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Grundlagen der Allgemeinen Psychologie:

Wahrnehmungspsychologie
Herbstsemester 2013
Folien zur Vorlesung

Prof. Dr. Adrian Schwaninger


Vorlesung 1

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Werdegang Prof. Dr. Adrian Schwaninger
1991-1999 Studium der Psychologie, Neuropsychologie, Informatik und
Neurophysiologie an der Universität Zürich
Seit 1999 Lehrbeauftragter an der Universität Zürich und ETH Zürich
Seit 1999 Leitung der Visual Cognition Research Group (VICOREG) an der
Universität Zürich
2001-2004 Doktorand am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik,
Tübingen
2004-2008 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Biologische
Kybernetik, Tübingen
Seit 2008 Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz
Seit 2008 Leiter des Center for Adaptive Security Research and Applications
(www.casra.ch)
Seit 2009 Leiter des Institutes Mensch in komplexen Systemen
(www.fhnw.ch/miks), Hochschule für Angewandte Psychologie,
Fachhochschule Nordwestschweiz
Seit 2010 Stellvertretender Direktor, Hochschule für Angewandte Psychologie,
Fachhochschule Nordwestschweiz

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Vorlesungsunterlagen, Infos zur Prüfung
 http://www.casra.ch/teaching/index_de.htm
 Folien (Prüfungsstoff)
 Literatur (empfohlen und fakultativ)
 Prüfung
 Ausschliesslich Multiple Choice Fragen
 Prüfungsstoff ist die Vorlesung und die Folien auf der Homepage
 Auf der Homepage angegebene Literatur ist nur als zusätzliche
Lernhilfe gedacht, welche fakultativ genutzt werden kann
 Bei unterschiedliche Angaben oder Definitionen in der Literatur,
der Vorlesung und / oder auf den Folien, gilt das was auf den
Folien steht

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Psychologie Lexikon
 Werner D. Fröhlich (2008).
Wörterbuch Psychologie.
Reihe: dtv Information und
Wissen.
 Erhältlich als Taschenbuch
und CD-Rom
(empfehlenswert da
Suchfunktionen)

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Überblick
 Einleitung
 Philosophische Überlegungen
 Phänomenales und Physikalisches
 Das Leib-Seele Problem
 Psychophysik
 Wichtigster Vorläufer: E.H. Weber
 Begründer der Psychophysik: G.T. Fechner

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Allgemeine Psychologie
 Psychologie ist die Wissenschaft vom Verhalten (alles, was ein
Organismus macht) und von den mentalen Prozessen (dem Erleben,
den subjektiven Erfahrungen, die wir aus dem Verhalten erschliessen).
 Die Allgemeine Psychologie befasst sich mit allgemein gültigen
Gesetzmässigkeiten des Verhaltens und der mentalen Prozesse.
 Allgemeine Psychologie befasst sich nicht mit
 Unterschieden zwischen Menschen in der Ausprägung bestimmter
Merkmale (Differentielle Psychologie)
 Veränderung psychischer Prozesse im Lebenslauf
(Entwicklungspsychologie)
 Interaktion zwischen Individuen (Sozialpsychologie)

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Gegenstand der Vorlesung
 Gegenstand dieser Vorlesung ist eine Einführung in
die Wahrnehmungspsychologie.
 Nach einer Einführung in die verschiedene
Sinnessysteme werden die visuelle
Informationsverarbeitung und Aufmerksamkeit
vertieft behandelt.
 Dabei wird ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt,
indem auch Erkenntnisse aus den
Neurowissenschaften und den
Computerwissenschaften berücksichtigt werden.

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Wahrnehmung
 Wahrnehmung ist ein Prozess, bei dem die
sensorischen Informationen organisiert und
interpretiert werden; dies ermöglicht uns, die
Bedeutung von Gegenständen und Ereignissen zu
erkennen.
 Die folgenden Beispiele zeigen, dass
Wahrnehmung unter anderem abhängig ist von der
Lernerfahrung, vom Kontext und von den aktuellen
Handlungszielen.

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Hollow Face Illusion

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Thatcher Illusion

Thompson (1980): „Margareth Thatcher – A New Illusion“

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Rotation und konfigurale Information

Schwaninger (1998)

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Objektwahrnehmung

Schwaninger (2005c)
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Dolch 29 cm

ho00 ho45 ho85

ve45 ve85 vh45


Schwaninger (2005b)
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Objektwahrnehmung

Schwaninger (2005c)
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H
a
m
m
e
r

ho00 ho45 ho85

ve45 ve85 vh45


Schwaninger (2005b)
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Ponzo Täuschung

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Wahrnehmung auf den 1. und 2. Blick

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Wahrnehmung und Aufmerksamkeit

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Wahrnehmung und Aufmerksamkeit

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Überblick
 Einleitung
 Philosophische Überlegungen
 Phänomenales und Physikalisches
 Das Leib-Seele Problem
 Psychophysik
 Wichtigster Vorläufer: E.H. Weber
 Begründer der Psychophysik: G.T. Fechner

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Phänomenologische Sichtweise
 Phänomenalismus (Immanuel
Kant, 1724-1804)
Der Bereich möglicher Erkenntnis
beschränkt sich auf die wahrge-
nommenen Phänomene. Das
Ding an Sich, die objektive Welt,
entzieht sich unserer Erkenntnis.
 Phänomenologie (Edmund
Husserl, 1859-1938)
Philosophie der
„Anziehung“, Lithographie von Munch. Aus Bischof (1996)
Bewusstseinsanalyse. Beschrei-
bung der Phänomene, wie sie in
ihrer reinen Gegebenheit dem
unvoreingenommenen Betrachter
sich zeigen.

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Physikalistische Sichtweise
 Physikalismus (Rudolf Carnap, 1891-1970)
Psychische Vorgänge sind nicht allgemein fassbar, als private Ereignisse nicht
nachprüfbar oder bestätigungsfähig und daher aus der Wissenschaft
auszuschliessen. Festgestellt werden können lediglich die objektivierbaren
körperlichen Vorgänge.
 Behaviorismus (John Broadus Watson, 1878-1950)
„Der Behaviorismus behauptet, dass das Bewusstsein weder ein definierbarer
noch ein nützlicher Begriff ist.“ (Watson, 1930, zit. nach Anderson, 1996, S.8)

Nach Bischof (1996)

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Evolutionäre Erkenntnistheorie
Evolutionäre Erkenntnistheorie (u.a. Donald Thomas Campbell 1916-1996, Konrad Lorenz,
1903-1989)
Die Anschauungsformen (Raum und Zeit) und Kategorien (z.B. Kausalität und Identität)
sind aus phylogenetischer Sicht aposteriori.
=> Die Organismen und deren Wahrnehmungssysteme haben sich in der Evolution
entwickelt und dabei an die Umwelt durch Selektion angepasst. Sie erlauben für das
Überleben relevante Reize wahrzunehmen und adäquate Reaktionen zu steuern.

Aus Bischof (1996)


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Kritischer Realismus
 Rekonstruktionsprinzip (Bischof,
1966b, 1995)
Die wahrgenommene Welt
entspricht einer adaptiven
Rekonstruktion der objektiven
Welt (Ding an sich).
 Semantische Interpretation
(Bischof, 1980, 1995)
Bewusstseinsphänomene können
als Bedeutung von physikalischen
Gehirnprozessen interpretiert
Modifiziert nach Bischof (1996).
werden.

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Konstruktion einer handlungsrelevanten
internen Repräsentation
 Die Frazer Spirale besteht
aus Kreisen!
 Wahrnehmung erzeugt kein
Abbild und auch keine
Rekonstruktion der
Wirklichkeit, sondern eine
handlungsrelevante interne
Repräsentation (Hagendorf
et al., 2011)

Frazer Spirale
(aus Ditzinger, 2006)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger www.psychologie.uzh.ch/vicoreg 26
Subjektivierende und objektivierende Perspektive

Prof. Dr. Adrian Schwaninger Bild: David Schürch, ZHdK 2009 27


Leib-Seele (Geist-Gehirn) Problem
 Bis heute diskutierte Fragen nach der Substanz und den
Relationen psychischer und physischer Prozesse.
 3 Beispiele philosophischer Standpunkte
 Interaktionismus (René Descartes, 1596-1650): Psychisches
und Physisches sind substanziell verschieden und können sich
gegenseitig beeinflussen.
 Parallelismus (Gottfried Wilhelm Leibniz, 1646-1716):
Psychisches und Physisches sind substanziell verschieden
und verlaufen parallel ohne eine kausale Relation zwischen
ihnen.
 Identitätsansicht (Gustav Theodor Fechner, 1801−1887):
Psychisches und Physisches sind zwei Aspekte derselben
Sache, sie erscheinen bloss verschieden.

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Überblick
 Einleitung
 Philosophische Überlegungen
 Phänomenales und Physikalisches
 Das Leib-Seele Problem
 Psychophysik
 Wichtigster Vorläufer: E.H. Weber
 Begründer der Psychophysik: G.T. Fechner

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Psychophysik
 Ernst Heinrich Weber (1795-1878)
 Wichtigster
Vorläufer
 Experimente zur Hautsensibilität
 Entdeckung des Webergesetzes

 Gustav Theodor Fechner (1801-1877)


 Begründer der Psychophysik
 Webergesetz, Fechnergesetz
 Innere und äussere Psychophysik

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Sinne als Messinstrumente
"Die Physiker und Chemiker prüfen die Experimente mit Tastzirkeln
Instrumente, mit denen sie arbeiten und (E.H. Weber)
bestimmen, wie weit sie sich auf dieselben
verlassen können, sie prüfen z.B. die
Waage, mit der sie wägen, die Physiologen
und Anatomen prüfen ihr Mikroskop und
wissen, wievielmal es vergrössert. Ebenso
wichtig ist es für den Menschen, die ihm
angeborenen Instrumente des Empfindens
zu prüfen. Bei dem Tastsinne habe ich
zuerst eine solche Prüfung unternommen.“

(Ernst Heinrich Weber, 1846, S. 544) Zweipunktschwelle


Ab welchem Abstand nimmt
man 2 Punkte wahr?

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Zweipunktschwelle für versch. Körperteile
Mittlere Schwelle (mm)

Die Messwerte
basieren auf
Weber (1835).

Aus Goldstein (1997)

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Experimente mit Gewichten
"Unter den günstigsten Umständen nimmt
man eine zwischen zwei Gewichten
stattfindende Gewichtsverschiedenheit
noch dann wahr, wenn der Unterschied 1
auch nur 1/30 oder 1/15 des einen 
Gewichts beträgt…“ 30
„… es kommt hierbei nicht auf die
absolute sondern auf die relative Grösse
des Gewichtsunterschiedes an. Diese
letztere Bemerkung verdient die
Aufmerksamkeit des Psychologen und
Physiologen, denn sie gilt auch von
anderen Sinnen." Aus Goldstein (1997)

(E.H. Weber, 1835, S.156)

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Webergesetz

400g 410g 800g 820g

R R = 10g R R = 20g
R 10 1 R 20 1
   
R 400 40 R 800 40
R
 const.
R Nach Goldstein (1997)

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Webergesetz
 Das Webergesetz gilt in verschiedenen Sinnessystemen.
 Die Weberkonstante R/R ist jedoch unterschiedlich und kann
auch je nach Versuchsbedingung variieren.
Bedingung  R/R 
Gewichte heben 1/40 2.5%
Gewichte auflegen 1/30 3.3%
Linien alternierend (visuell) 1/60 1.7%
Linien simultan (visuell) 1/250 0.4%
Daten aus Weber (1846)
 Die Weberkonstante ist ein Mass für die Empfindlichkeit von
Sinnesleistungen.
 ACHTUNG: In den Randbereichen, d.h. bei ganz tiefen und ganz
hohen Reizintensitäten, gilt das Webergesetz nicht mehr.
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Psychophysik
 Ernst Heinrich Weber (1795-1878)
 Wichtigster
Vorläufer
 Experimente zur Hautsensibilität
 Entdeckung des Webergesetzes

 Gustav Theodor Fechner (1801-1877)


 Begründer der Psychophysik
 Webergesetz, Fechnergesetz
 Innere und äussere Psychophysik

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Definition Psychophysik (G.T. Fechner)
“Unter Psychophysik verstehe ich überhaupt eine Lehre von
den Beziehungen zwischen Körper und Seele, welche auf der
Verbindung des physischen und psychischen Masses fusst,
und sich dadurch in die Reihe exacter Lehren stellt.”

“Ich unterscheide eine äussere und eine innere Psychophysik,


jenachdem es sich um die Beziehungen der Seele zu der
körperlichen Aussenwelt oder der körperlichen Innenwelt
handelt.”

(Fechner, Das psychische Mass, 1858, S.21)

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Äussere und innere Psychophysik

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Äussere und innere Psychophysik heute
Erleben
Psychologie

äussere Psychophysik innere Psychophysik


Experimentelle Wahrneh- Neuropsychologie
mungspsychologie Psychophysiologie

Reiz Nervensystem
Physik Physiologie
Sinnesphysiologie

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Mittlere Schwelle (mm)
Beispiel für äussere Psychophysik

Nach Goldstein (1997)

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Beispiel für innere Psychophysik
Experimente von Penfield & Jaspers (1954)

Motorischer Elektrische Somatosensorischer


Cortex: Stimulation Cortex:
Bewegung Körperempfindungen

(Nach Ramachandran, 1993)


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Fechnergesetz
“Kurz, obwohl recht zu verstehen, wird man
also sagen können, die psychische Intensität
ist der Logarithmus der zugehörigen
physischen Intensität, schreitet in
arithmetischem Verhältnisse fort, wenn diese in
geometrischem”

(Fechner, Zend-Avesta, 1851, II, S.375)

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Fechnergesetz

(arithmetische Reihe)
Fechnergesetz
Empfindung E

E = K * lnR + C

Graph mit K = 1 und C = 0

Reizintensität R (geometrische Reihe)

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Stevensgesetz
(über 100 Jahre nach Fechner)

Empfindungsstärke

Stevensgesetz
E = K*Rn

Reizintensität
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Vorlesung 2

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Überblick
 Einleitung
 Philosophische Überlegungen
 Phänomenales und Physikalisches
 Das Leib-Seele Problem
 Psychophysik
 Wichtigster Vorläufer: E.H. Weber
 Begründer der Psychophysik: G.T. Fechner
 Empfindungsschwellen (absolute Schwelle und
Unterschiedsschwelle)
 Signaldetektionstheorie

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Absolute Schwelle
Definition: Mindeststimulation, die erforderlich ist, um einen bestimmten Reiz
erstmals wahrzunehmen. Beispiele:
Modaliät Absolute Schwelle

Die Flamme einer Kerze auf ca. 50 km


Licht
Entfernung in einer dunklen, klaren Nacht

Das Ticken einer Uhr ohne


Schall Umgebungsgeräusche aus ca. 6 m
Entfernung
Ein Teelöffel Zucker auf ca. 7.6 Liter
Geschmack
Wasser
Ein Tropfen Parfüm, verteilt in einer 3-
Geruch
Zimmer Wohnung

Flügel einer Biene, der aus ca. 1 cm


Berührung
Entfernung auf die Wange fällt Bild: Daniela Frauenknecht, ZHdK 2009

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Absolute Schwelle
 Der empirische Verlauf (in Studien
gemessene Verlauf, grün in der Theoretischer

Erkennungsrate in % (Ja-Reaktionen)
Abbildung) entspricht nicht dem Verlauf
theoretischen Verlauf (blau in der
Abbildung).
 Gründe: Aufmerksamkeits-
schwankungen, Müdigkeit,
sensorische Adaptation (siehe
später), Fehlalarme (siehe später Empirischer
Theorie der Signaldetektion), Verlauf
Fluktuation des Reizes, etc.
 Oft wird die absolute Schwelle
daher definiert als Mindest-
stimulation, die erforderlich ist, um
einen bestimmten Reiz in
mindestens 50% der Fälle
wahrzunehmen.

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Unterschiedsschwelle
 Definition: Minimaler
Unterschied zwischen zwei
Reizen (R), der erforderlich
ist, damit er erkannt wird.
400g 410g
 Wir erleben die
Unterschiedsschwelle als
den eben noch merklichen R R = 10g
Unterschied. R 10 1
 
 Webergesetz: R R 400 40
 const.
R
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Weberkonstante (R/R)
Weberkonstante für verschiedene Sinnesmodalitäten:
Modalität Weberkonstante (R/R)

Lichtintensität 0.08

Lautstärke 0.04

Geschmack (salzig) 0.08

Angehobenes
0.025
Gewicht

Elektroschock 0.01

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Unterschiedsschwelle
 Der empirische Verlauf (in Studien
gemessene Verlauf, grün in der Theoretischer

Erkennungsrate in % (Ja-Reaktionen)
Abbildung) entspricht nicht dem Verlauf
theoretischen Verlauf (blau in der
Abbildung).
 Gründe: Aufmerksamkeits-
schwankungen, Müdigkeit,
sensorische Adaptation (siehe
später), Fehlalarme (siehe später Empirischer
Theorie der Signaldetektion), Verlauf
Fluktuation des Reizes, etc.
 Oft wird die Unterschiedsschwelle
daher definiert als minimaler
Unterschied zwischen zwei Reizen,
der erforderlich ist, damit er in 50%
Unterschieds-
der Fälle erkannt wird. kleiner grösser
schwelle

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Sensorische Adaptation
 Definition: Verminderte Sensibilität als Folge konstanter
Stimulation.
 Beispiele:
 Muffiger Geruch in einem Zimmer nimmt man mit der
Zeit nicht mehr wahr.
 Wasser im Schwimmbad erscheint zunächst sehr kalt
und wird dann angenehm empfunden.
 Helles Sonnenlicht blendet mit der Zeit weniger stark
 Verschieben der Armbanduhr am Arm wird mit der Zeit
nicht mehr wahrgenommen.
 Sensorische Adaptation versetzt uns in die Lage, uns auf
informative Veränderungen zu konzentrieren, ohne uns
von der nicht informativen konstanten Stimulation durch
Kleider, Gerüche, Strassenlärm etc. ablenken zu lassen.
 Wir nehmen die Welt nicht so wahr wie sie ist, sondern
so, wie es für uns nützlich ist, sie wahrzunehmen.

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Überblick
 Einleitung
 Philosophische Überlegungen
 Phänomenales und Physikalisches
 Das Leib-Seele Problem
 Psychophysik
 Wichtigster Vorläufer: E.H. Weber
 Begründer der Psychophysik: G.T. Fechner
 Empfindungsschwellen (absolute Schwelle und
Unterschiedsschwelle)
 Signaldetektionstheorie

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Signaldetektionstheorie
 Die Signaldetektionstheorie (SDT) gehört zum
Methodeninventar der Psychophysik und wurde von Green
und Swets (1966) begründet.
 Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten erheblich
weiterentwickelt (siehe MacMillan & Creelman, 1991) und
wird sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der
angewandten Forschung in verschiedensten Bereichen
eingesetzt.
 Die Theorie der Signaldetektion zeigt, dass unsere
persönlichen absoluten Schwellen abhängig von der Stärke
des Signals sind, aber auch von unseren Erfahrungen,
Erwartungen und der eigenen Motivation und
Aufmerksamkeit.
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Beispiele
 Sicherheitskontrollen an Flughäfen:
Sicherheitspersonal muss anhand des
Röntgenbildes entscheiden, ob ein
Gepäck OK oder NICHT OK ist.
 Medizinische Diagnostik: Ein
Dermatologe muss entscheiden, ob eine
Hautveränderung gut- oder bösartig ist.
 Flugzeugwartung: Ein Wartungs-
mitarbeiter muss entscheiden, ob eine
kleine rissartige Veränderung in einer
Turbine repariert werden muss.

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Signaldetektionstheorie
 Beispiel: Sicherheitskontrolle am Flughafen.
 Für jedes Röntgenbild eines Gepäcks muss
entschieden werden, ob es OK oder NICHT OK ist.

Gepäck OK Gepäck NICHT OK

Korrekte
Antwort „OK“ Zurückweisung Verpasser (Miss)
(Correct Rejection )
Antwort „NICHT Fehlalarm (False
Treffer (Hit)
OK“ Alarm)

Summe 100% 100%

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Signaldetektionstheorie
ROC Kurven
A2 B2 TR FR d'
A B

liberal
99% 1% 4.65
C
Trefferrate (TR)

90% 11% 2.51

Kriterium
neutral
90% 78% 0.51

75% 57% 0.50

konservativ
70% 70% 0.00

50% 50% 0.00

Fehlalarmrate (FR) 30% 30% 0.00


Veränderungen des Kriteriums sind
illustriert mit A2 und B2
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Signaldetektionstheorie
 Die Trefferrate alleine sagt wenig aus. Eine hohe Trefferrate wird auch
erreicht, wenn die meisten Gepäckstücke als „NICHT OK“ eingestuft
werden (Personen B und C in der Abbildung)
 d‘ ist ein valides Mass für die Erkennungsleistung, weil es die Treffer und
Fehlarmrate berücksichtigt:
d‘ = z(Trefferrate) – z(Fehlalarmrate)
 Berechnung in Microsoft Excel Englische Version
=NORMSINV(Trefferrate)-NORMSINV(Fehlalarmrate)
 Berechnung in Microsoft Excel Deutsche Version
=STANDNORMINV(Trefferrate)-STANDNORMINV(Fehlalarmrate)
 ROC (Receiver Operating Characteristic) Kurven geben an, wie gut die
Detektionsleistung d‘ ist.
 Die Position auf der ROC Kurve (Kriterium) kann sich schnell verändern,
obwohl die Erkennungsleistung d‘ gleich bleibt (siehe A2 und B2).

