von der


späteren Verwendung ab. Rei der direkten Implantatverankerung mit
Insertion im Alveolarfortsatz kann nach Abschluss der kieferorthopädi-
schen Behandlung das dami t permanente Implantat in den Zahnersatz
integriert werden.
Für temporäre, ausschließlich zur Verankerung verwendete Implan-
tate stehen zur Auswahl:
.A das interradikuläre Septum
.A der supraapikale Bereich
~ das retromolare Feld im Oberkiefer
.A der mediane Gaumen.

Aufgrumt der beiden Anwendungsgebiete stehen unter~chie<lllche Im·


plantatsysteme und -dimensionen wr Verfügung. Orthodontisch-pro-
thetische Implantate sind mindestens 10 mm lang und haben einen
Durchmesser von ca. 4 mm und mehr. Zur Schonung der Insertionsge-
webe sind die rein orthodontlschen Implantate längen- und/oder
du rchmesserreduziert (6 mm und 2 mm). Es werden Titanflachsduau-
ben, resorbierbare Verankerungsimplantate und Orthossystem-Jmplan-
tate unterschieden.
Eine wissenschaftliche Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft
für Kieferorthopädie aus 2008 beschreibt anschaulich den aktuellen
Wissensstand zu dem Thema moderne Verankerungshilfen mittels Koti-
kalisschrauhen und Gaumenimplantaten, siehe unter Wlvw.dgkfo.de/
Stellungnahmen.
204 20 Ki~f~rorthop5d•sch~ Geräte

20.3 Platten

20.3.1 Geschichte

Platten, die am Metall gegossen oder gestanzt waren und spä ter au~
Kautschuk vu lkanisiert wurden, gab es schon im 19. Jahrhundert. 1840
beschrieb Brewster eine Regulierungsplatte aus Kautschuk, und 1882
führte Coffin die Expansionsplatte mit Feder (aus Klaviersai te) ein
(Lindner 1845, Tomcs 1858, Kingsley 1880, Pfaff 1908 und Hawley
1928). Eigentliche Be~,rründer der Plattentherapie sind jedoch C. F. Nord
(1928) und A. M. Schwarz ( 1935).

20.3.2 Wirkungsweise und Indikation

Aktive Platten haben die Aufgabe, die Zahnbögen in sa&rinaler und


l!ansversaler Richtung auszuformen (dehnen, strecken) und E.i nLel-
7.ahnbewegungen durchzttführen.
Vorteile Mit aktiven Platten werden intermittierende Kräfte ausgeübt, so dass
Schä<.lcn an ahnen und Parodontium vermieden werden und eine l,'llte
Mundhygiene sowie Reinigung des Gerätes möglich sind. Oie Ä\thetik
des Patienten ist nu r temporär beeinträchtigt, wohingegen die Sprach-
quali tät während des Tragens aktiver Platten deutl ich reduziert ist. Oie
meisten Arbeitsschritte bei der Her~tellu ng des Gerä tes können im Labor
durchgeführt werden, was fü r den ßehandlcr eine Zei tersparnis bedeutet.
Nachteile Diesen Vorteilen sind einige Nachteile wie die Abhimgigkeit von der
Mitarbeit des Patienten, die Anfälligkeit der Drahtelcmentc, die eher
kippen<.len 7.ahnbewegungen (körperliche Bewegungen bei fe~tsitzender
Apparatur) und die daraus resultierende längere Behandlungsdauer ge-
genüberzustellen.

20.3.3 Bestandteile eine r aktiven Platte

Eine aktive Platte besteht aus der Plattenbasis (Piattcnkörpcr), den Hal-
teelementen, den Bewegungselementen und Schrauben.

Plattenbasis
Oberkiefer Die im Oberkiefer hufeisenförmige Plattenbasis reicht im Seilenzahnbe-
reich bis Lur Grenze 7wi~chen Palatinat- und Okklusalfläche. Sie endet
im Front- und Eckzahnbereich ca. 2 mm unterhalb der lnzisalkante. Die
2-3 mm dicke Platte endet dorsal in Höhe der Distalkante der endstän-
digen Molaren (Abb. 20-4).
Un terkiefer Im Unterkiefer sollten \Or l le~tellung der Plattenbasis unter sich ge-
hende Stellen ausgeblockt werden. Die untere Platte endet an der
Grenze zwischen Lingual- und Okklusatnache und 7ieht sich dorsal bis
203 Platten 4t+'·"§f1•1 20 5

Abb. 10·4: Obere und untere


aktive Platte mit Adam5·
Klammern an den Prämola-
ren im Oberkiefer und Mo·
Iaren im Unterkiefer und
Dreiecksklammern zwi-
schen den Prämolaren bzw.
Molaren zur Verankerung
der Platten, oberem labial-
bogen zur Ret rusion der ln-
zisivi und unterem labialbo-
gen zum Abhalten der
Lippe, Protrusionsfedern Im
Unterkiefer zur Protrusion
der lnzisivi sowie Dehn-
schrauben

zur flöhe der distalen Kante der endständigen Mola ren hin. Im Unter-
kiefer reicht die Platte im Vrontzahngebiet an den Lingualflächen bis
fast an die lnzisalkante. Die Plattenstärke beträgt ebenfalls Z-3 mm.
Die Standardplaltenbasis dient durch intramaxiHäre Klemmwirkung
der Kraftübertragung, der FLx.ienmg aktiver und passiver Elemente und
modifi?jert auch anderen Au fgaben. Zum Beispiel kann ei n ein- oder
zweiseiUg angebrachter Auf- oder Einbiss als Bisssperre zur Überstellung
eine~ uni- oder bilateralen Kreuzbisses dienen (Abb. 20-S).
Die Tragedauer für aktive Platten beträgt ca. 16-18 Stunden pro Tag. Tragedauer

Abb. 20 -5: Obere aktive


Platte mit Einzelzahn-
schraube und Aufbiss zur
Protrusion des progen ver-
zahnt en Zahnes 11
206 20 Kieferorthopädische Geräte

Halteelemente
Hal teelemente rixieren die Platten an den Zähnen und dienen de r zu.
sätzlichen intramaxillären Abstützung.
Adams -Klammer Oie 1955 von C. P. Adams eingeführte Adam ~-K i a mm e r dient als
körperliches rlaJtcelement an F.inzelzähnen, bevorzugt an Molaren. Bei
der aus 0,7 mrn federhartem Draht gebogenen Halteklammer greifen d ie
vertikalen U-förmigen Schlaufen zervikal Interdental an den Zahn und
sind nach gingival angewinkelt. Der horizontale Verbindungssteg darf
den Zahn nicht berühren. Die Okklusion soll dUich die Adams-Klam-
mer nicht behindert werden, ~o dass sich die Höhe der U-Schlau fen da-
nach orientieren muss (Abb. 20-6).
Dreiecksklammer Die aus 0,7 mm federhartem Draht gebogene Dreiecks klammer
stützt sich im Interdentalraum .zweier durchgebrochener nebeneinan-
der stehender Zähne ab. Ohne seitliche Abstützung der Verankerungs-
zähne hat eine Dreiecksklammer einen Separiereffekt Der notwendige
Aktivierung:.spielraum einer Dreiecksklammer wird dadurch erreicht,
dass der okkl usale Anteil den Zahn vestibulär um 1-2 mm überragt. Das
Dreieck ragt rechtwinklig in den lnterapproximalraum (Abb. 20-7).
Tropfen - oder Die 0,8 mm starke Trop fen - oder Kugelklam mer (Rush-Anke r)
Kuge lklammer krallt sich in den Interdenta lra um und setzt daher eine geschlossene
Zahnreihe voraus. Wie auch die Dreiecksklammer hat die Tropfenklam-
mer bei stärkerer Aklivierung einen Separiereffekt.
Pfeilklammer Die 1935 von J\. M. Schwarz eingeführte Pfeilklammer nutzt eben-
falls zwei lnterapproxlmalräume benachbarter Zäh ne aus. :--lachteile
sind große Reparatu ranfälligkeit sowie Einlagerung der Pfeile mi t Be-
schädigung der ZahnfleischpapilJe und häufige Kontrollen wegen Ver-
bie!,'l.mgen durch Patienten. Da die Pfeilklammer i.d.R. als Doppelklam-
mer verwendet wird, bedeutet ein Klammerbruch einen Verlust des Plat-
tenhalts auf der einen Seite. Die Pfeilkl ammer kann aufgrund der
genannten • achteile nicht empfohlen werden.
( -Klammer Die in der Prothellk verwendete C:. Kiarnrner liegt unterhalb der
größten Zahndimension, verläuft nahe der Gingiva und reicht mit ih-
rem abgerundeten Ende in den Approxlmalraum. Auch sie wird in der
Kieferorthopädie weniger verwendet.
Abstützdorn Um vor allem im Unterkiefer eine Plattenabsenkung mit Gefahr von
Druck~tellen und Gingivaulzera zu verme iden , kann die zusätzliche An-
bringung von Auflagen (Abstützdorn) notwendig sein. Abstützdorne

Abb. 20·6: Adams-Klammer Abb. 20-7: Dreiecksklammer


20.3 Platten 4f!.Ht§fl•l 207

Abb. 20·8: Dehnschraube


aus Gehäuse (3), Schrauben- 3
spindel (1) und Führungs·
stiften {2) 2

werden zwischen den lingualen Höckern der ersten Molaren im Unter-


kiefer angebracht.

Aktive Elemente
Bewegungselemente, die dazu dienen, den Zahnbogen auszuformen
und Zahnbt'wegungcn durchzuführen, sind Federelernente und
Schrau ben.
Neben einfachen Dehnschrauben stehen lahlreiche Spezlalschrau- Dehnschrauben
ben flir un terschiedliche Funktionen im Handel zur Verfligung. Die ein-
fache Dehnschraube aus korrosionsfreiem Edelstahl setzt sich aus der
zentral gelegenen Spindel mit Kreuzlochkopf, zwei Fühnmgsstiften aus
Metall und einem Gehäuse zusammen (Abb. 20-8).
Mit kieferorthopädischen Dehnschrauben können dosierte Bewe-
gungen innerhalb des ..:weiten biologischen Wirkungsgrades durchge-
führt werden. Bei einer Viertelumdrehung beträgt die Bewegung pro
Seite bei einer Gewindehöhe von 0,64 mm und einer Hubhöhe von
0,16 nun 0,08 mm pro Seite. Insgesamt kann eine Schraube um 7 mm
verstellt werden. Der Vorteil einer Kiefererweiterung mittels Dehn-
schraube ist, dass Patient oder Eltern die aktive Platte eigerutandig nach
entsprechender Anleitung a~tivieren können und häufigere Kontrollter-
mine dadu rch vermieden werden. Außerdem ist die Reparaturanfällig-
keit der Schrauben geringer als die komplizierter Federsysteme. Die
Dehnschraube zur transversalen Erweitenmg des oberen Zahnbogens
wird zwischen erstem und zweitem Prämolaren parallel zum Gaumen-
dach eingebaut.
~ Die Uni versaldehnschraube kann auch als Distalschraube zur Dis- Spezialschrauben
talisiemng der ersten und zweiten Molaren zu>ätzlich oder isoliert in
eine aktive Platte eingebaut werden.
~ Eine Spezialschraube zur forcierten Gaumennahterweiterung ist die
Hyrax-Scluaube. Ihre Retentionsarme werden i.d.R. an Bänder an-
gelötet, jedoch ist auch die Erweiterung der Sutura palatina mediana
mit einer in eine Kunststoffplatte integrierten Hyrax-Schraubc mög-
lich (Abb. 20-9).
~ Die Schwenkdehnschraube und die Fächerdehnschraube dienen

der fächerfönnigen Erweiterung des Oberkiefers bei vorwiegend an-


teriorem Schmalkiefer.
~ Die Posteriordchmchrdube wird tur isolierten tranwersalen Erwei-
tcn.mg des posterioren ldhnbogenbcreichs eingesetzt.
208 20 KieferorthoJ)ädische Geräte

Abb. 20-9: Hyrax-Schraube


mit angelöteten Bändern
als Gaumennahterweite-
rungsapparatu r

.A Die Dehnschraube n ach Bertoni mit 1.wei oder drei Schraubenspin -


deln ermöglicht die gleichzeitige transversal<~ und sagittale Nachent-
wicklung des Zahnbogens.
.A Heller-Schrauben (Zug- und DmcJ.:schraube) ermöglichen d ie sagit-
tale Bewegung von Zähnen entlang dem Zahnbogen.
A Offen e Schrauben dienen der l.ückenverkleinerung, z.ß. nach Ex-
traktion durch Meslalbewegung der Seitenzähne. Offene Schrauben
können auch eingesetzt werden, z.B. im oberen Zahnbogen, um bei
Überbreite aktiv zu verschmälern.
A Für gezielte Einzelzahnbewegungen (Protrusion, Rotation, Lücken-
schluss) werden Protrusionsschrauben in Mikrotechnik, Rota -
tions- und OiastemataschJ'aubcn verwendet.
.A Hebelschwenk5chrauben dienen der Aufrichtung von lingual ge-
kippten Molaren.

Federelemente Die Möglichkeiten der Zahnbewegung mit Federelem enten hängen


von Materialstärke, Ausmaß der Aktivierung und Angriffspunkt am
/.ahn ab. )c nach gewunschter Bewegungsrich tung unterscheidet man
zwischen folgenden ßewe~:ungselt'mentt'n:
.A Protrusionsfedern (Prot rusion)
A Führungsdorne
A aktivierbare C-T<Iammern
A Rückholschlingen
A Zwischenfedern
A Lorenz-Fedem
A Extmsionsfedern
A lntrusionsfedem.

Zur Protrusion von Einzelzähnen oder Zahngruppen eignen sich Blatt-


federn, Paddelfedern und offene sowie geschlossene Protrusionsfedern
(Abb. 20-10).
Zur Mesial- und Db talbewegung von l:.inzelzähnen werden Füh-
rungsdorne oder Fingerfederehen (0,6 mm federhart), F.ckzahnrückhol-
20.3 Pbtt~n 4:t'·"Cft" 2o9

Abb. 20·10: a) offene und b) geschlos


sene Protrusionsfeder, c) Bukkalfeder

schlingen (O,R mm federha rt), Lorcnz-Federn (0,8 mm federhart) ur1d


aktivierbare C-Kiammern verwendet.
Bei den Protrusionsfedern dienen die geschlossenen Elemente der Protrusionsfedern
körperlichen Labialkippung von Schneidezähnen, mit den mesia l oder
distal offenen Protrusionselementen können neben der Protrusionsbe-
wegung auch Rotation en durchgeführt werden. Wenn sie im Seiten-
za hnbereich an der aktiven Platte angebracht werde n, kann m it ihrer
Hilfe auch ein zu weit palatinal stehender Seitenzahn nach vestibulä r
bewegt werden (s.a. Abb. 20-1 0).
Um Einzelzähne, z.B. einen palatinal oder vestibulär verlagerten
Eckzahn, zu elongieren, kann beispielsweise der Entenschnabel, eine
Hubfeder von 0,4 mm federharter Orahtstarke, unter Zuhi lfenahme ei-
nes festsitzenden Attachmcnt~ eingesetzt werden.
Der 1956 von A. M. Schwar7 vorgestellte LabiaJ bogen (Oberkiefer- labialbogen
platte 0,7 mm federhart, Unterkieferplatte 0,7 mm fedcrhart) kann
Halte-, Bewegungs- und Abschirmfunktion ausüben.
Der inzisale Anteil des Labialbogens, der Schneidezahnbügel, ver-
läuft etwa 2 mm unter der !lchneidckante im mittleren Kronendrittel
und geht zwischen seitlichem lnzisivus und Eckzahn in eine U-Sch laufe

Abb. 20·11: Verschiedene Labialbogen


modifikatlonen: mit U-Schlaufen a), mit
Eckzahnrückführschlaufen b), mit
Omega-Schlaufen c)
210 20 Kleferorthopadische Geräte

oder distal des me\lalen Zahndrittels des Let-zahnes m eme Omega-


Schlaufe, den at..llnerbarcn leil des Labialbogens, ubcr. Oie u- oder
Omega-Schlaufe 1\t /WISchen 9 und 12 mm hO<h und endet 2- 3 mm
über dem Gingivarand (Abb. 20-ll).
Um Sd1leunhautirritationen zu vermeiden, mu~~ ~ie einen ~I indest-
abstand von 1- 1.5 nun von der Gingiva haben. Die zwischen Eckzahn
und Prämolar liegende Schulter geht palatlnal in den Retentiomteil des
Labialbogens über.
l:.in reiner Haltelabialbogen liegt den Zähnen p<~ssiv an. Ein Labial-
bogen mit I Iahe· und Bewegungsfunktion liegt den zahnen aktiv an.
l:.in Labialbogen, der d1e Oberlippe ,·on den zu protmdierenden Schnei-
dezähnen abhalten soll, steht von den lnzisivi ZWISChen I und 3 mm ab.
[in passh·er Labialbogen zum Abhalten der Oberlippe kann zusätz-
lidl mit Pelotten (Kunststoffschildern) veriJcidet sein. ~ind Palatinal-
brw. l.ingudlhewegungen oder Rotationen der F.ct..ahne gleichzeitig zur
Retrusion notwendig, wird dem Labialbogen mit Omega-Schlaufen der
Vorzug gegeben, bei reiner Retrusionsnotwendigt..eit clem Labialbogen
mit V-Sch laufen.

20.3.4 Plattenherstellu ng

Vorbereiten der Der erste Schritt bei der Plattenanfertigung ist da) Vorbereiten der Ar·
Arbeitsmodelle beitsmodelle.
.4 Im Unterkiefer mussen unter sich gehende Stellen (Im Bereich der
zweiten Prämolaren und Molaren) mit Wachs oder C...1ps ausgeblockt
werden, um Druckstellen 1u vermeiden.
.4 Die Drahtelemente müssen dem Modell so angcpd~'>t werden, dass
sie die O h.h.lu~lon nicht behindern und auch vorge~ehene Zahnbe-
wegungen ermöglichen .
.4 Die gebogenen Drahtelemente werden mit ihrem bukkalen Klam-
merteil mit rosa Plattenwachs auf dem Modell befe~tigt, die palati·
nal bn,. lingualliegenden Retentionen bleiben frei.
.4 Auch d1e interdentat ,·erlaufenden Schultern der einzelnen Halteele-
mente wwie die at..ti\ ierbaren Anteile ,·on Zwisthenfl'tlern und Pro-
trusJOnsfcdern werden m1t '.\'adls 'erkle1det.
.4 Die Schrauben werden mit ihren Haltemngen ebenfalls am ~lodell
angewach~t oder in einen Modellschlitz cingefugt. Dehn$Chrauben
werden Im Bereich der Prämolaren in der Mittellinie mit der
Schraubspindelachse senkrecht zu den Alve{)larfortsat.:en und /..ah-
nachsen ausgerichtet. Die Schraubspindel der Sagiltal~chraube sollte
parallel zu dem zu bewegenden Zahnbogenabschnitt liegen, die
Kraft der Protru<,ionsschrauben sollte möglich~t \ent..rcdll zu den zu
bewegenden Lahnachsen eingestellt sein .
.4 Die Modelle sollten vor dem Isolieren gewa\\Crt werden, um eine
porenfreie J>olyrneri<;atlon des Kunststoffs zu ermöglichen Bei der
20.4 Funktionskieferorthopädlsch~ G~rät~ 4tm1Dfl.t 211

Plattenherstellung werden heutzutage nur noch Autopolymerisa te


ohne vorherige Wachsmodellation verwendet.
A lJei der Verarbeitung der Kaltpolym erisate wird da.~ Streuverfahren
mit schichtweisem Auftragen von Monomerflüssigkeit und Poly-
rnerpu lver vom Anteigverfa h ren mil Au[modellieren des angeteig-
ten Materials auf dem Arbeitsmodell unterschieden.
A Die vorbereiteten Platten werden nach Herstellerangaben in Abhän-
gigkeit vom verwendeten Kunststoff in einem Drucktopf im Wasser-
bad polymerisiert. Die Platten werden danach mit Fräsen, Sandpa-
pier usw. ausgearbeitet und poliert (Schutzbrille!). Anschließend
folgt eine 48-stlindige Wässerung zur Reduktion des Re~tmon()mer~.

20.4 Funktionskieferorthopädische Geräte

Bei den funktionskieferorthopädischen Geräten werden im Ge-


gensatz zu den Plattengeräten und festsitzenden Apparaturen
keine aktiv mechanischen Kräfte eingeseut, sondern fun ktio-
n elle Kräfte zum Gewebeumhau au~genutzt. Die fKO-Geräte sind
nicht wie die Platten mit Hal teelementen an den ZClhnen befes-
tigt, sondern liegen lose an Zähnen und Alveolarfa rbätzen an
und ~ollen körpereigene Krafte, durch ~luskelimpulse ausgelöst,
auf Suturen, Kieferbasen, Ah·eolarfortsätze und Zähne übertragen.

20.4.1 Geschichte

Nachdem Kingsley 1879 den Begriff jumping thc bite für die Vorverla- Monob loc
gerung des Unterkiefers mit Pla tten eingeführt hat, folgte 1902 erstmals
die von Pierre Robin besch riebene blockartige bimaxilläre Appa ratur
(Mo nobtoc) für Kinder mit retrognathem Unterkiefer und Glossoptose
(Abb. 20-12).
Lediglich von Kingsley inspiriert, jedoch völlig unabhängig von Ro- Aktivator
bl ns Monobloc folgte 1908 Andreasens Akti vator, ursprünglich eine

Abb. 20-12: Monobloc [nach Robin], a) von hinten und b} von der Seite
212 20 Kieferorthopädische Geräte

Abb . 20-13: Funktionsregler


[nach Fränkel]

mcxlifizierte Kingsley-Piatte mit lateralen Extensionen für die Überde-


ckung de r Zähne im Unterkiefer.
Er~t 1935 führten Andresen und lläupl den klassischen Aktivator
des norwegischen Systems ein. Nachdem sich Häupl, der Parodontologe
war, mit der \"lirkungsweise des Gerätes auf die umgebenden Strukturen
beschäftigt hatte, war er davon überzeugt, dass der Aktivator Wachs-
tumsvorgänge einleiten, aktivieren und übertragen kann. Er berief sich
auf Roux. Nach ihm können naturliehe Kräfte eine intermittierende
Kraftapplikation entwickeln und F.m:hüttenmgen des Bindegewebes
auslösen.
F.ine Weiterentwicklung des Aktivators erfolgte in den 40er Jahren
des vorigen Jahrhunderts durch Petrik (Wien), er fugte zu~ätzliche Ele-
mente, wie Halledorne, Ösen und Schlingen, an den Aktivalor an.
1952 entwickelte Eschler einige Modifikationen des Labialdrahtes,
welcher nach zwei Behandlungsprinzipien im Sinne der Kraftapplika-
tion und Druckelimination arbeitete.
Jn den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden einige weitere
Varianten des Aktivators:
~ Bimler (Gcbissformer) und Stockfisch (Kinetor) fügten elastische Eie-
rnente ein .
.A Ualtcrs (Bionator) und Klammt (offener Aktivator) skelettierten den
voluminösen Kunststoffblock .
.A Fränkel verlegte die Kunststoffbasis nach vestibulär und nannte das
Gerätfunktionsregler (Abb. 20-13).

20.4.2 Konzepte

Muskulär-skelet- l\'ach dem Konzept von Andresen und Häupl nutzt der Aktivator die
tale Anpassung gegenseitigen Beziehungen zwischen Funktion und Knochenstruktur
während der Wachstumspha.~e aus. Der locker konsLruierte Aktivator
leitet durch ein neues Bewegungsmuster eine mu~ kulär-skelettale An-
passung ein. Die kondyläre Anpassung zur anterioren Unterkjeferlage
besteht aus einem nach kraniodorsal gerichteten Wachstum, um den
20.4 runktlonskieferorthopadische Geräte 41®1QtJ•l 213

Kontakt mi t den temporo-mandibulären Gelenkstruktu ren au frechtzu -


erhal ten. Wenn durch den Konstruktionsbiss der Unterkiefer nicht über
die Ruhelage hinaus geöffnet wird und die Öffnung nicht größer als
4 mm ist, entsteht eine myostatische Rcflexaktivität, die eine isometri-
sche Muskelkontraktion hervorruft, und somit arbeitet das Gerät mit ki-
netisch er Energie.
Einige Autoren wie Petrovic und McNamara haben das Andresen- Dehnung de r
Häupl-Konzept durch experimentelle Studien bestätigt. Andere wie Sel- Weichteile
mer-Oisen (1937), Herren, Harvold und Woodside sind der ~einung,
dass der entscheidende Faktor für die Wirkung des Aktivators die De h-
n ung der Weichteile sei. Durch die Oislokation des Unterkiefers vor
oder unterhalb der Ruhelage kommt es nach dieser Theorie zum An-
spannen der Weichteile, und dereu v iskoelasti~che Eigenschaften leiten
die skelettale Anpassung ein.
Viele andNe Autoren haben einen Mittelweg de r beiden Konzepte
gesucht und propagieren eine a lternierende Funktionsweise des Aktiva-
tors im Sinne der VNknilpfung von kinetischer und potentieller Energie.
Oie kli n ische Relevan z der unterschiedlichen theoretischen As- Klinische
pekte zur Funktionskieferorthopädie liegt in der Konstruktionsbissnah- Re levanz
me. Je nach Philosophie unterscheiden sich Höhe und sagittale Einstel-
lung des Konstrukt ion~bisses.
Herren beispielsweise überkompensierte den Unterkiefer in sagitta-
ler Richtung, indem er ihn in eine inzisale Kreuzbhs~l tuation brachte.
Woodsidc und Harvold öffneten den Unterkiefer mi t l lilfe des Kon-
struktionsbisses 10-15 mm oberhalb der Ruhelage, so dass der überex-
tendierte Aktivator zu einer Anspannung der Weichteile füh rt und nach
dem Arbeitsprinzip eines Splints funkt ioniert. Es kommt zu einer Unter-
drückung der myostatischen ReOexaktivitat bei gleichzeitiger Oehnung
der Weichteile mit Entwicklung der po tentielle n En ergie.

