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ALEXANDER POHL / NURPHOTO

FOTOS: KARIN HEER

ALEXANDER POHL / NURPHOTO FOTOS: KARIN HEER Die CSU am Verlieren – was ist los in

Die CSU am Verlieren – was ist los in Bayern? Unterwegs im Wahlkampf

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– was ist los in Bayern? Unterwegs im Wahlkampf Seite 20 Wo Tier und Mensch sich

Wo Tier und Mensch sich ähnlich sind

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Seite 20 Wo Tier und Mensch sich ähnlich sind Seite 52 Maya Gabeira reitet auf den

Maya Gabeira reitet auf den grössten Wellen. Sie ist nicht die beste, aber die mutigste Surferin

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Sie ist nicht die beste, aber die mutigste Surferin Seite 45 7. Oktober 2018 | Nr.
Sie ist nicht die beste, aber die mutigste Surferin Seite 45 7. Oktober 2018 | Nr.

7. Oktober 2018 | Nr. 40 | NZZaS.ch | Fr. 6.00 | € 6.00

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Metzgereien rüsten sich gegen radikale Veganer

Anschläge von militanten

Tierrechtsaktivisten nehmen

zu. Fleischverarbeiter greifen

nun zu Schutzmassnahmen.

Carole Koch, Michael Furger

In der Schweizer Fleischbranche geht die Angst um. Seit Monaten verüben radikale Veganer An- schläge auf Metzgereien und Schlachthöfe. Dabei werden Fas- saden versprayt und Fenster- scheiben eingeschlagen, oder es kommt zu Verwüstungen inner- halb der Betriebe. Vor einer Woche hat der Kon- flikt eine neue Eskalationsstufe erreicht: 70 Kilometer von Genf entfernt, im französischen Haut- Valromey, haben Tierrechtsakti- visten einen Schlachthof ange- zündet. Auch die Genfer Kantons- polizei ermittelt, seit Monaten führt sie Präventivpatrouillen durch. Ebenfalls verzeichnet der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) seit Anfang 2018 eine Zu- nahme von Gewalttaten der Tier- rechtsszene in der Schweiz, wie er auf Anfrage mitteilt. Nun ergreifen die Fleisch- betriebe Gegenmassnahmen. «Wir haben Fenster und Türen von zwei Schlachthöfen mit

Eisenstäben verstärkt», sagt Ber- nard Menuz, Präsident des Genfer Regionalverbands der Schweizer Fleischverarbeiter. Andere rüsten mit Überwachungskameras auf oder verstärken Zäune. Viele Metzgereibetreiber wollen aus Furcht keine Auskunft mehr ge- ben. «Ich wurde schon zweimal angegriffen, das reicht», sagt Serge Belime von der Grande Boucherie du Molard in Genf. Bis jetzt beschränken sich die Anschläge vorwiegend auf die Romandie. In Zürich halten Akti- visten jeden Monat eine Mahn- wache vor dem Schlachthaus ab, die von der Polizei überwacht wird. Dabei sind allerdings schon Angestellte des Betriebs fotogra- fiert und in den sozialen Netzwer- ken an den Pranger gestellt wor- den. Der Schlachtbetrieb Zürich (SBZ) hat zum Schutz der Mit- arbeiter Sichtblenden angebracht. Der Grossteil der Tierrechts- bewegung distanziert sich von den illegalen Aktionen. Eine neue Generation von Veganern ver- sucht vielmehr, auf politischer Ebene einen Bewusstseinswandel voranzutreiben. Sie agiert hierbei strategischer denn je.

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Ausschaffungen: Ein Drittel stammt aus dem Balkan

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Schweizer Gerichte haben im letzten Jahr mehr als 1000 Lan- desverweisungen gegen auslän- dische Straftäter verhängt. Jetzt zeigt sich erstmals, woher diese kommen: Rund 350 Täter sind Staatsangehörige eines Landes auf dem Balkan, das nicht Mit- glied der EU ist. Rund 160 stam- men aus einem nordafrikani- schen Land, 90 aus einem west- afrikanischen. Daneben haben die Gerichte aber auch fast 300 straffällige EU- Bürger des Landes verwiesen:

rund 140 rumänische Staatsange- hörige, 30 französische, 30 italie- nische und 10 deutsche. Diese

Landesverweisungen sind bri- sant: Es ist nämlich umstritten, ob sie nicht gegen das Freizügig- keitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU verstossen. Das Zürcher Obergericht hob mit dieser Begründung jedenfalls eine Landesverweisung gegen einen Deutschen wieder auf. Die Landesverweisungen sind Folge der Ausschaffungsinitia- tive, die seit 1. Oktober 2016 in Kraft ist. Umstritten ist dabei auch, wie viele Ausländer von der sogenannten Härtefallregelung profitieren sollen. (luh.)

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Härtefallregelung profitieren sollen. (luh.) Seite 9 Wer hat Angst vor Grau? «Färbe dir die Haare, du

Wer hat Angst vor Grau?

«Färbe dir die Haare, du könntest zehn Jahre jünger aussehen»: Den Spruch bekommen nur Frauen zu hören. Doch immer häufiger stehen sie dazu, dass die Haare grau werden. Ein Modeshooting mit mutigen Leserinnen.

Stil

grau werden. Ein Modeshooting mit mutigen Leserinnen. Stil Mit #MeToo ist ein Damm gebrochen. Der angestaute

Mit #MeToo ist ein Damm gebrochen. Der angestaute Frust über die Allgegenwart sexueller Belästigung überschwemmte Land um Land.

Nicole Althaus über die Bewegung, die Täter zu Fall bringt und deren Opfer endlich wahrnimmt. Seite 15

In den nächsten zwölf Jahren wird in der Schweiz eine Million Jobs wegfallen

Der digitale Wandel bedroht

bis zu jede vierte Stelle.

Gleichzeitig entstehen

800 000 neue Jobs. Für sie

sind andere Fähigkeiten nötig.

Daniel Hug

Die Arbeitstätigen in der Schweiz stehen vor grossen Umwälzun- gen: Bis zu jede vierte Stelle ist von der Digitalisierung und Auto- matisierung bedroht, wie aus der bis heute umfassendsten Studie über den technologischen Wan- del im Schweizer Arbeitsmarkt hervorgeht. Die Experten von McKinsey zeigen, dass in den

Branchen Detailhandel und Indus- trie sowie im Finanzsektor am meisten Arbeitsplätze wegfallen. Die Studie rechnet relativ opti- mistisch damit, dass bis 2030 rund 800 000 neue Stellen ge- schaffen werden. Doch diese ver- langen von den Mitarbeitern ganz andere Fähigkeiten: mehr soziale und emotionale Kompetenzen, Kreativität, Kritikfähigkeit und Organisationstalent sowie IT- und Programmier-Kenntnisse. Derzeit werden pro Jahr etwa 3000 IT-Spezialisten ausgebildet, doch der Bedarf dürfte auf 10 000 steigen. «Um die Talent-Lücke zu füllen, muss die Schweiz auch auf

die Zuwanderung von qualifizier- ten Leuten setzen», sagt Marco Ziegler, Partner bei McKinsey. «Der Grossteil der von der Digi- talisierung betroffenen Erwerbs- tätigen kann umgeschult oder weiter ausgebildet werden», er- wartet Ziegler. «Das ist eine Her- kulesaufgabe, aber machbar.» Gelingt der digitale Wandel, wird die Schweizer Wirtschaft von einer deutlich höheren Pro- duktivität profitieren. Das ist Vor- aussetzung für bessere Gehälter, auf die zumindest die Hochquali- fizierten hoffen dürfen.

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AARON FAVILA / AP PHOTO

AP PHOTO

Aktuell

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

TORLEIF SVENSSON / EPA

KEYSTONE

TORLEIF SVENSSON / EPA KEYSTONE Der neue Friedensnobelpreisträger. Mukwege fordert Kongos Diktator heraus Der

Der neue Friedensnobelpreisträger.

Mukwege fordert Kongos Diktator heraus

Der diesjährige Friedens- nobelpreisträger Denis Mukwege hat die Regie- rung seiner Heimat Kongo-Kinshasa zum Rücktritt aufgefordert. Im Interview mit der Zeitung «Guardian» machte der Gynäkologe am Samstag den Langzeitpräsidenten Joseph Kabila für die anhaltende Gewalt gegen Frauen im Kongo verant-

wortlich. Beendet werde diese erst durch den Über- gang zur Demokratie, sagte der er. Mukwege hat bisher 50 000 Über- lebende von Vergewalti- gungen im Kongo behan- delt. Für sein Engagement soll er die renommierte Auszeichnung erhalten – zusammen mit der iraki- schen Menschenrechtlerin Nadia Murad. (maz.)

Mädchen entdeckt altes Schwert beim Baden

In Südschweden hat ein achtjähriges Mädchen beim Baden im See ein antikes Schwert entdeckt, das noch aus der Zeit vor den Wikingern stammt. Wie die «New York Times» am Samstag berichtete, schätzen Archäologen die 85 Zentimeter lange Waffe auf das 5. oder 6. Jahrhundert. Den sensa- tionellen Fund machte das Mädchen bereits im Juli – dank tiefem Wasserstand. Ihre Familie musste aber schweigen, während

Wasserstand. Ihre Familie musste aber schweigen, während Die stolze Finderin Saga. Experten nach weiteren Stücken

Die stolze Finderin Saga.

Experten nach weiteren Stücken suchten. Ausge- stellt werden soll das Schwert im Museum von Jönköping. (maz.)

Mexiko debattiert legale harte Drogen

Im gewaltgeplagten Mexiko zeichnet sich eine Kehrtwende hin zur Lega- lisierung selbst harter Drogen ab. Verteidigungs- minister Salvador Cienfue- gos sagte am späten Frei- tag zu lokalen Reportern, nur so könnten die Dro- genkartelle gebremst werden. Ähnlich hatte sich zuvor die neu gewählte Linksregierung geäussert, die im Dezember ihr Amt antreten wird. Die desi-

gnierte Innenministerin Olga Sánchez will Wege finden, um die Opiumpro- duktion staatlich zu regu- lieren. Seit Mexiko Ende 2006 zum Krieg gegen die Drogenkartelle aufgerufen hat, nimmt die Gewalt stetig zu. Derzeit werden im Durchschnitt 90 Perso- nen täglich getötet. Schuld daran sind teils Drogenbanden, teils aber auch die überforderte Armee. (Reuters/maz.)

Bild von Banksy zerstört sich nach Auktion

(Reuters/maz.) Bild von Banksy zerstört sich nach Auktion Das Kunstwerk bei der Selbstschredderung. Die Freude des

Das Kunstwerk bei der Selbstschredderung.

Die Freude des neuen Besitzers war kurz: Für rund 1,4 Millionen Franken hat ein Bieter am Freitag bei Sotheby's in London ein Werk des Streetart- Künstlers Banksy erstei- gert. Kaum war der

Hammer gefallen, schal- tete sich ein im Rahmen versteckter Schredder ein und zerstörte das Bild. Banksy, dessen wahre Identität unbekannt ist, nimmt die Kunstindustrie öfters aufs Korn. (maz.)

31 Überlebende auf Sulawesi gerettet

Benzin, Wasser, Lebensmittel treffen im Katastrophengebiet ein

Ulrike Putz, Singapur

Eine Woche nach der verheeren­ den Doppelkatastrophe auf der indonesischen Insel Sulawesi haben Rettungskräfte 31 über­ lebende Schüler bergen können. Wie die Nachrichtenagentur Efe unter Berufung auf einen Behör­ densprecher am Samstag berich­ tete, wurden die Minderjährigen am Freitag unter den Trümmern zweier Berufsschulen in der Um­ gebung der Stadt Palu gefunden. Die Schüler seien inzwischen zu ihren Familien zurückgekehrt. Am Freitag vor einer Woche hatten ein Erdbeben und ein dar­ auffolgender Tsunami die West­ küste Sulawesis verwüstet. Jetzt gibt es erste Anzeichen dafür, dass die Retter die Lage langsam in den Griff bekommen. Zum einen gibt es in Palu wieder Strom. Zudem wurde am Freitag die einzige Landebahn des ört­ lichen Flughafens repariert. Seit­ her landen dort alle paar Minuten Maschinen, die Hilfsmaterial, Helfer und Soldaten in die Krisen­ region bringen. 25 Länder und vier internationale Organisatio­ nen sind laut Regierung an der Hilfe beteiligt. Auch ein Exper­ tenteam aus der Schweiz, das auf die Wiederherstellung der Was­ serversorgung und die Evaluie­ rung beschädigter Häuser spezia­ lisiert ist, befindet sich vor Ort. Im Hafen von Palu dient ein Sanitätsschiff der indonesischen Marine als Spital. Ein Kriegsschiff hat acht hausgrosse Generatoren und den für sie benötigten Diesel sowie Benzin angelandet. Inzwi­ schen gelangen über die notdürf­ tig geflickten Strassen auch aus­ reichend Lebensmittel und Trink­ wasser in die zerstörten Gebiete, um das Überleben der Betroffe­ nen zu sichern.

Durch den Erdstoss und die Flutwelle sind nach Angaben vom Samstag mindestens 1649 Perso­ nen ums Leben gekommen. In zwei Ortsteilen, in denen sich die Erde während des Bebens ver­ flüssigte, werden jedoch noch etwa 1000 Menschen vermisst. Sie scheinen im wahrsten Sinne des Wortes vom aufgeweichten Erdboden verschluckt und von

bis zu acht Metern Schutt begra­ ben worden zu sein. Ein französi­ scher Experte sagte zur Agentur Reuters, die Bergung aller Lei­ chen könne bis zu fünf Monate dauern. Doch andere Experten bezweifeln, ob sie je geborgen werden können. Nach Uno­Schätzungen wur­ den mindestens 65 000 Häuser zerstört oder beschädigt, 330 000

65 000 Häuser zerstört oder beschädigt, 330 000 Teddybär, Koffer: Ein Mann birgt sein Hab und

Teddybär, Koffer: Ein Mann birgt sein Hab und Gut. (Palu, 6. 10. 2018)

Richter Brett Kavanaugh hat es nun doch geschafft

Den Republikanern gelingt

mit der Einsetzung des

konservativen Juristen am

US-Verfassungsgericht eine

historische Weichenstellung.

Andreas Mink, New York

Am Samstagabend hat der US-Se­ nat in Washington die Berufung des Juristen Brett Kavanaugh in den Obersten Gerichtshof bestä­ tigt. Der Abstimmung war eine dramatische Debatte voraus­ gegangen, da ihm drei Frauen vorgeworfen hatten, sie sexuell missbraucht zu haben. Die Ab­ stimmung ist mit 50 zu 48 Stim­ men historisch knapp ausgefal­ len. Dabei stimmte mit Lisa Mur­ kowski eine Republikanerin gegen ihn, während Senator Joe Manchin aus West Virginia den 53-Jährigen als einziger Demokrat unterstützt hat. Präsident Donald Trump hatte den seit 2006 als Be­ rufungsrichter tätigen Kava­ naugh Anfang Juli nominiert. Zuletzt hat der Senat im Jahr 1881 eine derart enge Entschei­ dung über einen Verfassungsrich­ ter getroffen. Historisch dürften auch die Auswirkungen der Ab­ stimmung sein. Damit wird das Gericht erstmals seit den 1960er Jahren klar von einer ideologi­ schen Mehrheit dominiert. Be­ stimmten in der Bürgerrechtsära Linksliberale den Kurs der dritten Gewalt, geben fortan fünf Kon­ servative gegenüber vier Modera­ ten oder Linken den Ton an. Da auch der Anfang 2017 von Trump eingesetzte Neil Gorsuch erst An­ fang 50 ist, könnte die konserva­ tive Mehrheit am höchsten Ge­

ist, könnte die konserva­ tive Mehrheit am höchsten Ge­ Brett Kavanaugh richt Amerikas auf Jahrzehnte fortbestehen.

Brett Kavanaugh

richt Amerikas auf Jahrzehnte fortbestehen. Darauf hat der republikanische Mehrheitsführer Mitch McCon­ nell bereits seit 2015 hingearbei­ tet. Der Senator aus Kentucky blockierte zunächst einen von Präsident Barack Obama nomi­ nierten, als moderat angesehenen Juristen für eine Gerichtsvakanz. Seit dem Wahlsieg von Trump verwendet McConnell sein strate­ gisches Talent für die Einsetzung konservativer Juristen an Beru­ fungsgerichten und am höchsten Gericht. McConnell arbeitet dabei mit konservativen Organisatio­ nen wie der «Federalist Society» und dem «Judicial Crisis Net­ work» zusammen. Um Kavanaugh ins Oberste Ge­ richt zu hieven, drückte McCon­ nell aufs Tempo und begrenzte etwa Senatsanhörungen zur Nominierung. Er liess zudem die umfassende Herausgabe von Dokumenten zu Kavanaughs Arbeit für Präsident George W. Bush blockieren. Auch Bush selber war nicht untätig. Um die wankelmütige Konservative Susan Collins aus Maine vom

guten Charakter von Kavanaugh zu überzeugen, telefonierten er und sein Vater George H. W. Bush mit der Senatorin. Bush senior lebt in Maine und hat die Lauf­ bahn von Collins gefördert. Die Eile des Mehrheitsführers war vom politischen Kalender diktiert. Bei den in vier Wochen anstehenden Kongresswahlen droht den Republikanern gemäss allen Umfragen der Verlust ihrer soliden Mehrheit im Repräsen­ tantenhaus. Im Senat sehen die Chancen der «Grand Old Party» zwar besser aus, da die Demokra­ ten hier ein halbes Dutzend Sitze in konservativen Gliedstaaten wie West Virginia verteidigen müssen. Unter dem Einfluss der #MeToo­Bewegung sind speziell linksliberale Frauen stärker für eine Teilnahme an den Wahlen motiviert. Ein Scheitern von Ka­ vanaugh hätte die rechte Basis enttäuscht und vom Urnengang abgehalten. Dennoch bleiben die Folgen unübersichtlich. Experten wie Nate Silver von «fivethirtyeight. com» lesen aufgrund von Umfra­ gen eine Stärkung der Republika­ ner bei Senatswahlen infolge der Begeisterung Konservativer über die Einsetzung von Kavanaugh ab. Gleichzeitig steigen aber die Chancen der Demokraten in der unteren Kongresskammer. Dutzende Wahlkreise mit republi­ kanischen Repräsentanten liegen in Ballungszentren mit hohen Anteilen von gebildeten, weissen Frauen. Diese wollen die republi­ kanische Partei für die Wahl von Kavanaugh am 6. November abstrafen.

Personen haben keine richtigen Unterkünfte mehr. Der finanzielle Schaden beläuft sich auf etwa 700 Millionen Franken. Während in den weniger betroffenen Stadt­ teilen der 350 000-Einwohner­ Stadt Palu zum Ende der Woche langsam der Alltag zurückkehrte, sah es in den am schlimmsten verwüsteten Ecken so aus, als seien nicht eine Woche, sondern nur wenige Minuten seit dem Beben vergangen, sagten Repor­ ter vor Ort. Der Stadtteil Petobo gleiche einer Abraumhalde, aus der hie und da Alltagsgegen­ stände ragten, berichtete ARD­ Korrespondent Holger Senzel. Autos und Sofas, Kinderbücher und Bratpfannen zeugten von den Familien, die innerhalb von Minuten ausgelöscht wurden. Unweit der Trümmer, dort, wo der Verwesungsgestank der ver­ schütteten Leichen etwas weni­ ger penetrant ist, harren immer noch Tausende unter Plastikbla­ chen und aus dem Schlamm ge­ zogenem Wellblech aus: Viele Menschen wissen einfach nicht, wohin. Wer es sich leisten kann, hat die Gefahrenzone längst per Motorrad, Auto oder Flugzeug verlassen. Doch die Uno schätzt, dass etwa 190 000 Personen – unter ihnen 50 000 Kinder – in der Trümmerwüste gestrandet sind und für mindestens drei Monate versorgt werden müssen. Die Kosten dafür würden sich auf etwa 50 Millionen Franken belau­ fen, hiess es in Genf. Beantwortet werden muss nun die Frage, ob es überhaupt sicher ist, die zerstörten Stadtteile der exponierten Hafenstadt Palu an Ort und Stelle wiederaufzubauen. Der Vizepräsident Indonesiens, Jusuf Kalla, sprach bei einem Ortsbesuch davon, dass es Um­ siedlungen geben müsse.

Interpol will von China Auskunft

Nach dem Verschwinden ihres Chefs wird die internationale Polizeiorganisation Interpol aktiv. Man habe von den chinesischen Behörden Aufklärung über den Verbleib von Meng Hongwei er­ beten, heisst es in einer Mittei­ lung, die Generalsekretär Jürgen Stock am Samstag verbreitete. Er möchte Sorgen über Mengs Wohl­ ergehen ansprechen. Vom 64-Jäh­ rigen, der auch Vize­Sicherheits­ minister Chinas ist und am Sitz Interpols in Lyon lebt, fehlt seit einer Reise nach China Ende Sep­ tember jede Spur. Die Hongkon­ ger «South China Morning Post» berichtet laut ungenannten Quel­ len, er sei in China festgenommen worden. Die Gründe seien unbe­ kannt. Frankreichs Polizei ermit­ telt und hat Mengs Familie unter Schutz gestellt. (vmt.)

telt und hat Mengs Familie unter Schutz gestellt. (vmt.) Die meistgelesenen Artikel der Woche Erziehungsexperte:

Die meistgelesenen Artikel der Woche

Erziehungsexperte: «Der Vater

hofft, dass sich das Kind selber erzieht. Das nenne ich Feigheit vor

dem Feind»

Harari: «Der Fortschritt bedroht

die Demokratie»

Syrien: Zu Besuch im Reich des

Bösen

Die FDP ist sauer auf Petra Gössi

im Reich des Bösen Die FDP ist sauer auf Petra Gössi nzz.as/top1 nzz.as/top2 nzz.as/top3 nzz.as/top4 Kavanaugh:

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des Bösen Die FDP ist sauer auf Petra Gössi nzz.as/top1 nzz.as/top2 nzz.as/top3 nzz.as/top4 Kavanaugh: Vom Trinker

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Die FDP ist sauer auf Petra Gössi nzz.as/top1 nzz.as/top2 nzz.as/top3 nzz.as/top4 Kavanaugh: Vom Trinker zum

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sauer auf Petra Gössi nzz.as/top1 nzz.as/top2 nzz.as/top3 nzz.as/top4 Kavanaugh: Vom Trinker zum Musterknaben

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Kavanaugh: Vom Trinker zum

Musterknaben

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NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

International

Italien

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YARA NARDI / REUTERS

International Italien 3 YARA NARDI / REUTERS Tausende Italiener und Zuwanderer protestieren am Samstag in

Tausende Italiener und Zuwanderer protestieren am Samstag in Riace gegen die Verhaftung von Gemeindepräsident Domenico Lucano. (6. Oktober 2018)

Die guten Menschen aus Kalabrien

Im süditalienischen Riace wird der Gemeindepräsident verhaftet. Sein Herz für Migranten ist

Innenminister Salvini ein Dorn im Auge. Eine Justizposse. Von Marc Zollinger, Rom

D ie beiden sind sich noch nie begeg- net. Doch sie könnten ein gutes Paar abgeben. Und zwar für einen dieser unterhaltsamen Spaghettiwestern

aus alten Zeiten, in denen der Gute vom Bösen zum Duell herausgefordert wird. Matteo Sal- vini hat den Gemeindepräsidenten des kala- bresischen Dorfes Riace einmal als «totale Null» verhöhnt. Domenico Lucano wiederum beschrieb Italiens fremdenfeindlichen Innen- minister als «Mann mit gewissen Schwächen». Er habe keine Angst vor ihm, sein Gedanken- gut aber terrorisiere ihn, auch weil es von einem Grossteil der Bevölkerung enthusias- tisch geteilt werde. Er sei jedoch bereit, für die Schwachen und Unterdrückten zu kämpfen, auch mit zivilem Ungehorsam. Es scheint, als ob der starke Innenminister,

der bisher nichts zu befürchten hatte, plötz- lich einen ernstzunehmenden Gegenspieler bekommen hätte. Darauf lässt die Justizposse schliessen, die sich in dieser Woche in Italien abgespielt hat. Der Gemeindepräsident des 2300-Seelen-Dorfes in Kalabrien wurde ver- haftet und unter Hausarrest gestellt. Salvini beteuerte zwar im Parlament, er habe nichts damit zu tun. Das habe die Staatsanwaltschaft von Locri veranlasst. Doch niemand zweifelt ernsthaft, dass es der Mann der neuen Rech- ten war, der insgeheim die Fäden zog.

Gegenspieler

Rech- ten war, der insgeheim die Fäden zog. Gegenspieler Domenico Lucano, Gemeindepräsident von Riace. Matteo

Domenico Lucano,

Gemeindepräsident

von Riace.

Gegenspieler Domenico Lucano, Gemeindepräsident von Riace. Matteo Salvini, Innenminister und Chef der Lega.

Matteo Salvini, Innenminister und Chef der Lega.

Flüchtlinge als Chance

Domenico Lucano hat schon vor längerer Zeit den Status einer internationalen Berühmtheit erlangt. Zahlreiche Reportagen sind über sein Dorf geschrieben worden. Der Papst und der Regisseur Wim Wenders bewundern ihn. Dresden hat ihm den Friedenspreis verliehen. Die amerikanische Zeitschrift «Fortune» erkor Lucano in den Kreis der fünfzig wichtigsten Personen, «die die Welt verändern». Denn «Mimmo», wie ihn alle nennen, hatte in der schwierigen Debatte um die nach Europa flüchtenden Menschen eine überraschende Alternative angeboten: Was gemeinhin als Problem gilt, kann auch eine Chance sein. Warum eigentlich nicht? Mimmos Mission begann vor zwanzig Jah- ren. Damals strandete ein Schiff mit Kurs auf Griechenland an der Küste bei Riace. An Bord waren rund 200 Kurdinnen und Kurden aus Irak, Syrien und der Türkei. Riace nahm ein Dutzend von ihnen auf, und Mimmo hatte eine Idee: Er wollte sein Dorf zu einem Emp- fangszentrum machen, das Gestrandete mit

offenen Armen aufnimmt; aber nicht nur, um den Flüchtlingen zu helfen, sondern auch den Einheimischen. Denn Riace war damals fast ausgestorben, wie es so viele italienische Dör- fer heute noch sind. Dafür musste Lucano zu- erst aber Gemeindepräsident werden, was 2004 geschah, und einen Verein gründen; die «Città Futura», Stadt der Zukunft. Mimmos Modell gedieh, und Riace er- wachte zu neuem Leben. Die neuen Einwoh- ner renovierten Häuser, brachten verwilderte Olivenhaine in Form, töpferten, Bars und Restaurants wurden eröffnet. Viele zogen weiter, neue kamen. Riace wurde zu einem lebhaften Hafen, zu einem internationalen Symbol für gelungene Integration, das viele zu ähnlichen Aktionen inspirierte. Als im Mai aber Matteo Salvinis rechtspopulistische Lega mit der Protestbewegung Cinque Stelle an die Macht kam, drehte der Wind. Es wurde eine juristische Untersuchung gegen den Gemeindepräsidenten eingeleitet. Ziel war, Delikte zu finden, die das Idol der «Buonisti», der Gutmenschen, schlecht ausse- hen lassen. Irgendeinen Dreck – das weiss man in diesem Land – kann man an jedem Stiefel finden. Auch wenn es schliesslich kaum mehr als ein Klümpchen war, entschied die zuständige Präfektur von Locri diese Woche, Lucano unter Hausarrest zu stellen. Umgehend verkündete Salvini auf Facebook:

«Wer weiss, was jetzt Saviano und alle ande- ren Buonisti sagen, die Italien wieder mit Migranten füllen wollen?» Tatsächlich gab es dann auch in den sozia- len Netzwerken viel Empörung, in einigen Städten wurden spontane Demonstrationen durchgeführt, und Salvinis Intimfeind Roberto Saviano meldete sich zu Wort: Mit der Verhaf- tung beweise die Regierung, dass sie daran sei, sich von einer Demokratie in einen autokrati- schen Staat zu verwandeln, sagte der Anti- Mafia-Autor in einer Videonachricht und dop- pelte später in einem längeren Artikel in der «Repubblica» nach: Salvini mache glauben, dass das Italiens Problem die Immigranten seien. Und das von Kalabrien sei Mimmo Luca- no – «und wir Dummköpfe dachten, es sei der Drogenhandel». Der Fall Mimmo kehrte für einmal Italiens öffentliche Meinung um. Plötzlich blieben die rechten Wutbürger mehr oder weniger still. All jene, die in den letzten Monaten so unge- hemmt gegen die Überfremdung Italiens pol- tern konnten. Die offensichtliche Ungerech-

Der Fall Mimmo kehrte für einmal Italiens öffentliche Meinung um. Plötzlich blieben die rechten Wutbürger mehr oder weniger still.

tigkeit, die dem braven Gemeindepräsidenten zuteil geworden war, lockte dafür die anderen aus ihren Schützengräben: die jungen Wilden und die alte Garde. Es gab viel Sympathie- bezeugungen, und plötzlich hörte man wieder Wörter aus vergangenen Zeiten, «Resistenza» etwa, Widerstand! Dass es sich bei der Verhaftung um eine Farce handelt, zeigt der Umstand, dass sich bereits vor dem Verhör Lucanos der schwerste Vorwurf aufgelöst hatte: Die Staatsanwalt- schaft hielt fest, dass sich der Gemeindepräsi- dent nicht persönlich bereichert habe, indem er die für die Flüchtlinge vorgesehenen staat- lichen Beiträge in die eigene Tasche steckte. Auch der Vorwurf, Lucano habe bei der Schliessung von Scheinehen mitgeholfen, liess sich nicht halten. Ebenso fragwürdig ist, ob er bei der Vergabe von Aufträgen für die Abfallentsorgung gemauschelt hat. «Wie bit- te?», sagte er vor den nach Locri geströmten Medienleuten. «Ich habe versucht, in einem von der Abfallmafia kontrollierten Gebiet mit verseuchten Meeren etwas Sauberes aufzu- bauen. Und jetzt muss ich dafür bezahlen?»

Vergehen: Zu menschlich

Nach jedem Tag, an dem Mimmo verhört wor- den war, trat er noch selbstbewusster vor die Journalisten. Er habe nichts zu verstecken, nichts zu verheimlichen. Ihm werde vorge- worfen, Regeln missachtet zu haben. Dabei heisse es in der Verfassung ganz zuerst, dass die Menschenwürde zu schützen sei. «Das haben sogar die Richter zugeben müssen», sagte er. «Mein Vergehen ist, dass ich zu menschlich bin.» Vielleicht ist das Einzige, was man dem Südländer tatsächlich vorwer- fen kann, dass er die Angelegenheit womög- lich etwas zu ernst nahm. Humor war von den Juristen schon gar nicht zu erwarten. Diese liessen das verlauten, was ausführende Gewalten gerne tun. «Wir machen nur unsere Arbeit», sagte Staats- anwalt Luigi D’Alessio. Schliesslich gelte es,

das Gesetz zu respektieren. Zuwanderer von ausserhalb der Europäischen Union müssen in Italien einen Arbeitsvertrag vorweisen kön- nen, um eine Aufenthaltsbewilligung zu er- halten. Zum Modell von Riace gehörte, dass die Gemeinde solche Verträge ausstellen konnte. Doch in der letzten Zeit wurde das immer schwieriger. Die Verhaftung hat Mimmo Luc ano gewiss mehr genützt als geschadet. Er ist als starker Mann daraus hervorgegangen, auch wenn ihn die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft zwischenzeitlich stark zusetzten und er ziem- lich müde vor die Kameras trat. Die Unterstüt- zung für den Buonista aus Riace ist gross. Journalisten schickten diese Woche sogar einen offenen Brief nach Stockholm, in dem sie den Gemeindepräsidenten für den Frie- densnobelpreis vorschlugen. Gestern Samstag sind zahlreiche Sympathisanten nach Riace geströmt, um für Mimmo und sein Modell zu demonstrieren. Dennoch darf sich auch der grosse Wider- sacher in der ersten Folge unseres Spaghetti- western als Sieger fühlen: Innenminister Sal- vini. Leute von Lucanos Kaliber scheint es im Lande nicht viele zu geben. Allen anderen wurde nun gezeigt, wie einfach man in die Mühlen der Justiz kommen kann, gerade wenn man es nur gut meint.

