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Modellbildung und versuchsgestützte Analyse von Stahlbetonbalken

mit zweiachsigen Querkraftbeanspruchungen

Vorgelegte
Dissertation

zur

Erlangung des Grades


Doktor-Ingenieur (Dr.-Ing.)

der

Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften der


Ruhr-Universität Bochum

von

Dipl.-Ing. Veit Sebastian Birtel

Bochum, im April 2009


Vorwort

Die vorliegende Arbeit entstand in den Jahren 2005 bis 2009 während meiner Aktivität
als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsvorhaben „Experimentelle und
numerische Untersuchungen an Stahlbetonträgern mit zweiachsigen Querkraft-
beanspruchungen“ am Lehrstuhl und Institut für Stahlbeton- und Spannbetonbau der
Ruhr-Universität Bochum. Die Arbeit wurde von der dortigen Fakultät für Bau- und
Umweltingenieurwissenschaften als Dissertation angenommen. Der Deutschen
Forschungsgemeinschaft sei für die finanzielle Förderung sehr herzlich gedankt.

Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Stangenberg, der mir bei der Erstellung der
Arbeit während der Zeit am Lehrstuhl viele Freiheiten zur eigenen Forschung gewährt
und durch viele Anregungen zum Gelingen der Arbeit beigetragen hat. Weiterhin
möchte ich mich bei Herrn Prof. Mark für die außergewöhnlich gute Zusammenarbeit
am Lehrstuhl und die vielen fachlichen Gespräche und Anregungen bedanken. Den
Kolleginnen und Kollegen möchte ich für die gute wie konstruktive Diskussions- und
Hilfsbereitschaft danken. Bei Michél Bender bedanke ich mich sehr für die zahllosen,
intensiven Diskussionsrunden, die zu vielen Denkanstößen führten.

Abschließend bedanke ich mich für die Unterstützung der gesamten Familie.
Insbesondere meiner Frau Sandra sei für ihr Verständnis und den steten Rückhalt
während der gesamten Entstehung der Arbeit gedankt.

Bochum, im September 2009 Veit Birtel

Tag der Einreichung: 21. April 2009


Tag der mündlichen Prüfung: 7. Juli 2009

1. Gutachter: Prof. Dr.-Ing. F. Stangenberg


2. Gutachter: Prof. Dr.-Ing. P. Mark
Inhaltsverzeichnis I

Inhaltsverzeichnis

Symbolverzeichnis VI

1. Einleitung
1.1 Einführung und Motivation 1
1.2 Zielsetzung 2
1.3 Aufbau der Arbeit 2

2. Grundlagen und Stand der Forschung


2.1 Materialeigenschaften 5
2.1.1 Normalbeton 5
2.1.2 Betonstahl 9
2.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 10
2.2.1 einachsige Querkraft 10
2.2.2 zweiachsige Querkraft 15
2.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 16
2.3.1 einachsige Querkraft 16
2.3.2 zweiachsige Querkraft 19
2.4 Versuche mit zweiachsigen Querkrafteinwirkungen 26
2.4.1 Versuche von Mark 26
2.4.2 Versuche von Hansapinyo 28
2.5 Bewertung 30

3. Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen


3.1 Normierungen und Definitionen 34
3.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 36
3.2.1 Grundgleichungen der Haupttragwirkungen 36
3.2.2 Erweiterung der Grundgleichungen für zweiachsige Querkräfte 37
3.2.3 Berechnungsansatz für die Tragfähigkeit 44
3.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 45
3.3.1 Fachwerkmodell 45
3.3.2 Ableitung funktioneller Beschreibungen für die
Zugstrebenkräfte 46
3.3.3 Berechnungsansatz für die Tragfähigkeit der Bügelbewehrung 53
3.3.4 Berechnungsansatz für die Tragfähigkeit der
Betondruckstrebe 56
II Inhaltsverzeichnis

3.4 Einfluss drückender Normalkräfte auf die Querkrafttragfähigkeit 58


3.4.1 Sprengwerktragwirkung 58
3.4.2 Veränderung des Querkraftwiderstands der Biegedruckzone 59
3.4.3 Normalkraftbeeinflussung der Bügeltragfähigkeit 60

4. Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens


4.1 Balkenversuche 61
4.1.1 Zielsetzung 61
4.1.2 Versuchsstand für geneigte Querkrafteinwirkungen 62
4.1.3 Messtechnik 65
4.1.4 Versuchsprogramm 69
4.2 Versuchsbalken ohne Querkraftbewehrung 72
4.2.1 Analyse des Tragverhaltens 72
4.2.2 Vergleich von experimentellen Bruchlasten mit rechnerischen
Tragfähigkeiten 75
4.2.3 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse 77
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der
Bügelbewehrung 78
4.3.1 Analyse des Tragverhaltens 78
4.3.2 Vergleich von experimentellen Bruchlasten mit rechnerischen
Tragfähigkeiten – ohne Normalkraft 86
4.3.3 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse 88
4.3.4 Analyse des Einflusses drückender Normalkräfte 90
4.3.5 Vergleich von experimentellen Bruchlasten mit rechnerischen
Tragfähigkeiten – mit Normalkraft 92
4.3.6 Zusammenfassung und Interpretation der Erkenntnisse 93
4.4 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der
Betondruckstrebe 94
4.4.1 Analyse des Tragverhaltens 94
4.4.2 Vergleich von experimentellen Bruchlasten mit rechnerischen
Tragfähigkeiten 100
4.4.3 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse 101

5. Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells


5.1 Allgemeines 102
5.2 Ganzheitliches Bemessungsmodell 104
5.2.1 Grundwert des Querkraftwiderstands 104
5.2.2 Querkraftwiderstand der Bügelbewehrung 107
5.2.3 Querkraftwiderstand infolge drückender Normalkräfte 108
5.2.4 Begrenzung des maximalen Querkraftwiderstands 108
5.2.5 Resultierender Bemessungswiderstand und Nachweisführung 109
Inhaltsverzeichnis III

5.3 Verifikation des Bemessungsmodells 110


5.3.1 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 110
5.3.2 Bauteile mit Querkraftbewehrung 112
5.3.3 Maximale Querkrafttragfähigkeit 117
5.4 Vergleich mit anderen Bemessungsmodellen 119
5.5 Tragverhalten auf Gebrauchslastniveau 123
5.5.1 Dehnungs- und Spannungszustand der Bügelbewehrung 123
5.5.2 Rechnerische Abschätzung der Schubrissbreite 126

6. Zusammenfassung 131
IV Symbolverzeichnis

Große Lateinische Buchstaben (mit Indizes)

A Fläche
ABPZ Fläche der Bruchprozesszone
ADruck Fläche der Biegedruckzone
Asl Querschnittsfläche der Längsbewehrung
Asw Querschnittsfläche der Querkraftbewehrung (2-schnittig)
D Fachwerkdruckstrebe
Ec Elastizitätsmodul für Beton
Es Elastizitätsmodul für Betonstahl
F Kraft; Approximationsfunktion für Querkraftneigungseinflüsse
Ge elastische Energie
Gf Bruchenergie
M Biegemoment
N Normalkraft
P Kolbenkraft P = 2 ¢ V
Rp0,2 äquivalente 0,2 % Dehngrenze Betonstahl, kaltverformt
Rm Zugfestigkeit Betonstahl, kaltverformt
S Schwerpunkt
T Zugkraft im Bügelschenkel
V Querkraft
Vc Querkrafttragfähigkeit von Bauteilen ohne Querkraftbewehrung
V0 Querkrafttragfähigkeit der Biegedruckzone
VBPZ Querkrafttragfähigkeit der Bruchprozesszone
VN Querkrafttragfähigkeit aus Sprengwerktragwirkung
Vsw Querkrafttragfähigkeit der (reinen) Querkraftbewehrung
Vs Querkrafttragfähigkeit von Bauteilen mit Querkraftbewehrung
VEd Bemessungswert der Querkrafteinwirkung
VRd,ct Bemessungswiderstand von Balken ohne Querkraftbewehrung
VRd,N Bemessungswiderstand durch Sprengwerktragwirkung
VRd,sw Bemessungswiderstand der (reinen) Querkraftbewehrung
VRd,sy Bemessungswiderstand von Balken mit Querkraftbewehrung
VRd,max maximaler Bemessungswiderstand von Balken mit Querkraftbewehrung

Kleine Lateinische Buchstaben (mit Indizes)

a Abstand zwischen Lasteinleitung und Auflager


asw bezogene Querschnittsfläche der Querkraftbewehrung asw = Asw =sw
b Querschnittsbreite
d statische Nutzhöhe
d1 Abstand des Bewehrungsschwerpunktes zur Bauteilaußenkante
e Kraftausmitte
Symbolverzeichnis V

fc Zylinderdruckfestigkeit des Betons , d =200 mm


fc,cube Würfeldruckfestigkeit des Betons, d = 150 mm
fct Zugfestigkeit des Betons
fy Streckgrenze Betonstahl, warmgewalzt
ft Zugfestigkeit Betonstahl, warmgewalzt
h Querschnittshöhe
kx bezogene Druckzonenhöhe kx = x=d
le® effektive Stützweite
lch charakteristische Länge
lBPZ Länge der Bruchprozesszone
m Mittelwert
n Zählvariable
sr Rissabstand
sw Abstand der Querkraftbewehrung in Bauteillängsrichtung gemessen
w Rissbreite
x Druckzonenhöhe
z Hebelarm der inneren Kräfte

Griechische Buchstaben (mit Indizes)

®v dimensionslose Querkraftneigung
®c Beiwert Betondruckfestigkeit
¯ Winkel (zwischen Querkraft und der starken Hauptachse)
¯r Schubrisswinkel
° Teilsicherheitsbeiwert
°mod Modellsicherheit
"c Dehnung des Betons
"s Dehnung des Betonstahls
´z Approximationsfunktion für Geometrieeinflüsse
μ resultierender Druckstrebenneigungswinkel
·1 Maßstabsfaktor
·2 Völligkeitsbeiwert der Schubspannungsverteilung in der Druckzone
·BPZ Völligkeitsbeiwert der Zugspannungsverteilung in der Bruchprozesszone
·n Neigungsfaktor
¸ Sprengwerkneigung
º Variationskoeffizient; bezogene Normalkraft º = N=(A ¢ fc )
½l geometrischer Längsbewehrungsgrad
½w geometrischer Bügelbewehrungsgrad
¾ Normalspannung
¿ Schubspannung
!w mechanischer Bügelbewehrungsgrad
VI Symbolverzeichnis

Indizes

c Beton
cr Rissreibung
calc Rechenwert (calculated)
Exp experimenteller Wert
m Mittelwert
s Betonstahl
w Steg (web)
x Hauptachskoordinate in Balkenlängsrichtung
y Hauptachskoordinate im Balkenquerschnitt
z Hauptachskoordinate im Balkenquerschnitt

Ergänzende oder abweichende Notationen und Symbole werden an den jeweiligen


Stellen im Text erläutert.
Kapitel 1
Einleitung

1.1 Einleitung

Die vielseitigen Anforderungen an moderne, technisch anspruchsvolle Konstruktionen


erfordern immer präzisere Bemessungen. Für stabförmige Stahlbetonbalken ist aus
diesem Grund die Weiterentwicklung von Tragmodellen für die Querkraftbemessung
von zentraler Bedeutung.

Die bisherigen Forschungsarbeiten konzentrierten sich dabei im Wesentlichen auf


einachsige Belastungen, die parallel zu einer der Querschnittshauptachsen wirken. Dies
entspricht der Bemessungsnotwendigkeit, dass im Bauwerk die starken
Querschnittsachsen häufig in Richtung der dominierenden Vertikallasten orientiert
sind. Treten zusätzliche horizontale Belastungen auf, so verlieren diese Modelle ihre
Gültigkeit. Anders als für die Querkraftbemessung sind für solche Lastfälle
Biegebemessungsverfahren unter dem Synonym schiefe Biegung mit Normalkraft seit
langem etabliert.

Für Bauteile ohne Querkraftbewehrung fehlen sowohl Bemessungsmodelle, als auch


theoretische Grundlagen, die eine Beschreibung des Querkrafttragverhaltens bei
zweiachsigen Querkraftbeanspruchungen erlauben.
Im Gegensatz dazu wurden für Bauteile mit Querkraftbewehrung in den letzten Jahren
erste Modellvorstellungen zur Querkrafttragfähigkeit bei zweiachsigen Beanspruch-
ungen entwickelt. Je nach Modell werden aber zum Teil gegensätzliche Auswirkungen
auf den Querkraftwiderstand prognostiziert. Weil sich die Beschreibungen zudem auf
den Grenzzustand der Tragfähigkeit konzentrieren, ist wenig über das reale
Tragverhalten im Gebrauchszustand bekannt. Doch gerade dieser Aspekt gewinnt in
modernen Bemessungskonzepten immer mehr an Bedeutung.
Experimentelle Arbeiten an Balken mit Rechteckquerschnitt weisen jedoch gerade für
zweiachsige Belastungen signifikante Änderungen im Tragverhalten nach, auch wenn
die konzipierten Versuchsaufbauten eher der Durchführung von Tastversuchen dienten.

Es ist daher zu klären, wie sich zweiachsige Querkräfte auf die Tragfähigkeit und das
Tragverhalten auswirken und wie die Einflüsse bei der Bemessung zu beachten sind.
2 Kapitel 1: Einleitung

1.2 Zielsetzung

In der Arbeit soll ein ganzheitliches Bemessungsmodell für Stahlbetonbalken mit


zweiachsigen Querkraftbeanspruchungen hergeleitet werden. Die ganzheitliche
Entwicklung des Modells erfolgt unter Berücksichtigung folgender Hauptaspekte:

• Ein Hauptziel ist es, die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Bauteil-


widerstand und Querkraftrichtung zu verstehen und funktionell zu erfassen. Die
Interaktionsbedingungen zwischen anliegendem Lastniveau und aktivierten
Balkentragmechanismen sind zu klären.

• Theoretische Ableitungen und zu entwickelnde Modellvorstellungen für


Bauteilausführungen ohne und mit Querkraftbewehrung sollen anhand von
Versuchen bestätigt werden. Hierzu erforderliche Versuchsaufbauten sind zu
konzipieren.

• Die gewonnenen Erkenntnisse sind in einen ganzheitlichen Bemessungsansatz zu


überführen und in praxisgerechter Form auszuarbeiten. Unabhängig von der
Bauteilausführung und Querkraftrichtung soll sowohl der rechnerische
Bemessungswiderstand als auch das Tragverhalten auf Gebrauchslastniveau wie
der lastabhängigen Aktivierung von Widerstandskomponten erfasst werden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Nach einer Einleitung in das
Thema wird in Kapitel 2 eine Zusammenstellung der wissenschaftlichen Grundlagen
und der aktuellen normativen Regelungen zur Querkraftbemessung von Stahlbeton-
balken geliefert. Insbesondere wird dabei auf theoretische und experimentelle Arbeiten,
die sich mit der Bemessung gegen zweiachsige Querkräfte befassen, eingegangen. Im
Rahmen einer Analyse der in der Literatur dokumentierten Experimente und
Versuchsaufbauten sowie der von den Bemessungsmodellen prognostizierten
Auswirkungen zweiachsiger Querkräfte auf den Bauteilwiderstand, wird die Motivation
zur eigenen Forschung aufgezeigt.

In Kapitel 3 wird zunächst der räumliche Lastabtrag in Balken ohne


Querkraftbewehrung analysiert. Auf der Basis mechanischer Prinzipien werden die
Haupttragwirkungen für ein- und zweiachsige Querkraftlastfälle allgemeingültig
formuliert. Die daraus abgeleiteten funktionellen Beschreibungen der Tragmechanismen
werden zu einem Einzeltragmodell weiterentwickelt. Als Grundlage zur Prognose der
Querkrafttragfähigkeit von Bauteilen mit Bügelbewehrung dienen räumliche
1.3 Aufbau der Arbeit 3

Fachwerkmodelle, die über die Kopplung von Querkräften und Momenten unter
Berücksichtigung der materiellen Nichtlinearitäten abgeleitet werden. Es entstehen
ebenso räumliche Druck- und Aussteifungsstreben, sowie parallel zu den
Bauteilaußenkanten orientierte Zugstreben in den Bügelschenkeln mit in
Balkenlängsrichtung orientierten Druck- und Zuggurten. In verallgemeinerter Form
werden daraus Funktionen zur Beschreibung der maßgebenden Bügelkräfte abgeleitet.
Darauf aufbauend werden normierte Berechnungsansätze für die Zug- und
Druckstrebentragfähigkeiten konzipiert. Zusätzliche Tragmechanismen werden durch
das zuvor abgeleitete Einzeltragmodell für Balken ohne Querkraftbewehrung mit in den
Ansatz der Zugstrebe integriert. Die konzeptionelle Konsistenz des entwickelten
Berechnungsansatzes zum Längsspannungszustand der Biegebemessung wird
nachgewiesen.

Zur Überprüfung der entwickelten Modellvorstellungen wird in Kapitel 4 eine


versuchsgestützte Analyse des Tragverhaltens durchgeführt. Hierzu wurde ein
modularer Versuchsstand entwickelt, der sowohl zwängungsfreie Prüfrandbedingungen,
als auch eine Minimierung ungewollter Zusatzschnittgrößen infolge Balkenverformungen
realisiert. Anhand der durchgeführten Versuche kann so der gewünschte Lastabtrag mit
zweiachsigen Querkraftbelastungen zunächst dokumentiert und anschließend analysiert
werden. Die Untersuchungen beinhalten Auswertungen von inneren und äußeren
Zustandsgrößen, wie die Entwicklungen von Rissen oder Bügeldehnungen. Die
Tragfähigkeiten im Bruchstand und die im Versuch auftretenden
Versagensmechanismen werden mit den entwickelten Modellvorstellungen und den
daraus abgeleiteten Berechnungsansätzen verglichen und bewertet.

In Kapitel 5 werden die gewonnenen Erkenntnisse für die Entwicklung eines


ganzheitlichen Bemessungsmodells genutzt. Dies zielt zum einen auf eine gleitende
Formulierung des Querkraftwiderstands von Bauteilen ohne Querkraftbewehrung hin
zu Bauteilen mit Querkraftbewehrung ab. Zum anderen soll neben der Ermittlung der
Grenztraglast auch die Ermittlung innerer Spannungs- und Kraftgrößen für
Gebrauchslasten möglich sein. Um beiden Hauptanliegen gerecht zu werden, wird das
Bemessungsmodell als Summenansatz aufgebaut. Zur Adaption der einachsigen
Lastfälle, die einen Sonderfall der zweiachsigen Beanspruchungen darstellen, an das
normative Bemessungsmodell der DIN 1045-1, wird im eigenen Ansatz die
Bemessungsgleichung für Bauteile ohne Querkraftbewehrung durch die normative
Gleichung substituiert. Die Einflüsse aus zweiachsigen Querkräften werden dabei durch
einen zusätzlich abgeleiteten Neigungsfaktor konsistent zu den äußeren und inneren
Randbedingungen berücksichtigt. Die Modellverifikation und der Nachweis eines zur
normativen Bemessung äquivalenten Sicherheitsniveaus erfolgt anhand von Bruchlasten
aus Versuchen mit einachsigen Belastungen welche der Literatur entnommen werden
und den eigenen Versuchen mit ein- und zweiachsigen Querkräften. Im Anschluss wird
4 Kapitel 1: Einleitung

die generelle Eignung des Modells zur Beschreibung innerer Zustandsgrößen, auch
unterhalb der maximalen rechnerischen Tragfähigkeit, durch einen beispielhaften
Abgleich berechneter und gemessener Bügeldehnungen nachgewiesen. Die
Auswirkungen der mit dem eigenen Modell berechneten Bügeldehnungen gegenüber
einer Skalierung der Dehnungen über das anliegende Lastniveau wird am Beispiel des
Ermüdungsnachweises diskutiert. Ergänzend wird auf das weitere
Entwicklungspotenzial des Ansatzes eingegangen, indem durch einen einfachen
rechnerischen Ansatz Schubrissbreiten ermittelt und mit in Versuchen gemessenen
Rissbreiten verglichen werden. Durch den hergestellten Bezug von Schubrissbreite zu
inneren Kraft- und Spannungsgrößen, wird das anliegende Lastniveau im Bezug zur
Grenztraglast beurteilbar.

Die Arbeit wird in Kapitel 6 mit einer Zusammenfassung der gewonnen Erkenntnisse
und einem Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf abgeschlossen.
Kapitel 2
Grundlagen und Stand der Forschung

Dieses Kapitel zeigt einen aktuellen Stand von wissenschaftlichen Arbeiten und
technischen Regelungen zum Thema Querkraftbemessung von stabförmigen Stahl-
betonbauteilen aus Normalbeton. Modelle für Balken ohne und mit
Querkraftbewehrung werden getrennt voneinander behandelt. Insbesondere wird auf
theoretische Arbeiten eingegangen, die sich mit zweiachsigen Querkraftlastfällen
befassen. Bisherige Bauteilversuche und Auswertungen sind in übersichtlicher Form
aufbereitet. Im Rahmen einer kritischen Analyse der Modellvorstellungen sowie der
Bauteilversuche mit zweiachsigen Querkräften wird theoretischer sowie experimenteller
Forschungsbedarf aufgezeigt.

2.1 Materialeigenschaften

Querkraftbemessungsmodelle und normative Regelungen berücksichtigen bei der


Ermittlung von Tragfähigkeiten die grundlegenden Materialeigenschaften von Beton
und Betonstahl. An dieser Stelle werden daher die für das Verständnis solcher Modelle
erforderlichen Materialeigenschaften und Methoden zur Bestimmung entsprechender
Werte in kompakter Form vorgestellt.

2.1.1 Normalbeton

Druckfestigkeit
Die Druckfestigkeit beschreibt die vom Beton maximal aufnehmbare
Druckbeanspruchung, die durch Prüfen definierter Probekörper bestimmt wird.
Die Definition der Druckfestigkeit fc nach [3] ist dabei fest an eine bestimmte
Probengeometrie gekoppelt (Bild 2.1). Da die in Versuchen messbare Druckfestigkeit
unter anderem von den Abmessungen und der Form der Proben abhängig ist, steht die
Zylinderdruckfestigkeit fc zur Würfeldruckfestigkeit fc,cube näherungsweise wie folgt im
Verhältnis:
fc = 0; 82 ¢ fc,cube. (2.1)
6 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

150

150
2d
Bild 2.1: Druckfestigkeitsprüfung und Bruchzustände nach [3]
Bei der experimentellen Druckfestigkeitsprüfung treten um einen Mittelwert streuende
Ergebnisse auf. Die mittlere Betondruckfestigkeit fcm bestimmt sich aus mindestens 3
Werten. Im Bauteil hingegen ist mit einer tatsächlichen Druckfestigkeit f1c = 0; 95 ¢ fcm
zu rechnen [92]. Mithilfe des 5 %-Fraktilwertes kann aus dem Mittelwert die
Festigkeitsklasse beziehungsweise die Nenndruckfestigkeit bestimmt werden.
fck = fcm ¡ ¢fc (2.2)
Die Standardabweichung schwankt bei Baustellenprüfungen um einen Wert von ca.
5 [N/mm2 ] [94]. Der Abzugswert ¢f wird demnach als konstant zu
¢fc = 1; 645 ¢ ¾ ¼ 8 [N/mm2 ] angesetzt. Für Laborversuche ist nach [92] mit einer
geringeren Streuung zu rechnen, sodass ein Abzugswert von ¢fc = 4 empfohlen wird.
Für Normalbeton liegt eine Vielzahl von Ansätzen zur Beschreibung des
Zusammenhangs von einachsigen Druckspannungen und Dehnungen vor [42, 103]. In
DIN 1045-1 ist eine nichtlineare Funktion vorgesehen [14].
μ ¶
k ¢ ´ ¡ ´2
¾c = ¡fc (2.3)
1 + (k ¡ 2) ¢ ´
mit: - ´ = "c ="c1
- k = ¡Ec0 ¢ "c1 =fc
j¾c j j¾c j

fcm

Ec0m

0; 4 ¢ fcm
Ecm
j"c j j"c j
"c1 "c1u

Bild 2.2: Spannungs-Dehnungsbeziehung für Normalbeton nach [14]


2.1 Materialeigenschaften 7

Zugfestigkeit
Die Zugfestigkeit ist nahezu linear von der Dehnung abhängig (Bild 2.3). Im Versuch
lokalisieren sich die Dehnungen im späteren Riss kurz vor Erreichen der Festigkeit.
Erst danach bildet sich ein das Versagen einleitender Riss.
Die in Versuchen festgestellte Wechselbeziehung zwischen Druck- und Zugfestigkeit
erlaubt eine rechnerische Ableitung der mittleren zentrischen Zugfestigkeit fctm aus der
Druckfestigkeit. In [94, 96] wird für den gesamten Bereich der Druckfestigkeiten
folgende Beziehung als Näherung angegeben:
fcm
fctm = fctm0 ¢ ln(1 + ). (2.4)
fcm0
Die Größen fctm0 = 2; 12 [N/mm2 ] und fcm0 = 10 [N/mm2 ] dienen dabei als
Referenzgrößen. Obige Gleichung (Gl. (2.4)) wird in der DIN 1045-1 [14] nur für
hochfesten Beton ab fcm = 60 [N/mm2 ] vorgesehen. Für Normalbeton wird ein Bezug
zur charakteristischen Druckfestigkeit verwendet.
(2.5)
2=3
fctm = 0; 30 ¢ fck
Für die Auswertung von Versuchen kann in Gl. (2.5) auch die Betondruckfestigkeit f1c
berücksichtigt werden.
¾ct F1 "c1

fctm
0; 9 ¢ fctm
F2 "c2

F3 "c3

"c = 0; 15 "c
Bild 2.3: experimentelle Spannungs-Dehnungsbeziehung für zentrischen Zug und
Versagensmechanismen einer Zugprobe

Bruchmechanische Aspekte
Mithilfe der Bruchmechanik kann die Resttragfähigkeit und das Risswachstum in
gerissenen Bauteilen beschrieben werden. Bei der Anwendung im Stahlbetonbau kann
z.B. bei der Ermittlung der Querkrafttragfähigkeit eine Mitwirkung des Betons in der
gerissenen Zugzone berücksichtigt [41, 93, 96, 118].
8 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

Hillerborg entwickelt für Beton ein bruchmechanisches Modell [51] zur Beschreibung
der Spannungsverteilung im Bereich einer Rissprozesszone (Fictitious Crack Model,
FCM). Im Bereich der Rissspitze wird die Zugspannungs-Dehnungsbeziehung des
Betons (vgl. Bild 2.3, Phase III) durch eine Spannungs-Rissbreitenbeziehung ersetzt.
Außerhalb der Rissprozesszone behält die Spannungs-Dehnungsbeziehung ihre
Gültigkeit.
Im Modell wird die Fläche unterhalb der Spannungs-Rissbreitenbeziehung durch die
Bruchenergie Gf repräsentiert, die mit der Energie zur Erzeugung eines Trennrisses
über eine Einheitsfläche übereinstimmt [83, 84].
Zur Beschreibung der Bruchenergie des Betons führt Hillerborg die charakteristische
Länge lch im Zusammenhang mit einer Energiebetrachtung ein. Dabei entspricht die
charakteristische Länge der halben Länge einer Zugprobe, für die die Bruchenergie Gf
mit der elastischen Energie Ge bei ¾c = fctm übereinstimmt.
Zlch
1 fct
Ge = Gf = ¾c ¢ ²c dx = ¢ fct ¢ ¢ 2 ¢ lch
2 Ec
¡lch
Ec ¢ GF
lch = 2
(2.6)
fctm
Die charakteristische Länge lch ist somit keine direkte physikalische Größe. Vielmehr
kann lch als Materialparameter aufgefasst werden. Die reale Länge der
Bruchprozesszone lBPZ ist näherungsweise proportional zu lch [51]. Für Beton ist mit
einem Proportionalitätsfaktor zwischen 0,3 bis 0,5 zu rechnen. Sowohl Grimm [41] als
auch Remmel [96] bestätigen diesen Wertebereich. In Bild 2.4 ist der Bereich III, also
der Bereich des fiktiven Risses, in dem Restzugspannungen übertragbar sind,
veranschaulicht.
I II III IV

I Riss

II reale Rissspitze

III Mikrorisse
w
IV ungeschädigt

ft

ft (w) ft (²)

Bild 2.4: Fiktives-Riss-Modell (FCM) nach [51]


2.1 Materialeigenschaften 9

Experimentelle Untersuchungen des Zugtragverhaltens an einachsig belasteten


Probekörpern in [96] führten zu einer verallgemeinerten Gleichung, die die Ermittlung
der Bruchenergie Gf in Abhängigkeit der Zugfestigkeit ermöglicht:
fc
Gf = 65 N/m ¢ ln(1 + )
10 N/mm2
= 0; 0307 mm ¢ fctm : (2.7)
Die Gültigkeit von Gl. (2.7) ist auf Beton mit einer maximalen Druckfestigkeit von
80 N/mm2 beschränkt.

2.1.2 Betonstahl

Eigenschaften
Betonstähle werden als naturharte, kaltverformte oder wärmebehandelte Stähle
hergestellt. Die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen den Betonstahlsorten
sind unterschiedliche Spannungs-Dehnungsbeziehungen. Hierzu zeigt Bild 2.5 die
Kurven für naturharten und wärmebehandelten Stahl mit einer ausgeprägten
Streckgrenze fy sowie für kaltverformten Stahl. Beim wärmebehandelten Stahl folgt
dem Fließplateau eine Verfestigung bis zum Erreichen der Zugfestigkeit ft.
Kaltverformter Stahl erreicht bei einer bleibenden plastischen Dehnung von 2 ‰ eine
äquivalente Streckgrenze Rp0,2, da anders als beim wärmebehandelten Stahl ein
kontinuierlicher Übergang in den Verfestigungsbereich stattfindet. Der E-Modul von
Betonstahl ist nach [14] für Bemessungen mit Es = 200000 N/mm2 zu berücksichtigen.
Die Sortenbezeichnungen, Eigenschaften und Kennzeichnungen sind in DIN 488 [12]
geregelt. Wesentliche Kenngröße für die Duktilität ist das Verhältnis von Zugfestigkeit
zur Streckgrenze ( RRp0,2
m
) [12] bzw. ( ffyt ) [14] (Bild 2.5). DIN 1045-1 definiert hierzu die
Duktilitätsklassen A (normalduktil) und B (hochduktil).
¾s
Symbol

Einheit

fy
Rp,02

fyk [N/mm2 ]

ft =fy

"uk
"s

Bild 2.5: Spannungs-Dehnungsbeziehung von Betonstählen und Anforderungen nach


[14]
10 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

2.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung

Für Bauteile ohne Querkraftbewehrung existiert eine Vielzahl von Modellen und
Beschreibungen des Querkraftlastabtrages. In [24, 28, 31, 56, 98] sind hierzu
ausführliche Erläuterungen zu finden.
Während die grundsätzlichen Wirkungsweisen der einzelnen Tragmechanismen eher
unstrittig sind, sind Interaktionsbedingungen zwischen den Tragmechanismen und der
jeweiligen anrechenbaren Größe nicht abschließend geklärt. Zur Bestimmung des
maximalen Querkraftwiderstands werden deshalb unterschiedliche Strategien
angewendet. Es lassen sich mechanische Ansätze, empirische Berechnungsmodelle oder
eine Kombination aus beidem (halb-empirische Modelle) unterscheiden.

2.2.1 Einachsige Querkrafteinwirkungen

Kurzbeschreibung der direkten Tragmechanismen


Der resultierende Querkraftwiderstand von Stahlbetonbauteilen ohne Bügelbewehrung
lässt sich als zusammengesetzter Widerstand auffassen. Dabei liefern sowohl die
Biegedruckzone als auch die Zugzone Traganteile:
• Querkrafttragfähigkeit der ungerissenen Biegedruckzone,
• Vertikalkomponenten der Zugspannungen in der Biegezugzone,
• Vertikalkomponenten der Rissreibungskraft,
• Dübelwirkung der Längsbewehrung.
Bild 2.6 zeigt zusammenfassend sowohl den Traganteil der ungerissenen
Betondruckzone V0 als auch Traganteile in der gerissenen Zugzone aus Rissreibungs-
kräften Vcr, Dübelwirkungen der Längsbewehrung VD sowie aus zum Widerstand V¾;?
zusammengefasste Betonzugspannungen entlang eines Biegeschubrisses.
Die einzelnen Tragkomponenten sind in der Literatur kontrovers diskutiert. An dieser
Stelle werden die gebräuchlichen, anschaulichen Modellvorstellungen zu den
Traganteilen erläutert.

V0

¾c;?

¿cr

VD
Bild 2.6: Tragmechanismen in Balken ohne Querkraftbewehrung
2.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 11

Querkrafttragfähigkeit der Biegedruckzone


Die Biegedruckzone trägt nach der Schubrissbildung einen wesentlichen Anteil der
Querkraftbelastung ab [60, 69, 106, 109]. Der Traganteil kann als vertikale
Komponente der zum Auflager geneigten Biegedruckkraft (direkter Lastabtrag), oder
als Resultierende der Schubspannungen interpretiert werden. Indirekt kann so ein sich
im Balken verändernder innere Hebelarm z auch im parallelgurtigen Fachwerk
berücksichtigt werden.

Zugspannungen in der Biegezugzone


Das in Kapitel 2.1 erläuterte Tragverhalten von Beton unter Zugbeanspruchungen
kann als Querkraftwiderstand V¾;? herangezogen werden (Bild 2.6). Im Bereich der
Rissprozesszone wird wegen der Neigung des Risses nur die vertikale Komponente der
Spannungen berücksichtigt [41, 48, 51, 96, 118]. Hierdurch kann das Phänomen der
Maßstabsabhängigkeit [18, 82, 93, 95] erklärt werden (auch Kap. 3.2.2).

Rissreibung
Die Querkraftübertragung in einem gekrümmten Riss entsteht durch Rissgleitungen
und hierdurch aktivierte Reibungskräfte. Das als aggregate interlock bekannte
Phänomen steht seit Walraven [113] als Synonym für im Riss übertragbare
Schubspannungen. Großen Einfluss auf den Betrag der Schubspannungen haben nach
[27, 58, 95, 113] die Rissbreite w, die Rissgleitung v und die Normalspannung ¾ .
Kamm- und Zahnmodelle wie zum Beispiel in [32, 55, 57, 89] beschrieben, idealisieren
die Geometrie des gerissenen Schubfelds und ermitteln über kinematische Beziehungen
Rissreibungskräfte.

Dübelwirkung der Längsbewehrung


Die Dübelwirkung der Längsbewehrung verursacht einen Querkraftwiderstand, der
durch den vertikalen Zugkraftanteil einer risskreuzenden Längszugbewehrung entsteht
[17, 44]. Der Anteil wird durch die Biegesteifigkeit des Längsstabes und der
Verbundwirkung mit dem Beton beeinflusst. Der umgebende Beton begrenzt durch die
aufnehmbaren Zugspannungen die übertragbare Dübellast. Bei lokaler Überschreitung
von Betonzugspannungen öffnet sich reißverschlussartig ein Versagensriss entlang des
Längsstabes und nach [33] ist dies eine Voraussetzung für das vordringen von
Biegeschubrissen in die Druckzone.
12 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

Sprengwerkwirkung aus drückenden Normalkräften


Ein durch Normalkräfte hervorgerufenes Sprengwerk ist durch die gegenüber der
Horizontalen geneigt verlaufenden Druckstrebe in der Lage, einen indirekten Beitrag
zum Querkraftwiderstand zu leisten (Bild 2.7) [2, 19, 49, 50, 56, 118].

¸¢N

1 N
¸
N

¸¢N
Bild 2.7: Sprengwerkwirkung drückender Normalkräfte
Je nach Größe der Drucknormalkraft und nach Modellierung der resultierenden
Knotenpunkte wirkt ein Anteil ¸ ¢ N der Querkraft entgegen.

Empirisches Modell (DIN 1045-1 und Eurocode 2)


Die Bemessungsgleichung für den Querkraftwiderstand für Bauteile ohne
Querkraftbewehrung in der aktuellen Fassung der DIN 1045-1 [14] und im zukünftig
gültigen Eurocode 2 [10] mit nationalem Anhang NA [13] basieren auf dem Vorschlag
von [88] für den CEB-FIP Model Code 1990 [2].
Im Rahmen der Vereinheitlichung der Bemessungsansätze für querkraftbeanspruchte
Bauteile nach DIN 1045-1 [1] wurde die Widerstandsgleichung auf Bemessungsniveau
unter Berücksichtigung von Normalkrafteinwirkungen zu:
h 0; 15 i
VRd,ct = ¢ · ¢ ´1 ¢ (100 ¢ ½l ¢ fck ) ¡ 0; 12 ¢ ¾cd bw ¢ d ,
1=3
(2.8)
°c
mit: - Sicherheitsbeiwert: °c = 1; 5
q
- Maßstabsfaktor: · = 1 + 200 d
· 2, d[mm]

- Korrekturfaktor Betonsorte: ´1 = 1 für Normalbeton


- Begrenzung des Längsbewehrungsgrades: ½l · 2 %
- Betonspannungen im Schwerpunkt des Querschnitts:
- ¾cd = NEd
Ac

definiert. Die Bestimmung des Vorfaktors 0; 15=°c = 0; 1 ist das Ergebnis


sicherheitstheoretischer Analysen in [1].
Darüber hinaus wird eine Mindestquerkrafttragfähigkeit definiert, die ein Grundniveau
des rechnerischen Querkraftwiderstands gewährleistet [91].
2.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 13
£ ¤
VRd,ct,min = ´1 ¢ ºmin ¡ 0; 12 ¢ ¾cd bw ¢ d
£ ·1 p ¤
mit: ¡ ºmin = ¢ ·3 ¢ fck
°c
¡ ´1 = 1 fÄ ur Normalbeton (2.9)
(
0; 0525 fÄ ur d · 600mm
¡ ·1 =
0; 0375 fÄ ur d ¸ 800mm
Hiermit soll dem Effekt eines verschwindenden rechnerischen Widerstands in Gl. (2.8)
bei kleiner werdenden Längsbewehrungsgraden (½l ! 0) entgegengewirkt werden.

Modell nach Zink


Das von Zink [118] entwickelte Bemessungsmodell beschreibt die Querkrafttragfähigkeit
von Bauteilen aus Hochleistungsbeton mit und ohne Vorspannung. Unterschieden
werden Schubspannungen im ungerissenen Zustand I und gerissenen Zustand II.
Im ungerissen Zustand I erfolgt die Ermittlung der Tragfähigkeit aus einer
Schubspannungsermittlung nach den Gesetzen der Elastostatik.

