Sie sind auf Seite 1von 9

VORLESUNG 1

THEMA:
„ALTE GERMANEN, GROßE VÖLKERWANDERUNG UND DAS ENTSTEHEN DES
DEUTSCHEN VOLKES. DEUTSCHLAND IM FRÜHEN MITTELALTER“
GLIEDERUNG.
1. Die frühesten Nachrichten über die alten Germanen. Verbreitung der
germanischen Stämme.
2. Die Lebensweise, Religion und Kultur der Germanen.
3. Die Schlacht im Teutoburger Wald um 9 n. Chr.
4. Die Große Völkerwanderung.
5. Das Frankenreich, sein Zerfall und Aufteilung. Entstehung des Ostfränkischen
Reiches.
6. Kulturelle Entwicklung Deutschlands im Zeitalter der Antike und des
Frühmittelalters. Karolingische Renaissance.

1./6. Die frühesten Nachrichten über die alten Germanen. Verbreitung der
germanischen Stämme.
Als Germanen wird eine Anzahl von ehemaligen Stämmen in Mitteleuropa und im
südlichen Skandinavien bezeichnet. Ihre ethnische Identität wird traditionell über
die Sprache bestimmt. Sprachzeugnisse, die gegenüber den rekonstruierten
indogermanischen Dialekten die erste (germanische) Lautverschiebung aufweisen, gelten
als Beleg für germanische Völker.
Die frühesten Nachrichten über die alten germanischen Stämme, die auf dem
Territorium des heutigen Deutschland gelebt haben, finden sich bei vielen antiken
(griechischen und römischen) Autoren: Poseidonios von Rhodos (135-51 v. Chr.)1
Plutarch (45-125)2, Sallust (86-35/34 v. Chr.)3, Varro (116-27 v. Chr.)4, Plinius der
Ältere (23-79)5,
Um 50 v. Chr. wurden Gallien6 und einige Teile Germaniens durch Julius Caesar /
Cäsar (100-44 v. Chr.)7 erobert: Römer dringen im Westen bis zum Rhein, im Süden bis
an die Donau vor.
In seinem Bericht „Commentarii de Bello Gallico“ (52/51 v. Chr.), der eigentlich aus
8 Büchern besteht8 schreibt er über die Lebensweise und Sitten der rechtsrheinischen
germanischen Stämme.
Julius Caesar / Cäsar berichtet somit als erster aus eigener Anschauung über die
alten Germanen.
In diesen Büchern über den von ihm geführten Krieg in Gallien und Germanien hat
Julius Caesar den Namen „Germanen“ dokumentarisch gesichert und verbreitet.
Tacitus (55-nach116)9 trug als Verfasser der Werke „Germania“ (98) und „Annalen“
(„Annales“)10 in hohem Maße dazu bei, dass wir manches von den alten Germanen, von
ihrer Wirtschaftsweise, von ihren kulturellen und politischen Einrichtungen wissen.

1
Bedeutender griechischer Philosoph, Universalgelehrter und Geschichtsschreiber.
2
Griechischer Schriftsteller, Biograph und Philosoph.
3
Gaius Sallustius Crispus, römischer Geschichtsschreiber und Politiker.
4
Marcus Terentius Varro, der bedeutendste römische Polyhistor (Universalgenie).
5
Gaius Plinius Secundus Maior, römischer Gelehrter und Geschichtsschreiber.
6
Gallien entspricht im Wesentlichen den heutigen Frankreich, Belgien und Norditalien. Das war früher ein
Gebiet zwischen: dem Rhein im Osten, den Alpen und Mittelmeerraum im Süden und den Pyrenäen und
dem Atlantik im Westen und Norden.
7
Gaius Julius Caesar, römischer Staatsmann, Feldherr und Autor.
8
Das achte Buch wurde nicht von Caesar, sondern, sondern von seinem Freund, hohen Offizier und
persönlichen Sekretär Aulus Hirtius (um 90 v. Chr. – 43 v. Chr.) verfasst.
9
Publius Cornelius Tacitus, bedeutender römischer Historiker und Senator.
1
Nach den oben erwähnten Überlieferungen bewohnten die Germanen in den 6. –
5. Jahrhunderten v. Chr. die Halbinsel Jütland, die Ost- und Nordseeküste zwischen den
Flüssen Weser und Oder und den südlichen Teil Skandinaviens.
In dem 4. Jahrhundert vor. Chr. – dem 1. Jahrhundert nach Chr. dehnten sie sich
nach Westen und Süden aus.
Im heutigen Deutschland lebten vor den Germanen keltische 11 Stämme, die aus
ihren Herrschaftsgebieten von den Römern verdrängt worden waren. Selbst das Wort
„Germanen“ ist vermutlich auch keltischen Ursprungs.
Die Germanen entstanden als Resultat der Verwirrung von 4-5 Rassen.