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CHRIS RATCLIFFE / BLOOMBERG

SERGEI ILNITSKY / EPA

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

International

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Der Brandstifter

Boris Johnson möchte britischer Premierminister werden – doch als Politiker sorgt er bloss für Unfrieden

Martin Alioth, Dublin

Geschlagene drei Stunden vor Be- ginn der Veranstaltung formierte sich eine ordentliche Schlange für die 1500 Plätze im Auditorium des konservativen Parteitags in Birmingham. Dabei war die Rede des ehemaligen britischen Aus- senministers, Boris Johnson, nicht einmal Teil des offiziellen Programms. Allein, Boris, wie er genannt wird, ist auch ohne Amt kein Hinterbänkler. Er ist Mes- sias, Hoffnungsträger und die Verkörperung all dessen, was die britische Politik verunstaltet. Als der Star dann – erstaunlich pünktlich – auftauchte, der schlechtsitzende Anzug zerknit- tert, der blonde Schopf verstrub- belt, wirkte er übermüdet und aufgedunsen. Es muss anstren- gend sein, beinahe täglich die Schlagzeilen zu bestimmen.

Wortgewaltig und masslos

Alexander Boris de Pfeffel John- son ist nicht der Mann für graue Zwischentöne und lästige Einzel- heiten. Der verbale Zweihänder ist seine Lieblingswaffe. Als «geis- tig umnachtet» hatte er die Bre- xit-Pläne der Premierministerin schon vor seiner Rede bezeich- net. Nun wurde der in Chequers, dem Landsitz von Theresa May, im Beisein und mit Zustimmung von Johnson verabschiedete Kompromiss zur «politischen Demütigung», zum «Verfassungs- Skandal». Wie der schottische Rebell William Wallace forderte Boris «Freedom» – Freiheit und Selbstbestimmung für die stolzen Briten anstelle von Vasallentum und kolonialer Knechtung durch die Europäische Union. Sein Nachfolger als Aussenminister, der gemeinhin eher blasse Jeremy Hunt, hatte kurz zuvor die EU mit der Sowjetunion verglichen. Der klassisch gebildete und wortgewaltige Johnson brilliert

Der klassisch gebildete und wortgewaltige Johnson brilliert Als Kolumnist hochbezahlt, als Journalist disqualifiziert,

Als Kolumnist hochbezahlt, als Journalist disqualifiziert, als Anwärter auf den Premierminister-Posten chancenlos: Boris Johnson. (Birmingham, 2. 10. 2018)

Er ist der Messias und Sinnbild dessen, was die britische Politik verunstaltet.

gerne mit seinem Wissen. So auch hier. Er mutmasste, die Regierung May könnte unter dem «Praemu- nire»-Gesetz von 1353 angeklagt werden, das die Beeinflussung durch fremde Mächte – damals in erster Linie den Papst – unter Strafe stellte. Das war geistreich, aber Boris hatte einmal mehr sei- ne Hausaufgaben nicht gemacht. Die obskure Vorschrift war 1967 offiziell kassiert worden. «Chuck Chequers», «Schmeisst Chequers weg!», rief Johnson in den Saal, der ihn johlend mit einer langen Ovation bedachte. Chequers sei, stellte Johnson un- längst in seiner Kolumne für den konservativen «Daily Telegraph» fest, ein Sprengstoffgürtel für die britische Verfassung. Als Ersatz fordert Boris einen Handelsver- trag nach kanadischem Vorbild.

Garantien für eine unsichtbare Grenze in Irland will er deshalb zurückziehen; das sei irgendwie lösbar. Unbequeme Details lösen sich in dieser bunten Vorstel- lungswelt bei Bedarf in Wohl- gefallen auf. Für ein jährliches Honorar von umgerechnet mehr als 350 000 Franken erhält der ehemalige Brüsseler Korrespondent jeden Montag eine Plattform im «Daily Telegraph». Meist schafft der In- halt seiner Kolumne den Sprung auf die Frontseite. Doch die Aufregung unter Johnsons glühenden Anhängern und die obsessive Aufmerksam- keit der britischen Medien wirkt irreal – ganz wie Johnsons Brexit- Pläne. Denn seine Chancen, Premierminister zu werden, sind etwa ebenso hoch wie die Wahr-

scheinlichkeit seiner Wieder- geburt als Olive – wie er selbst einmal treffend formulierte. Falls Theresa May nicht frei- willig zurücktritt, müssten über 158 Tory-Abgeordnete ihrem Sturz zustimmen. Im anschlies- senden Rennen um ihre Nachfol- ge müsste Boris einer der zwei Kandidaten werden, die von der Fraktion bestimmt werden. Unter ihnen küren dann die Parteimit- glieder den Sieger. Die Basis liebt Johnson – das zeigen seine beiden Wahlsiege als Stadtpräsident des mehrheitlich linken London –, aber in der Fraktion ist der selbst- verliebte Einzelgänger unbeliebt. Letztlich geht es ihm nie um die Sache, sondern um Boris. Das Gerücht hält sich hartnäckig, dass Johnson im Februar 2016 zwei Kolumnen geschrieben hatte – eine für den Brexit und eine da- gegen. Im letzten Moment unter- breitete er sein Verdikt für den Austritt. Es hätte auch anders kommen können. Zweimal wurde Johnson ge- feuert, weil er gelogen hatte. Einmal hatte er als Journalist ein Zitat erfunden, einmal verleug- nete er gegenüber seinem Partei- chef einen Seitensprung. Er ging notorisch fremd. Unlängst wurde bestätigt, dass Johnson sich nach 25 Ehejahren von seiner zweiten Frau scheiden lasse. Die blinde Gefolgschaft seiner Verehrer findet ihr Spiegelbild in ätzender Kritik. Die «Financial Times» bezichtigte ihn letzte Woche, auf dem Tiger des engli- schen Nationalismus zu reiten, und verglich ihn mit Donald Trump. Der Gründer des «Inde- pendent» nannte Johnson «amo- ralisch». Tiefschürfend und ver- nichtend war die Analyse von Matthew Parris, Kolumnist der «Times» und einst konservativer Abgeordneter. Er diagnostizierte:

«die schiere Verlogenheit, die Grausamkeit, der Verrat und,

unter dem Verrat, die Leere des echten Ehrgeizes: des Ehrgeizes nämlich, etwas Sinnvolles mit einem Amt anzufangen, wenn es einmal errungen ist». So wird Politik zum Werkzeug der Selbstbeweihräucherung, zum verantwortungslosen Expe- riment. Johnson gehört zu einer Gruppe von privilegierten Kon- servativen, die der «kreativen Zerstörung» huldigen. Ungeach- tet der Kollateralschäden befür- worten sie radikale Schritte, um neugierig zuzuschauen, was dann genau passiert.

Er will Aufmerksamkeit

Theresa May holte nach dem Bre- xit-Referendum die Galionsfigu- ren der erfolgreichen Kampagne in ihr Kabinett. Doch Johnsons Amtsführung als Aussenminister war von verbalen Entgleisungen gekennzeichnet. Es galt als ge- schmacklos, dass er in einem buddhistischen Tempel in Burma ein Gedicht des Erzimperialisten Rudyard Kipling rezitierte. Aber es schuf eine Pointe, und der 54-Jährige bettelt stets um Auf- merksamkeit. Dass ihm das immer noch so meisterhaft ge- lingt, belegt den Niedergang der politischen Kultur im einst so pragmatischen Königreich. Am Parteitag in Birmingham hielten zahlreiche konservative Kabinettsminister Grundsatz- reden vor einem bestenfalls halbvollen Saal. Neue politische Ideen fehlten, alles drehte sich um den Brexit und um indivi- duelle Karriereplanung. Boris Johnson sticht aus diesem Brei für viele wohltuend heraus. Er bringt die Leute zum Lachen, er offeriert Eindeutigkeiten, ver- brämt mit lateinischen Zitaten, die niemand versteht. Es gehört zu seinen Aufgaben, Tabus zu brechen. Johnson hält sich nicht an herkömmliche Regeln der Ethik. Er ist ein Clown.

Warum russische Männer nicht alt werden

Den Menschen in Russland

bleiben im Durchschnitt

nur wenige Lebensjahre nach

ihrer Pensionierung. In der

Lebenserwartung liegt das

Land noch hinter Nordkorea.

Klaus-Helge Donath, Moskau

Sergei Iwanowitsch trägt einen Blaumann, über seiner Schulter schwingt eine lange Metallstange. Der Elektriker ist hochgewachsen und von kräftiger Statur. Der

59-Jährige arbeitet als Angestell- ter bei einem Moskauer Gebäude- service. Er sei ein Glückspilz, sagt er. Nächste Woche feiert er seinen 60. Geburtstag, und er wird an seinem Arbeitsplatz weiterarbei- ten. Gleichzeitig wird er eine Rente beziehen und Altersver- günstigungen in Anspruch neh- men – wie jeder fünfte der rund

46 Millionen russischen Rentner.

Ein Glückspilz ist Iwanowitsch, weil die neue Rentenreform erst im Januar 2019 in Kraft tritt. Schrittweise soll danach das Ein-

trittsalter für Männer von 60 auf

65 Jahre und für Frauen von 55

auf 63 Jahre angehoben werden. «Mich hat die Reform nicht überrascht. Seit Jahren wurde darüber geredet», sagt Iwano- witsch. Erstaunt sei er allerdings, mit welcher Eile das Unterneh- men jetzt angegangen werde. Dem Staat fehle Geld, mit der Reform wolle er Ausgaben ein- sparen, meint er. Pro Rentner müssten das über die Jahre umge- rechnet über 3700 Franken sein, die der Kreml einkassiere.

rechnet über 3700 Franken sein, die der Kreml einkassiere. Viele Russen befürchten, geprellt zu werden. (Moskau,

Viele Russen befürchten, geprellt zu werden. (Moskau, 22. 9. 2018)

Die Reform ist der grösste Ein- griff seit den dreissiger Jahren. Sie erbost die angehenden Rent- ner. Die meisten empfinden es als einen Vertragsbruch des Kremls. In der frühen Rente sahen sie ein Grundrecht, das nie angetastet wurde. Mit dem bescheidenen Ruhegeld waren sie zwar nie zu- frieden, doch die Möglichkeit, in den ersten Jahren des Rentner- daseins dazuzuverdienen, liess sie stillhalten. Vor allem Männer fürchten, um ihr Ruhegeld geprellt zu wer- den. Laut der Statistikbehörde Rosstat liegt ihre durchschnitt- liche Lebenserwartung nur bei 67 Jahren. Bis 65 zu arbeiten, kommt für sie deshalb nicht infrage.

Frauen können immerhin mit 77 Jahren rechnen. Im internationa- len Vergleich landet Russland bei der Lebenserwartung völlig abge- hängt hinter sämtlichen europäi- schen Staaten und vielen weite- ren Ländern auf Platz 113. Auch die meisten ehemaligen Sowjet- republiken und selbst Nordkorea stehen besser da. Ein wichtiger Grund dafür ist die vielfach schlechte Ge- sundheitsversorgung. Vielerorts kommt diese nicht an jene der Hauptstadt Moskau heran, des- sen Bürger mit 77 Jahren Lebens- erwartung vergleichsweise rüstig sind – anders als in einigen Regio- nen des Fernen Ostens, wo Män- ner nicht einmal das frühere Ein-

trittsalter von 60 Jahren errei- chen. Iwanowitsch geht zweimal jährlich zu seiner «Herzdame», so nennt er die Kardiologin scherzhaft, die in einer Klinik für Angestellte der Präsidialverwal- tung praktiziert. Iwanowitschs Frau ist im Präsidialamt beschäf- tigt und darf den Gatten dort kos- tenlos mitversorgen lassen. Schon ausserhalb Moskaus wird die Versorgung mit Technik und Medikamenten schlechter. Seit 2002 hat der Staat die Hälfte aller Spitäler schliessen lassen. Schon in der Sowjetunion war die Gesundheitsversorgung unter- finanziert. Bis in die sechziger Jahre gelang es wie im Westen, die Sterblichkeit bei Infektions- krankheiten abzubauen. Bei Krebs- und Herz-Kreislauf-Er- krankungen jedoch konnte Russ- land nicht mithalten. Nach wie vor gehört in Russ- land der Alkoholkonsum zu den häufigsten Sterbeursachen. Fast

40 Prozent aller Todesfälle im Al-

ter zwischen 15 und 54 Jahren hängen damit zusammen. Rund

20 Jahre verkürzt der Alkohol das

Männerleben, obwohl der Kon- sum laut Russlands Chefdemo- graf Anatoli Wischnewski um fast ein Drittel auf 13 Liter reinen Alkohol pro Jahr gesunken ist. Russlands Männer treiben mit der Gesundheit Raubbau und suchen einen Arzt erst auf, wenn es fast schon zu spät ist. Äussere Faktoren sind nach wie vor weitere häufige Ursachen für Todesfälle. Doch auch sie sind meist alkoholbedingt: Verkehrs-

unfälle, Gewalt, Morde und Selbstmorde stehen in der Statis- tik weit oben. In anderen europäi- schen Staaten tauchen diese Todesursachen nur noch am Ran- de auf. Risikobereitschaft und Leichtsinn der russischen Män- ner im Verkehr und am Arbeits- platz wirken verschärfend. Vor Jahren schon legte die Regierung im Auftrag von Präsi- dent Wladimir Putin ein «Anti- alkoholkonzept 2020» auf. Dieses

regulierte Bezug und Verkaufs- zeiten für Alkoholgetränke und ordnete Mindestpreise an. Regie- rungschef Dmitri Medwedjew regte nun aber an, Bier und Wein wieder an Tankstellen zu vertrei- ben. Kremlchef Putin bleibt der- weil eisern. Er ordnete an, bis zum Ende seiner Amtszeit 2024 die Lebenserwartung der Russen auf 78 Jahre hochzuschrauben. Dagegen hätte auch Sergei Iwano- witsch nichts einzuwenden.

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6

International

Vertrieben,

vergewaltigt,

vergessen

Ihre Dörfer und Städte liegen auch vier Jahre nach

den Greueltaten des IS in Trümmern. Hilfe kommt

nur spärlich. Die Jesiden verlieren die Hoffnung auf

eine bessere Zukunft. Von Meret Michel, Sinjar

E in Gewehr hängt im Zelteingang von Naam Kamal. Es gehört einem ihrer drei Söhne, die sich

der jesidischen Miliz im Gebirge angeschlossen haben. Doch im Notfall wüsste auch die Mutter, wie sie damit schiessen kann. «Die ganze Welt hat die Jesiden im Stich gelassen», sagt sie. «Jetzt müssen wir uns selbst verteidi- gen.» Sie sitzt auf einer Matratze unter dem Vordach ihres Zeltes. Die etwa 50-jährige Frau mit weissem Kopftuch und einem weichen Blick kann man sich so

gar nicht mit einem Gewehr in der Hand vorstellen. Vier Jahre sind vergangen, seit der Islamische Staat (IS) in Sinjar einfiel, die Dörfer der Jesiden plünderte, Tausende Männer er- schoss, Frauen und Kinder ver- schleppte, versklavte, vergewal- tigte. Diejenigen, die sich auf den Berg retten konnten, irrten tage- lang über das Geröll auf der Suche nach Wasser und etwas Ess- barem. Manche verdursteten. Bis die kurdisch-türkische Arbeiter- partei einen Korridor freikämpfte und die Eingeschlossenen nach Kurdistan entkamen. Die Verbre- chen des IS an den Jesiden verurteilte der Uno-Menschen- rechtsrat später als Genozid. Heute ist der IS im Irak zwar besiegt. Doch die Situation der Jesiden hat sich kaum verbessert. Noch immer sind über 3000 Frauen und Kinder verschollen – die Uno spricht daher inzwischen von einem «andauernden» Völ- kermord; die Mehrheit der Reli- gionsgemeinschaft lebt in Zelt- lagern im Nordirak. Wer konnte, emigrierte nach Deutschland, Australien, Kanada. Kamal und ihre Familie flohen 2014 ins Sinjar-Gebirge. Im Ge- gensatz zu den meisten anderen

Jesiden blieben sie jedoch hier. 12 000 Jesiden leben bis heute im Hochtal – wie eine Schicksals- gemeinschaft nach der Apoka- lypse. Sie ernähren sich von den spärlichen Lebensmittellieferun- gen der Regierung und von dem Gemüse, das sie in der kargen Erde hinter ihren Zelten anpflan- zen. Wasser pumpen sie mithilfe von Diesel-Generatoren aus dem Boden.

Bingo zur Abwechslung

Kamal ist überzeugt davon, dass die Jesiden als Gemeinschaft nur überleben können, wenn sie in ihrer Heimat bleiben. Doch hier hilft ihnen niemand. «Ich habe meine Geschichte so vielen Jour- nalisten erzählt, doch es hat nichts gebracht», sagt sie. «Wir sind noch immer auf dem Berg und auf uns allein gestellt.» Das Sinjar-Gebirge ragt aus der flachen Wüste empor wie ein rie- siges Schiff aus dem Meer. Hier soll der Überlieferung nach die Arche Noah nach der Sintflut zum

Stehen gekommen sein. Für die Jesiden ist Sinjar ein heiliger Ort, über Jahrtausende haben sie hier Zuflucht gefunden, wenn sie ver- folgt wurden. Das Massaker durch den IS ist das 74. in ihrer Geschichte. Die Extremisten se- hen in ihnen Teufelsanbeter. Die Jesiden sind monotheis- tisch, haben aber keine heilige Schrift. Neben Gott steht ein Engel im Zentrum der Religion. Nach dem Genozid des IS an den Jesiden war die türkisch-kur- dische Arbeiterpartei (PKK) im Sinjar-Gebirge präsent, die für einen unabhängigen Kurdenstaat auf türkischem Boden kämpft. Ankara, das die PKK als Terror- organisation sieht, drohte immer wieder damit, Sinjar anzugreifen. Einmal, im April 2017, bombar- dierte die türkische Luftwaffe tat- sächlich Stellungen der PKK im Gebirge. Im März 2018 zog die PKK offiziell aus Sinjar ab. Geblie- ben sind die jesidischen Milizen, die mit der PKK verbündet sind. Sinjar wirkt wie ein wilder Wes-

der PKK verbündet sind. Sinjar wirkt wie ein wilder Wes- Jesiden auf dem Sinjar-Gebirge leben noch

Jesiden auf dem Sinjar-Gebirge leben noch in Zelten.

Minderheiten im Nahen Osten

Der

Nobelpreis

bietet

keinen

Schutz

Für christliche Minderheiten

ist der syrische Herrscher

Asad das kleinere Übel als

Islamisten, sagt Nahost-

Experte Habib Malik.

Die Jesidin und ehemalige IS- Sklavin Nadia Murad hat den Friedensnobelpreis bekommen für ihren Einsatz gegen sexuelle Gewalt als Waffe im Krieg. Wird dieser Preis in ihrer Heimat Irak etwas bewirken? Habib Malik: Als Nobelpreis- trägerin wird Nadia Murad sicher- lich Licht auf die Not der Jesiden und anderer religiöser Minderhei- ten werfen. Aber diese öffentliche Anerkennung wird nicht ausrei- chen, um das Leiden dieser ge- plagten Gemeinschaften zu lin- dern oder ihnen den vollen und dauernden Schutz zu gewähren, den sie verdienen.

Der Islamische Staat (IS) atta- ckierte religiöse Minderheiten im Irak und in Syrien auf brutale Weise. Doch schon vor dem IS hatten es Minderheiten nicht einfach in der Region. Nichtmuslimische Minderhei- ten waren unterjocht, Menschen zweiter Klasse, denen vieles aufer- legt wurde – oft im Namen der Toleranz. Doch letztlich ging es immer um ihre Liquidation oder darum, ihre Zahl zu reduzieren und sie auseinanderzutreiben.

In Syrien wird Diktator Bashar al-Asad wohl noch eine Weile an der Macht bleiben. Ist das eine gute Nachricht? Für die nichtmuslimischen Min- derheiten ist Asad das kleinere Übel. Verglichen mit den salafisti- schen Jihadisten. Christen waren auch unter Asad unterdrückt, doch sie konnten atmen. Sie muss-

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

sie konnten atmen. Sie muss- NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018 Sie hat ihre Geschichte schon

Sie hat ihre Geschichte schon vielen Journalisten erzählt. Es hat nicht geholfen: Die Jesidin Naam Kamal, rechts im Bild. (Sinjar-Gebirge, 20. 9. 2018)

Ohne Heimat Die meisten Jesiden leben heute in Flüchtlingslagern um Dohuk TÜRKEI Dohuk IRAN SYRIEN
Ohne Heimat
Die meisten Jesiden leben heute
in Flüchtlingslagern um Dohuk
TÜRKEI
Dohuk
IRAN
SYRIEN
Mosul
Erbil
Sinjar-Gebirge
Kurdengebiet
IRAK
200 km
AZERB.
Bagdad
Sinjar-Gebirge Kurdengebiet IRAK 200 km AZERB. Bagdad Habib Malik lehrt in Beirut an der Lebanese American

Habib Malik lehrt in Beirut an der Lebanese American University. Auf Einladung der Christian Solidarity Interna- tional (CSI) hielt er am Dienstag in Zürich ein Referat.

ten des Iraks, in dem noch mehr als in anderen Regionen des Lan- des die Staatsgewalt nicht greift und neben der Armee diverse Milizen aktiv sind. Wegen ihrer Nähe zu Syrien und zur Türkei ist die Region strategisch wichtig für alle umliegenden Mächte – und dementsprechend umstritten. Nachdem der IS aus Sinjar vertrie- ben worden war, kontrollierte zu- nächst die Peschmerga das Ge- biet, die Einheit der irakisch- kurdischen Autonomieregierung. Vor einem Dreivierteljahr über- nahm die irakische Armee die Kontrolle, und die Peschmerga musste sich zurückziehen. Doch das Wohl der Bewohner scheint weder die einen noch die anderen zu kümmern. Besonders deutlich wird dies in der Stadt Sinjar, die am Fuss des Gebirges liegt. Schon entlang der Strasse, die vom Hochtal hin- unter in die Ebene führt, liegen noch immer die Spuren des Völ- kermords: Kleider, vergilbt von Hitze und Regen, Tücher und Schuhe, dazwischen immer wie- der ausgebrannte Autowracks – als ob der Exodus der Jesiden nur wenige Wochen zurückläge. Die Altstadt von Sinjar wurde kom- plett zerbombt und ist bis heute vermint und unbegehbar. Im Rest der Stadt leben mittlerweile wie-

ten nicht damit rechnen, dass ihnen der Kopf abgehackt wurde.

Wieso wurde die Opposition in Syrien, die zu Beginn doch für Demokratie kämpfte, so schnell von extremistischen Islamisten verdrängt? Gemässigte sunnitische Kräfte sind schwach. Natürlich gab es am Anfang ernsthafte Gruppierun- gen, die das Land demokratisieren wollten. Doch sie wurden rasch durch jihadistische Extremisten verdrängt. Wer finanzierte denn die Opposition? Es waren die Sau- dis, die Golfstaaten. Ihre Ideologie des Wahhabismus ähnelt jener der extremistischen Jihadisten. Es war nur eine Frage der Zeit, dass die Extremisten bei diesem Aufstand das Steuer übernahmen.

In Syrien war doch das Grund- problem, dass die Minderheit

der 3000 Familien, rund 10 000 Personen. Vor dem IS zählte sie 80 000 Einwohner. Sinjar war der Irak im Kleinen, sagen hier die Leute. Ein Mosaik aus Minderhei- ten, Jesiden, sunnitischen Ara- bern und Kurden, Schiiten, Scha- bak, Christen und Turkmenen, die hier Haus an Haus lebten, sich gegenseitig zum Essen einluden und gemeinsam Hochzeiten feier- ten. Davon ist nicht viel übrig. Neben den wenigen Jesiden sind auch ein paar Schiiten und Chris- ten zurückgekehrt. Nur Sunniten sieht man hier kaum. Da sich viele von ihnen dem IS ange- schlossen hatten, fürchten sie nun Vergeltungsaktionen. Der Wiederaufbau kommt nur schleppend voran. Die einzige Abwechslung in der Trostlosig- keit in Sinjar sieht man nach Einbruch der Dunkelheit. Vor einigen Monaten haben zwei neue Restaurants geöffnet, in denen jeden Abend Bingo ge- spielt wird. Dann drängen sich Hunderte Männer in den Saal, die Köpfe über Zettel gebeugt, mit Bleistiften kreuzen sie die Num- mern ab, die der Mann vorne aus einer Plastikschale zieht und übers Mikrofon ausruft. Der Lärm dringt bis auf die Strasse hinaus und verhallt in der Ferne. Sonst ist es ganz still.

der Alewiten die Mehrheit der Sunniten beherrschte und unterdrückte. Das Asad-Regime war brutal den Sunniten gegenüber. Aber wie gesagt, der Aufstand ging rasch in die falsche Richtung.

Können die Russen die Situation der Christen in Syrien verbessern? Ein einzelner Player kann die Situation nicht ändern für die Christen. Russland versteht aber deren Not und deren Bedeutung als moderate Kraft im komplexen Nahen Osten. Und Russland kann seinen Einfluss auf das Regime und auf die Opposition geltend machen.

Wie sieht die Situation der Min- derheiten im Irak aus? Einige Christen kehren zurück, einige wurden in kurdische Ge-

7

FOTOS: VINCENT HAIGES

IMAGO

7 FOTOS: VINCENT HAIGES IMAGO 12 000 leben bis heute im Hochtal, wie eine Gemeinschaft nach

12 000 leben bis heute im Hochtal, wie eine Gemeinschaft nach der Apokalypse.

Von der wüsten Ebene Sinjars aus führt die Schnellstrasse Rich- tung Osten. Zwei Stunden dauert die Fahrt bis nach Mosul, der ehe- maligen Hauptstadt des Kalifats im Irak, und von dort aus in die kurdische Stadt Dohuk. Die Mehr- heit der Hunderttausenden Jesi- den, die 2014 aus Sinjar geflohen sind, lebt noch immer in den Auf- fanglagern rund um die Stadt. Doch während die meisten Hilfs- organisationen darauf drängen, Sinjar so schnell wie möglich wie- der aufzubauen, um diesen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Dörfer zu ermöglichen, denken viele Jesiden hier ganz anders. Sie wollen nicht zurück nach Sinjar. Sie wollen den Irak verlassen. «Dieses Land hat uns schon immer wie Bürger zweiter Klasse behandelt», sagt Kichi Ammo Selo. Zehn Jahre lang hatte er in der irakischen Armee gedient. Doch seit dem Massaker 2014 hat er jegliches Vertrauen in diesen Staat verloren. «Im Zweifelsfall

biete versetzt. Ihre Tragödie ist jedoch sicher noch nicht vorbei.

Weshalb? Viele Christen in den kurdischen Gebieten beobachten, dass Kur- den nun in früher christlich be- wohnte Quartiere ziehen, in Häu- ser von geflohenen Christen. Das Misstrauen zwischen Kurden und Christen sitzt tief. Das ist etwa auf die kurdische Beteiligung an am

sitzt tief. Das ist etwa auf die kurdische Beteiligung an am Die Russen verstehen die Not

Die Russen verstehen die Not der Christen und deren Bedeutung als moderate Kraft.

wird sich weder die Regierung in Bagdad noch jene in Kurdistan für den Schutz der Jesiden einset- zen», sagt er. Schliesslich ist auch 2014 keine von beiden den Jesi- den zu Hilfe geeilt. Selo sitzt in seinem Container in einem dieser Lager für Binnen- flüchtlinge. Ein Mann mit Knopf- augen und schwarzem Schnauz- bart. Sein Dorf Kojo, so erzählt er, sei vierzehn Tage lang vom IS be- lagert worden, ehe die Terroristen gekommen seien. Die Männer wurden an verschiedene Orte ausserhalb des Dorfes gebracht. Selo musste sich mit den andern Männern in einer Reihe aufstel- len. Doch just als die IS-Kämpfer auf sie zu schiessen begannen, flog ein Militärflugzeug über ihre Köpfe. Er erinnert sich, wie er zu Boden fiel, blutüberströmt. Das Blut stammte von den Toten neben ihm. Er blieb unverletzt.

Innerlich tot

Die Wochen danach habe er sich innerlich tot gefühlt, sagt Selo. Seine Frau und seine Kinder waren in den Händen des IS, sei- ne Brüder waren gestorben und er einer der wenigen Überleben- den. Er fing an, jenen Tag des Massakers in seinem Dorf zu dokumentieren. Er trug sämtliche Namen der Dorfbewohner in Lis- ten ein, schrieb dazu, was mit ihnen geschehen war. Er karto- grafierte die Massengräber, die noch immer unberührt rund um Kojo liegen, und er fährt bis heute immer wieder in sein Dorf, um die Tatorte zu besuchen. Selo sammelt Material, um es irgendwann in einem Prozess gegen den IS zu verwenden. Am Anfang hatte er noch gedacht, dass die irakische Regierung sich für eine Aufarbeitung dessen ein- setzen würde, was in Sinjar ge- schehen war. Doch bis jetzt ist kaum etwas geschehen, abge- sehen von Hunderten Schau- prozessen, in denen mutmass- liche Mitglieder des IS im Schnell- verfahren angehört und zum Tod oder zu lebenslanger Haft verur- teilt werden. Allerdings niemand wegen der Verbrechen an den Jesiden. Im irakischen Gesetz gibt es keinen Artikel, der Völkermord unter Strafe stellt. Seine Frau und Kinder sind ei- nige Monate nach dem Massaker aus der IS-Gefangenschaft zu- rückgekehrt. Doch das reicht Selo nicht. Er will weitermachen. Sei- ne Zukunft aber, überhaupt die Zukunft der Jesiden, sieht Selo im Ausland. «In irgendeinem Land, das Minderheiten als gleich- berechtigte Bürger anerkennt.» Er sagt dies, obwohl er sich bewusst ist, dass die Identität seiner Religionsgemeinschaft verloren gehen könnte, wenn sie über alle Kontinente verstreut ist. Und dass der IS dann zumindest ein Ziel erreicht hätte: Eine der ältes- ten Religionsgemeinschaften im Irak verschwinden zu lassen.

Völkermord gegen die Armenier zurückzuführen.

Werden die Minderheiten unter der neuen Regierung im Irak eine bessere Zukunft haben? Ich hoffe es. Wenn die neue Regierung mehr Distanz hat zu Iran, wäre meine Antwort positiv. Sonst eher nicht.

Wie prägten die nichtmuslimi- schen Minderheiten die Region? Sie wurden erst zu Minderhei- ten in der Region nach der islami- schen Expansion. Dass sie über- lebten, eröffnete dem Nahen und Mittleren Osten die Chance, aus dem öden und monochromati- schen Dasein auszubrechen und eine pluralistische Region zu sein. Diese Minderheiten haben dazu beigetragen, den Nahen Osten gegen aussen zu öffnen. Interview: Gordana Mijuk

Ein bemerkenswerter Schuldspruch gegen einen weissen Polizisten

In Chicago wird ein

Beamter für die Tötung

eines schwarzen

Jugendlichen verurteilt.

