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Videos aus Chemnitz Keine Indizien für Fälschung

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Der Chef des Verfassungsschutzes hat die Vermutung geäußert, ein Video aus Chemnitz sei eine gezielte
Fälschung. Beweise nennt Maaßen keine. Für ein Fake liegen keine Indizien vor. Inzwischen tauchte ein zweites
Video auf.

Patrick Gensing, tagesschau.de

@PatrickGensing bei Twitter


Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Gibt es in Deutschland einen riesigen


Medienskandal? Folgt man den Äußerungen des
Präsidenten des Bundesamts für
Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen,
könnten viele Medien auf eine gezielte
Falschmeldung hereingefallen sein.

In der "Bild"-Zeitung sagte Maaßen, dem


Verfassungsschutz lägen "keine belastbaren Informationen" darüber vor, dass
Hetzjagden in Chemnitz stattgefunden hätten. Zudem zweifelte er Medienberichte an,
in denen ein Video aus Chemnitz gezeigt worden war. Dazu sagte Maaßen: "Es liegen
keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen
Vorfall authentisch ist."

"Fake", um von "Mord" abzulenken?


Maaßen vermutet einen Fake, nennt aber keine Details.

Nach seiner "vorsichtigen Bewertung" gebe es "gute Gründe" dafür, dass es sich um eine "gezielte
Falschinformation" handele, mit der von dem Mord in Chemnitz abgelenkt werden solle.

Bislang ist juristisch nicht geklärt, ob es sich bei dem Tötungsdelikt um Totschlag oder Mord handelte. Der
Haftbefehl, der von Rechtsradikalen im Netz veröffentlicht wurde, führt ein Ermittlungsverfahren wegen
Totschlags auf. Das heißt, hier ist Maaßen in seiner Wortwahl ungenau und greift den Ermittlungen und einer
möglichen Anklage vor.

Von welchem Video spricht Maaßen?


Maaßen nennt in dem Beitrag keine Details. In der "Bild"-Zeitung ist aber der Screenshot eines Videos zu sehen,
das zeigt, wie mindestens eine Person angegriffen wird.

Es ist daher zu vermuten, dass Maaßen sich auf ein Video bezieht, welches auf Twitter und YouTube von einem
Konto mit dem Namen "Antifa Zeckenbiss" veröffentlicht worden war. Dabei handelt es sich um einen anonymen
Account. Die Quelle des Videos ist unbekannt.

Wie kann man ein Video verifizieren?


Um die Echtheit eines Videos zu prüfen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Kriterien sind Ort, Zeit oder auch
Wetterverhältnisse, die im aktuellen Fall mit denen von anderen Videos exakt übereinstimmen. Auch der Ort lässt
sich genau bestimmen. Weitere Kriterien sind die auf dem Video zu sehenden Personen und Gebäude, wann das
Video erstmals hochgeladen wurde und andere Aussagen von Zeugen. Unter anderem der Journalist Johannes
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Grunert bestätigte gegenüber der "Bild"-Zeitung, dass er ähnliche Szenen nahe des Johannisplatzes beobachtet
habe.

Wichtig ist auch zu prüfen, ob Bilder oder Videos zuvor schon einmal im Netz aufgetaucht sind. Dies ist bei dem
fraglichen Fall nicht der Fall.

Experte kommt zu eindeutigem Ergebnis


Unter anderem der Journalist Lars Wienand untersuchte das Video - und kam zu dem Schluss, dass es keine
Hinweise auf eine Fälschung gebe. Es sei eindeutig, dass die Aufnahmen aus Chemnitz stammten, auch das
Wetter passe sowie die Kleidung der Angreifer. Auch eine weitere Journalistin habe in diesen Minuten auf Twitter
über Angriffe auf Migranten berichtet. Wienand kann sogar auf Google Maps exakt lokalisieren, von wo das Video
gedreht wurde.

Andere Nutzer verifizierten ebenfalls die Umgebung und kamen auch zu dem Ergebnis, dass das Video an dem
angegebenen Ort aufgenommen sei.

