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Klaus Meister

Der Hellenismus
Kultur- und Geistesgeschichte
Klaus Meister

Der Hellenismus
Kultur- und Geistesgeschichte

Mit 16 Abbildungen

J. B. Metzler Verlag
Klaus Meister ist emeritierter Professor für Alte Geschichte
an der Technischen Universität Berlin.

Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem, säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-476-02685-9

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info@metzlerverlag.de

Einbandgestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart (Foto: AKG-images)


Satz: Dörlemann Satz, Lemförde
Inhalt Inhalt

Inhalt

Vorwort VII

Einleitung 1

I Hellenismus. Entstehung, Entwicklung und Problematik


eines Epochenbegriffs 3

II Die historischen Voraussetzungen für die Blüte


und Ausbreitung der griechischen Kultur 9
1 Der Asienfeldzug Alexanders des Großen 9
2 Die hellenistischen Stadtgründungen 9
3 Die königlichen Residenzen als Musenhöfe 12

III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus 13

IV Die Bildenden Künste 21


1 Die Plastik 21
2 Die Malerei und Mosaikkunst 41

V Die Geographie 43

VI Die Astronomie 55

VII Die Mathematik und Physik 67

VIII Die Technik 77

IX Die Medizin 83

X Die Philologie 89
VI Inhalt

XI Die Dichtung 97
1 Das Kleinepos (Epyllion) 97
2 Das Großepos 101
3 Die Neue Komödie 105
4 Das Lehrgedicht 112
5 Die Hirtendichtung (Bukolik) 116
6 Der Hymnos 120
7 Der Mimos, der Kunstmimos, der Mimiambos 121
8 Das Epigramm 122
9 Der Roman 126
10 Lykophrons Alexandra 127

XII Die Geschichtsschreibung 129


Vorbemerkung 129
1 Die Hauptströmungen 129
2 Die thematischen Schwerpunkte 137

XIII Die Biographie und Autobiographie 159


1 Die Biographie 159
2 Die Autobiographie und die Memoiren 163

XIV Die historische Spezialliteratur 167


1 Die Chronographie 167
2 Die Perihegesenliteratur 170
3 Die Paradoxographie 172

XV Die Philosophie 175


1 Der Peripatos 175
2 Epikur und Epikureer 187
3 Die Stoa 200
4 Der Skeptizismus 208
5 Der Kynizismus 212

XVI Die religiöse Entwicklung 219


1 Der Götterkult 219
2 Das Judentum 228
3 Der Herrscherkult 231

Anmerkungen 239
Bildquellen 283

Personen- und Ortsregister 285


Vorwort

Vorwort

Die vorliegende Untersuchung entstand in den Jahren von 2013–2015. Sie ist das
Ergebnis einer langjährigen Beschäftigung mit der Zeit des Hellenismus, die vor ca.
25 Jahren den Anfang nahm und in zahlreichen Veranstaltungen an der Technischen
Universität Berlin ihren Niederschlag fand. Dabei stellte ich immer wieder fest, dass
gerade die hellenistische Geisteswelt auf die Studierenden eine große Faszination
ausübte. Sie waren es auch, die mich dazu animierten, eine allgemeine Darstellung
über dieses Thema zu verfassen. Ich komme dieser Bitte gerne nach, in dem Be-
wusstsein, dass die geistigen und kulturellen Leistungen des Hellenismus nicht nur
für sich betrachtet außerordentlich bedeutend gewesen sind, sondern dass sie auch
die weitere Entwicklung der europäischen Kulturgeschichte bis in die Gegenwart
stark beeinflusst haben. Dieser Gesichtspunkt spielt im Folgenden eine entschei-
dende Rolle.
Auch die vorliegende Publikation wäre ohne die freundliche Ermunterung und
tatkräftige Unterstützung von Freunden, Kollegen und Familienangehörigen nicht
zustande gekommen. Werner Dahlheim und Volker Hunecke bin ich für zahlreiche
Anregungen und die Durchsicht des Manuskripts sehr dankbar. Herzlicher Dank
gilt auch meiner Frau Gesa Bauditz und meinem Sohn Florian: Sie lasen das Manu-
skript sorgfältig durch, schlugen zahlreiche inhaltliche und stilistische Verbesserun-
gen vor und leisteten wertvolle Hilfe bei der Durchsicht der Korrekturen. Schließlich
danke ich Dr. Oliver Schütze und Frau Sabine Matthes vom Metzler Verlag aufrichtig
für die hervorragende Zusammenarbeit bei der Drucklegung dieses Bandes.

Berlin, im Mai 2016 Klaus Meister


Einleitung Einleitung

Einleitung

Der Begriff Hellenismus ist, wie das erste Kapitel der vorliegenden Publikation zeigt,
in der Forschung keineswegs unumstritten, doch besagt die traditionelle Auffassung,
dass es sich um die etwa dreihundert Jahre vom Regierungsantritt Alexander des
Großen 336 bis zur Begründung des Prinzipats durch Augustus ca. 30 v. Chr. han-
delt. Im Zentrum dieser Untersuchung stehen zentrale kulturelle und geistige Phä-
nomene bzw. Entwicklungen der zeitlich so definierten Epoche. Eine kompakte Dar-
stellung dieser Thematik, die sich nicht nur an die Fachgelehrten und Studierenden
der Antike, sondern auch an ein breiteres Publikum wendet, existiert bis heute nicht.
Dies verwundert umso mehr, als sich die Geschichte des Hellenismus in den letzten
Jahrzehnten zunehmender Beliebtheit erfreut. Die zahlreichen überschaubaren Dar-
stellungen zum Thema Hellenismus behandeln indes bei aller Verschiedenheit der
inhaltlichen Gestaltung, Ausführlichkeit und Schwerpunktsetzung primär die poli-
tischen, militärischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen dieser Zeit, be-
rühren dagegen die Kultur- und Geistesgeschichte wenn überhaupt, nur am Rande.
Dies gilt u. a. für die Bücher von H. Bengtson1, Ed. Will2, F. W. Walbank3, P. Green4,
G. Shipley5, B. Meißner6, H.-J. Gehrke7, R. M. Errington8 und H. Heinen.9 Zwar exis-
tieren einige sehr umfangreiche und ausführliche Publikationen zur hellenistischen
Kulturgeschichte, doch wenden sich diese allein an die Fachwelt: Dies gilt besonders
die Veröffentlichungen von C. Schneider10, A. Erskine (Hrsg.)11, G. Bugh (Hrsg.)12
und H. H. Schmitt-E. Vogt (Hrsgg.)13. Am nächsten kommen der folgenden Untersu-
chung thematisch wie inhaltlich die Monographien von W. W. Tarn-G. T. Griffith14,
H. Bengtson15 und G. Weber16, doch sind diese Werke entweder weitgehend veraltet
oder behandeln nur einige Aspekte der hellenistischen Kulturgeschichte.
Aus diesen Tatbeständen ergeben sich für die Gestaltung und Zielsetzung der
vorliegenden Publikation die folgenden Hauptkriterien:
1. Geplant ist eine zusammenfassende und leicht verständliche Darstellung der
hellenistischen Kultur- und Geistesgeschichte, die einen möglichst breiten Le-
serkreis erreicht und alle wesentlichen Bereiche umfasst, d. h. die Entwicklungen
auf künstlerischem, wissenschaftlichem, literarischem, philosophischem und
religiösen Gebiet.
2. Im Einzelnen werden folgende Themen und Disziplinen behandelt: Am Anfang
steht eine Erörterung des Begriffs Hellenismus, seiner inhaltlichen Bedeutung,
zeitlichen Ausdehnung und wissenschaftlichen Problematik. Danach wird ein
Überblick über die historischen Voraussetzungen für die Blüte und Ausbreitung
der griechischen Kultur in dieser Epoche gegeben. Das nächste Kapitel gilt den
Bildenden Künsten, nämlich Plastik, Malerei und Mosaikkunst. Anschließend
werden die Wissenschaften erörtert: Von den Naturwissenschaften kommen
die Geographie, Astronomie, Mathematik, Physik, Technik und Medizin zur
2 Einleitung

Sprache, von den Geisteswissenschaften die Philologie, Geschichtsschreibung,


Biographie und Autobiographie sowie einige historische Spezialdisziplinen. Es
folgt die Behandlung der hellenistischen Dichtung, ihrer wichtigsten Genera,
berühmtesten Vertreter, namhaftesten Werke und bedeutendsten Innovationen.
Anschließend werden die hellenistische Philosophie, ihre Hauptströmungen und
wichtigsten Repräsentanten vorgestellt. Den Abschluss bilden Ausführungen
über die hellenistische Religion, das Judentum sowie den Herrscherkult.
3. Ein besonderer Schwerpunkt der Darstellung liegt auf dem Nachleben der helle-
nistischen Kultur bis in die Gegenwart, da dieser Aspekt in allen oben genannten
Veröffentlichungen vollständig ausgeklammert wird. Gerade die Rezeptionsge-
schichte der verschiedenen Disziplinen vermag die Aktualität und Modernität
der im Hellenismus erzielten wissenschaftlichen Ergebnisse, philosophischen
Erkenntnisse, dichterischen Innovationen und religiösen Veränderungen ein-
drucksvoll zu veranschaulichen.
4. Bei einer solch umfassenden Thematik ist es unmöglich, Vollständigkeit zu er-
zielen, vielmehr ist eine Beschränkung auf die bedeutendsten Entwicklungen
und namhaftesten Vertreter der jeweiligen Disziplinen unumgänglich. Dass da-
bei auch Wesentliches übersehen wird, lässt sich kaum vermeiden: Der Leser sei
daher schon an dieser Stelle um Nachsicht gebeten.
5. Zitate und Partien aus antiken Quellen (in deutscher Übersetzung) sind im Fol-
genden sehr zahlreich: Beleuchten sie doch in höherem Maße als eigene For-
mulierungen die Aussagen und Intentionen der Autoren und tragen überdies
zu größerer Lebendigkeit der Darstellung bei. Die Übersetzugen stammen im
Allgemeinen vom Verfasser selbst, orientieren sich aber nicht selten an den vor-
handenen Übertragungen.
6. Was das Stellen- und Literaturverzeichnis angeht, so wird wegen der Heteroge-
nität der Themen auf einen Generalindex der antiken Quellen und ein Gesamt-
verzeichnis der modernen Literatur verzichtet. Vielmehr finden sich eine knappe
Quellenübersicht und eine repräsentative Literaturauswahl jeweils in der ersten
Anmerkung der einzelnen Kapitel. Die relativ ausführliche Bibliographie soll es
dem Leser ermöglichen, tiefer in die Materie einzudringen.
I Hellenismus. Entstehung, Entwicklung und Problematik eines Epochenbegriffs
I Hellenismus. Entstehung, Entwicklung und Problematik eines Epochenbegriffs

I Hellenismus. Entstehung, Entwicklung


und Problematik eines Epochenbegriffs1

Die Worte Hellenismos bzw. hellenizein bezeichnen in der Antike zum einen die
korrekte Beherrschung der griechischen Sprache, zum anderen die Übernahme des
Griechischen in Sprache, Kultur, Lebensweise und Religion. Was die frühe Neuzeit
angeht, so versteht man unter hellenistica lingua die Sprache des Neuen Testaments,
die sog. Koine (»gemeinsame bzw. »Einheits-Sprache«). Zur Zeit der deutschen Klas-
sik erweiterte Johann Gottfried Herder2 den Begriff in dem Sinne, dass er unter
Hellenismus die Mischung von jüdischer Geisteswelt mit griechischen und orienta-
lischen Ideen verstand. Damit beeinflusste er Johann Gustav Droysen (1808–1884),
dem eigentlichen Begründer des modernen Hellenismus – Begriffes. Das Wort hel-
lenistai findet sich bei Droysen erstmals in einem Brief an Wilhelm Amadeus Arendt
vom 31. Juli 1831. Er bezieht sich hierbei auf eine Stelle aus der Apostelgeschichte
(6,1), die folgendermaßen lautet:

»In den Tagen, da der Jünger viele wurden, erhob sich ein Murren der Hellenistai wider
die Hebräer, darum, dass ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen Handrei-
chung.«

Droysen hielt die Hellenistai irrtümlicherweise für orientalisierte Griechen; in Wirk-


lichkeit handelt es sich wohl um Griechisch sprechende Juden, die den Aramäisch
sprechenden Juden gegenübergestellt werden (vgl. auch Apostelgeschichte 9, 29).
Wesentlich bedeutsamer und folgenreicher als diese unkorrekte Wortableitung
ist bei Droysen jedoch die inhaltliche Bestimmung des Begriffes Hellenismus und
seine Bewertung als eigenständiger Geschichtsepoche: In Ergänzung und Weiter-
führung der Auffassung Herders erblickte er in der »ethnischen und kulturellen
Ineinsbindung des östlichen Volkstums mit dem abendländischen unter der Po-
tenz hellenistischer Bildung«3 das Hauptcharakteristikum des Hellenismus. Diese
Namensgebung fand bereits bei Droysen ihre Parallele in dem Begriff der Romani-
sierung für die Völker, die aus der Mischung von Römer- und Germanentum her-
vorgegangen sind. In knapper Form fasste Droysen seine leitenden Gedanken über
die Bedeutung dieser Zeit in jenem Schreiben zusammen, mit dem er den ersten
Hellenismus-Band dem damaligen preußischen Kultusminister, Freiherr von Alten-
stein, überreichte4: »Es ist der Anfang eines größeren geschichtlichen Werkes über
die bisher sogar sehr vernachlässigte Zeit des Hellenismus, jener merkwürdigen Ent-
wicklung, die in dem Zerstören des griechischen Altertums das Christentum und
den Muhamedanismus vorbereitet und die Anfänge beider freilich auf sehr verschie-
dene Weise gehegt und gepflegt hat.« Entsprechend ist für Droysen Hellenismus

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_1, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
4 I Hellenismus. Entstehung, Entwicklung und Problematik eines Epochenbegriffs

vornehmlich »der Zeitraum, der aus dem Griechentum zum Christentum hinüber-
führt«.5
Droysen rief damit aber nicht nur eine neue Geschichtsepoche ins Leben, sondern
nahm eine Neubewertung des Zeitraums vor, den er mit Alexander dem Großen
beginnen ließ. Barthold Georg Niebuhr (1776–1831), einer der Begründer der mo-
dernen Geschichtswissenschaft, hatte Alexander im Banne des Napoleon-Erlebnis-
ses als »Komödianten und Räuber großen Stils« bezeichnet. Und noch für George
Grote, den Verfasser einer vielgelesenen History of Greece, war die Zeit Alexanders,
wie er im letzten Band dieses Werkes von 1846 betont, »der Beginn der Vernich-
tung der politischen Freiheit« und »der Ermattung des schöpferischen Genius«,
Alexander selbst »ein nicht hellenischer Eroberer, in dessen ungeheuren Besitzun-
gen sich die Griechen verloren.«6 Grote entwarf somit ein düsteres Bild, das stark
politisch geprägt war, die Griechische Geschichte mit der Schlacht von Chaironeia
338 v. enden ließ und die folgende Epoche völlig ausklammerte. Ganz anders ur-
teilte Droysen in seiner dreibändigen Geschichte des Hellenismus (1834–1843).
Geradezu umstürzend war seine Würdigung Alexanders in der zuerst 1831 erschie-
nen Geschichte Alexanders, die mit den Worten begann: »Der Name Alexanders
bezeichnet das Ende einer Weltepoche, den Anfang einer neuen.« Entsprechend
zeichnete Droysen in der Alexandermonographie, die später als erster Band seiner
Geschichte des Hellenismus vorangestellt wurde, ein vielfach panegyrisches und
idealisierendes Bild des makedonischen Herrschers, den er als einen der großen
Kulturbringer der Menschheit betrachtete und in dessen Person er das schöpferi-
sche Ingenium und den Vollstrecker des Weltgesetzes im Sinne Hegels verkörpert
sah.
Über die Zeit des Hellenismus insgesamt urteilte er im Vorwort zur ersten Auflage
des dreibändigen Werkes Geschichte des Hellenismus (1834–1843) folgendermaßen:7

»Der Hellenismus ist nicht eine unorganische Monstrosität in der Entwicklung der
Menschheit; er hat die Erbschaft der Griechenwelt wie des morgenländischen Alter-
tums mit allen activis und passivis übernommen, und mit diesem Gegebenen weiter
schaltend und sich weiter arbeitend, entwickelt er ein anderes, Neues, das so vermittelt
immer wieder auf seine nächste Vorstufe zurückweist.«

Wenig später bemerkt er:

»Ich darf es mir nicht verbergen, dass ich zu einer Auffassung der hellenistischen Zeit
gekommen bin, welche von der herkömmlichen vollkommen abweicht. Während diese
Zeit missachtet zu werden pflegt, als eine große Lücke, als ein toter Fleck in der Ge-
schichte der Menschheit, als eine ekelhafte Ablagerung aller Entartung, Fäulnis, Erstor-
benheit, erscheint sie mir als ein lebendiges Glied in der Kette menschlicher Entwick-
lung, als Erbin und tätige Verwalterin eines großen Vermächtnisses, als die Trägerin
größerer Bestimmungen, die in ihrem Schoß heranreifen sollten. Möchte es mir gelun-
gen sein, diese ihre Bedeutung überzeugend nachzuweisen.«

Am Ende des Vorworts bezeichnet Droysen den Hellenismus als »die moderne Zeit
des Altertums«.
I Hellenismus. Entstehung, Entwicklung und Problematik eines Epochenbegriffs 5

Der Hinweis auf die Kontinuität der griechischen Geschichte nach Alexander,
die Einführung des Hellenismus als eigener Geschichtsepoche und vor allem deren
Neubewertung bilden die eigentliche historische Leistung Droysens, der damit sei-
ner Zeit weit vorauseilte. Denn die Forschung konzentrierte sich auch in den folgen-
den fast 150 Jahren auf das klassische Griechenland; erst in den letzten Jahrzehnten
des 20. Jh. erfuhr die hellenistische Geschichte zunehmendes Interesse, das bis in die
Gegenwart anhält.
Was die zeitliche Ausdehnung des Hellenismus angeht, so legte Droysen zwar den
Beginn zwar mit dem Regierungsantritt Alexanders des Großen fest, dagegen blieb
das von ihm intendierte Ende offen, da seine Darstellung mit dem Jahr 220 v. Chr.
abbricht. Man darf jedoch vermuten, dass er den Ausgang des Hellenismus mit dem
Beginn der römischen Kaiserzeit unter Augustus ansetzte, da er anscheinend seine
Darstellung bis zu diesem Zeitpunkt herabzuführen beabsichtigte.
Gegen diesen Hellenismusbegriff Droysens erhoben sich in der neueren For-
schung bis in die Gegenwart starke Bedenken, deren wichtigste genannt seien:
• H. Bengtson8 nannte bereits den Ausgangspunkt für die Bildung des Begriffes pro-
blematisch, da er seinen Ursprung einem sprachlichen Missverständnis verdanke.
• Bei mehreren Gelehrten erfuhr die Epoche des Hellenismus eine beträchtliche
zeitliche Erweiterung. Wenn man nämlich den kulturellen und ethnischen Misch-
charakter als entscheidendes Kriterium betrachtet, erscheint es in gewisser Weise
legitim, mit H Bengston9 einerseits »die Epoche, nicht mit Alexander dem Gro-
ßen, sondern bereits eine Generation vorher, etwa um 360 v. Chr.«, beginnen zu
lassen, andererseits mit W. Otto10 die gesamte römische Kaiserzeit mit einzube-
ziehen und im Hinblick auf diesen erweiterten Epochenbegriff von der »letzten
großen Kulturperiode des Altertums« zu sprechen oder gar mit C. H. Becker11
im Islam »nichts anderes als weiterbestehenden, auf die Dauer sich immer mehr
assimilierenden Hellenismus« zu erblicken.
• Auch die räumliche Dimension erfuhr bisweilen eine erhebliche Ausweitung. Im
Gegensatz zu Droysen, der den westlichen Mittelmeerraum ausklammerte, bezog
V. Ehrenberg12 auch die letzten Jahrhunderte der karthagischen Geschichte mit
ein.
• Was die »kulturelle und ethnische Ineinsbindung« als allgemeines Charakteris-
tikum des Hellenismus betrifft, so stellte etwa H.-J. Gehrke13 im Gegensatz zu
Droysen neuerdings die Forderung, in den einzelnen geographischen Räumen des
riesigen Orients näher zu differenzieren.
• Ferner kritisierte man, dass die »Potenz hellenistischer Bildung« bzw. die Aus-
breitung der griechischen Kultur über die damals bekannte Welt nicht einseitig
hervorgehoben werden dürfe, wie dies bei Droysen und noch bei C. Schneider14
der Fall ist, der das griechische Element über Gebühr hervorhebt und die Be-
gegnung mit dem Orient gar einer Infektion mit Krankheitsstoffen gleichsetzt.
Vielmehr müssten umgekehrt auch die kulturellen Einflüsse des Orients auf das
Griechentum, z. B. in religiöser Hinsicht, gewürdigt werden: Sie dürften freilich
ihrerseits nicht überschätzt werden, da beispielsweise in Sprache, Literatur und
Wissenschaft, wie z. B. H. H. Schmitt15 betont, die griechische Komponente ab-
solut tonangebend blieb. Mit Recht verweist daher H.-J. Gehrke16 auf die »kom-
plexen Akkulturationsprozesse im Spannungsfeld zwischen der griechischen und
6 I Hellenismus. Entstehung, Entwicklung und Problematik eines Epochenbegriffs

den jeweiligen indigenen Kulturen, vor allem denen des Alten Orients, Ägyptens
und des Judentums.«
• Generell moniert man am Hellenismusbild Droysens in neuerer Zeit eine unzu-
lässige Vereinfachung und Verallgemeinerung. In diesem Sinne betont R. Bich-
ler17: »Denn die Forschung hat in ihrer zunehmenden Spezialisierung ein der-
art hohes Ausmaß an Detailkenntnissen erworben, dass sich generalisierende
Aussagen über das Spezifische der Epoche (sc. des Hellenismus), ihr kulturelles
Erscheinungsbild, die prägenden Muster ihrer politischen Organisation und die
Charakteristika der in ihr dominierenden gesellschaftlichen Verhältnisse leicht als
grobe Simplifizierung erweisen können.«
• Auch die Bewertung des Hellenismus durch Droysen als einer Übergangsepoche
zum Christentum und im weiteren Sinne sogar zum Islam wird in der modernen
Forschung beispielsweise von H. H. Schmitt18 abgelehnt, da diese bei Droysen vor-
liegende teleologische Geschichtsbetrachtung inhaltlich einseitig, chronologisch
problematisch und deshalb inakzeptabel sei.
• Ein weiterer Einwand geht dahin, dass das Hellenismusbild Droysens anachro-
nistisch sei. In diesem Sinne meint R. Bichler19: »Droysens Hellenismus-Bild ist
ganz wesentlich durch die Analogie zu seiner Gegenwart bestimmt. Das gilt für
die voll entfaltete Ökonomie, die zivilisatorischen Errungenschaften, die Künst-
lichkeit der staatlichen Bildungen und vor allem für die spirituelle Seite der
Gegenwart, wo Droysen dieselbe Kälte und Verstandesbestimmtheit, dieselbe
Tendenz zu Wissenschaft und Lehre und dieselbe Forderung nach einer subjekti-
vistischen Ethik am Werke sah. Im Grunde dient Droysens Würdigung des Hel-
lenismus nur als Mittel, die Gegenwart als Zeit ähnlicher Unsicherheit besser zu
begreifen.«
• In einer grundsätzlichen Kritik stellte K. J. Beloch20 gar die Sinnhaftigkeit des Be-
griffs Hellenismus gänzlich in Frage: »Doch der Ausdruck Hellenismus hat sich
nun einmal eingebürgert und er wird nicht so leicht zu verdrängen sein. Das scha-
det auch wenig, solange wir uns bewusst bleiben, dass es sich um nichts weiter
handelt als um einen bequemen Terminus. Aber es wird immer Leute geben, die
glauben, es müsse sich bei einem solchen Terminus auch etwas denken lassen.«’
Diese ebenso kritische wie ironische Auffassung ist insofern nicht unberechtigt,
als sie die Problematik historischer Periodisierung und Epocheneinteilung gene-
rell verdeutlicht.
Dies mag ein analoges Beispiel aus der römischen Geschichte veranschaulichen:
Seit Theodor Mommsen wird das letzte Jahrhundert der Römischen Republik vom
Auftreten der Gracchen bis zur Begründung des Prinzipats durch Augustus (ca.
133–30 v.) als »Zeitalter der Römischen Revolution« bezeichnet. In einem Aufsatz
mit dem Titel »Der Untergang der römischen Republik und das Problem der Re-
volution« weist A. Heuß21 nach, dass der auf Karl Marx zurückgehende moderne
Revolutionsbegriff für diese Zeit keineswegs zutrifft, schlägt aber dennoch dessen
Beibehaltung vor, da er sich nun einmal eingebürgert habe. Im übrigen ist es ein
bekanntes Faktum, dass die Periodisierung der Geschichte in Antike, Mittelalter,
Neuzeit, Zeitgeschichte generell und die zeitliche Abgrenzung dieser Epochen spe-
ziell nicht unproblematisch sind und in der Forschung noch immer für heftige Dis-
kussionen sorgen.
I Hellenismus. Entstehung, Entwicklung und Problematik eines Epochenbegriffs 7

Als Nachtrag sei erwähnt, dass H.-J. Gehrke22 In dem soeben erschienenen Hand-
buch »Die Literatur der klassischen und hellenistischen Zeit« ein sehr eindrucksvol-
les Epochenporträt zeichnet, welches die meisten der gerade erwähnten, mit dem
Begriff Hellenismus verbundenen Forschungsprobleme kenntnisreich thematisiert
und besonders die Modernität der hellenistischen Epoche im Hinblick auf aktuelle
Phänomene wie Migration, Akkulturation, Globalisierung eindrucksvoll hervor-
hebt.
Ein kürzlich publizierter Aufsatz von R. Bichler23 ist überschrieben: »Droysens
Hellenismus-Konzept. Seine Problematik und seine faszinierende Wirkung.« Dieser
Untertitel trifft den Nagel auf den Kopf: Das Problematische an dem Begriff wurde
soeben dargelegt, das Faszinierende besteht darin, dass der von Droysen geprägte
Terminus trotz aller Einwände bis heute weiterlebt, dass die Neubewertung dieser
Epoche vollkommen legitim ist und dass gerade das von Droysen hervorgehobene
Phänomen der Modernität dieser Zeit noch heute aktuell ist.
Den folgenden Ausführungen wird, wie bereits angedeutet, jene zeitliche Ausdeh-
nung des Hellenismus zugrunde gelegt, die bei aller Kritik noch heute die ›communis
opinio‹ repräsentiert, nämlich die drei Jahrhunderte vom Asienfeldzug Alexanders
des Großen 334 bis zur Begründung des Prinzipats durch Augustus ca. 30 v. Chr.
Denn mit Alexander dem Großen beginnt in der Tat eine neue Epoche der Ge-
schichte, während die Zeit des Augustus in vieler Hinsicht einen Schlusspunkt bildet
und einen historischen Neuanfang markiert.
In besonderem Maße aber geht es in dieser Untersuchung darum, die These Droy-
sens von der Kreativität und ›Modernität‹ dieser Epoche zu belegen, dies um so
mehr, als Droysen selbst die Geistesgeschichte kaum berücksichtigt, vielmehr in sei-
ner Geschichte des Hellenismus fast ausschließlich die politischen, wirtschaftlichen
und sozialen Entwicklungen schildert.
II Historische Voraussetzungen für Blüte und Ausbreitung griechischer Kultur

II Die historischen Voraussetzungen


für die Blüte und Ausbreitung der
griechischen Kultur

1 Der Asienfeldzug Alexanders des Großen1


In den Jahren von 334 bis 323 v. Chr. unterwarf Alexander ein gewaltiges Territo-
rium, dessen West-Ost-Ausdehnung sich von Makedonien bis nach Indien und des-
sen Süd-Nord-Ausdehnung sich von Ägypten bis zum Kaukasus erstreckte. Amts-
sprache war das Griechische in Gestalt der Koine, die damals zur Einheitssprache
wurde. Auch das griechische, genauer gesagt, das attische Recht, wurde vielerorts
eingeführt: Griechische Urkunden und Inschriften finden sich in zahlreichen Län-
dern der damaligen Welt, z. B. in Kleinasien, Syrien, Phönikien, Palästina, Ägypten,
Persien und Indien. In dieser Zeit entstanden auch die Grundlagen für die Ent-
stehung eines Verkehrs und Handels, der beinahe die ganze damals bekannte Welt
umfasste: Fast der gesamte Raum von der Straße von Gibraltar bis zum Indus wuchs
zu einem riesigen Wirtschaftsgebiet zusammen, wobei die materielle Voraussetzung
hierfür die Schaffung einer einheitlichen Währung bildete. Dies geschah durch die
Einführung des attischen Münzfußes. Der Asienfeldzug bewirkte aber nicht zuletzt
auch, dass die griechische Kultur im Alexanderreich Wurzeln schlug. Befanden sich
doch in Alexanders Umgebung zahlreiche Personen, die dem Asienfeldzug eine kul-
turelle und wissenschaftliche Dimension verliehen. Dazu gleich Näheres.

2 Die hellenistischen Stadtgründungen2


Während des Alexanderzuges erfolgte die Neugründung zahlreicher Städte bzw. der
Ausbau bereits vorhandener Siedlungen zu städtischen Anlagen. Diese Gründungen
leiteten eine neue Epoche in der Geschichte des Griechentums und des asiatischen
Raumes ein und markierten den Beginn des dritten griechischen Kolonisationszeit-
alters. Bei den Siedlern handelte es sich vielfach um Veteranen Alexanders und grie-
chische Söldner, die durch Zuzug aus dem Mutterland und aus Kleinasien dauernd
verstärkt wurden. Demnach war von Anfang an nicht das makedonische, sondern
das griechische Element tonangebend. Die Überlieferung (bei Plutarch mor. P. 328
E) spricht (sicherlich übertreibend) von 70 Neugründungen Alexanders. Zweifellos
diente die Anlage dieser Städte in erster Linie militärischen und wirtschaftlichen

K. Meister, Der Hellenismus,


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10 II Historische Voraussetzungen für Blüte und Ausbreitung griechischer Kultur

Zwecken, z. B. der Befriedung der unterworfenen Gebiete und der Sicherung rück-
wärtiger Verbindungen, doch ging ihre Bedeutung von vorneherein weit darüber hi-
naus: Die Siedler trugen auch zur Verbreitung der griechischen Kultur bei. So wurde
der Typ der griechischen Polis mit ihren typischen Bauten weit in den Osten, bis
nach Afghanistan, Pakistan und Indien hinein »exportiert.« Um nur einige Beispiele
von Städten zu nennen, die häufig den Namen ihres Gründers tragen, so ist an erster
Stelle das ägyptische Alexandria zu nennen, worüber bald zu berichten ist. Ferner
wurden zahlreiche Alexanderstädte bis weit ins östliche Asien hinein angelegt, die
sich noch heute einer großen Blüte erfreuen, z. B. Alexandria in Areia (heute Herat
im Nordwesten Afghanistans), Alexandria in Arachosien (heute Kandahar im Süden
Afghanistans), Alexandria am Jaxartes (Syr Darja), heute Chodschent in Tadschikis-
tan). Auch in der Zeit nach Alexander, als die großen Territorialstaaten und die hel-
lenistischen Großreiche der Antigoniden in Makedonien, der Seleukiden in Asien
und der Ptolemaier in Ägypten entstanden, erfolgten zahlreiche Städtegründungen.
Als aufschlussreiches Beispiel hierfür seien die zahlreichen Städte erwähnt, die von
einem einzigen Diadochen, nämlich Seleukos I. (312–281 v.), gegründet wurden.
Darüber berichtet Appian (Syr. 57, 292–58, 308) folgendes:

»Städte gründete er in seinem ganzen Herrschaftsgebiet, und zwar sechzehn Antio-


cheias nach dem Namen des Vaters, fünf Laodikeias nach dem der Mutter, neun nach
ihm selbst benannte, vier nach seinen Frauen, nämlich drei Apameias und ein Strato-
nikeia; von diesen sind heute die bedeutendsten das Seleukeia an Meer und das am
Tigris, Laodikeia in Phönikien, Antiocheia unterhalb des Libanon und Apameia in Sy-
rien. Die anderen benannte er nach Griechenland oder Makedonien, nach bestimm-
ten eigenen Taten oder zu Ehren des Königs Alexander. Daher gibt es in Syrien und in
den Gebieten der oberhalb davon lebenden Barbaren viele Namen griechischer und
makedonischer Siedlungen: Berrhoia, Edessa, Perinthos, Maroneia, Kallipolis, Achaia,
Pella, Oropos, Amphipolis, Arethusa, Astakos, Tegea, Chalkis, Larissa, Heraia, Apollonia,
in Parthien Soteira, Kalliope, Charis, Hekatompolis, Achaia, in Indien Alexandropolis, in
Skythien Alexandreschata. Und nach den eigenen Siegen des Seleukos sind Nikepho-
rion in Mesopotamien und Nikopolis in Armenien benannt, wo es besonders nahe an
Kappadokien grenzt.«

Diese Liste verrät auch, dass die hellenistischen Stadtgründungen in erster Linie
den Namen der Gründerkönige bzw. der Mitglieder des Königshauses trugen, eine
Tradition, die später von den Römern, z. B. von Caesar und Augustus, übernommen
wurde.
In diesem Zusammenhang einige Worte zum Aussehen der Städte, die bei al-
ler Verschiedenheit im Einzelnen typisch griechische Strukturen und Bauformen
aufwiesen. Als Musterbeispiel gelten das ägyptische Alexandria (Beschreibung bei
Strabon XVII 1,8–10, siehe unten S. 13) sowie die Inselstadt Rhodos (Schilderung bei
Strabon XIVV 2,5): Die Anlage war im Allgemeinen weiträumig und großzügig. Die
neuen Städte verfügten über ein kohärentes Konzept der Flächennutzung sowie eine
Anlage, in der die öffentlichen Bereiche der Verwaltung, Tempel und Heiligtümer
und die privaten Wohnhäuser voneinander getrennt waren und doch in eine geord-
neten Beziehung zueinander standen. Maßgeblich für den Grundriss war zumeist
2 Die hellenistischen Stadtgründungen 11

das sog. hippodamische Schema, benannt nach Hippodamos von Milet, dem be-
rühmten Städteplaner und Staatstheoretiker aus perikleischer Zeit. Konkret bedeutet
dies: Die Städte hatten rechtwinklig sich schneidende Straßen, eine geräumige Agora
sowie große Plätze und ausgedehnte Grünanlagen.
Die Neugründungen wiesen zumeist die charakteristischen Bauten griechischer
Städte auf: Neben riesigen Wohnblöcken Mauern aus massivem Stein, monumentale
Stadttore, prachtvolle Heiligtümer, repräsentative Buleuteria (»Rathäuser«), großar-
tige Säulenhallen, mächtige Theaterbauten und großzügige Gymnasien. Beim Gym-
nasium handelte sich ursprünglich um eine Einrichtung für Athleten (gymnazesthai
bedeutet »sich üben, trainieren«), doch spielte von Anfang an auch die musische Aus-
bildung eine Rolle. Sie nahm im Lauf der Zeit ständig zu und verwandelte das Gym-
nasium in eine Art Mittel- bzw. Oberschule: In hellenistischer Zeit wurde es zum
eigentlichen Mittelpunkt von Bildung und Kultur. Mit Recht betont daher P. Scholz:3
»Ausgangspunkt und Voraussetzung für die Ausbreitung griechischer Bildung war
die weite Verbreitung der Einrichtung des Gymnasions, das auch für kleinere Städte
ein unverzichtbares Element von Urbanität darstellte.« Wer durch diese Schule und
Erziehung gegangen war, galt als Grieche, gleich ob er am Orontes, Euphrat oder Nil
geboren war: »Die Leute vom Gymnasium« (hoi apo gymnasiu) waren die eigentliche
Bildungsschicht. Bereits im Jahr 380 betonte Isokrates in seinem Panegyrikos (§ 50),
Grieche sei man nicht durch Geburt, vielmehr durch Teilhabe an griechischer Bil-
dung. Tatsächlich galt dies, besonders seit dem Ende des dritten Jahrhunderts v.,
für eine wachsende Anzahl von Angehörigen fremder Völker. Somit bildete speziell
die Institution Gymnasium gewissermaßen die Infrastruktur für die Verbreitung
der griechischen Kultur. In Pergamon gab es beispielsweise ein Gymnasium, das in
drei Ebenen Räume für Kinder, Epheben und junge Männer aufwies und über Le-
sezimmer, Bibliotheken und Säulenhallen verfügte. Der Unterricht war vorwiegend
literarischer Natur, wobei der Schwerpunkt auf den Dichtern Homer und Euripides
lag.
Ein anschauliches Bild vom Leben auf dem Gymnasium vermittelt eine Inschrift
aus Teos, das an der kleinasiatischen Küste nahe dem heutigen Izmir liegt. Sie enthält
Angaben über die Verwendung einer Summe Geldes, die ein gewisser Polythrous
dem Gymnasium gespendet hatte (Syll.3 578; Austin 120). Man erfährt hier von der
Anstellung »dreier Schullehrer zur Unterrichtung der Knaben und Mädchen« (in Teos
herrschte Koedukation, was damals ganz ungewöhnlich war), zweier paidotribai
(»Turnlehrer«) und eines Lyraspielers, der nicht nur das Spiel auf der Lyra unter-
richtete, sondern auch für die allgemeine musikalische Erziehung zuständig war.
Die Achtung, welche die Bürger der oberen Schichten für das Gymnasium hegten,
drückte sich in vielen Dekreten aus, mit denen die paidonomoi (»Knabenerzieher«),
und besonders der gymnasiarchos (»Schulleiter«) geehrt wurden. Auch lassen In-
schriften erkennen, dass sich der gymnasiarchos häufig um die Opfer kümmerte, die
Wettkämpfe stiftete und die Instandsetzung des Schulgebäudes aus eigenen Mitteln
besorgte (vgl. z. B. Syll.3 691). Die Bedeutung der Institution Gymnasion wurde auch
von den Königen anerkannt, die häufig diese Anstalten und ihre Aktivitäten un-
terstützten. Für die Schüler bedeutete es einen Höhepunkt, wenn die Wettbewerbe
stattfanden, welche die Merkmale eines modernen Sportfestes mit den alljährlichen
Prüfungen verbanden. Die Namen der Gewinner wurden auf Säulen eingeschrieben;
12 II Historische Voraussetzungen für Blüte und Ausbreitung griechischer Kultur

so informiert uns eine Liste aus dem 2. Jh. v. über die Sieger aus der Knabenklasse in
Magnesia am Mäander (Syll. 3 960):

(… der Sohn des Ar)temidoros, (…) der Sohn des Aischyli(nos


und … ermos), Sohn des Anasik(rates …) Für die Komposition
von Liedern.
Für das Spielen auf der Kithara: Mandrokles, (Sohn des …;) Ariston
Sohn des (An …;.) Lykomedes, Sohn des Cha(richios).
Für das Singen zur Kithara: Dionysios, Sohn des Apollodoros; Ktea-
tos, Sohn des Morimos; Pythagoras, Sohn des Apollophanes.
Für Malerei: Apollonios, Sohn des Apollonios; Kallistratos, Sohn des
Zopyros; Alkis, Sohn des Zopyros;
Für Arithmetik: Neoptolemos, Sohn des Admetos; Demetrios, Sohn
des Anaxikrates.

Auf diese Weise wurden viele der Heranwachsenden in den Städten nicht nur in der
kulturellen Tradition Griechenlands unterwiesen, sie übernahmen vielmehr auch
das Gefühl der griechischen Überlegenheit gegenüber anderen Völkern. Außer den
Gymnasien waren in den Neugründungen griechische Theater sowie Bühnenkünst-
ler aller Art anzutreffen, vor allem die sog. Genossenschaften des Dionysos. Über-
haupt erlebte das griechische Vereinswesen im Hellenismus eine hohe Blüte: Reli-
giöse, soziale und gewerbliche Vereinigungen sind sehr häufig anzutreffen, daneben
auch Priester und Kultbeamte für die zahlreichen Heiligtümer.

3 Die königlichen Residenzen als Musenhöfe


In der klassischen Zeit blühten Kunst und Kultur im Rahmen der griechischen Po-
lis, die durch die Konzentration aller Kräfte des politischen, sozialen, wirtschaft-
lichen und kulturellen Lebens charakterisiert war. Als eine der wichtigsten Folgen
des Alexanderzuges und der Entstehung der hellenistischen Monarchien sank die
traditionelle Polis mehr und mehr zur Bedeutungslosigkeit herab. An ihre Stelle tra-
ten vornehmlich die königlichen Residenzen, deren Anlage besonders großzügig
war. Sie bildeten die Macht- und Repräsentationszentren und waren zugleich die
politischen, administrativen, wirtschaftlichen, intellektuellen, repräsentativen, ge-
sellschaftlichen und interaktiven Hauptstädte (vgl. zuletzt G. Weber3). Besonders
wichtig war ihre Bedeutung auf kulturellem und intellektuellem Gebiet. Dies galt
grundsätzlich für alle Residenzstädte, die dank großzügiger Förderung durch die
Könige zu kulturellen Zentren von hoher Bedeutung und zu herausragenden Stätten
von Kunst und Wissenschaft wurden. Als Beispiele seien Seleukeia am Tigris (nahe
Babylon) oder das kleinasiatische Pergamon genannt. Die mit Abstand größte Kö-
nigs- und Kulturmetropole der hellenistischen Welt war jedoch das ägyptische Alex-
andria. Dieser Stadt ist wegen ihrer überragenden Bedeutung ein eigenes Kapitel
gewidmet.
III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus
III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus

III Alexandria, die Kulturmetropole


des Hellenismus1

Das ägyptische Alexandria wurde von Alexander dem Großen 332/331 v. an geo-
graphisch und strategisch hervorragender Stelle gegründet. Dazu bemerkt Arrian
(III 1,5 ff.):

»Von Memphis aus segelte Alexander nilabwärts zum Meer. Als er nach Kanopos ge-
kommen war, fuhr er am Ufer des Maiotissees entlang und ging dort an Land, wo jetzt
das nach ihm benannte Alexandria liegt. Dieser Ort schien ihm bestens geeignet, eine
Stadt zu gründen und ihr Wohlstand zu verheißen. Und es ergriff ihn die Sehnsucht,
sogleich ans Werk zu gehen. Er selbst entwarf den Stadtplan: Wo der Marktplatz an-
gelegt, wie viele Tempel welchen Gottheiten der Griechen und der ägyptischen Iris er-
richtet und wo die Mauern erbaut werden sollten. Alexander selbst brachte darum den
Göttern Opfer dar, und die Zeichen fielen günstig aus.«

Bei dem Geographen Strabon (XVII 1,8–10) findet sich eine detaillierte Beschreibung
Alexandrias (vgl. Abb. 1). Demnach handelte es sich um eine typisch hellenistische
Stadt, die nach dem hippodamischen Schema angelegt und gleichsam auf dem Reiß-
brett entstanden war. Ein Viereck, das mit der Chlamys, einem »Militärmantel« ver-
glichen wurde, bildete den Grundriss der Stadt, die sich in einer Länge von dreißig
Stadien (ca. 6 km) und einer Breite von 7–8 Stadien (ca. 1,5 km) am Meer hinzog,
mit rechtwinklig sich schneidenden Straßen und Hauptachsen, die jeweils ein Ple-
thron, d. h. ca. 30 m, breit waren, mit gleichförmigen Häuserblocks, zwei Meeres-
häfen und einem Binnenhafen, zahlreichen Heiligtümern, öffentlichen Gebäuden
und Bildungsstätten. Hinzu kamen die Königspaläste, die einen eigenen Stadtteil
bildeten und ein Viertel oder gar ein Drittel des gesamten Areals einnahmen. Im sog.
Brucheion, das südlich des Großen Hafens in einiger Entfernung von der Küste lag,
befanden sich außer der königlichen Residenz das Grabmal Alexanders, das Mauso-
leum der Ptolemaier, das Museion, die große Bibliothek, eine Sternwarte sowie ein
Tiergarten. Im Südwesten lag das Serapeion, einer der wenigen Bauten, die in der
Moderne ausgegraben worden sind. Der berühmte Leuchtturm wurde unter Ptole-
maios I. am Eingang des Hafens auf der vorgelagerten Insel Pharos errichtet. Er zählte
zu den sieben Weltwundern der Antike und existierte bis weit ins Mittelalter hinein.
Über die Größe der Stadt und die Zahl seiner Bewohner äußert sich Diodor
(XVII 52,5–6) in der Mitte des 1. Jh. v.:

»Überhaupt nahm diese Stadt in späteren Zeiten einen solchen Aufschwung, dass sie
von vielen als die großartigste der Welt bezeichnet wird. Denn an Schönheit, Größe,

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_3, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
14 III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus

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aš-Š¦œib^ Proasteia
Megas limen Heliu pyle ? nekropoleis
¨¢nat al-Anf¢š^ Isis Pharia ? Antirrhodos Basileia
Kanobike
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Rhakotis (Diokletianssäule)
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Lageion K·m-aš MaŒm¢d^ya
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al-Qabb¦r^ 0 0,5 1 1,5 2 km
Proasteia

Mareotis /
al-Mafr¢za limne tes Mareias
Nekropolis Die Topographie des
Straßennetzes und die exakte
al-Wardiy¦n Lage mehrerer öffentlicher
Gebäude ist z.T. unsicher.

Alexandreia Nekropole, Tempel


arabische Stadtmauer
Proasteia antiker Name, belegt zwischen
ca.300 v.Chr. und ca. 250 n.Chr. Kanal
Tor
Museion? Identifizierung oder Lokalisierung
unsicher Küste, historisch und rezent
aš-Š¦œib^ moderner Name, arabisch Küste, nur rezent
(Diokle- moderner Name, in der wissen- Küste, nur historisch
tianssäule) schaftlichen Literatur benutzt
Dämme, abgesunkene Hafenbauten

Abb. 1 Stadtplan von Alexandria

Menge der Einkünfte und allem, was zum Luxus gehört, übertrifft sie die übrigen
Städte bei weitem. Zu der Zeit, da wir Ägypten bereisten (sc. zwischen 60–57 v.), betrug
nach Angabe derer, welche die Bürgerlisten führten, die Anzahl der freien Bewohner
mehr als 300 000, die Einkünfte aber, die der König jährlich aus Ägypten bezog, beliefen
sich auf mehr als 6000 Talente« (ein Talent entspricht ca. 26,5 kg. Silber).

Aus dieser Angabe lässt sich eine Gesamtbevölkerung von gut einer halben Million
Menschen errechnen. Alexandria war von Anfang an eine ausgesprochen multieth-
nische und multikulturelle Stadt. Schon um die Mitte des 3. Jh. befanden sich hier
so viele fremde Kaufleute, dass es Probleme beim Geldwechseln gab. Syrer, Perser,
Araber, Äthiopier, Inder und Italiker gaben sich ein Stelldichein, Ägypter, Griechen,
Makedonen, Ägypter, Juden und Syrer bildeten die größten Gruppen. Griechen und
Makedonen waren in einer eigenen Polis mit Rat, Volksversammlung, Gerichtshö-
fen, Beamten etc. organisiert, und auch die Juden besaßen eine gewisse Selbstver-
III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus
III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus 15

waltung. In der Stadt siedelten sich bald Webereien, Kunstwerkstätten, Gold- und
Silberschmieden, Betriebe für die Papyrusherstellung und Bierbrauereien an. Die
beiden Seehäfen waren primär auf den Export von Getreide, Papyrus, Textilien und
Luxuswaren sowie den Transithandel hin orientiert, der Binnenhafen am Mareotis-
see, einer großen Ausbuchtung des Nils südlich der Stadt, nahm vor allem Importe
auf, wobei der Umsatz angeblich sogar den der Seehäfen übertraf.
Ptolemaios I. war der Gründer jener berühmten Forschungsstätte, die als Museion
in die Geschichte eingegangen und zum Vorbild zahlreicher Akademien und Uni-
versitäten des Mittelalters und der Neuzeit geworden ist. Bevor ich auf die Gründung
dieser Institution eingehe, zunächst einige allgemeine Bemerkungen:
• Die neun Musen waren Göttinnen, nämlich Töchter des Zeus und der Mnemosyne
(»Erinnerung«).
• Museia, d. h. Musensitze bzw.– heiligtümer, gab es in großer Zahl. Es handelte sich
um Kultorte, z. B. Haine, Heiligtümer und Forschungsstätten.
• Die Musen waren für die Literatur, Dichtung, Musik und Wissenschaften zustän-
dig, wobei jede von ihnen einen eigenen Bereich repräsentierte, z. B. Kalliope das
Epos, Melpomene die Tragödie, Klio die Geschichtsschreibung, Urania die Astro-
nomie. Auch das alexandrinische Museion hatte kultischen Charakter: Es han-
delte sich um einen »Kultverein der Musen« (Thiasos ton Muson), welcher unter
der Leitung eines Priesters stand. An unmittelbaren Vorläufern sind die Akade-
mie Platons und der Peripatos des Aristoteles zu nennen, die ebenfalls kultische
Institutionen bildeten.
• Es entsprach einer langen Tradition, dass Könige und Tyrannen als Förderer
von Kunst und Kultur auftraten: Peisistratos von Athen, Polykrates von Samos,
Hieron I. von Syrakus und Archelaos von Makedonien sind nur einige Beispiele
hierfür. Folgende Neuerungen sind jedoch im Hinblick auf das Museion charakte-
ristisch: Erstens das große Ausmaß der Förderung durch die Ptolemaier; zweitens
die Höhe der zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel; drittens die Institutio-
nalisierung der Förderung von staatlicher Seite; viertens die enorme Vielfalt der
geförderten Disziplinen.
Ptolemaios I., Sohn des Lagos und der Arsinoe, war der Begründer des Museion. Er
stammte aus makedonischem Hochadel und war seit seiner Jugend mit Alexander
befreundet. Während des Asienfeldzuges fungierte er seit 330 als dessen »Leibwäch-
ter« (somatophylax) und führte eigenständige Militäroperationen durch. Nach dem
Tode Alexanders trat er von Anfang an für die Reichsteilung ein und eroberte 323
die Satrapie Ägypten. Er verlegte die Residenz von Memphis nach Alexandria und
nahm 306/305 den Königstitel an. Ähnlich wie Alexander hatte er vielfache geistige
Interessen und umgab sich mit Dichtern, Historikern und Philosophen. Gegen 300,
im Alter von ca. 70 Jahren verfasste er seine Alexandergeschichte, die noch heute
durch Vermittlung Arrians die Hauptquelle zu Alexander bildet.
Im letzten Jahrzehnt seiner Regierung (ca. 293–283) waren die Voraussetzungen
für die Gründung einer wissenschaftlichen Institution besonders günstig: Seine Stel-
lung war endgültig gefestigt, er konnte sich daher verstärkt innenpolitischen Fragen
zuwenden. Die Finanzierung des Museion wurde durch die enormen Einkünfte er-
möglicht, die dank dirigistischer Wirtschaftspolitik und straffer Steuerverwaltung
in den königlichen Schatz flossen. Die Freigiebigkeit und Großzügigkeit des Königs
16 III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus

waren sprichwörtlich: »Reich machen ist königlicher als reich sein«, lautete angeblich
seine Devise.
Diese Bemerkungen könnten dazu verleiten, allein die geistigen Interessen und
die Freigiebigkeit des Ptolemaios für die Gründung des Museion verantwortlich zu
machen. Das trifft jedoch nicht zu. Vielmehr handelte es sich auch um ein Politikum
ersten Ranges: Die Gründung dieser Institution diente nämlich auch der Legitima-
tion und Selbstdarstellung seiner Herrschaft. Dabei muss man sich vergegenwär-
tigen, dass Ägypten doryktetos chora (»speergewonnenes, d. h. gewaltsam erobertes
Land«) war. Deshalb tat Ptolemaios alles, um seine Herrschaft zu legitimieren: Er
bemächtigte sich des Leichnams Alexanders, ließ ihn nach Alexandria überführen,
in feierlicher Prozession durch die Stadt geleiten und prunkvoll beisetzen. Bald da-
nach ordnete er die kultische Verehrung Alexanders als Stadtgott Alexandrias und
als Reichsgott der Ptolemaier an. In diesen legitimatorischen Kontext gehören auch
die Abfassung der Alexandergeschichte und, last but not least, die Gründung des
Museion und der Bibliothek.2
Was die Baulichkeiten und die Organisation des Museion angeht, so bemerkt
Strabon:

»Ein Teil des königlichen Palastes ist auch das Museion, welches eine Wandelhalle
(peripatos), eine andere zum Sitzen (exedra) und einen großen Raum enthält, in wel-
chem sich der Speisesaal der am Museion tätigen Gelehrten befindet.«

Herzstück des Museion bildete demnach ein großer Raum, der nicht nur der ge-
meinsamen Einnahme der Mahlzeiten, sondern auch der wissenschaftlichen For-
schung und den Lehrveranstaltungen diente. Die Exedra war ein gedeckter, nach
einer Seite hin offener Säulengang, in welchem die Gelehrten auf Bänken saßen und
mit den Kollegen und Schülern diskutierten. Ferner gehörte auch ein Peripatos zum
Museion, das somit in Anlage und Aussehen dem Peripatos, der Schule des Aristo-
teles ähnelte.
Was die Organisation dieser Institution angeht, so ernannte der König nicht nur
den Priester, sondern berief auch die Gelehrten. Diese erhielten Verköstigung, be-
zogen wahrhaft königliche Gehälter und mussten keine Abgaben entrichten. Ihre
Anzahl belief sich auf etwa einhundert. Dass es zwischen den Gelehrten öfter zu
Rivalitäten und Streitereien kam, zeigt die bissige Bemerkung des Satirikers Timon
von Phleius aus dem 3. Jh. (bei Athen. I 22 d):

»Viele werden genährt im volkreichen Ägypten, Bücherkritzler, pausenlos zankend im


Vogelkäfig der Musen.«

Zu den Aufgaben der Gelehrten gehörte nicht nur die Forschung, sondern auch die
Lehre: An ihren Veranstaltungen und Diskussionen beteiligten sich auch die Ptole-
maierkönige von Ptolemaios I. bis Kleopatra VII.
Spätere Zeugnisse zeigen, dass Alexandria im Laufe der Zeit eine typische Univer-
sitätsstadt wurde. Auf einem Papyrus aus Oxyrhynchos aus dem 3. Jh. (POx 2190) ist
der Brief eines Studenten an seine Eltern (teilweise) erhalten.3 Er betont zunächst,
dass er sich nunmehr nach einer größeren Wohnung umsehen müsse, da auch sein
III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus
III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus 17

Bruder zum Studium nach Alexandria gekommen sei, und bricht anschließend in
eine heftige Klage über die hohen Studiengebühren, den Mangel an Professoren und
das niedrige Niveau der Lehrveranstaltungen aus:

»Für die sinnlosen und hohen Studiengebühren lässt sich aus den Professoren nichts
Vernünftiges herausholen. Ich bin ganz und gar auf mich selbst angewiesen.«

Wie man sieht, geschieht nichts Neues unter der Sonne!


Was die Geschichte des Museion betrifft, so berief Ptolemaios I. den Dichter und
Grammatiker Philetas von Kos, den Philologen Zenodotos von Ephesos sowie die
Peripatetiker Straton von Lampsakos und Demetrios von Phaleron nach Alexan-
dria.4 Sie berieten Ptolemaios beim Aufbau des Museion, wobei sie das Modell des
Peripatos nach Alexandria übertrugen: Denn sie vertraten ebenso wie ihr Lehrer
Aristoteles die universale Ausrichtung von Lehre und Forschung. Auch der Dichter
und Grammatiker Philetas von Kos und Zenodotos von Ephesos, der Ahnherr der
Philologie, ferner Euklid, der berühmteste antike Mathematiker sowie der Arzt Era-
sistratos wirkten unter dem ersten Ptolemaier am Museion.
Ptolemaios II. (283–246 v.) wird von den Quellen als philologatos (»hervorragender
Literaturkenner«) bezeichnet. Er berief Kallimachos von Kyrene, den berühntesten
Dichter dieser Zeit, ans Museion. Kallimachos erstellte auch den umfangreichen Ge-
samtkatalog und machte damit die große Bibliothek erst benutzbar. Astronomie und
Mathematik blühten vornehmlich unter Konon von Samos auf, der ein neues Stern-
bild, nämlich die Locke der Berenike, entdeckte und Kallimachos zu seinem gleich-
namigen Gedicht inspirierte. Theokrit von Syrakus, der Begründer der bukolischen
Poesie, lebte zeitweilig in Alexandria und widmete Ptolemaios II. ein Enkomion
(Eid. 17), in welchem er die Großzügigkeit des Herrschers pries. Gleichzeitig trug
der Ingenieur Ktesibios mit seinen Erfindungen, besonders mehreren Automaten,
zur Unterhaltung der Hofgesellschaft bei. Schließlich war auch der Arzt Erasistratos
von Kos unter dem zweiten Ptolemaier in Alexandria tätig.
Auch Ptolemaios III. mit dem Beinamen Euergetes (246–222 v.) wandelte in den
Bahnen seiner Vorgänger. Er ernannte Eratosthenes von Kyrene zum Prinzener-
zieher und Bibliotheksvorstand. Eratosthenes war der berühmteste Universalge-
lehrte des 3. Jh. und wurde besonders durch seine Erkenntnisse auf dem Gebiete
der Geographie berühmt. Auch der geniale Ingenieur, Physiker und Mathematiker
Archimedes von Syrakus weilte zeitweilig in Alexandria. Hoch in Ehren stand auch
Aristophanes von Byzanz, unter dem die Wissenschaft der Philologie eine große
Blüte erlebte. Der berühmte Arzt Herophilos wirkte damals ebenfalls in Alexandria.
Unter Ptolemaios VI. Philometor (181–145 v.) war Aristarchos von Samothrake,
ein herausragender Philologe und Begründer einer bedeutenden Schule, in Alexan-
dria tätig.
Auch unter Ptolemaios VIII. Euergetes II. setzte sich die Blüte des Museion zunächst
fort, doch bedeutete seine Regierung bald den Beginn des Niedergangs Alexandrias
als kulturellem Zentrum. Das durch Thronstreitigkeiten ausgelöste Vorgehen gegen
seinen Neffen und Vorgänger Ptolemaios VII. und dessen Freunde und Anhänger
führte 145 zur Vertreibung vieler Gelehrter aus Alexandria. Darüber berichtet ein
zeitgenössischer Chronist:
18 III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus

»Dieser König verbannte nicht wenige Gelehrte aus Alexandria und füllte so die Inseln
und Städte mit Grammatikern, Philologen, Geographen, Musikern, Malern, Pädagogen,
Ärzten und vielen anderen Wissenschaftlern.«

Zu diesem Verhalten des Königs passt die Ernennung (ausgerechnet) eines Offiziers
zum Bibliotheksvorstand. Seither machten andere Städte, vornehmlich Pergamon,
Rhodos, Antiochia und später Rom der Stadt Alexandria den Rang streitig und rück-
ten kulturell mehr und mehr in den Vordergrund. Der Lehrbetrieb im Museion ging
jedoch weiter, wenngleich in bescheidenem Umfang.
Mit dem Ende des Hellenismus und der Herrschaft des Augustus übernahmen
die römischen Kaiser die Patronage. Noch Ammianus Marcellinus (3. Jh. n.) spricht
im Hinblick auf das Museion von einer bedeutenden Forschungsstätte. Diese wurde
zwar 273 n. anlässlich der Eroberung Alexandrias durch Zenobia von Palmyra fast
vollständig zerstört, bestand aber im Serapeion weiter, wo sich eine zweite, wesent-
lich kleinere Bibliothek befand. Erst die Einäscherung des Serapeion unter Kai-
ser Theodosius 389 bedeutete das endgültige Aus dieser Institution, die somit fast
700 Jahre bestanden hat.
Besonderes Prunkstück des Museion war die große Bibliothek, die ebenfalls von
Ptolemaios I. gegründet worden ist. Dies ergibt sich aus einer Notiz des Eusebius
(hist. eccl. V 8,11):

»Ptolemaios, der Sohn des Lagos, hatte den Ehrgeiz, die von ihn in Alexandria gegrün-
dete Bibliothek mit den Schriften aller Menschen auszustatten, soweit sie ernstlich
Beachtung verdienten.«

Ferner berichtet Epiphanios5, ein Bischof von Salamis am Ende des 4. Jh. n., dass
Ptolemaios I. einen Brief an alle Könige und Herrscher der Erde geschrieben und
sie dazu aufgefordert habe, »ihm die Werke aller Autoren zu schicken: Dichter und
Prosaiker, Rhetoren und Sophisten, Ärzte und Weissager, Historiker und aller anderen
auch.«
Es war ein gewaltiges Unterfangen, die gesamten literarischen Schätze zu sam-
meln, die sich im Lauf der Jahrhunderte angehäuft hatten. Dabei handelte es sich
nicht nur um die griechische Literatur, sondern auch um orientalische, ägyptische,
jüdische und karthagische Werke, die ins Griechische übersetzt wurden. So erfährt
man beispielsweise aus dem Aristeasbrief, dass Ptolemaios II. das Pentateuch, die
fünf Bücher Moses, durch 70 Gelehrte – daher der Name Septuaginta – ins Grie-
chische übertragen ließ. Wie man sich die systematische Suche nach Büchern
unter den ersten Ptolemaiern vorzustellen hat, darüber vermittelt der folgende
Bericht des römischen Arztes Galen (Comm. in Hipp. Epidem. III) einen guten
Eindruck:

»Ptolemaios, der damalige König von Ägypten (gemeint ist Ptolemaios III. Euergetes),
war so versessen auf Bücher, dass er sogar alle Schriften, die sich auf den Schiffen der
Heranfahrenden befanden, beschlagnahmte. Er ließ sie abschreiben und die Kopien
den Besitzern geben, die Originale dagegen in die Bibliothek bringen. Diese Bücher
erhielten die Bezeichnung »Die von den Schiffen«. Dass dieser Herrscher auf den Er-
III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus
III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus 19

werb aller Bücher der Alten aus war, dafür liefert sein Verhalten gegenüber den Athe-
nern einen deutlichen Beweis: Gegen eine Kaution von fünfzehn Silbertalenten ließ
er sich die Staatsexemplare des Sophokles, Euripides und Aischylos aushändigen: Er
wolle sie abschreiben und dann zurückgeben. Daraufhin fertigte er Kopien auf wert-
vollem Papyrus, behielt jedoch die Originale für sich und übergab den Athenern die
Abschriften mit der Aufforderung, die fünfzehn Talente und die neuen Bücher an-
stelle der alten zu behalten. Den Athenern blieb nichts anderes, als sich widerwillig zu
fügen.«

In der Bibliothek von Alexandria sammelte sich auf diese Weise im Laufe der Zeit
eine ungeheure Anzahl von Werken an. Die Überlieferung spricht von 200 000 Bän-
den unter Ptolemaios II. (Aristeasbrief), von 490 000 unter seinen Nachfolgern (Tzet-
zes) und gar von 700 000 zum Zeitpunkt der teilweisen Zerstörung unter Caesar
(Gellius). Auch wenn diese Zahlen stark übertrieben sind, so liegt hier das einmalige
Phänomen vor, dass fast das gesamte bis dato existierende griechische und nichtgrie-
chische Schrifttum an einen Ort zusammengetragen wurde. Kallimachos, der seit
246/245 v. in Alexandria als Prinzenerzieher tätig war, unterzog sich der unvorstell-
bar schwierigen Aufgabe, die ungeheure Fülle von Büchern in einer riesigen ›Da-
tenbank‹ zu katalogisieren. Bei den sog. Pinakes (»Tafeln«) handelte es sich um den
Gesamtkatalog, daneben existierten noch spezielle Kataloge, z. B. der dramatischen
Dichter und ihrer Werke: Der Generalkatalog war überschrieben: »Verzeichnisse all
derer, die in jeder Literaturgattung Bedeutung hatten in 120 Büchern.« Hierbei wurde
die gesamte Literatur in verschiedene Gattungen (Epos, Lyrik, Drama, Rhetorik,
Philosophie, Geschichtsschreibung) unterteilt. Innerhalb dieser Genera waren die
Autoren und ihre Werke nach dem Alphabet angeordnet, wobei außer dem Titel die
jeweiligen Anfangsworte und der Umfang der Schriften in Zeilenangaben mitgeteilt
wurden. Außerdem war eine Biographie der Verfasser beigegeben. Der zweite oben
genannte Katalog trug den Titel: »Tafel und Register der dramatischen Dichter und
ihrer Werke in chronologischer Reihenfolge von Anfang an«.
Ein Papyrus aus Oxyrhynchos (POx 1241) nennt die Vorsteher der alexandrini-
schen Bibliothek: Die berühmtesten unter ihnen waren der Epiker Apollonios von
Rhodos (ca. 270–246/245 v.) und der Universalgelehrte Eratosthenes von Kyrene (ca.
246/245–204/203 v.).
Ein verhängnisvolles Ereignis in der Geschichte der Bibliothek war der große
Brand anlässlich der Belagerung Alexandrias durch Caesar 47 v. Die Historizität
dieser Katastrophe wird in der Moderne verschiedentlich zu Unrecht geleugnet:6
Denn die antiken Quellen von Plutarch über Gellius bis hin zu Cassius Dio, Am-
mianus Marcellinus und Orosius betonen übereinstimmend, dass damals Teile der
Bibliothek in Flammen aufgingen. Livius spricht (sicherlich übertreibend) sogar von
400 000 verbrannten Rollen. Der Brand verursachte jedenfalls beträchtliche Schä-
den, doch wurden die Verluste nach Plutarch (Antonius, Kap. 58, 3) in gewisser
Weise dadurch kompensiert, dass Marcus Antonius der Kleopatra angeblich 200 000
Bände schenkte, die er aus den Bibliotheken von Pergamon entwendet hatte. Das
endgültige Aus kam für die Bibliothek mit der Zerstörung durch Zenobia von
Palmyra 273.
Ähnlich wie beim Peripatos lagen die Schwerpunkte der Forschung im Museion
20 III Alexandria, die Kulturmetropole des Hellenismus

einerseits im Bereich der Geisteswissenschaften, vornehmlich der Literaturwissen-


schaft, andererseits auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften und der Naturwis-
senschaften. Zunächst ein kurzer Überblick über die die einzelnen Gebiete und de-
ren namhafteste Vertreter.
Was die Entstehung und Blütezeit der Philologie angeht, so waren die wichtigsten
Voraussetzungen die Existenz der großen Bibliothek, die Kataloge des Kallimachos
sowie die Berufung namhafter Gelehrter durch die Ptolemaier. Herausragende Re-
präsentanten der alexandrinischen Philologie waren Zenodotos von Ephesos (ca.
285–270 v. Bibliotheksvorstand), Aristophanes von Byzanz (ca. 204/203–189/186 v.
Bibliotheksvorstand) und Aristarchos von Samothrake (ca. 215–145 v.). Auf dem
Gebiet der Dichtung vollzogen sich in Alexandria folgenreiche Entwicklungen: Kal-
limachos von Kyrene war der leidenschaftliche Verfechter einer neuen dichterischen
Form, der sog. Leptotes (»Feinheit, Zartheit«), d. h. der kurzen ausgefeilten Form,
und der wichtigste Repräsentant des Kurzepos; Apollonios von Rhodos schuf das
einzige erhaltene ›moderne‹ Großepos in hellenistischer Zeit, nämlich die Argonau-
tika; Theokrit von Syrakus, begründete die bukolische Poesie. Um 300 wirkte der
berühmte Mathematiker Euklid in Alexandria, der mit Recht als »Mathematiklehrer
aller Völker und Generationen« bezeichnet wird. Auch der geniale Mathematiker,
Physiker und Ingenieur Archimedes von Syrakus hielt sich einige Zeit in Alexandria
auf. Die Entstehung der wissenschaftlichen Geographie ist vornehmlich mit dem
Namen des Eratosthenes von Kyrene (ca. 276–190 v.) verbunden, der mathematische
und astronomische Beobachtungen zur Grundlage machte und das Problem der
Erdvermessung in den Vordergrund stellte. Die Astronomie erreichte mit Aristar-
chos von Samos (ca. 310–230 v.), der die Sonne als Mittelpunkt der Welt betrachtete
und so das heliozentrische System begründete, ihren Höhepunkt. Auch die medizi-
nische Wissenschaft erlebte eine große Blüte: Unter den beiden ersten Ptolemaiern
wurde Alexandria Sitz zweier berühmter Ärzteschulen, die von Erasistratos aus Kos
und Herophilos aus Chalkedon begründet wurden und in denen die Anatomie ent-
scheidende Fortschritte erzielte.
Die voranstehenden Ausführungen dürften gezeigt haben, dass die hellenistische
Kultur auf den verschiedensten Gebieten und Disziplinen speziell im ägyptischen
Alexandria höchst innovative Formen und Ideen entwickelte und somit keineswegs
(wie noch heute vielfach angenommen wird) an Kreativität und Originalität hinter
derjenigen der klassischen Zeit zurückstand.
Nach dieser allgemeinen Einführung sollen in den folgenden Kapiteln die großen
kulturellen Leistungen des Hellenismus sowie deren Nachleben bis in die Moderne
im Einzelnen beschrieben werden.
IV Die Bildenden Künste
IV Die Bildenden Künste

IV Die Bildenden Künste

Von den zahlreichen Städtegründungen in hellenistischer Zeit, ihrer Architektur


und ihrem Aussehen war bereits die Rede. Es folgen einige Bemerkungen zur helle-
nistischen Plastik, Malerei und Mosaikkunst.

1 Die Plastik1
Was die hellenistische Plastik angeht, so steht die Forschung vor erheblichen metho-
dischen Schwierigkeiten: Denn die meisten Statuen und andere Kunstwerke sind nur
in römischen Kopien erhalten, und diese bilden oft nur einen schwachen Abglanz
der Originale.
Generell gesprochen ist die hellenistische Bildhauerkunst äußerst vielseitig und
heterogen: Sie reicht von monumentalen Gruppen mit politischer und propagandis-
tischer Aussage über Statuen von Göttern, Heroen, Politikern, Philosophen, Red-
nern und Sportlern bis hin zu idyllischen Darstellungen der Natur und anmutigen
oder realistischen Szenen des Alltags. Zeitlich gesehen, unterscheidet man im All-
gemeinen drei Perioden:
• die frühhellenische Periode des schlichten Stils mit ›geschlossener‹ oder ›zentri-
petaler‹ Form (ca. 330–220 v.);
• die mittel- bzw. hochhellenistische Periode des ›pompösen‹ oder ›pathetischen‹
Stils, die der Blütezeit Pergamons entspricht (ca. 220–100 v.);
• die späthellenistische Periode der ›offenen‹ oder zentrifugalen Form (ca. 100–50 v.).
Ohne diese Phasen im Einzelnen zu behandeln oder gar eine ganzheitliche Behand-
lung des Themas anzustreben, sollen an instruktiven Beispielen1a folgende Katego-
rien der hellenistischen Kunst betrachtet und charakterisiert werden:
• die neue Darstellung der Götterbilder;
• die neue Charakteristik der Herrscherbilder;
• die neue Monumentalität der Bildwerke.
Die hellenistischen Götterstatuen weisen im Gegensatz zur Idealisierung der klas-
sischen Zeit oftmals menschlichere Züge auf. Dies gilt etwa für die Tyche des Euty-
chides, der Stadtgöttin von Antiocheia am Orontes. Das Kultbild selbst ist verloren,
doch vermitteln Münzbilder und Repliken aus späterer Zeit eine gute Vorstellung
von seinem ursprünglichen Aussehen: Die Schicksalsgöttin sitzt auf einem Felsen,
unter ihr befindet sich die Personifikation des Flussgottes Orontes in Gestalt eines
jungen Mannes. Auffällig an der Göttin selbst ist ihre merkwürdige Sitzhaltung: Die
füllige Frau hat ihren linken Fuß lässig über den rechten geschlagen und befindet

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_4, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
22 IV Die Bildenden Künste

Abb. 2 Nike von Samothrake, um 190 v. (Paris, Musée du Louvre)

sich in einer instabilen Verfassung, so dass sich dem Betrachter die Vermutung auf-
drängt, sie könne jeden Moment das Gleichgewicht verlieren. So wird hier das We-
sen der Gottheit durch die Naturbeobachtung symbolisch erfasst: Tyche erscheint
als die unbeständige und veränderliche Göttin. In den meisten Fällen erfuhren auch
die übrigen hellenistischen Götterstatuen eine Umgestaltung im Geiste der neuen
Zeit. Dies gilt z. B. für die sog. Kauernde Aphrodite des Doidalsas, deren Bild in
mehreren lebensgroßen Kopien überliefert ist. Dabei ist besonders ein Vergleich mit
der Knidischen Aphrodite des Praxiteles aus der Mitte des 4. Jh. v. aufschlussreich:
1 Die Plastik 23

Letztere steht aufrecht und legt gerade ihr Gewand ab, um ein Bad zu nehmen. Ers-
tere ist ebenfalls nackt, doch weist ihr Körper ausgesprochen naturgetreue Details
auf, die mit dem klassischen Schönheitsideal unvereinbar sind. Dies betrifft etwa die
Bildung der Falten am Unterleib oder die Gestaltung der Haare, welche die Göttin
in Erwartung des Wassergusses nach oben gesteckt hat. Durch diese ›menschlichere‹
Gestaltung wird den Gläubigen der Zugang zu den Göttern erleichtert. Denn in Zei-
ten politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit versprachen die klassischen Kult-
bilder in ihrer Unnahbarkeit und Idealisierung dem einzelnen keine Hilfe mehr. Als
weiteres herausragendes Beispiel ist die Nike von Samothrake2 zu nennen, die mit
ausgebreiteten Flügeln vom Olymp herabschwebt und sich auf dem Vorderteil eines
Schiffes niederlässt (vgl. Abb. 2).
Bei Ausgrabungen im Heiligtum von Samothrake kam dieses Hauptwerk hellenis-
tischer Kunst 1863 zu Tage, der dazu gehörige Schiffsbug tauchte einige Zeit später
auf: Die berühmte Figur wurde früher mit dem Seesieg des Demetrios Poliorketes
beim cyprischen Salamis 306 v. verbunden; inzwischen datiert man sie mehr als
ein Jahrhundert später und betrachtet sie als Weihung der Rhodier anlässlich eines
Sieges über Antiochos III. von Syrien 190 v. Hauptziel dieses Bildwerkes ist es nicht,
wie bei Nikestatuen in früherer Zeit, einen Sieg symbolisch darzustellen, vielmehr
den Sieg plakativ zu verkünden und den Betrachter emotional zu beeinflussen: Dies
geschieht durch raffiniert eingesetzte visuelle Mittel, den detaillierten Faltenwurf,
die eng anliegenden Kleider, die vorwärts drängende Bewegung der Göttin und ihre
Lokalisierung auf einem Schiff. Besonderer Ruhm wurde der Venus von Milo zu-
teil, die wohl im letzten Viertel des 2. Jh. v. entstanden ist und auf einen klassischen
Aphroditetypus der zweiten Hälfte des 4. Jh. v. zurückgeht. Diese Statue gilt seit Ge-
nerationen als »Inbegriff weiblicher Schönheit« (so R. Lullies).
Erneut sind gegenüber dem Original gewisse ›menschliche‹ Eigenheiten hervor-
zuheben: Das Antlitz mit dem länglichen Oval, der dreieckigen Stirn, den kleinen, in
die Ferne gerichteten Augen und den weich geschwungenen Lippen hat der Künstler
zu einer bewussteren, kühleren Anmut und Schönheit umgebildet, als sie dem 4. Jh.
eignete.
Auch die Herrscherbilder erfuhren im Hellenismus eine beträchtliche Verände-
rung. Besonderes Charakteristikum ist ihre propagandistische Funktion, die nicht
selten durch die Angleichung des Herrschers an eine Gottheit erfolgte. Dazu be-
merkt G. Zimmer3 in einem kürzlich erschienenen Aufsatz: »Die Kunst ist seit Alex-
ander dem Großen nicht mehr ohne das Verhältnis zum Herrscher zu verstehen. Sie
dient dazu, das jeweilige Herrscherhaus in die Sphäre des Göttlichen aufzunehmen,
auf der anderen Seite aber auch das Bild des Gottkönigs bis zum letzten Untertan
zu tragen und im gesamten Mittelmeergebiet zu verbreiten, ohne dass dies freilich
immer von oben gesteuert wurde.« Ähnlich wie bei den Götterstatuen ist auch bei
den Herrscherbildern eine »Hinwendung zur Natur als Lehrmeisterin« (so G. Zim-
mer) unverkennbar. Das erste Herrscherbild des Hellenismus galt Alexander dem
Großen, wobei Lysippos nach Plutarch (Alex. 4,1) »von Alexander allein gewürdigt
wurde, Bildnisse von ihm zu fertigen.« Dabei kam folgende bemerkenswerte Inno-
vation zur Geltung: Bislang waren die Götter zumeist als reife Männer abgebildet,
Alexander dagegen wurde als Jugendlicher dargestellt, der durchaus menschliche
Züge aufweist. Dazu Plutarch (a. a. O.):
24 IV Die Bildenden Künste

Abb. 3 Aphrodite von Melos (Venus von Milo), ca. 125–100 v. (Paris, Musée du Louvre)
1 Die Plastik 25

»Denn die Eigentümlichkeit, welche später viele Nachfolger und Freunde von ihm be-
sonders nachzumachen suchten, die leichte Biegung und Neigung des Halses nach
links und das Schwimmende im Blick, das hat der Künstler (sc. Lysippos) genau fest-
gehalten.«

Beide Merkmale sind für den 1900 in Pergamon gefundenen Marmorkopf Alexan-
ders charakteristisch, der sich entsprechend als Kopie einer Statue des Lysippos er-
weist. Dass es sich hierbei um ein Werk aus hochhellenistischer Zeit handelt, das ca.
170 v. entstanden sein dürfte, machen folgende ›realistische‹ Wesensmerkmale deut-
lich: Der Gesichtsausdruck ist dynamisch und selbstbewusst; das mächtige Haupt
sitzt auf breitem Hals; zwei horizontale Falten, die eine tief eingegraben, durch-
schneiden die hohe Stirn; die Augen liegen tief; das Kinn ist relativ klein, das Haar
ungeordnet. Über der Mitte der Stirn ragt es zuerst senkrecht empor und verteilt
sich dann nach links und rechts in der sogenannten Anastolé, der für Alexander
charakteristischen Frisur. Schon bald nach seiner Auffindung wurde dieses Bildnis
mit dem Großen Pergamonfries in Verbindung gebracht: Die Modellierung ist wie
bei diesem reich bewegt, der Gesichtsausdruck ähnlich, wenngleich weniger pathe-
tisch. Licht- und Schattenwirkungen ähneln einander, sind hier jedoch feiner und
differenzierter. So deutet manches darauf hin, dass diese Kopie von demselben Bild-
hauer stammt, der die Mittelgruppen an der Ostseite des Pergamonaltares geschaffen
hat.
Für die Selbstdarstellung der Diadochen spielte der Gott Dionysos eine zentrale
Rolle. Seine immensen kriegerischen und zivilisatorischen Aktivitäten, aber auch
sein Hang zu diesseitigen Freuden und Feiern dienten vielfach der Identifizierung
eines Herrschers als »Neuer Dionysos«. Ein Beispiel für diese Gleichsetzung ist
das Portrait des Demetrios Poliorketes aus der Pisonenvilla von Herculaneum. Es
handelt sich um die Kopie einer hellenistischen Statue, die über dem Diadem ein
göttliches Symbol, nämlich die Spitzen von Stierhörnern, zeigt. Demetrios’ Identi-
fizierung mit Dionysos als Neuer Dionysos wird von Plutarch (Demetr. 2,3) so be-
gründet:

»Von größter Liebenswürdigkeit war er (sc. Demetrios Poliorketes) im Umgang und,


wenn er Muße hatte, beim Trinkgelage und in ausgelassener Gesellschaft der lebens-
lustigste aller Könige. Andererseits bewies er beim Handeln ein Höchstmaß unverdros-
sener, angespannter Tatkraft. So hatte er sich auch von den Göttern vor allem Dionysos
zum Vorbild gewählt, der gewaltigste Krieger, der aber auch besonders begabt war,
nach dem Ende des Krieges, den Frieden alsbald in Freude und Lust zu verwandeln.«

In diese Reihe naturalistischer Bildwerke gehören auch beiden Bildnisse pergameni-


scher Herrscher, nämlich der Marmorkopf Attalos’ I. (241–197 v.) und das Bronze-
standbild Eumenes’ II. (159–138 v.). Pergamenischer Provenienz sind wohl auch
wegen der auffälligen stilistischen Verwandtschaft mit dem Odysseus von Sperlonga
(siehe unten S. 35) die Marmorstauen des Scipio Africanus, des Siegers von Zama,
und des Scipio Asiaticus, des Siegers von Magnesia. Außerdem ist die überlebens-
große Bronzestatue eines Herrschers (heute im Thermenmuseum von Rom) zu er-
wähnen, die nach früherer Auffassung (Lullies) Demetrios Soter von Syrien (162–
26 IV Die Bildenden Künste

Abb. 4 Farnesischer Stier: Römische Kopie eines hellenistischen Originals aus den Jahren
ca. 165–160 v. (Neapel, Museo Archeologico)
1 Die Plastik 27

150), nach neuerer Lesart (Andreae) dagegen Attalos II. von Pergamon (159–138 v.)
darstellt. In Typus und Haltung erinnert die um 150 v. entstandene Bronze an eine
Statue Alexanders des Großen von Lysippos, die dem Künstler als Vorbild gedient
haben dürfte, jedoch mehrere naturalistische Neuerungen aufweist: Der Körper
ist muskulös und gedrungen, der Kopf verhältnismäßig klein. Kurze ungeordnete
Haarlocken und ein dünner Bartflaum umrahmen das Gesicht. Die Augen stehen
unter den vorspringenden Jochbögen und der niedrigen, im unteren Teil stark
hervortretenden Stirn eng beieinander. Der Mund ist klein und offen, die Lippen
aufgeworfen, die Ohren verformt. Die Statue insgesamt ist demnach weit entfernt
von einer idealisierenden Darstellung, ihr Ausdruck ist alles andere als hoheitsvoll,
sondern durchaus realistisch und erinnert weniger an einen Herrscher als an einen
Sportler.
Auffälligstes Charakteristikum der hellenistischen Kunst, letztlich ebenfalls zum
Zwecke der Selbstdarstellung und Repräsentation von Königen und Städten, ist das
Streben nach Monumentalität. Am Anfang dieser Entwicklung steht der Bildhauer
Deinokrates, der den Berg Athos in eine Monumentalstatue Alexanders des Großen
umzuwandeln gedachte. Hervorzuheben ist ferner der Koloß von Rhodos, der von
Chares aus Lindos geschaffen wurde und mit einer Höhe von ca. 30 m über der Ha-
feneinfahrt der Seerepublik stand. Der Ältere Plinius bemerkt in diesem Zusammen-
hang (XXXIV 42): »Es gibt in derselben Stadt noch rund hundert andere Kolosse« (sunt
aliii centum numero in eadem urbe colossi). An Kolossalstatuen bzw. Statuengruppen
aus späterer Zeit ragt die monumentale ca. 3, 70 m. hohe Gruppe des Farnesischen
Stieres hervor.
Bereits 1853 verwies H. Brunn auf die Verwandtschaft der Laokoon-Gruppe mit
dem Farnesischen Stier, den man zutreffend »una delle più grandi sculture per-
venuteci dall’ antichità« genannt hat. Es handelt sich um die römische Kopie eines
ca. 165–160 v. entstandenen Werkes, das von den Bildhauern Apollonios und Tau-
riskos aus Tralleis geschaffen wurde.4 Dargestellt ist der Tod der mythischen Königin
Dirke, die ihrer Rivalin Antiope zahllose Leiden und Schikanen zugefügt hatte und
deshalb von deren ZwillingssöhnenAmphion und Zethos grausam bestraft wurde:
Sie wurde an einen Stier gebunden und von diesem zu Tode geschleift (vgl. Abb. 4).
Zu erwähnen ist schließlich das äußerst pathetische Element, welches zahlreiche
hellenistische Bildwerke auszeichnet und besonders bei den folgenden drei Statuen-
gruppen sichtbar wird, die auch die bereits genannten Merkmale hellenistischer
Bildhauerkunst in sich vereinigen: Es handelt sich um den Großen Altar und Fries
von Pergamon, die Laokoongruppe und die Bildwerke von Sperlonga. Dabei geht
es vornehmlich um die die Frage der Echtheit, die stilistische und chronologische
Einordnung sowie die Rezeption in der Kunstgeschichte.

5
1.1 Der Altar und Fries von Pergamon

Zunächst ein paar Worte zur Geschichte von Pergamon. Diese Stadt liegt in der
kleinasiatischen Landschaft Mysien nahe der Küste und war die Residenz der At-
taliden (benannt nach dem Dynastiegründer Attalos). Pergamon bzw. das perga-
menische Gebiet standen ursprünglich unter der Herrschaft der Seleukiden, doch
28 IV Die Bildenden Künste

gelang es Eumenes I. (263–241 v.), den Seleukidenherrscher Antiochos I. 261 v. in


der Schlacht von Sardes zu besiegen und Pergamon selbständig zu machen. Den Kö-
nigstitel nahm erst sein Nachfolger Attalos I. (241–197 v.) an. Der Ausbau von Perga-
mon zu einer großartigen Königsmetropole erfolgte unter Eumenes II. (197–157 v.),
der als amicus sociusque populi Romani (»Freund und Bundesgenosse des römischen
Volkes«) Pergamon und das pergamenische Reich zu höchster Blüte führte und
ihm die größte territoriale Ausdehnung verlieh. Er war am Sieg der Römer über
den Seleukiden Antiochos III. bei Magnesia am Mäander 190 v. maßgeblich beteiligt
und profitierte besonders von den Bestimmungen des Friedens von Apameia 188,
der ihm das seleukidische Gebiet bis zum Taurusgebirge und Halysfluss zuerkannte,
die Herrschaft über zahlreiche Griechenstädte Kleinasiens, darunter Ephesos und
Tralleis, sicherte und weitere Landgewinne ermöglichte. Unter ihm erreichte Perga-
mon den Gipfel seiner Macht und wurde zur hellenistischen Metropole. Auch Kunst
und Wissenschaft erlebten damals eine große Blüte: Auf dem Burgberg erfolgte die
Neugestaltung des Athenatempels, die Anlage des gewaltigen Pergamonaltars, die
Gründung einer großen Bibliothek, die Errichtung eines Theaters, das ca. 10 000 Zu-
schauer fasste, sowie die Gründung einer bedeutenden Philosophen- und Philologen-
schule. Nach dem Tod des Eumenes indessen ging es indessen mit Pergamon ständig
abwärts, ehe Attalos III. 133 v. sein Reich testamentarisch den Römern vermachte.
Die folgenden Ausführungen gelten dem heute im Berliner Pergamonmuseum
befindlichen Pergamonaltar, den Andreae mit Recht als »das machtvollste und groß-

Abb. 5 Altar von Pergamon, ca. 165–155 v. (Berlin, Pergamonmuseum)


1 Die Plastik 29

artigste Denkmal hellenistischer Skulptur« bezeichnet (vgl. Abb. 5). Nur eine antike
Quelle erwähnt dieses Kunstwerk, nämlich der Römer Lucius Ampelius (4. Jh. n.) in
seinem liber memorialis (Gedenkbuch), dort, wo er die miracula mundi (»Weltwun-
der«) beschreibt (8, 14):

»In Pergamon befindet sich ein großer Marmoraltar, 40 Fuß hoch (= ca. 13 m) mit gewal-
tigen Skulpturen. Er enthält aber eine Gigantomachie (Pergamo ara marmorea magna,
alta pedes quadraginta cum maximis sculpturis; continet autem gigantomachian).«

Welchem Gott der Altar geweiht war, ist wegen der spärlichen Reste der Weihin-
schrift nicht eindeutig zu klären: »Für erwiesene Wohltaten« sind die einzigen sicher
lesbaren Worte. Man denkt in der Forschung teils an Zeus, teils an Zeus und Athene,
teils an alle olympischen Götter.
Die Ausmaße des Altars sind gewaltig: In einen fast quadratischen Unterbau von
36 m Breite und 34 m Tiefe schneidet vom Westen her eine 20 m breite monumentale
Freitreppe mit 28 Stufen ein. Sie führt durch eine doppelte ionische Säulenstellung
in einen rechteckigen Hof mit dem eigentlichen Opferaltar in der Mitte. An den In-
nenseiten der drei Hofwände befand sich ein Relieffries mit Szenen aus dem Leben
des Telephos, des mythischen Gründers und Stammvaters der Könige von Perga-
mon. Auf dem Sockel des kolossalen Monumentes zog sich ein Fries mit 2,30 Höhe
und 120 m Länge hin. Seiner Ausdehnung nach ist er neben dem Parthenonfries
das größte Reliefwerk der antiken, ja der ganzen abendländischen Kunst. Errichtet
wurde der Altar ca. 165–150 v. von Eumenes II. zur Erinnerung an seine Siege ge-
gen die Galater. Diese Kämpfe sind nach griechischer Sitte in die Welt des Mythos
projiziert: Thema ist nämlich der Sieg der olympischen Götter über die Giganten,
d. h. der Sieg von Recht und Ordnung über rohe Gewalt und Barbarei. Der Fries, im
Unterschied zum Telephos-Fries des Altarhofs allgemein der ›Große‹ Fries genannt,
bestand aus mehr als einhundert Platten, deren Breite zwischen 0,60 m und 1,10 m
variiert. Die Reliefs müssen vor dem Versetzen nach einem genau festgelegten Ent-
wurf gearbeitet sein. Über ein Dutzend Bildhauer, deren Namen teilweise an der
Fußleiste des Frieses erhalten sind, waren an der Ausführung beteiligt, in der Ge-
samtkonzeption aber geht er wohl auf einen einzigen genialen Baumeister zurück.
Historisch gesehen, bildet dieser Fries ebenso wie der Telephosfries entsprechend
den obigen Ausführungen ein Denkmal politischer Repräsentation und Selbst-
darstellung. Während die Telephosreliefs eine ruhige biographische Szenenfolge
enthalten, sind die Darstellungen des Großen Frieses durch starke Emotionalität
charakterisiert. Dieser Ausdruck der Gefühle ist für die hellenistische Kunst im Un-
terschied zur Klassik charakteristisch. Ferner konstatiert man eine enorme Vielfalt
der Figuren, was deren Alter, Körperhaltung, Gesichtsausdruck und Kampfesweise
angeht. Bemerkenswert ist weiterhin die sorgfältige und liebevolle Ausarbeitung des
Details, die u. a. in der Gestaltung der Haare und Kleider oder dem Faltenwurf der
Gewänder zum Ausdruck kommt. Eine Identifizierung der Gestalten ist in vielen,
aber nicht in allen Fällen möglich: Unter dem Gesims sind verschiedentlich noch
die Götternamen erhalten, außerdem weisen gewisse Embleme und Symbole auf be-
stimmte Gottheiten wie z. B. Apollon, Leto, Artemis, Zeus. Schließlich ermöglichen
erhaltene Steinmetzzeichen nicht selten die Reihenfolge der Figuren. Was die An-
30 IV Die Bildenden Künste

ordnung im Großen angeht, so sind auf dem Ostfries vornehmlich die olympischen
Götter, z. B. Artemis, Leto, Apollon, Hera, Zeus und Athene abgebildet, auf dem
Südfries die Göttinnen und Götter der Tageszeiten, des Lichtes und der Sterne, z. B.
Eos, Helios und Selene, im Westen Dionysos und sein Kreis sowie die Meeresgötter,
auf dem Nordfries dagegen die Schicksalsgöttinnen, u. a. die Moiren und Gorgonen
abgebildet.
Zunächst ein paar Worte zur Wiederentdeckung des Altars, zu seiner Überfüh-
rung nach Berlin und zu der vor wenigen Jahren durchgeführten Restaurierung. In
den beiden darauf folgenden Abschnitten geht es dann speziell um die Rezeptions-
geschichte des Frieses.
Carl Humann, seines Zeichens Straßenbauingenieur und Hobbyarchäologe,
weilte seit 1865 in Pergamon und fasste von Anfang an den Plan, die Stadt aus-
zugraben. Er entdeckte in der byzantinischen Stadtmauer einige Reliefplatten und
betrachtete sie als Friesteile eines aus der Literatur bekannten Athenatempels, »der
eine Schlacht von Männern, Riesen und wilden Tieren enthielt«. Alexander Conze,
seit 1877 Direktor der Skulpturensammlung der Königlichen Museen in Athen, mit
dem Humann von Anfang an zusammenarbeitete, fand bald den Schlüssel zu ihrer
wahren Herkunft und Bedeutung: Er bezog die Reliefplatten auf den von Ampelius
erwähnten Altar und erkannte in den Kampfszenen die Revolte der Giganten gegen
die Olympier. Bald wurden vom deutschen Kultur- bzw. Außenministerium Mittel
für Grabungen zur Verfügung gestellt. So konnte Humann am 9. September 1878
offiziell mit den Ausgrabungen auf dem Burgberg beginnen. Bereits am 12. Septem-
ber 1878 schrieb Humann an Conze: »Wir haben nicht ein Dutzend Reliefs, sondern
einen ganze Kunstepoche, die begraben und vergessen war, aufgefunden.« Kurze
Zeit später entdeckte Humann auch die Fundamente des Altars. Zitat: »Die Ara habe
ich wohl gefunden, denn an der vorgestern beschriebenen Stelle im Trümmerhaufen
habe ich einen massiven Unterbau entdeckt; seine Ausdehnung ist noch unbekannt.
Ringsherum werde ich den Schutt aufräumen müssen, und wäre auch nur ein Relief
dort zu erwarten. Nun zur Hauptsache! Wie kommt alles nach Berlin?«
Zeitgenössische Äußerungen lassen erkennen, dass die Übereignung des Perga-
monaltars in erster Linie der kulturellen Profilierung und Legitimierung des jun-
gen deutschen Reiches diente. Der größte Fries der abendländischen Kunst war ein
Objekt, das die Berliner Antikensammlungen mit einem Schlag in den Rang ihrer
großen europäischen Konkurrenten, des Louvre in Paris und des British Museum
in London, hob. In einem Schreiben an den König formulierte der damalige preu-
ßische Kulturminister diesen Aspekt folgendermaßen: »Von besonderer Bedeutung
ist es, dass die Sammlung der Museen (sc. in Berlin), welche bislang sehr arm an
griechischen Originalwerken waren, … nunmehr in den Besitz eines Werkes grie-
chischer Kunst von einer Ausdehnung gelangen, welches etwa nur der großen Reihe
der attischen und der kleinasiatischen Skulpturen des Britischen Museums gleich
oder nahe kommen.« Und ein Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses kons-
tatierte nach der Ausstellung der ersten Reliefs: »Durch die Einverleibung dieser per-
gamenischen Schöpfungen ist unser Museum mit einem Schlage in die erste Linie
der europäischen Sammlungen eingetreten.« Vor diesem Hintergrund verwundert
es nicht, dass sich sogar der Reichsgründer Fürst Otto von Bismarck persönlich in
die Verhandlungen betr. die Überführung des Altars nach Berlin einschaltete. Hatte
1 Die Plastik 31

er doch im türkisch-russischen Krieg von 1877/1878 als ›ehrlicher Makler‹ zwischen


den Kriegsparteien vermittelt und ein Verhandlungsergebnis erzielt, das für das os-
manische Reich besser ausfiel als erwartet.
In drei Grabungskampagnen, die sich bis ins Jahr 1886 hinzogen und in Über-
einstimmung mit den zwischen den Berliner Museen und der türkischen Regierung
geschlossenen Verträgen standen, wurden schließlich der Altar und die Reliefs von
Pergamon nach Berlin gebracht. Dortige Bauforscher und Archäologen nahmen in
mühevoller Kleinarbeit, die sich mehrere Jahre hinzog, u. a. mit Hilfe der antiken
Steinmetzzeichen, eine weitgehend sichere Rekonstruktion vor und setzten den in
zahllosen Fragmenten aufgefundenen Fries zusammen.
Die Aufstellung des Pergamonaltars erfolgte zunächst im Alten Museum, dann
1901–1908 in einem Interimsbau, der sich bald als zu klein und baufällig erwies,
schließlich im Neubau des Pergamonmuseums, der 1930 eröffnet wurde und in des-
sen Mittelsaal der Altar einen angemessenen Platz fand. Im Jahr 1945 brachte die
Rote Armee den Altar nach Leningrad, 1958 wurde er von der Sowjetunion an die
DDR zurückgegeben. Von 1994 bis 2004 erfuhr der Fries eine komplette Restau-
rierung. Denn infolge der kriegs- und nachkriegsbedingten Auslagerungen hatten
sich die Verdübelungen gelockert, und rostende Eisendübel drohten den Marmor
zu sprengen. Die alten Ergänzungen fehlender Plattenteile mit Ziegeln und Zement
hatten sich als ungeeignet erwiesen. Aus diesen Gründen wurde die Restaurierung
1994 in einem joint venture mit dem Metropolitan Museum in New York und den
Fine Arts Museums of San Francisco von der Firma Silvano Bertolin (München)
vorgenommen. Die alten Klebungen und Verdübelungen wurden gelöst, alle Teile
gereinigt und mit rostfreien Stahldübeln wieder zusammengesetzt. Mit Kalkstein
aus dem Friaul wurden fehlende Plattenteile ergänzt, soweit es zur Stabilisierung
nötig war. Die Abnahme der Friesplatten ermöglichte eine erneute Überprüfung
ihrer Anordnung, die nach neueren Untersuchungen an einigen Stellen geändert
wurde. Im Gegensatz zur älteren Aufstellung wurden nunmehr die Platten mit ein-
springenden Ecken auch den Ecken des Raumes zugeordnet. Dies war mit einigen
Schwierigkeiten verbunden, da der zur Verfügung stehende Platz im Museum nicht
den ursprünglichen Maßen des Altarhofes entspricht. Insgesamt aber ergibt sich
mit der jetzigen Anordnung ein Bild, das dem ursprünglichen Eindruck des Frie-
ses im Innenhof weit näher kommt. Die Wiedereröffnung des Pergamonmuseums
erfolgte nach der Restaurierung des Altars am 9. Dezember 2003, dem Geburtstag
Johann Joachim Winckelmanns (geb. am 9. Dezember 1717). Der Pergamonaltar
ist jedoch seit Ende 2014 für mindestens fünf Jahre der Öffentlichkeit nicht mehr
zugänglich, da diesmal umfangreiche Sanierungsarbeiten am Museumsgebäude not-
wendig sind.
Es fiel schon immer auf, dass die Gestalt des Laokoon große Ähnlichkeit mit dem
Riesen Alkyoneus des Pergamonaltars aufweist: Dies gilt für die Bewegung des Kör-
pers, die Haltung des Kopfes, den Ausdruck des Gesichtes und die Gestaltung des
Haupthaares (vgl. Abb. 6).
Diese Ähnlichkeit ist bereits bei der Ausgrabung des Pergamonfrieses bemerkt
worden. Damals soll ein an der Ausgrabung Beteiligter ausgerufen haben: »Jetzt ha-
ben wir auch unseren Laokoon.« Umgekehrt hat man auf die enge stilistische Ver-
wandtschaft zwischen den Giganten vom Pergamonaltar und dem Steuermann der
32 IV Die Bildenden Künste

Abb. 6 Der Riese Alkyoneus vom Pergamonalter und der Priester Laokoon von der Laokoon-
gruppe

Skylla-Gruppe von Sperlonga hingewiesen. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage
nach dem chronologischen und künstlerischen Verhältnis zwischen dem Pergamon-
fries, der Laokoongruppe und der Skyllagruppe von Sperlonga.

6
1.2 Die Laokoongruppe (vgl. Abb. 7)

Über die Laokoongruppe berichtet Plinius der Ältere (nat. hist XXXVI 37):

»Darüber hinaus gibt es noch viel mehr Werke, die keine Beachtung finden, da dem
Berühmtwerden selbst bei ausgezeichneten Werken die große Zahl der Meister ent-
gegenwirkt, weil weder einer den Ruhm davontragen darf noch mehrere gleichzeitig
genannt werden können, wie beim Laokoon im Hause des Kaisers Titus, einem Werk,
das allen Werken sowohl der Malerei als auch der Bildhauerkunst (nach Andreae: der
Erzgießerei) vorzuziehen ist. Aus einem einzigen Steinblock schufen den Laokoon, seine
Söhne und die wunderbaren Windungen der Schlangen nach übereinstimmendem
Plan die hervorragenden Künstler Hagesandros, Polydoros und Athenodoros, alle drei
aus Rhodos.« (Nec deinde multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus exi-
miis obstante numero artificum, quoniam nec unus occupat gloriam nec plures pariter
nuncupari possunt, sicut in Laocoonte, qui est in Titi imperatoris domo, opus omnibus
et picturae et statuariae artis preferendum. Ex uno lapide eum ac liberos draconumque
mirabiles nexus de consilii sententia fecere summi artifices Hagesander et Polydorus
et Athenodorus Rhodii).