Roman Elsener, New York

Geschworene in Chicago haben einen weissen Polizisten des Tot- schlags an einem schwarzen Teenager für schuldig befunden. Der Beamte habe mit bedingtem Vorsatz gehandelt, als er in einer Nacht im Oktober 2014 den 17-jährigen Laquan McDonald er- schoss. Er muss mindestens sechs Jahre ins Gefängnis. Mit dem Schuldspruch vom Freitag wird das erste Mal seit über 50 Jahren in Chicago ein Polizist wegen Tot- schlags im Dienst verurteilt. Die Stadt wird seit Jahrzehnten von hoher Kriminalität und von Rassenunruhen geplagt. Allein in diesem Jahr wurden in Chicago 750 Personen von der Polizei er-

Jahr wurden in Chicago 750 Personen von der Polizei er- Demonstranten in Chicago. schossen. Im dreiwöchigen

Demonstranten in Chicago.

schossen. Im dreiwöchigen Pro- zess sagten zehn Beamte aus, die bei der Tat vor Ort waren. Der an- geklagte Polizist versuchte die Geschworenen unter Tränen von seiner Unschuld zu überzeugen. Wie diese den amerikanischen Medien nach dem Urteil berichte- ten, schien ihnen das Zeugnis des 40-Jährigen aber zu stark einge-

übt und unglaubwürdig. Wider- sprüche hätten sich gezeigt. Als entscheidend erwies sich ein Video, das von einer Kamera auf dem Armaturenbrett eines der Polizeiautos gefilmt wurde. Es zeigt, wie der Polizist mit der Waffe im Anschlag auf den jun- gen Mann zugeht und 16 Kugeln auf ihn abfeuert. McDonald hatte zwar ein Messer in der Hand, ver- hielt sich aber nicht aggressiv und bedrohte die Beamten nicht. Der Prozess zog ganz Chicago in Bann. Über 2000 Polizisten wurden aufgeboten, um ein be- fürchtetes Chaos im Falle eines Freispruchs zu verhindern. Ge- schäfte schlossen früh, und Pend- ler beeilten sich, aus der Innen- stadt zu kommen. Die Kund- gebungen nach dem Schuld- spruch blieben aber friedlich. Die Verurteilung eines Polizei- beamten für tödliche Schüsse im Dienst ist selten. Das amerikani-

sche Gesetz gibt der Polizei gros- sen Spielraum bei der Anwen- dung tödlicher Gewalt. Vor Rich- tern und Geschworenen haben die Aussagen der Beamten viel Gewicht. 2017 wurden Polizisten, die wegen einer Tötung im Dienst angeklagt waren, in den Glied- staaten Minnesota, Missouri, Ohio und Oklahoma freigespro- chen. Nur in Texas wurde diesen Sommer ein Beamter schuldig ge- sprochen. Seit der Einführung von Kör- perkameras und der weiten Ver- breitung von Mobiltelefonen ste- hen den Worten der Polizisten vermehrt Bilder und Filme einer Tat entgegen. Nach dem Urteil in Chicago zeigt sich, dass weisse Polizisten nicht mehr darauf zäh- len können, von einem mehrheit- lich weissen Gremium freigespro- chen zu werden. Im Mordfall McDonald war eine einzige Ge- schworene schwarz.

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besondere die Bewertungen von Starkritiker
Robert Parker Geniessern wichtige Orientie-
rung geben. Mit seinen «Parker-Punkten» (PP)
hat er eine der bekanntesten Weinauszeich-
nungen überhaupt geschaffen–sein Urteil
«S pitz en wein» g ilt e rs t a b 9 0 PP. Hi er fin de n Sie
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LES VIGN. DE TAUT. VINGRAU
Robert Parker
zum Beruf und baute ein Weinbewertungsimpe-
NZZ-39746
NZZ-51396
rium auf – heute ist er mit seinen
«Parker-Punk-
Mathilde Grenache Syrah
Le Cirque Édition Rouge
ten» (PP) der einflussreichste Kritiker der
Weinwelt: Erst ab 90 PP gilt das Prädikat «Spit-
zenwein» und ein Wein als «hervorragend»–ein
Ritterschlag, den viele Weingüter anstreben,
aber nur herausragende Tropfen erhalten. Da
Bewertungen vom «Kritikerpapst» häufig auch
die Preise in die Höhe treiben, hat VICAMPO
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NZZ PHOTOGRAPHEN-TEAM

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Schweiz

9

Wo straffällige Ausländer herkommen

Die Schweizer Gerichte haben letztes Jahr mehr als tausend Landesverweise gegen Ausländer

ausgesprochen. Viele Verurteilte stammen aus dem Balkan – aber auch aus Nachbarländern

Lukas Häuptli

Die Frage erhitzt die Gemüter, seit die Ausschaffungsinitiative am 1. Oktober 2016 in Kraft ge­ treten ist: Wie viele straffällige Ausländer, die gemäss der SVP­ Initiative ausgeschafft werden müssten, werden nicht ausge­ schafft, sondern können dank der sogenannten Härtefallregel wei­ ter in der Schweiz bleiben? Die Regel soll, so steht es im Gesetz, lediglich in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen. Im letzten Frühling veröffent­ lichte das Bundesamt für Statistik erste Zahlen dazu. Später korri­ gierte es diese, nochmals später zog es sie wieder zurück. Die Fol­ ge war ein Sturm medialer und politischer Empörung – einerseits wegen der «Verrechner vom Dienst» (wie der «Blick» die Mit­ arbeiter des Amtes nannte), ande­ rerseits weil die Zahlen zeigten, dass die Ausnahme eher die Regel war: Je nach Berechnung bewegte sich die Härtefall­Quote, also der Anteil der tatsächlich verhängten Landesverweisungen an allen Landesverweisungen, welche die Ausschaffungsinitiative im Grund­ satz vorschreibt, zwischen 31 und 46 Prozent.

«Nationalität gewechselt»

Jetzt hat das Bundesamt für Sta­ tistik zum zweiten Mal Zahlen veröffentlicht. Diese zeigen: Die Schweizer Gerichte haben letztes Jahr gegen 1039 Ausländer eine Landesverweisung verhängt. Von diesen stammen 348 aus Balkan­ ländern, die nicht zur EU gehören (vgl. Grafik), zum Beispiel aus Kosovo, Albanien, Serbien, Bos­ nien­Herzegowina oder Ma­ zedonien. Das Bundesamt ver­ zichtet in seiner Statistik auf eine genauere Aufteilung nach Staa­ ten, weil in den Angaben der Ge­ richte immer wieder «unplausible Nationalitätenwechsel» von Ver­ urteilten auftauchten. Daneben kommen überdurch­ schnittlich viele straffällige Aus­ länder, die 2017 zu einer Landes­ verweisung verurteilt wurden, aus nordafrikanischen Staaten (beispielsweise Marokko, Alge­ rien oder Tunesien), aus Rumä­ nien, aus Westafrika (Nigeria oder Gambia) und aus der Ex­UdSSR (Russland oder Georgien). Bemerkenswert ist an den Zahlen: Die Schweizer Gerichte

Bemerkenswert ist an den Zahlen: Die Schweizer Gerichte Am meisten aus dem Balkan Landesverweisungen 2017,

Am meisten aus dem Balkan

Landesverweisungen 2017, häufigste Herkunftsländer und Herkunftsregionen

Illegal Anwesende, Asylsuchende und Kurzaufenthalter2017, häufigste Herkunftsländer und Herkunftsregionen Aufenthalter und Niedergelassene Ex-Jugoslawien und Albanien

Aufenthalter und NiedergelasseneIllegal Anwesende, Asylsuchende und Kurzaufenthalter Ex-Jugoslawien und Albanien 340/8 Nordafrika 154/3 Rumänien

Ex-Jugoslawien und Albanien

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Nordafrika

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Rumänien

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92/1
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Ex-UdSSR

87/0
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Frankreich

32/1Rumänien 135/3 Westafrika 92/1 Ex-UdSSR 87/0 Frankreich Italien 28/4 Quelle: Bundesamt für Statistik haben letztes

Italien

28/4135/3 Westafrika 92/1 Ex-UdSSR 87/0 Frankreich 32/1 Italien Quelle: Bundesamt für Statistik haben letztes Jahr auch

Quelle: Bundesamt für Statistik

haben letztes Jahr auch gegen 279 EU-Bürger Landesverweisungen verhängt. Es ist umstritten, ob diese nicht gegen das Freizügig­ keitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU verstossen.

Das Abkommen sieht nämlich vor, dass eine Person nur weg­

gewiesen werden darf, wenn sie eine «schwere Gefährdung der öffentlichen Ordnung» ist. Von den Ausländern, die letz­ tes Jahr aus der Schweiz verwie­ sen wurden, hatten allerdings weniger als 10 Prozent eine schwere Straftat wie ein Tötungs­ delikt, eine schwere Körperver­ letzung oder eine Vergewaltigung begangen. Die restlichen mehr als 90 Prozent aber begingen leichte bis mittelschwere Diebstahl­ und Drogendelikte. Ob diese die öf­ fentliche Ordnung «schwer» ge­ fährden, ist fraglich. So hob das Zürcher Obergericht im August 2017 denn auch die Landesverweisung gegen einen 27­jährigen Deutschen wieder

auf. Der Mann war vom Bezirks­ gericht Winterthur wegen eines sogenannten Angriffs zu einer be­ dingten Freiheitsstrafe verurteilt und des Landes verwiesen wor­ den. Das gehe nicht, urteilte das Obergericht, weil die Landes­ verweisung eines EU-Bürgers, der keine «schwere Gefährdung der öffentlich Ordnung» sei, gegen das Freizügigkeitsabkommen ver­ stosse. Das Abkommen wiederum sei ein völkerrechtlicher Vertrag und gehe der Bundesverfassung und dem Bundesrecht vor. Das Urteil des Obergerichts ist aller­ dings noch nicht rechtskräftig; der Fall ist vor Bundesgericht hängig.

Viele Kriminaltouristen

Nur 42 der 1039 Landesverwei­ sungen betrafen Ausländer, die hier eine Aufenthalts­ oder Nie­ derlassungsbewilligung hatten und damit länger in der Schweiz lebten (vgl. Grafik). Alle anderen Wegweisungen wurden in erster Linie gegen Ausländer verhängt,

Die Weggewiesenen begingen mehrheitlich Diebstahl- und Drogendelikte: Ausschaffungs- gefängnis in Kloten.

Nur die wenigsten verurteilten Ausländer leben schon länger in der Schweiz.

Ausschaffungen

Konsequenterer Vollzug gefordert

Die Ausschaffungsinitiative, ihre Umsetzung und ihre Anwendung haben eine mitt- lerweile mehr als zehnjährige Geschichte. 2007 begann die SVP mit der Unterschriften- sammlung, 2010 nahmen die Stimmberechtigten die Initia- tive an, 2016 trat sie in Kraft. Allerdings sind noch immer Vorstösse von SVP- und FDP- Parlamentariern zum Thema hängig. So hatte SVP-National- rat Felix Müri schon 2013 ver- langt, dass der Bund eine Voll- zugsstatistik zur Ausschaffung krimineller Ausländer erstellt. Das Parlament nahm seinen Vorstoss ein Jahr später an, die Statistik gibt es allerdings noch immer nicht (vgl. Artikel links). FDP-Ständerat Philipp Müller wiederum forderte im letzten Frühling einen konsequenteren Vollzug von Landesverweisun- gen. Der Ständerat nahm seine Motion letzten Monat an; jetzt muss der Nationalrat darüber befinden. (luh.)

die sich hier illegal aufhielten. Dazu zählen unter anderem Kri­ minaltouristen. Womöglich muss das Bundes­ amt für Statistik ein drittes und allenfalls ein viertes Mal Zahlen zum Thema veröffentlichen. So ist noch immer nicht klar, wie hoch die politisch umstrittene Härtefall­Quote genau ist. Dabei ist unter anderem die Frage ent­ scheidend, ob bei einer Verur­ teilung wegen einfachen Betrugs automatisch eine Landesverwei­ sung ausgesprochen werden muss oder nicht. Ebenfalls noch unklar ist, wie viele der verhängten Landes­ verweisungen tatsächlich voll­ zogen werden und wie viele nicht. «Diese Daten haben wir bis jetzt nicht ausgewertet», sagt Isabel Zoder vom Bundesamt für Statistik. Das Amt müsse diese Angaben zuerst auf Vollständig­ keit, Qualität und Aussagekraft prüfen. «Das wird noch Zeit in Anspruch nehmen.»

Neue Doppelstockzüge von Bombardier rollen unruhig

Weil die Wagen bei tiefem

Tempo schütteln, sind

Massnahmen erforderlich.

SBB zeigen sich unzufrieden

mit dem Fahrkomfort.

Andreas Schmid

Ab nächstem Dezember sind die neuen Doppelstockzüge des Her­ stellers Bombardier fix im Fahr­ plan vorgesehen. Doch nach wie vor sind für die Einführung der Kompositionen intensive Arbei­ ten nötig. Vor allem bereitet die sogenannte Laufruhe den Verant­ wortlichen von Bombardier und SBB derzeit Probleme. Die Laufruhe des Doppelstock­ zugs weise bei tiefen Geschwin­ digkeiten Verbesserungsbedarf auf, sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. Das heisst, dass die Pas­ sagiere Erschütterungen spüren und der Fahrkomfort nicht opti­ mal ist. «Die SBB sind mit dem erreichten Stand noch nicht zu­ frieden», hält Schärli fest. Mit

Analyse­ und Messfahrten soll ein qualifiziertes Institut die Ur­ sachen der Probleme eruieren. «Danach wird Bombardier die weiteren Massnahmen definie­ ren», sagt Schärli. Was die zusätzlichen Anstren­ gungen kosten, wollen Besteller und Lieferant nicht sagen. Bom­ bardier­Sprecher Andreas Boni­ fazi erklärt zu den Problemen mit der Laufruhe, die Intercity­Kom­ position sei auf hohe Geschwin­ digkeiten optimiert, so dass es bei tiefem Tempo eher unruhiger werden könne. Zudem fahre der Zug derzeit häufig auf Neben­ linien, wo es mehr Bewegungen gebe. «Mit den Messungen möch­ ten wir nun eine Vergleichbarkeit mit anderen Fahrzeugen erhal­ ten», sagt er. Verbesserungsmass­ nahmen könnten beispielsweise im Anbringen von Dämpfern oder in veränderten Software­Einstel­ lungen bestehen. SBB-Sprecher Reto Schärli be­ tont, dass Optimierungen zur

DARIO HÄUSERMANN / SBB
DARIO HÄUSERMANN / SBB

Muss nachgerüstet werden: Die neue Intercity-Kombination der SBB. (Uzwil, 28. März 2017)

Betriebseinführung eines neuen Zugs gehörten. Grundsätzlich hätten die SBB auf über 1000 Fahrten mit 170 000 Passagieren positive Erfahrungen mit dem neuen Bombardier­Doppelstö­ cker gesammelt. Der Zug mit der Bezeichnung FV-Dosto war von den SBB bereits

2010 in Auftrag gegeben worden. 1,9 Milliarden Franken bezahlt das Unternehmen für 62 Kompo­ sitionen. Ursprünglich hätte die Auslieferung bereits ab Ende 2013 erfolgen sollen, doch es kam unter anderem wegen Problemen bei der Konstruktion des Wagen­ kastens zu Verzögerungen. Die

SBB hatten 59 Züge bestellt, wegen der Verspätungen erhalten sie kostenlos 3 Kompositionen zusätzlich. Der Bombardier­Auftrag ist der bisher grösste in der Geschichte der SBB. Es geht um 436 Zug­ wagen mit über 36 000 Sitz­ plätzen. Ende November 2017 gab

das Bundesamt für Verkehr die Bewilligung für den kommerziel­ len Einsatz der Bombardier­Fahr­ zeuge, vorerst auf ein Jahr befris­ tet. Seit vergangenem Februar verkehren Züge mit Passagieren durch die Schweiz. Noch ausstehend ist ein Ent­ scheid des Bundesverwaltungs­ gerichts, das der Behinderten­ dachverband Inclusion Handicap mit einer Beschwerde einschal­ tete. Die Organisation bemängelt, dass Rollstuhlfahrer den neuen Zug nicht selbständig verlassen könnten und dass Sehbehinderte in der Nutzung der Toiletten ein­ geschränkt seien. Sie hätten zu­ dem in den Wagen mehrere Stol­ perfallen zu umgehen. Das Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen hatte im Februar in einer Zwischenverfügung be­ schlossen, dass die Bundes­ bahnen vorerst keine Anpassun­ gen vornehmen müssten. Ob dies so bleibt, wird das definitive Urteil zeigen.

ENNIO LEANZA / KEYSTONE

PETER SCHNEIDER / EPA

10

Schweiz

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Nationalräte laden Geheimdienst-Chef vor

Parlamentarier wollen Auskunft zur Russland-Affäre – und verlangen Gegenmassnahmen

Sebastian Bräuer,

René Donzé

Am Montag hat der Chef des Nachrichtendienstes, Jean-Phil- ippe Gaudin, einen Termin im Bundeshaus. Erwartet wird der neue Geheimdienstchef von den Mitgliedern der Sicherheitspoli- tischen Kommission des Natio- nalrates. Das Traktandum: Opera- tionen des russischen Geheim- dienstes auf Schweizer Boden. Seit wenigen Tagen ist offiziell, was der «Tages-Anzeiger» im September aufgedeckt hat: Der Cyberangriff russischer Spione auf die Weltantidopingagentur (Wada) im Jahr 2016 hatte teil- weise in der Schweiz stattgefun- den. Auch das Chemiewaffen- labor Spiez, wo Spezialisten den Giftangriff auf den russischen Doppelagenten Sergei Skripal ana- lysierten, wollten sie aushorchen, doch dazu kam es nicht mehr. Die Agenten wurden in den Nieder- landen verhaftet, wie die Behör- den am Donnerstag mitteilten. In ihrem Kofferraum: Hilfsmittel, um in Computernetzwerke einzu- dringen, und ein Laptop, der be- reits in Lausanne für den Lausch- angriff eingesetzt worden war. Was bekannt ist: Die Schweiz leistete ihren Beitrag dazu, dass der russische Lauschangriff auf- geflogen ist. «Der Nachrichten- dienst hat in Zusammenarbeit mit seinen niederländischen und bri- tischen Partnern aktiv an dieser Operation teilgenommen», sagt

Sprecherin Isabelle Graber. «Da- durch hat er dazu beigetragen, illegale Aktionen gegen eine kriti- sche Schweizer Infrastruktur zu verhindern.» Wie gross dieser Beitrag war, darüber schweigt sich der Dienst aus. Ebenso zu Fragen über eine allenfalls nötige Verstärkung der Cyberabwehr.

Russland als Bedrohung

Vor der Kommission des Natio- nalrats muss Nachrichtendienst- chef Gaudin nun dazu Stellung nehmen. «Er muss uns glaubhaft darlegen, dass der Geheimdienst in der Lage ist, mit solchen Bedro- hungen umzugehen», sagt die Zürcher Nationalrätin Priska Sei- ler Graf (sp.). Ihr Genfer Kommis- sionskollege Carlo Sommaruga (sp.) sagt: «Russland führt einen Desinformationskrieg gegen den Westen.» Dem müsse die Schweiz dezidiert und mit genügend Mit- teln begegnen. Die Frage ist auch, ob der Aus- bau der Cyberabwehr von Militär und Nachrichtendienst, wie von Bundesrat Guy Parmelin (svp.) angekündigt, auf Kurs ist und ge- nügt. «Falls das nicht der Fall ist, werden wir politischen Druck aufbauen», sagt Seiler Graf. Par- melin hat verschiedentlich vor der Zunahme der Cyber-Risiken gewarnt. Die Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Russ- land und dem Westen habe den Tiefpunkt noch nicht erreicht, schreibt er im Vorwort zum Lage- bericht des Nachrichtendienstes.

er im Vorwort zum Lage- bericht des Nachrichtendienstes. Ziel russischer Spione: Das Chemiewaffenlabor Spiez. (19.

Ziel russischer Spione: Das Chemiewaffenlabor Spiez. (19. 11. 2014)

Der Bericht bestätigt: «Grossange- legte Cyberangriffe, hinter denen eine russische Täterschaft vermu- tet wird, häufen sich. Seit einiger Zeit sind auch Schweizer Interes- sen ein Ziel.» Die Täter würden die «politischen und wirtschaft- lichen Interessen der russischen Regierung verfolgen». Wie der aktuelle Fall zeigt, sind auch internationale Organisatio- nen ein Ziel des russischen Ge- heimdienstes. Neben der Anti- dopingagentur sind dies unter

anderem das Internationale Olympische Komitee (IOK) und der Weltfussballverband Fifa. Die Hacker entwendeten über Phishing-Attacken Passwörter von Mitarbeitern der Organisa- tionen. So gelangten sie an Infor- mationen über Spitzensportler – etwa an eine Liste von zum Teil prominenten Athleten, die von ihren Ärzten Ausnahmegeneh- migungen für Medikamente er- halten hatten, obwohl diese als Dopingmittel gelten. Ab Septem-

ber 2016 veröffentlichte die russi- sche Gruppierung «Fancy Bear» Teile der gestohlenen Daten. Da- mit wollten sie die Organisatio- nen blossstellen, die sich in jener Zeit mit dem systematischen Doping in Russland befassten.

Cyber-Kurse bei der Wada

Die Wada betonte am Freitag auf Anfrage, sie habe die Massnah- men zum Schutz vor Cyberangrif- fen seit 2016 erheblich ausge- baut. Es gebe nun verpflichtende Cyber-Kurse für sämtliche Mit- arbeiter. Diese müssten ihre Exis- tenz mit personalisierten Fragen verifizieren. Zudem werde stren- ger überwacht, wer sich wo in das System einlogge. Auch die Fifa erklärte, sie nehme das Thema Datensicherheit ernst und ver- bessere die Systeme laufend. Im Falle des Hackerangriffs auf die Wada in Lausanne ermittelt die Bundesanwaltschaft. Sie war- tet derzeit auf die Ermächtigung des Bundesrats für die Eröff- nung eines Strafverfahrens. Für Ständerat Claude Janiak, Präsi- dent der Geschäftsprüfungsdele- gation, gibt es «keinen Grund, weshalb der Bundesrat diese Er- mächtigung nicht erteilen sollte». Die Delegation liess sich vom Nachrichtendienst zur Russland- Affäre informieren. Janiak sagt, die Informationen der Niederlän- der hätten bestätigt, was die Dele- gation bereits gewusst habe.

Kommentar Seite 17

die Dele- gation bereits gewusst habe. Kommentar Seite 17 Gewinner Lukas Dhont. Goldenes Auge geht nach

Gewinner Lukas Dhont.

Goldenes Auge geht nach Belgien

Der Preis für den besten inter- nationalen Spielfilm des 14. Zurich Film Festival (ZFF) wurde gestern Samstag im Opernhaus dem belgi- schen Erstling «Girl» von Lukas Dhont verliehen. Er erzählt von einem 16-Jährigen, der gerne ein Mädchen wäre und Ballerina wer- den möchte. Das Drama über eine Geschlechtsumwandlung läuft ab 18. Oktober im Kino. Das Goldene Auge für den besten Dokumen- tarfilm ging an «Heartbound» über das Schicksal von Thailän- derinnen, die nach Dänemark reisten, um einen reichen Mann zu heiraten. Das Goldene Auge für den besten Beitrag aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ging ans österreichische Coming-of-Age-Drama «L’ani- male» von Katharina Mückstein. Höhepunkt der Gala war die Auszeichnung von Wim Wenders für sein Lebenswerk. Der deut- sche Regisseur forderte Netflix und Amazon auf, ihre Filme doch ebenfalls im Kino zu zeigen. (cj.)

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PASCAL MORA

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Schweiz

Bundesrat

11

«Wer kandidieren will, muss jetzt in seine Hausmacht investieren»

FDP-Doyen Franz Steinegger sagt, was Anwärter für

den Bundesrat nun tun – und was sie lassen sollten.

Interview: Daniel Friedli, Andrea Kučera

NZZ am Sonntag: Sie sind zwei-

mal zur Bundesratswahl angetre- ten und zweimal unterlegen. Wel- chen Rat geben Sie der Kronfavo- ritin der FDP, Karin Keller-Sutter, damit ihr nicht dasselbe passiert?

Franz Steinegger: Das Gefähr-

lichste ist, wenn man meint, eine Wahl schon im Sack zu haben. Nur weil die Medien sagen, man sei Kandidat, ist man noch lange nicht gesetzt. Man muss das Medieninteresse befriedigen, aber stets deutlich zum Aus- druck bringen, dass die Fraktion das letzte Wort hat.

Im Fall von Keller-Sutter ist die Favoritenrolle so klar, dass man sich fragt, ob überhaupt jemand neben ihr kandidieren mag. Ist das ein Vor- oder Nachteil? Hätte Johann Schneider- Ammann mit seinem Rücktritt zugewartet, wäre die CVP in der Pflicht gewesen, eine Frau zu bringen. Dann wäre das Kandi- datenfeld bei der FDP womög- lich breiter gewesen. So, wie es jetzt ist, führt kein Weg an Karin Keller-Sutter vorbei. Für sie ist das sicher kein Nachteil.

Sie haben die Frauenfrage ange- sprochen. Braucht es denn jetzt zwei neue Frauen im Bundesrat? Braucht es vier Männer im Bundesrat? Oder drei? Ich finde, die Qualifikation ist das Ent- scheidende. Das Geschlecht ist ein Kriterium, aber es darf nicht das einzige sein. Ich habe keine Vorbehalte gegenüber Frauen. Ich war beteiligt, als die FDP 1984 mit Elisabeth Kopp die erste weibliche Bundesrats- kandidatin aufstellte. Aber die derzeitige Gender-Debatte finde ich ehrlich gesagt übertrieben. Genaue Mengenvorgaben zu machen, ist undemokratisch.

Würden Sie es denn heute wagen, als Mann neben Keller-Sutter zu kandidieren? Ich bin froh, dass ich mir das nicht mehr überlegen muss.

Wie sehen Sie die Ausgangslage bei der CVP, die den Sitz von Doris Leuthard besetzen muss? Sehr offen. Die sind in einer gewissen Verlegenheit. Es gibt

valable Kandidaten, auch aus- serhalb des Parlaments. Ich denke etwa an den Bundeskanz- ler Walter Thurnherr. Aber nie- mand drängt sich auf.

Die Rücktritte sind nun etwas mehr als eine Woche alt, langsam müssen die Papabili aus der Deckung kommen. Was ist die beste Methode, um eine Kandida- tur zu lancieren? Man darf sich sicher nicht zu früh aus dem Rennen nehmen. All die Artikel über potenzielle Anwärter, die sind gut fürs Pres- tige. Das ist Gratispropaganda. Wer ernsthaft kandidieren will, muss jetzt sein Netzwerk akti- vieren, bei Parteikollegen und Interessenorganisationen vor- stellig werden, in seine Haus- macht investieren. Aber er oder sie darf sich nicht zu stark in den Vordergrund drängen.

Wie schafft man sich so eine Hausmacht? Man muss sicherstellen, dass die Region hinter einem steht. Und man muss Fraktionskolle- gen gewinnen, die dann bei anderen Kollegen lobbyieren.

Aber wieso sollten eigentlich die Kollegen aus derselben Region helfen? Wenn zum Beispiel ein St. Galler gewählt wird, heisst das ja in der Regel für alle anderen St. Galler, dass sie nicht mehr Bundesrat werden können. So viel Solidarität gibt es schon. Aber genau weiss man das nie. Es wird im Bundeshaus nie so viel gelogen wie vor einer Bundesratswahl. Es sagt doch keiner dem anderen frontal ins Gesicht: Du kommst für mich nicht infrage. Zu meiner Zeit waren wir in der FDP-Fraktion 67 Leute. Aber wenn wir alle

waren wir in der FDP-Fraktion 67 Leute. Aber wenn wir alle Es wird nie so viel

Es wird nie so viel gelogen im Bundeshaus wie vor einer Bundesratswahl.

Stimmen zusammengezählt hätten, die einer einem anderen versprochen hat, wären wir wohl auf 200 Mitglieder gekommen.

Die erste Hürde ist es, aufs Ticket der eigenen Fraktion zu kommen. Danach kommen die Hearings bei den anderen Parteien. Wie wich- tig sind diese? Für Kandidaten von ausser- halb der Bundesversammlung haben die Hearings Bedeutung. Aber bei National- und Stände- räten ist es bloss ein Schau- laufen. Man kennt sich ja bereits.

Welche Rolle spielen denn die Partei- und Fraktionspräsidenten bei einer Bundesratswahl. Sind sie die heimlichen Strippenzieher? Sie können nur sicherstellen, dass es ein korrektes Verfahren gibt. Ihr Einfluss ist beschränkt.

Ist es demnach bloss eine Legende, dass sich die Parteispit- zen untereinander absprechen? Ich habe das in meiner Zeit als FDP-Präsident nur einmal erlebt, anno 1993, als die SP-Kandidatin Christiane Brunner nicht ge- wählt wurde. Da hat die FDP an einer entscheidenden Sitzung der Partei- und Fraktionschefs am Sonntagabend zur SP gesagt:

Wenn ihr nicht noch eine zweite Frau bringt, verliert ihr den Sitz.

Also gibt es doch Absprachen. Es war eine Ausnahmesitua- tion. Draussen auf dem Bundes- platz protestierten nach der Nichtwahl Hunderte von Frauen. Selbst die Patriarchen im Parla- ment wussten: Jetzt braucht es eine Frau. Die SP glaubte, sie könne es mit Brunner durch- ziehen. Sie spekulierte darauf, dass die Bürgerlichen nieman- den haben. Doch ich stiess am Freitagabend vor dieser Sitzung auf den Namen Anne Petitpierre, eine Genfer FDP-Grossrätin. Ich steckte diesen Namen einem Journalisten vom «Blick» zu, und der berichtete am Samstag vom Geheimplan der Bürgerlichen:

«Bürgerliche wollen diese Frau». Das brachte Bewegung: Die Sozialdemokraten sahen sich gezwungen, mit Ruth Dreifuss eine zweite Frau zu portieren.

gezwungen, mit Ruth Dreifuss eine zweite Frau zu portieren. Spricht aus eigener Erfahrung: Der frühere FDP-Präsident

Spricht aus eigener Erfahrung: Der frühere FDP-Präsident Franz Steinegger. (Altdorf, 5. Oktober 2018)

Franz Steinegger

Der 75-jährige Urner ist ein Urgestein der Schweizer Poli- tik. Er war 23 Jahre lang Natio-

nalrat, präsidierte von 1989 bis

2001

die FDP Schweiz und

meldete sich zweimal als Bun- desratskandidat, wenn auch ohne Erfolg. 1989 wurde ihm Kaspar Villiger vorgezogen,

2003

scheiterte er in der

Fraktion an Hans-Rudolf Merz und Christine Beerli. (dli.)

Die Parteispitzen haben also nur beschränkten Einfluss. Wer macht denn letztlich die Bundesräte? Die Einflüsse sind derart viel- fältig, es gibt keinen entschei- denden Faktor. Wie gesagt: Am wichtigsten ist eine Hausmacht.

Welche Rolle spielen Lobbys von ausserhalb, etwa die Wirtschafts- oder Umweltverbände? Sie spielen eine Rolle, aber im Hintergrund. 2003, bei der Wahl von Hans-Rudolf Merz und Christoph Blocher, war allen klar, dass die Wirtschaft und die Banken dieses Duo pushte.

Solche Unterstützung kann aber auch ein Risiko sein. Je klarer ein Kandidat nur einem bestimmten Lager zugeordnet wird, desto

grösser ist auch die potenzielle Gegnerschaft. Man darf nie allzu laut sagen, wen man unterstützt. Das läuft alles informell.

Ist es am Ende nicht einfach so:

Gewählt wird der, den die politi- sche Konkurrenz als den Schwächsten einstuft? Das kann vorkommen. Aber es gibt genug Gegenbeispiele. So hat zum Beispiel die Linke Ueli Maurer gewählt, obwohl dieser als SVP-Präsident nie ein Blatt vor den Mund genommen hatte.

Zum Schluss Ihr Tipp: Wer wird am 5. Dezember Bundesrat? Ich wette grundsätzlich nie. Aber ich nehme an, dass es Karin Keller-Sutter schaffen wird.

