Sie sind auf Seite 1von 60

1 Philosophie

Richard Heinrich

Abstract: Chapter 1, Philosophy, singles out three different thematic fields in which the line is either addressed directly, as an autonomous concept, or dis- cussed as a necessary means (or a salient paradigm) of representation. In the first part, comprising texts by Plato, Kant, Nietzsche, Wittgenstein, and Derrida, the focus is on issues of order, connectivity, and hierarchy. The second gives an impression of the fundamental role of the line in various philosophical reflections on time; the texts here are taken from Aristotle, Hans Reichenbach, Kant, and Hans Blumenberg. Part three focuses on the significance of the line in philosophi- cal approaches concerning the foundations of geometry, as well as in the larger context of theories of space. The texts are taken from Descartes, Leibniz, Cusanus, and, again, Kant. A fourth part is devoted in its entirety to Gilles Deleuze, who stands out among the philosophers because he considered the concept of the line as essential to his understanding of philosophy itself.

1.0 Einleitung

Ist ‚die Linie‘ ein philosophischer Begriff, stellt sie genuine Probleme für die Philosophie? Wer über die Linie in breiter Perspektive nachdenkt, wird leicht auf solche Fragen – um nicht zu sagen: Zweifel – verfallen. Denn da bieten sich Zugänge von der Mathematik oder Kunstgeschichte her scheinbar selbstver- ständlich an, während sich das philosophische Interesse zunächst in disparaten Zusammenhängen – und mit sehr verschiedener Ernsthaftigkeit – bekundet. Aber was ist schon ein genuines Problem der Philosophie? Selbst dort, wo solideste Tradition einem Begriff sein philosophisches Gewicht verbürgt, pro- filiert er sich wesentlich im Austausch mit externen Ansprüchen, Disziplinen, Entwicklungen. Ein drastisches Beispiel: Man kann wohl sagen, dass der Begriff Wahrheit bei Platon geradezu definierend in eine Vorstellung von Philosophie eingeht, die bis heute Verbindlichkeit beansprucht – ja, dass er vor allem immer wieder dazu diente, philosophische Kompetenz gegen konkurrierende intellektu- elle Ambitionen abzugrenzen. Und doch ist alle philosophische Theoriebildung über Wahrheit – auch schon am Ursprung – von Impulsen aus den Sphären von Politik, Recht, Religion und Wissenschaft geprägt (vgl. Heinrich 2009). Erst recht wird man bei einem facettenreichen Begriff wie der Linie die unab- hängigen Praktiken und Kontexte im Auge haben müssen, die sich jeweils in

DOI 10.1515/9783110467949-002

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

20

 Richard Heinrich

einem philosophischen Ansatz reflektieren. Damit liegt es natürlich auch nahe, die Verschiedenheit solcher Diskurse hier zu einem Prinzip der Gruppierung von Texten zu machen. In einzelnen Themenfeldern ist das sowieso unumgänglich:

Immer wieder begegnen charakteristische philosophische Auffassungen der Linie, die nur vor dem Hintergrund bestimmter geometrischer Theorien nachvoll- ziehbar sind. Gleichwohl spricht einiges dagegen, ausschließlich auf eine Strate- gie der Orientierung an wechselnden Kontexten zu setzen. Drei Motive für diesen Vorbehalt sollen kurz vergegenwärtigt werden; sie hängen inhaltlich zusammen. Das erste besteht einfach darin, dass doch die Frage eines intrinsischen Interes- ses der Philosophie an der Linie nicht ungeprüft abgewiesen werden sollte; ein zweites ergibt sich aus dem aufdringlich metaphorischen Charakter vieler – und keineswegs nur philosophischer – Aussagen zur Linie; das dritte Motiv ist die mehr oder weniger starke Einbindung von Reflexionen über die Linie in eine Phi- losophie des Raumes.

Ein intrinsisches Interesse? Ein inneres Interesse der Philosophie an der Linie, motiviert aus ihrer Selbstreflexion, muss allerdings nicht schon spezifisch sein:

Die gleichen Fragestellungen können sich auch in anderen Disziplinen, vor einem anderen Hintergrund, geltend machen. In besonderem Maße ist dies überall dort der Fall, wo die Darstellung von Ordnungen und systematischen Zusam- menhängen Gegenstand – und nicht bloß Mittel – der Theoriebildung ist, wie in der Mathematik, der Rhetorik und der Logik. Hierarchie, Abfolge, Einteilung, Verzweigung beispielsweise sind wichtige Begriffe in diesen Feldern, die eine Vorstellung der Linie (Verbindungslinie, genealogische Linie usf.) aufrufen. Die vielleicht berühmteste Textstelle, die die europäische Philosophiegeschichte zur Linie vorzuweisen hat, Platons Liniengleichnis, macht eine Aussage zur Theorie des Erkennens, und ist doch zugleich ein Beispiel für diese nicht-spezifische Funktion der Linie. Prägend wird sie vor allem in der Logik, in Grenzbereichen von Notation, Symbolismus und Theoriebildung. Gelegentlich aber erscheint das Linienmotiv (als Bild systematischen Zusam- menhanges) zugespitzt auf das Denken schlechthin, auf die Erfassung dessen, was man die authentische Bewegung des Denkens nennen könnte, und in diesem Umfeld begegnen dann Versuche einer genuin philosophischen Deutung oder Aneignung der Linie. Manche Philosophen – z. B. G. W. F. Hegel oder Gilles Deleuze – setzen sich mit jener Vorstellung einer Bewegung des Denkens direkt auseinander,21 interessant sind aber auch enger gefasste Problemstellungen,

21 Hegel spricht in der Phänomenologie des Geistes, im Kapitel über das „Unglückliche Bewußt- sein“, von einer „reine[n] Bewegung des Denkens“ (Hegel 1970, S. 157), deutlicher noch in der

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

21

etwa die Rolle von Zeichen und Ausdruck im Verhältnis von Denken und Sprache betreffend: Dann ist ein Auftritt der Linie als elementares Phänomen der Versinn- lichung fast obligat. Auch spekulative Ansätze Jacques Derridas zum Verhältnis von Schrift, Sprache und Spur, in denen Aspekte des Linearen prominent hervor- treten, gehören in diesen Zusammenhang.22

Metaphorik. Wenn man an konkrete Fälle denkt, wo die Linie als Darstellungs- mittel für Ordnung fungiert, wird man unweigerlich auf ein Problem der Meta- phorik stoßen: Ist ein Begriff wie Zusammenhang auf einer Ebene der Abstraktion fassbar, wo er keinerlei bestimmte Darstellungsform impliziert? Oder enthalten auch solche Vorstellungen gewisse Restriktionen hinsichtlich möglicher Dar- stellungsformen? Ist vielleicht, drittens, Ordnung ohne bildliche (tendenziell:

graphische) Repräsentation gar nicht denkbar? Im ersten Fall wird man geneigt sein, alle diskursiven Beschreibungen, die auf bildliche Darstellung verweisen, als metaphorisch zu bezeichnen. In den anderen beiden Fällen wird man sich darum bemühen, das eigentlich Metaphorische von stärkeren Weisen der Dar- stellung zu unterscheiden, wie sie etwa Immanuel Kant mit dem Begriff Schema im Auge hatte – eine Art Basisprozedur für die sinnliche (raum-zeitliche) Deutung abstrakter Begriffe.23 In solchen Zusammenhängen wird die Linie immer ein hoch charakteristisches Grenzphänomen sein: Symbol und Mittel der Symbolisierung, Bild und Schema jeweils zugleich. Während also im Rahmen einer Philosophie der Darstellung oder des Sym- bolischen ein theoretisches Interesse an der Linie besteht,24 ist sie doch zugleich auch als einfache Metapher, als Wald- und Wiesen-Metapher, in der Philoso- phie allgegenwärtig: Aus irgendeinem Gesichtspunkt können fast alle philoso- phischen Bezüge auf die Linie figürlich verstanden werden. Hier ist es freilich wichtig, Grade der Verbindlichkeit der Metapher zu unterscheiden. So gibt es die

Vorrede, wo er von den „reinen Gedanken“ des „sein Wesen denkende[n] Geist[es]“ sagt: „Ihre [der reinen Gedanken] Selbstbewegung ist ihr geistiges Leben und ist das, wodurch sich die Wissenschaft konstituiert […]“ (Hegel 1970, S. 17). Deleuze: „Das Denken beansprucht ‚nur‘ die Bewegung, die bis ins Unendliche getrieben werden kann. Was das Denken in rechtlicher Bezie- hung beansprucht und auswählt, ist die unendliche Bewegung oder die Bewegung des Unendli- chen. Sie ist es, die das Bild des Denkens konstituiert.“ (Deleuze 2000, S. 44–45) 22 Vgl. Derrida 1988b, sowie den Text „Freud und der Schauplatz der Schrift“ (Derrida 1972,

S. 302–350).

23 Vgl. Kant KrV, S. 100–101 und auch KU, S. 351–352 24 In dem einflussreichen Ansatz Nelson Goodmans (vgl. Goodman 1973) ist das Verhältnis von Repräsentation und Ausdruck grundlegend für eine Differenzierung der Darstellungsmodalitä- ten

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

22

 Richard Heinrich

unzähligen Verwendungen, in denen sie leicht ersetzbar scheint, wenn es etwa darum geht, ‚seiner Linie treu zu bleiben‘25 oder ‚eine Linie zu überschreiten‘26; anders gelagert sind Fälle wie Kants Verwendung des Wortes Leitfaden, wo die (hier freilich nicht ausdrücklich genannte) Linie oder Linearität einen Inhalt des intendierten Gedankens aufnimmt oder spiegelt; und schließlich stehen ganz am anderen Ende des Spektrums Fälle wie die Linie (oder Linearität) der Zeit, wo ein alternatives Sinnbild ähnlich schwer zu finden wäre wie im Falle des Begriffes Ordnung. Die Linie als Metapher ist also gewiss nicht nur eine Metapher, und das gilt nicht bloß in dem Sinn, dass es Sachverhalte von sehr verschiedenem theo- retischen Gewicht sind, die von ihr ins Licht gesetzt werden, sondern vor allem in dem Sinn, dass verschiedene Aspekte an ihr selbst diese Beleuchtungseffekte hervorbringen. Die Geschichte der Philosophie, und vor allem auch die Eigentümlichkeiten in der Entwicklung ihrer Terminologie, lassen gewissen Metaphern (die durch- aus auch in der gewöhnlichen Sprache gängig sein können) eine Aussagekraft zuwachsen, mit der sie hoch theoretische Diskurse über weite Strecken kanali- sieren: Nicht explizit wie ein Axiomensystem, aber mit umso zäherer Verbind- lichkeit wirkt das Bild der Linie gestaltend in einem Themenfeld wie ‚Zeit‘. Eine Metapher dieser Art ernsthaft in Frage zu stellen kann bedeuten, einen bestimm- ten Problembereich von Grund auf neu zu ordnen – kann einen theoretischen Bruch bedeuten.27 Hier liegt ein anderes Motiv vor, als wenn es – wie oben – um die ausge- zeichnete Stellung der Linie innerhalb einer Symboltheorie geht; aber die Fragen konvergieren, sobald man die Abhängigkeit philosophischer Theoriebildung von tief verankerten Metaphern im Allgemeinen thematisiert. Dann profilieren sich extreme Auffassungen, wie etwa die Forderung nach einer (zumindest partiellen) Überführung des diskursiv-sprachlichen Ausdrucks in eine Notation,28 wo erst recht wieder die Bedeutungsvielfalt der Linie als elementares graphisches Phä-

25 Vgl. auch z. B. Nietzsche in der Götzendämmerung: „Womit compromittirt man sich heute? Wenn man Consequenz hat. Wenn man in gerader Linie geht“ (Nietzsche 1980, KSA 6, S. 122). 26 Eine solche unverbindliche Metapher bleibt die Linie, ungeachtet ihrer prominenten Stellung im Titel, auch in Ernst Jüngers Essay Über die Linie (Jünger 1950). 27 Im Sinne dessen, was Thomas Kuhn „wissenschaftliche Revolution“ nennt, „eine Verschie- bung des begrifflichen Netzwerks […], durch welches die Wissenschaftler die Welt betrachten“ (Kuhn 1990, S. 141). 28 So etwa im Tractatus logico-philosophicus des frühen Wittgenstein: „6.122: Daraus ergibt sich, daß wir auch ohne die logischen Sätze auskommen können, da wir ja in einer entsprechenden Notation die formalen Eigenschaften der Sätze durch das bloße Ansehen dieser Sätze erkennen können“ (Wittgenstein TLP, 70). Zum Begriff der Notation selbst siehe Goodman 1973, S. 135–180

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

23

nomen zur Geltung kommt (lineare, zwei- oder mehrdimensionale Ordnung von Symbolen), zu philosophischer Geltung gewissermaßen. Am Gegenpol steht die Auffassung, dass Philosophie die Unverbindlichkeit, die auch in sachlich moti- vierten Metaphern steckt, durch Festlegung eines technischen Gebrauches nicht prinzipiell auszuschalten vermag – Philosophie kann nicht nur in einer techni- schen Sprache existieren. Anstelle der Fixierung von Vagheit in Definitionen oder Notationen werden dann oft Prozeduren (oder auch Rituale) der transzendenta- len oder phänomenologischen Begründung aufgeboten – oder Thesen wie die von Derrida, dass man eben die Umgangssprache als die technische Sprache der Philosophie betrachten müsse (vgl. Derrida 1988b).

Linie und Raum. Eine Frage, die sich über die Verschiedenheit dieser (und anderer) Motive hinweg immer wieder stellt – und daher auch eigene Aufmerk- samkeit verdient –, ist die nach dem Verhältnis von Linie und Raum. Natürlich lassen sich unschwer Kontexte finden, in denen sie mühelos zu beantworten scheint. Wir sagen etwa: ‚Die Linie ist ein eindimensionaler Raum‘ – und schon ist die Sache vom Tisch. Oder wir sagen: ‚Drei Linien können einen Raum auf- spannen‘ – und schon haben wir eine Abhängigkeit fixiert. Oder wir sagen: ‚Eine Linie kann man nur in einem Raum ziehen‘ – und die Frage ist (auf wieder andere Weise) erledigt. Diese Vorschläge legen allerdings den Verdacht nahe, dass es eher die (ein wenig schnippischen) Antworten sind, die die Eindeutigkeit des Kontexts suggerieren, als dass sie umgekehrt von so einem Kontext her vorgege- ben wären. Denn es lässt sich nicht ohne weiteres sagen: Hier ist der Kontext die Geometrie; in diesem Fall müsste man erst erklären, ob jene drei Antworten über- haupt eine konsistente Auffassung von Linie repräsentieren, und das ist gerade nicht aufwandslos möglich. Es sind in Wahrheit mehrere, wesentlich engere, genauer zu beschreibende Kontexte, in denen das geometrische Verhältnis von Linie und Raum jeweils eindeutig gemacht werden kann.29 Einerseits ist dies also ein einprägsames Beispiel für die innere Aspektvielfalt der Linie; andererseits deutet sich auch eine Versuchung für die Philosophie in der entgegengesetzten Richtung an: nämlich zu glauben, dass die multiple Meta- phorizität der Linie im Grunde nur die Verschiedenheit jener Aspekte ausbeute, die in der Geometrie manifest werden. Wenn wir von einem sozialen oder einem logischen Raum sprechen (oder sonst in offen bildlicher Rede von einem Raum), so tun wir das meist gerade deswegen, weil wir auch von Linien, Koordinaten, Richtungen, Schnitten usf. sprechen möchten. Stillschweigend appellieren wir an die Geometrie als Autorität, wenn es darum geht, verschiedene Sichtweisen

29 Vgl. unten S. 80.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

24

 Richard Heinrich

auf die Linie in einem übergeordneten Ganzen zu integrieren. Für diese Erwar- tung hat insbesondere der Begriff der Dimension Gewicht: Mit ihm wird traditio- nell die Linie in den Gesamtkontext räumlichen Denkens hineingezogen. Alternativ zu dieser Tendenz macht es durchaus Sinn zu fragen, bis zu welchem Grad eine Reflexion auf die Linie sich in einer Philosophie des Raumes artikulieren ließe. Denn historisch gibt oder gab es eine Philosophie des Raumes – im Unterschied zu einer der Linie – tatsächlich, und in diesem Rahmen wurde immer wieder nach einer Perspektive gesucht, die auch die Geometrie transzen- dierend oder transzendental zu begründen erlaubt (etwa bei Leibniz, Kant, aber auch Husserl).30 Dass ‚Raum‘ selbst ein gleichsam vieldimensionaler Begriff ist, in dem mythologische, geometrische, psychologische … Elemente zusammen gewachsen sind (vgl. Cassirer 2010, S. 98), spricht nicht dagegen, ihn als den geeigneten Ort für eine Philosophie der Linie anzusehen: Er hat doch gerade deshalb in der europäischen Philosophie immer wieder entscheidende Fragestel- lungen (aus Theologie und Physik, Logik und Mathematik) gebündelt. Gegen diese Neigung, und in vielen weiteren Hinsichten unorthodox, denkt Deleuze, der eine philosophische Emanzipation der Linie nicht bloß von der Geo- metrie, sondern vom Raum anstrebt: Es gelte mindestens ebenso sehr, den Raum von der Linie her zu verstehen, wie umgekehrt. Ein Charakteristikum seines Ver- suches ist die Aufwertung des Direktionalen gegenüber dem Dimensionalen in der Auffassung der Linie. Deleuze hat seine diesbezüglichen Gedanken nirgends effektiv koordiniert – in einer eigenen Gruppe von Textauszügen soll hier jedoch ein Bild vom Zusammenhang der wichtigsten Aspekte gegeben werden.

Zu den Texten. Die Texte sind weder nach einem übergreifenden Prinzip ausge- wählt, noch sind sie – das gilt auch für einzelne Teilbereiche – in irgendeinem Sinn vollständig. Repräsentativ ist die Auswahl bloß insofern, als sie die Inho- mogenität in den philosophischen Bezügen auf das Phänomen spiegelt: Sie wird in der Mannigfaltigkeit der thematischen Schwerpunkte ebenso deutlich wie in den Unterschieden der Intensität, mit der auf den Begriff Linie selbst reflektiert wird. Die immer wieder neu pointierten, immer auf Grundsätzliches gerichteten Gedanken von Deleuze* zur Linie stechen gerade unter diesem Gesichtspunkt hervor und werden deshalb in einer eigenen (letzten) Gruppe von Auszügen prä- sentiert.

30 In diesem Kontext ist Manfred Sommers Buch Von der Bildfläche. Eine Archäologie der Line- atur (M. Sommer 2016) zu sehen: ein völlig eigenständiger Versuch, Konstitution und Erfahrung von Dimensionalität aus einer interdisziplinären gestaltgeschichtlichen Perspektive zu beschrei- ben.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

25

Die erste, umfangreiche Gruppe ist Texten gewidmet, in denen die Funktion der Linie bei der Konzeptualisierung und Darstellung von Ordnung sichtbar wird; hier sind auch Texte zu der Frage der Linienmetaphorik aufgenommen. Unter dem Titel ‚Zeit‘ werden Texte vorgestellt, die die Funktion der Linie als Leitmetapher für einen konkreten Problembereich veranschaulichen. Selbstverständlich ist es schließlich, dass in einer eigenen Gruppe die beson- dere Bedeutung veranschaulicht wird, die der Geometrie auch für philosophische Reflexion auf die Linie zukommt.

Ordnung im Denken (1.1)

Wenn in einem philosophischen Text der Begriff Linie begegnet, muss man nicht damit rechnen, dass seine Aussagekraft aus den theorietragenden Prinzi- pien oder den argumentativen Zielsetzungen begründet ist, die an der jeweiligen Stelle Geltung haben. Meist verhält es sich umgekehrt: Gewisse Annahmen über das Wesen der Linie, die in unseren gewöhnlichen Sprachgebrauch eingegangen sind, sollen die Sachaussage deutlicher fassbar machen, ihr eine kräftigere Farbe verleihen: Die Linie ist in solchen Fällen Bild, Metapher. Metaphorische Effekte müssen nicht auf die rhetorische Ebene beschränkt bleiben: Sie produzieren Erkenntnischancen, wenn im Schlepptau eines bestimmten Leitbegriffes ein Netz sprachlicher Differenzierungen von einem Verwendungsbereich in einen anderen übertragen wird31 (man denke an die Wanderungen zwischen Natur- und Sozial- wissenschaften, die Begriffe wie Feld oder Strom hinter sich haben). Während in den Wissenschaften der Erfolg einer solchen Transaktion üblicherweise dadurch als bestätigt gilt, dass die importierten Begriffe eine exakte Neu-Definition erhal- ten, bleibt in der Philosophie oft unausgesprochen, welche Elemente oder Facet- ten eines übertragenen Idioms im aktuellen Kontext eigentlich operativ sind. An einer Stelle in der Götzendämmerung, wo Friedrich Nietzsche* über den Wert des Egoismus spricht, kann man Grade der Ernsthaftigkeit unterscheiden, mit denen die Linienmetapher funktioniert. Nietzsche sagt dort, dass Egoismus nicht an sich ein Wert oder Unwert sei, sondern nur im Verhältnis zu einem Ent- wicklungsverlauf, in den er sich einbindet oder den er darstellt. Jene Entwicklung sollen wir als „Gesammt-Leben“ auffassen, und dessen Fortschritt oder Verfall als

31 „A memorable metaphor has the power to bring two separate domains into cognitive and emotional relation by using language directly appropriate to the one as a lens for seeing the other; the implications, suggestions, and supporting values entwined with the literal use of the metaphorical expression enable us to see a new subject matter in a new way“ (Black 1962, S. 236).

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

26

 Richard Heinrich

aufsteigende beziehungsweise absteigende Linie – ein zunächst unverbindlicher Zugriff auf die Metapher von der Linie des Lebens. Das Bild wird anspruchsvol- ler, wenn Nietzsche den Einzelnen (um dessen Egoismus es geht) nicht als Punkt oder Abschnitt auf jener Linie, nicht bloß als Erben eines bereits abgelaufenen Prozesses bezeichnet; das Individuum rekapituliert vielmehr (wie Ernst Haeckel sagen würde) den Prozess – es ist selbst die Linie in ihrer Totalität. Damit spricht er eine Spannung an, die zwischen unserer Vorstellung von der Linie als einer Menge diskreter Elemente einerseits, als eines ursprünglichen, vor seinen Ele- menten gegebenen Ganzen andererseits besteht: als müssten wir, um den Punkt als Punkt auf der Linie vorstellen zu können, in ihn schon alles hinein gedacht haben, was eine Linie ausmacht. Dieser ganz und gar nicht-triviale Aspekt macht die Metapher riskanter und aussagekräftiger zugleich – er ist es, der die komplexe Beziehung von Selbstsucht und Leben zum Ausdruck bringt, die in Nietzsches Denken insgesamt so bedeutend ist. Trotzdem handelt es sich nur um ein Bild:

Nietzsche stellt eine philosophische Reflexion über Leben und Individualität an, nicht über die Linie. Eine Sammlung solcher philosophischer Metaphern, gereiht nach der Tiefe ihres Eingehens auf spezifische Aspekte der Linie, könnte faszinierend sein – den Rahmen dieser Quellenpräsentation würde sie sprengen. Für den ersten Abschnitt wurden Texte ausgewählt, deren Besonderheit darin liegt, dass sie die Linie gleichsam an der Grenze zwischen Metaphorik und authentischer Präsenz verlaufen lassen: Für Ordnung gilt, dass die Linie sowohl das handfeste Mittel ihrer Herstellung sein kann wie auch ein wesentliches Instrument ihrer begriffli- chen Reflexion. Wobei sich freilich sofort weitere Differenzierungen aufdrängen – denn es macht einen großen Unterschied, ob etwa bei der Herstellung einer linearen Ordnung tatsächlich konkrete Gegenstände manipuliert werden (wie beim Auf- legen von Münzen oder Farbstiften in einer Reihe), oder ob eine solche Manipu- lation bloß vorgestellt wird – oder ob es überhaupt um die Anordnung von abs- trakten Items wie Zahlen, Einfällen, Lehrsätzen, Namen geht. So z. B. bei Ludwig Wittgenstein* [(2), S. 53–54]: In einer Tabelle, die Elemente aus zwei verschiede- nen Bereichen koordiniert, sind Verbindungslinien mit der Hand gezeichnet; die Elemente in den beiden Kolonnen sind nicht die Gegenstände selbst, die es zu kor- relieren gilt, sondern deren Stellvertreter, ihre Zeichen;32 sind die Verbindungs- linien Zeichen von derselben Art? Man könnte sagen: Ja, weil sie auf zeichen- hafte Weise Verbindungen vertreten, die in Gedanken hergestellt wurden. Wie

32 An dieser Stelle gilt das genau genommen nur für eine der beiden Kolonnen, die Bilder der Bausteinformen.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