2./6. Die Lebensweise, Religion und Kultur der Germanen.


Die von G. J. Caesar, P. C. Tacitus und anderen antiken Autoren beschriebenen
Germanen lebten in Urgesellschaftsordnung, auf der unteren Stufe der Barbarei.
Die Grundlage der Wirtschaft bildete die Landwirtschaft, in der die Viehzucht
überwog. Die Germanen wechselten das bebaute Land jedes Jahr. Sie kannten noch
weder Obstzucht noch Gartenbau.
Sie waren in Stämmen organisiert, die den Boden kollektiv bearbeiteten und nutzten.
Alle Angehörigen eines Stammes waren in Fragen des gesellschaftlichen Lebens
gleichberechtigt.
Die oberste Macht lag bei der Volksversammlung, dem Thing (das Thing, -(e)s, -e),
an der alle gleich beteiligt waren. Das Thing war zugleich eine Gerichtsversammlung.
Bei Kriegszügen wurden Anführer gewählt. Außerdem hatte jede Gens ihre Größen,
die über laufende Fragen entschieden.
Ursprünglich hatten die Germanen heidnische Religion. Als Götter verehrten sie die
Kräfte der Natur.
Den obersten Gott nannten sie Wodan. Das war für sie die Gottheit, von der alles
ausging und zu der alles zurückkehrte. Die Germanen glaubten, dass Wodan die
Schlachten lenkt und über Sieg oder Niederlage entscheidet.
Der Gott des Gewitters hieß Donar.
Freya war die Göttin der Fruchtbarkeit und der Familie.
Erst später wurden die Germanen christianisiert und sind zum Christentum
übergetreten.
Die germanische Frau wurde geachtet. „Sie sahen im Weibe etwas Heiliges,
Vorahnendes; sie achteten auf den Rat der Frauen und horchten ihren Aussprüchen“
(P. C. Tacitus). Die Frau stand dem Mann als treue Gefährtin in Glück und Unglück zur
Seite, sie besorgte daheim die einfache Feld- und Hauswirtschaft, sie folgte dem Mann
auch auf seinen kriegerischen Zügen, trug ihm Speise und Trank zu, befeuerte durch ihren
Zuspruch und ihr Flehen seinen Kampfmut und folgte in ältester Zeit dem Gatten ins Grab.
Unter die schwersten Verbrechen wurden der Frauenraub, die Verletzung des
weiblichen Schamgefühls sowie der Ehebruch gerechnet.
Das Lesen und Schreiben war den alten Germanen unbekannt, aber ihre Priester
konnten die Runen, die ältesten Schriftzeichen der Germanen, zwischen dem 2. und dem
12. Jahrhundert in Gebrauch, lesen.
Die Runenschrift war als Geheimschrift bekannt und wurde zur religiösen Zauberei
gebraucht.
Die alten Germanen konnten dichten. Die altgermanische Dichtung kennt vor allem
das Heldenlied, das Preislied und die Sagen. Man sang diese Lieder bei den Festen und
vor der Schlacht.

10
Das Werk wurde zwischen 110 und 120 veröffentlicht.
11
Mit dem Begriff „Kelten“ wird u.a. eine mittel- und westeuropäische Siedlungs- und Sprachengemeinschaft
der Eisenzeit (in Mitteleuropa: 800 – 15 v.Chr.) bezeichnet.
2
Eine Vorstellung von germanischen Liedern gibt Edda, eine Sagensammlung in
altnordischer Sprache12.
Die alten Germanen kannten auch die Tanz- und Musikkunst.
Die ältesten musikalischen Instrumente waren die Trommel, das Horn, die Flöte, die
Cister / Zither.

3./6. Die Schlacht im Teutoburger Wald um 9 n. Chr.


