Sie sind auf Seite 1von 79

BEWUSSTWERDUNG

Und G.I. Gurdjieff

Von
Solange Claustres

Editions Eureka
Inhalt

Vorwort 1
Einführung 2
Meine erste Begegnung 4
Toasts auf die Idioten und Beinnamen 6
Der Schleier 8
Einen toten Esel hinter sich herziehen 11
Milapera 12
Die Holzschlange 15
Der Nachtisch 17
Der Weihnachtsbaum 19
Die Angst 20
Befreiung von meiner Mutter 21
Die Schlange, die Mönch werden wollte 22
Fasten, die verschiedenen Nahrungen 23

Einmal, Eines Tages, Kurze Erzählungen:


-Die Tränen 25
-Gutes Publikum 26
-Dr. Conge 26
-Es ist nicht so 26
-Atmosphäre 27
-Auf Andere Achten 27
-Samtband 28
-Bahnhof St. Lazare 30
-Der Abschied von Monsieur Gurdjieff 33

Die Tänze – Movements

Die Kunst, eine Lehre ohne Worte


zu vermitteln 35

Wachsamkeit 44

Ich Bin Mich Selbst 45

Worte von Georges Gurdjieff 46

Kurze Bemerkungen zu dieser Lehre


Meine Überlegungen 49

Transformation der Substanzen


im Menschen 58
-Annäherung an die Physiologie 64
-Gespräch über die Physiologie
mit Pascale W.: 65

Nahe Georges Gurdjieff 68

Meine Begegnung mit G. Gurdjieff 74

G. Gurdjieffs Leben kurz skizziert 77

Anmerkung: In der zweiten Auflage der Französischen

Auflage ist das Kapitel „G. Gurdjieffs Leben kurz skizziert“


direkt nach dem Vorwort, und die Kapitel „Nahe G. Gurdjieff“
sowie „Meine Begegnung mit G. Gurdjieff“ nach der Einleitung.
-1-
VORWORT
In diesem Buch beschreibe ich G.I. Gurdjieff und seine Lehre, welche ich von 1941 bis
1949 bei ihm in Gruppen, bei Treffen, bei den Movements und bei ihm zuhause kennen
gelernt habe. Auch während meines gesamten Lebens.
Diese Lehre der Bewusstwerdung, der Entwicklung Seiner Selbst, der Klarheit, der
Ehrlichkeit, ist mir zur Lebenspraxis geworden. Meine Erfahrung seit 1941 erlaubt es mir,
Zeugnis abzulegen.
Und ich bin es mir in diesem Vorwort schuldig, die Leser mit mehreren Tatsachen bekannt
zu machen, damit sie klar die Authenzität, die Ehrlichkeit oder das Gegenteil, oder die
Phantasie sehen:
Mehrere Organisationen haben sich im Namen von G.I. Gurdjieff gebildet und ihre Führer
sind alle nicht von Monsieur Gurdjieff und/oder Mme de Salzmann instruiert worden.
Manche waren Schüler von Schülern, verschiedener Herkunft, ohne eine tiefere Erfahrung
mit dieser Lehre gemacht zu haben.
Andere, die einen Schüler kennen, die Ideen, die Bücher von oder über G., bilden Gruppen
im Namen von G. Gurdjieff, ohne die Praxis seiner Arbeit ausgeübt zu haben. Aspekte der
Ideen werden deformiert, ebenso der Movements. Die wirkliche innere Arbeit von G.
Gurdjieff ist nicht vorhanden.
Die richtige Kenntnis und die richtige Praxis im Sinne der Energien, der Aufmerksamkeit
und des Bewusstseins ist nicht vorhanden, weil sie diese nicht praktiziert haben.
Ich weise darauf hin, daß einige für ihre Organisation, die vor allem kommerziell sind, den
Namen von G. Gurdjieff benutzen und Namen oder Titel, welche G. vor langer Zeit benutzt
hatte, wie: „Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen", „Der vierte Weg",
und andere Namen; indem sie sich der Bücher über und von G. Gurdjieff bedienen, und
aller möglichen Dokumente, obgleich die Organisatoren niemals die Arbeit von G.
Gurdjieff praktiziert haben.
Selbst Personen, die in den von Monsieur Gurdjieff und/oder Mme de Salzmann gebildeten
Gruppen waren, sind nicht immer auf der Höhe ihrer Verantwortung, durch einen Mangel
an wirklicher Suche oder/und einem Bedürfnis nach Macht, aus Eitelkeit oder Schwäche.
Andere in Gruppen sind praktisch nicht in dieser Lehre, weil sie innerlich nicht arbeiten:
Ihr Ego ist zu stark, ihre Einbildung nährt ihre Illusion und ihre physische Anwesenheit bei
den Treffen genügt ihnen.

Bei allem, was ich hier beschreibe, füge ich hinzu, daß bestimmte Menschen durch die
Ehrlichkeit ihres Wesens instinktiv und intuitiv den wirklichen Sinn dieser Lehre verstehen
können und sie wirklich auf die Suche begeben können, geleitet von ernsthafter
Beobachtung und einer tiefen Bewusstwerdung ihrer selbst.
-2-
EINFÜHRUNG
Dieses Werk legt Zeugnis ab von dem, was ich von G. Gurdjieff wie ich ihn kannte,
vermitteln möchte. Von seiner Lehre, wie ich sie verstanden habe und von dem, wie ich zu
jener Zeit gedacht und gefühlt habe.
Indem ich meine Erinnerungen und meine Eindrücke wieder durchlebte, um so
wahrheitsgetreu wie möglich zu sein, hat diese Niederschrift meine innere Arbeit mit G.
Gurdjieff verlängert, den Umfang dessen, was er mir gegeben hat präzisiert und hat mir nach
und nach meinen inneren persönlichen Weg bewusst gemacht, den Weg meines innersten
Wesens.
Ich versuche zu vermitteln, was ich von G.I. Gurdjieff erhalten habe und besonders dieses
außergewöhnliche Gefühl, das von ihm ausstrahlte, dieses Verstehen des Wesens, seines
Herzens, als ob er ein „Ohr" gehabt hätte, das die Bewegungen meines Gefühls „hörte".
Er war so bei allen. Dies war keine Sentimentalität. Seine Aufmerksamkeit war ein Akt der
Anwesenheit für den anderen, für die anderen.
Da mir eine solche Präsenz in meinem Umfeld immer gefehlt hatte, war ich für diese Qualität
der Aufmerksamkeit für den anderen, für mich, dankbar.
Als ich G.I. Gurdjieff kennen lernte, war ich schon durch die seit meiner Kindheit erlebten
traumatisierende Dramen gereift und durch Ideen, die mein Denken beschäftigten und ich
versuchte den Sinn des menschlichen Leidens zu verstehen, den Sinn des Lebens.
Hinter meinem entschiedenen Charakter, meiner leidenschaftlichen Natur, die sich aus
verschiedenen Erbanlagen zusammensetzte, versteckte sich der andere Teil in mir, der das
Kind blieb, das er niemals sein konnte, naiv und schüchtern, den nur Monsieur Gurdjieff
gesehen hat, erkannt hat und dem er ein Gefühl des Vertrauens gab.
Ich suchte keinen Meister, ich suchte den Sinn des Lebens der Menschen.
Eine Bekanntschaft über jemanden anderes brachte mich in Kontakt mit Madame Jeanne de
Salzmann, die eine Gruppe vorbereitete, um sie Monsieur Gurdjieff vorzustellen.
Meine Begegnung mit G.1. Gurdjieff war die mit dem Meister, dessen ich bedurfte: eines
Meisters, der sich seiner selbst bewußt war, der Anderen, des Lebens und des Sinns dieses
Lebens.
Einige Zeit nach dem Tod von G. Gurdjieff riet mir Mme de Salzmann, meine Erfahrung mit
ihm niederzuschreiben. Aber zu jenem Zeitpunkt fühlte ich mich nicht fähig zu schreiben.
Viel später, als ich meinen eigenen Schülern in dieser Lehre G. Gurdjieff beschrieb, fühlte
ich die Notwendigkeit, mein Zeugnis als Akt der Dankbarkeit niederzuschreiben, die
Aufgabe, von G.1. Gurdjieff und seiner Bedeutung zu erzählen.
Die Lehre von G. Gurdjieff ist weder eine Philosophie., noch eine Religion. Es ist eine
Schule der Bewusstmachung seiner selbst durch eine tiefere Kenntnis seiner selbst, für die
Entwicklung und Entfaltung aller seiner Fähigkeiten durch eine Disziplin des Denkens, des
Gefühls und des Körpers, durch verschiedene Übungen für jeden dieser Teile, getrennt und
gleichzeitig.
Diese Lehre ist Teil des ,;Vierten Weges", der sich von dem des Mönchs, des Yogi und des
Fakirs unterscheidet; die sich speziell mit dem Gefühl oder dem Denken oder dem Körper
beschäftigen und verlangen, an sie zu glauben.
G. Gurdjieff verlangte nicht, daß man glaubte, sondern im Gegenteil, kritisch zu sein, zu
experimentieren und selbst zu lernen.
-3-
Diese Lehre verlangt nicht den Rückzug aus dem Leben; man muß in seinem Leben bleiben
und ganz allmählich vollkommen präsent in seinem ganzen Leben werden.
Dieser Weg stellt subtilere Anforderungen als die anderen.
G. Gurdjieff und seine Schule haben eine tiefe Kenntnis der physischen, physiologischen und
psychischen Aspekte des Materials im Prozeß der Evolution des Seins, durch die
Transformation der Substanzen, der Energien, ihres miteinander in Beziehung stehenden
Kreislaufs.
Der Meister oder der Ältere ist da um „aufzuwecken", Hinweise zu geben, dem Schüler
gemäße Übungen in die Praxis umzusetzen. Wenn dies nicht auf richtige Weise geschieht, ist
er weder Meister, noch Älterer, auch wenn er diesen Platz einnimmt.
Einen Teil dieser Schule stellen die „Movements" dar, in bestimmten Klöstern ,;Heilige
Tänze" genannt.
G. Gurdjieff setzte die inneren Übungen dieser Schule in den Movements in die Praxis um.
Sie werden entsprechend den Möglichkeiten des Schülers geübt.
Meine Beschreibungen sind das Ziel dieser Schule, aber jeder dieser Übenden ist mehr oder
weniger entfernt von ihrer wirklichen Anwendung, die eine Demut und sehr rigorose innere
Disziplin erfordert, wo die Einsicht und der wirkliche Wunsch, auf diesem Weg zu sein, nicht
immer stark genug sind, da das Ego immer anwesend ist.
Die Kenntnis dieser Ideen ohne ihre rigorose Ausübung, kann keine Transformation
hervorbringen und im Gegenteil, ein sehr subtiles Hindernis für ein wirkliches Verständnis
und für ihre Praxis sein.
-4-
MEINE ERSTE BEGEGNUNG
Eines Abends in der Rue des Colonels Renard stellte Mme. Jeanne de Salzmann Georg
lvanovitch Gurdjieff eine Gruppe von Personen vor, die sie für seine Lehre vorbereitet hatte,
ich befand mich unter ihnen.
Wir kamen in einen Vorraum, wo wir unsere Mäntel auf einen Sessel und zwei Stühle legten
und betraten ein Zimmer, das Eßzimmer. Es füllte sich schnell mit Leuten, die einen saßen,
andere standen, da nicht genug Platz war, mehr Stühle aufzustellen.
Beim Eintreten sah ich am Ende eines langen Tisches, in einem Sessel mit dem Rücken zur
Tür, eine imposante Gestalt, leicht im Profil. Ich sah das Gesicht nicht, aber es konnte nur
Monsieur Gurdjieff sein. Und impulsiv ging ich dorthin und setzte mich auf den Boden dicht
neben seinem Sessel, zu seiner Linken.
Ich wußte nichts von ihm, noch hatte ich sein Foto gesehen. Aber das Wenige, was ich von
seinem Rücken sah, seinem Körper, der Eindruck, den ich davon erhalten hatte, gab mir dies
unwiderstehliche Verlangen, nah bei ihm zu sein, mit einem sehr starken Gefühl, meine
Familie wiederzufinden, zu Hause zu sein.
Auf dem Boden neben dem Sessel von G. sitzend, den Tisch in Höhe meines Kopfes,
hätte ich ihn nur heben müssen, um ihn zu sehen, was ich nicht tat. Ich machte mich
ganz klein, wie in einem Versteck zusammengekauert. Ich dachte nicht, daß man auf
mich achten würde.
Aber da machte ich meine erste Erfahrung, direkt und stark!
Es gab einige einleitende Worte, auf die ich nicht achtete, da ich mich diesem Gefühl
der Entdeckung hingab, zu Hause zu sein und dem, was von G.I. Gurdjieff ausstrahlte,
das mir einen tiefen Eindruck gab von etwas schon Bekanntem, weit Zurückliegenden,
das ich nun wiederfand.
Und in einem Moment, während eines Schweigens, wendete sich G. I. Gurdjieff zu mir
und sagte, auf mich deutend in einem fragenden, bestimmten Ton, ein wenig
nachdrücklich: „Diese Person hat eine Frage zu stellen, etwas Wichtiges zu sagen."
Ich war ertappt, überrascht, Ich hatte nicht erwartet befragt zu werden, da wir
gekommen waren, um Fragen zu stellen! Ich genierte mich sehr zu sprechen. Ich konnte
keine Worte finden und konnte nur meine ständige Frage stellen. "Ich versuche zu
verstehen, was der Sinn des Lebens ist."

Monsieur Gurdjieff drehte sich ohne mir zu antworten zu Mme de Salzmann um und
warf ihr in unzufriedenem Ton vor, Leute zu bringen, die nicht vorbereitet waren, daß
ich nicht vorbereitet sei.
Er fuhr fort, Mme de S. zu beschimpfen, die ruhig blieb, gleichmütig. G. Gurdjieff
drehte einige Male leicht den Kopf zu mir und beobachtete mich verstohlen.
Ich wusste gut, daß ich nicht bereit war. Tränen flossen mir aus den Augen und liefen
über meine Wangen. Sie rührten aus einer tiefen Verzweiflung und einem tiefen
Bedürfnis nach „ich-weiß-nicht-was". Ich sagte nichts, ich hatte wirklich nichts zu
sagen.
-5-
In all den Jahren, die ich bei ihm verbracht habe, ist dies das einzige Mal, wo Monsieur
Gurdjieff in einer Situation, die mich betraf, Unzufriedenheit ausdrückte, und dies war
meine erste Begegnung!
Dies war für mich ein großer Schock, weil hinzukam, dass ich die einzige war, an die er
sich direkt wandte, obwohl ich geschwiegen hatte...
Ich fühlte mich in einen Abgrund stürzen.:.
In der Stille die folgte, wendete sich G., nachdem er mich nochmals betrachtet hatte, zu
mir um und fragte mich ernst: „Sie, böse mit mir?" Ich antwortete ohne zu zögern
sofort: „Nein, Monsieur". Dies stimmte, warum sollte ich böse mit ihm sein, da er doch
recht hatte?
Immer noch zu mir gewendet, stellte G. in erstauntem Ton nochmals die Frage: „Sie,
nicht böse mit mir?" Ich antwortete wieder: „Nein, Monsieur" und meine Tränen liefen
mir immer noch wie Wasser über das Gesicht.
G. Gurdjieff drehte sich dann zu Mme, de S. um, nickte mit dem Kopf, gab einen tiefen,
gedämpften Ton von sich, wie eine Zustimmung. Und mit langsamen Gesten nahm er
sein eigenes Dessert, neigte sich zu mir und gab es mir mit einer außergewöhnlichen
Freundlichkeit und Zartheit.
Ich hatte ein unbeschreibliches Gefühl. Immer noch in Tränen, nahm und aß ich dieses
Dessert, eine kleine Schüssel, gefüllt mit Sahne, Joghurt, Früchten und Konfitüre und
hatte den Eindruck, zum ersten Mal in meinem Leben genährt zu werden. Dies war für
mich wie ein Erkanntwerden, ich von ihm und er von mir, wie ein zwischen uns
geschlossener Pakt.
Die Zusammenkunft ging weiter, als ob nichts passiert wäre.
Ich versuchte den Sinn seiner Haltung zu verstehen, da er mich nicht persönlich
angegriffen hatte. Ich hatte mich wegen eines essentiellen Bedürfnisses neben ihn
gesetzt: !m Zentrum zu sein. Tatsächlich war ich ganz im Zentrum! Wollte G. Gurdjieff auf
den Platz, den ich mir neben ihm eingenommen hatte, besonders hinweisen?
Das Geschenk seines Desserts war wie eine Einweihung, ein „Ritterschlag", ich habe es
empfunden wie eine Kommunion im Gefühl und in der Empfindung, das erste Mal in
meinem Leben genährt zu werden. Dies wurde durch den Geschmack des Desserts, der sich
in mir ausbreitete und mich erfüllte, konkretisiert.
In dieser ersten Begegnung hatte ich den Eindruck einer großen Kraft: Das Gefühl gesehen zu
werden wie ich bin, das mir den Eindruck gab zu existieren. Ich habe G.I. Gurdjieff
verstanden wie jemand, der das Innerste eines Wesens empfindet und direkt bis dorthin
vordringt.
Ich fühlte mich durch ihn erkannt. Ich fühlte das erste Mal, daß ich existiere, ich existierte.
-6-

DIE TOASTS AUF DIE "IDIOTEN" UND DIE BEINAMEN

Nach unserem Gruppentreffen gab es ein Essen mit G. Gurdjieff, wo wir Toasts auf die
Namen ausbrachten, die von den Schülern der Gruppe ausgewählt waren und manchmal von
Monsieur Gurdjieff.
Für die Toasts bat G., sich einen Namen aus einer Liste auszusuchen, die mehrere Reihen mit
jeweils drei Namen enthielt. Es gab zum Beispiel: gewöhnlich, höher, erleuchtet, zig-zag
usw.
G. Gurdjieff nannte diese Reihe die „Idioten". Dieser Name hatte nicht den negativen Sinn
wie im Französischen, sondern G. bediente sich seiner offensichtlich um zu provozieren!
Weil er einfach bedeutete: „jemand".
Für den Toast nahm man nur ein ganz kleines Glas Armagnac oder Wodka. Frauen konnten
so tun, als ob sie tranken oder nur ein Drittel trinken.
Ich hatte oft die Rolle, die Toasts auf die „Idioten" auszubringen. Ich habe beobachtet, daß
der ausgewählte Name das ausdrückte, was man von sich selbst dachte. Manchmal gab G.
Gurdjieff selbst einen Namen oder er --änderte den, den wir ausgewählt hatten. Ich bemerkte,
daß diese Namen einem Zug unseres Charakters entsprachen oder sogar das Innerste der
Person ausdrückten.
Eines Tages sagte G., daß man vom viereckigen zum runden übergehen konnte, oder das
Gegenteil, vom runden zum viereckigen, wo es Haltepunkte gibt. Die Änderung des Namens
durch G. Gurdjieff sollte einen inneren Übergang auf ein anderes Niveau bezeichnen. Es
handelte sich daher um Arbeit an sich selbst, die das Wesen transformierte.
In alten Traditionen werden jeder Etappe, die ein Mensch zurücklegt; Namen gegeben:
Geburt, Jugendalter, Erwachsenenalter und Ereignisse; die eine Veränderung im Leben
hervorrufen.
Ich hatte den Namen „Widerspenstige" gewählt. Ich fühlte mich so und sogar auch heute
noch! Eines Abends, beim Ertönen meines Namens, drehte sich G. zu mir um und sagte in
erstauntem Ton: „Sie widerspenstig?"... Und er fügte entschieden hinzu: „Sie mitfühlend!"...
Ich war überrascht, ich sah mich überhaupt nicht so!
Und eines Abend, beim Toast auf meinen Namen, sagte mir G: „Sie Mitfühlende?... Aber ...
subjektiv? oder objektiv?"... So stellte G. Gurdjieff alles in Frage! ... Ich musste verstehen,
daß ich „mitfühlend" war, und subjektiv? oder objektiv?...!
Ein Beispiel brachte mich auf die Spur: Ich erzählte G, daß ich einer Kameradin finanziell
und moralisch half. Er sagte: „Sie haben einer Person geholfen? Sie werden Schläge von
dieser Person
erhalten! Man muß wissen, wie man hilft, lernen zu helfen. Der Mensch ist so gemacht!"
Später habe ich die Wahrheit seiner Worte erfahren: Diese Frau verschwand, ohne Erklärung
und ohne mir das Geld zurückzugeben!
Ich benötigte lange Zeit, um mir meine Haltung bewußt zu machen: Ja: Naiv, subjektiv,
anstatt bei klarem Verstand zu sein, objektiv und zu wissen, wie man „Nein" sagt.
Meine Natur ist so, daß ich oft diese Situation wiederfinde, mit der ganzen Inkonsequenz des
Menschen: Egoismus, Feigheit, Unehrlichkeit.
G. Gurdjieff gab uns manchmal Beinamen.
-7-
Mich hat er von Anfang an „Melange" (Mischung) genannt. Dies könnte zu meinem
Vornamen Solange passen, aber andere Beinamen für meine Kameraden, wie: Kleine,
Viertelschlaf; Halbschlaf, Maus, Brioche (kleiner Kuchen), Magere, Halbundhalb und andere,
gaben einen Aspekt der Person wieder, einen Charakterzug oder ihr innerstes Wesen.
Was bedeutete mein Beiname?
Ich beobachtete unter anderem, daß „Kleine" keinen negativen Aspekt für denjenigen, der
diesen Beinamen trug, ausdrückte ... eher im Gegenteil!
G. Gurdjieff war oft ironisch, aber nie herablassend.
Als mich G. so nannte, mit dem „g" wie „che" ausgesprochen: Melanche, stellte ich mir keine
Frage. Aber später fragte ich mich, welche Melange? Es gab meine verschiedenen Erbströme
und Einflüsse sehr verschiedener sozialer Umgebungen, auf allen Ebenen, von oben nach
unten auf der sozialen Leiter, in denen ich als Kind und mein ganzes Leben lang lebte.
Seit meiner Kindheit befand ich mich inmitten von Menschen und Situationen, die sich
zueinander in Opposition befanden. Ich habe immer versucht zu verstehen, was sie trennte
und was ihnen gemeinsam war. Ich war immer auf der Suche nach dem wirklichen Sinn des
Menschen im Leben, in seinem Leben.
Bei meiner Suche erkannte ich, daß im Westen die Idee der „Melange" negativ ist, während
sie in alten Traditionen das Gleichgewicht zwischen zwei Gegensätzen bezeichnet, das Band
oder die Vereinigung zwischen dem Subtilen und dem Festen, dem Spirituellen und dem
Zeitlichen.
Indem ich mich beobachtete, fand ich heraus, daß ich einen Aspekt der Expansion hatte, ein
Bedürfnis alles voll zu erleben. Und zur gleichen Zeit das Gegenteil, ein Bedürfnis nach
unerbittlicher innerer Askese.
Ich habe diese beiden Aspekte immer gleichzeitig gelebt, ohne mir dessen bewußt zu sein.
Dieser Beiname Melange war für mich eine wichtige Lehre, wie der Name Mitfühlende, der
auf mein ganzes Sein einwirkte.
In den „Erzählungen Beelzebubs für seinen Enkel" sagt G. Gurdjieff, daß das „Sein"
bedeutet, zwei Naturen zu haben.
In der Lehre von G. Gurdjieff ist es das Ziel, inmitten seiner beiden Naturen, dazwischen zu
sein, bewußt, ohne daß die eine die andere beeinträchtigt, ohne daß die eine die andere daran
hindert zu funktionieren.
-8-
DER SCHLEIER
Eines Abends bei einem Gruppentreffen saß ich im Schneidersitz auf dem Teppich,
gegenüber von G. Gurdjieff, in der ersten Reihe, einen Meter von ihm entfernt. Alles lief
mit Fragen und Antworten ab.
Einmal betrachtete mich G. aufmerksam und deutete plötzlich mit dem Finger auf mich: Er
sagte in bestimmtem Ton: „Sie haben Schleier". Und er machte eine große Geste mit den
Armen, mit den Händen vor seinem Gesicht, und fuhr damit von oben nach unten, vom
Gesicht den Körper entlang.
Er fügte hinzu: „Wie in den religiösen Orden, mit klösterlichen Regeln: Gehorsam, Armut,
Keuschheit".
Ich sagte nichts, getroffen von seinen Worten. Die Gruppe fuhr fort.
Ich dachte nach und analysierte mein Leben, um zu verstehen, was G. gesagt hatte: Mir
bewußt zu werden, daß ich den Schleier hatte? Oder ihn bewußt zu haben?
Ich betrachtete mich nicht als gehorsam, sondern als „widerspenstig". Doch die Arbeit um
meinen Lebensunterhalt zu verdienen, nötigte mir Gehorsam ab. Während ich die Lehre
von G. als absolut richtige Disziplin empfand.
Was die Armut angeht, so traf das fürwahr zu! Dies ging sogar so weit, daß ich nicht einmal
fünfzig Francs in der Tasche hatte!
Und schließlich lebte ich ganz allein, geschieden und mehr noch, isoliert von meiner
familiären Umgebung durch den Krieg und die deutsche Besetzung.
Ich wohnte in der obersten Etage eines Wohnhauses im Norden von Paris, in einem
Dienstmädchenzimmer, ohne Wasser und ohne Heizung.
Ich erlegte mir eine schwere Disziplin auf, um Durchhaltevermögen und Willen zu
erlangen: Morgens. nahm ich eine kalte Dusche im „Türkischen Bad" des Wohnblocks. Es
war Winter, das Wasser eisig.
Anschließend meditierte ich eine Stunde lang.
Und ich betete. Mein Gebet war seit meiner Kindheit folgendes: „Herr, hilf mir, hab
Erbarmen mit mir, gebe mir, was Du für gut erachtest, ich weiß nicht was ich brauche, was
richtig für mich ist.., Du, Du musst es wissen."
Ich machte oft Übungen, die ich seit meiner Kindheit gemacht hatte:
- Die „Gegenwart Gottes" zu empfinden.
- So lange wie möglich auf den Knien zu bleiben, mit
ausgebreiteten Armen. –
- Mir negative Gedanken und Gefühle zu verbieten, Urteilen,
Begehren.
- Andere Übungen der Kontrolle über den Körper und die
Gedanken.
Ich überprüfte meine Erinnerungen. Langes Nachsinnen zeigte mir die
zurückgelegte Strecke meiner tiefen Suche, instinktiv, intuitiv, sich nach und nach
enthüllend: Mein Weg war kontinuierlich und ging in dieselbe Richtung:
Als kleines Mädchen, mit fünf, sechs Jahren, in Halbpension bei den Nonnen in Tunis,
wollte ich in den Orden eintreten.
-9-
In Marseille, mit dreizehneinhalb Jahren, kam ich aus der Kunstakademie oder dem
Konservatorium und ging in eine kleine spanische Kapelle zum Beten. Ich liebte sie wegen
ihrer Einfachheit, ihrer gedämpften Stille und wegen der Frauen in Schwarz, die aus der Tiefe
ihres Herzens beteten.
Es gab dort, aus dunklem Holz geschnitzt, einen gekreuzigten Christus in Lebensgröße. Ich
ging zu ihm, um zu beten, er solle seinen Vater bitten, mir zu helfen. Ich bat um Hilfe aus
einem sehr tiefen Bedürfnis nach Hilfe und Unterstützung. Und ich legte mit Respekt, leicht,
meine Lippen auf Seine Füße.
Mein Gebet enthielt nur die Bitte um Hilfe, um die Gefahr zu überwinden, das Leiden und die
Ohnmächtigkeit gegenüber den Prüfungen, die über meine Kraft gingen und niemals gab es
eine Bitte zur Erfüllung eines Wunsches. Ich habe es mir immer verboten.
Eines Tages begleitete mich meine Mutter in diese Kapeile und als sie sah, daß ich den
Christus küsste, sagte sie mir zornig beim Hinausgehen, daß ich mich mit Krankheiten
anstecken könnte. Ich war schockiert von der Art, wie sie mir dies sagte und dabei nicht
meine Gefühle in Betracht zog.
Ich sah zu ihr auf und entgegnete ihr entschlossen: „Wenn Gott will, daß ich krank werde,
werde ich es sein, wenn Gott nicht will, daß ich krank werde, werde ich es nicht sein!" Sie
sagte nichts mehr.
Nach diesen Erinnerungen kam ich zu dem Schluß, daß G. Gurdjieff meine Situation richtig
beschrieben hatte, durch meine Veranlagung und die Einwirkungen in meinem Leben.
Aus der Distanz gesehen beweist dies mein Leben und die durchlebten Ereignisse. Ich hatte
wirklich einen Schleier, auch wenn man ihn nicht sah. Und ich habe ihn noch, auch wenn
man ihn immer noch nicht sieht!
Mein Leben, das äußerlich gesehen anders erscheinen mag, zeigt mir, daß ich einem Weg
folgte, der zu einer Suche führte, die einem „Gesetz" gehorchte, das mir erst später bewußt
wurde: Eine sehr strikte innere Askese bei einem Leben, das in der äußeren „Welt" blieb, ein
Leben wie es die anderen führten, meine beiden Aspekte Expansion - Askese vereint.
Ich fühlte, daß dies ein Aspekt der Lehre G. Gurdjieffs war.
Dieser besondere Weg ist nicht für jeden notwendig. Jeder hat seinen eigenen Weg.
Dieser Weg erfordert in jedem Augenblick eine Wahl, um den Pfad nicht zu verlieren, der
dorthin führt. Es gibt Passagen, wo Erfahrungen gemacht werden müssen, Verbindungen
eingegangen und wieder aufgelöst werden, Trennungen geschehen, Verzicht geleistet wird,
unvermeidbar und notwendig.
Diese Wahl habe ich nicht bei klarem Bewußtsein getroffen.
Aber entsprechend dem Gesetz des Weges, das ein Wesen in sich selbst verfolgt, entspricht
diese oder jene Handlung immer der eingeschlagenen Richtung.
Diese Durchgänge, diese „Etappen" werden nicht sofort von demjenigen begriffen, der sich
darin befindet. So ging es mir lange Zeit.
Ich habe „ertragen", was das Leben mir brachte. Ich habe mit meiner Intuition geantwortet,
instinktiv. Ich habe versucht, es auf mich zu nehmen, mich ihm zu stellen, als ob ich durchs
Feuer gehen und intakt und stärker daraus hervorgehen müsste.
Erst viel später begriff ich den Sinn dieser Durchgänge. Er ist für ein ungeübtes Auge
unsichtbar Dieser Weg wird von der Umwelt nicht verstanden, die ihn nicht sieht, nicht fühlt,
im Gegenteil.
-10-

Ich habe immer das Bedürfnis gehabt, einem Gefühl zu gehorchen: Zu vermeiden, zu Geld zu
kommen, Ehren, offiziellen Positionen.
Mehrere habe ich bekommen, ich habe nichts getan, um sie zu behalten, im Gegenteil. Ich
suchte etwas anderes. Es war in mir, stärker als ich. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass
dieser Durchgang, diese Passage oft den gegenteiligen Aspekt der Entfaltung des Seins
annimmt.
Der Mensch befindet sich in angreifbar erscheinenden Situationen, wird verraten,
mißverstanden. Und derjenige, der sich in dieser Passage befindet, kann auf keinen Fall die
Realität enthüllen.
Man versteht nicht, was passiert. Instinktiv, intuitiv gehorcht man der Stille, auch wenn einen
dies äußerlich schuldig macht.
Der Mensch kann sich durch diese Situationen transformieren.
Sie können bewußt durchlebt werden. Ich bin in Verbindung gekommen mit dem, was G.
Gurdjieff als „absichtliches Leiden" bezeichnete.
Es ist eine lange Arbeit an sich selbst, um sich vom restlichen Egoismus, Hochmut und sogar
der Idee, sich auf einem „Weg" zu befinden, zu befreien. Denn man muß ihn immer suchen.
Ich hätte die Bedeutung dieses Prozesses nicht wahrgenommen, dieser zurückzulegenden
Strecken, wenn ich nicht die eine oder andere traumatisierende Erfahrung gemacht hätte oder
schmerzliche Situationen durchlebt, die fast nicht zu ertragen waren.
Meine Wahl und mein Schmerz, das Nachsinnen und das Verständnis der Bedeutung von G.
Gurdjieff, haben das Feld meiner Wahrnehmung, meines Denkens und meines Bewußtseins
reifen lassen. Ich befand mich und ich habe mich immer wie in einer besonderen Askese
befunden.
Wollte G. Gurdjieff, daß mir dies bewußt wird?
Auf jeden Fall haben dies seine Worte bewirkt und sie haben mich niemals verlassen. Im
Gegenteil, sie trieben mich immer zur Suche an und zum Verstehen, was mein Weg war,
mein wirkliches Bedürfnis, tief, wesentlich. Mir dies bewußt zu machen und ihnen zu folgen.
-11-

EINEN TOTEN ESEL HINTER SICH HERZIEHEN

Es war in den ersten Monaten unserer Zusammenkünfte.


