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Schriftenreihe der Deutschsprachigen Gesellschaft

für Kunst und Psychopathologie des Ausdrucks e.V. (DGPA), Band 37


Herausgegeben vom Vorstand der DGPA, vertreten durch
Daniel Sollberger, Hans-Peter Kapfhammer, Axel-Uwe Walther,
Erik Boehlke und Manfred Heuser
Daniel Sollberger, Ulrich Kobbé, Thomas Röske, Erik Boehlke (Hrsg.)

Impulsgeber Prinzhorn

PABST SCIENCE PUBLISHERS


Lengerich
Korrespondenzadressen: PD Dr. med. Dr. phil Daniel Sollberger
Psychiatrie Baselland
Bienentalstraße 7
CH-4410 Liestal
E-Mail: daniel.sollberger@pbl.ch

Erik Boehlke
GIB e. V./GIB-Stiftung
Tuchmacherweg 8/10
D-13158 Berlin
E-Mail: e.boehlke@gib-ev.de

Umschlagabbildung: Hans-Prinzhorn-Medaille,
Künstler unbekannt

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© 2018 Pabst Science Publishers, D-49525 Lengerich


Konvertierung: Susanne Kemmer
Druck: KM-Druck, Groß-Umstadt

Print: ISBN 978-3-95853-463-6


E-book: ISBN 978-3-95853-464-3 (www.ciando.com)
Inhalt

DGPA Tagungsband
Impulsgeber Prinzhorn

Vorwort ......................................................................................... 9

1. Impulsgeber Prinzhorn .................................................................... 15


Thomas Röske
Mehrere Versuche, in Heidelberg ein Museum für pathologische
Kunst zu begründen.......................................................................... 16
Wilfried Huck
Impulsgeber Prinzhorn: Die Beziehung zwischen Hans Prinzhorn
und dem Schweizer Philosophen und Psychologen Hans Kunz................... 33
Erik Boehlke
Prinzhorns Impulse für eine neue anthropologische
Ausbildung von Ärzten ...................................................................... 41
Wolfram Voigtländer
Die Rezeption Prinzhorns durch Psychiater bis 1933 .............................. 58
Manfred P. Heuser
Jenseits von Johann Wolfgang von Goethe ........................................... 66
Guy Roux
Prinzhorn in Peru ... Überblick über die Arbeiten hospitalisierter
Schizophrener im Verlauf des XX. Jahrhunderts (1921-1980).................... 71
Claudia Botschev
Ausdruck und Verstehen von Seelischem in Bild und Metaphern
Eine Untersuchung von Beispielen aus Prinzhorns Sammlung und von
gegenwärtigen Darstellungen zum Erleben psychischen resp.
schizophrenen Krankseins ................................................................. 79

5
Inhaltsverzeichnis

2. Verstehensimpulse – phänomenologische Annäherungen


an die Werke der Sammlung Prinzhorn ............................................. 93
Thomas Fuchs
Das Unheimliche im Bild
Eine phänomenologische Studie anhand von Werken der
Sammlung Prinzhorn ........................................................................ 94
Sonja Frohoff
Symbole, Gestaltungswerte und Rhythmus:
Hans Prinzhorn und Henri Maldiney .................................................... 114
Daniel Sollberger
Übertragung – zur Bildgebung in der Psychiatrie ................................... 128
Patricia Feise-Mahnkopp
(Trans-) Religiosität im Œuvre Paul Goeschs aus werk- und
wirkungsanalytischer Perspektive ........................................................ 135

3. Psychopathologische Impulse: Wahnsinn, Irrsinn, Entgrenzung ........... 151


Jürgen Philipp Furtwängler
Sinn versus IrrSinn – die Psychiatrie, ein wissenschaftliches Paradoxon
Entartung oder Anders-Sein: ein Versuch ............................................. 152
Ulrich Kobbé
›Physiognomien des Wahnsinns‹
Zur Dialektik von Doctor Diamonds Bildnissen der Geisteskranken ............ 161
Peter M. Wehmeier
Eleutherius auf der Wartburg: Portrait eines Geisteskranken? ................... 176
Kamyar Nowidi
Psychopathologie der Entgrenzung und psychopathologische Ekstase:
Kunst im Spannungsfeld von Marquis de Sade und Ignatius de Loyola ...... 186

