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Das berühmte Streichquartett Nr.

8 von Dmitri Schostakowitsch gehört heute zu den


meistgespielten Kammermusik-kompositionen überhaupt. Das Streichquartett widmete er den
"Opfern des Faschismus und des Krieges", eine Aussage also, mit der Schostakowitsch ein
historisches Denkmal setzen wollte. 1960 war er in Dresden gemeinsam mit dem Regisseur
Lew Arnstam, mit dem offiziellen Auftrag, die Musik zu einem Film (Fünf Tage - fünf Nächte)
über die Zerstörung der Stadt durch das alliierte Bombardement und die Rettung der Dresdner
Gemäldegalerie durch die Rote Armee zu schreiben. Er hat aber geschafft, und innerhalb von
nur drei Tagen, etwas für sich selbst zu komponieren, wo er ausdrücken konnte, was ihn ganz
persönlich betraf. Heute wissen wir, dass das Werk einen wesentlich persönlicheren
Hintergrund hat. Das Andenken an die Zerstörung seines eigenen Leben sind ganz eng mit die
Zerstörung Dresdens miteinander verbunden. Kurz vor Antritt seiner Reise befand
Schostakowitsch sich unter politischem Druck. Er sollte in die Komunistische Partei der
Sowjetunion eintreten. Man verlagte von ihm, dass er Vorsitzender des Komponiztenverbabdes
werde. Schostakowitsch selber hat dies als schwere moralische Niederlage empfunden, die
einen Nervenzusammenbruch zur Folge hatte. Auch später, zu Stalins Zeiten, war er einerseits
die offizielle "Nummer 1" im Musikbetrieb, anderseita aber hatte das Regime Schwirigkeiten mit
seinen Werken, die von vielen als Protest gegen Tyrannei, die sich in der Ausbreitung von Übel
und Gewalt äußerte, verstanden wurde. Von diesem Hintergrund komponierte er in Gohrisch ein
tragisches Werk, das er als "Requiem" für sich selbst verstand und hinein seine eigene leidvolle
Geschichte komponierte.
Gallina, die Tochter des Komponisten, berichtet, dass ihr Vater nach der Beendigung dieses
Quartetts sagte: "Ich habe es mir selbst gewidmet".
Hier erklärt ein Brief des Komponisten an Issaak Glikman auch vieles.
"Ich schrieb das Quartett, das für niemanden einen Nutzen hat und ein ideeller Fehlschlag ist.
Ich dachte daran, dass nach meinem Tod wohl niemand ein Werk zu meinem Gedächtnis
komponieren wird. Daher beschloß ich, ein solches Werk selbst zu komponieren. Auf der
Deckblatt könnte man schreiben : "Dem Komponisten dieses Quartetts zum Gedächtnis".
Den autobiografischen Charakter unterstrich Schostakowitsch, sowie in anderen seinen
Werken, durch die Verwendung der Tonfolge D-(E)S-C-H, wo die Anfangsbuchstaben seines
Vor- und Nachname als Hauptmotiv verarbeitet werden. Es findem sich in dem Quartett Zitate
aus eigenen Werken, sowie Einfluss von andere Komponisten. Wie Schostakowitsch selber
wieder an den Musikologen Issaak Glikman schreibt:
"Das Hauptthema des Quartetts bilden die Töne D--Es-C-H, also meine Initialen. Im Quartett
verwende ich Themen meiner Werke sowie das Revolutionslied "Im Kerker zu Tode gemartert".
Dies sind meine Themen: aus dee Symphonie Nr.1, der Symphonie Nr.5, dem Trio, dem
Cellokonzert, der Lady Macbeth. Anspielungen finden sich auf Wagner (Trauermarsch der
Götterdämerung) und Tschaikowski (zweites Thema des ersten Satzes der Symphonie Nr.6) -
um meine Symphonie Nr.10 nicht zu vergessen. Also so eine Art Mischmasch.
Er wählte also dabei vor allem solche Kompositionen aus, die auf verschiedene Weise sein
Spannunvsverhältnis zum Sowjetregime zum Ausdruck brachten. Jedes Werk oder Zitat war
eine Reaktion auf konkrete Ereignisse. Nicht ohne Grund wurde Schostakowitsch deshalb als
der "Chronist seiner Epoche" genannt.
Bezeichnend ist die zyklische Anlage des ungefähr 20 minütigen Werkes, desssn fünf Sätze
nahlos ineinander übergehen. Sie führen von einem eröffenden Largo über zwei schnelle Sätze:
einem aggresiven Allegro molto und einem quassi "doppeldeutigen" Allegretto-Scherzo, mit
zwei Largo-Sätze zur düsteren Ausgangsstimmung zurück.
Jetzt möchte ich gern den Anfang den ersten Satz vorspielen: _____
