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Deutsche

Gesellschaft für
Zeitpolitik
DGfZP
Zeitpolitisches Magazin
September 2006, Jahrgang 4, Ausgabe 8

Editorial
In dieser Ausgabe
„Das Leben der Menschen besitzt einen Wert an sich, es schließt eine Vielfalt an
Thema: Bedür fnissen und Möglichkeiten ein. Sie gehen weit über den engen Horizont der
Zeit ist Leben. materiellen Notwendigkeit des wirtschaftlichen Nutzes hinaus, der das öffentliche Bild
Zum Zeitpolitischen Manifest
der DGfZP
der Arbeitsgesellschaft prägt. Nimmt man demgegenüber das ‚Ganze der Arbeit’ in den
Blick, so bemisst sich deren soziale Qualität an der realen Chance der Menschen, in
Konkrete Vorschläge
im Zeitpolitischen ihrem Leben das Verhältnis von Er werbsarbeit, freier Tätigkeit und Muße möglichst
Manifest Seite 2 frei zu gestalten.“
Auszüge aus einer
Podiumsdikussion Seite 3 So lautet die Präambel des Manifests „Zeit zwei weitere Ar tikel, die ebenfalls mit
ist Leben“, das die Deutsche Gesellschaft Arbeitszeit zu tun haben, aber andere Sei-
Aus der DGfZP für Zeitpolitik (Eckar t Hildebrand, Helga ten des Themas auf ganz andere Weisen be-
Programm der Krüger, Ulrich Mückenberger und Helmut leuchten. Alber t Mayr, der Komponist,
Jahrestagung
„Bildungspolitik als
Spitzley) in Kooperation mit der Arbeit- entwir ft eine konkrete Zeit-Kunst des
Zeitpolitik“ Seite 11 nehmerkammer Bremen (Peter Beier) in Lebens, das „Zeitdesign“ der Pause. Und
Arbeitsgruppen intensiven Arbeitstreffen, in einer Bremer Karlheinz Geißlers Glosse handelt von einer
der DGfZP Seite 12 Veranstaltungsreihe und in der Jahres- merkwürdigen Einschränkung der Aus-
Who is who? Seite 14
tagung 2004 erarbeitet und im Herbst 2005 weitung von Sonntagsarbeit, die jüngst in
Veranstaltungs-
veröf fentlicht hat (zum Download: Bayern vorgenommen wurde.
bericht Seite 15
www.zeitpolitik.de). Das Zeitpolitische
Kunst und Zeitpolitik Magazin hat im Februar 2005 (Nr. 4) aus In der DGfZP wird das Thema „Zeit ist Le-
Die Pause dem Entstehungsprozeß berichtet. Jetzt ben“ auch in anderen Bereichen und Aspek-
im Zeitdesign Seite 8 geht es darum, die erarbeiteten Gedanken ten des gesellschaftlichen Lebens verfolgt
und Vorschläge in die Öf fentlichkeit zu – von der Stadtplanung bis zum Familienall-
Glosse
vermitteln, damit sie politisch wirksam tag, von den Möglichkeiten für soziale Be-
„Mach Dir
den Sonntag werden können. Erste Publikationen sind ziehungen, Sorge- und Pflegearbeit bis zu
untertan” Seite 12 erschienen, erste Veranstaltungen haben den Bedingungen für Ernährung. Auf der
stattgefunden. Weitere sollen folgen. Die kommenden Jahrestagung (Ende Oktober
Neue Literatur Seite 16
vorliegende Ausgabe des ZpM ist zugleich 2006) wird es der Bereich Bildung sein. Das
Antrag auf Teil dieses Prozesses und berichtet davon. Programm zur Tagung „Bildungspolitik als
Mitgliedschaft Seite 19 Ulrich Mückenberger fasst die konkreten Zeitpolitik“ finden Sie in dieser Ausgabe.
arbeitszeitpolitischen Vorschläge in The-
Impressum Seite 20
senform zusammen, und präsentier t Liebe Leserinnen und Leser, Sie sind zu bei-
gemeinsam mit Eckart Hildebrand Auszüge dem herzlich eingeladen: in diesem Maga-
einer Podiumsdiskussion, die im Juni 2006 zin zum Mitdenken über „Zeit ist Leben“
in Berlin stattfand. in Bezug auf die Zukunft der Arbeitszeit,
und auf unserer Tagung in Berlin zum Mit-
„Zeit ist Leben“ – das umfasst mehr, als in diskutieren über „Zeit ist Leben“ in Bezug
der aktuellen Arbeitszeitdebatte verhan- auf die Zukunft der Schule.
delt wird. Sie finden in dieser Ausgabe Helga Zeiher

www.zeitpolitik.de
Zeitpolitisches Magazin

Thema: Zeit ist Leben

Konkrete Vorschläge im Zeitpolitischen Manifest


Das Manifest der DGfZP entwickelt als allgemeinen Gedankengang, wie die zeitlichen Strukturen des Arbeitslebens ge-
staltet werden könnten und müssten, um mit der Vielfalt der Lebenslagen von Menschen in ihrem biographischen Verlauf
vereinbar zu werden. Dieser Gedankengang steht in Kontrast zu den gegenwärtigen Tendenzen zur Verlängerung der Wo-
chen- und Lebensarbeitszeit, die solche Vereinbarkeitsfragen auch nicht im Ansatz reflektieren oder berücksichtigen. Aus
dem angedeuteten Zugang des Manifests ergeben sich ganz konkrete Vorschläge und Forderungen – sie werden im Fol-
genden thesenhaft zusammengefasst und kurz begründet.

1. Es ist in Deutschland an der Zeit, das schwedische 4. Auszubauen ist ein arbeitszeitpolitisches Modell der
Modell der Vereinbarkeit von Beruf und Familie neu „Flexicurity“ (flexibility und security).
zu begreifen und den deutschen Bedingungen ange-
Dieses geht von der Gleichwertigkeit von betrieblichen
passt bei uns umzusetzen. Dieses Modell setzt sich
und persönlichen Zeitinteressen aus. Es stellt der Frei-
zusammen aus einer familienfreundlichen Arbeitszeit-
heit der betrieblichen Zeitdisposition den Schutz der
politik (z. B. Teilzeitanspruch für beide Eltern mit
Beschäftigten durch persönliche Zeitoptionen, durch
Rückkehrrecht in Vollzeit), einem einkommensbezo-
ein kollektives Monitoring durch Arbeitnehmer ver-
genen Elterngeld und einer zeitpolitisch sensiblen
treter/innen sowie durch klare Ober- und Untergrenzen
lokalen Betreuungsinfrastruktur (für Kinder ab dem
optionaler Zeitverteilung zur Seite.
ersten Lebensjahr, für Pflegebedürftige usw).

In Deutschland ist das Elterngeld auf den Weg gebracht 5. Erstrebenswert ist insgesamt die Entwicklung eines
worden; Ausweitung von Kinderbetreuung und Ganz- Systems der „Ziehungsrechte“ („drawing rights“),
tagsschulen sind im Gang bzw. in der Diskussion. Eine das einerseits Beschäftigten Optionsrechte für Frei-
Umgestaltung des Arbeitsrechts mit dem Ziel familien- stellung von Erwerbsarbeit über die Biographie hin-
gerechter Arbeitszeiten steht aber noch völlig aus. weg eröffnet und das andererseits die Tragung der La-
sten dafür regelt.
2. Im öffentlichen Diskurs müssen optionale Zeit-
In der europäischen Diskussion über die Zukunft des
gestaltungen zugunsten der Beschäftigten gleiche
Erwerbslebens ist das Modell der Ziehungsrechte pro-
Legitimität genießen wie flexible Arbeitszeiten für die
minent. Es erfordert einen gesellschaftlichen Konsens
Unternehmen.
über Art und Maß von Freistellungsrechten für gesell-
Heute wird Flexibilität von Arbeitszeiten vielfach gleich- schaftlich anerkannte Zwecke. Es wird zu bestimmen
gesetzt mit besserer betriebswirtschaftlicher Verwer- sein, welche Lasten solcher Freistellungen von den
tung des menschlichen Arbeitsvermögens. Betriebs- Unternehmen (z. B. bei Freistellung für Bildung), welche
wir tschaftliche Zwecke sind legitim – haben aber von der Allgemeinheit (z. B. bei Freistellung für Familie
keinerlei Monopolanspruch. Zeitgestaltungen, die den oder Ehrenamt) und welche von den Individuen (z. B. bei
Menschen, den Familien, den Nachbarschaften zugute Freistellung für Kultur und Muße) (mit) zu tragen sind.
kommen, sind für das Überleben und den sozialen
Zusammenhang der Gesellschaft mindestens ebenso 6. Erforderlich ist heute, die Arbeitsplätze altersgerecht
wichtig. auszugestalten und damit älteren Menschen die
Chance zu eröffnen, ihre Fähigkeiten und Erfahrungen
3. Beschäftigten muss daher die Option eingeräumt wer- den nachfolgenden Generationen zu vermitteln.
den, mehr Zeitanteile der Erwerbsarbeit für andere
Wenn derzeit das Rentenalter angehoben wird, so ist
gesellschaftliche Zwecke (wie Bildung, Gesundheit,
damit – da die meisten Menschen dieses Alter nicht in
Elternschaft, Ehrenamt) umwidmen zu können.
der Erwerbsarbeit erreichen – lediglich Rentenkürzung
Die Wahrnehmung solche Optionsrechte kommt der verbunden. Will man wirklich die Erfahrung Älterer vor
Gesellschaft zugute und kann – da sie mit einer Ver- Entwer tung schützen, so muss man die Arbeitswelt
kürzung des Arbeitskraft-Angebots einhergeht – zur Ver- ihnen anpassen, statt sie frühzeitig aus ihr auszuson-
minderung der Arbeitslosigkeit beitragen. Gleichwohl dern. Auch dann muss die Verlängerung von Erwerbszei-
sind sie im gegenwärtigen Erwerbsleben (etwa beim ten eine Option der Älteren bleiben – sie darf nicht zum
Bildungsurlaub) eher im Rückgang begriffen. Zwang werden.

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DGfZP

7. Notwendig sind örtliche Aushandlungsprozesse, Informationstechnologien – und die maßlose Ausdeh-


in denen die Vereinbarkeit von Dienstleistungsan- nung funktionaler Zeiten gefährden das menschliche
geboten und -nachfrage herbeigeführt wird (ressort- Wohlergehen und den gesellschaftlichen Zusammen-
übergreifend, z. B. Mobilitätspakte). halt. Um dem zu begegnen und zu einer zeitlichen Ba-
lance bei Individuen, in Gruppen wie in Organisationen
Die Lebensqualität von Beschäftigten wie von Nutzer/
zu gelangen, müssen systematisch Zeiten der Ruhe, der
innen hängt in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft
Entspannung, der funktionsfreien Kommunikation, der
gleichermaßen vom Zugang zu personenbezogenen
Gemeinsamkeit, der Sinnorientierung gesichert werden.
kulturellen und gesundheitlichen Pflege-, Versorgungs-
und Sicherheitsdienstleistungen ab. Dieser Zugang darf
10. Notwendig ist heute auf gesellschaftlicher Ebene in
nicht bürokratischen oder marktökonomischen Inter-
Deutschland wie in Europa ein „zeitpolitisches Moni-
essen überantwortet bleiben – er muss Gegenstand von
toring“, das systematisch dem Verhältnis von zeit-
Beteiligung der Interessierten und fairer gesellschaft-
lichen Angeboten und zeitlicher Nachfrage nachgeht,
licher Aushandlung („lokale Zeitpakte“) werden.
das Konflikte identifiziert und deren Austragung mo-
deriert und das normative Vorschläge zur Zeitpolitik
8. Ohne Bürgerarbeit und Ehrenamt ist der gesellschaft-
unterbreitet. Es ist Zeit für ein Ministerium für Zeit-
liche Zusammenhalt gefährdet; sie sind daher auch
politik oder für Bundes- bzw. Landes-Zeitbeauftragte.
aus zeitpolitischer Perspektive zu fördern.
Für Raum und für Geld gibt es längst politisch Verant-
Zur Förderung bedarf es der zeitlichen, räumlichen, fach-
wortliche. Zeit wurde dagegen viel zu lange als natur-
lichen und finanziellen Ressourcen. Dabei dar f das
wüchsige Gegebenheit angesehen, die nicht gestaltet
Ehrenamt nicht die erforderliche Beschäftigung in den
werden kann oder soll. Wir wissen heute, dass auch Zeit
Dienstleistungsbereichen gefährden oder ersetzen.
eine kostbare Ressource ist, die des Schutzes und der
Verteilung, also der Gestaltung durch Zeitpolitik bedarf.
9. Um zeitpolitischen Zielen Raum zu geben, ist wie
Ohne Institutionalisierung und Ressourcen aber bleibt
in allen gesellschaftlichen Bereichen auch in der Ar-
eine Politik wirkungslos. In Italien gibt es bereits Zeit-
beitswelt die Zeitkompetenz zu stärken; zu ihrer
ämter und Zeitleitpläne (die die Raumordnung- und
Ermutigung ist den Menschen „Zeit für Zeit“ zu ver-
Flächennutzungsplane ergänzen). Warum also nicht
schaffen.
eine deutsche Ministerin oder ein Minister für Zeitpoli-
Die bloße Rationalisierung menschlicher Zeitver- tik?
wendung, die bloße Beschleunigung menschlicher
Tätigkeiten und Interaktionen – auch mithilfe von Ulrich Mückenberger