4. Impulse in Kunst und Therapie ........................................................ 197


Axel-Uwe Walther
Leben zwischen Rückzug und intensiver sozialer Exposition: Krankheits-
bewältigung einer schizophrenen Künstlerin und Psychologin ................. 198
Johannes M. Fox
Picasso und der Zirkus als Metapher des Lebens .................................... 209
Gitta Dorn
Nikola Dragosavljevic: „… so ist die Kunst meine neue
Heimat geworden.“ .......................................................................... 217

6
Inhaltsverzeichnis

Lony Schiltz
Die musikalische Improvisation als Ausdruck der Persönlichkeitsstruktur
jugendlicher Patienten ...................................................................... 224
Flora von Spreti
Im Niemandsland der Erfinder, Kosmonauten und wilden
Künstler – ein Bericht aus der Akut-Station .......................................... 234

Zu den Autorinnen und Autoren ....................................................... 243

7
Impulsgeber Prinzhorn
Vorwort

Hans Prinzhorn, Psychiater und Kunsthistoriker, hatte als einer der Assistenzärzte
unter Karl Wilmans an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg 1919 die
Aufgabe übernommen, die Sammlung von Bildwerken ‚Geisteskranker’, die von Emil
Kraepelin und Wilmans angelegt worden war, zu betreuen. Daraus ist nicht nur eine
umfangreiche und einzigartige Sammlung von Kunstwerken psychisch Kranker ent-
standen, die heute in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg vereint ist. Von dieser
Sammlung und Prinzhorns berühmter Publikation Bildnerei der Geisteskranken sind
vielfältige Impulse in Kunst, Kunstgeschichte und Kunstkritik sowie in Psychiatrie
und Philosophie ausgegangen. Der Sammlung Prinzhorn und Hans Prinzhorn selbst,
ihren Impulsen für ein Verständnis des künstlerischen Ausdrucks zwischen Ästhetik
und Psychopathologie widmete sich die 50. Jahrestagung der Deutschsprachigen
Gesellschaft für Kunst und Psychopathologie des Ausdrucks DGPA e.V. 2017 in Heidel-
berg, wovon die versammelten Beiträge im vorliegenden Band zeugen.
Der erste Teil widmet sich dem Impulsgeber Hans Prinzhorn und seiner Rezep-
tion. Thomas Röske zeichnet mit seiner als Leiter der Sammlung Prinzhorn histo-
risch ausgesprochen differenzierten Kenntnis den verschlungenen Entstehungsweg
der Heidelberger Sammlung von Anstaltskunst, die heute in einem eigenen Museums-
bau untergebracht ist. Er zeigt dabei auf, wie unter verschiedenen Blickwinkeln die
Konzeption der Sammlung betrachtet werden muss und damit in unterschiedlichsten
Diskursen verortet werden kann: So etwa im Kontext von psychiatrischer Diagnostik,
in einer kunstwissenschaftlich-philosophischen Perspektive, aus nationalsozialis­
diffamierender Sicht, aus künstlerischem Blickwinkel, psychiatriekritischer
tisch-­
und schließlich kulturgeschichtlicher Perspektive. Er eröffnet damit panoptisch die
verschiedenartigen Verstehens- und Zugangsweisen zu den Bildwerken der Samm-
lung und insgesamt zu den Impulsen, die von Prinzhorn selbst, seiner Sammlung
und in seinem Geiste ausgingen und weiter ausgehen.
Wilfried Huck und Erik Boehlke beleuchten in ihren Beiträgen die Impulse Prinz-
horns auf die Philosophie und Psychologie eines Hans Kunz einerseits, andererseits
auf die Reform des Medizinstudiums in Richtung einer anthropologischen Aus-
bildung von Ärzten. Herr Huck verstarb nach schwerer Krankheit am 6. November
2017, so dass dies sein letzter Beitrag in dieser Reihe ist. Eine Würdigung findet
sich auf Seite 33 dieses Bandes. Huck zeigt dabei auf, wie Prinzhorn für Hans Kunz
nicht allein die Impulse für eine vertiefte Beschäftigung mit der Psychoanalyse gab,
sondern für ihn auch zum „Netzarbeiter“ wurde und ihn mit Herausgebern und
Philosophen seiner Zeit vertraut machte und dabei insbesondere den persönlichen