Bundesrats-Nachfolge

Warten

auf

Keller-

Sutter

Zweieinhalb Wochen vor Melde- schluss ist es im Rennen um die Nachfolge der Bundesräte Johann Schneider-Ammann und Doris Leuthard ruhig, auffällig ruhig. Es scheint, dass viele potenzielle Anwärter erst einmal abwarten, was die grosse Kron- favoritin Karin Keller-Sutter (fdp.) macht. Die heutige Stände- ratspräsidentin will sich dem Vernehmen nach bald zu ihren Plänen äussern, und alles andere als eine Kandidatur der 54-jähri- gen St. Gallerin wäre eine Über- raschung. Weitgehend offen ist das Feld immer noch bei der CVP. Seitens der CVP-Frauen hört man neben dem Namen der Walliser Natio- nalrätin Viola Amherd derzeit häufig auch denjenigen von

Heidi Benedikt Z’graggen Würth
Heidi
Benedikt
Z’graggen
Würth

Heidi Z’graggen. Die 52-jährige Politikwissenschafterin amtet seit vierzehn Jahren als Justiz- direktorin im Kanton Uri, gehörte zehn Jahre lang dem Präsidium der CVP Schweiz an und präsidiert zurzeit die Eid- genössische Natur- und Heimat- schutzkommission. Sie überlegt sich dieser Tage eine Kandidatur und nennt auf Anfrage schon

einmal zwei Gründe, die dafür sprechen würden: Sie habe es in ihrer Laufbahn persönlich immer wieder erlebt, wie stark Frauen in der Politik unterver- treten seien. Zudem habe sie als Präsidentin der Zentralschweizer Regierungskonferenz gespürt, wie wichtig es wäre, dass auch diese Region wieder einmal im Bundesrat vertreten ist. Z’grag- gen könnte dabei auch noch ins Feld führen, dass der Kanton Uri zu den fünf Kantonen gehört, die noch nie einen Bundesrat gestellt haben. Immer klarer scheint aber auch, dass die Frauen trotz breit anerkanntem Anspruch nicht einfach durchmarschieren werden. Sowohl in der FDP wie auch in der CVP ist zu hören,

dass einige Männer daran sind, eine Kandidatur vorzubereiten. Auf freisinniger Seite soll dem- nach der Bündner Ständerat Martin Schmid dabei sein, seine Chancen zu sondieren. Als Poli- tiker mit eher rechtem Profil könnte er sicher in der SVP punkten. Aus der CVP ist derweil mindestens eine Männerkandi- datur zu erwarten. Diese wird aber nicht vom Luzerner Regie- rungsrat Reto Wyss kommen. Er sagt auf Anfrage, er sehe sein Wirkungsfeld in den nächsten Jahren in Luzern. Dafür hält sich aus der Ost- schweiz der St. Galler Regie- rungsrat Benedikt Würth weiter im Gespräch. Er machte sich diese Woche in seinen Ferien in Frankreich Gedanken über eine

Kandidatur und richtete von dort dem «Blick» schon einmal aus, dass die FDP in seinem Urteil ein reines Frauenticket aufstellen sollte – was natürlich sofort die Wahlchancen eines CVP-Mannes erhöhen würde. Wenig hält Würth sodann von der These, dass er mit einer Kandidatur gleich zum doppel- ten Ladykiller werden könnte, indem er zuerst eine CVP-Frau verhindert und danach bei der anschliessenden Wahl für den freisinnigen Sitz auch die Chan- cen von Karin Keller-Sutter schmälert, die aus dem gleichen Kanton kommt. «Wir hatten schon zwei Berner und zwei Zürcher im Bundesrat. Also ver- trägt es auch zwei St.Galler», sagte Würth. (be., dli., aku.)

PATRICK B. KRAEMER / KEYSTONE

MAIKA ELA / BLOOMBERG

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Schweiz

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Fragwürdige Visa-Praktiken

Wer in einem Drittstaat ein Visum für die Schweiz beantragt, erlebt

Eingriffe in die Privatsphäre. Das zeigt ein Fall aus Vietnam

Laurina Waltersperger

Was wollen die noch, fragt sich Hoa. Die Vietnamesin steht in einem Visa-Center in Hanoi. Sie ist 1000 Kilometer angereist. Hoa möchte ihren Freund in der Schweiz besuchen. Sie übergibt die Antragspapiere und einige Fotos dem Schalterangestellten. Die Bilder zeigen Hoa mit ihrem Freund David, Arm in Arm. «Das reicht nicht aus», sagt dieser. Die Fotos bezeugten nicht ausrei- chend, dass Hoa und David ein Paar seien. So lautet das Urteil des externen Visa-Centers, das die Anträge im Auftrag des Schweizer Konsulats annimmt. Hoa soll Aus- züge des täglichen Chat-Austau- sches auf dem Handy vorlegen. Hoa hat nur diese eine Chance auf ein Visum. Also geht sie und kopiert die Kuss-Zeichen und süs- sen Worte, die sie täglich mit David austauscht, auf Papier und händigt sie am Schalter aus. Sie habe sich ausgeliefert ge- fühlt, sagt David. Als Hoa ihn da- nach anrief, war es in der Schweiz drei Uhr nachts. Beide sind scho- ckiert ob der Methoden. Ein sol- cher Eingriff in die Privatsphäre für ein Visum von 30 Tagen sei absurd und menschenunwürdig, sagt David. Migrationsrechtler beobachten beim Visaverfahren in Drittstaaten immer häufiger fragwürdige Methoden. Der Visa- andrang ist gross: 2017 beantrag- ten 590 000 Personen ein Visum für die Schweiz. Das ist so viel wie noch nie.

Inakzeptable Forderungen

«Die Methoden in Hanoi sind übergriffig und unverhältnismäs- sig», sagt der Migrationsrechts- Experte Marc Spescha. Antrag- steller aus Drittstaaten, das heisst aus Ländern ausserhalb des Schengen- und Efta-Raums, kön- nen auf Einladung einer in der Schweiz lebenden Person ein Be- suchervisum beantragen. Jeder Antragsteller unterliege der Mit- wirkungspflicht, sagt Spescha. Das bedeute, dass der Antragstel- ler die Beziehung zur einladen- den Person plausibel darlegen müsse. Methoden wie in Hanoi seien jedoch inakzeptabel. Das findet auch der Zürcher Migrationsrechtler Babak Far- gahi. Er berät Antragsteller aus Drittstaaten und beobachtet, dass bei Paaren die Visaanträge des ausländischen Partners oftmals abgelehnt werden. Er habe etli- che solche Fälle aus Kuba, Russ- land, Weissrussland oder Thai- land gesehen. Der Grund ist stets der gleiche: «Die Behörden be- fürchten, dass die Personen die

«Die Behörden be- fürchten, dass die Personen die Wollen Vietnamesen in die Schweiz reisen, ist das

Wollen Vietnamesen in die Schweiz reisen, ist das oft unmöglich. Im Bild die Stadt Hanoi. (11. 9. 2018)

Rekord bei Visaanträgen

590 000

Die Schweiz nahm 2017 total 590 000 Visaanträge entgegen. Das sind so viele Gesuche wie noch nie. 520 000 Begehren waren Schengen-Visa von Per- sonen aus Drittstaaten. In knapp 480 000 dieser Fälle er- teilten die Behörden das Visum. Die meisten Gesuche stammten aus Indien, es folgen Iran, China, Kosovo und Thailand. Die Ablehnungsquote betrug 2017 acht Prozent. Am häufigsten lehnten die Behörden Anträge ab, die aus Indien stammten. Auf sie folgten Gesuche aus Kosovo, Pakistan, Iran und Sri Lanka. (wal.)

Schweiz nicht mehr verlassen.» Handle es sich nicht um reiche Touristen, falle die Risikoanalyse der Schweizer Behörden meist negativ aus, stellen Fargahi und weitere Rechtsexperten fest. Die Schweiz fahre eine restriktive Migrationspolitik Antragsteller wie Hoa haben schlechte Karten. Die Visapraxis falle in der Regel nicht unter grundrechtliche Schutzbestim- mungen, sagt Peter Uebersax, Professor für öffentliches Recht an der Universität Basel. «Damit sind Antragsteller aus Drittstaa- ten oft dem Ermessen der Be- hörde ausgeliefert.» Werden Visa- absagen rechtlich angefochten, entscheide letztlich das Bundes- verwaltungsgericht. Dort fielen viele Entscheide negativ aus, meist wegen der reinen Prognose, dass der Antragsteller die Schweiz nicht mehr verlassen könnte. Von den 520 000 Schengen-Ge- suchen 2017 entfallen viele auf Touristen aus Indien und aus China (siehe Box). Es seien acht Prozent der Anträge abgewiesen worden, heisst es beim Staats- sekretariat für Migration. Die Quote sei jedoch irreführend, sagt Fargahi. Denn viele reiche Touris- ten kämen über Touristenorgani- sationen ihres Heimatlandes in die Schweiz. Diese arbeiteten mit den Schweizer Tourismusorganisatio- nen und Behörden zusammen. Zum Vorfall in Hanoi schreibt das eidgenössische Amt für aus- wärtige Angelegenheiten (EDA), bei der Einreise oder im Visum- verfahren könnten ergänzende

Informationen verlangt werden. In Hanoi sei «ein Fehler bei der Entgegennahme der Unterlagen aufgetreten». Man könne nicht weiter Stellung nehmen, zum «Schutz persönlicher Daten». An- gesichts des hohen Antragsvolu- mens könnten einzelne Fehler nicht ausgeschlossen werden.

Dritte prüfen für Schweiz

Das Antragsvolumen bewältigen an 58 Standorten externe Dienst- leister für die Schweiz: Vier von fünf Schengen-Anträgen gehen dort oder online ein. Seit 2013 setzt das EDA die luxemburgische Firma TLS Contact und Kuoni- Tochter VFS in jenen Ländern ein, die jährlich mehr als 2500 An- träge zählen. Juristen kritisieren diese Praxis: «Das Auslagern von staat- lichen Aufgaben ist grundsätzlich problematisch», sagt Uebersax. Externe Dienstleister würden oft nicht zureichend instruiert und überwacht. Diese Situation er- schwere es Betroffenen, sich zu wehren. Es gebe regelmässige Kontrollen, teilt das EDA mit. In Vietnam wechselte das Amt die- sen Monat von TLS Contact zu VFS, nachdem der Vertrag mit TLS Contact ausgelaufen sei. Weder TLS Contact noch das Schweizer Konsulat antworteten auf Hoas und Davids Beschwerde. Doch Hoa erhielt das Visum. Vom Spiessrutenlauf bei den Behörden hatten ihr viele gescheiterte Landsleute abgeraten. Sie kennt bisher niemanden, der ein Schen- gen-Visum erhalten hätte.

bisher niemanden, der ein Schen- gen-Visum erhalten hätte. Gedränge zu Ferienbeginn am Flughafen Zürich. (16. 7.

Gedränge zu Ferienbeginn am Flughafen Zürich. (16. 7. 2016)

Neuer Anlauf für Flugticket-Abgabe

Flugreisende sollen für den

verursachten CO2-Ausstoss

bezahlen. Das fordern nun

auch bürgerliche Politiker.

Andrea Kučera

Mit der Ratifikation des Klima- abkommens von Paris hat sich die Schweiz verpflichtet, die Treib- hausgasemissionen bis 2030 um 50 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Wer wie viel zur Reduk- tion beitragen muss, regelt das CO2-Gesetz, das derzeit totalrevi- diert wird. Vorgesehen ist, dass etwa die Autoindustrie und der Gebäudesektor stärker in die Pflicht genommen werden. Flug- passagiere müssen gemäss Vorlage des Bundesrates weiterhin nichts für die von ihnen verursachten Klimaschäden bezahlen, obwohl der Luftverkehr erheblich zum Treibhausgasausstoss beiträgt. Doch das könnte sich nun ändern: Der «NZZ am Sonntag» liegt ein Antrag für eine Flug- ticketabgabe vor, der möglicher- weise schon nächste Woche, si- cher aber bis Ende Oktober in der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Ener- gie eingereicht wird. Dort wird das revidierte CO2-Gesetz derzeit vorberaten, bevor es im Dezember in den Nationalrat kommen soll. Neu ist, dass der Anlauf für einen Klima-Aufpreis auf Flug- billette nicht von links-grünen Politikern ausgeht, die sich seit Jahren für eine solche Abgabe einsetzen – bis anhin auf verlore- nem Posten. Federführend ist vielmehr der Solothurner CVP- Nationalrat Stefan Müller-Alter- matt, der seinen Antrag wie folgt begründet: «Fliegen ist viel zu bil- lig. Es geht nicht an, dass der Flugverkehr seine externen Kos- ten nicht tragen muss.» Zu den Unterstützern zählen unter ande- rem Müller-Altermatts Partei- kollege Karl Vogler sowie BDP- Nationalrat Hans Grunder und der Grünliberale Martin Bäumle.

Die Stimmen der rot-grünen Kommissionsmitglieder hat Mül- ler-Altermatt auf sicher, und auch einzelne FDP-Politiker könnten sich der Forderung anschliessen. So sagt etwa der Freiburger Natio- nalrat Jacques Bourgeois, er sei offen für eine solche Abgabe. Zählt man die in Aussicht ge- stellten Ja-Stimmen zusammen, könnte es in der Kommission für eine Mehrheit reichen, was noch vor wenigen Monaten undenkbar schien. Womöglich hat die Jahr- hundert-Trockenheit in diesem Sommer, den viele auf den Klima- wandel zurückführen, zu einem Umdenken geführt. Wie das Ple- num zum Vorschlag steht, ist schwer abzuschätzen. In der Be- völkerung jedenfalls liegt die Be- reitschaft, einen Klima-Aufpreis von 50 Franken auf das Flugticket zu bezahlen, bei 37 Prozent. Dies hat eine Umfrage ergeben, welche die den Umweltverbänden nahe- stehende Energiestiftung SES in Auftrag gegeben hat und die im Juni publiziert wurde. Konkret schlägt Müller-Alter- matt vor, dass bei Flugstrecken bis zu 2000 Kilometern ein Aufpreis von mindestens 12 Franken veran- schlagt wird. Ab 2000 Kilometern würden 30 und ab 4000 Flugkilo- metern 50 Franken zusätzlich fäl- lig. Ziel ist es, die Leute dazu zu bewegen, weniger zu fliegen. Ver- wendet würden die Erträge – ge- mäss Schätzungen mehrere hun- dert Millionen Franken jährlich – für Anpassungen an den Klima- wandel. Profitieren könnten etwa Landwirte, die wegen Dürren Ernteausfälle zu beklagen haben, oder Bergregionen, die in den Schutz vor Murgängen investieren müssen. Indem Müller-Altermatt das Geld unter anderem klimage- schädigten Bauern in Aussicht stellt, zielt er auf Unterstützung aus Agrarkreisen – ein geschickter Schachzug. Zumindest bei Bourgeois, dem Präsidenten des Bauernverbandes, scheint das Kalkül aufzugehen.

Classe politique

 

Albert Rösti, Wahlkämpfer, saust runter. Der SVP-Chef hat im Umfrage-Reigen dieser Tage einen ziemlichen Absturz erlebt. Am Sonntag kam seine Partei bei Tamedia noch auf 29,7 Prozent Wähleranteil, tags darauf fiel sie im «Blick» schon auf 28 Prozent, und am Donnerstag landete sie dann im «Wahlbarometer» der SRG bloss noch bei 27,4 Prozent. Geht es so weiter, ist die SVP schon bei null, lange bevor 2019 überhaupt gewählt wird. Rösti nahm es locker, vielleicht auch, weil er als Bergler weiss: Je weni- ger das Barometer anzeigt, desto höher ist man gestiegen.

Christian Levrat, Gegenspieler, fährt derweil im Zickzack in die andere Richtung. Für seine SP

Christian Levrat, Gegenspieler, fährt derweil im Zickzack in die andere Richtung. Für seine SP FOTOS: KEYSTONE

FOTOS: KEYSTONE

Christian Levrat, Gegenspieler, fährt derweil im Zickzack in die andere Richtung. Für seine SP FOTOS: KEYSTONE

Albert

Christian

Rösti

Levrat

wies die erste Umfrage vom Sonntag noch einen Verlust von 18,7 auf 17,9 Prozent aus. Bis zum Donnerstag und zur Umfrage der SRG hatte der flinke SP-Len- ker diese Schlappe aber bereits locker wieder in eine Zunahme auf 19,3 Prozent verwandelt. Kein Wunder, würde wohl Kon- trahent Rösti von der SVP dazu sagen: Die SRG war schliesslich schon immer links.

Die Eidgenossenschaft gesundet an St. Gallern

immer links. Die Eidgenossenschaft gesundet an St. Gallern Showdown Francesco Benini D iese Chance kommt nicht

Showdown Francesco Benini

D iese Chance kommt nicht so schnell wieder. Man sollte sie nutzen. Die Bundesversammlung kann am 5. Dezember zwei St. Galler in den

Bundesrat wählen: Karin Keller-Sutter und Benedikt Würth. Nun gibt es aber viele, die es für ausgeschlossen halten, dass dies pas- siert. Zwei St. Galler in der Landesregierung,

das sei unmöglich. Undenkbar. Warum die Abwehr? Zwei Berner, zwei Zürcher dürfen im Bundesrat sitzen – aber zwei Politiker aus dem stolzen Ostschweizer Stand nicht? Woher rührt die binnenrassistische Haltung? Liegt es am Dialekt? Wir St. Galler hören uns an wie quakende Frösche bei der Balz, das geben wir zu. Gleichzeitig kennt unser hoch- alemannisches Idiom Redewendungen von unvergleichlicher Farbigkeit und Ausdrucks- kraft. Wenn zum Beispiel etwas allzu häufig passiert, dann geschieht es «all Henneschiss». Nehmen wir an, es ist Bundesratssitzung, und Bundespräsident Berset fingert ständig an seinem Mobiltelefon herum. Bundesrat Würth würde sich daran stören und fragen:

«Muss das sein, dass Sie all Henneschiss an Ihrem Handy herumdrücken, Herr Bundes- präsident?» Die Stimmung im Bundesrat würde sich augenblicklich aufhellen. Wir St. Galler sind Alemannen. Wir gehen früh zu Bett und stehen früh auf. Wir sind pflicht- bewusst. In der Schweizer Armee ist es so:

Wenn ein heikler Auftrag ausgeführt werden muss, lässt man St. Galler Soldaten ran. Da weiss man, dass es gut kommt. Die Zürcher hingegen plärren in die Welt hinaus, was zu tun wäre, die Basler ergehen sich in ironi- schen Betrachtungen, und die Romands liegen seit Stunden betrunken unter den Bäumen. Die Eidgenossenschaft wäre nichts ohne den Kanton, in dem die Sonne aufgeht. Der 1803 von Napoleon Bonaparte eigen- händig zusammengeschustert wurde. Der haushälterisch mit seinen Mitteln umgeht und nicht Milliarden aus dem Nationalen Finanzausgleich herauspresst wie die trägen Burgunder. Gut, wenn man es genau nimmt, erhält St. Gallen Jahr für Jahr viele Millionen von anderen Kantonen. Anders als andere haben wir aber wenigstens ein schlechtes Gewissen dabei. Und was können wir denn dafür, dass sich im Toggenburg nichts bewegt ausser den beiden Kühen, die von Toni Brunner gemolken werden, und zwar ständig, all Henneschiss, sozusagen?

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OSCAR ALESSIO SRF

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Schweiz

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Doppelter Abstimmungskampf

Bei der Selbstbestimmungsinitiative geht es um viel – auch um die Personenfreizügigkeit

Daniel Friedli

Es ist die nächste Runde in einem Duell, das so häufig und hart ge- führt wird wie kaum ein anderes in der Schweizer Politik: Die SVP gegen Justizministerin Simonetta Sommaruga. Aktuell steht es 5:3 für die SP-Bundesrätin. Sie hat drei SVP-Initiativen mit Erfolg be- kämpft und zwei eigene Vorlagen gegen die Volkspartei durch- gebracht. Umgekehrt wehrte sie sich vergeblich gegen die Zuwan- derungs-, die Ausschaffungs- und die Pädophilen-Initiative der SVP. Nun steht am 25. November der Entscheid über die Selbst- bestimmungsinitiative an – und damit in gewisser Weise die Mut- ter der bisherigen Auseinander- setzungen. Denn zum einen geht es dieses Mal nun grundsätzlich um die Frage, über die bisher an- hand einzelner Themen gestrit- ten wurde: Wer hat im Span- nungsfeld zwischen direkter Demokratie, Rechtsstaat und Völ- kerrecht was zu sagen? Und zum anderen wiederholen sich damit auch Debatten, die schon geführt wurden, etwa jene über die Per- sonenfreizügigkeit.

SVP fordert Kündigung

Mit ihrer Initiative verlangt die SVP, dass in der Schweiz die Bun- desverfassung grundsätzlich über dem Völkerrecht steht. Die Gerichte müssten verfassungs- widrige Verträge nicht mehr an- wenden, wenn ihr Abschluss – wie etwa im Fall der Europäi- schen Menschenrechtskonven- tion – keinem Referendum unter- stand. Zudem müsste der Bund bestehende Abkommen im Kon- fliktfall anpassen oder «nötigen- falls» kündigen. Es ist dieser Passus, der aus der anstehenden Abstimmung auch wieder einen Streit über die Per- sonenfreizügigkeit mit der EU macht. Denn in der Verfassung

sonenfreizügigkeit mit der EU macht. Denn in der Verfassung Im Zentrum der Debatte um die Selbstbestimmungsinitiative:

Im Zentrum der Debatte um die Selbstbestimmungsinitiative: Die Rolle der Richter.

steht immer noch, dass die Schweiz ihre Zuwanderung über Kontingente steuert – während das besagte Abkommen ja eben den freien Personenverkehr be- gründet. Bisher warnten nur ver- einzelte Staatsrechtler davor, dass die Initiative damit auch die Personenfreizügigkeit wieder in- frage stellt. Nun pocht deutlicher als bisher auch die SVP darauf: Ja, zwischen dem Verfassungsartikel zur Zuwanderung und dem Frei- zügigkeitsabkommen bestehe ein Widerspruch, schreibt sie in einer Stellungnahme. Im Falle eines Ja am kommenden 25. November müsste daher «der Bundesrat die Anpassung suchen und nötigen-

falls kündigen». Und damit, so will es die Guillotine-Klausel, fie- len auch die übrigen Abkommen der Bilateralen I dahin. Der Kampf um Volksrechte und Völkerrecht ist also auf mehreren Ebenen neu lanciert, allerdings mit einer überraschenden Wen- dung: Die SVP gibt sich zahm wie selten. Beim Start ihrer Kampag- ne vermittelte sie diese Woche primär die nüchterne Botschaft, die Initiative bewahre die direkte Demokratie, die Unabhängigkeit und den Wohlstand des Landes. Auf persönliche Angriffe wurde gänzlich verzichtet, ebenso wie auf die früheren Klagen über Putschversuche oder Staatsstrei-

che durch Richter und die politi- sche Elite. Und auch von der einst lauten Kritik am Europäischen Menschenrechtsgerichtshof war nichts zu hören. Stattdessen signalisiert die Partei sogar Inter- pretationsspielraum beim Initia- tivtext: So müssten nur Verträge geändert oder gekündigt werden, die «klar» im Widerspruch zur Verfassung stehen, und nicht, wie die Wirtschaft mahnt, Hunderte von Handelsabkommen.

Soft wie lange nicht mehr

Schliesslich ist die Kampagne auch optisch weit weg von frühe- ren Auftritten. Statt mit schwar- zen Schafen oder Stiefeln wirbt

die Partei auf ihren Plakaten nun in lieblichem Orange mit einer jungen Frau und der simplen Bot- schaft: «Ja zur direkten Demokra- tie, Ja zur Selbstbestimmung». Das Signet der SVP fehlt, womit endgültig klar wird: Die Partei zielt in die Mitte der Bevölkerung – was wiederum die Sache aus Sicht ihrer Gegner noch gefähr- licher macht. «Mit diesem soften Auftritt verschleiert die SVP be- wusst, wie radikal ihre Initiative den Schutz der Menschenrechte schwächt», sagt Andrea Huber, Initiantin der gegnerischen Allianz für Zivilgesellschaft. Betont sachlich argumentiert aber auch Justizministerin Som- maruga. Sie warnt vor allem, die Initiative gefährde die Stabilität und Verlässlichkeit der Schweiz. Und sie kritisiert, durch den ge- planten Kündigungsmechanis- mus werde das Volk geschwächt statt gestärkt. Auf politische oder wirtschaftliche Katastrophen- szenarien verzichtet der Bundes- rat bewusst, auch das Schicksal des Freizügigkeitsabkommens lässt er offen. Ob dessen Kündi- gung nötig würde, lasse sich nicht sagen. Dazu sei die Initiative zu unklar formuliert. Klar ist indes dies: Falls Som- maruga im Justizdepartement bleibt, wird dies nicht ihr letzter Disput mit der SVP sein. Die Volkspartei hat bereits die nächs- te Initiative parat, die Begren- zungsinitiative, mit der sie die Personenfreizügigkeit dann ohne Wenn und Aber beenden will.

Selbstbestimmungsinitiative

Wie die fremden Richter richten

Die Selbstbestimmungsinitia- tive der SVP, die am 25. Novem- ber 2018 zur Abstimmung kommt, richtet sich in erster Linie gegen die sogenannten fremden Richter. Im Gegensatz zu den Schweizer Richtern seien diese «mit den schweizerischen Verhältnissen» nicht vertraut und kennten «den Wert unserer demokratischen Ordnung» nicht. So steht das Argumenta- rium der SVP zur Initiative – das allerdings schon vor dreieinhalb Jahren verfasst wurde.

Mit den fremden Richtern meint die Partei in erster Linie die Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschen- rechte in Strassburg. Diese rich- ten über angebliche oder tat- sächliche Verstösse gegen die Europäische Menschenrechts- konvention (EMRK), die seit 1950 besteht. Die Schweiz ratifi- zierte sie 1974. Die EMRK ent- hält Grundrechte wie das Recht auf Leben, das Recht auf Frei- heit und Sicherheit, das Folter- verbot, das Recht auf faire Ver-

fahren, das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens oder die Meinungsäusserungs- freiheit. In den letzten zehn Jahren haben in der Schweiz wohn- hafte Personen beim Europäi- schen Gerichtshof für Men- schenrechte mehr als 3000 Beschwerden eingereicht. Aller- dings entschied das Gericht in diesem Zeitraum lediglich in rund 90 Fällen. In 45, also der Hälfte, stellte es Menschen- rechtsverletzungen von Schwei-

zer Behörden fest. In den zehn Jahren zuvor, zwischen 1999 und 2008, hatte das Gericht die Schweiz bedeutend häufiger gerügt. In 38 von 45 Fällen ent- schieden die «fremden Richter» gegen die Schweiz. Das ent- spricht mehr als 80 Prozent. Einen der letzten «Schwei- zer»-Entscheide fällte das Gericht 2016. Damals entschied es, dass es in der Schweiz keine rechtliche Grundlage für den Einsatz von Versicherungsspio- nen gebe. (luh.)

In Kürze

Schweizer haben Angst vor Fake-News

Vier von fünf Menschen in der Schweiz sehen Fake-News als Gefahr für die Demokratie. Zu diesem Schluss kommt eine Umfrage der Forschungsstelle Sotomo. Eine Mehrheit ist der Ansicht, diese Gefahr liesse sich durch schulische Bildung eindämmen. Für die grosse Mehrheit ist das Internet schuld an dieser Entwicklung.

74

Prozent geben an, seit

dessen Aufkommen sei der Anteil an Unwahrheiten in den klassischen Medien grösser geworden. (sda)

Junge Frau in Basel vergewaltigt

In der Stadt Basel ist am Frei- tagabend eine junge Frau von Unbekannten vergewaltigt worden. Wie die Staatsanwalt- schaft am Samstag mitteilte, war die ortsunkundige Frau zuerst mit einer Freundin unterwegs. Dann verweilte sie allein am Rheinbord beim Museum Klingental. Zwischen

18

und 19 Uhr sprachen sie

zwei Männer an und packten sie, als sie gehen wollte. Wäh- rend der eine sie festhielt, ver- ging sich der andere an ihr. Dann flüchteten die Täter. Sie sprachen Deutsch, einer ist rund 20 Jahre alt, der andere unbekannten Alters. (zzs.)

Mädchen von Traktor überrollt

Ein vierjähriges Mädchen ist

am Freitagabend in Brütten bei einem Unfall tödlich verletzt worden. Es fuhr gegen 18 Uhr

15

Uhr auf dem Traktor eines

64-jährigen Landwirts mit, wie die Kantonspolizei Zürich am Samstag mitteilte. Dieser war im Begriff, Arbeiten auf dem Feld zu erledigen. Dabei fiel das Mädchen aus noch unge- klärten Gründen vom Fahrzeug und wurde überrollt. Trotz sofort eingeleiteter Reanima- tion verstarb es noch auf der Unfallstelle. (sda)

Schwer verletzt in der Jauchegrube

Am Samstagmorgen ging bei der Polizei die Meldung ein, dass in einer Jauchegrube in Urdorf zwei leblose Körper lägen. Die Rettungskräfte bargen die beiden Männer, reanimierten sie und brachten sie ins Spital. Laut der Kantons- polizei Zürich befinden sie sich in kritischem Zustand. Nach ersten Erkenntnissen waren die beiden mit Reinigungsarbeiten beschäftigt gewesen. (zzs.)

Wahl des TV- und Radio-Chefs Anfang November

Als aussichtsreichste

Anwärter auf den Posten des

Radio- und Fernseh-Direktors

werden Nathalie Wappler und

Hansruedi Schoch gehandelt.

Francesco Benini

Am 6. und 7. November trifft sich der Verwaltungsrat der SRG zu Sitzungen; läuft alles nach Plan, wählt das Gremium dann den Nachfolger Rudolf Matters als Direktor von Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Der Regionalvorstand der Deutschschweizer SRG-Sektion wird dem Verwaltungsrat einen Vorschlag unterbreiten. Invol- viert in das Auswahlverfahren

Vorschlag unterbreiten. Invol- viert in das Auswahlverfahren Nathalie Wappler (29. Mai 2017) Hansruedi Schoch (22.

Nathalie Wappler (29. Mai 2017)

in das Auswahlverfahren Nathalie Wappler (29. Mai 2017) Hansruedi Schoch (22. April 2017) sind ausserdem

Hansruedi Schoch (22. April 2017)

sind ausserdem SRG-General- direktor Gilles Marchand sowie ein Headhunter. Das Feld der Anwärter hat sich in den vergangenen Wochen stark gelichtet. Kandidaten, die ihre Berufserfahrung vor allem auf Zeitungsredaktionen und nicht bei Radio- oder Fernsehanstalten gesammelt haben, sind offenbar nicht mehr im Rennen. Mehrere SRG-Mitarbeiter berichten von einem Kampf zwischen zwei Be- werbern, die von Anfang an zum Kreis der aussichtsreichsten An- wärter auf den Chefposten ge- zählt wurden: Da ist zum einen Nathalie Wappler, 50, Programm- direktorin des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle. Sie war zuvor

Kulturchefin von Schweizer Ra- dio und Fernsehen. Ihr Hauptkonkurrent ist Hans- ruedi Schoch, 52, zurzeit Stellver- treter von Direktor Matter und Leiter der Abteilung Programme. Er ist verantwortlich für die Pro- grammstrategie von Radio und Fernsehen und auch für das On- line-Angebot. Wer macht das Rennen? Wap- pler ist Favoritin, weil die SRG mehr Frauen in der Geschäfts- leitung haben will – zurzeit setzt sich die Direktion aus sieben Männern und einer einzigen Frau zusammen. Auch die Berufs- erfahrung bei einem deutschen Sender spricht für Wappler. Aller- dings wird kolportiert, dass es

Schwierigkeiten geben könnte bei der Auflösung ihres Arbeitsver- trags; Wappler ist erst seit November 2016 beim Mitteldeut- schen Rundfunk angestellt. Ein Problem für Schoch ist hin- gegen, dass manche befürchten, seine Wahl könnte eine Weiter- führung der Amtszeit Matters be- deuten. Dessen distanzierter Führungsstil kam bei der Beleg- schaft nicht gut an. Der neue Direktor von Radio und Fernsehen wird Einsparun- gen vornehmen müssen; auch neue Konzepte im Umgang mit der Digitalisierung und dem da- mit verbundenen schwindenden Konsum des analogen Fernsehens werden von ihm erwartet.

