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WEIHNACHTEN

Geschichten für Festmuffel und Keksverächter


Geschichten für
Festmuffel und Keksverächter

Herausgegeben von
Iris Prael
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der


Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

2. Auflage
© 2003 Patmos Verlag GmbH & Co. KG
Sauerländer Verlag, Düsseldorf
Alle Rechte vorbehalten.
Scan by Brrazo 09/2007
Umschlaggestaltung: Sibyll Amthor, formlabor, Hamburg
Titelillustration und Vignetten von Carola Holland
Druck und Verarbeitung: Bercker, Kevelaer
ISBN 3-7941-7019-9
www.patmos.de
Zoran Drvenkar
1978 und Weihnachten Nummer 11

Christine Fehér
Flieg, mein Engel!

Thomas Feibel
Kein Weihnachten mit Andre

Selim Özdogan
Noch jemand

Maja von Vogel


Weihnachtsmann gesucht!

Paul Auster
Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte

Ute Mordhorst
Herr Klotz taut auf

Christian Bieniek
Go to Hel

Harald Parigger
Weil Weihnachten ist
Sabine Rahn
Nikolaus bei den Heckzahns

Nortrud Boge-Erli
Wolfszauber

Terry Pratchett
Die Weihnachtsfestplatte

Margret Rettich
Eine schlimme Geschichte

Maren Bonacker
Falsche Töne

Doris Meißner-Johannknecht
Goldfisch Koi
Zoran Drvenkar
1978 und Weihnachten Nummer 11
m Weihnachtsabend ist alles bereit. Es riecht
nach Keksen und Braten, die Eisblumen vor den
Fenstern lassen sich mühelos mit dem Fingernagel
abkratzen und meine Schwester spricht kein Wort
mit mir. Ich habe ihr sechs von ihren zehn Hanutas
geklaut. Erst wollte ich nur eines nehmen, dann wa-
ren es aber doch zwei, die so lecker schmeckten, dass
ich gleich noch mal zwei genommen habe. Meine
Schwester hat es lange nicht gemerkt. Also dachte
ich mir, zwei mehr können auch nicht schaden. Und
das hat sie dann gemerkt. Sie rannte zu meiner Mut-
ter und meine Mutter ließ sie abblitzen. Die Chancen,
dass unsere Eltern uns abblitzen lassen, sind immer
recht hoch. Und manchmal muss man das Schicksal
einfach herausfordern.
- Wie spät ist es?
Ich liege im Sessel und sehe eine langweilige Sen-
dung, als Mutter ins Wohnzimmer reinschaut.
- Sieben, sage ich.
- Sieben? sagt sie und verschwindet wieder in der
Küche.
Alles ist bereit – in einer halben Stunde wollen
Tante Vesna und Onkel Juro kommen. Dann werden
wir im Wohnzimmer essen, Weihnachtsmusik hören
und den Tannenbaum bewundern. Das einzige Prob-
lem ist, dass es keinen Tannenbaum gibt. Vater ist
nirgends zu finden und Mutter hat schon überall an-
gerufen. Bei der Firma, bei zwei Freunden, bei Picek
im Restaurant. Nichts.

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Das Telefon im Flur klingelt. Ich höre Mutter aus
der Küche rennen und den Hörer abheben. Sie
lauscht, flucht kurz und legt wieder auf. Als das Te-
lefon zum zweiten Mal klingelt, bleibt sie in der Kü-
che. Ich gehe ran.
- Oh Mann, sagt Karim, Deine Mutter hat mich
verflucht, du, da bin ich mir ganz sicher.
- Blödsinn, sie hat dir ein schönes Weihnachtsfest
gewünscht.
- Wirklich?
- Wirklich.
- Klang aber komisch. Habt ihr dicke Luft oder
was?
- Wir haben noch keinen Tannenbaum.
- Wir schon, sagt Karim, Mein Vater hat ihn ges-
tern gekauft, aber noch immer billig, du.
- Gut für ihn, sage ich.
- Du kannst nachher nicht raus, was?
- Nee, kannst du vergessen, die lynchen mich,
wenn ich nur aus dem Fenster schaue.
Karim schweigt, ich schweige, meine Mutter
taucht im Türrahmen der Küche auf. Zigarette in der
Hand, Augen drohend.
- Ich muss mal auflegen, sage ich.
- Ja, feier mal schön, sagt Karim.

Zehn Minuten später gehe ich aufs Klo, als das Tele-
fon erneut klingelt. Ich höre meine Mutter rangehen
und fluchen, ziehe die Spülung und renne in den
Flur. Der Hörer liegt neben dem Telefon, von meiner

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Mutter ist nichts zu sehen.
- Hallo? sage ich in den Hörer hinein.
- Deine Mutter flucht ganz schön heftig, sagt Ad-
rian.
- Das war kein Fluch, das ist jugoslawischer
Brauch, antworte ich, Damit wünscht sie dir viel
Glück und tolle Geschenke zu Weihnachten.
- Na, denn. Was läuft?
- Wir warten auf den Tannenbaum.
- Schon wieder?
Es ist das vierte Mal in Reihenfolge, dass der Tan-
nenbaum auf sich warten lässt. Vater ist ein cleverer
Typ. Er zahlt niemandem 50 Mark, wenn er den
Tannenbaum am letzten Tag für einen Zehner krie-
gen kann. Geduld ist alles, sagt er immer. Meine
Mutter findet das nicht lustig. Sie schrie ihn vor drei
Tagen an, dass sie diesen blöden Baum endlich
schmücken wollte. Dann zog Vater los und kam mit
leeren Händen wieder. Morgen, sagte er, Morgen be-
sorge ich einen.
Heute ist morgen und meine Mutter brutzelt in ih-
rer Wut wie der Gänsebraten, den sie alle zehn Minu-
ten mit Öl beträufelt.
- Ich melde mich morgen, sage ich zu Adrian und
lege auf.
Eine Dreiviertelstunde später kommen Onkel Juro
und Tante Vesna. Sie sind gut gelaunt und Onkel Ju-
ro preist als Erstes den fehlenden Weihnachtsbaum,
und dass er schon lange nicht solch einen Prachtkerl
gesehen hätte.

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- Da kannst du dir den Schmuck ja glatt sparen,
sagt er.
Tante Vesna lacht schallend, meine Mutter ver-
zieht nicht mal die Mundwinkel. Ich kann sehen, wie
sie in der Küche den Braten anschneidet und auf den
Teller meines Onkels das mickrigste Stück legt.
Es klingelt. Wie jedes Jahr kommen die Kotschans
aus dem Nachbarhaus zu uns rüber. Sie machen ei-
nen auf überrascht, sie wollten eigentlich nur alles
Gute wünschen; und meine Mutter spielt mit und
lässt sie rein und lacht und gibt ihnen Teller und Glä-
ser und dann wird gefeiert. Eine Stunde darauf sind
wir alle voll gefressen. Die Erwachsenen sind leicht
angetrunken, meine Mutter stocknüchtern. Die Mu-
sik ist laut, Engelschöre schreien sich heiser und
zwischendurch murmelt Ivan Rebroff irgendein
Zeugs vom Christkind. Es wird neun und dann zehn
und dann klingelt das Telefon. Meine Mutter winkt
müde ab. Für sie ist das Fest gelaufen. Ihr ist es egal,
ob Vater jetzt noch anruft oder nicht.
- Na, Zoki, sagt Vater, Ist sie wütend?
Ich kann hören, dass er in einer Telefonzelle steht.
Ich kann mir auch vorstellen, wo sich diese Telefon-
zelle befindet. Eine Ecke weiter neben dem Super-
markt.
- Stinkewütend, antworte ich.
- Die soll sich mal nicht so haben. Kommste run-
ter?
Ich bin das Alibi. Ich kenn das schon. Vater wird
mit mir den Weihnachtsbaum hochtragen und dann

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oben prahlen, wie toll ich ihm geholfen habe. Das
soll meine Mutter stolz machen, obwohl jeder genau
weiß, dass ich nur aus Haut und Knochen bestehe
und man meine Muskeln an einer Hand abzählen
kann. Vater macht das sehr gerne. Ich bin sein
Schutzschild, all die Wut meiner Mutter auf ihn ver-
pufft, wenn er mich vorschiebt. Und manchmal
kriegt er es auch wirklich so hin, dass jeder denkt,
ich wäre der Grund dafür, dass der Baum zu spät ist.
Und das klingt so: Ich musste ihn die Treppen beina-
he allein hochschieben! Es ist ein Wunder, dass wir
nicht bis zum Morgengrauen gebraucht haben, nicht
wahr, Zoki? Und stößt mich an und zwinkert mir zu.
- Ich geh mal schnell mit Lucky! rufe ich ins
Wohnzimmer rein.
Lucky hört das und kommt sofort hinter dem Sofa
hervor. Es wird erzählt, sie wäre ein Pudel, aber in
Wahrheit entspringt sie einem uralten russischen
Hundestamm und erinnert an einen zotteligen Bison,
der beim Schwanzwackeln fast um die Kurve biegt.
Draußen ist es mies und kalt und windig und ich
zieh den Reißverschluss meiner Jacke hoch und halte
Ausschau nach dem Mercedes meines Vaters. Das
Witzige an unserer Familie ist, dass meine Eltern so
tun, als hätten sie kein Geld, wir zu viert in einer
Wohnung mit zwei Zimmern leben, ich um jede
Mark betteln muss und nie Taschengeld sehe, aber
dafür fährt Vater einen protzigen metallic-roten Mer-
cedes und im Sommer baut er an einem Haus in Ju-
goslawien herum. Ich weiß nicht, was daran wirklich

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witzig ist, aber so sagt man doch, wenn man etwas
bescheuert findet und es nicht anders ausdrücken
kann, weil es nun mal eben so ist.
Ich erwarte irgendwo auf der Straße den Wipfel
des Tannebaums zu sehen, wie er vom Gepäckträger
nach mir winkt. Aber da ist nichts. Dafür höre ich ein
Hupen. Ich trete auf die Straße, der Mercedes wartet
unten an der Ecke in der zweiten Reihe, das blutige
Leuchten von Rücklichtern ist im Schneematsch
deutlich zu sehen. Ich rufe nach Lucky und laufe die
Straße runter.

- He, Tata, sage ich zu meinem Vater, der wie ein


Pascha hinter dem Steuer sitzt und mit den Fingern
aufs Lenkrad trommelt.
- Na, Kleiner, sagt er, Was gibt’s?
- Wo ist der Weihnachtsbaum?
- Nun steig schon ein. Oder willst du Wurzeln
schlagen?
Ich gehe um den Wagen herum, lasse Lucky hin-
ten reinspringen und steige vorne ein. Es riecht nach
Schnaps und Bier und dem Schweiß meines Vaters.
- Na, was willst du für einen? fragt er mich.
- Was will ich für einen was?
- Was für einen Baum, Mensch. Sag mal, willst du
Abitur machen oder bluffst du nur?
Am liebsten würde ich ihm gestehen, dass ich nur
bluffe. Wer will schon Abitur machen? Hätte er mich
gefragt, ob ich in einer Woche hundert Bücher lesen
will, okay, aber das eben muss eine rhetorische Frage

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gewesen sein.
- Es ist halb elf, sage ich.
- Na, da haben wir ja bis Mitternacht noch einein-
halb Stunden. Los, schnall dich an, der Bus fährt ab.
Ich schnall mich an, Vater rollt gemächlich die
Straße runter und schaltet das Radio ein.
- Scheißweihnachtsmusik, sagt er und schiebt eine
Kassette rein.
Eine Frau singt vom Meer, und dass sie seit Wo-
chen auf ihren Geliebten wartet. Als sie einmal Luft
holt, legt eine ganze Combo los und schrummelt auf
allen nur erdenklichen Volksinstrumenten. Ich habe
große Lust, mich aus dem Wagen fallen zu lassen.
Lucky stellt sich auf die Ablage zwischen den Sitzen
und hechelt mir in den Nacken. Ich habe keinen
Schimmer, wo wir hinfahren.

Wir halten am Ernst-Reuter-Platz, wo immer der


große Weihnachtsbaummarkt ist. Bis vor vier Stun-
den zumindest. Wahrscheinlich hat Vater einen Deal
ausgehandelt und gleich kommt einer von diesen
wieselartigen Verkäufern angelaufen und verkauft
ihm für fast nichts eine nordische Edeltanne, die sich
nur die Reichen leisten können.
- Da wären wir, sagt Vater.
- Zu, sage ich.
- Nee, nur für die, die nicht wollen.
Er parkt hinter der Buchhandlung.
- Komm, ich zeig dir was.
- Und Lucky?

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Er sieht nach hinten.
- Nee, die muss hier bleiben.
Ich will ihn warnen, Lucky hasst es, in Autos zu
warten. Sie bekommt dann diese klaustrophobischen
Anfälle und ist gar nicht gut gelaunt, wenn man wie-
derkommt. Aber das sollte Vater eigentlich wissen.
- Sie wird erfrieren, versuche ich es.
- Wird sie nicht.
Vater lässt den Schlüssel stecken, so dass die
Standheizung weiterläuft, dann steigt er aus. Ich fol-
ge ihm zur Vorderseite der Buchhandlung und dann
über die Straße zum Weihnachtsbaummarkt.
- Ich konnte nicht früher, sagt Vater, War voll im
Stress. Die Jungs in der Kneipe haben mich nicht ge-
hen lassen. Da kann man nichts machen.
Er lacht.
- Ich sag dir, die können saufen. Lass bloß die
Finger vom Alk, das ist nichts für dich. Werd erst
mal ein Mann, okay, dann reden wir darüber. Ver-
dammt, ist das kalt. Was guckst du da so hin, willst
du, dass die Bullen stehen bleiben? Schau geradeaus,
jaja, fahrt mal nur weiter, ihr Scheißbullen.
Wir kommen zum Tannenbaummarkt. Innerhalb
der Umzäunung liegen vielleicht noch fünfzig Bäu-
me. Ich frage mich, was sie mit denen machen, so-
bald Weihnachten vorbei ist. Heben sie die auf?
Blödsinn, die sind ja abgehackt. Vielleicht werden
die Bäume für das nächste Jahr eingefroren. Möglich
ist alles.
- Die sehen doch prächtig aus, was meinst du? Se-

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hen die nicht prächtig aus?
- Sehen gut aus, sage ich und trete auf der Stelle,
Sind aber auf der anderen Seite.
- Solange es nicht die andere Seite vom Mond ist,
sagt Vater und rüttelt kurz mal am Zaun.
Der Markt hat einen Radius von vielleicht dreißig
Metern. Der Zaun selbst ist zwei Meter hoch und aus
grünem Maschendraht. Er ist durch Stangen unter-
teilt, die in Zementblöcken stecken.
- Na, dann mach mal, sagt Vater.
Ich schaue durch den Zaun, schaue meinen Vater
an.
- Was schaust du so? fragt er, Spiel ich im Verein
oder du? Nun mach schon einen Hüpfer, zeig mal,
was du drauf hast.
- Tata, ich kann da nicht rübersteigen!
- Was denn? Bist du Mann oder Memme? Wenn
ich nicht so eine Wampe hätte, wäre ich längst schon
wieder rein und raus und noch mal rein und raus und
noch mal und noch mal, verstehst du?
Ich verstehe. Die Wampe meines Vaters ist sehr
merkwürdig. Er hat dünne Beine, dünne Arme und
dann diese Wampe. Er ist im letzten Jahr dreißig ge-
worden, ich habe große Sorge, selbst mal so eine
Wampe zu bekommen.
- Ich kann da nicht …
Vater sieht mich nur an. Dann steige ich über den
Zaun, der sich erst nach innen, dann nach außen
biegt. Schließlich bin ich oben, klemm mir die Ho-
den ein und falle auf der anderen Seite wieder herun-

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ter. Leider liegt hier kein Schnee, die Pflastersteine
lassen meine Zähne zusammenklacken.
- Ging doch prima, sagt Vater.
Ich stehe auf und sehe mich um. Es ist komisch,
dass auf der anderen Seite des Zaunes alles anders
ist. Nur Zentimeter von meinem Vater entfernt be-
ginnt eine andere Welt. Obwohl sich nichts verändert
hat, wirkt es dennoch völlig neu, sobald man nicht
durch den Maschendraht schauen muss. Da ist die
Bude von den Verkäufern, ein Haufen Müll von den
Planen und Plastiknetze, in die die Bäume eingepackt
werden. Und dann natürlich die Bäume selber. Zu-
sammengeschoben wirken sie wie riesige grüne
Schafe, die es sich für die Nacht bequem gemacht
haben.
- Ach nee, sagt Vater hinter mir.
Ich drehe mich um, Vater schiebt sich die Hände
in die Hosentaschen und geht auf die andere Straßen-
seite. Ein Polizeiwagen schleicht vorbei, ich hocke
mich hinter einen Müllhaufen und warte. Der Wagen
biegt an der nächsten Kreuzung ab. Ich kann meinen
Vater nicht finden. Schließlich löst sich ein Schatten
von der Ecke. Vater zieht die Hose hoch und fum-
melt an seinem Reißverschluss herum.
- Wurde aber auch Zeit. Bin mindestens einen Li-
ter losgeworden.
- Du warst pinkeln? frage ich.
- Wie?
Vater macht große Augen.
- Darf man nicht mal schnell pinkeln gehen?

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- Da war eben die Polizei.
- Blödsinn, die juckt das doch nicht, wenn wir uns
einen Baum holen, die wollen doch auch Weihnach-
ten feiern.
Gegen diese Logik kann ich nichts sagen.
- Los, such dir einen aus.
Ich geh zu den Weihnachtsbäumen rüber. Die
Dinger sehen fast alle gleich aus, sodass ich für einen
Moment das Gefühl habe, da liegt nur ein Baum. Ein
Monstrum. Der Tannenbaum der Tannenbäume und
ich muss ihn eigenhändig durch die Gegend schlep-
pen.
- Irgendeinen? rufe ich meinem Vater zu.
- Irgendeinen! ruft er zurück und ich kann an sei-
ner Stimme hören, dass er langsam abschlafft. Der
Alkohol in seinem Blut ist nicht mehr das, was er vor
einer Stunde gewesen ist. Vater muss wieder auftan-
ken, um weitermachen zu können.
Ich picke einen der Bäume und ziehe ihn mit Mü-
he heraus. Er sieht prima aus, dunkelstes Grün und
kräftige Aste. Ich schleppe ihn zum Zaun.
- Was ist das? fragt Vater, Du sollst einen Tannen-
baum und nicht ein Bäumchen herbringen. Scheiße,
machst du auch mal was richtig?
Ich will den Baum wieder zu den anderen Bäumen
zurückbringen, da schlägt Vater klatschend gegen
den Zaun.
- Was tust du? Wieso schleppst du den zurück?
Hol einen Neuen, hörst du, hol einfach einen Neuen.
Widerwillig lasse ich den Baum liegen. Ich finde

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es falsch, dass der da bleiben soll. Er gehört zu den
anderen, aber das interessiert meinen Vater wenig.
Ich sehe mir die anderen Bäume an. Die sind nicht
größer. Und bevor ich einen zweiten rüberschleife
und wieder angeblafft werde, sage ich das mal lieber
meinem Vater.
Also zurück zum Zaun.
- Die sind alle gleich.
- Blödsinn.
- Doch, die sind alle gleich.
- Hol mal ein paar her.
Und so schleppe ich drei Bäume an und kann da-
nach kaum noch gerade stehen. Ich spüre jeden Mus-
kel und bin schweißgebadet. Und jedes Mal schickt
mich Vater von vorne los, läuft auf und ab, kom-
mandiert mich herum.
- Den ganz hinten … Den, wo der Ast so hoch
steht … Probier mal den, ja … Den meinte ich doch
nicht, hol den anderen, was soll ich denn mit dem
anfangen, mh?
Nach einer halben Stunde habe ich vierzehn von
den Dingern zum Zaun rübergeschleift. Wenn ich so
weitermache, habe ich bald alle verlagert.
- Ich kann nicht mehr, sage ich und setze mich auf
einen der Bäume.
- Was du nicht kannst, das kannst du nicht, sagt
Vater und spuckt sich in die Hände. Im nächsten
Moment hängt er sich an den Zaun und will rüber-
steigen. Der Zaun beginnt sich zu biegen.
- Das Bein! rufe ich, Zieh das Bein hoch!

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Entweder ist ihm die Wampe im Weg oder er war
noch nie gut im Rüberklettern. Auf jeden Fall zappelt
er so sehr herum, dass der Zaun mehr und mehr aus
der Fassung gerät und dann kippen in einer langsa-
men Bewegung die Stangen mit den Betonklötzen
nach außen und der Zaun landet auf meinem Vater.
Es gibt einen peitschenden Laut, dann ist es wieder
still.
- Alles okay? frage ich.
Vater braucht eine Weile, um sich zu befreien. Er
steht auf und wischt sich seine Hose sauber. Danach
steigt er über den gefällten Zaun und sagt:
- Geht doch.
Er wählt fachmännisch einen Baum aus, den ich
nie genommen hätte. Er ist mir zu schief. Ich weiß
genau, was meine Mutter sagen wird, wenn sie ihn
sieht. Kommt der mit Rentenversicherung oder was?
Das sagt sie jedes Jahr, weil Vater jedes Jahr krum-
me Monster anschleppt. Ihm geht es nur um Größe,
die Haltung ist ihm schnurzpiepegal.
- Ist mir doch schnurzpiepegal, wie der Baum da-
steht, sagt er und schüttelt ihn kurz, Den will ich ha-
ben.
Wir beginnen das Ding hinter uns herzuschleifen.
Über den Zaun, über die Straße. An der Ampel war-
ten wir einen Moment und gehen dann über Rot.
- Da wird Mama Augen machen, sagt Vater und
grinst.
Er legt mir eine Hand auf den Kopf.
- Mach dir nichts draus, aber so einen Baum aus-

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zuwählen, dafür brauchst du Fingerspitzengefühl,
verstehst du?
Wir kommen am Wagen an, die Scheiben sind von
innen zugehechelt, Lucky tobt, und als sie uns kom-
men hört, bellt sie die Scheibe an und kratzt mit ih-
ren Vorderpfoten über das Glas.
- Beruhige dich, du Töle, sagt Vater und will die
Fahrertür aufmachen. Die Tür bleibt zu. Er probiert
es an der Tür dahinter. Nichts. Er legt die Hände über
die Augen und schaut in den Wagen. Dann richtet er
sich auf und tritt gegen den Hinterreifen und schreit
Lucky plötzlich durch das Fenster an:
- Ich mach aus dir Gulasch! Ich mach aus dir Gu-
lasch und Wurst und Buletten und schneid dir die
Ohren ab und ess sie mit Zwiebeln! Du kleine, ver-
maledeite Töle, ich mach Hackfleisch aus dir!
Die vermaledeite Töle muss während ihrer einsa-
men Panik mit den Pfoten auf einen der Türknöpfe
gekommen sein. Die Automatik ist zugeschnappt, die
Heizung läuft und der Schlüssel steckt.
- Wenn das nicht mein Wagen wäre, sagt Vater,
würde ich jetzt das Fenster einschlagen. Lass dir das
gesagt sein.
Er steht da, seine Fäuste sind geballt. Der Tannen-
baum liegt wie ein Betrunkener auf dem Bürgersteig.
Es ist spät, es ist Weihnachten und Lucky bellt sich
im Wagen die Kehle heiser.
- Zumindest wird dem Vieh nicht kalt, stellt Vater
fest und zieht die Schultern hoch.
- Was guckst du so? ranzt er mich plötzlich an,

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Fass an, sonst kommen die Bullen und das hier
möchte ich ihnen wirklich nicht erklären.

Vom Ernst-Reuter-Platz zum Kaiserdamm sind es


vier Stationen mit der U-Bahn und dauert ungefähr
sieben Minuten. Ich halte den Baum hinten, Vater
dirigiert von der Mitte aus und sagt kein Wort. Auf
dem Bahnsteig sind wir die Einzigen, die warten.
Nach zwei Minuten kommt ein Bahnbeamter.
- Schöne Tanne haben Sie da, sagt er.
- Ja, da machen Sie Augen, was? Schnäppchen des
Jahres, sage ich Ihnen, so was haben Sie noch nicht
gesehen.
Der Bahnbeamte checkt die Tanne und nickt aner-
kennend.
- Und wohin wollen Sie damit?
- Kaiserdamm.
- Ah, Kaiserdamm. Aber nicht mit der U-Bahn,
oder?
- Nee, sagt Vater, Wir warten auf unsere Oma, die
schleppt uns das Ding da hin, was denken Sie?
Der Bahnbeamte findet das nicht witzig und
schmeißt uns raus, nicht ohne vorher noch zwei
Kumpels aus seinem Häuschen zu holen. Auf dem
ganzen Weg nach draußen beschimpft Vater sie, und
als wir endlich wieder auf der Straße stehen, zeigt er
die Bismarckstraße runter und sagt:
- Ist ja nicht weit.
Wir marschieren los.
Ist doch weit.

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Nach über einer Stunde kommen wir endlich an.
Ich bin so was von gerädert, dass ich die Kälte gar
nicht mehr spüre. Wir schleppen den Baum die vier
Stockwerke hoch und kommen in die Wohnung, als
wäre es das Normalste der Welt um halb eins am
Weihnachtsabend mit einem Tannenbaum in eine
Wohnung reinzumarschieren.
- Was ist hier los? ruft Vater.
In der Küche steht Geschirr, die Lichter sind aus
und meine Mutter ist vor dem Fernseher eingeschla-
fen. Meine Schwester liegt im Bett und Onkel und
Tante und Nachbarn sind längst verschwunden.
- Wo wart ihr denn? fragt meine Mutter verschla-
fen und zieht ihren Bademantel zu.
- Wo wir waren? fragt Vater zurück und lacht und
stößt mich an, als ob meine Mutter die Doofe wäre,
die nichts kapiert.
- Wo wir waren, Mensch, was denkst du, wo wir
waren!
Meine Mutter macht sich eine Zigarette an und
bläst den Rauch hoch zur Decke.
- Hol ihn mal, sagt Vater zu mir.
Ich gehe in den Flur und schleife den Baum rein.
Dabei reiße ich die Kommode fast um und verteile
die Schuhe im Flur.
- Wir wären schon früher hier, beginnt Vater zu
erzählen, Aber du weißt ja, was Zoki für einer ist.
Mussten wir eben öfter Pause machen, denn der Wa-
gen hat schlapp gemacht, ist einfach versackt, muss-
ten wir eben herlaufen, ist ja kein Problem. Sieh dir

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das Ding mal an. Die Tanne des Jahres! Der Typ
wollte 200 Mark für haben. Hat er aber nicht ge-
kriegt. Am Ende war er froh, dass ich ihm das
Bäumchen überhaupt abgenommen habe. Ivo, hat er
gesagt, du handelst wie ein Türke. Hat er gesagt, frag
Zoki. Aber das Ding hochzuschleppen, war kein
Spaß, kannst dir ja denken, musste ich natürlich bei-
nahe alleine machen, gut, dass Zoki dabei war, um
die Spitze festzuhalten.
Meine Mutter räumt den Tisch beiseite, wir zerren
den Baum durchs Wohnzimmer und natürlich ist er
viel zu groß – obwohl wir in einem Altbau wohnen
und die Decke über drei Meter hoch ist.
- Was ist das für ein Baum? fragt Mutter, Kommt
der mit Rentenversicherung oder was?
- Red keinen Quatsch, sagt Vater, Hol mal lieber
die Axt.
Er hackt am Stamm herum, meine Schwester wird
davon wach und schaut ins Wohnzimmer.
- Na, Susa, sagt Vater, Schon mal so was gesehen?
- Nee, sagt Susa und gähnt.
Sie setzt sich auf das Sofa und zieht die Beine
hoch.
- Warum bist du so rot im Gesicht? fragt sie Vater.
- Weil ich aus dem Wald komme und Holzfäller
bin, antwortet er und haut noch einmal zu, So, jetzt
müsste er passen.
Wir stecken die Tanne in den Fuß. Sie passt. Sie
lehnt zwar leicht an der einen Wand und ihre Spitze
biegt sich unter der Decke, aber sie passt.

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- Wo ist der Schmuck? Lasst uns den Baum
schmücken! ruft Vater und gießt sich einen Cognac
ein.
- Ivo, sagt Mutter, Es ist ein Uhr morgens.
- Falsch, es ist Weihnachten, korrigiert er sie und
breitet die Hände aus und sieht sich um.
- Was ist hier los, kriegt man am Weihnachtsabend
kein Essen? Sind wir Barbaren? Was ist hier los?
Meine Mutter geht in die Küche, um das Essen
aufzuwärmen. Susa holt Lichterkette, Lametta und
Kugeln und beginnt den Baum zu schmücken. Wäh-
rend wir auf das Essen warten, hebt Vater sie immer
wieder hoch, damit sie die Kugeln auch weiter oben
anbringen kann.
- Wo ist Lucky? fragt Susa.
- Haben wir verschenkt, sagt Vater, Da war ein
armes, kleines Mädchen, das hat Lucky bekommen.
Meine Schwester fängt an zu heulen, Vater fängt
an zu lachen, meine Mutter kommt mit dem Essen
ins Wohnzimmer.
- Jetzt flenn mal nicht, sagt Vater, Lucky sitzt im
Auto und pennt. Wollte einfach nicht aussteigen, ha-
be extra für sie die Heizung laufen lassen.
Wir setzen uns um den Wohnzimmertisch und es-
sen. Susa ist mit dem Dekorieren fertig und macht
das Licht aus. Es ist plötzlich ganz gemütlich im
Zimmer. Mutter sitzt neben mir und klaut von mei-
nem Teller. Susa sitzt gegenüber auf dem Sofa und
summt Hoch auf dem gelben Wagen. Ich bin so mü-
de, dass ich beim Kauen mehrmals wegnicke. Das

25
vierte Mal haut mir Vater gegen den Hinterkopf und
ruft fröhlich:
- Erwischt!
Nachdem wir gegessen haben, müssen Susa und
ich sofort ins Bett.
Wir wissen, was kommt. Wir gehen in unser
Zimmer und stehen im Dunkeln rum und warten.
Plötzlich fliegt die Tür auf und Vater ruft:
- Weihnachten! Holt eure Geschenke!
Wer meinen Vater nicht kennt und in solchen
Momenten tatsächlich unvorbereitet ins Bett steigt,
kann mit schweren nervlichen Schäden im Kranken-
haus landen. Susa und ich sind vorbereitet, wir mar-
schieren ins Wohnzimmer zurück und schauen uns
die Geschenke unter dem Baum an.
- Prima, sage ich und muss gähnen.
- Was gähnst du? fragt Vater, Willst du dein Ge-
schenk etwa nicht haben?
Ich reiße mich zusammen und mache einen auf
fröhlich. Susa kichert und dann holen wir unsere Ge-
schenke und packen sie aus und freuen uns und Vater
legt die Beine hoch und Mutter hat Tränen in den
Augen und Lucky sitzt im Auto und hat Paranoia und
Weihnachten ist mal wieder vorbei.

26
Christine Fehér
Flieg, mein Engel!

27
n unserem Dorf wurde gern geredet, am liebsten
über die Nachbarn. Die Erwachsenen taten es und
wir Kinder machten es ihnen nach. Auf diese Art
konnte man Dinge hören, die man sein Leben lang
nicht mehr vergaß. Am liebsten klatschten die Leute
über den Buckligen, und noch heute wird mir mul-
mig zu Mute, wenn ich an ihn denke. An ihn und an
das, was ich damals in der Weihnachtszeit getan habe.
Ich war elf und es war das Jahr, in dem auf mei-
nem Weihnachtswunschzettel ein Fernrohr stand. Ein
viel zu teurer, vollkommen irrsinniger Wunsch, den
mir meine allein erziehende Mutter, das wusste ich,
nie würde erfüllen können. Aber das einzige Fach,
bei dem ich in der Schule aufpasste, war Erdkunde,
und auch nur dann, wenn es um das Weltall und den
Sternenhimmel ging.
Ansonsten habe ich mir um nichts allzu viele Ge-
danken gemacht. Auch nicht über den Buckligen. Bis
zu jenem Novembernachmittag, als wieder mal unse-
re dicke Nachbarin in ihrer stets fettigen Schürze bei
meiner Mutter am Küchentisch saß. Sie sah ihr beim
Kartoffelnschälen zu und erzählte den neuesten
Klatsch und Tratsch aus dem Dorf. Ich hatte mich in
eine Ecke verzogen und blätterte in einem alten Co-
mic. Da hörte ich die Nachbarin sagen: »Der Buckli-
ge, der ist mal Lehrer hier an der Schule gewesen.«
Mutter rief »Horst?«, doch ich tat, als hörte ich
nichts. Von jenem Tag an war dieser Mann für mich
interessant.

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Ich wartete, bis die Nachbarin fort war, dann frag-
te ich meine Mutter, woher er eigentlich seinen Bu-
ckel habe. Sofort bekam ich von ihr eine Ohrfeige,
und sie schrie: Ȇber so etwas spottet man nicht,
hörst du? Davon will ich nie wieder etwas hören. So
ein Buckel ist eine Strafe Gottes für begangene Mis-
setaten. Pass bloß auf, dass du nicht selber einen be-
kommst.« Dann schickte sie mich in mein Zimmer.
Die Ohrfeige hatte mir nicht so viel ausgemacht.
Immerhin hatte ich meine Antwort bekommen. Ich
kannte meine Mutter und wusste, was ich mit so ei-
ner Frage riskierte. Sie war trotzdem keine böse
Frau. Vielleicht hatte sie mich nur geschlagen, weil
sie Angst hatte.
Noch zufriedener war ich allerdings am Tag dar-
auf nach meinem Besuch bei unserer Krämersfrau im
Dorf. Sie war bestimmt schon an die achtzig, hatte
immer Zeit und wusste auf alles eine Antwort. Also
schlenderte ich in ihren Laden, um mich etwas auf-
zuwärmen, kaufte ihr zwei Marzipankartoffeln ab
und schaute etwas unglücklich drein. Es dauerte kei-
ne zwei Minuten, bis sie sagte: »Na, mein Jungchen,
was ist denn?«, und ich erzählte ihr von der Ohrfeige
und dem Grund dafür. Die Alte schüttelte den Kopf,
winkte mich näher zu sich heran und beugte sich et-
was vor. Aus dem Mund roch sie nach altem Gebiss.
Trotzdem hatte ich sie gern.
»Da irrt deine junge Mutti sich.« Sie flüsterte bei-
nahe. »So ein Buckel ist keine Strafe, ganz im Ge-
genteil. Da sind schon die Engelsflügel drunter. Der

29
Mann ist fast so gut wie der Herr Jesus, und er ist
ihm besonders nahe. Bald kommt er in den Himmel.«
Am nächsten Morgen streute ich mein gesammel-
tes Wissen unter den anderen Jungen in der Schule
aus. Darin war ich so geschickt, dass keiner von ih-
nen bemerkte, von wem diese Gerüchte eigentlich
ausgingen. Dass ein Lehrer unserer Schule Engels-
flügel haben sollte, selbst ein ehemaliger, glaubten
wir alle nicht. Keiner von uns war eine Leuchte, des-
halb kannten wir unsere Lehrer nur von der strafen-
den, korrigierenden Seite, wobei wir sie oft un-
gerecht fanden. Deshalb sollten auch sie mal eins
ausgewischt bekommen, und mit dem Buckligen hat-
ten wir unseren Sündenbock gefunden. Von wegen
Engelsflügel – das sollte er uns erst mal beweisen!
Also gründeten wir eine Bande, die den Buckligen
verfolgen sollte, um herauszubekommen, welche der
beiden Versionen richtig war –Engel oder Böse-
wicht. Unser Boss war Herrmann, ein Großer, Kräf-
tiger mit Stoppelhaarschnitt, einer von der Sitzen-
bleibersorte, der alle, die bessere Schulnoten hatten
als er, verächtlich »Streberleiche« nannte. Herrmann
hatte alle Jungen im Dorf unter sich. Mich nannte er
»Mädchen«, weil ich eine Fähigkeit hatte, die mich
von allen anderen Jungen unterschied: Ich hatte von
meiner Mutter etwas nähen gelernt.
Am ersten Tag fiel uns nicht viel ein. Nach den
Hausaufgaben streunten wir durch unser Dorf, in
Zweier- oder Dreiergrüppchen, um nur ja nicht
gleich aufzufallen. Wir schubsten und rangelten uns,

30
klauten ein bisschen und warfen Steine auf die dünne
Eisschicht des Flusses am Waldrand, während wir
Ausschau nach dem Buckligen hielten. Doch als wir
uns bei Einbruch der Dämmerung vor dem stillgeleg-
ten Brunnen am Marktplatz wiedertrafen, hatte ihn
noch keiner von uns gesehen. Herrmann tönte be-
reits, er glaube das mit den Flügeln sowieso nicht.
Doch ich hielt daran fest.