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Signaldetektionstheorie
 Die Detektionsleistung d‘ (Sensitivität) hängt ab von individuellen Fähigkeiten
und Training. Sie verändert sich nicht sehr schnell.
 Im Gegensatz dazu kann sich das Kriterium (Position auf der ROC Kurve) sehr
schnell verändern, weil es abhängig ist von subjektiven Kosten / Nutzen
Abwägungen, Arbeitsmotivation, der eingeschätzten
Auftretenswahrscheinlichkeit u.a. ist.
 Beispiele:
 Am 11. September 2001 hat sich das Kriterium von vielen
Sicherheitsbeauftragten bei Sicherheitskontrollen an Flughäfen sofort
verschoben, weil die subjektiv eingeschätzte Auftretenswahrscheinlichkeit
eines Terroranschlages massiv gestiegen ist.
 Wird ein berühmter Politiker auf Hautkrebs untersucht, so verschiebt sich
das Kriterium u.U. beim untersuchenden Arzt, weil die subjektiven Kosten
einer Fehldiagnose für ihn sehr hoch sind.
 Durch eine tiefe Arbeitsmotivation verschiebt sich das Kriterium bei einem
Arbeiter der Flugzeugwartung so, dass er nur bei gut sichtbaren Rissen in
Triebwerken eine genauere Abklärung anordnet.
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Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Riechen
 Schmecken
 Fühlen
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

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Transduktion: Enkodierung
physikalischer Energie als
neuronale Signale

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Prozesse der Wahrnehmung
 Empfindung: Prozess, bei dem unsere Sinnesrezeptoren und unser Nervensystem
Reizenergien aus unserer Umwelt empfangen und darstellen.
 Wahrnehmung: Prozess, bei dem die sensorischen Informationen organisiert und
interpretiert werden; dies ermöglicht uns, die Bedeutung von Gegenständen und
Ereignissen zu erkennen.
 Obwohl wir aus analytischen und deskriptiven Gründen Empfindung und
Wahrnehmung getrennt definieren, sind beide in Wirklichkeit Bestandteile eines
kontinuierlichen Prozesses.
 Transduktion: Umwandlung einer Energieform in eine andere; Im sensorischen
Bereich die Umwandlung von Reizenergien (wie Sehreize, Töne und Gerüche) in
Nervenimpulse, die unser Gehirn interpretieren kann
 Bottom-up-Verarbeitung (aufsteigende, datengesteuerte Informationsverarbeitung):
Analyse, die mit den Sinnesrezeptoren beginnt und aufsteigend bis zur Integration
der sensorischen Information durch das Gehirn erfolgt.
 Top-down-Verarbeitung (absteigende, konzeptgesteuerte Informationsverarbeitung):
Informationsverarbeitung, gesteuert durch höhere mentale Prozesse, beispielsweise
wenn wir Wahrnehmungen aufgrund unserer Erfahrungen und Erwartungen
interpretieren.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 62
Beispiel für Bottom-Up
und Top-Down Verarbeitung

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Beispiel für Bottom-Up
und Top-Down Verarbeitung

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
 Das Wahrnehmungssystem ist ausgerichtet auf das
Überleben und Fortbestehen der jeweiligen Spezies in
der natürlichen Umgebung in welcher die Evolution
stattfand.
 Beispiele:
 Eine weibliche Seidenraupenmotte muss nur ein
Milliardstel Gramm eines Botenstoffes pro Sekunde
absondern, um jede männliche Seidenraupenmotte
im Umkreis von 1 km anzulocken.
 Fledermäuse und Delphine orten ihre Beute mit
Sonar (durch Entfernungsschätzung der vom Objekt
zurückgeworfenen Schallwellen)
 Frösche reagieren auf kleine, dunkle Objekte in
Bewegung. Ein Frosch könnte verhungern, wenn er
in einem leeren Raum mit vielen toten unbewegli-
chen Fliegen steht.
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Menschliche Wahrnehmung und
elektromagnetisches Spektrum
Wir Menschen nehmen nur den Teil des elektromagnetischen Spektrums wahr,
welcher in der Evolution für unser Überleben und Forbestehen relevant war.
Röntgenstrahlen, Radiowellen, UV- und Infrarotlicht sowie Schallwellen sehr hoher
und niedriger Frequenz nehmen wir nicht wahr.

Wellenlänge in Nanometer (ein Milliardstel Meter)


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Vorlesung 3

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Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

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Physiologie des Auges

Ziliarmuskel
Zonulafasern

Lichtenergie

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Physiologie des Auges
 Das Licht tritt durch die Hornhaut des Auges (Cornea) ein.
 Durch die Iris, einen Muskelring, wird die Größe der Pupille eingestellt, durch
die das Licht ins Auge eintritt. Dies ist abhängig von der Lichtmenge aber auch
von Gefühlszuständen.
 Die Linse verändert ihre Form, um auch nahe und entfernte Gegenstände auf
der Retina (Netzhaut) scharf abzubilden (Akkomodation).
 Die Fovea ist der Bereich des schärfsten Sehens auf der Retina, weil dort die
Dichte von Rezeptoren am höchsten ist und vor allem Zapfen vorkommen (siehe
unten).
 In der Retina wird Lichtenergie in Nervenimpulse umgewandelt (Transduktion).
 Nach der Kodierung in der Retina gelangen die Nervenimpulse über den
Sehnerv ins Gehirn.
 Obwohl die Retina ein Bild empfängt, das auf dem Kopf steht, bearbeitet das
Gehirn die eingehenden Impulse so, dass das Bild wieder richtig zu stehen
scheint.

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Akkomodation

Enfternte Objekte Enfternte Objekte


scharf, nahe unscharf, nahe
Objekte unscharf Objekte scharf

Demonstration
Bleistift mit der Spitze nach oben am
ausgestreckten Arm halten und ein weit
Enfternte Objekte (mind. 6 Meter) entferntes Objekt
scharf, nahe fixieren. Der Bleistift erscheint unscharf.
Objekte unscharf Dann den Bleistift fixieren. Das
entfernte Objekt erscheint unscharf.
(Aus Goldstein, 2008)
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Akkomodation

(Aus Eysel, 2006)


(Aus Goldstein, 2008)

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Sehschärfe
 Normalsichtigkeit: Lichtstrahlen laufen auf der Retina eines
normalsichtigen Auges zu einem scharfen Bild zusammen.
Dies gilt für Objekte der Nähe und nach entsprechender
Anpassung der Linsenkrümmung (Akkomodation) auch für
weit entfernte Objekte.
 Kurzsichtigkeit (Myopie): Gegenstände in der Nähe wer-
den schärfer gesehen als entfernte Objekte, da sich die
einfallenden Lichtstrahlen schon vor der Netzhaut
überschneiden. Korrektur durch Brille, Kontaktlinsen
oder in einigen Fällen durch laserchirurgischen Eingriff
(z.B. LASIK Methode).
 Weitsichtigkeit (Hyperopie): Weit entfernte Gegenstände
werden schärfer gesehen als nahe, da das Bild von nahen
Objekten seinen Brennpunkt hinter der Retina hat. Kinder
korrigieren dies in der Regel durch Akkomodation, so das nur
selten eine Brille gebraucht wird. Allerdings können
Ermüdung und Kopfschmerzen auftreten. Erwachsene
bemerken Weitsichtigkeit, da die Flexibilität der Linse und
damit die Akkomodation nachlässt und sie dann eine Brille
oder Linsen zum Nahsehen benötigen.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 73
Wellenlänge und Amplitude
 Die Wellenlänge bestimmt den Farbton (z.B. blau, grün, etc.).
 Die Intensität des Lichts (Energiemenge von Lichtwellen, entspricht
Amplitude) bestimmt die Leuchtkraft der Farben.

Wellenlänge in Nanometer
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 74
(ca. 6 mio)

amakrine
Zelle

(ca. 120 mio)

(ca. 1 mio),

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 75


Zapfen und Stäbchen
Die beiden Arten von Rezeptoren in der Netzhaut (Retina) sind die
Stäbchen und die Zapfen. Sie unterscheiden sich in Bezug auf Gestalt,
Anzahl, Verbindungen zum Gehirn, Funktion und Lage auf der Netzhaut.

Zapfen Stäbchen
Anzahl 6 Mio 120 Mio
Stäbchen
Viele Stäbchen
Verbindungen Oft 1:1
auf eine
zum Gehirn Übertragung
Bipolarzelle
Detailliertes Sehen bei wenig
Funktion Tagessehen und Licht, kein
Zapfen Farbensehen Farbensehen
Lage auf der
Zentrum (Fovea) Peripherie
Netzhaut
Zapfen und Stäbchen unter Das Farbensehen ist bei wenig Licht beeinträchtigt, weil
dem Elektronenmikroskop dann nur Stäbchen arbeiten, welche nicht
farbempfindlich sind.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 76
Dunkeladaptation
 Kommt man in einen dunklen Raum (z.B. Theater
oder Kinobesuch) oder macht das Licht in einem
Zimmer aus, dann weiten sich sofort die Pupillen, um
mehr Licht in die Peripherie des Auges zu lassen (wo
die Stäbchen sind).
 Nach ca. 5 min übernehmen die Stäbchen das Sehen
und ihre maximale Lichtempfindlichkeit ist nach ca. 20
min erreicht (dies entspricht der durchschnittlichen
Dauer der Dämmerung, d.h. dem Übergang zwischen
Sonnenuntergang und Nacht).
 Demonstration zum ausprobieren:
1. Rechtes Auge abdecken, 20 min warten.
2. Zimmerbeleuchtung so stark verdunkeln, dass man
mit dem offenen Auge ein Buch noch knapp lesen
kann.
3. Rechtes Auge öffnen -> mit diesem Auge kann man
das Buch perfekt lesen.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 77
Unterschiede zwischen den Spezies
 Weshalb sieht eine Katze nachts viel besser
als ein Mensch? Mindestens aus 2 Gründen:
 Sie kann die Pupillen weiter öffnen und
mehr Licht hereinlassen.
 Sie hat einen höheren Anteil an
lichtempfindlichen Stäbchen.
 Nachteil: Da die Katze nur wenig Zapfen hat,
kann sie weder Einzelheiten noch Farben so
gut sehen wie wir.
 Manche Nachttiere wie Kröten, Mäuse,
Ratten und Fledermäuse besitzen eine
Retina, die fast völlig aus Stäbchen besteht.
Deshalb sehen sie auch bei schwachem
Licht noch sehr gut. Allerdings sehen diese
Tiere wahrscheinlich nur sehr wenig Farben,
da ihnen die Zapfen in der Retina fehlen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 78


Blinder Fleck
 An der Stelle, wo Sehnerv das Auge verlässt sind keine
Rezeptorzellen vorhanden.
 Dadurch entsteht der blinde Fleck.
 Demonstration: Schliessen Sie das linke Auge und
fokussieren Sie den schwarzen Punkt.
 Variieren Sie den Abstand zur unten stehenden
Abbildung bis sie das Auto nicht mehr sehen.
 Im Alltag bemerken wir den blinden Fleck nicht, weil die
Augen sich ständig bewegen und das eine Auge das
aufnimmt, was dem anderen entgeht.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 79


Vom Auge zum Kortex

Sehnerv (Axone der


Ganglienzellen)

Sehnerven-
Retina kreuzung
(Chiasma opticum)
Colliculus Tractus
superior opticus
Radiatio
Sehzentrum des optica
Thalamus (Corpus
geniculatum laterale,
CGL)
Sehrinde (= striärer Cortex oder
(Nach Frisby, 1979) primärer visueller Cortex, V1)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 80
Rezeptive Felder (RF)
 Durch die Verschaltung der retinalen Zellen entstehen rezeptive Felder. Als
rezeptives Feld wird derjenige Bereich der Netzhaut bezeichnet, von dem aus die
Aktivität einer Zelle beeinflusst werden kann. Auf der Netzhaut entspricht das der
Photorezeptorenfläche, die mit der Zelle verbunden ist.
 Die rezeptiven Felder der Ganglienzellen bestehen aus einem Zentrum und einem
Umfeld.
 Im primären visuellen Cortex (V1) findet man Neurone (Nervenzellen) mit
Orientierungsspezifität (Antwort der Zellen auf Lichtbalken einer bestimmten
Orientierung).

Zellen in Retina Simple Cell in V1


CGL und V1
-
- + -
-

Nach Hubel & Wiesel, 1962


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 81
Zellen mit Orientierungsspezifität

Zellantwort

Reiz

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 82


Primärer visueller Kortex (V1)
Farbverarbeitung (Blobs)

Simple Cells: Zellen,


die auf hell-dunkel
Unterschiede einer
bestimmten Orientie-
rung reagieren

(Nach Gazzaniga et al., 1998)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 83


Spezifität von Nervenzellen

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 84


Kortikale Areale

Aus http://thebrain.mcgill.ca
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 85
Parallelverarbeitung von Farbe,
Bewegung, Form und Tiefe

Colliculus ITC
Superior (CS)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Eysel, 2006) 86
Parallelverarbeitung von Bewegung,
Farbe, Form, Position und Tiefe
 Parallelverarbeitung ist die natürliche Methode der Informationsverarbeitung im Gehirn; mit
ihrer Hilfe kann man viele Aspekte eines Problems gleichzeitig angehen.
 Die Fähigkeit des Gehirns, mehrere Aufgaben gleichzeitig auszuführen, ermöglicht es ihm,
Unterdimensionen des Sehens (Bewegung, Farbe, Form, Position und Tiefe) auf
unterschiedliche neuronale Teams zu verteilen, die getrennt voneinander und gleichzeitig
arbeiten.
 Andere neuronale Teams arbeiten dabei zusammen, um die Ergebnisse zusammenzuführen, sie
mit gespeicherten Informationen zu vergleichen und Wahrnehmungen zu ermöglichen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 87


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 88


Periphere Mechanismen des Farbensehens
 Die Unterscheidung von Licht verschiedener Wellenlängen wird primär
durch die 3 Zapfentypen mit maximaler Empfindlichkeit für kurzwelligen (420
nm), mittelwelligen (535 nm) und langwelligen (565 nm) Bereich ermöglicht.
 Damit folgen die peripheren Mechanismen des Farbensehens der
trichromatischen Theorie von Young, Helmholtz und Maxwell aus dem 19.
Jahrhundert.
 Diese Dreifarbentheorie geht davon
aus, dass sich jede beliebige Farbe
durch die additive Mischung von 3
monochromatischen Lichtern
erzeugen lässt (additive Farbmi-
schung).
 Mischt man die Lichtstrahlen aller
drei Primärfarben (rot, grün, blau) so
erhält man weisses Licht.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 89


Subtraktive Farbmischung
 Beim Mischen von Farbstoffen
spricht man von subtraktiver
Farbmischung (z.B. Farben
aus dem Malkasten mischen).
 Je mehr Farbstoffe
zusammengemischt werden,
je weniger Licht kann
zurückreflektiert werden.
 Mischen von rot, blau und gelb
führt zu braun oder schwarz.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 90


Störungen des Farbensehens
 Ca. 8% aller Männer haben Störungen des
Rot-Grün-Sehens, was auf eine Fehlfunktion
von Zapfen zurückzuführen ist.
 Diese Störungen sind genetisch bedingt und
geschlechtsspezifisch. Nur ca. 0.4% aller
Frauen haben eine Störung des Rot-Grün-
Sehens.
 Es verschiedene weitere Farbenseh-
störungen, welche jedoch selten sind.
 Bei Stabchenmonochromaten sind z.B. alle
3 Zapfentypen beinträchtig. Hier ist Sehen
auch bei Tageslicht nur mit dem Stäbchen-
system möglich. Diese Menschen leiden
wegen der höheren Empfindlichkeit der Menschen welche an einer Rot-Grün
Stäbchen unter Blendung. Fehlsichtigkeit leiden, können die
grüne Zahl in dieser Abbildung nicht
erkennen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 91


Gegenfarbentheorie
 Nachdem die visuelle Information die Photorezeptoren in der Retina verlässt, wird sie in Bezug
auf die Gegenfarben Rot und Grün, Blau und Gelb sowie Schwarz und Weiss analysiert
(Gegenfarbentheorie von Hering).
 In Retina und im Corpus Geniculatum Laterale (CGL) des Thalamus werden manche
Nervenzellen (Neurone) durch durch Rot „eingeschaltet“ und durch Grün „abgeschaltet“. Andere
werden wiederum durch Grün „eingeschaltet“ und durch Rot „abgeschaltet“.
 Doppelgegenfarbenneurone reagieren auf Farbkontrast zwischen Feldzentrum und
Feldperipherie ihrer rezeptiven Felder. Sie treten erstmals in den Blobs in V1 auf.
 Demonstration der Gegenfarbentheorie: Fokussieren Sie eine Minute auf den Punkt auf der
Flagge und schauen Sie danach auf den schwarzen Punkt in dem weissen Feld daneben. Es
entsteht ein Nachbildeffekt, bei welchem Sie die Gegenfarben sehen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 92


Farbkonstanz
 Farbkonstanz ist die Fähigkeit, bekannte Gegenstände auch unter stark wechselnden
Lichtverhältnissen, die die von den Gegenständen reflektierten Wellenlängen verändern,
mit gleichbleibender Farbe wahrzunehmen.
 Die unten stehende Abbildung ist eine anschauliche Darstellung der
Wellenlängenverschiebung bei unterschiedlichen Beleuchtungsverhaltnissen. Es zeigt das
selbe Stillleben mit Tageslichtfarbfilm bei a Tageslicht, b Glühlampenlicht und c
Leuchtstoffrohrenlicht (universal weiss) aufgenommen.
 Der Fotograf empfand den Hintergrund jeweils als weiss und nahm die Farben der
Früchte unter den verschiedenen Bedingungen annahernd gleich wie bei Tageslicht
wahr (Farbkonstanz).

(Aus Eyssel, 2006)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 93
Farbwahrnehmung und Kontext
 Farbkonstanz ist ein Beleg dafür, dass unsere Farbwahrnehmung nicht nur vom
betrachteten Gegenstand abhängt, sondern auch von seiner Umgebung.
 Dank den Berechnungen unseres Gehirns sehen wir die Farben des Lichts, das
von jedem Gegenstand reflektiert wird, im Verhältnis zu den Gegenständen in
seinem Umfeld.
 Wenn sich der Kontext nicht ändert bleibt die Farbkonstanz erhalten.
 Verändert sich jedoch der Kontext, wird die
gleiche Farbe unterschiedlich wahrgenommen,
weil das Gehirn die Farbe eines Gegenstandes
in Relation zu seinem Kontext berechnet
(z.B. relevant für Künstler, Innenarchitekten und
Modedesigner).
 Dies ist illustriert in der Abbildung rechts. Die
blauen Punkte haben alle die gleiche Farbe.
Sie werden jedoch sehr unterschiedlich wahr-
genommen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 94


Vorlesung 4

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 95


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 96


Parallelverarbeitung von Farbe,
Bewegung, Form und Tiefe

Colliculus ITC
Superior (CS)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Eysel, 2006) 97
Dorsaler und ventraler Strom

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 98
Doppelte Dissoziation
Läsionsexperimente von Pohl (1973) und Ungerleider & Mishkin (1982) mit Menschenaffen
zeigten eine Doppelte Dissoziation:
 Entfernung des Temporallappens führt zu Versagen bei einer
Objektunterscheidungsaufgabe, wo der dreieckige Klotz ausgewählt werden soll.
 Entfernung des Parietallappens führt zu Versagen bei einer Ortsunterscheidungsaufgabe,
wo die näher zu einem Zylinder liegende Verdeckung aufgehoben werden soll.

Objektunterscheidungsaufgabe Ortsunterscheidungsaufgabe
(Nach Goldstein, 2008)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 99
Prof. Dr. Adrian Schwaninger Bild: Anne Seeger ZHdK 2009 100
Befunde beim Menschen

(Aus Gazzaniga, et al. 1998)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 101
Patient V.K.: Schädigung im dorsalen Strom

 Patient V.K. hat eine


Schädigung im dorsalen
Strom.
 Dies zeigt sich in einer
optischen Ataxie, d.h. der
Patient kann räumliche
Informationen nicht mehr
richtig auswerten, um seine
Hand- und Greifbewegungen
zu steuern.
 Die Abbildung zeigt die
Distanz zwischen Daumen
und Zeigefinger (grip aperture)
beim Greifen eines
Gegenstandes durch V.K. und
normale Kontrollpersonen
(L.K. und B.S.)
(Aus Milner & Goodale, 1993; nach Jakobson, 1991)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 102
Patientin D.F.: Schädigung im ventralen Strom

 Patientin D.F. erlitt wegen eines


Lecks einer Propangasheizung
eine Kohlenmonoxid-Vergiftung.
 Dies hatte eine beidseitige
Schädigung im ventralen Strom
zur Folge was sich in einer
visuellen Formagnosie zeigt
(Unfähigkeit visuelle Merkmale
für die Objekterkennung zu
Modell Kopie von D.F.
verarbeiten).
 Der primäre visuelle Cortex (V1) (Nach Milner & Goodale, 1995)
blieb intakt.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 103


Patientin D.F.: Wahrnehmung vs. Action
 Die Schädigung im
ventralen Strom führt
dazu, dass eine Karte
nicht so ausgerichtet
werden kann wie ein
Briefschlitz. Wahrnehmungsbedingung („Was“)
 Weil der dorsale Strom
aber intakt blieb, kann
D.F. einen Brief in einen
Briefschlitz einwerfen.

Action Bedingung („Wie“)


(Modifiziert nach Gazzaniga et al., 1998 und Goodale et al., 1991)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 104
Parallelverarbeitung von Bewegung,
Farbe, Form, Position und Tiefe
 Parallelverarbeitung ist die natürliche Methode der Informationsverarbeitung im Gehirn; mit
ihrer Hilfe kann man viele Aspekte eines Problems gleichzeitig angehen.
 Die Fähigkeit des Gehirns, mehrere Aufgaben gleichzeitig auszuführen, ermöglicht es ihm,
Unterdimensionen des Sehens (Bewegung, Farbe, Form, Position und Tiefe) auf
unterschiedliche neuronale Teams zu verteilen, die getrennt voneinander und gleichzeitig
arbeiten.
 Andere neuronale Teams arbeiten dabei zusammen, um die Ergebnisse zusammenzuführen, sie
mit gespeicherten Informationen zu vergleichen und Wahrnehmungen zu ermöglichen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 105


Repräsentation von Objekten
 Hypothesen zur Repräsentation von Objekten (Gauthier, 2000)
 Hypothese 1: Zwei Modul-Hypothese
Gesichter werden in einem spezifischen Modul verarbeitet (fusiform face area,
FFA), Objekte in einem separaten generellen Modul.
 Hypothese 2: Kategorie spezifische Module
Für jede Objektkategorie gibt es ein separates Modul.
 Hypothese 3: Merkmalskarten
Objekte werden durch die Kombination von einfachen und komplexen visuellen
Merkmalen repräsentiert.
 Hypothese 4: Prozesskarten
In Abhängigkeit von der Erkennungsaufgabe werden verschiedene Aspekte
visueller Information relevant. Auch könnte die FFA (fusiform face area) nicht
speziell für Gesichter sondern genereller für Exemplar-Erkennung durch
Experten zuständig sein.
 Nach dem heutigen Wissensstand erscheint die Kombination von Hypothese 3 und
4 am plausibelsten aufgrund von Computersimulationen und aufgrund
verschiedener Befunde aus den Neurowissenschaften.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 106
a b

c
Befunde mit funktioneller
Magnetresonanztomographie
(functional magnetic
resonance tomography ,
fMRT) beim Menschen.
Häuser, Stühle und
Gesichter scheinen
unterschiedliche Module im
Gehirn zu aktivieren (a und
b). Eine detailliertere Analyse
spricht aber eher für eine
Repräsentation anhand von
Merkmalskarten und
verteilter Aktivität (c).