Zum Zeitpolitischen Manifest „Zeit ist Leben“


Auszüge aus der Podiumsdiskussion
im Wissenschaftszentrum Berlin am 6. Juni 2006 1
Eckart Hildebrandt: Ich begrüße Sie im Namen des Wis- wenigen Jahren relativ gut geregelt, wir hatten den kollek-
senschaftszentrums Berlin und der Deutschen Gesellschaft tiven Feierabend, wir hatten die Wochenenden mit einem
für Zeitpolitik zu dieser Veranstaltung. Bevor ich an Herrn aktiven Samstag, mit vielen Erledigungen gefüllt, und einen
Greffrath übergebe zur Podiumsdiskussion, möchte ich eher kontemplativ geruhsamen Sonntag. Wir hatten eine
einen ganz kurzen Themenaufriss und -hintergrund des Zeit- Strategie der kollektiven Arbeitszeitverkürzung, die sich in
manifestes geben (s. oben Thesen von Ulrich Mücken- Richtung eines gesellschaftlichen Zeitwohlstands zu ent-
berger). Zeit ist wieder ein Thema, allerdings hat dieses wickeln schien. Zeitwohlstand war der Begriff für zusätzlich
Thema seinen Gehalt und seine Botschaft geändert, und die verfügbare Zeit aufgrund der Arbeitszeitverkürzung, zusätz-
Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik versucht, die Perspek- liche Zeit außerhalb von Erwerbsarbeitstätigkeit und den
tive „Zeit“ als ein eigenes Politikfeld zu etablieren. Dahin- Anforderungen der Reproduktionstätigkeiten und damit –
ter stehen ganz gravierende Umbrüche in den Zeiten der neben dem materiellen Wohlstand der Bundesrepublik – ein
Gesellschaft. Die Zeiten der Gesellschaft schienen bis vor zusätzlicher immaterieller Wohlstandsgewinn in Form von

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Zeitpolitisches Magazin

freier, ver fügbarer, selbst gestaltbarer Zeit. Die gesell- – und beides gesichert –, sondern eine stärkere Arbeits-
schaftlichen Arrangements, die ich hier beschrieben habe, zentrierung durch die steigende Marktabhängigkeit der
haben natürlich nie für alle gesellschaftlichen Gruppen und Erwerbstätigkeit. Motto: Es wird gearbeitet, wenn Arbeit
in allen Bereichen gleichermaßen funktioniert. Aber sie wa- da ist, es wird Pause gemacht, wenn keine Arbeit da ist.
ren so dominant, dass sie mit Begriffen wie „Normalarbeits- Dazu gehört auch eine stärkere Arbeitszentrierung durch
zeit“ und „Normallebensläufe“ etikettiert wurden und damit die zunehmende Subjektivierung der Arbeit, das heißt die
gesellschaftliche Leitbilder waren. Arbeit wird zum persönlichen Anliegen des einzelnen
Beschäftigten, die er auch mit nach Hause nimmt, ins
Diese Arrangements sind in den letzten Jahren von sehr
Wochenende – und manchmal bis in den Schlaf hinein.
vielen Seiten in unterschiedlicher Weise in Frage gestellt
Dann haben wir seit einigen Jahren einen massiven Druck
worden, und ich glaube, es ist wichtig, sich einige dieser
von öffentlichen und privaten Unternehmen in Richtung auf
Trends noch einmal vor Augen zu führen, um die Komple-
die Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeiten; meistens
xität der Situation, vor der Zeitpolitik steht und diese neu
eine „unbezahlte“ Verlängerung, das heißt Arbeitszeit-
begründet, zu realisieren. Was sind also diese einzelnen
politik als Kosteneinsparungspolitik. Wir haben bereits
Trends?
Entscheidungen über eine Verlängerung der Lebensarbeits-
Wir haben eine Ausweitung der Dienstleistungszeiten in den
zeiten zur Entlastung der sozialen Sicherungssysteme.
Feierabend und hinein in die Wochenenden bis zum Rund-
Wir haben weiterhin eine Ausdifferenzierung der Familien-
um-die-Uhr-Betrieb. Wir haben insbesondere in den Groß-
form und eine Schwerpunktverlagerung von der Ein-
städten den Trend zu einer 24-Stunden/7-Tage-Gesellschaft,
Verdiener-Hausfrauen-Familie zu Doppelverdiener-Familien
d. h. Städte leben im Grunde genommen ohne Pause, ohne
und Alleinerziehenden. Auch daraus resultieren massive
Ruhezeit.
Einflüsse auf die Zeitverfügbarkeit und Zeitverteilung.
Wir haben eine massive Flexibilisierung und Ausdifferenzie-
Wir haben zunehmende gesundheitspolitische Risiken
rung der Arbeitszeiten, die ehemals stabil kollektiv reguliert
aufgrund von Grenzüberschreitungen bei der Verlängerung
waren, eine Flexibilisierung der Lage der Arbeitszeiten,
und Flexibilisierung von Arbeitszeiten, was unter anderem
der Dauer der Arbeitszeiten und der Verteilung der Arbeits-
zur Zunahme von Burn-out-Syndromen führt.
zeiten über den Tag, über die Woche, über das Jahr. Der
Wir haben weiterhin die Forderung nach einer stärkeren
Begriff „atmender Betrieb“ ist populär geworden, da atmen
Berücksichtigung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf –
nicht die Belegschaften, da atmen jetzt die Betriebe mit
auch unter zeitpolitischen Gesichtspunkten; Stichpunkte
ihren Belegschaften.
sind hier der familienfreundliche Betrieb oder Zeiten der
Wir haben eigentlich bei allen Beschäftigtengruppen im letz-
Stadt, die Ermöglichung der Balance von Arbeit und Leben.
ten Jahrzehnt eine stärkere Arbeitszentrierung registriert,
Schließlich, als letzter Trend dieser Aufzählung, gibt es die
nicht mehr die einfache Teilung zwischen Arbeit und Freizeit
Forderung nach einer anderen gesellschaftlichen und indi-
viduellen Zeitverteilung im Rahmen großer gesellschaft-
licher Reformvorhaben: unter demographischen Aspekten,
Deutsche hier der Begriff der Care-Zeit (z. B. im familienpolitischen
Gesellschaft für Bericht); unter bildungspolitischen Aspekten, hier die For-
Zeitpolitik mel des lebensbegleitenden oder lebenslangen Lernens;
Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik e.V. will dazu
und auch in zivilgesellschaftlicher Perspektive, hier die
beitragen, dass Zeit politikrelevant wird. Das bedarf einer Formel der Engagementzeit für jeden Einzelnen im Leben.
nachhaltigen Finanzierung. Für die Einwerbung von Spenden
und Fördermitgliedschaften suchen wir deshalb eine/n
engagierte/n Expertin/Experten im Bereich Wie Sie registriert haben, ist die Zahl dieser Einflüsse viel-
fältig und hoch komplex. Insbesondere die Zeitverteilung
Fundraising
ist ein hoch umstrittenes und sensibles Ordnungssystem der
www.zeitpolitik.de

auf Provisionsbasis.
Gesellschaft – und zwar die Zeitverteilung auf der Ebene
Ihre Bewerbung richten Sie bitte an die des Individuums, auf der Ebene der alltäglichen, wöchent-
Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik e.V.
lichen, jährlichen Lebensarbeitszeitverteilung, aber auch
Geschäftsstelle auf der Ebene der gesellschaftlichen Zeitverteilung: Für
Prof. Dr. Karlheinz A. Geißler
Fakultät für Pädagogik welche gesellschaftlichen Ressourcen werden welche
Universität der Bundeswehr München
85577 Neubiberg
Tel.: 089 / 6004-3149 (Sekretariat Fr. Mandl)
Zeiten eingesetzt und was entsteht daraus an Zukunfts-
Fax: 089 / 6004-2315
karlheinz.geissler@zeitpolitik.de
potential für die gesamte Gesellschaft? Diese Zusammen-
hänge wurden gerade am 7. Familienbericht exemplifiziert,

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DGfZP

es wird dor t von einer „nachhaltigen Familienpolitik“ stungsfähigkeit wie auch des individuellen Wohlbefindens
gesprochen – einer „langfristigen Familienpolitik“, die die sind. Diskussionspunkte im Zeitmanifest sind hier das
verschiedenen Anforderungen der Menschen in modernen, Konzept „Balance Arbeit und Leben“ und das Konzept
diskontinuierlichen Lebensläufen reflektiert, was sich z. B. „Lebensarbeitszeit“, die sicher im Folgenden kontrovers ein-
in der Forderung nach garantierten Optionen für Elternzeit geschätzt werden.
ausdrückt. Zweites Thema sind die Gewichtsverteilungen und Wech-
selwirkungen zwischen den verschiedenen Politikfeldern,
Mit diesen komplizier ten Entwicklungen haben sich die
also Arbeitsmarktpolitik, Gesundheitspolitik, Familienpoli-
Koordinaten von Zeitpolitik grundlegend geändert. Es sind
tik, Rentenpolitik etc. Diese Wechselwirkungen sind stär-
ganz andere Anforderungen an Zeitpolitik entstanden, die
ker zu reflektieren, ohne dabei zu versuchen, mit einem
durchaus unterschiedlich eingeschätzt und bewertet wer-
Akteur die richtige Strategie zu identifizieren, sondern ins-
den. Essentiell ist, dass die ehemals aufeinander ab-
besondere Interessendifferenzen und Interessenkonflikte
gestimmten gesellschaftlichen Zeitarrangements, wie sie
herauszuarbeiten und verhandelbar zu machen. Beispiele für
in der Normalarbeitszeit oder in den Normalerwerbsverläu-
solche Interessenkonflikte sind der Berufseintritt, wenn es
fen organisiert waren, zunehmend auseinander fallen und
einen Konflikt gibt zwischen Ausbildung und Familiengrün-
Zeitpolitik zum Gestaltungsinstrument von Gruppeninter-
dung. Ein weiterer Interessenkonflikt ist die so genannte
essen wird. Also nicht mehr integrier te Zeitpolitik im
rush-hour-of-life zwischen 30 und 45, in der es Konflikte
gesellschaftlichen Interesse, sondern im Interesse von Ein-
gibt zwischen Familienarbeit, beruflicher Karriere, Weiter-
zelgruppen. In den einzelnen Politikbereichen treten kurz-
bildung, Spor t, vielleicht auch politischer Profilierung.
fristige Kostenüberlegungen in den Vordergrund: in der
Schließlich steht am Ende des Arbeitslebens der Konflikt
Arbeitsmarktpolitik, in der beruflichen Bildung, in der
zwischen Weiterarbeiten, weiter Geld verdienen, Ehrenamt
Gesundheitsversorgung, in der Rentenversicherung etc.
oder Familienarbeit in der Generationenbeziehung, die Zeit
Kollektive Lösungen, die bisher als gesellschaftliche Takt-
genießen. Dabei finden Interessenkonflikte auch innerhalb
geber gewirkt haben, funktionieren kaum noch bzw. teil-
der Personen statt: lieber mehr Geld oder mehr Freizeit, mehr
weise nur noch als Ober- und Untergrenzen. Zeitregelungen
Zeit für Erwerbsarbeit oder Familie oder Freizeit, lieber das
werden dezentralisier t, der Einfluss großer kollektiver
Leben jetzt genießen oder ansparen für später?
Akteure sinkt: Ein wichtiges Beispiel dafür ist die Öffnung
Das dritte Anliegen schließlich ist, einen Beitrag zu der
von Flächentarifverträgen. Schließlich müssen wir eine zu-
Frage der Verantwortungsverteilung zwischen Individuum,
nehmende Entgrenzung von Arbeit und Leben konstatieren.
Familie, Betrieb und Staat bei der Regulierung dieser neuen
„Leben“ wird in all seinen Äußerungen und Bereichen
flexiblen Lebensläufe zu leisten; d. h. zu fragen, welchen Bei-
zunehmend auf „Beschäftigungsfähigkeit“ ausgerichtet, pri-
trag diese verschiedenen Akteure, also insbesondere auch
vate Tätigkeiten werden ökonomisiert; andererseits werden
die Individuen, zu einer erfolgreichen Gestaltung der indivi-
Arbeitsprozesse zunehmend auch nach lebensweltlichen
duellen Lebensläufe und zu einer guten Reproduktion der
Gesichtspunkten gestaltet.
gesellschaftlichen Ressourcen leisten können.
In dieser unübersichtlichen und risikoreichen Situation hat
In diesem Sinne, im Sinne dieser drei Anliegen, verstehen
sich eine Vielzahl von Arbeitszeitforschern aus verschiede-
wir die heutige Diskussion als Auftakt einer Reihe von
nen Disziplinen zusammengetan und 2002 diese Gesell-
Veranstaltungen hier in Berlin und in den verschiedenen Län-
schaft für Zeitpolitik gegründet mit dem Ziel, gesellschaft-
dern und mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten.
liche Zeitdiskurse etwas grundsätzlicher und langfristiger
anzustoßen und so etwas wie gesellschaftliche Such- Matthias Greffrath: Die Größe des Themas, die Eckar t
prozesse zu initiieren. Daraus ist dieses Zeitmanifest ent- Hildebrandt eben so beeindruckend dargestellt hat, die ja
standen, dessen Anspruch sich m. E. in drei Punkten fast alle Bereiche unseres Lebens umfasst, legt es nahe,
zusammenfassen lässt: aus diesem schönen Büchlein der Gesellschaft für Zeitpoli-
Erstens geht es darum, die Vielfalt der persönlichen Zeit- tik das Motto zu zitieren:
arrangements der Menschen über das ganze Leben wieder „Alles gehört anderen mit, nur die Zeit gehört uns. Die-
stärker in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Also ses flüchtige, so leicht entgleitende Ding, dieser einzige
nicht kurzfristige Kostenökonomien in einzelnen gesell- Besitz, den uns die Natur gegeben hat, gerade den lassen
schaftlichen Bereichen, sondern verstärkt die persönlichen wir uns von jedem Beliebigen vertreiben, so groß ist die
Zeitarrangements, und zwar in alltäglicher und biographi- menschliche Torheit.“
scher Hinsicht. Und das in dem Wissen, dass diese Zeit- Seneca, das ist ungefähr 2000 Jahre her, und die
arrangements sowohl Grundlage der gesellschaftlichen Lei- Torheit ist sozusagen komplexer geworden. Sie umfasst