Während eines Gruppentreffens, inmitten von Fragen, des Hin und Hers zwischen den
Anwesenden und G. Gurdjieff, wollte ich von einer Übung berichten. Es fiel mir schwer,
mich auszudrücken.
Monsieur Gurdjieff sagte freundlich und einfach: „Sie ziehen einen toten Esel hinter sich
her."
Ich war tatsächlich in einer Schwierigkeit, die ich oft hatte, wenn ich mich ausdrücken sollte,
sprechen sollte, vor allem vor anderen, und manchmal war ich vollkommen blockiert:
Diese Bemerkung von G. gab mir die Energie zu sprechen, da der Klang seiner Stimme mich
nicht verurteilte, sie stieß mich voran.
Wie immer erklärte er nichts, was über diesen kurzen Hinweis hinausging. Ich hatte
weder die Idee, noch den Wunsch, ihm Fragen zu stellen. Seine kurzen abrupten Sätze
gaben mir zu denken, veranlassten mich nicht zu sprechen.
Ich musste selbst herausfinden, was in mir geschah.
Eine Übung, die mir G. Gurdjieff in einer persönlichen Unterhaltung gegeben hatte,
half mir dabei: „Erinnern Sie sich an alles; was gestern geschah, vorgestern, am Tag
davor, gehen Sie dabei zurück bis zu Ihrer Geburt."

Ich wusste, daß ich Angst hatte, mich nicht richtig auszudrücken.
Mir wurde bewußt, daß meine Schwierigkeit mit den tiefen Erschütterungen, denen ich
seit meiner Kindheit begegnet war zusammenhingen, wo Sprechen und Schreiben
verboten waren, eine große Gefahr, und mit Situationen, in denen meine Worte, Worte
aus dem Mund eines Kindes, das ich damals war, Dramen ausgelöst hatten. _
Und mit meinem nachfolgenden bewegten Leben und den Umständen, die außerhalb
meiner Macht standen.

Diese traumatisierenden Situationen waren von so tiefem Leid, daß sie Spuren in mir
zurückließen. Die Verletzungen trage ich noch in mir.
Ich schleppte wohl einen „toten Esel hinter mir her"!
-12-

MILAREPA

Während eines Unterrichts, in dem wir ein Movement lernten, blieb Monsieur
Gurdjieff plötzlich vor mir stehen und sagte: „Sie, machen Handbewegungen wie sie"
und zeigte auf die Schüler zu meiner Linken. Gerade zwischen diesen Schülern gab es
einen leichten Unterschied! Mme de S. berichtigte anschließend. Aber dies war das
erste Mal, dass G. eine Position korrigierte! Und er bat mich „wie die anderen zu
machen"! -
Ich war bestürzt: Wie konnte er von mir verlangen, etwas anderes zu tun als das, was
er gezeigt hatte, als ob ich mich geirrt hätte?! Ich war verletzt in meiner Absicht, es
gut zu machen, da ich die Movements liebte und wie immer hatte ich sehr achtgegeben
bei den Positionen, die G. zeigte. Vor den Schülern befanden sich lange, hohe Spiegel
an der Wand, ich sah Monsieur Gurdjieff von hinten und von vorn bei seinen
Positionen. Ich hatte mich nie geirrt.
Außerdem brachte meine Stellung als Repetentin der Movements es mit sich, daß ich
immer sehr wachsam war, was ihre Richtigkeit anbetraf. Ich hatte das Gefühl, die
Haltungen, die G. gab, in ihrer Vollständigkeit hüten zu müssen und ich hätte mich zu
ihrer Verteidigung geschlagen.
Und eines Tages während des Unterrichts bemerkte G. Gurdjieff, daß hinter einer
Schülerin in der ersten Reihe neben mir niemand stand, hinter anderen standen zwei
oder drei und hinter mir standen sechs bis sieben Personen, was zeigte; daß ich die
Movements richtig machte und die Schüler mir nachfolgen konnten.
Erfüllt von all diesem, habe ich lebhaft geantwortet: „Nein, Monsieur! Ich werde die
Positionen machen, wie Sie sie gezeigt haben!"
Ruhig sagte G. Gurdjieff wieder, ich solle das tun, was die anderen machten.
Er hatte sich noch niemals mir gegenüber so verhalten. Ich verstand es nicht. Es nahm mir
den Atem, ich fühlte mich vernichtet, leer. Ich fühlte mich verloren, wertlos, kraftlos, ich
konnte die Movements nicht mehr machen. Aus Verzweiflung begann ich zu weinen. Und
unter Tränen, so daß ich nichts sehen konnte und Schmerz mein Herz erfüllte, verließ ich die
Reihen und setzte mich hinten in den Saal... Die Stunde ging weiter.
Plötzlich rief mich Monsieur Gurdjieff sanft, langsam, mit einer süßen Stimme, singend:
„Melanche:...Melanche!"... Ich war vollkommen unfähig mich zu bewegen, vollkommen
vernichtet. G, rief mich wieder freundlich und nachdrücklich. Also erhob ich mich sehr
langsam, schwer und trat wieder in die Reihen, als hinterste meiner Reihe, unfähig, mich an
meinen Platz in der ersten Reihe zu stellen. Ich „machte das, was die anderen machten" wie
G. es wollte, meine Tränen liefen immer noch.

Während der Unterricht weiterging, stellten sich alle in der Reihe vor mir hinter mich, einer
nach dem anderen und so kam ich wieder nach vorne und befand mich wieder in der ersten
Reihe.
Die Movements waren zu Ende. Nach der Stunde gab es wie immer eine Mahlzeit bei
Monsieur Gurdjieff. Wir gingen alle in die Rue des Colonels Renard.
Während des Essens erzählte G. Gurdjieff kurz die Geschichte von Milarepa, dem Asketen,
vom Tontopf, in welchem er seine Brennnesselsuppe kochte, der durch den Gebrauch
-13-
zersprungen war, während das Innere, das aus einer dicken Schicht während vieler Jahre
zusammengebackener Brennnesseln bestand, ganz geblieben war.
Und G. drehte sich zu mir um und sagte sanft: „Melanche, Sie heute Abend, der Topf ist
zerbrochen, der innere Topf ist ganz geblieben".
Ich kannte die sehr schönen Geschichten von Marpa und seinem Schüler Milarepa, die
Abenteuer enthalten, welche reich an Lehrbeispielen über Selbstdisziplin sind. Die
Geschichte mit dem zerbrochenen Tontopf und dem heil gebliebenen Inneren spielt sich ab,
als er Asket war und in einer Grotte im Gebirge lebte, nachdem er seine Lehre bei seinem
Meister Marpa beendet hatte.
Aber ich verband meine Erfahrung mit einem anderen der vielen Ereignisse von Milarepa: Er
sollte einen Turm errichten, den er allein, ohne die geringste Hilfe bauen sollte: Milarepa
führte ehrenhaft aus, was sein Meister Marpa von ihm verlangte. Und dieser behauptete, daß
er nicht so war, wie er verlangt hatte und ließ ihn den Turm zerstören und wieder neu
aufbauen. Und wieder beschimpfte ihn Marpa und sagte, daß er sich irrte, ließ ihn wieder
zerstören und anders aufbauen. Dieses geschah sieben Mal. Dieser Turm war von
geometrischer Form, viereckig, rechteckig, rund, dreieckig und anderes. Ich sah hier meinen
Beweis: Ich mache, was G. zeigt und er lässt mich etwas anderes machen, als hätte er etwas
anderes gezeigt.
Doch die Erzählung von Milarepa und die Überlegung von G. berührten eine andere Idee:
„Der Tontopf ist zerbrochen, der innere Topf ist ganz geblieben". Diese Prüfung war daher
eine Provokation, die mein Wesen tief berührte, es aus der Fassung brachte, und wie bei dem
zerbrochenen Topf blieb nichts als der Grund des Seins, das, was im Inneren übrig blieb.
Ich ließ vergeblich vor meinen Augen die Movements passieren, die Gurdjieff uns gezeigt
hatte, ich war mir immer deren sicher, die ich gemacht hatte. G. Gurdjieff präzisierte
manchmal eine Haltung aber niemals, niemals, hatte er irgendjemanden so behandelt. Er
berichtigte unsere Positionen nicht, wir machten nach, was er zeigte. Wir mussten selbst
zurechtkommen in den Movements, die er eines nach dem anderen zeigte. Und es gab oft
einen vollständigen Tanz pro Unterricht.
Diese Episode ist eine Frage für mich geblieben: Ein gewolltes Zwischenspiel von G.
Gurdjieff mit Prüfung, Leiden und einem Überwinden, durch die Verletzung des Wesens?
Warum habe ich nicht wie Milarepa der Bitte von G. gehorcht?
Dann erinnerte ich mich, daß er sich, bevor er zu mir sagte, es wie die anderen zu machen,
links von mir so hingestellt hatte, daß ich ihn nur von hinten sah und nicht im Spiegel von
vorn. Ohne daß ich seine Stellung sehen konnte, konnte er seine Handbewegung ändern. Und
das konnte nur absichtlich gemacht worden sein, ohne daß jemand etwas ahnte.
Dies ist das einzige Mal, wo Gurdjieff mich in diese Situation brachte, als hätte er diesen
Augenblick gewählt. Als ob, genau in diesem Augenblick, ich nichts anderes als „Nein"sagen
konnte! Etwas das ich absolut nicht ertrage, ist zu Unrecht beschuldigt zu werden und da es
von ihm kam, wurde ich in einen Zustand der Ohnmacht versetzt. Aber in dieser Situation, als
es aussah, als hätte ich unrecht, fühlte ich mich nicht von ihm verurteilt. Dies war das
Wichtige für mich, was mich aber nicht davon abhielt zu leiden.
Ich dachte, daß diese Prüfung mit der Etappe des Asketen verbunden ist, wo der Tontopf, d.h.
die Umhüllung, die Person, keine Rolle mehr zu spielen hatte, während das Innere, das durch
das Kochen der Brennnesseln entstanden war, die Substanz, die durch die Arbeit an sich
selbst, durch die Askese, erreicht wurde, an ihrem Platz war. „Etwas" in mir, musste entfernt,
abgetrennt werden, damit das „Innere" ans Licht kommen konnte.
Seltsamerweise gab mir diese Prüfung und was sie beinhaltete, den tiefen Eindruck, den ich
als eine Richtung, einen Weg, bezeichnen muß, wie bei meiner ersten Begegnung. Schon
lange vor diesem Tag hatte ich die Verbindung zwischen Gurdjieff und Marpa gemacht.
-14-
Ein Eindruck, der durch diese Erfahrung verstärkt wurde: Dies war die ganz besondere
Qualität eines Meisters.
Meine Empfindlichkeit war einesteils schuld an meiner Reaktion, aber es gab die deutliche
willentliche Provokation von G., der etwas ganz Bestimmtes berühren wollte. Ich sah, daß ich
auf Provokationen antwortete, da ich sie bei dieser Gelegenheit ganz klar spürte, ohne mir
dessen bewußt zu sein. Dies kam erst später. Und die Qualität meiner Tränen ließ mich
spüren, daß sie nicht eine Reaktion meiner Person waren, sondern vom Grunde meines
Wesens kamen.
Ich hatte die Haltung von Mme de S bemerkt, die die Szene auf eine ganz besondere Weise
beobachtete. Ich hatte dies bei anderen Prüfungen von G. Gurdjieff gesehen, sie war sehr
aufmerksam, was passieren würde. Sie wusste, daß er mich provozieren würde. Ich fühlte
danach, durch die Blicke, die sie austauschten, ihren Gesichtsausdruck, daß G. wusste, wie
ich reagieren würde. Erst später kam mir auch dies zu Bewußtsein.
Viel später bekam ich die Bestätigung für das, was ich durch meine Erfahrung verstanden
hatte; Einer Kameradin wurde dieselbe Prüfung auferlegt, auf einem anderen Gebiet. Sie
verteidigte ihre Position, die Richtigkeit ihrer Handlung und gehorchte doch der Bitte von G.
Gurdjieff. Und in ihrer Abwesenheit hörte ich, wie G.I.G. gegenüber Mme de S. seine
Befriedigung darüber ausdrückte, wie sie seinem Angriff standgehalten hatte. Ich hatte gut
verstanden. Und viel später hörte ich Mme de S. zufrieden sagen, daß ich die Arbeit wie eine
Tigerin verteidigte.
-15-

DIE HOLZSCHLANGE
Einmal während einer Mahlzeit erzählte Monsieur Gurdjieff wie oft witzige Geschichten, alle
lachten.
Dann begann er die Frauen wegen ihrer Angst vor Mäusen zu necken. Er lachte selbst und
suchte etwas auf dem kleinen Büffet neben sich und in seinen Taschen, aus denen er eine
kleine Schlange herauszog, die aus kleinen grünen und gelben Holzstückchen gemacht war,
die auf einer Schnur aufgereiht waren. So konnte man sie schlängeln lassen und dies tat
natürlich G. Gurdjieff, der so tat, als würde er damit die um den Tisch Herumsitzenden
bedrohen. Manche Frauen stießen kleine Schreie aus und lachten.
Die Atmosphäre war so fröhlich, wie er sie immer wieder schaffen konnte und G. amüsierte
sich über die Reaktionen auf seine Scherze.
An diesem Abend saß ich am Tisch, fast ihm gegenüber. Und gegenüber seiner
provozierenden Haltung und der Reaktion der anderen, hatte ich plötzlich den Impuls, ihm
meine Hand mit der geöffneten Handfläche rasch entgegenzustrecken, lächelnd, um die
Schlange zu bekommen.
G. Gurdjieff hielt plötzlich in seiner Geste inne, mit einem Mal ernst, sah mich fest an und
blieb in seiner Haltung, mit ausgestrecktem Arm und der Schlange in der Hand. Eine tiefe
Stille umgab uns.

Ich hatte ein sehr starkes Gefühl: Dasselbe, das ich in einer Situation habe, in die ich mich
wie in eine zu gewinnende Schlacht stürze, entschlossen, ruhig, meiner selbst sicher. Ich hielt
immer noch lächelnd meine Hand ausgestreckt, mir gegenüber Monsieur Gurdjieff, wir beide
blieben in unserer Haltung.
Um uns herrschte Verblüffung, Murmeln, erstickte Ausrufe.
G. sah mich weiter fest an, als würde er in mir lesen, und legte sehr langsam die Schlange in
meine Hand, drehte sich langsam mit einem ernsten Ausdruck um und zeigte mit dem Finger
auf eines der Bilder an der Wand. Es zeigte Kleopatra mit der Natter in der Hand, die auf ihr
Herz gerichtet ist, um sie zu töten.
In der totalen Stille, die folgte, sagte G. Gurdjieff mit ernster und tiefer Stimme etwas wie:
„Sie veränderte das Antlitz der Welt". (ich konnte die ersten Worte nicht gut hören).
Die Stille wurde schwerer. Alle warteten. Aber G. war still geworden, ungewöhnlich ernst. Er
hatte die Augen gesenkt und war in tiefes Nachsinnen versunken, als ob ein besonderes
Ereignis stattgefunden hätte, als ob er nicht mehr da wäre, sondern weit fort ... Die Stille
dauerte sehr lange.
Der durchdringende Blick Gs hatte mich eingehend geprüft und mein Blick hatte den
Ausdruck meines ruhigen und meiner sicheren Gefühls beibehalten. Oft fand ein solcher
Blickwechsel zwischen uns statt, ohne Worte, wie eine Mitteilung durch ein Verständnis des
Wesens.
Aber was hatte er verstanden? Und was hatte ich verstanden?
Mein Kopf konnte mir keine Erklärung geben.
Ich suchte nach dem Sinn meines Impulses. Ich habe immer dasselbe Gefühl: Ich habe auf
seine Provokation wie auf eine Herausforderung geantwortet und ich bestand darauf, stärker
-16-
zu sein als das, um was es dabei ging. Ich behauptete, keine Angst zu haben. Ich hatte
niemals Angst vor Tieren, im Gegenteil.
Aber für Gurdjieff?... der Sinn seiner Haltung?... seiner Worte? Ich denke, er wollte die
Aufmerksamkeit ablenken. Aber sein Ernst war zu stark, verschiedene Bedeutungen kannten
sich daraus ergeben.
Ich erinnerte mich an die Erzählung Gs über die Haltung seines Vaters, der ihn bei seiner
Erziehung genötigt hatte, Schlangen in die Hand zu nehmen und sogar mit ihnen zu spielen,
Die Schlange hat in den verschiedenen Traditionen folgende Bedeutung:
- Psalm 66-5: Der Sinn der Schlange im Baum der Erkenntnis, ihre wahre Rolle gegenüber
Adam und Eva.
- Sie wird mit Merkur gleichgesetzt.

- Die Schlange wird verbunden mit Transformation, Transmutation.

- Repräsentiert Wissen, Kraft, Weisheit. Ich erinnere mich daran, daß bei meiner Großmutter
eine Figur der Jungfrau stand, die mit dem Fuß auf einem Schlangenkopf stand, sie
bändigend.

Kleopatra war eine sehr gelehrte Frau, sie konnte ein Dutzend Sprachen, war voller Kraft,
Weisheit und Intelligenz. Sie tat alles, um das, was ihr am meisten bedeutete zu retten: Ihr
Land. Sie scheiterte und tötete sich, um nicht in die Hände des Feindes zu fallen.
Es gibt hier: G. Gurdjieffs Vater, die verschiedenen Bedeutungen der Schlange, Kleopatra,
die ihr Land retten wollte.
Da G. auf Kleopatra zeigte, habe ich folgendes assoziiert: Retten: Einer Sache dienen - die
Vermittlung dieser Lehre - ihre Kontinuität.
G. Gurdjieff hatte einmal gesagt, daß es die Rolle des vierten Weges ist, dieser Lehre, die
weder der Weg des Mönchs, noch des Yogis, noch des Fakirs ist, zu erscheinen und zu
verschwinden, nachdem das, was im Augenblick nötig war, zur gegebenen Zeit, am
gegebenen Ort, hinterlassen wurde. Dass sich dieser Weg mit der Gesellschaft vermischen
kann, die Form verändern, eine Organisation, eine Religion werden kann oder verschwinden
kann.
Und ein anderes Mal hatte G. gesagt, daß in der vierten Generation das, was geschaffen
wurde, verschwindet.
Welche Generation haben wir? Direkte Schülerin von Georges Gurdjieff wäre ich von der
zweiten; die Jungen wären von der vierten.
Es gibt keine Lösung, aber es stellt sich in unserer Zeit eine Frage nach der Übermittlung und
der Kontinuität dieser Lehre in ihrem wahren Sinn, nicht deformiert und degeneriert, wie ich
es da und dort eindringen sehe.
-17-

DER NACHTISCH
Eines Abends, als ich Monsieur Gurdjieff in der Küche helfe, läutet es an der Tür. Ich gehe
öffnen. Es ist Mme de Salzmann, die ihn dringend sprechen möchte. G. empfängt sie sofort.
Aber da es nahe an der Essenszeit ist, bittet mich G., den Nachtisch zuzubereiten. Die Gruppe
würde gleich kommen, man musste sich beeilen.
Ich stand wie erstarrt vor dieser Verantwortung. Ich hatte ihm oft geholfen, den Nachtisch
zuzubereiten, aber ich hatte ihn noch nie allein gemacht.
Dieses Rezept aus dem Stegreif zu machen, anstelle von G., der immer selbst mit großer Ge-
schicklichkeit, einem Geschmack, einer Raffinesse und einer außerordentlichen Kenntnis ver-
schiedener Gerichte zahlreicher Länder für mehr als zwanzig Personen kochte, niemals auf
dieselbe Art, erschien mir ganz einfach unmöglich.
Ich nahm mich zusammen, ich musste mich dem stellen. Ich trug die notwendigen Zutaten
zusammen, rief mir alle Gesten von G. Gurdjieff ins Gedächtnis.
Das Rezept vereinte verschiedene Sorten von Fruchtgelees, Konfitüren, Joghurt, Sahne und
andere Zutaten.
Ich vereinte und mischte nach und nach alles, konzentrierte mich auf das Einschätzen und das
Verhältnis der Mengen. Auf gewisse Art, ging ich nach dem vor, „was ich sah", indem ich
mich erinnerte, wie G. es machte.
Dann, als ich dachte, dem nahe zukommen, was ich versuchte, kostete ich .., Ja! ,..Es kam
dem erwarteten Ergebnis nahe. Ich hätte gerne noch Zucker hinzugefügt, befürchtete aber,
daß dann der Geschmack verloren ging.
Da alle da waren, ließ ich es wie es war und füllte es in kleine Schüsseln, um es zu
servieren.
Ich ging in das „Gewürzzimmer", wo sich G. befand, der mich fest ansah und mich sofort
fragte, ob ich den Nachtisch zubereitet hätte.
Ich antwortete: „Ja, Monsieur, aber ich glaube, daß es vom Zucker her gesehen...richtig ist".
G. Gurdjieff drehte sich erstaunt nach Mme de S. um und verlangte eine Erklärung auf
russisch, weil er nicht verstand, warum das Wort „richtig" mit Zögern gesagt worden war:
Nachdem er die Erklärung erhalten hatte brummte er, indem er die Schultern hob: „Richtig
oder nicht richtig?!"...
Ich blieb besorgt und ging zur Gruppe zurück.
Das Essen lief wie gewöhnlich ab, mit Fragen,, kleinen Geschichten, Lachen.
Ich war wieder in der Küche, als ich aus dem Eßzimmer Gebrüll hörte, ausgestoßen
selbstverständlich von G.,. Was hatte das zu bedeuten? Hatte er mich gerufen? Ich ging
besorgt hinein.
Als ich hereinkam, blickten mich alle an, als ob sie auf etwas warteten.
G. Gurdjieff blickte mich sehr aufmerksam an; in der einen Hand den kleinen Löffel, in der
anderen Hand „meinen" Nachtisch. Er fragt mich:. „Sie ... haben diesen Nachtisch
gemacht?"
Vollkommene Stille, alle Gesichter mir zugewandt.
Auge in Auge mit G. erinnere ich mich genau an alles, was ich gemacht hatte. Ich
antwortete: „Ja". Ich sah nicht, wo ich einen Fehler gemacht haben könnte.
-18-
Noch einen Augenblick Stille, alle warten.
Dann dreht sich G. Gurdjieff zu Mme de Salzmann um und sagt sanft und leicht, indem er
den Kopf neigt: „Karacho!" (es ist gut!).
Ich glaubte, ohnmächtig zu werden! ..,Dies war wie ein Schlag auf den Kopf nach dieser
Warterei und der Angst, daß mir der Nachtisch nicht gelungen war.
Und langsam, feierlich, nimmt G. seine kleine Schüssel mit dem Nachtisch, dreht sich zu
mir um und hält sie mir hin!...
Ich nehme sie wie bei meiner ersten Begegnung: Er hatte mich damit erkannt.
Ich weiß nicht mehr, was anschließend geschah: Die Prüfung war so stark, daß ich in
meiner Erinnerung nur noch das innere Examen habe.
Diese Prüfung gab mir eine tiefe Freude. Sie war schwierig, aber gut gemacht und das im
Angesicht von G. und der Frage, was ich falsch gemacht haben könnte und im Beisein von
Gästen, die das Zimmer fast sprengten und bis zum Flur hinaus standen.
All dies bewegte mich sehr. Vor G. Gurdjieff hatte ich ein solches Selbstvertrauen, daß das
Wichtige nicht war, vielleicht einen Fehler gemacht zu haben, sondern es zu wissen. Dies
war das Wesentliche.
Ich wusste vom Gefühl her gut: Selbst wenn ich einen Fehler gemacht hätte, hätte G.
niemals eine unfreundliche Bemerkung gemacht.
Ich habe verstanden, daß Monsieur Gurdjieff dies genau deshalb in Szene gesetzt hatte, damit
ich mir bewußt wurde, eine Sache ohne Fehler gemacht zu haben. Da die Angst, etwas falsch
zu machen immer in mir war, brauchte ich das Wissen, daß das, was ich machte, gut gemacht
war.
Selbst heute, wenn ich mir diese Erinnerung wachrufe, fühle ich mich erkannt, als
glaubwürdig empfunden. Es ist, als ob G. diese Situation dazu benutzt hätte, mich eine innere
Klippe überwinden zu lassen, indem er mich dieser brennenden Frage, es richtig oder falsch
zu machen, überließ.
Während all dieser Prüfungen habe ich eine Schulung und eine Lehre erhalten und ich fühlte
mich verpflichtet, sie mein ganzes Leben lang zu praktizieren und anzuwenden.
Ich merke hier wie in anderen Erzählungen an, daß der Blick von G. Gurdjieff an sich eine
Prüfung war, wo ich mich unter die Lupe genommen fühlte und der mir gleichzeitig zu
entdecken half, was in mir war, was ich wirklich war, als ob durch ein Wunder, indem man
ein Samenkorn begoß, dieses wuchs und gedieh. _
Er ist der einzige Mensch, den ich so bis zum Grund der Augen anschauen konnte, um sie
durch und durch zu erforschen und so das, um was es ging, ganz zu verstehen.
Bei anderen Menschen ist dies oft neutral, oberflächlich, Gefühl, Verführung, oder Wut,
Autorität, Unbeweglichkeit, oder Sorge, Flucht oder Leere.
Angesichts des Blickes von G. Gurdjieff hatte mein Blick etwas Vergleichbares in der Suche,
was es zu entdecken gab und dem was ich entdeckte, als ob ich in einem Spiegel läse.
Niemals gab es Prüfungen mit G, allein, Sie fanden immer in einer Arbeitsgruppe statt.
Auch hierbei gibt es einen Sinn; der zu begreifen ist.
-19-

DER WEIHNACHTSBAUM

In einem Jahr bat mich Monsieur Gurdjieff, den Weihnachtsbaum zu dekorieren, den er
immer selbst zusammen mit einem Schüler im Gruppenraum in der rechten Ecke am Fenster
aufstellte.
Er ließ die Wurzeln nach oben zeigen, als wären sie im Himmel, die Zweige breiteten sich
nach unten aus, gegen die Erde.
In diesem Raum waren die Wände mit Stoffen verziert, kleinen Spiegeln, Borten, Stickereien,
Bildern, die verschiedene Menschen darstellten, Landschaften. Es gab links von der Tür,
links und rechts neben einem Geschirrschrank, ein mit Borten dargestelltes Enneagramm.
Um den Baum zu dekorieren gab es elektrische Kabel und Glühbirnen in allen Farben,
funkelnde Girlanden. Und von G. Gurdjieff für jeden selbst ausgewählte Geschenke. Er hatte
mit eigener Hand den Namen von jedem auf das Paket geschrieben. Diese Geste der
Aufmerksamkeit hat mich immer sehr berührt.
Ich machte mich mit Freude an die Arbeit, aber auch mit der Angst, diese Aufgabe nicht
richtig zu machen. Ich erinnerte mich daran, was ich in den anderen Jahren gesehen hatte, um
danach vorzugehen. G. kam von Zeit zu Zeit, um zu sehen, was ich machte und ein leichtes,
tiefes „Hmm" sagte mir, daß er einverstanden war.
Dann kam mir eine Idee, die ich besser nicht ausgeführt hätte: Oben im Baum die Darstellung
eines Sterns oder des Mondes anzubringen, denn da die Wurzeln des Baums im Himmel
waren und die Dekoration wie aufgereihte Sterne wirkten, befände sich der Mond oder ein
Stern an richtiger Stelle.' Ich begann aus Watte einen Stern zu machen. In diesem Moment
kam Mme de Salzmann mit Schülern herein und als sie meinen Entwurf sah, rief sie aus:

„Was ist denn das?" G: Gurdjieff sah es sich an, es gab ein Schweigen und dann fragte er
mich, sehr ruhig: „Was machen Sie da?"