Die Geschichte der alten germanischen Stämme ist von Auseinandersetzungen mit
der antiken Welt erfüllt.
Um das Jahr 6 n. Chr. befanden sich fast alle germanischen Stämme vom Rhein bis
zur Elbe in römischer Abhängigkeit.
Doch haben die erstmals vereinigten germanischen Stämme unter Führung des
Stammesfürsten der germanischen Cherusker13 und des römischer Bürgers Hermann
der Cherusker (lateinich: Arminius) (Um 17 v. Chr.-um 21 n. Chr.)14 in der so genannten
Schlacht im Teutoburger Wald (auch Varusschlacht genannt) im September des
Jahres 9 den römischen Legionen unter P. Q. Varus eine entscheidende Niederlage
beigebracht15.
Der genaue Ort der Schlacht war lange umstritten, jedoch hat sie nach neuesten
archäologischen Erkenntnissen mit einiger Sicherheit nicht im Teutoburger Wald, sondern
östlich Osnabrücks16 stattgefunden.
Mit diesem Sieg hat Hermann der Cherusker eine Vorentscheidung darüber
herbeigeführt, was einmal deutsch heißen und gemeinsame nationale Merkmale zeigen
sollte.
Somit gilt Hermann der Cherusker (Arminius) als erster deutscher
Nationalheld.
Die historische Gestalt von Hermann wurde erst im 19. Jahrhundert „wiederentdeckt“
und zum Symbol für Freiheit, Unabhängigkeit und nationale Einheit Deutschlands. Zur
Erinnerung an diese Schlacht und den errungenen Sieg wurde in den Jahren 1838 – 1875
ein über 53 m hohes Hermannsdenkmal von Joseph Ernst von Bandel (1800-1876)17
errichtet. Es befindet sich im südlichen Teutoburger Wald südwestlich von Detmold18 in
Nordrhein-Westfalen.
Infolge des Sieges der germanischen Stämme in der Varusschlacht wurden die
Römer aus Innengermanien vertrieben und an Rhein und Donau zurückgedrängt.
Sie blieben seitdem an der Grenze Rhein-Donau stehen und gaben alle weiteren
Pläne auf, Germanien zu erobern. Stattdessen begannen sie einen Schutzwall, den
sogenannten Limes, zu errichten, um das Reich gegen die germanischen Überfälle zu
sichern.

4./6. Die Große Völkerwanderung


Seit der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. verstärkten sich die germanischen
Übergriffe auf das Römische Reich.