(Nach Ishai et al., 1999)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 107
Objekterkennung

(Nach Knoblich et al., 2002;


Riesenhuber & Poggio, 1999)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 108


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 109
Zusammenfassung
 Wahrnehmungen entstehen aus der Wechselwirkung zwischen vielen Neuronensystemen,
die jeweils eine einfache Aufgabe ausführen.
 Die Verarbeitung beginnt in den mehrfachen neuronalen Schichten der Retina,
anschließend übermitteln die 6 Mio. Zapfen und die 120 Mio. Stäbchen der Retina ihre
Informationen über die bipolaren Zellen an die Ganglionzellen.
 Die Impulse wandern entlang der Axonen der Ganglionzellen, die den Sehnerv bilden, zum
Thalamus und weiter zum visuellen Kortex.
 In der Sehrinde (primärer visueller Kortex, V1) reagieren Merkmalsdetektoren auf die
besonderen Merkmale eines visuellen Reizes.
 Die übergeordneten Zellen eines höheren Niveaus führen diese gesammelten Daten
zusammen, um sie dann in anderen Arealen des Kortex zu verarbeiten.
 Im dorsalen Strom wird räumliche Information verarbeitet, was für die Steuerung der
Visuomotorik wichtig ist (Wo/Wie Strom).
 Im ventralen Strom wird v.a. Form und Farbe verarbeitet für die Wahrnehmung und
Erkennung von Objekten (Was Strom).
 Wenn die sensorischen Signale die unterschiedlichen Verarbeitungsniveaus durchlaufen
(bottom-up), werden sie von unseren Annahmen, Interessen und Erwartungen beeinflusst
(top-down).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 110


Vorlesung 5

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 111


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 112


Hören
 Schallwellen sind ringförmige Bänder sich komprimierender und sich ausdehnender Luft.
 Unsere Ohren nehmen diese Veränderungen im Luftdruck wahr und wandeln sie in
neuronale Impulse um, die das Gehirn als Töne dekodiert.
 Schallwellen unterscheiden sich in ihrer Frequenz und Amplitude, die wir als
Unterschiede in der Tonhöhe und der Lautstärke wahrnehmen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 113


Akustische und auditorische Grundbegriffe
 Für das Ohr ist die Schallwelle der adäquate Reiz. Ihre physikalische
Beschreibung heisst Akustik. Anatomische, biochemische und physiologische
Vorgänge beim Hören werden hingegen als auditorisch oder auditiv
bezeichnet.
 Hörbare Schallwellen treten im täglichen Leben in der Regel als
Druckschwankungen der Luft auf. Ihre Frequenz wird in Hertz (Hz) angegeben,
d.h. in Anzahl Schwingungen pro Sekunde.
 Mit dem Begriff Ton ist eine Sinusschwingung gemeint, die nur aus einer
einzigen Frequenz besteht. Töne sind im täglichen Leben eine Ausnahme.
Allerdings werden sie vom Arzt häufig als Stimulus bei Hörprüfungen verwendet.
 Auch Musik setzt sich normalerweise nicht aus reinen Tönen, sondern aus
Klängen zusammen. Klänge bestehen in der Regel aus einem Grundton mit
mehreren Obertönen. Die Obertöne sind ein ganzzahliges Vielfaches der
Frequenz des Grundtones.
 Die meisten Schallereignisse des täglichen Lebens sind keine Töne oder Klänge,
sondern umfassen praktisch alle Frequenzen des Hörbereiches. Hierzu zählt
auch die Sprache. Akustisch werden sie als Geräusch bezeichnet.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 114
Schalldruck und Schalldruckpegel
 Die Stärke einer Schallwelle, d.h. ihre Amplitude heisst Schalldruck.
 Der Schalldruck wird wie jeder Druck in Pascal angegeben:
Druck = Kraft / Fläche P = F/A 1 Pa = 1 N/m2
 Die grosse dynamische Breite des menschlichen Ohres führt bei Angabe
von Schalldruck zu umständlich grossen Zahlen. Daher wird in der Regel
der Schalldruckpegel angegeben. Seine Masseinheit ist das Dezibel
(dB), das praktisch anwendbare Zahlenwerte ergibt (siehe Tabelle auf
nächster Folie).
 Der Begriff »Pegel« sagt aus, dass der zu benennende Schalldruck px
zu einem einheitlich festgelegten Bezugsschalldruck p0 in einem
bestimmten logarithmischen Verhältnis steht. Mathematisch ist der
Schalldruckpegel SPL (sound pressure level) definiert als:
SPL = 20 log px/p0 [dB]
 Der Bezugsschalldruck p0 ist in der Nähe der Hörschwelle und beträgt
2×10–5 Pa.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 115
Schalldruck und Schalldruckpegel
 Steigt der Schalldruckpegel um 20 dB, so hat sich der Schalldruck tatsächlich
verzehnfacht.
 Bei 80 dB sind bereits 4 Verzehnfachungsschritte (80/20=4) erreicht. Der
Schalldruck ist daher um 104, also um das zehntausendfache gesteigert.
 100 dB entspricht gemäss EU
Norm der Maximallautstärke Zunahme des 
Schalldruckpegel (SPL) dB
von MP3 Playern. Schalldruckes

 Längerfristige Schalleinwirkung 1 Bezugsschalldruck 0


von über 85 dB kann zu Hör- 1,41 mittlere Hörschwelle bei 1000 Hz 3
schäden führen. 10 ländliche Ruhe 20
 Bei 100 dB kann bereits nach 100 leises Gespräch 40
80 Minuten ein Hörschaden 1000 normales Gespräch 60
auftreten. 10000 lauter Straßenlärm 80
100000 lauter Industrielärm 100
1000000 Schuss, Donner 120
(Nach Schmidt & Schaible, 2006) 10000000 Düsentriebwerk 140

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 116


Isophone (Kurven gleicher Lautstärkepegel in Phon). Hörflache (gelb) und Hauptsprach-
bereich (orange). Beachte, dass per definitionem Phon und Dezibel nur bei 1 kHz über-
einstimmen. (Nach Schmidt & Schaible, 2006)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 117
Hörrinde
(auditorischer Kortex)
im Temporallappen

Prof. Dr. Adrian Schwaninger www.psychologie.uzh.ch/vicoreg 118


Vom Ohr zum Gehirn
 Das äussere Ohr ist der sichtbare Teil des Ohrs. Das Mittelohr ist die
Kammer zwischen dem Trommelfell und der Kochlea. Das Innenohr
besteht aus der Kochlea, den Bogengängen und den Sacculi des
Vestibularapparats.
 Mit Hilfe einer mechanischen Kettenreaktion werden die Schallwellen
durch den Gehörgang geleitet und rufen am Ende geringfügige
mechanische Schwingungen des Trommelfells hervor.
 Die Knöchelchen des Mittelohrs (Hammer, Amboss und Steigbügel)
verstärken die Schwingungen und übertragen sie auf die mit Flüssigkeit
gefüllte Kochlea.
 Dadurch, dass die Basilarmembran in wellenartige Bewegungen
versetzt wird, die durch Druckveränderungen in der Kochlearflüssigkeit
verursacht werden, werden die winzigen Haarzellen bewegt, durch die
wiederum Nervenimpulse ausgelöst werden, die über den Thalamus an
den auditorischen Kortex im Gehirn gesandt werden.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 119


Haarzellen der Kochlea
 Die durch den Schall erzeugten
Schwingungen der hier darge-
stellten 50-60 Flimmerhaare an
der Spitze einer Haarzelle lösen
ein elektrisches Signal aus.
 Die Kochlea enthält etwa 16‘000
Haarzellen.
 Bereits kurze Einwirkung von sehr
lauten Geräuschen (z.B. Gewehr-
schuss direkt neben dem Ohr)
oder langfristige Einwirkung über
85 dB kann zu Schädigungen der
Haarzellen und der Hörnerven
führen.
 Faustregel: Lärm, Musik etc. vermeiden, wenn man sich dabei nicht mehr
normal unterhalten kann.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 120


Basilarmembran und Wanderwelle
 Je höher der Ton, desto näher am
Steigbügel befindet sich der Ort des
Wanderwellenmaximums.
 Das Wanderwellenmaximum für hohe
Töne entsteht an der Kochleabasis; je
mehr die Tonhöhe abfällt, umso mehr
nähert sich der Ort des Wander-
wellenmaximums der Kochleaspitze.
 Die Folge ist, dass eine einzelne Ton-
frequenz nur an einem bestimmten
Ort (nämlich dem Ort des Wander-
wellenmaximums) einige wenige
Haarzellen reizt.
 Unterschiedliche Tonhöhen reizen
damit unterschiedliche Haarzellen
entlang der Basilarmembran. Aus http://labspace.open.ac.uk)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 121


Orts- und Frequenztheorie
 In der Ortstheorie wird angenommen, dass unser Gehirn eine bestimmte Tonhöhe
dadurch interpretiert, dass es die Lage des Punktes (deshalb „Ortstheorie“)
dekodiert, an dem eine Schallwelle die Basilarmembran der Kochlea stimuliert hat
(basierend auf dem Ort des Wanderwellenmaximums).
 In der Frequenztheorie wird angenommen, dass das Gehirn die Anzahl und die
Frequenz (deshalb „Frequenztheorie“) der Nervenimpulse dechiffriert, die im Hörnerv
zum Gehirn wandern.
 Die Forschung hat beide Theorien bestätigt, aber für unterschiedliche Hörbereiche.
 Mit Hilfe der Ortstheorie lässt sich nicht gut erklären, wie wir tiefe Töne hören können
(die nicht auf der Basilarmembran verortet werden können), aber sie bietet eine
Erklärung dafür, wie wir hohe Töne wahrnehmen.
 Mit Hilfe der Frequenztheorie lässt sich nicht gut erklären, wie wir hohe Töne hören
(einzelne Neuronen können nicht schnell genug feuern, um die notwendige Anzahl
von Spannungsspitzen hervorzubringen). Die Frequenztheorie liefert jedoch eine
Erklärung dafür, wie wir tiefe Töne wahrnehmen.
 Eine Kombination aus beiden Theorien erklärt, wie wir Töne im mittleren Bereich
hören.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 122


Lokalisation einer Geräuschquelle
 Schallwellen treffen auf das eine Ohr früher und
intensiver als auf das andere (Zeit- und
Lautstärkeunterschiede).
 Weil die Schallgeschwindigkeit 1200 km pro
Stunde beträgt und weil die Ohren nur ca. 15 cm
auseinanderliegen sind diese Zeit- und
Lautstärkeunterschiede extrem gering.
 Mit Hilfe von Parallelverarbeitung analysiert das
Gehirn solche winzigen Unterschiede in Bezug
auf die Töne, die von den beiden Ohren
aufgenommen werden, und berechnet die
Schallquelle.
 Geräusche, welche gleich weit von beiden Ohren
entfernt sind (vor, über, hinter oder unten uns)
können schlechter lokalisiert werden. Das ist
auch der Grund, weshalb man den Kopf
manchmal leicht schief legt, um Geräusche
besser zu lokalisieren.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 123


Schwerhörigkeit
 Schallleitungsschwerhörigkeit ist eine Folge einer Schädigung des
mechanischen Systems, das die Schallwellen an die Kochlea überträgt.
 Bsp. 1: Loch im Trommelfell.
 Bsp. 2: Beeinträchtigung der Gehörknöchelchen im Mittelohr
(Hammer, Amboss und Steigbügel) Schwingungen weiterzuleiten.
 Schallempfindungsschwerhörigkeit (oder Nervenschwerhörigkeit) ist
die Folge einer Schädigung von Haarzellen in der Kochlea oder von
damit verbundenen Nerven.
 Diese Probleme können durch Krankheiten und Unfälle hervorgerufen
werden, aber altersbedingte Störungen und dauernde Konfrontation mit
lauten Geräuschen sind die häufigeren Ursachen von Schwerhörigkeit,
vor allem von Nervenschwerhörigkeit.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 124


Schwerhörigkeit, Alter und digitale Hörhilfen
 Ältere Menschen hören niedrige Frequenzen meist besser als hohe Frequenzen.
 Der Hörverlust ist auf die Nervendegeneration am Anfang der Basilarmembran
zurückzuführen (vgl. Ortstheorie).
 Digitale Hörhilfen verbessern die Hörfähigkeit durch Verstärkung der Schwingungen bei
Frequenzen (im Allgemeinen die hohen Frequenzen), die unser Gehör am schlechtesten
wahrnimmt, sowie durch Komprimierung der Geräusche (Verstärkung der leisen, nicht aber
der lauten Töne).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 125


Kochleaimplantate
 Ein Kochleaimplantat ist ein
elektronisches Gerät, welches
Geräusche in elektrische Signale
umwandelt.
 Es wird an unterschiedlichen Stellen mit
dem Hörnerv in der Kochlea verbunden.
 Diese Geräte können gehörlosen
Kindern dabei helfen, einige Töne zu
hören und die Verwendung der
gesprochenen Sprache zu erlernen.
 Kochlearimplantate sind am wirkungs-
vollsten, wenn die Kinder noch klein sind
(Vorschulalter).
 Im Jahre 2003 hatten weltweit 60‘000
Menschen Kochleaimplantate und
mehrere Millionen waren potentielle
Kandidaten für ein solches Implantat.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 126


Sensorische Kompensation
 Menschen die einen Sinneskanal
verlieren, können dies durch eine
Verbesserung ihrer anderen
sensorischen Fähigkeiten teilweise
ausgleichen.
 Extrembeispiel:
Die Schottin Evelyne Glennie ist seit
dem Alter von 12 Jahren völlig taub. Sie
ist hauptberuflich Percussion-Solistin.
Die Beziehung zu ihren Instrumenten
stellt sie über den Tastsinn her (sie tritt
ohne Schuhe auf), die Beziehung zum
Dirigenten über ihr scharfes
Sehvermögen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 127


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 128


Propriozeption
 Propriozeption beinhaltet folgende Sinne:
 Kraftsinn: Kraftaufwendung bzw. Gewicht.
 Positionssinn: Stellung einzelner Körperteile.
 Kinästhesie: Richtung und Geschwindigkeit der Bewegung
einzelner Gliedmassen.
 Vestibulärer Sinn: Bewegung und Lage des Körpers im Raum,
Gleichgewichtsfunktion.
 Propriozeption basiert auf Signalen von Muskeln, Sehnen- und
Gelenkmechanosensoren sowie auf Signalen vom Vestibularogan.
 Der Kraftsinn erlaubt es uns, z. B. die Schwere gehobener Gewichte
mit etwa 3% Genauigkeit abzuschätzen. Hautsensoren scheinen bei
dieser Sinnesleistung eine geringe Rolle zu spielen, da die Schätzung
schlechter wird, wenn man die Gewichte auf die Hand legt, während sie
auf einer Unterlage ruht.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 129


Propriozeption
 Sensoren aus den Gelenken selbst melden nur extreme
Gelenkstellungen und gehören zum überwiegenden Teil zur
Gruppe der Nozizeptoren (Schmerzsensoren).
 Injektion eines Lokalanästhetikums in ein Gelenk beeinflusst
den Positionssinn kaum. Auch die Implantation künstlicher
Hüftgelenke verändert die Wahrnehmung der Position des
Beines nur wenig.
 Für die Kinästhesie wichtig sind v.a. Signale von Sensoren
in den Sehnen und den Muskeln. Hautsensoren sind für die
Kinästhesie nicht wichtig, da Lokalanästhesie der Haut über
den Gelenken diesen Sinn kaum beeinflusst.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 130


Vestibulärer Sinn
 Der Gesunde ist sich der normalen Funktion der Vestibularorgane
normalerweise nicht bewusst und bemerkt sie im täglichen Leben
nicht.
 Funktionsstörungen hingegen werden z. T. sehr dramatisch
wahrgenommen. Zumeist äussern sie sich als Schwindel oder
Gangunsicherheit bis hin zur Unfähigkeit zu stehen.
 Die wichtigste Aufgabe der Vestibularorgane ist die
Gewährleistung der Gleichgewichtsfunktion. Sie erlaubt uns
Menschen den aufrechten Gang.
 Dazu finden sich in jedem Innenohr 3 Bogengangsorgane sowie 2
Maculaorgane (Utriculus und Sacculus). Diese 5 Organe einer
jeden Seite sind hochspezialisierte Sinnesorgane, um
Translations- und Drehbeschleunigungen zu messen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 131


Vestibularorgane

Utriculus
Sacculus

(Nach Schmidt & Schaible, 2006)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 132
Translations- und Drehbeschleunigungen
 Mithilfe der jeweils 2 Maculaorgane (Utriculus und Sacculus) jedes Ohres
können wir Translationsbeschleunigungen empfinden. Beispiele:
 Beschleunigen oder Bremsen (negative Beschleunigung) eines Autos oder
Flugzeuges
 Anfahren oder Bremsen eines Liftes
 Auf- oder Abstieg eines Flugzeuges
 Sprünge und Stürze
 Die Bogengänge dienen der Empfindung von Drehbeschleunigungen.
 Die 3 Bogengänge jedes Innenohres sind dreidimensional angeordnet,
sodass für jede Raumrichtung gewissermassen ein Bogengang »zuständig«
ist.
 Jede beliebige Winkelbeschleunigung in diesen Raumdimensionen
produziert dadurch ein spezifisches Aktivitätsmuster, das aus einer
jeweiligen spezifischen Kombination von Aktivitätssteigerungen und
Aktivitätshemmungen der jeweils zugehörigen Nervenfasern besteht.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 133


Drehbeschleunigungen
 Eine Kopfdrehung bewirkt eine Drehung der Bogengänge.
 Die Flüssigkeit der Bogengänge (Endolymphe) und die Cupula bleiben
zurück.
 Dadurch werden Haarzellen
ausgelenkt, was zu elektrischen
Signalen im Nervus vestibularis
führt. Bogengang
 Demonstration: Drehen Sie sich mit
Cupula Endolymphe
schnell im Kreis und bleiben Sie
dann plötzlich stehen. Die Endo-
lymphe dreht noch eine Weile
weiter, was zur Empfindung
führt, man würde sich noch wei-
ter drehen.

(Nach Schmidt & Schaible, 2006)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 134
Gleichgewicht
 Neben den Informationen der
insgesamt 10 Vestibularorgane
erreichen auch andere
propriozeptive Informationen und
visuelle Informationen das Gehirn.
 Aufgrund all dieser Informationen
wird die Aktivität von Skelett- und
Augenmuskulatur mittels Reflexen
so gesteuert, dass sich der Körper
im Gleichgewicht hält.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 135


Vorlesung 6

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 136


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 137


Mechanorezeptoren in der Haut

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 138
Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Goldstein, 2008) 139
Homunculus

Somatosensorischer
Cortex S1 und S2

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 140
(Stellung der Gliedmassen
und Berührung)

(Temperatur
& Schmerz)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Goldstein, 2008) 141


Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Goldstein, 2008) 142
Rezeptive Felder und Detailauflösung
 Das rezeptive Feld einer Nervenzelle
(Neuron) im somatosensorischen
Sinnessystem ist das Areal auf der
Haut, dessen Stimulation die Aktivität
der Nervenzelle beeinflusst.
 Die Detailauflösung für Hautreize ist
unterschiedlich je nach Körperregion
(Verteilung der Zweipunktschwelle).
 Die hervorragende Detailauflösung
an bestimmten Körperstellen (z.B. an
den Fingern) wird dadurch erreicht,
dass die Finger durch eine grosse
Anzahl kortikaler Neuronen
repräsentiert werden und jedes
dieser Neuronen nur Information aus
einem sehr kleinen Bereich auf der
(Aus Goldstein, 2008)
Haut erhält.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 143


Tastsinn
 Der Tastsinn besteht eigentlich aus 4 verschiedenen Sinnen: dem Drucksinn, dem
Wärme- und Kältesinn und dem Schmerzsinn, die in Kombination andere Empfindungen
erzeugen, wie etwa »heiß«. Von diesen verfügt nur der Drucksinn über spezialisierte
Rezeptoren.
 Überraschenderweise gibt es ausser für Druck keine einfache Beziehung zwischen dem,
was wir an einer bestimmten Stelle empfinden, und dem Typ der spezialisierten
Nervenendigungen an dieser Stelle.
 Nur der Druck wirkt auf die gleichen Rezeptoren ein.
 Andere Hautempfindungen sind Abwandlungen der 4 Grundqualitäten (Druck, Wärme
[entweder sehr niedrige oder sehr hohe Temperaturen] und Schmerz):
 Benachbarte Druckstellen zu streicheln, lässt ein Kitzeln aufkommen.
 Wiederholtes sanftes Streicheln eines Schmerzpunktes führt zu Juckgefühl.
 Berühren von benachbarten kälte- und druckempfindlichen Punkten löst ein Gefühl
von Nässe aus, das Sie spüren können, wenn Sie trockenes, kaltes Metall anfassen.
 Durch Stimulation von benachbarten kälte- und wärmeempfindlichen Punkten wird
eine Empfindung von „heiss“ erzeugt.
 Auch beim Tastsinn gibt es Top-Down Effekte (Bsp: Gummihandtäuschung).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 144


warm + kalt = heiss
Wenn durch ein Rohr eiskaltes
Wasser fliesst und durch das
andere angenehm warmes,
dann nehmen wir die
kombinierte Empfindung als
kochend heiss wahr.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 145


Gummihandtäuschung

Wenn die Versuchsleiterin gleichzeitig die wirkliche und die nachgebaute Hand
einer Versuchsteilnehmerin berührt, hat diese das Gefühl, als wäre die sichtbare
nachgebaute Hand ihre eigene. Dies zeigt, dass Top-Down Effekte auch beim
Tastsinn vorkommen.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 146
Schmerzwahrnehmung
 Gate-Control-Theorie: Diese Theorie besagt, dass das Rückenmark über ein
neurologisches »Tor« (»gate«) verfügt, das Schmerzsignale aufhält oder zum Gehirn
durchlässt. Das »Tor« wird geöffnet durch die Aktivität von Schmerzsignalen, die über
feine Nervenfasern nach oben steigen, und geschlossen durch die Aktivität in dickeren
Fasern oder durch vom Gehirn kommende Informationen.
 Beeinflussung durch die Aktivität in dickeren Fasern, Beispiele:
 Behandlung von chronischen Schmerzen durch Stimulation der dickeren Fasern
(Massage, elektrische Stimulation, Akkupunktur).
 Reiben der Umgebung der Zehe, welche man angestossen hat, führt zu einer
konkurrierenden Stimulation, die einen Teil der Schmerzsignale blockiert.
 Beeinflussung durch vom Gehirn kommende Informationen, Beispiele:
 Endorphinausschüttung: Es kann z.B. bei Sportverletzungen vorkommen, dass sie bis
zur Dusche nach dem Spiel unbemerkt bleiben.
 Soziale Einflüsse: In den 80er Jahren litten plötzlich ganze Gruppen von
Sekretärinnen in Australien unter starken Schmerzen beim Schreibmaschineschreiben
oder anderen sich ständig wiederholenden Arbeiten.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 147


Biopsychosozialer Ansatz

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 148


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 149


Geschmackssinn
 Der Geschmackssinn, ein chemischer Sinn, setzt sich verschiedenen Grundempfindungen
zusammen (süss, sauer, salzig, bitter, »umami« und evt. fettig) sowie aus den Aromen, die
mit den Informationen der Geschmacksknospen interagieren.
 Umami hat eine geschmackliche Ähnlichkeit zu Fleisch, Brühe, und Bohnenkraut und wird oft mit
den geschmacksverstärkenden Eigenschaften von Mononatriumglutamat assoziiert.
 2011 wurde ein neuer Rezeptor für Fett entdeckt. Noch nicht eindeutig bewiesen ist, ob die
Signale dieser Rezeptoren über spezialisierte Geschmackszellen und nachgeschaltete
Nervenbahnen ans Gehirn weitergeleitet werden.
 Auf der Zunge befinden sich vier Arten von Papillen (Wall-, Folien, Faden- und Pilzpapillen).
Ausser den Fadenpapillen enthalten alle anderen Papillen Geschmacksknospen (insgesamt ca.
10‘000).
 Eine Geschmacksknospe enthält 50-100 Geschmacksinneszellen. Mit jeder Sinneszellen sind
eine oder mehrere Nervenfasern assoziiert.
 Rezeptoren auf den Mikrovilli der Geschmackssinneszellen reagieren auf unterschiedliche
Substanzen (bitter, süss, sauer, salzig, etc., siehe nächste Folie).
 Die in den Geschmackssinneszellen erzeugten elektrischen Signale werden von der Zunge über
den Thalamus zum Frontalhirn weitergeleitet (zur Insula und zum frontalen Operculum).
 Für die Geschmacksempfindung spielt auch das über viele Neurone verteilte
Aktivierungsmuster eine wichtige Rolle.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 150