Der Ausruf von Mme de S. ließ mich an meinem Platz erstarren, meine Freude war zerstört,
da ich nicht die Zeit gehabt hatte, mit Monsieur Gurdjieff zu sehen, ob meine Idee ihm gefiel,
zwischen dem Stern oder dem Mond zu wählen und es dann zu beenden. Ab diesem Moment
hatte alles, was ich gemacht hatte, keinen Sinn mehr für mich. Ich wäre gern in den Boden
versunken.
Aber später bemerkte ich, daß mein Stern noch da war und man fragte nicht mehr danach.
Alles in allem hätte mich G. ihn herunterholen lassen können. Und der Ton seiner sehr
freundlichen Stimme hatte die Wirkung von Mme de S. Ton abgeschwächt, die sich
selbstverständlich über etwas Ungewöhnliches nur aufregen konnte.
G. entzog mir sein Vertrauen nicht. Ich brauchte dies, da er mir schon allein deshalb
Selbstvertrauen gab, und ich hatte dies absolut nötig. Durch seine ganzen Haltung ließ G.
Gurdjieff die Freiheit zu denken, zu handeln, er griff nicht in einen Denkprozeß ein, sondern
half dabei und provozierte ihn.

+
-20-

DIE ANGST
Als ich eines Tages mit Monsieur Gurdjieff in dem kleinen Gewürzzimmer allein war und
dort Kaffee mit ihm trank, sagte ich ihm, daß ich Angst hätte im Leben.
Er antwortete einfach, wie eine Information, daß Angst vom Denken kommen könne, vom
Körper oder vom Gefühl. Er fügte nichts weiter hinzu. Vielleicht erwartete er, daß ich mehr
sagte.
Aber ich blieb schweigsam, überlegte. Ich wusste nicht, woher meine Angst kam. Ich
versuchte zu fühlen, was in mir geschah.
Welche Angst war dies?... Kam sie aus meinem Körper?... aus meinem Gefühl?... aus meinen
Gedanken?... Ich empfand alles auf eine Art vermengt, daß ich nichts sah. Ich sann nach und
schwieg.
G. Gurdjieff fuhr ruhig fort, seinen Kaffee zu trinken, nahm das kleine Instrument, auf dem er
oft spielte, eine Ziehharmonika, wie man sie im Orient findet, ähnlich wie ein Akkordeon. Er
berührte sehr leicht die Tasten. Wie immer erklangen die Töne sanft, harmonisch, riefen die
Erinnerung an eine Geschichte, ein Märchen, ein Gedicht hervor, die zum Gefühl sprachen
und beim Denken halfen.

Wir blieben lange so zusammen.


Ich habe in mir diesen außergewöhnlich sanften und tiefen Eindruck behalten, dieser
besonderen Musik, die ich so oft gehört habe, ich badete mich in diesem Zustand des
Friedens, in dem ruhige Betrachtungen möglich waren.
Dies ist es, was immer von Monsieur Gurdjieff ausstrahlte.

Viel später zeigten mir gefährliche Umstände, daß mein Körper, mein Instinkt, keine Angst
hatten. Und ich erinnerte mich an schwere Unfälle, die mir während meines ganzen Lebens
passierten, in denen mein Kopf klar war, aktiv; in denen mein Körper sofort handelte,
wirksam, sicher und kraftvoll. Daher hatten weder mein Körper noch mein Kopf Angst. Blieb
mein Gefühl.

Durch die Beobachtung wurde mir bewußt, daß diese Angst in emotional gefährlichen
Situationen auftrat, wo ich Verlust, Enttäuschung und Verrat befürchtete, die mit den Dramen
meiner Kindheit und meines ganzen Lebens verbunden waren, in denen ich in Situationen
gefangen war, aus den ich tödlich verletzt hervorging.

Die Anwesenheit von G. Gurdjieff machte einen solchen Eindruck der Offenheit, ohne Urteil,
und einer solchen Ruhe, daß sie die Bedingungen für eine Erforschung, Beobachtung und
Bewusstmachung meiner selbst schuf. Das Bild meines Lebens enthüllte und präzisierte sich
nach und nach durch die kurzen aufhellenden Blitze des Bewusstseins.
-21-

BEFREIUNG VON MEINER MUTTER


Während eines kurzen Aufenthalts meiner Mutter in Paris kurz nach dem Krieg, befand ich
mich in einem Zustand der tiefen Unruhe, Beängstigung und Verwirrung, so wie es mehr
oder weniger jedes Mal in ihrer Gegenwart der Fall war. Ich wurde wirklich krank davon und
hatte manchmal ein fieberhaftes Ödem. Ich wusste nicht mehr was ich tat, war ungeschickt
und ungewöhnlich vergesslich. Ich konnte nicht mehr ruhig in mir sein, mich empfinden,
aufmerksam sein oder mich konzentrieren.
Ich erzählte Monsieur Gurdjieff davon, als ich allein mit ihm war und im Gewürzzimmer
Kaffee mit ihm trank, wie jedes Mal, wenn man ihm eine persönliche Frage stellen wollte.
Nachdem er mich angehört hatte, überlegte er, schweigsam. Dann sagte er: „Hören Sie für
den Augenblick mit der Arbeit an sich auf, hören Sie auf mit den Übungen. Ihre Energie ist
abgelenkt. Erzählen Sie mir später wieder davon". Er fügte noch hinzu: „Sie werden viel Zeit
benötigen, um sich innerlich von Ihrer Mutter zu befreien".
Ich war von dem, was geschah; überfordert, da ich mir eines emotionalen Zustands bewußt
wurde, der sich nach und nach in mir eingenistet hatte.
G. Gurdjieff hat mir die Hoffnung gegeben, mich davon zu befreien, da ich fühlte, daß ich die
Möglichkeit erlangen konnte, einen Zustand des inneren Friedens zu erreichen und ich selbst
zu sein, was ich immer wieder in seiner Gegenwart erfuhr.
Seit ich dieses Gefühl kennen gelernt hatte, konnte ich mich immer darauf stützen und es
wurde das Fundament meiner inneren Arbeit, da seit meiner Kindheit die einzigen Momente,
wo ich bei mir selbst sein konnte die waren, wenn ich betete, wenn ich las und wenn ich
Klavier spielte.
Als ich G. Gurdjieff traf, hatte ich das gefunden, was ich immer unbewußt mit einer
bestimmten inneren Gewißheit gesucht hatte in meiner Lektüre, meinen Begegnungen und
meinen Gedanken.
Tatsächlich habe ich eine sehr, sehr lange Zeit gebraucht, um mich nach und nach zu befreien
und weniger oft in diese Zustände des Gefühls von Gefahr, der Panik, der Hoffnungslosigkeit
zu fallen, verloren in einer immensen Leere, in der ich mich schwach, wie unter Einwirkung
von Hypnose fühlte.
Es ist wahr, daß es in meinem Leben sehr ernste Situationen gab, die mich tödlich verletzten,
an denen meine Mutter beteiligt war. Ich liebte meine Mutter und diese Zustände waren mir
unerklärlich.
Sonderbarerweise haben einige Menschen gesagt, daß unsere Beziehung so war, als ob ich
die Mutter war, und meine Mutter die Tochter. Es ist richtig, daß ich seitdem ich erwachsen
war, auf S. aufpassen musste, über sie wachen musste. Ich habe mehrere sehr beängstigende
Erinnerungen:

Hier wieder war G. Gurdjieff für mich eine außerordentliche Stütze durch seine so präsente
Haltung, ruhig, ohne jede Reaktion, mit einem Verständnis und einer tiefen Liebe, die er für
den anderen, die anderen hatte.
Er war der einzige, den mein mediterranes Temperament, hinter dem ich mich immer
instinktiv versteckt habe, nicht getäuscht hat.
-22-

DIE SCHLANGE, DIE MÖNCH WERDEN WOLLTE


Während einer Mahlzeit erzählte Monsieur Gurdjieff die Geschichte einer Schlange, die zur
Religion beitreten wollte. -
In einem Wald sieht eine menschenfressende Schlange einen Mönch, der sich auf dem Weg
nähert. Sie fragt ihn, ob es möglich ist, zur Religion beizutreten.
Nachdem er sie angehört hat, sagt der Mönch zu ihr: „Ja, aber wenn Du zur Religion
beitrittst, darfst Du keine Menschen mehr fressen oder angreifen!"
Die Schlange verspricht, sich an seine Instruktionen zu halten.
Also gibt der Mönch der Schlange einige Ratschläge wie man betet und sagt zu ihr: „In einem
Jahr komme ich wieder vorbei, dann werden wir sehen, wie es mit Dir steht" und geht davon.
Ein Jahr später kommt der Mönch wieder durch den Wald. Er sieht die Schlange, die sich ihm
nähert. Aber sie ist abgemagert und voller Wunden.
Der Mönch fragt sie, was ihr geschehen ist.
Die Schlange antwortet, daß sie ihr Versprechen gehalten und keine Menschen mehr
angegriffen habe aber diese und die Kinder hätten mit Steinen nach ihr geworfen.
„Ich verstehe!" sagt der Mönch. „Ja! Ja! Ich hatte Dich gebeten, keine Menschen mehr
anzugreifen, aber ich hatte Dir nicht verboten zu zischen!"
Ich nahm diese Erzählung, als sei sie für mich bestimmt. Der Beiname „Mitfühlende", den
mir G. Gurdjieff gegeben hatte und das, was damit zusammenhing, stellte eine Frage für mich
dar. Er half mir zu verstehen, daß man, auch wenn man nicht angreifen will, „zischen"
können muß, um sich Respekt zu verschaffen, sich zu verteidigen und nicht zum Schaden von
irgendjemandem. Hier auch habe ich viel Zeit gebraucht, um „zischen" zu lernen! Und ich
kann es immer noch nicht gut!
Ich habe einen der Aspekte dieser Lehre besser verstanden: G. hatte oft wiederholt, daß man
lernen muß, sich nicht mit seinen negativen Emotionen zu identifizieren und sie nicht
auszudrücken.
Sich nicht mit den anderen zu identifizieren, sie nicht auf die gewohnte Art zu betrachten:
Mit Angst, Empörung oder Überlegenheit; zu lernen, sie zu „beachten" und die Rolle zu
spielen, die der Situation entsprach, objektiv und klar, und dabei innerlich frei zu sein, offen
für den anderen.
„Äußerlich beachten, aber nicht innerlich" sagte G. Gurdjieff.
-23-

FASTEN - DIE VERSCHIEDENEN NAHRUNGEN

In der fortgeschrittenen Spezialgruppe mit Monsieur Gurdjieff, an der ich mit Dr. Conge und
H. Tracol teilnahm, gab es Phasen des Fastens. Sie waren nicht für alle gleich.
Ich persönlich sollte nur die Hälfte von jedem Teller essen und den Rest stehen lassen.
Eines Tages sagte mir G. Gurdjieff, daß ich mich nicht an das Fasten zu gewöhnen brauchte,
daß ich es unterbrechen und nahrhafte und reichliche Nahrung zu mir nehmen sollte. Er lud
mich dazu extra zu einem Essen ein und bat mich, von jedem Teller alles aufzuessen.
Nach dem Essen bestärkte er mich dann, daß ich mein Fasten wieder aufnehmen sollte.
Weil mir G. gesagt hatte, daß die Movements Medizin seien, studierte ich zu jener Zeit
Kinesiotherapie, um seine Worte zu verstehen. Ich war sehr müde, weil ich ab 8 Uhr morgens
als Krankenschwester im Krankenhaus arbeitete und danach hatte ich kaum Zeit etwas zu
essen, bevor ich in meine Kinesiotherapie-Kurse ging. Abends ging ich zu G. Gurdjieff, zu
den Movements oder einem Gruppentreffen.
Darüber hinaus war ich durcheinander wegen meiner kürzlich geschlossenen Ehe, die auf
Drängen meiner Mutter und Mme de S., zustande kam, da mich diese von G. Gurdjieff
entfernte und ich ihn nicht mehr wie vorher jeden Tag sah.
Ich hatte daher G. Gurdjieff nicht sofort über meine Studien informieren können und Mme de
S. sagte zu mir, ich solle es nicht tun! Sie gab mir keinen Grund dafür an. Ich habe nie
begriffen, warum ich durch diese Unterlassung eigentlich lügen sollte. Ich habe nicht zu
fragen gewagt, aber ich war schockiert, vertraute ihr trotzdem. Dies war das erste und einzige
Mal, wo ich G. Gurdjieff nicht sagte, was ich machte. Dies traf mich sehr tief.
Nun war ich abends zum Essen bei einem Gruppentreffen. Ich war sehr müde und hatte den
ganzen Tag nichts gegessen, daher aß ich alles auf. Ich dachte nicht, daß dies meinem Fasten
schaden würde.
Natürlich sah G. immer alles und sagte einfach zu mir: „Sie haben das Fasten nicht
eingehalten!... Sie haben den ganzen Teller aufgegessen!... Hören Sie mit dem Fasten auf'...
Ich war vernichtet, verzweifelt.
Sobald ich konnte, sprach ich mit Mme de S. darüber, die mich sofort beruhigte und sagte,
daß G. dadurch gesehen hatte, daß ich mit dem Fasten aufhören musste und daß er sich
dessen bedient hatte.
Bei anderen Gelegenheiten hatte ich solche Verhaltensweisen bei G. gesehen. Ich akzeptierte
daher die Erklärung von Mme de S. Aber ich war sehr getroffen und akzeptierte meinen
Fehler nicht.

Aus den Worten von G. Gurdjieff konnte man entnehmen, daß wir Nahrung von Allem was
uns umgibt, erhalten, von Allem, was wir auf jedem Niveau erhalten. Alles sind Eindrücke -
Nahrung: Unsere Handlungen, unsere Umgebung, unsere Beziehungen zu anderen Menschen,
unsere Gefühle, unsere Gedanken, die Luft, die wir atmen und unsere leibliche Nahrung.

G. Gurdjieff sagte, daß man das „ist", was man an Eindrücken erhält und daß man sich darin
üben sollte, so wie bei Lebensmitteln, die Qualität dessen kennen zulernen, was wir aus
verschiedenen Eindrücken - Nahrung - erhalten, darin eingeschlossen menschliche
-24-

Beziehungen, Geschäfte, Muße, Lektüre, und zu lernen, sie nach diesen Kriterien
auszuwählen.

G. präzisierte, dass die konzentrierte Aufmerksamkeit viel Energie und Substanzen


benötigt. Daß wir Lebensmittel erster Qualität essen sollten, mit viel Nährstoffen und
Vitaminen.

Daß man das, was als subtile „Nahrung“ an Eindrücken durch Ideen, Wahrnehmungen,
Gefühle, Vorstellungen, Empfindungen und Taten empfangen wird, verstehen muss.

Die Movements, so wie sie G. Gurdjieff lehrte, sind ein Beispiel bewußter Auswahl der
Eindrücke, die empfangen werden sollen.
In diesem Fall wählt unser Denken, unsere Aufmerksamkeit den oder jenen Teil des Körpers,
in einer vorgegebenen Ordnung, um ihn zu empfinden, um ihn bewußt zu machen, um
Denken und Körper zu verbinden.
G. lehrte uns, sie zu kontrollieren und zu dirigieren, in wohldurchdachter Steigerung.
Die Komplexität der Movements brachte es mit sich, daß die Empfindungen keine Phantasie
waren. Sie zu spüren war schon schwierig. Und bei den meisten Schülern war die
Aufmerksamkeit damit beschäftigt, sich die Positionen in ihrer Aufeinanderfolge vorzustellen
und sich daran zu erinnern. Dies brachte es mit sich, daß die wahre Arbeit dieser Lehre nicht
wirklich angewendet wurde.
Im normalen Leben ist die Empfindung nicht bewußt, es gibt warm, kalt, einen Schlag, einen
Schmerz; sie ist physisch und nur teilweise vorhanden und die Verspannungen verhindern ein
Empfinden des gesamten Körpers, tief, gleichmäßig und vollkommen.
In den Movements ist ein Aspekt der Arbeit an sich selbst die Bewußtmachung unserer
Verspannungen, die uns nach und nach die existierende Verbindung zwischen einer
physischen Verspannung und einer Emotion oder einem Gedanken oder einer Gewohnheit
enthüllt, über die wir keine Kontrolle haben, da diese Verbindungen ohne unser Wissen,
unbewußt entstanden sind.
Wir müssen üben, die Kontrolle über unsere Verspannungen und ihre Entspannung zu üben,
da die Befreiung von physischen und nervösen Verspannungen zur Befreiung von
emotionalen Verspannungen beiträgt.
-25-

EINMAL, EINES TAGES, KURZE ERZÄHLUNGEN

Die Tränen

Eines Tages im Gewürzzimmer, als ich Kaffee mit G. Gurdjieff trank, erzählte ich ihm von
persönlichen Fragen, die ich mir stellte. Als ich sie beschrieb, kamen mir die Tränen.
G. betrachtete mich sehr aufmerksam. Dann sagte er sehr freundlich zu mir: „Ihre Tränen
kommen von einer Seite des Auges. Es ist nicht dasselbe, ob sie von der inneren Seite oder
der äußeren des Auges kommen, der Sinn ist verschieden".
Er sagte sonst nichts. Ich stellte keine Frage, hoffte auf etwas Genaueres und wusste doch,
daß er selten Erklärungen gab. Mein Gefühl war sehr tief, wie ein sehr - alter Schmerz, eine
Verzweiflung vom Grunde der Zeiten. Ich kannte dieses Gefühl, ich habe es immer gekannt.
Ich hatte es einige Male. Es war immer da, in meinem tiefsten inneren. Es ist immer noch da,
verborgen.
Die Freundlichkeit von G. Gurdjieff hat mir geholfen, es mir bewußt zu machen.
Gesicht
Bei einer Mahlzeit mit der Gruppe betrachtete mich G. Gurdjieff von Zeit zu Zeit, während er
mit anderen Personen sprach. Dann sagte er ruhig und sehr sanft: „Melange, man sieht alles
auf Ihrem Gesicht, man sieht, daß Sie in diesem Moment innerlich arbeiten, man darf das
nicht sehen". Ich machte tatsächlich gerade die Übung, meine unmittelbaren Beobachtungen
wahrzunehmen.
Die Bemerkung von G. hatte mich um so mehr berührt, da ich schon sehr früh als Kind den
Ausdruck bestimmter Personen, z.B. „konzentriert“, „religiös", „denkend", „demütig" u.a. mit
Irritation bemerkt und nicht als real empfunden hatte.
Sogar in dieser Lehre werden „Posen" eingenommen, ohne wirklich konzentriert zu sein!...
Ein Unterschied, den man durch Beobachtung wahrnehmen kann! Seitdem habe ich sehr
darauf geachtet.
Mir wurde gleichzeitig klar, daß G. Gurdjieff niemals einen inneren Zustand der
Konzentration zeigte,
Ich erinnerte mich an die sieben großen Statuen, die man im Fernen Osten auf hohen Bergen
entdeckt hatte, die in ihrem Ausdruck jeder Stufe einer Etappe auf der inneren Suche
entsprachen: Vom Anfänger mit seinem sehr konzentrierten Ausdruck über ruhigere Stufen,
tief, heiter, bis zum großen Meister, einem Menschen voller Leben, ohne Ausdruck der
Konzentration, der mich an Monsieur Gurdjieff denken ließ, der voll im Leben stand.
-26-

Gutes Publikum
Eines Tages, mit den üblichen Dingen bei G, beschäftigt, begegne ich ihm ein oder zwei Mal.
Dann hält er an und indem er mich betrachtet, teilt er mir kurz mit: „Sie, gutes Publikum!"
Ich habe ihm keine Frage gestellt. Ich denke nicht, daß er mir irgendetwas erklärt hätte.
Er gab uns ein Samenkorn, das sich selbst entwickeln musste.
Ich dachte nach, warum ich ein gutes Publikum war und ich empfand, daß ich mich mit
dieser Lehre und der Gegenwart von G. Gurdjieff wie ein Schwamm voll sog, und auch in
meinem Leben registrierte, absorbierte ich alles was ich sah, alles was ich hörte, alles was ich
las. Aber was wollte Monsieur Gurdjieff wirklich sagen?

Dr. Conge
Ich kam gleichzeitig mit Dr. Michel Conge zu einem Gruppentreffen in der Rue des Colonels
Renard. Monsieur Gurdjieff hatte uns geöffnet und wir setzten uns in den
Versammlungsraum. Wir waren die ersten.

Es war am Beginn unserer kleinen Spezialgruppe von etwas 15 Leuten, ausgewählt und
ausgebildet von G. Gurdjieff. Sie bestand mehr als fünf Jahre und die innere Arbeit erfuhr
dort eine extrem präzise und intensive Steigerung. Die Gruppe wurde aufgelöst nach der
letzten Übung, welche die vollständige Serie beendete, Die anderen existierenden Gruppen
hatten nicht alle dieser Übungen bekommen, nicht in dieser Folge und dieser Steigerung.
Ich sehe uns beide wieder vor mir, zurückhaltend dasitzend, die Hände auf den Knien,
schüchtern, wie wir auf unsere Kameraden warten.

Einmal steckt Monsieur Gurdjieff den Kopf durch die Tür, betrachtet uns aufmerksam und
sagt „rri“ mit seiner ernsten und tiefen Stimme: „Sie, gleich!" Schweigen, sein Blick immer
noch auf uns. Aufmerksam warten wir. G. fügt hinzu: „Sie, dasselbe Gefühl!" Ein
Schweigen, dann: „Denken muß mehr da sein!"
Ich betrachtete G. Gurdjieff an der Tür und sah Michel Conge links von mir. Und
tatsächlich empfand ich, daß wir dasselbe fühlten und mehr noch, im Augenblick gleich
perplex waren. Wir hätten niemals gedacht, daß wir gleich waren!
Michel Conge war einer der mir am nächsten stehenden Kameraden. Viele Jahre sind
vergangen und ich stelle fest, daß wir uns wirklich nahe waren durch unser Verständnis der
Arbeit G. Gurdjieffs. Dies wurde mir durch seine Schüler bestätigt. Heute ist außer mir
niemand da, der ein wesentlicher Teil dieser Spezialgruppe in ihrer Kontinuität war.

Es ist nicht so!

Bei einem Essen mit der Gruppe sprach jemand von einer kleinen Begebenheit. Ich war bei
dieser anwesend gewesen und stellte fest, daß die Beschreibung weit davon entfernt war,
richtig zu sein. Ich wagte nicht einzugreifen und wartete, daß jene Person die Tatsachen
richtig stellte. Da dies nicht geschah, wiederholte ich in mir selbst: ~Nein! Nein! Es ist
nicht so! Es ist nicht so!" und schaute diese Person an, die in der Nähe von G. Gurdjieff
saß.
Und plötzlich sagte G. zu mir: „Ja! Ja! Melange! Ich weiß! Ich weiß!" Ich war verblüfft
aber beruhigt.
-27-

Die Gruppe hatte dieser Erzählung keine Aufmerksamkeit geschenkt. G. hatte mich
während des Berichts nicht angesehen, ich saß weiter entfernt am anderen Ende des
Tisches. Er hatte mich daher gespürt und er kannte mich. Ich war beschwichtigt, denn ich
konnte es nicht ertragen, daß man eine Situation unwissentlich oder absichtlich falsch
darstellte.

Atmosphäre
Eines Tages teilte ich G. Gurdjieff mit, daß ich mich nach einer Movementsklasse voller
Energie empfand und daß sie verschwand, daß ich sie nicht halten konnte. Ich fügte hinzu,
daß auch im Leben bestimmte Umstände mir Energie gaben und daß sie mir auch hier
verloren ging.
Nach einem Schweigen antwortete mir G. freundlich, ruhig, daß der Mensch umgeben ist von
einer Atmosphäre, wie die Erde. Daß man durch die Gedanken, die Emotionen, seine Energie
verliert. Er sagte weiter, daß diese Atmosphäre je nach Person entsprechend größer oder
kleiner ist, wie eine Fortsetzung des Körpers und wie eine Grenze.
Daß ich mich darin üben sollte, den Raum um mich herum zu empfinden, meine
Atmosphäre als Fortsetzung meiner Anwesenheit zu empfinden, ihre Grenze zu spüren,
ohne sie zu verlassen, ohne über sie hinauszugehen. Zu lernen, meine Energie in den
Grenzen meiner Atmosphäre zu halten. Sie nicht stören zu lassen von etwas außerhalb,
nichts in sie eindringen zu lassen.
G. Gurdjieff fuhr fort, er sagte, wenn man seine Energie in Phantasien, in Emotionen gehen
läßt; identifiziert man sich damit und sie geht verloren; daß man lernen muß, sie nicht
davontragen z lassen. Daß ich lernen muß zu denken, zu fühlen, ohne mich zu
identifizieren.
Daß gewöhnliche Gedanken kein wirkliches Nachdenken, sondern Assoziationen sind,
Emotionen, mit denen man sich identifiziert und daß aus diesem Grund die Energie absorbiert
wird und verloren ist.
Daß die Entwicklung der Aufmerksamkeit, des Bewußtseins, mit der Energie des Seins
geschieht. Daß man daher lernen muß, sie nicht zu vergeuden und sie benutzen soll, um das
Sein vollkommen zu entwickeln.

Auf Andere achten

Eines Abends überraschte ich G. bei einem Blick, der plötzlich von großer Intensität wurde.
Ich folgte seinem Blick und sah Mme de S. sichtbar erschöpft, auf ihrem Sitz schwankend,
kurz davor herunterzufallen.
Ich blickte wieder zu G. und sah, daß er bereit war aufzuspringen, um bei einer eventuellen
Ohnmacht zu reagieren. Durch seinen Ausdruck, seinen ganzen gespannten Körper hatte ich
den Eindruck, daß er Mme de S. half, sich aufrecht zu halten.
Dann fasste Mme de S. sich wieder und G., als ob nichts gewesen wäre, nahm wieder seine
gewohnte Haltung ein, mit der Aufmerksamkeit bei allen. Er zündete eine Zigarette in seiner
Zigarettenspitze aus Holz an, wodurch er oft die Aufmerksamkeit ablenkte, ohne daß dies
irgendjemandem klar war.
-28-
Die Gruppe hatte nichts bemerkt, wie oft. Es war eine Sache von einigen Sekunden.
Ich beobachtete so viel ich konnte, ich war immer so. Ich habe Interesse an dem, was um
mich herum geschieht, daran, zu verstehen, was passiert. Ich hatte nie bei jemand anderem
das Empfinden, daß er beobachtete wie ich das tat. Außer natürlich G. Gurdjieff, der ein
außerordentliches Beispiel für mich war,
Ich erinnere mich immer wieder an eine Bemerkung meiner Mutter: Daß ich die Leute nicht
so anschauen sollte, wie ich das tat. Aber ich kann mich nicht zurückhalten, da ich ein tiefes
Bedürfnis danach habe zu „sehen", zu verstehen, was vor mir ist. Was mich umgibt.

Samtband

Bei einer Mahlzeit, inmitten von Fragen, Toasts, Späßen, sehe ich G. Gurdjieff plötzlich eine
Kameradin anblicken. Er sagt jäh, wie eine einfache Beobachtung: „Sie, tragen als Krawatte
eine Schleife aus Samtband"... Er fügte nichts hinzu und nahm die Unterhaltung mit den
anderen wieder auf.