12
Diese Handschrift aus dem 13. Jahrhunderts ist in einem Museum in Kopenhagen zu sehen.
13
Ein Stammesverband im antiken Germanien, der im Gebiet des heutigen Niedersachsens lebte.
14
Sein germanischer Name ist nicht bekannt.
15
Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.), damaliger Kaiser, (erster römischer Kaiser), soll angesichts der
Niederlage ausgerufen haben: „Quintili Vare, legiones redde! - „Quinctilius Varus, gib die Legionen
zurück!“
16
In der Fundregion Kalkriese am Wiehengebirge im Osnabrücker Land.
17
Deutscher Architekt, Bildhauer und Maler.
18
In unmittelbarer Nähe von Hiddesen, dem südwestlichen Ortsteil Detmolds. Das Denkmal steht dort auf
dem stark bewaldeten und 386 m hohen Berg Grotenburg, manchmal auch Teutberg oder nur kurz Teut
genannt. Es sollte zur Einigung Deutschlands aufrufen, das zur Zeit der Denkmalsplanung noch aus mehr
als 30 Kleinstaaten bestand.
3
Ende des 4. Jahrhunderts begann die stärkste Wanderbewegung der „barbarischen“
Völker und ihre Übergriffe auf das Imperium Romanum. Diese Bewegung ist in die
Geschichte unter dem Begriff „(Große) Völkerwanderung“ eingegangen.
Der Begriff „(Große) Völkerwanderung“ bezeichnet also die zwischen dem 4. und
6. Jahrhundert stattfindende Wanderung germanischer Völkerschaften und
Stammesverbände nach Süd- und Westeuropa. Sie stellt allerdings keinen einheitlichen
und in sich abgeschlossenen Vorgang dar.
Aber schon vor dem Beginn der eigentlichen Völkerwanderung hatte es
Völkerwanderungsbewegungen der Germanen gegeben.
So dehnten sich von der Mitte des 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts die
ostgermanischen Stämme der Goten entlang die Flüsse Weichsel und Dnister bis zum
Schwarzen Meer aus. Um 290 kam es zur Trennung der Goten in Ostgoten
(Greutungen) und Westgoten (Terwingen). Die Ostgoten siedelten sich im
Schwarzmeergebiet der heutigen Ukraine19 an. Hier bestand im 3.-4. Jahrhundert n. Chr.
ein mächtiges Ostgotenreich. Die Westgoten gingen nach Dakien20 und ließen sich dort
nieder.
Den Beginn der Völkerwanderung löste den Einbruch der Hunnen, eines
Reitervolkes aus den Weiten Asiens, in Ostmitteleuropa 375/376 aus, was eine
Fluchtbewegung anderer Völker, darunter auch germanischer Stämme in diesem Raum
zur Folge hatte.
375 n. Chr. fielen sie im Schwarzmeergebiet ein. Unter ihrem Ansturm zerfiel noch im
selben Jahr das mächtige Ostgotenreich.
Die wichtigsten Wanderbewegungen der Völkerwanderungszeit waren die der West-
und Ostgoten, Vandalen, Burgunder und Langobarden. Der Einfall der Langobarden in
Italien 568 gilt insgesamt als Ende der Völkerwanderung.
Die Völkerwanderung beschleunigte den Niedergang und Zerfall des Weströmischen
Reiches. 476 wurde der letzte römische Kaiser Romulus Augustulus (460-nach 476) vom
barbarischen Heer unter Führung Odoakers (433-493)21 abgesetzt. In den Jahrhunderten
danach spielt Rom jedenfalls eine Rolle als Sitz der Päpste.
Die Germanen der Völkerwanderungszeit waren in der Regel bestrebt, an der
römischen Kultur teilzuhaben bzw. sich ihrer Errungenschaften zu bedienen und sie nicht
zu zerstören.
Eine der wichtigsten Folgen der Völkerwanderung war die Entstehung der
sogenannten regna (Singular: regnum), der romanisch-germanischen Reiche, auf dem
Boden des Imperiums: Goten in Italien22 und Spanien23, Vandalen in Nordafrika24,
Franken25 und Burgunden26 in Gallien, Angelsachsen in Großbritannien usw. Von
diesen regna hatten jedenfalls nur die Reiche der Franken, Westgoten, Langobarden und
Angelsachen längere Zeit Bestand.

5./6. Das Frankenreich, sein Zerfall und Aufteilung. Entstehung des Ostfränkischen
Reiches
Die weitere Geschichte der germanischen Stämme und auch des deutschen Volkes
ist mit der Geschichte des fränkischen Stammesverbandes und des von Franken
gegründeten mächtigen Frankenreiches aufs engste verbunden.