Eben diese Gruppe, die übrigens nicht aus einem, sondern aus sieben Marmorblö-
cken besteht, wurde am 14. Januar 1506 in Rom in einem Weinberg bei der Kirche
Santa Maria Maggiore wiedergefunden, also in nächster Nähe des ursprünglichen
Aufstellungsortes, des auf dem Hügel Oppius befindlichen Tituspalastes. An nähe-
1 Die Plastik 33

Abb. 7 Laokoongruppe, bald nach 50 v. (Rom, Vatikanische Museen)


34 IV Die Bildenden Künste

ren Informationen interessiert, sandte Papst Julius II. (1503–1513), ein begeisterter
Verehrer der Antike, seinen Baumeister Giuliano da Sangallo in Begleitung Michel-
angelos an die Fundstelle. Sangallo wusste die Gruppe auf Anhieb zu identifizieren:
»Das ist der Laokoon, den Plinius erwähnt«, soll er spontan gesagt haben. Dies ist
einer brieflichen Mitteilung von Giulianos Sohn Farncesco aus dem Jahr 1567 zu
entnehmen, der im Alter von zwölf Jahren den Fund selbst miterlebt hatte.7
Das oben zitierte Lob des Plinius, die Attraktivität des Motivs, die Bekanntheit der
Quelle Vergil, der die Laokoonepisode ausführlich schildert (Aen. II 40 ff. 201 ff.),
und das große Interesse, das der Papst für den Neufund hegte, machten das (fast)
vollständig erhaltene Werk schlagartig zum berühmtesten Denkmal des Altertums.
Von Julius II. dem Besitzer des Weinbergs, einem gewissen Felice de Fredis, abge-
kauft, wurde die Plastik zur Attraktion des von Bramante gebauten Statutenhofes
im vatikanischen Belvedere, wo sie am 1.6.1506 aufgestellt wurde. Es heißt, der
Papst wollte ständig an das hier verewigte Ereignis erinnert werden, nämlich die
Ankündigung der weltgeschichtlichen Sendung Roms, die auf weite Sicht mit dem
Tod Laokoons, der folgenden Zerstörung Troias und der Flucht des Aeneas nach
Italien verbunden war. Abgebildet ist nämlich die Tötung des Apollonpriesters Lao-
koon und seiner beiden Söhne. Nach einer älteren Version (bei Servius zu Aeneis II
201) wurde Laokoon deshalb so hart von Apollon bestraft, weil er mit seiner Frau
im Tempel dieses Gottes verkehrte, nach einer jüngeren bei Vergil (Aen. II 229–231)
hatte er sich den Zorn der Athena zugezogen, weil er sich dagegen aussprach, das
Hölzerne Pferd als Weihegeschenk der Griechen an die Troianer in die Mauern von
Troia zu ziehen. Dass die Schilderung Vergils (Aen. II 201 ff.) das Vorbild für diese
Bildgruppe war, wird manchmal behauptet (so etwa von Gotthold Ephraim Lessing),
doch zumeist mit Recht verneint.8
Die Datierung des Laokoongruppe fällt in der Moderne sehr unterschiedlich aus:
Besonders nach dem Fund der Sperlongagruppe, von der bald zu reden sein wird,
entwickelte sich hierüber eine heftige Diskussion, die bis heute anhält und zwei
konträre Positionen aufweist: Nach traditioneller Auffassung, die beispielsweise von
G. Daltorp und S. Settis9 vertreten wird, handelt es sich bei der Laokoongruppe um
ein Marmororiginal aus der Zeit um 50 v. oder bald danach, nach der Vermutung
B. Andreaes10 dagegen um eine Kopie, die ca. 50 v. oder wenig später nach einer
pergamenischen Bronzegruppe aus der Mitte des 2. Jh. gefertigt wurde. Ähnlich kon-
trovers ist die Datierung der Sperlongagruppe, die in Analogie zur Laokoongruppe
teils für ein Original aus der Mitte des 2. Jh. v., teils für eine Marmorkopie eines
Bronzeoriginals aus dem späten 1. Jh. v. gehalten wird. Bemerkenswert ist jedenfalls,
unabhängig von dem Problem der Datierung, die Tatsache, dass die Namen der von
Plinius für die Laokoongruppe genannten Bildhauer Hagesandros, Polydoros und
Athanadoros inschriftlich auf der Skyllagruppe in Sperlonga auftauchen. Dies be-
weist den engen künstlerischen, thematischen, stilistischen und chronologischen
Zusammenhang zwischen den beiden Kunstwerken. Daher ist es an der Zeit, näher
auf Sperlonga und die dort im Jahr 1957 gefundenen Bildwerke einzugehen und ihr
Verhältnis zur Laokoongruppe zu erörtern.
1 Die Plastik 35

11
1.3 Die Sperlongagruppe

Sperlonga (abgeleitet von spelunca, »Höhle«) ist der Name eines Ortes, der südlich
von Terracina auf halbem Wege zwischen Rom und Neapel liegt. Dort befanden
sich in der Antike eine kaiserliche Villa und die erwähnte Höhle, die den Namen
»Grotte des Tiberius« erhielt, weil dieser Kaiser nach Tacitus (ann. IV 59) und Sue-
ton (Tib. 39) bei einem Aufenthalt im Jahr 26 n. durch einen Steinschlag in Lebens-
gefahr geriet: Er wurde jedoch durch seinen Praetorianerpräfekten Sejanus gerettet,
der ihn mit dem eigenen Körper schützte. Die Grotte, die seit 1957 systematisch
ausgegraben wurde, war in ein äußerst eindrucksvolles Naturtheater verwandelt
und mit fünf monumentalen Marmorkunstwerken ausgestattet worden, welche ver-
schiedene Abenteuer des Odysseus zum Thema haben. Das bedeutendste betrifft
das Meeresungeheuer Skylla, das mehrere Gefährten des Odysseus tötete. Dieses
Bildwerk, das aus unzähligen Resten und Fragmenten zusammengesetzt wurde, ist
signiert und stammt von den rhodischen Bildhauern Athanadoros, Hagesandros
und Polydoros, jenen Künstlern also, die nach Plinius die Laokoongruppe im Vati-
kan geschaffen haben.
Was die weiteren in der Höhle befindlichen Skulpturen betrifft, so handelt es sich
um die sog. Pasquinogruppe, welche die Bergung der Leiche des Patroklos und der
Waffen des Achill zum Thema hat; ferner die Blendung des Riesen Polyphem, den
Raub des sog. Palladion und die Heimholung des Philoktetes von Lemnos durch
Odysseus und Diomedes. Eine sechste Gruppe, die sich unmittelbar oberhalb der
Höhle befindet, zeigt den Raub von Jupiters Mundschenk Ganymedes, der mit

Abb. 8 Sperlongagruppe, bald nach 50 v.,Tiberiusgrotte von Sperlonga


36 IV Die Bildenden Künste

einem Adler von oben zur Höhle hinabschwebt. Insgesamt enthalten diese Skulptu-
ren somit eine bildmächtige Botschaft, indem sie einerseits die fatalia Troiana, d. h.
die Bedingungen für die Eroberung Troias, und damit die Voraussetzungen für die
Gründung und den Aufstieg Roms schildern, andererseits Kaiser Tiberius in Gestalt
von Jupiters Mundschenk Ganymedes gleichsam als Jupiter auf Erden verherrlichen.
Die Entdeckung dieser Kunstwerke bildete eine Sensation ersten Ranges und löste,
wie bereits betont, eine heftige, vielleicht die heftigste Kontroverse unter den moder-
nen Archäologen aus: Sind sie doch für die hellenistische Skulptur allgemein, deren
chronologische Einordnung und nicht zuletzt für die Beurteilung und Datierung der
Laokoongruppe von zentraler Bedeutung. Wie im Falle der letzteren lauten die bei-
den konträren Positionen: Römisches Marmororiginal von ca. 50 v. (so etwa Settis)
oder Römische Marmorkopie einer hellenistischen, bald nach der Mitte des 2. Jh. v.
in Pergamon entstandenen Bronzegruppe.12
Vielleicht können die folgenden Bemerkungen zur Lösung des Problems beitra-
gen. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass sowohl die Laokoon- als auch die
Sperlongagruppe durch die pergamenische Kunst, genauer gesagt, die Skulpturen
des Pergamonaltars, beeinflusst sind: Im ersten Falle zeigt sich dies an der unver-
kennbaren Ähnlichkeit des Laokoon mit dem Giganten Alkyoneus, was Körperhal-
tung, Gesichtsausdruck und Emotionalität betrifft, im zweiten vornehmlich an der
frappierenden Verwandtschaft des Weinschlauchträgers aus der Polyphemgruppe
mit dem älteren Sohn des Laokoon. Ferner besteht zwischen den Giganten des Per-
gamonaltars und dem Steuermann der Sperlongagruppe eine auffallende stilistische
Verwandtschaft. Diese allgemein anerkannten Sachverhalte berechtigen indessen
keineswegs zu dem Schluss, dass die Laokoongruppe und die Skulpturen von Sper-
longa Marmorkopien bilden, die nach pergamenischen Bronzeoriginalen aus der
Mitte des 2. Jh. v. geschaffen worden sind. Es spricht vielmehr vieles dafür, dass es
sich um Originalwerke aus der Mitte des 1. Jh. v. oder kurze Zeit später handelt. Dies
wurde erst in neuester Zeit mit überzeugenden Argumenten von S. Muth13 im Hin-
blick auf den Laokoon erhärtet, und zwar mit dem Hinweis auf die herausragende
Qualität dieses Kunstwerkes: »Die Gruppe des Laokoon, sie offenbart sich also als
ein Meisterwerk der handwerklichen Perfektion und der ikonographischen Raffi-
nesse, zudem ein Meisterwerk im Wettstreit der Kunstgattungen, und mehr noch
ein Meisterwerk, das seine Meisterschaft keineswegs plakativ darbietet, sondern
Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit suggeriert, wo ungekannte Herausforderun-
gen auf die Bildhauer warteten«. Ähnliches gilt für die Bildwerke von Sperlonga,
die somit ebenfalls als Originale gelten dürfen. Umgekehrt ist eine unbegründete
und unzutreffende Schlussfolgerung, aus dem zitierten Pliniuspassus mit Andreae
abzuleiten, dass die Beschreibung und Würdigung der Marmorgruppe des Laokoon
bei Plinius auf die Existenz eines Bronzeoriginals schließen ließen. Vielmehr ist die
folgende Interpretation Andreaes selbst dann abzulehnen, wenn statuaria ars bei
Plinius nicht Statuen- bzw. Bildhauerkunst, sondern Bronzegießerei bedeutet, wie
Andreae annimmt14. Wörtlich betont er: »Plinius gibt also kein Kunsturteil ab, wo-
nach der Laokoon das größte Kunstwerk aller Zeiten gewesen wäre, sondern er gibt
ein allgemeines Geschmacksurteil seiner Zeit wieder, nämlich dass ihm die Lao-
koongruppe in Marmor besser gefiel als ein gemaltes Laokoonbild, wie man es zum
Beispiel aus Pompeji kennt, oder als eine Laokoonplastik aus Bronze, wie sie das
1 Die Plastik 37

vorauszusetzende Original darstellt. Plinius bestätigt tatsächlich das Ergebnis dieser


Untersuchungen, nämlich dass es eine Bronzeplastik des Laokoon gegeben hat, in der
man das aus inneren Kriterien geforderte Bronzeoriginal der marmornen Laokoon
Gruppe im Vatikan erkennen darf. Dieses Bronzeoriginal muss eine hellenistische
Schöpfung gewesen sein, deren Zeitstellung und Sinndeutung noch zu finden sind«
(Hervorhebung K. M.). In Wirklichkeit bezieht sich Plinius, wie der Text eindeutig
verrät, allein auf die berühmte Marmorgruppe des Laokoon, die allen Werken der
Malerei und der Bildhauerkunst (bzw. Bronzegießerei) vorzuziehen ist.
Demnach ist nochmals festzuhalten, dass die Laokoon- und enstprechend auch
die Sperlongagruppe nicht etwa Marmorkopien von Bronzeoriginalen sind, sondern
dass es sich um späthellenistische Originale aus der Zeit um 50 v. oder wenig später
handeln dürfte. Kleinere Abbildungen der Skylla (Mitte 2. Jh. v.) wie auch des Lao-
koon und seiner Söhne (um 130 v.) sind überdies nicht geeignet, die Sperlonga- und
Laokoongruppe als römische Kopien zu erweisen, da sie entgegen der anderslau-
tenden Auffassung von Andreae stilistisch nicht die angeblichen hellenistischen
Bronzeoriginale der beiden Gruppen imitieren, sondern offensichtlich nach anderen
Vorbildern mit dieser Thematik entstanden sind.
Im übrigen bleiben Andreae15 und alle weiteren Forscher, welche die Laookoon-
gruppe im Vatikan für kein Original halten, eine Erklärung dafür schuldig, weshalb
ausgerechnet eine angebliche Kopie, die sogar als »schnöde« bezeichnet wurde (so
M. Pfromer), nach ihrer Entdeckung Jahrhunderte lang von Bildhauern und Dich-
tern als unübertroffenes Kunstwerk bezeichnet wurde, wie die folgenden Ausfüh-
rungen beweisen:16 Denn das Aufsehen, das diese Gruppe gleich nach ihrer Ent-
deckung erregte, spiegelt sich nicht nur in zahlreichen graphischen Wiedergaben
wider, sondern auch in vielen Werken der Kleinkunst, z. B. Statuetten, Plaketten,
Gemmen und Fayencen. Mehr als fünfzig ›Laokoongedichte‹ wurden bis ins 20. Jh.
verfasst, das erste von Jacopo Spadoleto mit dem Titel De Lacoontis statua bereits im
Jahr der Entdeckung. Der Laokoonrummel nahm solche Ausmaße an, dass Tizian
mit der Karikatur des »Affen-Laokoon«, die in einem Holzschnitt von N. Boldrini
um 1566 überliefert ist, die übertriebene Verehrung dieses Bildwerkes ironisierte.
Die thematische Auseinandersetzung wird wohl am besten durch das Gemälde von
Tizians Schüler El Greco mit dem Titel Laokoon (1606–1610) reflektiert.
Enorm war besonders die künstlerische Wirkung der Laokoongruppe, die von
Anfang an vielfach kopiert wurde. Einen von Bramante und Raffael zu diesem Zweck
geleiteten Wettbewerb gewann Jacopo Sansovino: Das entstandene Wachsduplikat
ist allerdings verloren. Im Auftrag Leos X. schuf Baccio Bandinelli 1520–1525 eine
Marmorkopie, die sich heute in den Uffizien von Florenz befindet. Es handelt sich
um die erste Kopie, die von einer großen Skulptur seit der Antike gefertigt wurde.
Sie war ursprünglich für Franz I. von Frankreich bestimmt, der nach seinem Sieg
über Papst Leo X. bei Marignano im Friedensvertrag (!) vergeblich die Übereignung
des Originals gefordert hatte. Franz I. erwarb später Bronzegüsse der berühmtesten
Antikenstatuen für Fontainebleau, darunter auch eine Nachbildung der Laokoon-
gruppe. Weitere Kopien entstanden in späterer Zeit, so eine Marmorreplik für Ver-
sailles und ein Bronzeabguss in der Houghton Hall in Norfolk. Das Studium der
Laokoongruppe wurde auch zum Pflichtprogramm von Künstlern und Kunstschü-
lern. Symptomatisch hierfür ist die Federzeichnung Federico Zuccaris, die seinen
38 IV Die Bildenden Künste

Bruder Taddeo beim Zeichnen der Laokoongruppe wiedergibt. Dieses Kunstwerk


hatte vor allem eine bedeutende Wirkung auf das weitere Schaffen Michelangelos,
den Mitentdecker der Gruppe, der den Laokoon als portento d’arte (»Wunderwerk
der Kunst«) bezeichnete. Mit Recht bemerkt dazu B. Hinz17 »Vor allem wurde die
Laokoongruppe (zusammen mit dem Torso von Belvedere) durch die Beteiligung
Michelangelos an ihrem Fund und ihrer Untersuchung zum Katalysator eines fun-
damentalen Stilwechsels, wie er etwa zwischen dem Florentiner David des Meisters
und den Sklaven des Juliusgrabes zu erkennen ist: Die aktiven, jugendfrischen, eher
mageren Körper der Früh-Renaissance weichen pathosgeladenen Leibern, in denen
neben äußerem Leiden auch das Ringen von Charakteren zum Ausdruck kommt.
Das gesamte spätere Werk Michelangelos – Plastik, Malerei und Zeichnungen – ist
davon geprägt, ohne die Laokoongruppe direkt nachzuahmen.« Beispiele hierfür
sind außer den Sklaven des Julius-Grabmals die Deckengemälde der Sixtinischen
Kapelle, der schlangenumwundene Totenrichter Minos im Altarbild des Jüngsten
Gerichts sowie eine 1976 entdeckte, Michelangelo zugeschriebene Kohlezeichnung
des Laokoonkopfes in Florenz unter der Sagrestia nuova von San Lorenzo. Der Ma-
ler Stauffer18 aus Bern geht sogar so weit zu behaupten: »Er (sc. Laokoon), nicht
Michelangelo, sei der eigentliche Vater der Barockkunst gewesen.« Entsprechend
verwundert es nicht, dass in der Zeit des Barock die Hochschätzung der Laokoon-
gruppe einen Höhepunkt erreichte: Die namhaftesten Künstler waren: Peter Paul
Rubens, der nicht weniger als 18 Zeichnungen nach ihr anfertigte und in mehreren
Bildern auf sie Bezug nahm (z. B. Adonis’ Abschied von Venus, um 1610, Düsseldorf,
Christophorus vom Antwerpener Kreuzabnahmealtar, um 1614, Eherne Schlange,
um 1635/1837, London Nationalgalerie); ferner Giulio Romano (Laokoon, 1536–39,
Mantua, Palazzo Ducale), Luca Giordano (Der Heilige Michael, um 1684 Berlin,
Staatliche Museen), Gian Lorenzo Bernini (Raub der Proserpina, um 1622, Rom,
Villa Borghese) sowie Andreas Schlüter (Sklave am Denkmal des Großen Kurfürsten,
um 1898 Berlin). Was den schmerzverzerrten Gesichtsausdruck Laokoons angeht,
so kann man von einer eigenen Theorie und Rezeption dieses exemplum doloris bis
in die Gegenwart sprechen.
Während der künstlerische Einfluss der Laokoongruppe im Spätbarock und Klas-
sizismus nachließ, bemächtigte sich ihrer die zeitgenössische ästhetische Theorie.
Hierzu zählt vornehmlich Johann Joachim Winckelmanns Beschreibung in der Ge-
schichte der Kunst des Alterthums (Dresden 1764). Nach Winckelmann eignet den
griechischen Meisterwerken, besonders der Laokoongruppe, »eine edle Einfalt und
stille Größe, sowohl in der Stellung als auch im Ausdruck.« In diesem Sinne meint
er: »Laocoon ist eine Natur im höchsten Schmerze, nach dem Bilde eines Mannes
gemacht, der die bewusste Stärke des Geistes gegen denselben zu sammeln suchet.«
Weiter betont er: »Sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie
dieser große Mann das Elend ertragen zu können.«
Gegen diese Deutung wandte sich G. E. Lessing (Laokoon oder über die Grenzen
der Malerei und Poesie, 1766). Er machte für die Unterdrückung des (von Vergil
geschilderten) Schreiens beim Bildwerk ein bewusstes Konzept verantwortlich: Die
Künstler hätten die Klugheit besessen, das in der Dichtkunst zulässige Schreien (weil
zeitlich hintereinander) in der Skulptur (weil räumlich andauernd) zum Seufzen
zu mildern. So werde beim Betrachter an der Stelle von Abscheu Mitleid erweckt.
1 Die Plastik 39

Lessing ging es dabei um die Widerlegung des alten ut pictura–poesis-Axioms und


zugleich um eine semantische Grundlegung der beiden Künste. Friedrich von Schil-
ler (Das Ideal und das Leben, 1795) betrachtete die Laokoongruppe als Fanal gegen
empörende Schicksalswillkür, womit er einer moralischen Deutung das Wort redete.
Eine eindrucksvolle ästhetische Würdigung findet sich bei J. W. von Goethe (Über
den Laokoon) von 1797: »Äußerst wichtig ist dieses Kunstwerk durch die Darstel-
lung des Momentes. Wenn ein Werk der Bildenden Kunst sich wirklich vor dem
Auge bewegen soll, so muss ein vorübergehender Moment gewählt sein; kurz vorher
darf kein Teil des Ganzen sich in dieser Lage befunden haben, kurz nachher muss
jeder Teil genötigt sein, diese Lage zu verlassen; dadurch wird das Werk Millionen
Anschauern immer wieder neu lebendig sein. Um die Intention des Laokoon recht
zu fassen, stelle man sich in gehöriger Entfernung mit geschlossenen Augen davor;
man öffne sie und schließe sie sogleich wieder, so wird man den ganzen Marmor
in Bewegung sehen, man wird fürchten, indem man die Augen wieder öffnet, die
ganze Gruppe verändert zu finden. Ich möchte sagen, wie sie jetzt dasteht, ist sie ein
fixierter Blitz, eine Welle, versteinert im Augenblicke, da sie gegen das Ufer anströmt.
Dieselbe Wirkung entsteht, wenn man die Gruppe nachts bei der Fackel sieht.« Das
»Wunder« ist also die durch die antike Skulptur bestätigte Entdeckung des transi-
torischen Augenblicks. Wenn Goethe (ähnlich wie übrigens auch Lessing) so ein-
drucksvoll die Wirkung des Öffnens und Schließens der Augen und des flackernden
Fackellichtes beschreibt, formuliert er gleichsam das Gesetz der fotographischen
Momentaufnahme.
Die Rezeption der Laokoongruppe im 19. Jh. ist im Unterschied zur überschwäng-
lichen Hochschätzung der Renaissance und der Klassik durch eine kritische Ein-
stellung charakterisiert. Man tadelt beispielsweise die manieristische Haltung der
Figuren und deren pathetischen Gesichtsausdruck. Spöttisch kommentierte Arthur
Schopenhauer (Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, I 3, 46) die Debatte über
die ästhetische Theorie, die durch die Laokoongruppe ausgelöst wurde: Laokoon
habe nicht schreien können, weil er aus Marmor sei. 1959 erschien ein Buch in der
DDR: Lessings »Laokoon«. Eine Kampfschrift für eine realistische Kunst und Poesie,
und noch 1989 titelte man: Laokoon und kein Ende: Der Wettstreit der Künste.
Auch in neuester Zeit kritisiert man nicht zu Unrecht die Einschätzung und
Bewertung der Laokoongruppe im 18. Jh. und weist darauf hin, dass speziell die
Auffassungen von Lessing und Winckelmann auf zwei falschen Voraussetzungen
beruhte. Dazu meint S. Muth19: »Die eine Prämisse war die Annahme des gedämpf-
ten, kontrollierten Ausdrucks im Leiden des Laokoon, in dem etwa Winckelmann
oder Lessing die besondere Qualität des Bildwerkes sahen; die zweite Prämisse war
die Bewertung des Laokoon als schuldloses Opfer, mit dem der Betrachter Mitleid
empfinden solle. Beide Annahmen entsprechen jedoch nicht dem antiken Werk.«
Was die erste Prämisse angeht, so betont S. Muth20 mit Recht, dass kein anderes an-
tikes Bildwerk existiert, »in dem das Pathos derart auf die Spitze getrieben ist und
Verzweiflung und Schmerzen der Opfer derart schonungslos vor Augen geführt wer-
den wie bei Laokoon.« Was die zweite Prämisse betrifft, so hat sich Laokoon durch
sein Handeln in jedem Falle gegenüber der Gottheit schuldig gemacht, weshalb der
Betrachter weniger Mitleid mit ihm empfindet als mit Schrecken und Entsetzen re-
agiert. Ist doch der Mitleidsbegriff der Zeit Lessings geprägt durch das christliche
40 IV Die Bildenden Künste

Ideal des Mitgefühls mit dem leidenden Opfer. In der Tat besteht die Reaktion des
Betrachters, wie Muth mit Recht hervorhebt, »im puren Entsetzen über eine solche
Szene, in der drei Menschen (darunter zwei Kinder) derart ohnmächtig dem Angriff
zweier Schlangen ausgeliefert sein können, die wohl wie kein anderes Tier das Un-
heimliche in den wilden Kräften der Natur verkörpern.«
In den letzten Jahren beschränkt sich die Rezeption der Laokoongruppe vor-
nehmlich auf politische und sonstige Karikaturen. Hierfür zwei Beispiele: In einer
Karikatur zum Thema »Deutsche Bahn, Laokoongruppe« in der FAZ vom 13. 5. 2000
ging es um die hoffnungslose und unentrinnbare Verstrickung in divergierende In-
teressen. In einer weiteren Zeitung, deren Name und Datum mir nicht mehr in Er-
innerung sind, war als Kommentar zur Gestik Laokoons und seiner Söhne zu lesen:
»Nimmt denn endlich einmal jemand den Hörer ab.«
Wie man an den beiden zuletzt genannten Beispielen sieht, ändern sich Präferen-
zen und Geschmäcker auch hinsichtlich der Würdigung von Kunstwerken im Laufe
der Zeit gewaltig und schrecken selbst vor geschmacklosen Assoziationen nicht zu-
rück.
Zum Schluss eine kurze Ergänzung: Im Laufe dieser Ausführungen war häufig
vom Realismus der Bildwerke die Rede, welche die hellenistischen Statuen im Ge-
gensatz zu den idealisierenden Plastiken der klassischen Zeit auszeichnet. Den Gip-
fel bildet in dieser Hinsicht die Gestalt eines Faustkämpfers aus Bronze21, die 1885
in Rom gefunden worden ist und sich heute im dortigen Thermenmuseum befindet.
Im Hinblick auf diese Statue hat man mit Recht von »einer zumindest partiell su-
perrealistischen Darstellung« gesprochen (so P. Zanker). Es handelt sich um einen
sitzenden, in sich zusammensinkenden Faustkämpfer, der nach einem heftigen
Kampf völlig erschöpft und schwer gezeichnet ist und rohe, zerschlagene Gesichts-
züge aufweist: »Mit vorgeneigtem Oberkörper hockt der Athlet breitbeinig da, die
derben, breiten Füße durch die Drehung des erhobenen Kopfes vorn angehoben. Die
Arme liegen steif auf den Oberschenkeln, ungelenk durch Riemen und Bandagen,
mit denen die Schlagringe für die Hände an den Unteramen befestigt sind. Dem
gedrungenen, schweren Körper, der mächtigen Brust, dem plumpen Stiernacken
und kurzen, dicken Hals entspricht das ungeistige kleine Gesicht, das sich mürrisch
einem anderen zuwendet, der die Kampfpause des Erschöpften zu stören scheint.
Lange Risse an der rechten Schulter und am rechten Ellbogen rühren von Schlägen
eines Gegners her. Die derbe kurze Nase ist breitgedrückt, die oberen Vorderzähne
scheinen ausgeschlagen. Der Mund steht offen, als wäre die Nase mit geronnenem
Blut verstopft. Die Ohren sind von Hieben verschwollen und mit frischen Wun-
den bedeckt« (so R. Lullies). Eine Inschrift auf dem Schlagriemen der linken Hand
bezeichnet die Statue als Werk des Apollonios, Sohn des Nestor, aus Athen. Der
berühmte Torso im Belvedere des Vatikan trägt die Signatur desselben Bildhauers.
Die Zeit der Entstehung ist umstritten: Nach der communis opinio war dies in der
Spätzeit des Hellenismus um 50 v. der Fall, andere, darunter P. Zanker, datieren die
Statue »in die Zeit des frühen Hellenismus, das heißt in das Jahrhundert nach dem
Tod Alexanders des Großen (323 v. Chr.).« Nach meiner Überzeugung gehört das
Bildwerk wegen seines krassen Realismus ans Ende des Hellenismus. In jedem Falle
darf es als Vorläufer unzähliger moderner Statuen gelten, die eine ähnlich realis-
tische Gestaltung aufweisen.
2 Die Malerei und Mosaikkunst 41

2 Die Malerei und Mosaikkunst2


Die Malerei besitzt nach antikem Urteil den höchsten Rang unter den Bildenden
Künsten. Daher ist es besonders bedauerlich, dass keine Gattung der Bildenden
Künste des Hellenismus in so hohem Maße verloren ist wie gerade die Malerei. Im
Gegensatz zu den repräsentativ überlieferten Wanddekorationen ist man bei den in
der Antike berühmten, in der Regel auf Holz gemalten Tafelbildern ausschließlich
auf Grabdekorationen angewiesen. Kein einziges Tafelbild ist nämlich erhalten, doch
vermitteln einige Grabmalereien aus der Diadochenzeit wenigstens einen vagen Ein-
druck von der Vielfalt des Verlorenen. Die Attika des vor wenigen Jahren entdeckten
sensationellen ›Philippgrabes‹ von Vergina schmückt das größte uns erhaltenen Ge-
mälde des Hellenismus: Die Jagdszene zeigt wohl Philipp III. Arrhidaios und im Zen-
trum Alexander IV., den Sohn Alexanders des Großen, bei der Löwenjagd in einem
heiligen Hain. Das Thema der Löwen- bzw. Eberjagd reflektiert in großartiger Weise
die monarchische Repräsentation der Alexanderzeit. Während die handwerkliche
Malerei in der Klassik durch die Keramik, in römischer Zeit durch die Wandmalerei
reich vertreten ist, enttäuscht das aus dem Hellenismus Erhaltene in Quantität und
Qualität. Außer einigen Gemälden in Gräbern Makedoniens, Thrakiens, Süditaliens
und in einigen Katakomben Alexandrias, existieren im Wesentlichen nur bemalte
Grabstelen in Demetrias und Alexandria, bemalte Gefäße in Alexandria und im
sizilischen Centuripe. Wenngleich somit von der Malerei des Hellenismus selbst
nur sehr wenig erhalten ist, vermitteln die Fresken in Pompeji, Herculaneum und
anderen Orten, die meist mythologische Themen sowie Alltagsszenen behandeln,
einen guten Eindruck von ihren vorwiegend hellenistischen Vorbildern. Angesichts
dieser Überlieferungslage kommt den Mosaiken, die ja stilistisch und thematisch
mit der Malerei verwandt sind, erhöhte Bedeutung zu. Hiervon besitzen wir einen
reichen Fundus. Dabei handelt es sich jedoch zumeist um römische Nachbildungen
aus hellenistischer Zeit, welche mythologische Themen, amouröse Dinge, Szenen
des Alltags und sportliche Ereignisse behandeln. Es würde zu viel Zeit und Raum be-
anspruchen, näher auf die Mosaiken von Pella (3. Jh. v.), Alexandria und Pergamon
(2. Jh. v.), geschweige denn auf diejenigen von Pompeji, Herculaneum und anderen
Städten in Italien und den Provinzen einzugehen.
Ich beschränke mich vielmehr im Folgenden auf das wohl berühmteste antike
Mosaik, nämlich das Alexandermosaik von Pompeji23, das einem Historiengemälde
nachgebildet ist (vgl. Abb. 9).
Dieses monumentale Kunstwerk misst 5,82 x 3,13 m und besteht aus über 1,5 Mil-
lionen mineralisch gefärbten Steinchen. Das relativ gut erhaltene Kunstwerk wurde
1831 in der ›Casa del Fauno‹ in Pompeji entdeckt und befindet sich heute im Ar-
chäologischen Nationalmuseum von Neapel. Wegen seiner sorgfältigen Kompositi-
onsweise und dokumentarischen Genauigkeit gilt es zumeist als getreue Kopie eines
Gemäldes des ausgehenden 4. Jh. v. und ist als einziges Zeugnis eines Schlachtenge-
mäldes für die Kenntnis der frühhellenistischen Malerei von größter Bedeutung: In
der Forschung dominiert die Ansicht, dass es sich dabei um eine Kopie eines bei Pli-
nius (nat. hist XXXV 110) überlieferten Gemäldes des Philoxenos handelt, das vom
späteren Makedonenkönig Kassandros zwischen 324 und 317 v. in Auftrag gegeben
worden ist. Dargestellt ist eine Schlacht zwischen Makedonen und Persern, die von
42 IV Die Bildenden Künste

Abb. 9 Alexandermosaik, 2. Jh. v. (Neapel, Museo Archeologico)

Alexander dem Großen und Dareios III. angeführt wird. Wahrscheinlich handelt es
sich dabei um die Schlacht von Issos. Festgehalten ist der entscheidende Moment des
makedonischen Sieges: Von links stürmt Alexander auf seinem Pferd Bukephalos
heran, einen persischen Edlen mit seiner Lanze durchbohrend; rechts davon flieht
Dareios, dem der Angriff eigentlich gilt, hilflos gestikulierend, auf einem Vierge-
spann. Umstritten sind Aussage und Charakter des Historienbildes. Der Maler gilt
den meisten Forschern als objektiver Berichterstatter; andere jedoch bestreiten diese
Unparteilichkeit und verweisen auf die vom Auftraggeber intendierte polemische
Gegenüberstellung von makedonischem Königtum und orientalischem Despotis-
mus: Auf der einen Seite Alexander, der als Vorkämpfer der Hetairoi in vorderster
Front den Sieg erringt, auf der anderen Dareios, der zur Rettung seines Lebens so-
gar die eigenen Gefolgsleute überrollt. Kontrovers sind auch die Lokalisierung des
Originals sowie der Anlass und Zeitpunkt der Überführung nach Italien. Was die
Rezeptionsgeschichte angeht, so finden sich Nachklänge auf etruskischen Urnen und
italischen Reliefs. Im 19. Jh. wurde in den Römischen Bädern des Parks von Sans-
souci eine Fliesenkopie dieses Mosaiks angefertigt.
V Die Geographie
V Die Geographie

V Die Geographie1

In der Forschung ist es üblich geworden, zwischen beschreibender Geographie (im


Sinne von Länder- und Völkerkunde) und wissenschaftlicher Geographie (im Sinne
von exakter bzw. mathematischer Geographie) zu unterscheiden. Da sich jedoch
beide Arten seit Hekataios und Herodot oft überschneiden und auch die beschrei-
bende Geographie nicht selten wissenschaftlichen Charakter hat, erscheint diese
Differenzierung in solch kategorischer Form wenig glücklich: Sie ist nur insofern
gerechtfertigt, als sich in der Zeit des Hellenismus der Schwerpunkt in Richtung auf
die wissenschaftliche Geographie verlagerte.
Eine Behandlung dieses Themas setzt naturgemäß bei Alexanders Asienfeldzug
ein, der zu einer beträchtlichen Erweiterung der geographischen Kenntnisse führte.
Folgende Tatbestände sind in diesem Zusammenhang erwähnenswert:
• Man lernte zahlreiche Länder und Kulturen kennen, die bisher nur wenig oder gar
nicht in den Gesichtskreis der Griechen getreten waren, z. B. die heutigen Länder
Iran, Irak, Pakistan, Afghanistan, Indien.
• Alexander führte einen Stab von Wissenschaftlern mit sich, u. a. Geographen, Zoo-
logen, Botaniker, Historiker und die sog. Bematisten (»Schrittmesser«) (FGrHist
119–123). Letztere vermaßen die zurückgelegten Entfernungen, verzeichneten die
geographische Beschaffenheit der Gegenden und notierten die Besonderheiten
von Ländern und Landschaften, z. B. deren Fauna, Flora, Fruchtbarkeit, Beschaf-
fenheit und vieles andere mehr. Geographische und ethnographische Angaben
fanden sich auch bei fast allen Alexanderhistorikern, z. B. bei Kallisthenes von
Olynth (FGrHist 124), Aristobulos von Kassandreia (FGrHist 139) und One-
sikritos von Astypalaia (FGrHist 134). Eine Ausnahme machte lediglich Ptole-
maios (FGrHist 138), dessen Darstellung sich auf den militärischen Ablauf des
Asienfeldzuges beschränkte.
Auch die Leiter größerer Operationen und Feldzüge beim Alexanderzug gaben
in der Regel Berichte, die nicht nur den militärischen Verlauf schilderten, son-
dern auch Angaben über Land und Leute enthielten. Indirekt erhalten ist die In-
dike (Indische Geschichte) bzw. der Paraplus tes Indikes (Fahrt längs der indischen
Küste) des Nearchos von Kreta (FGrHist 133), der seine See-Expedition von der
Indusmündung zum Persischen Golf 325 v. Chr. beschrieb und dessen Darstel-
lung der gleichnamigen erhaltenen Schrift des Arrian von Nikomedien zugrunde
liegt.2 Bedeutende Entdeckungen fanden damals auch im Westen und Norden Eu-
ropas statt. Hier ist vornehmlich die Expedition des Pytheas von Massilia zu er-
wähnen.3
Ungefähr zur selben Zeit, als Alexander an der Spitze eines großen Heeres Asien
eroberte, unternahm Pytheas mit nur wenigen Schiffen eine Expedition, in der
Absicht, die West- und Nordgrenze der bewohnten Welt zu erkunden. Er hat nach

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_5, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
44 V Die Geographie

M. Cary und E. H. Warmington4 den größten Anspruch, »neben die berühmten Ent-
decker der Neuzeit gestellt zu werden.«
Da diese äußerst wichtige Expedition im Gegensatz zum Alexanderzug einer
breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist, gehe ich im Folgenden etwas näher darauf
ein.
Pytheas stammte aus Massalia (Marseilles), jener griechischen Kolonie, die um
600 v. Chr. nahe der Rhonemündung angelegt worden war und sich bald zur mäch-
tigsten Handelsstadt in diesem Raume entwickelte, mit weitreichenden Verbindun-
gen ins Mittelmeergebiet, ins gallische Hinterland und nach dem europäischen Nor-
den.
Das Unternehmen des Pytheas gibt der Forschung eine Reihe von Problemen auf:
Datum, Dauer und Größe sind ebenso umstritten wie Ursachen und Anlässe, Sinn
und Zweck sowie Route, Verlauf und Dauer der Fahrt. Vor allem ist die Lokalisie-
rung von Thule als nördlichstem Punkt des Unternehmens kontrovers. All dies liegt
daran, dass von der autobiographischen Schrift des Pytheas mit dem Titel Über den
Ozean nur spärliche Fragmente erhalten sind. Ferner sind einzelne Zitate daraus,
z. B. bei Polybios, Strabon und dem Älteren Plinius, im Wesentlichen dadurch cha-
rakterisiert, dass Pytheas als notorischer Lügner apostrophiert wird.
Pytheas fuhr von Massalia aus zunächst die südfranzösische Küste und die spa-
nische Ostküste entlang und durchquerte die Straße von Gibraltar. Er segelte so-
dann längs der portugiesischen Küste bis zur nordwestlichsten Spitze der iberischen
Halbinsel. Anschließend fuhr er die spanische Nordküste und die französische
Westküste entlang bis zur Bretagne. Von der Insel Uxisamene (Ouessant), die der
Bretagne vorgelagert ist, setzte er nach Kap Belerion (Land’s End) und nach Kap
Kantion (Kent), d. h. zur Südwestspitze Englands über4a. Danach besuchte er die
Zinnminen von Cornwall und umsegelte ganz Britannien, das er (teilweise) auch
zu Land durchzog (vgl. Strab. II 4,1), entgegen dem Uhrzeigersinn: Dies ergibt sich
vornehmlich aus seiner präzisen Beschreibung der Insel als eines ungleichseitigen
Dreiecks, aus genauen Angaben über die Länge der drei Seiten und aus Nachrichten
über den äußersten Norden der Insel. Die Schilderung des Pytheas ist bei Diodor
(V 21) erhalten und lautet folgendermaßen:

»Britannien ist von dreieckiger Gestalt wie Sizilien, und seine Seiten sind ungleich lang.
Es liegt schräg zur europäischen Küste. Das dem Festland am nächsten gelegene Kap
heißt Kantion (heute Kent) und ist 100 Stadien (ca. 19 km) davon entfernt. Das zweite
heißt Kap Belerion und ist, wie man sagt, vier Tagesfahrten vom Festland entfernt;
das dritte ragt ins offene Meer hinaus und heißt Orkas. Die kürzeste Seite misst ca.
7 500 Stadien (ca. 1 500 km) und erstreckt sich längs von Europa, die zweite, die von der
Meerenge bis zur Spitze reicht, ist 13 000 Stadien (ca. 2 600 km) lang, die letzte misst
20 000 Stadien (ca. 4 000 km), so dass der Gesamtumfang der Insel 42 000 Stadien (ca.
7 500 km) beträgt.«

Während Pytheas das Verhältnis der drei Seiten zueinander mit ca. 3:6:8 erstaunlich
korrekt angibt, beziffert er den Gesamtumfang der Insel fast auf das Doppelte des
tatsächlichen Wertes. Dies darf jedoch aus zweierlei Gründen nicht verwundern:
Zum einen existierte in der Antike generell die Schwierigkeit, präzise Messungen
V Die Geographie
V Die Geographie 45

durchzuführen, zum anderen erschwerten die reich gegliederten Küsten Britanniens


genauere Maßangaben.
Im Anschluss an diese Beschreibung schildert Pytheas die Lebensweise der Be-
wohner:

»Wie es heißt, bewohnen autochthone Völkerschaften Britannien, die ihre einfache


Lebensweise bis heute bewahren. Im Krieg benützen sie Streitwagen, wie sie die alten
Helden der Griechen im Troianischen Krieg verwendet haben sollen. Ihre Behausungen
sind schlicht und zumeist aus Stroh oder Holz errichtet. Das Getreide ernten sie, indem
sie die Ähren aus den Halmen entfernen und in überdachten Scheunen aufbewahren.
Von dort holen sie jeweils die Ähren, nehmen die Körner heraus und bereiten daraus
die Nahrung. Ihre Sinnesart ist offen und hat mit der Verschlagenheit und Durchtrie-
benheit der heutigen Menschen nichts gemein. Ihre Ernährung ist einfach und weit
von dem Luxus entfernt, der dem Wohlstand entspringt. Die Insel ist reich bevölkert
und hat ein sehr kaltes Klima, da sie unter dem Großen Bären liegt. Sie hat viele Könige
und Dynasten, die meistens in Frieden miteinander leben.«

Pytheas entwirft hier ein verklärtes Bild von der primitiven Lebensweise dieses Na-
turvolks und kann sich einen Seitenhieb auf die ›Wohlstandsgesellschaft‹ seiner Zeit
nicht versagen. Mit seinen Ausführungen wurde er nach F. Gisinger5 zum »wissen-
schaftlichen Entdecker der Insel« und zum »Übermittler des jetzigen Namens.«
Über den nördlichsten Punkt seiner Reise, macht Pytheas folgende Angaben:
Thule ist die nördlichste der Britannischen Inseln und liegt sechs Tagesfahrten von
der Hauptinsel entfernt (F 6a). Es befindet sich dort, »wo der Sommerwendekreis
derselbe ist wie der Winterwendekreis« (Strab. II 5,8) und »wo es zur Sonnenwende,
wenn die Sonne im Zeichen des Krebses steht, keine Nächte, dagegen zur Winterson-
nenwende keine Tage gibt« (Plin. nat. hist. II 104). Weiterhin betonte Pytheas (F 9 a):
»Die Barbaren zeigten uns den Ort, an dem die Sonne sich ausruht.« Anschließend
heißt es: »Es traf sich nämlich, dass die Nacht in diesen Gebieten ganz kurz war, an
einigen Orten zwei, an anderen drei Stunden, so dass die Sonne nur kurze Zeit nach
ihrem Untergang gleich wieder aufging.« Die berühmteste und zugleich umstrittenste
Aussage lautet (bei Strab. II 4,1):

»Außerdem erzählt Pytheas noch die Geschichten von Thule und den dortigen Ge-
genden; in denen es weder Land noch Meer noch Luft für sich gebe, sondern nur ein
Gemisch aus diesen Elementen existiere, das einer Meerlunge gleiche und in dem sich
nach seiner Ansicht Erde und Meer und alle Dinge in einer Art Schwebezustand befän-
den, und dies sei gleichsam das Band des Alls, weder betretbar noch befahrbar. Jene
Meerlunge habe er selbst gesehen, über das Weitere berichte er nur vom Hörensagen.«

Was die Identifizierung von Thule angeht, so gibt es dazu in der Moderne ganz unter-
schiedliche Auffassungen: Man dachte z. B. an die Shetlandinseln, die Färöerinseln,
Island, Grönland oder Skandinavien. Keine dieser Identifizierungen überzeugt rest-
los. Am plausibelsten ist noch die Gleichsetzung mit Norwegen, für die vor Jahren
der berühmte Polarforscher Fridtjof Nansen (1861–1930) eingetreten war. Tatsäch-
lich passen die meisten Angaben des Pytheas über Thule auf das mittlere Norwegen
46 V Die Geographie

und speziell die Trontheimer Bucht. Grundsätzlich nimmt allerdings das Thulepro-
blem in der Forschung einen Stellenwert ein, den es nicht verdient. Zwar handelt
es sich um eine wichtige Detailfrage, doch ungleich bedeutsamer ist die Tatsache,
dass Pytheas bis in die Gegend des Polarkreises und der kurzen Sommernächte ge-
kommen sein muss, d. h. bis ca. 65° nördlicher Breite. Gerade die Größe und Ein-
maligkeit dieses Unternehmens und der damit verbundenen Beobachtungen liefern
die Erklärung dafür, dass der Bericht hierüber bei späteren Autoren weitgehend auf
Unglauben stieß. In diesem Sinne bemerkt Polybios (XXXIV 5,7): »Unglaubwürdig
ist allein schon dies, wie es einem unbemittelten Privatmann möglich gewesen sei, sol-
che Entfernungen über See oder über Land zurückzulegen.« Und bei Strabon (IV 5,5)
heißt es: »Was Pytheas über die Insel Thule und die dortigen Gegenden berichtet, ist
eindeutig erdichtet.« Interessanterweise liefern aber gerade diejenigen Angaben des
Pytheas, die am stärksten in Zweifel gezogen wurden, den besten Beweis für die
Historizität des Unternehmens, da sie, insgesamt gesehen, durchaus zutreffen. Dies
gilt etwa für seine Angaben über die spärliche Besiedlung des hohen Nordens, das
gefrorene Meer und die kurzen Sommernächte.
Auch die von Pytheas erwähnte Meerlunge, die durch eine Mischung der Ele-
mente charakterisiert ist, lässt sich nicht eindeutig bestimmen: Dazu existieren in
der Moderne zahlreiche Identifizierungsversuche, wie z. B. Treibeis, Eisberge, gefro-
renes Polarmeer, Nebelbänke und Wattenmeer (letzteres ist vielleicht die plausibelste
Lösung). Die Divergenz dieser Ansichten ist insofern besonders gravierend, als Py-
theas die Meerlunge bzw. die Mischung der Elemente als »Band des Alls« und somit
als Kern seiner Theorie ansah.
Nach dem übereinstimmenden Urteil der modernen Forscher kehrte Pytheas vom
hohen Norden nach dem südlichen England zurück und fuhr von dort aus längs
der holländischen und deutschen Nordseeküste nach Osten. Ein Motiv für diesen
Abstecher dürfte die Erkundung des Bernsteinweges gewesen sein, doch wird man
sich davor hüten müssen, darin den Hauptgrund zu erblicken, ebenso wenig wie
der Besuch der Zinnbergwerke die wichtigste Ursache für die Erkundung des süd-
lichen Britannien gewesen ist. Auch hier standen offensichtlich geographische und
wissenschaftliche Interessen gegenüber materiellen Aspekten im Vordergrund, und
Pytheas mag vor allem an der Erforschung der West-Ost-Ausdehnung des Ozeans
gelegen gewesen sein. Wenn mit den 6 000 Stadien (ca. 1 200 km) die gesamte Strecke
der West-Ost-Fahrt gemeint ist, so dürfte er von Südengland bis zur Mündung der
Elbe gelangt sein, wobei die Überschätzung der Entfernung um das Doppelte seinen
ähnlich übertriebenen Vorstellungen über die Größe und den Umfang Britanniens
entspräche. Unter dem aestuarium ist nach allgemeiner Überzeugung das »Wat-
tenmeer« zu verstehen, jenes ausgedehnte Gebiet der periodischen Überflutung im
Wechsel der Gezeiten, das vor der Eindeichung noch einen erheblich größeren Um-
fang gehabt haben muss und das dem gesamten Küstengebiet den Charakter einer
amphibischen Zone gegeben haben dürfte. Bei den in diesem Kontext genannten
Guitones/Guthones und Teutoni handelt es sich um die erste Erwähnung germani-
scher Stämme in der antiken Literatur; demgegenüber taucht der Name Germanen
selbst erst bei Poseidonios von Rhodos (1. Jh. v.) auf. Von Interesse sind schließlich
noch die Angaben des Pytheas über den Bernsteinhandel und die Bernsteininsel
Abalus, die zumeist mit Helgoland identifiziert wird.
V Die Geographie
V Die Geographie 47

Mit diesen Angaben enden die Nachrichten des Pytheas über seine Forschungs-
reise: Auf welchem Wege er nach Hause zurückgekehrt ist und welches seine weite-
ren Schicksale gewesen sind, darüber schweigt die Überlieferung.
Zum Schluss soll versucht werden, die Persönlichkeit des Pytheas und den Stel-
lenwert seiner Expedition zu würdigen: Pytheas hat sich, soweit wir wissen, als erster
darum bemüht, ein Gesamtbild vom Ozean und dem Weltmeer zu entwerfen. Dabei
vereinigten sich wissenschaftliche Methoden (z. B. astronomische und geographi-
sche Berechnungen), empirische Beobachtungen (z. B. klimatologische und anthro-
pologische Befunde) sowie geniale Spekulationen (z. B. Notizen über das Band des
Alls) zu einer Konzeption von imponierender Geschlossenheit. Im Einzelnen be-
fasste er sich, wie die Fragmente erkennen lassen, mit Messungen der Sonnenhöhe,
Bestimmungen der Tageslänge, Angaben über Meeresströmungen, den Wechsel der
Gezeiten und deren Zusammenhang mit den Mondphasen (den er als erster erkannt
hat) sowie mit der geographischen Breite zahlreicher Orte wie z. B. Massilia, Britan-
nien und Thule. Pytheas knüpfte hierbei an Eudoxos von Knidos (ca. 390–338 v.)
an, einen der Begründer der primär wissenschaftlichen Geographie, der von der
Kugelgestalt der Erde überzeugt war und als erster ein System von Längen- und
Breitengraden konstruierte. Umgekehrt ermöglichten erst die Erkenntnisse und
Beobachtungen des Pytheas eine genauere Fixierung der nördlichen Breitengrade
sowie eine exaktere Berechnung des Erdumfangs, wie sie Eratosthenes von Kyrene
um die Mitte des 3. Jh. v. vornahm. Pytheas ist nicht nur der Entdecker Britanniens
und Übermittler dieses Namens gewesen, er hat vielmehr das geographische Bild
West- und Nordeuropas für mehrere Jahrhunderte bestimmt.
Die Feldzüge Alexanders und der Diadochen sowie die Entdeckungsreise des Py-
theas und andere Unternehmungen der frühhellenistischen Zeit veränderten das
Weltbild grundlegend: Die geographischen Kenntnisse nahmen in enormem Aus-
maß zu, die hellenozentrische Sicht wurde endgültig aufgegeben, die wissenschaft-
lichen Methoden verfeinerten sich. All dies hatte zur Folge, dass die Geographie
mehr und mehr zur eigenständigen Wissenschaft wurde. Träger des wissenschaft-
lichen Fortschritts waren nicht länger, wie in archaischer und klassischer Zeit, die
Philosophen, sondern zumeist Fachgelehrte, von denen die wichtigsten im Folgen-
den vorgestellt werden.
Dikaiarchos aus Messene in Sizilien (ca. 376–300 v.)6 gehörte als Schüler des
Aristoteles dem Peripatos an und war ein ungemein vielseitiger Autor. Von seinem
Leben und Werk soll erst später die Rede sein, an dieser Stelle geht es lediglich um
seine Bedeutung als Geograph, weil er als wichtiger Vorläufer des Eratosthenes von
Kyrene gelten darf. Seine herausragenden Verdienste auf diesem Gebiet, niedergelegt
in dem Werk Umrundung der Erde (Períodos ges), dem eine verbesserte Erdkarte
beigegeben war, waren die folgenden:
• Ähnlich wie die Pythagoreer und Aristoteles (de caelo II 14, 297 a8–297 b 24 ff.)
nahm Dikaiarchos die Kugelgestalt der Erde an und berechnete den Erdumfang
im Gegensatz zu Aristoteles, der von 400 000 Stadien (ca. 65 000 km) sprach, auf
300 000 Stadien (ungefähr 60 000 km). Er kam somit der Wirklichkeit beträchtlich
näher als sein Lehrer.
• Um die Kugelgestalt der Erde gegen eventuelle Einwände abzusichern, maß er mit
der Dioptra, einem einfachen Peilgerät, die Höhe verschiedener Berge Griechen-
48 V Die Geographie

lands, z. B. des Olymp, den er auf »weniger als 15 Stadien« (ca. 2850 m, so Gemin.
Elem. astr. 17,5) und des Pelion, den er auf »1250 passus« (ca. 1850 m, so Plin. n.h.
II 162) veranschlagte. Diese Messungen dienten dem Nachweis, dass die relativ
geringe Höhe der Berge die Kugelgestalt der Erde nicht in Frage stelle.
• Dikaiarchos erläuterte und verfeinerte das System von Längen- und Breitengra-
den. Der wichtigste Längengrad führte von Meroe (Assuan) über Alexandria, den
Hellespont bis zum Borysthenes (Dnjepr); der wichtigste Breitengrad von den
Säulen des Herakles (Gibraltar) über Sardinien, Sizilien, die Peloponnes, Karien,
Lykien, Pamphylien, Kilikien und den Tauros bis zum Imaongebirge«, dem heutigen
Himalaya (Agathemeros, pr. 5 = F 123 F.-S.) Diese Einteilung nach Meridianen
und Parallelkreisen wurde von Eratosthenes übernommen.
Eratosthenes von Kyrene7 lebte nach der Suda (s.v.) von ca. 276/272–195 v. Er ver-
brachte einen etwa 20-jährigen Studienaufenthalt in Athen, wo er sich hauptsächlich
mit Platon beschäftigte, was ihm den Beinamen »Zweiter Platon« bzw. »Neuer Pla-
ton« eintrug. Seine Lehrer waren der Akademiker Arkesilaos aus Pitane, der Peri-
patetiker Ariston aus Chios, der Grammatiker Lysanias aus Kyrene und der Dichter
Kallimachos aus Kyrene. Von Ptolemaios III. Euergetes, der 246 an die Macht kam,
wurde Eratosthenes nach Alexandria berufen und mit der Leitung der dortigen
Bibliothek betraut. Gleichzeitig fungierte er als Erzieher des Prinzen Ptolemaios IV.
Philopator. Mit einer an Aristoteles erinnernden Universalität wirkte Eratosthenes,
der sich erstmals als philologos (»Freund des Wortes«) bezeichnete, worunter »ein
Mann von vielfältiger und mannigfacher Gelehrsamkeit« (vir multiplici variaque doc-
trina) zu verstehen ist (so Suet. De gramm. et rhet. 10), als Philosoph, Mathematiker,
Astronom, Grammatiker, Dichter, Chronograph und Geograph. Diese Vielseitigkeit
der Interessen brachte ihm die Beinamen »Beta« und »Fünfkämpfer« ein, womit aus-
gedrückt werden sollte, dass er zwar in den genannten Disziplinen nicht den ersten,
sondern nur den zweiten Rang einnahm. Außerordentlich jedoch waren zumindest
seine Forschungen auf dem Gebiet der Chronographie und Geographie. Von den
sonstigen Werken, besonders von seinen philologischen und chronographischen
Forschungen, soll erst später die Rede sein, an dieser Stelle geht es primär um die
Geographika, seine bekannteste und meistzitierte Schrift. Durch sie wurde er zum
Begründer der wissenschaftlichen Geographie: Strabon, der ihm sonst wenig wohl-
gesonnen ist, lobt ihn dafür, »dass er mathematische und physikalische Grundlagen
in die Geographie eingeführt habe« (I 4,1) und nennt ihn deshalb »den Mathematiker
unter den Geographen und den Geographen unter den Mathematikern« (II 1,41). Mit-
tels seiner neuen Herangehensweise, der Auswertung einschlägiger Publikationen
aus der alexandrinischen Bibliothek (II 1,5) und dank der Verwendung neuartiger
Instrumente versuchte er die Lage und Distanz bestimmter Örtlichkeiten, ihre Län-
gen- und Breitengrade sowie den Umfang der Erde festzulegen. Die Geographika (es
handelt sich um eine Wortschöpfung des Eratosthenes) umfassten drei Bücher, deren
Inhalt sich vornehmlich aus Strabon (Buch I und II) rekonstruieren lässt: Im ersten
Buch gab er einen kritischen Überblick über die Geschichte der Geographie von ih-
ren Anfängen bei Homer bis zum Asienfeldzug Alexanders. Er lehnte es ab, Homer
als eine Autorität in geographischen Dingen zu betrachten oder gar die Irrfahrten
des Odysseus zu lokalisieren, wie es damals häufig geschah und noch heute bisweilen
geschieht. Seine ironische Begründung hierfür lautete nach Strabon (I 2,15):
V Die Geographie
V Die Geographie 49

»Man werde erst dann herausfinden, wo Odysseus umhergeirrt ist, wenn man den
Schuster ausfindig macht, der den Schlauch mit den Winden des Aiolos genäht hat.«

Und mit der allgemeinen Bemerkung, »dass die Dichter nur auf Unterhaltung, nicht
auf Belehrung abzielen« (Strabon I 1,10), bestritt Eratosthenes generell deren Glaub-
würdigkeit in geographischen Fragen.
Die Geographie begann für ihn mit Anaximander von Milet, der die erste Erd-
karte gezeichnet, und mit Hekataios aus Milet, der das erste geographische Prosa-
werk verfasst hat. Im zweiten Buch versuchte Eratosthenes nach Strabon (I 4,1),
»eine Berichtigung der Erdbeschreibung vorzunehmen und seine eigenen grundle-
genden Ansichten zur Geographie darzulegen.« Diese betrafen u. a. die Größe und
Gestalt der Erde, die Zoneneinteilung, die Okeanosfrage, die Veränderungen der
Erdoberfläche sowie den Umfang der Erde, wobei er sich auf seine Schrift Über die
Vermessung der Erde stützte (vgl. unten). Von großer Wirkung war die Feststellung,
dass der Okeanos (das »atlantische« Weltmeer) die gesamte Oikumene umgibt. Er
betrachtete die Erde somit als eine Insel im Weltmeer und verglich ihre Gestalt mit
einer Chlamys (»Mantel«).
Im dritten Buch gab er eine detaillierte Erdbeschreibung auf der Basis einer von
ihm entworfenen, vielfach auf Dikaiarchos basierenden Erdkarte, wobei er sich über
die Länge, d. h. die Erstreckung der Oikumene von Westen nach Osten, so äußert
bei Strab. II 1,1):

»Im dritten Buch seiner Geographika entwirft Eratosthenes eine Karte der Oikumene
und teilt sie durch eine von Westen nach Osten mit dem Äquator parallel laufende
Linie in zwei Teile. Als ihre Endpunkte nimmt er im Westen die Säulen des Herakles
(Gibraltar) an, im Osten die Landspitzen und die äußersten Teile des Gebirgszuges, der
auf der Nordspitze Indien abschließt (gemeint ist der Himalaya).«

Was dagegen die Breite der Erde, nämlich ihre Ausdehnung von Süden nach Norden,
angeht, so erstreckt sie sich nach Eratosthenes von Merope (in Nubien) bis nach
Thule (sechs Tagesfahrten nördlich von Britannien, vgl. Strab. I 4,2).
Bei seinen Berechnungen ergab sich ihm im Anschluss an Dikaiarchos eine Ge-
samtlänge von 77 800 Stadien und eine Gesamtbreite von 38 000 Stadien (was etwa
der Hälfte der Länge entspricht). Als Schnittpunkt der beiden Linien betrachtete er
die Insel Rhodos. Darüber hinaus schuf er, wiederum an Dikaiarchos anknüpfend,
ein System von Parallelkreisen und Meridianen, die von ihm Sphragides (»Segmente«)
genannt wurden, aber im Unterschied zu den heutigen Längen- und Breitengraden
nicht allein auf mathematischer Basis beruhten: Wo nämlich genauere Messungen
nicht möglich waren, begründete er dieselbe geographische Lage von Orten mit der
Gleichheit von Menschenrassen, der Verwandtschaft von Tieren, der Ähnlichkeit
der Pflanzenwelt sowie verwandten kulturhistorischen, literaturgeschichtlichen und
klimatologischen Faktoren. Dieses Verfahren brachte ihm später verschiedentlich
den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ein (siehe unten). Im übrigen fügte er eine
Fülle von historischen, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und topographi-
schen Details in seine Darstellung ein und bewegte sich somit auf dem Felde der
traditionellen beschreibenden Geographie. Am Ende der Geographika stand eine
50 V Die Geographie

bemerkenswerte These (überliefert bei Strabon I 4,9), welche die kosmopolitische


Einstellung des Eratosthenes verrät: Er wandte sich nämlich dezidiert gegen eine
unterschiedliche Behandlung von Griechen und Barbaren, zu welcher Aristoteles
(fr. 658 Rose) seinem Schüler Alexander geraten haben soll:

»Am Schluss der Abhandlung kritisiert er (sc. Eratosthenes) diejenigen, die die gesamte
Menschheit in zwei Hälften, Griechen und Barbaren, einteilen, und diejenigen, die
Alexander dazu geraten haben, die Griechen als Freunde, die Barbaren dagegen als
Feinde zu behandeln, und sagt, es sei besser, diese Einteilung auf Grund von Güte und
Schlechtigkeit der Menschen zu machen: seien doch einerseits viele Griechen schlecht,
andererseits viele Barbaren zivilisiert, wie die Inder und die Arianer, ferner die Römer
und die Karthager, die eine so bewundernswerte Staatsordnung haben; daher habe Al-
exander auch jenen Rat in den Wind geschlagen und möglichst viele der Angesehenen
anerkannt und ihnen Wohltaten erwiesen.«

In einer gesonderten Schrift mit dem Titel Über die Vermessung der Erde (Peri tes
anametreseos tes ges) behandelte Eratosthenes das Problem des Erdumfangs. Dabei
knüpfte er an Eudoxos von Knidos und Dikaiarchos von Messana an, die beide (wie
bereits betont) von der Kugelgestalt der Erde überzeugt waren, und suchte seiner-
seits die Größe des Erdumfangs zu berechnen, wobei er zu einem wesentlich genaue-
ren Wert als den 300 000 Stadien des Dikaiarchos gelangte. Als Instrumente dienten
ihm eine Skaphe (»Schale«) und ein Gnomon (»Zeiger«) in deren Mitte. Grundlage
seiner Berechnung war die auf 5 000 Stadien veranschlagte Entfernung von Syene
(heute Assuan) nach Alexandria, zwei Orte, die nach seiner Ansicht auf demselben
Meridian liegen. Während zur Zeit der Sommersonnwende die Sonnenstrahlen am
Mittag in Alexandria senkrecht standen und somit keinen Schatten warfen, ergab
sich ihm zur gleichen Zeit in Assuan eine Abweichung von 1/50, d. h. 7 Grad und
12 Sekunden, des ganzen Kreisbogens, was nur einen minimalen Fehler bedeutete:
In Wirklichkeit sind es 7 Grad und 6 Sekunden! Mit dem erhaltenen Winkelwert
multiplizierte Eratosthenes die Entfernung von Alexandria nach Syene und kam so
für den gesamten Erdumfang auf 250 000 Stadien, die er deshalb auf 252 000 Stadien
aufrundete, um die genaue Zahl von 700 Stadien pro Meridian zu erhalten. Eine
Umrechnung dieses Resultats in unsere Maßeinheiten wird dadurch erschwert, dass
man nicht genau weiß, welche Stadionlänge Eratosthenes zugrunde legte: Rechnet
man mit dem wahrscheinlichsten, dem ägyptischen Stadion von 157,5 m, dann er-
geben 252 000 Stadien einen Erdumfang von 39 690 km; wählt man hingegen das
1/9 Meilenstadion von 165,4 m, das einem Fünftausendstel der Strecke Alexandria-
Syene (830 000: 5000 = 166 m) am nächsten kommt, so ergibt sich ein Erdumfang
von 41 680 km. In jedem Falle ist der gefundene Wert unglaublich präzise, die von
Eratosthenes angewandte Methode ebenso einfach wie genial: Der von ihm errech-
nete Erdumfang ist denn auch bis gegen Ende des 17. Jh. nicht verbessert worden.
Erst 1671 ermittelte J. Picard einen Wert von 40 035 km, 1838 kam F. W. Bessel auf
den noch heute gültigen Umfang von 40 011 km.
Trotz der herausragenden Leistungen des Eratosthenes auf dem Gebiet der Geo-
graphie erhoben sich unter den folgenden Geographen Kritiken und Einwände
gegen seine Herangehensweise. Dabei lassen sich zwei gegensätzliche Strömungen
V Die Geographie
V Die Geographie 51

ausmachen: Die einen warfen ihm vor, dass er zuviel abstrakte mathematische Be-
rechnungen anwandte und zu wenig auf der Ebene des Faktischen blieb. Haupt-
vertreter dieser ›empirischen‹ Richtung waren Demetrios von Kallatis am Pontos,
der gegen Ende des 3. Jh. v. ein umfangreiches Werk Über Asien und Europa in
20  Büchern verfasste, Agatharchides von Knidos, der im zweiten vorchristlichen
Jahrhundert eine Geschichte Asiens in 10 Büchern sowie eine Geschichte Europas in
49 Büchern schrieb, Polybios aus Megalopolis, der Universalhistoriker des 2. Jh. v.,
sowie Artemidoros von Ephesos, der ca. 100 v. Geographumena in 11 Büchern nach
Art eines Periplus (Umsegelung sc. des Mittelmeeres) veröffentlichte.8 Dieser Autor
ist in den letzten Jahren deshalb einem breiteren Publikum bekannt geworden, weil
ein Papyrusfund, der sog. P. Artemid., für längere Zeit sogar die Feuilletons euro-
päischer Tageszeitungen beschäftigte und in verschiedenen Ausstellungen (Turin,
Berlin und München) der Allgemeinheit präsentiert wurde: Im Jahr 2008 erfolgte
in Mailand die Publikation des Papyrus9, der ein Exzerpt aus dem zweiten Buch
über Spanien, Landkarten und sogar Zeichnungen enthält. Einleitend (Coll. 1–3)
bezeichnet Artemidor die Geographie als eine der Philosophie vergleichbare Wis-
senschaft, die mit ganz ähnlichen Methoden arbeitet und ihr dadurch zur Seite tritt.
M. Rathmann 10 bemerkt mit Recht dazu: »Somit haben wir hier einen schönen
Beleg für die Emanzipation der diversen Fachwissenschaften von der Philosophie in
hellenistischer Zeit.« Der Papyrus sorgte nicht zuletzt deshalb für Aufsehen in der
Wissenschaft, weil seine Echtheit von Anfang an heftig umstritten war. Besonders L.
Canfora11 sprach sich in zahlreichen Publikationen dezidiert gegen die Authentizität
aus und betrachtete ihn als ein Fabrikat des Konstantinos Simonides, eines notori-
schen Fälschers antiker Handschriften aus dem 19. Jh. Demgegenüber trat zuletzt
M. Rathmann12 mit überzeugenden Gründen für die Authentizität ein, wobei er u. a.
so argumentierte: »Für den Nachweis der Echtheit sorgen schließlich die bereits an-
gesprochenen labortechnischen Untersuchungen des Papyrus sowie die Tinte: Mit
Hilfe der C 14-Methode kann das Beschreibmaterial mit ausreichender Sicherheit
in die Jahre zwischen 15 und 85 n. Chr. datiert werden. Zudem kann durch weitere
Dokumente aus dem Papyruskonvolut die flavische Zeit als terminus ante quem un-
seres Papyrus ausgemacht werden. Naturwissenschaftliche und formale Argumente
ergänzen sich somit zu einem überzeugenden Gesamtergebnis.« Auch Strabon von
Amaseia wirft dem Eratosthenes wiederholt vor, dass er in seiner Geographie der
Mathematik oftmals zu viel Platz eingeräumt hat (vgl. I 3,3. I 4,1. II 1,41. III 2,11).
Die andere Richtung der Kritik bemängelte, dass Eratosthenes zu wenig mit ma-
thematischen und astronomischen Berechnungen gearbeitet habe. Hauptvertreter
dieser »theoretischen« Richtung war Hipparchos von Nikaia, einer der großen Ma-
thematiker und Astronomen des Altertums, der in der zweiten Hälfte des 2. Jh. v. Chr.
drei Bücher mit dem Titel Gegen die Geographie des Eratosthenes schrieb.13 Wie diese
Überschrift erkennen lässt, ging es dabei primär um die Auseinandersetzung mit
seinem Vorgänger, nicht um den Aufbau eines eigenen geographischen Gebäudes.
Die meisten seiner Fragmente sind bei Strabon erhalten. Hipparchos kritisierte u. a.
den nicht immer eindeutigen Standort des Eratosthenes gegenüber der homerischen
Geographie, seine Ausführungen über den Inselcharakter der Erde, die angebliche
Veränderung der Erdoberfläche im Bereich des Mittelmeeres und des Schwarzen
Meeres sowie die Meridianeinteilung des Eratosthenes. Er forderte demgegenüber
52 V Die Geographie

eine wissenschaftliche Geographie, die ausschließlich auf mathematischer und


astronomischer Grundlage beruhe, anstatt beispielsweise mit klimatischen und
biologischen Gegebenheiten zu argumentieren. Im Zuge seiner – insgesamt stark
überzogenen – Kritik gab er, wenn man Strabon Glauben schenken darf, sogar dem
Homer in geographischen Dingen den Vorzug vor Eratosthenes.
Poseidonios von Apameia14 (ca. 135–51 v. Chr.) gilt allgemein als der größte
Universalgelehrte des 1. Jh. v. Chr., gleich bedeutend als Philosoph, Historiker und
Geograph. Er war in Athen Schüler des Panaitios und ließ sich dann in Rhodos
nieder, von wo aus er mehrfach mit Rom Verbindung trat: So suchte er im Jahr
87 als Gesandter seiner neuen Heimat die Stadt auf und wurde später zum Freund
und Anhänger des Pompeius, dessen Politik er nachdrücklich verteidigte. Von seiner
tiefgreifenden Umgestaltung der stoischen Lehre und den Charakteristika seines Ge-
schichtswerkes mit dem Titel Geschichte nach Polybios, das in 52 Büchern die Jahre
von 145 bis in die sullanische Ära umfasste, soll erst später die Rede sein; an dieser
Stelle geht es um seine Leistungen als Geograph und Ethnograph. Vornehmlich bei
Strabon sind teils als Referat, teils als Kritik zentrale Gedanken aus seiner Schrift
Über den Ozean erhalten. Dieses Werk war vermutlich ein Ergebnis seiner Reise, die
ihn bis zum Atlantik führte, wobei er längere Zeit auf der iberischen Halbinsel weilte.
Poseidonios versuchte stets, von der Erdbeschreibung zur Erdgeschichte vorzudrin-
gen. So erklärte er die Entstehung der Inseln und Meeresarme mit der Annahme,
dass sich der Meeresboden hier gehoben, dort gesenkt habe. Dies bedeutete eine
Modifikation der stoischen Katastrophentheorie, welche eine einzige große Erdka-
tastrophe postulierte. Besonderes Interesse zeigt er an den Naturphänomenen, wie
z. B. den Ursachen der Gezeiten und der Nilschwelle, den Gründen für Erdbeben
und Vulkanausbrüche. Sein Werk enthielt auch mehrfach mathematische Ansätze
zur Beschreibung der Erde. Er formulierte Aussagen über Größe und Gestalt der
Erde, die er im Gefolge des Eratosthenes als eine vom Atlantischen Ozean umflos-
sene Insel betrachtete, entwickelte eine Theorie von fünf Erdzonen und setzte sie zu
den Bewegungen der Sonne und klimatischen Faktoren in Beziehung.
Mit seinen geologischen Beobachtungen verband Poseidonios aufs Engste die
Schilderung fremder Völker. In der Tat darf er als »der bedeutendste Vertreter der
antiken Völkerkunde« gelten (so K. E. Müller). Er begnügte sich keineswegs mit der
bloßen Beschreibung von Land und Leuten, sondern erstrebte »die vollkommene
Erfassung einer Volksindiviualität« (U. von Wilamowitz). Dies galt gleichermaßen
für seine Berichte über »Römer, Etrusker, Kelten, Keltiberer, Ligurer, Kimbrer, Ger-
manen, Myser, Parther und Judäer« (so die Reihenfolge der Fragmente bei Nickel,
II 2008, 400–448).
Ich zitiere als Beispiel seinen Bericht über die Kelten (F 15):

»Die Kelten lassen sich die Speisen servieren, auf Heu gelagert, und auf Holztischen,
die ein wenig über den Erdboden erhoben sind. Die Speise besteht aus wenigen Broten,
aber viel Wasser und Fleisch gebraten auf Holzkohle oder Spießen. Sie nehmen dies
sauber zu sich, aber wie die Löwen, indem sie mit ihren beiden Händen ganze Gliedma-
ßen hochheben und abbeißen, und, wenn etwas schwer abzureißen ist, es mit einem
kleinen Messer abschneiden, das sie an den Scheiden ihrer Schwerter in einer beson-
deren Tasche befestigen. Diejenigen, welche an den Flüssen und an dem inneren und
V Die Geographie
V Die Geographie 53

äußeren Meer wohnen, nehmen auch Fische zu sich, und zwar gebraten mit Salz, Essig
und Kümmel; den streuen sich auch in ihre Getränke. Öl verwenden sie nicht aus Man-
gel, und, da es ihnen nicht vertraut ist, erscheint es ihnen unangenehm. Wenn mehrere
gemeinsam speisen, sitzen sie im Kreis, in der Mitte der Stärkste, gleichsam wie ein
Chorführer, der sich von den anderen entweder durch seine kriegerischen Fähigkeiten,
durch Abstammung oder aber durch Reichtum auszeichnet. Der nächste sitzt neben
ihm, der Reihe nach auf beiden Seiten entsprechend der Würde des Ranges, den sie
besitzen. Und die Waffenträger mit den Langschilden stehen hinter den Rückwärtigen,
die Speerträger sitzen ihnen gegenüber und schmausen wie ihre Herren zusammen
im Kreise …«

Der Name Germanen kommt übrigens erstmalig bei Poseidonios vor, wobei um-
stritten ist, welchen Stamm er eigentlich damit meint (FGrHist 87 F 22 = Nickel
fr. 1131 bei Athen. IV p. 153 e; vgl. Nickel fr. 1132 bei Eustath. In Hom. Iliad. XIII 6).
Er schreibt:

»Die Germanen nehmen, wie Poseidonios im dreißigsten Buch seiner Historien erzählt,
als Mahlzeit Fleisch zu sich, das in großen Stücken gebraten wird, und trinken dazu
Milch und ungemischten Wein.«

Zum Schluss dieses Kapitels noch ein paar Worte zu Strabon von Amaseia (am
Pontos)15 und seinen Geographika, welche eine »Abkehr von der mathematischen
Geographie« (so A. Stückelberger) und umgekehrt eine Hinwendung zur beschrei-
benden Geographie bedeuten, mit dem Zweck »zum staatbürgerlichen Gebrauch«
(I 1,16). Die insgesamt 17 Bücher beschreiben die gesamte damals bekannte Welt
und sind (fast) vollständig überliefert. Strabon gehörte zwar nicht mehr ganz der
hellenistischen Epoche an, sondern wirkte vornehmlich in der Zeit des Augustus,
doch ist sein Werk nicht zuletzt deshalb von größter Bedeutung, weil in ihm die hel-
lenistische Geographie wie in einem Sammelbecken zusammenfließt. Zwar verfügt
er über ein beträchtliches Maß an Autopsie, doch stammt »das meiste« aus zweiter
Hand, wie er selbst eingesteht (II 5,11):

»Bei unserer Beschreibung werden wir uns teils auf eigene Reisen zu Land und zu Meer
stützen, teils auf mündliche und schriftliche Angaben anderer verlassen. Bereist haben
wir die Erde in westlicher Richtung von Armenien bis zur Gegend des Tyrrhenischen
Meeres gegenüber von Sardinien, in südlicher vom Schwarzen Meer bis zu den Gren-
zen Äthiopiens; und auch bei den anderen, die die Erde beschrieben haben, dürfte sich
keiner finden, der von den genannten Räumen viel mehr bereist hat als wir, sondern
diejenigen, die im Westen weiter gelangt sind, haben nicht soviel vom Osten berührt
und die, die in der entgegengesetzten Richtung weitergekommen sind, sind im Westen
zurückgeblieben; und ebenso ist es mit dem Süden und Norden. Das Meiste jedoch
haben sowohl jene als auch wir aus zweiter Hand …«

Unter den von ihm herangezogenen hellenistischen Geographen sind vornehmlich


Pytheas, Eratosthenes, Hipparchos, Artemidor und Poseidonios zu nennen, über
die er zumeist kritisch urteilt. Beispielsweise werden die Entdeckungen des Pytheas
54 V Die Geographie

ebenso abgelehnt wie die Theorien des Hipparchos oder Gliederung des Westrandes
der Oikumene bei Eratosthenes.
In Buch II 5 legt Strabon sein eigenes Erdbild dar, das trotz aller Kritik weitgehend
auf seinen Vorläufern Eratosthenes und Poseidonios beruht: Für den Erdumfang
übernimmt er die 252 000 Stadien des Eratosthenes (II 5,7), wie bei diesem ist die
Oikumene »gleich einer Insel rings vom Meer umflossen« (II 5,5) und besitzt eine
»mantelförmige Gestalt« (II 5,6). Die Erde besitzt nach seiner Ansicht eine Ausdeh-
nung von 70 000 Stadien in der Länge und 30 000 Stadien in der Breite (II 5,9): Sie ist
im Westen und Osten durch Spanien bzw. Indien begrenzt (II 5,9), im Norden durch
Lerne (Irland), im Süden (II 5,8) durch ein 3000 Stadien von Meroe (am Nil südlich
der Atbaramündung) entferntes Gebiet (etwa Khartum). Danach behandelt Strabon
das Problem, wie die Globusdarstellung der Erde des Krates von Mallos (2. Jh. v.)
auf eine Ebene übertragen werden kann, und entwirft eine »geographische Karte«
(»pinax tes geographias«) von »mindestens sieben Fuß Breite« mit einem rechtwinkli-
gen Koordinatensystem (II 5,10 C 116). Der Hauptteil des Werkes, die Bücher 3–17,
enthält eine ausführliche Beschreibung der damals bekannten Oikumene. In der
üblich gewordenen Reihenfolge schildert Strabon u. a. die Länder Spanien (B.  III)
Gallien, Britannien (Buch IV), Italien (B. V und VI), Nordeuropa (B. VII), Griechen-
land (B. VIII–X), Kleinasien (B. XI–XIV), Indien (B. XV), Mesopotamien (B. XVI),
Ägypten und Libyen (B. XVII) und kehrt anschließend zum Ausgangspunkt zurück.
Da er eine immense Fülle von topographischen, ethnographischen, historischen,
mythologischen und kulturgeschichtlichen Angaben überliefert, ist sein Werk für
alle Zweige der Altertumswissenschaft von unschätzbarem Wert.
VI Die Astronomie
VI Die Astronomie

VI Die Astronomie1

Es überrascht nicht, dass man in einer Epoche, in der die Geographie immer mehr
den Charakter einer Wissenschaft erhielt, auch über die Beziehungen der Erde zu
den Himmelskörpern nachdachte und dass nicht zuletzt dank der Blüte der Mathe-
matik auch die Astronomie einen großen Aufschwung erlebte. So ist es kein Zufall,
dass die bedeutendsten Mathematiker dieser Zeit, von denen das folgende Kapitel
handelt, nämlich Konon von Samos, Euklid von Athen, Archimedes von Syrakus und
Apollonios von Perge (alle 3. Jh. v.) auch astronomische Schriften verfassten: Konon
sammelte Sonnenfinsternisse in Ägypten (vgl. Sen. nat. quaest. VII 3,3. Catull 66,3)
und schrieb sieben (nicht erhaltene) Bücher de astrologia. Berühmtheit erlangte er
vor allem durch die Entdeckung des Sternbildes Locke der Berenike, das von Kalli-
machos in dem gleichnamigen Gedicht verherrlicht wurde: Dazu später Näheres.
Euklid verfasste Himmelserscheinungen (Phainomena), in denen er 16  Sätze der
Sphärik, speziell über die Aufgangszeiten der Zodiakos-Teile, zu beweisen suchte.
Archimedes verfertigte ein wassergetriebenes Planetarium, das er in einer verlore-
nen Schrift Über den Sphärenbau (Peri sphairopoiias) erläuterte. Cicero beschreibt
diese Konstruktion, die von Marcellus anlässlich der Eroberung von Syrakus 212 v.
nach Rom gebracht und öffentlich ausgestellt wurde (Tusc. disp. I 63 f. Vgl. de re
publ. I 21–22):

»Denn damit, dass Archimedes die Bewegungen des Mondes, der Sonne, der fünf Pla-
neten in seine Sphäre bannte, hat er erzielt, was jener Gott Platons tat, der im Timaios
die Welt erbaute, dass eine Umdrehung die nach Verlangsamung und Schnelligkeit ver-
schiedensten Bewegungen beherrschte. Wenn das in diesem Weltall ohne Gott nicht
geschehen kann, konnte auch Archimedes die gleichen Bewegungen nicht nachahmen
ohne göttlichen Geist.«

Apollonios von Perge (ca. 260–190 v.) war nach Ptolemaios (12,1) ein hervorra-
gender Astronom. Er wirkte unter Ptolemaios Philopator (221–205) am Museion
in Alexandria und erhielt den Beinamen Epsilon, weil er eine Theorie der Mond-
bewegung entwarf und weil die Mondsichel die Form eines ε hat. Auf ihn gehen
sowohl die Epizykel- als auch die Exzentertheorie zurück. Zur Erläuterung: Nach
der Epizykeltheorie beschreibt jeder Planet (und damit auch die Erde) einen kleinen
Kreis, Epizykel genannt, dessen Mittelpunkt jeweils einen größeren Kreis um den
Beobachter durchläuft; gemäß der Exzentertheorie ist es gerade umgekehrt: Der Pla-
net durchläuft einen großen Kreis, den Exzenter, dessen Mittelpunkt einen kleineren
Kreis um den Betrachter beschreibt.
Der berühmte Universalgelehrte Eratosthenes von Kyrene verfasste in den Ver-
stirnungen (Katasterismoi)2 »das erste griechische Verzeichnis der Sternbilder« (so

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_6, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
56 VI Die Astronomie

K. Geus) und behandelte die dazu gehörigen Sternsagen. Die Schrift selbst ist nicht
erhalten, doch existiert ein Auszug daraus aus dem 2. Jh. n.
Überhaupt sind von den hellenistischen Astronomen und ihren Werken nur
spärliche Fragmente überliefert; erhalten ist dagegen ein Werk, das nicht der Wis-
senschaft, sondern der Dichtung angehört, nämlich die Himmelserscheinungen
(Phainomena) des Aratos von Soloi (1. Hälfte 3. Jh. v.), die in der Beschreibung der
Sternbilder eng dem Eudoxos von Knidos (4. Jh.) folgen. Davon soll jedoch erst spä-
ter die Rede sein.
Den größten Ruhm unter den hellenistischen Astronomen erlangte Aristarchos
von Samos3 (ca. 310–230) bei der Nachwelt.
Von seinem Leben ist nur soviel bekannt, dass er nach Ptolemaios (III 1, p. 206
Heiberg) die Sommersonnenwende des Jahres 280 v. beobachtete. Aristarchos hielt
die Sonne für den Mittelpunkt der Welt und begründete somit das heliozentrische
Weltsystem. Die einfachste Formulierung seiner These findet sich bei Ps.-Plutarch
(de facie in orbe lunae 6, p. 923 A):

»Er lehrte nämlich, dass die Fixsternsphäre feststehe, die Erde aber sich in einem ge-
neigten Kreis um die Sonne und gleichzeitig um ihre eigene Achse drehe.«

Das Werk, in welchem dies geschah, ist verloren, doch referiert Archimedes von Sy-
rakus, ein Zeitgenosse des Aristarchos, in seiner König Gelon II. gewidmeten Schrift
Sandrechner (I 4 f. p. 218 Heiberg) die Hauptthese des Aristarchos ausführlicher als
Plutarch:

»Du weißt, dass die meisten Astronomen die Welt als eine Kugel bezeichnen, deren
Mittelpunkt im Zentrum der Erde liegt und dessen Radius der Größe des Sonnenab-
standes entspricht. Aristarchos von Samos dagegen gab eine Schrift mit gewissen
Hypothesen heraus, in welcher er aus den gemachten Voraussetzungen erschließt,
dass das Weltall viel größer ist, als eben von mir behauptet wurde. Er geht von der
Annahme aus, dass die Fixsterne und die Sonne unbeweglich bleiben, die Erde sich
aber auf einer Kreisbahn um die Sonne bewegt, die sich im Mittelpunkt befindet. Die
Fixsternsphäre, die denselben Mittelpunkt umwölbt, ist so groß, dass die Erdbahn zur
Fixsternsphäre dasselbe Verhältnis hat wie der Mittelpunkt einer Kugel zu deren Ober-
fläche.«

Dieser Text enthält die folgenden Aussagen, die ausdrücklich als Hypothesen be-
zeichnet werden:
• Nicht die Erde, sondern die Sonne steht im Mittelpunkt der Welt.
• Die Erde bewegt sich (ebenso wie die Planeten) in einer Kreisbahn um die Sonne.
• Die Erdbahn verhält sich zur Fixsternsphäre wie der Mittelpunkt einer Kugel zu
deren Oberfläche.
Letztere ist eine merkwürdige Formulierung, die denn auch von Archimedes kriti-
siert wird. Er weist nämlich darauf hin, dass das Verhältnis zweier Strecken zuein-
ander nicht mit dem Verhältnis zwischen einem Punkt und einer Fläche verglichen
werden kann. In Wahrheit ist der Vergleich bildhaft und besagt lediglich, dass die
Erdbahn, verglichen mit der Ausdehnung des Fixsternhimmels, eine quantité négli-
VI Die Astronomie
VI Die Astronomie 57

geable ist. Auf welche Weise Aristarchos diese Thesen im Einzelnen begründet hat,
lässt sich nicht mehr nachvollziehen: Offensichtlich glaubte er, durch die Ablehnung
der Epizykel- und Exzentertheorie »die Phänomene zu retten.« So steht es auch in
der unten zitierten Plutarchstelle. Immerhin ein Argument ist noch zu erkennen,
nämlich die alte Weisheit, dass dem Würdigeren auch der würdigere Platz gebühre.
Bezogen auf den Umlauf der Erde um die Sonne heißt dies, dass die Sonne nach
Aristarchos viel größer ist als die Erde: In der überlieferten Abhandlung Über die
Größe und Entfernung von Sonne und Mond ermittelte Aristarchos zwei Grenzwerte
für das Verhältnis der Durchmesser von Sonne und Erde, nämlich 19:3 (6:1/3) bzw.
43:6 (7:1/6). Daraus folgerte er, dass das Volumen der Sonne ca. 300 mal größer ist
als das der Erde. Entsprechend erschien es widersinnig, einen wesentlich größe-
ren Himmelskörper um einen kleineren kreisen zu lassen. Nur nebenbei: Die von
Aristarchos angenommenen Größenverhältnisse gehen völlig an der Wirklichkeit
vorbei: Denn der Durchmesser der Sonne beträgt ca. 110 Erddurchmesser, ihr Vo-
lumen aber entspricht ca. 333–434 Erdvolumina.
Das heliozentrische Weltbild findet sich in der Folgezeit lediglich bei Seleukos
von Seleukeia. Dieser ging offenbar noch einen Schritt weiter: Er lieferte Beweise
für das heliozentrische System, während es Aristarchos als Hypothesen bezeichnete.
In diesem Sinne heißt es bei Plutarch (mor. 1006 C):

»Muss man die Erde, die sich herumwindet um die das Ganze durchziehende Achse,
als nicht stillstehend und verbleibend, sondern als rotierend und sich drehend denken,
wie Aristarchos und Seleukos dargelegt haben? Aristarchos hat es nur als Hypothese
angenommen, Seleukos aber hat es bewiesen.«

Gegen Aristarchos erhob sich bald heftiger Widerspruch, wie ebenfalls bei Plutarch
(mor. 923 A) nachzulesen ist. Dort heißt es über den Stoiker Kleanthes aus Assos,
der 262 v. dem Zenon in der Leitung der Stoa folgte:

»Verwickle uns nur nicht in eine Anklage wegen Gottlosigkeit (asébeia), wie einst
Kleanthes die Griechen gegen Aristarchos von Samos zur Anklage wegen Gottlosigkeit
aufforderte, weil dieser den Mittelpunkt der Welt (d. h. die Erde) in Bewegung versetze,
um wie er behauptet, die Phänomene zu retten (ta phainomena sozein). Er lehrte näm-
lich, die Fixsternsphäre stehe fest, die Erde aber bewege sich in einem geneigten Kreise
(um die Sonne) und drehe sich gleichzeitig um ihre eigene Achse.«

Das heliozentrische System des Aristarchos bzw. Seleukos setzte sich nicht durch,
vielmehr traten die späteren Astronomen für das geozentrische Weltbild ein. Dies
galt besonders für Hipparchos von Nikaia (2. Jh. v.) und Klaudios Ptolemaios
(2. Jh. n.), dessen geozentrisches Weltbild bis weit in die Neuzeit hinein verbindlich
blieb. Die Gründe für die Ablehnung des heliozentrischen Weltbildes finden sich
bereits bei Aristoteles, De caelo und bei Ptolemaios im Almagest (I 7) und klingen
durchaus plausibel:4
• Wenn die Erde sich bewegte, müssten die Fixsterne veränderliche Abstände und
Positionen aufweisen. Es wurde bereits dargelegt, wie enorm Aristarchos den
Kosmos ausdehnte musste, um dieses Argument zu entkräften. In Parenthese: Erst
58 VI Die Astronomie

1838 gelang es Fr. W. Bessel mit Hilfe eines riesigen Teleskopfernrohrs, eine Pa-
rallaxe nachzuweisen. Sie beträgt im Falle des nächstgelegenen Fixsterns im Stern-
bild des Schwans den verschwindend geringen Wert von 0,31 Bogensekunde – ein
Grad besteht bekanntlich aus 3600 Bogensekunden!
• Alle irdischen Körper streben in freiem Fall zum Mittelpunkt der Erde hin. Die
›natürliche Bewegung‹ im Sinne des Aristoteles ist also eine geradlinige Bewegung
zu einem Zielpunkt hin. Es klingt vernünftig, dasselbe auch für die Erde als Gan-
zes anzunehmen. Sie wird sich also nicht im Kreis bewegen, sondern zu einem
festen Punkt hinstreben und, dort angelangt, in Ruhe verharren.
• Es erscheint wenig glaubhaft, dass die aus feinster Materie bestehenden Sterne
keine Bewegung hätten, hingegen die schwere Erde sich schnell bewegen würde.
• Nach Ptolemaios müsste alles, was nicht auf der Erde befestigt ist, zum Beispiel
Wolken und fallende Gegenstände, sich ebenfalls bewegen. Besonders dieses Ar-
gument war schwer zu widerlegen, solange man das Trägheitsgesetz nicht kannte.
Bekanntlich stellte erst Nikolaus Kopernikus (1473–1543) in seinem 1543 erschie-
nenen Hauptwerk De revolutionibus orbium caelestium das Ptolemaiische System in
Frage und sprach sich für das heliozentrische Weltbild aus. Eine der berühmtesten
und meistzitierten Passagen aus diesem Werk lautet folgendermaßen:5

»In der Mitte von allen aber residiert die Sonne (In medio vero omnium residet Sol).
Denn wer wollte diese Leuchte in diesem wunderschönen Tempel an einen anderen
oder besseren Ort setzen als dorthin, von wo sie das Ganze zugleich beleuchten kann?
Zumal einige sie nicht unpassend das Licht, andere die Seele, noch andere den Lenker
der Welt nennen. Trismegistos bezeichnet sie als den sichtbaren Gott, die Elektra des
Sophokles als den Allessehenden. So lenkt in der Tat die Sonne, auf dem königlichen
Thron sitzend, die sie umkreisende Familie der Gestirne.«

Dabei stellt sich zwangsläufig die Frage nach antiken Vorläufern. Dazu äußert sich
Kopernikus im Vorwort zu De revolutionibus folgendermaßen (in Klammern füge
ich die ungefähre Lebenszeit der Vorgänger sowie die genauen Stellenangaben
hinzu):

»Daher machte ich mir die Mühe, die Bücher aller Philosophen, derer ich habhaft wer-
den konnte, von neuem zu lesen, um nachzusehen, ob nicht irgendeiner einmal die An-
sicht vertreten hätte, die Bewegungen der Sphären seien anders geartet, als diejenigen
annehmen, die in den Schulen die mathematischen Wissenschaften gelehrt hätten.
Da fand ich zuerst bei Cicero (acad. prior. III 39, 123), dass Hiketas (so die korrekte Na-
mensform anstelle von Niketas bei Kopernikus, 4. Jh.!) geglaubt habe, die Erde bewege
sich. Sodann fand ich bei Plutarch (in Wirklichkeit Ps.-Plutarch = Aetius III 13,1–3), dass
einige ebenfalls dieser Meinung gewesen seien. Seine Worte will ich, um sie allen vor-
zulegen, hier anführen: ›Andere glauben, die Erde stehe still, der Pythagoreer Philolaos
(5. Jh. v.) aber behauptet, sie bewege sich um das zentrale Feuer in einem geneigten
Kreise ähnlich wie die Sonne und der Mond. Herakleides Pontikos und der Pythagoreer
Ekphantos (beide 4. Jh. v.) lassen die Erde zwar nicht fortschreitend, aber doch nach Art
eines Rades sich, eingegrenzt zwischen Niedergang und Aufgang (sc. der Sonne), um
ihren eigenen Mittelpunkt bewegen.‹
VI Die Astronomie
VI Die Astronomie 59

Von hier also Anstoß nehmend, fing ich an, über die Beweglichkeit der Erde nachzuden-
ken. Und obgleich die Ansicht widersinnig schien, so tat ich es doch, weil ich wusste,
dass schon anderen vor mir die Freiheit vergönnt gewesen war, beliebige Kreisbe-
wegungen zur Erklärung der Erscheinungen der Gestirne anzunehmen. Ich war der
Meinung, dass es mir wohl erlaubt wäre zu versuchen, ob unter der Voraussetzung
irgendeiner Bewegung der Erde zuverlässigere Deutungen für die Kreisbewegung der
Weltkörper gefunden werden könnten als bisher.«

Der folgende Passus ist im Manuskript durchgestrichen (fol. 11 v) und findet sich
daher nicht in der Druckfassung (vgl. Abb. 10):

»Und obwohl zugegeben werden muss, dass die Bahn der Sonne und des Mondes auch
bei Annahme einer ruhenden Erde hinreichend genau bestimmt werden kann, trifft
dies doch bei den übrigen Planeten nicht in gleichem Maße zu. Es ist glaubwürdig, dass
aus diesen oder ähnlichen Gründen Philolaos die Beweglichkeit der Erde angenommen
habe; auch meinen einige, Aristarchos von Samos sei derselben Meinung gewesen,
ohne sich von den Gegenargumenten des Aristoteles beeindrucken zu lassen.«

Abb. 10 Streichung des Namens Aristarchos bei Kopernikus: Manuskript des Kopernikus,
de revolutionibus orbium caelestium, fol 11 v.
60 VI Die Astronomie

Einige Bemerkungen zu diesen Ausführungen:


• Kopernikus nennt hier seine Vorgänger, doch nahmen diese zumeist eine ander-
sartige Bewegung der Erde an als den von ihm postulierten Umlauf um die Sonne:
Philolaos war der Ansicht, dass Erde und Gegenerde sich um das Zentralfeuer
bewegen, Herakleides Pontikos vertrat die These, dass sich die Erde um ihre Achse
dreht und dass Venus und Merkur die Sonne umkreisen.
• Auffallend ist der vorsichtige Ton, in welchem sich Kopernikus über seine Vorläu-
fer äußert und in welchem er seine eigene These darlegt.
• Rätselhaft bleibt die Eliminierung des Aristarchos im Manuskript und seine
Nichterwähnung in der Druckfassung des Kopernikus. Da Aristarchos mit der
Annahme einer doppelten Bewegung der Erde um die Sonne und um die eigene
Achse als der eigentliche Vorläufer des Kopernikus zu gelten hat, darf man anneh-
men, dass dieser die Thesen des Aristarchos gekannt und seinen Namen bewusst
verschwiegen hat.
Ein Wort zur Akzeptanz bzw. Ablehnung des heliozentrischen Systems des Aristar-
chos/Kopernikus in der Folgezeit.
Die katholische Kirche war der neuen Lehre gegenüber zunächst durchaus auf-
geschlossen. Das Werk des Kopernikus war Papst Paul III. aus dem Hause Farnese
(1534–1549) gewidmet, der offenbar an der neuen These keinen Anstoß nahm.
Kopernikus sicherte nämlich seine Widmung vorsichtig und diplomatisch ab: »Es
scheint mir, dass die Kirche aus meinen Arbeiten einigen Nutzen ziehen kann. War
doch unter Leo X. die Verbesserung des Kalenders (sc. im Jahr 1514) nicht möglich,
weil die Größe des Jahres und die Bewegung der Sonne und des Mondes nicht genau
bestimmt waren. Ich habe versucht, diese näher zu bestimmen. Was ich darin geleis-
tet habe, überlasse ich dem Urteil Eurer Heiligkeit und der gelehrten Mathematiker.«
Tatsächlich fand die Kalenderreform dann im Jahr 1582 durch Gregor XIII. statt.
Erst viel später bezog die katholische Kirche eine ablehnende Haltung gegenüber
dem heliozentrischen System: Im Jahr 1616 wurde das Buch des Kopernikus auf den
Index librorum prohibitorum gesetzt und erst 1835 wieder entfernt. Im Jahr 1632 ver-
öffentlichte Galileo Galilei (1554–1642) die Abhandlung Dialogo sopra i due massimi
sistemi del mondo, tolemaico e copernicano (Dialog über die beiden hauptsächlichen
Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische). Dort trat er entschieden
für das kopernikanische System ein. Ein Jahr später widerrief er in einem Inquisi-
tionsprozeß vor dem sacrum officium diese These mit den Worten:6 »Es war mir
von diesem Heiligen Offizium von Rechts wegen die Vorschrift auferlegt worden,
dass ich völlig die falsche Meinung aufgeben müsse, dass die Sonne der Mittelpunkt
ist, und dass sie sich nicht bewegt, und dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt
ist, und dass sie sich bewegt. Es war mir weiter befohlen worden, dass ich diese
falsche Lehre nicht vertreten dürfe, weder in Wort noch in Schrift. Es war mir auch
erklärt worden, dass jene Lehre der Heiligen Schrift zuwider sei. Trotzdem habe ich
ein Buch geschrieben und zum Druck gebracht, in dem ich jene bereits verurteilte
Lehre behandle und in dem ich mit viel Geschick Gründe zugunsten derselben bei-
bringe, ohne jedoch zu irgendeiner Entscheidung zu gelangen. Daher bin ich der
Ketzerei in hohem Maße für verdächtig befunden worden, darin bestehend, dass
ich die Meinung vertreten und geglaubt habe, dass die Sonne Mittelpunkt der Welt
und unbeweglich ist, und dass die Erde nicht Mittelpunkt ist und sich bewegt. Ich
VI Die Astronomie
VI Die Astronomie 61

möchte mich nun vor Euren Eminenzen und vor jedem gläubigen Christen von
jenem schweren Verdacht, den ich gerade näher bezeichnete, reinwaschen. Daher
schwöre ich mit aufrichtigem Sinn und ohne Heuchelei ab, verwünsche und ver-
fluche ganz jene Irrtümer und Ketzereien und darüber hinaus ganz allgemein je-
den irgendwie gearteten Irrtum, Ketzerei oder Sektiererei, die der Heiligen Kirche
entgegen ist. Ich schwöre, dass ich in Zukunft weder in Wort noch in Schrift etwas
verkünden werde, das mich in einen solchen Verdacht bringen könnte. Wenn ich
aber einen Ketzer kenne, oder jemanden der Ketzerei verdächtig weiß, so werde ich
ihnen diesem Heiligen Offizium anzeigen oder ihn dem Inquisitor oder der kirch-
lichen Behörde meines Aufenthaltsortes angeben.«
Es besteht kein Zweifel darüber, dass es sich dabei um einen Meineid Galileis han-
delte und dass sich auch die Richter, welche ihn zum Widerruf gezwungen hatten,
der Verlogenheit dieses Schwures bewusst waren. Niemand im Raum, in welchem
das Inquisitionsgericht tagte, konnte ehrlicherweise der Meinung sein, dass Galileo
Galilei »immer geglaubt habe, und auch gegenwärtig glaube und in Zukunft glauben
werde«, dass die Erde im Weltall feststeht und Sonne, Mond und Sterne sich um sie
als Mittelpunkt bewegen. Diese Absurdität wird auch durch den allgemein bekann-
ten Ausspruch bezeugt, der selbst für den Fall seiner Nichthistorizität die Situation
hervorragend trifft: Eppur si muove (»Und sie bewegt sich doch«). Erst Jahrhunderte
später, nämlich 1991 erfolgte die Rehabilitierung Galileis durch Papst Johannes
Paul II. und noch 2008 betonte Papst Benedikt XVI., dass die Verurteilung Galileis
zu Unrecht erfolgt sei.
Im Unterschied zum Katholizismus reagierte die evangelische Kirche sogleich mit
Ablehnung, ja Empörung:7 Philipp Melanchthon, der im Jahr 1540 von der helio-
zentrischen Lehre Kenntnis erhielt, forderte sogar staatliche Maßnahmen gegen Ko-
pernikus: »Es gibt da Leute, die glauben, es sei ein hervorragender Fortschritt, eine
so absurde Behauptung zu verfechten wie dieser sarmatische (= polnische, K. M.)
Astronom, der die Erde bewegt und die Sonne anheftet. Wahrlich, kluge Herrscher
sollten die Frechheit des Geistes zügeln.« Nach der Lektüre von De revolutionibus
bemerkt er in den Initia doctrinae physicae (Anfangsgründen der physikalischen Wis-
senschaft) von 1549: »Die Augen sind Zeugen, dass sich der Himmel in 24 Stunden
umdreht. Doch gewisse Leute haben entweder aus Neuerungssucht, oder um ihre
Klugheit zu zeigen, geschlossen, dass sich die Erde bewegt. Sie behaupten, dass sich
weder die achte Sphäre noch die Erde dreht. Doch es zeigt einen Mangel an Ehre und
Geschmack, solche Vorstellungen öffentlich zu äußern, das Beispiel ist gefährlich. Es
ist Pflicht eines guten Christen, die Wahrheit, wie sie von Gott offenbar wurde, zu
akzeptieren und auf sie zu vertrauen.« Noch lange nach dem Tod des Kopernikus
bekämpfte er »die neuen, bösen und gottlosen Meinungen«. Auch Luther verhielt
sich ablehnend und sprach vom »Narren Kopernikus«. Tycho Brahe (1546–1601),
der Lehrer Keplers, meinte: »Die träge dicke Erde ist zu den ihr von Kopernikus zu-
geschriebenen Bewegungen viel zu ungeschickt.« Und Johannes Calvin bemerkte in
seinem Kommentar zur Genesis: »Wer wird es wagen, die Autorität des Kopernikus
über die des heiligen Geistes zu stellen?«
Die Ablehnung des heliozentrischen Systems gründet sich tatsächlich vornehm-
lich auf die Bibel. Zwei Aussagen des Alten Testaments sprechen nämlich eindeutig
dagegen:
62 VI Die Astronomie

• Im Buch Josua (Kap. 10,12) ist zu lesen: »Damals, als der Herr die Amoniter den
Israeliten preisgab, redete Josua mit dem Herrn; dann sagte er in Gegenwart der
Israeliten: ›Sonne, bleib stehen über Gibeon und du, Mond, über dem Tal von Aja-
lon’‹. Und die Sonne blieb stehen, und der Mond stand still, bis das Volk von Israel
an seinen Feinden Rache genommen hatte.«
• Im Prediger Salomo (1, 4–5) findet sich die Stelle: »Ein Geschlecht vergeht, das
andere kommt, die Erde aber ruht auf ewig. Die Sonne geht auf und geht unter und
läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe.«
Die tieferen Gründe für die Einstellung der Kirche finden sich bei Goethe in den
Materialien zur Geschichte der Farbenlehre von 1810. Dort heißt es: »Unter allen
Entdeckungen und Überzeugungen möchte nichts eine größere Wirkung auf den
menschlichen Geist hervorgebracht haben als die Lehre von Kopernikus. Kaum
war die Welt als rund anerkannt und in sich selbst angeschlossen, so sollte sie auf
das ungeheure Vorrecht verzichten, der Mittelpunkt des Weltalls zu sein. Vielleicht
ist noch nie eine größere Forderung an die Menschheit geschehen; denn was ging
nicht alles durch diese Anerkennung in Dunst und Rauch auf: ein zweites Paradies,
eine Welt der Unschuld, Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis der Sinne, die
Überzeugung eines poetisch religiösen Glaubens; kein Wunder, dass man dies alles
nicht wollte fahren lassen, dass man sich auf alle Weise einer solchen Lehre entge-
gensetzte, die denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher unbekannten Denkfreiheit
und Großheit der Gesinnungen berechtigte und aufforderte.«
Und noch deutlicher ist die folgende Feststellung M. Wörners:8 »In der Konse-
quenz des kopernikanischen Weltsystems wird aus einer Erde, die feststeht und
das Zentrum der Weltordnung bildet, ein rotierender Planet im Banne der Sonne,
der mitsamt seinen Bewohnern vor dem Hintergrund eines unendlichen Univer-
sums zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsinkt. Mit Kopernikus beginnt die Neu-
zeit.«
Nach diesem Exkurs kehre ich zu Aristarchos, dem Initiator des heliozentri-
schen Systems, zurück. Von ihm stammt auch die Frühschrift mit dem Titel Über
die Entfernung und Größe der Sonne und des Mondes, die als einziges seiner Werke
erhalten ist. Dort berechnete er die mittlere Entfernung des Mondes von der Erde
auf 33,5 Erddurchmesser. Da letzterer nach seiner Auffassung ca. 12 750 km betrug,
ergab sich eine Entfernung von ca. 427 500 km – ein durchaus beachtlicher Wert,
wenn man bedenkt, dass die mittlere Entfernung der Erde zum Mond bei 384 000 km
liegt! Die Distanz zwischen Erde und Sonne ergab sich ihm dank einer glänzenden
mathematischen Idee. Bei Halbmond (so seine Beobachtung) bilden Erde, Mond
und Sonne einen rechten Winkel. Wenn man den Winkel w kennt, dann kann man
die Hypotenuse dieses rechtwinkligen Dreiecks, sprich: die Entfernung der Erde von
der Sonne ermitteln, da die Entfernung Erde-Mond bereits berechnet war. Aristar-
chos nahm einen Winkel w von 87 Grad an, weshalb er die Distanz Erde-Sonne im
Vergleich zur Entfernung Erde-Mond auf 19:1 veranschlagte (vgl. Abb. 11).
In Wirklichkeit beträgt der Winkel jedoch 89 Grad und 51 Minuten, woraus sich
ein Verhältnis von 380:1 ergibt. So erklärt es sich, dass Aristarchos einen viel zu
geringen Wert von ca. 8 Millionen km für die Entfernung Erde-Sonne annahm: In
Wirklichkeit beträgt sie ca. 150 Millionen km.
Hipparchos von Nikaia in Bithynien9 (ca. 190–120 v.) war der zweite äußerst be-
VI Die Astronomie
VI Die Astronomie 63

87°

Abb. 11 Entfernung Erde-Sonne nach Aristarchos

deutende Astronom in hellenistischer Zeit. Seine von Ptolemaios zitierten Äquinok-


tien liegen zwischen 162 und 128 v. und fanden auf Rhodos statt. Er wurde bereits
als herausragender Geograph und überzeugter Anhänger des geozentrischen Welt-
bildes erwähnt. Hipparchs Werke, die er in der Aufzeichnung der eigenen Schriften
(anagraphe ton idion syntagmaton) selbst zusammengestellt hat, basieren auf eigenen
Beobachtungen und kritischen Urteilen über die Vorgänger. Seine hauptsächlichen
Leistungen auf dem Gebiet der Astronomie sind die folgenden:

• Er verfasste einen kritischen Kommentar zu den Himmelserscheinungen des Ara-


tos von Soloi (zu ihm unten S. 112–115), der seinerseits Eudoxos von Knidos
zugrunde gelegt hatte. Dabei korrigierte er deren Fehler in der Beschreibung der
Sternbilder und ihrer Lage zueinander. Weiterhin verbesserte er die Irrtümer die-
ser Autoren, soweit sie den Auf- und Untergang der Sterne betrafen. Am Ende
stand ein ausführlicher Fixsternkatalog. Dazu bemerkt Plinius (n. h. II 24,95):
»Er wagte es sogar etwas, was sogar für einen Gott schwer sein dürfte, nämlich für die
Nachkommen die Sterne zu zählen und sie mit Namen zu nennen.«

Es handelte sich um ein Verzeichnis von etwa 800 Fixsternen, das teilweise von
Ptolemaios im 7. und 8. Buch des Almagest übernommen, jedoch auf ca. 1000
Sterne erweitert worden ist. Um eine Vorstellung von diesem Register zu geben,
sei der Anfang bei Ptolemaios zitiert:
»Hipparchs Aufzeichnungen über die Sterne des Tierkreises lauten wie folgt: KREBS:
Der Stern in der südlichen Schere des Krebses (a), der diesem und dem Kopf der Was-
serschlange vorangehende glänzende (b) und der glänzende von den Sternen des Klei-
nen Hundes (a Procyon) liegen nahezu auf einer Linie, denn der mittlere von ihnen
(b) weicht von der durch die beiden äußeren Sterne gezogenen Linie nur um 1 ½   Finger
nordöstlich (?) ab, während die Abstände gleich groß sind. LÖWE: 1. Von den vier Ster-
64 VI Die Astronomie

nen im Kopf des Löwen (m, e, k, l) liegen die beiden östlichen (m, e) auf einer Linie mit
dem Stern im Ansatz des Nackens der Wasserschlange (o Hydriae).«

Das Verfahren des Hipparchos bestand hauptsächlich in dem Nachweis, welche


Sterne durch eine gerade Linie oder durch ein Dreieck miteinander verbunden
sind. Er verzeichnete dabei die Winkelabstände von dieser Linie, nicht aber die
der Sterne voneinander. Ein weiteres Mittel der Bestimmung bestand in der An-
gabe von deren Helligkeit: »hell«, »glänzend« usw. Für die modernen Astronomen
war es nicht immer einfach, ja ist es manchmal bis heute unmöglich, die Sterne
nach der Beschreibung des Hipparchos zu identifizieren, während sich Ptole-
maios auf der vorangehenden, einleitenden Seite zu der Feststellung berechtigt
fühlt:
»Dass nun bis auf den heutigen Tag keinerlei Veränderung in der Stellung der Fixsterne
zueinander eingetreten ist, sondern die zu Hipparchos’ Zeiten beobachteten Figura-
tionen auch heute noch unverändert dieselben sind, wird jedem klar werden, der Lust
hat, dies nachzuprüfen.«

• Hipparchos berechnete die Länge des synodischen Mondumlaufs, d. h. die Zeit-


spanne von einem Vollmond zum nächsten. Er kam dabei auf 29 Tage, 12 Stunden
und 44 Minuten. Dies bedeutet eine minimale Abweichung von dem wirklichen
Wert.