Schnitt
2¢V
I-I IIa-IIa IIb-IIb
I IIa IIb
II II
kx ¢ d I
¿xz (z) ¿xz (z) ¿xz (z)

IIa IIb
I Zustand II
Zustand I
V mit Verbund ohne Verbund

Bild 2.8: mögliche Konfigurationen der Schubspannungsverteilung


Im Zustand II unterscheidet Zink zwischen Bereichen mit ungeschädigter
Verbundwirkung zwischen Beton und der Biegezugbewehrung und ausgefallener
Verbundwirkung (Bild 2.8, Schnitt IIa und IIb).
Als maßgebender Bereich wird die Zone mit ausfallender Verbundwirkung identifiziert,
da dort die Schubspannungen lediglich innerhalb der Druckzone wirken. Aus der
mechanischen Kopplung von Moment und Querkraft ergibt sich aus linearen
Spannungsänderungen ein parabelförmig ansteigender Schubspannungsverlauf. Diese
werden zum Traganteil der Biegedruckzone V0 zusammengefasst. Die idealisierte
resultierende Normal- und Schubspannungsverteilung ist in Bild 2.9 dargestellt.
14 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

¿xz ¾x
kx ¢ d
Bruchprozess-
zone
¯r = 45 ¿max,xz = fctm

¾? ch

5l;
::0
s,x

3:
0;
Bild 2.9: idealisierte Normal- und Schubspannungsverteilung
Zusätzlich werden im Modell in Anlehnung an [51] Zugspannungen in der gerissenen
Zugzone berücksichtigt. Sie wirken im Bereich der Bruchprozesszone. Durch Integration
des vertikalen Anteils der Zugspannungen wird der Widerstandsanteil VBPZ der Bruch-
prozesszone ermittelt.
Auf den Balken drückende Normalkräfte werden getrennt davon als inneres Sprengwerk
mit einer geneigten Druckstrebe modelliert (Bild 2.7). Die Strebe verläuft vom Schwer-
punkt der Normalkraft im Bereich des Auflagers zum geometrischen Schwerpunkt der
Biegedruckzone. Eine doppelte Berücksichtigung der günstigen Normalkrafteffekte wird
durch die Ermittlung einer Druckzonenhöhe kx,o ¢ d aus reiner Biegung (N = 0) für den
Widerstandsanteil V0 verhindert.
Durch Regressionsanalysen [117, 118] werden die Widerstandsgleichungen (Tabelle 2.1)
an experimentell ermittelte Querkraftbruchlasten angepasst. Bauteile mit und ohne
Normalkraft werden separat behandelt, sodass sich zwei abschließende
Widerstandsgleichungen ergeben.
Grundgleichungen der Widerstandsanteile:

Widerstand der Biegedruckzone:


ARD (2.10)
V0 = ¿xz dAD.

Widerstand der Bruchprozesszone:


AR
BPZ (2.11)
VBPZ = ¾? ¢ cos(¯r)dABPZ.

Sprengwerkwirkung:
VP = ¸ ¢ N . (2.12)

Resultierende Widerstandsgleichungen:

Bauteile ohne Normalkraft: Bauteile mit Normalkraft:


μ ¶ 14 μ ¶ 14 μ ¶1
2 4d 5lch 2 4d 2lch 4
Vc = kx ¢ fctm ¢ ¢ ¢ bw ¢ d Vc = kx,o ¢ fctm ¢ ¢ ¢ bw ¢ d + ¸ ¢ N
3 a d 3 a d
(2.13) (2.14)

Tabelle 2.1: Übersicht der Gleichungen zur Ermittlung von Querkraftbruchlasten


2.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 15

Die voneinander abweichenden aus Regressionsanalysen hervorgegangenen Gleichungen


(2.13) und (2.14) führt Zink auf den Normalkrafteinfluss zurück. Bauteile ohne
Normalkräfte weisen aufgrund des geometrieunabhängigen Widerstands der
Bruchprozesszone einen Maßstabseffekt auf, der bei kleinen Bauteilabmessungen zu
einer deutlichen Vergrößerung des resultierenden Querkraftwiderstands gegenüber V0
führt. Nach Zink ist in Bauteilen mit Normalkraft die dominierende
Sprengwerkwirkung größtenteils frei vom Maßstabseffekt, sodass eine entsprechende
Reduzierung des Maßstabseffekt über den Parameter k(lch =d) vorgenommen wird.
Für Bemessungsaufgaben wird die Verwendung eines Teilsicherheitsbeiwerts °m = 1; 5
gegenüber der 5%-Fraktile aus Versuchen empfohlen. Für die Sprengwerkwirkung ist
eine untere Schranke zu berücksichtigen.

2.2.2 Zweiachsige Querkrafteinwirkungen

Untersuchungen und Modellvorstellungen, welche Einflüsse zweiachsiger Querkräfte auf


die Tragmechanismen in Balken ohne Bügelbewehrung berücksichtigen, existieren nach
Kenntnis des Autors nicht.
Allenfalls das Bemessungsmodell der Japan Society of Civil Engineers für Bauteile mit
Bügelbewehrung [4] (Kapitel 2.3.2) kann aufgrund der Formulierung als Summenansatz
auch zur Abschätzung der Tragfähigkeit bei Bauteilen ohne Querkraftbewehrung
angewendet werden.
16 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

2.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung

Seit Ritter und Mörsch [78, 97] werden Fachwerkmodelle zur Querkraftbemessung
genutzt. National wie international haben sich dabei weiterentwickelte
Fachwerkmodelle zur Querkraftbemessung von bügelbewehrten Stahlbeton- und
Spannbetonbauteilen durchgesetzt [2, 4, 8, 9, 10, 28].

2.3.1 Einachsige Querkrafteinwirkungen

Fachwerkmodell mit Rissreibung (DIN 1045-1 und Eurocode 2 mit NA)


Das Fachwerkmodell nach [10, 13, 14] wird als „Fachwerkmodell mit Rissreibung“
bezeichnet. Es unterscheidet im Rahmen der Nachweisführung zwischen Zug- und
Druckstreben.
Ausgangspunkt des Nachweisverfahrens der Zugstrebe ist neben dem Querkraft-
widerstand der Bügelbewehrung die zusätzliche Berücksichtigung von Rissreibungs-
effekten im Trägersteg. Der Traganteil ist in einer mechanischen Analyse des Riss- und
Dehnungszustandes schubbeanspruchter Stege begründet. Zusätzliche Trageinflüsse wie
der Querkraftabtrag durch den Druckgurt oder eine Sprengwerkwirkung bei
Spannbetonbauteilen werden nicht direkt berücksichtigt. Die Überprüfung und
Vereinheitlichung der Bemessungsansätze für querkraftbeanspruchte Bauteile im
Rahmen der Festlegung der Bemessungsgleichungen nach DIN 1045-1 [1], liefern die
Ausgangsgleichungen des Querkraftwiderstands der Zugstrebe Vs auf dem
Bruchlastniveau von Versuchen.
Vs = Vsw + Vcr (2.15)
Der Traganteil, welcher der Bügelbewehrung zugeschrieben wird, ist in Abhängigkeit
des Schubrisswinkels ¯r formuliert. Eine Veränderung der Schubrissneigung infolge
Normalkraft fließt mit in den Widerstand ein.
Asw
Vsw = ¢ fyw ¢ z ¢ cot¯r (2.16)
sw
8
>
> fÄ
ur N = 0 : cot¯r = 1; 2
< | {z }
mit: - Schubrisswinkel ¯r: Schubrisswinkel ¯r ¼40±
>
> ¾c
: fÄ
ur N 6= 0 : cot¯r = 1; 2 ¡ 1; 4
f1c
Der Querkraftanteil infolge Rissreibung wird zur Vermeidung einer iterativen
Berechnung vereinfacht unabhängig vom Bügelbewehrungsgrad angegeben und
empirisch an Versuchsergebnisse angepasst [1].
¾c
(2.17)
1=3
Vcr = 1; 5 ¢ [0; 24 ¢ f1c ¢ (1 + 1; 2 ¢ ) ¢ bw ¢ z]
f1c
Der Berechnungsansatz (2.15) lässt sich durch die Einführung einer variablen
Druckfeldneigung μ zu:
2.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 17

Asw
Vs = ¢ fyw ¢ z ¢ cotμ. (2.18)
sw
mit: - Druckfeldneigung: cotμ = cot¯r ¢ 1¡ V
1
Vcr
cr +Vsw

umformulieren. Beide Gleichungen, (2.15) und (2.18), liefern identische Ergebnisse, so-
dass die variable Druckfeldneigung den über den Riss übertragbaren Traganteil nutzt
und statt des Risswinkels eine resultierende Druckfeldneigung verwendet wird.
Unrealistische Neigungen werden durch die Begrenzung 0; 58 · cotμ · 3 verhindert.
Die Druckstrebentragfähigkeit ist als obere Widerstandsgrenze des Tragwerks gegen
Querkräfte anzusehen und begrenzt im Fachwerk mit resultierender Strebenneigung die
Betondruckspannungen.
b ¢ z ¢ ®c ¢ f1c
VRm,max = (2.19)
cotμ + tanμ
Die sicherheitstheoretischen Überlegungen in [1] legen die Randbedingungen der
Überführung der vorgestellten Gleichungen vom Bruchlastniveau auf Bemessungsniveau
fest. Dabei sind vor allem die Materialfestigkeiten als Bemessungswerte zu
berücksichtigen sowie die Abminderung des Traganteils Vcr mit dem Faktor 1;51
. Es
ergeben sich die in Tabelle 2.2 aufgeführten Nachweise auf Bemessungsniveau.
Zugstrebe Druckstrebe

Nachweismethode: Nachweismethode:
VEd · VRd,sy VEd · VRd,max

Bemessungswert der Zugstreben- Bemessungswert der Druckstrebentrag-


tragfähigkeit: fähigkeit:
Asw bw ¢ z ¢ ®c ¢ fcd
VRd,sy = ¢ fyd ¢ z ¢ cotμ. (2.20) VRd,max = . (2.22)
sw cotμ + tanμ
mit: mit:
1=3
VRd,c = cj ¢ 0; 48 ¢ ´1 ¢ fck (1 + 1; 2 f¾cdc ) ¢ bw ¢ z ®c = 0; 75
(2.21)
1;2¡1;4¾cd =Ac
0; 58 · cotμ = 1¡VRd,c =VEd
·3

Tabelle 2.2: Übersicht Nachweisführung und Widerstandsgleichungen

Modell nach Hegger und Görtz (DAfStb Heft 557)


Das Modell grenzt sich gegenüber der DIN 1045-1 durch den gleitenden Übergang der
Bauteilwiderstände von Balken ohne Querkraftbewehrung zu Balken mit Querkraft-
bewehrung ab.
Das Modell nutzt die Form eines Summenansatzes um den Gesamtquerkraftwiderstand
zu ermitteln. Aufbauend auf der Bemessungsgleichung der DIN 1045-1 für Bauteile
18 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

ohne Bügelbewehrung (direkter Ansatz Sprengwerk und ¯ = 3=(a=d)) werden


erforderliche Bügelbewehrungsmengen in vier Schritten ermittelt:
• Überprüfung, ob Querkraftbewehrung erforderlich ist:
VEd < VRd,ct = VRd,ct,s + VRd,ct,p. (2.23)
mit:
- VRd,ct,s = ¯ ¢ 0; 1 ¢ · ¢ ´1 ¢ (100 ¢ ½l ¢ fck)1=3 bw ¢ d
- ¯ = 3=(a=d) bei Einzellast mit a=d < 3
- VRd,ct,p = ¸ ¢ N
und Ermittlung des Traganteils der von einem idealisierten Fachwerks abzutragen
ist (falls erforderlich):
VF = VEd ¡ ·c ¢ VRd,ct. (2.24)
mit: - ·c = 1; 15 ¡ (VEd =VRd,ct,s )=6; 5
• Berechnung der Druckstrebenneigung:
cot ¯r
cot μ = . (2.25)
1 ¡ VRd,c =VF
mit: - cot ¯r = 1 ¡ 0; 18 ¢ ¾x =fctm
- VRd,c = 0; 1 ¢ fctm ¢ bw ¢ z
• Ermittlung der Druckstrebentragfähigkeit:
bw ¢ z ¢ ®c ¢ fcd
VRd,max = . (2.26)
cotμ + tanμ
• Ermittlung der erforderlichen Querkraftbewehrung:
VF
erf.asw = . (2.27)
fyd ¢ z ¢ cot μ
Wesentlicher Unterschied zu den klassischen Summenansätzen ist die Abminderung des
Traganteils von Bauteilen ohne Bügelbewehrung. Mit steigenden Querkraft-
beanspruchungen wird der Traganteil mittels eines Anpassungsfaktors ·c linear
reduziert. Bei hohen Beanspruchungen (ab VEd =VRd,ct ¼ 7; 5) sinkt die Mitwirkung im
Extremfall auf null. Die Querkraftbewehrung wird dann mit einem resultierenden
Druckstrebenneigungswinkel μ ohne direkten Abzugswert dimensioniert.
2.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 19

2.3.2 Zweiachsige Querkrafteinwirkungen


Wie beim verwandten Problem der schiefen Biegung sind auch bei der Bemessung
gegen zweiachsige Querkräfte, resultierende Einwirkungen Vres aus üblicherweise
hauptachsenbezogenen Komponenten (Vy, Vz) zu betrachten.
q
Vres = (Vy )2 + (Vz )2 (2.28)

Modell nach Japan Society of Civil Engineers (JSCE)


Der Bemessungsansatz beruht auf einem ebenen Fachwerkmodell für einachsige
Lastfälle mit Nachweisen für Zug- und Druckstreben [4]. Der Zugstrebenwiderstand
berücksichtigt neben dem Traganteil der Bügelbewehrung auch den Widerstand eines
Balkens ohne Querkraftbewehrung sowie eine Querkraftkomponente infolge geneigter
Spannglieder.
VRd,sy = Vcd + Vswd + Vpd (2.29)
Das Sicherheitskonzept unterscheidet bei den Modellsicherheitsbeiwerten auf der
Widerstandsseite zwischen Materialfestigkeitsbeiwerten °m und Bauteil-
sicherheitsbeiwerten °b. Widerstandsanteile des Betonbalkens und der Bügelbewehrung
werden mit eigenen voneinander unabhängigen Teilsicherheiten vom Bruchlastniveau
aus Bauteilversuchen auf das Bemessungsniveau abgemindert. Im Folgenden werden
die Bemessungsgleichungen der Einzelwiderstände und die zugehörigen Teilsicherheits-
beiwerte °m ; °b angegeben.
Die Einflüsse aus der Betonfestigkeit, der Schubschlankheit, dem Längsbewehrungs-
gehalt und axialer Normalkräfte werden in Faktoren ¯d, ¯p, ¯n zusammengefasst und
im Modell ausschließlich im Widerstandsanteil des Betonbalkens berücksichtigt.
Vcd = fcd,s ¢ ¯d ¢ ¯p ¢ ¯n ¢ bw ¢ d=°b (2.30)
mit: - °b = 1 ; 5
- ¯d = (100=d) 4 · 1; 5,
1
d [cm]
- ¯p = (100 ¢ ½l ) · 1; 5
1
3

- ¯n = 1 + M0
Md
· 2, Drucknormalkraft: N ¸ 0
- ¯n = 1 + 2 M
M0
d
¸ 0, Zugnormalkraft: N · 0
Die Betondruckfestigkeit wird dabei in eine fiktive Schubspannung fcd,s umgerechnet.
p
fcd,s = 0; 2 ¢ 3 fcd [N/mm2 ] (2.31)
mit: - fcd = fck
°m
, °m = 1; 3
- fck = fcm ¡ ¢f(5%)
Der Normalkrafteinfluss auf die Tragfähigkeit wird im Modell durch den
Normalkraftbeiwert ¯n berücksichtigt. Der Beiwert wird aus einem
normalkraftabhängigen Dekompressionsmoment und einem ideellen Bemessungsmoment
Md bestimmt. Das Bemessungsmoment Md wird, unabhängig von der Einwirkungsgröße
20 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

¾(N ) ¾(M0 ) ¾(N; M0 )

N >0
+ =
(Druck)

N <0
(Zug) + =

Tabelle 2.3: Dekompressionsmoment M0 und zugehörige Spannungszustände


und der Bemessungsstelle, zur Hälfte des maximal aufnehmbaren Biegemoments fixiert
(Md = 0; 5 ¢ Mu). Das Dekompressionsmoment M0 ist in Abhängigkeit von der
Normalkraft nach den in Tabelle 2.3 abgebildeten Spannungszuständen definiert.
Der Querkraftwiderstand der Bügelbewehrung wird mit einer konstanten
Strebenneigung cotμ = cot(45± ) = 1 berechnet. Für den Fall senkrecht zur Balkenachse
orientierter Bügel gilt:
Asw 1
Vswd = ¢ fyd ¢ z ¢ . (2.32)
sw °b
mit: fyd = fyk ¢ °s, °s = 1; 0
° b = 1; 1
Die Querkraftkomponente der Spannstahlkraft berechnet sich mit der
Spanngliedneigung gegenüber der Bauteilachse und der Vorspannkraft, zu:
1
Vpd = Pd ¢ sin(®p ) ¢ . (2.33)
°b
mit: ° b = 1; 1
Die Druckstrebentragfähigkeit bildet, wie bei Fachwerkmodellen üblich, die obere
Grenze des Querkraftwiderstands. Der Druckstrebenneigungswinkel bleibt auf 45±
beschränkt.
1
VRd,max = fcd ¢ bw ¢ z ¢ (2.34)
°b
p
mit: fcd = 4 ¢ fck =°m , °m = 1; 3
° b = 1; 3
Wirkt die Querkraft nicht mehr in Richtung der Querschnittshauptachsen, ist die
Querkrafteinwirkung als zweiachsige oder geneigte Querkraft aufzufassen. Dann erfolgt
der Nachweis der Zugstrebentragfähigkeit VRd,sy mit den hauptachsenparallelen
Einwirkungskomponenten VEd,y und VEd,z und der in Gl.(2.35) gegebenen
Interaktionsbedingung. Die resultierende Zugstrebentragfähigkeit VRd,sy beschreibt eine
elliptische Grenzkurve (Bild 2.10) und steht nicht mehr in direktem Zusammenhang
zum Fachwerkmodell einachsiger Lastfälle.
2.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 21

Vz
VEd = VRd,sy
VRd,sy,z
VEd,z
VEd,z

VEd,y
y
VEd
VRd,sy

Vy

VEd,y VRd,sy,y
Bild 2.10: Interaktionsbedingung bei zweiachsigen Querkrafteinwirkungen
Die in Richtung der Querschnittshauptachsen orientierten Widerstände der Zugstreben
VRd,sy,y und VRd,sy,z sind für den Nachweis mit Gl.(2.29), getrennt voneinander, analog
zu einachsigen Lastfällen, zu ermitteln.
μ ¶2 μ ¶2
VEd,y VEd,z
+ =1 (2.35)
VRd,sy,y VRd,sy,z
Gegenüber einer richtungsgetrennten Berechnung der Widerstände mit Superposition
der Bemessungsergebnisse, weist die resultierende Grenzkurve einen verringerten
Widerstand auf. Die entstehende Abminderung der Zugstrebentragfähigkeit ist als grau
hinterlegte Fläche dargestellt.
Bemerkenswert ist, dass für zweiachsige Querkräfte mit Gl. (2.35) eine
Interaktionsbedingung für die Zugstrebentragfähigkeit angegeben wird, nicht aber für
die Druckstrebentragfähigkeit.

Modell nach Mark


Das Bemessungsmodell [72, 73, 74, 75, 76] basiert auf der Analyse mechanisch
begründeter, räumlicher Fachwerkmodelle. Als Ausgangspunkt für die Entwicklung des
Fachwerks dient die Kopplung von Moment und Querkraft (Gl. (2.36)).
dMz
Vy = ¡ ¡ mz
dx
dMy
Vz = + my (2.36)
dx
Im Modell wird die resultierende Querkraft Vres vom Schwerpunkt der Druckzone
ausgehend, zu den gezogenen Punkten der Längsbewehrung vektoriell aufgeteilt
(Gl. (2.37)). Es entsteht eine aufgefächerte Zugzone mit n gezogenen
Bewehrungspunkten, deren vektorielle Querkraftanteile mit der Einwirkung im
Gleichgewicht stehen.
22 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung
μ ¶ X n =0
Vy @Fsi z}|{
V= = ¢( ri ¡ r¢c ) (2.37)
Vz @x |{z}
i=1 |{z} Ortsvektor As
KraftÄ
anderung

Es entsteht ein räumliches Fachwerkmodell (Bild 2.11). Zur Einhaltung der


Gleichgewichtsbedingungen in den Knotenpunkten sind zusätzliche Aussteifungsstreben
im Fachwerk erforderlich, die im Inneren des Betonbalkens wirken. Sie verlaufen
sowohl in der Querschnittsebene als auch diagonal durch den Balken.

Fs1 + ¢Fs1
1
1
V 2

Fc + ¢Fc 3
Fs1

Fc
Fs2 +
V ¢Fs2

Fs3 + ¢Fs3
Fs2

2 3
Fs3
Bild 2.11: Fachwerkmodell bei geneigter Querkraftbeanspruchung mit aufgelöster
Zugzone
Wegen der divergierenden Richtungen von Querkrafteinwirkung und Bügelschenkeln
und der zusätzlich erforderlichen Aussteifungsstreben wirken im Vergleich zu
einachsigen Lastfällen erhöhte Belastungen auf die Bügelschenkel.
Für die Bemessungspraxis wird die Grundidee eines Querkraftfachwerks mit
Rissreibung, wie es die DIN 1045-1 und der EC 2 mit NA vorsehen, aufgegriffen. Die
Grundgleichungen der Widerstände und die Nachweisführung selbst bleiben erhalten.
Wesentlicher Unterschied ist die Erweiterung des Gültigkeitsbereichs des
Fachwerkmodells auf zweiachsige Querkraftlastfälle. In den Nachweisgleichungen
werden diese Auswirkungen sowohl im Widerstand der Zugstrebe als auch in der
Druckstrebe berücksichtigt. Die im Bemessungskonzept der DIN 1045-1 eingeführten
Widerstandsgleichungen (2.15) und (2.19) für einachsige Querkraftlastfälle werden mit
neigungsabhängigen Faktoren, die die Zusatzbelastungen berücksichtigen, multipliziert.
Asw 1
VRd,sy = ¢ fyd ¢ z ¢ cotμ ¢ (2.38)
sw at
bw ¢ z ¢ ®c ¢ fcd 1
VRd,max = ¢ (2.39)
cotμ + tanμ ac
2.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 23

Der entwickelte Bemessungsansatz verwendet je eine Interpolationsfunktion für die


Zug- und Druckstrebentragfähigkeit. Die Faktoren beziehen sich auf die dimensionslose
Querkraftneigung ®v, die aus den Normierungsprinzipien für schiefe Biegung [72]
abgeleitet wurde und im Fachwerk gleiche Verhältnisse bezogener Kraftänderungen
erzeugt (Gl. (2.37)). Durch die Betrachtung der Extreme ®v = 0 (einachsige Querkraft)
und ®v = 1 (über „Eck“ angreifend), werden Zwischenwerte interpoliert.
Für den der Bügelbewehrung zugeordneten Widerstandsanteil der Zugstrebe VRd,sy wird
die Funktion at definiert:
1 1
= μ ¶ . (2.40)
at 2 p
1+ p 2
¡1 ®v
(b=h) +1

mit: - Grenzwerte: 0; 5 · at · 1
- Querkraftneigung: 0 · ®v = h
b
¢ Vy
Vz
·1
Sie bewirkt für geneigte Querkraftlastfälle im Vergleich zu einachsig orientierten
Querkräften eine betragsmäßige Reduktion des Widerstands, die den erhöhten
Belastungen der Bügelschenkel im Fachwerk Rechnung trägt.
Die Einschnürung der Druckstrebe in eine Querschnittsecke (vgl. Bild 2.11) führt zu
hohen Druckspannungskonzentrationen im Knotenpunkt des Fachwerks. Analog zur
Widerstandsgleichung für VRd,sy wird ein Reduktionsfaktor in die Widerstandsgleichung
für VRd,max integriert.
1 1
= 2p (2.41)
ac 1 + 3 ®v
mit: Grenzwerte: 0; 6 · ac · 1

Modell nach Hansapinyo


Das von Hansapinyo in [45] entwickelte Querkraftbemessungsmodell basiert auf einer
diskreten Betrachtungsweise des Querkraftlastabtrags. Im Modell wird der Balken
durch einen Schubriss in zwei Balkensegmente zerteilt, sodass nur noch die vorhandene
Bügelbewehrung Kräfte zwischen den Rissufern übertragen kann. Aus den aktivierten
Bügelkräften berechnet sich der Querkraftwiderstand Vswd. Additiv wird der
Betontraganteil nach JCSE berücksichtigt.
VRd,sy = Vcd + Vswd (2.42)
mit: - Vcd nach JSCE: Gl.(2.30) und Gl.(2.35)
Ausschlaggebend für den Widerstand ist die Anzahl von Bügeln, welche durch einen
Riss gekreuzt werden. Der Risswinkel μ bestimmt die Länge des Risses entlang der
Balkenachse. Neben der feststehenden Bauteilgeometrie muss deshalb vor der
Bemessung der Bügelabstand festgelegt werden. Die zugrunde gelegten geometrischen
Beziehungen sind in Bild 2.12 dargestellt.
24 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

V Vz
V z }| {

z }| {z }| {
¯ ¯ hsy ¢ sin®
Vy ®
® hsz
hsz ¢ cos®
hsy μ
hsz

hsy hsy ¢ sin® ¢ cotμ hsy ¢ sin® ¢ cotμ


(hsz ¢ cos® ¡ hsy ¢ sin®) ¢ cotμ
ni
sw

Bild 2.12: diskrete Betrachtung des Querkraftlastabtrags nach Hansapinyo


Die Anzahl der Bügelschenkel nwy und nwz wird geometrisch bestimmt. In
Abhängigkeit der Nulllinienrotation ® aus schiefer Biegung und dem Neigungswinkel ¯
der Querkrafteinwirkung, werden die durch den Riss gekreuzten Bügelschenkel gezählt.
2 ¢ hsy ¢ sin ® ¢ cot μ
nwy = (2.43)
sw
2 ¢ hsz ¢ cos ® ¢ cot μ
nwz = (2.44)
sw
μ ¶
Iy
mit: - Rotation Nulllinie: ® = arctan tan¯
Iz
- Risswinkel: cot μ = cot 45± = 1
- Bügelschenkellänge in y -Richtung: hsy
- Bügelschenkellänge in z -Richtung: hsz
Eine Regelung zum Ab- oder Aufrunden der rechnerischen Bügelschenkelanzahl wird
nicht angegeben. Die risskreuzenden Kräfte werden in der jeweiligen
Bügelschenkelrichtung ermittelt. Dabei wird angenommen, dass alle Bügel die
Fließgrenze erreichen und sich voll am Lastabtrag beteiligen.
Asw
Vswy = nsy ¢ ¢ fyw (2.45)
2
Asw
Vswz = nsz ¢ ¢ fyw (2.46)
2
Als Querkraftwiderstand werden nur die in Einwirkungsrichtung orientierten
Bügelschenkelkräfte berücksichtigt.
Vswd = Vswz ¢ cos ¯ + Vswy ¢ sin ¯ (2.47)
2.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 25

z}|{
fyw ¢ Aw
Vsw;?

Vsw ¯
Vs,res
fyw ¢ Aw
fyw ¢ Aw μμ

Bild 2.13: Schnittkräfte entlang der Schubrissfläche in den Bereichen 1-3


Die vom Modell unterstellten Annahmen und berechneten Bügelkräfte sind in Bild 2.13
grafisch aufbereitet. Kritisch zu beurteilen ist der quer durch die Biegedruckzone
verlaufende Schubriss. Für die Aktivierung der Bügelkräfte erforderlich, schließt der
Riss zwischen den separierten Rissufern wirkende Zusatzkräfte aus. Trotzdem wird im
Berechnungsmodell ein Betontraganteil berücksichtigt.
Zum anderen ergibt sich aus Gl. (2.45) und Gl. (2.46) der resultierende Kraftvektor zu
p 2
Vswd,res = Vswy 2
+ Vswz (Gl. (2.28)). Nur der in Einwirkungsrichtung gerichtete
Kraftanteil Vswd steht im Modell mit der Querkrafteinwirkung im Gleichgewicht. Die
dazu senkrecht stehende Kraft Vsw? verletzt die Gleichgewichtsbedingungen. Zur
Einhaltung des Gleichgewichts sind zusätzliche Druckstrebenkräfte erforderlich, die
zwangsläufig eine zusätzliche Belastungskomponente in Richtung der Bügelschenkel
aufweisen und zu einem vorzeitigen Versagen der Bewehrung führen.
Eine Beschränkung des Querkraftwiderstands, wie es in Fachwerkmodellen durch die
Begrenzung der aufnehmbaren Betondruckspannungen erfolgt, ist nicht Teil des
Modells.
26 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

2.4 Versuche mit zweiachsigen Querkrafteinwirkungen

Versuchsdaten von Versuchen mit zweiachsiger Querkraftwirkung sind in der Literatur


von zwei Autoren zu finden. Sie wurden von Mark [72, 73, 75] und Hansapinyo [45] zur
experimentellen Überprüfung der eigenen Modelle durchgeführt.

2.4.1 Versuche von Mark

Die Versuche von Mark [72, 75] sind als klassische Drei-Punkte-Biegebalken konzipiert.
Eine geneigte Querkrafteinwirkung wird durch verdrehte Querschnittslagen gegenüber
der Einwirkungsrichtung erreicht. Die Kraft wird mit einem Kolben in Feldmitte in den
Träger eingeleitet.

Bild 2.14: Prinzipskizze des Versuchsaufbaus [75]


Erwartete horizontale Verformungen des Balkens sollen durch eine zwischen Träger
und Kolben angeordnete Teflonschicht nicht behindert werden.
Bezeichnung h b le® Bewehrungsanordnung
[m] [m] [m]
Längsbewehrung Bügel

Balken 1 0,5 0,25 3,0 4 ¢ 3 ;20 ; 8=15

Balken 2 0,5 0,25 3,0 4 ¢ 3 ;20 ; 8=15


Balken 3 0,5 0,25 3,0 1 ¢ 3 ;20 + 3 ;10 ; 8=15

Materialfestigkeiten Querkraftneigung Bruchlast


fcm fyw fyl ®v Vexp
[N/mm2 ] [N/mm2 ] [N/mm2 ] [-] [kN]

Balken 1 35,8 570 570 0 298,7

Balken 2 35,8 570 570 1 232,8

Balken 3 35,8 570 570 1 168,5

Tabelle 2.4: Zusammenfassung der Versuchsdaten nach [75]


2.4 Versuche mit zweiachsigen Querkrafteinwirkungen 27

Bild 2.15: Versuchsauswertung [75]


Die Balkendetails zur Bewehrungsverteilung, Materialfestigkeiten und Bruchlasten der
durchgeführten Versuche sind in Tabelle 2.4 zusammengefasst.
Als Referenzversuch wurde Balken Nr.1 mit einer einachsigen Querkraftbelastung
(®v = 0) geprüft. Die Balkenversuche Nr.2 und Nr.3 wurden mit einer diagonal über die
Querschnittsecken geneigten Querkraft (®v = 1) durchgeführt.
Im Rahmen der Versuchsauswertung weist Mark für die Versuche mit geneigten
Querkräften eine reduzierte Tragfähigkeit nach (Bild 2.15). Im Extremfall tritt eine um
fast 50% reduzierte Bügeltragfähigkeit auf. Anhand der gemessenen Bügeldehnungen
und der Rissbilder (Bild 2.16) können gegenüber einachsigen Belastungen so generelle
Veränderungen der Bügelkräfte nachgewiesen werden.

Bild 2.16: Versuchsdurchführung Balken 3 und Darstellung des Rissbild in [75]


28 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

2.4.2 Versuche von Hansapinyo


Die schematische Darstellung des Versuchsaufbaus von Hansapinyo (Bild 2.17) zeigt
einen Versuchsbalken mit hydraulischer Presse in Feldmitte. Die zweiachsige Belastung
wird durch eine verdrehte Querschnittslage mit betonierten Auflagerpunkten und
Lasteinleitung in Feldmitte generiert. Eine horizontale Verformbarkeit der Balken ist
durch den Versuchsaufbau nicht gewährleistet.

¯
x y

Bild 2.17: Versuchsaufbau von Hansapinyo [45]


Das Versuchsprogramm teilt sich in drei Serien, nach Querschnittsgeometrien sortiert,
auf. Alle Versuchsbalken weisen eine für Biegebalken untypische, auf den Umfang
verteilte Längsbewehrung auf (vgl. Bild 2.18). Für die Bügelbewehrung wurde ein festes
Abstandsraster sw = 10 [cm] vorgesehen. Die Bügelbewehrungsmenge bleibt in allen
Versuchen konstant.
Bezeichnung h b le® a=d Bewehrungsanordnung
[m] [m] [m] [¡]
Längsbewehrung Bügel

B0_1 0,3 0,3 1,35 2,6 8 ¢ ;25 ; 6=10

B45_1 0,3 0,3 1,35 2,6 8 ¢ ;25 ; 6=10

B45_W1 0,3 0,3 1,35 2,6 8 ¢ ;25 X


B0_2 0,35 0,15 1,60 2,58 12 ¢ ;25 ; 6=10
B20_2 0,35 0,15 1,60 2,58 12 ¢ ;25 ; 6=10
B20W_2 0,35 0,15 1,60 2,58 12 ¢ ;25 X
B45_2 0,35 0,15 1,60 2,58 12 ¢ ;25 ; 6=10

B45W_2 0,35 0,15 1,60 2,58 12 ¢ ;25 X

B90_2 0,35 0,15 1,60 2,58 12 ¢ ;25 ; 6=10

B0_3 0,45 0,2 2,2 2,68 14 ¢ ;25 ; 6=10

B25_3 0,45 0,2 2,2 2,68 14 ¢ ;25 ; 6=10

B45_3 0,45 0,2 2,2 2,68 14 ¢ ;25 ; 6=10

B90_3 0,45 0,2 2,2 2,68 14 ¢ ;25 ; 6=10

Tabelle 2.5: Übersicht der Balkengeometrien und Bewehrungsanordnungen


2.4 Versuche mit zweiachsigen Querkrafteinwirkungen 29

Bezeichnung Materialfestigkeiten Neigung Bruchlast


fcm fyw fyl Winkel Vexp Vc
1)
Vsw
[N/mm2 ] [N/mm2 ] [N/mm2 ] ¯ [± ] [kN] [kN] [kN]

B0_1 31 370 440 0 215,9 118,4 97,5

B45_1 31 370 440 45 233,5 137,3 96,1

B45_W1 31 370 440 45 147,2 147,2 -

B0_2 28 370 440 0 164,7 80,2 84,5

B20_2 28 370 440 20 156,5 108,2 48,4

B20W_2 28 370 440 20 108 108,1 -

B45_2 28 370 440 45 113,4 90,7 27,4

B45W_2 28 370 440 45 81,3 81,3 -

B90_2 27,5 370 440 90 77,6 55,2 21,8

B0_3 32 370 440 0 250,2 127,5 122,6

B25_3 32 370 440 25 215,7 142,2 73,5

B45_3 32 370 440 45 199,7 137,3 62,4

B90_3 32 370 440 90 156,8 110,2 46,6


1) Vsw = Vexp ¡ Vc

Tabelle 2.6: Prüfergebnisse der Balkenversuche


Die geometrischen Details der Versuchsbalken sind in Tabelle 2.5, die Ergebnisse der
Materialfestigkeitsprüfungen und die gemessenen Bruchlasten in Tabelle 2.6
zusammengefasst.
Im Rahmen der Versuchsauswertung wird durch Vergleiche zwischen ein- und
zweiachsigen Versuchen eine Veränderung im Tragverhalten belegt. Die Rissbilder
zeigen ein unsymmetrisches Rissbild (Face A, Face C) (Bild 2.18) und unterscheiden
sich somit grundlegend vom Rissbild einachsiger Querkraftversuche. Sägeschnitte,
senkrecht zur Balkenachse durchgeführt (Bild 2.18), belegen eine gegenüber der
Horizontalen verdrehte Nulllinienlage aus schiefer Biegung. Hansapinyo nutzt die
beobachteten Phänomene zusammen mit den aus den Bruchlasten extrahierten
Bügeltragfähigkeiten Vs als Basis für die diskrete Formulierung seines
Bemessungsansatzes (Gl. (2.47)).
30 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

Bild 2.18: Rissbild B45_2 und zugehörige Sägeschnitte

2.5 Bewertung

Bauteilversuche
Die in der Literatur dokumentierten Versuche belegen, dass sich bei zweiachsigen
Querkrafteinwirkungen der Lastabtrag im Stahlbetonbalken ändert. Die einfachen
Versuchsaufbauten mit nur einer Presse in Feldmitte werden dem komplexen
Bauteilverhalten mit Verformungsanteilen in zwei Richtungen jedoch nur bedingt
gerecht.
Der Aufbau von Mark mit einer horizontalen Gleitschicht erlaubt eine zwängungsarme
Bauteilverformung. Horizontale Verformungen, die unweigerlich auftreten, verursachen
Exzentrizitäten und Torsionsmomente, welche den zu untersuchenden Lastabtrag
stören. Mark nutzt die Versuche daher um Phänomene im Querkraftlastabtrag zu
identifizieren. Zur Quantifizierung von Neigungseinflüssen werden umfangreiche
Versuchsreihen mit zu optimierenden Versuchsaufbauten vorgeschlagen.
Der Aufbau von Hansapinyo sieht keine horizontale Gleitschicht vor. Torsionsmomente
treten in diesem Fall nicht auf. Dafür werden wegen der in Kraftrichtung erzwungenen
Bauteilverformung signifikante Zwängungskräfte im Balken hervorgerufen. Darüber
hinaus werden für Biegebalken untypische Längsbewehrungsanordnungen untersucht
und übliche Konstruktionsregeln, wie die Begrenzung von Bügelabständen, nicht
berücksichtigt.
Die Aussagekraft der verfügbaren Balkenversuche mit zweiachsigen
Querkraftbelastungen ist daher begrenzt. Eine detaillierte Auswertung wird an dieser
Stelle daher nicht durchgeführt.
Trotzdem belegen die bisherigen Versuchsauswertungen ein geändertes Tragverhalten
und zeigen so einen grundlegenden experimentellen Forschungsbedarf auf. Um
Zwängungen und ungewollte Schnittgrößen zu minimieren, sind geeignete
Versuchsaufbauten zu entwickeln. Durch zweiachsige Querkräfte hervorgerufene
2.5 Bewertung 31

Änderungen des Tragverhaltens sollten auf einer solchen Basis analysiert und
quantifiziert werden.

Bemessungsmodelle - Bauteile ohne Bügelbewehrung


Theoretische Ableitungen oder Modelle die sich explizit mit dem Querkraftwiderstand
von Stahlbetonbalken ohne Bügelbewehrung gegen zweiachsige Querkräfte befassen
sind in der Literatur nicht zu finden. Offensichtlich besteht daher Forschungsbedarf um
theoretische Grundlagen und Tragmodelle zu entwickeln.

Bemessungsmodelle - Bauteile mit Bügelbewehrung


Die vorgestellten Bemessungsmodelle für zweiachsige Querkraftlastfälle (Kapitel 2.3.2)
berücksichtigen zum Widerstand für die Bügelbewehrung Vsw einen zusätzlichen
Betontraganteil Vc. Die Einflüsse von zweiachsigen Querkräften auf die Widerstände
werden dabei auf unterschiedliche Weise modelliert.
Um die jeweils prognostizierten Veränderungen infolge Querkraftneigung vergleichbar
zu machen, werden im Folgenden die beiden Traganteile einzeln, in normierter Form
gegenübergestellt. Die Normierung erfolgt über den Bezug von zweiachsiger
Tragfähigkeit zur Einachsigen (V (®v )=V (®v = 0)). Für den Vergleich der Modelle
werden Grenzwertbetrachtungen an gedrungenen (h=b = 1) und schlanken
Querschnitten (h=b ! 1) mit sämtlichen, möglichen Querkraftneigungen ®v [72]
durchgeführt.