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Zeitpolitisches Magazin

Systeme gesellschaftlicher Arbeit, Wir tschaftssysteme, Margret Mönig-Raane: (…) Ein weiterer Zugang in meinem
Versicherungssysteme, staatliche Systeme – und deshalb Tätigkeitsbereich ist natürlich die Frage gleicher Chancen
wird das nicht so einfach sein, was wir hier machen. Ein Ma- und der Entwicklung von guter Lebensqualität für Männer
nifest liegt vor Ihnen. Das Manifest zeigt – oder wenn etwas und Frauen. Wir haben diese Initiative – oder dieses Projekt,
Manifest heißt, dann verweist es darauf –, dass die Dinge was so ganz langsam wachsen soll und auch wächst –
dramatisch werden. Wenn ich das vielleicht noch einmal in genannt „In Balance: Gute Arbeit, gutes Leben“. Und gutes
einem Punkt zuspitzen soll, was Eckart Hildebrandt eben Leben – ohne gute Arbeit zu haben – ist schwierig, es sei
gesagt hat, wie die Situation sich nach dem Ende des denn, man ist Rentner oder Rentnerin und hatte gute Arbeit,
gemütlichen – gemütlich war er auch nicht immer – und hat dann auch ein gutes Leben als Rentner und Rent-
Fordismus hergestellt hat, dann ist es vielleicht auch die nerin. Also es ist immer miteinander verzahnt und ver-
Tatsache, dass uns ein wichtiger Bezugspunkt, ein wichti- koppelt. Und zu guter Arbeit gehör t selbstverständlich
ges Kriterium für For tschritt mit dem Verlust von Zeit- dazu, dass das Arbeitszeitregime so ist, dass ich meine
souveränität oder mit dem Nichterringen von Zeitsouverä- individuellen Bedar fe und Bedür fnisse, und das sind
nität verloren geht. Denn ob es nun Marx ist, von dem wir gesundheitliche ebenso wie Familie, Freundschaft,
gelernt haben „Alle Ökonomie ist Ökonomie der Zeit“, ob Hobby, Weiterbildung oder sonstige privaten Bedürfnisse,
es der asketische Bürger Walter Rathenau war, der den vereinbaren kann mit dem, was im Betrieb von mir gefordert
Fortschritt darin sah, dass immer mehr Menschen immer wird. Und da sind wir natürlich in einem Kernfeld von
mehr Zeit haben, um an der Demokratie teilzunehmen, oder gewerkschaftlicher Arbeit – sowohl der tarifvertraglichen
ob es die Visionen von John Maynard Keynes waren, der im Arbeit wie auch der betriebsrätlichen Arbeit – die ja mög-
Jahre 1930 – mitten in der großen Krise – meinte, dass seine lichst auch miteinander verzahnt sein sollte, und wir haben
Enkel eher das Problem haben würden, wie sie mit der Frei- dazu eine Initiative gestartet zum Thema Arbeitszeit, wo wir
zeit umgehen sollten. Und er sagte damals: Wir werden wie- das Thema Zeit zum Thema von Gesprächen, von Gestal-
der singen lernen müssen. tung, von Abwehr, von Forderungen machen wollen.
Wir stellen fest, dass unabdingbar mit diesem Thema
Das Thema hat sehr viel Notwendigkeit und Zwang, das
verknüpft sein muß, welches Ziel ich denn inhaltlich damit
Thema hat aber vielleicht auch – das war meine Skepsis –
erreichen will. Also sei es ausreichendes Einkommen, da
fast schon etwas Utopisches bekommen. Die großen
droht dann die Arbeitszeit eher entgrenzt zu werden, oder
Diskussionen über Arbeitszeitverkürzung – wie sie in den
ich will Familie und Beruf vereinbaren, ich will vielleicht ein
Achtzigern geführ t wurden – sind ja ein bisschen still
neuer Vater werden, dann habe ich ein starkes Motiv, mich
geworden, und selbst André Gorz, der große Champion ei-
um Arbeitszeit und Arbeitszeitgestaltung zu kümmern. Ich
ner allgemeinen Gesellschaftsreform über Arbeitszeitverkür-
will vielleicht die Welt entdecken und möchte ein Sabbati-
zung, sieht jetzt eigentlich nur noch die Möglichkeit, denen,
cal machen – und habe dann ein hohes Interesse, dass ich
die keine Arbeit mehr haben, Geld zu geben mit Hilfe eines
auch Lebensarbeitszeitkonten machen kann usw. usw.
Grundeinkommens. Ich denke, auch darüber werden wir
Das heißt, Zeit allein und auch Zeitwohlstand für sich
reden.
genommen, haben nicht die Attraktivität und die Anzie-
hungskraft, dass Menschen jetzt sagen: „Ja, das muss
Ich möchte Ihnen zunächst die Podiumsteilnehmer vor-
alles seine Ordnung haben“, sondern es muss immer ein
stellen:
zusätzlicher Wer t dahinter liegen, den ich mit Hilfe des
Margret Mönig-Raane, stellver tretende Vorsitzende der Instruments guter Arbeitszeitpolitik, guter Arbeitszeit-
Vereinigten Dienstleistungsgesellschaft verdi, dort speziell gestaltung im Betrieb, aber auch in der Gesellschaft errei-
zuständig für die Bereiche Handel, Frauen und Gleichstel- chen kann. Also, es ist wie ein ganz dicker, roter Faden, das
lung, Gender und Grundsätze des Tarifwesens. Stefan Wag- ist schon fast ein rotes Seil, das sich dann auch verzweigt
ner, der Leiter der Paritätischen Akademie des Paritätischen in viele, viele Bereiche rein, wie wir mit „Zeit“ als Instru-
Wohlfahrtsverbandes in Berlin. Friedhelm Hengsbach, The- ment arbeiten und wo wir Zeitbewusstsein und ein Bewusst-
ologe, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaftler an der sein für die Kostbarkeit von Zeit, den Wert von Zeit, ent-
Hochschule St. Georgen in Frankfurt. Ulrich Mückenberger, wickeln wollen.
Rechts- und Politikwissenschaftler an der Hamburger
Universität; Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Friedhelm Hengsbach: Wir müssen über die kapitalisti-
Zeitpolitik und an der Formulierung des Manifests maßgeb- schen Machtverhältnisse reden, wenn wir über knappe Zeit
lich beteiligt. Und Heinz Brandt, Jurist, erst in der Europa- und Wiedergewinnung von Zeit zur Zeitautonomie reden. Es
Politik tätig, jetzt Arbeitsdirektor bei Eurogate in Bremen. muss ein Interesse, ein individuelles Interesse da sein,