27

verhält es sich aber in dem Fall, wo wir zwei Reihen von korrelierten Eintragun- gen ungenau nebeneinander geschrieben haben und erst durch das Einzeichnen von Linien erkennen, welche Verbindungen bestehen? Wenn wir darauf beharren wollen, dass die Linien bloße Zeichen sind, werden wir wohl etwas Ähnliches sagen wie, dass sie Zeichen (zeichenhafter Ausdruck) für die suchende Aktivität, die suchende Bewegung unseres Denkens, sind. Wie aber würden wir diese Akti- vität beschreiben, wenn nicht als das Ziehen einer Linie in der Vorstellung? Wittgenstein möchte an dieser Stelle vor allem einer Alternative ausweichen:

dass nämlich entweder die Linien von sich aus sagen, was korreliert ist — oder bloß Zeichen für die schon unabhängig bestehende eigentliche Korrelation wären. Er hingegen fasst die Linie als charakteristisches Element in einer Gesamtszene des Erlernens einer Regel. Weder die gezeichnete Linie allein, noch ein mentaler Vorgang allein, sondern die komplexe Situation der ‚Abrichtung‘ in ihrer Ganz- heit ist die Basis der Korrelation: Wir haben es mit einer Linienpraktik zu tun, zugeschnitten auf ein bestimmtes Szenario des Ordnens. Das gilt bei Wittgenstein [(6), S. 55] auch für einen einzelnen (richtungswei- senden) Pfeil: Weder zeigt er als toter Strich, noch handelt es sich um einen rein psychischen Vollzug – der Pfeil zeigt in der Anwendung, die den Strich und die Reaktion (oder: Reaktionsbereitschaft) integriert. An diesem Zusammenhang von Linie und Ordnung (Zuordnung, Anord- nung, Reihenfolge etc.) hält Wittgenstein in aller Allgemeinheit fest: Ein Schlüs- selbegriff ist ‚Regel‘. Bei der Tabelle haben wir es mit einer bestimmten Art von Regel zu tun, man könnte sie Zuordnungsregel nennen; die Linie spielt ihre Rolle aber überall, wo die wesentlichen Elemente von Regelhaftigkeit (Allgemeinheit, Gleichheit) vorliegen,33 vor allem auch in dem Bereich, wo Wittgenstein die ent- scheidenden Beispiele für seine Untersuchung des Begriffes Regelfolgen über- haupt findet: wo es um das Fortsetzen einer Reihe (etwa von Zahlen) geht. Wittgenstein [(4), S. 54–55] zeigt (in der Abfolge der Bemerkungen PU § 229 bis 232), wie die Linie konkretisiert, was am Anfang bloß das unbestimmte Gefühl ist, das allgemeine Gesetz der Reihe als solches anschaulich erfasst zu haben. Genauso wenig, wie die in der realen Tabelle gezogenen Verbindungslinien von sich aus zeigen, kann aber die vorgestellte Linie inspirierend die Richtigkeit der Fortsetzung begründen. Sie hat in diesem Sinn symbolischen Stellenwert – so Wittgenstein [(3), S. 54]. Das bedeutet keineswegs, dass sie das Bild einer tiefe-

33 Das verdeutlicht Wittgenstein [(1), S. 53] mit dem Zusammenhang von Richtungspfeil und Wegweiser.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

28

 Richard Heinrich

ren (in den Tiefen der Seele verborgenen, wie Kant sagt34) Instanz wäre, in der jene Verbindlichkeit wirklich gründete. Sie ist – wie die Tabellenlinien – in einer stabilen, aber kontingenten Weise mit anderen Faktoren in dem Ganzen des Ver- haltens ‚Regelfolgen‘ verknüpft. Sie kann die richtige Fortsetzung nicht rechtferti- gen und ist auch nicht bildhafte Vertretung einer anderen, autoritativen Instanz; aber sie ist ein obligates, nicht wegzudenkendes Element in der Reflexion, in der Beschreibung des regelkonformen Verhaltens. Auch als vorgestellte Linie bleibt sie konkretes Element einer komplexen Praxis. Wittgenstein [(5), S. 55] macht diese Abhängigkeit sinnfällig: In dieser Szene ist die vorgestellte Linie, in der sich ein Gesetz veranschaulicht (die Linie als Gleis, dem entlang sich die Vorstellung bewegt), gleichsam nach außen gestülpt, sichtbar gemacht; wenn aber nicht das gesamte Verhalten (Öffnen und Schließen des Zirkels, Gestalt der zweiten Linie) diese Regelmäßigkeit bezeugt, ist die als Vorlage dienende Linie einfach keine Regel. Jedoch: Könnte – kontrafaktisch – das fiktive Subjekt dieser Szene „seine Art, der Linie zu folgen“ lehren, dann funktionierte sie als Regel, als Gleis im Sinne von Wittgenstein [(3), S. 54]. Keineswegs immer manifestiert sich die Linie dort, wo sie bei der Herstel- lung oder Erhaltung einer Ordnung leitend ist, so deutlich. Ein einschlägiger Fall ist die Disziplinierung des Gedächtnisses in der Rhetorik. Um die Abfolge der Teile einer langen Rede sicher im Gedächtnis zu speichern, werden Hilfsmit- tel wie die klassische Methode der Bilder und Plätze eingesetzt: Die einzelnen Inhalte werden durch Bilder vertreten, und diese wiederum in der Vorstellung an Orten ‚deponiert‘, die – mit fester Reihenfolge – vorgegeben sind, typischer- weise als eine Architektur, in der sich auffällige Stellen wie Mauervorsprünge, Fenster, Fensterbänke, Säulenkapitelle, Architrave, Türen etc. leicht unterschei- den lassen (für einen professionellen Redner kann es ausreichen, sich eine der- artige Architektur einmal in seiner Karriere für immer eingeprägt zu haben). Im Vollzug der Rede werden dann die Inhalte – in der vorgegebenen Folge – von ihren Plätzen gleichsam abgeholt. Die Vorstellung einer linearen Bewegung durch den Raum ist hier offensichtlich zentral. Dabei braucht, von den konkre- ten Inhalten her gesehen, der imaginierte Weg nicht notwendig wiederholungs- frei zu verlaufen – ein bestimmtes Bild (oder eine begrenzte Bildfolge) kann an mehreren Plätzen deponiert werden. Wenn ein umfangreicher Text ohne das Hilfsmittel eines solchen vorgezeichneten Weges präsent gehalten werden soll,

34 „Dieser Schematismus unseres Verstandes, in Ansehung der Erscheinungen und ihrer blo- ßen Form, ist eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, deren wahre Hand- griffe wir der Natur schwerlich jemals abraten, und sie unverdeckt vor Augen legen werden.“ (Kant KrV, S. 101)

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

29

haben Wiederholungen sogar einen positiven Effekt: Man kehrt an eine Stelle zurück, an die man sich erinnert, und gelangt von da in einer Schleife wieder an die jeweils aktuelle Position in der Rede. Doch muss der Verlauf immer linear (im umgangssprachlichen Sinn) und frei von Verzweigungen sein – weil die Bildung des Gedächtnisses hier speziell auf den Vollzug einer Rede abzielt, die irreversibel auf einer Zeitlinie ablaufen wird. An der klassischen Literaturstelle zur Methode der Bilder und Orte, in der Rhetorica ad Herennium* aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, wird diese Linearität der Gedächtnisordnung nicht eigens betont.35 Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt sie allerdings, wenn in dem Dreiecksverhältnis von Gedächtnis, Rede und Linie das Gedächtnis die Form schriftlicher Aufzeichnung36 annimmt: Die kompromisslose Schärfe, mit der sich die lineare Schrift gegenüber jeder mehrdimensionalen Aufzeichnung abhebt und durchsetzt, wird von Derrida als Effekt eines kulturell tief verankerten Pho- nologismus erkannt. So wie die Rhetorik die Einlinigkeit des Erinnerungsweges (pragmatisch) erzwingt – weil nämlich die Zeitlichkeit des Hörens berücksichtigt werden muss –, so legitimiert nach Derrida* [(1), S. 55–56] Ferdinand de Saussu- res Phonologie die Linearität der Schrift aus der Hörbarkeit des Signifikanten. Dabei ist, für sich betrachtet, das Aufzeichnen bedeutungshaltiger Markierungen ebenso wenig wie die Speicherung von Gedächtnisinhalten auf einen eindimen- sionalen Raum angewiesen – so Derrida [(2), S. 56]. Für ihn bezeugt dieser Zusammenhang zwischen der Zeit des Hörens und der linearen Schrift eine philosophisch nicht aufgeklärte Angleichung des Denkens selbst an die Linearität der Rede, an eine ‚epische Rationalität‘. Die Befreiung der Schrift aus dem Zwang des Phonetischen sieht Derrida [(3), S. 56] daher als ein wesentliches Element philosophischer Metaphysik-Kritik. Seine Gedanken wurden u. a. in Theorien zum Hypertext, besonders in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, aufgegriffen.37 Mit der elektroni- schen Verarbeitung und Speicherung – und vor allem mit der damit verbunde- nen Eröffnung neuer Darstellungsformen – von Text wird (mutatis mutandis) das Memoria-Problem der klassischen Rhetorik re-inszeniert: die irreversible

35 Auch nicht in der Interpretation, die Frances Yates in ihrem maßgeblichen Buch über die Gedächtniskunst davon gibt (Yates 1978, S. 21–24). 36 „Typischerweise ist Schrift ein Mittel der Reproduktion, der Fixierung und Konservierung tradierbarer Inhalte. Obwohl in verschiedenen Kulturkreisen Schriften grundsätzlich unter- schiedlicher Funktionsweise und systematischer Konstitution entwickelt wurden, war die Mne- motechnik der visualisierten Sprache und damit die raum-zeitliche Ausdehnung des Kommuni- kationsraums in jedem Fall der ausschlaggebende Grund für Entwicklung und Verbreitung der Schrift“ (Coulmas 1981, S. 133–134). 37 Vgl. vor allem Landow 1997, S. 33–34, und Bolter 1991, S. 116.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

30

 Richard Heinrich

Einlinigkeit der ‚Zeit des Hörers‘ mit der Räumlichkeit der Gedächtnisarchitek- tur abzustimmen. Im Projekt Hypertext geht es darum, „die Spannung zwischen einer netzförmigen Topologie und einer grundsätzlich linearen Erschließungsbe- wegung zu rekonstruieren“ (Winkler 1997, S. 231). Für die radikaleren Proponen- ten ist das Ziel die Emanzipation des Lesens, des Texts, letztlich – wie bei Derrida [(3), S. 56] – der Zeit als solcher von der Linie. Eine formal ähnliche Konstellation begegnet in der (nicht nur historisch) weit entfernten Philosophie Kants*: Immer wieder, wenn er die Systematik in den wechselseitigen Beziehungen einer Menge von Elementen (Daten, Ereignis- sen, Gegenständen etc) nachvollziehen möchte, orientiert Kant [(1), S. 51] sich an einer Vorstellung linearer Ordnung. ‚Leitfaden‘ ist ein Begriff, den er dabei oft verwendet, theoretisch besonders exponiert in der Überschrift „Von dem Leitfa- den der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe“. Die Zweidimensionalität der berühmten Tafel, in der die Kategorien angeordnet sind, hat eine eigene Aus- sagekraft (es lassen sich darüber „artige Betrachtungen anstellen“, Kant KrVb, S. 95), für die konkrete Denkbewegung ihrer Aufschließung (von der Tafel der Urteile her) greift Kant jedoch zu einem Linienbild; genau genommen dient es dazu, diesem theoretisch entscheidenden Übergang eine gewisse Unverbindlich- keit zu belassen: Bewusst vermeidet Kant zu sagen, dass die Kategorientafel in der Urteilstafel gründet, und verweist mit der Leitfaden-Metapher auf ein Reflek- tieren, das nach jener Verbindung erst sucht. Seine Einstellung zur Linie als solcher lässt sich aber allein von derartigen Redewendungen her nicht verstehen. Denn an sich betrachtet ist sie stets schon Resultat oder Ausdruck einer spezifischen Aktivität des Denkens: Wo immer eine Linie gesehen oder auch nur als objektiv vorgestellt wird, muss sie in Gedanken gezogen werden.38 In einer späten Schrift aus dem Jahre 1786 mit dem Titel Was heißt: Sich im Denken orientieren? versucht Kant ernsthaft, einen universalen Denkraum zu kon- zipieren. ‚Universal‘ bedeutet dabei vor allem, dass nicht bloß gewisse Strukturen verallgemeinert werden sollen, die die Räumlichkeit erkennbarer Gegenstände ausmachen; es geht vielmehr um Orientierung im „unermeßlichen und für uns mit dicker Nacht erfülleten Raum des Übersinnlichen“ (Kant WDO, S. 137). Kla- rerweise verbietet diese Aufgabenstellung jede Vorannahme über die mögliche Dimensionalität des fraglichen Raumes; aber auch die Antwort, die Kant findet, gibt dazu keine Auskunft, sondern benennt nur das Mittel, auch ohne alle Kennt- nis über die Grundstruktur des Raums einen Weg zu verfolgen: Orientierung wird nicht in Übersicht, sondern in der Konsequenz eines Pfades realisiert. „Wegwei-

38 Vgl. dazu Kant [(5), (6), S. 67–68].

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

31

ser“, „Kompaß“, „Richtschnur“ sind Kants [(2), S. 51] charakteristische Begriffe:

Die Bilder der Linie behalten die Oberhand. Auch in einem berühmten Gleichnis im Buch VI von Platons* Republik dient die Linie dazu, Ordnung darzustellen: die exakten Verhältnisse verschiedener Arten, Grade, Funktionen und Gegenstände des Erkennens. Die Beziehungen zwischen metaphorischer und sinnlich-konkreter Vergegenwärtigung der Linie sind an dieser Stelle besonders komplex. Einerseits handelt es sich dezidiert um ein Gleichnis – wie allein schon die enge Verflechtung mit Sonnen- und Höhlen- gleichnis nahelegt. Anderseits reflektiert dieses Gleichnis auf die geometrische Anschaulichkeit als ein wesentliches Element des Dargestellten: Die Linie meta- phorisiert sich hier gewissermaßen auch selbst. Platons Gedanke lässt sich grob so skizzieren: In einem Bereich, den man provisorisch als ‚Erkennen‘ bezeichnen kann, möchte er zwei Agenturen prinzi- piell unterschieden wissen: Sehen einerseits, Erkenntnis im engeren und eigent- lichen Sinn andererseits; entsprechend soll auch (was keineswegs trivial ist) Sichtbares von dem (im eigentlichen Sinn) Erkennbaren unterschieden werden. An der Stelle selbst ist das neutralste Kriterium für diese Unterscheidung – mit dem ein Minimum an Theorie vorweggenommen wird –, die Charakterisierung des Erkennens als ein Suchen oder Forschen: Es besteht nie bloß im rezeptiven Auffassen, sondern schließt immer intellektuelle Aktivität ein.39 Eine Affinität zwischen den Bereichen des Sichtbaren und des Erkennbaren liegt darin, dass in beiden zwischen Deutlichkeit und Undeutlichkeit differen- ziert werden kann, oder, etwas profilierter ausgedrückt: zwischen dem, was als es selbst (deutlich) gesehen oder erkannt wird, und auf der anderen Seite demje- nigen, was bloß als Bild („Schatten“) eines jeweils Anderen gesehen oder erkannt wird (weniger deutlich). Das lässt Platon den Sokrates allerdings erst sagen, nachdem dieser Glaukon (und Platon die Leserin) aufgefordert hat, sich (zur Ver- anschaulichung des Gedankens, dessen Entfaltung hier beginnt) eine Strecke vorzustellen, die in zwei ungleiche Teile geteilt ist, welche ihrerseits beide noch einmal in demselben Verhältnis geteilt werden. Daraus wird dann, allerdings erst nachträglich, klar, dass auch die beiden zuerst unterschiedenen Bereiche des Sichtbaren und des Erkennbaren sich wie das weniger Deutliche und das Deutli- chere zueinander verhalten.

39 Das wird selten berücksichtigt, am besten von Klein 1965.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

32

 Richard Heinrich

32    Richard Heinrich Für das Verständnis des Liniengleichnisses (wenn schon nicht der platonischen Lehre vom

Für das Verständnis des Liniengleichnisses (wenn schon nicht der platonischen Lehre vom Erkennen schlechthin) ist es entscheidend, dass dieser Sachver- halt nicht diskursiv, sondern über eine Anschauung (oder Vorstellung) der Art der Linienteilung kommuniziert wird.40 Es ist daher zunächst die Linie selbst (und nicht eine theoretische Annahme), die den ursprünglich bloß stipulierten Gesamtbereich ‚Erkennen‘ als eine (hierarchisch gegliederte) Einheit aufzufassen erlaubt: Wenn den beiden verschiedenen Agenturen bloß die ratio ihrer jeweili- gen Teilung gemeinsam wäre, müssten sie selbst sachlich in gar keinem bestimm- ten Verhältnis zu einander stehen. Die Linie ‚arbeitet‘ in dieser Phase des Texts also an der Entwicklung des Gedankens mit und ist tendenziell mehr als nur die Veranschaulichung einer dis- kursiv vorgegebenen Position. Unter anderen Gesichtspunkten jedoch ist ihr rein metaphorischer Charakter unbestreitbar, vor allem wenn man sieht, dass sie als Bild die Last der theoretischen Differenzierungen, die ihr im Fortgang des Dialogs zugemutet werden, gar nicht tragen kann.41 Es beginnt schon damit, dass die Parallelität von ontologischer und erkenntnistheoretischer Ordnung (Sichtbares, Erkennbares gegen Sehen, Erkennen) nicht auf das eindimensionale Schema zu

40 Unangesehen dessen, dass es sich bei dieser Bevorzugung des Erkennbaren gegenüber dem Sichtbaren natürlich um das Markenzeichen schlechthin der platonischen Erkenntnisphiloso- phie handelt. 41 „In the divided line passage, no single figure can be iconic of all the key relations of the four levels of knowledge.“ (Brumbaugh 1952, S. 533) In einem neueren Aufsatz hat Richard Foley dies als „the overdetermination problem“ bezeichnet und zum Ausgangspunkt einer inspirierten Deutung genommen (Foley 2008, S. 1).

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

33

projizieren ist;42 man kann aber diese Doppelung nicht für unwesentlich erklä- ren (oder auf eine der beiden Seiten reduzieren) angesichts der Tatsache, dass Sokrates und Glaukon sie am Ende des 6. Buches ausdrücklich als Grundzug der erreichten Ordnung bekräftigen. So wurde etwa endlos um die Interpretation des Umstandes gestritten, dass auf der (‚von unten‘) dritten Stufe des Erkennens dieselben Gegenstände (sichtbare Dinge) adressiert werden, die für die zweite typisch sind.43 An einem Punkt ist die Überfrachtung des Linienbildes mit theoretischen Ansprüchen besonders interessant. In diesem Text, der sich so bestimmt über das genuin geometrische Denken äußert, möchte man die mathematischen Implikationen des Bildes von der Linienteilung (von dem der Gedanke seinen Ausgang nimmt) nicht völlig unberücksichtigt lassen. Die Forderung, dass auf der Linie dieselbe ratio dreimal gilt (für die Teilung des Ganzen und der beiden Teile), gehört geometrisch gesehen noch zur Angabe. Eine zwingende Folgerung daraus ist aber, dass die beiden mittleren Abschnitte gleich lang sind. Das lässt sich durch einfachste Umformungen aus der vollständigen Angabe A:B = C:D = (A+B):(C+D) ableiten – zu Platons Zeit war das nicht weniger trivial als heute; wenn man diese Folgerung explizit macht, scheint sie jedoch einer grundlegen- den philosophischen Position in dem gleichen Text zu widersprechen, nämlich der Verschiedenheit jedes der vier Teile von allen anderen. Man möchte sagen:

Könnte die geteilte Linie sprechen, würde sie die Rede widerlegen. Sie wird aber im Text stumm gehalten – er gibt nicht den geringsten Hinweis auf den Sachver- halt. Es wäre lächerlich, hier bloß eine Unzulänglichkeit des Bildes zu diagnos- tizieren, die Platon (aus welchen Gründen auch immer) verbergen wollte. Für eine verständnisvollere Deutung stehen sehr verschiedene Richtungen offen: So könnte man an einem Extrem, zu Ungunsten der Theorie gleichsam, behaupten, die geheime Botschaft des Gleichnisses bestehe darin, dass es letztlich doch nur drei verschiedene Arten (bzw. Typen von Objekten) des Erkennens gibt. Noch gewagter klingt es am anderen Ende des Spektrums, nun zu Ungunsten der Linie:

In Wahrheit seien alle ihre Teile untereinander verschieden. Dieser Behauptung ist nur Sinn abzugewinnen, wenn man entweder annimmt, dass auf irgendeiner Ebene der Textgenese ein Fehler (bis hin zum Kopierfehler) unterlaufen sei, oder dass Platon von der Linie (und bestimmten ihrer Eigenschaften) in einem nicht-

42 So wird ja auch in fast allen graphischen Darstellungen, die man in Interpretationen der geteilten Linie findet, die Ebene ausgenützt, um die beiden Seiten der Linie als epistemologische bzw. ontologische Dimension auseinander zu halten. 43 Zur Geschichte der Interpretation vgl. Brentlinger 1963.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

34

 Richard Heinrich

geometrischen Sinn spricht. Weder für das eine, noch für das andere gibt es aber Indizien. Gleichwohl geht von dieser These eine wichtige Anregung aus. Das Argument für die Gleichheit der mittleren Abschnitte lässt sich rein arithmetisch führen; man könnte es also in derselben Form auch über unbestimmte Zahlen gehen lassen.44 Es ist wichtig zu sehen, dass dies eine zum Liniengleichnis alternative, ihm gleichwertige Metapher ergibt. Das Resultat B=C wäre dann so zu verste- hen, dass die beiden Zahlen identisch, ein und derselbe Gegenstand sind. Der Unterschied gegenüber dem Linienbild liegt auf der Hand: So lange die Linie als konkret-anschauliches Gebilde aufgefasst wird, können die beiden längen- gleichen mittleren Abschnitte gleichwohl als verschiedene Entitäten betrachtet werden. Sie sind in einer Hinsicht gleich, aber nicht tout court (B=C bedeutet nun die Identität zweier – um eine Stufe – abstrakterer Gegenstände, nämlich Stre- ckenlängen). Aus diesem Blickwinkel erscheint der Konflikt zwischen der Linie und der philosophischen Theorie gemildert; allerdings erhebt sich im Gegenzug die Frage nach dem Stellenwert jener Argumentation, die zu dem Resultat der Gleichheit B=C führt: Deren Rationalität macht nicht nur gleich, was auf der konkret gezeichneten Linie verschieden bleibt, sondern scheint darüber hinaus dem ‚Sinnbild Linie‘ die Botschaft zu unterschieben, dass der für die Philosophie selbst definierende Unterschied von Sichtbarem und Denkbarem nicht durchgän- gig aufrecht zu erhalten ist (sondern seinerseits nur auf der Ebene des Sichtba- ren, letztlich als Trugbild, zum Erscheinen kommt). Offenkundig konfrontiert uns die Interpretation des Liniengleichnisses aber hier mit einer Spannung, die auch im Gleichnis selbst thematisch ist: als Verhältnis von sichtbaren Figuren und rati- onaler Einsicht in der Geometrie (im dritten Abschnitt). Das Wesen dieses diano- etischen Erkennens ist ja gerade der Zugriff auf eine abstrakte Gegenständlich- keit vom Sichtbaren aus. So gesehen macht das Gleichnis eine definitive Aussage über seine eigene Begrenztheit: Es kann keine Erkenntnis vermitteln, die über die dritte seiner Stufen hinausgeht. Für die Interpretation bedeutet das, dass der Unterschied, den die geometri- sche Rationalität tilgt (zwischen zweitem und drittem Abschnitt der Linie), immer nur das Sinnbild des Unterschiedes von Erkennbarem und Sichtbarem gewesen sein kann. Die intendierte Unterscheidung selbst, im Sinne einer radikalen Emanzipation der Erkenntnis vom Sichtbaren, kann in dieser Erkenntnisart nicht vollzogen werden. Diese Differenz kann überhaupt nicht auf eine Weise, die beide ihrer Pole repräsentiert, auf einer Linie eingetragen werden – das dialektische

44 Statt von einer Strecke, Teilstrecken und ihren Verhältnissen wäre dann von Summen, Pro- dukten, Brüchen etc. die Rede.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

35

Denken kann sich gleichsam nur selbst vom Scheinhaften unterscheiden. Sokra- tes versucht diesen Punkt so weit klar zu machen, wie es diskursiv überhaupt möglich ist: Die Rationalität der Geometrie (und damit eines Gleichnisses wie der geteilten Linie) lässt das Anschauliche, von dem sie ausgeht, als ihre eigene Vor- aussetzung immer bestehen; das dialektische Denken jedoch unterscheidet sich von aller Anschaulichkeit nicht mehr in dem Sinn einer Differenz, die von der Natur eines Verhältnisses wäre, sondern in dem Sinn einer radikalen Emanzipa- tion, die alle Gleichnishaftigkeit auf die Ideen hin transzendiert. Das platonische Liniengleichnis bestimmt also das Verhältnis der philoso- phischen, dialektischen Vernunft zu allen anderen Weisen des Erkennens nicht dadurch, dass es davon eine anschauliche Darstellung gibt, sondern dadurch, dass es von der Unmöglichkeit einer derartigen Darstellung überzeugt. In diesem Argumentationsgang spielt allerdings die Linie – sowohl als konkret gezeichnetes oder imaginiertes Gebilde wie auch als Gegenstand geometrischer Erforschung – die entscheidende Rolle.