• Hipparchos bestimmte die exakte Dauer eines Jahres:


»Das Jahr ist die Zeit, in welcher die Sonne von einer Wende wieder zu derselben ge-
langt oder von einer Nachtgleiche bis wieder zu derselben. Es umfasst 365¼ Tage we-
niger ca. 1/300. eines Tages und einer Nacht.«

Das Jahr umfasst demnach 365 ¼ Tage minus 1440:300 = 4,8 Minuten. Auch
bei dieser Berechnung ist die Abweichung von der exakten Dauer sehr gering:
In Wirklichkeit sind es 365 ¼ Tage minus 11 Minuten und 4 Sekunden, was in
128 Jahren einen vollen Tag ausmacht: Diese Differenz führte 1582 zu der Kalen-
derreform durch Papst Gregor XIII.

• Die Entdeckung der Präzession. Darunter versteht man die Drehbewegung, die
der Erdachse durch die Gravitationskräfte von Sonne und Mond sowie in gerin-
gerem Maße durch die Planeten aufgezwungen wird. Dahinter steckt die Beob-
achtung, dass die Erdachse nicht feststeht, sondern leicht schwankt: Sie beschreibt
gewissermaßen einen Kreisel, der ganz leicht trudelt. In einem Jahr macht die
Veränderung ca. 50 Winkelsekunden aus, d. h. in 72 Jahren einen vollen Grad und
mithin in 72x360 = 25 920 Jahren einen ganzen Kegel. Hipparchos ging von einem
etwas geringeren Wert aus, nämlich von 45 Winkelsekunden pro Jahr und damit
von einer Gesamtdauer von ca. 29 000 Jahren. Interessant ist seine Herangehens-
weise, die Ptolemaios im Almagest (7,2) so beschreibt:
VI Die Astronomie
VI Die Astronomie 65

»In der Schrift Über die Veränderung der Sonnenwende und Äquinoktienpunkte ge-
langte nämlich Hipparchos durch Vergleichung von Mondfinsternissen, die zu seiner
Zeit beobachtet wurden, mit solchen, welche früher von Timocharis beobachten wor-
den waren (Es handelt sich um einen Astronomen, der etwa 160 Jahre vor Hipparchos
lebte, K. M.), zu dem Ergebnis, dass die Spika, ein Stern im Sternbild der Jungfrau, von
dem Herbstäquinoktienpunkt von Ost nach West gemessen, zu seiner Zeit sechs Grad,
zu Timochares Zeit dagegen nahezu acht Grad entfernt stand.«

• Eine weitere bedeutende Leistung des Hipparchos war die Entdeckung eines
neuen Himmelskörpers im Jahr 134 v. Er beobachtete als erster europäischer As-
tronom (in China erfolgte fast zur gleichen Zeit eine ähnliche Entdeckung) das
Erscheinen eines jener Gestirne, die heute als (Stellae) Novae = »Neue (Sterne)«
bezeichnet werden. Dieser Name geht auf den dänischen Astronomen Tycho
Brahe, den Lehrer Keplers, zurück, der 1572, also mehr als 1700 Jahre nach Hipp-
archos, im Sternbild Kassiopeia einen außerordentlich hellen Stern entdeckte, den
vor ihm noch niemand beobachtet hatte. Eine Nova ist ein veränderlicher Stern,
dessen Helligkeit durch einen plötzlichen Lichtausbruch innerhalb weniger Tage
um das Millionenfache zunimmt. Die Novae bilden keine Seltenheit. Allein in der
Milchstraße treten jährlich zwischen 20–30 solcher Sterne auf. Durch die Entde-
ckung des Hipparchos wurde die Vorstellung des Aristoteles von der Unveränder-
lichkeit des Fixsternhimmels widerlegt. Hipparchos zog daraus die Konsequenz,
der Nachwelt einen möglichst umfassenden und vollständigen Fixsternkata-
log zu hinterlassen, der es ermöglichte, künftige Veränderungen leicht festzu-
stellen.

• Hipparchos war der erste griechische Astrologe und somit ein bedeutender Vor-
läufer von Johannes Kepler und Tycho Brahe. Er übernahm von den Babyloniern
die Vorstellung, »dass die Sterne mit den Menschen verwandt und unsere Seelen
ein Ausfluss des Himmels seien« (so Plin. n. h. II 95). Die frühesten erhaltenen
Horoskope auf Papyrus wurden für Personen erstellt, die in der zweiten Hälfte
des 1. Jh. v. geboren wurden. Demnach bestimmt die Konstellation der Gestirne
in der Geburtsstunde das Schicksal des Einzelnen. Im 1. Jh. findet die Astrologie
eine Stütze in den Häuptern der Stoa, und zwar besonders in der Symapthielehre
des Poseidonios.

Als Ergebnis dieser Ausführungen lässt sich feststellen: Die hellenistische Zeit war
reich an spektakulären und zukunftsweisenden Erkenntnissen und Entdeckungen
auf dem Gebiet der Astronomie: Aristarchos von Samos und Hipparchos von Ni-
kaia waren zwei Astronomen, deren Bedeutung für die Zukunft nicht hoch genug
einzuschätzen ist.
VII Die Mathematik und Physik
VII Die Mathematik und Physik

VII Die Mathematik und Physik1

Die hellenistische Mathematik ist quellenmäßig gut dokumentiert und stellt nach
G. E. R. Lloyd2 die vielleicht größte Leistung der griechischen Wissenschaft dar. Sie
erreichte im 3. Jh. v. »einen Höhepunkt, der erst in der Neuzeit überschritten wurde«
(J. L. Heiberg). Dies ist vornehmlich vier Mathematikern zu verdanken, denen die
folgenden Ausführungen gelten, nämlich Eukleides/Euklid, Archimedes aus Syra-
kus, Konon von Samos und Apollonios aus Perge.
Eukleides/Euklid3 ist mit Recht als »Mathematiklehrer aller Völker und Genera-
tionen« bezeichnet worden. Was sein Leben betrifft, so kennt man weder Geburtsort
noch Geburts- bzw. Todesjahr und weiß nur, dass er um 300 v. unter dem ersten
Ptolemaier in Alexandria gewirkt hat (vgl. Pappos Collectio II 33–34) und »älter als
Eratosthenes und Archimedes« (so Proklos, Komm. Zu Euklid I, p. 68,6–20 Fried-
lein) gewesen ist. Die Anekdote erzählt, dass Euklid auf die Frage des ersten Pto-
lemaiers, ob es denn keinen anderen Zugang zur Geometrie gebe als das Lehrbuch
des Meisters, geantwortet haben soll: »Majestät, in der Mathematik gibt es keinen
Königsweg« (vgl. Proklos. a. a. O., Stobaios II 2). Ein beträchtlicher Teil seiner (aus
antiken Verzeichnissen bekannten) Werke ist erhalten, darunter als weitaus bedeu-
tendstes das mathematische Lehrbuch mit dem Titel Elemente (Stoicheia). Es zählt,
wie man ohne Übertreibung sagen darf, zu den wirkungsvollsten, meistkommen-
tierten und -übersetzten Werken der Weltliteratur und wurde in manchen Ländern,
z. B. England, Schweden und Russland, bis ins beginnende 20. Jh. als Schulbuch ver-
wendet.
Bei den Elementen handelt es sich zudem um »das älteste erhaltene Lehrbuch der
Antike« (so B. Seidensticker). Für die Forschung besteht das Hauptproblem in der
Frage, inwieweit es eine eigenständige Leistung Euklids darstellt oder eine Zusam-
menfassung des mathematischen Wissens bietet, das sich bis zu seiner Zeit angehäuft
hatte. In der Moderne geht man im Allgemeinen von der zweiten Annahme aus und
analysiert die Schrift speziell unter dem Blickwinkel, was Euklid von vorangehen-
den Mathematikern, wie z. B. Theaitetos aus Athen (ca. 414–368 v.) oder Eudoxos
aus Knidos (ca. 391–338 v.), übernommen hat. Der Titel des Werkes ist program-
matisch: Das Wort stoicheia bezeichnet ursprünglich die »Buchstaben« des Alpha-
bets. Auf die Mathematik übertragen, heißt dies: So wie ein Wort aus Buchstaben
zusammengesetzt ist, so sollen auch Geometrie und Arithmetik aus Buchstaben,
d. h. aus einfachsten Bestandteilen, aufgebaut werden. Genauer: Die Buchstaben der
Geometrie sind elementare Sätze, nämlich Definitionen (»Ein Punkt ist, was keine
Teile hat«), Postulate (»Dass alle rechten Winkel einander gleich sind«) und Axiome
(»Wenn von Gleichem Gleiches weggenommen wird, sind die Reste gleich«), aus denen
deduktiv weitere Sätze abgeleitet werden, welche die Form von »Aufgaben« (proble-
mata) oder »Lehrsätzen« (theoremata) haben. Bei ersteren wird eine Aufgabe gestellt,

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_7, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
68 VII Die Mathematik und Physik

gelöst und bewiesen, dass sie gelöst ist, bei letzteren eine Behauptung formuliert und
demonstriert, dass sie wahr ist. Die so erzielten Lösungen und Lehrsätze werden für
weitere Beweise verwendet.
Zum Inhalt und Aufbau der Stoicheia: Buch 1–4 behandeln die ebene Trigono-
metrie (Planimetrie), Buch 5–6 die Proportionenlehre, Buch 7–10 die Arithmetik
(Algebra), Buch 11–13 die Stereometrie, Buch 14–15 (die offenbar nicht von Euklid
stammen), beinhalten regelmäßige Körper. Das Werk ist mustergültig in Anlage und
Aufbau, leicht verständlich und hervorragend unter didaktischem Aspekt. Nicht zu-
letzt diese Vorzüge erklären das enorme Nachleben.
Am Ende dieser Ausführungen steht eine moderne Würdigung des Mathemati-
kers Euklid, nämlich die des englischen Philosophen Betrand Russel (1872–1970).
Er schreibt: »Im Alter von elf Jahren beschäftigte ich mich erstmals mit Euklid, wo-
bei mein Bruder mein Mentor war. Dies war eines der größten Erlebnisse in meinem
Leben, genauso faszinierend wie die erste Liebe. Ich hatte es mir nicht vorstellen
können, dass so etwas Herrliches auf der Welt existieren könnte. Hier dämmerte es
mir zum ersten Mal, dass ich über eine gewisse Intelligenz verfügte.« Russell, der
1950 den Nobelpreis für Literatur erhielt, ist denn auch ein hervorragendes Beispiel
für den Einfluss, den Euklid auf die Modernen ausübte: Er versuchte als Philosoph,
die Mathematik auf der Logik aufzubauen und schuf damit die Grundvorausset-
zungen für die mathematische Logik. Sein Hauptwerk, Die Principia mathematica
von 1910–1913, die er zusammen mit A. N. Whitehead verfasste, legen hierfür be-
redtes Zeugnis ab: Die Philosophie Russels basiert auf der Annahme, dass nur die
Mathematik und die Naturwissenschaften eine Grundlage für sichere Erkenntnisse
und unwiderlegliche Wahrheiten bieten können. In diesem Sinne bestimmt er das
Geschäft der Philosophie als »wesentlich logische Analysis, gefolgt von logischer
Synthesis«. Euklid hat einen wesentlichen Anteil an dieser Definition.
Die Schrift Vorgegebenes (Dedomena) ergänzt die ersten Bücher der Elemente.
Hier wird untersucht, welche Teile einer Figur dadurch bestimmt sind, dass andere
vorgegeben sind. Zu den weiteren Werken Euklids gehört die Optik (Optika). Da-
bei handelt es sich um die erste griechische Abhandlung, in der die Gesetze der
geometrischen Perspektive hergeleitet werden. In den Phänomenen (Phainomena)
behandelt Euklid die Elemente der sphärischen Geometrie, deren Kenntnis für die
Astronomie erforderlich war. Die Teilung des Kanons (Katatome kanonos) beinhaltet
die Grundlagen der mathematischen Musiktheorie mit Hilfe der pythagoreischen
Proportionenlehre. Dazu kommt noch eine Reihe nicht erhaltener Schriften, auf die
nicht eingegangen werden soll.
Einige Worte zum Nachleben des Euklid: Schon in der Antike wurden die Elemente
mehrfach kommentiert, nämlich von Heron, Pappos, Proklos und Simplikios. Um
500 entstand die fragmentarisch erhaltene Übersetzung des Boethius. Im arabischen
Bereich existierten seit dem 9. Jh. mehrere Übertragungen; außerdem entstanden
Versionen ins Persische, Hebräische, Syrische und Armenische. Im 12. Jh. wurden die
Elemente dreimal aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt. Außerdem gab es
zwei Bearbeitungen aus der Zeit um 1140 und um 1260. Im 16. Jh. dominierten trotz
des Erscheinens der griechischen Editio princeps (1533) zunächst noch lateinische
Ausgaben. Die frühesten gedruckten Übersetzungen in Nationalsprachen erschie-
nen in der zweiten Hälfte des 16. Jh. Die maßgebliche wissenschaftliche Ausgabe der
VII Die Mathematik und Physik
VII Die Mathematik und Physik 69

Moderne, die bis heute nicht ersetzt ist, stammt von dem dänischen Mathematiker,
Astronomen und Philologen J. L. Heiberg und erschien in den Jahren 1883–1916.
Die interessantesten Teile von Euklids Elementen waren zu allen Zeiten das
5. Postulat (»Parallelenpostulat«), die Proportionenlehre in Buch 5 und die Behand-
lung des Irrationalen in Buch 10. Versuche, das Parallelenpostulat zu beweisen, führ-
ten im Altertum, Mittelalter und in der frühen Neuzeit zum Auffinden von Sätzen,
die dem 5. Postulat äquivalent waren und am Beginn des 19. Jh. zu der Erkenntnis,
dass mathematisch konsistente Geometrien möglich sind, die auf das Parallelen-
postulat verzichten (Stichwort: »nicht-euklidische Geometrie«).
Archimedes von Syrakus4 (ca. 287–212 v.) war einer der genialsten Forscher-
persönlichkeiten der Antike und gleich bedeutend als Mathematiker, Physiker und
Ingenieur.
Über sein Leben gibt es mehr Nachrichten als über jeden anderen griechischen
Mathematiker. Dies liegt daran, dass er auch in der Politik seiner Vaterstadt eine
wichtige Rolle spielte und dass sich bald zahlreiche Anekdoten um ihn rankten. Als
Sohn des Astronomen Pheidias trat er auch als Konstrukteur von Planetarien, Was-
serschrauben, Kriegsschiffen, Brennspiegeln u. ä. hervor. Daraus zu schließen, dass
ihn erst die Technik und Mechanik zur reinen Mathematik geführt hätten, steht im
Widerspruch zu der folgenden Angabe Plutarchs (Marcellus 17):

»So stolz war übrigens sein Sinn, so tief der Geist und so reich die Fülle der theoreti-
schen Erkenntnisse, die Archimedes besaß, dass er es verschmäht hat, über dasjenige,
was ihm den Namen und den Ruf einer schon nicht mehr menschlichen, sondern gött-
lichen Einsicht verschafft hat, irgendeine Aufzeichnung zu hinterlassen, sondern er sah
die Beschäftigung mit der Mechanik und überhaupt jegliche Wissenschaft, die es mit
der praktischen Anwendung zu tun hatte, für niedrig und gemein an und setzte seinen
Ehrgeiz einzig an das, dem das Schöne und Hohe, unvermischt mit allem dem Zwange
Unterworfenen eigen ist, das nicht in der Vereinigung mit den anderen Dingen zugäng-
lich ist, aber den suchenden Geist zum Streit mit der Materie aufruft, wobei diese die
Größe und die schöne Erscheinung, er die Präzision und die überragende Kraft liefert.«

Mit Ausnahme eines Ägyptenaufenthaltes, bei dem er durch die Konstruktion der
›archimedischen Wasserschnecke‹ die mechanische Bewässerung der Nilniederung
ermöglicht und vermutlich Alexandria besucht hat, lebte er im hohen Range eines
»Verwandten und Freundes« (syngenes kai philos) am Hofe Hierons II. in Syrakus und
diente auch dessen Sohn Gelon und Enkel Hieronymos. Im Kampf gegen die Römer
unter ihrem Feldherren M. Claudius Marcellus 214–212 trug er durch die Konstruk-
tion von Kriegsmaschinen wesentlich zur Verteidigung von Syrakus bei. Dazu heißt
es bei Plutarch (Marcellus 15):

»Wie nun die Römer von beiden Seiten angriffen, herrschte bei den Syrakusiern Schre-
cken und angstvolles Schweigen, weil sie glaubten, dass nichts einer solchen Macht
und Gewalt widerstehen werde. Als aber jetzt Archimedes seine Maschinen spielen
ließ, da schlugen den Angreifern auf der Landseite Geschosse verschiedenster Art ent-
gegen und Steine von gewaltiger Größe, die mit furchtbarem Sausen und unglaub-
licher Geschwindigkeit niederfuhren, und, weil nichts vor ihrer Wut zu schützen ver-
70 VII Die Mathematik und Physik

mochte, die Getroffenen in dichter Masse niederwarfen und ihre Reihen zerrissen; und
zugleich erhoben sich gegen die Schiffe über den Mauern plötzlich Krane, die entweder
schwere Lasten von oben auf sie niederfallen ließen und sie so in die Tiefe versenkten,
oder sie mit starken Trossen, die innen angezogen und aufgerollt wurden, gegen die
unter den Mauern emporragenden Felsen und Klippen schmetterten, so dass sie unter
starken Verlusten für die Besatzung in Stücke gingen. Oft war es ein schauriger Anblick,
wenn ein Schiff, hoch aus der See gehoben, hin und her baumelte und dahing, bis
die Mannschaft heruntergeschüttelt oder weggeschleudert war und es leer gegen die
Mauern prallte oder, wenn der Griff des Hakens nachließ, hinabstürzte.«

Dennoch fiel Syrakus nach zweijähriger Belagerung in die Hände der Römer. Da-
mals wurde der greise Archimedes, während er Figuren in den Sand zeichnete, gegen
den Befehl des römischen Feldherren von einem Legionär erschlagen. Seine letzten
Worte galten diesem Soldaten und lauteten angeblich: »Störe meine Kreise nicht.«
Das Grab des Archimedes wurde im Jahr 75 v. von Cicero wiederentdeckt, der
darüber in seinen Tusculanischen Gesprächen (5, 64–66) berichtet:

»Das Grab des Archimedes, das den Syrakusiern nicht mehr bekannt war, habe ich als
Quaestor aufgespürt, obwohl alle sagten, es existiere überhaupt nicht mehr; es war
von allen Seiten mit Dornen und Gestrüpp umhegt und umkleidet. Ich hatte nämlich
ein paar Jamben im Kopf, die, wie ich gehört hatte, auf seinem Grabmal eingemeißelt
waren und besagten, dass sich auf der Spitze des Grabes eine Kugel mit einem Zy-
linder befinde. Als ich alle Gräber mit meinen Blicken musterte – es gibt nämlich vor
dem Tor nach Agrigent eine große Anzahl davon – sah ich eine kleine Säule ein wenig
aus dem Gestrüpp hervorragen, auf der sich die Figur einer Kugel und eines Zylinders
befand. Und ich sagte sogleich den Syrakusiern – ihre Vornehmen waren nämlich bei
mir – meiner Meinung nach sei eben jenes das gesuchte Grab. Viele Leute wurden mit
Haumessern hingeschickt, säuberten die Stelle und legten sie frei. Als der Zugang da-
hin offen lag, gingen wir zur Vorderseite der Basis. Die Enden der Verse waren zur Hälfte
verwittert. So hätte die angesehenste Stadt Griechenlands, einst sogar die gebildetste,
das Grabmal ihres einzig genialen Mitbürgers nicht gekannt, wenn sie nicht von einem
Mann aus Arpinum darüber belehrt worden wäre.«

Die Schriften des Archimedes sind großenteils erhalten. Im Folgenden werden die
wichtigsten vorgestellt, und seine bedeutendsten Erkenntnisse auf dem Gebiet der
Mathematik, Mechanik und Physik dargelegt:

• In der Schrift Über schwimmende Körper entdeckte er das ›Archimedische Prin-


zip‹, d. h. den Auftrieb schwimmender Körper. Da heißt es u. a.:
»Feste Körper, deren spezifisches Gewicht gleich dem der Flüssigkeit ist, werden in die
Flüssigkeit so weit eintauchen, dass ihre Oberfläche nicht aus der Flüssigkeit heraus-
ragt; andererseits werden sie nicht sinken« (I 3).
»Wenn ein Körper spezifisch leichter ist als die Flüssigkeit, so wird er nicht ganz in die
Flüssigkeit eintauchen, sondern es wird ein Teil von ihm über den Flüssigkeitsspiegel
hinausragen« (I 4).
VII Die Mathematik und Physik
VII Die Mathematik und Physik 71

»Ein Körper taucht in eine spezifisch schwerere Flüssigkeit so weit ein, dass die von ihm
verdrängte Flüssigkeitsmenge so schwer ist, wie der ganze Körper« (I 5).

Der Anekdote (bei Vitruv IX 9–12) zufolge fand Archimedes das Prinzip der Was-
serverdrängung bzw. das spezifische Gewicht eines Körpers in der Badewanne,
worauf er mit dem Ausruf Heureka (»Ich hab’s gefunden«) aus Begeisterung über
seine Entdeckung nackt auf die Straße lief. Auch gelang ihm die praktische Über-
prüfung dieses Prinzips (Vitruv a. a. O.). Als nämlich König Hieron den Verdacht
hegte, ein Goldschmied habe bei der Herstellung seiner goldenen Krone Silber
beigemischt, konnte Archimedes den Betrug durch folgendes Experiment nach-
weisen:
»Aufgrund dieser Entdeckung (sc. der Wasserverdrängung) soll er zwei Klumpen von
gleichem Gewicht wie die Krone hergestellt haben, den einen aus Gold, den anderen
aus Silber. Daraufhin füllte er ein Gefäß bis zum Rande mit Wasser und tauchte den
Silberklumpen ein: nun floß soviel Wasser aus, wie durch das Volumen des Silberklum-
pens verdrängt wurde. Nachdem er den Silberklumpen herausgenommen hatte, maß
er mit einem Messbecher ab, wieviel Wasser zum Nachfüllen des Gefäßes nachgegos-
sen werden musste. So fand er heraus, welches Quantum Wasser einem bestimmten
Quantum Silber entspricht. Nach dieser Feststellung tauchte er ebenso den Goldklum-
pen ins volle Gefäß ein und goß auf dieselbe Weise nach dem Herausnehmen das ver-
drängte Wasser nach: Er stellte dabei fest, dass es um eine bestimmte Menge weniger
war und dass somit bei gleichem Gewicht ein Goldklumpen ein kleineres Volumen hat
als ein Silberklumpen. Schließlich füllte er das Gefäß wieder an und tauchte die Krone
ein: Da stellte sich heraus, dass mehr Wasser abfloß als beim gleichschweren Gold-
klumpen. Aus dieser Differenz berechnete er den Zusatz an Silber und bewies so den
Betrug.«

• In der Abhandlung mit dem Titel Kreismessung (Kyklu metresis) suchte Archi-
medes die Größe von π zu bestimmen. Diese Zahl bezeichnet bekanntlich das
Verhältnis von Kreisumfang zum Kreisdurchmesser und dient zur Errechnung
des Kreisumfangs (2 rπ) und der Kreisfläche (r2π). Archimedes ermittelte diese
Zahl mit Hilfe der sogenannten Exhaustionsmethode, genauer gesagt, mit einem
eingeschriebenen und einem umgeschriebenen 96-Eck, und gelangte zu dem Er-
gebnis dass der Wert von π zwischen 3 1/7 und 3 10/71 liegt, also größer ist als
3 10/71 = 3,14085 und kleiner ist als 3 1/7 = 3,14285. Angesichts des Mittelwertes
beider Größen, nämlich 3, 1418, bedeutet dies eine minimale Abweichung vom
wirklichen Wert 3,1415.

• In der Untersuchung Gleichgewicht ebener Flächen (Epipedon isoropiai) leitet Ar-


chimedes das Hebelgesetz ab (I 6,7). Dabei betonte er:
»Wenn Gewichte am gleichen Hebelarm im Gleichgewicht sind, sind sie gleich« (I 1).
»Wenn ungleiche Gewichte im Gleichgewicht sind, so sind die Hebelarme ungleich,
und zwar entspricht dem größeren Gewicht der kleinere Hebelarm« (I 3).
72 VII Die Mathematik und Physik

In diesem Zusammenhang sei an den berühmten Ausspruch erinnert: »Gib mir


einen Standort, und ich werde die Erde bewegen« (Pappos 8, p. 1060 H). Auf der
Grundlage des Hebelgesetzes finden sich sodann Sätze über die Lage des Schwer-
punktes von Parallelogramm, Dreieck, Trapez und Parabelsegment.
• Im Sandrechner (Psammites), einer König Gelon II. gewidmeten Schrift, entwickelt
Archimedes ein Zahlensystem, das geeignet ist, beliebig große Zahlen bis zu 1051
ausdrücken: Diese Summe bezeichnet nach seiner Überzeugung die Anzahl der
Sandkörner, welche das Weltall fasst – daher der Titel der Untersuchung.
• In dem Traktat Über Kugel und Zylinder bestimmte Archimedes den Rauminhalt
einer Kugel im Verhältnis zu dem des umschriebenen Zylinders. Er kam zu dem
Ergebnis, dass das Volumen der Kugel 2/3 des Zylinders beträgt. Offenbar hielt er
dies für seine wichtigste Erkenntnis, da er sie auf seinem Grabmal verewigen ließ
(vgl. oben).
• Die Schrift Über Konoide und Sphäroide behandelt Raummessungen von Rota-
tionsflächen zweiter Ordnung, nämlich Rotations-Paraboloiden,-Hyperboloiden
und–Ellipsoiden. Archimedes wurde dadurch zum Vorläufer der Integralrech-
nung.
• In der Abhandlung Die Quadratur der Parabel führt Archimedes zwei Beweise,
nämlich einen geometrischen und einen mechanischen, für den Satz an, dass die
Fläche des Parabelabschnitts vier Drittel der Fläche des eingeschriebenen Drei-
ecks beträgt.
• Das Rinderproblem (Problema boeikon), Archimedes zugeschrieben und Era-
tosthenes zur Lösung zugesandt, ist ein Epigramm, bei dem die Anzahl der
verschiedenfarbigen Stiere und Kühe des Sonnengottes auf Grund bestimmter
Beziehungen zwischen ihnen ermittelt werden soll. Die Aufgabe läuft auf die Be-
rechnung von acht Unbekannten aus sieben unbestimmten quadratischen Glei-
chungen mit komplizierten Nebenbedingungen hinaus. Das Epigramm wurde
von Gotthold Ephraim Lessing in einer Wolfenbütteler Handschrift entdeckt und
1773 veröffentlicht.5 Die Lösung des Problems gelang erst 1880: Es handelt sich
um eine Zahl mit 206 545 Stellen.
• In der Schrift Stomachion (Sinn etwa: Bauchschmerzen), ebenfalls einer Zuschrei-
bung, war die Aufgabe zu bewältigen, aus elf Dreiecken und drei Vierecken alle
möglichen Quadrate zusammenzufügen. Es handelt sich um einen über zwei
Jahrtausende alten Vorgriff auf die Kombinatorik. Diese Aufgabe wurde erst vor
kurzem von dem Mathematiker B. Cutler mit Hilfe des Computers gelöst:6 Dem-
nach sind 536 Grundkombinationen möglich; zu jeder Grundlösung kommen
noch 32 Drehungen. Insgesamt erhält man somit 17 152 Lösungen.
• Die Anleitung an Eratosthenes zur Auffindung von mathematischen Lehrsätzen soll
aus zwei Gründen zum Schluss behandelt werden: Zum einen weist diese Ab-
handlung ein höchst außergewöhnliches Schicksal auf, zum anderen gewährt sie
erstmals einen Einblick in die Heuristik eines griechischen Mathematikers.
Im Jahr 1906 entdeckte Johan Ludwig Heiberg, der dänische Archimedes-Her-
ausgeber, auf einem Palimpsest in Konstantinopel diese Schrift. Das Pergament
war von einem christlichen Mönch geglättet und neu beschrieben worden, wobei
an die Stelle des Archimedestextes ein Eulogion, d. h. ein griechisch-orthodoxes
Gebetbuch, trat (vgl. Abb. 12).
VII Die Mathematik und Physik
VII Die Mathematik und Physik 73

Abb. 12 Palimpsest des Archimedes


74 VII Die Mathematik und Physik

Heiberg gelang es, den ursprünglichen Text teilweise zu restaurieren und zu


publizieren, freilich mit vielen unsicheren Lesarten und zahlreichen Textlücken.
Das Palimpsest blieb danach fast ein Jahrhundert lang verschollen und tauchte
erst vor einigen Jahren wieder auf. Bei einer Auktion von Christies in New York
1998 erzielte er den erstaunlichen Erlös von zwei Millionen Dollar. Der Besitzer
wusste, dass das Palimpsest einen Text des Archimedes enthielt und stellte den
Kodex Fachleuten und Wissenschaftlern zur Verfügung. Acht Jahre lang arbei-
tete ein Team, bestehend aus Philologen, Mathematikern und Technikern, daran,
die Handschrift mit modernsten Mitteln, z. B. mit Infrarotbestrahlung und Mul-
tispektralanalyse, zu entschlüsseln. Ein Computerprogramm rechnete die reflek-
tierten Strahlen in sichtbare Bilder um. Auf diese Weise ließen sich die beiden
Texte, die in verschiedenen Farben erschienen, auseinanderdividieren. In dem
2007 erschienenen Buch von R. Netz und W. Noel Der Kodex des Archimedes. Das
berühmteste Palimpsest der Welt wird entschlüsselt erfährt man alle Einzelheiten
dazu.
Zum Schluss sei noch eine Eigenheit des Archimedes erwähnt, welche allzu selbst-
bewusste Wissenschaftler zur Bescheidenheit mahnen sollte: Archimedes stand in
regem Gedankenaustausch mit seinen Kollegen in Alexandria, vor allem mit Konon
und Dositheos, und sandte ihnen seine Werke zur kritischen Begutachtung zu. In
der Schrift Über Konoide und Sphäroide gestand er seine Schwierigkeiten bei der
Behandlung dieses Themas ohne Umschweife ein; an anderer Stelle gibt er zu, den
alexandrinischen Kollegen einmal auch einige falsche Lehrsätze übersandt zu haben,
»damit die Leute, die da behaupten, alles finden zu können, aber nie einen Beweis da-
für vorbringen, überführt werden, auch das Unmögliche finden zu können« (Archim. I
p. 246,5–10 Heiberg).
Im Folgenden noch ein paar Worte zum Nachleben des Archimedes.
Archimedes galt bereits zu seiner Zeit als einer der bedeutendsten Mathematiker
der Antike. Im 6. Jh. n. verfasste Eutokios Kommentare zu seinen Werken. Aus by-
zantinischer Zeit stammen mehrere Archimedeshandschriften. Die Araber studier-
ten verschiedene seiner Werke und führten seine Methode weiter. Von mehreren
Schriften, z. B. Über schwimmende Körper und Kreismessung, existieren Überset-
zungen und Kommentare in arabischer Sprache. Die Kreismessung wurde im 12. Jh.
zweimal aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt. Wilhelm von Moerbeke
übertrug 1269 fast alle Schriften des Archimedes ins Lateinische.
Ein berühmter und vielzitierter Satz des englischen Philosophen Alfred North
Whitehead7 zu Platon lautet: »Ich würde sagen, es ist die treffendste Charakterisie-
rung der philosophischen Tradition Europas, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten
zu Platon besteht.« In Analogie zu dieser Äußerung bemerken Netz und Noel8: »Die
sicherste allgemeine Charakterisierung der wissenschaftlichen Tradition Europas
lautet, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Archimedes besteht – worunter
ich ungefähr die gleiche Art von Genealogie verstehe, wie Whitehead sie für Pla-
ton vorschwebte. Als Beispiel brauchen wir uns nur eines der einflussreichsten Bü-
cher der modernen Wissenschaft anzuschauen: Galileo Galileis Unterredungen und
mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und
die Fallgesetze betreffend. Dieses Buch erschien im Jahr 1638, zu einem Zeitpunkt,
als Archimedes bereits seit 1850 Jahren tot war, eine ganz schön lange Zeitspanne.
VII Die Mathematik und Physik
VII Die Mathematik und Physik 75

Und trotzdem bezieht sich Galilei ständig auf Archimedes. Im Wesentlichen behan-
delt Galilei die beiden Wissenschaften der Statik (Wie verhalten sich Körper in der
Ruhe?) und der Dynamik (Wie verhalten sich Gegenstände in Bewegung?). Für die
Statik verwendet Galilei hauptsächlich den Schwerpunkt und das Gleichgewichtsge-
setz. Beide Konzepte übernimmt er von Archimedes – explizit und immer mit dem
Ausdruck seiner Bewunderung. Für die Dynamik verwendet Galilei hauptsächlich
die Approximation von Kurven und die Verhältnisse von Zeit und Bewegung, beides
wiederum direkt von Archimedes entlehnt. Keine andere Autorität wird ähnlich
oft oder mit vergleichbarer Hochachtung zitiert. Im Wesentlichen hat Galilei dort
begonnen, wo Archimedes aufgehört hatte, und er hat sich in genau die Richtung
bewegt, die sein Vorgänger vorgegeben hatte. Das gilt nicht nur für Galilei, sondern
auch für die anderen großen Gestalten der sogenannten »Wissenschaftsrevolution«
wie Leibniz, Huygens, Fermat, Descartes und Newton. Sie alle waren Kinder von Ar-
chimedes. Newton führte die Wissenschaft nach ihrer Revolution zu einer gewissen
Perfektion, ganz im Sinne des Archimedes. Basierend auf klaren, eleganten ersten
Prinzipien und unter Anwendung reiner Geometrie leitete Newton seine Gesetze
des Universums ab. Alle spätere Wissenschaft beruhte auf dem Wunsch, die newton-
schen Verfahren – d. h. die archimedischen Verfahren – zu verallgemeinern. Zwei
Grundprinzipien haben die Begründer der modernen Naturwissenschaften von Ar-
chimedes gelernt: die Mathematik des Unendlichen; die Anwendung mathematischer
Modelle auf die physikalische Welt. Durch das Palimpsest wissen wir heute mehr über
diese beiden Einsichten des Archimedes.«
Ein Ausspruch Galileis über Archimedes möge diese Ausführungen beschließen.
Er bemerkt in der Einleitung zu seiner ersten Abhandlung von 1586, überschrie-
ben La bilanzetta (Die kleine Waage), in der er eine Wasserwaage zur Bestimmung
des spezifischen Gewichts von Gegenständen beschreibt: »Nur zu klar lassen diese
Werke erkennen, wie sehr alle übrigen Geister dem des Archimedes nachstehen, und
wie wenig irgend jemand sich Hoffnung machen darf, etwas zu finden, was seinen
Schöpfungen nahekommt.« Er nennt ihn »den Göttlichen« und »den Unnachahm-
lichen« und betrachtet ihn als sein großes Vorbild.
Konon von Samos9 wirkte als Astronom und Mathematiker unter Ptolemaios III.
(246–221 v.) in Alexandria und war mit Archimedes befreundet, der ihm postum die
an Dositheos, den gemeinsamen Freund und Schüler Konons, gerichtete Schrift Die
Quadratur der Parabel widmete. Darin bedauerte er, dass Konon zu jung gestorben
sei, um die Beweise für seine Spiralsätze geliefert zu haben; Apollonios von Perge
hingegen nennt Konon zwar seinen Vorgänger auf dem Gebiet der Kegelschnitte,
vermisst jedoch bei ihm die nötige Sorgfalt in der Beweisführung.
Apollonios von Perge (ca. 246–190)10 war der vierte berühmte Mathematiker
des Hellenismus. Er lebte ebenfalls unter Ptolemaios III. Philopator (221–205 v.).
in Alexandria und beschäftigte sich primär mit der Theorie der Kegelschnitte, wie
der Titel seines Hauptwerkes mit dem Titel Kegelschnitte (Konika) zeigt: Von den
insgesamt 8 Büchern dieser Schrift sind die ersten vier im Originaltext überliefert;
eine arabische Version der Bücher 1–7 aus dem 9. Jh. existiert noch heute, während
Pappos (4. Jh. n.) über den Inhalt des verlorenen 8. Buches informiert. Apollonios
hat im Bereich der Kegelschnitte die Begriffe Ellipse, Parabel und Hyperbel in die
wissenschaftliche Terminologie eingeführt. Nach seinen eigenen Worten bilden die
76 VII Die Mathematik und Physik

Bücher 1–4 eine Einleitung in die Kegelschnitte, während die Bücher 5–8 »weiter-
führende Fragen« behandeln. Die in den Büchern 1–4 vorgelegten Ergebnisse gehen
größtenteils auf seine Vorgänger, darunter Konon, Euklid und Archimedes, zurück,
stellen aber den Stoff ausführlicher und systematischer dar. Demgegenüber bilden
die Bücher 5–8, welche speziellen Problemen gewidmet sind, eine originelle wissen-
schaftliche Leistung. Von den kleineren Werken erwähnt Pappos u. a. Verhältnis-
schnitt, Raumschnitt, bestimmter Schnitt. In der Schrift Das Lehrgebäude im Allge-
meinen behandelte Apollonios die Grundlagen der Mathematik und stellte u. a. die
euklidischen Begriffe Definition und Axiom zur Diskussion.
Wie bereits im vorangehenden Kapitel dargelegt, hat Apollonios auch als Astro-
nom Bedeutendes geleistet. Auch seine Wirkungsgeschichte ist bemerkenswert: Im
6. Jh. besorgte Eutokios eine Ausgabe der Bücher 1–4 der Konika und fügte einen
Kommentar hinzu. Im Mittelalter war dieses Werk im Westen durch Erwähnungen
in Witelos Perspectiva bekannt, im islamischen Bereich wurde es oft gelesen, studiert
und übersetzt. Darüber hinaus haben die Konika die europäische Mathematik des
17. Jh. nachhaltig beeinflusst (Kepler, Descartes, Desargues, Huygens). Auch die klei-
nen Schriften stießen bei den Mathematikern des 16. und 17. Jh. auf großes Interesse.
Die voranstehenden Ausführungen dürften gezeigt haben, dass die Mathematik in
hellenistischer Zeit einen Höhepunkt erreichte und dass besonders Euklid, Archime-
des, Konon und Apollonios die weitere Geschichte dieser Disziplin nachhaltig beein-
flusst haben: Die griechischen Mathematiker der römischen Kaiserzeit – die Römer
interessierten sich nur wenig für die Mathematik als abstrakte Wissenschaft! – ferner
arabische, jüdische und byzantinische Gelehrte des Mittelalters und nicht zuletzt die
bereits genannten Mathematiker des 16. und 17. Jh. stehen unter dem Einfluss ihrer
hellenistischen Vorgänger. In der Geometrie brachte erst die Einführung der (Karte-
sischen) Koordinaten im 17. Jh. und die Begründung nichteuklidischer Geometrien
im 19. Jh. wesentliche Erweiterungen des im Hellenismus herrschenden Instrumen-
tariums, in der Arithmetik die Einführung der Logarithmen um 1600, in der Algebra
die konsequente Anwendung der Buchstabenrechnung im 16. Jh., in der höheren
Mathematik die Begründung der Infinitesimalrechnung durch Gottfried Wilhelm
Leibniz und Isaac Newton um 1700.
VIII Die Technik
VIII Die Technik

VIII Die Technik1

Von den herausragendsten Leistungen und Fortschritten auf dem Gebiet der Tech-
nik ist im Folgenden die Rede.
Bereits unter dem Tyrannen Dionysios I. von Syrakus (406–368 v. Chr.) hatte
der Tragiker Antiphon das programmatische Wort geprägt: »Mit Technik bezwin-
gen wir das, worin wir von Natur besiegt werden.« Unter Dionysios fanden denn
auch zahlreiche kriegsbedingte Erfindungen und Innovationen statt. Vor dem
zweiten Karthagerkrieg, der 398 begann, wurde Syrakus in eine gewaltige Festung
verwandelt. Es erfolgte die Ummauerung der Stadt in einer Länge von ca. 27 km
(vgl. Diod. XIV 18). Das Kastell Euryalos am Eingang zur ›Hochfläche‹ (Epipolai)
wurde mit allen festungstechnischen Raffinessen ausgestattet: Mauern, Türmen,
Zugbrücken, unterirdischen Gängen, Kasematten etc. Ferner wurde Syrakus zu ei-
ner gewaltigen Waffenschmiede: Schiffe neuen Typs wurden hergestellt, ferner eine
Vielzahl von Waffen, u. a. Helme, Schilde, Brustpanzer, Beinschienen etc., außer-
dem das Katapult erfunden. Auch darüber liegt ein detaillierter Bericht Diodors
vor (XIV 41–43). Nach Dionysios förderte vor allem Philipp von Makedonien die
Technik der Kriegsmaschinen und den Festungsbau. Vor allem die Belagerungs-
technik nahm unter ihm einen bedeutenden Aufschwung. Alexander der Große
führte diese Entwicklung weiter. Seine größte Leistung auf diesem Gebiet war die
Belagerung der Stadt Tyros 332 v. Alexander ließ zu der ca. 800 m von der Küste
entfernten Insel, auf welcher das neue Tyros lag, einen Damm als Basis für seine
Belagerungsmaschinen aufschütten. Die Einschließung der Stadt auf der Seeseite
gelang in dem Moment, als die kyprischen und phoinikischen Schiffe zu den Bela-
gerern übergingen. Dann wurde von der See her die entscheidende Bresche gelegt
und die Stadt im Sturm genommen. Im Hellenismus, namentlich in der Zeit der
Diadochen, erreichte die Belagerungskunst einen weiteren Höhepunkt. Besonders
galt dies für Demetrios mit dem bezeichnenden Beinamen Poliorketes (»Städtebe-
lagerer«). Über seine Belagerung von Rhodos im Jahr 305/304 schreibt Plutarch
(Dem. Kap. 21):

»Den Krieg gegen die Rhodier führte er, weil sie Bundesgenossen des Ptolemaios wa-
ren, und ließ den größten ›Städtebezwinger‹ (Helopolis) gegen ihre Mauern anrollen.
Seine Basis war ein Quadrat von 48 Ellen (ca. 24 m) Seitenlänge, die Höhe betrug 66 El-
len (ca. 33 m). Die aufsteigenden Seitenwände waren nach oben zueinander geneigt,
so dass das Dachquadrat kleiner war als die Basis. Innen war der Belagerungsturm
in Stockwerke und zahlreiche Räume eingeteilt, und die Stirnwand gegen die Feinde
war in jedem Stockwerk mit Schießscharten durchbrochen, durch welche Geschosse
verschiedenster Art geschleudert wurden; denn der Turm war voll von Kämpfern aller
Waffengattungen. Dass er bei der Bewegung nicht schwankte noch sich auf die Seite

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_8, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
78 VIII Die Technik

neigte, sondern aufrecht auf seiner Basis blieb und im Gleichgewicht unerschütterlich
mit lautem Knarren und Krachen vorrückte, erregte zugleich Bestürzung in den Herzen
der Zuschauer und erfreute ihre Augen.«

Demetrios Poliorketes ließ auch Schiffe von gewaltigem Ausmaß bauen, doch be-
währten sich diese im Kampfe wegen ihrer mangelnden Beweglichkeit nicht, so
dass man bald wieder zu kleineren Typen wie den Trieren, Tetreren und Penteren
zurückkehrte. Das Prachtschiff Hierons II., welches Syrakosia, später Alexandris
hieß, weil Hieron es dem dritten Ptolemaier als Geschenk vermachte (Beschreibung
bei Athen. 5,40–44, p. 206–209 D nach Moschion FGrHist 575 F 1), hatte ebenfalls
riesige Dimensionen und einen Rauminhalt von ca. 3300 Bruttoregistertonnen. Es
blieb allerdings ein bloßes Schaustück und hatte keinen nautischen Wert. Mit dem
Namen des Ktesibios (1. Hälfte 3. Jh. v.) ist ein epochemachender Fortschritt auf dem
Gebiet der antiken Waffentechnik verbunden: Er hat erstmals das Torsionsgeschütz
konstruiert, bei dem die Spannung durch Sehnenbündel hergestellt wurde. Diese
neue Art von Geschütz verdrängte die früheren Bogengeschütze bald vollständig.
Vermutlich um 275 v. wurden am Hof der Ptolemaier Formeln für die Kaliberei-
chung von Maschinen gefunden, um die gewünschte Genauigkeit und Zielsicherheit
für die entsprechenden Wurfgeschosse zu erhalten. Der Ingenieur Philon von By-
zanz (um 250 v.), ein Schüler des Ktesibios, beschreibt diese Erfindung im vierten
Buch seiner Abhandlung über Mechanik (Mechanike syntaxis), welche den Bau von
Geschützen (belopoiika) behandelt, folgendermaßen (50,14–29):

»Schon früher waren einige Ingenieure beinahe soweit, als Prinzip und Maß der Kon-
struktion von Geschützen den Durchmesser des Kaliberloches zu erkennen (durch das
der gedrehte Seilstrang lief, der als Spannfeder diente). Diesen muss man aber nicht
aufs Geradewohl und nicht nachlässig nehmen, sondern nach einer gewissen festste-
henden Methode, welche es bei allen Größen gestattet, gleichermaßen das richtige
Verhältnis zu finden. Dies hat man nicht finden können, außer dadurch, dass man
versuchsweise den Kreis der Bohrung vergrößerte und verkleinerte. Die Alten jedoch
haben es, wie gesagt, nicht zur Vollendung gebracht und die Größe nicht festgestellt,
da ihr Tun nicht auf einer soliden praktischen Erfahrung beruhte, sondern die Bestim-
mung nur für jedesmal gesucht wurde. Erst die Späteren haben, teils durch die Einsicht
in die Fehler der Früheren, teils durch die Beobachtungen bei späteren Versuchen, das
Prinzip und die Methode des Geschützbaus auf eine feste Einheit zurückgeführt, näm-
lich den Durchmesser des Kreises, welcher den als Feder fungierenden Strang umfasst.
Dies haben erstmals die alexandrinischen Techniker geschafft, weil sie das Glück hat-
ten, durch ruhm- und handwerksliebende Könige mit vortrefflichen und großartigen
Mitteln ausgestattet zu werden.«

Von den Kriegsmaschinen des Archimedes, mit denen dieser seine Vaterstadt Syra-
kus gegen die Römer verteidigte, wurde bereits gesprochen.2 In hellenistischer Zeit
entstanden außerdem gewaltige Festungsbauten, von denen beispielsweise die Städte
Demetrias in Thessalien und Herakleia am Latmos in Karien genannt seien.
Diese Ausführungen verdeutlichen, dass die Technik im Hellenismus wie zu allen
Zeiten vornehmlich den Erfordernissen des Krieges diente.
VIII Die Technik
VIII Die Technik 79

Wie aber stand es mit technischen Erfindungen und Innovationen ›ziviler‹


Art? Die Ausführungen des spätantiken Mathematikers und Mechanikers Pappos
(4. Jh. n.) betreffen primär die friedliche Nutzung der Mechanik und Technik in der
Spätantike, gelten aber ähnlich bereits für die hellenistische Ära. Er zählt folgende
technische Erfindungen auf, die er für besonders nützlich hält:
1. Konstruktion von Flaschenzügen.
»Denn diese brauchen eine geringere Kraft, um Lasten gegen ihre natürliche Art (näm-
lich ihr Gewicht) zu heben.«
2. Die Herstellung von Kriegsgeräten: »Geschosse aus Stein, Eisen und ähnlichem
werden über eine weite Strecke durch die von ihnen (den Mechanikern) konstruier-
ten Wurfmaschinen fortgeschleudert.«
3. Die Erfindung von Schöpfmaschinen, die es ermöglichen, »aus großer Tiefe Was-
ser emporzuheben.«
4. »Die Alten nennen auch die Gaukler Mechaniker, von denen die einen mittels Luft
ihre Kunst treiben, wie Heron in seinen Pneumatika, die anderen durch Sehnen
und Stricke die Bewegung Lebendiger nachzuahmen scheinen, wie Heron in seinen
Automata und der Schrift Über Gleichgewichte, noch andere durch Maschinen, die
vom Wasser bewegt werden, wie Archimedes in seinen Schwimmenden Körpern,
oder durch Wasseruhren, wie Heronin seinem Werk Über Wasseruhren, was freilich
mit seiner Beschäftigung mit Sonnenuhren zusammenhängt.«
5. Die Erfindung von Sphären, d. h. »Kugeln herzustellen, aus welchen ein Bild des
Himmels mittels einer gleichmäßigen, kreisförmigen Wasserbewegung bereitet wird.«

Ein paar Worte zu diesen Kategorien:


Zu 1: Flaschenzüge: Besonders aufschlussreich sind die Bemerkungen Plutarchs
(Marcell. 14) über Archimedes:

»So kam es, dass einmal Archimedes an König Hieron, mit dem er verwandt und be-
freundet war, schrieb, es sei möglich, mit einer gegebenen Kraft eine gegebene Last
zu bewegen, und dass er, so heißt es, pochend auf die Kraft seines Beweises, gesagt
habe, wenn er eine andere Erde zur Verfügung hätte, so würde er auf sie hinübergehen
und von ihr aus unsere Erde in Bewegung setzen. Als darauf Hieron staunte und von
ihm verlangte, er sollte die theoretische Behauptung in die Praxis umsetzen und einen
großen Körper vorführen, der von einer kleinen Kraft bewegt würde, ließ er in einem
königlichen Dreiruderer, der mit vieler Mühe und von vielen Händen aufs Land gezo-
gen worden war, eine starke Besatzung Platz nehmen und ihn mit der üblichen Fracht
beladen und zog ihn dann selbst, weitab sitzend, an sich heran, indem er ohne Hast,
nur sacht mit der Hand am Ende eines Flaschenzuges zog, so dass das Schiff ruhig und
ohne Schwanken auf ihn zukam, als führe es durch die See.«

Man vergleiche weiterhin den oben zitierten Bericht Plutarchs darüber, wie Archi-
medes die feindlichen Schiffe mit Hilfe von Flaschenzügen und Kränen aus dem
Wasser zu ziehen vermochte und sie dann niederfallen und zerschmettern ließ.
2. Kriegsgeräte: Auch zur Bekräftigung dessen, was Pappos über Wurfmaschinen
sagt, »dass sie nämlich Geschosse über weite Strecken hin schleudern«, ist der oben
80 VIII Die Technik

zitierte Passus über Archimedes aufschlussreich. Bemerkenswert ist übrigens, dass


Pappos nur an dieser Stelle Erfindungen für den Krieg erwähnt.
3. Wasserpumpen: Auch in diesem Zusammenhang ist auf Archimedes, genauer
gesagt, die archimedische Schnecke zu verweisen, die Wasser aus der Tiefe spira-
lenförmig nach oben pumpte. Diodor (I 34,2) berichtet über die Bewässerung des
Landes am Nil:

»Der Fluss aber führt alljährlich, wenn er anschwillt, neuen Schlamm herbei, und die
Menschen bewässern mühelos das Land mit einer Maschine, die von Archimedes aus
Syrakus erfunden wurde und wegen ihres Aussehens Schnecke heißt.«

Derselbe Diodor (V 37,3–4) informiert über die spanischen Gold- bzw. Silberberg-
werke:

»Dann und wann stoßen die Bergleute auch in der Tiefe auf unterirdische Flussläufe,
deren Gewalt sie aber bändigen, indem sie ihre Strömungen ableiten, die nun in die
Seitenschächte stürzen. Denn unter dem Druck unerschütterlicher Gewinnerwartun-
gen führen sie ihre eigenen Unternehmen ans Ziel, und was das Überraschendste von
allem ist, sie holen die Wasserströme mit Hilfe der sogenannten ägyptischen Schöpfrä-
der weg, die Archimedes aus Syrakus gelegentlich seines Besuchs in Ägypten erfand.
Mittels dieser Einrichtungen befördern sie das Wasser in einer Reihe von Stufen bis
zum Eingang des Bergwerks und trocknen sie den Platz vor Ort und machen ihn wohl-
geeignet für die Durchführung der Arbeiten. Da die Maschine ungemein geschickt
konstruiert ist, wird durch die jeweilige Tätigkeit eine erstaunlich große Wassermenge
emporgeschafft, und fast mühelos gelingt so das gesamte Wasser derartige Flüsse aus
der Tiefe ans Tageslicht. Mit Recht dürfte man die Erfindungsgabe des Ingenieurs nicht
nur an Hand dieser, sondern auch vieler anderer noch größerer Erfindungen bestau-
nen, deren Ruhm sich über die ganze bewohnte Erde verbreitet hat.«

In einem römischen Blei- und Silberbergwerk Spaniens wurden archimedische


Schnecken entdeckt, die um 200 n. Wasser aus ca. 200 m Tiefe nach oben förderten.
Jede der ca. 5 m langen Schrauben, die von Sklaven mit den Füßen getreten wurden,
hob das Wasser um etwa 1,5 m.
4. Sonstige Maschinen: Was die Erfindungen von Maschinen betrifft, die durch
Luft, Wasser oder Sehnen bewegt werden, so verweist Pappos vornehmlich auf Kon-
struktionen Herons von Alexandria, der heute allgemein ins 1. Jh. n. datiert wird
und somit nicht mehr der Epoche des Hellenismus angehört. In hellenistischer Zeit
war Ktesibios3, der während der Regierung des zweiten Ptolemaiers (285–246) in
Alexandria wirkte, der wohl bedeutendste Vertreter der angewandten Mechanik.
Vitruv (X 9,1–4) schrieb später über ihn, er habe viel Nützliches und Wertvolles,
aber auch manch Unterhaltsames erfunden. So konstruierte er als Weihgeschenk für
die Königin Arsinoe II. (278–270 v.) ein goldenes Trinkgefäß, das beim Ausfließen
des Weins einen lauten Trompetenton erschallen ließ. Er erfand auch einen Hand-
waschapparat, der dem Gast zuerst ein Stück Bimsstein reichte und dann Wasser
in ein Waschbecken laufen ließ. Ferner baute er die erste Wasserorgel, deren re-
gelmäßige Luftzufuhr durch eine Kolbenpumpe reguliert wurde. Eine ausführliche
VIII Die Technik
VIII Die Technik 81

Schilderung der Wasserorgel findet sich bei Vitruv (X 8), der auch die Wasseruhr
und das Wasserdruckwerk des Ktesibios im Detail beschreibt (X 7). Seine bahn-
brechendste Konstruktion war wohl die sogenannte Feuerspritze (Vitruv X 10,1.
Heron, Pn. I 28), eine zweizylindrige Saug- und Druckpumpe mit pneumatischem
Druckausgleich. Großen praktischen Nutzen für die königlichen Arbeitgeber boten
seine Erfindungen auf dem Gebiet der Kriegstechnik, die in erster Linie der größe-
ren Reichweite und Zielgenauigkeit der Wurfgeschütze dienten (siehe oben). Diese
Geschütze nutzten nach Philon von Byzanz die Spannkraft bronzener Blattfedern
und die komprimierte Luft. Nicht zu Unrecht hat man Ktesibios auf Grund dieser
Erfindungen als »Vater der wissenschaftlichen Technologie überhaupt« bezeichnet
(so J. Mau). Auch wurde er zutreffend »Vorläufer von Otto von Guericke« genannt
(so H. Bengtson), weil er den Luftdruck für verschiedene Erfindungen nutzte.
5. Wassergetriebene Sphären: Als letzte große technische Innovation nennt Pap-
pos Kugeln, »aus welchen ein Bild des Himmels mittels einer gleichmäßigen, kreisför-
migen Wasserbewegung bereitet wird.« Hier ist an Archimedes und sein wassergetrie-
benes Planetarium zu erinnern, von dem bereits die Rede war.4
Insgesamt gesehen, hat Walbank5 im Hinblick auf die zitierte Partie aus Pappos
und deren praktische Umsetzung, mit Ausnahme der Erfindungen für den Krieg,
zutreffend bemerkt: »Es ist eine merkwürdig begrenzte Anschauung von einem Be-
reich, von dem aus bei entsprechender Entwicklung die gesamte Struktur des ma-
teriellen Lebens geändert werden könnte.« Und weiter: »Warum ist die griechische
Anschauung von den Möglichkeiten, die der Technologie offenstehen, so begrenzt?«
Dies liegt wohl einerseits daran, dass in dieser Zeit eine riesige Anzahl von billigen
Arbeitskräften zur Verfügung stand, die eine große Menge technischer Innovationen
nicht erforderlich machten, zum anderen daran, dass diese Erfindungen bei weitem
nicht das Niveau der Neuzeit erreichten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwar war
man sich in der Antike über die Möglichkeiten der Dampfkraft im Klaren, doch
bedeutete dies noch lange nicht, dass man eine Dampfmaschine mit all ihren prak-
tischen Anwendungsmöglichkeiten zu konstruieren vermochte. Gleichwohl dürf-
ten die voranstehenden Ausführungen gezeigt haben, dass auch auf dem Gebiet der
Mechanik und der Technik in hellenistischer Zeit große Fortschritte erzielt wurden.
IX Die Medizin
IX Die Medizin

IX Die Medizin1

Die Geschichte der griechischen Medizin beginnt bereits in archaischer Zeit und
fand im 5. Jh. v. mit Hippokrates von Kos ihren Höhepunkt. Gleichwohl stand die
hellenistische Medizin in wichtigen Teilbereichen auf einem Niveau, das zuvor nicht
erreicht worden war und erst im 17. Jh. übertroffen wurde. Die hellenistischen Ärzte
knüpften in mancher Hinsicht an Hippokrates an, beschritten aber vielfach auch
neue Wege: Unter den beiden ersten Ptolemaiern wurde Alexandria Sitz zweier be-
rühmter Ärzteschulen, welche diejenige von Kos weit in den Schatten stellte. Dabei
markiert die Anatomie des menschlichen Körpers den entscheidenden Fortschritt,
so dass man geradezu von einer neuen Epoche der Medizin sprechen kann. Bislang
nämlich existierten lediglich Ansätze zu einer anatomischen Betrachtung, dagegen
wurden systematische Sektionen von Menschen und Tieren erst im hellenistischen
Alexandria vorgenommen. Die beiden berühmtesten Ärzte des 3. Jh. v., nämlich
Herophilos von Chalkedon (unter Ptolemaios I. 306–283) und Erasistratos von Kos
(unter Ptolemaios II. 283–246), führten beide Vivisektionen an Menschen durch.
Darüber berichtet der römische Arzt Celsus (Zeit des Tiberius, 14–37 n.) in der
Schrift De medicina (I 23 ff.):

»Wenn nun aber außerdem in den inneren Teilen Schmerzen und verschiedene Arten
von Krankheiten entstehen, so kann (nach Meinung der Dogmatiker) niemand auf
Teile, die ihm selber unbekannt sind, die richtigen Mittel anwenden; deshalb ist es not-
wendig, tote Körper zu öffnen und deren Eingeweide und Inneres (viscera et intestina)
zu untersuchen. Ganz vorzüglich haben daher Herophilos und Erasistratos gehandelt,
indem sie Lebende, nämlich Verbrecher, die sie von den Königen aus den Gefängnissen
erhielten, öffneten und so, während jene noch atmeten, die Teile betrachteten, wel-
che die Natur vorher dem Auge entzogen hatte, und deren Lage, Farbe, Gestalt, Größe,
Anordnung, Härte, Weichheit, Glätte, wie sie sich untereinander berühren …, wie ein
Organ sich in das andere legt oder wie eines den Teil eines anderen in sich aufnimmt,
genau studierten.«

Dass die genannten Ärzte in Alexandria Vivisektionen durchführten, wurde in der


Forschung immer wieder bezweifelt: Denn dieses Vorgehen vertrug sich nicht mit
dem Idealbild, das man sich von den Griechen machte. In Wirklichkeit sprechen
jedoch der zitierte Passus und andere Quellenzeugnisse eine deutliche Sprache.
Ein paar Bemerkungen zu den beiden genannten Ärzten.
Herophilos aus Chalkedon2 (ca. 330/320–260/250 v.), Schüler des Hippokrati-
kers Praxagoras, verbrachte den größten Teil seiner aktiven Laufbahn in Alexandria.
Zu seinen wichtigsten Werken zählen Über Anatomie, Über den Puls, Geburts-
hilfe, Diätetik, Über die Augen, Gegen verbreitete Vorstellungen. Wie diese Aufzählung

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_9, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
84 IX Die Medizin

zeigt, arbeitete er in fast allen Bereichen der Medizin, die er als Einheit auffasste.
Seine Schriften sind zwar allesamt verloren, doch liefern die späteren Medizinhis-
toriker Rufus, Celsus, Soranus und Galenus so viele Informationen über sie, dass
man ein zutreffendes Bild von der ärztlichen Tätigkeit des Herophilos gewinnt. Er
war der »Vater der Anatomie« als Wissenschaft: Vor seiner Zeit nämlich verhin-
derten religiöse und moralische Bedenken die Sezierung von Leichen, und noch
Aristoteles (hist. anim. 494 b) behauptete, dass die inneren Organe des Menschen
unbekannt seien. Die Fortschritte, die Herophilos mit der Methode der Vivisektion
erzielte, waren beträchtlich: Im Bereich des Unterleibs beschrieb er erstmals präzise
die Leber, die Milz, die Nieren und das Darmsystem (der Name duodenum, »Zwölf-
fingerdarm« stammt wie andere noch heute übliche Termini von ihm) und führte ge-
naue Untersuchungen der Geschlechtsorgane durch. Er unterschied beim Mann als
erster zwischen Hoden und Nebenhoden, Prostata und Samenblase und entdeckte
bei der Frau die Eierstöcke. Sein Interesse galt auch dem Auge und dem Gehirn. Er
unterschied als erster Großhirn und Kleinhirn, beschrieb die Hirnwindungen und
Hirnvertikel und fand heraus, dass das Zentrum des Nervensystems nicht, wie Aris-
toteles annahm, im Herzen, sondern im Gehirn liegt. Seine Vivisektionen ermög-
lichten ihm zudem die Differenzierung von motorischen und sensorischen Nerven.
Ein weiterer Bereich seiner Forschungen war das Herz, dessen Aufbau und Funktion
als Pumpe er erkannte. Bahnbrechend waren nicht zuletzt seine Studien zum Puls
und zum Blutkreislauf.
Mit Recht bemerkt M. P. Frazer3 zusammenfassend: »Herophilos schuf die Grund-
lage des anatomischen Unterrichts, der, wenn er in der Folgezeit nicht wieder verlo-
rengegangen wäre, Alexandrias größtes Geschenk an die Nachwelt gewesen wäre.«
Der zweite große Vertreter der hellenistischen Medizin war Erasistratos von Julis
auf Kos (1. Drittel des 3. Jh.).4
Er entstammte einer Ärztefamilie und war zuerst in Antiocheia am Hof der
Seleukiden, später dann, wie seine anatomischen Experimente nahelegen, eben-
falls am Museion in Alexandria tätig. Er begründete eine Schule, die sich von den
Hippokratikern bewusst abwandte. Seine größte Leistung war die Entdeckung des
Blutkreislaufs. Allerdings vertrat er die unzutreffende Auffassung, dass die Arterien
kein Blut, sondern Pneuma enthielten. Ferner bekannte er sich zu einer dreifachen
Grundstruktur des menschlichen Organismus, nämlich Nerven, Arterien und Ve-
nen. Grundbegriff seiner Physiologie war das Prinzip des (später so genannten) hor-
ror vacui: Demnach versucht die Natur jeden Verlust von Materie, der durch phy-
siologischen Verbrauch oder pathologische Phänomene entsteht, mit verfügbaren
Stoffen auszugleichen.
Auch die Frauenmedizin machte in hellenistischer Zeit, wie Ch. Schubert5 darge-
legt hat, große Fortschritte. Herophilos verfasste ein Hebammenlehrbuch, das eine
große Nachwirkung hatte, aber nicht erhalten ist. Schüler des Herophilos, die seine
frauenheilkundlichen Forschungen fortsetzten, waren Mantias (2. Jh. v.) und Demet-
rios aus Apameia (um 100 v.). Auch Kleophantos (3. Jh. v.) und Alexander Philalethes
(um Chr. Geb.) führten diese Tradition weiter, doch gingen auch deren Schriften
verloren. U. a. befassten sich diese Mediziner mit der Physiologie und Pathologie der
Frau, den frauenspezifischen Krankheiten, dem Akt der Zeugung und dem Beginn
des Lebens, der Bedeutung von Menstruation und dem Problem der Abtreibung.
IX Die Medizin
IX Die Medizin 85

Die alexandrinischen Ärzte schreckten selbst vor riskanten und komplizier-


ten Operationen nicht zurück. Dabei wurden sie durch vorzügliche medizinische
Instrumente sowie eine hochentwickelte Kunst, Verbände herzustellen, unterstützt.
Das ptolemaiische Ägypten war offenbar der erste Staat in der Geschichte, in wel-
chem der Bevölkerung von Staats wegen ärztliche Fürsorge zuteil wurde. Die ande-
ren hellenistischen Staaten bestellten wenigstens für ihre Heere besondere Ärzte. Die
damaligen Herrscher aber wetteiferten miteinander, die besten Ärzte zu gewinnen.
In Ehrendekreten vieler hellenistischer Poleis werden immer wieder die Verdienste
von Ärzten gerühmt. Als Beispiel sei eine Inschrift aus Ilion zu Ehren des Arztes
Metrodoros (ca. 270 v.) angeführt (HGIÜ II 318):

»Da König Antiochos in einem Schreiben mitteilt, dass er nach einer Verwundung am
Hals in der Schlacht behandelt worden sei von Metrodoros, dem Arzt, dergestalt, dass
er außer Gefahr sei, und da in einem Schreiben über ihn auch Meleagros informiert,
der Stratege, der das Wohl der Stadt im Auge hat, so soll es Beschluss sein des Rats und
des Volks: ›Belobigen soll man Metrodoros, den Sohn des Timokles, aus Amphipolis in
Würdigung seiner Verdienste und seiner Loyalität gegenüber den Königen Antiochos
und Seleukos sowie dem Volk, und er soll Proxenos sein und Wohltäter der Stadt. Es soll
ihm auch verliehen werden das Bürgerrecht und das Recht zum Erwerb von Grund- und
Hausbesitz sowie Zugang zum Rat und zur Volksversammlung gleich nach den Kult
betreffenden Angelegenheiten; ferner soll es für ihn möglich sein, in eine Phyle und
eine Phratrie seiner Wahl einzutreten …‹«

Nach dem Tod des Herophilos und Erasistratos blieb nur wenig von der Reputa-
tion der alexandrinischen Ärzte übrig, wie besonders Polybios (XII 25 d) betont,
der einen Vergleich zwischen Heilkunst und Geschichtsschreibung zieht und dabei
folgendermaßen argumentiert:

»Denn da die Geschichtsschreibung insofern eine Ähnlichkeit mit der Heilkunde hat,
als beide in drei Hauptteile zerfallen, wirkt sich das entsprechend auch auf die aus,
welche sich diesen Berufen widmen. Um mit der Heilkunst zu beginnen, so ist der
erste Teil die Theorie, der zweite die Diätetik, der dritte die Chirurgie und Pharmazie.
Die theoretische Richtung, die vor allem von Alexandria ausgeht, von den Schulen des
Herophilos und Kallimachos, wie man sie dort nennt, vertritt unbestreitbar einen Teil
der Medizin, in ihrer Propaganda aber, in der sie die größten Erfolge verspricht, um-
gibt sie sich mit einem solchen Nimbus, dass man meinen sollte, kein anderer sonst
beherrsche die Kunst. Wenn man sie jedoch vor einen wirklichen Fall stellt und ihnen
einen Patienten anvertraut, dann zeigt sich, dass ihnen das praktische Können ebenso
sehr fehlt wie Leuten, die nie ein medizinisches Buch gelesen haben. Es ist schon oft
vorgekommen, dass Kranke auf ihre ausgezeichnete Werbung hereinfielen und sich
in ihre Hände gaben, obwohl ihnen zunächst nichts Ernstliches fehlte, und dann doch
in Lebensgefahr geraten sind. Sie gleichen wirklich solchen, die ihr Schiff nach einem
Buch steuern. Nichtsdestoweniger ziehen sie mit großem Tamtam von Stadt zu Stadt
und haben einen gewaltigen Zulauf, während sie anderen, die durch wirkliche Heiler-
folge einen Beweis ihres Könnens erbracht haben, vor ihren Zuhörern nicht nur den
ärztlichen Ruf, sondern auch ihre Praxis ruinieren. Die dritte Richtung, die jedem Beruf
86 IX Die Medizin

die richtige Haltung und Einstellung verleiht, ist nicht nur selten, sondern wird infolge
der Urteilslosigkeit der Menge von der Zungenfertigkeit frecher Nichtskönner in den
Schatten gestellt.« 6

Diese negative Aussage des Polybios betrifft primär die theoretische Medizin der
Schüler des Herophilos, die häufig als Dogmatiker bezeichnet werden. Demgegen-
über entwickelte sich in Alexandria seit der Mitte des 3. Jh. eine empirisch orien-
tierte Richtung, die von Philinos aus Kos7, einem Schüler des Herophilos, gegründet
wurde. Sie wird von Polybios nicht erwähnt. Hier galten allein »Erprobung« (peira),
»Erkundung« bzw. »Anschauung« (historia) sowie »Analogie« (tu homoiu metabasis)
als Merkmale der Behandlung. Dabei wurde besonders der Therapie, vornehmlich
der Pharmakologie, besondere Bedeutung zuteil. Eine Gesamtdarstellung der em-
pirischen Lehre findet sich später bei dem griechischen Arzt Galen aus Pergamon
(129–ca. 216 n.).
Im Jahr 219 v. ließ sich der erste griechische Arzt in Rom nieder, nämlich Archaga-
thos8, ein Chirurg aus Lakonien, der nach Plinius (nat. hist. 29, 12) sogar das Bürger-
recht bekam. Während ihm zunächst begeisterte Aufnahme und größte Hochschät-
zung zuteil wurden, erhielt er später den ›schmeichelhaften‹ Beinamen Carnifex
(»Schlächter«). Dazu passt die folgende Aussage des Cato Maior (234–149 v.), sei-
nes jüngeren Zeitgenossen: In dem Erziehungsbuch für seinen Sohn, den libri ad
Marcum filium, findet sich das folgende Urteil über die Griechen allgemein und die
griechischen Ärzte speziell:

»Ich werde dir über diese Griechen, mein Sohn Marcus, an der rechten Stelle sagen, was
ich in Athen erkundet habe, und dass es gut ist, einen Blick in ihre Schriften zu werfen,
aber nicht, sie auswendig zu lernen. Ich werde erhärten, dass ihre Art nichtsnutzig und
unbelehrbar ist. Und dies halte für das Wort eines Propheten: Wenn einmal dieses
Volk uns seine Schriften gibt, wird es alles verderben, und erst recht, wenn es seine
Ärzte hierher schickt. Sie haben sich untereinander verschworen, alle Barbaren durch
ihre Medizin zu töten. Und eben dies tun sie gegen Honorar, damit man ihnen glaubt
und sie Unheil anrichten. Auch uns nennen sie Barbaren und schmähen uns auf noch
schmutzigere Weise als die anderen. Ich habe dir somit ein Verbot bezüglich der Ärzte
erteilt.«

Ergänzend zum Thema Medizin noch die folgenden Bemerkungen: Neben der
›regulären‹ Medizin lebte im Hellenismus auch die alte Volksmedizin fort. Die In-
schriften von Epidauros (um 300 v. aufgezeichnet) sind voll von Berichten über
Wunderheilungen, zu denen der Heilgott Asklepios den Gläubigen im Tempelschlaf
verholfen hatte.
Dafür zwei Beispiele aus dem 3. Jh. v. (Dittenberger, Syll.3 1168, Zeile 33 ff.).

»Ambrosia aus Athen, einäugig. Diese kam hilfesuchend zu dem Gotte, und als sie im
Heiligtum herumging, lachte sie über einige Heilungen, da es unglaublich und unmög-
lich sei, dass Lahme und Blinde allein dadurch gesund geworden seien, dass sie einen
Traum sahen. Als sie selbst im Tempel schlief, sah sie folgenden Traum. Es schien ihr,
dass der Gott zu ihr trete und sagte, er wolle sie gesund machen, als Preis aber müsse
IX Die Medizin
IX Die Medizin 87

sie dem Heiligtum ein silbernes Schwein stiften, zur Erinnerung an ihre Torheit. Nach
diesen Worten zog er ihr das kranke Auge auseinander und goß ein Heilmittel hinein.
Als es Tag wurde, kam sie gesund heraus.«

Zeile 68 ff.:

»Der Knabe Euphanes aus Epidauros hatte Blasensteine und schlief im Tempel. Da war
ihm, als trete der Gott zu ihm und sagte: »Was wirst du mir geben, wenn ich dich ge-
sund mache?« Er antwortete: »Zehn Knöchel.« Da lachte der Gott und sagte, er werde
ihn heilen. Und als es Tag wurde, kam er gesund heraus.«

Zusammenfassend lässt sich zum Thema hellenistische Medizin festhalten: Trotz des
allmählichen Niedergangs seit der zweiten Hälfte des 3. Jh. v. waren die Fortschritte
der Medizin in dieser Zeit, wie oben dargelegt, höchst bedeutend.
X Die Philologie
X Die Philologie

X Die Philologie1

Die Philologie entstand als eigenständige Wissenschaft in Alexandria und fand dort
ihre namhaftesten Vertreter. Das Wort philologos taucht erstmals bei Platon auf und
bezeichnet den »Freund von Logoi«, d. h. von »Reden«, sowie allgemein von »Litera-
tur«. In hellenistischer Zeit erhält philologos bei dem Universalgelehrten Eratosthe-
nes von Kyrene die Bedeutung eines Mannes von vielseitigem Wissen (vgl. oben,
S. 48) und entspricht etwa dem heutigen Begriff des Universalgelehrten2. Dagegen
wird der Vertreter der Philologie im modernen Sinn, nämlich der Wissenschaft von
Sprache und Literatur, als grammatikos (»Grammatiker«). bezeichnet.
Vorläufer der hellenistischen Philologie waren die Sophisten, Platon und Aris-
toteles: Sie übten sich in sprachlich-grammatikalischen Studien, betrieben die In-
terpretation von Dichtern, untersuchten den »richtigen Gebrauch von Wörtern«
(orthoepeia) und erörterten deren Etymologie. Von herausragender Bedeutung
war Aristoteles, der in seiner Poetik eine Tragödientheorie aufstellte und litera-
tur- bzw. kulturgeschichtliche Probleme behandelte. Außerdem verfasste er zu-
sammen mit seinem Großneffen Kallisthenes die Schrift didaskaliai (»Theaterauf-
führungen«), welche speziell der Tragödie galt. Die bei der Gründung des Museion
einflussreiche Tradition des Peripatos, verkörpert in der Person des Demetrios
von Phaleron, förderte die Entstehung und Entwicklung der alexandrinischen
Philologie maßgeblich. Denn auch die Schüler des Aristoteles sammelten gelehr-
tes Material, betrieben antiquarische Forschungen, suchten nach neuen literari-
schen Kriterien und stellten so den Philologen unerlässliche Hilfsmittel zur Ver-
fügung.
Mitbegründer der Philologie war Philitas (oder Philetas) von Kos3, der »zugleich
als Dichter und Gelehrter« wirkte, wie bereits in der Antike konstatiert wurde (vgl.
Strabon XIV 2,19).
Er war einerseits Repräsentant der kunstvollen alexandrinischen Kleinpoesie,
die kurze Zeit später in Kallimachos und Theokrit hervorragende Vertreter fand,
und wirkte andererseits als Philologe, der in seinen Ungeordneten Glossen seltene
Worte aus Homer und anderen Dichtern sammelte. Die Verbindung von Dichtung
und philologischer Gelehrsamkeit im Werk des Philitas wurde nicht zuletzt insofern
richtungsweisend, als er von Ptolemaios I. zum Erzieher seines Sohnes Ptolemaios II.
Philadelphos bestellt wurde und Lehrer des Zenodotos von Ephesos4 (ca. 330 – nach
260 v.) war, dem ersten Vorstand der alexandrinischen Bibliothek und eigentlichen
Begründer der alexandrinische Philologie.
Zenodots Verdienste um die Philologie lassen sich wie folgt zusammenfassen:
• Er war der Schöpfer der ersten kritischen Homerausgabe, genauer gesagt, der Ilias
und Odyssee, welche er als die einzigen echten Epen Homers betrachtete, während
er andere Dichtungen, die unter Homers Namen liefen, für unecht hielt, z. B. die

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_10, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
90 X Die Philologie

sog. homerischen Hymnen, die Heimkehrgeschichten (Nostoi), den Margites und


den Froschmäusekrieg.
• Was die Editionstechnik des Zenodotos angeht, so legte er seiner Homeredition
mehrere Handschriften zugrunde und verglich deren Lesarten miteinander. Er
ging somit ganz ähnlich vor wie die modernen Herausgeber antiker Texte.
• Er verwandte bei Versen, die er für unecht hielt, ein textkritisches Zeichen, näm-
lich den Obelos (-), gleichwohl nahm er diese Verse in den Text auf. Zu diesem
Vorgehen bemerkt Pfeiffer5: »Dies war das erstemal, dass ein Herausgeber dem
ernsthaften Leser und Gelehrten die Möglichkeit gab, seine kritische Entschei-
dung zu bewerten.«
• Zenodotos edierte weitere Autoren, nämlich Hesiod, Pindar und Anakreon.
Wiewohl seine Ausgaben in mancher Hinsicht Mängel aufwiesen, zu denen vor
allem die zahlreichen Athetesen (= Tilgungen von Versen) gehören, gilt er mit Recht
als Begründer der alexandrinischen Philologie.
Die Verbindung von Dichtung und Philologie erreichte mit Kallimachos von Ky-
rene6 (ca. 300 – nach 245 v.) ihren Höhepunkt. Sein dichterisches Werk war, wie bald
gezeigt werden soll, der Inbegriff ›moderner‹ Poesie. Zugleich verfasste er zahlreiche
»Bücher über Antiquitäten, über die Sprache und über die literarische Kritik« (so R.
Pfeiffer) – philologische Schriften also, von denen wenigstens einige aufgezählt wer-
den sollen. Zur ersten Gruppe zählen etwa Bräuche der Barbaren (nomima barba-
rika), Ortsübliche Bezeichnungen (Ethnikai onomasiai), Monatsbenennungen (Menon
prosagoriai), Über die Flüsse in der Welt (fr. 457–459 Pfeiffer); zur zweiten Verände-
rungen von Namen, zur dritten die Abhandlung Gegen Praxiphanes (fr. 460 Pfeiffer =
fr. 505 Asper), in welcher er Aratos von Soloi als »hochgelehrten und hervorragenden
Dichter lobt«. Von größter Bedeutung für die weitere Entwicklung der Philologie
war schließlich seine bereits erwähnte Katalogisierung der großen Bibliothek von
Alexandria.
Auch Apollonios von Rhodos7, der ca. 300 v. in Alexandria geboren ist, publi-
zierte sowohl dichterische Werke als auch philologischen Studien. Er verfasste ei-
nerseits das einzige erhaltene hellenistische Großepos, nämlich die Argonautika,
andererseits die Schrift Gegen Zenodotos, in der er sich kritisch mit den Lesarten
Zenodots auseinandersetzte. In einer weiteren philologischen Abhandlung beschäf-
tigte er sich mit den Werken Hesiods. Außerdem schrieb er eine Monographie über
Archilochos.
Auch bei Aratos aus Soloi8, dem Verfasser der Phainomena (Himmelserscheinun-
gen, dazu unten), und dem Epiker Rhianos von Kreta (2. Hälfte 3. Jh. v.)9 verbanden
sich dichterisches und philologisches Schaffen. Letzteres betraf vor allem Homer,
denn beide Autoren schufen eine neue Homerausgabe.
Eratosthenes von Kyrene (ca. 295–220 v.),10 der um 246 v. durch Ptolemaios III.
Euergetes als Nachfolger des Apollonios zum Vorsteher der alexandrinischen Bib-
liothek und Prinzenerzieher Ptolemaios’ IV. berufen wurde, befreite die Philologie
von der Poesie und rechnete sie zu den exakten Wissenschaften. Eratosthenes be-
trachtete sich nicht als Grammatiker, sondern nannte sich erstmals philologos im
Sinne von »Universalgelehrter« (siehe oben). War er doch sowohl als Geograph,
Chronograph, Historiker, Mathematiker, Astronom, Dichter und Philologe tätig.
Sein philologisches Interesse galt besonders der attischen Komödie, über die er ein
X Die Philologie
X Die Philologie 91

Werk in mindestens zwölf Büchern mit dem Titel Über die Alte Komödie (Peri tes
archaias komodias) verfasste. F. Susemihl11 bezeichnete diese Abhandlung, von der
einige Fragmente erhalten sind, als »ein Meisterstück von allseitiger philologischer
Arbeit, wie es bis dahin noch nicht vorhanden war«. Darin behandelte Eratosthenes
u. a. die Komödiendichter Aristophanes, Eupolis, Kratinos, aber auch die Tragiker
Aischylos und Euripides, den Epiker Hesiod sowie die Lyriker Archilochos und Si-
monides. Wegen der umfassenden Thematik wurde dieses Werk in der Folgezeit oft
erwähnt und benützt, z. B. von den Philologen Aristophanes, Aristarchos, Didymos,
dem Arzt Galen und dem Perihegeten Pausanias. Außerdem schrieb Eratosthenes
ein Sachlexikon zu seltenen Ausdrücken und Worten in der Komödie sowie ein
grammatikalisches Werk in zwei Büchern.
Mit Aristophanes von Byzanz12, der um 195 Vorsteher der alexandrinischen Bi-
bliothek wurde, erreichte die Philologie ihren Höhepunkt. Im Gegensatz zu seinen
Vorgängern war er, der Zenodot, Kallimachos und Eratosthenes zu seinen Lehrern
zählte, lediglich Grammatiker. Folgende waren die Hauptaspekte seiner philologi-
schen Tätigkeit:
• Im Zentrum stand die Edition zahlreicher Autoren, nämlich Homer, Ilias und
Odyssee, ferner Euripides (vielleicht auch Sophokles und Aischylos) sowie Aris-
tophanes und Menander (der sein Lieblingsdichter war!), schließlich Pindar, Al-
kaios und Anakreon. Das Ausmaß seiner Textausgaben übertraf somit alles bis-
lang Dagewesene.
• Gegenüber seinen Vorgängern verfeinerte er die Editionstechnik, indem er außer
dem Obelos (–) eine Reihe weiterer textkritischer Zeichen verwandte, nämlich
den Asteriskos (*) bei Versen, die seiner Meinung nach an der falschen Stelle
standen, Sigma (C) und Antisigma ( )bei austauschbaren Doppelfassungen sowie
das Keraunion (T) bei einer fortlaufenden Reihe unechter Verse.
• Ferner erleichterte er das Verständnis von Texten, indem er als erster Akzente und
Spiritus setzte, Worttrennungen vornahm und Interpunktionszeichen verwandte.
Außerdem führte er bei lyrischen Partien die Gliederung nach Strophen ein.
• Schließlich schrieb er Hypotheseis (lat. argumenta), »Einleitungen, Inhaltsanga-
ben« zu den einzelnen Tragödien und Komödien. Sie enthielten eine kurze In-
haltsübersicht, Angaben über Paralleldramen, den Schauplatz, Chor und Sprecher
des Prologs. Ferner informierten sie über die Erstaufführung, die am Wettkampf
beteiligten Dichter und die von ihnen dargebotenen Stücke sowie den Sieger und
den Zweit- bzw. Drittplatzierten. Am Ende stand zumeist eine kurze Beurteilung
der Tragödie unter ästhetischem Aspekt.
• Zahlreiche letztlich auf Aristophanes von Byzanz zurückgehende Inhaltsangaben
sind in den Handschriften der Tragiker bzw. Komiker erhalten. Im Folgenden
seien zwei Hypotheseis zitiert, welche die wohl bekanntesten Tragödien der Antike
betreffen, nämlich die Antigone des Sophokles von 441 und die Medea des Euripi-
des von 431:

»Hypothesis des Grammatikers Aristophanes zur Antigone des Sophokles:


Antigone hatte gegen das Verbot der Stadt Polyneikes bestattet, wurde aber dabei er-
tappt und, in eine unterirdische Gruft gesperrt, von Kreon getötet. In tiefem Leid nahm
sich auch Haimon wegen seiner Liebe zu ihr mit dem Schwert das Leben. Nach seinem
92 X Die Philologie

Tod brachte sich auch die Mutter Euridike um. Die Geschichte findet sich auch bei Euri-
pides in seiner ›Antigone‹; nur wird dort die Ertappte mit Haimon zu ehelicher Gemein-
schaft verbunden und gebiert ein Kind, nämlich Haimon. Der Schauplatz der Handlung
liegt im boiotischen Theben: Der Chor besteht aus einheimischen Alten. Den Prolog
spricht Antigone. Die Geschehnisse vollziehen sich während der Herrschaft Kreons.
Die Hauptereignisse sind Polyneikes’ Bestattung, Antigones Ermordung, Haimons Tod
und das Ende seiner Mutter Euridike. Sophokles soll des Strategenamtes auf Samos
gewürdigt worden sein, nachdem er durch die Aufführung der ›Antigone‹ hohen Ruhm
erlangt hatte. Es heißt, dieses Drama sei sein zweiunddreißigstes.«
»Hypothesis des Grammatikers Aristophanes zur Medea des Euripides:
Medea tötete aus Feindschaft zu Iason, weil dieser die Tochter Kreons geheiratet hatte,
Glauke und Kreon sowie die eigenen Söhne, und trennte sich von Iason, um mit Aigeus
zusammenzuleben. Die Geschichte findet sich bei keinem der beiden (sc. Aischylos
und Sophokles). Der Schauplatz des Dramas ist Korinth, der Chor besteht aus einhei-
mischen Bürgersfrauen. Den Prolog spricht die Amme der Medea. Das Drama wurde
unter dem Archon Pythodoros im ersten Jahr der 87. Olympiade (431 v.) uraufgeführt.
Erster war Euphorion, zweiter Sophokles, dritter Euripides mit Medea, Philoktet, Diktys
und dem Satyrspiel Theristai. Diese Dramen sind nicht erhalten.«

• Von außerordentlicher Bedeutung für die weitere Entwicklung der Philologie wa-
ren die lexikographischen Studien des Aristophanes, die den gesamten Bereich
der griechischen Literatur abdeckten und ihren Niederschlag in den Lexeis (Wor-
ten bzw. Redensarten) fanden. Dadurch wurde Aristophanes zum Begründer der
wissenschaftlichen Lexikographie.
• Weiterhin verdienen die Berichtigungen und Ergänzungen des Aristophanes zu
den Pinakes des Kallimachos Erwähnung.
• Schließlich spielte er auch bei der Auswahl der bedeutendsten Autoren eine wich-
tige Rolle (vgl. Quintilian X 1,54) und beeinflusste dadurch nachhaltig den in der
Moderne so genannten Kanon der klassischen Autoren.
Aristarchos von Samothrake13 (ca. 215–145 v.) war ein Schüler des Aristopha-
nes und führte dessen philologische Werke weiter. Als Nachfolger des Apollo-
nios Eidographos war er sechster Vorsteher der alexandrinischen Bibliothek und
Prinzenerzieher am Hof der Ptolemaier. Vor Ptolemaios VIII. Physkon floh er um
145 nach Kyrene, wo er bald starb. Er erwarb sich auf dem Gebiet der Philologie
zahlreiche Verdienste:
• Seine bedeutendste und wirkungsvollste Leistung bestand nicht etwa in editori-
scher Tätigkeit (lediglich Homer wurde von ihm neu herausgegeben), sondern
in der Kommentierung von Texten. Damit füllte er eine Lücke aus, die von den
vorangehenden Philologen (weitgehend) offengelassen war. Seine Kommentare
galten Homer (Ilias und Odyssee), Hesiod (Theogonie und Erga), den Tragikern
Aischylos, Sophokles, Euripides, dem Komiker Aristophanes, den Lyrikern Ar-
chilochos, Alkaios, Alkman, Anakreon und Pindar sowie dem Historiker Herodot
(vielleicht auch dem Thukydides). Sie waren teils textkritischer, teils exegetischer
Natur.
• Ergänzend zu den Kommentaren traten Monographien, die primär der wissen-
schaftlichen Auseinandersetzung dienten und daher oftmals polemischen Cha-
X Die Philologie
X Die Philologie 93

rakter hatten. So verfasste er Werke Gegen Philitas, Über Ilias und Odyssee, Über
das Schiffslager.
• Von besonderem Interesse waren seine Homerinterpretationen, die unter dem
Motto standen, »Homer aus Homer zu erklären« (so Porphyrios). Allegorisierende
Homerdeutung, wie sie in der pergamenischen Schule zuerst durch Krates von
Mallos in Mode kam (dazu bald Näheres) lag ihm dagegen völlig fern. Im Zu-
sammenhang mit der Texterklärung betrieb Aristarchos auch eingehende sprach-
lich-grammatikalische Studien, wobei er das Prinzip der Analogie, das Aristopha-
nes von Byzanz im Bereich der Deklination angewandt hatte, zu einem allgemein
gültigen Grundsatz erhob.
• Aristarchos initiierte die sog. homerische Frage, d. h. das Problem der Entste-
hung, Echtheit und Einheit der homerischen Gedichte Ilias und Odyssee. Diese
Frage wurde in der Moderne von Friedrich August Wolf in seinen Prolegomena
ad Homerum sive de operum homericorum prisca et genuina forma, 1795 wieder
aufgenommen und darf noch heute als das zentrale Problem der Homerforschung
gelten, wobei sich Unitarier und Analytiker noch immer unversöhnlich gegen-
überstehen. Was Aristarchos angeht, so betrachtete er Buch XXIII 296 als das ur-
sprüngliche Ende der Odyssee. Dort ist von der Vereinigung des Odysseus mit
Penelope nach langen Jahren der Trennung die Rede. Entsprechend betrachtete
er das ganze Buch XXIV, das vom Freiermord handelt, als späteren Zusatz.
• Aristarchos begründete eine Schule, der nicht weniger als 40 Grammatiker ange-
hörten, unter ihnen Apollodor aus Athen, Dionysios Thrax und Didymos Chal-
kenteros, der bedeutendste Grammatiker und Lexikograph der augusteischen
Zeit.14
Während Aristophanes und Aristarchos im ägyptischen Alexandreia wirkten, ent-
stand in Pergamon, der Hauptstadt des Attalidenreiches, ein zweiter Schwerpunkt
philologischer Tätigkeit, und zwar durch Krates von Mallos15, der auf Einladung Eu-
menes’ II. (197–157 v.) nach Pergamon gekommen war. Eumenes hatte eine umfang-
reiche Bibliothek gegründet und dadurch die wichtigste Voraussetzung für philolo-
gische Aktivitäten geschaffen. Die pergamenische und alexandrinische Philologie
standen von Anfang an in krassem Gegensatz zueinander. Während in Alexandria
die Philologie, wie oben gezeigt, aus der Verbindung mit der Dichtung entstand,
herrschte in Pergamon von Anfang an eine Art Personalunion zwischen Philologie
und Philosophie, genauer gesagt, der stoischen Philosophie. Seit Gründung dieser
Schule durch Zenon von Kition war die Allegorie eine beliebte Methode der Stoi-
ker, Homer als Zeugen für die Richtigkeit der eigenen Philosophie zu bemühen. Bei
Krates, der zwei Homermonographien verfasste, wurde die allegorisierende Inter-
pretation zur philologischen Methode par excellence, mit deren Hilfe er die wahre
Meinung Homers und anderer Dichter zu ermitteln strebte. So suchte er bei Homer
die Kugelgestalt der Erde nachzuweisen und deutete die Beschreibung des Schil-
des des Achilles als Darstellung des Kosmos. Auf diese Weise geriet die pergameni-
sche Philologie in die Abhängigkeit philosophischer Dogmatik und in Kontrast zur
›reinen‹ alexandrinischen Philologie. In bewusster Absetzung von den Grammati-
kern Alexandrias nannten sich Krates und seine Schüler kritikos, ein Wort, das sie
selbstbewusst im Sinne von »Sachverständiger« bzw. »Urteilsfähiger« verwandten.
Neben Homer beschäftigte sich Krates auch mit anderen Dichtern, z. B. mit Hesiod,
94 X Die Philologie

Euripides und den Komikern. Stoische Auffassungen manifestierten sich auch in


den sprachlich-grammatikalischen Arbeiten des Krates. Dabei spielte das Prinzip
der Anomalie im Gegensatz zu der von Aristarchos vertretenen Analogie eine zen-
trale Rolle. Obgleich er keine eigene Schule begründete, übte Krates auch in anderer
Hinsicht großen Einfluss aus: Im Jahr 168 v. kam er als Gesandter Pergamons nach
Rom und verweilte dort krankheitshalber längere Zeit. Damals hielt er philologische
Vorlesungen, die großen Zulauf fanden, und förderte so die Ausbildung der römi-
schen Philologie. Krates galt dank seiner Verdienste um die Philologie mit Recht als
größter Grammatiker der Antike neben Aristarchos (so Strabon I 2,24).
Apollodor von Athen (ca. 180–110 v.)16 war ein Schüler des Aristarchos in Alex-
andria und verließ diese Stadt ebenso wie sein Lehrer anlässlich der Vertreibung
der Gelehrten durch Ptolemaios VIII. Physkon 145 v. Er begab sich zunächst nach
Pergamon, kehrte aber später nach Athen zurück. Er verband die Philologie eng
mit historischen, geographischen und mythologischen Forschungen. Im Mittel-
punkt seines umfangreichen Werkes standen die historische Chronologie und die
Interpretation der griechischen Dichtung, wobei Homer und die dorische Komödie
den ersten Rang einnahmen. Von seiner Chronik ist erst später die Rede. In den
beiden philologischen Werken Über den Schiffskatalog (12 Bücher) und Über Göt-
ter (24 Bücher) befasste sich Apollodor mit speziellen Homerproblemen. Während
in der zuerst genannten Publikation im Gefolge des Eratosthenes und seiner Geo-
graphika Fragen der homerischen Geographie im Vordergrund standen, betraf die
zweite vornehmlich die homerische Religion, wobei die Erklärung der Götternamen
primär anhand von Funktion und Wesen der Gottheiten erfolgte. In einer speziellen
Schrift, die nach dem Vorbild der Lexeis des Aristophanes gestaltet war, behandelte
Apollodor etymologische Fragen. Ebenfalls nach dem Muster des Aristophanes be-
schäftigte er sich mit der Komödie, genauer gesagt mit Epicharmos und Sophron,
den Vertretern des dorischen Lustspiels, und verfasste Monographien über diese
beiden Dichter. Wahrscheinlich edierte er auch die Stücke Epicharms. Apollodor
gilt als bedeutendster Nachfolger der alexandrinischen Philologen Aristophanes und
Aristarchos. Seine philologischen Leistungen waren zwar sehr eindrucksvoll, doch
beschritt er im Allgemeinen keine neuen Wege, sondern folgte oftmals früheren
Autoren, besonders Eratosthenes und Aristarchos.
Dies galt weniger für Dionysios Thrax aus Alexandria17 (ca. 170–90 v.), einen
Schüler des Aristarchos. Ebenso wie dieser verließ Dionysios beim Regierungsan-
tritt Ptolemaios’ VIII. Physkon 145 v. Alexandria und begab sich nach Rhodos, das
nach Alexandreia und Pergamon mehr und mehr an kultureller Bedeutung gewann.
Hier wirkte und lehrte er bis etwa zum Jahr 90 v. Auch er beschäftigte sich in erster
Linie mit Homer und verfasste über diesen zahlreiche Traktate und Kommentare,
in denen es vornehmlich um sprachliche, sachliche und textkritische Fragen ging.
Dabei wandte er sich entschieden gegen die allegorische Deutungsweise und das
Anomalieprinzip der pergamenischen Philologie: Dies geschah auch in der Schrift
Gegen Krates von Mallos. Seinen Ruhm verdankt Dionysios jedoch vor allem der
Tatsache, dass unter seinem Namen ein kurzer Abriß der Grammatischen Kunst
(Techne grammatike) überliefert ist, deren Echtheit zwar lange umstritten war, die
jedoch heute als gesichert gilt. Es handelt sich um das einzige erhaltene Werk der
hellenistischen Philologie und gleichzeitig um das älteste Handbuch zur Grammatik
X Die Philologie
X Die Philologie 95

überhaupt. Dabei wurden fast alle Erkenntnisse der Stoiker und der Alexandriner,
soweit sie sprachliche, grammatikalische, textkritische und interpretatorische As-
pekte betrafen, zu einem geschlossenen System vereint. Im Einzelnen ging es um
folgende Themen: (1) Lautes Lesen. (2) Erläuterung poetischer Tropen. (3) Erläute-
rung veralteter Worte und Inhalte. (4) Etymologische Fragen. (5) Analogie, d. h. das
Fehlen grammatikalischer Regelmäßigkeit und (6) Literaturkritik.
Die Techne bildete die Grundlage des gesamten antiken Grammatikunterrichts
und wurde zum Muster für alle späteren Grammatiken. Darüber hinaus hat Diony-
sios Thrax die alexandrinische Philologie nach Rhodos verpflanzt und – angesichts
der Verbindungen dieser Insel mit Rom – die-Entstehung der Philologie in Rom
nachhaltig beeinflusst: L. Aelius Stilo, der eigentliche Begründer der römischen Phi-
lologie sowie Lehrer Varros und Ciceros, war nämlich ein Schüler des Dionysios
Thrax. Der bedeutendste unter dessen griechischen Schülern war Tyrannion, der
seit 67 v. als Grammatiker in Rom wirkte und mit Cicero, Caesar und Atticus be-
freundet war. Philoxenos aus Alexandria schließlich verfasste als erster Grieche eine
Abhandlung über die lateinische Sprache. Durch diese und andere Personen erhielt
die Philologie eine neue Wirkungsstätte und ein neues Betätigungsfeld, nämlich die
wissenschaftliche Bearbeitung der römischen Sprache und Literatur.
Den Schlussstrich unter die großen Leistungen der hellenistischen Philologie zog
in augusteischer Zeit Didymos aus Alexandria18 (1. Jh. v.), der wegen seines im-
mensen Fleißes und der Vielzahl seiner Veröffentlichungen – er verfasste angeblich
3500 Bücher – die Beinamen Chalkenteros (»Erzarsch«) und Bibliolathas (»Bücher-
vergesser) erhielt, weil er angeblich selbst nicht mehr wusste, was er alles geschrie-
ben hatte. Lediglich eine Schrift ist (unvollständig) auf Papyrus (PBerol 9780) erhal-
ten, nämlich ein Kommentar zu den Reden 9–11 und 13 des Demosthenes. Seine
Publikationen umfassten alle Gebiete der alexandrinischen Philologie, als Kompila-
tor großen Stils vereinte er so ziemlich alle früheren Forschungsergebnisse. Von den
Vorgängern unterschied er sich vornehmlich dadurch, dass es ihm weniger um die
Bewahrung des literarischen als vielmehr um die Erhaltung des philologischen Erbes
ging. Daher erreichte die alexandrinische Philologie mit Didymos den Endpunkt
ihrer Entwicklung.
XI Die Dichtung

XI Die Dichtung1

In der Zeit des Hellenismus erlebte die Dichtung eine große Blüte: Einige Gattun-
gen entstanden neu, andere wurden modernisiert. Vor allem war das Nachleben der
hellenistischen Poesie äußerst bemerkenswert. Auf diesen Aspekten liegt denn auch
der Schwerpunkt der folgenden Ausführungen.

