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Richtlinien Reiten und Fahren Bd.

6, Longieren 1

Wofür Longieren?

Ohne Reiter:
• Alternative Arbeit zum Reiten
• ablongieren vor dem Reiten zB zum Lockern
• um junges Pferd an zB Kommandos oder Sattel zu gewöhnen
• Muskelaufbautraining zB nach Krankheit oder Korrektur von Gebäudefehlern
• Konditionstraining
• Heranführen ans Springen (Bodenricks, Stangen)
• Arbeit mit sog. Problempferden

Mit Reiter:
• Reitanfänger, die sich zunächst auf Bewegung und Sitz konzentrieren sollen
• fortgeschrittene Reiter Sitzschulung
• Voltigieren

Unterscheiden:
gymnastizierende Arbeit (mit Ausbindern)
einfaches bewegen (ohne Ausbinder)

Ausbildungsskala der FN

Die Ausbildungsskala der FN ist eine Übersicht wichtiger Punkte, die bei der Ausbildung bzw.
Arbeit mit dem Pferd zu beachten sind. Die Skala ist nicht als chronologische Folge, sondern als
ineinandergreifende Schritte zu begreifen.

Takt ist das räumliche und zeitliche Gleichmaß aller Schritte, Tritte und Sprünge.
Losgelassenheit ist der Zustand, bei dem ein Pferd mit schwingendem Rücken nach vorne
gedehnten Hals und ohne Eile mit natürlichem Takt und entspannter Bewegung läuft.
Anlehnung ist eine federnde, weiche, gleichmäßige Verbindung zwischen Hinterhand,
Pferderücken, Reiterhand / Longenführer und Pferdemaul über die Zügel / Longe.
Schwung ist der Fleiß des Pferdes aus der Hinterhand heraus, also der Impuls der Hinterhand
des Tieres, der auf die Gesamtvorwärtsbewegung übertragen wird
Geraderichtung ist die gleichmäßige Belastung der Vorder- und Hinterbeine (Spurdeckung) in
geraden und gebogenen Linien.
Versammlung ist der Zustand, bei dem das Pferd vermehrt die Last des Reiter- und
Pferdegewichts mit der Hinterhand aufnimmt.

Es können nur die ersten 4 Punkte der Ausbildungsskala an der einfachen Longe erarbeitet werden.

Ausrüstung:
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• Longe: 7-8 m, griffiges, festes Gurtmaterial, am einen Ende eine Schlaufe, am anderen einen
Karabiner, oder eine Schnalle. Kein extra Wirbel.
• Peitsche: Länge nach Bedarf zw. 4 u 8 m (einschl. Schlag) - muss so lang sein, dass man das
Pferd erreichen kann. Sie darf nicht auf den Boden gelegt werden.
• Trense (mit Gebiss): Gebiss: Kauen Losgelassenheit im Genick; angeblich feinfühligeres
Stellen möglich als mit Kappzaum
• Kappzaum: muss eng anliegen, wirkt auf Nasenbein, ermöglicht gleichmäßiges
Herandehnen ans Gebiss, denn das Maul wird nicht durch die Longe beeinträchtigt
• Longierbrille: soll nicht eingesetzt werden, da dadurch der äußere Gebissring gegen die
Lefzen und das Gebiss gegen den Gaumen des Pferdes drückt
• Gurt: Laufgurt (über dem Sattel), Longiergurt (ohne Sattel)
• Beinschutz
• Hilfszügel zum Longieren: einfache Ausbindezügel, Dreieckszügel (= Wiener Zügel),
Laufferzügel (= Lorenz-Zügel), Chambon, Gogue

Hilfszügel im Einzelnen: Wirkung, Aufbau und Verschnallung, Vorteile und Nachteile

Einfache Ausbindezügel

Wirkung: soll dazu dienen, das Pferd die Anlehnung


ans Gebiss zu erlernen. Das Pferd wird seitlich
begrenzt.

Aufbau: Zwei Riemen, die je links und rechts im Gurt


und Gebissringen eingehakt werden.