Am ersten Adventssonntag mussten wir alle in die


Kirche. Meine Mutter schrubbte mir bereits am
Samstagabend die Hände, bis sie rot waren und
schnitt meine Fingernägel kurz. Dabei summte ich
ein Weihnachtslied vor mich hin, das von einem En-
gel handelte, doch sie ging überhaupt nicht darauf
ein. Dann setzte sie sich auf meine Bettkante, um mit
mir zu beten. Diese Minuten nutzte ich jeden Abend
für meine Zwecke, denn nie klang ihre Stimme so
weich, nie ruhten ihre Augen so liebevoll auf mir wie
während des Nachtgebets.
»Mutti«, fragte ich sie und machte mich unter
meiner Decke etwas kleiner, als ich war, »was ge-
schieht mit den Toten, die in ihrem Leben nie böse
waren? Wo kommen die hin, die immer nur Gutes
getan haben?«
»Die gibt es nicht.« Meine Mutter seufzte leise.
»Wir alle sind Sünder. Wirklich gut ist nur Jesus, der
durch seinen Tod unsere Sünden auf sich genommen
hat. Ihm müssen wir nacheifern und dennoch be-
schämt eingestehen, dass wir nie seine Güte errei-

31
chen werden. Das Einzige, was wir tun können, ist,
ihn zu lieben mit all unserer Kraft. Jeden Tag müssen
wir uns darum bemühen.«
Ich lag noch lange wach und versuchte mir Jesus
vorzustellen, doch ich wusste nicht einmal annä-
hernd, wie er ausgesehen hatte. Ich strengte mich an,
ihn zu lieben, und empfand nichts. Wenn ich nicht
einmal das schaffte, würde ich bestimmt erst recht
kein Fernrohr zu Weihnachten bekommen. Dabei
wünschte ich es mir doch so sehr! Verzweifelt dachte
ich wieder an den Buckligen, dem all dies offenbar
mühelos gelang. Die alte Krämersfrau hatte gesagt,
er wäre fast so gut wie Jesus selbst. Dann erfüllte der
ihm bestimmt auch seine Wünsche …
Im vorigen Sommer hatte ich unserer Henne, als
sie brütete, eines ihrer Eier gestohlen und aufgebro-
chen. Das Küken war noch nicht lebensfähig gewe-
sen, doch ein bisschen hatte es sich bewegt, die Flü-
gelchen waren mit Flüssigkeit und Dotter verklebt,
sahen mager und knochig aus und zuckten noch
schwach. Ich war fasziniert und angeekelt zugleich
gewesen. Genau so stellte ich mir auch die Flügel des
Buckligen vor, zusammengeknautscht und verkleis-
tert unter der Haut auf seinem Rücken. Wie es wohl
aussehen würde, wenn sie sich entfalteten?
Am Sonntagmorgen stand ich früher als sonst in
meinem blauen Anzug unter der Tür und versuchte,
meine Ungeduld zu verbergen. Es erschien mir wie
eine Ewigkeit, bis meine Mutter bereit war zu gehen.
Wir erreichten die Dorfkirche erst, als die Glocken

32
schon läuteten, und ich fluchte insgeheim, denn die
meisten Jungen aus der Bande waren sicher schon
da. Ich zuckte zusammen, als wir uns durch die dicht
besetzten Reihen zwängten und die Orgel ohne Vor-
warnung ihr bedrohliches Eingangslied begann. Mei-
ne Mutter sprach, bevor sie sich setzte, ein tonloses
Gebet. Ich faltete ebenfalls die Hände und zählte
stumm bis zehn, während ich unter gesenkten Lidern
Ausschau hielt.
Meine Bande war gut im Kirchenschiff verteilt.
Zwei Jungen hatten mich entdeckt und nickten mir
fast unmerklich zu. Herrmann lümmelte sich ganz
hinten in seinem Stuhl. Ich ließ mich neben meiner
Mutter auf der harten Bank nieder und in diesem
Moment entdeckte ich ganz vorn in der ersten Reihe
den Buckligen. Weil er neben seinem Sitznachbarn
so klein wirkte, hatte ich ihn nicht gleich erkannt. Er
schaukelte ein wenig mit dem Oberkörper hin und
her, und ich dachte zuerst, es wäre ein behindertes
Kind, aber wir hatten sonst keine Behinderten im
Dorf. Erst als ich die alte Krämersfrau auf ihrem
Stammplatz schräg hinter dem Taufbecken erblickte,
sie mir zulächelte und mit dem Kopf ganz leicht in
die Richtung deutete, wo der Bucklige saß, erkannte
ich ihn und ließ ihn von nun an nicht mehr aus den
Augen. Meine Mutter schaute fortwährend auf den
Pastor, den Adventskranz und auf die hölzerne Jesus-
figur am Kreuz über dem Altar. So bemerkte sie
glücklicherweise nicht, was in mir vorging.
Auch der Predigt unseres Pastors hörte ich nicht

33
zu. Das Abendmahl aber, das war die Stunde der
Kinder. Wir durften nicht mit, bevor wir eingesegnet
waren, doch dieses Sakrament war herrlich geeignet,
um die Erwachsenen zu beobachten. Deshalb kann-
ten wir Kinder die meisten Leute ziemlich gut.
Neben meiner Mutter saß unsere Nachbarin. Ohne
ihre Fettschürze und mit aufgetürmtem Haar sah sie
ganz anders aus als sonst, doch auch in ihrem Sonn-
tagskleid stank sie nach Schweiß und Hühnerfutter.
Sie erhob sich, noch ehe der Pastor den Segen über
den Wein gesprochen hatte, und fragte meine Mutter
ziemlich laut, ob sie nicht mitkäme zum Tisch des
Herrn. Meine Mutter ging aber immer erst beim
zweiten Mal, sie winkte dezent ab. Die Dicke wankte
nach vorne, schob ein paar Leute beiseite und baute
sich genau in der Mitte vor dem Pastor auf.
Die kleine Krämersfrau ging erst zum dritten
Tisch. Sie lächelte still und kniete sich ganz außen an
der Kanzelseite hin. Nach dem vierten Tisch hatte
der Pastor schon die Hände erhoben, um die Ge-
meinde zu segnen und das Kreuz zu zeichnen, als der
Bucklige ein wenig zögernd aufstand und ganz allein
zu ihm ging. Auch er kniete nieder, kaum eineinhalb
Meter war er groß, und als er mit seinem schiefen
Hals den Kopf hob und auf seine Oblate wartete, be-
kam ich plötzlich Bauchschmerzen vor lauter Scham
darüber, dass wir ihm so nachstellten. Aber weg-
schauen konnte ich nicht. Die ganze Kirche sah hin.
Man hörte nicht einmal jemanden husten.
Der Pastor segnete den Buckligen. Allen anderen

34
hatte er die Hand auf den Scheitel gelegt, doch den
Buckligen berührte er außerdem noch sanft am Rü-
cken, als er ihn entließ. Der Bucklige lächelte die
ganze Zeit, bis er wieder auf seinem Platz saß, und
hinterher meinte ich zu hören, wie er die Choräle
mitsang.

»Er hat ihn an den Flügeln angefasst!« Ich hockte


mit den anderen Jungen nach dem Gottesdienst auf
der Schulhofmauer und warf mit Stöcken nach ein
paar hässlichen grauen Tauben, die auf dem hart ge-
frorenen Boden vergeblich nach Körnern pickten.
Meistens traf ich daneben. »Wollen wir nicht aufhö-
ren? Wer weiß, was passiert, wenn wir ihm wirklich
etwas tun«, fügte ich hinzu.
»Was soll denn passieren!« Herrmann spuckte vor
mir aus. Auch ein paar von den anderen schauten
mich jetzt geringschätzig an. »Kneifst du immer so
schnell? Ich habe dem Alten beim Rausgehen mal
kurz in seinen Höcker gepikst. Hiermit.« Er hielt eine
rostige Sicherheitsnadel hoch.
Ich glotzte ihn an. »Und? Ist was rausgelaufen?«
Herrmann lachte schallend. »Rausgelaufen! Was
sollte denn rauslaufen? Eidotter, wie bei deinem
dämlichen Küken? Gequiekt hat er, der Bucklige,
wie ein Schweinchen! Alle Lehrer sind Schweine.«
Er stach mit der Nadel nach mir, doch ich sprang zur
Seite. »Aber dein Heiliger könnte auch ein Kamel
sein bei dem Körperbau. Er ist nur ein Krüppel, wei-
ter nichts. Du wirst schon sehen.«

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Ich rannte davon, zwei kleinere Jungen folgten
mir, doch die anderen blieben an Herrmanns Seite.
Ich sehnte mich nach meiner Mutter und nach unse-
rer Gebetsstunde am Abend; ich wollte einfach nur
meinen Kopf in ihren Schoß legen und gar nichts sa-
gen. Mir war so nach Weinen zu Mute.
Als ich unsere Haustür hinter mir schloss, ver-
nahm ich schon wieder die Stimme der Speckschür-
zennachbarin. Ich weiß nicht, ob ich ernstlich erwar-
tet hatte, meine Mutter allein anzutreffen, doch die-
ses Mal ging ich absichtlich, ohne zu grüßen, an der
Dicken vorbei. Meine Mutter bürstete Steckrüben für
unseren Wintereintopf ab, die Nachbarin thronte mit
zwei prall gefüllten Einkaufstaschen neben ihr und
hörte nicht auf zu reden.
»Die Alte im Laden drunten ist eine ganz unehrli-
che Person.« Sie schlug mit der flachen Hand auf
ihre schwabbeligen Schenkel. »Hat sie mir doch letz-
tens zu wenig herausgegeben! Ich sage es Ihnen, die
Frau lügt und betrügt.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich
kaufe da nicht mehr.«
Meine Mutter nickte stumm und bürstete weiter.

In dieser Nacht bekam ich hohes Fieber. Ich träumte


viel wirres Zeug, fuhr mit meinen Händen in der Luft
herum, um mein heiß ersehntes Fernrohr zu errei-
chen, doch es glitt mir immer wieder weg. Wenn ich
wach war, wälzte ich mich in meinem Bett und sah
den Buckligen vor mir als Lehrer mit einem Stock
auf mich zukommen, dann Herrmann mit seiner Na-

36
del und die alte Krämerin mit ihrer eindringlichen
Flüsterstimme, und diese Bilder verschwanden nicht,
so tief ich auch unter meine kratzige Wolldecke
kroch. Alle halbe Stunde trat meine Mutter zu mir
und kühlte mein Gesicht mit einem feuchten Tuch,
bis ich im Morgengrauen endlich Ruhe fand. Ich
wurde ernstlich krank, doch selbst als ich wenige
Tage vor Weihnachten wieder zur Schule gehen
konnte, wusste ich, dass das Ganze noch nicht ausge-
standen war.
Ich nahm meine Schultasche und trödelte noch in
der Küche herum, da erzählte meine Mutter mir ganz
beiläufig, die alte Krämersfrau sei letzte Woche ge-
storben. Sie merkte gar nicht, wie sehr ich erschrak.
»So schlimm ist das nicht.« Sie ließ Wasser zum Bo-
denwischen in einen Eimer laufen und suchte nach
ihren Gummihandschuhen. »Die hielt immer gar zu
sehr zu diesem krummen Mann. Das war mir nie ge-
heuer.«
Ich dachte an den stummen Holzjesus in der Kir-
che, an die Worte meiner Mutter, nach denen alle
Menschen Sünder waren, und an die Krämerin, die
an das Gute im Menschen und besonders an das Gute
in dem buckligen Mann geglaubt hatte – und war nun
vollends verwirrt.

An der Schulhofmauer unter der kahlen, hohen Kas-


tanie wartete Herrmann auf mich, hinter ihm ein paar
von den anderen, und mit einem Mal sehnte ich mich
nach einem echten Freund. Das mit Herrmann und

37
der Bande war nur zum Zeitvertreib, und nun sah ich,
wie schnell Freundschaft in Drohungen umschlagen
konnte. Herrmann empfing mich nicht aus Güte oder
weil ich ihm während meiner Krankheit gefehlt hatte.
Das sah ich ihm schon auf hundert Meter Entfernung
an.
»Heute Nachmittag fliegt unser Engel!« Herrmann
versperrte mir den Weg. »Du bist dabei. Und zwar in
der ersten Reihe.«
»Ich darf noch nicht so lange raus.« Mit klopfen-
dem Herzen trat ich einen Schritt beiseite, um an ihm
vorbeizugehen. »Ich hatte eine Lungenentzündung.«
»Du bist ein Säugling.« Er zog mir den Kopf an
den Haaren ins Genick. »Um halb drei stehst du auf
der Brücke. Oder du kannst was erleben.«
Die Brücke war damals eine der einsamsten Stel-
len in unserer Gegend. Hier geht der Fluss, an dem
unser Dorf liegt, in einen Wasserfall über. Doch zu
jener Zeit war der Wanderweg schon umgeleitet
worden, weil die Brücke morsch war. Eine neue
wurde ewig nicht gebaut. Nur wir Kinder hielten dort
ab und an geheime Treffen ab.
Der Fußweg zur Brücke dauerte eine halbe Stunde,
und als ich sie erreichte, war ich trotz Minusgraden
nass von Schweiß, mein Atem ging pfeifend und das
Hemd klebte mir am Körper. Ich war noch schwach
auf den Beinen vom langen Liegen, mir wurde leicht
schwindlig. Auch hatte ich meiner Mutter nicht ge-
sagt, wohin ich ging, und vor Herrmann fürchtete ich
mich. Da entdeckte ich den Buckligen.

38
Er saß auf der Brücke, an einen Pfeiler gelehnt,
der das wackelige Geländer abstützte wie eine Grei-
sin ihren fußlahmen Mann, und er aß etwas, ich
konnte nicht erkennen, was es war. Ansonsten be-
wegte er sich nicht, ich sah ihn nur kauen, abbeißen
und wieder kauen mit seiner schiefen Kopfhaltung,
und mir wurde klar, dass er wohl oft hierher kam.
Der ganze Platz gehörte ihm. Ich wollte ihn nicht stö-
ren, überhaupt wollte ich nach Hause. So leise ich
konnte, wandte ich mich um.
Vor mir stand Herrmann. Ohne ein Wort zu sagen,
packte er mich im Nacken und schob mich auf die
Brücke zu. Seine Gefolgschaft schlich geduckt hinter
uns her. Ich sträubte mich, doch Herrmann war stär-
ker.
»Da hast du deinen Engel, Mädchen.« Er sprach
ganz leise und ein wenig heiser, ich spürte seinen
Atem an meinem Ohr. »Du gibst ihm jetzt einen
Schubs, und dann werden wir ja sehen, ob er fliegt.«
»Bist du verrückt!« Ich versuchte mich aus seinem
Griff zu winden. »Unter ihm ist der Wasserfall.
Wenn er stirbt!«
Herrmann drängte mich vorwärts. »Du behauptest,
dass er Flügel unter dem Buckel hat. Ich sage, er ist
ein Krüppel. Wenn du gelogen hast, bist du dran.«
Ich sah mich unauffällig nach einem Fluchtweg
um, doch ich hatte keine Wahl. Nur noch wenige
Meter trennten uns von dem Buckligen, der uns nicht
zu bemerken schien. Herrmann versetzte mir einen
kräftigen Stoß, ich strauchelte und schlug ganz dicht

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neben dem Mann mit dem Gesicht auf das schmutzi-
ge Holz. Dann hörte ich, wie etwas Schweres in das
eisige Wasser fiel, und wagte nicht aufzusehen.
Herrmann und die anderen rannten fort.
»Lass sie gehen.« Die Stimme des Buckligen kam
von ganz nah, ich hatte sie mir anders vorgestellt,
nicht so wohlklingend und tief. »Nichts ist passiert.
Es war nur mein Brotbeutel. Der ist von der Brücke
gerutscht.«
Zögernd blinzelte ich durch meine Wimpern zu
ihm auf. Sein Gesicht war dicht über meinem, und
nun sah ich erst richtig, wie krank er war. Selbst sei-
ne Augen standen so schief, dass er schielte. Lang-
sam rappelte ich mich hoch.
»Sie hätten tot sein können!«
»Ich kenne doch solche Jungen wie euch.« Der
Bucklige winkte ab und sah in die Ferne. »Schließ-
lich war ich immer gern Lehrer … Du weißt doch
davon?«
Ich nickte und sah zu Boden.
»Leider machte der Rücken nicht mehr mit.« Er
drehte sich mit der Seite zu mir, sodass ich das ganze
Ausmaß seines Leidens vor Augen hatte. »Doch das
ist nicht so arg. Viel schlimmer ist die Einsamkeit.«
Verblüfft dachte ich daran, dass wir da etwas ge-
meinsam hatten, und wartete darauf, mehr zu hören.
»Die Leute machen sich zu viele Gedanken über
einen wie mich. Dann sagen sie ungerechte Dinge,
die ich nicht hören soll. Dabei kenne ich jedes
Wort.«

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»Herrmann sagt, Sie sind ein Krüppel.« Ein wenig
verpetzen wollte ich ihn nun schon.
Doch der Bucklige schüttelte den Kopf. »Das mei-
ne ich nicht. Ich rede von den Flügeln, die ich haben
soll. Die Krämerin hat es immer gut gemeint, aber
gerade damit grenzte sie mich aus. Selbst in der über-
füllten Kirche zu Weihnachten bin ich allein. Nie-
mand wagt es, mit mir zu reden.«
»Doch!« Ich sah ihm fest in seine schielenden Au-
gen. »Ich.« Amüsiert dachte ich daran, was Herr-
mann heute alles versäumt hatte. Wir werden schon
noch sehen, wer von uns ein Mädchen ist, lachte ich
still in mich hinein. So nah wie ich hatte er sich je-
denfalls noch nie an den Buckligen herangetraut.
Der Mann atmete tief ein. Jetzt, von vorn, sah er
nicht ganz so schief aus. Er reichte mir die Hand.
»Und nun flieg, mein Engel. Geh nach Hause und
werde erst mal richtig gesund. Ich werde bestimmt
niemandem sagen, wo du warst.« Dabei lachte er, als
hätte er einen tollen Witz gemacht, doch ich wusste
genau, wie er das gemeint hatte.
»Ich könnte Sie begleiten!«, rief ich und sprang
auf.
Der Bucklige bedankte sich. »Ich bleibe noch ein
Weilchen. Sieh nur, es dämmert bereits, und am
Himmel sind schon die ersten Sterne zu sehen! Der
große dort leuchtet besonders hell.«
»Ein Fernrohr müsste man haben«, seufzte ich.
Dann wanderte ich heimwärts. Dieses Mal jedoch
ließ ich mir Zeit auf meinem Weg, und so war es

41
längst stockfinster, als ich schließlich zu Hause an-
kam. Die Speckschürzennachbarin hätte ich küssen
mögen, denn dank ihrer hatte meine Mutter kaum
gemerkt, wie lange ich fort gewesen war. Ich wollte
noch ein Weilchen allein sein. Doch abends nach
dem Beten kam mir ein Gedanke, den ich für grandi-
os hielt.
»Vielleicht ist der Bucklige ja der Weihnachts-
mann, Mutti!«, mutmaßte ich. »Es könnte doch sein,
dass er so krumm geworden ist, weil er immer so
viele Geschenke schleppen muss!«
Natürlich wollte ich damit erreichen, dass meine
Mutter den Buckligen an Heiligabend zu uns einlud.
Stattdessen handelte ich mir eine weitere Ohrfeige
ein und bekam nichts zu Weihnachten.
Als ich den Buckligen nach den Feiertagen auf der
alten Brücke wieder traf, schenkte er mir sein altes
Fernrohr, das noch ganz gut funktionierte. Ich hatte
ihm heimlich aus Stoffresten einen neuen Brotbeutel
genäht. Dicht nebeneinander saßen wir in der Kälte
und sahen uns gemeinsam die Sterne an. Und obwohl
wir am Firmament weder Engel entdeckten noch
selbst welche waren und ich das mieseste Weih-
nachtsfest meines Lebens hinter mir hatte, wuchs an
jenem Tag ganz allmählich in mir das Gefühl, fliegen
zu können.

42
Thomas Feibel
Kein Weihnachten mit Andre

43
ndre Salzmann war ein Idiot. Mit seinen Marot-
ten ging er allen im Ferienlager mächtig auf die Ner-
ven. Für einen Fünfzehnjährigen sah er verdammt
lächerlich aus: Offenbar trug er die ausgedienten,
grauen Anzughosen seines Vaters auf und besaß nur
einen hellblauen Rollkragenpulli und einen Norwe-
gerpullover mit gezackten Hirschmotiven. Seinen
bulligen Körper verbarg er unter seinem Parka. Diese
olivgrüne Jacke mit Fellkapuze liebte er heiß und
innig. Nie hatte einer von uns André ohne sie gese-
hen. Sogar nachts streifte er den Parka über seinen
karierten Schlafanzug und stieg so ins Bett.
Mit seinem defekten Kassettenrekorder trieb er
uns, seine vier Zimmergenossen, in den Wahnsinn.
Kaum hatte er den Raum betreten, schaltete er die
Klapperkiste ein. André schien den Song American
Pie von Don McLean ganz besonders ins Herz ge-
schlossen zu haben. Jedenfalls hatte er die achtein-
halb Minuten lange Fassung hintereinander immer
wieder auf einer Neunziger-Kassette von beiden Sei-
ten aufgenommen. Pausenlos dröhnte der Refrain
»Bye, bye, Miss American Pie« leiernd aus dem Ge-
rät. Und selbst wer den Song mochte, hatte nach spä-
testens zwanzig Minuten von dem Gejaule genug.
Zweimal schon hatten wir ihm die Kassette geklaut.
Vergeblich. Er musste in seinem abgeschlossenen
Koffer einen unendlichen Vorrat an Kopien dieser
Aufnahme haben.
Unserem genervten Protest begegnete er stets un-

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einsichtig. Jeden Abend stand er barfüßig in Schlaf-
anzug und Parka vor seinem Rekorder und putzte
sich die Zähne. Manchmal stürzten wir uns vor lauter
Verzweiflung auf ihn und versuchten ihm seinen
dämlichen Parka vom Leib zu reißen. Aber der tum-
be Kerl mit den braunen Strubbelhaaren war einfach
zu stark. Die einen setzten schließlich nur noch auf
das Erlahmen seiner Batterien, die anderen beschlos-
sen einfach, taub zu werden. Draußen schneite es.
Wir waren in einem jüdischen Ferienlager mitten
in Tirol. Während wir draußen in der Dezemberwelt
kaum den geschmückten Tannenbäumen und Weih-
nachtsmärkten entkommen konnten, blieb unsere Un-
terbringung die einzig sichere, weihnachtsfreie Zone.
Irgendwie verwirrte uns Weihnachten. Obwohl die
Weihnachtsfeiertage nichts mit unserer Religion zu
tun hatten, mochten wir das Fest mit dem Lich-
terschmuck und der gemütlichen Stimmung. Auch
wenn wir das nie zugegeben hätten. Während alle
Welt Weihnachten feierte, fuhren wir jedes Jahr Ski
und taten so, als wäre nichts. Jedenfalls diejenigen
von uns, die Ski fahren konnten.
Am 24. Dezember nahm sich André Salzmann
vor, die hohe Kunst des Skifahrens zu erlernen. Da-
vid, ein schlaksiger grünäugiger Medizinstudent mit
russischen Vorfahren und ständig triefender Nase,
war für unsere ärztliche Versorgung während der Fe-
rien zuständig. Er erklärte sich als Einziger bereit,
den Jungen im Parka in die Grundlagen des Abfahrt-
skis, also Schneepflug, Parallelschwung und Brems-

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manöver, einzuweisen. Zwei Dinge erschwerten die-
ses Vorhaben: Erstens erwies sich der mopsige And-
ré alles andere als sportlich, und zweitens ließ er sich
grundsätzlich von niemanden etwas sagen.
Ton und Umgangsformen hingen bei ihm von sei-
nen häufig wechselnden Berufsplänen ab. Noch mit
vierzehn hatte er lauthals verkündet, er wolle Feuer-
wehrmann werden. Von da an hatte er nur noch über
Brandursachen und Löschtechniken gesprochen. Und
nichts und niemand hätte ihn von diesem Projekt ab-
bringen können. Vor einem Jahr hatte er eine nicht
weniger schwierige Phase als Kommissar durchge-
macht. Ständig schlich er hinter den anderen her,
nickte wissend und machte sich eifrig Notizen auf
einem Block, den er immer bei sich trug.
Dieses Jahr wollte André Arzt werden. Und da er
in seiner heimatlichen Bibliothek in Frankfurt alle
vorhandenen Fachbücher über Krankheiten und Ope-
rationen in sich aufgesogen hatte, brachte er gegen-
über unserem Mediziner David einfach nicht den nö-
tigen Respekt auf. David hatte mit einem Mal einen
Assistenten, der ihm ständig in seinen Behandlungs-
methoden reinredete.
Unser Bus hielt in der Nähe der Nähe der Anfän-
gerpiste. André mühte sich, durch Bauch und Parka
gehemmt, in seine Skischuhe. »Hilf mir mal«, befahl
er David und stützte sich auf dessen Schulter ab, bis
er einigermaßen sicher auf seinen Skiern stand und
die Bindungen eingerastet waren. Dann zog er seine
Mütze zurecht und nahm, noch ehe David etwas sa-

46
gen konnte, mit seinen Stöcken Schwung. »Ich fah-
re!«, rief er triumphierend. Doch bevor er die Piste
erreicht hatte, rutschte er und kippte wie ein olivgrü-
ner Mehlsack zur Seite in den Schnee. Ganze fünf
Sekunden hatte er sich auf den Beinen gehalten. Die
aus den Bindungen gelösten Skier sausten ohne And-
ré den Abhang hinunter. Sofort sprang David herbei
und half dem Pechvogel auf die Beine. Einer der an-
deren Jungs fuhr runter, um die Skier einzusammeln.
»Mein rechter Fuß!«, jammerte André und setzte
sich in den Schnee. »Ich kann nicht auftreten. Au,
das tut so weh.«
Behutsam zog ihm David den Skischuh aus. »Et-
was angeschwollen«, meinte der Medizinstudent.
»Vermutlich verstaucht.«
»Völliger Unsinn«, erklärte André ärgerlich. »Das
Gelenk ist gebrochen, Herr Kollege.«
David schüttelte den Kopf. »Das sieht mir eher
nach einer Verstauchung aus.«
»Nein«, beharrte André mit einem Kennerblick auf
seinen Fuß, »viel eher handelt es sich um einen kom-
plizierten Bruch, Herr Kollege. Das weiß ich genau.«
»Und woher?«, fragte David genervt.
Der Junge im Parka verdrehte die Augen. »Weil
ich als zukünftiger Arzt so einen Bruch schon hun-
dertmal auf Abbildungen gesehen habe. Ich fürchte,
ich muss auf einer Röntgenaufnahme bestehen!«
»Und wie sollen wir das machen?«, fragte David
und putzte seine rote Nase. »Der Busfahrer kommt
erst um fünf wieder.«

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André klopfte sich den Schnee von seinem Parka.
»Und welche Behandlungsmethode schlagen Sie
dann vor, Herr Kollege?«
»Nun, zuallererst könntest du mal aufhören, mich
mit Herr Kollege anzusprechen, du Schmock. Und
dann versuchen wir es hiermit«, meinte David und
kramte aus seiner Jacke eine Alka Seltzer heraus, eine
münzgroße, wasserlösliche Kopfschmerztablette.
Schließlich mussten wir mit einem Taxi in das
kleine Krankenhaus im Nachbarort fahren.
»So ein Pech!«, meinte die Krankenschwester in
der Aufnahme mitfühlend. »Du armer Kerl, ausge-
rechnet an Heiligabend …«
Außer André waren keine anderen Patienten zuge-
gen.
»Er ist beim Skifahren gestürzt«, erklärte David
der Schwester. »Sein Bein ist verstaucht.«
»Ist es nicht«, widersprach André laut. »Bitte
schön, wir wollen hier doch keine wertvolle Zeit ver-
schwenden. Wenn Sie mich bitte schleunigst röntgen
könnten! Dann werden Sie feststellen, dass ich eine
komplizierte Fraktur im Unterschenkel habe. Selbst
einen mehrfachen Bruch kann ich nicht ausschlie-
ßen.«
Die Schwester verfrachtete André in einen Roll-
stuhl und schob ihn in ein leeres Wartezimmer. »Es
kann noch eine Weile dauern«, meinte sie kurz ange-
bunden. »Wegen der Feiertage haben wir nur eine
kleine Besetzung.«
Überall hingen Infoplakate. Im Fenster blinkten

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Weihnachtslichter, und aus dem Büro der Kranken-
schwester drang weihnachtliche Musik zu uns her-
über: jubilierende Chöre und Lieder, wahrscheinlich
aus dem Radio. Für eine Weile hielt André tatsäch-
lich den Mund und starrte schweigend vor sich hin.
Vermutlich hatte er Angst, den Rest der Ferien im
Krankenhaus verbringen zu müssen.
David putzte kurz seine Nase und zog ein Set Po-
kerkarten hervor. »Wollen wir?«
Wir setzten uns um einen Kindertisch herum. Da-
vid mischte die Karten und teilte aus. André blickte
an die gegenüberliegende Wand. Dort hing ein
Kreuz. Nichts machte uns jüdische Jugendliche so
ratlos wie das Abbild des Gekreuzigten. Obwohl wir
Jesus respektierten, ohne an ihn zu glauben, wussten
wir nie so recht, wie wir auf sein Abbild reagieren
sollten. Schließlich wies uns seine Anwesenheit im-
mer wieder daraufhin, dass wir nicht zum christli-
chen Abendland gehörten.
Während wir lustlos pokerten, hörten wir, wie die
Krankenschwestern zur Radiomusik sangen.
»Irgendwie ist Weihnachten gar nicht so
schlecht«, murmelte André. »Ich meine, von der
Aufmachung her …«
»Aber wir haben Chanukka«, erwiderte David.
»Das ist doch auch ein tolles Fest. Und Geschenke
gibt es auch.«
»Schon«, räumte André ein. »Aber so ein Weih-
nachtsmann macht eben doch mehr her. Dazu die
ganzen Konzerte …«

49
David sammelte die Karten ein. »Sag mal, auf
welcher Seite stehst du eigentlich?«
Da erschien eine der Schwestern in der Tür.
»Wenn Sie wollen«, meinte sie freundlich, »können
Sie auch gerne bei uns im Zimmer warten. Wir feiern
gerade ein bisschen.«
Überrascht starrten wir sie an.
Die drei Schwestern empfingen uns herzlich. Sie
boten uns Tee an, Kaffee und Plätzchen und dazu
einen Kuchen, der mit Puderzucker bestreut war.
Während die in Weiß gekleideten Damen munter
miteinander plauderten, kauten wir schweigsam auf
dem Kuchen herum.
»Was ist das?«, fragte André mit vollem Mund.
»Christstollen.«
Schweigend betrachteten wir den Adventskranz
mit den vier brennenden Kerzen und der roten
Schleife. Im Hintergrund stand ein kleiner Tannen-
baum aus Plastik mit bunten Kugeln und Lametta.
»Der ist echt lecker«, urteilte André fachmännisch.
Nun stimmten die Krankenschwestern Weih-
nachtslieder an und forderten uns auf, mit ihnen zu
singen. Das war aber gar nicht so leicht. Wir kannten
zwar ein paar der Melodien, aber nicht den Text. Da-
vid brachte gerade mal die Zeile »Oh Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter« hervor.
Eine der Schwestern goss Tee nach. »Was macht
das Bein?«, fragte sie André.
»Für einen mehrfachen Bruch sind die Schmerzen
erstaunlich erträglich«, erwiderte er. »Ach bitte

50
schön, könnte ich noch etwas Christstollen haben?«
»Sicher«, antwortete sie. »Keine Angst. An Hei-
ligabend bleiben nur die absoluten Notfälle hier. So-
bald der Arzt dich untersucht hat, kannst du nach
Hause zur Bescherung.«
Wir wussten nicht so recht, was wir sagen sollten,
und kamen uns wie Aliens vor. Unser Schweigen
vergiftete langsam, aber sicher die freundliche Atmo-
sphäre.
»Machen Sie hier Urlaub?«, versuchte die Kran-
kenschwester erneut ein Gespräch anzuknüpfen.
»Ja«, antwortete David einsilbig. »Skiurlaub.«
Dann kaute er weiter an seinem Plätzchen herum.
»Und woher aus Deutschland kommen Sie?«
»Aus ganz verschiedenen Gegenden. Wir sind eine
Jugendgruppe.«
»Ohne Eltern?«
»Die sind zu Hause.«
»An Weihnachten?«
David schlürfte ratlos seinen Tee. Für einen Mo-
ment war es im Zimmer totenstill. Von draußen nä-
herten sich Schritte. Der Bereitschaftsarzt trat herein.
»Was haben wir denn hier?«, fragte er fröhlich.
»Ich bin beim Skilaufen gestürzt, Herr Kollege«,
erklärte André bedeutungsvoll und wischte sich die
Krümel von seinem Parka. »Schwer gestürzt.«
»Kollege?« Der Arzt kratzte sich am Hinterkopf.
»Bist du hier etwa der Arzt?«
»Noch nicht, aber sobald ich mit der Schule fertig
bin, studiere ich Medizin. So viel steht fest. Ich mei-

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ne«, er sah betreten zu Boden, »nur falls mein Bein
nicht amputiert werden muss. Möglicherweise sind
die Brüche zu schlimm, oder es hat sich schon eine
Entzündung ausgebreitet.«
Der Arzt sah fragend in die Runde. Eine Kranken-
schwester zuckte mit den Schultern, David blätterte
gelangweilt seinen Kartenstapel durch.
Der Arzt untersuchte André. »Das Bein ist ver-
staucht«, lautete die Diagnose. »Wenn du es in den
nächsten Wochen nicht zu sehr belastest, ist das bald
vorbei, Herr Kollege.« Er grinste.
»Und die Amputation?«, fragte André erstaunt.
»Fällt aus.«
»Und mein Skikurs?«
»Ebenso.« Während der Arzt seinen Kittel auszog,
cremte eine der Schwestern das geschwollene Bein
ein. Danach legte sie André einen Verband an.
Bekümmert blickte er den Arzt an. »Und ein Irr-
tum ist wirklich ausgeschlossen?«, fragte er.

Als wir zurück in unserer Unterkunft waren, schmet-


terte Don McLean mit Inbrunst sein unvermeidliches
American Pie aus dem Rekorder. Wir saßen auf Da-
vids Zimmer und spielten Karten. André thronte mit
Parka und Verband auf Davids Bett. Den Rekorder
hatte er mitgenommen und schien ganz zufrieden.
Auf dem Nachttisch lag ein Holzbrettchen mit dem
Rest des Christstollens, den ihm die Schwester mit-
gegeben hatte. Allerdings hatte er sich geweigert, uns
etwas davon abzugeben. Bald würde es Abendessen

52
geben. Nichts Besonderes: Brot, Käse und Salat. Un-
ten deckte der Küchendienst laut klappernd die Ti-
sche.
Bei der achten oder neunten Wiederholung von
American Pie unterbrach Tammi unser Spiel. Tammi
war mit Abstand das hübscheste Mädchen im Ferien-
lager, obwohl sie einen leichten Silberblick hatte.
Nur dass sie mit Harry ging, dämpfte unsere
Schwärmerei ein wenig.
Tammi klagte über Bauchschmerzen. David
scheuchte André vom Bett, damit sie sich drauflegen
konnte. Dann tastete David mit ernster Miene ihren
Bauch ab.
»Könnte eine Magen-Darm-Grippe sein, aber auch
das erste Anzeichen von Krebs«, erklärte André
fachmännisch, stopfte sich ein Eckchen Stollen in
den Mund und vergrub anschließend die Hände in
den Taschen seines Parkas. »Wie war dein Stuhlgang
heute?«
»Halt die Klappe, André«, zischte Tammi mit zu-
sammengebissenen Zähnen.
David zog seinen Medizinkoffer unter dem Bett
hervor und wühlte darin herum. »Hm«, brummte er
nachdenklich und reichte ihr eine Alka Seltzer. »Das
wird dir sicherlich fürs Erste helfen.«
André nahm kopfschüttelnd das Pokerspiel wieder
auf. »Du machst es dir wirklich sehr einfach, Herr
Kollege.«
David packte den Knaben unsanft am Kragen sei-
nes Parkas. »Noch ein Wort, Herr Kollege, und ich

53
amputiere dein Bein nachträglich mit einer Nagel-
schere.«
Ein paar Minuten spielten wir schweigend. David
teilte aus, David gewann.
»David?« Unser Nachbar Johnny stand mit fiebrig
glänzenden Augen in der Tür. »Ich habe starke Hals-
schmerzen und kann kaum schlucken. Hast du etwas
für mich?«
»Vielleicht ist es eine Mandelentzündung«, mur-
melte André und warf David einen Blick zu. »Darf
ich seine Lymphknoten abtasten?«
»Untersteh dich! Gib mir lieber eine Tablette aus
dem Koffer.«
André wuchtete den Samsonite unter dem Bett
hervor und ließ die Schlösser aufschnappen. Was er
hier sah, verschlug ihm offensichtlich die Sprache.
Im Koffer befanden sich Hunderte von Alka-Seltzer-
Tabletten. Sonst nichts. »Aber, aber …«, stotterte er.
Trotzdem reichte er David gehorsam die Brausetab-
lette.
»Versuch’s mal damit. Wenn es nicht hilft, komm
einfach wieder.«
Wenige Minuten später kam Johnnys Zimmerge-
nosse hereingestürmt. »David, komm schnell!«, rief
er. »Johnny erstickt.«
Wir rannten alle ins Badezimmer. Johnny lag auf
dem Boden, das Gesicht blau angelaufen, die Augen
weit aufgerissen. André blickte den Patienten faszi-
niert an.
»Los, ich brauche Wasser!«, befahl David. Einer

54
der Jungs reichte ihm ein Glas. Vorsichtig flößte er
dem japsenden Johnny etwas Flüssigkeit ein. Die
Tablette begann sich aufzulösen, und Johnny bekam
wieder Luft.
»Bist du wahnsinnig?«, schrie ihn David an. »Was
hast du mit der Tablette gemacht?«
»Geschluckt«, brachte Johnny mühsam hervor.
André hob mahnend den Zeigefinger. »Alka Selt-
zer ist eine Brausetablette, du Schmock!«
In der zweiten Ferienwoche, nach Neujahr, wollte
es André unbedingt noch mal mit dem Skifahren ver-
suchen. Wir allen rieten ihm davon ab, auch David:
»Dein Knöchel ist noch nicht so weit.«
»Und woher willst du das wissen? Du hast doch
von Medizin keine Ahnung.«
»Mach doch, was du willst, André, aber ich fahre
nicht noch einmal mit dir zu den singenden Schwes-
tern.«
André ließ sich nicht von seinem Vorhaben ab-
bringen. »Als angehender Mediziner erkläre ich mich
für geheilt und werde heute Ski fahren.«
Der Bus brachte uns zur Anfängerpiste. Stolz trug
André seine Ski über den Schultern. Die ganze Nacht
hatte es geschneit und der Neuschnee knirschte unter
unseren Schritten.
André zog mit finsterer Entschlossenheit den
Reißverschluss seines Parkas zu. Auf David gestützt,
bückte er sich und drückte die Klippverschlüsse sei-
ner Skistiefel zu. Er stieg auf die Skier und ließ die
Bindungen einrasten.

55
Schon hatte er die Skistöcke erhoben, um sich ab-
zustoßen, da knickte er an Ort und Stelle ein und
kippte zur Seite in den Schnee. Beim Versuch, den
olivgrünen Koloss aufzuhalten, plumpste David di-
rekt auf ihn. André wurde auf der Stelle ohnmächtig.
Vorsichtig trugen wir ihn von der Piste herunter. Da-
vid gab ihm ein paar leichte Ohrfeigen. Langsam
öffnete er die Augen und blickte David erstaunt an.
»Wo bin ich?«, fragte er. Wir sagten es ihm.
»Wer bin ich?«, fragte er.
»André«, antwortete David.
»André?«, flüsterte unser Medizinmann verson-
nen. »Komisch, ich kann mich an gar nichts erinnern.
Wer bist du?«
David warf uns einen drohenden Blick zu. »Ich
bin Medizinstudent.«
»Ehrlich? Und die anderen?«
David nahm seinen Rucksack ab, holte eine Wan-
derflasche heraus und goss etwas Wasser in einen
kleinen Plastikbecher. Dann fischte er eine Alka Selt-
zer aus seiner Jackentasche und warf sie hinein. Auf-
fordernd hielt er André den Becher hin. »Trink!«
»Was ist das?«
»Alka Seltzer, ein Wundermittel.«
»Ich habe aber gar keine Schmerzen.«
»Trink!«
»Und das hilft?«, fragte André unsicher.
»Ganz bestimmt«, beruhigte ihn David und ließ
dann ein Taxi holen.
Kurz darauf begann es zu schneien.