- Widerstand der Bügelbewehrung


Die normierten Auswertungen mit den Modellen nach Mark, JSCE und Hansapinyo für
den Einfluss der Querkraftneigung auf die reine Bügeltragfähigkeit Vsw sind in Bild 2.19
dargestellt. Die zwischen den Grenzkurven grau hinterlegten Flächen stellen den
jeweiligen Modellwertebereich dar. Überschneidungsbereiche sind dunkelgrau gekenn-
zeichnet.
Für gedrungene Querschnittsgeometrien weisen die Modelle nach JSCE und
Hansapinyo konstante Widerstände aus. Im Gegensatz dazu mindert Mark den
p
Widerstand bis auf das 1= 2 -fache des einachsigen Wertes ab (obere
Modellgrenzkurve, ®v = 1). Für schlanke Träger (h=b ! 1) sehen alle Modelle
Widerstandsabminderungen vor. Die Zahlenwerte der Modellgrenzkurven (®v = 1)
p
liegen zwischen 1= 2 (JSCE), 3=5 (Hansapinyo) und 1=2 (Mark) und spannen einen
relativ großen Wertebereich auf.
32 Kapitel 2: Grundlagen und Stand der Forschung

Vsw (®v )
Vsw (®v =0)

h=b = 1
h=b = 1

®v [¡]

Bild 2.19: modellbezogene Prognosen der Bügeltragfähigkeitsänderungen nach Mark,


JSCE und Hansapinyo Vsw (®v )=Vsw (®v = 0)

- Zusätzliche Querkraftwiderstände
Mark berücksichtigt als zusätzlichen Querkraftwiderstand den Rissreibungsansatz der
DIN 1045-1. Der Ansatz bleibt, bis auf den sich ändernden inneren Hebelarm z , von
der Querkraftneigung unbeeinflusst. Wird der innere Hebelarm unabhängig von der
Querkraftneigung mit z = 0; 9 ¢ d abgeschätzt, so liegt der Verhältniswert
Vc (®v )=Vc (®v = 0) konstant bei 100% (Bild 2.20).

Vc (®v )
Vc (®v =0)
[%] Mark:
Vc (®v )
Vc (®v =0)
= konst. = 1; 0
100 1
1 h=b = 1
95
JSCE
90 2 h=b = 1
Hansapinyo
85
80 2
75
70
65
60
55 ®v [¡]
50
0 0,2 0,4 0,6 0,8 1
Bild 2.20: modellbezogene Prognosen der Änderungen des Betontraganteils nach Mark,
JSCE und Hansapinyo Vc (®v )=Vc (®v = 0)
2.5 Bewertung 33

Die elliptische Grenzkurve nach JSCE mindert den Betontraganteil analog zur
Tragfähigkeit der Bügelbewehrung ab. Es gelten daher die Modellgrenzwertkurven für
gedrungene und schlanke Balkenquerschnitte aus der Analyse der Bügeltragfähigkeit
p
(1 · Vc (®v )=Vc (®v = 0) · 1= 2 ).
Hansapinyo übernimmt den Berechnungsansatz für Vc nach JSCE unverändert.

Fazit
Die Analyse der bestehenden Bemessungsmodelle lässt erkennen, dass kein Modell
tragfähigkeitserhöhende Einflüsse aus zweiachsigen Lastfällen gegenüber Einachsigen
für den Bauteilwiderstand prognostiziert. Je nach Balkenschlankheit und
Querkraftneigung sehen alle Modelle unterschiedlich stark reduzierte Bügelwiderstände
vor. Im Detail offenbaren sich jedoch signifikante Unterschiede. Je nach Modell kann
der Widerstand der Bügel voll berücksichtigt oder nur mit reduzierter Wirksamkeit
(50%) angesetzt werden. Die Gründe für diese großen Abweichungen sind in den
unterschiedlichen Lösungsstrategien der vorgestellten Modelle zu suchen.
Kritisch ist anzumerken, dass im Modell nach JSCE lediglich die beiden einachsigen
Lastfälle analysiert werden. Die eigentlichen zweiachsigen Lastfälle werden durch
Interpolation der einachsigen Ergebnisse ermittelt. Neigungsspezifische Phänomene
werden nicht beachtet.
Im Gegensatz dazu analysiert Hansapinyo zweiachsige Lastfälle und entwickelt aus
einer diskreten Betrachtung für den Tragmechanismus der Bügelbewehrung einen
Berechnungsansatz. Globale Gleichgewichtsbedingungen am System werden allerdings
nicht beachtet.
Der Ansatz von Mark basiert auf der Analyse räumlicher Fachwerkmodelle, sodass
sowohl neigungsspezifische Phänomene als auch das globale Gleichgewicht
berücksichtigt werden. Schwachpunkt ist, wie in den anderen Modellen auch, die
Modellierung der zusätzlichen Tragmechanismen.
In keinem Modell werden die Auswirkungen zweiachsiger Querkräfte auf den
Betontraganteil analysiert. JSCE und Hansapinyo skalieren den Traganteil wie den
Widerstand der Bügelbewehrung. Mark lässt vereinfachend die Berechnungsformel des
Rissreibungsansatzes für VRd,c formal unverändert (vgl. Kapitel 2.3.2).
Die widersprüchlichen Modellprognosen (Bild 2.19 und Bild 2.20) zum Einfluss von
Querkraftneigungen zeigen den Bedarf weiterer Untersuchungen auf, um die
Tragmechanismen besser zu verstehen. Insbesondere besteht Bedarf an Analysen der
über die reine Bügeltragfähigkeit hinausgehenden Tragmechanismen, die wie die
Tragfähigkeit von Balken ohne Querkraftbewehrung, unter diesen Aspekten noch nicht
untersucht wurden. Auch die Auswirkungen zweiachsiger Querkräfte auf den
Widerstand der Bügelbewehrung sind wegen der unterschiedlichen modellbezogenen
Vorhersagen (Bild 2.19) weiter zu untersuchen.
Kapitel 3
Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von
Einzeltragmodellen

In diesem Kapitel werden die Einflüsse geneigter Querkräfte auf das Tragverhalten von
Stahlbetonbalken mit Rechteckquerschnitt systematisch untersucht. Auf der Grundlage
mechanischer Ableitungen werden zunächst die Tragmechanismen von Balken ohne
Querkraftbewehrung analysiert. Darauf aufbauend wird ein Berechnungsansatz für die
Querkrafttragfähigkeit unter Berücksichtigung des Neigungseinflusses spezifiziert. Für
Balken mit Bügelbewehrung wird auf der Basis räumlicher Fachwerkmodelle ein
ebenfalls mechanisch begründeter Ansatz für die Querkrafttragfähigkeit entwickelt, der
die über eine reine Fachwerktragwirkung hinausgehenden Widerstandsanteile des
Balkens berücksichtigt. Der Einfluss drückender Normalkräfte wird dabei in
Abhängigkeit der Querkraftneigung berücksichtigt, wie auch der begrenzte Widerstand
der Betondruckstreben im räumlichen Fachwerk.

3.1 Normierungen und Definitionen

Für eine systematische und zielgerichtete Untersuchung des Einflusses zweiachsiger


Querkräfte auf die Querkrafttragfähigkeit ist es sinnvoll, normierte Kenngrößen zu
verwenden. Eine vereinheitlichte Betrachtung erlaubt gegenüber der Analyse beliebiger
Einzelfälle verallgemeinernde Aussagen, die zur Erstellung allgemeingültiger Regeln
unerlässlich sind.
Querkräfte, die Komponenten in beiden Richtungen des Hauptachsensystems besitzen,
also zweiachsig wirken, werden im Folgenden als geneigte Querkraft bezeichnet. Die
Neigung wird mithilfe der in [72] aus den Prinzipien der Normierungsverfahren für
schiefe Biegung [39, 66, 75] abgeleiteten, dimensionslosen Querkraftneigung ®v
beschrieben. Die tatsächliche Querkraftneigung wird in Relation der Kraftkomponenten
zu den Querschnittsabmessungen gesetzt. Am normierten Einheitsquerschnitt wird die
reale Querkraftneigung so auf eine dimensionslose Querkraftneigung ®v transformiert
(Bild 3.1).
jVy j h
®v = ¢ (3.1)
jVz j b
mit: - Grenzwerte: 0 · ®v · 1
- einachsige Querkraft: ®v = 0
- diagonal über „Eck“ geneigte Querkraft: ®v = 1
Die Wirkungslinie der Kraft verläuft dann immer durch den normierten Oktanten der
dimensionslosen Querkraftneigung ®v.
3.1 Normierungen und Definitionen 35

Die größere Querschnittsseite des Balkens wird mit h, die kleinere mit b bezeichnet.
Die Systemachsen werden daran orientiert (Bild 3.1). Als Belastungsgrößen sollen nur
Querkräfte und Biegemomente wirken.
Die Biegemomente müssen für die nachfolgenden Ableitungen direkt an die
Querkrafteinwirkung gekoppelt sein. Das resultierende Moment steht senkrecht zur
Querkraft, wenn zusätzliche Linien- und Einzelmomenteneinwirkungen zunächst
ausgeschlossen sind.

Vres
Vz
®v Vy
®v = 0 0; 5 1
y h
z

b
Bild 3.1: Systembezeichnungen und normierte Querkraftneigung ®v
36 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

3.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung

Das von Zink abgeleitete Querkraftmodell für Bauteile ohne Querkraftbewehrung ist
mechanisch begründet und weist der Biegedruckzone den Haupttraganteil am
Querkraftwiderstand zu. Ein ähnliches Vorgehen wird auch bei [110, 111, 115] gewählt.
Für einachsige Lastfälle weist das Modell gute Übereinstimmungen sowohl mit den
tatsächlichen Bruchlasten, als auch mit den im Experiment beobachteten
Versagensmechanismen infolge Rissbildung auf [118].
Wegen des mechanischen Hintergrunds ist eine Erweiterung auf veränderte
Randbedingungen grundsätzlich möglich. So werden in [49] profilierte Spannbeton-
träger und in [98] stahlfaserverstärkte Stahlbetonbalken auf ihre Querkrafttragfähigkeit
bei einachsigen Lastfällen untersucht.
Die von Zink identifizierten Haupttragwirkungen werden im Folgenden mechanisch
konsistent auf die Randbedingungen geneigter Querkrafteinwirkungen erweitert. Darauf
aufbauend, werden für die Tragmechanismen Einzeltragmodelle abgeleitet.

3.2.1 Grundgleichungen der Haupttragwirkungen


Ein Querkraftversagen des Balkens tritt nach Zink an Stellen mit lokalen Schädigungen
des Verbunds zwischen Beton und Biegezugbewehrung auf, welche durch Rissbildungen
verursacht werden (Bild 3.2, Schnitt II-II). In diesen Bereichen wird neben der
Verbundkraft auch die Dübelwirkung der Längsbewehrung ausgeschlossen, so dass als
Hauttragwirkung die „Querkrafttragfähigkeit der Biegedruckzone“ V0 und eine
Zugkraftübertragung in der „Bruchprozesszone“ VBPZ verbleiben. Der Gesamtquerkraft-
widerstand Vc ergibt sich aus der Summe beider Anteile.
Vc = V0 + VBPZ (3.2)
¾x (z) + ¢¾x (z)
II kx ¢ d
¿xz (z)
kx ¢ d

¾?
PZ

II
lB

Bild 3.2: Spannungsverteilung in der Biegedruck- und Bruchprozesszone vgl. Bild 2.9
Formal lassen sich die Grundgleichungen der Tragwirkungen durch die Integration der
Schubspannungen in der Biegedruckzone und der Zugspannungen, die senkrecht zur
Rissoberfläche orientiert sind, ermitteln (Kapitel 2.2.1):
Zkx dZbw
V0 = ¿xz (z) dy dz, (3.3)
0 0
lZ
BPZZbw

VBPZ = ¾?,v (z) dy dz. (3.4)


0 0
3.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 37

Die Ermittlung der Traganteile erfolgt unabhängig voneinander. Die Analysen der
Einflüsse aus geneigten Querkräften auf V0 und VBPZ können somit ebenfalls getrennt
voneinander durchgeführt werden.

3.2.2 Erweiterung der Grundgleichungen auf die Randbedingungen


zweiachsiger Querkräfte

Tragfähigkeit der Biegedruckzone


Zweiachsigen Querkräften mit den Komponenten Vy und Vz sind nach der
Elastizitätstheorie die Schubspannungen ¿xy und ¿xz zugeordnet [25, 100]. Die
resultierende Schubspannung errechnet sich aus beiden Komponenten:
q
2 (y,z) + ¿ 2 (y,z) .
¿res (y,z) = ¿xz (3.5)
xy

mit:
R
- ¿xz (y,z) = @¾x (y,z)
@x
¢ 1b dA
A
R
- ¿xy (y,z) = @¾x (y,z)
@x
¢ h1 dA
A

Fälle mit einachsigen Belastungen weisen aufgrund von ¿xz (z = konst.) = konst. ein
über die Querschnittsbreite konstantes Extremum in Höhe der Biegenulllinie auf (Bild
3.3, links). Durch eine zweiachsige Einwirkung sind die Spannungen in jedem Punkt
des Querschnitts verschieden (¿xz 6= ¿xy) und nicht mehr, wie beim einachsigen Lastfall,
nur über die Höhe variabel. An welcher Stelle im Querschnitt die größte
Schubspannung auftritt, ist zunächst unklar. Eine Extremwertbestimmung der
rechnerischen Schubspannungen ¿res ist aber mit Gl.(3.5) möglich.
Dabei zeigt sich, dass für beliebige Kombinationen von Vy und Vz, also alle möglichen
zweiachsigen Querkraftkombinationen, die maximalen Schubspannungen ¿max immer im
Schubmittelpunkt auftreten (Bild 3.3, rechts).
Vz Vz
¡h
¿xy (y; z = 2
)

¿res (y,z) ¿res (y,z)


; ;
¿res (y,z) = 0 ¿res (y,z) = 0 Vy
;; ;;
¿res (y,z) 6= 0 ¿res (y,z) 6= 0
y
y
¿xz (z) = z ¿xz (y = 2b ; z) z
¿res (y,z) ¿res (y=konst.,z) = j¿max j ¿res (y,z) = j¿max j

Bild 3.3: Schubspannungsverläufe nach der Elastizitätstheorie


38 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

Folglich kann die im Balken auftretende maximale Zughauptspannung unter


Berücksichtigung von ¿res ermittelt werden.
sμ ¶2
¾c (y,z) ¾c (y,z)
¾1;2 (y,z) = § 2 (y,z)
+ ¿res (3.6)
2 2
mit: - ¿res nach Gl. (3.5)
- ¾c (y,z) Längsspannungen des Beton
Bei schiefer Biegung sind aufgrund verdrehter Nulllinienlagen [71] die Biege–
druckspannungen nicht mehr über die Querschnittsbreite konstant. Druckspannungen
gleicher Größe verlaufen nunmehr parallel zur neutralen Faser.
Entlang der Biegenulllinie wird die maximal resultierende Schubspannung ¿res durch die
Zugfestigkeit fctm des Betons begrenzt. Dementsprechend ist im Modell der Riss bis zur
Nulllinie fortgeschritten. Entlang der Linie (¾c (y,z) = 0) gilt:
p
2 (y,z) = ¿ (y,z).
fctm = ¾1 (y,z) ¸ ¿res (3.7)
res

mit: ¾c (y,z) = 0 und Gl.(3.6)


Für ¿res = ¿max = fctm stimmen der Winkel ® der Schubspannungskomponenten
Gl. (3.8) und der Neigungswinkel der äußeren Einwirkung ¯ aufgrund der Pro-
portionalität der jeweiligen Schubspannungskomponente mit der Querkraftkomponente
überein. Eine formelmäßige Berücksichtigung voneinander abweichender Richtungen ist
folglich nicht erforderlich.
μ ¶
max.¿x,z
® = arctan
max.¿x,y
μ ¶
Vz
¯ = arctan (3.8)
Vy
mit: - max.¿xz
Vz
= max.¿xy
Vy
)®=¯
Ausschlaggebend für die Bestimmung von V0 mit Gl.(3.3) ist nunmehr nur noch der
Verlauf der Schubspannungen über die Geometrie der Druckzone. Formal kann Gl.(3.3)
auch als Produkt der Druckzonenfläche, der Zugfestigkeit und einem Völligkeitsbeiwert
geschrieben werden.
Z
V0 = ¿xz (z ¤ ) ¢ cos(¯ ¡ ®) dADruck
| {z }
ADruck =cos(0)=1
= ·2 ¢ fctm ¢ ADruck (3.9)
Der Völligkeitsbeiwert ·2 berücksichtigt den Verlauf der zu integrierenden
Schubspannungen, welcher sich aus dem Biegespannungszustand bzw. dessen
Änderungen ¢¾x berechnet. Bild 3.4 zeigt beispielhaft Biegebemessungsergebnisse mit
zugehörigen Spannungsverläufen und Druckzonengeometrien bei einer einachsig
orientierten, sowie einer über Eck angreifenden Querkraft. In beiden Fällen wird eine
annähernd lineare Spannungszunahme ¢¾x infolge einer Momentzunahme ¢M
unterstellt. Ein Plastifizieren des Betons wird nicht berücksichtigt.
3.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 39

Belastung Biegespannungszustand Spannungsänderung Schubspannungen

¾x + ¢¾x ¼ ¢¾x
¿xz
ADruck z
y 1
Rz ¢¾x
V (®v = 0) ¿xz = b(z) ¢x
dydz
M (®v = 0) z 0 fctm
R
ADruck
V0 = ¿xz dADruck = ·2 ¢fctm ¢ ADruck
0
|{z}
0;66

1
Rz ¤ ¢¾x
¿res = b(z ¤ ) ¢x
dy¤ dz¤
¾
x

AD
V (®v = 1) y¤
0
+

ru
¢ V0 = ·2 ¢fctm ¢ ADruck

¼
¢

ck
x ¾ |{z}
¾ 0;83

x
M (®v = 1)

z
¤
¿res

fc
tm

Bild 3.4: Analyse des Biege- und Schubspannungszustands in der Biegedruckzone


Für den einachsigen Fall ergibt sich aus der Überlagerung der rechteckigen Druckzone
mit dem parabelförmigen Verlauf der Schubspannungen der bekannte Wert von ·2 = 23
[118]. Eine über Eck angreifende Querkraft führt durch die Integration der
Schubspannungen über die vormals rechteckige, jetzt dreieckige Druckzone, zu einem
veränderten Wert von ·2 = 0; 83.
Für dimensionslose Querkraftneigungen ®v = konst. stellen sich durch die normierten
Randbedingungen gleiche Druckzonengeometrien und Schubspannungsverläufe ein. Der
Völligkeitsbeiwert bleibt dann konstant. Für eine neigungsabhängige, verallgemeinerte
Beschreibung wird die dimensionslose Querkraftneigung ®v herangezogen.
Der Einfluss der biegebemessungsrelevanten Parameter auf die Druckzonengeometrie
und damit auf den Völligkeitsbeiwert ·2 wurde im Rahmen einer Studie für übliche
Betone und Bewehrungsanordnungen ausgewertet und ist im Bild 3.5 über die
Querkraftneigung grafisch dargestellt.
40 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

·2
1,0
Parameterstudie
·2 (®v ) ®v = 0
0,9

0,8
®v = 0; 5
0,7

0,6
®v = 1
®v
0,5
0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0
Bild 3.5: Verlauf des Völligbeiwerts ·2 (®v )
Der Einfluss der Querkraftneigung ist gegenüber den Einflüssen der
Bewehrungsanordnung dominant, da die berechneten Werte nur wenig streuen. Die
Völligkeit kann näherungsweise mit (Bild 3.5, blaue Kurve):
(
0; 66 + 1; 07 ¢ ®v ¡ 2; 37 ¢ ®v2 + 1; 83 ¢ ®v3 fÄ
ur ®v · 0; 5
·2 (®v ) = (3.10)
0; 83 ur ®v > 0; 5

beschrieben werden.
Flächengleiche Biegedruckzonen stellen bei zweiachsigen Belastungen im Vergleich zum
einachsigen Lastfall somit höhere Querkraftwiderstände durch einen Anstieg des
Völligkeitsbeiwerts zur Verfügung. Der absolute Betrag der Druckzonenfläche ist, wie
bei einachsigen Querkräften auch, stark vom Längsbewehrungsgrad abhängig [50, 106].
Eine empirische Beschreibung der Druckzonenfläche in Abhängigkeit des
Längsbewehrungsgrads soll an dieser Stelle nicht vorgenommen werden. Die
Tragfähigkeit der Biegedruckzone Gl. (3.9) kann zu:
V0 (®v ) = ·2 (®v ) ¢ fctm ¢ ADruck (3.11)
mit: - ·2 nach Gl. (3.10)
-fctm nach Gl. (2.5)
vereinfacht werden. Der Neigungseinfluss zweiachsiger Querkräfte wird mit dem
Völligkeitsbeiwert und der Druckzonenfläche aus der schiefen Biegebemessung
berücksichtigt.

Tragfähigkeit der Bruchprozesszone


Die bruchmechanischen Vorgänge finden geometrisch betrachtet im Bereich der
Schubrissspitze entlang der Biegenulllinie statt. Der Traganteil VBPZ der
Bruchprozesszone ist im Wesentlichen von der Zonenfläche und der
Spannungsrissbreitenbeziehung abhängig. Somit ergeben sich ähnliche Überlegungen
wie für V0, wobei hier die gegenüber einachsigen Lastfällen variable Nulllinienlänge lNl
das entscheidende Kriterium ist.
3.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 41

Z
l BP
Z fctm
lB l BP
PZ

¯r ¯r

Bild 3.6: Bruchprozesszonenfläche bei schiefer Biegung in Abhängigkeit der


Nulllinienlage
Die Nulllinienlage verläuft geneigt durch den Querschnitt und vergrößert die Fläche der
Bruchprozesszone (lNl (®v 6= 0) ¸ lNl (®v = 0)). Die Ausdehnung der Zone wird mit lBPZ
parallel zum Nulllinienverlauf angesehen. Die physikalische Länge lBPZ kann nach [51,
118] (Kap. 2.1) mit 0; 3 ¢ lch · lBPZ · 0; 5 ¢ lch abgeschätzt werden.
Entlang der Nulllinie verschwindet die Längsspannung ¾c (y,z) = 0 und die
Hauptzugspannung hat die Betonzugfestigkeit erreicht ¾1 = fctm (Gl.(3.7)), sodass der
Maximalwert der Zugspannungen der Betonzugfestigkeit entspricht (fctm = ¾?). Sie
wirkt senkrecht zum Schubriss, der mit einem Winkel von ¯r = 45± eine konstante
Neigung aufweist.
¡¾ ¢ sin(2 ¢ ¯r ) + 2 ¢ ¿res ¢ cos(2 ¢ ¯r ) = 0
|{z}c |{z}
=0 fctm
!
cos(2 ¢ ¯r ) = 0
) ¯r = 45± (3.12)
Als Querkraftwiderstand kann nur der in Einwirkungsrichtung orientierte vertikale
Anteil von ¾? angesetzt werden. Der Widerstand VBPZ Gl.(3.4) berechnet sich somit
zu:
ARBPZ
VBPZ = fctm ¢ cos(¯r ) dAABPZ
| {z }
¾?,v

= ·BPZ ¢ fctm ¢ p1
2
¢ ABPZ (®v ): (3.13)
mit: - Völligkeitsbeiwert (Bild 3.7): 0; 4 · ·BPZ · 0; 5
- Risswinkel an der Rissspitze: ¯r = 45±
- Länge der Bruchprozesszone: 0; 3 ¢ lch · lBPZ · 0; 5 ¢ lch
- charakteristische Länge (Gl. 2.6): lch = (Ec ¢ GF )=fctm
2

Der Verlauf der Zugspannungen im Riss selbst ist ausschlaggebend für die absolute
Größe des berechneten Widerstands. Für die Integration wird eine Spannungs-Riss-
breitenbeziehung unterstellt. Hillerborg schlägt in [51] eine lineare Beziehung zwischen
Rissbreite und Zugspannungen vor, die eine Völligkeit von ·BPZ = 0; 5 impliziert (Bild
2.4). Auf der Arbeit von Remmel [96] aufbauend schlägt Zink einen parabelförmigen
Verlauf der Rissbreite vor, um Knicke in den Rissufern zu vermeiden. Die von der
Bruchprozesszone übertragbare Kraft ergibt sich dann aus einem Völligkeitsbeiwert von
·BPZ = 0; 4.
42 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

·BPZ = 0; 5 x

fctm
R
fct FBPZ = fct (w)dA

FBPZ = ·BPZ ¢ fctm ¢ ABPZ


fct (w) fct (²)
w

·BPZ = 0; 4 x

Bild 3.7: Spannungs-Rissbreitenbeziehung und Entwicklung der Rissbreite

Mechanisch begründeter Maßstabsfaktor


Die Querkrafttragfähigkeit berechnet sich aus der Summe der beiden Einzel-
tragwirkungen (Gl.(3.11) und Gl.(3.13)).
Vc (®v ) = V0 (®v ) + VBPZ (®v ; d) (3.14)
Bezieht man den Traganteil VBPZ auf den Grundwert V0 der Biegedruckzone entsteht
aufgrund der Geometrieunabhängigkeit der Bruchprozesszonenausdehnung ein
mechanisch begründeter Maßstabsfaktor ·1 (®v ; d). Als Geometrieparameter wird für die
mathematische Beschreibung hier d = h ¡ d1 gewählt.
def.
Vc (®v ) = V0 (®v ) + VBPZ (®v ) = ·1 (®v ; d) ¢ V0 (®v )
1
·2 (®v ) ¢ fctm ¢ ADruck + ·BPZ ¢ fctm ¢ p ¢ ABPZ = ·1 (®v ; d) ¢ ·2 (®v ) ¢ fctm ¢ ADruck
2
(·2 (®v ) ¢ ADruck + ·BPZ ¢ p12 ¢ ABPZ )
) ·1 (®v ; d) = (3.15)
·2 (®v ) ¢ ADruck
mit: - Maßstabsfaktor: ·1 (®v ; d) ¸ 1
Grundsätzlich muss für sehr große Querschnittabmessungen der Traganteil der
Biegedruckzone aufgrund des Flächenverhältnisses ABPZ =ADruck dominant werden und
der Maßstabsfaktor gegen ·1 (®v ; d) = 1 streben.
ADruck + ABPZ
lim = =1 (3.16)
ADruck !1 ADruck
Für relativ kleine Querschnitte mit kleinen Biegedruckzonenflächen wird der Einfluss
der Bruchprozesszone bemerkbar, der Maßstabsfaktor steigt. Wie stark der Wert steigt,
ist maßgeblich von dem Betrag VBPZ abhängig, der direkt von den Parametern der
Spannungs-Rissbreitenbeziehung ·BPZ und der Ausdehnung lBPZ bestimmt ist.
Im Rahmen einer Studie zur Robustheit des Ansatzes wird durch gezielte Variationen
der Eingangsparameter sowohl ein Überblick über die Größenordnung von ·1 (®v ; d), als
3.2 Bauteile ohne Querkraftbewehrung 43

·BPZ lBPZ = x ¢ lch ¯r = konst.

·1;min 0; 4 x = 0; 4 ¯r = 45±

·1;max 0; 5 x = 0; 5 ¯r = 45±

Tabelle 3.1: Parameterbereiche der Datensätze


auch die Empfindlichkeit der Berechnung bezüglich der freien Wahl von ·BPZ und lBPZ
gewonnen. Die Grenzkurven ·1;min und ·1;max werden hierzu mit Gl.(3.15) unter
Verwendung der Datensätze in Tabelle 3.1 berechnet und zeigen die Streubreite des
Maßstabsfaktors auf. Da die Ergebnisse zusätzlich von der Biegebemessung und der
Querkraftneigung abhängig sind, wird für jeden Datensatz ·1;min und ·1;max eine
Parameterstudie unter Variation der Randbedingungen von:
• Verhältnis Betondruck-/ zugfestigkeit: fcm
fctm
= 30
2;9
(C 30/37)
• Längsbewehrungsgrad: 0; 05 · !tot = As,tot
b¢h
¢ fy
fc
·1
• statische Nutzhöhe d = h ¡ d1: 0; 2 · d · 1
• Geometrieeinfluss durch h=b: 1 · h=b · 2
und üblichen Längsbewehrungsverteilungen durchgeführt.
·1[¡] ·1[¡] q
·1;max 200
·DIN 1045-1 = 1 + d
; d[mm]

¢·1
·1;min

d[m] ®v[¡] d[m] ®v[¡]

Bild 3.8: Ergebnisse der Studie: links: ·1;max und Einzelwerte; rechts: Vergleich der
Funktionen ·1;max , ·1;min und ·DIN 1045-1
Im linken Teil von Bild 3.8 sind die Ergebnisse der Parameterstudie zum Datensatz
·1;max als rote Kreuze über die Querkraftneigung ®v und die statische Nutzhöhe d
aufgetragen. Der Einfluss der Bruchprozesszone nimmt mit steigender statischer
Nutzhöhe ab, der Maßstabsfaktor ·1 sinkt. Der resultierende Querkraftwiderstand wird
dann immer mehr durch V0 allein bestimmt. Diese Tendenz ist für alle Neigungswerte
von ®v zu beobachten.
Im rechten Teilbild wird anhand der Differenz ¢·1 aus den Datensätzen ·1;max und
·1;min die Empfindlichkeit der Berechnung beurteilbar.
¢·1 (®v ; d) = ¢·1;max (®v ; d) ¡ ¢·1;min (®v ; d) (3.17)
44 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

Der grau hinterlegte Schwankungsbereich fällt moderat aus. Der Berechnungsansatz


reagiert somit stabil auf Modellierungen der Spannungs-Rissbreitenbeziehung sowie der
Bruchprozesszonenlänge lBPZ.
Die Koeffizienten der Funktionen ·1;max und ·1;min wurden mittels der Methode der
Minimierung der Fehlerquadrate [23, 86] an die Ergebnisse der Studie angepasst. Ein
rechnerischer Vergleich mit dem in DIN 1045-1 genutzten und an Versuchsdaten mit
einachsigen Belastungen (®v = 0) verifizierten Maßstabsfaktor (Bild 3.8, grüne Linie)
[1, 88] wird dadurch möglich.
Die beste Übereinstimmung von ·DIN 1045-1 erzielt die Maßstabsfunktion ·1 = ·1;max
(Bild 3.8, blau dargestellter Verlauf). Aus diesem Grund wird die Funktion
·1 (®v ; d) = ·1;max gegenüber der Funktion des Datensatzes ·1;min bevorzugt und für die
weitere Anwendung genutzt.
·1 (®v ; d) = 2; 19 + 0; 14 ¢ ®v + 0; 28 ¢ ®v2 ¡ 0; 3 ¢ ®v ¢ d ¡ 2; 08 ¢ d + 1; 14 ¢ d2(3.18)
mit: - statische Nutzhöhe: d = h ¡ d1
- Grenzwerte: 0; 2 · d · 1

3.2.3 Berechnungsansatz für die Tragfähigkeit


Im vorherigen Kapitel wurden die Traganteile der Biegedruckzone und der
Bruchprozesszone im Kontext ein- und zweiachsiger Querkräfte analysiert und
Berechnungsformeln entwickelt, die den Neigungseffekten Rechnung tragen. Darauf
aufbauend wurde ein mechanisch begründeter Maßstabsfaktor abgeleitet. Der maximale
Querkraftwiderstand kann so als Funktion der Haupttragwirkung in der
Biegedruckzone formuliert werden (Gl. (3.19)).
Vc (®v ; d) = ·1 (®v ; d) ¢ V0 = ·1 (®v ; d) ¢ ·2 (®v ) ¢ fctm ¢ ADruck (3.19)
mit: - Maßstabsfaktor: ·1 (®v ; d) Gl.(3.18)
- Völligkeitsbeiwert: ·2 (®v ) Gl.(3.10)
- Betonzugfestigkeit: fctm Gl.(2.5)
- Druckzonenfläche aus Biegebemessung: ADruck
Zink führt eine empirische Anpassung der Widerstandsformel an Bruchlasten einer
Versuchsdatenbank durch und erreicht dadurch auch eine Entkopplung von Querkraft-
und Biegebemessung. Dies ist hier nicht notwendig, da weiterhin auf die
Druckzonenfläche der schiefen Biegebemessung zurückgegriffen wird, um den direkten
mechanischen Bezug zu erhalten.
Der abgeleitete Berechnungsansatz (Gl. (3.19)) wird in Kapitel 4.2.2 zu Bestimmung
rechnerischer Tragfähigkeiten Vcalc genutzt. Diese werden mit Bruchlasten von
Versuchen VExp verglichen. Die Bruchlastrelationen VExp =Vcalc werden zur Bewertung
des Ansatzes herangezogen.
3.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 45

3.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung

Der Querkraftlastabtrag im Balken lässt sich mit der Modellvorstellung eines


Fachwerks, bestehend aus Zug- und Druckstreben, beschreiben (vgl. Kapitel 2.3.1).
Die Beschreibung der Zugstrebentragfähigkeit erfolgt, um das Tragverhalten des
Balkens realistisch zu erfassen und rechnerisch erforderliche Bewehrungsmengen zu
minimieren unter Berücksichtigung vorhandener, zusätzlicher Tragmechanismen welche
über eine reine Fachwerktragwirkung der Querkraftbewehrung hinausgehen.
Stahlbetonbalken mit einer rechteckförmigen Querschnittsgeometrie verfügen aufgrund
ihrer gedrungenen Form, unabhängig von der Einwirkungsrichtung, über eine
gegenüber der Zugstrebe große Druckstrebentragfähigkeit [22, 75], welche in der Regel
nicht maßgebend für den Gesamtquerkraftwiderstand ist. Die Modellzugstrebe als
primärer Versagensmechanismus stellt somit das vorrangige Untersuchungsziel dar. Im
ersten Schritt sollen die Einflussfaktoren identifiziert werden. Anschließend wird deren
Wirkungsweise in analytischer Form beschrieben, so dass der innere Kraftzustand der
Bügelbewehrung formal erfassbar wird.
Das von Mark entwickelte Bemessungsmodell (Kap 2.3.2) für geneigte Querkraft-
lastfälle basiert auf einem räumlichen Fachwerk. Die Formulierung ist aus
mechanischen Prinzipien abgeleitet und daher allgemeingültig. Es bietet somit ideale
Voraussetzungen Phänomene und Gesetzmäßigkeiten von geneigten Querkräften zu
analysieren und mechanisch begründete Ableitungen zum Tragverhalten zu
spezifizieren.

3.3.1 Fachwerkmodell

Grundlagen
Das räumliche Fachwerk [72, 73, 75] entsteht durch eine Aufteilung des Kraftflusses
vom Schwerpunkt der Druckkraftänderung zu den gezogenen Bewehrungspunkten, die
durch eine aufgelöste Zugzone mit n Längsbewehrungspunkten repräsentiert werden.
Die Strebenverläufe und die zugehörigen Kraftanteile entstehen durch eine vektorielle
Aufteilung der Kraftänderungen (Gl. 2.37). Bild 3.9 zeigt ein solches räumliches
Fachwerkmodell. Der innere Kraftfluss stellt sich komplex und geprägt durch die vorab
festgelegte Lage möglicher Zugstreben aus Bügeln und Längsstäben dar. So bilden sich
räumliche Druckspannungsfelder aus der sich aufteilenden, geneigten Hauptdruckstrebe.
Sie stützen sich gegen Aussteifungsstreben in Bügelebene ab und verzweigen sich. Das
resultierende Fachwerk liegt wie die Querkraft im Querschnitt geneigt.
Die in 3.1 beschriebenen Definitionen zur Normierung und Bezeichnungen behalten ihre
Gültigkeit.
46 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

Fs1 + ¢Fs1 Fc + ¢Fc


1 1
V
V
Fc + ¢Fc Fc
Fs1 Fs + ¢Fs

V μ
Fc
Fs2 +
Fs
V ¢Fs2 z ¢ cotμ

Fs3 + ¢Fs3
Fs2

2 3
Fs3

1
2 1
3

Bild 3.9: Räumliches Fachwerkmodell mit aufgelöster Zugzone und resultierende


Streben

3.3.2 Ableitung funktioneller Beschreibungen für die


Zugstrebenkräfte
Für den einachsigen Lastfall reduziert sich das räumliche auf das bekannte ebene,
parallelgurtige Fachwerkmodell [5, 69, 78, 97, 116]. Durch eine symmetrische
Aufteilung der Querkraft wird jeder vertikale Bügelschenkel gleich belastet (Bild 3.10).
Vres
Tz (Vres = Vz ; ®v = 0) = (3.20)
2
Auf die Wirkungslänge z ¢ cot ¯r des ebenen Fachwerks bezogen, muss jeweils die halbe
Vres = Vz

Fc
1
Tz = 2 ¢ Vz
V ¯r
sin
V = z Vz Vz h
V Fc 2 2
Ty
Fs ¯r

z ¢ cot ¯r z ¢ cot ¯r b

Bild 3.10: Ebenes, parallelgurtiges Fachwerk (einachsige Querkraft) mit gelenkigen


Knoten
3.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 47

einwirkende Querkraft aufgenommen werden und mit der Bügelkräften im


Gleichgewicht stehen.
Führt man einen Verhältniswert Tz (®v )=Tz0 (®v = 0) bezogener Schenkelkräfte ein,
lassen sich vom einachsigen Lastfall ausgehend, die Veränderungen der Kräfte auf die
Querkraftneigung beziehen. Diese bezogenen Kraftänderungen sind somit unbeeinflusst
vom Schubrisswinkel ¯r und dem inneren Hebelarm z (Gl.(3.20)).
Im Rahmen einer Parameterstudie wurden die Kraftänderungen Tz (®v )=Tz0 (®v = 0)
durch Auswertung räumlicher Fachwerke für Balkenquerschnitte mit h=b = 1 und
h=b = 2 exemplarisch untersucht. Weil die Orientierung der Fachwerkstreben an die
Randbedingungen der Biegebemessung gekoppelt ist und damit auch die Größe der
Schenkelkraft Tz (®v ) beeinflusst wird, decken die Variationen übliche Bewehrungs-
anordnungen und Ausnutzungsgrade der Bewehrung ab.
Die Verhältniswerte der Kraftänderungen der maßgebenden Schenkelkräfte sind im Bild
3.11 über die Querkraftneigung ®v aufgetragen. Der durch geänderte Randbedingungen
der Biegebemessung hervorgerufene Variationsbereich ist grau hinterlegt. Die
Bügelkräfte steigen mit der Querkraftneigung gegenüber einachsigen Lastfällen
grundsätzlich an. Die Verzerrung des Querschnitts und damit auch der
Fachwerkgeometrie h=b = 2 gegenüber dem Einheitsquerschnitt mit h=b = 1 bewirkt bei
gleicher Querkraftneigung einen weiteren Anstieg der Schenkelkräfte.
Die Bügelkräfte werden somit nicht nur durch die Neigung der Querkraft, sondern auch
durch Verzerrungen der Querschnittsgeometrie, also der Änderung von h=b beeinflusst.
Für eine formalisierte Ermittlung der Bügelkräfte sind folgende Punkte relevant:
• Einfluss der Querkraftneigung: Zusammenhang von Bügelkräften und äußeren
Querkräften am Einheitsquerschnitt (h=b = 1) infolge Querkraftneigung,
• Einfluss der Querschnittsgeometrie: Veränderung der Bügelkräfte bei konstanter
dimensionsloser Querkraftneigung ®v durch Verzerrung der Geometrie.
Tz (®v )=Tz0 (®v = 0)

2 p
at = 1 + ( p ¡ 1) ®v
(b=h)2 +1

at (®v ; hb = 2)

at (®v ; hb = 1)
®v [¡]

Bild 3.11: Variationsbereich der Kraftänderungen Tz (®v )=Tz0 (®v = 0) aus räumlichen
Fachwerken und dem Interpolationsfaktor at nach [75]
48 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

Für die Untersuchung der beiden Einflüsse auf die Tragfähigkeit ist der von Mark
abgeleitete Interpolationsfaktor at weniger geeignet. Die Einflüsse werden in der Summe
gut erfasst (Bild 3.11), eine Analyse der Einzelfaktoren ist aufgrund der
zusammengefassten Wirkungsweise erschwert.
Im Folgenden werden die Einzeleinflüsse auf die Bügelkräfte weiterhin mithilfe
räumlicher Fachwerke analysiert, um die Entwicklung von getrennten
Näherungsfunktionen mit einer möglichst guten Erfassung der Einzeleinflüsse zu
ermöglichen. Bei der mathematischen Formulierung der beiden Funktionen steht ein
gutes Abbildungsvermögen der beiden Einzeleinflüsse gegenüber einer vereinfachten
Beschreibung im Vordergrund.