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DGfZP

damit einzelne Menschen sich für Zeitsouveränität einset- wir sind in den sozialen Betrieben heute ganz wesentlich
zen. Das ist richtig, aber diese Individualisierung und die mit darauf angewiesen, dass Menschen freiwillig Zeit zur
Verbetrieblichung/Verbetriebswirtschaftlichung des hege- Verfügung stellen, und dass sie sich hier am gesellschaft-
monialen Diskurses führt natürlich dazu, dass man wahr- lichen Kontext beteiligen, an der Vernetzung der Gesell-
scheinlich den Eindruck gewinnt, durch Individualisierung schaft, an dem, was Menschlichkeit ausmacht. Und dabei
oder die individuelle Flexibilisierung gewönne man mehr haben wir festgestellt, dass diejenigen, die wenig Zeit
Zeit, das trifft auch zum Teil zu. Nur, mehr Freizeit heißt haben, viel Zeit einbringen. Und diejenigen, die viel Zeit
noch nicht mehr „Festzeit“. Und „Festzeit“ hat etwas mit haben, wenig Zeit einbringen. Einfache Formeln, die so auf-
gesellschaftlicher Zeitkultur zu tun. Und das ist jetzt auch gestellt werden: Es ist zuviel Zeit da und wir müssen jetzt
wieder die Frage: Wenn es im öffentlichen Bereich heißt, gucken, wie wir das verteilen, das scheint so nicht zu funk-
wir brauchen neue Gerechtigkeit durch mehr Freiheit und tionieren. Ehrenamtlichkeit ist ganz stark gekoppelt an Aus-
durch mehr Wettbewerb im föderalen System, dann wird bildung, d.h. also, wenn Leute gut ausgebildet sind, wenn
natürlich genau mit einer solchen Forderung „Gerechtigkeit sie relativ reich sind, dann sind sie bereit, in einem hohen
heißt mehr Flexibilisierung“ auch wieder – im föderalen Maße ehrenamtlich tätig zu sein. Wenn Leute in sozialer Not
System – genau diese gesellschaftliche Zeitkultur aus- sind, unter Umständen sehr viel Zeit haben, weil sie arbeits-
gehebelt. Das ist ja das Problem, das wir beobachten, mit los sind, verwenden sie diese Zeit aber nicht, um sie ein-
den Ladenöffnungszeiten zur Weltmeisterschaft und dann zubringen gesellschaftlich, auch wenn über Hartz IV usw.
für alle Zeit danach! Modelle da sind, die eine gewisse Form von sozialer Grund-
Ich hab gehört, dass im Statistischen Bundesamt dieser versorgung geben. Das heißt, die Realität ist anders als die
irrsinnige Maßstab für Lebensqualität, nämlich das Brutto- Theorie!
sozialprodukt, versuchsweise ersetzt wird durch ein Zeit- Es gibt ja in diesem Manifest eine Erwartung – das ist ja
budget. Dass als Lebensqualität gemessen wird, ob die europäisch – , wenn ich die Struktur richtig organisiere, dann
tatsächlich verwendete Zeit mit der gewünschten Zeit über- tut aus der richtigen Struktur wie von selbst das Glück wach-
einstimmt. Je nachdem, in welchem Ausmaß das gelingt, sen. Ich halte das für eine – wenn man in die Wirklichkeit
steigt die Lebensqualität. Und in welchem Ausmaß das nicht guckt – katastrophale Konstruktion, weil sie sich in der
vorhanden ist, ist das ein Verlust an Lebensqualität. Ich Wirklichkeit nicht bewahrheitet. Wenn man sich anschaut,
denke, das wäre auch noch mal eine Perspektive für die die Verteilung von Arbeitszeit, wo sind Gesellschaften mit
Frage der Vereinbarkeit, wie die drei verschiedenen Arbeits- niedrigen Arbeitslosenraten und hohen Beschäftigungs-
formen, Erwerbsarbeit, private Betreuungsarbeit und ziviles raten, dann sind das nicht unbedingt Gesellschaften, die
Engagement, auf Männer und Frauen fair verteilt werden. Zeit verteilen, es sind durchaus auch Gesellschaften mit
Und wie dann aber auch die entsprechenden Zeitbudgets sehr langen Arbeitszeiten. In der vorderen Gruppe rangieren
für diese gewünschten oder dann tatsächlich unter Zwang, wir mit einem hohen Maß an Verteilung und haben da eine
unter Druck ver wendeten Zeiteinheiten, Zeitquanten, in mittelmäßige bis schlechte Performance. Dasselbe gilt für
Rechnung gestellt werden. Geburtenraten. Es wird also in dem Manifest suggeriert:
Wenn wir genügend Zeit zur Verfügung stellen, wenn wir das
Stefan Wagner: Wir machen eine doppelte Erfahrung. Wir alles regeln, dann kommt das wieder in Ordnung. Die Gesell-
haben auf der einen Seite in den von den Wohlfahr ts- schaften, die vergleichbar sind mit uns und die hohe Gebur-
verbänden organisierten sozialen Betrieben eine enorme tenraten haben, haben in der Regel viel weniger geregelt.
Anforderung an Arbeitszeit – auch Anforderungen, die in dem Die haben sich aber um andere Dinge gekümmert, und ich
Manifest vorgetragenen Vorschlägen entsprechen – und ich glaube, da müsste man drüber diskutieren, die haben sich
finde die toll! Aber wenn Sie das in einer Pflegeeinrichtung gekümmert um Dinge wie Glück und Optimismus. Ich will
umsetzen müssen unter den gegebenen finanziellen Rah- das auf eine ganz einfache Formel bringen: Wenn jemand
menbedingungen, dann geraten Sie in große Schwierig- viel Zeit hat und viel Geld hat, aber nicht optimistisch ist
keiten. Und Sie müssen dabei auch bedenken, dass Sie dann und nicht glücklich ist, dann wird er weder in die Gesell-
Verantwor tlichkeit organisieren müssen, dass Leute mit schaft investieren und Arbeitsplätze schaffen noch wird er
entsprechender Ausbildung da sind – und das 24 Stunden. Kinder haben. Wenn jemand glücklich und optimistisch ist,
Also, ich denke, wir werden hier sehr viel darüber reden müs- wird er auch unter der Bedingung, dass er relativ wenig Zeit
sen: Wie geht das denn? und wenig Geld hat, Kinder haben. Das heißt, ich glaube,
Und wir machen eine andere Erfahrung, und das hat mich wir müssten uns über die Werte unterhalten, die transpor-
auch mal in eine andere Richtung gucken lassen. Wir ma- tiert werden – und das ist die Erfahrung, die wir auch in den
chen ja die Erfahrung der ehrenamtlichen Arbeit, das heißt, Wohlfahrtsverbänden machen.

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Zeitpolitisches Magazin

Heinz Brandt: Ich glaube, dass man sich über Eckdaten mal als Frau von der Leyen (die Bundesfamilienministerin)
unterhalten muß, über welche Ver teilungen von Arbeit den Familienbericht vorgestellt hat, und gesagt hat: Die
reden wir eigentlich. Ich finde, wenn ich auf dieses Mani- spannendste Botschaft des Berichts ist der Verweis auf die
fest komme, kann ich mich mit einem Großteil einver- Zeitpolitik. Das ist plötzlich prominent geworden. Der Unter-
standen erklären. Aber: Es gibt ja mittlerweile eine Realität, schied zu den sektoralen Politiken, zu denen ich auch
die (im Manifest) abgelehnt worden ist, länger Lebensarbeit Arbeitszeitpolitik rechne, ist, dass Zeitpolitik von Lebens-
betreiben zu müssen. Bekanntermaßen hat die neue lagen, von Lebensqualität von Menschen ausgeht und sich
Bundesregierung gerade die Rente mit 67 beschlossen, das fragt, wie die durch zeitliche Strukturen geprägt werden.
ist ja noch nicht ganz so lange her. Das ist hier als „nicht Das haben wir in diesem Manifest gemacht. Um die Lebens-
wünschenswert“ beurteilt worden. Deshalb tue ich mich qualität der Beschäftigten geht es – und wie das unter
auch schwer, wenn man sagt: Theoretisch richtig, aber die einen zeitpolitischen Gestaltungsrahmen gebracht werden
Realität ist anders. Dann muss man mal die Theorie über- kann. Das ist der Ausgangspunkt. Und wir haben von die-
prüfen. Also ich denke, einen gewissen Realitätsbezug sollte sem Ausgangspunkt aus Forderungen mittlerer Reichweite
sie haben. Und bei den Prinzipien muss man sich auch die und mittleren Konkretisierungsgrades entwickelt, die zwar
Frage stellen, in welchen Bereichen formuliert man das alle irgendwo schon Vorbilder haben und zu denen es viel
eigentlich? Und guckt man da eigentlich dif ferenzier t Forschung gibt, die aber nicht praktisch umgesetzt wird.
genug hin? Wir haben ja vielleicht noch die Gelegenheit, uns Und wir haben im Manifest solche Forderungen und Ansätze
auch über praktische Beispiele zu unterhalten. (…) Also ich mit der Perspektive zusammengetragen: Wie könnte Reso-
würde für eine differenzierte Betrachtung plädieren und für nanz für Verallgemeinerungen geschaffen werden in einer
eine Ehrlichkeit: Reden wir wirklich über eine Verteilung, gegenwärtig perspektivlosen Arbeitszeitdebatte? Die sich
um Menschen neu in Beschäftigung zu kriegen oder zu festgefressen hat an Wochenarbeitszeitverlängerung,
halten? Oder reden wir in Wahrheit darüber, dass diejenigen Lebensarbeitszeitverlängerung – und die grundlegende Fra-
– jedenfalls in der Mehrheit –, die drin sind, ihre Besitzstände ge nach dem Zusammenhang zwischen Lebensqualität/
so behalten wollen, wie sie sie haben – und dann ist ihre Lebenslagen und der Ausgestaltung der Arbeitszeit in die-
Welt auch in Ordnung? sem Sinne nicht gestellt. Oder sie hat sie jedenfalls
verdrängt – natürlich durch Machtlagen mitbedingt.
Ulrich Mückenberger: Bis vor wenigen Jahren hätte bei
ausgewählt von Eckart Hildebrandt
dem Wort „Zeitpolitik“ niemand sagen können, was das
und Ulrich Mückenberger
ist. Zeitpolitik sektoral, als Arbeitszeitpolitik oder Laden-
schlusszeiten usw., ist eine bekannte Größe; aber Zeit- 1
Für diese Ausgabe des ZpM wurden Auszüge aus den Eingangs-
statements der Teilnehmer/innen der Podiumsdiskussion ausgewählt.
politik als gesellschaftlicher Gestaltungsfaktor war in Eine Dokumentation der Veranstaltung durch das Wissenschaftszentrum
Deutschland kaum als Begriff bekannt. Umso erstaunlicher, Berlin ist in Planung.

Kunst und Zeitpolitik

Die Pause im Zeit-Design


Pausen sind uns etwas Ver trautes, von Zeit-Design hin- Alltag haben hingegen formale Kriterien beim Umgang mit
gegen hat man bislang wenig gehört. Ist Pausieren eine Zeit (noch) nichts zu suchen. Dort unterliegt Zeit anderen
Kunst? Das Wort Kunst wirft zwei Arten von Fragen auf. Funktionskriterien. Der Besuch und der Genuß von Zeit-
Erstens: können wir so pausieren, wie wir eigentlich möch- kunst-Veranstaltungen dient uns ja auch dazu, diesen Krite-
ten? Zweitens: Was ist das Künstliche an unseren Pausen? rien für eine Weile enthoben zu sein. Aber wie schauen sie
Und was ist das Künstlerische daran, oder könnte es sein? eigentlich aus? Es mag müßig scheinen, ausführlich darauf
Künstlerisch gestaltete Zeit ist für uns Heutige nur in den einzugehen, schlagen wir uns doch tagtäglich mit ihnen
Zeitkünsten angesiedelt, also in Musik, Theater, Film, Per- herum. Dennoch gebe ich eine kurze Beschreibung als
formance. Dor t wird Zeit ausschließlich nach formalen Hintergrund, um über andere, zum Teil in Vergessenheit
Gesichtpunkten gestaltet; funktional ist in der Kunst das, geratene, zum Teil noch zu konstituierende Kriterien nach-
was den formalen Zielsetzungen am besten entspricht. Im zudenken:

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DGfZP

- Eines der Kriterien ist die Maximierung von Leistung pro Äpfel und Trauben kaufen. Das bringt es mit sich, dass
Zeiteinheit. Die immer intensivere Nutzung von mensch- jederzeit irgendwo irgendwer die gewünschten Güter produ-
licher und maschineller Arbeit; die Beschleunigung von ziert, sie herbeischafft, die erwarteten Dienstleistungen
Verrichtungen, der Fortbewegung von Menschen und des erbringt. Das Bestehen auf kontinuierlicher Verfügbarkeit –
Transports von Gütern und Informationen. verbunden mit der fortschreitenden zeitlichen Umkrempe-
- Ein zweites Kriterium: Wie läßt sich (verkaufte und lung der Arbeitsrhythmen – bringt eine Phasenverschiebung
gekaufte) Zeit am einfachsten verrechnen? Das bringt mit der individuellen Tätigkeitsverläufe und natürlich auch der
sich: Die weitgehende Beschränkung von Zeitverhandlun- darin eingestreuten Pausen mit sich. In den Zeitmustern
gen auf linear quantifizierbare Einheiten und die starre, unserer Arbeitsgesellschaft werden Pausen immer mehr zur
exklusive Zuweisung von zeitlichen Feldern an mensch- Privatsache.
liche Tätigkeiten, Hand in Hand mit der fortschreitenden
Es kann jetzt nicht darum gehen, vergangenen Zeiten nach-
Monofunktionalität von Räumen.
zutrauern oder ihre Rückkehr herbeizuführen. Doch kann die
- Schließlich: Wie lassen sich menschliche Tätigkeiten
Betrachtung von Zeitmustern, die nach anderen Kriterien
am wirksamsten zeitlich koordinieren, auch über große
als denen unserer jetzigen Arbeitsgesellschaft entstanden
Entfernungen hinweg und ohne direkten sensoriellen Kon-
sind, für ein Nachdenken über Pausen nützliche Ansatz-
takt zwischen den beteiligten Personen? Lokale Zeit-
punkte liefern. Wir können dabei von drei einfachen, aber
bezugssysteme (Tageszeiteneinteilung, Kalender und
grundlegenden zeitlichen Parametern ausgehen: dem
lokal bedeutsame Zeitpunkte) werden weitgehend ab-
Wann?, dem Wie oft? und dem Wie lange?
geschafft, Zeitmessungen werden von Umwelteinflüssen
Ich werde das an einer bestimmten Art von Pausen zeigen,
und gemeinschaftlicher Umweltwahrnehmung unabhän-
den Festtagen, der Ar t und Weise, wie solche Tage im
gig standardisiert.
Jahreszyklus verteilt sind und der Beschaffenheit ihres zeit-
lichen Umfelds. Dabei wird es nicht um Entstehung und
Alltagszeit – die Zeit außerhalb der Zeitkünste – ist also
Bedeutung der Festtage gehen, sondern um die formale zeit-
nicht dazu da, dass man sie genießt. Daher herrscht ein
liche Struktur, in die sie eingebettet sind.
wohlbekanntes Unbehagen an der Zeit vor. Vergleichen wir
damit, was Claude Larre über den „Geschmack der Zeit“ in Wann? 1984 drehte ich einen experimentellen Dokumentar-
der alten chinesischen Kultur schreibt: „Die Qualität der Zeit film mit dem Titel „Von Zeiten und Leuten“. Er versuchte,
wurde in gleicher Weise ausgekostet wie die von Tee, von etwas von den natürlichen und sozialen Rhythmen eines
Papier, von Seide oder von andern tausend Dingen, die das Südtiroler Gebirgstals einzufangen. Ein wichtiger Aspekt
Leben anziehend machten“. war dabei der Kalender, also die Gliederung des Jahres,
besonders die Verteilung der Festtage und sonstigen ar-
Um Zeit genießbar zu machen, genügt es allerdings nicht,
beitsfreien Tage. Viele Bewohner des früher rein agrar-
dass sie aus einer Abfolge von unterschiedlich langen und
wirtschaftlichen Tals arbeiten inzwischen im Handel, in den
verschieden besetzten Zeitstrecken besteht, sondern es
Dienstleistungen oder fahren als Pendler zur Industriearbeit
bedar f einer rhythmischen Gliederung, eines Wechsels
in die Stadt. Ihr Kalender, also ihre tagesmäßige Pausen-
zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Phasen
ver teilung, folgt dem Standard-Schema dieser Er werbs-
des Sich-Öffnens und des Sich-Schließens; es bedarf eines
arbeiten. Doch wurde bei den Bergbauern in Ansätzen noch
wohldosierten und er fahrbaren Wechsels zwischen Stun-
der traditionelle lokale, kirchlich-bäuerliche Kalender ein-
den, Tagen, Monaten, die für bestimmte Unternehmungen
gehalten, der bis nach dem 2. Weltkrieg verbindlich gewe-
geeignet sind und andere Unternehmungen erschweren oder
sen war. Die Frage nach dem Wann ist hier zugleich die Frage
unmöglich machen, und solchen Stunden, Tagen, Monaten,
nach dem Wie oft? Während beim traditionellen Kalender in
die wiederum die zweite Art von Unternehmungen begün-
diesem Bergtal in 34 Wochen neben dem Sonntag viele zu-
stigen. Gerade diesen Wechsel, der früher gemeinschaftlich
sätzliche Festtage anfallen, ist dies beim standardisierten
erfahren und berücksichtigt wurde, bemüht sich die Gesell-
Kalender nur in fünf Wochen der Fall, und die arbeitsfreien
schaft der Moderne zu ignorieren oder aus der Welt zu schaf-
Tage sind im August, dem üblichen Ferienmonat in Italien,
fen. Dies hat u. a. mit der Vorstellung von Wohlstand zu tun.
angehäuft.
Wohlstand bedeutet uns heute ja nicht nur, oder vielleicht
nicht einmal in erster Linie, Vieles an Gütern zu besitzen, Nun die Frage nach dem Wie lange? Wir können sie mit der
sondern eher, alle Güter und Dienste zu jeder Tages- und Frage verbinden, wie in Pausen hineingegangen und wie aus
Nachtzeit, zu jeder Jahreszeit zur Verfügung zu haben. Wir ihnen herausgegangen wird. Das zeittechnische Repertoire
bestehen darauf, auch nachts um 3 Uhr die Aktienkurse der der Arbeitswelt kennt (fast) nur das abrupte, einer Recht-
Tokioter Börse abrufen zu können; wir wollen im Frühjahr eckschwingung vergleichbare Umkippen von Arbeitszeit zu

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Zeitpolitisches Magazin

Nicht-Arbeitszeit und zurück. Ganz im Sinne der einfachen Geschwindigkeiten, Häufigkeiten, Reihenfolgen, Gleichzei-
Verrechenbarkeit der beiden Bereiche werden diese unmiß- tigkeiten, Überlagerungen menschlicher Tätigkeiten?
verständlich voneinander abgegrenzt. Wie dann der Einzelne
Die Frage, in welchem Maße solche Kriterien heute anwend-
mit diesem Umschlagen von einem Zustand in den anderen
bar wären, muß ich hier offen lassen. Vielmehr werde ich
fertig wird, ist seine Sache. Zu den christlichen Hochfesten
mich schrittweise den formalen Kriterien des Zeit-Design
werden wir hingegen durch graduelle Einschwingperioden
zuwenden. Grundsätzlich: Warum soll die Gestaltung und
hingeführ t, z. B. den Advent, der uns schrittweise nach
Planung der Gesellschaftszeit nicht (wieder) zum Arbeits-
Weihnachten bringt, und von ihnen durch ebenso graduelle
feld schöpferischer Fantasie werden? Dazu Mitscherlich:
Ausschwingperioden wegbegleitet, so die for tschreitend
„Wo keine Fantasie an der Gestaltung der Gruppenbeziehun-
distanzier teren Feste der Nachweihnachtszeit, die uns
gen wirksam ist, wo die Dynamik dieser Beziehungen nicht
wieder zum Alltag führen. Wie lange dauert also Weihnach-
beflügelt wird durch Kühnheiten des Versuchs, da bleibt dem
ten genau? Von dem Kommerzialisierungsunfug, den Beginn
Einzelnen nur der Rückzug in archaisches Wunschträumen,
der Weihnachts-Einkaufperiode schon kurz nach den Som-
das ohne starken Widerstand in dumpfes Handeln umgesetzt
merferien anzusetzen, wollen wir einmal absehen. Anzumer-
werden kann.“
ken wäre noch, dass inzwischen auch die Arbeitswelt
begonnen hat, die Vorteile gradueller Ein- und Ausschwing- Zurück zu der Ausgangsfrage nach den Pausen, genauer der
vorgänge zu entdecken, etwa in den Modellen, die einen Frage, ob wir mit Hilfe unserer Fantasie in die Lage kom-
schrittweisen Eintritt ins Rentenalter vorsehen. men, aus den Pausen unseres Alltags etwas Kunstvolles zu
machen und Pausen konkret in den Mittelpunkt des zeit-
Fassen wir zusammen: Im christlichen Jahreszyklus folgen
planerischen Gerüsts zu stellen. Zeit-Design arbeitet mit den
das Wann?, das Wie oft?, das Wie lange? der Pausierungs-
vorher er wähnten zeitlichen Parametern, also Dauer,
einheiten „Festtage“ einem Muster, das nicht nur ästhe-
Geschwindigkeit, Häufigkeit, Reihenfolge, Gleichzeitigkeit,
tisch ansprechend ist, sondern auch den biologischen und
Überlagerung, usw. und betrachtet sie als Elemente einer
psychologischen Gegebenheiten des Menschen besser ent-
kompositorischen Syntax, in ähnlicher Weise, wie es in der
spricht als das kalendarische Schema der Arbeitswelt. Das
Musik geschieht.
Kirchenjahr-Muster ist also vom formalen und vom funktio-
nalen Gesichtspunkt her besser, es hat, kurz gesagt, ein Zeitdesign im individuellen Alltag bedeutet, etwas Konzen-
besseres Design, wie immer man zu den Inhalten stehen tration darauf zu verwenden, die komponierte Gestalt eines
mag. Denn darum geht es beim Zeit-Design: um die Verbin- Tagesablaufs als solche zu erleben und entstehen zu lassen.
dung, die Durchdringung von formalen und funktionalen Vielleicht wird uns dann das soziale Alltagsleben zu einer
Aspekten. Die als gesellschaftlich funktional erachteten ausgedehnten Komposition oder einem langen, rhythmi-
Kriterien wären aus verschiedenen Blickwinkeln zu hinter- schen Gespräch, etwa im Sinne von Heinz Zimmermann, der
fragen, aus dem ökologischen, dem chrono-biologischen, von dem „Gespräch als Vorschule einer künftigen sozialen
u. a. Der diesen Kriterien zugrundeliegende stark verinner- Kunst“ spricht, „einer Kunst, die als Zeitkunst menschliche
lichte asketische Zugriff zur Zeit wäre zu relativieren, han- Beziehungen gestaltet“.
delt es sich doch um eine historisch relativ neue, geo-
Albert Mayr
grafisch und kulturell beschränkte Errungenschaft.

Stellen wir dem andere Kriterien gegenüber, etwa solche, Claude Larre, “The empirical apperception of time and the conception
of histor y in Chinese thought“ in Cultures and Time. Paris, The Unesco
die Zeitordnungen wie dem christlichen Kalender zugrunde Press, 1976, S.36.
liegen: Wie lassen sich die Abläufe menschlicher Tätig- Albert Mayr, Von Zeiten und Leuten: am Beispiel Sarntal. Dokumentar-
keiten in ein größeres, unmittelbare menschliche Belange film (46') - RAI Bozen / PROFI Film, 1985.
überschreitendes, zeitliches Gefüge integrieren? Wann ist, Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung
zum Unfrieden. Frankfurt am Main, Suhrkamp 1965, S. 41.
unter diesem Gesichtspunkt, der günstigste Zeitpunkt, eine
Heinz Zimmermann, Sprechen, Zuhören, Verstehen in Erkenntnis-
bestimmte Tätigkeit zu beginnen, sie zu beenden? Was sind, und Entscheidungsprozessen. Stuttgart, Verlag Freies Geistesleben
unter diesem Gesichtspunkt, die angemessensten Dauern, 1991, S. 92.

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Deutsche
Gesellschaft für
Bildungspolitik
Zeitpolitik
als Zeitpolitik
DGfZP
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik im Centre Français de Berlin
27. bis 29. Oktober 2006 Müllerstraße 74, 13349 Berlin

Freitag, 27. Oktober 2006 Samstag, 28. Oktober 2006 Alter der Kinder und Zeitlernen:
Können uns entwicklungspsychologische
14.00 – 15.00 9.00 – 12.00 Konzepte weiterhelfen?
Begrüßung Podium 2: Horst Schaub
Ulrich Mückenberger Wie greifen die aktuellen Schulreformen in Wie Kinder die Zeit der ›Freiarbeit‹ einteilen.
Zeitpolitische Fragen an die Schule: den Ablauf der Alltagszeit ein? Erfahrungen aus der Grundschule
zum Ziel der Tagung Zeitliche Entgrenzungen und neue Verknüpfungen Doreen Weide
Helga Zeiher von Lernen, Leben und Arbeiten Erfahrungen mit Eigenzeiten
Zeiten des Lernens: zur Balance Moderation: Helga Zeiher und Projektarbeit im Gymnasialunterricht
unterschiedlicher Zeiten im Schulbetrieb Fritz Reheis
Karlheinz Geißler Die zeitliche Entgrenzung von schulischem Wie Kinder ihre Zeitbedürfnisse in
und außerschulischem Lernen – der Schule durchsetzen
15.00 – 18.00 zum Verlust des Lernmonopols der Schule Laura Wehr
Podium 1: Heinz Hengst
Erwartungen an den Umgang mit Zeit in der Schule Früheres Schuleintrittsalter, Verkürzung der 17.00 – 18.00
Moderation: Karlheinz Geißler Gymnasialzeit, Ganztagsbetrieb – Zeitpolitik für bessere Bildung –
Welche Chancen und Probleme entstehen Abschlussdiskussion
Teil 1: durch die aktuellen Ausdehnungen, Verkürzungen Moderation: Ulrich Mückenberger
Wie verändern die aktuellen ökonomischen und und Verdichtungen von Lernzeiten?
gesellschaftlichen Entwicklungen die Erwartungen Jürgen Rinderspacher 19.30
an den Umgang mit Zeit in der Schule? Anfang, Ende und Rhythmus des Schultages: ›Rhythm is it‹. Kein Film – sondern TaKeTiNa.
chrono-biologische Perspektiven Eine rhythmische Erfahrung
Veränderte Anforderungen an die Karlheinz Geißler Margarethe Schmidt-Sonntag und Svenja Cussler
Lebensplanung angesichts diskontinuierlicher Lernzeiten, Freizeiten und freie Zeit.
Arbeitszeiten und Lebensverläufe Zeitorganisation in der Ganztagsschule
Eckart Hildebrand Otto Herz
Alltägliche und biographische Zeitkompetenzen Raum-zeitliche Verknüpfung von Schule, Sonntag, 29. Oktober 2006
Mechtild Oechsle elterlicher Erwerbsarbeit und Stadtteil am Beispiel
des Schulprojekts für die Hamburger Hafen City 9.00 – 10.00
Teil 2: Ulrich Mückenberger Zeitpolitik für bessere Bildung –
Welchen Umgang mit Zeit braucht eine Abschlussdiskussion (Fortsetzung)
›gute‹ Gesellschaft? 14.00 – 16.30
Podium 3:
Kann, darf, soll man einen ›Umgang mit Zeit‹ Wie kann das Umgehen mit Zeit in Strukturen und 10.15-13.00
lehren? Eine lebensphilosophische Perspektive auf Curricula der Schule gelernt werden? Mitgliederversammlung 2006 der DGfZP
Bildungsziele Kritische Prüfung des schulreformerischen
Susanne Schroeder Repertoires – Erfahrungsberichte
Welche Zeitkompetenzen sind für eine Moderation: Susanne Schroeder
›gute Gesellschaft‹ nötig? Informationen und Anmeldeformular:
Dagmar Vinz Wie können Zeitaspekte im Unterricht www. zeitpolitik.de
Welches schulische Zeitregime fächerübergreifend thematisiert werden?
könnte dem Ziel gleicher sozialer Chancen des Aus Theorie und Praxis der Sekundarstufe II Kontaktadresse:
Bildungserwerbs dienen? Ludwig Heuwinkel karlheinz.geissler@zeitpolitik.de
Wolfgang Edelstein
Zeitpolitisches Magazin