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SANDRA NIEMANN

SANDRA NIEMANN Vergessen Sie Networking Reden Sie lieber über Lebensgeschichten statt über Karriereschritte. 16 NZZ am
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Vergessen Sie Networking Reden Sie lieber über Lebensgeschichten statt über Karriereschritte. 16

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

15

Showdown in Bavaria Nichts ist mehr, wie es war in Bayern. Die AfD bedrängt die mächtige CSU. 20

#MeToo ist zu einem Motor der Emanzipation geworden

CSU. 20 #MeToo ist zu einem Motor der Emanzipation geworden Die Bewegung #MeToo hat nicht nur

Die Bewegung #MeToo hat

nicht nur Täter zu Fall gebracht.

Sie hat die Art verändert, wie

Opfer wahrgenommen werden.

Damit hat sie das Zeug zu einer

Befreiungsbewegung – wenn

sie nicht der Orthodoxie

anheimfällt,

schreibt Nicole Althaus

F ast auf den Tag genau vor einem Jahr publizierte die «New York Times» einen Artikel über den skrupellosen Machtmissbrauch des Hollywoodmoguls Harvey Weinstein. Seither ist ein Damm

gebrochen: Der lange angestaute Frust über die Allgegenwart sexueller Belästigung überschwemmte Land um Land, Branche um Branche und hat das Oberste Gericht Amerikas erreicht. Auch wenn die #MeToo- Bewegung Brett Kavanaugh als Richter am Supreme Court in Washington nicht verhin- dern konnte, steht fest: Die Bewegung, die ihren Namen einem Hashtag im Internet verdankt, markiert eine Zeitenwende. Ein sexueller Übergriff ist kein Kavaliersdelikt mehr, das sich mächtige Menschen leisten können. Zwar gibt es Belästigungen und Sexismus auch nach dem Fall Weinstein und wird es sie wohl immer geben. Aber seither müssen Täter mit Konsequenzen rechnen. Anders als die ebenfalls nach einem Hash- tag benannten Bewegungen «Aufschrei» oder «EverydaySexism», die 2013 und 2015 Belästigungsdiskussionen lostraten, brach #MeToo mit 18 Millionen Nennungen nicht nur einen Rekord bei Twitter, #MeToo verän- derte die reale Welt. Die Bewegung hat Karrieren beendet und Erfolgsversprechen zerstört. Weinstein steht wegen Vergewalti- gung vor Gericht, auch Hollywoodstar Kevin Spacey wurde angeklagt. Und beide dürften kaum so ungeschoren davonkommen wie viele berühmte Persönlichkeiten vor ihnen. Das ist seit Ende September umso wahr- scheinlicher, als bekannt wurde, dass der amerikanische Fernsehstar Bill Cosby mit 81 Jahren ins Gefängnis muss. In der Welt vor Weinstein wäre das undenkbar gewesen. Das Urteil ist ein klares Statement: Der Pro- minentenbonus in Fällen sexuellen Miss- brauchs ist aufgebraucht.

Wer seine Macht missbraucht, egal ob

Mann oder Frau, muss seit dem 5. Oktober

2017 mit einer neuen Schlagkraft der Opfer

rechnen. Das gilt auch ausserhalb von Ame- rika. In Grossbritannien verloren sowohl Verteidigungsminister Michael Fallon als auch Kabinettschef Damian Green ihre Posten wegen Belästigungsvorwürfen. In Österreich ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Machtmissbrauch im Skisport.

Anfang Woche verurteilte ein Gericht in Stockholm Jean-Claude Arnault wegen Vergewaltigung und beendete damit den Missbrauchsskandal, der die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis ver- gibt, erschüttert hatte. Die Bewegung #MeToo hat aber nicht nur Täter zu Fall gebracht, sondern vor allem auch die kollektive Wahrnehmung der Opfer verändert: So wird ein Belästigungsvorwurf, der von einer Frau geäussert wird, heute ernst genommen und nicht mehr einfach

gegen sie verwendet. Auch das hat die Unter- suchung im Fall Kavanaugh bewiesen. Noch

1991 musste Anita Hill, die den heutigen

Obersten Richter Clarence Thomas eines Übergriffs bezichtigt hatte, sich den Vorwurf gefallen lassen, «a little bit nutty and a little bit slutty» zu sein – also ein «bisschen ver- rückt und ein bisschen schlampig». Selbst- redend haben sich auch die Verteidiger von Kavanaugh vehement gegen die Anschuldi- gungen gegen ihren Mandanten gewehrt, doch die Moral oder gar Vernunft der Kläge- rin infrage zu stellen, war tabu. Damit hat es #MeToo in kürzester Zeit geschafft, althergebrachte soziale Normen zu verändern. Oder anders gesagt: Ein Hashtag aus dem Internet ist erstmals zu einer sozialen und politischen Bewegung mutiert.

Längst geht es nicht mehr nur um Belästi- gung, sondern ganz generell um die einseitige Verteilung von Macht. Dass die

generell um die einseitige Verteilung von Macht. Dass die Gerade wegen der Allgegen- wart von #MeToo

Gerade wegen der Allgegen- wart von #MeToo darf man aber nicht vergessen, wo die Gefahr einer sozialen Bewegung liegt, die im Netz geboren worden ist.

Frauenfrage die Schweizer Diskussion um die kommende Bundesratswahl derart domi- niert, ist genauso der Ausstrahlung dieser Bewegung geschuldet wie das fragwürdige schwedische Gesetz, das seit vergangenem Juli für legalen Sex die explizite Zustimmung des Partners verlangt. Gerade wegen der Allgegenwart von #MeToo darf man auf keinen Fall vergessen, wo die Gefahr einer sozialen Bewegung liegt, die im Netz geboren worden ist und Verände- rung über den Internetpranger erzwingt. So gibt es in unseren Breitengraden moralische und justiziable Grenzüberschreitungen. Wir kennen die Unschuldsvermutung und das Recht auf ein faires Verfahren. All diese Errungenschaften existieren im Netz nicht. Eine schwerwiegende Nötigung steht dort neben einer plumpen Anmache, was den Stimmen Auftrieb gibt, welche die Bewegung als «Hexenjagd» abtun. Welch schweren Stand eine nuancierte #MeToo-Debatte auch im Jahr eins nach Weinstein noch hat, zeigte vor Wochenfrist der Rücktritt Ian Burumas als Chefredaktor der «New York Review of Books»: Zu Unrecht musste er seinen Posten räumen, weil er einen Erfahrungsbericht eines Moderators veröffentlicht hatte, der, zahlreicher Über- griffe beschuldigt, vom Gericht freigespro- chen worden ist. So selbstmitleidig dessen Verteidigungsschrift sich auch lesen mag, die Debatte darüber, wie eine Gesellschaft mit Menschen umzugehen hat, die moralisch verurteilt, aber juristisch freigesprochen worden sind, muss geführt werden. Und nimmt man die Pressefreiheit ernst, genau dort: in der Presse. Will die Bewegung der- einst als wichtiger emanzipatorischer Motor in die Geschichte eingehen, darf sie sich nicht auf der Frontenbildung ausruhen, son- dern muss einen Weg aus der Orthodoxie selbstgerechter Aktivisten finden.

Aller Ruhm ist nur geliehen

Fan Bingbing, chinesischer

Filmstar, war monatelang

verschwunden und ist jetzt

als Steuersünderin wieder

aufgetaucht. Die chinesische

Führung statuiert an ihr ein

Exempel. Von Michael

Radunski, Peking

Z uerst die gute Nachricht: Fan

Schauspielerin spurlos ver-

schwunden. Selbst auf ihrem

Bingbing ist wieder da. Drei

Monate lang war die chinesische

persönlichen Weibo-Kanal – dem

chinesischen Pendant zu Twitter – warteten ihre 63 Millionen Anhänger wochenlang ver- geblich auf ein Lebenszeichen ihres Idols. Am 1. Juli berichtete sie dort noch über ihren Besuch eines Kinderkrankenhauses in Schanghai. Danach herrschte Stille. Das ist ungewöhnlich, denn Fan ist einer der bekanntesten und bestbezahlten Leinwand- stars Chinas, sie spielte etwa an der Seite von Jennifer Lawrence und Hugh Jackman in «X-Men: Zukunft ist Vergangenheit» mit und war im vergangenen Jahr bei den Filmfest- spielen in Cannes gar Mitglied der Jury. Schnell schossen die wildesten Gerüchte ins Kraut: Wurde Fan entführt? Oder verhaf- tet? Sie und ihr Ehemann, so hiess es, hätten in Las Vegas innerhalb von drei Tagen zwölf Millionen Dollar verspielt. Dann kursierte, sie habe eine Affäre mit einem Politiker aus dem höchsten Führungszirkel und sei des- halb in ein Militärgefängnis gesperrt worden. Der wahre Grund wurde diese Woche bekannt: Fan Bingbing soll in grossem Umfang Steuern hinterzogen haben. Laut einem Bericht der staatlichen Nachrichten- agentur Xinhua haben sie und ihre Firmen den Staat um umgerechnet 36 Millionen Franken betrogen. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, muss sie bis Ende des Jahres 129 Millionen Franken bezahlen. So hoch die Strafe auch erscheinen mag, Fan wird sie

wohl begleichen können. Seit 2013 führt sie die «Forbes»-Rangliste der hundert best- bezahlten chinesischen Berühmtheiten an. Für das vergangene Jahr wurden ihre Ein- nahmen auf umgerechnet 50 Millionen Fran- ken beziffert. Wenige Stunden nach der offiziellen Nachricht meldete sich dann auch Fan per-

Junge
Junge

Chinesinnen

liessen sich

von Schön-

heitschirurgen

Fan Bingbings

Gesichtszüge

modellieren.

sönlich zu Wort. Auf Weibo veröffentlichte sie einen Entschuldigungsbrief: Sie fühle sich zutiefst beschämt und akzeptiere ihre Strafe völlig. Ihr Geständnis krönte Fan mit den Worten: «Ohne die Partei und die gross- artige Politik des Landes würde es gar keine Fan Bingbing geben.» Fan wuchs mit ihren Eltern und ihrem Zwillingsbruder in der Küstenstadt Yantai auf und besuchte Theater- und Film-Akade- mien in Schanghai. Mit 18 Jahren schaffte sie den Durchbruch mit einer Nebenrolle in der TV-Serie «My Fair Princess». Es folgten Film- und TV-Rollen und bis heute über ein Dut- zend Auszeichnungen. Heute, mit 37 Jahren, ist sie weit mehr als ein Leinwandstar:

mit 37 Jahren, ist sie weit mehr als ein Leinwandstar: Auf chinesischen E-Commerce-Plattformen wirbt sie für

Auf chinesischen E-Commerce-Plattformen wirbt sie für Kosmetikprodukte. Der Spiel- zeughersteller Matell produzierte 2014 eigens eine Fan-Bingbing-Barbie. Junge Chi- nesinnen liessen sich von Schönheitschirur- gen Fans Gesichtszüge nachmodellieren. Die Champagnermarke Moët & Chandon wählte sie zur ersten Markenbotschafterin aus Asien, und das «Time»-Magazin führte Fan 2017 gar unter den hundert einflussreichsten Personen der Welt. Der tiefe Fall begann im Mai dieses Jahres, als der Fernsehmoderator Cui Yongyuan zwei unterschiedliche Verträge ins Internet stellte, ohne jedoch explizit Fans Namen zu erwähnen. Es handelte sich um sogenannte Yin-Yang-Verträge, wie sie in Chinas Film- industrie üblich sind: Zwei Gehälter für eine Rolle, wobei nur der kleinere Betrag den staatlichen Steuerbehörden gemeldet wird. Laut Berichten habe Fan auch für ihren jüngsten Film «Air Strike» mit Bruce Willis ein offizielles Gehalt von 1,5 Millionen Dollar erhalten, wobei die inoffizielle Gage dreimal so hoch sein soll. Doch der Fall Fan Bingbing ist mehr als Steuerhinterziehung. An ihr hat die Kommu- nistische Partei ein Exempel statuiert und präsentiert sich dem Volk als Bewahrerin von Recht und Gerechtigkeit. Zwar werden im modernen China einige wenige schneller reich als die vielen anderen. Doch die Füh- rung um Partei- und Staatschef Xi Jinping sorgt, so lautet die Botschaft, für Gerechtig- keit. Xi hat der Unterhaltungsindustrie und einzelnen Künstler in den vergangenen Jahren immer wieder vorgeworfen, «Müll» zu produzieren und nicht «Richtig von Falsch oder Gut von Böse» unterscheiden zu können. Denn auch im Bereich der Kunst will Chinas Führung das letzte Wort haben. Es darf kein Zweifel entstehen: Aller Ruhm und Status sind von der Partei geliehen – und können jederzeit wieder genommen werden.

ILLUSTRATION: GABI KOPP

16

Meinungen

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Gastkolumne

Weshalb den Schweizern das Recht nicht so wichtig ist

Was den Deutschen die Justiz,

ist den Franzosen das Gesetz.

Die Schweizer setzen eher

auf politische Verhandlung

Gesetz. Die Schweizer setzen eher auf politische Verhandlung Thomas Maissen S chweizer verhandeln, Deutsche gehen vor
Gesetz. Die Schweizer setzen eher auf politische Verhandlung Thomas Maissen S chweizer verhandeln, Deutsche gehen vor

Thomas Maissen

S chweizer verhandeln, Deutsche gehen vor den Richter – das Muster geht weit zurück: Die Eidgenossen verzichteten 1495 auf die Übernahme

von Reformen, die im Reich neue, über- geordnete Institutionen schufen, insbeson- dere das Reichskammergericht in Speyer. Prozessiert wurde dort fortan über Konflikte zwischen Reichsständen und über Appella- tionen von Untertanen gegen Urteile ihrer Herrscher. Fachleute mit einer soliden römischrechtlichen Ausbildung trugen so dazu bei, dass sich im Deutschen Reich die Konfliktlösungen zunehmend verrechtlich- ten und verfriedeten. Die Kantone verhandelten ihre Konflikte lieber in langen, oft ergebnislosen Diskus- sionen an der Tagsatzung. Eine Appellation gegen Urteile der Kantonsregierungen war ausgeschlossen, und die Kleinräte, die Urteile fällten, hatten kaum Rechtskennt- nisse. Die wenigen, die ein Jurastudium antraten, brachen es so früh ab wie Johannes Fries, von 1743 bis 1759 Bürgermeister von Zürich, «weil ein mit dem Axiomate eines Doctoris iuris Charakterisierter ein ganz seltsames neues creatum in seiner Vater- stadt wäre». Obwohl heute Juristen durchaus präsent sind in den Exekutiven und Legislativen der Schweiz, beweisen das Milizsystem und der

Einsatz von Laienrichtern, dass wir der Pro- fessionalisierung des Staates zurückhaltend gegenüberstehen, bei der die Rechtskundi- gen die entscheidende Rolle spielen. Der Schweizer Souverän gesteht sich selbst und dem von ihm gewählten Parlament viel mehr Kompetenz zu als dem vergleichsweise schwachen Bundesgericht in Lausanne. Aber auch die Träger der eidgenössischen Ver- handlungspolitik, Bundesrat und Parlament sowie die Interessengruppen (konkret die Verbände), erhalten im internationalen Ver- gleich des Institutionenvertrauens absolute Spitzenwerte. In Deutschland dagegen geniessen Bun- destag und Regierung laut Umfragen nur bei 35 Prozent der Bürger sehr grosses oder grosses Vertrauen. Beim Bundesverfassungs- gericht, das viel stärker die konkrete Politik mitbestimmt als unser Bundesgericht, sind es dagegen 75 Prozent, übertroffen nur von der Polizei. Die Wertschätzung des Rechts- staats erklärt sich auch durch die Erfahrun- gen aus der Weimarer Republik und der NS- Zeit. Die politischen Eliten misstrauen einem Volk, das extremistische Parteien wählen könnte, und lehnen deshalb direktdemo- kratische Verfahren ab. Seinerseits weiss das Volk, dass Hitlers Machtübernahme ein Elitenversagen war. Daraus nährt sich die deutsche Hoffnung, dass es gleichsam über den Niederungen des politischen Alltags eine reine Sphäre des Rechts gebe, in der jedem das Seine zugemessen wird – gleichsam von einem aufgeklärten Philosophenkönig. Ludwig XIV. von Frankreich war das nicht. Sein Herrschaftsverständnis beruhte nicht – wie im Deutschen Reich – darauf, dass er als oberster Richter das überlieferte Recht aus- legte. Vielmehr konnte er neue Gesetze erlas- sen oder alte aufheben, um darüber die poli-

Daraus nährt
Daraus nährt

sich die

deutsche

Hoffnung, dass

es gleichsam

über den

Niederungen

des politischen

Alltags eine

reine Sphäre

des Rechts

gebe.

tische und gesellschaftliche Zukunft im Sinne der Staatsräson zu gestalten. Die Französische Republik hat die Nation an die Stelle des Königs gesetzt, aber das legalo- zentrische Selbstverständnis des Souveräns nicht geändert. Er soll die Bedürfnisse von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft intellektuell und planerisch so gründlich erfassen, dass sich diese rational perfektio- nieren lassen. Deshalb bildet die Ecole nationale d’admi- nistration (ENA) die Staatsdiener und künf- tigen Spitzenpolitiker nicht als Juristen aus, sondern als breit ausgebildete Verwaltungs- fachleute, welche die richtigen Lösungen ausdenken und umsetzen sollen. ENA-Absol- vent und Staatspräsident Macron ist nur insofern eine Ausnahme, als er sein Regie- rungsprogramm überparteilich konzipiert hat und nicht als Produkt einer reinen Ver- nunft der Linken oder der Rechten. Doch auch er will das für richtig Erkannte von oben herab gesetzgeberisch verfügen, ohne den gesellschaftlichen Konsens für solche Lösungen mühsam auszuhandeln. Den Andersdenkenden bleiben dann nur Blo- ckadepolitik und Fundamentalopposition. In der Schweiz droht dagegen nach langen ergebnislosen Verhandlungen der Status quo – und die Geringschätzung des absolutisti- schen demokratischen Souveräns für über- geordnete Rechtsnormen. Dass dieser Souve- rän, das Volk, am politischen Prozess partizi- pieren möchte, weckt wiederum in Deutsch- land Misstrauen, wo man ihm nicht zutraut, im demokratischen Streit die gerechte Sache zu erkennen. Verfassungen gründen histo- risch tief und bleiben stets unvollkommen.

Thomas Maissen ist Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris.

Medienkritik

Freie Bahn für Frauen

Medienkritik Freie Bahn für Frauen Ronnie Grob F rauen sind bei Wikipedia unter- vertreten. Obwohl sie

Ronnie Grob

F rauen sind bei Wikipedia unter- vertreten. Obwohl sie seit dem Start des Kollaborativlexikons im Jahr 2001 die gleichen Chancen

wie die Männer hatten, sich einzubringen, und keine über Jahrhunderte gewachse- nen Männerbünde sie daran hinderten, wird Wikipedia 17 Jahre später von den Männern dominiert: 9 Prozent weiblichen Editoren stehen 90 Prozent männliche gegenüber, und auch nur 18 Prozent aller angelegten Personeneinträge betreffen Frauen. Physikerin Donna Strickland etwa war nicht auf Wikipedia vertreten, bis sie am 2. Oktober den Physiknobel- preis gewann. Noch im Mai war ein Neu- eintrag über sie zurückgewiesen worden. Mit der gemeinsamen Aktion «Frauen für Wikipedia» von SRF, Ringier und Wiki- media wollen Frauen das nun ändern. Sie möchten künftig gemeinsam Profile von relevanten Frauen in Wikipedia eröffnen und bearbeiten: «Das Online-Lexikon ist gefährlich einseitig und trägt alte, ver- zerrte Gesellschaftsmuster in die Zu- kunft», heisst es. Eine gute Idee, doch sollen dafür Gebührengelder aufgewendet werden? SRF übernehme «in erster Linie koordina- tive Aufgaben» und stelle «die Räumlich- keiten sowie bereits bestehende Infra- struktur in Zürich Leutschenbach zur Verfügung», heisst es bei der SRF-Medien- stelle auf Anfrage. Da Büroräume, Strom und WLAN bereits vorhanden seien, bringe die Veranstaltung für SRF keinerlei Kosten mit sich. Im Wikipedia-Artikel «Gender bias on Wikipedia» ist umschrieben, was Frauen davon abhält, mitzumachen: keine nut- zerfreundliche Oberfläche, zu wenig freie Zeit, zu wenig Selbstvertrauen, Konflikt- scheu, lauten die ersten vier von neun Punkten. Hierbei ist kaum etwas, das nicht aus eigenem Antrieb verbessert werden könnte. Frauen sind gefordert, ihre Defizite aufzuholen und sich besser gegen Männer durchzusetzen.

Ronnie Grob ist Redaktor beim «Schweizer Monat». (ronniegrob@gmail.com)

51 Prozent

Tratschen mit Cüpli

(ronniegrob@gmail.com) 51 Prozent Tratschen mit Cüpli Nicole Althaus E s ist Herbst – und nicht einfach

Nicole Althaus

E s ist Herbst – und nicht einfach vor- übergehend ein bisschen kühler. Das weiss man, wenn die Wolken mor- gens schwer wie Beton am Himmel

hängen, die Leute im Zug wieder müde aneinander vorbeischauen und im Postfach bei der Arbeit die ersten Einladungen zu Anlässen liegen, die dem Netzwerken dienen. Es mag Menschen geben, die sich darüber freuen. Ich gehöre nicht dazu. Mit Nebel und Nässe kann ich mich noch abfinden. Das dritte N des Herbstes aber, das Networking, entzog mir bisher die Kontakt- lust wie die Bäume ihren Blättern das Chlo- rophyll. Ich zog mich eher früher als später an den hintersten Stehtisch zurück, nippte an einem Glas Wein und wünschte mir die

Zeit zurück, in der ich mich wenigstens an einer Zigarette festhalten konnte. Lange empfand ich meinen Widerwillen gegen solche Anlässe als persönliches Ver- sagen, als weibliche Schwäche, die es auszu- merzen galt. Schliesslich lebt man als Frau im Beruf im permanenten Korrekturmodus und bekommt erklärt, wie man besser wird im Verhandeln, Führen, Aufsteigen – oder eben: Netzwerken. Also habe ich mich gezwungen nach Anleitung den Kontakt zu suchen. Ich habe gehofft, dass ich irgend- wann lernen würde, möglichst viele Men- schen in ein Gespräch zu verwickeln, denen ich gar nichts zu sagen habe. Vor kurzem gab ich es auf. Nicht das Verbinden von Arbeit und Privatem zum Knüpfen von Kontakten. Sondern das Wort dafür. Ich strich «Networking» aus meinem Vokabular und ersetzte es durch «Trat- schen». Tratsch ist das, was unsere Vorvor- fahrinnen am Dorfbrunnen taten, als sie gemeinsam Wäsche wuschen und dabei aus- heckten, wie sie die Männer dazu bringen könnten, den verhassten Lehrer aus der Dorfschule zu werfen. Tratsch ist das, was Mütter heute ganz selbstverständlich auf

dem Spielplatz tun, wenn sie hinter der Rutschbahn stehen und andere Mütter für den Mittagstisch mobilisieren. Tratschen ist nichts anderes als Networking. So gesehen haben Frauen schon genetzwerkt, als Männer noch Lendenschurz trugen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben Frauen das Networking erfunden. Und hätte man nicht jahrhundertelang alles abgewertet, was Frauen taten, brauchte es keinen Anglizismus, um dem Tratsch einen Anstrich von Business zu geben. Dann klänge Tratsch nicht abwertend, und auf den Ein- ladungen stünde heute «Champagner-Kränz- chen» statt «Networking-Event». Ich beschloss darum, den Begriff für mich zurückzuerobern und ihn von seiner pejora- tiven Assoziation zu befreien. Dafür stellte ich meine eigenen Regeln auf: Die Zahl der Visitenkarten, die ich austausche, ist mir einerlei. Es zählt einzig und allein, ob ich ein interessantes Gespräch geführt habe. Und sei es strategisch vorderhand auch völlig nutz- los. Den professionellen Netzwerkern, die wie wandelnde Lebensläufe den Raum scan- nen und nur Augen für Menschen haben, die ein paar Hierarchiestufen über ihnen stehen,

Frauen
Frauen

haben schon

genetzwerkt,

als Männer

noch Lenden-

schurz trugen.

gehe ich tunlichst aus dem Weg. Meist suche ich ein Stehtischchen in der Ecke aus und rede mit der Person, die sich an ihrem Wein- glas festhält, über irgendetwas, das nichts mit der Arbeit zu tun hat. Es ist erstaunlich, wie viel man von Unbe- kannten erfährt, wenn man sich nicht für Karriereschritte, sondern für Lebensgeschich- ten interessiert. Also nicht für die Position, welche die Person, mit der man gerade tratscht, beruflich innehat, sondern für die Motivation, die sie dahin gebracht hat. Oder manchmal auch nur für die Schulprobleme des Nachwuchses. Ein Band zu knüpfen zwi- schen Menschen, ist eine weibliche Stärke, die ich durchaus teile. Zwar erschrecke ich immer noch kurz, wenn wieder eine Ein- ladung fürs Networking im Postfach liegt. So wie ich nach einem langen, heissen Sommer morgens kurz fröstle, wenn ich aus dem Haus gehe. Aber dann schützt mich – in Gedanken – das Wort Tratsch wie ein warmer Mantel. Und ich bin heute gewappnet für das Netzwerken wie für Nässe und Nebel.

Nicole Althaus ist Chefredaktorin Magazine bei der «NZZ am Sonntag».

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Meinungen

17

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018 Meinungen 17 Spionage Fügsamkeit der Schweizer gegenüber Russland ist falsch
NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018 Meinungen 17 Spionage Fügsamkeit der Schweizer gegenüber Russland ist falsch

Spionage

Fügsamkeit der Schweizer gegenüber Russland ist falsch

In ungewohnter Offenheit sprach diese Woche die nie- derländische Spionageabwehr über Cyberattacken des russischen Geheimdienstes. Die Angriffe trafen auch die Antidoping-Agentur in Lausanne sowie das Chemie- waffenlabor in Spiez im Berner Oberland. Das Labor war involviert in die Analyse des Nervengifts Nowitschok, das zwei russische Agenten bei der versuchten Ermor- dung des ehemaligen russischen Spions Sergei Skripal im englischen Salisbury angewandt hatten. Die Schweiz wird von den ausufernden russischen Cyberattacken in einer Weise getroffen, dass eine Beteiligung an den Sanktionen anderer westlicher Länder zumindest ver- tieft geprüft werden sollte. Wer die Schweiz angreift, kann nicht auf deren Neutralität zählen. Als ausge- sprochen unbedacht muss die Forderung bezeichnet werden, welche die Präsidentin der aussenpolitischen Kommission, CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider- Schneiter, unlängst erhob. Sie will die Massnahmen aufheben, mit denen die Schweiz die Umgehung der internationalen Sanktionen gegen Russland als Reak- tion auf die Besetzung der Krim verhindert. Es gibt für dieses Postulat keinen schlechteren Zeitpunkt. Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kommen in seiner zunehmenden Aggression gegen den Westen naive Schweizer Politiker gerade recht. Francesco Benini

Inflation

Wer spart, verliert – Kluge investieren in Aktien

Man stelle sich vor, der Bund würde auf allen Bankgut- haben eine Steuer von 1 Prozent einführen: Die Sparer würden ihr Geld massenweise abziehen. Steigt dagegen die Inflation auf 1 Prozent und die Zinsen liegen bei null, ist zwar der Effekt derselbe, dennoch bleiben die Sparer untätig. Pro Jahr verlieren sie aufgrund der negativen Realzinsen rund zehn Milliarden Franken. Die Schweize- rische Nationalbank könnte dies ändern, indem sie die Leitzinsen erhöht. Doch solange die Euro-Zone nichts unternimmt, sind auch ihr die Hände gebunden. Denn sonst würde der Franken an Wert zulegen. Somit büssen die Schweizer Kontobesitzer für die wirtschaftlichen Probleme Europas. Allerdings: Die Sparer müssen sich auch selber an der Nase nehmen. Dass sie die steigende Inflation ignorieren, ist unvernünftig. Bei vielen ist der Anteil des Bargelds am Vermögen zu hoch. Wer langfris- tig spart, sollte sein Geld primär in Sachwerte investie- ren, also breit diversifiziert in Aktien oder Immobilien. Die verbreitete Skepsis gegenüber Aktien hat keine Berechtigung. Bis heute hat die Börse noch jeden Kurs- einbruch wieder wettgemacht. Beim Konto hingegen kommt der Verlust zwar nur in kleinen Scheibchen. Aber dafür mit unausweichlicher Gewissheit. Albert Steck

Fall Kavanaugh

Das wahre Problem

Sex, Gewalt, Lügen, knallharte Machtpolitik. Die Affäre um Richter Brett Kavanaugh hat alle Bestandteile einer TV-Serie. Dies allein ist jedoch weder neu noch beunru- higend. Die Frage ist indes, wie sich der Fall auf die Zwischenwahlen auswirken wird. Derzeit schreiben Auguren viel darüber, ob nun die Demokraten oder doch die Republikaner vom Richterdrama profitieren werden. Wichtiger ist aber die Frage: Wie viele Amerika- ner werden überhaupt noch wählen gehen? Der Lärm, die Hysterie, die Polarisierung haben in den USA ein Niveau erreicht, das nicht nur mobilisiert, sondern auch lähmt und betäubt. Nach dem Fall Kavanaugh dürften sich noch mehr Wähler von der Politik abwenden. Und das ist tatsächlich beunruhigend. Gordana Mijuk

Chappatte

das ist tatsächlich beunruhigend. Gordana Mijuk Chappatte Der externe Standpunkt Wer souverän sein will, muss

Der externe Standpunkt

Wer souverän sein will, muss Einfluss ausüben können

Die Selbstbestimmungsinitiative pflegt die Illusion, ein Kleinstaat

sei mächtig, wenn er sich international isoliere und selbst beschneide.