Einfluss der Querkraftneigung


Einachsige Querkrafteinwirkungen führen zu der beschriebenen hälftigen Aufteilung der
Kraft auf die beiden vertikalen Bügelschenkel (Gl. (3.20)). Wirkt die Querkraft
zweiachsig (®v 6= 0), wird die Bügelkraft Tz (®v ) nicht mehr zu gleichen Teilen auf beide
Seiten verteilt. Die räumliche Aufteilung der Streben verändert den Kraftfluss im
Balkenquerschnitt (vgl. Bild 3.11). Die Veränderung der Bügelschenkelkräfte am
normierten Einheitsquerschnitt mit h=b = 1 ist als bezogene Größe:
Tz (Vy ; Vz ; hb = 1)
- F (®v ) = F (Vy ; Vz ) = (3.21)
Tz (Vy = 0; Vz )
h
- Sonderfall Einheitsquerschnitt: ®v = Vy
Vz
= Vy
Vz
b
|{z}
=1

unabhängig von Geometrieverzerrungen.


Für ein festes Verhältnis von Vy
Vz
entsteht dann immer das gleiche räumliche Fachwerk,
mit einer immer gleichen relativen Verteilung der Kraft auf die Fachwerkstreben.
Dies führt zu einer gleichen relativen Belastung der Bügelschenkel für Vy =Vz = konst..
Somit ergibt sich beispielsweise bei Vy
Vz
= 0; 3 eine Kraft von
Tz (Vy ; Vz ; hb = 1) = 0; 65 ¢ Vres
2¢z ¢cot ¯r
. Die absolute Größe des Querschnitts spielt keine
Rolle. Die Schenkelkraft steigt also gegenüber dem einachsigen Lastfall (Gl. (3.20)) um
Tz (Vy ;Vz ; h
den Faktor F = = 0; 65=0; 5 = 1; 29 an.
b
=1)
Tz (Vy =0;Vz )

Approximation der Kraftänderungen


Als Bezugsmaß zur Beschreibung der bezogenen Kraftänderungen mit einer Funktion
ohne direkte Fachwerkberechnung kann für den Sonderfall h=b = 1 zunächst das
Verhältnis der Komponenten VVyz genutzt werden.
μ ¶ μ ¶
Vy Vres Vy
Tz ; h/b=1; ®v 6= 0 ¼ ¢ F (3.22)
Vz 2 Vz
| {z } | {z }
FachwerklÄ
osung Approximationsfunktion
3.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 49

Tz (®v )=Tz0 (®v = 0)


1
1,5
1,4
1,3
1,2
Interpolationsfaktor at
1,1
F ( VV yz ) nach Gl. 3.23 ®v
1
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1
Bild 3.12: Darstellung des Variationsbereiches von möglichen Fachwerklösungen, der
Approximationsfunktion F und dem Interpolationsfaktor at
Die Entkopplung von den Randbedingungen und Ergebnissen der Biegebemessung, die
den Variationsbereich der Kraftänderungen verursachen (Bild 3.12, graue Markierung),
wird dabei angestrebt. Als Ansatzfunktion wird ein Polynomansatz gewählt. Die
Koeffizienten werden mit der Methode der minimalen Fehlerquadrate bestimmt, sodass
die Funktion am Mittelwert der Datenbasis ausgerichtet ist.
μ ¶
Vy
F x= = a + b ¢ x + c ¢ x2 + d ¢ x3 + ::: (3.23)
Vz
mit: -x= Vy
Vz

- Koeffizienten: a = 1; b = 1; 110; c = ¡0; 495; d = 0; 199


Der Polynomansatz passt sich deshalb über den gesamten Wertebereich der
Querkraftneigungen in den Variationsbereich möglicher Fachwerklösungen ein (Bild
3.12). Wie der Interpolationsfaktor at strebt die Funktion bei einer über Eck geneigten
p
Querkraft gegen den Wert 2 . Die Funktion kann auch für andere Verhältnisse h=b
genutzt werden, wenn in F der Term VVyz mit ®v substituiert wird.
Für konstante Kräfteverhältnisse Vy
Vz
ergibt sich ein linearer Zusammenhang zwischen
Tz
3 ,5
1,0
0, 0
-
0,7

1
0, 0
=
®v

Tz (®v = 0; 3)
¢Tz
Tz (®v = 0)

Bild 3.13: grafische Umsetzung des Neigungseinflusses auf die Bügelkräfte


50 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

Bügelkräften und der Querkraftneigung (Gl. (3.22)). In grafischer Form kann der
lineare Zusammenhang mittels geneigter Polstrahlen visualisiert werden (Bild 3.13 mit
¯r = 40±). Die Steigung der Polstrahlen ergibt sich zu:
μ ¶
cot ¯r = 1; 2
±
m = 90 ¡ arctan . (3.24)
F (®v )
Für das zu Beginn aufgeführte Beispiel wurde für eine fiktive Querkraft Vres die
Bügelkraft bei einachsiger Wirkung (®v = 0) und geneigter Wirkung (®v = 0; 3) mit ins
Bild eingezeichnet. Die Differenz der Schenkelkräfte ¢Tz = ( TzT(®
z (®v )
v =0)
¡ 1) ¢ Tz (®v = 0)
ist allein auf die ungünstige Wirkung der Querkraftneigung zurückzuführen und durch
den vertikalen Versatz leicht zu erkennen.

Einfluss der Querschnittsgeometrie


Gegenüber dem Einheitsquerschnitt mit einem Seitenverhältnis h=b = 1 wird das
räumliche Fachwerk für h=b 6= 1 verzerrt. Das Maß der Verzerrung ist vom
Seitenverhältnis h=b bestimmt und damit unabhängig von den Absolutwerten der
Querschnittsabmessungen. Gegenüber den Schenkelkräften in quadratischen
Querschnitten (h=b = 1) verändert sich die Kraft durch die geometrische Verzerrung
des Fachwerks.
μ ¶ μ ¶
Vy Vy
Tz ; h=b 6= 1 = Tz ; h=b = 1 ¢ ´ (3.25)
Vz Vz | {zz }
Transformationsfunktion

Für das Maß der Verzerrung wurde in [75] aus den Normierungsprinzipien für schiefe
Biegung eine Transformationsfunktion hergeleitet. Im Folgenden wird die Funktion

Vz Vres = 1
®v = 0; 5

Vz Vres = 1
®v = 0; 5
asw

h1 y asw y h2
z z
Tz1 (h=b = 1)

b1
Tz2 (h=b = 1; 5)

b2
Bild 3.14: Normierung von Geometrie und Querkraft
3.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 51

genutzt, um die maßgebende Bügelkraft des Einheitsquerschnitts auf die Größe bei
veränderten Seitenverhältnissen zu skalieren. Anhand des in Bild 3.14 dargestellten
Beispiels lässt sich die hier genutzte Wirkungsweise von ´z veranschaulichen.
Die Bügelkraft am Einheitsquerschnitt ist als Tz1 und am verzerrten Querschnitt als Tz2
bezeichnet. In beiden Fällen ist das Verhältnis der Kräfte in den Bügelschenkeln zu den
vertikalen Einwirkungskomponenten identisch (®v = konst.). Es gilt:
Tz1 Tz2
= . (3.26)
Vz1 Vz2
Die vertikalen Kraftkomponenten Vz,i der äußeren Einheitseinwirkungen sind, ebenso
wie die normierten Bauteilgeometrien, proportional zueinander.
r
1
2 s
Vz2 ® v (
2 b
h)
+1 ®v2 + 1
´z (®v ; h,b) = = = ¡ ¢2 (3.27)
Vz1 p 12 ®2 b + 1
®v +1 v h

Die Ermittlung der Bügelkräfte kann immer am Fachwerk des Einheitsquerschnitts


(h=b = 1) erfolgen, wenn mit der Transformationsfunktion geänderte Geometriegrößen
nachträglich berücksichtigt werden. Die so berechneten Schenkelkräfte stimmen dann
exakt mit den Kräften des räumlich verzerrten (h=b 6= 1) Fachwerks überein.
s
®v2 + 1
Tz2 = Tz1 ¢ ¡ ¢2 (3.28)
|{z} |{z} ®2v hb + 1
h=b6=1 h=b=1 | {z }
´z
p
In schlanken Querschnitten vergrößert sich die Kraft um einen maximalen Faktor 2
(für h=b ) 1). Dieser Vergrößerungseffekt auf die Bügelkräfte lässt sich, wie der
Einfluss der Querkraftneigung auch, grafisch umsetzten (Bild 3.15).
Tz

3,0
3 ,5
,0
0, 0
-1
0,7

2,5 1
¢Tz (h=b = 3) 0, 0
2,0 =
®v

¢Tz
¢Tz (h=b = 1)

®v V

Bild 3.15: grafische Umsetzung des Neigungseinflusses und der Querschnittsverzerrung


auf die Bügelkräfte
52 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

Das eingezeichnete Beispiel (h=b = 3 und ®v = 0; 7) verdeutlicht die Wirkungsweise.


Gegenüber einem einachsigen Lastfall erhöht sich die Kraft im Bügelschenkel bei
quadratischen Querschnitten zunächst um den Betrag ¢Tz (h=b = 1). Die
Querschnittsverzerrung wird zusätzlich als geneigte Verbindungslinie berücksichtigt.
Die Neigung wird im linken Teilbild mittels Gerade durch die Punkte ®v = 0 und
®v = 0; 7 mit h=b = 3 ermittelt und ins rechte Teilbild übertragen. Die Kraftänderung
steigt auf ¢Tz (h=b = 3) an.

Überführung der Kraftgleichungen in die Widerstandsgleichung für die reine Bügel-


tragfähigkeit
Durch die Verwendung der Approximationsfunktion F der bezogenen Kraftänderungen
und der Geometrieverzerrungsbeziehung ´z kann mithilfe der Gleichungen (3.22) und
(3.28) die für die Bemessung maßgebende Bügelschenkelkraft ermittelt werden.
einachsige Wirkung (®v =0)
z}|{ s
Vz2 Vres ®v2 + 1
Tz2 = Tz1 ¢ = ¢F (®v ) ¢ ¡ ¢2 (3.29)
Vz1 | 2 {z } ®v2 hb + 1
Kraft im Einheitsquerschnitt (®v 6=0) | {z }
=´z
| {z }
Kraft im BÄ
ugelschenkel (®v 6=0 und h=b6=0)

Der Formalismus, zunächst Schenkelkräfte am Einheitsquerschnitt mit anschließender


Berücksichtigung der Geometrieeinflüsse zu ermitteln, bleibt erhalten.
Die maßgebende Schenkelkraft muss für die Ermittlung der Tragfähigkeit durch eine
entsprechend dimensionierte Bewehrung mit aufgenommen werden. Der Widerstand
der Bügelbewehrung berechnet sich mit dem Kehrwert der Funktionen F ¢ ´z, da die
Funktionen selber die Erhöhung der Bügelkräfte beschreiben. Für eine zweischnittige,
an den Bauteilaußenkanten orientierte Bügelbewehrung Tz =(z ¢ cot ¯r ) = asw ¢ fyw =2
ergibt sich durch Umformung:
1
Vsw = asw ¢ fyw ¢ z ¢ cot ¯r ¢ : (3.30)
F (®v ) ¢ ´z (®v ; h; b)
mit:
- Fläche der Bügelbewehrung (2-schnittig): asw = Asw =sw
- Streckgrenze der Bügelbewehrung: fyw
- dimensionslose Querkraftneigung: 0 · ®v = · 1; Gl. (3.1)
h
b
¢ Vy
Vz
p
- Neigungseinfluss: F (®v ) = 1 + 1; 11 ¢ ®v ¡ 0; 495 ¢ ®v2 ¡ 0; 199 ¢ ®3v · 2
Gl. (3.23)
r p
- Geometrietransformation: ´z (®v ; h; b) = ®2v +1
2 · 2 ; Gl. (3.27)
®2v ( hb ) +1

- innerer Hebelarm z, aus der Biegebemessung


Die Ermittlung des Schubrisswinkels wird in Anlehnung an DIN 1045-1 [14]
vorgenommen. Diese beruht in linearisierter Form auf der Annahme, dass die
3.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 53

Rissöffnung
q senkrecht zu den Hauptzugspannungen im Zustand I, also
cot ¯r = 1 ¡ f¾ctm
x
[90], erfolgt. Für Bauteile ohne Normalkraft wird der in Versuchen
oft beobachtete flache Winkel von 40± gegenüber einem Winkel von 45± aus Zustand I
angegeben.
¾xd
cot ¯r = 1; 2 ¡ 1; 4 · 2; 15 (3.31)
fcd
mit: Druckspannung in der Schwerachse: ¾xd = NEd
A

In [49] wurde für Balken mit rechteckigen Querschnitten das Schubrissverhalten


untersucht. Auf der Basis von Versuchsauswertungen und in Anlehnung an die SIA [8]
wird eine Begrenzung des Winkels auf ¯r = 25± bzw. cot ¯r = 2; 15 vorgeschlagen, um
unrealistische Neigungswinkel auszuschließen.

3.3.3 Berechnungsansatz für die Tragfähigkeit der Bügelbewehrung


Der im Kapitel 3.2.3 hergeleitete Rechenansatz für die Querkrafttragfähigkeit von
Bauteilen ohne Querkraftbewehrung soll hier mit dem Berechnungsmodell für die
Tragfähigkeit der Bügelbewehrung verknüpft werden. Der Berechnungsansatz wird
somit als Summenansatz konzipiert. Ein äquivalentes Vorgehen ist unter anderem in [4,
9, 49, 59, 67, 110, 111, 115] zu finden.
Vs = Vc + Vsw (3.32)
Es entsteht die in Bild 3.16 dargestellte Modellvorstellung, die aus einem gelenkigen
Fachwerk für die reinen Bügelkräfte Vsw und einem überlagerten, zusätzlichen, steifen
Gurt für den Betontraganteil Vc besteht [114]. Aus Gründen der Übersichtlichkeit ist
das ebene Fachwerkmodell für den einachsigen Lastfall dargestellt.

z
¯r
z ¢ cot ¯r

Bild 3.16: Modellvorstellung des Querkraftfachwerks mit zusätzlichen Traganteilen


Beide Traganteile sind aus der Betrachtung des Längsspannungszustands bzw. deren
Veränderungen abgeleitet. Aufgrund des mechanischen Ursprungs kann die
Plausibilität eines solchen Summenansatzes anhand des inneren Spannungszustands
kontrolliert werden. Der Längsspannungszustand des Querkraftmodells darf in keinem
Widerspruch zum Längsspannungszustand der klassischen Biegebemessung stehen.

Innerer Kraft- und Spannungszustand


Betrachtet wird ein Balkenabschnitt der Länge z ¢ cot ¯r mit abschnittsweise
konstanten Querkräften (Bild 3.16). Die Aufteilung des resultierenden inneren Kraft-
54 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

und Spannungszustands in den Tragmechanismen zugeordnete Anteile, erfolgt unter


Berücksichtigung des nichtlinearen Werkstoffverhaltens. Zur Einhaltung der globalen
Gleichgewichtsbedingungen müssen die aufgeteilten Komponenten den Einwirkungen V
und M entsprechen.
!
V = Vc + Vsw
(3.33)
!
M = Mc + Msw
Die Aufteilung der äußeren Belastung erfordert ebenso eine Aufteilung der
Längsspannungen in den Modellen. Die resultierende Spannung ¾x,res wird mit der
resultierenden Belastung ermittelt und dann nach den Steifigkeiten gewichtet aufgeteilt
(Bild 3.18). Weil die Steifigkeit der Biegedruckzone ungleich größer als die der
Bügelbewehrung ist (G ¢ Ac,Druck >> Es ¢ As), werden für geringe Belastungen (V · Vc)
alle Spannungen und Kräfte dem Betontraganteil zugeordnet. Bei höheren Querkräften
erfolgt die Aufteilung nach folgendem Prinzip (Bild 3.17):
Z
V · Vc : Fc = ¾x,res (Vc )dA
Fs = Fc Z Z
X
V > Vc : Fc = Fc (Vc ) + Fc (Vsw ) = ¾x (Vc )dA + (¾x,res (V ) ¡ ¾x (Vc ))dA
X X
Fs = Fc : (3.34)
Weil sowohl das Modell für die Querkrafttragfähigkeit der Betondruckzone, als auch
das gelenkige Fachwerk der Bügel, eine räumliche Ausdehnung entlang der Stabachse
aufweisen, kann die Gleichgewichtsbetrachtung des inneren Spannungs- und
Kraftzustands nicht mehr an ebenen Schnitten durchgeführt werden. Vielmehr müssen
aus den Modellen für den Querkraftlastabtrag Segmente mit gleichen Bezugslängen
herausgetrennt werden (Bild 3.18, oben). Diese stehen dann abschnittsweise mit einem
durch zwei ebene Schnitte herausgetrennten, klassischen Balkenelement im
Gleichgewicht (Bild 3.18, unten).
Im Querkraftfachwerk setzt sich die resultierende Druckgurtkraft somit anteilig aus der
Modellkraft Fc (Vc ) und der zum gelenkigen Fachwerk der Bügelkräfte
korrespondierenden Kraft Fc (Vsw ) zusammen. Die Zugkräfte im Zuggurt sind analog
aufgeteilt.
| {z }

Fc (Vc ) P ! M
= Fc = z Vsw = sin ¯r + Vc = sin ¯r
Fc (Vsw ) | {z }
=V = sin ¯r

z
¯r 0

Fs (Vc ) + Fs (Vsw ) =
! M Vsw = sin ¯r
z

Bild 3.17: Querkraftfachwerk und aufgeteilte Kraftgrößen


3.3 Bauteile mit Querkraftbewehrung 55

Fc;2 = Fc;1 (Vc ) + ¢Fc;2 (Vc )


¾c,2 ¢¾c;2 ¾cx,1 Fc;1 (Vc ) ¾cx,2 ¢¾cx;2
Fc;3
M (Vc ) 1
Fc;2 + ¢Fc;2
Nulllinie Nulllinie
¾c?;3
Vc

Vc
¾c?;2 ¾c?;1¡2 z

2 3
Fs;1 Fs;2 Fs;1 = Fc;1 Fs;2 = Fs;1 (Vc ) + j¢Fc;2 (Vc )j

z ¢ cot¯r z ¢ cot¯r z ¢ cot¯r


+

Fc;1 (Vsw )
Vsw

Fc;3 Fc;2 = Fc;1 + ¢Fc;1


M(Vsw )
¢Fc = Vsw ¢ cot ¯r

sin sw
¯r
V
Vsw Vsw z
Vsw

Fs;3 Fs;1
¢Fs = Vsw ¢ cot ¯r

z ¢ cot¯r z ¢ cot¯r z ¢ cot¯r Fs;2 = Fs;1 + j¢Fs;1 j

M M+¢M
z
= Fc;1 (Vc ) + Fc;1 (Vsw ) z
= Fc;2 (Vc ) + Fc;2 (Vsw )

M M + ¢M

V V
z z

M
P M+¢M
P
z
= Fs;1 z
= Fs;2
z ¢ cot¯r

Bild 3.18: Aufteilung der Kräfte und Spannungen in Stahlbetonbalken mit


Bügelbewehrung nach der Modellvorstellung eines Fachwerks mit
zusätzlichen Traganteilen und nach klassischer Biegetheorie (resultierende
Kräfte)
56 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

Im Modell zum Querkraftlastabtrag entsteht im Zug- und Druckgurt ein innerer


Spannungs- und Kraftzustand, der zum klassischen Biegebemessungsmodell äquivalent
ist. Bei Belastungen aus Momenten und Querkräften kann die Berechnung des
Bemessungswiderstands für Biegung somit wie gewohnt erfolgen, die des
Querkraftwiderstands mit dem vorgeschlagenen Summenansatz.

3.3.4 Berechnungsansatz für die Tragfähigkeit der Betondruckstrebe


Die Auswertungen des räumlichen Fachwerks zeigen, dass sich gegenüber einachsigen
Lastfällen die Kräfte nicht nur in den Bügelschenkeln, sondern auch in den
Druckstreben ändern. Bei ausgeprägter Kraftneigung wird nahezu die gesamte
Querkraft, vom Schwerpunkt der Druckzone ausgehend, diagonal zum Bewehrungs-
punkt mit der größten Zugdehnung, übertragen, da dieser am weitesten von der
Nulllinie und dem Druckgurt entfernt liegt [77]. Dabei schnürt sich die Druckstrebe D1
auf ein Maß kleiner der Querschnittsbreite ein (Bild 3.19). Die Druckstreben-
tragfähigkeit sinkt.
P Tz,1
D1
Tz,i
D1
Tz,2

be® <
b

Bild 3.19: Resultierendes Fachwerk im Querschnitt und Einschnürung der Druckstrebe


in die Querschnittsecke bei Detailbetrachtung mit aufgelöster Zugzone
Die im Fachwerkmodell maximal auftretenden Betondruckspannungen lassen sich aus
der zum Auflager geneigten Strebenkraft (Bild 3.17) wie folgt ermitteln:
D1
¾c · . (3.35)
be® ¢ z ¢ cot ¯r ¢ sin ¯r
Wird die Tragfähigkeit der Betondruckstrebe erreicht, kann Gl. (3.35) durch
Gleichsetzen von ¾c = ®c ¢ f1c in den maximalen Druckstrebenwiderstand überführt
werden. Dabei berücksichtigt der Abminderungsbeiwert ®c die Reduzierung der
Betondruckfestigkeit aufgrund auftretender Querzugspannungen [16, 99]. Bei über Eck
angreifender Querkraft (®v = 1) kann die Kraft D1 ¼ V = sin ¯r leicht abgeschätzt
werden, da nahezu die gesamte Querkraft in die Querschnittsecke läuft.
®c ¢ f1c ¢ be® ¢ z
Vc,max = ®c ¢ f1c ¢ be® ¢ z ¢ cot ¯r ¢ sin2 ¯r = (3.36)
cot ¯r + tan ¯r
Der Interpolationsfaktor ac nach [73] berücksichtigt die Effekte der Querkraftneigung
und gibt eine Beziehung zwischen Querschnittsbreite b und effektiver Breite be® an,
sodass Gl. (3.36) auch auf die äußeren Querschnittsabmessungen bezogen werden kann.
3.4 Einfluss drückender Normalkräfte auf die Tragfähigkeit 57

®c ¢ f1c ¢ b ¢ z 1
Vc,max = ¢ (3.37)
cot ¯r + tan ¯r ac
mit:
- effektive Betondruckfestigkeit: ®c ¢ f1c
2p
- Interpolationsfaktor: 1 · ac = 1 + 3
®v · 5
3

- Risswinkel: cot ¯r nach Gl. (3.31)


- innerer Hebelarm z, aus der Biegebemessung
Der Einfluss der Druckstrebenneigung auf die Tragfähigkeit ist in normierter Form in
Bild 3.20 gegeben. Die Auswirkungen unterschiedlicher Strebenneigungen fallen vor
allem im Bereich der Rissneigungswinkel ¯r = 25± ¡ 40± (Gl. (3.31)) moderat aus.
Die vorgeschlagene Berechnungsgleichung unterscheidet sich bei einachsig belasteten
Trägern im Vergleich zur DIN 1045-1 lediglich durch die Verwendung des
Schubrisswinkels ¯r anstatt des resultierenden Winkels μ . Nur für überaus große
Querkräfte kann bei Vollquerschnitten der Druckstrebennachweis überhaupt
maßgebend werden. Aus der Beziehung zwischen resultierendem Winkel und
Schubrisswinkel:
cot ¯r
cot μ = (3.38)
VRd,c

VEd
| {z }
<<1

kann auf annähernd gleiche Winkel cot μ ¼ cot ¯r geschlossen werden. Weil zudem
geringfügige Unterschiede im Winkel kaum Auswirkungen auf die Tragfähigkeit
bewirken, sind im einachsigen Lastfall nahezu identische rechnerische Widerstände zu
erwarten.
Vc,max ¢ac
vc,max = ®c ¢f1c ¢b¢z
[¡]

¯r [± ]
cot ¯r [¡]

Bild 3.20: Einfluss der Druckstrebenneigung auf die maximale Tragfähigkeit


(senkrechte Bügelschenkel)

3.4 Einfluss drückender Normalkräfte auf die Tragfähigkeit


58 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

3.4.1 Sprengwerktragwirkung
Der Einfluss der Normalkraft auf die Querkrafttragfähigkeit wird durch einen
Querkraftanteil VN berücksichtigt. Dieser wird durch eine Druckstrebe hervorgerufen,
die vom Schwerpunkt der Druckspannungen zum Schwerpunkt der Normal-
krafteinleitung verläuft. Beispiele hierfür finden sich in der Literatur unabhängig von
der Querschnittsform [68] oder auch für spezielle Querschnittsformen wie profilierte
Spannbetonträger [49] oder Balken mit Kreisquerschnitt [19].
Charakteristisch für schiefe Biegung mit verdrehter Nulllinienlage ist ein geneigt im
Querschnitt liegender innerer Hebelarm z (Bild 3.21, y-z Ebene). Hierdurch verläuft die
Sprengwerkstrebe diagonal durch den Balken, besitzt also Komponenten in y und z-
y-z Ebene x-z Ebene

¸z ¢ N

1 N
¸z
z eN
N
y
z

¸z ¢ N
a
N
¸y ¢ N
Sprengwerkanteil in z-Richtung

VN,z = ¸z ¢ N

¸z = eN,z =a
x-y Ebene

¸y

Sprengwerkanteil in y-Richtung
a
1

VN,y = ¸y ¢ N

¸y = eN,y =a

¸y ¢ N
N

Bild 3.21: räumliche Sprengwerktragwirkung bei geneigter Querkrafteinwirkung


Richtung. Sind die Biegemomente an die Querkräfte gekoppelt und stehen somit
senkrecht zueinander, dann zeigt die Verbindungslinie zwischen den Schwerpunkten der
3.4 Einfluss drückender Normalkräfte auf die Tragfähigkeit 59

Zug- und Druckzone stets in Richtung der einwirkenden Querkraft. Der Traganteil
lässt sich direkt aus Bild 3.21 entnehmen und berechnet sich zu:
q eN
VN = VN,z 2 2
+ VN,y = ¸N ¢ N = ¢ N. (3.39)
a
Die Ermittlung von ¸N erfolgt über die Berechnung des Quotienten des Abstands der
Druckzone zum Querschnittsschwerpunkt eN und dem Abstand a zwischen Auflager-
und Krafteinleitungsstelle. Auswertungen von Versuche mit einachsigen Belastungen in
[117] zeigen, dass sich bei einem Ansatz des Sprengwerks im geometrischen
Schwerpunkt der Biegedruckzonenfläche bessere Übereinstimmungen mit
experimentellen Bruchlasten ergeben, als im hier verwendeten Ansatz im
Spannungsschwerpunkt. Solch ein Vorgehen ist hier ausgeschlossen, da dann die
Wirkungslinie des Sprengwerks nicht mehr mit der Einwirkungsrichtung der äußeren
Belastung übereinstimmt. Ein Gleichgewichtszustand könnte dann nicht erreicht
werden.

3.4.2 Veränderung des Querkraftwiderstands der Biegedruckzone


Die Spannungen des Haupttraganteils V0 des Betonbalkens überlagern sich bei
zusätzlich wirkender Normalkraft mit der Druckstrebe des Sprengwerks und verändern
die resultierende Druckzonenhöhe, sowie den Verlauf der Schubspannungen. Weil bei
der Formulierung des Widerstands der Druckzone im Rahmen der Integration der
Schubspannungen eine doppelte Berücksichtigung der Normalkrafteffekte
ausgeschlossen werden muss, wurden hierzu in [56, 118] umfangreiche Untersuchungen
durchgeführt. Als praktisch hat sich dabei eine gesonderte Berücksichtigung der
Sprengwerkwirkung VN zum Traganteil Vc erwiesen [118]. Für diese vereinfachte
Annahme wird die Bestimmung der Druckzonenfläche V0 an einem reinen Biegeträger
unter Vernachlässigung der Normalkraft ermittelt.
Der Maßstabseffekt wird im Modell durch die in der Bruchprozesszone übertragenen
Zugspannungen abgebildet (Kapitel 3.2.2). Die Sprengwerkwirkung infolge
Drucknormalkraft unterliegt allerdings keinem Maßstabseffekt. Die Auswertung einer
Datenbank in [118] weist aus diesem Grunde auf einen verringerten Maßstabseffekt hin
(vgl. Kapitel 2.2.1, Gl. (2.13) und Gl (2.14)). Infolgedessen ergibt sich im Berechnungs-
ansatz Gl. (3.19) ein Reduktionsfaktor f .
Vc = ·1 (1 ¡ f ) ¢ V0 (N = 0) + VN (3.40)
Dabei ist mit einer Reduktion f des Maßstabseffekts von ca. 20% zu rechnen.
k(a=d)(N 6= 0) (2 ¢ lch =d)0;25
f =1¡ =1¡ = 0; 205 ¼ 0; 2 (3.41)
k(a=d)(N = 0) (5 ¢ lch =d)0;25
60 Kapitel 3: Zweiachsige Querkräfte – Entwicklung von Einzeltragmodellen

3.4.3 Normalkraftbeeinflussung der Bügeltragfähigkeit


Der Einfluss drückender Normalkräfte auf die Tragfähigkeit der Bügelbewehrung wird
rechnerisch durch den Neigungswinkel ¯r der resultierenden Druckstrebe berücksichtigt.
Infolge der Normalkraft wird der rechnerische Winkel flacher (Gl. (3.31)). Im
Fachwerkmodell verlängert sich der Wirkungsbereich z ¢ cot ¯r. Dadurch können
zusätzliche Bügel zum Lastabtrag aktiviert werden. Die Tragfähigkeit steigt.
Der Gesamtquerkraftwiderstand in Bauteilen mit Bügelbewehrung berechnet sich aus
nunmehr drei Anteilen:
Vs = (1 ¡ f ) ¢ Vc (N = 0) + Vsw + VN. (3.42)
mit:
- Tragfähigkeit von Baken ohne Bügelbewehrung: Vc nach Gl.(3.19)
- Tragfähigkeit der Bügelbewehrung: Vsw nach Gl. (3.30)
- Sprengwerktragwirkung: VN nach Gl.(3.39)
Die maximale Querkrafttragfähigkeit kann weiterhin mit Gl.(3.37) berechnet werden,
da der Normalkrafteinfluss direkt über den Neigungswinkel ¯r eingeht. Gegenüber dem
Lastfall ohne Normalkraft ist aufgrund flacherer Winkel mit einer reduzierten
Tragfähigkeit zu rechnen.
Kapitel 4
Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Balkenversuche mit geneigten Querkrafteinwirkungen erfordern spezielle Versuchsauf-


bauten. Im hierzu entwickelten Versuchsstand werden für die Erstellung einer
Versuchsdatenbank insgesamt 38 Balkenversuche mit und ohne Drucknormalkraft
durchgeführt. Der Einfluss der Querkraftneigung auf die Querkraftwiderstände von
Balken ohne Querkraftbewehrung und Balken mit Querkraftbewehrung wird durch
systematische Variationen der Lastneigungen, Querschnittsgrößen, sowie der Längs-
und Bügelbewehrungsgrade untersucht. Durch den Einsatz moderner Messverfahren
können sowohl die entwickelten Modellvorstellungen zum Lastabtrag im Balken, als
auch die Berechnungsansätze für die Tragfähigkeit mit den Versuchsdaten verglichen
und anschließend bewertet werden.

4.1 Balkenversuche

Der Querkraftlastabtrag von Stahlbetonbalken mit Rechteckquerschnitt bei geneigter


Querkraft wurde experimentell bisher nur von Mark und Hansapinyo untersucht.
Insgesamt sind in der Literatur 18 Versuchsbalken dokumentiert (Kapitel 2.4). Davon
sind lediglich drei Balken ohne Bügelbewehrung ausgeführt. Eine detaillierte,
systematische experimentelle Untersuchung des tatsächlichen Querkraftlastabtrags
wurde bisher nicht durchgeführt. Ein Vergleich von realem und modelliertem
Tragverhalten ist mit den vorhandenen Daten daher nur eingeschränkt möglich.

4.1.1 Zielsetzung
Das primäre Ziel der Versuche ist es, zunächst eine umfassende Datenbasis in Form
einer Versuchsdatenbank zu erstellen, die eine Analyse des Lastabtrags im Balken
unter Berücksichtigung der als wesentlich identifizierten Einflussfaktoren (Kapitel 3)
ermöglicht. Zum anderen sollen die mechanisch begründeten Einzeltragmodelle zur
Ermittlung der Tragfähigkeit anhand der gesammelten Versuchsdaten verifiziert
werden.
62 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

4.1.2 Versuchsstand für geneigte Querkrafteinwirkungen


Aus der nicht parallel zu den Hauptachsen verlaufenden Einwirkungsrichtung entstehen
Zusatzanforderungen. Zerlegt man die resultierende Querkraft im Hauptachsensystem
des Querschnitts, so ergeben sich die beiden Querkräfte Vy und Vz, die parallel zu den
Bauteilaußenkanten verlaufen (Bild 3.1). Als gekoppelte Schnittgrößen treten
planmäßig Biegemomente Mz und My mit entsprechenden Verformungen uy und uz,
auf. Das Verhältnis der Verformungen entspricht in der Regel nicht dem der
Querkräfte, sodass Verformungsrichtung und Querkraftrichtung divergieren. Ungewollte
Torsion tritt auf. Um dies zu verhindern, muss die Einwirkung im Versuch pol- wie
richtungstreu geführt werden.
Der im Bild 4.1 und Bild 4.2 dargestellte Versuchsaufbau entspricht grundsätzlich
einem klassischen Dreipunktbiegeversuch. Die Normalkraft wird als äußere Einwirkung
mit einer hydraulischen Presse und nicht, wie im Versuchen mit Spannbetonträgern
üblich, über eine innenliegende Vorspannung des Trägers aufgebracht. Da im
Bauteilinneren dann keinen Störstellen durch Spannglieder vorhanden sind, kann von
einem ungestörten inneren Kraftfluss ausgegangen werden.
Der Querschnitt ist gegenüber den vertikalen Pressenkräften verdreht gelagert.
Zwischen Traverse und einer den Balken umschließenden Stahlkonstruktion sind zur
mittigen Krafteinleitung Lasteinleitungskonstruktionen eingebaut. Teflonschichten
ermöglichen eine freie horizontale Verformbarkeit.
p
Während aber der vertikale Anteil uv der Gesamtverformung u = u2v + u2h auf der
Kraftwirkungslinie liegt, entsteht durch den horizontalen Anteil uh ein Versatz zur
Wirkungslinie der äußeren Kräfte (Bild 4.2). Die zu Versuchsbeginn zunächst gleich
großen Pressenkräfte sind durch eine weggeregelte Steuerung an die horizontale
Bauteilverformung uh gekoppelt. Für die beiden Pressenzylinder mit dem Kolbenweg
uv1 = uv2 passen sich die Kräfte der Hydraulikzylinder zu F1 = F2 ¢ (x + uh )=(x ¡ uh )
an. Ein Torsionsmoment tritt nun nicht auf.
Zusätzlich zur Bauteilverformung ures während des Experiments ist der horizontale
Schwerpunktversatz ¢us,h der unterschiedlichen Querschnittsgeometrien zu berücksich-

u1 = x ¡ uh
u2 = x + uh u 1 u2
F1 + F2
F1 F2

N1

2¢x
Bild 4.1: Prinzipskizze zum Versuchsstand
4.1 Balkenversuche 63

uh uh uh b

S1
S2 ¢us,v
S3

h1
h2
h3
uv uv uv

¢us,h ¢us,h ¢us,h ¢us,h


®1 ®2 ®3

Bild 4.2: Lasteinleitungskonstruktion und Lastneigungen in Feldmitte


tigen, da Balken unterschiedlicher Höhe h (bei konstanter Breite b = 0; 25) untersucht
werden (Bild 4.2, rechts). Versetzt eingebaute Lasteinleitungskonstruktionen
gewährleisten gleiche Verhältnisse zu Versuchsbeginn. Die dimensionslose
Querkraftneigung ®v ist als Maß der Neigung auf den Einheitsquerschnitt bezogen
(Kapitel 3.1). Für die drei gewählten unterschiedlichen Querschnittsabmessungen h; b
und festen Kraftrelationen Vz =Vy ergeben sich verschiedene Neigungen ®v, die den
gesamten Wertebereich zwischen 0 und 1 abdecken (Tabelle 4.1).
Querschnitt 1: h,b [m] Querschnitt 2: h,b [m] Querschnitt 3: h,b [m]
Vy h
®v = ¢
Vz b h=b = 0; 3=0; 25 = 1; 2 h=b = 0; 375=0; 25 = 1; 5 h=b = 0; 5=0; 25 = 2
Vz =Vy = 1; 5=1 0,8 1 /
Vz =Vy = 2=1 0,6 0,75 1
Vz =Vy = 4=1 0,3 0,375 0,5
Vy = 0 0 0 0

Tabelle 4.1: Matrix des Wertebereichs dimensionsloser Querkraftneigungen ®v


Bild 4.3 und Bild 4.4 zeigen die Versuchsaufbauten für geneigte Querkrafteinwirkungen
mit äußerer Normalkrafteinleitung. Die Detailpunkte der Querkrafteinleitung in
Feldmitte und der Normalkrafteinleitung als äußere Belastung am Trägerende sind in
Bild 4.5 dargestellt.
64 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Bild 4.3: Versuchsaufbau für geneigte Querkrafteinwirkungen

Bild 4.4: Versuchsaufbau für geneigte Querkrafteinwirkungen mit Normalkraft

Bild 4.5: Lasteinleitungen in Feldmitte und am Trägerende


4.1 Balkenversuche 65

4.1.3 Messtechnik

Die Auswahl der Messtechnik orientiert sich an den Zielsetzungen der nachfolgend zu
den Versuchen angestrebten Analyse des Querkraftlastabtrags. Die folgenden Merkmale
werden erfasst:
• Lasten, insbesondere die maximal aufnehmbare Last (Bruchlasten),
• Bauteilverformungen in Feldmitte,
• Dehnungsmessung der Betonstahlbewehrung,
• Dehnungsmessung des Betons auf der Balkenoberfläche,
• Dokumentation der Rissbildung.
Die Messung der aufgebrachten Belastung wurde mit Kraftmessdosen in den
Hydraulikzylindern (jeweils Fmax = 1[MN]) durchgeführt.
Induktive Wegaufnehmer in Feldmitte wurden für die Verformungsmessungen in
vertikaler und horizontaler Richtung eingesetzt. Die Lagerpunkte sind als
Stahlkonstruktion ausgebildet und als Starrpunkte anzusehen, sodass dort auf eine
Verformungsmessung verzichtet wurde.
Für die Auswertung der Kraftaufnahme der Bewehrung während des Versuchs wurden
Dehnungsmessungen auf dem Bewehrungskorb durchgeführt. An ausgewählten Stellen
wurden Dehnungsmessstreifen zur Erfassung der Bügeldehnungen appliziert. Ein
zusätzlicher Messstreifen auf der Längsbewehrung dient der Kontrolle des
Schubversagens vor einem hier ungewollten Biegeversagen.
In den Balkenversuchen, in denen ein Betondruckstrebenversagen erwartet wurde, kam
bei ausgewählten Versuchen zusätzlich ein photogrammetrisches Messverfahren zum
Einsatz. Es erlaubt eine Analyse der Oberflächendehnungen und Verformungen.
Die Dokumentation der Oberflächenrissentwicklung erfolgt während des Versuchs zu
ausgewählten Laststufen zeichnerisch. Gleichzeitig konnte durch digitale Bilder der
Bauteiloberfläche die Genauigkeit des Rissbilds durch eine nachgeschaltete
computergestützte Bearbeitung erhöht werden. Neben dem qualitativen Verlauf der
Risse wurde zusätzlich die Rissbreite gemessen. Neben der für Versuche üblichen
Verwendung von Risslupe und Rissschablone wurde auch ein neues
photogrammetrisches Rissbreitenmesssystem (DRS) angewendet. Die grundlegende
Funktionsweise des Systems wird im Folgenden erläutert.