Neu (2011):
Rezeptor für Fett

(Aus Goldstein, 2008)

151
(Aus Goldstein, 2008)
152
Wissenswertes zum Geschmackssinn
 Geschmacksrezeptoren erneuern sich alle 1-2 Wochen. Wenn Sie also mit heissem Essen
Ihre Zunge verbrennen, dann ist das nicht so schlimm.
 Mit dem Alter nehmen die Anzahl der Geschmacksknospen und die
Geschmacksempfindung ab. Deshalb ist es nicht überraschend, dass Erwachsene gerne
kräftig schmeckende Speisen zu sich nehmen, die Kinder nicht so gerne mögen.
 Rauchen und Alkohol beschleunigen die Verringerung der Geschmacksknospen und ihre
Sensibilität.
 Unsere emotionalen Reaktionen auf Geschmack sind grösstenteils genetisch determiniert
(ähnliche Reaktionen von Zunge und Gehirn auf süsse oder bittere Substanzen bei
Neugeborenen wie bei Erwachsenen).
 Menschen ohne Zunge können trotzdem schmecken, und zwar über Rezeptoren im
Rachenbereich und am Gaumen.
 Wenn Sie die Geschmacksempfindung auf einer Seite der Zunge verlieren, merken Sie es
wahrscheinlich gar nicht. Denn die andere Zungenseite wird daraufhin entsprechend
sensibler. Hinzu kommt, dass das Gehirn der Ort des Geschmackes auf der Zunge nicht
gut lokalisieren kann. Obwohl sich in der Mitte der Zunge nur wenige
Geschmacksrezeptoren befinden, nehmen wir Geschmack wahr, als würde er von der
gesamten Zunge aufgenommen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 153


Sensorische Interaktion und Synästhesie
 Sensorische Interaktion ist das Prinzip der gegenseitigen
Beeinflussung verschiedener Sinne, wie beispielsweise
der Geruch von Essen seinen Geschmack beeinflusst.
 Um einen Geschmack auszukosten, atmen wir normaler-
weise das Aroma über die Nase ein. Ohne Geruch ist die
Geschmacksempfindung stark beeinträchtigt.
 Bsp. 1: Bei starker Erkältung ist Geruch und damit
auch Geschmack beeinträchtigt.
 Bsp. 2: Halten Sie sich einmal die Nase zu, schliessen
die Augen, und lassen Sie sich dann von jemand ande-
rem füttern. Ein Stück Apfel erscheint Ihnen dann kaum
unterscheidbar von einem Stück roher Kartoffel. Ein
Stück Steak kann wie Pappe schmecken. Ohne Geruch (Aus Zimbardo & Gerrig, 2008)
kann eine Tasse Kaffee schwer von einem Glas Rot-
wein zu unterscheiden sein.
 Synästhesie: Ist ein Extremfall von sensorischer Interaktion und kommt sehr selten vor.
Dabei erzeugt eine Art von Empfindung (z.B. ein Ton hören) eine andere Empfindung
(z.B. die Farbe rot). Oder wenn man die Zahl 3 sieht, so kann das bei einem
Synästhetiker eine Geschmacksempfindung auslösen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 154


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Selektive Aufmerksamkeit
 Wahrnehmungstäuschungen
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 155


Geruchssinn
 Moleküle von Geruchsstoffen gelangen mit dem Luftstrom in die Nase und
kommen mit der Riechschleimhaut in Kontakt, in der sich die olfaktorische
Rezeptorzellen (Riechsinneszellen) befinden.
 Die Zilien der Riechsinneszellen, die in den Luftstrom hinausragen,
enthalten die Geruchsrezeptoren.
 Der Kontakt von Geruchsstoffen mit den Geruchsrezeptoren führt zur
Transduktion, die elektrische Signale in den Riechsinneszellen hervorruft.
 Die elektrischen Signale werden durch zusammenlaufende Axone im
Bulbus olfactorius (Riechkolben) weitergeleitet, der ein Teil des Gehirns ist.
 Von dort werden die Signale über die Riechbahn in den primären
olfaktorischen Kortex (piriformer Kortex) und den sekundären olfaktorischen
Kortex (orbitofrontal Kortex) weitergeleitet. Olfaktorische Signale gelangen
auch an die Amygdala, eine Struktur tief im Kortex, die an der Steuerung
emotionaler Reaktionen beteiligt ist.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 156


Geruchssinn

Nächste Folie

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 157


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 158
vorne

hinten

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 159
Kodierung von Gerüchen
 Der Mensch besitzt ca. 350 verschiedene Arten von
Geruchsrezeptoren.
 Eine Riechsinneszelle enthält nur eine Art von
Geruchsrezeptoren.
 Der Mensch kann Tausende von Gerüchen unterscheiden.
 Ein Geruch wird vermutlich durch das Aktivierungsmuster
von Geruchsrezeptoren der Riechsinneszellen kodiert.

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 160
Kodierung von Gerüchen
Molekülstruktur

(Nach Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 161
Kodierung von Gerüchen
Geruchsstoffe Rezeptoren
 Veranschaulichung des
kombinatorischen Kodes für
Gerüche wie von Malnic et al.
(1999) vorgeschlagen.
 Die farbig dargestellten
Rezeptoren sind diejenigen, die
auf den jeweils links abgebildeten
Geruchsstoff antworten.
 Beachten Sie, dass jeder
Geruchsstoff ein
unterschiedliches Muster von
Rezeptoraktivitäten hervorruft, ein
bestimmter Rezeptor jedoch auf
mehrere Gerüche antwortet.
(Nach Goldstein, 2008)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 162


Weitere Merkmale des Geruchssinns
 Gerüche können zwar relativ gut unterschieden werden aber man kann sie
schlecht beschreiben.
 Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass wir uns schwer an Namen und
Bezeichnungen von Gerüchen erinnern können.
 Aber lange vergessene Gerüche und damit assoziierte persönliche Erlebnisse
können gut wiedererkannt werden.
 Gerüche können intensive Erinnerungen und Gefühle hervorrufen (durch
Verbindungen zum limbischen System).
 Ähnlich wie bei den Geschmackssinneszellen gilt auch für die Riechsinneszellen,
dass sie einen ständigen Zyklus des Entstehens, Reifens und Absterbens
durchlaufen. Bei den Riechsinneszellen dauert dieser Zyklus ca. 5-7 Wochen.
 Riechsinneszellen des Menschen sind nicht weniger empfindlich als die
irgendeiner Tierart. Allerdings sind z.B. Hunde viel empfindlicher für Gerüche als
Menschen weil sie viel mehr Geruchsrezeptoren besitzen. Menschen haben ca.
10 Mio Riechsinneszellen, während Hunde etwa 500 Mio besitzen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 163


Alter, Geschlecht und Geruchssinn

Ergebnisse eines Riechtests mit 1.2 Mio Personen, bei welchem 6


Geruchsproben identifiziert werden mussten. Frauen schnitten besser
als Männer ab. Mit zunehmenden Alter, sowie bei Rauchern und
regelmässigen Alkoholkonsumenten war der Geruchssinn herabgesetzt.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 164


HIER WEITER

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 165


Vorlesung 7

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 166


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Propriozeption
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 167


Transduktion: Enkodierung
physikalischer Energie als
neuronale Signale

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 168


Gestaltpsychologie
 Die Gestaltpsychologie
entstand anfang des 20.
Jahrhunderts in Deutschland
(Max Wertheimer, Kurt Koffka,
Wolfgang Köhler u.a.)
 Gestaltpsychologen suchen
nach Regeln, mit deren Hilfe
das Gehirn sensorische Daten
in Gestalten oder sinnvollen
Formen organisiert.
 Diese Forscher betonten den
alten Lehrsatz das Ganze ist
mehr als die Summe seiner
Teile.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 169
Figur-Grund Beziehung
 Die erste Wahrnehmungsaufgabe besteht darin, ein Objekt (Figur) als
ein Gebilde wahrzunehmen, welches sich vom Hintergrund (Grund)
abhebt.

Umkehrbare Figur-Grund Beziehung

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 170


Umkehrbare Figur-Grund Beziehung

Prof. Dr. Adrian Schwaninger Bild: Anna Schmocker, ZHdK 2009 171
Gruppierung von Reizen
 Wir bringen Ordnung und Form in die Welt der Reize, indem wir die Reize in
sinnvollen Gruppierungen organisieren und dabei den Gesetzen der Nähe, der
Ähnlichkeit, der Kontinuität, des Zusammenhangs und der Geschlossenheit
folgen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 172


Gruppierung von Reizen
 Gesetz der Geschlossenheit: In der Abbildung links nimmt man an, dass
die Kreise vollständig sind aber teilweise durch ein Dreieck verdeckt
werden. Die Wahrnehmung des Dreiecks verschwindet, wenn die Kreise
geschlossen werden (Abbildung rechts).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 173


Gruppierung von Reizen
 Manchmal führen Gruppierungsprinzipien aber
auch zu Täuschungen...

Beispiel: „Neonwurm“

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 174


Täuschung durch Gesetz der Geschlossenheit

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 175


Täuschung durch Gesetz der Geschlossenheit

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 176


Tiefenwahrnehmung
 Tiefenwahrnehmung ist unsere Fähigkeit, Objekte in drei Dimensionen zu
sehen, obwohl auf unsere Retina nur zweidimensionale Bilder auftreffen.
 Ohne die Tiefenwahrnehmung wären wir nicht in der Lage, die Entfernung, die
Höhe und die Tiefe zu beurteilen.
 Die Forschung zur visuellen Klippe bei 6-14 Monate alten Kleinkindern legt
nahe, dass Entstehen von Tiefenwahrnehmung genetisch angelegt ist.
 Viele Arten von Lebewesen nehmen die Welt schon von Geburt an oder kurz
danach als dreidimensional wahr.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 177


Binokulare Hinweisreize
 Binokulare Hinweisreize sind
Hinweisreize für Tiefe, die auf
Informationen aus beiden Augen beruhen.
 Beim Hinweisreiz der Konvergenz
berechnet das Gehirn, wie stark unsere
Augen neuromuskulär angespannt sind,
wenn sie sich nach innen bewegen, um
ein Objekt in der Nähe anzusehen. Je
grösser die Anspannung (oder der
Konvergenzwinkel), desto näher das
Objekt.
 Beim Hinweisreiz der retinalen
Disparität berechnet das Gehirn die
relative Entfernung eines Objekts, indem
es die leicht unterschiedlichen Bilder, die
vom Objekt auf die beiden Retinae treffen,
miteinander vergleicht. Je grösser der
Unterschied ist, desto näher muss das
Objekt sein.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 178


Monokulare Hinweisreize
Monokulare Hinweisreize gestatten es uns, Tiefe mit Hilfe von Informationen zu beurteilen,
die nur von einem Auge übermittelt werden:
 Relative Grösse: Erzeugt ein Objekt ein kleineres Bild auf der Retina, so ist es weiter
entfernt.
 Interposition: Versperrt uns ein Objekt die Sicht auf ein anderes, ist es näher als das
andere Objekt.
 Relative Klarheit: Licht von weiter entfernten Objekten muss einen grösseren Teil der
Atmosphäre durchwandern. Unscharfe Objekte werden deshalb als weiter entfernt
wahrgenommen. Ein Objekt im Nebel sieht deshalb weiter entfernt aus als ein Objekt, das
man klar und deutlich sehen kann. Bei Föhn sind die Berge zum Greifen nah.
 Texturgradient: Wenn sich die Textur verändert, sind grobe, deutlich strukturierte Objekte
nah, feine, nicht mehr unterscheidbare weiter entfernt.
 Relative Höhe: Objekte, die weiter oben im Gesichtsfeld liegen, sind i.R. weiter entfernt.
 Relative Bewegung oder Bewegungsparallaxe: Wenn man sich bewegt, kann aufgrund
der relativen Bewegungen in der Retina die Distanz von Objekten berechnet werden.
 Zentralperspektive: Je stärker parallele Linien konvergieren, desto weiter entfernt sind
sie.
 Licht und Schatten: Nähere Gegenstände reflektieren mehr Licht als weiter entfernte
Gegenstände. Licht kommt i.R. von oben, was für die Formwahrnehmung benutzt wird.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 179
Relative Grösse
 Aufgrund der relativen Grösse ist in diesem Bild klar, dass der Elefant
nicht das Ziel des Jägers sein kann.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 180


Relative Grösse Interposition

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 181


Relative Klarheit Texturgradient

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 182


Relative Höhe
 Relative Höhe: Objekte, die weiter oben im Gesichtsfeld liegen, sind i.R. weiter
entfernt.

Nachthimmel

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 183


Relative Höhe
 Aufgrund der relativen Höhe erscheint der untere Teil der Abbildung jeweils näher
und wird als Figur wahrgenommen.

Taghimmel Nachthimmel

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 184


Relative Höhe
 Der Gateway Arch von St. Louis
wird höher als breit
wahrgenommen.
 Tatsächlich ist er jedoch genau
gleich hoch wie breit.
 Diese Täuschung hängt mit dem
monkularen Hinweisreiz relative
Höhe zusammen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 185


Relative Bewegung oder Bewegungsparallaxe

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 186


Zentralperspektive
 Zentralperspektive: Je stärker parallele Linien konvergieren, desto
weiter entfernt sind sie.
 Die Zentralperspektive kann zu Unfällen an Bahnübergängen beitragen,
weil sie die Menschen dazu verleitet, die Entfernung des Zuges zu
überschätzen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 187


Licht und Schatten
 Licht und Schatten: Nähere
Gegenstände reflektieren mehr
Licht als weiter entfernte
Gegenstände.
 Licht kommt i.R. von oben, was
für die Formwahrnehmung
genutzt wird.
 Achtung: Ein Fahrzeug im Nebel
oder eines, welches nur die
Parkleuchten angeschaltet hat,
wird als weiter entfernt
wahrgenommen, was das Risiko
eines Unfalles erhöht.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 188


Licht und Schatten
 Bei den unten dargestellten Bildern handelt es sich um
zweidimensionale Zeichnungen in einer Ebene. Sie werden jedoch als
dreidimensionale Figuren wahrgenommen.
 Dabei spielen die monokularen Hinweisreize Licht und Schatten eine
wichtige Rolle.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 189


Welche monokularen Hinweisreize sind hier enthalten?

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 190


Bewegungswahrnehmung
 Wenn sich Objekte quer über unsere Retina oder auf sie zu bewegen, machen
wir die grundlegende Annahme, dass schrumpfende Objekte sich von uns weg
bewegen und grösser werdende Objekte sich uns nähern.
 Aber wir können uns nicht immer auf unsere Bewegungswahrnehmung
verlassen. Grosse Objekte wie z.B. Züge scheinen sich langsamer zu bewegen
als kleinere Objekte wie z.B. Autos welche sich mit der gleichen Geschwindigkeit
bewegen. Jumbos scheinen z.B. langsamer zu landen als kleinere Jets, welche
genau so schnell sind oder sogar langsamer.
 Wenn die Bilder auf der Retina in schneller Abfolge auftreffen, so kann dies eine
Bewegungstäuschung hervorrufen, wie bei der stroboskopischen Bewegung
(ausgelöst durch eine rasche Abfolge leicht variierender Bilder)
oder beim Phi-Phänomen (ausgelöst durch ein schnelles An-
und Ausschalten zweier stationärer Lichtquellen).

 Ein Film basiert auf Bewegungstäuschung und stroboskopischer Bewegung, da


eigentlich nur 24 Einzelbilder pro Sekunde gezeigt werden, was wir als
kontinuierliche Veränderung wahrnehmen.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 191
Wahrnehmungs-, Form- und Grössenkonstanz
 Beim Sehen ist die Wahrnehmungskonstanz Voraussetzung dafür, dass man
ein Objekt unabhängig von der Änderung des Blickwinkels, der Entfernung oder
der Beleuchtung erkennt. Wegen dieser Fähigkeit nehmen wir Objekte als etwas
wahr, was trotz der sich verändernden Bilder, die sie auf die Retina projizieren,
unveränderliche charakteristische Merkmale hat.
 Bei der Formkonstanz handelt es sich um unsere Fähigkeit, vertraute Objekte
(wie etwa eine sich öffnende Tür) als in ihrer Form unveränderlich
wahrzunehmen.
 Grössenkonstanz bedeutet,
Objekte trotz ihrer sich verän-
dernden Bilder auf unserer
Retina als unveränderlich in
ihrer Grösse wahrzunehmen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 192


Beziehung von Grösse und Entfernung
 Es gibt einen engen Zusammenhang
zwischen wahrgenommener Grösse und
wahrgenommener Entfernung.
 Wenn man die Grösse eines Objektes
kennt, so ist das ein Anhaltspunkt für seine
Entfernung; wenn man seine Entfernung
kennt, ist das ein Hinweis auf seine Grösse.
 Obwohl die Monster in der Abbildung genau
gleich gross sind, teilt die
Zentralperspektive unserem Gehirn mit,
dass das Monster, welches das andere
verfolgt, weiter weg ist. Deshalb nehmen wir
es als grösser wahr.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 193


Ponzo Täuschung
 Die Ponzo Täuschung beruht auf
dem gleichen Prinzip.
 Die beiden roten Streifen ergeben
gleich grosse Bilder auf der
Retina des Auges (Netzhaut).
 Unsere Erfahrung sagt uns, dass
ein entfernteres Objekt nur ein
gleich grosses Netzhautbild
erzeugt, wenn es in Wirklichkeit
grösser ist.
 Deshalb nehmen wir den roten
Streifen, welcher weiter entfernt
zu sein scheint, als grösser wahr.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 194


Mondtäuschung
 Der Mond erscheint in der Nähe des Horizonts grösser als wenn er hoch am Himmel ist
(Abbildung unten links).
 Eine weit verbreitete Erklärung basiert auf der wahrgenommenen Entfernung. Wenn man
die Entfernung zum Horizont und zum Zenit schätzt, erscheint der Horizont aufgrund der
Tiefeninformation weiter entfernt. Das Himmelsgewölbe ist zwar rund, es wird aber
"abgeflacht" wahrgenommen (Abbildung unten rechts). Da der Mond in beiden Fällen das
gleiche Netzhautbild bewirkt, erscheint der Mond am Horizont demnach grösser.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 195


Müller-Lyer Täuschung
 Die Abstände AB und BC sehen gleich lang aus. Tatsächlich ist jedoch
AB um mehr als ein Drittel länger.

 Ein Erklärungsansatz basiert auf unserer


Erfahrung mit Ecken von Zimmern und
Gebäuden.
 In der Abbildung rechts erscheint die sen-
krechte Linie an der Kinokasse näher und
wird damit kürzer wahrgenommen als die
gleich lange Linie neben der Tür, welche
weiter weg ist und damit länger erscheint.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 196


Kultur und Wahrnehmung
 Menschen aus dem ländlichen Afrika, die nicht in einer Umgebung aus
rechteckig entworfenen Gebäuden lebten (wie z.B. den hier
dargestellten Rundhäusern bei den Zulus in Südafrika), waren weniger
anfällig für die Müller-Lyer Täuschung.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 197


Ames Raum
 Unten abgebildet sind zwei echte Fotos von zwei Personen
im sogenannten Ames Raum.
 Dabei schaut man durch ein Guckloch mit einem Auge in
den Raum und kann dadurch die wahren Raumdimensionen
nicht erkennen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 198


Ames Raum
 Erklärung: Der Ames Raum ist verzerrt gebaut.
 Weil man nur durch ein Guckloch mit einem Auge hineinsehen kann, erkennt
man dies jedoch nicht und man nimmt an, dass der Raum rechteckig ist.
 Weil man annimmt, die beiden Mädchen seien gleich weit entfernt vom
Betrachter, nimmt man deren Grösse falsch wahr.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 199


Wahrnehmungstäuschungen
 Die wahrgenommene Beziehung zwischen Entfernung
und Grösse entspricht im Allgemeinen der Realität.
 Doch unter bestimmten Umständen treten
Wahrnehmungstäuschungen auf (z.B. Ponzo
Täuschung, Mondtäuschung, Müller-Lyer Täuschung,
Ames Raum, u.a.).
 Die seltenen Täuschungen enthüllen, wie unsere
normalerweise sehr effektiven Wahrnehmungsprozesse
funktionieren.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 200


Helligkeits- und Farbkonstanz
 Bei der Helligkeitskonstanz handelt es sich um unsere
Fähigkeit, ein Objekt als etwas wahrzunehmen, was eine
konstante Helligkeit hat, auch wenn sich die Beleuchtung -
das Licht, das darauf geworfen wird - ändert.
 Die Farbkonstanz ermöglicht es uns, die Farbe eines
Objekts als unveränderlich wahrzunehmen, auch wenn sich
die Beleuchtung ändert.
 In beiden Fällen nimmt das Gehirn die Eigenschaft
(Helligkeit oder Farbe) als relativ zu den Objekten in der
Umgebung wahr.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 201


Helligkeitswahrnehmung und Kontext
 Die wahrgenommene Helligkeit bleibt bei
unverändertem Kontext mehr oder
weniger konstant.
 Verändert sich jedoch der Kontext, wird
die gleiche Helligkeit unterschiedlich
wahrgenommen, weil das Gehirn die
Helligkeit einer Fläche in Relation zu
seinem Kontext berechnet (z.B. relevant
für Künstler, Innenarchitekten und
Modedesigner).
 Dies ist illustriert in der Abbildung rechts.
Die Flächen A und B haben die gleiche
Helligkeit. Sie werden jedoch sehr
unterschiedlich wahrgenommen.
 Die unter dem Schachbrett liegenden
Flächen A und B wurden aus der
Abbildung oben mit Photoshop
ausgeschnitten.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 202


Vorlesung 8

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 203


Überblick
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören
 Tastsinn
 Geschmackssinn
 Geruchssinn
 Propriozeption
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 204


Transduktion: Enkodierung
physikalischer Energie als
neuronale Signale

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 205


Sensorische Deprivation und
Wiederherstellung des Sehvermögens
 Die Forschung zur Wiederherstellung des Sehvermögens und zur sensorischen
Deprivation leisten einen Beitrag für unser Verständnis, wie Anlage und Umwelt
bei unserer Wahrnehmung zusammenwirken.
 Wären alle Aspekte der visuellen Wahrnehmung von Geburt an vollständig
vorhanden, müssten die Menschen, die blind auf die Welt kamen, aber nach
einer Operation wieder sehen konnten, eigentlich eine normale visuelle
Wahrnehmung haben.
 Das ist aber nicht der Fall. Nach einer operativen Beseitigung eines Katarakts
(grauer Star) z. B. können Erwachsene, die von Geburt an blind waren, zwischen
Figur und Grund unterscheiden und Farben wahrnehmen, ihnen fehlt aber die
Erfahrung, Gestalten, Formen und ganze Gesichter zu erkennen. Dies kann
nicht mehr kompensiert werden.
 Visuelle Deprivation in einer für das Sehvermögen kritischen Phase während der
ersten Lebensmonate führt auch nach Wiederherstellung der Sehfähigkeit zu
bleibenden Beeinträchtigungen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 206


Kritische Phase
 Weitere Befunde gibt es für Tiere, die mit stark eingeschränktem
visuellen Input aufwuchsen und die eine bleibende Sehstörung
bekamen, als sie wieder normalen visuellen Reizen ausgesetzt wurden.
 Klinische und experimentelle Befunde deuten darauf hin, dass es eine
kritische Phase für einige Aspekte der Entwicklung von Sensorik und
Wahrnehmung gibt.
 Ohne die Stimulierung durch die frühen visuellen Erfahrungen entwickelt
sich die neuronale Organisation des Gehirns nicht normal.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 207


Sensorische Deprivation von Geburt an
 Bei einem Mann konnte nach 40
Jahren Blindheit das
Sehvermögen wieder hergestellt
werden.
 Mit 43 konnte er Gesichter immer
noch nicht auf Anhieb erkennen
und orientierte sich an externen
Merkmalen („Marie das war doch
die mit den roten Haaren“).
 Er hat auch Probleme mit der
Wahrnehmungskonstanz. Wenn
Menschen sich von ihm
entfernen, scheinen sie zu http://psych.hanover.edu/krantz/SizeCon
schrumpfen. stancy/SizeConstancy01.jpg

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 208


Sensorische Deprivation nach 3 Jahren
 Mit 3 Jahren verlor Mike May sein
Augenlicht bei einer Explosion.
 Am 7. Mai 2000 wurde sein
Sehvermögen durch Einsetzen einer
neuen Kornea im rechten Auge
wiederhergestellt.
 Gesichter kann er nicht erkennen und
Gesichtsausdrücke kann er nicht
interpretieren.
 Allerdings kann er Gegenstände in
Bewegung erkennen.
 Sensorische Deprivation in den
ersten Monaten führt zu viel
stärkeren bleibenden Behinderungen.