Vorteil: seitliche Begrenzung (v.a. nach außen)

Nachteil: Einschränkung der Dehnung vorwärts-


abwärts

Dreieckszügel (auch: Wiener Zügel)

Wirkung: soll verhindern, dass das Pferd den Kopf zu


hoch nimmt. Soll v.a. jungen Pferden helfen eine
Dehungshaltung einzunehmen.

Aufbau: Ein Lederriemen, der sich zwischen den


Vorderbeinen in zwei Riemen teilt, links und rechts
durch die Gebissringe verläuft und zurück zum Gurt
führt.

Vorteil: Dehnung ans Gebiss, kein aufs Gebiss legen


möglich, da die Riemen durch die Gebissringe gleiten
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Nachteil: Kaum seitliche Begrenzung, Risiko des Laufens auf der Vorderhand

Laufferzügel (auch: Lorenz-Zügel) → seitliches Dreieck

Wirkung: ähnliche Funktion wie der Dreieckszügel,


ein Hochnehmen des Kopfes soll verhindert und eine
Dehnungshaltung soll eingenommen werden.

Aufbau: Riemen verlaufen je links und rechts seitlich


vom Gurt durch die Gebissringe wieder zurück zum
Gurt (nicht wie beim Dreieckszügel zwischen den
Vorderbeinen)

Vorteil: Anlehnung möglich, und im Ggs. Zu


Dreieckszügel: seitliche Begrenzung

Nachteil: Vorwärts-Abwärts-Dehnung eingeschränkt

Chambon

Wirkung: Durch Druck auf Genick und Zug auf


Maulwinkel soll das Pferd den Hals senken

Aufbau: 3 Teile: 1 Genickstück mit zwei Ringen, das


mit Riemen und Schnallen an der Trense befestigt wird,
1 Kordel, die links und rechts von außen nach innen
durch die beiden Ringe des Genickstücks geführt und
in den Trensenringen eingehakt werden; 1 Riemen, der
vom Bauchgurt aus in der Kordel eingehakt wird.

Vorteil: Fördert Dehnungshaltung, Pferd wird nicht


hinter die Senkrechte gezogen

Nachteil: keine Anlehnung, keine seitliche Begrenzung

Gogue

Wirkung: Das Pferd soll im Genick nachgeben und den


Kopf fallen lassen. Nimmt es den Kopf zu hoch,
bekommt es Druck aufs Genick.

Aufbau: ähnlich Chambon. Unterschied: die Karabiner


werden nicht in den Trensenringen eingehakt, sondern
am Riemenring, der vom Bauchgurt kommt.

Vorteil: fördert Dehnungshaltung, Pferd wird nicht


hinter die Senkrechte gezogen

Nachteil: keine Anlehnung, keine seitliche Begrenzung


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↳ Verschnallen: idR auf Höhe des Buggelenks – Pferd soll Anlehnung am Gebiss finden
↳ Hilfszügel erst in der Arbeitsphase verschnallen.
↳ Hilfszügel aus Gummi zB Stoßzügel1 oder Halsverlängerer2 sollen nicht verwendet werden.
↳ Longieren ohne Hilfszügel / am Halfter: dient (laut Buch) ausschließlich der Bewegung und
hat (angeblich) keinen ausbildungsmäßigen Effekt. Ebenso soll das Ausbinden, lt. Buch,
Verletzungen vorbeugen

Der Longenführer

Er steht:

• immer auf der gleichen Stelle und dreht sich um den inneren Absatz mit dem Pferd;
• auf Höhe der Hinterhand, sodass vom Ellenbogen über den Unterarm, die Hand und die
Peitsche eine Linie zum Sprunggelenk bilden;
• mit den Schultern parallel zur Wirbelsäule des Pferdes.

Die innere Hand ist aufgestellt und führt die Longe vom Ellenbogen über den Unterarm ebenfalls in
einer geraden Linie schräg nach vorne zum Pferdekopf, sodass der Longenführer sein Pferd vor sich
her treibt. Die Longe soll eine leichte Verbindung zum Maul haben und nicht verdreht sein.