Digitale Risslehre System (DRS)


Das Digitale Risslehre System [80, 81, 108], kurz DRS basiert auf dem Prinzip der
Photogrammetrie [43, 61, 62]. Als Sonderfall erlaubt die verwendete Einbildauswertung
durch die entfallende räumliche Tiefe eine ebene zweidimensionale Analyse. Daher ist
der ebene planare Abstand zwischen den Rissufern messbar, die Risstiefe jedoch nicht.
66 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Bild 4.6: Auf- und Unteransicht des Kamerasystems


Die Einbildaufnahme arbeitet mit fixem Aufnahmeabstand, paralleler Bildebene und
einer kalibrierten inneren Orientierung der Kamera. Somit wird ein Ausschnitt der
Betonoberfläche zentralperspektivisch erfasst. Zur sicheren Gewährleistung gleicher
Randbedingungen für die Bildaufnahme, wurde an der TU-Braunschweig in
Kooperation mit der Stadt Düsseldorf das im Bild 4.6 dargestellte Kamerasystem mit
Aufsatztubus und Auswertesoftware entwickelt [81].
Das Auswerteverfahren ist in [80, 108] beschrieben und erlaubt in Kombination mit der
verwendeten Kamera eine halb automatisierte Messung der Rissbreite. Für einen
Rissabschnitt wird ein Grauwerteprofil erstellt und der Verlauf des Risses automatisch
polygonalisiert. Die Messung erfolgt an den Polygonpunkten senkrecht zum
idealisierten Verlauf. Dabei wird theoretisch eine Genauigkeit von 0,03 [mm] erzielt
[108].
Weil das System hier erstmals für Bauteilversuche eingesetzt wird, erfolgt ein Vergleich
von Risslupenmessung und DRS-Messungen, um die generelle Eignung des Systems für
den Einsatz zur Rissbreitenmessung auf Betonoberflächen zu erbringen und die
Messgenauigkeit zu spezifizieren.

Vergleichsmessungen
Für die halb automatisierte Bestimmung der Rissbreite sind Charakteristik des
Verlaufs der beiden Rissufer zueinander und die Beschaffenheit der Rissufer selbst von
Bedeutung. Die Rauigkeit der Rissufer, einzelne Betonzähne (Zuschläge) und Knicke im
Verlauf beeinflussen den lokalen Messwert dabei enorm [108]. Zielwert einer objektiven
Rissbreitenmessung sollte die mittlere Größe eines Risses sein [29]. Mathematisch kann
der Zielwert der Rissbreite als Mittelwert aus n Einzelwertmessungen bestimmt
werden, setzt man voraus, dass sich die zu kurz und zu lang gemessenen Werte
ausgleichen. Der Einfluss der Rauigkeit wird so minimiert.
1X
wm = wi,lokal (4.1)
n i
4.1 Balkenversuche 67

Bild 4.7: Riss im Probekörper


Die Messabschnitte des DRS sind geeignet klein gewählt, damit die Mittelwerte – im
praktischen Sinne – als abschnittsweise konstante mittlere Rissbreiten angesehen
werden können. Risslupenmessungen sind ebenfalls zur Bestimmung lokaler, einzelner
Rissbreiten geeignet. Die Risslupe kann nach [65] mit einer Genauigkeit von ca. 0,002
[mm] abgelesen werden und erzielt bei Einzelmessungen eine höhere Genauigkeit als das
DRS.
Die Vergleichsmessungen werden an einem Probekörper mit im Labor erzeugten
Schubriss vorgenommen (Bild 4.7). An den Stellen I-III wird die Rissbreite jeweils mit
der Risslupe und dem DRS ermittelt. Die Einzelwertmessungen des DRS werden durch
eine überlagerte Darstellung des Risses und des zugehörigen Messwertes visuell
kontrolliert. Die nach [15, 80] durchgeführte Kalibrierung des Graustufenschwellwerts
verhindert Fehlmessungen effektiv. Die Ergebnisse der Messungen sind in Tabelle 4.2
zusammengefasst.
Vergleicht man die Einzelmesswerte der Risslupe mit dem zugehörigen Mittelwert des
DRS an den Messstellen I-III werden zum Teil deutlich abweichende Einzelwerte
offenkundig ( ¢w = 0; 1 mm).
Bereich / Stelle Messsystem Anzahl Messpunkte Rissbreite [mm]

I DRS 41 wm = 0; 58
Risslupe 2 wi = 0; 48=0; 58
II DRS 68 wm = 0; 53
Risslupe 1 wi = 0; 6
III DRS 43 wm = 0; 48
Risslupe 1 wi = 0; 48

Zusammenfassung: DRS 153 wm = 0; 53


I-III Risslupe 4 wm = 0; 54

Tabelle 4.2: Messergebnisse am Probekörper


68 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Der Grund ist in der Glättung der Rissrauigkeit des Mittelwertes wm,DRS zu suchen, der
sinnvoll nur mit einer größeren Anzahl von Risslupenmessungen vergleichbar ist. Der
Mittelwert der Risslupenmessung wm,Lupe = 0; 54 nähert sich so schon deutlich dem
Mittelwert wm,DRS = 0; 53 an. Ob der Mittelwert aus vier Einzelwertmessungen bei der
zu erwartenden Streuung die tatsächliche Rissbreite gut abbildet, kann hier nicht
abschließend beantwortet werden. Dass ein Mittelwert aus 152 Messwerten des DRS
dagegen schon zuverlässiger ist, ist offensichtlich. Alle Risslupenmessungen ordnen sich
bei Annahme einer Normalverteilung in den 5% und 95%- Fraktilbereich der DRS-
Messwerte ein. Zusammenfassend sind folgende Punkte zu betonen:
• Mittelwert der Rissbreite kann mit dem DRS lokal zuverlässig bestimmt werden,
• Ergebnisse sind objektiv und reproduzierbar
• Einfache Handhabung während der Versuchsdurchführung.
I; III
I
II

w[mm]

Bild 4.8: Statistische Auswertung zu den Messreihen

Photogrammetrie
Photogrammetrische Messverfahren sind besonders zur berührungslosen Erfassung von
Verformungen auf einer Bauteiloberfläche geeignet. Die Informationen werden mit
geeigneten mathematischen Verfahren durch die Auswertung (digitaler) Bilder
gewonnen [43, 61, 62]. In den Versuchen wurde das handelsübliche System Strain
Master der Firma La Vision eingesetzt. Es besteht aus einem Kamerasystem mit
Auswertesoftware. Gegenüber herkömmlichen benötigt das ausgewählte System keine
auf der Bauteiloberfläche befestigten Punktmarken, die ein Messgitter aufspannen.
Durch die verwendete digitale Bildkorrelation (DIC, Digital Image Correlation) können
Bewegungen und Verschiebungen von Oberflächenstrukturen effektiv verfolgt werden.
Während des Versuchs wird eine Serie von Bildern aufgenommen, wobei das erste Bild
das System ohne Belastung darstellt. Anhand des lastfreien Ausgangszustands kann im
zweidimensionalen Messfeld das Verschiebungsfeld für jeden Belastungszustand
berechnet werden. Darauf aufbauend lassen sich die Oberflächendehnungen in der
weiteren Versuchsauswertung aus dem Verschiebungsfeld berechnen. Das Ziel, die
auftretenden Verschiebungen und Dehnungen zumindest qualitativ mit der
Modellvorstellung abzugleichen, wird ohne aufwendige Präparation des Messfelds
realisiert.
4.1 Balkenversuche 69

Bild 4.9: Imager Compact CCD Kamera auf Stativ (Strain Master von LaVision)
Im Versuch ist die Kamera erschütterungsfrei auf dem Hallenboden aufgebaut (Bild
4.9). Die wesentlichen technischen Spezifikationen des Kamerasystems sind in der
(Tabelle 4.3) zusammengefasst.
Typ Imager Compact CCD Kamera
Auflösung 1280x1024 Pixel; 8,6x6,9mm² CCD-Fläche
Aufnahmegeschwindigkeit 12 bit @20MHz, 12,5 Bilder/s
Empfindlichkeit Spektralbereich 290-900nm
Objektiv Tamron SP 2,8 - 4,0 /17-35 DI LD NAFD Aspherical

Tabelle 4.3: Übersicht der technischen Spezifikationen des Kamerasystems

4.1.4 Versuchsprogramm
Gedrungene Querschnittsformen sind durch eine gegenüber der Querkrafttragfähigkeit
relativ geringe Biegetragfähigkeit gekennzeichnet [22]. Die Versuchsbalken weisen daher
durchgehend hohe Längsbewehrungsgrade auf, um das geforderte Querkraftversagen
vor einem Biegeversagen sicher zu gewährleisten [54]. Die in den Versuchen
durchgeführten Variationen von h=b-Verhältnissen, Bügel- und
Längsbewehrungsmengen, sowie Querkraftneigungen ®v, sind in der Tabelle 4.4
zusammengefasst. Tabelle 4.5 zeigt die Kenndaten der Versuche mit Normalkraft. Eine
vollständige Dokumentation der Balkenversuche ist in [107] zu finden.
Alle Balken wurden mit einer effektiven Stützweite le® = 2 ¢ a und a=d¤ > 3 geprüft, um
einen direkten Lastabtrag vom Krafteinleitungspunkt in Feldmitte zu den
Auflagerpunkten der Balken zu vermeiden. Die Wirkungsweise des geneigt im
Querschnitt liegenden Fachwerks wird mit einer äquivalenten Nutzhöhe d¤ = z=0; 9
berücksichtigt. Die für einen direkten Lastabtrag günstige Wirkungsweise drückender
Normalkräfte wird mit einer verlängerten Stützweite (a=d¤ ¸ 4) Rechnung getragen.
70 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Balken ohne Normalkrafteinwirkungen


Bezeichnung Balkengeometrie Bewehrung Festigkeit Neigung Belastung

h b le® Ásw sw Asl fcm fyw ®v N PExp


[m] [m] [m] [mm] [cm] [cm2 ] [¡] [kN] [kN]
[N/mm2 ]

V1_A 0,5 0,25 3 8 15 73,92 23,9 575 1 0 548

V2_A 0,38 0,25 2,5 6 15 49,76 23,9 511 0,75 0 356

V3_A 0,38 0,25 2,5 8 15 63,92 23,9 575 0,38 0 479


Serie I

V4_A 0,3 0,25 2 8 15 44,76 23,9 575 0,6 0 352

V5_A 0,3 0,25 2 6 15 37,68 23,9 511 0,3 0 307

V6_A 0,5 0,25 3 10 20 73,92 23,9 533 0,5 0 663

V7_B 0,38 0,25 2 8 10 58,92 26 575 0,75 0 606

V8_B 0,38 0,25 2 8 12 73,92 26 575 0,38 0 662

V9_A 0,38 0,25 2 6 12,5 49,76 26 511 1 0 391

V10_C 0,3 0,25 1,5 6 15 49,10 26 511 0,8 0 360

V11_A 0,3 0,25 1,5 6 20 37,68 26 511 0,6 0 355

V12_C 0,5 0,25 2,5 10 20 74,4 26 533 0,5 0 704


Serie II

V7*_B 0,38 0,25 2 - - 58,92 20,5 - 0,75 0 258

V8*_B 0,38 0,25 2 - - 73,92 20,5 - 0,38 0 230

V9*_A 0,38 0,25 2 - - 49,76 20,5 - 1 0 241

V10*_C 0,3 0,25 1,5 - - 49,10 20,5 - 0,8 0 270

V11*_A 0,3 0,25 1,5 - - 37,68 20,5 - 0,6 0 236

V12*_C 0,5 0,25 2,5 - - 74,4 20,5 - 0,5 0 300

V19_D 0,3 0,25 2 8 14 39,28 31,3 544 0,6 0 430

V20_D 0,38 0,25 2,5 8 22 49,28 31,3 544 0,75 0 414

V21_A 0,5 0,25 3 8 15 58,92 31,3 544 0,5 0 720


Serie III

V22_D 0,3 0,25 2 8 15 32,2 31,3 544 0,3 0 405

V23_B 0,38 0,25 2,5 8 7,5 73,92 31,3 544 0,38 0 794

V24_B 0,5 0,25 3 8 10 73,92 31,3 544 0,5 0 920

Tabelle 4.4: Kenndaten der Balkenversuche ohne Normalkraft


4.1 Balkenversuche 71

Balken mit Normalkrafteinwirkungen


Bezeichnung Balkengeometrie Bewehrung Festigkeit Neigung Belastung

h b le® Ásw sw Asl fcm fyw ®v N PExp


[m] [m] [m] [mm] [cm] [cm2 ] [¡] [kN] [kN]
[N/mm2 ]

V25_A 0,5 0,25 3,5 10 8 98,2 21,8 612 0 -700 980,3


50% Zulagen

V26_A 0,5 0,25 3,5 10 8 98,2 21,8 612 0 -700 988


Serie IV

V27_A 0,5 0,25 3,5 10 8 98,2 21,8 612 0,5 -700 845

V28_A 0,5 0,25 3,5 10 8 98,2 21,8 612 1 -700 741

V29_A 0,5 0,25 3,5 10 12 98,2 21,8 571 1 -350 683

V30_A 0,5 0,25 3,5 10 12 98,2 21,8 571 0,50 -350 817

V31_A 0,5 0,25 3,5 8 8 98,2 19,2 525 0,5 -600 703
S. V

V32_A 0,5 0,25 3 8 8 98,2 19,2 569 1 -600 602

V33_A 0,5 0,25 3,5 8 14 98,2 29,9 525 0,5 0 662

V34_A 0,5 0,25 3,5 8 14 98,2 29,9 525 0,5 -300 629

V35_A 0,5 0,25 3,5 8 14 98,2 29,9 525 0,5 -600 663
Serie VI

V36_A 0,5 0,25 3 8 14 98,2 29,9 569 1 0 646

V37_A 0,5 0,25 3 8 14 98,2 29,9 569 1 -300 645

V38_A 0,5 0,25 3 8 14 98,2 29,9 569 1 -600 663

Tabelle 4.5: Kenndaten der Balkenversuche mit Normalkraft


Alle Versuche wurden nach der Längsbewehrungsanordnung nach Bild 4.10 typisiert.
Als Bewehrung wurde durchgehend Betonstahl BST 500 als warmgewalzter Stabstahl
verwendet. In den Versuchen V31, V33 – V35 kam für die Bügelbewehrung ein BST
500 als kaltgewaltzter Ringstahl zu Einsatz. Die in Tabelle 4.5 angegebene Werte fyw
entsprechen den nach DIN 488 ermittelten äquivalenten Werten Rp0,2 (Kapitel 2.1).

As
6
As As As
4 4 2
As
3

Bild 4.10: Systematik der Versuchsbezeichnungen


72 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

4.2 Versuchsbalken ohne Querkraftbewehrung

Die Versuchsbalken ohne Bügelbewehrung sind Teil der Versuchsserie II. Geometrien,
Bewehrungsanordnungen, Materialfestigkeiten sowie die Bruchlasten, können der
Tabelle 4.4 und Bild 4.10 entnommen werden.

4.2.1 Analyse des Tragverhaltens

Last-Verformungsverhalten
Die resultierende Verformung ures setzt sich aus zwei Verformungsanteilen zusammen.
Neben einem Verformungsanteil uv in Richtung der z-Achse, tritt wegen der geneigten
Einwirkungsrichtung eine zusätzliche horizontale Verformung uh auf.
Im Bild 4.11 sind die resultierenden Verformungen der Balken mit gleicher
Querschnittsform V7* bis V9* gegenübergestellt. Die gemessenen resultierenden
Verformungen setzten sich aus Anteilen der rechnerischen Ergebnissen für Zustand I
und Zustand II zusammen [75]. Wegen der unterschiedlichen Einwirkungsrichtungen
und aufgrund verschiedener Längsbewehrungsgrade und anderen Anordnungen im
Querschnitt, also unterschiedliche Biegesteifigkeiten ergeben sich abweichende Last-
verformungskurven (Bild 4.11, links).
Bei der Darstellung der Verformung ures über die normierte Einwirkung (P=Pmax )
verschwindet der Einfluss der unterschiedlichen Biegesteifigkeiten (Bild 4.11, rechts).
Die Beträge der resultierenden Verformungen ures sind nun zwar vergleichbar groß, die
Zusammensetzung aus den Hauptachskomponten uz und uy jedoch nicht
p
(ures = u2z + u2y ). Hierzu zeigt Bild 4.12 die beiden Verformungskomponenten
getrennt voneinander.
En Anstieg der Verformungskomponente uz mit steigendem Einfluss von Vz, also
sinkender Querkraftneigung ®v, ist im linken Teilbild deutlich zu erkennen. Im rechten
Teilbild steigt die Komponente uy mit Vy, jetzt steigender Neigung ®v, an.
P [kN] P=Pmax [¡]

p
ures = pu2v + u2h
= u2z + u2y
ures [mm] ures [mm]

Bild 4.11: Last-Verformungsdiagramme der Balken V7*-V9*


4.2 Versuchsbalken ohne Querkraftbewehrung 73

P=Pmax [¡] P=Pmax [¡]

®v = 1
®v = 0; 375 ®v = 0; 75
®v = 0; 75
®v = 1 ®v = 0; 375

uz [mm] uy [mm]

Bild 4.12: richtungsgetrennte Last-Verformungsdiagramme der Balken V7*-V9*


Dabei verändert die resultierende Verformungsfigur durch die zusätzliche Komponente
uy je nach Gewichtung ihre Richtung. Somit sind bei Versuchen mit zweiachsigen
Belastungen sind, gegenüber Versuchen mit einachsigen Belastungen, folgende
Verformungseigengenschaften wie erwartet und offensichtlich:
• es tritt eine zusätzliche Verformungskomponente uy auf,
• steigende Querkraftneigungen erhöhen den Verformungsanteil uy, sinkende den
Anteil uz.
Das globale Last-Verformungsverhalten für Stahlbetonbalken ohne Bügelbewehrung mit
geneigten Querkräften ist, wie aus einachsigen Querkraftversuchen bekannt, mit einem
typischen Abfall des Tragvermögens nach P = Pmax gekennzeichnet. Für die hier
gezeigten Versuche tritt allerdings relativ schnell eine Stabilisierung des Lastniveaus
auf (vgl. Auswertung im Nachbruchbereich).

Oberflächenrissbildung
Risse entstehen zuerst in Feldmitte an der Stelle der größten Momentenbelastung. Sie
sind senkrecht zur Bauteilachse orientiert. Die Risswurzel liegt in der Ecke der
Seitenflächen eins und vier (Bild 4.13). Danach bilden sich neue Biegerisse von
Feldmitte aus in Richtung der Auflagerpunkte.
Die Schubrissbildungen setzen erst bei deutlich höheren Belastungen ein. Sie entstehen
zunächst auf der Seitenfläche eins, bleiben aber im Wesentlichen auf eine Balkenhälfte
2
13 6
1 7 4 5 1
3 P =2¢V
2 11 2
3
10
8 9
S
3 1
4
4 12

0,55 2,00 0,55

Bild 4.13: Darstellung typischer Oberflächenrisse über die Balkenabwicklung (V7*)


74 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

beschränkt. Weitere Laststeigerungen führen auf der Seitenfläche drei zur


Schubrissbildung. Gleichzeitig setzen sich auf der Seite eins die Risse in die
Biegedruckzone fort. Im weiteren Verlauf des Versuchs kann das Traglastniveau nicht
weiter gesteigert werden und der Träger versagt.

Entwicklung von Rissbreiten in Abhängigkeit der Belastung


Bild 4.14 zeigt beispielhaft die Auswertung der Rissbreiten des Versuchs V7*. Die
seitlich angeordneten Fotos zeigen das Oberflächenrissbild (Bild 4.14, rechts). Die
Messmarken des DRS sind als nummerierte Kreismarkierungen eingeblendet (vgl. Bild
4.13), sodass eine geometrische Zuordnung der Rissbreitenmessung entlang der Risse
direkt möglich wird.
Die Rissbreiten entwickeln sich wie folgt:
• Öffnung der Biegerisse (keine Messwerte vorhanden),
• zunächst überwiegende Schubrissbildung auf der Seitenfläche eins,
• Schubrissbildung auf der Seitenfläche drei fällt mit der Schubrisslast zusammen,
• Risse öffnen sich schnell, Bruchlast und Schubrisslast stimmen nahezu überein.

Bild 4.14: Auswertung der Rissbreitenmessung mit dem DRS und Übersicht der
Messmarken (Versuch V7*)

Tragverhalten im Nachbruchbereich
Die Auswertung des Lastverformungsverhaltens weist für die durchgeführten sechs
Versuche an bügelunbewehrten Balken eine Stabilisierung der Tragfähigkeit im
Nachbruchbereich auf (Bild 4.11). Die gemessenen Rissbreiten weisen ein schnelles
Öffnen der Risse auf, die eine fortschreitende Schädigung der Biegedruckzone und der
Bruchprozesszone, also eine Degeneration der Tragfähigkeit, bewirken. Weil sich das
Lastniveau dennoch stabilisiert, muss ein neuer Tragmechanismus aktiviert werden.
4.2 Versuchsbalken ohne Querkraftbewehrung 75

Bild 4.15 zeigt das Rissbild im Nachbruchbereich und idealisierte Betondruckstreben


oberhalb der ausgeprägten Schubrisse (V8*). Die gemessene Resttragfähigkeit von ca.
Prest = 225[kN] lässt sich durch den vertikalen Anteil der dargestellten Druckstreben
(¼ 20±) abtragen. Die horizontale Komponente kann von der Zugbewehrung aufge-
nommen werden. Ein Umlagerungsprozess vom Lastabtrag der Biegedruck- und Bruch-
prozesszone in eine Sprengwerktragwirkung erklärt hier die hohe Resttragfähigkeit.

Bild 4.15: Rissbild im Nachbruchbereich und idealisiertes Sprengwerk (V8*)

4.2.2 Vergleich von experimentellen Bruchlasten mit rechnerischen


Tragfähigkeiten
Die rechnerischen Widerstände werden mit dem in Kapitel 3.2 hergeleiteten
Berechnungsansatz für die Tragfähigkeit von Balken ohne Querkraftbewehrung
ermittelt. In einer Vorlaufrechnung wurden die hierzu benötigten Druckzonenflächen
ADruck den Biegebemessungsergebnissen entnommen.
Vc (®v ; d) = ·1 (®v ; d) ¢ V0 = ·1 (®v ; d) ¢ ·2 (®v ) ¢ fctm ¢ ADruck (4.2)
mit:
- ·1 (®v ; d) = 2; 19 + 0; 14 ¢ ®v + 0; 28 ¢ ®v2 ¡ 0; 3 ¢ ®v ¢ d ¡ 2; 08 ¢ d + 1; 14 ¢ d2
(0; 2 · d · 1) als Grenzwerte der statischen Nutzhöhe
(
0; 66 + 1; 07 ¢ ®v ¡ 2; 37 ¢ ®v2 + 1; 83 ¢ ®v3 fÄ
ur ®v · 0; 5
- ·2 (®v ) =
0; 83 fÄ
ur ®v > 0; 5
Der Mittelwert der Bruchlastrelation von VExp =Vcalc = 1; 07 weist eine gute
Übereinstimmung von Versuch und Modell nach. Die leichte rechnerische
Unterschätzung der Tragfähigkeit ist auf die Vernachlässigung sekundärer
Widerstandsanteile, wie der Dübelwirkung der Längsbewehrung zurückzuführen.
Die in das Modell implementierten Neigungsfaktoren (Kapitel 3.2) werden durch die
gleichbleibend gute Prognose der Bruchlast über den gesamten Wertebereich der
Querkraftneigung ®v bestätigt (Bild 4.16, oben).
Die Darstellung der Ergebnisse über den Längsbewehrungsgrad zeigt keine
Abhängigkeit auf, obwohl der Parameter ½l nicht direkt in die Berechnung eingeht
(Bild 4.16, Mitte). Trotzdem sei an dieser Stelle der Einfluss der Längsbewehrung auf
76 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

den Querkraftwiderstand betont, welcher im Modell durch die Druckzonenfläche ADruck


aus den Ergebnissen der Biegebemessung Eingang findet.
Die Verteilung der Gesamttragfähigkeit auf die Anteile der Biegedruckzone und der
Bruchprozesszone (Bild 4.16, rechte Tabelle), hebt die Bedeutung der Bruchprozesszone
und damit die Mitwirkung der Betonzugzone beim Querkraftlastabtrag hervor. Der
Maßstabsfaktor ·1, der genau diese Gewichtung der Traganteile mit den
Eingangsparametern der Querkraftneigung ®v und der statischen Nutzhöhe d
berücksichtigt (·1 = V0 +V
V0
BPZ
), erweist sich als treffend. Signifikante Abhängigkeiten von
der statischen Nutzhöhe zeigen sich deshalb nicht.
VExp =Vcalc [¡]
2,5
Vc = ·1 ¢ ·2 ¢ fctm ¢ ADruck
2
Auswertungsergebnisse:
VExp =Vcalc
1,5
Mittelwert:
1 m = 1; 06
Standardabweichung:
0,5
¾ = 0; 17
®v [¡] Variationskoeffizient:
0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 v = 0; 16

VExp =Vcalc [¡] Verteilung der


2,5
Widerstandskomponenten
2 V0 = 1 ¢ ·2 ¢ fctm ¢ ADruck
VBPZ = (·1 ¡ 1) ¢ ·2 ¢ fctm ¢ ADruck
1,5

1 V7*: VBPZ = 0; 85 ¢ V0
V8*: VBPZ = 0; 71 ¢ V0
0,5 V9*: VBPZ = 0; 95 ¢ V0
½l [%] V10*: VBPZ = 1; 00 ¢ V0
0 V11*: VBPZ = 0; 88 ¢ V0
0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 4 4,5 5
V12*: VBPZ = 0; 61 ¢ V0
VExp=Vcalc [¡]
2,5

2
VBPZ

1,5
Vc
V0

1
V10*
V11*
V12*

0,5
V7*
V8*
V9*

d [m]
0
0,2 0,25 0,3 0,35 0,4 0,45

Bild 4.16: Übersicht der rechnerischen Auswertungen (Balken ohne Bügelbewehrung)


4.2 Versuchsbalken ohne Querkraftbewehrung 77

4.2.3 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse


Die Auswertungen der Messergebnisse und Analysen des Querkrafttragverhaltens
zeigen folgende grundlegenden Wirkungsweisen sowie Neigungseinflüsse auf:
• Verformungseigenschaften werden durch die Querkraftneigung maßgeblich
beeinflusst,
• Schubrissbildung auf der lastabgewandten Seite (Seitenfläche eins) ist nicht mit
einem Querkraftversagen verbunden; Rissbreiten bleiben relativ klein,
• Schubrissbildung auf der lastzugewandten Seite (Seitenfläche drei) führt zu einer
schnellen Rissöffnung (ohne weitere Laststeigerung). Die Schubrisslast kann
weitestgehend mit der Bruchlast gleichsetzt werden,
• im Nachbruchbereich einsetzende Umlagerungsprozesse in eine Sprengwerk-
tragwirkung kompensieren den Tragverlust aus Schädigung der Biegedruckzone
durch fortschreitende Rissbildung teilweise.
Die Auswertungen der Bruchlastrelationen VExp =Vcalc bestätigen die in das Modell
integrierten Faktoren zur Berücksichtigung der neigungsabhängigen Effekte auf die
Tragfähigkeit. Im Extremfall wird der Haupttraganteil V0 der Biegedruckzone um bis
zu 25 % gesteigert ( ··22(® v =1)
(®v =0
= 0;83
0;66
= 0; 25) (V9*). Gegenüber einachsig orientierten
Belastungen mit einer erhöhten Querkrafttragfähigkeit zu rechnen.
78 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der


Bügelbewehrung

Die Versuchsbalken mit Bügelbewehrung werden mit senkrecht orientierten Bügeln


ausgeführt. Bild 4.17 zeigt ein typisches Ausführungsbeispiel. In der linken Balkenhälfte
sind die Bügel (Ø 8=14) schwächer ausgeführt als in der rechten Balkenhälfte (Ø
10=14). Sämtliche Bewehrungsdehnungsmessstreifen (DMS) sind deshalb in der linken
Balkenhälfte, in der ein Versagen der Bügelbewehrung aufgrund der schwächeren
Dimensionierung zuerst eintritt, appliziert. In den Versuchsserien II-VI kann der
kostenintensive Einsatz von DMS auf diese Weise gegenüber einer gleichmäßigen
Verteilung auf den gesamten Korb effizient gestaltet werden.

Bild 4.17: Ausführung des Bewehrungskorbes der Versuche V33

4.3.1 Analyse des Tragverhaltens bei Versagen der Bügelbewehrung


Bei der Versuchsauswertung steht die Identifizierung des grundsätzlichen Lastabtrags
sowie die Beeinflussung durch die Querkraftneigung im Vordergrund. Die typischen
Eigenschaften werden anhand ausgewählter Beispiele vorgestellt und analysiert. Dabei
kann auf die Daten der 18 bügelbewehrten Versuchsbalken zurückgegriffen werden.
Gleichzeitig werden die Trageigenschaften der Versuchsbalken schrittweise mit der
Modellvorstellung (Kapitel 3.3) verglichen und bewertet.

Last-Verformungsverhalten
Das globale Last-Verformungsverhalten der Balken mit Bügelbewehrung ist, wie bei
Balken ohne Bügelbewehrung, stark von der Biegesteifigkeiten Iy =Iz im Zustand I und
Zustand II und dem Verhältnis der Einwirkenden Kräfte Pz =Py bestimmt. Durch die
Bügelbewehrung wird das Verformungsvermögen der Balken jedoch beträchtlich
gesteigert. Im direkten Vergleich von ansonsten identisch ausgeführten Balken mit
Bügelbewehrung V7-V9 und ohne Bügelbewehrung V7*-V9*, wird bis zum Erreichen
des Bruchlastniveaus die ca. dreifache Verformung ures erreicht. Die
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Bügelbewehrung 79

Verformungskomponenten uy und uz der bügelbewehrten Balken verhalten sich dabei


analog zu den Versuchen V7*-V9*. Bild 4.18 zeigt die zu den Verformungen, ures
korrespondierenden Richtungen ¯ures an, die nicht mit Einwirkungsrichtung ¯PExp
übereinstimmt [20]. Folgende Eigenschaften sind charakteristisch:
• während der Erstrissbildung ändert sich die Verformungsrichtung fortwährend
(starke Kurvenausschläge),
• nach Überschreitung der Schubrisslast (entspricht der Bruchlast der
Referenzversuche ohne Bügelbewehrung, durch ures (Pmax,unb. ) gekennzeichnet)
stabilisiert sich die Verformungsrichtung (horizontale Linie),
• Verformungsrichtung der Balken ¯ures und Lastrichtung ¯Exp divergieren.
¯[± ] V 7¤ ¡ V 9¤ ¼ ures (Pmax,unb. )
| {z }
PExp
¯ures V7
II III ¯ures V8
¯ures V9 Richtungslinien
ures
es

PExp
ur

¯PExp = 33; 7±
I Biegerissbildung
¯PExp = 26; 6± ¯ures
¯PExp II Schubrissbildung
¯PExp = 14; 0± ures [mm]
III Schubrisswachstum
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18

Bild 4.18: Darstellung der Kraft- und der Verformungsrichtung der Balken V7-V9
Neben den neigungsabhängigen lassen sich drei neigungsunabhängige Eigenschaften, die
so oder ähnlich auch bei einachsigen Versuchen dokumentiert wurden [38, 56, 67],
beobachten (Bild 4.19):
• hohe Anfangssteifigkeit (M < Mcr),
• linearer Verlauf der Last-Verformungskurve bis zum Erreichen der Schubrisslast
(entspricht der Bruchlast der Referenzversuche ohne Querkraftbewehrung),
• Knick in der Last-Verformungskurve nach Überschreiten der Schubrisslast und
zunehmend nichtlineares Verformungsverhalten.
P [kN]

¼ Pmax,unbew
ures [mm]

Bild 4.19: Last-Verformungsdiagramme der Balken V7-V9


80 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Oberflächenrissbildung
Die Rissbildung vollzieht sich wie folgt und wird am Balken V6_A illustriert
(Bild 4.20):
• Entwicklung von Biegerissen von der am stärksten gezogenen Querschnittsecke
aus (Ecke der Seitenfläche 1-4); Biegerisse setzen sich senkrecht zur
Querschnittsecke der lastabgewandten Seite eins fort.
• Beginn erster Schubrissbildung und Ausbreitung über die jeweiligen
Seitenflächen nach Lage der verdrehten Nulllinie:
- lastabgewandte Seite (Seite eins): typische Verzweigung von Biege- und
Schubrissen; Risse über die gesamte Querschnittshöhe,
- lastzugewandte Seite (Seite drei): späte Rissbildung; durch das bereits
erreichte hohe Lastniveau besonders stark geneigt.
• Weiterentwicklung der Schubrisse und Fortpflanzung zur Druckzone, welche
sich immer weiter einschnürt; das Bauteilversagen wird durch den weiteren
Rissfortschritt in die Druckzone initiiert.
Die Oberflächenrissbildung gliedert sich also ebenfalls in drei Phasen ein. Die
Abgrenzungskriterien (typische Lastniveaus) entsprechen den schon beim Last-
Verformungsverhalten identifizierten Laststufen.
Die Messung der Schubrisswinkel mithilfe des abgewickelten Rissbilds führt wegen der
auftretenden Verzweigung der Risse auf der Seitenfläche eins und dem gekrümmten
Verlauf auf der Seitenfläche drei zu nicht eindeutigen Messwerten. Je nach Stelle und
Seitenfläche variieren die Winkel in einem Wertebereich von ca. 35± · ¯r · 40±. Für die
rechnerische Ermittlung der Tragfähigkeiten wird im Folgenden wegen der
Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Risswinkel ein einheitlicher Winkel ¯r = 40±
verwendet. Die Abschätzung ist konservativ, ein Winkel ¯r = 35± würde direkt zu
höheren Widerständen Vsw von ca. 18% führen.
Eine Abhängigkeit des Risswinkels vom mechanischen Bügelbewehrungsgrad [49] kann
nur sehr bedingt festgestellt werden. Allerdings begrenzt die einzuhaltende
Biegetragfähigkeit den Wertebereich möglicher Bügelbewehrungsgrade für
Vollquerschnitte stark, sodass die geringe Variabilität des Risswinkels auch auf eine
gegenüber Spannbetonträgern relativ geringe Biegetragfähigkeit zurückzuführen ist.
Um den Verlauf der Oberflächenrisse im Querschnitt verfolgen zu können, wurden drei
Sägeschnitte orthogonal zur Balkenachse durchgeführt. Die geometrische Lage ist in
Bild 4.20 für die Laststufe P = Pmax gekennzeichnet. Die Ansichten der Schnittflächen
sind in Bild 4.21 dargestellt.
Die Risse verlaufen schief durch den Querschnitt. Die Richtung orientiert sich am
Verlauf der Biegenulllinie und damit an der Geometrie der Biegedruckzone. Die
Rissentwicklung auf den Seitenflächen eins und drei lässt sich also direkt mit der
schiefen Dehnungsebene – durch schiefe Biegung hervorgerufen [71] – in Verbindung
bringen.
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Bügelbewehrung 81

0,30 3,00 0,30

Übersicht

0,25 0,50 0,25 0,50


1 Seitenflächen
max

2
2
≈0,45

3 3
1
4 4

1
max

2
≈0,75

A B C

2
Pmax

A B C

Bild 4.20: Entwicklung von Oberflächenrissen über die Balkenabwicklung V6_A

Bild 4.21: Sägeschnitte durch den Versuchskörper und Vergleich zur rechnerischen
Druckzone (V6)
82 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Dehnungsentwicklung der Bügelschenkel


Die Dehnungen weisen, verteilt über die verschiedenen Schenkel der Bügel,
Entwicklungsunterschiede auf. Bild 4.22 zeigt exemplarisch typische Verläufe anhand
der Messergebnisse von Versuch V6_A auf:
• kaum Bügelaktivierung zu Beginn,
• eine Aktivierung der seitlichen Bügelschenkel (rote und blaue Linien) erfolgt erst
bei Laststeigerung, jedoch werden diese im Gegensatz zu einachsig orientierten
Querkraftbelastungen unterschiedlich ausgenutzt,
• generell erfahren die Bügelschenkel mit größerem Kraftkomponentenanteil an
der Querkraft (hier die vertikalen) größere Beanspruchungen als die senkrecht
dazu Liegenden (hier die horizontalen) mit kleinerem Komponentenanteil,
• ein Versagen des Balkens tritt erst ein, nachdem der überwiegende Anteil der
Bügel die Fließgrenze überschritten hat (² > ²yw), die vertikalen Schenkel sind
hier maßgebend.
Alle am Bewehrungskorb applizierten DMS weisen, nach geometrischer Lage sortiert,
bei steigenden Belastungen vergleichbare Dehnungszunahmen auf. Eine Beeinflussung
der Dehnungsmessungen durch lokale Rissbildung findet nur sehr begrenzt statt,
Messwertausreißer durch DMS kreuzende Risse konnten nicht beobachtet werden.
²[%0 ]

P
²yw
Dr
uc
kzo
ne

P [kN]

Bild 4.22: typische Bügel- und Längsstabdehnungen (V6)


Die räumliche Verteilung der DMS entlang der Balkenachse (Bild 4.24) weist eine
Aktivierung der gesamten Bügelbewehrung im Schubfeld nach. Die im Modell
unterstellte Fachwerktragwirkung stellt sich auch im Versuch ein.
Die vertikalen DMS-Gruppen überschreiten dabei im Bruchzustand die Fließdehnung
entlang der Balkenachse klar. Das Bauteilversagen wird durch übermäßiges Fließen der
Bügel eingeleitet und ist als duktil zu bezeichnen. Obwohl die Bewehrung keine
zusätzlichen Kräfte aufnehmen kann und die Rissbildung in der letzten Phase der
Versuche das Kraftaufnahmevermögen der Biegedruckzone schädigt, kommt es zu
keinem plötzlichen Abfall des Widerstands (ähnlich zu V7-V9: Bild 4.19).
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Bügelbewehrung 83

Bild 4.23: Umlagerungsprozess im Nachbruchbereich


Das beobachtete duktile Verhalten kann, wie bei den Balken ohne Bügelbewehrung,
mit einer Lastumlagerung hin zu einer Sprengwerktragwirkung erklärt werden (Bild
4.23). Für die maximale Tragfähigkeit von Bauteilen mit Bügelbewehrung ist dieser
Tragmechanismus jedoch nicht relevant. Obwohl die Längsbewehrungsgrade in den
Versuchen zum Teil am Rand des technisch realisierbaren Bereichs lagen (bis 7,8 %)
und so auch flache Sprengwerkwinkel möglich werden, konnte die Traglast nicht
gesteigert werden. Vielmehr verhindert die Sprengwerktragwirkung (N = 0) ein
schnelles Abfallen der Last-Verformungskurve und sorgt so für ein duktiles
Nachbruchverhalten.
PExp Vy,Exp

Vy,Exp

Vz,Exp
Vz,Exp

Bild 4.24: räumliche Verteilung der Bewehrungs-DMS auf dem Bewehrungskorb


(V6_A)
84 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Entwicklung der Rissbreite


Die geometrische Lage der Messstellen für das DRS wurde im Gegensatz zu den
übrigen Messverfahren erst im Laufe des Versuchs festgelegt (Bild 4.25, runde Kreise).
So konnten bei der Auswahl der Messstellen ausschließlich Schubrisse gewählt werden.
Rissbreitenmessungen von Biegerissen konnten so effektiv vermieden werden.
Die Messungen wurden im Nachbruchbereich nicht weiter fortgeführt. Die
Auswertungen zeigen also nur Rissbreitenwerte, bei denen die äußere Belastung
gesteigert werden konnte (P · Pmax ).

