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32 LEBENSART MENSCHEN Rheinischer Merkur · Nr. 48 / 2007

„Was war da mit den Juden?“


TERMIN MIT GOTTFRIED WAGNER Der Musikwissenschaftler, Publizist und Regisseur lebt weit weg vom Grünen Hügel.
Mit dem Vater, dem Leiter der Bayreuther Festspiele, ist er zerstritten. Ein Rückblick ohne Zorn

Von Christiane Florin von Tel Aviv vor. Am selben Tag debü- Er besteht die Prüfung. Er fühlt sich nicht
tiert Katharina Wagner als Regisseurin schuldig an Hitlers Liebe zu Wagner und

D
er verlorene Sohn hat ein ge- auf dem Grünen Hügel. der Liebe einiger Wagners zu Hitler. Eine
winnendes Wesen. Gottfried Bestimmt hätte ihm seine Großmut- „Erlösungs GmbH“ haftet beschränkt für
Wagner, Spross aus der ersten ter, wäre sie 1990 noch am Leben gewe- die Historie, sein Unternehmen Erinne-
Ehe des Festspielleiters Wolf- sen, davon abgehalten, in Israel über Ri- rung kennt keinen Schlussstrich. „Mein
gang Wagner, lächelt gern. Er muss jetzt chard Wagner Vortrage zu halten. Gott- Freund Abraham Peck ist in Landsberg
tapfer über den nächsten Satz hinweg- fried Wagner jedoch zieht ins fremde geboren, dort, wo Hitler in Haft saß,
lächeln: Trüge der 60-Jährige nicht beim Land, er gibt Seminare an renommierten dort, wo er ,Mein Kampf‘ schrieb. Auf
Gespräch in einem Bonner Restaurant Universitäten, spricht über Antisemitis- Papier, das meine Großmutter geliefert
Jeans, Pulli und Halstuch, sondern Wams mus. Auch im Gespräch referiert er, zi- hatte. Auch deswegen setze ich mich so
und Seidenhemd, so könnten ihn kultur- tiert theoretische Schriften und Bühnen- intensiv mit dem Thema auseinander“,
sinnige Gäste für Richards Reinkarnation werke des Urgroßvaters. „Das ,Juden- sagt er. „Vorrrsehung“ hätte der „Führer“
halten. Die Nase, die Stirn, die Augen- thum in der Musik‘ genügt nicht, Wag- zur Macht des Schicksals finster geraunt.
form – ganz wie der Urgroßvater. ners ganzer Kunstbegriff ist antisemitisch Gottfried Wagner richtet auf die dunklen
„,Du hast diese Wagner-Nase.‘ Diesen aufgeladen.“ Provokationen wie diese Jahre ein grelles Licht. Zur ganzen Wahr-
Satz könnte ich als Kind nicht mehr hö- spricht er gelassen aus. So, als fordere heit fehlen, wie er beklagt, wichtige
ren“, sagt er. Schlimmer war für den Jun- Wagners Werk nicht sein Herz, sondern Quellen. Die Recherchelage ist kompli-
gen das, was er nicht zu hören bekam. nur seinen Verstand. Der freischaffende ziert, das Familien- und Festspielarchiv
Als er acht Jahre alt ist, wird seine Klasse Musikologe, Publizist und Regisseur hört wurde sogar der genetisch unbefangenen
zu einem Kinofilm übers Dritte Reich die Musik nicht, sondern setzt sich ihr Forscherin Brigitte Hamann nur teilweise
verdonnert. Er sieht den Festspielhügel dienstlich aus. „Je mehr ich über sie weiß, geöffnet, der Nachlass von Winifred und
auf der Leinwand, den „Führer“, von desto weniger bin ich von ihr angetan“, Siegfried Wagner ist unzugänglich.
dem Großmutter Winifred immer resümiert er. „Diese raffinierte Musik hat
sprach. „Das ist ja Oma, das ist Onkel etwas Gewalttätiges.“ Die Bayreuther Gegenwart erreicht den Mann
Wieland“, schießt ihm durch den Kopf. Israel 1990 – sein Sündenfall. Der Vater in der Lombardei über die Medien. Als pein-
Der Film endet mit Bildern eines Kon- instruiert, so Gottfried Wagners Schil- lich empfindet er die Nachfolge-Seifen-
zentrationslagers. Er hört Unverständli- derung, die Wagnerverbände, den jungen oper. 1997 hat er seine Gedanken zur Zu-