20.4.3 Wirkungsweise

\Nährend d es Wach stum s wirkt der Aktivator dentoalveolär und ske-


letlal. Er beeinflusst durch Aktivierung des Musculus pterygoideus late- Musculus ptery-
ralis d ie Vorverlagerung des Un terkiefers im Sinne ei ner Wachstumsför- goide us lateralis
derung bei gleichzeitiger sagittaler Wach~tu mszügelung des Oberkiefers.
Neben dieser rein funktionellen Wirkung des Aktivator~ du rch
Transformation körpereigener Kräfte, die sekundär auch ('ine Posi tions-
änderung der Zähne und Kieferbasen sowie Funktionsimderung und
Normalisierung des orofazialen Muskel komplexes bewirkt, tritt bei der
Behand lung m it dem Aktivator auch- je nach Ausstattung mit aktiven
Elementen - eine Zahnbewegung durch rremd kraft auf.
Die Wirku ng der sagittalen Lageänderung des Unterkiefers und der
vertikalen Bisssperre besteht in der ErhöblUt g der Mu.~kelspannung
und der Verlinderung des Funktionsmu~ters. Durch sie wird ei n Rei7
214 20 Kleferorthopädlsc~ Geräte

ausgelö t, der 1u cmcm Umbau im Parodontium, 1\lveol.trknochen, in


den Suturen, im hori7ontalen und aufsteagenden Unterl.teferast sm.,.;e
Kiefergelcnl. fuhrt. ach Abschluss einer erfolgreichen Behandlung
sollte ein funl.tionelles Gleichgewicht der orofa1ialen Muskulatur be·
stehen.

Kraftprinzipien
Beim Einsa tz von funktionskicferorthopädi~chen Geraten werden die
Kraftappllkatlon / Prinzipien der Kraftapplikation und Druckellminaticm unterschie-
Druckelimination den. Durch den \ktivator werden Muskeln al..tiviert und Kraft auf
Zahne, AIH><>Iarfortsatz und Kondylen ubertraKen. Durch seine FunJ..-
tion als Abschirmgerat (Pelotten, Fränkel) l..onnen ebenso Habits ausge-
mer.d werden. Die Art der Ktaftapplikatlon, ihre C.rt>ße und Richtung ist
\'Om Kon~truktionsbi)s abhangig.
Ein sehr einfaches Gerät zur Oruckelimlnation ist die Mund vo rhof-
platte (Abb. 20-14 ).

Abb. 20·14: Durch Rucklage des Unterktefers und lutsch sow1e ltppenhabrt be-
dingte vergroßerte sagtttale Stufe mit oder ohne frontal offenem Biss Im M Ichge-
biss (a), das Einsetzen der Mundvorhofpl.ltte führt zu emerVorschubbewegung
des Unterkiefers, der Druck der Unterlippe wird eliminiert, und der Lutschkorper
kann nicht e•ngelagert werden (b).
20.4 Funklionskleferorthopädlsche Geräte

Konst ru ktionsbiss
Durd1 den Konstruktionsbiss wird der Unterkiefer in Richtung des Be-
handlungsziels verlagert. Voraussetzu ng für die Konstruktionsbiss-
nahme ist eine umfangreiche Planung durch Modell-, Funktions- und
Fernröntgenanalyse. Oie Modellanalyse ermittelt die Molaren- und Eck-
zahnokklusion sowie die Ursache der Mittellinienverschiebung (alvt'o-
lär im Ober- und/oder Unterkiefer bzw. rnandibulär [gnathisch)). Die
i=u nktionsa nalyse gibt Aufschluss über die Ruhelage des Unterkiefers,
Gleitbewegungen und evtl. vorhandene Zwangsbisssltuationen. Außer-
dem können Dyskinesien, Atmungsstörungen und pathologische Be-
runde der Kiefergelen ke erfasst werden. Mittels Fernröntgenseilenbild
werden die Wachstumsrichtung und die Achsenstellung der lnzisivi
analysiert.
~ Sagittale Effekte: Dutc11 die Vorverlagenmg des Unterkil'feiS entsteht Sagittale Effekte
Muskelkraft und Spannung im kondylliren Hereich sowie eine re7i-
proke Kraft auf den Oberkiefer komplex. Das Ausmaß der Vorverlage-
nl!lg sollte nicht mehr als eine Prämolarenbrei te (7-8 mm) betragen
und maximal zu einer Kopfbisssituation im Schneidezahnbereich
führen. Eine Vorverlagerung des Unterkiefers bis zur Kopfbissrela-
tion ist kontraindiziert, wenn die sagittale Stufe seh r groß(> 8 mm)
ist und wenn die oberen lnz.Jslvi sehr stark nach labial gekippt sind,
weil dann ihre Aufrichtung (Retrusion) nidlt mehr möglich ist.
A Vertikale Effekte: Vertikal können d ie Zähne und Alveolarfortsätze Vertikale Effekte
be- oder entlastet werden, und bei seht hohem Konstruktionsbiss
entsteht eine zusätzli che Spannung in den Geweben. Diese Kräfte
werden auf den Oberkiefer übertragen u nd können wachstumshem-
mend wirken oder eine Veränderung der Inklination der Oberkiefer-
basis bewirke n. Um eine gute Akzeptanz des Gerätes zu erzielen,
sollte die verti kale Sperrung im Bereich der lnzisivi 2 mm nicht über-
schreiten. Dies bewirkt eine Erhöhung der Ktaftkomponente in der
sagittalen Ebene. Bei umfangreicherer verti kaler Sperrung, wie von
verschiedenen Autoren zur Vergrößerung der vertikalen Effizienz
empfohlen, besteht die Gefa hr, dass der Patient das Gerät nicllt an-
n immt. Schwietigkeiten beim Tragen, Muskelkräm pfe, Verlust der
Apparatur und fehlender Lippenschluss si nd Gründe für mangelnde
Akzeptanz.
~ Tra nsversale Effekte: Eine Korrektur der Mittellinienverschiebu ng Transversale
(gna th isch/mandibulär) ist bei Lateralverschiebung des Unterkiefers Effekte
indiziert, jedoch nicht, wenn infolge von Z.1l111wanderungen eine
dentoalveoläre MitteJlinienverschiehung besteht.
~ Bissnahme: Der Konstruktionsbiss wird mit einer am Modell vorbe- Bissnahme
reiteten Wachsschablone, die der Zahnbogenform entspricht und
ca. 5 mrn hoch ist, angefertigt. Die warme Wachsschablone wird au f
die Seitenzähne des unteren Zahnbogens hinter die Schncidczälme
gelegt, und am aufrecht sitzenden ents pannten Patienten wird der
Unterkiefer durch den ßehandler aus der Ruhelage zwanglos in die
216 20 Kieferorthopadische Geräte

'
Cf_Y11
7-8mm
lirATI
~-------. II
~
Abb. 20·15: Konstruktionsbissnahme: sagittale Vorverlagerung maximal eine Prä-
molarenbreite und nicht mehr als au f Kopfbiss, vertikale Sperrung im lnzisivibe-
reich nicht mehr als 2 mm und transvl!rsale Korrl!ktur der M ittellinie bei gnathi·
scher M ittenabweichung

geplante therapeutische Position geführt. Die Wachsschablone wird


anschließend am Modell überprüft und zur Kontrollt' nochmals
dem Patienten eingeset7t (i\bb. 20-15).

20.4.4 Bestandteile des Aktivators

Der Aktivator besteht aus Kunststoffanteilen und Drah telementen.

Ku nststoffbasis
Die Kunststoffbasis hat einen maxillä ren, mandibulären und inter·
maxillären bzw. interokklu sal cn Teil. Der Kunststoffbedeckt den Gau-
men in einer Breite von ca. 8-12 mm und ist im Unterkiefer 5-10 mm
lang. Die Okklusalnächen sind beim Aktivator mit kompletler Kauflii.
chendeckung vollständig, d.h. bis auf die bukl-alen Höcl-erspitzen, und
beim Aktivator mit halber Ka uflächend ccktmg bis an die Fissuren mit
Kunststoff bedeckt.
Aktivatortypen Oie Indikation dieser beiden o.g. Aktivatortypen hängt ab vom Um-
fang der sagi tta len Bisslagekorrektur, d.h., bei geringer Vorverlagerung
des Unterkiefers und horizontalem Wadlstumsmuster mi t geplanter
passiver Bisshebung durch Einschleifen reicht eine halbe Kauflilchende-
cklUlg aus. Im Gegensatz dazu wird der Aktivator mit ganzer Kauflä-
chendeckung bei Patienten mit sehr umfangreicher sagit ta ler Bisslage-
korrek1ur (evtl. bis Kopfbiss) und eher \·ertikalem Schädelaufbau kon-
struiert. Im Oberkiefer wird der Kunststoff bis an d ie InLisalkanten
gezogen, im Un terkiefer werden die lnzisalkanten gefasst, d.h., es wird
Überhang ein Überhang a ls Kippmelder konstruiert (Abb. 20-16).
20.4 Funktionskieferorthopädische Geräte 4tm"1fl•l 217

Abb. 20·16: Typischer Klasse 111- Aktivator mit Dehnschraube, Labialbogen im Ober-
kiefer und Überhang im Bereich der unteren Frontzähne

Drahtelemente
jedes Gerät ist - bis auf besondere Indikationen- mit mindestens einem
Labialbogen versehen, meistens mit einem oberen zur Retrusion der
protrudierten lnzisivi (aktiv) oder zum Abhalten der Lippen (passiv).
Der aktive Labialbogen, der die Schneidezähne berührt, wird ebenso
wie der passive aus 0,8 mm federhartem Draht gebogen und entspricht
in seiner Gestaltung der Konstn1ktion bei der aktiven Platte.
je nach Funknon werden die klassischen U-Schlaufen durch Omega- Sperrzone
Seitlaufen mit de r Möglichkeit der ge1ielten F.ck7.ahnbewegung ersetzt,
und der Schulter- und Retentionsteil wird zwischen Eckzahn und Prämo-
lar in die Sperrzone (intermaxilläre bzw. interokklusale Zone) geführt.
Der passive Labial bogen, der die Spannung der Lippen und Wangen
eliminieren soll, kann auch mit einer Kunststoffverkleidung versehen
werden. Diese Pelotten sind insbesondere bei Einsatz des Aktivators bei
Klasse 111-Anomalit: empfehlenswert (Abb. 20-17).

Schrauben
Da funktionskieferorthopädische Behandlungen im Wechselgebiss am
wachsenden Palienten durchgeführt werden, ist eine Schraube ;cur
Nachentwicklung der Kiefer unabhängig von den Platzverhältnissen
und von der Breite des Ober- und Unterkiefers notwendig. Die Dehn-
schraube wird im an terioren Intermaxillären Teil der Apparatur befes-
tigt, um eine symmetrische Kranapplika tion Lu erre ichen.

Abb. 20-17: Aktivator mit Einkieferdehnschraube für eine Anomalie des progenen Formenkreises, a} auf
dem Modell mit Pelotten am Labialbogen und b) in situ mit oberem labialbogen ohne Pelotten
218 20 Kieferorthopadische Geräte

Bei einem Breitenmissverhältnis zwischen Ober- und Unterkiefer, ei-


nem extremen oberen Schmalkiefer bei Klasse 11 1 und normal breitem
Einkiefer- Unterkiefer oder bei Klasse II!, ist eine so genannte Einkieferd ehn-
dehnschraube sch raube empfehlenswert. Oiese ermöglicht durch horizontale Durch-
trennung des Aktivators eine isolierte transversale Erweiterung im Ober-
kiefer.
Kleine Schrauben können zusätzlich Hir geringe Ein7elzahnbewe-
gungen am Aktivator angebracht werden. lläuiig ist jedoch der l::rfolg
von Einzelzahnbewegungen mi t einem funktionskieferorthopadischen
Gerät cingescluänkt.

20.4.5 Herstellung

Nach Konstruktionsbissnahme und Modellanfertigung werden die Mo-


Konstruktions- delle in der Konstruktionshisslage im Fixator festgehalten. Die Kon -
zeichnung strukU onszeiclulUng (Abb. 20-18) zeigt alle Drahtelemente, d ie
Schraube und Besonderheiten an de.r Kunststoffbasis. Die komplette
oder halbe Kauflächendeckung, der Überhang und Sonderwiin~che wer-
den eingezeichnet. Der oder die Labialbögen und zusätzliche Drah tele-
mente werden am Modell im Bereich der J.abialflächen der Zähne mit
Wachs befestigt. Für die Schraube wird eine Rille in das Modell gefräst
und diese mit Wachs befestigt.

Abb. 20-18: Konstruktions-


zeichnung für ein funkti-
onskieferorthopädisches
Gerät im frühen Wechselge-
biss: Die schraffierten Kau·
flächen sollen vollständig
mit Kunststoff abgedeckt
sein, die Schulter und die
Retention des Labialbogens
sollen so in der Sperrzone
verankert sein, dass der
Durchbruch von Prämolaren
und Eckzähnen nicht behin-
dert ist, und im Unterkiefer
ist ein Oberhang als Kipp·
meider vorgesehen. Außer-
dem sollen die Haltedorne
vor den Sechsjahrmolaren
des Oberkiefers eine Mesial·
wanderung nach Verlust der
Milchfünfer verhindern.
20.4 Funktionskieferorthopädische Geräte

Oie anschließende Kunststoffverarbeitung und Polymerisation wird


in Kapitel 21.13 "Kieferorthopädische Technik" beschrieben.
Ocr ausgearbeitete und polierte 1\ktivator wird nicht im Labor, son-
dern vom Kieferorthopäden am ßehandlungsstl.thl unter klinischer
Kontrolle ein- bzw. freigeschJiffen.

20.4.6 Anwendung

Einsetzen
Vor dem Frei- und/oder Einschleifen des Gerätes wird dieses im Mund
anprobiert. Vor dem definitiven Einsetzen sind i.d.R. Schleifkorrekturen
(Freischleifen) notwendig.

Freischleifen
Freischleifen beinhaltet, Kunststoffpartien zu entfernen, die den Zahn-
durchbruch oder gewunschte Zahnbewegungen verhindern. Beispiel~­
weise werden die palatinalen Kunststoffan teile des Aktivators bei ge-
wi.inschter Retrusion der oberen lnzisivi bis zum Apex der Schneide-
zähne freigeschliffen. "icht ausreichend freigeschliffene Bereiche
?eigen sich bei der anschließenden Kontrolluntersuchung als glatt po-
lierte Flächen am Innenteil des Aktivators.

Aktivieren
Aktivierungen von Drahtelementen sollten erst l>ei der ersten Nachkon-
trolle nach Einsetzen des Geräts vorgenommen werden, um dem Pa-
tienten die Adaptationsmöglichkeit zu geben. Anpassungsschwierigkei-
ten sind beispielsweise, dass das Gerät nachts verloren wird, weil der
Patient habitueller Mundatmer ist, odE.'r dass es aufgrund nicht ausrei-
chend freigeschliffener Kunststoffbereiche "drückt" und der Patient des-
halb das Gerät aktiv herausnimmt. Bei der ersten Kontrolle nach ca. vier
Wochen können Labialbögen, Führungssporne sowie Fingerfedern und
die Schraube aktiviert werden. Zu die~em Zeitpun kt können wiedentm
Freischleifkorrekturen notwendig sein.

Patienteninstruktion
Oie gewünschte Tragedauer beträgt 14 Stunden, nachmittags und Tragedauer
nachts, jedoch nich t in der Schule. Das Gerät kann bei entsprechender
Kooperationsbereitschaft von Seiten des Patienten und der Eltern du rch
diese in vierwöchigen Abständen aktiviert werden, d.h., die Dehn-
schraube wird vierwöchentlich durch den Patienten ver:.tellt. Das Gerät
muss nach jedem Tragen durch mechanisd1e Reinigung mi t einer Reinigung
Bürste und kann zusätzlich m it Reinigungstabletten gepflegt werden.
Abi>. 20-19 zeigt einen Merkzettel für die Handhabung herausnehm-
barer Geräte.
220 20 Kieferorthopädische Gerate

Hallo!

Heute hast Du Deine Spange - -- - - - - - - - - bekommen.

Hier ein paar Tipps, damit nichts vergessen wird:

Du solltest Deine Spange __ Stunden tragen.

Du solltest Deine Spange beim Sport, Essen und Zähneputzen herausnehmen.

Immer wenn Du die Spange nicht trägst, solltest Du sie in die Spangendose
legen, damit sie nicht kaputt geht.

Du solltest sie mit einer Zahnbürste oder Handbürste ohne Zahnpasta mor-
gens und abends putzen.

Einmal in der Woche kannst Du sie in einem Becher mit speziellen Reini-
gungstabletten einwirken lassen.

Wenn Deine Spange nicht richtig passt, drückt oder kaputt ist, solltest Du
telefonisch mit unter der Nummer einen Termin
vereinbaren, damit sie möglichst schnell repariert werden kann.

Denke daran, oben unten

0 die mittlere Schraube 0 0


0 die Schraube rechts 0 0
0 die Schraube links 0 0
0 die Schraube vome 0 0
0 .............................. 0 0
in Pfeilrichtung zu stellen.

Viel Spaß mit Deinerneuen Spangel

Bis zum nachsten Mal,

Dein KFO-Team
Abb. 20-19: Merkblatt für die Handhabung herausnehmbarer Geräte

Einschleifen
F.in5chleifen heinhaltet im GegensalllU Freischleifen die Beeinflu~sung
vertikaler Probleme durch geziel tes Belasten und Fntlasten von Zahn-
gruppen. Bei Tiefbiss werden di e Okklusalflächen im Seitenzahn bereich
eingeschliffen, so dass sich Alveolarfortsätze und Zähne aufeinander zu.
bewegen kö nnen. Der Schneidezahnbereich sollte belastet, d .h. vom
Passive Kunststoff gefasst sein. Die passive Bisshebung durd1 Entlastung der
Bisshebung Seitenzähne (~inschleifen ) und Belastung der Schneidezähne (Über-
hang) sollte bei gleichzeitiger sagittaler Lagekorrektur zwischen Ober-
und Unterki efer erst nach einem halben Jah r Tragedauer begonnen wer-
den. Das Einschleifen zur passiven Bisshebung kann schrittweise, d.h.
eine Zahngruppe pro Sitl ung oder in einer Sitwng, durchgeführt wer-
den. Beim schrittweisen Vorgehen werden zuerst die Zwölfjahrmolaren,
20.5 Festsillende Geräte 4ffi'·"$f1·1 221

Abb. 20· 20 : Aktivator [nach Andresen und Hiiupl), im a) nicht eingeschliffenen und b) eingeschliffenen Zu-
stand

danach die Sechsjaltnnolaren, Prämolarem und Eckzähne eingeschliffen


(Abb. 20-20).

20.5 Festsitzende Geräte

Festsitzende Geräte sind für die Dauer der Behandlung durch Vcr-
bindungsPiemente zwischen Zahn und aktivem Anteil der Appa-
ratur für den Patienten nicht abnehmbar befestigt.

20.5.1 Geschichte

Bercils während des kieferorthopädischen Mittelalteh verwendete Fau·


chard ( I 728) mit Fäden bzw. Drähten an den Zähnen befestigte Innen-
und Außcnlxigen, um gelockerte oder gewaltsam gerichtete Zähne zu
schienen.
Hunter setzte 1750 einen Metallbogen mit Liga tu ren ein. Bänder
mit Attachments wurden von Delabarre 1815 beschrieben, und Magill
zemen tierte 1868 Bänder aus Platin, Gold, Neusilber oder Silber.
Extraorale Geräte wurden von Kingsley 1866 in Form einer extrao-
ralen Zugvorrichtung zu r Behandlung von Malokklusionen und 1908
von Case als okzipitale Verankerun g zur Korrektur intennaxillärer Bezie-
hungen empfohlen.
Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts (1906) wmde von Angle das
erste Multibandsystem zur körperlichen Bewegung von Zähnen entwi-
ckelt.
Die kieferorthopädische Neuzeit und gleichzeitig auch Angle-Peri-
ode begann mit der Beschreibung de.~ I ,4 mm starken Expansionsbo-
gens (E-Bogen).
1913 kreierte Angle den vertikalen Bandbogen, auch Ribbon-arch
genannt, in welchem erstmal> auch Brackeis zur Bogenführung inte-
griert waren (Abb. 20-21).
1926 führte er den &lgewi~e-Mech an i smu~ mit einem Vierkantau-
ßenbegen (.022" x .028") in einem horizontal verlaufenden Bracket·
222 20 Kieferorthopädische Gerate

Abb. 20-21: Vertikaler Band-


bogen

Abb. 20-21: Mershon-lingu-


albogen und verschiedene
Lingualschlösser: a) [nach
Mershon), b) [nach Kork·
haus), c) [nach Schwarz],
d) [nach Cools]
20.5 Festsitzende Geräte 4tf1.11Qfl•l 2.23

~cltlitz (Slot) eiu. In diesem Zusammenhang Ist auch der 1917 von Mers-
hon verwendete Lingualbogen mit angelöteten Federn zu nennen (Abb.
20-22).
Schaden durch Verwendung starrer starker Drähte in Form von Wur-
zelresorptionen an überbelasteten Zähnen wurden bereit~ 1928 von Ket-
cham festgestellt, und infolgedessen wurden die Apparatesysteme wei-
terentwickelt, um die an den Zähnen angrei fenden Kräfte zu reduzieren
und um möglichst Überlastungsschäden zu vermeiden.
1936 wurden die extraoralen Zugvorrichtungen von Oppenheim
systematisiert und in den USA eingeführt.
Der 1947 von Klöhn im Rahmen einer FrOhbehandlung verwendete
zervikale Headgear gi lt noch heute als Prototyp des Nackeobandzuges.
Die 1\veed-Schule ( 1940-1955) führte neue Behandlungstechniken
ein, bei denen d ie Extraktion bleibender Zähne der transversalen Zahn-
bogenexpansion vorgezogen wurde.
Aktuelle Tec hn iken mit festsitzenden Apparaturen verwenden Aktuelle
dünnere und elastische Drähte. Sie reduzieren das Risiko von Üherlas- Techni ken
tungsschaden und Wurzelresorptionen. Die typischen heute verwende-
ten Techniken un terscheiden sich auch durch den Einsatz von enhveder
durchgehenden, alle Z.'ihne umfassenden Bögen oder sog. Teil bögen. Zu
Ersteren zäh len:
..111 die von ßegg entwickelte "Light-wire-Technik" als Fortentwicklung

der nPin-and-tube-appliance" mit elastischen, ausschl ießlich run-


den Rögen
..111 d ie Standard-Edgewise-Technik nach Angle und Tweed mit Vierkant-

bögen zur dreidimensionalen ZahnkontroUe und -bewegung


..111 d ie nBioprogressive Therapie" nach Rickells - eine biologische Be-

handlwlgsmechanik - verwendet Teilbögen eben so wie die sog. Seg-


mentbogentechnik nach Burstone
..111 die "Straight-wire-Systeme" von Andrews, Roth und Alexander, wel-

che weitgehend gerade Bögen mit Integration der lnfom1ation über


Torque, Angulation, Einwärts- und Auswarbbiegung im Bracket statt
im Bogen aufweisen.

Der biom e<:ha nische Anspmch einer kieferorthopädischen (orthodon-


tischen) Behandlung wird heu tzutage besonders in den von BanUeon,
Burstone, Diedrich, Marcotte, Meisen und :\landa dargestellten Behand-
lungssystemen mil Segmentbögen verwirklicht. Trot7. individuelle r Va-
riabili tät im Detail haben die von diesen Lehrern der Kieferorthopädie
vorgestellten Behandlungssysteme gemeinsam, dass sie mit biologi-
schen, d.h. kleinen Kräften arbeiten. Dieser Anspruch wird realisiert
durch die Applikation von einfachen und komplizierten "Loop-Syste-
men", die eine kontinuierliche biologische Kraft auf die Zähne ausüben.
Außerdem werden die bei jeder Kraftapplikation applizierten Momente
(Drehmomente) durd1 Berücksichtigung der physikal ischen Zusam-
menhänge ausgenutzt (Abb. 20-23).
224 20 Kieferorthopädische Gerate

Abb. 20·23: Vier Basis Loop·

JL
formen, aus denen alle an·
deren Loopvarianten entwi-
a c:::=I(JD oder
ckelt werden konnen , a) ver-
tikales Loop, b) L-loop.
c) T·Loop, d) Rechteck· oder

b~c~'jLJ)
Box-Loop

20.5.2 Bestandteile einer festsitzenden kieferorthopädischen


Apparatur

Grundbestandteile einer festsitzenden kieferorthopädischen Apparatur


sind: Bänder, Attachments, HUfselemente und Drähte. Hilfsgeräte die-
nen zusätzlich der Verankerung oder angestreb ten Zahnbewegung.

Bänder
Ränder sind vorgefertigte Metallringe aus 0,1 mm sta rkem Ch rom-Ni-
ekel-Stahl, die industriell als Sortimente mit unterschiedlichen Durch-
mes~ern und zahntypischen Formen angefertigt werden./.ur Erkennung
sind sie für den Ober- bzw. Unterkiefer, für links bzw. rechts mit unter-
schiedlich farbigen Zahlen und Buchstaben gekenn1etchnet. Ein Band
dient zusammen mit dem Attachment - auf ein Band aufgeschweißtes
Übertragungselement, an dem 1\ögen, l.lgahuen, Federn, Elastics und/
oder J\ lastics befestigt werden - als Übertragungsmechanismus. So kann
die Kraft akt iver Elemente auf den Zahn übertragen werden. Vorzugs-
weise werden heute Bänder an den ersten und zweiten Molaren venven-
det, um extraorale Geräte wie Nackenbandzüge und Gesichtsmasken,
Gaumennahterweiterungsapparaturen und Quadhelices einzusetzen.
Im Prämolaren, Eckl.,hn- und Schneidezahnbereich hingegen werden
in der aktuellen .,Multiband-Bracket-Technik" Brackcts verwendet (Abb.
20-24).

2 4
2

Abb. 20-24: Edgewise-Zwlllingsbracket mit vierkantigem horizont alem Schlitz


(Siot · 1), Bracketflügel (2) und darunter der Retentionsteil zur Aurnahme von Li-
gaturen. Ein zusätzlicher Vertikalschlitz dient der Befestigung von Aufrichtefedern
(3) und Häkchen (4) dem Einhangen von Gummizügen oder Federn [nach A. Ha·
sund,l. Rudzki-Janson und P. Bi ngler, Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11/11,4. Aufl.]
f
20.5 Festsitz~d~ Gerdie

Attachments
Attachm~:nts ~ind auf Bänder b7w. Metallbasen aufge,chweißte Üb<'rtra-
gungselemente 7ur Befestigung von IX>gen, Ligaturen, l'edem, Elastics
und Alastics. l:.s werden linguale und bukkale Attachments untersthie-
den; zu den bukkalen Attachments gehoren die Bracket\ und die Tubes.
Bracl..ets werden auf die Bukkalnachen der Bander oder auf Basen Bukkale
mit 1'\etz oder unter sich gehenden Mikroretentionen aufgeschweißt. Attachments
Bei den Bracket' werden das Edgewl~~:- und das Light-wlre-Bracket un-
ter.thieden. Das Ldgewise-Brackct besitzt eine der Zahnform angepaS!Ite
Krummung, einen Schlitz unter\ChJedlicher Ausdehnung und Flügel.
Der Schlitz dient der Aufnahme des Bogens, und d1e flugel dienen der
Befestigung von Ligaturen, Ela~tiC'I und Alastics (Ahb. 20-25).

