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Zu diesem Buch

Neben dem Menschen sind die Delphine die intelligentesten Lebe­


wesen auf unserem Planeten. Prof. J. C. Lilly, einer der berühmtesten
Delphinforscher, hat in seinem Institut für Kommunikationsforschung
in Saint Thomas (Virgin Islands) große Versuchsreihen durchgeführt,
um zu testen, welche Möglichkeiten der Verständigung mit außer­
menschlichen Intelligenzen bestehen. Delphine waren seine «Ge­
sprächspartner».
Lillys Mitarbeiterin, Margaret Howe, lebt mehrere Monate lang
mit dem Delphin Peter Tag und Nacht in einem Seewasserbassin.
Peter gewöhnt sich allmählich an das Zwiegespräch mit seiner mensch­
lichen Partnerin. Immer häufiger erzeugt er für Delphine ungewöhn­
liche Laute, immer besser gelingt es ihm, die Menschenstimme nach­
zuahmen. Schließlich antwortet er Margaret mit 95 Prozent hu-
manoiden Lautgebilden und formt Worte wie «Hello», «Ball», «Boy».
Prof. Lilly berichtet in diesem verblüffenden Buch von den jahre­
langen Großversuchen mit Delphinen. Eine aufregende Entdeckungs­
reise in wissenschaftliches Neuland: Zum erstenmal gelingt eine echte
Verständigung zwischen Mensch und Tier.
John Cunningham Lilly wurde am 6. Januar 1915 in Saint Paul,
Minnesota, geboren, 1942 bis 1956 war er Professor für Biophysik an
der University of Pennsylvania, 1953-1958 arbeitete er für das Natio­
nal Institute for Mental Health. 1959 gründete er sein Institut für
Kommunikationsforschung, dessen Arbeit durch Forschungsstipendien,
u. a. der NASA, unterstützt wird. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind
in zahlreichen Publikationen nachzulesen, z. B.: ‹Man and Dolphin›
(1961), ‹The Talking Dolphins› (1962), Communication with Extra­
terrestrial Intelligence) (1966).
Prof. Dr. John Cunningham Lilly

Ein Delphin
lernt Englisch

Möglichkeiten der Verständigung


zwischen menschlicher und
außermenschlicher Intelligenz

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Rowohlt
Titel der Originalausgabe «The Mind of The Dolphin»
Aus dem Amerikanischen übertragen von Eberhard Trumler
Titel der im Winkler-Verlag, München, erschienenen deutschen
Erstausgabe «Delphin - ein Geschöpf des 5. Tages»
Umschlagentwurf Werner Rebhuhn
unter Verwendung eines Fotos von Okapia, Frankfurt

Ungekürzte Ausgabe
Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg, April 1971
Copyright © 1967 by John Cunningham Lilly
Alle deutschen Rechte beim Winkler-Verlag, München
Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck/Schleswig
Printed in Germany
ISBN 3499166879

Scan & OCR von Shiva2012


WIDMUNG

Ich widme dieses Buch allen jenen Personen, die dieses For­
schungsprogramm auf ungezählten Wegen gefördert haben,
manche finanziell, manche ideell, aber nichtsdestoweniger entschei­
dend:
den Treuhändern und den anderen Kollegen der Vergangenheit
und Gegenwart des Communication Research Institute, die sich
unmittelbar für das Projekt eingesetzt haben;
den Gesellschaftern des Instituts, die durch ihr Interesse und
Geld beigetragen haben;
den privaten Stiftungen, die direkte Beiträge geleistet haben;
allen jenen Regierungsvertretern, die unser Programm mit
Weitsicht und Verständnis ermöglicht haben, und ihren Beratern,
welche die harte Arbeit auf sich genommen haben, unsere Ziele,
unsere wissenschaftlichen Ergebnisse und unsere wissenschaftli­
chen Beiträge zu verstehen;
dem Angedenken meiner Eltern, Richard Coyle und Rachel
Cunningham Lilly aus St. Paul, Minnesota, in Verehrung;
den freundlichen Delphinen, die uns geholfen haben, verstehen
zu lernen.
INHALT

Vorwort 7
1. Kapitel Geistige Gesundheit und Verständigung 13
2. Kapitel Die Wichtigkeit zwischenartlicher Verständigung 51
3. Kapitel Verständigungsunterschiede bei Mensch und
Delphin 73
4. Kapitel Kommunikation besteht zwischen geistigen
Fähigkeiten 110
5. Kapitel Der Geist des Delphins 129
6. Kapitel Neue Befunde: Doppel-Phonation und Stereo­
phonation 148
7. Kapitel Betrachtung der geistigen Seite 167
8. Kapitel Die medizinischen Probleme von Delphin und
Mensch 187
9. Kapitel Stimmliche Nachahmung: ein Schlüssel zur und
die erste Stufe der Verständigung 200
10. Kapitel Leben mit einem Delphin: Lernen des Weges 225
11. Kapitel Leben mit einem Delphin: Sieben Tage und
Nächte mit Pam 251
12. Kapitel Programm für ein zweieinhalbmonatiges vorbe­
reitendes Experiment: Zusammenleben mit dem
Delphin Peter in einer Spezialanlage 260
13. Kapitel Beobachtungen und Gedanken nach vier Wochen
Erfahrung 277
14. Kapitel Wer lehrt wen was: Wechselseitiges Vertrauen 287
15. Kapitfa Der stimmliche Austausch zwischen Margaret
und Peter 300
16. Kapitel Schlußfolgerungen aus dem Zusammenleben mit
einem Delphin 309
Epilog 314
Literaturverzeichnis 316
VORWORT

Dieses Buch ist der Versuch, einige Vorstellungen, Erkenntnisse


und Experimente auf dem Gebiet der Kommunikationsforschung
darzubieten. In gewissem Sinne ist es eine Erweiterung des frühe­
ren Buches »Man and Dolphin« (Mensch und Delphin), das 1961
bei Doubleday in New York erschienen ist. Die Hauptideen und
Formulierungen stellen eine Theorie vor, die dazu dient, auf
wissenschaftlichem Wege in das Gebiet zumindest eines außer­
menschlichen Geistes - den des Großen Tümmlers - einzudringen.
Um die Hauptprobleme der Verständigung mit einem außer-
menschlichen Geist zu lösen, ist es notwendig, viele behütete Glau­
benssätze des Menschen über Bord zu werfen. Ebenso ist es not­
wendig, eine Reihe realistischer Theorien aufzustellen, die einen
bei der Forschungsarbeit zu einem derartigen Eindringen führen.
Man muß die Faktoren in der äußeren Realität und in der Bio­
logie in Rechnung stellen, die die außermenschliche Art formen
und bestimmen.
Es werden Experimente berichtet, bei denen eine begeisterte
Frau und ein enthusiastischer junger männlicher Delphin ein Jahr
lang zusammengelebt haben. Dieses Buch enthält eine detaillierte
Darstellung der Probleme und Ergebnisse des Zusammenlebens
im Wasser. Das wechselseitige Lehren und Lernen wird im ein­
zelnen wiedergegeben. Das ist ein anderes Beispiel für einen mit
Hingabe unternommenen Versuch*, zwischen einer menschlichen
und einer außermenschlichen Intelligenz Mittel zur Verständi­
gung zu finden.
In diesem Buch wird ein Versuch gemacht zu zeigen, daß eines
der Haupthindernisse bei der zwischenartlichen Verständigung
in den Glaubensvorstellungen liegt, mit denen der Mensch an
diese Arbeit herangeht. Es gibt auf vielen Gebieten der Wissen­
schaft einen Grundglauben, der besagt, daß außer dem Homo
* Andere Beispiele sind die davon unabhängigen Bemühungen der Kel­
loggs und der Hayes bei Schimpansen (Pan satyrus), siehe Gilbert 1966.

7
sapiens keine andere Spezies zum Sprechen, zu einer Sprache,
zum Denken, zur Vorstellung und zu echten Gefühlen befähigt
sei. Der Leitsatz dieses Buches besagt, daß diese Ansicht nicht
richtig ist. Dieser Leitsatz stellt weiterhin fest, daß es eine andere
Reihe von Grundhypothesen gibt, die aufgeschlossener, weiter­
reichend und genereller sind. Die Beweise für die neuen Formu­
lierungen werden erbracht. Jene Leser, die den zugrunde liegenden
Leitsatz überprüfen möchten, werden hierzu ermutigt. Jene Leser,
die den Wert solcher Bestrebungen und Forschungen verneinen,
werden gebeten, uns mit Geduld zu ertragen und ihren eigenen
Geist offenzuhalten.
Naturschützer, die mit der Notlage anderer Tierarten befaßt
sind, könnten in diesem Buch Gründe finden, auch den Delphinen
einige Hilfe zuzubilligen. Wenn die gegenwärtigen Bestrebungen
anhalten, könnte der Große Tümmler an den südlichen Küsten
der Vereinigten Staaten als Art ausgerottet werden. Infektionen,
Krankheiten und Tod sind der Zoll, den die Delphine für die
Abwässer der Städte bezahlen müssen. Gefangennahme verrin­
gert ihre Bestände: sie werden gefangen, um in den Ozeanarien
der ganzen Welt die Menschen zu unterhalten, für Filme, für
Fernsehshows, für Aufgaben der Marine, als »Heim tiere«. Manche
Schutzmaßnahmen für den Delphin werden bald zu einer erst­
rangigen Notwendigkeit werden. Gleich den großen Walen
braucht der Delphin Hilfe durch Aufklärung, durch materielle
Beiträge, durch neue Gesetze und möglicherweise durch eine neue
Naturschutzbehörde.
Als ich im Jahre 1958* die Ergebnisse von Experimenten mit
dem Großen Tümmler (Tursiops truncatus) veröffentlichte, stellte
ich erstmals die Hypothese auf, daß die großen Delphine (und
wahrscheinlich auch die großen Wale) überaus intelligent sind
und daß sie über eine komplizierte, höchst abstrakte Kommunika­
tion verfügen. Einiges Beweismaterial für diese Hypothesen und
eine Erweiterung derselben in der Richtung, die Entwicklung einer
möglichen zwischenartlichen Verständigung zwischen Mensch und
Delphin einzuschließen, habe ich drei Jahre später in dem Buch
»Mensch und Delphin« veröffentlicht.
* Lilly, J. C., Am. J. Psychiatry, 115:498.

8
In den Jahren seit 1958 haben sich die Beweise angehäuft und
unterstützen die Richtigkeit dieser Hypothesen; weder in unseren
Laboratorien noch sonstwo haben sich Gegenbeweise ergeben.
Man hat in den letzten sieben Jahren entdeckt, daß die Probleme
auf der menschlichen Seite der zwischenartlichen Verständigung
ernsthafte Grenzen gesetzt haben. Glaubenssätze und Traditionen
der Wissenschaft vom Menschen halten tüchtige Wissenschaftler
davon ab, ihr Interesse und ihre Zuneigung auf dieses Forschungs­
gebiet zu übertragen.
Wenn man objektiv und sorgfältig die Verständigung von
Mann zu Mann, Frau zu Frau und Mann zu Frau betrachtet,
sehen wir, daß die innerartliche, zwischenmenschliche Kommu­
nikation meistenteils nicht ideal ist. Wenn man sich selbst in der
Einsamkeit studiert, kann man einige Anregungen zur Lösung
dieser zwischenmenschlichen Probleme finden; die eigenen Glau­
bensvorstellungen unterhalb der üblichen Bewußtseinsebenen ver­
hindern eine durchgehende Verständigung mit dem Ich und mit
anderen Personen.
Unsere Spezies hat keine Gleichheit der Kommunikation er­
reicht. Jeder von uns neigt zu der Annahme, daß er selbst ein
befähigter Kommunikator ist. Wir nehmen an, daß wir unsere
Bedürfnisse, unsere Absichten, die Bedürfnisse anderer und die
Absichten anderer verständlich machen können. Daß wir die
meiste Zeit bei der Kommunikation versagen, ist durch die Ver­
breitung der Geisteskrankheiten und der Frustration in den
Vereinigten Staaten trotz einer wohlhabenden amerikanischen
Gesellschaft erwiesen. Die Verständigung mit anderen Völkern
versagt; wir haben fast überall in der Welt internationale Kon­
flikte.
Dieses Buch betont nachdrücklich die menschliche Verständi­
gung und ihre enge Beziehung zur geistigen Gesundheit. Die
Wissenschaft von der zwischenartlichen Verständigung kann
unsere menschliche Verständigung erläutern und ihr eines Tages
helfen. »Von einer Natur zu lernen, die mit besonderen Kräften
ausgestattet ist«, kann uns gesünder werden lassen.
Wir haben bis jetzt keine adäquaten Kategorien und keine
adäquate Terminologie für die Beschreibung und Behandlung

9
der Geisteskrankheiten. Umgekehrt haben wir bis jetzt auch noch
keine adäquate Sprache und adäquaten Hilfsmittel für den Um­
gang mit geistiger Gesundheit und deren Förderung. Es gibt in
jeder größeren Stadt der Vereinigten Staaten Bewegungen für
geistige Gesundheit. Es gibt innerhalb dieser Bewegungen talen­
tierte Individuen, die mehr Fortschritte gemacht haben als die
meisten anderen Menschen. Es gibt buchstäblich Tausende von
geistig gesunden Leuten, die bei ihrer Kommunikation unterein­
ander erfolgreich sind. Die meisten Menschen in den Vereinigten
Staaten, ja in der ganzen Welt, versagen jedoch, wenn es dar­
um geht, ihre grundsätzlichen Bedürfnisse und ihre grundsätzli­
chen Absichten zu verstehen und mitzuteilen. Sehr viele Menschen
nehmen auf Grund der Programmierung durch andere Personen
Pseudobedürfnisse und Pseudoabsichten an. Kein geistig gesunder
Mensch glaubt, daß ihn irgend jemand mit Bedürfnissen oder
mit Absichten versorgen kann, die nicht seine eigenen sind. Die
geistig Kranken sind, wie die Kinder, darauf angewiesen, daß
man ihnen sagt, was ihre Absichten und ihre Grundlebensfor­
men sein können. Einem derartigen Druck seitens anderer Per­
sonen wird vom geistig Gesunden widerstanden.
Ein Hauptproblem auf dem Wege zur zwischenartlichen Ver­
ständigung und ein Anreiz zur Entwicklung dieses Gebietes ist
der Mangel an geistig gesunden Menschen, denen dieses For­
schungsgebiet anvertraut werden könnte. Es erfordert glückliche,
natürliche, aufgeweckte Personen, sonst werden schwerwiegende
Irrtümer gemacht. Wie in diesem Buch gezeigt wird, erfaßt der
Delphin schnell die Grenzen des Menschen und weist ihn zurück,
solange der Mensch keine aufrichtige, geistig offene Zuneigung
und Beherztheit in der Delphin-Mensch-Beziehung aufweist.
Ich glaube nicht, daß die Lösung für das Problem der zwi­
schenartlichen Verständigung in kurzer Zeit erreicht werden
kann. In dem Buch »Mensch und Delphin« schätzte ich im Jahre
1960, daß dazu zumindest ein oder zwei Jahrzehnte benötigt
werden. Im vergangenen halben Jahrzehnt haben wir festge­
stellt, daß das Programm hauptsächlich von der menschlichen
Seite des Systems her eingeschränkt wird. Es ist zu hoffen, daß
diese Situation verbessert werden kann.

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Welchen Nutzen für die Menschheit und für den einzelnen mag
die zwischenartliche Verständigung erbringen? Ein unmittelbarer
Nutzen dieser Forschung liegt darin, daß wir dazu angetrieben
werden, unsere eigenen Kommunikationsschwierigkeiten inner­
halb des Menschen und zwischen den Menschen genauer zu unter­
suchen. Daher fördert, erhält und vertieft die Forschung auf
diesem Gebiet die Erforschung unserer eigenen Kommunikation.
Unsere Bemühungen in Richtung geistiger Gesundheit sind sehr
stark in dieses Programm einbezogen. Ehe wir eine befriedigende
Verständigung mit einem Delphin erreichen, müssen wir innerhalb
jedes einzelnen von uns und zwischen uns zu einer weit besseren
Verständigung kommen. Einer der Hauptleitsätze dieses Buches
ist die Förderung einer besseren und intensiveren Erforschung
der geistigen Gesundheit bei uns selbst; und so wie wir damit
vorankommen, wird das »verbesserte Ich« bei der zwischenart-
lichen Verständigungsforschung eingesetzt. Wir haben falsche
Glaubensgrundsätze, die unsere Bemühungen blockieren; wir wer­
den von unseren zwischenartlichen Glaubensbekenntnissen ver­
blendet.
Manchmal kommt es mir so vor, als ob jeder Delphin geistig
gesünder wäre als die menschlichen Wesen, denen er ausgesetzt
ist. Jedoch unter den künstlichen Bedingungen der menschlichen
Obhut können Delphine geistig ungesunde Neigungen entwickeln.
Delphine in der Freiheit des Meeres (oder eben gefangene) schei­
nen aber diese Merkmale niemals aufzuweisen. Das mag ledig­
lich bedeuten, daß wir von jenen Delphinen, die noch nicht in
engerem Kontakt mit uns stehen, keine Kunde haben. Viele (aber
nicht alle) Delphine scheinen jedoch damit fertig zu werden, daß
sie einer geistig ungesunden Umwelt ausgesetzt sind, die ihnen
vom Menschen und den geistig nicht gesunden Personen gebo­
ten wird, mit denen sie auf einige Monate oder selbst Jahre in
enger Nachbarschaft leben.
Da wir mit immer größeren Delphinarten (bis zu der größten,
dem Orcinus orca) arbeiten, wächst die Gefahr für die einzelnen
Menschen. Es ist wesentlich, daß nur gesunde Menschen unmittel­
bar mit den Tieren umgehen, wenn wir mit den größeren Arten,
die größere Gehirne haben, arbeiten. Ein einziger »absichtlicher

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Zufall«, herbeigeführt durch eine geistig nicht gesunde Person,
kann fatale Resultate zeitigen. Um das Zwischenart-Programm
auf einer positiven und fortschrittlichen Ebene zu halten, müssen
wir intelligente, geistig gesunde Menschen in der Umwelt der
gefangenen großen Delphine einsetzen. Kriterien für die Auswahl
sollten aufgestellt werden, und die Auswahl selbst sollte im Hin­
blick auf einen schnelleren Fortschritt getroffen werden.
Alle diese Überlegungen sind den Weltraum- und Planetener-
forschungs-Programmen verwandt. Wenn wir intelligenten
außerirdischen kommunikativen Lebewesen aus anderen Berei­
chen dieses Universums begegnen, werden wir die Ergebnisse der
Kommunikationsforschung benötigen, die sich hier und dann an­
wenden lassen. Es ist der Mensch, den wir sorgfältiger und ob­
jektiver untersuchen müssen, um mögliche fatale Irrtümer wäh­
rend dieser möglichen künftigen Begegnungen zu vermeiden.
Einiges von den ungeheuren Summen, die für das Weltraumpro­
gramm aufgewandt werden, sollte in das Kommunikationspro­
gramm investiert werden, und zwar als Lebensversicherung für
die Zukunft des Menschen.
Wissenschaftliche Beiträge von gesunden, aufgeschlossenen Gei­
stern sowie populäre Darstellungen werden für diese neue Akti­
vität benötigt. Ideen, Geld und Arbeit werden uns befähigen,
unseren Geist zu durchdringen und zu verstehen, so wie wir be­
gonnen haben, den Geist des Delphins zu durchdringen und zu
verstehen.
Die zwischenartliche Kommunikation ist ein langfristiges Unter­
nehmen: der mühsame Pfad sorgfältigen Experimentierens und
sorgfältigen Analysierens ist aufgetan worden. Wir sind dabei,
andere Arten besser zu verstehen, da wir ihnen den lange fälligen
Respekt und hingebungsvolle Arbeit zuteil werden lassen. Viele
Wege zum Verständnis des Delphins - dem Geist des Delphins -
sind begehbar. Wir brauchen Hilfe - fachmännische und begabte
Hilfe - für dieses Programm von Untersuchungen und Forschun­
gen. Dieses Buch bringt einige Einzelheiten und einen Ausblick
auf die Szenerie.
»Durch die Delphine könnten wir uns so sehen, wie uns andere
sehen.«

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I. KAPITEL

Geistige Gesundheit und Verständigung

Erfolgreiche Verständigung ist einer der größten Werte, über


die der Mensch verfügt; wo sie versagt, erwächst ihm sein ärgster
Feind. Jeder von uns bemüht sich bis zu einem gewissen Grad
täglich, zeitweise sogar stundenlang, um eine Verständigung mit
anderen Menschen seiner unmittelbaren Umgebung. Entsprechend
unserer individuellen Verschiedenheit ist aber auch unser Talent
zur gegenseitigen Verständigung unterschiedlich entwickelt.
Manche Personen sind in dieser Hinsicht sehr geschickt; wir alle
anerkennen solche Begabungen. Dabei muß es sich gar nicht um
Wissenschaftler, Psychologen oder irgendwelche andere Speziali­
sten handeln. Diese Begabung zur Verständigung kann ein ganz
beliebiger Mensch aufweisen. Wie aber wird ein solcher Mensch
zum »Verständigungs-Experten«? Grundsätzlich ist das eine
Frage der geistigen Gesundheit. Die umfassendste Gabe zur Ver­
ständigung mit anderen besitzen jene Persönlichkeiten, die geistig
besonders gesund, glücklich, natürlich, spontan und diszipliniert
sind.
Es gibt immer wieder Personen, die große Schwierigkeiten hin­
sichtlich der Verständigung mit anderen Menschen haben. Jeder
von uns hat während seiner eigenen Entwicklung von Kindheit
an derartige Schwierigkeiten gehabt; sie veränderten sich schritt­
weise vom Kleinkind an, das noch keine Sprache zur Verständi­
gung besitzt, über alle Stufen menschlicher Entfaltung: Grund­
schule, Oberschule, Hochschule, Beruf. Wenn wir älter werden,
erweitert sich gewöhnlich durch Erfahrung, Übung und Studium
unsere Fähigkeit der Verständigung mit anderen. Für jeden ein­
zelnen von uns ist dies stets das wichtigste Studium gewesen: wie
man sich mit einem Mitmenschen verständigt. Hier eröffnet sich
ein stets wiederkehrendes Problem, das unser größtes Interesse
verdient. Wir erwarten Verständnis, Liebe und Achtung; das alles

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können wir nur dadurch erlangen, daß wir uns darüber ausspre­
chen, was in uns vorgeht. Wir wollen aber auch Verständnis,
Liebe und Achtung erweisen; auch das können wir wieder nur
durch Verständigung, und auch nur da, wo man sich uns gegen­
über mitteilen kann.
Unsere geistige Gesundheit läßt sich dadurch ermessen, inwie­
weit wir uns mit unseren Mitmenschen verständigen können. Wie
Freud ausdrücklich feststellte, gibt uns die spezielle Form von
Kommunikation, die man sexuelle Aktivität nennt, einen groben
Anhaltspunkt für den Erfolg, den eine Person als gesundes
menschliches Wesen hat. Wenn jemand frohe, erregende und er­
füllende Erfahrungen innerhalb der heterosexuellen Sphäre hat,
ist er geistig gesund. Wenn eines Menschen Arbeit erfolgreich und
beglückend ist, ist er geistig gesund. Innerhalb dieser beiden
Sphären eines Individuums - dem Liebesieben und dem Arbeits­
leben - liegen die Hauptschlüssel des persönlichen Erfolges als
Individuum. Dies liefert das äußere Bild vom persönlichen We­
sen und persönlichen Verhalten eines Menschen.
Das innerliche (und nahezu geheime) Bild eines Menschen, das
er gegenüber der ihn umgebenden Gesellschaft für sich bewahrt,
besagt ganz ähnliche Dinge. Wenn jemand bis ins beginnende
Alter hinein aus der Realität seines Lebens heraus weiß, daß
seine sexuelle Aktivität befriedigend und ohne krankhafte
Begleiterscheinungen ist und seinem Partner volle Erfüllung bie­
tet, empfindet er ein tiefes Glück, auf dem er den Rest seines
Lebens aufbaut.
Wenn eines Menschen Arbeit Neues, Abwechslung und ein Ge­
fühl von innerem und äußerem Fortschritt bringt, den er selbst
beurteilen kann (und der vielleicht auch von anderen Menschen
anerkannt wird), dann fügt er dem Glück seines Liebeslebens das
seiner Leistungen in der Außenwelt hinzu.
Daher besteht das Problem innerhalb der Art Mensch vor
allem darin, eine grundlegende Verständigung mit den Mitmen­
schen aufzubauen, und zwar so tiefgreifend, daß jeder einzelne
hier oder dort völlig zufriedengestellt wird. Ist unsere Fähigkeit
zur Verständigung mit dem anderen jedoch blockiert, wird auch
der zufriedenstellende Ablauf unseres Liebes- und Arbeitslebens

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blockiert. Solange wir aber unbewußt oder bewußt den Wunsch
haben, uns mit unseren Mitmenschen zu verständigen, kann der
Erfolg nicht ausbleiben. Wir müssen uns jedoch selbst kennen,
wenn wir uns verständigen wollen. Wir müssen das Wesen der
Dinge, die wir in andere Leute projizieren, so kennen, »als ob«
sie uns von jenen übermittelt würden - ohne daß es wirklich ge­
schieht.
Dieses erwähnte Phänomen der Projektion von uns selbst
(unserer Gedanken und Erwartungen) in andere ist ein recht
menschliches Problem. Wir verfehlen unsere Ziele, wenn wir vor­
aussetzen, daß andere so sind, wie wir sie haben wollen, oder daß
sie gerade das in irgendeiner Form sagen oder mitteilen, was wir
ihnen mitzuteilen wünschen. Dieses Problem der geistigen Pro­
jektion blockiert einen großen Teil echter Verständigung. Wie
erzeugen wir diese erstrebte, aber falsche Vorstellung?
Unsere verhältnismäßig großen Gehirne arbeiten wie Compu­
ter, die sich geistige Modelle von anderen geistigen Veranlagun­
gen und deren Tätigkeiten schaffen können. Jeder von uns weiß,
daß wir solche Modelle von anderen Personen konstruieren: so hat
der eine das Modell seiner Frau in seinem Kopf; diese umgekehrt
hat ein Modell ihres Mannes in dem ihren. Jeder von beiden hat
ein Modell von jedem Kind, das geboren wird; diese Modelle
müssen aber mit den Kindern zusammen weiterwachsen, sonst
gibt es Schwierigkeiten bei der Verständigung. Das geistige Mo­
dell der Frau muß sich im Ehemann genauso wandeln, wie diese
sich verändert und wächst; das Modell des Mannes in der Frau
muß sich gleichermaßen ändern, wie sich die wirkliche Person
ändert. Geschieht das nicht, gibt es einen schweren Zusammen­
bruch der wechselseitigen Verständigung.
Man muß genauso die geistigen Modelle seiner Eltern verän­
dern und darf sie nicht in das Modell seiner Frau, des Gatten oder
Kindes projizieren. Die geistigen Modelle, die wir als Kinder
aufbauten (von den Erwachsenen unserer Umgebung), besitzen die
primitiven Züge, auf denen möglicherweise alle weiteren Modelle
aufgebaut werden. Wenn sie aber nicht als wachsende, sich wan­
delnde Modelle aufgebaut werden, bleiben sie fehlerhaft und un­
vollständig und erweisen sich schließlich als das, was sie wirklich

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sind: »kindliche Modelle«, die Veränderung und Weiterentwick­
lung brauchen. Geistig gesunde Personen beginnen mit wachsen­
den, sich verändernden geistigen Modellen und sorgen dafür, daß
sie weiterwachsen.
So beinhaltet die Projektion den Gebrauch von unpassenden,
nicht auf die Wirklichkeit abgestimmten geistigen Modellen an­
derer menschlicher Wesen. Wenn jemand das realistische Modell
seiner Frau oder des Gatten hat (das Modell, das mehr oder
weniger der Wirklichkeit dieser Person entspricht), verständigt
er oder sie sich erfolgreich mit der wirklichen Person. Er fordert
dann nicht, daß diese wirkliche Person unmögliche oder wider­
sprüchliche Dinge vollbringt, um seine Phantasien zu befriedigen;
er fordert nur mögliche, realisierbare Dinge, die ihn zufrieden­
stellen.
Ähnlich ist das, wenn jemand seine eigenen, grundlegenden
und verborgenen Bedürfnisse kennt; er kann sich mit ethischen
oder instinktmäßigen Begriffen verständlich machen, er kann
neue Kenntnisse erwerben, die Kinder erziehen und ausbilden,
sein eigenes Heim aufbauen und erhalten, seine Freunde unter­
stützen, seine Arbeit verrichten und am nationalen und internatio­
nalen Leben der Menschheit teilhaben. Wenn jemand erkennen
kann, daß er ein einmaliges Individuum ist, seit dem Bestehen
der Art Mensch ohne Wiederholung, und wenn er diese Sonder­
stellung auch jedem anderen menschlichen Individuum zubilligt,
dann kann er auch Zeit hierfür aufwenden, seine eigene innere
Sprache zu lernen, aber auch die innere Sprache eines jeden an­
deren Individuums; und er kann lernen, wie man all diese Spra­
chen in eine einzige, gemeinsame Sprache übersetzt, und damit in
der gegenseitigen Verständigung weiterkommen.
Der Mensch hat ganz empirisch herausgefunden, daß die beste
Verständigung bei jenen vorhanden ist, die einander ähnlich sind
und die seit längerer Zeit engen Kontakt miteinander haben.
Isolierte Gemeinschaften entwickeln und bewahren sprachliche
Besonderheiten; sie entwickeln und bewahren besondere Beklei­
dungsformen, rituelle Bräuche, Liebesweisen und Arbeitsmetho­
den. Sie können aber auch etwas entwickeln, was man als
»Furcht vor dem Fremden« oder Xenophobie bezeichnet. In

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anderen Fällen tritt diese Xenophobie nicht auf oder wird von
der lokalen Gemeinschaft irgendwie verarbeitet, so daß Fremde
hier willkommen sind. Die Projektion der eigenen Angst nach
außen auf Unbekanntes, Unvertrautes, das jenseits der eigenen
Gruppe, Nation oder Art liegt, bewirkt eine gefährliche Lähmung
der Verständigung.
In der modernen Welt mit ihren Wasserstoffbomben und den
Gefahren der völligen Vernichtung müssen wir schließlich unsere
besten Verständigungsmittel sorgfältig überprüfen, und zwar
sowohl für zwischenmenschliche Beziehungen als auch von der
jeweiligen Gruppe zu jeder größeren Gruppe. Wir müssen For­
schungen auf diesen Gebieten unterstützen, Forschungen, die uns
neue Einsichten in die zwischenmenschliche Verständigung ver­
sprechen. Für die geistige Gesundheit eines jeden von uns, für
den nationalen und den internationalen Frieden für uns alle ist
die gegenseitige Verständigung oberstes und dringlichstes Gebot.
Wir dürfen die »Glasmauern« nicht länger dulden, die sich zwi­
schen uns errichtet haben (besonders dramatisch bei der Geistes­
krankheit und bei gewissen internationalen Problemen), und noch
viel weniger, daß sie unsere Wünsche und Bedürfnisse hinsichtlich
der Verständigung beeinflussen. Dieses Buch führt die Bedeutung
vor Augen, die das Studium der Verständigung mit dem Großen
Tümmler für diese extrem wichtigen Fortschritte menschlicher
Verständigung in der Zukunft auszeichnet: durch Tümmler wer­
den wir uns so sehen, wie uns andere sehen. Durch Bemühungen
um eine Verständigung mit dem Tümmler werden wir uns selbst
helfen.
Die Geisteskrankheiten des Menschen illustrieren viele der
Punkte, die ein Versagen der Verständigung zwischen uns bewir­
ken. Im folgenden Abschnitt bringe ich das, was ich für die
Grundprobleme halte, die zu geistiger Krankheit und deren Wei­
terbestehen führen, in Beziehung zu diesem Verständigungspro­
blem.
Die wirklich tiefgründigen Probleme der Geisteskrankheiten
sind Verständigungsprobleme. Eine geistig kranke Person kann
aus diesem oder jenem Grunde nicht - oder will nicht - mit
anderen menschlichen Wesen eine angemessene Verständigurig

17
eingehen. Die Gründe unter den vielen einmalig kranken Indivi­
duen zählen nach Milliarden. Sie werden auf vielen Gebieten
physischer und geistiger Gesundheitsforschung intensiv unter­
sucht.
Einige der genetischen Faktoren, die »angeborenen Defekte«,
werden durch die gegenwärtigen Forschungen über die Chromo­
somen des Menschen ausfindig gemacht. So hat man zum Beispiel
einige ganz bestimmte Formmerkmale bei diesen Chromosomen­
studien entdeckt, die mit Erbänderungen verbunden sind. Diese
Defekte werden durch bisweilen erkennbare anatomische Ver­
änderungen des Erscheinungsbildes manifestiert, manchmal durch
eine nicht sichtbare biochemische Veränderung (mit der Ausschei­
dung teilweise »abnormer« Stoffe im Harn). Manchmal gibt es
nur absonderliche Verhaltensweisen und - besonders bezogen auf
unsere gegenwärtige Diskussion - nur besondere Formen der
Kommunikation, die normalerweise nicht Vorkommen.
Diese Gruppe von Patienten ist mit angeborenen »Irrtümern«
im Erbbild ausgestattet; diese »Irrtümer« sind genetisch fixiert,
klinisch feststellbar und treten verhältnismäßig selten auf.
Jeder einzelne Mensch unterscheidet sich in einmaliger Weise
von jedem anderen. Es gibt vielfältige Beweise für diese Einma­
ligkeit. Wenn man versucht, ein Hautstück von der einen auf
eine andere Person zu überpflanzen, entwickelt die letztere Ab­
wehrstoffe gegen diese überpflanzte Haut und stößt sie schließlich
ab. Eine genaue Überprüfung der Mechanismen, die dieser Immu­
nitätsentwicklung zugrunde liegen, zeigt, daß jeder einzelne von
uns in seiner biochemischen Struktur gegenüber jedem anderen
verschieden ist und daß deswegen die lebenden Gewebe einer
anderen Person abgewiesen werden. Auch die Formen der Ner­
ventätigkeit sind bei jedem einzelnen Menschen anders (Elektro-
Enzephalogramm usw.). Vermutlich ist jeder von uns so einmalig,
daß sowohl unsere Denkvorgänge als auch unsere Nerventätig­
keiten einmalig verschieden sind. Umgekehrt scheint es jedoch
hinreichend genug Gemeinsamkeiten des Denkens und Fühlens
zu geben, um eine Verständigung zu ermöglichen und uns als eine
biologische Art aufrechtzuerhalten. Schließlich gibt es genügend
Gemeinsamkeiten der Anatomie, wenigstens der groben körper­

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baulichen Merkmale, um die Art fortzusetzen. Ist das nicht ge­
geben, so hat dieses Individuum keine Nachkommen. Es ist
beinahe so, als ob wir durch Uberlebensmöglichkeiten dazu ge­
zwungen würden, in groben Zügen ähnlich auszusehen. Je weiter
wir in die feineren Details eindringen und je mehr wir das Indi­
viduum selbst analysieren, um so mehr Verschiedenheiten werden
sichtbar.
Die »Mehrzwecknatur« großer Teile unseres Gehirns ist die
besondere Gabe, die es ermöglicht, daß ein Individuum mit dem
anderen eine Verständigung herbeiführt. Die Einmaligkeit der
biochemischen Struktur erzeugt ein Gehirn, das in der Arbeits­
weise und den mikroskopischen und molekularen Einzelheiten ein­
malig ist. Wie sich während der Evolution, im Verlaufe von Tau­
senden von Generationen, die Zahl der Nervenzellen auf die
heute vorhandenen dreizehn Milliarden vermehrt hat, so hat
sich in den meisten menschlichen Gehirnen eine gemeinsame Kraft
oder Fähigkeit entwickelt. Diese wichtige gemeinsame Kraft ist
die Gabe, sich im Gehirn Modelle der Geschöpfe und Personen
seiner Umwelt herzustellen. Das ist eine fundamentale Eigen­
schaft, die erlaubt, daß überhaupt eine Verständigung stattfinden
kann.
Wir können unter einmalig verschiedenen Individuen deswegen
eine gemeinsame Sprache entwickeln, weil jedes von ihnen inner­
halb seines eigenen Gehirns genug von den Gemeinsamkeiten
der Sprache aufnehmen kann, um zur Verständigung zu ge­
langen. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß die Denkvorgänge
des Individuums weiterhin einmalig bleiben. Nur gewisse An­
sichten sind uns gemeinsam. Wir können die Illusion haben, daß
wir vermittels der Sprache völlig in das geistige Leben eines
anderen Menschen eindringen können; in Wahrheit ist das aber
völlig ausgeschlossen. Jeder von uns ist eben so einmalig verschie­
den und selbst so einmalig, daß wir das niemals können. Es ist
eine Täuschung, wenn man annimmt, irgend jemand könnte das
doch. Trägheit begünstigt diesen Glauben.
Die geistig kranke Person kann all der Voraussetzungen und
Strukturen ermangeln, die zur Aufnahme einer gemeinsamen
Sprache notwendig sind. Ein Schizophrener hat ein grundlegen­

19
des Stoffwechselproblem, das ihm ein Auftreten und einen Be­
stand von Denkvorgängen verleiht, die so fremd für die normale
Gemeinschaft sind, daß er nun so handelt und denkt, als ob eine
»Glasmauer« zwischen ihm und den Mitmenschen bestünde.
Die »Glasmauer« zwischen dem Schizophrenen und den Mit­
menschen ist hinsichtlich der Verständigungsweise eine sehr wirk­
same Doppelgrenze. Man hofft, daß sie von einer veränderten
Biochemie des Gehirns abhängt, die durch eine geeignete Be­
handlung günstig beeinflußt werden kann. Es ist das Ziel be­
stimmter Forschungen, chemische Korrektionen zu entwickeln, die
einer solchen Person die Möglichkeit zur gemeinsamen Sprache
und Denkungsart geben, wodurch sie diese »Mauer« abbauen
und glücklich und geistig gesund leben kann.
Niemand möchte gerne auf lange Zeit von seinen näherste­
henden Mitmenschen abgesondert werden. Bei Experimenten, in
denen ich freiwillige Versuchspersonen von der Außenwelt iso­
lierte, und durch die Erfahrungen, die solche machten, die sich
selbst isoliert hatten, zeigt es sich, daß das Hauptbedürfnis, das
sich in der Isolation entwickelt, die Verständigung mit anderen
Menschen ist. Dieses Bedürfnis kann vorübergehend durch Hallu­
zinationen befriedigt werden, durch ein Gespräch mit »proji­
zierten« Personen.
Der Schizophrene hinter seiner »Glasmauer« wird durch die
biochemische Struktur seines Gehirns isoliert. Die Isolation ent­
spricht der einer Person, die allein in der Polarnacht lebt. In ihr
halluziniert und projiziert der Schizophrene alle jene Dinge in
seine Umgebung, die er am meisten benötigt und die er am mei­
sten fürchtet. Diese Projektionen erzeugen umgekehrt wieder
Angst bei jenen, die sich in der engeren Umgebung des Schizophre­
nen befinden. Mit anderen Worten, eine Person mit dieser beson­
deren biochemischen Struktur wird von ihren Mitmenschen wegen
ihres »angeborenen«, auf ebendieser chemischen Struktur aufge­
bauten Mangels an Verständigung zunehmend isoliert. Eine der­
artige Person, die um Verständigung ringt und unfähig ist, die
»Glasmauer zu zerbrechen«, wird eines Tages gewalttätig wer­
den. Als symbolischen Ausdruck kann sie Fenster und Spiegel zer­
trümmern, im Bestreben, durch sie zu anderen Personen zu ge­

20
langen. Sie kann aber auch dadurch, daß die anderen nicht in
ihre eigene Welt eindringen können, so verbittert werden, daß
sie diese niederschlagen oder sonstwie verletzen möchte. Wenn
man die Gefühle und Grundursachen kennt, die zu einem solchen
Verhalten führen, und sie richtig einschätzt, kann das Leben durch
geeignete Formen spezieller Verständigung, die der Schizophrene
fordert, erleichtert werden. Die meisten Menschen sind jedoch
zu sehr mit ihren eigenen Verständigungsproblemen befaßt, um
noch viel Zeit für die Frage aufzubringen, wie man mit einem
schizophrenen Verwandten oder Freund zu einer Verständigung
gelangen könnte.
Depressive Personen und Alkoholiker haben ebenfalls tiefgrei­
fende Verständigungsschwierigkeiten. Eine normale Person, die
von einem schweren Schicksalsschlag getroffen wird (etwa dem
Tod eines überaus geliebten Menschen), verfällt in eine kurze
Depression; auf die eine oder andere Weise teilt sie sich anderen
mit; sie wird von anderen getröstet, und schließlich gesundet sie
und erholt sich wieder von ihrem depressiven Zustand. Die Fähig­
keit, den eigenen Kummer anderen mitzuteilen und deren Trost
zu erlangen, ist ein wesentlicher Teil unserer Kommunikation.
Wenn eine Verständigungs-Blockierung vorhanden ist und jemand
kann sich anderen nicht mitteilen und von diesen nicht die not­
wendige Behandlung erfahren, dann kommt er in Schwierigkei­
ten. Wenn jemand in eine Depression verfällt, deren Ursachen
ihm unzugänglich sind oder die er vor sich selbst versteckt und die
daher anderen Personen nicht mitgeteilt werden können, müssen
drastische Behandlungsmethoden angewandt werden, um die De­
pression aufzulösen und etwaigen Selbstmord zu verhindern.
Elektrische oder chemische Schocktherapie sind die üblichen Me­
thoden zur Behandlung solcher Zustände. Abermals scheint der
grundsätzliche Mangel irgendwo innerhalb der betreffenden Per­
son gelegen zu sein. Ein Teil dieses Versagens kann in langfristi­
gen Kommunikations-Strategien liegen, welche jemandem verbie­
ten, gewisse geistige Zustände seinen Nächsten mitzuteilen. So
kann zum Beispiel Stolz jemanden daran hindern, Kummer zu
zeigen. Er verschließt den Kummer in sich, und schließlich über­
wältigt ihn dieser und macht ihn depressiv. Das kann durch ein

21
fehlerhaftes Vorstellungsmodell entstanden sein, das er entwik-
kelte, als er noch sehr jung war; durch einen Elternteil oder eine
andere geliebte Person, die auf diese Weise auf eine gramvolle
Situation reagierte. Viele grundlegende Verständigungsprobleme
beginnen in der Kindheit, als wir zu sprechen begannen und die
Sprache lernten. Gleichzeitig mit der Sprache lernen wir Mög­
lichkeiten, die Sprache anzuwenden; manche dieser Möglichkeiten
können völlig ungeeignet sein und zu geistiger Krankheit führen.
Der Alkoholismus ist ein anderes Beispiel für so ein Versagen
der Verständigung. Wenn man (als Nichttrinker) eine Cocktail-
Party beobachtet, auf der einige der besten Freunde sich durch
Alkoholgenuß verändern, ist man verblüfft, daß menschliche We­
sen diese besondere Giftsubstanz gewählt haben, um sich aus­
reichend genug befreit über etwas auszusprechen, worüber sie ohne
dieses Hilfsmittel niemals sprechen würden. Der Gebrauch dieser
»sozialisierenden« chemischen Substanz bringt zum Ausdruck,
wie grundlegend notwendig eine Kommunikation ist.
Man analysiere sehr sorgfältig die Wirkungen von Alkohol
auf seinen eigenen Geisteszustand; man befrage andere über seine
Auswirkungen auf ihr geistiges Funktionieren, ihre sozialen Ein­
stellungen, ihre Denkvorgänge und ihre Gefühle. Aus den Ant­
worten kann man schnell erkennen, daß Alkohol als sozialer
Überbrücker gebraucht (oder mißbraucht) wird, um die Verstän­
digung mit anderen Personen zu erleichtern. Manchmal wird die
Form der Verständigung recht kitschig. Wenn eine Person zuviel
trinkt, bewegt sie sich von dem »sozial erleichterten« Stadium
zu einem »teilweise betäubten« Stadium, in dem sie sich schließ­
lich nur mehr unter Schwierigkeiten mitteilen kann. In diesem
Stadium überkommt sie eine Betäubung; die Party wird später
von diesem Punkt an, an dem die Anästhesie überwiegt, den
Beteiligten nicht mehr in Erinnerung sein.
In den frühen Anfangsstadien der Alkoholauswirkung treten
zunächst diese sozialen Erleichterungen auf. Der erfahrene Trin­
ker nennt sie »das erste und zweite Martini-Stadium«. Jene,
welche die Redlichkeit und Kraft des Willens besitzen, nur den
ersten Martini zu nehmen und alle anderen zu meiden, können
den besten Bericht von dem »Überbrückungseffekt« abgeben.