Aus Myers (2008)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 209


Wahrnehmungsadaptation
 Bekommen Menschen Brillen aufgesetzt,
die die Welt leicht nach links oder nach
rechts verschieben oder gar völlig auf den
Kopf stellen (Umkehrbrillen), sind sie
anfangs desorientiert.
 Nach einigen Tagen gelingt es ihnen aber
sich an den neuen Kontext anzupassen
und sich problemlos zu bewegen.
 Diese Forschung demonstriert unsere
Fähigkeit, uns an ein künstlich verändertes
Gesichtsfeld anzupassen und unsere
Bewegungen in Reaktion auf diese neue
Welt zu koordinieren.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 210


Wahrnehmungsset
 Unsere Erfahrungen, Annahmen und Erwartungen können uns ein
Wahrnehmungsset (mentale Prädisposition) vorgeben, die das, was
wir wahrnehmen entscheidend beeinflust („top-down“).
 Ein Wahrnehmungsset ist eine mentale Prädisposition, etwas
bestimmtes wahrzunehmen und nicht etwas anderes.
 Ein Schema ist eine kognitive Struktur, mit der Informationen geordnet
und erklärt werden.
 Weil unsere erlernten Begriffe (Schemata) als Vorreiz (Prime) dienen,
um nicht eindeutige Reize in bestimmter Weise zu organisieren und zu
interpretieren, bringt unsere Wahrnehmung unsere Version der Realität
zum Ausdruck.
 Unser Wahrnehmungsset wird durch Vorstellungen oder Schemata
festgelegt, die wir aufgrund unserer Erfahrungen bilden und mit Hilfe
derer wir unbekannte Informationen organisieren und interpretieren.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 211


Beispiele für Wahrnehmungsset
 Man „sieht“ sofort eine grössere Ähnlichkeit zwischen einem Erwachsenen und
einem Kind, wenn einem gesagt wird, es handle sich um Mutter und Kind bzw.
Vater und Kind.
 Kennt man das Sternzeichen eines Menschen, achtet man viel mehr auf
passende Charakterzüge.
 Sehen Sie in der unten stehenden Abbildung eine Frau oder einen Mann mit
einem Saxophon? Dies hängt davon ab, ob sie zuerst das Bild links oder rechts
anschauen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 212


Beispiele für Wahrnehmungssets
 Als Physiker zum ersten Mal durch ein Fernrohr „Kanäle“ auf dem Mars sehen konnten,
wurde dies als Nachweis für intelligentes Leben gesehen.
 Im Jahre 1972 veröffentlichte eine britische Zeitung die unretuschierten Originalbilder eines
„Monsters“ im schottischen Loch Ness, „die faszinierendsten Fotos, die je aufgenommen
wurden“, so der Kommentar in der Zeitung. Als Campbel (1986) die Fotos mit einem
anderen Wahrnehmungsset anschaute, sah er darin einen gekrümmten Baumstamm.
Dieser treibt bewegungslos im Wasser und erzeugt keine kleinen Wirbel oder
Wellenbewegungen um sich herum. Das passt nicht zu einem lebendigen Monster...

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 213


Beispiele für Wahrnehmungsset
 Beeinflusst von einem Wahrnehmungsset haben Tausende von
Menschen in der Vergangenheit staunend Ufos in Wolkenwirbeln, ein
Gesicht im Mondbild und v.a. wundersame Erscheinungen „gesehen“.
 Ein Wahrnehmungsset kann auch beeinflussen was wir hören. Beispiel
(Reason & Mycielska, 1982):
Ein freundlicher Pilot sagte beim
Beschleunigen zum Starten zu
seinem deprimierten Kopiloten
„cheer up“ (Kopf hoch). Der Ko-
pilot hörte aber das übliche
„gear up“ (Fahrgestell einfahren)
und fuhr prompt die Räder ein,
bevor das Flugzeug abgehoben
hatte.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 214


Schemata
 Diese Beispiele zeigen, wie bereits bestehende Schemata von
Saxophonisten, Frauengesichtern, Monstern und Baumstämmen,
Flugzeuglichtern und Ufos als Wahrnehmungsset beeinflussen wie wir
nicht eindeutige Empfindungen nach dem Top-down-Prinzip
interpretieren.
 Zeichnungen von Kindern geben uns einen
Einblick in Wahrnehmungsschemata, welche
sich bei ihnen entwickeln. Beispiel: Für 3-4
Jährige ist das Gesicht viel wichtiger als sein
Körper, was man an Kinderzeichungen erken-
nen kann.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 215


Kontexteffekte
 Wenn wir einen bestimmten Reiz wahrnehmen, den wir mit
Hilfe mehrerer unterschiedlicher Schemata interpretieren
könnten, durchforsten wir den unmittelbaren Kontext nach
Informationen.
 Kontext schafft Erwartungen, von denen unsere
Wahrnehmungen geleitet werden.
 Ein emotional getönter Kontext kann unsere Interpretation
des Verhaltens anderer Menschen (und unseres eigenen
Verhaltens) beeinflussen.
 Wahrnehmungsset und Kontexteffekte gehen eine
Wechselwirkung ein und tragen dazu bei, dass wir unsere
Wahrnehmungen konstruieren.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 216


Beispiele für Kontexteffekte
 Hört man ein Geräusch, das von
den Worten „ad am Wagen“
unterbrochen wird, so nimmt man
das erste Wort als „Rad“ wahr.
Hört man jedoch ein Geräusch,
das von den Worten „ad und WC“
unterbrochen wird, so nimmt man
das erste Wort als „Bad“ wahr.
 Das verfolgte Monster wird oft
ängstlich wahrgenommen und
das verfolgende Monster
aggressiv, obwohl es genau die
gleiche Zeichung ist.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 217
Beispiele für Kontexteffekte
 Liegt die „Zauberkammer“ in der unten stehenden Abbildung am Boden oder an
der Decke? Die Wahrnehmung hängt vom Kontext ab, der durch die Kaninchen
definiert wird.

 Emotional getönte Kontexte können auch unsere soziale Wahrnehmung


beeinflussen. Beispiele:
 Ehefrauen, die sich geliebt fühlen, nehmen stressreiche Ereignisse in ihrer
Ehe als weniger bedrohlich wahr („Er hatte nur einen schlechten Tag...“).
 Sagt man einem Schiedsrichter, die Mannschaft sei schon häufig durch
aggressives Verhalten aufgefallen, wird er beim Betrachten einer
Aufzeichnung eines Fussballspieles bei einem Foul häufiger die gelbe oder
rote Karte zücken.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 218
Beispiel für Kontexteffekte
Soziokulturelle und andere Kontexteffekte
beeinflussen auch unsere Wahrnehmung.
Beispiel:
 Das Geschlecht von Neugeborenen
kann man am Gesicht nicht erkennen.
Hinweisreize wie rosa und hellblaue
Kleidung helfen da nach.
 Wird einem gesagt, der Name des
Babys sei „David“ dann wird es als
grösser und stärker wahrgenommen,
als wenn einem gesagt wird das Baby
heisse „Diana“ (Stern & Karraker,
1989).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 219


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 220
Wahrnehmung und Faktor Mensch
 Arbeitspsychologen (in den USA: Human-Factors
Psychologists) ermutigen Entwickler, Ingenieure und
Designer dazu, die Wahrnehmungsfähigkeiten des
Menschen mitzubedenken, und die technischen
Entwicklungen vor der Herstellung und dem Vertrieb von
Benutzern testen zu lassen.
 Psychologen, die sich mit dem Faktor Mensch (Human
Factor) beschäftigen, haben für mehr Sicherheit im Flug-
Bahn- und Strassenverkehr und in der Raumfahrt gesorgt,
für besser designte Geräte, Ausrüstungen,
Arbeitsumgebungen, leichter benutzbare Hörhilfen und
vieles andere mehr.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 221


Beispiel für Wahrnehmung und Faktor Mensch
 Nachdem die Boeing 727 Ende der 60er Jahre erstmals zivil eingesetzt
wurde, ereigneten sich eine Reihe von Unglücken beim Landeanflug.
 Der Arbeitspsychologe Kraft stellte fest, dass diese Unfälle sich immer
unter ähnlichen Umständen ereignet hatten. Sie geschahen immer
nachts nach Überfliegen einer dunklen Wasserfläche oder eines
unbeleuchteten Landstriches vor der Landebahn wenn dahinter eine
Stadt war. Das liess den Boden weiter entfernt erscheinen, als er
tatsächlich war.
 Durch die Nachbildung dieser Bedingungen im Flugsimulator entdeckte
Kraft, dass die Piloten getäuscht wurden und dachten sie flögen in
sicherer Höhe, obwohl sie in Wirklichkeit tiefer flogen (siehe Abbildung
auf nächster Seite).
 Aufgrund dieser Ergebnisse mussten fortan Kopiloten beim Landeanflug
ständig die Höhe ablesen und die Flugunfälle nahmen dann tatsächlich
ab.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 222


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 223
Beispiel für Wahrnehmung und Faktor Mensch
 Röntgengeräte für
Sicherheitskontrollen haben
standardmässig zahlreiche „Image
Enhancement“ Funktionen.
 Diese Funktionen wurden von
Ingenieuren entwickelt ohne zu
untersuchen, ob sie tatsächlich
nützlich sind.
 In einer wissenschaftlichen Studie
konnte gezeigt werden, dass diese
Funktionen nutzlos sind und sogar
zu einer Verschlechterung der OR OO
Erkennungsleistung führen (Michel
et al., 2007).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 224


„Image Enhancement“ Funktionen
OR GR LH LL

LN MO MS

OO OS SE

Aus Michel et al. (2007)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 225
„Image Enhancement“ Funktionen
Enhancement
1.00
0.95
0.90
Detection Performance (A’)
Detection Performance (A')

0.85
0.80
0.75
0.70
0.65
0.60
0.55
0.50
GR LH LL LN MO MS OO OR OS SE
Nach Michel et al. (2007)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 226
Beispiel für Wahrnehmung und Faktor Mensch
 Zukünftige Astronauten, welche zum
Mars fliegen werden, werden sich
lange Monate in einer Umgebung
aufhalten müssen, die von
Monotonie, Stress und
Schwerelosigkeit gekennzeichnet ist.
 Für den Entwurf und die Bewertung
einer für den Menschen passenden
Umgebung, wie bei diesem „Transit-
Habitation“ (Transhab-)Modul,
bedient sich die NASA der Hilfe von
Arbeitspsychologen (in den USA:
Human Factors-Psychologen).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 227


Weitere Beispiele / Fragestellungen
 Wie sollen Fluggesellschaften ihre Mechaniker am besten
ausbilden und einsetzen, um die Wartungsfehler zu reduzieren,
auf die 50% der verspäteten Flüge und 15% der
Flugzeugunglücke zurückzuführen sind?
 Mit welcher Beleuchtung und Schrift sind Flugdaten und andere
Daten auf einem Bildschirm am leichtesten zu lesen?
 In welcher Form sollen Warnhinweise im Flug-, Bahn- und
Strassenverkehr gestaltet werden, um die grösste Wirkung zu
entfalten?
 Welche Art von Webdesign ist am wirksamsten, um Menschen zu
bewegen eine Website zu besuchen und immer wieder zu ihr
zurückzukehren? Schwerpunkt auf Inhalt? Geschwindigkeit?
Graphik?

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 228


Vorlesung 9

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 229


Überblick
 Einleitung, philosophische Überlegungen, Psychophysik
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören, Propriozeption
 Tastsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation
 Aufmerksamkeit
 Einführung
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 230


Übersicht Aufmerksamkeit
 Einführung
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 231


Cocktail Party Effekt (Cherry 1953)
An einer geräuschinten-
siven Cocktail Party ist es
dennoch möglich, sich
auf eine einzige Konver-
sation, unter Umständen
sogar die der Nachbarn,
zu konzentrieren.

Aus Gazzaniga et al. (2002)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 232


Phänomenebene (Bsp. William James)
 Vor über 100 Jahren schrieb William
James, dass „jeder weiss, was
Aufmerksamkeit ist“. Er erklärte
Aufmerksamkeit folgender-massen:
 Es ist die Inbesitznahme eines von
anscheinend mehreren simultan möglichen
Gegenständen oder Gedankensträngen
durch den Geist in klarer und lebendiger
Form. Die Fokusbildung, die
Konzentration des Bewusstseins sind ihr
Wesen. Sie setzt Rückzug von einigen
Dingen voraus, um effektiv mit anderen
umgehen zu können. (James, 1890, zitiert
nach Solso, 2005, S.79).
William James (1842‐1910)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 233


Funktionale Ebene
Bottom-Up Top-Down Bedürfnisse u.a.
Selektion Selektion

„Löwe“
„gefährlich“

Erkennung Identifikation
Input Repräsentation Höhere Verarbeitung

Organismus

Stimuli Reaktionen

Umwelt
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 234
Funktionale Ebene
 Das Überleben eines Organismus in der Evolution ist abhängig von:
 Adäquater Repräsentation der Umwelt
 Visuelles und assoziatives Gedächtnis (für Erkennung und Identifikation)
 Effiziente motorische Programme (Verhalten)
 Angemessene Auswahl der Information (Aufmerksamkeit)
 Auswahl (Selektion) von Information:
 Bottom-Up Selektion (präattentiv)
Steuerung der Aufmerksamkeit aufgrund salienter (auffälliger)
Stimulusmerkmale.
 Top-Down Selektion (attentiv)
Steuerung der Aufmerksamkeit durch Bedürfnisse, Motivation, “Willen”,
“Bewusstsein”.
 Aufmerksamkeit als Selektion der zu verarbeitenden Information ist wichtig für
die Verhaltenssteuerung. Dies ist evolutionstheoretisch begründet dadurch, dass
Reaktionen nur auf ein Objekt zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgen sollen
(Bsp. zu Nahrung hingehen vs. vor einer Gefahr fliehen).
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 235
Implementationsebene
Beispiel: Computersimulation von van Essen et al. (1994)

Memory
Representation

Dynamic Routing

Striate Cortex (V1)


(Nach van Essen et al. 1994)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 236


Implementationsebene
Beispiel: Interaktion zwischen Gehirnstrukturen bei
Aufmerksamkeitsprozessen nach van Essen et al. (1994)

(Nach van Essen et al. 1994)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 237


Übersicht Aufmerksamkeit
 Einführung
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 238


Auditive Aufmerksamkeit
 Ein Teil der frühen Forschungen zu Aufmerksamkeit konzentrierte
sich auf auditive Aufmerksamkeit.
 Viele dieser Forschungsarbeiten konzentrierten sich auf Aufgaben
zum dichotischen Hören.
 Dabei hören Probanden auf zwei Kopfhörern gleichzeitig zwei
verschiedene Mitteilungen - jeweils eine davon auf jedem Ohr.
 Die Probanden werden instruiert, jeweils eine der beiden
Mitteilungen zu ignorieren (Beschattungsaufgabe, shadowing
task).
 Untersucht wird dann, ob die Probanden auf nur eine Mitteilung
achten können und was dann von der anderen Mitteilung
verarbeitet wird.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 239


Dichotisches Hören und shadowing task

(Nach Gazzaniga et al. 2002)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 240
Übliche Befunde
(z.B. Cherry, 1953; Moray, 1959):
 Es gelingt den meisten Probanden, nur auf eine Mitteilung
zu achten und die andere „auszublenden“.
 Informationen der unterdrückten Mitteilung werden kaum
verarbeitet. Probanden können lediglich sagen, ob es sich
um eine Stimme oder Geräusch handelte und das
Geschlecht der Stimme angeben.
 Ausnahme: Subjektiv hochrelevante Information zieht die
Aufmerksamkeit stark auf sich und wird verarbeitet (z.B.
eigener Name und Aussagen zur eigenen Person).
 Es stellt sich die Frage ob Aufmerksamkeit früh (aufgrund
physikalischer Merkmale) und/oder spät (aufgrund
semantischer Merkmale) erfolgt.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 241


Filtertheorie (Broadbent, 1958)

(Aus Solso, 2005)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 242


Filtertheorie (Broadbent, 1958)
 Broadbent (1958) schlägt eine Theorie der frühen Auswahl vor.
 Sensorische Information wird über Sinnesorgane (Augen, Ohren, etc.) in
parallel arbeitenden sensorischen Kanälen verarbeitet und gelangen in
den Kurzzeitspeicher.
 Im Kurzzeitspeicher wird sensorische Information im Sinne von
einfachen physikalischen Merkmalen zwischengespeichert.
 Ein selektiver Filter agiert als Flaschenhals (bottleneck) wo aufgrund
von physikalischen Merkmalen entschieden wird, welche Information
von welchem Kanal (z.B. linkes vs. rechtes Ohr, Stimmlage oder
bestimmte Lautstärke oder Tonhöhe) weiterverarbeitet wird.
 Dies geschieht, weil das P-System ein Kanal mit begrenzter Kapazität
ist, welcher für bewusste Wahrnehmung, Erkennung, Kategorisierung
und Auswahl von Verhalten zuständig ist.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 243


Späte Auswahl aufgrund semantischer
Merkmale
 Nach Broabent geschieht die Auswahl früh aufgrund
von physikalischen Merkmalen.
 Es gibt aber auch Belege dafür, dass die Auswahl spät,
aufgrund von semantischen Merkmalen erfolgen kann.
 Bsp. 1: Beim Cocktailparty Effekt und Experimenten
zu dichotischem Hören wechselt die Aufmerksamkeit
wenn man den eigenen Namen hört.
 Bsp. 2: Experimente von Gray und Wedderburn
(1960)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 244


Experimente von Gray und Wedderburn
(1960)
 Die Probanden hörten z.B. auf
dem linken Ohr: „Hunde sechs
Flöhe“ und auf dem rechten Ohr:
„…acht kratzen nach zwei“.
 Unter der Instruktion, die
bedeutungshaltige Nachricht
nachzusprechen, sagten die
Probanden in der Regel „Hunde
kratzen Flöhe“.
 Dies belegt, dass die Auswahl
auch spät aufgrund von
semantischen Merkmalen
erfolgen kann.
(Aus Anderson, 2007)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 245
Es gibt frühe und späte Auswahl
 Im Experiment von Treisman (1960)
wurde eine sinnvolle Mitteilung auf
einem Ohr dargeboten, ging dann aber
ab einer bestimmten Stelle in eine
zufällige Wortfolge über. Gleichzeitig
wurde auf dem zu ignorierenden Ohr
dann eine sinnvolle Mitteilung
dargeboten.
 Einige Probanden wechselten entgegen
der Instruktion auf das andere Ohr.
Andere Probanden taten dies nicht und
ignorierten weiterhin das gleiche Ohr.
 Die Auswahl der zu beachtenden
Mitteilung kann also aufgrund von
physikalischen Merkmalen (Ohr) und
aufgrund von semantischen (Aus Anderson, 2007)
Merkmalen (sinnvolle Mitteilung)
getroffen werden.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 246


Theorie der späten Auswahl (Deutsch &
Deutsch, 1963)
 Information wird völlig
ungedämpft verarbeitet.
 Der Filter (Flaschenhals) ist bei
der Reaktionsauswahl
(Antwortfilter) und nicht bei der
Wahrnehmung.
 Für die Reaktionsauswahl
können physikalische oder
semantische Merkmale
verwendet werden.
(Aus Anderson, 2007)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 247


Dämpfungstheorie (Treisman, 1964)
 Mitteilungen können aufgrund
physikalischer Merkmale zwar
abgeschwächt werden, sie werden
jedoch nicht völlig herausgefiltert.
 Der Filter (Flaschenhals) ist bei der
Wahrnehmung
(Wahrnehmungsfilter).
 Wenn Mitteilungen abgeschwächt
werden, so ist es zwar schwieriger
semantische Kriterien anzuwenden
aber nicht unmöglich.

(Aus Anderson, 2007)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 248
Belege für die Dämpfungstheorie
 Es gibt experimentelle Befunde, welchen für die
Dämpfungstheorie und gegen die Theorie der späten Auswahl
sprechen (Treisman & Geffen, 1967)
 Für die Dämpfungstheorie
sprechen auch neurophysio-
logische Befunde: Aufmerk-
samkeit kann auditive Mittei-
lungen im primären auditori-
schen Kortex verstärken oder
abschwächen.

(Aus Anderson, 2007)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 249
Zusammenfassung

(Aus Gazzaniga et al., 2002)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 250
Übersicht Aufmerksamkeit
 Einführung
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 251


Bottom-up und Top-down Selektion
Bottom-Up Top-Down Bedürfnisse u.a.
Selektion Selektion

„Löwe“
„gefährlich“

Erkennung Identifikation
Input Repräsentation Höhere Verarbeitung

Organismus

Stimuli Reaktionen

Umwelt
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 252
Veränderungsblindheit
(Change Blindness)
 Selective looking (Neisser, 1979; Simons & Levin, 1997;
Simons & Chabris, 1999).
 “Mudsplashes” (Rensink, O’Regan, & Clark, 1997; O’Regan,
Rensink, & Clark, 1999).
 Flicker (Rensink, O’Regan, & Clark, 1995, 1997, 1999).
 Eye blinks (O'Regan, Deubel, Clark, & Rensink, 2000).
 Inattention paradigm (Mack & Rock, 1998).
 Saccades (McConkie, 1991; Grimes, 1996; McConkie &
Currie, 1996).