Das Gegenteil davon ist richtig, schreibt Jean-Daniel Gerber

U nabhängig ist, wer frei in seinen

Entscheiden ist, lautet eine gängige

Definition der Souveränität. Inter-

nationale Abkommen begrenzten

diese Freiheit, finden die Urheber der Selbst- bestimmungsinitiative. A la limite stünden sie sogar im Gegensatz zur schweizerischen Verfassung und müssten nötigenfalls gekün- digt werden. Eine solche Argumentation verkennt die Realität: Souverän ist nicht das Land, das am wenigsten zwischenstaatliche Verträge abgeschlossen hat. Souverän ist das Land, das auf der internationalen Bühne seinen Einfluss ausüben kann. Nach Kriegsende 1946 verzichtete die Schweiz darauf, der heutigen Welthandels- organisation WTO, dem Internationalen Währungsfonds und auch der Uno beizutre- ten aus Angst, die Stimmbürger verlören ihr Recht, im eigenen Land zu bestimmen, was gelte. Es dauerte Jahrzehnte, bis die Schweiz realisierte, dass sie von den Beschlüssen dieser Organisationen betroffen ist, ohne Einfluss darauf nehmen zu können. Auch

heute werden hierzulande unzählige Verord- nungen und Gesetze autonom angepasst, um Diskriminierung oder andere gewichtige Nachteile zu vermeiden. Die gegenwärtige Diskussion über die Sommerzeit und die Waffenrichtlinien lässt grüssen. Auf dem Index der am meisten in den EU-Binnenmarkt integrierten Länder gehört die Schweiz zur Spitzengruppe, obwohl sie keinen Einfluss über die Ausgestaltung dieses Marktes hat. Österreich, Finnland, Schweden, Belgien oder die Niederlande, die über dessen Funktionieren mitentscheiden, sind in dieser Hinsicht souveräner als die Schweiz. Die Schweiz ist kein grosser Player in der internationalen Politik, in handels- und finanzpolitischer Hinsicht bloss von mittle- rer Grösse. Ihre beste Verteidigung gegen- über den Grossmächten USA, EU, China, Indien, Japan und Russland sind internatio- nale Abkommen. Sie sind ein Schirm gegen Willkür. Internationale Verträge schützen

den Schwächeren. Mit fortschreitender Glo- balisierung – man denke an die Cyberkrimi- nalität, Migration oder Umweltschutz – ist eine Ausdehnung der zwischenstaatlichen Kooperation nicht nur unabwendbar, son- dern liegt im Interesse der Schweiz. Die Schweiz wird auch in Zukunft darüber entscheiden, welche Verträge sie abschliesst, wo sie autonom nachvollzieht, und sie bestimmt selber, ob sie solche Verträge kün- digen will. Die Selbstbestimmungsinitiative der SVP geht jedoch weiter: Verträge sind neu zu verhandeln, wenn sie unserer Ver- fassung, die bekanntlich oft ändert, wider- sprechen; nötigenfalls sind sie zu kündigen. Dies notabene, ohne dass die Bevölkerung ausdrücklich eine Kündigung verlangt hätte, und erst noch rückwirkend, also auch bei Verträgen, die schon in Kraft sind und zu keinen nennenswerten Schwierigkeiten Anlass geben. Wo bleibt da der Realitätssinn? Kommt erschwerend dazu: Der Schweiz mangelt es schlicht an der notwendigen

Jean-Daniel Gerber Jean-Daniel Gerber, 72, war Staatssekretär und Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft
Jean-Daniel Gerber
Jean-Daniel Gerber, 72, war Staatssekretär
und Direktor des Staatssekretariats für
Wirtschaft (Seco). Im Lauf seiner Karriere
für die Eidgenossenschaft vertrat er die
Schweiz unter anderem auch bei der WTO
und war Exekutivdirektor und Dean des
Boards der Weltbank. Von 1997 bis 2004
leitete er das Bundesamt für Flüchtlinge.

Potenz, Anliegen auf Neuverhandlungen international durchzusetzen. Zu glauben, die Vertragspartner der Schweiz seien bereit, quasi automatisch ganze Abkommen oder einzelne Bestimmungen neu zu verhandeln, verkennt, dass die Verträge ein Gleich- gewicht zwischen Rechten und Pflichten darstellen, das nicht einfach zugunsten der Schweiz verändert werden kann. Bei multi- lateralen Verträgen ist das praktisch ausge- schlossen. Die Schweiz setzt sich mit einem solchen Vorgehen dem Vorwurf aus, ein schlechter Vertragspartner zu sein, der nur Rosinen picken will. Sie schadet ihrem Ruf. Sogar der mächtige US-Präsident musste einsehen, dass Neuverhandlungen nicht einfach zu haben sind. Das Klimaabkommen von Paris wird nicht revidiert. Und selbst, wenn es je dazukommen sollte, werden Neuverhandlungen letztlich mit aller Wahrscheinlichkeit scheitern. Als Folge müssten die Abkommen nötigenfalls gekündigt werden. Nur: Was heisst nötigen- falls? Wer entscheidet darüber? Der Bun- desrat? Das Parlament? Die Gerichte? Die Streitigkeiten über diesen rechtlichen Gummibegriff sind programmiert. Der Zwang zu Verhandlungen, das Risiko des Scheiterns, die unberechenbare Dauer der Verhandlungen – das alles schadet unserer Glaubwürdigkeit. Und ebenso schlimm:

Es untergräbt die Rechtsstabilität, auf die unsere Wirtschaft angewiesen ist. Souveränität im Sinne von Selbstbestim- mung mutiert letztlich zur Selbstbeschrän- kung. Sie gründet auf der Illusion, dass die Schweiz desto souveräner sei, je weniger völkerrechtliche Verträge sie eingehe. Das Ziel der Aussen- und Aussenwirtschafts- politik ist aber die Interessenwahrung unseres Landes. Die Schweiz kann nicht auf der europäischen und weltweiten Bühne Einfluss ausüben wollen und gleichzeitig als Kastrat auftreten. Sie kann zwar vieles selber machen und sich vertraglich nicht binden – aber gerade damit erweist sie der Souveränität einen Bärendienst.

LAURENT GILLIÉRON / KEYSTONE

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Hintergrund Schweiz

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Aufstand der

Der Boom des veganen Lebensstils bereitet den Boden für den nächsten grossen Kulturkampf: Tiere ausbeuten od weniger als die Gesellschaft umkrempeln. Einige schrecken auch vor Zerstörung nicht zurück. Von Carole Koch

A ls die Polizei zum ersten Mal eingreift, ist es nach sieben Uhr abends. Rund achtzig Tierbefreiungsakti- visten haben sich in Esta- vayer zu einer Schlacht- hausrevolte versammelt.

Gekommen sind aber auch Bauern, die auf der anderen Strassenseite Koteletts grillieren. «Ihr Spinner habt doch keine Ahnung!», brüllt nun einer von ihnen und rennt auf das Kerzen- meer zu, das für Tiere die brennt, die in dieser Grossmetzgerei geschlachtet werden, 19 000 pro Woche. Mittendrin steht Elisa Keller, eine zierliche

Gestalt in einem viel zu grossen Mantel. Sie hat angezettelt, dass im Licht der Industrie- anlagen Welten aufeinanderprallen, die nichts und alles miteinander zu tun haben. Die einen wollen die Tradition abschaffen, von der die Existenz der anderen abhängt. «Je mehr Angst sie haben, desto eher hören sie uns auch zu», sagt Keller, und es ist noch etwas vom Harm- loseren, was sie in dieser kalten September- nacht von sich gibt. Bekannter ist sie für Sätze wie: «Den Tieren zuliebe würde ich auch ins Gefängnis gehen.» Das ist eine Geschichte, die im Freiburger- land mit dem faulig-süssen Geruch von Blut und Innereien beginnt und bei Rührei aus dem Silicon Valley ihren Höhepunkt findet. Sie handelt vom Kampf gegen eine uralte Tradition, von der Rettung des Planeten und der Frage, wie das Unmögliche gelingen kann. Sie handelt von einer neuen Generation von Veganern, der es nicht mehr reicht, Teil eines Booms geworden zu sein. Jedes halbwegs mo- derne Restaurant hat heute tierfreie Gerichte auf der Karte. Auch bei Grossverteilern wie Coop kann man zwischen 580 tierfreien Pro- dukten wählen. Die Nachfrage nimmt laufend zu. Das Angebot wird kontinuierlich ausge- baut, auch bei der Migros. Es gibt vegane Dating-Plattformen, vegane Surf-Camps oder vegane Kinderkrippen. Die westliche Gesell- schaft spaltet sich in Karnivoren und Herbi- voren, tiefer als zuvor in Raucher und Nicht- raucher. Sie hat sich darauf geeinigt, Veganer nicht mehr als Baumumarmer zu verlachen. Heutzutage kann jeder einen Latte macchiato aus Sojamilch bestellen und für ein paar Minuten das gute Gefühl haben, auf der rich- tigen Seite zu stehen. Es ist der Ablasshandel der modernen Welt. Aber das reicht den Tierrechtlern nicht. Weil die Debatte um das Leid verloren gegan- gen ist. Und das Schlachten weitergeht, heute, morgen, jeden Tag.

Die Schreie der Tiere

«Wir können die Augen nicht länger ver- schliessen», sagt Elisa Keller in die Kameras der welschen «Tagesschau». Sie ist Präsiden- tin der Organisation 269 Libération Animale und bis auf den Lidstrich schwarz gekleidet – schwarz für Widerstand gegen die «Ungerech- tigkeit», schwarz für Trauer über die Tiere, die in der Schweiz jedes Jahr als Bratwürste oder Schnitzel enden. Über 70 Millionen in diesem kleinen Land. Eine unglaubliche Zahl. Keller nennt sie «Opfer», für die sie eine Nacht lang vor der Grossmetzgerei Marmy ausharrt. Es geht darum, der Welt zu zeigen, was sie nicht sehen will: Tiere, die im Dunkel der Morgenstunden angekarrt werden und hören, wie andere ihrem Ende entgegenge- trieben werden oder schreien. Bis sie selbst an der Reihe sind und verstummen. «Das zu sehen, war für mich ein Wende- punkt», sagt Keller, die sich vor eineinhalb Jahren von einer Fleisch essenden Gymna- siastin in eine vegane Vollzeitaktivistin ver- wandelt hat. Sie konnte die Bilder nicht mehr vergessen, die Schreie. Diese Schlachthaus- wache soll auch die Aktivisten weiter einen und stärken. «Nur wer das miterlebt, kann sich in die Angst der Tiere hineinversetzen und Antispeziesistin werden.» Antispeziesismus. So nennt man die ethi- sche Grundhaltung, die ablehnt, Lebewesen aufgrund ihrer Andersartigkeit zu hierarchi- sieren oder auszubeuten, seien es Weisse und Schwarze, Männer und Frauen oder eben Menschen und Tiere, wobei Letztere immer den Kürzeren ziehen. Für sie haben die Aktivisten vor dem Schlachthof Bilder ausgelegt. Rinder in Blut-

vor dem Schlachthof Bilder ausgelegt. Rinder in Blut- Aktivistinnen von 269 Libération Animale an einer

Aktivistinnen von 269 Libération Animale an einer Kundgebung in Lausanne. (15. April 2017)

lachen. Aufgehängte Schafe, aber auch Por- träts von Kühen, unter denen etwa «Ich bin jemand» steht. Antispeziesismus bedeutet auch, Tiere als Individuen zu betrachten und Rechte für sie fordern. Sie mögen sich zwar kognitiv oder physiologisch vom Menschen unterscheiden, in den Augen der Aktivisten haben Tiere aber dieselbe Leidensfähigkeit und denselben Lebenswillen. Es gibt hierzulande unzählige Tierrechts- gruppen, die auf ihre Art Lärm machen. 269 ist eine, die nicht mehr auf eine Veganisierung der Gesellschaft wartet. Für ihre Mitglieder ist das Essen von Tieren eine Unsitte wie das Ver- wenden von Plastik, das verboten gehört. Dafür setzten sie auf Schock, Theater, Angst. An Ostern sassen sie mitten in der Lau- sanner Altstadt an einem Banketttisch und prosteten sich über abgehackten Lamm- köpfen zu. Vorläufiger Höhepunkt war der Einbruch in einen Schlachthof, bei dem sie 18 Ziegen mitnahmen, was sie danach in den sozialen Netzwerken als «erste offene Tier- befreiung» des Landes feierten. «Offen» steht für unvermummt, dafür, sich dabei filmen zu lassen, trotz allen rechtlichen Konsequenzen oder gerade weil so stärkere Botschaften in die Welt getragen werden. Man muss in diesem Moment kurz aus der Szene zoomen und sie mit Distanz betrachten:

junge Menschen, brennende Kerzen, tote Tiere. Naivität gegen Pragmatismus. Utopie gegen Industrie. Der Kampf der Aktivisten ist auch ein Kampf der Bilder, ohne die heute niemand erreicht wird. So wenige sind es in- zwischen nicht mehr, die dafür empfänglich sein könnten: 3 Prozent der Schweizer leben vegan, 11 Prozent vegetarisch, 17 Prozent es-

Die Bewegung ist strategischer geworden. Vergleichbar mit einem jungen Erwachsenen, der die Teenagerzeit hinter sich hat.

sen selten Fleisch und wenn, dann nur sol- ches aus artgerechter Haltung. Rund ein Drit- tel der Bevölkerung hat also Vorbehalte, wenn es um den Konsum von Tierprodukten geht. Unter den 15- bis 34-Jährigen sind es sogar 41 Prozent. «Wir erzeugen einen konstanten Druck», sagt Elisa Keller, die Medien gezielt nutzt. Im Gegensatz zu anderen radikalen Gruppen, die nur anonym antworten oder gar nicht. Was wie ein Chaotenhaufen wirkt, ist bis auf die Pullover durchorchestriert und abgestimmt auf Aktionen in Kanada oder Australien. 269 ist international, vernetzt und erstarkt jetzt vor allem zwischen Frankreich, Belgien und der Schweiz. Wenn Keller am nächsten Mor- gen zurück nach Lausanne reist, wird sie wie eine PR-Frau eine Mitteilung schreiben und Medienartikel über diese Aktion verlinken.

Anschläge auf Metzgereien

So ist auch Ruedi Hadorn bestens informiert, Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbands. Er hat bei den kantonalen Ämtern von Waadt und Genf Beschwerden gegen die Antispe- ziesisten eingereicht. Dort, wo Metzgereien auch mit Steinen attackiert worden sind und Schlachthöfe Sicherheitsmassnahmen tref- fen. Als bisher drastischster Fall gilt hierzu- lande das Zertrümmern eines Schlachthofs bei Genf. Wobei das Problem im Vergleich zu Frankreich noch regional ist: Dort hat der Metzgerverband beim Innenministerium Poli- zeischutz angefordert, weil im ganzen Land Betriebe angegriffen wurden. «Inakzeptable Machenschaften, die mit aller Härte bestraft werden müssen», sagt Ruedi Hadorn. «Wenn das Recht verletzt wird, das als rechtmässig gilt, kann auch eine Debatte über das Gesetz entstehen», wider- spricht Elisa Keller. Natürlich wird sie als Radikale gesehen. Natürlich haftet ihr ein missionarischer Eifer an. Keller ist auf dem besten Weg, nicht nur Hassfigur einer Indus- trie, sondern der Gesellschaft zu werden. Sie ist eine, die diesem Land den Spiegel vorhält. Einem Land, in dem die meisten glauben, dass Kühe immer Milch geben. Dabei geben sie nur

dann Milch, wenn sie Kälber gebären, die wie- derum von ihren Müttern isoliert werden, damit auch sie wieder gebären und Menschen die Milch trinken können, die die Natur ei- gentlich für Kuhkinder vorgesehen hat. Es ist eine Normalität, in der Intellektuelle wie der Schriftsteller Yuval Noah Harari eine Radi- kalisierung der Gesellschaft erkennen. In der britischen Zeitung «The Guardian» schreibt er: «Die Behandlung von domestizierten Tie- ren in industriellen Betrieben ist eines der schlimmsten Verbrechen der Geschichte.» Monate zuvor: Ein Demonstrationstross von 500 Leuten zieht vom Berner Waisen- hausplatz in Richtung Innenstadt. Die meis- ten sind im Alter von 20 und 45 Jahren, mehr Frauen als Männer, vom Hausbesetzer bis zum Arzt ist alles dabei. Sie tragen Schweins- masken, schwingen Fahnen oder tragen Schlachtbilder durch die Gassen. Da, wo Bei- zengäste in ihre Schnitzel beissen, während die Veganer im Chor rufen: «Nutztierhaltung gehört abgeschafft!» Das ist eine radikale Forderung. Tatsächlich aber ist die Tierrechtsbewegung, die in den siebziger Jahren entstanden ist, angepasster geworden, bürgerlicher und strategischer. Vergleichbar mit einem jungen Erwachsenen, der die wilden Teenagerjahre hinter sich hat. Das sagen zumindest Alteingesessene, die sich nach der Demonstration mit Neulingen austauschen, die den alten Kampf mit neuen Mitteln führen. Eine von ihnen ist Meret Schneider, 26, Pferdeschwanz, Geschäftsführerin von Sen- tience Politics, einem Verein, der sich für empfindungsfähige Lebewesen einsetzt – auf dem gängigen, politischen Weg. «Vor dem Wurststand ‹Fleisch ist Mord› zu rufen, ist ein No-Go», sagt Schneider, die illegale Aktionen für kontraproduktiv hält und sich als Gemeinderätin der Grünen Uster quasi zwischen den Fronten bewegt. Sie sagt: «Ich bin genauso radikal, wie ich es mir leisten kann, um von den Politikern ernst genommen zu werden.» Dabei ist Schneider nicht minder getrieben als Elisa Keller. Aber sie kennt das System,

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KLAUS PETRUS

KLAUS PETRUS

Veganer

er nicht. Radikale Tierrechtler wollen nicht

PETRUS Veganer er nicht. Radikale Tierrechtler wollen nicht Vereint für die Tiere: In Bern demonstrieren 500
PETRUS Veganer er nicht. Radikale Tierrechtler wollen nicht Vereint für die Tiere: In Bern demonstrieren 500

Vereint für die Tiere: In Bern demonstrieren 500 Tierrechtler für die Abschaffung der Nutztierhaltung. (28. Juli 2018)

geht pragmatischer vor, wie eine Schachspie- lerin, wenn man so will. Das Grossziel, Nutz- tierhaltung abzuschaffen, zerstückelt sie in eine Politik der kleinen Schritte. Momentan fordert sie mehr von der «Heile-Welt-Land- wirtschaft», die alle aus der Werbung kennen, die mit der Realität aber wenig zu tun habe. Darum hat Schneider eine Initiative zur Ab- schaffung der Massentierhaltung ins Leben gerufen. Auch hierzulande dürfen 15 Hühner auf einem Quadratmeter leben und bis zu 27 000 in einem Betrieb, Legehennen werden mit 10 Monaten getötet und männliche Küken als Abfallprodukte geschreddert. Das will Schneider ändern. Also hetzt sie in diesen Tagen von einer Unterschrift zur nächsten, als würde ihr die Zeit davonlaufen. Und im Grunde tut sie das auch. «Ich habe schon immer gewusst, dass der Klimawandel das grösste Problem der Menschheit ist», sagt die Umweltwissenschaf- terin, die Milch oder Fleisch nicht allein den Tieren zuliebe weglässt. Es gibt einen «Repor- ter»-Dok-Film über sie. Er heisst «Meret Schneider rettet die Welt». Wie? Durch Ver- zicht. Auf neue Kleider, aufs Fliegen, alles, was unnötig Ressourcen verbraucht. Schnei- der stört, dass es in der Umweltpolitik vor allem um den Verkehr oder das Wohnen geht. «Wer von den Grünen steht schon hin und sagt: ‹Hey, wir essen zu viel Fleisch und müs- sen den Konsum halbieren›?»

Schädlich wie Autofahren

Laut Schätzungen der Welternährungsorga- nisation der Uno verursacht die Massentier- haltung mit 14,5 Prozent gleich hohe Treib- hausgasemissionen wie der globale Verkehr. Weil Tiere fressen, trinken und Land brau- chen, bevor sie überhaupt zu Fleisch werden. Dazu kommt, dass Wiederkäuer Methan aus- stossen. Fleischessen, so kann man sagen, ist ähnlich umweltschädlich wie Autofahren. Kommt dazu, dass der Konsum in Industrie- nationen zwar abnehmen mag, global aber ansteigt. Weil Länder wie China sich den west- lichen Ernährungsgewohnheiten anpassen und auch nicht nur am Wochenende Fleisch

anpassen und auch nicht nur am Wochenende Fleisch Elisa Keller, Präsidentin von 269 Libération Animale.

Elisa Keller, Präsidentin von 269 Libération Animale.

Elisa Keller, Präsidentin von 269 Libération Animale. Meret Schneider, Geschäfts- führerin von Sentience

Meret Schneider, Geschäfts- führerin von Sentience Politics.

Schneider, Geschäfts- führerin von Sentience Politics. Roger Lienhard, Gründer der Investmentfirma Blue Horizon.

Roger Lienhard, Gründer der Investmentfirma Blue Horizon.

«Fleisch ist ein Auslaufmodell», sagt der Investor Roger Lienhard.

essen wollen. Laut einem Bericht der Uno soll der globale Konsum bis 2050 um 76 Prozent zunehmen. «Dieser Irrsinn muss doch verhindert wer- den», sagt Schneider, die ethische Überlegun- gen mit einem Problem verknüpft, das alle etwas angeht. Was Tiere fühlen, kann einem egal sein. Der Klimawandel hingegen weniger. Je weniger Tiere in Massen produziert wer- den, desto mehr muss für Fleisch bezahlt werden. Das wiederum führt zu einer Redu- zierung des Konsums und zu einer besseren Umwelt. Diese Argumentation dürfte Schnei- ders Initiative helfen, sofern sie einen Hauch von Chance haben soll. Die Frage ist, ob die Jungpolitikerin in der heterogenen Tierrechtsbewegung weiter Allianzen bilden und eine gesellschaftliche Kraft entwickeln kann. Vielleicht ist diese Fra- ge aber auch schon überholt. So argumentiert Roger Lienhard, 50, der die Tiere leise retten will, wirtschaftlich. Er ist zwar auch einer die- ser Neu-Veganer, die sich morgens um halb fünf vor Schlachthöfen treffen. Dabei geht es ihm aber auch darum, den Puls der Konsu- menten zu fühlen. Veganer sind für ihn alles andere als «Extremlinge, sondern die Spitze des Eisbergs einer neuen Generation». Roger Lienhard ist Gründer von Blue Hori- zon, einem Unternehmen, das 22 Mitarbeiter hat und in tierfreie Burger, Eier oder Sushis von amerikanischen Startups investiert. Er lebt das halbe Jahr über in Kalifornien und vermittelt Nichtveganern das Gefühl, ein biss- chen gestrig zu sein. Tiere essen sei nicht mehr nötig, sagt er. Unter den Vorwärtsden- kern im Silicon Valley werde mittlerweile schräg angeschaut, wer im Restaurant noch ein Steak bestellt. Heute steht Lienhard auf der Bühne des Forums «Innovation for Sustainability» am Zürcher Paradeplatz. Rollkragenpullover, Hose, Turnschuhe alles in Schwarz. Kein Grund für Widerstand oder Trauer. Warum auch? Die aufgeschlitzten Tiere von Estavayer sind weit weg und die Gegenwart ohnehin schon von gestern, so zumindest rechnet es Lienhard dem Investorenpublikum vor: Sie-

ben Milliarden Menschen leben zurzeit auf diesem Planeten, zehn sollen es bis im Jahr 2050 werden. Gleichzeitig sind 77 Prozent der verfügbaren Agrarfläche bereits benutzt. Wenn die Asiaten künftig so viele Tiere wie die Europäer essen, braucht man 3,5 Planeten mehr, um sie zu produzieren. Sprich: Geht gar nicht. «Fleisch ist ein Auslaufmodell», sagt Lienhard, vergleichbar mit dem Benzinauto. «In dreissig Jahren werden wir eine kritische Anzahl von Ländern haben, die den Konsum von Tierprodukten verbieten», glaubt er.

Konsumrevolution

Natürlich hat Lienhard ein sehr rationales Interesse an so einem Wandel, der ohne Hin- schauen auskommt, schmerzlos ist. Ein biss- chen davon ist vielleicht schon da. Zumindest bei der Milch: Einst galt sie noch als «Saft des Lebens». Heute wird jedoch so wenig Milch getrunken wie noch nie. Dafür reihen sich in den Regalen Alternativen aneinander, aus Soja, Hafer oder Mandeln. Bei Coop zum Beispiel kann man zwischen 32 Ersatzgeträn- ken wählen, die Absätze haben sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Sind die Alternativen einmal da, scheint sich das Ver- halten wie von selbst zu veganisieren. Mehr Rechte haben die Tiere deswegen trotzdem nicht. Gut möglich aber ist, dass die verschie- denen Kräfte weiter ineinanderfliessen und irgendwann zu einem Strom werden, der Akti- vismus auf der Strasse, die Debatten in der Politik, die Produkte der Wirtschaft. Sie tun es ja schon. Vor diesem Hintergrund ist die Idee, weniger oder keine Tiere mehr zu essen, gar keine so unmögliche mehr. Die Besucher des Zürcher Forums zumin- dest haben das Gefühl, Teil von etwas Grös- serem zu sein, von dem sie einen ersten Ge- schmack auf der Zunge haben. Das Food-Tas- ting hat begonnen, es werden Häppchen ser- viert wie immer an solchen Anlassen. Hier sind es Mini-Hamburger, Mini-Rühreier, mini alles, es schmeckt zwar tierisch, ist aber pflanzlich und vollkommen schuldfrei. «Wozu eigentlich braucht die Welt noch Fleisch», lachen die Investoren, «wenn es so etwas gibt?»

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Hintergrund Ausland

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Bayern-Blues

Die übermächtige CSU in Bayern verliert dramatisch an Wählern. Die Grünen

und die Rechtspopulisten der AfD gewinnen. Nichts ist mehr, wie es war – und doch

tragen alle Lederhosen und Dirndl. Was ist nur in Bayern los? Unterwegs in einem

D er Ministerpräsident kommt im Morgengrauen. Es ist sie- ben Uhr, als Markus Söder eine Grundschule im Westen Münchens betritt. Er wird ge- beten, sich mit der Schau- spielerin Uschi Glas hinter

eine Theke zu stellen, auf der Brot und Käse und Kakao für die Kinder bereitstehen. Und während ihm Uschi Glas erzählt, wie wichtig ein ausgewogenes Frühstück für Kinder sei – «manche kommen mit der Chips-Tüte ins Klassenzimmer», sagt sie entsetzt –, fummelt Söder an den Bändeln seiner Kochschürze herum, bis er resigniert aufgibt und fragt: «Ja, Herrgott, wie geht denn des?» Söder ist auf Wahlkampftour. Am 14. Okto-

ber wird in Bayern gewählt. Täglich hält er irgendwo eine Rede, feiert die Einweihung eines Krankenhauses und besucht ein Auto- werk. Nun lässt er sich von Uschi Glas, sie ist braungebrannt wie eh und je, beim Umbinden der Schürze helfen. Die beiden kennen sich. Es ist die gute alte CSU-Welt, die sich an die- sem Herbstmorgen trifft – und der es schon einmal besserging. Uschi Glas gehörte zwar zur 68er Bewegung und war «eher links», wie sie sagt, während sie den Kakao umrührt, aber als Franz Josef Strauss vor 40 Jahren die Geschicke des Frei- staates Bayern in die Hand nahm, wechselte «das Schätzchen der Nation» («Süddeutsche Zeitung») die Seite und wählt CSU, also die Schwarzen. Dann klingeln bereits die Schul-

verstörten Land. Von Sacha Batthyany

glocken, die Türen gehen auf, Kinderstimmen füllen den Raum, Uschi Glas bringt ihre Louis- Vuitton-Tasche in Sicherheit, und Söder sagt:

«Jetzt wird’s ernst.» Glaubt man den Prognosen, dann wird es tatsächlich ernst für Söders CSU. Viele spre- chen von einer Schicksalswahl. Was in Bayern geschehe, heisst es, habe Auswirkungen auf ganz Deutschland und könnte, je nach Wahl- ausgang, auch das Ende des Innenministers Horst Seehofer befeuern und, wer weiss, auch das von Kanzlerin Angela Merkel. Die CSU sackte in den jüngsten Umfragen auf 35 Pro- zent ab und steht so schlecht da wie nie. Vor 15 Jahren hatte sie noch eine Zweidrittelmehr- heit. Söder weiss kein Rezept, wie er die Wäh- ler an den Rändern zurückgewinnen kann, die Liberalen strömen zu den Grünen, die konser- vativen Rechten fliehen zur Populistenpartei AfD – und die Mitte bricht ihm auch noch weg. Noch vor zehn Jahren, da schaffte die CSU diesen Spagat spielend, da war sie die Partei der Cabrio-Schickeria in München sowie der Bauern auf dem Land. Früher hiess es, man könnte einen Laternenpfahl hinstellen, so- lange er schwarz sei, würde er gewählt. Aber früher ist nicht mehr. Selbst in Bayern nicht. Und seit Kanzlerin Merkel 2015 die Grenzen für die Flüchtlinge öffnen liess, sei das Land «nicht wiederzuerkennen», wie man von Pas- sau bis Schweinfurt an den Stammtischen hört. Um diese Flüchtlinge dreht sich im Wahl- kampf alles. Auch wenn die Grünen und die

SPD versuchen, die Zersiedelung des Landes und die steigenden Mieten in München in den Fokus zu stellen, geht es am Ende eben doch um Zuwanderung und Verdrängung. Auch Uschi Glas, noch immer hinter der Theke, unterhält sich jetzt mit Söder über die «trau- matisierten Kinder aus Syrien», die bei jedem Feueralarm zu weinen begönnen, weil es sie «an die Bomben» erinnert. Glas ist Vorsteherin der Organisation Brot- Zeit, die bedürftige Kinder mit Frühstück versorgt. Sie ist zwar treue CSU-Wählerin, hat Söder aber zuletzt für seine verschärfte Flüchtlingspolitik kritisiert, mit der er in die- sem Sommer rechts aussen vergebens auf Stimmenfang ging. «Mir ist doch am Wohl die- ser Kinder auch gelegen», sagt Söder im Ton des Landesvaters und verspricht eine Er- höhung der Gelder, worauf Uschi Glas ihr Uschi-Glas-Lächeln lächelt, mit dem sie seit ihrer Rolle als Halbblut Apanatschi in den Winnetou-Filmen ganz Deutschland bezirzt. Später an diesem Morgen wechselt Söder wieder in den CSU-Wahlkampf-Duktus und

CSU sackt ab

Umfragewerte in

Bayern (gegenüber

Landtagswahl 2013)

47,7%

2013

35,0

2018

18,0

8,6

25,0

10,0

20,6

12,0

CSU

Grüne SPD

AfD

sonstige

Man kann heute bayrisch sein, ohne CSU zu wählen. Oder Lederhosen tragen und Punk sein. Die Muster verschwinden.

spricht von einer «besseren Balance zwischen Abschiebung und Integration». Durch Europa wehe ein Geist der Verunsicherung, der auch vor Bayern nicht haltmache, sagt Söder nun ganz präsidial. Vieles sei unübersichtlicher geworden, der Populismus nehme zu, auch in Deutschland, man sehe das an der AfD, die jetzt auch noch «das Waffenrecht lockern wol- le». Es gebe Gräben in diesem Land, sagt Söder, und muss schon weiter zu seinem nächsten Termin, «aber wir können sie über- winden», fügt er an. So richtig überzeugend klingt das nicht.

Renaissance des Bayrischen

Man kann diese neue Unübersichtlichkeit in Bayern auch entlang der Lederhosen und Dirndl erzählen, die drei Tage später bei der Eröffnung des Oktoberfestes in München alle tragen, wo auch der Söder teilnehmen muss, obwohl er kein Bier mag. «Früher war die bay- rische Tracht ein Synonym des CSU-Wählers», sagt Josef Winkler, heute werde sie von allen getragen: ob italienische Touristen oder Zuge- zogene aus Sachsen, ob Grafikstudenten aus München, Menschen mit Migrationshinter- grund oder Landwirte aus der Provinz. Die Lederhose, der bayrische Kilt, ist für alle da und kostet bei Lidl, made in China, 29 Euro 99. Winkler ist Journalist und Gründer des Magazins «MUH», das ausschliesslich über bayrische Themen berichtet, über Sitten und Unsitten des 100-jährigen Freistaats, von der «Mia-san-mia-Haltung bis zur Fremdenfeind-

Interview mit AfD-Spitzenpolitikerin Alice Weidel

«Zäune

Alice Weidel, AfD-Fraktions-

Alice Weidel: «Nur noch Hippies oder Nazis.»

Alice Weidel: «Nur noch Hippies oder Nazis.»

REUTERS

Aber viele Menschen halten Merkels Solidarität für richtig. Und die merken jetzt, dass sie geblendet wurden durch weite

Teile der Medien und nun auf- wachen und ihr Land nicht wieder- erkennen. Das Sicherheitsgefühl der Menschen hat sich verschlech- tert. Die Straftaten und Delikte nehmen zu. Wir leben mehr und mehr in einem unsicheren Staat.