Zeit (1.2)

Zeit wird in heterogenen Zusammenhängen erlebt, reflektiert und – in der Ent- wicklung kultureller und technologischer Praktiken – gestaltet. Beinahe ebenso vielfältig sind die Funktionen, die die Linie in der Darstellung von Zeit über- nehmen kann. Das geht von der Imagination des Geschichtsverlaufes (etwa als Zyklus oder gerader Strahl) bis hin zur konkreten Form von Messinstrumenten, wie des Gnomons oder der Feueruhr, die – im Abbrennen eines Stabes – gleich- sam ihre eigene Skala bildet. Auf der anderen Seite hat sich die uralte, intensive philosophische Auseinandersetzung mit der Zeit nur an bestimmten Stellen aus- drücklich auf das Verhältnis von Zeit und Linie fokussiert. Das mag, paradoxer Weise, daran liegen, dass diese Beziehungen in tiefen Schichten der Begriffs- bildung geknüpft sind, in denen andere Konzepte Inhalte zur Geltung bringen, die letztlich doch nur in der Gestalt der Linie konkret werden. Ein starkes Bei- spiel für diesen Sachverhalt sind die Überlegungen des Aristoteles* im vierten Buch der Physik-Vorlesung, aus denen allzu oft nur diese eine Stelle zitiert wird:

„Dieß nämlich ist die Zeit: Zahl der Bewegung nach dem Vor und Nach. Nicht also ist Bewegung die Zeit; sondern wiefern Zahl hat die Bewegung. Dieß sieht man daran: das Mehr und Minder unterscheiden wir durch Zahl, Bewegung aber die mehrere oder mindere, durch Zeit. Eine Zahl also ist die Zeit.“ (Aristoteles 1829, S. 106–107). Wenn hier auch von der Linie gar nicht die Rede ist, so kann der Gedanke ohne ihre Vorstellung kaum verständlich gemacht werden. Denn das Motiv, das vordergründig für den Zahlcharakter der Zeit angeboten wird,

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

36

 Richard Heinrich

ist dürftig: Sehr wohl lassen sich auch ohne Gebrauch von Zahlen „Mehr und Minder“ unterscheiden, und dementsprechend komparative Begriffe bilden (beziehungsweise Begriffe wie ‚Bewegung‘ komparativ deuten). Der Gehalt der Aussage liegt einzig darin, dass die Vergleichbarkeit von Bewegung (Bewegungs- verläufen) mit der Vergleichbarkeit von Zeit (Zeitabschnitten) zusammenhängt. An mindestens zwei Stellen jedoch, wo Aristoteles darüber hinausgeht, bringt er die Linie ausdrücklich ins Spiel. Einerseits, wenn er die Affinität von Zeit und Zahl als solche erläutert. Aris- toteles [(1), S. 57] geht es um die Vereinbarkeit der Zahlartigkeit der Zeit mit ihrem stetigen Zusammenhang. Dieser stetige Zusammenhang bezeugt ja – so ist der letzte Satz zu lesen – überhaupt die wesenhafte Zugehörigkeit der Zeit zur Bewe- gung. Dass jedoch an einer zusammenhängenden Bewegung Phasen unterschie- den und in quantitativer Hinsicht verglichen werden können, liegt am ‚Jetzt‘. Das Jetzt ist weder die Zeit noch ein Teil der Zeit, erscheint aber nicht anders als an der Zeit: als Grenze. In der Begrenzung von Zeitabschnitten zählt es die Bewe- gung. Um dieser Vorstellung einer Grenze, die nicht Teil ist (die also den stetigen Zusammenhang des Geteilten erhält), Bedeutung zu geben, wird die Vorstellung der Linie gebraucht, genauer: des Verhältnisses von Linie und Punkt. Das Zahl- artige der Zeit besteht nicht darin, dass sie Punkte zählt, sondern – durch das ‚Jetzt‘ – einer Linie Anfang und Ende setzt. Um die Zeit in ihrer Zahl-Artigkeit verstehen zu können, muss man sie wie eine Linie betrachten. Diesen Gedan- ken vertieft Aristoteles [(2), S. 58] mit der Unterscheidung von Menge und Größe. Wenn für das Ausmessen einer Linie eine Einheit festgesetzt ist, stellt diese selbst – unter dem Gesichtspunkt der Menge – die kleinste mögliche Anzahl dar. Die Einheit jedoch kann, da sie ein Abschnitt ist, ihrerseits in weitere kleinere Abschnitte geteilt werden. Für die Dimension dieses Kleinerwerdens steht der Begriff ‚Größe‘ – und dafür kann es freilich keine kleinste Zahl geben („denn stets geteilt wird jede Linie“). Bei der Zeit verhält es sich ebenso. Der andere Aspekt, unter dem die Beziehung von Zeit und Linie fassbar wird, ist grundsätzlicher. Es handelt sich um einen vorgängigen Zusammenhang von Raum, Bewegung und Zeit, innerhalb dessen die Linie sich mit einer gewissen Unabweisbarkeit abzeichnet. Aristoteles [(3), (4), S. 58] begründet die Zugehö- rigkeit der Zeit zur Bewegung noch einmal eine Stufe tiefer, in der notwendigen Beziehung der Bewegung auf Ort und Raum. Was sich vom Raum der Bewegung und von dieser dann der Zeit mitteilt, ist zunächst und vor allem die Stetigkeit. Aristoteles [(4), S. 58] erkennt – in dem Bild des Weges (Abfolge von Orten), den die Reise (Bewegung) beschreibt –, dass auch schon unabhängig von der Zähl- barkeit, bloß als vergleichbare Größe (komparativer Begriff) aufgefasst, die Zeit

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

37

lineare Gestalt haben muss.45 Was das berühmte Zitat „Dieß nämlich ist die Zeit; Zahl der Bewegung…“ angeht, so verweist es also implizit auf die Linie sowohl über den Begriff der Zahl wie auch mit der Vorstellung des „Mehr und Minder“. In der Begründungskette vom Raum über die Bewegung zur Zeit ist, neben der Stetigkeit, noch ein zweiter Strang von Interesse: Ordnung. Aristoteles [(3), S. 58] sagt, dass sich schon die grundlegende Ordnung der Zeit in „Vor“ und „Nach“ aus der Erfahrung der Anordnung von Orten herleitet. Damit wird zwar nicht ausdrücklich, aber doch zwingend auf die Linie verwiesen, denn nur im eindi- mensionalen Raum kann diese Unterscheidung Sinn haben (ohne nicht ihrerseits wieder eine Zeitordnung vorauszusetzen, die einen Weg – etwa über eine Folge von Feldern einer Ebene – eindeutig macht). Die Frage, zu der Aristoteles hier Stellung bezieht, wird auch in der modernen und zeitgenössischen Philosophie als zentral betrachtet: die lineare Ordnung der Zeit, ihr Verhältnis zum Begriff der Richtung, ihr Bezug zu Kausalität und Veränderung. Solche Differenzierun- gen kommen in dem zitierten Text nicht zur Geltung – bis auf eine. Wenn Aristo- teles sagt, dass das „Vor“ und „Nach“ zuerst beim Ort angetroffen werde, dann fügt er hinzu: „der Lage nach“ (das Wort für Lage ist thesis). Er kommentiert das nicht weiter, und so wurde gelegentlich dieses „der Lage nach“ (thesei) für eine wesentliche Bestimmung (oder gar ein Synonym) des Begriffes der Anordnung als solchen gehalten — ein Missverständnis, das etwa auch bei Hans Blumen- berg* nachwirkt. Tatsächlich aber ist das thesei eine Eigentümlichkeit der ‚Vor- Nach-Ordnung‘ auf der Linie, im Unterschied zu der Art, wie die gleiche Ordnung sich in der Zeit (oder in der Zahl) darstellt. Man findet eine ausführliche Erläute- rung dazu bei Aristoteles [(6), S. 59] im 6. Kapitel der Kategorienschrift, das der Quantität gewidmet ist. Dort ist auch, mit Hinblick auf die Zeit, terminologisch zwischen Ordnung (taxis) und Lage (thesis) unterschieden. ‚Linearität der Zeit‘ bedeutet also zwar, dass sie die gleiche Ordnung aufweist wie die Linie („davor und danach“), sich diese Ordnung aber nicht auf die gleiche Weise realisiert. Freilich, wenn es um den spezifischen Unterschied zwischen der Ordnung auf einer Linie einerseits und der Linearität der Zeit andererseits geht, ist die klas- sische Aufgabe schlechthin mit der Richtung der Zeit gestellt. Die Relation des ‚davor und danach‘ in der Zeit legt wegen ihrer formalen Ähnlichkeit mit der Rela- tion von ‚links und rechts‘ die Vorstellung von Linearität nahe. Etwas genauer:

Die Relation ‚A vor B‘ verhält sich zu der Relation ‚B nach A‘ so, wie die Relation ‚A links von B‘ zu der Relation ‚B rechts von A‘, nämlich so, dass innerhalb jedes der Paare die beiden Relationen formal nicht verschieden sind. Im Fall einer Linie kann man sich das dadurch veranschaulichen, dass gleichsam sie selbst keine

45 Vgl. hierzu auch unten S. 92.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

38

 Richard Heinrich

Auskunft bietet, ob A nun rechts oder links von B liegt; das muss durch Auszeich- nung von einem externen Standpunkt bestimmt werden. Damit wird der Ordnung eine Richtung gegeben. Wenn man nun aber behaupten möchte, dass die Zeit als solche, ihrer inneren Verfasstheit nach, gerichtet sei, entfällt diese Möglichkeit. Welche Optionen dann noch offen stehen, ist eine schwierige Frage im Rahmen der Philosophie der Zeit, abhängig von grundsätzlichen Annahmen über das Verhältnis von Zeit, Zeiterfahrung, Bewegung, Veränderung und Kausalität (vgl. Mellor 1998, S. 118). In The Direction of Time bietet Hans Reichenbach* keine Antwort auf dieser Ebene der Fragestellung (vgl. Horwich, 1987, S. 39), sondern ein Modell dafür, wie man sich das Verhältnis der ungerichteten Linie (im Sinne einer Geraden im euklidischen Raum) zu einer ‚intrinsisch gerichteten‘ Linie vor- stellen könnte – die also erfüllt, was man sich von einer gerichteten Zeit erwartet. Die Linie – als Bild des Kontinuums der reellen Zahlen – kann mithin selbst für jenen Aspekt der Zeiterfahrung (ihre Anisotropie) noch das Modell abgeben, den die Ähnlichkeit der Anordnungsbeziehungen nicht erklärt. Die bereits erwähnte Passage aus Blumenbergs* Genesis der kopernikanischen Welt erinnert energisch an die Bedeutung der Linie in den (antiken) kosmologi- schen Reflexionen über die Zeit. Insbesondere hebt sie die zusätzliche Deutung hervor, die dort der Spannung von Stetigkeit und Zählbarkeit gegeben wird: Sie kommt nun in der Verschiedenheit von Kreisbewegung und linearer Bewegung zum Ausdruck. Eine Stelle aus dem 8. Buch der Physik belegt diese Auffassung des Aristoteles* [(5), S. 58–59] von der Kreisbewegung als Paradigma des stetigen Zusammenhanges. Gleichsam unterhalb ihres Zahlcharakters, in ihrer Stetigkeit, verweist Zeit nicht nur – wie oben bemerkt – zurück auf den Zusammenhang der Orte, sondern noch einmal auf eine besondere Gestalt der Linie: den Kreis. Am Ende eröffnet Blumenberg allerdings, indirekt, eine völlig neue Perspek- tive: Die Möglichkeit, die Reflexion auf die Zeit nicht an den Phänomenen von Räumlichkeit und Bewegung zu orientieren, sondern „den Zeitbegriff auf das innere Zeitbewußtsein zurückzuführen“. An einer Stelle aus Kants* [(3), S. 59] Kritik der reinen Vernunft wird genau diese Möglichkeit ergriffen. Auch in diesem radikal veränderten Rahmen freilich bleibt die Linie eine unverzichtbare Vorstel- lung: Sie ist als Analogie ohne Alternative, wenn spezifische Eigenschaften der inneren Zeitanschauung erklärt und dargestellt werden sollen.

Geometrie (1.3)

Es gibt Kontexte in der Philosophie der Mathematik, in denen die Linie theoreti- sches Profil gewinnt – wo aber gleichwohl die Frage, ob sie eine immanent phi- losophische Bedeutung hat, kaum in Betracht kommt. Die Aufmerksamkeit gilt

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

39

in diesen Fällen den Grundlagen der Geometrie, und die Bestimmtheit, die der Begriff Linie erhält, bleibt mit seiner systematischen Stellung innerhalb dieser Wissenschaft verknüpft.46 Von den hier zusammengestellten Texten trifft das am ehesten auf die beiden Leibniz*-Stellen zu; sie wurden aus zwei Gründen trotz- dem aufgenommen: Einmal, weil Leibniz nachdrücklich den Anspruch einer philosophischen Grundlegung stellt und auch einlöst. Die elementaren Begriffe, auf die er zurückverweist – wie Ähnlichkeit, Ort oder Bewegung – sind in seiner Metaphysik tief verankert und keineswegs nur in einem wissenschaftstheoreti- schen Rahmen erklärt. Zum anderen, weil sein definitorischer Zugang zur Linie als solcher Perspektiven eröffnet, die auch unabhängig von der Wissenschaft der Geometrie Interesse verdienen. Das eigentliche Auswahlprinzip in diesem Abschnitt war allerdings ein anderes: nämlich einen Eindruck davon zu geben, wie verschieden die philoso- phischen Annahmen (und Theorien) sind, auf die hin der geometrische Begriff der Linie befragt oder relativiert werden kann. Maurice Merleau-Pontys Bemerkung, die Linie sei „nicht mehr, wie in der klassischen Geometrie, die Erscheinung eines Seins auf der Leere des Hintergrunds; sie ist, wie in den modernen Geometrien, Einschränkung, Absonderung, Modulation einer vorherigen Räumlichkeit“47 deckt, in ihrer Allgemeinheit, theoretische Konstellationen ab, in denen grund- verschiedene Auffassungen von Räumlichkeit (und Modulation) leitend sind. Die Texte von Cusanus, Descartes und Kant veranschaulichen jeweils eine theologi- sche, methodologische und erkenntnistheoretische Perspektive auf die Linie in dieser Spannung von Geometrie und Raum. Nicolaus Cusanus* etwa spielt auf geometrische Verfahren der Approxima- tion an, wenn er vom Aufgehen (oder Gründen) der Figuren Linie, Dreieck, Kreis in der unendlichen Kugel spricht. Es ist aber nicht unmittelbar klar, ob das Ver- hältnis dieser Vorstellung zu der Idee Gottes als unendlicher Größe rein symbo- lisch ist – sodass dem Übergehen der Linie in den Raum der unendlichen Kugel (einerseits) die Aufhebung alles Seienden und aller Bewegung in Gott (anderer- seits) bloß per analogiam entspräche. Denn Cusanus könnte auch an ein tatsäch- liches Zusammenfallen der unendlichen Kugel mit der unendlichen Größe und Wirksamkeit Gottes gedacht haben – schließlich ist Gott „als die größte Kugel das einfachste Maaß aller kreisförmigen Bewegungen“ und wird nicht bloß damit ver- glichen. In diesem Fall erstreckt sich gleichsam der Raum, als dessen Modulation die Linie (ebenso wie Dreieck und Kreis) erscheint, von der geometrischen Gegen-

46 Vgl. unten S. 80. 47 Vgl. auch S. 45. Merleau-Ponty 1984, S. 37.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

40

 Richard Heinrich

ständlichkeit über den Kosmos in den überhimmlischen Bereich hinaus und ist letztlich theologisch gedacht.48 Völlig anders motiviert sind Gedanken des jungen René Descartes in dem methodologischen Fragment Regulae ad directionem ingenii. Ziel dieses Werks ist die Beschreibung einer universalen Problemlösungsmethode.49 Sie ist wesent- lich vom Vorbild der Mathematik inspiriert und schließt darüber hinaus geo- metrische Lösungs- und Konstruktionsstrategien als solche ein. Insbesondere spielt die Linie eine entscheidende Rolle bei der Behandlung aller Probleme (aus welchem Erfahrungsbereich immer), die einen gewissen Komplexitätsgrad überschreiten,50 und sie scheint zunächst auch auf naheliegende Weise an den übergeordneten Begriff des Raumes (Ausdehnung) angebunden, nämlich als eine von drei im ausgedehnten Körper real (wenn auch nur der Zahl nach, und nicht qualitativ) unterscheidbaren Dimensionen (vgl. Descartes 1973, S. 137). Zu beachten ist natürlich, dass Descartes zu dieser Zeit seine epochale Erfindung der analytischen Geometrie noch nicht realisiert hatte, also noch nicht erkannt hatte, dass und wie alle geometrischen Probleme (alle geometrischen Kurven) auf die Verhältnisse von Abschnitten gerader Linien zurück geführt werden können.51 Die hervorstechende Eigentümlichkeit seiner Auffassung in den Regulae liegt im Dimensionsbegriff: Der junge Descartes* [(1), S. 64] hat ein radikal verallge- meinertes Verständnis von Dimension als ‚Dimension der Messbarkeit‘, wo kein Bezug auf die Natur des Raumes als solchen mehr wesentlich ist. Das Verhältnis der Begriffe Ausdehnung, Dimension und Linie ist also komplexer als vermutet. Der letztlich fundierende Zusammenhang besteht darin, dass dasjenige, was (in den jeweiligen Dimensionen) gemessen wird, immer ‚Größe‘ ist. Weil aber – wie Descartes [(2), S. 64–65] sagt – jegliche Regelmäßigkeit dieser völlig allgemeinen Größenvorstellung auch an jeder besonderen Art von Größen gefunden werden kann, ist es pragmatisch gerechtfertigt, alle überhaupt messbaren Beziehungen als Beziehungen in räumlicher Ausdehnung darzustellen — dem einfachsten

48 Vgl. zu der Stelle Mahnke 1937, S. 81–82. Mahnke akzeptiert die Bezeichnung dieser Spekulati- onen als „mathematischen Mystizismus“, betont aber zugleich ihre Bedeutung für den Übergang zu einer mathematischen Naturwissenschaft. 49 „Es muß das Ziel der wissenschaftlichen Studien sein, die Erkenntniskraft darauf auszu- richten, daß sie über alles, was vorkommt, unerschütterliche und wahre Urteile herausbringt (Descartes 1973, S. 3). 50 Auf diesen Punkt zielt die gebräuchliche Auffassung der cartesischen Methode als ‚Geome- trisierung‘ aller Wissenschaft. 51 Der erste Satz der späteren Abhandlung über die Geometrie lautet: „Alle Probleme der Geo- metrie können leicht auf einen solchen Ausdruck gebracht werden, daß es nachher nur der Kenntnis der Länge gewisser gerader Linien bedarf, um diese Probleme zu konstruieren.“

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

41

und am einfachsten zugänglichen Modell. Wenn es dann, im letzten Schritt, um die besondere Bedeutung der Linie geht, ist wieder nicht entscheidend, dass sie effektiv die Dimensionalität des Raumes in bevorzugter Weise bestimmte (was freilich mit der Entwicklung der analytischen Geometrie sehr wohl der Fall sein wird). Descartes [(3), S. 65] macht unmissverständlich klar, dass hier vielmehr Methodologie und Erkenntnispsychologie den Ausschlag geben, nämlich mit dem Prinzip der Reduktion komplexer Beziehungen auf zwei verschiedene mess- bare Größen. Wie weit diese Konzeption von der intellektuellen Welt des Cusanus* immer entfernt sein mag, so gibt es doch in formaler Hinsicht eine Affinität: In beiden Fällen soll der geometrische Begriff der Linie in einen fundamentaleren, philoso- phischen Horizont gestellt werden; in beiden Fällen löst sich der Gedankengang tendenziell von dem Ziel einer Grundlegung der Geometrie; und in beiden Fällen verliert die Linie in einem ‚höheren‘ (theologischen bzw. methodologischen) Raum eher an Bestimmtheit, als dass ihr eine reichere, festere Gestalt verliehen würde. Auch Gottfried W. Leibniz* stellt den Begriff der Linie in einen allgemeineren Rahmen, erklärt ihn von allgemeineren Begriffen her – gewinnt aber, im Gegen- satz, dadurch zusätzliche Differenzierungen. Das hängt nicht nur damit zusam- men, dass er die Begründung der Geometrie als Ziel im Auge behält, das heißt:

die Transparenz logischer Zusammenhänge zwischen Definitionen und Theore- men optimieren will. Es liegt vor allem an inhaltlichen Entscheidungen. Während Descartes die Geometrie von Größe und Messbarkeit her denkt, versucht Leibniz sie primär von Begriffen wie Lage und Gestalt her aufzubauen, also, wie er gele- gentlich sagt, unter Berücksichtigung von Form und Qualität. In einem Text „Zur Analysis der Lage“ (Leibniz 1966b) beschreibt er dieses Programm in groben Zügen und erläutert vor allem die Rolle des entscheidenden neuen Grundbegrif- fes, den er auf derselben Ebene neben der Gleichheit einführt: Ähnlichkeit.52 „Eine wahrhaft geometrische Analysis muß daher neben der Gleichheit und der Proportion, deren Begriff auf den der Gleichheit zurückgeht, auch die Ähnlich- keit und die Kongruenz, die aus der Verbindung von Gleichheit und Ähnlichkeit

52 Die Definition der Ähnlichkeit lautet: „Ich bin nun durch eine Erklärung der Qualität oder Form, die ich aufgestellt, zu der Bestimmung gekommen, daß ähnlich das ist, was für sich be- trachtet nicht voneinander unterschieden werden kann.“ (Leibniz 1966b, S. 71–72) Der metaphy- sische Status dieser Definition springt sofort ins Auge, wenn man sie neben das principium iden- titatis indiscernibilium stellt: „[…] daß niemals zwei Substanzen einander vollkommen gleichen und nur der Zahl nach verschieden sind“ (Leibniz 1966d, S. 144).

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

42

 Richard Heinrich

entsteht, zur Anwendung bringen.“ (Leibniz 1966b, S. 71) Er betont ausdrücklich den metaphysischen Status der Theorie der Ähnlichkeit. In einem längeren zusammenhängenden Teil in dem Text „Metaphysische Anfangsgründe der Mathematik“ präsentiert Leibniz [(1), S. 66] einen typischen Definitionsgang, der von den Begriffen Lage, Veränderung, Weg, Stelle bis zur Linie führt. Die beiden ersten, kürzeren Absätze geben den Begriffen von Lage und Homogenität ihr eigentlich metaphysisches Gewicht — durch den Bezug auf Koexistenz und Ähnlichkeit. In Hinblick auf die Linie noch interessanter ist ein Text mit dem Titel „Entwurf der geometrischen Charakteristik“. Dort werden aus den zwei Grundbegriffen Punkt und Kongruenz (Verbindung von Gleichheit und Ähnlichkeit) schrittweise die primären geometrischen Örter von Raum, Kugel, Ebene, Kreislinie, Gerade abgeleitet. Im ersten Schritt wird etwa aus der Kongruenz von Punkten der Raum definiert (Menge aller Punkte, die mit einem gegebenen Punkt kongruent sind). Leibniz [(2), S. 66–67] sagt: Wenn man den Begriff der Lage (als bloßes, abstrak- tes Beisammensein) auf Punkte anwendet, kann man diese Punkt-Koexistenz als Linie auffassen; man kann auch die Starrheit der Linie postulieren, und zwar noch immer, ohne den Begriff der Geraden voraussetzen zu müssen. Diese prä- zisen Unterscheidungen von Lage, Linie, Starrheit und Geradlinigkeit sind, in Hinblick auf die Linie, ein analytischer Gewinn. Leibniz macht den entscheiden- den Vorzug seines Ansatzes vor allem gegen Euklid geltend: Die metaphysische Fundierung gibt dem Aufbau der Geometrie eine transparentere und vor allem völlig neue Ordnung. Als Beispiel verweist er etwa auf die Definition der Kreis- linie: „Diese Beschreibung oder Definition der Kreislinie setzt nicht, – wie die Euklids – die Ebene, noch auch nur die Gerade voraus.“ (Leibniz 1966c, S. 81) Von Leibniz’ Skizzen zur Grundlegung der Mathematik lässt sich also durchaus sagen, dass sie durch ihre Verankerung in hoch philosophischen Reflexionen bedeutende konzeptuelle Spielräume, um nicht zu sagen: Freiheiten für das Ver- ständnis der Linie eröffnen. Dass für Kant die Begründung der Geometrie ein erstrangiges philosophi- sches Ziel darstellte, ist ein Gemeinplatz. Ebenso unübersehbar ist allerdings, dass sein Interesse dabei nicht so sehr der Sicherung oder Ordnung der geome- trischen Erkenntnis selbst galt. Mindestens zwei andere Gesichtspunkte waren ihm wichtiger: Der eine ist, dass er mit solch einer Begründung die Validität eines viel allgemeineren Konzepts von Voraussetzungen und Struktur der Erkenntnis untermauern zu können glaubte. Der Sache nach handelt es sich dabei vor allem um seine Auffassung, dass für jede Erkenntnis (die über bloße Worterläuterung hinaus geht) zwei verschiedene Quellen – diskursiver beziehungsweise intuitiver Art – in Anschlag gebracht werden müssen. Darin liegt ein wesentlicher Gehalt seines Begriffes von Synthesis, und es ist charakteristisch, dass er seine Vorstel-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

43

lung von einem synthetischen Urteil a priori immer wieder plausibel zu machen versuchte, indem er auf geometrische Sätze (von der Art „daß die gerade Linie zwischen zwei Punkten die kürzeste sei“ (Kant KrVb, S. 38)) verwies. Der andere Gesichtspunkt ist substantieller: Er meinte, dass Akte des mathe- matischen (und insbesondere geometrischen) Konstruierens in jede Erkenntnis eingehen, die auf einen unabhängig von unseren Vorstellungen existierenden Gegenstand zielt. Insofern ist Geometrie nicht bloß Beispiel für, sondern auch notwendiges Element von Erkenntnis. Unter beiden Aspekten aber ist Kants Inter- esse an der Geometrie dezidiert erkenntnistheoretisch. In einem späten Brief aus dem Jahre 1789 erklärt Kant* [(4), S. 67] (relativ oberflächlich), was er darunter versteht, einen Begriff von einem bestimmten geometrischen Objekt (in diesem Fall: der Kreislinie) zu haben. Er möchte her- ausarbeiten, dass dies nicht bedeutet, durch rein intellektuelle Operationen – die letztlich in einer Definition terminieren – den Begriff eines möglichen Objekts zu bilden und dann nachträglich zu fragen, wie es realisiert oder zur Anschauung gebracht werden könnte. Im Falle eines geometrischen Objekts birgt die Defini- tion vielmehr selbst die ganze Komplexität dieses Szenarios in sich: Sie ist schon die Realisierung gewisser begrifflich-intellektueller Inhalte in einer Anschauung, ist schon eine Konstruktionshandlung. In der Kritik der reinen Vernunft hatte Kant [(5), S. 67–68] aber schon ein wesentlich differenzierteres Bild dieses Grundgedankens gegeben. Man sieht hier gleichsam aus der Gegenrichtung, dass auch in jener Anschauung als solcher (hier: im Raum) noch kein geometrisches Objekt gegeben ist – sie ist nur ein reines Mannigfaltiges. Das Objekt Linie (als gleichsam gegenständlicher eindi- mensionaler Raum) existiert auch nicht ohne intellektuell-diskursive Aktivität. Im Unterschied zu Leibniz’ Konzeption im „Entwurf der geometrischen Charak- teristik“ stehen Raum und Linie hier freilich auf radikal verschiedenen Ebenen. Während bei Leibniz beide denselben ontologischen Status als geometrische Örter haben, ist für Kant der Raum primär gar kein Objekt, sondern stellt eine epistemologische Voraussetzung für mögliche Objektivität dar. An einer anderen Stelle scheint Kant [(6), S. 68] diesen Gedanken zunächst nur noch etwas energischer zu wiederholen. Bei näherer Betrachtung sieht man aber, dass hier implizit der Unterschied zwischen dem Raum als Anschauung (epistemologische Voraussetzung) und einem als geometrisches Objekt konstitu- ierten Raum verallgemeinert wird. So wie die Linie können natürlich auch zwei- und dreidimensionale (räumliche) Objekte aus einer begrifflichen Konstruktion resultieren (hier ist es insbesondere die Konstruktion des dreidimensionalen Raumes). Der besondere Wert der Stelle im gegenwärtigen Zusammenhang liegt indes darin, dass sie in dieser Hierarchie der geometrischen Objekte der Linie die absolute Priorität zuweist: Wenn der Raum ein geometrisches Objekt (und nicht

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

44

 Richard Heinrich

bloß erkenntnistheoretische Voraussetzung aller Objektivität) ist, dann ist ihm die Linie vorhergegangen.