Oreofachrohrchen Zweifachrohreh en
fur OK·Band mot fur UK·Bilnd m ot
okklusalem Convertlbietube
Headgeartube

-===---

llngualcleat

Vertikalschloß
fur llngualbol!en
om Unterkoefer
lingualtubes
mi t und oh n~
Haken Lingualknopf

Abb. 20- 25: Bänder und unterschiedliche bukkale und linguale Atl<lchments, Ober-
und Unterkieferbander fur doe Sechsjahrmol;~ren mit b) verschiedenen bukkalen
Attachments: fur lipbumper und Vierkantbogen im Unterkiefer {links), für Head-
gear und zwei Vierkantbogen om Oberkiefer (re,hts) und fur zw ei Vierkantbogen
Im Unterkiefer (M itte) und c) linguale Attachments: Cleat, Hook, diverse Paiat i·
naischlösser
226 20 Koeferorthopadische Gerate

Das l.ight-wire-Brackct Ist ähnlich aufgebaut, jedoch werden statt Li-


gaturen Plns zum Ver,chlicßcn (sog. Lod.-Pins) verwendet.
Neben unterschiedlichen Schlossabmessungen bei den F.dgewisc-
Bracket5 <.ots• >. .02s•; .022" x .028") werden auch Smgle-Brackct\ mit
einem Hügel und Zwillings-Brackets mit zwei Flügeln angeboten. We-
gen der geringeren Fri"-tion l>el der Zahnl>ewegung in mesiodlstaler
Richtung werden Zwillings-Brackets bc' orzugt.
Beim Bracket-~laterial werden ro\tfreier Stahl, Kun\t\toff, Keram1k,
Titan und Gold unterschieden.
Die im :VIoi.Jrenbereich verwendeten Tubes (Röhrchen) werden Im
Oberkiefer als 1riple-Tubc und im UntcrlJefer ab Twin-Tube bevor.:ugt.
Im Oberlider dient da<> dritte runde Rohrehen neben den beiden Vier-
kantroh rchen n 1m Einsatz eines Gesichtsbogens. An Sechsjahnnolarcn
können anstelle von Tuhe\ so genannte C:onvert ible-Urackets aufge-
schweißt werden, um im Bedarfsfall nach Durchbruch der Zwölfjahrmo-
laren eine 'eubcbänderung der Sechsjahrmolaren ro vermeiden. D1~
Rrackcts m1t aufgelöteten Laschen können bei Bedarf ,·om Tube 7Um
Bracket umgewandelt werden (Ahb. 20-25).
linguale l.int;uale Attachments sind Aulset.:laschen zur Abstützung des Band-
Attachments aufsetzers, Auf~etzhaken zur Befestigung von lingualluw. palatmal ver-
laufenden Drahten, Elastlc~ und Alastics. Außerdem werden Lingual-
häkchen, Knopfe, Ösen und Schlos~er fur unterschiedliche Situationen
im I landeI angeboten.

Hilfselemente
~ Gleithdl\then wr ßcfe~tigung von intra- und Intermaxillären <.um-
mi7llgcn könnenah offene und ge~chlossene llal\chen ohne Entfer-
nung dc\ Rogens oder vor der Einligicrung des Bogem angebracht
werden
A Stops, offen oder geschlossen, dienen der Aktivicrung offener
~ Fedem zur Veran kerung eines Zahne\ .
.14 Zug- und Druckledern zum Me~ialhieren und Dhldlhieren bzw. tu-
ckenöffnen und Luckemchließcn haben den Vorteil gegenuber
Gummizugen, eine kontinuierliche Kraft 7U applizieren.
A l:lastic~. Gummiringe verschiedener Größe, d1c ah intra- und mter-
maxill:lre Gummizüge benutzt werden, ~ind von
.tA Alaslics wm Separieren, Linligieren, Rotieren und Lückenschlu')s zu
unter..chelden (s.a. Umschlagfoto mit ,·erschiedcnfarbigen Alaslics
tum Finligicren de) Bogens).

Drähte
Drahte, als aktive Elemente in der ~lultiband-Bracl\et- fl'Chnik, uben
Krafte auf die 7.ahne aus und bewegen sie. !>ic unterscheiden sich du rch
1hre Drahtqualität (Material) und Abmessung. ln der KieferorthOpdtlle
gebräuchliche Orahtmaterialien bestehen aus Edelstahl-, Chrom-Ko-
balt-, Nickel- 11tan- und Titan-Molybdan-Legierungl'n. Sie werden in
20.5 Festsitzende Ger~te 4:tHlMtJ·I 221

Stangenfonn, auf der Rolle oder als vorgeformte Bögen angeboten. 1\u-
l~erdem gibt es je nach Technik ein?elnt- Bogenelemente wie Teilbögen,
/lufrichtefcdcrn, RNraktoren, Torqucfedem, Utilitybögen und unter-
schiedliche Loop-Systeme vorgefertigt. Fur alle Draht\orten sind runde
und Vierkantdrähte 111 unterschiedlichen Größen zwischen .012* und
.020" rund und .016w "< .016" bis .02 1" >.. .028" erhaltlich.
A Der weiche .008"- .012"-Ligaturemlraht wird zum Einligieren der
Bögen und zum Verblocken und Aktlvieren benutzt.
"" .020"-.028•-r-.tessingdraht kann als Alternative 7u Separiergummis
zum Separieren \OC der Bebandenmg verwendet werden und wird
7ut Einordnung freigelegter Zahne angebracht.
"" l wistflex hat durch das ZusammenfUgen mehrerer düuner flexibiN
Drähte elastische l·igenschaften. Twistflex wird aufgrundseiner gro-
ßen Ela~1:iLitllt in der so genannten Nivellierung\phase zur ersten
Zahnbewegung eingesetzt. Da die WirJ..:ung des 1\vistflex auf alle
Zahne nicht kontrolherbar ist, sollte dieser möghdtst schnell durlh
andere Bögen ersetzt werden. !'\eben runden gibt es Vierkant-Twist-
flexbogcn mit bcswrer Kontrollmöglichkeit (Abb. 20-26).
"" Nickel-Titan-Drahte mit extrem hohcr E.lastizität dienen der 1'\'ivel-
hcrung von Zahnen und üben ubcr eine lange Zeit eine kontinuier-
liche Kraft aus. Da sie nicht mit Loops versehen werden können
(ßruchgefahr), \ind Sie nur eingeKhranl..t zu verwenden.
"" ~-Tilanium - Legierungen mit elastischen Eigemchaften zwischen
Stah I und Nitinol werden ah TMA (Tilanium-Molybdän-AIIoy) an-
geboten {Abb. 20-27).
"" \ustralische Drahte (.O t-t•-.080") sind wännebchandelte Drähte,
deren besondere Cigenschaft ist, dass sie bei Abk"Uhlung (Lwlehmen-
der Festigkeit) rine erhöhte Fedcrkrart l>es1tzen. Sie werden als fedcr-
h.ute, e>..trafederharte, superfederharte und nSupcrspezial" -Modifi-
kationen angeboten und in der l.ight-wire-Technlk vemendct.
"" Standarddrähte aus L.delstahl ln~tainless steel"), die !>ich gut biegen
lassen, werden al\ Vierkantbögen in der Edgewisc-lechnik wahrend
aller Behandlungsphasen benötigt.
A Drähte aus Chrom-Kobaltverhlndungcn unter~cheidcn sich durch
ihre Anteile an Kobal t und E.isen. Sie ~tehen als Elgiloy-Drähte 111

Abb. 20·26: Runder Twlst-


flexbogen im Slot des Sln -
gle.Brackets
228 20 Kieferorthopädische Gerate

Kraft

Nrt.nol

Verbiegung

Abb. 20-27: Spannungs-Dehnungs-Diagramm 110n Stahl·, TMA· und Nitinoldraht

veNhledenen, durch unterschiedliche Warnlebehandlung erhalte·


ncn llärtcgraden zur Verfügung: als Elgiloy-blau, -gelb, -grUn und
-rot. Sie haben die Eigemchaft, obwohl ursprimglich relativ weich
und gut vcrfom1bar, durch Vergutung maximale Anforderungen TU
crfullen. Sie sind die klassischen Drähte ln der bioprogressiven lcch-
nik nach Ricketts.

HUfsgeräte
Hilr~geräte sind palatinallvw. lingual angebrachte intraorale Gerate, d1e
der \'crankerung und/oder aktiven Bewegung \'On Zähnen dienen.
~ Der )')alatinalbogen nach , ance, fruher mit den Molarenbandem
verlötet und heute über palatinale Tube~ herausnehmbar gestaltet,
dient der Verankenmg der Scchsjahrmolaren. Diese Apparatur stützt
sich in I lohe der I.A:Whne w1d Pramolaren mil einer großflächigen
herlformigen (zweicuro\tuckgroßen) Kunststoffpelotte am (,aumen
ab. I >urch Aktivierung können ExpaJl}IOn und Rotation der Molaren
durchgcfuhrt werden. Wegen der Gefahr der Einlagenmg (actio = re-
actlo) bei Verankerungwerlust muss der Nance in der Retraklions-
phase ( Lückensthlu\~ von mcsial) entfernt werden (Abb. 20-28).
~ l)cr J>alatinal bogen nacb Goshgarian wird eben\O in Palatinal-

schlo~ser eingesctlt, kann zur Akti\ icrung herau~genommen wer-


den und dient der Korrektur von Meslalrotationen der oberen \1ola-
rcn, aber auch als Expanslom- und Verankcrung~un terst utnmg.
~ Die Vicrschlaufenfeder, Quadhelix, ebemo fruher an den Molaren-
bandem angelötet und heute heraumehmbar über Palatinalschlös-
ser 'erankert, wird zur Expansion des Oberkiefers benötigt und dient
als Verankerung~unterstutzung (Abb. 20-29).
~ Die Gaumennahterweitcrungsapparatur, eine Hyrax-Schraube mit
vier lländcrn ''erbunden, die zur Stahilhlerung Ober Palatinatstege
f
20 5 F~tSIIl~nd~ G~rale! 4:ff.:!Dfl•l U9

Abb. 20.28: Nanc«!·Appara-


tur zur Verankerung der
Molaren

mitemander verlötet \JOd, dient der rorcierten Gaumennahtspren-


gung btw. -crweiterung (s.a. \hb. 20-9).
"" Der Lipbumper, eine im unteren Vestibulum liegende Kunststorrpe-
lotte, d1ent als Verankerung~· und/oder Oistalisierung\gerat im Un-
terl..lerer, das die perlorale Mu\l..ulatur ubcr den Lippendruck aus-
nutzt, indem dieser aul die Molaren übertragen wird. Dieses Gerat
wi rd in runde Schlöm•r an den Bändern der ersten oder zweiten MO·
Iaren im Unterkiefer eingesetzt (1\bb. 20-30) .
.11 Der lingual bogen ror Verankerung im Unterl..ierer wird in horizon-
tale oder twei parallel an den unteren Molarenbandem befe~tigte
\ertll..ale ~hlösser herausnehmbar eingesetzt und erlaubt eine ge-
ringe E>.pansion und Ver\tarkung der Verankerung der unteren Mo·
IMen (~.a. ,<\bb. 20-S).
"" Der Gesichtsbogen (Headgear, l'accbow) dient der extraoralen Ver-
anl..erung und/oder der denteilen bl\\. skelettalen Korrektur vertika·
ler und sag1ttaler Abweg•gkellen (Abb. 20-31 ).

Abb. 20· 29: Quadhelix Abb. 20-30: Upbumper


2JO 20 Kieferorthopad1sch~ Gerat~

Abb. 20· 31: Zervi-


kaler Hcadgear
mit langen. nach
unten ilngulier·
ten Außenarmen
zur frilkllonier·
ten Molarendis-
talisatlon (s.a.
Abb 20-51) [aus
C. W. Schwarze,
Praxis der Zahn-
heilkunde, Bd. 12.
2. Aufi.J

J
20.5.3 Indikation

Merke
Alle Zahnbewegungen, bei denen eine Kontrolle de r Wurzelbewe-
gung indiziert ist, erfordern den [insat.: eines Kraftpolares und da-
mit einer fetsit7enden Apparatur.

Körperliche Zahn· Daher sind körperliche Zahnbewegungen, d.h. Bewegungen der


bewegungen Zähne unter Wahrung der Achsenrichtung, Extrusion und lntru~ion
von Schneide- und ~itenähnen bei vertikalen Unstimmigkeiten, Rota-
tion \'On gedrehten Zähnen und Torque-ßewegungen, Zahnbewegun-
gen, die mit \ lultiband-Rracket-Apparaturen durchgefuhrt werden soll-
ten.
Spe71elle Maßnahmen, hel deren Durchfuhrung den fe\tsit7cndcn
Behandlungsgeräten der Vorzug zu geben i~t. sind:
"" die Aufrichtung von gekippten Zähnen
"" die i'.inordnung verlagerter Zähne nach operativer Freilegung
"" d1e Ausformung der Zahnbögen bei Spalttragern
"" die Behandlung mit I leadgear. Gesichtsmaske und Gaumennahter-
wei teru ngsa pparalu r
"" die Verankerung im Gegenkiefer
"" pro~pmthetische/-implantologische Maßnahmen bei Erwach~enen
~ d1e Verbesserung der Okklusions\'erhoJitnisse nach Wachstumsab-

schlu\\
A die Ausformtmg der Zahnbögen im Rahmen von kombiniert kiefer-
orthopJdi\ch-kieferchirurgischen Behandlungsmaßnahmen.
20.5 Festsitzende Gerat~ 4 f hiidf{•l 2)1

Den Indikationen fe~hitzender Gerate sind einige Nachteile gegenüber- Nachteile


zustellen.
Durch die er..chwerte Reinigung,mögüchkeit bei Multiband-Bra-
cket-Apparaturenbesteht ein erhöhtes Risiko für Schmci.LSchadigungen,
kario~e Defekte und Gingh.;tiden, \\as eine Verbesserung der Mundhy-
giene der Patienten uber das llbhche Maß hinaus -.erlangt.
Unter gelockerten Rändern besteht die Gefahr der Demineralisie-
mng des Schmelt.es, ebenso zirkulär um nicht optimal gereinigte Bra-
cketsund Zähne. Rt.>l Befestigung derBracketsmittels Saure-Ätz-Technik
werden zwar nur mikroskopisch SIChtbar, aber dennoch irreversibel
Schmel7prismen amgelöst.
Bclastuugsschliden, langfristig röntgenologisch bt.w. klinisch nach-
welsbar als Wurzelresorptionen und Gingivarezessionen, können trotL.
kontinuierlicher geringer Kraftapplikation auftreten.
fe<.t\itL.ende Apparaturen wirken aslhelisch störend und deshalb
werden von den Patienten haufig wemgeroder nicht sichtbare Keramik-
und Kunststoffbrackeis sowie lingual befestigte Brackeis gewünscht.

20.5.4 Wirkungsweise

Bei Z<lhnbcwegungen smd Veränderungen im Alveolarknochen, in der


Wur~elhaut und Im Wurzelzement (evtl. auch im Dentin) zu erwarten.
Die Wurzelhaut wird einerseits einem Oruck auf der entgegenge5ettten
Seite der Kraftrichtung und andererseits einem Zug auf der Seile der
Kraftemwirkung ausgesetzt.
Die An- und Abbauvorgä nge des Knochens \\erden durch trans-
septale hindegewebige rasem de~ Oe<.modonts ausgelo\t.
Die orthodonti:>chc Zahnbewegung läuft wie die physiologische
/.ahnwanderung nur 7Citlich schneller ab. Durch die desmodontalen
Veranderungen reagiert der Alveolarknochen auf Dntck mit Knochenre-
sorption, auf Zug mll Knochenappmltlon.

Merke
Durch Reorganisation der Fascrbundel, An- und Abbau des alveola-
ren Knochen~. lntegritat des Wur7el7ements und eine Lageverände-
rung des Zahnes \\ird die Zahnbewegung nach StociJi als ein ze•t-
lich und vom Umfang wohl koordmlertes synchron ge~teuertes bio-
logisches Ereigni\ definiert.

Der Ubermittlungsmechanismus, der bcl.timmt, wo Appmition und wo


Resorption stattfindet, ist u.a. auf Pie7oelet..trititlH zurückzuführen. Piezoelektrizität I
Durch Spannungen, die an den Nahtstellen zwischen Kollagen und 2
Apatit entstehen, \lnd an den Druck- und Zugt.onen 111 der Ah·eole nach
therapeutischer Krafteim\irkung positive und negative Ladungen 7u be-
obachten.
232 20 Kief~rorthopadisch~ G~rate

Das heißt, durch di~ clcklrhch negati\ e Zugzone wird l!ine knochen-
anhdul'nde und durch dieelektrisch positive Druckzone eine knochen-
abbauende Wirkung eingeleitet. Durch dle~en l\lechanismu<. werden die
knoclumanbauenden Osteoblasten und abbauenden Osteoidasten akti-
\'iert und gesteuert (s.a. Abb. 19-9).
Individuelle Dte individuelle Gewebereaktion hängt \'On der anatomischen
Gewebereaktion Umgebung des ZahJ1CS, ~einer Form und Größe und vom Alter des Pa-
tienten ab. Zur anatomischen Umgebung des Lahnes gehOren der AI-
\'COlarl..nochen und das Fasergewebe, die ebenso '"ie form und Größe
des 7U bewegenden 7.ahnes bedeutende Fal..toren bei der Lahnbewegung
sind. Durch die Hyalinisierung in der Druckzone lassen \kh große
Zähne oder mehrwur.lelige 7.ähne oftmals fruher und schneller bewegen
als kleine Zähne mit kleiner Wurzel, da hel let7teren uber die indirekte
Knochenresorption eine Bewt!b'Ung stattfindet.
Obwohl Zahnbewegungen in jedem <\lter möglich sind, \erlaufen
dieKnochenan-und Abbauvorgange be1 m Lrwachscnen langsamer, was
auch den\ orteil hat, da~s bei Erwachsenen unerwünschte L.ahnkippun-
gen weniger ~chnell eintreten.
Bei den KraftS}Stemen werden zw~i Moglichkeiten der Krafterzeu-
gung unterschieden·
Al die Beeinflussung der musl..-ulären Kräfte z.ur indirel..ten 'itrul..tur\'er-
anderung
Al d1e mechanische Beeinflussung zur direkten StrukturverJnderung.

Primäre Kräftl! J>ri märe Krllft~ bewegen über di~ im orthodonti5chen llogcn applizierten
Biegungen jeden /.ahn 111 dreidimensionaler Rtchtw1g: oUiumapikale,
m~iod1stale und bul..kohnguale Kronen- und/oder Wurzelbewegung.
Heim Cdgewise-Kraft~yst~m werden die im Bogen ~nthaltcnen pri-
mären von den sekundtircn intra- oder intcrmaxillär angebrachten Kräf-
ten und den extraoralen tt'rtlaren Kraften un ter\chieden.
Bewegungen ach t\ngle werden die Zahnbewegungen außerdem in Biegungen
verschit!denl!r oder ßCI\ Cgungen vel"'chiedencr Ordnung (1., 2., 3.) eingetetlt:
Ordnung Al Biegungen I. Ordnung sind hori7ontale Bi~ungen in labialer, buk-
kaler und lingualer Richtung sowie Zahndrehungen.
Al Biegungen 2. Ordnung sind verUI..ale Flicgungen zur Verlängenmg
und Verkürzung sowie fur mesiale und distale Kippungen
Al 81egungen 3. Ordnung beinhalten eine Venvindung des Drahtes,
den sog. Torque. Dabei werden sowohl d1e Krone als au'h d1e Wur-
zel kontrolliert nach labial und/oder lingual bewegt.

Sekundäre Kräfte Sekundäre Krafte, di~ intra- oder intermaxillar wirken l..önnen, fUhren
durd1 fedrrn oder gummielastische Hilfsmatenalien Zähne oder Zahn-
gruppen am Bogen entlang. lbenso sind /.ahne oder Zal1l1gruppen in-
termaxillar verschiebbar.
Tertiäre Kräfte DH~ tertiilreo Krafte, d1e extraoral abgestut7t sind, verhindern eine
reziproke Wirkung (reactio) auf andere lahneinheiten. Durch tertiäre
20.5 F~tsotzende Gerate 4$ !.JlOfJ•l 23J

Kräfte l..onnen einteine Zahne (Molaren I oder der ge'><~mte Zahnbogen


nach mesial oder d1stal bewegt werden. Außerdem können sie als skelet-
tale J<raftc~ beim noch wachsenden lndi\·iduum eme Anterior- bzw. Pos-
teriorbewegung des Oberkiefers durch Unwirkung auf das Suturensys-
tem bewirken.

20.5.5 Anwendung

Bracket-Adhäsiv-Technik
Bei der direkten Klebemethode muss dt>r l..arie-.freie Zahn mit rotieren-
dem Reinigungsbur~tchen oder -kelch und Bimssteinpulver gereinigt
werden .
.; Danach wird die trocl..ene Zahnoberfläche m1t einer 37'lhigen Phos-
phorsaure I S-30 ~ angeätLt. Beim Atzvorgang zur ~chaffung von fei·
nen Retentionen, die eine mechanische Verankerung des Adhäst\'S
am 7ah n\thlllell erlauben, werden Schmel7prismen7f!ntren (nach
Silberman ""Typ 1) oder die Schmelzprismenperipherie ( Iyp 2) ent-
kalkt und aufgelöst. Ätzmuster ?eigen aurh Obergange Lwischen den
beiden At7typen (i\bb. 20-32). Bei ausgeprägtem Huoridgehalt de~
Zahn~chmclzcs sollte die Ätueit erhöht werden .
.; Danach wird die aure sorgfältig abgespult und abgesau1,rt, der ge-
ätzte lroc!.ene 7A1hn ;eigt ein opakwei&-s (frostiges, mattes, kreidi·
ges) \usschcn im Ätzbereich.
.11 1'\ach Applikation des Haftvermittlers (l'rimer, ~alant, Resin) wird
das in Alkohol entfettete trockene Bracket mit dem Klebematerial
verwhen und auf den Zahn aufgebracht .
.11 1J1e Kleber unter~cheiden sich hauptsachlich durch die chemhche Kleber
Zusanuncnset7ung der Acrylatmono111crc (Mc thyl-Mcthacrylat, Bis-

Abb. 20-H: Morphologoe des Atrtyps: <~)zentraler Atrtyp. d•e Auflosung zentr<~ler Pnsmenantelle fuhrt zur
Hon•gwabenstruktur, b) peripherer Atztyp (nach Diedrich)
234 20 Kieferorthopädische Geräte

Abb. 20·33: Posit ions lehre


zur Justierung der Brackeis
bei der direkten Klebeme-
thode

GMA) und die Polymerisationseinleitung. ln der Anfangsphase der


Bracket-,\<lhJ\Iv-Tcchnik wurden Polymethat-rylale und Polycarbo-
xylatzemente vcno;andt. Heute werden Methylmethacrylatdcrivate
und besonder\ Ol;~cryl atadhäsive angewandt. Kompomer~pezifische
Primer-Ad htlsivsysteme, sog. selbstätzende l'rimer, stellen eine neue,
wissenschafllich noch nicht eindeutig uberprüfte ,.Klehemethode"
dar.
~ Die Art der Polymerlsatlon~einleitung, das Zumischen eines Kataly-
sators, Druck und UV-Uchtapplikation ki.mnen variiert werden. Die
mit dem Kleber versehene Bracketha~l\ wird auf den Zahn aufge-
bracht, und da~ Bracket wird mit der PositiOnslehre (Abb. 20-33)
oder mit einer spe7iellen ßracket-Setzzange uherprilft.
~ Noch weiche KJebcrubef\chusse konnen mit der Sonde entfernt
bzw. polymeri~lerte Oberschüsse nach dem Aushurten mit dem Ff-
nferer ahgenmdet werden.

Die Entscheidung, oh Metall-, Kunststoff. oder Keramikbrackeis ver-


Kunststoff- wendet werden, hangt von ihren Vor- und Nadllcilen ab. Dem ästheti-
brackets sehen Vortell be1 den Kunststoffbrackeh \tehen die eingesellrankte
Haltbarkeit, Verfarbbarkcit und geringe Torquemöglichkeit gegenuber.
Keramikbrackets Oer Hauptnachteil der ästhetisch akzeptablen Keramikbrackets sind
Schmelausrisse durch okklusale Kontakte oder bei der Entfernung. Wei-
tere kriti~che Faktoren, d1e der Patient be1 der \fltbestimmung des Bra-
cketmaterials kennen muss, sind die höhere Bruchneigung des spröden
Keramikmaterials, eine höhere Friktion am Metallbogen und daher re-
duzierte Gleitiahigkcit, die ungünstigen Enticrnungsmodalitaten wegen
der starken flaftung am Schmelz und der Bruchgefahr ~owle Ih r Preis.
Indirektes Kleben Beim indirekt en KJ eben geht man folgendermaßen vor:
~ Die Urackeh werden entweder mit einem Material auf dem Gipsmo-
dell befestigt, das sich vor dem eigentlichen Kleben am Palienten
leicht \\Ieder au~ der Basl~ entfernen lässt (z B. PapicriJeber), oder
mit einem Kleber, der mit dem im Mund verwendeten eine chemi-
sche Verbindung emgeht (z.B. Condse).
20.5 Festsilt~nd~ Guätl!

~ Die in korrekter Position ausgerichteten, am Gipsmodell befestigten


ßrackt'ls werden in einem 1.8. Optosii-Abdruck oder mtt einer Tief-
L.iehfolie wie in einer Schablone fixiert, vom Gipsmodell entfernt,
gcsllubert tmd vorbereitet mwie anschließend mittel\ Schablone in
exaktN Position auf die /lihne aufgebracht.
~ , ad1 vor~ichtigem Entfernen der Schablone ~ollten die indirekt ge-
klebten Brackets dank der am Gipsmodell justierten Basen perfekter
ah die direkt geklebten posittoniert sein.

