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9/17/2018 Druckversion - Ostdeutschland: Diese Kolumne ist eine Unverschämtheit - SPIEGEL ONLINE - Wissenschaft

16. September 2018, 16:33 Uhr

Ostdeutschland

Diese Kolumne ist eine Unverschämtheit


Eine Kolumne von Chris an Stöcker

Woher kommt die Ablehnung gegenüber Zuwanderern, die Aggression, die Begeisterung für
autoritäre und völkische Gedanken in Teilen Ostdeutschlands? Die Antwort dür e gerade linken
Theore kern nicht gefallen.

"Kränkungen quälen Neuro ker und hetzen Querulanten, sie stacheln Amokläufer und
Terroristen an, sie mo vieren Kriegstreiber und Diktatoren."

Der Psychiater Reinhard Haller in Die Macht der Kränkung (2015)

Von den zahlreichen Videos von den Straßen von Chemnitz, die man in den vergangenen Wochen
im Internet zu sehen bekam, ist mir eins besonders im Gedächtnis geblieben. Eine tapfere blonde
Frau versucht darin, von allen Seiten eingekreist, einer Gruppe von zornigen Menschen zu
erklären, dass es sinnlos ist, alle Flüchtlinge für die Taten einzelner Flüchtlinge verantwortlich zu
machen. Sie wird dafür aggressiv angegangen, unter anderem von einem Mann in Daunenjacke,
der wütend hervorstößt, er habe "vierzig Jahre lang gearbeitet".

Bemerkenswert finde ich das Video deshalb, weil der Mann seine persönliche Lebensleistung
offenbar irgendwie in Beziehung setzt zu der Tatsache, dass nach dem Chemnitzer Stad est ein
Mann erstochen worden ist. Der Mann in der grauen Jacke, das wird in dem kurzen Clip mehr als
deutlich, empfindet sich selbst als Opfer. Nur als Opfer wovon?

Zwei Dri el Deutsche zweiter Klasse?

Der Mann in der grauen Jacke ist mit seiner Opferempfindung nicht allein. Glaubt man einer
Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2009, fühlten sich damals 42 Prozent der Ostdeutschen als
"Bürger zweiter Klasse". Nur 48 Prozent von ihnen hielten die damalige Bundesregierung für eine
Anwäl n gesamtdeutscher Interessen.

Mi lerweile ist es schlimmer geworden. Die "Sächsische Zeitung" ließ Anfang 2018 in Sachsen
wieder die Frage nach dem Zweiteklassegefühl stellen. Nun antworteten von den befragten
Sachsen zwei Dri el, sie fühlten sich als Deutsche zweiter Klasse. Unter den AfD-Anhängern waren
es 84 Prozent.

Mit anderen Worten: Substanzielle Teile der Bevölkerung der östlichen Bundesländer fühlen sich
bis heute diskriminiert. Und ein nicht unwesentlicher Teil dieser Gekränkten hat Flüchtlinge
offenbar als Symptom für diese Diskriminierung iden fiziert, als Kristallisa onspunkt der von ihnen
erlebten Missachtung.

Das Gefühl, Opfer zu sein


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Das ist keine neue Erkenntnis. Über die Jahre ist immer dokumen ert worden, dass sich etwa viele
Sachsen vom "Westen", gegängelt, ausgegrenzt, belächelt, ausgetrickst fühlen. Das Gefühl, Opfer
zu sein, hat sich über die Jahre offenbar zu einem Bestandteil ostdeutscher Iden tät verfes gt.

Der Begriff "Iden ty Poli cs" ist eine Schöpfung der angloamerikanischen Linken. Wer ihn genau
erfunden hat, ist umstri en, in jedem Fall stammt er aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren, aus
der Zeit des Erstarkens der Bürgerrechtsbewegungen in den USA. Der "Stanford Encylopedia of
Philosophy" zufolge bezeichnet der Begriff "ein breites Spektrum poli scher Ak vitäten und
Theorien, die auf der gemeinscha lichen Erfahrung von Ungerech gkeit durch die Mitglieder
bes mmter sozialer Gruppen gründet". "Iden ty Poli cs" ist einmal als au lärerisches Projekt
gestartet.

Wer sich diskriminiert fühlt, ist es auch?

Das Interessante an den extremeren Vertretern von "Iden ty Poli cs" von heute ist eine zentrale
Behauptung: Nur, wer selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht hat, kann informiert über
Diskriminierung reden. Und wer einer diskriminierten Gruppe angehört, hat automa sch eine Art
Sonderqualifika on erworben, für die ganze Gruppe zu sprechen. Paradoxerweise bedeutet das für
all die offenbar erbosten, mehrheitlich derzeit eher nicht "linken" Ostdeutschen, jedenfalls aus der
Perspek ve einiger linker Theore ker: Wenn sie sich diskriminiert fühlen, sind sie das auch. Und
niemand sollte sich anmaßen, dieses Gefühl zu kommen eren. Manche amerikanischen
Kulturwissenscha ler und der Mann in der grauen Jacke wären sich womöglich einig, dass diese
Kolumne eine Unverschämtheit ist.