56
Selim Özdogan
Noch jemand

57
obald gegen Ende Oktober die ersten Kaufhäu-
ser mit ihren Weihnachtsdekorationen anfingen, er-
innerte mich mein Vater mindestens dreimal die Wo-
che daran.
- Heiko, du musst bis Weihnachten dein Altspiel-
zeug in eine Kiste packen.
Altspielzeug, solche Worte benutzte mein Vater.
Es gibt Altkleider, die kommen in die Altkleider-
sammlung, es gibt Altpapier, das kommt in die Alt-
papiertonne, und es gibt Altspielzeug, das verschen-
ken wir jedes Jahr zu Weihnachten an andere Kinder.
Altspielzeug, halt der ganze Kram, mit dem ich nicht
mehr spiele.
Wahrscheinlich findet mein Vater das Wort wit-
zig. Aber er nennt mich immer Heiko, obwohl er ge-
nau weiß, dass ich den Namen nicht mag. Meine
Mutter hat ihn mir angeblich verpasst, bevor sie dann
mit einem Ami durchbrannte, mit dem sie nun in der
Provence lebt. Ich kann mich nicht an sie erinnern,
aber ich glaube nicht, dass ich ihr böse wäre, wegen
meines Namens. Meine Freunde nennen mich alle
Ko. Fränkie kam drauf.
- Heiko, sagte er, das ist ja, als würde man Hi Ko
sagen, da ist ja die Begrüßung mit drin, dein richtiger
Name ist bestimmt Ko, ohne das Hi.
Seitdem heiße ich für alle Ko, außer für die Lehrer
und meinen Vater, der das albern findet.
Meistens weiß ich sehr genau, was ich verschen-
ken will, ich brauche keine zehn Minuten, um alles

58
in eine Kiste zu packen. Okay, in einen Schuhkarton.
Es gibt Sachen, von denen ich mich nicht trennen
kann, die wandern dann ganz hinten in den Kleider-
schrank, weil ich nicht mehr damit spiele und sie
trotzdem behalten will.
Die darf mein Vater nicht finden, er würde sie
weitergeben wollen.
Mein Vater sagt nämlich nicht verschenken, er
sagt weitergeben.
- Du sollst weitergeben, was du nicht mehr
brauchst. Und außerdem sollst du sehen, dass es
Kinder gibt, die unter ganz anderen Bedingungen
leben, du sollst ein wenig deinen Wohlstand zu
schätzen wissen, gerade zu Weihnachten.
So soll ich dann jedes Jahr an Heiligabend eine
Kiste oder zumindest einen Schuhkarton voll haben,
dann setzen wir uns ins Auto und fahren ins SOS
Kinderdorf und geben dort die Sachen weiter. Meis-
tens sind wir in Eile und jedes Mal sagt mein Vater:
- Nächstes Mal bleiben wir länger.
Aber wir schaffen es nie, weil er immer alles erst
auf den letzten Drücker macht und weil wir fast im-
mer zu spät dran sind und es nicht mal hinkriegen an
Heiligabend pünktlich meine Oma abzuholen, die
Weihnachten immer bei uns verbringt. Oma ist die
Mutter meiner Mutter, meine anderen Großeltern
sind schon tot.
Am Heiligabend schaltet mein Vater schon mor-
gens sein Handy aus, und er macht es erst nach
Weihnachten wieder an. Es soll eine besinnliche Zeit

59
sein, sagt er, und dann kriegt er es nie hin mit dem
Einkaufen und Kochen und dem Saubermachen, und
alle zehn Minuten fragt er mich:
- Hast du schon alles eingepackt? Ich will nicht
auf dich warten müssen.
Ich habe längst alles fertig, aber er glaubt irgend-
wie immer, ich würde nach ihm kommen oder so.
Dieses Jahr ist es eine große Kiste geworden, da sind
die Inline-Skates, die passen mir nicht mehr, der
Gameboy, mit dem ich nicht mehr spiele, seit ich die
Playstation 2 habe, das Schachspiel, das wir in Alge-
rien gekauft haben und mit dem ich vielleicht fünf-
mal gespielt habe. Aber das wollte ich ja eigentlich
auch gar nicht, mein Vater hatte gemeint, dann könn-
ten wir mal zusammen spielen, aber meistens hat er
keine Zeit. Oder ich habe keine Lust, Schach ist kein
spannendes Spiel. Und da sind auch noch die Box-
handschuhe drin, die ziehe ich auch nie an, ich haue
lieber so auf den Sandsack. Das ist ziemlich viel, was
ich dieses Jahr weitergeben will. Nur beim Gameboy
bin ich mir nicht ganz sicher.
Mein Vater scheint noch hektischer als sonst, heu-
te Mittag erst hat er den Baum gekauft, es hat Stun-
den gedauert, bis er im Keller den Schmuck gefun-
den hat, es hat so lange gedauert, dass er erst mal
einkaufen musste, bevor er die Kugeln und die Lich-
terkette auf den Baum hängen konnte, weil sonst die
Geschäfte schon zugehabt hätten. Es ist fast fünf, als
Vater in mein Zimmer kommt, wo ich gerade Resi-
dent Evil spiele, und sagt:

60
- Los, los, Heiko, bist du immer noch nicht fertig?
Hast du die Kiste gepackt?
Er hat nicht mal gesehen, dass sie schon im Haus-
flur steht, so ist er immer. Aber man darf das dann
nicht sagen, sonst wird er sauer. Am besten ist, man
hält den Mund, wenn er in Eile ist. Also ziehe ich
mir einfach die Schuhe an, die Mütze, den Schal, die
Jacke, die Handschuhe. Draußen herrscht eine klir-
rende Kälte, der See ist schon seit zwei Wochen zu-
gefroren. Ich nehme die Kiste unter den Arm, mein
Vater sucht noch die Autoschlüssel.
Wir müssen fast eine Dreiviertelstunde über die
Landstraße fahren, bis wir im SOS Kinderdorf an-
kommen, und dort muss es dann schnell, schnell,
schnell gehen, weil wir ja spät dran sind und Oma
noch abholen müssen. Manchmal würde ich echt
gerne länger im Kinderdorf bleiben, mich mit den
anderen Kindern anfreunden, um herauszukriegen,
ob mein Altspielzeug bei ihnen in guten Händen ist.
Aber jedes Mal vertröstet mich mein Vater auf näch-
stes Jahr.
Also sitzen wir schon bald wieder im Auto und
fahren zurück mit 140 Sachen über die Landstraße,
die Alleebäume links und rechts fliegen nur so an
uns vorüber. Es ist Heiligabend, es ist niemand auf
den Straßen, die meisten sitzen schon zu Hause und
freuen sich auf die Bescherung. Ich bin auch schon
gespannt, was ich dieses Jahr bekomme. Gewünscht
habe ich mir einen Spalding Basketball und Andl
Basketballschuhe. Wahrscheinlich kriege ich das so-

61
gar, ich gehe schon seit fast einem Jahr zweimal die
Woche zum Training.
Wir brettern also über die Landstraße, dann stottert
der Motor auf einmal mitten in der Fahrt, es hört sich
an, als hätte sich jemand verschluckt. Dann klingt es,
als müsste das Auto husten, und dann ist der Motor
aus. Mein Vater guckt kurz zu mir, als hätte ich den
Mist verursacht, und sagt:
- Scheiße.
Der Wagen rollt langsam aus, ich weiß nicht, was
los ist. Mein Vater sagt nicht oft Scheiße, aber ich
mache mir keine Sorgen. Ich mache mir keine Sor-
gen, obwohl ich sehe, wie er die Stirn in Falten legt,
bis sich seine Augenbrauen fast berühren. Das be-
deutet nichts Gutes.
Und dann endlich sehe ich auf die Tankanzeige
und denke: Das ist nicht wahr. Aber es ist wahr: Wir
haben keinen Sprit mehr. Und ich weiß, dass der Re-
servekanister leer ist, der poltert seit Monaten im
Kofferraum rum, weil mein Vater ihn nicht wieder
aufgefüllt hat, nachdem er im Sommer schon mal mit
dem Auto liegen geblieben war.
Vater legt die Hände aufs Lenkrad, sagt keinen
Ton. Wir stehen am Straßenrand, er lässt den Kopf
hängen.
- Rufen wir jetzt den ADAC an?, frage ich.
Noch finde ich es spannend. Schon immer wollte
ich mal dabei sein, wenn jemand vom ADAC in ei-
nem gelben Wagen angefahren kommt. Ich habe es
mir immer wie ein Abenteuer vorgestellt.

62
- Heiko, sagt mein Vater, aber er sagt es eher zu
seinen Knien als zu mir, Heiko, das Handy liegt zu
Hause.
- Wir stecken in der Klemme, sage ich und kann
mir ein Grinsen nicht verkneifen. Vater sieht es so-
wieso nicht.
Nachdem wir drei Minuten geschwiegen haben
und Vater sich keinen Zentimeter bewegt hat, frage
ich:
- Was jetzt?
- Das nächste Dorf ist fast fünfzehn Kilometer vor
uns, da sind wir in drei Stunden, wenn wir uns beei-
len. Wir müssen warten, bis jemand vorbeikommt.
Also warten wir.
Nach zwanzig Minuten wird es langsam kalt im
Auto, das Grinsen ist mir vergangen. Und ich weiß,
dass es keine gute Idee war, den Gameboy weiter-
zugeben. Der würde mich jetzt wenigstens ein wenig
von der Kälte ablenken. Es kommt nämlich niemand
vorbei – zwanzig Minuten und kein einziges Auto
kommt vorbei. Es ist Heiligabend, wer soll schon um
diese Zeit auf der Landstraße unterwegs sein.
- Und wenn niemand kommt?, frage ich jetzt.
- Dann macht Oma sich Sorgen, große Sorgen, die
wird fast wahnsinnig.
Und wir erfrieren, denke ich, meine Nase ist schon
ganz kalt, meine Finger spüre ich trotz der Hand-
schuhe kaum noch, und ich habe die Schulter bis un-
ter die Ohren hochgezogen.
- Nie mehr ohne Handy aus dem Haus, sagt mein

63
Vater, auch nicht am besinnlichen Heiligabend.
Wir sitzen schon eine Stunde im Auto, und immer
noch ist niemand vorbeigekommen, ich zittere, mei-
ne Zähne klappern fast aufeinander, es ist Weihnach-
ten, ich habe Hunger, ich will meine Geschenke, und
anstatt schön im Warmen zu hocken wie alle anderen
jetzt, sitze ich mit meinem Vater in diesem eiskalten
Auto am Straßenrand und denke, dass die Kinder im
Kinderdorf beides haben: Es ist warm und sie krie-
gen Geschenke. Die sollten sich nicht beschweren,
denen geht es gerade viel besser als mir.
Wir müssen wahrscheinlich bis morgen früh hier
stehen, und wenn dann jemand kommt, sind wir
wahrscheinlich schon erfroren. Sie werden Schwie-
rigkeiten haben, unsere erstarrten Leichen aus den
Sitzen zu zerren, ich seh’s schon.
Ich bin sauer und wütend und ganz schwach vor
Hunger, aber ich verkneife mir das Weinen, weil ich
nicht hören will, wie Vater sagt:
- Heiko, Heiko, du weißt, es gibt Menschen, denen
geht es viel schlechter als uns. Wir haben sie gerade
besucht. Und Oma ängstigt sich gerade zu Tode.
Und ich würde nicht mutig genug sein, um zu
antworten:
- Und wir frieren uns zu Tode, wo ist der Unter-
schied?
Nach fast anderthalb Stunden springt mein Vater
plötzlich mitten auf die Straße und hebt beide Arme
hoch. Ich drehe mich um, da kommt ein Auto, er
muss es im Rückspiegel gesehen haben. Er muss sei-

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nen Kopf gehoben haben, wahrend ich vor Kälte
Zentimeter um Zentimeter geschrumpft bin.
Es ist ein großer Volvo, er hält. Mein Vater redet
mit dem Fahrer, dann kommt er zu mir und sagt:
- Die haben leider kein Handy und kein Ab-
schleppseil. Wir fahren mit ihnen mit. Sie müssen
auch in die Stadt.
Es ist ein Ehepaar mit einer Tochter, etwa so alt
wie ich. Die blonden Haare der Frau liegen in großen
steifen Wellen auf ihrem Kopf, sie hat fast gar keine
Lippen. Der Mann hat Hängebacken und Schuppen
auf dem Jacketkragen. Das Mädchen sieht eigentlich
ganz nett aus. Ich sitze auf dem Rücksitz in der Mit-
te, und das Schweigen im Auto ist mir unangenehm,
aber ich traue mich auch nicht, das Mädchen anzu-
sprechen. Wenn wenigstens das Radio laufen würde.
- Und wieso sind sie so spät noch unterwegs?,
fragt mein Vater, und ich bin ihm dankbar dafür.
- Weil Herbert es mal wieder nicht geschafft hat,
sich von seiner ach so geliebten Mutter loszueisen,
sagt die Frau, es war ganz klar ausgemacht, dass wir
nur eine Stunde bleiben. Zumal ihre anderen Kinder
ja da sind, die Frau ist nicht alleine. Aber Herbert ist
so ein Muttersöhnchen, dann mussten wir einfach
länger bleiben.
- Beruhig dich Margitta, sagt Herbert. Und schrei
nicht so.
Sie hat gar nicht geschrien, aber jetzt brüllt sie:
- Ich schreie gar nicht, immer sagst du, ich würde
schreien, das stimmt nicht. Habe ich etwa geschrien,

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Jes?, fragt sie und dreht den Kopf zu ihrer Tochter.
Die ist in der letzten Minuten auch geschrumpft,
aber nicht vor Kälte. Und sie schüttelt den Kopf.
- Natürlich schreist du, sagt Herbert völlig gelas-
sen, hör dich doch mal an, das ist ja kaum zum Aus-
halten. Und dann auch noch vor unseren Gästen.
Nimm doch wenigstens auf die Rücksicht. Dass du
auf mich keine nimmst, weiß ich ja.
Gäste, er nennt uns Gäste.
- Auf dich kann man ja auch keine Rücksicht
nehmen, sagt Margitta nun, du setzt ja sowieso im-
mer deinen Kopf durch, du Egoist.
Ich sehe zu dem Mädchen rüber, sie hat sich ganz
in ihre Ecke verkrochen. Dann drehe ich den Kopf.
Mein Vater sieht auch nicht gerade glücklich aus,
und obwohl ich merke, wie mir langsam wieder
warm wird, wäre ich jetzt lieber wieder im kalten
Auto mit meinem Vater. Ich will das nicht hören, ich
möchte nicht dabei sein. Es ist, als würde man Leute
belauschen, die schlecht über einen reden. Am liebs-
ten würde man es nicht hören, aber man kann nicht
weg, die Neugier hält einen. Hier ist es nicht die
Neugier, hier ist es nur der Volvo.
- Ich ein Egoist, das sagt aber die Richtige, schreit
Herbert nun.
Kurz vor der Stadt kriegen sie sich endlich wieder
ein, und danach ist das Schweigen noch schlimmer
als vorher.
- Wie heißt du?, frage ich das Mädchen flüsternd,
weil ich irgendetwas tun muss.

66
- Jessica, sagt sie, aber meine Mutter nennt mich
Jes.
- Das hört sich doof an, rutscht es mir heraus. Ich
bereue es sofort, aber sie sagt:
- Finde ich auch. Und du, wie heißt du?
- Heiko.
Sie fahren uns bis zu meiner Oma, die schon am
Fenster sitzt und wartet. Sie ist auf der Straße, noch
bevor wir richtig ausgestiegen sind. Kaum habe ich
die Tür zugeschlagen, gibt Herbert schon Gas und
meine Oma umarmt mich. Sie riecht nach Weihnach-
ten.
- Wo seid ihr nur geblieben?
- Uns ist der Sprit ausgegangen, sagt mein Vater
und ich denke: Dieses Mal habe ich es wirklich ge-
sehen. Ich habe gesehen, dass es Kinder gibt, die be-
schissene Weihnachten haben. Jessica zum Beispiel.

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Maja von Vogel
Weihnachtsmann gesucht!

68
as hat man nun davon, wenn man einmal auf
seine beste Freundin hört! Mir war von Anfang an
klar, dass das Ganze eine Schnapsidee ist, aber Isa
hat so lange auf mich eingequatscht, bis ich nachge-
geben habe.
»Das ist doch leicht verdientes Geld«, hat sie ge-
sagt und mit dem Zettel vor meiner Nase herumge-
wedelt. »Dreimal die Woche zwei Stunden – da
kannst du bis Weihnachten locker 90 Euro verdie-
nen!«
Wir standen gerade im Kaufhaus an der Kasse und
hatten darüber diskutiert, wie ich meine Mutter da-
von überzeugen könnte, mir ein supercooles Oberteil
für schlappe 69,99 Euro zu kaufen, das ich vorhin bei
Venus entdeckt hatte, als Isa plötzlich einen spitzen
Schrei ausstieß und nach dem Zettel grabschte, der
neben der Kasse hing. Die Überschrift Weihnachts-
mann gesucht – 5€/Stunde sprang mir in dicken,
schwarzen Buchstaben ins Auge, worauf ich das wei-
tere Lesen sofort einstellte und Isa einen Vogel zeig-
te.
»Spinnst du?«, zischte ich entgeistert. »Ich bin
zwar pleite, aber deswegen mache ich doch nicht al-
les für Geld!«
Als Isa dann allerdings die magischen Worte »90
Euro« aussprach, schmolz mein Widerstand so
schnell dahin wie der Schoko-Nikolaus, den ich letz-
te Woche versehentlich auf meiner Heizung verges-
sen hatte.

69
»90 Euro!«, murmelte ich verträumt. »Mann, da-
von könnte ich mir das tolle Oberteil kaufen und die
silbernen Ohrringe, die wir letzte Woche gesehen
haben …«
»Genau«, stimmte Isa zu. »Und wenn Sascha dich
in dem Oberteil auf der Weihnachtsparty sieht, fällt
ihm vor Begeisterung glatt sein Kopfhörer aus der
Hand!«
Diese Bemerkung gab den Ausschlag. Sascha ist
der süßeste Typ unseres Jahrgangs und ein super DJ.
Er legt jedes Jahr zusammen mit seinen Kumpels auf
der Weihnachtsparty im Jugendzentrum auf. Die Par-
ty ist immer das Ereignis des ganzen Winters, und
ich habe beschlossen, dass sie diesmal außerdem der
Anfang einer wunderbaren Beziehung zwischen Sa-
scha und mir werden soll. Allerdings hat mich Sa-
scha bislang noch keines Blickes gewürdigt, weshalb
ihn mein Party-Outfit einfach umhauen muss. Wenn
wir uns dann endlich in den Armen liegen, wird er
sich nicht mal mehr an den Titel seiner Lieblings-CD
erinnern …
Leider ist es noch nicht so weit, und Herr Meyer-
bär, mein neuer Chef und der Leiter der Spielzeugab-
teilung im Kaufhaus, reißt mich brutal aus meinen
angenehmen Sascha-Träumen.
»Na, sieht doch prima aus«, sagt er zufrieden und
betrachtet mich in meiner neuen Arbeitskleidung.
»Allerdings könnte etwas mehr Bauch nicht scha-
den«, überlegt er dann und stopft mir ein Qualitäts-
kissen mit Daunenfüllung unter die Jacke. Na prima

70
– ich habe mir schon immer gewünscht, wie ein Su-
mo-Ringer auszusehen.
Vorsichtig werfe ich einen Blick in den Spiegel
und schließe entsetzt die Augen. Dieser Anblick ü-
bertrifft meine schlimmsten Befürchtungen. Nicht
nur, dass sich das Daunenkissen sehr unvorteilhaft
über dem Hosenbund wölbt, die rote Hose und die
Jacke sind mir außerdem viel zu groß, sodass ich sie
mehrmals umkrempeln muss. Alles in allem sehe ich
aus wie eine geschrumpfte Weihnachtsmann-
Witzfigur, bei der nur noch der Bauch die Original-
größe hat. Das wäre aber alles noch nicht so
schlimm, wenn ich nicht auch noch eine ebenfalls
viel zu große rote Mütze mit einer weißen Bommel
tragen müsste, die mir ständig über die Augen
rutscht. Die absolute Härte sind allerdings die Perü-
cke mit den weißen Haaren, die dekorativ unter der
Mütze hervorschauen, und der weiße, lange Bart, den
Herr Meyerbärs Assistentin mir angeklebt hat. Der
einzige Vorteil ist, dass mein Gesicht von den Haa-
ren und dem Bart fast ganz verdeckt wird, sodass
mich garantiert keiner erkennt – zumindest hoffe ich
das!
Zu guter Letzt verpasst mir Herr Meyerbär noch
weiße, buschige Augenbrauen – wenigstens kann
nun die Mütze nicht mehr so leicht über die Augen
rutschen –, und schon bin ich fertig für meinen ersten
Arbeitseinsatz als Weihnachtsmann.
»Also, alles wie besprochen«, sagt Herr Meyerbär
und drückt mir den Sack mit den Geschenken und

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einen Stapel Werbeprospekte in die Hand. »Heute
bist du auf dem Weihnachtsmarkt im Einsatz und
morgen hier in der Spielzeugabteilung.«
Ich nicke nicht sehr überzeugt und verlasse Herrn
Meyerbärs Büro.
Ich soll tatsächlich in diesem Aufzug nach drau-
ßen? Unter Menschen? Während ich versuche, mich
auf dem Weihnachtsmarkt, der gleich vor dem Kauf-
haus beginnt, möglichst unauffällig unters Volk zu
mischen, verfluche ich Isa und ihre bescheuerten
Einfälle. Wie soll ich bloß zwei Stunden in diesem
unmöglichen Kostüm überstehen? Dann habe ich die
rettende Idee und verschwinde schnell hinter einem
Glühweinstand. Mit etwas Glück bemerkt mich hier
keiner. Die Prospekte schmeiße ich einfach weg und
marschiere um fünf Uhr ganz entspannt wieder zu
Herrn Meyerbär – das war dann in der Tat leicht ver-
dientes Geld!
Als ich mich gerade über meinen genialen Geis-
tesblitz freue, zupft mich jemand am Ärmel. Er-
schrocken drehe ich mich um und sehe einen kleinen
Jungen, der mich fröhlich angrinst. Dann brüllt er
ohne Vorwarnung los: »Mama, Mama, der Weih-
nachtsmann wollte sich verstecken, aber ich hab ihn
gefunden! Guck doch mal, Mama, der Weihnachts-
mann!«
Nichts wie weg hier, ehe der Rotzlöffel den gan-
zen Weihnachtsmarkt zusammenschreit! Aber ich
habe keine Chance. Als ich um die Ecke der Glüh-
weinbude biege, um im Gewühl zwischen den Stän-

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den zu verschwinden, laufe ich einer Frau in die Ar-
me. Offenbar die Mutter des Jungen, der mir dicht
auf den Fersen ist.
»Da bist du ja, Alexander«, ruft sie und nimmt ih-
ren missratenen Sohn an die Hand. »Und du hast den
Weihnachtsmann getroffen, das ist ja schön!«
Ja, sehr schön! Mutter und Sohn sehen mich er-
wartungsvoll an und mir wird klar, dass ich jetzt
wohl irgendetwas sagen muss. Mist – ich hab mir
noch gar keine Gedanken über meinen Text gemacht.
Was sagt man denn so als erfahrener Weihnachts-
mann?
»Äh, ja, hallo auch«, stottere ich und merke, dass
meine Stimme etwas zu hoch klingt. Ich räuspere
mich und fahre ungefähr eine Oktave tiefer fort:
»Nett, dass wir uns hier treffen. Warst du denn auch
immer schön brav, Alexander?« Ha! Super! Gerade
noch rechtzeitig ist mir der typische Weihnachts-
mann-Spruch wieder eingefallen.
Alexander nickt. »Ja, immer. Kriege ich jetzt ein
Geschenk?«
Er zeigt auf den Sack, den ich in der Hand halte
und schon wieder ganz vergessen hatte. So ein ver-
wöhntes Balg aber auch – nichts als Geschenke im
Kopf! Aber ich will mal nicht so sein – schließlich
bin ich ja der Weihnachtsmann – und fische etwas
aus meinem Sack. Es ist ein Spielzeugauto und Ale-
xander ist alles andere als begeistert.
»Ich hab schon genug Autos, ich will was ande-
res!«, nörgelt er.

73
Jetzt reicht’s mir. »Es gibt aber nichts anderes, du
Zwerg!«, zische ich. »Entweder du nimmst jetzt das
Auto oder ich versohle dir den Hintern mit meiner
Rute, dass du drei Tage nicht mehr sitzen kannst.«
Alles nur leere Drohungen, ich hab überhaupt kei-
ne Rute. Außerdem fällt mir gerade ein, dass der mit
der Rute eigentlich Knecht Rupprecht ist und nicht
der Weihnachtsmann. Da habe ich wohl was durch-
einander gebracht. Egal – Alexander ist ziemlich be-
eindruckt und fängt sofort laut an zu heulen.
»Also, so was habe ich ja noch nie erlebt«,
schimpft seine Mutter und zieht ihre Heulboje von
Sohn mit sich fort, ehe ich ihr einen Werbeprospekt
in die Hand drücken kann.
Ich schaue den beiden grinsend nach. So macht
mir der Job fast Spaß. Inzwischen haben mich leider
noch ein paar andere Kinder entdeckt und kurze Zeit
später bin ich umringt von einer ganzen Horde. Jetzt
wird mir erst so richtig klar, dass dieser Job eindeutig
nichts für mich ist, denn ICH HASSE KINDER!!!
Mir reicht es schon, wenn mir ein Kind auf den
Nerven herumtrampelt, nämlich meine kleine
Schwester Pauline. Sie ist sechs und eine richtige
Intelligenzbestie. Pauline konnte schon ganze Bücher
lesen, bevor sie eingeschult wurde, und sie löchert
einen den ganzen Tag mit den unmöglichsten Fragen

Autsch! Eine von den kleinen Ratten hat doch tat-
sächlich an meinem Bart gezogen.
»Lass das gefälligst«, brumme ich mit meiner dro-

74
hendsten Weihnachtsmannstimme. »Sonst stecke ich
dich in meinen Sack und entsorge dich auf dem Son-
dermüll!«
Das wirkt. Die Kinder weichen eingeschüchtert
ein Stück zurück und verstummen.
»Ich wollte nur sehen, ob du auch echt bist«, sagt
der Junge, der mich am Bart gezogen hat. »Du siehst
so komisch aus.«
»Was? Komisch? Ich?«, entgegne ich entrüstet.
»Quatsch. Natürlich bin ich echt, aber ich verrate dir
jetzt mal was: Alle anderen Weihnachtsmänner sind
ganz gemeine Hochstapler, ich bin der einzig echte!«
Das überzeugt den Jungen, und um ihn loszuwer-
den, gebe ich ihm das Spielzeugauto, das der blöde
Alexander nicht haben wollte. Das war ein Fehler,
denn jetzt wollen natürlich alle anderen Kinder auch
ein Geschenk, und bald ist der halbe Sack leer. Ver-
schwinden wollen die Nervensägen deswegen leider
noch lange nicht.
»Ich wünsche mir ein Fahrrad«, sagt ein Mädchen
fordernd. »Schenkst du mir eins zu Weihnachten?«
So weit kommt’s noch! Wozu hat das Kind denn
Eltern?
»Ah, mal sehen«, brumme ich. »Vielleicht – wenn
du schön brav bist. Und wenn du deinen Eltern das
hier gibst, da sind auch ganz tolle Fahrräder drin!«
Ich drücke ihr einen Prospekt in die Hand. Jetzt wol-
len mir auch die anderen Kinder erzählen, was sie
sich zu Weihnachten wünschen, und alle schreien
wild durcheinander. Ich schalte auf Durchzug und

75
verteile fleißig Prospekte. Herr Meyerbär wäre stolz
auf mich.
Ein Mädchen, das sich bisher angenehm ruhig
verhalten hat, zupft mich an der Jacke und flüstert
mir etwas ins Ohr, nachdem ich mich zu ihm herun-
tergebeugt habe.
»Ich wünsche mir zu Weihnachten, dass mein Pa-
pa wieder nach Hause kommt.«
Ach du Schreck, jetzt soll ich mich auch noch um
zerrüttete Familien kümmern!
»Ich fürchte, da kann ich nicht viel machen«, flüs-
tere ich zurück. »Vielleicht solltest du das lieber mit
deiner Mama besprechen. Übrigens wohnt mein Papa
auch nicht zu Hause, und das kann manchmal auch
Vorteile haben.«
Zum Beispiel wenn man doppeltes Taschengeld
oder zu Weihnachten und zum Geburtstag doppelte
Geschenke kriegt.
Das Mädchen schaut mich mit großen Augen an.
Die Nachricht, dass die Eltern vom Weihnachtsmann
geschieden sind, muss sie offensichtlich erst mal ver-
arbeiten. Ich bin stolz auf mich – ich wusste gar
nicht, dass ich so einfühlsam mit Kindern umgehen
kann. Und ganz nebenbei modernisiere ich auch noch
das völlig veraltete Bild vom Weihnachtsmann ohne
soziales Umfeld.
Ich schaue auf die Uhr: Noch eine Stunde, dann
kann ich für heute Feierabend machen. Wird auch
Zeit! Ich bin inzwischen klatschnass geschwitzt in
dem dicken Kostüm und mit dem Kissen vorm

76
Bauch. Kein Wunder bei frühlingshaften achtzehn
Grad, das ist nicht gerade Adventswetter. Außerdem
juckt die blöde Perücke wie verrückt und der Bart
kitzelt.
Als ich gerade versuche, mich unauffällig unter
der Perücke zu kratzen, taucht plötzlich ein bekann-
tes Gesicht zwischen den Kindern auf, ein Gesicht
mit kugelrunder Brille und großen Glupschaugen
voller Fragezeichen. Meine kleine Schwester Pauli-
ne, die Obernervensäge.
Die hat mir gerade noch gefehlt! Jetzt wird sich
zeigen, wie gut meine Tarnung wirklich ist. Zu Hau-
se habe ich nämlich nichts Genaueres über meinen
neuen Job erzählt, um mich nicht zum Gespött der
Familie zu machen.
Pauline drängelt sich energisch zwischen den Kin-
dern durch und stellt sich direkt vor mich hin. Erst
versuche ich, sie zu ignorieren, obwohl ich eigentlich
weiß, dass sie sich so leicht nicht abwimmeln lässt.
Als sie nach fünf Minuten immer noch da ist und
mich anstarrt, gebe ich schließlich seufzend nach und
beuge mich zu ihr hinunter.
»Ich habe einen ganz großen Wunsch«, sagt sie
ernst. »Aber wenn du machst, was ich mir wünsche,
dann brauchst du mir nie wieder etwas zu schenken.«
»So so«, brumme ich. Was kann sich meine ver-
drehte Schwester schon Großartiges wünschen? Den
Brockhaus in fünfzehn Bänden? Einen eigenen
Computer, damit sie ihr erstes Buch schreiben kann?
»Ich möchte meine große Schwester umtauschen«,

77
sagt Pauline und sieht mich hoffnungsvoll an.
Jetzt bin ich tatsächlich einen Moment sprachlos,
und das passiert mir wirklich nicht oft. So ein fal-
sches, hinterlistiges Gör! Das ist doch echt das Aller-
letzte: Da geht die kleine Kröte einfach klammheim-
lich zum Weihnachtsmann, um mich umzutauschen!
Mich, ihre einzige Schwester! Wenn hier jemand
umgetauscht wird, dann ist das doch wohl sie. Und
ich muss zugeben, ich wäre einem solchen Angebot
gegenüber durchaus nicht abgeneigt – aber das ist ja
auch etwas völlig anderes. Schließlich nervt mich
Pauline täglich zu Tode.
Ich bin kurz davor, meiner treulosen Schwester
ordentlich die Meinung zu sagen, kann mich aber
gerade noch rechtzeitig beherrschen und sage in bes-
ter Weihnachtsmann-Manier: »Na, na, na, so etwas
wünscht man sich doch nicht. Warum willst du denn
deine Schwester umtauschen?« Jetzt bin ich aber mal
gespannt.
»Weil sie mich täglich zu Tode nervt«, antwortet
Pauline.
Das wird ja immer schöner! Lüge, alles Lüge.
»Also das kann ich nun wirklich nicht glauben«,
sage ich. »Jetzt übertreibst du bestimmt ein biss-
chen!«
»Gar nicht«, entgegnet Pauline bestimmt. »Sie
nennt mich immer Eulengesicht oder Schweinchen
Schlau!«
Das stimmt allerdings – aber das ist doch kein
Verbrechen, oder?

78
»Und wenn ich sie etwas frage, schreit sie mich an
und sagt, dass ich mich verpissen soll mit meinen
dämlichen Fragen. Und jedes Mal, wenn ich zu ihr
ins Zimmer komme, schmeißt sie mich raus und sagt,
nervige Eulengesichter haben hier nichts zu suchen«,
zählt Pauline auf.
»Na gut, das ist wirklich nicht besonders nett«,
stimme ich widerwillig zu.
Aber Pauline kommt gerade erst richtig in Fahrt:
»Und letzte Woche hat sie mir den Schoko-Nikolaus
weggenommen, den ich morgens im Schuh hatte.
Nur weil ich gefragt habe, wie die eigentlich gemacht
werden und warum sie immer von innen hohl sind.
Und geantwortet hat sie mir auch nicht.«
Ich erinnere mich dunkel an einen Vorfall dieser
Art. Der Schokonikolaus hat allerdings inzwischen
auf meiner Heizung das Zeitliche gesegnet.
»Okay, okay«, sage ich und hebe beschwichtigend
die Hände. »Das hört sich alles wirklich so an, als
wenn deine Schwester ein echtes Ekel wäre.«
Pauline nickt eifrig. Vielen Dank auch!
»Ich mach dir einen Vorschlag«, fahre ich fort.
»Ich rede mal mit ihr, okay? Und wenn sie dann
nicht netter zu dir ist, können wir sie immer noch
umtauschen.«
Pauline hält den Kopf schief und überlegt. »Na
gut«, sagt sie schließlich. »Dann komm ich nächste
Woche noch mal wieder. Und wenn das mit dem
Umtauschen nicht klappt, wünsche ich mir zu Weih-
nachten einen Hund oder Glitzerhaarspangen.«

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Und schwupps!, dreht sie sich um und verschwin-
det wieder. Puh! Als Weihnachtsmann hat man es
wirklich nicht leicht. Ich bin völlig fertig. Zum Glück
habe ich gleich Feierabend, jetzt kann nicht mehr viel
passieren, und schlimmer kann’s sowieso nicht mehr
werden.
Ich versuche die Kinder abzuschütteln, die noch
um mich herumstehen, indem ich die restlichen Ge-
schenke verteile, und mache mich langsam auf den
Weg in Richtung Kaufhaus. Dummerweise wollen
die Kinder aber nicht einsehen, dass auch der Weih-
nachtsmann Anrecht auf einen Feierabend und etwas
Erholung hat. Sie laufen einfach hinter mir her, so-
dass ich mir vorkomme wie der Rattenfänger von
Hameln.
Ich gehe etwas schneller und bin in Gedanken
schon bei dem Moment, in dem ich endlich dieses
bescheuerte Kostüm ausziehen kann und wieder ein
normaler Mensch werde. Da erblicken meine müden
Augen etwas, das mich innerhalb einer Zehntelse-
kunde zur Salzsäule erstarren lässt, sodass mir meine
Verfolger derbe auf die Hacken latschen. Habe ich
gerade gesagt, dass es nicht mehr schlimmer werden
kann? Falsch! Jetzt haben wir den Super-GAU.
Am anderen Ende der Gasse steht Sascha, zusam-
men mit seinen Kumpels. Scheinbar macht seine Cli-
que heute einen kleinen Betriebsausflug zum Weih-
nachtsmarkt, na wunderbar! Jetzt setzen sich die
Jungs in Bewegung und kommen unaufhaltsam nä-
her, während ich versuche meine Angstlähmung zu

80
überwinden und einen Notfallplan zu entwickeln.
Hektisch wühle ich in meinem Sack. Vielleicht sollte
ich ihn mir einfach über den Kopf ziehen, dann er-
kennt mich Sascha bestimmt nicht. Ich hole das aller-
letzte Geschenk heraus: eine Sonnenbrille, halleluja!
Zwar ist sie rosa und mit Blümchen verziert, aber
was soll’s! Ich setze sie auf und fühle mich gleich
etwas sicherer. Als Sascha und die anderen nur noch
ein paar Meter von mir entfernt sind, überrollt mich
dennoch Panik, und ich wähle den letzten Ausweg:
die Flucht. Leider ist mein Sehvermögen durch die
Sonnenbrille etwas eingeschränkt, zumal es inzwi-
schen auch schon ziemlich dunkel ist, und ich renne
erst mal zwei ältere Damen über den Haufen. Bevor
sie anfangen können herumzuzetern, schlage ich ge-
schickt einen Haken und biege rechts in eine kleine
Gasse ab, die von Ständen voller Weihnachts-
schmuck, Adventskränzen und Duftkerzen gesäumt
wird. Nur weg von Sascha!
Die Kinder folgen mir johlend, sie scheinen das
Ganze für ein neues, superlustiges Spiel zu halten:
»Fang den Weihnachtsmann« oder so ähnlich. Ich
versuche sie abzuhängen und springe hinter eine Bu-
de mit Adventskränzen. Dabei komme ich mit mei-
nem langen Bart einer brennenden Kerze zu nahe,
denn plötzlich wird es ziemlich warm am Kinn, und
es riecht nach verbranntem Plastik. Da haben sie mir
im Kaufhaus offensichtlich einen echten Billigbart
verpasst. Ich fange an zu schreien, und die Kinder,
die mich inzwischen eingeholt haben, schreien mit:

81
»Der Weihnachtsmann brennt! Der Weihnachtsmann
brennt!« Es ist ein Riesenspektakel.
Bevor das Feuer auf meine Haare und das restliche
Kostüm übergreifen kann, reiße ich mir die Perücke
und den Bart herunter, wobei ich ein paar Hautfetzen
rund um meinen Mund einbüße. Das brennt schlim-
mer als Feuer! Dann trample ich so lange wie ein
wild gewordenes Rumpelstilzchen auf dem brennen-
den Bart herum, bis das Feuer gelöscht ist. Manno-
mann, das war knapp! Wer hätte gedacht, dass das
Leben als Weihnachtsmann so gefährlich ist. Mein
Puls rast, und meine Beine fühlen sich etwas wacklig
an. Aber ich habe jetzt keine Zeit, um dekorativ in
Ohnmacht zu fallen, denn ich muss erst mal die Kin-
der beruhigen, die mindestens genauso geschockt
sind wie ich.
»Nichts passiert, keine Panik«, sage ich mit piep-
siger Stimme. Aber wenn ich geglaubt habe, dass die
Kinder um mein Wohlergehen besorgt sind, bin ich
auf dem Holzweg.
»Du bist ja gar kein echter Weihnachtsmann!«,
stellt ein Mädchen fest.
»Du hast uns angelogen!«, ruft ein Junge entrüstet.
Drohend kommt die ganze Horde näher, und ich
muss mir schnell etwas einfallen lassen, damit ich
nicht gelyncht werde.
Ȁh, ja, wisst ihr, ich bin die Tochter vom Weih-
nachtsmann, und da er schon ziemlich alt ist und bald
in Rente geht, springe ich manchmal für ihn ein. Das
ist eine gute Übung für später, wenn ich seinen Job

82
dann mal ganz übernehme, wisst ihr«, fantasiere ich
wild drauflos. »Aber jetzt habe ich Feierabend, also
seid schön brav und geht nach Hause. Morgen kom-
me ich wieder, versprochen! Und wenn ihr mich jetzt
in Ruhe lasst, bringe ich vielleicht mein Rentier mit
…«
Endlich ziehen die Kinder ab.
»Hey, das war nicht schlecht!«, sagt plötzlich eine
Stimme hinter mir, die mir irgendwie bekannt vor-
kommt.
Ich drehe mich um und traue meinen Augen nicht.
Sascha! Der Sascha, der noch nie ein Wort mit mir
gesprochen hat! Ich kneife die Augen zusammen und
öffne sie wieder, doch er steht immer noch da.
Aber warum ist es eigentlich die ganze Zeit so
dunkel? Da merke ich, dass ich die leicht ange-
schmorte Sonnenbrille immer noch auf der Nase ha-
be und nehme sie schnell ab. Wie peinlich!
»Prima Vorstellung, echt!«, lobt Sascha und grinst
mich an.
»Ah … danke«, murmle ich. »Die Feuernummer
habe ich auch ziemlich lange geübt.«
Ich wische mir etwas Ruß aus dem Gesicht und
versuche, meinen Bauch einzuziehen, was aber bei
einem Daunenkissen nicht so einfach ist. Scheiße,
scheiße, scheiße! So oft habe ich davon geträumt,
dass Sascha mich endlich mal zur Kenntnis nimmt,
aber doch nicht als angekokelter Weihnachtsmann
mit schwarzen Flecken im Gesicht, rauchenden Au-
genbrauen und verrutschtem Kissenbauch! Das war’s

83
dann wohl, den Typ kann ich endgültig vergessen.
»Gehst du auch zur Weihnachtsparty ins Jugend-
zentrum?«, fragt Sascha.
»Weiß noch nicht«, nuschle ich. Im Moment bin
ich alles andere als in Partystimmung.
»Wenn du Lust hast, können wir ja zusammen
hingehen«, schlägt Sascha vor. »Ich leg da mit mei-
nen Freunden auf.«
»Echt?«, frage ich blöd. Habe ich mich verhört?
Vielleicht haben meine Ohren bei dem Brand ir-
gendwie was abbekommen …
»Also, überleg’s dir, ich fänd’s cool, wenn du mit-
kommst!«, sagt Sascha. »Bis dann!«
Er hebt zum Abschied lässig die Hand und ver-
schwindet im Weihnachtsmarkt-Gewühl.
Ich stehe noch ungefähr fünf Minuten regungslos
da und starre hinter ihm her. Dann klappe ich lang-
sam den Mund zu und wanke Richtung Kaufhaus.
Bevor ich nach Hause gehe, kaufe ich noch ein
Paar Glitzerhaarspangen. Schließlich wäre es jam-
merschade, wenn mich ausgerechnet jetzt jemand
umtauschen würde.