Glosse
„Mach Dir den Sonntag untertan“
Bayerische Reinigungsrituale

Bayerns Ministerpräsident Stoiber verändert die Welt. Das ganz wollte man es sich dann doch nicht mit dem lieben
aber kann man, zumindest ist das seine Sicht der Dinge, nur Gott und seinem irdischen Bodenpersonal verderben – sor-
von München aus machen. In Berlin, da läuft ja bekanntlich gen die doch für etliche Wählerstimmen – und hat das Sonn-
nichts – man sieht’s ja täglich. Da geht nichts weiter, da tagswaschen erst vom Mittagsläuten an erlaubt. Verhindert
wird blockiert: Es tagt und tagt und wird nicht heller. Da werden soll, im vormittäglichen Glockengeläut einen Weck-
wird nach Mehrheiten gesucht, die vorab jeder kennt, und ruf zu sehen, sich vom Schmutz dieser Welt fortan in der
wertvolle Zeit wird in sinnlosen und daher überflüssigen Waschstraße und nicht mehr in den Gotteshäusern zu
Ausschusssitzungen verplempert. Nein, das ist nichts für befreien. Ein mögliches Missverständnis, das durch die bay-
Herrn Stoiber, den großen Entscheider und nicht ganz so erische Gesetzesinitiative ja überhaupt erst real werden
großen Redner. Dort wo man eher ausgelacht als bewun- konnte, da erst seit der Gesetzesänderung am Tag des Herrn
dert wird, wenn man mal kräftig auf den Tisch haut, wo das die Seelen und die angeschmutzten Karossen gemeinsam
demonstrative Bierkrugstemmen keine Mehrheiten sichert, gereinigt werden können. Nicht ganz gleichzeitig, aber
und wo ordens- und trachtengeschmückte Gebirgsschützen- zumindest in einem Aufwasch. So geht’s denn zuerst mit
hauptmänner, die es gerne so richtig krachen lassen, nicht schmutzigem Wagen in die Messe und hinterher sogleich zu
allzu frenetisch bejubelt werden, dort fühlt sich der Stoiber den rotierenden Bürsten in der nächstliegenden Service-
Edmund nun wirklich nicht wohl. Das muss man verstehen. station.
Wer’s aber nicht versteht, kann gleich dort bleiben, wo er Seelenwäsche, das ist der wahre bayerische Fortschritt,
herkommt. geht jetzt ohne Zeitverlust in Autowäsche über. Prima!
Seit knapp einem Jahr wieder zurück in Bayern und nach Gelobt sei die bayerische Staatsregierung! Hallelujah!
einigen profanen und religiösen Bußaktivitäten, u. a. auch In naher Zukunft, das ist abzusehen, werden wir dann auf
einer Wallfahrt in den Vatikan, hat der bayerische Minister- kirchliche Gemeindezentren mit voll integrierter Autowasch-
präsident jetzt wieder seine über alles geliebte weißblaue anlage treffen. So könnte das seelsorgerische Ser vice-
Volksbühne betreten. Schaut nur her, wie er das gemacht programm der Kirchen multitaskingfähig und kundenfreund-
hat! Zapperlopp! Er hat – Oh Benedict erklär uns das! – Got- lich ergänzt und abgerundet werden. Der Kirchgang würde
tes Gebot: „Du sollst den Feiertag heiligen“ kurzerhand attraktiver, die Waschanlagen würden rentabler, die Auto-
außer Kraft gesetzt. Er hat den Allmächtigen seiner tempo- fahrer glücklicher. Das ist doch mal wirkliche Kundenorien-
ralen Richtlinienkompetenz beraubt, und der bayerischen tierung. Was will man mehr – die nächste Wahl ist gesichert.
Bevölkerung an dessen Stelle verordnet: „Am siebten Tage Ja, ja die bayerische Staatsregierung, sie sorgt sich vorbild-
sollst Du Dein Auto heiligen“. lich um die Probleme von uns Bayern. Und im Gegensatz zu
Ab 1. Juni, so der Beschluss des Landtages am 25. 04. 2006 denen da oben in Berlin, löst sie diese sogar. Soll noch
in namentlicher Abstimmung, stehen bayerische (!) Wasch- einer sagen, die Bayern wären rückständig. Und heilig ist
straßen auch an Sonn- und Feiertagen für den Karossen-Kult ihnen auch nichts – zumindest nicht mehr der Sonntag.
mit seinen diversen Reinigungsritualen zur Verfügung. So Karlheinz A. Geißler

Regionale und thematische Gruppen der DGfZP


Arbeitskreis „Zeit in der Pflege“
Der Arbeitskreis hatte lange geruht und ist jetzt wieder ak- Angehöriger haben (werden), und welche Veränderungen
tiv geworden, seitdem mehrere DGfZP-Mitglieder in Berlin, von Zeitstrukturen im Lebensumfeld geeignet erscheinen,
Hannover und Köln an einem Forschungsprojekt zu „Zeiten diesen Personenkreis zeitpolitisch zu unterstützen (siehe
in der Pflege“ kooperieren. den Themenschwerpunkt „Zeit in der Pflege“ des Zeitpoli-
Der Schwerpunkt der Zusammenarbeit liegt auf der Frage, tischen Magazins Nr. 7, Mai 2006).
welche Auswirkungen Flexibilisierung und Verlängerung
der Arbeitszeit auf das zeitliche Potential pflegender Kontakt: Jürgen Rinderspacher j.rinderspacher@gmx.de

Seite 12 ZpM Nr. 8, September 2006


DGfZP

Arbeitskreis „Zeit in und für Familien“


Seit Herbst 2004 existiert ein thematischer Arbeitskreis Sitzungen ging es um die Frage, wie unterschiedliche
„Zeit in und für Familien“, der sich regelmäßig in den Räu- Generationen – innerhalb und außerhalb von Familien – sich
men des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München trifft. über ihre Zeitverständnisse besser verstehen lernen kön-
Die Gruppe ist interdisziplinär zusammengesetzt – aus nen, sowie – anhand der Erfahrungen einer Ergotherapeutin
Soziologie, Pädagogik, Psychologie, Politikwissenschaft – – um Anpassungsprobleme von Kindern an vorgegebene
und umschließt nicht nur in der Wissenschaft tätige Perso- Tempi. Erfahrungen aus dem Arbeitskreis sind in die Vor-
nen, sondern auch in der Praxis wirkende. Sie beschäftigt bereitung der Jahrestagung 2005 „Zeit für Beziehungen?“
sich mit Zeitproblemen, -bedar fen und -interessen von eingeflossen.
Familien, Paaren und Kindern in der Perspektive auf die
zeitpolitische Gestaltung von Rahmenbedingungen. Die Kontakt:
Themen beschränken sich nicht auf die Vereinbarkeits- Martina Heitkötter mheitkoett@aol.com
problematik, sondern schließen auch andere Aspekte, Andreas Lange lange@dji.de
z. B. Körperlichkeit und Emotionalität, ein. In den letzten Karin Jurczyk jurczyk@dji.de

Arbeitskreis „Bildungspolitik als Zeitpolitik“

Der Arbeitskreis aus Lehrern, Erziehungs-, Kultur- und Sozi- wesen und in Reformkonzepten wie der Ganztagsschule be-
alwissenschaftlern und Weiterbildungs- und Zeitberatungs- schaffen? Wie kann Zeit zum Unterrichtsthema gemacht
Experten hat sich im Sommer 2005 per e-mail konstituiert werden? Welche Qualifikationen zum Umgang mit Alltags-
und auf der Jahrestagung Ende Oktober 2005 zum ersten und Lebenszeit sind heute in Arbeits- und Alltagswelt not-
Mal getroffen. Erste Impulse finden sich im Zeitpolitischen wendig, und in was für einem Verhältnis stehen diese zu zeit-
Magazin Nr. 5, das im Juli 2005 erschien. Ziel ist, auf zeit- licher „Lebenskunst“, wie sie in philosophischen Diskursen
liche und zeitpolitische Aspekte und Probleme im Bildungs- entwickelt wird? Mitglieder des Arbeitskreises bereiten die
wesen aufmerksam zu machen, nicht zuletzt im Hinblick Jahrestagung der DGfZP Ende Oktober 2006 in Berlin vor.
auf die aktuellen Schulreformen. Wie ist der heimliche Lehr- (Programm auf S. 11).
plan der zeitlichen Organisation des Lernens im Bildungs- Kontakt: Helga Zeiher helga.zeiher@t-online.de

Berliner Zeitpolitische Gespräche

Mitglieder aus Berlin und dem Umland, Wissenschaftler/ Die Gruppe trifft sich regelmäßig am dritten Dienstag des
innen, Praktiker/innen, und Künstlerinnen, diskutieren in Monats (außer in Ferien- oder Jahrestagungsmonaten).
zeitpolitischer Perspektive Themen aus Wirtschaft, Alltags- Gäste sind jederzeit herzlich willkommen.
leben, Kultur und Politik. Leitthema, das von Zeit zu Zeit
auch philosophisch, politologisch und soziologisch explizit Nächste Termine:
behandelt wird, ist die Frage, was Zeitpolitik ist, leisten 21. November 2006, 16. Januar 2007, 20. Februar 2007
kann und künftig leisten sollte. jeweils um 18.00 Uhr bei Prof. Dr. Dietrich Henckel.
Jeder Abend beginnt mit dem Austausch zeitpolitischer und 10623 Berlin , Technische Universität Berlin,
DGfZP-organisatorischer Neuigkeiten. Kurzvorträge leiten Gebäude B, Hardenbergstr. 40a Zimmer Nr. 226
dann das Thema des Abends ein. In diesem Jahr ging es
bisher um die gesellschaftliche Bewertung von zeitlicher Kontakt: Dietrich Henckel d.henckel@isr.tu-berlin.de
Lebensqualität in der Kindheit, um Jugendzeit, um Thesen
zu Beschleunigung im Buch von Hartmut Rosa, und um die
Relevanz von Zeitfragen für Coaching-Prozesse.

ZpM Nr. 8, September 2006 Seite 13


Zeitpolitisches Magazin

Norddeutsche Zeitpolitische Gespräche?


In Bremen, Oldenburg, Hannover und Hamburg gibt es zubauen: „Norddeutsche zeitpolitische Gespräche“. Es
jeweils mehrere Mitglieder der DGfZP. Auf der Mitglieder- müsste sich jemand aus dieser Region bereit erklären, dies
versammlung 2005 kam der Wunsch auf, auch in dieser zu organisieren …
Region einen Gesprächskreis zu politischen, kulturellen Kontakt: Ulrich Mückenberger
und ästhetischen Themen der Zeit und der Zeitpolitik auf- umueckenberger@t-online.de

Who Is Who? Mitglieder der DGfZP stellen sich vor


Das Zeitpolitische Magazin möchte dazu beitragen, die persönliche Vernetzung und die inhaltliche Zusammenarbeit
zwischen den Mitgliedern der DGfZP zu stärken. An dieser Stelle bieten wir daher die Gelegenheit für Personen und
Institutionen, die Mitglied in der DGfZP sind, sich in Form von Kurzportraits den Leserinnen und Lesern vorzustellen.