Ich war für die Toasts verantwortlich, links neben G. und gegenüber dieser Kameradin. Ich
sehe ihr perplexes, dann erschüttertes Gesicht und ihre Augen, die sich mit Tränen füllen.
Ich versuchte nicht, den Sinn von Gs Worten zu ergründen. Ich musste die Toasts ausbringen
und wir waren alle durch die Intensität von allem, was mit einer schwer zu verfolgenden
Geschwindigkeit passierte, in Anspruch genommen.
Bei den Betrachtungen von G. Gurdjieff geschah es immer, daß ein Bewußtwerden oder eine
Erinnerung unvermittelt auftrat, wie plötzlich dem Licht eines Scheinwerfers ausgesetzt.
Viertelschlaf
Eines Abends, ich saß auf dem Teppich am Boden, fast gegenüber von G. Gurdjieff, sah ich
ihn plötzlich mit einem sehr strengen Ausdruck, wie er ihn nie hatte, einen neben mir
sitzenden Mann fixieren, der ihm gegenüber saß. Er hatte den Beinamen „Viertelschlaf', den
ihm G. gegeben hatte. Ich sah ihn an. Er fixierte sehr aufmerksam den Boden vor sich, zu
Füßen von G. Und ich sah, wie er sofort seine Haltung änderte.
Viertelschlaf, dessen Sekretärin ich war in der Direktion seines Verlages, sagte mit später,
daß er in Gedanken die Füße von G. Gurdjieff kitzeln wollte, „denn nach G. haben Gedanken
eine Wirkung" und sehen wollte, was passierte!...
Ich hatte den Zwischenfall gesehen und die Erklärung dafür bekommen! Ich war sehr
interessiert am Verhalten von G. und an der Reaktion meines Kameraden. Auch hier wieder
hat niemand etwas bemerkt.
Bei einer anderen Mahlzeit, bei der ich wie immer zu jener Zeit die Aufgabe hatte, die Toasts
auszubringen, sehe ich „Viertelschlaf', wie er sich an Monsieur Gurdjieff mit einer
unangebrachten Äußerung wendet, die ich frech fand. Ich griff ein, um ihn zu unterbrechen,
er fuhr fort.
Ich fügte daher sofort laut und deutlich hinzu: „Man kann etwas so oder so sagen!"...
Viertelschlaf unterbrach sich, verlegen. Ich glaube, daß er getrunken hatte bevor er zum
Essen kam.
Links von G., mit der Aufgabe, die Toasts auszubringen, konnte ich Mme de S. sehen, fast
mir gegenüber. Sie gab mir für mein Eingreifen ein sehr zustimmendes Zeichen. Das Essen
ging weiter. Ich war die einzige, die das Geschwätz von Viertelschlaf unterbrochen hatte, um
-29-
G. zu verteidigen, der sich nicht darum kümmerte. Die Anwesenden waren verlegen, sagten
aber nichts. Niemals griff jemand außer mir bei den Mahlzeiten ein.
Später teilte mir Viertelschlaf mit, daß Monsieur Gurdjieff ihm gesagt hätte, daß ich stärker
sei als er .... Hier gab es noch einmal etwas zu verstehen für mich!... Aber... was?...
Ich stellte mir immer dieselben Fragen über mich selbst: Wer bin ich? Ist das, was ich denke
richtig?... Wohin gehe ich?... Was tue ich?... Ist es richtig? ... Was ist richtig?...
An einem anderen Tag auf der Straße diskutierte G. Gurdjieff mit Viertelschlaf, der sein
Motorrad dabei hatte. Dann näherte sich G. dem Motorrad und ich begriff, daß er mit
Viertelschlaf auf dem Motorrad davonfahren wollte.
Tatsächlich, und ich werde ihn immer vor mir sehen, stieg er hinten auf wie ein junger Mann,
der auf sein Pferd springt. Und wie der Wind waren sie fort, beide sehr zufrieden... G.
Gurdjieff war so. Dies war seine Art zu leben, aus dem Vollen.

In der Zeit der Prieuré hatte ein sehr kleiner Junge als Geschenk von G. Gurdjieff ein kleines
Auto bekommen.
Das Kind wollte in seiner Freude sofort damit fahren. Aber G. bat ihn, seine etwas ältere
Schwester mitzunehmen und beim Fahren auf sie acht zugeben.
Dies ist die ganze Lehre von G: Eine Freude zu bereiten, aber nicht umsonst. Ein zweifacher
Eindruck: Die Freude, aber auch das Gefühl, eine Aufgabe zu erfüllen, eine Verantwortung
zu übernehmen.
Man empfängt, aber man muß auch geben; auf andere Art.
G. Gurdjieff gab den Kindern Bonbons und bat sie, die Hälfte den anderen Kindern zu geben.
Es gab immer das Teilen mit den anderen.
Als ich ihn in Paris kannte, hatte Monsieur Gurdjieff immer die Taschen voller Bonbons, die
er freigiebig an Kinder, Erwachsene und an die Clochards auf der Straße verteilte.
Immer noch in der Prieure: G. öffnete das Tor zum Gemüsegarten für eine Kuh, die den
ganzen Salat und anderes Gemüse auffraß. Oder er bezahlte die Kinder für das Einfangen von
Fröschen, Insekten und danach mussten sie sie freilassen oder er ließ sie selbst frei.
Viele solche Geschichten in der Prieure und die ganze Arbeit, die getan wurde, die morgens
um sechs Uhr begann und bis Mitternacht oder ein Uhr morgens weiterging.
Es gab den Gemüsegarten, alle lebten davon.
Es gab die Kinder, die Küche, schwere Arbeiten, Gruppen und Movements.
-30-

BAHNHOF SAINT-LAZARE
G. Gurdjieff fährt an diesem Tag nach Amerika. Mme de Salzmann fährt mit ihm. Mehrere
von uns gehen auf den Bahnhof Saint-Lazare, um bei der Abfahrt bei G. zu sein. Für uns ist
dies ein Ereignis, weil wir seit mehreren Jahren ohne von ihm getrennt zu sein, bei ihm
waren.
Wir sind auf dem Bahnsteig, G. Gurdjieff sieht aus wie immer, ein schlichter Mann, ruhig, als
hätte er die Ewigkeit vor sich. Er steigt in den Zug mit Mme de S. und verschwindet. Wir
warten, um G. am Fenster seines Abteils zu sehen.
G. Gurdjieff erscheint. Aber es ist nicht mehr derselbe Mann. Er ist verwandelt. Es geht ein
großes Leuchten von ihm aus, ohne daß sich seine äußere Haltung geändert hat. Seine
Anwesenheit ist von einer ungewohnten majestätischen Kraft erfüllt, die er uns nie gezeigt
hat. Er bückt uns intensiv an, als würde er uns eine Botschaft übergeben. Ic,1t bin tief
beeindruckt von dem, was ich bei ihm spüre.
Dann macht mir G. Gurdjieff ein Zeichen, näher zu kommen. Ich nähere mich ihm. Und G.
beschreibt mir eine Übung, die ich meinen Kameraden bei unserem nächsten Treffen geben
soll: „An ihn zu denken, an Mme de S. und an alle Mitglieder der Gruppe, wie an ein Netz,
bei dem alle miteinander verbunden sind, auch bei großer Entfernung". Es gab an diesem
selben Abend ein Treffen in seiner Wohnung, Rue des Colonels Renard. Ich habe die Übung
weitergegeben. Sie gab uns ein größeres Bewußtsein von unserer Verbindung mit ihm und
der Gruppe.
Und ich habe immer das Gefühl und das Empfinden der Anwesenheit von G. Gurdjieff
bewahrt.
Während der Reisen von G. Gurdjieff gab es viele Erfahrungen, die von seinen Schülern
beschrieben wurden. Dieser Bericht ist ein Beispiel, das man in vielen Traditionen findet.
Es erinnerte mich an eine Erzählung über Moses: Ein König hatte über ihn so viel
Lobesreden gehört, daß er ein Porträt von ihm wollte. Er schickte deshalb seine Maier zu
ihm. Aber in den Porträts, die sie mitbringen, gibt es Anzeichen von wilden Emotionen, was
den Eigenschaften widerspricht, die man Moses zuschreibt. Der König, wütend, entschließt
sich, Moses zu besuchen und die Maler zu töten, wenn die Porträts falsch sind. Als er bei
Moses ankommt, hat dieser das Gesicht, das dem entspricht, was man über ihn hört. Der
König will die Maier enthaupten. Moses stoppt ihn und sagt: „Sie haben nicht gelogen, schau
mich an!" Und der König sieht das Gesicht von Moses, das einen Ausdruck von gewalttätigen
Emotionen enthüllt.
Er versteht nicht. Moses sagt zu ihm: Es ist die Meisterung der Instinkte, die in mir sind, die
mich auf eine andere Seinsstufe gehoben haben. Beide Aspekte von mir sind richtig. Töte die
Maler nicht, ich habe ihnen gezeigt, wie ich ursprünglich bin."
Ich habe niemals Gewaltsamkeit bei G. Gurdjieff gespürt, im Gegenteil, ein sehr großes
Gefühl und eine tiefe Aufmerksamkeit für alle, eine immense Güte, eine Geduld
ohnegleichen. Er hatte eine sehr große Kraft, ja, eine sehr große Macht, ja, aber aus dem
Wenigen, was ich aus seinem Leben weiß, war dies etwas, was er in der Zeit seiner Suche
gelernt hatte, dem er entsagt hatte, aus Disziplin über sich selbst. Er bediente sich dessen
niemals. In den Jahren, in denen ich jeden Tag bei ihm verbrachte, mit den Leuten aus den
Gruppen oder anderen Leuten, die nicht dazu gehörten, habe ich nichts bei ihm gesehen oder
gespürt als sein Mitgefühl.
-31-

DIE LETZTE ÜBUNG


Es war in der Spezialgruppe von ungefähr fünfzehn Leuten, sehr früh von G. Gurdjieff
ausgesucht und ausgebildet.
Er gab uns innere Übungen, sehr genau, was Zeit und Häufigkeit anbetraf, während des
Tages und während der Nacht, mit sehr kontinuierlichen und sich steigernden bewußten
Empfindungen - die immer tiefer gingen - von allen Teilen zusammengenommen bis zu
bestimmten - oder umgekehrt l der Wahrnehmung von sich selbst, frei von jeglicher
Identifikation I verschiedener Zählarten / von innerlich auszusprechenden Worten / der
Bewußtmachung eines veränderten Zustands, ob er stattfand oder nicht, entsprechend den
Übungen, die gleichzeitig ausgeführt werden mussten.
Es war eine sehr strikte und strukturierte Schule der Disziplin.
Diese Gruppe war die wesentliche Grundlage der Lehre von G. zu jener Zeit seines Lebens.
Manche sind nicht dabei geblieben aus Gründen, die nicht von ihnen abhingen oder sind in
jener Zeit gestorben. Manche, die oft abwesend waren, haben nicht die Kontinuität
mitbekommen. Diejenigen, die immer dabei waren: Michel Conge, der 1984 starb und Henri
Tracol, der 1996 starb.
Die anderen Gruppen haben einige dieser Übungen bekommen, aber nicht die wichtigsten der
Disziplin, die diese Gruppe ausmachte und auch nicht die Struktur der Kontinuität.

Eines Tages, als ich Monsieur Gurdjieff im Haushalt half, sagte er zu mir, ich solle nicht zum
nächsten Treffen dieser Gruppe kommen. Ich dachte, daß ich nicht auf der Höhe sei und
fragte mich, was nicht gut lief. Ich erzählte Mme de S. davon, die mir antwortete, daß ich
jung sei für diese Gruppe, die aus reifen Menschen mit Lebenserfahrung bestand. Ich
akzeptierte natürlich diesen Standpunkt, aber ich war sehr bekümmert.
Wenige Tage später half ich wie gewöhnlich G. beim Kochen und dann setzen wir uns zum
Essen. Während des Essens sagte G, plötzlich zu mir: „Sie, morgen; kommen zur Gruppe.
Sie, geben Übung. Sie, zuhören" und G. beschrieb mir die Übung, die gegeben werden sollte.
Ich hatte nur bei einem Treffen gefehlt, Ich dachte, G. wollte mich auf die Probe stellen, daß
die Übung teil davon sei und daß er sie schon gegeben hatte. Er machte soviel Scherze
undstellte uns auf Proben, die nicht sofort begriffen wurden, die nicht immer wörtlich
genommen werden mussten. Ich richtete meine Aufmerksamkeit darauf, so gut wie möglich
das zu machen, um was er mich bat.
Am Ende der Movements-Klasse, vor dem Gruppentreffen bei G., erzählte ich Mme de S.
von dieser Aufgabe und meiner Besorgnis und daß ich die Nacht damit verbracht hatte, so
genau wie möglich aufzuschreiben, was mir G. gesagt hatte, seine genauen „Worte“ zu
finden, genauso ki - und kondensiert wie er und nicht zu entstellen, was mir gesagt wurde.
Dies geschah beim Essen am Vorabend. Mme de S. war nicht auf dem Laufenden und schien
erstaunt. Ich zeigte das, was ich notiert hatte und sagte, daß ich Angst hatte, die Worte von
Gurdjieff nicht gut auszudrücken.

Mme de S. las meinen Text und richtete sich auf, sehr gerührt. Ich sagte ihr, daß ich das, was
ich geschrieben hatte, noch entwickeln müsste. Sie betrachtete mich mit großer Rührung und
sagte: „Nein, Solange, auf keinen Fall!... Man erkennt die Stimme von Monsieur Gurdjieff
und seine Sprache wieder".

Ich war selbst sehr bewegt und ging mit großer Angst zu unserem Treffen.
-32-
Als die ganze Gruppe anwesend war, gab mir Monsieur Gurdjieff ein Zeichen zu sprechen:
Ich holte mein Papier hervor und begann zu lesen. Aber er unterbrach mich und sagte: „Sie,
sprechen vor einer großen Menge, Stimme muß sehr weit tragen"... Also fing ich in dieser
Geisteshaltung wieder zu lesen an und tatsächlich hörte ich meine Stimme weit tragen.
Als ich geendet hatte, sah ich ihn an, Mme de S. saß neben ihm. Alle beide sahen mich sehr
intensiv an. Ein langes Schweigen folgte.
Dann lief das Gruppentreffen wie immer ab. Und wie bei anderen Prüfungen wurde nicht
mehr über das gesprochen, was mir geschehen war.
Die Übung, die Gurdjieff mich geben ließ, war die letzte dieser besonderen Serie, sie wurde
anschließend nie mehr aufgenommen.

Nach all diesen Jahren der intensiven Arbeit, die in jeden Bereich meines Lebens
eingedrungen war, hatte diese Nacht, die ich damit verbracht hatte, darüber zu meditieren und
aufzuschreiben, was G. Gurdjieff mir gesagt hatte, als bewußter Reifeprozess des Ganzen
gewirkt. Ich hatte einen Geschmack davon bekommen; eine Erkenntnis weiterzugeben, zu
vermitteln, was ich erhalten, gedacht, empfunden und gelebt hatte. Auf den Hinweis von G.
hin hatte meine Stimme eine Kraft bekommen, die vom Grund meiner selbst kam und erfüllt
war vom Sinn der Übung. Dies brachte diese Prüfung auch mit sich.
Mit der Zeit habe ich eine Verantwortung hinsichtlich dessen, was ich von G. Gurdjieff
empfangen habe, gespürt. Aber zu jener Zeit sah ich dies alles als persönliche Prüfung an. Ich
versuchte nur, sie so gut wie möglich zu bestehen.
Das Prinzip dieser letzten Übung war die Basis für das eigene Verhalten im ganzen Leben
und sollte es immer leiten. Es war der Schlusspunkt der vorher erhaltenen Serie. Kurz
beschrieben bedeutet es, sein Leben in vier Bereiche aufzuteilen:
1. Seinen Lebensunterhalt zu verdienen, für sich selbst und seine Nächsten.

2. Im Leben seine Funktionen dem Automatismus zu überlassen.

3. Schlafen, essen, lebenswichtige Funktionen auf gesunde und richtige Art.

4. Innerliche Arbeit, um sein Selbst-Bewusstsein zu entwickeln und nach und nach


dieses Bewusstsein in die drei ersten Bereiche eindringen zu lassen. Das heißt:
Bewusst und bei sich selbst zu sein in allen Augenblicken seines Lebens.
-33-

DER ABSCHIED VON MONSIEUR GURDJIEFF

Ich half G. Gurdjieff beim Kochen und Tischdecken für eine Gruppe, die abends kommen
sollte.
G. näherte sich vom Ende des Korridors und ich ging an der Eingangstür vorbei. G. blieb
stehen, als wir auf gleicher Höhe waren und schaute mich ernst an. Ich blieb stehen, alarmiert
durch seine Haltung.
G. schaute mich lange und traurig an. Ich wartete voller Aufmerksamkeit, was er sagen würde.
Und G. nahm meine Hand in seine beiden Hände, eine Geste, die er noch nie vorher gemacht
hatte und sagte, sehr langsam: „Melange, ich, fortgehen, fortgehen sehr, sehr weit". Seine
Stimme, mit einem ungewöhnlichen Ton, erstaunte mich. Er musste einige Wochen später nach
Amerika fahren, ich verband seine Worte mit dieser Reise und der großen Müdigkeit, die ich in
ihm spürte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich war selbst so traurig über seine Abreise
und darüber, ihn so zu sehen. Ich konnte nichts tun, als ihn spüren zu lassen, daß ich bei ihm
war, mit ihm war.
Dieser Augenblick dauerte sehr lange, Monsieur Gurdjieff immer in derselben Haltung, mit
tiefen Seufzern und wortlos. Dann, sehr langsam, ließ er meine Hand los und ging den Flur
entlang. Die zu erledigenden Aufgaben wurden getan, als ob nichts gewesen wäre, aber ich
behielt ein Gefühl der Bangigkeit zurück.
Da er anschließend bei den Gruppen und in den Movements anscheinend derselbe war wie
zuvor, habe ich nicht begriffen, daß sein Ausdruck, seine Worte und seine Geste in jenem
Augenblick ein endgültiger Abschied waren. Mein Gefühl und mein Instinkt haben die Realität
wahrgenommen, weil ich anschließend, ohne mir darüber Rechenschaft abzulegen, G.
Gurdjieff so betrachtete, als ob er schon gegangen wäre. Ich gab meinen Lebensumständen die
Schuld für meine innere Unruhe, obwohl ich davon alarmiert hätte sein sollen.*
Ich mache mir immer noch Vorwürfe, die Bedeutung dieser Augenblicke nicht verstanden zu
haben. Denn es war eine stillschweigende Botschaft, die mir G. Gurdjieff vermittelte: Er
wusste, daß er sterben würde.
Ich habe keine Erklärung gesucht, weil mit den Veränderungen, die seit dem Ende des Krieges
geschehen waren, mit Schülern, die aus verschiedenen Ländern kamen, die lange Zeit fern von
ihm waren, sich sein Lebensrhythmus vollkommen verändert hatte im Vergleich zu der Zeit, als
ich ihn kennen gelernt hatte, mit Besuchen, Gruppen, Movements, Mahlzeiten und Reisen.
Weder Mme de S. noch irgend jemand sonst hat jemals gewusst, was an diesem Tag passiert
ist. Ich erzählte niemandem etwas, dies gilt auch für die anderen Begebenheiten, die ich auf
diesen Seiten beschreibe. Dies geschah meinerseits nicht willentlich, sondern war eine
Gewohnheit in meinem ganzen Leben und geschieht aus Taktgefühl gegenüber Erlebtem:
In jener Zeit träumte ich, ich sei in einem großen Park. Am Ende des Parks war vor mir ein
großes Gebäude und weiter entfernt, ringsumher der Wald.

Ich ging auf das große Haus zu mit dem sehr klaren Gefühl, dass G. Gurdjieff, ich selbst, meine
Nächsten, alle sterben würden. Dies war eine Sicherheit ohne Dramatik. Es war eine
unabwendbare Realität, ich weinte nicht, ich war ruhig, als ob ich es schon immer wusste.
-34-

Während ich auf das Haus zuging, wachte ich mit diesem Gefühl auf. In meinem Traum musste
ich zusammen mit anderen Menschen sterben und deshalb dachte ich nicht speziell an G.
Gurdjieff oder ich konnte es nicht mit der Angst, die ich hatte. Ich konnte dem nicht ins Gesicht
sehen .**

Später wurde G. Gurdjieff sehr krank ins Krankenhaus eingeliefert, Und ich habe ihn nie mehr
wiedergesehen! Ich werde dies nie vergessen!
Ich hatte Mme de S. gefragt, ob ich ihn besuchen könnte, sie sagte mir, dass man das nicht
könne. Ich werde dies nie vergessen: Mich nicht von ihm verabschieden zu können, ihn ein
letztes Mal sehen zu können, ihm meine tiefe Dankbarkeit ausdrücken zu können. Warum habe
ich nicht alles getan, um ihn zu besuchen? Der tiefe Schmerz, in dem ich mich befand, nahm
mir alle Energie. Ich war vollkommen ohnmächtig, abwesend und unter dem Eindruck eines
nicht wiedergutzumachenden Verlustes, den ich immer noch empfinde! Später hörte ich, dass
G. Besuche bekam!... Mein Schmerz ist immer noch vorhanden.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

*Ich hätte alarmiert sein sollen, weil ich bei einem nahen Freund eine unbestimmte innere Unruhe
empfunden hatte, der sich in den letzten Kriegstagen verpflichtet hatte: ich konnte ihm nicht mehr
schreiben, ich war gelähmt, obwohl ich noch Briefe erhielt: Ich verstand nicht, was in mir vorging. Und
dann erhielt ich die Mitteilung, daß er im Kampf gefallen war. Ich konnte nicht wissen, daß er sich so
plötzlich in diesem Krieg engagieren würde. Ich habe mir bitterlich vorgeworfen, ihn nicht sofort zu G,
Gurdjieff gebracht zu haben. Er war ein ernsthafter, intelligenter und guter Mensch, was selten ist. Dies
hätte die Richtung unseres Lebens verändert; denn unsere Verlobung war schon angekündigt. Ich habe
seine Mutter vorgestellt, die G. Gurdjieff eine Freundin wurde und sie nahm teil an den Gruppen.

** Diese Umstände, das Krankenhaus, meine Kurse und meine kürzliche Heirat, nicht gewünscht,
sondern von meiner Mutter und Mme de S. vorangetrieben, veränderten mein ganzes Leben, weil ich
nicht mehr bei G. sein und ihm wie vorher helfen konnte. Dies alles zusammengenommen deckte das
zu, was ich empfand und meine unbestimmte Unruhe fand keinen Ausdruck und wurde zu einer Angst,
die alles trübte.
-35-

DIE TÄNZE – MOVEMENTS

Die Kunst, eine Lehre ohne Worte zu vermitteln

Die Lehre von G. Gurdjieff setzt sich hauptsächlich aus 2 Kategorien zusammen:
Veränderung im Bewußtwerden seiner selbst, innere Übungen und Empfindung und,
verbunden damit, jener der Tänze, "Movements" genannt, welche die Anwendung dieser
Lehre durch die inneren Übungen darstellen, die zur gleichen Zeit wie die Haltungen,
Stellungen, Rhythmen und Bewegungen im Raum ausgeführt werden müssen.
Diese Movements bestehen aus mehreren Folgen von Positionen, asymmetrischen Haltungen,
Rhythmen, Zählweisen, Worten, und alles muß gleichzeitig auf sehr genaue Weise ausgeführt
werden.
Um sie auszuführen, ist eine bewusste und willentliche Aufmerksamkeit nötig. Diese
besondere Aufmerksamkeit entwickelt sich durch diese Disziplin und eine tiefe
Entschlossenheit, ebenso wie die Kontrolle des Körpers, des Gefühls und des Denkens.
Es gibt verschiedene Serien: Hieratische (heilige) Stellungen, geometrische Figuren, Gebete,
Tänze, Derwischtänze: Drehungen, Stampfen, Klopfen. Mehrere Übungen beinhalten Worte.
Diese Movements werden von einer Gruppe von Personen ausgeführt, die in Reihen
aufgestellt sind oder als Tableau. Jede Person führt komplexe Positionen aus, asymmetrische,
sehr genau, spezifisch für jeden Körperteil, bis in die Fingerspitzen, mit jeweils einer
Zählweise und einem dazu gehörenden Rhythmus. Es gibt Bewegungen im Raum,
verschiedene Intermezzi, die ineinander verwoben sind.
Eine Musik, die von G. Gurdjieff für jedes dieser Movements geschaffen wurde, gibt den
Rhythmus und die Melodie, die es charakterisiert. Thomas de Hartmann hat unter der
Kontrolle von G. Gurdjieff eine Adaptation für Piano geschaffen.
In ihrer vollständigen Komposition ausgeführt, bringen diese Übungen eine
Veränderung im Blutkreislauf mit sich, im Aderschlag Rhythmus und in der
Sauerstoffzufuhr im Gehirn. Alles gleichzeitig aufrecht zu erhalten und in der
Bewegung, bringt einen wachen Zustand hervor, einen Zustand der bewussten
Anwesenheit. Und schafft eine wirklichere Verbindung mit sich selbst.
Das Visualisieren des Körpers hat einen Einfluss auf das Empfinden. Die psychische
Einstellung beeinflusst automatisch die Körperhaltung. Daher bringt eine
Veränderung in der psychischen Einstellung eine Veränderung der Körperhaltung mit
sich. Und umgekehrt haben die Körperhaltungen Einfluss auf das Gefühl und die
Psyche.
Jeder Stellung entspricht ein bestimmter innerer Zustand, was ich während einer
speziellen Studie des Bewusstmachens dieser Stellungen gefühlt habe. Das Prinzip
dieser „Movements" ist, dass sie etwas wie einen Text liefern, wobei die aufeinander
folgenden Gesten Worte darstellen, Sätze, wie die Schriftzeichen eines zu
entziffernden Buches. G. Gurdjieff hat uns nie den Sinn dieser Stellungen erklärt,
noch Mme de Salzmann, aber in der geforderten Unerbittlichkeit, sie nicht im gerings-
ten zu verändern, ähneln sie dem Erlernen einer Schrift.
Die Komplexität dieser Movements, die Wahrnehmung der eigenen Präsenz; die
motorische Koordination für ihre korrekte Ausführung, erfordern gleichzeitig die
Vorstellung und die Erinnerung des Ganzen. Durch diese präzise Ausführung der
Movements von G. Gurdjieff wird eine Verbindung geschaffen; vollständiger, feiner,
zwischen dem Denken, dem Gefühl und dem Körper.
-36-

Unter diesen besonderen Bedingungen, in gleichem Maße wie die Movements


ablaufen, transformiert sich der innere Zustand: Denken, Gefühl, Wahrnehmung,
Empfindung und ihre Verbindung miteinander.