1 Das Kleinepos (Epyllion)


Begründer und Hauptvertreter dieser Literaturgattung war Kallimachos von Ky-
rene2. Er wurde bislang schon mehrmals erwähnt: Zum einen, weil er den umfassen-
den Katalog der alexandrinischen Bibliothek erstellte, zum anderen, weil er auch ein
bedeutender Philologe war (vgl. oben S. 90). Kallimachos wurde um 300 in Kyrene
geboren und ging später nach Alexandria, wo er zunächst als Elementarlehrer tätig
war, bald aber eine Anstellung an der Bibliothek erhielt. Er war gefeierter ›Hofdich-
ter‹ und Lehrer zahlreicher Grammatiker, übernahm aber nach Zenodots Tod nicht
selbst die Leitung der Bibliothek, sondern überließ sie seinem Schüler Apollonios
von Rhodos. Dass es mit diesem zu einem schweren Zerwürfnis über die Frage des
Klein- bzw. Großepos gekommen sei, ist eine antike Behauptung, die nach neueren
Erkenntnissen nicht zutrifft. Dazu bald Näheres.
Kallimachos hielt das Großepos im Sinne Homers für nicht mehr zeitgemäß und
ersetzte es durch ein Kleinepos, das sich durch leptotes (»Zartheit, Feinheit«) aus-
zeichnet und eine sorgfältige, formvollendete Struktur aufweist.
Im Proöm zu seinen Aitia (fr. 1 Pfeiffer = fr. 1 Asper) begründet er dieses Prinzip
folgendermaßen:

»Oft murren Telchine gegen meinen Gesang, Unkundige, die nicht Freunde der Musen
geworden sind, weil ich nicht ein einheitliches, kontinuierliches Lied in vielen Tausend
Versen vollendet habe, entweder zur Verehrung der Könige oder auf die Helden der Vor-
zeit, sondern mein Wort nur über eine kurze Strecke hin (5) rolle wie ein Kind, wo doch
die Jahrzehnte meines Lebens nicht gering sind. Aber ich sage den Telchinen folgendes:
›Stachliche Sippschaft, die sich nur darauf versteht, die eigene Leber dahinschmelzen
zu lassen (sc. aus Neid), ja in der Tat, ich war ein Mann von nur wenigen Versen. Fort mit
euch, verderbliches Geschlecht boshaften Neides! Beurteilt das dichterische Können
auf der Stelle nach der Kunst, nicht aber mit dem persischen Landmaß, und verlangt
nicht von mir, dass ich einen laut tönenden Gesang hervorbringe! Donnern ist nicht
meine Sache, sondern die des Zeus. (20) Als ich nämlich zum ersten Mal die Schreibta-

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_11, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
98 XI Die Dichtung

fel auf meine Knie legte, sagte Apollon Lykios zu mir: ›Sänger, das Opfer lass so fett wie
möglich werden, die Muse aber, mein Bester, zart! Außerdem trage ich dir noch folgen-
des auf: Gehe dort, wo nicht die Wagen fahren; (25) lenke dein Gespann nicht auf den
Spuren der anderen und nicht über die breite Straße hin, sondern auf unbegangenen
Pfaden, mag dir auch einer recht eng werden.‹ Dem bin ich gefolgt. Denn wir singen
unter denen, die den hellen Klang der Zikade, nicht aber das Geschrei des Esels lieb ge-
wonnen haben. (30) Dem langohrigen Tier ähnlich mag ein anderer schreien; ich aber
möchte die kleine, die geflügelte sein, ja wirklich, damit ich das Alter, damit ich den Tau,
damit ich diesen während meines Gesanges als tröpfchenförmige Speise aus der gött-
lichen Luft zu mir nähme und jenes sogleich abstreifte, das als Last auf mir liegt, (35)
so schwer wie die dreispitzige Insel (sc. Sizilien) auf dem verderblichen Enkelados …«

Ähnlich heißt es im Hymnus auf Apollon 2, 105 ff.:

»Der Neid flüsterte heimlich ins Ohr Apollons: ›Nicht schätze ich den Sänger, der nicht
soviel singt, wie das Meer groß ist.‹ Den Neid vertrieb Apollon mit einem Fußtritt und
sprach so: »Der assyrische Fluss (sc. der Euphrat) ist zwar groß, doch führt er eine rie-
sige Menge von Schlamm und Unrat mit sich. Der Demeter hingegen bringen die Bie-
nen nicht von überall her Wasser, sondern nur, was rein und unbesudelt aus heiliger
Quelle hervorsprudelt, ein winziger Schluck, das Feinste vom Feinen.‹«

In einem Fragment (fr. 465 Pfeiffer = 511 Asper) schließlich bemerkt Kallimachos
mit unverblümter Offenheit: »Das große Buch ist gleich einem großen Übel« – ein
Urteil, das in vieler Hinsicht noch heute aktuell ist.
Hauptwerk des Apollonios waren die fragmentarisch erhaltenen Aitia (Ursprünge,
Gründungen) in vier Büchern, in denen er sein dichterisches Credo verwirklichte.
Dargestellt waren Gründungsgeschichten von Kulten, Bräuchen, Tempeln, Festen
und Spielen. Einige Beispiele: Warum opfert man auf Paros den Chariten ohne Flö-
tenmusik und Bekränzung? Warum dürfen attische Mädchen erst nach der Hochzeit
an den Thesmophorien teilnehmen? Warum trägt das Kultbild der Hera auf Samos
einen Weinstock im Haar? Besondere Erwähnung verdient Die Locke der Berenike,
die den Höhepunkt und Abschluss des Werkes bildet: Berenike, die Gemahlin Ptole-
maios’ III. Euergetes, hatte vor dem Aufbruch ihres Gatten in den syrischen Feldzug
246 v. für dessen glückliche Heimkehr der Göttin Aphrodite Arsinoe Zephyritis eine
Locke ihres Haupthaares geweiht. Als aber das kostbare Haar eines Tages aus dem
Tempel verschwunden war, fand der Hofastronom Konon eine Erklärung hierfür. Er
entdeckte es als Sternbild am Himmel zwischen Löwe, Jungfrau und Bootes wieder.
Dieses Gedicht, in welchem die Locke selbst ihr Schicksal erzählt, wurde von Catull
(carm. 64) ins Lateinische übersetzt und zum Vorbild für alle späteren panegyri-
schen Dichtungen über Sternbilder: Das Motiv kehrt speziell im Barock mehrmals
wieder, es erschienen Sternbilder wie »Brandenburgs Zepter«, »Preußens Gloria«,
»Georgsharfe« etc.
Insgesamt sind ungefähr 75 aitiologische Erzählungen bei Kallimachos nachweis-
bar. Diese große Anzahl ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass zahlreiche
Fragmente der Aitiai in den letzten Jahrzehnten auf Papyrus zu Tage gekommen
sind. Als besondere Merkmale dieser Gründungssagen sind nach B. Effe3 zu erwäh-
1 Das Kleinepos (Epyllion) 99

nen: »Antiquarisch-philologische Gelehrsamkeit, Spiel mit traditionellen Gattungen


und Stilformen, Buntheit der Inhalte und Erzählweisen, ironische Distanz anstelle
von Emotionalität und Pathos.«
Auch die folgende Episode ist besonders gut geeignet, die neue Auffassung von
Dichtung und die Verlagerung der Akzente zu veranschaulichen. Der Stiftung der
Nemeischen Spiele durch Herakles geht eine seiner großen Heldentaten voraus,
nämlich die Tötung des Nemeischen Löwen. Doch anstatt dieses bekannte Ereignis
ein weiteres Mal zu erzählen, legt Kallimachos den Schwerpunkt auf einen alltäg-
lichen Nebenaspekt: Nach seiner Darstellung kehrt Herakles bei dem armen Bauern
Molorchos ein, dessen armselige Lebensweise ausführlich geschildert wird. Auch
dieser muss einen gefährlichen Kampf bestehen, nämlich gegen die Mäuse, die ihm
seinen bescheidenen Besitz wegfressen. Dieser Kampf bildet einen komischen Kon-
trapunkt und ironischen Zerrspiegel zur Heldentat (fr. 177,9–17 Pfeiffer = fr. 60 As-
per) des Herakles:

»Als er (sc. Molorchos) den Laut der Mäuse hörte – wie wenn ins Ohr eines furchtsamen
Rehs das Brüllen eines Junglöwen dringt –, verweilte er kurz im Lauschen und sprach
dann ganz leise: ›Lästige Nachbarn, was kommt ihr wieder hierher, um an meiner Habe
zu nagen? Ihr könnt ja nichts mehr mitnehmen …‹ So sprach er und gegen die Mäuse
ging er mit heimlicher List vor: Er legte in doppelte Falle todbringende Köder.«

Ähnliche Änderungen inhaltlicher und struktureller Art fanden sich in dem


Kleinepos Hekale. Auch hier wird ein bekannter Mythos aus neuer Perspektive
behandelt, nämlich die Geschichte von Theseus. An die Stelle seines heroischen
Kampfes gegen den Stier von Marathon treten bei Kallimachos (mit intertextuellen
Bezügen auf die Eumaiosszenen Homers) die Einkehr und Bewirtung des Helden
bei der armen Hekale und die Schilderung von deren trauriger Lebensgeschichte.
Diese Erzählung war ähnlich wie die Geschichte von Herakles und Molorchos aitio-
logischer Natur: Die Hekale schloß mit der Stiftung des attischen Demos Hekale und
der Einrichtung des Kultes des Zeus Hekalaios zu Ehren der gastfreundlichen alten
Frau, die Herakles-Molorchosgeschichte aber enthielt die Aitiologie der Nemeischen
Spiele.
Von Kallimachos sind ferner sechs Götterhymnen erhalten: An Zeus, An Apollon,
An Artemis, An Delos, Auf das Bad der Pallas, An Demeter. Der Dichter knüpft dabei
vordergründig an die homerischen Hymnen an, treibt aber de facto mit den überlie-
ferten Konventionen sein ironisches Spiel. Das lässt sich gut am Zeushymnos illus-
trieren. Dieser beginnt traditionsgemäß mit der Geburt des Gottes, enthält jedoch
eine ganz neue Nuance, wobei der Autor sein mythologisch-antiquarisches Wissen
bewusst entfaltet: Die vorherrschende kretische Version wird unter Hinweis auf das
Sprichwort »Kreter lügen immer« zugunsten der seltenen arkadischen Version ab-
gelehnt. Die Schlusspartie behandelt, zunächst im Einklang mit der Tradition, das
Wirken des Gottes und ergänzt dann, dass auch die Herrscher und Könige in der
Obhut des Zeus stehen: Gerade dieses Motiv liefert den Ansatz für eine originelle
Neuerung, nämlich die Huldigung gegenüber Ptolemaios I. (Hymn. 1, 84–90):
100 XI Die Dichtung

»Denen hast Du (sc. Zeus) Reichtum zukommen lassen und Segen im Überfluss, allen
zwar, doch durchaus nicht in gleichem Maße. Das kann man gut an unserem Herrscher
zeigen. Denn weit voraus ist er den anderen. Abends vollendet er, was er am Morgen
ersinnt: Abends das Bedeutendste, das Geringere schon dann, wenn er es plant. Die an-
deren brauchen für das eine ein ganzes Jahr, für das andere nicht nur eines, bei wieder
anderen hat Du selbst ihnen die Erfüllung abgeschlagen und ihr Wollen durchkreuzt.«

Kallimachos gilt mit Recht als »der Meister des Epigramms« (so von Wilamowitz).
Für seine 60 erhaltenen Epigramme ist nämlich in höherem Maße als bei anderen
Dichtern eine raffinierte Pointierung charakteristisch. Die Epigramme betreffen u. a.
das dichterische Programm (siehe oben!), den höfischen Bereich und Nachrufe auf
Gestorbene.
Folgende Charakteristika des Kallimachos sind zusammenfassend hervorzu-
heben:
• Ihm eignet eine besonders kunstvolle und abwechslungsreiche Gestaltung, auch
in sprachlicher Hinsicht.
• Er akzentuiert stets neue Themen, besonders solche, welche die Liebe und das
Alltagsleben betreffen.
• Er präsentiert zahlreiche unbekannte Stoffe, die er mit großer Gelehrsamkeit
»ausgräbt«.
• Er vermeidet eine pathetische Darstellung zugunsten spielerischer und ironischer
Schilderungen.
Es handelt sich demnach um einen höchst ›modernen‹ Dichter, der sich mit den
›verstaubten‹ Traditionen kritisch auseinandersetzt und sie durch neue inhaltliche
und sprachliche Formen, Motive und Akzente ersetzt.
Kallimachos hat die weitere Dichtung der Griechen und Römer nachhaltig be-
einflusst: Wie sich bald zeigen wird, übernahmen die hellenistischen Dichter der
folgenden Generation, nämlich Apollonios von Rhodos, Theokrit von Syrakus und
Aratos von Soloi, weitgehend sein innovatives Kunstprinzip. Auch auf die römischen
Dichter übte er eine große Faszination aus: Catull (65–66) übersetzte, wie bereits
betont, Die Locke der Berenike. Die 15 Jugendgedichte Vergils, Katalepton genannt,
deren Echtheit teilweise umstritten ist, erinnern bereits im Titel an die Leptotes des
Kallimachos. Unter den augusteischen Dichtern stand ihm besonders Ovid nahe:
Er formte ganze Geschichten der Metamorphosen, z. B. Philemon und Baucis, Ery-
sichthon, Acontius und Cydippe und das Epyllion Ibis nach seinem Vorbild. Proper-
tius (geb. ca. 50 v.), der im vierten Buch eine Reihe aitiologischer Elegien vorlegte,
bezeichnete sich selbstbewusst als Callimachus Romanus (Römischer Callimachus)
(IV 1, 64). Auch Tibull verfasste seine Elegien im Geiste des Kallimachos. Mit Recht
wurde er von Quintilian (X 1,58) als »Begründer der Elegie« (princeps elegiae) be-
zeichnet.
2 Das Großepos 101

2 Das Großepos
Im Gegensatz zu Kallimachos war Apollonios von Rhodos4 mit seinen ca. 6000 Ver-
sen umfassenden Argonautika Vertreter des hellenistischen Großepos. Es handelt
sich um das einzige Großepos, das aus dieser Epoche erhalten ist.
Nach einer späten Überlieferung kam es in der Frage, ob das Groß- oder das
Kleinepos die angemessene Form der epischen Dichtung bilde, zu einer heftigen
Auseinandersetzung zwischen Kallimachos und Apollonios, die zur Folge hatte, dass
letzterer von Kallimachos scharf attackiert wurde und aus Enttäuschung über den
Misserfolg der Argonautika von Alexandria nach Rhodos auswanderte, wo er an-
geblich das Epos überarbeitete. Dagegen hat Antonios Rengakos5 in einer neueren
Untersuchung überzeugend nachgewiesen, dass der Streit zwischen Kallimachos
und Apollonios, die erste missglückte Fassung der Argonautika (die sogenannte
Proekdosis, »Vorausgabe«) sowie die Übersiedlung des Apollonios nach Rhodos
biographische Fiktionen sind, die teils auf der Verwechslung mit einem anderen
Apollonios (dem sog. Eidographen), teils auf späten Erfindungen beruhen, welche
der Kritiklosigkeit und Sensationslust antiker Viten geschuldet sind. Nach Ren-
gakos können demgegenüber folgende Tatsachen als gesichert gelten: Apollonios
wurde ca. 300 v. in Rhodos geboren. Als junger Mann ging er nach Alexandria und
machte die Bekanntschaft des Kallimachos. Ptolemaios II. Philadelphos übertrug
ihm ca. 275/270 v. die Erziehung seines Sohnes Ptolemaios’ III. Euergetes; Apol-
lonios übernahm jedoch nie die Leitung der alexandrinischen Bibliothek. Er starb
unter der Herrschaft des Euergetes in Alexandria. Einen Streit zwischen Apollo-
nios und Kallimachos gab es demnach nicht. Es handelt sich vielmehr offenbar um
eine Erfindung des Grammatikers Theon, der in augusteischer Zeit, also mehr als
200 Jahre nach dem Tod des Apollonios, die erste Lebensbeschreibung des Dich-
ters verfasste. Apollonios war in Wirklichkeit, wie andere Quellen betonen, ein
»Schüler des Kallimachos« und machte sich dessen Kunstprinzip weitgehend zu
eigen.
Zum Inhalt der Argonautika heißt es im Proöm des ersten Buches (I 1–4):

»Beginnend mit Dir, Phoibos, will ich an die Ruhmestaten jener alten Heroen erinnern,
welche die gutgefügte Argos durch die Meerenge des Pontos und zwischen den Kyani-
schen Felsen hindurchruderten, um auf Weisung des Königs Pelias das Goldene Vließ
zu erringen.«

Von den insgesamt vier Büchern des Epos behandeln die beiden ersten die Ereignisse
von der Sammlung der Argonauten unter Führung Iasons in Pagasai, dem Hafen
des thessalischen Iolkos, bis zur Landung in Kolchis, dem Ziel des Unternehmens,
wo sich das goldene Vließ befand. Die Schilderung der Fahrt, die Apollonios mit
geographischer Genauigkeit wiedergibt, ist nicht eintönig: Weite, aber ereignisarme
Strecken werden oft mit wenigen Worten abgetan, die Landaufenthalte dagegen
meist ausführlich geschildert. Das dritte Buch, das berühmteste des ganzen Werkes,
behandelt die Ereignisse vorwiegend aus der Sicht Medeas, deren Liebe zu Jason im
Zentrum steht. Mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen beschreibt der
Dichter den elementaren Konflikt zwischen ihrer Liebe zu dem fremden Helden und
102 XI Die Dichtung

dem Gehorsam gegenüber ihrem Vater Aietes und den Sieg ihrer Gefühle über alle
moralischen Skrupel (siehe unten!). Zu Beginn des vierten Buches gewinnt Jason
das Goldene Vließ, da Medea durch ihre Zauberkunst den Drachen einschläfert, der
es bewacht. Der Rest des Buches schildert die abenteuerliche Rückfahrt der Argo-
nauten von Aia in Kolchis in Thessalien, wobei im Gegensatz zur Hinfahrt, die auf
direktem Wege erfolgt, nun die Reise auf teilweise phantastischen Wegen durch fast
alle Gebiete der bekannten und unbekannten Welt führt.
Der erwähnte angebliche Konflikt zwischen Kallimachos und Apollonios hatte
auch für die Beurteilung seines Werkes in der früheren Forschung gravierende Fol-
gen. Die Argonautika wurden wegen des (angeblichen) kallimacheischen Verdikts
fast durchweg negativ bewertet. Dafür einige Kostproben: G. Knaak6 meinte: »Aber
es war ein verfehltes Unternehmen des Apollonios, den Homeriker zu spielen und
zugleich im Geiste seiner Zeit eine gelehrte Perihegese und eine sentimentale Lie-
besgeschichte in das Epos hineinzutragen. An der Verbindung dieser disparaten Ele-
mente musste auch ein begabterer Dichter scheitern.« U. von Wilamowitz7 urteilte:
»Daher kann das Ganze an den Argonautika nicht befriedigen, und es ist ein Beweis
dafür, dass die hellenistische Poesie keinen Fortschritt mehr zu machen fähig ist,
wenn wir zugestehen müssen, dass Kallimachos und Theokrit mit ihrer Kritik nicht
durchgedrungen sind, Apollonios für die Nachwelt der Homer der Argonautenge-
schichte ward.« Noch H. Herter8 spricht in den siebziger Jahren des letzten Jahrhun-
derts von dem ›Verdammungsurteil des Kallimachos’. Demgegenüber betrachtet die
neuere Forschung, wie allein der Titel des 1994 erschienenen Buches von M. M. De
Forest9 »Apollonius’ Argonautica: A Callimachean Epic« beweist, das Werk als kalli-
macheische Dichtung und erblickt in ihr eine Erneuerung des homerischen Groß-
epos im Sinne der modernen Kunstauffassung.
Anschließend ist daher zunächst von der Übernahme homerischer Elemente die
Rede, danach von den Innovationen des Apollonios nach Art des Kallimachos.
Die Anknüpfung an das homerische Epos manifestiert sich vornehmlich in fol-
genden Aspekten:
• Die homerische Götterwelt in Gestalt der Olympischen Götter existiert in vollem
Umfang, und ähnlich wie bei Homer stehen die Götter über allem Geschehen.
• Zahlreiche Elemente homerischer Erzählweise sind auch bei Apollonios anzutref-
fen, z. B. Musenanrufe, Gleichnisse, sprachliche Entlehnungen.
Umgekehrt wird die Handschrift des Apollonios in formalen, inhaltlichen und me-
thodischen Innovationen manifest:
Was die formale Seite angeht, so sind folgende Aspekte hervorzuheben:
• Entsprechend dem Verdikt des Kallimachos, ein großes Buch sei ein großes Übel,
umfasst das Epos des Apollonios knapp 6000 Verse. Angesichts des beinahe dop-
pelten Umfangs der Odyssee und des dreifachen der Ilias bedeutet dies eine erheb-
liche Reduzierung der Verszahl.
• In allen vier Büchern der Argonautika finden sich intertextuelle Bezüge auf die
Aitia des Kallimachos.
• Apollonios steht Kallimachos auch insofern nahe, als er selbst häufig aitiologische
Themen behandelt: Insgesamt finden sich ungefähr 60 Aitia, also beinahe ebenso
viele wie bei Kallimachos selbst! Anders als dieser verzichtet Apollonios jedoch
auf poetologische Reflexionen, die Huldigung an das ptolemaiische Königshaus
2 Das Großepos 103

oder die Erwähnung zeitgeschichtlicher Ereignisse. Er hält vielmehr konsequent


am mythischen Zeitrahmen seines Epos fest.
• Die Verkürzung des homerischen Epos manifestiert sich vornehmlich in der
(weitgehenden) Vermeidung von Verswiederholungen, dem sparsamen Einsatz
typischer Szenen und dem Verzicht auf langatmige Erklärungen von Sachverhal-
ten.
• Sprachlich und erzählerisch ist der Text außerordentlich komprimiert bis hin zur
Ellipse: Apollonios fordert stets den nach- und mitdenkenden Leser. Er liebt un-
gewöhnliche und überraschende Formulierungen, verlässt dagegen ausgetretene
sprachliche Pfade und begibt sich bisweilen auf die Metaebene philologischer
(z. B. etymologischer) Reflexion.
Was die inhaltliche Seite angeht, so sind folgende Neuerungen bemerkenswert:
• Die Götter sind zwar ähnlich wie bei Homer stets gegenwärtig, spielen aber bei
Apollonios eine ganz andere Rolle: An die Stelle ›offizieller‹ Götterversamm-
lungen mit Zeus an der Spitze setzt Apollonios intime Privatgespräche einzel-
ner Göttinnen in den olympischen Privatgemächern »abseits von Zeus selbst und
den anderen unsterblichen Göttern« (Arg. III 8 f.). Hierfür ein Beispiel: Hera und
Athene beraten zunächst, wie sie den Argonauten helfen können, und begeben
sich danach zu Aphrodite mit der Bitte, sie möge ihren Sohn Eros dazu bewegen,
in Medea die Liebe zu Jason zu erwecken. Aphrodite ist dazu bereit, verweist aber
auf die damit verbundenen Schwierigkeiten (III 93–99):
»Auf mich nimmt er (sc. Eros) keine Rücksicht, sondern widersetzt sich ständig voller
Geringschätzung. Ich wollte schon, von seiner Bosheit umgeben, ihm vor seinen Augen
die üblen Pfeile mitsamt dem Bogen zerbrechen. Doch da drohte er mir zornig, wenn
ich nicht meine Hände fernhielte, solange er noch seine Wut unterdrücke, würde ich
mir später selbst Vorwürfe machen.«

Hera und Athene haben Verständnis für die Probleme der Mutter. Daraufhin
macht sich Aphrodite auf die Suche nach ihrem ungeratenen Sohn und findet ihn
schließlich beim Knöchelspiel mit einem anderen Jungen.
»Der eine hielt seinen linken Handteller unter der Brust bereits ganz voll, der wilde
Eros; er stand aufrecht, und süße Röte glühte auf seinen Wangen. Der andere hockte
gebückt daneben, in betrübtem Schweigen; nur zwei Knöchel hatte er noch … Und er
war zornig auf den triumphierend Lachenden. Als er auch die sehr bald wie die vorhe-
rigen verloren hatte, ging er ratlos mit leeren Händen davon.«

Aphrodite spricht den übermütigen Sieger an (129–131):


»Warum lachst Du so, unsäglicher Schlingel? Du hast ihn wohl in seiner Naivität ein-
fach so ausgetrickst und unfair übertölpelt! Doch nun, sei lieb und tu mir den Gefallen,
um den ich Dich bitte …«

Sie bringt ihr Anliegen vor, und da sie als Belohnung einen wunderschönen Ball
verspricht, ist der Kleine gleich Feuer und Flamme (146–148):
»Alle Spielsachen warf er weg, hielt die Göttin mit beiden Händen links und rechts an
ihrem Gewande fest und bettelte darum, ihn gleich zu geben auf der Stelle.«
104 XI Die Dichtung

Ein größerer Kontrast zu den homerischen Götterversammlungen lässt sich kaum


vorstellen.
• Apollonios entwirft einen neuen, modernen Heldentypus, den man geradezu als
Antihelden bezeichnen könnte: Der homerische Held, der stets auf sein Ansehen
bedacht ist, wird ersetzt durch einen fehlbaren und unsicheren ›Menschen wie du
und ich‹, der zur Erfüllung seiner Aufgabe stets auf die Hilfe anderer angewiesen
ist.
• Eine weitere Neuerung des Apollonios betrifft die Rolle der Frau im Epos: In die
traditionelle Männerdomäne, wie sie noch in den ersten beiden Büchern vor-
herrscht, führt der Dichter im dritten Buch als eigentliche Heldin Medea ein und
erzählt die Ereignisse psychologisch meisterhaft fast durchweg aus ihrer Sicht.
• Außerdem ist Apollonios’ verstärkte Hinwendung zu ›wissenschaftlichen‹ Ge-
genständen bemerkenswert: Sein Epos enthält einen Fülle von geographischen,
ethnographischen und technischen Einzelheiten, die vom alexandrinischen Pu-
blikum mit Interesse aufgenommen wurden.
• Schließlich findet sich bei Apollonios die feinsinnige Analyse psychischer Vor-
gänge. Ein Musterbeispiel hierfür bildet der Aufruhr der Gefühle bei Medea, die
ständig zwischen Pflicht und Liebe hin- und herschwankt. Der entsprechende
Passus (III 744 ff.) bildet den Höhepunkt des Epos:

»Die Nacht nun brachte Dunkelheit über die Erde, und die Seeleute auf dem Meer
blickten von ihren Schiffen zum Großen Bären und zum Sternbild des Orion; auf Schlaf
hoffte auch schon mancher Wanderer und Torhüter; selbst manche Mutter, deren Kin-
der gestorben waren, umfing tiefer Schlaf. Auch Hundegebell war in der Stadt nicht
mehr zu hören und auch kein Geräusch von Stimmen: Schweigen herrschte in dem
schwärzer werdenden Dunkel. Medea jedoch wollte der süße Schlaf nicht überkom-
men. Viele Sorgen hielten sie aus Liebe zu dem Aisoniden (Jason) wach, da sie die
mächtige Gewalt der Stiere fürchtete, durch die er auf dem Aresfeld schmachvoll zu-
grunde zu gehen drohte. Wild raste ihr Herz in der Brust: Wie ein Sonnenstrahl, der
vom Wasser zurückgeworfen wird, das man gerade in ein Becken oder einen Eimer
geschüttet hat, an der Decke tanzt und in schneller Bewegung unruhig bald hierhin,
bald dorthin springt: So zitterte auch das Herz des Mädchens in der Brust. Tränen des
Mitleids entströmten ihren Augen, im Inneren rieb sie ständiger Schmerz auf, brachte
ihre Haut zum Glühen, lähmte ihre Nerven und drang bis tief unten in den Hinterkopf,
wo der Schmerz am schlimmsten ist, wenn unaufhörliche Leidenschaft das Herz mit
Liebeskummer quält. Das eine Mal sagte sie sich, sie werde ihm Zaubermittel gegen die
Stiere geben; ein anderes Mal, sie werde es nicht tun, sondern selbst zugrunde gehen;
gleich darauf aber, sie wolle weder selbst sterben, sondern einfach ihr Unglück ertra-
gen. Schließlich setzte sie sich und sagte unschlüssig: »Ich Elende, soll ich mich nun zu
diesem oder zu jenem Übel entschließen. In jeder Hinsicht bin ich ratlos, und es gibt
keine Hilfe gegen mein Leid, sondern es brennt nur so in einem fort …«
3 Die Neue Komödie 105

• Methodisch gesehen liegen die Neuerungen des Apollonios vornehmlich in der


rationalistischen Durchdringung des Mythos, dessen übernatürliche und mär-
chenhafte Elemente stark zurückgedrängt oder fast ganz eliminiert werden. Hier-
für zwei Beispiele: Die Fahrt durch die Symplegaden ins Schwarze Meer erscheint
bei Apollonios nicht als Passage durch ein märchenhaftes ›Jenseitstor‹, sondern als
navigatorische Meisterleistung. Und Medeas mythisches Image als Zauberin wird
ganz nüchtern und rational auf ihre Kenntnisse in der Pharmakologie zurückge-
führt.
Die voranstehenden Ausführungen dürften gezeigt haben, dass die Argonautika des
Apollonios in der Tat ein ›modernes‹ Gedicht sind und viele gemeinsame Züge mit
den Aitia des Kallimachos aufweisen. Auch von hier aus fallen alle Spekulationen
über den angeblichen Streit zwischen beiden Dichtern. In Wirklichkeit war Apol-
lonios, wie andere Quellen bemerken, ein »Schüler des Kallimachos« und erscheint
daher auch nicht in der Reihe der ›Telchine‹ (vgl. oben S. 97).
Den Argonautika war ein immenses Nachleben beschieden, sie setzten sich bald
als die Standardversion der Argonautensage durch. Das bezeugen u. a. zahlreiche
Papyrusfunde, die noch immer zunehmen, und die Würdigung des Pseudolongi-
nus (peri hypsus 33,4), der Apollonios einen »fehlerlosen Dichter« nennt. Besonders
bei den Römern wirkte dieses Epos bis in die Spätantike weiter: Varro von Atax,
ein Zeitgenosse Catulls, übersetzte die Argonautika in lateinische Hexameter. Ent-
weder diese Version oder aber das Original waren Vorbild für Catull (carmen 64),
der die Klage der Ariadne nach dem Vorbild der Medea des Apollonios gestaltet.
Vergil bezog sich in seiner Aeneis immer wieder auf die Argonautika, besonders
bei der Fahrt der Troianer nach Italien in Buch III und in der Liebe der karthagi-
schen Königin Dido zu Aeneas in Buch IV. Anklänge bei Ovid sind nicht selten (bes.
epist. ex Ponto 6 und 12). Das vierte Buch der Argonautika war auch Vorbild für
Lukans Beschreibung von Catos Marsch durch das schlangenverseuchte Libyen in
den Pharsalia (IX, 619–699). Die Argonautika des Apollonios und die Aeneis Vergils
bildeten die Grundlage für die unvollendeten Argonautica des Valerius Flaccus. Fer-
ner diente die Zeichnung Medeas durch Apollonios dem spätantiken Dichter Mos-
chos als wichtigste Vorlage für die Charakterisierung seiner Europa, und auch die
sog. Orphischen Argonautika beruhen großenteils auf dem gleichnamigen Werk des
Apollonios.

3 Die Neue Komödie


Während sich die tragische Dichtung in hellenistischer Zeit vornehmlich auf
Neuinszenierungen der Klassiker, besonders des Euripides, beschränkte, erlebte die
Komödie eine bemerkenswerte Blüte. Bekanntlich unterscheidet man in der Ent-
wicklung der griechischen Komödie drei Zeitabschnitte:
• Die Alte Komödie entstand im 5. Jh. und hatte in Eupolis, Kratinos und Aristo-
phanes ihre Hauptvertreter: Von Letzterem sind immerhin 14 Stücke vollständig
erhalten.
106 XI Die Dichtung

• Die mittlere Komödie umfasste die Jahre von ca. 400 bis in die Zeit Alexanders
den Großen: Über sie weiß man nur wenig, da von ihren Repräsentanten nur
spärliche Fragmente überliefert sind.
• Die neue Komödie setzte etwa mit dem Tode Alexanders ein und fand besonders
im letzten Drittel des 4. Jh. und im ersten des 3. Jh. mit der Trias Menander, Phile-
mon und Diphilos ihre Blüte. Der Schwerpunkt der folgenden Ausführungen liegt
denn auch auf diesen Autoren.
Über Menander10 existieren folgende biographische Angaben. Einer heute verlo-
renen Inschrift (IG XIV 1184) zufolge entstammte er einer wohlhabenden Familie,
wurde unter dem Archontat des Sosigenes, d. h. 342/341 v., geboren und fand mit
52 Jahren, also 290/289 v., den Tod. Zusammen mit Epikur leistete er den Militär-
dienst, sein Lehrer in der Komödie war der Dichter Alexis. Ferner existierten Ver-
bindungen zum Peripatos, genauer gesagt, zu Theophrast und zu Demetrios von
Phaleron, nach dessen Sturz 307 v. auch er selbst zeitweilig in Gefahr geriet. Bereits
im Alter von etwa 20 Jahren führte er sein erstes Stück, nämlich Orge (Zorn), auf. Mit
dem Dyskolos (dem Schwierigen) errang er 316 v. seinen ersten Sieg an den Lenäen,
ein Jahr später siegte er auch an den Dionysien. Insgesamt schrieb er 105 oder 109
Stücke, von denen immerhin 96 Titel bekannt sind. Er war mit durchschnittlich drei
Komödien pro Jahr ein ungemein produktiver, aber mit nur acht Siegen ein wenig
erfolgreicher Dichter. Dies änderte sich nach seinem Tode grundlegend.
Da sich im Zuge der politischen Entwicklung die Staatsform der Polis überlebt
hatte und Athen zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken war, fehlen in seinen Ko-
mödien politische Anspielungen und Kritiken an den öffentlichen Zuständen oder
Personen, wie dies etwa bei Aristophanes stets der Fall ist. In den Komödien Men-
anders geht es vielmehr hauptsächlich um Ereignisse aus dem bürgerlichen Leben,
nämlich die Entführung, Aussetzung und Wiederauffindung von Kindern, ferner
um Ehebruch, Vergewaltigung, Betrug. Die Liebe spielt in allen Varianten eine zen-
trale Rolle, wobei im Allgemeinen nach vielen Irrungen und Wirrungen ein Happy
End erfolgt.
Menander zeichnete die Schwächen seiner Mitmenschen mit viel Liebe und Ver-
ständnis und entwarf individuelle Charaktere: Den verliebten jungen Mann, den
geizigen Alten, den prahlerischen Soldaten, den gerissenen Sklaven, die raffinierte
Jungfrau, die selbstsüchtige Hetäre. In diesem Sinne betonte bereits Ovid (amor.
I 15, 17 f.):

»Solange der lügnerische Sklave, der harte Vater, die kupplerische Alte, die schmeichle-
rische Dirne leben, wird es Menander geben.« (Dum fallax servus, durus pater, improba
lena vivent et meretrix blanda, Menandros erit).

Mit einer gewissen Übertreibung könnte man Menander daher als Begründer der
Typenkomödie bezeichnen. Dies geht nicht zuletzt aus zahlreichen Titeln seiner Ko-
mödien hervor, z. B. Der Menschenfeind, Der Schmeichler, Der Gehasste, Der doppelte
Betrüger. Hierbei ist der Einfluss seines Lehrers Theophrast spürbar. Dieser hinter-
ließ eine Schrift mit dem Titel Charaktere, die dreißig knappe Charakterskizzen von
Personen mit zumeist negativen Eigenschaften enthält. Beispielsweise werden der
Schmeichler, der Schwätzer, der Unverschämte, der Pfennigfuchser, der Misstrauische,
3 Die Neue Komödie 107

der Aufschneider, der Geizige anhand bezeichnender Eigenschaften und Verhaltens-


weisen vorgestellt (dazu unten S. 183 f. Näheres). Menander aber hat über die römi-
schen Komiker Plautus (ca. 250–185 v.) und Terenz (185–159 v.) stark auf Molière,
den Begründer der modernen Typenkomödie gewirkt, wie allein die folgenden Titel
von dessen Komödien erkennen lassen: Der Geizige, Der Misanthrop, Der eingebil-
dete Kranke.
Höchst außergewöhnlich ist der Erhaltungszustand von Menanders Komödien:
Noch kurz vor Beginn des 20. Jh. wusste man von ihm nur soviel, dass die römischen
Komödiendichter Plautus und Terenz in ihren erhaltenen Stücken einzelne seiner
Werke frei übersetzten oder aber kontaminierten, d. h. zu einer neuen Komödie ver-
arbeiteten. Im Vorwort der Andria betont beispielsweise Terenz: »Menander hat die
Andria und die Perinthia gemacht. Wer eines davon kennt, kennt beide Stücke gut. So
sehr verschieden sind sie ja im Inhalt nicht.« Somit handelt es sich bei der Andria des
Terenz um eine freie Bearbeitung zweier Komödien seines Vorbildes. Von Menan-
der selbst existierten bis Ende des 19. Jh. nur einzelne Zitate, die hauptsächlich von
Athenaios in seinen Gelehrten beim Mahl und von Stobaios in seinem Florilegium
überliefert werden und der Thematik bzw. Zielsetzung der beiden genannten Auto-
ren entsprechen.
Dies änderte sich seit Beginn des 20. Jh., vor allem auf Grund von Papyrusfun-
den, die im ägyptischen Wüstensand auftauchten und vom 3. Jh. v. bis ins 6. Jh. n.
datieren: 1897 fand man erstmals 87 Verse aus dem Georgos (Bauer). 1905 gab G. Le-
fèbvre die auf einem Kairoer Papyrus erhaltenen Fragmente einer antiken Gesamt-
ausgabe heraus, mit Versen aus den Dramen Heros (Der Halbgott), Epitrepontes (Das
Schiedsgericht), Perikeiromene (Die ringsum Geschorene), Samia (Die Samierin). 1906
folgten 120 Verse des Sikyonios (Der Sikyonier). Weitere Funde von 1913 und 1935,
nämlich aus der Theophorumene (Die Gottbegeisterte), rundeten das Bild ab. Eine
Sensation bedeutete1958, als erstmals eine vollständige Komödie entdeckt wurde. Es
handelt sich um den fast 1000 Verse umfassenden Dyskolos (Der Schwierige), der auf
einem Papyrus der privaten Bibliotheca Bodmeriana in Coligny bei Genf entdeckt
und ein Jahr später von V. Martin herausgegeben wurde. 1969 wurden, ebenfalls aus
der Bodmer-Sammlung, zwei weitere Stücke publiziert: Die fast vollständig erhal-
tene Samia und ca. zwei Drittel des Schildes (Aspis). Ergänzt wurden diese Funde
1964 und 1965 durch Verse aus dem Sikyonios (Sikyonier) und dem Misumenos (Der
Gehasste) und 1968 durch ca. 60 Verse aus dem Dis Exapaton (Der zweimalige Betrü-
ger), die der englische Gräzist und Papyrologe E. W. Handley11 aus 13 unscheinbaren
Papyrusfetzen zusammenfügte und identifizierte. Dieser Fund bedeutete deshalb
eine wissenschaftliche Sensation, weil nun erstmals Bruchstücke der Vorlage einer
römischen Komödie, nämlich der Verse 494–562 der Bacchides des Plautus, zum
Vorschein kamen. Auf dieser freilich recht schmalen Basis konnte man erstmals
nachvollziehen, auf welche Weise der römische Komödiendichter das griechische
Original bearbeitet hat: Anscheinend orientierte sich Plautus an der Grobstruktur
der griechischen Vorlage, nahm sich aber im Einzelnen größere Freiheiten heraus,
angefangen bei der Umbenennung der handelnden Personen bis zu strukturellen
Veränderungen, vielleicht sogar bis hin zu Eingriffen in den Handlungsverlauf. In-
zwischen liegt die Gesamtsumme bei mehr als 5000 Versen, d. h. etwa sechs Prozent
der Gesamtproduktion, und es ist auch in Zukunft mit neuen Papyrusfunden zu
108 XI Die Dichtung

rechnen. Dieser Tatbestand widerlegt die weit verbreitete Ansicht, dass von antiken
Autoren keine neuen Texte auftauchen.
Was das Fortwirken Menanders angeht, so sind in der Antike, wie bereits betont,
besonders Plautus und Terenz zu nennen, die ihrerseits stark auf Molière gewirkt
haben. Auch Goethe hat Menander sehr bewundert, obgleich er nur wenige Frag-
mente von ihm kannte. In den Gesprächen mit Eckermann vom 12. Mai 1825 heißt
es: »Goethe sprach mit hoher Begeisterung über Menander: ›Nächst dem Sophok-
les‹, sagte er, ›kenne ich keinen, der mir so lieb wäre. Er ist durchaus rein, edel, groß
und heiter, seine Anmut ist unerreichbar.‹ Und er fügt hinzu: ›Daß wir so wenig
von ihm besitzen, ist allerdings zu bedauern, allein auch das Wenige ist unschätzbar
und für begabte Menschen viel daraus zu lernen.‹« Am 28. März 1828 bemerkte er
gegenüber Eckermann: »Von Menander kenne ich nur ganz wenige Bruchstücke;
aber diese geben mir von ihm gleichfalls eine so hohe Idee, dass ich diesen großen
Griechen für den einzigen Menschen halte, der mit Molière zu vergleichen gewe-
sen.« Damit sind in der Tat entscheidende Wesenszüge Menanders angesprochen,
nämlich die große Anmut und Humanität, die sich in seinen Komödien generell
und in zwei Zitaten speziell manifestieren: Das erste ist nur in der Übersetzung bei
Terenz (Heauton Timorumenos, 77) erhalten und lautet: Homo sum, humani nil a
me alienum esse puto (»Ich bin ein Mensch und glaube, dass nichts Menschliches mir
fremd ist«). Das zweite ist im griechischen Original überliefert und lautet (fr. 484
Körte): »Anmutig ist der Mensch, wenn er nur Mensch ist« (Charien est’ anthropos,
an anthropos e). Goethe paraphrasiert diesen Vers in seinem Maskenzug von 1818
folgendermaßen:

»Beschaue nur in mildem Licht


Das Menschenwesen, wiege zwischen Kälte
Und Überspannung Dich im Gleichgewicht;
Und wo der Dünkel hart ein Urteil fällte,
So lass ihn fühlen, was ihm selbst gebricht.
Du, selbst kein Engel, wohnst nicht unter Engeln,
Nachsicht erwirbt sich Nachsicht, liebt geliebt.
Die Menschen sind trotz allen ihren Mängeln
Das Liebenswürdigste, was es gibt.«

Wenigstens zwei Dramen, nämlich der Dyskolos (Der Schwierige), ein Jugendstück,
und die Epitrepontes (Das Schiedsgericht), ein Alterswerk, mögen die hohe Kunst
Menanders beleuchten:
Der Dyskolos ist, wie der Titel zeigt und bereits betont, eine Charakterstudie und
steht im Zusammenhang mit der peripatetischen Ethik, besonders den Charakteren
Theophrasts: Der alte Gebirgsbauer Knemon, von Natur aus ungesellig und durch
schlechte Erfahrungen zum Menschenfeind geworden, lebt einsam nur mit seiner
Tochter und einer alten Magd zusammen. Ein reicher junger Athener, der sich in
das junge Mädchen verliebt hat, versucht vergebens, sich dem Vater zu nähern, bis
diesen ein Unfall, nämlich ein Sturz in den Brunnen, und die unverhoffte Rettung
aus dieser misslichen Situation, zu der Erkenntnis bringen, dass er zu Unrecht seine
Mitmenschen verachtete und ihrer nicht zu bedürfen glaubte. Doch damit ist die Ko-
3 Die Neue Komödie 109

mödie noch nicht zu Ende. Der Sklave Getas und der Koch Sikon lassen dem Alten
eine »Heilbehandlung« zukommen, um ihm seinen schlechten Charakter endgültig
auszutreiben. Während die anderen im Hause fröhlich feiern, drangsalieren sie den
hilflosen Alten, bis er sich dazu bereit erklärt, an dem Fest teilzunehmen und sich
ganz in die Gemeinschaft einzufügen.
Ein paar Bemerkungen zu den Epitrepontes, dem Schiedsgericht, einem Stück,
das mit ca. 700 Versen nach dem Dyskolos am besten erhalten ist. In dieser Wie-
dererkennungskomödie, deren verschlungene Handlung die Vergewaltigung eines
tugendhaften Bürgermädchens und die Aussetzung des Kindes gleich nach dessen
Geburt zur Voraussetzung hat, erscheinen fast alle für das bürgerliche Lustspiel cha-
rakteristischen Figuren; gleichwohl sind es Menanders eigene Geschöpfe: Die junge
Frau Pamphile, die trotz aller Widrigkeiten in unbeirrbarer Treue zu ihrem Mann
hält, Smikrines, ihr alter Vater, der anscheinend oft mehr ans Geld als an das Wohl
der Tochter denkt, der junge Charisios, der tiefen Schmerz über die vermeintliche
Untreue seiner Frau empfindet, bis er seine eigene Schuld erkennt und durch die
Liebe der Pamphile wieder mit ihr vereint wird, Onesimos, der gewitzte Sklave, die
Hetäre Habrotonon, die trotz ihres Gewerbes Herzensgüte und hohe Gesinnung be-
sitzt. All diese Charaktere zeichnen sich durch Treue und Pflichtbewusstsein aus und
beweisen, dass der Dichter stets an das Gute im Menschen glaubt.
Ein kurzer Blick auf die Handlung bestätigt dies: Charisios hat Pamphile geheira-
tet, nachdem er sie kurz zuvor bei einem Fest vergewaltigt hat, ohne dass sich die bei-
den Eheleute im Dunkel der Nacht erkannten. Charisios hat nun erfahren, dass seine
junge Frau, während er verreist war, ein Kind bekommen und ausgesetzt hat. Er hält
sich für betrogen, verlässt ohne Erklärung sein Haus und sucht in Gesellschaft von
Freunden und der Musikantin Habrotonon seinen Schmerz im Trunk zu betäuben.
Aber es gelingt ihm nicht, denn er liebt seine Frau nach wie vor und muss sich ein-
gestehen, dass er selbst einem Mädchen das angetan hat, was ihm jetzt widerfahren
ist. Die Frau ihrerseits widersteht standhaft dem Zureden ihres Vaters, sich ander-
weitig zu vermählen. Charisios, der Zeuge dieses Gespräches wird, macht sich bittere
Vorwürfe, bis die gescheite und selbstlose Hetäre die Lösung bringt: Ein Ring, den
Pamphile dem Vergewaltiger abgezogen und dem ausgesetzten Kind mitgegeben
hat, wurde zusammen mit diesem entdeckt und als der des Charisios erkannt. Den
Fund des Ringes hat Menander durch eine Episode herbeigeführt, die dem Stück
den Namen gibt: Ein Hirte hatte das Kind mitsamt dem Schmuck entdeckt und es
einem Köhler auf dessen Bitte hin abgetreten, den Schmuck aber selbst behalten.
Darüber entwickelt sich ein heftiger Streit. Die Entscheidung wird dem Vater der
Pamphile übertragen, der soeben des Weges daherkommt und so, ohne es zu ahnen,
an der Identifizierung seines Enkels, an der Wiedervereinigung seiner Tochter mit
Charisios und dem erneuten Glück der beiden großen Anteil hat.
Das Schiedsgericht ist ohne Zweifel ein Meisterwerk Menanders. Hier verbindet
er in unübertrefflicher Weise Themen und Techniken seiner Kunst zu einem span-
nungsreichen Ganzen. Man könnte sagen, dass Menander in gewisser Weise dieser
Komödie die Struktur des Sophokleischen König Ödipus zugrunde legt, sie aber der
Gattung entsprechend glücklich enden lässt: So wie bei Sophokles die Selbstanalyse
des Ödipus zur Katastrophe führt, so kommt bei Menander die Komödie durch die
Selbstanalyse zu einem Happy End.
110 XI Die Dichtung

Es scheint auf den ersten Blick paradox, ist jedoch unbestreitbar, dass ausge-
rechnet der Tragiker Euripides zu den Vorbildern des Menander zählt: Dies zeigt
sich etwa am Proöm des Dyskolos, an der bei Menander häufigen Verwendung der
Anagnorisis (»Wiedererkennung«) oder aber an mehreren Botenberichten, die sich
eindeutig an Euripides anlehnen. Gerade dieser Sachverhalt muss später zum Erfolg
der Komödien Menanders beigetragen haben, da auch Euripides damals hoch im
Kurs stand.
Was das Nachleben Menanders angeht, so darf er, wie bereits betont, in gewissem
Sinne als Initiator der Typenkomödie gelten, der über Plautus und Terenz indirekt
stark auf Molière gewirkt hat. Auch wurde bereits darauf hingewiesen, dass er von
Goethe sehr geschätzt wurde, obgleich dieser sein Urteil nur auf wenige Fragmente
stützen konnte.
Im übrigen ist zum Fortwirken Menanders folgendes zu sagen: Mehr als 70 bild-
liche Darstellungen des Dichters sind aus der Antike erhalten. Ihr Archetyp wurde
zu Beginn des 3. Jh. v. im Dionysostheater von Athen aufgestellt. Außerdem gibt es
zahlreiche Abbildungen zu Menanders Stücken, speziell Wandgemälde und Mo-
saiken in Pompeii, Mytilene, Kydonia und Ephesos. Sie zeigen Szenen aus vielen
seiner Stücke, u. a. den Achaioi, den Epitrepontes, der Perikeiromene, dem Misume-
nos und dem Sikyonios. Der Philologe Aristophanes von Byzanz betrachtete ihn als
den bedeutendsten Dichter nach Homer und rühmte seine Nähe zur Wirklichkeit:
»Oh, Menander und du, Leben, wer von euch hat den anderen nachgeahmt?« (Test.
83 K.-A.). Didymos Chalkenteros, ebenfalls ein griechischer Philologe, verfasste
in augusteischer Zeit einen ausführlichen Kommentar zu den Stücken Menanders.
Was die Rezeption Menanders in Rom angeht, so dienten viele seiner Dramen,
wie bereits erwähnt, Plautus und Terenz, den Begründern der römischen Komö-
die, als Vorlagen, die sie frei bearbeiteten: Im Falle von Plautus gilt dies etwa für
den Stichus (Vorlage: Adelphoi), die Bacchides (Vorlage: Dis apaton) die Aulula-
ria (Vorlage: Apistos oder Thesauros); Terenz verwendete u. a. die Adelphoi, die
Andria, den Eunuchos und den Heauton timoroumenos für seine Komödien. Die
römischen Dichter Ovid, Manilius und Martial betrachteten Menander als Inbe-
griff der griechischen Komödie; gleiches taten namhafte Vertreter der kaiserzeit-
lichen Rhetorik, darunter Theon, Quintilian, Dion von Prusa, Hermogenes und
Themistios. In seiner erhaltenen Schrift Vergleich von Aristophanes und Menander
kritisiert Plutarch Aristophanes als vulgär und ordinär, dagegen lobt er Menander
als feinsinnigen und geistreichen Komiker, der die Aufmerksamkeit der Gebildeten
verdiene. Athenaios und Stobaios (5. Jh. n. Chr.) haben eine Fülle von »Einzeilern«
(Monostichoi) Menanders überliefert, die bis zum Ende des 19. Jh. die einzigen di-
rekten Zeugnisse des Dichters blieben. Denn in byzantinischer Zeit ging das Werk
Menanders vollständig verloren, weshalb heutzutage keine handschriftliche Über-
lieferung von ihm existiert. Erst seit ca. 1900 tauchten, wie oben dargelegt, zahl-
reiche Papyrusfunde im ägyptischen Wüstensand auf, die noch immer zunehmen
und eine genauere Kenntnis vom Schaffen dieses Dichters vermitteln, der übrigens
als erster das bis heute übliche Fünf-Akte-Schema in die dramatische Dichtung
eingeführt hat. Die bewährten Motive von Liebe und Intrige, Leidenschaft und
Eifersucht, Enttäuschung und Erfüllung, Irrungen und Wirrungen finden sich be-
kanntlich noch gegenwärtig in zahllosen Variationen auf Bühne, Leinwand und
3 Die Neue Komödie 111

Bildschirm. Es handelt sich dabei gewiss nicht um eine bewusste Rezeption oder
Imitation Menanders, doch bleibt die Tatsache unbestritten, dass diese Dinge viel-
fach von ihm ihren Ausgang nahmen.
Philemon aus Syrakus12, (ca. 360–264 v.), der 307/306 v. das athenische Bür-
gerrecht erhielt, gilt allgemein als bedeutendster Dichter der Neuen Komödie
nach Menander (Quint. X 1, 72), den er sogar mehrfach im Komödienwettkampf
bezwang. Er gewann den Agon zum ersten Mal 327 v. an den Dionysien und ist
bei den Lenäen mit drei Siegen verzeichnet (IG II 2. Aufl. 2325, 161). Ähnlich wie
Menander war er ungemein produktiv: Von seinen insgesamt 97 Komödien sind
64 Titel bekannt und fast 200 Fragmente erhalten. Bruchstücke auf Papyrus wie
im Falle Menanders fehlen merkwürdigerweise ganz. Bei diesem Dichter spielten
offenbar Gnomen und Sentenzen eine bedeutende Rolle, denn viele Fragmente, die
vornehmlich bei Stobaios überliefert sind, weisen einen moralisierenden Ton auf,
so z. B. fr. 22: »Auch ein Sklave ist ein Mensch«; fr. 97: »Gerecht ist nicht der, der kein
Unrecht tut, sondern der es nicht tun will, obwohl er dazu in der Lage wäre.« Ein-
drucksvoll ist besonders Fr. 74, in welchem ein Unbekannter über das höchste Glück
der Menschen nachdenkt:

»Die Philosophen suchen, wie ich hab’ gehört –


und wenden viele Zeit darauf – das höchste Gut!
Doch keiner fand je, was es wirklich ist. Der eine nennt’s
die Tugend, ein andrer den Verstand; doch meint
man alles andre als das höchste Gut. Ich fand es jetzt,
da auf dem Lande ich verweilte und im Erdreich grub:
Es ist der Friede! Liebster Zeus, welch’ Liebreiz ziert
und welche Menschenliebe diese Göttin doch!
Hochzeiten, Feste und Verwandte, Kinder gibt
und Freunde, Reichtum, Nahrung und Gesundheit sie!
Fehlt alles dies, so stirbt, was die Gemeinsamkeit
im Leben aller Lebenden bewirkt.«

Von den Stücken des Plautus ist der Mercator nach Philemons Emporos, der
Trinummus nach dem Thesauros gearbeitet, wie Plautus selbst in den Prologen an-
gibt: Philemo scripsit, Plautus vortit barbare (Trin. 9). Mit Sicherheit lässt sich fer-
ner für die Mostellaria Philemons Phasma als Original erschließen. Die erhaltenen
Reste zeigen den für die Neue Komödie charakteristischen Reichtum an Facetten:
Eheprobleme, Betrügereien, Hetären und Bordelle spielen eine wichtige Rolle. So-
weit zu erkennen ist, beherrschte Philemon die dramatische Technik ausgezeichnet
und sicherte seinen Stücken einen spannenden, an Überraschungen reichen Ab-
lauf.
Diphilos aus Sinope13 (ca. 350-Anfang 3. Jh. v.) war, wie seine Nennung im Ver-
zeichnis der Lenäen-Sieger kurz nach Menander und Philemon zeigt (IG II2 2325,
163), deren Zeitgenosse. Falls der biographischen Tradition über sein Verhältnis zu
der Hetäre Gnathaina ein historischer Kern zugrunde liegt, muss er bereits um 340 v.
nach Athen gekommen sein. Diphilos starb in Smyrna, wurde aber zusammen mit
seinem Vater und Bruder in Athen bestattet, wie aus der erhaltenen Grabinschrift
112 XI Die Dichtung

hervorgeht (IG II2 10321). Ähnlich wie Menander und Philemon war auch Diphilos
äußerst produktiv: Er schrieb ca. 100 Dramen, von denen etwa 60 Titel bekannt
und circa 130 Fragmente erhalten sind. Auch er war zu seinen Lebzeiten nicht sehr
erfolgreich: Siegte er doch nach IG II2 2325 nur dreimal an den Lenäen, erstmals
ca. 318 v. Die meisten größeren Partien sind bei Athenaios überliefert, der seinem
Thema Deipnosophistai (Gelehrte beim Mahle) entsprechend hauptsächlich Köche,
Parasiten und Hetären erwähnt. Ob dies für Diphylos typisch war, sei dahingestellt.
Jedenfalls weisen zahlreiche Titel auf das bürgerliche Lustspiel. Daneben hat er auch
mythische Sujets behandelt, wie die Titel Danaides, Peliades und Herakles zeigen.
Diphilos verfasste auch eine Sapphokomödie, in welcher er Archilochos und Hippo-
nax anachronistisch als Liebhaber der Dichterin auftreten ließ. Auch von diesem
Komiker existieren mehrere römische Bearbeitungen: Plautus legte die Klerumenoi
seiner Casina, ein unbekanntes Stück dem Rudens und die Schedia der Vidularia
zugrunde. Im übrigen fanden sich bei Diphilos ähnlich wie später bei Plautus nicht
selten derb und vulgär gestaltete Szenen.

4 Das Lehrgedicht14
Der Terminus »Lehrgedicht« bzw. »didaktische Poesie« bezeichnet heute Fachlite-
ratur in gebundener Form. Dieses dichterische Genus hat in Goethe den namhaf-
testen Befürworter gefunden, und zwar in seiner Abhandlung Über das Lehrgedicht
von 1827. Darin erteilt er zwar der »schulmeisterlichen Poesie« eine klare Absage,
erkennt jedoch der »didaktischen« Dichtung dann eine eigene Daseinsberechtigung
zu, wenn es sich um ein »lehrreiches, mit rhythmischem Wohllaut und Schmuck der
Einbildungskraft verziertes, lieblich oder energisch vorgetragenes Kunstwerk« han-
delt, und »selbst der begabteste Dichter sollte es sich zur Ehre rechnen, auch irgend
ein Kapitel des Wissenswerten also behandelt zu haben.«
Die didaktische Poesie, die in hellenistischer Zeit eine große Blüte fand, war be-
reits in archaischer Zeit entstanden und hatte in Hesiod (7. Jh. v.) den ersten bedeu-
tenden Vertreter gefunden. Dessen erhaltenes, in Hexametern verfasstes Gedicht
Werke und Tage bildet eine Art Bauernkalender, der ausführlich über die im Laufe
des Jahres zu verrichtenden Arbeiten des Landmanns unterrichtet.
Hesiod war auch Vorbild für das berühmteste und beliebteste aller antiken Lehr-
gedichte, nämlich die Phainomena (Himmelserscheinungen) des Aratos von Soloi
(in Kilikien)15, der seit 276 v. am Hof des Antigonos Gonatas im makedonischen
Pella wirkte.
Dieses Werk, dem die gleichnamige Prosaschrift des Astronomen Eudoxos von
Knidos als Vorlage diente, besteht aus zwei Teilen: Im ersten (1–757) werden nach
einem Proöm auf Zeus (1–18), einem einzigartigen Zeugnis stoischer Frömmigkeit
(vgl. unten), die Himmelskörper und deren Bewegungen beschrieben, im zweiten
(757–1154), ebenfalls nach einem Proöm (758–772), werden die Zeichen des Zeus,
d. h. die Wetterzeichen, aufgezählt, die man vom Himmel, von Lebewesen oder
Naturgewalten ableiten kann und die vor allem für die Seefahrt gelten. Nur beispiels-
4 Das Lehrgedicht 113

weise seien genannt: Die Schön- und Schlechtwetterzeichen am Erscheinungsbild


von Mond, Sonne und dem Sternnebel Praesepe (»Krippe) im Sternbild des Kreb-
ses (778–908), die Vorzeichen für Regen, die der Bauer am Verhalten der kleinen
und großen Tiere beobachten kann (954–987), die Ankündigungen eines frucht-
baren Sommers bzw. die Signale für die Beschaffenheit des kommenden Winters
(1104–1141). Mit Recht bemerkt W. Ludwig zum Aufbau dieses Gedichtes: »In einer
überraschenden Antiklimax ist der Blick aus dem Allergrößten zum Allerkleins-
ten herabgeführt worden. In die Form einer Belehrung für Bauern und Seeleute ist
eine Darstellung des Himmels gekleidet, der als Kosmos nach dem Willen des Zeus
auf den Menschen zentriert ist.« In einem Epilog (1142–1154) wird der Leser zur
Beobachtung und Vergleichung des noch so Unscheinbaren aufgerufen. Geschieht
das ȟber ein Jahr hin, dann wirst du wohl nie mehr am Himmel nur so aufs Gerade-
wohl urteilen«. Denn Zeus selbst, dessen Fürsorge für die Menschen ein Leitmotiv
der Dichtung bildet, schuf die Himmelszeichen zur Orientierung für Ackerbau und
Seefahrt.
Sprachlich, metrisch und inhaltlich orientieren sich die Phainomena (wie bereits
angedeutet) an Hesiod, doch werden dessen Werke und Tage auch ergänzt bzw. ver-
ändert: Der auffälligste Unterschied besteht darin, dass die Theodizee Hesiods durch
eine stoische Interpretation der Allmacht des obersten Gottes Zeus ersetzt wird. Dies
wird in besonders am Proöm deutlich.
Den Phainomena Arats war ein beispielloser Erfolg bei der Nachwelt beschie-
den, der sich in einer Vielzahl von Übersetzungen, Paraphrasen, Nachdichtungen,
Würdigungen und Kommentierungen manifestiert: Unter den zeitgenössischen Be-
wunderern steht Kallimachos an erster Stelle (Epigr. 27 Pfeiffer = fr. 56 Asper). Er
begrüßte den »Gesang nach Art Hesiods« und bewunderte die »zarten Worte« als
»Beweis für Arats Nächte durchwachende Arbeit.« An anderer Stelle (fr. 460 Pfeiffer
= fr. 505 Asper) nennt er Aratos einen »hochgelehrten und hervorragenden Dichter«.
Leonidas von Tarent (AP 9, 25) zufolge macht er »mit feinem Verstand« die ewi-
gen Sterne noch strahlender, und für einen unbekannten König Ptolemaios ist er
»der fein redende Aratos«, der unter den astronomischen Poeten das Zepter führt
(Vita Arati I p. 9 Martin). Nicht minder emphatisch urteilen die Römer: Ovid (am.
I 15, 16) prophezeit dem Aratos die Ewigkeit, Quintilian (X 1,55) indessen vermisst
Gefühl, Abwechslung und menschliche Rede; dagegen sieht der jüngere Plinius
(ep. V 6,43) gerade im unbeirrten Festhalten am Thema eine besondere Qualität des
Gedichtes. Auf die folgende Würdigung Ciceros (de orat. I 69) werde ich nochmals
zurückkommen:

»Die Gelehrten sind sich darüber einig, dass Arat, ein Laie auf astronomischem Gebiet,
in Versen von besonderer Schönheit und hohem Rang den Himmel und die Sterne be-
handelte und dass Nikander von Kolophon, der nichts von Ackerbau verstand, dank
seiner Fähigkeit als Dichter, nicht als Landmann, in glänzendem Stil über Fragen der
Landwirtschaft geschrieben hat.«

Der allgemeinen Bewunderung entspricht die häufige Rezeption in der griechischen


Dichtung, beginnend mit Apollonios von Rhodos und Theokrit von Syrakus. In Rom
war dies spätestens seit 65 v. der Fall, als Helvius Cinna (fr. 11 Courtney) eine Ab-
114 XI Die Dichtung

schrift der Phainomena aus Bithynien mitbrachte. Aratos war und blieb das römische
Vorbild für die poetische Beschreibung von Sternbildern und Wetterzeichen: Vergil
übernahm von ihm die Schilderung der Wetterzeichen in den Georgica (I 351–463).
Zu den häufig imitierten Partien zählen der Sittenverfall im Verlauf dreier Genera-
tionen (Arat. 123–126; vgl. Horaz carm. III 6, 46–48), die Verruchtheit des Schwer-
tes (Arat. 131 f. vgl. Ov. met. I 140), die Rückkehr der Göttin Dike in den Himmel
(Arat. 133–136; vgl. Ov., met. I 149 f.), das Meer als tödliche Bedrohung (Arat. 299;
vgl. Iuv. XIV 289), das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit (Arat. 460 f.; vgl.
Verg. georg. II 483 f.). Der Apostel Paulus, auch er ein Kilikier, berief sich in der
Areopagrede auf Vers 5 der Phainomena: »Wir sind ja auch von seinem Geschlecht«
(Act. Ap. 17, 28). Für die Kirchenväter Clemens aus Alexandreia, Theophilos aus
Antiocheia und Eusebios von Kaisareia gehört das Proöm der Phainomena (v. 1–18)
zu den Vorläufern der christlichen Schöpfungsgeschichte. Verbreitung und Hoch-
schätzung der Phainomena im lateinischen Westen wurden durch zahlreiche Über-
setzungen gefördert, nämlich diejenigen von Cicero (Aratea, ed. J. Soubiron, Paris
1972), Varro Atacinus (fr. 13 und 14 Courtney), Ovid (fr. 1 und 12 Coutney), Ger-
manicus, dessen Version erhalten ist (Arati Phaenomena, ed. A. Le Boeuffle, 1975)
und Avienus (Arati Phaenomena, ed. J. Soubiron, Paris 1981). Das Werk wurde
auch vielfach kommentiert, beginnend mit dem berühmten Astronomen Hippar-
chos von Nikaia, der in seinem erhaltenen, drei Bücher umfangreichen »Kommentar
zu den Phainomena des Aratos und des Eudoxos« die Irrtümer des Aratos und des
Eudoxos betreffend die Sternbilder zum Nutzen astronomisch interessierter Leser
korrigiert.
Aratos veröffentlichte auch die Sammlung Katalepton (kurzer bzw. ›feiner‹ Ge-
dichte) und bekannte sich damit zur Dichtungstheorie des Kallimachos. Daher rührt
auch der gleichnamige Titel von Vergils Jugendgedichten.
Zweiter bedeutender Verfasser von Lehrgedichten im Hellenismus war Nikander
aus Kolophon16, dessen Lebenszeit umstritten ist: Die Quellen datieren ihn teils in
die Zeit Ptolemaios’ II. (283–246 v.), teils in die Ära Ptolemaios’ V. (205–180 v.), teils
in die Jahre Attalos’ III. (138–133 v.). Für letzteren Ansatz spricht die Tatsache, dass
er einem Attalos ein Gedicht widmete (fr. 104) und dass dieser König Giftpflan-
zen, die bei Nikander vorkommen, in seinem Palast züchtete. Nikander wuchs im
»schneeweißen Klaros« (Alex. 11) unweit von Kolophon auf und hatte dort »von den
Vorfahren her« die Priesterwürde des Apollon inne (so die Vita). Nach dem byzan-
tinischen Lexikon der Suda (s.v. Nikandros) wirkte er »zugleich als Grammatiker,
Dichter und Mediziner«. Unter den dort aufgezählten Titeln finden sich zunächst
die beiden erhaltenen Lehrgedichte Theriaka (Giftige Tierbisse) und Alexipharmaka
(Abwehrmittel gegen Vergiftung). Es folgen weitere (fragmentarisch überlieferte)
Lehrgedichte, nämlich Georgika (Landbau), Melissurika (Bienenzucht), Heteroiu-
mena (Verwandlungen) in fünf Büchern sowie Iaseon synagoge (Sammlung von Hei-
lungen) und Prognostika (Prognostik): Bei dem zuletzt genannten Gedicht handelt es
sich um eine metrische Version der gleichnamigen Schrift des Pseudohippokrates.
Die Theriaka, ein hexametrisches Gedicht in 958 Versen, behandeln tierische
Gifte, ihre Wirkungen und Gegengifte; die Alexipharmaka in 630 Versen betreffen
tierische, pflanzliche und mineralische Gifte sowie die entsprechenden Abwehrmit-
tel. Beide Werke beruhen auf zwei Prosaabhandlungen eines gewissen Apollodoros
4 Das Lehrgedicht 115

aus dem 3. Jh. v.; in den Theriaka benützte Nikandros zudem das gleichnamige Lehr-
gedicht eines gewissen Numenios als Vorlage (so die Scholien).
In der früheren Forschung wurden diese Gedichte Nikanders wegen ihrer tro-
ckenen und prosaischen Thematik, der gekünstelten Sprache, der Monotonie der
Darstellung sowie der (angeblichen) Inkompetenz des Verfassers durchaus negativ
beurteilt, wie beispielsweise die folgenden Worte von F. Susemihl (1891) zeigen: »Zu
einem Dichter fehlte dem Nikandros nicht weniger als alles.« Dagegen findet sich
in der neueren Forschung seit der bahnbrechenden Ausgabe von A. S. F. Gow und
A. Scholfielt (1953) eine positive und ausgewogene Würdigung, wie sie in den Arbei-
ten von H. Schneider (1962), I. Cazzaniga (1972) und B. Effe (1974 und 1977) zum
Ausdruck kommt: Man verweist u. a. auf die Nützlichkeit der Darstellung, die Per-
fektion der Verse sowie die innovative Handhabung der Sprache (vgl. die genauen
Literaturnachweise unten Anm. 14 und 16).
Aus diesem Grunde war auch das Nachleben des Nikandros in der Antike bemer-
kenswert. Die Titel der beiden verlorenen Gedichte, Landbau und Verwandlungen,
kehren nicht zufällig bei Vergil und Ovid wieder, die Nikander herangezogen haben.
Aber auch die Theriaka und Alexipharmaka sind in der römischen Dichtung von
Vergil bis Lucan (durch Vermittlung der Theriaka des Aemilius Macer) präsent. Au-
ßerdem wurden diese Gedichte frühzeitig von Griechen und Römern kommentiert.
Das oben erwähnte Cicerozitat besagt, dass Aratos und Nikander nichts von ih-
rem Gegenstand verstanden hätten, geschweige denn Fachleute auf diesen Gebieten
gewesen seien; vielmehr hätten sie versucht, einen äußerst spröden und im Grunde
ganz unpoetischen Stoff künstlerisch zu bewältigen. Dies sei ihnen in hervorragen-
dem Maße gelungen. Dieser originellen Einschätzung ist nichts hinzuzufügen.
Mit Aratos und Nikander sind lediglich die beiden Hauptvertreter der didakti-
schen Poesie im Hellenismus genannt. In Wirklichkeit aber gab es noch eine ganze
Reihe anderer Verfasser von Lehrgedichten, die u. a. die Jagd, den Fischfang, die Bie-
nenzucht, die Gastronomie. und zahlreiche andere Themen dichterisch behandelten.
Ein paar Worte noch zum Nachleben des Lehrgedichtes. Das Fortleben Arats und
Nikanders kam bereits zur Sprache. Darüber hinaus fand diese Literaturgattung bei
den römischen Dichtern ein lebhaftes Echo, u. a. bei Lukrez, de rerum natura, Horaz,
ars poetica, und Ovid, ars amatoria bzw. remedia amoris. Während des Mittelalters
spielte die didaktische Poesie sowohl im Osten als auch im Westen eine wichtige
Rolle, z. B. auf den Gebieten der Astrologie, Zoologie, Geographie und Mineralogie.
In der italienischen Renaissance und im Humanismus des 15. und 16. Jh. erlebte das
römische Lehrgedicht in zahlreichen Werken seine Wiedergeburt. Eine theoretische
Legitimation dieser Gattung stammt von J. Scaliger in seiner Poetik von 1561. Auch
im Frankreich des 16. Jh. gab es zahlreiche Vertreter der didaktischen Poesie. Eine
letzte Blüte erlebte sie im Klassizismus des 17. und 18. Jh., wobei u. a. an Martin
Opitz, Vesuvius (1633), N. Boileaus L’art poétique (1674) und A. von Hallers Ge-
dicht Die Alpen (1729) zu erinnern ist. Dass auch Goethe diese Gattung nachhaltig
befürwortete, wurde bereits hervorgehoben. Für ihn waren Lukrez und Vergil de-
ren vollendetste Vertreter. Das vorläufig letzte bedeutende Lehrgedicht stammt von
Fr. Rückert und ist überschrieben Weisheit der Brahmanen (1836/1839).
116 XI Die Dichtung

5 Die Hirtendichtung (Bukolik)


Die bukolische Dichtung entstand als eigenes literarisches Genos im Hellenismus.
Ihr namhaftester Vertreter war Theokrit aus Syrakus17 (ca. 305–250 v.), dessen
sizilische Heimat in seinem Werk eine bedeutende Rolle spielt. In einem Gedicht
aus dem Jahr 275/274 mit dem Titel: Die Chariten und Hieron (Nr. 16) bemühte er
sich um die Gunst König Hierons II. von Syrakus. Eine Zeitlang weilte er auf der
Insel Kos und übersiedelte dann nach Alexandria, wo er in einem Loblied auf Pto-
lemaios (Nr. 17) die Gunst des zweiten Ptolemaiers zu erwerben suchte. Das Ge-
dicht, ein typisches Beispiel höfischer Poesie, entstand um 270 v. und ist, historisch
gesehen, deshalb von besonderem Interesse, weil es eine Übersicht über die von
Ptolemaios beherrschten Länder enthält (77 ff.). Im Mittelpunkt steht jedoch ein En-
komion auf die Freigiebigkeit des Königs, wobei offensichtlich die Absicht Theokrits
im Hintergrund stand, selbst von dessen Großzügigkeit zu profitieren. Ob Theo-
krit in seine sizilische Heimat zurückkehrte, ist ungewiss. Er starb um die Mitte
des 3. Jh. v.
Was sein Werk angeht, so sind insgesamt 30 Gedichte überliefert, von denen das
kürzeste acht, das längste 281 Verse umfasst. Ihre Anordnung stammt von dem Hu-
manisten Henricus Stephanus. Dazu kommen 27 Epigramme, von denen einige un-
echt sind.
Die Gedichte wurden bereits in der Antike, jedoch nicht von Theokrit selbst, als
Eidyllia bezeichnet. Dieses Wort bedeutet ursprünglich »Kleine Bilder« bzw. »Kleine
Formen« und betrifft nicht die inhaltliche, sondern die formale Seite, da sie, inhalt-
lich gesehen, durchaus unterschiedlicher Natur sind. Die Ausdrücke »Idyll« bzw.
»Idylle« bezeichnen heutzutage ein friedliches, beschauliches, meist ländliches Mi-
lieu. Dabei handelt es sich gegenüber der antiken Bedeutung um eine Begriffsveren-
gung, da diese Eigenart lediglich für einen Teil der Werke Theokrits zutrifft, nämlich
seine Hirtengedichte. Ursprünglich aber ist die Wortbedeutung viel weiter gefasst
und bezeichnet Gedichte verschiedensten Inhalts. Im Einzelnen sieht ihre Thematik
folgendermaßen aus:

1. Hirtengedichte: Nr. I, III–VII, X und XI


Theokrit gilt als Begründer jener literarischen Gattung, die im Allgemeinen als
Bukolik bezeichnet wird. Dieses Wort ist abgeleitet von boukolos (»Rinderhirte«).
Derartige Gedichte wurden zum Klang der Rohrflöte vorgetragen und von Men-
schen gesungen, die sich nach einer heilen Welt und einer unberührten Natur
sehnten. Bevorzugtes Thema ist die Liebe, die glückliche wie die unglückliche.
Volkstümliche Hirtendichtung gab es schon lange vor Theokrit: So besang Ste-
sichoros, der ebenfalls aus Sizilien stammte, bereits um 500 v. den schönen Hir-
ten Daphnis, den ›Ahnherren‹ der bukolischen Dichtung. Theokrit aber verlieh
diesen Liedern literarischen Rang, wobei besonders die Tiefe und Echtheit der
Empfindung hervorzuheben sind. Im Einzelnen seien erwähnt: Nr. I: Die Leiden
des Daphnis. Nr. VIII: Der Wettgesang des Menalkas und Daphnis. Nr. XI: Die
Klage des Polyphem um die verlorene Geliebte Galatea. Als Beispiel eines Ge-
sangswettstreites der Hirten mag der Prolog von Nr. VII dienen:
5 Die Hirtendichtung (Bukolik) 117

»Daphnis, der liebliche Hirt, ließ hoch im Gebirge die Rinder


weiden. Da traf ihn, so heißt es, der Hüter der Schafe Menalkas.
Blondhaarig waren sie beide, dem Alter nach beide noch Knaben;
Doch sie verstanden, die Syrinx zu spielen und herrlich zu singen.
Und Menalkas begann, den Blick auf Daphnis gerichtet:
›Hüter der brüllenden Rinder, mein Daphnis, möchtest du singen?
Siegen will ich in allem, was ich im Wettstreite biete.‹
Antwort erteilte sogleich ihm Daphnis mit folgenden Worten:
›Hüter der wolligen Schafe, du Bläser der Syrinx, Menalkas,
nie wirst mich du besiegen, was du im Wettstreit auch anstellst.‹«

2. Liebesgedichte mit anderer Thematik: Nr. XII, XIX und XXX


Nr. XII beispielsweise handelt von der Liebe eines Unbekannten zu einem jungen
Mann.

3. Mimen: Nr. II und XV


In diesem von Sophron aus Syrakus im 5. Jh. v. begründeten Genus werden die
Welt des Alltäglichen, die Primitivität der kleinen Leute und oft auch obszöne
Begebenheiten behandelt. Theokrit schuf daraus den literarischen Kunstmimos,
indem er diese Themen aus der Perspektive des überlegenen bzw. distanzierten
Beobachters, nicht selten mit auffälliger Ironie, behandelte: Nr. II: Simaitha und
Delphi bildet die Ich-Erzählung der von ihrem Liebhaber Delphis verlassenen
Simaitha. Im ersten Teil (vv. 1–68) beschreibt sie die magischen Praktiken, mit
denen sie Delphis wiederzugewinnen sucht, im zweiten (vv. 69–166) schildert sie
der Göttin Selene die Geschichte ihrer unglücklichen Liebe. Auffällige Parallelen
in den Zauberpapyri lassen erkennen, wie dieses Gedicht populäre Traditionen
zu hoher Kunst erhebt. Dies wird auch aus der Erwähnung epischer Heroinen,
z. B. der verlassenen Ariadne, und durch sprachliche Anklänge an höhere Poesie,
nämlich Homer und Sappho, deutlich. Nr. XV: Die Frauen beim Adonisfest enthält
das Gespräch zweier Frauen aus Syrakus, die nun in Alexandria wohnen und sich
in das Gewühl der Großstadt stürzen, um an einem von der Königin veranstalte-
ten Adonisfest teilzunehmen. Die spießerliche Selbstgerechtigkeit und der selbst-
gefällige Nationalstolz dieser Damen, die der Oberschicht entstammen, äußern
sich in einer abschätzigen Bemerkung über das ägyptische ›Lumpenpack‹, das
vom König endlich in seine Schranken gewiesen wurde (44–50):
»Mein Gott! Was für eine Menge Leute! Wie soll man nur durch dieses Übel durch-
kommen? Ameisen, ohne Zahl und Maß! Viele herrliche Taten hast Du, Ptolemaios,
vollbracht … Kein Halunke schleicht sich mehr nach ägyptischer Art an den Passanten
heran und belästigt ihn, so wie früher böse Betrüger ihr Spiel trieben: einer wie der
andere üble Taschenspieler, verfluchtes Pack sie alle.«

Als ein daneben stehender Mann das lästige Gerede der beiden Frauen und ihren
dorischen Dialekt verspottet, bekommt er von den Dorerinnen folgende Antwort
zu hören:
118 XI Die Dichtung

»Mein Gott, wo kommt der Kerl nur her? Was geht’s dich an, wenn wir gackern? Gib
deine Befehle da, wo du Herr bist. Syrakusierinnen willst du befehlen? Damit auch
du es weißt: Wir stammen letztlich aus Korinth, wie auch Bellerophon. Wir sprechen
peloponnesisch, doch dorisch sprechen ist doch wohl den Dorern erlaubt.«

4. Kleinepen (Epyllia): Nr. XIII, XXII, XXIV


Hierbei handelt es sich um Gedichte, die im Formalen wie Inhaltlichen vielfach
an Kallimachos erinnern. Die beiden in XIII und XXII XXIV enthalten Episoden
aus der Fahrt der Argonauten, Gedicht XXIV betitelt Herakliskos (Der Kleine He-
rakles), beginnt mit einer verfremdenden und innovativen Einleitung des Mythos
nach Art des Kallimachos (vv. 1–10):
»Herakles war zehn Monate alt. Ihn badete einstmals
mit dem um eine Nacht jüngeren Bruder Iphikles die Mutter
aus Midea, Alkmene; Milch gab sie den beiden zu trinken,
reichlich, und bettete sie in den ehernen Schild, den als stolze
Beute Amphitryon nach des Pterelaos Tode davontrug.
Anschließend sang die Mutter, die Hand an den Köpfen der Knaben:
›Kinderlein mein, schlaft süß und erwachet wieder am Morgen,
schlafet, mein Leben, mein Paar von Brüdern, gesegnete Jungen!
Ruhet im Glück und sehet im Glück das Morgenrot leuchten!‹
Dabei wiegte den riesigen Schild sie; einschliefen die Kleinen.«

Anschließend schildert der Dichter, wie der kleine Herakles die beiden von Hera
geschickten Schlangen erwürgt (vv. 11 ff.) und wie Teiresias der Mutter Alkmene
Herakles’ Zukunft voraussagt (vv. 65 ff.).

5. Höfische Dichtung: Nr. XVI und XVII


Die beiden Loblieder, das erste auf Hieron II., das zweite auf Ptolemaios II. wur-
den bereits erwähnt.

6. Epigramme: Nr. I–XXVII


Vielseitig ist auch der Inhalt der Epigramme. Sie betreffen einerseits bukolische
Themen, andererseits Grab- und Weihinschriften. Einige der letzteren sind be-
rühmten Dichtern, z. B. Anakreon (Nr. 17), Epicharmos (Nr. 18) und Hipponax
(Nr. 19), gewidmet, wobei sich Theokrit manchmal der Versmaße bedient, die
für diese Dichter charakteristisch sind. In der Knappheit der Aussage, der Präzi-
sion der Diktion, der Klarheit der Gedanken und der souveränen Handhabung
der Form erweist sich der Dichter als künstlerischer Vertreter des traditionellen
griechischen Epigramms.

Unter den Gedichten wie auch den Epigrammen befinden sich auch einige unechte:
Bei den Gedichten gilt dies mit Sicherheit für Nr. IX, XIX, XX, XXI, XXIII und XXVII,
bei den Epigrammen dagegen herrscht in der Forschung keine Übereinstim-
mung.
Zusammenfassend ist über Theokrit zu sagen: Der Dichter verfügt über eine
scharfe Beobachtungsgabe, eine optimistische Weltsicht, eine erfrischende Heiter-
5 Die Hirtendichtung (Bukolik) 119

keit, eine hohe Menschlichkeit, eine vielfältige Thematik, eine große stilistische Fä-
higkeit und nicht zuletzt eine tiefe Liebe zum heimatlichen Sizilien, den Bewohnern
und der Landschaft. Für die Nachwelt besteht sein besonderes Verdienst darin, dass
er die literarische Gattung der Bukolik begründet hat.
Bei dem folgenden Überblick über sein Fortwirken muss es genügen, die Namen
derjenigen Autoren zu nennen, die direkt oder indirekt durch ihn beeinflusst sind,
ohne dass die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Dichtungen mit dem Vor-
bild zur Sprache kommen.
Unter den griechischen Nachfolgern Theokrits sind vor allem Moschos von Syra-
kus und Bion von Smyrna zu nennen, die beide im 2. Jh. v. lebten und in ihren bu-
kolischen Gedichten nicht selten Theokrit nachahmten. Dies gilt auch für den Hir-
tenroman Daphnis und Chloe, den Longos aus Lesbos um 200 n. verfasste. In Rom
hinterließ Theokrit bei den Lyrikern des ersten vorchristlichen Jahrhunderts und
besonders des augusteischen Zeitalters deutliche Spuren: Dies gilt ebenso für Catull
wie für die augusteischen Klassiker Horaz, Vergil, Tibull, Properz und Ovid: Unmit-
telbar an die von Theokrit geschaffene Tradition knüpfte Vergil in seinen Bucolica
(Hirtengedichten), genannt auch Eclogae (Eklogen), an. In einer Zeit nicht endender
Bürgerkriege schwärmen die Hirten Vergils in romantischer Sehnsucht von einer
friedlichen Welt und einer heilen Natur. Hervorzuheben ist besonders die vierte
Ekloge, die von der Geburt eines göttlichen Kindes und der Wiederkehr des gol-
denen Zeitalters kündet. Dieses Gedicht stand das gesamte Mittelalter hindurch in
höchstem Ansehen, da man das göttliche Kind mit Jesus Christus identifizierte und
daher dem Vergil prophetische Gaben zuschrieb. Auch sonst lebte Theokrit wäh-
rend des Mittelalters in den volkstümlichen Liedern der Landbevölkerung weiter.
Das Aufblühen der klassischen Studien durch Petrarca im Italien des 14. Jh. führte
dazu, dass auch der Originaltext Theokrits ediert, übersetzt, kommentiert und eine
neue Bukolik ins Leben gerufen wurde. Katharina von Medici war es, welche diese
Poesie im 16. Jh. in Frankreich einführte. In einer oft gekünstelten Nachahmung
entstand so die ›Schäferdichtung‹, die mit Autoren wie B. Fontenelle, G. Chaulieu
und Ch.A. La Fare verbunden ist und sich wie selbstverständlich der Hirtennamen
Theokrits bediente, z. B. Daphnis, Menalkas, Phyllis und Chloe. In Deutschland bzw.
im deutschen Sprachgebiet übernahmen Autoren wie M. Opitz (Schäffery von der
Nimpfen Hernicie, 1630), J. Chr. Gottsched, Chr. F. Gellert, J. W. L. Gleim und S. Geß-
ner das französische Vorbild; in England fanden sich u. a. bei J. Milton und A. Pope
(Pastorals, 1709) Anklänge und Reminiszenzen an Theokrit. Auch Goethe entzog
sich nicht dem Reiz der idyllischen Schäferdichtung: Überschwenglich lobte er den
Hirtenroman des Longos, begrüßte in Theokrit selbst den »Blumen singenden,
Honig lallenden, freundlich winkenden Dichter«; auch in seinen eigenen Werken,
besonders dem epischen Gedicht Hermann und Dorothea, finden sich bukolische
Elemente. J. P. Hebel, J. H. Voß und Ed. Mörike haben Theokrits Gedichte nicht nur
übertragen und erläutert, sondern darüber hinaus seiner echten Naturnähe und sei-
nem humanen Streben in ihren besten Werken beachtliche Denkmäler errichtet.
120 XI Die Dichtung

6 Der Hymnos18
Die Geschichte des Hymnos, worunter ein Preislied auf einen Gott oder einen Heros
zu verstehen ist, reicht beinahe bis in die Anfänge der griechischen Literatur zurück:
Man denke nur an die homerischen Hymnen, die heute allgemein ins 6. Jh. v. datiert
werden. Die Tradition des alten Kulthymnos setzte sich im Hellenismus fort, wobei
das Preislied auch Menschen gelten konnte, die als Götter bzw. wie Götter verehrt
wurden. Mehrere Beispiele hierfür finden sich im 16. Kapitel, das der hellenistischen
Religion und dem Herrscherkult gilt.
Vor allem aber entfaltet der Hymnos nunmehr als literarische, nicht mehr kul-
tische Schöpfung ein reiches Eigenleben: So feiert der Zeushymnos des Kleanthes
aus Assos das Wirken des stoischen Allgottes (vgl. unten, S. 203 f.), und auch der
Zeushymnos, mit welchem Aratos von Soloi die Phainomena einleitet (vv.1–18), ist
von stoischem Gedankengut durchdrungen. Er lautet in der Übersetzung:

»Mit Zeus wollen wir beginnen, den wir Menschen niemals ungepriesen lassen: Denn
voll von Zeus sind alle Straßen, alle Versammlungsplätze der Menschen, voll das Meer
und die Häfen; überall bedürfen wir des Zeus. Von ihm stammen wir ja auch ab. Und er
gibt in freundlicher Güte den Menschen (5) günstige Zeichen und weckt die Völker zur
Arbeit, indem er sie an den Lebensunterhalt erinnert. Er sagt, wann die Scholle am bes-
ten ist für Rinder und Hacken, er sagt, wann die Zeichen günstig sind, sowohl Erdringe
um die Pflanzen zu ziehen, wie auch alle Saaten auszuwerfen. Er selbst hat ja die Zei-
chen am Himmel befestigt, (10) indem er die Sternbilder sonderte, und hat das Jahr über
die Sterne vorgesehen, die wohl am ehesten den Menschen feste Zeichen für die Zeiten
geben, damit alles sicher wächst. Deshalb beten sie zu ihm immer zuerst und zuletzt.
Sei gegrüßt, Vater, großes Wunder, große Hilfe für die Menschen, (15), du selbst und das
frühere Geschlecht. Seid gegrüßt, ihr lieblichen Musen alle zusammen! Mir aber, der ich
darum bete, die Sterne so zu beschreiben, wie es recht ist, weiset den ganzen Gesang«.

Neben solch philosophischen Hymnen stehen rein dichterische Schöpfungen. Die


sechs Hymnen des Kallimachos von Kyrene gehören zu den Höhepunkten der hel-
lenistischen Poesie. Sie gelten Zeus (Nr. 1), Apollon (Nr. 2), Artemis (Nr. 3), der Insel
Delos (Nr. 4), einem Kultbad der Pallas Athene (Nr. 5) sowie Demeter (Nr. 6) und
verändern allenthalben die traditionelle Form dieser Gattung. Während sich der
Dichter im ersten, dritten und vierten Hymnos stärker an den homerischen Hym-
nen orientiert und die Taten der angerufenen Gottheit preist, lässt er den Leser im
zweiten, fünften und sechsten mit großem Einfühlungsvermögen unmittelbar an
einer Kultfeier teilnehmen. Auch im Formalen macht sich das Prinzip der variatio
geltend: Die Hymnen 1–4 und 6 sind in Hexamtern abgefasst, Hymnus 5 dagegen in
Distichen; die ersten vier Hymnen sind in ionischer Kunstsprache, die beiden letzten
in dorischem Dialekt komponiert.
In den Argonautika des Apollonios von Rhodos finden sich verschiedene Anrufe
nach Art von Hymnen, so im Gebet Iasons an Apollon vor der Ausfahrt der Argo-
nauten (I, 411–424) oder im Hymnos Jasons an Triton vor der Rückfahrt (IV 1597–
1600).
Auch in den Gedichten Theokrits besitzt der Hymnos einen hohen Stellenwert.
7 Der Mimos, der Kunstmimos, der Mimiambos 121

Im Lied des Thyrsis findet sich eine Anrufung des Hirtengottes Pan (Nr. I, vv. 123–
126). In hymnosartigem Gebet wendet sich Simaitha vor ihrer Zauberhandlung an
Selene und Hekate (Nr.II, vv. 10–16). In den Adoniazusen trägt die Sängerin einen
Hymnos auf Aphrodite und Adonis vor (Nr. XV, vv.100–144). Auch die Gedichte auf
die Dioskuren (Nr. XXII) und den kleinen Herakles (Nr. XXIV) sind nach Art eines
Hymnos komponiert. Gleiches gilt für das Preislied auf Ptolemaios II. Philadelphos
(Nr. XVII). Nicht zuletzt finden sich auch in mehreren Epigrammen Theokrits Ele-
mente des Hymnos.
Zusammenfassend ist festzuhalten: Wie bei den anderen Dichtungsarten, so las-
sen sich auch beim Hymnos, der im Hellenismus weit verbreitet war, zahlreiche
Anklänge an die frühere Dichtung, aber auch viele Unterschiede und Innovatio-
nen stilistischer und inhaltlicher Natur beobachten, die den jeweiligen literarischen
Auffassungen und religiösen Einstellungen ihrer Verfasser Rechnung tragen. Diese
Tendenz setzt sich unvermindert in der griechischen und römischen Dichtung der
Kaiserzeit fort.

7 Der Mimos, der Kunstmimos, der Mimiambos19


Ursprünglich bezeichnet Mimos (von mimeisthai, »nachahmen«) einen Schauspieler
und bald auch eine szenische Aufführung: Hier werden nach Art eines Volkstheaters
oft derbe und realistische Szenen des Alltags von einer oder mehreren Personen
(darunter auch Frauen) in Wort, Gesang und Handlung zur Belustigung des einfa-
chen Volkes aufgeführt, wobei der Improvisation ein hoher Stellenwert zukommt.
Ein gewisser Diomedes definiert den Mimos so: »Mimos ist eine das moralisch Zu-
lässige und das Anstößige umfassende Nachahmung (mimesis) des Lebens.« Was den
Inhalt der Darbietungen betrifft, so unterscheidet Plutarch (mor. 712 e) zwischen
»Spielereien und Handlungen«, die oft vulgären oder obszönen Charakter haben. Zur
Literaturgattung erhob den Mimos der von Platon geschätzte Syrakusier Sophron
um die Mitte des 5. Jh. v. Als in hellenistischer Zeit die Komödie in Form des bürger-
lichen Lustspiels dem Verlangen der großen Masse nach derber Komik nicht mehr
genügte, erlangte der ohnehin populäre Mimos noch größere Beliebtheit. Theokrit
wertete die niedrige Alltagskomik des literarischen Mimos auf und begründete den
Kunstmimos, indem er die Vulgarität des Inhalts reduzierte und auch den Kreis
der Gebildeten ansprach. Seither ist der Mimos nicht mehr zur Aufführung gelangt,
sondern war nur noch zur Lektüre bestimmt, wobei auch Theokrit in den Gedichten
Nr. II und XV (wie bereits dargelegt) die Alltagswelt, die Borniertheit und Primiti-
vität der kleinen Leute behandelte. Merkwürdige Verhaltensweisen, typische Cha-
raktereigenschaften und menschliche Schwächen aller Art werden thematisiert und
dem gebildeten Leser ironisch vor Augen geführt.
Eine Variante des Mimos bildet der von Hero(n)das20, einem Zeitgenossen des
Kallimachos und des Theokrit, begründete Mimiambos. Dieser stellte als rein litera-
rische Form eine formale und inhaltliche Verbindung des Mimos zum Hinkiambos
des Hipponax von Ephesos her, der in der zweiten Hälfte des 6. Jh. v. lebte und die
122 XI Die Dichtung

Versform zu scharfer Kritik an den unteren Schichten, ihrer primitiven Lebensweise


und ihrem obszönen Verhalten verwandte.
Das Werk des Hero(n)das war bis zum Ende des 19. Jh. verloren. Erst 1891 tauchte
ein Papyrus im Britischen Museum auf (Brit. Mus. 135), der von F. G. Kenyon pu-
bliziert wurde und acht Mimiamben des Hero(n)das enthielt: Davon waren die
Gedichte Nr. 1–7 vollständig, das Gedicht Nr. 8 fragmentarisch überliefert, so dass
man seither eine konkrete Vorstellung von dieser Literaturgattung besitzt. Dies zeigt
die inhaltliche Übersicht über einige Stücke: Nr. 1 betitelt Kupplerin (Proklys oder
Mastropos), schildert den Besuch einer Kupplerin bei einer Bürgersfrau, deren Gatte
schon lange abwesend ist. Die Kupplerin rät ihr deshalb zu einem Rendezvous mit
einem anderen. Nr. 2 Zuhälter (Pornoboskos) überschrieben, enthält die parodistisch
inszenierte Gerichtsrede eines Zuhälters, der einen Schiffskapitän wegen mutwil-
liger Zerstörung seines Eigentums und Entführung einer Prostituierten auf Scha-
denersatz verklagt. Nr. 3 mit dem Titel Lehrer (Didaskalos) beinhaltet die Züchti-
gung eines Jungen, der ständig die Schule schwänzt, durch seinen Lehrer. Nr. 5: Eine
Eifersüchtige (Zelotypos) empört sich über die Untreue ihre Liebhabers, eines Sklaven.
Nr. 6 Liebende Frauen oder Frauen unter sich (Philiazusai oder Idiazusai) reden über
die Vorzüge eines künstlichen »Phallus« (baubon), den eine der beiden erworben
hat.
Bei diesen Gedichten kontrastiert der meist vulgäre Inhalt mit der literarischen
Kunstsprache, welche die Lektüre auch für die Oberschicht zum Genuss macht.
Durchaus hellenistisch wirkt Hero(n)das auch dank seiner Vorliebe für seltene Glos-
sen und Wendungen, die eher einem Speziallexikon entstammen könnten als dem
Munde der Unterschichten. Die Obszönität und Vulgarität mancher Stellen machen
dem Komödiendichter Aristophanes alle Ehre.
Zwar gab es auch in Rom vereinzelte Nachahmer des Mimiambus, wie jenen
dichtenden Aristokraten, den der jüngere Plinius (ep. IV 3,3) lobend mit Hero(n)das
vergleicht, im Übrigen aber war die Nachwirkung dieser Literaturgattung sehr be-
grenzt: In Byzanz und in der Neuzeit geriet sie völlig in Vergessenheit. Entsprechend
bedeutete die Papyruspublikation von 1891 keine Wieder-, sondern eine Neuentde-
ckung des Hero(n)das. Den Lesern erschien er damals als Vorläufer des modernen
Romans und Dramas. Heute hebt man eher das Gekünstelte an seinem Werk hervor.
Gleichwohl handelt es sich um eine bemerkenswerte Stimme, die das Spektrum der
antiken Dichtung um eine originelle Variante bereichert.

8 Das Epigramm21
Das Wort Epigramma bezeichnet ursprünglich, eine »Aufschrift« auf Vasen, Bechern,
Weihungen, Grabstelen, Hermen usw. Als Versmaß findet sich in den meisten Fällen
der Hexameter, seltener das elegische Distichon (bestehend aus Hexameter und Pen-
tameter). Auch in der literarischen Überlieferung taucht das Epigramm frühzeitig
auf und ist mit berühmten Dichtern wie Homer, Archilochos, Sappho, Anakreon,
Simonides und Bakchylides verbunden. Diese Zuweisungen sind jedoch mit Aus-
8 Das Epigramm 123

nahme von Epigrammen des Simonides und Bakchylides zumeist willkürlich und
unglaubwürdig. In hellenistischer Zeit jedoch erlebte das Epigramm, der Vorliebe
der Zeit für dichterische Kurzformen entsprechend, eine große Blüte, die gegen Ende
des 4. Jh. begann, etwa 100 Jahre anhielt und sich thematisch insofern veränderte, als
der Anlass immer häufiger fiktiver Natur war und sich der Themenkatalog beträcht-
lich erweiterte. Denn nach Form und Inhalt weisen die hellenistischen Epigramme,
die vornehmlich in der Anthologia Palatina gesammelt sind, eine große Buntheit
und Vielfalt auf. Sie lassen einerseits das Interesse der Gebildeten an Kunst, Ge-
schichte und Literatur erkennen, andererseits die Hinwendung zur Natur, zur Welt
des Kindes, zum Dasein der einfachen Leute, zu Freude und Leid der Liebe und zum
Alltagsgeschehen.
Von den Epigrammen des Kallimachos und denen des Theokrit war bereits die
Rede (S. 99 f. bzw S. 118). Die reinen hellenistischen Epigrammatiker gehören zwei
unterschiedlichen Schulen an, nämlich der peloponnesischen und der alexandrini-
schen. Wichtigster Vertreter der erstgenannten ist Leonidas von Tarent22 (3. Jh. v.),
der von allen griechischen Epigrammatikern das größte Ansehen genoß und nach-
haltigen Einfluss auf die Entwicklung dieser Gattung ausübte. Die meisten der
ca. 100 von ihm überlieferten Gedichte behandeln das Dasein der kleinen Leute.
Hierfür einige Beispiele: Ein Holzfäller weiht eine Hermesstatue (Anthologia Pa-
latina IX 335), eine arme Frau das kunstlose Bild ihres Kindes (VI 355), ein Bauer
redet über seinen armseligen Besitz (VI 226), ein Toter spricht von seinem unan-
sehnlichen Grab (VII 656), Handwerker bzw. Handwerkerinnen (z. B. Fischer, Jäger,
Spinnerinnen, Weberinnen) weihen ihre ›Berufsgeräte‹ den zuständigen Gottheiten.
Einige Epigramme beziehen sich auf Schiffbrüchige (VII 264. 266. 283. 503. 665),
andere haben idyllisch-bukolischen Charakter (IX 318. IX 329 XVI 190). Dazu kom-
men solche auf berühmte Dichter (z. B. VII 19. 408. 719. IX 24) und Kunstwerke (IX
719. XVI 182. 206). Die oft prunkvolle, gekünstelte und innovative Sprache bildet
einen merkwürdigen Kontrast zum schlichten Inhalt.
In scharfem Gegensatz zur Peloponnesischen Schule und speziell zur Dichtung des
Leonidas steht die Alexandrinische Epigrammatik. An die Stelle barocker Diktion
tritt hier ein knapper, präziser und pointierter Stil; thematisch gesehen dominiert
die Welt des Eros und des Gelages. Der früheste Epigrammatiker und führende Re-
präsentant dieser Richtung ist Asklepiades von Samos23 (geb. ca. 330 v.), ein älterer
Zeitgenosse des Kallimachos, von dem fast alle Fragmente (unter Einschluss von ca.
50 strittigen) in der Anthologia Palatina überliefert sind. Theokrit (Nr. VII 40) be-
zeichnet ihn und Philitas als seine unübertrefflichen Vorbilder. Asklepiades verdankt
sein großes Ansehen vornehmlich den erotischen Epigrammen, welche in anschauli-
cher Weise momentane Situationen und persönliche Stimmungen wiedergeben: Des
Lebens und der Liebe müde, hadert der Dichter mit den Eroten (Anthologia Pala-
tina XII 46); vom Eros getrieben, zieht er durch die stürmische Nacht (V 64) oder
klagt vor der Tür des geliebten Knaben (V 145 und 164). Auch andere Epigramme
sind Huldigungen für Knaben (XII 105. 162. 165). Der Dichter spricht nicht nur
von seiner eigenen Liebe, sondern auch von der anderer: Er erzählt von einem Ver-
liebten, der sich beim Gelage verrät (XII 135) und von einem Mädchen, das am
Fenster steht und sich in Sehnsucht nach dem Jüngling am Tor verzehrt (V 153).
Ein weiteres Epigramm (XII 153) enthält die Klage eines verlassenen Mädchens. Zu
124 XI Die Dichtung

den Motiven, die später große Verbreitung fanden, gehört jenes vom »Eros, der auch
in den Falten sitzt«, d. h. vom weiblichen Charme, welcher der Zeit trotzt (VII 217),
sowie die Verteidigung einer dunkelhäutigen Frau (V 210). Auf Asklepiades gehen
(höchstwahrscheinlich) auch die Bilder vom Bogenschützen Eros (XII 50,3. 75,1
usw.) und von Aphrodite, »die mit ihren Pfeilen schießt« (V 189,4. XII 161,2) sowie
das berühmte paraklausithyron (V 164. 189), d. h. das »Klagelied des Liebhabers, der
vor verschlossenen Türen steht«. Dieses Thema wurde zu einem der Hauptmotive
der griechischen und lateinischen Liebesdichtung. Bei Asklepiades findet sich auch
erstmals die von Catull und den römischen Elegikern übernommene Selbstanrede.
Er bedient sich einer ebenso einfachen wie spontanen und wirkungsvollen Diktion
mit kurzen Wörtern und Sätzen, die auch ein breiteres Publikum ansprechen. Dank
seiner Thematik und Eleganz wurde er nicht nur von griechischen Epigrammatikern
der Folgezeit nachgeahmt, sondern diente auch römischen Dichtern bis hin zu Au-
sonius (ca. 310–394 n.) als Vorbild.
Poseidippos von Pella24 war Zeitgenosse des Asklepiades und offenbar mit ihm
bekannt bzw. befreundet. Eine Inschrift von 263 v. (IG IX2 1. 17, Z. 24), in der sein
Name auftaucht, liefert nicht nur einen zeitlichen Ansatz, sondern nennt auch das
makedonische Pella, die Residenz der makedonischen Könige und ursprünglichen
Herkunft der Ptolemaier, als seine Heimatstadt. Die Überlieferungsgeschichte
seiner Epigramme ist singulär: Bis gegen Ende des 20. Jh. waren von ihm nur ca.
20 Epigramme bekannt, ehe ein von der Universität Mailand 1992 erworbener Pa-
pyrus, der als Mumienkartonage verwendet worden war, für eine echte Sensation
sorgte. Denn dieses 2001 publizierte Schriftstück (P. Mil. Vogl. VIII 309) aus dem
3. Jh. v. enthielt nicht weniger als 112 Epigramme, welche mit zwei Ausnahmen bis-
lang nicht bekannt waren und daher die Kenntnis des Poseidippos auf eine ganz
neue Grundlage stellen. Zwar findet sich in den neuen Epigrammen nirgends eine
Verfasserangabe, wohl aber in den beiden schon vorher bekannten (20 und 18 Gow-
Page = G.-P.); vor allem aber beweisen stilistische, metrische und inhaltliche As-
pekte, dass er der Verfasser der neuen Epigramme war. Diese sind in folgende Grup-
pen angeordnet, welche die Weite der Thematik erkennen lassen: »Epigramme, die
Steine betreffen, Epigramme, die Wahrsagungen betreffen, … die Weihegeschenke, …
die Grabstätten,  … die Verfertiger von Statuen,  … die Pferderennen,  … die Schiff-
brüchige,  … die Heilungen betreffen.« Vor der Entdeckung des Papyrus bestimm-
ten Stücke erotischen Inhalts das Bild des Poseidippos: Sie drücken auf anschauli-
che Weise die Gedanken und Gefühle des verliebten Dichters aus und ähneln den
Epigrammen des Asklepiades, wobei bisweilen sogar einzelne Worte und Wendun-
gen übereinstimmen (Austin-Bastianini = A.-B. XII 45 = 46 und 166,5. V 213 =
164 und 181,11. 183 = 181 und 185 etc.). Deshalb nimmt man auch eine persönli-
che Bekanntschaft bzw. Freundschaft der beiden Dichter an. Die neugefundenen,
in kunstvoller Sprache verfassten Epigramme stehen inhaltlich, wie die erwähnte
Gruppeneinteilung bezeugt, in auffallendem Gegensatz zu den vorher bekannten,
deren erotischer Inhalt jetzt nur noch am Rande auftaucht. Dagegen enthalten die
Neufunde u. a. die folgende Themen: Mehrere stehen im Zusammenhang mit Ägyp-
ten, speziell mit Alexandria und dem ptolemaiischen Königshaus: Eines bezieht sich
auf den um 280 v. vollendeten Leuchtturm von Pharos (115 A.-B. = 11 G.-P.), ein
anderes auf das ca. 270 v. geweihte Heiligtum der Aphrodite-Arsinoe am Vorgebirge
8 Das Epigramm 125

Zephyrion (116 Α.-B. = 12 G.-P.), ein weiteres auf die Philitasstatue des Hekataios
im Museion von Alexandria (63 A.-B.). Von den fünf Epigrammen des Papyrus,
welche Verfertiger von Statuen betreffen, sind diejenigen auf das Alexanderbildnis
des Lysippos (65 A.-B.) sowie das auf die Philitasstatue des Hekataios zu erwäh-
nen (63 A.-B.), welches die vollständige Identität von Bild und Person hervorhebt.
Die neugefundenen Epigramme des Poseidippos sind von erstaunlich vielfältiger
Thematik und hohem künstlerischen Niveau. Sie bilden überdies ein instruktives
Beispiel dafür, dass auf dem Gebiet der antiken Literatur noch gegenwärtig mit
aufregenden Neufunden zu rechnen ist. Ähnliches gilt für den Komödiendich-
ter Menander von Athen (vgl. oben) und den Epikureer Philodem von Gadara
(vgl. unten).
Gegenüber der großen Blüte und Verbreitung des Epigramms im Hochhellenis-
mus bedeutet das folgende Jahrhundert ein Absinken der Produktivität. Mit dem
Alexandriner Dioskurides tritt freilich im letzten Drittel des 3. Jh. v. noch einmal ein
namhafter Vertreter dieses Genres in Erscheinung. In seinen erotischen Epigram-
men knüpft er an Asklepiades an, allerdings nicht selten mit einem krassen sexuellen
Realismus. Um die Jahrhundertwende tritt eine neue Thematik in den Vordergrund:
Das Epigramm wird zum Träger politischer Inhalte.
Besonders charakteristisch für diesen Trend sind die gegen Philipp V. von Ma-
kedonien gerichteten Epigramme des Alkaios von Messene. Das Gedicht auf Titus
Flamininus (fr. 5) ist ein Zeugnis für die Verehrung, welche dem Römer nach seinem
Sieg gegen Makedonien 197 v. entgegengebracht wurde:

»Es führte Xerxes das Heer der Perser nach Griechenland, und auch Titus führte eines
vom weiten Italien heran; aber der eine kam, um Europa das Knechtsjoch auf den Na-
cken zu legen, der andere, um Griechenland von der Knechtschaft zu befreien.«

Einen neuen Aufschwung erlebte das Epigramm seit dem Ende des 2. Jh. v. Träger
dieser Blüte, die allerdings großenteils lediglich den vorhandenen Bestand an Mo-
tiven und Formen variierte, waren vornehmlich drei Dichter aus dem syrischen
Raum: Antipatros von Sidon (2. Hälfte des 2. Jh. v.), Meleagros von Gadara (Blüte
um 90 v.), der auch die erste umfassende Sammlung von Epigrammen herausgab,
und Philodemos von Gadara, der im 1. Jh. v. vor allem als epikureischer Philosoph
in Italien wirkte (vgl. unten S. 193–196). Während Antipatros in erster Linie der
Tradition des Leonidas folgte, setzten Meleagros und Philodemos die erotische Tra-
dition der alexandrinischen Schule fort.
Es wäre müssig, das Nachleben dieser Gattung über die Jahrhunderte zu ver-
folgen, da es sich zu allen Zeiten als dichterische Kurzform mit ihrer pointierten
Sprache und ihrem treffenden Inhalt größter Beliebtheit erfreute. Stellvertretend sei
daher nur auf eine Veröffentlichung verwiesen, welche die Dichter des deutschen
Sprachraums von Martin Opitz bis Erich Kästner, die Variationsbreite der Thematik
und Pointen, sowie die Treffsicherheit der Formulierungen anschaulich vor Augen
führt.25
126 XI Die Dichtung

9 Der Roman26
Im Folgenden wende ich mich dem Roman zu, dessen Anfänge ebenfalls in die helle-
nistische Epoche zurückreichen. Die Worte ›Roman‹ und ›Novelle‹ sind erst im spä-
ten Mittelalter entstanden: Dabei bezeichnet ›Roman‹ eine längere fiktive Erzählung
in einer der ›romanischen‹ Volkssprachen, ›Novelle‹ eine als ›Neuigkeit‹ vorgestellte
kürzere Erzählung. Die Antike kannte hierfür keine einschlägige Gattungsbezeich-
nung, sondern behalf sich mit Entlehnungen aus benachbarten Genera wie ›Ge-
schichte‹, ›Erzählung‹, ›Erfindung‹, ›Drama‹. Den Roman im engeren Sinne, nämlich
den Liebes- und Abenteuerroman, definiert Macrobius (zu Cic. somn. Scip. 1, 2,8)
mit den Worten: argumenta fictis casibus amatorum referta (»Sujets voll erdichteter
Liebesgeschichten«). Die vielschichtige und umstrittene Frage nach den Wurzeln des
griechischen Romans kann hier nicht näher erörtert werden. Es genügt der Hinweis,
dass man von indischen und altorientalischen Texten über ethnographische und
phantastische Reiseberichte der Griechen nach Art des Iambulos und Euhemeros
bis hin zu novellistischen und elegischen Liebeserzählungen, der neuen Komödie
und der dramatischen Geschichtsschreibung die verschiedensten Wurzeln für seine
Entstehung namhaft gemacht hat: Allein diese Vielzahl der Hypothesen beleuchtet
die Schwierigkeit, um nicht zu sagen, Unlösbarkeit des Problems!
Demgegenüber sind in der Frage, welche die Chronologie der Entstehung des
Romans betrifft, im Vergleich zur älteren Forschung erhebliche Fortschritte und ein-
deutige Ergebnisse erzielt worden. In seinem grundlegenden Werk über den grie-
chischen Roman hatte E. Rhode27 seinerzeit die Entstehung dieser Literaturgattung
ins 5. nachchristliche Jahrhundert datiert. Diese Chronologie erwies sich seit Beginn
des 20. Jh. als unzutreffend, weil zahlreiche Papyrusfunde die Genesis des Romans
um mindestens fünf Jahrhunderte zurückdatierten: Von Charitons Roman Chaireas
und Kallirhoe, den Rhode ins 5. Jh. n. Chr. setzte, fanden sich nämlich Papyri aus dem
1. und 2. Jh. n., und so besteht heute weitgehend Einigkeit darüber, dass dieses Werk
bereits in späthellenistischer Zeit, genauer gesagt, im 2. oder 1. Jh. v., entstanden ist.
Da es sich um den ersten vollständig erhaltenen griechischen Roman handelt und
dieser Gattung in der Folgezeit ein großes Nachleben beschieden war, sei im Folgen-
den näher auf seinen Inhalt und Aufbau eingegangen: Weist er doch all jene Züge
auf, die für den griechischen Roman allgemein charakteristisch sind 28.
Die Handlung ist frei erfunden, lehnt sich jedoch an historische Personen und
Ereignisse an. So wird am Anfang der syrakusische Feldherr Hermokrate eingeführt,
der das athenische Expeditionscorps 413 v. besiegt hatte. Er ist der Vater der schönen
Kallirhoe, die in Liebe zu Chaireas, den Sohn eines politischen Gegners Hermokra-
tes, entbrannt ist. Somit steht das Romeo-Julia-Motiv am Beginn der Geschichte,
doch wird das Hindernis alsbald durch eine Volksabstimmung beseitigt, und die
Hochzeit der beiden umgehend gefeiert. Sie werden jedoch durch die Laune der
Aphrodite, des Eros und der Tyche bald voneinander getrennt und finden erst nach
endlosen Abenteuern wieder zueinander. So gerät Kallirhoe beispielsweise an den
Hof des persischen Königs Artaxerxes II. Mnemon, wobei eine lange Erzählung vom
Aufstand der Ägypter folgt, die sich eng an die wirkliche Rebellion von 389–387 v.
anschließt. Doch dienen diese (anachronistischen) historischen Reminiszenzen nur
dazu, einem Werk von privatem und sentimentalen Charakter einen edlen Anstrich
10 Lykophrons Alexandra 127

zu geben: Chaireas und Kallirhoe sind in Wirklichkeit die antiken Entsprechun-


gen des historischen Romans à la Walter Scott. Die für den griechischen Roman
typischen Motive, der erst im 2. und 3. Jh. der römischen Kaiserzeit seinen Höhe-
punkt erreicht und seine wichtigsten Vertreter findet, sind bereits hier vorgebildet
und seien im Folgenden aufgezählt: Die Liebe auf den ersten Blick; der von Neidern
erregte Verdacht der Untreue; die Misshandlung der Kallirhoe durch Chaireas, der
seine Frau wegen vermeintlicher Untreue schlägt: Sie hat ihr scheinbares Ableben
und die Beisetzung der Scheintoten zur Folge; ferner die Plünderung des Grabes
durch Grabräuber, welche die aus ihrem Scheintod erwachte Kallirhoe entführen;
den Verkauf der jungen Frau an den Gutsbesitzer Dionysios, den sie heiratet, jedoch
nur, um das Kind, das sie von Chaireas erwartet, vor der Sklaverei zu bewahren; die
Suche nach Kallirhoe nach der Entdeckung des leeren Grabes; die gescheiterte Be-
freiung durch Chaireas, der bei dieser Gelegenheit gefangen genommen und in die
Sklaverei verkauft wird; die zufällige Aufdeckung der Beziehung zwischen Chaireas
und Kallirhoe durch Mithridates, den Satrapen von Karien, der sich in die junge
Frau verliebt; den Versuch des Perserkönigs Artaxerxes II., die Verhältnisse zu klä-
ren, und seine Liebe zu Kallirhoe, die sich anlässlich der vom König angesetzten
Gerichtsverhandlung in Babylon befindet; die Gefangennahme der Kallirhoe durch
die aufständischen Ägypter, die Artaxerxes vergeblich niederzuwerfen versucht;
die Wiedererkennung der schönen Gefangenen durch Chaireas und schließlich die
Rückkehr des Paares nach Syrakus und ihre Wiedervereinigung für immer.
In die römische Kaiserzeit gehören vier weitere erhaltene Liebesromane, die we-
nigstens noch erwähnt seien: Zunächst die Ephesiaka des Xenophon von Eresos
entstanden am Anfang des 2. nachchristlichen Jahrhunderts; ferner die folgenden
drei Romane, die in hohem Maße von der geistigen Kultur der Zweiten Sophistik
beeinflusst sind: Leukippe und Kleitophon von Achilleus Tatios aus der 2. Hälfte
2. Jh. n., Daphnis und Chloe von Longos, 2.–3. Jh. n., Aithiopika von Heliodor, Mitte
3. Jh. n. Dabei unternahm Longos insofern ein gattungsgeschichtliches Experiment,
als er die bukolischen Geschichte Theokrits heranzog und auf diese Weise den ers-
ten »Schäferroman« schuf. Mit dem 3. nachchristlichen Jahrhundert endet die Ge-
schichte dieser Literaturgattung. Erst die Byzantiner nahmen im 12. Jh. die Tradition
des griechischen Romans wieder auf, der besonders seit der Renaissance das Entste-
hen des neuzeitlichen (Liebes-)Romans maßgeblich beeinflusst hat.