Diesmal stellen wir Ihnen zwei der vier Autoren des Zeitpolitischen Manifests vor.

Helmut Spitzley Auswahl neuerer Veröffentlichungen:


• Helmut Spitzley (2006): Theorie und Empirie der Arbeits-
zeitflexibilisierung. Ein Instrument zur Qualitätssicherung
in der betrieblichen Arbeitszeitgestaltung (im Druck)
geb. 1948, Studium der • Helmut Spitzley (2005): „Kurze Vollzeit“ – eine Grundlage
Stadt- und Regional- für gute Arbeit. In: Gute Arbeit. Zeitschrift für Gesund-
planung an der TU Berlin heitsschutz und Arbeitsgestaltung, H. 5 / 2005, S. 21 – 23
und der Wirtschafts- und • Peter Mehlis, Helmut Spitzley (2004): Arbeitszeiten und
Politikwissenschaft an Arbeitsformen in High-Tech-Unternehmen der „new
der FU Berlin. Wissen- economy“. Bremen: Universität, IAW Forschungsbericht,
schaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin (1972 - 1978), Aka- März 2004, S. 54 – 59
demischer Rat am Seminar für Arbeitswissenschaft der Uni- • Götz Richter, Helmut Spitzley (2003): Unternehmenskrise
versität Hannover (1978 - 1980) und Wissenschaftlicher = Arbeitsplatzabbau? Der Tarifvertrag zur Beschäftigungs-
Mitarbeiter im Forschungsprojekt Energie und Gesellschaft sicherung in der Praxis. Frankfurt: IGM
der TU Berlin (1980 - 1983). Seit 1983 Professor an der Uni-
• Gudrun Linne (Hrsg.) unter Mitarbeit von Matthias Eber-
versität Bremen für „Arbeitswissenschaft mit den Schwer-
ling, Hermann Groß, Volker Hielscher, Eckart Hildebrandt,
punkten: Politische, technologische und ökologische Deter-
Kerstin Jürgens, Steffen Lehndorff, Svenja Pfahl, Markus
minanten von Arbeit“. Sprecher der Forschungseinheit
Promberger, Gabi Schilling, Hartmut Seifert, Helmut Spitz-
„Wandel der Arbeitsgesellschaft (FeA) im Institut Arbeit und
ley, Rainer Trinczek (2002): Flexibel arbeiten – flexibel
Wirtschaft (IAW) an der Universität Bremen. Forschungs-
leben? Die Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten auf
gebiete: Arbeits- und Beschäftigungspolitik, Arbeitszeit-
Erwerbschancen, Arbeits- und Lebensbedingungen. Düs-
politik, Arbeitsorganisation in Unternehmen, Wandel der
seldorf: Hans Böckler Stiftung
Arbeitsbeziehungen, Zukunft der Arbeit, Work-Life-Balance.
• Margareta Steinrücke, Helmut Spitzley, Sibylle Raasch,
Laufende Forschungsprojekte: „Gute Arbeit in der Wissens-
Ulrich Mückenberger, Eckart Hildebrandt (eds) 2001:
gesellschaft (GAWIS)“ (mit Ulrich Heisig und Christiane Erd-
Neue Zeiten – neue Gewerkschaften. Auf der Suche nach
mann); „Beruf und Familie. Verbundprojekt im Lande Bre-
einer neuen Zeitpolitik. Berlin: sigma
men“ (mit Tanja Brinkmann, Rena Fehre, Patrick Frede und
Gretel Lutschkowski); „Arbeitszeiten und Arbeitsformen in spitzley@iaw.uni-bremen.de
High-Tech-Unternehmen“ (mit Peter Mehlis). www.iaw.uni-bremen.de

Seite 14 ZpM Nr. 8, September 2006


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Eckart Hildebrandt Auswahl neuerer Veröffentlichungen:


• Matthias Eberling, Volker Hielscher, Eckart Hildebrandt,
Kerstin Jürgens (2004): Prekäre Balancen. Flexible
geb. 1943, Diplom-Wir tschafts-
Arbeitszeiten zwischen betrieblicher Regulierung und
ingenieur, Dr. der politischen
individuellen Ansprüchen. Berlin.
Wissenschaften an der Freien Uni-
versität Berlin, seit 1977 Wissen- • Sebastian Brandl, Eckart Hildebrandt (2002): Zukunft der
schaftlicher Mitarbeiter am Arbeit und soziale Nachhaltigkeit. Zur Transformation der
Wissenschaftszentrum Berlin für Arbeitsgesellschaft vor dem Hintergrund der Nachhaltig-
Sozialforschung mit dem Schwer- keitsdebatte. Opladen.
punkt betriebliche Rationalisie- • Margareta Steinrücke, Helmut Spitzley, Sibylle Raasch,
rung und industrielle Beziehun- Ulrich Mückenberger, Eckart Hildebrandt (Hrsg.) (2001):
gen. 1990 Habilitation an der FUB, 1992/93 Zeitprofessur Neue Zeiten – neue Gewerkschaften. Berlin.
an der Universität Bremen. Seit 1989 Themenschwerpunkt • Eckart Hildebrandt, Børge Lorentzen, Eberhard Schmidt
Arbeit und Ökologie mit verschiedenen Projekten zu Ökolo- (eds.) (2001): Towards a Sustainable Worklife. Berlin.
gisierung von Unternehmenspolitik und Beteiligung, Umwelt • Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung; Wuppertal
und Beschäftigung, neuen Arbeitsformen und Arbeitszeiten Institut für Klima, Umwelt, Energie; Wissenschafts-
und Lebensführung. Koordinator des 1991 gegründeten zentrum Berlin (2000): Projektabschlussbericht „Arbeit
Wissenschaftler-Netzwerks IRENE (Industrial Relations and und Ökologie“. Berlin und Wuppertal.
the Environment in Europe). 1998 bis 2000 Koordination im • Eckart Hildebrandt in Zusammenarbeit mit Gudrun Linne
Verbundprojekt „Arbeit und Ökologie“ des Deutschen Insti- (Hrsg.) (2000): Reflexive Lebensführung. Berlin.
tuts für Wirtschaftsforschung, des Wuppertal Instituts und
des WZB. In den letzten Jahren verschiedene nationale und
Kontakt: seeloewe@wz-berlin.de
internationale Projekte zu den Themen „Zukunft der Arbeit
und Nachhaltigkeit“, „Flexible Arbeit und Alltägliche
Lebensführung“. Derzeit Leitung des Projekts „Langzeit-
konten und biographische Lebensführung“.

Veranstaltungsbericht
Familien in der Zeitklemme – Alltagspuzzle und „rush hour of life“
Bericht über eine zweiteilige Veranstaltung in München im Mai 2006

Die beiden Veranstaltungen fanden in Zusammenarbeit Familie dort gemacht wurden. Im Mittelpunkt der Diskus-
zwischen dem Deutschem Jugendinstitut (DJI), Abteilung sionen standen innovative Modelle für die so genannte Rand-
Familie und Familienpolitik und elf weiteren ör tlichen zeitenbetreuung, die Verknüpfung von professionellen An-
Veranstaltern aus den Bereichen Wirtschaft, der Kommunal- geboten der Kindertagesbetreuung mit Ehrenamtlichkeit
verwaltung München, den Hochschulen sowie der Kirchen sowie die Bedeutung des lokalen Lebensumfelds.
statt. Die zeitpolitischen Gestaltungsvorschläge des Am 19. Mai waren „Entzerrung der ‚rush hour of life’“ und
7. Familienberichts sollten auf Anregungen und Umset- „Lebenslaufpolitik für Familien“ die zentralen Themen, ein-
zungsimpulse für die örtlichen Akteure abgeklopft werden. geleitet von Helga Krüger (Uni Bremen). In Arbeitsgruppen
An beiden Tagen wurden zunächst Grundsätze des Familien- wurden die bereits bestehenden Münchner Ansätze sowie
berichts referiert. Dann hielten in Arbeitsgruppen lokale die Umsetzbarkeit des „Optionszeiten- und des Wunsch-
Akteure Impulsreferate über bereits bestehende lokale zeiten- sowie des Berufsanreicherungsmodells“ vorgestellt
Ansätze. und diskutiert. Schwerpunkte bildeten die familiengerech-
Am 5. Mai ging es um „Lokale Zeit- und Raumpolitik für mehr ten Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen an den Hoch-
Zeitwohlstand im Familienalltag“. Nach dem Grundsatz- schulen der Stadt München, familienfreundliche Ansätze in
referat von Karin Jurczyk (DJI) wurde vorgestellt, wie in der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie lebenslauf-
einer anderen Kommune, Hanau, ör tliche Zeittakte ab- politische Innovationen auf betrieblicher Ebene.
gestimmt werden und welche Erfahrungen mit betrieblichen Es ist geplant, die Veranstaltungsreihe zu dokumentieren.
Ansätze zur besseren zeitlichen Vereinbarkeit von Beruf und Martina Heitkötter

ZpM Nr. 8, September 2006 Seite 15


Zeitpolitisches Magazin

Neue Literatur
aus dem Kreis der DGfZP
Uwe Becker
Sabbat und Sonntag
Plädoyer für eine sabbattheologisch begründete kirchliche Zeitpolitik
Paperback - 319 Seiten
Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn
2006
ISBN: 3-7887-2166-9

Flexibilisierung der Arbeitswelt, eine Beschleunigungs- Kirche ihre traditionell auf den Sonntag reduzierte „Zeit-
kultur hin zur Non-Stop-Gesellschaft, individueller Zeit- zuständigkeit“ nicht überwinden muss. Der Verfasser sieht
notstand und der Verlust von sozialen Zeiten – Aspekte, die den Zugang zu einer solchen umfassenden „kirchlichen Zeit-
radikale Umbrüche in der zeitlichen Organisation der Gesell- politik“ in der Wiederentdeckung des jüdischen Sabbats.
schaft anzeigen. Diese betreffen das individuelle, politische Hier liegen Chancen für die kirchliche Praxis, auf den
und gesellschaftliche Leben insgesamt. Aus theologischen Umbruch der zeitlichen Organisation der Gesellschaft an-
Gründen ist angesichts dieser Entwicklung zu fragen, ob die gemessen zu reagieren. (Verlagstext)

Karlheinz A. Geißler
Wart’ mal schnell. Minima Temporalia
Taschenbuchausgabe (Neuauflage 2006) und Hörbuch
Hirzel S. Verlag
ISBN: 3777611255
Wer hat schon Zeit in unserer Zeit? Zeit, über die Zeit zu schmunzeln? Zeit für dieses zeitlose
Buch? Vegessen Sie doch einfach eine Weile die Zeit! Karlheinz Geißlers Gedanken sind amüsant,
ironisch und tiefsinnig. Dazwischen streut er die schönsten Texte von Denkern und Dichtern, die
etwas über die Zeit geschrieben haben.Wer in diesem Buch schmökert, wird schnell merken, dass
er alle Zeit der Welt hat. (Verlagstext)

Ursula Wyss
Arbeitszeitformen und Freizeitverhalten
Berner Studien zu Freizeit und Tourismus,
Heft 46, 2006

In einer Zeitbudgeterhebung wurden Auswirkungen von zeit von Personen mit häufiger Nachtarbeit über den ganzen
Arbeitszeiten von in Normalzeit Arbeitenden und von Tag. Nur ein Viertel der Schichtarbeitenden verbringt an ei-
Schichtarbeitenden der Schweizerischen Bundesbahnen nem Durchschnittstag den Abend mit der Familie. Morgens
(SBB) auf Menge und zeitliche Lage von Familienzeiten und scheinen Kinder von elterlicher Schichtarbeit zu profitieren.
Freizeit untersucht. Aus den Ergebnissen: Während die Kinder von in Normalzeit arbeitenden Eltern
Während bei Personen in normalen Arbeitszeitverhältnissen dem elterlichen Arbeitsbeginn entsprechend morgens auf-
die durchschnittliche Häufigkeit gemeinsam verbrachter stehen, einige sehr früh, kann ein größerer Teil der Kinder
Familienzeit ab 16.00 Uhr ansteigt und ihren Höhepunkt von schichtarbeitenden Eltern länger schlafen.
zwischen 19.00 und 22.00 Uhr hat, verteilt sich Familien-