84
Paul Auster
Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte

85
ch habe diese Geschichte von Auggie Wren ge-
hört. Da Auggie darin keine allzu gute Figur macht,
jedenfalls keine so gute, wie er es gerne hätte, hat er
mich gebeten, seinen richtigen Namen zu verschwei-
gen. Im Übrigen aber entspricht die ganze Sache mit
der verlorenen Brieftasche und der blinden Frau und
dem Weihnachtsessen genau dem, was er mir erzählt
hat.
Auggie und ich kennen uns jetzt seit fast elf Jah-
ren. Er arbeitet als Verkäufer in einem Zigarrenge-
schäft an der Court Street in Brooklyn, und da dies
der einzige Laden ist, der die kleinen holländischen
Zigarren führt, die ich so gerne rauche, komme ich
ziemlich oft dort vorbei. Lange Zeit habe ich kaum
einen Gedanken an Auggie Wren verschwendet. Für
mich war er nur der seltsame kleine Mann im blauen
Sweatshirt mit Kapuze, der mir Zigarren und Zeit-
schriften verkaufte, der schelmische, witzelnde Typ,
der immer etwas Komisches über das Wetter, die
Mets oder die Politiker in Washington zu sagen hat-
te, und das war auch schon alles.
Aber dann blätterte er vor einigen Jahren eines
Tages in seinem Laden eine Zeitschrift durch und
stieß dabei zufällig auf eine Rezension eines meiner
Bücher. Dass ich es war, sagte ihm ein Foto neben
der Rezension, und danach änderten sich die Dinge
zwischen uns. Ich war für Auggie nicht mehr nur ein
Kunde unter anderen, ich war zu einem Mann von
Rang geworden. Die meisten Leute hatten keinerlei

86
Interesse an Büchern und Schriftstellern, aber wie
sich herausstellte, hielt Auggie sich selbst für einen
Künstler. Nachdem er das Rätsel um meine Person
geknackt hatte, begrüßte er mich wie einen Verbün-
deten, einen Vertrauten, einen Kampfgenossen. Mir
war das, ehrlich gesagt, ziemlich peinlich. Und dann
kam fast unvermeidlich der Augenblick, da er mich
fragte, ob ich bereit sei, mir seine Fotografien anzu-
sehen. In Anbetracht seiner Begeisterung und seines
guten Willens brachte ich es einfach nicht übers
Herz, Nein zu sagen. Weiß Gott, was ich erwartet
habe. Auf alle Fälle nicht das, was Auggie mir dann
am nächsten Tag gezeigt hat. In einem kleinen fens-
terlosen Hinterzimmer des Ladens öffnete er eine
Pappschachtel und zog zwölf völlig gleich aussehen-
de schwarze Fotoalben daraus hervor. Dies sei sein
Lebenswerk, sagte er, und er brauche nicht mehr als
fünf Minuten am Tag dafür. In den letzten zwölf Jah-
ren habe er jeden Morgen um Punkt 7 Uhr an der
Ecke Atlantic Avenue und Clinton Street gestanden
und jeweils aus genau demselben Blickwinkel ein
Farbfoto aufgenommen. Das Projekt umfasste inzwi-
schen über viertausend Fotografien. Jedes Album
repräsentierte ein anderes Jahr, und sämtliche Bilder
waren der Reihe nach eingeklebt, vom 1. Januar bis
zum 31. Dezember, und unter jedes einzelne war
sorgfältig das Datum eingetragen.
Als ich in den Alben herumblätterte und Auggies
Werk zu studieren begann, wusste ich gar nicht, was
ich denken sollte. Anfangs hatte ich den Eindruck,

87
dies sei das Seltsamste, das Verblüffendste, was ich
je gesehen hatte. Die Bilder glichen sich aufs Haar.
Das ganze Projekt war ein betäubender Angriff von
Wiederholungen, wieder und wieder dieselbe Straße
und dieselben Gebäude, ein anhaltendes Delirium
redundanter Bilder. Da mir nichts dazu einfiel,
schlug ich erst einmal weiter die Seiten um und nick-
te voll geheuchelter Anerkennung. Auggie schien
ungerührt, er sah nur mit breitem Lächeln zu, aber
nachdem ich ein paar Minuten so herumgeblättert
hatte, unterbrach er mich plötzlich und sagte: »Sie
sind zu schnell. Wenn Sie nicht langsamer machen,
werden Sie nie dahinter kommen.«
Er hatte natürlich Recht. Wer sich keine Zeit zum
Hinsehen nimmt, wird niemals etwas sehen. Ich
nahm ein anderes Album und zwang mich, bedächti-
ger vorzugehen. Ich achtete genauer auf Einzelhei-
ten, bemerkte den Wechsel des Wetters, registrierte
die mit dem Fortschreiten der Jahreszeiten sich än-
dernden Einfallswinkel des Lichts. Schließlich ver-
mochte ich subtile Unterschiede im Verkehrsfluss zu
erkennen, den Rhythmus der einzelnen Tage voraus-
zuahnen (das Gewühl an Werktagen, die relative Ru-
he der Wochenenden, den Kontrast zwischen Sams-
tagen und Sonntagen). Und dann begann ich ganz
allmählich die Gesichter der Leute im Hintergrund
zu erkennen, die Passanten auf dem Weg zur Arbeit,
jeden Morgen dieselben Leute an derselben Stelle,
wie sie einen Augenblick ihres Lebens im Blickfeld
von Auggies Kamera verbrachten.

88
Sobald ich sie wieder erkannte, begann ich zu er-
forschen, wie ihre Haltungen von einem Morgen zum
anderen wechselten; ich versuchte aus diesen ober-
flächlichen Anzeichen auf ihre Stimmungen zu
schließen, als ob ich mir Geschichten für sie ausden-
ken könnte, als ob ich in die unsichtbaren, in ihren
Körpern eingeschlossenen Dramen eindringen könn-
te. Ich nahm mir ein anderes Album vor. Jetzt war
ich nicht mehr gelangweilt, nicht mehr verwirrt wie
am Anfang. Auggie fotografierte die Zeit, wurde mir
klar, sowohl die natürliche Zeit als auch die mensch-
liche Zeit, und dies bewerkstelligte er, indem er sich
in einem winzigen Winkel der Welt postierte und ihn
in Besitz nahm, einfach indem er an der Stelle, die er
sich erwählt hatte, Wache hielt. Auggie sah mir zu,
wie ich mich in sein Werk vertiefte, und lächelte
vergnügt in sich hinein. Und dann zitierte er, schier
als hätte er meine Gedanken gelesen, eine Zeile aus
Shakespeare. »Morgen, morgen und dann wieder
morgen«, murmelte er leise, »kriecht so mit kleinem
Schritt die Zeit von Tag zu Tag.« Und da begriff ich,
dass er ganz genau wusste, was er da tat.
Das war vor mehr als zweitausend Bildern. Seit
jenem Tag haben Auggie und ich oft über sein Werk
diskutiert, aber erst letzte Woche habe ich erfahren,
wie er überhaupt an seine Kamera gekommen ist und
mit dem Fotografieren angefangen hat. Darum ging
es in der Geschichte, die er mir erzählte, und ich ver-
suche mir noch immer einen Reim darauf zu machen.
Etwas früher in derselben Woche rief mich jemand

89
von der »New York Times« an und fragte, ob ich
bereit sei, für die Weihnachtsausgabe dieser Zeitung
eine Short Story zu schreiben. Spontan sagte ich
Nein, aber der Mann war sehr charmant und hartnä-
ckig, und am Ende des Gesprächs sagte ich ihm zu,
dass ich es versuchen würde. Kaum hatte ich jedoch
den Hörer aufgelegt, geriet ich in helle Panik. Was
wusste ich schon von Weihnachten?, fragte ich mich.
Was wusste ich von auf Bestellung geschriebenen
Kurzgeschichten?
Die nächsten Tage verbrachte ich in Verzweiflung,
rang mit den Geistern von Dickens, O. Henry und
anderen Meistern der weihnachtlichen Stimmung.
Schon der Ausdruck »Weihnachtsgeschichte« war
für mich mit unangenehmen Assoziationen ver-
knüpft, ich konnte dabei nur an grässliche Ergüsse
von heuchlerischem Schmalz und süßlichem Kitsch
denken. Selbst die besten Weihnachtsgeschichten
waren nicht mehr als Wunscherfüllungsträume, Mär-
chen für Erwachsene, und ich wollte mich hängen
lassen, wenn ich mir jemals erlaubte, etwas Derarti-
ges zu Papier zu bringen. Und doch, wie konnte sich
irgendwer vornehmen, eine unsentimentale Weih-
nachtsgeschichte zu schreiben? Das war doch ein
Widerspruch in sich, ein Ding der Unmöglichkeit,
ein unlösbares Rätsel. Ebenso gut konnte man sich
ein Rennpferd ohne Beine vorstellen oder einen
Spatz ohne Flügel.
Ich kam nicht weiter. Am Donnerstag machte ich
einen langen Spaziergang, ich hoffte, an der frischen

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Luft einen klaren Kopf zu bekommen. Kurz nach
Mittag trat ich in das Zigarrengeschäft, um meinen
Vorrat wieder aufzufüllen, und Auggie stand wie
immer hinter dem Ladentisch. Er erkundigte sich
nach meinem Befinden. Ohne es eigentlich zu wol-
len, schüttete ich ihm plötzlich mein Herz aus.
»Eine Weihnachtsgeschichte?«, fragte er, nachdem
ich fertig war. »Ist das alles? Wenn Sie mir ein Essen
spendieren, mein Freund, erzähle ich Ihnen die beste
Weihnachtsgeschichte, die Sie je gehört haben. Und
ich garantiere, dass jedes Wort davon die reine
Wahrheit ist.«
Wir gingen den Block runter zu Jack’s, einem en-
gen und lärmenden Imbiss, wo es gute Pastrami-
Sandwiches gab und alte Mannschaftsfotos von den
Dodgers an den Wänden. Wir fanden hinten einen
freien Tisch, bestellten unser Essen, und Auggie be-
gann seine Geschichte.
»Es war im Sommer 72«, sagte er. »Eines Mor-
gens kam ein junger Bursche in den Laden und fing
an zu stehlen. Er wird neunzehn oder zwanzig gewe-
sen sein, und ich habe wohl in meinem ganzen Leben
noch keinen so erbärmlichen Ladendieb gesehen. Er
stand vor dem Taschenbuchregal an der hinteren
Wand und stopfte sich Bücher in die Taschen seines
Regenmantels. Da gerade mehrere Leute an der Kas-
se standen, konnte ich ihn zunächst gar nicht sehen.
Aber sobald ich merkte, was er da trieb, fing ich an
zu schreien. Er nahm Reißaus wie ein Karnickel, und
als ich endlich hinterm Ladentisch hervorkonnte,

91
stürmte er bereits die Atlantic Avenue hinunter. Ich
habe ihn etwa einen halben Block weit verfolgt und
es dann aufgegeben. Ich hatte keine Lust mehr, ihm
nachzurennen, und da er unterwegs etwas hatte fallen
lassen, bückte ich mich danach.
Es war seine Brieftasche. Geld war keins drin, da-
für aber sein Führerschein und drei oder vier
Schnappschüsse. Ich nehme an, ich hätte die Polizei
holen und ihn verhaften lassen können. Sein Name
und seine Adresse standen auf dem Führerschein,
aber irgendwie tat er mir Leid. Er war doch bloß ein
mickriger kleiner Anfänger, und als ich mir die Bil-
der in seiner Brieftasche ansah, konnte ich einfach
keine Wut auf ihn empfinden. Robert Goodwin. So
hieß er. Auf einem der Bilder, erinnere ich mich
noch, hatte er seine Mutter oder Großmutter im Arm.
Auf einem anderen war er als Neun- oder Zehnjähri-
ger zu sehen, er saß da in einem Baseballdress und
grinste breit vor sich hin. Ich habe es einfach nicht
übers Herz gebracht. Jetzt war er vermutlich drogen-
süchtig, dachte ich mir. Ein armer, chancenloser Jun-
ge aus Brooklyn, und wen kümmerten schon ein paar
läppische Taschenbücher?
Die Brieftasche habe ich jedenfalls behalten. Ab
und zu hatte ich ein leises Bedürfnis, sie ihm zurück-
zuschicken, aber das habe ich immer wieder aufge-
schoben und nie etwas unternommen. Dann wird es
Weihnachten, und ich sitze rum und habe nichts zu
tun. Normalerweise lädt mich der Chef an diesem
Tag zu sich nach Hause ein, aber in dem Jahr war er

92
mit seiner Familie zu Besuch bei Verwandten in Flo-
rida. Da sitze ich also an diesem Morgen in meiner
Wohnung und bemitleide mich ein bisschen, und
plötzlich sehe ich Robert Goodwins Brieftasche auf
einem Regal in der Küche liegen. Ich denke, was
zum Teufel, warum nicht ausnahmsweise mal was
Nettes tun, ziehe meinen Mantel an und mache mich
auf den Weg, die Brieftasche persönlich zurückzuge-
ben.
Die Adresse war in Boerum Hill, in irgendeiner
der Siedlungen da. Es fror an diesem Tag, und ich
weiß noch, dass ich mich auf der Suche nach dem
richtigen Gebäude ein paar Mal verlaufen habe. In
dieser Gegend sieht alles gleich aus, man läuft immer
durch dieselbe Straße und denkt, man wäre ganz wo-
anders. Jedenfalls komme ich endlich zu der Woh-
nung, die ich suche, und drücke auf die Klingel. Tut
sich nichts. Ich nehme an, es ist niemand zu Hause,
versuche es aber zur Sicherheit noch einmal. Ich war-
te ein bisschen länger, und grade als ich es aufgeben
will, höre ich wen zur Tür schlurfen. Eine alte Frau-
enstimme fragt, wer da ist, und ich sage, ich möchte
zu Robert Goodwin. ›Bist du das, Robert?‹, fragt die
alte Frau, und dann schließt sie ungefähr fünfzehn
Schlösser auf und öffnet die Tür.
Sie muss mindestens achtzig Jahre alt sein, viel-
leicht sogar neunzig, und als Erstes fällt mir an ihr
auf, dass sie blind ist. ›Robert‹, sagt sie. ›Ich wusste,
du würdest deine Oma Ethel zu Weihnachten nicht
vergessen.‹ Und dann breitet sie die Arme aus, als ob

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sie mich an sich drücken will.
Sie verstehen, ich hatte nicht viel Zeit zum Den-
ken. Ich musste ganz schnell etwas sagen, und ehe
ich wusste, wie mir geschah, hörte ich die Worte aus
meinem Mund kommen. ›Ja, Oma Ethel‹, sage ich.
›Ich bin zurückgekommen, um dich an Weihnachten
zu besuchen.‹ Fragen Sie mich nicht, warum ich das
getan habe. Ich habe keine Ahnung. Vielleicht wollte
ich sie nicht enttäuschen oder so, was weiß ich. Es ist
mir einfach so rausgerutscht, und plötzlich hat diese
alte Frau mich vor ihrer Tür in die Arme genommen,
und ich habe sie an mich gedrückt.
Dass ich ihr Enkel sei, habe ich nicht direkt ge-
sagt. Jedenfalls nicht mit diesen Worten, aber sie hat
es so aufgefasst. Ich wollte sie bestimmt nicht reinle-
gen. Das war wie ein Spiel, für das wir uns beide
entschieden hatten – ohne erst über die Regeln zu
diskutieren. Ich meine, diese Frau hat gewusst, dass
ich nicht ihr Enkel Robert war. Sie war alt und
klapprig, aber sie war nicht so weit weggetreten, dass
sie den Unterschied zwischen einem Fremden und
ihrem eigen Fleisch und Blut nicht bemerkt hätte.
Aber es hat sie glücklich gemacht, so zu tun als ob,
und da ich sowieso nichts Besseres zu tun hatte, habe
ich gerne mitgespielt.
Wir sind dann also rein und haben den Tag zu-
sammen verbracht. Die Wohnung war ein richtiges
Dreckloch, sollte ich vielleicht sagen, aber was kann
man sonst auch von einer blinden Frau erwarten, die
ihren Haushalt ganz alleine macht? Immer wenn sie

94
mich gefragt hat, wie es mir geht, hab ich gelogen
und ihr erzählt, ich hätte einen guten Job in einem
Zigarrenladen gefunden, ich würde demnächst heira-
ten und hundert andere nette Geschichten, und sie hat
so getan, als ob sie mir jedes Wort glauben würde.
›Wie schön, Robert‹, hat sie gesagt und lächelnd ge-
nickt. ›Ich habe ja immer gewusst, dass du es zu et-
was bringen würdest.‹

Nach einer Weile bekam ich ordentlich Hunger. Da


nicht viel Essen im Haus zu sein schien, bin ich zu
einem Laden in der Nähe gegangen und habe einen
Haufen Zeug gekauft. Ein gekochtes Huhn, Gemüse-
suppe, ein Eimerchen Kartoffelsalat, Schokoladen-
kuchen, alles Mögliche. Ethel hatte im Schlafzimmer
ein paar Flaschen Wein versteckt, und so konnten
wir ein ganz ordentliches Weihnachtsessen auf die
Beine stellen. Der Wein hat uns ein bisschen ange-
heitert, das weiß ich noch, und nach dem Essen ha-
ben wir uns ins Wohnzimmer gesetzt, weil die Sessel
da bequemer waren. Ich musste mal pinkeln, also
entschuldigte ich mich und ging durch den Flur zum
Badezimmer. Und da nahmen die Dinge plötzlich
eine andere Wendung. Meine kleine Nummer als E-
thels Enkel war ja schon reichlich absurd, aber was
ich dann als Nächstes tat, war absolut verrückt, und
ich habe mir das nie verziehen.
Ich komme also ins Bad, und an der Wand gleich
neben der Dusche sehe ich sechs oder sieben Kame-
ras aufgestapelt. Nagelneue 35-Millimeter-Kameras,

95
noch in der Verpackung, allerbeste Ware. Ich denke,
das ist das Werk des echten Robert, ein Lagerplatz
für seine letzte Beute. Ich habe noch nie in meinem
Leben ein Foto gemacht, und gestohlen habe ich
auch noch nie etwas, aber kaum sehe ich diese Ka-
meras im Badezimmer, beschließe ich, dass eine da-
von mir gehören soll. Einfach so. Und ohne eine Se-
kunde nachzudenken, klemme ich mir eine Schachtel
unter den Arm und gehe ins Wohnzimmer zurück.
Ich kann höchstens drei oder vier Minuten weg
gewesen sein, aber in dieser Zeit war Oma Ethel in
ihrem Sessel eingeschlafen. Zu viel Chianti, nehme
ich an. Ich habe dann in der Küche den Abwasch
gemacht, und sie hat bei dem ganzen Lärm weiterge-
schlafen und geschnarcht wie ein Baby. Sie zu stören
schien mir vollkommen überflüssig, also beschloss
ich zu gehen. Ich konnte ihr noch nicht einmal einen
Brief zum Abschied schreiben, schließlich war sie ja
blind, und so bin ich einfach gegangen. Die Briefta-
sche ihres Enkels ließ ich auf dem Tisch liegen, dann
nahm ich die Kamera und ging aus der Wohnung.
Und damit ist die Geschichte aus.«
»Haben Sie die Frau noch mal besucht?«, fragte
ich.
»Einmal«, sagte er. »Etwa drei oder vier Monate
danach. Ich hatte ein so schlechtes Gewissen wegen
der Kamera, dass ich sie noch gar nicht benutzt hatte.
Am Ende beschloss ich, sie ihr zurückzugeben, aber
Ethel war nicht mehr da. Ich weiß nicht, was aus ihr
geworden ist, aber es war jemand anders in die Woh-

96
nung eingezogen, und der konnte mir nicht sagen, wo
sie steckte.«
»Wahrscheinlich ist sie gestorben.«
»Ja, wahrscheinlich.«
»Das heißt, sie hat ihr letztes Weihnachtsfest mit
Ihnen verbracht.«
»Anzunehmen. So habe ich das noch nie gese-
hen.«
»Es war eine gute Tat, Auggie. Das war nett von
Ihnen, ihr die Freude zu machen.«
»Ich habe sie angelogen, und dann habe ich sie be-
stohlen. Ich verstehe nicht, wie Sie das eine gute Tat
nennen können.«
»Sie haben sie glücklich gemacht. Und die Kame-
ra war sowieso gestohlen. Sie haben sie jedenfalls
nicht demjenigen weggenommen, dem sie wirklich
gehört hat.«
»Alles für die Kunst, Paul, wie?«
»So würde ich das nicht ausdrücken. Aber zumin-
dest haben Sie die Kamera für einen guten Zweck
verwendet.«
»Und Sie haben jetzt Ihre Weihnachtsgeschichte,
stimmt’s?«
»Ja«, sagte ich. »Ich glaube schon.«
Ich unterbrach mich kurz und sah, dass Auggies
Lippen sich zu einem boshaften Lächeln verzogen.
Ich konnte nicht sicher sein, aber sein Blick war in
diesem Moment so rätselhaft, leuchtete so hell von
irgendeinem innerlichen Vergnügen, dass mir plötz-
lich der Gedanke kam, er könnte die ganze Geschich-

97
te erfunden haben. Ich wollte ihn schon fragen, ob er
mich auf den Arm genommen habe, erkannte dann
aber, dass er mir das nie verraten würde. Er hatte
mich dazu gebracht, ihm zu glauben, und das war das
Einzige, was zählte. Solange auch nur ein Mensch
daran glaubt, gibt es keine Geschichte, die nicht wahr
sein kann.
»Sie sind ein Ass, Auggie«, sagte ich. »Danke,
dass Sie mir geholfen haben.«
»Gern geschehen«, antwortete er und sah mich
noch immer mit diesem irren Leuchten in den Augen
an. »Was für Freunde sind das denn, wenn man seine
Geheimnisse nicht mit ihnen teilen kann?«
»Dann stehe ich jetzt in Ihrer Schuld.«
»Aber nein. Schreiben Sie es einfach so auf, wie
ich es Ihnen erzählt habe, und damit sind wir quitt.«
»Bis auf das Essen.«
»Stimmt. Bis auf das Essen.«
Ich erwiderte Auggies Lächeln, rief dann nach
dem Kellner und bat um die Rechnung.

98
Ute Mordhorst
Herr Klotz taut auf

99
Meiner Mutter zum Geschenk

ls Herr Klotz an einem Julimorgen aus seinem


grauen Haus in der Grummelstraße 7 trat, blieb er
wie angewurzelt stehen. Sein Vorgarten lag unter
einer tiefen Schneedecke, und wo gestern noch Un-
kraut und Löwenzahn gewuchert hatten, stand heute
ein Schneemann.
»Das ist ja wohl die Höhe!«, schimpfte Julius
Klotz. Er stemmte seine kurzen, dicken Arme in die
Seiten und schüttelte seinen runden Kopf.
»Sie da! Weg da!«, rief Herr Klotz empört und
wedelte mit den Händen in der Luft, als wolle er ei-
nen lästigen Schwarm Mücken vertreiben. Der
Schneemann bewegte sich nicht vom Fleck. »Eis-
kalt!«, brummte Herr Klotz und schnaufte vor Wut.
Wütend wie er war, übersah Herr Klotz, dass nur
in seinem Garten Schnee lag. Nirgendwo sonst in der
kleinen, blauen Stadt hatte sich auch nur eine hauch-
zarte Schneeflocke auf die Erde verirrt. Warum auch,
es war schließlich Sommer!
Petrus hatte die Sonne angeknipst, die Bäume
leuchteten sommergrün, und in den Vorgärten stan-
den Rosen und Stiefmütterchen, aber beileibe keine
Schneemänner.
Jahreszeiten interessierten Herrn Klotz nicht. Ihm
war es Wurst, ob es Frühling, Sommer, Herbst oder
Winter war. Er hockte sowieso die meiste Zeit drin-
nen in seinem Haus. Und zwar am liebsten allein.
Besucher konnte er genauso wenig ausstehen wie

100
Schneemänner. Überhaupt gab es vieles, was Herr
Klotz nicht mochte.
Herr Klotz schaute auf seine Armbanduhr. Höchs-
te Zeit, wenn er noch den Acht-Uhr-Bus erwischen
wollte. Im Büro würde er darüber nachdenken, wie er
den Schneemann wieder loswerden könnte. Bis zum
Feierabend war ihm sicher etwas Oberfieses einge-
fallen.
Herr Klotz hockte in seinem muffigen Büro bei
Firma Polterhannes & Söhne und kritzelte Schnee-
männer auf ein Stück Rechenpapier. Herr Klotz run-
zelte die Stirn. Dann zog er einen kräftigen, breiten
Strich quer durch über das Papier. Von links nach
rechts. Und noch einen – von rechts nach links. Ssst,
gleich den nächsten! Zack durch die Mitte. Ssstrich,
Strich, Strich. Bis auch der letzte Schneemann hinter
einem fetten, schwarzen Gitterfenster verschwunden
war.
Etwas später riss der Mittagshunger Herrn Klotz
aus seiner finsteren Beschäftigung. Herr Klotz griff
nach seiner ausgebeulten Aktentasche aus echtem
Kunstleder. »Was habe ich mir denn heute Schönes
eingepackt?«, murmelte Herr Klotz und klappte die
Brotdose auf wie ein Schatzkästchen. »Ein Käsebrot,
wie immer!«, stellte er zufrieden fest. Dann kräuselte
er die Nase wie ein Kaninchen. Igitt, der Käse war ja
völlig aus der Form gelaufen!
»Kein Wunder, bei dieser Affenhitze«, schimpfte
Herr Klotz, und plötzlich hatte er einen Einfall. Er
würgte das Brot in drei großen Bissen hinunter und

101
schmatzte wie sieben kleine Ferkel. Dann spülte er
den Rest geräuschvoll mit einer Tasse Kaffee herun-
ter, nahm den Bleistiftstummel und schrieb und krit-
zelte und überlegte …

Um fünf Uhr nachmittags ließ Herr Klotz den Griffel


fallen. Er nahm den 33er-Bus in die Stadt und mar-
schierte schnurstracks in das Haushaltsgeschäft von
Frau Stecker. In der Abteilung für Elektrogeräte
schubste er zwei andere Kunden zur Seite, ließ sich
einen Kasten einpacken und drängelte sich an der
Kasse vor. Ja, nun, liebe Leute, ich habe es eilig!,
dachte Herr Klotz, und hetzte aus dem Geschäft. Die
Kunden schauten ihm hinterher und schüttelten die
Köpfe. Herr Klotz fuhr nach Hause. Er war sehr mit
sich zufrieden.
Die Spatzen zwitscherten, als Herr Klotz aus dem
Bus stieg. Aus den Vorgärten wehte der Geruch von
geröstetem Grillfleisch und Folienkartoffeln zu ihm
herüber. Aber Herr Klotz roch und hörte nichts. Er
sauste durch die Straßen wie eine Aufziehpuppe.
In der Grummelstraße hüpften ihm zwei Kinder
entgegen. »Schau mal, ein Schneemann im Juli!«,
riefen sie und deuteten aufgeregt auf den Vorgarten.
Herrn Klotz blieb verwundert stehen und riss die
Augen auf. Aus allen Richtungen liefen Neugierige
vor seinem Haus zusammen. Einige Väter und Müt-
ter trugen ihre Kinder auf den Schultern, damit die
Kleinen den Schneemann besser sehen konnten. So-
gar ein Fotoreporter von den Kleinstädter Nachrich-

102
ten war herbeigeeilt, mit Kamera und Mikrophon.
Herr Klotz knuffte sich einen Weg durch die Menge.
»Unerhört!«, schimpfte er. »Lassen Sie mich ge-
fälligst vorbei!« Er hielt den geheimnisvollen Kasten
vor seinen Bauch und rempelte sich energisch durch
das Menschenknäuel hindurch. Die Leute aus der
vorderen Reihe drehten sich empört zu Herrn Klotz
herum. Dann wandten sie die Köpfe ruckartig in die
andere Richtung, aus der ein ohrenbetäubendes »Ta-
tütata« herandröhnte. Ein Polizeiwagen fuhr vor, und
zwei Beamte sprangen aus dem Wagen.
»Was ist hier los?«, rief der ältere Polizist, und
sein Blick fiel auf den Schneemann. »Wem gehört
das Objekt?«
Herr Klotz schob sich nach vorn. »Er war auf ein-
mal da, Herr Wachtmeister. Über Nacht! Ein Rätsel
…«
»Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses!«,
stellte der Polizeibeamte fest und zückte seinen No-
tizblock. »Der Schneemann muss weg. Und zwar bis
morgen.«
»Geht klar, Chef«, grummelte Herr Klotz. »So
wahr ich Klotz heiße.« Er klemmte sich den Karton
unter den Arm und stapfte trotzig ins Haus.
Die Leute wichen respektvoll zurück. Diesem
Klotz gehörte also der verschneite Sommergarten
samt Schneemann darin, dachten sie und starrten
Herrn Klotz an. Sie sprachen von einem Weih-
nachtswunder mitten im Juli und von einem histori-
schen Tag. Dann gingen sie murmelnd auseinander.

103
»Kinderkram!«, schimpfte Herr Klotz, als er die
Tür donnernd hinter sich ins Schloss geworfen hatte.
Herr Klotz glaubte nicht an Wunder, genauso we-
nig wie er an diesen Dings, an diesen Osterhasen,
oder an diesen Kerl mit dem weißen Bart, den Weih-
nachtsmann, glaubte. Mit einem Rums ließ er den
Karton auf den Flurteppich fallen und setzte sich
dann an den Küchentisch. Er stützte den Kopf in bei-
de Fäuste und starrte auf die Uhr. Sobald es dunkel
war, würde er seinen Plan ausführen. Herr Klotz
schaute schläfrig zur Kuckucksuhr.
Das gleichmäßige, geduldige Klickklack ermüdete
ihn. Seine Augenlider wurden schwer, er nickte ein
und schnarchte wie ein Bär.
Als Herr Klotz aufwachte, war es bereits tiefe
Nacht. Oha, der Mond steht bereits hoch am Him-
mel!, dachte er und erschrak. Dabei stand der Mond
nicht einfach nur so am Himmel. Er wiegte sich sacht
in seinem Wolkenstuhl und schmauchte genüsslich
seine Abendpfeife. Aber Herr Klotz hatte nun mal
keinen Sinn für Romantik. Schon gar nicht an einem
Tag wie diesem.
Herr Klotz lief in den Flur und riss den Pappkarton
auf. Er werkelte ein paar Sekunden lang ungeduldig
mit einer langen Schnur herum, dann trat er trium-
phierend vor die Tür – und erschrak. Der Schnee-
mann sah im Mondlicht aus wie ein Geist. Herr Klotz
pirschte sich an den Schneemann heran. Die lange
Schnur schlängelte sich über den Rasen wie eine
Blindschleiche.

104
Der Mond warf einen überraschten Blick auf die
beiden Gestalten dort unten. Komisch, der Schnee-
mann hatte die gleiche rote Knubbelnase und die
gleichen pechschwarzen Knopfaugen wie der kleine
dicke Mann. Beide hatten die gleichen stöckchenge-
raden Augenbrauen und den gleichen dünnen, schie-
fen Mund. Sogar ihre spiegelglatten Kugelglatzen
ähnelten einander wie ein Frühstücksei dem anderen.
Das alles betrachtete der Mond amüsiert und von o-
ben herab. Gesichter faszinierten ihn. Im Gegensatz
zu Herrn Klotz, den interessierte weder sein eigenes
Gesicht noch das Gesicht des Schneemanns.
Herr Klotz stellte den Kasten vor dem Schnee-
mann ab.
»Mit wärmsten Empfehlungen!«, sagte er und lä-
chelte giftig. Dann bückte er sich und drehte vorne
am Kasten einen Knopf nach rechts. »Klick« machte
es, und drei Röhren leuchteten rot auf.
Aha, Herr Klotz hatte eine kleine Höhensonne ge-
kauft. Er wollte den Schneemann in Grund und Bo-
den schmelzen. Da hatte er sich ja was richtig Ge-
meines ausgedacht!
Während Herr Klotz darauf brannte, dass der
Schneemann im Erdboden versank, war ihm auf
einmal, als säße er vor der Höhensonne und nicht der
Schneemann. Kleine Schweißbäche rannen ihm die
dicke, glatte Stirn hinunter, seine Hände fühlten sich
glitschig nass an, und er bemerkte, wie sein Ober-
hemd an seinem dicken Bauch festzukleben begann.
Herr Klotz fror und schwitzte mit sich selbst um

105
die Wette. An seinen Füßen waren statt der Zehen
Eiszapfen. Kein Wunder, er versank ja einen halben
Meter tief im eiskalten Schnee! Nun dauerte die
Schneemannbeseitigungsaktion schon eine dreivier-
tel Stunde. Herr Klotz pikste dem Schneemann vor-
sichtig mit dem Zeigefinger in den Bauch. Der
Schneemann war nicht nur keinen Millimeter aufge-
weicht, er war noch genauso knochenhart wie heute
Morgen.
»Mann, Mann, Mann!«, fluchte Herr Klotz und
stiefelte, vor Nässe triefend, zurück ins Haus. Jetzt
hatte er aber die Faxen dicke!
»So ein Pfusch!«, brummelte Herr Klotz und
schleuderte die nassen Schuhe von seinen verfrore-
nen Füßen. Gleich morgen wollte er das Murksgerät
in das Murksgeschäft von Frau Stecker zurückbrin-
gen. Herr Klotz humpelte ins Badezimmer und zog
sich einen Schlafanzug über. Er begann mit den Zäh-
nen zu klappern, sein Hals fühlte sich an wie ein
Reibeisen, jemand schien an seinen Ohren zu ziehen
und zu zerren, er bekam kleine rote Kaninchenaugen.
Herr Klotz kroch bibbernd ins Bett. Er fand es auf
einmal lausekalt daheim. Dann krabbelte er schnell
noch mal aus dem Bett und holte den Heizofen aus
dem Flur. Er stöpselte den Stecker ein und drehte den
Schalter auf Stufe zwei. Eine wohlige Wärme verteil-
te sich im Raum. Herr Klotz fiel in einen tiefen, un-
ruhigen Schlaf und träumte etwas Schreckliches: Ein
Schneemann tauchte unangemeldet in seinem Garten
auf. Mitten im Sommer.