Bebänderung
Nach der Anprobe (Abb. 20-34) der vier b7.w. acht Bander für die ersten
und/oder zweiten Molaren im Ober- und Unterkiefer und der wie beim
indirekten Kleben angegebenen Reinigung der Molaren (ohne Ätzvor-
gang) wtrd ein Band mit Zement gefuUt und mtt lingerdruck in die rich-
tige Position gebracht. Anschließend dienen Bandaufsetzer und Rand-
andrucker dazu, ein Band in dte endgultige Lage Lu bringen. Direl-.t
nach dem Zementieren werden noch flüssige frische Zementüber-
schthse mit einem trockenen Wattebausch entfernt und der Zahn und
das Band mit Zinnfolie zum trockenen Aushärten abgedeckt. Alternativ
\Iehen lichthärtende Materialien zur Bandbefestigung zur Verfügung.

\
~ I
Abb. 20-34: Beblnderung. a) Das auf dem Modell ausgesuchte B;~nd wtrd b) mit Fingerdruck auf dem Zahn
ptiltziert und c) mit d~m Bandausnchter durch Zubtss d~s Pattenten emgepresst oder d) dtrelct mtt dem
Band Adapter bukkal und hnguallpalattnal adaptiert, e) Wtederabnahme des Bandes mit Hilfe der Bandab-
nahmezange zur Kürzung, Konturierung und Politur, f) kont unertes Band.
236 20 Kieferorthopäd sehe Gerate

Bracket- und Bandentfernung


Oie Fntfernung der Bander erfolgt mit einer Randabnahmrzange durch
Abstützung auf der QI,.J,Iusalnäche b7w. lnzisalkante oder durch Auf.
schlitlen de\ R.lnde~ mit einer ßandschcrc.
Die Brackeis werden durch Absprengen h7w. -scheren unter Ven,..en-
dung spezieller Rrad.ct-Abnt>hmezangen oder mtt der Howe-7.angl' ent-
fernt.
Dir Zahnflächen werden nach der Entbändcrung mit einem Ultra-
schallgerat von den Zementresten befreit, mit BimNein gereinigt und
poliert. Die Zahnoberflachen werden nach der t\bnahme der Brackets
mit einem Mctallfinierer ohne \\"asserzufuhr bei Luftkuhlung, trocken
von den Kleberrrsten befreit, mit Bim~~tem gereinigt und poliert.. ach
Entfernung der frstsitzenden Apparatur ist die Fluoridierung aller an der
festsilLenden Apparatur beteihgten Zähne obligatori~ch.

20.5.6 Behandlungskonzepte

Biegungen in drei 1-.benen ermöglichen die ZJhne mit Hilfe eines Vier-
kantbogrns körperlich zu bewegen. ßie~'l.mgen m der llorizontalebene,
Biegungen I. Ordnung, werden auch als ln - oder Offsets bezeichnet
und ent\prechen der un terschiedlichen orovestlbularen Ausdehnung
der einzelnen Zahne {i\bb. 20-35).

Abb. 20·35: a) Bie·


\ gungen 1. Ord-
nung. Oberkiefer-

Q bogen: Insel (Ein-


biegung nach
palatinal) für den
seitlichen Schnei-
dezahn und Off.

I_ sets (Biegungen
nach vestibulär)
fiJr Eckzahn und
- M olaren. Unter-
kieferbogen: Off-
sets für Eckzahn,
Prämoliren und
Molaren sow ie
Toe in zur Rotati-
onskontrolle der
M olaren,
b) Straight -w ire-
Appar<~tur
20.S Ffihitzende Ger.ite 4i!.Ji§fi·J 2J7

Obor~loftr

M t

Untc:rk~f!fr

Abb. 20-36: Artistische Biegungen,.Artistics",zur Korrektur der Fadlerform [aus A.


H<~sund, l. Rudzki·Janson und P Binglcr. Pr;n<is der Zahnheilkunde, Bd 11/11, 4.Aufl.l

Biegungen in der \ ertlkalt!bene, Biegungen 2. Ordnung oder An!;'ll·


lation~b iegungcn, lassen die mesiale Kronenneigung aller Zähne im
Zahnbogen realisieren (i\hb. 20-36 bis 20-39}.
Biegungen 3. Ordnung (To rttu c) geben d ie Möglichkeit, auf die oro-
vesubulare Neigung der Zahne unnuss 1u nehmen (Ahb. 20-40).
Wenn AnguJa tion u nd Torque nicht eingebogen werden, sondern
im ßrad.et integriert sind, spricht man von einer .,in\ Bracket eingebau-
ten Uehandlungu, die erstmals 1952 \'On Holdaway und anderen darge-
~tellt wurde. Lee führte 1960 getorquete Brad.cts ein, und jarabak ver-
wendete 1963 Brackcts mit rorque und i\ngulation (Ahh. 20-41).
Nach Ha\und (Bergen-Technik) werden fünf Phase n der Edgew l ~e­ Phasen der Edge-
ßeha ndlung unterschieden: wi se-Behandlung
A die 1\ ellierungsphasc
A die hihnmgsphase
A die KontraJ..tionspha\e

Abb. 20-37: Ooe gongivale Abboegung des Bogenen-


des.Tlp back" dient zur Molarenaufrichtung [aus
A. Hasund, I. Rudzki-Janson und P. Bingler, Praxis
der Zahnheilkunde, Bd. ll/11, 4. AuO.I

Abb. 20-38: Zur Nivellierung der Zahnreohen on ver·


tobler Richtung sog.Anto-Spee oder Sweep [aus A.
Hasund,l. Rudzki-Janson und P Bingler, Praxis der
Zahnheilkunde, Bd. 11/11,4. AuO.)
238 20 Kieferorthopadische Geräte

Abb. 20-39: ,.Gablc"-Biegung


als Kippmelder beim Lücken-
schluss. D•e meslal und dis-
tal vom loop angebrachte
Biegung nach apikal bewirkt
eine achsengerechte Zahn -
bewegung [aus A. Hasund, l.
Rudzki-Janson und P. Bingler,
Pra~ ls der Zahnheilkunde,
Bd.ll/11. 4.Aufl.].

-~
Abb. 20-40: Durch Verwindung des Bo-
gens um seine Längsachse entsteht
Torque: a) Bukkaler Wur<eltorq ue,
meist unerwünscht, entsteht, w enn
der W inkel zwischen der Bracket-
schlitzebene und dem Bogen <o• ist;
b) Palatinaler Wur<eltorque, meist er-
wünscht, entsteht, wenn dieser Winkel

> ist ; c) Ein passiver Bogen erhält da -
bei die sog. Velodromform [aus A. Ha-
sund, I. Rudzki-Janson und P. Bingler,
Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11111, 4.
Aufl.),

Abb. 20-41: Nach inzisal


schräg gestellter Bracket-
schlitz(> o•) bei geradem
Bogen bew irkt auch den ge-
wünschten palatinalen
Wurzeltorque [aus A. Ha-
sund, I. Rudzki-Janson und P.
Bingler, Praxis der Zahnheil-
kunde, Bd. 11/11, 4. Auf!.).

L
20.5 Festsouende Geräte 4J!.U§fJ•l 2)9

A die Justierungsphase
A die Retentionsphase.

Grund\.itllich ~ol l te jede Zahnbewegung einer Plta~e abgeschlossen


~ein, bevor die nächste Rehanc.llungsphase eingeleilet wird. Dennoch
können, abhdngig \'On der individuellen Rehanlllungstechnik, Über-
schneidungen innerhalb der Behandlungsphasen vorkommen.
D1e iveiUem ngsphasc dient dem Ziel, in horizontaler und verti!..a-
ler 1-.bene einen Idealbogen zu erreichen. Während die)cr Phase wird ein
vertikaler und horizontaler Hracket-Siot-Au~gleich angestrebt, rotierte
Zlihne deroliert, die Bogenform gestaltet und die Verankerung präpa-
riert. D1ese Phase kann 7whdu.:n .twei und vier Monate dauern.
In der anschließenden Fühmngsphase werden sagittale und trans-
versale bmel7.ahnbewegungen durchgefuhrt, außerdem verlikale Bewe-
gungen der lnzisivi zur Bissöffnung oder zum Hissschluss vollzogen.
Uurch d1e in der ~ivellierungsphase korrigierten vertikalen und hori-
zontalen Differenzen können Vierkantbögen zur Vermeidung von
7.ahnl-.ippungen einfacher eingesetzt werden. Im Einzelnen sollte in der
Fühnmg~phase Folgendes erreicht werden:
A Eckzähne und Pramolaren ~ollten distalisiert bzw. meslallsiert wer-
den.
A ln71SIVi sollten tranwer\al bewegt werden.
A ~folaren sollten distalisiert bzw. mesialisiert werden.
A Gekippte Zähne sollten aufgerichtet werden .
..o1 Mittellinienverschiebungen sollten korrigiert werden.
A ln.dsivi sollten ex- bzw. lntrudlert werden.

D1ese Phase dauert zwischen drei und ~ech~ Monaten


ln dl:r an!>Chließcnden Kontraktionsphase werden d.Je bereits nin•l·
lierten ln7i\ivi miteinander verblockt und in ~agittaler Richtung be-
wegt. Diese Phase dient der ße}eillglUlg von sagittalen Stufen und dem
Lucken!>chiuss. Die Kontraktion~ph.1~e darf erst nad1 maximaler Veran-
kenmg, d.h. lntcgricrung aller ~eitenzähne zur Vcrankeru11gserh.öhung,
begonnen werden.
ln der j ustierungs-phase werden die Achsenstellung der Zahne kor-
rigiert, eine llarmonisierung beider Lahnbögen und damit Verbesserung
der lnterkuspidation durchgefuhrt, Restluden gcschlo~\en und d.Je in·
di~1duelle Z<lhnbogenrorm harmonisiert.
D1e IeUte Behandlungsphase, die Rctentiomphase, .,.. ird durch par-
tielle odN totale Entbänderung und Almahme der ßrackets eingeleitet.
Zu d1esem Zeitpunkt muss das Behandlungsziel erreicht sein. Die Art
und der Umfang der Retentionsphase hängen ab von der ursprungli-
ehen Anomalie, vom noch ru erwartenden Wachstum und von ~iner
Richtung, der Funktion der ororazialen ~fusk'Uiatur und der Anlage und
PlatzsituatiOn im BereiCh der dntten ~Jolaren sowie vom genethchcn
Mu\tcr.
240 20 Kieferorthopadis~he Geräte

Straight-wire-Technik
1970 führte Andrew~ die Straight-wire-Apparatur m1t geraden Bogen
w1d Biegungen aller Ordnungen im Bracket ein.
Die Biegungen I. Ordnung werden durch die unterschiedliche Dicke
des Bracket-Stamm~. d.h. der Distanz zwischen ßrad.et-Slot und -ßdsis,
erzielt (~.a. Abb. 20-35).
Biegungen 2. Ordnung werden ersetzt, indem das Bracket in mesio-
distaler Richtung auf dem ßand oder direkt auf dem 7ahn geneigt wird.
Biegungen 3. Ordnung können durch "eigung des Slots in okkluso-
gingivaler Richtung <xler durch :--leigung des gesamten Bracket> zur Ba-
sis erzielt werden. Voraussetzung filr diese Te<.hnik ist eine korrekte Po-
sitionierung der Bracket\ auf den Zähnen, wobei als Bclugspunkt der
~tittelpWlkt der l..mgsachsc der klinischen Krone gewahlt wird.
Wl'itl'rl' xhritte lur Perfektion dieser Techmk waren die Einfuhrung
von spcZH:!Ill'n Extraktionsbrackets, die zusätzlich mit Antirotation ver-
sehen waren. Somit wurde die Tendem der F.xtraktlonsliJcke benachbar-
ter Zähne, zu kippen und zu rotieren, gemindert. Nach Andrews wurden
außerdem Rrackl'tsets für die verschiedenen Dy~gnathlen ang!:'fertigt.
Oie Vorteile der Straight-wire-Techn ik sind eine Verkürzung der Be-
handlungsteit und jeder Uehandlungssitzung, da keine Biegungen erfor-
derlich sind. Nachteil der Straight-wire-Technik i~t die Verankerungs-
problematik, weil bei \Chnellem Vorgehl'n mit hochelastischen Vier-
kantdrähten hohe \nforderungen an die Verankerung gestellt werden.
Außerdem treten mcht me<isbare Kräfte auf.

Bioprogressive Technik
Das Konzept der IJiopro&'Tessiven Technik wurde in den 60er Jahren
dl'S 20. jahrhumlert\ \'Oll R. M. Ricketts entworfen und nachfolgend
von seinen Mitarbeitern Bench, llilgers und Gugino weiterentwickelt
und verbessert.
Diese Edgcwise- rcchnik mit Zwillings-IJrackets und Segmentbö-
gen unter~hcldet \ith von allen iibrigen Techn1ken clurdt das VfO (Vi-
sual Treatment Objectivc • sichtbar gemachtes BehandlungsLiel) und
den Utility-13ogcn SO\\Ie ~ine Kombination mit Jeilbögen.
VTO Das VfO t~t da~ 11111 Hilfe der FernröntgendurdllCicllllung konstru-
ierte Behandlungniel, SO\\Ohl das Wach\tum als auch der Behandlungs-
einfluss werden ClllbeLogen. ·ach Durchzeiclu1ung der Originalfem-
röntgenaufnahrne werden die anatomischen Stntl.turen entsprechend
dem ru erwartenden Durchschnittswachstum 1n cmem Behandlungs-
zeitraum von .Gwei J,thren und entsprechend Ihrer ßeeinflu~~ung durch
kieferorthopädische Maßnalunen so verschoben, dass eine neue Zeich-
nung, das VTO, entsteht (Abb. 20-42).
Utility-Bogen Der Ullhty-Bogen ist an den Sechsjahrmolaren und an den vier
Schneidezahnen befestigt und umgeht uber d1l' so genannte Brucke,
eine Stufe, d1e Pramolaren und cckzahne. In den Doppelröhrchen der
20.5 Festsitzende Geräte 4:®1Qfl•l 241

Abb. 20·42: VTO (nach Ri·


ckettsJ

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Molarenbänder sind gingiva l der Utility-Bogen und okklusal der Teilbo-


gen eingegliedert (Abb. 20-43).
Der typische Dra ht zur Herstellung des Utility-Bogcns und der Teil-
bögen ist der blaue El!,>iloy-Draht. Damit werden zwei Prinzipien der
biop rogressiven Therapie realisiert, dle Anwendung eines Vierkantdrah-
tes w Beginn der Behandlung mit integrierter 'lbrque-Kontrolle und die
Anwendung schwacher Kräfte durch das DrahtmateriaL
F.i n weiteres Behandlw1gsprinzip ist die Korrektur des vertikalen
Überbisses cnefbiss, offener Biss) vor Behandlung der sagittalen Stufe. Der
fehlende frontale Kontakt soll dem Unterkie[er die Möglichkeit geben,
sich nach anterior zu entwickeln, um erneuten Zahnkontakt zu suchen.

Abb. 20 -43: Recht e Hälfte ei-


nes oberen Utility-Bogens
zur Verankerung und Int ru-

~l
sion der lnzisivi und Teilbo-
genmit Loop zur Oistalisie-
rung des Eckzahnes (Retrak-
tionssegment), darunter
Retraktionsbogen, die lnzi-
sivi sind noch nicht in die
Behandlung einbezogen .
I
242 20 Kicfcrorthopadische Geräte

Verankerungs- Ein typisches Verankerungsprinzip der bioprogressiven Technik ist


prinzip die Verankerung über den kortikalen Knochen, d .h., ein Zahn wird ver-
ankert, indem ~e ine Wuueln gegen die Korlikalis bewrgt werden. In d ie-
sem llereich kommt es zu einer Drosselung der Blutzufuhr und Verhin-
derung der physiologischen Aktivität drs Knochem. Wenn die Sechs-
jahrmolaren über einen Utility-Bogen verankert werden sollen, sind vier
typische Aklivierungen des !Jagens vorzunehmen:
_. Tip back (Abb. 20-44a)
..o111 Toe in {Abb. 20-44b)
..oll bukkaler Wurzeltorque {Abb. 20-Hc)
..o111 Expansion.

Sollen hingegen die Sechsjahrmolaren z.B. beim Lückenschluss bewegt


werden, so werden umgekehrt die Zähne von der Kortikalis in die Spon-
giosa bewegt. Im Seilenzahnbereich werden, wie auch von Burstone
1962 angegeben, Teilbögen zur Nivellierung und Retraktion verwendet.

Abb. 20-44: Kortikale Verankerung der unteren Molaren [nach Bench], a) Tip back,
b} Toe ln, c) bukkalerWurzeltorque

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Abb. 20-45: Retraktionsteilbögen aus blauem Elgiloy, a) gepunktete Gable-Biegung, um Kippung der Eck-
zähne zu vermeiden; Aktivierung durch 2- 3 mm Umbiegung distal der Molarenröhrchen, b) Antirotations-
biegung in der Horizontalebene
20.5 Festsitzende Geräte 4ihii(Jfltl 243

Nach Extrak tion bleibender Zähne kommen so genannte Retrak-


tionsfedern zur Anwendung, das Loop-Sy~tem verlängert den Bogen, so
dass kontinuierlich schwache Kräfte ausgeübt werden (Abb. 20-45).

Begg-Technik
Der Australier Begg publizierte 1956 seine Light-wire-Technik als Uni-
versalmethode zur Behandlung aller Dysgnathien.
Die ursprungliehe Philmophie der Begg-Technik war die Ursache
zahlreicher Dysgnathien in einem Missverhältnis zwischen Zahn- und
Kiefergröße zu sehen, welches durch fehlende 7..ahnabrasionen zustande
kommt. Die Begg-Therapie war daher untrennba r mit der Extraktions-
therapie (Extraktion von vier Prämolaren bzw. vier er~1en MQiaren) ver-
bunden.
Heutzutage wird die ßegg-Techruk auch ohne Zahnextraktion ange-
wandt. Zur Applikation physiologischer Zahnbewegungen werden
)Chwache, kontinuierlich wirkende Kräfte verwendet, die Zahnkippun-
gen hervorrufen. Alle Zahnkronen werden zuerst an den korrekten Platz
gekippt, und anschließend werden die Zähne durch \·Vurzelbewegung
aufgerichtet. Das heißt, der Unterschjed zur Edgewi~e-Technik ist, dass
nicht eine körperliche Bewegung aller Zähne angestrebt wird, sondern
Kippung und nachfolgende Aufrichtung der Zähne zur gewünschten
7-ahnstellung führen .
Bei der ßegg-Technik werden außerdem die Schneide- und Eckzähne
gemeinsam ab Rlock retrudiert, was ein sehr stabiles Verankerungssys-
tem erfordert.
Eine ty1>ische Begg-ßehandlung besteht aus drei ßehandlungspha- Behandlungs-
sen: phasen
~ Im ersten Stadium, welche~ vier bl~ acht Nlonate dauert, werden
Bisshebung und Retrusion der oberen lnzisivi bis zur Kopfbisssitua-
tion durchgefiihrt, eine Neutralokklusion im Bereich der F.ck7ähne
und Molaren eingestellt, Engstände behoben sowie Rotationen und
Kreuzbisse beseitigt.
.oll Im zweiten Stadium (zwei bis vier Monate) werden Restlücken durcl1
Kippung der lnzisivi und Canini und/oder körperliche Mesialbewe-
gung der Molaren geschlossen.
.oll Im dritten Stadium (sechs bis zwölf Monate) wird die Achsennei-
gung der gekippten Zähne korrigiert. Dabei werden die Wurzeln der
oberen Inzisivi mit einem Torque-Hilfsbogen nach palatinal bewegt
und mit Hilfe von Aufrichtefedern die Canini und Prämolarenwur-
zeln in die Extraktionslücken gcfuhrt (Abb. 20-46).

Rei allen Multibandbehandlungen, insbesondere jedoch bei der Begg-


Technik, können horizontaler Knochenabbau und api kale Wurzelre-
sorptionen besonders im Bereich der oberen lnz.isivi auftreten. Diese
sind in der Kippung der Wurzelspitzen gegen rue Kortikalis im zweiten
I
Stadium dieser Technik be!,'liindet.
244 20 Kieferorthopädische Gerät e

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I
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I
I
I

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Abb. 20-46: Zahnbewegungen in der


Begg-Technik: a) im Stadium I. b) im
Stadium II, c) im Stadium 111der Be·
handlung [aus C. Booy, Prax is der
Zahnheilkunde, Bd. 12, 2. u. 3. Aun.)

Lingualtechnik
Bei der Lingualtechnik, die seit Anfang der 70er Jahre des letzten Jahr-
hunderts in ersten Versuchen einer Gruppe von Kieferorthopliden ange-
wandt wurde, werden Systeme mit horizontalem und vertikalem ßra-
cketschlitl sowie beiden Varianten unterschieden. Zur kontrollierten
Befestigung lingualer Brackets dient das indirekte Klebeverfahren. Tor-
que- und Angulationslehre sowie SlotmaJ.chine ermöglichen eine er-
höhte Genauigkeit im Kleben der ßrackets im t.abor, wo Ungualbrackets
patienten- und anomaliebezogen gefertigt werden. Auch die Anferti-
gung von individuellen Bögen fü r die Ungualtechnik kann mit I Lilie des
Bending-Art- Bending-Art-Systems, einer computergesteuerten Biegemaschine, er-
System folgen.
Da vertikale Kräfte zur Bisshebung bei lingualer Bracketplatzierung
nahe dem Widerstandszentnun verlaufen, sind Intrusionsmechaniken
gunstig umzusetzen. Gleiches gilt für die Retraktion der lnzisivi. Durch
20.6 Abnehmbare- festsit1ende Geräte 4:fft11Dfl•l 245
/

Aufbissplateaus an den Oberkieferschneide7.ahnhrackets und durch den


Expansion~effekt der lingualen ~ögen ist eine Hissöffnung ein wesentli-
cher Nebeneffekt, der unter Berücksichtigung des Wachstums- bzw. Ge-
sichtstyps neutrali~iert oder kompensiert werden muss.
Indikationen für die Behandlung mittels Ungualtcchnik sind mode- Indikati onen
rate Stellungsanomalien bei Neutralokklusion mit ausreichendem verti-
kalem Überbiss und Distalbissbefunde mit Tiefbiss. Alle Anomalien, die
mit knappem vertikalem Überbiss vergesellschaftet sind, bergen d ie Ge-
fahr der zusätzlichen iatrogenen Bissöffnung.
Dt'm Vorteil und damit auch der Hauptindikation aus Patienten- Nachteile
sieht, der kosmetischen "Keutralität", stehen als objektive mechanische
und funktionelle Faktoren die Verankerungsproblematik und die Ge-
fahr der Bissöffnung, eine eingeschränkte Phonetik, Irritation der Zunge
und schwierige Reinigung gegenüber.

20.6 Abnehmbare - festsitzende Geräte

Geräte, deren aktiver Teil vom Patienten heraus- bzw. abgenom-


men werden kan n, ~i nd sog. Kombinationsgeräte.

20.6.1 Schiefe Ebene

Zur Überstellung ei n es fro ntalen Kreuzb isses kann eine abnehmbare


oder fest7ementierte schiefe Ebene dienen. Die festzementierte schiefe
Ebene hat den Vorteil, dass man von der :'viitarbeit des Patienten relativ
unabhängig l:>t und die Protrusion der oberen lnzisivi bei progener
Schneidezahnsituation über 24 Stunden wirkt.
Der ~achteil der f'estzemenlierten schiefen H)ene ist die Überbelas-
tung der unteren lnzisivi, die besonders bei noch nich t abgeschlosse-
nem Wurzelwachstum einen geringen Wurzelquersch nitt aufweisen.
Unabhängig vom Befestigungsmodus - festzementi ert, herausnehmbar
- ~oll die Schrägeeinen Winkel von -tS bis 60° zur Okklusionsebene auf-
weisen und transversal je nach Anzahl der zu überstellenden Zäh ne aus-
gedehnt sein. Die sagittale Ausdehnung richte t sich nach dem Ausmaß
der negativen sagittalen Stufe (Abb. 20-47).
Nach dem Einsetzen der schiefen Ebene ist ein Einschleifen mit
llilfe von Artikulationspapier notwendig. Während der Überstellung
der lnzi ~i vi, d ie ?wischen ein und zwei Wochen, aber auch länger dau-
ern kan n, sollte das Gerät ganztags (24 Stunden), auch beim Essen, ge-
tragen werden. Vorau\set7llng ht deshalb eine opti male Mundhygiene.
246 20 Kieferorthopädische Geräte

Abb. 20-47: Schiefe Ebene im Frontbe·


reich einer Unterkieferplatte zur Über·
stellung progenverzahnt er lnzisivi

20.6.2 Lipbumper

Der Lipburnper besteht aus einem starren runden Bogen mi t ve.,'tibulä·


rer Kunststoffpelotte im un teren Schneidezahnbereich, der in die Tu-
bes der Bänder der unteren Sechsjahrmolaren eingeschoben wird (s.a.
J\bb. 20-30). Die Pelotten stehen je nach gewünschter Verankerung bzw.
Distalisiercffekt Z\vischcn 0,5 und I cm von den un teren lntisivi ab und
bewirken über den Druck der Lippenmuskulatur, dass die ersten Mola-
ren in der l>o~ition gehalten bzw. distallsiert werden. Der lipbumper gi lt
im Unterkiefer bei guter Mita rbeit als mittleres Ve rankerungsgcrät.

20.6.3 Headgea r

Der lleadgear als intra-extraorales Gerät erlaubt durch extraorale Ab-


stütr.ung am Kopf (okzipital) oder am Nacken (zervikal) eine Distalisie-
rung der Molaren ohne Beeinflussung anderer Zähne. Er J..ann dentoal-
veolär zur Verankerung und/oder Distalisierw1g der Molaren und skelet-
tal zur Zügelung de~ OberJ..ieferwachstums verwendet werden.

Geschichte
Der Headgear, übersetzt auch Kopfzuggeschirr, ist in den Vereinigten
Staaten seit den 40cr Jahren des 20. Jahrhunderts bekannt und geht zu-
rück auf Kloehn. ln Europa wird das aus Kraftquelle, Kraftübertragung
und Kraftansatz zusammengesetzte, kombiniert fest~itzend heraus-
nehrnbare kieferorthopädische Behandlungsgerät etwa seit Mitte der
60er Jahre verwendet.
20.6 Abnehmbare - festsitzende Geräte 4MIQft,) 247

Bestandteile
Die verschiedenen Headgear-Typen unterscheiden sich einerseits du rch
die Lage der Kraftquelle. Ein zervikaler Zug (Nackenzug) ist vom okzi-
pitalen, horizontalen und seltener direkten Headgear für die lnzisivi
0-Haken) w unterscheiden. Die Kraftquelle liegt beim zervikalen Head-
gear im 'ackenbereich, beim Jiigh-pull-lleadgear im okzipitalen Be-
reich, und beim Kombi-Headgear liegt eine Kombination beider Zug-
richtungen vor.
Die Kraft quelle kann beim zervikalen Headgear bestehen aus Kraftquelle
.A einem konventionellen Nackenpolster mit Gummizug
.A einem Gleitnackenzug mit . ylonband in Kunststoffröhrchen
.A einem Sicherheitsnackenzug (Abb. 20-48).