Die Hilfen

Dem Longenführer stehen folgende Hilfen zur Verfügung:

Longe: haptisches Signal


• wird mit der Hand aufgenommen, auf der man longieren möchte
• zwischen Zeige- u. Mittelfinger in kleiner werdenden Schlaufen (verhindert verheddern)

Einhängen der Longe


• am inneren Gebissring (häufigste Anbringung): Das Pferd kann durch annehmen und
nachgeben gestellt werden

1 tritt das Pferd an das Gebiss heran, geben die Gummiringe nach und regen das Pferd an gegen das Gebiss zu
drücken, anstatt sich davon abzustoßen.
2 Der HV verleitet das Pferd entweder dazu, gegen den Zügel anzugehen oder – was häufiger der Fall ist – das Pferd
verkriecht sich hinter dem Zügel und wird eng im Hals. Keinesfalls lernt es aber mit dem Halsverlängerer, sich
vertrauensvoll vorwärts-abwärts an das Gebiss heranzustrecken. Das Problem am Halsverlängerer ist eben gerade,
dass er elastisch ist, auch wenn das viele Reiter als Vorteil sehen. Das Pferd kann sich zwar theoretisch fast endlos
dehnen aber es wird dafür nicht belohnt, sondern bestraft, weil der Zug auf Maul und Genick zunehmen je stärker
das Gummiseil auseinandergezogen wird.
Ein weiterer Nachteil ist, dass der Halsverlängerer bei korrekter Verschnallung (er hängt in Normalstellung des Pferdes
durch) kaum Einwirkung hat, wenn das Pferd gegen den Zügel angeht. Er dehnt sich erstmal gehörig bevor der
Druck so stark wird, dass das Pferd davon beeindruckt ist. Damit es dem Pferd nicht möglich ist, in dieser
unerwünschten Haltung zu gehen muss der Halsverlängerer viel zu kurz verschnallt werden: Man muss ihm dem
Kopf schon fast auf die Brust binden. das
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• in Verbindung mit zusätzlichem Halfter oder hann. Reithalfter: durch den inneren Ring und
am Ring des hann. Reithalfters bzw. Stallhalfter (schonend fürs Maul – bei jungen oder
empfindlichen Pferden)
• durch den inneren Gebissring hindurch am Äußeren eingehängt: Maul wird
zusammengezogen, Gebiss drückt auf den Gaumen → Pferd stumpft im Maul ab → nicht
anwenden
• über Kopf (Kopflonge): Longe wird vom äußeren Trensenring über dem Genick zum
inneren Trensenring verschnallt. Bei Annehmen kommt Zug auf die Lefzen nach oben → es
nimmt den Kopf hoch oder weicht nach unten aus → Zwang, stört Arbeit an der Longe
(Losgelassenheit geht verloren, Verwerfen wird provoziert)
• Kappzaum: am mittleren Ring

Fehler:
☹ steife Arm- Handhaltung → behindert Bewegungsrhythmus des Pferdes
☹ durchhängen → keine Einflussnahme möglich; Gefahr des hineintretens
☹ zu straff → Takt, Losgelassenheit, Anlehnung wird nicht erreicht
☹ falsche Aufnahme → verhindert sauberes herauslassen; Verletzungsgefahr
☹ Standortwechsel → keine federnde, gleichmäßige Anlehnung möglich

Peitsche: optisches und haptisches


• Das Pferd soll lernen auf Wink der Peitsche zu reagieren.
• Zeigt auf Hinterbein in Richtung Sprunggelenk.
• Einwirkung an der Hinterhand (Reflexpunkte zB Sprunggelenk, Sitzbeinhöcker,
Hinterbacke): vorwärtstreibend.
• Einwirkung an der Schulter / Bauchbereich: hinaustreibend.
• Zum Handwechsel: vom Pferd wegwärts unter den Oberarm der Longenhand klemmen