ches über Juden. Zu Hause fragt er den Mann mit den inakzeptablen Ansichten kunft der Pilgerstätte publik gemacht. Ein
Vater. „Was war da mit den Juden?“ nicht einzuladen. Aus dem Verlorenen Jahr früher als Cousine Nike – auf das
Wolfgang und Wieland Wagner leite- wird der Verstoßene, das biblische Happy Copyright legt er Wert – hat er öffentlich
ten damals gemeinsam die Festspiele. Die End – so unmöglich wie ein fröhliches Fa- davon geträumt, aus der Monokultur aus-
Brüder hatten, als sie selbst Kinder wa- milienfest in Walhall. Zumindest verbal zubrechen, den Komponisten zum Bei-
ren, den gern gesehenen Gast Adolf Hit- knüpft der Unerwünschte die Bande bis spiel mit Zeitgenossen wie Meyerbeer
ler liebevoll „Onkel Wolf“ genannt. Gott- heute; Katharina, die zwar frech insze- und Mendelssohn zu konfrontieren. Auch
fried Wagner und auch die Historikerin niert, aber brav wie an des Vaters Seite eine optimierungsbedürftige Oper wie
Brigitte Hamann erzählen in ihren Bü- bleibt, nennt er „meine Halbschwester“; „Rienzi“ gehöre auf den Spielplan. Wag-
chern eine Anekdote aus den frühen Eva Wagner-Pasquier, die 2001 vom Stif- ner – für die einen Über-, für die anderen
Dreißigerjahren: Die kleinen Wagners tungsrat der Festspiele zur neuen Hügel- Unmensch. In Gottfrieds Festspielen wür-
spielen ein Nazi-Kasperlestück. Wolfgang Herrscherin ausgerufen wurde, ist „mei- de er vom Gott zum Genie schrumpfen,
habe sich einen Juden als Puppe zugelegt ne Schwester“. Statt „Wolfgang Wagner“ vom Götzen zum Künstler wachsen.
„mit einem herrlichen Zinken“, Wieland schreibt er „Vater“. Auf den Leser wirkt „Das wäre ein kulturelles Konzept, keine
habe die Kulissen gemalt, Schwester Ve- das fast zärtlich. „Zärtlich?“ Der Autor Schickimicki-Veranstaltung“, stichelt er
rena die „Weiberrollen“ übernommen. schaut erstaunt. „Vater – das ist eine klare gegen das Rote-Teppich-Business.
Die schlichte Geschichte: Kasperle, ganz Definition einer Familienbeziehung. Die Wunden unter der Oberfläche aus
guter Nazi, hält zwei lästige Verehrer, da- Mein Sohn Eugenio nennt mich Papi.“ Kritik und Vorwürfen können Außenste-
runter den Juden, von der Prinzessin fern. Gottfried Wagner lebt seit 27 Jahren in hende nur ahnen. Wer Bücher über den
Die monströse Geschichte: Bayreuth Italien, seine Frau ist stellvertretende Bür- Kultur-Clan liest, ist dankbar, nicht dort
wird zur germanischen Kulturhauptstadt. germeisterin von Cerro Maggiore bei aufgewachsen zu sein, wo laut Hausin-
Mailand. Er ist diesmal nur für wenige schrift Wagners Wähnen Frieden fand. Es
Die Brüder galten als „unbelastet genug“, um Tage in Deutschland, um das Buch „Un- ging und geht heiß her in diesem nationa-
1951 Neu-Bayreuth zu wagen. Vorgängerin sere Stunde null“ vorzustellen. Vom len Familienbetrieb, wohl zu hitzig für
Winifred wurde bei der Entnazifizierung Rheinland aus wird er ohne Umweg über Nestwärme. „Mein Vater war wie Wie-
zunächst als Aktivistin eingestuft, dann – Franken in die Lombardei fahren. „Fest- land aufgrund seiner Machtbesessenheit
laut Gottfried „durch Zurückhaltung von spiele-Erlösungs GmbH“ nennt er das unfähig, sich den Kindern zu widmen“,
Dokumenten“ – als Minderbelastete. Was Gesamtkunstwerk aus Musik, Mythos sagt Gottfried Wagner. Harte Worte, aber
also war da mit den Juden? „Mein Vater und Macht. Trotz der Distanz hat er eine in den Augen blitzt ein wenig Mitleid auf
hielt mir einen Vortrag über das Ende der Rolle in dem Drama seiner öffentlichen für Wolfgang, das Kind seiner Zeit.
