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Kampf um die Asylmillionen

Andrea Gschwend (SVP) ist dagegen, dass der Kanton Bern Geld für unbegleitete minderjährige
Asylsuchende ausgibt, Christoph Grimm (GLP) unterstützt den 38-Millionen-Kredit.
Interview: Philippe Müller

Zweite Abstimmung innert 18


Monaten

Im Mai 2017 lehnte das Berner Stimmvolk


einen 105-Millionen-Kredit für die
Asylsozialhilfe ab, nachdem die SVP das
Referendum ergriffen hatte. Danach hat die
Regierung Modelle ausarbeiten lassen für
die Form der Unterbringung von
unbegleiteten minderjährigen
Asylsuchenden (UMA). Das Resultat: Ab
sofort wollen Regierung und Parlament
anstelle der 171 Franken pro UMA und Tag
nur noch 140 Franken auszahlen. Zudem
sollen 17-jährige UMA günstiger
untergebracht werden. Dieses Modell kostet
den Kanton von November 2018 bis Ende
2020 maximal 38 Millionen Franken.
Gerechnet wurde auf der Basis von 370
Christoph Grimm (GLP, Burgdorf) ist für den Kredit, Andrea Gschwend (SVP, Heimiswil) kämpft UMA, zurzeit leben jedoch nur noch 193 im
dagegen. Bilder: Beat Mathys Kanton. Deswegen geht der Kanton Bern
davon aus, dass Stand heute von den 38
Millionen lediglich rund 21 Millionen
Frau Gschwend, gibt die SVP die Abstimmung über den Kredit für Franken benötigt werden. (phm)
unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) vom 25. November
schon verloren?
Artikel zum Thema
Andrea Gschwend: Nein, warum?
UMA-Kredit: «Bei einem Nein
Man hat den Eindruck, dass Ihre Partei dieses Jahr mit weniger spart Bern nichts»
Engagement kämpft als bei der ersten UMA-Abstimmung im Mai 2017.
Regierung und Befürworter luden zuletzt je zu einer
Medienkonferenz, die SVP verschickte bloss noch ein dürres
Communiqué.
Gschwend: Wir plakatieren wie eh und je, das ist unsere Stärke. Wir veranstalten
Podiumsgespräche zum Thema, die Argumente liegen auf dem Tisch. Es sind mehr
oder weniger die gleichen Argumente wie vor eineinhalb Jahren, die wir vertreten.
Wir kämpfen weiterhin dafür, dass der Volkswille endlich umgesetzt wird, den das
Stimmvolk am 21. Mai 2017 geäussert hat: viel weniger Geld auszugeben für die Eine breite Allianz weibelt für den 38-
Unterbringung und Betreuung von UMA. Millionen-Kredit für unbegleitete
minderjährige Asylsuchende. Mehr...
18.10.2018
Die Ausgangslage ist für die SVP aber deutlich schlechter: Es hat heute «Das Volk ist der Chef»
deutlich weniger Flüchtlinge als 2017, der Bund verdoppelt seine
Grossrätin Andrea Gschwend erklärt,
Pauschalen an die Kantone von 36.50 auf 72.50 Franken pro
warum die SVP innert eines Jahres zum
Asylbewerber und Tag. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist
zweiten Mal an der Urne gegen die
kleiner.
Ausgaben für unbegleitete minderjährige
Gschwend: Ich sehe es nicht so, dass unsere Ausgangslage schlechter ist. Im
Asylsuchende kämpft. Mehr...
Gegenteil: Wenn der Bund seine Pauschalen erhöht und die Kantone entlastet, ABO+ Interview: Philippe Müller. 28.04.2018
braucht es erst recht keine weiteren Kantonsgelder mehr für UMA. Das spricht
dafür, den vorliegenden Kredit abzulehnen. Käsers letzter Erfolg bringt
die SVP in Rage
Herr Grimm, warum braucht es 38 Millionen Franken für UMA, wenn
Der Kanton Bern bringt 17-jährige
nur noch knapp 200 von ihnen im Kanton Bern sind und der Bund
unbegleitete Asylsuchende künftig
mehr Geld gibt?
gemeinsam mit Erwachsenen unter. Die
Christoph Grimm: Weil der Kanton eine Verpflichtung hat, sich um minderjährige
erwarteten Einsparungen von rund 5
Flüchtlinge zu kümmern. Das ist aufwendiger als die Betreuung von Erwachsenen.
Millionen Franken sind der SVP zu wenig.
Minderjährige Flüchtlinge, die ohne Eltern in die Schweiz kommen, sind zum Teil
Mehr...
traumatisiert. Und der Kanton braucht ja nicht mehr 105 Millionen, die das
Von Philippe Müller 28.03.2018
Stimmvolk im Mai 2017 abgelehnt hat, sondern als Folge dieser Abstimmung nur
noch 38 Millionen. Höchstens 38 Millionen, denn im Moment sieht es so aus, dass
davon lediglich 21 Millionen ausgegeben werden müssen. Bei der Berechnung der
Kreditvorlage ging der Regierungsrat von 370 UMA aus, aktuell leben noch 193 im
Kanton.
Gschwend: Die Behauptung, der Kanton brauche nicht mehr 105, sondern nur noch
38 Millionen Franken, ist nicht ganz richtig. Fakt ist, dass sich mit dem neuen
Unterbringungsmodell für UMA im Vergleich zum heutigen Modell bis Ende 2020
nur 5,4 Millionen Franken einsparen lassen. Das entspricht sicher nicht dem Willen
des Stimmvolks, das den 105-Millionen-Kredit abgelehnt hat. Und dass ein grosser
Teil der 105 Millionen schon ausgegeben war, als wir darüber abstimmen konnten,
ist eine Frechheit, das gehört sich nicht in einer Demokratie.
Grimm: Das Volk hat am 21. Mai 2017 nicht gesagt, es wolle 105 Millionen
einsparen. Es hat nur gesagt: Das ist zu viel.
Gschwend: Solche Relativierungen lasse ich nicht gelten. Es liegt in der Natur der
Sache, dass die Stimmenden nur Ja oder Nein sagen und nicht noch Anträge mit
anderen Beträgen stellen können. Fakt ist: Eine Mehrheit hat den Kredit abgelehnt,
und die jetzt vorliegende Lösung geht zu wenig weit.