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 253


Saccades (Sakkaden)
 In der unten stehenden Abbildung erkennt man den Unterschied nicht
auf Anhieb.
 Dies illustriert, dass unsere Aufmerksamkeit nicht ein ganzes Bild
detailliert aufnehmen und mit einem anderen vergleichen kann.

(Aus http://www.usd.edu/psyc301/ChangeBlindness.htm) 
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 254
Experimente von Helmholtz
 Helmholtz (1821-1894) führte ein erstes
wichtiges Experiment zur visuellen
Aufmerksamkeit durch.
 Im Dunkeln betrachtete einen Lichtpunkt
in der Mitte einer Buchstabentafel.
 Dann wurde der Raum kurz beleuchtet.
 Er fixierte weiterhin den Punkt in der Mitte,
hatte seine Aufmerksamkeit jedoch je
nach Versuchsdurchgang an anderen
Orten auf der Tafel positioniert.
 Er beobachtete, dass er dort wohin er
seine Aufmerksamkeit gelenkt hatte, er
mehr Buchstaben erkennen konnte.
 => Erster Beleg für ein Aufmerksamkeits-
fenster im Sinne eines Spotlights
(attentional spotlight)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Gazzaniga et al., 2002) 255
Automatische Aufmerksamkeitsverschiebung
und exogenes (peripheres) Cueing
 Aufmerksamkeitsverschiebung durch externe Reize
(gelb in Abbildung) am gleichen Ort wie der Zielreiz
(Kreuz in gelbem Quadrat in der Abbildung).

(Nach Zigmond et al., 1999)

 Im Alltag: Aufmerksamkeit wird automatisch auf


auffällige (saliente) Reize gelenkt.
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 256
Willentliche Aufmerksamkeitsverschiebung und
endogenes (zentrales) Cueing
 Willentliche Verschiebung der Aufmerksamkeit
durch Hinweisreize oder Auftretenshäufigkeiten.
 Erwartete Bedingung: Bei der folgenden Abbildung
ist der Pfeil der Hinweisreiz, welcher in den meisten
Fällen korrekt darauf hinweist, auf welcher Seite
der Zielreiz erscheint.
 Unerwartete Bedingung: In wenigen Fällen
erscheint der Zielreiz auf der unerwarteten Seite.
 Neutrale Bedingung: In dieser Bedingung wurde
kein Hinweisreiz gegeben (kein Pfeil).

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 257


Willentliche Aufmerksamkeitsverschiebung und
endogenes (zentrales) Cueing

(Nach Zigmond et al., 1999)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 258


Ergebnisse (Posner, et al., 1978)
 Erscheint der Zielreiz an der
erwarteten Position, so wird
er schneller erkannt als an
der unerwarteten Position.
 Wird kein Hinweisreiz
gegeben, liegt die Re-
aktionszeit etwa zwischen
derjenigen der anderen
beiden Bedingungen.
 Diese Ergebnisse sprechen
für ein Aufmerksamkeits-
fenster im Sinne eines
Spotlights.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Anderson, 2007) 259


Neuronale Grundlagen visueller
Aufmerksamkeit
 Wird die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Raumregion gelenkt, dann tritt eine
neuronale Reaktion im visuellen Kortex innerhalb von 70-90 msec nach Erscheinen des
Stimulus auf.
 Wird die Aufmerksamkeit auf ein Merkmal höherer Ordnung (z.B. auf Stühle und nicht
auf Tische achten) statt auf eine bestimmte Raumregion gelenkt, dann zeigt sich eine
Reaktion im Kortex erst nach 200 msec.
 Wie bei der auditiven Verarbeitung findet sich auch eine Verstärkung des kortikalen
Signals passend zum Fokus der Aufmerksamkeit (auf der gegenüberliegenden Seite):

Stimulus
Fixation
Fixation
Stimulus

(Nach Mangun et al., 1993)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 260
Visueller Flaschenhals (Bottleneck)
 Neisser und Becklen (1975) führten eine visuelle „Beschattungsaufgabe“ durch,
welche der früher besprochenen auditiven Beschattungsaufgabe analog ist.
 Die Probanden sahen zwei übereinander geblendete Filme.
 Die Probanden sollten ihre Aufmerksamkeit auf einen der beiden Filme richten und
darauf achten, ob ungewöhnliche Ereignisse auftreten (z.B. sich die Hand schütteln
bei einem Handschlagspiel).
 Dies gelang gut, für diejenige Episode, welche aufmerksam betrachtet worden war.
 Sollten die Probanden jedoch beide Episoden gleichzeitig nach ungewöhnlichen
Ereignissen überwachen, so hatten sie grosse Schwierigkeiten und viele der
ungewöhnlichen Ereignisse wurden verpasst.

(Aus Anderson, 2007)


© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 261
Aufmerksamkeit, Augenbewegungen und
Handlungen
 In der Regel ist die Aufmerksamkeit dort, wo man hinschaut.
 Allerdings kann die Aufmerksamkeit auch an einen anderen Ort gelenkt werden
als der Fixationspunkt der Augen (siehe Experimente von Helmholz und
willentliche Aufmerksamkeitsverschiebung und endogenes Cueing).
 Eine Aufmerksamkeitsverschiebung geht häufig einer Augenbewegung voraus
um vor der Augenbewegung zu entscheiden, ob der neue Fixationspunkt
interessant ist.
 Augenbewegungen werden i.d.R. von
einer Aufgabe geleitet (z.B. zubereiten
eines Erdnussbutter-Sandwich) und
gehen einer Handlung um einen Se-
kundenbruchteil voraus. So fixieren
Versuchspersonen z.B. zuerst ein
Erdnussbutterglas und greifen an-
schliessend danach um es aufzu-
nehmen. (Nach Goldstein, 2008)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 262


Vorlesung 10

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 263


Überblick
 Einleitung, philosophische Überlegungen, Psychophysik
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören, Propriozeption
 Tastsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation
 Aufmerksamkeit
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 264


Übersicht Aufmerksamkeit
 Einführung
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 265


Visuelle Suche
 Versuchen Sie, das K in der Abbildung rechts zu finden.
 Probanden versuchen das K zu finden, indem sie Zeile für Zeile durchgehen.
 Experimentell lässt sich zeigen, dass man pro Zeile ca. 0.6 s braucht (= Steigung
der Regressionsgeraden in der Abbildung unten rechts).
 Neuere Studien mit bildgebenden Verfahren, zeigen deutliche Aktivierungen im
parietalen Kortex während solcher Suchprozesse.

Steigung = 0.6

(Nach Anderson, 2007)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 266
Parallelle visuelle Suche mit Pop-Out
In der unten stehenden Abbildungen fällt es leicht den Zielreiz (Buchstabe T) zu
finden. Dies liegt daran, dass der Zielreiz ein Merkmal aufweist, das ihn deutlich von
den anderen Reizen (Distraktoren) unterscheidet (horizontale Linie).

(Aus Anderson, 2007)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 267
Parallelle visuelle Suche mit Pop-Out
In den unten stehenden Abbildungen fällt es leicht den Zielreiz (horizontale grüne
Linie) zu finden. Dies liegt daran, dass der Zielreiz ein Merkmal aufweist, das ihn
deutlich von den Reizen (Distraktoren) unterscheidet (Orientierung).

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 268
Beispiele für Pop-Out

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 269


Serielle Suche nach
Merkmalskombinationen
Wird der Zielreiz durch eine Kombination von Merkmalen definiert, dauert die Suche
länger, weil die verschiedenen Objekte seriell abgesucht werden müssen.
Beispiel: Suchen Sie die grüne horizontale Linie:

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 270
Serielle Suche nach
Merkmalskombinationen
Wird der Zielreiz durch eine Kombination von Merkmalen definiert, dauert die Suche
länger, weil die verschiedenen Objekte seriell abgesucht werden müssen.
Beispiel: Suchen Sie das T in der Abbildung:

(Aus Anderson, 2007)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 271
Parallele vs. serielle Suche

(Aus Anderson, 2007)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 272


Vom Auge zum Kortex

Sehnerv (Axone der


Ganglienzellen)

Sehnerven-
Retina kreuzung
(Chiasma opticum)
Colliculus Tractus
superior opticus
Radiatio
Sehzentrum des optica
Thalamus (Corpus
geniculatum laterale,
CGL)
Sehrinde (= striärer Cortex oder
(Nach Frisby, 1979) primärer visueller Cortex, V1)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 273
Kortikale Areale

Aus http://thebrain.mcgill.ca
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 274
Parallelverarbeitung von Farbe,
Bewegung, Form und Tiefe

Colliculus ITC
Superior (CS)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Eysel, 2006) 275
Dorsaler und ventraler Strom

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 276
Parallelverarbeitung von Bewegung,
Farbe, Form, Position und Tiefe
 Parallelverarbeitung ist die natürliche Methode der Informationsverarbeitung im Gehirn; mit
ihrer Hilfe kann man viele Aspekte eines Problems gleichzeitig angehen.
 Die Fähigkeit des Gehirns, mehrere Aufgaben gleichzeitig auszuführen, ermöglicht es ihm,
Unterdimensionen des Sehens (Bewegung, Farbe, Form, Position und Tiefe) auf
unterschiedliche neuronale Teams zu verteilen, die getrennt voneinander und gleichzeitig
arbeiten.
 Andere neuronale Teams arbeiten dabei zusammen, um die Ergebnisse zusammenzuführen, sie
mit gespeicherten Informationen zu vergleichen und Wahrnehmungen zu ermöglichen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 277


Bindungsproblem (Binding Problem)
 Jeder Stimulus, selbst ein so einfacher wie ein rollender Ball,
aktiviert eine Anzahl verschiedener Areale im Kortex.
 Wie kombinieren wir
diese physikalisch
getrennten neuronalen
Signale, um zu einer
vereinigten Wahrneh-
mung eines Objektes
zu gelangen?

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 278
Merkmalsintegrationstheorie (Treisman &
Gelade, 1980, Treisman, 1988, 1999)
 Die Merkmalsintegrationstheorie besagt, dass zuerst in der präattentiven Phase
der perzeptuellen Verarbeitung die Merkmale eines Objektes (Farbe,
Orientierung, Position, etc.) getrennt werden.
 Fokussierte Aufmerksamkeit auf das Objekt kombiniert oder „bindet“ die
Objektmerkmale zu einer kohärenten Wahrnehmung des Objektes (Phase
aufmerksamkeitsgerichteter Verarbeitung).
 Laut Treisman stellt Aufmerksamkeit den „Leim“ dar, der die Information aus den
Was und Wo-Strömen kombiniert und so das Binding Problem löst.

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 279
Bindung von Merkmalen
 Meistens befinden sich mehrere Objekte in
einer Szene.
 Zahlreiche Merkmale (Bewegung, Farbe,
Form, Position und Tiefe) sind an
verschiedenen Orten verteilt.
 Die Aufgabe des perzeptuellen Systems
besteht darin, jedes dieser Merkmale mit
dem Objekt zu assoziieren, zu dem es
gehört.
 Die Merkmalsintegrationstheorie geht davon
aus, dass wir für diesen Vorgang unsere
Aufmerksamkeit auf ein Objekt nach dem
anderen richten müssen.
 Sobald wir einem bestimmten Ort
Aufmerksamkeit widmen, werden die an
diesem Ort vorhandenen Merkmale
verbunden und mit dem Objekt an diesem (Aus Goldstein, 2008)
Ort assoziiert.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 280


Experiment

Aufgabe: Versuchen Sie, die


Zahl auf der linken und auf
der rechten Seite des
Bildsschirms zu erkennen.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger www.casra.ch 281


Experiment

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger www.casra.ch 282


Experiment
 Kleiner roter Kreis?
 Kleines grünes Dreieck?
 Blauer Kreis?
 Rote Kreisfläche?
 Grüne Dreiecksfläche?
 Gelbes Dreieck?

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger www.casra.ch 283


Illusionäre Verknüpfungen
 Illusionäre Verknüpfungen gelten als
Belege für die Merkmalsintegrations-
theorie.
 Im Experiment von Treisman und
Schmidt (1982) wurde eine Reizvorlage
mit vier Objekten und zwei seitlich
davon positionierten schwarzen Zahlen
für 1/5 Sekunden gezeigt.
 Die Versuchspersonen sollten zuerst
die schwarzen Zahlen wiedergeben und
danach ihre Wahrnehmungen an jeder
der vier Positionen.
 In 18% der Fälle wurden illusionäre
Verknüpfungen berichtet wie z.B. ein (Aus Goldstein, 2008)
kleiner roter Kreis und ein kleines
grünes Dreieck.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 284


Patient R.M.
 Friedmann-Hill, Robertson und Treisman
(1995) fanden neuropsychologische
Belege für die Rolle der Aufmerksamkeit
für Merkmalsbindung.
 Der Patient R.M. leidet unter einer
Schädigung des parietalen Kortex in
Gebieten welche für
Aufmerksamkeitslenkung zuständig sind.
 Wenn R.M. zwei Buchstaben
verschiedener Farben dargeboten
wurden, z.B. ein rotes T und ein blaues
O, so gab er in 23% der Fälle illusionäre

T O
Verknüpfungen wie „blaues T“ an, selbst
wenn er die Buchstaben bis zu 10
Sekunden betrachten konnte.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 285


Synchronizitätshypothese
 Die Synchronizitätshypothese liefert eine
physiologische Erklärung für das
Bindungsproblem.
 Bewegung, Farbe, Form, Position und Tiefe
wird in verschiedenen Arealen des Kortex
verarbeitet.
 Diese Areale sind jedoch anatomisch
miteinander verbunden.
 Die Synchronizitätshypothese besagt, dass
Nervenzellen in verschiedenen Teilen des
Gehirns, welche auf das gleiche Objekt
reagieren, mit dem gleichen Antwortmuster zu
feuern. So weiss das Gehirn, welche
Merkmale zum gleichen Objekt gehören.
 Verschiedene physiologische Befunde und
Computersimulationen sprechen für die
Synchronizitätshypothese.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Goldstein, 2008) 286


Weitere neurowissenschaftl. Befunde
 Bei Affen wurden drei Areale im Gehirn
gefunden, welche an der Steuerung der
Aufmerksamkeit beteiligt sind: Colliculus
superior, Pulvinar (Teil des Thalamus) und
hinterer parietaler Kortex.
 Schädigungen dieser Areale, speziell im rechten
parietalen Kortex, führen beim Menschen zu
spezifischen Defiziten.
 Bsp.: Der Patient von Posner et al. (1984) erhielt
den Hinweis, dass der Stimulus links oder rechts
des Fixationspunktes auftauchen würde. In 80%
der Fälle erschien der Stimulus tatsächlich an
der Stelle, in 20% der Fälle an der unerwarteten
Seite. Wurde der Stimulus unerwartet im linken
visuellen Feld dargeboten, zeigte sich ein
starkes Defizit (ca. 800 ms längere Dauer für die
(Aus Anderson, 2007)
Aufmerksamkeitsver-schiebung).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 287


Unilateraler visueller Neglect
 Diese Störung tritt bei unilateraler Schädigung des
parietalen Kortex auf. Patienten ignorieren die
kontralaterale Seite des visuellen Feldes.
 Die Abbildung rechts zeigt Selbstportraits des
deutschen Künstlers Anton Readerscheidt. Diese
wurden zu unterschiedlichen Zeiten nach einem
Hirnschlag mit der Folge eines unilateralen Neglects
(Schädigung in der rechten Hirnhemisphäre)
gezeichnet.
 Die Abbildung unten zeigt die Leistung einer Patientin
mit einer Schädigung
in der rechten Hirn-
hemisphäre. Die Auf-
gabe war, alle Kreise
durchzustreichen.
 Neglect Patienten fallen
auch dadurch auf, dass
sie sich nur auf einer
Seite rasieren oder (Aus Gazzaniga et. al., 2002)
schminken. (Aus Anderson, 2007)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 288
Hemisphärenspezialisierung
 Der rechte Parietallappen ist für die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf
globale Merkmale wie räumliche Lokalisation und Anordnung verantwortlich.
Der linke Parietallappen hingegen dafür,
Aufmerksamkeit auf lokale Aspekte von
Objekten zu lenken.
 Patienten mit rechtsseitigen parietalen
Hirnschädigungen (Abbildung b) waren
in der Lage die spezifischen Komponen-
ten des Bildes zu reproduzieren, jedoch
nicht ihre räumliche Anordnung. Patien-
ten mit linksseitigen parietalen Hirnschä-
digungen (Abbildung c) konnten die An-
ordnung in ihrer Gesamtheit reproduzie-
ren, jedoch kein Detail.

a b c
(Aus Anderson, 2007)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 289
Objektzentrierte Aufmerksamkeit
 Aufmerksamkeit kann auf Orte gelenkt werden,
unabhängig davon welche Objekte präsent sind
(siehe bisherige Beispiele).
 Aufmerksamkeit kann aber auch auf Objekte
gelenkt werden, unabhängig von deren
Lokalisation. Dafür gibt es verschiedene Belege:
 Experimente von Behrmann, Zemel und Mozer (1998)
basierend auf Duncan (1984)
 Hemmung der Rückkehr (Inhibition of Return)
 Befunde aus den Neurowissenschaften

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 290


Experimente von Behrmann, Zemel und Mozer
(1998) basierend auf Duncan (1984)
 Die Probanden mussten entscheiden, ob die
Anzahl von Ausbuchtungen an den zwei Enden
von Objekten gleich war.
 Die Probanden konnten diese Urteile schneller
abgeben, wenn sich die Ausbuchtungen auf
dem gleichen Objekt befanden (a ging schneller
als b).
 Diese Ergebnisse kamen trotz der Tatsache
zustande, dass die Ausbuchtungen sich im
Raum näher beeinander befanden, wenn sie
auf unterschiedlichen Objekten lagen, was den
Entscheidungsprozess - rein räumlich
betrachtet - eigentlich vereinfacht haben sollte.
(Aus Anderson, 2007)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 291


Hemmung der Rückkehr (Inhibition of Return)

 Ortsbasierte Hemmung der Rückkehr (Posner et al., 1985):


Wenn wir auf eine bestimmte Raumregion geblickt haben,
dann fällt es uns schwerer, mit unserer Aufmerksamkeit
erneut zu dieser Region zurückzukehren.
 Objektbasierte Hemmung der Rückkehr (Tipper et al., 1991):
Wenn wir auf ein bestimmtes Objekt geblickt haben, dann
fällt es uns schwerer (ca. 20 ms langsamere Reaktionszeit),
mit unserer Aufmerksamkeit erneut zu diesem Objekt
zurückzukehren und zwar unabhängig von seiner Position.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 292


Befunde aus den Neurowissenschaften
 Die linke parietale Region ist mehr an objektbasierter Aufmerksamkeit beteiligt.
 Patienten mit linksparietalen Hirnschädigungen haben Schwierigkeiten,
Aufmerksamkeit auf Objekte auszurichten.
 Patienten mit unilateralem Neglect aufgrund einer Störung im linken Parietalkortex
haben Schwierigkeiten die rechte Seite von Objekten wahrzunehmen unabhängig
davon in welchem visuellen Feld sich das Objekt befindet.
 Bei gesunden Probanden zeigt sich eine stärkere Aktivierung im linken Parietalkortex
wenn sie bei fMRI Studien die Aufmerksamkeit auf Objekte richten.
 Die rechte parietale Region ist mehr an ortsbasierter Aufmerksamkeit beteiligt.
 Patienten mit rechtsparietalen Hirnschädigungen haben Schwierigkeiten,
Aufmerksamkeit ortsbezogen auszurichten.
 Patienten mit unilateralem Neglect aufgrund einer Störung im rechten Parietalkortex
haben Schwierigkeiten Informationen zu entdecken, welche sich auf der linken Seite
des visuellen Feldes befinden.
 Bei gesunden Probanden zeigt sich eine stärkere Aktivierung im rechten Parietalkortex
wenn sie bei fMRI Studien die Aufmerksamkeit ortsbezogen ausrichten.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 293


Übersicht Aufmerksamkeit
 Einführung
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 294


Zentrale Aufmerksamkeit
 Bisher haben wir behandelt, wie Probanden Aufmerksamkeit innerhalb der auditiven oder
der visuellen Modalität zuweisen.
 Bei der zentralen Aufmerksamkeit geht es um die Frage, wie Gedankengänge selektiert
werden, nachdem Stimuli enkodiert wurden.
 Beispiel:
 Sie fahren mit dem Auto in einer Stadt
und hören, dass ein Hund bellt (auditive
Aufmerksamkeit).
 Sie sehen, wie der Hund mitten in der
Strasse liegt (visuelle Aufmerksamkeit).
 Durch zentrale Aufmerksamkeit wird
selektiert, welche Gedankengänge ver-
folgt werden (z.B. bremsen, um Kollision
mit dem Hund zu vermeiden und erst
danach Gedanken darüber, weshalb
der Hund mitten in der Strasse steht).