Fehler:
 ungeübter Umgang
 zu lauter Einsatz → zB knallen / zischen erschrecket / stumpft ab
 auf den Boden legen → Verletzungsgefahr beim Aufheben der Longe

Stimme: akustisches Signal


• kann beruhigen (tiefer Tonfall, gedehnte Aussprache) oder antreiben (gehobener Tonfall,
kurze Aussprache)
• Tonfall und Worte sollten immer die gleich sein (gleiche Kommandos verwenden)
• mit geringem Aufwand einsetzen (sparsam mit Kommandos, angemessene Lautstärke)

Fehler:
 ständiger Gebrauch → stumpft ab
 zu laut → Andere werden gestört, Aufmerksamkeit beim Pferd sinkt
 zu leise → Stimmhilfe kommt nicht an
 Stimmhilfe von Anderen → Pferd wird abgelenkt vom Longenführer
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 gleiche Betonung → Pferd reagiert kaum

Körpersprache: optisches Signal; unterstützt die übrigen Hilfen

Orte zum Longieren

• Gut geeignet: jede eben Fläche mit federnd, griffigem Boden zB Reitplatz, Logierhalle, Teil
der Reithalle (aus Sicherheitsgründen bei Reitbetrieb nur bei 1 bis max 2 Reitern longieren?
• Umrandung: Pferd kann Anlehnung an der Bande suchen (ist Vorteil und Nachteil zugleich),
kann nicht ausbrechen
• Außenplätze: größere Ablenkung und andere äußere Einflüsse
• Zu tiefer Boden: schlecht für Sehnen und Bänder
• Zu harter Boden: Staucht die Gelenke, Gefahr des Rutschens (v.a. bei Pferden mit Eisen)

Phasen beim Longieren:

Longieren soll nicht länger als 30 bis 40 min dauern. Mindestens nach allen 5 – 10 min soll die
Hand gewechselt werden.

• Lösungsphase bzw. Aufwärmphase (ohne Ausbinder / mit verlängerten Ausbindern): im


Schritt, Trab und Galopp; nach mehreren Übergängen Handwechsel durchführen und
wiederholen
• Arbeitsphase (mit Ausbindern): ist Takt in allen 3 Gangarten geregelt, können die
gymnastizierende Übungen beginnen
• Endphase (ohne Ausbinder / mit verlängerten Ausbindern): ein paar Runden im Schritt

Übungen für die Arbeitsphase:

a) Gymnastizierende Übungen:

• Übergänge (Gangartwechsel) → fordern Aufmerksamkeit; zu achten ist auf beibehalten des


Takts und direktes Antreten / Anspringen in die höhere Gangart
◦ Trab aus Halt, Galopp aus Schritt ist fördert die Hinterhandaktivität, verbessert die
Durchlässigkeit und Reaktion auf die Hilfen
• Tempowechsel innerhalb der Gangart → verbessert Anlehnung, Schwung und fließende
Übergänge
• Verlagern der Zirkellinie → fördert Aufmerksamkeit und Anlehnung
• Zirkel verkleinern / vergrößern → verbessert Anlehnung, Schwung und Stellung.
◦ Auf kleinem Zirkel nur 2 bis 3 Runden longieren (sonst zu starke Belastung der Beine).
◦ Beim Vergrößern mit der Peitsche vorwärts seitwärts hinaustreiben → Tragkraft wird
hierbei in Schubkraft umgewandelt
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b) Stangenarbeit:

◦ bietet Abwechslung
◦ fördert Aufmerksamkeit,
◦ aktiviert die Hinterhand,
◦ festigt den Takt
◦ verbessert Schwung, Rückentätigkeit und Trittsicherheit
◦ bereitet vor auf Springen

ACHTUNG: bei der Stangenarbeit muss unbedingt, die vorgesehene Gangart eingehalten werden!
Die Abstände der Stangen sind abhängig vom Pferd, Richtwerte:

▪ Schritt ca. 0,80 m


▪ Trab ca. 1,30 m
▪ Galopp ca. 3, 50 m