Weimarer Republik, die Arbeitslosigkeit“, Familie. Die Besetzung: Wolfgang, der „Zur Großmutter hattest du ein gutes
erinnert sich Gottfried Wagner. Für „das fränkische Patriarch, Eva, die geheimnis- Verhältnis“, wirft seine Begleiterin Betti-
mit den Juden“ sei er zu klein. Der Sohn volle Kosmopolitin, Nike, die bissige In- na Fehr, eine langjährige Freundin, auf
glaubt das nicht; das Verlieren beginnt. tellektuelle, Katharina, das nette Hügel- der Suche nach Bayreuther Kuschelecken
Nur die Großmutter weicht nicht aus. Sie Girlie, und er, der Mahner für einen ver- ein. „Nein.“ „Aber ein nahes.“ Er wider-
erzählt von der Weltverschwörung. antwortlichen Umgang mit dem Mythos spricht wieder. Mag sein, dass Gottfried
„Wenn du später mit Juden zu tun hast, Wagner nach Hitler. Einer, der Tante Wagner die Führer-Freundin „Omi“ ge-
wirst du mir recht geben.“ Friedelinds Werk fortführt. Die hatte Na- nannt hat. Doch dann assistierte er Hans-
Gottfried Wagner hat später viel mit zi-Deutschland verlassen und mit ihrem Jürgen Syberberg bei dessen Winifred-
ihnen zu tun. Er wohnt als junger Musik- Buch „Nacht über Bayreuth“, einer Nah- Wagner-Porträt. Die einstige Festspiel-
wissenschaftler bei New Yorker Juden, er aufnahme vom bösen Wolf in Bayreuth, chefin bekannte vor der Kamera: „Wenn
schreibt nach 16 Jahren in der Post-Holo- die Wagner-Gemeinde nach dem Krieg der Hitler zum Beispiel heute hier zur
caust-Dialog-Gruppe ein Buch mit Abra- schockiert. Gottfried Wagner rechnete Türe hereinkäme, ich wäre genauso fröh-
ham Peck, dem Sohn von zwei Holo- 1997 in den autobiografischen Aufzeich- lich und glücklich, ihn hier zu sehen und
caust-Überlebenden. Er erarbeitet mit der nungen „Wer nicht mit dem Wolf heult“ zu haben wie immer.“ Der Film explo-
Komponistin Janice Hamer die Oper mit der Sippschaft ab. dierte 1975 in der Kulturszene. Dass die
„Lost Childhood“, eine „musikalische 78-Jährige nicht versuchte, sich als Wider-
Brücke für Deutsche und Juden“. Das Gern hätte er manchmal den Namen abge- standskämpferin zu inszenieren, hielt
Werk stellt er am 25. Juli 2007 in der Oper streift. Er beschäftigte sich zunächst mit mancher Feuilletonist für mutig. „Ihre
Themen abseits des Wagner-Kultur- Aussagen waren verroht, nicht mutig“,
schreins. Seine Dissertation schrieb er urteilt der Enkel.
über Kurt Weill und Bert Brecht. Durch In Gottfried Wagners neustem Buch
die Israel-Reise näherte er sich dem Vor- „Unsere Stunde null“ hat Eugenio das
»Je mehr ich über Richard fahren wieder, setzte kritische Forschung letzte Wort. Er hat seine Gedanken nach
gegen den Mythos. Wagner und Hitler einer Auschwitz-Reise aufgezeichnet.
Wagners Musik weiß, waren auch Teil der Geschichte seiner Vater und Sohn – schwarz auf weiß auf
desto weniger bin ich von ihr Frau: Deren Familie hatte die Besetzung gemeinsamen Wegen. Wir verlieren, ver-
stoßen, verrohen nicht, steht zwischen
angetan. Diese raffinierte Musik der Lombardei von 1943 bis 1945 erlebt.
„Damals spielte der Volksempfänger stän- den Zeilen.
hat etwas Gewalttätiges.« dig das Vorspiel zum dritten Akt von ,Lo-
hengrin'“, erzählt er. „Meine italienische Gottfried Wagner, Abraham Peck:
Gottfried Wagner Familie kannte Wagners Musik als Todes- Unsere Stunde null. Böhlau Verlag,
im RM-Gespräch melodie. Ich wurde getestet.“ Mahner: Gottfried Wagner, hier auf dem Wiener Judenplatz, will das Tor zur Erinnerung öffnen. FOTO: ANDREA BARDAS Köln 2006. 428 Seiten, 24,90 Euro.