9
Vorwort

Kontakt zu Martin Heidegger anregte. Boehlke seinerseits widmet sich der wenig
bekannten Schrift Prinzhorns, die dieser auf eine Preisausschreibung der Schrift-
leitung der Deutschen Medizinischen Wochenschrift aus dem Dezember 1926 zum
Titel Der beste Weg des Medizinstudiums, insbesondere der Ausbildung zum prakti-
schen Arzt verfasst hatte und situiert Prinzhorns Gedanken in der aktuellen Debatte
zu den Zugangskriterien für ein Medizinstudium. Prinzhorn stellt als Grundlage einer
allgemeinen Medizin eine anthropologische Medizin ins Zentrum der Ausbildung,
was neben einer „guten Anleitung“ eines „Umgangs mit Menschen“ ebenso bedeute,
dass theoretische Fundamente gelegt würden, die neben der Pathologie und Physio-
logie ebenso die „Psychologie, Geschichte der Medizin und Philosophie“ umfassten,
welche insbesondere eng mit der klinischen Lehre zu verbinden seien – eine Forde-
rung, wie sie heute in einschlägigen Debatten vermehrt wieder laut wird.
Wolfram Voigtländer skizziert in seinem Beitrag den psychiatrischen Diskurs, in
welchem sich Prinzhorns Sammlung und sein Hauptwerk situieren und der sich in
der Rezeptionsgeschichte Prinzhorns bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten
1933 in Deutschland fortschreibt: Die Sammlung Prinzhorns wird hier aus Auftrags-
perspektive wie auch in ihrer Rezeption als eine Art Lehrsammlung zum Zweck einer
empirisch gestützten psychiatrischen Diagnostik gesehen. Die Sammlung wird dabei
letztlich in einem Diskurs verortet, der aus der Verbindung von Wahnsinn und Genie
aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt und später in der Auseinandersetzung
mit der modernen Kunst im Begriff der Entartung bitter endet – dadurch paradoxer-
weise aber auch vielfach erhalten blieb, so dass die Werke der Sammlung in einer
von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung 1963 in Bern wieder in neuem Licht
gezeigt werden konnten.
Manfred Heuser unternimmt einen geistreichen Vergleich von Prinzhorn und Goe-
the und zeigt auf, inwiefern der Goethe-Kenner Prinzhorn in Sachen bildender Kunst
mit seiner Hinwendung zu den Kunstwerken ‚geisteskranker’ Menschen über Goethe
hinaus neue Impulse zu setzen vermochte.
Guy Roux weitet den Horizont der Sammlungstätigkeit und Kunstinteressen der
europäischen Psychiater Prinzhorn oder auch Walter Morgenthaler auf eine von Ho-
norio Delgado zur selben Zeit und von Grover Mori bis in die 1980er-Jahre geführten
Sammlung von Bildern schizophren erkrankter Künstler in Lima, Peru, die einen
weiteren Beleg der „kreativen Vitalität“ dieser Künstlergruppe geben.
Der Beitrag von Claudia Botschev schließt den ersten Teil des Bandes, indem er
die Frage nach dem Ausdruck und Verstehen von Seelischem in Bild und Metaphern
eröffnet und dabei einerseits auf die Konzepte Prinzhorns und Bleulers zurückgreift,
v. a. aber auf die Parallelen von ikonischen Zeichen und sprachlichen Tropen wie
etwa der Metapher in den sinnerschließenden Zugangswegen zu gegenständlich
nicht anschaubar Seelischem hinweist.
Der zweite Teil des Bandes widmet sich Impulsen für ein Verstehen, indem
phänomenologische Annäherungen an die Bildwerke aus der Sammlung Prinzhorn
versucht werden.