Durch die inneren Übungen dieser Movements und die Musik von G. Gurdjieff waren diese
Movements für mich der Widerhall eines mit dem Körper empfundenen "Klangs", die
Empfindung eines erfüllten Raumes; die Vibration des Seins, wo ein Gefühl aufstieg,
unbekannt, subtil, ruhig, tief, und eine Weite enthüllte, eine ungewohnte Fülle des Selbst.
Die Art, in der sie uns G. Gurdjieff lehrte, seine scharfe Aufmerksamkeit, die Intensität und
Kraft dessen, was er uns vermittelte sowie das tiefe Interesse, das ich beim Ausführen dieser
Movements hatte, erfüllte mich mit Freude und Energie. Sie waren für mich reich und tief
an Erfahrung, sie vervollständigten seine Lehre und setzten sie um, und diese besondere
Musik hat mich immer tief berührt. Ich empfand in ihr eine Authentizität, eine Sprache,
deren Ursprung ich nicht erklären könnte.
G. Gurdjieff lehrte uns, dass jedes der drei Zentren des Menschen: intellektuelles,
emotionales, motorisches, selbst aus drei Teilen besteht: intellektuell, emotional und
motorisch. Unter den Übungen, die uns G. gab, befanden sich solche, die das motorische
Zentrum eines der drei Zentren beschäftigen, in der Art, dass Denken und Energie frei sind,
damit dieses Zentrum arbeiten kann. Ich habe Experimente mit diesen Übungen gemacht.
Zusammenfassend bedeutet es für das intellektuelle Zentrum, den motorischen Teil mit einer
Zählweise zu beschäftigen; den emotionalen Teil mit der Idee der Familie, der Religion oder
mit einer Qualität der Movements. So hat das intellektuelle Zentrum die Möglichkeit, Zutritt
zum wirklichen Denken zu finden. Für das emotionale Zentrum gibt es eine Übung, die den
motorischen Teil beschäftigt und/oder die intellektuelle Seite, entweder durch Worte oder
durch die Bewegung selbst, welche gleichzeitig die Stütze des emotionalen Ausdrucks sein
kann.
Für das motorische Zentrum werden die Movements durch den Rhythmus gestützt, den Takt,
die auch das eine und/oder andere Zentrum unterstützen können.
Ein Beispiel ist die Nummer Zwei der Neununddreißig. Als uns G. diese Übung gab, sagte er
uns, dass dies ein Gebet für die drei Zentren sei. Der erste Teil ist das Gebet des Denkens.
Der zweite und dritte Teil sind das Gebet des Gefühls, als zwei verschiedene Gefühle. Der
vierte Teil ist das Gebet des Körpers. Die Movements und die Musik, die präzise jedem
dieser drei Teile entsprechen und die Intermezzi sind eine außergewöhnliche Demonstration.
Ich realisiere immer mehr DIE BEDEUTUNG, DIREKT VON G.I. GURDJIEFF DIE
VOLLSTÄNDIGE ÜBERMITTLUNG SEINER LEHRE ERHALTEN ZU HABEN, ebenso
wie die spezielle kleine Gruppe jener Zeit.
Alles war miteinander verbunden, jeder Ausspruch von Monsieur Gurdjieff während der
Gruppen, den Mahlzeiten, in den persönlichen Beziehungen und die Erfahrung der
Movements klärte das Verständnis. Es war ein unteilbares und untrennbares GANZES.
Ich konnte dies begreifen, dies wurde mir erst später bewusst, weil ich sehr begabt für die
Movements war, worauf ich mir nichts einbilde, da es eine Gabe war und ich es nicht wusste.
Ich führte die Movements mit großer Leichtigkeit aus, sofort, ohne eine Anstrengung machen
zu müssen, während die Mehrzahl der anderen in der Klasse ihre Aufmerksamkeit darauf
konzentrierte, sich an die Abfolge der Haltungen zu erinnern und kaum auf die inneren
Übungen, die in diesem oder jenem Movement enthalten waren; achten konnte.
-37-
Daher konnte ich beim Ausführen der Movements die inneren Übungen, die uns gegeben
wurden, anwenden, sie ausführen, sie empfinden und ihren Inhalt aufnehmen.
Dies war eine außerordentliche Erfahrung. Daher verstand ich, wie sich die Arbeit von G. im
Leben integrieren konnte und sollte.
Der stärkste Eindruck, den ich bei der Ausführung von G. Gurdjieffs Movements erhalten
habe, war bei einem Enneagramm: Das schwierigste, das wir gemacht haben und das wir
nie mehr wiederholten.
Es war in einem Saal, Place Maubert, in dem wir einige Monate gearbeitet haben.
Gewöhnlicherweise waren wir im Salle Pleyel.
Ich habe eine intensive Erinnerung an diese Orte, wo ich mich in dieser Arbeit vollständig als
mich selbst und in der Funktion, im Ausdruck existieren fühlte, was mir erlaubte, an das
Maximum meiner körperlichen Möglichkeiten zu gehen, wie in der Aufmerksamkeit oder im
Denken und wobei ich ein Gefühl tiefer Freude empfand.
Dieses Movement, das Enneagramm, ist die Darstellung einer geometrischen Figur, in der die
universellen Gesetze der Progression, der Transformation, des ganzes Prozesses des
Universums eingeschrieben sind.
Die Zahlen 1-4-2-8-5-7 sind um einen Kreis verteilt, in dem 3-6-9 ein Dreieck bilden, wobei
9 oben an der Spitze steht. Jede dieser Zahlen entspricht einer Musiknote, einem Körperorgan
oder einem anderen Sinnbild, wobei es möglich ist, den Prozess zu verfolgen, der dem
jeweiligen System entspricht.
Als er uns diese Übungen gab, sagte G. Gurdjieff: „Sie machen, was die Bewegung des
Kosmos am Himmel ist. Die Sterne ändern ihre Stellung im Raum, sie gehen vor oder zurück,
Bahnen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind." Wir bewegten uns von einer Zahl des
Enneagramms zur anderen, was wir uns im Raum und auf dem Boden vorstellen sollten, wo
wir weitergehen mussten, uns dabei drehen und die Haltungen und Gesten dieses Movements
ausführen.
Es gab sechs Gruppen mit je drei Personen; die erste jeder Gruppe ging von einem Punkt
des Enneagramms zu einem anderen, indem sie sich im Weitergehen im Kreis um sich
selbst drehte. Die zweite drehte sich ebenfalls im Weitergehen um sich selbst und um die
erste herum; gefolgt von einer dritten, die sich auch um sich selbst und um--die zweite
drehte. Die sechs Gruppen von drei Personen bewegten sich- auf den Zahlen des
Enneagramms vorwärts.
G. Gurdjieff gab Movements, bei denen ein Gefühl aufrecht erhalten werden musste.
Eines davon ist, sich an seine Eltern mit einem Gefühl der Gewissensbisse zu erinnern, an
das, was man nicht für sie getan hat. Es hat Haltungen, die sehr leicht auszuführen sind, von
Armen, Beinen und Kopf, Fußpositionen, Drehungen und Intermezzi. Der Oberkörper neigt
sich von einer zur anderen Seite im Gegenrhythmus. Im Rhythmus von drei und sechs
Takten, sehr langsam, die Zählweise in verschiedenen Sequenzen, wie in allen Übungen.
Die Musik von G. Gurdjieff unterstützte das Movement, sanft, ruhig, in langsamem und
stetigen Rhythmus. Ich zählte mit der Empfindung, da es schwierig war, mit dem Kopf zu
zählen, es war von einer vollkommen anderen Ordnung. Bei diesem Movement habe ich
immer ein ruhiges und friedliches Gefühl empfunden, was mir kein anderes gegeben hat.
Die Beziehungen zu anderen, Eltern, Familie, Arbeitskameraden, war Grundlage mehrerer
Übungen. Es gibt ein Movement mit den Worten: „Vater“, „Mutter“, „Bruder“, ,;Schwester“,
die während seiner Ausführung auszusprechen waren und ein anderes, bei dem wir bei jeder
-38-
Position die Vornamen unseres Vaters, unserer Mutter, unseres Bruders, unserer Schwester
aussprechen mussten.
Einmal während des Movements-Unterrichts, zu einer Zeit, als wir die
„Multiplikationsübung" übten, dem Platzwechsel zu multiplizierten Zahlen, gab
Monsieur Gurdjieff jedem von uns eine persönliche Empfindungsübung, keine davon
ähnelte den anderen.
Ich habe bemerkt, dass ich die einzige war, die auf der linken Seite beginnen musste,
um auf die rechte Seite zu gehen. Dabei kreuzte sich auch die Richtung der
Empfindung, von oben nach unten von unten nach oben. Wie immer hat G. Gurdjieff
nichts über den Sinn dieser Übung gesagt.
Während der Movements und in den Gruppen gab es Übungen, die er uns so lange wie
nötig ausführen ließ, damit sie bewusst wurden, damit man sich mit dem Prozess
verbinden konnte. Dann wurde die Übung abgewandelt oder gesteigert, je nachdem.
Ich habe das beobachtet, je nachdem, was uns G. Gurdjieff gab, ohne dass er es jemals
erklärte.
Es gibt ein Movement, das ich als ein Beispiel für eine kostbare Hilfe betrachte, um
eine innere Konzentration zu erfahren:

Es ist eines der Tibetischen Movements, mit bestimmten Worten, die klar bei jeder
Haltung ausgesprochen werden sollen. Es gibt verschiedene Positionen der Finger, die
sich aufeinander beziehen, schwierig auszuführen; verschiedene Positionen der Arme;
und auf dem Boden sitzend, mit ausgestreckten Beinen. Mit Zusammenziehen eines
Körperglieds, eines anderen, einem Teil des Gesichts oder einem anderen, nach einer
genauen Ordnung. Die Wirbelsäule muss gerade gehalten werden, sonst können die
Bewegungen nicht gemacht werden; und, sie gerade zu halten, ohne Anspannung, ohne
Zwang, hilft dem Ganzen. Alles wird in der Aktion mobilisiert.
Die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich und bringt eine Präsenz des ganzen Seins
mit sich. Es gibt keinen Platz für assoziatives Denken, irgendein Erlahmen. Diese
Übung bringt eine Kraft der Präsenz mit sich, eine volle Empfindung seiner selbst,
eine stille Freude und ein klares Denken, das „sieht" ohne zu urteilen.
Bei einem anderen Movement müssen die Füße auf bestimmte Art auf dem Boden
stampfen. Es ist das ganze Bein, das die Bewegung macht und den Impuls gibt. Das
Knie darf sich nicht bewegen. Und um dies zu tun, wird die ganze Wirbelsäule
mobilisiert, verstärkt, besonders im Kreuz, in der Taille. Dies „hält" den ganzen
Körper und geht bis zum Kopf. Nur die Muskeln, die eine Position halten, dürfen
„mobilisiert" werden, die anderen müssen entspannt sein.
Monsieur Gurdjieff hat uns innere Übungen gegeben, die ohne Bewegungen zu
machen waren, still dasitzend. Er sagte uns, dass wir sie machen konnten, wie wir
wollten, im Schneidersitz, auf einem Kissen, Stuhl oder sonst wie. Er nannte dies nicht
„Meditation", aber dies war eine Vorbereitung dafür und war es selbst.
Es gab eine fortschreitende Reihe von Übungen, sich seiner selbst bewusst zu werden,
„sich an sich selbst zu erinnern", in dieser oder jener Situation, beim Gehen, beim
Durchschreiten einer Tür oder etwas anderem für eine selbstgewählte Zeitspanne, und
dann die Übung zu ändern.
-39-
Die Meditation ist eine Öffnung, in der es einen Kreislauf der Energie und der
Empfindung seiner selbst gibt. Reglos ist man vollkommen anwesend, seiner selbst
gewärtig, man bewohnt seinen Körper, man bewohnt das ganze Zimmer.
SEIN ist SEIN. Dieser „Geschmack" ist derselbe in der Meditation, in den Movements
und im Leben, es ist derjenige des „Ich Bin".
Es ist ICH BIN, es ist nicht etwas, das an etwas denkt, es ist SEIN.

Ich habe gespürt, dass die Übung der „Präsenz seiner selbst" während der Movements
mir manchmal einen Geschmack gab, der von selbst, ohne dass ich ihn suchte, im
Leben erschien und sich mit den Übungen sich „an sich selbst zu erinnern" verband und sie
bereicherte während der verschiedenen gewöhnlichen Aktivitäten des normalen Lebens.

Als G. Gurdjieff nach der Befreiung mit Mme de Salzmann nach Amerika reiste, bat er mich,
mit den Movements-Klassen zu arbeiten und sie auf dem Klavier zu begleiten. Es war immer
Mme de Salzmann, die am Klavier spielte, während G. Gurdjieff uns die Movements zeigte
und uns arbeiten ließ.
Damit Mme de Salzmann diese präzisen Notizen hatte, habe ich sie ihrer Sekretärin zum
Tippen auf der Schreibmaschine gegeben.
Ich improvisierte, weil ich keine Musik zur Verfügung hatte und es keinen vorbereiteten
Pianisten gab. Glücklicherweise hatte ich den ersten Preis für Klavierspiel am
Konservatorium!
Von Beginn an ließ ich die Movements wiederholen. Ich organisierte Zusammenkünfte mit
meinen Kameraden, damit sich alle die Stellungen gut merkten, die ich dann für jedes
Movement wieder zusammenfügte. Denn bestimmte Movements haben verschiedene
Haltungen für jede Reihe und Linie, sogar für jede Person.
Ich organisierte Wiederholungsstunden, als die Amerikaner und Engländer nach Paris kamen,
um sie die Movements zu lehren, und als G. Gurdjieff es nicht tun konnte, weil er mit
Gruppen der Neuankömmlinge beschäftigt war, arbeitete ich mit der ganzen Klasse.

Eines Tages, als ich G. berichtete, was ich mit einer Movements-Klasse geprobt hatte, sagte
er mir, dass die Movements eine Medizin sind.
Um dies zu verstehen, besuchte ich Kurse für Heilgymnastik, rhythmische Gymnastik,
Dalcroze, Judo, Tai-Chi. Und ich erhielt die Bestätigung dessen, was ich suchte. Um zu
experimentieren, habe ich in Krankenhäusern mit Psychomotorik und Entspannung
praktiziert, ebenso in Vereinen und in Privatkursen.
In der Kinderpsychiatrie unterstreichen diejenigen, die sich um das Problem der Entwicklung
der mentalen, psychischen und motorischen Fähigkeiten bemühen, die Wichtigkeit der
Erziehung der Sinne und Motorik, ebenso wie die auditiv-motorischen Verbindungen, die die
Aufmerksamkeit festigen.
Ich habe Übungen vorgefunden, die bei bestimmten Krankheiten helfen: Bewegungen im
Raum für Störungen in der Statik. Die asymmetrischen Bewegungen, die bei der
psychomotorischen Kontrolle helfen.
-40-
Ich war verblüfft, dass man diese Kenntnisse nur bei physischen und mentalen
Krankheitsfällen anwendet und nicht für die vollständige Entwicklung aller Möglichkeiten
der Menschen!
Umsomehr schätzte ich den Unterricht von G. Gurdjieff, die Art, wie er die Gruppen führte,
die Movements, und die effektive Wirkung dieser Arbeit bei jenen, die sie strikt dahingehend
befolgen, die Empfindung der Verspannungen zu erforschen und ihre Verbindung mit den
Gefühlen und Gedanken.
Meine Arbeit in der Heilgymnastik gab mir Elemente zur Überprüfung, bestätigte die
Wirksamkeit dieser Disziplin.
Dies sind Wahrheiten, die offiziell in der Medizin bekannt sind, aber nicht als Elemente
der Kontinuität der Entwicklung des Seins erkannt werden, ebenso wie die Bedeutung der
vier energetischen „Zentren" nicht erkannt wird, noch die der mehreren Ebenen des
Bewusstseins.
Die Emfpindungsübungen bewirken, dass die Verbindung mit sich selbst auf natürlichere
Weise geschieht, indem man sich die Verspannungen und ihre Beziehung zu den Gefühlen
und dem Denken bewusst macht. Man kann im Leben die Trennung Kopf - Körper sehen, die
bei Personen, die in der Medizin bekannte Schwierigkeiten psycho-motorischer Art haben,
viel markanter ist.
Meine Arbeit in Krankenhäusern, Vereinen sowie Privat hat es mir ermöglicht, dies zu
kontrollieren und zu verifizieren.
Das Bild von sich selbst, seinem Körper, ändert sich durch diese Qualität der Arbeit: Die
präzise Übung der Haltungen, die strikte Ausführung, die Visualisierung der Richtungen
geben einen Begriff von sich selbst im Raum, ein klareres und organischeres Bewusstsein
seiner Individualität in Verbindung mit der Übung, dem Ort und den anderen.
Das Gehirn wird durch das Nervensystem stimuliert: Innere und äußere Eindrücke, bewusste
und unbewusste, die es im normalen Leben nicht erhält, da die Verbindung Denken - Körper
nicht naturgemäß bewusst ist.
Diese Übungen sind eine Arbeit, die Denken und Körper vereint, welche die Instrumente
dieser Lehre sind.
Die Veränderung geschieht auf der Grundlage des gewöhnlichen Zustands des Individuums,
halbbewusst, mechanisch, mit seinen Gedanken und Gefühlen identifiziert, um einen
Bewusstseinszustand einer umfassenden Vorstellung von sich selbst zu erreichen, ohne damit
identifiziert zu sein; es ist ein Bewusstseinszustand der Distanzierung.
Dies ist die Beschreibung dessen, wie es sein sollte ... Aber, selbst wenn die Ausführung der
Haltungen und des Ganzen richtig erscheint, heißt dies nicht, dass die innere tatsächliche
Arbeit dies ist.
Diejenigen, die dahin gelangen können, haben die Möglichkeit, ihre angeborenen Fähigkeiten
zu entwickeln.
Für jemanden, der sich anstrengt, sich dies bewusst zu machen, ist es interessant, wie die
schlechte Ausführung dieses oder jenes Movements einem Mangel an Gefühl entspricht, an
Offenheit, physischen, emotionalen Entspannungen, einem Machenwollen, einem Intellekt,
der den ganzen Raum einnimmt, oder von Natur aus oder durch einen Unfall verursachten
motorischen Schwierigkeiten, oder einer Trennung/Abschottung zwischen
Psyche/Denken/Körper.
Die Schwierigkeiten in den Movements lassen wie auf frischer Tat ertappt die defekten
Funktionen erkennen: Die konstante Einmischung des Denkens, des Gefühls, die unnötigen
-41-
Muskelanspannungen, die immer automatisch wiederkehren. Man benötigt eine lange Zeit
der Übung und der Praxis, um sich ein wenig einer Aktion zu nähern, an der das ganze
Wesen teilnimmt.
Zu oft lernt man ein Movement und arbeitet nicht wirklich innerlich. Es kann bei mehr oder
weniger begabten Personen so aussehen, als würden sie diese gut machen, aber für jemanden,
der die wirkliche innere Praxis dieser Lehre und ihrer Übungen kennt, ist es sichtbar, dass sie
nicht korrekt sind, dass das Wesentliche fehlt.
Die Movements für sich allein bringen mehr Einheitlichkeit, mehr Kontrolle und
Koordination und ein neues Gefühl mit sich; aber in bezug auf ihr wirkliches Ziel bleibt das
Ergebnis nur auf einem ersten Niveau.
Selbst im innersten Kreis dieser Lehre machen und lehren sie Viele, ohne immer wirklich
ihren Sinn und ihre Wirkung zu verstehen.

Ich habe Menschen getroffen, die - für die Movements verantwortlich - die Haltungen
entstellen, die Abfolgen, den Rhythmus, oder nicht verstehen, wie die „innere Arbeit"
die Movements anregen, sich mit ihnen verbinden muss.

Diejenigen, die sich Movements „aneignen", müssen wissen, dass das Ausführen
dieser Movements ohne die Kenntnis und die exakte Praxis des Ganzen dessen, was
diese Lehre beinhaltet, nicht die besondere Entwicklung hervorbringen kann, was ihre
Rolle ist.
Das gleiche gilt für bestimmte Gruppenverantwortliche, die nicht immer wirklich die
Tragweite verstehen, sei es, weil sie diese nicht selbst machen, oder sie nur wenig
gemacht haben, oder weil es ihnen zu schwer fällt, sie zu machen und sie die
Betonung nur auf die Arbeit mit der Gruppe legen.
Daher kann die Arbeit einer Gruppe, die zu weit entfernt von einer physisch-
sensorischen Praxis ist, nicht die ganze potentielle Wirksamkeit dieser Lehre entfalten.
Ich versuche in meinen Klassen, die Anwendung der inneren und physischen Disziplin
in den Movements zu vermitteln, so wie ich es von Georges Gurdjieff gelernt habe.
Ich spreche vom Sinn dieser Übungen, die da sind, um die innere Arbeit zu erproben,
sie in die Praxis umzusetzen, sie auszuüben.
In einer Klasse muss jeder „arbeiten" im Sinne davon, jede Sekunde anwesend zu sein,
seine ganze Aufmerksamkeit auf die Verbindung mit seinem Körper zu lenken und auf
die genaueste Ausführung der Positionen und ihrer Abfolge.
Den Schülern wird das Material und Hinweise gegeben, aber nur sie selbst können die
Anstrengung machen, präsent zu sein, in Kontakt mit sich selbst, mit einer
konzentrierten Aufmerksamkeit für die richtige Ausführung dieser Movements.
Niemand kann diese Anstrengung an ihrer Stelle machen.

Manchmal frage ich, was sie festgestellt haben. Sie sagen das, was sie verstehen und
fühlen - sie stellen Fragen nach dem, was sie nicht verstehen.
Das Ergebnis ist manchmal spektakulär, innerhalb von zwanzig Minuten ist die Klasse
verändert, etwas passiert - das Wesen verändert sich, die Präsenz verdichtet sich, die
Aufmerksamkeit ist mobilisiert, die Vereinigung des Seins geschieht, selbst bei
-42-
jemandem mit einem psychomotorischen Handicap. Es gibt nicht mehr dieselbe
Trennung, Zweiteilung in den Gedanken; Gefühlen, zwischen Gedanken und Körper,
selbst wenn sich dies auf ungeschickte Art ausdrückt.
Ich habe es oft festgestellt, man sieht es und die betreffenden Personen sind sich
dessen bewusst; fühlen es und sprechen von ihrer eigenen Erfahrung mit ihren eigenen
Worten. Ihre Schwierigkeiten nehmen ab. Die Subtilität und die Präzision sind klarer.
Die Qualität der Arbeit ist besser. Das Bewusstsein des Funktionierens verschiedener
Teile des Seins wird präziser und erlaubt eine Vertiefung der „Arbeit".
Es ist außerordentlich, die wirkliche innere Arbeit zu sehen, die während einer
Movements-Klasse vor sich gehen kann, wenn Unerbittlichkeit auf allen Ebenen
richtig angewandt wird: Unerbittlichkeit im Denken, Unerbittlichkeit bei allen
Positionen und bei ihrer Abfolge, Unerbittlichkeit beim Versuch des bewussten
Kontakts mit sich selbst, Unerbittlichkeit beim Ausführen der inneren Übungen,
Unerbittlichkeit in der Anstrengung, aufmerksam zu bleiben, um das Ganze im Auge
zu haben.

Der psychische Zustand verwandelt sich, geht auf ein anderen Bewusstseinsniveau, ein
anderes Niveau der Klarheit, der Distanzierung und zur gleichen Zeit wird eine
Präsenz des Seins geschaffen.
Jede Körperposition steht in Verbindung mit dem ganzen Wesen, mit dem Gefühl, dem
inneren Zustand, als ob etwas anderes den Körper regierte.
Personen mit einem inneren Suchen, selbst unbewusst, haben einen allgemein einheitlichen
Rhythmus, eine Ökonomie der Bewegungen und des Klangs der Stimme. Es gibt keine
unnötige Bewegung oder unnötiges Wort. Alles ist verbunden.
Die Movements von G. Gurdjieff lehren uns, auf die äußeren Haltungen zu achten, die uns
durch den Eindruck, den wir davon bekommen, enthüllen, in welchem Zustand wir im
Augenblick sind:
Wenn man sich dessen bewusst ist, drückt jede Haltung und Stellung, auch nur eines Teils,
wie dem Kopf, seinen Zustand der Entspannung oder Anspannung, Wut oder Freude,
Gleichgültigkeit oder Zuneigung aus.
Die Körperhaltung ist eine Richtung der Energie, die einen Sinn hat, die etwas sagt. Jede
Stellung/Haltung sagt etwas, ist Ausdruck eines Gefühls, einer Idee, bewusst oder nicht.
Es geht nicht darum, die Bedeutung in Worten zu suchen, sondern die Körperhaltung zu
fühlen, um sie zu verstehen. In dieser Offenheit, dieser Suche kann es einem klar werden,
dass man durch diese Haltungen etwas über sich selbst lernt.
Wenn wir bei jeder unserer Bewegungen präsent sind, werden wir unsere Haltungen
entsprechend unserem Bewusstseinszustand ausführen.
Von einer Stellung zu einer anderen zu gehen ist ein Satz. Man muss bei diesem Übergang
präsent sein damit die Kontinuität von einer Stellung zur anderen erhalten bleibt, um den
Energiekreislauf nicht zu unterbrechen und den Eindruck von sich selbst.
Wenn man auf richtige Weise anwesend ist, ist man sich jeder Stellung und des Übergangs
von einer zur anderen bewusst, man ist dabei, man wird nicht hineingezogen, man ist nicht
von sich selbst abgeschnitten. Dies ist nicht wie beim gewöhnlichen Automatismus.
Die Disziplin der 'Movements in ihrer Kontinuität entwickelt die Wahrnehmung der
Empfindung, ein neues Gefühl von sich selbst und ein bewussteres Denken.
-43-

Das Ziel dieser Schule ist, die Energie des Denkens und des Seins zu stimulieren und zu
verfeinern durch die inneren/äußeren Übungen und durch die Movements.
Aber die Aufgabe ist riesig, voller Klippen, man belügt sich selbst fortwährend, da der
Einzelne nie ernsthaft mit sich selbst ist. Die erste Aufgabe, die erste Übung ist zu lernen,
aufrichtig zu sein, ehrlich zu sich selbst. Sonst ist alles Lüge, Einbildung und Phantasie.
Diese Movements verleihen denjenigen, die sie strikt ausführen, um sich ihrer selbst bewusst
zu werden und eine bewusste Verbindung zum Körper und der Empfindung ihres Körpers
herzustellen, eine Art der „Schulung" und „Bereicherung" ihres Seins, eine Nahrung für alle
Teile ihrer selbst: Körper-Instinkt, emotionales Zentrum, bewusstes Denken.
Aber man nur wissen, dass diese „Bereicherung" nicht nur das Sein ernährt, sondern auch das
Ego, das intellektuell von allem Besitz ergreift, und man muss sich dessen bewusst sein, um
nicht in diese Falle zu tappen.
Wenn jemand, der die Movements ausführt, ehrlich in seinem Gefühl und in seiner Praxis ist,
geschieht diese „Bereicherung" ganz subtil und direkt durch die Eindrücke, die er aus jeder
Haltung und der ganzen Folge der Stellungen des Movements gewinnt.
Diese „Eindrücke" sind Lehren, „Wissen" das unbewusst erlangt wird durch den Körper, den
Instinkt, das Gefühl/die Intuition und ein Denken, das vom Sein kommt, das anders ist als der
Intellekt. Diese drei mit dem Ganzen verbunden, das ist das Sein.
Diese „erhaltenen Eindrücke" können bewusst werden, wenn der Schüler mit der
erforderlichen Anstrengung, Geduld, Willen, Beständigkeit, klarem Bewusstsein und Demut
danach strebt, damit ihn nichts von der eingeschlagenen Richtung abbringt. So kann sich ein
wirkliches ,;Denken" der drei Zentren entwickeln.

Man darf nicht „Intellekt", „Gedanken" und ein wirkliches „Denken" verwechseln.
Der Intellekt hat Merkmale, aufgrund derer er „Denken" genannt wird. Er produziert diese
„Gedanken", die intelligent sein können, die aber gebildet und bedingt sind durch Erlerntes,
das soziale Umfeld, den Beruf, die Religion, die Politik, die automatische Assoziationen
hervorbringen. Dies ist nicht wirkliches „Denken".
Um von der intellektuellen Konstruktion und Assoziationen, die immer in uns sind, weil man
sie nicht unterdrücken kann, frei zu werden und schließlich wirkliches Denken zu entwickeln,
ist es unbedingt nötig, dass die aktive Funktion des Denkens, sich alle Vorgaben der inneren
Übungen vorzustellen und aufrecht zu erhalten, ebenso wie die aufeinanderfolgenden
Stellungen und Rhythmen, fortwährend geübt wird. Dies ist „BEWUSSTE
AUFMERKSAMKEIT", die auf wirkliches Denken vorbereitet.
Diese Übungen werden nach einer langen Zeit der Praxis zu einer anderen Art zu fühlen und
zu leben, wie bei Tonleitern auf der Klaviatur, um die Finger geschmeidig zu machen und zu
kontrollieren oder wie bei intellektuellen oder Körperübungen, die das gewünschte Ergebnis
erzielen.
Unter der Bedingung, dass der Übende wirklich mit Entschlossenheit danach strebt, sich
seiner selbst bewusst zu werden und sein Sein zu entwickeln.
-44-

Wachsamkeit
-45-

Ich Bin Mich Selbst


-46-

WORTE VON GEORGES GURDJIEFF

G. Gurdjieff hatte uns gesagt: „Glauben Sie nicht, was ich sage, sondern experimentieren Sie
für sich selbst".
„Das höchste Ziel und der eigentliche Sinn des menschlichen Lebens ist es, sich um das Wohl
seines Nächsten zu bemühen, was nur möglich ist, wenn man dem eigenen entsagt“.

„Es gibt hier weder Russen, noch Engländer, noch Juden, noch Christen, sondern nur Men-
schen, die dasselbe Ziel verfolgen: FÄHIG SEIN ZU SEIN".
„Man muss alles opfern können, eingeschlossen sich selbst. Das Wissen hat seinen eigenen
Preis. Man selbst ist der Preis".

„Denken Sie, dass Sie morgen sterben können"... „Das Ego und die Einbildung werden besser
gesehen" ... „Eine objektive Vernunft kann den Platz einnehmen".

„Das Schlechte ist die Unkenntnis aller Gesetze des Guten. Es gibt keine Zauberei, das ist
Wissenschaft".

„Alles schnell und gut machen".

„Sich immer in Frage stellen. FRAGE SEIN".

„Eines der besten Mittel, um den Wunsch nach Arbeit an sich selbst zu erwecken ist, immer
daran zu denken, dass wir jeden Augenblick sterben können; aber zuerst muss man lernen,
dies nicht zu vergessen".

„Derjenige, der sich von der „Krankheit des Morgen" befreit hat, hat eine Chance, das zu fin-
den, das er zu suchen gekommen ist".

„Die Energie, die man für aktive innere Arbeit benutzt, transformiert sich auf der Stelle in
neue Energie, aber diejenige, die für passive Arbeit ausgegeben wird, ist für immer verloren“.

„Eine festgesetzte Anzahl von Erfahrungen ist dem Menschen gegeben. Wenn er sparsam
damit umgeht, verlängert er sein Leben".

„Die Erholung hängt nicht von der Menge: ab, sondern von der Qualität des Schlafs. Schlafen
Sie wenig ohne Bedauern."

„Apropos Hypnotismus: „Diejenigen, die an sich selbst arbeiten, können davon frei
sein".

„Wenn ICH BIN, existieren weder Gott, noch der Teufel".

„Ein integres Wesen = seine Anwesenheit ist eine Lehre".


-47-
„Es gab mehrere „Abgesandte Gottes", die den Menschen die Möglichkeit brachten, sich aus
ihrer Lage zu befreien: Buddha, Lama, Christus, Mohammed, sind Teil von ihnen"

Geschichte der verschwundenen Tasche einer Kameradin, die sie gut an ihrem Fahrrad befes-
tigt hatte. Diese Kameradin erzählte ihre Geschichte Gurdjieff und dieser sagte: "Der Teufel
ist immer wachsam" und hob leicht die Schultern, womit er ausdrücken wollte, dass es nötig
ist, die Aufmerksamkeit immer so wach wie möglich zu halten.
„Sie haben Hunde in sich, Sie müssen ihrer Herr werden. Wenn Sie das Tier finden, das in
Ihnen ist, können Sie es verstehen. Sie sollen das Tier nicht schikanieren, es gehört zu Ihnen.
Man muss seine Natur kennen und verstehen: Es bellt, es greift an; aber wenn man es versteht
und liebt, wird es Ihnen; mit Freuden dienen, es muss nicht auf der Hut sein, um sich zu
verteidigen, weil es sich geliebt und verstanden fühlt und es wird Sie lieben."
G. sagte, dass ein Hund den Zustand seines Herrn wahrnimmt. Er erzählte die Geschichte ei-
nes Hundes, der es nicht ertragen konnte, dass sein Herr sich erniedrigte und völlig betrunken
auf dem Boden wälzte, er stieß ihn an, damit er aufstand.
„In sich hat man einen Teil, der ein Tier ist und einen anderen Teil, sensibel, ohne Verteidi-
gung, mit Bestrebungen und Bedürfnissen, die ganz verschieden vom ersteren sind, wie zwei
Naturen in sich". Man muss sie erkennen und verstehen.

Man muss es lernen, den ersten Teil zu kontrollieren und zu beherrschen und mit dem
zweiten in Verbindung zu sein, damit dieser sich behauptet, wächst, sich ausdrückt und mit
dem ersten Teil verbindet.
Durch diese Idee wollte er uns den Begriff des Seins, seine Struktur, die Möglichkeit seiner
Entwicklung deutlich machen.
Diese Idee machte die Struktur des Seins und die Möglichkeit seiner Entwicklung
wahrnehmbar. Diese Begriffe, die persönliche Anstrengung und die Übungen führen einen
Prozess der inneren Klärung, ein verändertes Denken herbei.