Deleuze (1.4)

Im Werk von Gilles Deleuze begegnen tiefgründige, überraschende, theoretisch riskante Aussagen zur Linie allerorten. Sie scheinen nicht von einem allgemei- nen Gesichtspunkt aus koordiniert zu sein. Das hat damit zu tun, dass Deleuze auf eine besondere Art systematisch denkt: unbekümmert um Hierarchien der Generalisierung, der Bedeutung, der Folgerung – aber unablässig auf die Maxi- mierung von Zusammenhängen, Resonanzen, und Wiederholungen bedacht. So erklärt es sich vielleicht, dass bei aller Zerstreuung (in Werke zur politischen Philosophie, zum Film, zur Philosophie Leibniz’, zur Malerei…) doch die meisten Motive des deleuzianischen Linien-Denkens in einem Buch, den gemeinsam mit Félix Guattari geschriebenen Tausend Plateaus, zugänglich werden. Dies ist frei- lich auch unter seinen Texten derjenige, der am schärfsten gegen herkömmliche Vorstellungen von einem schlüssig geordneten Aufbau oder von zwingenden Gedankenfolgen geschrieben ist. Es gibt kein Rezept, wie darin Übersichtlich- keit – sei es insgesamt, sei es auch nur zu einer Einzelfrage – zu gewinnen wäre. Gleichsam als Kompensation dafür bietet der erste Abschnitt, der den Titel „Ein- leitung: Rhizom“ trägt, eine eindringliche Reflexion über dieses besondere Buch und über das Schreiben dieses Buches. Sie fasziniert vor allem mit Aussagen über das Verhältnis der Begriffe Plateau und Linie, die Deleuze* [(7), S. 72–74] im Konzept ‚Rhizom‘ zusammenführt.53 Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass dabei bloß eine Form der Darstellung beschrieben wird, die den entsprechenden Inhalten (unter grundsätzlicher Vor- aussetzung eines Spielraumes der Adäquanz) optimal angepasst ist. ‚Plateau‘ ist nicht einfach ein anderes Wort für ‚Kapitel‘, und ‚Linie‘ nicht ein anderes für ‚Verweis‘ (die Linie, der ‚Strang‘, der die Plateaus verbindet, wäre dann als etwas Imaginäres, Dazu-Gedachtes verstanden: nicht autonom, sondern außengesteu- ert von einem Sachregister oder Inhaltsverzeichnis).

53 Auf ähnliche Weise beschreibt Derrida seine Fassung der différance als ‚Bündel‘, um zu ver- deutlichen, „daß die vorgeschlagene Zusammenfassung den Charakter eines Einflechtens, eines Webens, eines Überkreuzens hat, welches die unterschiedlichen Fäden und die unterschiedli- chen Linien des Sinns – oder die Kraftlinien – wieder auseinanderlaufen läßt, als sei sie bereit, andere hineinzuknüpfen.“ (Derrida 1988a, S. 32)

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

45

Freilich, man könnte auch (gleichsam in der Gegenrichtung) versuchen, dieser Linie eine allerkonkreteste Deutung zu geben, als graphisches Gebilde, das Cluster von Wörtern oder Wortfolgen (ein typographisches Pendant der Plateaus) verbindet. Aber der Gedanke lässt sich erstens in der Gestaltung von Tausend Plateaus nicht verifizieren; und er wird im Text auch ausdrücklich als „Techno-Narzißmus“ abgewiesen (Deleuze/Guattari 1992, S. 37–38). Der Vorbehalt gegen ein Verständnis von Linie und Plateau, das sich aus- schließlich am Graphischen orientiert, ist wichtig54 und symptomatisch: Die Linie ist für Deleuze durch keine Festlegung in einem spezifischen Kontext fassbar, sei dies eine Darstellungsform, die Wissenschaft der Geometrie, die Graphik, die Kunsttheorie55, die Phänomenologie oder Transzendentalphilosophie; sie ist für ihn in einem eminenten Sinn Bewegung – nicht allein das Resultat der Bewegung eines Punktes,56 sondern vor allem Bewegung ihrer selbst durch all die Erschei- nungsweisen hindurch, die sie für uns hat.57 Die Vielfalt in dieser Selbstverwandlung der Linie bildet sich bei Deleuze [(6), S. 72] einerseits in Ansätzen zu einer Klassifikation ab,58 anderseits kommt sie in der sachlichen Verschiedenheit der Perspektiven zum Ausdruck, in denen er auf die Linie reflektiert: Politik, Kunst, Ontologie, Mathematik … Zwei dieser Bezüge werden besonders deutlich: Ontologie [(3), S. 69] und Geometrie (bzw. das Ver- hältnis der Linie zum Raum [(8), S. 74–75]). Die spezifische Aussage zum Raum liegt darin, dass selbst von einem umfassenderen, nicht geometrie-abhängigen Verständnis des Raumes aus (wie dem deleuzianischen Begriffspaar von glattem und gekerbtem Raum) eine Bestimmung des Wesens der Linie nicht möglich ist.59 Das Besondere der Linie liegt nicht an einer Besonderheit ihrer Stellung gegenüber Punkt, Fläche, Raum im Rahmen eines zugrundeliegenden Systems, sondern in der Entwicklung variabler Beziehungen, die sie gegenüber Punkt, Oberfläche, Raum einnehmen kann.

54 Vor allem auch für die Verwendung des Begriffes Diagramm bei Deleuze. 55 Das ist von Bedeutung für die Einschätzung seiner emphatischen Rezeption von Wilhelm Worringers Denken über die Linie; s. dazu unten S. 307 und 399. 56 Hier ist Deleuzes Auseinandersetzung mit Paul Klee* wichtig; vgl. dazu unten S. 413. 57 Zur Linie als Bewegung des Denkens vgl. Claire Parnet: „In den Dingen, unter den Dingen denken heißt, ein Rhizom bilden und keine Wurzel, heißt, eine Linie ziehen …“ (Deleuze/Parnet 1980, S. 33). 58 „Cette taxonomie multilinéaire qui marque l’œuvre de Deleuze depuis ‚Mille plateaux‘…“ (Martin 1993, S. 165). 59 Vgl. zum Kontrast die Bemerkung Merleau-Pontys über die Linie oben S. 39.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

46

 Richard Heinrich

In dem Abschnitt „Politiken. Teil I“ des Buches Dialoge handelt Deleuze [(4), S. 69–71] vom Verhältnis zwischen Gesellschaft, Institution, Macht, Indivi- duum, und benützt dabei die Linie als grundlegendes theoretisches Instrument. ‚Segment‘ ist der Begriff, der zwischen dieser ‚Linienanalyse‘ (Meister/Roskamm 2007, S. 241) und der Sprache der Soziologie vermittelt.60 Der Text von Deleuze ist aber alles andere als eine Übersetzung aus der Sprache der politischen Anthropologie in eine Sprache der Linie; viel eher handelt es sich um eine demonstrative Zersetzung der formalen Differenzierun- gen jener Theoriesprache durch das Idiom der Linie. An der Stelle starrer Struk- turen resultiert so eine bewegliche Vielheit von Inhalten, die sich ihrerseits in Linien verschiedenen Typs, ‚rhizomatisch‘, mit Ereignissen, Konstellationen, Inhalten anderer Multiplizitäten verbinden: In den mittleren, hier nicht wieder- gegebenen Passagen von „Politiken. Teil I“ sind dies insbesondere Literatur (die Erzählung The crack-up von F. Scott Fitzgerald) und Psychiatrie (die kartographi- schen Bewegungsdiagramme Fernand Delignys). Im Kontext dieses Bandes ist die durchgängige Ambivalenz in der Beziehung der Begriffe von Segment und Linie von besonderem Interesse: ein permanen- tes Umschlagen zwischen einem Bild, in dem die Linie ein Gebiet in (flächige oder räumliche) Segmente trennt, und einem anderen, in dem die Linie selbst grundsätzlich segmentiert ist. Damit ist diese Passage [(4), S. 69–71] ein konkre- tes Anwendungsbeispiel für Deleuzes Einstellung, keine Vorentscheidungen über Fundierungszusammenhänge zwischen Raum, Ebene und Linie zu treffen bzw. zu akzeptieren. Ebenfalls in Dialoge behandelt Deleuze [(2), S. 69] das Verhältnis der Philo- sophie zur Kunst:61 Der Anstoß62 durch die Kunst, aus dem Philosophie entsteht, wird als das „Weitertreiben einer Linie“ beschrieben, einer „Deterritorialisie- rungslinie“. Vielleicht stellen diese Sätze die äußerste Konzentration des deleuzi- anischen Liniendenkens, und vor allem der philosophischen Intention in diesem Denken, dar. Denn sie binden die Identität von Philosophie an die Bewegung einer Linie, für die zwei entscheidende Charakteristika gelten: Es handelt sich

60 Das Konzept der „segmentären Gesellschaft“ wurde 1893 von Emile Durkheim für einen Typus gesamtgesellschaftlicher Organisation – mechanisch im Gegensatz zu organisch – geprägt (Durkheim 1960). Im Abschnitt „Mikropolitik und Segmentarität“ in Tausend Plateaus bezieht Deleuze sich auf Meyer Fortes, Evans-Pritchard, Lévi-Strauss und vor allem Georges Balandier (Balandier 1967). Ergänzend wäre hinzuweisen auf Sigrist 1967. 61 Zu diesem Deleuze prominenten Thema vgl. vor allem Deleuze/Guattari 2000, S. 7. 62 Zu diesem Motiv des äußeren Anstoßes für das Denken vgl. das Kapitel „Das Bild des Den- kens“ in Deleuze 1992, S. 181: „Am Anfang des Denkens steht der Einbruch, die Gewalt, der Feind …“

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

47

nicht um irgendeine beliebige Art von Bewegung, sondern um ein Weitertreiben; und die Philosophie bringt diese Bewegung nicht selbst (ursprünglich) hervor. Jenes exzessive Weitertreiben über einen gegebenen Kontext, einen Vorsatz hinaus ist – wenn überhaupt irgendetwas – die Signatur der Linie in ihrer Auto- nomie; in dieser Linie kann die Philosophie sich finden, ohne sich – auf der einen Seite – von einer vorausgesetzten Disziplin her zu begründen, aber auch ohne – auf der anderen Seite – auf einen Ursprung aus einem immer schon präexistenten Bild ihrer selbst pochen zu müssen: Sie kann werden. So wenig wie ein singuläres Bedürfnis gibt es eine singuläre Genese der Philosophie. Für diese Sicht auf die Linie steht bei Deleuze [(1), S. 68–69; (5), S. 71] vor allem der Begriff der Fluchtli- nie.

Fragen zur Kunst führen Deleuze [(2), S. 69] auch noch in eine andere Rich- tung: Er geht dabei aus von dem Begriff der abstrakten Linie, die die Künstler in ihrer Tätigkeit ziehen. Bis zu einem gewissen Grad ist dieser Ausdruck aus dem Kontext heraus verständlich: Abstraktion als Lösung vom Ursprungsbereich, Deterritorialisierung eben. Eine extrem zugespitzte Bedeutung, die man so nicht antizipieren kann, hat ihm Deleuze aber in seiner Aneignung der Theorien des Kunsthistorikers Wilhelm Worringer gegeben. Er hatte in seiner Dissertation Abs- traktion und Einfühlung von 1907 die Entstehung der bildenden Kunst mehr oder weniger direkt auf die Gestaltung der (geometrischen) Linie zu gründen versucht. In zweifacher Hinsicht knüpfte er dabei an Gedanken des Wiener Kunsthistorikers Alois Riegl* an: Dieser sah eine selbstständige Kultur bildnerischer Gestaltung mit der Emanzipation der Umrisslinie von der räumlichen Präsenz der Objekte einsetzen. Worringer lud Riegls Begriff des Kunstwollens mit psychologischem Inhalt auf und entwickelte von da aus eine historisch-spekulative Theorie vom Ursprung der Kunst aus einem Drang zur Abstraktion, der seinen unmittelbarsten Ausdruck eben in der Linie findet.63 Deleuze faszinierte an dieser Theorie die Idee einer radikalen Emanzipa- tion der Linie vom Raum, aus dem sie, über mehrere Stufen hinweg, durch die Geschichte bis in die Exzesse gotischer Linienführung taumelt. Diesen Aspekt nimmt seine ‚abstrakte Linie‘ auf. Aber auch ein Vorbehalt gegen Worringers Auf- fassung der vom Raum unabhängigen Linie (also des ursprünglichen Abstrakti- onsaktes) als reaktiv, als Angst, „Raumscheu“ (Worringer 2004a, S. 74, 145) wird bei Deleuze [(9), S. 75–78] sichtbar: Dies ist mit seiner positiven Auffassung des Begehrens nicht vereinbar. Zusammenfassend kann man sagen, dass Deleuze in der Auseinandersetzung mit Worringers Spekulationen über Linie, Leben und Abstraktion von einer in der Philosophiegeschichte kaum je aufgetauchten Denk-

63 Vgl. unten S. 168–171, 307, 399–401.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

48

 Richard Heinrich

möglichkeit fasziniert war: einem Abstrakten, das durch und durch konkret, eine Steigerung des Lebens wäre.

1.1 Ordnung im Denken

Platon (427–347 v. Chr.)

Platon hat die Philosophie als eine besondere Disziplin des Denkens – abgehoben vor allem gegen Rhetorik und religiöse Überlieferung – zu begründen gesucht. Eine entscheidende Rolle spielt für ihn dabei die Differenzierung unserer Vorstel- lung von Erkenntnis: Wissen im maßgeblichen Sinn bindet er an einen extrem starken Wahrheitsanspruch, der den Bezug auf ein unwandelbar Seiendes ver- langt. Die Verallgemeinerung von Erfahrungswissen wird diesem Standard nicht gerecht. Eine spezielle positive Bedeutung jedoch hat für ihn die Geometrie als Paradigma sicherer Schlussweisen. Dass dabei die Berufung auf Intuitionen wesentlich ist, die nicht in der Gegebenheit sinnlicher Wahrnehmungen aufge- hen, ist bis in die frühe Neuzeit immer wieder Anknüpfungspunkt für Ansätze einer geometrischen Mystik gewesen. Zu Platons Theorie der Einheit von räum- licher Ausdehnung und Materie finden sich noch bei Descartes Parallelen. Von größtem Interesse hier ist das mit theoretischen Ansprüchen hoch aufgeladene ‚Linien-Gleichnis‘ (s. auch oben S. 31–35).

Brentlinger 1963; Brumbaugh 1952; Fine 1999; Foley 2008; Gloy 1986; Klibansky 1939; Krämer 2016, S. 146–160; Rowe 2007; Shorey 1938; Wieland 1982, S. 48,

196–218

Der Staat

In: Ders.: Platons Werke. Hrsg. u. übers. v. Friedrich Schleiermacher. Berlin: Reimer, 1828, Teil 3, Bd. 1, S. 356–360.

Merke also, sprach ich, wie wir sagen, daß dieses zwei sind und daß sie herrschen, das eine über das denkbare Geschlecht [S. 357] und Gebiet, das andere über das sichtbare, damit du nicht, wenn ich sage über den Himmel, meinest ich wolle in Worten spielen. Also diese beiden Arten hast du nun, das denkbare und sichtbare. – Die habe ich. – So nimm nun wie von einer in zwei getheilten Linie die ungleichen Theile, und theile wiederum jeden Theil nach demselben Ver- hältniß das Geschlecht des sichtbaren und das des denkbaren: so giebt dir vermöge des Ver- hältnisses von Deutlichkeit und Unbestimmtheit in dem sichtbaren der eine Abschnitt Bilder. Ich nenne aber Bilder zuerst die Schatten, dann die Erscheinungen im Wasser und die sich auf allen dichten glatten und glänzenden Flächen finden und alle dergleichen, wenn du es ver- stehst. – Ich verstehe es. – Und als den andern Abschnitt seze das, dem diese gleichen, nemlich

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

49

die Thiere bei uns und das gesammte Gewächsreich und alle Arten des künstlich gearbeiteten. – Das seze ich, sagte er. – Wirst du auch die Sache selbst behaupten wollen, sprach ich, daß in Bezug auf Wahrheit und nicht, wie sich das Vorstellbare von dem Erkennbaren unterscheidet, so auch das nachgebildete von dem welchem es nachgebildet ist? – Das möchte ich gar sehr, sagte er. – So betrachte nun auch die Theilung des denkbaren wie dies zu theilen ist. – Wonach also? – Sofern den einen Theil die Seele genöthiget ist, indem sie das damals abgeschnittene als Bilder gebraucht, zu suchen von Voraussetzungen aus nicht zum Anfange zurükschreitend, sondern nach dem Ende hin, den andern hingegen auch von Voraussezungen ausgehend, aber zu dem keiner Voraussezung weiter bedürfenden Anfang hin, und indem sie ohne die bei jenem angewendeten [S. 358] Bilder mit den Begriffen selbst verfährt. – Dieses, sagte er, was du da erklärst, habe ich nicht gehörig verstanden. – Hernach aber, sprach ich; denn wenn folgendes noch vorangeschikt ist, wirst du es leichter verstehen. Denn ich denke du weißt, daß die, welche sich mit der Meßkunst und den Rechnungen und dergleichen abgeben, das Gerade und Unge- rade und die Gestalten und die drei Arten der Winkel und was dem sonst verwandt ist in jeder Verfahrungsart voraussezend, nachdem sie dies als wissend zum Grunde gelegt keine Rechen- schaft weiter darüber weder sich noch andern geben zu dürfen glauben, als sei dies schon allen deutlich, sondern hievon beginnend gleich das weitere ausführen und dann folgerechterweise bei dem anlangen, auf dessen Untersuchung sie ausgegangen waren. – Allerdings, sagte er, dies ja weiß ich. – Auch daß sie sich der sichtbaren Gestalten bedienen und immer auf diese ihre Reden beziehen, ohnerachtet sie nicht von diesen handeln, sondern von jenem, dem diese glei- chen, und um des Vierecks selbst willen und seiner Diagonale ihre Beweise führen, nicht um deswillen welches sie zeichnen, und so auch sonst überall dasjenige selbst was sie nachbilden und abzeichnen, wovon es auch Schatten und Bilder im Wasser giebt, deren sie sich zwar als Bilder bedienen, immer aber jenes selbst zu erkennen trachten, was man nicht anders sehen kann als mit dem Verständniß. – Du hast Recht, sagte er. – Diese Gattung also sagte ich aller- dings sei auch erkennbares, die Seele aber sei genöthiget bei der Untersuchung derselben sich der Voraussezung zu bedienen, nicht so daß sie zum Anfang zurückgeht, weil sie sich nemlich über [S. 359] die Voraussetzungen hinauf nicht versteigen kann, sondern so daß sie sich dessen als Bilder bedient, was von den unteren Dingen dargestellt wird, und zwar derer die im Vergleich mit den andern als hell und klar verherrlicht und in Ehren gehalten werden. – Ich verstehe, sagte er, daß du meinst, was zur Geometrie und den ihr verwandten Künsten gehört. – So verstehe denn auch, daß ich unter dem andern Theil des denkbaren dasjenige meine, was die Vernunft unmittelbar ergreift, indem sie mittelst des dialektischen Vermögens Voraussezungen macht, nicht als Anfänge, sondern wahrhaft Voraussezungen als Einschritt und Anlauf, damit sie bis zum Aufhören aller Voraussezung an den Anfang von allem gelangend, diesen ergreife, und so wiederum, sich an alles haltend was mit jenem zusammenhängt, zum Ende hinabsteige, ohne sich überall irgend etwas sinnlich wahrnehmbaren, sondern nur der Ideen selbst an und für sich dazu zu bedienen, und so am Ende eben zu ihnen, den Ideen, gelange. – Ich verstehe, sagte er, zwar noch nicht genau, denn du scheinst mir gar vielerlei zu sagen, doch aber daß du bestim- men willst, was vermittelst der dialektischen Wissenschaft von dem seienden und denkbaren geschaut werde, sei sicherer als was von den eigentlich so genannten Wissenschaften, deren Anfänge Voraussezungen sind, welche dann die Betrachtenden mit dem Verstande und nicht mit den Sinnen betrachten müssen. Weil sie aber ihre Betrachtung nicht so anstellen, daß sie bis zu den Anfängen zurükgehen, sondern nur von den Annahmen aus: so scheinen sie dir keine Vernunfterkenntniß davon zu haben, obgleich, ginge man vom An[S. 360]fange aus, sie eben- falls erkennbar wären. Verstand aber scheinst du mir die Fertigkeit der Meßkünstler und was dem ähnlich ist zu nennen, als etwas zwischen der bloßen Vorstellung und der Vernunfterkennt-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

50

 Richard Heinrich

niß zwischen inne liegendes. – Vollkommen richtig, sprach ich, hast du es aufgefaßt! Und nun nimm mir auch die diesen vier Theilen zugehörigen Zustände der Seele dazu, die Vernunftein- sicht dem obersten, die Verstandesgewißheit dem zweiten, dem dritten aber weise den Glauben an und dem vierten die Wahrscheinlichkeit; und ordne sie dir nach dem Verhältniß, daß soviel das, worauf sie sich beziehn, an der Wahrheit Theil hat, soviel auch jedem von ihnen Gewißheit zukomme. – Ich verstehe, sagte er, und räume es ein, und ordne sie wie du sagst.

[Cicero] Rhetorica ad Herennium

Der unbekannte Autor der Rhetorica ad Herennium war ein jüngerer Zeitgenosse Ciceros, mit dessen De inventione (vor 80 v. Chr.) das Werk deutliche Verwandt- schaft zeigt. Es wurde erstmals im fünften nachchristlichen Jahrhundert erwähnt und bis ins 15. Jahrhundert unter den Werken Ciceros geführt. Für die Gedächtnis- kunst der Bilder und Orte, deren Erfindung dem griechischen Dichter Simonides (6. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben wird, stellt es eine Hauptquelle dar. Die Mnemotechnik ist der strikten Linearität des Redeverlaufs verpflichtet (s. auch oben S. 28–29).

Hafner 1989; Hajdu 1936; Haverkamp/Lachmann 1991

Ad C. Herennium. De ratione dicendi

Hrsg. v. Harry Caplan. London: Heinemann/Cambridge (MA): Harvard UP, 1954, S. 208–210. Übers. v. Richard Heinrich.

Wir müssen also, wenn wir uns an vieles erinnern wollen, uns viele Orte zurechtlegen, damit wir an vielen Orten viele Bilder festsetzen können. Ebenso, glaube ich, muss man diese Orte der Reihe nach (ex ordine) zur Verfügung haben, damit wir nicht durch ein Durcheinanderkommen der Reihenfolge daran gehindert werden, die Bilder von jedem beliebigen Ort aus entweder von vorne oder von hinten aufzuzählen und das, was den Orten anvertraut ist, auszusprechen […] Deshalb, glaube ich, muss man die Orte der Reihe nach zurechtlegen.