22
Jene, die zwei nehmen können und dann aufhören (ohne davon
bereits in das Betäubungsstadium zu gelangen), können ebenfalls
wertvolle Informationen übermitteln. Jene aber, die fortfahren
mit dem Trinken und über diesen Punkt hinausgelangen, sind
nicht mehr in der Lage zu berichten, was geschah oder wie sich
ihre Gefühle wandelten. Es sind jene Leute, die schließlich als
»Alkoholiker« enden. Ihnen induziert der Alkohol eine positive
Rückkoppelung, bei dem ein kleines bißchen zu mehr und mehr
führt und weiter zur Betäubung, oder, in der Alltagssprache, zu
einem handfesten Rausch. Wenn solche Personen am nächsten
Tag durch einen besonders schweren »Katzenjammer« gepeinigt
werden, können sie veranlaßt werden, sich dem Alkohol auf
einige Zeit zu enthalten - manchmal Tage, manchmal Wochen,
Monate oder, in extremen Fällen, sogar Jahre. Gibt es am näch­
sten Tag diese Sühne nicht oder wird sie durch weiteren Alkohol
umgangen, der den quälenden Zustand betäubt, ist diese Person
auf dem besten Wege, ein Alkoholiker zu werden.
Wenn jemand einmal völlig zum Alkoholiker geworden ist,
kann er sein tägliches Alkoholquantum nicht mehr entbehren,
ohne schwere Qual zu empfinden. Man spricht von »Entziehungs­
symptomen«. Sie bestehen aus einer sehr starken Akzeleration
der Aktivität und Reizbarkeit des ganzen Zentralnervensystems.
Manche Systeme sind dabei besonders überreizt, vor allem die
visuellen Systeme der Großhirnrinde, und zwar bis zu jenem
Punkt, wo der Betreffende unerfreuliche Dinge in seiner Umge­
bung erblickt, die gar nicht vorhanden sind; das heißt, er beginnt
Bilder zu projizieren, sobald er durch den Entzug seines norma­
len Quantums an Betäubungsmitteln überreizt ist. Das Nervensy­
stem hat sich nämlich dem hohen Alkoholspiegel angepaßt. Wird
der Alkohol entzogen, überreizt sich das Nervensystem automa­
tisch. Die meisten Leute können dieser Überreizung der tieferen
basalen Zentren nicht mehr Herr werden; sie werden äußerst
schreckhaft und projizieren erschreckende Objekte in ihre Um­
gebung. Eine Behandlung dieses Zustands (bekannt als De­
lirium tremens) umfaßt einen sehr sorgfältigen Entzug von Al­
kohol und Einsatz anderer chemischer Substanzen, um die Über­
reiztheit unter Kontrolle zu bringen. Die sogenannte »Austrock-

23
nungsperiode« für einen, der bereits alkoholbedingte Halluzino-
sen durchgemacht hat, überläßt man am besten den Fachmedizi­
nern. Das Nervensystem solcher Menschen befindet sich in einem
derart geschwächten Zustand, daß besonders bei älteren Personen
der Tod eintreten kann, bedingt durch Versagen des Herzens oder
anderer lebenswichtiger Organe.
Eine der neuzeitlichen Sozialmaßnahmen gegen den Alkoholis­
mus führt die als »Anonyme Alkoholiker« bekannte Organisa­
tion aus. Sie hat gute Erfolge bei so manchem Alkoholiker er­
zielt, indem sie eine besondere Form des Sich-Mitteilens anwen­
det, die sympathisch, diszipliniert und in mancher Weise voll­
ständiger ist als die, die ein Nicht-Alkoholiker durch Alkohol
erreichen kann. Es gibt gewöhnlich ein Versagen der Kommuni­
kation zwischen dem Alkoholiker und Leuten, die diese Krank­
heit nicht haben; dagegen wächst die Verständigungsmöglichkeit
zwischen zwei Alkoholikern.
Alkoholismus könnte besser behandelt werden, wenn man me­
thodisch die tieferen Probleme, in die der betreffende Alkoholi­
ker verstrickt ist, berührt. Manche Alkoholiker denken mehr dar­
über nach, was die anderen Leute von ihnen denken, als darüber,
was sie über sich selbst denken sollen. Mit anderen Worten: ihre
Standards sind »andersgerichtet«. Sie werden von außen her aus­
gerichtet. Alkohol ist ihre Methode, Beifall bei anderen zu fin­
den, indem sie ihre soziale Beziehung durch die Kameradschaft
und Steigerung des Ichs verbessern, wie sie das durch den Alko­
holgenuß erfahren haben. Alkoholiker sind in gewisser Hinsicht
die Opfer des Bedürfnisses der zivilisierten Menschheit, zur
Transzendenz zu gelangen; irgend etwas hinter dem eigenen Ich
zu finden, hinter dem gegenwärtigen Zustand, hinter der ganzen
Zivilisation.
Zusätzlich zur Selbst-Steigerung hebt der Alkohol gewisse Pro­
bleme auf. Wenn man in eine andere Richtung sieht, weg von
der sozialen Umgebung tief in sich selbst hinein, dann findet
man, daß Alkohol neben anderen Wirkungen auch die Selbstkri­
tik betäubt. Er schläfert gewisse schlechte Gefühle ein, die man
gegen sich selbst haben mag, gewisse herabmindernde Urteile,
die man über sich selbst fällt, und er erlaubt einem, diese Gedan-

24
ken anderen mitzuteilen; auch dann, wenn man ohne Alkohol
außerstande wäre, solche Mitteilungen zu machen.
Auf Grund meiner Erfahrungen bei Parties, bei denen die
meisten Leute trinken und ich nicht, kann ich feststellen, daß
etwa 80% der Mitteilungen, die ich von Cocktail-Partnern er­
halte, deren geheime Unzufriedenheit mit sich selbst, mit ihren
Frauen, mit ihren Kindern, ihrem sozialen Status, mit ihrem
Sexualleben oder mit ihrer Arbeit zum Ausdruck bringen. Einige
gelangen durch Alkohol zur Euphorie und können gute Gefühle
ausdrücken, die sie ohne Hilfe dieses Mittels nicht ausdrücken
können. Einige werden liebesbedürftiger oder heftiger, als sie es
ohne Alkohol sein würden. Die meisten Männer und Frauen aus
gebildeten Kreisen geben ihrer Unzufriedenheit Ausdruck. Diese
Menschen erlauben sich auch, offenherzig zu werden; sie sagen,
was sie von sich selbst halten. Mit anderen Worten, man muß
den Leuten auf einer Cocktail-Party mit der Erwartung gegen­
übertreten (besonders, wenn man selbst nicht trinkt), daß man
mit einem Grad von Selbstkritik vertraut wird, den man densel­
ben Leuten im normalen Leben nicht zumuten würde. Alkohol
scheint manchen Menschen einen Zugang zu ihren »wahren« Ge­
fühlen zu geben und eine Befreiung von der Notwendigkeit, diese
Gefühle zu verstecken und vorzugeben, daß sie nicht existieren.
Eine geistig gesunde Person braucht diese Art von Alkohol­
wirkung nicht. Sie braucht keine Betäubung durch Alkohol und
braucht auch nicht den daraus resultierenden »Katzenjammer«.
Eine geistig gesunde Person braucht daher nur die Erfahrung aus
einem einzigen Gelage, um all die Hemmungen und Unzuläng­
lichkeiten daraus richtig einzuschätzen. Eine geistig gesunde Per­
son kann ihre eigene Stimmung kontrollieren, kann sich auch
ohne chemische Auslöser in eine Euphorie versetzen, wenn ihr
danach ist. Unser Nervensystem und unsere Großhirnrinde sind
groß genug, und unser Gehirn ist ausreichend kompliziert, so daß
wir auch ohne künstliche Mittel die Kontrolle über unsere Stim­
mungen erlangen können. Bedauerlicherweise fehlt im Rahmen
unserer Erziehung und Ausbildung ein derartiges Training.
Diejenigen von uns, die das Glück haben, Eltern zu besitzen,
die ganz von selbst diese Dinge tun, werden wohl immer geistig

25
gesund sein. Anders ausgedrückt: die Verständigungsdefekte, die
Alkohol notwendig machen, können wir deswegen bekommen,
weil in der Lernperiode der frühen Jugendzeit ein Mangel an
geeigneter Unterrichtung bestand.
Die eingebauten Programme und die Programme der Selbst­
kontrolle können von jedem selbst gelernt werden und können
von Lehrern gelehrt werden, die bereits diese Art von Kontrolle
gelernt haben. Wir benötigen moderne Hilfsmittel für derartiges
Lehren oder Lernen. Da die Unzulänglichkeiten in unseren Tra­
ditionen und in unserer Erbsubstanz vorhanden sind, müssen wir
uns dazu noch auf Spezialmethoden stützen, die bis jetzt nicht in
unseren Zivilisationsstrukturen eingebaut sind und immer noch
nicht zur Gänze sozial anerkannt sind. Ich rede keiner Utopie
das Wort. Ich glaube nicht daran, daß wir bis heute genug wissen,
um eine »ideale« Gesellschaft aufzubauen. So wie unsere Wissen­
schaften und unser Menschenbild erweitert und vertieft werden,
so wie unser Selbstverständnis klarsichtiger wird, weniger vor­
eingenommen, genauso vermehrt sich der Grad unserer Leistungs­
fähigkeit.
Das Grundproblem ist demnach die hier als Verständigung
umschriebene Kommunikation von Mensch zu Mensch. Verstän­
digung jedes einzelnen mit sich selbst, mit seinen seelischen Tie­
fen, und Verständigung mit den Mitmenschen. Unser Problem
ist es auch, eine brei tangeiegte Form der Verständigung unseren
Kindern beizubringen. Die Erziehungsprobleme sind genauso
grundlegend wie unsere inneren Probleme und wie unsere per­
sönlichen zwischenmenschlichen Probleme.
Ein tiefverwurzelter Glaube, der die Verständigungsmöglich­
keiten eines Menschen beeinflußt, betrifft die Beziehung zwischen
dem Ich und seinem möglichen Ableben. Das Problem des eigenen
Überlebens wird von jedem verschieden behandelt. Manche den­
ken niemals an die Möglichkeit des Ablebens. Hier rede ich von
dem Ende des Körpers eines Menschen und/oder vom Ende der
ganzen Persönlichkeit. Jeder von uns hat in diesem Punkt eine
andere Ansicht und einen anderen Glauben.
Manche glauben, daß mit dem Tod des materiellen Körpers
auch das Ich stirbt. Andere glauben, daß nach dem Tode des

26
Körpers das Ich in irgendeiner Form fortbesteht, in irgendwel­
chen Dimensionen, in einem anderen Universum, irgendeinem
Himmel oder einer Hölle. Manche glauben, daß der Körper nur
ein vergängliches Gefäß für die Seele, das Ich, ist; das Leben in
diesem materiellen Universum ist nur eine Stufe im Fortschreiten
des Geistes, der vorübergehend hier lebt. Manche glauben, daß
das Leben auf dieser Erde eine Illusion ist, daß wir eine äußere
Wirklichkeit halluzinieren, tatsächlich aber ein Teil eines »Uni­
versalgeistes« sind, der in Raum und Zeit unbegrenzt ist.
Manche glauben, daß das Ich nur eine subjektive Manifestation
eines komplexen organischen, physischen, chemischen Organismus
ist. Diese Gruppe meint, daß die Manifestationen des Ichs eigent­
lich nur ein Nebenprodukt des mächtigen Computers sind, den
unser Gehirn vorstellt. Die Denkvorgänge sind (für diese Leute)
die Endergebnisse von vielen, vielen Tausenden von kompli­
zierten Berechnungen, die von den Neuronen und Schaltkreisen
des Gehirns ausgeführt werden. Für solche Menschen besteht die
Verständigung zwischen Computern, zwischen Gehirnen, zwi­
schen Geistern, die nichts anderes als ein unabtrennbarer Teil des
Gehirns sind. Für solche Menschen bedeutet der Begriff Seele
kaum mehr als eine integrierte Sicht vom Ich, wie sie vom Gehirn
erzeugt wird. Für solche Menschen gibt es keinen von außen kom­
menden Einfluß noch ein Beeinflussen des Außen, mit Ausnahme
der bekannten physischen Medien, wie da sind Sprache, Gesten,
körperliche Kontakte und so weiter. Für solche Menschen schließ­
lich gibt es keine »übersinnliche Wahrnehmung«, Telekinese,
Psychokinese oder irgendeinen anderen direkten Einfluß des Gei­
stes auf Dinge oder von Geist zu Geist in Raum oder Zeit.
Hinter der Wissenschaft steht ein zwingender Glaubenssatz.
Dieser Satz bindet uns an unsere Körper, an unser Gehirn, an
unsere Biochemie, an diese Welt und an diese Zeit. In dieser Sicht
ist ein Mensch das Endresultat der Erbmasse aus zwei Keimzellen
seiner Eltern; er ist ein Gefüge chemischer, biochemischer und
chemophysikalischer Ordnung, überkommen aus den Chromoso­
men und deren Genen; sein Gehirn wird von den Anordnungen
in der Samen- und Eizelle aufgebaut; sein Gehirn wird hinsicht­
lich seiner »Software« und seiner inneren Operationen durch den

27
Aufprall von Eingangs- und Ausgangsenergie beeinflußt, geformt
und gewandelt, und zwar bereits im Uterus, nach der Geburt und
im Kontakt mit ihm ähnlichen Organismen der Außenwelt. In
dieser Sicht ist Kommunikation die Entwicklung eines Verstehens
und die Einverleibung der Rituale physischer Körper und gespro­
chener Worte anderer menschlicher Wesen. In diesem Rahmen
wird man grundlegend durch Veränderungen des Chemismus
innerhalb des eigenen Körpers und Gehirns beeinflußt. In dieser
Sicht wird man grundlegend durch Mitteilungen beeinflußt, die
man von anderen Menschen erhält, und man beeinflußt durch
solche Mitteilungen ebenso grundlegend andere Menschen. In die­
ser Sicht endlich verbietet sich eine »übersinnliche Wahrnehmung«
als existierende Verständigungsform ganz von selbst.
In meinen Augen ist eine »übersinnliche Wahrnehmung« zur
Zeit eine Sackgasse. Die Parapsychologen kämpfen darum, daß
ihr Bereich allgemein und von anderen Wissenschaftlern aner­
kannt wird. Das ist heute nahezu unmöglich. Der obige nicht­
psychische Einfluß, nicht-seelische Standpunkt arbeitet, arbeitet
sogar erfolgreich und erzeugt neue Ergebnisse von großem In­
teresse. Solange nicht ein moderner Mensch Telegramme absen­
den und Antworten via der »übersinnlichen Wahrnehmung« mit
dem Grad der Sicherheit unseres Postwesens erhalten kann, wird
man wenig Chancen haben, andere Leute von deren Existenz
zu überzeugen. Zuerst braucht man das einfache, überzeugende
Ergebnis einer Funktion, die dem Menschen dient, ehe eine Aner­
kennung gewonnen werden kann.
Daher nehmen die meisten von uns auch an, daß wir nur durch
unsere körperliche Anwesenheit und durch unser gesprochenes und
gehörtes Wort eine Verständigung herbeiführen können. Sie neh­
men also an, daß wir ohne unsere körperliche Anwesenheit oder
unsere Sprache, unser geschriebenes Wort oder andere künstliche
Hilfsmittel den Geist eines anderen Menschen nicht beeinflussen
können. Doch ein Maler kann sich durch seine Gemälde mittei-
len, ein Musiker durch seine Musik, ein Bildhauer durch seine Sta­
tuen, ein Schriftsteller durch seine Bücher, ein Geschäftsmann
durch seine Bilanzen, ein Politiker durch seine Ansprachen und
ein Arzt durch seine lindernden Therapien.

28
Die Verständigungsweisen zwischen Menschen, die Sprechen
und Schreiben gelernt haben, sind recht vielfältig. Die der Ver­
ständigung dienenden Verhaltensweisen sind heute ein Teil der
wissenschaftlichen Forschung geworden. Erforschung der Art und
Weise, wie wir uns verständigen, ist (letztlich) ein Gegenstand
geeigneter wissenschaftlicher Untersuchung. Die wortlosen kör­
perlichen Gesten bei »Kontaktsprachen« werden endlich von
qualifizierten Wissenschaftlern studiert. Lange genug waren die
Ausdrucksweisen zwischen Liebenden ein Tabu für die wissen­
schaftliche Forschung. Mit der Veröffentlichung der Kinsey-Re-
ports in den Vereinigten Staaten sind viele dieser Tabus gelockert
worden und werden heute mehr und mehr aufgegeben. Die jün­
gere Generation hat ein weit größeres Verständnis für sexuelle
Kommunikation als die vorhergehende. Unvermeidlicherweise
besitzt sie jedoch weniger Erfahrung und daher weniger Fertig­
keit bei der menschlichen Verständigung auf anderen Gebieten.
Manche Formen der Verständigung entwickeln sich nur nach der
Erfahrung vieler Jahre.
Einige Formen der Kommunikation können viele Jahre lang
unterdrückt bleiben. Die Fähigkeit unseres großen Gehirns, be­
stimmte Betätigungsformen zu unterdrücken, ist machtvoll und
dauerhaft. Sexuelle Hemmung kann in vielen Fällen ein ganzes
Leben lang andauern. Ebenso können gute oder schlechte, aggres­
sive und feindliche Gefühle gehemmt werden.
Es bringt einige Vorteile, wenn man Forschungen über mög­
liche Verständigung mit anderen Lebewesen als dem Menschen
unternimmt. Vorteilhaft ist es dabei, ein Geschöpf auszuwählen,
dessen Gehirn gleich groß dem unseren ist; dadurch kann man
eines Tages eine Verständigung erreichen, die sich auf demselben
hohen Niveau befindet, auf dem man selbst arbeitet. Vorteilhaft
ist es weiterhin, eine ganz verschiedenartige Körperform und
gänzlich verschiedene Weisen der Verständigung zu wählen, um
durch den Kontrast die Art und Weise herauszuarbeiten, die dem
Menschen selbst eigen ist.
Ich wählte die Erforschung der Kommunikation zwischen Del­
phinen und zwischen Delphinen und Menschen, weil diese Tiere
auffallende Unterschiede, aber auch Ähnlichkeiten aufweisen. Das

29
Gehirn bestimmter Delphine ist ebenso groß und größer als
unseres. Wir wählten den Tümmler Tursiops truncatus, der ein
20-40% größeres Gehirn als der Mensch hat (Abb. 1). In den
letzten vier Jahren haben wir im Institut dieses Gehirn in allen
Einzelheiten untersucht und können nun mit Überzeugung sagen,
wie es in vieler Hinsicht dem unseren gleicht, während es in an­
deren Belangen von unserem verschieden ist. Wir sind daran,
auf einem wissenschaftlichen Niveau das Verständigungspro­
blem, wie es zwischen Mensch und Delphin besteht, zu bestim­
men.
Wir stellen zunächst fest, daß einer der Hauptmängel bei unse­
ren früheren Versuchen, eine Wissenschaft der Kommunikation
zu definieren, darauf beruhte, daß ein Verständnis für unsere
eigenen Verständigungsmethoden von Mensch zu Mensch fehlte.
So wie wir bei unserer Mensch-zu-Delphin-Verständigung ge­
witzter werden, so verbessern wir auch unsere Mensch-zu-Mensch-
Verständigung.
Ich habe mich von meinen Bemühungen, mit einem Delphin
zur Verständigung zu gelangen, öfter zu Versuchen zurückbewegt,
eine Verständigung auf tiefere und verständnisvollere Weise mit
Menschen zu erlangen. Meine Forschungen haben mich in drei
Gebiete der Verständigung und in die Tiefe dieser drei Gebiete
geführt. Das will ich nun genauer ausführen.
Eines dieser Gebiete ist meine eigene Verständigung mit mir
selbst. Ein anderes ist die Verständigung mit anderen Menschen.
Das dritte ist die Verständigung mit Delphinen.
Bei meiner Verständigung mit mir selbst benütze ich die Me­
thoden der Isolation, des Alleinseins, des Eingesperrtseins und
andere Spezialweisen. Bei meiner Verständigung mit anderen
Menschen arbeitete ich mit Hilfe der Psychoanalyse und anderer
Spezialtechniken. Die Ergebnisse dieser Forschungen wurden in
der einen oder anderen Form für unsere Verständigungsbestre­
bungen gegenüber Delphinen angewendet. Sobald wir durch die
Arbeit mit Delphinen neue Dinge erfahren, werden sie umgekehrt
wieder bei unserer Verständigung mit Menschen benützt.
Das ist ein Weg dieses Forschungsgebietes. Wie nützlich das
für unser Verständnis von uns selbst und für unsere Verständigung

30
mit und zwischen uns selbst sowie für die Vervollkomm­
nung unserer allgemeinen geistigen Grundlagen sein wird, das
wird die Zukunft erweisen, wenn mehr und mehr Menschen sich
diesem Gebiet der Forschung zuwenden werden.
In diesem Buch versuche ich den Wert zwischenartlicher Ver­
ständigung für den Menschen zu zeigen und zu erläutern. Dieses
neue Feld menschlicher Forschung braucht Unterstützung, Ver­
ständnis und Zuneigung. Es braucht einen hohen Grad des Ver­
trauens wohlgesinnter Männer und Frauen.
Dieses vorliegende Werk ist eine Fortsetzung des Berichts über
Verständigungsprobleme, der in meinem Buch »Mensch und Del­
phin« begonnen wurde; es enthält die Ideen, Beobachtungen,
Meinungen und Vorschläge für ein neues Arbeitsfeld im Bereich
menschlicher Verständigung. Dieses Feld ist nicht notwendiger­
weise nur eine Wissenschaft. Es umfaßt das ganze Gebiet mensch­
lichen Bemühens, wie es in dem genannten Buch als »zwischen-
artliche Verständigung« (interspecies communication) aufgerollt
wurde. Dieses Gebiet umfaßt wissenschaftliche Bestrebungen,
menschliche Bestrebungen, politische Bestrebungen, zwischenart-
liche Bestrebungen aller Art. Eine Analogie hierzu sind in etwa
die internationalen Bemühungen der Vereinten Nationen, die
unter dem Namen »internationale Verständigung« zusammenge­
faßt werden könnten.
Dieses Buch hier ist weder ein Lehrbuch noch eine Studie über
eines der modernen Wissensgebiete allein; das heißt, es enthält
keine Arbeiten auf dem Gebiet der Meeresbiologie, Fischkunde,
Tierkunde, Meeresforschung, Walforschung, Delphinforschung
oder der Psychologie, Physiologie und Anatomie. Jene Leser, die
so etwas erwartet hatten, können das Buch zur Seite legen. Der­
artiges war nicht beabsichtigt - ebensowenig wie in »Mensch und
Delphin«. Es ist also weder ein Fachbuch über eine Wissenschaft
noch will es als streng wissenschaftliches Werk gelten.
In der Zeit, als ich »Mensch und Delphin« schrieb, war es nicht
bekannt, was diesem neuen Arbeitsfeld »zwischenartliche Ver­
ständigung« dienlich sein würde. Daher wurden Grundvorausset­
zungen, Postulate, Vorstellungen, Hoffnungen und bekannte Tat­
sachen dargelegt. Persönliche Hinweise wurden ebenso gegeben,

31
Abb. I. Beziehung zwischen Gehirngewicht und Körperlänge von
Mensch, Delphin (Tümmler) und Schweinswal.

Diese graphische Darstellung zeigt unseren Hauptgrund für die Wahl


des Tursiops truncatus (T. t.), des Tümmlers, für Kommunikations­
forschungen in quantitativer Hinsicht. - 180 cm lange jungerwach-
sene Tümmler besitzen ein Gehirn, dessen Gewicht dem des Menschen
gleicht; werden sie älter, wachsen Körperlänge wie Gehirngewicht wei­
ter und übertreflen die des Menschen bei weitem. Der eigentliche Schweins­
wal (Phocaena phocaena) verfügt nur über ein Gehirngewicht, das
dem eines menschlichen Kindes entspricht; der erwachsene Schweinswal
besitzt ein Gehirn, das kleiner ist als das eines neugeborenen Tümm­
lers. Andere Delphine (die in diesem Buch nicht behandelt werden)
verfügen ebenfalls über kleinere Gehirne. Die absolute Größe eines
Säugetiergehirns bestimmt seine Aufnahmefähigkeit und den Umfang
seines Speichervermögens (Gedächtnis); je größer der Computer, um
so größer die Leistung. Ein Exemplar von Orcinus orca (die größte
Delphinart), das 510 cm lang war, besaß ein Gehirngewicht von 4,5 kg.
Man kennt Gehirngewichte von Physeter catadon (dem Pottwal oder
Spermwal), die 9,2 kg erreichten, bei einer Körperlänge von 1440 cm;
das sind die größten bekannten Gehirne auf unserem Planeten. (Die
relative Gehirngröße hat nur wenig Bedeutung für Computer-Fähig-
keiten; wäre dies der Fall, dann würde das Löwenäffchen besser als
der Mensch abschneiden.) J. C. Lilly, »Critical brain size and lan­
guage«, Perspectives in Biol. & Med. 6: 246-55 (1963).

32
um späteren Beobachtern eine Einschätzung der Person zu ermög­
lichen, die die Umrisse dieses neuen Arbeitsgebietes gegeben hat.
In »Mensch und Delphin« waren Perspektiven, Ansichten und
Darstellungsweise für den Autor kennzeichnend. Ich wählte eine
Form, die jene Dinge wissenschaftlich ausdrückte, für die die Fak­
ten ausreichten. Aber möglicherweise war die gewählte Darstel­
lungsform nicht die der konventionellen Wissenschaft des Jahres
1960. Ebenso wähle ich die vorliegende Form, die niemals Teil
der Wissenschaft selbst werden mag. Die Breite des Arbeitsgebie­
tes wurde abgesteckt, und die Notwendigkeit, andere Personen
teilhaben zu lassen, die nicht Wissenschaftler sind, wurde ebenso
erkannt. Manche dieser unkonventionellen Dinge erwiesen be­
reits 1965, daß sie beachtlichen Wert hatten.
Ich schrieb das erste Buch für jene, die ihrem Geburtsrecht auf
einen offenen Sinn, eine innere Würde, eine vollkommene Red­
lichkeit und einen tiefen Sinn für die Wunder, für das Unbe­
kannte der Innen- und Außenwelt nicht abgeschworen haben.
Ich bin Wissenschaftler. Ich versuche ein Wissenschaftler zu sein,
den man »Generalist« nennt. Dieser Ausdruck bedeutet, daß ich
nicht die Mauern anerkenne, die man willkürlich zwischen die
einzelnen Wissenszweige gesetzt hat. Die Wissenschaft vom Men­
schen ist für mich genauso wichtig wie die Kernphysik, die Biologie
oder Chemie. Meiner Meinung nach sind die Wissenschaften ein
grundsätzlich zusammenhängendes Wissen, das nur durch Wis­
senslücken unterbrochen ist. Dieser Zusammenhang der Wissen­
schaften erstreckt sich von den Grundbausteinen des Universums
bis zu den geheimsten Gedanken von dir und mir, und weiter bis
zu den unvorstellbar weit entfernten Eilanden anderer Welten­
räume. Als Generalist verbinde ich das Wissen aus allen Quellen.
Diese Feststellung bedeutet, daß ich in meine »Wissenschaft«
Dinge der Religion, der politischen Wissenschaften, der Politik,
der menschlichen Angelegenheiten und andere Quellen des Grund­
wissens über den Menschen selbst mit einschließe.
Eine derart breite Anlage mag vermessen klingen. Jedoch mit
Demut und mit Achtung vor den Bereichen des eigenen Nicht-
Wissens kann man vielleicht einige der Stigmata von der Methode
des Generalisten weglöschen.

33
Wenn auch bestimmte Leute erwarten, daß man ein Spezialist
sein müsse, etwa ein Physiker, ein Biologe, ein Biophysiker, ein
Neurophysiologe oder etwa sogar ein Psychoanalytiker, ein Del­
phinologe oder ein Doktor der Medizin, so glaube ich doch, daß
das eine recht bequeme Denkungsart ist. Ich würde lieber sagen,
daß man im Forschungsweg des Generalisten von all diesen
Spezialgebieten etwas mit einschließen muß. Meine Ausbildung
und Erfahrung liegen in jedem dieser Spezialgebiete. Zusätzlich
zu diesen Disziplinen muß ich andere Gebiete nutzen, um das
Bild auszufüllen. So benötige ich zum Beispiel die christlichen
Lehren, die Werke von Shakespeare, die Schriften von Aldous
Huxley, die Konzerte und Symphonien Prokofieffs und Beetho­
vens, die Gemälde von da Vinci, den Eiffelturm und das Empire
State Building. Die Encyclopaedia Britannica, das Oxford Un­
abridged Dictionary und andere große Nachschlagewerke werden
ebenso als wesentliche Quellen benötigt. Die Rechenschaftsberichte
der großen Industrieunternehmen, der Regierungen und der Ver­
einigten Nationen werden mit berücksichtigt. Die Schriften von
William James sind genauso wichtig wie jene von B. F. Skinner,
um sowohl die Innere als auch die Äußere Psychologie ganz zu
verstehen. Zwei Freuds (Sigmund und Anna) haben für mich
große Bedeutung; ebenso wichtig sind die Schriften C. G. Jungs.
Eine Maschine, die gut durchdacht und gebaut ist, macht mir
Freude; ich habe genug Maschinen mit eigener Hand gebaut, um
Perfektion auf diesem Gebiet abschätzen zu können. Ein hoch­
touriges Auto zu steuern, eine steile Skipiste abzufahren, in einem
Auslegerboot zu segeln, mit einem Motorsegler zu kreuzen, im
dichten Nebel zu navigieren, mit der Wasserlunge zu tauchen,
einen Computer zu programmieren, ein Kind (oder Pferd, Katze,
Delphin) zu unterrichten, zu lieben - das alles sind neues Wissen
hervorbringende Tätigkeiten, die genauso wesentlich sind.
Eine andere wesentliche Tätigkeit ist, meinen eigenen Geist zu
erforschen; dieses Erforschen reicht in die Tiefe und hat unerwar­
tete Ergebnisse gezeitigt. Sie scheint einige innere Welten zu ent­
halten (oder Teil jener zu sein), die jenseits meines gegenwärtigen
Verständnisses liegen.
Die wichtigen Aspekte sowohl der inneren wie auch der äußeren

34
Realitäten sind ein Teil der Forschungen eines Generalisten. Er
ist bereit, diese so beherzt und aktiv wie möglich zu studieren und
zu untersuchen. Abgrenzung der grundsätzlichen Gefahren inner­
halb solcher Forschungen ist ebenfalls wesentlich. Man unter­
sucht sorgsam und vorsichtig die innere Realität, nach langer Vor­
bereitung und mit ebensoviel Mut wie die Bergsteiger, die den
Mount Everest erklimmen.
Ich bin ein Optimist; ich glaube, daß wir das Leben auf unse­
rem Planeten nicht auslöschen werden. Ich glaube, daß uns Zeit
genug bleibt, diese Studiengebiete weiterhin zu erforschen, trotz
der Tatsache, daß sie im wesentlichen friedlich, forschend, lang­
fristig, menschenfreundlich und nicht-destruktiv sind. Zuzeiten
wurde dieser Glaube durch die täglichen Nachrichten der Zeitun­
gen schwer erschüttert. Doch ohne diesen Glauben würde kein
Grund bestehen, ein menschliches Wesen zu sein, geschweige denn
ein Generalist. Was auch geschah, ich mußte daran glauben, daß
unsere Spezies über ein großes Reservoir an Güte, Schönheit und
Wahrheit verfügt. Ich muß ebenso glauben, daß jeder von uns,
dem man eine Chance gibt, lieben kann und geliebt wird, achtet
und geachtet wird. Es gibt Menschen, die einen mehr zynischen,
sogenannten »realistischen« Standpunkt einnehmen. Ich habe ei­
nen solchen Weg gesucht, aber ich fand ihn nicht.
Die Himmel des Optimisten und die Höllen des Pessimisten
existieren, beide im inneren wie im äußeren Universum. Man
möchte erwarten, daß ein Optimist das »Böse« in sich selbst, um
sich herum und bei anderen sowie in der großen Welt übersieht.
Wir können dieses Verbergen und Verborgenwerden nicht billi­
gen. Wir müssen ihm gegenübertreten; es gibt überall das destruk­
tive Böse; manchmal können wir ihm durch Freundschaft, durch
Liebe oder durch Glück in dem Sinne entkommen, daß wir seine
Nähe übersehen. Aber wir können ihm nicht auf immer entkom­
men. Schließlich ist jeder von uns sterblich.
Manchmal arbeitet man das Böse in sich durch mutige Selbst­
analyse heraus, die viel Kraft verlangt. Manchmal ist diese innere
Bosheit tief vergraben, und es erfordert gründliche »Miniertak­
tik«, sie zu erreichen. Wenn man bewußt dieses tiefliegende Böse
in sich findet, mag man es aus sich entfernen können oder auch

35
nicht. Manchmal hat man nicht mehr zu tun, als das Böse zu fin­
den, und es flieht vor dem Lichtstrahl des Bewußtseins.
Man kann das Böse in einem geliebten Menschen bisweilen
erreichen, um es in dessen Persönlichkeit aufzulösen oder zu ver­
nichten. Dem geliebten Menschen können wir manchmal helfen,
das selbst zu tun. Das ist jedoch eine seltene Gelegenheit. Wenn
aber jemand eine derartige Gelegenheit anbietet, wird es klug
sein, sie äußerst sorgsam zu erwägen, ehe man sie ergreift. Ge­
wöhnlich finden wir, daß wir in Wirklichkeit weniger helfen, als
wir annehmen. Wenn ich aber helfen kann, betrachte ich das als
wertvolle Bereicherung meines eigenen Wachstums als Mensch.
Das Böse kann jedoch, genau wie bei einem selbst, auch beim an­
deren viele Lagen und Schichten haben, die eine nach der anderen
aufgedeckt werden müssen, um die tief im Inneren gelegenen
wirklichen Wurzeln freizulegen.
Das Böse in den großen Institutionen der Menschheit ist noch
schwieriger; man trachtet, es zu umgehen, es auszurotten oder auf­
zulösen. Die gegenwärtigen Weltdilemmas des Kriegsausbruches
in einer alles Leben vernichtenden Form sind ein letztmöglicher
Ausdruck des Bösen in den inneren wie den äußeren Realitäten.
Grundsätzlich scheint das Böse aus dem Menschen selbst heraus­
zukommen. Diejenigen, die eine äußere Realität, einen schlech­
ten Gott oder einen bösen Teufel verantwortlich machen wollen,
vereinfachen alles und stellen uns auf eine Ebene, die phantastisch
unrealistisch ist. Wir, Homo sapiens, sind da grundsätzlich auf
falscher Fährte.
Daher muß ein Generalist notwendigerweise Moralvorstellun­
gen und ethische Begriffe in seine Studien mit einbeziehen. Seine
eigene Moral wird zunächst intensiv erforscht und durchleuch­
tet werden müssen. Nach solchem Prüfen und nach sehr sorg­
fältigen experimentellen Studien an sich selbst kann er bereit sein,
seine moralischen und ethischen Grundlagen abzuwandeln und
mehr jenen Idealen anzupassen, die er vorfindet.
In seinem Buch »Einsicht und Verantwortlichkeit«* schreibt
Erik Erikson: »Ich würde vorschlagen, daß wir die Moralregeln
des Verhaltens als auf einer Furcht vor Drohungen begründet
* Insight and Responsibility, New York: W. W. Norton & Co., 1964.

36
betrachten, die abgewehrt werden müssen. Ich würde ethische Re­
geln als auf Idealen begründet betrachten, die mit einem hohen
Grad rationaler Zustimmung und mit einem bereiten Einwilligen
nach einem formulierten Guten und mit einiger Aussicht auf
Selbstverwirklichung streben. Diese Unterscheidung mag mit den
vorhandenen Definitionen nicht übereinstimmen, wird aber durch
die Beobachtung der menschlichen Entwicklung begründet. Hier
ist daher mein erster Vorschlag: die moralische und die ethische
Ansicht sind in ihrer psychologischen Dynamik verschieden, da
sich die moralische Ansicht auf einer früheren, noch unreiferen
Stufe entwickelt.«
Demnach sind die ethischen Regeln bewußterer Natur. Sie un­
terstehen der willensmäßigen Kontrolle des Ichs. Diese Regeln
können im Licht der Erfahrungen abgewandelt werden, sobald
solche Veränderungen notwendig werden. Die moralischen Regeln
liegen tiefer verwurzelt. Sie sind durch das Ich weniger kontrol­
lierbar. Die moralischen Regeln werden ohne den Gebrauch be­
sonderer grundlegender Erforschungsmethoden durch das Bewußt­
sein nicht so leicht verändert.
Wenn jemand sein Ich nachzeichnen wollte, müßte dieses aus
Schichten bestehen. Die äußeren Schichten, die willensmäßig
bewußt sind, enthalten »ethische Programme«, die wir selbst be­
schreiben können. Das ist das Gebiet des bewußten Arguments
bei der bewußten Abwandlung von Programmen durch uns selbst
oder durch den Kontakt mit anderen Menschen.
Unterhalb dieser äußeren Schichten gibt es tiefere des eigenen
Ichs, die relativ gefestigte »Moral-Programme« enthalten. Diese
Programme sind mehr automatisch, autonom, ohne Kontakt mit
unserem bewußten Ich und führen daher anscheinend ein Eigen­
leben. Sie können weder leicht beschrieben noch leicht von un­
serem Ich entdeckt werden. Bisweilen können andere Menschen
deren Wirken leichter erkennen, als wir das selbst vermögen.
Die moralischen Programme können nur in besonderen Zu­
ständen des Geistes und des Körpers beschrieben werden. Solche
Zustände können von ekstatischer religiöser Offenbarung bis zum
erschütternden Zusammentreffen mit dem Tod reichen. Demge­
genüber können solche Zustände der geistigen Verfassung auch

37
durch spezielle Methoden ausgelöst werden, einschließlich lang­
währender psychoanalytischer Befragungen, langer Selbstanalyse
und grundlegenden Strebens nach dem Ideal im Ich, das man in
sich trägt. Mit diesen Erfahrungen als allgemeinem Hintergrund
können einige dieser Programme mit Hilfe besonderer chemischer
Substanzen beschrieben werden, verbunden mit einer geeigneten
Weisung, einer geeigneten Vorbereitung und mit einem geeigne­
ten Planen für die Zukunft.
Auf diese Weise wird ein Generalist hervorgebracht, zumin­
dest der hier in Rede stehende. Als Wissenschaftler und als Mensch
studiere und verändere ich meine eigene Moral und Ethik, soweit
das notwendig ist. Die abgewandelten Versionen werden dann in
der Praxis meines Berufes angewandt. Diese Lebensweise ist für
den Fortschritt des Ichs, für den Fortschritt der Art selbst not­
wendig. Die Messung dieses Fortschritts ist rational schwer aus­
führbar. Wir müssen unseren Fortschritt selbst messen und bis zu
einem gewissen Grad die Maße unseres Fortschritts durch andere
Menschen erhalten.
Zuerst bin ich ein Mensch, dann ein Wissenschaftler. Als Mit­
glied der menschlichen Art geht für mich der Fortschritt der Art
allem anderen voraus; Verständnis für das, was zu diesem Fort­
schritt führt, kommt dann an zweiter Stelle. Das vorliegende Buch
ist mein Versuch, ein Bild von einem besonderen Fortschritt zu
geben, der für die menschliche Art wünschenswert ist.
Ich glaube, daß Bestrebungen, den menschlichen Geist mit den
meisten Grundelementen des Universums zu verbinden, nicht vor­
ankommen können, solange nicht grundlegende Einzelheiten in
der Erforschung von Geist und Gehirn vervollkommnet sind. Ich
vertrete nicht die Ansicht, daß es eine besonders wichtige Einzel-
wissenschaft gibt. Ich glaube vielmehr, daß die Erforschung
des menschlichen Geistes, des Gehirns, der Grundelemente des
Universums, der Verständigung mit unserer eigenen und anderen
Arten allesamt gleich notwendig für unser Verstehen und für
unseren Fortschritt sind. Bei meiner »Grundwissenschafts-Aus­
bildung« zu Cal Tech wurden wir mit der Vorstellung erfüllt,
daß jede der hauptsächlichen Spezialwissenschaften für das
menschliche Wissen viel anzubieten hat und daß keine von ihnen

38
für grundlegender gehalten werden kann als irgendeine andere.
Jene, die in den Wissenschaften Hierarchien konstruieren, mögen
politische Macht zum Hauptbeweggrund haben. Die heutige Kon­
kurrenz der einzelnen Wissenschaftszweige hinsichtlich der För­
derung durch staatliche Mittel ist außerordentlich; jeder, der viel
Geld für Forschungen auf seinem besonderen Arbeitsgebiet be­
nötigt, ist versucht, Definitionen zu benützen und Ansichten über
andere Arbeitsgebiete zu äußern, die diese herabsetzen. Ich fühle
keine derartige Notwendigkeit, um meine eigene wissenschaft­
liche Position, meine Position als Humanist oder als Wissenschaft­
ler zu rechtfertigen.
Der Generalist kann nicht irgendeine Form des Wissens noch
irgendeine Quelle des Wissens herabsetzen. Er braucht sie alle.
Indem ich das sage, möchte ich nicht den Eindruck erwecken, daß
ein Spezialist mehr oder weniger ist als ein Generalist. Es gibt
einen alten »Spruch« in der Wissenschaft, der besagt: »Ein Spe­
zialist lernt mehr und mehr über weniger und weniger, bis er
alles über nichts weiß.« Umgekehrt: »Ein Generalist lernt weniger
und weniger über mehr und mehr, bis er nichts über alles weiß.«
Jeder Wissenschaftler muß entscheiden, wieweit er Spezialist
und wieweit er auch Generalist sein will. Man muß, will man
innerhalb der Wissenschaft wirksam sein, ein Spezialwissen auf
bestimmten Wissensgebieten haben. Man muß etwas vom Ge­
neralisten in sich haben, um die richtige Stellung des Wissens,
das man aufnimmt, im Hinblick auf das Gesamtwissen der
Menschheit beurteilen zu können.
Es gibt ein vorgeprägtes Bild von dem, was ein Wissenschaftler
zu tun hat, wenn er ein Buch schreibt. In den Naturwissenschaf­
ten ist es Tradition, daß er sich persönlich von dem, was er über­
mittelt, so weit wie möglich distanziert. Man vermeidet den sub­
jektiven Weg; man hält seinen eigenen Namen aus der Darstel­
lung der »objektiven Tatsachen« heraus. Soweit das überhaupt
möglich ist, trachtet man danach, das gesamte eigene Denken
über die durch die Forschung enthüllten Vorgänge und Tatsa­
chen wegzulassen. Man gibt nur »Resultate« und »Perspektiven
von den Gebieten, in die diese Resultate passen«. Dies ist die Tra­
dition bei den Naturwissenschaften, das heißt den Wissenschaften

39
von jenen Stoffen, Vorgängen und Funktionen, die mit dem Men­
schen nichts zu tun haben (Physik, Astronomie usw.).
Im Gesamtgebiet der Wissenschaft, die ich gewählt habe, bringt
ein derartiger Standpunkt Paradoxa hervor. Der Mensch muß
selbst mit eingeschlossen werden. Der Wissenschaftler muß selbst
innerhalb seines Systems stehen. Zusätzlich zur Ausbildung in der
Naturwissenschaft bin ich auch in der Psychoanalyse ausgebil­
det.
Bei der Psychoanalyse kann man selbst eines der Forschungs­
objekte werden. Durch langjährige Übung erfaßt man im einzel­
nen, wie schwierig das Ich für die Anwendung wissenschaftlicher
Prinzipien ist. Es ist schwer, das subjektive Leben objektiv zu
behandeln. Wir erfahren, daß Objektivität im Hinblick auf unser
eigenes Fühlen, Handeln, Denken, auf unsere Ideen und die be­
sonders gehegten Ideale notwendig ist. Wir lernen auch, daß
wissenschaftliche Forschung über den Geist anderer ein ähnlich
schwieriges Unterfangen ist. Schließlich lernen wir, daß das eigene
Ich und das Ich anderer unabtrennbarer Teil der wissenschaft­
lichen Forschung sind, ganz gleich, um welches Arbeitsgebiet es
sich handelt.
Das bewahrheitet sich in der Physik. Es gibt bestimmte Regeln
der Separation für den Physiker. Diese Regeln separieren die
Theorie vom Experiment, den Experimentator vom System. Es
gibt damit zwei Bereiche der Physik, die theoretische und die
experimentelle Physik. Der theoretische Physiker ist im Bereich |
der Theorienbildung, der überprüfbaren Theorien zu Hause. Auf
Grund genau überwachter Experimente eines experimentellen
Physikers werden die Theorien je nach dem Ergebnis der Experi­
mente neu geformt. Es gibt auf diese Weise in der Physik eine
konstante Rückkoppelung zwischen der theoretischen und der
experimentellen Methode. Wenige Physiker sind umfassend ge­
nug oder haben Zeit genug, um beide Gebiete zu beherrschen.
Aber gerade hier werden die Physiker selbst nicht tiefer analy­
siert; sie werden durch Theorien und experimentelle Ergebnisse
programmiert.
In der Wissenschaft vom Menschen selbst sind diese Separation
und ihre Regeln nicht so klar zu definieren wie in der Physik.