10 Lykophrons Alexandra29
Mit Recht hat man dieses Gedicht, das aus 1474 iambischen Trimetern besteht, als
das »merkwürdigste Gebilde alexandrinischer Dichtung« (so A. Lesky) bezeichnet.
Es soll deshalb auch hier ›außer der Reihe‹ behandelt werden, da es sich der Ein-
ordnung in eine bestimmte Dichtungsgattung entzieht. Noch am ehesten handelt es
sich formal um »eine hypertrophische tragische Botenszene« (so K. Ziegler): Lyko-
phrons Alexandra bildet nämlich den Bericht eines Wächters über die Prophezeiun-
gen, welche die eingesperrte Priamostochter Alexandra (Kassandra) bei der Ausfahrt
128 XI Die Dichtung

des Paris aus Sparta, von wo er die schöne Helena entführen wird, enthüllt: Sie sagt
zuerst die Katastrophe Troias voraus (31–386), dann die Leiden der Griechen, die
niemals oder erst spät in die Heimat zurückkehren (387–1089): Hier findet sich als
Mittelstück (648–819) des Ganzen die Odyssee. Anschließend prophezeit Alexandra
die Schicksale und Leiden der heimkehrenden Griechen (1090–1282): In diesem
Zusammenhang findet sich ein rätselhafter Passus (1226–1280), der die Wiederge-
burt Troias in Gestalt der Weltmacht Rom enthält. Im letzten Teil (1283–1450) sagt
die Prophetin die Niederlage der Perser durch den Löwen von Chalastra (Alexander
den Großen) und die Niederlage der Makedonen in der sechsten Generation nach
Alexander voraus: Dieses Ereignis führt nach Ansicht des Dichters zur Versöhnung
zwischen beiden Völkern und beendet den uralten Kampf zwischen Ost und West
für immer.
Es existiert in der Forschung »ein leidenschaftlicher Streit« (so R. Pfeiffer) über
die Frage, ob der Verfasser dieses Gedichtes mit dem Tragiker und Grammatiker
Lykophron aus dem 3. Jh. v. identisch ist oder ob es sich um einen »anderen Lyko-
phron« handelt, wie bereits der Scholiast zu Vers 1226 meint: Trotz der andersartigen
Auffassung einiger jüngerer Forscher30 trifft höchstwahrscheinlich die zweite These
zu: Denn das vaticinium ex eventu über den Sieg der Römer gegen die Makedonen
in der sechsten Generation nach Alexander bezieht sich höchstwahrscheinlich auf
die Person des Gaius Flamininus und die Schlacht von Kynoskephalai 197 v., nicht
jedoch auf den süditalischen Feldzug des Pyrrhos ca. 275, was aus Gründen der
Chronologie auszuschließen ist. Auch die Möglichkeit, den früheren Lykophron als
Verfasser dadurch zu retten, dass man das vaticinium ex eventu als spätere Inter-
polation betrachtet (so etwa St. R. West), überzeugt deshalb nicht, weil diese Partie
den bewusst intendierten Höhepunkt des Gedichtes bildet. Zur späteren Datierung
passen auch die stupende Gelehrsamkeit des Verfassers und der dunkle, sibyllinische
Charakter der Sprache.
Was das Nachleben der Alexandra angeht, so kannten Vergil und Ovid dieses
Gedicht. Theon schrieb zu Beginn des 1. Jh. n. einen Kommentar, auf welchem die
Erläuterungen der Scholien und des Tzetzes beruhen. In der Moderne thematisierte
Christa Wolf die Figur der Alexandra (Kassandra) in ihrem Roman Kassandra von
1983.
Zusammenfassend sei zur hellenistischen Dichtung nur soviel gesagt, dass sie ein
hohes Maß an modernen und innovativen Zügen besitzt und dass einige Genera
in dieser Zeit überhaupt erst entstanden sind; außerdem lässt sich feststellen, dass
fast alle Gattungen für die Zukunft richtungsweisend gewesen sind und bis in die
Moderne weitergewirkt haben.
XII Die Geschichtsschreibung

XII Die Geschichtsschreibung1

Vorbemerkung
Während die griechische Geschichtsschreibung der klassischen Zeit relativ gerad-
linig und überschaubar verläuft und sich an wenigen Namen festmachen lässt, ist
die Entwicklung in der hellenistischen Epoche kompliziert und unübersichtlich: Es
existieren eine große Anzahl von Historikern, eine immense Fülle der Produktion,
eine enorme Vielfalt der Thematik und eine beträchtliche Divergenz der Darstellung.
Dionysios von Halikarnassos (de comp. verb. 4, 30) bemerkt, ein ganzer Tag würde
ihm nicht ausreichen, wollte er alle Autoren namentlich aufzählen. Von fast allen
hellenististischen Historikern sind nur Fragmente erhalten: Sie sind gesammelt in
dem Standardwerk von Felix Jacoby mit dem Titel »Die Fragmente der Griechi-
schen Historiker.«2 Es gibt nur zwei Geschichtsschreiber, von deren Werk umfang-
reiche Teile erhalten sind, nämlich Polybios aus Megalopolis (2. Jh. v.) und Diodor
aus Agyrion (1. Jh. v.). Die Überlieferungslage ist daher ungleich schlechter als in
der klassischen Zeit, wo immerhin die bedeutendsten Historiker, nämlich Herodot,
Thukydides und Xenophon, vollständig erhalten sind.

1 Die Hauptströmungen
1.1 Die rhetorische Geschichtsschreibung

Wärend die Rhetorik im Allgemeinen, nicht zuletzt wegen des Niedergangs von
Athen, in hellenistischer Zeit stark an Bedeutung verlor, erfreute sich die rhetorische
Geschichtsschreibung damals zunehmender Beliebtheit. Geistige Väter dieser Rich-
tung waren der sizilische Rhetor Gorgias von Leontinoi (5. Jh. v.) und der attische
Redner Isokrates (436–338 v.). Aus einer Polemik des Duris von Samos (FGrHist
76 F1) gegen die beiden Begründer und Hauptvertreter der rhetorischen Historio-
graphie, nämlich Ephoros von Kyme und Theopomp von Chios, die zeitlich an der
Schwelle von der Klassik zum Hellenismus standen, geht hervor, worum es diesen
Autoren primär ging.
Das Fragment lautet:

»Ephoros und Theopomp blieben meilenweit hinter der geschichtlichen Wirklichkeit


zurück. Denn sie gaben in ihrer Darstellung weder irgendwelcher Nachahmung noch

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_12, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
130 XII Die Geschichtsschreibung

Freude Anteil, sondern kümmerten sich allein um den Stil.« (Ephoros de kai Theopom-
pos ton genomenon pleiston apeleiphthesan. Oute gar mimesos metelabon oudemias
oute hedones en to phrasai, autou de tou graphein monon epemelethesan.)

Ohne näher auf die Bedeutung von mimesis und hedone einzugehen, sei an dieser
Stelle nur soviel hervorgehoben: Duris wirft den beiden Historikern vor, dass sie
lediglich auf das Schreiben, d. h. die stilistische Ausgestaltung, ihrer Werke bedacht
waren. Konkret bedeutet dies: Das rhetorische Moment und die vollendete Form
spielten bei ihnen eine zentrale Rolle. Sie verwandten zahlreiche Redefiguren und
wählten ihre Worte bzw. Sätze mit großer Sorgfalt. Bevor dies am konkreten Bei-
spiel gezeigt wird, zunächst ein paar Bemerkungen zu den genannten Historikern:
Ephoros von Kyme (ca. 400–330 v.)3 war Autor einer Universalgeschichte, die von
der Rückkehr der Herakliden, dem ersten ›historischen‹ Ereignis, bis in die eigene
Zeit, genauer gesagt, bis zur Belagerung von Perinth durch Philipp II. von Makedo-
nien 341 v., reichte; Theopomp von Chios (378/377–ca. 320 v.)4 schrieb außer einer
Griechischen Geschichte (Hellenika), welche die Jahre von 411–394 v. umfasste, ein
monumentales Werk über Philipp von Makedonien (Philippika) in 58 Büchern.
Die beiden folgenden Fragmente zeigen den hohen Stellenwert der rhetorischen
Gestaltung bei Theopomp:
Das erste (F 263) bezieht sich auf einen Feldzug des Perserkönigs Artaxerxes
Ochos gegen Ägypten im Jahr 344/343 v., wobei der Großkönig sich zuvor der Bun-
desgenossenschaft zahlreicher Völker und Städte in Asien und Hellas versichert
hatte. In diesem Zusammenhang heißt es:

»Welche Stadt oder welches Volk in Asien schickte nicht eine Gesandtschaft zum Groß-
könig? Gab es ein schönes oder kostbares Gewächs der Erde oder ein Gebilde der Kunst,
das sie ihm nicht als Geschenk überbrachten? Waren es nicht viele kostbare Teppiche
und Mäntel, purpurfarbene, buntbestickte, weiße, und zahlreich Zelte, goldgewirkt
und mit allem Nötigen ausgerüstet, zahllose Gewänder und köstliche Ruhebetten?
Und weiter kunstvoll getriebenes Silber und Gold, Trinkbecher und Mischkrüge, von
denen man die einen mit kostbaren Steinen verziert, die anderen reich und kunstvoll
hergestellt sah. Und dazu unzählig viele Waffen, von Griechen und Barbaren, eine
überwältigende Menge an Zugtieren, an Opfertieren, zum Schlachten gemästet; viele
Scheffel Gewürz, viele Lederbeutel und Säcke und Papyrusrollen und was es sonst noch
an nützlichen Dingen gibt. Und soviel gepökeltes Fleisch von den verschiedenen Tierar-
ten, dass derartige Haufen bildete, dass jemand, der von ferne herankam, sie für Hügel
und Wälle hielt, die den Weg verbauten.«

Das zweite Fragment (F 225) enthält eine Charakteristik der Hetairoi (Gefährten)
Philipps II. von Makedonien und lautet wie folgt:

»Wenn es unter den Griechen oder den Barbaren irgendwo einen unzüchtigen oder
schamlosen Menschen gab: Alle sammelten sie sich in Makedonien am Hofe Philipps
und erhielten den Titel eines ›Gefährten des Königs. Er hatte ganz allgemein eine Ab-
neigung gegen alle, die ein anständiges Leben führten und ihr Vermögen zusammen-
hielten, die Verschwender, Trunkenbolde und Spielernaturen aber bevorzugt er und
1 Die Hauptströmungen 131

hielt sie hoch in Ehren. Und er bestärkte sie nicht nur in diesen Lastern, sondern machte
sie auch zu Meistern in jeder Art von Verbrechen und Scheußlichkeiten. Welche Unge-
heuerlichkeit und welch schlimmes Verhalten hafteten ihnen nicht an? Was gäbe es
Edles und Gutes, das ihnen nicht ferngelegen hätte? Die einen ließen sich, erwachsen,
noch rasieren, damit ihre Haut so weich wäre wie die eines Buhlknaben, die anderen
trieben miteinander Unzucht als bärtige Männer. Sie führten zwei oder drei Lustkna-
ben mit sich herum und ließen sich selbst gleichzeitig von anderen in derselben Weise
missbrauchen. Daher muss man sie mit Fug und Recht nicht Freunde, sondern Freun-
dinnen nennen, nicht Soldaten, sondern Dirnen, Messerhelden von Natur, zu Männer-
huren entartet. Kurz und bündig gesagt – denn ich darf mich nicht verlieren angesichts
der Fülle des Stoffs, den ich zu bewältigen habe –: die sogenannten Freunde und Ge-
fährten Philipps waren bestialischer als die Kentauren auf dem Pelion, als die Laistry-
gonen in der Ebene von Leontinoi, oder was die Sage sonst noch für Untiere kennt.«

Diese mit zahlreichen gorgianischen Redefiguren (z. B. Antithesen, Parallelismen,


Homoioteleuta, rhetorischen Fragen) durchsetzte Partie lässt nicht nur den bombas-
tischen Stil und die rhetorische Gestaltung der Philippika erkennen, sondern veran-
schaulicht auch die moralisierende Neigung Theopomps: In einem ständigen Cre-
scendo steigert sich seine Entrüstung, und am Ende verliert er jegliches Maß. Eine
große Klimax charakterisiert auch das zuerst zitierte Fragment. Auch Ephoros legte
großen Wert auf die vollendete stilistische Gestaltung seines Werkes, auch er schrieb
mit stark moralisierender Tendenz, indem er beispielsweise ständig darauf hinwies,
dass gute Taten in der Geschichte zur Nachahmung, schlechte hingegen zur Ab-
schreckung anregen sollten.
Weitere namhafte Vertreter der rhetorischen Geschichtsschreibung waren der
Historiker Anaximenes von Lampsakos (FGrHist 72), der primär als Rhetor tätig
war (!) und ebenfalls eine Geschichte Philipps II. in mindestens acht Büchern ver-
fasste, sowie ein gewisser Hegesias von Magnesia (FGrHist 142, ca. 300 v.), der ein
Werk über Alexander den Großen schrieb. Wesensmerkmale seiner Darstellung lie-
gen »in einer die sprachliche Normalität bewusst transzendierenden, poetisierenden
Darstellungsweise, deren Hauptcharakteristika u. a. die Rhythmisierung der Sätze
durch Auflösung in kleine Kola, die Häufung figürlichen Schmucks, Wortspiele und
die Suche nach Klangeffekten sind« (B. Effe). Auch bei den Vertretern der tragischen
und der pragmatischen Geschichtsschreibung finden sich zahlreiche rhetorische
Elemente (siehe unten).

1.2 Die tragische bzw. dramatische Geschichtsschreibung

Die zweite bedeutende Richtung der hellenistischen Geschichtsschreibung ist die


tragische bzw. dramatische Historiographie, als deren Hauptvertreter Duris von
Samos (ca. 340–270 v.)5 und Phylarchos von Athen oder Naukratis (FGrHist 81,
3. Jh. v.)6 zu betrachten sind.
Hauptwerk des Duris war eine Makedonische Geschichte (Makedonika) in min-
destens 23 Büchern, die vom Tod des Königs Amyntas 370/369 v. bis zum Ende des
Lysimachos im Jahr 281 v. reichte und durch eine makedonenfeindliche Tendenz
132 XII Die Geschichtsschreibung

charakterisiert war; Phylarchos schrieb Historien (historiai) in 28 Büchern, die das


Werk des Duris fortsetzten und bis zum Ende Kleomenes’ III. 220/219 v. herabführten.
Die folgenden beiden Partien sind für das Wesen der tragischen Geschichtsschrei-
bung besonders aufschlussreich: Das erste Durisfragment sowie eine Polemik des
Polybios gegen Phylarchos (Pol. II 56,6–8 = Phylarchos F 53):
F 1 wurde bereits im Zusammenhang mit der rhetorischen Historiographie zitiert:
Duris erhebt hier gegenüber Ephoros und Theopomp den Vorwurf, dass sie mei-
lenweit hinter der historischen Wirklichkeit (ton genomenon) zurückgeblieben seien,
da sie in ihrer Darstellung weder irgendwelcher Nachahmung (mimesis) noch Freude
(hedone) Anteil gegeben hätten, sondern sich allein um den Stil (tu graphein) geküm-
mert hätten. Dabei ist die Beantwortung der Frage entscheidend, was unter mimesis
und hedone zu verstehen ist: Mimesis bedeutet »Nachahmung« (sc. der Wirklichkeit),
»wirklichkeitsgetreue Darstellung«, hedone heißt »Freude«. Da beide Begriffe in der
Tragödientheorie des Aristoteles eine zentrale Rolle spielen, betrachtet man diese
Worte des Duris wohl mit Recht als Ȇbertragung der aristotelischen Poetik und
Stillehre auf die Geschichtsschreibung« (so Ed. Schwartz) und übersetzt mimesis und
hedone mit »dramatische Anschaulichkeit und (daraus entspringende) Ergötzung
des Lesers« (so F. Jacoby). Was aber bedeutet dies konkret? Beide Begriffe hängen
offensichtlich eng miteinander zusammen: Ist es doch eine Erfahrungstatsache, dass
eine wirklichkeitsnahe Darstellung den Leser (bzw. Zuhörer) fesselt und ihm Freude
bzw. Vergnügen bereitet. Die Emotionen des Lesers durch eine ›realistische‹ Darstel-
lung der Ereignisse anzusprechen, ist also das Grundanliegen des Duris. Gleiches
gilt für Phylarchos.
Dass die oben vorgetragene Interpretation zutrifft, ergibt sich auch aus Phylarchos
F 53, welches eine Polemik des Polybios gegen Phylarchos und den gravierenden
Vorwurf enthält, dass dieser Autor im Grunde kein Geschichtsschreiber, sondern
eher ein Tragödiendichter gewesen sei. Polybios urteilt (II 56,6–8 = Phylarchos
FGrHist 81 F 56) über dessen Schilderung des Kleomeneskrieges und die Einnahme
Mantineias durch die Makedonen und Achaier 223 v. folgendermaßen:

»Um die Grausamkeit des Antigonos und der Makedonen, gleichzeitig aber auch die
des Aratos und der Achaier zu beweisen, behauptet Phylarchos, dass die Mantineier,
nachdem sie in die Gewalt der Feinde geraten waren, so schwere Leiden hätten erdul-
den müssen und dass das Los dieser ältesten Stadt Arkadiens so hart gewesen sei, dass
es bei allen Griechen Anteilnahme und Tränen hervorgerufen habe. In dem Bemühen
aber, die Leser durch seine Erzählung zum Mitleid zu stimmen und tiefes Erbarmen in
ihnen zu wecken, wartet er mit Umarmungen der Frauen, Ausraufen der Haare, Ent-
blößen der Brüste auf, dazu mit Tränen und Wehklagen von Männern und Frauen, die
zusammen mit ihren Kindern und den alten Eltern fortgeführt wurden. Und so verfährt
er in seinem ganzen Geschichtswerk, immer und überall sucht er uns Greuel vor Augen
zu führen«.

Über diese Art der Darstellung äußert sich Polybios so:

»Wir wollen das Unwürdige und Weibische solcher Effekthascherei (terateia) auf sich
beruhen lassen und nur fragen, ob dergleichen der Aufgabe eines Geschichtsschreibers
1 Die Hauptströmungen 133

entspricht und ihr dienlich ist: Der Historiker soll seine Leser nicht durch Schauerge-
schichten in Erschütterung versetzen, keine schönen Reden einlegen, die vielleicht so
hätten gehalten werden können, nicht das Geschehen mit Nebenzügen und Beglei-
tumständen auszuschmücken, wie es die Tragödiendichter tun, sondern einzig und al-
lein das wirklich Getane und Gesagte berichten, auch wenn es nur ganz schlichte Dinge
sind. Denn das Ziel der Geschichte und der Tragödie ist nicht dasselbe, sondern ein
entgegengesetztes. Dort nämlich gilt es, durch die eindrucksvollsten Worte die Hörer
für den Augenblick zu fesseln und zu erschüttern, hier dagegen, durch die wirklichen
Taten und Reden die Wißbegierigen auf die Dauer zu belehren und zu einer richtigen
Einsicht zu führen, da für die Tragödie das Eindrucksvolle Maßstab ist, auch wenn es
unwahr ist–denn es geht um die Illusion der Zuschauer-, in der Historie dagegen die
Wahrheit, denn ihr Ziel ist der Nutzen für die Leser, die aus ihr zu lernen suchen.«

Aus diesen Worten geht hervor, dass Polybios das Wesen der tragischen bzw. dra-
matischen Geschichtsschreibung in der Erregung der Affekte Jammer und Schrecken
beim Leser bzw. Zuhörer erblickt. Polybios seinerseits betrachtet demgegenüber eine
nüchterne und rationale Darlegung der Fakten und ihrer Ursachen als die wahre
Aufgabe des Historikers: Davon soll bald die Rede sein. Vorher aber sei noch ein
anderes Beispiel, nämlich jenes Durisfragment (FGrHist 76 F 70 bei Plutarch, Alk.
32, 1–3) zitiert, das die Rückkehr des Alkibiades nach Athen im Jahr 408 v. zum
Inhalt hat. Da heißt es:

»Längst schon fühlte Alkibiades das Verlangen, die Heimat wiederzusehen und noch
mehr den Wunsch, von den Mitbürgern gesehen zu werden, nachdem er so viele Siege
über die Feinde davongetragen hatte. So ging er in See mit den attischen Trieren, die
ringsherum mit vielen Schilden und anderen Beutestücken geschmückt waren. Viele
erbeutete Trieren führte er mit, und noch größer war die Zahl der verzierten Schnäbel
von ihm besiegter und zerstörter Schiffe, die er mitbrachte. Aber was Duris von Samos,
der ein Abkömmling des Alkibiades zu sein behauptet, noch hinzufügt, dass Chryso-
gonos, der Sieger bei den Pythischen, den Takt geschlagen habe, beide angetan mit
den langwallenden Ober- und Untergewändern und dem sonstigen Schmuck für die
heiligen Feste, dass das Admiralschiff mit einem purpurnen Segel auf die Häfen zuge-
fahren sei, als käme er in schwärmendem Zuge, berauscht von einem Trinkgelage, das
haben weder Theopompos noch Ephoros noch Xenophon geschrieben, und es ist auch
nicht wahrscheinlich, dass er so vor den Athenern geprunkt haben sollte, als er nach
der Verbannung und so schweren Schicksalsschlägen heimkehrte.«

An dieser Schilderung fallen besonders die liebevolle Ausgestaltung des Details und
das permanente Bestreben auf, dem Leser die Dinge plastisch vor Augen zu führen
und ihn zum Miterlebenden der Ereignisse zu machen. Farbigkeit, Bewegung und
akustische Signale werden in eine bildhafte Sprache umgesetzt, mit dem Ergebnis,
dass derartige Berichte in der Tat schon in der Antike die von Duris intendierte
hedone hervorrufen. Dieses und das vorher zitierte Bruchstück lassen aber auch er-
kennen, dass Duris und Phylarchos in dem Bestreben, die Dinge dramatisch darzu-
stellen, oft des Guten zu viel getan haben. So entsprechen die Einzelheiten in beiden
Fällen nicht der Wahrheit, sondern bilden offenkundig eine Fiktion. Aus diesem
134 XII Die Geschichtsschreibung

Grunde verwendet Polybios in diesem Zusammenhang mit Recht den Terminus


terateia (»Effekthascherei«, »Sensationsgier«), und auch Plutarch betont, dass die er-
wähnten Details unhistorisch sind. Dies gilt auch für zahlreiche andere Fragmente,
derentwegen die Glaubwürdigkeit des Duris wie auch des Phylarchos seit der Antike
geringgeschätzt wird (vgl. etwa Duris F 7, 36, 48, 66, 54, 87 bzw. Phylarchos F 4, 10,
17, 26–28, 35, 38, 61, 76). Die tragische Geschichtsschreibung entartet in der Tat
nicht selten zur Sensationshistorie, und dies ist auch bei zahlreichen anderen Ver-
treter dieser Art von Geschichtsschreibung zu beobachten.

1.3 Die pragmatische Geschichtsschreibung

Der zitierte Passus aus Polybios enthält eine klare Absage an die tragische bzw. die
Sensationshistorie und demonstriert, weshalb Polybios7 (ca. 200–118 v.) als Begrün-
der der nüchternen Tatsachen- und Ursachengeschichtsschreibung, der sogenann-
ten pragmatischen Historie, betrachtet wird.
Zunächst ein paar Worte zur Vita des Polybios: Er entstammte einer angesehe-
nen Familie aus Megalopolis, jener peloponnesischen Stadt, die seit der Mitte des
3. Jh. v. dem Achaischen Bund angehörte. Lykortas, der Vater des Historikers, hatte
in diesem Bund mehrfach das oberste Amt des Strategen inne, Polybios selbst be-
kleidete im Jahr 169 v. als Hipparchos (»Reiteroberst) die zweithöchste Stelle in dieser
Organisation. Zwei Jahre später, nach dem Sieg der Römer über die Makedonen
bei Pydna, setzte die auch in Megalopolis zur Macht gekommene romfreundliche
Partei durch, dass 1000 Anhänger der Gegenseite, unter denen sich auch Polybios
befand, zur Aburteilung nach Italien deportiert wurden. Zwar ist es nie zu einem
Prozess gekommen, doch wurden die übrigen Geiseln in etruskischen Städten in-
terniert. Polybios hingegen durfte sich in Rom aufhalten und fand Eingang in den
philhellenischen Scipionenkreis. Besonders mit dem fast 20 Jahre jüngeren Scipio
Aemilianus verband ihn bald eine Freundschaft fürs Leben (vgl. Pol. XXXII 9 f.).
Zusammen mit den 300 überlebenden Geiseln kehrte er 150 v. in die Heimat zu-
rück, doch ging er bereits ein Jahr später nach Nordafrika und blieb dort im Gefolge
Scipios bis zur Zerstörung Karthagos 146 v. Kurze Zeit später kehrte er nach Achaia
zurück und stand seinen Landsleuten in ihrer Erhebung gegen die Römer zur Seite.
Nach der Zerstörung Korinths 146 v. setzte er in der Zehnerkommission, welche die
Verhältnisse in Griechenland regelte, so manche Milderung durch und wurde 145
v. mit der Durchführung der Neuordnung beauftragt. Für diese Tätigkeit ehrten ihn
zahlreiche Städte der Peloponnes, z. B. Olympia und Megalopolis, mit Statuen. Mög-
licherweise begleitete er auch Scipio 133 v. auf den spanischen Kriegsschauplatz nach
Numantia. Den Tod fand er, körperlich und geistig rüstig, im Alter von 82 Jahren,
angeblich durch einen Sturz vom Pferd.
Dieser biographische Überblick zeigt, dass Polybios viele der von ihm beschrie-
benen Ereignissen selbst miterlebt, einen großen Teil der Schauplätze persönlich
gekannt und in der Politik jener Zeit eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. All
dies ist für die Beurteilung seines Geschichtswerkes von Bedeutung.
Damit komme ich zu seinem Hauptwerk, einer 40 Bücher umfassenden Uni-
versalgeschichte mit dem Titel Historiai. Als deren zentrales Thema nennt er im
1 Die Hauptströmungen 135

Proöm (I 1 ff.) die Darstellung eines in der bisherigen Geschichte einmaligen Vor-
gangs, nämlich, dass die Römer in knapp 53 Jahren, vom Beginn des 2. Punischen
Krieges 220 v. bis zum Sieg über Makedonien in der Schlacht von Pydna 168 v., zu
Herrschern über die gesamte Oikumene geworden seien. Ferner enthielt die sog.
Prokataskeue (»Einleitung«) in Buch I und II einen summarischen Überblick über
die Zeit vom Beginn des Ersten Punischen Krieges bis zum Jahr 220 v. Mit dem
Epochenjahr 264 v. knüpfte Polybios zeitlich an das Ende der Historien des Timaios
an, wie er selbst an zwei Stellen hervorhebt (I 5,1. XXXIX 8,4). Entgegen seiner
ursprünglichen Planung fügte er später noch die Geschichte der Jahre 168–145 v.
hinzu, in denen sich die römische Herrschaft konsolidierte. Damit umfasste seine
Universalgeschichte insgesamt die Jahre von 264–146 v. Was den Erhaltungszustand
angeht, so sind die Bücher I-V vollständig überliefert, die übrigen nur in Exzerpten
und Fragmenten. Polybios, von dem auch die Frühwerke Biographie Philopoimens,
des achaischen Staatsmannes, und Aufzeichnungen zur Taktik stammen, begründete,
wie bereits erwähnt, die sogenannte pragmatische Geschichtsschreibung.
Diese Bezeichnung ist von pragmata (»Tatsachen«) bzw. pragmatikos (»pragma-
tisch«) abgeleitet und besagt, dass ihm eine nüchterne Darlegung der Ereignisse und
ihrer Ursachen als oberstes Ziel vorschwebte. Denn nur eine solche Darstellung der
Geschichte diene der Belehrung des Lesers und der Vermittlung politischer Einsicht.
Die hauptsächlichen Teile der pragmatischen Geschichte lauten nach Polybios
(XII 25 e):

»So wie die Medizin ist auch die pragmatische Geschichtsschreibung dreiteilig. Der
erste Teil betrifft das eingehende Studium schriftlicher Quellen und die Bereitstellung
des aus ihnen gewonnenen Materials. Der zweite befasst sich mit den geographischen
und topographischen Voraussetzungen des historischen Geschehens: Man muss sich
ein Bild machen von der Lage der Städte, Flüsse, Häfen, von dem Gelände, überhaupt
von den örtlichen Besonderheiten zu Lande wie zu Wasser und von den Entfernungen
zwischen den verschiedenen Punkten; der dritte betrifft die eigene politische Aktivität.«

Folgende Fähigkeiten zeichnen demnach den pragmatischen Historiker aus:


1. Eingehendes Quellenstudium
2. Topographische und geographische Kenntnisse
3. Eigene politische (und militärische) Erfahrung
Zu den Punkten 3 und 2 bemerkt Polybios in seiner Auseinandersetzung mit dem
»Buchgelehrten« Timaios (XII 25 g):

»Ein Historiker kann weder Kriegsereignisse sachgemäß darstellen, wenn er selbst


keine Kriegserfahrung hat, noch innenpolitische Vorgänge, wenn er nie mit Staats-
geschäften und politischen Kämpfen zu tun gehabt hat. Da also reine Buchgelehrte
weder sachkundig noch anschaulich noch lebendig zu schreiben vermögen, sind auch
ihre Werke für den Leser ohne praktischen Wert. Wenn sie ferner bei der Schilderung
von Städten und anderen Örtlichkeiten ins Detail gehen und bar jeder Kenntnis von ih-
nen sind, muss das Ergebnis notwendig das gleiche sein: Sie werden vieles Bemerkens-
werte weglassen und über anderes, was die Erwähnung nicht verdient, viele Worte ma-
chen. Dies ist besonders bei Timaios der Fall, weil ihm die eigene Anschauung fehlt.«
136 XII Die Geschichtsschreibung

Wie ernst es Polybios mit seiner dritten Forderung meint (die er selbst im Höchst-
maß erfüllt hat), zeigt vor allem die Abwandlung eines berühmten Platonzitates
(XII 28,2–5):

»So wie Platon sagt, mit den Dingen der Menschen werde es erst besser stehen, wenn
entweder die Philosophen Könige oder die Könige Philosophen würden, so möchte ich
sagen, dass es um die Geschichte erst dann gut bestellt sein wird, wenn entweder die
praktischen Staatsmänner diese Aufgabe ergreifen, nicht wie jetzt als Nebenbeschäf-
tigung, sondern ungeteilt und ganz aus der Erkenntnis heraus, dass dies für sie das
Schönste und Dringendste ist, und sich daher ganz diesem Beruf widmen, oder wenn
die Geschichtsschreiber die praktische Kenntnis der Staatsgeschäfte und des Kriegswe-
sens als eine unerlässliche Voraussetzung für ihre Arbeit betrachten. Ich sehe vorher
kein Ende des Dilettantismus, den wir jetzt bei den Historikern feststellen müssen.«

Besonders nachdrücklich setzt sich Polybios stets für die Wahrheit als oberstes Ziel
der Geschichtsschreibung ein; weiterhin insistiert er auf genauer Ursachenforschung
und betont, dass nur unter dieser Voraussetzung das Studium der Geschichte Ge-
winn und Nutzen bringe. Außerdem spricht er sich entschieden für den Vorrang
der Universalgeschichte vor den Spezialdarstellungen aus, da letztere nur schwer zu
erwerben seien, eine große Anzahl von verschiedenen Büchen umfassten und ganz
unterschiedliche Tendenzen aufwiesen. Schließlich setzt er sich wie kein anderer
griechischer Historiker (mit Ausnahme des Timaios!) stets kritisch und polemisch
mit seinen Vorgängern auseinander. Hier spielt besonders die grundsätzliche Me-
thodenkritik an den beiden Hauptströmungen der hellenistischen Historiogra-
phie und ihren herausragenden Vertretern, nämlich an der rhetorischen (Ephoros,
Theopomp) und an der tragischen bzw. sensationellen (Phylarchos, Autoren über
Hieronymos von Syrakus, anonyme Hannibalhistoriker) eine entscheidende Rolle.
Dabei ist es ihm hoch anzurechnen, dass er mit seinen hohen methodologischen An-
sprüchen sozusagen gegen den Strom schwimmt, neue Maßstäbe an die Geschichts-
schreibung anlegt, und zwar im Sinne einer rationalen Analyse und Durchdringung
der Ereignisse und ihrer Ursachen nach Art des Thukydides, zu dessen hohem Stan-
dard er vielfach zurückzukehren versucht. Zwar wird man ihm kaum »eine allseitige
Bestätigung der auch nach dem neuesten Stand der Dinge unerschütterlichen Glaub-
würdigkeit« (so G. A. Lehmann) attestieren dürfen – dagegen spricht vor allem seine
nicht selten achaier- und romfreundliche Darstellung – aber man wird nicht zögern,
ihn (nicht Xenophon, wie es häufig geschieht), als den dritten wahrhaft bedeutenden
griechischen Historiker nach Herodot und Thukydides zu bezeichnen.
Im Vorangehenden wurden gleichsam die idealtypischen Formen der hellenisti-
schen Historiographie vorgestellt, nämlich die rhetorische, die dramatische und die
pragmatische Geschichtsschreibung. Am Ende ist jedoch eindringlich darauf hin-
zuweisen, dass sich in der Praxis häufig eine Art Mischung aus den verschiedenen
Strömungen findet, wobei die einzelnen Arten jeweils unterschiedlich vertreten sind
und bald die eine, bald die andere Richtung dominiert (vgl. z. B. unten S. 137 f. bzw.
S. 150 f. die Ausführungen zu Kallisthenes und Timaios).
2 Die thematischen Schwerpunkte 137

2 Die thematischen Schwerpunkte


8
2.1 Geschichte Alexanders des Großen

Die Geschichte Alexanders ist von zahlreichen Zeitgenossen dargestellt worden,


die zumeist in wichtiger Funktion am Asienfeldzug teilnahmen. Unter ihnen sind
besonders folgende Persönlichkeiten hervorzuheben: Kallisthenes von Olynth,
der ›Hofhistoriograph‹ und Privatsekretär Alexanders (FGrHist 124), Chares von
Mytilene, der königliche Kammerherr (FGrHist 125), Ptolemaios Lagu, der Leib-
wächter und Offizier Alexanders sowie spätere Begründer der Ptolemaierdynastie
(FGrHist 138), Aristobulos von Kassandreia, seines Zeichens Techniker und Ingeni-
eur in Alexanders Hauptquartier (FGrHist 139), Nearchos von Kreta (FGrHist 133),
der Kommandant der Hydaspesflotte und spätere Admiral (Nearchos), Onesikritos
von Astypalaia, der zum literarisch-philosophischen Gefolge Alexanders gehörte
(FGrHist 134). Lediglich Kleitarchos, der Begründer der Alexandervulgata (FGrHist
137), blieb unter den zeitgenössischen Historikern dem Asienfeldzug fern. Zu diesen
Historikern ist im Einzelnen folgendes zu sagen:
Kallisthenes von Olynth (ca. 370–327 v.)9, ein Großneffe des Aristoteles, nahm
auf dessen Empfehlung hin als ›offizieller‹ Historiograph und Privatsekretär (episto-
lographos) Alexanders am Asienfeldzug teil. Er verfasste ein Werk mit dem Titel Al-
exanders Taten (Alexandru praxeis) und beeinflusste damit alle folgenden Historiker.
Im Jahr 327 v. wurde er hingerichtet, da er Alexander die Proskynese (den Fußfall)
verweigert hatte und der Teilnahme an der sog. Pagenverschwörung bezichtigt wor-
den war. Unter seinen historischen Werken ist außer der Alexandergeschichte eine
Griechische Geschichte (Hellenika) zu erwähnen, die vom Königsfrieden 387/386 v.
bis zum Beginn des Heiligen Krieges 357/356 v. reichte. Die Geschichte Alexanders
blieb wegen Kallisthenes’ frühen Todes unvollendet und endete wahrscheinlich mit
der Schlacht von Arbela 331 v. Kallisthenes schrieb also aus kurzer zeitlicher Distanz
und veröffentliche sein Werk sukzessive, um die beabsichtigte propagandistische
Wirkung zu erhöhen. Seine Darstellung war nämlich durch eine panegyrische Ten-
denz gekennzeichnet und wandte sich vornehmlich an die Griechen, denen er Alex-
ander als gottgesandten Führer eines panhellenischen Rachekrieges präsentierte. Zu
diesem Zweck rückte er ihn in die Nähe der griechischen Heroen Herakles und
Perseus und trat mit Nachdruck für seine Vergöttlichung ein. Höhepunkt der Dar-
stellung war die Beschreibung von Alexanders Besuch in der Oase Siwa (F 14 a bei
Strabon XVII 1,43):

»Kallisthenes berichtet, Alexander sei vornehmlich aus Ruhmsucht dazu bewogen


worden, zu dem Orakel hinaufzuziehen, da er gehört hatte, dass früher schon Perseus
und Herakles hinaufgestiegen seien. Er sei von Paraitonion aufgebrochen und habe,
als sich Südwinde erhoben, den Weg erzwungen. Im Sandsturm umherirrend, sei er
gerettet worden, da Regengüsse niederfielen und zwei Raben den Weg wiesen. Wird
schon dies aus Schmeichelei berichtet, so ist erst recht das Folgende von solcher Art:
Allein dem König nämlich habe es der Priester erlaubt, mit gewöhnlicher Kleidung den
Tempel zu betreten, die übrigen aber mussten die Kleider wechseln und das Orakel
draußen hören, alle außer Alexander, dieser aber durfte drinnen sein. Es erfolgten die
138 XII Die Geschichtsschreibung

Orakelsprüche aber nicht wie in Delphi oder bei den Branchiden durch Worte, son-
dern zumeist durch Winke und Zeichen, wie es auch bei Homer heißt: ›Also sprach und
nickte mit schwärzlichen Brauen Kronion’, wobei der Wahrsager den Willen des Zeus
auslegte. Dies jedoch habe der Mann ausdrücklich zu dem König gesagt, dass er ein
Sohn des Zeus sei. Dem fügt Kallisthenes wie ein tragischer Dichter noch folgendes
hinzu: Nachdem Apollon das Branchidenorakel verlassen habe, als das Heiligtum von
den Branchiden, die es unter Xerxes mit den Persern hielten, ausgeplündert worden
und auch die Quelle versiegt war, sei damals die Quelle wieder hervorgesprudelt, und
die Gesandten der Milesier hätten viele Orakelsprüche von Memphis gebracht betref-
fend die Abstammung Alexanders von Zeus, den bevorstehenden Sieg bei Arbela, den
Tod des Dareios und die Umwälzungen in Lakedaimon. Über seine hohe Abstammung
habe auch die Erythräerin Athenais geweissagt; diese sei der alten erythräischen Si-
bylle ähnlich gewesen.«

Dieser Passus lässt erkennen, dass Kallisthenes alle Register seiner gleichermaßen
dramatisch anschaulichen wie rhetorisch überhöhten Darstellung zog, um die gött-
liche Abstammung Alexanders zu demonstrieren. In der Tat darf er als Vorläufer der
dramatischen wie auch der rhetorischen Geschichtsschreibung gelten. Der panhelle-
nische Gedanke, der sein Werk durchzog, kam besonders darin zum Ausdruck, dass
Alexander in der Schlacht von Issos den Zweikampf mit dem Perserkönig suchte
(F 35), dass er die Königsburg von Persepolis aus Rache für die Einäscherung der
athenischen Akropolis 480 v. niederbrennen ließ (vgl. Arrian, anab. III 18, 10 ff.) und
dass er stets den Anteil der Griechen an den Siegen Alexanders hervorhob.
Auch Chares von Mytilene10 nahm in der engsten Umgebung Alexanders am
Asienfeldzug teil und wurde nach Einführung des persischen Hofzeremoniells
330/329 v. zum Zeremonienmeister (Eisangeleus) ernannt, ein Amt, das ihm besten
Einblick in das Leben am Hofe vermittelte. Dementsprechend legte er in seiner min-
destens zehn Bücher umfassenden Alexandergeschichte (Peri Alexandron historiai),
die erst geraume Zeit nach Alexanders Tod erschienen sein dürfte, den Schwerpunkt
auf die Person Alexanders und die Begebenheiten am Hof, während er anscheinend
für politische und militärische Aktionen wenig Interesse hatte. Unter anderem be-
richtete Chares ausführlich über die Verweigerung der Proskynese durch Kallisthe-
nes und dessen Hinrichtung (F 14), und zwar in einer Weise, dass von allen Schilde-
rungen dieses Ereignisses allein seine Darstellung »unbedingten historischen Wert«
beanspruchen darf (so H. Berve). Auch die Beschreibungen der Äpfelschlacht, des
Wett-Trinkens in Indien sowie der Massenhochzeit von Susa lassen die Vorliebe die-
ses Historikers für das Leben am Hof erkennen. Was seine Glaubwürdigkeit angeht,
so urteilte die ältere Forschung vorwiegend negativ und hielt ihn für einen wenig
seriösen Plauderer. Dagegen hat sich seit Berve eine positivere Bewertung durchge-
setzt: Man leugnet den angeblich romanhaften Charakter der Darstellung und rückt
die Benützung amtlichen Materials in den Vordergrund.
Kleitarchos11, von dessen Herkunft und Leben nur so viel bekannt ist, dass er ein
Sohn des Historikers Dinon war und um 300 v. im ägyptischen Alexandria lebte, ver-
dient deshalb eine nähere Erwähnung, weil er gemeinhin als Begründer und Haupt-
vertreter der sog. Alexandervulgata, d. h. der volkstümlichen Überlieferung über
Alexander, bezeichnet wird und weil er die erhaltenen Überlieferung über Alexan-
2 Die thematischen Schwerpunkte 139

der maßgeblich beeinflusst hat. Die Alexandervulgata liegt am reinsten bei Diodor,
Buch XVII vor, der im Wesentlichen Kleitarchos exzerpiert hat. Sie findet sich aber
auch in der Alexandervita Plutarchs, in der Historia Alexandri Magni des Curtius
Rufus sowie in den sog. Legomenagruppen in Arrians Anabasis Alexandru: Während
dieser sich im Proöm für die unbedingte Glaubwürdigkeit seiner Hauptquellen Pto-
lemaios und Aristobulos ausspricht (dazu unten!), äußert er sich skeptisch über das,
»was sonst noch über Alexander berichtet wird«:

»Einiges gibt es auch in anderen Quellen, das mir durchaus der Erwähnung wert und
keineswegs ganz unglaublich erscheint. Dies habe ich lediglich als das, was sonst noch
über Alexander berichtet wird, aufgezeichnet« (hos legomena monon hyper Alexandru
anegrapsa).

Hierbei handelt es sich vornehmlich um die durch Kleitarchos repräsentierte Tra-


dition.
Was das zeitliche Verhältnis Kleitarchs zu Aristobulos und Ptolemaios angeht,
so glaubte man lange Zeit, dass Kleitarchos seine Darstellung nach den genannten
Autoren verfasst habe. Die neuere Forschung geht jedoch mit Recht davon aus, dass
Kleitarchos sein Werk um 310 v. und damit ca. fünfzehn Jahre vor Ptolemaios und
zwanzig Jahre vor Aristobulos veröffentlicht habe. Dieser Umstand ist für die Be-
wertung der Überlieferung zu Alexander nicht ohne Belang. Während nämlich die
›offizielle‹ Darstellung eines Ptolemaios und Aristobulos als relativ zuverlässig gilt,
wird die Glaubwürdigkeit des Kleitarchos, obwohl er den Ereignissen zeitlich näher-
stand, seit der Antike gering eingeschätzt. So zählt ihn Cicero (Brutus 42 = T 7) zu
den Rhetoren, »denen es erlaubt ist, in ihren Geschichtswerken Lügen zu verbreiten«,
und Quintilian (X 1,74) charakterisiert ihn so: »Das Genie des Kleitarchos wird aner-
kannt, seine Glaubwürdigkeit wird gering eingeschätzt.« (Clitarchi probatur ingenium,
fides infamatur). Die erhaltenen Fragmente bestätigen diese Einschätzung, wie die
beiden folgenden Beispiele zeigen:

• Einäscherung des persischen Königspalastes in Persepolis


Nach der ›offiziellen‹ Überlieferung (bei Arrian, Anab. III 18, 10 ff.) ließ Alexan-
der diesen Palast niederbrennen, um für die Zerstörung der Heiligtümer auf der
athenischen Akropolis durch Xerxes 480 v. Rache zu nehmen. Kleitarchos dage-
gen schildert dieses Ereignis so (F 11. Diod. XVII 72. Plut. Alex. 38):
»Alexander, der Siegesfeiern wegen seiner Erfolge abhielt, brachte den Göttern großar-
tige Opfer dar und veranstaltete glanzvolle Bewirtungen seiner Freunde. Als einmal die
Hetairoi beim Gelage waren und das Trinken bereits fortgeschritten war, erfasste mit
zunehmendem Rausch eine wahre Raserei die Trinkenden. Da sagte plötzlich eine der
anwesenden Frauen mit Namen Thais, eine Attikerin von Geburt, es wäre die schönste
von allen Taten, die Alexander in Asien vollbrachte, wenn er mit ihr in berauschtem
Zuge die Königsburg in Brand steckte und wenn Frauenhände die Herrlichkeiten der
Perser in kürzester Zeit vernichteten. Da diese Worte an junge Männer gerichtet waren,
die sich wegen des Rausches in einem Zustand wahnwitziger Euphorie befanden, rief
einer, wie nicht anders zu erwarten, man solle losziehen, und forderte dazu auf, die Fa-
ckeln anzuzünden und für die Zerstörung der griechischen Heiligtümer Rache zu neh-
140 XII Die Geschichtsschreibung

men. Während die übrigen Beifall klatschten und sagten, Alexander allein zieme diese
Tat und der König selbst durch die Reden aufgestachelt wurde, sprangen alle vom Trink-
gelage auf und erklärten, sie wollten den feierlichen Umzug für Dionysos abhalten. Da
bald eine Menge von Fackeln herbeigeschafft wurde und auch Musikantinnen zu dem
Gelage zugezogen waren, schritt der König unter Gesang und Flötenspiel dem Komos
(»Festzug«) voran, wobei die Hetäre Thais die Prozession anführte. Sie warf als erste
nach dem König die Brandfackel in den Palast, und da die Übrigen das Gleiche taten,
brannte im Nu die ganze Gegend um den Königspalast wegen der Größe der Flammen
nieder, und was das merkwürdigste von allem war: Den Frevel, den der Perserkönig
Xerxes an der athenischen Akropolis verübt hatte, hat viele Jahre später eine Bürgerin
der vom Unrecht Betroffenen zur Kurzweil auf dieselbe Art und Weise vergolten.«

Was in der offiziellen Überlieferung ein bewusster panhellenischer Racheakt war,


bildet bei Kleitarchos somit eine Art Affekthandlung von Betrunkenen, wobei das
Rachemotiv nur hintergründig auftaucht.

• Der Tod Alexanders: Nach Kleitarchos (vgl. Diod. XVII 117, Plut. Alex, 75) leerte
Alexander bei einem nächtlichen Gelage »den großen Becher des Herakles in einem
Zuge« und »brach plötzlich, wie vom Schlag getroffen, zusammen«. Mit Recht ur-
teilt Plutarch (Alex. 75,5) über diesen Bericht:
»Derartige Dinge glaubten einige schreiben zu müssen, um für ein großes Drama noch
einen tragischen, hochpathetischen Ausgang zu finden.«

Dagegen besitzen wir über Alexanders Tod die zuverlässigen Angaben der König-
lichen Tagebücher (FGrHist 117 F 3), aus denen hervorgeht, dass Alexander nach
mehrtägiger fiebriger Erkrankung gestorben ist.

Diese und andere Partien vermitteln ein einheitliches Bild: Kleitarchos schmückte,
wie bereits Cicero (Brut. 43 = F 34) urteilte, »die Ereignisse in rhetorischer und tra-
gischer Manier aus«. Insgesamt gesehen, zeichnete er ein positives Alexanderbild
und erkannte ihm eine Reihe von Herrscher- und Feldherrentugenden zu, darunter
Tapferkeit, Großmut, Frömmigkeit, Sorge um das Wohl der Soldaten. Diese Vorzüge
wurden freilich bisweilen durch tadelnswerte Handlungen beeinträchtigt, z. B. die
Hinrichtungen des Parmenion, des Philotas, des Kallisthenes und des Kleitos.
Im Proöm seiner Anabasis Alexandru (I 1) nennt Arrian seine Hauptquellen,
nämlich Ptolemaios und Aristobulos:

»Ptolemaios, der Sohn des Lagos und Aristobulos, der Sohn des Aristobulos, haben die
Geschichte Alexanders des Großen geschrieben. Das, was sie beide übereinstimmend
aufgezeichnet haben, gebe ich in meiner Darstellung als vollkommen wahrheitsgetreu
wieder, wo sie sich jedoch unterscheiden, habe ich jeweils das ausgesucht, was mir
als glaubwürdiger erschien und zugleich in höherem Maße der Überlieferung wert.«

Den Anteil dieser beiden Vorlagen näher zu bestimmen, ist schon seit langem ein
Hauptanliegen der Forschung, doch wurde kein einheitliches Ergebnis erzielt. Im
Folgenden sollen die beiden Autoren näher vorgestellt werden.
2 Die thematischen Schwerpunkte 141

Ptolemaios, Sohn des Lagos12, stammte aus makedonischen Hochadel und


wurde 367 v. geboren, war also elf Jahre älter als Alexander. Er gehörte bereits 337
zu dessen engsten Freunden, die von Philipp II. verbannt, jedoch nach dessen Tod
zurückgerufen wurden. Auch Ptolemaios nahm am Asienfeldzug teil. Seine heraus-
ragende Bedeutung begann mit der Ernennung zum Leibwächter (Somatophylax)
Alexanders im Herbst 330 v. Er führte mehrfach eigenständige militärische Unter-
nehmungen durch, so im Frühjahr 329 gegen Bessos, den Mörder des Dareios, und
ein Jahr später auf dem Marsch von Baktrien nach Indien. Außerdem erhielt er das
bedeutende Hofamt des königlichen Vorkosters (Edeatros). Nach Alexanders Tod
323 v. eroberte er die Satrapie Ägypten. Dort nahm er im Jahr 305 v. den Königstitel
an und regierte bis zu seinem Tode 283 v. Die Alexandergeschichte erschien erst in
den letzten Lebensjahren des Ptolemaios. Dabei war es offensichtlich seine Haupt-
absicht, der üppig wuchernden und oftmals romanhaften Tradition über Alexander,
wie sie durch Kleitarchos repräsentiert wurde, ein nüchternes und sachliches Bild
seiner Feldzüge entgegenzustellen. Von hier aus erklärt sich auch die Bevorzugung
der militärischen und politischen Aktionen.
Als Beispiel für den sachlichen Bericht des Kriegsberichterstatters sei eine Partie
zitiert, die sich auf den Kampf gegen Bessos bezieht (F 14 bei Arrian III 29,6 ff.):

»Nach Überschreiten des Oxus aber eilte Alexander dorthin, wo sich Nachrichten zu-
folge Bessos mit seiner Streitmacht aufhielt. Unterwegs aber kamen Boten von Spita-
menes und Dataphernes, man möge ihnen eine kleine Truppenabteilung unter einem
Kommandeur schicken, sie würden Bessos festnehmen und an Alexander ausliefern,
denn bereits jetzt hielten sie ihn in lockerer Gefangenschaft. Daraufhin befahl Alexan-
der zu rasten und rückte auch im Folgenden langsamer vor als bisher. Doch schickte er
Ptolemaios, den Sohn des Lagos, voraus, zusammen mit drei Hetärenverbänden, den
gesamten berittenen Speerschützen, der Infanterieabteilung des Philotas, einer Abtei-
lung Hypaspisten, sämtlichen Agrianen und der Hälfte der Bogenschützen. Sein Befehl
lautete, im Eilmarsch zu Spitamenes und Dataphernes vorzustoßen. Ptolemaios mar-
schierte, wie befohlen, brachte in nur vier Tagen zehn normaleTagesetappen hinter sich
und kam zu dem Lager, in dem sich tags zuvor noch Spitamenes mit seinen Barbaren
aufgehalten hatte. Jetzt aber merkte Ptolemaios, dass Spitamenes und Dataphernes
keineswegs fest zur Auslieferung des Bessos entschlossen waren. So ließ er seine Infan-
terie zurück, befahl ihr, in Marschkolonnen zu folgen, und eilte selbst mit den Reitern
voraus, bis er ein Dorf erreichte, in dem sich Bessos mit wenigen Leuten aufhielt. Spi-
tamenes und seine Anhänger hatten sich nämlich doch geschämt, Bessos auszuliefern,
und sich einfach entfernt. Ptolemaios umzingelte den Ort mit seinen Reitern – er war
nämlich mit Mauern versehen, durch welche Tore führten – und verkündete den Barba-
ren darin freien Abzug, wenn sie Bessos auslieferten. So ließ man ihn denn mit seinen
Leuten ein, er verhaftete Bessos und zog dann wieder ab. An Alexander aber sandte er
die Frage voraus, in welchem Zustand er Bessos zu sehen wünsche. Dieser befahl ihm,
ihn nackt in einem Halseisen zu transportieren und an der rechten Seite des Weges
aufzustellen, wo er mit dem Heer vorbeiziehen wollte. Dies führte Ptolemaios aus.«

Das Werk des Ptolemaios war, insgesamt gesehen, eine Art Kriegstagebuch, doch
fanden auch die Ereignisse am königlichen Hofe Berücksichtigung. Dagegen fehlten
ethnographische, geographische und kulturgeschichtliche Exkurse, wie sie für die
142 XII Die Geschichtsschreibung

meisten anderen Alexanderhistoriker charakteristisch waren. Was die Beurteilung


Alexanders angeht, so zeichnete Ptolemaios das Bild eines unermüdlichen Tatmen-
schen, eines genialen Kämpfers, eines Genies in taktischen und strategischen Fragen.
Seine Glaubwürdigkeit wurde bis in die neueste Zeit hinein sehr hoch eingeschätzt;
erst in den letzten Jahren kommt eine kritischere Einstellung zum Tragen, die bei
P. Pédech ihren Höhepunkt erreiche: Dagegen ist freilich einzuwenden, dass diese
Kritik im Allgemeinen weit über das Ziel hinausschießt.
Wie bereits betont, war neben Ptolemaios Aristobulos13 die wichtigste Quelle
Arrians für die Anabasis Alexandru. Er stammte vielleicht aus Phokis und wurde
später Bürger der der 316 v. gegründeten Stadt Kassandreia. Aristobulos nahm eben-
falls am Asienfeldzug teil und gehörte zur Gruppe der Techniker und Ingenieure in
Alexanders Hauptquartier. In dieser Eigenschaft restaurierte er nach Wiederankunft
in der Persis das Kyrosgrab, das während Alexanders Abwesenheit ausgeplündert
worden war – eine Aufgabe, der er sich mit großer Hingabe widmete (siehe unten).
Titel und Umfang seiner Alexandergeschichte, die von der Thronbesteigung bis zum
Tode Alexanders reichte, sind nicht bekannt. Mit der Abfassung dieses Werkes be-
gann er einem Selbstzeugnis zufolge (T 3) erst im hohen Alter von 84 Jahren, wohl
frühestens 290 v. Er schrieb daher eine volle Generation nach Alexanders Tod, was
in der Forschung oft dazu geführt hat, dass man ihm den Rang einer Primärquelle
abgesprochen hat. Dies geschieht indessen zu Unrecht: Bringt er doch eine Fülle
wertvoller auf Autopsie beruhender Nachrichten ethnographischen, geographi-
schen, botanischen und zoologischen Inhalts. Sein zeitliches Verhältnis zu Ptole-
maios ist umstritten. Als Beispiel für seine hervorragende, fast fotografisch genaue
Beobachtung sei die Schilderung des Kyrosgrabes in Pasdargadai zitiert (F 51 bei
Arr. Anab. VI 29,4 ff.):

»Schmerzlich berührte Alexander auch die Schändung des Grabes von Kyros, des
Sohnes des Kambyses, das er laut Aristobulos erbrochen und ausgeplündert vorfand.
Dieses Kyrosgrab befand sich, wie dieser berichtet, in Pasargadai im königlichen Park,
umgeben von einem Hain verschiedener Bäume, den eine Quelle berieselte und dessen
Rasenflächen aus dichtem Gras bestand. Das Grab selbst war in seinem Unterbau aus
Quadern und quadratisch angelegt. Auf ihm erhob sich ein überdachtes Häuschen aus
Stein mit einer engen Eingangstür, so dass höchstens ein klein gewachsener Mensch,
und auch dieser nicht, ohne vielfach anzustoßen, durch sie eintreten konnte. In die-
sem Häuschen nun hatte der aus Gold gefertigte Sarg, in dem der Leichnam des Kyros
bestattet war, neben einem Ruhebett gestanden. Die Füße des Bettes waren aus ge-
triebenem Gold, auf ihm lag eine Decke aus babylonischem Stoff, während rotgefärbte
Pelze als Vorleger dienten. Auf dem Bett lagen ein persischer Überwurf und andere
Gewänder, in Babylon gefertigt, und, nach den Worten Aristobuls, auch medische Bein-
kleider, Gewänder in violetter, purpurner und anderer Farbe, dazu Halsketten, Dolche
und Ohrgehänge, die man aus Gold und Edelsteinen zusammengesetzt hatte. Außer-
dem befand sich in dem Raume auch ein Tisch. Mitten auf dem Bette aber hatte der
Sarg des Kyros gelegen. Innerhalb des Grabbereiches unmittelbar neben der Treppe zur
Grabkammer aber gab es ein Häuschen für die Magier, die bereits seit Kambyses, dem
Sohn des Kyros, das Kyrosgrab bewachten, wobei jeweils der Sohn dieses Amt vom Va-
ter übernahm. Ihnen waren vom Großkönig täglich ein Schaf, eine festgesetzte Menge
2 Die thematischen Schwerpunkte 143

Mehl und Wein sowie monatlich ein Pferd zum Opfer für Kyros zugewiesen worden.
Das Grab selbst hatte folgende persische Inschrift: ›Mensch, ich bin Kyros, Sohn des
Kambyses, den Persern Gründer des Reiches und König von Asien. Du aber neide mir
dieses Grabmal nicht.‹«

Mit Recht bemerkt Herzfeld (Klio 8, 36 ff.) zu dieser Beschreibung: »Die Überein-
stimmung zwischen seiner (sc. Aristobulos’) Schilderung des Kyrosgrabes und der
Ruine Meshed mader i Suleiman, welche in Pasargadae liegt und der Zeit vor Da-
reios angehört, ist eine so absolute, wie sie selten zwischen Objekt und Beschrei-
bung vorkommen dürfte.« Gegenüber derartigen kulturgeschichtlich bedeutsamen
Beschreibungen trat das Militärische stark in den Hintergrund. Was die Beurteilung
Alexanders angeht, so ging es Aristobulos offensichtlich darum, die Auswüchse der
vielfach entstellten Überlieferung zu korrigieren. War doch das Bild des Königs in
der Zeit nach 323 v. teils durch schrankenlose Phantasie (Kleitarchos), teils durch
rhetorische Aufbauschung (Anaximenes), teils durch gehässige Angriffe (Ephippos)
auf vielfältige Weise entstellt worden. Aristobulos glaubte sich demgegenüber dazu
berufen, sozusagen ein abschließendes Bild von Alexander zu entwerfen. Sein Stil
war frei von rhetorischer und sensationeller Aufbauschung.
Nearchos aus Kreta14 wurde ca. 360 v. geboren und war ein Jugendfreund Alexan-
ders. Anlässlich des schweren Zerwürfnisses zwischen Alexander und seinem Vater
337 v. wurde er aus Makedonien verbannt, jedoch nach dem Tode Philipps II. zusam-
men mit anderen Freunden zurückgerufen. Als einer der Hetairoi (»Gefährten«) be-
gleitete er Alexander auf dem Asienfeldzug und erhielt 334 v. die Statthalterschaft über
Lykien und Pamphylien. Sein herausragendes Wirken beginnt jedoch erst mit dem
Bau der Hydaspesflotte, als Nearchos zum Kommandanten und Trierarchen ernannt
wurde. 325 v. wurde er zum Admiral (Nearchos) der Flotte bestimmt, die auf Wunsch
Alexanders die maritime Verbindung zwischen Indien und Babylon erkunden sollte.
In seiner Schrift Fahrt längs der Indischen Küste (Paraplus tes Indikes) hat Nearchos
diese Fahrt beschrieben, die er trotz großer Gefahren und zahlreicher Widrigkeiten
zu einem glücklichen Ende führte. In Susa wurde er 324 v. daher durch die Verleihung
eines goldenen Kranzes geehrt. Die geplante arabische Expedition, deren Oberbefehl
er ebenfalls erhielt, kam wegen Alexanders Tod nicht mehr zustande. Später stand
Nearchos auf Seiten des Antigonos Monophthalmos und unterstützte 314 den zum
Schutze Syriens zurückgelassenen Demetrios Poliorketes. Nearchs Paraplus liegt zum
größten Teil der Indike Arrians zugrunde und ist dadurch mittelbar erhalten. Die
Schrift, die um 315 v. erschienen ist, gliedert sich in zwei Teile: Im ersten (Kap. 1–16)
gibt er eine Beschreibung Indiens, im zweiten (Kap. 17–43) schildert er die Fahrt vom
Hydaspes bis Babylon. Seiner Forschungsaufgabe entsprechend waren in dem Werk
kulturelle, ethnographische und naturwissenschaftliche Angaben reichlich vertreten.
Die im Allgemeinen hochgeschätzte Glaubwürdigkeit des Nearchos wurde in letz-
ter Zeit von E. Badian15 zu Unrecht in Frage gestellt: Dass bei ihm Selbstglorifizierung
und persönliche Rechtfertigung gegenüber seinem Rivalen, dem Obersteuermann
Onesikritos, eine wichtige Rolle spielten (siehe unten S. 144 f.), ist nicht zu bestrei-
ten; dies ändert jedoch nichts an seiner grundsätzlichen Glaubwürdigkeit. Beson-
ders faszinierend ist die Beschreibung der Wiederbegegnung mit Alexander in
Karmanien, die man mit Recht als »eine einzigartige Perle der Weltliteratur« (so
144 XII Die Geschichtsschreibung

Lehmann-Haupt) bezeichnet hat. Diese Partie liefert zudem einen Beweis für die
große Lebendigkeit und Spontaneität der Darstellung.

»Einige der Soldaten wollten die Nachricht (sc. vom Eintreffen der Nearchosflotte
in Karmanien) als erste überbringen, eilten voraus und sagten zu Alexander: ›Near-
chos und mit ihm Archias und fünf weitere Männer kommen zu Dir.‹ Über das Heer
als Ganzes konnten sie jedoch keine Auskunft geben. Daraus schloß Alexander, dass
diese zwar wider Erwarten gerettet, das ganze Heer jedoch untergegangen sei. So war
er über die Rettung von Nearchos und Archias nicht so sehr erfreut, wie ihn der Ver-
lust des ganzen Heeres betrübte. Kaum hatten die Soldaten ihren Bericht erstattet,
als Nearchos und Archias ankamen. Alexander erkannte sie nur mit Mühe, als er sie
mit ihren langen Haaren und ihrer abgerissenen Kleidung sah. Und dadurch gewann
sein Kummer um die Kriegsflotte noch mehr an Gewissheit. Er ergriff die rechte Hand
des Nearchos und führte ihn allein beiseite, weg von den Gefährten und der Leibwa-
che, und weinte lange Zeit. Endlich fasste er sich und sagte: »Nun, da du sicher zu uns
zurückgekehrt bist, und auch Archias, kann ich das ganze Unglück leichter ertragen.
Aber wie sind denn die Schiffe und das Heer untergegangen?‹ Nearchos fiel ihm ins
Wort: ›König, auch die Schiffe und das Heer sind in Sicherheit. Wir sind als Boten ihrer
Rettung gekommen.‹ Da weinte Alexander noch mehr, weil ihm die Rettung des Heeres
so unverhofft vorkam, und fragte, wo die Schiffe denn ankerten. Nearchos sagte: ›Sie
sind an der Mündung des Flusses Anamis an Land gezogen und werden überholt.‹ Da
schwor Alexander beim Zeus der Griechen und beim Ammon der Libyer, dass er sich
wahrhaftig mehr über diese Botschaft freue als über den Besitz von ganz Asien. Denn
der Schmerz über den Untergang des Heeres sei seinem ganzen übrigen Glück gleich
gewesen.«

Dieser Passus gibt auch über das Alexanderbild des Nearchos Aufschluss: Demnach
ging ihm das Wohl seines Heeres und der Soldaten über alles. Darüber hinaus er-
scheint Alexander hier als große Entdeckerpersönlichkeit: War er doch bestrebt, »die
Küsten, an denen sie vorbeifuhren, erkunden zu lassen, ebenso die Ankergründe, die
kleinen Inseln und die Buchten, die sich landeinwärts ausdehnten, auszufahren und
alle Städte am Meer zu erforschen, auch, ob ein Land fruchtbar sei oder unwirtlich«
(Arr. Ind. 32, 11–12).
Onesikritos von Astypalaia16 spielte bei der Fahrt des Nearchos eine wichtige
Rolle, die besonders in Arrians Indike deutlich wird. Er war zusammen mit sei-
nen Söhnen längere Zeit in Athen Schüler des Philosophen Diogenes von Sinope
und nahm im literarisch-philosophischen Gefolge am Alexanderzug teil. Dabei
führte er als Vertreter der kynischen Lehre im Jahr 326 v. bei Taxila einen phi-
losophischen Disput mit einem Gymnosophisten (siehe S.  145). Für die Fahrt,
die den Hydaspes und Indus hinab zum indischen Ozean führte, wurde er zum
»Steuermann des königlichen Schiffes« und danach in Pattala zum Obersteuermann
(archikybernetes) der Nearchosflotte ernannt. Als Admiral (Nauarchos) war Near-
chos dem Onesikritos rangmäßig übergeordnet; letzterer scheint sich jedoch, um
den Unterschied zu verwischen, seinerseits Nauarchos genannt zu haben, wohin-
gegen Nearchos ihn abwertend als Steuermann bezeichnete. Demnach herrschte
offenbar eine große Rivalität zwischen den beiden Männern. Dies geht auch aus
2 Die thematischen Schwerpunkte 145

Nearchos’ brüsker Ablehnung von Onesikritos’ Vorschlag hervor, die Küste Ara-
biens aufzusuchen. In Susa wurde Onesikritos ebenfalls mit einem goldenen Kranz
ausgezeichnet, eine Ehrung, die Nearchos in seiner Darstellung geflissentlich
verschwieg.
Wie aus antiken Quellen zu erfahren ist, verfasste Onesikritos in enger Anlehnung
an Xenophons Kyrupädie ein Werk, das von der Geburt bis zum Tode Alexanders
reichte und den Titel trug Wie Alexander erzogen wurde (Pos Alexandros echthe).
Dabei handelte es sich, ähnlich wie bei seinem Vorbild, um eine Art historischen Ro-
man, genauer gesagt: um eine eigenartige Verbindung von Historiographie und phi-
losophischer Utopie. Alexander wurde hier als ein »Philosoph in Waffen« dargestellt,
welcher der Welt die Grundsätze der kynischen Philosophie und die Segnungen der
griechischen Kultur vermittelte. In dem berühmten Fragment (F 17 a), das die Un-
terredung zwischen Onesikritos und dem indischen Gymnosophisten Kalanos zum
Thema hat, heißt es:

»Onesikritos berichtet, er habe mit einem der Gymnosophisten eine Unterredung ge-
führt, nämlich mit Kalanos, der dem König (Alexander) bis nach der Persis gefolgt war
und später nach väterlicher Sitte auf dem Scheiterhaufen gestorben ist. Damals habe
er auf Steinen gelegen. Er ging also hin, redete ihn an und sagte, er sei vom König
gesandt worden, um die Weisheit der Gymnosophisten zu hören und ihm darüber zu
berichten. Wenn er nichts dagegen habe, sei er bereit zuzuhören. Da jener sah, dass
er Mantel, Hut und Stiefel trug, fing er an zu lachen und sagte: ›Von alters her war
alles voll von Weizen und Gerstenmehl so wie jetzt von Staub. Und es flossen Quellen,
teils von Wasser, andere von Milch, ebenso von Honig, andere von Wein, manche von
Öl. Aus Übersättigung und Schwelgerei aber verfielen die Menschen der Hybris. Zeus,
der diesen Zustand missbilligte, ließ alles verschwinden und verband das Leben mit
großer Mühsal. Da aber Besonnenheit und die übrige Arete wieder hervortraten, ent-
stand erneut ein Überfluss an den Gütern. Doch jetzt ist die Sache schon wieder nahe
an Übersättigung und Hybris, und es droht ein Verschwinden der Dinge.‹ Nach diesen
Worten befahl er ihm, wenn er zuhören wolle, seine Kleidung auszuziehen, sich nackt
auf dieselben Steine zu legen und so an den Reden teilzuhaben. Da dieser verlegen
war, schalt Mandanis, welcher der älteste und weiseste unter ihnen war, Kalanis einen
Übermütigen, wo er doch selbst den Übermut verworfen habe, rief ihn zu sich und
sagte, dass er den König (Alexander) lobe, weil er, der ein so großes Reich verwalte, nach
der Weisheit strebe: Er sehe allein in ihm einen Philosophen in Waffen.«

Schon in der Antike wurde die Glaubwürdigkeit des Onesikritos in Zweifel gezogen.
So nennt ihn Strabon (XV 1,28 = T 10) »weniger einen Steuermann Alexanders als
einen solchen der Unwahrscheinlichkeiten« und fährt fort:

»Alle Alexanderhistoriker haben das Wunderbare der Wahrheit vorgezogen, doch One-
sikritos scheint sie alle an Sensationsgier übertroffen zu haben.«

Eine ähnlich negative Beurteilung findet sich auch in der früheren Forschung, die
Onesikritos gar als »Erzschwindler« (so C. Wachsmuth) bezeichnete. In neuerer
Zeit urteilen die Gelehrten (z. B. L. Pearson, H. Strasburger)17 wesentlich positiver
146 XII Die Geschichtsschreibung

und weisen mit Recht darauf hin, dass er »mit keckem Pinsel« ein »unmittelbar
frisches, aus der drängenden und wogenden Zeit heraus entworfenes Bild des kyni-
schen Welteroberers« gezeichnet habe.
Wie die voranstehenden Ausführungen gezeigt haben dürften, sollte man die Dar-
stellung des Onesikritos nicht mit den strengen Maßstäben eines Geschichtswerkes
messen. Gleichwohl besteht das Urteil von H. Berve zu Recht, dass diese Darstellung,
wenn sie erhalten wäre, »auch historisch gesehen von unschätzbarem Wert wäre.«
Über das Nachleben des Onesikritos bemerkt Straßburger18: »Weit mehr als die
strenge geschichtliche Treue, etwa des Ptolemaios, ist der verführende Zauber seiner
Darstellung für das Gedächtnis Alexanders und seine Taten bis in das Mittelalter
hinein wirksam gewesen.«
Der Vollständigkeit halber nenne ich noch drei weitere zeitgenössische Autoren,
wiewohl sie die Überlieferung nicht nachhaltig beeinflusst zu haben scheinen: Ana-
ximenes von Lampsakos (FGrHist 72), angeblich ein Lehrer Alexanders und Teil-
nehmer am Asienfeldzug, war der Autor einer rhetorisch aufgebauschten Schrift Die
Ereignisse um Alexander (Ta peri Alexandron), die eine schmeichlerische Tendenz
gegenüber dem König aufwies; Ephippos von Olynth (FGrHist 126), der ebenfalls
Alexander auf dem Asienfeldzug begleitete und in Ägypten zum »Aufseher über die
Fremden« (episkopus ton xenon) bestimmt wurde, zeichnete in seiner Schrift Über
das Ende (oder Über das Begräbnis) Alexanders ein negatives Alexanderbild und
warf diesem u. a. seine Trunksucht und Prachtliebe vor. Die Gründe hierfür bleiben
im Dunkeln: Möglicherweise wollte er sich an Alexander für die Ermordung seines
Landsmannes Kallisthenes rächen. Last but not least ist Marsyas von Pella (FGrHist
135) zu nennen, der ein Buch mit dem Titel Alexanders Erziehung (Alexandru Agoge)
veröffentlichte. Da er nach Onesikritos geschrieben hat, ging sein Bestreben viel-
leicht dahin, dem kynischen Alexanderbild dieses Autors ein makedonisches gegen-
überzustellen. Marsyas scheint übrigens der erste Makedonen gewesen zu sein, der
über Alexander geschrieben hat, vorausgesetzt, dass sein Werk vor dem des Ptole-
maios entstanden ist. Über die Tendenz lässt sich nichts Näheres sagen, da lediglich
zwei Fragmente überliefert sind.
Am Ende dieser Ausführungen resümiere ich die wichtigsten Aspekte und lege
die Folgerungen dar, die sich aus diesem Befund der zeitgenössischen Alexander-
überlieferung für die moderne Forschung ergeben:
• Das Interesse der zeitgenössischen Historiker gilt in erster Linie Alexander selbst,
d. h. die Geschichtsschreibung ist stark persönlichkeitsbezogen. Dagegen werden
beispielsweise äußerst wichtige Aspekte seiner Herrschaft wie die Reichsverwal-
tung, das Heer- und Finanzwesen, die Städtegründungen, die Verschmelzungspo-
litik und der Weltherrschaftsgedanke nur am Rande berührt.
• Zwar konzentrierten sich die Geschichtsschreiber auf die Person Alexanders, doch
vermochten sie seine Persönlichkeit nicht in ihrer Gesamtheit zu erfassen, son-
dern stellten jeweils bestimmte Aspekte seines Wesens in den Vordergrund: Für
Kallisthenes war Alexander primär der Anführer eines panhellenischen Rache-
krieges gegen die Perser, für Onesikriros der von kynischen Idealen durchdrun-
gene Philosophenkönig, für Ptolemaios der geniale Heerführer, für Aristobulos
der große Kulturbringer, für Kleitarchos der romantisch verklärte Herrscher, für
Nearchos der solidarische Feldherr und große Entdecker. Es leuchtet ein, dass
2 Die thematischen Schwerpunkte 147

erst aus der Gesamtschau dieser Charakteristika ein einigermaßen abgerundetes


Alexanderbild entsteht.
• Die zeitgenössischen Alexanderhistoriker schrieben zumeist sehr tendenziös.
Diese Autoren, die großenteils zur engsten Umgebung des Königs gehörten, ga-
ben in der Regel die ›offizielle‹ Version seiner Taten wieder und verschwiegen
oder verfälschten des öfteren Dinge, die für Alexander ungünstig waren.
• Auch die geographischen, ethnographischen und kulturgeschichtlichen Exkurse
der Alexanderhistoriker, die – außer bei Ptolemaios – in den Darstellungen einen
breiten Raum einnahmen, ließen oftmals eine wahrheitsgemäße Berichterstattung
vermissen. Folgende Erklärung bietet sich für diesen Sachverhalt an: Man wurde
während des Asienfeldzuges mit bisher unbekannten und oft märchenhaften Län-
dern und Kulturen konfrontiert, was zur Folge hatte, dass die Historiker bisweilen
der Versuchung erlagen, die ohnehin exotische Wirklichkeit noch märchenhafter
darzustellen.
• Hinzu kam der Umstand, dass gerade in der Zeit nach Alexanders Tod die beiden
Hauptströmungen der hellenistischen Geschichtsschreibung, nämlich die rheto-
rische und die tragische, aufkamen und sich mehr und mehr durchsetzten. Diese
Richtungen hatten bei aller Verschiedenheit das eine miteinander gemeinsam,
dass es ihren Vertretern vielfach nicht um eine strenge Tatsachen- und Ursachen-
forschung im Sinne des Thukydides ging, sondern dass man mit der historischen
Wahrheit teilweise recht großzügig verfuhr.
• Nicht zuletzt gilt es zu bedenken, dass die zeitgenössischen Historiker allesamt
nur höchst fragmentarisch überliefert sind, wohingegen die erhaltenen Darstel-
lungen aus wesentlich späterer Zeit stammen und oft nur kompilatorischen Cha-
rakter haben.
Aus all diesen Gründen ist die moderne Alexanderforschung mit einer großen Fülle
von Problemen konfrontiert, die wohl nie eine allgemein akzeptierte Lösung finden
werden.

2.2 Geschichte der Nachfolger Alexanders

Was die Schilderung der Zeit nach Alexanders Tod angeht, so ragen drei Namen un-
ter den Historikern hervor: Hieronymos von Kardia (ca. 360–265 v.), der die Ereig-
nisse nach Alexander von 323 bis mindestens zum Tod des Pyrrhos 272 v. beschrieb,
Duris von Samos (ca. 340–270 v.), der in seiner Makedonischen Geschichte (Makedo-
nika) die Zeit vom Tod des Königs Amyntas 370/369 bis zum Ende des Lysimachos
281 v. darstellte, und Phylarchos aus Athen oder Naukratis (ca. 280–210 v.), der
das Werk des Duris fortsetzte und bis zum Tod des Spartanerkönigs Kleomenes III.
220/219 v. herabführte.
Da Duris und Phylarchos bereits im Zusammenhang mit der tragischen Ge-
schichtsschreibung behandelt worden sind, ist im Folgenden lediglich von Hier-
onymos von Kardia19 die Rede.
Er zählte zu den engsten Vertrauten seines Landsmannes Eumenes, der als erster
Sekretär Alexanders für die Aufzeichnung der Königlichen Tagebücher (FGrHist 117)
verantwortlich war und in den Kämpfen nach Alexanders Tod unentwegt für die
148 XII Die Geschichtsschreibung

Reichseinheit eintrat. Nach dem Tod des Eumenes 316 v. kam er bei Antigonos Mon-
ophthalmos zu Rang und Würde und weilte als hoher Beamter in dessen Hauptquar-
tier. Nachdem Antigonos in der Schlacht von Ipsos 301 v. den Tod gefunden hatte,
trat Hieronymos in den Dienst des Demetrios Poliorketes. Schließlich stand er auch
noch bei Antigonos Gonatas in Ehren. Diese biographischen Daten erlauben den
Schluss, dass er die besten Voraussetzungen für die Kenntnis der politischen Ent-
wicklungen jener Jahre besaß.
Was sein Geschichtswerk angeht, so hat Hieronymos im Zuge der Pyrrhoskriege
in Italien und Sizilien als erster griechischer Historiker überhaupt einen kurzen
Abriß über die frühe Geschichte Roms gegeben. Von seinem Werk sind lediglich
18 Fragmente erhalten, weshalb die Forscher frühzeitig versuchten, es mit Hilfe er-
haltener Darstellungen aus späterer Zeit zu rekonstruieren Dabei gelangte man zu
dem allgemein anerkannten Ergebnis, »dass Hieronymos als Hauptautor der Dia-
dochenzeit gegolten hat und dass seine Darstellung in größerem oder geringeren
Maße die Grundlage für sämtliche uns erhaltenen Berichte abgegeben hatte« (so
Jacoby). Vor allem bildete er die Hauptquelle für Diodor, Buch XVIII-XX, der mit
Abstand wichtigsten Quelle für die Diadochengeschichte der Jahre 323–302 v., doch
wurde er auch von Plutarch in den Viten des Eumenes, Antigonos Monophthalmos
und Demetrios Poliorketes ausgiebig benützt. Hieronymos gilt trotz gewisser Zweifel
an seiner Glaubwürdigkeit noch immer mit Recht als »a very reliable historian« (so
J. Hornblower). Er schrieb in einem nüchternen und schmucklosen Stil und blieb
von den Auswüchsen der rhetorischen wie tragischen Geschichtsschreibung weitge-
hend unbehelligt. Noch heute trifft daher die folgende Gesamtwürdigung von F. Ja-
coby20 aus dem Jahr 1913 zu:

»Aber wenn Hieronymos auch kein Genie war, ein großer Historiker war er doch. Er hat
nicht nur einen Faden im Labyrinth der Tatsachen gefunden; er hat auch die Tatsachen
selbst klar, genau, wahrheitsgemäß dargestellt. Man muss immer die Durisstücke da-
nebenhalten, um es recht zu würdigen, was Hieronymos gab. Seine Wahrheitsliebe
und sein Verständnis für die politischen wie die militärischen Operationen sind etwas
ganz Außerordentliches. Nirgends sonst finden wir in dieser Zeit, überhaupt selten in
der antiken so detaillierte Angaben … über die Stärke, Zusammensetzung, Bewaffnung
und Herkunft der Heere und ihrer Kontingente; über die Geldmittel der Führer und
die Verpflegung. Selten so genaue Angaben über die Marschleistungen, die Zeiten, die
Namen der beteiligten Personen; fast nirgends so klare und verständliche Schlachten-
schilderungen … Es ist danach fast selbst verständlich, dass Hieronymos den Wert gu-
ter geographischer und topographischer Schilderungen kennt. Noch wertvoller ist uns
sein politisches Verständnis nicht nur für die großen Linien der Entwicklung, sondern
auch für die urkundlichen Einzelheiten.«

Wiewohl nur spärliche Bruchstücke von ihren Werken erhalten sind, verdienen fol-
gende Autoren, welche die Zeit nach Alexander dem Großen schilderten, wenigstens
eine kurze Erwähnung: Diyllos von Athen (FGrHist 73), der in seinen 27 Büchern
umfassenden Historien die Zeit von 357–297 v. Plutarch (mor. 345 EF) zufolge »ganz
in tragischer Manier« darstellte; Demochares von Athen (FGrHist 75), ein Neffe
des Redners Demosthenes, der die Ereignisse von ca. 322 bis 288 v. nach Cicero
2 Die thematischen Schwerpunkte 149

(Brut. 286 = T 3) »nicht so sehr nach Art eines Historikers als vielmehr eines Rhetors«
beschrieb; schließlich Nymphis von Herakleia am Pontos (FGrHist 432), der von ca.
310–240 v. lebte und außer einer Lokalgeschichte seiner Heimatstadt ein 24 Bücher
umfassendes Werk Über Alexander, die Diadochen und Epigonen verfasste.

2.3 Lokalgeschichtsschreibung, Atthidographie, Westgriechische


Geschichte

Immens war im Hellenismus die Zahl derjenigen Historiker, welche Lokalgeschich-


ten verfassten.21 Mehr als 300 dieser Autoren sind namentlich bekannt. Hauptursa-
che für dieses Phänomen ist das Bestreben der Geschichtsschreiber, in einer Zeit der
Nivellierung und Globalisierung, wie sie die hellenistischen Großreiche zur Folge
hatten, die Traditionen der eigenen Länder, Landschaften und Städte zu bewahren
und hochzuhalten. Derartige Werke galten so ziemlich allen (bedeutenden) Städ-
ten des Mutterlandes, aber auch den Ägäisinseln und den griechischen Kolonien
in Kleinasien, am Schwarzen Meer, in Unteritalien und Sizilien, in Nordafrika und
Südfrankreich. Die Lokalgeschichten betrafen u. a. Athen, Sparta, Korinth, Theben,
Argos, Delphi, Naxos, Delos. Aigina, Kreta, Ephesos, Milet, Syrakus, Akragas, Kro-
ton, Sybaris, Milet, Olbia, Trapezunt.
Die große Anzahl der Geschichtsschreiber sowie deren fragmentarischer Erhal-
tungszustand erlauben es nicht, auf diese Darstellungen näher einzugehen, doch
soll wenigstens von den Verfassern attischer Lokalgeschichten (Atthides)22 und der
westgriechische Historiographie23 (über die Geschichte Siziliens und Unteritaliens)
wegen ihrer besonderen historischen Bedeutung und der relativ günstigen Überlie-
ferungslage etwas ausführlicher die Rede sein, jedenfalls soweit sie ihre wichtigsten
Vertreter, nämlich Philochoros von Athen (FGrHist 328, ca. 340–ca. 261/260 v.) bzw.
Timaios von Tauromenion (FGrHist 566, ca. 350–260 v.) betrifft.
Philochoros (ca. 340–261 v.)24, der bedeutendste unter den Atthidographen,
fungierte seit 306 als Seher, Opferbeschauer und Exeget. Er war recht konservativ
eingestellt und von alten athenischen Idealen durchdrungen. Als Ptolemaios II. im
Bündnis mit Athen und Sparta den makedonischen Einfluss in der Ägäis zu brechen
suchte, stand er naturgemäß auf Seiten der antimakedonischen Koalition. Im sog.
Chremonideischen Krieg (267–262 v.) musste Athen schließlich vor den makedoni-
schen Belagerern kapitulieren. Bald danach wurde Philochoros auf Veranlassung des
Antigonos Gonatas hingerichtet.
Seine Schriften waren sehr zahlreich und betrafen ganz unterschiedliche athe-
nische bzw. attische Themen. Hauptwerk war eine Atthis, die 17 Bücher umfasste.
Sie begann mit der mythischen Zeit und reichte bis zur Regierung des Antiochos
von Syrien ca. 262/261 v. Die Darstellung war annalistisch aufgebaut, erhob keine
stilistischen Ansprüche und verzichtete auf rhetorisches Beiwerk. Zwei weitere hel-
lenistischen Atthidographen seien wenigstens noch erwähnt: Demon von Athen
(FGrHist 327), dessen Atthis um 300 v. entstand und eine Schrift des Philochoros
Gegen die Atthis des Demon anregte. Der Nichtathener und Kallimacheer Istros
(Mitte 3. Jh. FGrHist 334) verfasste neben zahlreichen anderen Schriften auch eine
Sammlung der Atthiden in mindestens 14 Büchern. Wie dieser Titel zeigt, handelte
150 XII Die Geschichtsschreibung

es sich nicht um ein eigenständiges Geschichtswerk, sondern um eine vergleichende


Zusammenstellung der Überlieferungen über Athen und Attika. Diese Kompilation
zog das Resümee aus den vorliegenden athenischen Lokalgeschichten und bedeutete
gleichzeitig das Ende der Atthidographie.
Der namhafteste westgriechische Historiker in hellenistischer Zeit war Timaios
von Tauromenion (ca. 350–260 v.).25 Sein Vater Andromachos, Alleinherrscher
über Tauromenion, nahm 345 v. den Korinther Timoleon begeistert auf und verlieh
ihm die für das sizilische Unternehmen notwendige Unterstützung, weshalb er als
einziger Dynast Siziliens seine Stellung behalten durfte. Timaios selbst wurde ca.
315 v. von dem syrakusischen Tyrannen Agathokles verbannt und verbrachte ein
fünfzigjähriges Exil in Athen, wo er zum Historiker wurde. Ob er im hohen Alter
nach Sizilien zurückgekehrt ist, bleibt unsicher. Als Vorbereitung auf sein großes
Geschichtswerk verfasste er eine Liste der Olympioniken und verhalf dadurch der
Olympiadendatierung in der Geschichtsschreibung zum Durchbruch. Das Haupt-
werk, die Sizilischen Historien, begann mit der mythischen Zeit und führte in 38
Büchern (die Bucheinteilung geht auf ihn selbst zurück) bis zum Tod des Agathokles
289/288v. Dazu kam eine »gesonderte Darstellung« über die Kriege des Pyrrhos in
Unteritalien und Sizilien sowie die weitere Entwicklung bis zum Epochenjahr 264 v.,
als der Erste Punische Krieg ausbrach. Hieran knüpfte später Polybios mit seinem
Geschichtswerk zeitlich an. Inhaltlich beschränkte sich das timäische Geschichts-
werk nicht auf Sizilien, sondern behandelte auch die Ereignisse in Unteritalien und
Karthago sowie die Verhältnisse in Griechenland. Vor allem aber berücksichtigte
Timaios auch die Geschichte Roms und beschrieb nicht wie Hieronymos von Kardia
nur die Anfänge der Stadt, sondern schilderte als erster griechischer Historiker auch
die weitere Entwicklung bis zum Jahr 264 v. Gellius (noct. att. II 1,1) spricht daher
nicht ganz zu Unrecht von dem »Geschichtswerk, das Timaios in griechischer Sprache
über die Geschichte des römischen Volkes verfasst hat.«
Sein Werk, das von Polybios fast ein ganzes Buch (XII) lang heftig kritisiert wird,
bestätigt die Richtigkeit der These, dass sich die oben näher charakterisierten Haupt-
strömungen der hellenistischen Historiographie frühzeitig zu vermischen begannen:
Timaios war einerseits ein durchaus kritischer Forscher, dessen Verdienste, vor al-
lem auf dem Gebiet der Chronologie, sogar von Polybios (XII 11) anerkannt wurden,
andererseits war er stark von der tragischen Geschichtsschreibung beeinflusst: So
schilderte er nicht nur mit großen Übertreibungen die Verbrechen und Grausamkei-
ten des Agathokles (vgl. Diod. XIX 3 ff.), sondern beschrieb immer wieder voller Pa-
thos die unmenschlichen Leiden, denen unmündige Kinder, schwache Frauen und
hilflose Greise bei der Eroberung sizilischer Städte durch die Karthager ausgesetzt
waren. Nicht zuletzt hinterließ auch die rhetorische Geschichtsschreibung in seinem
Werk tiefe Spuren. Polybios (XII 25 f 2 ff. = F 22) zitiert als Beispiel dafür für die
Rede, die der syrakusische Staatsmann Hermokrates Timaios zufolge auf dem Kon-
gress von Gela 424 v. gehalten haben soll und deren Trivialität tatsächlich jedes Maß
überschreitet. Weitere Charakteristika seines Werkes waren der sizilische Patriotis-
mus, der heftige Tyrannenhass, die tiefe Karthagerfeindschaft und die pathologische
Schmähsucht gegen seine historiographischen Vorgänger – ein Sachverhalt, der ihm
bald den geistreichen Übernamen Epitimaios (»Tadler, Ehrabschneider«) einbrachte.
Der Geschichtsbegriff des Timaios war ungemein umfassend: Sein Interesse galt
2 Die thematischen Schwerpunkte 151

gleichermaßen der Mythologie, der Geographie, der Ethnologie, der Chronologie,


der politischen und militärischen Geschichte, der Kulturgeschichte, der Religion
und nicht zuletzt »Wunderbaren Dingen« (Thaumasia).
Der universalhistorische Ansatz seines Werkes, die Neubearbeitung und Aktuali-
sierung der gesamten westgriechischen Geschichte, die detaillierte Berücksichtigung
der römischen Geschichte, die Synthese verschiedener historiographischer Genera,
die grundlegenden Forschungen auf dem Gebiet der Chronologie sowie die syste-
matische Kritik an seinen Vorgängern – all dies ließ ihn bald zur »Standardautorität
zur Geschichte des griechischen Westens für nahezu fünf Jahrhunderte werden« (so
L. Pearson). Daher wurde er sowohl von griechischen Autoren (z. B. Kallimachos,
Lykophron, Eratosthenes, Polybios, Agatharchidas, Poseidonios, Diodor, Strabon,
Plutarch und Athenaios) wie von römischen Historikern (u. a. Fabius Pictor, Cato
maior, Cicero, Cornelius Nepos, Ovid und Gellius) ausgiebig herangezogen. Außer-
dem zeugen mehrere Gegendarstellungen von der großen Wirkung seines Werkes,
nämlich die des Istros, des Polemon von Ilion und nicht zuletzt des Polybios, dessen
langatmige Kritik in Buch XII auch den Ruhm und das Ansehen erkennen lässt, de-
rer sich Timaios damals erfreute.
Auch sonst fehlte es nicht an Vertretern der westgriechischen Geschichte. So
schrieb Lykos von Rhegion (FGrHist 570) um 300 v. ein Werk Über Sizilien sowie
eine Geschichte Libyens, die u. a. von Kallimachos und Timaios benützt worden ist.
Philinos von Akragas (FGrHist 174) verfasste offenbar als Zeitgenosse eine pro-
karthagische Monographie über den Ersten Punischen Krieg, dessen Schauplatz
vornehmlich die Insel Sizilien war. Über Silenos von Kalkeakte (FGr Hist 175) und
Sosylos aus Sparta (FGr Hist 176) bemerkt Cornelius Nepos (Hann. 13,3):

»Die Ereignisse dieses Krieges (sc. des Zweiten Punischen Krieges) haben viele Autoren
überliefert, besonders aber zwei Männer, die mit Hannibal im Feldlager waren und bei
ihm weilten, solange es das Schicksal erlaubte, nämlich Silenos und der Lakedaimonier
Sosylos. Und dieser Sosylos war auch der Griechischlehrer Hannibals.«

Silenos hat außer der Hannibalmonographie noch eine Geschichte Siziliens (Sike-
lika) verfasst, aus der einige Fragmente erhalten sind (F 3–9). Sie ist deshalb in der
neueren Zeit zu unverdientem Ruhm gekommen, weil der sizilische Althistoriker
E.  Manni und seine Schüler in mehreren Abhandlungen dieses Werk als einzige
Vorlage Diodors für die gesamte Darstellung der sizilischen Geschichte in Buch IV-
XXI betrachten. Diese Auffassung ist jedoch unhaltbar und bedarf keiner ernsthaften
Widerlegung.

26
2.4 Geschichte fremder Länder und Völker

Die Erschließung zahlreicher Länder und die Bekanntschaft mit fremden Kulturen
als Ergebnis des Asienfeldzuges Alexanders brachten es mit sich, dass nicht nur grie-
chische Autoren diese Gegenden und ihre Eigenheiten beschrieben, sondern dass
auch Einheimische versuchten, ihre Heimat einem griechischen Publikum näherzu-
bringen. Deshalb bedienten sie sich auch der griechischen Sprache.
152 XII Die Geschichtsschreibung

Hekataios von Abdera (FGrHist 264) veröffentlichte unter Ptolemaios I. (305–


283 v.) eine Ägyptische Geschichte (Aigyptiaka), in welche er als erster griechischer
Historiker einen Judenexkurs einfügte; Manethon aus Sebennytos (FGrHist 609),
seines Zeichens Oberpriester in Heliopolis, verfasste wenig später ebenfalls eine
Ägyptische Geschichte; Berossos von Babylon (FGrHist 680), Priester des Marduk,
schrieb eine Babylonische Geschichte (Babylonika), die dem Seleukidenkönig Antio-
chos I. (281–261v.) gewidmet war; Megasthenes (FGrHist 715, um 300 v.) trat als
Verfasser einer Indischen Geschichte (Indika), Menandros von Ephesos (FGrHist
783, Lebenszeit unbekannt) als Autor einer Phönikischen Geschichte (Phoinikika)
hervor; der Jude Demetrios schließlich (FGrHist 722) publizierte unter Ptole-
maios IV. (221–204 v.) die Schrift Über die Könige in Judäa.

2.5 Frühe Geschichte Roms

Die Historiker über die frührömische Geschichte verdienen deshalb gesonderte Er-
wähnung, weil mit dem Aufstieg Roms in der hellenistischen Welt eine neue Macht
in Erscheinung trat. An erster Stelle ist hierbei Fabius Pictor27 zu nennen, der in der
Zeit des Zweiten Punischen Krieges lebte und die Geschichte Roms von den Anfän-
gen bis in die eigene Zeit beschrieb. Auch er bediente sich der griechischen Sprache,
in der Absicht, dem griechischen Publikum stets die Loyalität und Gerechtigkeit des
römischen Handelns vor Augen zu führen. Sein Werk war denn auch durch eine
stark apologetische und propagandistische Tendenz gekennzeichnet. Neben Fabius
Pictor sind als weitere frührömische Historiker Cincius Alimentus (FGrHist 810),
Cornelius Scipio (FGrHist 811), Postumius Albinus (FGrHist 812) und Gaius Aci-
lius (FGrHist 813) zu nennen.

2.6 Universalgeschichte

Mit dem Aufstieg Roms zur Großmacht im Zeitalter der Punischen Kriege und sei-
nem Ausgreifen in den hellenistischen Osten traten auch universalhistorische Dar-
stellungen mehr und mehr in den Vordergrund. Die wichtigsten Vertreter dieser
Gattung waren Polybios aus Megalopolis, Agatharchidas von Knidos, Poseidonios
von Apameia und Diodorus Siculus. Da von Polybios bereits die Rede war, werden
im Folgenden nur die drei zuletzt genannten Historiker behandelt.
Agatharchidas von Knidos (ca. 200 bis ca. 132 v.)28, der zumeist im ägyptischen
Alexandria lebte und wahrscheinlich Mitglied des Museion war, verdient aus meh-
reren Gründen nähere Erwähnung: Erstens war er ein bedeutender Universalhis-
toriker und Ethnograph, ein Tatbestand, der sich besonders in zwei Werken ma-
nifestierte, nämlich einer Geschichte Asiens (Asiatika) in 10 Büchern, die bis in die
Zeit der Diadochen reichte, und einer Geschichte Europas (Europika) in 49 Büchern,
deren Beginn und Ende unbekannt sind: Beide Werke ergänzen sich zu einer echten
universalhistorischen Darstellung. Dazu kam eine spezielle Schrift Über das Rote
Meer in fünf Büchern, mit der Agatharchidas seinen eigenen Worten zufolge einen
Beitrag zur Geographie und Ethnographie des Südens der Oikumene leisten wollte,
2 Die thematischen Schwerpunkte 153

da die übrigen Teile der Welt bereits von namhaften Autoren beschrieben worden
seien. Ferner enthielten diese Werke eine Anzahl interessanter geschichtstheoreti-
scher und methodologischer Reflexionen und ausführlicher Beurteilungen seiner
Vorgänger auf dem Gebiet der Historiographie, z. B. des Herodot, Thukydides, Hier-
onymos und Phylarchos. Schließlich unternahm es Agatharchidas als erster, jene
Gruppen von Menschen, die bislang als geschichtsunwürdig galten, nämlich Skla-
ven, Ausgebeutete und Strafgefangene, zu berücksichtigen, wodurch er eine große
Aktualität bis heute besitzt. In seinem Bericht über die Ausbeutung der ägyptischen
Goldbergwerke, die sich an der Grenze zu Äthiopien befanden, heißt es (bei Diod.
III 12,2–3; 13,2–3):

»Die ägyptischen Könige schicken die wegen eines Verbrechens Verurteilten und die
Kriegsgefangenen, aber auch solche, die einer falschen Anklage zum Opfer gefallen
sind, und nicht bloß diese selbst, sondern manchmal auch deren Verwandte, allesamt
zur Arbeit in die Goldgruben, und, indem sie auf diese Weise die Verurteilten bestrafen,
gewinnen sie zugleich aus deren Arbeit große Einkünfte. Die Zahl der zu solcher Arbeit
Verdammten ist sehr groß; alle sind an den Füßen gefesselt und müssen unaufhörlich
arbeiten, nicht nur bei Tag, sondern auch die ganze Nacht hindurch. Denn keine Ruhe
ist ihnen vergönnt, und mit Bedacht ist ihnen jede Möglichkeit zur Flucht abgeschnit-
ten. Als Wachen stehen nämlich Soldaten barbarischen Ursprungs daneben, die eine
ganz andere Sprache sprechen, und keiner kann daher durch Überredung oder rüh-
rende Bitten einen der Wächter bestechen. Da aber all diese Menschen ihren Körper
nicht reinigen können und nicht einmal so viel Kleidung haben, um ihre Scham zu be-
decken, kann man sie nicht ansehen, ohne sich der Unseligen zu erbarmen, die einem
solchen Übermaß des Elends ausgesetzt sind.«

Mit dieser »schonungslos enthüllenden Dokumentation sozialen Elends« (so


H. Strasburger) hat Agatharchidas besonders Poseidonios beeinflusst.
Poseidonios von Rhodos (Ca. 135–51 v.)29 betätigte sich mit großer Universalität
auf zahlreichen Gebieten der Wissenschaft und war gleich bedeutend als Philosoph,
Ethnograph und Geschichtsschreiber. Im Folgenden soll von dem Universalhistori-
ker die Rede sein.
Wie der Titel seiner 52 Bücher umfassenden Darstellung Geschichte nach Polybios
erkennen lässt, setzte Poseidonios dessen universalgeschichtliches Werk fort und
behandelte die Zeit von der Zerstörung Karthagos 146 bis in die sullanische Ära ca.
85 v. Mit seiner Darstellung zog er gleichsam das Resümee aus den bisherigen For-
men der griechischen Historiographie: Seine Geschichtsauffassung war durch echte
Universalität gekennzeichnet und bildete eine Synthese aus der Weite herodotei-
scher Thematik und der Schärfe thukydideischer Ursachenanalyse. Nach Art der
peripatetischer Historiographie behandelte er nicht nur die politische und militäri-
sche Geschichte, sondern berücksichtigte auch geographische, ethnographische, so-
zioökonomische, kulturhistorische, religionsgeschichtliche, naturwissenschaftliche
und paradoxographische Aspekte. Besonderen Wert legte er auf sozialgeschichtliche
Fragestellungen: Ihm kommt das große Verdienst zu, u. a. mit seiner Darstellung der
beiden sizilische Sklavenkriege (F 108) die soziale Thematik des Agatharchidas vom
Rande der Oikumene (vgl. oben) in die Mitte des Weltgeschehens hineingestellt und
154 XII Die Geschichtsschreibung

ihre Verflechtung mit den politischen und sozialen Problemen der Römerherrschaft
aufgezeigt zu haben.
Als Beispiel hierfür sei der Bericht über die Ursachen des ersten sizilischen Skla-
venkrieges (F 108 bei Diod. XXXIV/XXXV 2 ff.) zitiert:

»Da die Sizilier (sc. nach der Zerstörung Karthagos 146 v.) ihre Lebenshaltung sehr
gesteigert und gewaltige Reichtümer angehäuft hatten, kauften sie eine Menge
von Sklaven zusammen. Herdenweise trieben sie diese aus den Sklavenzuchtanstal-
ten weg und drückten ihnen sogleich Kennzeichen und Brandmale auf den Körper.
Sie verwendeten die jüngeren von ihnen als Hirten, die anderen so, wie jeder gerade
zu gebrauchen war. Man beutete sie zu schweren Diensten aus und ließ ihnen, was
Nahrung und Kleidung angeht, nur geringe Fürsorge zukommen. So gewöhnten sich
die meisten Sklaven daran, ihren Lebensunterhalt durch Raub zu erwerben, und das
ganze Land war erfüllt von Mord, da sich die Straßenräuber wie Heere verbreiteten.
Die Praetoren versuchten zwar, dem Einhalt zu gebieten, wagten aber nicht, sie zu
bestrafen, wegen der Macht und des Einflusses der großen Herren, denen die Räu-
ber gehörten. So mussten sie ruhig zusehen, wie ihre Provinz vom Straßenraub heim-
gesucht wurde. Denn die meisten Besitzer gehörten dem römischen Ritterstand an,
waren also auch Richter über alle Praetoren, die sich für ihre Provinzialverwaltung zu
rechtfertigen hatten; daher hatten die Beamten vor ihnen Furcht. Von ihrem Elend
bedrückt und meist grundlos mit Schlägen misshandelt, hielten es die Sklaven zu-
letzt nicht mehr aus. Sie kamen bei passenden Gelegenheiten zusammen und be-
sprachen sich wegen eines Aufstandes, bis sie schließlich ihren Plan in die Tat um-
setzten.«

Poseidonios war der bedeutendste Kulturkritiker und Kulturphilosoph der Antike.


