Sie sind auf Seite 1von 29

Mathias Arden (München)

Zum Verhältnis von Gattungskonventionen und


sprachlichen Normen in der Fernsehkommunikation
– Telenovelas und Jornal Nacional von TV Globo

1 Ausgangspunkt und Zielsetzung

Der vorliegende Beitrag verfolgt die Zielsetzung, für eine norm- und
varietätenlinguistische Untersuchung der gesprochenen Sprache in
brasilianischen Fernsehsendungen einen Analyserahmen zu konzeptua-
lisieren, der auf diskurspragmatischen und gattungskonventionellen
Parametern der Fernsehkommunikation basiert. Als weitreichende
öffentliche Institution kommt dem Medium Fernsehen eine gewichtige
Rolle bei Koineisierungsprozessen und der Repräsentation einer
gesprochenen Standardvarietät zu. Insofern erfordert die Analyse von
Fernsehtexten im Spannungsfeld von Gattungskonventionen und
sprachlichen Normen die Berücksichtigung spezifischer Konstellationen
im Varietätengefüge des brasilianischen Portugiesisch (fortan BP). Mit
dem populären Nachrichtenmagazin Jornal Nacional und der novela das
oito als bedeutendster Subgattung der Telenovelas von TV Globo
werden zwei Textsorten in den Fokus gerückt, die als die
meistrezipierten Programmformate des erfolgreichsten brasilianischen
Fernsehsenders fest etabliert sind.1

1
Beide Sendungen werden täglich außer sonntags ausgestrahlt. Die Bezeichnung des
wichtigsten Novelaformats als novela das oito nimmt Bezug auf die Sendezeit um 8
Uhr abends (eigentlicher Beginn gegen 20:50 Uhr im Anschluss an das Jornal
Nacional (ca. 20:15 Uhr). Mit ihrer Positionierung zwischen 20 und 22 Uhr belegen
die Programmformate die lukrativste Sendezeit. Für die Großräume São Paulo und
Rio de Janeiro lagen die Einschaltquoten von September bis November 2007 für
das Jornal Nacional zwischen 31 und 36%, für die novela das oito (Titel: Duas
Caras) zwischen 34 und 46%. Der Abstand der erfolgreichsten Sendungen eines
Konkurrenzsenders zu TV Globo (TV Record) liegt bei ca. 20%; vgl. hierzu
www.almanaqueibope.com.br/asp/busca_resultado.asp (Zugriff am 4.12.07).
<

Namen der Herausgeber (Hrsg.):


Titel des Bands,
Tübingen: Calepinus Verlag, 2007.
<
ISBN 978-3-9810911-X-Y, S. X-Y.
2 Mathias Arden

In Abschnitt 2 wird zunächst das Verhältnis zwischen präskriptiver


Norm und den Gebrauchsnormen des gesprochenen brasilianischen
Portugiesisch skizziert. Hierfür werden Variablen aus dem Bereich der
Morphosyntax und Syntax zugrunde gelegt, die nicht allein für die
Normfrage des BP, sondern darüber hinaus für die zwischen Distanz-
und Nähesprache polarisierte Variation des BP als konstitutiv gelten.
Abschnitt 3 diskutiert die Relevanz sprachnormativer Ansprüche für die
Fernsehkommunikation. Die Abschnitte 4 bis 6 behandeln dann jeweils
spezifische Aspekte des Faktorenbündels, das die Handhabung von im
Fernsehen gesprochener Sprache konditioniert: die Bedeutung von
Monologizität und Dialogizität im Hinblick auf die massenmedialen
Kommunikationskreise, das Verhältnis von Planungsaufwand und
inszenierter Spontaneität bei der Produktion der Fernsehtexte, sowie die
Bewertung der Registerwahl durch das Fernsehpublikum vor dem
Hintergrund des Zusammenspiels von Gattungskonventionen und
Kommunikationssituationen. Zur Exemplifizierung der theoretischen
Standpunkte werden ausgesuchte Transkriptpassagen herangezogen.

2 Zu den normativen Verhältnissen im BP

Unter der Annahme, dass eine historische Sprache stets aus einem
komplexen Gefüge von Varietäten besteht, ist grundsätzlich von einer
Pluralität von Normen auszugehen, die durch ihren regen Kontakt im
sozialen Alltag einer ständigen gegenseitigen Beeinflussung ausgesetzt
sind.2 Im Kontrast zu einer Soll-Norm als sprachlichem Referenzmodell
ist damit angesichts des Nebeneinanders verschiedenster Varietäten ein
Gefüge von Ist-Normen anzusetzen. Im BP ist zwischen der
gesprochenen und geschriebenen Sprache eine Diskrepanz augenfällig,
die diglossische Tendenzen erkennen lässt.3 Entsprechend werden zwei
grundlegende Gegensätze evident:
1. Die Kluft zwischen der norma-padrão als präskriptiver Norm
(Soll-Norm), die nach der präskriptiven Norm des europäischen
2 Faraco (2004: 39) betrachtet eine solche «Hybridisierung der Normen» als
natürliches Resultat der Interaktion zwischen Sprechergruppen unterschiedlicher
sozialer Provenienz.
3
Vgl. hierzu Baxter (1992); auch Preti (1994: 30) und Reich (2002: 136).
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 3

Portugiesisch (EP) ausgerichtet ist, und den gesprochenen


Varietäten gebildeter Sprecher (normas cultas bzw. variedades
cultas) als Teil des deskriptiven Norm-Gefüges (= Ist-Normen).
2. Der diastratisch bedingte Abstand zwischen dem Gefüge der
gesprochenen normas cultas und den gesprochenen normas
populares (bzw. variedades populares) als Ist-Normen der
sozial benachteiligten Teile der Bevölkerung mit mangelhafter
oder gänzlich fehlender Schulbildung.

Die Forschung grenzt die norma-padrão vom gesprochenen BP


(variedades cultas) in der Regel anhand einer Reihe von morpho-
syntaktischen bzw. syntaktischen Phänomenen ab, zu denen u.a.
gehören:4
präskriptiver Standard (norma-padrão) gesprochenes BP (culto)

1. Deu-me dinheiro para comprar roupa. Me deu dinheiro para comprar roupa.
2. Vi-o na rua. Vi ele na rua.
Vou comprá-los. Vou comprar Ø. / Vou comprar eles.
3. Deixa-me dizer o que penso disso. Deixa eu dizer o que penso disso.
Vi-o sair da sala. Vi ele sair da sala.
4. Fui ao festival. Fui no festival.
Cheguei à estação atrasado. Cheguei na estação atrasado.
5. Esse é um livro de que eu gosto Esse é um livro Ø que eu gosto
muito. muito.
Essa é a vizinha em cuja casa Essa é a vizinha Ø que eu jantei na
jantei ontem. casa ontem.

1. Die Proklise ist im gesprochenen BP soweit generalisiert, dass


me, te und se auch satzinitial erscheinen können.5

4
Für einen Überblick zur diastratischen und diaphasischen Differenzierung innerhalb
des gesprochenen BP sowie der Unterschiede zur norma-padrão vgl. Preti (1994),
weiterführend insbesondere Große / Zimmermann (1998).
5 Ebenso werden mesoklitische Konstruktionen proklitisch aufgelöst (z.B. dar-me-ei
> me darei; ter-se-ía > se teria).

<
4 Mathias Arden

2. Der präskriptive Standard fordert anaphorische Objekte der 3.


Person grundsätzlich in Form von Klitika gegenüber den
gesprochenen Varietäten des BP, die Nullobjekte bevorzugen
oder auf die Rektusformen der Personalpronomina zur Objekt-
markierung zurückgreifen.6
3. Folgt den Verben mandar, fazer, deixar, ver, ouvir und sentir,
ein Infinitiv, verlangt die norma-padrão die Setzung von Klitika
für ein pronominales Objekt, das gleichzeitig Objekt des Verbs
und Subjekt des Infinitivs ist. Das gesprochene BP hingegen
bevorzugt die Rektusformen der Personalpronomina.7
4. Lokaladverbiale Bestimmungen mit direktiver Funktion stehen
bei den Bewegungsverben ir und chegar laut präskriptiver
Grammatik mit der Präposition a. Im gesprochenen BP indessen
überwiegt die Präposition em.8
5. Während die norma-padrão in komplexen Relativsätzen die
Setzung der Präpositionen in Verbindung mit den Relativ-
pronomen verlangt, wird in den gesprochenen normas cultas die
syntaktische Relation morphologisch anhand des einfachen
Relativpronomens que markiert .9

6
Zu den Objektpronomina und Nullobjekten im BP vgl. insbesondere Reich (2002);
auch Barme (1998) und Bagno (2000).
7
Bagno (2000: 207) stellt für das gesprochene BP eine generelle Tendenz fest,
pronominale Subjekte explizit zu machen und gleichzeitig anaphorische Objekte zu
tilgen; vgl. hierzu auch Tarallo (1996).
8 Vgl. hierzu Bagno (2000: 250ff.) und Ribeiro (2000). Neben em ist im
gesprochenen BP beim Verb ir die Präposition para gebräuchlich (bei chegar nicht
möglich). In den präskriptiven Grammatiken wird diese allerdings im Zusammen-
hang mit dem Merkmal [+ Verbleib am Zielort] von der Präposition a unter-
schieden. Diese Bedeutungsnuance zwischen para und a wird im gesprochenen BP
zugunsten der Verwendung von para nivelliert.
9
Die fehlende Markierung der präpositionalen Rektion in den relativischen Nexus im
gesprochenen BP kann durch eine Präpositionalphrase mit Pronomen (dem sog.
pronome cópia) ersetzt werden, die dem Verb des Relativsatzes folgt („... um livro
que eu gosto muito dele“; „... a vizinha que a gente jantou na casa dela“). Die
Setzung solcher Präpositionalphrasen gilt indes als diastratisch markiert und wird
von Sprechern der normas cultas gemieden; vgl. hierzu Bagno (2000: 185f.) und
Tarallo (1996).
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 5