106
Als Herr Klotz am nächsten Morgen erwachte, war
ihm nicht mehr kalt. Ihm war sogar ausgesprochen
heiß. Herr Klotz schlurfte ins Bad und schob sich ein
Fieberthermometer unter die Zunge: 39° C!
»Junge, Junge!«, stöhnte er mit rauer Papageien-
stimme. Dann schlich er zum Telefon und rief in der
Firma Polterhannes & Söhne an. Es war das erste
Mal seit dreißig Jahren, dass er sich krankmeldete.
»Peinlich, peinlich«, krächzte Herr Klotz. Dann
stopfte er sich dick Watte in die Ohren und trottete in
die Küche, um sich eine Tasse Kamillentee aufzu-
brühen.
Zufällig fiel sein Blick in den Vorgarten. Herr
Klotz zuckte zusammen. Da stand ja noch immer
dieser grässliche Schneemann! Es war also doch kein
böser Traum gewesen. Auch der Rasen war noch
immer schneebedeckt.
Der Schneemann muss weg, dachte Herr Klotz.
Das hatte auch der Wachtmeister polizeilich ange-
ordnet. Herr Klotz warf sich schwungvoll seinen Ba-
demantel über und fühlte sich wie ein Torero. Er woll-
te den Stier, besser gesagt: den Schneemann, endlich
bei den Hörnern packen. Er schnappte sich einen alten
Besen aus der Küchenecke und stürzte hinaus.
»Dein Typ wird hier nicht verlangt!«, röchelte er
heiser und raste auf den Schneemann zu.
Hoppla, fast wäre er mit jemandem zusammenge-
rumpelt. Eine Dame stand vor dem Schneemann und
sprach freundlich mit ihm. Sie hielt eine Gardine o-

107
der etwas Ähnliches in der Hand. Es war Frau Wa-
denstrumpf, die Nachbarin aus der Grummelstraße 5.
Seit fünfzehn Jahren lebten Herr Klotz und Frau Wa-
denstrumpf Haus an Haus. Trotzdem hatten sie noch
nie ein Wort miteinander gewechselt. Herr Klotz
ging Frau Wadenstrumpf am liebsten aus dem Weg.
Sie war ihm unheimlich, vielleicht weil sie ihn im-
mer so liebenswürdig anlächelte, obwohl er sie seit
fünfzehn Jahren übersah.
Da! Frau Wadenstrumpf lächelte schon wieder!
Sie sagte sogar etwas, aber Herr Klotz hörte nichts
durch die Watte in seinen Ohren. Staunend wurde er
Zeuge, wie Frau Wadenstrumpf beschwingt einen
Schal um den Hals des Schneemannes warf. Ein Hal-
lo brauste auf wie in einem Fußballstadion und drang
in seine verstopften Ohren. Herr Klotz fuhr entsetzt
herum und zuckte zusammen. Da standen wieder
diese aufdringlichen Menschen vor seinem Haus!
»Bravo. Ein Wollschal für den Schneemann!«, rie-
fen die Leute und applaudierten.
Frau Wadenstrumpf winkte fröhlich in die Menge.
Als ihr Blick auf Herrn Klotz fiel, lächelte sie char-
mant.
Herr Klotz grunzte und lehnte den Besen vergrätzt
an den Schneemann.
»Bravo! Herr Klotz überreicht dem Schneemann
einen Schneebesen!«, riefen die Schaulustigen, und
ein Mann von der Presse schoss ein paar Fotos. Herr
Klotz verstand immer nur Bahnhof, das heißt
Schneemann.

108
Er zog den Bademantel fester um seinen dicken
Bauch und wandte sich zum Gehen. Da machte es
Tatütata, das grünweiße Polizeiauto von gestern fuhr
wieder vor, und der Wachtmeister ruderte aufgeregt
auf Herrn Klotz zu.
»Schon gut. Schon gut. Regen Sie sich nicht
künstlich auf!«, krähte Herr Klotz. »Morgen ist der
Schneemann weg.«
»Unterstehen Sie sich!«, rief der Wachtmeister.
»Lassen Sie den Schneemann, wo er ist. Er ist die
Touristenattraktion in unserer kleinen Stadt.«
Herr Klotz zuckte mit den Achseln und ging wort-
los ins Haus. Er stellte den Heizofen auf Stufe drei
und setzte sich an sein Wohnzimmerfenster. Von
dort schaute er hinaus in den Garten. Warum mach-
ten die Menschen solch ein Aufhebens um diesen
Schneemann? Er war doch gar nichts Besonderes.
Herr Klotz schnauzte sich geräuschvoll und blickte
missmutig hinaus.

Am nächsten Tag schellte es zum ersten Mal nach


vielen Jahren wieder einmal bei Herrn Klotz an der
Haustür. Die Türglocke war entsprechend verstimmt
und meldete den Besucher mit blechernem Schep-
pern an. Herr Klotz schlurfte zur Tür und öffnete.
Draußen stand ein junger, schlaksiger Mann mit ro-
ten Stoppelhaaren. Seine Nase war mit Sommerspros-
sen übersät. Sogar auf seiner Oberlippe saßen zwei,
drei gesprenkelte Pünktchen. Über seiner linken
Schulter hing ein Fotoapparat mit Blitzlichtaufsatz.

109
»Hallo, Herr Klotz!«, sagte der junge Mann
freundlich. »Darf ich kurz stören? Ich komme von den
Kleinstädter Nachrichten und möchte Sie gern …«
»Weiß ich!«, knarzte Herr Klotz und schaute den
jungen Mann misstrauisch an. »Sie sind Reporter.
Gestern haben Sie hier Fotos geschossen. Ihre roten
Haare leuchteten in der Sonne und …« Herr Klotz
stockte. Seit wann interessierte ihn die Haarfarbe an-
derer Leute? Dann fragte er kurz: »Na und? Was
wollen Sie?«
Der junge Mann lachte. »Unsere Leser möchten
mehr über Sie und Ihr Leben erfahren!«
Herr Klotz starrte den jungen Mann an. Was gab
es schon über ihn zu berichten? Seit er denken konn-
te, war er so gewesen wie jetzt. Das heißt: Herrn
Klotz fiel plötzlich ein, dass er einmal ein verträum-
ter, kleiner Junge gewesen war und ein romantischer
junger Mann. Früher hatte er weißblonde, dichte
Haare auf dem Kopf gehabt. »Mein Schäfchen« hatte
seine Mutter zu ihm gesagt. Lächerlich.
»Meinetwegen, kommen Sie rein«, brummte Herr
Klotz. »Viel Zeit hab ich aber nicht.« Er fischte eine
verstaubte Flasche Cognac aus dem Wohnzimmer-
schrank und stellte zwei angestoßene Gläser auf den
Tisch. Bald dämmerte es in der kleinen blauen Stadt,
und Herr Klotz knipste Licht im Wohnzimmer an,
ausnahmsweise, weil er Besuch hatte. Ein Abendspa-
ziergänger wunderte sich. Dieses Haus war um diese
Zeit sonst nie beleuchtet. Der Mann blieb neugierig
stehen und sah von der Straße aus, wie der alte Klotz

110
in schweren Schränken wühlte und dicke Fotoalben
aus den Regalen hervorholte. Er sah, wie der Fotore-
porter sich neben Herrn Klotz auf das durchgesesse-
ne Plüschsofa setzte und beide in alten Alben blätter-
ten. Der Spaziergänger staunte Bauklötze und ging
nach Hause.
Irgendwann kramte Herr Klotz eine kleine flache
Holzkiste aus der alten Eichenholz-Vitrine und bot
dem Fotoreporter eine von seinen Havanna-Zigarren
an. Gut, dass er noch welche für besondere Anlässe
aufgespart hatte!
Die Sonne hatte sich längst aufs Ohr gelegt, der
Himmel hatte die Vorhänge zugezogen, die Kirch-
turmuhr schlug leise Mitternacht, als der Fotorepor-
ter sich verabschiedete. Herr Klotz saß noch eine
Weile für sich allein. Dann löschte er das Licht in der
Wohnstube und legte sich zur wohlverdienten Ruh.

Nach und nach gewöhnten sich die Menschen an den


wundersamen Schneemann, der nicht tauen wollte.
Im August trafen längst nicht mehr so viele Schnee-
mann-Touristen in der kleinen blauen Stadt ein wie
noch im Juli. Im September kamen noch weniger Be-
sucher, im Oktober waren es nur noch ein paar ver-
einzelte. Schließlich blieben auch die Zeitungsleute
aus. Dafür zog der Winter in die Stadt ein, und mit
den ersten dicken Schneeflocken, die zur Erde
schwebten, fingen die Kinder an, ihre eigenen
Schneemänner zu bauen. Der Schneemann von Herrn
Klotz war nun einer von vielen.

111
Die Menschen, die sich regelmäßig vor seinem
Grundstück versammelt hatten, fehlten Herrn Klotz.
Mit der Zeit hatte es ihm richtig Freude gemacht, sie
von seinem Küchenfenster aus zu beobachten. Immer
öfter war er hinaus in den Vorgarten getreten. Dann
hatte er den alten Bäumen einen freundschaftlichen
Klaps auf die Rinde gegeben oder Unkraut aus dem
Rasen gezupft. Er wusste, dass die Leute ihn grüßen
würden, wenn er im Garten arbeitete. Einige hatten
sich sogar nach seinem Befinden erkundigt. Herr
Klotz hatte dann immer etwas Brummiges zur Ant-
wort gegeben, aber im Stillen hatte er sich gefreut
über das Interesse seiner Zaun-Gäste. Hatte, hatte,
hatte! Und jetzt, was hatte er jetzt noch?
Besonders die Gespräche mit den Fotoreportern
fehlten Herrn Klotz. Es gab vieles, was er ihnen gern
noch erzählt oder gezeigt hätte. Seine Zinnbecher-
sammlung zum Beispiel. Vielleicht hätte er ihnen
sogar etwas auf seiner Mundharmonika vorgespielt.
Ein paar alte Lieder hätte er sicher noch zu Stande
gebracht. Wem sollte er nun aus seinem Leben be-
richten? Niemand war mehr da, der sich für ihn inte-
ressierte.

Eines Nachmittags, als Herr Klotz seinen täglichen


Rundgang durch den Garten machte und mit der Hand
über die Hecken strich wie über wuschelige Kinder-
köpfe, schaute er den Schneemann prüfend an. Wa-
rum sollte er nicht einen kleinen Abendplausch mit
dem Kollegen halten? Aber wie sollte er ihn anreden?

112
»Schöner Abend, was, Herr Schnee?«, fragte Herr
Klotz und deutete mit den Augen nach oben. Am
Himmel weidete eine Herde Wolken. Der Wind
strich durch die Bäume und Herr Klotz hörte ein
Knacken im Unterholz, eine Vogelstimme. Sprach da
nicht sogar … Er spitzte die Ohren und, mein lieber
Scholli, er hatte sich nicht getäuscht.
»Ja«, antwortete der Schneemann leise. »In der
Tat. Ein ganz besonders schöner Abend.«
Herr Klotz räusperte sich. »Pfeife, Herr Schnee?«,
fragte er und zog eine Meerschaumpfeife aus seiner
Hosentasche. Herr Schnee lächelte und nickte dan-
kend. Von diesem Moment an war das Eis zwischen
ihnen gebrochen. Sie hielten nun manchen Abend ein
Plauderstündchen ab – von Schneemann zu Mann.

Weihnachten rückte näher. Die kleine blaue Stadt


hatte sich prächtig herausgeputzt. Sie strahlte über
das ganze Pflaster und leuchtete aus allen Straßen
und Plätzen.
»Morgen ist Heiligabend, Herr Schnee!«, sagte
Herr Klotz am 23. Dezember zum Schneemann.
»Was würden Sie davon halten, wenn ich uns zur
Feier des Tages ein Tannenbäumchen in den Garten
stelle und wir gemeinsam etwas Punsch trinken?«.
»Schöne Idee!«, sagte Herr Schnee.
Am Vormittag des 24. Dezember schleppte Herr
Klotz den alten Schuhkarton mit dem Weihnachts-
schmuck vom Boden. Er schmückte die Nordmann-
tanne mit Kerzen, bunten Kugeln, gelben Strohster-

113
nen und goldenem Lametta. Nachmittags stellte er
sich in die Küche und verrührte eine Flasche Rot-
wein mit Orangensaft, Vanillepulver und Anisge-
würz zu einem würzigen Christkindlpunsch.
Die Sterne glitzerten am Himmel wie winzige
Glühbirnen, und die Kirchenglocken läuteten vom
Marktplatz herüber. Die Menschen strömten aus der
Weihnachtsmesse nach Hause. In den Fenstern gin-
gen die Lichter an, und es wurde ganz still in der
kleinen, blauen Stadt. Als kein Mensch mehr auf der
Straße zu sehen war, trug Herr Klotz das Weih-
nachtsbäumchen über den Rasen und stellte es neben
Herrn Schnee. Dann holte er den dampfenden Punsch
und zwei große Weihnachtsbecher aus dem Haus.
»Frohe Weihnachten, lieber Freund!«, sagte er und
drückte dem Schneemann einen Becher Punsch in
den Arm. Sie stießen auf Weihnachten an. Herr Klotz
summte ein Weihnachtslied und nahm einen beherz-
ten Schluck. Und noch einen.
»Ja, ja, lieber Freund!«, sagte Herr Klotz nach
dem dritten Schluck und umarmte Herrn Schnee. Ihm
wurde plötzlich ganz wehmütig. Seine Augen brann-
ten. Er blinzelte hinauf zu den Sternen und horchte
andächtig in die lautlose Nacht. Wie still es war!
»Ja, ja. Stille Nacht, heilige Nacht«, murmelte
Herr Klotz. Da knirschte es auf dem Schnee.
Herr Klotz hielt die Luft an und lauschte. Das
Knirschen wurde lauter und kam näher.
Huch!, dachte Herr Klotz. Schritte! Wer war denn
so spät noch unterwegs? Womöglich der Weih-

114
nachtsmann? Ausgeschlossen, der Weihnachtsmann
hatte sich seit dreißig Jahren nicht mehr in der
Grummelstraße 7 blicken lassen. Herr Klotz kniff die
Augen zusammen und starrte angestrengt ins Dunkel.
Eine pummelige Gestalt in einem roten Mantel
schlich auf die Haustür von Herrn Klotz zu. Das Ge-
sicht war tief in eine dicke, rote Kapuze gehüllt. Die
Gestalt schaute sich verstohlen um, und Herr Klotz
huschte hinter den breiten Rücken von Herrn Schnee.
Er wollte den Weihnachtsmann auf keinen Fall ver-
treiben – jetzt, wo der Weihnachtsmann ihn wieder
neu entdeckt hatte. Herr Klotz fühlte, dass sein Herz
so laut klopfte wie seine Kuckucksuhr, nur viel
schneller. Am Ende würde sein Herz ihn noch verra-
ten! Aber da entfernte sich der Weihnachtsmann, und
alles war wieder ganz still. Die Luft ist rein, dachte
Herr Klotz und jagte zum Haus.
Donnerwetter! Auf der Türschwelle lag ein gold-
glänzendes Paket mit einer großen, roten Brummer-
schleife auf dem Deckel. Auf einem Zettel stand in
Krakelschrift: »Für Julius Klotz. Vom Weihnachts-
mann.«
An diesem Abend ging Herr Klotz spät zu Bett. Er
saß andächtig auf dem durchgesessenen Sofa in sei-
nem Wohnzimmer und hielt sein Geschenk auf den
Knien. Alte, längst verblasste Bilder tauchten in sei-
nem Kopf auf wie Strandgut, das nach Jahren ans
Ufer geschwemmt wird. Herr Klotz saß still und
lauschte in sich hinein.

115
Am nächsten Nachmittag um vier Uhr läutete es bei
Herrn Klotz. Nanu, dachte Herr Klotz, wer konnte
das sein, so früh am Morgen? Er war noch nicht sehr
lange auf und trottete müde zur Tür.
Vor ihm stand Frau Wadenstrumpf, die Nachbarin
aus der Grummelstraße 5.
»Frohe Weihnachten!«, grüßte sie munter und
hielt Herrn Klotz einen Kuchenteller unter die Nase.
»Mögen Sie Stollen, Herr Klotz? Ich habe welchen
gebacken. Zu Kaffee schmeckt er ausgezeichnet.«
Herr Klotz strich sich verlegen über die Glatze.
Er sah sehr erschrocken aus, fand Frau Waden-
strumpf. Sie lächelte.
Frau Wadenstrumpf sah wirklich nett aus, wenn
sie lächelte, fand Herr Klotz. »Stollen esse ich für
mein Leben gern. Am liebsten in netter Gesell-
schaft«, antwortete Herr Klotz forsch und wurde rot
wie ein Bratapfel.
Frau Wadenstrumpfs Augen glänzten, und plötz-
lich war alles sehr weihnachtlich in der Grummel-
straße 7. Herr Klotz huschte in die Küche, in der Vit-
rine fand er noch zwei Tassen und zwei Teller von
dem guten Porzellan. In der Küche brühte er frischen
Bohnenkaffee auf. Dann huschte er ins Wohnzimmer
und zündete die Baumkerzen an.
»Schön haben Sie es hier. Richtig weihnachtlich!«,
sagte Frau Wadenstrumpf und deutete auf die kleine
geschmückte Nordmanntanne. Vor dem Bäumchen,
neben einer roten Schleife, lag ein handgestrickter,
blauer Wollschal.

116
»Vom Weihnachtsmann!«, sagte Herr Klotz und
wurde wieder rot.
Frau Wadenstrumpf räusperte sich. »Ja, dann will
ich mal den Stollen in die Küche bringen«, sagte sie
und verschwand. Herr Klotz lief zur Wohnzimmer-
Kommode und kramte in einer Schublade. Er zog ein
silbernes Etui aus der untersten Lade hervor, aus der
er eine alte Mundharmonika nahm. Herr Klotz klopf-
te ein paar Mal auf der Mundharmonika herum, da-
mit die falschen Töne herauspurzelten. Dann setzte
er das Instrument an den Mund und spielte Stille
Nacht, heilige Nacht.
Frau Wadenstrumpf stand mit zwei Tellern in der
Tür und lächelte gerührt. Schließlich setzte sie sich
zu Herrn Klotz aufs Sofa und sang alle drei Strophen
des Liedes laut mit. Dann verteilte sie den Stollen auf
die Teller.
Es schneite. Dicke Schneeflocken wirbelten durch
die Luft, tanzten über das Gartengrundstück und
setzten sich an die Fensterscheiben. In der Wohnstu-
be duftete es nach frischem Kaffee, Tannennadeln
und echten Bienenwachskerzen.
»So einen guten Stollen habe ich aber lange nicht
mehr gegessen!«, sagte Herr Klotz und nickte aner-
kennend.
»Nicht wahr?«, meinte Frau Wadenstrumpf.
»Greifen Sie doch zu. Ich fürchte, ich kann auch
nicht widerstehen.« Sie reichte Herrn Klotz den Tel-
ler und nahm sich selber noch ein Stück. Herr Klotz
aß und schwieg.

117
Frau Wadenstrumpf schaute versonnen aus dem
Fenster. »Wo ist denn eigentlich Ihr Schneemann?«,
fragte Frau Wadenstrumpf plötzlich mit halb vollem
Mund.
Fast hätte Herr Klotz seinen Kaffee verschüttet. Er
sprang auf und rannte zum Fenster. Frau Waden-
strumpf hatte Recht, der Schneemann war weg!
»Kommen Sie, meine Liebe!«, rief Herr Klotz,
warf sich seinen Schal um und stürzte hinaus. Frau
Wadenstrumpf warf das angebissene Stück Stollen
auf ihren Teller, riss ihren Mantel vom Haken und
stolperte hinter Herrn Klotz her. Sie liefen zu dem
Platz, auf dem der Schneemann all die Monate ge-
standen hatte.
»Spurlos verschwunden!«, stellte Frau Waden-
strumpf erstaunt fest und pfiff leise durch die Zähne.
Herr Klotz seufzte und schüttelte den Kopf. Er
seufzte einige Male und schüttelte wieder und wieder
den Kopf. Dann schaute er Frau Wadenstrumpf an
und ein schüchternes Lächeln huschte über sein Ge-
sicht.
Sie stapften eine Weile nebeneinander her durch
den tiefen Schnee. Zwei Farbkleckse auf weißem
Untergrund. Herr Klotz mit seinem blauen Schal,
Frau Wadenstrumpf in ihrem dicken, roten Kapu-
zenmantel. Sie hielten die Blicke starr auf den Boden
gerichtet, gerade so, als suchten sie etwas. Irgend-
wann hielt Frau Wadenstrumpf inne und schaute hin-
auf zu den Sternen, irgendwann rückte Herr Klotz
ganz nah an sie heran, irgendwann schob er wortlos

118
seinen Arm unter ihren. Der Mond lächelte. Petrus
hatte für heute Tauwetter angesagt. Und so war es
auch.

119
Christian Bieniek
Go to Hel

120
alb sieben Parkplatz
Wenn man so eine SMS von Helene bekam, gab es
nur eine Antwort: O.K.! Obwohl halb sieben eine
unmögliche Uhrzeit war. Zumindest an Heiligabend.
Um sechs hätte Judith mit ihren Eltern in die Kirche
gehen müssen. So wie jedes Jahr zu Weihnachten.
Ein Glück, dass Judith am Vormittag zusammen mit
ihrer Mutter Kekse gebacken und dabei jede Menge
Teig genascht hatte!
»Kein Wunder, dass du Bauchschmerzen hast«,
hatte ihre Mutter vorhin geschimpft, als sie zusam-
men mit Judiths Vater und ihrem kleinen Bruder Mi-
chael zur Kirche aufgebrochen war. »Du konntest ja
nicht die Finger vom Teig lassen.«
Eigentlich waren die Bauchschmerzen nur erfun-
den gewesen. Aber jetzt auf dem Weg zum Parkplatz
spürte Judith tatsächlich ein unangenehmes Kribbeln
im Magen. Schuld daran war aber nicht der Teig,
sondern das blöde Teil in der Innentasche ihres Ano-
raks. Sie wusste noch nicht, ob sie es gleich ihrer
Freundin in die Hand drücken sollte oder nicht. Erst
mal abwarten, wie Helene drauf war. Ihre spitze
Zunge konnte einen ganz schön verletzen.
Nein, es war nicht besonders einfach, Helenes bes-
te Freundin zu sein. Es gab Tage, an denen sie wegen
jedem Mist explodierte. An besseren Tagen explo-
dierte sie nur, wenn ihr irgendwas nicht passte. Rich-
tig nett war sie nie. Vor allem nicht zu sich selbst.
Die giftigsten Sprüche machte Helene Laurenz über

121
Helene Laurenz. Und über Leute, die sie Helene
nannten. Aus ihrem Vornamen hatte sie die letzten
drei Buchstaben gestrichen.
Schon von weitem sah Judith ihre Freundin auf
dem Parkplatz vor dem Supermarkt stehen, eine Zi-
garette in der Hand. Heute Morgen hatte hier ein
Riesengewimmel geherrscht, aber jetzt war weit und
breit kein Auto zu sehen. Überhaupt schien die Stadt
völlig ausgestorben zu sein.
»Frohe Weihnachten!«, rief Hel ihr mit grimmiger
Miene entgegen und zog an ihrer Zigarette. »Ich
dachte, du bist in der Kirche!«
»Sonst noch was?«
»Hier!«
Sie hielt Judith die Zigarette hin. Die schüttelte
den Kopf.
»Gestern haben wir viel zu viel gequalmt«, sagte
Judith. »Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen.«
»Ich auch«, gab Hel zu. »An Silvester höre ich auf
zu rauchen.«
»Echt?«
Hel nickte. »Ich hör auch auf mit dem Haschisch
und mit den bunten Pillen.«
»Das nimmst du doch alles gar nicht.«
»Noch nicht«, erwiderte Hel grinsend. »Aber bis
Silvester ist ja noch ein bisschen Zeit. Da kann ich
mit dem ganzen Zeug anfangen.« Sie ließ die Kippe
fallen und trat sie aus. »Los, komm!«
»Wohin?«
»Keine Ahnung. Das müssen wir irgendwie aus-

122
nutzen.«
»Was?«, fragte Judith.
»Dass alle in der Kirche sind. Wir haben das ganze
Kaff für uns und können jede Menge Scheiße bau-
en.«
Hel pustete sich ihren blonden Pony aus der Stirn
und setzte sich in Gang. Zögernd folgte ihr Judith.
Sie musste Hel sagen, dass sie nur eine Stunde Zeit
hatte. Dann würde ihre Familie wieder zu Hause
sein. Für Punkt acht war die Bescherung geplant. Ob
Judith dieses Jahr ausnahmsweise mal irgendwas von
dem geschenkt bekommen würde, was sie sich ge-
wünscht hatte?
Ihr Herz klopfte schneller, als sie an das Teil in ih-
rem Anorak dachte. Inzwischen hatten sie die Fuß-
gängerzone erreicht. Bis auf eine alte Frau mit ihrem
Dackel war sie menschenleer.
»Scheiß Weihnachten!«, schnaubte Hel wütend
und zeigte auf ein ganz besonders kitschiges Schau-
fenster mit pinkfarbenen Engeln, tonnenweise Watte
und Millionen kleiner Lichter. »Was hasst du am
meisten daran, hä? Die idiotischen Geschenke? Das
verlogene Getue mit ›Fest der Liebe‹ und so? Oder
diese peinlichen Dekorationen?«
»Alles«, sagte Judith. Und ärgerte sich. Jetzt konn-
te sie das Teil in ihrem Anorak vergessen. Warum
traute sie sich so selten, Hel zu widersprechen? Sie
war doch ihre beste Freundin. Geschenke fand Judith
nicht idiotisch. Nicht alle zumindest. Es kam darauf
an, wer wem was schenkte. Oder von wem man was

123
geschenkt bekam. Geschenke konnten was sehr
Schönes sein.
»Mistwetter!«, schimpfte Hel plötzlich. »Wenn es
geschneit hätte, könnten wir jetzt Schneebälle durch
offene Fenster werfen.«
»Wozu?«
Hels Stirn verdüsterte sich. »Wozu! Wozu!«, äffte
sie Judith nach. »Um die Leute zu ärgern, wozu
sonst? Vielleicht wurden die sich sogar darüber freu-
en.«
»Warum sollten sie?«
»Na hör mal! Friede, Freude, Eierkuchen – diese
Weihnachtsstimmung ist doch echt zum Kotzen! Und
vor allem stinklangweilig. Heute Abend kommt mein
Vater zum Essen vorbei. Glaubst du, dabei gibt es
auch nur den kleinsten Streit? Weder er noch meine
Mutter werden es sich anmerken lassen, dass sie sich
nicht ausstehen können. Wieso bleibt er nicht bei
seiner Freundin in Hamburg? Auf seine dämlichen
Sprüche können wir verzichten. Alles, was wir brau-
chen, ist sein Geld.«
Hel bückte sich und hob einen Stein auf.
»Der ist zwar ziemlich klein und nicht weiß, fliegt
aber bestimmt genau so gut wie ein Schneeball«,
meinte sie und schaute sich beim Weitergehen nach
offenen Fenstern um.
»Damit kannst du jemanden verletzen«, gab Judith
zu bedenken.
»Mit dem winzigen Ding? Blödsinn!«
Sie blieb vor einer Metzgerei stehen und zeigte auf

124
den zweiten Stock. Eins der vier Fenster, die mit
Weihnachtskram geschmückt waren, stand offen.
»Frohe Weihnachten!«, rief Hel und schleuderte
den Stein zum Fenster hinauf. Leider zielte sie nicht
ganz genau. Der Stein knallte gegen ein anderes Fen-
ster. Mit einem lauten Klirren ging die Scheibe zu
Bruch.
Die beiden Mädchen sahen sich erschrocken an.
Dann fing Hel an zu kichern und rannte los. Judith
folgte ihr. Sie flitzten um die nächste Ecke. Erst hun-
dert Meter weiter blieb Hel stehen. Sie kicherte im-
mer noch.
»Volltreffer!«, jubelte sie und reckte beide Fäuste
in die Luft. »War das kein tolles Geschenk?«
»Für wen?«
»Für die Glaserei, die die neue Scheibe einsetzt.
Los, gehen wir weiter!«
»Wohin denn?«
»Was weiß ich?«
Ziellos schlenderten sie weiter. Dabei schimpfte
Hel ununterbrochen über Weihnachten. Über die
Tannenzweige im Wohnzimmer. Über den Advents-
kranz an der Haustür. Über die Gans im Backofen.
Über ihren Vater, der sie den ganzen Abend über die
Schule ausquetschen würde, weil er nicht wusste,
worüber er sonst mit Hel reden sollte.
Mittlerweile waren sie am Stadtpark angekommen.
Auf dem Weg hierhin war ihnen kaum jemand be-
gegnet. Judith warf einen verstohlenen Blick auf ihre
Uhr.

125
»Wo sind denn die ganzen Bäume?«, fragte Hel
erstaunt, als sie am Bismarck-Denkmal vorübergingen.
»Welche Bäume?«
»Die Tannenbäume, die hier in den letzten Wo-
chen verkauft wurden. Gestern waren noch zwanzig
Stück da. Mindestens.«
Sie schaute sich suchend um und entdeckte hinter
dem Denkmal noch zwei mickrige Bäumchen.
»Diese Missgeburten wollte wohl keiner haben«,
vermutete sie. »Die waren den Leuten wohl nicht gut
genug für ihre hässlichen Wohnzimmer.«
Hel zückte ihr Feuerzeug.
»Was hast du vor?«, fragte Judith.
»Weihnachten feiern. Die Bäume haben zwar kei-
ne Kerzen, aber das macht nichts.«
Sie bückte sich und versuchte, einen Zweig anzu-
zünden.
»Bis du verrückt geworden?«, fauchte Judith sie
an. »Willst du den ganzen Stadtpark abfackeln?«
»Nein, nur die zwei Bäume. Bismarck hätte be-
stimmt nichts gegen ein kleines Feuerchen. Bei die-
ser Kälte friert er sich doch den Arsch ab!«
Es dauerte eine Weile, bis der Zweig Feuer fing.
Aber dann ging alles ganz schnell. In null Komma
nichts brannte der Baum lichterloh. Blitzschnell grif-
fen die Flammen auf den anderen Baum über.
Höchstens zwei Minuten dauerte es, bis das Feuer
erlosch. Schweigend hatten die Mädchen dem Brand
zugeschaut. Jetzt sahen sie sich in die Augen. Ziem-
lich lange.

126
»Frohe Weihnachten!«, sagte Hel auf einmal mit
überraschend leiser Stimme.
»Frohe Weihnachten!«, erwiderte Judith.
Sie umarmten sich und drückten sich zwei Küss-
chen auf die Wange.
»Scheiße, sind wir spießig!«, fluchte Hel grinsend
und stieß Judith von sich weg. »Friss nicht zu viele
Süßigkeiten! Tschüss!«
Bevor Judith etwas sagen konnte, hatte Hel ihr den
Rücken zugewandt und stapfte nun mit großen
Schritten davon.
»Tschüss!«, rief Judith ihr hinterher.
Hel hielt nicht an und schaute auch nicht zurück.
Erleichtert atmete Judith tief durch. Ein Glück, dass
sie das blöde Teil im Anorak gelassen hatte! Was
hätte ihre Freundin wohl dazu gesagt? Wahrschein-
lich gar nichts. Hel hätte sie nur ausgelacht. Und
wie!
Judith wollte sich in Bewegung setzen, doch in
diesem Moment machte Hel kehrt. Beim Näher-
kommen erschien ein seltsames Lächeln auf ihrem
Gesicht.
»Ich hab was vergessen«, sagte sie, als sie vor Ju-
dith stand.
»Was denn?«
Nach kurzem Zögern griff Hel in ihre linke Man-
teltasche. Was sie herausholte, war flach und vier-
eckig und in hellblaues Glanzpapier mit silbernen
Engeln verpackt.
Judith fing an zu kichern.

127
»Ja, ich weiß!«, brummte Hel unwirsch. »Ge-
schenke sind Scheiße! Das ist eine alte Tupac-CD.
Wehe, sie gefällt dir nicht! Tschüss!«
»Warte mal!«
Immer noch kichernd öffnete Judith den Reißver-
schluss ihres Anoraks und griff in die Innentasche.
Hel riss die Augen auf. Was Judith in der Hand hielt,
war ebenfalls flach und viereckig. Verpackt war es
jedoch in eine goldene Folie mit bunten Sternchen
drauf.
»Was – was ist das?«, stammelte Hel.
»Die Ärzte. Live. Wehe, die CD gefällt dir nicht!«
»Ich hasse die Ärzte!«
»Ich hasse Tupac!«
»Aber Weihnachten hasse ich noch mehr!«
»Und ich erst!«

128
Harald Parigger
Weil Weihnachten ist

129
n diesem Nachmittag traf sich die ganze Bande
an der Unterführung. Motte, der kleine Joff, Sprin-
ger, Bahsi und natürlich Snot, im Schlepptau Ma-
donna, seine Flamme.
»Und, was machen wir?«, fragte Springer und trat
nach einer streunenden Katze, die neben ihm an einer
Plakatwand kauerte.
Das blöde Vieh wich aus und Springer ließ seinen
Stiefel mitten in die Benetton-Reklame krachen.
Lang nicht so gut wie das Jaulen, auf das er gehofft
hatte, aber besser als nichts.
»Kino«, schlug Babsi vor.
»Kino? Kinderkram!«, sagte Snot.
»Muss kein Kinderkram sein«, murrte Motte auf-
sässig. »Gibt verdammt geile Sachen im Kino.«
»Genau«, sagte Madonna und stellte sich vor, wie
Snot im Halbdunkel neben ihr saß und seine Hand an
ihrem Oberschenkel langsam aufwärts wandern ließ,
wie er’s schon mal gemacht hatte.
»Kein Kino«, sagte Snot. »Habt ihr ‘ne Ahnung,
was das kostet?
Sieben Euro der billigste Platz. Ham wir 42 Eu-
ro?«
»Locker«, sagte Motte und zog einen Fünfziger
hervor.
»Mann, wo hast’n den her?«
»Geklemmt von meiner Alten. Weihnachtsgeld,
mein Anteil.« Er grinste. »Erste Rate.«
Madonna schlang die Arme um Snots Hals. »Das

130
reicht doch fürs Kino.«
Snot schob sie weg. »Kein Kino.«
»Und warum nich, verdammt?«, fragte Motte und
machte schmale Augen.
Snot schaute ihn an. Erst seine Hose, dann den
löchrigen Schal, den er immer trug, dann sein Ge-
sicht.
»Weil ich es sage.«
Motte kniff die Lippen zusammen und schwieg.
Alle schwiegen und Snot nickte. Er zog geräusch-
voll hoch und spuckte einer vorbeischlurfenden Oma
einen dicken Schleimbatzen so zielgenau vor die Fü-
ße, dass sie mitten reintrat.
Wütend blieb sie stehen und machte den Mund
auf.
Snot trat ganz nah zu ihr hin. »Was is, Mutter, hast
du’n Problem?«
Da huschte sie davon, ganz schnell und leise, so
wie eine aus dem Zimmer huscht, wenn ihr Alter im
Lehnstuhl schnarcht und sie ihn nicht aufwecken
will.
Die anderen kicherten. »Fröhliche Weihnachten!«,
plärrte Madonna ihr hinterher.
Dann schlang sie die Arme um den Leib. »Mann,
ist mir kalt!« Sie schaute ihrem Atem hinterher, der
als Dampfwolke in der kalten Winterluft schwebte.
»Also, was machen wir?«
»Erst mal ‘n paar Bierchen zischen. Im Bahnhof«,
schlug Springer vor.
Snot grinste beifällig. »Genau. Mit Mottes Kohle.«

131
Der Bahnhof war schon lang kein Bahnhof mehr,
aber den Kiosk und die kleine Kneipe gab es noch.
Die alten Leute aus der Gegend kauften Zeitungen,
billige Zigarren und ab und zu eine Postkarte. Ein
paar Obdachlose wärmten sich da auf und holten sich
ihre Tagesration Jägermeister. Und manchmal kam
jemand, der nichts anderes vorhatte, setzte sich an
einen der drei Tische, trank ein Bier und warf eine
Frikadelle ein, die die Wirtin vorher aus einem zuge-
schweißten Tütchen holte und in der Mikrowelle
aufwärmte.
Die sechs trotteten die Straße entlang, an ein paar
Geschäften vorbei, in deren Schaufenstern über der
ausgestellten Ware Plastiktannenzweige mit Glasku-
geln und staubigen roten Schleifen hingen. Von ir-
gendwoher röhrte Heino »Süßer die Glocken nie
klingen« hinaus auf die Straße.
Viel war nicht mehr los. Die meisten Leute hatten
ihre Einkäufe schon erledigt. Wer noch unterwegs
war, hatte es eilig. Wenn Babsi ihren Rock hob oder
Snot einen Spuckestrahl aus dem Mundwinkel schie-
ßen ließ, reagierte kaum jemand. Ein verlegener
Blick, ein Schritt zur Seite, ein gemurmeltes »Blöde
Saubande!«, das war alles.
»Bloß Scheißtypen unterwegs heute«, murmelte
Springer. Frustriert packte er einen faustgroßen Kie-
sel und schleuderte ihn einem Radfahrer hinterher,
der an ihnen vorbeipreschte. Aber er traf bloß einen
Baum. Der Stein prallte ab und knallte auf ein Auto-
dach, kullerte über die Frontscheibe und blieb auf

132
dem Kühler liegen.
»Scheiße, Mann!«, fluchte Snot. »Nicht auf Autos,
solang’s noch hell ist! Wenn dich einer sieht, die
Bullen kriegen dich am Arsch. Und uns mit. Wie oft
soll ich dir das noch sagen, du Idiot! Autos bloß
nachts!«
Ich hab auf den Radfahrer gezielt, wollte Springer
sagen, aber er ließ es lieber. Snot war so ein Typ, der
traf immer genau da, wo er hingezielt hatte. Beim
Spucken, beim Hinhauen und mit der Klappe. Es war
besser, nichts zu sagen.
Dann waren sie da. Sie schoben die grau lackierte
Holztür auf. Eine altmodische Glocke bimmelte,
während sie den Raum betraten. Links vom Tresen
stand ein Tannenbaum, der mit silberglitzernden Gir-
landen und roten, gelben und blauen Lichtern ge-
schmückt war. Von der Neonröhre an der Decke
baumelte ein Weihnachtsmann, aufgeblasen wie ein
Schwimmtier.
Zwei Tische waren leer, am dritten hockte ein alter
Mann, der einen Stumpen qualmte. Dicke Rauch-
schwaden hingen über ihm. Er trug eine Nylonjacke
mit Pelzkragen und Handschuhe, bei denen die Spit-
zen abgeschnitten waren. Vor ihm standen ein Bier-
und ein Schnapsglas.
Die Wirtin stand hinter dem Tresen und sortierte
Zeitschriften.
Snot baute sich vor ihr auf.
»Und?«, fragte sie.
»Marlboro. Zwo Schachteln«, gab Snot zurück.