Worte von G., die gut die allgemeine Psyche des menschlichen Wesens wiedergeben:
„Glücklicherweise kennen die Menschen die objektiven Zeichen nicht, die auf eine wirkliche
innere Arbeit hinweisen, sonst würden sie darüber phantasieren und sich einbilden, dass sie
diese hätten und ihre Entwicklungsmöglichkeit wäre für immer verloren".

G. verhinderte alle Versuche, seine Lehre auf die eine oder andere Art zu vereinnahmen,
indem er ihr eine definitive Form gab.

G. Gurdjieff erzählte eine Geschichte: „Der Wolf, die Ziege und der Kohlkopf' - wie man
einen Fluss überquert und die drei mitnimmt, ohne dass der eine den anderen auffrisst". Er
erzählte ohne Erklärung, sagte aber, dass man in sich selbst den Wolf, die Ziege und den
Kohlkopf hat; dass man leben und dabei alle unversehrt erhalten muss sein"."

5 Absätze fehlen (S. 132 - 133)


-48-
-49-
KURZE BEMERKUNGEN ZU DIESER LEHRE, MEINE ÜBERLEGUNGEN
Dies ist eine Schule der Bewusstwerdung seiner selbst, der Selbsterkenntnis.
Mit dieser Lehre lernt man, sich der Konditionierungen und des Automatismus in denen wir
leben und arbeiten, bewusst zu werden und sich davon zu befreien.
Es gibt verschiedene innere Übungen, Tänze - Movements und eine Arbeit an allen Teilen
seiner selbst mit dem Ziel der Erweiterung und der vollständigeren Entwicklung des Seins.
Zu lernen, sich selbst und die Anderen zu kennen.

Zu lernen, sich selbst und Anderen gegenüber offen zu sein.

Sich zu verstehen und die Anderen zu verstehen, ihnen zu helfen.

***

Diese Lehre ist nicht verborgen, aber sie drängt sich nicht in den Vordergrund.
Es gibt keine Verpflichtung, keine Riten, die zu beachten sind.
Man ist frei zu wählen, zu kommen, zu gehen, es gibt nur den eigenen Wunsch, besser zu
verstehen, sich zu vervollkommnen.
Diese Lehre steht außerhalb jedes religiösen Dogmas, jeglicher Politik. Man spricht niemals
davon.
Atheisten wie Gläubige sind in aller konfessionellen oder politischen Freiheit zusammen.
Diese Frage stellt sich niemals.

***

Aus dem Menschen machen seine Erbanlagen, sein Typ, seine Umgebung, seine Erziehung,
die Erschütterungen des Lebens ein Kunstwerk, einen Zombie, einen Roboter, ein
menschliches Wesen oder anderes.
Der Weg des wirklichen Menschen ist der des Kriegers, der den Kampf auf allen Ebenen
aufnimmt und zuerst den Kampf mit sich selbst.
***

Diese Arbeit an sich selbst zielt darauf hin, das Wesen von jeder Identifikation zu befreien,
von jeder Art der sentimentalen und kulturellen Vorstellung.
Man zieht sich nicht aus dem Leben zurück, aus der Welt, sondern, im Gegenteil muss man
lernen, voll und bewusst zu leben auf der sozialen, beruflichen, familiären und
gesellschaftlichen Ebene.
***

Die Stellung der Sprache, notwendiger Ausdruck der Verarbeitung des Denkens, dessen, was
man durch die Beobachtung von sich selbst analysiert.
-50-

***

Alles ist Energie, alles ist Materie, alles ist Vibration.

***

Der Wille, den der Mensch glaubt zu besitzen, ist das, was er erlangen muss.

***

Die Rolle der „Puffer" als Schutzvorrichtung.

***

Kritisch sein, nur das glauben, was man geprüft hat.

***

Die Rolle der Eindrücke, die wichtiger sind als die Nahrung.
Das Sein IST, was es an Eindrücken erhält, intellektueller, emotioneller, körperlicher Art und
von der ganzen Umweit.
Lernen, die Eindrücke auszuwählen, um dem Sein zu helfen, sich in allen Teilen zu
entwickeln.

***

Die Hauptcharakterzüge.
Der Schlaf im Zustand des Wachens, der Hauptcharakterzug als Folge des Automatismus der
Assoziationen, des Traums, der Einbildung.

***

Zu erreichen, in Kontakt mit sich selbst zu kommen ist Askese. Es bedeutet, einen Weg
außerhalb des Üblichen zu gehen. Und aufgrund der Anstrengung, die dabei zu machen ist,
ziehen es viele vor, es sich einzubilden, sich mit Ideen, Worten, dem Schein
zufriedenzugeben und sich zu belügen.

***
-50-

G. sagte, dass der Mensch mit einer begrenzten Menge an Energie gebaren wird, dass er
sparsam mit ihr umgehen und sie für die Entwicklung des Seins benutzen muss, dass er
lernen muss, die Energie zu beherrschen, über die er verfügt.

***

Man muss sich dessen bewusst werden, dass man mit allem verhaftet ist: Seinen Freuden, sei,
Schmerzen, seinen Erinnerungen, seinen Wünschen und seiner Entrüstung, von der größten
und zur kleinsten Sache. Das Verhaftetsein geht tief, man ist darin gefangen ohne es zu
wissen um die emotionellen Reaktionen erfolgen, auch ohne es zu wissen.
***

Das Niveau des Seins wird bedingt durch die Qualität der Präsenz und des Denkens. Von
diesen Qualitäten hängt die Qualität des „Bewusstseins" ab.

***

Ein Wissen, das mehr oder weniger verloren ging, ist, dass der Mensch, der von der
Strömung dahingetragen wird, diese wieder hinaufschwimmen muss. Gegen die Strömung
schwimmen, dies ist das Erwachen, von dem alle Traditionen sprechen.

***

Monsieur Gurdjieff sagte, dass beim Beginn der Arbeit an sich selbst ein Moment kommt,
wo man sich zwischen zwei Stühlen befindet und man nicht mehr wie vorher ruhig und gut
auf seinem ersten Stuhl sitzt!... Aber es ist einem noch nicht gelungen, sich auf den anderen
Stuhl zu setzen! Man hat den einen verlassen und den anderen noch nicht erreicht.
Er fügte hinzu: „Ungemütliche Situation? Sie sind gefangen. Sie können nicht zurück.
Entweder bleiben Sie zwischen zwei Stühlen oder unternehmen alle Ihre Anstrengungen und
arbeiten immer mehr an sich, um ihr Bewusstsein zu entwickeln und den anderen Stuhl zu
erreichen".
Zwischen zwei Stühlen, das heißt schmerzliche Zweifel zu haben, Widersprüche in sich
selbst mit den beiden Neigungen: die eine zur Befriedigung der Bedürfnisse, die andere zur
Perfektion.
Bewusste Zweifel zu erleiden ist die wesentliche Prüfung für denjenigen, der den Weg der
Wirklichkeit sucht.

***

Jeder in dieser Arbeit macht Fortschritte gemäß seinen Möglichkeiten, seinem Wunsch;
seiner Beharrlichkeit, seiner Selbstkritik, Schritt für Schritt, allmählich.

***
-51-

Die Lehre von G. Gurdjieff ist keine Suche nach Religiosität, aber es kann eine Vertiefung
der Religion für jeden von uns sein, denn für einen Atheisten wie für einen Gläubigen gibt es
nur die Anstrengung, präsent zu sein, sich seiner selbst bewusst, für eine innere Entwicklung
all seiner Fähigkeiten, des Denkens und der Wahrnehmung. Es geht in dieser Arbeit nicht um
die Frage von Religion, weder dafür noch dagegen.

***

Das Leben ist ein Meister durch die Prüfungen, die es mit sich bringt, sagte G.
Die Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt und die Praxis der Lehre von G.
bewirken, dass die Elemente einer bestimmten Materie sich in Elemente einer anderen
Materie verwandeln, ineinander verschachtelt, in dauernder Interaktion, und das Wesen
transformiert sich. Eine andere (7 Qualität des Willens wird geschaffen, verbunden mit der
Konzentration der Aufmerksamkeit.
Durch die Arbeit der Disziplinierung der Energien, kann das Sein eine feinere Substanz
werden:

***

Die Zentren: Denken, Gefühl, Körper-Instinkt, müssen unabhängig voneinander sein. Frei
von dem, was sie automatisch miteinander verbindet, jedes muss mit seiner eigenen Energie
arbeiten und nicht mit der Energie der anderen Zentren.
Die Emotionen und Impulse müssen kontrolliert werden, nicht blockiert.
***
Lernen zu denken, nicht sich einzubilden, zu fantasieren.

***

Man benötigt eine ehrliche Anstrengung, um seiner selbst bewusst zu werden und einen
ernsthaften Wunsch sich zu kennen, um sich nicht selbst zu betrügen.

Die großen Meister aller Traditionen werden Alchemisten genannt.

***

Es gibt Verschiedenes, was begriffen werden muss:


-Sich vom Hypnotismus befreien, denn der gewöhnliche Zustand des Menschen ist eine Art
hypnotischer Schlaf. Alles was man tut, tut man in diesem psychischen Schlaf, so tief und
subtil, dass große und lange Anstrengungen nötig sind, um daraus zu entkommen. Aber um
dies zu tun, muss man es zuerst wissen und sehen.
-Die Anstrengung in dieser Arbeit an sich selbst ist eine Anstrengung, die die bewusste und
klare Präsenz des ganzen Wesens voraussetzt: Denken, Gefühl, Wahrnehmung und
Empfindung seiner selbst, das Ganze gleichzeitig.
-In uns gibt es etwas, das uns alles auf falsche Art sehen lässt, wie durch ein verzerrendes
Prisma. Zu diesem Thema schreibt G. Gurdjieff in seinen Schriften vom Organ Kundabuffer,
dem Menschen eingepflanzt, damit er nicht die Realität seines Zustands sieht.
-52-
-Die verschiedenen Seinsebenen.
-Die Beurteilung erstreckt sich auf den Charakter, die kulturelle und soziale Bildung aber
nicht das Sein oder die verschiedenen Ebenen des Seins.
-Die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins und ihre Entwicklung.

***

Diese Punkte sind miteinander verbunden und bilden eine von den gewöhnlichen Funktionen
des Menschen unabhängige Funktion.

Diese Funktion ist als solche nicht bekannt. Sie entwickelt und verstärkt sich durch die strikte
Anwendung dieser „Arbeit an sich selbst".

Eine Idee, eine innere Aufgabe, die weitergegeben wird und ein besseres Verständnis des
Sinns der Suche nach sich selbst erbringen sollte, wird oft verstümmelt, schlecht interpretiert,
und zwar durch diejenigen, die sie bekommen oder durch diejenigen, die sie weitergeben.

Gemäß unserer Struktur, die wir seit unserer Kindheit erlangt haben und die durch das soziale
Umfeld entweder verstärkt oder abgeschwächt wurde; teilt jedes Wort, jeder Ton der Stimme,
jede Körperhaltung oder emotionale Haltung einen Sinn mit.

Es ist hier, wo die „Arbeit an sich selbst" eine Arbeit der Befreiung ist, von dem, was man
gewöhnlich ist, automatisch, in seinen Handlungen, seinen Worten und Gesten, damit man
sich selbst seil. kann und kein Automat.
***

Damit die Aufmerksamkeit bewusst wird und sich entwickelt, ist es notwendig, sich in einer
Disziplin des Denkens, des Gefühls und des Körpers zu üben.
Ein bewusst durchlebtes Leiden ist wie eine Reinigung, in der die schädlichen Emotionen, die
unnütz und zerstörerisch sind; fallen können und von selbst verschwinden.
Für den Körper kommt das Leiden durch die Disziplin der Übungen ihn zu beherrschen und
zu trainieren. Wenn er die Anstrengung nicht liebt, ist er zufrieden, das getan zu haben, um
was er gebeten wurde und in Aktion gewesen zu sein.
Es gibt eine Freude des Körpers wie auch eine Freude des Gefühls und des Denkens.
Mit der Disziplin des Körpers und des Gefühls geht diejenige des Denkens einher, denn es
muss bewusst werden. Es kann nicht mehr das von Assoziationen, von Gefühlen und
Impulsen abhängige Denken sein.
Um eine objektivere Wahrnehmung der Realität und ein objektiveres Denken zu erlangen und
die Beherrschung der Energie, muss man zu kontrollieren lernen, was uns auf mechanische
Weise antreibt.
Durch diese Disziplin streben alle Teile des Wesens danach, dasselbe Niveau zu erlangen,
indem sie ein Ganzes bilden und eine immer feinere und stärkere qualitative Kontinuität
erlauben und somit Zugang zu anderen Ebenen erlangen.
Das Ziel ist, bewusst mit sich selbst als Ganzem verbunden zu sein.
-53-
Indem man sich „an sich selbst erinnert", wie es G. gelehrt hat, weiß man, dass es „der
bewusste Gedanke" ist, der die Richtung angeben muss, mit den vergangenen Erfahrungen
des Gefühls und des Körpers.

***

Wie der Embryo sich aus dem Fötus entwickelt bis zur Geburt und sich noch Jahre hindurch
entwickelt, muss eine innere Entwicklung stattfinden, damit der Mensch in Besitz all seiner
Möglichkeiten gelangt. Die Erziehung gibt uns das nicht vollständig.
Das Bedürfnis zur Entwicklung ist dem Wesen angeboren, es liegt in der Natur des Menschen
selbst. Das Bedürfnis, über sich hinauszugehen, ist die Grundlage dieses Prinzips. Das Wesen
möchte „mehr" sein. Die soziale Schulung und andere Faktoren deformieren dieses
Bedürfnis. Da es nicht weiß, was dieses „Mehr" ist, stürzt es sich auf alles mögliche: die
Leistung auf einem besonderen Gebiet, das Bedürfnis nach Macht oder anderes.
Die Möglichkeit des Menschen zur Verfeinerung, zu etwas Höherem aufzusteigen, bleibt
bestehen. Was er nicht weiß ist, dass dieses „Höhere" in ihm selbst ist. Die Einbildung
-Leichtgläubigkeit entstellt die Wirklichkeit und das Wesen entfernt sich von dem „Mehr",
das es erlangen will.
Die Entwicklung des Seins liegt in der Natur des Menschen. Das Bedürfnis des Menschen,
über: sich hinauszugehen, ist die Grundlage dieses Prinzips. Es wird durch die soziale
Schulung und andere Faktoren verfälscht.
Die Entwicklung des Seins erfolgt stufenweise und benötigt Energie, auf gewissen Stufen
gibt es Einschränkungen oder Enthaltsamkeit, oder es ist nötig, intensiver zu sein, zu
handeln, auf körperlichem, emotionalem oder intellektuellem Gebiet, entsprechend der Natur
des Menschen und entsprechend der Stufe, rückwirkend auf alle Funktionen.
Es gibt Fasten und andere Regeln, die im gegebenen Augenblick anzuwenden sind, auf
richtige und präzise Weise. Manchmal ist es die Enthaltsamkeit auf einem Gebiet oder auf
allen und manchmal kann es das Gegenteil sein.
Bestimmte Menschen nehmen diese Gesetze wahr und gehorchen ihnen auf instinktive
Weise, intuitiv, andere gehorchen nur ihren Impulsen.
Ein Mönch, eine Nonne, ein „Tugendhafter", ein „Meister" oder andere können ohne es zu
wissen geistig oder überhaupt fehlgeleitet sein, versteckt hinter ihrem Etikett.
Wie bei den Movements, wo nur die Vorstellung der auszuführenden Positionen im Kopf sein
muss ohne sie machen zu „wollen", da dieses „Wollen" eine Spannung erzeugt, welche die
Verbindung mit dem Körper unterbricht. Dieser gehorcht von selbst der Vorstellung.
Ganz besonders bei den Movements kann man diesen „Geschmack von sich selbst" erfahren,
die Entdeckung von „sich selbst" im Leben, mit den anderen.
Die inneren Übungen sind oft mit den Movements verbunden. Ihre Unerbittlichkeit ist nötig
für den Aufbau des Seins und den Verlauf der Entwicklung der Bewusstseinsebenen.
Eine Erfahrung in den Movementsklassen gibt mir die Bestätigung für ein einzigartiges
Ergebnis.
Mein innerer Zustand, wie der von denjenigen, welche die aufgegebenen Movements und
Übungen ausführen, ist eine Veränderung im Zustand des Seins, anwesender, bewusster,
freier.
-54-
Dies ist eine „Empfindung" von sich selbst, die wir im Leben nicht haben.
Dies ist das Ergebnis der Anstrengung, sich von Einbildung und im Körper, im Gefühl und
Denken verankerten Gewohnheiten zu befreien, von denen man nicht ahnt, wie tief und
widerstandsfähig sie sind.

Das Wesen kann eine andere mehr oder weniger feine Substanz werden durch diesen Prozess
der Disziplin der Energien.
Diejenigen, die dieses Trachten nicht haben, haben nicht genug Kraft oder überhaupt kein
Bedürfnis danach. Dies beweist, dass das, was verstanden und entwickelt werden kann, nur
durch den Einzelnen selbst geschehen kann. Es gibt kein Wunder: Es ist wie bei den
Weizenkörnern, sie können zu Weizen werden, weil sie Weizen sind.
Dies ist mit dem Begriff „Essenz" und „Persönlichkeit" verbunden. „Die Essenz" des Wesens
entspricht dem Bild des Weizenkorns, wie das Samenkorn der Essenz einer Pflanze, aus der
NUR diese Pflanze werden kann. Der Mensch kann NUR das sein, was seine Essenz ist.
Die Essenz setzt sich zusammen aus allen Sinnen, dem Instinkt und dem Vererbten. Sie kann
wachsen oder zu jedem Zeitpunkt damit aufhören. Die Ereignisse des Lebens können ihr
helfen sich zu entwickeln, oder ihre Entwicklung verhindern.

Die Persönlichkeit ist von der kulturellen Umgebung abhängig, von der Erziehung,
der Ausbildung. Sie kann sich ändern, reicher werden, sich verlieren. Sie kann von
der Essenz sehr verschieden sein in ihren Vorlieben und Bedürfnissen.

***

G. Gurdjieff „wetterte“ oft, und ich habe mich gefragt, warum er mit mir ruhig und
freundlich war, ohne eine Bemerkung zu machen, ausgenommen bei den Prüfungen,
die nur in der Gruppe stattfanden. Ich habe noch diese Empfindung in mir, dieses
Gefühl, ihm nahe, als wäre ich Teil seines Lebens.
Ich tat eine Sache, etwas anderes, in der Küche, im Haushalt, Leute empfangen, oder
essen und Kaffee trinken, allein mit ihm. Ich hörte ihn auch auf seinem kleinen
Harmonium spielen, eine tiefe Musik, fragend, die in mir ein außergewöhnliches
Gefühl der Hoffnung und eine sanfte und ruhige Freude hervorrief. Es geschah
wortlos, außer hin und wieder einem Wort, das ein praktisches Detail betraf.
Es ist wahr, ich war schweigsam, ich „lebte", ich „hörte" seine Anwesenheit; ich
empfand ihn ruhig, innerlich gesammelt, was mir die Empfindung eines Echos in mir
selbst gab. Ich liebte diese Qualität der Stille, sie entsprach einem Bedürfnis in mir
und dem, was ich als Heranwachsende in einer Kirche suchte, in einer der seltenen,
die diese Vibration besaß, da nicht alle sie besitzen.
Bei ihm fühlte ich mich leben, von diesem Leben möchte ich berichten.

***
-55-

Monsieur Gurdjieff sagte, dass jeder auf andere Weise Fortschritte macht. Die einen
mit kleinen Sprüngen, die anderen Schritt für Schritt, andere mit Sätzen, andere
gehen vor und zurück und anderes mehr. In all diesen Beschreibungen habe ich mich
nicht wiedergefunden.

Mein Weg in dieser Lehre, wie in meinem Leben, ist ein besonderer. Ich sah, dass
ich meinen Weg ging, aber ohne zu wissen wohin. Dies ist wie eine Kraft, die in mir
war und noch ist.
Ich habe sozusagen alles am Anfang erhalten, die Haltung von Monsieur Gurdjieff,
der Platz, den er mir gab, nahmen mir die Angst. Was ich tat, erschien mir so
natürlich, dass ich es nicht realisierte.
Ich stürzte mich kopfüber hinein, aus einem Bedürfnis mir selbst gegenüber, ich
wollte das Beste geben, einfach aus Bedürfnis.
Ich nahm nicht wörtlich, was G. sagte, wie an dem Tag, als er vor der Gruppe sagte,
dass ich schöne Koffer und Kleider bräuchte, um diese Lehre in der Weit
vorzustellen.
Die Worte und Taten von G. Gurdjieff konnten. mehrere Ziele haben: Eine Reaktion
bei einem selbst oder den anderen hervorzurufen (was niemals ausblieb!) oder einem
selbst ein „Zeichen" zu geben, oder jemand anderem; eine Situation verständlich zu
machen oder das Verhalten von jemandem; sich an jemanden zu richten, wobei die
Worte jedoch für einen anderen bestimmt waren.

***

Der innere Weg meines Lebens war schon als Kind so, dass ich mich in der
Beherrschung meines Körpers übte, meines Gefühls und meines Denkens. Unter
anderem darin, keine negativen Gedanken und Gefühle zu haben.
Was mir G. Gurdjieff gab, bestätigte und vervollständigte meine ersten Schritte. Ich
zwang mich dazu, Kälte auszuhalten, Hunger, Schmerz, körperliche Anstrengungen,
eine gefühlsmäßige Disziplin. Ich habe Monsieur Gurdjieff nicht um Rat gefragt, ich
tat es aus mir selbst heraus, dies erschien mir natürlich.

Bei einem Gruppentreffen hat G. Gurdjieff die Übung, die er uns gegeben hatte, nicht
mehr weitermachen lassen aufgrund meiner Beobachtungen damit, wobei ich mich bis
zum Äußersten angestrengt hatte. Danach fühlte ich, dass ich auch mit jenen aufhören
musste, die ich aus eigener Initiative machte. Ich machte weiter Übungen, aber mit
Ausnahme der Movements beschäftigten sie sich nicht mehr mit dem Körper.
Dies war eine Haltung, in der ich klaren Geistes, aufrecht zu sein versuchte gegenüber
dem, was mir geschah. Ich beobachtete, was in mir passierte, in anderen, ich
beobachtete die anderen, die Ereignisse des Lebens; ohne zu urteilen, ohne zu
interpretieren. Und dies musste ich nicht einmal üben, da ich seit meiner Kindheit alle
Schläge, Verluste, Erfolge, Freuden ohne Erklärung oder Beurteilung erhalten hatte. Ich
kann sagen, dass ich das, was mir zustieß neugierig und erstaunt betrachtete, gleich,
-56-
ob es negativ oder positiv war. Ich versuchte nur zu verstehen, was sich dahinter
versteckte, wie und weshalb es so geschah.
Diese Haltung brachte es mit sich, dass ich mich niemals in eine Übung geflüchtet habe;
ich begriff das Prinzip davon, ohne es bewusst zu wissen. Dies geschah ganz natürlich
in mir, durch einen Lebensinstinkt. Was ich meinen Lebensinstinkt nenne bedeutet,
nicht blind zu sein, nicht zu glauben, das Leben zu beobachten, die anderen, mich
selbst, wie einen Prozess, der ohne Unterbrechung abläuft, ohne die Richtung zu
kennen, nicht zu reagieren und dem Leiden und den Prüfungen nicht auszuweichen.
Ich stelle fest, dass ich mich einer grundlegenden, allgemeinen Prüfung gestellt hatte:
Entweder ich gehe daraus hervor oder nicht, entweder habe ich die Kraft oder nicht,
entweder ich verstehe oder nicht, entweder gehe ich vorwärts oder ich falle, entweder
lebe oder sterbe ich ... aber bei klarem Geist!

Mein Leben war seit meiner Geburt eine Schule, in der ich durch Prüfungen und
Verletzungen ging, die mir dienten, indem sie mir ein Wissen gaben, das meinen
Forscherblick formte und gestaltete. Ich hätte alles mögliche werden können, im
positiven wie im negativen Sinn. Ich „rettete" mich, selbst vor dem, was positiv
erscheinen könnte. Tatsächlich bin ich nichts Großes ... aber ich bin nicht Gefangene
irgendwelcher Statuten!

***

Um zu verstehen, wie der Mensch funktioniert und um die psychischen und physischen
Prozesse kennen zulernen, habe ich Kinesitherapie; Psychologie, Psychomotorik,
Psychotherapie studiert und beruflich ausgeübt. Durch diese Erfahrungen sah ich das
große Wissen und das richtige Verhalten von G. Gurdjieff.

***

Die Entdeckungen in der Physik, die Konzepte von Raum-Zeit, das Prinzip der Quanten
Diskontinuität, die Ebenen der Realität, die Untrennbarkeit, das Prinzip der Vereinigung
der physikalischen Interaktionen, die Konzepte von Energie und Materie, das
systemische Denken, die Strukturen der DNA und noch anderes Wissen ist potentiell bei
den großen Meistern der Tradition vorhanden. Diese Meister haben, unabhängig vom
Niveau ihres Wissens, niemals dessen Endgültigkeit in Betracht gezogen.
Die Quantenphysik, die entdeckt hat, dass der Mensch nichts beobachten kann, ohne das
Beobachtete durch sein Beobachten zu verändern, weist lediglich auf eine natürliche
Eigenschaft hin.
Wir haben keinen Zugang zur Realität, weil unsere Konditionierung und Art der
Vorstellung das verhindern.

Einstein, Max Planck (Quantenphysik) beobachten, dass ein Zustand der Natur existiert, der
andere Eigenschaften besitzt, als von der Physik angenommen. Eigenschaften, die, wenn sie
anderen Gesetzen unterworfen werden, Möglichkeiten hervorrufen, die übernatürlich
erscheinen können.
-57-
Paradoxerweise sagten Einstein–Podolsky-Rosen: Dieses Paradox funktioniert und
definiert, was in der Physik die Untrennbarkeit genannt wird, die Tatsache, dass zwei
Teilchen a-b gleichzeitig-unabhängig von Entfernung und Zeit interagieren. Die Frage stellt
sich in der Mystik.
Das Ziel, das Wesen an das Unerforschliche heranzuführen durch die Methode der
„Enthüllung der Seinszustände".
Ein Zustand, der uns auf einer bestimmten Stufe ein- (er)leuchtend erscheinen kann, wird auf
dem darauf folgenden Niveau unklar.
Immer weiter verfeinerte Bewusstseinszustände, und theoretisch betrachtet ruft dieser Weg
immer wieder das Bewusstsein zur Hilfe, oder das Gewissen - Eine erstaunliche
Wissenschaft - eine extrem subtile Technik der vielfältigen Zustände des Seins.

***
-58-

TRANSFORMATION DER SUBSTANZEN IM MENSCHEN

Beschreibung des Prozesses der bewussten Aufmerksamkeit:


Die bewusste Aufmerksamkeit in dieser Lehre ist eine andere, neue, Haltung gegenüber sich
selbst.
Es ist die Tätigkeit einer absichtlichen Aufmerksamkeit gegenüber einem oder mehreren
Bereichen von. sich selbst: Gedanken, Assoziationen, Emotionen, Empfindungen oder
Handlungen. Hier, jetzt, zu jeder Sekunde, sofortige und absichtliche Aktion des Sehens, der
Wahrnehmung dessen, was zur gleichen Zeit empfunden, gefühlt, gedacht wird.--.
Die Aufmerksamkeit wird absichtlich auf die Gedanken, die Emotionen und den Körper
gerichtet; willentlich geteilt, wobei man ein GANZES bleibt, wie ein Scheinwerfer, der sich
auf drei Felder richtet, sie erhellt und das Vorhandene augenblicklich hervorhebt.
Diese Qualität einer besonderen Aufmerksamkeit erzeugt einen Rücklauf der Wahrnehmung,
indem sie die Information des neuen augenblicklichen Eindrucks zurücksendet und die
Aktivität des „Bewusstseins von..." erweckt und verstärkt:
/-----------------→ (Gedanken
Bewusstsein „von“ (Emotionen
\ ←----------------- (Empfindungen
transformiert durch bewusst werden

Es gibt nur „Bewusstsein von...", wenn die absichtliche Aufmerksamkeit aktiv bleibt, ihrer
selbst bewusst.
Da der fortwährend sich in Aktion befindliche Rücklauf, ←--------- vervielfältigt und
verstärkt durch die fortgesetzte Wiederholung der Tätigkeit der Aufmerksamkeit, immer die
erste Aktion ist und daher das „Bewusstsein von..." sich immer verändert durch die Tatsache,
dass der Sekundenbruchteil danach nicht mehr derselbe ist wie der vorhergehende, verändert
dieser Akt der Aufmerksamkeit laufend die Art des „Bewusstseins von" als Prozess.