Zur Abgrenzung der diastratisch markierten normas populares vom


gesprochenen BP gebildeter Sprecher fokussiert die soziolinguistische
Forschung in der Morphosyntax meist folgende Befunde:
(1) Das vier- bzw. dreistellige Verbalparadigma der normas cultas ist
weiter auf insgesamt drei bzw. zwei Formen reduziert:10
gesprochenes BP (culto) gesprochenes BP (popular)
eu trabalho eu trabalho
você tu, você
ele, ela trabalha ele, ela
a gente / a gente / trabalha
(nós) (trabalhamos) nós
vocês vocês
trabalham
eles, elas eles, elas
(trabalham)

(2) Ein weiteres Phänomen betrifft das Kongruenzverhalten bzgl. der


Kategorie Numerus innerhalb von Nominalphrasen, wo der Plural allein
durch das erste Element der NP markiert wird:11
gesprochenes BP (culto) gesprochenes BP (popular)
umas casinhas umas casinhaØ
eles todos eles todoØ
as portas abertas as portaØ abertaØ

Die von den normativen Grammatikern postulierte Gleichsetzung der


norma-padrão mit einer norma culta hat wiederholt zu Verwirrung und
Missverständnissen im Blick auf die Unterscheidung zwischen
gesprochener und geschriebener Sprache geführt (vgl. Marcuschi 2000,
2003). Im BP findet der Regelkanon der norma-padrão in seiner
Gesamtheit effektiv nur in bestimmten formellen, im Sinne von Koch /
Oesterreicher (1985, 1990) medial und konzeptionell schriftlichen
Diskurstraditionen Berücksichtigung (etwa in juristischen Texten),

10 Graphik adaptiert nach Lucchesi (1998: 88); zur Subjekt-Verb-Kongruenz im


português popular vgl. Rodrigues (2000) und Nicolau (2000).
11 Beispiele aus Scherre (1998: 164).

<
6 Mathias Arden

während gerade die Charakteristika der Morphosyntax und Syntax einer


diaphasisch neutralen variedade culta falada, die vermehrt auch in
konzeptionell distanzsprachlichen Diskurstraditionen auftritt, ein Indiz
dafür sind, dass sich das gesprochene BP gebildeter Sprecher von der
norma padrão weitgehend absetzt.12
Wie die Bezeichnungen culto und popular bereits andeuten, ist die
Polarisierung der Ist-Normen im BP primär auf der diastratischen Ebene
angesiedelt.13 Bereits die Tatsache, dass für die normas cultas eine
Affinität zur Distanzsprache und damit eine enge Beziehung zur
Schriftlichkeit gegeben ist, jedoch ein großer Teil der Sprecher der
normas populares aufgrund des in Brasilien weit verbreiteten
funktionalen Analphabetismus keinen Zugang zur Schriftsprache hat,
verhindert eine wesentliche Annäherung der Pole popular und culto.14
Nach Lucchesi (2004: 82ff.) haben indes die weitreichenden
Urbanisierungs- und Migrationsprozesse in Brasilien und die damit
einhergehende Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse zur
Abmilderung dieser Polarisierung der Normen beigetragen. Trotz des
konzeptionellen Abstands der gesprochenen normas cultas von der
norma-padrão, die sich gegenüber den strukturellen Veränderungen im
gesprochenen BP weitgehend verschlossen zeigt, ist von einem
wechselseitigen Austausch sprachlicher Merkmale innerhalb des
deskriptiven Normengefüges zwischen den Polen culto und popular
auszugehen. Dementsprechend realisieren Sprecher gebildeter Schichten
in nähesprachlichen Kontexten durchaus Äußerungen mit diastratisch
markierten Merkmalen, ebenso wie sozial benachteiligte Sprecher-
gruppen in formellen Kommunikationssituationen versuchen, morpho-

12 Die präskriptive Norm des BP ist in Brasilien seit geraumer Zeit Gegenstand einer
hitzigen Debatte zwischen Linguisten und Sprachpuristen. Vgl. hierzu etwa Bagno
(2004) und Scherre (2005).
13
Auf die norma popular des BP referieren außerdem Termini wie língua não-
padrão, subpadrão oder substandard. Für eine polemisierende Erörterung dieser
Bezeichungen aus soziokultureller Perspektive vgl. Zimmermann (1998).
14 Laut IBGE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística) lag die Analphabeten-
quote (Sprecher über 15 Jahre) im Jahre 2000 bei 13,6%, während je nach
Großregion weitere 20-40% als funktionale Analphabeten eingestuft wurden
(http://www.ibge.gov.br/ibgeteen/pesquisas/educacao.html; Zugriff am 27.4.07).
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 7

syntaktische Inkongruenzen zu unterdrücken, um mit den normas cultas


zu konvergieren.

3 Fernsehen, Norm und kommunikative Gattung

Welche Bedeutung hat nun diese spezifische Konstellation der Normen


im BP für die gesprochene Sprache in Fernsehtexten? Zunächst gilt es,
eine Reihe von Blickwinkeln aufzuzeigen, die das Medium Fernsehen
im allgemeinen als auch das brasilianische Fernsehen im besonderen
diesbezüglich auszeichnen.
Fernsehen nimmt als weitreichende massenmediale Institution bei der
Repräsentation (und wohl auch bei der Implementierung) der
gesprochenen Standardvarietät eine gewichtige Rolle ein (vgl. Holly /
Püschel 1993: 148f.). Aufgrund der zahlreichen funktionalen Analpha-
beten in Brasilien, die vornehmlich auf mündliche Informationskanäle
rekurrieren, erhält das Medium mit dieser Rolle auch eine dringliche
Vorbildfunktion im Hinblick auf einen korrekten Sprachgebrauch,
ähnlich wie im schriftlichen Bereich den Printmedien diese Aufgabe
obliegt. Im Kontext der brasilianischen Medienlandschaft dürften die
diglossischen Tendenzen des BP indes einen markanten Kontrast im
Sprachgebrauch zwischen den Printmedien und den audiovisuellen
Medien bewirken. Während für die Printmedien die norma-padrão die
Referenz bildet, kann das Fernsehen als mündliches Medium die
diaphasisch hoch markierten variedades cultas faladas zur
standardsprachlichen Orientierung ansetzen, denn sie stehen von den
Varietäten des gesprochenen BP der norma-padrão noch am nächsten.15
Gerade die privaten Fernsehsender wie TV Globo versuchen, mit ihren
Programmen ein soziographisch äußerst heterogenes Fernsehpublikum
zu bedienen, um hohe Einschaltquoten erzielen zu können. Der Erfolg
von TV Globos Primetime-Formaten hängt demgemäß unmittelbar von

15
In diesem Zusammenhang müsste überprüft werden, ob TV Globos journalistische
Redaktionen bzw. die Autoren der Novela-Scripts im Zweifelsfall sogenannte
manuais mit grammatischen Richtlinien zum korrekten Sprachgebrauch zu Rate
ziehen. Diese Form normativer Sprachregelung wird von den meisten Redaktionen
der großen Tageszeitungen und Wochenmagazinen praktiziert; vgl. hierzu Bell
(1991: 82f.) und Bagno (2000).

<
8 Mathias Arden

deren Zuschnitt auf ein Massenpublikum ab, was zweifelsohne neben


einer attraktiven Programmformatgestaltung ebenso die Wahl
sprachlicher Register betrifft.
Die für die Institution Fernsehen geltende Verantwortung bezüglich des
Sprachgebrauchs bedingt von Seiten der Fernsehproduktion ein
ständiges Prüfen der zu sprechenden Texte auf grammatische Fehler und
stilistische Ungereimtheiten – Phänomene, denen im massenmedialen
Kontext ein vollkommen anderer Status zukommt als in privaten face-
to-face-Situationen, wie Goffman (1981b: 240) beobachtet:
[...] prime-time national networkers – newscasters, disc jockeys, program M.Cs –
deliver lines that technically speaking are almost flawless, and they operate under a
special obligation to do so, whether fresh talk, aloud reading, or memorization is
involved [...] Interestingly, these professional obligations, once established, seem to
generate their own underlying norms for hearers as well as speakers, so that faults
we would have to be trained linguistically to hear in ordinary talk can be glaringly
evident to the untrained ear when encountered in broadcast talk.