Ungarn liess Zäune aufstellen. Die wollen Sie auch? Ja, nur bessere. Wir wollen wis- sen, wer in unser Land kommt. Zäune bedeuten Freiheit.

womöglich die Italiener den Brenner zu, was zu einem Herz- infarkt mitten in Europa führte. Wie macht denn das die

sind Sonderwirtschaftszonen in Krisenregionen, die von der Uno geschützt werden. Und für uns gilt, was andere Länder seit Jahren

praktizieren: rigoroser Grenz- schutz. Nehmen Sie die USA, da werden Ihnen Fingerabdrücke genommen. Nur nach Deutsch- land spaziert man am helllichten Tag über die Grenze.

Sie leben in der Schweiz. Wenn man sich die Plakate der AfD anschaut, erinnern sie zuweilen an die der SVP. Ist die Schweize- rische Volkspartei ein Vorbild? Ich lebe nicht in der Schweiz.

vorsitzende, fordert eine

bedeuten

sofortige Grenzschliessung

 

und bezeichnet die SVP als

Schweiz? Gibt es in Basel etwa einen Herzinfarkt? Und wie war es früher? Ich kann mich gut an die Grenzkontrollen erinnern, die haben wunderbar funktioniert.

Die heutige Situation ist mit früher nicht zu vergleichen. Der Grenzverkehr hat sich verzehn- facht. Eine Schliessung wäre Irrsinn. Irrsinn ist, dass hier pro Tag Hunderte von Menschen herein- kommen, die zuvor ihren Pass wegschmeissen. Wir haben keine Ahnung, wer diese Menschen sind und woher sie kommen. Die ganze Welt lacht über unsere Unfähig- keit. Wir haben 700 000 ausreise- pflichtige Flüchtlinge, die aber noch im Land sind. Der Mörder

grosses Vorbild.

Freiheit»

Ihre Partei, die AfD, hat sich nach den Aufmärschen der Neo- nazis in Chemnitz radikalisiert. Parteimitglieder wie Björn Höcke demonstrierten gemein- sam mit Hooligans und Rechts- radikalen. Sie wollen Volks- partei sein, rutschen aber immer stärker nach rechts. Alice Weidel: Bei dem besag- ten Trauermarsch liefen Men- schen mit, die nichts mit unserer Partei zu tun haben. Man kann eben nicht kontrollieren, wer mit- läuft. Grundsätzlich kann ich sa- gen, dass wir die schärfsten Auf- nahmekriterien aller Parteien haben. Wer früher in der NPD war

teo Salvini, die Häfen zu kontrollie- ren und Schiffe abzuweisen, was völlig richtig ist. Weil wir die Schlepperindustrie austrocknen müssen. Auch was die Ungarn 2015 getan haben, halte ich für richtig. Es ist das einzige Land, dass das Recht eingehalten hat und illegale Migranten gemäss Dublin-Abkommen wieder aus- wies und nun von Brüssel dafür gescholten wird. Die deutsche Regierung hingegen hat gegen deutsches und europäisches Recht verstossen. Dagegen haben wir Klage eingereicht. Das geht so nicht. Die Deutschen nehmen über die Hälfte der Asylbewerber in Europa auf. Das können sie der Bevölkerung nicht aufbürden.

Das ist zynisch. Es hört sich nach einem Wider- spruch an, ist es aber nicht. Frei- heit braucht Zäune und unsere Freiheit wird überall einge- schränkt. Wir haben keine Grenz- sicherung, dafür stehen in unseren

Ach so? Es ist ein grosses Missverständ- nis, das nicht aus der Welt zu schaffen ist. Ich zahle in Deutsch- land Steuern, lebe aber mit meiner Lebensgefährtin, die in der Schweiz wohnt, in einer eingetra- genen Partnerschaft, wofür ein

oder mit anderen rechtsradikalen Gruppierungen Kontakt hatte, kann bei uns nicht eintreten.

Bei der Landtagswahl in Bayern dreht sich alles um Flüchtlinge. Was halten Sie von der Situation in Italien, wo Schiffe abgewie- sen werden, die dann wochen- lang im Meer treiben. Die EU spricht seit Jahrzehnten davon, die Aussengrenzen zu sichern, hat aber völlig versagt. Jetzt beginnt Innenminister Mat-

Innenstädten überall diese lächer- lichen Betonpoller, die uns gegen Anschläge schützen sollen.

Die was? Die Merkel-Klötze. Vor jedem Weihnachtsmarkt stehen die. Vielen Dank, Angela Merkel!

Sie sind Ökonomin. Wenn Sie die deutsch-österreichische Grenze dichtmachen, hat das Einfluss auf den europäischen Wirt- schaftsraum. Dann machen

von Chemnitz war so einer. Da hat sich herausgestellt, dass alle seine

Dokumente gefälscht waren. Etwas läuft hier gewaltig schief in Deutschland.

Sie kritisieren immer nur, haben aber noch nicht gesagt, wie Sie vorgehen wollen, um die Flücht- lingssituation zu verbessern. Die Asylpolitik muss mit ent- wicklungspolitischen Massnah- men verknüpft werden. Das be- deutet: Fördern vor Ort. Denkbar

Der Druck ist enorm. Dieses permanente An-den-Pranger-
Der Druck ist enorm. Dieses permanente An-den-Pranger-

Der Druck ist enorm. Dieses permanente

An-den-Pranger-

gestellt-Werden.

TANJA KERNWEISS

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lichkeit», sagt Winkler, der von einer «Renais­ sance des Bayrischen» spricht. Noch in den nuller Jahren galt als konserva­ tiv und komischer Kauz, wer bayrisch sprach und im Alltag im Dirndl oder in einer Leder­ hose erschien. Heute werde geradezu ein «Kult» etwa um den Leberkäse gemacht, eine weitere dieser bayrischen Schrullen. Es habe mit Kinofilmen begonnen, wie «Wer früher stirbt ist länger tot», in denen die Schauspieler Dialekt sprachen und zum ersten Mal richtig cool waren, und mit Bands wie LaBrassBanda, die in Tracht auftraten, aber natürlich kom­ binierten sie ihre Lederhosen mit löchrigen Socken. Dieses «Wir­Gefühl», das sei stärker geworden, sagt Winkler, diese Landliebe und die Beschwörung weiss­blauer Herrlichkeit, «aber ohne den alten Zopf». Die CSU kann von dieser Renaissance nicht profitieren. Das ist es ja, was aus Söders Sicht zum Haareraufen ist, denn man kann heute bayrisch sein, ohne die CSU zu wählen. Oder eben Lederhosen tragen und Schweinebraten essen «und linksalternativer Punk sein oder türkischer Abstammung – oder beides», sagt Winkler. Die Zugehörigkeiten haben sich auf­ geweicht. Die Muster verschwinden. Deshalb hat eine Volkspartei wie Söders CSU Mühe, ein ganzes Bundesland unter einem weiss­blauen Himmel zu vereinen, weil es nicht mehr nur dieses eine Bayern gibt, dieses Strickjacken­ Bayern, sondern sich jeder sein eigenes

«Das Land ist nicht wiederzuerkennen.» Katrin Ebner- Steiner, AfD- Spitzenkandidatin, auf Wahlkampf in Deggendorf.

Fortsetzung Seite 22

gemeinsamer Wohnsitz nötig ist. Die Aussage, ich würde in der Schweiz leben, ist falsch.

Verstanden. Trotzdem kennen Sie die Schweiz gut. Ja. Und was die SVP betrifft, ist sie natürlich ein Vorbild für uns. Sie hat ein stringentes und gutes Wahlprogramm. Die Positionen gehen in eine Richtung, die auch die AfD anstrebt: Betonung der staatlichen Souveränität, Forde- rung nach einem restriktiven Asyl- recht um nur einige zu nennen.

Die AfD macht immer wieder durch verbale Provokationen von sich aufmerksam. Was wol- len Sie damit bezwecken? Die Polarisierung ist ein Stil- mittel, um Debatten anzustossen. Als ich von Kopftuchmädchen sprach, ein Begriff Thilo Sarrazins, wollte ich darauf aufmerksam machen, dass Deutschland ein Problem mit dem konservativen Islam hat, der mit unserem Grund- gesetz unvereinbar ist.

Aber Sie zündeln. Mit dem Resultat, dass Ihre politischen Gegner auch ausfällig werden. Tatsächlich leben wir in einer hypermoralisierten Gesellschaft. Ich kann Ihnen sagen, der Druck ist enorm, dieses permanente An-den-Pranger-gestellt-Werden. Wenn wir so weitermachen, ste-

hen wir alle nur noch als Hippies oder Nazis da.

Zur Spaltung tragen Sie bei. Sehe ich nicht so. Ich überlege mir genau, welche Effekte ich erzielen möchte. Die Sprachglät- tung der politischen Korrektheit führte dazu, dass wichtige Dinge nicht mehr ausdiskutiert wurden, die wir nun wieder anschieben. Aber tatsächlich ist Deutschland derart gespalten, dass mittler- weile jede Dialogbereitschaft fehlt, die aber unbedingt wieder hergestellt werden muss. Mit die- ser hysterischen Eskalationskultur kommen wir nicht weiter.

Wie weit sind Ihre Pläne eines AfD-eigenen Newsrooms gedie- hen? Die Mainstream-Presse mögen Sie ja nicht besonders. Der Newsroom hat zum Ziel, durch alternative Kanäle über unsere Fraktionsarbeit zu infor- mieren. Wir sind auf gutem Weg. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass wir Probleme haben, Perso- nal zu finden. Wir suchen noch immer nach einem Medienchef, der alle Kanäle bespielt.

Fragen Sie Steve Bannon, der hat Präsident Trumps Kommu- nikationsstil geprägt und ist, so viel ich weiss, auf Jobsuche. Eher nicht. Interview: Sacha Batthyany

Trumps Kommu- nikationsstil geprägt und ist, so viel ich weiss, auf Jobsuche. Eher nicht. Interview: Sacha

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TANJA KERNWEISS

22

Hintergrund Ausland

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Der Bayern-

Fortsetzung von Seite 21

Bayern nach seinen Vorlieben zusammen- zimmert: Willkommen in der Pluralisierung. Doch mit der Pluralisierung kommen die Blasen und Milieus, nicht nur in der virtuel- len, auch in der realen Welt tun sich Gräben auf, vor allem zwischen den ländlichen Gebie- ten und der Millionenmetropole München, deren Bewohner in der Maxvorstadt sich kul- turell näher bei Brooklyn wähnen als bei Bruck in der Oberpfalz. Kleinere Parteien mit klarem Profil haben es da einfacher. Auch deshalb sind die Grünen im Aufwind, die das Bayrische mit der Sorge um die Natur ver- knüpfen, oder die rechtspopulistische AfD, die Ministerpräsident Söder zuletzt als «Feinde Bayerns» bezeichnete, was aber nur zeigt, wie sehr er sie fürchtet. Die AfD bewege sich «am Rande des Widerwärtigen», sagte Söder im Interview mit der «NZZ am Sonn- tag». Die Partei habe sich nach den Vorfällen in Chemnitz vor wenigen Wochen endgültig gehäutet und ihre «bürgerliche Maske» fallen- gelassen. Neu marschiere sie mit Neonazis und Hooligans. Das sei kein Protest mehr, so Söder. Die würden einen Umsturz planen.

Hass auf Merkel

«Bayern ist die Vorstufe zum Paradies», sagte einst Horst Seehofer, als er noch Ministerprä- sident war, und der Satz scheint für die Wälder um Pfaffenhofen in Oberbayern tatsächlich zuzutreffen, wo ein Bürgermeister im Radio die Bevölkerung dazu aufrief, mehr Apfel- kuchen zu backen, weil man nicht wisse, wo- hin mit all den Früchten. Der Weg zum Hof von Professor Claus Hipp, dessen Breie jedes Kind in der Schweiz kennt, führt an Koppeln vorbei, auf denen Pferde grasen, und an mäch- tigen Kastanienbäumen, deren bernsteinfar- bene Blätter in der Herbstsonne leuchten. Hipp, mittlerweile 80 Jahre alt, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Verdienstorden, sitzt auf der Holzbank seines Wohnzimmers und doziert über die tausendjährige Geschichte seiner Heimat. «Die Bayern waren immer sehr selbstbewusst und patriotisch, aber auf die gute Art.» Man sei weltoffen und gleichzeitig traditionsbewusst, diese Mischung mache das Lebensgefühl aus. Doch selbst Hipp beobach- tet eine seltsame Wut, die immer mehr Men- schen umtreibe und die ihm Sorgen bereitet. «Wo führt uns diese Wut nur hin?» An der wirtschaftlichen Entwicklung kann es nicht liegen. Die Arbeitslosigkeit ist tief, die Löhne steigen, die Qualität der Schulen ist im Ländervergleich top. Der FC Bayern spielte schon leichtfüssiger, okay, aber es reicht noch immer, um fast jeden zu schlagen. Doch die Faktenlage hat mit der Stimmungslage nichts zu tun, und so hängt in diesen Wochen statt der feuchtfröhlichen Humpa-humpa-Musik aus den Festzelten ein Blues über Bayern. Als die Kanzlerin im Sommer 2015 zur Situation mit den Flüchtlingen sagte: «Wir schaffen das», und die Politikerin der Grünen, Katrin Göring-Eckhardt, verkündete, die Flüchtlinge würden Deutschland bunter und jünger machen, da fragten sich viele Men- schen, vor allem entlang der östlichen Gren- zen Bayerns zu Österreich und Tschechien:

Und was ist mit uns? Sie erlebten jenen Sommer, als hier täglich Tausende Menschen ankamen, als Kontroll- verlust Berlins und fühlten sich im Stich gelas- sen, was in der Welt der Politik mehr zählt als alles andere. Dieses Gefühl, übergangen zu werden, diese Ahnung, Privilegien abgeben zu müssen, gepaart mit einer diffusen Angst, ge- rade die letzten Tage der bayrischen Idylle zu erleben, bevor alles den Bach runtergeht (oder die Donau), wird den Ausgang der Wahlen mitentscheiden. Niemand weiss das besser als Katrin Ebner- Steiner. Sie steht auf dem Marktplatz in Deg- gendorf und verteilt königsblaue AfD-Bro- schüren, die so gut zu Bayern passen. Dass die rechtsnationale Partei in dieser Gegend so gut abschnitt wie sonst nirgends im Westen Deutschlands und bei den Bundestagswahlen 2017 rund 20 Prozent der Stimmen holte, hat

Bundestagswahlen 2017 rund 20 Prozent der Stimmen holte, hat «Kinder kommen mit der Chips-Tüte ins Klassenzimmer.»

«Kinder kommen mit der Chips-Tüte ins Klassenzimmer.» Uschi Glas und Markus Söder in einer Schule in München.

Uschi Glas und Markus Söder in einer Schule in München. «Sogar die Dirndl haben weniger Ausschnitt»,

«Sogar die Dirndl haben weniger Ausschnitt», sagt Katrin Ebner-Steiner, weil sich muslimische Mitbürger dran stören würden.

viel mit Ebner-Steiner zu tun, dem Gesicht der AfD in Bayern. Ebner-Steiner spricht gern über die Flücht- lingskrise und noch lieber über Merkel, «die Deutschland-Abschafferin», «die Abriss- birne», «die Islam-Versteherin». Sie hat viele solcher Übernamen und Einzeiler parat, mit denen sie ihre saftigen Reden anreichert und die Menschen in Bierzelten und Wirtshäusern in ganz Niederbayern zum Johlen bringt. Eb- ner-Steiner mag Wahlkampf, sagt sie, manch- mal fühle es sich an wie ein Rausch. Vom Marktplatz fährt sie nach Grafling, einem Postkartendorf, umgeben von saftigen Wiesen, und klopft an jede Haustür. «Grüss Gott», sage man hier, nicht «Hallo» wie in

München, wo es rund um den Bahnhof keine deutschen Läden mehr gebe. Der persönliche Kontakt sei ihr wichtig, sie wolle die Men- schen spüren. Viele seien verängstigt, weil man im Kindergarten kein Schweinefleisch mehr esse und es für junge Frauen immer ge- fährlicher werde, allein spazieren zu gehen. Glaubt man den Worten Ebner-Steiners, dann steht Niederbayern kurz vor der Einführung der Scharia. «Sogar die Dirndl haben weniger Ausschnitt», behauptet sie, weil sich muslimi- sche Mitbürger dran stören würden, fährt sie fort und lächelt, worauf man gar nicht weiss, ob sie ihre Worte selbst für Schmarrn hält. Deggendorf war im Sommer 2015 ein welt- politischer Hotspot, das Ende der sogenann- ten Balkanroute. Die Flüchtlinge kamen über die tschechische Grenze und von da ins Transitzentrum des Ortes. Horst Seehofer, damals CSU-Chef, scheiterte mit seinem Ver- such, eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen einzuführen, was ihm viele Deg- gendorfer nie verziehen haben. Diese Enttäu- schung über das Establishment war der Start- schuss für Ebner-Steiners Aufstieg. Eine Er- folgsgeschichte, wie man sie selbst in der

«Ich tue es für Deutschland.» Katrin Ebner-Stei- ner mit Alice Weidel auf Wahlkampf.

Lokalpolitik selten erlebt. Sie hatte mit Politik eigentlich nichts am Hut, durch Thilo Sarra- zins Buch aber sei sie erwacht. Und weil sonst niemand da war, der aussprach, was viele dachten, stieg sie in den politischen Ring. Heute ist sie Spitzenkandidatin. Sie hat Viktor Orban eingeladen, der ungarische Minister- präsident ist für die AfD so etwas wie ein Hei- liger. «Wenn der nach Deggendorf kommen tät», sagt Ebner-Steiner, «das wär was.» Ihre Tochter sei aus Protest von zu Hause ausgezogen, sagt sie, eine Freundin habe sich von ihr abgewendet, weil die AfD eben als Nazipartei gilt, doch Ebner-Steiner war nicht mehr zu bremsen. «Ich tue es für Deutsch- land», sagt sie. «Für meine Heimat.» Sie war auch dabei, als die Flüchtlinge des Transitzentrums im Dezember 2017 gegen Ab- schiebung protestierten. Im Internet hatte es zuvor geheissen, sie würden gegen schlechtes Essen protestieren, was zu wütenden Kom- mentaren führte. «Sollen sie doch in den Zoo», schrieb einer. Ein anderer schrieb: «Einsam- meln und zurückschicken.» Ein Dritter hinter- liess nur ein einziges Wort: «Vergasen.»

«Ich bin kein Rassist, aber

»

Es sind lange Tage für Ebner-Steiner, diese Tage vor den Wahlen. Sie ist jetzt auf dem Weg zu einem Gasthof auf dem Land, wo sie an einer AfD-Veranstaltung auftreten wird. Natürlich im Dirndl. Sie wird auch «den Star- gast» des Abends ankündigen, die AfD-Frak- tionschefin Alice Weidel, eine Ökonomin, eine sogenannte Intellektuelle, die Zeitung «Der Freitag» nannte sie den «eiskalten Engel». Kann die das, ein Wirtshauspublikum begeis- tern? Ebner-Steiner sagt: «Wir werden sehen.» Weidel kann. Sie braucht keine Minute, bis der vollbesetzte Gasthof bebt, bis die aus- gestopften Wildschweine an den Wänden wackeln. Grossmütter, die früher CSU wähl- ten, Familienväter mit Franz-Josef-Strauss- Doppelkinn, ein eingewanderter Pole, der es ungerecht findet, dass man «die Syrer mit dem roten Teppich empfängt» – sie alle sind da,

und sie alle beginnen ihre Sätze mit: «Ich bin

kein Rassist, aber

wierten Unterarmen, der sonst die rechtsradi- kale NPD wähle und sagt, es sei die letzte Chance, das Ruder herumzureissen, ist von Weidel begeistert. «Der Deutsche», sagt er, «wehre sich immer erst, wenn es zu spät ist.» Weidel tritt in Jeans und blauem Blazer auf, nicht im Dirndl, ihre doppelreihige Perlen- kette verleiht ihr diesen Schuss elitäre Power. «Man sagt uns immer, die Welt sei in Ordnung. Aber sie ist es nicht. Nicht einmal in Bayern.» Was folgt, ist ein Rundumschlag: Erdogan, der gerade auf Staatsbesuch in Deutschland weilt, sei in Wahrheit ein Muslimbruder; Seehofer sei Merkels Bettvorleger; die SPD «eine tole- ranzbesoffene Proletengruppe». Nach gut 40 Minuten stehen alle auf und singen die deut- sche Hymne. Mehr als 50 Menschen stehen danach bei Weidel für ein Selfie an, die ande- ren bestellen noch ein Weizen und dann noch eines. Ebner-Steiner glüht vor Glück. Am nächsten Tag hält Alice Weidel noch eine Rede in Passau, Ebner-Steiner hängt schon ein paar «Islam gehört nicht zu Bay- ern»-Plakate auf, während Erdogan in Köln die grösste Moschee einweiht. Ein ganz nor- maler Sonntag in diesem heissen Herbst. Auch Markus Söder tourt durch Bayern. Gemeinsam mit Kanzlerin Merkel tritt er im Allgäu an einer Europatagung auf. Draussen haben sich mehrere Gruppen zu Demonstra- tionen versammelt, überall Polizei und Gitter und Absperrbänder. Es gibt die Friedens- demonstranten, die für ein buntes, ein offenes Allgäu demonstrieren. Es gibt ein paar Mer- kel-Fans, und dann gibt es die AfD-Anhänger, die «Merkel hinter Gitter!» rufen und von der Gegenseite ausgepfiffen werden. «Ich finde diesen Hass nicht schön. Der erinnert mich an eine dunkle Zeit», sagt eine alte Frau auf dem Weg nach Hause. Auch Trachten sind unter den Demonstran- ten zu sehen, links wie rechts stehen Männer in Lederhosen und Frauen im Dirndl, die sich alle für ihre Vorstellung von ihrem Bayern ein- setzen. Sie sind optisch kaum zu unterschei- den – trügen nicht einige der Männer zu ihren Lederhosen Glatze und Springerstiefel.

.» Auch ein Mann mit täto-

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MALICK SIDIBÉ

THE CHRONICLE

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Hintergrund

23

Nachruf

Zum Verlierer erklärt

Graciano Rocchigiani, deutscher Boxweltmeister, Millionär und Sozialhilfeempfänger, der die Menschen

mit seinen Niederlagen berührte, ist 54-jährig gestorben. Von Thomas Isler

G raciano ist sieben Jahre alt und mit seinen Eltern auf dem Heimweg vom Einkaufen, als zwei Halbstarke sie überholen. «Hey du blöde

Fotze», sagen sie zur Mutter. Der Vater schlägt sofort zu. Den Ersten schickt er mit der Linken zu Boden, den Zweiten hebt er in die Höhe, drückt ihn an die Wand und sagt: «Das nächste Mal will ich hören, wie du freundlich Guten Tag sagst. Oder du hältst besser die Klappe.» Dann setzt Familie Rocchigiani den Heimweg fort. Es ist der erste Kampf, den Graciano erlebt, und noch Jahre später ist es für ihn die Essenz jedes Kampfes: «Jegner am Boden, jutet Jefühl», Gegner am Boden, gutes Gefühl. Als in den neunziger Jahren der «Gentle- man» genannte Henry Maske in Deutschland das Boxen auch bei Intellektuellen populär machte, reagierte Rocchigiani mit Unver- ständnis: «Für mich ist das ein totaler Quatsch, das ganze Gerede über Boxen als Kunstform. Was soll das?» Er mochte es ein- facher. «Was braucht der Mensch schon zum Leben?», sagte er einmal. «Glotze schauen, ein bisschen bumsen, ein bisschen Anerken- nung. Das ist alles.» Graciano Rocchigiani kommt 1963 in Duisburg zu Welt. Sein Bruder Ralf ist zehn Monate älter, später kommt noch eine kleine Schwester dazu. Der Vater ist Gastarbeiter aus Sardinien, er war in Italien Junioren- meister im Boxen, in Deutschland arbeitet er als Eisenleger im Akkord. Er heiratet eine Deutsche, und bald zieht die Familie nach Westberlin. Das Kajütenbett der Buben steht

im Gang der kleinen Wohnung. Graciano ist ein wildes Kind. Zusammen mit dem älteren Bruder besucht er das Boxtraining bei den Neuköllner Sportfreunden. Die beiden haben Talent. Graciano geniesst es, «in vollbesetz- ten Zelten auf Festplätzen unter dem Gegröle und Gejohle der Massen die Fäuste zu schwingen». Vater Rocchigiani spendet jeweils fünf Mark Siegprämie. Graciano trainiert bald viermal pro Woche. Die Schule verliert an Priorität, er verlässt sie vorzeitig und beginnt eine Lehre als Gebäu- dereiniger, die er bald abbricht. Sein Berufs- wunsch ist klar: Er will Boxer werden. 1982 wird er als Rechtsausleger deutscher Meister im Halbmittelgewicht. Ein Jahr später wech- selt er ins Profigeschäft. Gleichzeitig, mit 20, wird er Vater. Seine Freundin, von der er sich trennen wollte, ist schwanger. Seine Tochter sieht er kaum. Rocchigiani will boxen und schafft mit 24 die Sensation: 1988 wird er im Supermittel- gewicht Boxweltmeister, als erst dritter Deutscher und als jüngster. Er verteidigt den Titel dreimal. Neben dem Ring bleibt er unberechenbar: Er trinkt, er prügelt sich in Discos und mit der Polizei. An der Autofahr- prüfung schlägt er auf den Experten ein, weil er fälschlicherweise annimmt, er lasse ihn durchfallen. Rocchigiani sitzt einige Male im Gefängnis, insgesamt 22 Monate. Die Wende von 1989 verkehrt die Verhält- nisse: Die Boxer aus dem Osten geben nun den Ton an, so wie Henry Maske, umsorgter Athlet der DDR-Elite. Rocchigiani, der Boxer aus der Arbeiterschicht, wirkt dagegen wie

Geoff Emerick, 72

N icht etwa die Musik, sondern ihre

eng geknüpften Krawatten – das

hat ihn am meisten beeindruckt,

als er den Beatles zum erstem Mal

gegenüberstand. Sofort kaufte er sich auch ein Exemplar. Damals war Geoff Emerick nur Assistent des Toningenieurs und half mit, einige der ersten Beatles-Songs aufzuneh- men. Wenig später, mit nur 21 Jahren, stieg er zum Chefingenieur auf. «Yellow Subma- rine» war einer der ersten Titel, die er verant- wortete. Ein Jahr später nahm er das Album «Sgt. Pepper’s» auf, eines der einflussreichs- ten Alben dieser Zeit. Emerick gewann dafür einen Grammy Award. Zwei weitere folgten. Mit seinen innovativen, verfremdenden Auf- nahmetechniken setzte er neue Standards. Geoff Emerick wurde 1945 in London als Sohn eines Metzgers und einer Hausfrau geboren. Als Kind spielte er Songs auf dem Piano nach, die er im Radio gehört hatte. Bald weckte die Soundtechnik sein Interesse. Schliesslich fand er über den Berufsberater der Schule einen Job in den Abbey Road Stu- dios der Plattenfirma EMI, wo er alsbald auf die krawattierten Beatles traf. Geoff Emerick ist am Dienstag an den Folgen eines Herz- infarkts in Los Angeles gestorben. (fur.)

Sydney Goldstein, 73

I hre Grundidee war ebenso einfach wie

erfolgreich. Aus einem interessanten

Gespräch zweier Menschen liesse sich

doch, so dachte sie, eine Abendunterhal-

tung in einem Theater machen, die das Publikum dort gegen Geld mitverfolgen könne. Sydney Goldstein nannte ihre Veran- staltung «City Arts & Lectures» und produ- zierte die erste davon 1980 in einem Theater in San Francisco. Die Reihe existiert bis heute – und wurde unzählige Male kopiert. Sydney Goldstein wurde 1944 in San Fran- cisco geboren. Die Eltern waren Juweliere.

1944 in San Fran- cisco geboren. Die Eltern waren Juweliere. Sydney Goldstein 2013 in San Francisco.

Sydney Goldstein 2013 in San Francisco.

Dass sie nach zwei Wochen aus dem College flog, hat sie ein Leben lang stolz gemacht, wie ihre Tochter sagte: «Sie hat es gemocht, gesellschaftlichen Erwartungen nicht zu ent- sprechen und ein bisschen zu provozieren.» Sydney Goldstein heiratete später einen Richter und hatte mit ihm zwei Kinder. Ihre berufliche Laufbahn begann in einem Col- lege, für das sie Veranstaltungen organisierte. Damals hatte sie die Idee, interessante Gespräche mit Autoren, Künstlerinnen, Musikern und Kritikerinnen als Live-Spekta- kel für Bildungsbürger zu inszenieren. Die Veranstaltungen bot sie als Saisonabonne- ment an – wie in der Oper. Ihr Talent für das Organisieren kam ihr entgegen. Sie hatte beispielsweise Doris Lessing, Bruce Spring- steen, John Updike oder Patti Smith auf der Bühne. Die Gespräche führten professionelle Journalisten, manchmal auch Prominente. So sprach etwa der Regisseur Spike Lee mit Anita Hill, der Frau, die Richter Clarence Thomas eines Übergriffs beschuldigt hatte. Die Gespräche wurden landesweit auf über hundert Radiostationen ausgestrahlt. Sydney Goldstein ist in Los Angeles gestorben. (tis.)

Walter Laqueur, 97

E s war vor 16 Jahren, Walter Laqueur sass in einem Hotelzimmer in Bern und gab der «NZZ am Sonntag» ein Interview zum Thema Terrorismus.

Plötzlich ging die Tür auf, und Laqueurs Frau bat die Journalisten, Schluss zu machen, ihr 81 Jahre alter Mann sei müde. Aber Laqueur wollte weiterreden. Er hatte noch einige wichtige Gedanken zu Ende zu bringen. Von Müdigkeit war auch in den 16 Jahren danach wenig zu spüren. Der herausragende Analytiker und Zeithistoriker forschte und schrieb mit stupender Kraft. Sein letztes Buch erschien dieses Jahr: «Die Zukunft des Terrorismus: IS, al-Kaida und Alt-Right». Walter Laqueur kam 1921 in Breslau zur Welt. Er floh mit siebzehn, kurz vor der Kristallnacht, nach Palästina. Seine Eltern wurden beide im Holocaust ermordet. Er arbeitete in einem Kibbuz, studierte an der Hebrew University und arbeitete als Journa- list. 1955 ging er nach London, wo er geopoli- tische und historische Zeitschriften gründete und ein Holocaust-Archiv leitete. Später lebte und forschte Laqueur in Washington. Die meisten Themen, mit denen er sich beschäftigte, kannte er aus eigener Anschau- ung: Holocaust, Untergang der Sowjetunion, Nahostkonflikt und globaler Terrorismus. Eines seiner letzten Bücher hiess «Reflec- tions of a Veteran Pessimist». Laqueur ist zu Hause in Washington gestorben. (tis.)