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Weitere neue Literatur


Volker Hielscher
Verflüssigte Rhythmen
Flexible Arbeitszeitstrukturen und soziale Integration
Berlin: edition sigma 2006.
240 S.
Flexible Arbeitszeiten gelten als einer der Schlüssel für die liche Aktivitäten in der Lebenswelt? Wie kommt Sozialzeit,
Modernisierung der Arbeitswelt. Sie stellen die industriel- gemeinsame Zeit mit Anderen zustande? Ausgehend von
len Zeitinstitutionen von Normalarbeitstag und Feierabend, verschiedenen betrieblichen Flexibilitätsmodellen analy-
von Arbeitswoche und Wochenende grundlegend in Frage sier t der Autor die individuellen Zeitarrangements der
und markieren die Rücknahme verbindlicher Arbeitszeit- Beschäftigten zwischen betrieblichen Anforderungen, fami-
regelungen: Sie verlangen von den Einzelnen zunehmende liären Verpflichtungen und privaten Interessen. In diese
Abstimmungsleistungen zwischen Arbeitsanforderungen Arrangements ist die teils vereinfachte, teils erschwerte,
und eigenen Zeitbedürfnissen – also eine aktive individuelle teils gelingende und teils scheiternde Herstellung gemein-
Zeitgestaltung. Hielschers Studie fragt nach den Konse- samer Zeit eingebettet. Die Resultate erschließen die
quenzen der flexiblen Arbeitszeiten für die Interaktion der Grundlage für eine Diskussion der Modernisierungsfolgen
Individuen und für den sozialen Zusammenhalt der Gesell- für Vergemeinschaftung und soziale Integration in der
schaft. Wie koordinieren die Beschäftigten gemeinschaft- Gegenwartsgesellschaft. (Verlagstext)

Rezension
Hartmut Rosa: Beschleunigung
Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005;
stw 1760; 538 Seiten

„All you need is speed“


Wer über Zeit schreibt, braucht Zeit, viel Zeit, wenn’s gung, analysiert im Teil III deren Ursachen und im vierten
etwas Vernünftiges werden soll. Wer hingegen über und letzten Teil schließlich die Konsequenzen gegenwärti-
Beschleunigung schreibt, braucht keine Beschleunigung, ger Akzelerationsdynamik.
eher das Gegenteil, sonst wird’s oberflächlich, eine Surf- Rosa unterscheidet in seiner „Phänomenologie der sozialen
tour über den Gegenstand hinweg. Hartmut Rosa hat sich Beschleunigung“ drei empirisch und analytisch fruchtbare
glücklicherweise viel Zeit genommen, Zeit für das Schrei- Aspekte:
ben von über fünfhunder t eng bedruckten Seiten zur
a) die technische Beschleunigung (Beschleunigung des
„Beschleunigung“. Ein kluger Text ist dabei entstanden,
Transports, der Kommunikation usw.),
eine informative, eine systematische und weiterführende
b) die Beschleunigung des sozialen Wandels (Dynamik der
Abhandlung, die ihren Lesern den Eindruck vermittelt, dass
Moderne, Beschleunigung der Lebensstile usw.), und
da einer etwas von der Sache versteht, weil er sie zu durch-
c) die Beschleunigung des Lebenstempos (Zunahme von
schauen vermag und sich und seinen Leserinnen und Lesern
Stress und Zeitnot).
nichts vormachen will.
Sein Vorhaben ist nicht bescheiden. Beabsichtigt wird, so Alle drei Perspektiven besitzen eine Rückseite, die sich in
das von ihm selbst formulier te Programm, „ein Entwur f dialektischer Wechselseitigkeit zur Vorderseite dynamisiert
einer systematischen Theorie der sozialen Beschleuni- und die zu Effekten der Entschleunigung und Erstarrung
gung“. Nach der Darstellung des kategorialen Grund- führt. Rosa argumentiert hierbei jedoch nicht dialektisch,
gerüstes im Teil I beschreibt er im zweiten Teil seiner als sondern in ver tikalen Ordnungen, wenn er die blockie-
Habilitationsschrift eingereichten Abhandlung Wirkungs- renden und bremsenden Ef fekte der Beschleunigung
weisen und Erscheinungsformen der sozialen Beschleuni- ausschließlich als „Sekundäreffekte“ klassifiziert, die nicht

ZpM Nr. 8, September 2006 Seite 17


Zeitpolitisches Magazin

im Stande seien, die herrschenden Akzelerationsdynamiken ins „Altersheim“, um die weiter zu steigernde Hoch-
abzubremsen oder sie bis zum Umschlag hin zu blockieren. geschwindigkeit der medial gesteuer ten labil-flexiblen
Fünf solcher „Bremser“ nennt Rosa: Welt ins Nirgendwo nicht aufzuhalten. Die militärische
Befehlsstruktur ist inzwischen zum Kommunikationshinder-
a) natürliche, biologische Geschwindigkeitsgrenzen,
nis geworden. Der Staat gibt seinen Steuerungsanspruch
b) territoriale, kulturelle Entschleunigungsinseln,
sicht- und spürbar zugunsten eines kurzfristigen Problem-
c) unbeabsichtigte Nebenfolgen der Beschleunigung,
managements auf, er individualisiert gesellschaftliche Pro-
wie Verkehrsstaus, Warteschlangen, Depressionserkran-
blemlagen und ersetzt die früher geleisteten Integrations-
kungen usw.,
bemühungen durch ad-hoc-Konfliktregelungen.
d) beabsichtigte Entschleunigung, wie der Ausstieg auf
All dies ist, was die systematische Darstellung betrifft, von
Zeit, der Rückzug,
Rosa überzeugend ausgebreitet. Mit viel Literatur und
e) kulturelle und strukturelle Erstarrungseffekte, manches
Empirie ist es belegt, und an vielen Stellen wurde es auch
dreht sich nur rascher im Kreis, oder auf allen Flughäfen
rhetorisch geschickt zugespitzt. Die Absicht, „Grundzüge
der Welt findet man die gleichen Geschäfte mit den an-
einer Theorie der sozialen Beschleunigung“ darzustellen,
nähernd gleichen Waren.
kann als gelungen bezeichnet werden. Rosa zeigt, dass die
Keine dieser „Bremser“ besitzt letztlich jedoch die Energie, Beschleunigung das dominante Prinzip der Modernisierung
den auf die Schienen gesetzten, immer schneller werden- ist, er beschreibt das Akzelerationsprinzip als den General-
den Beschleunigungsexpress aufzuhalten. Sie werden von schlüssel zur Erklärung historischer, politischer und indivi-
diesem entweder überrannt oder begleiten die Hyper-Dyna- dueller Veränderungsprozesse und belegt darüber hinaus,
mik nur als ornamentale Schatten. dass die Gesellschaft und die Natur der menschlichen
Existenz essentiell zeitlichen Charakter haben. Man kann,
Als Ursachen der Akzelerationsdynamik identifiziert Rosa
so sein überzeugendes Resümee, die Moderne und die
folgende drei Antriebskräfte:
Modernisierung nur begreifen, wenn man etwas von Be-
a) die ökonomische Logik des Konkurrenzkapitalismus, die schleunigung versteht.
zuallererst die technische Beschleunigung forciert,
Ohne die Qualität von Rosas Arbeit grundlegend in Frage
b) die kulturelle Steigerungslogik, der die protestantische
zu stellen, liefert sie auch hie und da einige Ansatzpunkte
Ethik mit ihren Zeitdisziplinierungsimperativen einge-
zur Kritik. Die Analyse, die Beschreibung und die Erklärung
webt ist, und die zu beschleunigtem Lebenstempo führt,
der Beschleunigungsdynamiken hätte z. B. noch zufrieden-
c) das Prinzip der funktionellen Differenzierung, das die Be-
stellender ausfallen können, wenn Rosa sich auch den
schleunigung des sozialen Wandels vorantreibt.
Fragen der möglichen und der realen Grenzen der Beschleu-
Als maßgebende Institution der Beschleunigung fungierten nigung intensiver gewidmet hätte. Wo und wann richtete
bis vor nicht allzu langer Zeit in erster Linie das Militär und und richtet die Akzelerationsdynamik mehr Schaden als Nut-
der Nationalstaat. Sie waren die bestimmenden Akzelerato- zen an? Existiert ein kritischer Punkt, und wo liegt dieser,
ren der Dynamik der Moderne und der Modernisierung. Seit an dem sich die Beschleunigung in ihrer selbstproduzierten
der „elektronischen Revolution“ jedoch agieren sie zu lang- Widerspruchsdynamik ver fängt? Solche Fragen bleiben
sam und werden zu „Bremsern“ im rasenden Zug des Be- leider ungestellt und daher werden sie auch nicht beantwor-
schleunigungsprozess. Die Postmoderne (Rosa ziert sich, tet. Das liegt u. a. daran, dass Rosa den soziologischen
von „Postmoderne“ zu sprechen und eiert diesbezüglich im Fachdiskurs nicht zu überschreiten gewillt ist. Anschlüsse
begrifflichen Niemandsland herum. Möglicher weise be- an ökologische, chronobiologische und philosophische
absichtigt er, an dieser Stelle dem „rasenden Stillstand“ Erkenntnisse fehlen weitgehend in seiner Schrift. Sie hät-
auch selbst einmal ein Opfer zu bringen.) frisst die Eltern ten möglicherweise auch die Stringenz seiner konsequent
der Modernisierung. Sie müssen wegen ihres Tempodefizits soziologischen Argumentation irritier t. Rosas Abstinenz
könnte auch – so lässt sich vermuten – dem Sachverhalt
Die nächste Ausgabe des ZpM wird das Thema „Zeit geschuldet sein, dass es sich bei seiner Arbeit um eine
und Ernährung“ haben, herausgegeben von Dagmar Vinz. Habilitations- also eine Qualifizierungsschrift für die akade-
mische Disziplin Soziologie handelt.

Seite 18 ZpM Nr. 8, September 2006


DGfZP

Auch der Schluss des Buches stellt nicht wirklich zufrieden. nicht einmal ein Wegweiser zum Notausgang. Als Passa-
Rosas Ankündigung, im abschließenden Teil, auf der Grund- giere des dahinrasenden Zuges der Beschleunigung, sind
lage vorheriger Befunde, die „Umrisse einer kritischen wir offensichtlich in einen Tunnel geraten, der sich als nicht
Theorie der Beschleunigung“ vorzustellen, wird nicht befrie- enden wollender Kreisverkehr herausstellt. Rosa macht
digend eingelöst. Das ist bedauerlich, u. a. weil Rosa dazu Licht im Tunnel, aber dadurch erkennen wir erst, dass es
sicherlich im Stande wäre. So muss man neugierig auf eine kein Entrinnen gibt. Der Beschleunigungstunnel hat kein
Fortsetzung seiner Schrift warten – eine Tugend, die jedoch Ende, keinen Ausgang. Es gibt auch kein Zurück, und die
in der verschärften Moderne dieser Tage weitgehend verlo- Belüftungskanäle lassen ein individuelles Entrinnen auch
ren gegangen ist. Die weniger an der systematischen Ana- nicht zu. Richten wir uns also im Unveränderlichen ein und
lyse interessierten Leserinnen und Lesern vermissen sicher- träumen dabei von einer Zeit, die uns nicht immerzu auf die
lich auch Antworten auf die Fragen, was eigentlich den Fersen tritt, weil wir ihr so atem- und rastlos nachhetzen.
Zwangszusammenhang der ungebremst voranschreitenden Rosa hat ein Fachbuch geschrieben, das gegen seinen
Beschleunigung abmildern könnte? Gibt es einen Ausweg Willen in letzter Konsequenz zum Träumen zwingt. Was will
daraus, einen kollektiven, einen individuellen? Dahin- man mehr. Max Frisch hätte ihm „durchschlagende Wir-
gehende Antworten sucht man vergebens. Kein Hinweis- kungslosigkeit“ bescheinigt.
schild zu einem auch nur in Ansätzen attraktiven Ausgang, Karlheinz A. Geißler

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Who Is Who, Prosaisch-lyrisch Querliegendes
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