Der hohe Grad an Aufmerksamkeit bei der Rezeption massenmedialer


Texte setzt während ihrer Produktion das Greifen sprachkontrollierender
Mechanismen im Zeichen eines language monitoring voraus, die neben
der Kontrolle inhaltlicher Aspekte – etwa zur Beachtung ethischer
Grundsätze oder zur Vermeidung semantischer Ambiguität – natürlich
auch grammatische Normen berühren.
Die bisher aufgezeigten Perspektiven bilden den Hintergrund der
Interpretationsfolie für das Verhältnis von Fernsehsprache und Normen,
die jedoch für die Analyse der Sendungen im Einzelnen noch einer
texttypologischen Ergänzung bedürfen: Fernsehen operiert mittels
konventionell gefestigter Schemata, den Programmformaten, die als
Vermittlungsinstanzen für die zu kommunizierenden Inhalte fungieren.
Die Medienlinguistik hat in Anlehnung an etablierte Konzepte der
Textlinguistik und der Literaturwissenschaft solche Instanzen als
kommunikative Gattungen oder massenmediale Textsorten beschrieben
(vgl. Holly / Habscheid 2001: 214f.). Eine Analyse der kommunikativen
Prozesse des Mediums Fernsehen ist zugleich stets eine Betrachtung der
jeweiligen Programmformatkonzeption. Demgemäß muss die Register-
wahl und die Bezugnahme auf Normen bei der im Fernsehen
gesprochenen Sprache in unmittelbarer Abhängigkeit zur jeweiligen
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 9

Textsorte und zu den kommunikativen Konstellationen auf der Ebene


der Einzeltexte betrachtet werden.
Die folgenden Ausführungen sollen anhand von transkribierten
Passagen aus dem Jornal Nacional und einer novela das oito (Páginas
da Vida) die Spezifika und Mechanismen sichtbar machen, die auf die
konzeptionelle Ausrichtung der in diesen Textsorten gesprochenen
Sprache einwirken, damit das dynamische Verhältnis zwischen den
Normen und den Textsorten im massenmedialen Kontext des
brasilianischen Fernsehen erörtert werden kann.

4 Monologizität vs. Dialogizität

Ein grundlegendes Merkmal von Fernsehkommunikation ist ihre


Unidirektionalität. Die Zuschauer verfolgen das Geschehen am
Bildschirm, ohne in die Gesprächsstruktur eingreifen zu können. Diese
durch die technischen Voraussetzungen des Mediums bedingte
kommunikative Konstellation wird in Übereinkunft mit den Konven-
tionen der einzelnen Programmformate in unterschiedlicher Weise
gehandhabt. Burger (2005: 19f.) postuliert in diesem Zusammenhang
innere und äußere Kommunikationskreise. Die inneren Kreise
bezeichnen die fernsehinternen Kommunikationsvorgänge zwischen den
Sprechern, Moderatoren oder den Schauspielern, während der äußere
Kreis dem kommunikativen Bezug zwischen den inneren Kreisen und
dem Publikum Rechnung trägt.16 Die Operationalisierung dieser Kreise
ist eng verknüpft mit der Struktur der Texte zwischen Monolog und
Dialog. Zur Veranschaulichung dieser Beziehung dient zunächst ein
kurzer Ausschnitt aus dem Nachrichtenmagazin Jornal Nacional (fortan
JN):

16 Gleichbedeutend mit Burgers Konzeption von inneren Kommunikationskreisen ist


der Begriff der Binnenkommunikation (vgl. hierzu etwa Hickethier 2001). Die
Konstellation zwischen den verschiedenen Kreisen kann äußerst komplex ausfallen,
insbesondere dann, wenn etwa Fernsehakteure aus dem Off-Bereich des Studios als
Teil dieser Kreise berücksichtigt werden; vgl. hierzu auch Ayaß (2001).

<
10 Mathias Arden

Beispiel A:17 Jornal Nacional; 5.7.07

William Bonner (WB) und Fátima Bernardes (FB) sind die Moderatoren des JN. Im
folgenden Ausschnitt schließt die Sendung mit einem Beitrag zum Fußball. WB übergibt
das Wort an den Reporter Mauro Naves (MN).

01 WB Brasil e Ecuador se enfrentam daqui a pouco pela Copa América e o jogo


vale vaga nas quartas de final vamos à Venezuela … boa noite Mauro Naves
Mauro Naves im Fußballstadion in Venezuela
02 MN boa noite Bonner o estádio cheio aqui em Puerto de la Cruz nesse momento
38 mil pessoas assistem ao primeiro jogo da noite entre México e Chile …
uma partida que é fundamental para determinar a posição do Brasil no grupo
e o futuro adversário em caso de classificação e a situação de momento é a
seguinte cerca de dez minutos do segundo tempo está zero a zero se
permanecer assim o México vai a 7 pontos já seguro primeiro lugar do grupo
e o Brasil não poderá mais alcançá-lo e vai brigar apenas pela segunda
colocação e para isso precisa apenas de um empate permanecendo essas
situações esse empate aqui empate ou vitória brasileira o Brasil voltará a
encontrar o próprio Chile no sábado pelas quartas de final … Fátima
03 FB obrigada a Mauro Brasil e Ecuador começa logo depois de Paraiso Tropical
e em seguida você terá as notícias do Jornal da Globo uma boa noite para
você
04 WB boa noite e até amanhã

Ein erster innerer Kommunikationskreis wird durch die Kopräsenz von


Bonner und Bernardes, den Nachrichtenpräsentatoren, manifest. Bei der
Turn-Übergabe zwischen den Sprechern im Studio und dem Reporter im
Fußballstadion etabliert sich ein zweiter interner Kommunikationskreis

17 Transkriptkonventionen: ... – kurze Pause (< 1 Sekunde); / – Wort- oder Satz-


abbruch.
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 11

(01-02 «boa noite Mauro Naves – boa noite Bonner»; 02-03 «Fátima –
obrigada a Mauro»), sodass unter Miteinbezug der Beziehung zwischen
dem Publikum und den Sprechern bzw. dem Reporter (= äußerer Kreis)
letztendlich drei teils zu unterschiedlichen Zeitpunkten aktive Kreise
anzusetzen sind.
Das kommunikative Grundgerüst des JN basiert auf an das
Fernsehpublikum gerichteten Monologen. Die Monologizität als
charakteristisches Merkmal sachlich-formeller Diskurse unterstreicht
somit die Reputation des JN als renommiertes und seriöses Nachrichten-
magazin. Anhand dieses Ausschnitts lässt sich dennoch zeigen, wie
Spuren und Ansätze dialogischer Interaktion in der Kommunikation
sowohl zwischen den Fernsehakteuren selbst als auch zwischen diesen
und dem Publikum ein 'Quasi'-Gespräch inszenieren, um den
institutionellen Rahmen des Formats im Zeichen einer publikums-
freundlichen Gestaltung aufzulockern. Die Sprecher lesen die
Nachrichtentexte von an den Kameras angebrachten und für das
Publikum nicht sichtbaren Displays, den sog. Telepromptern, ab.18 Diese
Verfahrensweise ermöglicht den Sprechern mehr mimisch-gestische
Handlungsfreiheit und vor allem den ständigen Blick in die Kamera, der
dazu dient, die Illusion eines face-to-face-Kontakts mit dem 'stummen'
Publikum als Adressaten zu vermitteln. Des weiteren wird durch
Begrüßung und Verabschiedung der Zuschauer (04 «boa noite e até
amanhã») der Eindruck des Angesprochenseins geschaffen. Auch wenn
kein verbal-dialogischer Austausch zwischen den Sprechern stattfindet,
signalisiert der nicht-aktive Sprecher in den kurzen Momenten, in denen
beide Sprecher eingeblendet sind, mit nonverbalen Mitteln seine
Aufmerksamkeit, indem er in Richtung des aktiven Sprechers blickt.
Die Konstellation der Kommunikationskreise in den Novelas folgt als
narrativ-fiktionale Gattung anderen Konventionen. Als Textbeispiel
dient ein Ausschnitt aus einer Episode von Páginas da Vida, einer
novela das oito von 2007:

18 Gelegentlich rezitieren die Reporter vor Ort ihre Texte nach mehrmaligem Proben,
wenn der Einsatz von Telepromptern nicht möglich ist.

<
12 Mathias Arden

Beispiel B: Páginas da Vida; 22.2.07

Dona Constância (C) und ihr Mann Zé (Z) sitzen mit Dorival (D), dem zukünftigen
Ehemann ihrer Tochter Thelma (T) beim Abendessen, als Thelma, die sich offensichtlich
nicht wohl fühlt, hereinkommt. Zu diesem Zeitpunkt erahnen die Eltern bereits, dass
Thelma ein Verhältnis mit einem anderen Mann hat. Der gutgläubige Dorival hingegen
weiß von alldem nichts und auch Thelma scheint von der Ahnung der Eltern nichts
bemerkt zu haben.