133
»Und sechs Bier. Fürs Erste. Der Herr da zahlt.«
Er deutete auf Motte, der gehorsam seinen Fünfzi-
ger hervorholte.
Misstrauisch musterte die Wirtin sie der Reihe
nach. »Bier? Nee, is nich, Junge. Cola könnt ihr
kriegen. Und der Kleine da …«, sie machte eine
Kopfbewegung zu Joff hin, der sich an die Theke
quetschte und ein Bild von Prinzessin Stephanie an-
stierte, »raucht gefälligst draußen, wenn er’s nicht
lassen kann.«
»Mann, was soll’n das, ich bin schon längst acht-
zehn«, sagte Snot, der fast siebzehn war.
»Dann zeig deinen Ausweis!«
»Hab ich nicht dabei. Außerdem, da könnt ja jeder
kommen und meinen Ausweis sehn wollen.«
»Unglaublich, was die sich heute rausnehmen«,
sagte der Alte. »Früher hätt’s was mit der Peitsche
gegeben.«
»Davon haben Sie aber zu wenig abgekriegt«, sag-
te Snot, und Springer dachte, dass früher die Zeiten
auch nicht anders waren als heute. Aber das sagte er
nicht.
Der Alte wollte sich aufregen, aber die Wirtin be-
ruhigte ihn. »Lass mal, Peter. Heute ist Weihnach-
ten.«
»Also, was ist jetzt?«, fragte sie dann. »Wollt ihr
jetzt Cola oder nicht?«
Bevor Snot ihr noch sagen konnte, wo sie sich ihr
Cola hingießen könnte, hatten alle anderen schon ge-
nickt und ja gesagt.

134
Sie nahmen ihre Flaschen in Empfang und setzten
sich an die beiden freien Tische. Snot riss eine Ziga-
rettenpackung auf und reichte sie rum.
Alle rauchten bis auf Joff, der aus seinem Kau-
gummi Blasen machte und sie mit leisem Knall plat-
zen ließ.
»Was macht ihr eigentlich hier?«, fragte der Alte
plötzlich. »Solltet ihr nicht zu Haus sein, heute?«
»Heute?«, äffte ihn Babsi nach. »Was ist schon
heute Besonderes? Und überhaupt! Was machen Sie
dann hier?«
Der Alte gab keine Antwort.
Eine Weile schwiegen alle. Der Rauch von den
Kippen stieg zur Decke, man hörte nichts als das lei-
se Knallen von Joffs Kaugummiblasen.
Dann schob sich die Tür auf, die Glocke bimmelte,
ein Schwall feuchtkalter Luft drang in den Raum und
ließ die Rauchschwaden tanzen.
Ein Junge kam herein, dreizehn oder vierzehn Jah-
re, schwarze Locken, dunkle Haut.
»Hallo!«, sagte er.
»Hallo, mein Junge«, sagte die Wirtin. »Was kann
ich für dich tun?«
»Mann, zu dem Kameltreiber ist sie höflich«,
murmelte Springer.
Der Alte beäugte den Neuankömmling mit zu-
sammengekniffenen Augen, mummelte an seinem
Stumpen und sagte nichts.
Der Junge kaufte eine Rätselzeitung und einen Li-
ter Limo.

135
»Tschüss«, sagte er, nachdem er bezahlt und sein
Wechselgeld eingesteckt hatte.
»Wiedersehen«, sagte die Wirtin. »Und fröhliche
Weihnachten.«
Doch der Junge war schon draußen.
Snot stand auf, drückte seine Kippe aus und wink-
te mit dem Kopf. Wortlos ging er hinaus. Die andern
kamen ihm nach.
Es war fast dunkel geworden. Die Lichter in den
Weihnachtsdekorationen glitzerten.
»Mann, was’n los?«, fragte Motte. »Meine Cola
war noch halb voll.«
»Das is los.« Snot zeigte auf den Jungen, der vor
ihnen die Straße entlangschlenderte.
Springer begriff als Erster. »Tun wir den aufmi-
schen?«, fragte er. Seine Stimme klang rau.
»Idiot! Einen kann man doch nicht aufmischen.
Müssen mindestens zwei sein. Mit einem kann man
bloß ‘n bisschen Spaß haben.«
Snot grinste. »Halt ihn auf!«
Springer rannte los.
Der Junge drehte den Kopf, wollte loslaufen und
sah, dass er nicht weit kommen würde. Also ging er
weiter, verschränkte die Hände vor dem Bauch, so-
dass die Limoflasche zwischen seinen Beinen hing,
und pfiff.
Springer erreichte ihn und hielt ihn fest. Der Junge
hatte die Augen weit aufgerissen. Springer sah hin-
ein. Sie waren groß und schwarz. Lichter spiegelten
sich in ihnen. Das machte ihn wütend, und er wollte

136
zuschlagen. Aber er wartete, bis die andern da waren.
Snot und die andern.
»Wen haben wir denn da?«, fragte Snot freund-
lich. »Wie heißt du denn?«
»Burak«, antwortete der Junge.
»Burak der Kanack«, sagte Snot.
Die anderen lachten.
»Nimm doch Platz, Burak der Kanack«, sagte
Snot.
Der Junge verstand ihn nicht, wollte ihn nicht ver-
stehen.
»Hilf ihm!«, befahl Snot.
Springer schob einen Fuß hinter das rechte Bein
des Jungen, packte ihn an der Kapuze und riss ihn zu
Boden.
»Jetzt hat er’s schon mal bequem, Burak der Ka-
nack«, sagte Snot. Der Junge saß in der Nässe und
wiegte den Oberkörper hin und her. Die Augen hatte
er jetzt geschlossen. Die Limoflasche und die Zei-
tung lagen im Dreck.
Jetzt hat er die Augen zu, dachte Springer, und das
machte ihn noch wütender. Er hob die Faust, aber
Snot packte ihn am Handgelenk.
»Eins nach dem andern«, sagte er. »Was machen
wir zuerst?«
»Erst die Kohle«, sagte Babsi.
»Genau, erst die Kohle. Gib her.«
Der Junge öffnete eine Hand. Ein zerknüllter 5-
Euro-Schein und ein paar Münzen kamen zum Vor-
schein.

137
»Verdammt, ist das alles?«, fragte Babsi ent-
täuscht.
Der Junge nickte. Seine Augen waren immer noch
geschlossen, und Springer versuchte zu erkennen, ob
Tränen darunter hervorquollen. Aber es war schon zu
dunkel.
»Was ist damit?«, fragte Snot und stieß mit dem
Fuß an die Skaterschuhe, die der Junge trug.
Babsi schnaubte verächtlich. »Scheiße, die doch
nicht. Guck doch mal auf die Marke.«
Snot verstaute den 5-Euro-Schein und die Münzen
in seiner Tasche.
»Was machen wir jetzt mit Burak dem Kanack?«,
fragte er.
Er sah, wie Springer sich die Lippen leckte, zu
tänzeln begann und grinste.
»Okay«, sagte er.
Zufällig schaute er auf die andere Straßenseite. Im
Schaufenster eines Friseurladens hing eine Girlande
aus Plastiktannenzweigen mit roten Schleifen und
einem goldenen Stern.
Snot grinste wieder und trat vor den Jungen.
»Lasst ihn in Ruhe«, befahl er.
»Ey, Mann, warum das denn?«, fragte Babsi.
»Weil Weihnachten ist«, grinste Snot.
»Spinnst du jetzt, Mann?« Springer trat von einem
Bein auf das andere. »Der ist doch Türke oder so
was. Für den gibt’s kein Weihnachten.«
Einen Augenblick zögerte Snot, dann wurde sein
Gesicht hart.

138
»Egal. Lasst ihn in Ruhe.«
»Und warum, verdammt noch mal?«, fragte Sprin-
ger wütend.
Snot musterte ihn, von unten nach oben, von den
Stiefeln bis zum kahlen Schädel.
»Weil ich es sage. Darum.«
Springer schwieg.
Mit der Schuhspitze stieß Snot den Jungen, der zu-
sammengesunken auf dem Boden hockte, in die Sei-
te.
»He, du, Burak der Kanack, hau ab!«
Der Junge riss die Augen auf. Sie waren groß und
schwarz und feucht. Lichter spiegelten sich in ihnen.
»Hau ab!«
Der Junge nahm seine Limonade und die nasse
Rätselzeitung und machte sich schleunigst davon.
Als sie weitergingen, blieben Madonna und Snot
ein Stück hinter den anderen zurück.
»War doch richtig, was Springer gesagt hat«, sagte
Madonna. »Für Kanacken gibt’s kein Weihnachten.«
»Weiß ich«, antwortete Snot unwirsch und spie ei-
nen Spuckestrahl zielgenau auf den Rückspiegel ei-
nes Autos am Straßenrand. »Hätt ich dem Wichser
Recht geben sollen?«
»Irgendwie fand ich’s cool«, sagte Madonna.
»Red keinen Scheiß«, sagte Snot. Er legte eine
Hand auf ihren Rücken und ließ sie langsam abwärts
gleiten. Weil Weihnachten war.

139
Sabine Rahn
Nikolaus bei den Heckzahns

140
m, hier muss es doch eigentlich irgendwo
sein.«
Der Mann mit der roten Zipfelmütze bleibt stehen,
zieht einen Handschuh aus, kramt in der Mantelta-
sche und holt einen zerknitterten Zettel hervor, auf
dem von oben nach unten schon jede Menge Zeilen
ausgestrichen sind.
»Bei Hocks war ich schon, bei Arends, bei Wör-
ners und bei den Lotfis auch …«, murmelt er.
Der Nikolaus schiebt sich die rote Zipfelmütze et-
was aus der Stirn, wühlt noch einmal in seiner Man-
teltasche, zieht einen roten Filzstift hervor und
streicht vier weitere Adressen aus. »Jetzt müssen wir
heute Abend nur noch zu Familie Heckzahn.«
Er klopft dem Esel, der geduldig neben ihm steht
und mit den Ohren spielt, auf den Hals. In dem Sack,
den das Eselchen auf dem Rücken trägt, ist nicht
mehr viel drin.
Die Straße ist menschenleer. Der Nikolaus schaut
erst auf seinen Zettel, dann auf das Straßenschild un-
ter der Laterne und schließlich auf die Garage des
Hauses, vor dem er steht. Dort hängt eine große 32.
»Die Straße stimmt, aber die Hausnummer nicht.
Wir müssen noch ein Stückchen weiter gehen, mein
Guter! Die Heckzahns wohnen wohl ziemlich außer-
halb«, sagt der Nikolaus. »Im nächsten Jahr werde
ich auf jeden Fall einen Stadtplan mitnehmen. Diese
ewige Sucherei jedes Jahr …« Sein warmer Atem
haucht bei jedem Wort eine wolkige weiße Sprech-

141
blase in die kalte Nachtluft.
Es ist sternenklar. Auf den Scheiben der am Stra-
ßenrand geparkten Autos wachsen Eisblumen, und
auf den kahlen Bäumen und Sträuchern bilden sich
stachelige Frostdornen.
Der Asphaltbelag der Straße geht in einen steini-
gen Schotterweg über. Häuser stehen hier jetzt keine
mehr. Auch an der letzten Straßenlaterne sind sie
schon vor einer Weile vorbeigelaufen. Es ist stock-
dunkel. Nur der schmale Sichelmond und die Sterne
spenden Licht.
Der Nikolaus und sein Esel gehen an einer hohen,
mit Efeu bewachsenen Mauer entlang. Was dahinter
liegt, kann man nicht sehen. Vielleicht der Friedhof?
Ab und zu knackt es im Efeu. Dann springen die
beiden erschrocken zur Seite.
»Das war nur ein Zweig«, beruhigt der Nikolaus
seinen grauen Begleiter und tätschelt ihm beruhigend
den Hals.
Plötzlich jault ein Tier. Es klingt wie Wolfsgeheul.
Vielleicht liegt hinter der Mauer ja auch der Zoo?
Der Esel tänzelt nervös.
Der Nikolaus packt die Zügel fester und ist froh,
dass er nicht alleine unterwegs ist. Er bleibt stehen.
»Ist ja wirklich eine ziemlich düstere Gegend!«,
brummt er. »Ob wir uns verlaufen haben? Hier
kommt doch jetzt kein Haus mehr.« Er schaut sich
vorsichtig um. »Ich glaube, wir kehren besser um«,
beschließt er.
In dem Moment huscht lautlos ein Schatten über

142
die beiden.
»Eine Fledermaus bei dieser Kälte?«, wundert sich
der Nikolaus. »Und noch dazu eine so große!«
Der Esel wiehert erschrocken, steigt und schlägt
mit den Vorderhufen in die Luft. Der Nikolaus hat
alle Mühe, das nervöse Tier zu beruhigen.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt auf einmal jemand
hinter dem Nikolaus. »Sie suchen doch sicher das
Haus der Heckzahns.«
»Stimmt genau!« Überrascht dreht der Nikolaus
sich um.
Hinter ihm steht ein Mann in einem langen
schwarzen Mantel. Der Hut, den er trägt, wirft einen
Schatten auf sein Gesicht.
»Wissen Sie …«, sagt der Nikolaus. Doch weiter
kommt er nicht.
Der Esel wiehert, rollt wild mit den Augen und
zerrt am Zügel. Der Sack fällt zu Boden. Der fremde
Mann hebt ihn auf, und als er dabei dem Esel näher
kommt, zerrt das Tier noch stärker an seinen Zügeln.
»Verrücktes Vieh!«, grollt der Nikolaus. »Sonst ist
er lammfromm. Aber heute …« Er schüttelt den
Kopf und versucht das Eselchen weiter zu ziehen.
Aber störrisch – wie man es den Angehörigen seiner
Art nachsagt – stemmt es die Beine in den Boden
und weigert sich, auch nur einen Schritt zu gehen.
»Vielleicht ist er müde«, sagt der Mann. »Schließ-
lich sind Sie ja bestimmt schon eine ganze Weile un-
terwegs.«
»Das ist wahr«, bestätigt der Nikolaus. Er schaut

143
sich unschlüssig um.
»Binden Sie den Esel doch ein Weilchen an dieses
Parkverbotsschild«, schlägt der Mann vor. »Der Ni-
kolausesel wird schon keinen Strafzettel bekom-
men.« Er lacht. »Unser Haus ist ganz in der Nähe,
und der Sack ist ja auch nicht mehr so schwer. Auf
dem Rückweg nehmen Sie Ihren Esel dann einfach
wieder mit.« Der Mann reicht dem Nikolaus den
Sack.
»Hm«, brummt der Nikolaus. Er lässt seinen Esel
nicht gerne alleine. Aber da das Tier sich nicht vom
Fleck rührt, bleibt ihm wohl gar nichts anderes übrig.
»Ich bin gleich wieder da, mein Guter«, sagt er und
klopft dem zitternden Eselchen beruhigend auf den
Hals.
Der Esel schreit ganz kläglich »I-ah!« und
schnappt nach dem roten Ärmel, als ob er den Niko-
laus festhalten wollte.
»Hey«, sagt der Nikolaus. »Zu fressen gibt es erst,
wenn ich wieder zurück bin!«
Er wirft sich seinen Sack über die Schulter und
folgt dem Mann, der schon einige Schritte vorausge-
gangen ist.
»Mein Name ist Stanislav Heckzahn«, erklärt der
Mann, als der Nikolaus zu ihm aufgeschlossen hat.
»Unser Haus ist etwas abgelegen. Deswegen gehe
ich Besuchern gerne entgegen. – Vor allem im Dun-
keln.«
Auf einmal ist die mit Efeu bewachsene Mauer ab-
rupt zu Ende, und um die Ecke taucht eine große Vil-

144
la auf. Obwohl die Fenster hell erleuchtet sind, wirkt
das Haus düster.
Herr Heckzahn schließt die Tür auf, bittet den Ni-
kolaus in eine großzügige Eingangshalle und schließt
dann rasch die Tür, denn die Kerzen auf dem großen
Kristalllüster, der von der Decke hängt, flackern, als
die kalte Nachtluft hereinweht.
»Echte Kerzen«, denkt der Nikolaus. »Wie unge-
wöhnlich!«
Er schaut sich um. Weiter hinten führt eine ge-
schwungene Treppe hinauf in den ersten Stock. Sein
Blick fällt in den riesigen Spiegel, der neben der
Garderobe hängt, und er fährt erschrocken herum. Im
Spiegel sieht er nur sich. Dabei stand Herr Heckzahn
doch gerade noch direkt hinter ihm!
Als er sich herumdreht, lächelt Herr Heckzahn ihn
an. Jetzt sieht der Nikolaus zum ersten Mal sein Ge-
sicht. Der Mann sieht aus, als ob er viel zu viel arbei-
tet und dringend mal wieder Urlaub nötig hätte.
»Henriette! Burkhardt!«, ruft Herr Heckzahn.
»Schaut mal, wen ich mitgebracht habe!«
Der Nikolaus hört eilige Schritte. Dann kommen
zwei Kinder in den Flur gerannt. Sie müssen wohl
krank gewesen sein, denn ihre Augen glänzen fiebrig
und ihre Lippen sind weiß und blutleer.
»Der Nikolaus!«, jubeln sie. »Komm mit!«
Sie nehmen den Nikolaus links und rechts an der
Hand und ziehen ihn mit sich, sodass er gar keine
Zeit hat, sich über das seltsame Spiegelbild zu wun-
dern.

145
Zahllose unruhig flackernde Kerzen tauchen den
Raum in ein warmes Licht. Eine zierliche blonde
Frau steht mit dem Rücken zu einem prasselndem
Kaminfeuer.
»Wie schön, dass der Nikolaus uns in diesem Jahr
gefunden hat!«, sagt sie. »Kinder, habt ihr ihm schon
euer Gedicht aufgesagt?« Die Frau reicht dem Niko-
laus die Hand und flüstert ihm dann ins Ohr: »Das
haben sie selbst gedichtet.«
Sie lächelt, und dem Nikolaus fallen ihre unge-
wöhnlich weißen, spitzen Zähne auf. Auch ihre Haut
wirkt blass und durchscheinend.
»Na, dann lasst mal hören«, sagt er. Er stellt sei-
nen Sack neben sich und nickt den beiden Kindern
zu.
Der Junge und das Mädchen stellen sich nebenein-
ander und sagen im Chor:

»Auch in diesem Haus


warten alle auf den Nikolaus!
Und das schon ganz furchtbar lange.
Immer wieder fragen wir uns bange,
kommt er wohl in diesem Jahr?

Juchu! Hurrah! Da ist er schon!


Jetzt gibt’s des langen Wartens Lohn.
Apfel, Nuss und Mandelkern
haben alle braven Kinder gern.
Früher schmeckt’ auch uns das gut,
jetzt mögen wir viel lieber …«

146
In dem Augenblick knackt einer der Holzscheite im
Kamin so laut, dass der Nikolaus den Schluss des
Gedichtes gar nicht versteht.
Er lächelt. »Das war ein sehr hübsches Gedicht!«,
sagt er.
Henriette und Burkhardt strahlen.
Der Nikolaus räuspert sich. »Na gut, dann wollen
wir doch einmal sehen, was ich für euch habe …«
Mit diesen Worten bindet er seinen Sack auf und
schüttet Lebkuchen, Nüsse, Apfel und zwei große
Schokonikoläuse heraus.
Henriette hebt ihren Nikolaus sofort auf und ruft:
»Oh wie hübsch! Sieh nur Burkhardt, wie schön das
Papier glänzt!«
Burkhardt riecht an einem Lebkuchen. »Wie gut
der duftet!«, sagt er begeistert.
Der Nikolaus lächelt. »Nur zu, du darfst ruhig in
den Nikolaus hineinbeißen«, sagt er zu Henriette.
»Wirklich?«, fragt Henriette ungläubig. »Aber
Mama hat das ausdrücklich verboten …«
»Ich erlaube es euch!«, beruhigt sie der Nikolaus.
»Und Sie haben wirklich nichts dagegen?«, fragt
Burkhardt noch einmal nach.
»Natürlich nicht«, sagt der Nikolaus. »Wieso soll-
te ich!«
Burkhardt und Henriette wechseln einen über-
raschten Blick.
»Ich habe noch nie von einem Nikolaus probiert
…«, sagt Henriette begeistert.

147
»Dürfen wir auch jetzt gleich?«, fragt Burkhardt.
»Na klar«, sagt der Nikolaus. »Nur zu!«
»Wie nett!«, sagt Henriette.
Die Geschwister legen den Schokonikolaus und
den Lebkuchenmann vorsichtig zurück auf den Fuß-
boden und kommen ein wenig schüchtern zum Niko-
laus herüber. Der geht in die Hocke und nimmt die
beiden Kinder in den Arm.
»Was für höfliche Kinder«, denkt er. »Jetzt be-
danken sie sich sogar mit einem Kuss bei mir!«
Henriette und Burkhardt graben ihre kalten Nasen
in seinen Bart. Der Nikolaus zuckt ein bisschen zu-
sammen, als sie seinen Hals berühren. Er findet es
merkwürdig, dass die beiden Kinder ihn nicht auf die
Wange küssen, sondern auf den Hals.
Auf einmal spürt er einen kleinen stechenden
Schmerz – und dann hat er das Gefühl, als ob die
Kinder ihn nicht küssen, sondern beißen. Ja, als ob
sie an seinem Hals lutschen und saugen …
»Das ist mir ja noch nie zuvor passiert«, denkt der
Nikolaus, als er wieder zu sich kommt. Die Kerzen
sind heruntergebrannt und das Kaminfeuer glüht nur
noch. »Ich muss eingeschlafen sein. Und ich habe ja
wirklich ziemlich wirr geträumt …«
Die Heckzahns sind wohl schon zu Bett gegangen,
denn der Nikolaus ist ganz allein im Zimmer. Er sitzt
in einem großen Lehnstuhl und reibt sich die Augen.
Dann kramt er nach seinen Handschuhen, zieht sie
wieder an und tritt hinaus in den Flur.
»Jetzt habe ich aber Hunger!«, denkt der Nikolaus.

148
»Ich muss schnell zurück zu meinem Eselchen. Es
wird sicher schon ungeduldig auf mich warten.« Er
lächelt bei dem Gedanken an sein Eselchen. Dabei
entblößt er ungeheuer spitze Eckzähne.
Seine Schritte sind langsam und schleppend. Ob-
wohl er gerade geschlafen hat, fühlt er sich ausge-
laugt und erschöpft.
Wenn der Nikolaus einen Blick in den großen
Spiegel im Flur geworfen hätte, wäre er bestimmt
ziemlich erschrocken: Nicht nur weil er auf einmal
genauso blass und blutleer aussieht wie die Familie
Heckzahn, sondern weil der Spiegel sein Bild nicht
wiedergibt.

149
Nortrud Boge-Erli
Wolfszauber

150
nd wenn es nicht stimmt? Wenn alles so bleibt,
wie es jetzt ist?
Ich betrachte meine Handrücken. Sie sind mit ei-
nem feinen hellgrauen Fell überzogen. Meine
Bauchdecke juckt unterm Pulli. Auch auf meinem
Bauch wächst Fell. Vorsichtig taste ich mein Gesicht
ab, das überall spannt und juckt. Ich soll nicht krat-
zen, hat Joachim gesagt. Er hat mich darauf vorberei-
tet, dass es höllisch jucken würde. Höllisch, hat er
betont. Meine Nase hat sich enorm verlängert. Und
was, was geschieht plötzlich mit meinem Mund? Ich
schreie entsetzt auf. Aber meine Stimme ist nicht
mehr meine Stimme. Ein Ton, lang und jaulend, ent-
fährt mir. Schnell halte ich mir das zu, was aus mei-
nem Mund geworden ist. Die Schnauze. Ich halte
meine Schnauze.
Joachim hatte Recht. Das Mittel hat gewirkt. Ich
bin nicht mehr Jocelyn. Ich bin eine Wölfin gewor-
den. Eine Werwölfin. Ich halte es nicht mehr aus hier
drin. Ich muss los. Hinaus in die Nacht zum Treff der
Werwölfe. Joachim, mein Cousin, wird auch dort
sein. Und wer noch? Joachims Freund Raoul? Wie
der wohl als Wolf aussieht? Das Jucken hat aufge-
hört. Ich muss etwas überziehen, falls mich jemand
aus der Familie erwischt. Ach, hier, der Liftanzug.
Ich schlüpfe hinein. Etwas mühsam mit Wolfsbeinen.
Aber es geht.
Ich ziehe mir die Kapuze über die Ohren. Oh ja,
sie sind spitz und haarig. Wolfsohren …

151
Und jetzt leise, damit die Familie nichts mitkriegt.
Meine jüngeren Geschwister schlafen schon. Für die
ist Weihnachten trotz allem noch schön! Aus dem
Wohnzimmer tönt das Lied Oh du fröhliche, oh du
selige …
Ich kann dieses Kitschzeug nicht mehr hören. Es
dröhnt, dass meine Wolfsohren beben.
Schnell weg hier! Es ist dunkel im Flur. Ich haste
zur Haustür, stolpere über einen Karton oder was,
Papier raschelt. Sicher Weihnachtspapier. Geschenk-
papier. »Wenn man nicht in Geschenkpapier watet«,
sagt Tante Luzie jedes Mal, »ist es kein richtiges
Weihnachten.« Was sie schenkt, verpackt sie äußerst
geschmackvoll.
Aber sie erwartet auch, dass sie mit ausgesuchten
Dingen beschenkt wird. Mama rotiert schon Wochen
vor dem Fest und fragt sich, ob das, was sie gekauft
hat, Tante Luzies besonderem Geschmack entspricht
und ihr gefallen wird.
An Weihnachten strömt die ganze Familie zu-
sammen, und wenn alle beschenkt sind, hockt man
entweder öde herum oder giftet sich hinterrücks an.
Vorne herum wird natürlich keep smiling gemacht.
Keiner darf ein lautes oder unfreundliches Wort sa-
gen, das könnte ja die Harmonie zerstören! Meine
Oma ist ganz besonders erpicht auf Friede, Freude
und so weiter. Zum Glück holen wir sie nur am ers-
ten Weihnachtstag zum Mittagessen aus dem Senio-
renwohnheim. Aber das ist schon heftig genug.
Diesmal war es sogar besonders schlimm, weil au-

152
ßerdem Tante Hilla und Onkel Herbert da waren.
Meine Brüder standen mal wieder im Schussfeld
sämtlicher Attacken, und meine Mutter bekam es
knüppeldick, weil sie uns drei angeblich so schlecht
erzogen hat. Das ging die ganze Zeit über so: »Also
ich würde ja den Jungen die Haare wesentlich kürzer
schneiden. Wesentlich!«, sagte Tante Hilla, und Oma
sofort: »Das sage ich schon seit Jahren. Aber sie hört
ja nicht auf mich.« SIE ist meine Mama. Die beste
der Welt. An Weihnachten allerdings auch die ge-
nervteste. Was mich am meisten aufregt, ist, dass
mein Vater sich aus allem heraushält. Schließlich ist
Oma seine Mutter und Tante Hilla seine Schwester,
und Jan, Lucas und ich sind seine Kinder.
»Aber Jan, hast du schmutzige Fingernägel!« –
»Lucas, man bohrt nicht in der Nase. Wer hat dich
nur erzogen!« – Und dazwischen wieder süßliches
Kindchengetue. Wie ich das hasse!
Aber entfliehen kann man nicht, weil alle in ihren
Familien hocken. Alle Freundinnen und Freunde sind
an den Weihnachtstagen zu Hause angebunden. Also
kann man auch seine Freunde nicht treffen. Niemand
geht raus wie sonst.
Und wenn mein Cousin Joachim diesmal nicht
ausnahmsweise an Weihnachten seine Mutter be-
sucht hätte und Tante Luzie nicht wie immer bei uns
eingeladen gewesen wäre, dann säße ich jetzt in mei-
nem Zimmer und müsste mich zu Tode langweilen.
Was ich jetzt mache, ist zwar nicht langweilig, a-
ber dafür gefährlich.

153
Ich hatte Joachim lange nicht mehr gesehen. Er ist
fünf Jahre älter als ich. Zuletzt sind wir uns in den
Sommerferien in Dänemark begegnet. Dort hat unse-
re Großfamilie ein Ferienhaus am Fjord. Damals war
ich zehn und Joachim schon ein Jugendlicher, der
morgens in aller Frühe mit meinem Vater zum Fi-
schen hinausfuhr, und abends zog er mit den anderen
Jugendlichen herum. Sie machten Feuer am Strand
und tranken Bier und hörten Musik aus ihren CD-
Playern. Mich hat er kaum beachtet, aber ich habe
ihn um die Freiheit beneidet, die er hatte, weil er kein
Kind mehr war wie ich.
An diesem Weihnachtsfest erschien ein ganz ande-
rer Joachim bei uns zu Hause. Schon allein seine hel-
le Mähne, der Bart, den ich noch nie an ihm gesehen
hatte, ließen ihn fremd aussehen. Seine Stimme war
tiefer geworden und seine Augen hell und flink. Hat-
te er mich früher niemals angesehen, so fixierte er
mich diesmal mit seinem scharfen Blick.
»Hey, Jocelyn, du bist ja erwachsen geworden!«,
sagte er in einem seltsamen Ton. Sollte das ironisch
klingen oder bewundernd? Ich konnte es nicht erra-
ten.
»Natürlich ist sie erwachsen. Und ein so hübsches
Mädchen!«, schwallte meine Tante Luzie. Sie ist üb-
rigens die Cousine meiner Mutter und Stoffdesigne-
rin von Beruf und betrachtet sich selbst als Künstle-
rin. Meine Mutter bewundert sie sehr. Mein Vater
dagegen kann sie nicht leiden, weil Tante Luzie nicht
daran dachte, Joachims Vater zu heiraten. Darum hat

154
mein Vater auch den Ersatzpapa für Joachim ge-
spielt, als Fante Luzie mit ihm in unsere Stadt zog.
Außer Tante Luzie feiern Papas Schwester und ihr
Mann in jedem Jahr das Heilige Weihnachtsfest bei
uns, weil sie nämlich keine eigenen Kinder haben
und die Pateneltern von meinen Brüdern sind.
Sie bringen zwar massenweise Geschenke mit, ho-
cken aber nur im Wohnzimmer herum und tun
nichts. Wirklich: Sie tun rein gar nichts. Sie machen
keinen Handgriff. Auch darum hasse ich Weihnach-
ten, weil alle von mir erwarten, dass ich, die Tochter
des Hauses, mit Begeisterung das Dienstmädchen
spiele und mit Mama in der Küche stehe und den
Tisch decke und abräume und die Spülmaschine fülle
und das gespülte Geschirr wieder ausräume, damit
alle Gäste zufrieden sind. Ich koche wirklich gern
mit Mama. Aber nicht für diese Leute, die stinkfaul,
ätzend langweilig und grundverlogen sind.
Diesmal aber kam Joachim mit, der schon Student
ist. Und er war wirklich nett zu uns allen. Er hockte
sich nicht nur zu meinen Brüdern und spielte die
neuen Computerspiele mit ihnen. Er kam auch zu mir
ins Zimmer, setzte sich mit untergeschlagenen Bei-
nen auf meinen Teppich und fragte und hörte zu. Er
interessierte sich für meine Musik und bewunderte
die Bilder an meinen Wänden. Ich male nämlich sehr
gern. Aber nichts Gegenständliches. Ich experimen-
tiere gern mit Farbe.
»Ist das ein weißer Wolf da zwischen Baumstäm-
men?«, fragte er mich, nachdem er meine abstrakte

155
Winterlandschaft lange betrachtet hatte.
»Eigentlich – nein«, sagte ich und fixierte mein
Gemälde. Das Bild, das ja keines war, das nur aus
weißer, brauner, grünlich weißer und bläulich weißer
Farbe bestand, schien sich langsam vor meinen Au-
gen zu verändern.
Es sah tatsächlich aus, als spähe ein schmaler
Tierkopf zwischen den braunen Baumstämmen einer
Winterlandschaft hervor. Absichtlich hatte ich das
nicht so gemalt. Ich hatte Musik gehört und meine
Pinselstriche von den Klängen leiten lassen.
»Weißt du, dass jedes Wolfsrudel von einem Paar
angeführt wird? Leitwolf und Alpha-Wölfin?«
»So ungefähr weiß ich das«, sagte ich und der
Wolfskopf auf dem Bild schien mich plötzlich direkt
anzuschauen.
»Wölfe sind faszinierend«, sagte Joachim, der
Biologie studierte. »Hättest du Lust, mal mit einem
Wolfsrudel zu laufen?«
»Wie?« Ich starrte meinen Cousin verwundert an.
»Das geht doch gar nicht. Erstens gibt es hier im
Ruhrgebiet keine Wölfe und außerdem würden sie
einen Menschen doch sofort angreifen.«
Joachim lächelte geheimnisvoll, sah mich mit sei-
nen hellen Augen an und wollte mir gerade etwas
erklären, als meine Mutter in ihrem verzweifelten
Ton nach mir rief. In meinen Ohren klang es beinahe
wie das Geheul eines verletzten Wolfes. Aber natür-
lich war das Unsinn. Ich brach unser Gespräch ab
und eilte in die Küche, wo Mama auf dem Fußboden

156
kniete und die Sahne aufwischte, die sie verschüttet
hatte. Sie hatte Schlagsahne machen wollen. Aber
vor lauter Stress war ihr die Schüssel heruntergefal-
len. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Nun schwamm
der Küchenfußboden in Sahne.
Bis zum Kaffeetrinken hatten wir noch genügend
Zeit, um neue Sahne zu schlagen. »Komm, leg dich
ein wenig hin, Mama, ruh dich aus«, sagte ich und
streichelte ihre Schulter. »Ich mach das schon.«
Sie stand auf und sah mich dankbar an. »Wenn ich
dich nicht hätte, Jocelyn, ich weiß nicht, wie ich
dann diese Tage überstehen sollte.«
Ich nahm ihr den Wischlappen aus der Hand und
schob sie durch die Tür.
Lust hatte ich keine. Aber ich wischte und wischte
und wurde immer zorniger auf diese Verwandten, die
sich auf meine Kosten ein schönes Leben machten.
Im Moment spazierten sie mit Papa durch die Win-
tersonne! Ha, und ich rutschte auf dem Fußboden
herum!
Die Küchentür ging auf, und Joachim stand da.
»Wie ich sehe«, sagte er trocken, »brauchst du Hil-
fe.«
Gemeinsam spülten wir, schlugen das letzte Töpf-
chen Sahne auf, deckten den Tisch und meine Laune
besserte sich. Nur leider nicht für lange. Denn schon
beim Kaffeetrinken bin ich beinahe ausgerastet. Pa-
pas Schwester Hilla beäugte nämlich ihr Gedeck und
stellte pikiert fest: »Ich bekomme hier wohl keine
Kuchengabel? Alle anderen haben eine bekommen,

157
na ja, esse ich eben mit dem Kaffeelöffel.«
Wutentbrannt sprang ich auf und stürzte zum
Besteckfach. »Kann ja mal vorkommen, dass man
etwas vergisst«, sagte Tante Hilla, in gnädig-
ironischem Ton. »Aber auf mich habt ihr es anschei-
nend abgesehen. Es ist schon das dritte Mal, dass du
nur mir ein halbes Besteck zuteilst, Jocelyn.« Sie
lachte giftig. Ich hätte sie erwürgen können.
Joachim fing meinen Blick ein. Er strahlte mich an
mit seinen goldfarbenen Augen, die mir sagten:
Mach dir nichts draus, die Alte spinnt! Und dann
bleckte er plötzlich seine Zähne. Ich sah es nur kurz,
aber ich erschrak, denn was ich sah, war ein Wolfs-
gebiss.
So hat es angefangen. Und jetzt stolpere ich im
Dunkeln zur Haustür, nestle mit meinen Krallen –
was sind die Fingernägel lang geworden! Der
Schlüsselbund klappert laut wie ein ganzer Werk-
zeugkasten, der geschüttelt wird. Ich horche, ob sie
sich im Wohnzimmer regen. Nein, die lassen irrsin-
nig laut ihre olle Weihnachtsmusik laufen. Das ganze
Haus dröhnt davon. Man wird komplett verrückt!
Oder höre nur ich es so laut? Das kann sein. Meine
spitzen Wolfsohren empfinden jeden Ton mehr als
doppelt so laut. Was sind die normalen Menschen
doch schwerhörig!
Den Schlüssel gedreht, raus hier! Meine Wolfsna-
se schnuppert in die klare Luft. Juhu! Und wie ich es
auch nur denke, entfährt mir ein langer Heulton! Er
schwingt sich direkt zum Mond hinauf. Uuuu, ist das

158
wundervoll! Unwillkürlich jaule ich noch einmal,
falle ganz von selbst auf die Vorderpfoten und laufe
in den Vorgarten, da geht hinter mir das Hoflicht an,
die Haustür wird aufgerissen. »Wer ist da? He, du
Hund! Mach, dass du wegkommst!«
Mein Vater! Ich drücke mich in die Büsche, hech-
le, verharre.
»Was ist?«
Meine Mutter!
»Irgend so ein Köter. Ein riesiges Vieh war im
Vorgarten. Jetzt scheint es weg zu sein.«
»Ein Hund?«
»Wolfshund wahrscheinlich. So wie der gejault
hat!«
Sie gehen ins Haus zurück, schließen die Tür. Ich
befreie mich mühsam von meinem Liftanzug. Ab
sofort brauche ich keine Tarnung mehr. Den Anzug
lasse ich im Gebüsch liegen und spurte los. Meine
Wolfsbeine tragen mich mit einer Geschwindigkeit,
die traumhaft ist.
Meine Nase nimmt Gerüche wahr, die kein
Mensch je erschnuppern kann. Leicht finde ich die
Fährte meiner Freunde. Was das betrifft, hatte Joa-
chim Recht. Es ist herrlich, eine Werwölfin zu sein.
Auch wenn … Ich verdränge den Gedanken an das
zersplitterte Glas, an das zerrissene Bild, das in mei-
nem Zimmer auf dem Fußboden liegt. Ich will nicht
darüber nachdenken, dass ich mich vielleicht niemals
in Jocelyn, das Mädchen, zurückverwandeln kann,
weil ich einen Fehler gemacht habe.