Immanuel Kant (1724–1804)

Kants Popularität ging zunächst vor allem von Schriften zur Moral- und Religi- onsphilosophie aus. Um 1800 gewannen systematische Aspekte seines Denkens entscheidenden Einfluss auf die idealistische Philosophie. Erst im weiteren Verlauf des Jahrhunderts wurden seine Thesen über die Grundlegung der Wis- senschaften und insbesondere der Mathematik zu einer wichtigen Referenz für aktuelle Diskussionen. Im Zentrum stand und steht dabei die kritische Ausein-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

51

andersetzung mit seiner Auffassung von Geometrie. Der Neukantianismus der Marburger Schule (dem Ernst Cassirer nahestand) hat in dieser Entwicklung eine bedeutende Rolle gespielt. Die Kant-Interpretation Martin Heideggers würdigt speziell die Lehre von Einbildungskraft, Schema und Bild, in deren Rahmen auch die signifikanten Gedanken zur Linie stehen (s. oben S. 30–31).

Allison 2004; Bencivenga 1987; Brittan 1978; Cassirer 1921; Ferrarin 1995; Heideg- ger 1965; Melnick 1989

(1) Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht

In: Ders.: Kants Werke. Akademie-Textausgabe, Bd. 8. Berlin, New York: De Gruyter, 1968d, S. 29.

Es ist zwar ein befremdlicher und dem Anscheine nach ungereimter Anschlag, nach einer Idee, wie der Weltlauf gehen müßte, wenn er gewissen vernünftigen Zwecken angemessen sein sollte, eine Geschichte abfassen zu wollen; es scheint, in einer solchen Absicht könne nur ein Roman zu Stande kommen. Wenn man indessen annehmen darf: daß die Natur selbst im Spiele der menschlichen Freiheit nicht ohne Plan und Endabsicht verfahre, so könnte diese Idee doch wohl brauchbar werden; und ob wir gleich zu kurzsichtig sind, den geheimen Mechanism ihrer Veran- staltung durchzuschauen, so dürfte diese Idee uns doch zum Leitfaden dienen, ein sonst plan- loses Aggregat menschlicher Handlungen wenigstens im Großen als ein System darzustellen.

(2) Was heißt sich im Denken orientieren?

In: Ders.: Kants Werke. Akademie-Textausgabe, Bd. 8. Berlin, New York: De Gruyter, 1968e, S. 142.

Ein reiner Vernunftglaube ist also der Wegweiser oder Compaß, wodurch der speculative Denker sich auf seinen Vernunftstreifereien im Felde übersinnlicher Gegenstände orientiren, der Mensch von gemeiner doch (moralisch) gesunder Vernunft aber seinen Weg so wohl in theoretischer als praktischer Absicht dem ganzen Zwecke seiner Bestimmung völlig angemessen vorzeichnen kann; und dieser Vernunftglaube ist es auch, der jedem anderen Glauben, ja jeder Offenbarung, zum Grunde gelegt werden muß. Der Begriff von Gott, und selbst die Überzeugung von seinem Dasein, kann nur allein in der Vernunft angetroffen werden, von ihr allein ausgehen, und weder durch Eingebung, noch durch eine ertheilte Nachricht, von noch so großer Autorität, zuerst in uns kommen. Widerfährt mir eine unmittelbare Anschauung von einer solchen Art, als sie mir die Natur, so weit ich sie kenne, gar nicht liefern kann: so muß doch ein Begriff von Gott zur Richtschnur dienen, ob diese Erscheinung auch mit allem dem übereinstimme, was zu dem Charakteristischen einer Gottheit erforderlich ist.

Friedrich Nietzsche (1844–1900)

Nietzsches Philosophie, stilistisch hochgradig individualisiert, hat gleichwohl von Anfang an in die verschiedensten Richtungen und Traditionen gewirkt: in

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

52

 Richard Heinrich

die Lebensphilosophie, den Pragmatismus, die philosophische Ästhetik, die Ethik u. a.m. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist sein Konzept von Genealogie (etwa bei Michel Foucault und Bernard Williams) unter methodolo- gischen Gesichtspunkten aufgenommen worden, aber auch eminent wirksame Ansätze wie derjenige von Gilles Deleuze oder Jacques Derrida sind ohne ihn nicht denkbar. Diese Vielfalt in der Rezeption geht zweifellos auch auf den Reich- tum an Perspektiven in Nietzsches Denken zurück. Er hat seine Ideen immer aus den Gesichtspunkten verschiedener Wissenschaften zugleich konturiert: der Psychologie, der Physik, der Medizin, der Biologie – während er zugleich einer der prominentesten Kritiker der Wissenschaften war. Folgenreich geworden ist u. a. seine frühe provokante Position, die Begriffe als erstarrte Metaphern ent- larvt. Die Linie oder Linien sind kein zentraler Gegenstand in seinem Œuvre, aber sie spielen in erkenntniskritischem Kontext eine Rolle. Für das philosophische Denken ist das Motiv des Ariadnefadens bedeutungsvoll, ebenso wie das macht- volle Bild vom Auslöschen des Horizonts, vom Wegwischen dieser ‚ewigen festen Linie‘, im Zusammenhang mit dem Tod Gottes. Die hier wiedergegebene Stelle ist ein Beispiel von vielen dafür, wie das Bild der Linie auf mehreren, verschieden anspruchsvollen Ebenen fungiert (s. auch oben S. 25–26).

Brusotti 1997, v. a. S. 410–411; Conant 2014; Foucault 1982; Kofman 1972; Nehamas 1991; A. Sommer 2012, S. 488–489; Williams 2002

Götzen-Dämmerung. Streifzüge eines Unzeitgemässen 33

In: Ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe. Bd. 6. Hrsg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. München, Berlin, New York: Deutscher Taschenbuch Verlag, De Gruyter, 1980, S. 131–

132.

Naturwerth des Egoismus. – Die Selbstsucht ist so viel werth, als Der physiologisch werth ist, der sie hat: sie kann sehr viel werth sein, sie kann nichtswürdig und verächtlich sein. Jeder Einzelne darf darauf hin angesehen werden, ob er die aufsteigende oder die absteigende Linie des Lebens darstellt. Mit einer Entscheidung darüber hat man auch einen Kanon dafür, [132] was seine Selbstsucht werth ist. Stellt er das Aufsteigen der Linie dar, so ist in der That sein Werth ausser- ordentlich, – und um des Gesammt-Lebens willen, das mit ihm einen Schritt weiter thut, darf die Sorge um Erhaltung, um Schaffung seines optimum von Bedingungen selbst extrem sein. Der Einzelne, das „Individuum“, wie Volk und Philosoph das bisher verstand, ist ja ein Irrthum: er ist nichts für sich, kein Atom, kein „Ring der Kette“, nichts bloss Vererbtes von Ehedem, – er ist die ganze Eine Linie Mensch bis zu ihm hin selber noch… Stellt er die absteigende Entwicklung, den Verfall, die chronische Entartung, Erkrankung dar (– Krankheiten sind, in‘s Grosse gerechnet, bereits Folgeerscheinungen des Verfalls, nicht dessen Ursachen), so kommt ihm wenig Werth zu, und die erste Billigkeit will, dass er den Wohlgerathenen so wenig als möglich wegnimmt. Er ist bloss noch deren Parasit…

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

Ludwig Wittgenstein (1889–1951)

1 Philosophie 

53

Wittgenstein hat mit seiner Logisch-philosophischen Abhandlung von 1921 wich- tige Perspektiven für die Philosophie der Logik und der Wissenschaften in den dreißiger Jahren (und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg) eröffnet. Seine spätere Philosophie wurde erst posthum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun- derts einer breiteren akademischen Öffentlichkeit zugänglich. Sie gehört, zusam- men mit dem Werk J. L. Austins, zum definierenden Bestand der sogenannten ‚Phi- losophie der gewöhnlichen Sprache‘ und verhält sich in wesentlichen Hinsichten kritisch zu der frühen Abhandlung. In beiden Phasen seines Denkens, doch auf sehr verschiedene Weise, ist der Begriff des Bildes für Wittgenstein von höchster Bedeutung gewesen. Während er in der frühen Philosophie noch die Beziehung von Behauptungssätzen auf Tatsachen begründet, ist seine spätere Verwendung durchgängig ambivalent bis kritisch und berücksichtigt auch rhetorisch-meta- phorische und psychologische Aspekte. Die Relevanz von Wittgensteins später Philosophie im Zusammenhang kulturphilosophischer und ethnologischer (Bru- sotti 2014) und kunsttheoretischer (Kemp/Mras 2016) Fragestellungen ist in den letzten Jahrzehnten verstärkt herausgearbeitet worden. Mit der Linie hat Wittgen- stein ein Bild gefunden, in dem er grundsätzliche Aspekte seiner Vorstellung von Regelhaftigkeit, Ausdruck und Allgemeinheit veranschaulichen konnte (s. auch oben S. 26–28).

Arnswald 2004; Bouveresse 1987; Brusotti 2014; Crary/Read 2000; Hanfling 1988; Kemp/Mras 2016; Kripke 1981; Kuusela 2008; Mounce 1981; Pears 1987; Sluga 1996

Philosophische Untersuchungen

In: Ders.: Schriften I. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1969b, S. 333, 334, 386, 388, 389, 440 (wiederab- gedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verlags Suhrkamp). Die einzelnen Stellen werden mit der Seitengabe dieser Edition sowie der Nummer der Bemer- kung zitiert.

(1) [S. 333] § 85. Eine Regel steht da, wie ein Wegweiser. – Läßt er keinen Zweifel offen über den Weg, den ich zu gehen habe? Zeigt er, in welche Richtung ich gehen soll, wenn ich an ihm vorbei bin; ob der Straße nach, oder dem Feldweg, oder querfeldein? Aber wo steht, in welchem Sinne ich ihm zu folgen habe; ob in der Richtung der Hand, oder (z. B.) in der entgegengesetzten? – Und wenn statt eines Wegweisers eine geschlossene Kette von Wegweisern stünden [sic], oder Kreidestriche auf dem Boden liefen, – gibt es für sie nur eine Deutung? – Also kann ich sagen, der Wegweiser läßt doch keinen Zweifel offen. Oder vielmehr: er läßt manchmal einen Zweifel offen, manchmal nicht. Und dies ist nun kein philosophischer Satz mehr, sondern ein Erfahrungssatz.

(2) [S. 334] § 86. Ein Sprachspiel […] werde mit Hilfe einer Tabelle gespielt. Die Zeichen, die A dem B gibt, seien nun Schriftzeichen. B hat eine Tabelle; in der ersten Spalte stehen die Schriftzei-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

54

 Richard Heinrich

chen, die im Spiel gebraucht werden, in der zweiten, Bilder von Bausteinformen. A zeigt dem B ein solches Schriftzeichen; B sucht es in der Tabelle auf, blickt auf das gegenüberliegende Bild, etc. Die Tabelle ist also eine Regel, nach der er sich beim Ausführen der Befehle richtet. – Das Aufsuchen des Bildes in der Tabelle lernt man durch Abrichtung, und ein Teil dieser Abrichtung besteht etwa darin, daß der Schüler lernt, in der Tabelle mit dem Finger horizontal von links nach rechts zu fahren; also lernt, sozusagen eine Reihe horizontaler Striche zu ziehen. Denk dir, es würden nun verschiedene Arten eingeführt, eine Tabelle zu lesen, nämlich einmal, wie oben, nach dem Schema:

zu lesen, nämlich einmal, wie oben, nach dem Schema: ein andermal nach diesem Schema: oder einem

ein andermal nach diesem Schema:

wie oben, nach dem Schema: ein andermal nach diesem Schema: oder einem andern. – So ein

oder einem andern. – So ein Schema werde der Tabelle beigefügt als Regel, wie sie zu gebrau- chen sei. Können wir uns nun nicht weitere Regeln zur Erklärung dieser vorstellen? und war anderseits jene erste Tabelle unvollständig ohne das Schema der Pfeile? Und sind es die andern Tabellen ohne ihr Schema?

(3) [S. 386] § 218. Woher die Idee, es wäre die angefangene Reihe ein sichtbares Stück unsichtbar bis ins Unendliche gelegter Geleise? Nun, statt der Regel könnten wir uns Geleise denken. Und der nicht begrenzten Anwendung der Regel entsprechen unendlich lange Geleise. § 219. „Die Übergänge sind eigentlich alle schon gemacht“ heißt: ich habe keine Wahl mehr. Die Regel, einmal mit einer bestimmten Bedeutung gestempelt, zieht die Linien ihrer Befolgung durch den ganzen Raum. – Aber wenn so etwas wirklich der Fall wäre, was hülfe es mir? Nein; meine Beschreibung hatte nur Sinn, wenn sie symbolisch zu verstehen war. – So kommt es mir vor – sollte ich sagen.

(4) [S. 388] § 229. Ich glaube, im Reihenstück ganz fein eine Zeichnung wahrzunehmen, einen charakteristischen Zug, der nur noch des „usw.“ bedarf, um in die Unendlichkeit zu reichen. § 230. „Die Linie gibt’s mir ein, wie ich gehen soll“: das paraphrasiert nur: sie sei meine letzte Instanz dafür, wie ich gehen soll. § 231. „Aber du siehst doch …!“ Nun, das ist eben die charakteristische Äußerung Eines, der von der Regel gezwungen ist. § 232. Nimm an, eine Regel gebe mir ein, wie ich ihr folgen soll; d. h., wenn ich der Linie mit den Augen nachgehe, so sagt mir nun eine innere Stimme: „Zieh so!“ – Was ist der Unterschied zwi- schen diesem Vorgang, einer Art Inspiration zu folgen, und dem, einer Regel zu folgen? Denn sie sind doch nicht das Gleiche. In dem Fall der Inspiration warte ich auf die Anweisung. Ich werde

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

55

einen Andern nicht meine ‚Technik‘ lehren können, der Linie zu folgen. Es sei denn, ich lehrte ihn eine Art des Hinhorchens, der Rezeptivität. Aber dann kann ich natürlich nicht verlangen, daß er der Linie so folge wie ich.

(5) [S. 389] § 237. Denke dir, Einer folgt einer Linie als Regel auf diese Weise: Er hält einen Zirkel, dessen eine Spitze er der Regel-Linie entlang führt, während die andre Spitze die Linie zieht, welche der Regel folgt. Und während er so der Regel entlang fährt, verändert er die Öffnung des Zirkels, wie es scheint mit großer Genauigkeit, wobei er immer auf die Regel schaut, als bestimme sie sein Tun. Wir nun, die ihm zusehen, sehen keinerlei Regelmäßigkeit in diesem Öffnen und Schließen des Zirkels. Wir können seine Art, der Linie zu folgen, von ihm nicht lernen. Wir würden hier vielleicht wirklich sagen: „Die Vorlage scheint ihm einzugeben, wie er zu gehen hat. Aber sie ist keine Regel!“

, wie er zu gehen hat. Aber sie ist keine Regel!“ (6) [S. 440] § 454. […] Wie

(6) [S. 440] § 454. […] Wie kommt es, daß der Pfeil zeigt? Scheint er nicht schon etwas außerhalb seiner selbst in sich zu tragen? – „Nein, es ist nicht der tote Strich; nur das Psychische, die Bedeutung, kann dies.“ – Das ist wahr und falsch. Der Pfeil zeigt nur in der Anwendung, die das Lebewesen von ihm macht. Dieses Zeigen ist nicht ein Hokuspokus, welches nur die Seele vollziehen kann.

Jacques Derrida (1930–2004)

Derrida war der Begründer und wichtigste Exponent des philosophischen Dekon- struktivismus. Wesentlichen Einfluss auf sein Denken hatten Strukturalismus (Saussure, Jakobson, Lévi-Strauss) und Phänomenologie (Husserl, Heidegger). Insbesondere in der Auseinandersetzung mit Heidegger ist seine Kritik eines nicht-problematisierten Zusammenhanges von Dasein, Temporalität und linea- rer Schrift von Bedeutung. Seit dem Erscheinen von De la Grammatologie (1967) haben Derridas Thesen zu Phonologismus, Schrift und Schriftkritik in philoso- phischen, literaturwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Diskussio- nen wesentliche Akzente gesetzt (s. auch oben S. 29–30).

Derrida 1972, S. 316–327; Felka 2013; Husserl 1999, S. 87–107; Lagemann/Gloy 1998; Wetzel 2010

Grammatologie

Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1983, S. 126, 151–152, 155–156 (wiederabgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Verlage Suhrkamp und Éditions de Minuit).

(1) [S. 126] [Der] Linearismus [der Schrift] ist vom Phonologismus nicht zu trennen, er vermag seine Stimme nur so weit zu erheben, wie es ihm zu gelingen scheint, sich eine lineare Schrift zu unterwerfen. Die Saussuresche Theorie von der „Linearität des Signifikanten“ könnte unter diesem Gesichtspunkt interpretiert werden.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

56

 Richard Heinrich

„Für die akustischen Signifikanten (gibt es) nur die Linie der Zeit; ihre Elemente treten nacheinander auf; sie bilden eine Kette. Diese Besonderheit stellt sich unmittelbar dar, sowie man sie durch die Schrift vergegenwärtigt … Der Signifikant, als etwas Hörbares, ver- läuft ausschließlich in der Zeit und hat Eigenschaften, die von der Zeit bestimmt sind: a) er stellt eine Ausdehnung dar, und b) diese Ausdehnung ist meßbar in einer einzigen Dimen- sion: es ist eine Linie.“ An diesem Punkt distanziert sich Jakobson ganz entschieden von Saussure, indem er die Homo- genität der Linie durch die Struktur des musikalischen Notensystems, „den Akkord in der Musik“ ersetzt.

(2) [S. 151] Die Wurzeln der Schrift im engeren Sinn, vor allem der phonetischen Schrift, gründen in der Vergangenheit einer nicht-linearen Schrift. Diese Vergangenheit mußte besiegt werden […]. Eine Verdrängung der „Mythographie“ (Leroi-Gourhan), d. h. einer Schrift, die ihre Symbole in der Mehr-Dimensionalität buchstabiert und deren Bedeutung nicht der Sukzessivität, der Ordnung der logischen Zeit oder der irreversiblen Zeitlichkeit des Lautes unterworfen ist. Diese Mehrdimensionalität para[S. 152]lysiert jedoch nicht die Geschichte in der Simultaneität, sondern entspricht einer anderen Schicht der historischen Erfahrung, wie umgekehrt das lineare Denken als eine Reduktion der Geschichte angesehen werden kann. […] Der Begriff der Lineari- sierung ist weitaus wirksamer, genauer und inhärenter als alle anderen, welche man gewöhnlich für die Klassifikation der Schriften und zur Beschreibung ihrer Geschichte heranzieht (Pikto- gramm, Ideogramm, Buchstabe usw.). Leroi-Gourhan entkräftet mehr als nur ein Vorurteil, vor allem jenes über das Verhältnis zwischen dem Ideogramm und dem Piktogramm sowie über den vorgeblichen graphischen „Realismus“, wenn er an die im Mythogramm vorhandene Einheit von Technik (insbesondere der Graphik), Kunst, Religion und Ökonomie erinnert, welche durch die lineare Schrift aufgebrochen wurde. Um aber den Zugang zu dieser Einheit, zu dieser ganz andersartigen Einheitsstruktur wiederaufzufinden, müssen „viertausend Jahre linearer Schrift“ Schicht für Schicht abgetragen werden.

(3) [S. 155] Seit über einem Jahrhundert läßt sich diese Unruhe in der Philosophie, der Wis- senschaft und der Literatur registrieren, deren Revolutionen als Erschütterungen interpretiert werden müssen, die das lineare Modell – unter dem wir das epische Modell verstehen – nach und nach zerstören. Was es heute zu denken gilt, kann in Form der Zeile oder des Buches nicht niedergeschrieben werden; ein derartiges Unterfangen käme dem Versuch gleich, die moderne Mathematik mit Hilfe einer Rechenschiebermaschine bewältigen zu wollen. Die hoffnungslose Rückständigkeit eines derartigen Verfahrens zeigt sich heute deutlicher denn je. Der [S. 156] Zugang zur Mehrdimensionalität und zu einer de-linearisierten Zeitlichkeit ist keine einfache Regression, die wieder beim „Mythogramm“ enden würde, sondern läßt im Gegenteil die ganze, dem linearen Modell unterworfene Rationalität als eine weitere Form und eine weitere Epoche der Mythographie erscheinen.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1.2 Zeit

Aristoteles (384–322 v. Chr.)

1 Philosophie 

57

Aristoteles gab der Philosophie einen dezidiert wissenschaftlichen Status: Dazu gehört die Aufgliederung in Teildisziplinen (wie etwa Logik und Ontologie) und die Auszeichnung von Grundsätzen, die in diesen Bereichen jeweils allgemein – d. h. unabhängig vom jeweiligen konkreten Argumentationsgang – gelten. Zugleich wird die Philosophie dadurch in nachbarschaftliche Beziehungen zu anderen (auf andere Prinzipien gegründeten) Wissenschaften wie etwa Mathe- matik oder Rhetorik gesetzt. Die Trennung von Naturphilosophie auf der einen, Geometrie auf der anderen Seite ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal der aristotelischen gegenüber der neuzeitlichen und modernen Auffassung von Physik. Von besonderem Interesse sind daher Theorien, in denen auch für Aris- toteles selbst beide Wissenschaften eine wesentliche Rolle spielen. Ein solcher Fall liegt vor, wenn der sphärenartige Aufbau des Kosmos insgesamt von einem physikalischen Ortsbegriff her konzipiert ist, die Bewegung der Sterne aber geo- metrischer Gesetzlichkeit folgt; ein anderer Fall ist die Lehre von der Zeit, in der ein physikalischer Bewegungsbegriff und die Geometrie der Linie argumentativ miteinander vermittelt sind (s. auch oben S. 35–37).

Ackrill 1985; Bostock 2006; Claghorn 1954; Coope 2005; Mellor 1998, S. 118–135; Mueller 1970; Ross 1995; Wieland 1992

Physik

Hrsg. u. übers. v. Christian H. Weiße. Leipzig: Johann Ambrosius Barth, 1829, S. 106, 108–110, 228.

(1) Physik IV, 11, 220a14–31, S. 108–109 Also ist die Zeit Zahl, nicht als von dem nämlichen Puncte, der sowohl Anfang als Ende wäre, sondern als das Aeußerste der Linie vielmehr, und nicht wie die Theile; wegen dessen was bemerkt ist. Den mittelsten Punct nämlich würde man als zwei betrachten müssen, so daß ein Stillstehen folgen würde. Und übrigens ist ersichtlich, daß auch nicht Theil das Jetzt von der Zeit ist, noch die Theilung der Bewegung. Gleichwie auch nicht die Puncte von der Linie; die Linien hingegen zwei Theile der Einigen sind. Als Grenze nun also ist das Jetzt nicht Zeit, sondern es ist nur nebenbei. Wiefern aber es zählt, ist es Zahl. Die Grenzen nämlich sind nur in Bezug auf das, von dem sie Grenzen sind; die Zahl hingegen ist sowohl in Bezug auf diese Pferde die Zehn, als auch anderwärts. – Daß nun also die Zeit Zahl der Bewegung ist nach dem Vor und Nach, und eine stetige, denn sie ist es von einem Stetigen, ist ersichtlich.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

58

 Richard Heinrich

(2) Physik IV, 12, 220a27–32; S. 110 Die kleinste Zahl nun ist schlechthin zwar die Zwei. Eine bestimmte Zahl aber ist in einer Hinsicht dieß, in der andern aber ist sie es nicht. Z. B. von der Linie die kleinste Zahl, ist der Menge nach zwar die Zwei oder die Eins; der Größe nach aber ist sie nicht die kleinste; denn stets getheilt wird jede Linie. Also gleicherweise auch die Zeit: die kleinste nämlich ist der Zahl nach die Eine oder die Zwei; der Größe nach aber sind sie es nicht.

(3) Physik IV, 11, 219a14; S. 106 Wir müssen aber bei unserem Verfahren, da wir nachforschen, was ist die Zeit, davon beginnen, was von der Bewegung sie ist. Denn zugleich Bewegung empfinden wir und Zeit. Auch nämlich wenn es finster ist und wir nichts mittelst des Körpers erfahren, irgend eine Bewegung aber in der Seele ist, so scheint sogleich auch zumal zu verfließen eine Zeit. Allein auch wenn eine Zeit zu verfließen scheint, so zeigt sich zugleich auch, daß eine Bewegung geschieht. Also ist entwe- der Bewegung, oder von der Bewegung etwas die Zeit. Weil nun nicht Bewegung, muß sie etwas von der Bewegung sein. – Da aber alles was sich bewegt, von etwas zu etwas sich bewegt, und alle zwischen diesen liegende Größe stetig ist, so gilt, was von der Größe, auch von der Bewe- gung. Weil nämlich die Größe stetig ist, ist auch die Bewegung stetig. Weil aber die Bewegung, auch die Zeit; denn wie groß die Bewegung, für eben so groß gilt auch die verfließende Zeit. Das Vor also und Nach in dem Raume ist das erste; dort aber ist es der Lage nach. Weil es nun an der räumlichen Größe ein Vor und Nach giebt, so giebt es nothwendig auch in der Bewegung ein Vor und Nach, entsprechend dem in jener. Allein auch in der Zeit giebt es ein Vor und Nach, weil stets begleitet eines von ihnen das andere.