01 C senta aqui Thelminha vamo’ jantar


02 T não tô com vontade não mãe
03 Z vem ... senta e come alguma coisa saco vazio não pára em pé
04 T ai obrigada pai mas ... ai eu tô com dor de cabeça se eu comer isso aí vai
piorar
05 D cê quer que eu vá na farmácia comprar alguma coisa pra você Thelma?
06 C não Dorival não se preocupe aqui em casa temos remédio para qualquer dor
… mas isso aí tá me parecendo mais é dor de consciência … bom tudo bem
não quer jantar então vai se deitar e dorme que amanhã temo’ que acordar
cedinho mesmo
07 T m/ mas porquê mãe?
08 C hm … nada esquece que eu digo … vai vai se deitar vai
09 T boa noite
10 C;Z;D boa noite (Thelma verlässt den Raum)
11 C não se pode facilitar com essa meninada aí
12 D ela não tá feliz Dona Constância … e eu também não tô feliz ... vendo ela
assim obrigada a fazer uma coisa que não quer
13 Z se for por causa do casamento esquece … ela não quer agora … ma’ vai
agradecer depois
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 13

Die Fernsehakteure der Novelas, die Schauspieler, 'ignorieren' qua


Gattungskonvention die Präsenz des für das Medium Fernsehen
konstitutiven äußeren Kommunikationskreises. Der Fokus liegt auf der
inneren Kommunikationssituation, denn die Schauspieler agieren
dialogisch in einer geschlossenen, da erzählerisch intradiegetischen
Welt. Das Publikum als indirekter Adressat wohnt dem Geschehen
lediglich bei, doch dies natürlich im Bewusstsein, dass die interne
Kommunikation allein zum Zwecke einer externen Rezeption inszeniert
ist. Diese Form einer kaschierten «Mehrfachadressierung» (Hickethier
2001: 118) ist wesentlicher Bestandteil des gattungskonventionellen
Rahmens von narrativ-fiktionalen Programmformaten. Nicht zuletzt
beruht deren große Beliebtheit auf der Funktionalisierung von
Dialogizität zur Schaffung intimer Szenarien, die den Zuschauern als
Rezipienten eine «Annäherung an alltägliche kommunikative
Erfahrungen» erlauben (Holly 2004: 45).
Obwohl die Schauspieler im Unterschied zum JN nicht direkt in die
Kamera blicken, instrumentalisiert die Kameraführung Einstellungen
aus der Subjektive – im Textbeispiel aus der Sicht Thelmas und den
Familienmitgliedern am Tisch – um das Publikum in die fiktionale Welt
der Figuren mit einzubeziehen.19

5 Zwischen Planung und inszenierter Spontaneität – die


konzeptionelle Ausrichtung der Fernsehtexte

Fernsehtexte beruhen zum Großteil auf schriftlichen Vorlagen, die,


wenn nicht gleich explizit im Wortlaut verfasst, zumindest eine
stichpunktartige Grundlage aufweisen. Mit Burger sind Fernsehtexte
demnach überwiegend als «primär geschrieben» und «sekundär
gesprochen» einzustufen (2005: 145). Die im Medium Fernsehen weit
verbreitete schriftliche Vorbereitung der Texte schafft sonach eine

19 Das Stilmittel der expliziten Überwindung des internen Kommunikationskreises im


Rahmen narrativ-fiktionaler Gattungen, beispielsweise in Form einer extra-
diegetischen Erzählerstimme oder gar einer direkten Anrede des Publikums mittels
intradiegetischer Figuren, die in die Kamera blicken (man denke etwa an die Filme
Woody Allens), ist für die brasilianische Novela nicht charakteristisch.

<
14 Mathias Arden

Grundlage für die mediale Transposition in die Phonie.20 Zur Erfassung


der komplexen Produktionsprozesse von Fernsehtexten zwischen
Mündlichkeit und Schriftlichkeit rekurriert Burger auf die von Koch /
Oesterreicher (1985, 1990) postulierten Unterscheidung zwischen dem
Medium der Realisierung und der konzeptionellen Auslegung der zu
sprechenden Texte: Der Vorgang einer medial (phonisch vs. graphisch)
zu verstehenden 'Verschriftung' zum alleinigen Zwecke der mündlichen
Realisierung kann seinerseits einen Prozess der konzeptionellen (Nähe
vs. Distanz) 'Verschriftlichung' auslösen, der gerade für sachlich-
formelle Programmformate instrumentalisiert wird.21
Mit seiner Positionierung als seriöses Nachrichtenmagazin hat das JN
bei TV Globo gewissermaßen die Rolle eines Vorzeigeformats inne, das
dem Sender Prestige und journalistische Glaubwürdigkeit verschaffen
soll. Die stilistisch formelle Ausrichtung der Nachrichtentexte unter-
streicht diesen Anspruch. Obgleich gesprochen, dürften sie auf dem
Nähe-Distanz-Kontinuum nach Koch / Oesterreicher am distanz-
sprachlichen Pol angesiedelt und folglich als konzeptionell schriftlich
einzustufen sein. Hinsichtlich der Kommunikationsbedingungen, die für
das JN auf der Ebene des äußeren Kommunikationskreises herrschen,
wird dies evident anhand der Monologizität, der Fremdheit der
'Gesprächspartner' (Sprecher bzw. Reporter vs. Fernsehpublikum), einer
größtmöglichen Objektivität der Sprecher bezüglich der Themen und
nicht zuletzt anhand der Betonung öffentlicher Rezipierbarkeit. Doch
gerade im Rahmen der sog. soft news (vgl. Burger 2005: 211) mit
Themenkomplexen, die weder politische noch wirtschaftliche Brisanz
aufweisen, ist selbst in einer formellen Textsorte wie dem JN ein Anflug
von emotionaler Beteiligung und somit der Subjektivität von Seiten der

20 Vgl. hierzu bereits Ong (1982) mit seinem kulturgeschichtlichen Begriff der
«sekundären Oralität» zur Charakterisierung massenmedialer Mündlichkeit
21
Der Grad konzeptioneller Schriftlichkeit in formellen Fernsehtexten wie den
Nachrichtensendungen ist durch die Flüchtigkeit der gesprochenen Sprache und den
damit einhergehenden Einschränkungen bei der Rezeption ggü. konzeptionell und
medial schriftlichen Texten zurückgefahren. Besonders deutlich wird dies anhand
der Verwendung kürzerer Sätze und der Vermeidung einer komplexen Hypotaxe;
vgl. hierzu Holly (2004: 44f.).
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 15

Sprecher und Reporter zu verzeichnen.22 So auch in Beispiel A, wo die


Präsentation des Textes zum Spiel Brasilien – Ecuador mit einem
Anflug von expressiver Mimik begleitet wird, das seine Fortsetzung
beim Reporter im Fußballstadion erfährt. Dieser Effekt wird hier allein
mit nonverbalen Mitteln erzielt. Das sprachliche Register hingegen
bleibt dezidiert formell, erkennbar am hohen Grad der Informations-
dichte, der Kompaktheit und der Elaboriertheit des gesprochenen
Textes, der ohne vorherige schriftliche Ausarbeitung kaum zu erreichen
wäre. Auf einzelsprachlicher Ebene wird die distanzsprachliche
Affinität am Einsatz von Merkmalen der norma-padrão ersichtlich,
etwa anhand der Setzung der Präposition a beim Verb ir (01 «vamos à
Venezuela»), der Verwendung von Objektklitika zur Herstellung
anaphorischer Bezüge (02 «poderá mais alcançá-lo») sowie des
Gebrauchs des synthetischen Futurs.23
Charakteristische Merkmale universell begründeter konzeptioneller
Mündlichkeit wie Satzabbrüche, Planungspausen oder der Aushandlung
der Turns werden im JN durch die Prozesse der Verschriftung und
Verschriftlichung bewusst verwischt.24 Eine durch solche 'Diskursfehler'
markierte, spontane Sprechsprache wäre für das JN als Nachrichten-
magazin ohnehin ungeeignet. Gerade formell gehaltene Programm-
formate fordern «die Kontrolle aller semiotischen Systeme» (Holly
2004: 45), wovon ebenso das language monitoring betroffen ist. Die
Wohlgeformtheit der gesprochenen Texte als Ausdruck des
professionellen rhetorischen Duktus der Sprecher und Reporter ist

22
An dieser Stelle sei angefügt, dass TV Globo professionelle Journalisten als
Sprecher einsetzt, die zugleich als Chefredakteure des Magazins in Erscheinung
treten. Dies führt unweigerlich dazu, dass die Grundfunktion der reinen
Informationsvermittlung eines Nachrichtensprechers gewissermaßen um eine
meinungsbildende Komponente erweitert zu sein scheint.
23 Im Gegensatz zur norma-padrão, die für unbetonte Pronomina grundsätzlich die
Enklise empfiehlt, erscheint im JN das Pronomen se bei finiten Verben proklitisch,
so auch im Beispiel A (01 «Brasil e Ecuador se enfrentam daqui a pouco»). TV
Globo folgt damit eindeutig der Tendenz zur Proklise des gesprochenen BP. Die
nähesprachlich markierte und von der norma-padrão ausdrücklich sanktionierte
satz-initiale Proklise wird jedoch zugunsten der Enklise gemieden.
24
Auch der bei Themenübergängen in manchen Nachrichtenmagazinen gelegentlich
kultivierte und oft aufgesetzt wirkende 'Plauderstil' zwischen den Moderatoren
besteht aus geplanten und einstudierten Dialogen; vgl. hierzu Ayaß (2001).