Francis Fukuyama, der mit dem "Ende der Geschichte", hat gerade ein ganzes Buch über das
Thema veröffentlicht - bislang ist "Iden ty - The Demand for Dignity and The Poli cs of
Resentment" nur auf Englisch erhältlich. Hier kann man die Thesen des Buchs in immer noch
ziemlich langer Kurzform als Essay nachlesen. Zum Beispiel folgenden Satz: "Wieder und wieder
sind Gruppen zu dem Schluss gekommen, dass ihrer Iden tät - ob na onaler, religiöser, ethnischer,
sexueller, geschlechtlicher oder anderer - nicht die angemessene Anerkennung zuteilwird."

"Ich habe vierzig Jahre gearbeitet!", schreit der Mann mit der grauen Jacke.

Dieses Gefühl der Kränkung, glaubt Fukuyama, ist der Hebel, den die neuen Autokraten und
autoritären Figuren, von Trump über Pu n bis Orbán und Erdogan, benutzen, um ihre Bevölkerung
auf ihre Seite zu bringen. Die Quelle der Kränkung ist dabei austauschbar. Aber meist sind "die
Fremden" irgendwie schuld.

Böse, böse Outgroup

Ich persönlich bin da eher bei kosmopoli sch orien erten Menschen wie dem aus Ghana
stammenden amerikanischen Philosophen Kwame Anthony Appiah: Ich halte die ständige
Betonung der Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen, die ständige Beschwörung von In-
und Outgroup für einen wenig produk ven Ratgeber. Ich glaube, dass wir den gruppenbezogenen
abwärtsgerichteten sozialen Vergleich überwinden müssen, wenn wir als Gesellscha
weiterkommen wollen. Aber das ist schwierig.

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"Die Ausländischheit von Ausländern, die Fremdheit des Fremden ist durchaus real", schreibt
Appiah in seinem Buch "Cosmopolitanism". "Das Problem ist nur, dass wir ermu gt worden sind,
nicht zuletzt von wohlmeinenden Intellektuellen, ihre Bedeutsamkeit um eine ganze
Größenordnung zu übertreiben."

Mir ist auch klar, dass diese Einschätzung als prak scher Ratschlag für den poli schen Alltag wenig
hilfreich ist. Man wird die sich gekränkt fühlenden Ostdeutschen, die die Ablehnung von
Migranten offenbar als legi mes Ven l für ihren Unmut betrachten, nicht beruhigen, indem man
sie auf die Vorzüge einer kosmopoli schen Weltsicht hinweist.

In der Vergangenheit sind auch einfach ein paar sehr prosaische poli sch-prak sche Fehler
gemacht worden, von ausgebliebenen Rentenanpassungen über vielleicht zu seltene
Poli kerbesuche bis hin zu Inves onsentscheidungen.

Eins aber steht fest: Weder den Gekränkten noch dem Land als Ganzem hil es, sta nach den
Ursachen des Kränkungsempfindens zu suchen und sie anzugehen, die Aggression gegen in
Wahrheit nun wirklich unbeteiligte Sündenböcke zu legi mieren. Liebe Ostdeutsche: Die
Flüchtlinge sind nicht schuld daran, wie ihr euch fühlt.

Videoreportage aus Chemnitz: "Hier mischt sich die bürgerliche Mi e mit Neonazis"

URL:

h p://www.spiegel.de/wissenscha /mensch/chemnitz-der-grund-fuer-die-unzufriedenheit-vieler-
ostdeutscher-a-1228205.html

Verwandte Ar kel:

Eskala on in Chemnitz: Immer wieder Sachsen (27.08.2018)


h p://www.spiegel.de/poli k/deutschland/chemnitz-immer-wieder-sachsen-kolumne-von-jakob-
augstein-a-1225128.html
Diskriminierung: Sind Ossis auch nur Migranten? (19.05.2018)
h p://www.spiegel.de/kultur/gesellscha /warum-ostdeutsche-und-muslime-viel-gemeinsam-
haben-kolumne-a-1208440.html
Woher der Hass kommt: Die Ra e in uns (20.11.2016)
h p://www.spiegel.de/wissenscha /mensch/psychologie-woher-der-hass-kommt-kolumne-a-
1122055.html

Mehr im Internet

"Foreign Affairs": Against Iden ty Poli cs - The New Tribalism and the Crisis of Democracy
h ps://www.foreignaffairs.com/ar cles/americas/2018-08-14/against-iden ty-poli cs
"Wirtscha swoche": 42 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse
h ps://www.wiwo.de/poli k/deutschland/allensbach-umfrage-42-prozent-der-ostdeutschen-
fuehlen-sich-als-buerger-zweiter-klasse/5579234-all.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/chemnitz-der-grund-fuer-die-unzufriedenheit-vieler-ostdeutscher-a-1228205-druck.html 3/4
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"Dresdner Neueste Nachrichten": Die meisten Sachsen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse
h p://www.dnn.de/Region/Mi eldeutschland/Umfrage-Die-meisten-Sachsen-fuehlen-sich-als-
Buerger-zweiter-Klasse
"Frankfurter Allgemeine": Deutsche demokra sche Frustra on
h p://www.faz.net/aktuell/poli k/inland/viele-sachsen-fuehlen-sich-als-deutsche-zweiter-klasse-
13982723.html

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