(4) Physik IV, 12, 220b22–32; S. 110 Eben so auch bei der Zeit und der Bewegung: durch die Zeit nämlich die Bewegung, durch die Bewegung aber messen wir die Zeit. Und dieß geschieht mit gutem Grunde. Denn es entspricht der räumlichen Größe die Bewegung, der Bewegung aber die Zeit, darin daß sie sowohl Größen, als stetig, als auch untheilbar sind. Weil nämlich die stetige Größe eine solche ist, eignet dieß auch der Bewegung; weil aber der Bewegung, der Zeit. Und wir messen sowohl die Größe mit der Bewegung, als auch die Bewegung mit der Größe. Lang nämlich nennen wir den Weg, wenn die Reise lang ist, und diese lang, wenn der Weg lang; und die Zeit, wenn die Bewegung, und die Bewegung, wenn die Zeit.

(5) Physik VIII, 8, 264b9–265a12; S. 228 Die Bewegung aber auf der Kreislinie wird eine einige und stetige sein. Denn nichts unmögliches folgt daraus. Was nämlich aus A sich bewegt, wird zugleich nach A sich bewegen in dem näm- lichen Umlauf. Wohin nämlich es kommen soll, dahin bewegt es sich auch. Aber nicht zugleich wird es die zuwiderlaufenden oder die entgegengesetzten Bewegungen erfahren. Denn nicht ist allemal die von diesem der in dieses zuwiderlaufend noch entgegengesetzt. Sondern zuwider- laufend, die auf gerader Linie. Diese nämlich hat eine zuwiderlaufende dem Raume nach; z. B. die nach dem Durchmesser. Diese nämlich hat am meisten von einander abstehende Puncte. Entgegengesetzt aber ist die nach der nämlichen Länge. – Also hindert nichts, daß die Bewegung stetig sei und durch keine Zeit unterbrochen werde. – Die Bewegung im Kreise nämlich ist die von sich zu sich selbst; die in gerader Linie aber von sich zu einem Anderen. Und die im Kreise geschieht niemals in dem Nämlichen; die in gerader Linie aber wiederholt in dem Nämlichen. Jene nun, die stets in einem Anderen und wieder Anderen geschieht, kann stetig sein; diese aber, die wiederholt in dem Nämlichen, kann es nicht. Denn es müßten dann zugleich die entgegenge-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

59

setzten Bewegungen geschehen. Also kann auch weder in einem Halbkreis, noch in irgend einem andern Bogen eine stetige Bewegung geschehen. Denn mehrmals muß hier auf dem Nämlichen die Bewegung geschehen, und die entgegengesetzten Uebergänge vorkommen. Nicht nämlich verknüpft sie mit dem Anfange das Ende. Die des Kreises aber verknüpft beides, und ist allein vollkommen.

(6) Kategorien oder Lehre von den Grundbegriffen, 6. Kap. 5a 15–33 Hrsg. u. übers. v. Julius von Kirchmann. Leipzig: Erich Koschny, 1876, S. 10–11.

Ferner ist manches Grosse aus Theilen zusammengesetzt, welche eine bestimmte Lage gegen einander haben, und anderes Grosse aus Theilen, welche keine solche bestimmte Lage haben. So haben die Theile einer Linie eine bestimmte Lage gegen einander; denn jeder Theil [S. 11] der- selben hat seine bestimmte Lage, und man kann bei jedem Theile unterscheiden und angeben, wo er in der Fläche liegt und mit welchen von den übrigen Theilen er sich berührt. Ebenso haben auch die Theile einer Fläche eine bestimmte Lage gegen einander; denn man kann von jedem in gleicher Weise angeben, an welchem er liegt und welche Theile einander berühren. Das Gleiche gilt von den Theilen eines Körpers und des Raumes. Dagegen wird bei einer Zahl Niemand zeigen können, wie die Theile derselben eine Lage zu einander haben oder wo sie liegen, und welche Theile einander berühren; und eben so wenig wird dies bei der Zeit geschehen können, da kein Theil derselben beharrt; was aber nicht beharrt, wie könnte das wohl eine bestimmte Lage haben? vielmehr könnte man eher sagen, dass die Zeit eine gewisse Ordnung habe, weil ein Theil der Zeit der frühere, der andere der spätere ist. Eben dasselbe gilt für die Zahl, weil die Eins eher gezählt wird als die Zwei und die Zwei eher als die Drei; so dass die Zahl zwar eine gewisse Ordnung hat, aber man schwerlich eine Lage bei ihr annehmen kann.

Immanuel Kant (1724–1804)

s. oben, S. 38 und S. 50–51.

(3) Kritik der reinen Vernunft (2. Aufl. 1787)

In: Ders.: Kants Werke. Akademie-Textausgabe, Bd. 3. Berlin, New York: De Gruyter. 1968b,

S. 59–60.

Die Zeit ist nichts anders, als die Form des innern Sinnes, d.i. des Anschauens unserer selbst und unsers innern Zustandes. Denn die [S. 60] Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört weder zu einer Gestalt, oder Lage etc., dagegen bestimmt sie das Verhältniß der Vorstellungen in unserm innern Zustande. Und, eben weil diese innre Anschauung keine Gestalt giebt, suchen wir auch diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe aus- macht, die nur von einer Dimension ist, und schließen aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle Eigenschaften der Zeit, außer dem einigen [sic], daß die Theile der erstern zugleich, die der letztern aber jederzeit nach einander sind. Hieraus erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei, weil alle ihre Verhältnisse sich an einer äußern Anschauung ausdrücken lassen.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

60

 Richard Heinrich

Hans Reichenbach (1891–1953)

Reichenbach, der Physik, Mathematik und Philosophie studiert hatte, gehörte der Berliner ‚Gesellschaft für empirische Philosophie‘ an und gründete gemein- sam mit Rudolf Carnap – einem Exponenten des ‚Wiener Kreises‘ – die Zeitschrift Erkenntnis, die wichtigste Publikationsreihe des logischen Positivismus. Rei- chenbach emigrierte 1933 über die Türkei in die USA. Er lehrte an der Univer- sity of California, Los Angeles und hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Wissenschaftsphilosophie in den USA in der zweiten Jahrhunderthälfte. Die philosophische Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie, Wahrscheinlich- keitstheorie und die Interpretation der Quantenmechanik waren wichtige For- schungsfelder in seinem umfangreichen Werk. In seiner Philosophie der Raum-Zeit-Lehre (Reichenbach 1928) fasste Rei- chenbach (in Übereinstimmung mit dem Grundgedanken des Hilbert’schen Formalismus) Geometrie als eine abstrakte Relationentheorie auf; anschauliche Elemente wie die Linie sind dann primär graphische Repräsentationen zugrunde liegender geometrischer Strukturen; in dem Werk (bes. Kapitel II) finden sich auch Überlegungen zu der Frage der Ordnung der Zeit, ihrem Zusammenhang mit Kausalität einerseits, der geometrischen Darstellung andererseits (s. auch oben S. 38).

Black 1962; Horwich 1987, S. 37–57; Milkov 2015; Reichenbach 1928, S. 112–135; Rei- chenbach 1935; Reichenbach 1944; Reichenbach 1951

The Direction of Time [1956]

Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press, 1971, S. 26–27. Übers. v. Kohki Totsuka.

Wenn wir sagen, dass eine Linie keine Richtung hat, auch wenn sie seriell geordnet ist, meinen wir damit, dass es keine Möglichkeit zur strukturellen Unterscheidung zwischen rechts und links, also zwischen der Relation und ihrem Gegenteil gibt. Um eine Richtung als „links“ zu bezeichnen, müssen wir auf das Diagramm zeigen; oder wir können den Punkten Namen zuord- nen und die intendierte Richtung mithilfe dieser Namen angeben. Hätten wir das, was wir üblicherweise als „links“ bezeichnen, „rechts“ genannt und umgekehrt, würden wir keinen strukturellen Unterschied erkennen. Die Relation „links von“ hat also dieselben strukturellen Eigenschaften wie die Relation „rechts von“. Im Falle eines linearen Kontinuums von negativen und positiven reellen Zahlen, die wir auf einer geraden Linie abbilden können, verhält es sich anders. Die Zahlen sind durch die Relation „kleiner als“ geregelt, die asymmetrisch, zusammen- hängend und transitiv ist wie die Relation „links von“, und haben daher eine Ordnung. Zusätz- lich dazu weist die Relation „kleiner als“ jedoch auch eine Richtung auf. Darin unterscheidet sie sich strukturell von ihrem Gegenteil: „größer als“. Dies wird aus der Tatsache deutlich, dass wir zwischen negativen und positiven Zahlen folgendermaßen unterscheiden können: Das Quadrat

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

61

einer positiven Zahl ist positiv wie auch das Quadrat einer negativen Zahl. Deshalb trifft diese Aussage auf die Klasse der reellen Zahlen zu: Jede Zahl, die ein Quadrat einer anderen Zahl ist, ist größer als jede Zahl, die nicht ein Quadrat einer anderen Zahl ist. Folglich haben wir die Relation „größer als“ und damit auch „kleiner als“ in einer strukturellen Weise definiert. Bei der Anwendung dieses Ergebnisses auf das Problem der Zeit sehen wir, dass die Zeit üblicherweise als etwas verstanden wird, was nicht nur eine Ordnung hat, sondern auch eine Richtung. Die Relation „früher als“ wird als gleichartig mit der Relation „kleiner als“ angesehen, nicht als rich- tungslos wie die Relation „links von“. Dies bedeutet, dass wir meinen, dass die Relation „früher als“ von ihrem Gegenteil, „später als“, strukturell verschieden ist.

Hans Blumenberg (1920–1996)

Blumenberg hat in seinem Denken den Deutungsgehalt sprachlicher Bilder, phi- losophischer Argumentationsmuster, mythisch-narrativer Figuren und wissen- schaftlicher Paradigmen an immer wieder neuen Fragestellungen aktualisiert. Er hat sie in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten und in weit ausgreifenden Zusammenhängen dargestellt. Historische Konkretion zeichnet seine Analysen ebenso aus wie eine konsequente Methodenreflexion. Schon mit den frühen Para- digmen zu einer Metaphorologie (Blumenberg 1960) eröffnete er einen eigenen Weg jenseits der ideen- bzw. begriffsgeschichtlichen Vorbilder. Besondere Bedeu- tung kommt seinen Arbeiten aus den 60er und 70er Jahren zu (Blumenberg 1965, 1966, 1975), in denen er Zusammenhänge von Philosophie, Kosmologie und Theo- logie in der Epoche vom Spätmittelalter bis zur Hochrenaissance aus neuen Per- spektiven beleuchtete. In diesem Kontext hat er Nikolaus von Kues ausführlich gewürdigt. Durch Blumenbergs Werk zieht sich eine Auseinandersetzung mit der Phänomenologie Edmund Husserls. Der hier abgedruckte Textausschnitt gilt dem Zusammenwirken der Schemata Kreis und Linie im antiken Zeitbegriff (s. auch oben S. 38).

Blumenberg 1960; Blumenberg 1965; Blumenberg 1966; Goldstein 1998; Wetz 1999

Die Genesis der kopernikanischen Welt

Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1975, S. 527 (wiederabgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verlags Suhrkamp).

Dazu muß genauer gefragt werden, wie das Schema des Kreises den antiken Zeitbegriff charak- terisiert. Wenn Aristoteles sagt, die Zeit sei die Zahl der Bewegung, so meint er das, was an der Bewegung das Zählbare ist, und zwar nicht nur hinsichtlich der unterscheidbaren Abschnitte der Bewegung, sondern hinsichtlich ihrer Lage zueinander in einem Verhältnis des Vorher und Nachher, Früher und Später. Die Festlegung dieser Abschnitte, des Zählbaren also, erfolgt frei- lich durch die angenommene absolute Gleichförmigkeit einer zyklischen Bewegung. Der Kreis

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

62

 Richard Heinrich

ist dadurch ausgezeichnet, daß in ihm überall eine Grenze angesetzt werden kann, von der aus und auf die hin eine Periode als Einheit gezählt wird und die über das Vorher und Nachher, das Früher und Später entscheidet. Aber jeder Umlauf in diesem Kreis, also jede kosmische Einheit der Zeit, deren Vielfaches oder deren Bruchteile die Messung von Zeit ermöglichen, hat ihrer- seits eine Stelle in einem Ordnungsschema einander folgernder Einheiten, die nicht vertauscht werden können. Und eben dieses Schema der einander folgenden Einheiten ist als das Zählbare linear. Erst in dem ordinalen Schema, das die Zeit als Zahl der Bewegung zu fassen gestattet, steht hinter jeder Einheit das andere Schema des Kreises, der kosmisch-anschaulichen elemen- taren Bewegungseinheit. Hält man sich dieses Ineinandergreifen von zyklischer und linearer Schematik im antiken Zeitbegriff vor Augen, so ergibt sich eine Erklärung dafür, daß es für das griechische Denken unmöglich war, den Zeitbegriff auf das innere Zeitbewußtsein zurückzuführen und in ihm zu begründen.

1.3 Geometrie

Cusanus (Nikolaus von Kues) (1401–1464)

Nikolaus von Kues war Philosoph, Theologe und Mathematiker und schon zu Lebzeiten (auch kirchenpolitisch) einflussreich. Er wird unter die Humanisten und Neuplatonisten eingereiht, seine Bedeutung für die modernen (Natur-)Wis- senschaften ist ebenso umstritten wie das Gewicht des Mystischen in seinem Denken. Das liegt u. a. an der besonderen Rolle, die die Mathematik in seiner Philosophie spielt: Ihr Einsatz soll der Erkenntnis der Welt, Gottes, des Absolu- ten dienen, und doch soll sie dadurch den Charakter ihrer Wissenschaftlichkeit keineswegs verlieren. Während heute vor allem die theologisch-metaphysischen Arbeiten des Cusaners diskutiert werden, galt er noch den Forschern des 18. und 19. Jahrhunderts vor allem als Mathematiker (vgl. Müller 2014, S. 86). Diesen Ruf brachten ihm seine Bemühungen um die Quadratur des Kreises (das Umwandeln eines Kreises in ein flächengleiches Quadrat mittels Zirkel und Lineal) ein. In den mathematischen Abhandlungen taucht auch jenes Prinzip auf, für das Cusanus berühmt geworden ist: die coincidentia oppositorum. Das Kleinste und das Größte sind Eins. Cusanus entwirft – vor allem in seiner Hauptschrift De docta ignorantia (Von der Wissenschaft des Nichtwissens) – verschiedene Bilder zur Erläuterung dieser Idee; die mathematischen unter ihnen verwenden durchgehend Linien (s. auch oben S. 39–40).

Blumenberg 1966; Böhlandt 2002; Counet 2005; Flasch 2004; Folkerts 2003; Hoff 2007; Mahnke 1937, S. 76–106; Müller 2014; Nagel 1984

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

63

De Docta Ignorantia/Von der Wissenschaft des Nichtwissens

In: Franz Anton Scharpff (Hrsg.): Des Cardinals und Bischofs Nicolaus von Cusa wichtigste Schrif- ten in deutscher Übersetzung. Freiburg im Breisgau: Herder, 1862 (Nachdruck Frankfurt am Main:

Minerva, 1966, S. 27).

I, 23 Übertragung der unendlichen Kugel auf die Alles wirkende Existenz Gottes In der unendlichen Kugel sehen wir die drei größten Linien der Länge, Breite und Tiefe im Centrum zusammenlaufen. Das Centrum der größten Kugel ist aber gleich dem Durchmesser und der Peripherie; es ist folglich das Centrum jenen drei Linien gleich, ja, das Centrum ist sie alle:

Länge, Breite und Tiefe. Im Größten sind daher alle Länge, Breite und Tiefe das Eine einfachste und untheilbare Größte selbst. Und wie das Centrum aller Breite, Länge und Tiefe vorhergeht, das Ende und die Mitte von ihnen ist (denn in der unendlichen Kugel sind Centrum, Dichtigkeit und Peripherie Ein und Dasselbe), wie die unendliche Kugel ganz in actu und auf die einfachste Weise ist, so ist auch das Größte ganz in Wirklichkeit (in actu) auf die [S. 25] einfachste Weise. Wie die Kugel die volle Wirksamkeit der Linie, des Dreiecks und des Kreises ist, so ist das Größte die Wirksamkeit von Allem (omnium actus). Jedes wirksame Sein hat also von ihm alle seine Wirk- samkeit; jedes Sein existirt in Wirksamkeit insoweit, wie weit es in dem Unendlichen wirksam ist. Daher ist das Größte das bildende Prinzip von Allem (forma formarum), das Prinzip des Seins (forma essendi) oder das höchste wirksame Sein (maxima actualis entitas). Sehr scharfsinnig sagt daher Parmenides, Gott sei es, für den jegliches Sein all das Sein ist, das es ist (Deum esse, cui esse quodlibet, quod est, est esse omne id, quod est). Wie die Kugel die höchst mögliche Voll- endung der Figuren ist, so ist das Größte die vollkommenste Vollendung von Allem, so daß alles Unvollkommene in ihm das Vollkommenste ist, wie die unendliche Linie Kugel und in ihr das Krumme gerade, das Zusammengesetzte einfach, das Verschiedene identisch, das Anderssein Einheit ist. Wie könnte dort eine Unvollkommenheit sein, wo die Unvollkommenheit die höchste Vollkommenheit, die Möglichkeit die unendliche Wirksamkeit ist etc.? Ist das Größte wie die größte Kugel, so ist es das einfachste, adäquateste Maaß des ganzen Universums und aller Wesen im Universum, denn in ihm ist das Ganze nicht größer, als der Theil, wie die Kugel nicht größer ist, als die unendliche Linie. Gott ist daher der einzige einfachste rationelle Grund (ratio) des ganzen Universums, und wie aus unendlich vielen Umkreisen (circulationes) die Kugel entsteht, so ist Gott als die größte Kugel das einfachste Maaß aller kreisförmigen Bewegungen; denn alle Belebung (vivificatio), Bewegung und Intelligenz ist aus ihm, in ihm und durch ihn, bei dem Eine Kreisbewegung der achten Sphäre nicht kleiner ist, als die der unendlichen, weil er das Ziel aller Bewegung ist, in dem alle Bewegung als in ihrem Ziele zur Ruhe kommt. Es ist nämlich Dasjenige die größte Ruhe, in dem alle Bewegung Ruhe ist. So ist denn die größte Ruhe das Maaß aller Bewegung, wie das größte Gerade das Maaß aller Umkreise, die größte Gegenwart oder die Ewig- keit das Maaß aller Zeiten ist. Und weil Gott das Sein alles Seins ist und alle Bewegung sich auf das Sein bezieht, so ist er, das Ziel der Bewegung, auch die Ruhe der Bewegung, d.i. das Princip (forma) und die Wirksamkeit des Seins. Alles Seiende hat daher einen Zug zu ihm (ad ipsum tendunt). Weil es aber endlich ist und nicht auf gleiche Weise an ihm participiren kann, so par- ticipiren die einen Wesen an dem Ziele aller Dinge mittelst der andern, wie die Linie mittelst des Dreiecks und Kreises, das Dreieck mittelst des Kreises, der Kreis durch sich selbst zur Kugel wird.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

64

 Richard Heinrich

René Descartes (1596–1650)

Descartes’ rationalistische Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, seine Ausein- andersetzung mit dem Skeptizismus und seine These vom Selbstbezug des Ich als Grundlage der Metaphysik sind die Themen, mit denen sein Ruhm als früher und bedeutender Proponent der modernen Philosophie bis heute am engsten verbunden ist. Wichtige Stadien seiner intellektuellen Entwicklung sind durch mathematische Theorieansätze und Entdeckungen markiert. Ihnen kommt für das Verständnis seiner erkenntnistheoretischen und naturphilosophischen Posi- tionen große Bedeutung zu. Insbesondere mit der Erfindung der analytischen Geometrie rückt die Linie in den Rang eines wissenschaftlichen Grundbegriffes auf (s. auch oben S. 40–41).

Alquié 1962; Beyssade 2001; Clarke 1982; Cottingham 1992; Gaukroger 1980; Hyp- polite 1971; Krämer 2016, S. 179–234; Lachterman 1989; Rodis-Lewis 1995; Schus- ter 2013; Sepper 1996

Regulae ad directionem ingenii. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft

Hrsg. u. übers. v. Heinrich Springmeyer, Lüder Gäbe u. Hans Günter Zekl. Hamburg: Felix Meiner, 1973, S. 121–123, 133–135, 141.

(1) Reg. XIV, S. 133–135 Unter Dimension verstehen wir nichts anderes als die Bestimmung und Beziehung, in der ein Gegenstand als meßbar betrachtet wird, so daß nicht nur Länge, Breite und Tiefe Dimensionen eines Körpers sind, sondern auch die Schwere eine Dimension, gemäß der Gegenstände gewogen werden, [S. 135] Geschwindigkeit eine Dimension der Bewegung und unendlich vieles andere dergleichen. Denn eben die Einteilung in mehrere gleiche Teile, sei sie nun wirklich oder nur gedanklich, ist im eigentlichen Sinne die Dimension, nach der wir Gegenstände zählen, und jene Bestimmung, welche die Zahl erzeugt, wird im eigentlichen Sinne Dimensionsart genannt […] Daraus geht hervor, daß es in demselben Gegenstande unendlich viele verschiedene Dimensio- nen geben kann und daß diese den ausgemessenen Gegenständen überhaupt nichts hinzufügen, sondern ganz auf dieselbe Weise gedacht werden, mögen sie nun eine wirkliche Grundlage in den Gegenständen selbst haben oder nach unserer Willkür ausgedacht sein.

(2) Reg. XIV, S. 121, 123 Sodann ist zu beachten, daß nur das auf jene Gleichheit gebracht werden kann, was ein Mehr oder Weniger zuläßt, und daß alles dies unter dem Wort „Größe“ zusammengefaßt wird, so daß wir, nachdem die Termini der Schwierigkeit […] [S. 123] gemäß der vorhergehenden Regel von jedem Gegenstande abgelöst worden sind, hier also erkennen, daß wir es von nun ab nur noch mit Größen im allgemeinen zu tun haben. Damit wir uns aber selbst dann noch etwas bildlich vorstellen und den Verstand nicht rein gebrauchen, sondern unterstützt von den in der Phantasie gemalten Bildern, ist schließlich zu beachten, daß von Größen im allgemeinen nichts ausgesagt wird, was nicht auch auf jede belie- bige Größe im besonderen bezogen werden kann.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

65

Hieraus ergibt sich aber leicht, daß es sehr zweckmäßig sein wird, wenn wir das, was wir für Größen im allgemeinen gültig erkennen, auf diejenige Größenart übertragen, die sich am leich- testen und deutlichsten von allen in unserer Einbildungskraft abmalt. Daß dies aber die reale Ausdehnung eines Körpers ist, abgelöst von allem anderen, außer von ihrer Gestalt, folgt aus dem Text zur zwölften Regel […].

(3) Reg. XIV, S. 141 Schließlich muß man wissen, daß unter den Dimensionen der kontinuierlichen Größe gar keine deutlicher aufgefaßt werden als Länge und Breite und daß man in derselben Figur nicht auf mehrere zugleich achten darf, um zwei verschiedene miteinander zu vergleichen, denn es ist eine Sache der Methode, wenn wir mehr als zwei verschiedene miteinander zu vergleichen haben, sie nacheinander zu durchlaufen und nur auf zwei zugleich die Aufmerksamkeit zu richten. Wenn man dies beachtet hat, ergibt sich leicht, daß die Propositionen hier sogar von den Figuren, von denen die Geometer handeln, abgelöst werden müssen, wenn das Problem sie betrifft, ebenso wie von jeder anderen Materie, daß man zu diesem Zwecke keine anderen zurückbe- halten darf als geradlinige und rechteckige Oberflächen bzw. gerade Linien, die wir ebenfalls Figuren nennen, weil wir durch sie, wie oben gesagt wurde, ebensogut ein wirklich ausgedehn- tes Objekt vorstellen wie durch eine Oberfläche, und daß schließlich mit diesen Gestalten einmal kontinuierliche Größen, einmal auch Vielheiten oder Zahlen dargestellt werden müssen und daß etwas Einfacheres zur Darstellung aller Unterschiede von Verhältnissen zu finden nicht men- schenmöglich ist.

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716)

Leibniz hat als einer der letzten Philosophen kreative und dauerhaft gültige Leistungen in Mathematik und Physik erbracht. In der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts ist er vor allem durch seine Ansätze zu einer Arithmetisierung der Logik sowie durch sprachphilosophische und zeichentheoretische Überle- gungen präsent (vgl. Ishiguro 1990). Bis in die Lebenszeit Kants hat seine Meta- physik (insbesondere mit der Wiederaufnahme des Konzepts der substantiellen Form) die sogenannte rationalistische Schulphilosophie geprägt. Seine Entwick- lung einer konsequent relationalen Auffassung des Raumes (gegen die Theorie Newtons) hat mit der Entwicklung der Relativitätstheorie um die Wende zum 20. Jahrhundert besondere Würdigung gefunden (vgl. Reichenbach 1979). Im Zusammenhang seiner originellen Entwürfe zu einer metaphysischen Grundle- gung der Mathematik ist die Linie ein wichtiger Begriff (s. auch oben S. 39 und

S. 41–42).

Deleuze 2006; Ishiguro 1990; Kaulbach 1960; Mugnai 1992; Mugnai 2001; North- rop 1946; Parkinson 1969; Reichenbach 1979

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

66

 Richard Heinrich

(1) Metaphysische Anfangsgründe der Mathematik

In: Ders.: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie I. Hrsg. v. Ernst Cassirer, übers. v. Artur Buchenau. Hamburg: Felix Meiner, 1966a, hier: S. 53–68; S. 55, 56, 58, 59.