<
16 Mathias Arden

integraler Bestandteil der Gattungskonventionen des JN und spiegelt


gleichzeitig die Erwartungshaltung des Publikums in bezug auf einen
solchen stilistischen Anspruch wider.
Die in Novelas gesprochene Sprache bildet einen deutlichen Kontrast
zum offenkundig formellen Sprachgebrauch im JN. Der Entwurf
emotionalisierender Diskurse gilt als oberstes Ziel bei der Konzeption
der Novela-Dialoge. Die Drehbuchautoren rekurrieren hierfür auf
nähesprachliche Merkmale und Elemente expressiver Mündlichkeit, um
den Dialogen Ungezwungenheit zu verleihen und das hohe Maß an
textueller Elaboriertheit zu kaschieren. Von entscheidender Bedeutung
ist weiter ein engagierter Einsatz der nonverbalen und paraverbalen
Ressourcen der Schauspieler zur «Inszenierung einer vordergründig
spontanen Kommunikation (...) deren Entwurfscharakter den Grad
seiner Ausgefeiltheit nicht offenlegt» (Ayaß 2001: 251).
Im Fallbeispiel B wird das familiäre Ambiente der Szene mittels einer
Fülle an nähesprachlichen Markern des BP unterstrichen, etwa durch die
zahlreichen Apokopen und Silbentilgungen bei Personalpronomina (05
cê) Auxiliaren (01 vamo’; 02/04 tô; 06 tá, temo’) und Junktoren (13
ma’), oder die Verneinung durch die doppelte Setzung der Negations-
partikel (02 «não tô com vontade não»). Auch sind die morpho-
syntaktischen Konstruktionen, die von der norma-padrão abweichen,
der nähesprachlichen Kommunikationssituation angemessen, so die
Setzung der Präposition em statt a bei Bewegungsverben (05 «vá na
farmácia») oder das freie Pronomen in Objektfunktion (12 «vendo ela»)
anstelle eines Klitikons (vendo-a). Bezeichnenderweise fehlen Spuren
spontaner Diskursplanung wie gefüllte Pausen, Abbrüche, Versprecher
oder Hinweise auf eine lokale Aushandlung der Turns, sofern sie nicht
der syntaktischen Strukturierung dienen oder eine dramaturgische
Funktion erfüllen, etwa um Nervosität oder Unsicherheit zu
signalisieren, wie der wiederholte Start in 07 («m/ mas porquê mãe?»).
Die gesprochene Sprache in den Novelas ist im Grunde das, was Ochs
«planned unplanned discourse» nennt (1979: 55). Der fernsehfiktionale
nähesprachliche Text ist als Resultat rigoroser textueller Planung ein
stilisiertes Kunstprodukt, das zu dramaturgischen und rhetorischen
Zwecken manipuliert und komprimiert wird. Auf die Novelas trifft die
Inszenierung von Nähesprache in besonderem Maße zu, denn als
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 17

Gattung profiliert sie sich geradezu durch die Darstellung privater,


oftmals mit emotionaler Intensität aufgeladener Kommunikations-
situationen (vgl. Machado-Borges 2003: 9).

6 Audience design und referee design

Ziel jeglicher Fernsehkommunikation ist es, ein Publikum zu erreichen.


Für eine systematische Berücksichtigung des Fernsehpublikums als
Faktor für die konzeptionelle bzw. normative Ausrichtung von Fernseh-
texten ist Bells (1984, 1991, 2001) Ansatz des audience design
heranzuziehen, bei dem der Rezipient in den Mittelpunkt der Über-
legungen gestellt wird: «Audience design is (...) a strategy by which
speakers draw on the range of linguistic resources available in their
speech community to respond to different kinds of audiences».25 Leitend
ist also die Grundannahme, dass Sprecher ihre Registerwahl in erster
Linie nach Parametern wie dem Vertrautheitsgrad und dem sozialen
Status ihrer Gesprächspartner bzw. Hörer ausrichten.26 Die kommuni-
kative Einbindung der Hörerseite konzeptualisiert Bell in Anlehnung an
in Clark / Carlson (1982) postulierte Kategorien, die zwischen der
prototypischen Hörerrolle des (1) Adressaten (addressee) und den
Mithörerrollen unterscheidet: (2) in die Kommunikation eingebundene,
aber nicht unmittelbar adressierte Mithörer (auditors), (3) nicht
eingebundene Mithörer, deren Präsenz dem Sprecher bewusst ist
(overhearers), und schließlich (4) Mithörer als Lauscher, deren Präsenz
der Sprecher für ausgeschlossen hält (eavesdroppers). Die Salienz dieser
stets vom Sprecher vergebenen Hörerrollen nimmt mit der physischen

25 (2001: 145); Bell spricht von «stylistic or intra-speaker variation». Um der Gefahr
terminologischer Verwirrung vorzubeugen, wird hier auf den Ausdruck 'Stil'
zugunsten von 'diaphasischer Variation' verzichtet.
26
Die Hörerzentriertheit in Bells Modell schließt indes nicht den Einfluss weiterer
außersprachlicher Einflussfaktoren auf die Registerwahl wie topic und setting aus;
vgl. hierzu Bell (1984: 178ff.). Ebenso wenig inferiert Bell mit audience design
einen vom Sprecher stets bewusst instrumentalisierten Prozess sprachlicher
Kontrolle: «the term 'design' is not meant to imply detailed awareness of individual
language choices» (1991: 105).

<
18 Mathias Arden

Distanz ((1) = nah, (4) = fern) des Hörers ab.27 Bells These des audience
design geht davon aus, dass idealiter die dem Sprecher nächstliegende
Hörerrolle (= (1) Adressat) stets auch den größten Einfluss auf die
Varietätenwahl des Sprechers ausübt (1984: 160).
Im massenmedialen Kontext ist das Zielpublikum aufgrund seiner
Anonymität und soziographischen Heterogenität für den Sender nicht
exakt eingrenzbar. In Ermangelung eines Feedbacks von Seiten der
Rezipienten sind die Programmgestalter zu stereotypisierten Konzeptua-
lisierungen ihrer Zuschauergruppen angehalten, um neben der
inhaltlichen auch die sprachliche Gestaltung ihrer Formate adäquat
auszurichten. Zugleich schließt die öffentliche Verfügbarkeit von
Fernsehen niemand von der Rezeption der verschiedenen Programm-
formate aus. Insofern gelten im Kontext von Fernsehkommunikation
auch eavesdroppers als potentielle Rezipienten, selbst wenn sie dem
Profil des jeweiligen Zielpublikums in keinster Weise entsprechen
mögen.28
Die Dynamik zwischen den sprachlichen Normen in den Fernsehtexten
von TV Globo ist nur unter Miteinbezug von Bells Theorie des outgroup
referee design sinnvoll zu interpretieren, das sich gewissermaßen
komplementär zum audience design verhält:
Here speakers lay claim to a speech and identity which is not their own but which
holds prestige for them. They diverge from the language code of their ingroup – and
thus from their usual speech – towards an outgroup with whom they wish to
identify [...] both speaker and addressee agree on the prestige of the outgroup
language for the purpose (Bell 1991: 130)

27
Zur Abgrenzung der einzelnen Hörerrollen vgl. ausführlicher Clark (1996: 11ff.)
und Verschueren (1999: 82ff.). Im massenmedialen Kontext plädiert Bell für ein
Kontinuum zwischen addressee (Zielpublikum) und eavesdroppers. Die Trennung
von Adressat und Mithörerrollen erweist sich für die Kontrastierung von
Programmformaten jedoch als vorteilhaft, weshalb Bells Konzept des Kontinuums,
obwohl durchaus sinnvoll, hier nicht weiter verfolgt wird.
28
Laut Bell (1991: 93f.) kann die Nicht-Berücksichtigung solcher eavesdroppers bei
der Gestaltung von Fernsehtexten kommunikative Rückkoppelungen auslösen, z.B.
bei unangebrachten Kommentaren über bekannte und einflussreiche Personen, die
der Sprecher nicht unter den Zuschauern wähnt. Die Betroffenen bedienen sich
dann häufig des massenmedialen Apparates, um öffentlichkeitswirksam etwa eine
Entschuldigung von Seiten des Senders einzufordern.
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 19

Auch diglossische Sprachgemeinschaften fasst Bell mit dieser


Konzeptualisierung. Die High-Variety der outgroup fungiert für die
ingroup gerade zum Zwecke distanzsprachlicher Kommunikation als
prestigeträchtiges Referenzmodell im Sinne eines abstrakten und
institutionalisierten referee. Institutionelles outgroup referee design im
massenmedialen Kontext findet sich etwa in der Schweiz, wo Radio-
und Fernsehnachrichten überwiegend auf Hochdeutsch verlesen werden,
informelle Programmformate hingegen in der Low-Variety des
Schwytzerdütsch gestaltet sind.29
Um solch generalisierende Feststellungen an den Programmformaten im
einzelnen aufzeigen zu können, gilt es zunächst, die jeweiligen
Hörerrollen zu identifizieren. Diese müssen sowohl auf dem äußeren
Kommunikationskreis – der massenmedialen Kommunikationssituation
zwischen Fernsehakteuren und Publikum – als auch auf dem inneren
Kommunikationskreis verortet werden: Bei den Novelas die intra-
diegetische Sprecher-Hörer-Beziehung zwischen den fiktiven Figuren
und im JN die Sprecher-Hörer-Beziehung zwischen den Nachrichten-
präsentatoren bzw. Reportern und den Interviewpartnern.
Im Kontext narrativ-fiktionaler Gattungen besetzt das Publikum die
Hörerrolle der auditors, dq die Kommunikation auf intradiegetischer
Ebene für eine Zuschauerschaft inszeniert wird. Nun stellt sich die
Frage, inwiefern audience design auf der Ebene des äußeren
Kommunikationskreises eine Rolle spielt. In den meisten Novelas sind
gerade die Protagonisten vorwiegend in den gehobenen Sphären der
Gesellschaft angesiedelt. So wird dem Publikum eine Projektionsfläche
bereitgestellt, die einerseits den Lebenswandel der sozial Privilegierten
widerspiegelt, zum anderen aber auch den Traum vom sozialen Aufstieg
nährt und damit die Erwartungshaltungen einer sozial heterogenen
Zuschauerschaft in sich vereint. Die sprachliche Gestaltung der Dialoge
ist mit der soziographischen Positionierung der Figuren in den Novela-
Plots in Einklang zu bringen und darüber hinaus an die durch sie
inszenierten Kommunikationssituationen gekoppelt. Folglich bewerten
die Zuschauer als extradiegetische Rezipienten die Registerwahl der
Figuren primär auf Basis ihrer intradiegetischen Kommunikation. An
dieser Stelle wird audience design im internen Kommunikationskreis