40
Bei meiner Arbeit als Generalist benütze ich das Modell der Phy­
siker und deren Separationsregel. Ich trenne Tatsache und Theorie
in meinem eigenen Denken ganz rigoros. Zusätzlich werden
Experimentator und die Teile von ihm, die in dem unter Erfor­
schung stehenden System arbeiten, soweit das praktisch ist, von­
einander getrennt.
»Mensch und Delphin« war teilweise eine Übung in theore­
tischer Biologie. Es war auch eine Darstellung von Tatsachen
(experimentellen und naturgegebenen), die da zusammengetragen
worden sind. Ich brachte jene Tatsachen, die ich für wichtig hielt.
Manche Leute, hauptsächlich Biologen, verstehen diese Tren­
nung von Tatsache und Theorie nicht. Manche Leute tun so, als
ob ich über die Tatsachen hinwegspringen würde und als ob die in
jenem Buch dargelegten theoretischen Ableitungen wahr, also
»Tatsachen«, wären. Das ist offensichtlich ein Mißverständnis.
Solch eine Separation wurde sorgfältig durchgeführt. Wenn man
das Buch genau liest, merkt man das.
Zusätzlich zu dem, daß es eine Darlegung von Theorie und
Tatsachen zum gegenwärtigen Stand der zwischenartlichen Ver­
ständigung ist, wurde das Buch in so einfacher Form geschrieben,
wie es mir möglich war. Da ich aus einem langen wissenschaft­
lichen Arbeitsprozeß kam, in dem man seine Gedanken auf den
kleinstmöglichen Raum verdichtet, war es für mich schwer, meinen
Stil aufzulockern. Der Stil, den man von einem Wissenschaftler
erwartet, ist gewöhnlich komprimiert und daher schwierig.
Ideen werden so bündig ausgedrückt, daß man selbst einzelne
Worte nicht weglassen kann, ohne daß daraus ein Irrtum ent­
steht. Der Wissenschaftler verwendet einen hochgezüchteten, kom­
plizierten und verdichteten Jargon. Solche Jargons sind in den
Wissenschaften verbreitet; sie sind nützliche Verkürzungen im
Gespräch zwischen Spezialisten.
Die übliche Verteidigung des wissenschaftlichen Jargons ist,
daß der betreffende Gegenstand nicht in »laienhafte Begriffe«
übersetzbar ist, daß dabei »zuviel Exaktheit geopfert wird«. Ich
anerkenne diesen Standpunkt und unterschreibe ihn bis zu einer
gewissen Grenze. Hat man jedoch genug Zeit und Energie, dann
sind die wirklich wertvollen Ideen und Entdeckungen übersetzbar.

41
Es gibt einen anderen Weg, den ich vorziehe, einen Weg, den
ich in »Mensch und Delphin« beschritt: so wie die Arbeit fort­
schreitet, übersetzt man laufend in »laienhafte Begriffe«. Diese
letztere Technik hat in einem kommunikativen Sinn Mängel:
jeder denkt, daß er versteht, was irgend jemand sagt. Verfasser
von populären Veröffentlichungen lesen, was man geschrieben hat,
und schreiben dann ihre eigene Paraphrase von dem, was gesagt
wurde. Oft übersehen sie die Hauptpunkte, oft bringen sie eine
Akzentuierung, die nicht richtig ist und nicht gemeint war. Trotz
solcher Rückschläge fand ich, daß viele Menschen eifrig und posi­
tiv auf das Geschriebene reagieren.
Die andere Grundmotivation bei »Mensch und Delphin« war,
für jene zu schreiben, die nächstens, nach meiner Generation,
kommen werden. Ein Teil meiner Aufgabe als Wissenschaftler
schlechthin ist, entsprechend zu erklären, was ich für jene leiste,
die nach uns kommen. Dieser Beweggrund hat Stil und Inhalt
bei der Niederschrift von »Mensch und Delphin« sowie des vor­
liegenden Buches stark beeinflußt.
Dieses Buch und sein Vorläufer sind für die Jungen im Geist
und im Herzen geschrieben. Wenn einige dieser Menschen, die bis
jetzt noch auf keinen Lebensweg festgelegt sind, als Ergebnis der
Lektüre dieser beiden Bücher den Weg zur allgemeinen humani­
stischen Wissenschaft wählen, dann werde ich das Gefühl haben,
erfolgreich zu sein. Zu wenige unserer modernen »Allzweck-Ge­
nies« gelangen in diese Form der Wissenschaft; die meisten von
ihnen gehen in eine Spezialwissenschaft, in die Künste, die freien
Berufe, in die Politik oder das Geschäftsleben. Die menschheits­
gerichtete Wissenschaft benötigt mehr umfassend begabte Köpfe,
als es heute gibt: Ich tue, was ich kann, ihr Interesse, sich hier zu
betätigen, zu wecken, solange sie noch nicht festgelegt sind.
Zusätzlich zur wissenschaftlichen Theorie und wissenschaftlichen
Tatsache gibt es einen weiteren Inhalt in diesen beiden Büchern.
Ich meine meine Umgebung, mein Ich und meine Ausbildung. Bei
meiner Ausbildung in der Psychoanalyse fand ich, daß der Wis­
senschaftler, der über den Menschen arbeitet, einiges von sich
selbst - als Menschen, der in der Sache steckt - vorweisen sollte.
Bei der Wissenschaft vom Menschen muß man, um diese Wissen­

42
schaft zu verstehen, den betreffenden Menschen kennen, der die
Tatsachen und Theorien vorlegt.
Ich bin mir darüber klar, daß dieser Standpunkt von der ge­
bräuchlichen naturwissenschaftlichen Praxis abweicht. Trotzdem
sehe ich einfach nicht ein, wieso man dabei unterschiedlich vor­
geht. Wenn wir eine Verständigung mit einem anderen Menschen
oder einem Individuum einer anderen Art anstreben, benötigen
wir uns selbst in dieser Verständigung. Die Qualität und Form
des Ichs, das man ist, wird ein wichtiger Teil des Systems. Jene,
die nach mir kommen und diese Veröffentlichung lesen werden,
werden einiges von mir wissen und können daran erkennen, was
man aus sich selbst machen kann. Sie können die Quellen meines
Erfolges oder Versagens in den Ausführungen über meine Per­
sönlichkeit, Techniken, Interessen, Ausbildung, Versuche oder
meine Delphine erfahren. Zumindest gebe ich ihnen eine gute
Chance, das herauszufinden.
Dieser Gesichtspunkt erklärt teilweise die Inhalte dieses und
des vorangegangenen Buches. Der von der Öffentlichkeit erwartete
Inhalt sind wissenschaftliche Tatsachen; der wirkliche Inhalt um­
faßt Theorien, Tatsachen und Auskünfte darüber, wer wir sind,
warum wir uns umschauten, wo wir das taten und wie wir diese
Tatsachen von wissenschaftlichem Interesse fanden. Ich habe ver­
sucht, so viel wie möglich von diesem Gesamtbild zu bieten, um
jene zu ermutigen, die nach uns kommen werden.
Zu meiner Überraschung verfehlte das nicht seine Wirkung auf
einige meiner wissenschaftlichen Kollegen. So schrieb zum Beispiel
ein Zoologe kürzlich eine Arbeit über Delphine; in ihr berief
er sich bei seinen Ergebnissen teilweise auf einen der Hauptpunkte
in »Mensch und Delphin«, nämlich auf die soziale Beziehung
zwischen dem Delphin und dem Versuchsleiter. Dieser Grad
von Bejahung (1965) einer zuvor grundsätzlich neuen Idee (1960)
muß dankbar anerkannt werden.
Eine der Auswirkungen der Zeit auf eine Entdeckung ist die,
daß jene, welche später kommen, die Tatsachen ohne den Kampf
erlangen, den jene austragen mußten, die sie fanden. Entdeckung
ist zum Teil ein Kampf um Anerkennung der Ideen und Befunde.
Später wird es für jedermann leicht, die Ideen und entdeckten

43
Tatsachen zu lernen und sich zu eigen zu machen. So ein unvor­
eingenommener Lernender fragt dann: »Warum das ganze
Getue?« Der Entdecker sollte daher den Konflikt und die Ko­
sten vergessen, die er beim Vorstoß ins Neuland hatte. Er sollte
mit neuen Gefechten und neuen Entdeckungen weitergehen.
Ich habe viele wissenschaftliche Arbeiten geschrieben, ich habe
viele Vorträge vor einem wissenschaftlichen Auditorium, vor
Wissenschaftlern und deren Gattinnen, vor wissenschaftlichen
Teams, die unser Institut besuchten, gehalten. Wir haben alle
qualifizierten Personen, die darum baten, an uns, unserer Arbeit,
unseren Methoden und unseren Delphinen teilhaben lassen.
Heute sind das Programm, seine Resultate und deren Pla­
nungen jedem zugänglich: jedermann erwartet schnelle Wunder.
Ich habe niemals einen »schnellen Durchbruch« erwartet und er­
warte ihn auch heute nicht. Das Unerwartete hat etwas »Krib-
belndes« für den Propheten, aber ich hoffe, daß wir Zeit genug
haben, um mit den Delphinen selbst und ihren Problemen ein­
gehend vertraut zu werden.
Die Ausbeuter der Delphine könnten unsere Beziehungen zu
diesen ausnützen. Mit oder ohne einen derartigen Durchbruch
benötigen die Delphine zunächst einmal Schutz vor den mensch­
lichen Ausbeutern. Der kommerzielle Nutzen der Delphine
braucht eine vernünftige, ethische Kontrolle. Buchstäblich Dut­
zende, wenn nicht Hunderte sind krank, unglücklich, am Verhun­
gern oder gestorben, als Ergebnis menschlicher Unwissenheit. Del­
phine werden sogar von Menschen gegessen (etwa in Japan). Die
Ausbeutung von Delphinen für Marine-Projekte und die Ausbeu­
tung von Delphinen für Zirkusse, Filme, Fernsehen und als Haus­
tiere haben ebenfalls ihren Zoll von den Delphinpopulationen
gefordert.
Niemand kann als wirklicher Experte für Delphine gelten, der
nicht viele Jahre lang mit ihnen gelebt und immer wieder ver­
sucht hat sich mit ihnen zu verständigen. Ich glaube fest daran,
daß die künftigen Delphin-Experten gewisse Eigenschaften haben
werden, die wenige oder gar keine der gegenwärtigen »Experten«
haben.
Der künftige Experte wird Einfühlungsvermögen, eine gute

44
Ausbildung, eine entsprechende Lebenseinstellung, Beweglichkeit,
Neugier und Zuneigung mitbringen und eine persönliche Ver­
bundenheit mit den Ansprüchen der Delphine haben.
Jeder, der Delphinen nahe gewesen ist, der mit ihnen gearbei­
tet hat und die Verantwortung für deren Pflege und Erhaltung
gehabt hat, weiß eindeutig, welch schwere Aufgabe das ist. Er
weiß auch, daß die Hinfälligkeit und Sterblichkeit der Delphine
im Kontakt mit dem Menschen groß ist. Wieviel höher oder
niedriger als für den Delphin im Freileben, weiß bis jetzt nie­
mand.
Eine sorgfältige Erforschung der Todesursachen von Gefan-
genschafts-Delphinen steht bis jetzt aus. Ich meine jedoch, daß
unsere Delphine zumindest die Untersuchung brauchen, die wir
einem Toten unserer eigenen Spezies zubilligen. Von unserem In­
stitut wird die Zusammenarbeit mit dem örtlichen medizini­
schen Untersuchungsamt gesucht und in solchen Fällen auch er­
langt, in denen irgendein Zweifel an der Todesursache vorliegt.
Das Untersuchungsamt nimmt eine Gesamtuntersuchung vor, ver­
gleichbar der, die bei einem toten Menschen vorgenommen wird.
Wir möchten maximale Information über Todesursachen von Del­
phinen in Gefangenschaft erhalten und sammeln, damit wir in
Zukunft solche Fälle vermeiden können, soweit es in unserer Macht
steht.
Sollen wir oder sollen wir nicht die Delphine in die »Goldene
Regel« einschließen? Ich kam zu der Auffassung, daß wir es sol­
len. »Verhalte dich (oder nicht) zu anderen so, wie du sie haben
(oder nicht haben) willst!« Die »anderen« umfaßt Delphine,
Tümmler und Wale. Die übliche Form der Regel wird auf die
menschliche Art beschränkt. Es ist meine Auffassung, daß wir
Delphine, Tümmler und Wale - wenn nicht andere Arten auch -
einschließen müssen.
Entsprechend unseren Erfahrungen im Institut gebrauchen die
Delphine offensichtlich eine Regel uns gegenüber, die annähernd
dieselbe ist wie die obengenannte: behandeln wir sie freundlich,
behandeln sie uns ebenso; wenn wir sie roh anfassen, passen sie
sich zwar unserer Rol.^it an, haben aber dabei immer noch Ge­
duld. Wenn man ihre enorme Kraft im Wasser in Betracht zieht,

45
kann man sie »geduldig« nennen, denn sie machen von dieser
Kraft uns gegenüber niemals vollen Gebrauch.
Selbst Orcinus orca, der sogenannte »Mordwal«, ist genauso
verständnisvoll und behutsam uns gegenüber wie die kleineren
Delphine. Moby Doll, ein Mordwal, der 1964 in Vancouver ge­
halten wurde, war bemerkenswert freundlich, genau wie sein Art-
genosse Namu 1965 in Seattle. Um die Jahrhundertwende half
Old Tom, der Orcinus in der Twofold Bay in Australien, der
Küsten-Walstation angeblich 50 Jahre lang (W. J. Dakin, 1934,
s. Literaturverzeichnis).
Ein Problem in diesem Buch ist der übliche Gebrauch des Be­
griffes »Tier« in Hinblick auf Delphine. Wenn ich den Ausdruck
benütze, dann bekenne ich mich zu der wissenschaftlichen Theorie,
daß der Mensch »ein Tier« ist, das sich aus niederen Formen des
Tierreichs herausentwickelt hat.
Der Gebrauch des Ausdruckes »Tier« hat einige andere Bedeu­
tungen, die für dieses Buch nicht sehr geeignet sind. Manche Leute,
einschließlich vieler Wissenschaftler, gebrauchen diesen Ausdruck
bewußt oder unbewußt, um den Menschen (und damit sich selbst)
über das übrige Tierreich zu stellen; in diesem Sinne ist der Mensch
entweder ein Geschöpf mit einer eigenen Schöpfung, wohl als
Ebenbild seines Gottes, oder er entwickelte sich so weit über und
jenseits der anderen Tiere, daß er von sich selbst in eine besondere
Klasse gestellt wird.
Ein zwingendes Argument zugunsten des »Spezialfalles«
Menschheit ist unsere Fähigkeit, bewiesenermaßen komplexe Ge­
danken mitzuteilen. Dadurch werden wir zum Spezialfall erho­
ben, unter der Annahme, die »anderen Tiere« besäßen diese
Fähigkeit nicht. Solange nicht die Mitteilungsfähigkeit der Del­
phine und Wale bewiesen oder widerlegt ist, werde ich den Ge­
brauch dieses möglicherweise herabmindernden Ausdruckes »Tier«
für diese Geschöpfe, deren Gehirn ebenso groß oder größer als
das des Menschen ist, vermeiden.
Ich werde dieses Wort nur im Zusammenhang mit jenen Del­
phinen gebrauchen, deren Gehirne kleiner sind als unsere. Es gibt
einige solcher Arten (Stenella microps, Delphinus rubiventris,
Phocoena phocoena). So wird der Ausdruck »Tier« nur auf jene

46
Organismen angewandt, deren Gehirngröße unter der üblichen
Größe des menschlichen Gehirns liegt. Wenn wir Spezialtiere sein
sollen, dann gibt es auch andere Spezialtiere.
Wie ich bereits in »Mensch und Delphin« darlegte, sprechen
und vermitteln wir komplexe Dinge teilweise deswegen, weil
unsere Gehirne dazu groß genug sind (hinsichtlich der Zahl akti­
ver Elemente). Deshalb kann das auch jedes ähnliche Gehirn ähn­
licher Größe und Kompliziertheit in vergleichbarem Maße lei­
sten, doch möglicherweise auf Wegen, die dem Menschen fremd
sind. (Ich vermute, daß Delphine ähnliche Probleme in bezug
auf den Menschen haben; man kann sich vorstellen, daß sie fra­
gen: »Ist der Mensch Gott, Teufel, ein niederes Tier, ein Ge­
schöpf aus dem Weltraum oder nur ein Delphin, der es versäumt
hat, in das Meer zurückzugehen?«)
Unausweichlich erhebt sich die Frage nach der religiösen Be­
deutung einer solchen Arbeit. In einem viel tieferen Sinn als bei
der Goldenen Regel suchen wir das Wichtige jenseits der allzu­
menschlichen Grenzen unseres Ichs. Wenn jemand eine religiöse
Offenbarung hat, wird dieses Wichtige in eine Perspektive ge­
stellt, die so gewaltig ist, daß sie eine Ehrfurcht hervorbringt,
von der er nicht mehr loskommen kann. Sein ganzes Leben, seine
ganze Haltung, seine Hoffnungen, Ängste, Beziehungen zu an­
deren, seine Ansicht von sich selbst, das alles wird auf Dauer ver­
ändert. Die vom Ich selbst erzeugte Vorstellung von der Unend­
lichkeit des Kosmos in der Zeit und in seinen Dimensionen, der
Unendlichkeit bei anderen, bei Delphinen, bei außerhalb unseres
Gesichtskreises lebenden Geschöpfen, das alles erzeugt eine neue
»Kindlichkeit«, in der man das »Kindischsein« aufgeben kann.
Der Mensch selbst wird in eine Perspektive gerückt, die ihm sei­
nen Platz zwischen den anderen Wesensformen anweist.
Durch solche »Offenbarungen« werden die Unerfahrenheit und
die Wiedergeburt des eigenen Ichs ungeheuer bedeutsam. Solche
Erfahrungen werden bis jetzt noch nicht in die Hallen der kon­
ventionellen Wissenschaft getragen. Eine der Hauptschwierig­
keiten hierfür ist, daß man das Wunder und die Ergriffenheit sei­
ner inneren Einsichten niemandem mitteilen kann, der nicht selbst
solche Einsichten erlebt hat.

47
Eine Person, die solche Offenbarungen noch nicht hatte, ist
jeder Beschreibung hiervon unzugänglich. Dem Bericht wird mit
einem skeptischen und selbst zynischen Versuch begegnet, seine
Bedeutung abzuwerten. Jene, die noch nie davon erfüllt wurden,
sind die einzigen, die sich den Luxus eines Zynismus und eines
Skeptizismus leisten können. Solange solche Leute selbst keine
Offenbarungen erlebten, verbleiben sie in der »Außengruppe«.
Dies ist ein heikles und recht schwieriges Gebiet der Wissenschaft
vom Menschen. Möglich, daß es zu leicht ist, auf diesem Gebiet
Schwindel zu betreiben. Die Wahrheit dessen, was man darlegt,
ist kein Gegenstand für die üblichen Überprüfungsmethoden, die
von den Gerichten und den Wissenschaften erdacht wurden.
Das sind augenscheinlich die Hauptgründe konventioneller
Wissenschaft, die »Offenbarungen« aus ihren Provinzen auszu­
schalten. Die Wissenschaft grenzt sich selbst ein auf das, was durch
die konventionellen Mittel der Verständigung mitgeteilt werden
kann. Dieser Punkt muß hervorgehoben werden. Konventionelle
Mittel der Verständigung sind für die Wissenschaft die einzig
annehmbaren. Besonders wichtige Mittel sind das gedruckte Wort,
gedruckte Abbildungen und andere Daten, die graphisch darge­
stellt werden können. Wissen kann nicht Wissenschaft werden,
solange es nicht berichtet, reproduziert, verbreitet, auf bewahrt
und endlich mit Muße studiert werden kann. J. J. Thomson (Lord
Kelvin) schrieb einmal, ein Wissensgebiet sei so lange nicht Wis­
senschaft, bis es nicht eine Person abmessen kann, Zahlen damit
verbindet und innerhalb einer gewissen Fehlergrenze mit dem
Wert jener Zahlen übereinstimmt, die von anderen Messenden
stammen.
Ich erwarte, daß die Phänomene, die wir heute »Offenbarung«
nennen, Teil eines wichtigen neuen Arbeitsfeldes wissenschaftli­
cher Forschung werden. Das wird aber so lange nicht geschehen,
solange wir nicht genügend Menschen finden, die gleicherweise in
Selbst-Beobachtung und Selbst-Berichten ausgebildet sind, und
zwar Menschen mit einem sehr hohen Grad von Objektivität.
Erst dann werden wir in die Lage kommen, exakt zu berichten,
und zu wiederholbaren Experimenten in diesem wissenschaftli­
chen Forschungsbereich gelangen. An diesem Punkt werden wir

48
fähig sein, »Zahlen damit zu verbinden« und »die Werte dieser
Zahlen mitzuteilen«. Sobald experimentelle Techniken zur Er­
zeugung wiederholbarer »Offenbarungen« ausgearbeitet sein wer­
den, sobald das Phänomen immer weniger einmalig wird, das
heißt, sobald es von immer mehr Leuten unter geeigneter expe­
rimenteller Kontrolle ausgesagt wird, kann dieses subjektive Phä­
nomen Wissenschaft werden.
Ich bin sicher, daß wir wichtige neue Einsichten nicht nur von
uns selbst, sondern ebensogut von anderen Dingen erhalten wer­
den, sobald dieses neue Wissen zur Wissenschaft wird. Zu diesen
anderen Dingen gehören auch die Delphine.
Viele Phänomene des menschlichen Geistes, wie eben die trans­
zendentale religiöse Erfahrung, sind fälschlicherweise als ein »ne­
gatives« Gebiet für die »richtige« wissenschaftliche Forschung ein­
gestuft worden. Dieser Irrtum hat sie aus einer angemessenen
wissenschaftlichen Forschungssphäre entfernt und fast völlig der
bewahrenden Fürsorge anderer Gruppen der Menschheit anver­
traut.
Die Wissenschaft von den geistigen Fähigkeiten des Menschen
erweitert sich schnell. Neue Medianismen und Erklärungen wer­
den entdeckt, die breiter, tiefer und »offener« sind als die alten
religiösen, medizinischen und psychologischen Systeme. Einige
dieser neuen Betrachtungsweisen unseres Geistes scheinen in die­
sem Buch auf. Ich verwende sie für mich, für meine eigene Spe­
zies und für den Delphin.
Viel von der Wissenschaft vom Menschen ist tief in der Mathe­
matik, im Rechtswesen, im klassischen Schrifttum, in der Politik,
im Geschäftsleben und im privaten Unternehmertum eingebettet.
Um zu verstehen, was vorgeht, muß ich bei jedem dieser Gebiete
menschlicher Aktivität und Theorie Anleihen machen. Ich hoffe,
daß uns Experten auf diesen Gebieten bei den Delphinen helfen
werden, nicht nur durch finanzielle und äußere Unterstützung,
sondern auch durch Ideen, Einsichten und durch die Betätigungs­
formen, die erforderlich sind, das Gebiet der zwischenartlichen
Kommunikation auszuweiten. Ein »totaler Vorstoß« dieser For­
schung schließt so viele Varianten der Besten unter den Menschen
ein, wie hierfür erwärmt und gewonnen werden können.

49
Laien, einschließlich Juristen, Politiker und Geschäftsleute,
müssen für die zwischenartliche Verständigung interessiert wer­
den. Irgendwie müssen wir dem Laien die Beziehungen der zwi-
schenartlichen Verständigung zur zwischenmenschlichen Verstän­
digung zeigen, um die Entwicklung geistiger Gesundung zu ver­
vollständigen. Ich hoffe, daß dieses und das vorhergehende Buch
intelligente Nichtfachleute dafür interessieren, das Arbeitsgebiet
der zwischenartlichen Verständigung auf den ihren eigenen Not­
wendigkeiten angemessenen Wegen vorwärtszutreiben. Wenn
einmal der Mensch die Barriere zur Verständigung mit Delphinen
durchbricht, wird die Notwendigkeit einer »zwischenartlichen Er­
ziehung« unter Benützung der »zwischenartlichen Verständigung«
klar. Dann wird die zwischenmenschliche Verständigung auf allen
Ebenen benötigt werden, um zu erläutern, was da vorgeht.

50
II. KAPITEL

Die Wichtigkeit zwischenartlicher Verständigung

Wie ich in »Mensch und Delphin« Umrissen habe, dürfte die


Menschheit an der Schwelle einer neuen Ära der Entdeckung auf
dem Gebiet der Verständigung mit anderen, nicht-menschlichen
Wesen stehen. Die neuerdings entwickelten Weltraumprogramme
der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten treiben die Mond­
landung von Menschen noch innerhalb dieses Jahrzehnts voran.
Die Sondierung anderer Planeten durch Raumschiffe hat bereits
mit den Versuchsreihen der Marine eingesetzt. Die Pläne für die
erste biologische Aufsammlung auf dem Planeten Mars sind fast
vollständig. Projekte zur Entdeckung außerirdischer, intelligen­
ter und sich mitteilender Lebewesen sind formuliert worden. (Ein
derartiges Projekt, Ozma genannt, konnte keine Kurzwellen-
Signale von den Sternen Tau Ceti und Alpha Eridani auffan­
gen.)
Das alles zeigt, daß etliche Wissenschaftler, Techniker und Re­
gierungsstellen ernsthaft damit befaßt sind, Pläne zur Entdek-
kung von nicht-menschenartigen, intelligenten Wesen außerhalb
der Erde zu entwickeln. Es gibt jedoch keinen öffentlichen Hinweis,
daß irgendwelche Pläne vorhanden sind, wie man sich mit diesen
Wesen verständigen solle, falls sie wirklich existieren. Ernsthafte
Überlegungen zu Forschungsplänen in dieser Richtung sind bis
jetzt nicht beachtenswert; Entdeckung - ja; Umgang mit die­
sen - nein. Wie ich früher bereits festgestellt habe, ist es, wissen­
schaftlich gesehen, notwendig, alles genau zu überlegen, wenn
man Gebiete künftiger Erforschung vorantreiben will. Ich meine
doch, daß es wichtig ist, mögliche Wege des Umganges mit nicht­
menschenartigen, intelligenten Lebewesen schon jetzt zu überle­
gen, ehe uns die Verpflichtung dazu drängt. Wir müssen entschei­
den, welche Menschen mit welcher Ausbildung, mit welchen
Beweggründen die ersten Kontakte hersteilen sollen. Ich würde

51
gewisse Menschen nicht gern als die ersten sehen, die Kontakte
mit anderen Wesen einleiten. Wir müssen sorgfältig die Art der
Menschen prüfen, die für diese Form von Kontakt am besten
geeignet sind. Es ist an der Zeit, daß der Mensch überlegt, welche
Menschen die wünschenswerten Charaktereigenschaften und Qua­
lifikationen besitzen, die für eine derart wichtige Verständigung
notwendig sind.
So könnten beispielsweise bereits erstrangige, streng geheime
militärische Pläne für den Umgang mit solchen Wesen formuliert
sein. Ich hoffe das nicht. Das letzte, was wir hierfür benötigen,
ist eine abgeschlossene, militärisch-geheime Behandlung dieses
Gegenstandes. Dies würde nur eine Gewähr dafür sein, daß die
falsche Sorte von Menschen die ersten Kontakte hersteilen und
vermutlich für immer verderben würde. Dieser Gegenstand ver­
langt nach öffentlicher Beleuchtung, mit dem frischen Atem eines
jugendlichen Geistes, mit freier Diskussion der Möglichkeiten,
Wege und Methoden. Der militärische Weg ist notwendigerweise
auf der Offensiv-defensiv-Logik aufgebaut. Die notwendige Neu­
gier und die notwendige Liebe, mit denen solchen Dingen begeg­
net werden soll, sind etwas, was militärische Geister zu Hause
lassen, wenn sie ins Büro gehen. Gegenwärtig brauchen wir ver­
antwortliche, kompetente »Humanisten« für dieses Gebiet: der
Bedarf an solchen ist so groß, daß es danach aussieht, als ob er
die Differenz zwischen Erfolg und einer möglichen Katastrophe
auf einer nicht präzisierbaren Skala ausmachen würde. (Bei dem
gegenwärtigen Bild würde ich jedem, der größer oder geringer
ist als wir, davon abraten, mit uns in Kontakt zu treten. In
unserem jetzigen Entwicklungszustand sind wir noch unzurei­
chend organisiert und unzureichend ausgebildet, um Kontakte
herzustellen.)
Unser derzeitiges militärisches Potential ist groß genug, um
nicht nur alle Menschen, sondern auch alle Lebensformen zu
Lande und zu Wasser zu vernichten. Es mag etwas dumm klin­
gen, wollte man von diesem Potential der totalen Vernichtung
abrücken; aber die modernen Geister der Militärs tragen Kräfte
in sich, welche die totale Vernichtung gar noch fördern könnten.
Es bedarf nur einer elementaren Kenntnis der neuzeitlichen Kern-

52
und Teilchenphysik, um den Trend zum letzten Harmagedon, der
letztmöglichen politischen Katastrophe mit dem planetenvernich­
tenden Freiwerden von Energien zu sehen. Es bedarf überdies
nur einer elementaren Kenntnis dessen, was in den Vereinigten
Staaten vor sich geht, im Fernen Osten, zwischen den Vereinig­
ten Staaten und der Sowjetunion, um den Abgrund der Kata­
strophe zu sehen. Der Homo sapiens entwickelt schnell die Mittel
zur Zerstörung dieses Planeten, der eine bewohnbare Bleibe für
alles Leben ist, das wir kennen. Kann sein, daß das der natürliche
Weg unserer Lebensform ist. Kann sein, daß sie zur Selbst­
vernichtung bestimmt ist. Kann sein, daß das Böse in so vielen
von uns ist, daß es uns alle zerstören wird.
Ich hoffe sehr, daß es nicht so kommt. Ich hoffe, daß meine
Kinder und Enkel Gelegenheit haben werden, Schönheit, Güte,
Wahrheit und Selbsterfüllung, wie ich sie erlebt habe, fortzufüh­
ren. Mag sein, daß ich nicht genug Verantwortlichkeit gegenüber
dem Bösen in mir selbst aufgebracht habe. Das alte Wort, daß
einer entweder ein Missionar oder ein Wissenschaftler ist, aber
nicht beides, mag ein getarnter, böser Leitstern gewesen sein, der
mich dazu geführt hat, zuviel in meinem Leben zu regulieren. Ich
will diesen Punkt durah die Geschichte meines Kontaktes mit
einem Wissenschaftler illustrieren, der zum »Missionar« geworden
ist, in dem Bestreben, das Böse auszurotten, das im Gebrauch von
Atomenergie heute eingeschlossen ist.
Dr. Leo Szilard traf sich 1958 einige Male mit mir. Er benützte
später Informationen aus unseren Gesprächen, um eine Parabel
von Delphinen und Menschen zu schreiben”'.
Diese Parabel stand im Dienste von Dr. Szilards humanitärer
Ethik und seiner Hoffnung, die militärische Kontrolle über die ver­
heerenden Energiequellen würde durch Physiker eliminiert wer­
den. Szilard wandte sich von der Physik ab, um ein Missionar
in der humanitären Tradition zu werden. Als wir uns zum ersten
Male trafen, befanden wir uns in einem großen medizinischen
Forschungszentrum. Wir waren beide vom destruktiven Bösen
so weit entfernt, wie das jeder von uns nur sein konnte. Er hatte
sich zuletzt auf die Untersuchung der wissenschaftlichen Grund-
* Voice of the Dolphin (1961).

53
lagen des menschlichen Gedächtnisses eingelassen. Im Verlauf
dieser Untersuchung befragte er mich zusammen mit vielen ande­
ren Wissenschaftlern, die über das Gehirn gearbeitet haben.
Zu dieser Zeit hatte ich einige meiner Delphinstudien vervoll­
ständigt. Ich hatte eben beschlossen, dieses Institut zu verlassen
und ein neues Institut aufzubauen, das der Delphinforschung
dienen sollte.
Er erzählte mir von seinen Hoffnungen auf eine friedliche
Nutzung der Kernenergie und davon, das Militär vom Gebrauch
derselben auszuschließen. Offenbar um mich zu testen, erörterte
er mit mir das Delphinprojekt; er holte alle Tatsachen aus mir
heraus, die ich damals wußte. Er holte ebenso alle meine Theorien
über deren Intelligenz und »Sprache«, meine Ideen über die Kon­
sequenz dieser Theorien und über die Folgen einer Verständi­
gung mit jenen aus mir heraus.
Damals versuchte er mich zu überreden, an dem medizinischen
Forschungszentrum zu bleiben. Er begegnete allen meinen Grün­
den, von dort wegzugehen. Doch ich hatte mich bereits entschieden.
Ich war nicht zu überreden. Für das, was ich vollenden wollte, so
denke ich, war ich im Recht. Für das, was er zu tun vorhatte, war
er im Recht. Wenn ich ein Menschenfreund und Missionar hätte
werden und mit ihm arbeiten wollen, wäre ich geblieben.
In seiner Parabel baute er sein »Vienna Institute« nach dem
Modell des gegenwärtigen »Communication Research Institute«
auf, das ich damals bereits geplant und von dem ich ihm erzählt
hatte. In der genannten Parabel lösen die Delphine viele mensch­
liche Probleme durch eine klare intellektuelle Überlegenheit. Das
ist natürlich Phantasie. Wir benannten die Delphinart, die das
vollbringen konnte, nach Dr. Szilard; sie heißt Delphinus szilar-
diensis. Die Merkmale dieser Art sind alle Merkmale, die Szilard
ihnen zu geben wünschte. Er freute sich über diesen Spaß.
Ehe Szilard starb, unterhielten wir uns noch öfter. Ich war
mehr und mehr mit dem Aufbau des neuen Forschungsinstituts
beschäftigt. Er hingegen war mehr und mehr mit den Bemühun­
gen um ein »Bomben-Verbot« befaßt, die damals vorankamen.
Heute stehe ich den Idealen Szilards näher, als ich das damals
konnte. Die Gefahr ist durch den Eintritt Chinas in das nukleare

54
Wettrüsten angewachsen. Es kann sein, daß dem Menschen für
die Vorbereitungen zu einer wirklichen Verständigung mit den
Delphinen und Walen nicht genug Zeit bleibt. Es mag sein, daß
wir alle zum Aussterben verurteilt sind, ehe ein solches Ziel ver-
wirklicht werden kann. Szilards Phantasie von einer Mensch-
Delphin-Zusammenarbeit auf intellektuellem Gebiet mag eine
Phantasie bleiben, weil sie keine Chance bekommt, überprüft oder
realisiert zu werden. Es mag tatsächlich niemals zu einer intellek­
tuellen Zusammenarbeit von Menschen mit anderen (möglicher­
weise größeren) Wesen kommen. Der wirkliche Wettlauf unserer
Zeit ist gar kein militärischer, er ist der Wettlauf zwischen der
Humanitas und dem Militarismus, ohne Rücksicht auf beider
Herkunft. Wenn uns die militärischen Kräfte vernichten, dann
endet alles Große, was der Mensch vollbracht hat, im Nichts (ein­
schließlich der nuklearen Energie und der ungeheuren Energie­
quellen jenseits der gegenwärtigen, etwa jenen, die in der Anti-
Materie liegen). Irgendwo mag irgendwer wissen, daß wir unsere
eigene Existenz beendeten, doch wir werden dann nicht mehr
wissen, ob er es weiß oder nicht. Wir können in zahlreichen klei­
nen Blitzen enden oder in einem einzigen großen Blitz, der in die
ewige Finsternis des Kosmos hinausgeschleudert wird. Wenn es
irgend jemand in den geeigneten Regionen des elektromagneti­
schen Spektrums beobachtet, wird man dort versuchen, den Un­
tergang dieses Planeten zu analysieren; vielleicht durch eine
Theorie, die besagt, daß es auf Grund passiver, nuklearer Plane­
ten- und Sternenkräfte und -energien passierte. Umgekehrt mögen
solche Beobachter fortgeschritten genug sein und wissen, daß wir
uns selbst durch diese Energien vernichtet haben.
Wie es ausgeht, würde ich persönlich gern wissen. Ein Freund
von mir wollte einmal Selbstmord begehen. Wir besprachen alles
eine ganze Nacht lang; schließlich stimmte er mit mir überein,
sich nicht das Leben zu nehmen. (Ich bin nicht sicher, ob er sich
wirklich das Leben genommen hätte, auch ohne dieses lange Ge­
spräch.) Später sagte er jedoch, daß mein zwingendstes und hilfs­
reichstes Argument folgendes gewesen sei: »Wenn du Selbstmord
begehst, würdest du nicht dabeisein und sehen, wie alles weiter­
geht.« Ich hoffe, daß die destruktivsten Vertreter unserer Spezies

55
neugierig genug sind und zu erleben wünschen, »wie alles weiter­
geht«. Weiterhin hoffe ich, daß sie sich selbst und jene kontrollie­
ren können, die diese schrecklichen Kräfte beherrschen, um uns alle
vor dem Untergang zu bewahren.
Nun, geschichtlich gesehen, wurde das »Communication Re­
search Institute« aus der Bemühung geboren, ein neues Forschungs­
institut zu schaffen, das ausschließlich friedlichen Aufgaben die­
nen soll. Wenn wir uns selbst vernichten, gibt es nicht den klein­
sten Erfolg innerhalb aller jener Forschungen, die ich jetzt und
in Zukunft in meinem Institut durchführe. Deswegen muß ich
daran glauben, daß wir weiterleben werden. Es muß Leute geben,
die gleich mir unterstellen, daß wir weiterleben wollen, und die
angesichts dieser Gefahr des Erdunterganges ihre Projekte weiter­
verfolgen. Sonst würden solche Projekte den anderen, den »Ver­
teidigungs-Projekten«, nur den Weg freigeben. Ich frage mich
immer wieder, ob ich nicht, genau wie Szilard, an den Bemühun­
gen teilnehmen sollte, die Kontrolle über die Atomenergie für
friedliche Zwecke zu bekommen?
Mein Argument für mich selbst lautet etwa so: Warum führen
wir überhaupt Kriege? Wir führen sie als Verteidigungsmaß­
nahme, weil wir von den anderen angegriffen werden. Wir führen
sie, weil sie für den Bestand der Nation notwendig sind, um die
Maximalproduktion unserer hochentwickelten industriellen Ma­
schinerie aufrechtzuerhalten. Wir führen sie, um das zu be­
schützen, was wir am meisten hochhalten, und um jene Institu­
tionen und jene Lebensform zu bewahren, die wir hinsichtlich des
zukünftigen Fortschrittes unserer eigenen Art für ideal ansehen.
Ich halte die zwischenartliche Verständigung für eine dieser
idealen Betätigungen, das heißt für eine jener Tätigkeiten, für die
wir einen militärischen Apparat geschaffen haben, damit wir in
der Lage bleiben, diese Arbeiten hinter den Linien des militäri­
schen Bereiches in einer geschützten und günstigen Atmosphäre
weiterzuführen. Ohne begeisterte Leute, die der wissenschaftli­
chen Forschung, ausgerichtet an einem idealistischen Bestand an
Zielen und Absichten, treu bleiben, könnten wir ganz gut unseren
Geist als fortschrittliche Art aufgeben und in ein neues Urzeitalter
zurücksinken. Wenn alle von uns hinausgehen und kämpfen, wenn

56
alle nur mehr die Bewaffnung weiterentwickeln, dann ist keiner
mehr zu Hause, um uns auf der Straße weiterzuführen, die aus
unserer grundtiefen »Friedenszeit«-Ignoranz herausführt.
Was ist es grundsätzlich, tief unter der Oberfläche und hinter
der sichtbaren Fassade, das Verständigung mit einer anderen
Spezies möglicherweise dem Menschen bieten kann? Szilard be­
mühte sich, diese Frage mit seiner Parabel zu beantworten. Wer
seine Geschichte liest, entdeckt, daß er ein wenig Spaß mit den
Menschen und seinen gegenwärtigen Bedürfnissen treibt. Die Del­
phine im Vienna Institute gaben mühelos einfache Antworten
auf alle großen Probleme, denen der Mensch heute gegenüber­
steht. Die Menschheit der Welt wurde da beispielsweise durch
die Erfindung eines Delphins ernährt.
Angenommen, wir könnten die Zusammenarbeit mit den Del­
phinen erreichen und sie dazu bringen, sich mit den Hauptpro­
blemen auseinanderzusetzen, denen wir gegenüberstehen. Sie
könnten in ihrer ursprünglichen Fremdartigkeit in der Lage sein,
unsere Probleme objektiver zu sehen als wir selbst, und sie da­
durch lösen. Wie Szilard annimmt, könnten sie - was wir bis
heute noch nicht sicher wissen - einen Intellekt besitzen, der über
unserem steht.
Wenn zwischenartliche Verständigung wirklich möglich ist, so
wird sie uns nach meinem Dafürhalten weit mehr geben als nur
einfache Lösungen der menschlichen Probleme. Als ein Ergebnis
meiner Erfahrung und meiner Versuche mit Delphinen glaube ich,
daß sie uns weit mehr lehren können, was für uns neu ist — so,
wie wir vieles besitzen, das für sie neu ist und das wir sie lehren
können. Unsere Arbeit über die für Delphine wichtigen Probleme
kann unser bester Beitrag für sie und ebenso für uns selbst sein.
Manchmal kommt mir der Gedanke, daß der Mensch, wenn er
mehr mit den Problemen einer fremden Art befaßt wird, seine
eigenen egozentrischen Zwecke und seine tödliche Konkurrenz
innerhalb seiner Art weit weniger im Auge hat und irgendwie
ein besseres Wesen wird.
Ich möchte den Gesichtspunkt einer Zusammenarbeit bei der
zwischenartlichen Verständigung besonders unterstreichen. Wenn
wir voraussetzen, daß wir in diesem Projekt überhaupt weiter­