0,25 0,375 0,25 0,375


w [mm]

DRS

P [kN]

le® =2
² [%0 ]
®v = 0; 75
²yw

P [kN]

Bild 4.25: Auswertungen der Rissbreiten- und Dehnungsmessungen (V20_D)


Anhand der DRS-Messungen lässt sich durch Vergleiche mit den Bügeldehnungen ein
direkter Bezug zwischen Dehnung und Rissbreite herstellen:
• Rissbreiten entwickeln sich proportional zu den Bügeldehnungen,
• instabiles Risswachstum ist mit dem Fließen der Bewehrung verbunden.

Verteilung der Traganteile


Die durchgeführten Analysen des Last-Verformungsverhaltens, der Bügeldehnungen
und der Rissbreiten zeigen, dass sich deren Eigenschaften nach Überschreiten eines
bestimmten Lastniveaus schlagartig verändern.
Der direkte Vergleich von Balken mit und ohne Bügelbewehrung (V7 ff.) gibt
Aufschluss über das charakteristische Belastungsniveau. Die Bruchlasten der
unbewehrten Betonbalken werden wegen der unterschiedlichen Betondruckfestigkeiten
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Bügelbewehrung 85

der beiden Versuchsserien mit einem Korrekturfaktor um den Wert f1c


(1=3) ¤(1=3)
=f1c = 1; 08
erhöht (Tabelle 4.6).

V10*

V11*

V12*
V7*

V8*

V9*

V10

V11

V12
V7

V8

V9
(ohne Schubbewehrung)
(mit Schubbewehrung)

>0
Bügel
≈0
Bügel
Exp

Exp

Tabelle 4.6: Vergleich der Querkraftanteile von Bauteilen mit und ohne
Bügelbewehrung
In den querkraftbewehrten Balken treten merkliche Bügeldehnungen (schraffierter
Bereich) erst dann auf, wenn das Bruchlastniveau des Balkens ohne Bügel (graue
Balken) erreicht ist. Somit erfolgt bei geneigten Querkrafteinwirkungen die Bügel-
aktivierung erst nach Schubrissbildung, die in etwa mit der Tragfähigkeit
schubunbewehrter Bauteile übereinstimmt. Diese Beobachtung deckt sich mit den
Auswertungen von Querkraftversuche mit einachsigen Belastungen in [67, 69, 105].
Diese Eigenschaft ist auch ein Grund für die bisher so gute qualitative
Übereinstimmung der Modellvorstellung mit den Versuchsbeobachtungen. Durch den
Formalismus des Summenansatzes für den Gesamtwiderstand wird die beobachtete
Reihenfolge der Aktivierung der Widerstandskomponenten im Versuch gut
nachgebildet.
86 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

4.3.2 Vergleich von experimentellen Bruchlasten mit rechnerischen


Tragfähigkeiten – ohne Normalkraft
Zur quantitativen Bewertung der hergeleiteten Berechnungsformeln für den Gesamt-
querkraftwiderstand der Bügelbewehrung Vs = Vc + Vsw (Kap. 3.3.3) werden die experi-
mentellen Bruchlasten den rechnerischen Bruchlasten gegenübergestellt. Der Traganteil
des Betons Vc wird mit Gl. (4.2) auf Bruchlastniveau bestimmt, der Anteil der
Bügelbewehrung mit:
1
Vsw = asw ¢ fyw ¢ z ¢ cot ¯r ¢ : (4.3)
F (®v ) ¢ ´z (®v ; h,b)
mit:
p
- F (®v ) = 1 + 1; 11 ¢ ®v ¡ 0; 495 ¢ ®v2 ¡ 0; 199 ¢ ®3v · 2
s
1
2
®2( bh ) +1 p
- ´z (®v ; h,b) =
v

p1 · 2
®2
v

- cot(¯r = 40± ) = 1; 2 (für N = 0)


Die berechneten Verhältniswerte VExp =Vcalc sind im Bild 4.26 über die für den
Widerstand des Betons Vc relevanten Einflussparameter aufgetragen.
Ein Anstieg oder Abfall der Bruchlastrelationen ist nicht zu erkennen. Abhängigkeiten
treten, wie bei den Bauteilen ohne Bewehrung (Kap. 4.2.2), nicht auf. Die
Widerstandsgleichung liefert über die Wertebereiche gleiche Genauigkeiten.
Die Traganteile von Vc und Vsw der einzelnen Versuche verteilen sich wie in Bild 4.26,
rechts dargestellt. Die Auswirkungen veränderter Bügelbewehrungsmengen auf die
Verteilung der Traganteile werden so besonders hervorgehoben.
In den Versuchen wurden die Bügelbewehrungsmengen systematisch variiert, um den
gesamten für Vollquerschnitte technisch realisierbaren Wertebereich abzudecken. Als
normierter Bezug für die Gewichtung der Traganteile dient, unabhängig von der
Betondruck- oder der Stahlzugfestigkeit der Bügel, der mechanische
Bügelbewehrungsgrad !w .
fw
!w = ½w ¢ (4.4)
0; 75 ¢ f1c
mit: ½w = asw
bw

Auf den Bügelbewehrungsgrad !w bezogen, ergibt sich ein Wertebereich von


¼ 0; 2 · Vsw =Vcalc ·¼ 0; 5. Niedrige !w sind somit vom Betontraganteil dominiert und
hohe Werte vom Widerstand der Bügelbewehrung. Für die Überprüfung, wie gut der
Neigungseinfluss auf die Bügel erfasst wird, bietet sich deshalb die Darstellung der
Bruchlastrelationen über den mechanischen Bügelbewehrungsgrad an (Bild 4.27).
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Bügelbewehrung 87

VExp =Vcalc [¡]


2,5
Vcalc = Vs = Vc + Vsw
2 Auswertungsergebnisse:
VExp=Vcalc
1,5
Mittelwert:
1 m = 1; 19
Standardabweichung:
0,5
¾ = 0; 1
®v [¡]
0 Variationskoeffizient:
0 0,2 0,4 0,6 0,8 1 v = 0; 08
VExp =Vcalc [¡]
2,5 Verteilung der
Widerstandskomponenten
2 Vc = ·1 ¢ ·2 ¢ fctm ¢ ADruck
1
Vsw = asw ¢ fyw ¢ z ¢ cot ¯r ¢
1,5 F (®v )¢´z

1 Vc Vsw
V7
0,5 V8
½l [%] V9
0 V10
0 1 2 3 4 5 6 V11
V12
VExp =Vcalc [¡]
V13
2,5
V14
V15
2 V16
V17
1,5 V18
V19
1 V20
V21
0,5 V22
V23
d[m] V24
0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6

Bild 4.26: Übersicht der rechnerischen Auswertungen (Balken mit Bügelbewehrung


ohne Normalkraft)
88 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Solange der Einfluss der Querkraftneigung berücksichtigt wird, zeigt die Auswertung
keine nennenswerten Abhängigkeiten auf (ausgefüllte Symbole, Bild 4.27)). Gleiches
gilt für die Darstellung über den mit 1=(F (®v ) ¢ ´z ) auf das Niveau einachsiger
Belastung angepassten Bügelbewehrungsgrad !w2 [21, 75]. Der im Faktor F (®v ) ¢ ´z
zusammengefasste Einfluss der Querkraftneigung auf die Tragfähigkeit lässt sich so
auch quantitativ bestätigen.
Wird hingegen der für die Bügeltragfähigkeit Vsw ungünstige Einfluss der
Querkraftneigung vernachlässigt (F (®v ) ¢ ´z = 1), sinken die Verhältniswerte merklich
ab (Bild 4.27, leere Symbole). Vor allem bei den Versuchen mit hohen
Bügelbewehrungsgraden, also ebenso großem Anteil Vsw am Gesamtwiderstand, führt
dies zu einer Überschätzung des Widerstands. Die Prognose VExp =Vcalc wird zusehends
schlechter, die Verhältniswerte sinken ab. Eine Abhängigkeit der Vorhersagegenauigkeit
vom Bügelbewehrungsgrad ist bei Missachtung des Neigungseinflusses gegeben.
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
1 1
Vc + asw ¢ fyw ¢ z ¢ cot ¯r ¢ F ¢´z Vc + asw ¢ fyw ¢ z ¢ cot ¯r ¢ F ¢´z
1 1
Vc + asw ¢ fyw ¢ z ¢ cot ¯r ¢ 1 Vc + asw ¢ fyw ¢ z ¢ cot ¯r ¢ 1

!w [¡] !w2 [¡]

Bild 4.27: Vergleich von experimentellen mit rechnerischen Widerständen VExp =Vcalc bei
Berücksichtigung der Querkraftneigung und seiner Missachtung
Der Neigungseinfluss der Querkraft auf die Gesamttragfähigkeit sollte daher
berücksichtig werden. Dabei treten in den Widerstandsanteilen Vc und Vsw
gegensätzliche Tendenzen auf. Die jeweilige Berücksichtigung der Tendenzen in den
Einzeltragmodellen Vc und Vsw bewirkt im Berechnungsmodell für den resultierende
Widerstand Vs eine gute Prognose der Tragfähigkeit, die zu einem Mittelwert der
Bruchlastrelation von VExp =Vcalc = 1; 19 führt (Bild 4.26).

4.3.3 Zusammenfassung und Interpretation der Erkenntnisse


Die Auswertung der Messergebnisse weist auf eine Dreiteilung möglicher Tragzustände
hin. Diese Phasen grenzen sich eindeutig voneinander ab und sind jeweils durch
besondere Eigenschaften gekennzeichnet.
• I. geringe Schubrissbildung verbunden mit geringen Bügeldehnungen.
Vor der durch Biegung verursachten Rissbildung befindet sich der Balken im Zustand I
Nach dem Übergang in den Zustand II werden die Bügel solange nicht aktiviert, bis die
Schubrisslast eines Bauteils ohne Bügelbewehrung erreicht ist. Die Schubrisslast ist
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Bügelbewehrung 89

dabei weitestgehend mit der Bruchlast identisch. Der Balken trägt die Querkraft wie
ein Bauteil ohne Bügelbewehrung ab.
• II. Schubrissbildung und Aktivierung der Bügelschenkel.
Mit weiter steigender Belastung werden in den Bügelschenkeln merkliche Dehnungen
aktiviert und entsprechende Bügelkräfte hervorgerufen. Die Oberflächenrisse wachsen
von der Zugzone aus weiter in Richtung der Biegedruckzone an, die Rissbreite steigt
und die Last-Verformungskurve flacht ab. Ein Risswachstum bis in die Druckzone
erfolgt nicht.
Die zusätzlichen Querkräfte werden somit durch eine fachwerkartige Tragweise
aufgenommen. Die eingebaute Bügelbewehrung nimmt nur die zusätzlichen Kräfte
oberhalb der Schubrisslast des Balkens auf. Die Formulierung des Widerstands als
Summenansatz bildet diese Eigenschaft qualitativ wie quantitativ gut nach.
Geneigte Querkräfte führen im Fachwerkmodell zu erhöhten Bügelkräften und
reduzieren somit die Tragfähigkeit. Die Versuchsauswertungen bestätigen die reduzierte
Tragfähigkeit der Bügel.
• III. Instabiles Risswachstum mit Überschreitung der Fließgrenze der
Bügelbewehrung.
Das Kraftaufnahmevermögen ist erreicht, sobald die Bügelschenkel die Fließgrenze
erreichen. Die gemessenen Bügeldehnungen steigen schnell an, ohne dass zusätzliche
Querkräfte aufgenommen werden können. Annähernd proportional zu den Dehnungen
der Bügel wachsen die Rissbreiten an. Damit verbunden ist ein Rissfortschritt in die
Biegedruckzone, wodurch die Tragfähigkeit der Biegedruckzone geschädigt wird. Durch
große Verformungen können Teile der äußeren Belastung in eine
Sprengwerktragwirkung umlagert werden, was ein duktiles Nachbruchverhalten
begünstigt.
90 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

4.3.4 Analyse des Einflusses drückender Normalkräfte

Last-Verformungsverhalten
Die Last-Verformungskurven der Balken V36_A bis V38_A mit Drucknormalkräften
(0 · N · 600[kN]) verlaufen anfänglich sehr ähnlich (u · 1[mm], Bild 4.28). Die
steifigkeitsreduzierende Wirkung der Biegerissbildung (I II < I I) setzt bei Über-
schreitung des Rissmoments Mcr ein. Drückende Normalkräfte beeinflussen das Rissmo-
ment dabei günstig, so dass die Balken mit Normalkräften im Vergleich zunehmend
steifer reagieren.
P [kN]

N = 600

N = 300

N =0

u[mm]

Bild 4.28: Last-Verformungskurven der Versuche V36_A bis V38_A


Der beobachtete Knick in der Last-Verformungskurve bei Schubrissbildung (N = 0, vgl.
Bild 4.19) ist bei den Versuchsbalken mit N 6= 0 kaum mehr sichtbar. Darüber hinaus
traten keine Veränderungen der Verformungseigenschaften aufgrund von Normalkräften
auf.

Oberflächenrissentwicklung
Aufgrund der zusätzlichen Normalkrafteinwirkung ist mit einem flacheren
Schubrisswinkel zu rechnen (Gl. 3.31). Rechnerisch ergeben sich Schubrisswinkel von
¯r = 40 für N = 0 und bei Laststeigerung ¯r = 37 für N = 300 [kN] sowie ¯r = 35 für
N = 600 [kN].

N =0 N = 300 N = 600
N
º = A¢f1c
=0 º = 0; 115 º = 0; 23

Bild 4.29: Entwicklung des Oberflächenrissbilds bei steigender Drucknormalkraft


(®v = 0; 5)
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Bügelbewehrung 91

Im Versuch ist eine entsprechende Tendenz gut zu erkennen (Bild 4.29). Der
Unterschied entlang der Balkenachse fällt allerdings nicht in allen Bereichen so
eindeutig aus. Während in Feldmitte die Schubrissbildung von der Normalkraft nahezu
unbeeinflusst bleibt, verändert sie sich im auflagernahen Bereich deutlich. Dabei
verschwinden die Schubrisse in den oberen Hälften (Seitenflächen eins und drei)
vollständig. In den unteren Hälften sind sie flacher ausgeprägt.

Dehnungsentwicklung der Bügelschenkel


Durch zusätzliche Sprengwerktragwirkungen infolge von Drucknormalkraft erhöht sich
im Modell die Schubrisslast (Gl. (3.41)). Im Experiment sollte die Aktivierung der
Bügel deshalb bei unterschiedlichen Lastniveaus stattfinden.
Zur Überprüfung dieser Hypothese wurden die Balken V33_A, V34_A und V35_A
identisch dimensioniert. Die Prüfrandbedingungen unterscheiden sich lediglich durch
die Normalkraftbelastung, die von null schrittweise um jeweils 300 [kN] erhöht wird,
sodass eine versetzte Bügelaktivierung zu erwarten ist.
Bild 4.30 zeigt die gemessenen Bügeldehnungen in Relation zur einwirkenden Kraft.
Zum Vergleich ist die mit dem Berechnungsmodell ermittelte Schubrisslast (Gl. (3.41)),
als vertikale Linie dargestellt.
Das Lastniveau der Bügelaktivierung und die rechnerisch ermittelte Kraft stimmen in
etwa überein. Für den Versuch V35_A fällt jedoch auf, dass einige Bügelschenkel
schon früher Dehnungen aufweisen. Diese DMS sind auf den Schenkeln der Seitenfläche
eins positioniert (Bild 4.29), deren Querschnittsecke 1/4 am weitesten von der
Biegenulllinie entfernt liegt und stark durch die Biegerissbildung beeinflusst ist. Die
aufgetretenen Dehnungen lassen sich also auf die Biegerissbildung zurückführen und
stehen nicht im Widerspruch zu den übrigen Versuchsbeobachtungen. Nach
Überschreitung der Schubrisslast steigen die Dehnungen kontinuierlich an.
Die Dehnungsaufnahme ähnelt der von Balken ohne Normalkraft stark. Lediglich die
durch die Normalkraft verursachte erhöhte Schubrisslast bewirkt eine entsprechend
verzögerte Aktivierung der Bügel.

Bild 4.30: Bügeldehnungen der Versuche V33_A-V35_A


92 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

4.3.5 Vergleich von experimentellen Bruchlasten mit rechnerischen


Tragfähigkeiten – mit Normalkraft
Der im Kapitel 3.4 abgeleitete rechnerische Einfluss der Normalkraft auf die
Tragfähigkeit beinhaltet als wesentliche Punkte:
• Sprengwerktragwirkung der geneigten Druckstrebe:
eN
VN = ¢ N, (4.5)
a
• Reduktion des Maßstabseinflusses mit (1 ¡ f ) (Gl. (3.41)),
• Einfluss auf den Schubrisswinkel cot ¯r = 1; 2 ¡ 1; 4 f¾1cc .
Der Vergleich der Ergebnisse aus der Berechnungsformel für den Gesamtquer-
kraftwiderstand Vs = (1 ¡ f ) ¢ Vc + VN + Vsw (Gl.(3.42)) mit den Bruchlasten der
Versuchsserie VI ist im Bild 4.31 dargestellt. Im rechten Teilbild wurde der
Maßstabseinfluss voll (f = 0) und im linken Teilbild reduziert (f = 0; 2) angesetzt.
Dabei erhöht die Normalkraft gleichzeitig die rechnerischen Widerstandsanteile der
Bügelbewehrung durch einen flacheren Schubrisswinkel und die Sprengwerktragwirkung
der Normalkraft.
Eine Abhängigkeit von der Querkraftneigung ist für beide Auswertungen nicht zu
erkennen. In Tabelle 4.7 sind die Bruchlastrelationen nach Querkraftneigung sortiert.
Je nach Auswertemethode werden für die Neigungen (®v = 0; 5 oder ®v = 1) ähnliche
Werte VExp =Vcalc erzielt. Nur das Niveau der Mittelwerte VExp =Vcalc ist verschoben. Bei
vollem Ansatz (f = 0) stimmen die rechnerischen Bruchlasten mit den experimentellen
Bruchlasten im Mittel (m = 1; 03) sehr gut überein. Der Mittelwert m = 1; 1 bei
reduziertem Maßstabseinfluss liegt dagegen näher an den Werten der Versuchsreihen
ohne Normalkraft (Kapitel 4.3.2: m = 1; 19). Grundsätzlich jedoch, werden mit beiden
Methoden gute Übereinstimmungen von berechneter Tragfähigkeit und experimenteller
Bruchlast erzielt.
Das im DAfStb Heft 557 vorgeschlagene Bemessungsmodell beinhaltet ebenfalls eine
Abminderung und zwar in Abhängigkeit der Querkraftbeanspruchungen (Kapitel 2.3.1).
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
Vcalc = (1 ¡ f )Vc + Vsw + VN Vcalc = Vc + Vsw + VN
f = 0; 2

¾c [N/mm2 ] ¾c [N/mm2 ]

¾c ¾c
º= f1c
[¡] º= f1c
[¡]

Bild 4.31: Bruchlastrelationen von Balken mit Bügelbewehrung und Normkraft,


aufgetragen über der Betondruckspannung und der bezogenen Normalkraft º
4.3 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Bügelbewehrung 93

®v = 0; 5 N ¾c º VExp =Vcalc VExp =Vcalc


[¡] [kN] [N/mm2 ] [¡] Vcalc = Vc + Vsw + VN Vcalc = (1 ¡ f )Vc + Vsw + VN

V33_A 0 0 0 1,17 1,17


V34_A -300 -2,4 0,085 0,97 1,09
V35_A -600 -4,8 0,17 0,92 1,01

Mittelwert: 1,02 1,09

®v = 1 N ¾c º VExp =Vcalc VExp =Vcalc


[¡] [kN] [N/mm2 ] [¡] Vcalc = Vc + Vsw + Vp Vcalc = Vc + Vsw

V36_A 0 0 0 1,16 1,16

V37_A -300 -2,4 0,085 1,01 1,15

V38_A -600 -4,8 0,17 0,92 1,03


Mittelwert: 1,03 1,11

Tabelle 4.7: Auswertung der Versuche V33-V38


Die Reduzierung wird aus dem Verhältnis V =Vc bestimmt. Für die hier untersuchten
Vollquerschnitte mit Rechteckquerschnitt sind Verhältnisse V =Vc > 2 nur schwer zu
erzielen, ohne die Biegetragfähigkeit zu überschreiten (vgl. Bild 4.26). Mit dem Modell
[49] werden die Traganteile dann kaum reduziert. Im Weiteren wird daher auch mit
dem eigenen Modell auf eine Abminderung des Maßstabseinflusses verzichtet.

4.3.6 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse


Mithilfe der Versuchsserie VI konnte der Einfluss drückender Normalkräfte auf die
Querkrafttragfähigkeit untersucht werden. Für den formulierten Berechnungsansatz
kann eine hohe Genauigkeit in der Prognose der Bruchlast anhand der gesammelten
Versuchsdaten nachgewiesen werden.
Das Tragverhalten ändert sich gegenüber Balken ohne Normalkraft wie folgt:
• I. zusätzliche Traganteile durch Sprengwerkwirkung und günstige
Risswinkeländerungen,
• II. Schubrissbildung ist durch die Normalkrafteinwirkung beeinflusst.
Die empirisch begründete Reduktion des Maßstabseinflusses (reduzierter
Betontraganteil) wird weder bestätigt noch widerlegt. Bei vollem Ansatz aller
rechnerischen Widerstände kann hier die Bruchlast der Versuche mit Normalkraft mit
einer Abweichung von 4% ermittelt werden.
94 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

4.4 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der


Betondruckstrebe

Ein direkt messbarer Nachweis für ein Betondruckstrebenversagen ist im Experiment


schwer zu erbringen, da Spannungszustand des Betons im inneren des Versuchsbalkens
messtechnisch nur unzureichend erfasst werden kann. Werden aber die
Dehnungszustände für den Lastabtrag auf Biegung in der Längsbewehrung und auf
Querkraft in den Bügelschenkeln messtechnisch erfasst, kann durch Kontrolle der
gemessenen Dehnungen die Tragfähigkeit von Biegezug- und Druckgurt sowie der
Bügelbewehrung nachgewiesen werden. Als versagender Tragmechanismus verbleibt nur
noch die geneigte Betondruckstrebe. Der Nachweis gelingt also indirekt durch ein
Ausschlussverfahren. Eine indirekte Bestätigung gelingt für die Versuchsbalken der
Serien IV und V.

4.4.1 Analyse des Tragverhaltens


Umschnürungswirkung der Bügelbewehrung
Aufgrund von Umschnürungsbewehrungen kommt es in Druckgliedern zu
festigkeitserhöhenden Effekten [26, 40, 52, 79], welche das Tragvermögen günstig
beeinflussen. Inwieweit eine Umschnürungswirkung der geschlossenen Bügelbewehrung
die effektive Betondruckfestigkeit ®c ¢ f1c erhöht und damit auch die
Druckstrebentragfähigkeit beeinflusst, ist nicht bekannt.
f (!w2 )?
z }| {
®c ¢ f1c ¢b ¢ z 1
Vc,max = ¢ (4.6)
cot ¯r + tan ¯r ac
Geneigte Querkräfte bewirken eine reduzierte Wirksamkeit der Bügelbewehrung und
würden einer möglichen Umschnürungswirkung, also einer Erhöhung der Druckstreben-
tragfähigkeit, entgegenwirken. Neben der Einschnürung der Druckstrebe in eine
Querschnittsecke (Abminderungsfaktor 1=ac ) würde eine zusätzliche tragfähig-
keitsmindernde Wirkung infolge Querkraftneigung auftreten.

Bild 4.32: Skizze des Aufbaus der Querkraftbewehrungskörbe V25_A und V26_A
4.4 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Betondruckstrebe 95

Im Grenzfall ist eine Reduzierung der Wirksamkeit der Bügel um 50% ( F 1¢´z = p 1p )
2¢ 2
möglich. Für eine versuchsgestützte Untersuchung dieser Effekte bieten sich Versuche
mit offenen Querkraftzulagen an, die keine Umschnürungswirkungen erzielen können.
Die Bewehrungskörbe der Versuchsbalken V25_A und V26_A weisen daher den
gleichen Bügelbewehrungsgrad auf. Im Balken V25_A sind jedoch 50% der
Bügelbewehrung durch offene, vertikale Schubzulagen ersetzt (Bild 4.32). Für die
Balkenversuche (®v = 0) ist gleichzeitig die volle statische Funktion der Bewehrung
gewährleistet.
Im direkten Vergleich muss eine durch eine Umschnürung hervorgerufene, erhöhte
Betondruckfestigkeit Veränderungen:
- der Bügeldehnungen,
- im Last- Verformungsverhalten,
- im Bruchlastniveau,
bewirken. Bild 4.33 zeigt die Ergebnisse der Dehnungsmessungen des gesamten
Bewehrungskorbs. Zunächst kann für beide Versuche ein Versagen der Druckstrebe
durch den Nachweis ausreichender Biege- und Bügeltragfähigkeit erbracht werden:
• Biegetragfähigkeit bei Pmax :
"c ¼ 2; 7 < "c,max = 3; 5 [‰] und "s ¼ 2; 2 < "yl = 2; 58 [‰],
• Zugstrebentragfähigkeit bei Pmax :
"w ¼ 2; 5 < "yw = 3 [‰].
Die vor Versuchsbeginn vollständig aufgebrachte Normalkraft von N = ¡700[kN] führt
zu einer Stauchung der Längsbewehrung in den späteren Druck- und Zugzonen. Mit der
Aufbringung der Querkraft setzt direkt die Druck- und Zugdehnungsaufnahme der
Längsbewehrung ein.
Die Bügelbewehrung erfährt wie gewohnt Dehnungen erst nach der Schubrissbildung.
Gegenüber einem Zugstrebenversagen verbleiben die Dehnungen unterhalb der
Fließgrenze. Der im Kapitel 4.3.2 und 4.3.4 beobachtete sprunghafte Anstieg der
Dehnungen im Bereich der Fließgrenze findet in beiden Versuchen nicht statt. Einzig
die Dehnungen der DMS-Gruppe drei (horizontale Bügelschenkel) differieren.
²[%0] ²[%0]
²yw = 3; 06 ²yw = 3; 06

P [kN] P [kN]

Bild 4.33: Vergleich der gemessenen Bügeldehnungen V25_A und V26_A


96 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

V = Vz V = Vz
1
Tz = 2 ¢ Vz

Ty = "DMS3,i ¢ Es ¢ Asw

Bild 4.34: Abstützung der Betondruckstrebe in die Bügelecken


Aus Gleichgewichtsgründen muss sich die Betondruckstrebe im Bereich der gezogenen
Längsbewehrung in der Bügelecke abstützen (Bild 4.34) [68]. Die im Fachwerk zu
Umlenkkräften idealisierten Spannungstrajektorien verursachen am Knotenpunkt
horizontale Kraftkomponenten Ty. In beiden Balken wird zur Einhaltung der
Gleichgewichtsbedingungen die gleichgroße Kraft Ty hervorgerufen.
In den horizontalen Bügelschenkeln der beiden Versuche werden die hierzu
erforderlichen Kräfte über die Dehnungen "DMS 3,i aktiviert. Weil der Balken V25_A
50% vertikale Schubzulagen enthält, ist die horizontale Bügelbewehrung entsprechend
reduziert und weist höhere Dehnungen auf.
Das Last-Verformungsverhalten der beiden Balken ist zu Versuchsbeginn nahezu
identisch (Bild 4.35). Weil auch die maximale Traglast um weniger als ein Prozent
differiert, unterscheidet sich die Lastaufnahme der beiden Balken nur unwesentlich.
Der Vergleich der beiden Versuche zeigt:
• Eine Umschnürungswirkung der Bügelbewehrung (;10=8, !w = 0; 31) hinsicht-
lich einer Traglaststeigerung kann auch bei hohen Bügelbewehrungsgraden nicht
festgestellt werden.
P [kN]
u(Pmax = 980) = 18
u(Pmax = 988) = 17

u[mm]

Bild 4.35: Last-Verformungsverhalten


4.4 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Betondruckstrebe 97

Unterschiedliche effektive Betondruckfestigkeiten ®c ¢ f1c sind bei gleichen Bügel-


bewehrungsmengen !w und unterschiedlichen Querkraftneigungen deshalb
(!w2 (®v = 0) 6= !w2 (®v 6= 0)) nicht zusätzlich zu berücksichtigen. Veränderungen der
Tragfähigkeit bei geneigten Querkräften sind ausschließlich auf den Einfluss der
Querkraftneigung zurückzuführen.

Last-Verformungsverhalten und Querkraftbruchlasten


Im Bild 4.36 sind die Last-Verformungskurven der Versuche V26_A-V28_A
dargestellt. Die Versuchsbalken sind identisch dimensioniert. Alle Balken wurden im
Versuch mit einer Normalkraft N = konst. = 700 [kN] beaufschlagt. Die Prüfrand-
bedingungen unterscheiden sich lediglich durch die Einwirkungsrichtung der Belastung,
also durch unterschiedliche Querkraftneigungen ®v. Die gemessenen Bruchlasten
verringern sich bei geneigter Querkrafteinwirkung rapide, und zwar um 14% bzw. 25%
gegenüber dem einachsigen Referenzwert von P = 2 ¢ V = 988 [kN] (Bild 4.36).
Bemerkenswert ist das duktile Verhalten der Balken nach Überschreiten der maximalen
Last. Die Druckstrebe versagt nicht schlagartig, ein plötzlicher Abfall der Last-
Verformungskurve kann nicht beobachtet werden. Im Versuch V28_A kann das
Lastniveau im Nachbruchbereich nahezu unverändert noch über eine zusätzliche
Mittendurchbiegung ¢ures = 10[mm] gehalten werden.
PExp = 2 ¢ VExp [kN]
1200
®v = 0
®v = 0; 5

PExp = 988
1000
®v = 1

PExp = 845
800 PExp = 741

600

400
V26_A
200 V27_A
V28_A ures [mm]
0
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
Bild 4.36: Lastverformungskurven bei steigender Querkraftneigung (V26_A-V28_A)

Tragverhalten im Nachbruchbereich
Das duktile Bauteilverhalten im Nachbruchbereich ist im Gegensatz zu den
Untersuchungen mit Zugstrebenversagen (Bild 4.23) nicht mit einem nachträglichen
Umlagerungsprozess in eine zusätzliche Sprengwerktragwirkung verbunden. Die
Bruchbilder der Versuche weisen keine Rissbildung auf, die einen solchen
98 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

Umlagerungsprozess erkennen lassen. Vielmehr zeigt Bild 4.37, dass im Versuch


(V 30_A) die Druckstrebe zwischen den zuvor entstandenen Rissufern versagt.
Eine Rotation des Druckstrebenwinkels würde bei gleicher Betondruckspannung ¾c die
Druckstrebe entlasten und Tragreserven der Bügelbewehrung aktivieren. Da dies nicht
zu beobachten ist, ist es naheliegend die Versagensursache in einer Degradation der
effektiven Betondruckfestigkeit zu suchen.

Bild 4.37: Verlauf der idealisierten Betondruckstreben und Versagen im Experiment


(V30_A)

Auswirkung der Rissbildung auf die effektive Betondruckfestigkeit


Die Auswertungen der Rissbilder und Bügeldehnungen zeigen, dass in der idealisierten
Betondruckstrebe mit Querzugspannungen aufgrund von bügelinduzierten Dehnungen
zu rechnen ist, die mit einer entsprechenden Rissbildung einhergehen. Die Interaktion
von Zug- und Druckspannungen [46, 63, 64, 102, 112] führt bei steigenden Zug-
spannungen zu einer fortschreitenden Reduzierung der Betondruckfestigkeit (Bild 4.38).
In [16, 87, 99, 116] werden für die in Bild 4.38 dargestellten Fallunterscheidungen
Abminderungsbeiwerte zur Berücksichtigung der reduzierten Druckfestigkeit
vorgeschlagen.
Für die Versuchsauswertung wird der Beiwert ®c anhand der nachfolgenden Kriterien
spezifiziert:
• im Modell versagt die Druckstrebe zwischen den Rissen,
• bügelinduzierte Dehnungen bewirken zunehmende Querzugspannungen in der
Druckstrebe.

Druckstrebe parallel zur Druckstreben kreuzen


ungerissen
Rissrichtung Rissrichtung

a) b) c)

®c = 1 ¼ 0; 8 ®c ¼ 0; 6

Bild 4.38: Wertebereich des Abminderungsbeiwerts ®c [16, 116]


4.4 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Betondruckstrebe 99

Wegen der idealisierten Bedingungen im Modell wird analog zur DIN 1045-1 [14] für
die Versuchsauswertung der Beiwert zu ®c = 0; 75 festgesetzt. Auswertungen an
Stahlbetonbalken mit Druckstrebenversagen in [38] weisen bei Anwendung des Beiwerts
für den berechneten Druckstrebenwiderstand gute Übereinstimmungen mit
experimentellen Bruchlasten von Spannbetonbalken auf.
Die photogrammetrische Auswertung in Bild 4.39 veranschaulicht das Zusammenspiel
von Oberflächenrissbildung, Bauteilverschiebungen und Dehnungen des Betons. Das
Messfeld liegt mitten im Schubfeld des Balkens, sodass keine Störungen durch
Krafteinleitung in Feldmitte oder die Auflagerpunkte auftreten.
Man erkennt auf der Bauteiloberfläche ein für Querkraftversuche typisches Rissbild. Im
berechneten Verschiebungsfeld werden Bereiche mit ähnlichen Größenordnungen
sichtbar, die gut mit der Vorstellung darinliegender geneigter Druckstreben
korrespondieren (vgl. Bild 3.17).
Die großen Verformungsanteile werden durch die Rissöffnungen konzentriert zwischen
den Druckstreben aufgebaut. Entsprechend groß fallen die daraus berechneten
Hauptzugdehnungen aus. Risse, die auf der Bauteiloberfläche nicht oder nur schwer
identifizierbar waren, werden so sichtbar gemacht und vervollständigen das Rissbild.

50[cm]
¼ 50[cm] ¼ 65[cm] ¼ 60[cm]

Bild 4.39: Photogrammetrische Auswertung (V25_A): Darstellung des Messfelds sowie


des berechneten Verschiebungsfelds und der Hauptzugdehnungen für
P = Pmax
100 Kapitel 4: Eigene Versuche und Analyse des Tragverhaltens

4.4.2 Vergleich von experimentellen Bruchlasten mit rechnerischen


Tragfähigkeiten
Die Auswertung der Versuchsserien IV und V bestätigen die vom Rechenmodell
prognostizierte Tendenz der Widerstandsreduzierung bei steigenden Querkraft-
neigungen. Bild 4.40 zeigt alle Bruchlasten der Balkenversuche, nach Querkraftneigung
sortiert, als grau hinterlegte Säulen. Die geringen Betondruckfestigkeitsunterschiede der
Versuchsserien IV (fcm = 21; 8[N/mm2 ]) und V (fcm = 19; 2[N/mm2 ]) werden durch die
dunkelgrauen Ergänzungen über das Verhältnis der Druckfestigkeiten ausgeglichen. Der
Einfluss der Querkraftneigung auf die Betondruckstrebentragfähigkeit wird so betont.
Der auch dargestellte Reduktionsfaktor 1=ac zur Berücksichtigung der
Querkraftneigung mindert die Tragfähigkeit vom einachsigen Referenzfall ausgehend
ebenfalls ab. Das neigungsabhängige Absinken der Druckstrebentragfähigkeit im
Versuch und die Übereinstimmung mit dem Abminderungsfaktor 1=ac bestätigen die
Bemessungsgleichung qualitativ.
Zur quantitativen Überprüfung werden die Ergebnisse der mit Berechnungsansatz
Gl.(4.6) ermittelten Druckstrebentragfähigkeiten den Bruchlasten der Versuche
gegenübergestellt (Bild 4.41). Die Abschätzung der Tragfähigkeit gelingt vor allem für
die sechs Versuche mit geneigten Querkräften außerordentlich gut. Abhängigkeiten sind
wegen des geringen Schwankungsbereichs nicht zu erkennen.
Im Mittel wird für die Versuche mit geneigter Querkrafteinwirkung und
Druckstrebenversagen ein Verhältniswert der Bruchlastrelation von VExp =Vcalc = 0; 99
erreicht. Bei Einbeziehung der einachsigen Umschnürungsversuche verringert sich der
Mittelwert leicht auf einen Wert VExp =Vcalc = 0; 94. Weitere Versuchsdaten von
Stahlbetonträgern mit ausgewiesenem Druckstrebenversagen und Vollquerschnitt
konnten in der Literatur nicht gefunden werden.