10
Vorwort

Thomas Fuchs, der in seinem Festvortrag auf das Unheimliche im Bild fokussiert,
analysiert Ernst Jentschs und Sigmund Freuds Begriffe des Unheimlichen. Er zeigt
auf, dass über die Situationen hinaus, in welchen der Tod das Leben oder die Ver-
gangenheit schicksalhaft unsere Freiheit bedroht oder „die Wiederkehr des Gleichen
… den Eindruck einer verborgenen Absichtlichkeit erweckt“, das Unheimliche viel-
mehr im Atmosphärischen angesiedelt ist und sich also einer Lokalisierung und
Konkretisierung entzieht. Das Subjekt wird von einer Atmosphäre erfasst, das Un-
heimliche zeigt sich in einem Zumutesein. Seine theoretische Konzeption des Un-
heimlichen erprobt Fuchs in der Folge an einzelnen Bildwerken aus der Sammlung
Prinzhorn.
Sonja Frohoff untersucht in ihrem Aufsatz die Impulse, die Prinzhorns Theorie
der Gestaltung auf die Bildtheorie Henri Maldineys gehabt hat – eine Bildtheorie,
die heute für die französische Ästhetik maßgeblich geworden ist. Sie zeigt dabei,
wie der „methodische Perspektivenwechsel“, der bei den Denkern für ein Verständ-
nis von Werken aus psychopathologischem Kontext, aber auch von Kunstwerken von
zentraler Bedeutung ist, in den Begriffen von Symbol, Gestaltungswert und Rhyth-
mus bei Prinzhorn wie Maldiney differenziert und für die Bildbetrachtung von Arbei-
ten aus der Sammlung Prinzhorn fruchtbar gemacht werden kann, so dass ins-
besondere im Rhythmus als ästhetischer Kategorie ein Gestus der Sinnerzeugung
sich zeige. Er komme in den Werken zum Ausdruck, deren Gehalt nicht in einer
„Symbolübersetzung“ zu finden sei, „sondern als Suchbewegung aufzufassen“ ist,
um „Grenzerfahrungen und Befindlichkeiten in den Bildausdruck zu bringen“.
In meinem Aufsatz versuche ich selbst anhand des vieldeutigen Begriffs der
Übertragung eine Parallelisierung von Bildübertragung im (apparate-)technischen
und im psychoanalytischen Sinn vorzunehmen und zu überlegen, inwieweit sie für
eine Anschauung der Bilder aus der Sammlung Prinzhorn nutzbar gemacht bzw. um-
gekehrt die Bildgebung in der Psychiatrie kritisch beleuchtet und ein naiver medi-
zinischer Realismus entlarvt werden kann. Bildgebung trägt eine Widersprüchlich-
keit in sich, da im Bild zwar etwas abgebildet werden soll, gleichzeitig aber etwas
dazu gegeben wird, so dass eine naiv verstandene Realität im Bild gerade verstellt
wird. Dies wird an den Fotografien, die Charcot von seinen hysterischen Patientin-
nen anfertigen ließ, exemplifiziert. Was mit Foto- und letztlich in der Filmtechnik,
wie an vielen Psychiatriefilmen nachzuvollziehen ist, übertragen wird, ist recht
eigentlich die Übertragung selbst, d. h. die affektive Beziehung, die Verstellung und
zum Teil Verstrickung des Zuschauers mit dem Gezeigten. In dieser Weise lässt sich
auch das Selbstportrait Karl Bühlers aus der Sammlung Prinzhorn ‚lesen’, d. h. de-
konstruieren als Irritation in der Übertragung nicht nur des abgebildeten Künstlers
auf uns, sondern auch von uns Betrachter (und damit auch des sich portraitierenden
Künstlers) auf das Abbild.
Patricia Feise-Mahnkopp verfolgt in ihrem Beitrag die (trans-)religiösen Kodie-
rungen und die Aspekte einer transzendenten Ästhetik im Werk eines prominenten
Vertreters nicht nur der Sammlung Prinzhorn, sondern einer visionären Moderne:

11
Vorwort

Paul Goesch. Dabei zeichnet sie in phänomenologischer Herangehensweise nach,


inwieweit die Arbeiten von Goesch in ihrer zeitunabhängigen Einzigartigkeit wir-
ken, gleichzeitig aber mit den avantgardistischen Impulsen in der Kunst in konsti-
tutivem Zusammenhang stehen – und darüber hinaus in der Thematisierung einer
Sehnsucht nach spiritueller Entgrenzung, in welcher sich Profanes und Sakrales
durchdringen, bis heute ihre Gültigkeit haben.
Der dritte Teil befasst sich mit Themen des Wahnsinns und der Entgrenzung,
letztlich also mit Impulsen einer Prinzhornschen Haltung für das psychopatho-
logische Verstehen.
Jürgen Philipp Furtwängler stellt das Wesensmerkmal der „Exzentrizität“ des Men-
schen ins Zentrum seiner grundsätzlichen Überlegungen zur Psychiatrie. Der Mensch
als Wesen, das nicht nur lebt, sondern sich selbst zu diesem Leben verhält, gerät
durch seine Reflexivität, die Sprache und Schrift in Paradoxien, die das philo-
sophische Dilemma der Psychiatrie mit der Dichotomie von Leib und Seele kenn-
zeichnen. Er skizziert dabei nicht nur die Tücken der Selbstreferentialität einer Er-
kenntnis, die sich selbst erkennt, und die Schwierigkeiten einer vermessenden
Wissenschaft, die sich zu sehr auf die eine Seite der Dichotomie schlägt, sondern
weist darauf hin, dass unter dem Blickwinkel von Entstehung, Erhaltung und Ver-
änderung verschiedene Organisationsformen desselben Gegenstandbereichs, Körper,
Geist und Seele in ihrem Zusammenwirken in Frage stehen. Er tut dies mit einem
Seitenblick auf den ihm verwandten Paul Goesch (und gewissermaßen auch in der
Verlängerung des Beitrags von Feise-Mahnkopp) in der Absicht, die als Folge eines
binär-dichotomen Denkens entstehenden unheilvollen, eugenisch-psychiatrisch le-
gitimierten Ausmerzungen, wie Goesch sie widerfahren sind, mit dem Impuls Prinz-
horns entgegenzutreten und nicht auf die Psychopathologie ‚Geisteskranker’, son-
dern auf deren bildnerisch-schöpferischen Potenziale zu fokussieren.
Ulrich Kobbé zeigt in seinem Beitrag zu Photografien des Doctor Diamond, die in
den 1970er-Jahren aufgefunden wurden, wie sehr die psychopathografischen Bild-
nisse von Geisteskranken bereits auch im 19. Jahrhundert Zeugnisse einer Non-Res-
traint-Reformbewegung sind. Sie weisen dabei über die in den Photografien erfasste
Individualität der Kranken hinaus auf eine respektvolle Arzt-Patienten- bzw. Photo-
graf-Portraitierten-Beziehung hin, die die PatientInnen vor dem Objektiv nicht nur
als ‚Objekte’ einer Behandlung, sondern in ihrer Subjektivität darstellen und die
Verstorbenen damit dem Vergessen entziehen.
Der Aufsatz von Peter M. Wehmeier beschäftigt sich mit dem von Lucas Cranach
portraitierten Junker Jörg, Martin Luther also oder, wie er sich selbst nannte, Eleut-
herius – und er fragt, ob Cranach in seinem Portrait nicht doch einen Geistes-
kranken, nämlich den fraglich manisch-depressiven Luther darzustellen versucht
habe, um dann zum einen ein differenzierteres Psychogramm von Luther zu zeich-
nen und zugleich über die Darstellung Bezüge zu Werken der modernen Kunst her-
zustellen. Er entzieht Cranachs Bild damit einem ausschließlich psychopatho-
logisch-pathografischen Diskurs, um ihn in einem kunsthistorischen zu situieren.