19
An der Küste des Schwarzen und Asowschen Meeres, am unteren Dnipro und am unteren Dnister.
20
Das Gebiet des heutigen Rumänien und Moldawien.
21
Weströmischer Offizier wohl germanischer Herkunft.
22
Wo 568 auch die Langobarden einfielen und ihr Reich (568-774) gründeten.
23
Westgotenreich, das in Form des Tolosanischen (418-507) und des Toledanischen Reiches bis zum
Anfang des 8. Jahrhunderts fortbestand.
24
5. Jahrhundert – 534.
25
Ihr Reich entstand Ende des 5. Jahrhunderts.
26
Anfang des 5. Jarhunderts -436 und später 443-532.
4
Das Fränkische Reich (Frankenreich) war ein mächtiges Königreich in West- und
Mitteleuropa zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert.
Das Reich der Franken wurde innerhalb von drei Jahrhunderten zum wichtigsten
Land des abendländischen Europa, nach dem Zerfall des antiken Römischen Reichs zum
Machtzentrum und später zur Großmacht in West- und Mitteleuropa. Es wurde durch die
Dynastien der Merowinger und später der Karolinger27 regiert.
Bekanntlich sind die Franken aus verschiedenen Stämmen hervorgegangen.
358 wurden sie von den Römern im Nordosten Galliens angesiedelt. Den Zusammenbruch
des Weströmischen Reiches 476 nutzten sie, um ihr Gebiet zu vergrößern. Unter
Chlodwig I. (466-511) aus dem Geschlecht der Merowinger/Merovinger wurden die
Franken durch viele Eroberungen zur Großmacht, deren Grenzen bis zu den Pyrenäen
vorgeschoben wurden. Von den Nachfolgern Chlodwigs I. wurden die Eroberungen
fortgesetzt, so dass das Territorium des Reiches immer größer wurde.
In der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts zerfällt jedoch das lose zusammengefügte
Merowingerreich allmählich. Eine neue Vereinigung beginnt erst im 8. Jahrhundert.
Karl I., der Große (747/748-814, seit dem 9. Oktober 768 König des Fränkischen
Reiches und seit dem 25. Dezember 800 römischer Kaiser) aus dem Königsgeschlecht
der Karolinger vereinigt das ganze Merowingerreich wieder und fügt ihm noch neue
Länder zu.
Unter Karl dem Großen erreicht das Frankenreich seine größte territoriale
Ausdehnung und seine höchste Blüte28.
Nach seinem Tod wurde das einst mächtigste Reich Europas unter seinen Enkeln
Lothar I. (795-855), Karl II. dem Kahlen (823-877) und Ludwig II. dem Deutschen (806-
876) 843 im Vertrag von Verdun29 (früher Verden) aufgeteilt.
Lothar I., der älteste, erhielt die Kaiserwürde, dazu Italien und einen verhältnismäßig
schmalen Streifen, der von den Alpen im Süden bis nach Friesland im Norden reichte, das
so genannte Mittelreich.
Das Land westlich davon fiel an Karl II. den Kahlen. Aus ihm ging das spätere
Frankreich hervor. Östlich des Rheins aber, bis zur Elbe, Saale und Donau erstreckte sich
das ostfränkische Reich Ludwigs II. des Deutschen.
Das nun aufgeteilte Frankenreich war doppelsprachig. In seinem westlichen Teil
wurden die Dialekte des Altfranzösischen gesprochen, und in seinem östlichen Teil sprach
man germanische Dialekte der werdenden althochdeutschen Sprache. Eine Vorstellung
von den Sprachzuständen im Karolingerreich gibt eines der frühesten Schriftendenkmäler
der deutschen und der französischen Sprache – die sogenannten „Straßburger Eide“
vom 14. Februar 842. Sie sind ein bemerkenswertes zweisprachiges Dokument in
Althochdeutsch und Altfranzösisch und gelten als die älteste volkssprachlich überlieferte
Urkunde, die eine sprachliche Trennung zwischen dem Ost- und dem Westfrankenreich
bezeugt.
Die Straßburger Eide30 wurden am 14. Februar 842 in Straßburg abgefasst, als
Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle während des „Brüderkrieges“, der der

27
Die Merowinger (oder Merovinger) waren das älteste bekannte Königsgeschlecht der Franken vom
beginnenden 5. Jahrhundert bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts. Sie wurden um 751 durch das Geschlecht der
Karolinger verdrängt. Die Karolinger sind ein Herrschergeschlecht der Franken, die nach der Dynastie der
Merowinger 751-911 regierten.
28
Nach den Eroberungszügen Karls des Großen reichte das Frankenreich von Spanien über Frankreich,
Belgien und die Niederlande, über Luxemburg, Deutschland, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn,
Kroatien, Österreich, Slowenien und die Schweiz nach Italien
29
Heute eine Stadt im Nordosten Frankreichs.
30
Die Straßburger Eide sind überliefert als Zitate in einer lateinisch verfassten Chronik, die ihrerseits in
einer Abschrift aus dem 10. Jahrhundert vorliegt, welche sich in der Bibliothèque nationale de France
(BnF) in Paris befindet.
5
Aufteilung des Frankenreiches 843 vorausging, ein Bündnis gegen ihren Bruder Lothar I.
schlossen.
Wie alle Dokumente jener Epoche wurde es in Latein abgefasst. Damit aber beide
Heere den Eid verstehen konnten, musste er in zwei heimische Sprachen übertragen
werden: romanisch (d. h. altfranzösisch) und rheinfränkisch (d. h. althochdeutsch).
87031 wurde Lotharingien32 aufgeteilt33, wodurch sich die Grenze des Ostfränkischen
Reiches etwas nach Westen verschob. Sie blieb das ganze Mittelalter hindurch zwischen
den zukünftigen Staaten Frankreich und Deutschland praktisch unverändert bestehen, und
zwar nicht nur als politische Trennungslinie, sondern, mit kleinen Abweichungen, auch als
Sprachgrenze.
Doch die Reichseinheit wurde nie wiederhergestellt. Vom alten Frankenreich
übernahm nur das Westfrankenreich den Namen „Frankreich“. Das aus dem
Ostfrankenreich entstehende Heilige Römische Reich, aus dem später Deutschland
hervorging, führte die Tradition des römischen Kaisertums fort.
Der Westen sprach das aus dem Latein hervorgegangene Französisch, der Osten
dagegen die „Volkssprache“, die „lingua theodisca“, wie sie im Gegensatz zum Latein
des gelehrten Klerus genannt wurde.
Der Begriff deutsch leitet sich vom althochdeutschen diutisc (westfränkischen
*Þeodisk) ab, was ursprünglich „zum Volk gehörig“ (germanisch Þeudā - Volk) bedeutete,
im Gegensatz zu den „Welschen“, also jenen, die eine romanische Sprache sprechen und
auch im Gegensatz zum Latein der christlichen Priester im eigenen Gebiet der
germanischen Völker
Der allererste Beleg für den Begriff „deutsch“ taucht zum ersten Mal 786 auf. Er leitet
sich vom ahd. theodisk, bzw. diutisk / diutisc ab, was ursprünglich „diejenigen, die die
Volkssprache sprechen“ (germanisch Þeudā - Volk) bedeutete, im Gegensatz zu den
„Welschen“, also jenen, die eine romanische Sprache sprechen. Mit diesem Wort wurde
die deutsche Sprache (lingua theodisca) im Unterschied zur lateinischen bezeichnet. Das
ahd. Wort diutisc (im Gotischen thiudisko, im Englischen dutch für „niederländisch“, im
Niederländischen duits, im Italienischen tedesco für „deutsch“) bedeutete ursprünglich
auch etwa „volksmäßig“ oder dem „Volke eigen“.
Im 11. Jahrhundert wird die Bezeichnung „deutsch“ erstmals auch für Land und Volk
gebraucht.