ROBIN MISHRA PERSÖNLICH

Ein Klavier, ein Klavier! Ein Samstagmorgen. Als ich durch Ber- ren Instrument belasten, das mich jeden pe Jahrgang 1967. Aus dem Stand hatte dem Unterricht aufgehört hat – aus Är-
lin-Kreuzberg stapfte, hatte es begonnen, Tag vorwurfsvoll anblickt, weil ich ihm der Klavierhändler die Unternehmens- ger darüber, dass die Klavierlehrerin be-
in Strömen zu regnen. Einen Schirm zu wenig Aufmerksamkeit schenke. geschichte parat. In der Sechzigern war schlossen hatte, statt einer Preiserhö-
hatte ich nicht dabei. Der Zufall wollte Ähnlich wirr muss meine Rede geklun- Euterpe noch ein renommierter deut- hung die Dauer der wöchentlichen Un-
es, dass mein Blick auf ein kleines un- gen haben. Erschwerend kam hinzu, scher Klavierbauer, der den großen Na- terweisung von 30 auf 25 Minuten abzu-
scheinbares Ladenschild an einem schö- dass ich konkretere Nachfragen zu dem men Konkurrenz machte. Nach der kürzen. Als der Klavierhändler nach eini-
nen Altbau fiel. „Ihre Klavierwerkstatt“, von mir gesuchten Instrument nicht be- Wende kaufte Bechstein die Marke und ger Zeit wiederkam, redeten wir noch
verhieß es freundlich. Da das Geschäft antworten konnte. Mein Hilferuf ließ lässt jetzt unter dem einstmals glorrei- ein bisschen um den heißen Brei herum,
geschlossen war, drückte ich auf die sich am besten mit Loriot zusammenfas- chen Namen in China produzieren. aber die Entscheidung war gefallen: Die
Klingel. Als der Inhaber aus seiner sen: „Ein Klavier, ein Klavier!“ Euterpe sollte bei mir ein neues Zuhau-
Werkstatt im Innenhof kam und öffnete, Der Mann von der Werkstatt ließ sich Damit aber war das Geschäft noch nicht se finden. Symbolisch übergab mir der
gab es kein Zurück mehr. Die Vorrede durch mein Gestammel nicht aus der gemacht, schließlich kauft man sich nicht Verkäufer den kleinen Schlüssel für das
war das Schwierigste. Ich habe früher Ruhe bringen. Drei gebrauchte Instru- einfach so im Handumdrehen ein Kla- Instrument. Ein paar Tage später wurde
einmal Klavier gespielt, begann ich, und mente hatte er bei sich stehen, auf de- vier. Der Händler merkte, dass ich mich das Klavier geliefert. Seit ein paar Wo-
seit einiger Zeit will ich wieder anfan- nen er mir vorspielte. Schnell waren wir scheute, vor seinen Ohren falsche Töne chen gewöhnen wir uns aneinander.
gen, aber dafür brauche ich eben ein In- uns einig, dass eines davon wirklich anzuschlagen. So drückte er mir einen Meiner Euterpe scheint es zu behagen,
strument, ein gebrauchtes, gut klingen wunderbar klingt, wobei mir Vertrauen ganzen Packen Noten in die Hand und mit jemandem unter einem Dach zu
soll es natürlich, aber nicht zu teuer einflößte, dass auch er das Günstigste verschwand wieder in seiner Werkstatt. wohnen, der sein Klavier liebt, es ihm
sein, denn eigentlich habe ich kaum von den dreien auswählte. Etwas un- Um mein Klanggefühl bestätigt zu fin- aber nicht immer zeigen kann.
Zeit, kann auch gar nicht gut spielen, scheinbar aussehend, angeschrammtes den, klimperte ich ein bisschen herum.
und ich will mich nicht mit einem teu- Mahagonifurnier, aber eine echte Euter- Wie einer, der vor etwa 20 Jahren mit Robin Mishra ist Leiter des Berliner Büros.

Nummer 48, Seite 32


CYAN MAGENTA YELLOW BLACK