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11--22000022

Ruhr-Universität Bochum Lehrstuhl für Stahl- und Verbundbau Prof. Dr.-Ing. R. Kindmann www.ruhr-uni-bochum.de/stahlbau

Tragfähigkeit von U-Profilen bei Biegung und Torsion

Rolf Kindmann, Jörg Frickel

1

Problemstellung

Der Nachweis ausreichender Tragfähigkeit von Biegeträgern kann gemäß DIN 18800 Teil 2 mit der Bedingung

M

y

κ ⋅ M

M

pl,y,d

1

(1)

geführt werden, wobei mit dem Abminderungsfaktor κ M der Einfluss des Biegedrillknickens erfasst wird. Voraussetzung für die Anwendung der Bedingung ist, dass keine planmäßige Torsion auftritt und daher die Wirkungslinie von Lasten F z oder q z durch den Schubmittelpunkt verläuft. Dies ist bei I- Profilen, für die Bedingung (1) hauptsächlich verwendet wird, in der Regel der Fall. Bei U-Profilen liegt jedoch der Schub- mittelpunkt außerhalb des Profils, so dass dort der Lastangriff schwierig zu realisieren ist. Häufig werden die Lasten am Obergurt des Profils eingeleitet und man nimmt den Lastan- griffspunkt in der Mitte des Steges an. Dies ist eine realitäts- nahe Annahme, weil auch bei flächiger Auflagerung und Last- übertragung durch andere Bauteile Torsionsverdrehungen ϑ im Uhrzeigersinn entstehen und sich daher das rechte Gurt- ende der Lastaufnahme entzieht.

Wenn wie bei der Aufgabenstellung in Bild 1 Biegung und planmäßige Torsion auftritt, können die Schnittgrößen nach Theorie II. Ordnung unter Ansatz geometrischer Ersatzimper- fektionen (Vorkrümmung v o ) berechnet und für den an- schließenden Nachweis ausreichender Querschnittstragfähig- keit das Teilschnittgrößenverfahren in [1] verwendet werden. Diese Art des Nachweises ist jedoch vorwiegend für com- puterorientierte Berechnungen wie z.B. mit dem Programm KSTAB in [1] geeignet. Als Alternative wird im Folgenden für Einfeldträger in Bild 1 ein modifiziertes κ M -Verfahren vor- geschlagen.

1 ein modifiziertes κ M -Verfahren vor- geschlagen. Bild 1 Planmäßig biege- und torsionsbeanspruchter Ein-

Bild 1

Planmäßig biege- und torsionsbeanspruchter Ein- feldträger aus einem gewalztem U-Profil

2 Modifiziertes κ M -Verfahren

Mit der nachfolgenden Modifikation gemäß Gl. (2) kann das κ M -Verfahren auch für den in Bild 1 dargestellten Fall mit planmäßiger Torsion angewendet werden. Das Nachweis- format lautet somit:

M y ≤ 1 κ ⋅ M MT pl,y,d ( 5 ) − 0,4 mit:
M
y
≤ 1
κ
⋅ M
MT
pl,y,d
(
5
) −
0,4
mit:
= + λ
1
und
λ =λ +λ
κ MT
MT
MT
M
T
Bereich I
0,5
≤ λ <
0,75
:
λ = 1,11− λ
M
T
M
Bereich II
0,75
≤ λ ≤
1,14
:
λ = 0,69 − 0,44 ⋅ λ
M
T
M
Bereich III
λ
1,14
:
λ
0,19
M >
T =
λ
M =
M
M
0,5
pl,y,d
Ki,y,d

(2)

Das Anwendungsspektrum ist wie folgt definiert:

einfeldrige Träger unter Gleichstreckenlast q z (Lastangriff:

Obergurt, Mitte Steg)

UPE- und UAP-Profile gemäß [1] oder U-Profile mit ähn- lichen Abmessungen

Verhältnis Profilhöhe h zu Stützweite L: h/L = 1/5 - 1/40

Die Modifikation besteht darin, dass der bezogene Schlank-

T zur Berücksichtigung der

heitsgrad

Torsion vergrößert wird. Mit diesem vergrößerten Bezugs-

schlankheitsgrad

minderungsfaktor bestimmt (mit n = 2,5 für Walzprofile), der zur Unterscheidung mit κ MT bezeichnet wird.

wird dann in gewohnter Weise der Ab-

λ

M

um einen Anteil

λ MT

λ

S Sd / Rd (Auflager) / R d = 1 (Feldmitte) d kM UPE 200
S
Sd / Rd (Auflager)
/
R d = 1 (Feldmitte)
d
kM UPE 200
S
/
R
= 1 (Auflager)
d
d
κ M , κ MT
Grenztragfähigkeit E-P
Th. II. O (UPE 200)
ϑ = 0,3
kM UPE 200
(Verdrehung)
1,0
κ M
0,8
0,67
0,6
0,4
κ MT
siehe Gl. (2)
0,2
0,0
λ
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
0,75

Bild 2

Abminderungsfaktoren κ M und κ MT

M

2

RUBSTAHL-Bericht 1-2002

In Bild 2 sind die Abminderungsfaktoren κ M und κ MT in Ab-

M aufgetragen. Man erkennt deutlich den

hängigkeit von

tragfähigkeitsmindernden Einfluss der Torsion im Vergleich zur κ M -Kurve ohne Torsion. Die dort ebenfalls dargestellten

Rechenwerte für das UPE 200-Profil auf Basis der unten an- gegebenen Berechnungsgrundlagen zeigt anhand der unter- schiedlichen Symboldarstellungen, welches Bemessungskri- terium maßgebend wird. Neben der Ausnutzung der plas- tischen Querschnittstragfähigkeit am Auflager (infolge Quer- kraft und Torsionsmomenten) oder in Feldmitte (zweiachsige Biegung und Wölbbimoment) wird bei großen Schlankheiten die Beschränkung der Verdrehung um die Stablängsachse (x-Achse) auf ϑ = 0,3 rad (entspricht 17,2°) maßgebend. Sie wird hier als ein Grenzkriterium angesetzt, weil die für die Theorie II. Ordnung verwendeten Transformationsbeziehun- gen für größere Verdrehungen zu ungenau sind.