6./6. Kulturelle Entwicklung Deutschlands im Zeitalter der Antike und des


Frühmittelalters. Karolingische Renaissance.
Die erste Hochkultur auf deutschem Boden schufen die Römer. Köln, Trier, Mainz,
Augsburg Regensburg u.a wurden als die römischen Kastelle34 gegründet und zu den
Zentren und Schaufenstern ihrer Kultur auf germanishem Boden. Davon zeugen die bis
heute erhaltene Porta Nigra in Trier und das prachtvolle Dionysos-Mosaik (220-230) im
Römisch-Germanischen Museum Kölns. Somit waren die Beziehungen zwischen den
Römern und den alten Germanen nicht nur durch den Krieg bestimmt.
Auch heute funktionieren in der deutschen Sprache viele Wörter lateinischer
Herkunft, wie z.B. „Fenster, Korb, Mauer, Mühle, Münze, Schule, Sichel, Straße, Staat,
Wein oder schreiben. Sie alle bezeichnen Dinge, Tätigkeiten und Institutionen, welche die
Germanen von den Römern gelernt und übernommen haben. Den Römern verdankt das
Abendland (ohne Pl.) die Vermittlung eines der größten Kulturgüter des Orients,
der Schrift.

31 Vertrag von Meersen (heute ein Städtchen im Südosten der Niederlande).


32 Nördlicher Teil des Mittelreiches von Lothar I.
33 Wiederum zwischen Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kalhlen.
34 (hist.) Kleines befestigtes römisches Truppenlager an der Grenze.