57
kommen, müssen wir uns auch mit den Folgerungen auseinander­
setzen. Wir haben gefunden, daß wir mit den Delphinen keinen
Fortschritt erreichen, solange wir ihnen nicht jene Achtung ent­
gegenbringen, die wir füreinander haben. Wir stellen fest, daß
wir nicht vorankommen und mit den Delphinen keine Fortschritte
machen, solange wir sie nicht mit Güte, Höflichkeit, mit Achtung
und mit einer besonderen Form von Disziplin behandeln. Wir
finden, daß ein junger Delphin ganz wie ein Menschenkind unsere
Gutmütigkeit ausnützt. Wir und die Delphine brauchen und wün­
schen gegenseitige Achtung und Disziplin. Unser Team und die
Delphine wünschen keine einseitige Ausnutzung durch den Men­
schen, aber auch keine einseitige Ausnutzung des Menschen durch
die Delphine.
Die Anschauung, die besagt, daß die eine Art die andere Art
beherrschen müsse, ist aus meinem Denken und dem meiner Mit­
arbeiter gestrichen worden. Wir werden oft gefragt: »Wenn die
Delphine so intelligent sind, warum beherrschen sie dann nicht
die Welt?« Meine wohlüberlegte Antwort lautet: Sie sind wahr­
scheinlich zu klug, um die Welt beherrschen zu wollen. Die Frage
kann leicht umgedreht werden: Warum möchte die Menschheit
oder ein Mensch die Welt beherrschen? Ich meine, daß das doch
für eine recht unsichere Position spricht, wenn man alle anderen
Arten und die ungeheuren Vorräte unseres Planeten beherrschen
möchte. Dies bedeutet sinngemäß eine tiefgreifende Unsicherheit
hinsichtlich der »Universa« im eigenen Ich eines Menschen. Furcht
und Ärger eines Menschen werden auf andere, außenstehende
projiziert; die Welt zu beherrschen heißt aber seine eigenen inne­
ren Realitäten zu beherrschen.
Es ist meine Überzeugung, daß sich die Delphine abermals von
uns abwenden werden, wenn wir nicht mit ihnen in Achtung,
Disziplin und Güte arbeiten. Zur Zeit des Aristoteles oder kurz
davor näherten sich die Delphine offensichtlich dem Menschen.
Um 50 v. Chr., zur Zeit der Römer, hatten sie sich von uns abge­
wandt und kamen nicht mehr zurück bis zum gegenwärtigen
Jahrhundert. Das ist die eine Seite. Die andere Seite muß hinzu­
gefügt werden: Zur Zeit des Aristoteles wandte sich der Mensch
den Delphinen zu. In unserem Jahrhundert suchen wir abermals

58
die Delphine auf. Ich vertrete den Standpunkt, daß jeder den
anderen gesucht hat, und zwar zweimal; einmal in der Zeit zwi­
schen 500 und 200 v. Chr. und das andere Mal im 20. Jahrhun­
dert.
Die Ausbeutung der Delphine durch den Menschen ist nicht
nur eine Schande für unsere humanitären Ideale, sondern auch
ein entschiedenes Handicap für unsere mögliche Zukunft mit ihnen.
Wenn wir darangehen, uns mit ihnen über irgend etwas zu ver­
ständigen, und zwar so, daß wir uns wechselseitig als »gescheite
Tierform« betrachten, dann können wir nichts Besseres tun, als
uns von Anfang an von unserer besten Seite zu zeigen. Ihre gegen­
wärtigen Beziehungen zu uns beschränken sich auf ihren »Unter­
haltungswert«, und außerdem macht die Marine einigen Gebrauch
von ihnen. Wenn unsere Zukunft mit ihnen weitere Horizonte
eröffnen soll, müssen wir auch weitere Horizonte in unsere Arbeit
mit ihnen einbeziehen.
Wenn wir die Delphine als »niedrigerstehende Tiere« ansehen,
dann werden wir uns nicht bemühen, ihnen als »Gleichwertigen«
zu begegnen, die unserer Anstrengung wert sind. Wenn wir sie
für »aufgeweckte, intelligente, dem Menschen dienende Tiere«
halten, geeignet für Unterhaltung, Zirkus und Fernsehen, dann
vertreten wir einen sehr einseitigen Standpunkt. Zur Zeit pla­
zieren wir die Delphine neben Schimpansen, dressierte Hunde
und Pferde, die zum Fernsehpublikum sprechen. Die Delphine
sind in den Unterhaltungsmedien dem »Gut-Freund«-Typ unter
den Hunden, etwa Lassie, gleichgestellt.
Wenn wir sie »lehren«, uns bei unserer Unterwasserarbeit im
Meer zu helfen, etwa als gefeierte »Späherhunde« der Marine,
der Ozeanforscher und Taucher, dann sind wir weit von meinen
für sie aufgestellten Zielen entfernt. Diese Art von Beziehung
(»niedere Arbeit«) gibt es zwischen Gleichgestellten nicht. Die
Sklaverei (Mensch zu Mensch) hat eine lange Geschichte in unserer
Welt gehabt. Ein Mensch kann heute noch Delphine von einem
anderen Menschen »kaufen«, obzwar er keinen anderen Menschen
mehr kaufen kann. Solange die legale Ansicht herrscht, daß Del­
phine »Tiere« seien, so lange werden sie weiterhin ein Handels­
artikel sein, ausgebeutet für die Zwecke des Menschen. Die Del­

59
phine sind bis jetzt nicht einmal von den »Tierschutzgesetzen«
unter Schutz gestellt.
Kann sein, daß das Wort »gleichwertig« für einen Delphin-
Mensch-Vergleich nicht ganz der richtige Ausdruck ist. Ein Del­
phin kann das sein, was ich einen cognitive equal (etwa »erkennt­
nismäßig Ebenbürtiger«) zum Menschen heiße, und doch, vom
Menschen aus gesehen, ein fremdartiger und sonderbarer Geist.
Wir müssen die Goldene Regel irgendwie übersetzen, und eben­
so wird das der Delphin tun müssen - zum Gebrauch zwischen
derart fremden, aber netten, kooperativen Wesen. Als einer von
dem »anderen« in der Goldenen Regel sollte weder sein Er­
scheinungsbild noch seine Fremdartigkeit des Denkens den einen
oder den anderen abschrecken. Beide Seiten werden nach den
Grundlagen der Gleichwertigkeit suchen müssen. Die Vereinten
Nationen betrachten weder Rasse, Farbe noch Glauben als Un­
terscheidungswerte zwischen den Menschen. Wir wollen hier »Ar­
ten« hinzufügen und diesen Weg als gutes Beispiel für die Art
des Denkens gebrauchen, das wir Delphinen und Walen zuge­
stehen sollten. Zusätzlich zu Rasse, Farbe und Glaubensbekennt­
nis sollten die neuen Kriterien heißen: Ohne Rücksicht auf die
Unterschiede zwischen Arten, ohne Rücksicht auf anatomische
Unterschiede, ohne Rücksicht auf die Elemente, in denen sie le­
ben, sind Geschöpfe mit einem Gehirn oberhalb einer bestimmten
Größenordnung mit dem Menschen »gleichzusetzen«.
Ohne einen derartigen Standpunkt können wir gegen Delphine
gewalttätig vorgehen. Es mag sich heraussteilen, daß zum Bei­
spiel das Schlimmste, das wir einem Delphin antun können, ist,
ihn in einen geschlossenen Behälter (gleich, welcher Größe) zu
setzen und ihm Nahrung und Pflege zukommen zu lassen. Das
gehört ja auch zu den schlimmsten Dingen, die man uns antun
kann.
Eben jene Orte, wo Menschen ähnlich Delphinen isoliert wer­
den, stehen in geringem Ansehen. Wir pflegen Orte, an denen wir
eingesperrten Menschen freie Nahrung und freie Pflege geben,
»Gefängnisse«, »Heilanstalt«, »Kriegsgefangenenlager« usw. zu
nennen. Anders betrachtet, gehören zu den unverzichtbaren Idea­
len jedes Menschen die Bürgerrechte, persönliche Freiheit, privates

60
Unternehmertum, private Initiative. Von diesem Standpunkt aus
behandeln wir die Delphine falsch.
Wir wollen unsere gegenwärtige Handlungsweise gegenüber
Delphinen von einem humanitären Standpunkt aus betrachten.
Um eine Vorstellung von der Situation eines Delphins uns gegen­
über zu bekommen, nehme man einmal an, daß wir als Spezies
durch »Eindringlinge aus dem Weltraum« in deren Lage gebracht
werden.
Die Eroberer kommen in ihren Raumschiffen an. Ihr Erschei­
nungsbild ist uns völlig fremd. Das Ziel der Invasoren ist, Men­
schen als interessante, kluge Tierart zur Schaustellung in ihren
zoologischen Gärten, Zirkussen, Schulen, Forschungsinstituten und
Universitäten zu sammeln. Sie behandeln uns daher so, wie wir
unsere Delphine zur Zeit behandeln.
Diese Eroberer können nicht in der Luft leben. Unsere Atmo­
sphäre enthält zuviel Stickstoff für sie. Stickstoff ist aber auf
ihrem Planeten ihre Energiequelle - genau wie für uns der Sauer­
stoff. So wie 100% Sauerstoff schließlich giftig für den Menschen
werden, so sind das 80% Stickstoff für die Fremden. Durch be­
sondere, uns jedoch nicht bekannte Hilfsmittel verändern die
Eindringlinge für ihren Gebrauch unsere Luft.
Nach langen Untersuchungen bringen die Invasoren heraus,
wie man Menschen einfangen kann. Sie studieren uns lange Zeit.
Sie erfahren, wie neugierig manche von uns gegenüber neuen Din­
gen sind; sie lernen, wie abstoßend ihre Gestalt auf uns wirkt. Sie
lernen, wie manche von uns beim Verlust eines geliebten Men­
schen außer Fassung geraten. Sie lernen, wie man die allgemeine
Denkungsart einer großen Zahl von Menschen dirigieren kann.
Nun gelangen sie in die Lage, das Denken der Massen zu beein­
flussen, sie erdenken »Kriegführung zwischen Menschen«, um
ihre Sammlung von Menschenexemplaren zu erleichtern. Wenn
vom Planeten der Eroberer der Auftrag kommt, mehr Menschen­
exemplare zu sammeln, wird ein Krieg zwischen den Menschen
angefacht. Während des im Krieg herrschenden Chaos sammeln
sie so viele Menschen, wie gebraucht werden. Große Explosionen,
große Feuer und Einnebelungen der Marine werden als Deckung
benützt. Das unerklärbare Verschwinden von Menschen würde

61
ohne solche Maßnahmen sonst durch die Presse eine gewisse Ner­
vosität auslösen.
Die Eindringlinge haben, genau wie wir bei unserem Delphin­
sammeln, mit ihrem Sammelprogramm Schwierigkeiten. Zunächst
sterben die meisten ihrer Menschenexemplare. Die Todesursachen
sind nicht ausreichend bekannt, sie sind ja auch nicht genügend
von den Invasoren studiert worden. Es sind jedoch so viele Men­
schen greifbar, daß die Sammler sich wegen der Verluste nicht
sonderlich aufregen. Erst wenn sie feststellen, daß sie alle ver­
lieren, beginnen sie mit Forschungen über die möglichen Ur­
sachen.
Nach vielen Jahren bekommen die Invasoren heraus, daß die
Menschen zum Atmen Sauerstoff brauchen. Sie erstickten ihre er­
sten Exemplare, weil sie diese in der sauerstofflosen Luft ihres
Raumschiffes hielten. Alles, was sie also zustande bringen, sind
anatomische Untersuchungsobjekte für wissenschaftliche Forschun­
gen auf ihrem Heimatplaneten.
Das Versagen bei der Haltung von lebenden Menschen eröffnet
eine ganz neue Wissenschaft auf dem Planeten der Invasoren.
Sie nennen sie »Interplanetarische Zoologie«. Unter dieser Be­
zeichnung beginnen sie auch die Erforschung der menschlichen
Physiologie. Sie entdecken, daß der Mensch Sauerstoff braucht;
sie halten sie nun in Spezialbehältern, die 20% Sauerstoff und
80% Stickstoff als Atemluft aufweisen. Experimente mit der
Atmosphäre auf dem Heimatplaneten der Invasoren zeigen, daß
sie die Menschen betäubt, selbst wenn der Mischung ausreichend
Sauerstoff zugesetzt wird. Die Forscher entdecken, daß die 80%
Xenon (ein Edelgas) in ihrer Atmosphäre diese Betäubung verur­
sachen. Das Xenon wird entfernt und durch Stickstoff ersetzt.
Die Akademie der Wissenschaften auf jenem Planeten verlor
durch die Untersuchung des menschlichen Stoffwechsels viel Zeit.
Viele Exemplare des Menschen werden geopfert, um diese oder
jene, zuletzt doch unhaltbare Hypothese zu prüfen.
Die Menschen entschließen sich, mit den eingedrungenen Fän­
gern zur Verständigung zu gelangen. Keiner der Invasoren küm­
mert sich darum.
Endlich werden diese Verständigungsversuche von einem inter­

62
essierten Wissenschaftler aus dem Kreis der Invasoren sehr sorg­
fältig beobachtet. Ordnungsgemäß berichtet er seine Beobachtun­
gen der Wissenschaftlichen Akademie auf seinem Planeten. Er
schreibt eine Arbeit über die Hypothese, daß Menschen intelligent
seien. Ein Sturm des Interesses erregt die wissenschaftliche Gruppe
der Invasoren.
Inzwischen werden von einem der im Behälter lebenden Men­
schen diese Forschungsbemühungen der Invasionswissenschaftler
als »Anstrengungen eines Teiles der intelligenten Wesen zur Ver­
ständigung« erkannt. Daraus resultiert ein Sturm von Kontrover­
sen unter den Menschen. »Sind die Invasoren so intelligent wie
wir, wenn sie uns gefangenhalten? Sind sie nicht etwa sadistische
Räuber mit hoher, angeborener Intelligenz (kluge Tiere), jedoch
ohne wirkliche zivilisatorische Ethik? Sie können nicht intelligent
sein, sie besitzen weder einen Sinn für irgendwelche Fairness noch
wirklichen Altruismus hinsichtlich des Menschen.«
Das Menschenexemplar mit der Verständigungstheorie beginnt,
dem Invasionswissenschaftler mit komplizierten Lauten und Ge­
sten zu antworten. Der Mensch macht schnell eine Entdeckung.
Er bekommt keine Antworten, wenn er sein normales Sprech­
spektrum benützt! Er muß seine Stimme etwa um eine Oktave
senken, ehe ihn der Wissenschaftler wirklich hören kann. (Wie gut
bekannt ist, senkt das Einatmen von Xenon die wirkliche Stimm-
frequenz herab. Der Mensch atmet kein Xenon, so daß seine
Stimmfrequenzen ebenso hoch waren, wie sie das im Sauerstoff
der Erde normalerweise sind.) Er findet nun heraus, daß er sein
eigenes Gehör schulen müsse, um die derart tiefe Stimmlage des
Wissenschaftlers hören zu können. Um das Interesse des Invasoren
aufrechtzuerhalten, ahmt er dessen Stimmlaute nach, so gut er
kann. Da sein Nachahmen offensichtlich zunehmend besser wird,
steigt die Erregung unter den Invasoren.
Diese Tatsachen werden nun der Akademie der Wissenschaften
jenes Planeten angezeigt. Als Ergebnis dieses aufflackernden In­
teresses versuchen viele jener Wissenschaftler eigene Forschungen
durchzuführen. Der Psychologe versucht es mit »Conditioning«;
der Physiologe versucht Gehirnmethoden; und die Abrichter
dressieren einige Exemplare für den Zirkus. Die Menschenexem­

63
plare werden gezwungen, »nette« Geräusche zur Unterhaltung
der Invasoren zu produzieren. Die Ausbeuter der Menschen
beginnen aus ihnen Profit zu schlagen.
Inzwischen wird der Originalbericht über die Nachahmung von
Lauten durch den Menschen von der Akademie der Wissenschaften
studiert. Dem Entdecker wird zu günstigen Bedingungen ein For­
schungsprojekt bewilligt, damit er seine Befunde weiterverfolgen
könne. Er setzt seine Forschungen fort, und mit Hilfe des Men­
schen und elektronischer Geräte ersinnt er eine besondere Methode
der zwischenartlichen Verständigung. Und dann wird eine solche
Verständigung nachgewiesen. Die fremdartige menschliche Intel­
ligenz ist zwar nicht gemessen worden, aber in der Gemeinschaft
der Invasoren werden Menschen als gleichwertig anerkannt. Die
Erde wird nicht mehr als Touristenattraktion für Invasionswis-
senschäftler betrachtet. So haben wir ein Happy-End.
Ob wir und die Delphine und Wale jemals so ein Happy-End
erreichen oder nicht - wir sollten doch versuchen, einen Weg von
einem zum anderen zu finden. Es läßt sich für die Parabel von
den Invasoren auch ein anderes, weniger glückliches Ende erdich­
ten. Aber ein derartiges Ende wollen wir erst gar nicht in Er­
wägung ziehen; es ist besser, wir streben nach dem glücklichen
Ende.
In dieser Parabel habe ich ein logisches Extrem vorgeführt, das
der derzeitigen Situation gegenüber den Delphinen und Walen
entspricht. Ich halte dies für einen unrichtigen Weg, denn da­
durch werden solche Ideen bequem in einen sicheren, erdachten
Rahmen abgeschoben.
Mit vier anderen Sprechern wurde ich gebeten, in einem kürz­
lich abgehaltenen Symposion (Lilly, 1966) zu der Frage Stellung
zu nehmen: »Wenn es außerirdisches intelligentes, sich verstän­
digendes Leben gibt, wie können wir das feststellen, und wie
können wir mit ihm eine Verständigung herbeiführen?« Zur Zeit
sind wir anderen Arten gegenübergestellt, die möglicherweise so
intelligent sind wie wir. Wir kennen bis jetzt den Umfang ihrer
Intelligenz nicht. Wir haben nicht einmal den Versuch gemacht,
uns mit ihnen zu verständigen. Wir töten sie, essen sie und be­
nützen ihre Kadaver für industrielle Produkte. Wir haben keine

64
Achtung vor dem Rang ihres Gehirns. Mit anderen Worten: als
Spezies wertet der Mensch andere Arten ab, tötet und ißt sie. Ich
hoffe, das ganze Blutbad kann aufgehalten und etwas Idealeres
kann an seine Stelle gesetzt werden.
Bei der geschilderten Parabel wird die Goldene Regel von den
Invasoren so lange nicht angewandt, bis die Wissenschaftler das
fordern. Wir verwenden die Goldene Regel weder für die Del­
phine und Wale noch für irgendeine andere Art, die anders ist
als wir. Selbst im Umgang mit Angehörigen unserer eigenen
Art neigen wir dazu, ungeheure Mengen aus ihren Reihen zu
vernichten. Als Art sind wir ein recht armseliges Beispiel für
hochintelligente Lebensformen von anderen oder von unserem
Planeten, die eine Verständigung wollten. Laßt uns besser wer­
den!
Vielleicht (und es hat nach unseren Experimenten im Kommu­
nikationsforschungsinstitut den Anschein) wenden die Delphine
die Goldene Regel auf uns an. Auf solche Menschen, die bereit
sind, die Goldene Regel auf Delphine anzuwenden, wenden auch
sie die Regel an. Ich habe den Verdacht, daß wir alle Delphine
vernichten würden, wenn sie nicht eine derartige Regel auf uns
anwendeten.
Wenn moderne Menschenfreunde ausreichend daran interessiert
sein werden, entweder selbst mit den Delphinen zu arbeiten oder
die Ergebnisse der Forschungen anderer zu erhalten, werden wir
genügend Informationen zusammenbekommen, um die wirkli­
chen ethischen Grundlagen der Delphine zu diskutieren. Das
Thema könnte von einem Religionsführer aufgegriffen und ent­
sprechend erledigt werden. Ich hoffe nicht. Ich hoffe vielmehr,
daß ein Rahmen innerhalb unserer Gesellschaft gefunden wird,
in dem eine solche Arbeit zu Ende geführt werden kann.
Wenn wir plötzlich wirklichen Invasoren aus dem Weltraum
gegenüberstehen und immer noch in der militärischen Bewaffnung
der Weisheit letzten Schluß sehen, dann werden wir unausbleiblich
zu den Waffen greifen - zu sehr und zu schnell.
Die Walfängerei kann weiterexistieren, da es keine Goldene
Regel für einen zwischenartlichen Verkehr gibt. Wenn etwa wal­
ähnliche Geschöpfe aus dem Weltraum auf die Erde kämen,

65
würde es nicht ausbleiben, daß unsere militärischen Stäbe diesen
Besuch für eine »Invasion« halten würden. Selbst wenn die zu
Besuch kommenden Wale in einer freundschaftlichen Mission zu
uns kämen, hätten sie keine Chance, das zum Ausdruck zu brin­
gen. Vermutlich würden sie bereits abgeschossen werden, ehe sie
überhaupt in den Gesichtskreis unseres Planeten gelangen.
Wenn die Walfängerei ein gutes Beispiel für die Art und Weise
ist, wie wir harmlose höhere Wesen im Meer behandeln, kann
man sich vorstellen, wie wir harmlose höhere Wesen behandeln
würden, die in einem Raumschiff ankommen. Hier, bei den Wa­
len, haben wir höhere Gehirne vor uns, aber wir bestehen darauf,
daß sie nicht höher sind und daß sie nur gute Nahrungs- und
Düngemittel abgeben. Wenn ich aus einer älteren, weitaus höheren
Kultur von irgendeinem Platz im weiten Universum stammte, ich
würde empfehlen, diesen Planeten zu meiden. Die menschliche
Spezies ist derart arrogant, daß sie nicht einmal ihre eigene
Entwicklungshöhe erkennt. Der einzige Weg, die Masse Mensch
zur Anerkennung einer anderen Art zu zwingen, besteht darin,
sie in einem Krieg zu schlagen.
Oftmals stellt man mir die Frage: »Wenn die Wale so geschickt
sind, warum lassen sie sich von uns töten?« Ebenso werde ich
gefragt: »Wenn die Wale so intelligent sind, warum beherrschen
sie nicht an Stelle des Menschen die Erde?« Diese Fragen enthül­
len viel über den Fragesteller. Ich überlege meine Antworten
sorgsam. Man könnte recht zornig über so viel Einsichtslosigkeit
werden, die sich in solchen Fragen offenbart. Es kann peinlich
sein.
Meine Antwort ist gewöhnlich ein humorig-ernsthafter Scherz.
Ich gebe vor, daß »wir« kürzlich die Bedeutung eines Wortes aus
der Sprache der »Mordwale« enträtselt hätten, und zwar das
Wort, das sie zur Bezeichnung des Homo sapiens besitzen. Frei
übersetzt bedeute ihr Wort soviel wie »Mordaffe«.
Wir haben einen der größten Delphine »Mordwal« benannt;
der Ausdrude stammt von den Walfängern des vorigen Jahr­
hunderts, die Orcinus orca beim Töten und Aufessen der großen
Wale sahen (genau wie wir mit ihnen, mit Kühen, Schafen und
Schweinen verfahren).

66
Der schlechte Ruf dieser großen Delphine ist kaum verbürgt.
Es gibt keinen überlieferten Fall von einem Wal, der ohne Provo­
zierung jemals einen Menschen angegriffen hätte. In einigen Fäl­
len liegt eine Verwechslung mit dem großen weißen Hai vor, der
natürlich kein Wal ist. Um ein wahres Bild zu erhalten, sehe
man sich den Film über den Wal »Namu« an (der so ein »Mord­
wal« war) oder den Artikel im National Geographical Maga­
zine vom Jahre 1966.
Oft habe ich mir die Frage gestellt, was wohl ein Gehirn denkt,
das sechsmal größer als meines ist. Ich stelle die Frage rhetorisch,
nicht arbeitsmäßig. Da wir die Gedanken von Geschöpfen nicht
kennen, die anders als wir sind und doch dieselbe Gehirngröße
haben, enthält diese Frage einleuchtenderweise noch mehr Un­
bekannte, als sie das auf den ersten Anschein hin hat.
Die Spermwale besitzen sechsmal so große Gehirne wie wir.
Bevor sie vom Menschen ausgerottet werden, würde ich ganz
gern mit einem Spermwal in Gedankenaustausch treten. Ich bin
allerdings nicht sicher, ob er daran interessiert ist, mit mir in
Verbindung zu treten, denn mein Gehirn ist sicherlich viel be­
grenzter als das seine. Irgendwie bin ich überzeugt, daß ein der­
art großes Gehirn recht effektiv gebraucht wird. Ebenso überzeugt
bin ich, daß es Fähigkeiten besitzt, die jenseits meiner Fassungs­
kraft liegen (J. C. Lilly, 1962 und 1963).
Ich würde gern mit einem Spermwal Gedanken austauschen,
weil die Fähigkeit und das Potential eines derart riesenhaften
Computers so weit jenseits unserer gegenwärtigen Theorien steht,
so weit selbst jenseits unserer Vorstellungskraft, daß das eine
faszinierende Sache wäre. Ich weiß einen theoretischen Weg, der
eine Vorstellung geben mag, worauf und wohin wir sehen müß­
ten, wenn wir jemals zur Verständigung mit Spermwalen gelan­
gen. Die Anfänge dieser Theorie sind in »Mensch und Delphin«
festgehalten. In dem vorliegenden Buch möchte ich diese ein wenig
erweitern, um einige Punkte klarzustellen.
Die Theorie lautet folgendermaßen: Das Gehirn des Sperm-
wals ist so groß, daß er nur einen kleinen Teil davon benötigt,
um seine Lebenserfordernisse abzuwickeln. Den übrigen Teil des
Gehirns nützt er für Funktionen, die wir nur mutmaßen können.

67
Seine Lebenserfordernisse (einschließlich Nahrungsaufnahme,
Jagd, Geschlechtsleben und Feindvermeidung) dürften einen so
kleinen Teil seines Gehirns in Anspruch nehmen, daß er sie mit
einem sehr kleinen Teil seiner geistigen Fähigkeiten bestreiten
kann. Das bedeutet nicht, daß er jene Dinge mit Hilfe von Re­
flexen und angeborenen Instinktmustern verrichtet. Es bedeutet,
daß er sie irgendwie ähnlich wie wir verrichtet. Um so zu den­
ken wie wir, würde er ungefähr ein Sechstel seines Gehirnes be­
nötigen. Für ihn könnte daher unser bestes Denken wie auto­
matische Reflexe und primitiv erscheinen.
Der übrige Teil dieses massiven Computers speichert unauf­
hörlich innere Erfahrungen, die jenseits unseres gegenwärtigen
Verstehens liegen. Wenn etwa ein Spermwal irgendeine zurücklie­
gende Erfahrung sehen-hören-fühlen will, kann sein riesiger Com­
puter diese zurückprogrammieren und nochmals ablaufen lassen.
Sein Computer vermittelt ihm ein Wiedererleben wie vermittels
eines dreidimensionalen Ton-Farbe-Geschmack-Erregungs-Wie-
dererlebnis-Films. Er kann daher das Erlebte genauso vorbeizie­
hen lassen, wie es sich ursprünglich ereignet hat. Er kann sich vor­
stellen, wie er die Erfahrung abwandeln muß, um es das nächste
Mal, wenn er Derartigem wieder begegnet, besser zu machen.
Er kann ein Modell von dem Vorgehen errichten, das er das
nächste Mal einschlagen wird, damit seinen Computer reprogram-
mieren, ablaufen lassen und prüfen, wie gut er arbeitet.
Genau das machen wir gegenwärtig mit einigen der großen
künstlichen Computer. Wir programmieren diese, um ein Modell,
sagen wir von einem Meeresbecken zu machen, vom Schlammfluß
am Grund und der Strömung an der Oberfläche und von ver­
schiedenen Formen der Veränderungen, die über einen langen
Zeitraum ihren Einfluß ausüben. Wir können dann den Compu­
ter dazu bringen, das Modell über eine Periode von hundert Jah­
ren innerhalb weniger Stunden ablaufen zu lassen, und herausbe­
kommen, wie die Erosion am Ende dieser Periode beschaffen sein
wird. Auf gleichem Wege kann der Spermwal seine frühere Er­
fahrung abwandeln und diese das nächste Mal, wenn er einer
ähnlichen Situation begegnet, wechseln.
Der Spermwal hat vermutlich »religiöse« Ambitionen und Ein­

68
sichten weit jenseits all dessen, was wir kennen und durch jede
derzeitige Methode erfahren können.
Mit unserem begrenzteren Geist und Gehirn können wir diese
Erfahrungen nur unter sicheren und kontrollierbaren Bedin­
gungen haben; das heißt, wir können sie nicht haben während
der Periode intensiver Berechnungen, die unserem leiblichen Wohl
gelten. Solche Berechnungen (notgedrungen, wegen unserer Be­
grenzungen) nehmen unseren ganzen Computer in Anspruch.
Wenn wir eine »transzendente Erfahrung« herbeiführen wollen,
müssen physikalische und soziale Umgebung so beschaffen sein,
daß wir sichergehen, daß die äußere Wirklichkeit uns keinen
Schaden zufügt. Jedes Programm ist so kompliziert, daß unsere
kleinen Computer jeweils nur eines davon verarbeiten können
oder doch nur mäßige Arbeit leisten, wenn beide Programme auf
einmal bewältigt werden sollen. (Ich mag hier meiner Spezies
einen schlechten Dienst erweisen. Manche Menschen sind mit sol­
chen Experimenten vielleicht viel weiter gekommen als ich, und
vielleicht können sie beide Programme zufriedenstellend und
gleichwertig auf einmal verarbeiten.)
Möglicherweise ist der Spermwal so weit in philosophische Stu­
dien eingedrungen, daß er die Goldene Regel nur als einen Spe­
zialfall einer viel umfassenderen Ethik sieht. Verglichen mit uns,
verfügt er vielleicht über Fähigkeiten, die wirklich gottähnlich
sind. Aus meiner Theorie leitete ich ab, daß Attacken von Sperm-
walen auf Menschen selten sein müssen, sieht man von gelegent­
lichen Fällen ab, bei denen sie von Menschen in extremer Form
provoziert wurden.
Ich überprüfte diese theoretische Ableitung durch Daten, die in
den alten Walfänger-Logbüchern in einem Museum zu finden
waren. Diese Daten waren faszinierend. In sechs Fällen hat es
eine Provokation des Spermwals durch Menschen gegeben.
Zunächst wurden die Fälle aus Zeitungsberichten des 19. Jahr­
hunderts ausgewählt, die von Attacken der Spermwale auf Schiffe
und Boote handelten. In diesen Zeitungsberichten stieß ich häufig
auf den Ausdruck »nicht-provozierte Attacken«. Das erwies sich
als unwahr. Jeder der Angriffe war provoziert, wie ich aus den
Originalhandschriften der Logbücher des betreffenden Schiffes

69
selbst feststellte. In jedem einzelnen Fall war festgehalten, daß
ein oder mehrere »Eisen« in den Wal geschleudert worden waren.
Einige solcher Wale sind gefangen worden, und man fand, in
ihren Seiten festgewachsen, die Eisen von sage und schreibe fünf
oder sechs Schiffen.
Der Roman »Moby Dick« von Herman Melville gründet sich
auf einen solchen wirklichen Fall. Der darin vorkommende
Spermwal wurde von den Walfängern »Mocha Dick« genannt.
Sechs Harpunen von fünf verschiedenen Schiffen wurden in ihm
aufgefunden, als er endlich gefangen werden konnte.
Daraus können wir ersehen, daß der Spermwal im allgemeinen
den Menschen nicht angreift, solange er nicht von ihm attackiert
wird. In einem verzweifelten Versuch, den Verfolgern zu ent­
kommen, oder sein eigenes Leben oder das eines anderen Sperm-
wales zu retten, kann er zum Wenden und Zerstören provoziert
werden.
Warum greifen sie uns aber nicht ohne vorangegangene Pro­
vokation an? Ich glaube, sie wissen, daß wir gefährlich sind, daß
wir überhaupt das gefährlichste Tier auf diesem Planeten sind.
Ich glaube, sie wissen, daß wir uns schnell organisieren und sie
von der Erdoberfläche verschwinden lassen würden, wenn sie uns
unprovoziert angriffen. Ich glaube, sie wissen, daß wir nun die
Mittel hierfür haben. Ein großer Teil unserer atomaren und nu­
klearen Bombenversuche wurden über und im Pazifischen Ozean
durchgeführt, dicht an den Routen der großen Wale.
Selbst wenn sie nicht durch unsere Atombombenversuche ge­
warnt worden wären, hat sie doch unsere Walfängerei längst über
unsere gefährlichen Fähigkeiten informiert. Sie treffen mit allen
möglichen Schiffen einschließlich Einzelseglern in kleinen Fahr­
zeugen zusammen. Sie müssen heute wissen, daß nur gewisse Ar­
ten von Schiffen gefährliche Menschen an Bord haben, das heißt
Walfangschiffe, Bombenversuchsschiffe, Kriegsschiffe und gewisse
Luftfahrzeuge.
Das Abschlachten dieser mächtigen Lebewesen muß ein Ende
haben. Wir sollten statt dessen neue Projekte anstreben, um die
Wale zu erhalten. Große private und staatliche Mittel sollten
dieser Aufgabe zugewandt werden, und man sollte interessierte

70
und intelligente Menschen auf den Plan rufen, ihr Leben dem
Problem zu widmen, mit diesen mächtigen Gehirnen und Geistern
eine Verständigung zu erreichen.
Der Schwerpunkt zwischenartlicher Verständigung, der Gipfel
zwischenartlicher Verständigung liegt, soweit voraussehbar, eben
hier: Aufbau einer Verständigung mit den Delphinen, mit den
mittelgroßen Walen und mit dem großen Spermwal. Ich stelle
mir ein Projekt vor, so weitreichend wie unser derzeitiges Welt­
raumprogramm, dem sich unsere besten Geister, unsere besten
Techniker, unser riesiges Netzwerk von Computerleuten und
Computereinrichtungen zuwenden, und viel Zeit dazu, um diese
im Grunde friedvolle Mission der zwischenartlichen Kommuni­
kation gerade hier auf unserem Planeten durchzuführen.
Es ist ein wenig entmutigend, wenn man sieht, wie diese her­
vorragende Gelegenheit von der menschlichen Rasse links liegen­
gelassen wird. Ich hoffe nur, daß genügend Menschen von jenem
Enthusiasmus befeuert werden, den ich dafür empfinde, und daß
sie dann solche Bemühungen mit einer Triebkraft beginnen, die
ähnlich ist der, die wir für die Raumforschung, die Meeresfor­
schung, die Kernenergieforschung und die Kriegsführung aufbrin­
gen. Der Lohn für die menschliche Rasse, nämlich neue Erfah­
rungen, neue Denkwege, neue Philosophien, kann sehr groß sein.
Die Erfahrung aus einem solchen Unternehmen mit irdischen Ge­
schöpfen wird den Weg bereiten für außerirdische Lebewesen,
wenn sie unsere Existenz entdecken sollten. Die »Invasoren« wer­
den mit verständnisvolleren Menschenwesen Zusammentreffen,
und wir werden dann verdienen, als »intelligente, kooperative
Art« innerhalb unseres Milchstraßensystems anerkannt zu wer­
den. Solange dieser Zeitpunkt nicht gekommen ist, rate ich allen
außerirdischen Besuchern, den Menschen zu meiden. Er ist ge­
fährlich, unberechenbar, mächtig, ein »geistig bewegliches Tier«,
das in mörderischem Zusammenspiel arbeitet.
In »Mensch und Delphin« sagte ich voraus, daß wir eine Ver­
ständigung mit einer anderen Art innerhalb eines oder zweier
Jahrzehnte erreichen werden. Seit 1960 ist mehr als ein halbes
Jahrzehnt vergangen. Wenn wir weiterhin bei der Delphinfor­
schung unterstützt werden, könnte ich mir vorstellen, daß diese

71
Schätzung weder zu lang noch zu kurz war. Wenn wir noch grö­
ßere Mittel bekommen könnten als gegenwärtig, müßten wir -
besonders bei Tursiops truncatus, dem Großen Tümmler - in der
Lage sein, die Barriere bald zu durchbrechen. Dieses Buch ist die­
sem Programm gewidmet; es zeigt, wo wir heute stehen, welches
unsere bisherigen Fortschritte waren und welche künftigen Pläne
wir noch haben.

72
III. KAPITEL

Verständigungsunterschiede bei Mensch und Delphin

Wie werden wir gewahr, daß uns jemand anspricht? Wie wis­
sen wir, ob er nicht eine Melodie summt, ein Lied singt, mit sich
selbst redet, mit jemand anderem spricht, eine Vision halluzi­
niert, Unsinn hersagt, ein Echo mit seiner Stimme hervorruft oder
in einer uns fremden Sprache zu uns spricht?
Stellen wir uns zunächst die Frage, wie wir wissen können,
daß jemand zu uns spricht, dann sehen wir, daß die von uns
verwendeten Schlüssel millionenfach sind. Diese Schlüssel sind
sehr subtil und bergen viele Alternativen. Und doch kommen wir
zu einem schnellen und richtigen Schluß. Solange das andere We­
sen ein Mitglied unserer Spezies ist, reagieren wir schnell und
leicht. Wir können auch folgen, wenn es sich einer fremden Sprache
bedient oder ein Kind ist, das der Sprache noch nicht richtig mäch­
tig ist; irgendwie wissen wir das für alle menschlichen Sprachfor-
men, wenn nur der Redefluß gerade in unsere Richtung geleitet
wird. Umgekehrt haben wir nicht diesen unmittelbaren und schnel­
len Erfolg, wenn die organische Form des Sprechers grundsätzlich
von der unsrigen abweicht. Wir haben eine schwierige Vielfalt
neuer Daten vor uns, die unsere Entscheidungsvorgänge behin­
dern. Wir haben verborgene Meinungen, die uns von der Er­
kenntnis abhalten, daß solche Wesen bestrebt sind, mit uns zu
sprechen.
Für eine vollständige Kommunikation mit einem anderen We­
sen benötigen wir einen ziemlich eng umgrenzten Bestand an
typischen Merkmalen. Grundsätzlich benötigt jeder von uns ein
Gegenüber, das ein vollständiges Gegenstück zu unserem eigenen
Körper und unseren eigenen geistigen Fähigkeiten ist. Wir legen
beinahe Gewicht darauf, daß wir nur zu unserer Außenprojek­
tion reden. Wenn die andere Person uns ein wenig ähnlich ist,
wird es uns leichter zu sprechen, aber nicht unbedingt leichter,

73
nützliche Informationen zu übermitteln. Idealerweise wäre ein
Duplikat unseres eigenen Ichs, mit identischer Form, identischer
Erfahrung, identischem Geschlecht und identischem Alter die ge­
eignetste Person als Gegenüber für einen Erfahrungsaustausch.
Eine derartige Gleichheit hätte die größte Wahrscheinlichkeit für
eine vollständige Kommunikation. Den einzigen diesem ähnlichen
Fall stellen identische, das heißt eineiige Zwillinge vor.
Solche Zwillinge könnten eine eigene Sprache entwickeln, von
ihnen ersonnen, ehe sie die übliche Sprache ihrer Eltern lernen.
Wenn man daher ebenso die Gene des einen und die Gene der
angesprochenen Person heranziehen kann, zählt das vor allem
dann, wenn es sich um identische oder nahezu identische Erban­
lagen handelt. An Stelle von Zwillingen kann man auch andere
Geschwister setzen; man kann manchmal zu einem Bruder oder
einer Schwester annähernden Alters viel besser sprechen als zu
den eigenen Eltern oder Kindern. So können wir also ein Spek­
trum von Menschen aufstellen. Mit manchen Menschen kann man
sich sehr leicht verständigen, und mit anderen, die sich am anderen
Ende des Spektrums befinden, nur schwer.
Barrieren werden beispielsweise von Geschlechtsunterschieden
errichtet. Noch mehr Barrieren sind durch genetische Unterschiede
bedingt. Eine verschiedene Nationalität, eine verschiedenartige
Sprache bedeuten noch größere Barrieren. Unterschiede in der
Körperentwicklung können grenzziehend sein; wenn jemand einen
gespaltenen Gaumen oder einen durch die Zirbeldrüse bedingten
Zwerg- oder Riesenwuchs hat, kann er sehr große Schwierigkei­
ten bei der Verständigung mit den sogenannten »normalen« Mit­
gliedern der eigenen Art haben.
Gehirngröße und Gehirnentwicklung bewirken wahrscheinlich
die größten Unterschiede in dieser Richtung. Ein Mikrokephale
(krankhaft Kleinköpfiger) wird nicht in der Lage sein, eine kom­
plizierte Sprache zu lernen. Ein aus irgendeinem anderen Grunde
unterentwickeltes Gehirn mag dieselben Probleme haben.
Aber über allen diesen Begrenzungen steht die monumentale
eine, die eine Grenze zwischen uns und einer anderen Art setzt.
Wir wollen uns diese Frage in folgender Weise vergegenwärti­
gen: Nehmen wir an, wir hätten ein menschenähnliches Geschöpf

74
vor uns, dessen Gehirn ein Viertel bis ein Drittel des unsrigen
ausmacht. Dieses Geschöpf hat zwei Eigenschaften, die eine
Barriere der Verständigung mit uns setzen: 1. Es besitzt ein gänz­
lich verschiedenes Erbgefüge mit unbekannten, angeborenen Be-
grenzungsfaktoren. 2. Es hat ein kleineres Gehirn mit einer ge­
ringeren Fassungskraft gegenüber unserem Gehirn. Das ist der
Fall bei den Menschenaffen, nämlich Schimpansen, Gorilla und
Orang-Utan.
Der Anblick dieser Geschöpfe verwirrt uns: ihre Körperform
erinnert an die unsere. Sie haben Arme mit Händen, Beine mit
Füßen, einen sichtbaren Hals, ein ausdrucksvolles Gesicht, keinen
Schwanz, sie leben am Festland und ernähren sich ähnlich wie wir.
Ihre Fortpflanzung und ihre Kinderaufzucht erinnern überra­
schend stark an die Verhältnisse bei uns.
Wenn wir den Größenunterschied der Gehirne verringert sehen
wollen und unter den anderen bekannten Tierarten auf diesem
Planeten suchen, dann blicken wir auf die meisten der anderen
Arten des Tierreichs vergeblich; wir finden kein gleich großes oder
größeres Gehirn als das unsere. Es gibt in der Primatenreihe eine
große Kluft zwischen dem, was wir als eine ausreichende Gehirn­
größe bei unserer eigenen Art ansehen, und dem größten Men­
schenaffengehirn. Wie ich in »Mensch und Delphin« hypothetisch
ausgeführt habe, hat der Mensch, als er die zur Entwicklung einer
Sprache ausreichende Gehirngröße entwickelt hatte, vermutlich
alle »protohumanen« Typen der Primaten im Konkurrenzkampf
um Lebensraum und Nahrung ausgerottet. Die Sprache gab ihm
eine solche Überlegenheit bei der Jagd, daß er seine Rivalen ziem­
lich schnell beseitigen konnte; zum Beispiel durch Zusammen­
wirken der Hordenmitglieder, die auch entfernteren Kumpanen
Schießkommandos übermitteln konnten. Mit anderen Worten, es
gibt keinen anderen Primaten außer Homo sapiens, dessen Gehirn
so groß wäre wie das des Menschen selbst. Kein Primate hat ein
Gehirn, das größer wäre als das des Menschen, noch gibt es einen,
dessen Gehirngröße gerade dicht unterhalb der des Menschen liegt.
Vielleicht sind einige der kleinbehirnten Mikrokephalen Rück­
schläge auf protohumane Typen. Großhirnige Menschen haben
mit den meisten kleinbehirnten Menschen ihre Schwierigkeiten.