Der Hauptgedanke seiner Geschichtsphilosophie war der einer fortschreitenden
Dekadenz der Menschheit, die von einer Generation zur anderen moralisch immer
tiefer herabsinkt. Gerade hoffnungslos stellte sich ihm der Verfall der östlichen Welt
dar, aber auch bei den Römern hatte bereits die Wende zum Schlechteren eingesetzt.
Als entscheidendes Ereignis für diese Entwicklung betrachtete er die Zerstörung
Karthagos 146 v.: Mit der Beseitigung des äußeren Feindes hätten im Inneren Luxus
und Wohlleben überhandgenommen und daher sei es zu Parteiungen und inneren
Auseinandersetzungen gekommen – ein Gedanke, der später von Sallust übernom-
men und weiter vertieft worden ist (vgl. Jug. 41). Poseidonios schrieb in einem bild-
haften Stil und suchte nach Art der dramatischen Geschichtsschreibung dem Leser
die Ereignisse plastisch vor Augen zu führen.
Angesichts seiner adeligen Herkunft und seinen engen Kontakten zur römischen
Nobilität verwundert es nicht, dass er politisch auf Seiten der Senatspartei stand und
u. a. die senatsfeindliche Politik der Gracchen ebenso kritisierte wie Marius, den
Führer der Popularen. Dennoch betrieb er keine einseitige Schwarz-Weißmalerei:
An den Gracchen lobte er z. B. ihre hohe Abstammung, ihre große politische und
rhetorische Begabung sowie ihre bedingungslose Hingabe an die als richtig erkannte
Sache; doch im Laufe ihres Vorgehens ging das Recht nach seiner Ansicht mehr und
mehr auf die Gegenseite über, und am Ende standen Gewaltanwendung, Gesetzes-
brüche und das Streben nach der Tyrannis.
2 Die thematischen Schwerpunkte 155

Aus folgenden Gründen steht Diodor von Agyrion (ca. 90–30 v.)30 am Ende die-
ses Kapitels:
• Er bildet in gewissem Sinne den Abschluss der hellenistischen Geschichtsschrei-
bung, wenn man den Hellenismus der communis opinio entsprechend ca. mit
dem Jahr 30 v. enden lässt.
• Seine Universalgeschichte hatte, wie der Titel Historische Bibliothek beweist und
wie er in der Einleitung (I 1 ff.) selbst betont, den Zweck, die gesamte Weltge-
schichte zu behandeln, eine ganze historische Bibliothek zu ersetzen und somit
dem Leser die mühsame Lektüre zahlloser Monographien zu ersparen.
• In dieses Werk flossen dank der Benützung zahlreicher Geschichtsschreiber be-
trächtliche Teil der vorangehenden hellenistischen Historiographie wie in ein gro-
ßes Sammelbecken ein.
• Nicht zuletzt sind von seiner Darstellung umfangreiche Teile erhalten, speziell der
Bericht über die Ereignisse der klassischen und hellenistischen Zeit 480–302 v.
(Buch XI–XX).
Die wichtigsten Angaben zur Vita Diodors, der aus dem sizilischen Agyrion
stammte, finden sich im Proömium seines Werkes: Ein Aufenthalt in Ägypten in
der 180. Olympiade, d. h. 60–57 v. ist das früheste, die Gründung der Kolonie Tau-
romenium durch Ocvtavian/Augustus wohl schon 36 v., nicht erst 21, das späteste
von ihm erwähnte Datum. Seine Lebenszeit dürfte etwa die Jahre von 90–30 v.
umfassen. Er arbeitete seinem Selbstzeugnis zufolge (I 1 ff.) 30 Jahre lang an sei-
nem Werk, lebte längere Zeit in Rom und benützte auch lateinische Autoren. Sein
großes Vorbild war Ephoros von Kyme, doch berücksichtigte er anders als dieser
auch die mythische Epoche und die römische Geschichte. Der Titel seines Werkes,
nämlich Historische Bibliothek, erklärt sich daher, dass diese äußerst umfassende
und umfangreiche Darstellung eine gesamte Bibliothek ersetzen sollte. Die 40 Bü-
cher dieser Universalgeschichte reichten nämlich von den Anfängen der Welt bis
in die Zeit Caesars 54 v. und wiesen nach Angaben des Verfassers folgende Grob-
gliederung auf: Am Anfang stand die Zeit vor dem Troianischen Krieg mit Geo-
graphie, Ethnographie, Theologie und Mythographie der Oikumene (Buch I–VI:
Buch I–III: Barbaren, Buch IV–VI: Griechen), es folgte die Geschichte vom Fall Troias
bis zum Tod Alexanders (Buch VII–XVII) und schließlich die Zeit von 323–ca. 54 v.
(Buch XVIII–XXXX). Vollständig überliefert sind die Bücher I–V und XI–XX, von
den übrigen existieren nur Exzerpte und Fragmente. Historisch besonders wertvoll
sind die Bücher XI–XX mit der einzigen aus der Antike überlieferten fortlaufenden
Schilderung der Jahre 480–302 v. Für die Zeit des Hellenismus sind von besonde-
rer Relevanz: Buch XVII: Alexander der Große (Hauptquelle Kleitarchos), die Dia-
dochen (Hauptquelle Hieronymos von Kardia), XIX–XXI, Agathokles von Syrakus
(Hauptquelle Timaios).
Im Folgenden soll die Arbeitsweise Diodors näher charakterisiert werden, wobei
zunächst auf das Problem der Chronologie einzugehen ist: Dieser Autor disponiert
annalistisch, indem er sich an der Zählung nach Olympiaden sowie den Regierun-
gen der athenischen Archonten und der römischen Konsuln orientiert. Für diese
Konzeption legte er einen (namentlich nicht bekannten) Chronographen zugrunde,
der allerdings nur scheinbar für zeitliche Genauigkeit sorgte. Denn die annalistische
Disposition enthält deshalb viele Fehlerquellen, weil Diodor häufig Ereignisse, die
156 XII Die Geschichtsschreibung

sich über mehrere Jahre erstreckten, willkürlich zerstückelte und auf einzelne Jahre
verteilte oder sie umgekehrt unter einem einzigen Jahr aufführte. Was die Benützung
der Quellen angeht, so ist noch heute die auf Nissen (1863) zurückgehende Ein-
quellentheorie weit verbreitet, d. h. die Auffassung, dass er über weite Strecken nur
eine Vorlage benützt habe. Diese Ansicht findet sich beispielsweise bei Ed. Schwartz
(1903), aber auch noch bei J. Hornblower (1981: Hieronymos), J. Malitz (1983: Poi-
seidonios), L. Pearson (1987: Timaios). In Wirklichkeit aber lässt sich zeigen, dass
im Allgemeinen mit einer Hauptquelle und ein bis zwei Nebenquellen sowie der
chronographischen Vorlage zu rechnen ist, so dass vom mechanischen Abschreiben
einer Quelle nicht die Rede sein kann. Einen Überblick über die Quellensituation
insgesamt gibt K. Meister (1990).
Wie die bisherigen Ausführungen zeigen, wird Diodor in der Forschung generell
negativ beurteilt. Diese Einschätzung begann im 19. Jh. mit den vernichtenden Be-
wertungen von B. G. Niebuhr (1828) und Th. Mommsen (1859), der den häufig zi-
tierten Ausspruch von der »unglaublichen Einfalt und noch unglaublicheren Gewis-
senlosigkeit dieses elendsten aller Scribenten« geprägt hat. Für das 20. Jh. wurde vor
allem das abschätzige Urteil von Ed. Schwartz (1903) maßgeblich: Nach Auffassung
dieses Gelehrten dürfe man Diodors Historische Bibliothek nicht als eigenständiges
Werk, sondern lediglich als geistlose Kompilation und buchhändlerische Spekula-
tion bezeichnen, die entsprechend nicht aus wirklichem Interesse an der Sache, son-
dern aus reiner Profitgier und Geschäftemacherei entstanden sei. Im Einzelnen wirft
die Forschung ihm noch in neuerer Zeit sklavische Abhängigkeit von den Vorlagen,
sinnentstellende Kürzungen der Quellen, gedankenlose Dubletten (d. h. Wiederho-
lungen, Doppelfassungen), gravierende Inkonsequenzen, eklatante Widersprüche,
unverständliche Verwechslungen, ungenaue Wiedergabe der Namen sowie grobe
Nachlässigkeiten in chronologischen Fragen vor.
All diese Mängel finden sich in der Tat bei Diodor und sollen keineswegs geleug-
net werden, gleichwohl sind sie angesichts des gewaltigen Umfangs seines Werkes
bis zu einem gewissen Grade entschuldbar. Man sollte demgegenüber nicht nur das
Negative, sondern auch die positiven Aspekte seiner Geschichtsschreibung hervor-
heben, wie es wenigstens teilweise in der Forschung der letzten Jahrzehnte gesche-
hen ist (z. B. durch K. Meister, K. S. Sacks, Diodor-Kongress von Agira 1984, zuletzt
M. Rathmann in einer noch unveröffentlichten Habilitationsschrift: Nähere Anga-
ben vgl. unten Anm. 30).
Bei diesem Versuch einer (teilweisen) Rehabilitierung verweist man u. a. auf fol-
gende Aspekte:
• Man kann der Gesamtkonzeption von Diodors Historischer Bibliothek die Be-
wunderung nicht versagen: Er hat den bis zu seiner Zeit noch nie dagewesenen
Versuch unternommen, die ganze Weltgeschichte von der Entstehung des Uni-
versums, der Schöpfung der menschlichen Kultur und den mythischen Anfängen
bis in die Ära Caesars darzustellen, in der das Imperium Romanum seine bislang
größte Blüte und Ausdehnung erreichte (vgl. I 3.3).
• Schon der Ausgangspunkt der Kritik von Schwartz mit all den gravierenden Kon-
sequenzen, die sich daraus für die Beurteilung Diodors ergeben, erweist sich als
unzutreffend: Ein Autor, der seinem eigenen Zeugnis zufolge 30 Jahre lang an sei-
nem Werk gearbeitet hat, kann wahrlich nicht aus buchhändlerischer Spekulation
2 Die thematischen Schwerpunkte 157

heraus geschrieben haben, sondern muss von der Begeisterung für die Sache ge-
leitet worden sein. Die Beweggründe für die Abfassung seines Werkes legt Diodor
denn auch im Proöm (I 1,1–3) ausführlich dar Dabei erläutert er seine Rolle als
Universalhistoriker mit eindrucksvollen Gedanken, welche in der kosmopoliti-
schen Philosophie der Stoa verankert sind (I 3,3):

»Alle Menschen schulden ohne Ausnahme denen mit Recht Dank, die sich um eine Dar-
stellung der allgemeinen Geschichte bemühten. Denn diese Historiker hatten den Ehr-
geiz, durch ihre eigenen Anstrengungen der menschlichen Gemeinschaft insgesamt
zu nützen. Und während sie es den Lesern ermöglichten, ohne Risiken und Gefahren
zu lernen, was in jedem Einzelfall von Nutzen ist, vermitteln sie mit ihrer Darstellung
der Ereignisse einen wertvollen Erfahrungsschatz. Denn das Lernen durch eigenes Er-
leben ist in jedem Einzelfall mit vielen Mühen und Gefahren verbunden und befähigt
dazu, das jeweils Nützliche zu erkennen, und darum ertrug auch der am meisten Er-
probte unserer Helden großes Unglück, als »er vieler Menschen Städte erblickte und
ihr Denken kennenlernte« (Hom. Od. I 32). Doch das Verständnis für die Fehler und Er-
folge anderer Menschen, das durch das Studium der Geschichte erworben wird, bietet
eine Unterweisung, die von eigenen leidvollen Erfahrungen frei ist. Weiterhin haben
die Universalhistoriker das Bestreben, die Menschen, die alle miteinander durch Ver-
wandtschaft verbunden, aber durch Ort und Zeit voneinander getrennt sind, in ein und
dieselbe Ordnung zusammenzuführen, als seien sie gleichsam Diener der göttlichen
Vorsehung. Denn wie diese die geordnete Welt der sichtbaren Gestirne und die Na-
turen der Menschen in einheitliche Beziehung zueinander setzt und immerfort kreis-
förmig fortbewegt, indem sie jedem einzelnen das zuweist, was ihm vom Schicksal
zukommt, so stellen diese Historiker die Ereignisse des ganzen Erdkreises gleichsam als
die eines einzigen Gemeinwesens dar, den Lesern aber vermitteln sie in ihren Werken
einen einheitlichen Bericht und einen gemeinsamen Schatz von allem Geschehenen.«

So könne man, wie Diodor weiter bemerkt, aus einer Universalgeschichte »wie
aus einer reichen Quelle schöpfen« und müsse nicht zahllose unterschiedliche
und widersprüchliche Spezialdarstellungen lesen, die zudem schwer zu erwerben
seien. Außerdem komme einer ganzheitlichen Geschichtsschreibung eine hohe
moralische Wirkung zu, da sie durch den Ruhm, den sie großen Männern ver-
heiße, zu großen Leistungen für das Vaterland ansporne und umgekehrt durch
Tadel die schlechten Menschen vor bösem Tun abschrecke. Deshalb sei es auch
die oberste Pflicht des Historikers, die Guten zu loben und die Schlechten zu
tadeln.
Es ist bemerkenswert, dass Diodor trotz der Vielfalt der von ihm benutzten Quel-
len an diesen in der Einleitung formulierten Grundgedanken seiner Geschichts-
und Weltanschauung mit bemerkenswerter Konsequenz festhält.
• Diodor hat sein Werk in einem gut lesbaren und leicht verständlichem Stil ver-
fasst. Angesichts der unterschiedlichen Sprache und Diktion seiner Vorlagen ist
dies keineswegs selbstverständlich. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen helle-
nistischen Historikern hat er – von wenigen Ausnahmen abgesehen – darauf ver-
zichtet, lange wörtliche Reden in seine Darstellung einzufügen, da er diese nur als
störend empfand (vgl. XX 1).
158 XII Die Geschichtsschreibung

• Diodor hat seine Historische Bibliothek durchaus nicht als geistloser Epitomator
in der mechanisch-primitiven Art und Weise zusammengefügt, wie noch heute
mehrfach von den Verfechtern der Einquellentheorie angenommen wird. Statt-
dessen ist eine elastischere und kompliziertere Arbeitsweise zu postulieren, die
die Benützung mehrerer Quellen voraussetzt.
• Diodor zitiert zwar bei weitem nicht alle von ihm herangezogenen Autoren, doch
nennt er seine Vorlagen wesentlich häufiger als die meisten griechischen Ge-
schichtsschreiber.
• Diodor benützt grundsätzlich keine obskuren Gewährsmänner, sondern nur
Standardautoren. Besondere Erwähnung verdient dabei die Tatsache, dass er als
griechischer Autor seinem eigenen Zeugnis zufolge (I 5) auch lateinische Quellen
eingesehen hat.
• Diodor ist es zu verdanken, dass wir von einer Anzahl hellenistischer Geschichts-
schreiber, die sonst weitgehend unbekannt geblieben wären, z. B. von Keitarchos,
Hieronymos und Timaios, eine deutliche Vorstellung gewinnen.
• Diodor hat eine immense Fülle wertvoller Nachrichten überliefert, ohne die unsre
Kenntnis von zentralen Epochen der Alten Geschichte wesentlich geringer wären.
Dies gilt nicht nur für die griechische Geschichte Griechenlands, sondern auch
für die Ereignisse anderswo, das Zeitalter der Diadochen und die sizilische Ge-
schichte, z. B. die Herrschaft des Agathokles.
Generell ist festzuhalten, dass die römische Geschichtsschreibung ohne das hellenis-
tische Vorbild nicht denkbar ist. Dies zeigt sich bereits bei deren Begründer Fabius
Pictor. Er bediente sich der griechischen Sprache und stand u. a. unter dem Einfluss
der tragischen Richtung. Ähnliches galt auch für die anderen großen Historiker
Roms zu, z. B. für Sallust, Livius und Tacitus: Bei ihnen allen sind rhetorische, tra-
gische und ›pragmatische‹ Elemente in unterschiedlicher Ausprägung und Größen-
ordnung anzutreffen. Dies gilt auch für die gesamte folgende Geschichtsschreibung,
mutatis mutandis sogar bis in die Gegenwart. Es würde jedoch den Rahmen dieser
Untersuchung sprengen, das Fortleben der hellenistisch-römischen Historiographie
bis in die Moderne auch nur in großen Zügen aufzuzeigen.
XIII Die Biographie und Autobiographie

XIII Die Biographie und Autobiographie

1 Die Biographie1
In der Einleitung zur Vita Alexanders des Großen (Kap. 1) äußert sich Plutarch (ca.
50–120 n.), der berühmteste griechische Biograph der Antike, folgendermaßen zu
Inhalt und Thematik seiner Lebensbeschreibungen:

»Wenn ich in diesem Buche das Leben des Königs Alexander und das des Caesar, von
dem Pompeius bezwungen wurde, darzustellen unternehme, will ich wegen der Fülle
des vorliegenden Tatsachenmaterials vorweg nichts anderes bemerken als die Leser da-
rum bitten, wenn ich nicht alles und jede der vielgerühmten Taten in aller Ausführlich-
keit erzähle, sondern das meiste kurz zusammenfasse, mir deswegen keinen Vorwurf
zu machen. Denn ich schreibe nicht Geschichte, sondern zeichne Lebensbilder, und her-
vorragende Tüchtigkeit oder Verworfenheit offenbart sich nicht durchaus in den auf-
sehenerregendsten Taten, sondern oft wirft ein geringfügiger Vorgang, ein Wort oder
ein Scherz ein bezeichnenderes Licht auf einen Charakter als Schlachten mit Tausenden
von Toten und die größten Heeresaufgebote und Belagerungen von Städten. Wie nun
die Maler die Ähnlichkeiten dem Gesicht und den Zügen um die Augen entnehmen, in
denen der Charakter zum Ausdruck kommt, sich um die übrigen Körperteile sehr wenig
kümmern, so muss man es mir gestatten, mich mehr auf die Merkmale des Seelischen
einzulassen und nach ihnen das Lebensbild eines jeden zu entwerfen, die großen Dinge
und die Kämpfe aber anderen zu überlassen.«

Der Grundgedanke dieser Ausführungen lautet also, dass es dem Historiker pri-
mär um die »Taten« (praxeis), dem Biographen dagegen um den »Charakter« (ethos)
gehe: Dieser aber offenbare sich häufig eher in bezeichnenden Aussprüchen, Scher-
zen oder Anekdoten als in aufsehenerregenden Handlungen.
Die von Plutarch genannten Merkmale sind bereits für die hellenistische Zeit cha-
rakteristisch: Damals erfuhr die griechische Biographie nach gewissen Vorstufen in
der klassischen Epoche, beispielsweise bei Herodot (z. B. Kyros: I 107–130. 177–188.
201–214. Kambyses: III 1–66), Stesimbrotos von Thasos (FGrHist 107 F  1–11)2,
Thukydides (z. B. Pausanias: I 128–134. Themistokles: I 135–138), Isokrates (Eua-
goras) und Xenophon (Agesilaos), zum einen im Peripatos, zum anderen in Alexan-
dria ihre charakteristische Ausprägung: Eine Art Zwischenstufe zwischen Historiker
und Biographen, der weder der peripatetischen noch der alexandrinischen Rich-
tung angehört, nahm Neanthes von Kyzikos (ca. 350–ca. 270 v.) ein. Er wird u. a.
wegen seiner Hellenika, Mythen (F 6), der Jahrbücher von Kyzikos (F 5) und einer
Schrift Über Mysterien von Jacoby mit Recht als Historiker geführt (FGrHist 84),

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_13, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
160 XIII Die Biographie und Autobiographie

war aber auch als Verfasser der Schrift »Über berühmte Männer« einer der ersten
griechischen Biographen. Aus dem genannten Werk dürften seine Angaben über
Xenophanes, Heraklit, Antisthenes, Platon, den Menschenfeind Timon und andere
Personen stammen (F 17–39). Mit dieser Schrift steht Neanthes – und darin liegt
seine besondere historische Bedeutung  – am Anfang des literarischen Genos De
viris illustribus, das später so berühmte Vertreter wie Cornelius Nepos, Gaius Sueto-
nius Tranquillus und Francesco Petrarca hatte. Der Vollständigkeit halber sei noch
darauf hingewiesen, dass offenbar auch ein jüngerer Neanthes von Kyzikos existiert
hat: Er verfasste eine Geschichte des Attalos von Pergamon (241–197 v.) und gehört
ins 2. Jh. v.
Aristoxenos von Tarent (ca. 370–300 v.)3 gilt allgemein als Schöpfer »der peri-
patetischen Biographie«, die M. Fuhrmann so charakterisiert: »Die eigentliche Bio-
graphie ist eine Leistung des Peripatos; sie beruht auf der aristotelischen Ethik, auf
den Lehren vom ethos und pathos, von den Lebensformen und Charaktertypen: Erst
diese aus der Empirie abgeleiteten Begriffe ermöglichen eine differenzierte Darstel-
lung der Persönlichkeit. Peripatetisch war und blieb fernerhin die Grundeinstellung
der antiken Biographie, ihre rationale und moralisierende Tendenz; hiernach kon-
stituierte sich die Persönlichkeit, ihr Charakter und ihr Wert, im Wesentlichen durch
freie sittliche Willensentscheidungen; determinierende Faktoren wie Anlage und
Milieu blieben fast gänzlich außer Betracht.«
Was die Biographien des Aristoxenos betrifft, so sind u. a. die folgenden Titel über-
liefert: Über die Lebensweise der Pythagoreer, Das Leben des Archytas, Das Leben des
Sokrates, Das Leben Platons, Über Tragödiendichter, Über Flötenspieler. Einige Frag-
mente aus den Bioi des Archytas, Sokrates und Platon (FF 47–68) sind erhalten, oft
mit hämischer Kritik an den genannten Personen, entsprechend den antiken Zeug-
nissen, die Aristoxenos als polemisch und streitsüchtig bezeichnen. Bei ihm waren
nach Fr. Leo schon die wesentlichen Züge der Biographie vorgebildet, die in Zukunft
weiterlebten: »Die Behandlung eines Lebens, das lange Zeit zurücklag und über das
kaum authentisches Material existierte; die Berücksichtigung legendärer Tradition
und anekdotenhaften Materials, die Erfindung charakteristischer Züge, die Neigung
zu übler Nachrede, z. B. die Herabsetzung des väterlichen Standes, die Beschmutzung
des Schülerverhältnisses, der Bericht über eine abenteuerliche Todesart.«
Dikaiarchos von Messene4 war ebenfalls Schüler des Aristoteles und Zeitgenosse
Theophrasts. Auch er war ein ungemein vielseitiger Schriftsteller, der, wie bereits
dargelegt, auf dem Gebiet der Geographie und Kulturgeschichte Bahnbrechendes
geleistet hat. Für die Literaturgeschichte waren vor allem seine von den Späteren
vielbenutzten Lebensbeschreibungen von Bedeutung, z. B. Über die Sieben Weisen,
Über Pythagoras, Über Alkaios, Über Platon. Nach Hieronymos (vir. Ill. praef.) ge-
hört er neben Hermippos, Satyros und Antiogonos zu den herausragendsten Ver-
treten dieser Literaturgattung.
Auch Phainias aus Eresos auf Lesbos (ca. 375–300 v.)5 wird von den Quellen als
Schüler des Aristoteles und Zeitgenosse Theophrasts bezeichnet. Seine literarische
Tätigkeit war gleichfalls sehr mannigfaltig. Auf dem Gebiet der Biographie sind u. a.
die folgenden Titel überliefert: Über die Sokratiker, Über Dichter, Über die Tyrannen
in Sizilien, Die Beseitigung der Tyrannen aus Rache. Eine weitere Schrift mit dem
Titel Über die eresischen Prytanen galt den eponymen Beamten seiner Heimatstadt.
1 Die Biographie 161

Chamaileon aus Herakleia am Pontos6 gehörte ebenfalls dem Peripatos an und


ging in seinen um 300 v. verfassten Biographien oft unkritisch und willkürlich zu
Werke. U. a. schrieb er Über Homer, Über Hesiod, Über Stesichoros, Über Sappho,
Über Anakreon, Über Pindar, Über Thespis, Über Aischylos. Von diesen Biographien
sind nur wenige Fragmente erhalten. Schließlich ist unter den Peripatetikern noch
Baton von Sinope zu nennen, der wohl gegen Ende des 3. Jh. gelebt hat. Von ihm sind
die folgenden Titel überliefert: Über die Tyrannen in Ephesos, Über die Tyrannis des
Hieronymos (sc. von Syrakus), Über den Dichter Ion. Mit den ersten beiden Werken
stand er in der Nachfolge der von Phainias, mit dem zuletzt genannten in der Linie
der von Chamaileon bevorzugten Literatur.
Kallimachos aus Kyrene (geb. vor 300 v.), der berühmte Dichter, vollzog mit sei-
nen Pinakes (»Verzeichnissen«) der großen Bibliothek, die auch kurze Biographien der
jeweiligen Schriftsteller enthielten, den Übergang von der peripatetischen zur alex-
andrinischen Biographie und regte wahrscheinlich das biographische Oeuvre des
Hermippos von Smyrna an7. Dessen ungefähre Lebenszeit ergibt sich aus dem
Schülerverhältnis zu Kallimachos (vgl. Athen. II 58 F. V 213 F) sowie aus einer Nach-
richt über den Tod des Chrysippos ca. 208/205 v., die für Charakter und Glaub-
würdigkeit seiner Biographien typisch ist: Der Philosoph sei gestorben, weil er zu
heftig über einen eigenen Witz gelacht habe (Diog. Laert. VII 184 f.). In der Überlie-
ferung wird Hermippos nicht nur als Kallimacheer, sondern auch als Peripatetiker
bezeichnet. Seine Bioi (Vitae), für deren Abfassung er u. a. die reiche alexandrinische
Bibliothek benützte, waren nach Gruppen gegliedert, z. B. Über Gesetzgeber, Über
die Sieben Weisen, Über Dichter, Über Philosophen, Über die Schüler des Isokrates.
Innerhalb dieser Gruppen beschrieb er jeweils das Leben einzelner Persönlichkeiten,
z. B. des Pythagoras, Gorgias, Aristoteles und Theophrast. Fr. Leo charakterisierte die
Biographien des Hermippos als eine »seltsame Mischung von gelehrter Forschung
und willkürlicher, ja böswilliger Erfindung.« Gleichwohl, vielleicht auch gerade des-
wegen, hat er die Biographien der folgenden Jahrhunderte maßgeblich beeinflusst,
z. B. diejenigen des Dionysios von Halikarnassos, Plutarch und Diogenes Laertios.
Der berühmteste alexandrinische Biograph war der ebenfalls als Peripatetiker be-
zeichnete Satyros aus Kallatis8, ein Zeitgenosse des Hermippos. Er übersiedelte
später nach Oxyrhynchos und lebte unter der Regierung des Ptolemaios Philopator
(221–204 v.) eine Zeit lang in Alexandria. In seiner umfangreichen Sammlung von
Bioi schilderte er das Leben von Dichtern (z. B. Sophokles, Euripides), Philosophen
(z. B. Die Sieben Weisen, Pythagoras, Empedokles, Zenon von Elea, Anaxagoras, So-
krates, Platon, Diogenes, Stilpon), aber auch von Politikern (z. B. Alkibiades, Diony-
sios II. Philipp II.). Ein umfangreiches Bruchstück aus seiner Euripidesvita kam im
Jahr 1906 auf einem Papyrus (POx 1176) zutage. Daraus soll eine Partie zitiert wer-
den, die für die hellenistische Biographie insgesamt charakteristisch ist:

»Er (sc. Euripides) besaß dort eine Höhle, die ihre Luftöffnung zum Meere hin hatte,
und verbrachte den Tag in ihr, indem er, allein für sich, ständig über etwas meditierte
und schrieb und dabei schlechthin alles, was nicht großartig und erhaben war, mit
Geringschätzung überging. Aristophanes jedenfalls sagt, als wäre er eben für diesen
Punkt aufgerufen: ›Wie er seine Personen sprechen lässt, so ist er …‹ Alle gerieten ge-
gen ihn in Hass; die Männer wegen seiner abweisenden Zurückgezogenheit, die Frauen
162 XIII Die Biographie und Autobiographie

wegen der in seinen Dichtungen enthaltenen Anklagen. Er kam von seiten beider Ge-
schlechter in große Gefahr. Von dem Demagogen Kleon wurde gegen ihn ein Prozess
wegen Gottlosigkeit angestrengt, den wir vorher erwähnt haben; die Frauen erhoben
sich beim Thesmophorienfest gemeinsam gegen ihn und fanden sich alle zusammen
an der Stelle ein, wo er sich gerade dem Studium hingab … Er geriet gegen das Ge-
schlecht der Frauen in Zorn aus folgendem Grund: Es war, wie es scheint, bei ihm ein
Bursche im Hause geboren, mit Namen Kephisophon; er ertappte nun seine eigene
Frau, wie sie sich mit ihm unanständig aufführte. Er nahm den Affront hin, wie man
erzählt, und forderte die Frau auf, mit dem jungen Mann zusammenzuwohnen, da sie
ihn ja vorgezogen habe, ›damit‹, so sagte er, ›nicht dieser die meine hat, sondern ich die
seine; denn es ist mein Recht, wenn ich es will.‹ Mit dem ganzen Geschlecht setzte er
sich immerfort in seinen Dichtungen auseinander. – Sprecherwechsel: Und macht sich
dabei in der Tat lächerlich; denn wie könnte jemand mit besseren Gründen wegen des
Verführten einen Tadel gegen die Frauen aussprechen als wegen des Verführers einen
solchen gegen die Männer?«

Bemerkenswert an diesem Passus ist vom Formalen her der dialogische Aufbau,
vom Inhaltlichen die Kritiklosigkeit, mit welcher Satyros zu Werke ging: So nahm er
die Verleumdungen der Komödie (Aristophanes!) für bare Münze, gab jedoch sonst
seine Gewährsmänner zumeist nicht an und schreckte auch vor Erfindungen nicht
zurück. Auf diese Weise kam eine Biographie zustande, »die den Geist peripateti-
scher Tatsachenforschung in äußerster Entartung zeigt« (A. Lesky).
Zum Schluss sei noch Antigonos von Karystos9 erwähnt, der etwa zur gleichen
Zeit wie Hermippos und Saryros schrieb. Er verfasste Biographien von Philosophen
des 4. und 3. Jh. v., wobei er ihre Lehren nur kursorisch wiedergab, dagegen über
Herkunft, Charakter und Schicksal ausführlich und anschaulich informierte. Da er
vielfach als Zeitgenosse berichtete, muss er viele wertvolle Nachrichten überliefert
haben. In Resten fassbar sind die Biographien der Skeptiker Pyrrhon und Timon, die
der von ihm besonders geschätzten Akademiker Polemon, Krates, Krantor und Ake-
silaos sowie des Peripatetikers Lykon und des Stoikers Zenon. Antigonos ist auch als
Paradoxograph hervorgetreten (vgl. unten). Ob er mit dem gleichnamigen Verfasser
kunsthistorischer Schriften und dem Bildhauer identisch ist, der am Hof Attalos’ I.
(241–197 v.) wirkte, bleibt nach wie vor in der Forschung umstritten.
In dem erwähnten Buch hat Fr. Leo die peripatetische Biographie kategorisch
von der alexandrinischen geschieden: Während erstere vornehmlich Feldherren
und Staatsmänner in ausführlicher und kunstvoller Darstellung für ein breiteres
Publikum behandle und das Leben der Personen in chronologischer Folge von der
Geburt bis zum Tode beschreibe, schildere letztere vorwiegend Personen des Geis-
tes in schematischer Disposition nach Rubriken (z. B. Tätigkeiten, Gewohnheiten,
Charakterzüge etc.) für eine begrenzte wissenschaftlich interessierte Leserschaft.
Die peripatetische Form der Biographie spiegele sich vor allem in den Viten Plut-
archs wider, die alexandrinische hingegen in den Lebensbeschreibungen Suetons,
der die Form der alexandrinischen Biographie auf seine Kaiserviten übertragen
habe. Bereits W. Steidle hat in seiner Untersuchung Sueton und die antike Biographie
(2. Aufl. München 1963) gewichtige Einwände gegen diese Scheidung sowohl vom
Inhaltlichen als auch vom Stilistischen her geltend gemacht, und auch die voran-
2 Die Autobiographie und die Memoiren 163

stehenden Ausführungen dürften gezeigt haben, dass sich die alexandrinische Bio-
graphie nur unwesentlich von der peripatetischen unterscheidet. Gemeinsam ist
ihnen jedenfalls, dass sie keineswegs als streng ›wissenschaftlich‹ bezeichnet werden
können, sondern häufig eine kritische Berichterstattung vermissen lassen und statt-
dessen viel anekdotisches Material, nicht selten sogar erfundene Angaben enthalten.
Dass die Gattung Biographie zu allen Zeiten bis in die Gegenwart ein enormes
Nachleben gehabt hat und häufig noch die für die Antike charakteristischen Eigen-
heiten aufweist, braucht nicht eigens betont zu werden.

2 Die Autobiographie und die Memoiren10


In der klassischen Zeit, d. h. im Griechenland des 5. und in der ersten Hälfte des
4. Jh. v., sind autobiographische Schriften relativ selten anzutreffen, da die demo-
kratische Lebensart der Griechen offenbar einer Literatur entgegenstand, die sich
auf die eigene Person konzentrierte. Als Vorstufen und frühe Formen dieses lite-
rarischen Genus sind beispielsweise die Epidemiai (Reiseerinnerungen) des Ion von
Chios (FGrHist 392 F 4–7. 12–16), die Anabasias Xenophons oder der siebente Brief
Platons zu nennen. Bezeichnenderweise entstand die Autobiographie als eigenstän-
dige literarische Gattung erst nach Begründung der hellenistischen Monarchien. Es
handelt sich dabei vorwiegend um sog. Hypomnemata, d. h. Erinnerungen, Memoiren
von Politikern und Feldherren, welche in der Folgezeit eine größere Verbreitung
fanden. Sie zeichneten sich nach der gängigen Lehrmeinung durch eine einfache und
schmucklose Diktion aus und dienten demnach oft als bloße Materialsammlung für
historische Darstellungen im eigentlichen Sinne.
Den Anfang dieser Art von Literatur machte ein Schüler des Aristoteles und
Freund des Theophrast, nämlich der athenische Staatsmann Demetrios von Phale-
ron (FGrHist 228), von dessen weitgespannten Interessen und vielfältigen Publikati-
onen später die Rede sein wird.11 An dieser Stelle nur so viel: Er wurde im Jahr 317 v.
von dem Makedonenkönig Kassander als Prostates (»Vorsteher«) Athens eingesetzt
und zehn Jahre später von Demetrios Poliorketes aus dieser Position vertrieben. In
der autobiographischen Schrift Über die zehn Jahre (FGrHist 228) legte er über seine
Regierung Rechenschaft ab, wobei er seine Verdienste um die Stadt ins rechte Licht
rückte. Dieser Zielsetzung entsprechend – einer Verteidigung vor Gericht hatte sich
Demetrios durch die Flucht entzogen (T 4) – trug dieses Werk stark apologetischen
Charakter. Auch König Pyrrhos von Epirus (306–272 v.) verfasste Hypomnemata
(FGrHist 229), deren Existenz zu Unrecht bestritten wurde (so von F. Jacoby). Lei-
der sind hiervon jedoch nur zwei Fragmente erhalten (Dion. Hal. A. R. XX 10. Plut.
Pyrrh. 21, 2). Am besten greifbar sind die Hypomnemata des achaischen Staats-
mannes Aratos von Sikyon (FGrHist 231).12 Dies liegt vor allem daran, dass sie
nicht nur von Plutarch in seiner Aratosvita, sondern vor allem von Polybios für die
Achaika (II 37–70) ausgiebig herangezogen wurden; ja Polybios betrachtet sich, wie
er an zwei Stellen hervorhebt (I 3,1. IV 1,9 = T 2a und 2b), geradezu als Fortset-
zer des Aratos. Die Hypomnemata, ein Alterswerk des Aratos, umfassten mehr als
164 XIII Die Biographie und Autobiographie

30 Bücher und reichten bis zum Jahr 222 v., d. h. bis zum Ende des Krieges gegen
den Spartanerkönig Kleomenes III. Polybios hat besonders seine Schilderung dieses
Krieges (II 40–63) aus Aratos entlehnt, »weil dieser über seine eigenen Taten sehr
wahrheitsgetreue und Denkwürdigkeiten verfasst hat« (II 40,4). Dagegen bezeichnet
er die Darstellung dieses Krieges bei dem Historiker Phylarchos, »der sich vielfach
im Widerspruch zu Aratos befindet und das genaue Gegenteil von ihm berichtet« (II
56,1) schlichtweg als »Lüge«. In Wirklichkeit lässt gerade ein Vergleich der beiden
Schilderungen erkennen, dass auch Aratos sehr parteiisch geschrieben hat: Während
Phylarchos ganz auf Seiten der Spartaner und des Kleomenes stand (vgl. Plut. Arat.
38), beschrieb Aratos umgekehrt die Dinge einseitig aus proachaiischer Sicht. So rief
z. B. die Zerstörung Mantineias durch Aratos und Antigonos nach Phylarchos (bei
Pol. II 56,5) »bei allen Griechen Teilnahme und Tränen hervor«, während Polybios
im Gefolge des Aratos bemerkte, dass die Stadt in Wirklichkeit eine weit härtere Be-
strafung verdient hätte (II 57 f.). Besonders im Hinblick auf seinen außenpolitischen
Kurswechsel und den Abschluss des Bündnisses mit dem Makedonenkönig Antigo-
nos Doson 225/224 v., den er nach Plutarch (Arat. 38,6) »in seinen Denkwürdigkeiten
unablässig schmähte«, »bot Aratos – ebenfalls nach Plutarch (Arat. 38, 11) – alles auf,
um sich mit der Notwendigkeit zu rechtfertigen«. Sogar Polybios (II 47, 11) kann nicht
umhin, in diesem Zusammenhang Aratos zu kritisieren:

»Dies (sc. seinen Politikwechsel) offen zu betreiben, hielt Aratos aus mehreren Grün-
den nicht für ratsam. Denn es stand zu erwarten, dass dann Kleomenes und die Aito-
ler sofort ihre Gegenminen legten und dass er die große Masse der Achaier vor den
Kopf stieß, wenn er seine Zuflucht zu den Feinden nahm und das Vertrauen auf die
eigene Kraft offenbar ganz verloren hatte, ein Anschein, den er bei diesen Verhand-
lungen durchaus zu vermeiden wünschte. Deshalb wollte er sein Vorhaben heimlich
durchführen und war infolgedessen gezwungen, gegenüber Außenstehenden vieles
zu sagen und zu tun, was seiner Überzeugung widersprach, um dadurch diese seine
Politik zu verbergen. Deshalb hat er auch einiges davon nicht einmal in seinen Denk-
würdigkeiten erwähnt.«

So lassen die ersten in der hellenistischen Literatur deutlich fassbaren Memoiren


bereits all jene Wesensmerkmale erkennen, die nach G. Misch für dieses literarische
Genos in der Antike und in der Moderne konstitutiv geblieben sind: »Der hervor-
stechendste Zug in den Fragmenten (sc. des Aratos) ist eine echt memoirenhafte
Motivierung: Das Sich-Entschuldigen mit Notwendigkeiten der Situation oder einer
force majeure, das Abschieben von Verrat und Treuebruch auf dritte Personen, das
Vergrößern der eigenen Verdienste und das gehässige Schmähen auf Feinde, das
Verschweigen von Ungünstigem und das Herabsteigen zur ausdrücklichen Abwehr
von Verleumdungen oder berechtigten Angriffen.«
Auch der ägyptische König Ptolemaios VIII. Euergetes II. mit dem Beinamen
Physkon (»Dickwanst«), der von 164–116 v. regierte, beschrieb in Hypomnemata, die
24 Bücher umfassten, sein bewegtes Leben. Einige Fragmente sind daraus erhalten.
In Buch VIII z. B. schilderte er die eigene Herrschaft über Kyrene (163–146 v.). Seine
Memoiren enthielten nicht nur die wichtigsten politischen und militärischen Ereig-
nisse der Regierung, sondern auch eine bunte Palette verschiedenster Nachrichten,
2 Die Autobiographie und die Memoiren 165

die u. a. naturgeschichtlichen Themen und allerlei Merkwürdigkeiten in anderen


Ländern und an fremden Höfen behandelten.
Am Ende dieses Überblicks steht der Hinweis auf Ciceros4 Denkschrift über das
Konsulat (Hypomnema peri tes hypateias, FGrHist 235), in welcher er, sich des Grie-
chischen bedienend und hellenistischer Tradition folgend, die Ereignisse während
seines Konsulatsjahres 63 v., besonders die Aufdeckung der Catilinarischen Ver-
schwörung, schilderte (vgl. Cic. Att. I 19,10 vom März 60 = T 1 a).13 In einem Brief
an Atticus vom Juni 60 v. (II 1,1 = T 2) charakterisiert Cicero dieses Hypomnema so:

»Mein Buch hingegen hat die ganze Palette des Isokrates und alle Farbkästen seiner
Schüler aufgebraucht und dazu auch ein wenig aristotelische Schminke aufgelegt.«

Cicero muss also besonders dick aufgetragen zu haben. In der Tat zeigt vor allem die
Cicerovita Plutarchs, der dieses Hypomnema ausgiebig benützte (so Lendle), dass er
die Ereignisse ganz nach Art der tragischen Historiographie dargestellt hat (vgl. z. B.
Plut. Cic. 22). Gleichwohl sandte Cicero eben jenes Hypomnema an Poseidonios
von Rhodos mit der Bitte, »er möge mit noch mehr Ausschmückungen über eben diese
Dinge schreiben«. Poseidonios gab ihm die ebenso geistreiche wie ironische Antwort
(Att. II 1,2), »er sei bei der Lektüre nicht zum Schreiben ermutigt, sondern vollends
davon abgehalten worden«.
Dieser kurze Überblick verdeutlicht, dass die herrschende Lehrmeinung bezüg-
lich der Hypomnemata von Politikern und Feldherren schwerlich zutrifft: Demnach
handle es sich, wie bereits betont, um Werke, die durch eine schmucklose Diktion
und nüchterne Aufzählung der Fakten charakterisiert seien. Die voranstehenden
Ausführungen dürften demgegenüber gezeigt haben, dass sowohl im Formalen wie
auch im Inhaltlichen auffällige Unterschiede existierten. Es geht daher nicht an, die
Hypomemata als uniforme Literaturgattung zu betrachten, die nur als Material-
sammlung für ein Geschichtswerk im eigentlichen Sinne dienten, vielmehr gilt es,
der Individualität dieser Werke gerecht zu werden.
Es wäre ebenso wie im Falle der Biographien eine enorme Überforderung, das
Weiterwirken der antiken Memoiren bis in die Moderne zu verfolgen, da diese Li-
teraturgattung zu allen Zeiten von großer Relevanz war und sich besonders in der
Gegenwart zunehmender Beliebtheit erfreut. An dieser Stelle soll der Hinweis auf
die große Verbreitung autobiographischer Schriften in der späten römischen Repu-
blik genügen. Dazu meint D. Flach14 mit Recht: »In den Wirren der niedergehenden
Republik, als ständig erbitterte Machtkämpfe tobten, schossen die commentarii oder
hypomnemata, wie sie im Griechischen hießen, förmlich wie Pilze aus der Erde.«
Flach nennt dabei die Namen Aemilius Scaurus, Rutilius Rufus, Lutatius Catulus
und Cornelius Sulla, die als Verfasser von Memoiren hervorgetreten sind. Am be-
kanntesten sind zweifellos Caesars commentarii de bello Gallico und commentarii de
bello civili, welche dieses literarische Genus gegen Ende der hellenistischen Periode
zu einsamer Höhe führten.
XIV Die historische Spezialliteratur

XIV Die historische Spezialliteratur

1 Die Chronographie1
Eratosthenes von Kyrene2, der bedeutendste Universalgelehrte des 3. Jh. v. Chr.,
wurde im Laufe dieser Untersuchung bereits mehrfach erwähnt, nämlich als Geo-
graph, Astronom und Philologe. Im Folgenden ist von seinen chronologischen
Forschungen die Rede: Begründete er doch die Chronographie als eigenständige
Literaturgattung.
Die Schrift Chronographiai führte in mindestens zwölf Büchern von der Ein-
nahme Troias, die Eratosthenes ins Jahr 1184/83 v. datierte, bis zum Tod Alexanders
des Großen 324/23 v. Das Gerüst dieses Werkes ist bei Clemens von Alexandria
(Strom. I 138,1–3 = FGrHist 241 F 1) überliefert. Demnach rechnete Eratosthenes
von der Einnahme Troias 1184/1183 achtzig Jahre bis zur Rückkehr der Herakliden
1104/03, von da sechzig Jahre bis zur Kolonisation Joniens, weitere 159 Jahre bis zur
Gesetzgebung des Lykurgos 885/84; von dort 108 Jahre bis zur ersten Olympiade
777/76; sodann 297 Jahre bis zum Feldzug des Xerxes gegen Griechenland 480/79;
danach 48 Jahre bis zum Beginn des Peloponnesischen Krieges 432/31; weitere
27 Jahre bis zur Katastrophe Athens 405/04; 34 Jahre bis zur Schlacht von Leuktra
371/70; 35 Jahre bis zum Tod Philipps II. 336/35; zwölf Jahre bis zum Tod Alexanders
324/23.
Ebenso wie der Historiker Ephoros von Kyme (FGrHist 70), dem er häufig folgte,
klammerte Eratosthenes die mythische Zeit aus. Zur Fixierung der Daten bediente
er sich für die älteste Zeit der spartanischen Königsliste, für spätere Jahrhunderte
der Sieger in den Olympischen Spielen, die er als Vorarbeit für die Chronographiai in
einer gesonderten Schrift mit dem Titel Olympioniken in der Nachfolge des Sophis-
ten Hippias von Elis, des Philosophen Aristoteles und des Historikers Timaios von
Tauromenion gesammelt hatte. Der erste namentlich bekannte Olympionike war
Koroibos von Elis 776 v. Chr., und dessen Sieg im Stadionlauf setzte Eratosthenes
als erstes Jahr der ersten Olympiade an. Die Tatsache, dass er diese Wahl traf, wurde
in der Folgezeit für die Olympiadendatierung bei zahlreichen Historikern, z. B. bei
Polybios von Megalopolis, Diodor von Agyrion, Eusebios von Kaisareia, entschei-
dend.
Ähnlich wie Eratosthenes war auch Apollodoros von Athen3 (ca. 180–110 v.) ein
Gelehrter von vielfältigen Interessen, ohne freilich die Originalität und Schöpfer-
kraft seines Vorgängers zu erreichen. Seine philologischen Werke wurden bereits
besprochen. Im Folgenden ist von seinen chronologischen Forschungen die Rede,
die ihren Niederschlag in seinen Chronika (»Chronik«) fanden. Wie er selbst betont,
schrieb er dieses vier Bücher umfassende Werk, von dem zahlreiche Fragmente

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_14, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
168 XIV Die historische Spezialliteratur

erhalten sind (FGrHist 244), aus mnemotechnischen Gründen in Versen, genauer


gesagt, in iambischen Trimetern. Es war Attalos II. von Pergamon (159–138 v.), dem
Freund und Wohltäter Athens, gewidmet und behandelte nach Pseudoskymnos
(V. 22 ff. = T 2) wichtige Daten der politischen und militärischen Geschichte, aber
auch der Kunst, der Literatur und der Philosophie von insgesamt 1040 Jahren, näm-
lich von der Einnahme Troias 1184 bis zum Jahr 144 v. In einem Anhang trug er
noch spätere Daten bis 120 oder gar 110 v. nach (FF 52–59). Apollodoros wandte
oftmals die Generationenrechnung an, wobei jedoch nicht eindeutig ist, auf wie viele
Jahre er eine Generation veranschlagte; außerdem datierte er häufig nach der Akme
(»Blüte«) eines Mannes, worunter er das 40. Lebensjahr verstand, sowie mit Hilfe
von Synchronismen, d. h. der Angabe gleichzeitiger Ereignisse auf verschiedenen
Schauplätzen. Sein Werk erfreute sich bald großer Popularität und verdrängte die
wissenschaftlich bedeutendere Leistung des Eratosthenes auf diesem Gebiet.
Als Beispiel für das Vorgehen des Apollodoros zitiere ich seine zeitlichen Notizen
über Aristoteles (F 38 bei Diog. Laert. V 9–10):

»Apollodor gibt in der Chronik die wichtigsten Lebensdaten des Aristoteles wie folgt
an: Aristoteles sei im ersten Jahr der 99. Olympiade geboren (384/383 v.), mit 17 Jah-
ren zu Platon gegangen und habe 20 Jahre bei ihm verbracht. Nach Platons Tod im
ersten Jahr derselben Olympiade unter dem Archon Theophilos (348/347) sei er zu
Hermias gegangen und dort drei Jahre lang geblieben. Unter Pythodoros im zweiten
Jahr der 109. Olympiade (343/342) sei er an den Hof Philipps gekommen, als Alexander
schon fünfzehn Jahre alt war. Nach Athen sei er im zweiten Jahr der 111. Olympiade
(335/334) zurückgekehrt und habe im Lykeion dreizehn Jahre lang unterrichtet. So-
dann sei er nach Chalkis im dritten Jahr der 114. Olympiade (322/321) gegangen und
im Alter von 63 Jahren an einer Krankheit gestorben unter dem Archont Phikokles, als
auch Demosthenes in Kalauria verschied.«

Die hier angegebenen Daten sind alle korrekt und beweisen die Bedeutung Apollo-
dors für die antike Chronologie.
Kastor von Rhodos4, der im 1. Jh. v. lebte, ist vielleicht mit dem gleichnamigen
Schwiegersohn des Königs Deiotaros von Galatien identisch. Seine Chronik in sechs
Büchern reichte nach Eusebius (Armen. Chron. P. 26,8–27,8) von den gleichzeitigen
Regierungen des assyrischen Königs Ninos und des sikyonischen Königs Aigialeus
bis zu Olympiade 179, 4 = 61/60 v., dem Jahr, in welchem Pompeius die Neuord-
nung Asiens beendete. Von seinem Vorgänger Apollodoros unterschied er sich in
zweierlei Hinsicht: Zum einen berücksichtigte er auch die mythische Epoche, zum
anderen auch die orientalische und römische Geschichte. Gerade dadurch, dass
er die Gleichzeitigkeit der orientalischen, griechischen und römischen Ereignisse
hervorhob, wurde er zum Vorbild für die synchronistische Chronographie späterer
Autoren, nicht zuletzt des Eusebios. Für die griechische Geschichte legte Kastor die
Liste der sikyonischen, argivischen, attischen Könige und der athenischen Archon-
ten zugrunde, für die römische die Regierungen der albanischen und römischen
Könige sowie die Liste der Konsuln.
Diodor von Agyrion (ca. 90–30 v. Chr.), der nach den obigen Ausführungen am
Ende der hellenistischen Geschichtsschreibung steht, legte seiner annalistisch an-
1 Die Chronographie 169

gelegten Universalgeschichte auch chronographische Quellen zugrunde: Dies geht


aus der bloßen Erwähnung und Datierung von Ereignissen, den Angaben über
die Regierungszeiten von Herrschern sowie aus zahlreichen literaturgeschicht-
lichen Notizen über das Werk von Philosophen, Historikern, Dichtern und anderen
Geistesgrößen hervor. Da er an mehreren Stellen (I 5,1, VII 8. XIII 103,5. 108,1)
Apollodor zitiert und sein Werk mit demselben Jahr 60 v. wie Kastor beendet (vgl.
Diod. I 4,7 bzw. Kastor F 5), liegt die Annahme nahe, dass er diese beiden Autoren
für die chronologische Fixierung der Ereignisse zumindest mittelbar herangezogen
hat.
Die umfangreiche chronographische Literatur des Hellenismus mündet schließ-
lich in die erhaltene Chronik des Eusebios aus dem 4. Jh. n. Sie bildet trotz zahlrei-
cher Irrtümer, Ungenauigkeiten und Verwechslungen das wichtigste chronologische
Handbuch der Antike.
Im Zusammenhang mit diesem knappen Überblick über die chronographische
Literatur soll noch kurz auf Steinchroniken eingegangen werden, welche in hellenis-
tischer Zeit nicht selten gewesen zu sein scheinen.
Am bekanntesten ist das sog. Marmor Parium5 (FGrHist 239), eine parische
Marmorchronik, die auf der gleichnamigen Insel gefunden und im Jahr 1627 nach
England verbracht worden ist. Sie wurde unter dem athenischen Archon Diognetos
264/263 v. verfasst. Von diesem Epochenjahr aus datiert der unbekannte Autor –
nach Jacoby ein Inselgrieche, vielleicht ein Parier – rückwärts, wobei das Schlussjahr
bald mitgerechnet wird, bald nicht. Der Verfasser gibt in der Einleitung selbst an,
dass er eine chronologische Geschichtstafel vom König Kekrops 1581/1580 v. bis
zum Archon Diognetos 264/263 v. geben wolle. Sein Blickwinkel ist der attische,
was sich ebenso in der Datierungsweise wie in der Stoffauswahl manifestiert: Jedem
Datum ist nämlich für die älteste Zeit der Name des entsprechenden athenischen
Königs, für die spätere der des entsprechenden aponymen Archonten beigegeben.
Die Eroberung von Troia setzt der Autor ins Jahr 1208 v., also 24 Jahre früher als
Eratosthenes. Im übrigen berücksichtigt er nicht nur politische und militärische Er-
eignisse, sondern auch solche der Kulturgeschichte, wobei er freilich weder auf Voll-
ständigkeit bedacht ist noch eine kritische Einstellung erkennen lässt. Gleichwohl
ist diese Chronik, deren Schluss verstümmelt ist, eine der wichtigsten Urkunden
für die griechische Chronologie. Die Angaben betreffen im Einzelnen die folgen-
den Themenkreise: 1. Attische Lokalgeschichte (Quelle ist eine namentlich nicht
genannte Atthis). 2. Universalgeschichte (Vorlage ist das Geschichtswerk des Epho-
ros). 3. Erfindungen (Quelle ist die Schrift des Ephoros Über Erfindungen). 4. Daten
aus der Literatur- und Musikgeschichte (Vorlage ist nach Jacoby Aristoxenos von
Tarent).
Ich beschließe diese Ausführungen mit dem Hinweis auf die Lindische Tem-
pelchronik6, welche eine Geschichte des Tempels der Athena Lindia und zahlreiche
Angaben über Weihgeschenke bis zum Jahr 99 v. enthält.
170 XIV Die historische Spezialliteratur

2 Die Perihegesenliteratur7
Großer Beliebtheit erfreute sich im Hellenismus die sog. Perihegesenliteratur. Peri-
hegese bedeutet wörtlich »Rundführung«, Periheget »Reiseführer«, womit die Thema-
tik dieser Gattung definiert ist: Es geht um die Beschreibung eines Landes und seiner
berühmten Städte bzw. Stätten: Dabei wurden alte Kulturländer wie Griechenland,
Sizilien und Kleinasien sowie heilige Orte wie Athen, Olympia, Delphi und Ilion
bevorzugt. Die jeweiligen Erläuterungen gaben Anlass zu vielfältigen Exkursen my-
thologischen, ethnographischen, geographischen und kunstgeschichtlichen Inhalts.
Diese Art von Literatur lässt auf ein wachsendes Interesse der Zeitgenossen an der-
artigen Informationen, aber auch auf eine Zunahme des Tourismus schließen.
Als ältester Periheget gilt Nymphodoros von Syrakus8, der gegen Ende des 3. Jh. v.
Periploi Asias (kai Europes?), Umsegelungen Asiens (und Europas?) verfasste und auch
als Paradoxograph tätig war (vgl. unten). Aus der zuerst genannten Schrift stammt
ein längeres Fragment über Drimakos, den Führer einer Sklavenrevolte von Chios
(FGrHist 572 F 4).
Herakleides (2. Hälfte 3. Jh. v.)9 mit dem Beinamen »der Kritiker« oder »der Kre-
ter« schrieb ein Werk Über die Städte in Griechenland, von welchem drei Auszüge
erhalten sind.
Darin schildert er eine Reise durch das ›eigentliche‹ Griechenland, d. h. das mitt-
lere und nördliche Hellas mit Thessalien. Erhalten sind die Beschreibungen Attikas,
Boiotiens und Euboias, die vielfach auf Autopsie beruhen. Zwar liegt stets ein stereo-
types Schema zugrunde, nämlich Entfernungen, Wegstrecken, Landschaften, Stadt-
beschreibungen, landwirtschaftliche Produkte und Bewohner der Gegend, dennoch
gehört die Schrift zu den ansprechendsten und abwechslungsreichsten ihrer Art.
Dies liegt an der lebendigen Schilderung, der nuancenreichen Sprache, der unauf-
dringlichen ›asianischen‹ Rhythmisierung und den häufigen Dichterzitaten. Als
Beispiel sei die Beschreibung Athens (fr. 1, 1–5) angeführt, welche einerseits die ge-
genwärtige Provinzialität, andererseits die vergangene Größe der Stadt hervorhebt:

»Von dort ging ich in die Stadt der Athener. Die Wegstrecke ist angenehm, die Ge-
gend ganz bebaut und hat etwas für das Auge Erfreuliches. Die Stadt ist durchweg
trocken, nicht gut bewässert, schlecht von Straßen durchschnitten wegen ihres Alters.
Die meisten Häuser sind ärmlich, wenige benutzbar. Beim ersten Anblick dürften bei
dem Fremden Zweifel darüber aufkommen, ob dies die berühmte Stadt der Athener ist;
binnen kurzem wird man es aber wohl glauben. So war dort von den Dingen, die es auf
der bewohnten Erde gibt, das schönste: Ein bemerkenswertes Theater, groß und wun-
dervoll; ein aufwendiges Heiligtum der Athene, dem Leben entrückt, sehenswert, der
sogenannte Parthenon, der über dem Theater gelegen ist und einen großen Eindruck
auf die Betrachter macht; das Olympieion, zwar nur halbvollendet, aber eindrucksvoll
hinsichtlich des Bauplanes, von der Art, dass es hervorragend geworden wäre, wenn es
vollendet wäre; drei Gymnasien: Akademie, Lykeion, Kynosarges, alle bewaldet und am
Boden mit Gras bewachsen; alle möglichen Feste; seitens der Philosophen jede Art von
Seelentäuschung und -erholung; viele Zerstreuungen, ständige Schaustellungen … All-
gemein gesprochen: Wie sich die übrigen Städte hinsichtlich der Annehmlichkeit und
Lebensqualität vom Lande unterscheiden, so sehr ragt die Stadt der Athener über die
2 Die Perihegesenliteratur 171

übrigen Städte hinaus … Die Verse des Lysippos: »Wenn du Athen nicht gesehen hast,
bist du ein Klotz; wenn du es gesehen hast, ohne ergriffen zu sein, ein Esel; wenn du
aber, obwohl es dir gefällt, davonläufst, ein Packesel …«

Der Periheget Polemon von Ilion10, der von 202–181 v. in Alexandria wirkte und
177/176 die Proxenie in Delphi erhielt (Syll.3 585), verfasste ca. 30 Werke, darunter
einige mit polemischem Charakter (z. B. Gegen Timaios und Gegen Eratosthenes),
die meisten jedoch über griechische Landschaften, z. B. Boiotika, Thebaika, Phokika,
Delphika und Epeirotika bzw. über einzelne Städte wie Sikyon, Lakedaimon und Sa-
mothrake, vielfach auf der Grundlage von Autopsie. Bemerkenswert war vor allem
sein Bestreben, zahlreiche Inschriften abzuschreiben, eine Gewohnheit, die ihm den
Spitznamen Stelokopas (»Stelenklauber«) einbrachte. Es gab niemanden unter den
antiken Autoren, der es ihm auf diesem Gebiet gleichtat; erst Cyriacus von Ancona
begann im 15. Jh. erneut damit, die Überreste der antiken Denkmäler und Inschrif-
ten aufzuzeichnen. Im Werk Polemons fand sich auch viel mythologisches, anekdo-
tisches und paradoxographisches Material. Die Form der Darstellung war schmuck-
los. Einige antike Kritiker fanden ihn ziemlich phantasielos, dagegen bezeichnet ihn
Plutarch (mor. 675 b) als »vielgelehrt und nicht verschlafen in griechischen Angelegen-
heiten« – ein Urteil, das eher der Wahrheit entsprechen dürfte. In der früheren For-
schung wurde Polemon als wichtigster Gewährsmann des Pausanias betrachtet (so
von L. Preller). Diese Auffassung ist nach neueren Erkenntnissen dahingehend zu
modifizieren, dass Polemon nur eine von zahlreichen Vorlagen des Pausanias bildete.
Pausanias (ca. 115–200 n.)11 ist als einziger unter den griechischen Perihegeten
vollständig erhalten und deshalb am berühmtesten: Häufig wird er nicht zu Un-
recht als antiker Baedeker bezeichnet. Seine Perihegese Griechenlands entstand ca.
160–180 n. und schildert die Örtlichkeiten und Sehenswürdigkeiten Griechenlands
in zehn Büchern. Nacheinander werden Attika (B. 1), die Argolis (B. 2), Lakonien
(B. 3), Messenien (B. 4), Elis (B. 5–6), Achaia (B. 7), Arkadien (B. 8), Boiotien (B. 9)
und Phokis (B. 10) behandelt. Dazu kommen zahlreiche Exkurse über Geschichte,
Kunstgeschichte und Mythologie, die fast die Hälfte des Werks ausmachen. Der
Autor galt früher als bloßer Abschreiber, doch ist diese Auffassung heute überholt.
Er war zweifellos ein Vielbelesener, der die vorangehende perihegetische Literatur
bestens kannte und auswertete, aber auch ein Vielgereister, der über zahlreiche Se-
henswürdigkeiten aus eigener Anschauung schrieb. So schildert er zumeist die grie-
chischen Kulturdenkmäler in dem Zustand, in welchem er sie bei seinen Besuchen
vorfand, d. h. er registriert auch Zerstörtes, Fragmentarisches, Halbverschüttetes, ja
sogar nicht mehr Vorhandenes. Insgesamt ist sein Werk auf Grund der Fülle von
Informationen von unschätzbarem Wert für fast alle Zweige der Altertumswissen-
schaften, für Archäologen, Philologen, Historiker, Epigraphiker und Religionswis-
senschaftler.
172 XIV Die historische Spezialliteratur

3 Die Paradoxographie12
Die Bezeichnungen Paradoxographie bzw. Paradoxographen sind nicht antiken,
sondern modernen Ursprungs: Sie gehen auf den Philologen A. Westermann zu-
rück, der 1839 eine Edition mit dem Titel Paradoxographi Graeci besorgte (ND
1963). In der griechischen Literatur werden für derartige Werke die Adjektive
»unglaublich« (apistos), »wunderbar« (thaumasios) und »unerwartet« (paradoxos)
verwendet. Dieses literarische Genos war in hellenistischer Zeit weit verbreitet
und kam dem Sensationsbedürfnis des Publikums entgegen. Man sammelte aller-
lei Kuriositäten und Absurditäten, vornehmlich aus verschiedenen Bereichen der
Natur (betr. Tiere, Pflanzen, Gewässer etc.) und der menschlichen Sitten. Begrün-
der dieser Literaturgattung war kein Geringerer als Kallimachos13, der im Zuge
seiner antiquarischen Forschungen auch eine Sammlung der Wunder überall auf
der Welt nach Orten verfasste.14 Diese Schrift wurde von Antigonos von Karystos
exzerpiert15, wie er selbst in der Einleitung seiner Sammlung wunderbarer Dinge be-
merkt:

»Auch Kallimachos von Kyrene hat eine gewisse Auswahl bemerkenswerter Dinge ver-
fasst, von der wir alles ausschreiben, was uns wissenswert schien.«

Zitiert sei daraus der folgende Passus (p. 140 = p. 59–71 Russo = p. 12 Asper) über
die syrakusische Quelle Arethusa (Kallimachos bei Antigonos Hist. mir 140).

»Die (Quelle) Arethusa in Syrakus habe, wie die anderen und auch Pindar sagen, ihren
Ursprung im elischen (Fluss) Alpheios. Deshalb sei auch an den olympischen Festtagen,
wenn die Eingeweide der Opfertiere im Fluss ausgewaschen werden, die Quelle in Si-
zilien nicht sauber, sondern fließe über von Mist. Er (sc. Kallimachos) sagt auch, dass
einmal eine Schale, die man in den Alpheios geworfen hatte, in dieser Quelle wieder
aufgetaucht sei. Das erzählt auch Timaios (FGrHist 566 F 41 a).«

Antigonos von Karystos trat nicht nur als Verfasser von Paradoxa hervor, die er
in schmuckloser Sprache ohne stilistische Ambitionen aneinanderreihte, sondern
schrieb auch, wie früher dargelegt16, Biographien von Philosophen. Falls er mit
dem gleichnamigen Bildhauer am Hofe Attalos’ I. (241–197 v.) und dem Verfasser
kunsthistorischer Untersuchungen identisch ist, (vgl. Plin. n.h. XXXIV 84 bzw. Diog.
Laert. VII 188), gehört er zu den vielseitigsten Repräsentanten der hellenistischen
Kultur.
Nymphodoros von Syrakus (wohl Ende 3. Jh. v.) verfasste ein Werk Über die
Wunder in Sizilien (FGrHist 572 F 1–3), der Kallimacheer Philostephanos von Ky-
rene schrieb Über sonderbare Flüsse. Unter den Namen des Aristoteles ist die Schrift
Peri thaumasion akusmaton, »Über wunderbar Anzuhörendes« überliefert. Dass
dieser kurze Traktat nicht von Aristoteles stammt, wurde bereits im 16. Jh. erkannt
und neuerdings von H. Flashar17 bestätigt, der vorsichtig für das 3. Jh. als Entste-
hungsdatum des Hauptteils eintritt und diese Abhandlung der Trivialliteratur zu-
rechnet.
Obwohl paradoxographische Schriften noch in byzantinischer Zeit gelegentlich
3 Die Paradoxographie 173

als Materialsammlung und Nachschlagewerke dienten, war das Fortwirken dieser


Literaturgattung Jahrhunderte lang gering, ehe die Naturwissenschaftler des 16. und
17. Jh. gesteigertes Interesse an Phänomenen praeter naturam empfanden. Dagegen
sahen die Philologen des 19. und 20. Jh. die Beschäftigung mit den Mirabilia zumeist
skeptisch und betrachteten sie als Zeichen der Dekadenz.18
XV Die Philosophie

XV Die Philosophie1

Obwohl Städte wie das ägyptische Alexandria und das kleinasiatische Pergamon
Athen, das philosophische Zentrum der klassischen Zeit, in der Zeit des Hellenismus
weit an kultureller Bedeutung übertrafen, blieb Athen auch damals der Mittelpunkt
der Philosophie. Es war sozusagen deren Heimat, dort lehrten Sokrates, Platon
und Aristoteles, dort begründeten die zuletzt Genannten ihre Schulen, nämlich die
Akademie und den Peripatos. Auch im Hellenismus entstanden dort neue Philoso-
phenschulen, die bald den traditionellen den Rang abliefen. Vor allem die Akademie
verlor nach dem Scholarchat des Speusippos (347–340 v.), der noch der klassischen
Epoche angehörte, zusehends an Bedeutung. Erst die sog. Mittlere und Spätere Aka-
demie bzw. die Akademische Skepsis führten zu einer Renaissance dieser philoso-
phischen Richtung, wenngleich unter verändertem Vorzeichen. Der Peripatos wies
zwar zu Beginn des Hellenismus noch bedeutende Persönlichkeiten auf, die gleich
anschließend vorgestellt werden, doch ließ sich auf längere Sicht der Niedergang
auch dieser philosophischen Richtung nicht leugnen. Der Schwerpunkt der folgen-
den Ausführungen liegt entsprechend auf den neuentstandenen Philosophenschu-
len des Hellenismus, nämlich den Epikureern, Stoikern, Skeptikern und Kynikern.

1 Der Peripatos
Der Peripatos, auch Lykeion genannt, wurde von Aristoteles aus Stageira (384–
322 v.) im Jahr 335 v. gegründet. Aristoteles markiert das Ende der klassischen Zeit
und ist somit, wie O. Primavesi mit Recht hervorhebt, kein hellenistischer Autor.
Indessen ist das Corpus seiner Schriften nach Auswahl und Anordnung größtenteils
ein Produkt des Hellenismus.2 Dies soll nunmehr gezeigt werden.
Die Werke des Aristoteles gliedern sich bekanntlich in exoterische und esote-
rische Schriften: Die »externen« Werke waren zur »Veröffentlichung« (ekdosis) für
ein breites Publikum bestimmt und wurden daher auch als »allgemein zugängliche
Schriften« (en koinoi gignomenoi logoi) bezeichnet (peri psyches 407 b 29). Dabei
handelt es sich um Abhandlungen, die in kunstgerechter Prosa verfasst und vom
»Buchhandel« vertrieben wurden. Der überwiegende Teil dieser ehedem 19 Schrif-
ten stammte aus der ersten Schaffensperiode des Aristoteles, war nach dem Vorbild
Platons in Dialogform verfasst und ließ schon im Titel zumeist eine inhaltliche Nähe
zu diesem erkennen. Dies gilt u. a. für die Abhandlungen Über die Gerechtigkeit,
Eudemos oder Über die Seele, Symposion, Menexenos, Politikos, Sophistes, Über das
Gute. Von besonderer Bedeutung war der (wohl nicht in Dialogform abgefasste)

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_15, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
176 XV Die Philosophie

Protreptikos (»Ermunterung«, sc. zur Philosophie). Dieser Traktat wurde nämlich


zum Vorbild einer ganzen Literaturgattung, wobei unter den Nachahmern Cicero
(Hortensius) und Iamblichos (Protreptikos) herausragen und noch christliche ad-
hortationes, »Ermahnungen«, z. B. des Augustinus, (wenn auch mittelbar) auf dieser
Abhandlung basieren. Im Unterschied zu den genannten Werken lassen einige exo-
terischen Schriften bereits wachsende Emanzipierung und Distanzierung von Platon
erkennen, z. B. Über die Ideen und Über die Philosophie.
Nachdem Aristoteles 335 v. seine eigene Schule begründet hatte, trat die Publika-
tion exoterischer Werke in den Hintergrund, es dominierten fortan die esoterischen,
»internen« Veröffentlichungen, d. h. Texte, die nur für den Schulgebrauch bestimmt
waren und daher auch als akroamatische Schriften, d. h. »Anhörungen«, »Vorlesun-
gen«, bezeichnet wurden. Diese Publikationen entbehrten zumeist einer kunstvollen
stilistischen Gestaltung, erfuhren später Zusätze, Ergänzungen und Erweiterungen;
dazu kamen »kleinere darstellerische Risse, argumentative Unebenheiten und ein
zuweilen notizenhafter Stil« (so H. Flashar): Maßgeblich war offensichtlich allein
der philosophische Gehalt. Wichtige Voraussetzungen für ihre Entstehung bildeten
umfangreiche Materialsammlungen, die von Aristoteles und seinen Schülern bzw.
Mitarbeitern im Teamwork angelegt worden waren: Dazu gehörten beispielsweise
die (nicht erhaltenen) didaskaliai, »Theateraufführungen«, die Olympionikai und
Pythionikai, d. h. die (Listen der) Sieger in den Olympischen und Pythischen Spie-
len sowie 158 politeiai, »Staatsverfassungen, die als Vorarbeiten für die aristotelische
Politik gedacht waren (vgl. Aristot. Nik. Eth. 1181 b 6–23). Dagegen stammen die
esoterischen Schriften von Aristoteles selbst.
Was den Erhaltungszustand der aristotelischen Schriften angeht, so ergibt sich ein
paradoxer Tatbestand: Zwar ist ein großer Teil der esoterischen, insgesamt 106 Ab-
handlungen überliefert, doch sind die 19 exoterischen Schriften bis auf geringfügige
Fragmente verloren. Dabei stellt sich zwangsläufig die Frage, wie dieser Sachverhalt
zu erklären ist. Dass lange Zeit allein die exoterischen Schriften das Aristotelesbild
bestimmten, leuchtet wegen ihrer Verbreitung durch den Buchhandel ohne weiteres
ein. Dagegen sah das Schicksal der esoterischen Schriften nach der bisweilen ro-
manhaften Überlieferung bei Strabon (XIII 1,54, p. 608 f.), so aus: Beim Tod des Aris-
toteles blieben diese Werke im Besitz der peripatetischen Schule; denn sein Nachfol-
ger Theophrast vermachte sie testamentarisch einem gewissen Neleus von Skepsis,
dem einzigen damals noch lebenden Aristotelesschüler. Dieser verbrachte die Werke
nach Assos, seine in der Troas gelegene Heimatstadt. Die Nachkommen des Neleus
versteckten die Bücher aus Angst vor der Sammelwut der Attaliden, die gerade dabei
waren, in Pergamon eine große Bibliothek aufzubauen, in einem Keller, was den Pa-
pyrusrollen nicht eben gut bekam: Sie vermoderten und verschimmelten. Nach Stra-
bon, der sich auf Poseidonios von Rhodos beruft, verkauften die Erben des Neleus
im ersten Jahrhundert v. diese Werke (zusammen mit den Schriften Theophrasts) an
einen gewissen Apellikon von Teos, der die gesamte Bibliothek nach Athen bringen
ließ; dagegen berichtet Athenaios (I 3 a), dass bereits Neleus sie veräußert habe: Da-
bei verdient die Nachricht des Zeitgenossen Poseidonios, der den späteren Verkauf
bezeugt, zweifellos den Vorzug. In Athen wurden diese Werke des Aristoteles neben
anderen Bücherschätzen und Kunstwerken später zur Beute des römischen Feldher-
ren Sulla, der 86 v. die Stadt eroberte und ausplünderte. Sulla ließ die Bibliothek des
1 Der Peripatos 177

Apellikon mit den Manuskripten des Aristoteles nach Rom bringen und übergab sie
seinem Sohn Faustus. Dieser beauftragte den griechischen Gelehrten Tyrannion,
der als Kriegsgefangener nach Rom gekommen und mit Cicero befreundet war, mit
der Sichtung und Ordnung der aristotelischen Bibliothek. Nach dessen Vorarbeiten
fertigte dann der aus Rhodos stammende Andronikos um 40 v. Chr., also gegen Ende
der hellenistischen Epoche, eine Gesamtausgabe der aristotelischen Werke, die je-
doch die exoterischen Schriften nicht enthielt.
Die voranstehenden Ausführungen könnten den Schluss nahelegen, dass die eso-
terischen Schriften fast 300 Jahre verschollen waren, ehe sie durch die Edition des
Andronikos wieder der Allgemeinheit zugänglich wurden. Strabon war tatsächlich
dieser Auffassung und vertrat sogar die These, dass die Entfernung der esoterischen
Schriften aus Athen den Niedergang der peripatetischen Schule verursacht habe,
da ihren Mitgliedern nach Theophrast die Grundlage des Philosophierens entzogen
worden sei. Diese Ansicht verdient schwerlich Glauben, denn es ist kaum vorstell-
bar, dass im Peripatos seither kein einziges Exemplar der esoterischen Schriften ver-
blieben ist. In Wirklichkeit hat der Niedergang des Peripatos andere Ursachen, wie
bald gezeigt werden soll. Tatsache bleibt immerhin, dass die esoterischen Schriften
nach dem Tod des Aristoteles im Vergleich zu den exoterischen eine Art »Katakom-
bendasein« führten (so A. Lesky), das erst mit der Ausgabe des Andronikos endete.
Denn dieser war als anerkannter Gelehrter und Schulhaupt des Peripatos mit der
Philosophie des Aristoteles bestens vertraut und stellte als Systematiker großen Stils
verschiedene Einzelschriften zu Pragmatien (»Abhandlungen«) zusammen, so die
Physik, die Metaphysik und die Meteorologie. Seine Aristotelesausgabe begann mit
einer umfangreichen Einleitung und einem Verzeichnis der 106 Schriften, die seither
üblicherweise in folgende vier Gruppen eingeteilt wurden:
1. Werke zur Logik, denen Andronikos wahrscheinlich den zusammenfassenden
Begriff Organon, »Werkzeug« gab. Hierzu gehören Die Kategorien: Zehn Gat-
tungsbegriffe der Art ›was‹, ›wo‹, ›wann‹, ›wie viel‹ etc.; die Hermeneutik: über
Formen des sprachlichen Ausdrucks; die beiden Analytiken (je zwei Bücher):
Techniken der Schlussfolgerungen, Beweise und Definitionen; die Topik (acht
Bücher): dialektische Schlüsse auf der Basis wahrscheinlicher Prämissen) und die
Sophistischen Widerlegungen: Trugschlüsse und deren Auflösung.
2. Schriften zur Ethik, Politik, Rhetorik und Poesie: Große Ethik (zwei Bücher), Eu-
demische Ethik (acht Bücher), Nikomachische Ethik (10 Bücher); Politik (acht Bü-
cher); Staat der Athener; Rhetorik (drei Bücher), Poetik (zwei Bücher, von denen
nur das erste erhalten ist).
3. Naturwissenschaftliche Traktate im weiteren Sinne: Physik (acht Bücher); Über
den Himmel (vier Bücher); Über Entstehen und Vergehen (zwei Bücher); Über
Wetterzeichen; Über die Seele (drei Bücher); eine unter dem lateinischen Titel
Parva Naturalia bekannte Sammlung kürzerer Traktate: Über Sinneswahrneh-
mung, Über Gedächtnis und Erinnerung, Über Schlafen und Wachen, Über Träume
und Traumdeutung, Über Lang- und Kurzlebigkeit, Über Jugend und Alter, Über
Leben und Tod; Über das Atmen; Tiergeschichte (zehn Bücher); Über die Teile, die
Bewegung und die Entstehung der Tiere (zehn Bücher); Über die Farben.
4. Die Metaphysik, wörtlich übersetzt: »Das (, was) nach der Physik (kommt)«: ins-
gesamt vierzehn Bücher, welche mehrere voneinander unabhängige Schriften
178 XV Die Philosophie

mit überwiegend ontologischen und theologischen Fragestellungen umfassen.


In diesem Kontext ist auch die schwer einzuordnende philosophiehistorische
Schrift Über Xenophanes, Melissos, Gorgias zu nennen, die zumindest im Kern
auf Aristoteles zurückgehen dürfte.
Mit der Ausgabe des Aristonikos war nicht nur der Grundstein für eine bereits im
ersten Jahrhundert. n. Chr. einsetzende Kommentierung des Aristoteles gelegt, die
bei Alexander von Aphrodisias um 200 n. Chr. ihren ersten Höhepunkt erreichte,
vielmehr bildete sie bis in die Gegenwart den Ausgangspunkt der gesamten Aristo-
telesedition.
Nach der Publikation der esoterischen Schriften durch Andronikos traten die
exoterischen Schriften mehr und mehr in den Hintergrund, bis sie im 4. Jh. n. fast
völlig von der Bildfläche verschwanden, wohingegen die esoterischen Schriften die
Jahrhunderte überdauerten. Mehrere Aspekte sind für dieses merkwürdige Phäno-
men von Bedeutung:
• Es leuchtet ein, dass die neue Edition der esoterischen Schriften durch Androni-
kos die besondere Aufmerksamkeit der Gelehrten und Philosophen hervorrief,
während gleichzeitig das Interesse an den längst bekannten exoterischen Schriften
abnahm.
• Weiterhin hielten die vielfach nach Art platonischer Dialoge verfassten exoteri-
schen Schriften einem Vergleich mit den platonischen Dialogen auf die Dauer
nicht stand und erlangten aus diesem Grunde keine kanonische Geltung.
• Während die exoterischen Schriften, wie oben dargelegt, der frühen Phase der
aristotelischen Werke angehörten und mehrere Abhandlungen mit spezieller
Thematik enthielten, betrafen die esoterischen die Kerngebiete »des echten« und
»eigentlichen« Aristoteles, z. B. die Schriften über Logik, Poetik, Rhetorik, Politik,
Physik und Metaphysik.
Im Folgenden ist von bedeutenden Mitgliedern des Peripatos in hellenistischer Zeit
die Rede.
Herakleides Pontikos (ca. 390–310 v.)3 gehörte, wie Diogenes Laertios zu Beginn
seiner Lebensbeschreibung betont (V 86), mehreren philosophischen Richtungen an:

»Herakleides aus Herakleia am Pontos, Sohn des Euthyphron, war ein reicher Mann.
In Athen schloß er sich zunächst dem Speusippos an, hörte aber auch die Pythagoreer
und studierte intensiv die Schriften Platons. Später hörte er Aristoteles, wie Sotion in
den Diadochai sagt.«

Zur Erläuterung: Herakleides, den die Athener wegen seiner extravaganten Kleidung
und seiner großen Leibesfülle nicht Pontikos, sondern Pompikos nannten (Diog.
Laert. a. a. O.), hörte zunächst bei Speusippos und einigen Pythagoreern. Nach der
Rückkehr Platons von der zweiten sizilischen Reise 366 v. wurde er dessen Schüler
und vertrat ihn während der dritten Sizilienreise 361 in der Leitung der Akademie.
Bei der Wahl zum Scholarchen nach dem Tode des Speusippos 339 unterlag er nur
knapp dem Xenokrates. Danach verließ er Athen und gründete in Herakleia eine
eigene Schule. Obwohl er niemals offiziell dem Peripatos angehörte, betrachtete ihn
nicht nur bereits Sotion (2. Jh. v.) als Schüler des Aristoteles, sondern auch in der
Moderne wird er der »Schule des Aristoteles« zugeordnet (F. Wehrli). Tatsächlich
1 Der Peripatos 179

teilte Herakleides viele wissenschaftliche Interessen mit den Vertretern des Peripa-
tos, wie das bei Diogenes Laertios (V 86–88) überlieferte Schriftenverzeichnis zeigt:
Demnach publizierte er 48 Werke, die sich durch anderweitig bezeugte Titel noch
um einige vermehren, jedoch alle bis auf Fragmente verloren sind. Herakleides be-
schäftigte sich vornehmlich mit Dialektik, Eristik, Physik, Ethik, Politik, Literatur-
geschichte sowie Astronomie und widmete einige Schriften der Kritik an älteren
Denkern, z. B. Heraklit, Zenon, Protagoras und Demokrit. Er bevorzugte die Dialog-
form, wobei die Gesprächspartner zumeist der Vergangenheit angehörten. Die Dia-
loge waren von hoher literarischer Qualität, wie Diogenes Laertios (V 89) bezeugt:

»In jedem Falle verwendet er einen abwechslungsreichen, gehobenen Stil, der eine
große psychagogische Wirkung auszuüben vermag.«

Aus diesem Grunde wurde Herakleides noch von Varro, Cicero und Plutarch als
stilistisches Vorbild betrachtet.
Wenigstens in großen Zügen lässt sich der Dialog Über die Scheintote rekonstruie-
ren: Im Mittelpunkt standen die Wiedererweckung der Scheintoten Pantheia durch
Empedokles von Akragas und die Legende von dessen wunderbarer Entrückung. In
der Welterklärung näherte sich Herakleides der Atomistik Demokrits, doch postu-
lierte er anstelle der Atome kleine »Moleküle« (moleculas), die nicht, wie die Atome
Demokrits, miteinander verklammert sind. In der Seelenlehre nahm er im Gegensatz
zu Platon an, dass die Seele nicht in völliger Trennung vom Körper existiere (fr. 97).
Auch ethische und musiktheoretische Schriften stammten von ihm. Aus heutiger
Sicht liegt seine eigentliche Bedeutung auf dem Gebiet der Astronomie: Ähnlich
wie (kurze Zeit später) der Pythagoreer Ekphantos aus Syrakus nahm er eine Ro-
tation der Erde um die eigene Achse an; darüber hinaus vertrat er wahrscheinlich
»eine Kreisbewegung der Erde, der Sonne und der Planeten um einen gemeinsamen
Mittelpunkt« (so B. L. van der Waerden). Falls dies zutrifft, nahm er spätere astro-
nomische Theorien vorweg: In der Tat nennt ihn sogar Kopernikus unter seinen
antiken Vorläufern. Obgleich somit die Verdienste des Herakleides auf diesem Ge-
biet keinem Zweifel unterliegen, wird der wissenschaftliche Wert seiner Leistungen
insgesamt durch zahlreiche Spekulationen beeinträchtigt: Während beispielsweise
Aristoteles das Erdbeben von Helike 373 v. auf natürliche Ursachen zurückführte,
machte Herakleides göttlichen Zorn dafür verantwortlich. Nicht zu Unrecht spricht
daher bereits Cicero (nat. deor. I 13,34) von den »kindlichen Märchen« (pueriles fa-
bulae) des Herakleides.
Dikaiarchos aus dem sizilischen Messene (ca. 370–300 v.)4 verbrachte einen Teil
seines Lebens auf der Peloponnes (Cic. Att. VI 2,3). Er war Schüler des Aristoteles
(Suda s.v. Aristoxenos = fr. 2) und Zeitgenosse des Aristoxenos von Tarent (geb. 376.
Vgl. Cic. Tusc. I 41. 51 = fr. 5 und 6). Als Peripatetiker stand er weder Aristoteles
noch Theophrast an Vielseitigkeit der Interessen nach. So wird er von Varro (rer.
rust I 2,6) und Plinius (nat. hist. 2 162) als »hervorragender Gelehrter« (in primis
eruditus), von Cicero (Att. II 6 2,3) als »ausgezeichneter Forscher« (historikotatos)
bezeichnet. Seine großen Verdienste auf dem Gebiet der Geographie wurden bereits
dargelegt, doch waren auch andere Leistungen bahnbrechend: Nach antiken Zeug-
nissen (Fr. 5–12 Wehrli) veröffentlichte er zwei Dialoge über die Seele: Nach dem
180 XV Die Philosophie

einen, überschrieben In Lesbos bemerkt ein gewisser Pherekrates, es existiere über-


haupt keine Seele, in dem anderen, betitelt In Korinth, betont einer der Gesprächs-
partner, sie sei sterblich. Der Bios Hellados (Leben Griechenlands) in drei Büchern
war »der erste Versuch einer reinen Kulturgeschichte« (so W. Schmid). Die Dar-
stellung reichte von dem goldenen Zeitalter bis in die Ära Alexanders des Großen,
wobei außer der Entwicklung von Staaten auch die Geschichte der Musik, der Dich-
tung und der Wettkämpfe zur Sprache kamen. Das Werk wies einen pessimistischen
Grundton auf: Dikaiarchos legte dar, wie auf einen primitiven, aber paradiesischen
Urzustand zwar große Fortschritte in Technik und Zivilisation folgten, aber damit
ein permanenter moralischer Niedergang einherging. Die Bewertung dieser Haupt-
these ist in der Forschung kontrovers: Während die Idealisierung der Frühzeit nach
Saunders (vgl. unten Anm. 4) ironisch gemeint ist, betrachtet sie Schütrumpf (vgl.
ebda.) mit Recht als nachahmenswertes Paradigma für die Gegenwart, das es dem
einzelnen ermöglichen sollte, ein einfaches und bedürfnisloses Leben zu führen und
das beglückende Dasein der Frühzeit zurückzugewinnen. Dieser Dialog wurde zum
Vorbild für Varros Schrift De vita populi Romani (Über das Leben des Römischen
Volkes). In seinem Tripolitikos (Dreierverfassung) vertrat Dikaiarchos in Weiterfüh-
rung platonischer und aristotelischer Gedanken (Plat. nom. IV 712 d bzw. Aristot.
pol. II 6,1 1265 b 33) erstmals die These, dass die aus Monarchie, Aristokratie und
Demokratie gemischte Verfassung jeder anderen Staatsform überlegen sei. Polybios
(Buch VI) und Cicero (de re publica) sahen diese Art von Verfassung in der römischen
Republik verwirklicht. Die gerade in der Gegenwart höchst aktuelle Grundthese der
Schrift Über den Untergang der Menschen lautete nach Cicero (off. II 5, 16 = fr. 78):

»Es gibt ein Buch über den Untergang der Menschen von Dikaiarchos, einem bedeut-
samen und gedankenreichen Peripatetiker, der zuerst die übrigen Gründe zusammen-
stellt wie Überschwemmung, Seuche, Verwüstung, plötzliches Überhandnehmen von
Tieren, durch deren Ansturm (wie er darlegt) manche Menschengeschlechter ausge-
rottet worden sind, sodann damit vergleicht, um wieviel mehr Menschen durch die
Gewalt ihrer Mitmenschen vernichtet worden sind, nämlich durch Kriege oder Revolu-
tionen als durch jede andere Katastrophe«

Weitere Werke betrafen die Verfassungen von Pellene, Athen und Korinth. Dazu ka-
men ein Olympikos und ein Panathenaikos, eine olympische und eine panathenäische
Rede, deren Inhalt wohl politischer Natur war, sowie Über musische Wettkämpfe und
Inhaltsangaben der Mythen des Sophokles und Euripides: Aus dieser Abhandlung sind
neuerdings einige Papyrusfragmente betr. Euripides aufgetaucht. Dikaiarchos ver-
fasste auch Lebensbeschreibungen, u. a. der Sieben Weisen, des Pythagoras und des
Platon und trug damit, wie bereits dargelegt, wesentlich zur Entwicklung der grie-
chischen Biographie bei.
Aristoxenos von Tarent (ca. 370–300 v.)5, Sohn des Musikers Spintaros, lebte
zeitweilig in Mantineia und Korinth, wo er den um 345 v. verbannten syrakusischen
Tyrannen Dionysios II. traf und von ihm persönlich die Geschichte von Damon und
Phintias vernahm (fr. 31: Sie ist die Quelle für Schillers Ballade Die Bürgschaft). Er
war zunächst Schüler des Pythagoreers Xenophilos und seit ca. 335 des Aristoteles
in Athen. Seine Hoffnung auf dessen Nachfolge als Schuloberhaupt des Peripatos
1 Der Peripatos 181

erfüllte sich nicht, vielmehr musste er dem etwa gleichaltrigen Theophrast den Vor-
tritt lassen.
Aristoxenos war ein ungemein vielseitiger Autor und verfasste angeblich nicht
weniger als 453 Bücher, die Musik, Philosophie, Geschichte, Biographie und »jeg-
liche Art von Bildung« betrafen (so die Suda). In zwei Disziplinen tat er sich beson-
ders hervor, nämlich auf dem Gebiet der Biographie und der Musiktheorie. Seine
Bedeutung für die Entwicklung der Biographie wurde bereits dargelegt; an dieser
Stelle geht es um seine Rolle als »bedeutendster Musiktheoretiker der Antike« (so
O. Primavesi). Denn seine (weitgehend verlorenen) musiktheoretischen Schriften
waren richtungsweisend, darunter Über die Musik, Vorlesung über Musik, Über Ton-
weisen, Über Chöre, Über Tragödiendichter, Über den tragischen Tanz, Harmonische
Grundlagen, Rhythmische Grundlagen. Hierbei erwies sich Aristoxenos durchweg
als Verfechter der alten ›strengen‹ und als Kritiker der modernen ›leichten‹ Musik.
Bemerkenswert sind besonders seine Äußerungen über Rhythmik und Harmonik.
Dabei behandelte er, in scharfer Polemik gegen seine Vorgänger, die er fast völlig
in den Schatten stellte, die Grundbegriffe der Harmonik: »Ton« (phthongos), »In-
tervall« (diastema) und »Aufbau« sc. von Tonskalen (systema). Ebenso definierte
er auf rein musikalischer Grundlage u. a. die Begriffe diatonisches, chromatisches
und enharmonisches Tongeschlecht, Oktave, Quinte, Quarte, Halbton, Drittelton
etc. Diese Bezeichnungen lebten nicht nur in der Musiktheorie der Spätantike und
des Mittelalters fort, sie haben sich bis heute, teilweise allerdings in modifizierter
Bedeutung, erhalten.
Nachfolger des Aristoteles (gest. 322 v.) in der Leitung des Peripatos wurde sein
Schüler Theophrast von Eresos (ca. 370–286 v.).6 Er studierte zunächst bei einem
gewissen Alkippos auf Lesbos und vielleicht noch bei Platon in Athen. Seit dessen
Tod 348/37 verbanden ihn eine dauerhafte Freundschaft und fruchtbare Zusammen-
arbeit mit Aristoteles: 347 folgte er diesem nach Assos zu Hermeias von Methymna,
343–341 weilte er mit ihm am Hof Philipps II. von Makedonien. 335 kehrten beide
Gelehrte nach Athen zurück, wo Aristoteles die peripatetische Philosophenschule
gründete und Theophrast nach ihm die bedeutendste Rolle spielte. Nach dem Weg-
gang des Aristoteles aus Athen 323 v. übernahm Theophrast die Leitung des Peri-
patos. Wiewohl selbst Metöke, erwarb er in Athen Grundbesitz und überließ ihn
dem Peripatos. Unter Theophrast erreichte diese Philosophenschule den äußeren
Höhepunkt ihrer Wirkung: Angeblich hatte er nicht weniger als 2000 Hörer, zu de-
nen u. a. der Komödiendichter Menander und der Politiker Demetrios von Phaleron
gehörten. Auch der makedonische Chiliarch Kassander und der ägyptische König
Ptolemaios I. standen mit ihm in Verbindung.
Das Werk Theophrasts war äußerst umfangreich: Diogenes Laertios (V 42–50)
überliefert eine Liste von 225 Titeln. Davon sind allerdings nur 13 erhalten: Die
wichtigsten unter ihnen sind die beiden botanischen Abhandlungen Pflanzenkunde
und Über die Ursachen der Pflanzen sowie die kleine Schrift Charaktere. Die themati-
sche Weite des Verlorenen erhellt aus den Sachgruppen, nach denen in der neuesten
Gesamtausgabe die Werktitel, Testimonien und antiken Zitate geordnet sind7: Lo-
gik, Physik, Metaphysik, Theologie, Mathematik, Psychologie, Physiologie, Zoologie,
Botanik, Ethik, Religion, Politik, Rhetorik, Poetik, Musik. Das sachliche Verhältnis
der verlorenen Werke Theophrasts zu den erhaltenen Lehrschriften des Aristoteles
182 XV Die Philosophie

bildet die Kernfrage der Theophrastforschung. Dieser stand sowohl in der Antike als
auch in der Moderne, und zwar bis ins 20. Jh. hinein, im Schatten des Aristoteles und
erfuhr im Allgemeinen eine eher epigonenhafte Beurteilung. Erst die beiden grund-
legenden Werke von O. Regenbogen8 und F. Wehrli9 führten zu einer partiellen
Neubewertung. So bleibt im Hinblick auf die Zukunft zu hoffen, dass die neue Frag-
mentsammlung von W. Fortenbauch und anderen (seit 1992), die alle griechischen,
lateinischen und auch arabischen Texte (samt englischer Übersetzung) enthält, die
Theophrastforschung auf eine neue Basis stellt und eine grundlegende Wende in der
Würdigung dieses Philosophen einleitet, welche die Universalität, Vielseitigkeit und
Eigenständigkeit seines Denkens ins rechte Licht rückt. Ansätze dazu sind immer-
hin in der Forschung der letzten Jahre bereits vorhanden, und zwar besonders bei
O. Primavesi10, der das Verhältnis Theophrast-Aristoteles so beschreibt: »Zunächst
kehren unter den Werktiteln Theophrasts viele Aristotelische Werktitel wieder. Das
hat seinen Grund nicht nur darin, dass Theophrast nach dem Tod des Aristoteles
dessen Lehrtätigkeit im Peripatos in vollem Umfang weiterführte. Vielmehr gehen
die Schriften des Aristoteles wie des Theophrast zum guten Teil auf die von beiden
gemeinsam durchgeführten Forschungen zurück, wobei keineswegs Aristoteles im-
mer nur der Gebende und Theophrast der Nehmende war. So zeichnet sich in Theo-
phrasts Schriften ein Spektrum ab, das von der Paraphrase Aristotelischer Lehren
über deren Zusammenfassung und Systematisierung bis zu ihrer kritischen Kom-
mentierung, Weiterentwicklung und Ergänzung reicht; schließlich hat Theophrast
auch zentrale Grundannahmen des Aristoteles in Frage gestellt und komplementär
zu Aristoteles selbständige naturwissenschaftliche und wissenschaftsgeschichtliche
Forschungen betrieben.«
Letzteres gilt besonders für die beiden großen, fast vollständig erhaltenen botani-
schen Werke Theophrasts, welche ihr Gegenstück in den zoologischen Schriften des
Aristoteles haben: In der Pflanzenkunde gibt er eine Bestandsaufnahme der Phäno-
mene, weshalb dieses Werk der aristotelischen Kunde der Lebewesen vergleichbar ist;
im Hauptteil der Abhandlung Über die Ursachen der Pflanzen (B. I–V) untersucht
Theophrast die Ursachen für Fortpflanzung, Entwicklung und Wachstum der Pflan-
zen, was am ehesten der aristotelischen Schrift über die Fortpflanzung der Lebewesen
entspricht.
Im Folgenden sollen die beiden Werke näher charakterisiert werden, mit denen
Theophrast zum Begründer der wissenschaftlichen Botanik geworden ist. Die Pflan-
zenkunde in neun Büchern beginnt mit einem allgemeinen Teil (B. I-II 4). Einleitend
(B. I) entwickelt Theophrast Kategorien für die morphologische Differenzierung
und Klassifizierung der Pflanzen: Zuerst werden die Teile der Pflanze (gegliedert in
die dauerhaften Teile Wurzel, Stamm und Zweig und die vergänglichen Teile Blatt,
Blüte und Frucht); behandelt; sodann die Gattungen Baum, Strauch, Halbstrauch,
Gras; schließlich die Einteilung in wilde und zahme Pflanzen sowie in Wasser- und
Landpflanzen. Danach (B. II 1–4) wird die Fortpflanzung der verschiedenen Pflan-
zengattungen geschildert. Daran schließt sich als erster Punkt des speziellen Teils
(B. II 5–IX), die Züchtung und Pflege der »zahmen« Bäume an (B. II 5–8); es folgen
die »wilden« Bäume und Sträucher, die Stauden (B. VI), die Küchenkräuter und wil-
den Kräuter (B. VII), schließlich Getreide und Hülsenfrüchte (B. VIII). Daneben
existieren umfangreiche Einschübe bzw. Ergänzungen: In einem Anhang zur Be-
1 Der Peripatos 183

handlung der Bäume und Sträucher finden sich Beobachtungen über den Einfluss
von Lage und Klima auf ihre Verbreitung (B. IV), ferner Hinweise zur wirtschaft-
lichen Nutzung der verschiedenen Holzarten (B. V). Schließlich behandelt ein wei-
terer Anhang (B. IX) die Pflanzensäfte und ihren medizinischen Nutzen wie auch
den der Pflanzenteile. Die ursprünglich acht Bücher umfassende Schrift Über die
Ursachen der Pflanzen verfolgt das Ziel zu erklären (I 1,2), »aus welchen Ursachen«
(dia poias aitias) die unterschiedlichen Merkmale der Pflanzen entstehen und auftre-
ten. Die Untersuchung selbst gliedert sich in zwei Teile: Im ersten (B. I-V) beschreibt
Theophrast die Lebensfunktionen der Pflanzen und sucht deren teils natürliche, teil
vom Menschen bewirkte Ursachen zu ermitteln. Im zweiten (B. VI-VIII), der nur
unvollständig überliefert ist, behandelt er die Gerüche und Geschmäcke: Zuerst die
natürlichen Gerüche und Geschmäcke (Buch VI), danach die künstlich hergestellten
Geschmäcke (Buch VII), schließlich die künstlich hergestellten Gerüche (B. VIII, das
als selbständiges Opusculum überliefert ist).
Diese kurzen Inhaltsangaben bestätigen die Richtigkeit der Aussage von H. Flas-
har11: »Theophrast war von Haus aus kein metaphysischer Grübler, sondern ein Be-
obachter der Natur, der Pflanzen und Mineralien zumal.« Er beruft sich dabei auf
ein programmatisches Zitat Theophrasts (De igne 10):

»So wollen wir denn das Größere und Ursprünglichere zurückstellen und versuchen,
über das Geringere zu sprechen.«

Es war nur folgerichtig, dass Theophrast seine botanischen Untersuchungen auch


auf die tote Materie erweiterte: So verfasste er auch mineralogische Schriften, näm-
lich die verlorenen Abhandlungen Über Metalle und die älteste Steinkunde.
Besondere Erwähnung verdient noch Theophrasts originellste und bekannteste
Schrift, deren literarische Einordnung bis heute so manches Rätsel aufgibt, nämlich
die Charaktere.13
Es handelt sich um eine Sammlung von dreißig knappen Charakterskizzen, die
meist negative und fehlerhafte Menschentypen in bezeichnenden Handlungen und
Verhaltensweisen vorführen. U. a. werden folgende Charaktere geschildert: Nr. 1.
Der Heuchler, dem die Verstellung zur zweiten Natur geworden ist. Nr 3. Der Redse-
lige, der jeden Gesprächspartner mit seinen Tiraden zur Verzweiflung bringt. Nr 6.
Der Bedenkenlose, der selbst elementare Regeln des menschlichen Zusammenseins
missachtet. Nr. 7. Der Schwätzer, der seinen Mitmenschen mit seinen Banalitäten auf
den Geist geht. Nr. 14. Der Zerstreute, der mit seinen Gedanken nie bei der Sache ist.
Als Beispiel für die hohe Kunst Theophrasts, Menschen zu charakterisieren, sei die
Skizze Der Geizige (Nr. 30) in der Übersetzung zitiert:

»Der Geiz ist ein Streben nach schändlichem Gewinn, der Geizige ist einer, der seinen
Gästen nicht genug Brot vorzusetzen und von einem Fremden, der bei ihm einkehrt,
Geld zu borgen pflegt. Wenn er Portionen austeilt, sagt er, es sei gerecht, dass der Aus-
teiler eine doppelte Portion bekommt, und teilt sich gleich selbst aus. Verkauft er Wein,
gibt er gepanschten auch dem Freund. Ins Theater nimmt er nur dann seine Söhne
mit, wenn die Ordner kostenlos Einlass gewähren. Geht er auf eine offizielle Gesandt-
schaftsreise, dann lässt er die Spesen der Gemeinde zu Hause und borgt von seinen
184 XV Die Philosophie

Mitgesandten. Seinem Diener bürdet er eine größere Last auf, als er selbst tragen kann,
und gibt ihm die wenigste Verpflegung von allen. Und von den Gastgeschenken ver-
langt er seinen Teil und verkauft ihn. Im Bad salbt er sich und sagt: ›Ranzig ist das Öl,
das du gekauft hast, Bursche!‹ und salbt sich mit fremdem. Von den Kupfermünzen,
die unterwegs von seinen Dienern gefunden werden, pflegt er einen Teil einzufordern,
denn ein Fund sei Gemeingut. Er gibt einen Mantel zur Reinigung, borgt sich einen von
einem Bekannten und lässt noch einige Tage verstreichen, bis man ihn zurückverlangt.
Mehr noch: Mit einem Sparmaß, dessen Boden nach innen gewölbt ist, misst er seinen
Leuten persönlich Mehl zu. Oben streicht er dabei gehörig ab. Glaubt ein Freund, der
Geizige habe eine Ware ordnungsgemäß eingekauft, so hat er sie unter dem Preis be-
kommen. Dann verkauft er sie dem Freund mit Profit weiter. Wenn er eine Schuld von
dreißig Minen zurückzuzahlen hat, zahlt er vier Drachmen weniger. Wenn seine Söhne
krankheitshalber nicht den ganzen Monat in die Schule gehen, zieht er den entspre-
chenden Betrag vom Schulgeld ab. Im Februar schickt er sie gar nicht zum Unterricht
wegen der vielen Feiertage, um das Schulgeld zu sparen. Wenn ein Sklave die für ihn
gezahlte Miete abliefert, verlangt er für das Umwechseln des Kupfers in Silber Rabatt,
und wenn er mit dem Verwalter abrechnet, verlangt er wiederum Rabatt. Bewirtet er
eine Bruderschaft (Phratrie), dann fordert er für seine eigenen Sklaven Verpflegung aus
der Gemeinschaftskasse. Nach dem Essen notiert er sich, wie viele halb aufgegessene
Rettiche übrig geblieben sind, damit die Kellner sie nicht einstecken. Bei einer Reise
mit Bekannten lässt er sich von ihren Sklaven bedienen, den eigenen vermietet er un-
terdessen anderwärts, ohne das Geld in die gemeinsame Kasse abzuführen. Bei einem
gemeinschaftlichen Essen, das bei ihm stattfindet, berechnet er auch die Kleinigkei-
ten, die er verwendet hat: Holz, Linsen, Essig, Salz und Lampenöl. Wenn einer seiner
Freunde heiratet oder seine Tochter ausstattet, verreist er bereits einige Zeit vorher, um
kein Geschenk schicken zu müssen. Und von seinen Bekannten borgt er sich Dinge aus,
die man weder zurückverlangen noch gerne wieder annehmen mag.«

In der Antike hat diese Schrift Theophrasts die Stücke seines Schülers Menander, des
Begründers der Typenkomödie, nachhaltig beeinflusst und über Menander hinaus
auch die Komödien der römischen Dichter Plautus und Terenz geprägt, die ihrerseits
in mancher Hinsicht Vorbild für die Charakterkomödien Molières gewesen sind.
Allein die Geschichte des Druckes der Charaktere in der frühen Neuzeit ist außer-
gewöhnlich und mit berühmten Namen verknüpft: Die Handschrift der Erstausgabe
von 1527 stammt von Pico della Mirandola, dem Freund von Lorenzo il Magnifico
und Angelo Poliziano. Erster Herausgeber und Übersetzer ins Lateinische, der sich
seinerzeit mit 15 Charakterskizzen begnügen musste, war der Nürnberger Humanist
Willibald Pirkheimer, der Empfänger der Widmung Albrecht Dürer. Eine weitere
lateinische Übersetzung stammt von dem bekannten Humanisten Angelo Polizi-
ano 1531. Die erste Ausgabe mit 25 Skizzen erschien 1552 in Venedig; 28 Skizzen
konnte Isaac Casaubonus 1599 veröffentlichen. Seine Ausgabe gehört wegen der
noch heute akzeptierten Konjekturen und den sachkundigen Kommentaren zu den
Glanzleistungen der griechischen Philologie. Der erste vollständige Text mit allen
30 Charakteren wurde 1786 in Parma ediert. Außerdem hat dieses kleine Werk eine
beträchtliche Wirkung auf die europäische Literatur der Neuzeit ausgeübt, von J. de
la Bruyère13 über I. Taylor14 bis zu E. Canetti.15
1 Der Peripatos 185

Den tieferen Grund für den Siegeszug dieses Werkes durch die Zeiten nennt J. de
la Bruyère, sein berühmtester Interpret: »En effet, les hommes n’ ont point changé
selon le coeur et selon les passions; ils sont encore tells qu’ils étaient alors et qui’ils
sont marqués dans Théophraste: vains, dissimulés, flatteurs, intéressés, effrontés, im-
portuns, défiants, médisants, querelleux, superstitieux … (»In der Tat, die Menschen
haben sich nicht geändert, weder in ihrem Herzen noch in ihren Leidenschaften; sie
sind noch genauso, wie sie damals waren und sich in Theophrasts Schrift darstellen:
Eitel, heuchlerisch, schmeichelhaft, parteiisch, unverschämt, zudringlich, misstrau-
isch, schmähsüchtig, zänkisch, abergläubisch …«).
Diese Worte gelten ohne Einschränkung noch heute.
Demetrios von Phaleron (ca. 350–280 v.)16, Schüler des Aristoteles und Freund
Theophrasts, war ein renommierter Peripatetiker und bedeutender athenischer
Staatsmann. Als Anhänger Makedoniens wurde er 317 von Kassander mit der Re-
gierung Athens betraut, jedoch 307 von Demetrios Poliorketes aus dieser Stellung
vertrieben. Während seiner zehnjährigen Herrschaft, die er in der autobiographi-
schen Schrift Über die zehn Jahre beschrieb (vgl. oben S. 163), reorganisierte er die
Verwaltung, Gesetzgebung und Wirtschaft Athens. Anschließend floh er zunächst
ins Exil nach Theben und wirkte seit 297 als Berater Ptolemaios’ I. in Ägypten. Ob
er wirklich unter diesem als »eine Art Bindeglied zwischen Athen und Alexandria«
fungierte (so R. Pfeiffer) und an der Gründung der großen Bibliothek maßgeblich
beteiligt war, steht freilich nicht mit letzter Sicherheit fest. Auch ein angebliches Zer-
würfnis mit Ptolemaios II., ein anschließender Zwangsaufenthalt auf dem Lande und
schließlich sein Tod durch Schlangenbiss sind nicht über jeden Zweifel erhaben.
Über sein Werk urteilt Diogenes Laertios (II 80), der 45 Titel aufzählt:

»Als Mann von hoher Bildung und reicher Erfahrung übertraf er an der Zahl seiner
Bücher und Zeilen fast alle zeitgenössischen Peripatetiker. Seine Werke handeln von
Geschichte, Politik, Dichtung, Rhetorik, enthalten Volksreden und diplomatische Reden,
betreffen aber auch Sammlungen Äsopischer Fabeln und vieles andere mehr.«

In krassem Missverhältnis zur Vielzahl dieser Schriften steht die Tatsache, dass nur
wenige Fragmente erhalten sind. Von zahlreichen Abhandlungen ist kein einziges
Bruchstück überliefert, doch seien einige wichtige Schriften hervorgehoben: De-
metrios verfasste im Gefolge Theophrasts einen Protreptikos und schrieb u. a. Über
Megalopsychie, Über die Liebe, Über die Heirat, Über das Alter, Über den Zufall, Über
das Alter, Über Beschäftigungen. Mehrere Werke betrafen die athenische Geschichte,
darunter die Invektive gegen die Athener (eine Kritik an der athenischen Demokra-
tie); Über die Verfassungsformen der Athener (nach Wehrli eine »Art athenischer
Verfassungsgeschichte«); Über die Nomothesie in Athen (ein Überblick über die
athenische Gesetzgebung); Über die Archonten in Athen (eine Liste der athenischen
Oberbeamten). Allgemein staatstheoretischen Charakter hatten die Schriften Über
die Gesetze und Über die Angelegenheiten des Staates. Daneben verfasste Demetrios
auch philologische Abhandlungen zu Homer, genauer gesagt, Über Ilias und Über
Odyssee. Er publizierte auch eine Rhetorik und hielt Reden, von denen einige Frag-
mente erhalten sind: Von Quintilian (X 1,80 = 180 W.) wird er sogar als »der letzte
attische Redner, der diesen Namen verdient«, bezeichnet. Literaturhistorisch beson-
186 XV Die Philosophie

ders wichtig war die Sammlung Aisopeischer Geschichten: Bildet sie doch die älteste
bezeugte Fabelsammlung der Antike dar und steht somit am Anfang einer Jahrhun-
derte währenden Tradition.
Die Bewertung des Demetrios ist seit der Antike strittig, nicht zuletzt in politi-
scher Hinsicht, und zwar wegen seiner makedonenfreundlichen Einstellung: Duris
von Samos (FGrHist 76 F 10) und Demochares von Athen (FGrHist 75 F 4) beur-
teilen ihn durchaus negativ. So schreibt Duris im Hinblick auf sein ausschweifendes
Leben:

»Und eben jener Demetrios, der den anderen Satzungen gab und ihr Leben ordnete,
führte selbst ein ungesetzliches Leben.«

Bei Demochares heißt es über seine Politik:

»Denn gegen Demetrios hat Demochares in seinem Geschichtswerk keine geringen


Anklagen erhoben, mit der Behauptung, er habe als leitender Staatsmann seiner Va-
terstadt eine Politik betrieben und rühme sich ihrer auch noch, auf die höchstens ein
Zöllner aus dem Mittelstande stolz sein würde.«

Demgegenüber verkörpert er für Cicero (de leg. III 14) das Ideal eines philosophisch
gebildeten Staatsmannes. Ähnlich zwiespältig ist das Urteil der Modernen: Auch
hier schwankt die Einschätzung des Demetrios als Politiker, Forscher und Autor
zwischen extremer Abneigung und emphatischer Zustimmung.
Straton von Lampsakos (ca. 340–268 v.)17 war ein Schüler Theophrasts und über-
nahm nach dessen Tod ca. 286 v. die Leitung des Peripatos, die er nach Diogenes
Laertios (V 58) 18 Jahre lang bis zu seinem Tode ca. 268 innehatte. Vorher war er
einige Jahre in Alexandria als Prinzenerzieher Ptolemaios II. (ca. 308–246 v.) tätig.
Das Werkverzeichnis bei Diogenes Laertios (V 59) führt insgesamt 48 Titel aus fol-
genden Gebieten an: 1. Logik, 2. Theologie und Ontologie, 3. Physik und Kosmo-
logie, 4. Zoologie und Physiologie, 5. Seelen- und Wahrnehmungslehre, 6. Ethik,
7.  Schriften vermischten Inhalts. Diese Schriften sind bis auf wenige Fragmente
verloren. Mit Straton setzte sich die bereits am Werk Theophrasts zu beobachtende
»Spezialisierung und Desintegration von einzelnen Gebieten der Philosophie und
Wissenschaft« fort (so H. Flashar). Das Schwergewicht seiner Forschung lag offen-
bar auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, weshalb er auch den Beinamen Physikos
(»Der Physiker«) erhielt. Obgleich Straton auf der Grundlage des aristotelischen
Denkens philosophierte, vermitteln die Nachrichten über ihn den Eindruck, dass
er in vielen Fragen von seinem Lehrer abwich und eigenständige Positionen ver-
trat: In der Physik wandte er sich gegen die Annahme einer kosmisch-theistischen
Teleologie und versuchte, die Naturphänomene mechanisch-materialistisch zu er-
klären. Er verwarf auch die aristotelische Annahme eines fünften Elements für die
Himmelskörper, nämlich des Äthers, und kehrte zur voraristotelischen Vorstellung
von der feurigen Natur des Himmels zurück (fr. 84). Die vier sublunaren Elemente
(Feuer, Wasser, Luft, Erde) sind bei ihm nicht paarweise durch Gewicht und Leich-
tigkeit differenziert wie bei Aristoteles, sondern besitzen allesamt Gewicht, jedoch in
unterschiedlichem Maße; damit entfernt sich Straton von der aristotelischen Lehre
2 Epikur und Epikureer 187

der natürlichen Bewegungen der Elementarkörper (fr. 88). In der Physik stand die
Lehre der Bewegung und des Vakuums im Mittelpunkt seines Interesses: Gegen
Aristoteles scheint er auch angenommen zu haben, dass jeder Körper kleine leere
Hohlräume umschließt (fr. 54–67), dagegen lehnte er die epikureische Vorstellung
eines innerweltlichen Raumes zwischen den Körpern ebenso ab wie die Annahme
eines unendlichen leeren Raumes außerhalb des Universums. Auch auf dem Gebiet
der Psychologie waren seine Vorstellungen gegen Aristoteles (und Platon) gerichtet:
Demnach betrachtete er die Seele als eine pneumatische Einheit (fr. 108), von der
kein Teil abtrennbar und unsterblich ist. Ausdrücklich wandte er sich ferner gegen
die Argumente für die Unsterblichkeit der Seele im platonischen Phaidon (fr. 123).
Schließlich fasste er den Geist (nus) rein biologisch auf und ersetzte die Gottheit
durch die Natur.
Die voranstehenden Ausführungen zeigen, dass grundlegende Thesen des Aris-
toteles von Straton in Frage gestellt wurden. So lässt denn auch die klassizistische
Philosophiegeschichte des 1. Jh. v. mit Straton den Niedergang des Peripatos ein-
setzen, eine Entwicklung, die sich nach seinem Tode mehr und mehr verstärkte.
Denn ein gewisser Lykon (ca. 300–226 v.), Nachfolger Stratons und 44 Jahre lang
Leiter der peripatetischen Schule, machte eher durch seinen geselligen und luxu-
riösen Lebensstil als durch ernsthaftes Philosophieren von sich reden. Dies führte
schließlich zur fast völligen Bedeutungslosigkeit des Peripatos, da sich die Vertreter
dieser Richtung in Zukunft vorwiegend Biographien von Dichtern sowie populären
musiktheoretischen und kulturgeschichtlichen Fragen zuwandten, Themen also,
die mit der ursprünglich universalen Ausrichtung dieser philosophischen Richtung
herzlich wenig zu tun hatten.
In der Folgezeit traten an die Stelle des Peripatos wie auch der Akademie, was ihre
Bedeutung und Beliebtheit angeht, zwei neue philosophische Schulen, nämlich die
der Epikureer und der Stoiker. Beide standen die gesamte Zeit des Hellenismus hin-
durch in hohem Ansehen und hatten noch in der römischen Kaiserzeit zahlreiche
Anhänger. Auf diese Richtungen soll nunmehr eingegangen werden, abschließend
ist noch von den Skeptikern und Kynikern die Rede.