29
Vgl. hierzu ausführlich Burger (2005: 367ff.) und Werlen (2000).

<
20 Mathias Arden

greifbar: Die Figuren passen ihren Sprachgebrauch je nach face-to-face-


Adressat und Gesprächssituation an, und zwar in einer Weise, die dem
Publikum unter Rückgriff auf seine Kenntnis von der face-to-face-
Kommunikation plausibel scheint. Im oben angeführten Beispiel B, das
ein informell familiäres Gespräch präsentiert, bedienen sich die Figuren
dementsprechend eines nähesprachlichen Registers, das auf die
Vorgaben einer präskriptiven Norm keine Rücksicht nehmen muss.
Dennoch manifestieren sich in den von konzeptioneller Mündlichkeit
geprägten Novelas in bestimmten Kommunikationssituationen distanz-
sprachliche Elemente der norma-padrão, wie das folgende Beispiel
belegt:

Beispiel C: Páginas da Vida; 14.2.07


Der in einem von Ordensschwestern geführten Krankenhaus arbeitende Arzt Diogo (D)
befindet sich im Gespräch mit seinem Patienten Gabriel (G), dem aufgrund seiner
desolaten Finanzlage gestattet worden war, unentgeltlich behandelt zu werden. Den
langwierigen Genesungsprozess auf Kosten des Krankenhauses möchte die oberste
Ordensschwester Maria (M) nun nicht mehr tolerieren.

01 G será que eu saio vivo daqui?


02 D vivo? vivíssimo … isso eu posso te garantir … bom … bom agora eu vou
embora que eu não quero perder o meu futebol … tá (meu irmão) ((Schwester
Maria tritt ein)) … irmã … a senhora já me pegou de saída
03 M quando é que o rapaz vai ficar bom da pneumonia?
04 D oh irmã eu tenho certeza que a senhora está me gozando … e que não acredita
no meu diagnóstico … né … mas a senhora tem razão … da pneumonia o
nosso Gabriel já está livre ... felizmente … mas teve alguns probleminhas
decorrentes e … e também ele é uma pessoa muito sozinha … ele não tem
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 21

ninguém … aí eu aconselhei que ele ficasse mais uns dias pra sair daqui cem
por cento … e até que os pais dele voltassem de viagem
05 M mas isso aqui não é um hotel
06 D eu sei … não é um hotel como esses que existem por aí … mas de uma certa
forma não deixa de ser um hotel … recebe pessoas e cujo lema … é a caridade
… né … aliás o mesmo lema da ordem religiosa que a senhora pertence … não
é irmã?
07 M para que possamos excercer a caridade precisamos de recursos … caso
contrário … não teremos nem como servir as refeições para os doentes … tudo
aqui é muito caro … esse quarto por exemplo … que abriga um único paciente
é um dos mais caros do hospital … se ele permanecer aqui por mais dois ou
três dias … terá que ser transferido para a enfermaria junto com os outros
doentes … e assim mesmo não mais do que alguns dias … estamos entendidos
doutor Diogo?
08 D claro irmã ... como a senhora quiser

Die Szene beginnt zunächst mit einem intimen Gespräch zwischen dem
Arzt Diogo und seinem Patienten Gabriel (01-02), das jedoch mit dem
Eintreten der autoritären Oberschwester Maria unterbrochen wird. Die
Kommunikationssituation ist nun durch die Konfrontation zwischen
Arzt und Ordensschwester neu definiert, nämlich als professionelles,
formelles Gespräch konfligierender Standpunkte. D spricht M formell
mit «a senhora» an (03). Die Sprache von D und M weist punktuell
distanzsprachliche Elemente auf, etwa die konsequente Verwendung des
synthetischen Futurs anstelle von futurischen Verbalperiphrasen («não
teremos»; «terá que ser transferido») sowie die mit der norma-padrão
konforme Bildung eines relativen Satzsanschlusses mittels cujo (06)
anstelle des im gesprochenen BP üblichen que. Mit Bell (1991: 130)
handelt es sich hier um short-term outgroup referee design, denn die
Elemente der prestigeträchtigen Varietät finden nur kurzzeitig
Verwendung. Im Textbeispiel dient der Registerwechsel sowohl der
Setzung eines betont distanziert und formellen Gesprächsrahmens als
auch der Markierung des sozialen Status des Sprechers als Arzt ggü. der
Ordensschwester.30 Gerade weil im BP diglossische Tendenzen evident
30 Bezeichnenderweise befolgt D im Zuge seines Registerwechsels den Regelkanon
der präskriptiven Norm nicht konsequent. Auf die mit der norma-padrão konforme
und für die gesprochene Sprache höchst untypische Relativkonstruktion mit cujo
folgt eine weitere Konstruktion mit relativem Satzanschluss, die in Einklang mit der
norma-padrão aufgrund des präpositionalen Verbs pertencer a das komplexe

<
22 Mathias Arden

sind, erweist sich die Operationalisierung von Markern konzeptioneller


Schriftlichkeit in den für Novelas relativ seltenen Momenten
kommunikativer Distanz als dramaturgisch besonders effektvoll.
Im Gegensatz zu den Novelas besetzt beim JN das Publikum die Rolle
des Adressaten. Allein in den kurzen Passagen auf der Ebene der
inneren Kommunikationskreise wird der Zuschauer zum auditor, etwa
bei der Turnübergabe zwischen den Sprechern und den Reportern oder
bei Interviews. Der Einsatz von Elementen der norma-padrão scheint im
JN aufgrund des gattungskonventionell vorgegebenen formellen
Rahmens von vornherein institutionalisiert. Bell definiert eine solche
Konstellation als long-term outgroup referee design (1991: 130).
Zwischen Produzent und Rezipient besteht die stillschweigende Über-
einkunft, dass der Kontext eines Nachrichtenmagazins die Berück-
sichtigung eines mit Prestige behafteten sprachlichen Referenzmodells
erfordert, im Falle des BP die norma-padrão. Bei derartigen Textsorten
sehen sich die Redakteure gewissermaßen mit dem Balanceakt zwischen
referee design und audience design konfrontiert, um einerseits mittels
sprachlich anspruchsvoll gestalteten Beiträgen journalistische Seriosität
zu signalisieren, andererseits jedoch auch auf eine Sprache zu
rekurrieren, die für ein breites Publikum rezipierbar und somit
massenkompatibel bleibt. Diesen scheinbar gegenläufig erscheinenden
textgestalterischen Vorgaben begegnen die Redakteure mit der weit-
gehenden Beachtung des Regelkanons des präskriptiven Standards unter
gleichzeitiger Vermeidung einer komplexen Syntax zugunsten von
parataktischen Konstruktionen und relativ kurzen, übersichtlichen
Sätzen. Betrachtet man noch einmal den unter Beispiel A angeführten
Ausschnitt, so lässt sich kein Verstoß gegen die norma-padrão
feststellen, weder in bezug auf die präpositionale Rektion (01 «vamos à
Venezuela») noch bei der Setzung anaphorischer Objektpronomina (02

Relativpronomen a qual bzw. a que voraussetzen würde. D setzt jedoch das


einfache Pronomen que ohne Präposition («...ordem religiosa que a senhora
pertence»), wie es für das gesprochene BP charakteristisch ist. Solche punktuellen
style-shifts sind laut Bell (2001: 167) völlig ausreichend für die Positionierung des
Sprechers im Zeichen einer Veränderung der situationellen Parameter: «Individual
tokens of the variable may have heightened significance in the flow of the
interaction (...) Referee design will often deal with the qualitative, the one-off, the
single salient token which represents an identity».
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 23

«poderá mais alcançá-lo»). Zugleich zeichnet sich der Reportagebeitrag


durch parataktische und z.T. elliptische Reihungen mit kurz gehaltenen
Nominalphrasen aus, die als 'informative Häppchen' die Rezeption
erleichtern sollen. Hypotaktische Konstruktionen bleiben auf einen
einfachen Relativsatz und einen Konditionalsatz beschränkt (02 «uma
partida que é fundamental»; «se permanecer assim ...»).
Doch auch im eher formellen Rahmen eines Nachrichtenmagazins
manifestieren sich gerade auf Ebene des inneren Kommunikations-
kreises Gesprächssituationen, bei denen eine vollständige Kontrolle über
die sprachliche Gestaltung nicht gewährleistet werden kann. Eine
Konstellation dieser Art ergibt sich etwa bei in das Nachrichtenmagazin
eingegliederten Reportagen: ungeübte Interviewpartner, die in einer
öffentlichen Kommunikationssituation zur (meist spontanen) Meinungs-
äußerung aufgefordert werden. Das folgende Beispiel illustriert einen
solchen Fall für das JN:

Beispiel D: Jornal Nacional; 5.7.2007


William Bonner (WB) und Fatima Bernardes (FB) gestalten die Anmoderation eines
Reportagebeitrags zum Wochenthema 'Treibstoffe', bevor sie das Wort an den Reporter
Carlos de Lannoy (CL) übergeben, der den Filmbericht moderiert. Die darin
eingebetteten kurzen Interviewschnipsel stammen von Arbeitern einer Zuckerrohr-
plantage (A1 / A2). 31

01 WB na série de reportagens que o Jornal Nacional exibe nesta semana sobre


os chamados bio-combustíveis o tema de hoje é o álcool

31 Die Redebeiträge interviewter Personen als 'Schnipsel' zu bezeichnen rührt daher,


dass es sich dabei stets um gekürzte, teils auch zusammengeschnittene Passagen
eines im Original sicherlich umfassenderen Interviewgesprächs handelt.