Das war der fugierte Einsatz des Mottomotivs, also seiner musikalische Signatur. Für
Schostakowits ch lag in diesem Selbstzitat ein tiefer Sinn und große innere Notwendigkeit. Es
ist mit ihm so verbunden, dass er das tatsächlich auf seinem Denkmal in Nowodewitschi
Friedhof erscheint.
Danach folgen Erninnerungen von verschiedene Stationen des eigenen Weges ______
Hiee erklingt ein Material, das nicht unbekannt ist. Es ist der Anfang der 1.Sinfonie. _______
Mit der ersten Sinfonie hatte der 19-jährige Schostakowitsch sein Debut gegeben. Als Signal
hat er das Viertonmotiv in der Trompette verwendet (als Triumph). An der Stelle im Achten
Streichquartett klingt ss allerdings kaum sehr festlich, eher deprimiert, wie aus einer weiter
Ferne.
Wenig später, wird ein weiteres Thema eingeführt. __
Das Thema stammt aus der Fünften Sinfonie. ______
Die Fünfte war ein ebenso wichtiger Neuanfang in seiner öffentlichen Karriere. Schostakowitsch
schrieb die im Jahr 1937, und hat endlich gechafft, die Rehabilitierung zu erreichen
(Schostakowitschs Frühwerk wurde verboten und er selbst wurde als Avantgardkünstler
bezeichnet).
Es kehrt am Ende fast unverändert wieder, so dass eine fünfteilige Bogenform entsteht.
Der zweite Satz ist ein Allegro molto in gis-moll, ein sehr brutaler Satz mit ständig
wiederholenden Sforzati und Akzenten. Herein kommt ein neues (altbekanntes) Material, das
zweite Thema des Finales aus Schostakowitschs 2.Klaviertrio.________
Also dieser panischer Satz stellt die Verbindumg zwischen dem toccatenartigen Hauptthema
und dem Zitat im jüdischen Ton aus dem Trio wieder durch dad D-Es-C-H Motiv her. Erstens
wird das Zitat von die beide Geigen, zweiten Mal von den beiden Unterstimmen gespielt. Wir
hören jetzt den ganzen zweiten Satz _______
Der dritte Satz beginnt, nachdem die Musik plötzlich den Atem ängehalten sozusagen hatte, mit
einem Motiv, das einem "Anpfiff" gleicht. Dafür gibt es viele unterschiedliche Epitäten:
ironischer, grotesker Waltzer, quassi in Mahlers Stil. Der Form des Satzes ist ein
Doppelscherzo mit einem Trio. Hier ist auch eim Zitat versteckt, es stammt aus dem Ersten
Cellokonzert _______
Das Zitat wurde, schon wieder vom dem behrümten Kopfmotiv eingeleiter, der nicht anders als
eine Verkehrung des D-Es-C-H Motivs ist. ______ Dieses Allegretto dient als Ausdruck
marionettenhaften Mitmachens und das Cellokonzert als Karikatur der Betriebsamkeit. Die
Verbindung bezieht diese Haltung auch selbstkritisch auf sich selbst.
Der vierte Satz ist in einem Largo komponiert, wo das Cellokonzert Thema mit heftigen Tutti-
Akkorden zerschlägt wird. Und dann ertonnt das Revolutionslied "Gequält von schweren
Sklavenfron". _____ Dannach hört man aus dem Cellokonzert-Motiv wieder das tragische D-Es-
C-H Motiv mit die heftigsn Reaktionen, nun verbunden mit den "Unsterblichen Opfern", ein
zweites revolutionäres Lied. _____ Diese Lieder sind in der Sowjetunion bekannt als feierlicher
Huldigung an die Revolitions Helden. Das letzte Zitat in diesem Satz wird im Cello erinnert, und
zwar ein Liebes-Motiv aus dem letzten Akt von Schostakowitsch Oper "Lady Macbeth"_____
Es ist der Sehnsucht der unglücklichen Katerina nach ihrem untreuen Gelibten Sergej
(Serjoshka).
In unserem Quartett klingen diese alle Themen so:
______
Im letzten Satz entfaltet in fugato das D.S.C.H Motov seine ganze Intensität. Es umspielt
lediglich noch als Urzelle der ganzes Quartettinhalt und endet in einem morendo Pianissimo.
_____

Also sein 8.Streichquartett in c-moll op.110, sollte Schostakowitschs persönlichtes, fast schom
autobiografisches Zeugnis werden. Das Quartett wurde am 12.Oktober 1960 in Leningrad, dem
heutigen Sankt Petersburg, durch das Beethoven Quartett uraufgeführt. Rudolf Barschai
bearbeitete das Quartett für Streichorkester. Schostakowitsch "autorisierte" die Bearbeitung und
nahm sie als "Kammersymphonie op.110a" in sein eigenes Werkverzeichnis auf.