Für die Kraf tübertragung sorgt der Gesidltsbogen oder Facebow, wel- Kraftübertragung
eher aus zwei Außenarmen und dem damit verlöteten oder verschweiß-
ten Innenbogen besteht. Die unterschiedliche Länge und Angulalion
der Außenam1e ergibt einige Variationen de~ zervikalen Headgears
(Abb. 20-49).
Der lnnenbogen sollte den Zahnbogen auße r an seinen beiden En-
den nicht berühren, im Seitenzahnbereich 2-3 mm von den bukkalen
Flächen der Zähne oder Brackeis abstehen und frontal zwischen 5 und 8
mm Abstand von den lnzisivi haben, um bei fortschreitender Distalisie-
rung eine größere Reserve bis zum Kontakt mit den Schneidezähnen zu
haben. Der Innenbogen wird in Röluchcn an den :VIolarenbändem oder
an einem herausnehmharen Gerät bei Kombination mit einer Platte

Abb. 20-48: Un-


terschiedliche
Zugrichtungen
der Kraftquelle:
zervikaler Zug (1},
horizontaler Zug
(2), okzipitaler
Zug (3) [a us C. W.
Schwarze, Pral<is
der Zahnheil-
kunde, Bd. 12, 2. 3
Aufl.]
248 20 Kieferorthopädische Geräte

Abb. 20-49: Gesichtsbogen mit langen, mittellangen und kurzen Außenarmen [aus C. W. Schwarze, Praxis
der Zahnheilkunde, Bd. 12, 2. Aufl.)

oder funktionskieferorthopädischem Gerä t befesti!,'t. Zur dor~alen Ab·


stützungdes I Ieadgears müssen an den beiden Innenbogenenden Stops
in Form einer V-Schla ufe, eines Rajonettk n ick~ oder einer verschiebba-
ren ll ülse angebracht sein (Abb. 20-50).
Krafta nsatz Der In nenbogen läuft paral lel zur OkkltL\ionsebene, und die Löt-
und Schweißstelle liegt bei ungezwungenem Uppenschluss in der Li p-
penschlussebene. Der Krafta nsatz an den Molaren wird über Bänder


~I
~--============:, Abb. 20·50: VerschiedeneStops an den lnnenbo·
genenden: a) Bajonettknick, b) U·Siop, c) verschieb-
bare Hulse [aus C. w. Schwarze, Praxis der Zahn-
heilkunde, Bd. 12, 2. Aufl.)
20.6 Abnehmbare - festsitzende Geräte 4 \frnlfJflt] 249

oder Brackeis mit Dreifachröhrchen, .t.wei Vierkantröhrchen und einem


runden Röhrd1en für den Innenbogen erreicht.
Bei der Headgear-Aktivator-Komblnation mit direktem Ansatz am
Aktivator wird der Innenbogen an die am Aktivator angebrachten Röhr-
chen eingeschoben.

Indikation
Je nach J\rt des Headgears, Rich tung und Größe der Kraft, Hehandlungs-
daue•· und Patientenalter können ~olaren distalisiert, derotiert, extru-
diert und intrudiert werden. Der Oberkiefer kann im posterioren Be-
reich komprimiert oder expandiert, das Schneidezahnsegment extru-
diert oder intrudiert, die Molaren verankert werden, oder bei skelettaler
Kraftapplikation kann das Wachstum des Oberkiefers gehemmt werden.

Wirkungsweise
Wesentlich ist die fachgerechte Einstellung der zu appllzierenden Kraftgröße
Kräfte. Die Kraftgriiße kann für dentoalveoläre Maßnahmen als Ortho-
dontische Kraft zwischen I und S !'\/Seite liegen, zur Beeinnussung des
Oberkieferwachstums als orthopädische Kraft zwischen 4 und I 0 N be-
tragen.
Zur Einstellung der Kräfte dient die Corex-Messuhr mit Schleppzei- Kraftrichtung
ger. Oie Kraftrichtung des Headgears in seiner Grundform ist eine sagit·
tale, durch Veränderung der Zugrichtung kann diese aber auch mehr
oder weniger stark vertikal ausgerichtet werden. Oie Abwinkelung der
Außenarme um 15° nach kaudal, beispielswei~e beim zervikalen Head-

Abb. 20-51: Zervi-


kaler Headgear
I /
mit langen, nach
oben angulierten
Außenarmen lur
fraktionierten
Molarendistallsa-
tlon [aus C. W.
Schwarze, Praxis
der Zahnheil·
kunde, Bd. 12, 2.
Aufl.]
250 20 Kieferorthopädische Geräte

gear, beeinflusst die Kippung und vertika le Position der oberen ~ola­
ren. F.s wird eine verstä rkte Distalkippuns der Krone eneich t; bei Krani-
alangulation der Außenarme um I s• hingegen wird eine verstärkte Dis-
talkippung der Wurzeln erzielt. Diese Wirkungsweise wird bei der so ge-
Fraktionierte Mo- nannten frakti onierten Molarendistalisation, d.h. rweiphasigem
larendistalisation Distalisieren (zuerst Distalkippen der Krone, dann Aufrichten der Wur-
zel), ausgenu tzt (Abb. 20-S 1).
Während der aktiven Behandlungsphase ist eine tägliche Tragedauer
von 16 Stunden anzu~treben, was nur durch eine S<>rgfältige Motivation
von Patienten und Eitern erreicht werden kann. Wegen der potenziellen
Gefahr bei unsachgemäßem Gebrauch erscheint es empfehlenswert, das
Gerät aus Sicherheitsgründen nicht während der Schulzeit tragen zu las-
sen. Die korrekte Handhabung des Gesichtsbogens und die möglichen
Gefahren müssen dem Patienten und den Eltern mündlich und in Form
eines I linweisbogens auch schriftlich mitgeteilt werden.

Anwendung
Der typische zervikale llcadgear mit Kraftansatz im Nacken hat in
der ersten Phase der fraktionierten Molarendistalisation um 15" nach
kaudal abgewinkelte Außenarme.
Indikationen und Er ist bei Angle Kl a.~se II 1-Anomalien zu r Rückfilhrung bzw. Auf-
Nebeneffekte richtung nach mesial gekippter Molaren indiziert, ebenso bei d entoaJ-
veolärer Klasse li.
1\ls Nebeneffekt tritt eine Extrusion der Molaren auf, ebenso eine
Verschmälerung des transversalen Molarenabstandes und eine Rotation
um die Zahnlängsachse (Abb. 20-52).
Kontra indiziert i~t diese Headgear-Variante bei vertikalem Wach~­
tum und offenem Biss. Dieser Headgear-Typ wird täglich 10-16 Stunden
bei einer Kraftgröl~e von 1-5 N/Seite getragen.
Ocr 7ervikale Headgear mit langen , nach kra ni al an gewi n kelte n
Auße narmen wi rd eingesetzt, wenn die Molarenwurzeln im Sinne der
zweiten Phase der fraktionierten körperlichen Molarendistalisa tion
nach dorsalaufgerichtet werden ~ollen, ebenso bei d en tal er und skelet-
taler Klasse II mit 'I iefbiss. Da auch bei dieser Variante eine Extrusion
und Kompression des Zahnbogens als Nebeneffekte nicht z.u vermeiden

Abb. 20·52: Palatinalkip·


pung der Molarenkronen
durch den bukkalexzentri·
sehen Kraftansatz .Palati
nalrollen· beim zervikalen
Headgear. Beim High·puii-
Headgear hingegen tritt ein
Bukkalrollen auf [aus C. W.
Schwarze. Praxis der Zahn·
hellkunde, Bd. 12, 2. Aufl.j.
20.6 Abnehmbare- festsitzende Gerate

sind, ist er bei offenem Biss und vertikalem ~si chtswachstum sowie bei
nach mesial gekippten Molaren kontrai ndiYJ ert.
Außerdem sind verschiedene Kombinationsmöglichkeiten mit Plat- Kombinationen
ten und funktionskieferorthopädischen Geräten zu nennen.
Dabei werden zwei Arten des Kraftansatzes unterschieden:
"' Direkt am Aktivator oder an der Platte werden die Kräfte auf den ge-
samten Zahnbogen verteilt, und es sind entsprechend große Kräfte
notwendig, um ei ne skelettale Wirkung zu erzielen.
"' Bei der zweiten Variante, der Kombination Headgear an den Ober-
kieferm olarenbändem mit ~eparater Platte bzw. Aktivator, werden
primär die Molaren distalisiert, und die Wirkung auf die Platte oder
den Aktivator kommt nur sekundär durch Übertragung der Zahnbe-
wegung auf die abnehmbare Apparatur zustande.

Alternative Distalisierungsgeräte
Lm Oberkiefer kann die Wilson-Apparal ur als alternative Distalisie- Wilson-Apparatur
rungsmoglichkeit be~chrieben werden. Diese intraorale Außenbogco-
appa ratur besteht aus einem an den lnzisivi angebundenen oder ein-
ligierten starren Bogen, der mesial der Molarenbänder beidseitig
Omega-Schlaufen zur Aktivierung von zwei geschlossenen Federn
(Druckfedern) hat, um über diese federn einen distalisierenden Effekt
auf die Molaren auszuüben. Der Nachteil der Wilson-Apparatur ist die
Gefa hr der Protrusion der Schneidezähne, die tiber intermaxillare Klasse
II-Gummizüge von den Eckzälmen im Oberkiefer zu den Molaren im
Unterkiefer aufgefangen werden soll. Die Kompensation der rea<.tio
(l' rotrusion der lm.isivi im Oberkiefer) ist nur bei regelmäßigem Tragen
der Gummizüge und der Verankerungsapparatur im Un terkiefer ge-
währleistet. Der Vorteil der Wilson-Apparatur ist der positive ästheti-
sche Aspekt. Klassische lndlkalion der Wilson-Apparatur besteht bei
Deckbiss (Angle Klasse ll2), da der Steilstand der oberen lnzisivi eine
Prot.rusion der Schneidellihne erlaubt (Abb. 20-53).

Abb. 20·53: W ilson -Apparatur im Oberkiefer zur Dis


tahsierung der Molaren, Klasse II-Gummizuge zu r
Verhinderung der Protruslon der oberen Inzisiv! (a)
und lingualbogen im Unterkiefer, um die Extruslon
und Mesia lbewegung der unteren Molaren aufzu-
fangen (b)
4 1tm1Gfl l 2S3

21 Behandlung

Die moderne Kieferorthopädie bietet ein Behandlungsangebot


\'On dN Geburt bis ins hohe Erwachsenenalter.
Voraus~ett.ungen für die Wahl des optimalen ßehandlung~i'eit­
punktes und der optimalen Behandlungsstrategie sind die umfas-
sende Befunderhebung. Diagno~tik und Therapieplanung inner-
halb der Zahnmedizinischen und medizinischen Gren;.en.

21.1 Behandlungsbeginn

Nach van der Linden soll te der Behandlungsbeginn so gewählt werden,


dass eine kurze Beha ndlungsdauer erzielt wird. Bei möglichst optima-
ler Behandlungsreit sollen die höchste Wirksamkeit der Behandlung
und das bestmögliche Endergebnis erzielt werden. L>azu ist es wichtig,
die Gebissen twicklung, das Gesichtswachstum und die Adaptabilität der
skelettalen Gewebe optimal auszunutzen.

Fl.inf Faktoren sind bei der Wahl des Behandlungsbeginns zu be-


rürksichtlgt>n:
...11 Art und Ausprägung der Anomalie
...II Dentitionsalter
.1. skclettales Alter

..._.1. a l~ Orientierung\hilfe das chronologische Alter


.1. psychosomatische Entwicklung.

21.1.1 Art und Ausprägung der Anomalie

Übergeordnetes Kriterium, das unabhängig von chronologischem Alter,


DentitionsaJter und skelettalem Alter des Patienten einen frühen ße-
handlungsbeginn notwendig macht, ist der Ausprägungsgrad der Ano-
malie. Der Grund für einen frühzeitigen ßehandlungsbcgirm ist die Ge-
fahr einer Progredien z der Anomalie sowie der funktionellen Ver-
schlechterung.
Folgende Anomal ien machen in diesem Zusammenhang häufig eine
Frühbehandlung notwendig:
...11 Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und kraniofaziale Dysostosen (Syn-
drome) II
254 21 Behandlung

JA Anomalien des progenen formenkrei~es


JA mandibuläre Schwl'nt.amgl'n
JA Angll' Klasse ll! 1
JA offener Riss
JA IJrodie-Syndrom.

21.1.2 Dentitiomalter

Da kidcrorthopädlschl' ßl'handJungcn heutl' aUgemein währl'nd dl's


~päten Wechselgebisses durchgeführt werden, ist die Festlegung des Den-
titionsalters unabdingbare Voraussrtzung für die ßehandlungsplanung.
Da~ Dentitionsaltcr wird nach der Dentitionstabelle von Schour
und ~assler oder modifiziert nach Kahl geschlechtsspezifisch ermittelt.
Zur festil'gung des Dentitionsattcrs wird die Panoramaröntgenschicht-
aufnahme mit der Dentitionstabelle verglichen: Anlage der Weisheits-
zähne, Grad der ·wurzelentwicklung der bleibenden Zähne, Resorp-
tionsgrad der Milchzähne und Durchbruchsstand der bleibenden Zähne
werden miteinander verglichen.
Findet man eine generalisierte AbweicluUlg zwischen Lebens- und
Oentitiomalter, hesteht eine Oentitio tarda bTW. f)entitio praeCOX, die
für die Wahl des Behandlungsbeginns berücksichtigt werden muss. Die
Berücksichtigung des Dentitiomalters für den appa rativen Behand-
lungsbeginn ist wichtig, weil kurz vor dem Wechsel der zweiten Milch-
molaren der meistens vorhandene Platzüberschuss (Leeway space) the-
rapeutisch genutzt werden kann.

21.1.3 Skelettales Alter

Die Handröntgenaufnahme ist eine diagnostische Hi lfe bei der Voraus-


sage des pubertären Wachstumsschubs und gibt An haltspunkte rür die
Terminlen1ng kleferorthopäd l ~cher Behandlung~maßnahmen . Sie war
in früheren Jahren indiziert, wenn eine Wachstumsbeeinflussung mit
extraoralen oder bimaxillären Geräten durchgeführt werden sollte, um
den Zeitpunkt des Rehandlun&>sbeginns perfekt zu terminieren. Heute
gehört sie aus strahlenhygienischen Gründen nicht meh r zur kieferor-
thopädischen Standardröntgendiagnostik bei Kindem und Jugendli-
chen. F.ine umfangreiche anamnestische Befragung von tltern und Kin-
dern bcz.. des moml'ntanen Wachstumsstatus (Größenzunahme, Hosen-
länge, Schuhgröße, Pubertät etc.) gibt i.d.R. ausreichend Auf~ch luss
über die Dringlichkeit einer geplanten kieferorthopädischen Behand-
lung. Lediglich bei uSpatfällen", d.h. Patienten, die erst mit 13 bis 16
Jahren wr Erstberatung erscheinen, kann in Ausnahmefällen eine
llandröntgcnaufnahmc lur Behandlungsplanung indiziert sein. Wei-
tere Indikationen sind in Kapitel I 5.3 ausfuhrlieh beschrieben.
21.2 Behandlungszeiten 4 $i.hDfll 2.55

Zur Ermittlung des skelettalen Alters dient der Handröntgenatlas


nach Greulich und Pyle. Standardisierte Handröntgenaufnahmen mit
AJters1.uordnung, die für jungen und Mädchen getrennt sind, erlauben
die Bestimmung des skelettalen Alters. Dazu wird die Handröntgenauf-
na hme auf dem Lichtkasten mit der Standardaufnahme im Atlas vergli-
chen. Aus der Aufnahme mit der großtmögüchcn Übereinstimmung
beL. der Epi- und Diaphysenbreite der Phalangen, bez. des röntgenolo-
gischen Nachweises der verschiedenen Handwurzelknochen und bez.
des Schlusses der Radiusfuge resultiert das skelettaleAlter des Patienten.

21.1.4 Chronologisches Alter

Das Lebensalter des Patienten ist nur eine Orientierungshilfe für den
Behandlungsbeginn. Dieser wird vom Lebensalter, bei etwa 10 Jahren
(Beginn des späten Wechsclgcbisses, prapubertäre Wachstumsbcschleu-
nigung) angesetzt. Außerdem spielen die häufig mit dem Lebensalter
korrelierte psychosomatische Entwicklung und mentale Bereitschaft des
Patienten zur Mitarbeit eine große Rolle bei kieferorthopädischen Maß-
nahmen, so dass das Lebensalter der unwichtigste, aber dennoch nicht
zu vernachlässigende Aspekt bei der Wahl des Behandlungsbeginns ist.

21.2 Behandlungszeiten

Es werden verschiedene Behandlungsperioden unterschieden:


.A Frühbehandlung
.A frühe Behandlung
.A Normalbehandlung
.A Spatbehandlung
Erwach~enenbehandlung.
,.,___.A

21.2.1 Frühbehandlung und frühe Behandlung

Bei der Frühbehandlung wird die Behandlung im Sauglingsalter von der


Behandlung im Kleinkindalter, d.h. in der Entwicklungs- und Nut-
?Ungsphase des Milchgebisses sowie in der frü hen Wechselgebissphase,
unterschieden.
Zur Frühbehandlung im Säuglingsalter gehören die Behandlung Frühbehandlung
von Lippen-Kiefer-Gaumenspaltpatienten mit Trink- und Sprechplat- im Säuglingsalter
ten, die bereits ein oder zwei Tage nach der Geburt 7Ur Lenkung des
Oberkieferwachsturm und der Segmente eingesetzt werden. Außerdem
werden Ki nder mit Pierre-Robin-Syndrom ( i ~olierte Gaumenspalte, Mi-
krogenie, Retrogenie, Glossoptose) direkt nach der Geburt mit einer Sti-
mulationsplatte nach Castillo Morales behandelt. Die Fruhbehandlung
256 21 Behandlung

soll die Zungen- und Unter!Jefermuskulatur zur Aufholung des Unter-


kieferwachstums postnatal stimulieren, um insbesondere die Glossop-
tose, das ach-hinten-unten-Sinken der Zunge und die damit verbun-
dene Erstickw1gsgefalu zu lindern und den Gaumendefekt abzudecken.
Frühbehandlung Die Früh behandl ung im Milchgebiss dient der Therapie extremer
im Milchgebiss Oysgnathien, wie Anomalien des progenen Formenkreises, Retroge-
nien mit ~ehr ausgeprägter sagittaler Stufe und extrem offenen Bissen.
Bei der Mehrzahl dieser Oysgnathien liegen orofaziale Oyskinesien vor,
die vor oder parallel zur frühen apparativen J..ieferorthopädischcn Be-
handlung professionell muskelfunktionstherapeutisch und/oder logo-
pädisch therapiert werden.
Ebenso kann bei Kleinkindern die Notwendigkeit zur apparativen
Behandlung nach Frontzahntraumata, Kollumfrakturen, bei unter-
schiedlichen Syndromen und juveniler idiopathischer Arthritis OIA)
mit Beteiligung des Kiefergelenkes bestehen.
Bei Frontzahntrauma kann ein Lückenhalte r indiziert sein.
Rei i>atienten mit Gelenkfo rtsatzfraktur wird mit Hilfe einer Akti-
vatorbehandlung eine funktionelle und röntgenologische Restin•tio ad
integrum angestrebt. Bei Kondylusdysplasie, -hypoplasie oder -aplasie
kann ebenso wie bei JIA eine funklionskieferorthopadische Therapie zur
Vermeidung von ausgeprägten Gesichtsasymmetrien sowie im Extrem-
fall der Entwicklung eines Vogelgesichtes notwendig sein.
Auch im frü hen Wechselgebiss werden ausgeprägte Anomalien mit
prOj.,'Tedienter Tendenz apparativ behandelt. Häufig zu therapierende
Dysgnathien in dieser Phase sind de r progene Formenkreis, extreme
Ruckhissformen, gravierende Habits und vorzeitige Milchzahnverluste
(Lückenhalter).
Prophylaxe oder l'rävenlion, die Verhütung von Schäden durch
frü hzeitige Beeinnussung exogener ätiologischer Faktoren, wie z. ß. oro-
fa7ialer Dyskincsien, kann 7U allen Zei ten der Gebis~entwicklung not·
wendig werden. Zur Prophylaxe sind außerdem der Stützzonenerhalt,
die Zalmcrhaltung und der Erhalt der Mundhygiene zu rechnen.
Eine lntcrze ptivbe handlung, definiert als kurzfristige, intensive
kieferorthopädische Behandlung mit einem definierten Behandlungs-
ziel innerhalb einer begrenzten Behandl ungszeit von ein bis maximal
2 Jahren, dient als Frühbehandlung der Verhinderung progredicnter
Cntwicklungen. Alle oben genannten FrüJ1behandlungen können als
lnterzeptivbehandlung durchgefühlt werden, und bei ßedarf können
mehrere I..'Urze lnterzeptivbehandlungen vor Beginn der Behandlung im
späten Wechselgebiss indiziert sein (Beispiel Lippen-Kiefer-Gaumen-
spalten).
Frühbehandlu ngen, die im späten frühen Wechselgebiss, also mit
8-9 Jahren, begonnen werden, bezeichnet man als "frühe Behand-
lung". ln der Regel sind sie nicht interzeptiv wie die .,Frühbehandlun-
gen", da ein kontinuierlidlC.' I Übergang in die normale Behandlungszeit
in Abhängigkeit vom Zahnwech~el vorprogrammiert ist.
21.2 Ben~ndlungszeiten 4fJ.1iQfJI 257

Grundsatzlieh 1-:ann die kieferorthopädische Behandlung in appara-


tive und nicht-apparative Thuapie unterteilt werden. 7ur nidlt-appara-
tiven kieferorthopädischen I herapie gehören priiventi ve Maßnahmen,
wie da~ Abgewohnen von l labils und orofazialen Dy~kinesien.
Ein weiteres Beispiel für eine nicht-apparati\•e frühe 1-:ieferorthopädi-
sche SchandJung ist bel J>auentl'n mit fruhem frontalen Logstand und
einem ~1imerhältnis Z\\ischcn Zahn- und Kiefergröße d ie Serien· oder
Rei henextraktion nach HOTZ. Bei besonders im lintl'rkiefer häufig
zwischen 7 und 8 Jahren auftretendem ausgepragtcm frontalem Eng-
und Drehstand werden d1e 1\-hlcheckzahne zur Pldt7gewlnnung ent-
fern t, was i.d.H. zu einer Harrnonisierung des Frontsegments führt.
Diese mcht-apparative 1-:ieferorthopädische Maßnilhme k.lnn die einlei-
tende Maßnahme 1ur Serienextraktion sein, bei der sukzessive alle
1\tilchecf.:ldhne, Milchmolaren und auch die ersten Pramolaren extra-
hiert werden. Diese Therapieentscheidung wird jedoch im Behand-
lungwerlauf in Abhang•gke•t vom Au~pragungsgrad des Missverhllltnh-
ses zwl~chen Zahn- und Kiclcrgröße, Wachsn•mstyp ~o" ie der Mitarbeit
de~ Palienten entschieden.

21.2.2 Normalbehandlung

Die ubcrwicgende Zahl der \nomalien wird in der Z\\"Citen Phase des
Lahn wechsels, im späten \\edl\elgehiss, behandelt. In dieser Wachs-
tums- und Gebissphase bestehen besonders gümtige Uehandlungsaus-
slchten, da sowohl eine Au~nut.wng des \•Vachstums als auch eine Steue-
rung de~ Zahndurchbruchs möglich ~ind. Auße rdem ist die Umformbe-
reitschaft de~ Gewebes wahrend des zahndurchhruch~ ~nders groß,
die Umbaufähigkeit der Kiefc11:clenke kann ausgenutzt werden, und
die Kooperalionsbereit\Chaft der J...mder und Jugendlichen (Mitarbeit,
Compliance) ist am größten. Oie Behandlung kann nach Durchbn•ch der
Zwölfjahrmolaren unabhilnglg vom chronologischen Alter der Patienten
mit Komplettierung des ble•benden Gebisses abgeschlossen sein.

21.2.3 Spätbehandlung

Eine Spatbehandlung wird in dl'r Endphase des splltcn Wechselgebis-


ses ~owie •m bleibenden Gebiss bei Jugendlichen durchgeführt. fln
später llehandlungsbeginn kann zur Korrektur dentoalveolärer Abwe-
gigkeilen mit :VIuJtiband-Hracket-1\pl>araturen der optimale Behand-
lungS?eitpunf.:t ..ein, fur cu1e sf.:elettale Bisslageurmtellung jedoch als
vers.iumter bzw. nicht optimal ge1~ahlter Behandlungsbeginn angese-
hen 1\Crdcn. Grunde dafur smd, dass die Umbaubereitschaft des Gewe-
bes abmmmt, das Wachsturn reduziert ist und darober hinaus die Com-
pliancc der Patienten peri- und po,tpubcrtär nachiJsst. I
258 21 Behandlung

21.2.4 Erwachsenenbehandlung

Je nach Autor wird die Behandlung im ErwachsenengebiSS auch als Ul-


traspä tbeha ndlung ht'7l'ichnet. Sehr ausgepragtc \kclctt<Jic ,\nomalien,
wie therapieresi~tente Progenien, skelettal offene Bi\SC und eine skelet-
tale Klasse ll sowie Lud.en- oder Restgeblsse, werden geplant oder we-
gen Thcrapicre~istell7 im Erwachsenenaller behandelt. Die l~ehandlung
skelett;1ler l>ysgnathicn umfa~t im Erwachsenenalter eine kom biniert
ki eferorth OJ>äd isch-kieferchirurgische Th erap ie, d.h. präthirurgische
Harmoni,ierung der Zahnbögen, operdtiver I ingrlff und postchirurgi-
sche l'einkorrekturcn.
Bei Erwath..enen 1st aufgrund der haufig \chon reduzierten Para-
dontalsituation (horizontaler Knochenabbau mil vertikalen Einbrü-
chen) ein besondt'r' physiologisches, ge\\Clx>SchonendC\ Vorgehen mit
kleinen geziehen kontinuierlichen Kräften (z. B. Segmentbogentechnik)
indiziert.