[kN]
z }| {

®v = 0

1
z

1=ac = p
1+ 23 ®v
®v = 0; 5
}|
{
z
}|

®v = 1
[®v ]
{

Bild 4.40: Gegenüberstellung der Bruchlasten mit dem Verlauf des Abminderungs-
beiwerts 1=ac
4.4 Versuchsbalken mit Querkraftbewehrung - Versagen der Betondruckstrebe 101

VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]


3 3
®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0
2 2

1 1

unsicherer Bereich ®v [¡] unsicherer Bereich ¾c [N/mm2 ]


0 0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
3 3
®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0
2 2

1 1
¾c
º= f1c
unsicherer Bereich [¡] unsicherer Bereich a=d[¡]
0 0
-0,3 -0,2 -0,1 0 0 1 2 3 4 5 6

Bild 4.41: Vergleich experimenteller Bruchlasten mit rechnerischen Tragfähigkeiten

4.4.3 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse


In den Versuchen konnte ein Versagen der Betondruckstrebe trotz der kompakten
Querschnittsform erzielt werden. Die wesentlichen Einflussparameter auf die
Querkrafttragfähigkeit konnten anhand der gesammelten Versuchsdaten analysiert
werden. Der nachfolgend durchgeführte Vergleich der Bruchlasten mit den berechneten
Tragfähigkeiten bestätigte sowohl qualitativ, wie auch quantitativ das
Berechnungsmodell. Insbesondere konnte die mit dem Abminderungsbeiwert 1=ac
prognostizierte neigungsabhängige Reduzierung des Querkraftwiderstands durch die
Versuche bestätigt werden. Für sinnvolle statistische Auswertungen ist die vorhandene
Datenbasis jedoch zu klein.
Kapitel 5
Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

In diesem Kapitel wird ein ganzheitliches Modell zur funktionellen Erfassung des
Querkrafttragverhaltens abgeleitet. Dies zielt zum einen auf den gleitenden Übergang in
der Beschreibung des Bemessungswiderstands von Bauteilen mit und ohne
Bügelbewehrung ab. Zum anderen kann sowohl die Bemessungsquerkraft ermittelt, als
auch der innere Kraft- und Spannungszustand auf Gebrauchslastniveau beschrieben
werden. Das abgeleitete Modell wird anhand von Bruchlasten aus Versuchen auf die
Aussagekraft überprüft. Für Bemessungen erforderliche Sicherheitsbeiwerte zur
Berücksichtigung von Modellunsicherheiten werden in das Konzept integriert. Im
Rahmen einer vergleichenden Untersuchung werden Bemessungsergebnisse des eigenen
Modells und von bestehenden Modellen gegenübergestellt. Im Anschluss wird das
Bemessungsmodell beispielhaft zur Ermittlung von Bügeldehnungen und
Bügelspannungen auf Gebrauchslastniveau angewendet. Die erzielten Ergebnisse
werden mit Versuchsdaten verglichen und bewertet.

5.1 Allgemeines

Der Lastabtrag in Balken mit- und ohne Querkraftbewehrung ist, wie die vorherigen
Analysen und Versuchsauswertungen zeigen, bei Querkraftbelastungen unterhalb der
Schubrisslast vergleichbar (Kapitel 3 und 4). Belastungen oberhalb dieser Last führen
bei fehlender Querkraftbewehrung zum Bauteilversagen (Schubrisslast ¼ Bruchlast, vgl.
Kap. 4.2), bei Balken mit Querkraftbewehrung zur Aktivierung von Bügelkräften (vgl.
Kap. 4.3). Geneigte Querkräfte beeinflussen dabei sowohl das Bruchlastniveau der
Balken ohne Querkraftbewehrung, als auch die Tragfähigkeit der Bügelbewehrung
selbst. Die in den Versuchen beobachtete Abfolge der Widerstandsaktivierung bei
geneigten Querkrafteinwirkungen entspricht den Beobachtungen bei Versuchen mit
einachsig orientierten Belastungen [69, 104, 106]. Bei der Beschreibung von inneren
Spannungs- und Kraftgrößen ist diese Eigenschaft unbedingt zu beachten.
In [105] wird die Abfolge der Widerstandsaktivierung durch eine vektorielle Verkettung
der Einzelkomponenten berücksichtigt (Bild 5.1). Der Querkraftwiderstand wird
entlang der Abszisse und die Dehnungen der Bügelbewehrung über die Ordinate
aufgetragen. Die Vektoren der Widerstände Vc und VN verlaufen horizontal durch die
Punkte A-B-C und verursachen keine Bügeldehnungen. Der Vektor Vsw weist von C
zum Punkt D. Allein der horizontale Anteil des Vektors Vsw repräsentiert den
Widerstand der Bügelbewehrung.
5.1 Allgemeines 103

Vs = Vc + VN + Vsw
" Vc VN Vsw

(Druckstrebenversagen)
(Zugstrebenversagen)
"yw

w
Vs

μ °
Vc VN
0 !w
!w = 0 !w,max
vorh.!w
V
Vs Vr,max

Bild 5.1: vektorielle Addition der Widerstandskomponenten


Die resultierende Tragfähigkeit kann auch mithilfe eines resultierenden Ortsvektors
anstatt mit einzelnen Vektoren ermittelt werden. Er verläuft dann vom Punkt A direkt
zum Punkt D. Informationen zwischen den Punkten A-D gehen dabei verloren. Ein
solches Vorgehen entspricht sinngemäß dem Bemessungsmodell der aktuellen DIN
1045-1 für bügelbewehrte Bauteile mit resultierendem Neigungswinkel μ.
Das Bemessungsmodell behält das in Kapitel 3.3.3 abgeleitete Konzept des
Summenansatzes mit drei Widerstandsanteilen für die Zugstrebentragfähigkeit bei.
Vs = Vc + VN + Vsw (5.1)
Entsprechend dem in Bild 5.1 veranschaulichten Zusammenhängen von anliegendem
Lastniveau und aktivierten Tragmechanismen, sind für die rechnerische Beschreibung
auf Gebrauchslastniveau Fallunterscheidungen zu beachten. Verbleibt die äußere
Belastung unterhalb der Querkrafttragfähigkeit von Bauteilen ohne Querkraft-
bewehrung, sind allein die Einzeltragmodelle Vc und VN anzuwenden. Erst bei höheren
Belastungen wird auch der rechnerische Widerstand der Bügelbewehrung
berücksichtigt.
äußere Querkraftbelastung im Modell aktivierte Widerstände

V · Vc + VN VR = Vc + VN
Vc + VN < V · Vc + VN + Vsw VR = Vc + VN + Vsw

Tabelle 5.1: Übersicht zur lastabhängigen Nutzung der Einzeltragmodelle


Für den gleitenden Übergang zwischen Bauteilwiderständen ohne und mit
Bügelbewehrung wird, wie in aktuellen Forschungsbeiträgen [49, 98] oder gültigen
internationalen Bemessungsvorschriften [4, 9], ein gleichbleibender Betontraganteil und
zwar von Bauteilen ohne Querkraftbewehrung verwendet. Der maximale
Querkraftwiderstand wird durch die aufnehmbaren Betondruckspannungen begrenzt.
104 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

5.2 Ganzheitliches Bemessungsmodell

Die Herleitung der Bemessungswiderstände erfolgt derart, dass Zusatzfaktoren die


Einflüsse der Neigung berücksichtigen, sodass die übrige Berechnung am einachsigen
Modell erfolgen kann. Für die Formulierung als Summenansatz wird deshalb je ein
Neigungsfaktor für den Widerstand der Bügelbewehrung und den Betontraganteil
benötigt.

5.2.1 Grundwert des Querkraftwiderstands


Im dritten Kapitel wurde ein neigungs- und geometrieabhängiger Berechnungsansatz
für die Abschätzung der Querkrafttragfähigkeit von Bauteilen ohne
Querkraftbewehrung hergeleitet (Gl. (3.19)). Die Veränderung der Tragfähigkeit
gegenüber einachsig orientierten Querkräften ist, wie die Auswertung Experimente im
vierten Kapitel zeigt, zutreffend formuliert. Eine direkte Verwendung im
Bemessungsmodell ist allerdings nicht möglich, da herleitungsbedingt keine Modell- und
Materialsicherheiten berücksichtigt werden.
Die Bemessungsgleichung der DIN 1045-1 für Bauteile ohne Querkraftbewehrung
berücksichtigt die gleichen Einflüsse wie der eigene Ansatz und beinhaltet bei
komfortabler Anwendung bereits Beiwerte zur Berücksichtigung von Modell- und
Materialunsicherheiten. Die Gleichung wird als Ausgangsbasis für eine Erweiterung des
Gültigkeitsbereichs von einachsigen auf zweiachsige Lastfälle genutzt. Dazu müssen die
abgeleiteten Neigungseinflüsse (Gl. 3.10, Gl. 3.18) in einem einzigen Faktor gebündelt
werden, damit ein neuer Zusatzfaktor ·N entsteht. Die einachsige Tragfähigkeit soll
nicht tangiert werden, der Widerstand bleibt unverändert.
Vc (®v ; d) = ·n ¢Vc (®v = 0; d) (5.2)
|{z} | {z }
Neigungsein°uss einachsige Wirkung der Querkraft

Für andere Sonderaspekte wurde zur Formulierung von Bemessungsgleichungen ein


ähnliches Vorgehen gewählt. In [19, 49, 56, 98] wurde die Gleichung der DIN 1045-1
ebenfalls mit Zusatzfaktoren zur Berücksichtigung der Wirkungswiese von Stahlfasern
oder der Auswirkungen hochfester Beton auf die Querkrafttragfähigkeit ergänzt.

Sicherheitstheoretische Aspekte
Die Bemessungsgleichung der DIN 1045-1 beruht auf einem Vorschlag von [88], der
auch vom Model Code 90 [2] aufgegriffen wurde (Kapitel 2.3).
Vcalc = ck ¢ · (100 ¢ ½l ¢ f1c )1=3 ¢ b ¢ d (5.3)
Modellunsicherheiten werden bei der Festlegung der Größe des Vorfaktors ck anhand
statistischer Überlegungen berücksichtigt. Die einzuhaltende Modellsicherheit ist ein
5% Fraktilewert ±mod,5% = 1 unter Annahme normalverteilter Werte. Die Einzelwerte
berechnen sich aus dem Verhältnis von experimentellen Querkraftbruchlasten und den
zugehörigen rechnerischen Widerständen.
5.2 Ganzheitliches Bemessungsmodell 105

VExp
±mod = (5.4)
Vcalc
Im Rahmen der Überprüfung und Vereinheitlichung der Bemessungsansätze für
querkraftbeanspruchte Bauteile zur DIN 1045-1 [1] wurde der Vorfaktor sowohl mit
einfachen als auch höherwertigen statistischen Verfahren [47] zu ck = 0; 15 festgelegt.
Er unterscheidet sich nur geringfügig vom Vorschlag von Regan (ck = 0; 135).
Die Umrechnung vom Bruchlast- zum Bemessungsniveau erfolgt mit dem Modell-
sicherheitsfaktor der aufgrund seines Betrags von 1,5 mit der Kurzbezeichnung des
Materialsicherheitsbeiwerts °c = 1; 5 identisch ist. Gleichzeitig wird zu
Berücksichtigung der Materialunsicherheiten anstatt der mittleren Betondruckfestigkeit
f1c nur noch die charakteristische Festigkeit fck angesetzt.
0; 15
VRd,ct = ¢· ¢ ´1 (100 ¢ ½l ¢ fck )1=3 ¢ b ¢ d (5.5)
°c
| {z }
cd =0;10

mit: - Modellsicherheitsfaktor: °c = 1; 5
Weiter Grundlagen und Hintergrundinformation zu modernen Sicherheitskonzepten
sind in zu finden [34, 35, 36].

Herleitung des Neigungsfaktors


Die Herleitung des Neigungsfaktors ·n erfolgt auf der Basis von Gl. (3.19) für die
Abschätzung der Tragfähigkeit von Bauteilen ohne Bügelbewehrung. Der Bezug zu Gl.
(5.2) wird durch eine ideelle Erweiterung mit “1“ hergestellt.
Vc (®v = 0; d)
Vc (®v ; d) = Vc (®v ; d) ¢
V (® = 0; d)
| c v{z }
Erweiterung mit "1"
Vc (®v ; d)
= ¢Vc (®v = 0; d) (5.6)
Vc (®v = 0; d) | {z }
| {z } einachsige Wirkung der Querkraft
·n

Formal ergibt sich der Neigungsfaktor ·n aus dem Verhältnis des geneigten
Querkraftwiderstands zum Einachsigen. Querkraftneigungen ®v führen zu
unterschiedlichen Geometrien der Biegedruckzone (Kapitel 3.2.2). Bei äquivalenten
Dehnungszuständen der Längsbewehrung zum Beispiel kurz vor Erreichen der
Fließgrenze, sind die Absolutwerte der Flächen ADruck jedoch ähnlich. Der Quotient
·n (®v ; d) kann somit unabhängig von der Druckzonenfläche und der Betonzugfestigkeit
formuliert werden.
Vc (®v ; d)
·n (®v ; d) =
Vc (®v = 0; d)
·1 (®v ; d) ¢ ·2 (®v ) ¢ fctm ¢ ADruck
=
·1 (®v = 0; d) ¢ ·2 (®v = 0) ¢ fctm ¢ ADruck
·1 (®v ; d) ¢ ·2 (®v )
= (5.7)
·1 (®v = 0; d) ¢ ·2 (®v = 0)
106 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

·n[¡] d[m]

®v[¡]

d[m] ®v[¡]

Bild 5.2: Verlauf und Höhenlinien des Neigungsfaktors ·n (®v ; d)


Der Verlauf der Funktion in Abhängigkeit der Eingangsparameter d = h ¡ d1 und ®v
kann Bild 5.2 entnommen werden. Aufgrund der Entwicklung aus einachsigen
Verhältnissen bleibt der Widerstand bei fehlender Neigung unverändert und steigt auf
maximal ·n (®v ; d) = 1; 45 (Neigung über die Diagonale und kleine Nutzhöhen) an. Die
Veränderungen werden bei großen Bauteilabmessungen immer stärker von den
Einflüssen der Biegedruckzone dominiert. Für große Bauteilabmessungen d > 1[m] kann
der Neigungsfaktor vereinfacht mit:
·2 (®v ) 3
·n (®v ; d ¸ 1) = = ¢ ·2 (®v ) (5.8)
·2 (®v = 0) 2
beschrieben werden. Dadurch werden die Veränderungen des Maßstabseinflusses
gegenüber einachsigen Lastfällen vernachlässigt.
q Im Bemessungskonzept verbleibt der
maßstabsabhängige Effekt · = 1 + 200
d
· 2.

Widerstandsgleichungen
Für Bauteile ohne Normalkrafteinwirkung ergibt sich mit Gl.(5.2) unter Anwendung
der Gl. (5.7) und (5.8), sowie dem Ansatz nach DIN 1045-1 Gl. (70) für Bauteile ohne
Querkraftbewehrung, die abschließende Bemessungsgleichung.
0; 15
VRd,ct = ·n (®v ; d) ¢ ¢ · ¢ ´1 (100 ¢ ½l ¢ fck )1=3 ¢ b ¢ d (5.9)
°c
mit:
- statische Nutzhöhe: d = h ¡ d1
- Neigungsfaktor:
für d < 1[m]: ·n (®v ; d) nach Gl.(5.7), Bild 5.2
für d ¸ 1[m]: ·n (®v ; d) nach Gl.(5.8)
Beiwerte nach DIN 1045-1 (Absatz 10.3.3)
- Sicherheitsbeiwert: °c = 1; 5
5.2 Ganzheitliches Bemessungsmodell 107
q
- Maßstabsfaktor: ·=1+ 200
d

- Korrekturfaktor Betonsorte: ´1 = 1 für Normalbeton


- Begrenzung Längsbewehrungsgrad: ½l · 2 % (Zugbewehrung)

5.2.2 Querkraftwiderstand der Bügelbewehrung


Das Konzept für die Ermittlung der Tragfähigkeit der Bügelbewehrung auf Basis von
Gl. (3.30) mit den Neigungsfunktionen F ¢ ´z ist aufgrund der Komplexität der Ansätze
für eine direkte Verwendung im Rahmen einer Bemessungsgleichung wenig geeignet.
Der Interpolationsfaktor at nach [73] (Kapitel 2.4) berücksichtigt die gleichen Einflüsse.
Wegen seiner einfachen Gestaltung gegenüber den Funktionen F ¢ ´z ist der
Interpolationsfaktor für einen Bemessungsansatz zu bevorzugen.
Wie der direkte Vergleich der Funktionen bei extremalen Querschnittsgeometrien
h/b = 1 und h/b ! 1 zeigt, stimmen sie in Tendenz und Größenordnung gut überein
(Bild 5.3). Funktionelle Unterschiede werden durch die Relationsgrenzwertkurven
aufgespannt (grauer Wertebereich). Beide Funktionen liefern fast identische
Vorhersagen, da der Wertebereich um die Zahl eins schwankt. Im Bemessungsmodell
für die Tragfähigkeit der Bügelbewehrung können die Funktionen F ¢ ´z deshalb durch
den Interpolationsfaktor at ersetzt werden.
Alternativ wäre eine Linearisierung der beiden Funktion F und ´z denkbar. Daran
geknüpft wären entweder erhebliche Genauigkeitsverluste oder eine abschnittsweise
linearisierte Beziehung mit vielen Fallunterscheidungen für h=b = konst..
Tz (®v )=Tz0 (®v = 0)[¡]

F ¢ ´z
at

h/b = 1 h/b = 1

h/b = 1
F ¢´z
at
h/b = 1

®v [¡]

Bild 5.3: Verlauf der Funktionen at und F ¢ ´z für unterschiedliche


Balkenschlankheiten und zugehörige Grenzwertlinien ( F ¢ ´z)=at
108 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

Der Bemessungswiderstand der Bügelbewehrung berechnet sich mit dem Kehrwert des
Interpolationsfaktors at, da die Funktion selbst die Erhöhung der Bügelkräfte (Bild 5.3)
beschreibt:
1
VRd,sw = asw ¢ fywd ¢ z ¢ cot ¯r ¢ : (5.10)
at
mit: - Schubrisswinkel: cot ¯r = 1; 2 ¡ 1; 4 ¾fcd
xd
· 2; 15
- Querkraftneigung: 0 · ®v = VVyz ¢ h
b
·1
μ ¶
p
- Interpolationsfaktor: at = 1 + p 2
¡1 ¢ ®v
(b=h)2 +1

Grenzwerte: 1 · at · 2
Der Hebelarm z ist der Biegebemessung zu entnehmen. Er ist parallel zur Querkraft
VEd orientiert und liegt im Querschnitt geneigt (®v 6= 0).

5.2.3 Querkraftwiderstand infolge drückender Normalkräfte


Der Querkraftwiderstand VRd,N aus Drucknormalkräften gegen signifikante
Einzelquerkräfte wird additiv als Sprengwerktragwirkung berücksichtigt. Querkräfte
und Momenteneinwirkungen sollten dabei annähernd senkrecht zu einander stehen, so
dass die Sprengwerktragwirkung der geneigten Druckstrebe in Richtung der
einwirkenden Querkraft orientiert ist (Bild 3.21).
Im Bemessungsansatz wird auf eine Interaktion von Betontraganteil und Normalkraft
vereinfachend verzichtet, da die Versuchsauswertungen (Kapitel 4.3.5) auch ohne
diesen Zusatzaufwand gute Übereinstimmungen von rechnerischen Tragfähigkeiten und
Versuchsbruchlasten aufweist.
eN
VRd,N = ¸N ¢ NEd = ¢ NEd (5.11)
a
mit: - Abstand des Schwerpunkts der Biegedruckspannungen zur
– Wirkungsline der Druckkraft: eN (nach Bild 3.21)
- Schubfeldlänge: a

Linienartige Querkräfte können, soweit dies sinnvoll möglich ist, zu n-Einzellasten


zusammengefasst werden. Der Widerstand aus nunmehr n Bemessungsschnitten ergibt
P eN NEd
sich folglich aus der Summe der Einzelwiderstände VRd,N = a
¢ n .

5.2.4 Begrenzung des maximalen Querkraftwiderstands


Der Einfluss der Querkraftneigung auf die maximale Tragfähigkeit wurde in Kapitel
3.3.4 erörtert und mittels der durchgeführten Versuche bestätigt. Zur Einhaltung eines
ausgewogenen Sicherheitsniveaus ist bei geneigten Querkraftlastfällen der
Interpolationsfaktor ac im Rahmen der Bemessung zu beachten.
5.2 Ganzheitliches Bemessungsmodell 109

®c ¢ fcd ¢ b ¢ z 1
VRd,max = ¢ (5.12)
cot ¯r + tan ¯r ac
2p
mit: - Interpolationsfaktor: 1 · ac = 1 + 3
®v · 5
3

- Schubrisswinkel: cot ¯r = 1; 2 ¡ 1; 4 ¾fcd


xd
· 2; 15
- Beiwert ®c nach gültiger Norm:
Empfehlung: Eurocode 2 [10]: ®c = º1 = 0; 6 ¢ (1 ¡ fck =250)
alternativ DIN 1045-1 [14]: ®c = 0; 75
Die vorgeschlagene Bemessungsgleichung unterscheidet sich für einachsige Lastfälle
lediglich durch den in DIN 1045-1 verwendeten resultierenden Winkel cot μ , der hier
nicht zum Einsatz kommt.

5.2.5 Resultierender Bemessungswiderstand und Nachweisführung


Aufbauend auf den Widerstandsgleichungen der Einzeltraganteile werden abschließend
die Bemessungsgleichungen zusammengefügt. Der Bemessungswert für den
resultierenden Querkraftwiderstand ergibt sich zu:
VRd,sy = VRd,ct + VRd,N + VRd,sw. (5.13)
mit: - VRd,ct nach Gl. (5.9)
- VRd,N nach Gl. (5.11)
- VRd,sw nach Gl.(3.30)
Sind die rechnerischen Widerstände ohne den Anteil der Bügelbewehrung VRd,sw größer
als die Bemessungseinwirkung (VRd,ct + VRd,N > VEd), ist rechnerisch keine Bügel-
bewehrung erforderlich (vgl. Tabelle 5.1). Eine Mindestbügelbewehrung ist aus
konstruktiven Gründen wie der Sicherung eines duktilen Bauteilversagens dennoch zu
berücksichtigen. Sie kann nach den in [77] ausgearbeiteten Empfehlungen an die
Randbedingungen geneigter Querkräfte angepasst werden. In Balken mit statisch
erforderlicher Bügelbewehrung ist die Einhaltung des maximalen Querkraftwiderstands
zusätzlich zu prüfen:
®c ¢ fcd ¢ b ¢ z 1
VRd,max = ¢ . (5.14)
cot ¯r + tan ¯r ac
Die Sicherstellung ausreichender Tragfähigkeit kann mit dem für Querkraftnachweise
bekannten Schema erfolgen:
(
VRd,sy
VEd · . (5.15)
VRd,max
110 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

5.3 Verifikation der Bemessungsgleichungen

5.3.1 Bauteile ohne Querkraftbewehrung

Der in die Bemessungsgleichung Gl.(5.9) integrierte Neigungsfaktor ·n wird anhand der


Bruchlasten der sechs Versuchsbalken ohne Querkraftbewehrung überprüft. Um einen
Vergleichsmaßstab beim Abgleich der Bruchlastrelationen VExp =Vcalc zu erhalten,
wurden 411 Versuche mit einachsigen Querkraftbelastungen aus Datenbanken [38, 60,
106] entnommen und ebenfalls ausgewertet.
Die Versuchsdaten sind auf Experimente ohne Normalkrafteinwirkung beschränkt, um
Überlagerungseffekte zwischen Querkraftneigung und Drucknormalkraft auszuschließen.
Die Umrechnung der Bemessungstragfähigkeit auf das Bruchlastniveau zum Abgleich
mit den Versuchsdaten erfolgt unter Verwendung folgender Randbedingungen:
• Ansatz des Längsbewehrungsgrades ½l ohne rechnerische Begrenzung,
• Ansatz der effektiven Betondruckfestigkeit f1c,
• Verwendung des Vorfaktors ck = 0; 15 auf Bruchlastniveau.
In Bild 5.4 sind die Verhältniswerte der Bruchlastrelationen über die Querkraftneigung
aufgetragen. Alle Werte der einachsigen Versuche liegen deshalb bei x = ®v = 0. Die
geneigten Versuche decken zusammen mit den Versuchen aus der Literatur den
Wertebereich vollständig ab ( 0 · ®v · 1 ).
Die Auswertung bei geneigten Querkräften weist im Vergleich zu den einachsigen
Lastfällen einen geringeren Mittelwert und eine geringere Standardabweichung aus. Da
die ausgewerteten Daten mit geneigten Querkräften einer Versuchsreihe mit gleichen
Randbedingungen entstammen, ist bei einer erhöhten Anzahl von Versuchen und
unterschiedlichen Randbedingungen ein Anstieg der Standardabweichung in etwa auf
die Verhältnisse der Versuche mit einachsigen Querkräften zu erwarten.
VExp=Vcalc[¡] P
®v 6= 0 ®v 6= 0 = 0
®v = 0 m

±mod,5%
®v [¡]

Bild 5.4: Vergleich des rechnerischen Querkraftwiderstands mit Querkraftbruchlasten


von Balken ohne Querkraftbewehrung und Übersicht der statistischen Kenn-
daten
5.3 Verifikation der Bemessungsgleichungen 111

Die Ergebnisse der Bruchlastrelationen VExp =Vcalc sind in Bild 5.5 über die übrigen, für
die rechnerische Querkrafttragfähigkeit maßgebenden Einflüsse wie die Betondruck-
festigkeit f1c, die statische Nutzhöhe d , den Längsbewehrungsgrad ½l sowie die Schub-
feldlänge a=d dargestellt. Tendenzen von Verbesserungen oder Verschlechterungen der
Vorhersagen in Abhängigkeit eines einzelnen Parameters werden nicht sichtbar. Dies
spricht zum einen für die Güte des Bemessungsansatzes der DIN 1045-1 und zum
anderen für eine realitätsnahe Erfassung der Neigungseinflüsse. Die Auswertung der
Versuche mit geneigten Querkräften weist für den Bemessungsvorschlag eine
Modellsicherheit von ±mod,5% = 0; 85 aus. Das Sicherheitsniveau der Versuche mit
einachsigen Querkräften also normenkonformer Auswertung ist fast identisch
(±mod,5% = 0; 86).
In Tabelle 5.2 sind alle statistischen Kenndaten zusammengefasst. Die Ergebnisse
decken sich mit Auswertungen in [49] die anhand von 321 Versuchen eine
Modellsicherheit von 0,83 für den Ansatz nach DIN 1045-1 nachweisen. Der hier in das
Bemessungsmodell eingearbeitete Neigungsfaktor ·n bewirkt eine Eingliederung der
Modellsicherheit für geneigte Querkräftlastfälle auf das Niveau der DIN 1045-1 für
einachsigen Querkraftlastfälle.
Eine Anhebung des Sicherheitsniveaus könnte durch eine Reduktion des Vorfaktors ck
erreicht werden. Aus der hier ausgewerteten großen Anzahl von Versuchsdaten ergibt
sich zur Einhaltung von ±mod,5% = 1 ein reduzierter Wert ck ¼ 0; 13. Weil das
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0

½l [%] d[m]

VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]


®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0

a=d[¡] f1c [N/mm2 ]

Bild 5.5: Vergleich des rechnerischen Querwiderstands (Gl. (5.9)) mit


Querkraftbruchlasten von Balken ohne Querkraftbewehrung
112 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

Anzahl Normal- Querkraft- statistische Kennzahlen


Modell neigung
Versuche kraft m ¾ º ±mod,5%

DIN 1045-1 411 N =0 ®v = 0 1,29 0,26 0,2 0,86


eigener Ansatz 6 N =0 ®v 6= 0 1,1 0,15 0,15 0,85
eigener Ansatz 411+6 N =0 0 · ®v · 1 1,28 0,26 0,2 0,85

Tabelle 5.2: Übersicht der statistischen Kenndaten bei Auswertung der Versuche nach
DIN 1045-1 und dem eigenen Ansatz (Bauteile ohne Querkraftbewehrung)
vorrangige Ziel die Eingliederung des Sicherheitsniveaus der Bemessungen bei geneigten
Lastfällen auf das bei einachsigen Belastungen ist, bleibt der Vorwert nach [1] hier
jedoch unverändert.

5.3.2 Bauteile mit Querkraftbewehrung


Im Bemessungsmodell für Balken mit Querkraftbewehrung sind besonders die
Widerstandsanteile des Betons und der Bügelbewehrung von der Querkraftneigung
beeinflusst. Um zu überprüfen, ob die vorgeschlagene Bemessungsgleichung (Gl. (5.13))
die Bruchlasten unter Berücksichtigung der Neigungseffekte gut abschätzen kann,
werden die Bruchlasten der Versuche mit geneigten Querkräften den rechnerischen
Widerständen gegenübergestellt und über die Querkraftneigung abgetragen (Bild 5.6).
Für einen Abgleich der berechneten Ergebnisse gegen die bekannten Verhältnisse
hauptachsenparalleler Querkräfte, sind die Bruchlastrelationen von 97, der Literatur
[38, 60, 106] entnommenen, einachsigen Versuchen zusätzlich ausgewertet worden.
Man erkennt, dass sich die Bruchlastrelationen der Versuche mit geneigten Querkräften
in den Wertebereich der einachsigen Referenz eingliedern. Im Mittel werden die
Bruchlasten der Versuche mit einer vergleichbaren Verhersagegenauigkeit beschrieben
wie die der einachsigen Versuche. Der optische Eindruck kann durch die nahezu
identischen Mittelwerte VExp =Vcalc auch quantifiziert werden. Es gelingt eine über ®v
konstant gute Abschätzung der Tragfähigkeit.
VExp=Vcalc[¡] P
®v 6= 0 ®v 6= 0 0
®v = 0 m

±mod,5%
®v[¡]

Bild 5.6: Vergleich des rechnerischen Querwiderstands mit Querkraftbruchlasten von


Balken mit Querkraftbewehrung und Übersicht über statistische Kenndaten
5.3 Verifikation der Bemessungsgleichungen 113

VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]


®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0

!w [¡] !w2 [¡]

Bild 5.7: Vergleich des rechnerischen Querwiderstands ((Gl. (5.13)) mit Querkraft-
bruchlasten von Balken mit Querkraftbewehrung
Mit steigenden Bügelbewehrungsgraden !w erhöht sich der Traganteil Vsw der Bügel-
bewehrung gegenüber dem Betontraganteil Vc. Die in Bild 5.7 gewählte Darstellung von
VExp =Vcalc über den mechanischen Bügelbewehrungsgrad !w ist deshalb besonders zur
Überprüfung des Interpolationsfaktors at geeignet, weil die Versuche mit hohen
Traganteilen der Bügelbewehrung wesentlich durch at beeinflusst werden. Ungenau
abgeschätzte Widerstände Vsw der Bügelbewehrung bewirken eine Verschlechterung der
Vorhersage, also höher oder geringe Werte der Bruchlastrelationen VExp =Vcalc gegenüber
den Auswertungen der Balkenversuche ohne oder mit geringer Querkraftbewehrung.
Demnach müsste, bei Über- oder Unterschätzung des Neigungseinflusses, eine
abfallende oder steigende Tendenz in den Bruchlastrelationen zu beobachten sein.
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0

½l [%] d[m]

VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]


®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0

a=d[¡] f1c [N/mm2 ]

Bild 5.8: Vergleich des rechnerischen Querwiderstands mit Querkraftbruchlasten von


Balken mit Querkraftbewehrung
114 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

Da keine Abhängigkeit zu beobachten ist, bewirkt der in die Bemessungsgleichung (Gl.


(3.30)) eingearbeitete Neigungsfaktor at eine realitätsnahe Erfassung der
Neigungseinflüsse.
Zur Überprüfung des Ansatzes bei Balken mit dominierendem Traganteil Vc und nur
geringen Traganteilen Vsw werden die Bruchlastrelationen über die für den
Betontraganteil (Gl. (5.9)) relevanten Einflussparameter, wie die Betondruckfestigkeit
f1c, die statische Nutzhöhe d , den Längsbewehrungsgrad ½l sowie die Schubfeldlänge
a=d dargestellt. Tendenzen von Verbesserungen oder Verschlechterungen der
Vorhersagen in Abhängigkeit einzelner Parameter werden nicht sichtbar. Die
Anbindung der normativen Bemessungsgleichung für Balken ohne Bügelbewehrung
(DIN 1045-1 Gl. (70)) in das Konzept des Summenansatzes erweist sich hier als effektiv
und einfach. Der vorgeschlagene Ansatz weicht damit von der Vorstellung der DIN
1045-1, die ein Fachwerk mit Traganteilen aus Reibung vorsieht, ab. Die Beurteilung,
in wie weit der Bemessungsvorschlag das für Bemessungen erforderliche
Sicherheitsniveau einhält, stützt sich deshalb auf einen Vergleich mit einer
normenkonformen Auswertung (DIN 1045-1 Gl.(75)). Hierzu zeigt Bild 5.9 im linken
Teilbild die Ergebnisse aus dem eigenen Bemessungsvorschlag (ein- und zweiachsige
Querkraftversuche). Im rechten Teilbild sind entsprechend des Gültigkeitsbereichs der
DIN 1045-1 lediglich die Versuche mit einachsigem Lastabtrag ausgewertet worden.
Die Auswertungen ergeben für die Bemessungsgleichung nach DIN 1045-1 eine
Modellsicherheit ±mod,5% = 0; 85 (m = 1; 61; ¾ = 0; 46), der eigene Bemessungsvorschlag
liegt mit ±mod,5% = 0; 88 (m = 1; 21; ¾ = 0; 2) auf einem vergleichbaren Niveau (vgl.
Tabelle 5.3 und Tabelle 5.4), so dass von eigenen Ansatz ähnliche Sicherheiten einge-
halten werden. Als Maß für die Genauigkeit spricht die deutlich kleinere Varianz (¾=m)
des eigenen Bemessungsvorschlags für die Richtigkeit und Genauigkeit des formulierten
Summenansatzes. Bruchlasten von Bauteile mit geringen Bügelbewehrungsgraden !w
können durch das Prinzip des Summenansatzes mit einer vergleichbaren Genauigkeit
wie Bruchlasten von Bauteilen ohne Querkraftbewehrung abgeschätzt werden, während
die Ergebnisse des Normenansatzes in diesem Bereich vergleichsweise stark streuen.
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0

!w [¡] !w [¡]

Bild 5.9: Bruchlastrelationen der Auswertung der Versuche mit eigenem Bemessungs-
ansatz (links) und bei Anwendung nach DIN 1045-1 [14] (nur einachsige
Versuche)
5.3 Verifikation der Bemessungsgleichungen 115

Einfluss drückender Normalkräfte


Die Verifikation der Bemessungsgleichung für Balken mit drückenden Normalkräften
erfolgt, analog zum bisherigen Vorgehen, durch Vergleiche mit Versuchsdaten.
Die Ergebnisse der Bruchlastrelationen der vier eigenen Versuche mit geneigten
Querkräften und von sechs Versuchen mit einachsig orientierten Querkräften aus [50]
sind in Bild 5.10 dargestellt. Neben den Parametern der Normalkraftausnutzung º und
der Betondruckspannung ¾c zur Staffelung der Versuche nach Normalkrafteinfluss, sind
die Ergebnisse über den Längsbewehrungs- und den mechanischen Bügelbewehrungs-
grad dargestellt. Als Referenzen sind zusätzlich die Verhältnisse der Versuchsaus-
wertungen ohne Normalkraft gegeben. Der Abgleich mit den normalkraftfreien
Ergebnissen zeigt, dass durch zusätzlich wirkende Normalkräfte die Vorhersagequalität
nicht leidet. Die Bruchlasten der vier eigenen Versuche lassen sich mit dem Modell
treffend ermitteln (Mittelwert VExp =Vcalc = 0; 94). Für alle Versuche mit N 6= 0 wird ein
Mittelwert VExp =Vcalc = 1; 16 bei einer Standardabweichung von ¾ = 0; 26 erzielt.
Die Aussagekraft von statistischen Auswertungen mit einer äußerst kleinen Anzahl von
Datenwerten, hier mit nur 10 Versuchsdaten ist jedoch begrenzt. Wegen der
mechanisch bedingten Herleitung des Ansatzes ist allerdings nicht davon auszugehen,
dass sich bei einer erhöhten Anzahl von Versuchen die Grundaussage einer guten
Vorhersage der Tragfähigkeit wesentlich verändert. Zusätzliche experimentelle Daten
zur sicheren Anwendung statistischer Verfahren zur Ermittlung der Modellsicherheit
±mod,5% wären trotzdem wünschenswert.
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
3 3
®v 6= 0 N 6= 0 ®v 6= 0 N 6= 0
®v = 0 N 6= 0 ®v = 0 N 6= 0
2 2

1 1
¾c
º= f1c
unsicherer Bereich [¡] unsicherer Bereich ¾c [N/mm2 ]
0 0
-0,18 -0,14 -0,1 -0,06 -0,02 0 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
3 3
®v 6= 0 N 6= 0 ®v 6= 0 N 6= 0
®v = 0 N 6= 0 ®v = 0 N 6= 0
2 2

1 1

unsicherer Bereich ½l [%] unsicherer Bereich !w [¡]


0 0
0 1 2 3 4 5 6 0 0,02 0,04 0,06 0,08 0,1 0,12 0,14

Bild 5.10: Vergleich des rechnerischen Querkraftwiderstands (Gl.(5.13)) mit Querkraft-


bruchlasten von Balken mit Querkraftbewehrung, mit und ohne Normalkraft
116 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

Zusammenfassung – Bauteile ohne und mit Bügelbewehrung


Zusammenfassend lassen sich aus der Modellverifikation durch die Versuchsdaten und
den Abgleich mit den Ergebnissen nach aktueller DIN 1045-1 drei Kernaussagen
herausfiltern:
• Einflüsse aus Querkraftneigungen auf die Tragfähigkeit werden durch das
entwickelte, ganzheitliche Bemessungsmodell realistisch abgebildet,
• gegenüber der Bemessungsgleichung für Bauteile mit Bügelbewehrung (DIN
1045-1 Gl.(75)) erreicht der Bemessungsvorschlag genauere Ergebnisse und
ermöglicht wirtschaftlichere Bemessungen,
• der Bemessungsvorschlag hält ein zur Querkraftbemessung nach DIN 1045-1
äquivalentes Sicherheitsniveau ein.
Als Übersicht zu den Auswertungen mit dem vorgeschlagenen Bemessungsansatz und
dem nach DIN 1045-1 sind alle wesentlichen Kenndaten in den Tabellen 5.2, 5.3 und
5.4 zusammengefasst.
Anzahl Normal- Querkraft- statistische Kennzahlen
Modell neigung
Versuche kraft m ¾ º ±mod,5%

DIN 1045-1 97 N =0 ®v = 0 1,61 0,46 0,29 0,85


DIN 1045-1 97+6 N ·0 ®v = 0 1,60 0,45 0,28 0,86

eigener Ansatz 97 N =0 ®v = 0 1,2 0,2 0,17 0,87


eigener Ansatz 97+6 N ·0 ®v = 0 1,21 0,2 0,17 0,88

Tabelle 5.3: Übersicht der statistischen Kenndaten bei Auswertung der Versuche nach
DIN 1045-1 und dem eigenen Ansatz (Bauteile mit Bügelbewehrung)

Anzahl Normal- Querkraft- statistische Kennzahlen


Modell neigung
Versuche kraft m ¾ º ±mod,5%

eigener Ansatz 20 N =0 ®v 6= 0 1,24 0,15 0,12 0,99


eigener Ansatz 24 N ·0 ®v 6= 0 1,19 0,17 0,14 0,91
eigener Ansatz 97+6+24 N ·0 ®v · 0 1,21 0,20 0,17 0,88

Tabelle 5.4: Übersicht der statistischen Kenndaten bei Auswertung der Versuche mit
dem eigenen Ansatz
5.3 Verifikation der Bemessungsgleichungen 117