[S. 55] D i e L a ge i s t e i n e B e s t i m m u n g d e s nur die Quantität, sondern auch die Qualität ein.

B e i s a m m e n s e i n s . Sie schließt daher nicht

[S. 56] H o m o ge n sind zwei Elemente, wenn man zwei andere derart angeben kann, daß sie den ersten gleich und untereinander ähnlich sind. Es seien z. B. A und B gegeben, und es lasse sich ein Element L=A, ein anderes M=B in der Weise angeben, daß L und M einander ähnlich sind, dann bezeichnet man A und B als homogen.

[S. 58] Die Bewegung ist die Veränderung der Lage.

Wir sagen, daß ein Objekt s i c h b e we g t , wenn es seine Lage ändert und zugleich der Grund für diese Veränderung in ihm selbst gelegen ist. Das Bewegliche ist dem Ausgedehnten homogon [sic], denn auch der Punkt wird als beweglich angesehen. Der Weg ist der stetige successive Ort des beweglichen Objekts. Die Stelle ist der Ort, den das bewegliche Objekt in einem bestimmten Augenblicke einnimmt. Die Stelle für die Begrenzung eines beweglichen Objekts ergibt sich daher als der Schnitt des Weges, den diese Begrenzung beschreibt, vorausgesetzt, daß das Objekt sich nicht an ein und derselben Stelle bewegt.

Man sagt von einem Objekt, daß es sich

a n e i n u n d d e r s e l b e n S t e l l e b e we g t , wenn

jeder seiner Punkte mit Ausnahme seiner Begrenzung kontinuierlich in den Ort eines anderen, demselben Objekt angehörigen Punktes eintritt.

Vorausgesetzt, daß das Bewegliche sich nicht in dieser Weise bewegt, entsteht die L i n i e als der Weg des Punktes. Die Fläche ist der Weg der Linie. Der gesamte R au m u m f a n g oder, wie man gemeinhin sagt, der dreidimensionale Körper ist der Weg der Fläche. [S. 59] Die Größen der Wege, auf welchen der Punkt die Linie, die Linie die Fläche, die Fläche den

Raumumfang

beschreibt, werden als L ä n ge , B r e i t e und T i e f e bezeichnet. Sie heißen

D i m e n s i o n e n , und es wird der Geometrie bewiesen, daß es deren nur drei gibt. „B r e i t e “ kommt einem Gebilde zu, wenn sein Schnitt oder, mit anderen Worten, seine Begren- zung Ausdehnung besitzt. „T i e f e “ hat ein Gebilde, wenn es nicht als Grenze oder Schnitt eines anderen angesehen werden kann; bei der Tiefe nämlich kommt, gegenüber den Gebilden, die als Grenze auftreten können, ein neues Moment hinzu. Die L i n i e ist die letzte ausgedehnte Begrenzung.

(2) Entwurf der geometrischen Charakteristik.

In: Ders.: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie I. Hrsg. v. Ernst Cassirer, übers. v. Artur Buchenau. Hamburg: Felix Meiner, 1966b, S. 77–83, hier: 81–82.

Daraus kann man ersehen, daß man den Begriff der Lage zweier Punkte gegeneinander fassen kann, ohne dazu der Geraden zu bedürfen, sofern man die Punkte nur durch irgend eine belie-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

67

bige Linie verbunden sein läßt. Unter der Voraussetzung, daß diese Linie starr ist, wird dann die relative Lage der beiden Punkte unveränderlich sein. Und von 2 Punkten kann man sagen, daß sie dieselbe relative Lage zueinander haben, wie zwei andere, wenn sie durch eine Linie verbunden werden können, die der Verbindungs-[S. 82]linie des zweiten Punktpaares kongruent ist. Ich bemerke dies ausdrücklich, damit man daraus ersehen kann, daß das bisher Gesagte noch nicht von der Geraden, – deren Definition ich erst geben will – abhängig ist und daß es ein Unterschied ist, ob ich von A, C, als von der Lage, die A und C zueinander haben oder von der geraden Linie A C spreche.

Immanuel Kant (1724–1804)

s. oben, S. 42–44 und S. 50–51.

(4) Briefwechsel 1789–1794

In: Ders.: Kants Werke. Akademie-Textausgabe, Bd. 11. Berlin, New York: De Gruyter. 1968f, S. 53.

An Marcus Herz. Königsberg, d. 26. Mai 1789. Auch ist die Möglichkeit eines Cirkels nicht etwa vor dem practischen Satze: einen Cirkel durch die Bewegung einer geraden Linie um einen festen Punct zu beschreiben, blos problematisch, sondern sie ist in der Definition des Cirkels gegeben, dadurch, daß dieser durch die Definition selbst construirt wird, d. i. in der Anschauung zwar nicht auf dem Papier (der empirischen), sondern in der Einbildungskraft (a priori) dargestellt wird. Denn ich mag immer aus freyer Faust mit Kreide einen Cirkel an der Tafel ziehen und einen Punkt darinn setzen, so kann ich an ihm ebenso gut alle Eigenschaften des Zirkels unter Voraussetzung jener (so genannten) Nominal- definition, welche in der That real ist, demonstriren, wenn er gleich mit dem durch die Herum- tragung einer Geraden an einem Puncte bevestigten Linie beschriebenen, gar nicht zusammen- träfe. Ich nehme an: daß sie, die Puncte des Umkreises, gleich weit vom Mittelpuncte abstehen. Der Satz, einen Cirkel zu beschreiben ist ein practisches Corollarium aus der Definition (oder so genanntes Postulat), welches gar nicht gefodert werden könnte, wäre die Möglichkeit, ja gar die Art der Möglichkeit der Figur, nicht schon in der Definition gegeben.

Kritik der reinen Vernunft (2. Aufl. 1787)

In: Ders.: Kants Werke. Akademie-Textausgabe, Bd. 3. Berlin, New York: De Gruyter. 1968b, S. 111– 112, 121–122.

(5) So ist die bloße Form der äußeren sinnlichen Anschauung, der Raum, noch gar keine Erkennt- niß; [S. 112] er giebt nur das Mannigfaltige der Anschauung a priori zu einem möglichen Erkennt- niß. Um aber irgend etwas im Raume zu erkennen, z. B. eine Linie, muß ich sie ziehen, und also eine bestimmte Verbindung des gegebenen Mannigfaltigen synthetisch zu Stande bringen, so, daß die Einheit dieser Handlung zugleich die Einheit des Bewußtseins (im Begriffe einer Linie) ist, und dadurch allererst ein Object (ein bestimmter Raum) erkannt wird.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

68

 Richard Heinrich

(6) [S. 121] Wir können uns keine Linie denken, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Cirkel denken, ohne ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Raums gar nicht vorstellen, ohne aus demselben Punkte drei Linien senkrecht auf einander zu setzen, und selbst die Zeit nicht, ohne, indem wir im Ziehen einer geraden Linie (die die äußerlich figürliche Vorstellung der Zeit sein soll) bloß auf die Handlung der Synthesis des Mannigfaltigen, dadurch wir den inneren Sinn successiv bestimmen, und dadurch auf die Succession dieser Bestimmung in demselben, Acht haben. Bewegung, als Handlung des Subjects (nicht als Bestimmung eines Objects), folglich die Synthesis [S. 122] des Mannigfaltigen im Raume, wenn wir von diesem abstrahiren und bloß auf die Handlung Acht haben, dadurch wir den inneren Sinn seiner Form gemäß bestimmen, bringt sogar den Begriff der Succession zuerst hervor. Der Verstand findet also in diesem nicht etwa schon eine dergleichen Verbindung des Mannigfaltigen, sondern bringt sie hervor, indem er ihn afficirt.

1.4 Deleuze

Gilles Deleuze (1925–1995)

Das Denken von Gilles Deleuze ist in einer Vielzahl von Bereichen intensiv rezi- piert worden. Werke mit hohem philosophisch-systematischem Anspruch (Diffé- rence et répétition 1968, dt. als Differenz und Wiederholung 1992) und interpretie- rende Texte zu Spinoza, Hume, Kant, Nietzsche, Bergson gehören mehrheitlich einer frühen Phase seines Denkens an. Großen Einfluss üben seine Texte zu Film, Literatur, Malerei aus. Bedeutende Bücher sind in Zusammenarbeit mit dem Psy- chiater Félix Guattari entstanden, wie L’Anti-Oedipe (1972, dt. als Anti-Ödipus 1974), das späte Qu’est-ce que la philosophie? (1991, dt. als Was ist Philosophie? 1996) und auch Mille plateaux (1980, dt. als Tausend Plateaus 1992), in dem sich eine Philosophie der Linie besonders deutlich abzeichnet; wichtige Reflexionen zur Linie finden sich auch in Teilen von Pourparlers (1990, dt. als Unterhandlun- gen 1972–1990 1993) und in Dialogues (gem. mit Claire Parnet 1977, dt. als Dialoge 1980) (s. auch oben S. 44–48).

Alliez 1998; Balke/Vogl 1996; Dosse 2010; Zechner 2003

Dialoge

Gem. m. Claire Parnet, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1980, S. 45, 51, 56, 80–81, 110, 135–136, 143– 144, 147–148 (wiederabgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verlags Suhrkamp).

(1) Aufbrechen, sich davonmachen heißt, eine Linie ziehen. Der höchste Gegenstand der Lite- ratur ist, nach Lawrence: „Weggehen, weggehen, aufbrechen, […] den Horizont überschreiten in ein anderes Leben. […] So findet sich Melville inmitten des Pazifik wieder, er hat wahrhaftig

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

69

den Horizont überschritten.“ Die Fluchtlinie ist eine Deterritorialisierung. Die Franzosen sind in dieser Hinsicht kleine Ignoranten. Natürlich fliehen sie, wie die anderen auch; doch meinen sie, das bedeute, der Welt den Rücken zu kehren, eine Art Mystik oder Kunst, oder aber, es sei etwas Feiges, da man so sich aller Engagements und Verantwortlichkeiten entziehe. Tatsächlich heißt fliehen keineswegs, auf Taten verzichten – nichts Aktiveres als eine Flucht! Sie ist das Gegenteil des Imaginären, des Hirngespinsts. […] [S. 51] Durchaus möglich, daß Schreiben in einem wesentlichen Verhältnis zu den Fluchtlinien steht. Schreiben heißt ja, Fluchtlinien ziehen, die keineswegs imaginär sind, denen man notwen- dig folgen muß, weil Schreiben uns darin in Wirklichkeit engagiert, uns in sie einsteigen läßt. Schreiben heißt werden, wenngleich gewiß nicht Schriftsteller werden, wohl aber anderes. Kri- terium der Selbsteinschätzung eines Schriftstellers können seine Vergangenheit oder Zukunft, seine individuelle Zukunft oder die Nachwelt sein („In zwei, in hundert Jahren wird man mich verstehen …“). Ganz und gar verschieden davon ist das im Schreiben enthaltene Werden, sofern es sich von den herrschenden Parolen nicht einfangen läßt und selbst Fluchtlinien zieht. […] [S. 56] Der große, der einzige Irrtum ist der, zu glauben, eine Fluchtlinie bedeute, dem Leben zu entfliehen, sei die Flucht ins Reich der Einbildung oder der Kunst. Statt dessen heißt fliehen, Reales erschaffen, eine Waffe finden.

(2) [S. 80] Alles ist eine Frage der Linie. Zwischen Malerei, Musikmachen und Schreiben klafft kein unüberwindlicher Graben. Die Tätigkeiten unterscheiden sich nach ihren jeweiligen Mate- rien, Codes und Territorialitäten, nicht jedoch im Hinblick auf die abstrakte Linie, die sie ziehen, die zwischen ihnen verläuft und sie einem gemeinsamen Schicksal entgegentreibt. Gelingt es einem, die Linie zu ziehen, mag er getrost sagen: „Das ist Philosophie“. Nicht etwa deshalb, weil die Philosophie die höchste Disziplin darstellte, letzte Wurzel und die Wahrheit aller übrigen in sich fassend, ganz im Gegenteil. Noch weniger, weil sie populäre Weisheit verkörperte. Vielmehr allein deshalb, weil die Philosophie von außen durch den Maler, den Musiker und den Schrift- steller geschaffen wird – wann immer die Melodielinie den Ton nach sich zieht, die Zeichenlinie die Farbe und die Schriftlinie die artikulierte Stimme. Es gibt kein singuläres Bedürfnis nach Philosophie; sie wird zwangsläufig immer dort hervorgebracht, wo eine Tätigkeit [S. 81] ihre Deterritorialisierungslinie weitertreibt.

(3) [S. 110] Wir sind zusammengesetzt aus in jedem Moment variablen, verschieden kombinier- baren Linien, aus Linienbündeln, Longitüden und Latitüden, Wendekreisen, Meridianen etc. Es gibt keinen Mono-Strom. Die Analyse des Unbewußten hätte eher Geographie denn Geschichte zu sein. Welche Linien finden sich blockiert, durch Mauern gestoppt, in Sackgassen geführt, in ein schwarzes Loch gefallen oder seicht und ausgetrocknet, welche anderen sind dagegen aktiv und lebendig, wodurch etwas entwischt und uns mit sich reißt?

(4) [S. 135] Egal, ob Individuum oder Gruppe, wir bestehen aus Linien, aus Linien von höchst unterschiedlicher Beschaffenheit. Eine erste Sorte ist segmentärer Natur, es sind Linien harter Segmentarität: Familie – Beruf; Arbeit – Urlaub; Familie – dann Schule – dann Militär – dann Fabrik – dann Pension. Und bei jedem Wechsel von einem Abschnitt zum nächsten liegt man uns in den Ohren: Jetzt bist du kein Baby mehr; auf der Schule: hier geht’s dir nicht mehr wie zu Hause in der Familie; beim Militär: da ist es nicht mehr wie in der Schule … Kurzum, mannigfa- che, säuberlich gegliederte, in alle Richtungen sich erstreckende Segmente, uns an allen Ecken und Enden zerschneidend, Bündel segmentarisierter Linien. Zugleich besitzen wir weitaus flexi- blere, gewissermaßen molekuläre Segmentaritätslinien. Nicht daß sie persönlicher oder intimer

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

70

 Richard Heinrich

wären – sie durchziehen Gesellschaften und Gruppen ebenso wie Einzelwesen. Doch zeichnen sie kleine Veränderungen, machen Umwege, skizzieren Abschwünge und Aufschwünge; sie sind deshalb nicht minder präzis, ja, sie steuern sogar irreversible Prozesse. Statt um molare Seg- mentlinien handelt es sich um molekuläre Ströme mit Schwellen oder Quanten. Eine Schwelle wird überschritten, die nicht zwangsläufig mit einem Segment der sichtbaren Linien zusammen- fällt. Hier, auf diesen Linien, ereignet sich mancherlei: vielfältiges Werden, Mikro-Werden, dessen Rhythmus ein anderer ist als der unserer „Geschichte“. Das ist auch der Grund, warum die – ach so gequälten – Familiengeschichten, die Selbstorientierungen und Rememorationen sich anderswo abspielen als unsere wirklichen Veränderungen – es ist eine andere Politik, eine andere Zeit, eine andere Individuation. Der Beruf, das ist ein hartes Segment. Doch was geschieht darunter nicht alles, welche Verbindungen, welch ein Anziehen und Abstoßen, die sich mit den Segmenten nicht decken, welche geheimen Verrücktheiten und Manien, und doch verknüpft mit den öffentlichen Mächten – etwa Professor sein oder Richter, Rechtsanwalt, Buch- halter, Hausfrau?! Damit nicht genug besteht eine dritte, überaus sonderbare Art von Linie, so als risse uns etwas fort, quer durch unsere Segmente, aber auch über unsere Schwellen hinweg, einem unbekannten, unvorherseh-[S. 136]baren, noch nicht existierenden Ziel entgegen. Diese Linie ist einfach, abstrakt und dabei die komplizierteste, die gewundenste von allen; es ist die Gravitäts- oder Zeleritätslinie, die Fluchtlinie oder die Linie mit der stärksten Neigung. („Die Linie, die der Schwerpunkt zu beschreiben hat, wäre zwar sehr einfach und, wie er glaube, in den meisten Fällen gerade. […] Dagegen wäre diese Linie wieder von einer anderen Seite etwas sehr Geheimnisvolles. Denn sie wäre nichts anderes als der Weg der Seele des Tänzers …“). Diese Linie scheint erst nachträglich hervorzutreten, von den beiden erstgenannten sich abzulösen, so sie sich überhaupt zu lösen vermag. Denn es mag schon Leute geben, die keine derartige Linie besitzen, lediglich die beiden übrigen oder vielleicht gar nur eine einzige; die bloß auf einer leben. Dennoch ist diese Linie, auf eine andere Art, von jeher da, obwohl doch alles andere als ein Schicksal – sie braucht sich von den übrigen zwei nicht erst zu lösen, sie ist die primäre, und jene zwei gehen aus ihr hervor. Jedenfalls sind die drei immanent, ineinander verschränkt. Wir besitzen genauso viele sich kreuzende, durcheinander verlaufende Linien wie eine Hand. Wir sind komplizierter als eine Hand. Was wir mit vielfältigen Namen belegen: Schizo-Analyse, Mikro-Politik, Pragmatik, Diagrammatismus, Rhizomatik, Kartographie, hat zum alleinigen Objekt das Studium dieser Linien in den Gruppen und in den Individuen. […] [S. 143] Wie die Geschwindigkeitsindikatoren Formen voraussetzen, die sie auflösen, so die Orga- nisationen fusionierendes Material, das sie ordnen können. Wir sprechen folglich von keinem Dualismus zwischen zwei Arten von „Dingen“, sondern von einer Vielheit von Dimensionen, Linien und Richtungen innerhalb einer Verkettung. Auf die Frage: Wie kann das Begehren seine eigene Unterdrückung, seine eigene Versklavung begehren? heißt unsere Antwort: Die Mächte, die das Begehren vernichten oder unterjochen, sind bereits selbst Teil der Begehrensverkettun- gen. Das Begehren muß bloß dieser Linie da folgen, und schon ist es, wie ein Segelboot, von diesem Wind gepackt, ihm ausgeliefert. Ein Begehren nach Macht, nach Selbstunterdrückung oder Unterdrückung der anderen existiert ebensowenig wie das Begehren nach Revolution. Viel- mehr bilden Revolution, Unterdrückung, Macht etc. aktuelle Linien einer [S. 144] gegebenen Ver- kettung, Nicht daß diese Linien präexistent wären; wechselseitig immanent, ineinander verwo- ben, zeichnen und bilden sie sich in dem Moment, da auch die Begehrensverkettung sich samt ihren gleichermaßen ineinander verschränkten Maschinen und sich überkreuzenden Plänen, Ebenen konstituiert. Weder weiß man im voraus, was als künftige Neigungslinie fungieren, noch kennt man die Form dessen, was dieser einmal den Weg versperren wird. Das hat Geltung auch für die Musik-Verkettung mit ihren Codes und Territorialitäten, ihren Zwängen und Machtappa-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

71

raten, ihren dichotomisierten Takten, ihren sich entwickelnden melodischen und harmonischen Formen, ihrem transzendenten Organisationsplan – und zugleich mit ihren Geschwindigkeits- transformatoren zwischen Lautmolekülen, ihrer „nicht pulsierten Zeit“, ihren Wucherungen und Auflösungen, ihrem Kind-, Frau-, Tier-Werden, ihrem immanenten Konsistenzplan. So noch die jahrhundertelange Rolle der Kirchenmacht innerhalb der Musik-Verkettung – und was, dessen ungeachtet, die Musiker darin erfolgreich haben anstellen können. Das gilt für jede Verkettung.

(5) [S. 147] Jetzt dürfte auch verständlich sein, warum wir, äußerst verwirrend, manchmal von mindestens drei unterschiedlichen Linien, dann wieder nur von zwei und zuweilen sogar nur von einer sprechen – von drei Linien tatsächlich deshalb, weil die Flucht- oder Bruchlinie alle Deterritorialisierungsbewegungen vereinigt, deren Quanta beschleunigt, daraus schneller wer- dende Partikel losreißt, die in gegenseitige Nachbarschaft treten, sie auf einen Konsistenzplan oder eine Veränderungsmaschine trägt; dann eine zweite, die molekuläre Linie, bei der die Deter- ritorialisierungen nur noch relativ sind, fortwährend aufgewogen werden durch Reterritoriali- sierungen, die ihnen Schleifen, Umwege, Ausgleich und Stabilisierung aufzwingen; schließlich die molare Linie mit [S. 148] säuberlich festgelegten Segmenten, wo die sich akkumulierenden Reterritorialisierungen einen Organisationsplan erstellen und in eine Übercodierungsmaschine übergehen. Drei Linien: Nomaden-Linie, Migranten-Linie, Seßhaften-Linie (Nomade und Migrant sind grundlegend verschieden). Oder wir sprechen von zwei Linien. Grund: Die mole- kuläre Linie erscheint nur als zwischen den beiden Extremen oszillierend, bald davongetragen von der Vereinigung der Deterritorialisierungsströme, bald zurückgeführt auf die Akkumulation der Reterritorialisierungen (der Migrant macht sich einmal zum Bundesgenossen der Nomaden, dann wieder zum Söldner oder Verbündeten eines Reiches: Ostgoten und Westgoten). Oder aber nur eine Linie wird relevant, die primäre Fluchtlinie, die Rand- oder Grenzlinie, die sich in der zweiten relativiert, in der dritten stoppen oder abkappen läßt. Doch selbst unter solchen Umständen mag es nützlich sein, die Linie als aus dem Bersten der beiden übrigen hervorgehend darzustellen. Nichts komplizierter als die Linie (oder die Linien) – es ist jene, von der Melville spricht, die die Boote in ihrer organisierten Segmentarität, Käpt’n Ahab mit seinem molekulären und Tier-Werden, den weißen Wal in seiner wahnsinnigen Flucht vereinigt. Kommen wir noch einmal zurück auf die Zeichensysteme, von denen oben die Rede war – wie die Fluchtlinie im despotischen System verbarrikadiert, mit einem negativen Zeichen behaftet ist, wie sie dann im System der Hebräer einen positiven Wert erlangt, aber relativiert und in nachfolgende Prozesse unterteilt wird. Das waren nur zwei höchst summarische Fälle, es gibt eine Vielzahl weiterer, das macht jedes Mal das Wesentliche der Politik aus. Denn die Politik ist aktives Experimentieren, bei dem man vorher nie weiß, welche Wendung die Linie nehmen wird. Ein ‚Buchhalter‘ würde zwar darauf insistieren, eine (Leit-)Linie festzulegen; aber die Crux dabei ist ja, daß man die Linie beliebig legen kann.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

72

 Richard Heinrich

(6) Unterhandlungen 1972–1990

Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1993, S. 52–53 (wiederabgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Verlage Suhrkamp und Éditions de Minuit).

Was wir „Karte“ oder sogar „Diagramm“ nennen, ist ein Ensemble verschiedener Linien, die gleichzeitig wirksam sind (die Linien der Hand bilden eine Karte). Es gibt nämlich sehr unter- schiedliche Linientypen, in der Kunst, aber auch in einer Gesellschaft, in einer Person. Es gibt Linien, die etwas darstellen, und andere, die abstrakt sind. Es gibt unterteilte Linien und andere ohne Segmente. Es gibt dimensionale Linien, und es gibt Richtungslinien. Es gibt Linien, die, ob abstrakt oder nicht, eine Kontur bilden, und [S. 53] andere, die keine Kontur bilden. Diese sind am schönsten. Wir glauben, daß die Linien die konstitutiven Elemente von Dingen und Ereignis- sen sind. Daher hat jedes Ding seine Geographie, seine Kartographie, sein Diagramm. Sogar bei einer Person sind das Interessante die Linien, von denen sie gebildet wird oder die sie bildet, die sie entlehnt oder schafft. Warum die Linie gegenüber der Ebene oder dem Volumen privilegie- ren? In Wirklichkeit gibt es keinerlei Privileg. Es gibt Räume korrelativ zu verschiedenen Linien und umgekehrt (auch hier wieder könnte man wissenschaftliche Ausdrücke anführen wie die „Fraktale“ Mandelbrots). Dieser oder jener Linientyp schließt diese oder jene räumliche oder körperliche Formation ein.

Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie

Gem. mit Félix Guattari, Berlin: Merve, 1992, S. 35–38, 663, 666, 687–693 (wiederabgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verlags Merve).