Viele Leute haben wahrscheinlich Nein gesagt, weil sie wegen der
damals vielen Flüchtlinge generell unzufrieden waren mit der
Asylpolitik. Dieser Leidensdruck existiert nicht mehr.
Gschwend: Im Asylwesen gibt es immer Wellenbewegungen, es können schon
nächste Woche wieder mehr Flüchtlinge kommen. Ich denke, die Unzufriedenheit
mit der Asylpolitik ist im Volk unverändert riesengross.

Christoph Grimm stört sich daran, dass Sie nach wie vor von 100
Millionen sprechen, obwohl der aktuelle Kredit nur 38 Millionen
beträgt. Gibt es auch etwas, das Sie an seiner Argumentation nervt?
Gschwend: Mich stört an seiner Haltung und jener der Befürworter die Behauptung,
das Stimmvolk habe zwar Nein gesagt zum 105-Millionen-Kredit, habe es aber nicht
so gemeint. In einer Demokratie gibt es kein Wenn und Aber. Nein heisst nein.
Grimm: Ihr habt ja auch nie gesagt, wie viel genau ihr einsparen wollt. Ihr habt
einfach für ein Nein zum Kredit geweibelt. Das ist etwas gar einfach.

Der Kanton hat den Volkswillen umgesetzt, indem er künftig nicht


mehr 171 Franken, sondern noch 140 pro UMA und Tag ausgibt. 17-
jährige UMA bekommen gar nur noch 80 Franken. Diese Tarife liegen
etwa unter jenen des Kantons Zürich. Welchen Betrag wäre die SVP
denn bereit, für UMA aufzuwenden?
Gschwend: Ich lege mich nicht auf eine konkrete Zahl fest.
Sie machen es sich einfach.
Gschwend: Ein Beispiel: Die Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren (SODK)
gibt Leitplanken vor, wie viel die Betreuung und Unterbringung von UMA etwa
kosten darf. Sie rechnet mit 119 Franken pro Person und Tag. Die SODK ist politisch
nicht gerade bürgerlich ausgerichtet, und sogar sie empfiehlt Tarife, die tiefer sind
als jene im Kanton Bern.