5.3.3 Bauteile mit Bügelbewehrung – Begrenzung des maximalen


Querkraftwiderstands
Für die Verifikation der Bemessungsgleichung Gl. (5.12) zur Bestimmung der
maximalen Querkrafttragfähigkeit kann lediglich auf die eigenen Versuchsdaten
zurückgegriffen werden. Weitere Versuchsdaten von Stahlbetonträgern mit
rechteckigem Querschnitt und ausgewiesenem Druckstrebenversagen konnten in der
Literatur nicht gefunden werden. Auf die Auswertung von Spannbetonträgern wird hier
bewusst verzichtet, da dort zusätzliche Effekte, wie die Schwächungen der
Querschnittsbreite durch die Spannglieder zum Tragen kommen.
Die Ergebnisse der Versuchsauswertung sind in Bild 5.11 dargestellt. Die effektive
Betondruckfestigkeit wurde dabei gemäß DIN 1045-1 und Eurocode 2 angesetzt.
®c nach DIN 1045-1 ®c nach Eurocode 2

VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]


3 3
®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0
2 2

1 1

unsicherer Bereich ®v [¡] unsicherer Bereich ®v [¡]


0 0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
3 3
®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0
2 2

1 1
¾c
º= f1c
unsicherer Bereich [¡] unsicherer Bereich º = f¾1cc
0 0 [¡]
-0,3 -0,2 -0,1 0 -0,3 -0,2 -0,1 0
VExp =Vcalc [¡] VExp =Vcalc [¡]
3 3
®v 6= 0 ®v 6= 0
®v = 0 ®v = 0
2 2

1 1

unsicherer Bereich a=d[¡] unsicherer Bereich a=d[¡]


0 0
0 1 2 3 4 5 6 0 1 2 3 4 5 6

Bild 5.11: Vergleich des maximalen Querwiderstands (Bemessungsvorschlag Gl.(5.12) )


mit Querkraftbruchlasten aus Versuchen
118 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

Die Auswertung mit dem Ansatz der Betondruckfestigkeit nach DIN 1045-1 entspricht
der Versuchsauswertung in Kapitel 4.4. Auf eine erneute Analyse, wie gut die
Tragmechanismen erfasst werden, wird deshalb verzichtet. Stattdessen wird sofort die
Vorhersagegenauigkeit und die Modellsicherheit erörtert.
Die Mittelwerte der Bruchlastrelationen variieren um den Wert eins (Tabelle 5.5).
Lediglich die Tragfähigkeit der beiden einachsigen Referenzversuche (mit ®c = 0; 75)
werden um 23% überschätzt. Eine normenkonforme Auswertung nach DIN 1045-1 Gl.
(76) mit resultierendem Druckstrebenneigungswinkel μ unterschätzt die Tragfähigkeit
ebenfalls in der gleichen Größenordnung (21 %) (vgl. Kap. 3.3.4), da sich nach beiden
Modellen für Vollquerschnitte ähnliche Druckstrebenneigungen und somit vergleichbare
rechnerische Tragfähigkeit ergeben. Als mögliche Ursache für die zu groß berechnete
Tragfähigkeit ist eine zu hoch angesetzte effektive Betondruckfestigkeit ®c ¢ fcd
denkbar, da die Druckfestigkeit nach Eurocode 2 deutlich geringer anzusetzen ist. Die
Ergebnisse der Auswertungen mit Druckfestigkeiten nach DIN 1045-1 und Eurocode 2
ergeben deshalb, je nach angesetzter Betondruckfestigkeit, abweichende Mittelwerte
VExp =Vcalc (Tabelle 5.5) bei fast identischen Varianzen von º = 0; 14 (®c nach DIN
1045-1) oder º = 0; 13 (®c nach EC-2). Die Genauigkeit des eigenen Modells ist deshalb
nahezu unabhängig vom Ansatz der Betondruckfestigkeit. Die Modellsicherheit ±mod,5%
hingegen ist von der angesetzten Druckfestigkeit wesentlich beeinflusst, da sie den
berechneten Mittelwert linear skaliert und den Wert ±mod,5% mit verschiebt. Die eher
konservative Berücksichtigung der effektiven Betondruckfestigkeit nach Eurocode 2 in
Abhängigkeit von der Betonfestigkeitsklasse wird deshalb für die Anwendung
empfohlen.
Anzahl effektive Querkraft- statistische Kennzahlen
Versuche Betondruckfestigkeit neigung m ¾ º ±mod,5%

2 DIN 1045-1 ®v = 0 0,77 - - -


2 EC 2 ®v = 0 1,04 - - -

6 DIN 1045-1 ®v 6= 0 0,99 - - -


6 EC 2 ®v 6= 0 1,35 - - -

8 DIN 1045-1 ®v · 0 0,94 0,13 0,14 0,73


8 EC 2 ®v · 0 1,27 0,17 0,13 0,99

Tabelle 5.5: Übersicht der statistischen Kenndaten bei Auswertung der Versuche mit
geneigten Querkräften und Gl.(5.12) unter Berücksichtigung der Druck-
festigkeiten nach DIN 1045-1 [14] und Eurocode 2 [10].
5.4 Vergleich mit anderen Bemessungsmodellen 119

5.4 Vergleich mit anderen Bemessungsmodellen

Die Einordnung der Ergebnisse des eigenen Bemessungsansatzes gegenüber der


normativen (einachsigen) Bemessung nach der aktuellen DIN 1045-1 wurde bereits im
Rahmen der Modellverifikation (Kapitel 5.3) vorgenommen. Im Folgenden werden
ausschließlich verfügbare Bemessungsansätze den Versuchsdaten gegenübergestellt, die
explizit für geneigte Querkrafteinwirkungen gelten.
Modell- Bauteile Bauteile mit Querkraftbew.
gültigkeit ohne Querkraftbew. Bemessung der Bügelbew. max. Widerstand

Mark [75] X

JSCE [4] X
Hansapinyo [45] = Modell JSCE X
^

eigener Ansatz = Modell Mark


^

Tabelle 5.6: Gültigkeitsbereiche der Bemessungsansätze


Die unterschiedlichen Gültigkeitsbereiche der Modelle erlauben Vergleiche je nach
Bauteilausführung (Tabelle 5.6). Alle Bemessungsgleichungen (Modelle von Mark, der
Japan Society of Civil Engineers (JSCE) und Hansapinjo) sind im Kapitel 2.3.2
angegeben. Die Berechnung der Tragfähigkeiten erfolgt unter Vernachlässigung der
jeweiligen Sicherheitsbeiwerte, um auf das entsprechende Bruchlastniveau zu gelangen.
Für Bauteile ohne Querkraftbewehrung ist lediglich ein Vergleich zwischen der JSCE
und dem eigenen Ansatz zulässig. Bei der Bemessungsgleichung für die
Bügelbewehrung hingegen, die das primäre Ziel der meisten praktischen
Anwendungsfälle ist, lassen sich alle vorhandenen Ansätze auswerten. Aufgrund der
fehlenden Angaben zur maximalen Querkrafttragfähigkeit in den Modellen nach JSCE
und Hansapinyo erübrigt sich ein Vergleich für das Versagen der Betondruckstrebe.
Zur Beurteilung der mit dem eigenen Bemessungsansatz erzielten Genauigkeit
gegenüber den anderen Modellen werden die Versuchsbruchlasten VExp über die
berechneten Tragfähigkeiten Vcalc abgetragen. Wie gut dabei der Neigungseinfluss
erfasst wird, kann anhand der über die Querkraftneigung ®v abgetragenen
Bruchlastrelationen VExp =Vcalc beurteilt werden.

Bauteile ohne Querkraftbewehrung


Das Modell nach JSCE berücksichtigt geneigte Einwirkungsrichtungen über eine
elliptische Interpolation zwischen den extremalen einachsigen Lastfällen in y- bzw. z-
Richtung. Für ®v 6= 0 ergeben sich gegenüber ®v = 0 immer Tragfähig-
keitsminderungen. Für den Sonderfall eines quadratischen Querschnitts folgt eine
konstante Tragfähigkeit (vgl. Kapitel 2.5).
120 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

VExp [kN] VExp =Vcalc [¡]


VExp > Vcalc

Vcalc > VExp Vcalc [kN] ®v [¡]

Bild 5.12: Gegenüberstellung von berechneten Widerständen nach den Modellen JSCE
und dem eigenen Ansatz gegen die Bruchlasten der Versuche
Im Gegensatz dazu wird mit dem eigenen Ansatz die Tragfähigkeit in Abhängigkeit
von der Querkraftneigung und der Balkenschlankheit (1 · ·n · 1; 45) erhöht. Die
Bemessungsgleichungen - JSCE und der eigene Ansatz - prognostizieren also eine
grundsätzlich gegensätzliche Auswirkung auf die Tragfähigkeit.
Bild 5.12 (links) zeigt die berechneten Tragfähigkeiten über die Abszisse und die
Versuchsbruchlasten über die Ordinate aufgetragen. Wie erwartet werden mit dem
Modell nach JSCE kleinere Tragfähigkeiten als mit dem eigenen Ansatz berechnet. Die
Relationen VExp =Vcalc sind deshalb horizontal zueinander versetzt. Der Ansatz nach
JSCE unterschätzt die Tragfähigkeit dabei relativ deutlich, der Mittelwert der
Bruchlastrelation VExp =Vcalc = 1; 67 liegt über dem des eigenen Ansatzes
VExp =Vcalc = 1; 1. Die Darstellung über die Querkraftneigung im rechten Teilbild lässt
einen Grund hierfür sichtbar werden. Die Unterschiede zwischen den mit beiden
Modellen berechneten Bruchlastrelationen fallen bis ®v · 0; 5 moderat aus. Die
Abminderung des Widerstands im Modell JSCE lässt die Differenz zwischen
Experiment und berechneter Tragfähigkeit mit der Neigung anwachsen, während die
Steigerung der rechnerischen Tragfähigkeit im eigenen Ansatz zu einem konstant guten
Vorhersageniveau führt.

Bauteile mit Querkraftbewehrung


Die Neigungseinflüsse auf den Widerstand werden modellabhängig wie folgt
berücksichtigt:
• Modell nach Mark: vereinfacht Betontraganteil nach DIN 1045-1 und Berück-
sichtigung des geneigt im Querschnitt liegenden Hebelarm z; Abminderung des
Widerstandsanteils der Bügelbewehrung mit dem Interpolationsfaktor at,
• Modell nach JSCE: Abminderung aller Widerstandsanteile über eine elliptische
Grenzkurve,
5.4 Vergleich mit anderen Bemessungsmodellen 121

• Modell nach Hansapinyo: Abminderung des Betontraganteils über eine


elliptische Grenzkurve (nach JSCE) und Abminderung des Bügelanteils,
• eigener Ansatz: Erhöhung des neigungsabhängigen Betontraganteils mit dem
Neigungsfaktor ·n und Abminderung des Widerstands der Bügelbewehrung mit
dem Interpolationsfaktor at.
Die gegensätzlichen Modellannahmen - vor allem bezüglich der über die reine
Bügeltragwirkung hinausgehenden Traganteile - bewirken eine Staffelung der
Mittelwerte VExp =Vcalc (Bild 5.13). Auffällig ähnlich sind die Mittelwerte der Modelle
nach JSCE und Hansapinyo, die den gleichen Betontraganteil nutzen. Der Mittelwert
des eigenen Ansatzes liegt etwas darunter, das Vorhersageniveau des Ansatzes von
Mark darüber. Merkliche Tendenzen in den Bruchlastrelationen sind für kein Modell
festzustellen. Dieser Umstand kann auf die von allen Modellen durchgeführte
Abminderung der Bügeltragfähigkeit zurückgeführt werden.
Die von JSCE und Hansapinyo vorgenommen Abminderungen der Gesamt–
tragfähigkeiten bei den Versuchsbalken mit hohen Bügelbewehrungsmengen bewirken
in der Summe eine gute Vorhersage der Bruchlast (Bild 5.14). Weil bei Balken mit
wenig Bügelbewehrung der Betontraganteil dominiert und zu ungünstig abgeschätzt
wird (vgl. Bauteile ohne Bügelbewehrung) tritt bei sinkenden Bügelbewehrungsmengen
eine Verschlechterung ein. Inwieweit dieser Effekt durch einen zu großen Widerstand
der Bügelbewehrung aufgefangen wird, ist nicht direkt quantifizierbar. Die
abweichenden Mittelwerte VExp =Vcalc von Bauteilen ohne – und mit Bügelbewehrung
(1; 67 , 1; 29 bzw. 1; 34) legen einen solchen Schluss jedoch nahe.
Besonders der Ansatz von Mark verbessert die Vorhersagequalität bei steigenden
Bügelbewehrungsgraden deutlich. Die Differenz ¢ VExp , die sich aus Bruchlastrelationen
V
calc

VExp[kN] VExp =Vcalc [¡]

VExp > Vcalc

Vcalc > VExp


Vcalc [kN] ®v [¡]

Bild 5.13: Gegenüberstellung von berechneten Widerständen nach den Modellen von
Mark, JSCE, Hansapinyo und dem eigenen Ansatz gegen die Bruchlasten der
Versuche (mit- und ohne Normalkraft)
122 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

VExp =Vcalc [¡]

V
¢ VExp
calc

!w [¡]

Bild 5.14: Gegenüberstellung der Bruchlastrelationen über den mechanischen


Bügelbewehrungsgrad !w
bei geringen Bügelbewehrungsmengen zu dem Wert mit hohen Bügelbewehrungs-
mengen berechnet, sinkt beständig. Dies spricht vor allem für den von Mark
entwickelten Interpolationsfaktor at, der auch im eigenen Ansatz verwendet wird.
Der eigene Ansatz, der sich durch die Erhöhung des Betontraganteils gegen die anderen
Modelle abgrenzt, erreicht auch bei geringen Bügelbewehrungsmengen eine gute
Vorhersage. Über den gesamten Wertebereich des Bügelbewehrungsgrades wird eine
gleichbleibende Vorhersagequalität erzielt. Das eigene Modell erzielt durch die
realitätsnahe Erfassung die Einzelwiderstände mit den Faktoren ·n und at Vorteile
gegenüber den anderen Modellen.

Fazit:
Die Modelle nach Mark, Hansapinjo und JSCE berücksichtigen ausschließlich
ungünstige Effekte geneigter Querkräfte auf die resultierende Tragfähigkeit. Die
vergleichenden Auswertungen belegten, dass sich das komplexe Querkrafttragverhalten
von Bauteilen mit Bügelbewehrung jedoch nicht ausschließlich durch die
tragfähigkeitsmindernden Einflüsse auf den Widerstand Vsw der Bügel beschreiben lässt.
Einflüsse der Querkraftneigung auf den Betontraganteil Vc sind zusätzlich zu
berücksichtigen.
Der vorgestellte Ansatz berücksichtigt einen positive Einfluss der Querkraftneigung auf
den Betontraganteil Vc und einen tragfähigkeitsmindernden Einfluss auf Vsw. Dies führt
gegenüber den anderen Ansätzen zu einer Verbesserung des Mittelwertes VExp =Vcalc bei
gleichzeitiger Reduktion des Variationskoeffizienten (vgl. Tabelle 5.7). Der Ansatz
gliedert sich dabei auf ein zur DIN 1045-1 vergleichbares Sicherheitsniveau ein (vgl.
Tabelle 5.3) und kann somit für praktische Bemessungen genutzt werden.
5.5 Tragverhalten auf Gebrauchslastniveau 123

Modell Gleichung Mittelwert Standardabw. Variationskoeff.

Mark Gl. (2.38) 1,56 0,27 0,17


JSCE Gl. (2.35) 1,34 0,22 0,16
Hansapinyo Gl. (2.42) 1,29 0,18 0,14
eigener Ansatz Gl. (5.13) 1,19 0,17 0,14

Tabelle 5.7: statistische Kenndaten der Ansätze

5.5 Tragverhalten auf Gebrauchslastniveau

Im Rahmen dieses Kapitels sollen für das vorgestellte ganzheitliche Querkraftmodell


Perspektiven zur Anwendung auf Gebrauchslastniveau aufgezeigt und gegebenenfalls
weiterer Forschungsbedarf dokumentiert werden.
In einem ersten Schritt wird das Modell „rückwärts“ angewendet, um innere
Spannungs- und Dehnungszustände bei Querkraftbelastungen unterhalb der
Grenztraglast zu untersuchen. In einem zweiten Schritt werden in den Versuchen
gemessene Entwicklungen der Schubrissbreiten in eine einfache Beziehung zum inneren
Kraft bzw. Dehnungszustand der Bügelbewehrung gesetzt.

5.5.1 Dehnungs- und Spannungszustand der Bügelbewehrung

Ablauf der Berechnung


Die Dehnungsaufnahme der Bügelbewehrung und damit auch die Spannungsaufnahme
wird durch Querkräfte verursacht, deren Betrag die tatsächliche Schubrisslast und
damit den Widerstand von Balken ohne Bügelbewehrung überschreitet (Gl. (5.13) mit
°c = 1 und f1c = 0; 95 ¢ fcm). Rechnerisch wird die Schubrisslast durch die Widerstände
VRk,N und VRk,ct beschrieben.
Bügeldehnungserzeugende Querkräfte Vw (vgl. Bild 5.1 und Tabelle 5.1) bestimmen sich
aus der Differenz der einwirkenden Querkraft zur Summe der beiden Widerstände.
Vw = vorh.V ¡ (VRk,ct + VRk,N ) ¸ 0 (5.16)
Im Fachwerkmodell steht diese Querkraft mit den Bügelkräften im Gleichgewicht. Die
maximale Größe bleibt deshalb auf den Widerstand der Bügelbewehrung beschränkt
(Vw · VR,sw). Die maßgebende Schenkelkraft im räumlichen Fachwerk kann mit:
Vw
Tz = (5.17)
2 ¢ z ¢ cot ¯r ¢ 1=at
berechnet werden (vgl. Kap. 3.3.2). In Abhängigkeit von der Bügelbewehrungsmenge
asw und dem Elastizitätsmodul des Betonstahls Es ergibt sich die zugehörige Dehnung
in der Bügelbewehrung:
124 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

2 ¢ Tz
"sw = . (5.18)
Es ¢ asw
Erreicht der Kraftanteil Vw die Tragfähigkeit der Bügelbewehrung (Vw = VRk,sw),
müssen bei nahezu ideal plastischen Verhältnissen im Bewehrungsstahl die Dehnungen
schlagartig zunehmen.

Versuchsauswertung
Für den Vergleich von berechneten und gemessenen Bügeldehnungen werden 2
Versuche herangezogen. Versuch V20_A mit einem Bügelbewehrungsgrad !w = 0; 045
ist durch einen hohen Betontraganteil (76%) und einen relativ geringen Traganteil der
Bügelbewehrung gekennzeichnet (VRk,ct =Vcalc = 0; 76). Auf die Tragfähigkeit des
Balkens bezogen, entwickeln sich die Bügeldehnungen nur in einem eng begrenzten
Querkraftbereich (Vw =Vcalc · 0; 24). Das Gegenteil ist im Versuch V23_A der Fall. Der
Bügelbewehrungsgrad !w = 0; 13 liegt an der Grenze des technisch Machbaren. Die
Traganteile verteilen sich hälftig (VRk,ct =Vcalc = 0; 49) auf beide Anteile. Der
Querkraftbereich mit Bügeldehnungen steigt folglich an (Vw =Vcalc · 0; 51). Die beiden
ausgewählten Versuche spannen mit !w,min = 0; 045 (V20_A) und !w,ax = 0; 13
(V23_A) den vollen Wertebereich der Versuchsbalken auf.
Im Bild 5.15 sind die gemessenen Bügeldehnungen über die äußere Kraft P = 2 ¢ V
sowie den berechneten Verlauf der Bügeldehnungen dargestellt. Zunächst lässt sich
feststellen, dass das Lastniveau der Bügelaktivierung für die berechneten Werte gut mit
den Versuchsbeobachtungen übereinstimmt. Dabei verlaufen die Rechenwerte ideal
horizontal und die Messwerte steigen minimal an. Eine exakte Erfassung des
Lastniveaus mit einsetzenden Dehnungen ist die wesentliche Grundvoraussetzung für
eine rechnerische Beschreibung von Bügeldehnungen, da alle folgenden Werte darauf
beruhen.
"[0=00 ]
4
2 ¢ VRk,ct 2 ¢ VRk,sw

"sw ¼ 0 "sw > 0


3
"sw,mess
"sw,calc "sw,calc
2

P = 2 ¢ V [kN]
0
0 100 200 300 400

Bild 5.15: Verlauf der gemessenen und berechneten Bügeldehnungen bei !w,min = 0; 045
(V20)
5.5 Tragverhalten auf Gebrauchslastniveau 125

"[0=00 ]

¯r,calc = 35±
2 ¢ VRk,ct 2 ¢ VRk,sw

"sw ¼ 0 "sw > 0


"sw,mess
"sw,calc

"sw,calc (¯r,calc = 40± )

P = 2 ¢ V [kN]

Bild 5.16: Verlauf der gemessenen und berechneten Bügeldehnungen bei !w,max = 0; 13
(V23)
Ab einem Lastniveau vorh.V > VRk,ct steigen sowohl die berechneten als auch die
gemessenen Bügeldehnungen gleichmäßig bis zur Fließgrenze an. Diese wird bei
Vw = VRk,sw erreicht. Wegen der rechnerischen Traglastunterschätzung
(VExp =Vcalc = 1; 19) erfolgt die Dehnungszunahme ohne Laststeigerung im Modell eher
als im Versuch.
Sehr ähnlich fällt der Vergleich für den Versuch V23_A aus. Wesentlicher Unterschied
ist hier der relativ große Traganteil der Bügelbewehrung (51 %). Über einen
entsprechend großen Kraftbereich (¢V = 584 ¡ 282 = 302 [kN]) erfolgt die
Dehnungszunahme der Bügel. Um den Einfluss des verwendeten Schubrisswinkels in
der Berechnung auf die Bügeldehnungen zu verdeutlichen, wurde zusätzlich zur
Auswertung mit dem Schubrisswinkel ¯r = 40± auch ein Risswinkel von ¯r = 35±
berücksichtigt. Hierdurch wird der Anstieg flacher und nähert sich den gemessenen
Werten an. Folgende Zusammenhänge sind bei der Ermittlung von Bügeldehnungen
mit dem Modell zu beachten:
• Bügeldehnungen sind vom anliegenden Lastniveau abhängig,
- vorh.V · VRk,c: "sw = 0
- VRk,c < vorh.V · VRk,sy: 0 < "sw · "ysw
• die Berechnung der Bügeldehnungen gelingt sowohl bei hohen als auch geringen
Bügelbewehrungsgraden !w .

Auswirkungen auf den Ermüdungsnachweis


Für Ermüdungsnachweise ist die Spannungsamplitude max.¢¾s eine maßgebende Ein-
gangsgröße [2, 6, 14, 101], da die Anzahl der vom Bauteil ertragbaren Lastzyklen mit
Wöhlerlinien in Abhängigkeit von ¢¾s ermittelt werden. Bei Anwendung eines
Querkraftmodells mit resultierendem Ortsvektor ist die Spannungsdifferenz
126 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

VEk,1
VEk,2 ¢VEk,1-2

¾yw

¢¾s (μ=konst)

or
vekt
Orts
res. ¢¾s;Vw
erf.!w
0
0
V
Querkraftwiderstand V = VRk,ct V = VRk,sy
Bild 5.17: Auswirkungen auf berechnete Bügelspannungen bei Verwendung eines
Modells mit resultierendem Ortsvektor und dem eigenen Modell
¢¾s (μ = konst.) linear an die Differenz VEd,1-2 der Querkräfte VEd,1 und VEd,1 gekoppelt
und weicht wesentlich vom realen Bauteilverhalten und dem hier vorgeschlagenen
Bezug zur dehnungserzeugenden Querkraft Vw (Gl. (5.16)) ab. Bild 5.17 zeigt die
grundlegenden Unterschiede der rechnerisch ermittelten Spannungsdifferenzen. Die mit
dem resultierenden Modell ermittelten Spannungsdifferenzen ¢¾s (μ = konst.) sind
linear voneinander abhängig. Wird bei der Ermittlung der Schwingbreite
berücksichtigt, dass zum Beispiel Dehnungen unterhalb der Schubrisslast nicht
aktiviert werden (VEd,2 < VRd,ct) ergeben sich realistische Schwingbreiten ¢¾s;Vw die
grundsätzlich mit den in Versuchen auftretenden Verläufen übereinstimmen. Für die
Eingangsgröße ¢¾s in die Wöhlerlinien zum Ermüdungsnachweis ergeben sich für die
Bügelbewehrung schon vorab unrealistisch Schwingbreiten der Betonstahlspannungen.
Für das gezeigte Fallbeispiel ist davon auszugehen, dass Nachweise in Grenzbereichen
rechnerisch noch gelingen, da die die berechnete Schwingbreite kleiner als die
tatsächliche Schwingbreite ist. Ein gegenteiliger Effekt ist bei geringeren
Querkraftbeanspruchungen (VEd,1 < VRd,ct) zu erwarten. Tatsächliche Bügeldehnungen
und Spannungen im Bauteil sind dann sehr gering, während sich wegen des linearen
Zusammenhangs rechnerische Spannungsdifferenzen ¢¾s (μ = konst.) ergeben.

5.5.2 Rechnerische Abschätzung der Schubrissbreite


Die Rissbreite wird durch eine Vielzahl von Faktoren, unter anderem durch die
Betonzugfestigkeit, Betondeckung, Verbundeigenschaften, Form und Dicke eines
Bauteils, Verteilung der Zugspannungen vor der Rissbildung und der Menge und
Anordnung der Bewehrung im Bauteil beeinflusst [7, 11, 14, 30, 37, 53].
5.5 Tragverhalten auf Gebrauchslastniveau 127

Wegen der komplexen Zusammenhänge müssen zur Einhaltung der Biegerissbreite nach
DIN 1045-1 eine Mindestbewehrung zur Begrenzung der Rissbreite infolge Zwang
berücksichtigt und Nachweise zur Rissbreitenbegrenzung infolge Last geführt werden.
Im Gegensatz zu Biegerissen weicht bei Schubrissen die Normale von der Bewehrungs-
führung ab (vgl. Kapitel 4.3). Gegenüber einem einachsigen Biegespannungszustand
sind im Bereich mit Schubrissen räumliche Spannungszustände zu berücksichtigen.
Hierzu ist ein Lösungsansatz in [38] zu finden.
In [70] wird als praktischer Ansatz zur Steuerung der Schubrissbreite eine
Beschränkung der Bügelabstände vorgeschlagen. Ein ähnlicher Zusammenhang wird
auch in [85] festgestellt. Entsprechende Regelungen finden sich in der aktuellen DIN
1045-1 wieder, auch wenn diese nicht explizit zur Beschränkung der Rissbreite dienen.
In Abhängigkeit von der Querkraftausnutzung werden Bügelabstände im Bezug zur
Bauteilgeometrie beschränkt. Im Folgenden wird daher untersucht, wie sich
Schubrissbreiten im Zusammenspiel von Bügelabständen und anliegendem Lastniveau
entwickeln.

Berechnungsgrundlagen und Versuchsauswertung


Grundsätzlich lässt sich für die ausgewerteten Versuchsrissbilder eine Tendenz feiner
werdender Risse bei steigenden Bügelbewehrungsgraden und sinkenden Bügelabständen
beobachten. Anhand der Versuche mit extremalen Bügelabständen sw = 22 (V20) und
7,5 (V23) werden die Auswirkungen der unterschiedlichen Bügelabstände auf die
Rissbreiten – und abstände in Abhängigkeit der Belastung diskutiert. Im Gegensatz zur
Nachweisführung zur Begrenzung der Biegerissbreiten in Abhängigkeit einer
verbundwirksamen Oberfläche der Bewehrung wird hier vereinfacht ein Verhältnis aus
Bügelabstand zur Bauteilhöhe und dem Verhältnis aus anliegenden Kräften zur
Querschnittsfläche F=A » ², also der Bügeldehnung berücksichtigt.
Zunächst kann anhand der Oberflächenrissbilder ein annähernd proportionaler Zusam-
menhang zwischen der Anzahl um ¯r geneigten Risse entlang der Bauteilachse und der
Anzahl der bügelkreuzenden Risse über die Bauteilhöhe aufgestellt werden (Bild 5.18).
h ¢ cot ¯r h
= (5.19)
sw sr
Durch Umformung kann der Rissabstand sr = sw = cot ¯r ein Bezug zum gewählten
Bügelabstand hergestellt werden. Die Anzahl n der vertikal übereinander liegenden
Schubrisse wird somit durch die Bauteilhöhe, den Bügelabstand und den Risswinkel
beeinflusst.
h h ¢ cot ¯r
n= = (5.20)
sr sw
Die Gesamtschubrissbreite muss dem aufintegrierten Dehnungsunterschied zwischen
Betonstahl und umgebender Betonfaser [116] über die Bügelschenkellänge lB
entsprechen. Die Mitwirkung des Betons auf Zug wird hier zunächst nicht
berücksichtigt.
128 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

0,25 0,375
1

V20 sw = 22
¼ sr

2 ¼ h ¢ cot ¯r

0,25 0,375
4

sw = 7; 5

0,25 0,375
1 ¼ sr

2 ¼ h ¢ cot ¯r

V23
3

0,25 0,375
4

Bild 5.18: Vergleich der Rissbildabwicklungen (V20 und V23)


ZlB
wges = ("sw ¡ "c )dx (5.21)
|{z}
0 "c <<"sw

Die auf n-Einzelrisse verteilte Gesamtschubrissbreite wird gleichmäßig aufgeteilt, sodass


die mittlere rechnerische Einzelrissbreite sich zu:
wges
wcalc = wm,i = (5.22)
n
ergibt.
Für die bereits gezeigten Rissbilder (Bild 5.18) und Dehnungsentwicklungen (Bild 5.15
und Bild 5.16) der Versuche V20 und V23 sind die nach dem vorgestellten Prinzip
berechneten Rissbreiten und die gemessenen Rissbreiten im Bild 5.19 und Bild 5.20
gegenübergestellt. Die Bügeldehnungen werden mit den in Kapitel 5.5.1
vorgeschlagenen Beziehungen ermittelt und die Gesamtschubrissbreite wges anhand von
Gl. (5.22) auf die Einzelrissbreiten wcalc verteilt.
Für beide Versuche stimmen Mess- und Rechenwerte gut überein. Wegen der
proportionalen Kopplung an die rechnerischen Bügeldehnungen verhält sich die
Rissbreite entsprechend. Wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Versuchen ist
die engere Verbügelung. Die Rissbreiten sind annähernd proportional zu den gewählten
5.5 Tragverhalten auf Gebrauchslastniveau 129

w[mm]
2 ¢ VRk,ct 2 ¢ VRk,sw

w¼0 w>0

wmess
wcalc

wcalc

P [kN]

Bild 5.19: Vergleich der Messwerte (DRS) mit berechneten Rissbreiten (V20)
w[mm]
1,4
2 ¢ VRk,ct 2 ¢ VRk,sw
1,2
w¼0 w>0
1
wmess
0,8
wcalc
0,6

0,4 wcalc
0,2
P [kN]
0
0 100 200 300 400 500 600 700 800 900
Bild 5.20: Vergleich der Messwerte (DRS) mit berechneten Rissbreiten (V23)
Bügelabständen wcalc (V 20)=0;43
wcalc (V 23)=0;15
¼ sw (V 20)=22
sw (V 23)=7;5
= 2; 9. In den gemessenen Rissbreiten tritt
bei fließen der Bügel eine ähnliche Skalierung auf w(V 20)=0;55
w(V 23)=0;2
= 2; 8. Weil in den
Versuch auch der Bügelbewehrungsgrad um den Faktor 2,9 anwächst, steigt auch die
verbundwirksame Oberfläche die bereits bei Untersuchungen zur
Biegerissbreitenbegrenzung [30, 116] als wesentlicher Parameter identifiziert wurde.

Hinweise zur Beurteilung von Schubrissen


Die Beurteilung von Schubrissbreiten in bestehenden Bauteilen hinsichtlich der
Querkrafttragfähigkeit kann somit nicht allein anhand von Absolutwerten der
Rissbreite auf der Bauteiloberfläche erfolgen. Vielmehr müssen, wie in der Auswertung
der Versuche gezeigt, der Dehnungszustand und die Anzahl der Risse mit in die
Beurteilung einfließen.
130 Kapitel 5: Entwicklung eines ganzheitlichen Bemessungsmodells

Die Auswertung der Versuche zeigt, dass erst bei nahezu ausgeschöpften
Querkrafttragfähigkeiten es zu einer Lokalisierung der Dehnungszunahme in einem
einzelnen Riss kommt. Die rechnerische Erfassung ist mit den hier vorgestellten Mitteln
dann nicht mehr möglich. Eine solche Lokalisierung der Dehnungen konnte im Versuch
auf der Bauteiloberfläche durch die Ausprägung dominierender Schubrisse erkannt
werden.

Ausblick auf weitere Forschungsfelder


Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich primär mit der Analyse und der Beschreibung
von Querkrafttragmechanismen und der Ableitung von Bemessungsansätzen für den
Grenzzustand der Tragfähigkeit. Zukünftig sollte der Frage nachgegangen werden, wie
dabei die Gebrauchstauglichkeit sicher gestellt werden kann, da dieser Aspekt bisher
nur unzureichend untersucht wurde.
Dazu gehören Analysen wie sich Langzeiteffekte auf einzelne Querkrafttrag-
mechanismen auswirken genauso wie Beschreibungen der Degradation der
Querkrafttragfähigkeit z. B. infolge Schubrissbildung. Die in der Arbeit aufgezeigte
Kopplung von Schubrissbreiten auf der Bauteiloberfläche und inneren Spannungs- und
Kraftgrößen kann als Ansatzpunkt zur Ableitung von theoretischen Ansätzen zur
Berechnung von Schubrissbreiten genutzt werden. Anhand weiterer Versuche kann
dabei die aufgezeigte Beeinflussung der Rissbreite durch unterschiedliche
Bügelabstände und -mengen weiter nachgegangen werden. Für eine praktische
Umsetzung im Gebrauchszustand sind wegen des komplexen Zusammenhangs zwischen
anliegendem Lastniveau und aktivierten Widerständen aus der Summe der
Einzelwiderstände Vc, VN und Vsw einzelne Teilsicherheitsbeiwerte abzuleiten.
Des Weiteren kann der hier abgeleitete Berechnungsansatz für den Grenzzustand der
Tragfähigkeit in Form eines Summenansatzes zur Ableitung von Berechnungsansätzen
zur Ermittlung von Resttragfähigkeiten bestehender Bauteile genutzt werden. Auch
hierbei spielt die Kopplung zwischen Schubrissbildung und inneren Spannungs- und
Kraftgrößen eine wesentliche Rolle. Schädigungen können bei der Berechnung der
resultierenden Resttragfähigkeit aus den Einzelsummanden in Kombination mit
Schädigungsparametern sinnvoll berücksichtigt werden.
Kapitel 6
Zusammenfassung

6.1 Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wurde ein ganzheitliches Bemessungsmodell für


Stahlbetonbalken unter zweiachsigen Querkrafteinwirkungen hergeleitet. Das
vorgeschlagene Modell kann sowohl für die Abschätzung der Grenztraglast, als auch
zur Ermittlung innerer Spannungs- und Kraftgrößen in Balken mit und ohne
Querkraftbewehrung angewendet werden.

Im Rahmen der Herleitung wurden mechanisch nachvollziehbare Beschreibungen des


Querkrafttragverhaltens entwickelt und zu Einzeltragmodellen zusammengefasst. Dazu
wurde zunächst zwischen dem Tragverhalten von Bauteilen ohne und mit Querkraft-
bewehrung unterschieden.
Das Einzeltragmodell für Bauteile ohne Querkraftbewehrung erklärt den Lastabtrag im
Balken und die Interaktionen zwischen aktivierten Tragmechanismen und äußeren
Belastungen. Die Maßstabsabhängigkeit des Widerstands wird durch den verwendeten
bruchmechanischen Ansatz begründet. Für zweiachsige Querkraftbeanspruchungen
werden im Bezug zur einachsigen Referenz Widerstandssteigerungen prognostiziert.
Diese sind vor allem auf eine gesteigerte Querkrafttragfähigkeit der Biegedruckzone
zurückzuführen. In Balken mit Querkraftbewehrung sind die Veränderungen im
Lastabtrag ungleich komplexer, da sich der Widerstand anteilig aus räumlich
ausgebreiteten Fachwerkstreben und zusätzlich wirkenden Tragmechanismen
zusammensetzt. Zweiachsige Querkräfte effizieren dabei in den Traganteilen der
Bügelbewehrung und der Druckstrebe Minderungen und in den zusätzlichen
Traganteilen, wie bei Bauteilen ohne Querkraftbewehrung, positive Einflüsse. Je nach
Bügelbewehrungsgrad und Querkraftneigung kann sich ein erhöhter resultierender
Querkraftwiderstand oder auch eine gegensätzliche Tendenz einstellen. Im Extremfall
ist der Widerstand der Bügelbewehrung um die Hälfte reduziert und der
Betontraganteil gegensätzlich um ein Viertel der einachsigen Referenz erhöht.

Zur Überprüfung der Modellprognosen wurden insgesamt 38 großformatige


Balkenversuche mit ein- und zweiachsigen Querkräften durchgeführt. In den Versuchen
kam eine Kombination aus herkömmlichen und innovativen Messtechniken, wie dem
erstmals in Bauteilversuchen verwendeten Digitale Risslehre System oder digitaler
132 Kapitel 6: Zusammenfassung

Photogrammetrie, zum Einsatz. So konnten die Aktivierungen der Tragmechanismen


untersucht und die Versagensmechanismen der Balken ohne Querkraftbewehrung sowie
die versagenden Zug- und Druckstreben in den Balken mit Querkraftbewehrung
dokumentiert und zur Bestätigung der entwickelten Einzeltragmodelle genutzt werden.

Die Zusammenführung der aus den Einzeltragmodellen und den Versuchen gewonnenen
Erkenntnisse gelingt im ganzheitlichen Bemessungsmodell. Eine Anbindung an
normative Regelungen und das Sicherheitskonzept der DIN 1045-1 wurde dabei
realisiert. Durch die gewählte Form eines Summenansatzes ergibt sich ein gleitender
Bemessungswiderstand von Bauteilen ohne Querkraftbewehrung hin zu Bauteilen mit
Querkraftbewehrung. Die in das Bemessungsmodell integrierten Faktoren zur
Berücksichtigung der Querkraftneigungseinflüsse auf den Balkenwiderstand bewirken
für ein- und zweiachsige Lastfälle sichere Abschätzungen der Tragfähigkeit, wie die
vergleichenden Untersuchen mit Versuchsbruchlasten nachweisen. Im Anschluss wird
das ganzheitliche Bemessungsmodell beispielhaft zur Ermittlung von Bügeldehnungen
und Bügelspannungen auf Gebrauchslastniveau angewendet. Die erzielten Ergebnisse
stimmen gut mit experimentellen Beobachtungen überein und unterscheiden sich
deutlich von den rechnerischen Ergebnissen aus Modellen mit resultierenden
Druckstrebenneigungswinkeln. Konsequenzen der abweichenden Modellprognosen auf
Gebrauchstauglichnachweise werden am Beispiel des Ermüdungsnachweises für die
Bügelbewehrung diskutiert. Potenzial für zukünftige Weiterentwicklungen wird durch
die Herleitung eines vereinfachten Ansatzes zur Berechnung der Schubrissbreite
aufgezeigt. Hierdurch entsteht eine direkte Kopplung von inneren Zustandsgrößen und
auf der Bauteiloberfläche sichtbaren Rissen, sodass sich grundsätzlich auch
Möglichkeiten zur Bewertung von Resttragfähigkeiten eröffnen. Erste Empfehlungen
zur Beurteilung solcher Schubrisse sowie Hinweise zu notwendigen
Weiterentwicklungen schließen die Arbeit ab.
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