(7) Fassen wir die wesentlichen Merkmale eines Rhizoms zusammen: im Unterschied zu Bäumen oder ihren Wurzeln verbindet das Rhizom [S. 36] einen beliebigen Punkt mit einem anderen beliebigen Punkt, wobei nicht unbedingt jede seiner Linien auf andere, gleichartige Linien ver- weist; es bringt ganz unterschiedliche Zeichenregime und sogar Verhältnisse ohne Zeichen ins Spiel. Das Rhizom läßt sich weder auf das Eine noch auf das Mannigfaltige zurückführen. Es ist nicht das Eine, das zu zwei wird, oder etwa direkt zu drei, vier oder fünf, etc. Es ist kein Man- nigfaltiges, das sich aus der Eins herleitet und dem man die Eins hinzuaddieren kann (n+1). Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen, oder vielmehr aus beweglichen Richtun- gen. Es hat weder Anfang noch Ende, aber immer eine Mitte, von der aus es wächst und sich aus- breitet. Es bildet lineare Mannigfaltigkeiten mit n Dimensionen, die weder Subjekt noch Objekt haben, die auf einer Konsistenzebene verteilt werden können und von denen das Eine immer abgezogen wird (n-1). Eine solche Mannigfaltigkeit kann in ihren Dimensionen nicht variieren, ohne ihre Beschaffenheit zu verändern und sich völlig zu verwandeln. Im Gegensatz zu einer Struktur, die durch eine Menge von Punkten und Positionen definiert wird, sowie durch binäre Beziehungen zwischen diesen Punkten und durch bi-univoke Verhältnisse zwischen den Positi- onen, besteht das Rhizom nur aus Linien: aus Dimensionen der Segmentierungs- und Stratifizie- rungslinien, aber auch der Flucht- und Deterritorialisierungslinie, einer äußersten Dimension, in der die Mannigfaltigkeit, der Fluchtlinie folgend, sich völlig verwandelt und dabei ihre Beschaf- fenheit verändert. Man darf solche Linien und Umrißlinien nicht mit den Abstammungslinien des Baumtypus verwechseln, die nichts als lokalisierbare Verbindungen zwischen Punkten und Positionen sind. Im Gegensatz zum Baum ist das Rhizom kein Gegenstand der Reproduktion:

weder als äußere Reproduktion wie beim Bild-Baum, noch als innere Reproduktion wie in der Baum-Struktur. Das Rhizom ist eine Anti-Genealogie. Es ist ein Kurzzeitgedächtnis oder ein Anti-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

73

Gedächtnis. Das Verfahren des Rhizoms besteht in der Variation, Expansion und Eroberung, im Einfangen und im Zustechen. Im Gegensatz zur Graphik, Zeichnung oder Photographie, und im Gegensatz zur Kopie bezieht sich das Rhizom auf eine Karte, die produziert und konstruiert werden muß, die man immer zerlegen, verbinden, umkehren und modifizieren kann, die viele Fluchtlinien, Ein- und Ausgänge hat. Man muß die Kopien auf die Karten übertragen, und nicht umgekehrt. Anders als zentrierte (auch polyzentrische) Systeme mit hierarchischer Kommuni- kation und feststehenden Beziehungen, ist das Rhizom ein azentrisches, nicht hierarchisches und asignifikantes System ohne General. Es hat kein organisierendes Gedächtnis und keinen zentralen Automaten und wird einzig und allein durch eine Zirkulation von Zuständen definiert. Im Rhizom geht es um eine Beziehung zur Sexualität, aber auch zum Animalischen [S. 37] und Pflanzlichen, zur Welt, zur Politik, zum Buch, zu natürlichen und künstlichen Dingen, die sich völlig von der baumartigen Beziehung unterscheidet: um alle möglichen Arten des „Werdens“. Ein Plateau ist immer Mitte, hat weder Anfang noch Ende. Ein Rhizom besteht aus Plateaus. Gregory Bateson benutzt das Wort „Plateau“, um etwas ganz Spezielles zu bezeichnen: eine zusammenhängende, in sich selbst vibrierende Intensitätszone, die sich ohne jede Ausrichtung auf einen Höhepunkt oder ein äußeres Ziel ausbreitet. Bateson zitiert als Beispiel die balinesi- sche Kultur, in der sexuelle Spiele zwischen Mutter und Kind oder auch Streitereien zwischen Männern zu dieser bizarren Intensitäts-Stabilisierung gelangen. Eine Art von gleichmäßigem Intensitäts-Plateau hat den Höhepunkt ersetzt, ob im Krieg oder beim Orgasmus. Es ist eine bedauerliche Eigenheit des westlichen Denkens, Gefühlsäußerungen und Handlungen auf äußere oder transzendente Ziele zu beziehen, anstatt sie auf einer Immanenzebene nach ihrem eigenen Wert einzuschätzen64. Ein Buch zum Beispiel, das aus Kapiteln besteht, hat seine Höhe- und Schlußpunkte. Was geschieht dagegen in einem Buch, das aus Plateaus besteht, die mitei- nander über Mikro-Fissuren kommunizieren, wie es im Gehirn geschieht? Wir bezeichnen jede Mannigfaltigkeit als „Plateau“, die mit anderen Mannigfaltigkeiten durch äußerst feine unterir- dische Stränge verbunden werden kann, so daß ein Rhizom entstehen und sich ausbreiten kann. Wir schreiben dieses Buch wie ein Rhizom. Es ist aus Plateaus zusammengesetzt oder kompo- niert. Wir haben ihm eine zirkuläre Form gegeben, aber nur zum Spaß. Jeden Morgen nach dem Aufstehen hat sich jeder von uns gefragt, welches Plateau er sich vornehmen würde, um hier fünf oder dort zehn Zeilen zu schreiben. Wir haben halluzinatorische Experimente gemacht, wir haben beobachtet, wie Linien ein Plateau verlassen haben, um wie kleine Ameisenkolonnen zu einem anderen weiterzuziehen. Wir haben Konvergenzkreise gezogen. Jedes Plateau kann von jeder beliebigen Stelle aus gelesen und mit jedem anderen in Beziehung gesetzt werden. Für das Mannigfaltige braucht man eine Methode, mit der man es tatsächlich herstellen kann; sie kann weder durch typographische Tricks, lexikalische Geschicklichkeit, Wortmischungen oder Wort- schöpfungen noch durch kühne syntaktische Schritte ersetzt werden. In Wirklichkeit sind das alles häufig nur mimetische Verfahren, mit denen eine Einheit aufgelöst und zerstreut werden soll, die in einer anderen Dimension für ein Bild-Buch beibehalten wird. Techno-[S. 38] Narziß- mus. Typographische, lexikalische oder syntaktische Schöpfungen sind nur dann notwendig, wenn sie nicht länger zur Ausdrucksform einer verborgenen Einheit gehören und selber eine der

64 Gregory Bateson, Ökologie des Geistes, übers. von H. G. Holl, Frankfurt 1985, S. 160–176. Wie man feststellen kann, wird das Wort „Plateau“ in klassischen Untersuchungen über Zwiebeln, Knollen und Rhizome verwendet; vgl. den Artikel über die „Knolle“ in M. H. Baillon, Dictionnaire de botanique, Paris 1876–1892.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

74

 Richard Heinrich

Dimensionen der jeweiligen Mannigfaltigkeit werden. Wir kennen auf diesem Gebiet nur wenige gelungene Versuche.65 Wir selbst waren dazu nicht in der Lage. Wir haben nur Wörter verwendet, die für uns wie Plateaus funktionieren. RHIZOMATIK = SCHIZOANALYSE = STRATOANALYSE = PRAGMATIK = MIKROPOLITIK. Diese Wörter sind Konzepte, aber Konzepte sind Linien, das heißt Zahlensysteme, die mit dieser oder jener Dimension der Mannigfaltigkeiten verbunden sind (Schichten, Molekularketten, Flucht- und Unterbrechungslinien, Konvergenzkreise etc.). Wir beanspruchen keinesfalls den Rang einer Wissenschaft. Wir kennen keine Wissenschaftlichkeit und keine Ideologie mehr, sondern nur noch Gefüge. Und es gibt nur noch maschinelle Gefüge des Begehrens und kollektive Gefüge der Äußerung.

(8) [S. 663] Das Modell des Meeres. – Gewiß, sowohl im gekerbten wie im glatten Raum gibt es Punkte, Linien und Oberflächen (auch Volumen, aber diese Frage lassen wir für den Moment beiseite). Im gekerbten Raum werden Linien oder Bahnen tendenziell Punkten untergeordnet:

man geht von einem Punkt zum nächsten. Im glatten Raum ist es umgekehrt: die Punkte sind der Bahn untergeordnet. Bereits bei den Nomaden gab es den Außen-Vektor Kleidung-Zelt-Raum. Die Unterordnung des Wohnraumes unter den Weg oder die Strecke, die Anpassung des Innen- raumes an den Außenraum: das Zelt, der Iglu, das Boot. Im Glatten wie im Eingekerbten gibt es Punkte des Stillstands und Bahnen; aber im glatten Raum reißt die Bahn den Stillstand fort, hier umfaßt das Intervall noch alles, ist das Intervall Substanz (daher die rhythmischen Werte).66 Im glatten Raum ist die Linie also ein Vektor, eine Richtung und keine Dimension oder metrische Bestimmung. Er ist ein Raum, der durch örtlich begrenzte Operationen mit Richtungsänderun- gen geschaffen wird. Diese Richtungsänderungen können von der Art der Strecke abhängig sein, wie zum Beispiel bei den Archipel-Nomaden (der Fall eines „gerichteten“ glatten Raumes); aber sie können sich auch aus der Variabilität des Ziels oder des zu erreichenden Punktes ergeben, wie zum Beispiel bei den Nomaden in der Wüste, die sich auf eine örtlich begrenzte und ver- gängliche Vegetation zubewegen (der „nicht gerichtete“ glatte Raum). Aber ob gerichtet oder nicht, und vor allem im zweiten Fall, der glatte Raum ist direktional und nicht dimensional oder metrisch. […] [S. 666] Kehren wir zum einfachen Gegensatz zwischen dem Glatten und dem Gekerbten zurück, denn wir sind noch nicht in der Lage, die konkreten und dissymmetrischen Mischformen zu betrachten. Glattes und Gekerbtes unterscheidet sich zuerst durch die umgekehrte Beziehung von Punkt und Linie (die Linie zwischen zwei Punkten im Falle des Gekerbten, der Punkt zwi- schen zwei Linien beim Glatten). Zum zweiten unterscheiden sie sich durch die Art der Linie (gerichtet-glatt, offene Intervalle; dimensional-gekerbt, geschlossene Intervalle). Und schließ- lich gibt es einen dritten Unterschied, der die Oberfläche oder den Raum betrifft. Im gekerb- ten Raum wird eine Oberfläche geschlossen, und entsprechend den festgelegten Intervallen, nach den festgesetzten Einschnitten „teilt man sie wieder auf“; beim Glatten wird man in einem

65 So zum Beispiel Joëlle de la Casinière, Absolument nécessaire, Paris 1973, ein wirklich noma- disches Buch. In dieselbe Richtung weisen die Forschungsarbeiten im „Montfaucon Research Center“. 66 Zu dieser Anpassung des Innen an das Außen bei den Nomaden der Wüste, vgl. Annie Milo- vanoff, „La seconde peau du nomade“, Nouvelles littéraires, Nr. 2646 (27.7.1978), S. 18. Und über die Beziehungen des Iglus zum Außen bei den Nomaden der Eiswüste, vgl. Edmund Carpenter, Eskimo, Toronto 1964.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

75

offenen Raum „verteilt“, entsprechend den Frequenzen und der Länge der Strecken (Logos und

Nomos).67

(9) [S. 687] Kurz gesagt, das Glatte und das Gekerbte müssen zunächst an sich definiert werden, bevor sich daraus die entsprechenden Unterscheidungen von Haptischem und Optischem, von Nahem und Fernem ergeben. Hier kommt ein drittes Begriffspaar ins Spiel: „abstrakte Linie – konkrete Linie“ (neben den Paaren „haptisch-optisch“ und „nah-fern“). Worringer hat dieser Idee der abstrakten Linie eine grundlegende Bedeutung gegeben, da er in ihr sogar den Beginn der Kunst oder den ersten Aus- druck eines künstlerischen Wollens gesehen hat. Kunst als abstrakte Maschine. Und zweifel- los sind wir auch hier noch geneigt, die gleichen Einwände wie zuvor geltend zu machen: die abstrakte Linie scheint Worringer zunächst in der möglichst geradlinigen geometrischen oder kristallinen, ägyptischen imperialen Form aufzutauchen; und erst danach macht sie eine spe- zielle Wandlung durch und bildet die „gotische oder nordische Linie“ im weitesten Sinne.68 Für [S. 688] uns ist die abstrakte Linie dagegen zuallererst „gotisch“ oder vielmehr nomadisch und nicht geradlinig. Daher verstehen wir die ästhetische Motivation der abstrakten Linie und ihre Gleichsetzung mit dem Beginn der Kunst auf ganz andere Weise. Während die geradlinige (oder „gleichmäßig“ abgerundete) ägyptische Linie durch Angst vor allem, was geschieht, fließt oder sich verändert, negativ motiviert ist und die Konstanz und Ewigkeit eines An-sich einsetzt, ist die nomadische Linie gerade deswegen abstrakt, weil sie aus einer vielfachen Richtung besteht und zwischen den Punkten, Figuren und Umrissen verläuft: ihre positive Motivierung liegt in dem glatten Raum, den sie umreißt und nicht in der Einkerbung, die sie vornähme, um die Angst zu bannen und sich das Glatte unterzuordnen. Die abstrakte Linie ist der Affekt von glatten Räumen und nicht das Angstgefühl, das die Einkerbung hervorruft. Andererseits ist es allerdings richtig, daß die Kunst mit der abstrakten Linie beginnt; aber nicht etwa deshalb, weil das Geradlinige die erste Weise wäre, mit einer Nachahmung der Natur zu brechen, also mit einer nicht ästhetischen Nachahmung, von der noch die Vorgeschichte, das Wilde und das Kindliche als etwas abhängig wären, dem es an „Kunstwollen“ mangelte. Wenn es dagegen eine rein vorgeschichtliche Kunst gibt, so deshalb, weil sie die abstrakte, aber nicht geradlinige Linie benutzt: „Die primitive Kunst beginnt also im Abstrakten, ja sogar im Präfigurativen (…), hier wird es vielleicht deutlicher, daß die Kunst am Anfang abstrakt war und daß sie es an ihren Ursprüngen gar nicht anders sein konnte.“69 Die Linie ist in der Tat um so abstrakter, als es keine Schrift gibt, entweder weil es

67 Emmanuel Laroche, Histoire de la racine „Nem“ en grec ancien, Paris 1949, verweist auf den Unterschied zwischen Verteilung und Aufteilung, zwischen den beiden entsprechenden Sprach- gruppen, zwischen den beiden Arten von Raum und zwischen dem Pol „Land“ und dem Pol „Stadt“. 68 Schon Riegl ging von einer Korrelation „haptisch-nah-abstrakt“ aus. Aber erst Worringer hat dieses Thema der abstrakten Linie ausgeführt. Und auch wenn er sie vorwiegend in ihrer ägyp- tischen Form konzipiert, so beschreibt er an ihr doch eine zweite Form, bei der das Abstrakte ein intensives Leben und einen Ausdruckswert bekommt, wobei es dennoch anorganisch bleibt:

Abstraktion und Einfühlung, a. a. O., Kap. V, und vor allem Formprobleme der Gotik, München 1922, S. 27–35. 69 André Leroi-Gourhan, Hand und Wort, übers. von M. Bischoff, Frankfurt 1980, S. 457 ff. («Die rhythmischen Markierungen gehen den eigentlichen Figuren voraus»). Die Position von Worrin-

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

76

 Richard Heinrich

noch keine gibt oder weil sie außerhalb oder am Rande existiert. Wenn die Schrift, wie zum Bei- spiel in den Imperien, die Abstraktion übernimmt, tendiert die bereits aufgelöste Linie zwangs- läufig dahin, konkret und sogar [S. 689] figurativ zu werden. Kinder verlernen das Zeichnen. Aber wenn es keine Schrift gibt oder wenn die Völker kein Bedürfnis nach einer eigenen Schrift haben, weil sie ihnen (wie den Nomaden) von den mehr oder weniger benachbarten Imperien geliefert wird, dann kann die Linie nur abstrakt sein und erfreut sich zwangsläufig der ganzen Abstraktionskraft, die in etwas anderem keinen anderen Ausweg findet. Deshalb glauben wir, daß die verschiedenen großen Typen der imperialen Linie (die ägyptische geradlinige Linie, die assyrische oder griechische organische Linie, die chinesische supra-phänomenale, einschlie- ßende Linie) bereits die abstrakte Linie umgewandelt, sie aus ihrem glatten Raum herausgeris- sen und ihr konkrete Werte zugeordnet haben. Man kann allerdings sagen, daß diese imperialen Linien zeitgleich mit der abstrakten Linie vorkommen; diese steht deshalb nicht weniger am „Beginn“, da sie der Pol ist, der von allen Linien vorausgesetzt wird, die dazu in der Lage sind, einen anderen Pol zu schaffen. Die abstrakte Linie steht am Beginn, und zwar sowohl durch ihre geschichtliche Abstraktion selber wie durch ihre vorgeschicht1iche Datierung. Daher taucht sie in der Ursprünglichkeit, in der Irreduzibilität der nomadischen Kunst auf, auch wenn es eine wechselseitige Interaktion, Beeinflussung und Konfrontation mit den imperialen Linien der Kunst der Seßhaften gibt. Abstrakt ist nicht das direkte Gegenteil von figurativ: das Figurative gehört als solches niemals zu einem „Kunstwollen“; daher kann man in der Kunst auch nicht eine figurative Linie und eine, die es nicht ist, einander gegenüberstellen. Das Figurative oder die Nachahmung, die Dar- stellung, sind eine Konsequenz, ein Resultat, das sich aus bestimmten Eigenheiten der Linie ergibt, wenn sie diese oder jene Form annimmt. Deshalb muß man zunächst diese Eigenheiten definieren. Man nehme ein System, in dem die Transversalen den Diagonalen, die Diagonalen den Horizontalen und Vertikalen und die Horizontalen und Vertikalen sogar virtuellen Punkten untergeordnet sind: ein solches geradliniges oder einliniges (ganz gleich, wie groß die Zahl der Linien ist) System bringt die formalen Bedingungen zum Ausdruck, unter denen ein Raum ein- gekerbt wird und die Linie einen Umriß bildet. Eine solche Linie ist formal an sich darstellend, auch wenn sie nichts darstellt. Eine Linie dagegen, die nichts eingrenzt, die keinen Umriß mehr zieht, die nicht mehr von einem Punkt zum anderen geht, sondern zwischen den Punkten ver- läuft, die unaufhörlich von der Horizontalen und von der Vertikalen abweicht und sich ständig von der Diagonalen löst, indem sie unaufhörlich die Richtung wechselt – diese mutierende Linie ohne Außen und Innen, ohne Form und Hintergrund, ohne Anfang und Ende, eine solche Linie, die ebenso lebendig ist wie eine kontinuierliche Variation, ist wahrhaft eine abstrakte Linie und beschreibt einen glatten Raum. Sie ist nicht [S. 690] ausdruckslos. Es ist allerdings richtig, daß sie keine feste und symmetrische Ausdrucksform bildet, die auf einer Resonanz von Punkten und einer Vereinigung von Linien beruht. Aber sie hat trotzdem materielle Ausdrucksmerkmale,

ger war sehr doppeldeutig. Da er davon ausging, daß die vorgeschichtliche Kunst vor allem figu- rativ war, rechnete er sie ebensowenig zur Kunst wie die „Kritzeleien eines Kindes“ (Abstraktion und Einfühlung, a. a. O., S. 90–94). Er wagte dann die These, daß die Höhlenbewohner vielleicht nur noch „ein letztes fortsetzungsloses Endglied innerhalb ihrer Entwicklungsreihe dargestellt haben könnten“, die mit dem Abstrakten begonnen habe (S. 30). Aber müßte diese These Worrin- ger nicht dazu bringen, seine Konzeption des Abstrakten zu überdenken und es nicht mehr mit der ägyptischen Geometrie gleichzusetzen?

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

1 Philosophie 

77

die sich mit ihr verschieben und deren Wirkung sich schrittweise vervielfacht. In diesem Sinne sagt Worringer von der gotischen Linie (für uns, von der nomadischen Linie, die von der Abs- traktion lebt): sie hat Ausdruckskraft und keine Form, sie hat die Wiederholung als Kraft und nicht die Symmetrie als Form. In der Tat, durch Symmetrie begrenzen die geradlinigen Systeme die Wiederholung, indem sie eine unendliche Progression verhindern und wie bei gespiegelten oder sternförmigen Figuren die organische Vorherrschaft eines Zentralpunktes und von strah- lenförmigen Linien aufrechterhalten. Aber die Kraft der Wiederholung als eine maschinelle Kraft zu entfesseln, die ihre Wirkung vervielfacht und eine unendliche Bewegung verfolgt, ist eine Eigenheit der freien Tätigkeit, die mit Verschiebung und Dezentrierung oder zumindest durch eine Bewegung an der Peripherie vorgeht: eher eine verschobene Polythetik als eine symmetri- sche Antithetik.70 Man darf allerdings Ausdrucksmerkmale, die einen glatten Raum beschreiben und sich mit einer Materie-Strömung verbinden, nicht mit Einkerbungen verwechseln, die den Raum umwandeln, indem sie ihn zu einer Ausdrucksform machen, die die Materie rastert und organisiert. Die schönsten Seiten bei Worringer sind die, auf denen er [S. 691] Abstraktes und Organisches gegenüberstellt. […] Die abstrakte Linie ist der Affekt eines glatten Raumes, ebenso wie die organische Darstellung das Gefühl ist, das den gekerbten Raum beherrscht. Daher müssen die Unterschiede von Hap- tischem und Optischem, sowie von Nahem und Fernem der Differenz von abstrakter und orga- nischer Linie untergeordnet werden, damit sie ihr Prinzip in einer allgemeinen Konfrontation

70 Worringer stellt gegenüber: die Fähigkeit zur mechanischen, vervielfachenden Wiederho- lung ohne feste Orientierung und die organische, additive, gerichtete und zentrierte Kraft der Symmetrie. Darin sieht er den grundlegenden Unterschied zwischen gotischem Ornament und griechischem oder klassischem Ornament, in Formprobleme der Gotik, a. a. O., S. 36–38 („Die unendliche Melodie der nordischen Linie“. Laure Morgenstern führt in ihrem schönen Buch Esthétiques d’Orient et d’Occident (Paris1937) ein treffliches Beispiel an, und sie unterscheidet „die symmetrische Antithetik“ der sassanidischen persischen Kunst und die „verlagerte Anti- thetik“ der Kunst der Nomaden, die unter dem Einfluß des Persischen Reiches standen (Sarma- ten). Trotzdem haben viele Kommentatoren auf den symmetrischen und zentrierten Motiven in der nomadischen oder barbarischen Kunst beharrt. Worringer antwortete im voraus: „Statt des gleichmässigen und allseitig geometrischen Sterns z. B. oder der Rosette oder ähnlicher ruhen- der Gestalten, findet sich im Norden das sich drehende Rad, die Turbine oder das sogenannte Sonnenrad, alles Muster, die eine heftige Bewegung ausdrücken. Und zwar geht die Bewegung nicht in radialer, sondern in peripheraler Richtung.“ (Formprobleme, a. a. O., S. 38) Die Tech- nologiegeschichte bestätigt die Bedeutung der Turbine im Leben der Nomaden. In einem an- deren, bio-ästhetischen Kontext stellte Gabriel Tarde die Wiederholung als undefinierte Kraft und die Symmetrie als Begrenzung gegenüber. Mit der Symmetrie schuf sich das Leben einen Organismus und nahm eine sternförmige oder gespiegelte, wiederholte Form an (Radiaten und Mollusken). Es ist richtig, daß sie dann einen anderen Typus von Wiederholung in der äußeren Reproduktion freisetzte; vgl. L’opposition universelle, Paris 1897.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM

78

 Richard Heinrich

von Räumen finden können. Und die abstrakte Linie kann nicht als geometrisch und geradlinig definiert werden. Daraus ergibt sich die Frage: Was muß man in der modernen Kunst als abs- trakt bezeichnen? Eine Linie mit variabler Richtung, die keinen Umriß zieht und keine Form umgrenzt …71

71 In ihrem Vorwort zur französischen Übersetzung von Abstraktion und Einfühlung (Paris 1978) verweist Dora Vallier zu recht auf die wechselseitige Unabhängigkeit von Worringer und Kan- dinsky und auf die Unterschiedlichkeit ihrer Probleme. Sie hält aber dennoch daran fest, daß es zwischen ihnen eine Konvergenz oder Resonanz geben könnte. In gewisser Weise ist jede Kunst abstrakt, und das Gegenständliche entwickelt sich nur aus bestimmten Abstraktionsty- pen. Aber wenn es ganz unterschiedliche Arten von Linien gibt (die ägyptisch-geometrische, die griechisch-organische, die gotisch-lebendige, etc. Linie), dann muß man doch bestimmen, wel- che Linie abstrakt bleibt oder die Abstraktion als solche verwirklicht. Man kann daran zweifeln, ob es die geometrische Linie ist, da sie immer noch eine, wenn auch abstrakte oder nicht-gegen- ständliche Figur umreißt. Die abstrakte Linie wäre eher diejenige, die Michael Fried anhand von einigen Werken Pollocks definiert: multidirektional, ohne Innen und Außen, ohne Form und Hintergrund, eine Linie, die nichts eingrenzt, keinen Umriß beschreibt, zwischen Flecken und Punkten verläuft, einen glatten Raum ausfüllt und eine nahe und haptische visuelle Materie durcheinanderwirbelt, die „zugleich das Auge des Betrachters anzieht und ihm keinen Platz zum Verweilen läßt“ (Three American Painters, Cambridge, Mass. 1965, S. 14). Bei Kandinsky selber wird die Abstraktion weniger durch geometrische Strukturen, als durch Marsch- oder Weglinien geschaffen, die auf mongolische Nomadenmotive zu verweisen scheinen.

Brought to you by | Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz Authenticated Download Date | 11/13/18 3:12 PM