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Vorwort

Kamyar Nowidis Beitrag schließt diesen dritten Teil des Bandes mit einer Arbeit
zur Psychopathologie der Entgrenzung ab. Er zeigt dabei, wie die Schriften Marquis
de Sades, gewissermaßen Gründungsvater einer von allen moralischen Kategorien
losgelösten Hingabe an Exzesse der Gewalt, an Verbrechen und sexuellen Miss-
brauch, in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts in vielen Arbeiten von Courbet
über Goya bis Picasso „die dämonisierte Seite der künstlerischen Kreativität“ zu
befreien vermochten. In einem Spannungsbogen von de Sade hin zu Ignatius von
Loyola wirft der Autor die Frage auf, wie nah Dämonisches und Göttliches bei-
einander liegen und welche Funktion dabei der Psychopathologie zukommt.
Der letzte Teil des vorliegenden Bandes widmet sich den Impulsen, die nicht un-
mittelbar durch Prinzhorn, aber doch in seinem Geiste Eingang in die Kunst und in
Therapien gefunden haben.
So etwa im Beitrag von Axel-Uwe Walther, der am Beispiel einer schizophren er-
krankten Künstlerin nachzeichnet, wie sie im täglichen Bemühen um Struktur und
„psychophysisches Überleben“ zugleich ein künstlerisches Werk schafft, welches sie
letztlich am Leben hält.
Johannes M. Fox illustriert in seinem Beitrag zu Picasso, wie dieser in seiner dem
Stierkampf ähnlichen Faszination für den Zirkus Arbeiten geschaffen hat, die beide
Arenen, jene des Zirkus wie jene des Stierkampfs als Orte des theatrum mundi zei-
gen, auf welchen die heiter-verspielten und die ernsten, letztlich tödlichen Stücke
gezeigt werden – und damit im Werk Picassos ein umfassendes Bild der mensch-
lichen Existenz abgeben.
Während Gitta Dorn in ihrem Aufsatz die Bilder eines Künstlers und Patienten,
Nikola Dragosavljevic, als Ausdruck innerer Zerrissenheit und einer Suche nach Ver-
stehen und Zugehörigkeit liest, kommen Lony Schiltz und Flora von Spreti ab-
schließend auf therapeutische Kontexte zu sprechen. Im einen Fall verweist Schiltz
auf die Widerspiegelung von Anteilen der Persönlichkeit im musikalischen Ausdruck
und exemplifiziert die in der Veränderung des musikalischen Ausdrucks erkennbaren
therapeutischen Prozesse. Im anderen Fall präsentiert von Spreti anhand kleiner
Fallvignetten künstlerische Arbeiten von Patienten auf einer psychiatrischen Akut­
station, die zeigen, dass bei aller Schwere einer schizophrenen Störung „auch die
gesunden, kreativen Nischen“ erhalten bleiben und „für uns, die ‚Normalen‘, gerade
im bildnerischen Ausdruck, den Zauber des Fremden, Grenzenlosen und des archaisch
Vertrauten in sich tragen“.
Der vorliegende Band gibt ein Abbild der vielfältigen Impulse, die direkt von
Hans Prinzhorn, seiner Sammlung, aber auch aus seiner Geisteshaltung in ver-
schiedensten Bereichen der Psychiatrie, Psychopathologie und insbesondere der
Kunst wirksam geworden sind und es weiterhin sein werden.
Ich möchte an dieser Stelle meinen Mitherausgebern, allen voran Ulrich Kobbé,
aber auch Erik Boehlke und Thomas Röske einen großen Dank für die redaktionelle
Arbeit aussprechen. An Thomas Röske als Leiter der Sammlung Prinzhorn in Heidel-
berg und profundem Kenner der über 26.000 Werke umfassenden Sammlung geht ein

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Vorwort

ebenso großer Dank für die Ausrichtung der DGPA-Jubiläumstagung 2017 im Mu-
seum in Heidelberg. Und schließlich bedanken wir uns alle herzlich beim Verlag
Pabst Science Publishers für die erneut sehr gute Zusammenarbeit.

Daniel Sollberger,
im Juli 2018

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