6
Besonders auf den Gebieten der Architektur, der Landwirtschaft und später auf den
Gebieten der Bildung, der Kunst und des Rechts waren die Römer überlegene
Lehrmeister der mittelalterlichen Völker, Vermittler der überlegenen griechisch-
orientalischen Kultur.
Auf ihren Wanderungen kamen die Germanen nicht nur mit einer alten Kultur in
Berührung, sondern auch mit einer neuen geistigen Macht, dem Christentum. Und so fällt
ins 4. Jahrhundert die Schaffung eines glänzenden religiösen, sprachlichen und kulturellen
Werkes, der Bibelübersetzung35 aus dem Griechischen ins Gotische, die der westgotische
Bischof Wulfila (311-383)36 um 360 geschaffen hat. Für diese Übersetzung hat er
gotische Schrift entwickelt37. Das war die früheste Bibelübersetzung in eine germanische
Sprache, das erste Buch in einer germanischen Sprache und somit das älteste
germanische Schriftdenkmal38, ein Werk des Friedens und der Kultur mitten in einer
barbarischen Zeit. Und da es in der gotischen Sprache verfasst wurde, ist das Gotische
daher für die germanistische Forschung auch heute noch von einer ausschlaggebenden
Bedeutung.
Eine deutsche Kultur entwickelt sich erst während der Zeit Karls des Großen. Diese
Epoche (ca. 800 – 950) wurde Karolingische Renaissance genannt. Sie nimmt
klassisch-antike und christlich-antike Traditionen auf und verdrängt altgermanische
Überlieferungen.
In Dom- und Klosterschulen blüht die Gelehrsamkeit, in den Klosterwerkstätten die
Kunst: Buchmalerei, Elfenbeinschnitzerei, Goldschmiedehandwerk.
Seit dem 8. Jahrhundert gab es in Deutschland Ansätze eines Systems von Kloster-,
Dom- und Stiftschulen. In den Schulen lernten nur Knaben. Der Unterricht wurde in
lateinischer Sprache erteilt.
Sprache
Im Frühmittelalter existierte die deutsche Sprache nur in Form von Dialekten. Seit
770 ist die deutsche Sprache auch eine geschriebene Sprache39.
In diesem Zeitraum macht auch das Wort „deutsch“ seine ersten Schritte. Der Begriff
deutsch leitet sich vom althochdeutschen diutisc40 (westfränkischen *Þeodisk) ab, was
ursprünglich „zum Volk gehörig“ (germanisch Þeudā - Volk) bedeutete. Mit diesem Wort
wurden auch „diejenigen, die die Volkssprache sprechen“ bezeichnet, im Gegensatz zu
den „Welschen“, also jenen, die eine romanische Sprache sprechen und auch im
Gegensatz zum Latein der christlichen Priester im eigenen Gebiet der germanischen
Völker. Es setzte sich allmählich als Gesamtbegriff für die einzelnen Sprachen und
Dialekte der germanischen Völker durch.