2 Epikur und Epikureer18


Epikur, ca. 341–271 v., (vgl. Abb. 13) stammte ursprünglich aus Samos und gründete
nach Aufenthalten in Mytilene und Lampsakos, wo er zu philosophieren begann,
307/306 in Athen eine eigene Schule: Er kaufte dort ein Haus samt Garten (kepos),
nach welchem die Schule ihren Namen Kepos erhielt. Begründer der konkurrieren-
den stoischen Philosophenschule war Epikurs Zeitgenosse Zenon von Kition (ca.
332–264), der weniger später, nämlich um 300, in der Stoa poikile (»bunte Halle«),
die Polygnot mit mythologischen Bildern ausgeschmückt hatte, seine Lehrtätigkeit
begann. Bezeichnend für die beiden neuen Schulen sind schon diese Örtlichkeiten:
Beim Kepos handelt es sich um einen intimen Ort, der einen geschlossenen Kreis von
Freunden, darunter auch Frauen, Jugendliche und Sklaven, aufnahm, bei der Stoa
188 XV Die Philosophie

Abb. 13 Bildnis Epikurs, römische


Marmorkopie eines hellenistischen
Bronzeoriginals von ca. 270 v.
(Rom, Museo Capitolino)

um ein öffentliches Gebäude, zu dem theoretisch jedermann Zutritt hatte. Dieser


Sachverhalt fand denn auch in der Lehre der beiden Philosophen ihren Niederschlag.
Doch ehe die Unterschiede zwischen Epikureern und Stoikern zur Sprache kom-
men, sollen zunächst die Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden. Beide Schulen
gehörten einer Zeit an, in der die traditionelle Staatsform der Polis zur Bedeutungs-
losigkeit herabgesunken war und die großen hellenistischen Monarchien bzw. Ter-
ritorialstaaten die politische Szenerie bestimmten. Für den einzelnen hatte dies zur
Folge, dass sein Denken und Trachten nicht mehr auf die Polis hin orientiert waren,
sondern dass er sich mehr und mehr auf sich selbst zurückzog. Aus diesem Grunde
handelt es sich in beiden Fällen um Individualphilosophien, in denen das Glück oder
besser die »Glückseligkeit« (eudaimonia) des einzelnen an erster Stelle stand. Dieses
Ziel galt es, durch die rechte Lebensführung zu erreichen. Entsprechend bemühten
sich beide Richtungen weniger um Erkenntnisse ontologischer oder metaphysischer
Natur als vielmehr um die praktische Bewältigung des Lebens und den richtigen
Weg zur Glückseligkeit. Beide Schulen gingen deshalb letztlich über Platon und
Aristoteles hinaus auf Sokrates zurück. Beide begnügten sich weitgehend damit, die
Sinnesempfindungen als wahr zu betrachten, und übernahmen als Unterbau ihrer
Lehren bereits existierende Welterklärungen: Epikur berief sich auf Demokrit, den
Begründer der antiken Atomistik, Zenon bezog sich auf Heraklit, den Lehrer vom
Fluss aller Dinge. Beide erstrebten die Freiheit von Affekten und Leidenschaften,
welche nur dazu beitrügen, die Menschen unzufrieden und unglücklich zu machen.
2 Epikur und Epikureer 189

Beide legten somit das Schwergewicht auf die Ethik und mieden bewusst das poli-
tische Alltagsgeschäft. Beide Schulen lehnten Wissen und Bildung um ihrer selbst
willen ab. Damit aber sind die Gemeinsamkeiten erschöpft, und es ist an der Zeit,
die Differenzen darzulegen.
Was Epikur angeht, so ruft er zu Beginn des Briefes an Menoikeus (122) mit ein-
drucksvollen Worten zu einer unablässigen Beschäftigung mit der Philosophie auf:

»Wer jung ist, soll nicht zögern zu philosophieren, und wer schon alt ist, soll nicht
müde werden beim Philosophieren. Denn für niemanden ist es zu früh oder zu spät,
etwas für die Gesundheit der Seele zu tun. Wer aber sagt, es sei noch nicht Zeit zu phi-
losophieren oder die Zeit sei schon vorbei, gleicht einem, der sagt, es sei noch nicht Zeit
um glücklich zu sein, oder die Zeit dafür sei schon vorbei, gleicht jemandem, der sagt,
es sei noch nicht Zeit, um glücklich zu sein, oder die Zeit dafür sei schon vorbei. Deshalb
muss sowohl ein junger wie auch ein alter Mann philosophieren, der eine, damit er im
Alter jung bleibt durch das Gute, das ihm widerfahren ist, der andere, damit er zugleich
jung und alt ist in seiner Furchtlosigkeit gegenüber der Zukunft. Man muss sich um
alles kümmern, was Glück bringt; wenn es da ist, haben wir alles, wenn es nicht da ist,
tun wir alles, um es zu haben.«

Die Philosophie Epikurs steht, wie auch aus diesen Worten hervorgeht, im Dienst
einer Lebensführung, die dem Menschen Glückseligkeit verschaffen soll. Sogar Phy-
sik, Metaphysik, Ontologie, Erkenntnistheorie und Theologie verfolgen letztlich
dieses Ziel: Hauptaufgabe der Philosophie ist es demnach, Hilfe zur Selbsthilfe beim
Streben nach einem glücklichen Leben zu leisten. Aufklärung und Seelentherapie
sind zwei wesentliche Merkmale der als »Lebenskunst« und »heilende Philosophie«
verstandenen Lehre Epikurs. Mit Blickrichtung auf dieses Ziel wertet er alle Bil-
dungsgüter ab, die das Erreichen der eudaimonia nicht unmittelbar betreffen, z. B.
die Rhetorik, Mathematik, und Astronomie. Die Theorie wird somit zur bloßen Die-
nerin der Praxis.
Einigkeit herrscht darüber, dass Epikur zu den einflussreichsten Philosophen der
Geschichte gehört. Erreichte er doch die Menschen gerade deshalb, weil er sich nicht
in spekulativen Theorien verlor, sondern seine Lehre in den Dienst des praktischen
Lebens stellte. Gleichwohl scheiden sich die Geister an seiner Person: Das war bereits
in der Antike so und ist gegenwärtig nicht anders: Für seine Anhänger ist er der Mes-
sias eines glücklichen Lebens, für seine Gegner der Prediger eines ausschweifenden
und unmoralischen Daseins.
Hauptgrund für diese gegensätzliche Beurteilung ist die unterschiedliche Inter-
pretation des Begriffes hedone, welche nach Überzeugung Epikurs gleichsam die
therapeutische Zauberformel für ein glückliches Leben bildet. Sympathisanten
deuten diesen Begriff im Sinne von »Freude, Zufriedenheit«, Gegner dagegen in der
Bedeutung von »Lust, Genuss«, um den angeblich unmoralischen Charakter seiner
Philosophie hervorzuheben. Tatsächlich mag man es auf den ersten Blick für anstö-
ßig halten, wenn Epikur in einer Sammlung von Aphorismen über einen Freund
bemerkt (Vatikanische Spruchsammlung, Nr. 51):
190 XV Die Philosophie

»Ich erfahre von dir, dass die Erregung in deinem Fleisch häufiger nach dem Genuss
von Liebesfreuden drängt. Wenn Du die Gesetze nicht brichst, die guten Sitten nicht
verletzt, keinen Menschen in deiner Umgebung kränkst, dein Fleisch nicht aufreibst
und das Lebensnotwendige nicht verschleuderst, dann gib Deiner Neigung nach, wie
du willst. Es ist allerdings ausgeschlossen, an irgendeiner dieser Bedingungen nicht zu
scheitern. Denn Liebesgenuss war noch nie nützlich; man muss zufrieden sein, wenn
er nicht schadet.«

Epikur gibt demnach zwar sein grundsätzliches Einverständnis zum Liebesgenuss,


legt aber die Hürden ziemlich hoch, ja mehr noch: Er bezweifelt letztlich den Nutzen
der Sexualität.
Der Bruder einer seiner Schüler verbreitete über Epikurs Eßgewohnheiten die
Nachricht, er stopfe immer so viel in sich hinein, dass er sich zweimal am Tage über-
geben müsse. Diesen und ähnlichen Behauptungen trat Epikur persönlich in dem
Brief an seinen Adlatus Menoikeus (§ 131) folgendermaßen entgegen:

»Wenn wir also sagen, dass die Freude (hedone) unser Lebensziel ist, so meinen wir da-
mit nicht die Freuden der Prasser, denen es um das Genießen an sich zu tun ist, sondern
die Freiheit des Körpers von Schmerz und der Seele von Verwirrung. Denn nicht eine
endlose Reihe von Trinkgelagen und Festschmausen, nicht die Vergnügungen mit Kna-
ben und Frauen und auch nicht der Genuss von Fischen und allem anderen, was eine
üppige Tafel bietet, erzeugen das lustvolle Leben, sondern ein nüchterner Verstand, der
die Gründe für alles Wählen und Ablehnen herausfindet und die Vorurteile vertreibt,
aus denen die größte Verwirrung der Seelen erwächst.«

Aus diesen Worten spricht eine geradezu asketische Einstellung zu den körperlichen
Wünschen und Begierden, welche in der Tat das Leben Epikurs charakterisierte.
Gleichwohl wurde dieser seit der Antike oft missverstanden, wie ein Blick auf sein
Fortwirken zeigen wird.
Epikur forderte seine Anhänger dazu auf, sich vom politischen Getriebe fern-
zuhalten und der Maxime »Lebe im Verborgenen« zu huldigen, wozu der idyllische
Kepos mit seiner kleinen Gemeinschaft die besten Voraussetzungen bot. Er war auch
ein talentierter Metaphoriker: Dem »Wirbelsturm«, der die Seele erschüttert, setzte
er das sanfte Bild der »Meeresstille« als Sinnbild psychischer Ausgeglichenheit entge-
gen. Die stärkste Bedrohung der Freiheit des Körpers von Schmerzen und der Seele
von Unruhe stellt nach seiner Auffassung die Furcht dar. Aus diesem Grunde ver-
wandte er einen großen Teil seiner intellektuellen Fähigkeiten darauf, die Menschen
von zwei Hauptquellen der Furcht zu befreien, nämlich der Angst vor den Göttern
und der Furcht vor dem Tode. Letztere ist nach Epikur deshalb unbegründet, weil es
kein Weiterleben im Jenseits gibt: Indem er die atomistische Lehre Demokrits über-
nahm, war er davon überzeugt, dass sich die menschliche Seele beim Tode wieder in
die Atome auflöse, aus denen sie entstanden war. Entsprechend herrsche nach dem
Tode das absolute Nichts. Epikur selbst formuliert diesen Sachverhalt in seinem Brief
an Menoikeus (§ 125) so:
2 Epikur und Epikureer 191

»Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange
wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht mehr da.
Er hat also weder für die Lebenden noch für die Toten eine Bedeutung.«

Was die Furcht vor den Göttern betrifft, so bezweifelte Epikur nicht etwa deren Exis-
tenz, obgleich er seit der Antike häufig zu den Atheisten gezählt wurde, doch hielt er
die Vorstellungen der Menschen von strafenden und rächenden Göttern für abwe-
gig. Vielmehr lebten die Götter für sich in vollkommener Heiterkeit, Glückseligkeit
und Unvergänglichkeit, ohne sich um die Belange der Menschen zu kümmern. Des-
halb sei deren Furcht vor den Göttern völlig unbegründet.
Diese Auffassung erinnert in gewisser Weise an den Deismus von Voltaire, Di-
derot oder Friedrichs des Großen. War doch auch in der Aufklärung die Ansicht
weit verbreitet, dass die Gottheit zwar existiere, jedoch nach der Schöpfung keinen
Einfluss mehr auf die Welt nehme, sondern sie wie ein Uhrwerk ablaufen lasse.
Zum Schluss soll noch das Fortwirken Epikurs behandelt werden.
Wie bereits angedeutet, ist das Nachleben Epikurs bis in die Moderne durch
extrem gegensätzliche Positionen charakterisiert. Einerseits wurde er von seinen
Freunden und Anhängern hoch verehrt. Sie nannten ihn »Vater« oder »Retter« und
hoben ihn damit beinahe in eine religiöse Sphäre. Epikur selbst scheint sich eben-
falls als eine Art spiritueller Führer verstanden zu haben, denn er bezeichnet seine
Lehren als »Weissagungen.« Sein Geburtstag wurde alljährlich gefeiert. Bald gab es
im Kepos einen eigenen Festkalender: Man veranstaltete Feiern zu Ehren der drei
Brüder des Schulgründers oder gedachte verstorbener Mitglieder. Am 20. Tag eines
jeden Montas, der dem Apollon geheiligt war, ließ Epikur nächtliche Symposien ab-
halten. Dies festigte den Zusammenhalt der Gruppe, brachte es aber auch mit sich,
dass sich die Gemeinschaft des Kepos mehr und mehr von der Außenwelt abschot-
tete und von ihr fast wie eine Sekte wahrgenommen wurde.
Dieser Umstand, aber mehr noch die wenig konventionellen, oft revolutionären
Thesen Epikurs riefen andererseits schon bei den Zeitgenossen vehemente Kritik
hervor: Epikureer wurde nicht selten zu einem »welthistorischen Schimpfwort«
(L. Marcuse): Diese Abwertung begann mit den Stoikern, die sich nicht scheuten,
die lästigen Konkurrenten auf alle mögliche Weise in Verruf zu bringen. Sie lancier-
ten beispielsweise gefälschte Briefe, welche angebliche Kontakte Epikurs zu Damen
der athenischen Halbwelt dokumentierten. Auch verbreiteten sie weitere pikante
Gerüchte über biographische Details: In seiner Jugend begleitete er angeblich seine
Mutter, wie sie von Haus zu Haus ging und undurchsichtige religiöse Zeremonien
abhielt. Sein Bruder, so kolportierte man, sei ein Kuppler gewesen und habe mit
einer Kurtisane zusammengelebt. Später beschimpften Juden und Christen die Epi-
kureer wegen ihrer Gottlosigkeit. Im Mittelalter betrachtete man Epikur vor allem
als Häretiker. Dante weist Epikur und den Epikureern einen Ort in der Hölle zu, weil
sie die Unsterblichkeit der Seele leugnen. Im zehnten Gesang des Inferno (vv. 13–15)
schreibt er:

»Auf dieser Seite hat ihre Grabesstätte / mit Epikurus seine ganze Schule, / die samt
dem Körper lässt die Seele sterben.«
192 XV Die Philosophie

Tatsächliche wie selbsternannte Moralisten verunglimpften Epikur zu allen Zeiten


als reinen Genussmenschen. Ihren Höhepunkt erreichte diese Auffassung bei B. Jon-
son, dem Zeitgenossen Shakespeares. In einer beißenden Satire hielt dieser treffend
fest, in welchem Geiste Epikurs hedone-Begriff Jahrhunderte lang verstanden wurde.
In dem Drama The Alchimist (II 72 ff.) lässt er den Protagonisten namens Sir Epicure
(!) Mammon sagen:

»In Muschelschalen soll mein Fleischgericht zu Tische kommen,


auf Platten von Achat, mit Gold gefasst und übersät
Mit Smaragd und Saphir, Hyazinth und Rubin …
Mein Botenjunge soll Fasanen essen, Lachs in dünnen Scheiben,
Knutt und Schnepfe, Neunaug’. Mir bringe man
den Bart der Barbe, serviert anstelle von Salat;
Pilze in Öl, die strotzend geschwollnen Brustwarzen
einer trächt’gen Sau, frisch abgeschnitten,
exquistit dressiert mit einer scharfen Soße;
wegen der ich meinem Koch nur sagen kann:
»Nun, nimm dies Gold. Voran, geh’ und sei ein Ritter.«

Ebenso groß wie die Zahl der Kritiker ist jedoch auch die der Anhänger Epikurs:
Nach seinem Tode blühte die Schule in Athen weiter und blieb bis zur Mitte des
1. Jh. v. eine philosophische Institution ersten Ranges. Filialen entstanden in anderen
Teilen der antiken Welt, z. B auf Rhodos und in Kleinasien. Auch in Italien erfreuten
sich die Ideen Epikurs großer Popularität. Der römische Dichter Lukrez (97–57 v.)
trug am meisten zu seinem Nachruhm bei. In dem großen Lehrgedicht De rerum
natura (Über die Natur der Dinge) referiert er im Detail die Lehren Epikurs, und im
Proöm zu Buch III findet sich ein Lobpreis, der seine tiefe Verehrung für den Meister
zum Ausdruck bringt. Der Passus lautet in der Prosaübersetzung von K. Binder aus
dem Jahr 2014:

»In tiefstem Dunkel ist dir als erstem gelungen, ein klares Licht so hoch emporzuheben,
und damit leuchten die Freuden des Lebens: Dir, dem Stolz der Griechen, folge ich;
setze meinen Fuß unbeirrt in die Spuren, die du geprägt hast – nicht, weil mich der
Wettstreit mit dir lockt, aus Liebe vielmehr will ich dir nacheifern, denn wie könnte sich
die Schwalbe messen mit dem Schwan, was, mit noch unsicheren Beinen, ein Böckchen
ausrichten gegen das kräftig ausgreifende Ross? (10) Du, als unser Vater, als Entdecker
der Wahrheit gabst uns die Richtschnur; wie Bienen in Waldwiesen an allen Blüten
saugen, so lässt du, Herrlicher, uns aus deinen Schriften goldene Worte ziehen, golden,
sage ich und wie keine anderen ewigen Nachlebens würdig. Denn, sobald laut tönend,
deine Lehre die Natur der Dinge bekannt macht, wie sie dein göttlicher Geist enthüllt
hat, verflüchtigen sich die Schrecken der Seele, öffnen sich die Mauern der Welt, und
ich sehe, wie sich die Dinge durchs unermesslich Leere bewegen. Auch die Götter sehe
ich vor mir, ihr erhabenes Leben in ruhigen Gefilden, die weder Winde erschüttern noch
Wolken mit Regen besprengen, (20) die niemals Schnee entweiht, weiß fallend mit
starrendem Frost. Immerwährend wolkenlos umfängt sie der Himmel, lacht mit weit-
hin flutendem Licht. Was immer sie brauchen, dort gewährt die Natur es den Göttern,
2 Epikur und Epikureer 193

nichts also schmälert ihre Seelenruhe, zu keiner Zeit. Nirgendwo sind des Acherons
Gestade zu sehen, und nicht länger hindert die Erde den klaren Blick auf alles, was sich
tief unter unseren Füßen im Leeren vollzieht. (30) Fast göttliche Lust ergreift mich und
ehrfürchtiger Schauer, denn durch die Kraft deines Denkens liegt die Natur unverhüllt
vor uns, erhellt in allem, was sie ausmacht.«

Einer der bekanntesten späteren Epikureer war Philodemos von Gadara (ca. 110–
40 v.)19, der zunächst in Athen bei Zenon von Sidon studierte und bei dessen Tod
ca. 75 v. nach Italien übersiedelte. In Rom befreundete er sich mit L. Calpurinus
Piso, dem Schwiegervater Caesars, und verweilte als Gast in dessen Villa von Her-
culaneum, der sog. Pisonenvilla, wo er mit berühmten Zeitgenossen zusammentraf
(siehe unten).
Seine Überlieferungsgeschichte ist ganz außergewöhnlich. Vor der Entdeckung
der Herculanensischen Papyri um die Mitte des 18. Jh. war Philodemos allein durch
einen Hinweis bei Diogenes Laertios (X 3. 24) und einige Epigramme in der Antho-
logia Graeca bekannt. In den Jahren 1752–1754 entdeckte man im Zuge der Ausgra-
bungen von Herculaneum zahlreiche verkohlte Papyri in einem Zimmer der seither
sog. Villa dei Papiri. Sie wurden erstmals von J. J. Winkelmann in seinem »Send-
schreiben von den herculanischen Entdeckungen« von 1762 erwähnt und belaufen
sich gegenwärtig auf über 1800 Exemplare (vgl. Abb. 14).
Dabei stellte sich von Anfang an das äußerst schwierige Problem der Entzifferung.
Eine solche wurde erstmals durch den Mönch Antonio Piaggio, den scriptor latinus
der Biblioteca Vaticana, vorgenommen, dem dank der Erfindung einer Abrollma-
schine (die Winckelmann mit einer Buchbinderpresse vergleicht) im Jahr 1754 die
Öffnung von PHerc. 1497 gelang: Dieser Papyrus enthielt eine Partie des vierten
Buches von Philodems Schrift Über die Musik. Durch die Weiterentwicklung der
Methode von Piaggio gelang es seit den 80er Jahren des 20. Jh., gut die Hälfte der

Abb. 14 Verkohlte
Papyrusrolle aus
Herculaneum, 1. Jh. v.,
Neapel (Biblioteca
Nazionale, Officina
dei papiri Ercolanesi,
P. Herc 476 und 1699)
194 XV Die Philosophie

Papyri zu öffnen. Im Centro Internazionale per lo Studio dei Papiri Ercolanesi in


Neapel, das 1969 von Marcello Gigante gegründet wurde, ging es von Anfang an
um die Abschrift, Publikation, Übersetzung und Kommentierung der Papyri aus
Herculaneum (PHerc) durch zahlreiche italienische und nichtitalienische Gelehrte.
Nach einem Bericht der Berliner Zeitung vom 22. Januar 2015 wurde in jüngster Zeit
ein neues Verfahren erfunden, das von Archäologen in aller Welt als Sensation be-
zeichnet wird. Dazu heißt es in der Zeitung: »Ein internationale Gruppe von Wis-
senschaftlern um den Physiker Vito Mocella vom Institut für Mikroelektronik und
Mikrosysteme in Neapel wandte eine relativ neue Röntgentechnik an, die sie am
europäischen Teilchenbeschleuniger in Grenoble für ihre Zwecke modifizierte. Das
Verfahren stellten sie nun in dem britischen Fachblatt Nature Communications vor.
Es nennt sich Röntgen-Phasen-Kontrast-Tomographie und erstellt dreidimensionale
Bilder von den Papyrus-Rollen. Es ist schon länger bekannt, dass es sich bei den Tex-
ten vor allem um Abhandlungen des griechischen Philosophen Philodem handelt.
Um sie lesen zu können, machten sich die Forscher zunutze, dass die Menschen im
ersten Jahrhundert vor Christus mit Tinte auf Kohlenbasis schrieben. Die Reste der
Schrift haben eine geringfügig andere Dichte als der verkohlte Papyrus. Das lässt sich
in den neuen Röntgen-Bildern unterscheiden.«
Es bleibt abzuwarten, welche Schriften Philodems bzw. anderer Autoren das
neue Verfahren zutage fördern wird, da noch über 800 Rollen der Entzifferung
harren.
Nach dem Öffnen der ersten Papyri 1754 reagierte die gelehrte Welt zunächst
mit Enttäuschung. Hatte man doch gehofft, verlorene Tragödien von Sophokles und
Euripides, Komödien von Menander, Reden des Demosthenes, Schriften des Aris-
toteles und andere bedeutende Werke klassischer Autoren aufzufinden. Dies war
jedoch nicht der Fall. Denn der überwiegende Teil der Papyri enthält Fragmente
vom umfangreichen Werk des Epikureers Philodemos aus seiner Privatbibliothek.
Doch auch hierbei handelt es sich um einen Glücksfall: Auf diese Weise erhält man
nämlich eine Vorstellung vom Schaffen dieses Mannes, der als eine Art Multiplikator
epikureisches Gedankengut in Italien verbreitete. Zugleich wird dadurch die weit
verbreitete These Lügen gestraft, dass auf dem Gebiet der Altertumswissenschaft
keine neuen Texte zu Tage kämen.
Es folgt ein Überblick über die wichtigsten Schriften des Philodemos, die alle erst
durch Herculanischen Papyri bekannt geworden sind. Die Werke werden in der ver-
muteten chronologischen Folge angeführt, und zwar unter Nennung der wichtigsten
Papyri, welchen wir ihre Kenntnis verdanken.
• Die kurze Abhandlung Über den guten König nach Homer (PHerc 1507) wurde
von Philodemos in den ersten Jahren seines Italienaufenthaltes verfasst und war
seinem Gönner Lucius Calpurnius Piso gewidmet. Wahrscheinlich handelte es
sich hierbei um eine Art Fürstenspiegel, der in protreptischer Absicht verfasst war.
• Die Zusammenstellung der Philosophen in mindestens zehn Büchern enthielt, ge-
ordnet nach den Schuloberhäuptern, umfasste die Geschichte dreier philosophi-
scher Richtungen, nämlich der Akademie, der Stoa und des Kepos (vgl. PHerc.
164, 1018, 1021, 1780).
• Der Traktat Über Epikur in mindestens zwei Büchern beinhaltete eine Biographie
des Schulgründers (PHerc. 1232 und 1289).
2 Epikur und Epikureer 195

• Die Schrift Abhandlungen (PHerc. 310 und 1418) enthielt Testimonia über Epikur
und mehrere Epikureer.
• Die Publikation Über Rhetorik in mindesten neun Büchern brachte zunächst
(PHerc. 1427. 1672, 1674) Argumente für und wider die Definition der Rhetorik
als »Kunst« (techne). Danach ging es um deren verschiedene Genera (PHerc. 1426
und 1507). Nach weiteren Erörterungen (PHerc. 832. 1004. 1007. 1015. 1423.
1426. 1507. 1607) behandelte Philodem am Ende (PHerc. 1699) die Kontroverse
zwischen Rhetorik und Philosophie. Dabei sprach er sich dezidiert für den Primat
der Philosophie aus, die allein den Weg zum wahren Glück weise.
• In dem Traktat Über Gedichte in fünf Büchern erörterte Philodem die Frage, wer
ein guter Dichter sei und worin der Wert guter Dichtung liege (PHerc. 207. 1425.
1538). Nach seiner Ansicht ist es nicht die Aufgabe des Dichters zu belehren,
sondern zu erfreuen. Dieses Werk bildet die einzige griechische Abhandlung über
Dichtung nach Aristoteles und vor Dionysios von Halikarnassos.
• In der Schrift Über die Musik bemühte sich Philodem um den Nachweis, dass die
Musik keine moralische Wirkung habe, sondern nur dem ästhetischen Genuss
diene.
• In dem Traktat Über die Stoiker (PHerc. 155 und 399) setzte sich Philodem voller
Ironie mit den Staatsverfassungen (Politeiai) des Stoikers Zenon und des Kynikers
Diogenes auseinander.
• In der Untersuchung Gegen die Schulgenossen (PHerc. 1005) polemisierte er ge-
gen diejenigen Epikureer, welche einer unorthodoxe Lehre des Meisters das Wort
redeten und deshalb von ihm als »Dissidenten« bezeichnet wurden. Gegenstand
der Kontroverse waren u. a. die Frage nach der der Verehrung Epikurs und die
Bedeutung der sog. enkyklios paideia (»Allgemeinbildung«).
• Das umfangreiche Werk Über Schlechtigkeiten behandelte in mindestens zehn Bü-
chern Untugenden (z. B. Schmeichelei, Habsucht und Hochmut) und die korres-
pondierenden Tugenden (PHerc. 163. 1008. 1424).
• In der Schrift Über Lebensformen fand sich ein Abschnitt über die »Redefreiheit«.
Philodemos bezeichnete sie als allgemeine Leitlinie der Philosophie, die sich be-
sonders in der Philosophengemeinschaft von Athen und Herculaneum entfaltet
habe. In demselben Werk befanden sich auch zwei Bücher Über die Dankbarkeit
(PHerc. 1414) und Über den Umgang miteinander (PHerc. 873): Letzterer war
der epikureischen Gemeinschaft ein zentrales Anliegen und umfasste gegenseitige
Freundschaft und gemeinsames Philosophieren.
• In der Untersuchung Über die Leidenschaften beschäftigte sich Philodem u. a.
mit dem Zorn. Dabei unterschied er scharfsinnig zwischen orge (»gewöhnlicher
Zorn«) und thymos (»innere Aufwallung«) und konstatierte, dass auch der Weise
bisweilen Zorn empfinde, jedoch niemals innere Aufwallung.
• Das Werk Über die Götter gehört zu den Spätwerken des Philodemos. Im ers-
ten der beiden erhaltenen Bücher (PHerc. 26) hob er die falschen Ansichten und
schädlichen Wirkungen der Volksreligion hervor, die ebenso wie die Angst vor
dem Tode das Erlangen der »Seelenruhe« (ataraxia) verhindere. Nur der Weise
vermöge es, sich von diesen Vorstellungen freizumachen und die wahre Glück-
seligkeit zu erlangen. Das dritte Buch (PHerc. 152–157 trug den Titel Über das
Leben der Götter und erörterte deren Eigenschaften in Auseinandersetzung mit
196 XV Die Philosophie

den Stoikern. Dabei stand der typisch epikureische Gedanke im Vordergrund,


dass sich die Götter nicht um in die menschlichen Belange kümmerten.
• Eine ähnliche Thematik wies die Schrift Über die Frömmigkeit in zwei Büchern
auf. Das erste Buch thematisierte die Vorstellungen Epikurs über die wahre Fröm-
migkeit. Demnach existierten die Götter zwar und müssten verehrt werden, aber
die Menschen dürften von ihnen weder Schäden noch Wohltaten erwarten. Die
Götter lebten frei, selig und glücklich, ohne sich um das Dasein der Menschen zu
kümmern. Das zweite Buch enthielt in drei Abschnitten eine Ablehnung der Göt-
termythen, wie sie von den Dichtern propagiert werden, weiterhin eine Kritik an
den volkstümlichen Glaubenssätzen und Göttervorstellungen sowie einen Angriff
auf die stoische Theologie.
• Um ein theologisches Thema ging es auch in dem Traktat Über die Vorsehung in
Auseinandersetzung mit dem stoischen Philosophen Chrysippos.
• In der Schrift Über Erscheinungen und Bezeichnungen (PHerc. 1065) verteidigte
Philodemos die epikureische Methode der logischen Schlussfolgerungen auf der
Basis der Analogie, die den Übergang von der Welt der Erscheinungen zur nicht
erkennbaren Welt erlaubten.
• In zwei ethische Abhandlungen nämlich, der sog. Ethik Comparetti (PHerc. 1251)
und der Schrift Über den Tod, die unverkennbare Übereinstimmungen in Sprache,
Inhalt und Aussage aufweisen, behandelte Philodemos zwei grundlegende Anlie-
gen der epikureischen Lehre, nämlich der Furcht vor dem Tode und die Mittel
ihrer Überwindung.
Zusammenfassend lässt sich zu Philodem sagen: Es ist ausschließlich den Papyri aus
Herculaneum zu verdanken, dass man die große Anzahl seiner Schriften und deren
Inhalt kennt. Philodem war kein Denker von großer Tiefe und Originalität; in sei-
nem Gesamtwerk erweist er sich vielmehr vornehmlich als Sprecher und Verbreiter
des Gedankengutes seines Lehrers Zenon von Sidon, der in den Jahren von 110–75
v. Schulleiter des Kepos war. Nach dessen Tod fühlte er sich dazu berufen, die Lehre
Epikurs in systematischer und endgültiger Form in Italien zu verbreiten. Diese Auf-
gabe ist ihm offensichtlich hervorragend gelungen.
Die Bibliothek in Herculaneum beherbergte indessen nicht nur die umfangreiche
Produktion Philodems, sondern enthielt auch Epikurs Hauptwerk Von der Natur
und Schriften anderer epikureischer Philosophen, von denen man vorher entweder
gar nichts oder nur sehr wenig wusste. Dies gilt z. B. für Demetrios Lakon, einen be-
deutenden Philosophen nund Philologen; für Karneiskos, Autor eines Traktats Über
die Freundschaft mit dem Titel Philista (PHerc. 1027); für Polystratos, den dritten
Scholarchen nach Epikur, und für Hermarchos von Mytilene. Zu erwähnen sind
ferner Metrodoros von Lampsakos, der zusammen mit Epikur, Hermarchos und
Polyainos von Lampsakos einer der Schulgründer gewesen ist, Kolotos von Lampsa-
kos, ein Schüler Epikurs, und nicht zuletzt Zenon von Sidon, den Lehrer Philodems.
Dass der Epikureismus nicht zuletzt dank Philodems Wirken in Unteritalien
namhafte Vertreter fand und großen Einfluss auf die Römer ausübte, soll nunmehr
dargelegt werden. Der PHerc. Paris 2 aus der Schrift Über die Verleumdung ist in die-
ser Hinsicht besonders aufschlussreich. Denn in diesem Papyrus, den Ferdinand IV.
im Jahr 1802 Napoleon Bonaparte schenkte, findet sich eine Widmung Philodems
an den Dichter Vergil und seine Freunde Plotius Tucca, Lucius Varius Rufus und
2 Epikur und Epikureer 197

Quinctilius Varus. Der Name Vergil, der hier erstmals auf einem herculanensischen
Papyrus auftaucht, liefert die Bestätigung dafür, dass der Kreis um Philodemos mit
jenem des (ebenfalls epikureischen Philosophen) Siron von Neapel in enger Ver-
bindung stand, bei dem sich der Dichter Vergil eine Zeit lang aufhielt: Denn In
dem frühen Gedicht Catalepton Nr. 5 beschreibt Vergil zunächst seinen Abschied
von der römischen Rhetorenschule und ihren schwülstigen Vertretern; danach sagt
er seinem Geliebten Sextus und anderen Schönen Lebewohl und betont am Ende
(v. 8–10):

»Wir setzen die Segel zu den glücklichen Häfen.


Hinstrebend zu des großen Sirons weisen Worten
Und werden das Leben von jeglicher Sorge befreien.«

Vergil begab sich also deshalb nach Neapel, um den Epikureer Siron zu hören und
ein sorgenfreies Leben zu führen.
Auch der Dichter Horaz war ein Anhänger Epikurs, wie aus einem Brief (carm.
I 4,12–16) hervorgeht. Dort heißt es:

»Zwischen Hoffnung und Sorge, zwischen Angst und Zorn


glaube, dass jeder Tag dir als letzter geleuchtet habe.
Angenehm wird jede Stunde hinzukommen, die unverhofft ist.
Mich aber wirst Du sehen behäbig und in gepflegter Leiblichkeit,
wenn Du einmal herzhaft lachen willst, ein Schwein aus der Herde Epikurs«.

Der Genießer Horaz legt somit ein leicht ironisches Bekenntnis zu Epikur ab. Auch
ein weiteres Gedicht (carm. I 11) ist im Geiste Epikurs abgefasst. Dort heißt es
(vv. 6–8):

»… Zeige dich klug, kläre den Wein und richte auf nur kurze Zeit
die lange Hoffnung ein. Während wir sprechen, entflieht neidisch
die Zeit. Ergreife den Tag (carpe diem), möglichst wenig dem folgenden vertrauend.«

Dieser berühmte Ratschlag wirkt wie eine Paraphrase der folgenden Sentenz Epikurs
Gnom.Vat. 14):

»Wir leben nur einmal, zweimal kann man nicht geboren werden; danach können wir
in alle Ewigkeit nie mehr sein. Du aber bist nicht einmal Herr über den morgigen Tag
und verpasst immerzu den rechten Augenblick. Über dem Zaudern geht das Leben da-
hin, und ein jeder von uns stirbt rastlos.«

Auch zahlreiche Zeitgenossen von Vergil und Horaz entschieden sich für die Philo-
sophie Epikurs, so zum Beispiel Cassius, der Caesarmörder, Atticus, der Vertraute
Ciceros (Letzterer zählte zu den Gegnern Epikurs und rätselte zeitlebens über dessen
Erfolg!) und Maecenas, der Förderer von Kunst und Literatur. Im 2. Jh. n. war Plo-
tina, die Frau des Kaisers Trajan, eine überzeugte Anhängerin Epikurs.
Um 200 n. ließ Diogenes von Oinoanda (in der südwestlichen Türkei), ein vielge-
198 XV Die Philosophie

reister und halbromanisierter Großkaufmann, in seiner Heimatstadt die Kernstücke


der epikureischen Philosophie auf die vierzig Meter lange Mauer einer Säulenhalle
einmeißeln, dazu auch Stücke aus dem Katechismus sowie eine persönliche Botschaft.
Die zu einem guten Teil noch heute lesbaren 120 Tafeln sollten die Heilsbotschaft
Epikurs für die Ewigkeit festhalten, doch wurde das Bauwerk schon hundertfünfzig
Jahre später zerstört. Erst 1884 entdeckten die französischen Forscher Holleaux und
Cousin die Zusammengehörigkeit der weit im Gelände verstreuten Steinblöcke, und
den Österreichern Heberdey und Kalinka sowie dem Deutschen H. Diehl gelang
die weitgehende Wiederherstellung dieses Monuments, das in Antike und Moderne
nicht seinesgleichen hat.
In der patristischen und mittelalterlichen Tradition20 finden sich fast ausschließ-
lich negative Urteile über Epikur und seine Schule. Die Ablehnung der Christen
richtete sich gegen den Atomismus, den (angeblichen) Atheismus Epikurs, seine
Überzeugung von der Sterblichkeit der Seele, die Leugnung der Vorsehung und die
(falsch verstandene) Hedone. Immerhin bemerkt Augustinus in seinen Bekenntnis-
sen (VI 16), nur die Angst vor dem Tode habe ihn davon abgehalten, Epikur als
Retter seiner Seele auszuwählen.
In der Renaissance erfolgte auch eine ›Wiedergeburt‹ Epikurs und der Epikureer.
In Lorenzo Vallas Dialog De voluptate (1428–1431) kommt der epikureische Hedo-
nismus zum ersten Mal seit der Antike ausführlich zur Geltung. Vallas Darstellung
fällt ausgesprochen freundlich aus. Denn der Konflikt zwischen antikem Hedonis-
mus und Christentum erscheint ihm lösbar. Ein ähnlicher Versuch der Versöhnung
von Christentum und Hedonismus findet sich in den Colloquia familiaria des Eras-
mus von Rotterdam und in Thomas Morus’ Utopia. Denn das Erreichen größtmög-
licher Glückseligkeit auf Erden bedeutet für die christlichen Epikureer der Renais-
sance keinen Gegensatz zur Lehre Jesu, vielmehr die Erfüllung göttlicher Gebote.
Die Aufwertung von Materie, Welt, Natur, Mensch, Ästhetik und Sinnesfreude bleibt
dabei immer im Rahmen des christlichen Glaubens. Auch in Fr. Rabelais’ groteskem
Roman Gargantua und Pantagruel (1532–1564) findet sich viel epikureisches Ge-
dankengut: Lachen, Vergnügen, Essen, Trinken, Liebe, Genuss und Lebenslust sind
hier mit einem umfassenden Weltwissen verbunden, das die Gesamtheit mensch-
licher Befindlichkeit umfasst und eine Trennung von Leib und Seele, Körper und
Geist der Lächerlichkeit preisgibt. Ähnlich wie bei Rabelais sind auch für M. de
Montaignes Anthropologie die Leiblichkeit und Sinnlichkeit die condicio humana
des Menschen und bilden ein zentrales Thema, allerdings mehr unter dem Aspekt
von Leid und Schmerz als unter dem von Lust und Genuss. Askese ist auch für Mon-
taigne das geeignete Mittel, eine schmerzlose und glückliche Existenz zu führen.
Sein eigentliches Anliegen ist jedoch der Umgang mit dem Tod, worin er ebenso
wie Epikur den entscheidenden Aspekt glücklicher Lebensführung sieht. Allerdings
erkennt er, dass es im Leben auch darauf ankommt, mit der Todesangst umzugehen
und nicht, wie Epikur meint, die Todesangst zu verleugnen.
Im 17. Jh. wird der Epikureismus geradezu eine Art Modererscheinung. Besonders
von den sog. Libertins wurde er intensiv rezipiert, wobei das Ideal eines glücklichen
Lebens nun, anders als in der Renaissance, von religiösen Vorgaben weitgehend frei
ist, ja bisweilen sogar antireligiöse Ziele annimmt. Wichtigster Vertreter des gelehr-
ten Libertinismus (libertinage érudit) war P. Gassendi, in dessen philosophischen
2 Epikur und Epikureer 199

Abhandlungen die Rehabilitierung Epikurs von zentraler Bedeutung ist. Besonders


in der Schrift De vita et moribus Epicuri von 1647 verteidigt er ihn gegenüber Ver-
leumdungen und spricht dabei sogar von »ma philosophie d’Épicure«, die er zwar
im Einzelnen abändern wolle, etwa im Hinblick auf die Unsterblichkeit der Seele, die
er jedoch insgesamt durchaus anerkennt. Sein bleibendes Verdienst besteht darin,
wesentlich zur Ausbreitung des Epikureismus in Frankreich, aber auch in England
(durch Vermittlung W. Charletons) beigetragen zu haben. Thomas Hobbes (1588–
1679) wurde sogar als Epicurus redivivus bezeichnet: Er ähnelte Epikur in seiner
Einschätzung der Religion als Aberglauben, in der Annahme der Körperlichkeit
der Seele und in seiner materialistischen Grundeinstellung. Vor allem aber sah er
wie Epikur im Menschen ein Lebewesen, das nach Selbsterhaltung und Lustgewinn
strebt.
Im 18. Jh. war die Rezeption epikureischen Gedankengutes ebenfalls beträcht-
lich. Die europäische Aufklärung machte sich zahlreiche epikureische Argumente
zu eigen. Dazu gehören das Insistieren auf der menschlichen Autonomie, was die
eigene Lebensgestaltung angeht, atomistische Positionen in der Naturphilosophie,
die Aufwertung von Ästhetik und Sinnlichkeit, besonders aber Eudaimonismus und
Glücksphilosophie. Privates Glück wird allenthalben zu einem öffentlich diskutier-
ten Thema. Ehe, Familie und Freundschaften bilden den Prüfstein für ein glück-
liches Leben. Im Deutschland des 18. Jh. bildet die Hochschätzung Epikurs gleich-
sam einen »Topos der Aufklärung« (M. Erler). Besonders Christoph Martin Wieland
ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben. Nachdem er 1751 in dem Lehrgedicht
Die Natur der Dinge noch eine Art Anti-Lukrez vorgelegt hatte, beschäftigte er sich
in seinen Romanen Agathon (die drei Fassungen stammen von 1766/77, 1773 und
1794) und Aristipp (1800–1802) ausführlich mit dem Epikureismus. So verkörpert
Aristipp in dem gleichnamigen Roman das Ideal eines kultivierten und glücklichen,
nach epikureischen Regeln lebenden Menschen. Wieland bietet in außergewöhn-
licher Vielfalt die gesamte Tradition epikureischer Argumente und Theorien auf,
um deren Bedeutung, aber auch die Gefahren für die Philosophie der europäischen
Aufklärung darzulegen.
Was das 19. Jh. angeht, so lässt sich Ludwig Feuerbachs Werk als eine umfassende
Adaption epikureischer Philosopheme lesen. Sowohl seine Religionskritik als auch
die Forderung, den Menschen als eine Ganzheit aus Geist und Körper zu sehen, seine
sensualistische Erkenntnistheorie und die Ansätze zu einer eudaimonistischen Mo-
ral verweisen auf epikureische Tradition, die allerdings nicht explizit erwähnt wird.
Im gleichen Jahr 1841 wie Feuerbachs Wesen des Christentums erschien die Disser-
tation des 23-jährigen Karl Marx mit dem Titel Die Differenz der demokritischen
und epikureischen Naturphilosophie. Darin brachte Marx umfangreiche Exzerpte aus
den Schriften Epikurs und versuchte, die materialistischen Positionen Epikurs und
Demokrits voneinander zu scheiden, z. B. im Hinblick auf die Freiheitslehre. Marx
erblickte in Epikur den »größten Aufklärer«.
Friedrich Nietzsche fand besonderen Gefallen an der Gotteslehre Epikurs und
betrachtete sein Plädoyer für eine Abkehr von der Politik als vorbildlich. Auch im
20. Jh. war der Epikureismus nicht ohne Bedeutung. Beispielsweise entwickelte Sig-
mund Freud eine Kulturtheorie, die im Wesentlichen auf einer hedonistisch fundier-
ten Anthropologie epikureischer Prägung basiert. Es sei, so Freud, das »Programm
200 XV Die Philosophie

des Lustprinzips, das den Lebenszweck setze«. Auch die neuere Praktische Philoso-
phie greift vermehrt auf antike Ansätze, besonders die Entwürfe eines glücklichen
Lebens, und damit auf Epikur und die Epikureer zurück. Um ein ganz aktuelles Bei-
spiel zu nennen: In einer Aktionswoche des Ersten Deutschen Fernsehens vom 18.
bis 25. November 2013 ging es ebenfalls speziell um die menschliche Glückseligkeit,
jene Frage also, die bei Epikur und den Epikureern allenthalben im Vordergrund
stand.
Man mag zu Epikur stehen, wie man will, er hat sich als ein Philosoph erwie-
sen, der die Maximen seiner Lehre stets konsequent auf sich selbst angewandt hat,
ganz besonders aber im Angesicht des Todes: Schon lange plagten ihn eine schwere
Krankheit und starke Schmerzen. Dies hat ihn jedoch nicht daran gehindert, bis
zum letzten Atemzug Seelenruhe und Glückseligkeit zu bewahren, wie die folgenden
Worte beweisen:

»Epikur grüßt seinen Hermarchos. Da ich einen glücklichen Tag und zugleich den letz-
ten meines Lebens begehe, schreibe ich diese Zeilen. Blasenbeschwerden und Ruhrlei-
den sind so stark geworden, dass sie nicht schlimmer werden können. Dennoch hat bei
alledem jene Freude die Oberhand behalten, die ich aus der Erinnerung an meine Leh-
ren und meine neuen Theorien schöpfte. Du aber, entsprechend deiner Zuneigung zu
mir und meiner Philosophie, die du schon als junger Bursche empfunden hast, nimm
dich bitte der Kinder Metrodors an.«

3 Die Stoa21
Eine äußerst bedeutende Richtung der hellenistischen Philosophie war auch die
Stoa, die von Zenon aus Kition (ca. 335–262 v.)22 begründet wurde (vgl. Abb. 15). Er
war phoinikischer Herkunft (weshalb er nur mäßig Griechisch sprach) und stammte
aus einer Kaufmannsfamilie. Mit Anfang zwanzig kam er nach Athen, wo er von den
führenden Philosophen jener Zeit unterrichtet wurde, nämlich von dem Kyniker
Krates und dem Akademiker Polemon, die beide nachhaltigen Einfluss auf ihn aus-
übten. Zenon machte sich auch mit den platonischen Schriften vertraut und begrün-
dete um 300 v., also kurze Zeit nach Epikur, in Athen die stoische Philosophenschule,
von deren Namengebung und öffentlicher Ausrichtung bereits früher die Rede war.
Wiewohl seine Anhängerschaft theoretisch die ganze Oikumene umfasste, gestat-
tete er im Gegensatz zu Epikur weder Frauen noch Sklaven, an seinen Veranstal-
tungen teilzunehmen. Einer seiner berühmtesten Schüler war der Makedonenkönig
Antigonos Gonatas, der bei seinen Athenbesuchen häufig an den Vorlesungen des
Philosophen teilnahm. Auch die Athener Demochares und Chremonides zählten
zu seinen Schülern. Demochares war ein Neffe des Redners Demosthenes und trat
auch als Geschichtsschreiber hervor, Chremonides führte in den 60er Jahren einen
erfolglosen Krieg zur Rückgewinnung des Piräus von den Makedonen. Zenon wird
als schweigsamer, bescheidener und bedürfnisloser Mensch beschrieben. Er war
in Athen allenthalben hoch geachtet und wurde bei seinem Tode mit einem von
3 Die Stoa 201

Diogenes Laertios (VII 10–12) überlieferten Ehrendekret bedacht, in welchem es


heißt:

»Da Zenon aus Kition, des Mnaseas Sohn, viele Jahre als Lehrer der Philosophie in un-
serer Stadt gelebt und sich in allem als guter Mann bewährt hat, besonders aber die Ju-
gend, die sich ihm anvertraute, durch seine Mahnungen unausgesetzt für Tugend und
Maßhaltung zu gewinnen versuchte, wobei er ihnen seinen eigenen Lebenswandel
als Vorbild anbot, das dem, was er lehrte, völlig entsprach, hat das Volk beschlossen –
möge es Glück bringen! – den Zenon, des Mnaseas Sohn aus Kition, zu loben und ihm
in Anerkennung seiner Tugend und Besonnenheit entsprechend den Gesetzen einen
goldenen Kranz zu verleihen und ihm auf Staatskosten ein Grabmal im Kerameikos
zu errichten. Was aber die Anfertigung des Kranzes und die Ausführung des Grabmals
angeht, so soll das Volk von Athen durch Abstimmung fünf Männer von Athen damit
beauftragen. Diesen Beschluss soll der Stadtschreiber auf zwei steinernen Stelen ein-
tragen lassen, und es soll ihm erlaubt sein, die eine in der Akademie, die andere im
Lykeion aufzustellen. Die Kosten für die Stelen soll der Vorsteher der Finanzverwaltung
ihm zuteilen, auf dass allen kund werde, dass das Volk der Athener die tüchtigen Män-
ner in Ehren hält, und zwar sowohl zu Lebzeiten wie nach dem Tode.«

Auch in dieser Vorbildlichkeit der eigenen Person und der Übereinstimmung von
Lehre und Leben ist die Parallele zu Epikur unübersehbar.

Abb. 15 Bildnis Zenons,


römische Marmorkopie eines
hellenistischen Bronzeoriginals
von ca. 260 v. (Neapel, Museo
Archeologico)
202 XV Die Philosophie

Zenon verfasste etwa zwanzig Schriften, die jedoch allesamt bis auf Fragmente
verloren sind. Sein bekanntestes Werk war der Staat, welcher eine bewusste Reak-
tion auf Platons Politeia und die zeitgenössische Gesellschaft bildete. Keine andere
Veröffentlichung Zenons erregte so viel Aufmerksamkeit und auch so heftige Kritik
unter den Zeitgenossen. Im Gegensatz zur Verderbtheit der Gegenwart, die Zenon
eingangs anprangerte, entwarf er eine ideale, kosmopolitische Staatsordnung. Plut-
arch (de Alexandri fortuna 329 B-C) beschreibt sie so:

»Fürwahr, die vielbewunderte Politeia Zenons, des Gründer der stoischen Philosophen-
schule, zielt auf die Hauptthese, dass wir alle weder nach Städten und Völkern organi-
siert, durch eigene Rechtsvorschriften voneinander getrennt leben, vielmehr dass wir
uns als Mitglieder und Mitbürger eines Volkes betrachten und dass ein Leben und eine
Ordnung für alle existieren ähnlich wie in einer Herde, die auf einer gemeinsamen
Weide zusammen grast.«

In diesem Staatswesen, in welchem alle Menschen in Übereinstimmung mit der Ver-


nunft lebten, waren Tempel und Götterbilder, Gerichte und Gymnasien überflüssig.
Sogar Ehe und Familie etc. hatten hier ähnlich wie bei Platon keinen Platz, da sie nur
Konflikte verursachten. Zwar gab es auch sonst gewisse Ähnlichkeiten mit dem pla-
tonischen Staat, denn auch bei Zenon herrschten Frauen- und Kindergemeinschaft,
und sogar die Männer wurden ›geteilt‹, vom gemeinsamen Besitz ganz zu schweigen,
doch insgesamt gesehen bildete der Staat Zenons eine Gegenkonzeption zu Platons
gleichnamigem Werk. Während bei diesem die Philosophen als Weise herrschten
und eine Dreiklassengesellschaft existierte (Philosophen, »Wächter« [d. h. Solda-
ten], Handwerker), bestand Zenons Idealgesellschaft lediglich aus Weisen. Platon
redete somit einer hierarchisch geordneten Gesellschaftsstruktur das Wort, dagegen
erstrebte Zenon eine utopische Gemeinschaft ohne Klassenunterschiede. Auf seine
Kritiker wirkte Zenons Staat eher abstoßend und unmoralisch. Sogar spätere Stoiker
distanzierten sich von seiner radikalen und provokanten Konzeption. Gleichwohl
war dieses Werk von zentraler Bedeutung für seine Philosophie, vornehmlich des-
halb, weil er den Gedanken der Gleichheit aller Menschen verkündete.
Unter den Grundgedanken der Stoa ist denn auch an erster Stelle der Kosmopo-
litismus zu nennen, der in gewisser Weise eine Folge des Alexanderzuges darstellte,
wie die Fortsetzung der oben zitierten Plutarchstelle zeigt: Alexander rief demnach
als erster die Vorstellung von einer Verbrüderung der Menschheit ins Leben, in der
es keine Unterschiede zwischen Griechen und Barbaren, Männern und Frauen,
Freien und Sklaven gab. Vielmehr erscheint der Kosmos als eine einzige große Polis,
die unter göttlichen Gesetzen steht und alle Menschen miteinander verbindet.
In diesem Sinne ist besonders der folgende von Strabon (I 4,9 = fr. 676 Nickels)
überlieferte und von stoischen Gedankengut durchdrungene Passus des berühmten
Universalgelehrten Eratosthenes von Kyrene aufschlussreich, der sich inhaltlich ge-
gen Aristoteles und dessen Rat an Alexander richtet, »die Griechen als Anführer, die
Barbaren als Despot zu behandeln und den einen als Freunden und Verwandten, den
anderen als Tieren und Pflanzen zu begegnen« (Aristoteles fr. 658 Rose2):
3 Die Stoa 203

»Am Ende seiner Geographie wendet sich Eratosthenes scharf gegen diejenigen, wel-
che die ganze Menschheit in zwei Gruppen einteilten, nämlich Hellenen und Barbaren,
und Alexander raten, die Hellenen als Freunde, die Barbaren als Feinde zu behandeln. Es
sei besser, die Menschen nach ihrer Tüchtigkeit und ihrer Schlechtigkeit zu unterschei-
den. Denn viele Hellenen seien schlechte, viele Barbaren dagegen tüchtige Menschen,
wie die Inder und Arianer, ferner die Römer und Karthager, die so bewundernswerte
Staaten besäßen. Deshalb habe sich Alexander auch nicht um diesen Rat gekümmert,
sondern möglichst viele tüchtige Männer ohne Rücksicht auf ihre Nationalität an sich
gezogen und ihnen Wohltaten erwiesen.«

Im Zeushymnos des Kleanthes von Assos23, der nach dem Tode Zenons 262 v. für
drei Jahrzehnte die Leitung der Schule innehatte, wird die traditionelle Gebetsform
zu einem stoischen ›Glaubensbekenntnis‹. Ähnlich wie im Proömium des Aratos
von Soloi werden konventionelle Elemente des Mythos bzw. traditionelle Epitheta
des Gottes allegorisierend mit stoischen Gehalt erfüllt. So verweist etwa die Aus-
sage über den Blitz, mit welchem Zeus die Welt lenkt, auf die stoische Lehre von
der schöpferischen Kraft des reinen Feuers, und bei dem Adjektiv ›vielnamig‹ soll
der Leser an den umfassenden stoischen Gottesbegriff denken, der in diesem Hym-
nus entwickelt wird: Die von Kleanthes gefeierte Allgottheit ist zugleich »lenkendes
Weltgesetz« (nomos), »schicksalshafte Notwendigkeit« (heimarmene), alles durchdrin-
gendes »Vernunftprinzip« (logos) und »Vorsehung« (pronoia). Insgesamt zeigt dieser
Hymnus den gewaltigen Unterschied, der zwischen dem stoischen und dem epiku-
reischen Gottesbegriff besteht. Während nach Epikur die Götter keinerlei Einfluss
auf das menschliche Leben nehmen, ist bei den Stoikern alles menschliche Handeln
von Gott bestimmt. Der Hymnos lautet in der Übersetzung (SVF I fr. 487):

»Erhabenster der Unsterblichen, vielnamiger, stets alles beherrschender Zeus, Herr


über die Natur, der du alles nach dem Gesetze lenkst, sei gegrüßt. Denn dich anzuspre-
chen, ziemt sich für alle Sterblichen. Aus dir sind wir entstanden, da wir Gottes Abbild
erlost haben als einzige von allem, was lebt und sich sterblich über die Erde bewegt.
(5) Deshalb will ich dich preisen und deine Macht immer besingen. Dir folgt die ganze
Welt, sich um die Erde drehend, so wie du sie führst, und freiwillig lässt sie sich von
dir beherrschen. Als einen Gehilfen hältst du in deinen unbezwinglichen Händen den
zweischneidigen, feurigen, ewig lebenden Blitz. (10) Unter dessen Schlägen vollenden
sich alle Werke der Natur; durch ihn lenkst du die allgemeine Vernunft, die durch alles
hindurchgeht und sich mit dem großen und mit den kleinen Lichtern (sc. der Sonne
und den Sternen) mischt. Und kein Werk geschieht auf Erden ohne Dich, Gottheit, (15)
weder im göttlichen Äther noch im Meere, außer allem, was die Schlechten in ihrer ei-
genen Torheit tun. Aber du vermagst sowohl das Ungerade gerade zu machen wie das
Ungeordnete zu ordnen, und das Nichtliebe ist dir lieb. Denn so hast du alles zu einem
zusammengefügt, (20) das Gute mit dem Schlechten, dass eine Vernunft, ewig sei-
end, aus allem entsteht; die lassen fliehend beiseite alle die unter den Sterblichen, die
schlecht sind, die Unseligen, die sich zwar immer nach dem Erwerb von Gütern sehnen,
aber des Gottes allgemeines Gesetz weder sehen noch vernehmen, das ihnen, wenn sie
ihm mit Verstand folgen, ein gutes Leben garantierte. (25) Sie selbst dagegen stürzen
ohne Verstand auf das Übel los, ein jeder auf ein anderes; die einen richten ihren von
204 XV Die Philosophie

schlimmen Streit beseelten Eifer auf den Ruhm, die anderen sind ohne Ordnung auf
Gewinne erpicht, wieder andere auf Nichtstun und lustvolle Tätigkeiten des Körpers …
Zeus, du Allesgeber, Dunkelumwölbter, Herr mit dem hellen Blitz, (32) bewahre die
Menschen vor verderblicher Unerfahrenheit! Die vertreibe, Vater, von der Seele und
gib, dass wir auf Einsicht stoßen, auf die gestützt du mit Recht alles lenkst, (35) damit
wir, geehrt, die Ehre zurückzahlen, indem wir deine Werke unaufhörlich preisen, wie es
sich für einen Sterblichen geziemt; denn weder für die Sterblichen gibt es eine andere
größere Ehrengabe noch für die Götter, als das allgemeine Gesetz stets, wie es recht
ist, zu preisen.«

Dieser Hymnos ist die einzige stoische Schrift, die aus hellenistischer Zeit erhalten
ist. Die dichterische Form erklärt sich aus der Überzeugung des Kleanthes, dass die
Prosa für die Größe der Gottheit nicht über hinreichende Ausdrucksmöglichkeiten
verfüge. In diesem Sinne betont er (SVF I, fr. 486):

»Zwar vermag die Rede der Philosophie in hinreichendem Maße das Göttliche und
Menschliche darzulegen, aber die Prosa hat nicht die geeigneten Ausdrucksmittel für
die Größe des Göttlichen; Metrum, Lied und Rhythmus gelangen insbesondere zur
Wahrheit der Anschauung des Göttlichen.«

Ganz im Geiste der Sokratik sah die stoische Philosophie in der Begründung der
höchsten Lebensnorm ihr eigentliches Anliegen. Der Mensch wird als Vernunft-
wesen definiert und dazu aufgefordert, sein wahres Wesen zu verwirklichen, näm-
lich im Einklang mit der Vernunft zu leben und, da diese allenthalben in der Natur
waltet, bedeutet dies auch, in Einklang mit der Natur. Falls er dies verwirklicht, ge-
langt er in den Besitz der Glückseligkeit, des höchsten Lebensziels im Stoizismus
wie in allen hellenistischen Philosophien. Die Herrschaft der Vernunft kann aber
nur erreichen, wer die vier Grundaffekte »Lust«, »Unlust«, »Begierde« und »Furcht«
unterdrückt. Ausschlaggebend für den Wert der sittlichen Handlung ist nicht deren
Erfolg, sondern ihre Motivierung (Gesinnungsethik). Um sittlich zu sein, muss die
Handlung allein auf der Einsicht in das Gute beruhen, nicht auf den Affekten. Die
Gesinnungsmoral verlangt, dass die Tugend um ihrer selbst willen erstrebt wird,
denn sie ist das einzige Gut, das zur Glückseligkeit führt.
Chrysippos von Soloi in Kilikien (ca. 280–204 v.)24, Schüler des Kleanthes und
seit ca. 230 dessen Nachfolger, wird als zweiter Gründer der Stoa gesehen (»Es hätte
keine Stoa gegeben, wenn es keinen Chrysippos gegeben hätte.«). Legte er doch in
zahllosen Publikationen  – Diogenes Laertios (vii 180) nennt die enorme Anzahl
von 705 Büchern – die Lehre der Stoa systematisch dar und trug so zu ihrer Kon-
solidierung bei. Er betrachtete die Pilosophie als universale Wissenschaft von den
göttlichen und menschlichen Dingen, die er in die drei traditionellen Teilgebiete
Logik, Physik und Ethik unterteilte. Keines seiner Werke, die nach antiker Ansicht
mangelnde stilistische Durcharbeitung verrieten, ist im Original erhalten, doch las-
sen sich die Abhandlungen Über die Seele und Über Affekte aus späteren Quellen
rekonstruieren. In der Einführungsschrift Über Syllogismen entwickelte Chrysippos
seine Lehre von den fünf unbeweisbaren Schlussfolgerungen, die auf zusammenge-
setzten Urteilen aufgebaut sind (z. B. »Wenn es Tag ist, ist Licht, nun aber ist es Tag,
3 Die Stoa 205

also ist Licht«). Was die Ethik angeht, so ist die vier Bücher umfassende Untersu-
chung Über Affekte (Peri pathon) am ehesten greifbar: Längere Originalzitate daraus
sind nämlich bei dem römischen Arzt Galen überliefert, der ausführlich über die
Auseinandersetzung des Poseidonios mit der Affektenlehre des Chrysippos berich-
tet. Da die Affekte nach Ansicht der Stoiker die schwerste Gefährdung einer sittlicher
Lebensführung und damit der echten Glückseligkeit bedeuten, bildet ihre Theorie
einen zentralen Bestandteil stoischer Ethik. Die Affektenlehre gipfelt in einer Art
Seelenheilkunde, deren Ziel die Apatheia (»Leidenschaftslosigkeit«) ist, d. h. die Frei-
heit von vernunftwidrigen Affekten. In diesem Sinne ist der Begriff der ›stoischen
Ruhe‹ noch heute von großer Bedeutung. Der Duden definiert ihn als »dem stoi-
schen Ideal entsprechend unerschütterlich, gleichmütig gelassen.« Am trefflichsten
formuliert der Dichter Horaz dieses stoische Ideal mit den Worten: Si fractus illaba-
tur orbis, impavidum ferient ruinae (»Wenn geborsten der Erdkreis einstürzt, werden
die Trümmer einen Unerschrockenen treffen.«).
Während Zenon und Kleanthes die Affekte auf die Wirksamkeit eines irrationalen
Moments in der menschlichen Seele zurückführten, radikalisierte Chrysippos die
Doktrin dahingehend, dass er das Zentralorgan der Seele als reinen Logos bestimmte
und damit die Auffassung Platons von der Existenz eines irrationalen Seelenteils be-
kämpfte. Mit anderen Worten: Die Affekte werden nicht mehr als Resultat alogischer
Seelenkräfte gesehen, sie sind Chrysippos zufolge vielmehr »eine unvernünftige und
naturwidrige Bewegung der Seele«. Ferner bezog Chrysippos die stoische Formel des
Lebenszieles »gemäß der Natur leben«, nicht wie Kleanthes auf die Natur allgemein,
sondern nur auf die besondere Natur des Menschen.
In der Geschichte der Stoa bedeutet die Mitte des 2. Jh. v. eine deutliche Zäsur.
Damals begann die sog. mittlere Stoa, deren markanteste Repräsentanten Panaitios
(ca. 185–109 v.) und sein Schüler Poseidonios (ca. 135–51 v.) waren. Mit diesen Per-
sönlichkeiten sind zwei neue Tendenzen verbunden: Zum einen ein stärkerer Rekurs
auf die Klassiker Platon und Aristoteles und eine realistische Nivellierung der Lehre,
zum anderen eine starke Wirkung auf die römische Führungsschicht. In der Tat be-
steht die weltgeschichtliche Leistung dieser beiden Philosophen darin, dass sie die
Römer für die stoische Lehre gewannen. Panaitios von Rhodos25 darf als Begrün-
der der römischen Stoa gelten, von der säkulare Wirkungen ausgegangen sind. So
war seiner Schrift Über das Geziemende ein immenses Nachleben beschieden, und
zwar durch Vermittlung von Ciceros De officiis, wobei jedoch der Grad der Abhän-
gigkeit in der Forschung umstritten ist. Jedenfalls beeinflusste diese Schrift Ciceros
namentlich den Philosophen Seneca und die lateinischen Kirchenväter. Panaitios
legte den Schwerpunkt nicht so sehr auf die sittlich vollkommenen Weisen als auf die
Praxis derjenigen, die im täglichen Leben moralische Verantwortung tragen. Nach
Cicero (de off. III 7) thematisierte er folgende drei Aspekte moralischen Handelns:
Ist die betreffende Tat ehrenvoll oder schmachvoll? Ist sie nützlich oder schädlich?
Wie soll man sich bei einem Konflikt zwischen Ehrenhaftem und Nützlichem ent-
scheiden?
Poseidonios aus Apameia in Syrien (ca. 135–51 v.)26 war neben Eratosthenes
die bedeutendste Geistesgröße, die der Hellenismus hervorgebracht hat. Obwohl er
der bekannteste Schüler des Panaitios war, übernahm er bei dessen Tod 110 nicht
die Leitung der Stoa, sondern begab sich nach Rhodos, dem damaligen Zentrum
206 XV Die Philosophie

von Philosophie und Wissenschaft. Dort erhielt er das Bürgerrecht und gründete
eine eigene Schule. Zahlreiche Reisen führten ihn durch die damalige Welt, z. B.
nach Spanien, Gallien, Italien, Sizilien, Nordafrika, Griechenland und den Nahen
Osten. Poseidonios war so prominent, dass auch römische Politiker auf ihn auf-
merksam wurden: Pompeius besuchte ihn zweimal in Rhodos während seiner Feld-
züge im Osten 66 und 62 v., Cicero zählte ihn zu seinen Freunden und betrachtete
ihn als seinen philosophischen Lehrmeister. Die große Spannweite seiner Inter-
essen manifestiert sich in einer Vielzahl von Schriften, die neben der Philosophie
die Disziplinen Geologie, Geographie, Ethnologie und Historiographie abdecken.
Von dem Geographen, Ethnographen und Geschichtsschreiber Poseidonios war
bereits früher die Rede. Ähnlich wie auf diesen Gebieten ist auch keine seiner phi-
losophischen Schriften erhalten; immerhin kennt man eine Reihe von Titeln, z. B.
Protreptika (»Ermunterung«, sc. zur Philosophie), mehrere ethische Traktate, z. B.
Über die Leidenschaften, Über den Zorn, Über das angemessene Handeln, Über die
Tugenden sowie eine Trostschrift. Wegen des Verlustes dieser Werke ist die Rekonst-
ruktion seines philosophischen Systems ein schwieriges Unterfangen und führte zu
unterschiedlichen Ergebnissen in der Forschung, besonders was die Verwertbarkeit
der Schriften Ciceros De natura deorum, Buch II, Tusculanae disputationes; Buch I,
und De re publica, Buch VI angeht. Poseidonios hielt an der konventionellen Dreitei-
lung der Philosophie in Physik, Ethik und Logik fest und suchte diese Disziplinen
eng miteinander zu verflechten, ohne den Vorrang der Ethik in Frage zu stellen. Er
übernahm das stoische Weltbild in seinen Grundzügen, betonte jedoch stark die
organische Natur des Kosmos, in welchem alle Teile in inniger Wechselwirkung zu-
einander stehen (Gedanke der Sympatheia). Auch glaubte er an die Gotterfülltheit
des gesamten Universums. Diese religiöse Einstellung machte ihn zu einem leiden-
schaftlichen Gegner des Epikureismus, in welchem er einen verkappten Atheismus
erblickte.
Eine seiner Schriften ist dank der ausführlichen Exzerpte Galens gut bekannt,
nämlich die Abhandlung Über Affekte. Darin entwickelte er in Rekurs auf die Seelen-
lehre Platons und in Kritik an Chrysippos eine Theorie der Affekte. Chrysippos, so
argumentierte er, habe zu Unrecht die Existenz irrationaler Triebkräfte in der Seele
geleugnet und sich so den Weg zu einer plausiblen Erklärung der Affekte verbaut.
Obgleich Poseidonios ein universeller und höchst bedeutender Gelehrter war, blieb
sein Einfluss auf die eigene Schule gering. Denn schon die folgende Generation der
Stoiker lenkte in orthodoxe Bahnen zurück.
Was das Weiterleben der Stoa27 angeht, so wurde sie in nachhellenistischer Zeit,
besonders im ersten und zweiten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit, zu einer
Art Modephilosophie in der griechischen, besonders aber in der römischen Welt.
Als herausragende Persönlichkeit ist zunächst Seneca, der Dichter, Philosoph und
Erzieher Neros zu nennen. Er wurde im Jahr 65 n. der Teilnahme an der sog. Pi-
sonischen Verschwörung gegen Nero bezichtigt und nach deren Scheitern zum
Selbstmord gezwungen. Nach Tacitus (Annalen XV 60–64) schied er mit wahrhaft
stoischer Gelassenheit aus dem Leben, indem er sich im Bad die Pulsadern öffnete.
Von ihm stammt eine Reihe stoisch gefärbter Werke, von denen beispielsweise de
providentia (Über die Vorsehung), de constantia (Über die Standhaftigkeit), de vita
beata (Über das glückliche Leben), de tranquillitate animi (Über dei Ruhe des Gemüts),
3 Die Stoa 207

de brevitate vitae (Über die Kürze des Lebens), de clementia (Über die Milde) sowie die
epistulae morales ad Lucilium (Die Moralbriefe an Lucilius) genannt seien. Eine der
letzten kreativen und bedeutenden Stoiker war Epiktet aus Hierapolis in Phrygien
(ca. 50–120 n.). Ursprünglich Sklave, wurde er später in Rom von einem gewissen
Epaphroditos freigelassen. Im Jahr 92/93 studierte er bei dem Stoiker Musonius; ca.
110 wurde der Alexanderhistoriker Arrian aus Nikomedia sein Schüler, der zwei
Jahrzehnte später Nachschriften der Lehrgespräche Epiktets in zwei umfassenden
Sammlungen (8 Bücher Diatriben; 12 Bücher Homilien) sowie ein Handbüchlein
(Encheiridion) publizierte. Erhalten sind vier Bücher Diatriben und das Encheiri-
dion, welches bereits im 2. Jh. n. Autoren wie Favorinus, Gellius und Kaiser Marc
Aurel nachhaltig beeinflusste, danach in der Spätantike, besonders aber im 16. bis
18. Jh. ein vielgelesenes philosophisches Trost- und Erbauungsbuch war. Die Lehre
Epiktets basiert grundsätzlich auf dem Boden der Alten Stoa, allerdings nicht ohne
platonischen, aristotelischen und poseidonischen Einfluss. Logik und Physik spielen
bei ihm kaum eine Rolle, was zählte, war einzig die Ethik. Epiket ist von hingebungs-
voller Frömmigkeit und wird nicht müde, zur Dankbarkeit gegenüber der Gottheit
aufzurufen, indem er an die Vernunft und das Göttliche im Menschen appelliert.
Kein anderer antiker Philosoph ist so unmittelbar verständlich, kein anderer steht
in seiner geistigen Haltung dem Christentums so nahe wie er.
Auch der römische Kaiser Marc Aurel (121–180 n.) war ein überzeugter Anhän-
ger der Stoa. In seinen Selbstbetrachtungen hält er ein leidenschaftliches Plädoyer für
die Philosophie: Sie bewirkt die Bewältigung von Ängsten im täglichen Leben und in
der Erwartung des Todes, aber auch die Freiheit von Begierden und von Schmerzen.
Doch sie führt noch darüber hinaus. Da die Vernunft allen Menschen gemeinsam
ist, sind sie alle gleichermaßen Teilhaber einer großen Gemeinschaft und gleichbe-
rechtigte Bürger eines weltumgreifenden Stadtstaates. »Der Mensch ist Bürger der
obersten Stadt, von der die anderen Städte gleichsam nur Häuser sind.« Die wirklich
gebildete Seele »hat Kenntnis vom Anfang und Ende und von der die ganze Substanz
durchdringenden Vernunft, welche die ganze Ewigkeit hindurch in Abschnitten von
bestimmten Perioden das All durchwaltet«. Zwar ist der Mensch der Vergänglich-
keit unterworfen, doch vermag er sich dank der Philosophie über die Ordnung des
Kosmos Rechenschaft zu geben und so seinen eigenen Standort näher zu bestim-
men. Mit geradezu religiöser Inbrunst werden diese Gedanken, die geeignet sind,
Trost zu spenden, mehrmals wiederholt. Marc Aurel war kein Anhänger der damals
wuchernden Heilsmysterien und Erlösungsreligionen. Er vertraute sein Dasein der
Vernunft an, durch die er den inneren Frieden gewann. Der äußere Friede dagegen
war ihm nicht vergönnt, weil sein Leben stets von komplizierten Regierungsaufga-
ben und Militärproblemen erfüllt war; den inneren Frieden aber erwarb er durch
tiefgründiges Philosophieren und seinen Glauben an die Vernunft. Dies ist die Kern-
aussage seiner erhaltenen Selbstbetrachtungen.
Durch die Einrichtung eines Lehrstuhls für stoische Philosophie unter Kaiser
Hadrian (117–138 n.) gewann Athen wieder an Bedeutung für die Lehren der Stoa.
Mit dem Aufstieg des Neuplatonismus im 3. Jh. n. verebbte das institutionelle Le-
ben dieser Schule, doch bestand ihr Einfluss auf Philosophie und Religion, wenn
auch zum Teil indirekt, bis zum Ende der Antike weiter. Vor allem das Christentum
hatte der Stoa viel zu verdanken: Speziell in ethischen Fragen kam es zu einem be-
208 XV Die Philosophie

achtlichen Verschmelzungsprozess, der stoische Elemente im Christentum heimisch


machte. Auf das mittelalterliche Denken wirkte der Stoizismus nur sporadisch, erst
im Humanismus wurde er wiederentdeckt: Besonders in der Spätrenaissance ent-
wickelte sich eine Art Neostoizismus, dessen berühmtester Vertreter Justus Lipsius
war. Diese Wiedergeburt der Stoa prägten auch Michel de Montaigne (bevor er sich
dem Skeptizismus zuwandte), René Descartes und Philipp Melanchthon. Von da an
reichen Spuren der Stoa durch die gesamte weitere Philosophiegeschichte. So sind
etwa die Ethik Baruch Spinozas und die Moralphilosophie Immanuel Kants deutlich
durch die stoische Philosophie geprägt. Ebenfalls stoisch inspiriert war der aufge-
klärte Absolutismus des preußischen Königs Friedrichs des Großen. Mit der Formel:
»Ich bin der erste Diener meines Staates« knüpfte er bewusst an das Vorbild Marc
Aurels an. Zwar übt die Stoa in der Gegenwart keinen kontinuierlichen Einfluss auf
Religion, Philosophie und Literatur der europäischen Kulturen aus, aber die Ethik
verdankt ihm noch heute wichtige Anregungen, wie besonders L. Becker in seinem
Buch A New Stoicism von 1998 gezeigt hat. Beispielhaft dafür, wie vielfältig die Nach-
wirkungen der Stoa bis heute reichen, ist die von Albert Ellis in den USA entwickelte
Rational-Emotive Verhaltenstherapie, die in Anlehnung an das stoische Konzept der
Affektsteuerung und an die Lehren Epiktets in der Psychotherapie zur Anwendung
kommt. Neuerdings treten auch im politisch-philosophischen Diskurs Tendenzen
auf, die ein Wiederaufleben stoischer Anschauungen signalisieren. In diese Richtung
weisen etwa die Propagierung der Würde und Gleichheit der Menschen, die Idee der
allgemeinen Menschenrechte und der aktuelle Begriff der Globalisierung.
Ein paar Worte noch zu zwei weiteren philosophischen Richtungen, die im Helle-
nismus Bedeutung erlangten, nämlich zu den Skeptikern und Kynikern.

4 Der Skeptizismus28
Was die Skepsis angeht, so unterscheidet man gemeinhin zwischen der Älteren,
deren Hauptvertreter Pyrrhon von Elis (ca. 365–275 v.) und Timon von Phleius
(ca. 320/315–230/225 v.) waren, und der Jüngeren, die in Ainesidimos von Knossos
(1. Jh. v.) ihren wichtigsten Repräsentanten hatte. Zeitlich zwischen beiden Richtun-
gen liegt die Akademische Skepsis, die mit Arkesilaos von Pitane (ca. 315–240) und
Karneades aus Kyrene (ca. 215–130 v.) ihre Blüte fand. Von der Älteren und Jünge-
ren skeptischen Philosophie ist zunächst die Rede, danach von der Akademischen
Skepsis.
Pyrrhon von Elis9 begründete die Ältere Skepsis. Er begleitete in seiner Jugend
Alexander nach Indien, wo er im Jahr 326 v. mit den Magiern und Gymnosophisten
zusammentraf. Nach der Rückkehr lebte er zurückgezogen in Elis und versah dort
das Amt eines Oberpriesters. Zu Pyrrhons Schülern gehörten Timon aus Phleius,
sein Nachfolger, ferner Nausiphanes aus Teos, der Demokriteer und spätere Lehrer
Epikurs, außerdem der Megariker Philon und der Historiker Hekataios von Abdera.
Pyrrhon hinterließ, der eigenen Lehre getreu, nichts Schriftliches. Erst Timon von
Phleius machte sich daran, seine Lehren aufzuzeichnen; im Übrigen entstanden
4 Der Skeptizismus 209

zusammenfassende Darstellungen zur Skepsis erst in der römischen Kaiserzeit: An


erster Stelle ist dabei der pyrrhonische Skeptiker und empirische Arzt Sextus Empi-
ricus (Ende 2. Jh. n.) zu nennen. Er war Autor der beiden erhaltenen pyrrhoneischen
Schriften Grundzüge des Pyrrhonismus (Pyrrhoneioi hypotyposeis) in drei Büchern
und Gegen die Mathematiker (Pros Mathemathikous) in elf Büchern. Diese Werke
basieren auf einer reichen Pyrrhoneischen Literatur, wobei der originelle Beitrag des
Verfassers umstritten ist. Während Buch 1 der ersten Schrift eine allgemeine Schil-
derung des pyrrhoneischen Skeptizismus beinhaltet, finden sich in den Büchern 2
und 3 zahlreiche Argumente gegen die damals gängigen dogmatischen Thesen in
der Logik, Physik und Ethik. Die zweite Schrift enthält zahlreiche Argumente gegen
logische (B. 7–8), physikalische (B. 9–10) und ethische (B. 11) Thesen. Die voran-
gehenden Bücher (B. 1–6) richten sich gegen Grammatiker, Rhetoriker, Geometer,
Arithmetiker, Astronomen, Astrologen und Harmoniker. Insgesamt gesehen, han-
delt es sich hierbei um einen Generalangriff gegen die Erkenntnisfähigkeit auf fast
allen Gebieten, wobei die sogenannten Tropen des Ainesidemos in der Argumenta-
tion eine zentrale Rolle spielen. Dazu bald Näheres.
Zunächst jedoch zu Pyrrhon. Nach Timon vertrat er die Überzeugung, dass den
Sinnen und dem Geiste gleichermaßen die Erkenntnisfähigkeit fehle: Die Sinne lie-
ferten nur Erscheinungen, nicht Abbilder, der Geist nur Vorstellungen, nicht Er-
kenntnisse. Da somit die Dinge nicht erfassbar seien, gebe es keine Erkenntnis- und
auch keine Werturteile, da das nicht Erkennbare auch nicht bewertbar sei. Ange-
sichts dieser »Unbegreifbarkeit« (akatalepsia) und »Unerkennbarkeit« (agnosia) der
Dinge bleibe dem Weisen nur die »Sprachlosigkeit« (aphasia) bzw. »das Zurück-
halten« (epoche) des Urteils. Denn »jeder Satz hat seinen Gegen-Satz« und da »die
Gründe für beide Sätze gleich stark wiegen, ist der eine um nichts wahrscheinlicher
als der andere.« »Wie ein Schatten« folgten dem Zurückhalten des Urteils die »Aus-
geglichenheit« (arrepsia), »Unerschütterlichkeit« (ataraxia), »Leidenschaftslosigkeit«
(apatheia) und »Sanftmütigkeit« (praotes) der Seele. Auf diese Weise erlangte der
Skeptiker letztlich die »Glückseligkeit« (eudaimonia), die auch im Skeptizismus das
höchste Ziel darstellt.
Timon von Phleius30 war der zweite namhafte Vertreter der Älteren Skeptik. Er
studierte zuerst bei Stilpon von Megara, danach bei Pyrrhon von Elis, der ihn zum
Skeptiker und später zum Nachfolger machte. Als Lehrer der Philosophie erwarb
er in Chalkedon ein beträchtliches Vermögen, welches ihm erlaubte, in Athen sei-
nen geistigen Bestrebungen nachzugehen. Als Dichter verfasste er u. a. Tragödien,
Komödien, Satyrspiele und drei Bücher Sillen, d. h. Satiren in Hexametern, die im
anachronistischen Dialog mit Xenophanes von Kolophon »dogmatische« Philoso-
phen verspotteten, Pyrrhon hingegen begeistert feierten. An Prosawerken ist u. a. ein
Dialog Python zu nennen, in dem Timon mit Pyrrhon über seinen Weg zum Skepti-
zismus sprach, ferner die Abhandlung Über Sinneswahrnehmungen sowie die Schrift
Gegen die Naturphilosophen. Die Lehre Pyrrhons brachte Timon auf die knappe
Formel dreier Fragen und Antworten: 1. Wie sind die Dinge beschaffen? Antwort:
»unentscheidbar, unbegreifbar, unbestimmbar.« 2. Wie soll man sich ihnen gegenüber
verhalten? Antwort: »Meinungslos, neigungslos, regungslos.« 3. Was gewinnt man da-
raus? Antwort: Letztlich den »Seelenfrieden und die Glückseligkeit.«
Begründer und Hauptvertreter der Jüngeren Skepsis war Ainesidemos aus Knos-
210 XV Die Philosophie

sos (1. Jh. v.)30, der lange Zeit im ägyptischen Alexandria lebte und Pyrrhoneische
Abhandlungen in acht Büchern sowie eine Einführung in die Grundzüge der Philoso-
phie Pyrrhons verfasste. Auch er vertrat die Ansicht, dass jeder These eine gleichge-
wichtige Gegenthese gegenüberstehe und empfahl daher strikte Urteilsenthaltung.
Sextus Empiricus (Pyrrh. hyp. I 36–163) überliefert die zehn Tropen (»Wendungen,
Argumente«), welche die rein negative Erkenntniskritik des Ainesidemos theoretisch
begründen: Demnach werden dieselben Grundgedanken (1.) von verschiedenen Le-
bewesen, (2.) von verschiedenen Menschen, (3.), von verschiedenen Sinnen der-
selben Menschen, (4.) von denselben Menschen zu verschiedenen Zeiten, (5.) von
Menschen aus verschiedenen Kulturen, (6.) von denselben Menschen in verschie-
denen Medien, (7.) von denselben Menschen in unterschiedlichen räumlichen Ver-
hältnissen, (8.) von denselben Menschen in verschiedenen Mengen und Konzentra-
tionen, (9.) von den denselben Menschen in verschiedenen zeitlichen Verhältnissen
und (10.) von denselben Menschen in verschiedenen gegenseitigen Verhältnissen
jeweils anders wahrgenommen.
Stringentere Formulierungen der skeptischen Grundsätze lassen sich kaum vor-
stellen.
Es folgen ein paar Bemerkungen zur Akademischen Skepsis und deren Hauptver-
tretern. Zunächst ein kurzer Rückblick: Der erste Leiter der Älteren Akademie nach
Plato war dessen Neffe Speusippos (348–339 v.), dem Xenokrates (339–312 v.), Pole-
mon (ca. 312–266 v.) und Krates (ca. 266–265 v.) folgten. Speusippos und Xenokra-
tes entwickelten im Anschluss an den späten Platon spekulative Systeme, welche die
gesamte Wirklichkeit aus zwei Prinzipien, dem »Einen« und dem »Vielen«, erklärten.
Bei Polemon zeigte sich dagegen, dem allgemeinen Trend der hellenistischen Philo-
sophie entsprechend, eine Abwertung der Theorie:

»Er sagte, man müsse sich an den Aufgaben des Lebens üben, nicht an dialektischen
Spekulation« (so Diog. Laert. IV 18).

Arkesilaos aus Pitane (ca. 315–240 v.)32 war in Athen zunächst Hörer Theophrasts
und schloß sich dem Peripatos an, trat aber später auf Wunsch des Akademikers
Krantor, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, der Akademie bei, deren
Leitung er als Nachfolger des Krates von ca. 265 bis zu seinem Tode innehatte. Die
antike Philosophiegeschichte lässt mit ihm einen neuen Abschnitt, nämlich die sog.
Mittlere Akademie, beginnen. Cicero (de orat. III 67) konstatiert in seinem Falle die
Nähe von Sokratik und Skeptizismus und begründet diese These folgendermaßen:

»Arkesilaos habe aus den verschiedenen Büchern Platons und den sokratischen Dia-
logen vor allem herausgelesen, dass es nichts Gewisses gebe, was wir mit den Sinnen
oder der Vernunft erkennen könnten, und er habe seinen äußerst ansprechenden Stil
dazu gebraucht, andere von jedem Vernunft- oder Wahrnehmungsurteil abzubringen.«

In Wirklichkeit jedoch ging Arkesilaos mit seinem Nichtwissen weit über Sokrates
hinaus:
4 Der Skeptizismus 211

»Er bestritt, dass es etwas gebe, das gewusst werden könne, nicht einmal das, was
Sokrates für seine Person übriggelassen hatte, nämlich ›ich weiß, dass ich nichts weiß.‹
So war er der Auffassung, alles liege im Verborgenen, und es gebe nichts, was wahr-
genommen oder erkannt werden könne. Deshalb dürfe niemand etwas offen zugeben
oder behaupten oder durch seine Zustimmung anerkennen.« (Cic. acad. post 45).

Arkesilaos war demnach ähnlich wie Pyrrhon und Arkesilaos ein radikaler Skep-
tiker.
Karneades (214–129 v.)33, Sohn des Epikomos oder Philokomos, stammte aus
Kyrene und wurde später Bürger von Athen (vgl. IG II/III2 3781). Er war Schüler
des Stoikers Diogenes von Babylon und des Akademikers Hegesinos von Athen,
als dessen Nachfolger er von ca. 160 bis 137 v. die Leitung der Schule innehatte. Er
begründete nach Sextus Empiricus (Pyrrh. hyp. I 220) die Neue Akademie. Man
bescheinigte ihm allgemein dialektischen Scharfsinn, immensen Arbeitseifer und
enorme Belesenheit. Sorgfältig studierte er die Schriften der Stoiker, insbesondere
die des Chrysippos; bezeichnend ist daher sein Ausspruch: »Wenn Chrysippos nicht
wäre, wäre auch ich nicht« (Diog. Laert. IV 62). Karneades hatte nicht nur in Athen
großen Zulauf, sondern auch in Rom 155 v. (vgl. unten S. 217). Ebenso wie Arkesi-
laos hinterließ er nichts Schriftliches: Seine Lehren wurden erst von seinen Schülern,
besonders von seinem Nachfolger Kleitomachos, aufgezeichnet. Karneades stand
auch in der Tradition des Arkesilaos und stimmte mit ihm darin überein, dass er
die »erfassende Vorstellung« (kataleptike phantasia) des Stoikers Zenon entschieden
bestritt: Wie Arkesilaos leugnete er die Existenz eines Kriteriums der Wahrheit und
forderte ebenfalls Urteilsenthaltung (epoche). Um jedoch die Möglichkeit praktischer
Entscheidungen offenzulassen, maß er stärker als Arkesilaos »dem Überzeugenden«
(pithanon, probabile) Bedeutung bei und unterschied drei verschiedene Stufen rela-
tiver Erkenntnismöglichkeit: 1. Überzeugende Vorstellung. 2. Überzeugende und un-
widersprochene Vorstellung. 3. Überzeugende, unwidersprochene und allseits geprüfte
Vorstellung (vgl. Sext. Emp. math. VII 176–189. Ähnlich Pyrrh. hyp. I 227–229.
Cic. ac. I 99–104). Unter den weiteren Lehrmeinungen verdienen seine Argumente
gegen die Existenz der Götter (Sext. Emp. math. 9, 130, Cic. nat. 3), seine Ausein-
andersetzung mit der stoischen Vorsehungslehre (vgl. Cic. nat. deor. 65–93) und
seine Ablehnung von Wahrsagung und Astrologie (Cic. div. 2) Erwähnung. Gegen-
über dem stoischen Fatalismus verteidigte Karneades die Freiheit des Willens. In
der Ethik erörterte er das echte Lebensziel anhand einer Aufstellung aller denkbaren
Ziele, an deren Spitze die Glückseligkeit stand. Cicero (de fin V. 16–21) spricht im
Hinblick auf diese Hierarchie von der divisio Carneada (»Einteilung des Karneades).«
Cicero war übrigens besonders von Karneades beeindruckt (vgl. Tusc. V 84 ff.), frei-
lich ohne dessen Ablehnung der Rhetorik zu teilen.
Was das Nachleben des Skeptizismus angeht, so würde es den Rahmen dieser
Untersuchung sprengen, wollte ich im Einzelnen aufzeigen, wie diese philosophische
Richtung nicht nur in der Antike, sondern im Mittelalter, in der Neuzeit, besonders
vom 17. bis zum 20. Jh. und nicht zuletzt in der Gegenwart bei zahllosen Denkern
und Philosophen ihre Spuren hinterließ. Wer sich im Einzelnen darüber informie-
ren möchte, sei auf den ausführlichen und kenntnisreichen Artikel von M. Albrecht
im Neuen Pauly34 verwiesen. An dieser Stelle sei nur so viel gesagt: Ausgangspunkt
212 XV Die Philosophie

der Pyrrhonischen Skepsis war das Orientierungs- bzw. Erkenntnisproblem, ob man


überhaupt einer Meinung und, wenn ja, welcher Meinung man zustimmen solle (vgl.
Sext. Emp., Pyrrh. hyp. I 12). Während die Skeptiker selbst ihre philosophischen und
weltanschaulichen Gegner als Urheber dieser Problematik ausmachten, auf die sie
ihrerseits reagierten, z. B. Sextus Empiricus »die Dogmatiker«, Montaigne »die Wis-
senschaft«, G. E. Schulze »den absoluten Idealismus«, erscheint diese Sinneskrise,
von der Außenperspektive her gesehen, eher als Reflex tiefgreifender Umbrüche der
politischen Entwicklung. Die pyrrhonische Skepsis entstand im 4. und 3. Jh. v. zur
Zeit der Diadochenkämpfe, sie wurde im 2. und 1. Jh. v. in einer Phase großer politi-
scher Instabilität erneuert, im Frankreich des 16. Jh. zur Zeit der Religionskriege und
großer sozialer Umschichtungen wieder aufgegriffen und auch nach dem Zweiten
Weltkrieg in den Jahren umfassender Kompromittierung von Politik und Kultur in
Deutschland aktualisiert. Zuletzt sympathisierte man mit dieser skeptischen Grund-
einstellung, angesichts wachsender wirtschaftlicher und politischer Ernüchterung,
auch im wiedervereinigten Deutschland.