75
Bei unserer Suche nach einem Gehirn, dessen Größe dem des
Menschen gleichkommt, müssen wir uns hinsichtlich der Körper­
form und des Lebensraumes weiter entfernen. Wir müssen in
das Meer gehen, um gleich große Gehirne zu finden. Dort haben
wir sie noch nicht von unserem Planeten gelöscht. Einige der mit­
telgroßen Delphine besitzen unsere Gehirngröße; sehr junge und
kleine Elefanten können so kleine Gehirne wie wir haben. Das
ist alles. Die großen Elefanten, die großen Delphine, die Wale,
alle haben viel größere Gehirne als wir. Die kleinen Delphine
und Tümmler haben kleinere Gehirne. Um gleich große Gehirne
zu finden, haben wir nur einige Wahlmöglichkeiten: die mittel­
großen Delphine (Abb. 1).
Die Körperform jedoch, die Physiologie und das Element, in
dem sie leben, sind durchgreifend anders. Die Arme der Delphine
besitzen zwar alle Knochen, die wir auch haben, aber sie sind alle
miteinander verbunden und bilden ein festes Paddel (oder Ru­
der). Die Hinterbeine fehlen vollständig. Nur ab und zu findet
man rückgebildete Reste von Hinterbeinen bei diesen Arten. Es
ist ein sehr langer und kraftvoller Schwanz mit Flossen ausgebil­
det; wir haben nichts Gleichartiges, genauso wie die Delphine
keine homologen Strukturen für unsere Beine besitzen. Es gibt
kein Anzeichen eines Gesichtsausdruckes. Die Delphine haben
keinen abgesetzten Hals, der Kopf geht in die Rückenlinie über.
Die Kiefer sind vier- oder fünfmal so lang wie unsere. Der äußere
Teil unseres Ohres, die Muschel, fehlt völlig (deren Funktionen
werden von besonderen Strukturen im Kopf übernommen). Ihre
Nase öffnet sich nicht am Vorderende des Oberkiefers; sie öffnet
sich am Vorderkopf als Blasloch. Die Milchdrüsen sitzen nicht
auf der Brust; sie sind hinten bei den Genitalien.
Es ist sehr schwer, uns selbst oder unsere Anatomie damit zu
identifizieren, um sich in diese Geschöpfe einfühlen zu können.
Zusätzlich zu all diesen anatomischen Schwierigkeiten kommen
die großen Unterschiede zwischen ihrem und unserem Element.
Wir bewegen uns im wesentlichen zu Lande durch die Luft
fort, wobei wir die Luft zur Seite drängen. Wir sind grundsätz­
liche Geschöpfe des Trockenen. Sie leben im Meerwasser, drän­
gen dieses beiseite, atmen zwar die Luft über ihm, verbringen aber

76
Abb. 2. Vergleich des Schwimmens zwischen Mensch und Tümmler.

Jede Art besitzt in ihrer eigenen Umwelt einigermaßen ähnliche


Leistungen. Die Zeichnung zeigt die Durchschnittsgeschwindigkeit bei
verschiedenen Entfernungen. Die Geschwindigkeit ist in Knoten (1 Kno­
ten = 1 Seemeile pro Stunde), die Entfernung in Yards (1 Yard =
91,44 cm) und Meilen (1 Meile = 1852 m) angegeben. Die Daten für
den Menschen (H.s.) stammen aus dem Guinness Book of World Re­
cords. Für den Delphin (T.t.) stammt der erste Punkt aus unseren Daten
vom Herausspringen aus dem Wasser; dieser Punkt ist nach der er­
reichten Höhe berechnet. Der zweite Punkt stammt aus den Daten von
T. Lang, K. Norris und T. Pryor. Die Laufkurven des Menschen stel­
len die bislang erreichte Höchstleistung dar, die Kurven für die Del­
phine die Leistungen, die bislang genauer festgestellt wurden. Andere
Delphine können noch schneller schwimmen, während der Schweins­
wal wahrscheinlich langsamer schwimmt, als es die Kurve zeigt.

77
doch die meiste Zeit unter der Oberfläche im Wasser selbst. So wie
wir trocken sind, sind sie naß.
Die Schnelligkeit unserer Fortbewegung in der Luft auf der
trockenen Oberfläche des Festlandes ist leicht meßbar (Abb. 2).
Wir bewegen uns auf unseren eigenen Füßen auf dem trockenen
Land mit einer Geschwindigkeit von drei bis achtzehn Knoten vor­
wärts (ein Knoten = eine Seemeile pro Stunde = 1.853m/Stunde).
Die Delphine können diese Geschwindigkeiten im Meer leicht
mitmachen, sie können sie sogar noch übertreffen. Wir wissen,
daß sie die 18 Knoten weitaus länger durchhalten können als die
seltenen Rekordläufer in ihrer besten Form. Sie können diese
18 Knoten über einen 1000-Meter-Lauf hinaus durchhalten, bei
dem der Spitzenrekordler nur mehr 12,5 Knoten schafft. Wenn
die Meile erreicht ist, ist der Mensch auf 10 Knoten abgefallen,
während der Delphin immer noch seine 18 Knoten hält. So kann
ein normaler Delphin jene Geschwindigkeiten aufrechterhalten,
die nur Ausnahmemenschen erreichen.
Im Bereich der Stimme ist unsere Verständigung im wesentli­
chen auf die Luft zugeschnitten. Der Delphin bringt die Ver­
ständigungslaute in seinem Kopf durch Luftströmungen hervor;
der Schall wird durch sein Fleisch in das Meer geleitet und ist auf
das Wasser zugeschnitten. Die Grenzgeschwindigkeit unserer
Schallvermittlung in der Luft beträgt 340 m pro Sekunde oder
etwa 640 Knoten. Die Lautübermittlung der Delphine hat im
Meerwasser eine Grenzgeschwindigkeit von 1540 m pro Sekunde
oder 2900 Knoten. Auf diese Weise ist die Verständigungsge­
schwindigkeit der Delphine etwa 4,5-mal schneller als unsere.
Mit diesen Zahlen wollen wir nun die Werte anderer Variablen
bestimmen.
Wie lang ist zum Beispiel die räumliche Ausdehnung einer
unserer Verständigungen in einem bestimmten Augenblick? Von
dem Augenblick an, in dem wir etwas zu sagen beginnen, bis zu
dem, in dem wir wieder aufhören, wandert diese Botschaft in
konzentrischen Kreisen mit der Geschwindigkeit des Schalles von
uns weg. Der Anfang oder die »Vorderkante« des Satzes wan­
dert auswärts, der Rest der Botschaft folgt, und danach kommt
das Ende, die »Hinterkante«. Messen wir die Entfernung von der

78
Vorder- zur Hinterkante, bekommen wir eine Vorstellung von
der Länge der Botschaft im »Luftraum« oder, im Falle des Del­
phins, im »Wasserraum«. Es sagt beispielsweise jemand ein sehr
kurzes »Nein«. Dieses Wort dauert schätzungsweise 0,2 Sekun­
den. Die Entfernung von seiner Vorder- zu seiner Hinterkante
in den aus den Mund hervorkommenden und wegwandernden
konzentrischen Kreisen beträgt 6,8 m. Wenn also der Lauscher
6,8 m entfernt ist, erreicht der Anfang des »Nein« sein Ohr ge­
rade in dem Augenblick, da das Ende des Wortes den Mund des
Sprechers verläßt. Steht er näher, trifft natürlich der Anfang
sein Ohr, ehe das Ende den Mund verlassen hat. Steht er weiter
als 6,8 m entfernt, hat der Anfang des Wortes sein Ohr noch
nicht erreicht, wenn das Ende den Mund bereits verlassen hat.
Im Gegensatz dazu ist ein 0,2 Sekunden langer Pfiff eines
Delphins unter Wasser 31 m lang. Die Vorderkante eines solchen
Pfiffes erreicht also einen 31 m weit entfernten Delphin gerade in
dem Augenblick, da das Ende des Pfiffes den lauterzeugenden
Apparat unter dem Blasloch verläßt. Wie später noch besprochen
werden soll, wird der Anfang eines Pfiffes dieser Zeitdauer von
einem Delphin, der 15,5m weit von einer Unterwassermauer
entfernt ist, als zurückgeworfenes Echo in dem Augenblick ge­
hört, in dem das Ende des Pfiffes seinen Kopf verläßt. Ist er
diesem Hindernis noch näher, wird sich der Beginn des Pfiffes
als Echo mit dem Ende überschneiden, das heißt, er trifft ein, ehe
die Hinterkante des Pfiffes den Kopf verlassen hat. Wie später
gezeigt wird, ist das für Delphine von großer Bedeutung.
Eine der einzelnen Schallwellen innerhalb dieser langen Über­
mittlungen hat eine besondere Länge, die »Wellenlänge«, die
vom Scheitel der einen Amplitude (d. i. Schwingungsweite) bis
zum Scheitel der nächsten reicht. Bei der menschlichen Sprache
reicht die Wellenlänge der einzelnen Schallwelle von 3, 4 m (nie­
derste Frequenzen von 100 Hz) herab bis zu sehr kleinen Werten
bei höchsten Frequenzen. So ist etwa die Wellenlänge bei Fre­
quenzen am oberen Ende des Konsonantenbandes (etwa 8000 Hz)
nur 4,25 cm lang”'.
* Eine Schwingung pro Sekunde = 1 Hz (Hertz), 1000 Schwingun­
gen pro Sekunde = 1 kHz (Kilo-Hertz).

79
Diese Wellenlängen sind wichtig für das Bestimmen der Rich­
tung, aus der ein Schall auf uns zukommt. Ist die Wellenlänge
sehr lang, verglichen mit der Entfernung zwischen unseren bei­
den Trommelfellen in den Ohren, dann werden beide Trommel­
felle gleichzeitig einer ungefähr gleich starken Druckbelastung
ausgesetzt. Wir können die Richtung sehr tiefer Töne (mit langer
Wellenlänge) nicht gut ausmachen. Bei kürzeren Wellenlängen
mit entsprechend höheren Tonlagen sind die Druckverhältnisse
in den beiden Ohren ungleich; auch die Ankunftszeiten der Druck­
veränderungen, von denen die Trommelfelle betroffen werden,
sind nicht die gleichen. Die Anzeigevorrichtungen in unseren
Ohren und die mit ihnen gekoppelten Hirnleistungen vermögen
recht gut die winzig kleinen Unterschiede in der Druckstärke und
in der Ankunftszeit der gleichen Druckwellen aufzunehmen. Er­
tönt nun ein tiefer Baßton an der Küste und man befindet sich
selbst inmitten eines großen Sees oder am Meer (um vielfache
Reflexionen von irgendwelchen Gegenständen auszuschalten),
kann man die Position dieser Geräuschquelle innerhalb eines klei­
nen Abschnittes der 360 Grad rund um den Kopf ausmachen; bei
den niederen Frequenzen kann man zum Beispiel ein Nebelhorn
innerhalb eines Bereiches von etwa 2 Grad bestimmen, auch
wenn dichter Nebel die Sicht nimmt. Diese Eigenschaft tiefer
Töne macht Nebelhörner so erfolgreich. Ihre tiefen Baßtöne
durchdringen buchstäblich meilenweit den Luftraum. Ganz allge­
mein durchdringen nämlich niedere Frequenzen den Luftraum
leichter und schneller als hohe, die nicht nur durch direkte Ab­
sorption seitens der Luft und ihrer Schmutzteilchen abgeschwächt
werden, sondern auch leicht von verschieden warmen Luftschich­
ten gebrochen und von kleinen Objekten zurückgeworfen werden
können. Die längeren Wellenlängen der niederen Frequenzen
werden durch solche Prozesse weniger beeinflußt. Zusammenfas­
send kann man sagen: Die Vorder-Hinterkanten-Länge der nie­
deren Frequenzen ist lang genug und widersteht wesentlicheren
Beeinflussungen durch irgendwelche Temperaturgefälle, feste
Gegenstände oder Absorptionsvorgänge.
Die Richtungsanzeige höherer Frequenzen ist nun besser als die
der niederen Frequenzen. Solange nicht Echos die gegebene Rich­

80
tung der Schallquelle stören, können wir eine hochfrequentige
Schallquelle innerhalb eines sehr kleinen Bruchteiles von einem
Grad orten. Spezialräume, sogenannte echolose Kammern, las­
sen uns das im Laboratorium demonstrieren, ohne daß man in
das die Verhältnisse stets verwirrende freie Gelände hinaus
muß.
Unsere Ohren sind annähernd 17 cm voneinander entfernt.
Das entspricht einer Wellenlänge von etwa 2 kHz oder einer hal­
ben Wellenlänge von 1 kHz. Das sind zwei wichtige Frequenzen
im Mittelbereich unseresGesprächs-Verständigungsbandes. Unsere
am leichtesten auszumachende Frequenz liegt bei 1 kHz, also
1000 Schwingungen pro Sekunde. Das ist gleichzeitig jene Fre­
quenz, bei der wir kleine Unterschiede am leichtesten feststellen.
Sie ist weiterhin die übliche Standard-Frequenz zur Prüfung der
elektronischen Apparaturen, die zur Aufnahme menschlicher Stim­
men verwendet werden. Und schließlich ist sie auch die Richtfre­
quenz für Amplituden, die in »Dezibel« genannten Einheiten ge­
messen werden. Unsere unterste Hörschwelle, auf die Lautstärke
bezogen, liegt bei dieser Frequenz bei 0,002 Dyn pro Quadrat­
zentimeter absoluten Druckes. Dieser Wert trifft auf Menschen
mit einem normalen Gehör zu. Er bezeichnet den kleinsten hör­
baren Laut. Ein sehr lauter Schall mit der genannten Frequenz
kann etwa 140 Dezibel (ungefähr soviel wie 140 Phon) über
dieser Schwelle liegen. Er liegt bereits über der Schmerzschwelle;
das bedeutet, daß es sich um einen Schall handelt, der schmerz­
voll empfunden wird. In absoluten Druckeinheiten ausgedrückt,
sind das etwa 3000 Dyn pro Quadratzentimeter, das ist 60 Millio­
nen mal soviel wie beim hörbaren Minimallaut. Diese Zahlen
sind wissenswert, denn wir werden sie später ähnlichen Werten
im Lebensraum der Delphine gegenüberstellen.
Wir wollen nun zur Wellenlänge und der Entfernung zwischen
unseren Ohren zurückkehren. Wenn eine kontinuierliche Sinus­
welle von 1 kHz unseren Kopf von einer Seite erreicht, muß die
Welle in der Luft um unseren Kopf herum zum anderen Ohr
wandern, ehe sie dort vernommen werden kann. Dabei wird ein
sehr kleiner Bruchteil der Welle auch durch unseren Kopf, durch
Knochen und Gehirn, zum anderen Ohr gelangen.

81
Da die Amplitude der in der Luft entstandenen Welle sehr viel
größer ist als die der Welle innerhalb des Kopfes, benützen wir
zur Feststellung des Schalles die erstere. Der Delphin besitzt die­
sen Vorteil nicht.
Die kürzeste Entfernung um den Kopf herum beträgt etwa
29 cm. Daher benötigt der oben erwähnte Teil der Schallwelle
bis zum anderen Ohr annähernd 0,001 Sekunde, also eine Milli­
sekunde. Mit den entsprechenden Elektronengeräten, die zwei
voneinander unabhängige Schallwellen zu beiden Ohren entsen­
den, kann gezeigt werden, daß man eine Verzögerung von nur
einer Millisekunde zwischen zwei Lauten ebenso wahrnimmt
wie einen Laut, der nur von einer Seite her zum Kopf gelangt.
Wenn nun der Schall direkt von vorn eine Person erreicht, beträgt
die Verzögerung zwischen beiden Ohren soviel wie Null. Mit
geeigneten Elektronentechniken kann gezeigt werden, daß man
noch Verzögerungen wahrnehmen kann, die den 200.000. Teil
einer Sekunde, also 5 Mikrosekunden, ausmachen. Mit Hilfe
dieser erstaunlichen Fähigkeit kann man sagen, ob eine Schall­
quelle links oder rechts von der Mittelebene liegt. Das gilt
allerdings nur für kurze, scharfe Laute. Bei länger währenden
Geräuschen erreichen wir diesen Genauigkeitsgrad nicht, die Ver­
zögerungen verlängern sich bis zu etwa 100 Mikrosekunden und
mehr. So kann also unser Nervensystem durch die Messung der
Verzögerung zwischen den Ankunftszeiten eines Schalles in den
beiden Ohren feststellen, aus welcher Richtung dieser Schall
kommt. Unser Gehirn stellt sozusagen Berechnungen an, die beide
Eindrücke zu einem einzigen verschmelzen, und eben dadurch
wird erkannt, ob die Schallquelle links oder rechts von der ge­
dachten Mittelebene liegt.
Wie erwähnt, besitzen die Delphine bei ihrer Schallwahrneh­
mung diesen besonderen physikalischen Vorteil nicht. Da die
Schallgeschwindigkeit in den Geweben des Delphinkopfes an­
nähernd dieselbe ist wie im Meerwasser, werden die auf das eine
Ohr treffenden Schallwellen nur durch jene Zeitmenge verzögert,
die benötigt wird, um durch den Kopf zum anderen Ohr zu ge­
langen. Die Ankunftszeit-Differenz durch ein Herumwandern des
Schalles um den Kopf entfällt. Das aber bedeutet, daß der Del-

82
phin bei einer längeren Wellenlänge nicht jene Vorteile besitzt,
die wir hinsichtlich der Ortung der Schallquellenrichtung besitzen.
Vermutlich kann er jedoch dafür bei längeren Wellenlängen
Druderezeptoren in seiner Haut (etwa in der Weise, wie das der
Hai mit seinen Seitenlinien-Organen kann) ausnützen, um die
Richtung der niederfrequentigen Schallwelle auszumachen. Hier
hat er allerdings mit seinem annähernd 2,5 m langen Körper einen
Vorteil gegenüber uns.
Die Ohren des Delphins sind etwa 29 cm voneinander entfernt,
quer durch seinen Kopf gemessen; das entspricht genau der kür­
zesten Entfernung um unseren Kopf herum. Da die Schnelligkeit
des Schalles im Delphinkopf ebenso wie im Meerwasser 4,5 mal
größer ist als unsere Schallgeschwindigkeit in der Luft, macht je­
doch seine Wahrnehmung der Zeitverzögerung dasselbe aus wie
unsere; sie muß 4,5 mal die Frequenz aufweisen, die wir für die
Luft haben. Mit anderen Worten, wenn der Delphin bei der sel­
ben Minimalwahrnehmung einer Verzögerung arbeitet wie wir,
würde er eine Frequenz benötigen, die 4,5 mal größer ist als die
Frequenz, die wir für denselben Grad von Genauigkeit der Schall­
quellenortung brauchen (bei derselben Wellenlänge im Wasser
wie in der Luft).
Wir gebrauchen die besondere Form unseres Kopfes und die
besondere Form unserer Ohren (der äußeren Muscheln), um den
Unterschied zwischen Lauten zu erkennen, die direkt von vorn,
von oben oder von hinten kommen. Der ausgestre&t im Wasser
liegende Delphin kann die Absorptionsdifferenzen zwischen der
besonderen Form seines Kopfes vorne und einigen seiner vor den
Ohren gelegenen Luftsäcke gegen die der speziell geformten, luft­
gefüllten Lungen hinten in einer etwas ähnlichen Weise ausnützen.
Auf diese Art kann er ebenfalls durch die Unterschiede der
Schallqualität sowie der gegebenen Amplituden die Schallquellen
direkt vor ihm gegenüber jenen direkt hinter ihm lokalisieren.
Er trennt rechte und linke Schallquellen genauso wie wir, nämlich
durch Messung der Verzögerung in der Ankunft der Wellenvor­
derseiten im einen gegenüber dem anderen Ohr.
Der Delphin mag sogar in der Lage sein, die kleinen Zeitver­
zögerungen zwischen den beiden Wellenvorderseiten, die auf

83
seine beiden Ohren eintreffen, besser als wir abzumessen und
wahrzunehmen. Experimentell ist seine Fähigkeit, Schallquellen
bei sehr kleinen Winkeln zu lokalisieren, bis jetzt noch nicht ge­
prüft worden. Es ist bekannt, daß er bei dieser Art von Perzep­
tion Gutes leistet, wenn die Frequenzen extrem hoch sind und er
unter Einsatz seines Sonarsystems Echos von den von ihm selbst
entsandten Signalen auffängt. Es muß jedoch erst festgestellt
werden, was er beim Richtungshören bei Lauten anderer Del­
phine und anderer Schallquellen mit viel tieferen Frequenzen
leistet. Wir wollen nun zu dem Vergleich zwischen unserem Spre­
chen und dem des Delphins zurückkehren.
Bei unserem Reden bewegt sich, wie oben festgestellt, die Wel­
lenlänge der einzelnen Schallwellen zwischen 3,4 m bei 100 Hz
und 4,25 cm bei 8 kHz. Die vergleichbaren Wellenlängen des
Delphins in den homologen Frequenzen können dadurch abge­
schätzt werden, daß wir uns an zwei Tatsachen erinnern: einmal,
daß die Geschwindigkeit des Schalles im Wasser 4,5 mal größer
ist als in der Luft, und dann, daß die Distanz zwischen den Del­
phinohren der zwischen unseren Ohren wirkungsmäßig entspricht.
Wenn wir nun also die Wellenlänge auch im Wasser so anneh­
men, wie wir sie in der Luft hatten, und die Frequenzen passend
verschieben, so finden wir die homologen Frequenzen für unsere
100 Hz und 8 kHz. Sie würden für den Delphin 450 Hz bzw.
36 kHz ausmachen. Wir können daher Voraussagen, daß das
unserem Sprechband entsprechende homologe Band des Delphins
zwischen 450 und 36 000 Hz liegen müßte. Da diese Grenzen
für unser Sprechen alle wichtigen Grundzüge und Harmonien
füi die Vermittlung der Gedanken enthalten und da wir das auch
ohne einige der Grund- und Obertöne können, mag es sein, daß
auch die Delphine ohne jene auskommen könnten. Genau wie
wir unser Gespräch auf ein Band von 300 bis 3500 Hz einengen
können (etwa beim Telephon), so könnte vielleicht auch das ent­
sprechende Band bei den Delphinen eingeengt werden, ohne daß
es zu Verständigungsschwierigkeiten kommt.
Mit dem engeren Band von 300 bis 3500 Hz erhalten wir bei
den meisten Menschen 100% Verständlichkeit. Ein analoges
Delphintelephon würde die Frequenzen zwischen 1400 und

84
16 000 Hz erfordern, wenn man die einfache konstante Wellen­
längenhypothese zugrunde legt.
Wenn wir annehmen, daß wir die Frequenzen der Delphine
4,5 mal höher als unsere festlegen müssen, gebrauchen wir eine
Hypothese, die ich die »konstante Wellenlängen-Hypothese«
nenne. Diese Hypothese beinhaltet Folgendes:
Menschliche Verständigung findet in einem Luft-Fleisch-Me-
dium statt, in dem der Kontrast zwischen den Geschwindigkeiten
in der Luft und jenen im Fleisch sowie die Reflexionen des
Schalles aus der Luft von dem Fleisch ein bestimmtes Band von
Wellenlängen benützt, wodurch die Richtung eines Sprechers un­
terscheidbar wird. Der Delphin im Wasser kann diesen Kontrast
nicht ausnützen und muß daher die Entfernung zwischen seinen
beiden Ohren innerhalb seines Kopfes verwenden, weil die Wel­
lenlänge des Schalles im Meerwasser fast dieselbe ist wie die in
seinem Kopf. Der Weg des Schalles zwischen den beiden Ohren
ist bei Delphin und Mensch derselbe, nämlich etwa 29 cm lang.
Daher muß der Delphin, wenn er dieselbe Zeitverzögerungswahr­
nehmung wie der Mensch hat, Frequenzen verwenden, die 4,5 mal
höher als die unsrigen liegen, um die Wellenlänge konstant zu
erhalten. Er braucht also für eine Kommunikation unter Wasser
das gleiche Wellenlängenband wie der Mensch im Luftraum; nur
die Frequenzen sind 4,5 mal höher.
Diese Hypothese von der Wellenlängen-Konstanz ist überprüf­
bar. Wir haben verschiedenartige Versuche durchgeführt, um fest­
zustellen, ob diese vorhergesagten Grenzen für den Bandbereich
der Delphinverständigung existieren.
Ein Weg, die Frequenzen des Verständigungsbereiches des Del­
phins herauszubekommen, besteht darin, direkt die Laute zu
messen, die sie hervorbringen, wenn sie miteinander sprechen.
Genau wie in unserem Falle kann ein Irrtum in dieser Beweis­
führung dadurch entstehen, daß einige der von ihnen abgegebe­
nen Laute möglicherweise bedeutungslos sind. Durch die Messung
der Laute selbst können wir aber die äußerste obere und untere
Grenze ihrer Frequenzbänder feststellen. Im Institut haben wir
buchstäblich Tausende solcher Beobachtungen und Messungen der
Frequenzen ausgeführt.

85
Sehr instruktiv ist der schnell arbeitende Frequenzanalysator;
hier erscheint das Ergebnis jeder Frequenzmessung auf einem
Speicher-Kathodenstrahlen-Oszilloskop. Dieses Instrument er­
möglicht nahezu unbegrenzt, eine gegebene Wellenform zu spei­
chern. Der Lichtpunkt bewegt sich hier über den Schirm, wobei
er die augenblickliche Amplitude der Wellenform aufzeichnet;
während das geschieht, läßt die Kathodenstrahlen-Röhre (durch
ihre besondere Struktur) die Wellenform am selben Ort durch
ihre ständige Wiederholung weiterhin aufscheinen. Durch diese
Technik kann man also die Frequenzen, die direkt auf die Ka­
thodenstrahl-Röhre übertragen werden, fortlaufend sehen. Wenn
zum Beispiel der Delphin zu einem anderen zu sprechen beginnt,
zeigt sich die Amplitude der Laute in jedem Frequenzband ent­
sprechend ihrer Intensität auf der Kathodenröhre als vertikale
Deflektion des Punktlichtes. Man kann dann die gespeicherten
Ergebnisse zu jeder Zeit photographieren, das Bild löschen und
die Beobachtungen fortsetzen; das alles ist innerhalb weniger Se­
kunden möglich.
Diese Methode zeigt nun beim Delphin während seiner Kom­
munikation Extremwerte zwischen 500 und 85 000 Hz. (Hier ist
aber nicht die Echopeilung, das sogenannte »Sonar«, mit ein­
geschlossen. Davon wird an anderer Stelle die Rede sein. Die für
jenes eingesetzten Frequenzen liegen viel höher).
So also scheint eine Übereinstimmung zwischen dem vorausge­
sagten und dem beobachteten Frequenzband des Delphins zu be­
stehen. Im Anschluß daran unternahmen wir Versuche, die zeigen
sollten, wieviel von diesem ganzen Bandbereich für die Delphine
wesentlich ist.
Im Jahre 1961 legten wir zwischen zwei Delphinbehältern
einen »Delphin-Fernsprecher«. Die Behälter waren schallisoliert,
und es konnte zwischen ihnen keine direkte Schallübertragung
stattfinden. Das Telephon wurde auf elektronischem Wege zwei­
spurig eingerichtet, das heißt, der Delphin im Behälter A konnte
zu dem im Behälter B sprechen, und dieser wieder zur gleichen
Zeit zu dem in Behälter A. Bei einem weitreichenden Frequenz­
band betrugen die üblicherweise übermittelten Frequenzen 2 bis
50 kHz. Durch Gebrauch elektronischer Filter konnten wir diesen

86
Bandbereich beliebig einengen. Die beiden Endstellen des Tele­
phons arbeiteten unter Wasser; in beiden Behältern gab es einen
Übermittler und einen Empfänger.
Der Delphin im Behälter A konnte nur mit dem im Behälter B
sprechen, und umgekehrt. Dadurch blieb die Konversation der
beiden notwendigerweise aufeinander beschränkt. Sobald das
Telephon eingeschaltet war, tauschten die Delphine Laute aus.
In einer früheren Veröffentlichung beschrieben wir, wie zwei
Delphine solche Laute austauschen, wenn sie sich im selben Be­
hälter befanden, aber physisch voneinander isoliert waren; sie
konnten dabei stimmlich durch das Wasser miteinander in Ver­
bindung treten.’1' In dieser Studie zeigten wir, daß Delphine ihre
Laute recht höflich austauschen. Wenn der eine gerade spricht,
verhält sich der andere ruhig. Zusätzlich konnten wir auch zeigen,
daß sie nicht nur Pfiffe austauschten, sondern auch schnarrende
Geräuschfolgen. Die beiden Formen des Lautaustausches korre­
spondieren zeitmäßig nicht, das heißt, sie zeigen zueinander kei­
nerlei Regelmäßigkeit. Sie können die Pausen im Pfeifaustausch
mit einem Schnarrlaut-Austausch und Pausen des Schnarrlaut-
Austausches mit Pfeiflauten ausfüllen, und so verfahren sie höf­
lich in derselben Weise. Auf diese Art kann ein miteinander
sprechendes Delphinpaar wie zwei Paare klingen, ein Paar, das
Schnarrgeräusche, und eines, das Pfiffe austauscht.
Diese Beobachtungen führten zu weiteren Studien, in denen
wir eindeutig bewiesen, daß jeder Delphin mindestens zwei Kom­
munikationssender besitzt; sie befinden sich beide in der Nase,
nämlich unterhalb des Blasloches, jeder an einer Seite. Es läßt
sich auch in den Nasengängen des Delphins ein rechter und ein
linker Phonationsapparat zeigen. Dadurch kann ein Delphin
eine Pfeif-Konversation mit seiner rechten und eine Schnarr-
Konversation mit seiner linken Seite führen; beides er­
folgt voneinander unabhängig und wird von je einer Gehirn­
hälfte gesteuert. Eine analoge menschliche Tätigkeit kann man
sich etwa so vorstellen, daß wir zur selben Zeit eine geflüsterte
und daneben noch eine normal gesprochene Konversation füh-
* Lilly, J. C., and Miller, A. M.: »Vocal exchanges between dol­
phins«, Science 134:1873-76, 1961.

87
ren, wobei wir zwei verschiedene Stimmbildungsorgane benützen.
Da wir diese beiden durch Mittellinienstrukturen geteilten Sei­
ten nicht besitzen, verfügen wir auch nicht über einen derartigen
Vorteil. Der Delphin kann die beiden Luftströme getrennt be­
herrschen, ebenso die beiden Membranvibrationen, vergleichbar
einem Stenotypisten, der ein Manuskript schreibt und gleichzeitig
eine Konversation führt. Nun wollen wir zu dem Telephonexpe­
riment zurückkehren.
Auch fernmündlich verbunden, zeigten die Delphine die uns
bereits bekannte Höflichkeit; sprach der eine, schwieg der andere
Delphin meistenteils. Sobald die Telephone eingeschaltet waren,
tauschten die Delphine fast die ganze Zeit über Laute aus. Wenn
das Telephon ausgeschaltet war, verstummten entweder alle Laute,
oder einer der Delphine gab die einfachen, sich wiederholenden
Pfiffe (»Signal-Pfiffe«) von sich, wie sie für einen isolierten Del­
phin charakteristisch sind. Mit anderen Worten, der alternierende
Ablauf von Pfeif- und Schnarrlauten entfiel. Entweder gab es bei
den voneinander isolierten Delphinen gleichzeitige Lautäußerun­
gen, oder es folgte auf Lautäußerungen des einen nur Schweigen.
Das Telephon wurde durch Filter verändert, um die Laut­
intensität auf gewisse Frequenzen zu reduzieren. Die Delphine
prüften das veränderte System jeweils kurz. War das Telephon
ausreichend, das heißt, ließ es keine kritischen Frequenzen ver­
missen, fuhren sie mit seiner Benützung fort. Umgekehrt stellten
sie den Gebrauch ein. In letzterem Falle testeten sie die Anlage
von Zeit zu Zeit. Wurde der fehlende Frequenzbereich von uns
wiederhergestellt, dann begannen die Delphine ihre »Konversa­
tionen« von neuem.
Bald hatten wir herausgefunden, daß wir die Frequenzen nicht
viel unter 28 000 Hz am oberen Ende und die unteren nicht viel
über 5000 Hz beschneiden konnten, ohne den Austausch von
Lauten zu unterbinden. Die besten Ergebnisse zeitigten Frequenz­
bereiche zwischen 2 und 80 kHz. So entsprachen die Austausch­
häufigkeiten recht genau dem jeweiligen Umfang der Frequenz­
bänder. Bei der Delphinkonversation wurde also ein großer Teil
jener Laute verwendet, die bei der Messung der Lautgebung be­
reits festgestellt worden waren. Zusätzlich stimmten die Aus­

88
tauschhäufigkeit und das produzierte Frequenzband überraschend
gut mit unserer Voraussage überein, daß die Bänder unserer Ge­
sprächs-Wellenlänge in der Luft entsprechend der konstanten
Wellenlängen-Hypothese auch beim Delphin-Lautaustausch im
Wasser gefunden werden müßten. Wir benützen also dieselbe
Wellenlänge wie die Delphine; die dabei benützten Frequenzen
stehen zueinander im selben Verhältnis wie die Schallgeschwin­
digkeiten in den beiden Medien, nämlich 1 : 4,5.
Es wird an dieser Stelle gut sein, die zu Beginn des Kapitels
gestellte Frage nochmals zu betrachten. Wie wissen wir, daß diese
beiden Delphine vernünftige Informationen austauschen? Könn­
ten sie nicht einen sinnlosen Rundgesang vollführen, Delphin­
musik machen, ein Vokalspiel spielen oder gerade einander sich
wiederholende Phrasen sagen? Oder möglicherweise einander
beruhigende Laute zusummen?
Wir wissen, daß sie nicht wieder und wieder dieselbe Weise
repetieren. Um das festzustellen, nimmt man einen solchen Aus­
tausch auf ein Tonband auf und verlangsamt ihn beim Abspielen
viermal (ideal wäre 4,5 mal, um die Frequenzen entsprechend
der konstanten Wellenlängen-Hypothese auf unsere Gesprächs­
bandform zu reduzieren). Bei der nun eingestellten Geschwindig­
keit werden ihre Gespräche vierfach verlängert. Daher erniedrigen
wir deren 32 kHz auf 8 kHz und deren 1200 Hz auf 300 Hz
Ohne Frequenz Veränderung wäre unser Sprechen bei ähnlicher
Verlängerung nicht leicht zu verstehen. Die Methode ist nicht
ideal, aber wir fanden sie zweckmäßig. (Eine spätere Entwicklung
im Institut erlaubt uns nun, auf alle Frequenzen zu verschieben,
ohne die Lautäußerungen zu verlängern oder zu verkürzen. Da­
von wird anderswo in diesem Buch gesprochen werden.)
Diese Tonbänder nun wurden benützt, um die Laute abzuhö­
ren, zu messen und um herauszufinden, ob die Lautäußerungen
abgeändert werden oder nur Wiederholungen sind (für unser
Muster-Aufnahmesystem, das auf menschliche Lautbildungsmu­
ster geprägt ist, nicht auf solche von Delphinen). Bekannterweise
tauschen Tiere mit viel kleinerem Gehirn sich wiederholende Rufe
aus. Zumindest erscheint uns das so. Frösche, Vögel, Fische, Insek­
ten, Fledermäuse und Affen haben verschiedene Rufe für ver­

89
schiedene emotionelle Zustände. Bis jetzt hat noch niemand fest­
gestellt, ob diese Rufe für irgendeine andere Kommunikation
verwendet werden, das heißt, daß wohl nur Gefahr, Sexualakti­
vität, Hunger usf. signalisiert werden. Es scheint eine Beziehung
zwischen der Anzahl der unterschiedlichen Muster mit Signalwert
und der jeweiligen Gehirngröße zu bestehen. Wir dürfen daher
eine sehr große Zahl solcher Muster bei einem Delphinaustausch
erwarten, zumindest so viel, als wir bei unserem Austausch ge­
brauchen. Die sehr kleine Gehirne aufweisenden Vögel und Fische
haben sehr begrenzte Vokabulare, soweit man das zumindest
heute weiß.
Beim Messen der Lautmuster besteht grundsätzlich die Frage,
ob man auch wirklich Gegebenheiten mißt, die für den Sender
und den Empfänger bedeutungsmäßig wichtig sind. Ähnlich ist
die Wahl schwierig, was beim Austausch der Delphine gemessen
werden soll; wir könnten Variablen wählen, die für die Delphine
wirklich nicht wichtig sind, und dabei die wichtigen Variablen
opfern. Deshalb können unsere Unterscheidungskriterien und da­
mit das Auszählen unterschiedlicher Muster völlig inkorrekt sein.
Es ist notwendig, empirisch vorzugehen, dabei aber vorsichtig zu
sein und die Grenzen der Methode, willkürlich Muster auszuwäh­
len, zu erkennen.
Wenn man den verlangsamten Tonbändern der Delphinäuße­
rungen zuhört, ist man von der Zahl der unterschiedlichen Laute
beeindruckt. Die am meisten variierten Äußerungen, die wir auf­
gezeichnet haben, stammen von »alten« Delphinen, also solchen
mit großen Knochen, zerschrammter Haut, abgebrochenen oder
fehlenden Zähnen und ähnlichen Altersanzeichen. Das sind die
wirklich intellektuellen Redner. Wenn ein Tursiops truncatus alt
genug geworden ist und die Zähne bereits flach abgekaut sind,
hat sich eine sehr große Zahl von Lautmustern angehäuft, die er
mit ähnlichen Artgenossen austauscht. Jüngere, vier bis fünf Jahre
alte Delphine verfügen über eine Lautvielfalt, die nicht an die
der Alten heranreicht; aber selbst bei jenen jüngeren Delphinen
ist bereits der erste Eindruck der, daß die Vielseitigkeit und Kom­
pliziertheit der Lautmuster gut entwickelt ist, daß es nur sehr
wenig monotone Wiederholungen gibt und daß man es schwer hat,

90
mit den neuen Mustern zurechtzukommen. Nur wenn die Del­
phine arg und fortgesetzt erschreckt werden, geben sie sich wie­
derholende einförmige Laute ab.
Die Laute, die die Delphine bei ihrem Austausch benützen,
können nur schwer eingestuft werden, da sie sich alle mit Worten
schlecht beschreiben lassen. In meinem Laboratorium verwenden
wir folgende neun Klassen, um die Laute in einer etwas will­
kürlichen Weise zu beschreiben: 1. Laute, die unter Wasser aus­
gestoßen werden (Hyd.rosou.nds), sowie Laute, die in der Luft
abgegeben werden (Air sounds); 2. Pfiffe; 3. langsame Schnarr-
folgen; 4. schnelle Schnarrfolgen; 5. Laute, die Elementen der
menschlichen Sprechweise ähneln, »humanoide« Laute genannt;
6. eine Lautgruppe, die wie Nachahmung anderer Geräusch­
quellen wirkt (Fische, Enten, Möwen, Bootsmaschinen [Innen- und
Außenbordmotore], Insekten etc.); 7. eine Gruppe, die gewöhn­
lich mit emotionellem Verhalten verbunden ist (Bellen, Kreischen,
Hämmern etc.); 8. verschiedene nicht-stimmliche Laute, wie Nie­
sen, langsame und schnelle Atemlaute, Darmgeräusche, Blähungen,
Schwanzschläge, die Wassergeräusche beim Schwimmen an der
Oberfläche, beim Springen usw.: 9. Ultraschallaute (für uns), die bei
der Echo-Erkennung und Echo-Navigation (englisch: echo-recogni-
tion und echo-navigation, abgekürzt EREN) verwendet werden,
manchmal fälschlich »Sonar« geheißen (englisch: SOund NAviga-
tion and Ranging, soviel wie Schall-Navigation und Peilung).
Die ständigen und häufigsten Leistungen während nicht-emo­
tionaler Wechselgespräche zwischen Delphinen finden unter Was­
ser statt (Hydrosounds) (Abb. 4, 6). Diese Laute bestehen zu­
meist aus Pfiffen und verschieden komplizierten Weisen von
Schnarrlauten sowie humanoiden Äußerungen.
Ihre häufigsten Lautäußerungen uns gegenüber werden in der
Luft abgegeben, offensichtlich, um sich uns in unserem Medium
anzupassen. Sie heben das Blasloch in die Luft empor, öffnen es
und geben sehr laute Geräusche von sich. Solche Laute können
Pfiffe, Schnarren, Bellen, Klagen und verschiedene humanoide
Laute sein. Das Bellen und Klagen in der Luft scheint ihren emo­
tionsgebundenen Wechselgesprächen unter Wasser analog zu sein.
Die von den Delphinen willentlich in der Luft abgegebenen

91
Laute bedeuten für sie eine durchgreifende Verschiebung ihrer
Gewohnheiten und sind eine Antwort auf unseren konsequenten
Gebrauch von Luftlauten, wenn wir mit ihnen reden. Wenn wir
unter Wasser zu ihnen sprechen, antworten sie uns unter Wasser.
Sprechen wir in der Luft zu ihnen, antworten sie in der Luft
(Abb. 3, 8).*
Wir benützen bei unserer Kommunikationsforschung mit Del­
phinen die folgenden Arbeitshypothesen:
Die in der Luft erzeugten Pfiffe und Schnarrlaute sind Ver­
suche, mit uns so in Verbindung zu treten, wie sie das mitein­
ander tun; das heißt, sie sind Bemühungen, uns zu veranlassen,
ihre Art der Verständigung zu benützen. Ihre humanoiden
Laute in der Luft sind ihre Annäherungen an unsere Ver­
ständigungslaute, verzerrt durch ihr Gehör und ihre phoneti­
schen Einrichtungen (Abb. 5, 6, 12). Mit den humanoiden Lauten
bemühen sich die Delphine, mit uns in unserer Verständigungs­
weise in Verbindung zu treten.
Zunächst verwendet ein Delphin bei Anwesenheit eines Men­
schen nur in die Luft ausgestoßene Schnarr- und Pfeiflaute. Es
gibt mindestens zwei Hauptvoraussetzungen für den Gebrauch
humanoider Laute in der Luft: 1. der Delphin muß menschliches
Sprechen bereits gehört haben, und 2. muß er eine längere Periode
hindurch mit uns engen, freundschaftlichen Kontakt gehabt haben.
Sobald einmal ein Delphin damit angefangen hat, in der Luft
Laute abzugeben, während er mit einem oder mehreren von uns
in engem Kontakt steht, kann er auch andere Delphine der Ko­
lonie (die keinen derart engen Kontakt hatten) veranlassen, die
neue Lautäußerungsweise zu verwenden; letzteres geschieht
offenbar durch einen Delphin-zu-Delphin-Austausch. Die luftbe­
zogene Lautgebung ist bei wildlebenden Delphinen, so sie über­
haupt vorkommt, selten.
Wir haben herausgefunden, daß wir beim Verkehr mit derart
großbehirnten Säugern die Arbeitshypothese berücksichtigen müs­
sen, daß »sie höchst intelligent sind und geradeso daran interes­
siert sind, mit uns in Kontakt zu treten, wie wir mit ihnen«.
* Lilly, J. C.: »Vocal behavior of the bottlenose dolphin«, Proc. Am.
Philos. Soc. 106:520-29, 1962.

92
Abb. 3. Die Stimme des Delphins in der Luft: Computer-Analysen.

Von jedem von 58 Frequenzbändern zählt ein Computer die Anzahl


von Malen, die jedes Band oberhalb einer ausgewählten Schwelle be­
nützt wird, die bei verschiedenen Tonbandabläufen des Wortes »hello«
und der Antwort des Delphins auftritt. Das Band erstreckt sich von
135 bis 8000 Hertz mit Intervallen von 135 Hertz. Beim sechsten Band
von unten (bei 810 Hz) betrug die Anzahl der Anwendungsfälle (N)
512. Der Gebrauch jedes der anderen Bänder ist linear proportional
der Länge der schwarzen Säulen. Es ist zu beachten, daß die mensch­
liche Stimme die Frequenzbänder zweier getrennter Regionen benützt,
und zwar solche, die niederfrequentig sind und solche mit mittleren
Frequenzen. Die Antworten des Delphins verschieben die niederen
Frequenzen nach oben zu und bevorzugen die höheren Frequenzlagen.

93
Abb. 4. Aufzeichnungen aus einem Experiment mit einem isolierten
Delphin über die Lauterzeugung der rechten und der linken Seite des
Nasalapparates.

Es wurde an jeder Seite des Blasloches des Delphins ein Hydrophon


angebracht (siehe Zeichnung in der Mitte). Die von der rechten Seite
gewonnenen Laute beugten den Kathodenstrahl-Oszilloskop-Strahl in
horizontaler Richtung; die der linken Seite beugten den Strahl in senk­
rechter Richtung. Die in der Abbildung gezeigten Figuren entstanden
nach Photos, die während der Lautproduktion aufgenommen wurden.
Wenn der Delphin nur mit der linken Seite schnarrte, sieht man nur
vertikale Zeichnungen. Schnarrt er rechts, ergibt das horizontale Zeich­
nungen; das gilt ebenso für die Pfiffe beider Seiten. Wenn er beidseitig
verbundene Pfiffe abgibt, zeigen sich am Schirm komplexe Ellipsen. Bei
einer bestimmten Schnarrlaut-Kette kann er die einzelnen Schnarr-
laute so kontrollieren, daß die Ellipsen ihre Achsen über den Schirm
verschieben. »S« bedeutet stereo, d. h. beidseitig verbundene Laute, und
»D« bedeutet »doppelte« (oder separierte) Lauterzeugung beider Seiten
ohne Koppelung. (Aus J. C. Lilly, Stereophonation and Double Pho­
nation in the Dolphin, 1966.)