35
Vor allem des Neuen Testaments.
36
Gotisch: „kleiner Wolf“. Möglicherweise war er der erste Bischof der Westgoten.
37
Sie stellte eine Abwandlung der griechischen Schrift mit einigen lateinischen Buchstaben sowie Runen
dar.
38
Von der Wulfilabibel sind mehrere Handschriften aus dem 6. - 8. Jahrhundert mit einem großen Teil des
neuen Testaments und kleinen Teilen des Alten Testaments erhalten, die hauptsächlich aus Italien
stammen. Eine davon, der so genannte „Codex argenteus“ (lat. – silbernes Buch) wird heute in der
Universitätsbibliothek der Stadt Uppsala aufbewahrt (eine Stadt im Südosten Schwedens, die sich nördlich
und nicht weit von Stockholm befindet.
39
Als Abrogans, genauer Abrogans deutsch, wird ein lateinisch-althochdeutsches Glossar bezeichnet,
dessen in St. Gallen (Nordostschweiz) aufbewahrte Abschrift als das älteste erhaltene Buch in deutscher
Sprache gilt. Das Glossar enthält ungefähr 3.670 althochdeutsche Wörter in über 14.600 Belegen und ist
damit eine wertvolle Quelle für die Kenntnis der ältesten oberdeutschen Sprache. Es wurde von der
germanistischen Forschung nach seinem ersten Eintrag benannt: abrogans = dheomodi (bescheiden,
demütig). Man vermutet, dass dieses Werk in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts entstanden ist.
Verschiedentlich werden der Südtiroler Geistliche Arbeo von Freising, (723 - 784) oder der Benediktiner-
Mönch Kero als Verfasser genannt.
40
im Gotischen thiudisko, im Englischen dutch für „niederländisch“, im Niederländischen duits, im
Italienischen tedesco für „deutsch“
7
Die Sprache des eigenen Volkes (theut) bzw. der Völkergruppe, innerhalb derer man
sich verständigen konnte, war demnach die theudische Sprache, d.h. die deutsche
Sprache41. In seiner (althoch-) deutschen Form diutsch bzw. tiutsch lässt es sich zuerst
in den Schriften Notkers des Deutschen42 (950-1022) belegen.
Seit dem 10. Jahrhundert bürgerte sich die Anwendung des Wortes diutisc auf die
Bewohner des Ostfrankenreichs ein.
Die Amtssprache ist in ganz Deutschland Latein, und so bleibt es bis zum Ende des
16. Jahrhunderts. Während dieser Periode entwickeln sich die Stammessprachen zu den
Sprachen der deutschen Völkerschaften.
Literatur
Die die deutsche Literatur des Frühmittelalters ist vorwiegend eine
Übersetzungsliteratur und klerikalen Inhalts. Zu den wenigen epischen Werken jener Zeit
gehören Helden- und Preislieder, wie z.B. das „Hildebrandslied“ (1. Hälfte des
9. Jahrhunderts), ein klassisches Denkmal frühadliger Moral. Das religiöse Versepos
„Heiland“ (ebenfalls 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts) ist ein kühnes althochdeutsches
Sprachdenkmal, das die alten germanischen Heldenlieder verklingen lässt. Die weiteren
epischen Werke sind das „Ludwigslied“ (881-882)43 und das „Wessobrunner Gebet“
(Ende des 8. – Beginn des 9. Jahrhunderts)44. Berühmt sind Übersetzungen der Werke
von Aristoteles (384-322 v. Chr.) durch Notker III. (950-1022)45 und Boöthius
(11. Jahrhundert).
Baukunst
Intensiv entwickelt sich die Baukunst zur Herrschaftszeit Karls des Großen. Die
bedeutendsten Baudenkmäler dieser Zeit sind:
1) die Aachener Pfalzkapelle (das Aachener Münster) von Odo von Metz46, das
herausragendste Denkmal der Karolingischen Ranaissance, und
2) die Torhalle im Kloster Lorsch (Südhessen).
Malerei
Die Malerei ist durch zwei Richtungen vertreten:
1) durch die Monumentalmalerei (Wandmalerei)
2) durch die Miniatur (Buchmalerei)
Die Monumentalmalerei ist vorwiegend in den Kirchen zu beóbachten. Ihr
Hauptthema waren das Leben der Heiligen, die Kreuzigung und das Jüngste Gericht.
Heimstätten der Buchmalerei waren die Klöster in Reichenau auf der gleichnamigen
Insel im Bodensee, Sankt-Gallen (Nordostschweiz), Fulda (Hessen), Köln, in Bayern
und in Sachsen. Die bedeutendsten Denkmäler der Buchmalerei sind:
1. Evangeliare47 von der Hofschule Karls des Großen (z. B. Lorscher
Evangeliar, um 810 entstanden),
2. das Evangeliar Ottos III. (980-1002) und
3. das Perikopenbuch48 Heinrichs II.49 (978-1024).

41 Zum ersten Mal erwähnt wurde die deutsche Sprache als Volks-Sprache in einem Brief des päpstlichen
Nuntius Gregor von Ostria an Papst Hadrian I. über zwei Synoden, die 786 in England stattgefunden hatten.
Im Brief hieß es wörtlich, dass die Konzilsbeschlüsse tam latine quam theodisce („auf Latein wie auch in der
Volkssprache“) mitgeteilt wurden, „damit alle es verstehen könnten“ (quo omnes intellegere potuissent).
42 Auch Notker III. genannt.
43
Das älteste historische Lied in der deutschen Sprache.
44
Ebenfalls eines der frühesten poetischen Denkmäler in althochdeutscher Sprache.
45
Auch Notker der Labeo / Notker der Deutsche genannt.
46
Fränkischer Baumeister zur Zeit Karls des Großen.
47
Das Evangeliar / das Evangeliarium: ein liturgisches Buch mit dem Text der vier Evangelien des Neuen
Testaments.
48
In der Sprache des lateinischen Mittelalters Capitula genannt, sind das die Abschnitte des Bibeltextes,
welche für die Lesung im Gottesdienst bestimmt sind.
8
Plastik
Auf dem Gebiet der Plastik war das Entwicklungsniveau am geringsten. Die
bedeutendsten Denkmäler sind hier
1) die Reiterstatue von Karl dem Großen,
2) die Bronzetüren der Aachener Pfalzkapelle und
3) die Sankt - Michaelskirche in Hildesheim (Niedersachsen).

49
Wahrscheinlich zwischen 1007 und 1012 entstanden, verweisen Schrift- und Malstil dieses
Perikopenbuchs auf die Bodenseeinsel Reichenau als Herstellungsort. Heute befindet sich das
Perikopenbuch Kaiser Heinrichs II. in der Bayerischen Staatsbibliothek, München.
9