5 Der Kynizismus35
Zum Schluss einige Bemerkungen zu den Kynikern, die in hellenistischer Zeit eben-
falls von nicht zu unterschätzender Bedeutung waren. Es handelt sich um Philoso-
phen, deren Lehren vornehmlich mit Diogenes von Sinope verbunden sind, teilweise
aber bereits auf dessen Lehrer, den Sokratiker Antisthenes, zurückgehen. Der Name
leitet sich von dem Spitznamen des Diogenes kyon (»Hund«), nicht von dem atheni-
schen Gymnasium Kynosarges her, in welchem Antisthenes lehrte. Von den beiden
Haupteigenschaften des echten Kynismus, der »Bedürfnislosigkeit« und der »Scham-
losigkeit«, d. h. der gründlichen Missachtung aller Konventionen, vertrat Antisthenes
nur die erste, Diogenes auch die zweite und verdankte dieser seinen Beinamen, da
der Hund in der Antike als schamloses Tier par excellence galt. Dem Charakter ihrer
Philosophie entsprechend, bildeten die Kyniker anders als die bisher betrachteten
Strömungen keine Schule mit einem Oberhaupt. Auch gab es keine ausgebildeten
Dogmen oder divergierende Richtungen. Vielmehr unterschieden sie sich vor allem
durch ihren persönlichen Charakter und den individuellen Gebrauch, den sie von
ihrer Philosophie machten. Der Kynismus existierte bis in die Spätantike hinein.
Antisthenes von Athen (ca. 455–360 v.)36 gilt als wichtiger Wegbereiter des Ky-
nismus. Als Sohn eines athenischen Bürgers und einer thrakischen Sklavin stand er
zunächst in freundschaftlichen Beziehungen zu den Sophisten Gorgias, Prodikos
und Hippias, schloß sich dann aber dem Sokrates an und wurde dessen begeisterter
Schüler (daher auch der Beiname »der Sokratiker«). Die von ihm bald nach dem
Tode des Sokrates 399 im Kynosarges ausgeübte Lehrtätigkeit wurde zum Ausgangs-
punkt des Kynismus. Zwar knüpfte Antisthenes in Dialektik und Sprachanalyse
vielfach an die Sophistik an, doch bildete die Ethik nach dem Vorbild des Sokrates
von Anfang an den zentralen Bereich seines Wirkens. Auch für Antisthenes war die
»Glückseligkeit« (eudaimonia) das eigentliche Lebensziel, auch für ihn war diese nur
5 Der Kynizismus 213

durch die »Tugend« (arete) erreichbar (vgl. Diog. Laert. 6, 11). Neben ihr galten ihm
alle vermeintlichen Güter wertlos: Dies ist der Ansatzpunkt für seine Lehre von der
Bedürfnislosigkeit, die im Kynismus zentrale Bedeutung erlangte. Von hier aus ergab
sich auch die Kritik am nomos (»Herkommen«), was letztlich sogar zur Negation
von Staat und Religion führte. Antisthenes war ein fruchtbarer und bedeutender
Schriftsteller: Sein Herakles zeichnete das Idealbild des Kynikers, der auf Grund ra-
tionaler Entscheidung nicht das mühelose, sondern das mühevolle Leben wählt (vgl.
den Mythos von Herakles am Scheidewege bei Xenophon, mem. II 1, 21–31 nach
Prodikos). Die Schrift Kyros (man vgl. Xenophons Kyrupädie) stellte den idealen
Herrscher dar, der sich vom nomos loslöst; sein Protreptikos (»Ermunterung«, sc. zur
Philosophie) aber wurde zum Vorbild einer ganzen Literaturgattung.
Diogenes von Sinope (400/399–328/323 v.)37 war der eigentliche Begründer der
kynischen Philosophie. Sein Vater Hiketas hatte als oberster Finanzbeamter von
Sinope das im Umlauf befindliche Falschgeld durch einen Stempel als solches dekla-
riert, wurde jedoch deswegen auf Betreiben der Geschädigten verbannt und über-
siedelte mit seinem Sohn nach Athen. Diogenes befragte angeblich das delphische
Orakel, was er tun solle, und erhielt die Antwort: das nomisma entwerten. Dieses
Wort bedeutet entweder »Münze« oder »Konvention«. Diogenes interpretierte die
Aufforderung dahingehend, allen Konventionen den Kampf anzusagen, soweit sie
nicht naturnotwendig sind. Gleichzeitig kam er unter den Einfluss des Sokratesschü-
lers Antisthenes, der ein Leben der Bedürfnislosigkeit predigte. Diogenes vereinigte
beides und trieb es auf die Spitze: Er schlief in einer Tonne, aß nur einfache Speisen,
verschmähte alle Eß- und Trinkgeräte (man könne ja auch aus der hohlen Hand trin-
ken!), trug Sommer und Winter dieselbe Kleidung, verzichtete auf Ehe und Familie
und befriedigte seine sexuellen Bedürfnisse in der Öffentlichkeit. Diese Schamlosig-
keit trug ihm den Beinamen »Hund« und seiner Philosophie die Bezeichnung Ky-
nismus ein. Als er für diese rigorose Lebensweise zu alt wurde, beging er angeblich
hochbetagt durch Anhalten des Atems in Korinth Selbstmord. Dort sah noch Pausa-
nias (II 2,4) sein Grabmal, das mit dem Marmorbild eines Hundes geschmückt war.
Diogenes war bereits zu seinen Lebzeiten von Legenden und Anekdoten umwo-
ben. Viele der zahllosen Geschichten bei Diogenes Laertios (VI 20–81) sind sicher-
lich erfunden, wahrscheinlich auch die berühmte Alexanderanekdote (Cic. Tusc.
V 92):

»Der Kyniker Diogenes sagte freimütig zu Alexander, als dieser ihn zu sagen bat, ob er
etwas nötig hätte: ›Geh mir ein wenig aus der Sonne‹.«

Unmittelbar nach seinem Tode wurde Diogenes zur Figur eines Romans: Er begann
damit, dass Diogenes als Sklave verkauft werden sollte und, nach seinem Metier be-
fragt, dem Verkäufer antwortete, es solle ihn kaufen, wer einen Herren brauche. Ein
gewisser Xeniades machte ihn tatsächlich zum Führer seines Lebens und Aufseher
seines Haushalts, wobei sich Diogenes bestens bewährt haben soll.
Stilpon von Megara, Angehöriger der sog. Megarischen Schule und glänzender
Eristiker (ca. 380–300 v.), war einer der ersten, der im Bereich der Ethik stark vom
Kynismus seines Zeitgenossen Diogenes beeinflusst war. Als er bei der Eroberung
und Plünderung seiner Heimatstadt Megara durch Demetrios Poliorketes 307/306 all
214 XV Die Philosophie

seine Habe verlor, antwortete er auf die entsprechende Frage des Demetrios: »Mein
Wissen trägt mir niemand fort« (Plut. Demetr. 9,5). Dieser Ausspruch, der die Ableh-
nung aller äußeren Güter beinhaltet, lebt im Lateinischen in der klassischen Formu-
lierung fort (vgl. Cic. Parad. 1, 8. Sen. ep.mor. 9,18): Omnia mea mecum porto (»Ich
trage alles Meine mit mir«).
Krates von Theben und Metrokles von Maroneia waren Schüler des Diogenes.
Sie hielten an den Grundprinzipien seiner Lehre fest und propagierten das Ideal der
Bedürfnislosigkeit, das sie für den Garanten der Glückseligkeit hielten. So heißt es
bei Krates in einem Brief an seine »Jünger« (fr. 2 Müseler):

»Kümmert euch um eure Seele, um den Leib jedoch nur, soweit es notwendig ist, um
die äußeren Güter aber überhaupt nicht. Die Glückseligkeit (eudaimonia) besteht näm-
lich nicht im Wohlergehen, das der äußeren Dinge bedarf, sondern in der Tugend, die
ohne jedes äußere Gut vollkommen ist.«

Ähnlich wie bereits Diogenes, der von sich sagte »Ich bin ein Kosmopolit« (vgl. Diog.
Laert VI 63), betrachtete sich auch Krates als Weltbürger, indem er betonte (Diog.
Laert. VI 98):

»Mein Vaterland umfasst weit mehr als nur eine Mauer und ein Dach; der ganze Erd-
kreis ist uns Stadt und Haus. Er steht uns offen, dass wir uns darin niederlassen.«

Metrokles erfand die Gattung der Chreiai (Chrien). Darunter versteht man Samm-
lungen von Anekdoten, Aussprüchen und Lebensregeln, die als Richtschnur für das
eigene Verhalten dienen sollten. Etwas weiter von Diogenes entfernten sich einige
kynische Richtungen, die im 3. Jh. v. aufkamen. Zenon von Kition, der Begründer
der Stoa, war durch Krates zunächst stark kynisch beeinflusst, ehe er in Anknüpfung
an Sokrates sein eigenes System entwickelte; Ariston von Chios, ein Schüler Zenons,
stellte dem einen mehr kynisch gefärbten Stoizismus entgegen.
Menippos von Gadara (in Phönikien) lebte in der ersten Hälfte des 3. Jh. v. und
war ein bedeutender Vertreter des Kynismus. Seine Lebensgeschichte bei Dioge-
nes Laertios (VI 99–101) ist großenteils unglaubwürdig und offenbar dem Bios des
Diogenes von Sinope nachempfunden: Demnach war er ursprünglich Sklave, später
Bürger von Theben und betrieb unseriöse Geldgeschäfte. Da er schließlich sein gan-
zes Vermögen verlor, erhängte er sich angeblich aus Verzweiflung. Diogenes Laertios
schreibt ihm 13 Werke zu, u. a. Nekyia (Unterweltsfahrt), wohl eine Parodie der ho-
merischen Nekyia, fingierte Götterbriefe, Testamente, ferner Schriften Gegen die Na-
turphilosophen, Mathematiker und Grammatiker, Über den Geburtstag Epikurs und
seine Feier am 20. jeden Monats. Diese Werke, die bis auf wenige Fragmente verloren
sind, enthielten nicht nur heftige Kritik und kynischen Spott (so Diogenes Laertios)
über die Torheiten und den Wissensdünkel der Philosophen, sondern waren durch
eine enge Verbindung von »Ernstem und Heiterem« (so Strabon XVI 2, 29) charak-
terisiert. Stilistisch gesehen, wiesen sie eine eigenartige Mischung von Prosa und
»bunten Versmaß« (poikilometron) auf. Beide Eigenarten, nämlich die Verbindung
von Ernstem und Heiterem sowie die Mischung aus Prosa und Versen, charakteri-
sieren die nach ihm benannte Menippeische Satire, die sich in der Folgezeit großer
5 Der Kynizismus 215

Beliebtheit erfreute: Marcus Terentius Varro führte sie mit seinen Saturae Menippeae
in Rom ein; Senecas Veräppelung des vergöttlichten Claudius, Petrons Satyrikon, das
Werk des Martianus Capella und sogar die consolatio philosophiae des Boethius ge-
hören, formal gesehen, diesem literarischen Genos an. Ferner wertete der Grieche
Lukian in seinen satirischen Dialogen Motive des Menippos aus, formte sie um und
spann sie weiter. Menippos eröffnete somit eine Literarturgattung, die nicht nur in
der weiteren Antike beliebt war, sondern in der Renaissance von F. Villon fortgeführt
wurde und in der Neuzeit noch bei Heinrich Heine hoch im Kurs stand.
Im 3. Jh. entstand auch ein laxerer Kynismus, der nicht die völlige Bedürfnislo-
sigkeit, sondern nur das einfache, anspruchslose Leben pries. Von Bion aus Bory-
sthenes stammt auch eine neue Form des kynischen Lehrvortrages, nämlich die sog.
Diatribe. Es handelt sich um eine in lockeren Ton vorgetragene Abhandlung zur
praktischen Ethik und Lebensweisheit, z. B. zu den Gefahren des Reichtums, zur
richtigen Einstellung gegenüber Ehe und Familie oder zur rechten Lebensführung
allgemein. In der römischen Kaiserzeit wimmelte es von kynischen Bettlerphiloso-
phen, die mit struppigem Bart, schmutzigem Mantel und schäbigem Knotenstock
das Reich durchwanderten. Der Kyniker Demetrios machte im 1. Jh. n. durch an-
timonarchische Reden und Angriffe auf einzelne Kaiser, z. B. Vespasian, von sich
reden. Ähnlich wie Dion Chrysostomos, der bis in die Zeit Traians lebte, vertrat er
einen stoisch gefärbten Kynismus, während die aufgeklärten Kyniker des 2. Jh. n.,
nämlich Oinomaos von Gadara und Demonax von Zypern, die stoische Lehre der
Mantik und des »vorbestimmten Schicksals (Heimarmene)« bekämpften, und der
schwärmerische Peregrinus Proteus, der sich 167 n. öffentlich verbrennen ließ, den
Kynismus mit mystischen, teilweise aus der indischen Philosophie abgeleiteten Ele-
menten verbanden. In der Spätantike ging der Kynismus auch Verbindungen mit
dem Christentum und dem Neuplatonismus ein. Aus der 2. Hälfte des 4. Jh. ist der
Kyniker Maximus von Alexandria bekannt, der mit Gregor von Nazianz befreundet
war und in Konstantinopel die Bischofsweihe erhielt, aber auch mit den Neuplato-
nikern Isidoros von Alexandria und Proklos in Verbindung trat.
Das Nachleben des Kynismus im Mittelalter und in der Neuzeit38 betraf in ers-
ter Linie Diogenes. Wichtigste Quelle für dessen mittelalterliche Kenntnis war die
Kurzbiographie, die der Kirchenvater Hieronymus in seiner Schrift Gegen Jovianus
(II 14) gibt. Er betrachtet Diogenes als moralisches Vorbild, weil er »mächtiger als
der König Alexander und Sieger über die menschliche Natur« gewesen sei (potentior
rege Alexandro et naturae victor humanae). Damit spielt Hieronymus auf die zitierte
Alexanderanekdote und auf die Bedürfnislosigkeit des Diogenes an. Anekdoten über
Diogenes und einige seiner Aussprüche kannte man im Mittelalter auch aus den
Schriften heidnischer Autoren wie Cicero, Seneca und Valerius Maximus. Zwei wei-
tere Quellen kamen später hinzu: Die Spruchsammlung Bocados de Oro (»Goldene
Bissen«), die um die Mitte des 13. Jh. aus dem Arabischen ins Spanische und von dort
ins Lateinische, Französische und Englische übertragen wurde, enthält zahlreiche
Dicta des Diogenes (Kap. 10). Ferner erschien zu Beginn des 14. Jh. der nach dem
Vorbild des Diogenes Laertios verfasste und Walter Burley zugeschriebene Liber de
vita et moribus philosophorum mit der frühesten ausführliche Lebensbeschreibung
des Diogenes. Dieses Buch enthält auch Biographien des Antisthenes und des Krates
(Kap. 50, 33 und 19).
216 XV Die Philosophie

Mit Beginn der Neuzeit traten zu den lateinischen auch griechische Quellen.
Zwischen 1472 und 1533 erschienen die meisten der (unechten) Kynikerbriefe und
das Werk des Diogenes Laertios im Druck, zuerst in lateinischer Version, dann im
griechischen Original. Wesentlich einflussreicher aber waren die Apopthegmata
des Erasmus von Rotterdam, die sich seit dem Erstdruck 1531 rasch über Europa
verbreiteten. Sie enthalten in Buch III eine Fülle von Aussprüchen des Diogenes,
die Erasmus vor allem dem Werk des Diogenes Laertios entnahm. Auf sie berief
sich Hans Sachs, der seinen Zeitgenossen in acht Texten aus den Jahren 1523–1563
Diogenes als Tugendlehrer präsentierte, der auf das Wohl seiner Mitbürger bedacht
war. Auf Hans Sachs stützte sich auch der anonyme Autor jenes Buches, das 1550 in
Zürich erschien: Diogenes. Eine Lustige und Kurtzwylige History von aller Leer und
Läben Diogenis Cynici, des Heydnischen Philosophi. In der Vorrede erläutert der Ver-
fasser, warum die Lebensgeschichte des Diogenes es verdiene, erzählt zu werden. Da
heißt es (umgesetzt ins heutige Deutsch): »Denn obgleich Diogenes viel geredet und
getan hat, das wüst, grob und ungebührlich ist, so hat er dagegen auch viel gelehrt
und selbst getan, woraus man viel Gutes lernen kann.«
Nicht selten sah man in Diogenes einen weisen Narren und einen Zwillingsbruder
des Till Eulenspiegel. Einer antiken Anekdote zufolge zündete er einmal am hellich-
ten Tage eine Laterne an und sagte: »Ich suche einen Menschen« (Diog. Laert. VI 41).
Dass Diogenes mit seiner Laterne in die eigene Zeit hinein versetzt wurde, geschah
im 17. und 18. Jh. auch sonst, und zwar sowohl in literarischen wie auch bildlichen
Darstellungen.
Christoph Martin Wieland empfand für Diogenes und die Kyniker große Sym-
pathie. Platon nannte einer antiken Tradition zufolge (Diog. Laert. VI 54. Ael. Var.
XIV 33) Diogenes einen »verrückten Sokrates« (Sokrates mainomenos). Diese Be-
zeichnung wählte Wieland als Titel seines Romans Sokrates mainomenos oder Die
Dialogen des Diogenes von Sinope (1770). Auch im Denken Goethes spielte Diogenes
eine nicht unwichtige Rolle. Ca. 1775 verfasste er ein kleines Gedicht, das die Worte
enthielt: »So wälz’ ich ohne Unterlass, wie Sankt Diogenes, mein Fass. Bald ist es
Ernst, bald ist es Spaß; bald ist es Lieb, bald ist es Hass; bald ist es dies, bald ist es das;
es ist ein Nichts und ist ein Was. So wälz’ ich ohne Unterlass, wie Sankt Diogenes,
mein Fass.« Auch später hat sich Goethe gerne mit Diogenes verglichen. Bei Wil-
helm Busch findet sich eine Geschichte mit dem Titel Diogenes und die bösen Buben
von Korinth. Darin erzählt er, wie zwei Jungen den Diogenes ärgern, indem sie sein
Fass wegschieben. Die Strafe bleibt nicht aus: Sie werden von dem Fass überrollt,
und am Ende bleiben von ihnen nur zwei plattgewalzte Figuren übrig. Nicht zuletzt
spielt Diogenes auch bei Friedrich Nietzsche eine gewisse Rolle. In der Erzählung
Der tolle Mensch (Die fröhliche Wissenschaft, Buch III 125) wird aus dem verrückten
Sokrates, der mit einer Laterne einen Menschen sucht, der »tolle Mensch«, der den
anderen die Botschaft vom Tode Gottes verkündet und ihnen erklärt, dass sie selbst
Gott umgebracht hätten.
Im Deutschen unterscheidet man heute zwischen Kynismus und Zynismus, wo-
bei ersterer die Philosophie der Kyniker, letzterer dagegen den ›kynischen‹ Spott
bezeichnet. Diese Unterscheidung lässt sich bis ins 18. Jh. zurückverfolgen. Es ver-
steht sich von selbst, dass sich im Zynismus eine Seite der kynischen Philosophie
verselbständigt hat.
5 Der Kynizismus 217

Zum Schluss seien noch zwei Sachverhalte hervorgehoben, welche die Über-
nahme der hellenistischen Philosophie in Rom und deren Weiterleben bis in die
Moderne insgesamt eindrucksvoll dokumentieren:

1. Im Jahr 155 v. begab sich eine griechische Philosophengesandtschaft nach Rom


und erregte dort großes Aufsehen. Der historische Hintergrund war folgender:
Athen hatte die attische Küstenstadt Oropos überfallen und ausgeplündert. Das
zum Schiedsrichter eingesetzte Sikyon verhängte eine Strafe von 500 Talenten
über die Athener. Daraufhin schickten diese zur Regelung der Angelegenheit
die drei damals bekanntesten Philosophen nach Rom, nämlich den Akademiker
Karneades, den Stoiker Diogenes und den Peripatetiker Kritolaos, die tatsächlich
erreichten, dass die Strafe erheblich reduziert wurde, nämlich auf 100 Talente.
Weit wichtiger aber als dieser vordergründige Erfolg war jedoch, historisch ge-
sehen, die Faszination, welche die genannten Philosophen damals auf die Römer
ausübten. Darüber berichtet Plutarch (Cato maior 22):
»Sofort liefen die bildungsdurstigsten Leute den Männern zu, scharten sich um sie
und hörten begeistert ihre Vorträge. Vor allem erfüllte sie der glänzende Geist des
Karneades, der mit seiner außerordentlichen rednerischen Wirkungskraft und seinem
nicht geringeren Ruhm eine große, gebildete Hörerschaft zu faszinieren wusste, die
Stadt mit seinem Ruf wie ein Sturmwind. Man erzählte sich, ein Grieche von geradezu
überwältigenden Geistesgaben, der alles bezaubere und bezwinge, habe die Jugend
derart in seinen Bann geschlagen, dass sie alle ihre sonstigen Vergnügungen und Un-
terhaltungen vergessen hätten und nur noch für die Philosophie begeistert wären.«

Anschließend berichtet Plutarch, dass die Römer dieses Verhalten der Jugend bil-
ligten, Cato aber die Ausweisung der Philosophen beantragte, »weil er fürchtete,
die jungen Leute möchten, wenn sie ihren Ehrgeiz nach dieser Seite wendeten, den
Ruhm der Beredsamkeit höher schätzen als den der Taten des Krieges«.39
Aus anderen Quellen (vor allem Lact. inst. IV 14,3–5) weiß man, dass Karneades
anlässlich dieser Gesandtschaft an einem Tag eine fulminante Rede für die Ge-
rechtigkeit hielt, am folgenden Tag aber nicht minder überzeugende Argumente
gegen sie vorbrachte. Nicht zu Unrecht gilt dieses Ereignis als »Schlüsseldatum
im Prozess der Einbürgerung der Philosophie in Rom« (so K.-H. Stanzel). Ein
überzeugender Beweis für die Richtigkeit dieser These liegt darin, dass Cicero in
seiner staatstheoretischen Schrift De re publica im Gefolge des Karneades eben-
falls ein Plädoyer für und wider die Gerechtigkeit halten ließ.

2. Damit ist die Person genannt, die für die Übernahme der hellenistischen Philo-
sophie und darüber hinaus für deren Weiterwirken bis in die Gegenwart verant-
wortlich zeichnet. Cicero hat bekanntlich eine Reihe von philosophischen Schrif-
ten verfasst, die an dieser Stelle nicht einzeln aufgezählt werden sollen. Es genügt
vielmehr, die historische Bedeutung dieser Werke aufzuzeigen. Dazu äußert sich
W. Görler40 mit Recht so: »Er [sc. Cicero] wusste auch, was er den Griechen ver-
dankte, und deshalb fühlte er sich dazu berufen, griechisches Denken seinen
Landsleuten zu vermitteln. Dazu war er befähigt wie kein anderer. Neben dem
unbefangenen Blick war es ihm in ungewöhnlichem Maße gegeben, schwierige
218 XV Die Philosophie

Sachverhalte klar und knapp darzustellen. So hat er nicht nur seinen Zeitgenos-
sen, sondern auch der Nachwelt ein fesselndes und facettenbreites Bild der Phi-
losophie des Hellenismus entworfen. Das kann nicht hoch genug veranschlagt
werden: Ohne Ciceros zusammenhängende Berichte wäre unsere Kenntnis der
Lehre Epikurs, der Stoa und der skeptischen Akademie nur lückenhaftes Stück-
werk. Unter einem anderen Aspekt ist sein Einfluss noch größer. Cicero musste
die griechischen Lehren in seine eigene Sprache übersetzen, die erst über ein
beschränktes philosophisches Vokabular verfügte. Viele Termini in seinem Werk
sind daher eigene Schöpfungen; die meisten davon wurden vom mittelalterlichen
Denken und von der Renaissance übernommen und prägen die philosophische
Terminologie noch heute.«
XVI Die religiöse Entwicklung

XVI Die religiöse Entwicklung1

1 Der Götterkult
Die Festlegung einer genauen Epochengrenze für die hellenistische Religion ist we-
nig sinnvoll, ja sogar unmöglich. Denn die Übergänge von der klassischen Zeit zum
Hellenismus sind fließend, und der hellenistischen Religion eignet ein Janusgesicht:
Einerseits existieren zahlreiche Aspekte, die aus der archaischen und klassischen
Epoche übernommen wurden, andererseits findet sich eine Reihe substantieller In-
novationen. Folgende Entwicklungen dürfen daher nicht einseitig in den Vorder-
grund gestellt werden:
1. Das Fortleben der Religion in klassischer Zeit (so. C. Schneider2).
2. Der Niedergang der klassischen Religiosität (so Ed. Meyer3).
3. Die Mysterienkulte als Wegbereiter des Christentums (so W. W. Tarn-G. T. Grif-
fiths4).
Vielmehr gilt es, diese Aspekte allesamt zu berücksichtigen und gebührend zu ge-
wichten:

1.1 Das Fortleben der Religion in klassischer Zeit

Was die traditionellen Elemente der griechischen Religion angeht, so ist es eine unbe-
streitbare Tatsache, dass Grundzüge der alten Götterverehrung vielfach weiterlebten:
Auch wenn die klassische Polis im Zuge der Entwicklung der hellenistischen Ter-
ritorialstaaten ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomie großenteils
eingebüßt hatte, war der traditionelle Götterkult nach wie vor ein wichtiges Element
bürgerlicher Selbstdarstellung nach innen wie nach außen. Athena blieb die Göttin
Athens, Hera die Göttin von Argos und Samos, Helios der Gott der Rhodier: Ihm
wurde damals sogar eine Kolossalstatue errichtet, die zu den Sieben Weltwundern
zählte. Den Höhepunkt der Götterverehrung in den Städten bildeten nach wie vor die
oft noch prunkvoller als zuvor gestalteten Feste, Umzüge und Prozessionen, an denen
fast die gesamte Bürgerschaft teilnahm und als geschlossene Gemeinschaft auftrat. Im
Zentrum der Feierlichkeiten stand der große Altar der jeweiligen Gottheit, um ihn ver-
sammelte sich die Menge und brachte prunkvolle Opfer dar. Die Tempel selbst dienten
der Aufnahme des Kultbildes und waren nur den Priestern zugänglich, die so wie bis-
her den Kult vollzogen. Orakel und Weissagungen spielten weiterhin eine bedeutende
Rolle.5 Groß war allenthalben auch die Anzahl der Kultvereine, die sich ihre eigenen
Satzungen gaben. In einem privaten Kultverein aus Philadelphia (spätes 2. oder frühes
1. Jh. v.) finden sich u. a. die folgenden Vorschriften für den Dionysoskult:

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4_16, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
220 XVI Die religiöse Entwicklung

»Wenn Männer und Frauen, Freie und Sklaven zu diesem Hause kommen, sollen sie
bei allen Göttern einen Eid leisten, dass sie die Heimtücke gegen Mann und Frau nicht
kennen, dass sie weder kennen noch anwenden böse Gifte gegen Menschen, böse
Zauberformeln, Liebestränke, Abtreibungsmittel, Verhütungsmittel, andere Mittel,
die Kinder töten; dass sie weder ein solches anwenden noch einen anderen beraten
noch Mitwisser sind. Sie sollen alles tun, um wohlwollend gegenüber diesem Hause zu
sein.«

Auch die panhellenischen Agone wurden an den klassischen Stätten weitergeführt,


z. B. in Olympia zu Ehren des Zeus, in Delphi zu Ehren des Apollon, in Korinth
zu Ehren des Poseidon. Dazu kam eine wachsende Anzahl lokaler Wettkämpfe für
verschiedene Gottheiten. Auch der Mythos behielt seine bisherigen Funktionen:6
Er unterstützte politische Ansprüche und diplomatische Missionen, prägte den Lo-
kalpatriotismus, förderte die Identität der Städte, bildete das Vorbild menschlichen
Handelns und diente zur Erklärung alten Brauchtums.

1.2 Der Niedergang der klassischen Religiosität

Was den Niedergang der klassischen Religiosität bzw. die Innovationen auf religiö-
sem Gebiet im Hellenismus betrifft, so verdienen besonders die folgenden Aspekte
Erwähnung:

a) Die weite Verbreitung des Tychekultes7 und die Vergottung


anderer abstrakter Begriffe

Die politische, wirtschaftliche und geistige Unsicherheit, die im Hellenismus an-


gesichts veränderter Lebensbedingungen und permanenter Krisensituationen weite
Kreisen der Bevölkerung erfasste, führte dazu, dass die Tyche (Schicksalsgöttin) be-
sondere Verehrung erfuhr und beispielsweise in Antiocheia am Orontes sogar zur
Stadtgöttin wurde. Durch Opfer und Gebet versuchte man die Schicksalsgöttin gnä-
dig zu stimmen. Denn Tyche zeichnete sich durch Launenhaftigkeit und Unbere-
chenbarkeit aus; der Glaube an sie führte vor allem bei den Gebildeten vielfach zur
Resignation, nicht selten aber auch zu einer Gegenreaktion, nämlich dem Bestreben,
die Schicksalsschläge mit Anstand und Würde zu ertragen. Dies galt beispielsweise
für den Komödiendichter Menander. Umgekehrt hielten sich nicht wenige (füh-
rende) Personen für besondere Günstlinge der Tyche, eine Einstellung, die z. B. noch
bei den Römern Sulla und Caesar nachwirkte.
Außer der Tyche lässt sich im Hellenismus die kultische Verehrung zahlreicher
weiterer abstrakter Begriffe in den Götterlisten feststellen. Dies galt etwa für Ho-
monoia (Eintracht), Eunomia (Wohlgesetzlichkeit), Eirene (Friede) und Demokratia
(Demokratie), wobei die politischen Implikationen dieser Kulte per se evident sind.
In den bereits erwähnten Vorschriften eines Kultvereins aus Philadelphia werden
unter den »rettenden Göttern« die folgenden aufgezählt: Eudaiomonia (Glückselig-
keit), Plutos (Reichtum), Arete (Tugend), Tyche Agathe (Gutes Glück), Agathos Dai-
mon (Guter Daimon), Mneme (Erinnerung) und Nike (Sieg). Offenbar versuchte man,
1 Der Götterkult 221

durch die in den Inschriften auch sonst zu beobachtende Anhäufung von Götter-
namen »einen Schild des Schutzes in allen Bereichen des Lebens zu konstruieren«
(so A. Chaniotis).

b) Das Phänomen des Synkretismus8

Die frühere Forschung verwandte das Wort Synkretismus durchweg als Bezeich-
nung für das Phänomen der »Vermischung« von griechischen und nichtgriechischen
Gottesvorstellungen, kultischem Brauchtum und Attributen von Göttern, um die
religiöse Einheit in der Vielfalt der ›globalisierten‹ Welt des Hellenismus zu cha-
rakterisieren. Damals erfolgte, nicht zuletzt dank der multiethnischen Struktur der
hellenistischen Großreiche und Territorialstaaten sowie durch die große Mobilität
von Söldnern, Siedlern und Kriegsgefangenen, fast zwangsläufig die Übernahme von
Glaubensvorstellungen und religiösen Organisationsformen des Orients und Ägyp-
tens in die griechische Welt. Heutzutage hat man gewisse Bedenken gegen die Ver-
wendung des Begriffes Synkretismus, da er letztlich ein einheitlich-übergreifendes
Modell religiöser Übernahmen impliziert, wovon im Hellenismus jedoch nicht die
Rede sein kann.9 Stattdessen wäre es angemessener, jeweils spezifizierende Begriffe,
z. B. Gleichsetzung, Parallelisierung, Absorption oder ähnliche Bezeichnungen zu
verwenden. Gleichwohl soll der Ausdruck, da er sich er sich überall eingebürgert
hat, im Folgenden beibehalten werden.
Auch dieses Phänomen bedeutet in der griechischen Religion nichts grundsätzlich
Neues. Denn die Gleichsetzung von bestimmten griechischen mit nichtgriechischen
Göttern und Heroen erfolgte bereits zu Zeiten Herodots durch die sog. interpretatio
Graeca, etwa in der Identifizierung des tyrischen Stadtgottes Melkart mit Herakles.
Indessen nahm sie erst in der Zeit des Hellenismus weit umfangreichere Dimensio-
nen an, wie die folgenden Beispiele zeigen: Man identifizierte Demeter mit Isis, Dio-
nysos mit Osiris, die griechische Mutter Rhea mit Kybele. Sarapis (der Zeus, Pluton
und Helios in sich vereint) wurde als Allgott auch in der griechischen Welt verehrt.
Aus Phönikien drangen die Kulte von Ataragtis und Deketo nach Griechenland ein,
aus Kleinasien wurden außer der syrischen Göttin Kybele Sabazios und Men in den
griechischen Götterkosmos integriert.10

c) Die Religion im Dienste der Legitimation monarchischer Herrschaft11

Die großen hellenistischen Staaten waren ausnahmslos Militärmonarchien. Bei Ih-


ren Herrschern, die ursprünglich allesamt als Generäle und Nachfolger Alexanders
aktiv waren, handelte es sich um machtvolle und ehrgeizige Männer, die auf das
Heer gestützt, ihre Herrschaft in den Ländern etablierten, in denen die Monarchie
eine lange Tradition hatte. Die Grundlage ihrer Herrschaft wird in einem Passus
der Suda, einem byzantinischen Lexikon des 10. Jh., treffend so beschrieben (s.v.
basileia):

»Es ist weder die Abstammung noch die Legitimation, welche Männern die Monarchie
überträgt, sondern die Fähigkeit, ein Heer zu befehligen und einen Staat zu lenken, wie
es für Alexanders Nachfolger zutrifft.«
222 XVI Die religiöse Entwicklung

Die neuen Machthaber hatten demnach ihre Stellung mit dem Schwert gewonnen
und suchten ihre Herrschaft nicht selten durch die Berufung auf die Religion zu
legitimieren. Dabei existierten unterschiedliche Möglichkeiten. Die direkteste Form
war die Einrichtung des Kultes der verstorbenen Vorfahren des Königs oder die gött-
liche Verehrung der lebenden Herrscher. Davon, vor allem vom Herrscherkult der
Seleukiden und der Ptolemaier, soll im nächsten Abschnitt die Rede sein. Daneben
existierten aber auch subtilere Formen, die Religion für politische Zwecke zu instru-
mentalisieren. Ein wesentliches Charakteristikum, das allen hellenistischen Monar-
chen gemeinsam war, bestand in der Berufung auf besondere Schutzgottheiten: Die
Antigoniden in Makedonien beanspruchten, vom argivischen Herakles abzustam-
men und ließen seine Keule als Emblem auf die Münzen prägen. Damit taten sie zu-
gleich die Absicht kund, ihre Verbindung zu den Argeaden, der Familie Philipps II.
und Alexanders des Großen, hervorzuheben. Polybios (V 10,10) bemerkt, Philipp
V. »legte sein Leben lang größten Wert darauf, als Blutsverwandter Alexanders und
Philipps angesehen zu werden«. Und Livius (XXXII 22,11) betont:

»Die Argiver glauben, die makedonischen Könige stammten von ihnen ab, und waren
außerdem meistens durch persönliche Gastfreundschaft und vertrauten Umgang mit
Philipp (V.) verbunden.«

Die Seleukiden betrachteten Apollon als ihren Schutzherren, der das Königtum
des Seleukos vorausgesagt hatte (vgl. Diod. XIX 90,4). Seleukos I. Nikator, der das
Symbol Apollons, nämlich einen Anker, bei seiner Geburt auf dem Schenkel trug,
hielt sich sogar für dessen Sohn. Dieser Anspruch wurde bereits 281 v. anerkannt,
als Seleukos einer Inschrift aus Ilion zufolge (OGIS 212) die Stadt von Lysimachos
befreit hatte. In dieser Urkunde werden zahlreiche Privilegien für den neuen König
aufgezählt, darunter die Errichtung eines Altars, auf dem der Gymnasiarch jährlich
ein Opfer darzubringen hatte, die Benennung eines Monats (Seleukios) nach dem
König sowie die Ausrichtung eines vierjährigen »bekränzten« Festes mit musikali-
schen, athletischen und hippischen Darbietungen »wie für Apollon, den Ahnherren«
(sc. der Dynastie).
Die Ptolemaier pflegten vornehmlich den Kult des Dionysos. In besonderem
Maße galt dies für Ptolemaios IV. Philopator. Wahrscheinlich erließ er das folgende
Dekret, das die Regelung des Dionysoskultes betrifft (BGU 1211. Select Papyri 208):

»Dekret des Königs. Personen, welche die Riten des Dionysos im Binnenland vollzie-
hen, sollen nach Alexandria fahren, und zwar diejenigen, welche im Gebiet von hier bis
Naukratis wohnen, innerhalb von zehn Tagen nach der Veröffentlichung des Dekrets,
diejenigen aber, welche hinter Naukratis wohnen, innerhalb von zwanzig Tagen; sie
sollen sich von Aristobulos registrieren lassen im Registrierungsamt binnen dreier Tage
vom Datum ihres Eintreffens und sollen sogleich erklären, durch welche Person ihnen
die Riten vermittelt worden sind, und zwar bis drei Generationen zurück; sie sollen das
geheiligte Buch über die Mysterien des Dionysos versiegelt mit dem jeweiligen Namen
beschriftet einreichen.«
1 Der Götterkult 223

Offenbar war es der Zweck dieses Dekrets, die formelle staatliche Feier der dionysi-
schen Riten zu fördern, die informelle private Verehrung dagegen zurückzudrängen.
Als letztes Beispiel für eine Schutzgöttin sei die von den Attaliden in Pergamon
verehrte Athena Nikephoros (Siegbringende Athena) genannt.
Ferner stand die Präsenz hellenistischer Könige in den großen panhellenischen
Heiligtümern wie Delphi und Olympia durch prachtvolle Weihungen und Monu-
mente sowie die Veranstaltung und Inszenierung großartiger Feste und Umzüge
in Diensten monarchischer Ideologie. Auch dies war nichts grundsätzlich Neues;
neu war jedoch das Ausmaß derartiger Inszenierungen. Von einer großartigen
›Showveranstaltung‹, die wohl zwischen 279 und 275 v. unter Ptolemaios II. statt-
fand und »schier unfassbare Dimensionen hatte« (so W. Huß), berichtet Kallixeinos
von Rhodos in seinem Werk Alexandreia (FGrHist 627 F 2). Demnach entfaltete
sich der Umzug, zu Ehren der Götter in vier Teil-Prozessionen: In der Prozession
(pompé) des Morgensterns, in der pompé der theoi Soteres (Rettenden Götter«, sc.
des Ptolemaios I. und seiner Gemahlin), in der pompé aller Götter und in der pompé
des Abendsterns. Den Abschluss bildete eine Parade von 57 600 Infanteristen und
23 000 Kavalleristen.

d) Emotionalität und Intensität der hellenistischen Religion

Auf diesen Aspekt der hellenistischen Religiosität verweist besonders A. Chaniotis.12


Die oben erwähnten Kultvorschriften aus Philadelphia enthalten u. a. die folgende
Partie:

»Kein Mann darf, außer mit der eigenen Frau, mit einer anderen Frau, die einen Mann
hat, Geschlechtsverkehr haben, weder mit einer Freien noch mit einer Sklavin; auch
nicht mit einem Knaben oder mit einer Jungfrau; er darf auch keinen beraten. Und
sollte er wissen, dass eine andere Person dies tut, so muss er diese anzeigen, Mann
und Frau, und er darf die Sache nicht verheimlichen oder verschweigen. Der Mann und
die Frau, die etwas von dem oben Geschriebenen tut, darf dieses Haus nicht betreten;
denn in diesem Haus haben große Götter ihren Sitz, die diese Dinge beobachten; und
wer ihre Befehle verachtet, wird von ihnen nicht geduldet. Die freie Frau soll rein sein
und sie darf weder das Bett noch den Beischlaf eines anderen Mannes als ihres eige-
nen kennen. Tut sie es aber, dann ist diese Frau nicht rein, sondern befleckt und voll
Schmutz und unwürdig, diesen Gott zu verehren, für den dieses Heiligtum gegründet
ist; und sie darf weder dem Opfer beiwohnen noch die Reinigungen und Entsühnun-
gen stören noch die Durchführung der Mysterien schauen. Und wenn sie etwas von
diesen Dingen tut, nachdem diese Vorschriften aufgezeichnet wurden, verfluchen sie
die Götter mit bösen Flüchen, denn sie beachtet ihre Befehle nicht«

Intensive Emotionen charakterisieren auch sonst den hellenistischen Götterglauben.


Ein bezeichnendes Beispiel hierfür ist eine Gattung, die sich bereits in klassischer
Zeit findet, nämlich die der Fluchtexte (lat. defixiones). Eine in Amorgos gefunde-
nen Fluchtafel (IG XII 7) repräsentiert eine besondere Gruppe unter den magischen
Texten, nämlich die Gebete für Gerechtigkeit. Der Text beginnt mit den Worten:13
224 XVI Die religiöse Entwicklung

»Herrin Demeter, Königin, zu Deinen Füßen falle ich, Dein Sklave. Ein gewisser Epaphro-
ditos hat meine Sklaven genommen, er hat sie falsch instruiert, er hat ihnen Ideen ge-
geben, er hat sie beraten, er hat sie verdorben, er hat Schadenfreude bewiesen, er hat
sie ermutigt, er hat ihnen die Idee gegeben, wegzulaufen, er hat meine junge Sklavin
verführt, um sie sich gegen meinen Willen zur Frau zu nehmen. Aus diesem Grund ist
sie zusammen mit den anderen Sklaven weggelaufen.«

Aus diesem Grunde wendet sich der Verflucher an Demeter, mit der Bitte, ihm Ge-
rechtigkeit widerfahren zu lassen:

»Herrin Demeter, ich, der all das erleben musste und keine andere Unterstützung habe,
wende mich an Dich, damit Du mir Erbarmen zeigst, so dass ich mein Recht finde.«

Der folgende Gefühlsausbruch aber zeigt, worum es ihm eigentlich geht, nämlich
nicht um Gerechtigkeit, sondern um den Vollzug der Rache:

»Veranlasse, dass jener, der sich so mir gegenüber verhalten hat, keinen Erfolg hat,
weder beim Gehen noch beim Stehen, weder im Körper noch im Geiste. Ihm sollen
weder die Sklaven noch die Sklavinnen dienen, weder jung noch alt. Setzt er einen Plan
um, soll er ihn nicht durchführen können. Möge dieser Bindezauber seinen Haushalt
ergreifen. Niemals soll er das Weinen eines Kindes hören, niemals soll er einen Tisch
der Freude decken. Weder ein Hund soll bellen noch ein Hahn krähen. Sät er, so soll er
nicht ernten; weder Erde noch Meer sollen ihm Früchte tragen. Er soll keine Freude ken-
nen, sondern sowohl er als auch seine ganze Habe in übler Weise vernichtet werden.
Herrin Demeter, ich flehe Dich als Schutzflehender an, weil mir Unrecht getan wurde;
erhöre mich, Göttin, und fälle Dein Urteil darüber, was gerecht ist, damit Du mit den
schlimmsten und schwersten Leiden jene heimsuchst, die solches im Sinn haben und
Schadenfreude empfinden und mir und meiner Frau Epiktesis Schmerzen zugefügt
haben und uns hassen. Königin, erhöre unser Gebet, weil wir gelitten haben; bestrafe
jene, die uns mit Freude in diesem Zustand sehen.«

Zwar gab es defixiones, wie bereits betont, schon in klassischer Zeit, doch derartige
Verfluchungen, die auf so emotionaler Basis eine Gottheit um Hilfe bzw. Rache bit-
ten, tauchen erst im Hellenismus auf.

e) Mysterienkulte bzw. Erlösungsreligionen14

Ein besonderes Charakteristikum der hellenistischen Epoche waren die sogenann-


ten Mysterienkulte oder Erlösungsreligionen. W. Burkert15 definiert den Begriff
Mysterien, der vom griechischen mystai (»Eingeweihte«) abgeleitet ist, folgender-
maßen: »Mysteries were initiation rituals of voluntary, personal and secret character
that aimed at a change of mind through experience of the sacred.« Die Wurzeln der
Mysterienkulte liegen nicht in der orientalischen, sondern in der griechischen Welt:
Aus diesem Grunde ist die noch immer weit verbreitete Bezeichnung »orientalische«
Erlösungsreligionen unzutreffend. Auch die Mysterienkulte bildeten nichts grund-
sätzlich Neues, sondern existierten schon in archaischer Zeit. Zu erinnern ist etwa
1 Der Götterkult 225

an den Kult der Erdgöttin Demeter in Eleusis, an die geheimen Umzüge zu Ehren
des Wein- und Vegetationsgottes Dionysos, an die Verehrung der Großen Götter,
in Samothrake oder an den Kult der kleinasiatischen Magna Mater (Kybele). Ein
Novum bildet jedoch erneut die weite Verbreitung, welche diese Kulte im Helle-
nismus im Vergleich zu früheren Zeiten fanden. Dies galt besonders für die oben
genannten Götter, aber auch für die Integration von »ausländischen« Gottheiten in
den Mysterienkult, z. B. der syrischen Göttin, der Isis, des Osiris, des Sarapis oder
des Mithras,16 dessen Verehrung allerdings erst gegen Ende des Hellenismus beginnt.
Von dem Kult der ›offiziellen‹ Polisgottheiten unterscheiden sich die Mysterien
vornehmlich in folgenden Punkten:17
• Gemeinsam ist ihnen allen das Ritual der individuellen Initiation (»Einweihung«),
die auf ganz unterschiedliche Weise erfolgt, z. B. durch Askese und Enthaltsam-
keit, Waschungen und Reinigungen, Salbungen und Entsühnungen. Diese Auf-
nahmeriten markieren für das Individuum den Beginn eines neuen Daseins und
eine grundlegende Änderung in der Selbstdefinition, die nicht selten als eine Art
Wiedergeburt verstanden wird und sich als besondere Beziehung zur Mysterien-
gottheit bis ans Lebensende niederschlägt.
• Im Unterschied zur klassischen Polisreligion waren die Mysterienkulte nicht mit
der Gesamtheit der Bürger identisch, es existierte vielmehr eine besondere Ge-
meinschaft von Kultgenossen, die durch feste Satzungen und Vorschriften mit-
einander verbunden waren und zu denen auch Frauen, Metöken und Sklaven
gehörten. Entsprechend waren diese Kulte in gewissem Sinne egalitär.
• Die Mysterien konstituierten sich nach außen häufig durch Umzüge und Prozes-
sionen, bei denen die Mitglieder in ekstatischem Thiasos zu wilder Musik und
orgiastischen Tänzen durch die Straßen zogen. Bei ihrer Ausübung spielten oft
die polaren Gegensätze von Licht und Dunkel, Freunde und Trauer, Wahrheit und
Lüge eine zentrale Rolle.
• Die Begehung der mystischen Kulte führte oftmals zur Ekstasis (dem »Außer-Sich
Sein«), einer Art heiligen Ergriffenseins der Personen.
• Oberstes Ziel bildet die »Weihe« (telete) bzw. das»Unsagbare« (arrheton), die mys-
tische Erleuchtung, die allein dem Mysten zuteil ward, wie es bei Plutarch (fr. 178
Sandbach) heißt:
»Es erscheint ihm wundersames Licht, oder lichte Gegenden und Wesen nehmen ihn
auf, wo Ehrfurcht gebietende Klänge und Tänze, heilige Lieder und himmlische Schau-
spiele aufgeführt werden. In ihnen wandelt der nun Vollendete frei und ledig und
schwärmt bekränzt in Gesellschaft heiliger und reiner Männer, herabschauend auf die
ungeweihte Masse hiernieden, die in Schlamm und Nebel einander tritt und drängt
aus Furcht vor dem Tode und weil sie dem Guten im Jenseits nicht glaubt, an das Elend
auf Erden gefesselt.«
• Die Mysterienkulte haben allesamt, wenn auch in verschiedener Weise, mit dem
Leiden und Sterben zu tun. Denn die Götter dieser ›Geheimkulte‹ stehen nicht
wie die »unsterblichen« Olympier über der elementaren menschlichen Tatsache
des Todes, sondern kennen sie aus eigener Erfahrung. Sie überwinden jedoch
den Tod und verheißen den Menschen ein besseres Jenseits als jene Schatten-
existenz im Hades, die nach der traditionellen Religion der Gestorbenen harrte.
226 XVI Die religiöse Entwicklung

Charakteristisch hierfür ist besonders der Mythos von Demeter und Persephone,
der sich bereits im homerischen Hymnos An Demeter (Nr. 2) findet: Persephone
wurde von Hades, dem Gott der Unterwelt, geraubt. Demeter fand ihre Toch-
ter nach langem Suchen und Umherirren und bewirkte schließlich, dass Perse-
phone einen Teil des Jahres in die Oberwelt und damit ins Leben zurückkehren
durfte.
• Die Exklusivität der Mysterien war durch strenge Geheimhaltung geschützt, an-
dernfalls drohte nicht selten sogar die Todesstrafe.
So verpflichtet sich ein Isis-Myste auf einem Papyrus des 3. Jh. n. zu folgendem
Verhalten:
»Im Namen des Gottes, der die Erde von Himmel geschieden hat, das Licht von der
Finsternis, den Tag von der Nacht, die Welt vom Chaos, das Leben vom Tod und das
Werden von Vergehen, schwöre ich nach bestem Wissen und Gewissen, die Mysterien
geheim zu halten, die mir anvertraut werden durch unseren gottesfürchtigen Vater
Serapion und den ehrwürdigen und heiligen Herold Ka(merion?), denen die Weihen
obliegen, und durch meine miteingeweihten und sehr teuren Brüder. Getreu meinem
Eid hoffe ich, dass es mir wohlergehe; aber ich schwöre auch, dass mich Strafe treffen
möge, wenn ich zum Verräter werde.«

Gerade die Geheimhaltung gab bereits den Zeitgenossen zu vielfältigen Spekulatio-


nen Anlass und erschwert noch in der Gegenwart die Kenntnis dieser mystischen
Kulte und Religionen.

1.3 Die Mysterienkulte als Wegbereiter des Christentums

Bereits im Altertum betrachtete man die Mysterienreligionen als Vorläufer und Weg-
bereiter des Christentums; zugleich aber hob man wesentliche Unterschiede her-
vor:
Vor allem die weit verbreitete Bilder- und Symbolsprache der Mysterienkulte
wurde von christlichen Autoren übernommen; einen zentrale Unterschied aber er-
blickten sie darin, dass der Christengott durch seine Botschaft und den Opfertod die
wahren Mysterien verbürgte, während die Mysterienkulte sie lediglich versprachen.
Diese Dichotomie wird von Clemens aus Alexandria am Ende seiner Mahnrede an
die Heiden hervorgehoben (Protr. XII 120,1 f.):

»O wie wahrhaftig heilig sind die Mysterien, o wie lauter das Licht! Vom Fackellicht
werde ich umleuchtet, damit ich den Himmel und Gott schauen kann; ich werde heilig
dadurch, dass ich in die Mysterien eingeweiht werde¸ der Herr enthüllt die heiligen
Zeichen – er ist der Hierophantes und drückt dem Eingeweihten durch die Erleuchtung
sein Siegel auf und übergibt den, der gläubig geworden ist, der Fürsorge des Vaters,
damit er für die Ewigkeit bewahrt werde. Dies sind sie Bakchosfeste meiner Mysterien;
wenn du willst, so lasse auch du dich einweihen.«
1 Der Götterkult 227

Auch die modernen Forscher, beginnend mit den berühmten Theologen Adolf von
Harnack (1861–1925) und Rudolf Bultmann (1884–1976), heben einerseits (nicht
selten übertreibend) den Mysteriencharakter der christlichen Religion hervor und
verweisen andererseits auf grundlegende Unterschiede18, wie die folgenden Ausfüh-
rungen verdeutlichen:
• Die Mysterienreligionen sind durch die tendenzielle Hingabe der Gläubigen an
eine henotheistische Gottheit charakterisiert, daneben existieren für sie jedoch
auch die anderen Götter. Von Monotheismus wie im Falle des Christengottes kann
daher nicht die Rede sein.
• Die Anhänger der Mysterienreligionen hegten die Hoffnung auf den Sieg der
Freude über die Furcht und auf ein besseres Leben im Jenseits, doch den Glauben
an die Auferstehung des Fleisches kannte nur das Christentum.
• In den Mysterienreligionen herrschte die Überzeugung von der Präsenz der Gott-
heit, die sich mit dem ekstatischen Menschen vereint; es fehlt jedoch eine eucha-
ristische unio mystica wie im Christentum.
• Bei den Mysterienreligionen besteht ein gewisses Bemühen, die kultische Reinheit
in ethische Qualitäten umzusetzen, ihre Mitglieder legen jedoch kein Sündenbe-
kenntnis ab, wie dies bei den Christen der Fall ist.
• In den Mysterienreligionen finden sich gewisse Ansätze zu sozialem Engagement,
doch besaß dieser Aspekt im frühen Christentum entsprechend dem Gebot der
christlichen Nächstenliebe einen weit höheren und grundsätzlicheren Stellenwert
(Unterstützung der Armen, Hilfe für Witwen und Waisen, Betreuung der Kran-
ken etc.).
• In den Mysterienreligionen gab es gewisse Gemeinschaftsformen und -gefühle,
doch existierte keine religiöse Gemeinde wie im Christentum.
• Schließlich besaßen die Mysterienreligionen gewisse Organisationsformen, doch
verfügten sie nicht wie die Christen über feste Organisationsstrukturen (Bischöfe,
Presbyter, Diakone etc.).
Diese Bemerkungen zeigen, dass Ähnlichkeiten mit der christlichen Religion zwar
durchaus vorhanden sind, aber nicht übertrieben werden sollten, da die Unter-
schiede in vieler Hinsicht weit bedeutender sind: In erster Linie enthält die Hinwen-
dung zu den Mysterien eine Aussage über die Befindlichkeit der Zeit, nämlich das
Vertrauen auf sorgende Götter und die Perspektive, mit ihrer Hilfe in den Gefahren
des Lebens besser bestehen zu können und auch dem Tod nicht schutzlos preisgege-
ben zu sein. Ferner boten die Mysterienreligionen eine Antwort auf das Gefühl des
Ausgesetztseins an blinde und irrationale Mächte, wie es gerade für die damaligen
Menschen charakteristisch war.
Am Ende dieses Abschnitts sei ergänzend auf die Existenz des Volks- und Aber-
glaubens verwiesen, die zu allen Zeiten und so auch im Hellenismus einen hohen
Stellewert einnahmen. Davon war bereits in anderem Zusammenhang die Rede.
228 XVI Die religiöse Entwicklung

2 Das Judentum19
Keine Darstellung der religiösen Ideen des Hellenismus darf die besondere Entwick-
lung des jüdischen Volkes außer Acht lassen. Dies gilt vor allem für den Aufstand
der Makkabaier in der Mitte des 2. Jh. v., der aus religiösen und nationalistischen
Motiven erfolgte und sich gegen die seleukidische Monarchie richtete. Diese Erhe-
bung trug wesentlich dazu bei, die Bedingungen in Palästina zu schaffen, welche
zweihundert Jahre später zur Entfaltung des Christentums führten. Glücklicherweise
verfügen wir über umfangreiches Quellenmaterial, das teilweise bis in die erste Hälfte
des zweiten Jahrhunderts zurückreicht: Das Buch Daniel entstand wahrscheinlich
vor 163 v., da es weder den Tod Antiochos’ IV. noch den Wiederaufbau des Jerusale-
mer Tempels in diesem Jahr erwähnt. Es muss parallel zum Kommentar des heiligen
Hieronymus, besonders zu Buch IX, gelesen werden. Ferner sind das erste und zweite
Makkabaierbuch zu nennen, die beide auf Archiv- und Familienüberlieferungen ba-
sieren. Bei dem ersten handelt es sich um ein strikt jüdisch-nationalistisches Werk,
das vermutlich bald nach 104 v. entstand und die Zeit von 175 bis 135 v. umfasst; das
zweite bildet eine gekürzte Fassung der fünfbändigen jüdischen Geschichte des Jason
von Kyrene in griechischer Sprache und behandelt die Jahre von 175–160 v.20 Jason
schrieb im Jahr 142 v., sein Epitomator um 125 v. Zu diesen Hauptquellen kommen
als Ergänzung der Aristeas-Brief, das Werk eines hellenisierten Juden aus Alexan-
dria, sowie die historisch weniger wichtigen Makkabaierbücher 3 und 4. Im ersten
nachchristlichen Jahrhundert verfasste Flavius Josephus die höchst umfangreichen
Jüdischen Altertümer. In Buch XII berichtet er über die hasmonäische Erhebung.
Gleich ob die Juden in Palästina lebten oder in der Diaspora, sie hielten stets an der
monotheistischen und exklusiven Verehrung des Gottes Jahwe fest: »Jahwe als der
Gott Israels, Israel als das Volk Jahwes« (so Wellhausen). Dieser Glaube an die Er-
wählung Israels machte es speziell den orthodoxen Juden schwer, ja unmöglich, sich
mit den Griechen in ihrer Umgebung zu arrangieren oder sich den Forderungen der
hellenistischen Könige zu fügen. Gerade das Phänomen der jüdischen Absonderung
hatte eine weit verbreitete antisemitische Einstellung zur Folge:
In dem wohl auf Poseidonios zurückgehenden Bericht Diodors (XXXXIV/XXXV
1) über die Beratungen, die 134 v. im Kronrat Antiochos’ VII. Sidetes über die Be-
handlung Jerusalems und der Juden anlässlich der bevorstehenden Kapitulation der
Stadt abgehalten wurden, schlugen die Freunde des Königs die Zerstörung Jerusa-
lems und die Vernichtung der Juden mit folgenden Argumenten vor:

»Als einziges Volk mieden die Juden den Kontakt zu allen anderen Nationen und be-
trachteten alle als ihre Feinde. Man sagte ihm (sc. dem König Antiochos) auch, ihre
Vorfahren seien gottlose, den Göttern verhasste Menschen gewesen, die man aus ganz
Ägypten verjagt hätte. Da sie nämlich einen weißen oder leprösen Ausschlag am Leib
gehabt hätten, seien sie der Reinigung wegen wie Fluchbeladene zusammengetrieben
und über die Grenzen hinausgejagt worden. Diese Vertriebenen hätten nun die Ge-
gend um Jerusalem besetzt, woraus das Volk der Juden entstanden sei und den Men-
schenhass zur Tradition gemach habe; daher wiesen sie auch ganz seltsame Bräuche
auf, nämlich mit überhaupt keinem anderen Volk Tischgemeinschaft zu pflegen oder
ihm irgendwie Wohlwollen zu erweisen.«
2 Das Judentum 229

Tacitus (hist. V 5) berichtet ergänzend:

»Die Juden haben die Sitte der Beschneidung eingeführt, um sich durch diese Verschie-
denheit kenntlich zu machen. Ihre Proselyten nehmen denselben Brauch an, und nichts
wird ihnen früher beigebracht, als ihre Götter zu verachten, ihr Vaterland zu verleug-
nen, Eltern, Kinder und Brüder gering zu achten … Nach ägyptischer Sitte begraben
sie ihre Toten, anstatt sie zu verbrennen. Sie haben auch den gleichen Bestattungs-
ritus und die gleiche Vorstellung von der Unterwelt, während die Anschauungen von
den himmlischen Dingen entgegengesetzt sind. Die Ägypter verehren viele Tiere und
selbstgefertigte Bilder, bei den Juden liegt nur eine Erkenntnis im Geiste vor, die sich
auf ein einziges göttliches Wesen bezieht. Gottlos seien alle, die sich Götterbilder in
menschlicher Gestalt aus irdischen Stoffen schüfen; jenes höchste und ewige Wesen
sei weder nachahmbar noch vergänglich. Daher stellen sie keine Götterbilder in ihren
Städten, geschweige denn in ihren Tempeln auf.«

Tacitus war es auch, der diese verbreitete antijüdische Deutung des Verhältnisses
von Judaismus und Hellenismus auf die knappste und dichteste Formel gebracht hat:

»König Antiochos bemühte sich auch, den Juden ihren Aberglauben zu nehmen und
ihnen die Lebensweise der Griechen zu geben, um dieses scheußliche Volk zum Bessern
zu verändern.«

Eine große jüdische Volksgruppe lebte zur Zeit des Hellenismus im ägyptischen
Alexandria bis zur Mitte des 2. Jh. unter den Griechen, schloß sich dann jedoch zu
einem Ghetto zusammen. Strabon, den Josephus (arch. Jud. XIV 7,2) zitiert, bemerkt
zur Rolle des jüdischen Gemeindevorstehers in Alexandria:

»Sie haben auch ihren eigenen Ethnarchen, der ihre Gemeindeangelegenheiten regelt,
Recht spricht und für ihre Verträge und Beschlüsse zuständig ist, so als wäre er der
wirkliche Herrscher einer unabhängigen Stadt.«

Wie aus einer anderen Stelle bei Josephus (arch. Jud. XV 5,2) hervorgeht, gab es die-
sen Beamten bereits im hohen Hellenismus, da später Kaiser Augustus das Amt neu
besetzte. Zahlreiche Juden waren weitgehend hellenisiert und hatten die hebräische
Sprache zugunsten des Griechischen aufgegeben. Nach der legendären Überliefe-
rung des Aristeasbriefes veranlasste König Ptolemaios II. (283–246 v.) für die alexan-
drinische Bibliothek eine jüdische Übersetzung der Thora, die angeblich von 70 Ge-
lehrten in 70 Tagen gefertigt wurde (daher der Name Septuaginta); wahrscheinlicher
als diese Legende ist jedoch die Annahme, dass Griechisch sprechende Diaspora-
juden, die des Hebräischen nicht mächtig waren, die griechische Übersetzung des
Pentateuchs (der fünf Bücher Moses) anregten. In den folgenden 100–150 Jahren
kamen die Propheten, die Schriften und die Apokryphen hinzu.
Während die Septuaginta zunächst bei den Juden in hohem Ansehen stand, wurde
sie später zum Heiligen Buch der Christen. So entstanden im Laufe der Zeit mehrere
wortgetreue Übersetzungen, bis Origenes im 4. Jh. n. die ihm bekannten griechischen
Versionen und den transkribierten hebräischen Text in seiner synoptischen Ausgabe
230 XVI Die religiöse Entwicklung

der sog. Hexapla nebeneinanderstellte. Die historische Bedeutung der Septuaginta ist
kaum zu überschätzen: Einerseits stellt sie das Dokument einer umfassenden Helle-
nisierung des Diasporajudentums dar, andererseits bildet sie die Brücke, auf welcher
der jüdische Monotheismus mehr und mehr ins Abendland vordrang.
Ein zentraler Aspekt des Judentums im Hellenismus war und blieb »das Span-
nungsverhältnis zwischen der Bewahrung jüdischer Identität und der Anziehungs-
kraft der griechischen Leitkultur« (so K. Bringmann). Die Eroberung durch den
Seleukiden Antiochos III hatte eher geringe historische Folgen, außer dass die Hel-
lenisierung der Juden weitere Fortschritte machte. Das Buch Kohelet (griech. Ekk-
lesiastes, Prediger in der Übersetzung M. Luthers) wurde um 250 v. ganz unter dem
Einfluss griechischer Ideen geschrieben; die dezidierte Erwiderung der jüdischen
Orthodoxie erfolgte in der Weisheitslehre des Jesus ben Sirach (liber Ecclesiasticus),
die 197 v. auf hebräisch verfasst und 132 in Alexandria ins Griechische übertragen
wurde. Durch die 1947 in Qumran entdeckten Bruchstücke der hebräischen Fassung
des zuletzt genannten Werkes wurden die fünfzig Jahre früher in der Ezra-Synagoge
von Kairo gefundenen hebräischen Fragmente ergänzt; sie bezeugen die weite Ver-
breitung dieses Buches unter den orthodoxen Juden, die sich vehement gegen den
Hellenismus wehrten. Ihre geradezu fanatische Opposition gegen jegliches Zuge-
ständnis an den Hellenismus und ihre Bewertung jeder Modifikation der überliefer-
ten Regel, Gesetze und Verbote des Judaismus als eine Art Abfall vom väterlichen
Glauben führte dazu, dass die Opposition der Juden gegen die Seleukiden auf kultu-
rellem Gebiet zur Revolution wurde.
Der Aufstand des Judas Makkabaios und seiner Anhänger von 167–164 v. ge-
gen die Herrschaft der Seleukiden soll hier nicht im Detail besprochen werden.
Der Konflikt entstand, nachdem Seleukos IV. 169 v. den Jawetempel in Jerusalem
geplündert hatte. Unter Antiochos IV. erfolgte dann 167 die Umwandlung des Tem-
pels in ein Heiligtum des olympischen Zeus, die Einwohner von Jerusalem beka-
men den Namen Antiochener, die geheimnisvolle Feste Akra erhielt eine syrische
Garnison; überlieferte jüdische Gebräuche wie Beschneidung und Einhaltung des
Sabbat wurden durch Gesetz verboten. Solche Eingriffe in den überkommenen Kult
waren beispiellos in der griechischen Welt und hatten den heiligen Krieg unter Füh-
rung des Hasmonäers Judas Makkabaios zur Folge. Die Auseinandersetzung mit den
Seleukiden endete damit, dass es den Aufständischen 164 gelang, den alten Kult im
Tempel wiederherzustellen. Dazu heißt es bei Flavius Josephus (arch. Jud. XII 7,7):

»Judas feierte mit seinen Mitbürgern die Wiedereinrichtung der Opfer im Tempel acht
Tage lang unter lautem Jubel. Kostbare und herrliche Opfer lieferten die Speisen zum
Mahle, und man ehrte Gott durch Hymnen und Psalmen, während das Volk in Freu-
den lebte. So großes Frohlocken erregte die Wiedereinführung der freien Ausübung
des Gottesdienstes, dass man ein Gesetz verabschiedete, wonach in Zukunft jährlich
acht Tage lang die Erneuerung des Tempels gefeiert werden sollte. Dieses Fest feiern
wir seit jener Zeit bis heute und nennen es das Fest der Lichter, weil, wie ich glaube, die
freie Ausübung unserer Religion uns unerwartet wie ein Lichtstrahl aufgegangen ist.«

Gleichwohl war für die Zukunft eine Rückkehr zu normalen Beziehungen zwischen
dem jüdischen Tempelstaat und dem seleukidischen Herrscherhaus ausgeschlossen.
3 Der Herrscherkult 231

Die Unabhängigkeit der Juden war hinfort nur mit römischer Unterstützung und
Zustimmung möglich, und dies bedeutete de facto, dass Judäa zum Vasallenstaat
Roms wurde.
Durch Pompeius erhielt es dann im Jahr 63 v. den Status einer römischen Provinz.
Unter der römischen Herrschaft erhoben sich die orthodoxen Juden wiederholt – bis
hin zum letzten Aufstand unter Bar Kochba zur Zeit Kaiser Hadrians 132/133 n. Chr.
Neben diesen erzkonservativen und unnachgiebigen Rebellen aber gab es andere
Juden, deren Blick wesentlich weiter reichte. Vor allem im Umfeld dieses helleni-
sierten Judentums vollzog sich der Aufstieg des Christentums. Paulus, der zugleich
frommer Jude und römischer Bürger war, empfand die Berufung, das Evangelium
den »Heiden« zu verkünden, womit faktisch die griechischen oder hellenisierten
Gemeinden in Kleinasien und Griechenland gemeint waren (Galater 1, 16). Sein
erster Brief an die Korinther (Kor. 1. 12, 12–26) beschreibt die christliche Gemeinde
mit ähnlichen Worten und Ausdrücken, wie sie die Stoiker zur Charakterisierung
des Staates benützten. Später, im zweiten Jahrhundert n. Chr., schöpften viele christ-
liche Apologeten ausgiebig aus der Lehre und Sprache der griechischen Philosophie
(vor allem aus jener der Kyniker). Somit ging das Christentum in der Form, in der
es schließlich im Jahr 380 n. Chr. die Anerkennung als Staatsreligion des Römischen
Reiches gewann, in wesentlichen Zügen aus einer jüdisch-hellenistisch gemischten
Umwelt hervor.

3 Der Herrscherkult22
Wer über die hellenistische Religion spricht, kann nicht umhin, auf den Herrscher-
kult, d. h. die göttliche Verehrung der Könige, einzugehen. Sie findet sich in viel-
fältiger Ausprägung beinahe in allen hellenistischen Reichen mit Ausnahme von
Makedonien, dessen Volkskönigtum mit der religiösen Verehrung des Herrschers
unvereinbar war, und von Pergamon, wo ebenfalls ein staatlich verordneter Herr-
scherkult fehlte. Gerade dieser bildet den sinnfälligsten Ausdruck für die absolutis-
tische Regierungsform der hellenistischen Monarchen und war gewissermaßen die
gemeinsame Klammer, die alle Untertanen etwa im Vielvölkerstaat der Seleukiden
ohne Rücksicht auf Ethnos, Stand, Herkunft und Religion miteinander verband.
Zum Kult gehörten eine Kultstätte, welche das Kultbild enthielt, eine Priesterschaft,
welche die Ausübung des Kultes besorgte, sowie eine Kultgemeinschaft, welche die
›Kulisse‹ für den Vollzug des Kultes bildete.
Zunächst einige allgemeine Bemerkungen:

• In der Forschung herrschte eine lang anhaltende Kontroverse über die Frage, ob
der Herrscherkult seine Wurzeln in orientalischen oder griechischen Vorstellun-
gen hat. Heutzutage ist man sich darüber einig, dass die Wurzeln im griechischen
Denken liegen:23
Denn schon in klassischer Zeit wurden Dichter wie Homer und Pindar als »gött-
lich« (theioi) bezeichnet und auf diese Weise über menschliches Maß hinausge-
hoben. Gleiches gilt z. B. auch für Stadtgründer und Machthaber in Sizilien, etwa
232 XVI Die religiöse Entwicklung

für den Oikisten Antiphemos von Gela oder die Tyrannen Gelon I. und Hieron I.
von Syrakus, die nach ihrem Tode heroische Ehren erhielten und somit als ›Halb-
götter‹ Verehrung genossen. Auch im griechischen Mutterland setzte sich mehr
und mehr die Tendenz durch, herausragende Persönlichkeiten in die göttliche
Sphäre zu erheben. So berichtet Plutarch (Lys. 18 = Duris FGrHist 76 F 71) über
den spartanischen Feldherren Lysander, der im Jahr 404 v. die Athener zur Kapi-
tulation zwang und damit den Endsieg der Spartaner im Peloponnesischen Krieg
sicherstellte:
»Lysander besaß damals eine Macht wie noch kein Grieche vor ihm, aber sein Selbstbe-
wusstsein und sein Stolz waren, so schien es, noch größer als seine Macht. Er war der
erste Grieche, so berichtet Duris, dem die Städte wie einem Gott Altäre errichteten und
Opfer darbrachten, und der erste, auf den Päane gesungen wurden. Der Anfang eines
derselben hatte folgenden Wortlaut: ›Des heiligen Griechenlands Feldherren aus dem
weiträumigen Sparta lasst uns besingen, o Päan.‹ Die Spartaner fassten den Beschluss,
ihr Herafest in Lysanderfest umzutaufen.«

• Einen Schritt weiter ging Philipp II, von Makedonien. Beim Festzug in Aigai 336 v.
ließ er neben den Statuen der zwölf olympischen Götter sein eigenes Kultbild als
dreizehntes mitführen, wobei er »Throngenosse« (synthronos) der Götter auftrat
(vgl. Diod. XVI 92,5) und sich so den Göttern gleichstellte.

• Die Entwicklung zum Herrscherkult verstärkte sich unter Alexander dem Gro-
ßen. Bald nach dem Beginn des Asienfeldzuges richteten die kleinasiatischen
Griechenstädte Kulte und Spiele für den »Befreier« Alexander ein. Dieser selbst
erhob im Jahr 324 v. gegenüber den griechischen Städten Europas die Forde-
rung nach Vergöttlichung (vgl. Plut. mor. 219 f.). In der Tat wurde er in Athen
als »dreizehnter Gott« den olympischen Göttern gleichgestellt, und Gesandte der
griechischen Städte begrüßten ihn in Babylon »wie »Festgesandte« (Theoroi), die
zu Ehren eines Gottes gekommen waren« (Arr. anab. VIII 23,2). Dieser Kult, meist
widerwillig beschlossen, wurde nach Alexanders Tod 323 v. in Griechenland fast
überall wieder abgeschafft, blieb jedoch in Kleinasien weiter bestehen.

• Gleichwohl war auch in der Folgezeit die Vergöttlichung von lebenden Herr-
schern im griechischen Mutterland keine Seltenheit. Mehrere Beispiele aus Athen
bezeugen dies: Im Jahr 307 v. hatten Antigonos Monophthalmos und Demetrios
Poliorketes der Herrschaft des Demetrios von Phaleron ein Ende bereitet. Darauf
beschlossen die Athener für die folgenden Maßnahmen (Plut. Dem. 10):
»Sie allein bezeichneten sie als ›Rettende Götter‹, schafften die altüberlieferte Würde
des Archonten, nach dem das Jahr benannt wurde, ab und wählten alljährlich einen
›Priester der Retter‹, dessen Name an die Spitze der Beschlüsse und Verträge gesetzt
wurde. Sie beschlossen weiter, dass sie neben den Göttern in das heilige Festgewand
(sc. der Athena) eingewebt werden sollten, und den Platz, wo Demetrios zuerst vom
Wagen gestiegen war, weihten sie, errichteten einen Altar und nannten ihn den (sc.
vom Himmel) ›niedersteigenden Demetrios‹. Den Stammesphylen fügten sie zwei wei-
tere hinzu, nämlich Demetrias und Antigonis, und den Rat der Fünfhundert erweiter-
ten sie auf Sechshundert, da jede Phyle fünfzig Ratsherren zu stellen hatte.«
3 Der Herrscherkult 233

304 v. wohnte Demetrios im athenischen Parthenon als »Tempelgenosse« (syn-


naos) seiner älteren Schwester Athena, mit der er die »heilige Hochzeit« (hieros
gamos) vollzog.

• Ein besonders aufschlussreiches und zukunftsträchtiges Beispiel göttlicher Ver-


ehrung war das Verhalten der Athener im Jahr 290 v. Die Historiker Duris von
Samos (FGrHist 76 F 13) und Demochares (FGrHist 75 F 2) überliefern (teilweise)
den Wortlaut eines im altehrwürdigen Versmaß des Ithyphallos abgefassten Kult-
liedes, mit welchem die Athener damals Demetrios Poliorketes (und Demeter)
ehrten.24 Es lautet nach Duris:
»Wie sind die größten unter den Göttern und die liebsten in der Stadt gegenwärtig!
Denn hierher führte der glückliche Augenblick Demeter und Demetrios zusammen.
Und sie kommt, um die erhabenen Mysterien der Kore (Persephone) zu feiern, er aber
ist heiter, wie es der Gott sein muss, schön und lachend gegenwärtig. Etwas Erhabenes
bringt ihr zur Erscheinung, die Freunde alle im Kreis, in der Mitte selbst, (5) ähnlich als
wären die Freunde die Sterne, jener aber die Sonne. O du, des stärksten Gottes Posei-
don Sohn, und der Aphrodite, sei gegrüßt! Andere Götter sind nämlich entweder weit
entfernt (15) oder haben keine Ohren oder existieren nicht oder achten nicht auf uns,
auch nicht ein einziges Mal! Dich aber sehen wir gegenwärtig anwesend, nicht aus
Holz, auch nicht aus Stein, sondern leibhaftig. So beten wir denn zu dir: (20) ›Zunächst
schaffe Frieden, Liebster, denn du bist der Herr. Die nicht nur Theben, sondern ganz
Griechenland lastend beherrscht, die Sphinx – ein Ätoler ist es, der da sitzt auf dem
Fels (25), wie vor alters sie saß. Die Sklaven alle raubt er und trägt sie fort. Nicht weiß
ich zu kämpfen. Ätolisch nämlich war’s zu rauben Nachbars Gut, aber jetzt auch, was
fern ist (30). Am liebsten strafe du ihn selbst. Wenn aber nicht, einen Ödipus finde, der
diese Sphinx entweder niederschleudert tief oder zu Stein macht.«

Demetrios wird somit als leibhaftiger Gott bezeichnet, der allein den Menschen
Heil und Frieden zu bringen und die Ätoler, den Feind der Athener, zu besiegen
vermag. Die traditionellen Gottheiten erweisen sich dagegen als unvermögend.
Diesem Passus kommt eine Schlüsselstellung im antiken Herrscherkult zu. Die
grundsätzliche Frage lautet dabei: Entspringt diese Huldigung für Demetrios Po-
liorketes bloß politischer Berechnung oder liegt ihr echte religiöse Ergriffenheit
zugrunde? Handelt es sich um würdelose Schmeichelei oder tief empfundene Re-
ligiosität? Im Sinne der ersten Alternative sprach sich bereits Athenaios aus, der
diese Verse folgendermaßen kommentiert (VI 63 p. 253 F):
»Dieses Lied sangen die Marathonkämpfer, nicht nur öffentlich, sondern zu Hause, die-
selben, die den kniefälligen Verehrer des Perserkönigs (sc. Kallisthenes) getötet und
unzählige Myriaden von Barbaren ermordet hatten.«

Auch in der modernen Forschung ist die Beurteilung sowohl dieses Hymnos
wie auch des Herrscherkultes insgesamt äußerst kontrovers: Fr. Taeger25 be-
trachtet diese Verse ebenso wie Athenaios als Ausdruck würdeloser Schmei-
chelei, F. W.  Walbank26 dagegen erblickt darin Zeichen echter Religiosität.
H. H. Schmitt27 nimmt wohl mit Recht einen Mittelweg zwischen diesen Positio-
nen ein, wenn er schreibt: »Ob aus diesem Text ›kein echter Kult zu erwachsen‹
234 XVI Die religiöse Entwicklung

vermochte (Taeger), lässt sich für heutige, in ganz anderer Glaubensumgebung


aufgewachsene Menschen wohl kaum mit Sicherheit erfassen; zumindest konnte
ein solcher Retter- und Befreier-Kult einen gewissen Religionsersatz bieten,
der wenigstens zeitweise Trost, Hoffnung und das Gefühl von Sicherheit geben
konnte.«

• Beim Herrscherkult ist generell zwischen solchen Formen zu unterscheiden, die


für Monarchen von griechischen Städten, Vereinen oder Privatleuten eingerich-
tet wurden, und solchen, die von den Königen selbst angeordnet wurden. So
existierte beispielsweise bei den Attaliden in Pergamon kein dynastischer Kult,
doch wurde ihnen in zahlreichen Städten kultische Verehrung zuteil: Besonders
erwähnenswert sind die Ehrungen, welche der Apollonis, der Gemahlin von
Attalos I., zuteil wurden. Sie erhielt noch zu Lebzeiten den Kultnamen Eusebes,
»die Fromme« (OGIS 3089) und wurde in vielen Städten verehrt. Ein Beispiel
hierfür bietet Teos, wo eine Inschrift die Einzelheiten eines Festes wiedergibt,
bei dem das Opfer unter Leitung der »Priester des Königs Eumemes und der Göt-
tin Apollonis Eusebes und ihre Priesterin und der Königin Stratonike« stattfand.
Die Inschrift enthält auch die Verfügung über die Errichtung eines Tempels für
Apollonis mit dem weiteren Kultnamen der Apobateria, der »Herabsteigenden«:
Der Tempel sollte nämlich an der Stelle gebaut werden, wo Apollonis bei einem
Besuch in Teos an Land gegangen war (OGIS 309. L. Robert, Études anatoliennes,
1937, 17).

• Während Herrscherkulte von den Städten in den meisten Fällen für erwiesene
Wohltaten der einen oder anderen Art eingerichtet wurden, dienten die von
den Monarchen angeordneten im Allgemeinen der Legitimation ihrer Herr-
schaft.

• Der Hinweis auf den Heilige Aufzeichnung überschriebenen Reiseroman des Eu-
hemeros von Messene28, einem Vertrauten des Königs Kassandros (311–298 v.),
ist für die Begründung und Legitimation des Herrscherkults generell von großer
Bedeutung. Die Inhaltsangabe dieses Romans bei Diodor (VI 1, 4–10 = FGrHist
63 F 2. vgl. auch Diod. V 41–46 = F 3) lautet (in der Übersetzung von O. Veh):
»Euhemeros, ein Freund des Königs Kassander, der ihn veranlasste, gewisse Staatsge-
schäfte zu erledigen und große Reisen in die Ferne zu unternehmen, berichtet, dass er
sich südwärts bis an den Ozean begeben habe. Denn nach seiner Abfahrt von Arabia
Felix habe er mehrere Tage lang den Ozean durchquert und sei schließlich auf einigen
Meeresinseln gelandet, von denen eine Panchaia hieß. Dort beobachtete er, dass die
Panchaier, welche dort wohnen, ungemein fromme Menschen sind und die Götter mit
prächtigen Opfern und wertvollen Weihegaben aus Silber und Gold verehren. Die Insel
ist den Göttern geweiht, und hier gibt es eine Menge anderer Gegenstände, die wegen
ihres Alters und ihrer kunstvollen Anfertigung Bewunderung verdienen und von uns in
den vorausgehenden Büchern bereits eingehend beschrieben worden sind. Auf einem
mächtigen Hügel erhebt sich dort ein Heiligtum des Zeus Triphylios, das er selbst in der
Zeit errichtet hat, als er noch über die ganze bewohnte Erde herrschte und unter den
Menschen weilte. In diesem Tempel befindet sich eine goldene Stele, und mit Buch-
3 Der Herrscherkult 235

staben, wie sie die Panchaier verwenden, sind darauf in Kürze die Taten des Uranos,
Kronos und Zeus niedergeschrieben. Weiterhin berichtet Euhemeros, Uranos sei der
erste König gewesen, ein ehrenwerter und wohltätiger Mann, der sich auf den Lauf der
Sterne verstand. Er war auch der erste, welcher die himmlischen Götter durch Opfer
ehrte und daher auch den Namen Uranos erhielt. Als Söhne aber gebar ihm seine Frau
Hestia den Titan und den Kronos, als Töchter die Rhea und die Demeter. Kronos wurde
nach Uranos König; er vermählte sich mit Rhea und zeugte den Zeus, die Hera und
den Poseidon. Zeus aber, der in der Königswürde folgte, heiratete Hera, Demeter sowie
Themis und hatte von ihnen Kinder, und zwar von der ersten die Kureten, Persephone
von der zweiten und von der dritten Athene. Nach seiner Ankunft in Babylon wurde er
von Belos freundlich aufgenommen; darauf begab er sich zur Insel Panchaia, die im
Ozean liegt, und errichtete hier einen Altar des Uranos, seines eigenen Ahnherren. Von
dort aus zog er durch Syrien zu dessen damaligen Herrscher Kasios, von dem der Berg
seinen Namen hat. Schließlich kam Zeus auch nach Kilikien, bezwang in einem Krieg
den Kilix, den Fürsten dieser Gegend, und suchte noch sehr viele andere Völker auf, von
denen er allesamt geehrt und öffentlich zum Gott erklärt wurde.«

Diesem Passus liegt die Auffassung zu Grunde, dass Uranos, Kronos und Zeus
ursprünglich Könige waren, später jedoch dank ihrer hervorragenden Taten in
den Rang von Göttern erhoben wurden. Daraus leitete Euhemeros allgemein die
These ab, dass die Götter ursprünglich hochverdiente Menschen einer fernen Ver-
gangenheit waren.
Heutzutage bezeichnet das Wort Euhemerismus ein Prinzip rationalistischer My-
thenkritik; in Wirklichkeit ging es Euhemeros jedoch, wie H. Dörrie29 überzeu-
gend nachgewiesen hat, sicherlich nicht primär um Mythenerklärung. Das Buch
sollte vielmehr als Leitfaden dafür gelesen werden, wie Könige auf Grund von
großen Wohltaten und Leistungen zu göttlichen Ehren aufsteigen konnten, und
in diesem Sinne ist es auch von den Zeitgenossen verstanden worden. Demnach
fand sich hier die prinzipielle Legitimation für den Herrscherkult: Wenn Uranos,
Kronos und Zeus als Retter und Wohltäter göttliche Ehren erhalten hatten, wa-
rum sollte dies nicht auch bei den Königen der Gegenwart der Fall sein? So hatte
dieser utopische Reiseroman eine aktuelle politische Zielsetzung.
Der Schrift des Euhemeros war ein bedeutendes Nachleben beschieden: Bald nach
ihrem Erscheinen erhob Kallimachos in seinem Zeushymnos (V. 8) den Vorwurf,
Euhemeros habe die Götter zu Menschen erniedrigt; dagegen fertigte der römi-
sche Dichter Ennius eine Übersetzung mit dem Titel Sacra historia, aus der einige
Fragmente erhalten sind (fr. 12–26).

Nach diesen allgemeinen Ausführungen soll die Entwicklung des Herrscherkul-


tes im Ptolemaierreich30 genauer aufgezeigt werden, da die Quellenlage dazu am
günstigsten und informativsten ist. Danach ist noch kurz vom Herrscherkult der
Seleukiden die Rede.

• Um seine usurpierte Herrschaft zu legitimieren, schuf bereits Ptolemaios I. den


Kult Alexanders des Großen als Reichskult in Ägypten. Mitglieder vornehmer
makedonischer Familien, ja gelegentlich sogar die Ptolemaierkönige selbst, fun-
236 XVI Die religiöse Entwicklung

gierten als Priester. Alexander wurde auf diese Weise zum Patron der Ptolemai-
erdynastie erhoben. Unter dem Namen Alexandros (er heißt nie »Gott Alexan-
der«, theos Alexandros) wurde er offenbar den olympischen Göttern gleichgestellt.
Vom Reichskult zu trennen ist der städtische Kult Alexanders als Gründer von
Alexandria, der wahrscheinlich ebenfalls von Ptolemaios I. eingeführt wurde. Die
nächsten Stufen in der Herausbildung des ptolemaiischen Herrscherkultes sind
mit der Person Ptolemaios’ II. Philadelphos (283–246 v.) verbunden. Er ließ sei-
nen Vater nach dessen Tod 283 als »Rettenden Gott« (theos Soter) konsekrieren.
Diesem Kult wurde dann auch der seiner ersten Frau Berenike I. nach ihrem Tod
ca. 279–275 v. hinzugefügt (vgl. Abb. 16). Für beide wurde der Kult der »Retten-
den Götter« und, damit verbunden, das Fest der Ptolemaieia begründet.

• Ptolemaios II. ging aber noch einen Schritt weiter: Er begründete nämlich den
Kult seiner eigenen Person und seiner Schwestergemahlin Arsinoe II. unter der
Bezeichnung »Geschwistergötter« (theoi adelphoi), Ein wichtiger Beleg hierfür fin-
det sich in einem Papyrus (P. Hibeh II 199), der den Eintrag enthält:
»In jenem Jahr, dem vierzehnten von Ptolemaios II. (wohl 272 v.), wurden der Name
des Priesters des Alexander und die Namen der Geschwistergötter (theoi adelphoi) bei
Verträgen hinzugefügt.«

Diese göttliche Verehrung des lebenden Herrschers bzw. Herrscherpaares war ein
Ereignis von ungeheurer historischer Tragweite: Der König wurde dadurch be-
reits zu Lebzeiten weit über alle Untertanen hinausgehoben und in die göttliche
Sphäre gerückt: Die Grundlagen des absoluten Herrschertums von Gottes Gna-
den waren damit gelegt, wie W. Ensslin31 betont, der die Verbindungslinie vom
antiken Herrscherkult zum mittelalterlichen Gottkaisertum zieht.

• Die folgenden Ptolemaier hielten alle an der Apotheose der lebenden Herr-
scher fest: Nach ihrer Thronbesteigung nahmen sie einen Kultnamen an, den
sie zusammen mit ihren Frauen führten, z. B. »Wohltätige Götter« (theoi euerge-
tai), »Vaterliebende Götter« (theoi philopateres) oder »Leibhaftige Götter« (theoi
epiphaneis). Ferner gab es in Ägypten zahlreiche Beispiele dafür, dass sich die
Ptolemaier olympischen Gottheiten gleichstellten, und zwar besonders dem

Abb. 16 Alexandrinische Goldmünze (Okta-


drachmon) unter Ptolemaios II. (285–246 v.),
Rückseite. Das vergöttlichte Herrscherpaar
(Legende theon = Götter) Ptolemaios I. und
Berenike I. (mit Diadem)
3 Der Herrscherkult 237

Dionysos. Eine Inschrift aus Adulis (OGIS 54), die nur aus einer Abschrift des
Kosmas Indikopleustes, eines Reisenden des sechsten Jahrhunderts, bekannt ist,
nennt Ptolemaios III. väterlicherseits einen Nachfahren des Herakles, mütter-
licherseits einen Nachkommen des Dionysos. Der vierte und auch der zwölfte
Ptolemaier (Auletes) wurden mit Dionysos gleichgesetzt. Letzterer nahm sogar
den Titel »der Gott neuer Dionysos« (theos neos Dionysos) in seine Nomenklatur
auf.

Der Herrscherkult ist, wie bereits betont, im Ptolemaierreich am besten bekannt, er


war aber auch sonst überall in der hellenistischen Welt verbreitet. Daher noch ein
kurzer Blick auf den Herrscherkult der Seleukiden.
Antiochos I. proklamierte seinen Vater zum Gott mit dem Titel »Seleukos Nika-
tor«, doch der erste Seleukide, der einen Staatskult für sich und seine Vorfahren ein-
richten ließ, war Antiochos III. (223–187 v.). Ein wichtiger Beleg hierfür findet sich
in einem Brief, den er im Jahr 193 oder 192 v. an Anaximbrotos, den Satrapen von
Karien, sandte und in dem er eine Priesterin für den Kult seiner Gemahlin Laodike
einsetzte (OGIS 224; Welles, RC 36. L. Robert, Hellenica 7, 1949, 17 f.):

»König Antiochos entbietet Anaximbrotos seinen Gruß. Weil wir die Ehren für un-
sere Schwesterkönigin Laodike weiterhin vermehren wollen …, beschließen wir, dass
ebenso wie für unseren Kult im Reich Hohepriester zu berufen sind, nunmehr auch
Hohepriesterinnen für sie in den sämtlichen Satrapien einzustellen sind; sie sollen gol-
dene Kränze mit ihrem Bild tragen, und ihre Namen sollen bei Verträgen nach jenen der
Hohepriester für unsere Vorfahren und für uns erwähnt werden …«

Während es in Ägypten nur einen amtlichen königlichen Kult in Alexandria gab,


fungierte im Seleukidenreich für jede einzelne Satrapie ein eigener Hohepriester
bzw. eine eigene Hohepriesterin. Eine Inschrift aus Seleukeia in Pierien zählt die
obersten Priester während der Herrschaft Seleukos’ IV. Philopator (187–175 v.) auf
(OGIS 245, 34–40. Austin 177):

»Priester für Seleukos (I.) Zeus Nikator und Antiochos (I.) Apollon Soter und Antiochos
(II.) Theos (den Gott) und Seleukos (II.) Kallinikos und Seleukos (III.) Soter (den Retter)
und Antiochos (wohl Antiochos’ III. Sohn, der vor dem Vater starb) und für Antiochos
(III.) den Großen, (Megas)«.

Ergänzend sei der folgende Passus aus einem Ehrenbeschluss von Teos (SEG 41,
1003) zitiert, der Erstlingsopfer für Antiochos III. vorsieht. Dieses Dekret ist deshalb
aufschlussreich, weil es zeigt, dass die Vergottung eines Königs durch einzelne Städte
in zahllosen Fällen auf Grund von Wohltaten erfolgte, die der Herrscher der jewei-
ligen Polis erwiesen hatte.

»Da der König uns nicht nur den Frieden gebracht, sondern uns auch für künftige Zei-
ten von den schweren und harten Leistungen befreit hat, indem er uns die Beiträge
erließ, und da er die Feld- und Erntearbeiten auf dem Lande gesichert und ertragreich
gemacht hat, soll man jedes Jahr die ersten auf dem Land gereiften Baumfrüchte als
238 XVI Die religiöse Entwicklung

Erstlingsopfer vor die Statue des Königs darbringen; und der Priester des Königs soll
dafür Sorge tragen, dass die Statue des Königs stets mit einem der Jahreszeit entspre-
chendem Kranz geschmückt ist.«

Als Rom später die Nachfolge der hellenistischen Monarchien antrat, konnte es
nicht ausbleiben, dass die siegreichen Feldherren ihrerseits mit denselben göttlichen
Ehrungen bedacht wurden, die vorher den griechischen Herrschern dargebracht
worden waren. Das wohl früheste Beispiel hierfür ist die Verehrung, welche Titus
Flamininus nach seinem Sieg über Philipp V. von Makedonien 197 v. als Befreier
der griechischen Städte zuteil wurde. Als er die Stadt Chalkis, die im Kampf ge-
gen den Seleukiden Antiochos III. (192–188 v.) von Rom abgefallen war, vor Ver-
geltungsmaßnahmen bewahrte, erwiesen ihm die Chalkidier kultische Verehrung.
Der Schluss des bei dieser Gelegenheit gesungenen Liedes ist erhalten. Es feiert in
Daktyloepitriten, dem erhabenen Versmaß der alten Chorlyrik, die römische Macht,
die fides Romana und den Retter Flamininus:

»Die fides (Treue) der Römer verehren wir, die mit innigstem Flehen erbetene, dass
man sie mit Eiden schütze. Besinget, Mädchen, den großen Zeus, Titus, zugleich und
die fides der Römer. Ie, ie Paian! (5) O Retter Titus.«

Zum Schluss dieses Kapitels sei an den römischen Kaiserkult erinnert, der von
Augustus eingeführt und Jahrhunderte lang praktiziert wurde: Augustus ließ be-
kanntlich seinen verstorbenen Vater Gaius Julius Caesar als divus Julius unter die
Staatsgötter aufnehmen; er selbst aber erhielt bereits zu seinen Lebzeiten im hellenis-
tischen Osten, nach seinem Tode auch im römischen Westen göttliche Verehrung.
Seither wurden alle folgenden römischen Kaiser vergöttlicht. Dies führte nicht zu-
letzt zu den großen Christenverfolgungen, da der Kaiserkult mit dem Glauben der
Christen an ihren Gott völlig unvereinbar war.
Fasst man diese Ausführungen über Wesenszüge der hellenistischen Religion und
des Herrscherkultes in dieser Zeit zusammen, so sind vornehmlich die folgenden
Aspekte hervorzuheben31: Das Weiterleben von Elementen der traditionellen Reli-
gion, die große Verbreitung fremder Gottheiten und das eigenartige Phänomen des
Synkretismus; die steigende Beliebtheit der Mysterienkulte bzw. Erlösungsreligionen
und, damit verbunden, die verstärkte Suche nach einem allmächtigen Gott, der die
Existenz anderer Götter nicht ausschloß, die Zunahme privater Kultvereine, die Ver-
mehrung von Festen, Wettkämpfen und Prozessionen sowie die politische Instru-
mentalisierung von Mythos und Religion, deren große Emotionalität und Intensität
und nicht zuletzt die weite Verbreitung des Volks- und Aberglaubens. Von besonde-
rer Bedeutung ist jedoch das Phänomen des Herrscherkultes in den hellenistischen
Staaten, wobei sich eine kontinuierliche Entwicklung von göttlicher Verehrung hin
zum Gottmenschentum konstatieren lässt.
Anmerkungen

Anmerkungen

Auf ein Gesamtverzeichnis der Quellen und Literatur wird verzichtet, da die ein-
zelnen Kapitel thematisch völlig unterschiedlich sind: Die zentralen Publikatio-
nen dazu finden sich vielmehr jeweils in der ersten Anmerkung. Folgende Lexika
bzw. Handbücher werden auf Grund der zahlreichen Zitate abgekürzt zitiert: Der
Neue Pauly, H. Cancik-H. Schneider u. a., Hrsgg., bisher 16 Bde., 1996–2003 und
7 Supplementbände, 2004–2010 = DNP; Oxford Classical Dictionary, S. Horn-
blower-A. Spawforth, Hrsgg., 4. Aufl. 2012 = OCD, 4. Aufl. 2012; Lexikon des Helle-
nismus. H. H. Schmitt-E. Vogt., Hrsgg. = LdH; Handbuch der griechischen Literatur
der Antike, B. Zimmermann-A. Rengakos, Hrsgg., Zweiter Band, 2014: Die Literatur
der klassischen und hellenistischen Zeit: = HGL II, 2014. Das zuletzt genannte Werk
konnte noch an mehreren Stellen eingearbeitet werden. Die Literaturangaben zu den
einzelnen Kapiteln sind zwar keineswegs vollständig, aber immerhin relativ ausführ-
lich: Der Leser soll dadurch die Möglichkeit erhalten, sich in Themen zu vertiefen,
die für ihn von besonderem Interesse sind. Die im Folgenden benutzten Abkürzun-
gen zu antiken Autoren und deren Werken sowie bibliographische Angaben moder-
ner Publikationen orientieren sich im Allgemeinen am Abkürzungsverzeichnis des
Neuen Pauly (DNP Bd. 1, 1996, S. XII–XLVII).

Einleitung

1 H. Bengtson, Der Hellenismus und der Aufstieg Roms, 1965 (= Fischer Weltge-
schichte, Bd. 2): vorwiegend Schilderung der politischen Entwicklung.
2 Ed. Will, Histoire politique du monde hellénistique (323–30 av. J. C.), 1979
(ND 2003): ausführlichste und eindringlichste Darstellung der politischen Ge-
schichte.
3 F. W. Walbank, Die hellenistische Welt, 1983 (ursprünglich englisch: The Helle-
nistic World, 1981, 2. Aufl. 1992): eine ausgezeichnete Darstellung, die auch die
kulturellen Entwicklungen berücksichtigt.
4 P. Green, Alexander to Actium. The Historical Evolution oft he Hellenistic
Age: primär politische Ausrichtung mit teilweise zu negativer Bewertung der
Epoche.
5 G. Shipley, The Greek World After Alexander, 323–30 BC., 2000: guter Über-
blick über die politische Geschichte.
6 B. Meißner, Hellenismus, 2007: knappe Darstellung der politischen Geschichte.
7 H.-J. Gehrke, Geschichte des Hellenismus, 4. Aufl. 2008 (ursprünglich 1989):
kenntnisreiche und umfassende Darstellung mit Forschungsteil und Bibliogra-
phie.

K. Meister, Der Hellenismus,


DOI 10.1007/978-3-476-05618-4, © 2016 J. B. Metzler Verlag GmbH, Stuttgart
240 Anmerkungen zu Kapitel I

8 R. M. Errington, A History of the Hellenistic World 323–30 BC., 2008: detail-


lierte und ausgewogene Darstellung der politischen Geschichte
9 H. Heinen, Geschichte des Hellenismus. Von Alexander bis Kleopatra,
3. Aufl. 2013 (ursprünglich 2003): kurzgefasste, aber eindrucksvolle Schilderung
der politischen Entwicklung.
10 C. Schneider, Kulturgeschichte des Hellenismus, 2 Bde. 1967: Es handelt sich um
ein fast 2200 Seiten umfassendes Standardwerk, das dem Fachmann zahllose
neue Einsichten und Erkenntnisse vermittelt, jedoch den interessierten Laien
schlichtweg überfordert.
11 A. Erskine, Hrsg., A Companion to the Hellenistic World, 2003: Die zahlrei-
chen Beiträge verschiedener englischsprachiger Gelehrter sind ebenfalls pri-
mär für Fachkundige gedacht. Sie behandeln zudem ausführlich die politische
Entwicklung, dagegen nur einige kulturelle Aspekte, z. B. Religion, Philosophie,
Literatur und Bildende Künste, während andere Themen wie z. B. Geographie,
Astronomie, Philologie ausgeklammert werden.
12 G. Bugh, Hrsg., The Cambridge Companion to the Hellenistic World, 2006: Hier
gelten analoge Beobachtungen wie zu dem Sammelband von A. Erskine (vgl. die
vorangehende Anmerkung).
13 H. H. Schmitt-E. Vogt, Hrsgg., Lexikon des Hellenismus, 2005: Dieses Werk
ergänzt und erweitert das vorangehende, von denselben Forschern 2003 he-
rausgegebene Kleine Lexikon des Hellenismus. Die von verschiedenen Autoren
verfassten, oft sehr umfangreichen Artikel beider Lexika berücksichtigen auch
die Geistesgeschichte, ersetzen jedoch keine fortlaufende und ganzheitliche Be-
handlung dieses Themas.
14 W. W. Tarn, The Hellenistic Civilization, 1927 (3. Aufl. 1952): Dieses Buch er-
schien 1966 unter Mitarbeit von G. T. Griffith unter dem Titel, Die Kultur der
hellenistischen Zeit in deutscher Sprache. Beide Publikationen sind inzwischen
veraltet.
15 H. Bengtson, Die hellenistische Weltkultur, 1988: Diese Publikation ist oft allzu
kursorisch und oberflächlich, basiert fast durchweg auf älterer Literatur und
repräsentiert daher ebenfalls einen überholten Forschungsstand.
16 G. Weber (Hrsg.), Kulturgeschichte des Hellenismus, 2007: Der Sammelband
enthält achtzehn, von verschiedenen Autoren verfasste Beiträge zu einigen The-
men der hellenistischen Geschichte und Kultur, u. a. zu Politik, Staat, Religion,
Dichtung und Philosophie; andere Disziplinen wie Geographie, Astronomie,
Medizin, Mathematik, Physik, Technik und Philologie bleiben demgegenüber
ganz außer Acht. Dieses Werk hält daher weit weniger, als der Titel verspricht.

Kapitel I

1 Zum Begriff Hellenismus: K. J. Beloch, Hellenismus, in: Zeitschrift für Social-


wissenschaft, NF 1, 1910, 796–800. R. Laqueur, Hellenismus. Akademische
Rede zur Jahresfeier der Hessischen Ludwigs-Universität am 1. Juli 1924, 1925.
H. Bengtson, Universalgeschichtliche Aspekte der Geschichte des Hellenis-
mus, Die Welt als Geschichte 18, 1958, 1–13. Ders., Der Hellenismus in alter
Anmerkungen zu Kapitel I 241

und neuer Sicht: Von Kaerst zu Rostovtzeff, 1958, in: Kleine Schriften, 1974,
267–273. Ders., Wesenszüge der hellenistischen Zivilisation, 1968, in: Kleine
Schriften, 1974 274–292. A. Momigliano, Introduzione all’ Ellenismo, Rivista
storica italiana 82, 1970, 781–799 = Ders., Quinto Contributo, 1975, 267–291.
R.  Bichler, Hellenismus, Geschichte und Problematik eines Epochenbegriffs,
1983 (Impulse der Forschung, Bd. 41): ausführliche Literaturangaben. L. Can-
fora, Ellenismo, 1987. B. Funck, Hrsg., Hellenismus. Beiträge zur Erforschung
von Akkulturation und politischer Ordnung in den Staaten des hellenistischen
Zeitalters (Akten des Internationalen Hellenismus-Kolloquiums Berlin 1994),
1995. Darin 17–27: A. Demandt, Hellenismus – die moderne Zeit des Alter-
tums? W. Nippel, Hellenismus – von Droysen bis Harnack – oder: Interdiszip-
linäre Mißverständnisse, in: K. Nowak u. a., Hrsgg., Adolf von Harnack. Chris-
tentum, Wissenschaft und Gesellschaft, 2003, 16–28. H. H. Schmitt-E. Vogt, in:
LdH, 2005, Sp. 1–8 s.v. Hellenismus. R. Bichler, Droysens Hellenismus-Konzept.
Seine Problematik und seine faszinierende Wirkung, in: Johann Gustav Droy-
sen, Philosophie und Politik – Historie und Philologie, St. Rebenich-H. U. Wie-
mer, Hrsgg., 2012, 189–238. K. Buraselis, Diadochen und Epigonen. Konzept
und Problematik der Hellenismusperiodisierung bei Droysen, ebda. 239–257.
H.-J. Gehrke, Epochenporträt des Hellenismus, in: HGL II, 2014, 1–31 (umfang-
reiche Literaturhinweise).
2 J. H. Herter, Erläuterungen zum Neuen Testament, 1775.
3 J. G. Droysen, Geschichte des Hellenismus III, E. Bayer, Hrsg., 3. Aufl. 1953 (ND
2008), eingeleitet von H.-J. Gehrke, 230
4 J. G. Droysen, Briefwechsel I 91.
5 J. G. Droysen, Historik, 2. Aufl. 1943, 425.
6 Siehe die Schlussworte von G. Grote, History of Greece, Bd. XII, 1856.
7 Veröffentlicht in: J. G. Droysen, Kleine Schriften zur Alten Geschichte, Bd. I,
1893, 298–314; abgedruckt unter dem Titel »Theologie der Geschichte, in:
J. G. Droysen, Grundriß der Historik, 1937, 369–385. Jetzt auch in: Geschichte
des Hellenismus, Bd. III, E. Bayer, Hrsg., 1953 (ND 2008), eingeleitet von
H.-J. Gehrke, IX–XXIII. Zitate: X f.
8 H. Bengtson, Griechische Geschichte, 5. Aufl. 1979, 299 f.
9 H. Bengtson, Griechische Geschichte, 5. Aufl. 1979, 299 f.
10 W. Otto, Kulturgeschichte des Altertums, 1925, 93 ff., 104 ff. Ders., Antike Kul-
turgeschichte, SB München 1940, H. 6, 187 ff.
11 C. H. Becker, Das Erbe der Antike in Orient und Okzident, 1931.
12 V. Ehrenberg, Karthago. Ein Versuch weltgeschichtlicher Einordnung, 1927 =
Ders., Polis und Imperium 1965, 549 ff.
13 H.-J. Gehrke, Geschichte des Hellenismus, 4. Aufl. 2008, 1 f.
14 C. Schneider, Kulturgeschichte des Hellenismus, 2 Bde., 1967–1969.
15 H. H. Schmitt, in: LdH, 2005, Sp. 2.
16 H.-J. Gehrke, Geschichte des Hellenismus, 4. Aufl. 2008., XIV.
17 So R. Bichler, Droysens Hellenismus-Konzept, in: St. Rebenich-H.-U Wiemer,
Hrsgg., Johann Gustav Droysen. Philosophie und Politik-Historie und Philolo-
gie, 2010, 230.
18 Vgl. H. H. Schmitt, in: LdH 2005, Sp. 2.
242 Anmerkungen zu Kapitel III

19 R. Bichler, in: V. Reinhardt, Hrsg., Hauptwerke der Geschichtsschreibung, 1997,


141.
20 Vgl. K. J. Beloch, Hellenismus, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, NF. 1, 1910,
796 f.
21 A. Heuß, HZ 182, 1956, 1 ff. (auch separat erschienen).
22 H.-J. Gehrke, in: HGL II, 2014, 1–31 (ausführliche Literaturhinweise).
23 R. Bichler, in: Johann Gustav Droysen, Philosophie und Politik-Historie und
Philologie, St. Rebenich-H.-U. Wiemer, Hrsgg., 2012, 189 ff.

Kapitel II

1 Standardwerke zu Alexander dem Großen: H. Berve, Das Alexanderreich auf


prosopographischer Grundlage, 2 Bde. 1926. U. Wilcken, Alexander der Große,
1931. W. W. Tarn, Alexander the Great, 1948. F. Hampl, Alexander der Große,
2. Aufl. 1965. F. Schachermeyr, Alexander der Große, 1973. S. Lauffer, Alexan-
der der Große, 2. Aufl. 1981. J. Seibert, Alexander der Große, 2. Aufl. 1981
(Forschungsbericht mit ausführlichen Literaturangaben). N. G. L. Hammond,
Alexander the Great. King, Commander and Statesman, 1981. Ders., The Ge-
nius of Alexander the Great, 1997. A. B. Bosworth, Alexander and the East,
1996.H.-J. Gehrke, Alexander der Große, 2. Aufl. 2000. P. Cartledge, Alexander
the Great, 2000. A. B. Bosworth-E. Baynham, Hrsgg., Alexander the Great in
Fact and Fiction, 2000. J. Roisman, Brill’s Companion to Alexander the Great,
2003. A. Demandt, Alexander der Große Leben und Legende, 2009. A. B. Bos-
worth, in: OCD, 4. Aufl. 2012, 56–58 s.v. Alexander III (ausführliche Literatur-
angaben).
2 Ausgewählte Literatur zu den Städtegründungen: A. H. M. Jones, The Greek
City from Alexander to Justinian, 1940. F. Kolb, Die Stadt im Altertum, 1984
(ND 2005). P. M. Fraser, Cities of Alexander the Great, 1996. W. Müller-Wie-
ner, Griechisches Bauwesen in der Antike 1988. H.-H. Schmitt-H. Schwarz, in:
LdH, 2005, Sp. 1023–1042 s.v. Stadt, Polis (umfangreiche Literaturangaben.).
G.  Weber, Die neuen Zentralen. Hauptstädte, Residenzen, Paläste und Höfe,
in: G. Weber, Hrsg., Kulturgeschichte des Hellenismus, 2007, 99 ff. R. Osborne,
in: OCD, 4. Aufl. 2012, 1526 f. s.v. urbanism: I. Greek and Hellenistic (weitere
Literaturangaben).
3 H. Scholz, in: G. Weber, Hrsg., Kulturgeschichte des Hellenismus, 2007, 161
4 G. Weber, Die neuen Zentralen, Hauptstädte, Residenzen, Palästen und Höfe,
in: G. Weber, Hrsg., Kulturgeschichte des Hellenismus, 2007, 99 ff.

Kapitel III

1 Zur Geschichte Alexandrias. P. M. Fraser, Ptolemaic Alexandria, 3 Bde. 1972.


M. Grimm, Alexandria, Die erste Königsstadt der hellenistischen Welt. Bilder
der Nilmetropole von Alexander dem Großen bis Kleopatra VII., 1988. G. Höbl,
Geschichte des Ptolemaierreiches, 1994, 64 ff. W. La Riche, Alexandria. Die
Anmerkungen zu Kapitel IV 243

versunkene Stadt, 1996. La gloire d’ Alexandrie, Ausstellungskatalog, 1998.


W.  Hoepfner, Alexandria. Die erste griechische Großstadt, in: W. Hoepfner,
Hrsg., Geschichte des Wohnens, Bd. 1, 1999, 454–471. M. Clauss, Alexandria.
Schicksale einer antiken Weltstadt, 2. Aufl. 2004. H. H. Schmitt-M. Pfrommer,
in: LdH 2005, Sp. 44–51 s.v. Alexandria. J.-C. Golvin, Die Metropolen der An-
tike. Aus dem Französischen von G. Lüscher, 2. Aufl. 2006, 43–48. F. Goddio,
Ägyptens versunkene Schätze, 2006. G. Weber, Die neuen Zentren. Hauptstädte,
Residenzen, Paläste und Höfe, in: G. Weber, Hrsg., Kulturgeschichte des Hel-
lenismus, 2007, 99–117. St. Rebenich, Alexandria, die Stadt (jenseits) der Bi-
bliothek, in: Die griechische Welt. Erinnerungsorte der Antike, E. Stein-Hölkes-
kamp-K. J. Hölkeskamp, Hrsgg., 2010, 170 ff. – Speziell zum Museion und zur
Bibliothek: R. Pfeiffer, Geschichte der klassischen Philologie. Von den Anfängen
bis zum Hellenismus, 2. Aufl. 1978. L. Canfora, Die verschwundene Bibliothek,
1988 (italienisches Original: La biblioteca scomparsa, 1986). M. A. Stückelber-<