λ

Mit den κ MT -Werten nach Bild 2 können baupraktische Sys- teme nach Bild 1 mit vielen Stützweiten-Profil-Kombinationen

,

ist der Einfluss der Theorie II. Ordnung gering, so dass dann

eine Berechnung nach Theorie I. Ordnung für Biegung und Torsion und der Nachweis der Querschnittstragfähigkeit für diese Beanspruchungen ausreicht.

untersucht werden. Bei sehr kurzen Trägern, d.h.

λ <

M

0,5

Die plastische Schnittgröße M pl,y,d kann Tabellen in [1] ent- nommen werden. Die Berechnungen werden dort auf Seite 219 erläutert, siehe auch Abschnitt 3. Das ideale Biegedrill- knickmoment M Ki,y kann mit Gl. (19) in DIN 18800 Teil 2 er- mittelt werden. Das Beispiel in Abschnitt 4 zeigt die konkrete Durchführung der Berechnungen.

3

Berechnungsgrundlagen

Das modifizierte κ M -Verfahren beruht auf Vergleichsrech- nungen im Sinne des Nachweisverfahrens Elastisch-Plas- tisch mit dem RUBSTAHL-Programm KSTAB (u.a. Bestand- teil der [1] beiliegenden RUBSTAHL-CD). Dabei werden die Schnittgrößen nach der Elastizitätstheorie II. Ordnung (An- satz einer sinusförmigen Vorkrümmung mit v 0m = L/400 in ne- gativer y-Richtung; mit γ M = 1,1 abgeminderte Steifigkeiten) unter Berücksichtigung der Torsion (St. Venantsche Torsion und Wölbkrafttorsion) berechnet. Anschließend wird für den gesamten Stab nachgewiesen, dass alle Schnittgrößen unter Ausnutzung plastischer Reserven gemäß dem Teilschnitt- größenverfahren (TSV) nach Kindmann/Frickel [1] vom Querschnitt aufgenommen werden können. Weiterhin wird die Grenztragfähigkeit dadurch beschränkt, dass höchstens eine Verdrehung ϑ = 0,3 rad zugelassen wird (siehe Ab- schnitt 2).

Bei der Verwendung des Bezugswertes M pl,y,d ist zu beach- ten, dass der Steg bei U-Querschnitten nicht plastiziert, son- dern elastisch bleibt. Erläuterungen dazu finden sich in [1]. Die genannte Definition ist in einschlägigen Profiltabellen, wie z.B. im Anhang von [1], bereits berücksichtigt.

Da mit dem modifizierten κ M -Verfahren alle o.g. Profile be- messen werden können, liegt die Tragfähigkeit im Vergleich zur KSTAB-Berechnung für das definierte Anwendungsspek- trum auf der sicheren Seite. Der Unterschied beträgt je nach

Profil und Schlankheitsgrad i.d.R. zwischen 0-15%, in Einzel- fällen (z.B. UPE 80) auch mehr.

4 Beispiel

Für das folgende Beispiel wird eine ausreichende Tragsicher- heit mit dem modifizierten κ M -Verfahren nachgewiesen.

gegeben: L = 4 m, q z = 11 kN/m, UPE 200 (S 235) max M y = 11 4 2 /8 = 22 kNm Querschnittskennwerte aus [1]:

I z = 187,3 cm 4 I ω = 11 565 cm 6

z F = -10 cm I T = 8,876 cm 4

M pl,y,d = 44,52 kNm

Biegedrillknickmoment: DIN 18800 Teil 2 [2], Gl. (19)

( 2 ) 2 c 2 = 11565 + 0,039 ⋅ 8,876 ⋅ 400 187,3
(
2
)
2
c 2
= 11565 + 0,039 ⋅ 8,876 ⋅ 400
187,3 = 357,45 cm
2
2
)
21 000
187,3
(1,1 400 220,57 kN
=
N Ki,z,d =π
2
M
= 1,12 ⋅ 220,57 ⋅
357,45 + 0,25 ⋅ 10
+ 0,5 ⋅
(
− 10
Ki,y,d

= 3 596 kNcm = 35,96 kNm

)

• Nachweis: → siehe Gl. (2) λ 44,52 35,96 = 1,113 → Bereich II M
• Nachweis: → siehe Gl. (2)
λ
44,52 35,96
=
1,113
Bereich II
M =
λ
=
0,69
0,44 1,113
=
0,200
T
λ
=
1,113
+
0,200
=
1,313
MT
(1
) − 0,4
5
κ
=
+
1,313
= 0,529
MT
M
y
22
=
=
0,934
<
1
κ
M
0,529 44,52
MT
pl,y,d

Bei vollständiger Ausnutzung kann eine maximale Gleich- streckenlast q z = 11,775 kN/m nachgewiesen werden. Im Vergleich dazu ergibt sich mit KSTAB: q z = 12,164 kN/m. Das modifizierte κ M -Verfahren liegt hier mit 3,2 % auf der sicheren Seite.

5 Literatur

[1] Kindmann, R., Frickel, J.: Elastische und plastische Querschnittstragfähigkeit. Verlag Ernst & Sohn, Berlin

2002

DIN 18800 (11.90): Stahlbauten; Teil 1: Bemessung und Konstruktion; Teil 2: Stabilitätsfälle, Knicken von Stäben und Stabwerken

[2]