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 295


Experiment von Byrne und Anderson
(2001)
 Die Probanden sahen jeweils drei Ziffern,
z.B. 3 4 7
 Aufgabe 1: Überprüfung einer Addition (erste
Zahl plus zweite Zahl = dritte Zahl?): 3 + 4 = 7
 Aufgabe 2: Ausführung einer Multiplikation (erste
Zahl mal dritte Zahl): 3 x 7 = 21
 Probanden benötigen fast die doppelte Zeit,
wenn sie auch die jeweils andere Aufgabe lösen
müssen (einzelne vs.“parallele“ Aufgaben).
 Die Zeit, welche durchschnittlich benötigt wird,
um die beiden Aufgaben zu lösen, ist ein wenig
länger (1.99 sec) als die Summe der beiden
Bearbeitunszeiten (0.88 sec und 1.05 sec). Die
Differenz könnte der Zeit für den
Aufgabenwechsel entsprechen.
 Fazit: Probanden können Addition und (Aus Anderson,
Multiplikation nicht parallel ausführen! 2007)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 296


Experiment von Schumacher et al. (2001)
 Die Aufgabe war viel einfacher als im
Experiment von Byrne und Anderson (2001).
Die Probanden sahen gleichzeitig einen
Buchstaben auf dem Bildschirm und hörten
einen Ton.
 Aufgabe 1: Räumliche Unterscheidung
(drücken einer Taste links, in der Mitte oder
rechts; je nachdem, ob der Buchstabe links,
in der Mitte, oder rechts auf dem Bildschirm
präsentiert wurde).
 Aufgabe 2: Tonale Unterscheidung („eins“,
„zwei“, oder „drei“ sagen; je nachdem, ob der
Ton eine tiefe, mittlere, oder hohe Frequenz (Aus Anderson,
hatte). 2007)
 Die Reaktionszeiten sind fast gleich, egal ob
nur eine oder beide Aufgaben ausgeführt
werden sollten.
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 297
Perfekte Zeitaufteilung (perfect time-
sharing)

(Aus Anderson, 2007)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 298


Periphere und zentrale Flaschenhälse
 Bei peripheren Prozessen existieren Flaschenhälse (bottlenecks),
siehe auditive und visuelle Wahrnehmung und Aufmerksamkeit.
 Bei der zentralen Kognition existiert ebenfalls ein Flaschenhals
(central bottleneck).
 Durch perfekte Zeitaufteilung kann man unter bestimmten
Bedingungen zwei Aufgaben mit derselben Geschwindigkeit wie
eine einzige ausführen. Dies gelingt, wenn die zentrale Kognition
nicht gleichzeitig von den beiden Aufgaben gebraucht wird (siehe
vorherige Folie).
 Menschen können multiple perzeptuelle Modalitäten
gleichzeitig verarbeiten oder multiple Handlungen
gleichzeitig ausführen, aber nicht an zwei Dinge gleichzeitig
denken.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 299


Automatisiertheit
 Mit viel Übung wird eine Aufgabe zunehmend automatisiert und erfordert dadurch bei ihrer
Ausführung immer weniger zentrale Kognition.
 Beispiel Autofahren: Lernt man autofahren, benötigt das zunächst viel zentrale Kognition.
Mit der Zeit werden viele Prozesse automatisiert und man kann während des Fahrens eine
Unterhaltung führen.
 Beispiel Maschinenschreiben: Durch Übung
gelingt es automatisiert mit einer Tastatur zu
schreiben ohne zentrale Kognition für das
Tippen zu benötigen.
 Beispiel Transkribierer: Bei einem geübten
Transkribierer arbeiten drei Systeme parallel.
Die Wahrnehmung des zu übersetzenden
Textes, eine zentrale Übersetzung der zuvor
wahrgenommenen Buchstaben und das
Tippen noch früherer Buchstaben.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 300


Telefonieren und Autofahren
 Telefonieren beim Autofahren
kann gefährlich sein, da dies
zentrale Aufmerksamkeit braucht.
 Eine 2007-2008 durchgeführte
Studie von Prof. Dr. Katrin Fischer
(Fachhochschule Nordwest-
schweiz, Hochschule für
Angewandte Psychologie) hat
gezeigt, dass die gedankliche
Ablenkung beim telefonieren mit
und ohne Headset identisch ist.
 Problematisch: Telefonieren im
Auto mit Headset ist in der
Schweiz und anderen Ländern Sendung Kassensturz, SF DRS 23.09.2008
erlaubt!
www.sf.tv/sendungen/kassensturz/manual.php?catid=kassensturzsendungsartikel&docid=20080923-handy

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 301


Stroop-Effekt
 Automatische Prozesse zeichnen sich auch dadurch aus,
dass die Ausführung nur schwer verhindert werden kann.
 Beispiel: Es ist praktisch unmöglich ein bekanntes Wort zu
sehen und es nicht zu lesen.
 Das Lesen eines Wortes ist ein so stark automatisierter
Prozess, dass es schwierig ist, ihn zu unterdrücken. Dieser
automatisierte Prozess interferiert mit der Verarbeitung
anderer Information, die sich auf das Wort bezieht.
 Beispiel: Beim Stroop-Effekt (Stroop, 1935) müssen
Probanden die Farbe benennen, mit der Wörter gedruckt
sind.

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 302


Stroop-Effekt
Bitte lesen sie die unten dargestellten Wörter:

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 303


Stroop-Effekt
Bitte benennen sie die unten dargestellten Farben:

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 304


Stroop-Effekt (Dunbar &MacLeod, 1984)
 Im Experiment von Dunbar und MacLeod (1984) wurden
neutrale Wörter wie z.B. Lob (Kontrollbedingung) mit
Farbwörtern (z.B. rot oder blau) dargeboten.
 Farbwörter wurden in der jeweils bezeichneten Farbe
(Kongruenzbedingung) oder in einer anderen Farbe
(Konfliktbedingung) dargestellt.
 Die Probanden sollen so schnell wie möglich die Farbe des
Wortes benennen.
 Beispiele:
Lob
Rot
Blau
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 305
Stroop-Effekt (Dunbar &MacLeod, 1984)
 Verglichen mit der Kontrollbedingung sind
Probanden etwas schneller in der
Kongruenzbedingung.
 Probanden sind viel langsamer in der
Konfliktbedingung.
 Die Effekte sind asymmetrisch, d.h. es
gibt wenig Interferenz beim Lesen eines
Wortes aufgrund der Druckfarbe. Dies
zeigt auch, wie das Lesen hoch
automatisiert ist.
 Unter der Konfliktbedingung werden auch
viel mehr Fehler gemacht durch eine
Intrusion des Farbwortes (das
dargebotene Wort setzt sich gegen die zu
benennende Farbe durch). Auch dies liegt
in der Automatisiertheit des Lesens
begründet.

(Nach Anderson, 2007)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 306
Stroop-Effekt ohne Farben
 Flowers, Warner und Polansky
(1979) entwickelten eine andere
Aufgabe zur Demonstration des
Stroop-Effektes.
 Die Aufgabe besteht darin, die
Anzahl der Zahlen in jeder Zeile
anzugeben.
 Dies ist deshalb so schwierig, weil
das Zahlenerkennen viel stärker
automatisiert ist als das Zählen.
(Aus Anderson, 2007)
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 307
HIER WEITER

Prof. Dr. Adrian Schwaninger www.psychologie.uzh.ch/vicoreg 308


Exekutive Kontrolle und präfrontaler
Cortex
 Für die exekutive Kontrolle (Steuerung
zentraler Kognition und überwachen von
Konflikten) sind präfrontale Cortexareale
zuständig (dorsolateraler präfrontaler Cortext
und anteriores Cingulum).
 Bei Schädigungen in diesen Regionen sind
Patienten komplett reizgesteuert und können
ihr Verhalten nicht mehr entsprechend ihren
Absichten steuern. Beispiele:
 Eine Patientin, welche einen Kamm auf
einem Tisch sieht, würde diesen sofort
aufnehmen und sich damit kämmen.
 Ein Patient, der eine Brille sieht, würde diese
sofort aufsetzen, selbst wenn er bereits eine
Brille trägt.
 Patienten mit Schädigungen in präfrontalen
Cortexarealen zeigen charakteristische
Defizite bei Stroopaufgaben und können oft
nicht unterdrücken, das Wort zu lesen,
anstatt die Farbe zu benennen.
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 309
DLPFC vs. ACC
 Der dorsolaterale Präfrontalcortex (DLPFC) scheint v.a.
wichtig zu sein bei der Festlegung von Absichten und der
Verhaltenskontrolle. Beispielsweise zeigt sich starke
Aktivierung von DLPFC bei der simultanen Bearbeitung
paralleler Aufgaben wie in den Experimenten von Byrne und
Anderson (2001), sowie Schumacher et al. (2001).
 Der anteriore cinguläre Cortex (ACC) scheint besonders
aktiv zu sein, wenn man den Konflikt zwischen zwei
widerstreitenden Tendenzen überwacht werden muss. Zum
Beispiel findet man eine starke Aktivierung von ACC, wenn
Probanden die Farbbezeichnung eines Wortes nennen
müssen, welches in einer zu dieser im Widerspruch
stehenden Druckfarbe dargestellt ist (z.B. GELB).
© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 310
Definition von William James
 Vor über 100 Jahren schrieb William James,
dass „jeder weiss, was Aufmerksamkeit ist“.
Er erklärte Aufmerksamkeit folgender-
massen:
 Es ist die Inbesitznahme eines von
anscheinend mehreren simultan möglichen
Gegenständen oder Gedankensträngen
durch den Geist in klarer und lebendiger
Form. Die Fokusbildung, die Konzentration
des Bewusstseins sind ihr Wesen. Sie setzt
Rückzug von einigen Dingen voraus, um
effektiv mit anderen umgehen zu können.
(James, 1890, zitiert nach Solso, 2005,
S.79).
William James (1842‐1910)

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 311


Kritik an James und eine moderne Ansicht
 Aufmerksamkeit ist nicht immer an Bewusstsein gekoppelt. Viele
Aufmerksamkeitsprozesse sind unbewusst. Beispiel: In der Regel ist einem nicht
bewusst, wohin man die Augen bewegt hat.
 Aufmerksamkeit ist kein einheitliches System. Es macht Sinn, auditive, visuelle
und zentrale Aufmerksamkeit zu unterscheiden.
 Eine moderne, adäquatere Ansicht ist folgende (Anderson, 2007, S. 127):
„Das Gehirn besteht aus einer Reihe von parallel verarbeitenden Systemen,
zuständig für die verschiedenen perzeptuellen Systeme, die motorischen
Systeme und die zentrale Kognition. Jedes dieser parallelen Systeme wird durch
Flaschenhälse eingeschränkt, wodurch es seine Verarbeitung an diesen Punkten
auf einen einzelnen Sachverhalt fokussieren muss. Aufmerksamkeit begreift man
am besten als den Prozess, durch den jedes dieser Systeme den
möglicherweise konkurrierenden Anforderungen der Informationsverarbeitung
zugeordnet wird. Das Ausmass der Interferenzen zwischen Aufgaben ist eine
Funktion der Überlappung der Anforderungen, die diese Aufgaben an dieselben
Systeme richten.“

© Prof. Dr. Adrian Schwaninger 312


Vorlesung 11

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 313


Überblick
 Einleitung, philosophische Überlegungen, Psychophysik
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören, Propriozeption
 Tastsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation
 Aufmerksamkeit
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit
 Objekterkennung
 Anwendungsbeispiele
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 314
Traditioneller Ansatz (Marr, 1982)
 David Marr wird als einer der
wichtigsten Pioniere im Bereich
der Objekterkennung angesehen.
 Er verfolgte einen interdisziplären
Ansatz, bei welchem er
Erkenntnisse aus der Psychologie
und den Neurowissenschaften
verwendete, um seine Theorie
mittels Computer zu simulieren.
 Ausgangspunkt ist das Input Bild
(Stimulus), d.h. eine Verteilung
von Punkten (Pixeln)
unterschiedlicher Helligkeit (I).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 315


Traditioneller Ansatz (Marr, 1982)
21/2 D Sketch 3D Repräsentation
Input Bild Primal Sketch
Räumliche Tiefe und Objektzentrierte
Helligkeits- Kanten, Balken,
Orientierung Strukturelle
verteilung Flecken
sichtbarer Flächen Beschreibung

(Nach Schwaninger, 2005a)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 316


Gedächtnisrepräsentation nach Marr
 Nach Marr werden Objekte im Gedächtnis durch eine objektzentrierte strukturelle
Beschreibung abgespeichert.
 Dabei werden die Teile des Objektes in Relation zur Hauptachse des Objektes
beschrieben. Dadurch ist die Repräsentation unabhänging von der Ansicht
(objektzentrierte Repräsentation).
 Das Objekt wird durch einfache geometrische Formen (z.B. Zylinder) immer detaillierter
beschrieben (hierarchische und modulare Repräsentation)
Mensch

Arm
Unterarm
Hand

(Aus Schwaninger, 2005a)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 317


Objekterkennung nach Marr
 Im Gedächtnis ist für jede Objektklasse gespeichert, aus welchen Teilen sie
bestehen und wie die Teile angeordnet sind.
 Objekte in der Aussenwelt werden erkannt, indem die verschiedenen
Verarbeitungsstufen von der Extraktion der Kanten bis zur Berechnung der 3D
Repräsentation durchlaufen werden (Abbildung 1).
 Sobald eine strukturelle Beschreibung des Objektes der Aussenwelt vorliegt, welche
die Teile und ihre räumliche Anordnung spezifiziert, wird im Gedächtnis
nachgeschaut, welche Objektklasse die gleiche strukturelle Beschreibung aufweist.
 Das Ausmass an Übereinstimmung bestimmt dann, ob ein Objekt erkannt wird.
 Wie man in der Abbildung 2 sieht, genügen einfache Zylinder, um Arme, Beine, ja
sogar den Kopf darzustellen.
 Aufgrund dieser Beobachtung ist Marr zum Schluss gekommen, dass eine begrenzte
Anzahl einfacher volumetrischer Primitive ausreicht, um die verschiedenen
Objektklassen anhand der Teile und ihrer räumlichen Relationen zu beschreiben.
 Diese Idee wurde in der Theorie von Biederman umgesetzt, welche als nächstes
dargestellt wird.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 318


Recognition by Components (RBC)
(Biederman, 1987, 1995)
 Grundlegend für die Theorie von Biederman ist die Beobachtung, dass wenige elementare
Teilkörper ausreichen, um viele Objektklassen des Alltags zu beschreiben.
 Biederman (1987) nennt solche elementaren Teilkörper Geone (geometrical ions).
 Wie man der Abbildung unten entnehmen kann, sind verschiedene Alltagsobjekte durch
zwei bis drei Geone beschreibbar.
 Was sich pro Objekt verändert ist die räumliche Anordnung der Geone und ihre Attribute
wie z.B. die Orientierung oder das Verhältnis zwischen der Länge der Hauptachse und
dem Querschnitt.
Geone (Geometrical Ions)

Alltagsobjekte

Prof. Dr. Adrian Schwaninger (Aus Schwaninger, 2005a) 319


Non-accidental Properties
 Um eine Erkennung unabhängig von der Grösse, Position und Orientierung zu erreichen,
greift Biederman auf relativ invariante Eigenschaften zurück, welche von Lowe (1985) als
nicht zufällige Merkmale (nonaccidental properties, NAPs) beschrieben worden sind.
 Solche Merkmale sind z.B. Parallelität, Gekrümmtheit oder die Art wie Konturen in einem
Punkt enden (vertices).
 Sie bleiben weitgehend erhalten auch wenn sich die Grösse, Position oder Orientierung
eines Objektes verändert.
 Die Geone von Biederman
werden definiert durch das
Vorhandensein und die Kom-
bination von solchen invarian-
ten Eigenschaften.

(Aus Biederman, 1987)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 320


Non-accidental Properties (NAPs)
(Lowe, 1984, 1985, 1987)

(Aus Biederman, 1995)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 321


Recognition by Components (RBC)
(Biederman, 1987, 1995)
 In der RBC Theorie von Biederman werden wie bei Marr als
erstes Kanten und Linien extrahiert.
 Aus der Linienrepräsentation wird anschliessend versucht, die
oben erwähnten invarianten Eigenschaften (non-accidental
properties) zu extrahieren, welche die Geone definieren.
 Danach wird die räumliche Anordnung der Geone bestimmt.
 Diese strukturelle Beschreibung der Teile (Geone) und ihrer
räumlichen Relationen wird ähnlich wie bei Marr mit den
gespeicherten strukturellen Beschreibungen im Gedächtnis
verglichen.
 Findet sich eine genügend grosse Übereinstimmung, dann wird
das Objekt erkannt.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 322


Erkennung durch Ausrichtung und
Transformation (Lowe, 1985, 1987)
 Das SCERPO Vision System von Lowe (1985, 1987) ist eines der ersten
Computermodelle, welche Objekte in Fotos erkennen kann.
 Es eignet sich gut, um das Prinzip der Erkennung durch Ausrichtung und
Transformation von 3D Repräsentationen zu erklären.
 Zunächst werden Linien extrahiert und gruppiert nach
Gesetzmässigkeiten, welche Gestaltgesetzen ähneln. Dabei spielen
Nähe, Parallelität, gemeinsames Enden an einem Punkt (vertices), oder
Gekrümmtheit eine wichtige Rolle.
 Non-accidental properties (NAPs) werden von Lowe verwendet, um eine
bestimmte 3D Repräsentation im Gedächtnis auszuwählen.
 Die 3D Repräsentation im Gedächtnis wird dann rotiert und verschoben,
bis ihre 2D Projektion mit dem Inputbild hinreichend übereinstimmt.
 Die projizierten Linien können dann verwendet werden, um Konturen zu
ergänzen (top-down).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 323


Erkennung durch Ausrichtung und
Transformation (Lowe, 1985, 1987)

3D Modell im Gedächtnis

2D Projektion

Extraktion von Linien


und NAPs Ergebnis
Weisse Linien: Übereinstimmung zwischen
(Nach Schwaninger, 2005a) Inputbild und Modellprojektion. Punktierte
Linien: Ergänzungen durch Modellprojektion.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 324
Erkennung durch Linearkombination von
2D Repräsentationen (Ullman & Basri, 1991)
 Beim Ansatz von Ullman & Basri (1991) werden mehrere Ansichten eines Objektes als
detaillierte ganze Bilder im Gedächtnis gespeichert.
 Diese können mittels Linearkombination verrechnet werden, um neuen Ansichten eines
Objektes zu bilden. Damit kann ein Objekt auch erkannt werden, wenn es in einer noch nie
gesehenen Ansicht erscheint.
 Ohne auf die mathematischen Details näher einzugehen, ist dies am Beispiel von
Gesichtern in der Abbildung auf der nächsten Folie veranschaulicht. Die Bilder M1 und M2
sind gespeicherte Ansichten. Das Bild N ist eine neue, dem Computersystem unbekannte
Ansicht. Aus den Bildern M1 und M2 wurden mittels Linearkombination die Ansichten LC1,
LC2 und LC3 berechnet.
 Wie man sieht, stimmt LC2 ziemlich gut mit dem realen Foto N überein, wodurch die in N
abgebildete Person identifiziert werden kann.
 Mit diesem Verfahren können photorealistische Abbildungen von Objekten zuverlässig
erkannt werden, was ein bedeutender Forschritt zu den linienbasierten Ansätzen von Marr
und Biederman darstellt.
 Ullman und Basri (1991) konnten mit Computersimulationen zeigen, dass mit 10 Ansichten
Objekte in allen möglichen Rotationen und Positionen, sowie bei teilweiser Verdeckung
erkannt werden können.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 325


Erkennung durch Linearkombination von
2D Repräsentationen (Ullman & Basri, 1991)

M1 N M2

LC1 LC3
LC2

(Nach Schwaninger, 2005a)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 326
Erkennung durch Interpolation von 2D Repräsentationen
(Poggio und Edelman, 1990; Bülthoff & Edelman, 1992
 Bei der Erkennung durch Interpolation wird ein Objekt auch in mehreren Ansichten
gespeichert. Dabei wird angenommen dass in einem neuronalen Netz Objekte anhand von
verschiedenen Ansichten, sog. radiale Basisfunktionen (RBF) repräsentiert werden.
 Diese Basisfunktionen werden als radial bezeichnet, weil ihre Antwortstärke radial mit
zunehmender Rotation (sowie anderen Transformationen) des Objektes abnimmt (in
Abbildung 6a sind aus Gründen der Vereinfachung nur drei RBF als Gaussverteilungen
zweidimensional dargestellt).
 Solche RBF kann man sich auch als einzelne Neurone vorstellen, welche auf eine
bestimmte Ansicht spezialisiert sind („ansichtenspezifische Neurone“).
 Soll nun eine neue Ansicht des Objektes erkannt werden, so wird diese mit allen
gespeicherten Ansichten verglichen. Die Ergebnisse werden gewichtet aufsummiert (siehe
Abbildung nächste Folie), was der Gesamtantwort des neuronalen Netzes entspricht
(„rotationsinvariantes Neuron“).
 Die Analogie mit Neuronen ist dabei durchaus gerechtfertigt. Einzelzellableitungen im
Inferotemporalcortex von Makaken haben nämlich ergeben, dass zahlreiche Nervenzellen
ein Antwortverhalten zeigen, welches solchen ansichtsabhängigen RBF ähnelt (Logothetis,
Pauls, & Poggio, 1995).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 327


Erkennung durch Interpolation von 2D Repräsentationen
(Poggio und Edelman, 1990; Bülthoff & Edelman, 1992
Ansichtenspezi- Rotationsinva-
fische Neurone riantes Neuron

Ansichtenspezi-
fische Neurone

a Rotationswinkel b
Inputbild
(Stimulus)
(Aus Schwaninger, 2005a)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 328
Key-Frame Modell (Wallraven & Bülthoff 2001,
Schwaninger, Wallraven & Bülthoff, 2004)
 Bei diesem Ansatz ist das visuelle Input nicht ein Bild, sondern ein
Videostrom.
 Von diesem Videostrom werden einzelne Ansichten eines Objektes
gespeichert. Dies geschieht folgendermassen:
1. Feature extraction: Vom Bild werden saliente Punkte (corners) detektiert
und die 5x5 Pixel Patches um diese Punkte gespeichert (komprimierte
Geächtnisrepräsentation). Diese Repräsentation heisst Key Frame.
2. Tracking until feature loss > threshold: Der Videostrom wird mit dem
gespeicherten Key Frame verglichen und es wird eine neue Ansicht
gespeichert, sobald das Objekt im Videostrom nicht mehr erkannt wird.
3. Die Key Frames werden zeitlich miteinander assoziiert, d.h. im
Gedächtnis wird gespeichert, welche Ansicht auf welche folgt.
 Objekte und Gesichter werden in verschiedenen Ansichten erkannt durch
Interpolation (Bülthoff & Edelman, 1992).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 329


Key-Frame Modell (Wallraven & Bülthoff 2001,
Schwaninger, Wallraven & Bülthoff, 2004)
time

Feature Feature Feature Feature


Extraction Extraction Extraction Extraction

Tracking until feature


loss > thresh

Keyframe 1 Keyframe 2

Database of objects
Recognize
or Learn? Object 1 Object 1
Object 1
Keyframe Keyframe
Keyframe Keyframe
Keyframe Keyframe
Keyframe Keyframe
Keyframe Keyframe Keyframe
Keyframe

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 330


Original Tracked
images features
between
keyframes

Keyframes Feature
trajectories
between
keyframes

331 Wallraven & Bülthoff (2001); Schwaninger, Wallraven & Bülthoff (2004)
Wallraven, Schwaninger, Schumacher &
Bülthoff (2002)
 Im Experiment lernten die Versuchspersonen 10 Gesichter, welche von vorne (0°) und von der
Seite (60°) abgebildet waren. Danach wurden diese Gesichter und 10 Distraktoren in den 15
Winkeln präsentiert (Bedingungen Inter, Extra, Ortho Up, Ortho Down).
 Die Versuchsperson musste jedes Mal entscheiden, ob es sich um ein gelerntes Gesicht oder
um einen Distraktor handelte.
 Die theoretischen Vorhersagen sind analog zur Studie von Bülthoff und Edelman (1992), welche
mit Drahtobjekten und amoebenartigen Objekten durchgeführt worden ist.
 Wird angenommen, dass Gesichter erkannt werden, indem ein 3D Modell fehlerfrei rotiert
werden kann, dann müsste die Erkennung in den Bedingungen Inter, Extra und Ortho etwa
gleich gut sein.
 Die Linearkombination kann verschiedene Rotationen um die Hochachse nachbilden; sie wird
aber fehlerhaft, wenn orthogonale Rotationen berechnet werden müssen. Die Vorhersage ist
deshalb Inter = Extra > Ortho.
 Wird angenommen, dass Gesichter mittels Interpolation gespeicherter 2D Ansichten erkannt
werden, so müsste die Erkennung in der Inter Bedingung besser als in der Extra und in der
Ortho Bedingung sein.
 Das Key Frame Modell sagt Extra > Ortho voraus, weil durch die Rotation in Ortho Richtung, die
visuelle Information eines Gesichtes noch stärker verändert.
 Wie man der Abbildung auf der nächsten Folie entnehmen kann, ist genau dies eingetreten, es
zeigte sich Inter > Extra > Ortho Up = Ortho Down.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 332
Wallraven, Schwaninger, Schumacher &
Bülthoff (2002)

4.00

Ortho
+45°Up

Sensitivität d'
3.00

-60°
+60°
0° 2.00 Inter
Extra Inter Extra
Ortho Up
Ortho Down Ortho Down
1.00
0 15 30 45 60

a b Rotationswinkel (°)
-45°

Wallraven & Bülthoff (2001); Schwaninger, Wallraven & Bülthoff (2004)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 333


Gesichtserkennung ist sehr
orientierungsabhängig

Thompson (1980): „Margareth Thatcher – A New Illusion“

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 334


Hypothese von Rock

Rock erklärt die Thatcher Täuschung sieben Jahre vor ihrer


Entdeckung:
"In this situation [of an inverted face], there is a whole set of com-
ponent figures and figural relationships to be corrected, and it is not
possible to succeed in visualizing simultaneously how each of these
would look were it to be egocentrically upright." (Rock, 1973, p.60)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 335


Hypothese von Rock

“Weshalb ist Gesichtserkennung so


orientierungsabhängig?”