Die SVP wird am 25. November so oder so verlieren.


Gschwend: Wie kommen Sie darauf?

Entweder sagt das Volk Ja zum Kredit und damit Nein zum SVP-
Referendum. Oder es lehnt den Kredit ab. Dann aber würden die
Verträge mit den externen Partnern weiterlaufen, es würde bei 171
Franken pro Tag und UMA bleiben. Eingespart würde kein Rappen.
Gschwend: Es ist billig, zu behaupten, dass bei einem weiteren Nein zum Kredit
einfach die laufenden, teureren Verträge gelten.
Grimm: Das ist schlicht die Wahrheit.
Gschwend: In unserem Land ist das Volk der Chef. Es hat das geltende Konzept
abgelehnt.
Grimm: Genau deshalb stimmen wir jetzt über ein angepasstes, kostengünstigeres
Modell ab.
Gschwend: Ein Modell, welches statt der bisherigen 5000 immer noch 4200 Franken
pro Person und Monat kostet.

Was erwarten Sie vom Regierungsrat, wenn das Volk den Kredit
ablehnt?
Gschwend: Dann muss endlich der zuständige Regierungsrat das Gespräch mit
unserem Referendumskomitee suchen und uns für das Ausarbeiten einer Lösung, die
den Volkswillen abbildet, ins Boot holen. Der damalige Polizeidirektor Hans-Jürg
Käser hat sich uns stets verweigert, weil er sich schwertat, das Volks-Nein zu
akzeptieren.

Sie, Herr Grimm, müssen sich mit den Befürwortern den Vorwurf
gefallen lassen, den UMA viel zu bieten für relativ wenig
Gegenleistung. Die Rede ist hie und da gar von einer
«Willkommenskultur».
Grimm: Das stimmt nicht. Also von einer Willkommenskultur sind wir doch
meilenweit entfernt. Wenn man sich in den Asylzentren umsieht, merkt man, dass es
wohl nicht so lustig ist, dort zu wohnen. Ich bin überzeugt, dass alle so schnell wie
möglich von dort wegwollen. Der Kanton muss einfach Minderjährige anders
behandeln als Erwachsene. Ein Kind ist verletzlicher und kommt ja nicht ohne Not
allein von zu Hause in die Schweiz.
Gschwend: Es kommt, weil es von den Eltern geschickt wird. Ausserdem sind das
grösstenteils keine Kinder, sondern junge Erwachsene.
Grimm: Das ist doch Quatsch.
Gschwend: Wir haben beide das Referat in der Sicherheitskommission des Grossen
Rates gehört von einem Schweizer, der mit einer Eritreerin verheiratet ist. Er hat
gesagt, dass fast jede eritreische Familie jemanden in der Schweiz stationiert hat, der
Geld nach Hause schickt.
Grimm: Gut, das sagt er. Das ist nur eine Stimme, von der man nicht auf die
Allgemeinheit schliessen kann.

Vor eineinhalb Jahren wurden Sie, Herr Grimm, vom


Abstimmungsresultat auf dem linken Fuss erwischt. Die Befürworter
haben die Stimmung in der Bevölkerung völlig falsch eingeschätzt.
Was machen Sie diesmal anders?
Grimm: Wir haben in der Medienarbeit dazugelernt, haben einen wirkungsvollen
Flyer mit den Kostendiagrammen. Ich bin zuversichtlich, dass diesmal unsere zwei
Botschaften ankommen. Erstens: Es braucht dieses Geld für die unbegleiteten
minderjährigen Asylsuchenden. Zweitens: Bei einem Nein zum Kredit bleibt es so
teuer wie heute, nur bei einem Ja wird Geld gespart.

Zum Schluss würde ich von Ihnen gerne eine Prognose hören, wie die
Abstimmung diesmal ausgeht.
Gschwend: Die Abstimmung kommt in etwa gleich heraus wie letztes Mal, 54
Prozent sagen Nein zum Kredit.
Grimm: Das Verhältnis bleibt gleich, aber in die andere Richtung. 54 Prozent
werden den Kredit annehmen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.11.2018, 08:52 Uhr

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