Die willentliche Trennung dieser Aufmerksamkeit, die „Bewusstsein von..." in mehreren


Richtungen und unterschiedlichen Dingen ist, mit dem gleichzeitigen Rücklauf der
Information, verstärkt die Klarheit, die Intensität und die Kraft der Konzentration dieser
bewussten Aufmerksamkeit, gerade weil dieser Akt der Trennung aufrecht erhalten wird.
Dieser Prozess erzeugt die Aktivität des Bewusstseins, seiner selbst bewusst, erwacht,
wahrnehmend mit einer objektiven Sicht der immerwährenden Veränderungen der Zustände,
des „seienden" des Wesens, der Energien in der Bewegung, und er erschafft eine Einheit des
Bewusstseins, die den Willen dirigieren kann.
Schematisch gesehen entwickelt sich der Mensch, indem er einesteils die organischen,
pflanzlichen Substanzen, Flüssigkeiten, Sauerstoff und andererseits die viel feineren, die in
diesen selben Elementen enthalten sind, absorbiert.
-59-
-Die erste Nahrungsart ist die leibliche Nahrung, die sich in feinere Substanz umwandelt für
den physiologischen Bedarf.
-Die zweite Nahrungsart ist die Atemluft, die der ersteren bei der Umwandlung hilft.
-Die dritte Nahrungsart setzt sich aus allen Sinneseindrücken zusammen, physisch,
emotional, intellektuell, psychisch.
Diese drei Nahrungsarten transformieren sich, die eine aktiviert die andere in Interaktion, und
sie erzeugen neue Substanzen und fügen sie zusammen, welche die Entwicklung des
Einzelnen aktivieren, physiologisch und psychisch.
Man weiß aus der Medizin, dass nicht alle Zellen des Gehirns benutzt werden, aktiv sind,
dass viele unentwickelt bleiben.
Substanzen werden geschaffen bei der Aufnahme von Empfindungen und Eindrücken. Ihre
Qualität hat Einfluss auf diejenige der Entwicklung der Wahrnehmung, der Strukturierung
des Denkens und der Psyche.
Die Natur des Einzelnen, seine Erbanlagen, Erziehung und Umwelt bewirken, dass das
Denken, das Gefühl und der Körper sich unterschiedlich entwickeln, oft unvollständig und
dass die Zirkulation der Energien zwischen diesen Bereichen nicht frei ist, sondern
geschwächt oder blockiert.
Die Lehre von G. Gurdjieff hilft bei der Transformation dieser Substanzen durch das, was er
„Selbsterinnerung", „bewusste Arbeit" nennt, und alle anderen Übungen.
Diese „innere Arbeit" ist mit der Transformation der Pflanzen und Minerale im Schoß der
Erde vergleichbar.
Jede Transformation ist eine Frage der Quantität und der Qualität der Materie, der Energie,
der Dichte und der Kontinuität in der Zeit.

***

Die „innere Arbeit" in dieser Lehre beinhaltet Übungen für das Denken, das Gefühl und den
Körper, auf verschiedenen Ebenen, und die Auswirkung auf einen Teil davon überträgt sich
auf den anderen.
Lange Arbeit ist nötig, um die verschiedenen Bereiche zu entwickeln. Nach und nach erreicht
einer das Niveau des anderen. Sie können daher zusammen Fortschritte machen.

G. Gurdjieff gab uns gleichzeitig Übungen für jeden von uns, individuell, und Übungen für
die ganze Gruppe.
Ich war an den Veränderungen interessiert, die G. bei unseren Übungen machte, ohne
Erklärungen abzugeben und immer mit einem Vorwand, der nicht den Sinn der Übung zu
betreffen schien. Beim darüber Nachdenken erkannte ich, dass an einem gewissen Punkt eine
bestimmte Übung keinen Sinn mehr hatte, da sie ihre Aufgabe erfüllt hatte wie die Hefe im
Teig, und dann verändert oder ersetzt werden musste.

***
Es gibt mehrere Ebenen des Bewusstseins. Im alltäglichen Zustand gibt es ein teilweises
Bewusstsein eines Klangs, einer Empfindung, eines Bildes, aber nicht des Gesamten. Das
teilweise Erwachen, das man kennt, umfasst nicht alle empfangenen Eindrücke und daher
-60-

bleiben diese unbewusst. Sie können auftauchen durch einen physischen oder psychischen
Schock, aber sie drücken sich entsprechend dem kulturellen Einfluss aus.

Zu den drei Zentren sagte G. Gurdjieff, dass die zu verschiedenen Zeiten und an
verschiedenen Orten der Welt aufgetauchten Traditionen den Körper, das Gefühl oder das
Denken betrafen. Dass im esoterischen Teil einiger Traditionen, die noch existieren oder
anderer, die verschwunden sind, der Schüler an allen Bereichen des Seins gleichzeitig
arbeitet.
Dass es zuerst eine Epoche der Beherrschung des Körpers gab, dann eine der Beherrschung
des Gefühls. Dass unsere Epoche diejenige der Entwicklung der Beherrschung des Denkens
ist. Dass dies Teil der Evolution der Menschheit im allgemeinen ist, wie auch für jeden
Menschen im besonderen.
***

G. Gurdjieff gab uns eine Übung: „Das Nicht-Ausdrücken negativer Emotionen", die in die
Gefühle einfließen. Diese „negativen Emotionen" sind Teil eines auf subtile Weise gestörten
Funktionierens von Gefühl und Denken.
Die Energie wird vergeudet, und die verbleibende Energie kann nicht normal zirkulieren und
diese Fabrik der Transformation, welche der Mensch ist, zum Funktionieren bringen, wie dies
auf natürliche Art geschehen müsste. Daher verkümmern die nicht genügend versorgten
Bereiche und die Verbindung zwischen ihnen wird zu schwach, um am Funktionieren des
Ganzen teilzunehmen.
Die „Arbeit an sich selbst" benutzt die durch das „Nicht-Ausdrücken negativer Emotionen"
gesparte Energie.
Unter negativen Emotionen verstehen wir im allgemeinen: Missgunst, Eifersucht, Wut,
Rache, Stolz usw. Aber diese besondere Energie schleicht sich, ohne dass wir es bemerken,
in das ein, was wir als unser Positives annehmen: Gute Gefühle, Selbstlosigkeit, Tugend,
Liebe, Religiosität, Ehre: Alle Gefühle werden von ihr fehlgeleitet und entstellt.
Es handelt sich hier nicht um eine „Norm", die als gleiche Grundlage für alle gelten sollte,
sondern darum, die subtile Störung einer Energie zu enthüllen, die entstellt, was empfangen,
empfunden und gedacht wird.
Indem man diese Wahrnehmung ausübt, entwickelt sich ein Bewusstsein dessen, wovon wir
angetrieben werden, was eine Illusion erzeugt, was man denkt zu sein, was die anderen sind.
Dies ist kein Unterdrücken von Gefühlen, es geht nicht darum, sie zurückzuweisen, sondern
sich ihrer bewusst zu sein, sie zu „sehen", sie zu betrachten, sich von ihnen zu distanzieren,
damit sie das Sein nicht überwältigen, und unsere Energie umsonst verbrauchen.
Diese Disziplin beseitigt nicht die negativen Emotionen, sondern macht sie bewusst und
erlaubt nach und nach, unabhängiger davon zu sein, zu empfinden, dass diese Emotionen an
sich zerstörerisch sind und dass die Tatsache, sich ihrer bewusst zu werden, sie nach und
nach dekristallisiert.
Es handelt sich darum, klar ihre Motivation zu „sehen" und die Vermischung von Hochmut,
Eitelkeit, Machtbedürfnis oder anderem mit Verletzungen und Leiden zu unterscheiden von
einem wahren Gefühl.
Der Schmerz wie die Wut können bald „richtig", bald „negative Emotionen" sein. Alle
Traditionen lehren dies, was man als Moral ansieht.
-61-
Diese Disziplin verlangt ein tägliches Trainieren der Aufmerksamkeit, des Bewusstmachens,
um das seit der Kindheit verwurzelte gewohnheitsmäßige Funktionieren der negativen
Emotionen zu dekristallisieren.
Sich darin zu üben, „sich seiner selbst bewusst zu sein", „sich an sich selbst zu erinnern",
setzt eine bewusste Verbindung mit dem ganzen Selbst voraus, einschließlich des Denkens,
des Körpers und des „Gefühls von sich selbst", im Gegensatz zu unseren gewohnten
Gefühlen.
Sich seiner immer anwesenden automatischen Assoziationen bewusst zu sein, um nicht von
ihnen davongetragen zu werden, sich nicht mit ihnen zu identifizieren.
Diese Assoziationen, die eine mit der anderen auf jegliche Art verbunden sind, werden als
eigenes Denken, Gefühle, Impulse angesehen, wohingegen sie nur automatisch sind. Ein
Klang, ein Geruch, ein Wort, ein Bild, löst das Ganze aus, das was im Augenblick der
Prägung zusammengefügt wurde.
Der Automatismus wird gebildet durch die Umgebung, die Lebensbedingungen in der
Kindheit, in der Jugend, durch Erschütterungen aller Art und die Eindrücke, die in allen
Teilen des Wesens empfangen wurden.
Sehen, dass man nur eine Maschine ist, die das hervorbringt, was eingeprägt wurde, ohne
dass man sich dessen bewusst war. Sehen, dass man nicht in Kontakt mit der Realität ist, da
man niemals ehrlich mit sich selbst ist.
Durch die „Arbeit an sich selbst" werden die negativen Emotionen, die das Wesen tief
unterminieren, nicht unterstützt und die Antwort kann richtig und im richtigen Verhältnis
sein.
Es handelt sich nicht darum, ein Heiliger oder großer Weiser zu werden, sondern einfach ein
Mensch zu werden, dessen Fähigkeiten voll entwickelt sind, in Verbindung mit seinem
Ganzen, seiner Handlungen, Gefühle und Gedanken bewusst.
Dies ist eine schwierige Askese, da die Fallen der Illusion und Einbildung immer da sind.
Man muss in Frage stellen, was man glaubt zu sein, um wirklich zu sehen, was man ist und
eine subtilere Qualität der Wahrnehmung zu entwickeln.
Das Denken allein kann diesen Akt der Disziplin nicht vollziehen. Die Wahrnehmungs-
Empfindung des gesamten Wesens muss anwesend sein. Sobald das Denken von der
Empfindung getrennt ist, „bildet es sich ein".
Man kennt diese Verbindung zum Teil durch die Aktivitäten für Kinder auf
psychomotorischem Gebiet: Jede Geste, Haltung, motorische Tätigkeit entwickelt ihr
Bewusstsein von sich selbst, wenn sie bei der Ausübung empfunden wird.
Gewisse sogenannte primitive Völker haben Rituale in ihrem täglichen Leben beibehalten,
die dieses Bewusstsein wecken.
***

G. Gurdjieff führte den Begriff der „Über-Anstrengung" ein.


„Man geht, man ist müde, aber man geht weiter".
„Man arbeitet intellektuell oder körperlich, man ist müde, man möchte aufhören, aber man
macht weiter".

-62-
Wie die geringste Selbstgefälligkeit das Ergebnis vieler Anstrengungen zunichte macht,
handelt es sich darum, immer wachsam zu sein, Über-Anstrengungen in jedem Bereich zu
machen, körperlich, emotional, gedanklich.

Eine einfache Anstrengung genügt nicht. Eine Über-Anstrengung ist nötig, damit sich diese
Anstrengung assimilieren kann und ein Ergebnis bringt.
***

G. Gurdjieff gab uns auch den Begriff „Absichtliches Leiden".


Dieses Leiden hat nichts mit jenem zu tun, das wir kennen, das verletzt, schwächt oder erregt,
das Denken und Urteilen entstellt. Das „absichtliche Leiden" ist von einer ganz anderen Art.
Es bedeutet; bewusst die Erfahrungen des Lebens zu akzeptieren, sich zu sehen, wie man ist.
Das heißt, während man sie macht, seinen Automatismus, seine negativen Emotionen, seine
Reaktionen zu leben. Es ist eine Askese, bei der das Ego nackt da steht, ohne sich selbst zu
belügen.
Es bedeutet auch zu lernen, sich willentlich in Situationen zu begeben, in denen man
aufgrund der Beurteilungen und Reaktionen der Menschen um sich herum nur leiden kann.
Eine reinigende Askese, welche die Sicht und das Herz klärt, die Masken fallen lässt und die
Seele wie Stahl schmiedet.

***

Auf dem Grund des Wesens existiert ein Bedürfnis, das nicht handeln, sich nicht ausdrücken
kann, da die Macht der Persönlichkeit vorherrscht.
Dieses Bedürfnis kommt aus der „Essenz", d.h. dem Wesen selbst, außerhalb des sozial
Erworbenen. Diese Essenz kann in einem Stadium unterhalb der Persönlichkeit verbleiben,
die selbst eine große Entwicklung machen kann, aufgrund von Umwelt und Ausbildung.
Oder manchmal kann die Essenz im Gegenteil aufgrund der Natur des Wesens und der
Zufälle des Lebens viel mehr entwickelt sein als die Persönlichkeit.
Die Lehre von G. Gurdjieff mit den Übungen auf verschiedenen Ebenen hilft bei einer
gleichmäßigeren Strukturierung der beiden Teile. Das Gleichgewicht von beiden erlaubt die
fortgesetzte Entwicklung aller Fähigkeiten, durch die Arbeit an sich selbst.

***

Die Zentren, das heißt das Gehirn, das Gefühl und der Körper-Instinkt, sind die energetischen
Orte der Verteilung, des Empfangs und der Weitergabe.
Für G. Gurdjieff gibt es entsprechend ;,der Essenz" des Einzelnen, seiner Erbanlagen, seines
Charakters, der zufälligen Faktoren des Lebens, die Möglichkeit einer kontinuierlichen
Entwicklung aller Zentren; doch kann im Gegenteil dieser oder jener Bereich auch immer
weiter degenerieren.
Man sieht dies bei bestimmten Krankheiten, bei denen sich das Leben nach und nach
zurückzieht. Der Körper stirbt langsam, oder das Gefühl, oder das Denken.
-63-
***

Die Zentren hängen voneinander ab, in Verbindung mit dem ganzen Organismus, Ein
Zentrum benutzt die Energie eines anderen, oder dringt in ein anderes ein, entsprechend den
Gewohnheiten, die durch die Erziehung und die Umwelt angenommen wurden.
Die Arbeit an sich selbst erlaubt ihre Entwirrung und die Fortsetzung ihrer Entwicklung.

***

Durch diese Arbeit können subtile Unterschiede wahrgenommen werden: Die Zentren haben
alle einen dreifachen Aspekt: Intellektuell, emotional, motorisch.

***

Es gibt zwei andere Zentren, ohne Verbindung mit den ersteren:


Das höhere emotionale Zentrum, welches das Bewusstsein des Gefühls werden kann. Das
höhere intellektuelle Zentrum, welches das Bewusstsein des Denkens werden kann.
Diese Zentren dienen dem Bewusstsein als Wache bei einem sehr starken Schock, bei einem
Unfall, einer psychischen Krise oder beim Eintritt in einen sehr tiefen Zustand der
Meditation.
Die Natur und der Stoff der ersten Zentren ist verschieden und der Kontakt mit den höheren,
wenn er zufällig geschieht, ist verfälscht, seine Interpretation voller Irrtümer, da auf dem
kulturellen Material basierend.
Bestimmte Erinnerungen sind der Ausdruck kurzer Kontakte mit dem höheren emotionalen
Zentrum. Diejenigen, die eine solche Erfahrung gemacht haben, ohne sich dessen bewusst zu
sein, können sie nicht wirklich beschreiben.
Die alten Traditionen hatten durch eine besondere Askese und Disziplin die vollständige
Entwicklung der Zentren zum Ziel.
Dieses Wissen ging nach und nach ganz oder teilweise verloren. Und das, was davon übrig
ist, unterstützt das Wesen in seinem Automatismus noch mehr.

***

Als Symbol gab uns G. Gurdjieff die Idee, dass dem Menschen das Organ Kundabuffer
eingepflanzt wurde; dessen Funktion es ist, ihn alles entstellt, verkehrt, wahrnehmen zu
lassen, damit er nicht die Realität seiner Lage sieht und ihm die Illusion eines Lebens nach
seiner Vorstellung bleibt.
Diese Idee scheint der Angelpunkt des Sinns des menschlichen Lebens zu sein, in allen
seinen Manifestationen. Das Erlangen des Bewusstseins ermöglicht es, sich von der Macht
der Illusion und der Einbildung zu befreien.

***
-64-
Annäherung an die Physiologie
Einige grundlegende Punkte zur Möglichkeit einer vollständigeren Entwicklung des
Menschen sind aufzuzeigen: Die physiologisch-biologischen Gesetze der
Transformation der Substanzen, ihr Ort, ihre Rolle, ihre Interaktion, ihre
Äußerungen.
- Die Zellen, ihre Interaktion, ihre Entwicklung. Jede Zelle besitzt ein spezielles
Gedächtnis.
- Jede Zelle kann einer anderen mitteilen, was sie tun muss.
- Tausende von Zellen sterben täglich, was eine fortwährende synaptische Neu-
Ordnung zur Folge hat.

- Die sympathischen und parasympathischen Systeme.


- Die Nervenzellen, ihre Verbindung - innere Verbindung Gehirn - Nervensystem -
innerbezügliche Informationen im Prozess der verschiedenen Bewusstseinszustände -
Verbindung zum Unbewussten.
- Aktion des Rückenmarks; vom Gehirn zum Kreuzbein, seine Umhüllung, die
Hirnhaut
- die weiße Substanz des Gehirns, welche die graue umgibt.
- Die Lymphknoten, Empfänger-Sender-Leiter, für das ganze System der organischen
Funktionen, motorisch-instinktiv.
- Ein Gesetz erscheint offensichtlich: Die Schwächung oder die Stärkung, die
Degeneration oder die Regeneration, der Tod oder das Leben.

-Die Energien, Druck, Schocks und Dauer, bestimmen die Richtung unseres Lebens.
Die auf oder absteigende Transformation unseres Lebens.
- Im Inneren der Erde gibt es Ergebnisse durch Umwandlung: Mineralisation der
Vegetation oder anderer unter der Einwirkung von Druck-Hitze-Zeit.
- Die Pflanzen wandeln die Strahlung der Sonne, des Wassers, der Mineralien um.
- Der Mensch ist eine Fabrik für die Umwandlung der Substanzen, der Energien. Er
als einziger besitzt ein Gehirn, das die Möglichkeit des Bewusstseins hat.

- Sein Gehirn hat eine große Anzahl von Materialien und Funktionen zur Verfügung,
um dieses Ziel zu erreichen. Er kann daher eine viel wichtigere Umwandlung
erreichen als die der organischen Notwendigkeit des täglichen Lebens.
- Dies ist seine Funktion, wenn der Mensch es versteht. Aber er weiß es nicht
wirklich, er ist sich dessen nicht bewusst, er bedient sich dessen nicht.
-65-
Gespräch über die Physiologie mit Pascale W.;
P.: Alles, was im Gedächtnis vorhanden ist, ist tatsächlich das Ergebnis, die
Speicherung von Informationen, die durch die fünf Sinne empfangen wurden. Und es
sind diese fünf Sinne, die es ermöglichen, alles zu speichern, absolut alle
Erinnerungen, die bewusst oder unbewusst sein können, aber alles wird im Gehirn
gespeichert, in den Zellen des Gehirns, den Nervenzeilen, ungefähr zwanzig
Milliarden, so der Durchschnitt der verschiedenen Berechnungen. Diese zwanzig
Milliarden Nervenzeilen, und man. weiß, dass man die ganze Zeit, jeden Tag, welche
verliert, und dass jede Nervenzelle, die stirbt, sich nicht regeneriert; werden durch
Dendriten verlängert, welche die Verbindung mit anderen Nervenzellen durch die
Synapsen erlauben. Und diese Synapsen kann man sein ganzes Leben lang
produzieren. Dies nennt man Synaptogenese und wenn man Zellen verliert und diese
sich nicht regenerieren, sind diejenigen die bleiben, fähig mit anderen Verbindungen
aufzubauen, mit denen sie nicht verbunden waren, weil man Synapsen produzieren kann.
Aber nicht einfach nur so, sondern wenn man eine Anstrengung macht sich zu konzentrieren,
zu arbeiten, wachsam zu sein, mit dem Gedächtnis und der Aufmerksamkeit zu arbeiten. Das
wächst nicht von allein!

S.C.: Dies ist die „Arbeit" von Gurdjieff, die du da beschreibst.


P.: Dies ist die Arbeit mit einem großen A, es ist die Herstellung von Synapsen; je mehr
Synapsen man hat, desto mehr Verbindungen hat man, desto mehr ist man fähig zu verstehen,
dass es Gegensätze gibt, die doch eine Verbindung haben. Und dies ist die Arbeit vom
Gesichtspunkt der physiologischen Rückwirkung.
S.C.: Man kann die mögliche Rückwirkung und das Ausmaß sehen.
P.: Also, diese Arbeit, diese Synapsen, das ist ja ganz gut, aber was ist die Synapse? Es ist die
Vereinigung von zwei synaptischen Endstücken, d.h. von zwei Dendriten von Nervenzellen,
die sich jedoch nicht berühren, es gibt einen synaptischen Zwischenraum. Dies ist das
Wunder und hier will ich eine kleine Zeichnung machen. Hier ist eine Nervenzelle, die in
Kontakt mit einer anderen ist. Hier ist die Synapse, aber nichts berührt sich. Also wie
geschieht das von einer zur anderen Nervenzelle? Genau hier ist es vollkommen magisch.
Das heißt, wenn man eine wie auch immer geartete Information von einem der fünf Sinne
hat, ergibt dies ein Potential. Es gibt potentiell etwas, das durch einen elektrischen Stromkreis
agieren kann, den man messen kann, dank dem Elektronen Enzephalogramm, das die
Intensität der Elektrizität, die durch das Gehirn läuft, messen kann.
P.: Wenn man eine Elektrode dort am Hinterkopf anbringt, wo der Sehbereich ist, wird beim
Bewegen der Augen eine elektrische Reaktion erzeugt, die durch das Elektron en
Enzephalogramm messbar ist. Wenn die Augen nicht bewegt werden, nimmt das Elektron
Enzephalogramm wieder seinen Rhythmus „in Ruhestellung" auf. Ich kann daher, ohne zu
wissen, was jemand macht oder was er betrachtet, indem ich ein EEG lese, die Aktivität
seiner Augenbewegungen beobachten oder deren Ruhestellung.
Auf der Ebene der Synapse gibt es einen intersynaptischen Raum; auf der einen Seite gibt es
Moleküle in Wartestellung, auf der anderen Empfänger, die ebenfalls in Wartestellung sind -
das Aktionspotential kommt in Gang, die Elektrizität sendet eine Information, die von einem
der fünf Sinne aufgefangen wird, Depolarisation der Membran, innerzelluläre Bewegung
(Kaliumcarbonat) und extrazelluläre (Na). Die Elektrizität erlaubt den Übergang, die
Übermittlung durch die Synapsen. Wie wählt sie ihr Molekül aus? Wir wissen es nicht. Was
wir wissen ist, dass sie das Molekül beim Durchqueren der Membran der entsprechenden
Empfängerzelle (nach Belieben) anregt. Dies erlaubt dem Empfänger das gute Molekül zu
-66-
erkennen und die adäquate Antwort zu geben, um die vom Sender geforderte Aktivität zu
realisieren. Es ist Chemie und Elektrizität.
Wenn man mir das Wort „Stuhl" sagt, weiß ich genau, was das ist. Nun, es ist ein Klang, der
vom Hörsinn aufgefangen wird, sich zum Hörzentrum bewegt, meinem Zentrum Bilder
übermittelt, die Vorstellung eines Stuhls, eines Objekts, auf das ich mich setze, das vier Füße
hat, eine Rückenlehne, und mir die Information und das Nutzobjekt, von dem man spricht,
übersendet. Dies geschieht in Hundertmillionsteln von Sekunden, dank der Elektrizität und
der Chemie.
S.C.: Ich würde gerne den physiologischen Prozess einer Wahrnehmung von sich selbst und
einer bewusst gelenkten Aufmerksamkeit beschreiben.
P.: Man versteht noch nicht gut, was geschieht, aber man konnte z.B. bei einer Person, die auf
ihre Arbeit konzentriert war, messen, dass ihre Gehirntätigkeit sich auf beachtliche Weise
steigerte, und zwar in größerem Ausmaß als bei jemandem, der Medikamente zur Steigerung
der Gehirntätigkeit einnehmen muss. Anders gesagt, gibt es Prozesse, die gefäßbildend auf
die erforderlichen Nervenzellen wirken, um im Moment der Konzentration wirksam und
wirkungsvoll zu sein, d.h. in dem Augenblick, wo jemand sein Gehirn arbeiten lässt. Man
weiß, dass die Nervenzelle zwei wichtige Dinge benötigt, um gut zu arbeiten: Sauerstoff und
Glukose. Der Rest ist ebenfalls wichtig, aber dies sind Spurenelemente, Vitamine u.a.
Sauerstoff und Glukose sind die zwei lebenswichtigen Nährstoffe für die Nervenzelle.
S.C.: Die Atmung, die zweite Nahrungsart...
P.: Die Atmung ist Sauerstoff, Glukose, es ist Energie. Was die sechs Sinne anbelangt, von
denen G. I. Gurdjieff sprach, könnte der sechste die Eigenwahrnehmung sein in dem Maße, in
dem man wirklich fünf Sinne besitzt: Gehör, Gesichtssinn, Geschmackssinn, Tastsinn,
Riechsinn und wenn ich vom Gedächtnis der fünf Sinne spreche, sind es sogar sieben. Die
Eigenwahrnehmung, Gedächtnis der Gebärde; es ist auch das Gedächtnis der innerlich
wahrgenommenen Bewegung; dies ist die Arbeit, von der du sprichst. Je mehr man sich der
inneren Bewegung bewusst ist, desto mehr ist man mit dem Ganzen in Verbindung.
S.C.: Dies ist genau die Arbeit in den Movements, so wie man sie machen sollte.
P.: Es ist die Tendenz und dann gibt es einen siebten Sinn oder eher, ein siebtes Gedächtnis,
das ist ein Gedächtnis, das uns vollkommen entgeht, das Gedächtnis der Zeilen der Viren;
warum bilden sich Antikörper? Sie können perfekt den pathogenen Erreger erkennen und sich
gegen ihn verteidigen, es gibt ein Gedächtnis, das Wissen von etwas. Man kennt diesen
Mechanismus noch nicht gut.
S.C.: Es gibt Studien über das Gedächtnis des Wassers, ein Tropfen Wasser besitzt ein aufge-
zeichnetes Gedächtnis und ich denke, dass im Menschen jede Zelle ihr Gedächtnis hat.
P.: Das Psilophyton, das ist eine kleine blaue Alge. Es gab auf der Erde, als sie schon Erde
war, Felsen und Wasser, dann entstand etwas sehr wichtiges, H20. Zwei Moleküle verbanden
sich, warum? wie? Kurz, sie trafen sich, verbanden sich und schufen das Wasser. Dann gab
es eine wichtige Periode, wo die Wasser sich senkten und Felsen auftauchen ließen,
verfestigtes Magma, und in diesem Wasser und durch diese Feuchtigkeit, vermehrten sich
Zellen durch Zellteilung, kleine Einzeller. Wie und warum sie dorthin gelangten, wissen wir
nicht. Zur Zeit werden Experimente gemacht zur Erschaffung von Zellen.
Und diese schwimmenden Zellen, die sich vom sie umgebenden Wasser ernährten, in
Flüssigkeit badeten, verleibten sich alles ein, was sich um sie herum befand, um zu
überleben. Das Wasser senkte sich und die Felsen tauchten auf. Und die kleine Zeile, die sich
darauf befand, war nun auf dem Trockenen. Ohne Wasser konnte sie nicht lange leben, sogar
sofort sterben.
-67-
Und hier geschah die wichtigste Erfindung, seit die Erde die Erde ist. Es gab eine
außergewöhnliche Kreativität dieser Pflanze, d.h. sie schuf sich kleine Krallen, kurz, sie
erfand die Wurzel. Was ist die Wurzel? Das bedeutet: Ich habe einen Untergrund, ich mache
mir Verlängerungen, um zu erreichen, was ich nicht mehr um mich herum habe. Um was zu
erreichen? Das, was mir fehlt: Das Wasser, das um mich herum war, und da es für mich
lebenswichtig ist und es nicht mehr um mich herum ist, nehme ich es nach innen! Dies nennt
man Introjektion. Jeden Tag essen wir; was macht man da? Man nimmt Wasser,
Nahrungsmittel (her)ein und das ist alles. Man hat sich nicht weiter entwickelt, man hat
nichts anderes erfunden. Der ganze Rest sind Abwandlungen; Kunsterzeugnisse.
Es gibt eine große, grundlegende Erfindung: Was außen war, wird nach innen genommen und
dies erlaubt anschließend, die Wurzeln zu kappen und zwei Füße zu erfinden und zu laufen,
in den Laden an der Ecke zu gehen, einen Liter Wasser zu kaufen und ihn sich
einzuverleiben. Dies kann niemals abgeschafft werden, dies ist die einzige Erfindung. Der
Rest sind Kleinigkeiten. Mit der intellektuellen Nahrung ist es dasselbe. Das Bedürfnis nach
intellektueller Nahrung ist vital, wie das nach Wasser. Man kann eine phänomenale
Intelligenz entwickeln, man muss sie immer füttern, immer etwas hineingeben, Wasser, Ideen,
Bilder - der Prozess ist seit Milliarden von Jahren derselbe.
-68-