94
(Bei Tursiops truncatus ist das angebracht; bei kleineren Delphi­
nen mag das nicht der Fall sein.) Wenn wir irgendeine andere
Hypothese benützen, haben wir keinen Erfolg, wie auch immer
wir in kommunikativer Hinsicht mit ihnen verfahren.
Die genannte Hypothese scheint also notwendig zu sein; man
kann sich nicht über sie hinwegsetzen, wenn wir die Formen der
Kommunikation, die wir zu verbessern und auszuweiten trachten,
vervollständigen wollen. Die Überzeugung, die unwiderlegbare
Wahrheit, daß sie an dieser Kommunikation interessiert sind,
entwickelt sich in unserem Laboratorium langsam und auf genau
bedachte Weise.
Wenn die Delphine und wir eine Verständigung auf einer
höchst abstrakten Ebene aufbauen, wird diese Überzeugung offen­
sichtlich und unbestreitbar werden. In diesem Buch bringe ich
einige Einzelheiten dieses Bildes, das sich uns gerade entwickelt;
ich bringe auch die Gründe, warum wir uns, als einzige, die mit
ihnen auf diese Weise arbeiten, für einige Zeit auf unser Ver­
trauen zu ihrer Intelligenz verlassen müssen. Dieses Vertrauen
liegt in der Arbeitshypothese, daß sowohl wir als auch sie intelli­
gent genug sind, die zwischenartliche Verständigungs-Barriere
zwischen unseren so verschiedenartigen geistigen Veranlagungen
zu durchbrechen.
Ohne ein solches Vertrauen und ohne eine derartige Arbeits­
hypothese macht man bei den Taktiken und Strategien gegenüber
den Delphinen arge Fehler. Wenn nämlich jemand annimmt, sie
seien stupide, dann handeln sie auch in einer stupiden Weise. Das
geschieht zum Teil deswegen, weil der Beobachter in allem Stupi­
dität zu sehen glaubt, und zum Teil deswegen, weil die Delphine
das verstehen, schnell begreifen und eben auf diese Weise han­
deln, die man von ihnen erwartet. Wir haben tatsächlich Del­
phine gesehen, die recht dumm in der Obhut einer Person han­
delten, die sie für »große, stupide Fische, die in einem Aquarium
gehalten werden«, ansah. Dieselben Delphine entwickeln durch
neues Verhalten erfreuliche Kontraste, wenn einer der »Gläubi­
gen« erscheint und eine Kommunikation mit ihnen versucht.
Das ist eine der grundlegenden Schwierigkeiten innerhalb die­
ses neuen Forschungsgebietes. Man muß ein ungewöhnlich großes

95
Vertrauen in die genannte Hypothese setzen, will man sichtbare
Fortschritte machen.
In Wirklichkeit ist dieser Vertrauensfaktor grundlegend für
alle Gebiete der Wissenschaft. Es ist sogar notwendig, das Wissen
um jenen Faktor beim Forschen herauszustellen. Die meisten Wis­
senschaften sind in der Lage gewesen, diese Notwendigkeit zu
»vergessen«; sie ist jedoch gegenwärtig und wird auch gebraucht.
In der Physik hat man beispielsweise beständig ein Modell dessen
im Sinn, was in dem zu erforschenden System geschieht, und hat
ebenso eine Art zeitbedingten Vertrauens zu dem Modell. Auf
diese Weise werden physikalische Apparaturen entworfen, um
die verschiedenen Konsequenzen einer Hypothese zu prüfen.
In dem neuen Forschungsfeld benützen wir die Methode des
theoretischen Physikers, arbeitsmäßig bis zu einem gewissen
Grade mit der eines Experimentalphysikers verbunden. Wir stel­
len Hypothesen auf und arbeiten zeitweilig so, als ob sie wahr
wären. Wir arbeiten bei dem zu erforschenden System so zusam­
men, daß jeder von uns mit der Hypothese programmiert ist, die
»als ob wahr« bezeichnet wird. Wir beurteilen danach unseren
Fortschritt und ersehen daraus, ob wir auf dem richtigen Weg
sind. Wir beurteilen unseren Erfolg (oder Mißerfolg) durch
unseren Erfolg (oder Mißerfolg) beim Auffinden neuer Informa­
tionen, das heißt Daten, die von früheren Bearbeitern nicht vor­
hergesagt wurden, auch nicht von jenen Forschern, deren Hypo­
thesen zur Zeit von unseren verschieden sind. Ich halte das für
einen sehr wichtigen Punkt, der auf einem anderen Weg eine
Wiederholung verlangt.
Man denke sich einen Wissenschaftler (und sein Team) als ein
System von sehr großen Computern, sagen wir, einige tausend­
mal größer als der größte von Menschen hergestellte elektronische
Computer im Jahr 1965; weiterhin denke man sich einen Del­
phin (und seine Gruppe von Delphinen) als ein anderes System
von großen Computern, ebenfalls mehrere tausendmal größer als
der größte bekannte Computer aus Menschenhand. Da dies eine
theoretische Überlegung ist, können wir diese Grundpostulate als
»wahr« annehmen. Was sind nun die Konsequenzen aus einer
solchen Annahme?

96
Wir wollen zunächst einiges von diesen biologischen »Compu­
tern«, einige ihrer Kennzeichen, definieren. Die beiden Compu­
tersysteme - das menschliche und das delphinische - besitzen
Ähnlichkeiten und ebenso Verschiedenheiten.
Wir haben gesagt, daß in jedem der Fälle der Computer »sehr
groß« ist; das bedeutet mindestens 10 Milliarden aktiver Ele­
mente (Neuronen) und eine Anzahl von Erinnerungs-Speicher­
einheiten der Ordnung 1017 (eine 1 mit 17 Nullen dahinter).
In der Sprache der Computertechnologie ist der Zugang zu
diesen unüberschaubar vielen Gedächtnisfugen »zufallsgebunden«,
und das Auffüllen derselben erfolgt »assoziiert«, das heißt, die
meisten Einzelheiten im »Gedächtnis« können nach kurzem Su­
chen direkt erhalten werden. Das sehr lange Suchverfahren der
Elektronencomputer erübrigt sich. Wenn eine der Daten, die im
Gedächtnis aufbewahrt werden, aus einer großen Masse solcher
herausgesucht werden muß, sucht man besser in der Weise, daß
man von vielen Orten gleichzeitig in einer »zufälligen« Weise
vorgeht; die Nachsuche geht nach assoziierten Ketten, die in die
richtige Fuge führen. Wenn man eine systematische Nachsuche
mit nur einem einzigen Sucher beginnen würde, um das richtige
Informationsstück zu finden, würde man Jahre damit verbringen.
Wenn wir uns zum Beispiel einer besonderen Sache erinnern
wollen, die viele Jahre zuvor passiert ist, beginnen wir eine zu­
fallsgebundene Nachsuche durch »freie Assoziation«. Manchmal
erreichen wir durch ganz besondere Assoziationen, die gar nicht
zur Sache gehören, diese gesuchte Information. Wenn wir sorg­
fältig und analysierend dem Weg folgen, den wir dabei einge­
schlagen haben, können wir alle Assoziationen, unter denen die
Information war, an einem ähnlichen Platz aufbewahrt sehen.
Unsere großen Gehirncomputer (im Gegensatz zu den künst­
lichen Computern) können offensichtlich ihre Erinnerungen gleich­
zeitig an vielen unterschiedlichen Orten suchen. Die großen künst­
lichen Computer besitzen für die Nachsuche nur einen Punkt zu
einer Zeit und müssen sie, um brauchbar zu sein, in extrem großer
Schnelligkeit erledigen. Sobald die künstlichen Computer so groß
werden wie unsere, werden anstelle des einzelnen einspurigen
multiple »assoziierte« Sucher verwendet werden.

97
Alles, was in unseren großen Bio-Computer gelangt, und alles,
was aus ihm herauskommt, bewegt sich über vervielfachte
Kanäle. Jedes unserer Augen zum Beispiel enthält 1 200000 Neu­
ronen, die von der Netzhaut zum Gehirn ziehen. Sie alle arbei­
ten parallel; jeder der Kanäle kann pro Sekunde etwa 50 physi­
kalische Informationen liefern. Dadurch beträgt der »lnput« in
das Gehirn durch ein Auge etwa 50 Millionen physikalischer Ein­
heiten pro Sekunde. Trotz eines relativ langsamen Einganges
durch irgendeinen Kanal (Axon) ergeben die gleichzeitigen Ein­
gänge durch alle Kanäle (Nervenstamm) zusammengefaßt eine
recht beachtliche Geschwindigkeit. Vergleicht man den optischen
Eingang des Delphins mit dem unseren, schneidet er mit nur
einem Zehntel davon wesentlich schlechter ab.
Jedes unserer Ohren entsendet 50 000 Nervenfasern zum Ge­
hirn. Dadurch können wir auch nicht annähernd so viele Informa­
tionen über unsere Ohren wie über unsere Augen erlangen. Im
Gegensatz dazu hat der Delphin 2 mal soviel Nervenfasern
vom Ohr zum Gehirn wie wir, also 115 000 Fasern. Wenn wir
uns daran erinnern, daß er auf 4 mal höheren Frequenzen
arbeitet, können wir die Schnelligkeit seiner Aufnahme physi­
kalischer Informationen über seine Ohren abschätzen.
Entsprechend der physikalischen Informationstheorie wird der
Gehalt an physikalischer Information um so größer, je höher die
Frequenz eines Signals ist. Daher empfängt der Delphin ganz
allgemein 4,5 mal soviel Information pro Sekunde wie wir. Nun
hat er außerdem 2,25 mal so viele Neuronen, das heißt 2,25 mal
so viele Verbindungen zum Gehirn wie wir, von denen jede bei
4,5 mal so hohen Frequenzen arbeitet. Daraus können wir ablei­
ten, daß die Ohren des Delphins beinahe genau zwanzigmal so
viele Informationen (also 40 000 000 Einheiten) aufnehmen wie
wir durch die unseren (2 000 000 Einheiten pro Sekunde). Mit an­
deren Worten, akustisch ist uns der Delphin, optisch sind wir dem
Delphin überlegen. Den Delphin erreichen durch die Ohren etwa
ebenso viele Informationen wie uns durch unsere Augen. Zusam­
mengenommen sind also die visuellen Eingänge in den Delphin
ein Zehntel unserer Kapazität, und unsere akustischen Eingänge
betragen ein Zwanzigstel der Kapazität des Delphins. Insgesamt

98
übernimmt demnach der Delphin auf diesen beiden Wegen (Se­
hen und Hören) zweimal soviel Information wie der Mensch.
Die Fähigkeit des Delphins, durch seine Ohren zwanzigmal
mehr Information aufzunehmen als der Mensch, wird durch den
Aufbau seines großen Gehirncomputers widergespiegelt, samt
der Nervenleitung vom Ohr zum Cortex. Seine Begrenzung in
der visuellen Sphäre ist ebenso durch die vergleichsweise Größe
der betreffenden Abschnitte seines Gehirncomputers einschließ­
lich der Nervenleitung vom Auge bis zum Cortex ausgedrückt.
Wenn man die Gehirne genau untersucht, findet man dieses Ver­
hältnis in der totalen Anzahl derjenigen Zellen wiedergegeben,
die den einzelnen Aufnahmesystemen zugeordnet sind.
Der Delphin verfügt über keinen Geruchssinn. Unser Geruchs­
sinn ist verhältnismäßig rudimentär, wenn man ihn mit dem
niederer Tiere vergleicht. Dafür ist die Haut des Delphins an
Druck-, Tast- und ähnlichen Nervenendigungen viel reicher als
unsere; damit wird vermutlich auch seine Sinneswahrnehmung
einige Male reicher als die unserer Haut. Dies trifft vor allem
für seine Hand- und Schwanzflossen sowie für seine Flanken zu,
wo sie vor allem für die Beibehaltung der Strömungsverhältnisse
wichtig sind. Die Genitalregionen sind bis jetzt in dieser Hinsicht
noch nicht untersucht worden.
Die Delphinzunge dürfte viel mehr spezialisierte Strukturen
in sich bergen als unsere. Sie muß ihren Funktionen im Meerwas­
ser nachkommen. Es scheint einen besonderen Weg zu geben,
durch den der Salzgeschmack von den Endorganen der Empfin­
dungsnerven ausgeklammert wird. Die vielen Papillen an der
Zungenspitze enthalten Bluträume, die offensichtlich die beson­
deren Geschmacksmoleküle dem Meerwasser entnehmen und sie
zu den Endorganen bringen, die tief unter der Zungenhaut-Ober-
fläche liegen. Die Seesalze selbst beeinflussen diese Endorgane
nicht. Die Frage des Geschmacksvermögens ist bei den Delphinen
bis jetzt noch nicht vollkommen erforscht. Dies scheint ein frucht­
bares Feld künftiger Forschung zu sein.
Wenden wir uns nun den Leistungen des Gehirncomputers zu,
die wir mit den unseren vergleichen wollen, und betrachten wir
die Organe, die uns vor allem interessieren - jene, die bei echter

99
Verständigung benötigt werden. Wir haben die Augen und Ohren
vom Blickpunkt der »physikalischen Informationsaufnahme« be­
trachtet; nun wollen wir uns den Lautbildungsapparat vom
Blickpunkt der physikalischen Informationsübermittlung her an-
sehen. Im selben Zeitabschnitt übermittelt der Lautbildungsappa­
rat 4,5 mal mehr Informationen als unserer: die verwendeten
Frequenzen sind 4,5 mal höher als die unseren. Sie erreichen einen
zusätzlichen Faktor von 2, da die Delphine zwei Lautbildungs­
apparaturen haben; daher müßte ihre Informations-Vermittlungs-
Fähigkeit zweimal 4,5 oder neunmal unsere Übermittlungs-Ka­
pazität übertreffen. Wie wir weiter unten sehen werden, gibt es
noch einen zusätzlichen Faktor, der auf den beiden Lautbildungs­
systemen aufbaut; sie gebrauchen sie in einer stereophonen Weise,
die diese Informationsrate etwas erhöhen könnte.
Die beiden Lautbildungsapparate können also zu einem ver­
bundenen werden, der »stereophon« arbeitet. Das wird in einem
späteren Kapitel genauer ausgeführt werden. Vermutlich kann
die Fähigkeit, die beiden Lautbildungssysteme miteinander zu
verknüpfen, die Informationsmenge vergrößern; das bedeutet
also, daß eine besondere Sorte zusätzlicher Signale mit Hilfe der
Stereophonie erzeugt werden kann. Vorsichtig geschätzt, kann
der Delphin zehnmal so viele physikalische Lautinformationen
pro Sekunde abgeben wie der Mensch.
Der Schall-Ultraschall-Gebrauch von Echos der eigenen Schall­
quelle erhöht den Bestand an Information, die aus der Umge­
bung erhältlich ist und die vermutlich bei der wechselseitigen
Verständigung weitergegeben wird. Diese weitere Fähigkeit des
Delphins erhöht seine Informationskapazität im Bereich des Schal­
les noch über den zuvor genannten Faktor auf das Zehnfache
unserer eigenen Kapazität. Wir haben gefunden, daß der Delphin
einen dritten Sender hat, der besonders für die Erzeugung seines
Ultraschall-Richtstrahles konstruiert ist. Dieser befindet sich im
Kehlkopf. Die physikalische Informations-Übermittlungs-Fähig-
keit des Kehlkopfes kann geschätzt werden. Das Frequenzband
reicht von 15 kHz bis zu 150 kHz, ein 10:l-Bereich gleich dem
der beiden anderen Sender in der Nase. Daher beträgt seine ge­
samte Übermittlungsrate zwanzigmal mehr als die des Men-

100
sehen. Sie entspricht der Aufnahmerate, die weiter oben für das
Delphinohr geschätzt wurde. Die Delphine wechseln sehr höflich
mit jedem ihrer drei Sender ab, wenn sie bei ihrer Verständigung
diese drei unterschiedlichen »Codes« verwenden. Sie sind in die­
sem Bereich nicht so eingeschränkt wie wir.
So wird der Vorteil, den wir auf der visuellen Seite haben,
mehr oder weniger durch die Vorteile, die sie auf der akustischen
haben, ausgeglichen. Wenn man mit großer Fortbewegungsge­
schwindigkeit im trüben Ozean zu leben hat, ist man durch einen
solchen Vorteil am besten hierfür gerüstet. Bei normaler See,
mittags unter tropischer Sonne und bei sehr klarem Wasser,
kann man über die visuellen Kanäle nur auf eine Entfernung von
etwa 30 m brauchbare Informationen erhalten; mit akustischen
Kanälen kann diese Entfernung auf mehrere Kilometer erweitert
werden. Wir können also sagen, daß die Delphine ebenso gut an
ihr Medium angepaßt sind wie wir an das unsere, und zwar so­
wohl hinsichtlich der Aufnahmefähigkeit der visuellen und aku­
stischen Systeme als auch hinsichtlich der Leistungen im Bereich
der Lautäußerungssysteme.
Um zu den großen Computern zurückzukehren: der Gesamt­
betrag an Information, den der Delphin erhält, entspricht ganz
den Hauptmethoden der wechselseitigen Verständigung und der
Erfassung der Umwelt, genauso, wie das bei uns ist.
Es kann eine ganz allgemeine Feststellung über diese sehr großen
biologischen Computer getroffen werden: alle Eingangsenergien,
alle herauskommenden Leistungen und alle Zwischenverbindun­
gen sind vervielfacht und arbeiten gleichzeitig parallel. Die An­
zahl solcher Eingangsenergien, Ausgangsleistungen und langen
Querverbindungen ist ungemein groß; mindestens einige Tau­
sende bis mehr als eine Million im jeweiligen Bereich. Jedes aktive
Element (Neuron) ist eng mit etwa drei bis fünf anderen benach­
barten verbunden, und mit noch mehr von ihnen auf weitere Ent­
fernungen. Der größte Teil dieser Gehirncomputer liegt in der
Großhirnrinde (Kortex). Der Kortex von Tursiops truncatus ist
übrigens ein wenig größer als der unsere (10 bis 40%).
Die Großhirnrinde scheint der »Allzweckteil« unseres großen
Computers zu sein. Vermittels spezieller Methoden kann gezeigt

101
werden, daß wir unseren visuellen Rindenanteil in den Dienst
unserer akustischen Probleme stellen können (zusammen mit dem
akustischen Rindenanteil und seinen besonderen Eingangsener­
gien). Um solche Versuche auszuführen, beseitigen wir die Mög­
lichkeiten für visuelle Eindrücke, etwa durch Schließen der Au­
gen oder Verdunklung des Raumes. Mit geeigneten Techniken
(Hypnose, Drogen usf.) können wir einen »akustischen Raum«
im »visuellen Raum« programmieren. Der Blinde zum Beispiel
kann die Allzwecknatur des Kortex ausnützen und den »akusti­
schen Raum« bei der Umgehung von Hindernissen in den »visuel­
len Raum« ausweiten. In speziellen Zuständen kann man das­
selbe mit seinem eigenen Biocomputer nachahmen. Der Beweis
für die Allzwecknatur unseres Gehirncomputers, also für seine
Umwandelbarkeit von speziellen Zwecken zu mehr allgemeinen
Zwecken oder von Zwecken einer speziellen Zone in eine andere
spezielle Zone, ist eine langwierige und technische Streitfrage, zu
technisch für den Zweck dieses Buches.
Was meinen wir eigentlich mit dem Ausdruck »Allzweck-Com­
puter«? Der Ausdruck bedeutet, daß ein Computer zur Bildung
oder Errichtung von Problemlösungsmethoden für sehr vielfäl­
tige Klassen von Problemen benützt werden kann. »Spezialzweck-
Computer« sind auf eine kleine, bestimmte Anzahl von Problem­
klassen beschränkt. Je größer ein Allzweck-Computer ist, um so
größer sind Bereich und Anzahl der Probleme, die er gleichzeitig
und fortlaufend bearbeiten kann.
Eine andere für unsere Zwecke wichtige Funktion liegt in dem
Begriff »Programmspeicherung«. Diese Entwicklung der künst­
lichen Computer eröffnete neue Ausblicke für den Computerge­
brauch schlechthin. Ein gespeichertes Programm ist ein dem Com­
puter übermittelter Satz an Instruktionen, die in das »Compu­
tergedächtnis« eingetragen werden. Diese Instruktionen lenken
dann selbständig den Computer, wie er mit Eingangs- und Aus­
gangsenergien zu verfahren habe, wie Daten und die Übermitt­
lung dieser Daten erwünscht werden, wie sie abzuschätzen sind,
wie die Gleichungen zu benützen sind, wie die Reihenfolge der
Gleichungen sein muß, wie die logischen Alternativen durchzu­
denken sind, die aus früheren Auswahlen stammen, wie die Form

102
der erwünschten Logik beschaffen sein muß, die in diesen Denk­
vorgängen gebraucht wird, und wie endlich die Reihenfolge der
einzelnen logischen Formen vonstatten gehen muß. Bei den mo­
dernen künstlichen Computern haben wir also nicht allein nume­
rische Kalkulationen, sondern auch »logisches Denken« in be­
grenzter Form. Solche künstlichen großen Computer können neue
Formen entwickeln, sie als neue Unterschablonen speichern, aus
den früheren tiefer eindringendere Formen konstruieren, die alten
Unterschablonen in neuen, großen Programmen manipulieren, und
so weiter, bis alles Gedächtnis aufgebraucht ist. So nimmt das ge­
speicherte Programm Teile des Gedächtnisses auf.
Bei einem modernen Computer kann man entweder das Ge­
dächtnis zur Speicherung neuer Daten verwenden oder für die
Speicherung von Instruktionen, wie diese Daten zu verwenden
sind; es besteht also eine Art von Konkurrenz zwischen diesen
beiden Vorgängen für den Gedächtnisraum des Computers.
Bei den modernen Computern können Teile des Gedächtnisses
selektiv gelöscht werden und auf eine neue Weise Verwendung
finden. Die Speicherung neuer Daten kann mitunter erfordern,
daß in dem laufenden Programm die alten einst errechneten Da­
ten gelöscht werden; umgekehrt werden die alten gespeicherten
Programme teilweise gelöscht, wenn neue Programme eingeführt
werden. So hat ein moderner Computer viele Fähigkeiten des
Gehirns. Da aber Gehirne viel größere Computer sind, verfügen
sie über viele zusätzliche Kräfte, die über die der gegenwärtigen
künstlichen Computer hinausgehen.
Die modernen Computer besitzen als Teil ihrer Grundstruk­
tur einige logische Schablonen eingebaut, die dadurch unverän­
derlich und unlöschbar feststehend sind. Solche eingebauten Ele­
mente können auf verschiedenen Wegen geschaltet und ebenso
verschieden aufeinander bezogen werden. Analog dazu hat auch
unser Gehirn eingebaute Schaltsysteme. Viele dieser Programme
sind für unsere Selbsterhaltung lebensnotwendig. Eine Gruppe
dieser eingebauten Programme stellt beispielsweise das »autonome
Nervensystem« vor. Dieser Teil des Nervensystems liegt jenseits
unseres Willens, wir können seine Programme aber indirekt über
den großen, zerebralen, kortikalen Computer beeinflussen.

103
Dies alles ist also nun ein umfassenderer, offenerer Blick auf das
Problem der Mensch-Delphin-Verständigung. Er ist gegenüber
den derzeitigen Theorien der konventionellen Zoologie, Ethnolo­
gie, Meeresbiologie, Ichthyologie und Mammalogie verschieden.
Seine Begriffe sind weit kraftvollere Forschungswerkzeuge als die
begrenzteren Theorien der obigen Disziplinen. Mit den neuen
Theorien gewinnen wir neue Daten, die zumindest von den älte­
ren Theorien nicht voraussagbar waren.
Von diesem theoretischen, von uns entwickelten Gesichtspunkt
aus sind Theorien analog zu Computer-Metaprogrammen. Unser
eigenes Gehirn ist analog einem Riesencomputer, größer als alle
bislang gebauten. Die in uns selbst gespeicherten Theorien (Pro­
gramme und Metaprogramme) arbeiten auf demselben Weg, auf
dem ein gespeichertes Programm in einem modernen Computer
arbeitet. Das gespeicherte Programm gibt die Order für die Da­
tenerwerbung, die Berechnungen, die Logik, die Modelle, aber
auch für die neu zu errichtenden Modelle, für den Endgebrauch
der Resultate und die Ergebnisse, die für die Ausgangsleistung
gewählt werden müssen.
So »programmiert« man sich selbst mit der so vollständig als
möglichen Theorie, um eine gegebene Theorie zu testen, und
vereinigt sich mit dem zu erforschenden System wie mit einem
Teilhabercomputer, der »auf der Linie« arbeitet. Diese Arbeit
eines Computers »auf Linie« ist ein neuer Begriff in der Com­
putertechnologie. Er bedeutet, daß der Computer nach Daten ar­
beitet, die in der augenblicklichen Zeit, im gegebenen Moment,
erzeugt werden, statt daß Lochkarten oder Magnetbänder zur
Fütterung des Computers mit Information verwendet werden.
Bei dieser Arbeitsweise sammelt der Computer fortgesetzt ent­
sprechende Daten, berechnet diese Daten mit dem gespeicherten
Programm, errichtet kleine Modelle, die auf der Theorie aufge­
baut sind, testet ihre Teile gegenüber den neu erlangten Daten
plus den neu hereinkommenden Daten und sendet Kontrollsignale
zum übrigen System aus.
Wenn wir zum Beispiel eine Verständigungstheorie über die
Kommunikation mit Delphinen testen wollen, müssen wir wie
Computer, die »auf Linie« arbeiten, handeln. Wir müssen in der

104
Lage sein, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben; eine Revi­
sion der Theorie muß nahezu automatisch und fortlaufend er­
folgen, sobald sich die neuen Arbeitsmodelle entwickeln und je­
weils mit den benachbarten integrieren. Die ungeeigneten Teile
der gespeicherten Programme werden daher durch Vergleich mit
den neu eintreffenden Daten aufgefunden. Sie werden gelöscht,
die neuen Teile werden so schnell wie möglich eingetragen.
Dieser Begriff des »Auf-Linie-Prüfens« einer Theorie ist ver­
hältnismäßig neu und war zur Zeit von Roger Bacon unbe­
kannt; Bacon definiert Wissenschaft als Sammeln neuer Infor­
mationen, wodurch in der Folge aus diesen neuen Informationen
eine Hypothese erzeugt wird, die sie zusammenhält. Dann über­
prüft man die Hypothese mit Hilfe weiterer Informationssamm­
lung.
Die Methode Bacons entspricht nicht der Auf-Linie-Tcstme-
thode; seine Methode setzt nur einen Teil des ganzen Rückkoppe-
lungs-Netzwerkes voraus, nämlich nur die Eingangsenergien.
Die Auf-Linie-Methode, eine Theorie zu testen, verlangt fort­
gesetzte Datenerstellung, fortgesetzte Modellveränderung und
fortgesetzte Veränderung der Arbeitsmethode gegenüber dem
außenliegenden System. Wenn zwei Riesencomputer (wie Del­
phin und Mensch) in so einer Auf-Linie-Weise Zusammenarbeiten,
besteht das Problem nicht allein darin, durch die neu erworbenen
Daten eine Hypothese zu überprüfen. Es besteht auch darin, das
Auf-Linie-Testen fortgesetzt voranzutreiben und herauszufinden
zu versuchen, welches Modellprogramm der Verständigung zur
Zeit in jedem der Computer gespeichert ist.
Wenn ich mit einer anderen Person umgehe, möchte ich wissen,
mit welchem Modell sie zur Zeit arbeitet. Wir befragen uns oft
gegenseitig in diesem Sinne. Wenn jemand ein ungeeignetes Mo­
dell von uns benützt, können wir darüber ärgerlich werden. Wir
haben die Empfindung, daß es unbillig, ungerecht oder unpassend
ist. Genauso müssen wir mit den Delphinen arbeiten.
Wenn wir ein ungeeignetes Modell der Delphine anwenden
und wenn auch diese ein ungeeignetes Modell von uns gebrau­
chen, treten auf beiden Seiten viele Fehler auf. Wenn ein Mensch
einem Delphin die Vorstellung übertragen kann, daß der Mensch

105
bestrebt ist, sein Modell von ihm abzuwandeln, und daß er zur
Zeit noch gewisse Grenzen bei seinem Modell hat, kann er die
Zusammenarbeit mit dem Delphin auf einer längerfristigen, mehr
strategischen Art gemeinsamer Forschung erreichen.
Auf diese sehr lange Sicht hängt die Prüfung der Theorie na­
türlich vom Auffinden der Schlüsselfakten ab. Man mag zwar
vermuten, daß solche Fakten existieren, aber man muß zu einem
unbezweifelbaren Beweis ihrer Existenz gelangen. Manchmal
müssen neue Definitionen gebildet werden, um die Form der auf­
gefundenen Fakten darstellen zu können. Zum Teil geben wir in
dieser Computerdiskussion einige Direktiven für das Auffinden
der Schlüsselfakten und deren Bewertung. Die wichtige Seite die­
ser neuen Betrachtungsweise betrifft den »Teilhabercomputer«.
Neue Daten werden in kürzester Frist aufgenommen und üben
fortgesetzt einen maximalen Einfluß auf die gegenwärtige und
künftige Theorie aus. Der Weg ist daher auf neue Sammelsysteme
für neue Daten ausgerichtet, um fehlende Teile des Gesamtbildes
auszufüllen (»Beweis« oder »Gegenbeweis«). Sobald unsere inne­
ren Modelle vollständiger werden und die Nachprüfungen zei­
gen, daß die neuen Modelle neue Fakten Vorhersagen, die bislang
nicht aufgefunden wurden, und sobald diese dann gefunden wer­
den, können wir bei der Entwicklung - etwa der zwischenartli­
chen Verständigung - weiterrücken.
Der Vollständigkeit halber wollen wir hinzufügen, daß es
einige wichtige Grundregeln für dieses Forschungsprogramm gibt.
Diese Regeln unterliegen den Axiomen des ganzen Computers und
seiner primären Direktiven. Vor allem wird Wahrheit gesucht.
Welches immer die Regeln für Wahrheit und die für das Suchen
nach ihr sein mögen - sie allein wird gesucht. Das sind die Spiel­
regeln der Wissenschaftsstrategie. Wir suchen die Wahrheit ohne
Rücksicht auf die Kosten bei der Programmrevision, auf das per­
sönliche Ansehen, auf Dollars, Energie, Zuneigung oder Zeit.
Zweitens paßt man sich selbst dem Programm an. Wenn einer
darangeht, ein Teilhabercomputer zu sein, muß er sich von einem
Übermaß an emotionellem Gepäck befreien. Bedrückende Schuld
muß getilgt werden. Persönliche blinde Flecke und empfindsame
Schmerz- oder Schamgebiete müssen abgeändert oder gelöscht

106
werden. Das Modell des Computers selbst, um das man sidi be­
müht, enthält keine persönlichen Blockaden gegen das Auffinden
der Wahrheit, wo immer diese auch liegen mag.
Drittens beginnt man den beinahe endlosen Prozeß des Erzeu­
gens von sachdienlicher »Software«. Dieser Ausdruck wird in etwa
als die Gesamtheit der Programme und Metaprogramme, die in
einem Computer vorhanden und in Verwendung sind, definiert;
er steht dem von der Struktur des Computers selbst gegenüber,
der im Arbeitsjargon als Hardware bezeichnet wird. So muß
man also ein Metaprogramm haben, das besagt: »Schaffe not­
wendigerweise Unterschablonen, Schablonen, Programme, Meta­
programme und Modelle, um die Wahrheit zu finden; die Wahr­
heit, so wie sie in dem System, an dem man interessiert ist, nun
einmal vorhanden ist.«
Viertens programmiert man ein Modell von einem Delphin,
das mit dem wirklichen Delphin so weit übereinstimmt, wie man
das zur Zeit beweisen kann.
Fünftens muß man willens und in der Lage sein, sein Modell
vom Delphin so schnell abzuwandeln, wie neue Daten eintreffen
und über diesen oder andere Delphine verarbeitet werden.
Nun wollen wir zu den Delphinen und uns zurückkehren.
Jeder Delphin im Freileben ist ein Riesencomputer. Wenn er alt
ist, ist er genau wie wir mit vielen Programmen angefüllt.
Das meiste vom Inhalt dieser Programme und vermutlich selbst
deren Form ist für uns recht fremdartig. Wir können nicht ein­
mal voraussetzen, daß seine Logik der unseren gleicht. Sie kann
ganz anders und völlig verschieden von der menschlichen Logik
sein. Die Regeln, nach denen der Delphin seine Datensammlung
ordnet, seine Daten berechnet, logisch manipuliert, und die Re­
geln für den Endgebrauch seiner Berechnungsergebnisse sind uns
vermutlich völlig fremd. Unser Problem besteht darin, die Ge­
meinsamkeiten unseres und seines Computers herauszufinden. Gut
entwickelt ist vermutlich die Fähigkeit des Delphins, Modelle der
Wirklichkeit, von anderen Delphinen oder von uns, zu konstruie­
ren; aber seine Modelle sind wahrscheinlich ganz verschieden von
unseren. Sein vorwiegend akustisch orientiertes Leben zum Bei­
spiel erzeugt da akustische Modelle, wo wir visuelle aufbauen.

107
Wir kennen bis jetzt nicht die kategorischen Imperative der
Delphine. Unter unseren vielen Problemen besteht auch das, wie
ein gemeinsames Programmuniversum und ein gemeinsames Da­
tenuniversum erzielt werden kann. Umgekehrt hat der Delphin
ein schwieriges Programm bezüglich des Zusammenlebens mit uns.
Auch er muß also ein gemeinschaftliches Programm- und Daten­
universum erlangen.
Mit anderen Worten: das Grundproblem der zwischenartlichen
Verständigung liegt darin, beide Seiten davon zu überzeugen,
daß dieses Problem existiert. Beide Seiten müssen herausbekom­
men, mit welchen gemeinsamen Dimensionsformen dieses Pro­
blem angegangen werden kann.
Es gibt ein altes Wort, das besagt, es sei sehr schwer, einer älte­
ren Person neue Tricks beizubringen. Das mag für einige alte
Knaben zutreffen, aber offensichtlich nicht für alle. Vielleicht hat
aber der ältere Delphin wirklich eine ähnliche Schwierigkeit. Es
kann sein, daß das alte Gedächtnis so angefüllt und seine Fähig­
keit zum Auslöschen so gering ist, daß wir keine alten Delphine
für unser zwischenartliches Verständigungsprogramm wählen
sollten. Es mag besser sein, einen jungen Delphin zu verwenden,
dessen Gedächtnis weniger von delphinischen Lebensprogrammen
in Anspruch genommen ist, und diesen in das Mensch-Delphin-
Verständigungsprogramm einzuführen.
Dieser Plan wird zur Zeit in unserem Dolphin Point Labora­
tory auf der Insel St. Thomas (U. S. Virgin Islands) ausgeführt.
Dieses besondere Programm wird an anderer Stelle genauer
beschrieben. Es genügt zu sagen, daß es schwierig ist, eine Kom­
promißumwelt zu finden und herzustellen, die für uns »trok-
ken-denkende, trocken-lebende« Menschen und ein im Wasser
denkendes und lebendes Wesen sowie für das fortgesetzte Tag-
und-Nacht-Programmieren von Mensch und Delphin im gemein­
samen Heim gleich gut geeignet ist.
Ebenso schwer ist es, eine Kompromißform hinsichtlich der
Verständigung der Delphine mit uns zu finden und herzustel­
len. Wie oben gezeigt, sind Delphine spezifisch an eine Unter­
wasserform der Verständigung angepaßt, wir hingegen an eine
»Luftform«. Wir sind vorwiegend visuell, sie sind vorwiegend

108
akustisch orientiert. Glücklicherweise suchen beide Seiten Kom­
promisse.
Der ältere Delphin wäre jedoch erst einmal zu überprüfen.
Wir haben nun für unsere Arbeit einige ältere Knaben. Aus un­
serer Arbeit mit ihnen erhalten wir neue Informationen über die
Sprechfähigkeiten der wildlebenden Delphine. Wir haben so von
den älteren viele neue Dinge erfahren. Sie haben uns über ihre
Erziehung der jüngeren Delphine belehrt, über ihre gegenseitige
Erziehung und ebenso über ihre Schulungsmaßnahmen für uns.
Einige der von den Delphinen selbst entwickelten Programme
beginnen sich abzuzeichnen.
Manchmal passen sich die jungen Delphine so schnell an unsere
Methoden an, daß wir die von jenen in Freiheit gelernten Pro­
gramme vermissen; offenbar geben sie diese im Umgang mit uns
auf. Die Programme, die wir zu sehen bekommen, sind eine Ant­
wort auf uns und auf unsere Wünsche.
Bei den älteren Delphinen, die selbst mit einem älteren oder
mit einem jüngeren Zusammenarbeiten, sehen wir von diesen in
Freiheit und ohne das Dazwischentreten des Menschen entwickel­
ten Programmen mehr. Typische Daten erhalten wir von den
älteren Delphinen etwa über die bereits hochentwickelte Kompli­
ziertheit der oben geschilderten Lautbildung. Bei ihnen konnten
voll entwickelte Repertoires all der zuvor aufgezählten Klassen
von Lautformen festgestellt werden. Die Alten haben im Ge­
dächtnis verschiedene Arten von Information gespeichert, die den
Jüngeren offensichtlich noch fehlen.
So haben wir in diesem Kapitel einiges von dem vorgestellt,
was wir von der Stimmbildung der Delphine erfahren haben,
von den physikalischen Eigenschaften der von ihnen erzeugten
Laute, und wir verglichen unsere und deren Lautgebung; zu­
letzt haben wir eine Leittheorie für die Forschung über die Ver­
ständigung zwischen den Delphinen und uns gebracht. Diese Theo­
rie sieht so aus, als würde sie künftig im Programm einer zwischen­
artlichen Verständigung nützlich sein. Kann sein, daß es ebenso
nützlich sein wird, eine zwischenartliche Verständigung bei ande­
ren Arten als Delphinen herbeizuführen, sagen wir mit Elefanten,
mit den großen Walen - oder zwischen Mann und Frau!

109
IV. KAPITEL

Kommunikation besteht zwischen geistigen Fähigkeiten

Es wird nützlich sein, eine Arbeitsdefinition für das zu haben,


was in den Begriff Verständigung hineingehört und was nicht.
Verständigung ist ein grundlegender Begriff, wesentlich für ein
grundsätzliches Verständnis des Menschen und anderer Arten.
Die Definition, die in diesem Buch gebracht wird, ist wesentlich
für ein Verstehen dieses Buches und auch von »Mensch und Del­
phin«.
DEFINITION: Verständigung (Kommunikation) ist der Aus­
tausch von Informationen zwischen zwei oder mehr Trägern gei­
stiger Inhalte.
Ein Geist wohnt in einem Gehirn, das wieder in einem Körper
sitzt, und ist durch die Sinne feststellbar, oder durch diese unter
Zuhilfenahme von Spezialgeräten. Das Medium der Verständi­
gung ist jedem einzelnen (oder mehreren) für die beiden in den
Austausch einbezogenen Geister erreichbar. Die Weisen der Ver­
ständigung sind die, die beiden zugänglich sind.
Das besondere Interesse gilt den land- und wasserbewohnenden
Säugetieren. Die austauschbare Information ist in ihrer Kom­
pliziertheit und Veränderlichkeit von der Größe der beiden oder
mehrerer Geister abhängig, die in den Austausch einbezogen sind.
Die geistige Größe ist eine direkte und eine möglicherweise spezi­
fizierbare Funktion der Gehirngröße. Die Gehirngröße wieder
ist eine direkte und möglicherweise spezifizierbare Funktion aus
der Anzahl der aktiven Elemente, die im Gehirn enthalten sind;
die gegenwärtige Theorie besagt, daß die Anzahl der Neuronen
und vielleicht auch die Anzahl der Gliazellen die Funktionsgröße
des Gesamtgehirns bestimmen. Die Größe des Gehirns in Hinblick
auf die Zahl der aktiven Elemente kommt einer linearen Funk­
tion des jeweiligen Säugergehirnes nahe. Daher können wir sagen,
daß das Gesamtgewicht des lebenden Säugergehirnes ein Haupt­

110
maß für die Größe des in ihm enthaltenen Geistes ist und damit
ein Hauptmaß für die Kompliziertheit und Vielfältigkeit der
Informationen, die übermittelt werden können.
Um diese Definition möglichst offen zu halten und nicht auf
die gegenwärtig bekannten Kommunikationsformen zu beschrän­
ken, schließt sie weder direkte Übermittlung der Gedanken von
Geist zu Geist ein noch grundsätzlich aus. Mit anderen Worten,
die Definition überläßt die Frage der Gedankenübertragung
künftiger Forschung. Direkte Gedankenübertragung ist bis jetzt
nicht unwidersprochen demonstriert worden, das heißt, der
wissenschaftliche Beweis hierfür steht noch aus. Unter den existie­
renden Verständigungsweisen sind das konventionelle Sprechen,
gestische, nicht-stimmliche Übermittlung bzw. Entgegennahme
ohne Gebrauch des Gehörs, einige Formen der Musik, Schreiben
und Lesen, Mathematik, Tanz und Liebesspiele anzuführen. Viele
dieser Formen sind gewöhnlich nicht in einer der üblichen Defi­
nitionen der Verständigung enthalten. Die neue Wissenschaft von
nicht-stimmgebundener Kommunikation zwischen Menschen ent­
hält solche Aktivitäten.
Bekannte Medien des Austausches sind ganz allgemein elektro­
magnetische Wellen (einschließlich Licht, Radio usw.), elementare
physikalische Partikel, mechanischer Kontakt, mechanische Wel­
len in Gasen, festen oder flüssigen Stoffen und elektrische Ströme
in festen, flüssigen oder gasförmigen Stoffen. Der Gebrauch von
elementaren physikalischen Partikeln für Verständigungszwecke
existiert nur in begrenzten räumlichen und stofflichen Regionen.
Solche Partikel wie das Elektron werden in den Vakuumröhren
des Radios verwendet; andere Partikelformen werden in festem
Zustand genützt. Mechanische Kontakte werden beispielsweise
beim Braille-System (Blindenschrift) über den Weg von Finger­
kontakten zur Kommunikation verwendet. Mechanische Wellen
in Gasen sind die üblichen Schallwellen, mit denen wir uns ver­
ständigen. Sie können ebenso durch flüssige und durch feste Me­
dien übertragen werden. Die Delphine bedienen sich ihrer im
Meer. Elektrische Ströme werden beim üblichen Telephon aus­
genützt, aber ebenso von einigen Fischarten; diese können seht
schwache Ströme wahrnehmen und auf diese Weise herausfinden,

111
wieweit sie von verschiedenen Objekten entfernt sind; möglicher­
weise benützen solche Fische diese Ströme sogar zur gegenseitigen
Verständigung. Der Zitterrochen benützt elektrische Ströme im
Wasser als Angriffswaffe und wendet diese möglicherweise in
Kommunikationssystemen zwischen Artgenossen an. Ob Delphine
elektrische Ströme oder elementare physikalische Partikelchen
irgendwie ausnützen, ist bis jetzt nicht bekannt. Wir wissen aber,
daß sie Lichtwellen verwenden. Ob sie vielleicht sehr niederfre-
quentige Radiowellen ausnützen, ist ebenfalls nicht bekannt. Me­
chanische Kontakte wieder werden von ihnen angewandt.
In der obigen Definition lassen wir ein weites Gebiet für unbe­
kannte Austauschmedien offen und ebenso unbekannte Formen
des Austausches, das heißt, wir nehmen an, daß es neue, bis jetzt
nicht entdeckte gibt. Man entwickelt eine Achtung vor und eine
Sensibilität für unbekanntes Geschehen im Bereich der Kommuni­
kation. Ich glaube, dies ist ein wesentliches Merkmal für die Eig­
nung eines Wissenschaftlers, der in diesem Bereich arbeitet. Eine
Achtung vor dem Unbekannten ist auf jeder Ebene notwendig,
nicht nur im Bereich der Medien und Formen, sondern auch auf
der hohen Ebene der Abstraktion. Anders gesagt, Austausch kann
zwischen Delphinen in bekannten Formen und mit bekannten
Medien erfolgen, aber auf einem Abstraktionsniveau, das uns
bis jetzt noch unbegreiflich ist. Solches Bewußtsein einer immer
gegenwärtigen und verborgenen Anwesenheit von etwas Unbe­
kanntem hält Geist und Denksystem offen. Ohne dieses Aufge­
schlossensein wird das Entdecken neuer Dinge behindert.
Die sogenannten Spiritualisten und die sogenannten Psychisten
bestehen darauf, daß ihre Methoden der Verständigung ein­
schließlich deren Formen und Medien ein Teil des Unbekannten
sind, das noch zu entdecken ist. Sie behaupten, daß die Realität
solchen Austausches unbestreitbar und recht angsterregend ist. Sie
behaupten ferner, daß eine solche Kommunikation mit einem
Geistwesen ohne erkennbaren Körper zustande kommen kann.
Diese Leute mögen - wie sie übrigens selbst behaupten - eine
besondere Sorte von Menschen sein, die spezielle Sinne für unbe­
kannte Medien und Formen entwickelt haben. Soweit ich das je­
doch beurteilen kann, sind solche Vorstellungen noch im Bereich

112
kindischen Wunschdenkens. Der Beweis, daß sie das nicht sind,
muß erst erbracht werden. Alle von kompetenten Wissenschaft­
lern angestellten jahrelangen Forschungen über diese Phänomene
zeigen gewöhnlich nichts anderes als allerlei Tricks, Schwindel
oder unbewußten Gebrauch gewöhnlicher Kommunikationswei­
sen. Bei aller Achtung vor dem Unbekannten sollte man das nicht
zu einem Kult machen und für mächtiger ansehen als das Be­
kannte.
Vor unbekannten geistigen Inhalten und bekannten Gehirnen
Achtung zu haben ist eine andere Sache. Daten, die aus sorg­
fältigen Experimenten mit Tieren stammen, die ein kleineres Ge­
hirn haben, zwingen mich nicht zu der Annahme, daß Delphinen
ein Geist fehlt. Was mich betrifft, muß ich annehmen, daß beim
Delphin, dessen Gehirn größer als meines ist, ein großer Geist
vorhanden ist. Solange nicht das Gegenteil bewiesen wird, ist
das meine grundlegende Arbeitshypothese.