Laqueur ist zu Hause in Washington gestorben. (tis.) «Allet Beschiss, allet Schweine»: Graciano Rocchigiani

«Allet Beschiss, allet Schweine»: Graciano Rocchigiani verliert gegen Henry Maske höchst umstritten nach Punkten. (Dortmund, Mai 1995)

ein Auslaufmodell. «Ich kann ihn nicht ausstehen», sagte Rocchigiani über Maske. «Ständig macht er einen auf etepetete.» 1995 kommt es zum Kampf: guter Osten gegen bösen Westen. Rocchigiani scheint dem neuen gesamtdeutschen Liebling Maske überlegen – und wird doch zum Verlierer nach Punkten erklärt. Und sein Pech geht weiter: 1996 schlägt Rocchigiani den Welt- meister Dariusz Michalczewski praktisch stehend k. o., hört des Kommando des Ring- richters nicht und wird wegen eines Nach- schlags disqualifiziert. «Allet Beschiss, allet Schweine», sagt Rocchigiani, der oft auch «Rocky» oder «Jailhouse-Rocky» genannt

wird. Diese beiden Niederlagen sind für viele Menschen unvergesslicher als seine Siege. Rocchigiani ist dreimal geschieden. Sport- lich wechseln sich Abstürze und Trainings- phasen schnell ab. 1998 wird er nochmals Weltmeister im Halbschwergewicht des WBC gegen den Amerikaner Michael Nunn. Aber der Verband aberkennt ihm später unter einem Vorwand den Titel. Man wollte ihn nicht als Champ. Rocchigiani klagt in den USA gegen den WBC und erhält dafür sogar Hafturlaub im Gefängnis Tegel, wo er damals gerade einsitzt. Er gewinnt den Prozess in den USA und einigt sich 2004 mit dem Ver- band auf 4,5 Millionen Dollar Schadenersatz. Aber er kann mit Geld noch schlechter umgehen als mit seinem Temperament. Die Millionen zerrinnen im Nu. Er ist später sogar zeitweise auf das Sozialgeld Hartz IV angewiesen. Seinen letzten Kampf hatte er bereits 2003 absolviert – und verloren. Er nahm das Mikrofon und verabschiedete sich vom Publikum mit schiefem Lächeln und dem Satz: «Ich hab gern für Sie geboxt.» Nach seiner Karriere versucht er sich als Coach, als Experte eines Sportsenders, als Inhaber eines Boxstalls und als Wirt am Ballermann auf Mallorca. «Ich bin kein Ver- brecher, kein Schläger, kein Räuber», sagte er einmal. «Ich bin ein ganz romantischer, zarter Kerl. Das will nur niemand glauben.» Rocchigiani ist in Sizilien gestorben, wo er mit einer 16 Jahre jüngeren Frau zwei kleine Kinder hatte. Er war offenbar betrunken, als er als Fussgänger an einer Schnellstrasse von einem Auto tödlich verletzt wurde.

Das historische Bild Bamako, 24. Dezember 1963

wurde. Das historische Bild Bamako, 24. Dezember 1963 Zarter und selbstvergessener scheint kaum je ein Paar

Zarter und selbstvergessener scheint kaum je ein Paar getanzt zu haben. «Happy Club» hiess das Lokal in der malischen Hauptstadt Bamako, wo der Fotograf Malick Sidibé die beiden damals antraf. Wir können uns den intimen Moment anschauen, ohne uns als Eindringlinge vorzukommen. Das ist die Kunst des Fotografen. Das Tanzpaar verkörpert den Swing und die zuversichtliche Eleganz, die Bamako nach der Unabhängigkeit von 1960 ergriff und die der Fotograf Sidibé meisterhaft dokumentierte. Er eröffnete 1962 in

Bamako sein eigenes Studio und fotogra- fierte vor allem die Jugend. «Alle trugen damals den neuesten Stil aus Paris, alle wollten tanzen», sagte er, «die Musik befreite die jungen Leute.» Sie liessen sich gerne abbilden. Sidibé fotografierte sie im Studio und auf der Strasse. Vielleicht woll- ten sie den Zauber auch festhalten, weil sie dessen Flüchtigkeit ahnten. Auf Malis Unab- hängigkeit folgten bald Sozialismus, Mili- tärjunta, Putsch, Bürgerkriege. Der Swing verstummte. Die Bilder von Malick Sidibé bewahren ihn bis heute. (tis.)

ILLUSTRATION: STEPHAN LIECHTI

Leserbriefe

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

«Herzensbildung und Urvertrauen»

«Darf man sein Kind erpressen?» NZZ am Sonntag vom 30. September Als nunmehr 93-Jähriger denke ich, wichtige Vorausset- zung für eine gute Erziehung sind Vorbild, Herzensbildung und Urvertrauen, wie sie mir meine Eltern geschenkt haben. Dies kompensierte bei weitem den Mangel an formaler Bildung, den ich bei meiner Einschulung in die Primarschule, verglichen mit meinen Mitschülern, auf- wies. Ich wurde nämlich von meinen aus Italien eingewander- ten Eltern in deren italienischer Sprache erzogen, so dass ich anfänglich stets Mühe hatte mit dem Deutschen. Andererseits habe ich mir auf diese Weise die beiden Sprachen, ja sogar die zwei Kulturen, die deutsche und italienische, aneignen können. Dies bedeutet, zwei Seelen zu spüren, die in meiner Brust wohnen, eine deutschschweize- rische und eine italienische, aber nicht die in Goethes Faust, die sich ständig zanken, sondern die sich unablässig lieben; darüber bin ich sehr froh und auch sehr dankbar. Erzieherisch erinnere ich mich gerne an zwei Dinge:

Meine Mutter sagte mir als etwa 15-Jährigem, ich könne mir den

Mutter sagte mir als etwa 15-Jährigem, ich könne mir den Beruf wählen, den ich wolle, sie

Beruf wählen, den ich wolle, sie werde mir auf jeden Fall dabei helfen. Und ferner – ein für viele Familien sehr ungewohnter, auf den ersten Blick auch etwas befremdender, aber äusserst kluger Rat –: Wenn ich mit einem Mädchen schlafe, solle ich ja «den Gummi» nicht vergessen; wirklich eine mutige und weise Äusserung, auch wenn man ihre römisch-katholische Erziehung bedenkt. Diese mütterliche Haltung wurde später auch von reformierten Mitschülern hoch bewundert. Was das Taschen- geld anbelangt, gab sie mir den Kassenschlüssel und bemerkte, ich könne der Kasse den Betrag

entnehmen, den ich brauche. Unnütz zu sagen, dass ich dieses grossherzige Vertrauen nie miss- braucht habe.

Silvio Bianchi, Basel

Ich hoffe, dass bei Philipp Ramming der Vorschlag zum nicht erwünschten Freund der Tochter – «Ich bin nicht Fan von dir, aber du schaust gut zu meiner Tochter» – ein Ausrut- scher war. Gelungene Erziehung ist meines Erachtens, wenn die Tochter oder der Sohn selber zu sich schauen kann und nicht von einem Partner oder einer Partne- rin abhängig ist.

Susanne Schneebeli, Zürich

Die Idee, die Leser zum Chat- austausch mit dem Interview- partner einzuladen, um 1:1 situa- tionsbezogene Fragen stellen zu können, ist genial. Das sollte wiederkehrend sein und wenn möglich auch bei anderen Themen in Erwägung gezogen werden. Es würde auch helfen, beim Leser mehr «Vertrauen» zu erzeugen, was heutzutage ja bei Medien ohnehin das Topthema ist. Ausserdem beklagt man sich allenthalben über das Ver- schwinden der Diskussions- kultur, weil man sich unterein- ander nicht mehr respektiere. Et voilà, hier ist die Gelegenheit, dem entgegenzutreten.

Mete Karakaya

ist die Gelegenheit, dem entgegenzutreten. Mete Karakaya «Immer neues Lesevergnügen» Verschiedene Artikel von

«Immer neues Lesevergnügen»

Verschiedene Artikel von Christoph Zürcher NZZ am Sonntag vom 20. September Einmal mehr liess uns der Ar- tikel «Die grosse Wut der Frauen» von Christoph Zürcher schmun- zeln, wie alle seine bisherigen Beiträge im «Kanon der Populär- kultur». Auch sein Bericht aus Syrien war einmal mehr ein fast hautnaher Einblick in ein Kriegs- gebiet, von dem wir kaum eine Vorstellung hatten. Herr Zürcher

versteht es, seine Leser enorm zu fesseln. Seine Beobachtungs- gabe und seine Erzählkunst wie auch sein gekonnter Schreibstil machen seine Artikel zu einem immer neuen Lesevergnügen. Herr Zürcher ist ein Journalist, welchem trotz unzähligen Kon- frontationen mit Krieg und Elend sein feiner Humor nicht abhanden gekommen ist. Es ist uns seit Jahren ein grosses Ver- gnügen, am Sonntagmorgen die «NZZ am Sonntag» im Briefkas- ten vorzufinden!

Herbert und Ursula Wiehl, Hettiswil (BE)

«Politische Situation falsch eingeschätzt»

«Opernhaus verharmlost Stalin» NZZ am Sonntag vom 30. September Da schätzt Opernhaus-VR-Prä- sident Markus Notter die politi- sche Situation aber gewaltig falsch ein, wenn er das Stalin-T- Shirt von Regisseur Barrie Kosky lediglich «geschmacklos» findet. Ich bin mir absolut sicher: Hätte er sich mit Hitlers Konterfei prä- sentiert, der Aufschrei in der Öffentlichkeit wäre gewaltig und eine Rücktrittsforderung unaus- weichlich gewesen. Warum nicht in diesem Fall?

Arnold Fröhlich, Nuglar (SO)

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THOMAS DELLEY / KEYSTONE Post Warum die Chefsuche laut Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller schwierig ist 27 NZZ
THOMAS DELLEY / KEYSTONE Post Warum die Chefsuche laut Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller schwierig ist 27 NZZ
THOMAS DELLEY / KEYSTONE Post Warum die Chefsuche laut Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller schwierig ist 27 NZZ
THOMAS DELLEY / KEYSTONE Post Warum die Chefsuche laut Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller schwierig ist 27 NZZ

Post Warum die Chefsuche laut Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller schwierig ist 27

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

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Zukunft der Arbeit Bis 2030 werden in der Schweiz 1 Mio. Jobs gestrichen, aber fast so viele werden neu kreiert 28

Jobs gestrichen, aber fast so viele werden neu kreiert 28 Sparsame Schweizer Guthaben auf Bankkonten und

Sparsame Schweizer

Guthaben auf Bankkonten und in der beruflichen Vorsorge seit 10 Jahren

BankguthabenBankkonten und in der beruflichen Vorsorge seit 10 Jahren Guthaben in der berufl. Vorsorge 900 Mrd.

Guthaben in der berufl. Vorsorge 900 Mrd. Fr. 800 700 600 500 400 300 200
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Quelle: SNB, BfS

Sparen als Verlustgeschäft

Reale Verzinsung der Schweizer Bundesobligationen seit 40 Jahren

Durchschnittlicher 5% Realzins auf Durchschnittl. Staatsanleihen 4 Verzinsung sei t 1925 3 2 1 0
Durchschnittlicher
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Quelle: SNB, BfS

Die Entwertung der Sparguthaben wirkt wie eine Steuer: Seit den frühen achtziger Jahren war der reale Zins nie mehr so stark negativ wie heute.

Schweizer Sparer verlieren zehn Milliarden im Jahr

Die Inflation steigt, doch die Zinsen verharren bei null. Das Bankonto wird damit zum Verlustgeschäft.

Während sich die Guthaben der Sparer entwerten, bleibt der Protest aus. Von Albert Steck

D ie Schweizer sind ein Volk von

Sparern. Am liebsten horten sie ihr

Geld auf dem Konto. Wie die fleis­

sigen Eichhörnchen haben sie ihre

Bankeinlagen über die letzten zehn Jahre von 400 Mrd. Fr. auf inzwischen 720 Mrd. Fr. erhöht – pro Kopf ergibt das die erkleckliche Summe von 85 000 Fr. Damit nicht genug: Weitere 900 Mrd. Fr. haben die Schweizer in der beruflichen Vor­ sorge angespart. Auch dieser Betrag steigt pro Jahr um etwa 50 Mrd. Fr. (vgl. Grafik 1). Doch lohnen sich diese Sparbemühungen auch wirklich? Zweifel sind angebracht. Denn die Inflation ist still und heimlich zurück­ gekehrt. Im September erreichte die Jahres­ teuerung 1,0%. Für 2018 rechnet die Schwei­ zerische Nationalbank (SNB) mit dem stärks­ ten Preisauftrieb seit zehn Jahren.

Ein realer Verlust von 1 Prozent

Gleichzeitig verharren die Zinsen auf rekord­ tiefem Niveau. Die durchschnittliche Rendite der eidgenössischen Bundesobligationen liegt bei null. Real, unter Berücksichtigung der Inflation, erbringen die Staatsanleihen somit einen Verlust von 1%. So schlecht sind die Sparer seit den frühen achtziger Jahren nicht mehr weggekommen, wie die Daten der Nationalbank zeigen (vgl. Grafik 2). Die SNB führt seit 1925 eine Statistik zu den realen Zinsen der Bundesobligationen. Im Durchschnitt rentierten diese über die letz­ ten knapp hundert Jahre mit 1,6% – und damit ganze 2,6% mehr als heute. Die Entwertung ihrer Guthaben kommt die Sparer teuer zu stehen. «Die Einbussen auf­ grund der negativen Realzinsen erreichen

derzeit etwa 10 Mrd. Fr. im Jahr», schätzt Thorsten Hens, Professor für Finanzmarkt­ ökonomie an der Universität Zürich. Während die Verzinsung der Sparkonten noch für längere Zeit bei null verharren wird, rechnet die SNB bis im Jahr 2020 mit Teue­ rungsraten zwischen 0,8% und 1,2%. Allein bei den Bankeinlagen von gut 700 Mrd. Fr. be­ läuft sich der jährliche Kaufkraftverlust somit auf etwa 7 Mrd. Fr. Hinzu kommen die Ver­ luste in der beruflichen Vorsorge: Seit Einfüh­ rung der zweiten Säule 1985 lag die reale Ren­ dite im Schnitt bei 1,75%. Ab nächstem Jahr sinkt die Mindestverzinsung nun sogar auf 0,75% – womit sie real ins Minus fällt. Gross war der Aufschrei in der Bevölkerung vor vier Jahren, als die SNB ihre Leitzinsen erstmals unter null senkte. Effektiv aber stan­ den die Sparer damals deutlich besser da als heute, weil auch die Inflation negativ war. Dass die Anleger zu stark auf die nominalen Renditen achten und den Einfluss der Teue­ rung unterschätzen, ist für Finanzprofessor Thorsten Hens ein altbekanntes Muster. Er vergleicht den Effekt mit einem Frosch im Wasser: «Wenn sich die Temperatur im Wasser graduell erhitzt, bleibt der Frosch sitzen, bis es zu spät ist. Auch die Inflation nimmt nur in kleinen Schritten zu, so dass die Sparer ihre schädliche Wirkung unterschät­ zen.» Dagegen sorge bereits ein kleiner Bör­ seneinbruch für grosse Schlagzeilen, obwohl das Haushaltsvermögen meistens viel we­ niger tangiert werde. Zwar sind in der Schweiz seit den achtziger Jahren praktisch nie mehr negative Realzin­ sen aufgetreten. Vorher aber gab es mehrfach längere Perioden, in denen die Inflation deut­

Alternativen zum Sparkonto

Ohne Risiko gibt es keine Rendite

Als Haushalt sollte man im Mini- mum flüssige Mittel in der Höhe eines Jahresbedarfs vorrätig halten, sagt Sven Pfammatter, Leiter der Niederlassung Zürich beim VZ Vermögenszentrum. Bei vielen Leuten liege das Gut- haben auf dem Sparkonto aller- dings deutlich höher. Angesichts der negativen Realzinsen empfiehlt Pfammat- ter, vermehrt in Sachwerte zu investieren. Im Vordergrund stehen dabei Aktien von solid

kapitalisierten Unternehmen mit stabilen Gewinnen und einer hohen Dividendenrendite. Im Schnitt rentieren Schweizer Aktien zurzeit mit 3%. «Etliche Firmen bezahlen seit Jahrzehn- ten ohne Unterbruch eine Divi- dende», betont der VZ-Experte. Für längerfristige Sparziele wie den Ruhestand seien Aktien deshalb zu bevorzugen – auch wenn man dafür das Risiko eines temporären Kurseinbruchs auf sich nehme. (sal.)

lich über das Zinsniveau kletterte, zum Bei­ spiel von 1971 bis 1975. Auf dem Tiefpunkt 1973 lag die reale Verzinsung bei minus 5%. Ein solcher Zustand wird in der Ökonomie als finanzielle Repression bezeichnet. Typi­ sche Merkmale sind hohe Staatsschulden und weit geöffnete Geldschleusen mit künstlich gedrückten Zinsen. De facto wirkt die finan­ zielle Repression wie eine Steuer auf den Er­ sparnissen und Rentenguthaben. Dafür ent­ lastet sie das Portemonnaie der Schuldner. Die Schuldenlast der Staaten ist auch jetzt der Hauptgrund, warum die Notenbanken die Zinsen tief halten – obwohl die Konjunktur auf vollen Touren läuft. Die SNB wird nach Ein­

schätzung der Ökonomen erst 2020 ein erstes Mal an der Zinsschraube drehen. Sie ist zum Abwarten gezwungen: Würde sie die Zinsen vor der Euro­Zone erhöhen, käme es erneut zu einer starken Aufwertung des Frankens. Somit büssen die Sparer in der Schweiz indirekt für die schwache Wirtschaft und die hohen Schulden in Europa, namentlich in Ita­ lien. Mathias Binswanger, Professor für Volks­ wirtschaft an der Fachhochschule Nordwest­ schweiz, hält die tiefen Zinsen trotzdem für die richtige Reaktion: «Insgesamt überwiegen für die Schweiz die Vorteile. Wenn die Export­ industrie vom globalen Aufschwung profi­ tiert, ist dies im Interesse des ganzen Landes.»

Der Wertverlust erfolgt schleichend

Binswanger erwartet auch keine Rückkehr zu den inflationären Zeiten wie in den siebziger Jahren: «In der Wirtschaft dominieren weiter­ hin die Kräfte, die einem starken Preisauftrieb entgegenwirken, namentlich die Globalisie­ rung, die neuen Technologien und die Alte­ rung der Bevölkerung.» Doch selbst bei einer scheinbar moderaten Teuerung müssen sich die Sparer gegen den schleichenden Wertverlust schützen. Viele seiner Kunden parkieren unnötig viel Geld auf dem Bankkonto, beobachtet Sven Pfammatter vom VZ Vermögenszentrum (vgl. Box): «Nach Jahren mit sinkenden Preisen ist vielen noch nicht bewusst, dass der Wind nun wieder gedreht hat.» Wenn auf einem Konto mit 100 000 Fr. Ende Jahr plötzlich 1000 Fr. feh­ len, würde jedermann protestieren. Steigen aber die Lebenshaltungskosten um 1000 Fr., bleibt der Widerspruch aus. Obwohl die fi­ nanziellen Folgen die gleichen sind.

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MARCO ZANONI

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Wirtschaft

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«Viele Interessenten fragen sich, ob sie den medialen Druck aushalten wollen»

Post-Präsident Urs Schwaller erklärt, warum die Suche nach einem neuen Chef schwierig ist und weshalb er

dem Bund künftig nicht mehr 200 Millionen Franken abliefern kann. Von Jürg Meier und Ueli Kneubühler

NZZ am Sonntag: Sie überlegen

sich, ehemalige Führungskräfte des Konzerns für Schäden aus dem Postauto-Skandal zu belan- gen. Ist das realistisch? Urs Schwaller: Wir prüfen dies, wie im Juni schon angekündigt. Es ist juristisch tatsächlich anspruchsvoll, auf diesem Weg etwas zu erreichen. Es ist auch wichtig, dass wir die ehemaligen Verantwortlichen befragen dürfen. Ich erwarte, dass wir im kommenden April einen Entscheid fällen können.

Zudem bezahlen Sie den Kanto- nen 205 Mio. Fr. an unrecht- mässigen Postauto-Gewinnen zurück – ohne dass zum Beispiel ein Gerichtsurteil vorliegt. Handeln Sie nicht vorschnell? Es kann wohl niemand mehr in diesem Land bestreiten, dass hier etwas nicht rechtmässig war. Wir haben mit riesigem Aufwand mehrere Expertisen eingeholt. Dann hat auch das Bundesamt für Verkehr einen Revisionsbericht verfasst. Ich habe keinen Grund, diese Zahlen anzuzweifeln. Ich will die Vergangenheit so schnell wie möglich bereinigen.

Warum? Das Schwergewicht meiner Arbeit muss nun auf der Zukunft liegen. Ein so bedeutendes Unternehmen wie die Post kann es sich nicht leisten, jahrelang in einem Schwebezustand zu sein.

Das Strafverfahren des Bundes- amtes für Polizei könnte sich aber noch jahrelang hinziehen. Natürlich. Umso wichtiger ist es, die Themen abzuschliessen, die in unserer Macht stehen.

Wie stark hat die Marke Post gelitten? Die Postauto-Affäre hat sicher zu einem Imageschaden geführt. Was mich aber stört: Man nimmt die ganze Post in Geiselhaft. Dabei ist sie ein Unternehmen, das mehr als gut aufgestellt ist. Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Leistungen unserer Post enorm.

Ihre dringendste Aufgabe ist die Suche nach einer neuen Chefin oder einem neuen Chef. Wie weit sind Sie? Ich hoffe, dass wir bis Ende Jahr eine Namensliste haben, auf deren Basis wir entscheiden können. Die Suche gestaltet sich nicht so einfach.

Warum? Viele Interessenten bestätigen mir zwar, dass es sich um eine einmalige Aufgabe handelt. Sie fragen sich aber auch, ob sie diesen medialen und politischen Druck aushalten wollen. Ob sie damit leben können, einmal pro Woche durchs Dorf gejagt zu werden. Die Post ist ein Unter- nehmen, das im Rampenlicht steht. Damit muss der Chef klar- kommen.

Was muss die Pe rson mitbringen? Nationale oder internationale Erfahrung und die Fähigkeit, Leute zu führen. Eine der Stär- ken der Post ist es, dass sie bei Briefen, Poststellen und im Zah- lungsverkehr einen Grundver- sorgungsauftrag hat. Die Post braucht jemanden, der dafür Verständnis hat und gleichzeitig die digitale Transformation des Unternehmens begleiten kann.

die digitale Transformation des Unternehmens begleiten kann. «Wir automatisieren permanent. Personelle Reduktionen

«Wir automatisieren permanent. Personelle Reduktionen werden dadurch unvermeidlich»: Post- Präsident Urs Schwaller.

Urs Schwaller

Anwalt, Ständerat, Finanzdirektor

Der 65-jährige Urs Schwaller ist von Beruf Anwalt. Er war im Kanton Freiburg Direktor des Innern und danach Finanz- direktor. 2003 bis 2015 sass er für die CVP im Ständerat, wo er auch die CVP/EVP-Fraktion präsidierte. 2009 stieg er als Bundesratskandidat ins Rennen, unterlag aber Didier Burkhalter. Von 2011 bis 2015 war er ständiges Mitglied des Europarates in Strassburg. Seit April 2016 ist er Präsident der Post. Schwaller wohnt in Tafers im Kanton Freiburg, ist verhei- ratet und hat drei Kinder. (mju.)

Wir wollen niemanden einstel- len, der einfach eine Sanierung durchziehen will – womöglich auf Kosten der Mitarbeitenden.

Ist der Lohn angesichts der Herausforderungen nicht zu tief ? Der Lohn ist tatsächlich ein Thema. Wir haben eine Vorgabe des Bundes von höchstens einer Million Franken pro Jahr. Wir werden diese einhalten.

Ein wichtiges Kriterium für Kan- didaten dürfte die Besetzung des Verwaltungsrates sein. Sie sind seit gut zweieinhalb Jahren Präsi- dent und werden dieses Jahr 66. Wie sehen Ihre Pläne aus? Bei der Post gilt die Ober- grenze von 70 und eine maxi- male Amtsdauer von 12 Jahren. Nächstes Jahr stehen wichtige Themen an: die Verhandlungen des Gesamtarbeitsvertrages, die Evaluation des Postgesetzes, die Ausgliederung der Postfinance. Es dürfte noch einige Zeit gehen, bis der neue Post-Chef im Amt ist. Darum ist Kontinuität im Präsidium wichtig.

Mit dem Abgang von Doris Leuthard steht ein Wechsel an der Spitze des zuständigen Bundes- departements an. Werden Sie Ihr Amt zur Disposition stellen? Lassen Sie mich doch zuerst einmal Gespräche mit der Nach- folgerin oder dem Nachfolger führen. Die Post interessiert mich und liegt mir am Herzen.

Eine weitere Ihrer dringenden Aufgaben ist die Zukunft der Post- auto-Sparte. Als Präsident einer Aktiengesellschaft können Sie unmöglich ein Geschäft weiter- führen, in dem sie keine Gewinne mache n dürfe n. Wann verkaufen Sie den Bereich?

Das liegt absolut nicht auf meiner Linie. Postauto gehört zur Post. Die Frage der Gewinn- erwirtschaftung müssen nicht nur wir uns stellen, sondern alle Unternehmen, die im öffent- lichen Verkehr Personen trans- portieren. Die Personenbeförde- rung ist ein Grundversorgungs- auftrag, für den wir vom Bund eine Abgeltung erhalten. Damit müssen und können wir zurecht- kommen. Wir müssen uns jetzt aber darauf einigen, dass alle Transportunternehmen die glei- chen Spielregeln haben.

Die Spielregeln, nach denen Post- auto künftig fährt, müssen also noch definiert werden? Ein gewisser Handlungsbedarf ist gegeben. Das ist Aufgabe des Bundesamts für Verkehr, der Aufsichtsbehörde. Ich sehe keinen Grund, Postauto abzu- spalten oder zu verkaufen.

Ein weiteres Problem stellt sich Ihnen bei der Postfinance. Die Gewinne bei der jahrelangen Ertragsbringerin erodieren. Nun hat der Bundesrat angekündigt, dass er das Hypothekar- und Kre- ditverbot bei der Postbank auf- heben will. Werden die künftigen Gewinne der Post damit wieder von der Postfinance kommen? Nicht unbedingt. Die Briefpost ist nach wie vor unser stärkstes Pferd im Stall. Auch Postlogis- tics, unsere Paketsparte, ent- wickelt sich gut.

Postfinance ist eine systemrele- vante Bank. Sie muss darum zusätzliches Eigenkapital auf- bauen. Wie soll das funktionieren, wenn gleichzeitig die Gewinne sinken? Postfinance wird auch noch in den nächsten Jahren Gewinne

Postfinance wird auch noch in den nächsten Jahren Gewinne Es wird bei der Post eine gewisse

Es wird bei der Post eine gewisse Fokussierung auf das Kerngeschäft geben.

erwirtschaften. Diese werden eingesetzt werden müssen, um ein zusätzliches Kapital von gut 2 Mrd. Fr. aufzubauen. Das wird ihre Gewinnabgaben an die Post merklich schmälern. Ich erwarte deshalb in den nächsten fünf bis sechs Jahren keine wesentlichen Gewinnbeiträge von Postfinance.

Wenn die Gewinnbeiträge mittel- fristig ausbleiben: Wie wollen Sie dann die Dividende von 200 Mio. Fr. bezahlen, die Sie jährlich an

den Bund abliefern müssen? Wir müssen dieses Thema mit dem Bund diskutieren. Für dieses Jahr ist es klar. Wir liefern dem Bund die 200 Mio. Fr. ab. Aber beide Seiten haben erkannt:

Für nächstes Jahr müssen wir die Dividendenfrage angehen. Wir brauchen finanziellen Spiel- raum, damit wir weiter in Auto- mation und Digitalisierung investieren können.

Der Bundesrat hat der Post eine Reihe finanzieller Ziele vorgegeben. Müssen diese angepasst werden? Wir müssen diese Ziele zusammen mit dem Bundesrat überprüfen. Heute haben wir die Vorgabe, den Unternehmenswert Jahr für Jahr zu steigern. Das wird zunehmend unrealistisch. Jetzt ist der Moment, um die Diskussion aufzunehmen.

Die Gewinne der Post schrump- fen, neue und substanzielle Ertragsquellen sind nicht in Sicht. Damit bleiben Ihnen nur noch Einsparungen. Ich sehe bei den Briefen und der Paketpost durchaus Ertrags- potenzial. Oder auch bei der Swiss Post Solutions, die Lösun- gen für das Dokumenten- management anbieten. Aller- dings automatisieren wir auch permanent. Personelle Reduktio- nen werden dadurch unvermeid- lich. Diese werden wir über die natürliche Fluktuation auffan- gen müssen.

Die Post befördert nicht nur Briefe und Pakete. Sie führt auch den Online-Shop Kaloka, bietet ein elektronisches Patientendossier oder führt einen Veloverleih namens Publibike. Hat sich der Konzern verzettelt? Wir überprüfen im Moment tatsächlich, welche Bereiche für die Post absolut notwendig sind. Dies ohne Scheuklappen und auch bei Projekten, die erst vor vier oder fünf Jahren aufge- gleist wurden. Bis Mitte nächstes Jahr will ich den Prozess abschliessen. Unter dem Dach der Post befinden sich viele innovative Projekte. Aber wir müssen uns fragen, inwieweit wir diese weiter mittragen wollen oder können. Und ob wir weiterhin in Vorhaben investie- ren, die kostenintensiv sind, aber bescheidene Erträge abwerfen. Es wird bei der Post eine gewisse Fokussierung auf das Kern- geschäft geben.

Was he isst das konkret? Publibike beispielsweise steht auf dem Prüfstand.

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Wirtschaft Zukunft der Arbeit

NZZ am Sonntag 7. Oktober 2018

Bis 2030 fallen in der Schweiz eine Million Jobs weg

In den nächsten Jahren werden Stellen mit

repetitiven Tätigkeiten grösstenteils gestrichen.

Bis 2030 entstehen dafür fast so viele neue

Arbeitsplätze. Sie erfordern aber ganz andere

Fähigkeiten: Firmen und Bildungsinstitute stehen

vor der Aufgabe, rund 800 000 Arbeitskräfte

umzuschulen und weiterzubilden. Von Daniel Hug

umzuschulen und weiterzubilden. Von Daniel Hug Hälfte der neuen Jobs sind im Technologiebereich:

Hälfte der neuen Jobs sind im Technologiebereich: Siemens-Angestellter nutzt Arm eines Industrieroboters.

I m hohen Büroturm der Allianz in Wallisellen arbeiten rund 1800 Angestellte. Dem- nächst werden es deutlich

weniger sein: Diese Woche hat der deutsche Versicherer be- kanntgegeben, dass er in den nächsten drei Jahren 150 Stellen in der Schweiz abbauen wird. Solche Meldungen werden sich in den nächsten Jahren häufen:

Wo immer möglich, werden die Arbeitsschritte digital erfasst und so in die Sprache der Computer übersetzt. Danach lassen sich die Tätigkeiten automatisieren. Fir- men nutzen dies, um die Kosten zu senken – und sich einen Kon- kurrenzvorteil zu verschaffen.

Optimistisch rechnet McKin- sey mit weiteren 400 000 Stel- len, die entstehen, weil die Digi- talisierung zu höherer Produkti- vität und mehr Einkommen führt – und den Konsum fördert. Doch was passiert mit den Menschen, die ihre Stelle verlie- ren? Die McKinsey-Berater gehen davon aus, dass die meisten der von der Digitalisierung betroffe- nen 0,8 bis 1,0 Mio. Arbeitskräfte umgeschult oder weitergebildet werden können. «Das ist zwar eine Herkulesaufgabe, aber machbar», schätzt Marco Ziegler, Senior Partner bei McKinsey.

«Viele Unternehmen werden ihre Mitarbeiter intern umschulen und mit Zusatzausbildungen auf neue Aufgaben vorbereiten», prä- zisiert Ziegler. Fast die Hälfte der Firmenchefs sei heute dazu be- reit, wie eine Befragung gezeigt habe. «Doch noch mehr müssen sich diesem Effort in der Weiter- bildung anschliessen», heisst es im Bericht zur Zukunft der Arbeit. «Man wird jedoch eine Kas- siererin oder einen Kassier nicht zur IT-Fachkraft umschulen kön- nen», räumt Marco Ziegler ein. Mindestens vorübergehend ist daher zu erwarten, dass der tech-

Die Umschulung sei zwar eine Herkules- Aufgabe, aber machbar, meint der McKinsey-Partner.

nologische Wandel zu einem grösseren Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt führen wird:

Die Leute, die entlassen werden, haben nicht das Profil, das für die offenen Stellen gesucht wird. «Die Lücke zwischen den angebo- tenen und den gesuchten Fähig- keiten wird sicherlich zuneh- men», schätzt Ziegler. Er rechnet damit, dass jährlich etwa 15 000 bis 20 000 Erwerbstätige aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden werden. Bis 2030 könnten laut Ziegler etwa 150 000 bis 200 000 Arbeitnehmer mit tiefer Mobilität ohne Arbeit dastehen.

Es trifft jede vierte Stelle

«Etwa 20 bis 25% aller beruf- lichen Ak