21.3 Retention

Das Liel der Retention ist, einen Zustand tu crre~chen , in dem kei -
nerlt'l Verdnderung der Zahnstellung und /odt•r Kieferlage auftritt.

Dieses Ziel 1st aufgrund der lebensleinglichen phy\lologl\chen ~lesial­


wanderungstendenz der Zähne und der über den angenommenen
Wachstumsabschluss (um da\ 20. Lebensjahr) hinaus forl\chreitenden
Unterkieferentwicklung nach anterior unrealbti~ch. Die Angaben über
die Dauer der Retentionsphase variieren slark, besonders abhimgig von
der Art der einge~Ctlten Geräte während der akt iven ßehandlungsphase.
Eine F.tu\tregel i~t z. ll., mindestens die Hälftt> der aktlwn Behandlungs-
phase zu retinleren. Insgesamt jedoch geht der aktuelle Trend in Rich-
tung Dauerre tai ncr (Retention for life).
Die ncuesten :'\'achuntersuchungen kicferorlhOpi!di~ch behandelter
Palienten teigen, dass eine La ng.tei t retenlion ent11t'der mit nachts ge-
tragenen herausnehmbaren Retentionsgeraten oder festsitzenden Retai-
nern emprchlcmwert i\1.

21.4 Dysgnathien des progenen Formenkreises

Der progenc Formenkreis beinhaltet die Gesamtheit aller D)'sgna-


tllieforrnen, die mit dem J..cnntcichnenden S}mptom, dem Leit-
~ymptom, der progenen Verzahnung bzw. des Kreuzb1sses im
Schneidc.t...thnl~reich emhergehen {progene \'l'r1.1hnung =Kreuz-
bi\\= umgt·kehrter xhneidezahnuberbi\S).
21 4 0)'1gnalhten des progenen Formenkreises • f!.lif!lfJI 259

SNA• 81' SNA < 82'


SNB >.BO' N SNB • 80"

L...::::::==:::::::~B
L
SNA~82" S~A • 82"
SNB = 80' N SNB • 80' N/
s ~.

A
~~
8

l
Abb. 21-1: Progen er Formen kreis: a) echte Progenie mit normalem SNA-Winkel und
etnem vergroßerlen SNB Winke11m Fernrontgense•tenb•ld, b) Pseudoprogenie m•t
verkleinertem SNA-Winkel und normalem SNB-Winkel, c) progener Zwangsbiss
ohne skeleltale Abwegigkeit auf der Fernrontgenseitenbildaufnahme und d) um-
gekehrter Schncidcuhniiberblss ebenso ohne vergrößerte bzw verkleinerte SNA
bzw. SNB Wtnkel

l:urn progenen Forrncnkrcls gehören nach Bimler 4 Formen:


.11 die echte Progenie
.11 die P)eudoprogenic
.11 der progene Zwangsbiss
.11 der umgekehrte Schneidezahnuberbiss (Abb. 21-1 ).

Statt des Begriffs Progenie, der übersetzt lediglich .vor.tehendes Kinn"


bedeutet und vom Göttinger P~ychiater Meycr 1868 verwendet wurde,
ist al..tuell die Bezeichnung Klasse 111-Anomalie in Analogie zu Klasse
11-Anomahe gebrauchhch. Sie belnhaltet den S) mptomen!..omplcx der
unterschiedlichen formen und kann dentoalveolare und/oder skelettale
tJasse 111 brtleuten.
260 21 Behandlung

21.4.1 Echte Progenie

Oie echte l>rogenie beruht auf erblichem exzessh em Wa<.h~tu m des


Unterkiefe~. es liegt ein multifak1orieJles genetische~ Geschehen vor.
Der Oberkiefer ist i.d.R. nom1al entwickelt, kann aber auch dysgnath
verändert sein. Diese Anomalie ist wachstumsbedingt und zeigt einen
progredienten Vf.>rlauf.
Differential- Oie Uiffcrentialdi«1,'11ose zu den anderen 3 Formen des progenen
diagnose Formenkreise~ \\ lrd v.a. uber die Anamnese (pmltlw Familienanam-
nese) und über das Fern röntgenseitenbild möglich.
Befundmerkmale Typische Befund merkmale sind:
und Symptome .tA ein vergroßerter S:"\B-\\ irU.el (Abb. 21-2)
.tA ein negali\Cr AI'B-Winkel und WITS-Wert
.tA protrudierte obere lnzis1vi
.tA retrudierte untere lnzisivi
.tA vertikales Wachstum (vergrößerter Gonion-Winkel, vergrößerte vor-
dere Ge~ichtshöhe, vergrößerter Y-Achwnwinkel, vergrößerter
Grundebenenwinkcl).

Auf der Panoramaröntgenschichtaufnahme ist die Loge der Zahnkeime


im Unterkiefer likkig (auch in der Stützzone).
We1tere typische Symptome der echten, aber auch der übrigen For-
men des progenen Formenkrei~es sind:
.tA eme JXl\1 h\'e Iippentreppe
.tA eine \mistige Unterlippe
.tA die sog. Hab!>burger I ippe
.tA eine zurüd.liegende Subnasalregion
.tA eine ausgepnigte l'asolabialfalte
.tA ein prominente~ Kinn
.tA ein hohe~ Untergesicht

Abb. 21-2: Fernrontgenseitenblld a) mit korrekter


Lage des Oberkiefers und relattYer Vorverlagerung
des Unterkiefers, reprasentatrv für eine skelettale
Klasse 111 (echte Prageme) mrt Schuld 1m Unterk1efer bei einem 8-jahrigen Jungen m1t umgekehrter ~git·
talerStufe b)
21 4 Oy~gnathlen d~ progenen Forrnenkrerses 4:t).llGfll 261

A ein abgenachter Kieferwinkel


..o111 ein Lirkularer oder unilJteraler Kreuzbiss mit umgelo..ehrter inzisaler
Stu re
.A eine Mesialokklusion
..o111 Affen Jucken zwischen denunteren J>rämolaren und F.ck71thnen
A haufig eine mandibulare Mittellinienverschiebung.

Erste fruh c Symptome als ;\nLeichen der echten Progenie sind bereits
im Milchgebiss bestehende Mt>sialokklusion, progcnc Schneidezahnver-
zahnungen, Kreuzbiss, Lucken im Unterkiefer und ein frühzeitiger
7ahnwechscl im Unterkiefer.
Hehandltmgsziel bei der echten Progenie ist, vom Zeitpunkt der ße- Behandlungsziel
funderhebung bis 1um Wdth,tumsabschluss die Manifestation der
genetischen Anlage zu verhindern. Bei früh- bzw. rcchtteitiger Befund-
erhebung, d.h. z.B. \Chon 1m \lilchgebiss, werden im Rahmen einer
intertcptiven Frühbehandlung ~kelettaJe und/oder dentoah·coläre Maß-
nahme•, mit Hilfe von funktionskicfcrorthopädhchen Geräten, extrao-
ralen Apparaturen, Oberkleferplatten, schiefen L:bcncn und Kombina-
tionen durchgeführt. Jeder frtlhe I herapiean~dt:/. hel einer echten Proge-
nie beinhaltet die Erkennung der ßchandlungsgren1en im Rahmen der
anatomischen Gegebenheiten und dient der Vermeidung der progre-
dienten Entwicklung, sollte jedoch bei Therapieresisten7 beendet wer-
den.
ln Fallen \Oll "Jhera piere~i\te n z werden die Patienten nonapparativ Therapieresistenz
überwacht (/.ahnwechsel) und rechtzeitig vor Ah~chh•~' de~ ~keletta l en
Wachstums (ca. 1-2 Jahre davor) wird die aktive Behandlung Zllr Har-
monhierung der Zahnbögen Im Rahmen einer kombiniert kieferortho-
padisch-kieferchirurgischcn Behandlung wieder aufgenommen.

21.4.2 Pseudo progenie

Bei der Pseudoprogenie, häufig auch als unechte Progenie bezeichnet,


liegt ein Wachstumsmangel des Oberkiefers vor, de r Unterkiefer Ist
i.d.R. primär normal entwi<:kelt Oie Diagnose wird ebenso wie bei der
echten Progerue mit lllife des l·ernrontgemeitenbildes erstellt. Es ze•gt
sich eine\ erkleinerung de~ S~A· sowie des A:-..8-Winkeh (bh m negati-
ven Werten) bei neutralen Werten des SNß-Winkels. He• sag1ttal
und/oder tr.u1svcrsal unterentwickeltem Oberkiefer liegen häufig eine
Kreuzbis~sltuation, eine umgekehrte sagittale !:ltufe und ggf. auch eine
mandlbullire Millellinienabweichung vor. Oie l'seudoprogenie kann ge-
nuin oder emorben sein (Abb. 21-J).
Zu den endogenen oder erblich bedingten I.Jrsachen zählen l..ahn- Endogene
unterahl im Obcrkiclcr und diVt'f\e 'iyndrome. Be1 \ lorbus Crouzon Ursachen
(D} sostosis craniofa<:idli\), \ lorbus Apert ( \kro7ephalo\)'11dakt) lie),
0) sostosis cleidocranialis, \chondrodyspla.s•e und I nsomie 2 1 (Down- I
16 1 21 Behandlung

Abb. 21-3: Fernrontgenseitenblld a) mit Rucklage


des Oberkiefers und korrekter Position des Unter-
kiefers. repräsentativ rur eine skelett..lle Klasse 111
(Pseudoprogenie) mit Schuld im Oberkiefer bei ei·
ner 11-jahrigen Patientm mot multoplen Nicht..lnla·
gen im Oberkiefer und Kopfbiss in der Front b)

Syndrom) ist die sagittale und transversale Unterentwicklung des Ober·


kiefers mit RuciJage ein typhches S)'mptom.
Exogene Die exogen verursachte oder erworbene Pseudoprogenie kann be-
Ursachen dingt sein durch fehlenden oder redu7ierten Wachstumsreiz auf den
Oberkiefer bl\\. auch durch eine akti\·e Hemmung des sagittalen und
tranwersalen ObcrJ..ieferwachstums. Im Einteinen ~ind hter frilhzeiti·
ger, z.B. traumatischer Zahnverlust, traumatische Verformung des Ober·
kiefersund pmtoperatlve Narbenzüge bei Patienten mit Lippen-Kiefer·
Gaumenspalten 7U nennen (Abb. 21-4).

Abb. 21·4: rernrbntgensei-


tenblld eines S.Jährigen
Patienten nach fruhem
Gaumenverschluss (mit 8
Monaten) belisolierter
Gaumenspalte. Neben der
extremen RU< klage des
Oberkiefers omponoert der
stark vergrbßerte Kiefer-
winkel.
21 4 Oysgnathien des progenen Formenkreises Aji.:JOIJI 26)

flchantllungsLiel bei der Pseudoprogenie ist, einen Ausgleich der sa- Behandlungsziel
gittalen und transversalen D1skrepanz zwischen Ober- und Unterkiefer
1.u erreichen. Dies erfolgt durch Anteriorentwicklung des Oberkiefers
und Posteriorentwicklung des Unterkiefers, z.LI. im Rahm~n einer Fruh-
hehandlung mit Gesichtsma~ke. Andere Therapieans:llze im frühen
\•.'ech~elg~bi~~ sind Einschleifen, !>patelübungen zur Überstellung der
progen ''erzahnten Schneh:leahne, Eingliederung von Lückenhaltern
oder Kinderprothesen und funktionskleferorthop<Jdlsche Geräte (Klasse
11 1-Aktl\ dtor). Im frühen Wechselgebiss können schiefe Ebenen, funkti-
onskieferorthopädische Gerlite, Oberkieferplatten mit l'elotten zur Ab-
schirmung des Lippendrucks mit ßertoni-Schrauben ..:ur transversalen
und sagittalen Erweiterung, al~ V-Platte zur sagittalen Crwelterung und
fe\1\it..:ende Geräte verwendet werden.

21.4.3 Progener Zwangsbiss

Der progcne Zwangsbiss ist begrtmdet in okklusalcn Interferenzen, die


zu einer Abweichung (Zwangsfuhrung) des Unterkiefer~ in eine sagittale
Vorschubstellung und haufig auch in l"ine laterale Abweichung führen.
Grunde können im Einzelnen die fehlende Schneidezahnführung Ursachen
wahrend des Zahnwechsel~. per\1\tlerende Mtlchzähne und eine Schon-
haltung nach Frontzahntrauma sein. Der progene Zwangsbiss tritt be-
sondl'rs hei mangelhaft abradierten Milchzahnl'n und t~mporär auftre-
tenden Hihrungsflächen (wackelnde Milchccküihne, traumatisch frak-
turierte Zähne) auf. Die progene Zwangshis~situation kann einzelne
Inzisiv!, die gesamte Front, aber auch beide Lahnbögen (zirkularer
Kreuzbiss) betreffen.
Wenn der progene Zwangsbiss über längere Zeit bc!>tehen bleibt, kön- Ziel der lnterzep-
nen eme Wachwmshemmung des Oberkiefe~ und ungehemmte Ent- tivbehandlung
wicklung des Unterkiefer~ re\ult•crcn. Deshalb ist das primiue Ziel der ln-
tcrzeptivbchandlung 1ur Be\eltigung der Zwangsbisssituation die Elnstel-
lun~o: einer korrcl..ten sagittalen und transversalen 01-.klusionsbczichung.
Diese wird erreicht, je nach Ursache des Zwang~bi~se~, durch Protrusion
der oberen und Retrusion der un teren lnzisivi, Einschleifen von Milcheck-
7.ahnen, ggf. auch Extraktion störender Milch1ahne und transversale Er-
weiterung des Oberk;efe~. bei )Chon erfolgter Wachstumshemmung, ..:ur

I Einstellung des Unterl..iefers 111 neutrale trans' ersalc Verhaltnisse.

21.4.4 Umgekehrter Schneidezahnüberbiss

Der umgekehrte SchneidezahnuberbtSS (progene Verzahnung, frontaler


Kreu7bl\\) heinhallet emc isolierte Abweichung der Schneidezähne
bei :-\eutralokklusion im Scit1:nahnbereich ohne sagittale und transver-
\ale D1~krcpan..: beider Kiefer (Abb. 21 -5). I
264 21 Behandlung

Abb. 21·5: lsolrerter umgekehrter Schnei·


deuhnuberbrss berll/41 Wegen der Ge-
fahr der Parodontalschadlgung von 41,
zum einen wegen der genngeren Wur-
zeloberfläche und zum anderen wegen
der dünnen fragrlen vestrbulären Gin-
Siva und Knochendecke,lst eine akute
Uberstellung Indiziert. Ohne Therapie
kann es durch das ,.jlgglrng" beim Zubiss
zu Wurzelresorptionen, Perforation der
Gingiva vestibul~r an 41 und Sensibili-
tätsverlust kommen

Ursachen Ursachen der isolierten progenen Ver~hnung können Persistenz


von Milchzahnen und Palatinaldurchbmch \·on bleibenden ln.dsivi im
Ober1Jefer, fehlende l·ührung beim Zahnwechsel nach mih7eitigem
Milch7.ahnverlust und zeitliche Di~krepanz 1m Zahnwechsel zwischen
Ober- und Un terkiefer (verspäteter Schneidezahndurthbmth im Ober-
kiefer durch unterschiedliche Gründe) ~ein.
Behandlung Die l.lehandlung des isolierten umgekehrten Schneidezahnuberbh-
ses bein haltet die l'rotruslon des oder der oberen lm:hivi und, wenn
notwendig, Retrusion der Antagonisten.

21.4.5 Therapie

Bei der Behandlung der Klasse 111-Anomahen 1st prtnz1p1ell zwischen ei-
ner alleinigen ko nser\'ati\·en kieferorUl opädischen Behandlung wäh-
rend de\ Wathstums und einer kombiniert kieferorthopildisch -kicfer-
chjn•rgischen Behandlung nach Wachstumsabschluss zu unterschei-
den. Prlmar ht da\ /.iel jeder kieferorthoplldischen Behandlung bt'i
Anom;1lien des progenen Formenkreises (insbesondere bei der echten
Progenie und bei der r~eutioprogenie) die orthop<ldischc Beeinflussung
der Lagebeziehung .twi~chen Ober- und Unterkiefer zur Vermeidu ng ei-
ner sp;llcrcn l.omhlniert kieferorlhopadisch-kiefercturugischen Behand-
lung. 01e kil'ferorthopadische Behandlung beim progenen I ormenkreis
kann jederzeit (t.llkhgebi\s bis bleibendes <.ebi s) begonnen v.erden,
und dle Prognose fur eme erfolgreiche skeJettale Behandlung ist ~ie frü.
her, umso bes\erM. Dennoch mussen rmhe lnter7eptivbehandlungen
haufig wegen progredienter Wachstumsschube eingestellt und eine
Kombinatiombehandiung muss zu einem ~patercn Zeitpunkt durchge-
fuhrt werden.

21.4 .6 Geräte

Kopf-Kinn-Kappe
Die Kopf-Kinn-Kappe, ein extraorales Behandlungsgt:rJt, dient der
\\'ath~tumshemmung des Unterkiefers im MJ!chgeb1ss. Bei einer sl.elet-
21 4 Oysgnathien des progenen Formenkretses 4:t!.hbfJI 265

Abb. 21· 6: Kopf·Kinn·Kappe


zur Ruckverlagerung des
Unterkiefers und zum Hem·
mcn des sagittalen Unter
kleferwach~tums [aus
weise)

talen Kraft von 5-10 N und einer Tragedauer von lil. 14 Stunden wird
der Unterkiefer in seiner 'klglttalcn und vertikalen Wachstumsrichtung
marupuliert. Die Effi1ien1 die\e\ Gerätes ist besonder!> wegen der Gefahr
der Sch<~digung der Kondylen nicht unumstritten. Das Gerat sollte bei
posillvem Palpation~befund und Beschwerden des Patienten im Bereich
der Kiefergelenke abgesetzt werden ( \bb. 2 1-6).

Gesichtsmasken
Die l)claire- und die G rummo n ~-\.fa.~ke dienen der Wachstumsstimu-
lation des Oberkiefers und werden uber sagittale vumm•roge, mit 1e
nach Bedarf unterschiedlicher 'erttkaler Komponente, am vcrblod.ten
Oberkiefer (durch Oberlm~fcrplatte, Gaumennahterwelterungsappara-
tur, Quadhelix, ~lulliband-ßraü,CL·Apparatur) befesliJ.:I.
ßel der Gesichtsmaske nach Deiaue wird neben der sagittalen un<l Delalre-Maske
vertikalen ßccinnussung <.les Oberkieferwachstu1m eine ßeeinOussung
des Untcrkieferwachnum\ nach postcrior ausgeuht (Cave: Kondylcn-
schädigung!).
Wohmgegen bei der vrummon~-Maske <Sulx>rh•talmaske) durch die Grummons-
Abstüt7ung an den jochlx>gcn eine i.d.R. uncrwümchte Posteriorposi· Maske
1Jon1enmg der Gelenkkopfe nicht eintreten kann Deshalb wird 'Ieier-
Ort\ in jungster Zeit der Grummons-Maske der Vor.tug gegeben. ßeid<.'
Gcslch t\rna~ken ~ollen m<lgllch~t rruhzeitig, d.h., wenn eine au~rel-
chendc Verankerung der Gummizüge möglich ist (vollstandiges ~tUch-
gehl\\ und fruhes Wechsclgebiss). eingeset?t werden, um e1ne :-.:achent-
wiciJung des Oberkiefer\ ,.or Ftablierung der progencn Gesamtsituation
7u erre1chen (r\bb. 21-7).

I
266 21 Behandlung

I
k__
Abb. 21 -7: Gesichtsmasken: a) Oelaire-Maske mit Abstützung am Kinn, b) Grum-
mons-Maske mit suborbitaler Abstützung

Funktionskieferorthopädische Geräte
Verschiedene Modifikationen des klassisch('n Progerl ieaktivators kön-
nen im Milch- und Wechselgebiss zur Umstellung der Bisslage, a ber
auch als Retcnlionsgerät, nach erfolgreichem cinsa tz extraoraler Geräte,
verwendet we rden. Sie sind besonders dann indi ziert, wenn eine pro-
gene Schneidezahnsituation besteh t und eine Protrusion der oberen In-
zisivi notwendig ist, bei gleichzeitiger skelettaler Umstellung beider Kie-
fer.
Als spezielle Varianten fur di e Rehandlung der Klasse lll sind zu
nennen :
..o1 der Funkti o nsregler Typ lllnach Fränkel
..o1 der Um kehrbiona tor nach Ballers
..o1 der Progenieaktivator nach Wunderer mit Weise-Schraube
-" der U-ßügei-Aktivator nach J<arwetzky
..o1 der Progenieaktivator mil Einkieferdehnschraube und Pelotte am
oberen Labialbogen (s.a. Abu. 20-17).

Abb. 21-8: Progenieaktivator [nach Wunderer) mit Welse-Schraube [aus Weise)


J
21.4 Dysgnathien des progencn Formenkreises 4Jhi!GfU 267

Wenn bei der Konstrul...tionsbissnahme ein spontaner oder geführter


Ruckhi\\ auf Kopfhbs möglich ist, kann mit Hilfe der Spezialschrauben
eine suk7essive Vergrößerung der sagittalen Stufe erzielt werden (Abb.
21-R).

Platten
Wenn eine progene SituatiOn \ .a. durch dentoah·eolarc Abwe1chungen
begrundet ist, können akt1ve Plallen mit unterschi~dlichen Hilfsele-
menten einen Behandlungserfolg erzielen. Oberkieferplatten mit seit-
lichem Aufl1l~s und verschiedenen Protrusionselementen (Protrusions-
feder, Messingschraube, Paddelfeder) erlauben eine Protrusion der pro-
gl'n \'CrLahnten oberen lnzisivi.
Lur gleichzeitigen transver~alen und sagillalen "Jachentwicklung
de~ Oberkiefers eignen sich die M>g. V-Platte mit 2 Schrauben zwischen
den oberen Eckzähnen und se1tlichen Schneide7.Jhnen oder auch die
Oberkieferplatte mit ßertoni-Schraube, die eine gleichzeitige sagittale
und tranwer~le Aktivierung erlaubt (Abb. 21-9}.
Bei bimaxiilärer Reteiligung kann wsätzlich eine Un terkieferplatte
zur Rctrusion der unteren Inzisivi eingeset1t werden, die bei skelettalcr
Kornpont'nte auch die Anwendung von Klasse !II-Gummizügen er-
möglicht.
Fine weitere Modifik.1tion ist die Oberk ieferplatte mit Gegenkie-
ferbugel, bei der im Oberkiefer ein Labialbogen mll l'elotte zum Abhal-
ten des Lippendrucks und lm Un terkiefer ein Gegcnldeferbugel zur akti-
ven netmsion der unteren i•ront oder sagittalen Wach\turnshemmung
des Unterkiefers wirken.
Alternativ zu den Klasse 111-Gumminigen kormen auch die von
A. M. Schwarz eingeführten Rllckschubdoppelplatten mit Führungs-
spornen nach Müller im Se1ten1ahngebiet oder al ternahv m1t al...'twier-
llarcn l eger-Sörgensen-Schrauben eingeset7t werden (1\bb. 21-1 0).
Alle Gerate zur Überstellung progener Schneldelllhne Y<erden in der
aktiven llehandlungsph.!\C 24 Stunden am Tag getr.Jgen, dürfen nur
zum Zähneputzen herausgenommen werden, und der Patient darf nle-
m,ll\ tu beißen, um nicht cln Jiggling der lnzhivi LU riskieren.

Abb. 21·9: V-Platte zur


gleochzeillgen transversalen
und sagittalen Erweiterung
des oberen Zahnbogens
[aus Weise]

J I
268 21 Beh;mdlung

Abb. 21·10: Rückschubdoppelplatten mit M üller Stegen [aus Weisel

Schiefe Ebenen
:-.lach dem PrinZip der schiefen Ebenen funktionieren Hoi2Spa tel, die
?ur Überstellung von Eintellähnen als ,.billiges" Verfahren empfohlen
werden, jedoch nur bei ausreichend durchgebrO<.henen oberen lnzisivi
und geschicktem Patienten tu empfehlen ~ind. ll<'i Ungeschick können
Intrusionen, wech~elnde llewegungen und Wurzelresorptionen resultie-
ren.
Der Beißspatel wird dabei vom Patienten dreimal täglich für 5-10
Minuten angewendet. Sobald ein regelrechter Ül>erhl\\ er?lelt Ist, sollte
diese Position fur 20-30 Minuten durch festes lusammenbcißen fixiert
werden.
Die sch iefe Lbene (festsitzend oder herausnehmbar) erzeugt ebenso
fü hrungsflachen tur Überstellung progen verzahnter lnzis•,·l. Sie ist v.a.
dann inc.l•z•ert, wenn die oberen lnzisi\•i retrudiert ~ind und ein Tiefbiss
vorhanden ist.

~erke

Bei offenem Biss ist ei ne sch iefe Fbenc kontraind izlert.

Behandlungs- Die Gefahr be1 der ~thlefen Ebene ist, dass die unteren lnti~ivi aufgrund
dauer ihres im Ve rgleich zum Oberkiefer geringeren \Vur7elquerschnittes
überbelastet werden und Wurzelresorptionen auftreten Die maximale
ß cbandJungsd auer beim Reißspatel und auch be1 der \thiefen Fbene
betragt 4-6 Wochen \ollte danach kein Behandlungserfolg emelt sein,
musscn umfangreichere ~laßnahmen durchgeführt ~~erden.

Multiband-Bracket-Apparat uren
Zu r lrans,·ersalen und ~gi ttal en Frweitenmg des Oberkiefers und zur
Verbiodung de~ Oberkiefers bei .Cimatz von Gc\ill l hma~ken können
Multiband-Hrackei-Apparaturen eingesetL.t werden. Die Ga umen n aht-
crwej terungsap pa ratu r und die Quadhelix dienen bsp\\. der Verblo-
ckung de\ Oberkiefers in Kombination mit einem \tarl..en Außenbogen,
um die Gummizuge fur eine Delaire- oder Grummons·Maske aufzuneh-
men. Außerdem kann mit dem Prot rusio nsutil it ) e1ne ge7ielte getor-
quete l'rotrusion der oberen ln2isi\·i durchgefuhn werden, um so eine
21 4 Oy1gnathlen des progencn Formenkreoses 4 :f1ptQf11 269

Abb. 21-11: Protrusronsutility


zur Protruslon der oberen
lnzisivi

progcne Schneidezahmituatiou zu korrigieren. Uel diese r Art des Vorge-


Ilem 1\t eine Unterkieferaufbissplatte oder Schiene .:ur Bisssperr!' obli-
gatorisch (Abb. 21-11 ).
I lilfsmittcl bei d!'r \kelettalen Finstellung der Klasse I können Klasse
111-Gum m iruge sein. Die prä- und postoperahve orthodontische Be-
handlung bei Klasse Ili-Patienten wird ebenso i.d.R. mit Multiband-Bra-
cket-A ppa ra turen durchgefll h rt.