Rotierte Gesichter überfordern einen


mentalen Rotationsprozess.

Rotierte Gesichter werden anhand


ihrer Teile verarbeitet.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 336


Rock’s Hypothese testen

Komponenten Konfiguration
ändern ändern

Komponenten Konfigurale
Information Information

Nicht orientierungs- SEHR orien-


abhängig tierungsabhängig

Nach Schwaninger & Mast (1999)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 337
Detektion von Komponenten-
veränderungen

Same or
different?
1 sec
Blank

3 sec
Detektion von Komponenten-
veränderungen
50
n=32
Component
40
Errors (%)

30

20

10

0
0 30 60 90 120 150 180
Rotation (°)
Detektion konfiguraler Änderungen

Same or
Different?
1 sec
Blank

3 sec
Detektion von Änderungen an Komponenten
und Konfiguration

50
Configural n=32
40 Component
Errors (%)

30

20

10

0
0 30 60 90 120 150 180
Rotation Angle (°)
Schlussfolgerung

“Weshalb ist Gesichtserkennung so


orientierungsabhängig?”

Rotierte Gesichter überfordern einen


mentalen Rotationsprozess.

Rotierte Gesichter werden anhand


ihrer Teile verarbeitet.

Integratives Modell

Metric Spatial
Relations
?
Dorsal System

Local Part-Based
Information
„Component“
Face
Identification
Unit Relational
Information
„Configural“ Input
Representation
Ventral System
Schwaninger, Lobmaier & Collishaw (2002)
Schwaninger, Carbon & Leder (2003)
Komponenten und Konfiguration bei
Erkennung
 Gesichter wurden oft als Beispiele exklusiver
holistischer Verarbeitung bezeichnet.
(z.B. Farah et al., 1995; Tanaka & Farah, 1991, 1993; Biederman &
Kalocsai, 1997)

 In diesem Fall bedeutet holistisch, dass keine


Teile (Komponenten) separat gespeichert
werden.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 344


Werden Teile (Komponenten) separat
gespeichert?
Enkodierungsbedingung

10 Gesichter
nacheinander präsentiert
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 345
Werden Teile (Komponenten) separat
gespeichert?
Testbedingung

10 Gesehene Gesichter & 10 Distraktoren


Entscheid: Gesehen oder Distraktor?
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 346
Erkennung neu gelernter Gesichter
(Experiment 1)
Old-New Recognition Unfamiliar (N=36)
5

4
Recognition d'

0
Scrambled Scrambled & Blurred
Blurred
Schwaninger, Lobmaier & Collishaw (2002)
Komponenten und Konfiguration bei
Erkennung
 Experiment 2
 Identisch mit Experiment 1 ausser das die
Versuchspesonen die Lerngesichter vom
Studium kannten.
 Lerngesichter alle bekannt
 Distraktoren alle unbekannt

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 348


Erkennung bekannter Gesichter
(Experiment 2)
Old-New Recognition Familiar (N=36)
5

4
Recognition d'

0
Scrambled Scrambled & Blurred
Blurred
Schwaninger, Lobmaier & Collishaw (2002)
Ergebnisse

1. Erkennung bekannter und neu gelernter


Gesichter beruht auf Komponenten und
konfiguraler Information.

2. Nur quantitative Unterschiede!


= Gleiche relative Wichtigkeit von
Komponenten und konfiguraler Information

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 350


Integratives Modell

Metric Spatial
Relations
?
Dorsal System

Local Part-Based
Information
„Component“
Face
Identification
Unit Relational
Information
„Configural“ Input
Representation
Ventral System
Schwaninger, Lobmaier & Collishaw (2002)
Schwaninger, Carbon & Leder (2003)
Original Tracked
images features
between
keyframes

Keyframes Feature
trajectories
between
keyframes

352 Wallraven & Bülthoff (2001); Schwaninger, Wallraven & Bülthoff (2004)
Implementation im Key Frames Modell
 Annahme: Saliente lokale Merkmale sind wichtig
 Detektion von “Interest Points” in feiner und grober
Auflösung (z.B. Corner Detektor)
 Für jeden Interest Point:
 Image patch: 5x5 Pixel der Umgebung werden gespeichert
 Distanz Histogramm: Pixel Distanz zu allen anderen
Interest Points wird berechnet und gespeichert

Wallraven, Schwaninger & Bülthoff (2004) 353


Implementation im Key Frames Modell
 Komponenteninformation
 Vergleicht Image Patches in detaillierter Auflösung
 Berechnet Ähnlichkeit zwischen Distanz Histogrammen (χ2
Distanz) nur im Bezug auf die benachbarten Image Patches
 Enspricht lokalen Clustern von detaillierten Merkmalen

 Konfigurale Information
 Vergleicht Image Patches in grober Auflösung
 Berechnet globale Ähnlichkeit zwischen Distanz
Histogrammen (χ2 Distanz)
 Entspricht globaler Konfiguration von unscharfen
Merkmalen

354
Implementation im Key Frames Modell
 Gleiche Stimuli wie bei Schwaninger, Lobmaier &
Collishaw (2002)
 Sehr hohe qualitative Ähnlichkeit mit empirischen Daten
3.50
Component Configural
3.00
Recognition d'

2.50
2.00
1.50
1.00
0.50
0.00
Scrambled Scramled Blurred
& Blurred
Nach Schwaninger, Wallraven & Bülthoff (2004)
355
Zusammenfassung

Extraction of NAPs

(Aus Graf, Schwaninger, Wallraven & Bülthoff, 2002)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 356
Dorsaler und ventraler Strom

(Aus Goldstein, 2008)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 357
Neurophysiologische Befunde zum ventralen System

 Zunehmende Grösse der rezeptiven Felder


 Selektivität für komplexe Muster
 Selektivität trotz Translationen
 Unterschiedliche Abhängigkeit von Grösse und Orientierung
 Kolumnare Organisation (Merkmalskarten)
 Beeinflussbarkeit durch Lernen und Belohnung

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 358


Objekterkennung

(Nach Knoblich et al., 2002;


Riesenhuber & Poggio, 1999)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 359


Neurophysiologische Befunde

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 360


Neurophysiologische Befunde

Aus Gauthier & Logothetis (1999)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 361
Kolumnare Organisation in TE
(Merkmalskarten)

(Aus Tanaka, 1996)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 362


Abhängigkeit von der Grösse

(Nach Tanaka, 1996)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 363
Abhängigkeit von der Orientierung

(Aus Tanaka, 1996)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 364
Repräsentation von Objekten
 Objekte werden durch die Kombination von
einfachen und komplexen visuellen
Merkmalen repräsentiert (Merkmalskarten).
 Die Repräsentation im Gedächtnis ist
ansichtenbasiert, Objekte werden anhand
verschiedener Ansichten gespeichert.
 Neue Ansichten werden vermutlich mittels
Interpolation und durch non-accidental
properties erkannt.
 In Abhängigkeit von der Erkennungsaufgabe
werden verschiedene Aspekte visueller
Information relevant. Auch könnte die FFA
(fusiform face area) nicht speziell für
Gesichter sondern genereller für Exemplar-
Erkennung durch Experten zuständig sein.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 365


a b

c
Befunde mit funktioneller
Magnetresonanztomographie
(functional magnetic
resonance tomography ,
fMRT) beim Menschen.
Häuser, Stühle und
Gesichter scheinen
unterschiedliche Module im
Gehirn zu aktivieren (a und
b). Eine detailliertere Analyse
spricht aber eher für eine
Repräsentation anhand von
Merkmalskarten und
verteilter Aktivität (c).

(Nach Ishai et al., 1999)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 366
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 367
Vorlesung 12

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 368


Überblick
 Einleitung, philosophische Überlegungen, Psychophysik
 Wahrnehmung: Sinnesorgane
 Prozesse und Grundprinzipien
 Sehen
 Hören, Propriozeption
 Tastsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn
 Wahrnehmung: Organisation und Interpretation
 Wahrnehmungsorganisation
 Wahrnehmungsinterpretation
 Aufmerksamkeit
 Auditive Aufmerksamkeit
 Visuelle Aufmerksamkeit
 Zentrale Aufmerksamkeit
 Anwendungsbeispiel: Luftsicherheitskontrollen

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 369


Anwendungsbeispiel:
Luftsicherheitskontrollen

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 370


Luftsicherheitstechnologie
 Grosser technologischer Fortschritt in den
letzten Jahrzehnten, vor allem im Bereich
Röntgentechnologie
 Gute Bildqualität
 Viele Bildverarbeitungsfunktionen

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 371


Faktor Mensch
 Die letzte Entscheidung fällt nach wie vor der
Mensch.
 Eine fundierte Aus- und Fortbildung ist daher
besonders wichtig.
 Dabei sind verschiedene Faktoren zu
berücksichtigen, um eine gute Performance
an der Kontrollstelle zu erreichen.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 372


Performance Faktoren

Eignungsabklärung
Supervision & Qualitätskontrolle
(Fähigkeiten)

Computer Based Training


(Wissen)
Performance
Threat Image Projection
(Motivation & Aufmerksamkeit)

Praktische Tests
(Korrekte Reaktion)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 373


Bsp.: Visuelle Fähigkeiten
 Effekt der Rotation
Rotierte Objekte sind schwieriger zu
erkennen. Die Fähigkeit zur mentalen
Rotation ist dabei wichtig.

Schwaninger (2003), Schwaninger, Hardmeier & Hofer (2004)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 374


Bsp.: Visuelle Fähigkeiten
 Superposition
Erkennung von Objekten hängt ab von der
Verdeckung durch andere Objekte
(Superposition).

Schwaninger (2003), Schwaninger, Hardmeier & Hofer (2004)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 375


Bsp.: Visuelle Fähigkeiten
 Gepäckkomplexität
Die Erkennung von Objekten hängt ab von
der Komplexität des Gepäcks.

Schwaninger (2003), Schwaninger, Hardmeier & Hofer (2004)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 376


X-Ray Object Recognition Test (ORT)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 377


Effektivität des X-Ray ORT
Ergebnisse bei einem Zertifizierungstest zur Erkennung verbotener
Gegenstände in Röntgenbildern
(A‘) (A

0.90
Detection Performance

0.85

0.80
Detektionsleistung

0.75

0.70

0.65

0.60

0.55

0.50
Ohne X-Ray
selectedORT Eignungsabklärung
without X-Ray ORT Mit X-Ray ORTwith
selected Eignungsabklärung
X-Ray ORT
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 378
Eignungsabklärung
 Es gibt große Unterschiede zwischen Personen
bezüglich ihrer Fähigkeiten Objekte bei Rotation,
Superposition und hoher Gepäckkomplexität zu
erkennen.
 Test wie der X-Ray ORT sind wichtig für die
Eignungsabklärung.
 Weitere empfohlene Tests
 Farbtauglichkeit (z.B. Ishihara Test)
 Sehschärfetest
 Physische Leistungsfähigkeit
 Sprache, Kommunikation
 Belastbarkeit, Kundenorientiertheit, etc.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 379
Performance Faktoren

Eignungsabklärung
Supervision & Qualitätskontrolle
(Fähigkeiten)

Computer Based Training


(Wissen)
Performance
Threat Image Projection
(Motivation & Aufmerksamkeit)

Praktische Tests
(Korrekte Reaktion)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 380


Die Bedeutung von Training (Beispiele)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 381


Die Bedeutung von Training (Beispiele)

Viele verbotene Gegen-


stände sehen im
Röntgenbild ganz anders
aus.

Schwaninger (2004b); Schwaninger, Hardmeier & Hofer (2004)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 382


Die Bedeutung von Training (Beispiele)
Viele verbotene Gegen-
stände sehen im
Röntgenbild ganz
anders aus.

Schwaninger (2004b); Schwaninger, Hardmeier & Hofer (2004)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 383


Effekte der Rotation

Thompson (1980); Schwaninger (1998)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 384


Effekte der Rotation

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 385


Dolch 29 cm

ho00 ho45 ho85

ve45 ve85 vh45


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 386
Anforderungen an eine Bilddatenbank
 Eine Bilddatenbank mit Hunderten verschiedener
verbotener Gegenstände abgebildet in zahlreichen
und verschiedenen Ansichten ist wichtig.
 Die Bilddatenbank sollte regelmäßig mit aktuellen
verbotenen Gegenständen aktualisiert werden.
 Beispiel: Bilddatenbanken von X-Ray Tutor:
Version Guns IEDs Knives Others Files FTI Images FTI-Bag Comb.
XRT 2.0 CBS SE 135 123 150 124 532 6'384 19'152'000
XRT 2.0 CBS PE 503 382 691 514 2'090 25'080 75'240'000
XRT 2.0 HBS SE 510 510 6'120 18'360'000
XRT 2.0 HBS PE 997 997 11'964 35'892'000
Bilddatenbanken verschiedener X-Ray Tutor Versionen

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 387


Adaptives Computer-based Training
(Beispiel: X-Ray Tutor)

Work- Bilder Bilddaten-


Station bank

Operator
Antworten
Individuell
adaptives
System
Daten

Schwaninger (2003c, 2004b, 2004c), Schwaninger & Hofer (2004)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 388


Individuell adaptiver Algorithmus von X-Ray Tutor

3. Mehr Superposition 4. Höhere Gepäckkomplexität

1. Einfache Ansicht
2. Schwierigere Ansichten
Schwaninger (2003c, 2004b)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 389


Grundlage von X-Ray Tutor: Lineares Modell
(Schwaninger et al., 2007, 2008; Bolfing et al., 2008)
DP  1VD   2 SP   3CL   4OP  R

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 390


Studie 1: Effektivität von X-Ray Tutor (XRT)
(Etwa 1 x 20 Minuten pro Woche während 9 Monaten)

Michel, de Ruiter, Hogervorst, Koller, Moerland, & Schwaninger, A. (2007).


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 391
Studie 1: Effektivität von X-Ray Tutor (XRT)
(Etwa 1 x 20 Minuten pro Woche während 9 Monaten)

Michel, de Ruiter, Hogervorst, Koller, Moerland, & Schwaninger, A. (2007).


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 392
Studie 2: Effektivität von X-Ray Tutor (XRT)

Trainings-
XRT Training
gruppe
Test 1 Test 2
Kontroll-
Anderes CBT
gruppe

Forschungsfragen
 Zeigen sich ähnliche Ergebnisse wie bei der ersten Studie für die
Trainingsgruppe, welche mit X-Ray Tutor trainiert?
 Wie sind die Trainingseffekte bei der Kontrollgruppe, welche mit
einem anderen weit verbreiteten computer-based Training (CBT)
System trainiert hat?
 Hilft das Training neue verbotene Gegenstände zu erkennen?
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 393
Studie 2: Effektivität von X-Ray Tutor (XRT)
(1-2 x 20 Minuten pro Woche während 6 Monaten)

Koller, Hardmeier, Michel, & Schwaninger (2007)


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 394
Studie 2: Effektivität von X-Ray Tutor
(1-2 x 20 Minutes CBT per Week for about 6 Months)
 Computer-based Training (CBT) kann ein sehr effektives Instrument zur
Steigerung der Erkennungsleistung sein (ähnliche Ergebnisse in Studie
1 und 2 für Training mit X-Ray Tutor)
 Training ist von spezieller Bedeutung für die Detektion von USBV. Nach
entsprechendem Training, können diese gleich gut erkannt werden wie
Schusswaffen.
 Zusätzliche Analysen haben gezeigt, dass X-Ray Tutor Training
ermöglicht neue verbotene Gegenstände zu erkenne, wenn sie visuell
ähnlich zu den trainierten Objekten sind (Koller, Hardmeier, Michel, &
Schwaninger, 2008).
 ABER: Nicht alle Trainingssysteme sind gleich effektiv. Es zeigten sich
große Unterschiede in der Effektivität zwischen X-Ray Tutor und
anderen Trainingssystemen (Koller, Hardmeier, Michel, & Schwaninger,
2008).

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 395


Nachrichtenbeiträge
im Kanadischen Fernsehen

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 396


Performance Faktoren

Eignungsabklärung
Supervision & Qualitätskontrolle
(Fähigkeiten)

Computer Based Training


(Wissen)
Performance
Threat Image Projection
(Motivation & Aufmerksamkeit)

Praktische Tests
(Korrekte Reaktion)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 397


Threat Image Projection (TIP)
 TIP ist eine Softwarefunktion moderner Röntgenprüfgeräte.
 Ein fiktiver verbotener Gegenstand (fictional threat item, FTI)
wird in ein Röntgenbild eines realen Passagiergepäcks
eingeblendet.

+ =
Fiktiver
verbotener
Röntgenbild eines Gegenstand
(FTI) Ergebnis am Bildschirm:
realen Gepäcks FTI im Gepäck

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 398


Prof. Dr. Adrian Schwaninger 399
400
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 401
1., 2. und 3. Generation TIP

Röntgengeräte
HI-SCAN 1

HI-SCAN 2

HI-SCAN 3

HI-SCAN 4

HI-SCAN n

1. Generation TIP
402
1., 2. und 3. Generation TIP

TIP Management System


Röntgengeräte
HI-SCAN 1

HI-SCAN 2

HI-SCAN 3

LAN
Ethernet
HI-SCAN 4 IEEE 802.3u

Twisted-Pair
HI-SCAN n

2. Generation TIP
403
1., 2. und 3. Generation TIP

TIP Management System


Röntgengeräte
HI-SCAN 1

HI-SCAN 2

3. Generation TIP Server


HI-SCAN 3 Diagnostisch, unterstützend,
LAN adaptiv
Ethernet
HI-SCAN 4 IEEE 802.3u

Twisted-Pair
HI-SCAN n

CBT System
• Anzeige verpasster Bilder
• Spezifisches Training
3. Generation TIP
404
TIP and adaptives CBT
 Mit TIP wird ca. alle 50 Gepäckstücke ein FTI eingeblendet.
 Eine Person sieht daher nur ein paar FTIs pro Tag.
 TIP ist ein gutes Instrument zur Steigerung der Motivation und
Aufmerksamkeit. Es ist aber nicht sehr effektiv für
Trainingszwecke.
 Während 20 Minuten Training mit X-Ray Tutor sieht man etwa
100 verbotene Gegenstände. Das Training ist sehr effektiv was
verschiedene Studien belegt haben.
 Eine Kombination von TIP (Steigerung der Motivation und
Aufmerksamkeit) und X-Ray Tutor (adaptives computer-based
Training) wäre ideal!
 Dies wurde verwirklicht mit 3i-TIP.

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 405


3. Generation TIP (3i-TIP)

406
3. Generation TIP (3i-TIP)

TIP DataVis
Röntgengeräte
HI-SCAN 1

HI-SCAN 2
3i-TIP Server
• Individuell adaptiver Algorithmus
• Bildverarbeitung
HI-SCAN 3
HMS 3i-TIP
• Integration mit X-Ray Tutor (ver-
Server
HI-SCAN 4
LAN
Ethernet
passte Röntgenbilder)
IEEE 802.3u

HI-SCAN n

X-Ray Tutor (XRT)


• Anzeige verpasster Bilder
Das 3i-TIP System ist installiert in Brüssel, • Spezifisches individuell adaptives
Malmö, Stockholm und Zürich Training

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 407


Dual-Mode 3rd Generation TIP
 Adaptive Mode
 Startswith easy viewpoints
 Increases view difficulty based on achievements
during training with adaptive CBT
 Missed TIP images are shown in adaptive CBT

 Testing Mode
 Separate set of TIP images
 Same FTIs for all screeners but in different order
 More reliable performance measurement
Schwaninger (2004b)
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 408
Performance Faktoren

Eignungsabklärung
Supervision & Qualitätskontrolle
(Fähigkeiten)

Computer Based Training


(Wissen)
Performance
Threat Image Projection
(Motivation & Aufmerksamkeit)

Praktische Tests
(Korrekte Reaktion)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 409


Praktische Tests und Realtests
 Menschen versagen oft, wenn etwas
Unerwartetes geschieht.
 Es sollten regelmäßig praktische Tests und
Realtests mit verbotenen Gegenständen
durchgeführt werden.
 Eignungsabklärung und computer-based
Training sind notwendige aber nicht
hinreichende Bedingungen für gute
Performance!
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 410
Performance Faktoren

Eignungsabklärung
Supervision & Qualitätskontrolle
(Fähigkeiten)

Computer Based Training


(Wissen)
Performance
Threat Image Projection
(Motivation & Aufmerksamkeit)

Praktische Tests
(Korrekte Reaktion)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 411


Supervision & Qualitätskontrolle
 Supervision und Qualitätskontrolle sind wichtig, um
die Effektivität der verschiedenen Performance
Faktoren zu gewährleisten.
 Qualitätstests sollen fair, reliabel (zuverlässig),
valide und standardisiert sein.
 Die Competency Assessment Working Group der
InterTAG hat dazu ein internationales White Paper
verfasst.
 Dieses White Paper wurde in ECAC Doc 30
aufgenommen und von der ICAO übernommen.
 Bitte verwenden Sie dieses Dokument um
sicherzustellen, dass Qualitätstests fair, reliabel,
valide und standardisiert sind.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 412
Zusammenfassung

Eignungsabklärung
Supervision & Qualitätskontrolle
(Fähigkeiten)

Computer Based Training


(Wissen)
Performance
Threat Image Projection
(Motivation & Aufmerksamkeit)

Praktische Tests
(Korrekte Reaktion)

Prof. Dr. Adrian Schwaninger 413


Zusammenfassung
 Das teuerste Gerät nützt wenig, wenn das Personal, welches das
Gerät bedient, nicht gut ausgebildet ist.
 Es gibt große Unterschiede zwischen Personen in Bezug auf ihre
Fähigkeit eine gute Performance an der Kontrollstelle zu leisten ->
wissenschaftlich fundierte Tests sind wichtig für die
Eignungsabklärung.
 Viele verbotene Gegenstände sehen im Röntgenbild ganz anders
aus als im Alltag  effizientes und effektives computer-based
Training (CBT) ist sehr wichtig.
 TIP ist ein nützliches Instrument zur Steigerung der Motivation
und Aufmerksamkeit. TIP der 3. Generation ist verbunden mit
CBT für eine gezielte Steigerung der Performance.
 Regelmäßige praktische Tests und Realtests sind wichtig, damit
die richtige Reaktion im Ernstfall trainiert wird.
 Supervision und Qualitätskontrolle sind wichtig, um die
Effektivität der verschiedenen Performance Faktoren zu
gewährleisten.
Prof. Dr. Adrian Schwaninger 414