Betroffener berichtet über den Vorfall


Das Magazin "ze.tt" konnte zudem eine Person ausfindig machen, die - wie auf dem Video zu sehen - attackiert
worden war. In dem Artikel heißt es:

Alihassan Sarfaraz sitzt am Mittwochmittag, drei Tage nachdem "sein" Video auf Twitter
landete, im Wartebereich des Chemnitzer Polizeipräsidiums auf einem knarzenden Holzstuhl
und hat den Kopf auf die Hände gestützt. Der 22-Jährige trägt eine kurze Jeans und ein
schwarz-weiß geringeltes Oberteil, die Sonnenbrille steckt am Kragen. [...] Ein Video der
Antifa-Gruppe Zeckenbiss aus Chemnitz schafft es am Sonntag deutschlandweit in die
Nachrichten: Darin ist zu sehen, wie ein Neonazi einen Menschen über die Straße jagt. Dieser
Mensch ist Aziz.

Weitere Videos vom Tag


Zudem liegen weitere Videoaufnahmen von diesem Tag vor, die ähnliche Szenen zeigen. Auf einem Video, das am
26. August um 17:55 Uhr auf YouTube hochgeladen wurde, sieht man, wie mehrere junge Männer an der
Zentralhaltestelle in Chemnitz eine Person attackieren - offenkundig, weil der Mann dunkelhäutig ist.

Auf der rechtsradikalen Facebook-Seite "Roßwein wehrt sich" sind Videos zu finden, auf denen zu sehen ist, wie
Hunderte Menschen am 26. August von Richtung der Zentralhaltestelle durch die Stadt ziehen und Parolen rufen
wie "Elendes Viehzeug", "Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer", "Wie die rennen, die Zecken, das gibts
ja nicht!", "Das System ist am Ende. Wir sind die Wende", "Ausländer raus", "Raus aus unsrer Stadt", "Deutsch,
sozial und national".

Zu sehen ist auch, dass Dutzende Personen im Laufschritt unterwegs sind und offenbar andere Menschen
angreifen.

Die Szenen sind auch aus einer anderen Perspektive gefilmt worden. In diesem Video spricht mutmaßlich ein
Polizist von einem Mob, der dort unterwegs sei:

Einige Meter weiter wurde dann das Video aufgenommen, das Maaßen offenbar für eine Fälschung hält.

Diesen Vorfall gibt es auch noch aus einer zweiten Perspektive.

Hooligans berichten von Krieg in der Stadt


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In einer Sprachnachricht, die dem ARD-faktenfinder vorliegt, berichtet offenbar ein Berliner Hooligan, er habe von
Freunden aus Chemnitz gehört, was an diesem Tag in der Stadt los gewesen sei. "Da ist richtig Krieg", sagte er,
"Kanaken" seien blutüberströmt. Polizei sei kaum zu sehen.

Der Chefredakteur der "Freien Presse" sagte im Deutschlandfunk Kultur, er halte zwar den Begriff Hetzjagd für
nicht angemessen, aber es habe "Angriffe aus der Demonstration, einzelne Angriffe auf Migranten, auf Polizisten
und auf Linke" gegeben.

Die Opferberatungsstelle Sachsen teilte mit, nach ihren Kenntnissen seien allein am 26. August fünf Menschen
körperlich angegriffen worden, weil sie nicht weiß waren. Eine weitere Person sei massiv bedrängt worden.

Zweifel von Rechtsradikalen gesät


Dass das Video mit dem Angriff eine Fälschung sei, wurde bislang nur auf Twitter behauptet, allerdings ohne
irgendwelche Belege dafür zu nennen. Beispielsweise ein AfD-Anhänger schrieb, das Video sei ein Jahr alt. Eine
Quelle, wo es aber bereits veröffentlicht worden sein soll, gab er nicht an.

Auch Maaßen nennt keine Indizien, warum die Aufnahmen nicht echt sein sollten. Vom zeitlichen Ablauf, den
Wetterverhältnissen, dem Ort, den Zeugenberichten und anderen Videos sprechen alle Indizien dafür, dass die
Videos authentisch sind.

Eine Anfrage an das Bundesamt für Verfassungsschutz, welche Indizien es für eine gezielte Fälschung gebe, ist
bislang nicht beantwortet worden.

Fakes nach Tötungsdelikt: Das Trauerspiel von Chemnitz


P. Gensing, ARD-faktenfinder, zur Video-Verifikation | video

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