Das obige Diagramm zeigt in dem Kreis auf der linken Seite
den im Gehirn 1 (Quadrat) enthaltenen Geist. Dieser übermittelt
Signale zu dem Geist (G) im rechten Gehirn 2. Umgekehrt über­
mittelt Geist 2 Signale zu Geist 1. Die Information wird von den
Signalen so lange nicht erzeugt, wie diese Signale empfangen,
berechnet und in Informationen von den beteiligten Geistesfähig­
keiten umgewandelt werden. Dies ist das wesentliche Kernstück
unserer Definition der Verständigung.
Die Information existiert so lange nicht als Information, bis
sie innerhalb der höheren Bereiche der Abstraktion jedes der gei­
stigen Prozesse angelangt und als solche errechnet ist. Bis zu dem
Punkt, an dem sie als Information erkannt wird, besteht sie aus

113
Signalen. Diese Signale wandern durch die äußere Wirklichkeit
zwischen zwei Körpern und gelangen - immer noch als Signale -
in die Gehirnsubstanz selbst. Solange nicht die komplizierten For­
men der Neuronenimpulse im Gehirn berechnet und innerhalb
der Großhirnrinde als Informationen entschlüsselt werden, sind
sie keine Informationen. Informationen sind das Ergebnis einer
langen Reihe von Berechnungen, die auf Daten-Signal-Eingängen,
auf Daten-Signal-Übermittlungen in die Gehirnsubstanz und auf
Umrechnung dieser Daten beruhen.
Die übliche Definition von »physikalischer Information« ist
von der, die ich hier gebrauche, verschieden. Das Schema der De­
finition zeigt, daß man sehr sorgfältig zwischen »Signalen« und
»Information« unterscheiden muß. So gesehen, ist eine Reihe von
Signalen einer erkennbaren Mindestgröße in irgendeiner Form
und in irgendeinem Medium immer noch keine Information; diese
entsteht erst dann, wenn sie in einen Geist eindringt, berechnet
wird und dessen Inhalte verändert. Wie mit Hilfe von Spezial­
methoden gezeigt werden kann, gelangen viele komplizierte
Signalmuster unter der Bewußtseinsschwelle in den Geist und
werden dort für Jahre gespeichert; sie können in voller Stärke wie­
dererweckt werden. Gespeichert werden dabei die Signalmuster,
alle Arten von Signalstücken samt den Regeln für ihre Zusam­
mensetzung auf ein passendes Kommando hin. Die gespeicherten
Muster werden in diesem Schema und in dieser Definition nicht
»Information« genannt. Das gespeicherte Material, ähnlich den
von außen einlangenden Signalen, ist so lange keine Information,
als bis es in »räumliche Muster« wieder zusammengestellt wird,
und zwar in dem gegenwärtigen oder künftigen Geist. Anders
gesagt, unsere Grenze für Information liegt im Bereich des Wor­
tes »Cogito, ergo sum, ich denke, also bin ich«. Information ist
das, was ich nun weiß; sie kommt von außen oder von dem, was
im Inneren gespeichert wurde; letzteres ermöglicht einen Auf­
schub der Berechnung und Übertragung.
Die meisten Informationstheoretiker unterscheiden das nicht
bewußt. Was wir Signale nennen, besteht für sie aus »Teilstücken
physikalischer Information«, geradeso wie ich das im vorherigen
Kapitel tat, als ich über die Augen und Ohren des Delphins sprach.

114
Sorgfältige Analysen offenbaren jedoch einen Kreisgang der Be­
griffe in diesen »physikalischen« Definitionen. Die »Formen« der
Teilstücke führen in Seitenpfade einer Erklärung, die bei der
obigen Definition überflüssig sind. Der Geist des Beobachter-Teil­
habers ist der Ort, wo die Information aufgebaut wird, durch
seine eigenen Programme, seine eigenen Regeln der Auffassung,
seine eigenen bewußten und logischen Prozesse, sein eigenes Me­
taprogramm von Vorzugsrechten unter den Programmen. Sein
eigener riesiger Computer errichtet die Information aus Signalen
und gespeicherten Signalstückchen. Die »Teilstücke« der Infor­
mation erhalten so eine neue Bedeutung: Ein Teilstück ist das
kleinstmögliche Stück einer Information, als solche bereits erkenn­
bar; es kommt entweder von einwärts wandernden Signalen oder
von sich nach außen bewegenden Signalen. Grundsätzlich ist dies
der Standard-Definition der üblichen »Informationstheorie« ähn­
lich. Das ist so zu verstehen, daß die Standard-Informations-
theorie nur in einem Geist existiert und daß selbst die Teilstücke,
die Zeichen der Signale in der äußeren Realität, noch »Teilstücke«
nur im Geiste sind.
Die »Kommunikationstechnik-Theorie« ist eine Theorie der
Verständigung von einem Geist durch sein Gehirn und dessen
Leistungen, über eine besondere Reihe von Prozessen in der äuße­
ren Welt, durch einen Teil dieser Welt mit Hilfe besonderer For­
men, Medien und künstlichen Medien zu einem anderen Körper,
einem anderen Gehirn und schließlich zu einem anderen Geist.
Die »Informations-Teilstücke« in jedem der beiden Geister müs­
sen durch sie über die Abstimmung ihrer Definitionen in Über­
einstimmung gebracht werden. Die Signale müssen von einem
Geist zum anderen und wieder zurückgehen können und immer
wieder, zu jeder Zeit, dieselbe oder eine ähnliche Information
erzeugen. Daher ist die Grundlehre von »Information« unter Be­
nützung der »Signal/Geräusch-Ratio« und deren Bedingtheit
hinsichtlich des »Durchgangsbandes« und der »Teilstücksrate« un­
vollständig. Dieser Lehrsatz bzw. sein neugefaßtes Analogon muß
umdefiniert werden, um die neuen Zwischenflächen aufzunehmen.
Wir wollen sehen, was wir tun können, um solche neuen Defini­
tionen abzufassen.

115
Ganz allgemein ist die Signal/Geräusch-Ratio nur dann gege­
ben, wenn jeder der beiden Geister hinsichtlich der Definition
übereinstimmt, was ein »Signal« und was ein »Geräusch« ist. In
der Standard-Theorie ist »Geräusch« idealerweise ein feststell­
barer, zufälliger Vorgang, eine Ganzheit, die sich (in zufälliger
Weise) zeitlich wandelt. »Geräusch« ist eine Energieform, der
kein Teil entnommen werden kann, nach welchen Gesichtspunk­
ten man ihn auch immer auswählt, der irgend etwas von Bedeu­
tung übermittelt. Physikalisches Geräusch ist diejenige Reihe von
Signalen, die, wenn von einem Geist empfangen, keine neuen In­
formationen in diesem Geist hervorbringt. In diesem Sinne darf
ein Geräusch keinen Anfang und kein Ende haben. Wenn ein
Geräusch anfängt, ist das bereits ein Signal für sich. Wenn ein
Geräusch endet, ist das ebenfalls wieder ein Signal. Wir haben
dadurch eine neue Information über Anfang und Ende einer Ge­
räuschfolge. Dadurch wird aber auch die Dauer dieses Geräusches
eine Information.
Wir können daher sagen, daß jede irgendwie mit einem Ge­
räusch verbundene Veränderung, die vom Geistigen her erkannt
werden kann, ein Signal ist und daher im Geistigen eine Infor­
mation hervorbringen kann. Wenn wir die Informationstheorie
neu abgrenzen, wird sichtbar, daß der Geist so sein und so handeln
kann, als ob er eine Quelle »neuer« Information sein würde.
Die Quellen der »neuen« Information im eigenen Geistesbereich
sind den Quellen der Außenwelt analog. Das kann entweder beim
Anblick eines sehr geräuschvollen, visuell gebotenen Prozesses oder
beim Horchen auf einen sehr geräuschvollen, nur akustisch gebo­
tenen Vorgang besonders deutlich beobachtet werden. Wenn man
lange genug beobachtet oder horcht, fängt man an, aus dem Ge­
räusch »Signale auszumachen«, indem man systematische Verän­
derungen in das Geräusch hineinhört. Woher kommen diese »Si­
gnale«? Woher kommt diese neue »Information«?
Bei einer vollständigen physikalischen Isolation kann dieser
Vorgang höchst eindrucksvoll gezeigt werden. Unser Geist proji­
ziert ein Muster in das Geräusch. Wir können sogar eine »als ob«-
Quelle der Signale projizieren (als ob sie von außen kämen),
obgleich sie nur aus den Speicherungen innerhalb unseres eigenen

116
Geistes hervorgebracht werden. Grundsätzlich können Forscher,
die in ihren eigenen Geist Einsicht nehmen (unter speziellen Be­
dingungen), die Quellen »neuer« Information in ihrem eigenen
Geist falsch auffassen, so, als ob diese Quellen außerhalb ihres
Kopfes lägen. Dieser Vorgang wird in der Psychologie »Projek­
tion« genannt.
Dieser Vorgang kann Geräusche auf jeder Abstraktionshöhe
(von der physischen, physiologischen Ebene des Funktionierens)
wie ein Computer nützen und denselben Fehler machen. Man
kann Geräusche in zufälligen logischen Prozessen ebenso vor sich
haben als durch die zufällige Bewegung und die zufälligen Kolli­
sionen von Molekülen. Wenn jemand »Geräusch« auf logischer
Ebene betrachtet, kann er manchmal »Botschaften hören«, als ob er
von anderen Personen angesprochen würde und diese Personen ihm
wichtige Botschaften übermittelten. Es wird gerade damit begon­
nen, diese Vorgänge innerhalb des menschlichen Geistes mit Hilfe
besonderer Bedingungen von Grund auf zu erforschen. (Dieser
Weg mag für ein Studium ernsthafter Psychosen gangbar sein.)
Grundsätzlich müssen wir daher eine Hypothese ablehnen -
soweit es unser Gehirn, unseren Geist und deren wissenschaftliche
Erforschung betrifft -, die besagt, daß das aus dem Inneren des
eigenen Geistes und Gehirns kommende Geräusch »Signale« sein
können, »hervorgerufen durch direkten geistigen Einfluß anderer
Geisteswesen ohne Zwischenschaltung der üblichen Formen und
Medien der Kommunikation«. Die moderne wissenschaftliche
Theorie besagt, daß ich meinen Geist habe, hier und jetzt, und
daß es genauso andere Geister gibt, die in Gehirnen anderer Kör­
per residieren und sonst nirgends außerhalb meines Körpers in
der äußeren Wirklichkeit.
Die moderne Wissenschaft verweigert das Interesse an der
Existenz solcher Dinge wie eine spirituelle Geisterwelt, den
direkten Einfluß Gottes auf den menschlichen Geist und an außer­
irdischen Einflußmitteln, die von anderen Wesen manipuliert wer­
den. Die meisten der Phänomene, die als »Geschehen« inner­
halb der geistigen Bereiche von Menschen beschrieben wurden,
können weit besser als durch irgendeinen existierenden »Geist«
oder »Gott« durch die obigen Mechanismen erklärt werden, durch

117
die Projektion von Signalen aus dem eigenen Aufgespeicherten
hinaus in das Geräusch, wodurch man hört oder sieht, was man
zu hören und zu sehen wünscht.
Man könnte von einem modernen wissenschaftlichen Gesichts­
punkt aus sagen, daß transzendentale religiöse Offenbarungen
eher Projektionen der eigenen Erwartungen im Bereich der Reli­
gion sind. Entsprechend unserer heutigen wissenschaftlichen Theo­
rie kann ein körperloser Geist nicht existieren.
Ich bleibe also in dieser Hinsicht völlig empirisch. Solange ich
nicht Telegramme (von mir zu einem dritten Beteiligten) durch
solche Medien und durch solche Geister senden kann und nach­
weisbar auf demselben Wege ein Telegramm erhalten kann,
werde ich nicht an die Existenz soldier Medien, Formen und
Geister glauben.
Der Existenz-Lehrsatz stellt fest: »Um die Existenz von irgend
etwas nachzuweisen, muß man erst von diesem Irgendetwas und
seiner Existenz einen für andere Geisteswesen annehmbaren Be­
weis erbringen.« Der Nicht-Existenz-Lehrsatz lautet: »Solange
man die Nicht-Existenz von irgend etwas annimmt, wird man
annehmen, daß die Signale von diesem Etwas entweder nicht
existieren, Geräusch sind, im menschlichen Geistesbereich erzeugt
werden oder aus geist-losen Vorgängen der Natur kommen.«
Wenn daher ein unbekannter Geist ohne einen sichtbaren, fest­
stellbaren Körper Signale gibt, ignorieren wir diese, unterdrücken
Erinnerungen daran, sie erhalten zu haben, schreiben sie dem Ge­
räusch zu odereiner unbeseelten, aber systematisch sich verändern­
den Quelle, oder wir sagen, daß sie die Ergebnisse einer fehlge­
leiteten Arbeit eines Beobachters sind, also Projektionen aus dem
geistigen Inhalt des Beobachters selbst.
Dieser Nicht-Existenz-Lehrsatz ist beim Umgang mit unbe­
quemen Beweisen recht nützlich, die zu verwerfen man versucht
ist, gewöhnlich mit einem heftigen emotionalem Antrieb zum
Verwerfen. Dieser Lehrsatz kann uns zumindest zum Langsam­
treten und zum Nachdenken über Alternativen zum Verwerfen
veranlassen. Ich finde ihn besonders nützlich bei bestimmten gei­
stigen Verfassungen, einschließlich Zeiten großer Enttäuschung,
Angst, großer Freude oder Trauer und so weiter. Ich finde ihn

118
ebenso nützlich beim Umgang mit Delphinen. Wenn wir anneh­
men, daß der Delphin keinen Geist hat, werden wir auch anneh­
men, daß die Signale von ihm nicht existieren, Lärm sind, vom
menschlichen Geist hervorgebracht, oder aus irgendeinem unbe­
seelten Vorgang in der Natur stammen. Wenn ein Delphin Si­
gnale sendet, ignorieren wir diese, unterdrücken die Erinnerung,
sie erhalten zu haben, schreiben sie dem Geräusch oder einer
nicht-geistigen Quelle zu oder sagen einfach, daß sie die Resultate
einer falschen Arbeitsweise des Beobachters sind, der sie berichtet.
Das ist genau die Behandlung, die Delphine gewöhnlich in der
Hand von Wissenschaftlern erdulden.
Als ich zum erstenmal die Existenz eines Geistigen beim Del­
phin in dem Buch »Mensch und Delphin« postulierte, sah ich
diese Folgerung schwer gegen mich und meine »Delphin-Geist-
Hypothese« arbeiten. Warum müssen wir sagen, daß der Del­
phin keinen Geist hat, daß kein anderes Geschöpf in der Welt
einen Geist hat, der so kompliziert und so groß wie der unsere
ist? Warum ist die Theorie von der Existenz eines Geistes in ande­
ren Geschöpfen zur persona non grata geworden, über Jahre hin­
aus in Mißkredit gebracht? Ich vermute, das kommt daher,
daß der Mensch alle seine Bemühungen auf Gebiete konzentriert
hat, in denen diese Mutmaßung von einem Geistigen völlig un­
passend ist. Der Mensch hat schnelle Fortschritte in der Physik,
Chemie, Biologie, Technik und anderen derartigen Gebieten ge­
macht, mit der Bestimmung, daß ein Geist in diesen Prozessen
nicht existiere. In diesen Bereichen wissenschaftlichen Strebens gilt
das als Grundannahme, die gemacht werden muß, die passend
ist und von der nachgewiesen werden kann, daß sie sehr gut
funktioniert.
Auf anderen Gebieten, wie jenen, die in diesem Buch besprochen
werden, müssen wir hingegen annehmen, daß ein Geist existiert,
um einen Fortschritt zu erzielen. Die Annahme eines Geistigen
bei der Delphinforschung bedingt: »Jeder der großbehirnten Del­
phine hat einen entsprechend großen Geist.« Der Satz besagt
nicht, welcher Art dieser Geist ist, er besagt nur, daß er existiert.
Ein Grund dafür, daß die Wissenschaft die Hypothese eines
körperlosen Geistes aufgegeben hat, von Geistern ohne Gehirne,

119
ist teilweise der, daß sie in der Geschichte der Menschen aller
Rassen mißbraucht worden ist. Historisch gesehen, gibt es prak­
tisch bei allen Menschenrassen der Vergangenheit und bei einigen
auch heute noch Aberglauben, Animismus, Totemismus und ver­
schiedene andere Arten von Projektionen in das Geräusch des
eigenen Ignoranzbereiches. Wenn man keine klaren Daten von
den Realitäten der Umwelt hat und ebensolche Daten von den
inneren Realitäten des eigenen Geistes, projiziert man die Vor­
stellungen seines Geistes in die Umwelt hinein, in andere Perso­
nen, in Tiere und selbst in Pflanzen. Dies scheint der Ursprung
der vielfältigen Götter, Teufel, Waldgeister und Nymphen zu
sein, mit denen die Weltliteratur angefüllt ist.
Solche Faktoren können auch heute noch bei ihrer Arbeit beob­
achtet werden, selbst im eigenen Geist, wenn man bereit ist, in
die Einsamkeit zu gehen, in völlige Isolation von physikalischen
Reizen. Unter diesen Bedingungen, wenn ein »weißes akustisches
Geräusch« im Hintergrund vorhanden ist, wenn man sich furcht­
sam oder erwartungsvoll genug oder ganz vernachlässigt fühlt,
kann man nach und nach aus dem Geräusch »Stimmen« auftau-
chen hören; manchmal kann man sogar die Anzahl der Leute
zählen, die das Gespräch führen. Einige wenige Menschen können
unter solchen Umständen tatsächlich die »Stimme Gottes« hören.
Wenn man sorgfältig analysiert, »was Gott sagte«, bekommt man
heraus, daß nichts Neues gesagt wurde, soweit es diese Person
betrifft. Mit anderen Worten, die Dinge, die in dem großen,
persönlichen Computer gespeichert sind, sind alles, was man
bei der Analyse dessen, was Gott sagte, herausfinden kann. Bei
einem ausreichend langen Zeitraum für diese Analyse, die so einer
Episode folgt, kann man alle Details der sogenannten »religiösen
Offenbarung« nachzeichnen und zeigen, daß sie seit der Kindheit
des Menschen vorhanden gewesen sind. Unter solchen Umstän­
den tendiert man also dazu, Dinge zu projizieren, die man als Er­
wachsener zwar längst vergessen hat, die man aber doch in der
Kindheit aufgenommen hat.
Diese Projektion besteht aus den unbekannten Beständen von
Signalen, die man als Geräusch interpretieren und daher ziemlich
frei herausprojizieren kann. Ebendiese Fähigkeit hat die Wissen-

120
schaftler stets geplagt, seit es Wissenschaft gibt. Es ist dieser
Irrtum, weit mehr als Anthropomorphismus oder Anthropozen-
trismus, der dem Skeptizismus und Zynismus gegenüber dem Auf­
finden eines Geistes bei Tieren zugrunde liegt. Wir sind aber als
Wissenschaftler darauf trainiert, nicht in bewußte Projektionen
und bewußte Phantasien zu verfallen. Wir haben auch gelernt,
sehr mißtrauisch bestimmten Theorien gegenüberzustehen, eben
wegen dieser argen Geschichte mit solchen Konstruktionen. Durch
sorgfältiges und langwährendes psychoanalytisches Training kön­
nen wir nach und nach diese Fußangeln für unsere Theorien in
uns selbst erkennen.
Die Theorie von einem nicht-menschlichen Geist in einem an­
deren »Tier« ist anziehend und verführerisch. Auch das stößt die
meisten Wissenschaftler ab. Diejenigen, die mit niederen Tieren
umgehen, wollen klare Daten von der Qualität des Geistes, den
man als existent beim Delphin postuliert. Das Problem bei der
zwischenartlichen Verständigung besteht darin, sie so zu entwik-
keln, daß selbst der hartgesottenste Skeptiker befriedigende Da­
ten von der Existenz eines Geistes im Delphin erhält.
In unserer Gesellschaft existiert das Postulat von körperlosen,
nicht-behirnten Geistern seitens religiöser Bemühungen Seite an
Seite mit wissenschaftlichen Bemühungen. Die religiösen Denker
müssen die Existenz irgendeiner Form von Geist annehmen, der
anders als der menschliche ist. Die Religion würde ohne das Po­
stulat eines spirituellen Geistes, eines Gottes oder von Göttern
ihre Existenz schnell beenden. Manche Wissenschaftler brauchen
für ihre eigene persönliche Haltung den Glauben von ganzem
Herzen und verteidigen ihn so energisch und emotionell wie
irgendein eifriger Missionar.
Manche dieser Wissenschaftler neigen dazu, ihre Religion für
den Sonntag aufzuheben, und übertragen deren eifrige Vertei­
digung auf den Rest der Woche. Mein eigener Standpunkt
gegenüber der Religion ist derselbe wie bei der »außersinnlichen
Wahrnehmung« und bei der Gedankenübertragung. Bis ich nicht
empirische, irdische, klare Information nachdrücklich erhalten
habe, werde ich eine Position des Nichtwissens beibehalten; der­
artiges Denken betrifft auch den Bereich des Unbekannten.

121
So stimme ich also mit jenen überein, die darauf bestehen, daß
ich oder andere über den Geist des Delphins erst einmal sehr gute
Informationen erbringen, ehe sie an seine Existenz glauben kön­
nen. Auf der anderen Seite gibt es jene, die bestreiten, daß über­
haupt irgendein Geist in einem Delphin existieren könne. Mit
diesen Leuten bekomme ich bestimmt Streit. Man kann nicht ganz
leicht das Fehlen von irgend etwas beweisen. Wenn der Geist
existiert, wird es leichter sein, seine Existenz zu beweisen, als
seine Nicht-Existenz, falls er nicht vorhanden ist.
Diejenigen, die eine Beweisführung seiner Existenz verlangen,
schlagen gewisse Experimente vor. Sie würden beispielsweise die
Intelligenz des Delphins dadurch zeigen, daß sie ihn hinsichtlich
der abstrakten Ideen, die ein Delphin mit dem anderen austau­
schen könnte, testen. Ein derartiges Experiment sieht folgender­
maßen aus:
Ein Delphin wird in einen isolierten Behälter gesetzt, wo er
eine Reihe aufeinanderfolgender Probleme lösen muß. Diese Pro­
bleme werden so klug arrangiert, wie es dem Forscher überhaupt
möglich ist. Eine vorgeschlagene Anordnung ist, die Probleme
in einer gestaffelten Reihe zu bringen, bei der jede einzelne Lö­
sung von der vorherigen abhängt. Der Delphin wird durch ge­
eignete Belohnungen für jeden Erfolg zur Lösung angeregt, oder
man lehrt ihn, die Problemfolge zu lösen. Während dieser Periode
wird er von anderen Delphinen ferngehalten.
Sobald er das kann, wird er zu einem zweiten Delphin in
einen zweispurigen Lautgebungs-Hör-Kontakt gebracht. Die bei­
den Delphine dürfen aber keinen visuellen oder mechanischen
Kontakt haben. Delphin Nr. 2 befindet sich, ähnlich wie Nr. 1,
in einem isolierten Behälter. Auch er bekommt nun das Problem-
Material vorgelegt.
Die nun zu beantwortende Hauptfrage lautet: Kann Delphin
Nr. 1 dem Delphin Nr. 2 die passende Information übermitteln,
damit Nr. 2 die Problemfolge ebenso schnell oder noch schneller
lösen kann?
Einige wenige Voraussetzungen sind notwendig: 1. Die Pro­
bleme müssen so neu und so einmalig sein, daß kein Delphin
irgendeine frühere Erfahrung mit ihnen haben kann. 2. Die Pro­

122
bleme müssen genügend schwierig sein, damit eine beobachtbare
Zeit bei der Problemlösung gebraucht wird. 3. Die Schwierigkeit
muß groß genug sein, um sicherzustellen, daß kein Delphin ohne
Hilfe eine Lösung selbst ausdenken kann. 4. Die Probleme müssen
für einen Delphin interessant genug sein, um ihn zur Lösung
lang genug in Schwung zu halten. 5. Die Probleme müssen für
Nr. 1 interessant genug sein, um den anderen Delphin an ihrer
Lösung zu interessieren. 6. Die Probleme müssen alle in dem Rah­
men und dem Inhalt einer Delphin-zu-Delphin-Verständigung
liegen. 7. Umgekehrt müssen die Probleme für den Delphin Nr. 1
in den Bestand und Rahmen einer Delphin-zu-Delphin-Verständi-
gung umwandelbar sein.
Ich bin an dieser Methode sehr interessiert und habe einige
Wissenschaftler darin bestärkt, sich um einen Fortschritt in dieser
Richtung zu bemühen. Daß er bislang noch nicht erzielt wurde,
liegt an der einleitenden Phase der Problemsuche und daran, daß
man den Delphin Nr. 1 diese Probleme lehren muß. Der For­
schende vergißt einige der obigen Erfordernisse, besonders die
letzten vier, die besagen, daß die Probleme für Delphine inter­
essant sein müssen und ihren Erkenntnis-, Lern-, Wahrnehmungs­
und Übermittlungs-Aufnahme-Systemen entsprechen. Zweifellos
werden in der Zukunft Änderungen dieses Experimentes zahl­
reich genug vorgenommen werden, so daß der Beweis für das, was
Delphine dem Geist eines anderen Delphins übermitteln können
und was nicht, nach und nach zusammengefügt werden wird.
Im Institut schließt unser eigenes Forschungsprogramm diesen
Gesichtspunkt mit ein. Ich glaube, daß wir die Inhalte der Kom­
munikation mit Delphinen benötigen, um für die obigen Experi­
mente geeignetes Material zu bekommen. In dem von uns erdach­
ten System setzen wir eine Reihe gemeinsam von den Delphinen
und uns verwendeten Symbolen ein. Solche Symbole müssen von
den Delphinen auf ihre Weise und von uns auf unsere Weise
verstanden werden. Bei dieser Arbeit erfahren wir, was die
Delphine als Problem-Materialien interessiert.
Manchmal geben uns die Delphine durch ihre Anteilnahme
kund, was sie interessiert, das heißt dadurch, daß sie bei einer ge­
stellten Problemform verharren. Wir erfahren auch entweder auf

123
»natürlichem Wege« oder durch ein künstliches Lehr- und Lern-
system,was für ihre Aufnahms-Wahrnehmungs-Erkenntnis-Wil-
lenskraft-Übermittlungs-Systeme geeignet ist. Sobald die Teil­
stücke und Teile der gemeinsamen Symbole erfaßt werden, kön­
nen Probleme konstruiert werden, in denen diese Symbole benützt
werden.
Jeder von uns lernt als Kind täglich Zehntausende von Infor­
mationsstückchen durch das Zusammenleben mit seinen Eltern.
Wir konnten damals aufnehmen, was unserer jeweiligen Alters­
stufe entsprach. Als wir in die Schule eintraten, hatten wir bereits
die Grundweisen des Sprechens und der Verständigung gelernt.
So können wir sagen, der Mensch lernt als Kind die Sprache so
ausreichend, daß er die von den Eltern und Geschwistern ge­
stellten Probleme zu lösen beginnt und umgekehrt Probleme stel­
len kann, die jene lösen müssen. Genauso müssen wir die Delphine
durch konstanten Kontakt und durch irgendeine gemeinsame
Sprache zwischen ihnen und uns unterrichten, ehe wir die vor­
geschlagenen Experimente zur Prüfung ihrer Intelligenz ausfüh­
ren können. Andere Wissenschaftler stimmten mit dieser Anschau­
ung nicht überein. Sie meinen, daß wir schneller vorankämen, wenn
wir zuerst die hohe Intelligenz der Delphine bewiesen. Wenn sie
recht haben, sollte es doch für irgendeinen Psychologen, der für In-
telligenz-Testverfahren ausgebildet ist, das zu beweisen möglich
sein, viel früher noch, als wir das mit Hilfe der zwischenartlichen
Verständigung können. Diejenigen, die einen solchen Weg ver­
suchen, sind von den Fähigkeiten der Delphine begeistert, die
komplizierte Hierarchien bestimmter Aufgabenformen lösen
können.
Ich unterstreiche nochmals die Notwendigkeit gemeinsamer,
kooperativer Bemühungen, einerseits, um die Delphine interessiert
zu halten, andererseits, damit die Forscher zufrieden bleiben. Ich
denke, daß diejenigen, die sich in die Welt der Delphine vertiefen
und die Delphine in ihre Welt zu bringen lernen, mit den Me­
thoden der zwischenartlichen Verständigung die oben gesetzten
Probleme lehren können. Hingegen glaube ich nicht, daß ein Psy­
chologe die erwünschten Ergebnisse in einer kurzen Zeitspanne
erlangen kann. Wir befassen uns ja nicht mit kleinbehirnten Tie­

124
ren, bei denen kurzfristige Experimente genügen mögen, für die
die meisten unserer Psychologen ausgebildet sind. Man kann eine
genetisch reine Linie von Ratten nehmen und in wenigen Mona­
ten bei den erwünschten Ergebnissen ankommen. Bei Ratten sind
die Fähigkeiten, Probleme zu lösen, gut bekannt; man weiß (wenn
auch noch nicht vollständig), was sie können und was sie nicht
können.
Wir haben in unserem Institut festgestellt, daß Mensch und
Delphin einander noch viel zu fremd sind, um solche Probleme
leicht und schnell bewältigen zu können. Im Bereich der Sprache
haben wir einige ziemlich neue und ungewöhnliche Aufgaben
mit Delphinen ausgeführt. Wir haben gezeigt, daß Delphine einige
stimmliche Aufgaben bewältigen können, die mit Ausnahme des
Menschen kein anderes Tier fertigbringt. Kein Papagei, kein Sit­
tich, kein Affe leistet solche Aufgaben. Diese Experimente wer­
den in diesem Buch samt den Einzelheiten ihrer Ergebnisse später
beschrieben werden.
Ich werde auch die Mutter-Kind-Methode beschreiben, bei der
ein junger Delphin und ein weiblicher Mensch zusammenlebten,
um die Methoden der Verständigung zu erforschen. Es stellte sich
heraus, daß jeder der Mitarbeiter an die Existenz eines Geistes
beim Delphin glauben muß, an dessen großen Umfang und seine
Kompliziertheit, wenn wir bei diesen Versuchen vorwärtskom­
men wollen.
Derzeit vernichtet eine geschäftige Walfängerei die meisten
der großen Wale, und in Japan werden zumindest die Delphine
aus Ernährungsgründen zu Tausenden abgeschlachtet. (Solche in­
dustriellen Bestrebungen haben bis jetzt weniger angerichtet als
das, was die Flotten der Welt zur Ausrottung der Wale heute
tun könnten, aber es ist immer noch beachtlich genug.) Hinsicht­
lich dieser Tatsachen bin ich auf meine eigene Spezies nicht gerade
stolz. Verfügen wir, abgesehen von unseren Tötungsfähigkeiten,
über irgend etwas, was die Spermwale beeindrucken könnte?
Einige Jahre lang habe ich nach allem Ausschau gehalten, was
Menschen tun könnten, um Gehirne und geistige Fähigkeiten zu
beeindrucken, die größer als unsere sind (siehe Abb. 1, Unter­
schrift). Wir haben große Fähigkeiten im Bauwesen: wir bauen

125
Häuser, Straßen, Städte, die alle für sich sehr eindrucksvoll sind.
Wenn Wale diese an Land sehen könnten, würden sie ein gewisses
Maß an Respekt vor uns gewinnen.
Wir bauen auch Schiffe, U-Boote und Jachten. Das beeindruckt
sie gegenwärtig vermutlich mehr, da unsere Seefahrt eher im Be­
reich ihrer Erfahrungen liegt. Unsere Fertigkeiten, die Ozeane
mit Hilfe der Flüsse zu verschmutzen, muß sie wohl auch beein­
drucken. Loren Eiseley schrieb einst, es müsse eine mysteriöse und
zugleich eindrucksvolle Schau sein, den von der Zivilisation aus
den Flüssen in die Ozeane gespülten Schmutz zu sehen; ein Be­
weis für die Aktivität des Homo sapiens genannten Tieres.*
Es ist festzuhalten, daß alle diese Dinge, die ich hier erwähnt
habe, von vielen Menschen in Zusammenarbeit geleistet werden.
Das trifft auf die Walfängerei ebenso zu wie auf das Bauwesen.
Diese kooperative Aktivität des Menschen ist das, was wirklich
eindrucksvoll ist, während kein einzelner von uns einen einzigen
Spermwal beeindrucken könnte. Wenn wir in Gemeinschaft ar­
beiten, sind wir eine recht eindrucksvolle Art.
Möglicherweise ist das, was bei einem Spermwal den meisten
Respekt vor der menschlichen Spezies auslösen würde, ein ganzes
Symphonieorchester, das eine Symphonie spielt. Zumindest
würde das ein ausgezeichneter Anfang im Bestreben sein, einen
Spermwal davon zu überzeugen, daß einige von uns möglicher­
weise besser sind als die zusammenspielenden Walmörder. Ein
Symphonieorchester, das verschiedene Melodien und deren kom­
plizierte Variationen spielt, könnte ihn mindestens zwei oder drei
Stunden lang interessieren. Mit seinem Riesencomputer könnte
der Spermwal vielleicht die ganze Symphonie speichern und sie
in Mußestunden für sich selbst in seinem Geist wieder ablaufen
lassen.
Man wird bemerken, daß ich komplizierte, vervielfältigte
akustische Darbietungen des Menschen ausgewählt habe, die sich
räumlich ausbreiten-, ich halte dies für etwas, was den Wal beein­
drucken könnte. Wie früher für den Delphin festgestellt, ist dies
das Gebiet, das ihm am meisten liegt - entsprechend der Tat­
sache, daß im Meer Schall und Ultraschall viel wichtiger sind als
* »The Long Loneliness«, Phi Beta Kappa Quarterly, 1961.

126
Licht und seine Abwandlungen. Wie wir bereits ausführten, ist sein
Gehirn, sein großer Computer, mehr akustisch ausgerichtet als
unseres; sehr große Teile von ihm dienen akustischen Berechnun­
gen, so wie das bei uns für visuelle Berechnungen der Fall ist.
Die erinnerungsmäßigen Wiederholungen des Spermwals sind
vermutlich vollständig. Er kann wahrscheinlich die räumliche Ver­
teilung der Laute wiederholen. Vermutlich kann er auch die kom­
plizierten Beziehungen zwischen den Lauten zugleich in Tonhöhe,
Intervall und Lautstärke wieder abspielen. Seine Reproduktion ist
wahrscheinlich in hohem Maße »getreu« und mit dem ursprüngli­
chen Gefühl verbunden, das er beim ersten Vorspielen hatte. All
das würde für einen Spermwal vermutlich leicht sein. Ich ver­
stehe, daß es nur einige wenige Menschen gibt, die Jahre damit
verbringen, einige dieser Fähigkeiten zu erwerben.
Ich selbst habe mir davon ein Bild gemacht und diese Art von
Erfahrung gehabt - aber nur während des Spielens der Musik,
in diesem kurzen Zeitraum. Es würde ein großes Privileg sein,
das ganze Spiel in sich zu wiederholen, wiederauferstehen zu
lassen. Man stelle sich vor, man könnte den ganzen »Messias« von
Händel oder irgendeine beliebte Symphonie ohne jeden Apparat
in sich selbst wieder ablaufen lassen!
Das mächtige Gehirn des Spermwals könnte auch Neu-Pro-
grammierungsfähigkeiten hinsichtlich der Symphonie haben. Er
könnte die Musik abändern und für sich selbst jenseits jeder
menschlichen Vorstellung von Musik weiterbearbeiten. Wie kön­
nen wir jemals wissen, ob diese Hypothese zutrifft? Wir wollen
diese Vorstellung zum »Karren vor dem Esel« machen und be­
gründen, warum wir die Verständigung lernen müssen. Dann kön­
nen wir diese Frage erneut stellen und von ihr aus weitergehen.
Natürlich bietet sich uns niemals die Möglichkeit, mit einem
Spermwal zu einer derart interessanten und erhebenden Kommu­
nikation zu gelangen. Unsere unternehmungslustigen Freunde von
der Walfängerei sind zu engagiert, um uns so eine Gelegenheit zu
geben. Noch ist wirtschaftlicher Gewinn mächtiger als die Goldene
Regel. Wirtschaftlicher Gewinn steht jenseits von Neugier, Ethik,
Moral und Religion. Es ist wirklich ein schwarzer Fleck auf
dem Wappenschild der menschlichen Rasse, den Profit über das

127
Beste im Menschen zu stellen. Jene, die mit der Walverwertungs­
industrie verbunden sind, zeugen den Wahn, in dem sie dem Bei­
seitesetzen der eigenen und unserer Ideale dienen.
In dem Buch »Whaler’s Eye« von Christopher Ash beschreibt
ein Kapitel die Spitzfindigkeiten eines Wissenschaftlers, der für
den Walfang arbeitet. Es war ein schweres Stück Arbeit für ihn,
die Frage zu entscheiden, ob der Wal durch die Harpune, mit der
er getötet wird, Schmerzen erleidet. Es könnte jenen Leuten an
Hand der Delphine leicht gezeigt werden (wenn sie wirklich dar­
an interessiert wären), daß die Haut aller dieser Tiere ganz be­
sonders empfindlich ist. Wir könnten unwiderlegbar beweisen,
daß sie Schmerz sowohl empfinden als auch entschieden ablehnen,
genau wie der Mensch. Die Industrie ist über hundert Jahre lang so
beschäftigt gewesen, ihre Position gegenüber den Walen zu ratio­
nalisieren, daß sie vergessen hat, daß es genug Beweise nicht nur
für das Schmerzempfinden der Wale gibt, sondern auch dafür,
daß sie den Schmerz ganz unmißverständlich zum Ausdruck brin­
gen. Viele Leute haben von dem Stöhnen und den Durchgehver­
suchen der verwundeten Wale berichtet. Im letzten Jahrhundert
konnten die Walfänger in ihren hölzernen Fahrzeugen diese Laute
durch die Wände der Schiffe hören. Das Problem liegt darin,
dieses Stöhnen über ihren Schmerz und ihre Angst von der nor­
malen Verständigung zwischen diesen Walen zu unterscheiden.
Wie gesagt, wenn die menschliche Rasse jemals hinsichtlich der
Qualität ihres Eifers für zwischenartliche Verständigung von einer
anderen Art beurteilt werden würde, dann wird das der nieder­
schmetterndste Bericht über unsere Unfähigkeit, andere Arten zu
respektieren und zu pflegen.