Kieferchirurgische M aßn ahmen


Wenn .11le Bemuhungen, eine Klasse 111-Anomalie wahrend des Wachs-
tums m1t rein k•eferorthopad1schen Nlaßnahmen 7U behandeln, ge-
scheitert ~ind oder besser nach Reevaluierung im Behandlungsverlauf
und Uehandlungspause wegen "I hcrapiereslstem, können kleferchirur-
gl\che Maßnahmen, wie die \.tgittale Spaltung des Unterkiefers nach
Obwege\er-Dal-Pont zur Rückverlagerung de~ Unterkiefers und/oder
eine Le-Fort-1-0steotomic .:ur Vorverlagerung des Oberkjefers, durchge-
führt werden. Ocr kieferorthopadl~che Part bei du?ser Art der Behand-
lung umfasst die perloperative Diagnostik, Therapie und Kontrolle. Vo-
raussetwng fur em Gelingen einer kombiniert kieferorthopädisch-kie-
ferchirurgi~chen Behandlung i\t die Interdisziplinare Zusammenarbeit
7wi~cheu Kaeferorthopaden und Kieferchimrgen.

Eplkrltische Betracht ung der .,Progeniebehandlung"


Gmmh<JtLiich sind alle genannten therapeutischen Ans.itze möglich,
jeder ein;elne beinhaltet die Im entsprechenden K;1pitcl erwähnten
Vor- und 1'\achteile. lnsgt>~mt g1lt jedoch der Grundsat7, dass die Be-
handlung emer Klas~ 111-Anomahe möglichst fruh1c1tig und umfassend
erfolgen sollte. Oies bedeutet, dass auch bereits im Mikhgeb1ss bei guter
Verankerungsmöglichkeit eine nelßig getragene Geslchtsma~ke nach
lang~mcr Gaumennahterweiterung eine sehr effiLientc Methode zur
Erreichung eines dreidirnen\lonal \ichcren Überbi~~es l\1.
Neuere Studjer1 haben gc7cigt. dass auch bei Fehlen einer Diskre-
pan7 7wischen Ober- und Unterkieferbreite eine urthopadische trans-
versale Leweiterung mittel\ Platte oder Gaumennahterweiterungsappa-
ratur ,.gumhge Bedingungen• fur die sagittale \kclettale 1'\achentwick-
lung schafft. Durch die Frweitcrung der Sutura palatina mediana wird I
270 21 Behandlung

das gesamte Suturen- und Synchondrosensystem des nasomaxillären


Komplexes stimuliert und die \'entralentwiciJung dt"> Oberkiefer'> läuft
zug~ger und effizienter ab.
Die 24-Stunden-Tragedauer bei Kreuzbissen ein.telner Schneide-
zähne und seitlichem sowie zirkulärem Kreuzbi\\ h<tt sich insbesondere
bei den Kindern im ~lilch- und frühen Wechselgebiss als optimale Me-
thode zur seimeilen F.r1ielung eines Bchandlung~crgebni\~es erwiesen.
Die Compliance ist besser als bei intermittierender Tragedaucr.
Übergeordnet mu\\ der K1eferorthopade, unabhängig vom Behand-
lungsmodm und -gerät, bei ausbleibender Reaktion nath au'lfiihrlichem
Aufklarungs- und Beratungsgesprach die Behandlung unterbrechen.
:'-/ur so kann eine langj:lhrige und langwierige Behandlung mit ~chlech­
ter Prognose vermacden \\·erden.

21.5 Klasse II-Anomalien

Für das Verständnis der Klas~e 11-Anomalit> ist eine Begriffsdefinition


notwendig. Obwohl ~~. H. Angle sich bei seiner Ein teilung der Anoma-
lien auf die Okklusion, d.h. Verzahnung der Sech~jtthrmolaren, stützte,
werden heutzutage die Bezeichnungen Klasse I, II und 111 \ielerorts auch
zur Beschreibung der Bisslagc, d.h. der Lagebe.tiehung 7wi ~ch en Ober-
und lJ nterkiefer, verwendet. Der Klasseneintealung nach Angle ent-
spricht die Einteilung nach Körbitz, der von :\cutral-, Distal - und Me-
sial biss \prach (Abb. 21-12).
Aktuell jedoch 1\ird /\\ischen der Okklusionsbe.tichun g (Verzah-
nung), die bei je<lem P<~tientcn links und rechts, unabhangig von der
skelettalen Disl-repanz, differieren kann, und der llisslngc, die nur am

~l

Abb. 21-12: Angle Klassen: a) Klasse I oder Neutralbiss, b) Klasse 111 oder Oistillbiss
mit protrudierten oberen lnztstvi, c) Kl01sse ll2 oder Dostalbiss mtt retrudterten obe-
n!n Schnetdeuhnen, d) Klasse 111 oder Mesialbiss [aus G Schmuth, Praxis der
Zahnheilkunde, Bd ll,l Aufl.)
21.5 Klasse II Anomalien A :m;apn zn

Abb. 21-H : Schematische Darstellung der sagittal skelettalen Lagebeziehung des


Ober- und Unterkiefers bei dentoalveolarer und skelettaler Klasse II mit vertika-
lem Schadelaufbau und Tendenz zum offenen Biss

Fcrnr<>ntgenwitenbild zu beurteilen ist, untemhieden. Bei skclettaler


Klasse II liegt ein DJ\tallms durch Rucklage des Unterkiefers und/oder
Vorverl agerung des Oberkiefer~ vor (Abb. 21-13).

Die Angle-Kia\\e II k.lnn mit Protrusion der ohert'n lnLisivi ver-


gesellschartet-als Kla\\e 11 1 oder mit Retrusion der oberen lnzhivi
ah Kla\\t' 11 2 auttrt'tcn. :-lach xhul1e \ind bt!idc T)'J>en durch ad-
ditive l'olygeme mit untt'ochacdlicher l'.xprec.\lvllat und modifi-
Lierendem Einfluss exogent'r Faktoren begründet. Lxogene Ein-
fJU\\l' wie Uppensaugen und I utschen 'f>lelen bei der Angle-
KlasSE.' IIJ eine ent\dwidt!nde Rolle, wohingegen hei der
Angle-Klasse 112 der gencti,che Faktor ru oberwiegen scheint.

I
272 21 Beh<~ndlung

21.5.1 Angle Klasse 111

Symptomatik Die typische ymptomntik bei Klasse 11 1-Anomalien sind eine RückJage
des Unterkiefers, kombiniert mit einer Vorwrlagerung oder l..orrekten sa-
gittalen Lageposition des Oberkiefers (Fcrnröntgenseitenbildnnalrse). ein
oberer SchmaiiJefer, eine luci..Jg~ oder engstt.'hende l'rotruslon der oberen
lnzisivi sowie ein Tiefbiss bei vergrößertem Ovcrjet. Die Klasse 11 1tritt auch
mit vertlk.Jiem Wachstumsmuster und offenem I!I \~ auf. flnc ausgeprägte
Zungendpfunktion (Zungenpressen) kann die Klasse 11 1 durch Reduktion
der sagittalen Stuft> .kaschicrenu. Im FRS Leigt \ilh hei diesen Patienten
eine bialveoliire l'rotrusion. ExtraoraJe Symptome bei der Klasse U1sind:
A inkompetenter IIppenschiuss
A eine wri..'Urzte untere Gesichtshöhe (ccw-Wachstum im Fernrönt-
genseitenbild)
A ggf. Lippensaugen
A häufig ein .leicht dummliches Aussehen"
A bei ausgeprägter I orm ein fliehe ndes Profi I.

Behandlungs- ßcbandJungsnotwendigkcit besteht je nach Ausprägungs).rrad auch


notwendigkeit schon im Sinne einer Fruhbehandlung, l>l'\Onders bei l'aticnten mit
sehr starker Protrusion der oberen lnzisivi und ausgepragter sagittaler
Stufe mit Gefahr der traumatischen Schadigung der oberen lmlsivi so-
wie auch sozialer L>•skriminierung wegen des Aussehens (llasenZähne,
Bugs Bunny). Bei vorliegendem Habit (Lippcnsaugen, Daumenlut~hen)
ist d1e Therap1e der Wahl vor jeglichen apparativen ßcmuhungen das
Abgewöhnen des llabits, ggf. mit professioneller Unterstutzuns (Mus-
kelfunktionstherapie, Kinderpsychologie). Die Anomalie hat progre-
dienten Charal..ter, besonders bei inkompetentem l lppcnschluss, da die
Persistenz des llabits den Ausprägungsgrad vcrs t~rl..t (Abb. 2 1- 14).

21.5.2 Angle Klasse 112

Symptomatik Die typische Symptomatik für die Klasse llz ~~teht in einer RückJage
d~ Unterl..iefers, e' tl. kombmiert m1t einer Vorverlagerung des Oberkie-
fers, einer Palalinall..ippung der extrudierten oberen lnLish 1 ~0\~ie Lin-
gualkippuns der extrudierten unteren InLis1vi und T1efl>i~s bei extrem
horiLontalem Wachstum. Typische extrciOralc Symptome sind:
A ein konkaves Großnasenprofil mit verstarktcr Supramentalfalte
~ ein verkürztes Untergcsichl.

ßei der typischen dL'Ckbissartigen SchneidezahnstellunK befinden sich


d1e mittleren oberen lnzisivi in ausgeprägter Retn1sionsstellung, und die
seitlichen sind lab10inl..liniert (dachziegelaruge Position). Außerdem
.teigt du! Modl'llanalyse bei der Klasse llz eme gt.>raumige apil..ale Basis
sowie i.d.R. einen normalen bis breiten Oberkiefer.
21.5 Klasse II Anomalien 4:fl.t1QfJI 273

Abb. 21-14: Typische Int raorale Situation bei Klasse 111

Abb. 21-15: Typische intraorale Situation bei Klasse 11 2

Die deckbissartige Schneidezahnstellung sowie alle anderen typi-


schen Klasse Hz-Symptome treten auch beim Deckbiss auf, der jedoch
irn Unterschied zur Klasse 112 keine ROcklage des Un terkiefers und keine
Distalokklusion beinhalten muss (Abb. 21 -lS).
Die Beban<Uungsaufgaben bei der Klasse llz bestehen während des Behandlungs-
Wachsturns in einer Aufrichtung der oberen und unteren Inzisivi, Biss- aufgaben
hebung und skelettalcn Bisslageumstellung.
Beim Deckbiss, der mit Klasse 1-, Klasse II- oder Klasse !II-Verzah-
nung und Bisslage verge~ell~chaftet sein kann, Ist das Hauptsymptom
das Verdecktsein der unteren Schneidezähne. Diese Symptomatik ist be-
gründet in der bialveolären Rctrusion und Elongation, dem 11eAJiss mit
GaumenschJeimhautkontakt, einem vergrößerten Intcrinzisalwinkel
und dem, wie auch bei der Klasse 112 auftretenden, typischen konkaven
Profil.

21.5.3 Therapie

Wegen der unterschiedlichen Ätiologie werden die therapeuthellen


Vergehensweisen für die Klasse ll t. Klasse 11 2 und den Deckbiss gctreJult
be~chrieben .
274 21 Behandlung

Abb. 21-16: Klasse 111 Im Milchgebiss bei einer S·Jährigen Patlentln: Protruslon der Milchschneidezähne, ver-
größerte sagittale Stufe und Tiefbiss

Klasse 111
Behandlungs- Je nach Ursache einer Klasse IIJ-Anomalie sind fnihe Behandlungsmaß-
beginn nahmen, z.R. zur Ahgewöhnung von Habits, möglich (Abb. 21 -1 6). Eine
Antilu tschkarte, Daumengarage, Muskelfunktionstherapie sowie Mund-
vorhofplatte bei jüngeren und Face Former bei älteren Kleinkindern
konnen in der frühbehandlung zur Norma lisierung der Funktion der
orofazialen yf uskulatur eingesetzt werden (Abb. 21 -1 7, s.a. Abb. 20-14).
Die Behandlungszeit bei moderatem Ausprägungsgrad sollte jedoch
um das 10. Lebensjahr zu Beginn des späten Wechselgebisses sein, wo-
bei die Rücklage des Unterkiefers, die Protrusion und Extrusion der lnzi-
sivi und der Tiefbiss beseitigt werden sollten. Da bei der Klasse u. häu-
fig eine transversale Diskrepanz zwischen Ober- und Unterkiefer be-

Wenn Du nicht gelutscht hast, Wen n Du s elulscht ha>l.


dann zeichne bi.l le eine Sonne dann zeic~ne
in das K.'islchen bitte einen Regen.

....... o.....,." ..,.,.... Don- f ...~


- SOr<"'i

Jg,_
~

~ o._ ,_'rlrMXh Ocwlnntt; F...... s."..,_, So..-.caq (j~ ''"'i)


~~

-·· Olt:n~ Mlltwoch ~!'\toll! r•~ILI9.. s.m,.t.., ......... ~


I i ..i

Abb. 21-17: Antilutschkarte zur Abgewöhnung eines Lutschhabits


21.5 Klasse II-Anomaiien 4f!.h0fll 275

Abb. 21-18: Pantoffelver·


gleich [nach Körbitz)

steht, kann die Unterkieferrücklage erst nach transversaler Erweiterung


des Oberkiefers beseitigt werden. Dieser Therapieschritt wird durch den
Pantoffelvergleich nach Korbitz verdeutlicht: Ein Pantoffel bzw. Schuh
(der Oberkiefer) muss groß genug sein, um den Fuß (Unterkiefer) aufzu·
nehmen (Abb. 21-18). Bei vertikalem Wachstum und offenem Bhs ~ind
bisssenkende Maßnahmen einzuleiten.
Funktionskiefcrorthoplldische Geräte, Vorschubdoppelplatten und Geräte
Kombinationen beider Geräte mit dem I Ieadgear werden eingesetzt, um
gleich..:eltig eine transversale F.rweiterung des Oberkiefers und appara-
tive Vorverlagerung des Unterkiefers zu erzielen. Auch die Sagittalent-
wicklung de~ Oberkiefers kann milllilfe de~ Headgears und der re7ipro-
ken Wirhmg des Aktivators gehemmt werden (Abb. 2 1-19). ln Abhän-
gigkeit von der vertikalen Situation wird mittels FKO-Gerät passive
Bisshebung oder -Senkung durchgeführt.
Nach Wa chsturmabschlus~ stehen 1wei unterschiedliche Therapie- Therapie nach
methoden für die Klasse 11 1 zur Verfügung: die Extraktionstherapie nur Wachstums-
im Oberkiefer und die chi rurgische Intervention. Ersteres Procedere be- abschl uss
inhaltet die isolierte f.n tfernung von zwei Pramolaren im Oberkiefer
(14. 24) und nach l>islalisierung der Eckzlihne die Rückführung des
Sdmeidezahnsegments mit Hilfe festsitzender Geräte. Voraussetzung
für diesen Therapieweg sind relativ harmonische Profilverhältnisse, da
eine IWcklage des Unterkiefers auf diese so genannte kompensierende
Weise nicht beseitigt werden kann (Abb. 21-20).
Abb. 21-19: Aktivator und
Headgear kombiniert, Ge-
slchtsbogen an den Mola-
renröhrchen verankert [aus
weise)
276 21 Behandlung

Abb. 21-20: Oentoalveoläre


Kompensation einer skelet-
talen Klasse II mit Protru ·
sion der oberen lnzisivi
durch isolierte Extraktion
der ersten Prämolaren om
Oberkiefer und Lücken-
schluss von mesial(aus
Weise]

Allernativ wi rd bei ausgeprägt skelettalen, auch das Profil beeinnus-


senden Abweichungen des Ober- und/oder Unterkiefers eine Vorverla-
gerung des Unterkiefers mit umgekehrter Obwegcser-Oal-Pont-Opera-
tion und/oder eine Rückverlagerung des Oberkiefers durchgeführt.
Als weitere rein dentoalveoläre Maßnahme bei der Klasse lh ist die
Retrusion der oberen ln71sivi zu nennen, die helgeringerer skelettaler
sagittaler Diskrepanz zwischen Ober- und Unterkiefer und stabiler Ok-
k l u~lon einigen Patienten ausreicht, um eine Funktionsverbesserung zu
erzielen. Die oberen lnzisivi werden dabei entweder mit dem Labialbo-
gen an herausnehrnbaren Geräten w rückgekippt oder bei körperlichem
Bewegungsbedarf mit Hilfe von Multiballd-Brackct-Apparaturen zu-
rückgeführt.
Vertikale Aspekte Die typische vertikale Problematik der Klasse ll1 , der Tiefuiss, wird
während des Wact1sturns durch passive Bisshebung behandell. Passive
Bisshebung kann durch gezieltes Einschleifen des funktionskieferortho-
pädischen Gerätes erreich t werden. Das Prinzip ist die Bela~tung der ver-
längerten Sdlllcidezähne und Entlastung der \·erkürzten Seitermihne.
Bei guter Mitarbeit und nicht zu extremem Wachstumsmuster tritt so
eine Verlängerung der Alveolarfortsätze im Seitenzahngebiet ein, die
eine Bisshebung beinhaltet (Abb. 21-21).

Klasse tlz
Die Therapie der Klasse 112 unterscheidet sich von der Therapie der
Klasse 11 1 durch die Beeinflussung der lnzisivi, die protrudiert werden,
um eine spontane oder gerategcflihrtc EinstelJung des Unterkiefers in
!'\eutra1bisslage zu ermöglichen.
21.5 Klass~ II -Anomaiien •ii.IIQtU 2n

Abb. 21· 21: Retrusion der oberen lnzisivi und passive Bisshebung durch Entlastung
der Seitenzähne (aus Weise)

Deckbiss
Die Behandlung der palatinal gekippten oheren lnzisivi (11eckbi~s) ist
n icht im Sinne einer Frühbehandlung indiziert, da eine Prot rusion der
oheren Milchinzlsivi zu einer SchädigtUlg der bleibenden ~achfolger
führen kann (Abb. 21·22).
Der optimale Zeitpunkt für den Behandlungsbeginn bei der Klasse Beha ndlungs·
11 2 und beim Deckbiss ist ebenso wie bei der Klasse lh der Beginn des beginn
späten Wech selgebis~t!.s, al~<l ungefähr im Alter von 10 Jahren. Heraus-

Abb. 21·22: Oie Protrusion der Milchinzi·


sivi beim Deckbiss kann den palatinalen
Durchbruch der bleibenden lnzisivi pro·
vozieren und die Ke1me schädigen .

Abb. 21-23: Protrusion der


oberen mittleren lnzisivi
mit Protrusionsfedern an
der aktiven Platte
278 21 Behandlung

nehmbare kieferorthopädische Geräte, wie Vorschub<.loppelplatten, Ak-


t ivatoren und Modifikationen, sind die Gerä te der Wahl. Ntit ihrer Hilfe
werden gleichzeitig obere und untere lnzisivi protrudiert, der Unterkie-
fer wird in eine neutrale Lagebeziehung zum Oberkiefer positioniert.
Über das Prinzip der passiven Bisshebung wird gleichzeitig eine Beein-
flussung der vertikalen Dimension erzielt (1\bb. 21-23).

21.5.4 Geräte zur Therapie der Klasse II-Anomalien

Funktionskieferorthopädische Geräte
Funktionskieferorthopädische Geräte sind besonders bei kongruenten
Zahnbögen indiziert, können jedoch auch als horizontal durchtrennte
Modifikation zu r isolierten Oberkiefererweiteru ng ein gesetzt werden.
Bei notwendiger Einzelzahnbewegung und Verankerung der Ytolaren
(Leeway space) im spä ten Wechselgebiss si nd Doppelplatten den funkti-
onskieferort hopädischen Geräten vorzuziehen.

Vorschubdoppelplatten
Vorteile der Vorschubdoppelplatten im spä ten Wechselgebiss sind, dass
neben der Bisslageumstellung Einzelza hnbewegungen du rchgeführt
werden können und eine isolierte transversale Erwei terung in1 Oberkie-
fer mittels Dehnschraube möglich ist. Voraussetzung für die Effizienz
von Vorschubdoppelplatten ist, dass der Patien t während des Tragens
den Mund geschlossen hält; bei geöffneter Mundhaltung ist ei ne exakte
Risseinstellung Im Si nne der Konstmktionsbissnahme nicht möglich .
Das heißt, derPalientsteigt aus, wenn die Vorsch ubstege nicht über die
schiefe f.bene fixiert sind (Abb. 21-24).

Abb. 21 -24: Vorschubdoppelplat-


ten mi t a) seilliehen und b) pa-
rallelen frontalen Stegen [aus
Weise]
21.5 Klasse II-Anomaiien •:miQfJI 279

Abb. 21·25: lntermaxillilre Klasse II-Gummizüge [aus A. Hasund,l. Rudzki-Janson


und P. Bingler. Praxis der Zahnheilkunde, Bd. 11/11,4. Aufl.)

l ntermaxilläre Klasse II-Gummizüge


Wenn festsitzende Geräte (umfangreiche dentoalveoläre Korrekturen)
indi7iert ~iml, können Klasse 1!-Gummizuge, eingehängt an Häkchen
im Bereich der oberen F.cla.ähne und unteren Sechsjahrmolaren, eine
Ri~~lageumstellung erzielen. Bei dieser Art des Vorgehens muss die Ver-
blockung der Zahnbögen sehr effizient sein, damit die Korrektur der
Distalokklusion nicht weilgehend dentoalveoliir durch Mesialbewegung
der unteren Molaren und Distalbewegung der oberen Eckzähne erfolgt
(Abb. 21-25).

Herbst-Scharnier
Bei fortgeschrittenem skelettalem Alter, d.h. nach dem pubertären
\lllachstumsschub, kann ein relativ rasches ,Jumping the bite" durch
diese festsitzende Apparatur mit bilateralen teleskopartigen Verbin-
dungsstegen zwischen miteinander verbundenen Händern im oberen
und unteren Seitenzahnbereich (obere erste Molaren, untere Eckzähne)
ertielt werden. Da~ Risi ko bei dle~er Art der Behandlung he\teht in der
Überbelastung der Ankerzahne und ebenso wie bei den Klasse 11-C.um-
miL.ügen in unerwumchten Zahnstellungsänderungen (Abb. 21 -26).
Abb. 21-26: Herbst-Scharnier
280 21 Behandlung

Headgear
Bei ~1itbetei l igung des Oberkiefers, d.h. Vorverlagerung des Oberkiefers,
und/oder Rücklage des Unterkiefers kann eine skelettale Beeinflussung
des Oberkieferwad1stums über den ·ackenbandzug (Headgear) erfolg-
reich sein. Beim vertikalen Wachstumstyp besteht in erhöhtem Maße
die Gefaht der unerwünsdlten Bissöffnung, die sich aus der Extrusion
der Molaren und Dorsalrotation des Unterkiefers zusammensetzt.

Mundvorhofplatte
Im Milchgebiss und frühen Wechselgebiss ist die Mundvorhofplatte als
apparative Un terstützung bei der Abgewöhnung von Habits, aber auch
zur Ventra lbeeinflussung des Unterkiefers bei sehr ausgeprägten Klasse
II•·Fällen indiziert. Um das Kunststoffschild im Vestibulum zu halten,
muss der Patient einen Lippenschluss anstreben, den e r nur durch Vor-
verlagerung des Unterkiefers erzielt (s.a. Abb. 20-14).

Face Former
Im frühen und späten Wechselgebiss sowie bei Erwachsenen im bleiben-
den Gebi~~ ist das Trainingsgerät Face Former das Mittel der Wah l.
Das weiche, flache Vestibulumschild kann mit einem Trampolin für
die Gesichtsmuskul atur vergleichen werden und v.ri rd nach defin ie rtem
Übungsplan und unter engm aschiger Kontrolle des Kieferorthopäden
zunächs t z ur Stärkung des Mu.~culus orbicularis Drh und de~ Musculu~
men talis nach Therapiefortschritt auch zur Umo rientierung der Zunge
elngeset7t. Zur Objektivierung des Behandlungsfortschrittes dient ein
Messgerät (Myo-Bar-meter), mit dem bei den Kontrolluntersuchung der
Tonu~ des O rbicularis Oris gemessen und zur CompUanceförderung
dem Patienten mitgeteilt wird (Abb. 21-27)
Der Face Former dient der Vorbereitung auf FKO-Geräte bei extre-
men Fehlfunktionen mit Gefahr von jiggling durch zu frühe individu-

Abb. 21-27: Im Vestibulum


eingelegt er Face Former zur
Abschirmung und zum Trai-
ning des orofazialen Mus -
kelapparates bei offenem
Biss und bei vergrcißerter
sagittaler Stufe belAngle
Klasse 11,
21.5 Klasse II-Anomaiien 4$1.11§@1 281

elleapparative Behandlung, insbesondere bei Lndikation zur Retrusion


der oberen lmisivi.

Festsitzende Ge räte
:vlit Multiband-ßracket-Apparaturen können prirnär nur dentoalveo-
läre Korrekturen durchgeführt werden, über Klasse II-Gummizüge kann
auch eine sagiltal Skelettale Bissumstellung erreicht werden.
Voraussetzung für eine kieferchirurgische Vorverlagerung des Unter-
kiefers und/oder Rückverlagerung des Oberkiefers ist eine prächirurgi-
sche Ausformung der Zah nbögen mit festsitzenden Apparaturen so-
wie eine postchirurgische feineinstellungder Okklusion.
liine operative Rückverlagerung des Oberkiefers kann nach Extrak-
tion von zwei oberen Prämolaren als Segmentosteotomie <XIer ohne Ex-
traktion bleibender Zähne als Gesamtruckverlagerung des Oberkiefers
sowie operative Vorverlagerung des Unterkiefers (umgekehrte Obwege-
ser-Dai-Pont-Operation) erreicht werden. Uei Uedarf können gleichzeitig
ve rtikale Korrekturen durch Rotation des Oberkiefers und Autorotation
des Unterkiefers erzielt werden.

21.5.5 Rezidivgefahr

Voraussetzungen für ~kelettale Stabilität bei der Behandlung der Unter-


kieferrückJage während des Wachstums sind eine muskuliue Umstel-
lung und ein artikulärer Umbau, der jedoch erst nach mehrjähriger or-
thopädischer Behandlung erreicht ist.
.A In der ersten Phase einer funktionskieferorthopädischen Behand-
lung kommt es TU einer muskulären Umstellung de r sagittalen Lage-
beziehung zwischen Ober- und Unterkiefer.
A Erst m der zweiten Phase nad1sechs Monaten beginnt die Stabilisie-
rung der neuen Kieferrelation durch artikulare Umbauvorgänge.