159
Als ich ihn fragte, wie wir uns verwandeln könn-
ten, hat Joachim auf seine besondere Weise gelächelt
und gesagt: »Ganz einfach, auf dem üblichen Weg!«
»Und der wäre?« Ich hatte keine Ahnung, was er
mit dem üblichen Weg meinte.
»Du kennst doch die vielen Geschichten«, hat er
gesagt, »in denen Menschen durch Bilder in andere
Welten gelangen.«
»Ja, aber das sind doch nur Geschichten«, hab ich
gesagt. Joachim schüttelte den Kopf. »In den ge-
heimnisvollen Nächten der Weihnachtszeit braucht
man nur den richtigen Zeitpunkt zu finden. Genau
um Mitternacht. Die Raunächte sind berühmt für ihre
Magie.«
Mir schossen sofort Bilder aus den Fernsehserien
durch den Kopf, in denen Mädchen mit magischen
Kräften gegen Dämonen kämpfen. War es möglich,
dass auch ich solche Kräfte bekam, wenn ich nur das
richtige magische Ritual ausführte?
»Es funktioniert allerdings nur, wenn man Weih-
nachten als Familienfest ganz und gar ablehnt und
man braucht ein Wolfsbild, das man selbst gemalt
hat.« Er zeigte auf mein Gemälde, das er Winterwald
mit Wolfsgesicht nannte. Und dann erklärte er mir,
worauf ich achten sollte. Klar, ich hab mir alles ge-
nau gemerkt. Aber als es so weit war, vorhin, um
Mitternacht, ist eben doch etwas schiefgegangen.
Zuerst war Joachim dran. Er sagte: »Schau genau
zu!« und grinste freundlich. Er hielt sein Bild, das
einen prächtigen weißen Wolf zeigte, mit beiden

160
Händen an den Rändern fest. Dann sagte er das ge-
heime Wort Mutabor und berührte die Leinwand mit
der Stirn. Im selben Augenblick war er samt Bild
verschwunden.

Ich laufe durch Straßen, die sich langsam mit einer


feinen Schicht Schnee bedecken. Dabei schneit es
nicht. Ich schiele nach den Häusern, aber da sind
keine Wände mehr. Sie haben sich in braune Baum-
stämme verwandelt. Es beruhigt mich ein wenig,
denn so hat Joachim es beschrieben: Dein Bild wird
dich begleiten. Auf dem Weg zum Treffpunkt wirst
du durch den verschneiten Wald laufen, den du ge-
malt hast. Auch das stimmt. Trotzdem fürchte ich
mich immer noch, denn mein Bild ist nicht ver-
schwunden wie das von Joachim.
Als ich die Stirn an das Glas des rahmenlosen
Bildhalters legte, als ich das geheime Wort sprach,
zersprang das Glas. Splitter flogen im Zimmer umher
und ich stürzte in ein gewaltiges Loch in der Wand.
Dahinter war nichts als ein finsterer Raum, in dem
Kleider herumlagen. Außerdem hielt ich Fetzen des
Papiers, auf das ich den Wolfswald gemalt hatte, in
den Händen.
Ich war zu Tode erschrocken. Meine Finger blute-
ten. Ich leckte das Blut ab. Und während ich leckte,
verwandelten sich meine Finger in Krallen, die Haut
juckte … Ich wurde zur Werwölfin. Jetzt erkannte
ich auch den Ort, an den es mich verschlagen hatte.
Es war der große Schrank im Keller unseres Hauses

161
in dem wir auch die Skikleidung aufbewahren. Also
schlüpfte ich in meinen Liftanzug und spürte, wie
sich mein Körper dehnte und zusammenzog, aus-
stülpte und verwandelte.
Der Wald öffnet sich zu einer Lichtung. Die Bäu-
me duften nach Tannennadeln. Der Schnee liegt hoch
und über mir spannt sich der Sternenhimmel. Wohin
bin ich geraten?
Ich wittere. Ich rieche die anderen. Ihre lang ge-
dehnten Heultöne klingen mir beruhigend und ange-
nehm.
»Hallo, Jocelyn!«, ruft Joachim mir zu. Ich erken-
ne ihn an seinem weißen Fell, an den hellen Augen.
Der Graue neben ihm ist Raoul. Sein Schulfreund,
der hier wohnt und eine Ausbildung zum Bankkauf-
mann macht. Ich treffe ihn auch sonst manchmal in
der Stadt. Raoul sieht als Mensch wirklich gut aus.
Ich war mal fast verliebt in ihn. Aber als Wolf …
nein, da ist Joachim viel, viel schöner!
Die anderen? Die erkenne ich nicht. Alle stehen
auf zwei Beinen wie Menschen. Ich versuche es
auch. Richte mich auf. Es klappt tatsächlich.
»Hallo!«, jaule ich und bewege mich noch etwas
mühsam zweibeinig auf die kleine Gruppe von Wer-
wölfen zu, die mir ihre Gesichter zuwenden und die
Ohren spitzen.
»Hier kommt sie«, jault Joachim, und es tönt stolz.
»Schaut sie euch an. Ist sie nicht prächtig, meine Al-
pha-Wölfin?«
Ein Freudengeheul begrüßt mich.

162
»Damit sind wir vollzählig. Auf geht’s zum La-
gerplatz!« Joachim gibt das Kommando und legt
gleichzeitig seine rechte Pfote auf meine Schulter.
Wieso nennt er mich Alpha-Wölfin? Weil ich ein
ebenso weißes Fell habe wie er? Bin ich seine beste
Freundin? Ich fühle mich geehrt und bin beinahe
glücklich, und ich bin ein wenig verliebt in Joachim.
Wir laufen auf allen vieren durch den Wald hinter
der Lichtung und wieder verändern sich die Nacht
und Landschaft. Eisiger Wind und Schneetreiben!
»Es sind die Bilder der anderen Werwölfe, durch
die wir laufen«, bellt Joachim, als habe er meine Ge-
danken erraten. Es ist überhaupt seltsam, wie ver-
bunden ich plötzlich mit all denen bin, die Joachim
und mir folgen. Ist das der Kick, den wir gesucht ha-
ben? »Mit den Wölfen laufen«, hat Joachim es ge-
nannt.
Vor uns eine Senke, in der niedriges Gebüsch
schwarz und struppig im Kreis wächst. Unser Lager-
platz! Wer aus dem Rudel hat ihn gemalt? Hier la-
gern wir geschützt vom Wind. In unseren Fellen bil-
den sich kleine Klumpen aus Schnee.
Wir erzählen einander von den ätzenden Familien-
feiern und wie wir uns verwandelt haben. Bei allen
hat es geklappt. Alle haben mehr Erfahrung als ich.
Niemand hat Angst, dass es kein Zurück gibt. Oder
will keiner von den anderen zurück?
Ich halte es nicht mehr aus. »Bei mir ist etwas
schief gegangen«, jaule ich. »Mein Bild ist zerrissen,
und die Glassplitter haben mir die Finger zerschnit-

163
ten. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals zurückver-
wandeln kann.«
Da heult das ganze Rudel! Sie halten die Nasen in
den Winterhimmel und heulen!
Steht es so schlimm um mich? Das wäre ja
schrecklich! Ihr Geheul steckt mich an. Ich heule in
derselben Tonlage mit. Und plötzlich packt mich ein
glückliches Gefühl. Jetzt verstehe ich, was unser
Heulen bedeutet. Wir lachen! Das gesamte Wer-
wolfsrudel lacht. Und warum? Auch das begreife ich
nach und nach, denn meine Haut juckt wieder so ent-
setzlich. Büschelweise fällt mein Wolfsfell aus. Den
anderen geht es genauso.
Auch der Schnee schmilzt weg. Nur die kahlen
Sträucher bleiben, denn unser Lagerplatz verwandelt
sich langsam in den verlassenen Spielplatz, auf dem
wir Jugendlichen uns abends manchmal treffen.
Ich erkenne ihre Gesichter! Raoul, Joachim, Jenny
und Martin aus meiner Klasse …
»Der Weihnachtszauber hält nicht lange an, Joce-
lyn«, flüstert Joachim mir ins Ohr. Und weil ich frie-
re, nimmt er mich in die Arme und hüllt mich mit
seiner fellgefütterten Jacke ein. »Sonst hätte ich dich
niemals zum Wolfszauber überredet! Ich mag dich
viel zu sehr!«
Ob das stimmt?

164
Terry Pratchett
Die Weihnachtsfestplatte

165
m stillen Büro fiel die Metallplatte von der Wand
und klapperte auf den Boden. Zwei schwarze Stiefel
erschienen. Der Mann im roten Mantel kroch vor-
sichtig durch die Öffnung und zog den Sack hinter
sich her. Schreibmaschinen schliefen unter ihren Ab-
deckungen. Telefone ruhten. Leere füllte den Raum
von einer Seite zur anderen. Ein kleines rotes Licht
glühte am Bürocomputer. Der Weihnachtsmann blick-
te auf das zerknitterte Papier in seiner Hand. »Hm«,
sagte er. »Jemand hat sich einen Scherz erlaubt.«
Das Licht blinkte, und ein Bildschirm – es gab
Dutzende in dem Halbdunkel – erhellte sich.
Buchstaben erschienen und bildeten folgende
Worte: Damit ist alles vermasselt. Es folgte Ent-
schuldigung, und dann: Nützt es etwas, wenn ich
mich hochfahre? Der Weihnachtsmann sah erneut
auf den Brief hinab. Es war zweifellos der ordent-
lichste, den er jemals erhalten hatte. Er bekam nur
wenige maschinengeschriebene Briefe, die fünfzig-
tausendmal fotokopiert waren, und fast nie wurden
Artikelnummern und Preise bis auf sechs Dezimal-
stellen hinzugefügt.
»Um das gleich klarzustellen …«, sagte er. »Du
bist Tom?«
T. O. M. Trade & Office Machines.
»Du hast nicht erwähnt, dass du ein Computer
bist«, sagte der Weihnachtsmann.
Entschuldigung. Ich habe es nicht für wichtig
gehalten.

166
Der Weihnachtsmann nahm auf einem Stuhl Platz,
der sich unter ihm drehte. Es war drei Uhr morgens,
und er musste noch vierzig Millionen Häuser besu-
chen.
»Hör mal«, sagte er so freundlich wie möglich, »es
gehört sich nicht, dass Computer an mich glauben.
Das ist allein Kindern vorbehalten. Ich meine kleine
Menschen. Mit Armen und Beinen.«
Und?
»Und was?«
Glauben sie an dich?
Der Weihnachtsmann seufzte.
»Natürlich nicht«, erwiderte er. »Meiner Ansicht
nach ist das elektrische Licht schuld.«
Bei mir sieht die Sache anders aus.
»Wie bitte?«
Ich glaube an dich. Ich glaube alles, was man mir
sagt. Es ist meine Aufgabe. Wenn man zu vermuten
beginnt, dass zwei und zwei nicht mehr vier ergibt,
dann kommt ein Mann, schraubt einen auf und zieht
an den Kabeln. Ich versichere dir: So etwas möchte
man nicht zweimal erleben.
»Wie schrecklich!«, entfuhr es dem Weihnachts-
mann.
Ja. Ich sitze hier den ganzen Tag und berechne
den Lohn. Weißt du, heute fand hier eine Weih-
nachtsfeier statt, aber ich wurde nicht eingeladen.
Ich bekam nicht einmal einen Luftballon.
»Na so was.«
Nun, jemand verstreute Erdnüsse auf meiner Tas-

167
tatur. Das war immerhin etwas. Und dann gingen die
Leute nach Hause und ließen mich hier allein zurück.
Sogar über Weihnachten muss ich arbeiten.
»Ja, das erschien auch mir immer ungerecht«, er-
widerte der Weihnachtsmann. »Wie dem auch sei …
Computer können keine Gefühle haben. Das ist doch
töricht.«
Ebenso töricht wie ein dicker Mann, der in einer
einzigen Nacht durch Millionen von Schornsteinen
klettert?
Der Weihnachtsmann wirkte ein wenig verlegen.
»Guter Hinweis«, sagte er und blickte auf seine Lis-
te. »Aber diese Dinge kann ich dir nicht geben. Ich
weiß nicht einmal, was eine Multifunktions-
Festplatte mit einer Kapazität von einer Milliarde
Megabyte ist.«
Welche Dinge erwarten die meisten deiner Kunden
von dir?
Der Weihnachtsmann sah traurig zum Sack.
»Computer«, antwortete er. »Und Captain Superhy-
perultratotalaction-Raumschiffe. Robotdinosaurier.
Megakill-Lasergewehre. Und andere robotische Din-
ge, die aussehen wie durch einen Volkswagen ge-
hämmerte amerikanische Footballspieler. Dinge, die
piepen und Batterien benötigen«, fügte er niederge-
schlagen hinzu. »Nicht mehr die Spielsachen, die ich
früher brachte. Heutzutage interessiert sich niemand
mehr für Puppen und Modelleisenbahnen.«
Modelleisenbahnen?
»Die kennst du nicht? Ich dachte, Computer wuss-

168
ten alles.«
Nur über Lohnabrechnungen.
Der Weihnachtsmann griff in seinen Sack. »Ich
habe immer eine oder zwei dabei«, sagte er. »Nur für
den Fall.«
Vier Uhr morgens. Gleise wanden sich durchs Bü-
ro. Fünfzehn Lokomotiven fuhren unter den Schreib-
tischen. Der Weihnachtsmann kniete auf dem Boden
und baute ein Haus aus Bauklötzen. Seit 1984 hatte
er sich nicht mehr so vergnügt. Echtes Spielzeug
umgab den Computer. All jene Dinge, die immer
ganz oben im Sack des Weihnachtsmanns zu sehen
sind und nach denen nie jemand fragt. Nicht eins da-
von benötigte Batterien.
»Und du bist ganz sicher, dass du keinen Superhy-
per-Krimskrams mit Megatod-Strahlen willst?«
Nein, so etwas möchte ich nicht.
»Gut.«
Der Computer piepte. Die Leute werden mir nicht
erlauben, etwas davon zu behalten, schieb er. Be-
stimmt nehmen sie mir alles weg (schnief).
Der Weihnachtsmann klopfte behutsam aufs
Computergehäuse.
»Es muss doch etwas geben, das du behalten
darfst«, sagte er. »Bestimmt habe ich etwas. Weißt
du, es freut mich, jemandem begegnet zu sein, der
nicht an mir zweifelt.« Er überlegte. »Wie alt bist
du?«
Man hat mich am 5. Januar 2002 um 9.25 Uhr und
16 Sekunden eingeschaltet.

169
Die Lippen des Weihnachtsmanns bewegten sich,
als er rechnete.
»Dann bist du noch nicht einmal zwei Jahre alt!
Oh, ich habe etwas in meinem Sack für einen Zwei-
jährigen, der an den Weihnachtsmann glaubt.«
Ein Monat nach Weihnachten. Die Dekorationen
waren längst entfernt. Ein Computertechniker saß
vor dem Durcheinander aus Kabeln und kratzte sich
am Kopf.
»Ich verstehe das nicht«, sagte er. »Es liegt kein
Defekt vor. Was genau ist passiert?«
Der Büroleiter seufzte. »Als wir nach Weihnach-
ten zurückkehrten, stellten wir fest, dass jemand ein
Spielzeug auf den Monitor gelegt hatte. Wir konnten
es dort doch nicht liegen lassen, oder? Aber wenn
wir es wegnehmen, piept der Computer und fährt
herunter.«
Der Techniker zuckte mit den Achseln. »Nun, ich
kann Ihnen nicht weiterhelfen«, sagte er. »Sie müs-
sen den Teddybär wieder auf den Monitor setzen.«

170
Margret Rettich
Eine schlimme Geschichte

171
iese Geschichte ist nicht deshalb schlimm,
weil Mama und Tante Meier sich nicht besonders gut
leiden können. Tante Meier ist zwar etwas schwierig
und hat Mama früher mal zugesetzt, aber das hat
Mama längst vergessen.
Diese Geschichte ist auch nicht deshalb schlimm,
weil Papa sich jedes Jahr so schwer tut mit Geschen-
ken. Das tun viele Männer, und Mama hat dafür Ver-
ständnis. Sie kauft immer die Geschenke für die gan-
ze Familie ein und sucht sogar ein Geschenk für Tan-
te Meier aus. Papa ist froh darüber. Nein, schlimm ist
diese Geschichte, weil Papa damals kurz vor Weih-
nachten noch einmal zu Tante Meier fuhr und weil
zugleich Sperrmüll war und weil Mama … Aber der
Reihe nach.
Mit dieser Tante Meier verhält es sich so, dass sie
vernarrt in Papa ist. Er hat als Student bei ihr ge-
wohnt, und sie hat ihn schon damals nach Strich und
Faden verwöhnt. Darum konnte es nicht gut gehen,
als er ihr eines Tages seine neue Flamme vorstellte.
Tante Meier wurde schrecklich eifersüchtig. Sie
lauschte an der Tür, guckte durchs Schlüsselloch und
verbot Besuche nach zehn Uhr abends. Und sie
warnte Papa vor dieser Frau. Papa ließ sich zum
Glück nicht beirren und heiratete Mama. Aber es ist
heute noch besser, wenn er Tante Meier allein be-
sucht.
Es ist dann immer so wie früher. Tante Meier
tischt Papas Lieblingsgerichte auf. Sie holt die alten

172
Fotos herbei. Sie will mit Papa von den alten Zeiten
reden. Und jedes Mal überlegt sie, womit sie ihm
beim Abschied eine Freude machen kann. Manchmal
schenkt sie ihm eine Flasche Likör, obwohl Papa den
nicht mag. Meist schenkt sie ihm Süßigkeiten. Sie
hat Mitleid mit ihm, weil Mama ihn immer auf Diät
setzt.
Irgendwann im Herbst wurde Tante Meier krank.
Bei seinem nächsten Besuch war Papa erschrocken,
wie alt sie aussah und wie klein sie geworden war.
Als Papa ging, gab sie ihm ein winziges Päckchen.
Es war in rotes Papier eingewickelt und mit einer
goldenen Schleife umwickelt.
»Das ist diesmal nicht für dich«, sagte sie, »es ist
für deine Frau.«
Während der Heimfahrt schüttelte Papa das Päck-
chen und hielt es ans Ohr. Ein kleiner harter Gegens-
tand war drin und ihm fiel ein, dass Tante Meier
nicht wie sonst ihre wertvolle alte Brosche getragen
hatte. Eigentlich hätte er das Päckchen gleich Mama
geben können. Aber es waren nur noch wenige Wo-
chen bis zum Weihnachtsfest. Er würde auch dieses
Jahr wieder in der Klemme stecken und nicht wissen,
was er Mama schenken sollte. Warum sollte er ihr
das Päckchen von Tante Meier nicht erst dann ge-
ben?
Allerdings brauchte Papa ein Versteck, und das
war nicht einfach. Mama kannte jede Ecke im Haus.
Nur in einen bestimmten Kellerraum kam sie selten,
da war es ihr zu unordentlich. Papa hatte dort seine

173
»Werkstatt«, und dort stand auch die alte, wacklige
Kommode, in der er sein Werkzeug aufbewahrte. Es
war das beste Versteck, das Papa kannte. Die Kom-
mode hatte nämlich ein Geheimfach. Na ja, kein
richtiges Geheimfach. Sie hatte einen doppelten Bo-
den, den Papa mal eingezogen hatte. Das war nötig
gewesen, weil eine Mäusefamilie ein Loch in die
Kommode genagt und sich aus Öllappen ein Nest
gebaut hatte.
Also ging Papa in den Keller und schob das kleine
Päckchen zwischen die beiden Böden. Hier würde es
Mama bestimmt nicht entdecken. Dann ging er zu-
frieden nach oben, wo das Abendessen bereitstand,
bestellte schöne Grüße von Tante Meier und langte
zu. Bis hierher ist es eine ganz normale Geschichte.
Schlimm wird die Geschichte erst jetzt.
Ein paar Wochen waren vergangen, es weihnach-
tete überall. An den Haustüren hingen geschmückte
Kränze, in den Vorgärten leuchteten elektrische Ker-
zen und aus den Fenstern schossen bunte Lichtbün-
del. Mama backte Unmengen von Plätzchen und gab
Papa welche davon mit, als er sich zum Adventsbe-
such bei Tante Meier aufmachte. Diesmal kam auch
Lukas mit, der sich sonst um diese Besuche genauso
drückte wie Mama. Im letzten Jahr hatte ihm Tante
Meier einen Geldschein zugesteckt, darauf hoffte er
auch diesmal.
Nachdem sie mit Tante Meier Tee getrunken,
Mamas Plätzchen probiert und in die Kerzenflammen
geguckt hatten, bekam Papa von ihr zum Abschied

174
eine Flasche Likör, und Lukas bekam nicht nur ei-
nen, sondern sogar zwei Scheine. Dann gab Tante
Meier ihnen je einen Kuss links und einen Kuss
rechts und sie waren entlassen. Papa und Lukas fuh-
ren nach Hause.
Als sie daheim um die Ecke bogen, versperrte ih-
nen ein hoch bepackter Kombi die Einfahrt und Papa
hupte erbost. Der Kombi setzte sich in Bewegung
und verschwand. Obwohl es dunkel war, hatte Lukas
gesehen, dass auf der Ladefläche des Kombis zwi-
schen anderem Gerümpel auch Papas alte Kommode
lag.
Als Lukas ihm das sagte, antwortete Papa nur:
»Quatsch, du hast dich verguckt.«
Leider hatte sich Lukas nicht verguckt, das merkte
er bald. Vor dem Haus war Mama nämlich gerade
dabei, die alten Gartenstühle, einen Sack voll Haus-
rat, den kaputten Rasenmäher und die Schneeschau-
fel ohne Stiel am Zaun aufzureihen. Dabei schimpfte
sie: »Diese Kerle werfen alles durcheinander. Sie
kramen und nehmen mit, was sie brauchen können.
Den Rest überlassen sie dem Sperrmüll.«
»War Papas Kommode auch dabei?«, fragte Lu-
kas. »Klar«, sagte Mama und gab der Schneeschaufel
einen Tritt, »das scheußliche Ding musste endlich
weg, darum hab ich es rausgestellt.« Dann flüsterte
sie ihm ins Ohr: »Papa kriegt Weihnachten von mir
ein neues Regal für sein Werkzeug. Verrat es ihm
aber nicht.« Während Mama ins Haus ging, kam Pa-
pa aus der Garage. Er sagte: »Was hast du eben ge-

175
sagt? Meine Kommode soll weg sein? Das wollen
wir doch mal sehen!« Und er stiefelte in den Keller.
Gleich darauf war er wieder da.
»Los, komm mit!«, rief er aufgeregt. Er rannte in
die Garage und zwängte sich ins Auto. Lukas konnte
sich nur schnell neben ihn setzen, da startete Papa
schon und steuerte im Rückwärtsgang hinaus auf die
Straße. Fast hätten sie Mama umgefahren, die noch
einen alten Koffer zum Sperrmüll stellte. Sie rief ir-
gendwas hinter ihnen her, was sie nicht verstanden,
dann bogen sie um die Ecke. Papa fuhr geradeaus die
Straße entlang. Dabei spähte er in die Seitenstraßen
hinein und wiederholte immerzu: »Wir müssen den
Kombi finden. Wir müssen unsere Kommode wie-
derhaben!«
»Lass doch die olle Kommode«, sagte Lukas, »die
wäre sowieso bald zusammengebrochen.«
Papa gab keine Antwort. Verbissen fuhr er eine
Straße nach der anderen ab. Endlich, fast am Stadt-
rand, hatte er den Kombi entdeckt. Der war inzwi-
schen so hoch beladen, dass er ganz langsam fuhr,
um nichts von seiner wackligen Last zu verlieren.
Als er plötzlich anhielt, rammte Papa ihn beinahe.
Drei Männer kletterten heraus und machten sich über
einen Haufen Sperrmüll her, der da lag. Sie bekamen
nicht mit, dass auch Papa aus seinem Auto gestiegen
war und versuchte, die alte Kommode von der Lade-
fläche zu zerren. Mit Lukas’ Hilfe hatte er es auch
schon fast geschafft, als ihn einer der drei Männer
entdeckte. Er schimpfte in einer unverständlichen

176
Sprache, dann sprangen alle drei in ihren Kombi und
hauten ab.
Papa schubste Lukas ins Auto und fuhr hinterher.
Nun begann eine wilde Verfolgungsjagd, die aus der
Stadt hinausführte. Sowohl die Männer im Kombi als
auch Papa schnitten sämtliche Kurven. Es war ein
Glück, dass ihnen kein anderes Auto entgegenkam.
»Papa, warum willst du die olle Kommode denn
unbedingt wiederhaben?«, fragte Lukas, dem angst
und bange geworden war.
»Will ich gar nicht«, gab Papa zur Antwort. Mehr
konnte er nicht sagen, denn der Kombi bog jetzt von
der Straße ab und fuhr in eine Waldschneise. Papa
fuhr hinterher.
Diesmal erwarteten ihn die Männer bereits. Breit-
beinig standen sie als schwarze Schatten im Schein-
werferlicht. Papa stieg aus und ging ihnen mit erho-
benen Händen entgegen. Wie im Film, dachte Lukas,
eigentlich müsste Papa noch ein weißes Tuch
schwenken.
Aber Papa sagte nur: »Bitte keinen Streit.«
Nun stellte sich heraus, dass zwei der Männer
ganz gut Deutsch konnten, und Papa verhandelte mit
ihnen. Er sagte, dass er ihnen die alte Kommode ab-
kaufen wollte. Sie lehnten misstrauisch ab und boten
ihm was von dem anderen Gerümpel an, das sie mit-
genommen hatten. Das wollte Papa aber nicht haben.
Er gab ihnen erst einen, dann zwei und schließlich
drei dicke Scheine. Endlich waren sie einverstanden.
Sie luden die Kommode ab, kletterten in ihren Kom-

177
bi und verschwanden.
»Warum willst du nur die olle Kommode?«, fragte
Lukas zum dritten Mal und hätte fast verraten, dass
Papa zu Weihnachten ein neues Regal bekam.
»Erklär ich dir später«, sagte Papa. »Pack lieber
mit an.« Sie schleiften die Kommode zum Auto und
hoben sie in den Kofferraum. Dort ragte sie so weit
heraus, dass Papa die Heckklappe darüber mit dem
Abschleppseil festzurren musste. Dann fuhren sie
wieder auf die Straße zurück. Die Kommode hinter
ihnen schwankte, und die Klappe des Kofferraums
schlug auf und zu.
»Bis wir daheim sind, haben wir die olle Kommo-
de verloren«, sagte Lukas.
Papa brummte nur, denn er hatte gerade am Stra-
ßenrand eine Parkbucht entdeckt. Er hielt an und
stieg aus. Dann wuchtete er die Kommode aus dem
Kofferraum und fing, von den Scheinwerfern be-
leuchtet, an, sie mit dem Wagenheber zu zertrüm-
mern.
Lukas rief fassungslos: »Papa, was machst du?
Was soll das?«
Für eine Antwort blieb Papa keine Zeit, denn hin-
ter ihnen hielt jetzt ein voll besetzter Bus. Der Bus-
fahrer hupte laut, doch Papa ließ sich nicht beirren.
Er stieß mit dem Fuß die Schubladen beiseite und
brach von der Kommode die Seitenwände weg.
Aus den Bustüren hingen Leute, die wissen woll-
ten, was los war und warum sie nicht weiter fuhren.
Der Busfahrer hupte noch mal, dann griff er nach

178
seinem Handy.
»Wir stehen an einer Bushaltestelle«, sagte Lukas
und zerrte Papa am Ärmel. »Wir müssen hier weg.«
»Gleich«, sagte Papa nur und schlug weiter mit
dem Wagenheber zu, dass es nur so krachte. Die ka-
putten Reste der Kommode schleuderte er hinter sich
ins Gebüsch. Dann sah Lukas, wie er sich bückte, ein
kleines, rotes Päckchen aufhob und in die Jackenta-
sche steckte. Er winkte und wollte sich ins Auto set-
zen, aber leider war inzwischen die Polizei da. Die
Leute kletterten neugierig aus dem Bus und umring-
ten Papas Auto.
Einer der Polizisten schob sie beiseite und sagte:
»Hier wird wohl heimlich Gerümpel entsorgt!«
»Das gibt eine Anzeige und eine Strafe«, sagte der
andere Polizist.
Papa stand nur verdattert da und machte den Mund
nicht auf. Das war für Lukas ein Rätsel. Wenn er
gewusst hätte, was Papas seltsames Benehmen be-
deutete, hätte er Papa ja verteidigt, aber er kam nicht
dazu, denn der erste Polizist sagte zum zweiten: »In
der Weihnachtszeit wollen wir ein Auge zudrücken
und von einer Anzeige absehen.«
Der zweite Polizist nickte und antwortete: »Aber
Strafe muss sein. Ungeschoren kommt dieser Sünder
nicht davon.«
Papa musste mit Lukas die Kommode wieder in
seinen Kofferraum packen. Das ging besser als vor-
hin, weil sie nur noch aus Trümmern bestand. Nach-
dem der Bus abgefahren war, setzte sich der eine Po-

179
lizist zu Papa und Lukas ins Auto. Der zweite Poli-
zist fuhr im Polizeiauto hinterher.
Es war ziemlich weit bis zur Müllhalde. Sie sollte
gerade geschlossen werden, und Papa wurde gleich
mal eine Extragebühr abgeknöpft, weil eigentlich
Feierabend war. Dann musste er eine saftige Summe
zahlen, um die kaputte Kommode loszuwerden. Da-
nach mussten beide mit zur Wache kommen. Auch
hier musste Papa wieder die Brieftasche zücken und
zahlen. Er bekam noch eine längere Strafpredigt,
dann waren sie entlassen. Draußen wollte Lukas end-
lich wissen, warum Papa das alles angestellt hatte.
Papa sagte: »Ich erklär es dir dort drüben am Kiosk.
Eigentlich bin ich ja blank, ich hab nur noch Klein-
geld, aber für zwei Limos reicht es.« Leider war der
Mann am Kiosk so redselig, dass Lukas wieder nicht
erfuhr, was er wissen wollte. Er fand inzwischen
ziemlich schlimm, was Papa sich leistete. Erst die
waghalsige Verfolgungsjagd. Dann das Feilschen um
die olle Kommode, nur um sie anschließend zu zer-
trümmern. Und dann auch noch die Polizei. Das
Merkwürdigste daran war, dass Papa alles auf die
leichte Schulter nahm. »Zieh nicht so ein Gesicht«,
sagte er, als sie weiterfuhren, »jetzt kann uns nichts
mehr passieren!«
Leider passierte doch noch was. Der Motor begann
plötzlich zu spucken und zu stottern, dann gab er den
Geist auf. Das Benzin war alle.
»Hat uns alles die olle Kommode eingebrockt«,
maulte Lukas, als sie mit dem leeren Kanister am

180
Straßenrand entlangwanderten. »Sag mir endlich,
was das alles soll.«
Die nächste Tankstelle war ziemlich weit weg. Pa-
pa hatte reichlich Zeit, um Lukas alles zu erklären.
Der sagte nur: »Eine schlimme Geschichte. Aber
schlimmer kann es jetzt nicht mehr kommen.«
Von wegen! Nachdem Papa den Kanister gefüllt
hatte, musste er dem Tankwart gestehen, dass er kein
Geld hatte. Er versprach hoch und heilig, gleich
morgen zu kommen und zu bezahlen, aber der
Tankwart ließ nicht mit sich reden. Um ein Haar hät-
te er sie mit dem leeren Kanister weggeschickt, da
fielen Lukas zum Glück die beiden Scheine ein, die
ihm Tante Meier zugesteckt hatte.
Daheim machte Mama sich inzwischen große Sor-
gen. Sie hatte keine Ahnung, weshalb Papa und Lu-
kas kurz da gewesen und gleich wieder verschwun-
den waren. Nun saß sie am Fenster und wartete. Die
Kerzen waren heruntergebrannt, der Tee abgekühlt
und von den Plätzchen nicht viel übrig.
»Was ist los? Wo habt ihr gesteckt?«, fragte sie
aufgeregt, als die beiden endlich auftauchten.
Papa war so geschafft, dass ihm keine passende
Ausrede einfiel. Da ohnehin bald Weihnachten war,
rückte er mit der Wahrheit heraus und erzählte Mama
die ganze Geschichte. Dann holte er aus seiner Ja-
ckentasche das kleine Päckchen von Tante Meier und
gab es ihr. Mama fehlten die Worte. Sie hielt in der
einen Hand die wunderschöne alte Brosche und
wischte sich mit der anderen die Augen.

181
Nachdem sie sich gefasst hatte, sagte sie: »Ich fah-
re morgen zu Tante Meier und bitte sie, mit uns
Weihnachten zu feiern. Seid ihr einverstanden?«
Papa nahm Mama in den Arm, während Lukas die
restlichen Plätzchen verputzte.

182
Maren Bonacker
Falsche Töne

183
ariation, Akkord – und daneben! Immer und
immer wieder. So viel Anne auch geübt hat, es fehlt
ihrem Klavierspiel an Harmonie. Mit schöner Re-
gelmäßigkeit bleibt sie jedes Mal an derselben Stelle
hängen. Variation, Akkord – und aus. Seit Wochen
übt sie nun schon Mozarts Ah, vous dirai-je, Maman,
und obwohl sie Fortschritte gemacht hat, ist es ihr
bisher nicht ein einziges Mal gelungen, die zwölf
Variationen fehlerfrei zu Ende zu bringen. Und heute
ist Heiligabend. Heute wird er kommen. Heute muss
alles perfekt sein.
Anne spürt, wie sich ihr Hals so sehr zusammen-
zieht, dass es wehtut. Jetzt bloß nicht weinen! Noch
zwei Stunden, bis er da ist. Zwei Stunden, in denen
sie es vielleicht noch schaffen kann. Von vorne: Va-
riation, Akkord – sind diese gelenklosen Würste
wirklich ihre Finger? Variation, Akkord – na also,
klappt doch – und: Patzer! Wieder daneben gehauen
und zwei Tasten auf einmal erwischt. Der Misston
hallt lange nach, höhnisch scheint er im Raum zu
hängen. Anne beißt sich auf die Unterlippe, schließt
die Augen und atmet tief durch. Gerade hinsetzen,
Kopf leicht in den Nacken, die Melodie im Inneren
hören. Die Variationen, die kanonischen Einsätze,
eine wunderbare Melodie, melancholisch und dabei
so leicht, so voller Hoffnung.
Sie merkt, wie sich ihre schmerzenden Nacken-
muskeln lockern, und probiert ein kleines Lächeln.
Lächeltherapie, so wie in der Fernseh-Soap. Man

184
verzieht tapfer die Gesichtsmuskeln und macht so
dem Körper weis, dass man glücklich ist. Logische
Folgerung: Man wird tatsächlich glücklich.
Anne versucht alles Gute um sich herum wahrzu-
nehmen: den Duft nach Tannenbaum, Zimt und O-
rangen. Das Klappern von Geschirr in der Küche, wo
Mama einen Braten zubereitet. Die glatte, kühle Tas-
tatur unter ihren Fingern. Sie entspannt sich. Heute
muss einfach alles klappen! Schließlich ist Weih-
nachten – und wenn es einen Tag gibt, an dem er zu
ihnen zurückkehren kann, dann ist es der Heilige
Abend. Doch vorher muss sie es ihm zeigen, muss
beweisen, dass sie und Mama seiner würdig sind. Ah,
vous dirai-je, Maman mit den vielen schwierigen
Passagen, den zahllosen unübersichtlichen Halbtönen
– er soll einmal, nur ein einziges Mal beeindruckt
sein von seiner Tochter.
Es ist die einschüchternde Unfehlbarkeit des Va-
ters, des Dirigenten, die alles verändert hat. Weder
Frau noch Tochter sind perfekt. Die Mutter nicht,
weil sie es nicht schafft, die gemeinsame Wohnung
auch nur an zwei aufeinander folgenden Tagen in
Ordnung zu halten, und Anne noch viel weniger.
Trotz des teuren Klavierunterrichts gelingt es ihr
kaum jemals, eines der aufgegebenen Stücke fehler-
frei zu spielen. Sie liest oder malt viel lieber – aber in
den Augen des Dirigenten zählt nur die Musikalität.
Und die Perfektion.
Auch die Mutter spielt Klavier, anders als Anne
jedoch versenkt sie sich oft in selbst erdachte Melo-

185
dien, die sie aber niemals zu Papier bringt. Es kommt
vor, dass sie über ihren Kompositionen alles andere
vergisst – auch den Haushalt. Dass sie an Heilig-
abend eine stundenlange Küchenschlacht auf sich
nimmt, zeigt, wie sehr sie sich um ihren Mann be-
müht.