<
24 Mathias Arden

02 FB o Brasil tem hoje a chance de assumir um papel importante de grande


exportador mundial de álcool mas como mostra repórter Carlos de
Lannoy ainda é preciso vencer alguns desafios
03 CL o corte da cana de açucar não pára nem mesmo à noite … as usinas
trabalham 24 horas … a fabricação de álcool para ser usado como
combustível não está livre da poluição … o canavial arde durante a
madrugada … amanhece … o rastro de cinzas afeta a saúde dos
trabalhadores … homens e mulheres fazem o serviço porque não
encontram nada melhor
04 A1 fazer o que? não tenho serviço
05 CL mesmo dando duro para ganhar o mínimo
06 A2 dezoito vinte
07 CL essa gente teme ficar sem emprego
08 A2 é por causa das máquina né tá tirando muito serviço do pessoal

In Unterschied zu Beispiel A, wo ausschließlich Moderatoren als


Sprecher fungieren, werden hier kurze Redebeiträge von Interview-
partnern integriert. Solche 'Interviewschnipsel' bezeichnet Burger wegen
ihres geringen Planungsgrades als «primär gesprochen» (2005: 163). In
derartigen Redekonstellationen manifestiert sich erfahrungsgemäß ein
spürbarer Kontrast zwischen der für massenmediale Verhältnisse
'laienhaft' wirkenden Sprechweise der Befragten und den professionell
vorbereiteten und abgerundet wirkenden Redebeiträgen der Journalisten
(vgl. Burger 1996). Dieser Gegensatz wird im obigen Beispiel insofern
noch verschärft, als es sich bei den Befragten um einfache Tagelöhner
handelt, deren Sprache – so wird es zumindest bei A2 aufgrund der
fehlenden Numeruskongruenz in der Nominalphrase evident – eindeutig
dem diastratisch markierten português popular zuzuordnen ist (08 «é
por causa das máquina»). Darüber hinaus verwendet A2 die
Gesprächspartikel né sowie die Silbenelision beim Auxiliar estar (08
«né tá tirando muito serviço»), beides Phänomene eines
nähesprachlichen Registers. Die Möglichkeiten eines language
monitoring zur Aufrechterhaltung eines referee design von Seiten des
Senders sind für derartige Kommunikationssituationen massiv ein-
geschränkt. Die redaktionellen Eingriffe belaufen sich auf eine Edierung
ex post, indem sprachlich oder inhaltlich inkohärente bzw. irrelevante
Passagen herausgeschnitten werden können. Bezüglich der Registerwahl
der Interviewpartner ist allerdings der Frage nachzugehen, inwiefern
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 25

diese überhaupt von der Redaktion kontrolliert werden muss.


Schließlich ist es den Interviewten bewusst, dass sie zum Zwecke
massenmedialer Kommunikation sprechen und ihre Beiträge demgemäß
sprachlich adäquat gestalten. Letztendlich verortet das Publikum die
Interviewten auch nicht auf der Ebene der Sprecher und Moderatoren
des Senders. Die Beurteilung der Beiträge der Interviewten erfolgt stets
auf dem Hintergrund ihres sozialen Status, der sich dem Zuschauer in
der Regel bereits durch die Fernsehbilder erschließt.

7 Ergebnisse und Perspektiven


Resümierend lassen sich eine Reihe von Faktoren anführen, die auf die
Gestaltung der in den Fernsehtexten gesprochenen Sprache maßgeblich
einwirken: (1) Öffentlichkeit und Unidirektionalität als fundamentale
Bestandteile des institutionellen Rahmens von Fernsehkommunikation,
(2) der hohe Grad an diskursiver Planung und Elaboriertheit der
gesprochenen Texte, (3) die spezifischen Konventionen der Programm-
formate und mit ihnen die auf der Ebene der Einzeltexte angesiedelten
szenischen Situationen, in denen die TV-Akteure (Moderatoren,
Gesprächs- und Interviewpartner, fiktive Figuren etc.) jeweils
kommunikativ operieren, sowie (4), unter Rückgriff auf Bells audience
design und referee design (1984, 1991, 2001), die primär an gattungs-
konventionelles Wissen gebundenen und damit durchaus disparaten
Erwartungshaltungen der Fernsehzuschauer in bezug auf die Instrumen-
talisierung verschiedener Register in den Fernsehtexten. Ein solches
Faktorenbündel fungiert als diskursiver Filter, der sich unmittelbar auf
die konzeptionelle Ausrichtung der im Fernsehen gesprochenen Sprache
und ihr Verhältnis zu sprachlichen Normen auswirkt. Die Novela
rekurriert hierfür auf den internen Kommunikationskreis mit der
Inszenierung dialogischer und vornehmlich privater Gesprächs-
situationen. Die Verwendung nähesprachlicher Register in Verbindung
mit expressiven para- und nonverbalen Ausdrucksmitteln ermöglicht die
Fingierung von Emotionalität und Spontaneität. Demgegenüber
erfordert das Nachrichtenmagazin JN einen hohen Grad an sprachlicher
Formalisierung zur Erzielung größtmöglicher journalistischer Seriosität.
Es offenbart sich eine deutliche Affinität zur Distanzsprache und damit
einhergehend die Berücksichtigung des Regelkanons der norma-padrão.

<
26 Mathias Arden

Dennoch geht aus der Analyse der Beispiele hervor, dass die Register-
wahl trotz eindeutiger Tendenzen weder in den Novelas noch im JN
keinesfalls als kategorisch bezeichnet werden darf, sondern durchaus
mit den kommunikativen Konstellationen der einzelnen Szenen bzw.
Reportagen variiert.
Darüber hinaus spiegeln sich in der grundverschiedenen Konzeption der
analysierten Programmformate die für das BP charakteristischen
diglossischen Tendenzen. Die gesprochene Sprache im JN unterliegt
einem institutionalisierten outgroup referee design mit der norma-
padrão als Referenzvarietät. Dagegen dominieren in den Novelas die
nähesprachlichen Register der normas cultas faladas im Sinne eines
intradiegetischen audience design, in Übereinkunft mit den sozial
überwiegend hoch positionierten Figuren und den vornehmlich privaten
Kommunikationssituationen.
Nicht zuletzt handelt es sich bei TV Globo um einen kommerziellen
Sender, der auf eine maximale Rentabilität seiner Programmformate
ausgerichtet ist und ein breites Publikum ansprechen will. Für den
äußeren Kommunikationskreis ließe sich folglich audience design als
übergreifendes Prinzip zur Gewährleistung von Verständlichkeit und
Eingängigkeit der gesprochenen Texte voraussetzen. Inwiefern ein
solches Prinzip beim Vergleich gattungskonventionell verwandter
Programmformate unter Berücksichtigung der soziographisch stereo-
typisierten Konzeptualisierungen des jeweils anvisierten Zielpublikums
eine varietätenlinguistische bzw. sprachstilistische Graduierung auf-
weist, könnten weiterführende Analysen zeigen – etwa in Form eines
senderübergreifenden Vergleichs durch Gegenüberstellung der mannig-
fachen Ausprägungen der Gattung 'Novela' oder der vielfältigen Spiel-
arten der Nachrichtenformate.
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 27