NAHE GEORGES GURDJIEFF


G. Gurdjieff wohnte in der Rue des Colonels Renard im ersten Stock, in einer Wohnung,
wovon die zwei Räume, die zur Straße hinausgingen, für die Gruppen verwendet wurden,
einer für die Treffen, der andere für die Mahlzeiten. Es gab einen Flur, der zur Küche führte;
ein kleines Zimmer, das Zimmer von G. und ein anderes Zimmer, das auf den Hof ging.
Monsieur Gurdjieff empfing diejenigen, die mit ihm persönlich sprechen wollten in dem
kleinen Zimmer. Es war abgeschieden, mit geschlossenen Läden, es gab keine Geräusche. Es
war von einer beruhigenden Stille, man konnte dort nachdenken, nachsinnen. Ich trank oft in
diesem Zimmer Kaffee mit G. Ich nannte es das Gewürzzimmer.
Seine Wände waren voller Regale, die alle Arten von Einmachgläsern mit in Essig
Eingemachtem enthielten, Kräuter, trockene Früchte, Gewürze. An der Decke hing fast alles
voll mit getrocknetem Fisch und getrocknetem Fleisch, getrockneten Kräutern, Zimt, Piment
und anderen Dingen.
In diesem Zimmer herrschten alle Farben von braun, ocker und rot vor, alle Gerüche
erinnerten mich an die orientalischen Märkte, die ich als kleines Mädchen in Nordafrika
kannte.
Rechts von der Tür gab es einen kleinen Diwan, auf den sich G. setzte und davor einen
kleinen Tisch und zwei Stühle. Auf dem Tisch war immer heißer Kaffee in einer
Thermosflasche und Tassen.
Auf dem Diwan lag ein Handharmonium, das oft von G. benutzt wurde. Er spielte eine
Musik, die mir zum Herzen sprach, wie ein leise gerauntes Märchen, mit einem Widerhall,
einer Vibration, einer Aufforderung zu lauschen, wofür das Gefühl keine Worte brauchte.
Diese Harmonie der Klänge sprach in einer besänftigenden und beruhigenden Weise zu mir.
Ich fand darin das Gefühl G. Gurdjieffs in reinem Zustand, voll, sanft, ruhig und beruhigend.
Ich wechselte wenig Worte mit G., eine Frage, eine Beobachtung, eine Bemerkung. Vor
allem kostete ich in dieser Stille die emotionelle Nahrung, die mir niemand gegeben hatte, die
ich so sehr vermisst hatte und die ich bei niemand anderem sonst bekommen hatte, außer
einen Hauch davon bei zwei Menschen: Dem Meister der Zaouia von Kairouan und später
einem Meister auf der Wanderschaft, singender „Derwisch", bei dem ich während einer
meiner Reisen für einen Tag geblieben war. Sie waren beide sehr nahe an dem, was G.
Gurdjieff war und sie hatten mir gegenüber fast dieselbe Haltung wie er.
In mir ist immer noch die Erinnerung an diese Wohnung, wo ich G. von einem Zimmer ins
andere folgte: Das Gewürzzimmer, das Gruppenzimmer, beim Helfen in der Küche, beim
Tischdecken. Man musste Vorbereitungen für die Besucher treffen, die Mahlzeiten. Dies
geschah in aller Einfachheit, ohne Worte oder nur mit den allernotwendigsten.
Ich liebte diese Atmosphäre, diese Tätigkeit in Ruhe und Stille. Ich konnte ich selbst sein, mit
dem Gefühl, in einer Richtung zu gehen, die dem entsprach, was ich brauchte.
Die Tätigkeit mit G. Gurdjieff unterschied sich nicht von der täglichen Arbeit, er war ein
Mensch wie die anderen, aus Fleisch und Blut, und er konnte alles. Ich sehe ihn noch vor mir,
wie er ein großes Stück Butter dem Rinderbraten oder einem anderen Fleisch, das sich auf
dem Kohleherd befand, zufügte, wo fünf bis sechs große Kochtöpfe standen, die stundenlang
sachte vor sich hin köchelten. Er kochte immer für die Gruppen, für die Eingeladenen oder
eine einzige Person und tat dies
mit großer Sorgfalt, einem sehr tiefen Sinn für Gastfreundschaft und, meinem Gefühl nach,
für Gemeinschaft/Kommunion, ohne dass die Eingeladenen sich dessen bewusst waren.
-69-
Ich fühlte mich bei G. Gurdjieff in seiner Wohnung, bei all seinen Tätigkeiten zuhause, in
ruhiger und einfacher Freude und einem Frieden, wie ich es niemals zuvor gespürt hatte.
Ich kam oft um sieben Uhr morgens, um ihm bei der Zubereitung der Mahlzeiten zu helfen.
Es war immer ein Russe da, Tchekovitch, der ihn aus Russland begleitet hatte, zusammen mit
der Familie von G. Gurdjieff und mehreren anderen Personen, darunter Mme und M de
Salzmann. Sie hatten mehrere Länder durchquert, blieben in einer Stadt oder einer anderen
und kamen schließlich nach Paris. Mehrere Bücher berichten davon.
Die Schwester von G. kümmerte sich um die Wohnung. Ich half ihr mit Freude, Ich hatte eine
gute Beziehung zu ihr und ihrem Mann. Ich hatte Miss Gordon, die krank geworden war,
ersetzt beim Vorbereiten des Essens, beim Empfang der Besucher, die seine Lehre hören
wollten oder von Personen aus dem täglichen Leben, die nichts mit dieser Lehre zu tun
hatten. In späteren Jahren, als ich mich verheiratet hatte, kam Lise, um Monsieur Gurdjieff zu
helfen.
Im Esszimmer befand sich ein Kamin, ein niederes Büffet und ein großes Büffet mit Vitrine;
ein Klavier neben dem Fenster, ein kleiner und ein sehr langer Tisch, umgeben von einem
Sofa, einem Sessel, Stühlen und Hockern. Wir waren zahlreich und oft musste man aus
Platzmangel stehen.
Hier fand meine erste Begegnung mit G. Gurdjieff statt.
Wenn die Gruppenzusammenkünfte begannen, saß G. im Sessel am Ende der langen Tafel,
neben der Tür. Anschließend setzte er sich auf den kleinen Diwan, der sich in der Mitte der
Tafel vor einem Wandbehang befand. Manchmal setzte er sich dann wieder in den Sessel.
Wir setzten uns hin, wo wir wollten, aber die Plätze zu seiner Rechten und seiner Linken
wurden immer von ihm vergeben. Mme de S. saß ihm gegenüber, wenn er auf dem Diwan
saß und behielt diesen Platz auch, wenn er in den Sessel überwechselte. -
Einen tiefen Eindruck hinterließ das Esszimmer, in dem wir nach unseren
Gruppenzusammenkünften aßen. Beim Essen erzählte Gurdjieff mit einer außergewöhnlichen
Frische und Spontaneität Geschichten, die immer voller Humor, Weisheit und Ironie waren.
Es gab sehr starke Momente an diesem Ort, an dem wir eine direkte Verbindung mit G.
hatten, die anderer Natur war als in den Gruppenzusammenkünften. Es kamen Fragen auf, die
dort nicht gestellt wurden und die sich immer auf die inneren Übungen bezogen.
Hier „packte" G. die Leute bei ihrem „Hauptzug". Ich sage „packte", weil es war wie bei
einem Angler, der einen Fisch an der Angel hat oder einem Jäger, der ein Wildbret erlegt. Er
rührte an eine Haltung, ein Wort, eine Art zu sein oder die Art, wie man sich kleidete.
Ich habe viele Personen aus allen Schichten gesehen, bei den Mahlzeiten und bei privaten
Treffen. G. interessierte sich für alle, er war allen gegenüber offen. Mehrere Personen waren
nicht in den Gruppen, hatten aber persönlichen Unterricht bei ihm.
Bestimmte Personen in meiner Umgebung staunten darüber, dass er diesen oder jene
empfing, eher exzentrische Personen, mit denen man nicht die Vorstellung einer inneren
Suche verband oder Personen mit einem eher mondänen Lebensstil, die nicht das „Standing"
von Schülern in einer inneren Arbeit hatten.
Wie soll man die Leben von G. Gurdjieff beschreiben?
Außerhalb der Gruppen und der Movements war es ein Leben wie eines jeden anderen
Menschen. Er hatte überhaupt nicht die Attitüde eines „Meisters", „Heiligen", „Weisen",
„Wissenden". Er tat nichts, was den Eindruck eines Meisters hervorrufen konnte, im
-70-
Gegenteil, führte er die Besucher willentlich in die Irre. Man empfand, was von ihm
ausstrahlte oder nicht. Es war der Austausch über die Arbeit an sich selbst, die zeigte, was er
wirklich war.
Ich sehe seine Gestalt wieder vor mir, stark, solide, mit breiten Schultern. Sie war imposant.
Es strahlte eine große Fülle und Kraft von ihm aus, mit etwas kaum Wahrnehmbarem, von
einer außerordentlichen Feinheit; er hatte geschmeidige und katzenartige Bewegungen, ein
offenes Gesicht, ruhig und ernst, von orientalischem Typ, mit bräunlichem Teint. Sein Körper
hatte eine starke Präsenz aber seine Haltung war bescheiden. Er war einfach, ruhig, immer
wachsam, aufmerksam und von einer Ruhe, die mich immer an einen Löwen, einen Elefanten
erinnert, die für mich G. Gurdjieff symbolisieren in der Sicherheit, der Beherrschung, der
unmittelbaren Präsenz, immer aktionsbereit.
Sein aufmerksamer und verstehender Bück hatte mir sofort Vertrauen gegeben. Ich empfand
mich erkannt, gesehen wie ich war, nicht als Gegenstand, sondern als zum Teil ganzes
Wesen.
Vollkommen anwesend, ließ er jemandem seine ganze Individualität. Was ihn nicht daran
hinderte, jemanden präzise zu treffen durch einen einfachen Blick, der einen am Platz
festnagelte und eine Unfähigkeit aufzeigte, die durch einen Scherz, eine Bemerkung oder
einen Wutausbruch, der die Stärke eines Gewitters annehmen konnte, zum Vorschein kam.
Aber er konnte von außerordentlicher Sanftheit für jemanden sein. Ich habe niemals
Verschlossenheit oder Schroffheit bei ihm gesehen.
Ich sehe ihn als tiefen Asketen, einen Samurai, einen Zen-Meister, einen Wanderer, einen
großen Künstler und einen Großvater.
Oft habe ich ihn als Löwen empfunden, mit einer Stimme, die aus dem Bauch kam, aus der
Tiefe seiner selbst, dumpf, grollend, als ob die Erde zitterte. Er konnte der Wind sein, wie
auch von einer zur anderen Sekunde ein Tiger werden, immer bereit zur Tat, der Situation
entsprechend. Er wechselte die Persönlichkeit, passte sich an, schlüpfte hinein, wie Wasser
oder Luft, mit außerordentlicher Kunst, gleichzeitig sehr erfahrener Komödiant und Krieger
ohne Tadel.
Er erschien unbeweglich; aber wie eine Raubtierkatze in Ruhe, jederzeit bereit, aufzuspringen
und zu handeln; sie bemerkt alles, auch wenn sie ruht. Ein Löwe oder ein Tiger schlafen
nicht. Dies empfand ich bei ihm: Niemals aufgeregt, aber, wenn notwendig, von
außerordentlicher Präzision und Schnelligkeit.
Das ruhige Lauschen seines ganzen Wesens, das zu verstehen suchte, gab mir endlich meine
wahre eigene Existenz. Jede meiner Haltungen oder Gesten in seiner Anwesenheit
unterschieden sich von denen im Leben. Ich empfand eine andere Möglichkeit des SEINS.
Ich werde niemals vergessen, wie sehr ich mich bei ihm zuhause fühlte und wie frei mein
Denken war. Nirgendwo sonst habe ich dies empfunden. Es gab keine Angst oder Zweifel
mehr für mich; dies war wahres Leben für mich, eine Lebensqualität in Ruhe und Fülle. Es
war einfach: Leben.
Er unterrichtete nicht durch Vorträge oder Vorlesungen. Wir stellten Fragen in bezug auf das,
was wir empfanden, bei uns selbst beobachteten in unseren Übungen zur Bewusstwerdung.
Und je nach unseren Beobachtungen und Bemerkungen, stellte er manchmal eine Frage,
damit wir etwas präzisierten und gab eine Richtung an, in der wir suchen sollten, durch eine
Aufgabe oder eine einfache Beobachtung, die uns half, uns selbst zu sehen.
-71-

Er antwortete mit Worten nur auf die gestellte Frage; aber durch eine Haltung, einen
Ausdruck, den Klang der Stimme, vermittelte er dem Gefühl etwas, welches das gewöhnliche
Denken weder hören, noch verstehen konnte, da der Intellekt und sein assoziativer
Denkmechanismus bei Worten sich sofort ans Diskutieren und Rationalisieren gemacht
hätten.

Manchmal griff er eine Haltung, Geste, ein Wort offen an. Was er in diesem Moment sagte,
wurde nicht sofort verstanden. Man hatte den Schock erhalten, man konnte es nicht erklären,
verstehen, aber es war von solcher Wahrheit, dass man nicht diskutieren konnte, man war aus
der Fassung gebracht, die gewöhnlichen Verteidigungsmittel waren unbrauchbar.
Ich beobachtete, wie er jedem persönlich mit einer Bemerkung, einer Aufgabe half, wie er
unbarmherzig gewisse Verhaltensaspekte der Persönlichkeit aufs Korn nahm und wie er,
gleichzeitig, dem Gefühl Wärme und Impulse gab. Das Ganze gleichzeitig für alle.
Die Wahrheit vor ihm war messerscharf, die kleinste Abweichung, Lüge oder Auslassung
wurden durch eine Bemerkung oder ein Schweigen enthüllt.
Seine unnachsichtige Aufmerksamkeit trieb uns zur Aufrichtigkeit uns selbst gegenüber an
und ließ uns unsere Schwäche sehen und die Unfähigkeit, uns selbst gegenüber aufrichtig zu
sein. Seine Haltung, seine Worte, eröffneten uns neue Perspektiven, einen Sichtwinkel, der
unser Verständnis erweiterte, einen Aspekt, den wir nicht gesehen hatten und stellte unser
Urteil über uns selbst in Frage, über die anderen, eine Situation, unsere Art zu leben, das
Leben.
Ich beobachtete ihn immer und sah, dass er dem „lauschte", was hinter den Worten war, was
nicht mit Worten gesagt wurde. Ich sah an seinem Gesichtsausdruck, dass er die nicht
formulierte Frage zu fühlen und verstehen versuchte, das Unverständnis oder die Weigerung.
Ich fühlte auch sein Leiden für die anderen, seine Traurigkeit gegenüber ihrer Unfähigkeit zu
verstehen oder verstehen zu wollen, aber auch seine Freude bei einer wirklichen Suche. Man
musste sehr wachsam sein, um dies wahrzunehmen, da G. sich nichts anmerken ließ und ich
war immer sehr aufmerksam gegenüber dem, was G. Gurdjieff und andere ausdrückten.
Ich hörte sehr oft diesen Satz von ihm: Durch sich selbst erwachsen werden und seinen
Hinweis auf die Vorfahren. Er half uns die Verbindung zu unseren Nächsten zu spüren,
unsere Verantwortung gegenüber unseren Eltern, Großeltern, allen unseren Vorfahren. Dass
wir ihnen alles verdanken. Und, da wir unsere Psyche und unser Wesen verändern könnten
und unser Bewusstsein entwickeln, könnten wir auch. etwas für sie selbst transformieren;
durch diese Arbeit hilft man seinen Eltern und seiner Umgebung.
Dies war für ihn von großer Wichtigkeit. Er sagte, wir müssten die Eltern unserer Eltern
werden, während wir selbst erwachsen wurden. Dass jede Beziehung ein Ergebnis zwischen
zwei Wesen ist und dass wir dafür verantwortlich sind.
Die Qualität von G. Gurdjieff und seiner Lehre, als ich ihn kannte, gaben mir das Gefühl, das
ein Schiffbrüchiger auf hoher See haben mag, wenn er Land sieht. Ich wurde beruhigt, bekam
Vertrauen und mein Denken, mein Bedürfnis zu verstehen erhielten eine sehr substantielle
Nahrung.
Meine Wahrnehmungen, Intuitionen und Überlegungen wurden ohne intellektuelle Erklärung
bestätigt. Ein zusammenhängenderes Verständnis des komplexen Funktionierens des Wesens
stellte sich heraus, neues Wissen wurde hinzugefügt, eine neue Dimension erweiterte meine
Sicht der Entwicklung des Seins.
-72-

Man muss in Anwesenheit von Georges Gurdjieff gewesen zu sein, um sein sehr großes
Wissen zu begreifen, sein tiefes Verständnis, seine Güte, seine Liebe für die anderen, seine
Einfachheit. Seine Strenge rührte von seiner Rolle als Meister zu denken, zu erwecken,
vollkommen entwickelt zu: sein.
Sein Verhalten war situations- und augenblicksbezogen, ohne Bruch, ohne Irrtum und vor
allem ohne Urteil.
Zu jener Zeit hatte ich den Eindruck, und ich habe ihn noch, vorwärts zu gehen ... wie man
einen Teppich herstellt... ein Faden, dann ein anderer, eine Farbe, dann eine andere, bis ein
Bild erscheint.

In dem Maße wie die Arbeit vorwärts geht, erscheint nach und nach Umfang und
Ausdehnung.
Für mich war es in Gurdjieffs Lehre so, als trüge er an bestimmten Punkten Farbe auf, die mit
der Zeit ein Gesamtbild ergaben, das nach und nach Fortschritte machte, Pinselstrich für
Pinselstrich, Partie für Partie.
Die Beziehung mit G. Gurdjieff in den Gruppen, bei den Movements, beim Essen; ergaben
ein genaues Bild, eine Richtung.
-74-

MEINE BEGEGNUNG MIT G. GURDJIEFF

Mein Lebensweg mit seinen Umwegen und Erschütterungen brachte es mit sich, dass ich
mich zu der Zeit und an dem Ort, wo es nötig war befand, um Georges lvanovitch Gurdjieff
zu begegnen.
Ich habe die Lehre von G. I. Gurdjieff 1941 in Paris durch die Teilnahme an einer Gruppe
kennen gelernt, welche von Mme. Jeanne de Salzmann geleitet wurde, um seine Ideen und
Tänze vorzubereiteten.
Ich kam im Alter von 20 Jahren zu G. Gurdjieff, mit einem Wesen voller Kraft, erfüllt von
Fragen, um das menschliche Leben zu verstehen und mit einem tief verletzten Gefühl, das
sich versteckte und ohne Erbarmen kämpfte, erbittert, eigensinnig und verzweifelt, um zu
leben, koste es was es wolle.
G. Gurdjieff hat durch die Qualität seines Seins, seines Wissens, seiner Intelligenz, seiner
Güte, meine Fragen beantwortet. Ich fühlte mich bei ihm wie zu Hause, wie bei einem Vater,
den ich endlich wiedergefunden hatte, da ich im Alter von sechs Jahren von meinem Vater
getrennt wurde.
Während meiner Kindheit, im Alter von acht bis vierzehn Jahren, lebte ich in einer Wohnung,
mit einer sehr bedeutende Bibliothek, welche ich verschlang: Balzac, Edgar Poe, Sade, Tols-
toi, Baudelaire, Alexandre Dumas, Kierkegaard und viele andere. Philosophen, Mystiker,
„Das Buch von San Michele" von Axel Munthe und „Weisheit und Schicksal" von de
Maeterlinck, von dem ich später erfuhr, dass er durch die Ideen von G. Gurdjieff inspiriert
wurde.
Ich war sehr an Märchen und Legenden aller Länder interessiert, die jenseits von Worten zu
mir sprachen, wie eine Lehre, die ich unbewusst empfing, die aber direkt mein Gefühl
berührte. Die Bibel war mein Lieblingsbuch, ich las jeden Tag in ihr. Später Milarepa, Le
Singe Pelerin, Saint Brendan. Dies alles gab mir viel Material zu reflektieren und zu
meditieren. Ich wollte in dem, was ich las das Wesen des Gebets, der Mystik verstehen
lernen, des Glaubens, der Übungen der Asketen, der Suche nach dem Weg zu Gott. Ich tat
das mit dem Gebet, das seit meiner Kindheit in mir war: „Herr, hilf mir!"
Wiederholte Erschütterungen haben in mir eine tiefe Reflexion über den Sinn eines Wortes,
einer Idee, über das, was mich umgab entwickelt und das Bedürfnis, den Sinn des
menschlichen Verhaltens zu verstehen:
Den Sinn der Religionen zu verstehen, da ich empfand, dass sie Ausdruck derselben
Wahrheit waren. Es scheint, dass ich schon als Kind inmitten verschiedener Traditionen
fragte: „Warum gibt es mehrere Religionen? Es ist alles dasselbe!"
Als Jugendliche diskutierte ich heftig mit Priestern und anderen Menschen über Bücher,
ihre Autoren, gab meinen Überlegungen Ausdruck, meinen Überzeugungen und klagte oft
verschiedene Verhaltensweisen an, die mir ihrem Glauben nicht entsprechen zu schienen.
Eines Tages las ich in den „Etudes Carmelitaines" die Erzählung über einen bekehrten
Bruder, der, ohne es zu wollen, ein Wunder vollbracht hatte. Er war sehr krank. Ein
einfacher Mensch, bescheiden, arm, dem die gröbsten Arbeiten zugewiesen wurden, indem
er die Latrinen des Klosters reinigte.
Der Superior wollte den Vorfall verstehen und ging ihn in seiner Zelle besuchen, um sich
eine richtige Vorstellung davon machen zu können sowie vom wirklichen inneren Zustand
des bekehrten Bruders. Er stellte ihm Fragen über seine Praxis der spirituellen Übungen
und der Bruder antwortete ganz einfach: „Alles was ich tue, tue ich in Anwesenheit Gottes,
bei allem was ich tue, den ganzen Tag. Für mich ist Gott immer anwesend".
-75-
Bei diesen Worten wurde dem Superior bewusst, dass der bekehrte Bruder eine sehr tiefe
Demut und Spiritualität besaß.
Seit dieser Zeit habe ich diese Praxis geübt. Sie gab mir ein tiefes Gefühl. Seit meiner
Kindheit stellte ich mir Aufgaben, die ich da und dort aufgelesen hatte. Ich machte
mehrmals am Tag auf Knien im Zimmer die Runde, die Arme über Kreuz, wie es meine
Großmutter auf dem ganzen Kreuzigungsweg in Lourdes machte.
Ich machte die Bekanntschaft von Pater Georges Dedeban (Auslandsmission, Professor der
Theologie, er hatte mehrere Jahre in China verbracht). Ich unterhielt mich stundenlang mit
ihm. Ich tat dies frohen Herzens mit meinen Fragen und wollte alles verstehen und
vertiefen.
Eines Tages bat ich ihn, mir die Übungen von lgnaz von Loyofa zu geben. Er weigerte sich
und sagte, dass diese Übungen nicht für mich sein konnten, da ich im Leben stand. Ich
antwortete lebhaft: „Gerade weil ich im Leben stehe und nicht im Kloster bin, benötige ich
diese inneren Übungen noch mehr, um auf dem Weg zu sein, auf dem ich sein will!"
Später erhielt ich von G.1. Gurdjieff innere Übungen, anders als die von lgnaz von Loyola,
aber sie erfüllten mein Bedürfnis.
Ich werde Pater G. Dedeban immer dankbar sein für seine Güte und sein Verständnis.
Durch die Fragen, die ich stellen konnte, präzisierte sich mein Denken, ich konnte meine
Überzeugungen ausdrücken, dies bereitete mich mehr auf meine Begegnung mit G.
Gurdjieff vor.
Trotz der Regel der Religion, dass man sich keine Fragen stellen soll bezüglich des
Mysteriums Gottes, Christus, Marias, hatte ich das Bedürfnis, den Sinn der Symbole zu
verstehen, der Legenden, Mythen, Rituale und „Mysterien". Eine Sprache, die mich
berührte, die ich entziffern wollte.
Ich diskutierte mit jedem über alles und eines Tages sagte mir dabei jemand aus meiner
Bekanntschaft: „Wenn diese Fragen Sie interessieren, könnte ich Sie jemandem vorstellen,
an den Sie diese Fragen steilen können". Ich bat sofort darum, mich vorzustellen und lernte
so die Lehre von G. Gurdjieff kennen.
Ich lernte zuerst Madame Jeanne de Salzmann kennen, die ich schon bei einer Konferenz
mit Philippe Lavastine gesehen hatte. Sie bereitete eine Gruppe von Personen vor, um sie
Monsieur Gurdjieff vorzustellen.
Ich war sofort an dem interessiert, was Mme de Salzmann erzählte, es gab mir das Gefühl,
besser verstehen zu können, was ich suchte. Und auch an den sehr strengen Tänzen, die
Teil dieser Lehre waren, Movements genannt, die sie unterrichtete.
Ich dachte bei G. Gurdjieff nicht an einen „Meister", diese Idee hatte ich nicht. Ich suchte den
Sinn dessen, was in mir vorging, in den anderen, im Leben.
Meine Begegnung mit G. 1. Gurdjieff war jenseits aller meiner Erwartungen. Ich möchte
durch meine Berichte meine tiefe Dankbarkeit dem gegenüber ausdrücken, der mir so
substantielle Nahrung gab.
Er allein hat mir ein tiefes Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens gegeben, das ich niemals
von jemandem bekommen hatte. Durch die Qualität seines Zuhörens, konnte ich mich selbst
sein und mich ausdrücken. Er forderte meine Möglichkeiten heraus und stellte sie auf die
Probe, er machte sie mir bewusst und er gab mir Vertrauen, dies hatte ich am nötigsten.
Er hat das, was ich suchte, fühlte und ahnte, bestätigt und mir die Richtung gewiesen. Mein
Leben nahm eine noch genauere Richtung an auf dem undeutlichen Weg, dem ich schon
tastend folgte, indem ich alles las, beobachtete, diskutierte und wo ich alles wissen und
verstehen wollte,
-76-
Diese Beziehung enthielt keine Sentimentalität, noch Mystizismus. Auch wenn ich mich wie
bei meinem Vater fühlte, gab es niemals eine zärtliche Geste, Haltung, Verhalten, weder von
seiner, noch von meiner Seite. Ich hatte niemals das Gefühl der Manipulation bei ihm, daß er
ein System anwandte, oder der Bevormundung oder einer Haltung der Macht.
Dies war ein ehrenhafter Mensch, von tiefer Güte, respektvoll gegen jeden, voller Wissen,
mit gesundem Menschenverstand, wirklichkeitsnah, ohne Schnörkel.
Dies war ein guter und strenger Erzieher, niemals ungerecht, dessen Aufmerksamkeit, immer
auf der Hut, nichts unbeachtet durchgehen ließ.
Es gab nichts Hochtrabendes in seinem Verhalten und seiner Sprache. Er war immer sehr
einfach, direkt, aufs Wesentliche gerichtet, ohne viel Worte zu machen, er war knapp und
präzise in seiner Sprache.
Als Folge eines schweren Unfalls, hatte G. Gurdjieff einen Teil seines Sprachgedächtnisses
verloren. Er sprach mit wenig Worten; die wesentlichen Worte drückten genau seine
Gedanken aus, mit sehr kurzen Sätzen. Aber er spielte damit, weil ich ihn „normal" sprechen
hörte. Er drückte seine Erkenntnisse perfekt aus'
Und bei unserer Arbeit und um uns zu antworten, war es nicht nötig, viel Worte zu machen,
um das Richtige zu sagen und aufzuzeigen! Ich beschreibe auf diesen Seiten ungefähr die Art
wie er sprach. Er antwortete nicht immer direkt auf eine Frage, sei es, dass er eine andere
stellte oder eine Bemerkung machte, die uns eine neue Perspektive eröffnete.
-77-

G. GURDJIEFFS LEBEN KURZ SKIZZIERT


Georges Ivanovitch Gurdjieff wurde in Alexandropol geboren. Es gibt zwei Geburtsdaten:
1877 und 1869, welches das richtige sein wird, da man 1949, seinem Todesjahr, seinen 80.
Geburtstag feierte.
Sein Vater stammte von Griechen aus Cäsaraea, aus einer Familie, die seit Jahrhunderten in
Kappadozien ansässig war. Er war Viehzüchter mit großen Herden und er war Barde, Erbe
einer mündlichen Tradition einer sehr alten Kultur. Die Kindheit G. Gurdjieffs war getränkt
mit Erzählungen und Dichtungen aus einer langen Vergangenheit.
G, wurde vom Erzpriester der Kathedrale in Kars ausgewählt und von Seminaristen
angeleitet, Er erhielt eine sehr gründliche wissenschaftliche Ausbildung, wie auch eine
religiöse Erziehung.
Im Süden des Kaukasus, wo sich die Völker vermischten, Russen, Armenier,
Griechen, Iraner, Tartaren und wo sich Zivilisationen und Bräuche begegneten,
überzeugten ihn viele Tatsachen davon, dass ein wirkliches Wissen über den
Menschen und die Natur in der Vergangenheit existiert hatte. Seine Spur war
verwischt aber man konnte sie noch wiederfinden. Diese Überzeugung leitete sein
Leben.

G. Gurdjieff und andere Menschen, die wie er den Wunsch hatten, den wirklichen
Sinn des menschlichen Lebens zu begreifen, bildeten die „Sucher nach der
Wahrheit". Sie waren Geographen, Archäologen, Ärzte. Sie überwanden große
Schwierigkeiten und es gelang ihnen schließlich, mit sehr isolierten Gemeinschaften
in Afrika, im Mittleren Osten, in Zentralasien, mit Klöstern und heiligen Orten in
Verbindung zu kommen.
G. sammelte die zerstreuten Fragmente einer traditionellen Lehre. Er setzte sie dem
Feuer der sehr strengen inneren Disziplinen aus und es gelang ihm so, sie zum Leben
zu erwecken und die Einheit dieses Wissens wieder zu erschaffen.

1912 betritt G. Gurdjieff Europa. In Moskau und St: Petersburg versammelten sich
Gruppen von Suchenden um ihn. Durch den Krieg und die Revolution entschied er
sich, nach Frankreich zu gehen. Nach Aufenthalten in Europa und Amerika, ließ er
sich 1922 mit englischen, amerikanischen und russischen Schülern in der Nähe von
Fontainebleau nieder.

1940 bildete sich durch die Initiative von Mme de Salzmann eine Gruppe, an der ich
teilnahm.
In den „Erzählungen Beelzebubs für seinen Enkel" legte G. Gurdjieff seine Ideen in
der in großen Traditionen bekannten Form dar: Ein universeller Mythos, der sich
jedoch auf das wesentliche Problem konzentriert: Die Bedeutung des menschlichen
Lebens.
Am 29. Oktober 1949 starb G.1. Gurdjieff in Paris.