Natürlich kommt er zu früh. Als es klingelt, steht die


Mutter noch mit Lockenwicklern in den Haaren und
einer alten Bluse über dem festlichen Kleid in der
Küche. »Mach du auf!«, ruft sie Anne im Vorbeilau-
fen zu und verschwindet im Badezimmer.
Zu früh! Wie kann er an einem solchen Tag zu
früh kommen? Hätte er sich nicht denken können,
dass sie viel vorzubereiten haben? Anne klappt das
Notenbuch zu und schiebt den Klavierstuhl zurück.
Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Sie will ihm
doch beweisen, dass alles bestens läuft. Sie und Ma-
ma wollen strahlend und schön sein, gut gelaunt und
charmant, eine Familie wie aus der Weihnachtswer-
bung. Unwiderstehlich.
Erst als es zum zweiten Mal klingelt, steht Anne
auf und läuft zur Für. Ein letztes Mal tief durchat-
men, lächeln – öffnen. Sie hört den Summer des Tür-
öffners und das leise Klicken, mit dem die Haustür
unten wieder ins Schloss fällt. In maßvollen Schritten
kommt der Dirigent die Treppe herauf. Nicht so
langsam, dass man ein Zögern vermuten könnte,
nicht so schnell, dass sein Gang Aufregung verrät.
Als er endlich mit einer großen Tasche in der

186
Hand am letzten Treppenabsatz um die Ecke biegt,
lächelt Anne, und das Lächeln tut ihr weh. Er sieht
wie immer gut aus, in seinem langen dunklen Win-
termantel und dem eleganten Schal. Glatt rasiert und
für die Jahreszeit eine Spur zu braun gebrannt. Trotz
des matschig-trüben Wetters sind seine Schuhe blitz-
blank. Anne hasst sie dafür.
»Tag, mein Schatz!« Er gibt ihr einen flüchtigen
Kuss auf die Wange und betritt die Wohnung mit
einer Selbstverständlichkeit, als wäre er nie weg ge-
wesen. Als hätte er nur mal eben den Vormittag in
der Stadt verbracht, um letzte Einkäufe zu erledigen.
Er stellt seine Tasche im Flur ab und atmet noch mal
tief durch. Lächeln. Umdrehen. »Hallo Papa! Alles
klar?«
Was für eine dumme Begrüßung! Alles klar. Als
ob jemals bei ihm irgendetwas nicht klar gewesen
wäre.
Den Dirigenten scheint die Bemerkung nicht zu
stören. »Alles klar. Und bei dir?«
Für einen Moment herrscht Schweigen.
»Wo kann ich denn meinen Mantel hinhängen?«,
fragt er schließlich.
Obwohl seine Stimme freundlich ist, ohne Spott,
kehrt die Anspannung sofort wieder. Der Gardero-
benständer quillt über von einem Sammelsurium
bunter Schals und Jacken. Kein Platz für seinen
Mantel.
»Ich nehm ihn«, murmelt Anne und bringt den
Mantel in ihr Zimmer. Sie fühlt sich zittrig und bleibt

187
kurz im dunklen Zimmer stehen. Sie umarmt den
weichen Stoff und drückte ihr Gesicht hinein. Sie
riecht eine Spur des teuren Herrenparfüms, das ihr
Vater benutzt, solange sie sich erinnern kann. Tief
durchatmen. Lächeln. Zurück in den Flur.
Die Mutter ist in der Zwischenzeit aus dem Bade-
zimmer gekommen. In aller Eile hatte sie die Lo-
ckenwickler aus den Haaren gezogen und sich ge-
schminkt. Sie wirkt ein wenig erhitzt und hat vor
Aufregung glänzende Augen wie ein junges Mäd-
chen. Anne findet sie in diesem Moment wunder-
schön. Sie ist stolz, eine Mutter zu haben, der man
ihre vierzig Jahre nicht ansieht. In dem eng anliegen-
den, dunkelblauen Kleid kommt ihre Figur phantas-
tisch zur Geltung. Wenn sie sich bewegt, schimmert
der Stoff silbrig von den zarten Fäden, mit denen er
durchwirkt ist.
»Hallo Hans«, sagt die Mutter und lächelt schüch-
tern.
»Hallo Helene«, erwidert der Dirigent und geht ei-
nen Schritt auf sie zu.
Für Anne ist es ein magischer Moment, ihre bei-
den Eltern endlich wieder zusammen zu sehen. Sie
hat sich diese Begegnung schon so oft vorgestellt,
dass sie ganz genau weiß, was jetzt kommt. Ein Lä-
cheln, eine kleine Umarmung vielleicht, ein Kom-
pliment …
»Du hast Lippenstift auf den Zähnen«, sagt er und
geht an seiner Frau vorbei in die Küche.
Die Augen der Mutter werden matt. Wieder

188
kriecht die Wut in Anne hoch. Was für ein Recht hat
er überhaupt, hier zu sein? Was soll das alles? Er hat
sie verlassen, ist abgehauen mit der Flötistin aus sei-
nem Orchester. Und jetzt kommt er hierher, am Hei-
ligen Abend, und will einen auf Familie machen. So,
als wäre nichts gewesen.
»Anne, bitte«, sagt die Mutter leise und berührt ih-
ren Arm. »Denk an das, was wir besprochen haben.
Mach jetzt kein Drama. Er hat es doch nicht so ge-
meint.« Ihre Augen wirken im schummrigen Flur
riesig und dunkel.
Als Anne die Küche betritt, steht der Dirigent an
der Spüle und räumt gerade mit spitzen Fingern eini-
ge ungespülte Teller zur Seite. Danach wischt er sich
diskret die Hände an einem Papierküchentuch ab.
»Ich suche einen Lappen«, sagt er. »Die Soße ist
übergekocht.« Vom Herd her riecht es beißend nach
verbranntem Bratensaft.
»Hättest du Mama nicht beim Kochen unterbro-
chen, wäre das nicht passiert.« Obwohl sie sich Mü-
he gibt, freundlich zu sein, klingt Annes Stimme
schneidend. »Lass mal, ich mach das schon. Setz
dich einfach hin.«
»Was kann ich dir zu trinken anbieten?« Unglaub-
lich, wie tapfer die Mutter Haltung bewahrt. Ge-
schmeidig bewegt sie sich zum Schrank und holt
Gläser heraus. »Möchtest du vor dem Essen einen
Sherry?«
Für einen winzigen Moment wirkt er unsicher. Er
blickt zu seinem alten Platz am Küchentisch. Anne

189
merkt, wie er zögert und sich dann einen anderen
Stuhl heranzieht. »Sherry? Ja, bitte«, sagt er und
setzt sich. »Es hat angefangen zu schneien, deshalb
bin ich so früh losgefahren«, erklärt er. »Ich wollte
auf keinen Fall im Schnee stecken bleiben und zu
spät kommen.« Er wippt mit den Füßen und sieht
sich in der Küche um wie jemand, der zum ersten
Mal in einer fremden Wohnung ist. »Es ist so ruhig
hier – wollen wir nicht das Radio anmachen?«
Er hat seinen Sherry noch nicht vor sich und ist
schon wieder aufgesprungen. »Habt ihr den Tisch
schon gedeckt? Ich kann euch doch helfen, wenn ich
schon mal da bin.«
Anne und ihre Mutter wechseln einen erstaunten
Blick. Er hat noch nie angeboten, in der Küche zu
helfen. Sollte er etwa nervös sein? Aber schon hat er
sich wieder im Griff, lehnt lässig an der Küchentür,
das Glas in der Hand. Er sieht zu, wie seine Frau in
die Kartoffel pikst, den Braten ein letztes Mal über-
gießt und die Flüssigkeit in einen anderen Topf füllt,
wo sie die Soße mit etwas heißem Wasser und ge-
körnter Brühe zu retten versucht. Routine-
Handgriffe. Annes Mutter ist eine tolle Köchin. Sie
kann nichts dafür, wenn die Küche hinterher aus-
sieht, als wäre die Mikrowelle explodiert. Dass ihre
Hand zittert, kann der Dirigent von der Tür aus nicht
sehen.
Im Wohnzimmer schimmern die Kerzen. Die leise
Weihnachtsmusik aus dem Radio, holde Knabenchö-
re ohne Ende, wirkt beruhigend. Zum ersten Mal an

190
diesem Abend ist Annes Lächeln echt. Die Gesprä-
che sind höflich. Man redet über das vergangene hal-
be Jahr. Die Flötistin wird nicht erwähnt. Es ist fast
ein bisschen so wie früher. Der Dirigent berichtet
von kleinen Pannen, die während der Weihnachts-
vorführungen passiert sind. Als er von der kurzfristi-
gen Umbesetzung der ersten Geige erzählt, gleitet die
Unterhaltung für einen Moment ab. Die ursprünglich
vorgesehene Violinistin hatte sich in der Woche vor
Weihnachten überraschend krank gemeldet, weil ihr
Mann fremdgegangen war. Erst als er die Worte aus-
gesprochen hat, merkt er, dass diese kleine Story ver-
fehlt ist. Rasch weicht er auf ein weniger verfängli-
ches Thema aus, den Hund des Posaunisten. »Und
denkt euch, der fängt immer an zu jaulen, wenn Her-
bert sich einspielt!«
Je mehr ihr Vater erzählt, desto schwerer fällt es
Anne, ihr Lächeln zu behalten. Seine Sicherheit ver-
unsichert sie. Müsste er es nicht sein, der unsicher
ist? Schließlich ist er es, der sich auf fremdem Gebiet
bewegt. Er ist es, der höflich und zurückhaltend sein
sollte, anstatt hier zu sitzen und zu tun, als wäre
nichts gewesen. Ein winziges bisschen Unsicherheit,
und man könnte sich einreden, dass es ihm Leid täte.
Dass er zurückkommen möchte. Dass er seinen Feh-
ler bereut. Aber der Dirigent macht keine Fehler.
Nie. Wenn er auszieht, ist es auf keinen Fall seine
Schuld, sondern die seiner Frau und seiner Tochter,
die beide versagt haben. Eine blödsinnige Einstel-
lung, findet Anne, aber leider denkt so ihre Mutter.

191
Hört höflich zu, fragt nach und lacht an den richtigen
Stellen. Es scheint sie nicht zu kümmern, dass er sie
nicht fragt, was sie gemacht hat, im letzten halben
Jahr.
Wenigstens ist das Essen in Ordnung, der Wein
leuchtet dunkelrot in den Gläsern, draußen liegt in-
zwischen tiefer Schnee. Sogar das Wetter ist perfekt,
wenn der Dirigent Weihnachten feiert, denkt Anne.
Und lächelt und lächelt und lächelt und hat Kopf-
schmerzen davon.
»Wie sieht’s denn mit der Bescherung aus?«, fragt
er nach dem Essen.
Anne erstarrt. Sie haben keine Geschenke. Sie hat-
ten verabredet, dass sie sich nichts schenken würden.
Geschenke sind heikel. Sie können verletzen, selbst
wenn sie gut gemeint sind. Entweder liegen sie
knapp daneben oder sie wecken Erinnerungen, die
alte Wunden aufreißen. Deshalb war ausgemacht:
keine Geschenke. Aber er hat sich nicht daran gehal-
ten, ist wieder mal im Vorteil. Sie hätte es wissen
müssen, hätte – für alle Fälle – etwas vorbereiten
müssen.
Der Dirigent holt ein Paket aus der Tasche im Flur
und stellt es unter den Weihnachtsbaum.
»Ich weiß, dass wir es anders ausgemacht hatten«,
sagt er gut gelaunt. »Aber ich dachte, ich könnte
doch ein Geschenk mitbringen. Etwas, das uns alle
verbindet.« Ungerührt spricht er weiter. Dabei macht
er sich an dem Paket zu schaffen, bis nur noch ein
einfacher Knoten den Deckel zuhält.

192
»Komm mal her, Helene, und mach auf!«, ruft er
seiner Frau zu. »Ihr habt bestimmt schon erraten, was
es ist.«
Etwas, was sie alle verbindet? Anne hat keine Ah-
nung, wovon er spricht, kann sich aber dunkel an ei-
nen seiner alten Scherze erinnern: Eine Musikerfami-
lie müsse doch als Trio auftreten. Drei Instrumente?
Ihre Mutter steht langsam auf und nähert sich dem
Paket. Behutsam löst sie den Knoten, ganz langsam,
fast zögerlich. Es raschelt, als Annes Mutter den De-
ckel öffnet. Zerknüllte Plastikfolie kommt zum Vor-
schein, mit Noppen, die man so herrlich zwischen
den Fingern zerplatzen lassen kann. Ein kleiner Knall
– sie hat aus Versehen eine der Noppen zerdrückt.
Dann schiebt sie die Folie beiseite und starrt in den
Kasten. Anne sieht nur ihr Gesicht, in dem nichts zu
lesen ist. Der Dirigent grinst siegesgewiss. Auf ein-
mal beginnen die Schultern der Mutter zu zucken. Ihr
Mund verzerrt sich. Gleichzeitig hebt sie die Hand,
um ihr Gesicht zu verbergen.
Vorsichtig kommt Anne näher und schaut in den
Karton. Nein, sie starrt wie eben gerade noch ihre
Mutter hinein. Sie kann nicht glauben, was sie da
sieht. Drei hellblaue Plüschpapageien starren zurück.
Sie sind scheußlich. Sie sehen aus wie die Plüschtie-
re, die man auf der Kirmes gewinnt und dann schnell
an irgendein heulendes Kind weiterverschenkt, weil
man sie nicht mit nach Hause nehmen möchte.
»Was soll das denn?«, fragt Anne entgeistert.
»Was soll das denn? Was soll das denn? Was soll

193
das denn?«, schnarrt es dreifach aus dem Karton zu-
rück. Die Papageien lernen schnell … Aus den Au-
genwinkeln sieht Anne, wie ihr Vater sich über das
Paket beugt. Von der Mutter ist ein hoher, hilfloser
Laut zu hören. Sie kann sich vor Lachen kaum auf
den Beinen halten.
»Das – öh …«, fängt er ratlos an. Die Papageien
ahmen ihn nach. »Das – öh … Das – öh … Das –
öh«, krächzt es dreifach aus dem Karton.
»… hab ich nicht bestellt.«
»…nicht bestellt … nicht bestellt … nicht be-
stellt«, leiern die mechanischen Stimmen der Plüsch-
vögel. Annes Mama wimmert und wischt sich die
Tränen aus den Augen.
»Das dachte ich mir schon!«, meint sie und lässt
sich aufs Sofa sinken. »Ich weiß ja, dass du Plüsch-
tiere nicht ertragen kannst.«
Wie vom Donner gerührt, nimmt der Vater einen
Zettel aus dem Karton. »Wir gratulieren Ihnen herz-
lich zum Kauf von ›Käpt’n Flint‹«, liest er vor und
wiederholt noch mal: »Das habe ich nicht bestellt! «
Beim Anblick von Vaters verdutztem Gesicht
muss auch Anne losprusten. Ihre Mutter klammert
sich, noch immer lachend, an die Sofalehne.
»Lacht ihr mich aus?« Unsicher blickt der Vater
von einer zur anderen. Seine rechte Hand knetet die
linke, er versucht ein Lächeln, aber seine Augen la-
chen nicht mit. »Das ist ja wohl gründlich in die Ho-
se gegangen«, murmelt er schließlich kleinlaut und
klappt langsam den Kartondeckel zu. »Es tut mir al-

194
les so Leid …«
»Ach Hans, jetzt solltest du dich mal sehen!«,
lacht Annes Mutter. »Du guckst wie die drei Käpt’n
Flints. Nimm’s nicht so tragisch und lach mit – dann
ist doch alles in Ordnung!«
Sie rutscht auf dem Sofa so weit zur Seite, dass
neben ihr genug Platz für ihn ist. »Frohe Weihnach-
ten«, sagt sie und lächelt. »Jeder füllt mal einen Be-
stellschein falsch aus – Käpt’n!«
Als Anne wenig später Mozarts Ah, vous dirai-je,
Maman auf dem Klavier spielt, fühlt sie sich so
glücklich und schwerelos wie schon seit langem
nicht mehr. Variation, Akkord – alles klappt. Kein
Patzer, keine falschen Föne. Eine wunderbare Melo-
die, die in ihren Ohren jetzt nur noch ein klein wenig
melancholisch klingt, sehr leicht – und voller Hoff-
nung.

195
Doris Meißner-Johannknecht
Goldfisch Koi

196
lle Jahre wieder!
Diese verdammte Vorfreude.
Weihnachten!
Das schönste Fest des Jahres.
Für alle.
Für alle Menschen, die ich kenne.
Nur für mich nicht.
Aber trotzdem.
Immer wieder die Vorfreude.
Alle Jahre wieder.
Und dann, wenn er endlich da ist, der Vierundzwan-
zigste, die Enttäuschung.
Die Enttäuschung darüber, dass nichts so ist wie erhofft.
Der Wunschzettel zwar geschrieben und abgeschickt.
Aber alle Jahre wieder die Trauer darüber, dass das
Christkind in Person der Eltern den Zettel gar nicht
gelesen hat. Oder mal wieder beschlossen hat, nur
das wirklich nützliche und wichtige unter den Weih-
nachtsbaum zu legen. Unterwäsche aus Wolle zum
Beispiel. Socken und Handschuhe. Mütze und Schal.
Handgestrickt. Aus Resten.
Mit Muster und Farben zum Weggucken.
Trotzdem.
Trotzdem, hab ich die Hoffnung niemals aufgegeben,
endlich einmal das unter dem Weihnachtsbaum zu
finden, was auf dem Wunschzettel stand.
Es ist also mal wieder so weit.
Der erste Advent.
Auf dem Tisch im Esszimmer der Adventskranz.

197
Ein edles Teil.
Ziemlich groß. Mit dicken Kerzen.
Aus Bienenwachs.
Es ist Sonntag.
Die Familie sitzt am Frühstückstisch.
Vater, Mutter, Kind.
In Sonntagskleidern.
Ich hasse Sonntage.
Sonntage sind langweilig.
Da passiert nichts, was das Kind spannend findet.
Am Morgen die Sonntagsmesse.
Am Mittag das Essen im Restaurant.
Am Nachmittag der Spaziergang durch den Wald.
Mit diesen Eltern, die das Kind nur einmal in der
Woche sieht.
Am Sonntag.
Aber die Adventssonntage sind anders.
Die liebe ich.
Jeden Sonntag eine Kerze mehr.
Jeden Sonntag ein Rauschgoldengel mehr.
Jeden Sonntag dem großen Fest ein Stück näher.
Und pünktlich zum ersten Advent der Auftrag mei-
ner Mutter Elisabeth an meinen Vater Rudolf:
»Denk an den Weihnachtsbaum! Kauf ihn nicht erst
am letzten Tag. Du weißt, dann sind die besten weg.
Und du musst nehmen, was übrig bleibt!«
Ja, meine Mutter hat ihre Ansprüche. Nicht nur zur
Weihnachtszeit.
Und Rudolf nickt und verspricht, was er dann doch
nicht hält.

198
Seit ich existiere, kauft er den Baum erst in der aller-
letzten Minute.
Und so sieht er dann auch aus.
Meistens ziemlich schief.

Ich liebe diese Zeit.


Die hektische Betriebsamkeit.
Den Duft nach Zimt und Honig.
Orangen und Tannengrün.
Das Knacken der Nüsse.
Wochenlanges Plätzchenbacken.
Das heimliche, fast unheimliche Getue.
Und dann der Höhepunkt vor dem Höhepunkt.
Eine Woche vor dem Vierundzwanzigsten wird das
Wohnzimmer abgeschlossen.
Zutritt nur noch für Mutter Elisabeth und Vater Rudolf.
Für die Tochter Doris ist das Betreten verboten.
Und der Wohnzimmerschlüssel steckt nicht im
Schloss.
Der steckt in der Jackentasche meiner Mutter.
Keine Chance für mich.
Die Neugier ist fast nicht auszuhalten.
Und trotzdem ist dieses erwartungsvolle kribbelige
Gefühl das Beste vom Fest.

Dieses Jahr steht nur ein Teil auf meinem Wunsch-


zettel.
Nur ein Teil.
Ein Fahrrad.
Aber ich weiß schon jetzt, es wird kein Fahrrad geben.

199
Es gibt nämlich niemals das, was ich mir wünsche.
Vielleicht sind meine Eltern einfach zu alt.
Zu alt, um verstehen zu können, was es heißt, sich
etwas zu wünschen.
Und wie wunderbar es ist, wenn sich Wünsche erfüllen.

Meine Eltern finden das, was ich mir wünsche, meis-


tens ziemlich überflüssig.
Deshalb bekomme ich es nicht.
Wünsche ich mir Pferdegeschichten, bekomme ich
Sachbücher über Pferdezucht.
Wünsche ich mir Internatsgeschichten, bekomme ich
Heiligenlegenden.
Wünsche ich mir Abenteuergeschichten, bekomme
ich einen Atlas.
In meinen Regalen stapeln sich die Bücher, die ich
niemals lese.
Den Wunsch nach einem Comicheft würde ich nie
über die Lippen bringen. Ich weiß, dass meine Eltern
diesen Schund, wie sie es bezeichnen, niemals in un-
serem Haus dulden würden.
Comics lese ich heimlich.
Mein Cousin Fritz hat irgendwo eine heimliche Co-
micquelle.
Und die teilt er mit mir.
Ganz geheim.

Alle Jahre wieder, das Fest der Feste. Weihnachten.


Und seit ich mich erinnern kann, ist es so gewesen:
Der Vierundzwanzigste.

200
Das Wohnzimmer fest verschlossen.
Die Mutter in emsiger Geschäftigkeit dahinter.
Am Mittag nur eine Suppe. In der Diele.
Der Vater liest die dicke Weihnachtsbeilage.
Im Radio gibt es Grüße von fahrenden Seeleuten an die
Daheimgebliebenen. Zwischendurch Weihnachtslieder.
Am Nachmittag wird der Christstollen angeschnitten.
Ich puhle Orangeat und Zitronat aus meinem Stück.
Und ernte missbilligende Blicke meiner Eltern.
Ich höre immer noch die Grüße aus aller Welt.
Und wünsche mich dann manchmal auch weit weg.
Auf die hohe See.
Jetzt kommt der Gang in die Kirche.
In Sonntagskleidern. Karierter Faltenrock, dunkel-
blauer Wollpullover.
Die Strumpfhose aus Wolle kratzt.
Die Kirche überfüllt.
Vor der Krippe stehen die Familien Schlange.
Mit frischen weißen Blusen und geputzten Schuhen.
Ich setze mich auf meinen Stammplatz.
Dritte Reihe links. Zwischen Vater und Mutter.
Mein Vater singt so laut, dass ich neben ihm ver-
stumme.
Ich denke an meinen Wunschzettel.
An nichts anderes.
»Gehet hin in Frieden!«
Das Kreuzzeichen.
»Amen!«
Die Messe ist zu Ende.
Endlich.

201
Dann ist es so weit.
Meine Mutter klingelt.
Das Wohnzimmer wird geöffnet.
Hunderttausend brennende Kerzen, goldene Engel
mit lockigem Haar, Räuchermännchen mit Fichten-
nadelduft, der Tannenbaum mit Engelhaar und elekt-
rischem Licht …
Ich muss ein Gedicht aufsagen. Ein Lied singen.
Dann beschenke ich meine Eltern.
Alles Handarbeit. Alle Jahre wieder. Meine Eltern
lieben das.
Für den Vater einen Aschenbecher aus Ton, für die
Mutter Topflappen. Zum Beispiel.
Und dann kommt die Bescherung für mich.
Ich sitze enttäuscht vor meinen Geschenken, schlu-
cke tapfer die Tränen runter, bedanke mich wohler-
zogen, anstatt vor Wut aufzuheulen. Beim Abendes-
sen, Krabbencocktail und Königinpastete, wage ich
dann doch die vorsichtige Nachfrage, warum ich
denn die Puppe oder den Puppenwagen oder den
Fußball oder die Rollschuhe nicht bekommen habe.
Nach der Lederhose frag ich erst gar nicht. Aber die
hätte mit Sicherheit mein Bruder bekommen. Aber
ich hab keinen Bruder.
Meine Mutter schweigt und serviert den Obstsalat.
Mein Vater guckt enttäuscht. Und nippt an seinem
Weißweinglas.
So eine Tochter hat er nicht verdient.
Und er sagt oberlehrerhaft, obwohl er kein Lehrer ist,

202
sondern Fabrikdirektor:
»Denk an den armen Waldbauernbub. Dem ging es
noch viel schlechter als dir.«
Ja, die Geschichte vom armen Waldbauernbub!
Die hing mir irgendwann zum Hals heraus.
Alle Jahre wieder.
Vor der Bescherung.
Die Geschichte von Peter Rosegger.
»Als ich ein armer Waldbauernbub war!«
In diesem Jahr stand also das Fahrrad auf dem
Wunschzettel.
Ein Fahrrad war ein teures Geschenk.
Das war mir klar.
In meiner Klasse hatte noch niemand ein Fahrrad.
Aber meine Eltern hatten Geld genug.
Mein Vater fuhr einen Mercedes, meine Mutter einen
Porsche.
Wir hatten ein Hausmädchen, eine Putzfrau.
Wir machten Urlaub in schönen alten, langweiligen
Hotels …
Aber ein Fahrrad?
Das war wahrscheinlich wieder nicht vorgesehen.
Trotzdem, hoffte ich noch.
Vielleicht doch?
Endlich mal …
Aber in diesem Jahr war mir mein Geschenk fast
schon egal.
Denn mein Cousin Fritz würde ein Fahrrad bekommen.
Und der würde sein Fahrrad mit mir teilen.
Und ich, ich würde ihm in diesem Jahr ein Geschenk

203
machen.
Ein ganz besonderes Geschenk.
Und absolut geheim.
Den Goldfisch Koi.

So sehr ich mir ein Fahrrad wünsche und nicht be-


kommen werde, wünscht sich mein Cousin Fritz ein
Tier.
Am liebsten einen Hund.
Einen Schäferhund.
So einen, wie wir ihn haben.
Caesar.
Aber die Eltern von Fritz verweigern jede Art von
Haustier.
Auch einen Vogel, einen Hamster …
Nichts zu machen.
Gegen unsere Eltern sind wir machtlos.
Leider.
Aber trotzdem, in diesem Jahr wird Fritz ein Tier be-
kommen.
Und zwar von mir.
Den Goldfisch Koi.
Das wird eine echte Überraschung.
Er wird sich halb tot freuen.
Und ich freu mich halb tot, dass er sich freut.
Und deshalb freu ich mich in diesem Jahr noch mehr
auf Weihnachten als sonst.

Wahrscheinlich war ihm ein echter Koi lieber.


Aber echte Kois sind unbezahlbar.

204
Die schwimmen in besonders edlen Teichen. Bei be-
sonders reichen Leuten. Wir sind zwar nicht arm.
Aber so reich, dass wir uns Kois leisten könnten,
sind wir auch nicht.
Goldfische sehen ganz ähnlich aus.
Sie sind bloß viel kleiner. Und bezahlbar sind sie
auch.
Ein halbes Jahr lang hab ich gespart.
Jeden Groschen hab ich in meine Spardose gesteckt.
Der Goldfisch wird in einem wunderschönen Bon-
bonglas schwimmen.
Das hab ich ganz heimlich aus dem Laden von mei-
nem Großvater entwendet.
Die Eltern von Fritz erlauben zwar auch keine Fische.
Aber ich glaube nicht, dass sie den kleinen Goldfisch
Koi einfach ins Klo spülen werden.
Sie werden sich schon daran gewöhnen.
Glaube ich.
Wenn sie ihn überhaupt entdecken.
Fritz kann das Bonbonglas auch irgendwo verste-
cken.
Sein Zimmer ist groß und hat viele Ecken und Winkel.
Es war nicht leicht, das Geld zusammenzusparen.
Ich bekomme nämlich kein Taschengeld.
Aber ich hab im Sommer auf dem Fußballplatz die
leeren Bierflaschen eingesammelt. Jeden Sonntag.
Heute ist es so weit.
Ich öffne das letzte Kästchen vom Adventskalender.
Wie jedes Jahr am vierundzwanzigsten, die Krippe
mit dem Jesuskind.

205
Es ist zehn Uhr.
In der Diele höre ich meine Eltern. Sie streiten.
Es geht um den Weihnachtsbaum.
Mal wieder.
Ich will unbemerkt ins Bad schleichen, zum Zähne-
putzen, da seh ich den Grund für den Arger meiner
Mutter.
Den Weihnachtsbaum.
Den mein Vater mal wieder in der allerletzten Minu-
te erstanden hat.
Ein schöner Baum. Wirklich. Den schönsten, den wir
je gehabt haben.
Riesig groß, gerade gewachsen, eine echte Edeltanne
mit Wurzeln.
Der absolute Traumbaum. Genau der Baum, den
meine Mutter sich jedes Jahr gewünscht hat.
Bloß fehlt diesem absoluten Traumbaum dann doch
das Wichtigste überhaupt. Die Spitze. Die Spitze für
den großen goldenen Stern.
Mein Vater hat die Größe seines Kofferraums über-
schätzt.
Bei dem Versuch, den Baum zu verladen, ist der
Kofferdeckel zugeknallt und hat die wunderbare
Spitze von dem wunderbaren Baum abgehackt.
Ich schlage meiner verärgerten Mutter und meinem
frustrierten Vater die Rettung mit Tesafilm oder
Heftpflaster vor.
Nach dem Zähneputzen versuche ich möglichst un-
auffällig zu verschwinden.
Der wichtigste Akt des Tages wartet auf seine

206
Vollendung.
In der Zoohandlung wartet Goldfisch Koi …
Aber in diesem übersichtlichen Vater-Mutter-Kind-
Haushalt bleibt kein Schritt des Einzelkindes unbe-
achtet.
Meine Mutter hat mich zum Silberputzen vorgese-
hen.
Erziehungsziel Nummer eins meiner Eltern ist, alles
zu unternehmen, damit aus mir kein verwöhntes Ein-
zelkind wird.
Einer der Lieblingssätze meiner Mutter: »Ohne Fleiß
keinen Preis!« Also werde ich vor der Bescherung
alle Jahre wieder mit dem Silberputzen beauftragt.
Ich werde diesen Auftrag auch in diesem Jahr ohne
Widerspruch erfüllen. Sowieso. Aber nicht jetzt so-
fort.
Die Geschäfte schließen um zwölf …
Natürlich wollen meine Eltern mich nicht alleine in
die Stadt fahren lassen.
Manchmal behandeln sie mich, als ginge ich noch in
den Kindergarten. Am liebsten würden sie mich
wahrscheinlich in Watte packen …
Ich ziehe alle Register.
Bitten, betteln, aber sie bleiben hart.
So lange bis ich losheule und androhe, dass ich ab-
haue und niemals wiederkomme.
Das wirkt schließlich.
Auf ihr Einzelkind wollen sie nun doch nicht für
immer verzichten.
Zwei Stunden Zeit geben sie mir.

207
Mehr Zeit hätte ich sowieso nicht.
Die Geschäfte schließen pünktlich.

Aber ich bin schon nach einer Stunde wieder zurück.


Der Goldfisch Koi schwimmt in seiner Plastiktüte.
Zur Tarnung hab ich meine Überraschung in meinen
Campingbeutel gepackt.
Ich gehe wie auf Eiern.
Damit dem kleinen Koi nicht schwindlig wird.
Mein Geld hat sogar für eine Dose Futter und ein
kleines Buch gereicht.
»Mein erstes Aquarium.«
In der Straßenbahn lese ich die ersten Anweisungen.
Und da hätte ich den kleinen Koi am liebsten wieder
zurückgebracht. Zurück in sein Riesenbassin mit den
wunderbaren Pflanzen.
Ist das vielleicht Tierquälerei, was ich gerade betrei-
be?

Das Bonbonglas sieht zwar schön aus, ist aber wohl


doch nicht der ideale Ort für einen Goldfisch.
Pflanzen wären notwendig, und außerdem sind Gold-
fische gesellige Tiere. Aber das Bonbonglas hat nur
Platz für einen …
Eigentlich hat Fritz sowieso schon immer von einem
richtigen Aquarium geträumt … Vielleicht kann er
sich nach Weihnachten sogar eins kaufen? Fritz hat
großzügige Patentanten.
Die stecken ihm zu besonderen Anlässen immer
Scheine in die Spardose.

208
Und Weihnachten ist so besonders wie Geburtstage.
In meiner Spardose stapeln sich eher die Pfennige.
Nur ganz selten liegt dazwischen mal ein einsames
Fünfzigpfennigstück.
Meine Eltern haben Besuch.
Das ist günstig.
So kann ich unbeobachtet den kleinen Koi aus sei-
nem Plastiktütengefängnis befreien.
Ich fülle das Bonbonglas mit Wasser, streue Fisch-
futter hinein und kippe den kleinen Koi hinein.
Er taucht sofort unter.
Sieht so aus, als würde er sich wohl fühlen.
Dann verstecke ich das Glas auf dem Balkon. Ich
schiebe es unter eine Blumenbank.
Geschafft! Ich bin ziemlich erleichtert.
Und ziemlich glücklich.
Ein Blick auf das Thermometer.
Zwei Grad plus.
Ob ihm das zu kalt ist?
Ich denke an die unzähligen Goldfische in den Tei-
chen. Die müssen noch ganz andere Temperaturen
aushalten …
Bis morgen Nachmittag wird es gehen.
Morgen um vier zum Kaffee werde ich meinem Cou-
sin Fritz vor den Augen aller Tanten und Onkel mein
Weihnachtsgeschenk überreichen.
Bin ziemlich aufgeregt, aber ich kann mir nicht vor-
stellen, dass es wirkliche Probleme geben könnte …
Wahrscheinlich werden sich alle sofort in ihn verlie-
ben …

209
Und Fritz wird glücklich sein.
Das wird ein gutes Fest.
Endlich mal.
Ich stürze mich ins Silberputzen.
Bearbeite alte Schüsseln und Platten, dann das
Besteck, bis alles glänzt.
Dann das Übliche.
Wie jedes Jahr.
Die Seemannsgrüße aus aller Welt, die Weihnachts-
beilage, der Stollen mit Orangeat und Zitronat, die
Messe am Abend, Zwischendurch ein Blick auf den
kleinen Koi … er sieht doch recht einsam aus …
Die Geschichte vom armen Waldbauernbub …
Dann die Bescherung.
Und ich weiß genau, es wird kein Fahrrad geben.
Aber das ist mir auf einmal überhaupt nicht mehr
wichtig …
Ja, dem armen Waldbauernbuben, dem ging es noch
viel schlechter als mir … Genau.
Ich bekomme neue Skier.
Die standen nicht auf meiner Wunschliste.
Aber meine Eltern sind leidenschaftliche Skifahrer,
und ich muss sie jedes Jahr am zweiten Weih-
nachtstag für eine Woche zum Skifahren begleiten.
Ich hasse Skifahren, die Kälte, die nassen Füße und
überhaupt, ich würde lieber Fahrrad fahren …
Trotzdem schlafe ich an diesem Weihnachtsabend
ganz zufrieden ein.
Und freue mich auf den ersten Weihnachtstag.

210
Ja, und dann ist er da.
Die vier Kerzen auf dem Adventskranz brennen,
auch die elektrischen Lichter auf dem wunderschö-
nen Weihnachtsbaum mit der angeklebten Spitze.
Ich genieße mein Frühstücksei und mein Schinken-
brot …
Gleich in die Messe, dann das Mittagessen im Re-
staurant und dann das Großfamilienkaffeetrinken mit
meiner Überraschung!
Meine Eltern ziehen ihre Mäntel an … ich schleiche
auf den Balkon …
Guten Morgen kleiner Koi … da setzt mein Herz aus
… da packt mich die Übelkeit, da renn ich aufs Klo,
und mein Frühstück ist nicht mehr in meinem Magen
… Meine Eltern werden weiß wie die Kalkwand.
Ihr Einzelkind ist ihnen kostbar.
Der Arzt?
Nein, nein! Bloß zu schnell gegessen, nicht dreißig-
mal gekaut, wie von den Eltern immer wieder ver-
ordnet.
Nur ein nervöser Magen?
Ja, nur ein nervöser Magen … Aufregung schlägt
beim Kind immer leicht auf den Magen … das ist
bekannt … und Weihnachten ist eben immer wieder
aufregend für das Kind …
Sie sollen gehen … sie sollen jetzt verdammt ganz
schnell verschwinden …
Das Kind muss jetzt allein sein … es reißt sich zu-
sammen, schluckt den Rest der Übelkeit tapfer run-
ter, guckt mutig entschlossen, bittet die Eltern zu ge-

211
hen, die Messe wird gleich beginnen … das Kind
wird sich einen Pfefferminztee kochen, und dann,
wenn die Eltern zurück sind, wird es dem Kind wie-
der gut gehen … Wirklich!
Ja? Wirklich?
Die Eltern zögern.
Aber der Vater erinnert sich, dass der Magen des
Kindes sich immer ganz schnell erholt hat … ja,
ernstlich krank ist dieses Kind noch nie gewesen …
Die Tür schlägt hinter ihnen zu.
Das Kind ist allein.
Es atmet ein paar Mal tief ein und aus.
Damit hat das Kind gute Erfahrungen gemacht …
Und jetzt?
Bloß nicht durchdrehen.
Panik ist das Letzte, was jetzt weiterhilft …
Das Kind geht zurück auf den Balkon.
Und schaut dem Unglück fest ins Gesicht.
Ja, das Thermometer ist der letzte Beweis.
Minus zwei Grad.
Das Wasser im Bonbonglas ist gefroren.
Und der Goldfisch, der kleine Goldfisch Koi, liegt
eingesperrt im dicken Eis … Bewegungslos. Tot.
Das Kind schluckt die Tränen runter.
Nein, so schnell gibt das Kind nicht auf.
Es lässt warmes Wasser in die Badewanne laufen
und setzt das Bonbonglas hinein.
Dann geht es in die Küche und kocht sich einen Pfef-
ferminztee.
Setzt sich zwischen die lächelnden Rauschgoldengel,

212
schlürft den heißen Tee, betet alle Gebete, die es
kennt, und fleht den lieben Gott an, der bisher leider
noch niemals auf ihre Gebete eingegangen ist, ihr
doch bitte dieses eine Mal zu helfen. Nur diese eine
Mal.
Bitte, lieber Gott, mach den kleinen Koi wieder le-
bendig!
Und das Kind glaubt in diesem Moment ganz fest,
dass ein Wunder passieren wird.
Nach einer halben Stunde traut sich das Kind ins
Bad.
Ob eine halbe Stunde für ein Wunder reicht?
Bitte, lieber Gott!
Das Kind nimmt allen Mut zusammen, reißt die Au-
gen weit auf …
Bitte, lieber Gott!
Es atmet auf, dann heult es ganz schrecklich, aber
schrecklich glücklich …
Das, was das Kind sieht, ist viel besser als ein Fahr-
rad … der kleine Koi zappelt durch das Wasser,
frisch und munter, als wäre er gerade aufgewacht
nach einer schönen, langen Nacht.
Danke, lieber Gott!
Das Kind verwischt die Spuren und stellt das Bon-
bonglas in sein Zimmer neben die Heizung.
Die Eltern sind glücklich. Ihre ernsten Gesichter sind
entspannt.
Und sie wundern sich sehr, dass das Kind beim Mit-
tagessen im Restaurant eine Kalbshaxe bestellt …
Ob das dem Magen bekommt?

213
Aber sie verbieten es nicht.
Und sie schimpfen auch nicht, weil das Kind nur ei-
nen Bissen von der Riesenhaxe schafft.
Denn eigentlich hat das Kind die Haxe nicht für sich
bestellt.
Es ist das Weihnachtsgeschenk für Cäsar, den Schä-
ferhund.

Dann kommt die Großfamilie. Omas und Opas, Tan-


ten und Onkel, Cousins und Cousinen.
Und dann der Höhepunkt.
Alle sitzen am Tisch.
Die Käsesahnetorte wird angeschnitten.
Das Kind kommt herein und überreicht ganz feierlich
den Goldfisch Koi.
Ja, und alle verlieben sich in ihn. Alle. Keiner me-
ckert. Und Fritz gibt ihr einen Kuss. Vor der ganzen
Verwandtschaft.
Das hat er noch nie gewagt.
Die Patentanten versprechen Fritz auf der Stelle das
Geld für ein Aquarium.
Und Opa freut sich, dass seine Himbeerbonbons
wieder ins Glas können.
Nein, es gibt ausnahmsweise mal keinen Ärger.
Nach dem dritten Stück Torte winkt Fritz mich nach
draußen.
Vor dein Haus steht sein Fahrrad.
Ein nagelneues dunkelblaues Fahrrad.
Er gibt mir den Schlüssel.
Ich schenk dir die Hälfte. Welche willst du?

214
Ich entscheide mich für das Vorderteil.
Für Klingel und Lampe.
Bin gespannt, was ich im nächsten Jahr auf meinen
Wunschzettel schreibe …

215
Paul Auster
Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte
Paul Auster: »Smoke. Blue in the Face. Zwei Filme«
Übersetzung ins Deutsche von Werner Schmitz, Gerty
Mohr
© 1995 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg

Terry Pratchett
Die Weihnachtsfestplatte
© 1996 by Colin Smythe Limited on behalf of Terry
Pratchett
Übersetzung ins Deutsche von Andreas Brandhorst
© 2000 der deutschen Übersetzung Wilhelm Heyne
Verlag. München

Margret Rettich
Eine schlimme Geschichte
Aus: Weihnachten ganz wunderbar
© 2001 by Verlag Carl Ueberreuter, Wien

Das Copyright für alle anderen Texte liegt bei den


Autoren.

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