8 Bibliographie

Ayaß, Ruth (2001): «Inszeniertheit von Spontaneität im Fernsehen. Zum Verhältnis von
Entwurf, Handlung und Vollzug», in: Sutter / Charlton (Hrsg.) 2001, 234-257.
Bagno, Marcos (2000): Dramática da Língua Portuguesa, São Paulo: Edições Loyola.
Bagno, Marcos (2004): „Língua, história e sociedade. Breve retrospecto da norma-
padrão brasileira“, in: ders. (Hrsg.) 2004, 179-199.
Bagno, Marcos (Hrsg.) (22004): Lingüística de norma, São Paulo: Edições Loyola.
Barbosa da Silva, Myrian (2004): «A escola, a gramática e a norma», in: Bagno (Hrsg.)
2004, 253-265.
Barme, Stefan (1998): «Sujeito/objeto explícito vs. não-realização no português
brasileiro e europeu», in: Große / Zimmermann (Hrsg.) 1998, 273-290.
Baxter, Alan N. (1992): «Portuguese as a Pluricentric Language», in: Clyne, Michael
(Hrsg.) (1992), Pluricentric Languages, Berlin / New York: Mouton de Gruyter,
11-43.
Bell, Allan (1984): «Language Style as Audience Design», Language in Society 13, 145-
204.
Bell, Allan (1991): The Language of the News Media, Oxford: Blackwell.
Bell, Allan (2001): «Back in Style: Reworking Audience Design», in: Eckert, Penelope /
Rickford, John R. (Hrsg.), Style and Sociolinguistic Variation, Cambridge:
University Press, 139-169.
Braunschweig, Elisabeth (1995): Der Medienkonzern Rede Globo. Strategien der
Monopolsicherung, Frankfurt a.M.: Verlag für Interkulturelle Kommunikation.
Burger, Harald (1996): «Laien im Fernsehen: Was sie leisten – wie sie sprechen – wie
man mit ihnen spricht», in: Biere, Bernd Ulrich / Hoberg, Rudolf (Hrsg.),
Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Fernsehen, Tübingen: Narr (=Studien zur
deutschen Sprache, 5), 41-80.
Burger, Harald (32005): Mediensprache. Eine Einführung in Sprache und
Kommunikationsformen der Massenmedien, Berlin / New York: de Gruyter.
Clark, Herbert H. / Carlson, Thomas B. (1982): «Hearers and Speech Acts», Language
58, 332-373.
Clark, Herbert H. (1996): Using Language, Cambridge: Cambridge University Press.
Cunha, Celso / Cintra, Luiz F. Lindley (1984): Nova gramática do português
contemporâneo, Lisboa: Edições Sá da Costa.
Faraco, Carlos Alberto (2004): «Norma-padrão brasileira. Desembaraçando alguns nós»,
in: Bagno (Hrsg.) 2004, 37-62.
Gärtner, Eberhard / Hundt, Christine / Schönberger, Axel (Hrsg.) (2000): Estudos de
socio-lingüística brasileira e portuguesa, Frankfurt a.M.: Teo Ferrer de Mesquita.
Goffman, Erving (1981a): «Footing», in: ders. (Hrsg.), Forms of Talk, Oxford:
Blackwell, 124-159.
Goffman, Erving (1981b): «Radio Talk – A Study of the Ways of our Errors», in: ders.
(Hrsg.), Forms of Talk, Oxford: Blackwell, 197-330.
Große, Sybille / Zimmermann, Klaus (Hrsg.) (1998): „Substandard“ e mudança no
português do Brasil, Frankfurt a.M.: TFM (= Biblioteca luso-brasileira, 6)
Hickethier, Knut (2001): «'Wie bitte, Sie lieben das Meer nicht?' – 'Bleiben Sie dran!'.
Mediale Inszenierungen und Mehrfachadressierungen», in: Möhn, Dieter / Roß, Dieter

<
28 Mathias Arden

/ Tjarks-Sobhani, Marita (Hrsg.), Mediensprache und Medienlinguistik. Festschrift


für Jörg Hennig, Frankfurt a.M: Peter Lang (= Sprache in der Gesellschaft, 26),
111-129.
Holly, Werner (2004): Fernsehen, Tübingen: Niemeyer (= Grundlagen der Medien-
kommunikation, 15)
Holly, Werner / Püschel, Ulrich (1993): «Sprache und Fernsehen in der Bundesrepublik
Deutschland», in: Bier, Bernd Ulrich / Henne, Helmut (Hrsg.), Sprache in den
Medien nach 1945, Tübingen: Niemeyer (=Reihe germanistische Linguistik, 135),
128-157.
Holly, Werner / Habscheid, Stephan (2001): «Gattungen als soziale Muster der
Fernsehkommunikation. Zur Vermittlung von Massen- und Individual-
kommunikation», in Sutter / Charlton (Hrsg.) 2001, 214-233.
Koch, Peter / Oesterreicher, Wulf (1985): «Sprache der Nähe – Sprache der Distanz.
Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und
Sprachgeschichte», Romanistisches Jahrbuch 36, 15-43.
Koch, Peter / Oesterreicher, Wulf (1990): Gesprochene Sprache in der Romania:
Französisch, Italienisch, Spanisch, Tübingen: Niemeyer (= Romanistische
Arbeitshefte, 31).
Lucchesi, Dante (1998): «A constituição histórica do português brasileiro como um
processo bipolizador: tendências atuais como de mudança nas normas culta e
popular», in: Große / Zimmermann (Hrsg.) 1998, 73-100.
Lucchesi, Dante (2004): «Norma lingüística e realidade social», in: Bagno (Hrsg.) 2004,
63-92.
Machado-Borges, Thaïs (2003): Only for You! Brazilians and the Telenovela Flow,
Stockholm: Almqvist & Wiksell International (= Stockholm Studies in Social
Anthropology, 52).
Marcuschi, Luiz Antônio (2000): «Língua falada e língua escrita no português
brasileiro: distinções equivocadas e aspectos descuidados», in: Große, Sybille /
Zimmermann, Klaus (Hrsg.), O português brasileiro: pesquisas e projetos,
Frankfurt a.M.: Teo Ferrer de Mesquita, 11-58.
Marcuschi, Luiz Antônio (42003): Da fala para a escrita, São Paulo: Cortez.
Nicolau, Eunice Maria das Dores (2000): «Uma abordagem sociolingüística da ausência
de concordância verbal no português do Brasil», in: Gärtner et al. (Hrsg.) 2000,
121-139.
Ochs, Eleanor (1979): «Planned and Unplanned Discourse», in: Givón, Talmy (Hrsg.),
Discourse and Syntax, New York: Academic, 51-80.
Oesterreicher, Wulf (2000 [2001]): «Plurizentrische Sprachkultur – der Varietätenraum
des Spanischen», in: Romanistisches Jahrbuch 51, 287-318.
Ong, Walter (1987 [1982]): Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes,
Opladen: Westdeutscher Verlag.
Preti, Dino (1994): Sociolingüística – os níveis da fala, São Paulo: Universidade de São
Paulo.
Preti, Dino (Hrsg.) (62003): Análise de textos orais, São Paulo: Universidade de São
Paulo.
Raible, Wolfgang (2006): Mediengeschichte. Mediatisierung als Grundlage unserer
kulturellen Entwicklung, Heidelberg: Universitätsverlag Winter
Gattungskonventionen und sprachliche Normen in der Fernsehkommunikation 29

Reich, Uli (2002): Freie Pronomina, Verbalklitika und Nullobjekte im Spielraum


diskursiver Variation des Portugiesischen in São Paulo, Tübingen: Narr (=
Romanica Monacensia, 62).
Reinke, Kristin (2004): Sprachnorm und Sprachqualität im frankophonen Fernsehen
von Québec, Tübingen: Niemeyer.
Ribeiro, Antonio João Carvalho (2000): «Variação funcional na regência do verbo ir»,
in: Gärtner et al. (Hrsg.) 2000, 63-71.
Rodrigues, Ângela C. Souza (2000): «Concordância verbal e saliência social no
português em São Paulo», in: Gärtner et al. (Hrsg.) 2000, 41-62.
Scherre, Maria Marta Pereira (1998): «Variação da concordância nominal no português
do Brasil: influência das variáveis posição, classe gramatical e marcas precedente»,
in: Große / Zimmermann (Hrsg.) 1998, 153-188.
Scherre, Maria Marta Pereira (2005): Doa-se lindos filhotes de 'poodle'. Variação,
lingüística, mídia e preconceito, São Paulo: Parábola.
Schmitz, Ulrich (2004): Sprache in modernen Medien, Berlin: Erich Schmidt Verlag (=
Grundlagen der Germanistik, 41).
Sutter, Tillmann / Charlton, Michael (2001): Massenkommunikation, Interaktion und
soziales Handeln, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Tarallo, Fernando (Hrsg.) (1989): Fotografias sociolingüísticas, Campinas: Pontes.
Tarallo, Fernando (21996): «Diagnosticando uma gramática brasileira: o português
d’aquem e d’alem-mar ao final do século XIX», in: Kato, Mary / Roberts, Ian
(Hrsg.), Português brasileiro. Uma viagem diacrônica, Campinas: Editora da
Unicamp, 69-105.
Tufte, Thomas (2000): Living with the Rubbish Queen. Telenovelas, Culture and
Modernity in Brazil, Luton: Luton University Press.
Urbano, Hudinilson (1998): «Variedades de planejamento no texto falado e no escrito»,
in: Preti, Dino (Hrsg.) (1998), Estudos de língua falada, São Paulo: Universidade
de São Paulo, 131-151.
Verschueren, Jef (1999): Understanding Pragmatics, New York: Oxford University
Press.
Werlen, Iwar (2000): «Variation im gesprochenen Hochdeutschen in der deutschen
Schweiz – am Beispiel der Nachrichten von Radio DRS 1 und Radio DRS 3», in:
Häcki Buhofer, Annelies (Hrsg.), Vom Umgang mit sprachlicher Variation.
Soziolinguistik, Dialektologie, Methoden und Wissenschaftsgeschichte, Tübingen:
Francke, (= Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur, 80), 311-327.
Zimmermann, Klaus (1998): «'Substandard' lingüístico, língua não-padrão e mudança no
português do Brasil: introdução e metodológica», in: Große / Zimmermann (Hrsg.)
1998, 11-36.

<