Rezidivgefahr besteht einerseits bei Fortbestellen habitueller E.inßüsse, an-


dererseits bei dentoalveolärer Kompensation einer skelettalen Bisslagedis-
krepant und bei einem Dual- oder Sonntagsbisses, d.h. einer ungesicher-
ten muskulären Ventrallage des Unterkiefers bei andauernder chronischer
Rückbissmöglichkeit Hierbei besteht die Gefahr der Gelcn kSchädigung.
Übergeordnet hängt die Prognose für eine erfolgreiche stabile Korrektur ei-
ner skelenalen Klasse II vom Alter des Patienten, vom Wachstumstyp und
von der Achsenstellung der unteren Schneide7lihne ab. Bei horizontalem
Wachstumsmuster ist die VentraleinsteJJung des Unterkiefers prognostisch
gtinstiger und i.d.R. dauerhaft möglich, bei vertikalem Wachstumstyp je-
doch besteht die Gefahr des Rezidivs. Bei Protrusion der unteren Schneide-
zähne ist die Prognose für die Ventralverlagerung des Unterkiefers ebenso
unsidler, da ein i.d.R. unerwünsch tes Begleitsymptom bei Ventraleinstei-
lung des Unterkiefers eine zusätzliche Protrusion der lnzisivi ist. I
282 21 Behandlung

21.6 Offener Biss

Beim offenen Biss, dem fehlenden Kontakt einzelner Zähne oder


Zahngruppen, wird der frontal offene vom seitlich offenen Biss
unterschit>den.
Bezugsebene zur Festiegung vertikaler Unstimmigkeiten ist die
Okklu!>ions- oder Kauebene, ~<> da~s die Ur~che für einen offenen
Biss in einer Infraokklusion beider Antagonisten oder der einen
Seite be~tehen kann.
Maximaler Ausprägungsgrad ist der zirkulär offene Biss mit iso-
Liertem Kontakt im Bereich der endständigen Molaren.

21.6.1 Frontal offener Biss

Der frontal offene Biss beinhaltet den fehlenden Kontakt der lnzisivi.
Skelettal Heim skelettal offenen Riss, der durch den Schädelaufhau b..:w. das
offener Biss Schädelwachstum bedingt ist, liegt ein dolichofazialer vertikaler Ge·

Abb. 21·28: Skelettal offener Biss durch verstärkte Dorsokaudalschwenkung des


Unterkieferkorpers, der Kieferwinkel ist vergrößert.
21.6 Offener Biss 4:fi.ii§fi1 283

sichtstyp vor. Typi~che Symptome im Femröntgenseitenbild sind eine


Vergrößenmg des Gonionwinkels, der vorderen Gesichtshöhe und des
Unterge~ichts sowie eine Verringerung der hinteren Gesichtshöhe und
ein vergrößerter V-Achsen-Winkel (Abb. 21-28). Der skelettal offene Biss
kann auch durch die anteriore Kranialrotation des Oberkiefers bedingt
sein, was sich in einem vergrößerten Wi nkeJ zwischen der Spinaebene
und der Mandibularebene äußert.
Der rachitisch offene Biss (Variante des skelellaJ offenen Bisses) Rachitisch
entsteht als Folge von Rachitis (durch Vitamin-D-Mangel bedingte Mi· offener Biss
neraüsationsstönmg). Typische Symptome des rachitisch offenen Bisses
sind ein frontal, aher auch seitlich offener Biss mit Kontakt auf den letz-
ten Molaren, eine Lyraform des Oberkiefers, Schmelzhypoplasien und
eine typische Abflachung des unteren Schneidezahnbogens (Schmidl-
Gussenbauer-l.inie). Die typi~chen Veränderungen im Fernröntgensei-
tenbild sind beim rachitlsch offenen Biss die gleichen wie beim generell
skclettai offenen Biss. Typisch für den rachitisch oHenen Biss ist die Auf-
biegung des Unterkieferkörpers im Bereich des Masseteransatzes, der
sog. Masseterknick, oder die antegoniale Einziehung (s.a. Kap. 13.12,
Abb. 13-14).
Beim funktionell offenen Biss durch orofaziale Dyskinesien sind Lut- Funktionell
schen, der Gebrauch von Schnullern oder anderen .cwischen die Zahn· offener Biss
reihen eingelagerten Gegenständen, Zungen pressen, persistierendes vis-
7erales Sd1luckmuster und die Folgen einer Makroglossie zu nennen. Je
nach Ausübung des Iiabits, ob symmetrisches oder asymmetrisches Fin-
gerlutschen oder Zungenpressen, kann der frontal offene Biss symme-
trisch oder asymmetrisch ausgeprägt sein.
Beim habitbedingt offenen Biss sind die typi~chen Symptome pri- Habitbedingt
mär dentoalveolär, d.h., der Durchbruch der lnzisivi ist gestört, bzw. offener Biss
die~e werdeu durch den Lutschkörper aktiv intrudiert. Bei sehr ausge-
prägtem und lange Zeit andauerndem llabit können auch skelettale
Symptome imponieren, bspw. ein Stagnie ren des vertikalen Alveolar-
fortsatzwachstums im Ober- und Un terkiefer.
Als Sonderform i~t der frontal offene Bi~~ auf vererbte Schmelzhy- Sonderform
poplasien (X-chromosomal) zurückzuführen; beim männlichen Ge-
schlecht ist diese Störung im Sinne einer Schmelzaplasie vollkommen
ausgeprägt, beim weiblichen in abgeschwächter Form manifest.
Der iatrogen offene Biss entsteht durch orthodontische, kieferor- Iatrogen
thopadische Maßnahmen. Bspw. kommt es bei der Distalisierung der offener Biss
oberen Molaren mit dem Headgear zu einer Extrusion und sekundär t.u
einer ßissöffnung, besonders beim vertikalen Wachstumstyp. Oie Pro-
tn.t ~ion der Oberkieferinz.isi\ i führt durch die indirekte Verkü r.:ung zur

Bissöffnung, Maßnahmen zur Behandlung des Mesial- und Distalhis~es


und Aktivatorbehandlungen führen ebenso im Rahmen der Überstei-
lung und ßissnivellierung ro einem temporär iatrogen offenen Biss.
284 21 Behandlung

21.6.2 Seitlich offener Biss

Der fehlende Kontakt zwischen zwei oder mehr Seitenzähnen (uni- oder
bilateral) kann ebenso unterschiedliche Ursachen haiX'n.
Ursachen Bei der Milchmolaren reinklusion verlassen ursprüngUch vollständig
durchgebrochene )Ailchmolaren das Okklusionsniveau wieder (deshalb
Reinklusion), da die Wurzel des Milchmolaren und/oder der bleiiX'nde
Nachfolger ankylotisch (feste Verbindung = Verschmelzung zwischen
Lement und Knochen) sind. Ocr Grund für einen offenen Biss durch
dieses Phänomen ist nicht die Intrusion des betroffenen Milchzahnes,
sondern das stagn ierende Alveolarfortsatzwachstum im Bereich der
Ant..:ylose.
Bei sehr starken Zahnkippungen, bspw. Mesialkippung des Zwölf-
jahrmolaren und Distalkippung des zweiten Prämolaren im Unterkiefer
nach frohzeitiger Extraktion eines Sechsjahrmolaren, kann ein seitlich
offener l~iss imponieren.
Zungendysfunktionen als Ein lagenmg der ~eitlichen Zungenfla-
chen können meistens bllateral seitlich offene Bisse erzeugen. Typisch
dafur sind Zahnimpressionen in den Seitenflächen der Zunge (beson-
ders bei Makroglossie).
Ein iatrogen offener Biss kann entstehen:
~ Bei Vorverlagerung des Unterkiefers in der ersten Behandlungsphase

einer skelettalen Klasse II-Anomaiie, in der nur eine muskuläre Um-


stellung erfolgt, besteht temporär ein seitUchoffener Biss (bilateral).
~ Beim Obenteilen eines frontalen Kreu7bisses mittels Oberkieferauf-
bissplatte besteht ebenso temporär ein seitlich offener Biss.

21.6.3 Therapie

Jede Therapie eines offenen Bisses muss darauf ausgerichtet sein, die Ur-
sachen zu beseitigen. ln Analogie zur Bisshebung wird aud1 bei bisssen-
kenden Maßnahmen zwischen einer aktiven Bisssenkung (Elongation
der nicht in Kontakt stehenden Zähne und Intrusion der in Kon takt ste-
henden Zahngruppe) und der passiven ßl ss~enkung (BelaHu11g der in
Kontakt stehenden Zähne und Entlastung der in Infraokklusion stehen-
den Zähne bzw. Zahngruppen) unterschieden.

Kausaltherapie
Zur Vermeidung des offenen Bisses sind folgende Maßnahmen zu emp-
fehlen :
.., Vitam in-D-Gaben (als Kombinationspräparat mit Fluor) helfen, ei-
nen rachitisch offenen Biss zu vermeiden, da Vitamin 0 die Kalzi-
umresorption aus dem Darm fördert, die Phosphatausscheidung der
Nieren senkt und den Einbau von KalziumphOS[>hat in Knochen
und Zähnen begünstigt.
21.6 Offener Biss •a 1.narn 2as

.ol Die Abgewöhnung aller orofazialen Dyskin esien, insbesondere des


für den frontal offenen Biss verantwortlichen Lutschhabits und des
Zungenpressens, ist als weitere Kausa lmaßnahme zu nennen .
.ol Bei jüngeren Kindern zu empfehlende Hilfsmittel zur i\bgewöhnw1g
des Lutschhabits sind die Daumen ga rage, die Antilu tsc hkar te und
die ~undvorh ofplatte. Die Mundvorhofplatte dient als Abschirm-
gerät für den Lutschkörper. Über die periorale Muskulatur, deren
Druck auf das fwlktionskieferortl10pädisd1e Gerä t als rctrudicrende
Kraft die Schneidezähne nach palatinal kippt, bewirkt sie auch eine
indirekte Verlängerung und Bisssenkung.

Der Face Former (s.a. Abb. 21-27) wird ebenso als Abschi rm- und Trai-
ningsgerät erfolgreich bei Lutschhabit und den weiteren damit im Zu-
sammenhang auftretenden l'eh lfunktionen eingesetzt. Er dien t als Trai-
ningsgerät und fü hrt häufig neben der Abgewöhnung des Lutschhabits
audl zu einem verbesserten Lippenschluss und 1\'asenatmung sowie
en tspannter Funktion des Musculus mentalis.
.o1 Da sich bei primär vorhandenem Lutschhabit und daraus resultie-
rendem frontal offenen Biss sekundä r ein Zungenhabit etablieren
kann, ist auch die Abgewöhnung des Zungenhabits in Form eines
Umtrainierem der 7.ungenmu~kulatur durch eine m yofunktion elle
Therapie und einen Face Former notwendig. Individuell angefer-
tigte Absd1 irmgeräte, wie funktionskieferortllopädische Apparatu-
ren, Platten mit Zungengitter und Spikes können hilfreiche Dienste
leisten (Abb. 21-29) bei Therapieresistenz bez. des o.g. Funktionstrai-
nings im Sinne von ,.Memo" oder "Remindcr".
.A Wenn Schmel1,h ypo plasien die Ursache eines offenen Ri~ses dar-
stellen, sind z.ah.naulbaucnde konservierende Maßnahmen oder die
Überkronung dieser Zähne notwendig .
.A Bei iatrogen orrenem Biss handel t es sich i.d.R. um einen temporä-
ren Befund, der entweder nach Abset1-en des Gerätes oder L.B. nach
erfolgter transversaler Erweiterung des Oberkiefers und "settling"
der Seiten.o:cihne nicht mehr be~ teht .
.o1 Bei in fraokkludi erenden anky lotischen Milchmolaren si nd diese
zu entfernen und die bleibenden 1achfolgcr ggf. aktiv einzuo rdnen.

Abb. 21-29: Spikes als Hil fe


bei der Korrektur des front al
offenen Bisses

\ I
286 21 Behandlung

Symptomatische Therapie
Bei der Behandlung des offenen Bhses gibt e~ folgende :VIüglichkeiten:
A Im Wec hselgebiss eine funktionskieferorthopädische Therapie mit
lliJic eines ,.Offenen-ßiss-Aklivators". Mit diesem Gerät werden
beim frontal offenen Bis~ die Seitenzähne du rch einen seitlichen
Aufbiss (die sog. Spcrrzonc) belastet, und die Schneidezähne werden
durch Eimchleifen entlastet.
A Bei zusätzlich p rQtru dierten In z.isivi wird über die indirekte Ver-
längerung bei der Retrusionsbewegung eine bissschließende Kompo-
nente erzielt. Beim sei tlich offenen Riss wird das umgekehrte Verfah-
ren gewählt (Abb. Zl-30).
A Der skelettal offene Biss kann während des pubertären Wad1stums
durch den Versuch der Bremsung des Vertikalwachstums der Seiten-
zahnbereichc, den Versuch der Beeinflussung des Kieferwachstums,
die Intrusion der Molaren und Ex trusion der ln7isivi, die Extraktion
von Seitenzähnen (als bisssenkende Maßnahme) teilweise oder voll-
~tändig ge~chlussen werden.

A :-.lach Abschluss d es skelettalen Wachsturns sind lediglich extru-


dierende und intrudierende aktive bh\schließende Zahnbewegun-
gen möglich, deren Langzeiterfolg jedoch außerordentlich stark von
der Ursachenbekämpfung (z.B. Abgewöhnung eines Habits) ah-
hän!,>t.
""' Des Weiteren sind chirurgische Maßnahmen zu ergreifen, die je
nach Schuldfrage (Ober- und/oder Unterkieferbeteiligung) in einer
operativen Korrektur beider Kiefer bestehen.
A Auch bei Mak roglossie ist eine chirurgische Intervention notwen-
dig.
A Beim iatrogen offenen ßiss muss die Therapie umgesteiJt werden,
bspw. Umstellung des zervikalen Headgearzuges auf eine vertikale
Zugrichtung (liigh-puii-Headgea r) oder Ergänzung des zervikalen
lleadgears durch eine ok:.cipitale Komponente {Kombi-Headgear).

Abb. 21-30: Aktivator bei Protrusion der oberen Front und offenem Biss. Zur Retru-
sion der lnzisivi und zum Bissschluss wurde das Gerät frontal eingeschliffen und
seitlich belastet [aus Weise).
21.6 Off~ner Biss 4$hhQfil 287

Abb. 21-31: High·pull Headgear zur Int ru-


sion der Molaren und Bremsung des Vcr-
tikillwachstums [aus: A. Hasund,l.
Rudzki-Janson und P. Bingler. Praxis der
Zahnheilkunde, Bd. 11111, 4. Auf l.]

Ebenso kann bei herausnehmbaren Behandlungsgeräten die Ergän-


zung oder Neuanbringung der Sperrzone oder des Aufbisses notwen·
dig werden, und bei um fangreichen transversalen ~laßnahmen
ka nn die Umstellung auf eine forcie rte Gaumennahterweiterung zur
Vermeldung von Zahnkippungen indiziert ~ein.
"' Wen n alle bisssenkenden konservativen l!ehand lungsschritte ei nen
vollständigen Bissschluss nicht ermöglichen, bleibt nach Wachs-
tumsabschlussder kombiniert kieferorthopädisch-kieferchinugische
Eingriff zur Schaffung regelrechter vertikaler Okklusionsverhält-
nisse .
..,. Als hilfreiche Absc hirmgeräte beim fTo n tal offenen Biss sind die
Mundvorhofplatte, der Face Former, der Aktivator, der Bionatorund
Platten mit Zungengitter zu nennen.
"' Zur skele ttaJe n ßisssenku11g können die Kopf-Kinn-Kappe mit Ver-
tikalzug sowie der lligh-pull-lleadgear verwendet werden (Abb.
21-31).
"' Mit Multiband-ßrackct-Apparaturcn l..önnen die Schneidezähne ex-
trudiert und gleichzeitig tHe Molaren intrudiert werden (bspw. mit
einem Ext rusionsut ilil)' mit Hilfe von Loop-Systemen oder Gummi-
zügen).
"' Die oberen Molaren können mit einem Transpalatinatboge n
(Goshgarian) intrudicrt werden (Abb. 21-32). Gleichzeitig erhält die
Zunge einen Stimulus nach palatinal.

Abb. 21-32: Transpalatlnal -


bogen [nach Goshgarlan)

I
288 21 Behandlung

~ Geräte, die bei der Korrektur des seitlich offenen Bisses verwendet
werden, sind ebenso der Akti vator mit fraktioniertem Einschliff, der
ßionator nach Ballcrs zur Abhaltung der Wangen durch Wangen-
schilde und festsitzende Apparaturen, die mit Hilfe von intermaxil-
lären Gummizügen oder Unterkieferbögen mi t umgekehrter Spee-
Kurve eine Korrektur des seitlich offenen Bisses ermöglichen.

Rezidivgefahr
Bei habituell offenem Biss hängt die Behandlungsdauer von der Zeit ab,
die der Patient zur Abgewöhnung des Habits benötigt. Beim skelettal of-
fenen Biss ist eine relativ lange Behandl ungsdauer erforderlich, da bis
zum Wachstumsabschluss behandelt und/oder retiniert we rden muss.
Rezidivgefahr besteht besonders unter der Voraussetzung der Wie-
de raufnah me des Habits bei einer :vtakroglossie, bei extrem vertikalem
Wachstum, bei Rissöffnung durch den Durchbruch der Zwölfjahrmola-
ren, nach aktiver Intrusion der Molaren bzw. f.xtrusion der Front und
sogar nach operativer Korrektur eines offenen Bisses.

21.7 Tiefbiss

F.in ver!,'Tößerter Overbtte oder Tiefbiss liegt bei mehr als 3 nun
vertikalem Frontzahnüberbiss vor. Tiefbiss kann vNschiedene
Au~-prägungsgrade haben:
~ Bei Gingivakontakt berühren die unteren Schneidekanten die
paJatinale Schleimhaut.
~ Bei traumatischem Gaumenschleimhauteinbiss besteht zu-
sätzlich Verletzungsgefahr der paJatinaJen Schlei.mJ1aut, diese
zeigt lmpres~ionen der Schneidekanten. In Extremfällen,
b~pw. beim Deckbi~s, kann auch ein traumatheher Hnhis~ der
oberen lnzisalkanten in die untere vestibuläre Alveolarfort-
satzschleimhaut vorliegen.
Tiefbiss ist eines der typischen Symptome bei der Angle Klasse 11 1
~owle heim Oeckhiss. Oie Supraokklusion der oberen und unteren
Jnzisi\'i ist meist vergesellschaftet mit einer Retrusion der Schnei-
dezahne.

21.7.1 Skelettaler Tiefbiss

Befu nde Beim häufig aud1 vererbten skelettalen Tiefl)iss sind die typischen Be-
funde im Fernröntgenseiten bild eine VerkOr.r.ung der vorderen Ge~ichts­
höhe, besonders der unteren, bei verlängerter hinterer Gesichtshöhe ein
verkleinerter Grundebenenwinkel und ein durch anteriore Rotation des
Unterkiefers reduzierter Y-Achsen-Winkel (Abb. 21-33).
I 21.7 r.efbls~ 4fHHbfJI 189

-------~

Abb. 21-33: Sk~lettal tiefer Biss durch verstärkte Ventrokranlalschwenkung des Un·
terkieferkörpcrs bei verkl~in~rtem Kieferwinkel

21.7.2 Ausbleiben der physiologischen Bisshebung

Bel Patienten mil Anodontie, Oligodontie oder multipler Nichtanlage


kann nur eine reduzierte physiologische Bisshebung ~tattfinden und zur
Ausbildung eines 11efbisse\ führen . F.benso komm t es bei Patienten mit
fnihzc•tigcm Milchzahnverlust ohne Abstutzung zur Bisssenk"Ung.

21.7.3 Distallage des Unterkiefers

Bei Rucklage des Unterkiefer\ und vergrößerter sagltlaler Stufe mit man-
gelnder int.i~aler Abstutzung kommt es zu einer bi <~heolären Elongation
der Schneidezähne und progrwicnten Entwicklung eines Tiefhisses
(,\bb. 21-34).

I
290 21 Behandlung

Abb. 21·34 : Extremer Tiefbiss mit Gingivakontillct bei Rücklage des Unterkiefers und Protruslon der efon·
gierten oberen lnzislvi: a) vor Behilndlung, b) nur geringe Bisshebung während der Behandlung bei extrem
horizontalem Wachstumstyp

21.7.4 Gestörte Tann -Relation

Bei bspw. LU kleinen unteren Inzisivi im Verhaltni~ tu den me\iodista-


len Diametern der oberen Schneide7.ahne (SIOK : SIUK = 4 : J) kann die
Vergrößerung der sagit talen Stufe ebenso zum Tielbiss flihren.

21.7.5 Deckbi ss

Auch beim hereditar hedm1,>ten De<kbiss mit großer apikaler Basis und
Retrusion der oberen lnzisivi führt die mangelnde in7isale Abstützung
ror progr<.'dienten TielbJssentwicklung.

21.7.6 Therapie

Gründe für die Der Tiefbiss stellt ein sehr häufig vorkommendes Symptom dar, welches
Behandlu ngs- ancler<.' Dy)gnathleformen begleitet. GrUnde fur die Behandlungmot-
notwendigkeit wendigkeil eines vcrst:irkten \'ertikalen Überbisses sind pa rodontalpro-
phylaktlsthe A\t~kte wegen der Fehlbelastung de r Schneide71i l1ne
sowie de~ Risikos der Gingivascltädij,rung durch de n Schleim hautein-
biss. Außerdem ht du~ Abbeiß- und Kaufunktion durch die Tiefb•mitua-
tion cmgeschrankt, und es besteht eine Möglichkeit der Gelenksschädi-
gung (femporaliskaucr). Auch karie'>prophylakti\che Grunde sind zu er-
wahnen, da die gleichLeitige Retrusion der lnzisivi zum Engstand und
zu irregularen Interdentalräumen mit ungtlmtlg~n Pflegemöglichkeiten
führt. ~benso ist die Profilverbes5enmg bei Korrektur von Tiefbiss und
Schneidetahn.tugula tion zu nennen.
Behandlungs- Der gümtig~te l'e itpunkt zur Behandlung de~ ticren ßis5cs ist d~
beginn späte Wechselgcbi\\, da \O die dritte ph) siologischc ßi~~hebung ausge-
nutzt werden kann und ebenso eine passive 81\\hebung möglich ist.
Der vertikale ßissau~glcith \eilt sich also aus emer aktl\ en und/oder
passiven \'erlangerung der Seitenzahne S0\\1C aktiven und/oder passi-
ven \'erkurrong der Schneideahne 1usammen.
r
41t'ICEJI 291

Bei Therapieresisten.t und Spatfallen be\tcht weilerhin dh~ Mög-


lichkeit einer prothetischen Bisshebung durch Kronenver:.orgung.

21.7.7 Geräte

Funktionskieferorthopädische Geräte
in Analogie zur Bisssenkung kt>nnen mit dem klassischen \ktivator so-
wie allen Modifikationen während der Wach~turnsphase eine pas~ive
Bisshebung durch Belastung der Schneidezähne und Entlastung der Sei-
tenzahne (Einschleifen) erzielt werden.

Platten
Auch Oberkieferplatten mit frontalem \ufbi~ zur Verhinderung der flC-
trusaon der unteren lnLbh i konnen bei [(ongatlon <.I er Schneidezähne
indi7iert sein. Sie sind jedoch als alleiniges Gerat zur 1iefbasskorrel.:tur
wegen der Halteelemente und der verhinderten Verlängerung der Sei-
tenza hne nich t zu empfehlen.

Zervikaler Headgear
Dae Variante zen·ikaler H<.>adgear mit langen, nach kaudal angewinkel-
ten Außenarmen fuhrt i.d.R. unerwunscht, beim rieflJhs jedoch gezielt
eingesellt zur Lxtru\ion der oberen Scchsjahrmolar<.>n und damit zur
1.\isshebung.

Mult iband-Bracket-Apparaturen
Mit fe~t,lttenden Geräten i~t eine lntru~ion d<.>r Schneidezähne und
glcichzeatige F.xtrusion der Seitenzahne moglich, wa\ tur Bisshebung
führt. Bel der bioprogre\\iven Technik nach Rid.etts dient bspw. der ln-
trmiomutihty, bei Vcnvcndung ,·on durchgelwnden Bögen die umge-
kehrte Spee-Kun·e (Sweep) 1ur Intrusion der ln7i\i\ i und ütrusion der
Seitem:.~hne (Abb. 21-35).

...._._,

.
····....
··. ... ..
Abb. 21-35: lntrusionsutihty zur tntrus10n der unteren lnzisivi. Setzt man den Bo
gen in d1e 5chneideUJhnbrackets, wird eme Intrusionskilift von 0,5-0,75 N wirk
sam Ein Ia b~ter Wurzeltorque von s-ro•
verhindert, dass d1e Wurzeln der lnz1siv1
d1e lmguale Kortikahs beruhren.
292 21 Behandlung

Prognose Die Prognu~~: fur die Behandlung de~ TienJh\l'\ hangt im \.\'esentli-
chen vom Behandlungsergebnis ab, d.h. ob eme mzisale Abstutzw1g im
Schneidezahnbereich l>evteht, die ein erneutes Elangieren der lnzisivi
,-erhindert. Als ubergeordneter Parameter ist d1e Art des Wachstums
lwv. der Gesichtstyp ein re~idivfördernder (ccw-Wachstum) lwv. ~tabi­
litätsfördernder A~pekt (cw-Wachstum).

21.8 Missverhältnis zwischen Za hn- und Kiefergröße

Ein Mi~SH!rh.Jitm\ 7WISChen Zahn- und k:idt'rgruRe kann 1e na ch


Ko mbination der l!elunde zu Engstand oder J ucken bildung füh-
ren.

21.8.1 Engsta nd

Beim Engstand bc~tcht Platzmangel für die bleibenden Zähne. Die Loka-
lisation de~ F.ng\tandes und seine Ur~achen ~lnd Grundlagen der ver-
schiedenen EngstandSt)•pen. ach der Lokalisation wird der koro nal e
vom a pikalen Eng~tand unterschieden.
Apikaler Der l)'P•sche Befund beim apikalen Engstand sind die Kon vergenz
Engstand der Schneideza hnwu rze ln im OPG und die D i vergen ~ d~:r 7.ah n kro-
nen beun khnlschen Befund. Bei ausgepriigte