128
V. KAPITEL

Der Geist des Delphins

»Verständigung ist ein Informationsaustausch zwischen zwei


Geisteswesen.« Daher beginnen wir mit dem Grundpostulat für
zwischenartliche Verständigung, daß jeder Delphin im Besitz gei­
stiger Fähigkeiten, also eines Geistes ist. Die Größe, die Kompli­
ziertheit und das Fassungsvermögen jedes Delphingeistes ist eine
Funktion der Gehirngröße. Jedes Individuum hat seine Schran­
ken durch die Begrenzung der Neuronenzahl seines Gehirns. Die
Qualität der geistigen Entwicklung über den Gebrauch des Ge­
hirnes ist eine Funktion der natürlichen Erfahrungen und der von
außen einwirkenden Erziehung, der jedes Individuum ausgesetzt
ist.
Der Geist jedes Delphins ist uns sehr fremd und entschieden
anders als der unsere. Die Frage lautet: Auf welche Weise sind
die Delphine verschieden? Werden wir jemals in der Lage sein,
sie zu verstehen? Werden sie jemals in die Lage kommen, uns zu
verstehen? Auf welche Weise sind sie uns ähnlich? Sind sie uns
ähnlich genug, um die ersten Brücken des Verstehens zwischen
den beiden Arten schlagen zu können?
Unser Geist und ihr Geist wohnt in Körpern, deren Diffe­
renzen in dem vorangegangenen Buch beschrieben worden sind.
Die Unterschiede zwischen unserem und ihrem Gehirn wurden
im vorliegenden Buch bereits aufgerollt und werden noch weiter­
hin beschrieben werden. Die Aufnahme- und Ausgangsleistungen
des menschlichen und des Delphingehirns werden in einem ande­
ren Kapitel beschrieben. Die Unterschiede unseres und ihres Le­
bensraumes habe ich im ersten Buch bereits dargestellt.
Ich nenne »Geist, Körper, Gehirn, Lebensraum« im selben
Atemzug, weil sie im Leben voneinander abhängig sind. Ein wich­
tiger zusätzlicher Faktor bei der Erzeugung und Erhaltung des
Geistigen ist das soziale Milieu. Die meisten von uns arbeiten in

129
»höchst-menschlichen« sozialen Umwelten. Nur einige wenige
von uns haben das Privileg, im engen Kontakt und als wesentli­
cher Teil der Umwelt eines Delphins zu arbeiten. Nur wenige
Delphine arbeiten direkt und eng mit einem Menschen. Ich glaube,
es gibt weder genug solcher engen Vereinigungen noch genug Per­
sönlichkeiten, die sich gegenwärtig in dieser Weise den Delphinen
zuwenden.
Die Delphin-Geistigkeiten, mit denen ich mich am meisten be­
fasse, sind jene, die zusammen mit Menschen leben. Manches, was
ich zu sagen habe, betrifft auch wildlebende Delphine, doch diese
stehen für eingehendere Studien nicht zur Verfügung.
Unsere Forschung über den Geist des Delphins und über eine
gemeinsame geistige Grundlage zwischen den beiden Arten be­
ginnt mit der Erforschung unseres eigenen Geistes. Dies kann
nicht nachdrücklich genug hervorgehoben werden. Da wir jedoch
den menschlichen Geist nicht voll und ganz verstehen, mag er
Seiten haben, die dem Geist des Delphins näher stehen, als wir
bis jetzt wissen. Bei der Erforschung unseres eigenen Geistes soll­
ten wir daher Aspekte suchen, die großen Gehirnen allgemein
gemeinsam sind. Der große Geist in dem großen Gehirn könnte
(bis jetzt nicht verstandene) Ähnlichkeiten enthalten, die wir aus­
nützen können. An irgendeinem Punkt mögen wir eine Brücke zu
ihrem Geist finden, und zwar durch die Erforschung unseres eige­
nen Geistes.
An einer Stelle dieses Buches erörterte ich einige mögliche Ar­
beitsweisen der sehr großen Geist-Hirne der Spermwale. Ich
möchte hier die Diskussion auf Geist-Hirne unseres Größenberei­
ches einschränken, und darauf, was solche Gehirne leisten können,
wenn man nicht durch Denkkonventionen behindert wird. Del­
phine werden von unseren Konventionen nicht behindert; sie
könnten aber von unseren Konventionen behindert werden, und
sie könnten auch durch eigene Konventionen behindert werden.
Der von mir hier angestrebte Zweck ist, unseren Horizont jen­
seits der gegebenen, alltäglichen, einengenden Grenzen unserer
geschäftigen Gesellschaft auszuweiten. Jeder muß sich selbst for­
men, um eine Rolle in diesem sozialen Milieu zu spielen. Die
meisten von uns sind von ihrem Alltagsleben, ihrer Familie und

130
ihrer Arbeit so »eingesperrt«, daß sie keine Zeit haben, die Struk­
turen des eigenen Geistes so zu sehen, wie man das tun kann,
wenn man von den äußeren Lebensnotwendigkeiten befreit ist.
Wir wollen uns eine andere Situation vorstellen, die uns helfen
kann, Verständnis dafür aufzubringen, wie sehr unser Geist ein­
geschränkt ist und wie der Geist des Delphins verschieden von
unserem sein mag.
Wir wollen uns also eine Situation vorstellen, bei der eine
Person Urlaub nimmt, in dem ihre Pflichten vollständig aufge­
schoben werden. Ihre Arbeit wird erledigt, die Familie ist ver­
sorgt. Alle Rechnungen sind bezahlt. Das Telephon ist abge­
stellt. Es gibt kein Radio und kein Fernsehen. Für eine Zeit von
drei bis fünf Tagen gibt es überhaupt keine Anforderungen. Alle
Bedürfnisse werden automatisch gestillt. Dieser Mensch ist in
Dunkelheit und Schweigen eingetaucht und von der Schwerkraft
befreit. Er wird vorübergehend in einen »künstlichen Satelliten«
mit automatischen Ernährungsmaschinen versetzt.
Wäre das ein idealer Urlaub? Einige schwerbeschäftigte Men­
schen könnten das vielleicht für eine Idylle halten. Die meisten
in diese Lage gebrachten Menschen machen sich aber selbst
unglücklich, zumindest für eine gewisse Zeit. Während einiger
kurzfristiger Experimente um 1954 lehrten mich gründliche phy­
sische Isolation und Einsamkeit einige Dinge, die ich hier vor­
lege.
Nach einiger Arbeit fand ich diesen Zustand ganz komforta­
bel. Doch zuerst war die Arbeit notwendig. Die Bedingungen
außerhalb des Körpers wurden vervollständigt; dann mußte
meine eigene geistige Haltung erforscht werden. (Lilly, J. C.,
1956, siehe Literaturverzeichnis). Ich erfuhr, daß Bedingungen,
die idyllisch sein sollen, so werden können, wenn man ganz tief
innen das so wünscht. Anders gesagt, wird das, was eine Person
glaubt, innerhalb der engeren Grenzen dieses Experimentes zur
Wirklichkeit. Das alles spielt sich im Kopf der Person ab und ist
damit den einmaligen Gesetzen des Denkens unterworfen, nicht
aber den natürlichen Gesetzen der äußeren Wirklichkeit. Nach­
dem ich mich öfter der physischen Isolation unter idealen
physikalischen Bedingungen ausgesetzt hatte, war ich in der Lage,

131
bis zu einem gewissen Grade selbsterzeugtes geistiges Mißbehagen
zu verspüren. Ich erhielt eine Lektion über unseren Geist, wie
folgt:
Unsere mächtigen Computer sind bis zu einem gewissen Grade
selbst-metaprogrammierend und selbst-programmierend.* Wenn
jemand lange genug allein gelassen wird, kann er sehen, wie er
als bestimmender Faktor gegenüber sich selbst handelt. Ebenso
können wir sehen, daß jeder einen großen Teil eigenen Unglück­
lichseins selbst verursachen kann. Wir sehen, daß jeder von uns
in sich »Programme für Unglücklichsein« und ebensogut »Pro­
gramme für Glücklichsein« trägt. In der Isolation erkennen wir
weiterhin, wieweit wir auch durch andere Menschen in unserem
normalen Alltagsleben programmiert werden. Wir sehen, daß wir
häufig das Programmieren anderer tadeln, wenn wir unser eige­
nes Programmieren tadeln sollten. Da die Zahl solcher Programme
in jedem von uns unübersehbar ist, müssen wir ein Metaprogramm
setzen; es lautet: »Erforsche Programme, die zu den Hauptin­
teressen zählen.« Wir müssen auch das Metaprogramm einsetzen:
»Finde heraus, wieviel von dir selbst der ursächliche Faktor in
einer unglücklichen Situation ist und, vice versa, wieweit der ur­
sächliche Faktor jemand anders ist (entwirre die Rückkoppelung).«
Bei der ersten Isolation arbeiten die persönlichen Programme
etwa eine Stunde lang weiter. Sie verblassen allmählich, lassen
die selbsterzeugten Programme aufkommen und werden durch
sie ersetzt; erst dann können die letzteren klar gesehen werden.
Ohne geeignetes Programmieren können wir in der Isolation
endlose Entschuldigungen für uns selbst Vorbringen und endlose
Ausflüchte, die die Selbstanalyse verhindern.
Diese Situation wird in der Feststellung zusammengefaßt:
»Allein mit seinem Gott gibt es keine Verwirrungen, Entschul­
digungen, Alibis oder Ausflüchte/* Wenn wir einmal in den
selbsterzeugten Programmen und Metaprogrammen sind, können

* Lilly, J. C., The Human Biocomputer : Programming and Meta­


programming (Theory and. Experiments with LSD-25), Miami: Com­
munication Research Institute, 1967; Scientific Report Number CRIo
167.
** Lilly, J. C., Loc. cit.

132
wir schließlich die finden, die gegen unsere Ideen und Ziele ar­
beiten. Eine Gruppe umfaßt das »wie und was soll ich denken«-
Metaprogramm. Eine andere teilt uns mit, daß »bestimmte Wege
der Gedanken und bestimmte Formen des Denkens negativ sind«.
(Der Ausdruck »negativ« bedeutet das, was unerfreulich, verbo­
ten oder gefährlich ist, oder »psychotisch«, »krank«, sowie böse,
asozial, sündig usw.)
Diese Form von Metaprogramm kann man in sich selbst nur
sehr schwer erkennen. Mit psychoanalytischer Erfahrung und
Übung fing ich an, dieses besondere Metaprogramm zu erkennen
und mich zu bemühen, es in meinem Denken abzuschwächen. Ohne
es aufzufinden und seine Auswirkungen abzuwandeln, wäre ich
nicht in der Lage gewesen, die Isolationsarbeit überhaupt fort­
zusetzen. Durch lange und intensive Arbeit fand ich heraus, daß
das böse Etikett »negativ« nicht mit irgendeiner Weise oder Form
des Denkens verbunden werden sollte. Es gibt, buchstäblich ge­
nommen, kein solches Ding wie eine »böse« Form des Denkens
per se. Es gibt negative Gedanken-, es gibt böse Gedanken, feind­
selige Gedanken, strafbare Gedanken. Es gibt aber keine böse
Weise des Denkens. Negative Gedanken können in irgendeiner
Weise auftreten, aber die Weise selbst ist nicht negativ. Die Hori­
zonte des Menschen sollten bei den Metaprogrammen für »was
man denken und wie man denken soll« weit offen und von keinen
Barrieren abgeriegelt sein.
Man betrachte zum Beispiel das subjektive Phänomen, das ich
als »Projektion visueller Vorstellung und visuellen Denkens«
bezeichne. Ich wählte dieses Wort hierfür sehr sorgfältig, um
»negative« Begriffe (wie »Halluzination« oder »Täuschung«) zu
vermeiden, die man der Psychiatrie entlehnen könnte. In diesem
Zusammenhang sagt William James, man solle die Terminologie
so objektiv und dabei so »positiv« wie möglich halten. Als mir
diese Phänomene zum erstenmal während der Isolation begegne­
ten, reagierte ich negativ. Die ersten Beurteilungen fielen negativ
aus, und es erforderte Mut, die Arbeit fortzusetzen. Durch die
Fortsetzung lernte ich meine erste Lektion: Keine Art des Den­
kens, kein Phänomen innerhalb des Geistes ist an und für sich ne­
gativ, solange man es nicht als negativ definiert.

133
Wenn man es vorzieht, alle Projektionen als »psychotisch«,
»krank« oder »böse« zu betrachten, dann werden sie auch inner­
halb unseres eigenen Geistigen, innerhalb unseres eigenen Compu­
ters so betrachtet. Durch ein derartiges Urteil über diese Phäno­
mene halten wir uns selbst davon ab, sie in unserem Geistigen zu
erkennen. Das ist Selbst-Metaprogrammierung. Wir wollen das
in einer mehr allgemeinen Form neu fassen. Was man von seinen
eigenen geistigen Phänomenen für wahr hält, ist entweder wahr
oder wird innerhalb des eigenen Geistes wahr, und zwar inner­
halb gewisser Grenzen, die man selbst experimentell bestimmen
muß.
Spezifische Beispiele dieses Prinzips sind folgende. Wenn je­
mand glaubt, daß sein Geist geringer ist als der anderer Leute
und daß seine Denkprozesse weniger umfangreich sind, wird das
bei allen geistigen Vorgängen widergespiegelt. Man kann sich
schwerlich des Urlaubs in der Isolation erfreuen, wenn man
glaubt, daß die eigenen geistigen Funktionen minderwertig
seien.
Ähnlich geht es einem, der glaubt, daß er wertlos, böse und
destruktiv sei. Er wird sich wegen seiner wesensmäßigen Bösar­
tigkeit selbst geißeln. Das ist ein besonders garstiges Spiel, das
manche Personen mit sich selbst unter üblicheren Bedingungen
spielen; sie projizieren das häufig in andere Menschen ihrer Um­
welt. Wenn wir glauben, daß wir wertlos sind, dann denken die
anderen das gleiche von uns. Dann sind wir wieder versucht, die
anderen deswegen zu tadeln, weil sie uns für wertlos, böse oder
krank halten.
Nun wollen wir nochmals zu der Isolationssituation zurück­
kehren, zu der dabei gegebenen äußeren Lage. Ich fand, daß
körperliche Quellen des Unbehagens, Schmerzes oder einer Be­
drohung dazu tendieren, den Geist negativ zu programmieren
und dies so lange aufrechtzuerhalten, wie das Unbehagen an­
dauert. Solange der Schmerz anhält, selbst in einem geringen
Grade, tendiert der Computer (der unser Geist ist) dazu, einen
negativen Bestand zu programmieren. Alles, was man denkt,
nimmt nun den Beigeschmack des Schmerzes an. Offenbar können
manche Personen das verhindern, sie lernen es im Laufe der Zeit,

134
besonders durch eine lange Erfahrung ihres Lebens mit nicht zu
starkem Schmerz.
Dieses Metaprogramm: »Äußerer Schmerz veranlaßt mich, ne­
gativ zu denken«, ist nur schwer auszuwechseln. Wenn jemand
ein bekräftigendes Metaprogramm hat, das entweder sagt: »ak­
zeptiere Schmerz und trage ihn stoisch«, oder: »Schmerz ist not­
wendig, um deine Sünden zu sühnen«, ist es schwer, die verursa­
chende Kette auszutauschen. Ich spreche aus eigener Erfahrung,
da ich weiß, wie schwer es sein kann, damit umzugehen und es
umzukehren. Bei den früheren Experimenten hatte ich restliche
Quellen geringeren Schmerzes. Als ich sie entdeckte, stellte ich
fest, daß sie mein Denken beeinflußten. Diese Tatsache wurde
nur gefunden, als ich die Schmerzquellen beseitigt hatte. Eine
einzige derart gute Erfahrung, und der Weg für weiteres Experi­
mentieren war gefunden.
Andere Forscher, die bestrebt waren, Isolationsexperimente
nachzuahmen, eliminierten solche geringfügigeren Schmerzquellen
nicht. Einige ihrer Patienten verspürten zum Beispiel einen leich­
ten Schmerz im Rücken, wenn sie zu lange in derselben Lage im
Bett verweilten. Solche Patienten erkannten diesen Umstand in
ihrem Denken nicht, und die Beobachter fanden das ebenfalls
nicht heraus. Bei diesen Versuchen hatten die Beobachter vorher
nicht mit sich selbst experimentiert und wußten daher nichts von
den Quellen dieser Art zu denken. Keiner der Patienten wollte
deren Experimente wiederholen.
Hat man aber die Quellen des Schmerzes eliminiert und damit
die Quellen negativen Denkens gefunden, dann kann man sich
dieses »Isolations-Urlaubes« erfreuen. In einer Art Zurüdcpen-
delns nach der Befreiung aus leichtem Schmerz wandelte mein
Computer die Denkweise zu einer erfreulichen, optimistischen,
freuderfüllten um. Ich empfand dann, was das Leben wirklich
für eine Freude sein kann, wenn die inneren und äußeren Pro­
gramme zusammenstimmen. Ich fand auch, wie lohnend es ist,
frei von Schmerz, Sorge und nicht-rationalen Verboten zu sein.
In dieser neuen, positiven Weise, bei diesem neuen, positiven Weg
wurden die visuellen Projektionen vergnüglich und zeitweilig so­
gar humoristisch. An Stelle der alten negativen Weisen, hart zu­

135
setzenden Gefühlen und unbehaglichen Gedanken nahmen neue,
positive Weisen, angenehme Gefühle und tröstliche Gedanken
den Platz ein.
Man mag sich darüber verwundern, warum ich in einer Dis­
kussion über die geistigen Fähigkeiten der Delphine so lange bei
solchen Dingen verweile. Wir verwenden alle diese Erfahrungen
bei unserer Arbeit mit den Delphinen. Genauso müssen wir die
Möglichkeit bedenken, daß sie ebenfalls zeitweilig diese Dinge in
ihre Beziehungen zu uns bringen können. Es kann sich hierbei
um universelle Säugetiermerkmale im Bereich des Geistigen han­
deln. Obgleich jedes Ich auf bestimmten Gebieten einmalig ist,
hat auch der Mensch einiges von einem postulierten Allzweck-Ge-
hirn des Säugetieres. Sogar die Fehlleistungen einer Person haben
im Hinblick auf die anderen mehr Gültigkeit, als man allgemein
denkt.
Solche Entdeckungen über sich selbst geben einer Person das
Gefühl einer Verantwortung, sie mit anderen Personen zu teilen.
Man findet schnell heraus, daß dieses Teilen klugerweise kein
schnelles Handeln sein darf. So ein unvermitteltes und altruisti­
sches Teilen mit seiner Frau, seinen Freunden und seinen Kindern
kann schnell zu Rückschlägen führen. Es ist jenen gegenüber un­
fair, ohne sorgfältige Vorbereitung von diesen Entdeckungen zu
sprechen. Keiner hat all die Stufen hinter sich, die man selbst ge­
gangen ist. Die meisten Personen aus der Bekanntschaft sind noch
in die üblichen »Sicherheits-Metaprogramme« einbezogen, die von
den interpersonalen Experten vorgeschrieben werden. Diese Me­
taprogramme definieren gewisse Arten des Denkens als negativ
oder »geistig krank«.
Ich habe einige dieser Ergebnisse aufgezeichnet und veröffent­
licht.’1' Es zeigte sich schnell, daß einige wenige Psychiater sich
nicht genügend frei machen konnten, um die Allgemeingültigkeit
der grundlegenden Punkte zu verstehen. Ihr Urteil war gefärbt,
und ihre Metaprogramme waren mit den »klinischen Dichoto­
mien gesund-krank« erfüllt. Ich halte es nicht für zulässig, bei
wissenschaftlicher Forschung über menschliches Denken solche Ka­

* Lilly, J. C., loc. cit.

136
tegorien zu verwenden. Die Allgemeingültigkeit ihrer Anwen­
dung auf den menschlichen Geist ist fragwürdig. Es ist möglich,
eine mehr objektive, mehr funktionale Anschauung zu entwickeln;
eine solche ist die, die William James in »The Varieties of Reli­
gious Experience« (Die Spielarten religiöser Erfahrung) ge­
brauchte.
James’ Annäherung an das Leben des Geistes ist erfreulich
objektiv und frei von den Dichotomien »Arzt-Patient«, »gesund­
krank« usw. Entsprechend angewandt, sind manche dieser Dicho­
tomien der Medizin nützlich und werden für einen empirischen
Weg in der medizinischen und juristischen Praxis benötigt; es
gibt aber noch viel im Universum des menschlichen Geistes, was
nicht aus dieser Sicht behandelt werden kann.
Ich möchte hier nicht die späteren Entwicklungen nach James,
insbesondere die auf dem Gebiet der Freudschen Psychoanalyse,
verneinen. Bei meinen Übungsanalysen und beim Analysieren
anderer Menschen erkannte ich die »psychodynamische Betrach­
tungsweise« des Geistes als grundlegend für unser Verständnis
der geistigen Bereiche. Die psychodynamischen Formulierungen
liegen in dem traditionellen Bestreben, das zu verstehen, was
innerhalb des Geistigen vorgeht. Diese Methode dichotomiert
nicht den Geist der Menschen zu Gruppen, die auf Gegensätzlich­
keiten wie »gesund« und »krank« aufgebaut sind. Die psycho­
analytische Betrachtungsweise ist eine mehr quantitative, mehr
differenzierte und vollständigere Art der Erforschung des mensch­
lichen Geistes als jene abgegrenzte Kategorisierung, von der zu­
vor die Rede war. Wir wollen nun aber zu den Delphinen und
ihrem Zweck für die zwischenartliche Verständigung zurückkeh­
ren.
Früher sagte ich, daß ich gern auswerten und beschreiben
möchte, was ein menschlicher Geist innerhalb seiner eigenen Be­
grenzung und außerhalb des Rahmens konventionellen Denkens
und Handelns tun kann. Zweifellos haben die Delphine wenig
von unseren geistigen Konventionen. Zweifellos haben sie auch
wenig von unseren konventionellen Gedanken. Wenn wir jemals
in die Lage kommen sollten, wie Delphine zu denken, werden wir
frei genug sein müssen, um das mit ihren Begriffen, nicht mit

137
unseren allein, zu tun. In meiner Vorlesung über Delphine brachte
ich das etwa so zum Ausdruck:
»Ich möchte Ihnen einiges von dem berichten, was wir von
einer Gruppe ungehemmter Nudisten, die niemals Kleider ge­
tragen haben, gelernt haben. Sie sind niemals auf ihren eigenen
beiden Beinen gegangen. Sie haben keinen Besitz. Sie können
ihren eigenen Namen nicht schreiben. Sie kennen keinen Handel
und keine Läden. Sie haben kein Radio, kein Fernsehen. Sie haben
keine Feuerstellen, keine Hochöfen oder sonst irgendein Feuer.
Sie haben keine atomaren oder nuklearen Bomben und Kraftan­
lagen. Sie haben niemals Berichte geschrieben oder gedruckt. Sie
haben keine Bibliotheken oder Gemäldesammlungen. Trotz all
dieser Handicaps sind sie erfolgreich. Sie haben große Gehirne
und einen wachen Geist. Sie haben eine angeborene Fortbewe­
gungsweise. Sie haben leicht erreichbare Nahrungsvorräte. Sie
haben den Verstand, im Winter nach dem Süden und im Sommer
nach dem Norden zu gehen. Sie haben die Fähigkeit, erfolgreich
und durchdacht gegen ihre Feinde zu kämpfen. Schließlich denken
sie gut genug von uns, um jedem, den sie in Schwierigkeiten fin­
den, zu helfen.«
Man neigt dazu, die Nacktheit der Delphine zu vergeben und
zu vergessen. Ihre notwendige Stromlinienform würde durch
Kleidung behindert werden. Die meisten Personen, die eine
Gruppe von Delphinen in einem Ozeanarium beobachten, über­
sehen die Ungehemmtheit des Delphinlebens. Sie denken gewöhn­
lich an die Anmut, die Bewegung, die Schnelligkeit und die zum
Ausdruck kommende Kraft. Dank ihrer eigenen menschlichen
Hemmungen beachten sie die Darm- und Blasenentleerungen der
Delphine und deren sexuelle Betätigung nicht.
Werde ich gefragt, ob Delphine in Gefangenschaft züchten, ant­
worte ich: »Zu jeder Gelegenheit, sehr schnell, 24 Stunden am
Tage und solange sie nicht mit etwas anderem beschäftigt oder
krank sind.« Manche dieser Frager haben Stunden damit ver­
bracht, eine Delphinkolonie durch die Luken in einem Zirkus zu
beobachten, und übersahen doch die Erektionen des männlichen
Penis und das Anstoßen der Weibchen an die männlichen Geni­
talien mit der Schnauze. Wenn diese Personen darauf aufmerk­

138
sam gemacht werden, können sie es auch sehen. Die Kotabgabe-
Bewegungen erfolgen während des Schwimmens, die Exkremente
werden von den folgenden Delphinen gekostet. Wir würden uns
davor ekeln.
So können wir also sehen, daß unsere konventionellen Sitten
hinsichtlich Kleidung, Ausscheidung und sexueller Aktivität für
die Delphine nicht maßgebend sind. Wir wollen den Fall um­
kehren und einige Menschen an diesen öffentlichen Schauplätzen
in die Situation von Delphinen bringen. Man stelle sich vor, was
das für ein öffentliches Geschrei gäbe, wenn ein Unterwasser­
ballett von Menschen nackt und in bezug auf Ausscheidungen und
sexueller Betätigung ungehemmt wäre. Ich bezweifle, daß diese
menschlichen Aktivitäten photographiert und im Farbfernsehen
so übertragen werden würden, wie das bei Delphinen geschehen
ist.
Wir tolerieren diese Dinge in öffentlichen Vorführungen von
Delphinen, weil sie so andersartig sind, daß sie unsere Aufmerk­
samkeit nicht erregen. (Es kann sein, daß einige Leute nach der
Lektüre dieser Absätze auf die Zirkusse einen Druck ausüben
werden, daß man dort die Männchen von den Weibchen trenne;
danach wird man die Männchen verstecken müssen, weil diese ihre
offensichtlich »homosexuelle Betätigung« zur Schau stellen.)
So teilt der Delphin einige Dinge mit uns und andere nicht.
Zumindest der Delphin hat jederzeit bei Anwesenheit des richti­
gen Partners Sex im Sinn. Ein vollständiger Kinsey-Report über
die Delphine steht bis jetzt noch aus. Das ist ein Gebiet, auf dem
wir ihre Verhaltensweisen und ihre Aktivitäten akzeptieren
müssen. Wenn wir sie nicht akzeptieren, bin ich sicher, daß wir
uns niemals mit den geistigen Leistungen der Delphine werden
verständigen können. Die sexuellen Aktivitäten sind im geistigen
Bereich des Delphins offenbar den polynesischen Vorstellungen
ähnlicher als den amerikanischen.
Die Männchen beginnen ihre sichtbare sexuelle Betätigung be­
reits in sehr jugendlichem Alter. Sie setzen sie bis in das hohe
Alter hinein fort. Die Weibchen sind, gleich unseren, zartfühlen­
der. Dieses Bild der mehr oder weniger konstanten sexuellen Ak­
tivitäten unter Delphinen haben wir von Delphinen gewonnen,

139
die wir in Gefangenschaft beobachtet haben. Wie bei Zucker-
mans Bild vom Sexualleben der Primaten im Zoo* wird es durch
die künstliche Eingrenzung und luxuriöse Form ihrer Gefangen­
schaftshaltung gefärbt. Die Nahrung ist gesichert. Feinde sind
nicht zu fürchten. Sex wird vermutlich mißbraucht, um mit der
Langeweile fertig zu werden (oder ist das eine der konventionel­
len Formen menschlichen Denkens?). In der Freiheit bleibt wahr­
scheinlich verhältnismäßig wenig Zeit für den Sex. Er muß den
Weg für andere, dringlichere Notwendigkeiten freigeben. Man
muß Nahrung suchen, man muß sich vor Feinden schützen und
diesen ausweichen; man muß weite Strecken wandern, um sich
geeignete Temperaturen zu sichern, und so weiter. Carpenter und
andere haben gezeigt, daß dies auf die niederen Primaten zu­
trifft. ** Jedes Menschenpaar, das sich auf einer Afrikasafari befin­
det und in einem Zelt innerhalb eines Löwengebietes schläft, über­
zeugt sich, daß das auch für den Menschen zutrifft.
Wir müssen dem Sexualleben der Delphine genauso gegen­
übertreten wie jedem anderen Aspekt des Delphinlebens. Wir
dürfen ihre sexuellen Beziehungen nicht mit Lüsternheit erfor­
schen, sondern im Geiste objektiven, kooperativen Interesses. Wir
müssen daran denken, daß hier eine ihrer Hauptquellen des Ver­
gnügens liegt, genauso wie bei uns. Wir müssen ebenso daran
denken, daß dieses Interesse für sie umgekehrt zum Vorteil der
zwischenartlichen Verständigung werden kann, genauso wie es
zum Vorteil zwischenmenschlicher Verständigung gereicht.
Zurück zu den geistigen Fähigkeiten der Delphine. Welcher
Art ist nun deren Denken? Gibt es irgendwelche Hinweise für
mögliche Differenzen gegenüber unserer Denkweise? Ein grund­
legender physiologischer Unterschied sollte immer bedacht wer­
den. Er beeinflußt das Denken in Richtungen, die wir uns wohl
nur sehr schwer vorstellen können. Ich meine den grundlegend
unterschiedlichen Bau des Gehirns, von dem ich bereits ge­
sprochen habe. Ein großer Teil ihres Computers ist akustisch,

* S. Zuckerman, The Social Life of Monkeys and. Apes, Trency,


Trubner & Co, London: Kegan Paul, 1932.
** C. R. Carpenter, Naturalistic Behavior of Nonhuman Primates.
Univ. Park, Pa., Univ. Press Penn. State, 1964.

140
ein ähnlicher Teil unseres Computers ist visuell ausgerichtet. Der
akustische Teil unseres Computers ist viel kleiner als der ihre,
genauso wie der visuelle Teil unseres Computers größer als der
ihre ist. Wie ich ebenfalls schon beschrieb, brauchen sie diesen
akustischen Computer im Meer, wo sie andererseits den visuellen
Typ nicht so sehr benötigen. Um herauszufinden, wie der Geist
des Delphins beschaffen sein mag, wollen wir uns vorzustellen
versuchen, daß wir an seiner Stelle im Meer lebten.
Man stelle sich also vor, daß man im Wasser schwimmt, das so
getrübt ist, daß man nur wenige Zoll weit sehen kann. Man
schwimmt dabei mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 Knoten.
Wie kann man erfahren, was sich vor einem im Wasser befindet?
Man kann an die Oberfläche kommen und umhersehen, mit den
Augen die Wasserfläche absuchen, und zwar auf eine Entfernung
von Meilen, je nach den Lichtverhältnissen. Sogehen wir »visuell«
aus dem Wasser an die Luft. Der Delphin kann das auch und macht
es auch. Diese Taktik ist aber nur für nebelfreie Tage und für
Objekte sowie Feinde geeignet, die sich über der Wasserfläche
befinden oder aus ihr hervorragen. Unter Wasser muß man Schall
und Ultraschall verwenden, die durch das trübe Wasser dringen
und andeuten, was da »vor sich geht«, und zwar mit Hilfe der
Analyse der zurüdekommenden Echos. So eine Echo-Beurteilung
und Echo-Peilung haben nicht nur die Delphine; wir kennen sie
auch von Spitzmäusen, Fledermäusen und einigen anderen Tieren.
Die Delphine haben wahrscheinlich einige Millionen von Jah­
ren mit Schallwellen im Wasser operiert. Je mehr ich mich mit
ihrem Echo-Erkennungssystem befasse, um so mehr bewundere
ich dessen erstaunliche Leistungsfähigkeit. Sie gebrauchen es fast
unausgesetzt auf dem einen oder anderen Wege. Das ist ein Teil
von Denkprozessen, die beinahe außerhalb unseres geistigen Ho­
rizontes liegen. Wir wollen aber versuchen uns vorzustellen, wie
sich diese Fähigkeit auf ihr Denken auswirkt. Man sehe sich selbst
als Delphin mit so einem Sonarsystem im Meer schwimmen.
Im Wasser müßten wir also unser Sonar gebrauchen, um in
unserem Geist Schall-Vorstellungen von unserer Umgebung zu
konstruieren. Bei eingeschaltetem Sonar würden wir durch die
Operationen unseres Computers »wissen«, was um uns herum im

141
trüben Wasser und/oder in der kohlschwarzen Nacht vor sich
geht. Der Beweis, daß wir das tun würden, könnte durch sorg­
fältige Aufzeichnung der von uns gesendeten Laute leicht erbracht
werden. Bei schwierigen Sichtbedingungen würden wir fortgesetzt
verschiedene Arten von Lauten aussenden. Dadurch, daß die Echos
automatisch durch unsere Ohren zurückkommen und in den mäch­
tigen Computer gelangen, würden Signale innerhalb unseres Gei­
stes zu Informationen umgewandelt werden. Rasche automatische
Berechnungen der von beiden Ohren einlangenden Signale wür­
den zu Konstruktionen und Bildern der Szenerie rund um uns
ausgewertet werden. Wir würden unsere Freunde, die Form des
Grundes, den Gang der Wellen und deren Höhe, die Anwesenheit
von Fischen und gegebenenfalles versteckte Feinde »sehen«. Dank
der Natur der Schallwellen könnten wir willentlich deren Wellen­
länge verändern. Das würde die Klarheit, mit der Objekte ver­
schiedener Größe zu »sehen« wären, entsprechend verändern.
Wenn man die Wellenlänge abändert (also die Auflösung und
Peilrichtung), wandelt man auch die Menge der zu sehenden Ein­
zelheiten ab. Mit einer langen Wellenlänge sieht man rund um
seinen Körper nach allen Richtungen. Man kann die großen
Dinge wahrnehmen, wie den Grund, Mauern oder andere große
Objekte in bestimmten Richtungen. Das Abtasten mit langen
Wellenlängen ergibt die groben Umrisse, aber weder Einzelheiten
noch Richtungen der kleineren Objekte.
Nehmen wir an, daß irgendein fremdes Objekt gerade entdeckt
ist. Es ist sehr weit außerhalb des Gesichtsfeldes. Man verkürzt
also nun die Wellenlänge willentlich; ein Schallstrahl wird ge­
radewegs nach vorn gerichtet. Dann schwenkt man den Strahl
wie Scheinwerferlicht über das Objekt hin und her, und zwar in
zwei Richtungen auf zwei verschiedenen Wegen. Für seitliche
Schwenkungen bewegt man den Strahl vor und zurück, für ver­
tikales Schwenken bewegt man den Strahl durch Kopfbewegun­
gen auf und nieder. Zur selben Zeit verändert man schnell und
geringfügig die Geschwindigkeit der Impulse, um die Tiefe zu
erhalten. Dann macht man eine zusätzliche kleine Veränderung
der Wellenlänge, die erlaubt, größere und kleinere Details nach­
einander in den Brennpunkt zu bekommen.

142
In die menschliche Sprache und Vorstellung übertragen, ist das
ungefähr die Art und Weise, wie die Delphine mit ihrem Sonar
operieren.
Nur mit Hilfe von Schallwellen (die vom eigenen Willen kon­
trolliert werden) und deren Wellenlänge, Richtung und Ge­
schwindigkeit sieht man unter Wasser. Man erhält ein geistiges
Bild von allem, was sich in einiger Entfernung vom Körper in
der Umgebung befindet. Das kann man auf einige Kilometer rund
um den Körper und selbst hinter ihm vollbringen.
Wir hängen bis zu einem gewissen Grade von unserem Sehver­
mögen ab, weshalb wir von einer »visuellen Verständigung« spre­
chen können. Wir beobachten sehr sorgfältig den Gesichtsausdruck
unseres Gesprächspartners. Wir beobachten seine körperlichen Ge­
sten und Bewegungen, also die äußere Seite seines Körpers; die
Kleidung beschränkt gewöhnlich unsere Sicht auf Hände und Ge­
sicht.
Wenn wir unter Wasser mit Hilfe des Sonars einander be­
trachteten, wie würde dann jeder von uns dem anderen erschei­
nen?
Schallwellen durchdringen im Wasser einen Körper ohne große
äußerliche Reflexionen oder Absorptionen. Haut, Muskeln und
Fett sind für die durch das Wasser kommenden Schallwellen im
wesentlichen durchlässig. Die internen Reflexionen stammen von
lufterfüllten Körperhöhlen und von den Knochen. Daher sehen
wir einen verschwommenen Umriß vom Körper plus Knochen
und Zähne, letztere recht deutlich konturiert; die am schärfsten
umrissenen Teile sind die gasgefüllten Räume. Wir sehen Teile des
Darmtraktes, die Luft-Sinusräume im Kopf, die Mundhöhle, die
Luftröhre mit dem Kehlkopf, die Bronchien, die Verzweigungen
der Bronchien, die Lungen und alle Luft innerhalb oder außer­
halb des Körpers und seiner Kleidung sehr gut. Man kann sich
vorstellen, wie merkwürdig dem normalen Menschen zumute ist,
wenn er in der Lage ist, in den Magen und die Lunge anderer
Leute hineinzusehen.
Das würde vermutlich neue Formen sozialer Beziehungen erge­
ben, etwa so: »Liebling, du ärgerst dich über mich. Du schluckst
Luft, und dein Magen wühlt die Luftblasen auf, wie das immer

143
geschieht, wenn du böse bist.« - »Nein, Liebster, ich bin bloß
krank.«
Der Gesichtsausdruck einer anderen Person ist recht verschwom­
men zu sehen. Man erkennt helle Reflexionen von den Luft-
Sinusräunsen und den Gesichtsknochen. Bei Delphinen sieht man
deutliche Reflexionen am Vorderende des Kopfes, die es bei uns
nicht gibt; sie haben hier einige Luftsäcke, die unmittelbar ausge­
nutzt werden, um aus den ausgestoßenen Schallwellen Echos bil­
den zu können. (Wir könnten uns einen Delphin vorstellen, der
zu einem anderen sagt: »Darling, du hast die reizendste Art, mit
den Sinusräumen zu zucken, wenn du sagst, daß du mich liebst.
Ich liebe die Form deiner Vestibularsäcke.«)
Wenn wir also wie Delphine lebten, würden wir den äußeren
Gesichtsausdruck kaum brauchen. Wir würden vermutlich versu­
chen, ähnliche Dinge mit unseren Luftsäcken in unserem Kopf
auszudrücken. Der Anblick unseres Magens würde jedermann un­
mittelbar zugänglich sein. Das bedeutet, daß jedermann sagen
könnte, ob wir krank oder ärgerlich sind, und zwar durch die
Luftblasen, die sich in unserem Magen bewegen. Der wirkliche
Zustand unserer Gemütsbewegung würde leicht abzulesen sein.
Für manche Personen würde das zu unangenehmen Situationen
führen, etwa bei einer geschäftlichen Transaktion. Ich kann mir
vorstellen, daß das auch bei einem Pokerspiel, das um hohe Ein­
sätze geht, recht hinderlich sein könnte.
Da unser Gesichtsausdruck von »Willensmuskeln« kontrolliert
wird, lernen wir, ihn bei irgendwelchen Gemütszuständen zu be­
herrschen. Wir könnten lernen, unseren Magen in einer ähnlichen
Weise zu beherrschen. Das ist aber insofern fraglich, als dieses
Organ »unwillkürliche« oder autonome Muskeln und Nerven-
verbindungen hat, die im allgemeinen nicht von unserem Willen
beeinflußt werden können.
Man beachte bitte, daß ich in den obigen Beschreibungen der
akustischen Unterwasserwelt vorwiegend die visuelle Sprache:
»sehen mit Hilfe von Schall« gebrauche. Da wir mehr visuell als
akustisch orientiert sind, ist es unvermeidlich, die übliche Sprache
zu verwenden. Diese Sprachausrüstung ist eine Reflexion der
Konstruktion unseres Nervensystems. Wir verfügen über eine

144
zehnfach größere Schnelligkeit, Fassungskraft und Berechnungs­
fähigkeit in der visuellen Sphäre. Das ist somit eine der Haupt­
differenzen zwischen den geistigen Fähigkeiten des Menschen und
denen des Delphins. Daher sind das Denken des Delphins und die
Konstruktion seiner Sprache wahrscheinlich mit akustischen Vor­
stellungen erfüllt; sie treten an die Stelle unserer visuellen Vor­
stellungen. Unser Wort »schauen« hat zum Beispiel vermutlich ein
Gegenstück in ihrer Sprache, das wir etwas mühsam in wissen­
schaftlichen Begriffen wie folgt übersetzen müßten: »Wenn ich
eine Wellenlänge ›N‹ aussende, erscheint ›Z‹. Wenn ich eine Wel­
lenlänge ›M‹ aussende, verändert sich die Erscheinung nach ›X‹.«
In den geistigen Bereichen des Delphins wird all das vermutlich
durch ein Äquivalent von ein oder zwei Worten ausgedrückt.
Da wir kein angeborenes Licht besitzen, um in der Dunkelheit
zu sehen, verfügen wir auch nicht über geeignete urtümliche Worte,
das Gemeinte direkt und einfach auszudrücken. Wir müssen uns
mit visuellen Analogien herumschlagen und unser eigenes Denken
dem delphinmäßigen Universum von Objekten und Schallechos
anpassen. Ich kann die Schwierigkeiten, zu denen diese Situa­
tion führt, gar nicht genug betonen, soweit sie sich auf unser
Verständnis für Delphine und deren Verständnis für uns bezie­
hen. Unsere einzige Hoffnung ist, daß beide Arten sowohl ein
akustisches als auch ein visuelles System besitzen. Ich hoffe, daß
wir eines Tages Methoden anwenden können, die uns offenbaren,
auf welche Weise Delphine in der akustischen Sphäre fühlen und
sehen. Es gibt einige Andeutungen, die wir aus Experimenten mit
Blinden erlangten; sie zeigen an, daß wir auf diesem Gebiet mehr
tun können, als zur Zeit geschieht.
Für die Lösung der durch diese Unterschiede gegebenen Pro­
bleme könnten wir eine Ausrüstung ersinnen oder unsere eigenen
Körper daran anpassen, dieselbe Art von Signalen unter Wasser
und/oder in der Luft abzugeben. Die erfolgreiche Entwicklung
dieser neuen Fähigkeit wird sich allmählich lohnen. Wir werden
nämlich unser latentes »akustisch-räumliches Denken« entwickeln.
Wir können uns hierfür eine Delphinausrüstung vorstellen, die
über eingebaute dreidimensionale Schall- und Ultraschallsender
und Empfänger sowie ein eingebautes Schwimmgerät verfügt.

145
Wir können das geeignete Programm in uns selbst entwickeln,
um die gutentwickelten Programme der Delphine nachzuformen.
Obschon wir ihnen einige Jahrmillionen nachstehen, könnten
wir in der Lage sein, diesen Zeitraum aufzuholen. Durch den Ge­
brauch von Maschinen haben wir schließlich auch einiges vom
Vogelflug in der Luft aufgeholt. Warum sollten wir nicht ganz
ähnlich das Leben und Denken der Delphine unter Wasser auf-
holen? Offensichtlich müssen wir dafür vieles von unserem be­
sten Denken und Konstruieren, viele wissenschaftliche, finanzielle
und andere Quellen dieser Art von Problemen zuwenden. Ich
hoffe, daß es einflußreiche Leute in genügender Zahl gibt, die für
diese Probleme interessiert werden können, damit wir in nicht zu
ferner Zukunft unsere Ziele erreichen.
Wir stehen noch am Anfang einer sorgfältigen Erforschung
der geistigen Fähigkeiten des Delphins. Wir wollen die Ähnlich­
keiten und Unterschiede zwischen unseren geistigen Fähigkeiten
und denen der Delphine erforschen. Ein Hauptpunkt dabei ist,
daß wir darauf vorbereitet sein müssen, Art und Inhalt unseres
Denkens zu verändern, damit wir deren Denken verstehen. Um­
gekehrt müssen die Delphine vorbereitet werden, uns in dieser
Hinsicht zumindest auf halbem Wege entgegenzukommen. Wir
müssen ihnen Gelegenheit geben, visuelle, stereoskopische Erfah­
rungen mit uns zu teilen. Wir wieder müssen die Gelegenheit
ergreifen, gemeinsame stereophone akustische Erfahrungen zu be­
kommen. Auf diese Weise werden wir versuchen, ihnen Erfahrun­
gen mitzuteilen, die uns ihnen in unseren Begriffen zeigen. Wir
können so den Kreis kooperativer Bemühungen beider Seiten
schließen.
Zum Zweck wahrer und befriedigender zwischenartlicher Ver­
ständigung auf allen Ebenen müssen wir unsere und sie ihre gei­
stigen Fähigkeiten jeweils dem anderen anpassen. Eine unvor­
stellbare Anstrengung wird von beiden Seiten verlangt. Dieses
und das vorhergehende Buch dienen der Diskussion und Dar­
stellung der notwendigen Maßnahmen, mit deren Hilfe man
die zwischenartliche Verständigung erarbeiten kann.
Da Geist, Gehirn, Inhalt und Rahmen durch komplexe und
vollständige Rückkoppelung miteinander verbunden sind, müssen

146
menschliches und nichtmenschliches Geist-Gehirn einen passenden
Rahmen gemeinsam haben oder zumindest einen kooperativen
und kommunikativen Inhalt erreichen. Zufälligkeiten arbeiten
mit der Befriedigung der grundlegenden Notwendigkeiten zu­
sammen, und so lehren sie die gemeinsam geteilte »Bedeutung«.
Aber eine lange Zeit der Teilhaberschaft zwischen einem Del­
phin- und einem Menschengeist muß zuerst ablaufen.
Um die geeignete Zusammenarbeit und die geeigneten Daten
im Gedächtnis jedes Geistes zu erreichen, muß ein ständiger,
fortgesetzter Kontakt erreicht werden. Wie in unserer Kindheit
brauchten wir eine lange Zeit (Jahre) und unermüdliche Anstren­
gungen (12-20 Stunden pro Tag, 7 Tage pro Woche, 52 Wochen
pro Jahr), um die Verständigung zustande zu bringen. Die An­
wendung der geeigneten Inhalte im geeigneten Rahmen, die wir
benötigten, um sprechen und menschlich handeln zu lernen, ist der
beste Weg zur zwischenartlichen Verständigung.
Das sind einige der Notwendigkeiten für eine grundsätzliche
zwischenartliche Verständigung, wie wir sie 1967 sehen. Mit ihnen
werden wir die geistigen Fähigkeiten der Delphine kennenlernen.
Später wird in diesem Buch gezeigt werden, wie diese Ideen in
dem Mädchen-Delphin-Zusammenleben-Experiment angewandt
wurden.

147
VI. KAPITEL

Neue Befunde: Doppel-Phonation und Stereophonation

Während unserer Erforschung der Lautbildung des Delphins


wurden wir angesichts der Verdoppelung des Phonationsappara­
tes vor ein Rätsel gestellt. Innerhalb des geöffneten Blasloches ist,
ähnlich wie bei unserer Nase, der Gang verdoppelt. Auf jeder
Seite der Delphinnase, die auf den Vorderkopf hinaufgerückt ist,
befindet sich ein komplettes System von Säcken, Muskeln, Röhren
und je einer getrennten Stimmbildungsmembrane. Es gibt einen
rechten und einen linken Phonationsapparat; jeder sitzt in einer
Nasenhälfte. Einige der Bestandteile des rechten Apparates sind
gewöhnlich größer als die des linken. So weit reichte unser Wis­
sen zur Zeit unseres vorigen Buches, »Mensch und Delphin«. Diese
rätselhaften anatomischen Tatsachen plagten mich seither fortge­
setzt.
Als der Delphin von uns kontrollierte humanoide Laute in die
Luft abgab, sahen wir, daß die beiden Seiten völlig unabhängig
voneinander arbeiteten. Wir machten Zeitlupenaufnahmen von
den Bewegungen des Blasloches und fanden unsere Beobachtung
bestätigt. Die Zeitlupenfilme zeigten uns, daß die beiden Seiten
der Blaslochverschlüsse oder die zwei »Zungen« (wie wir sie nun
nennen) separat bei der Lauterzeugung in der Luft benützt wer­
den. Mit besseren und spitzfindigeren Methoden haben wir nun
bewiesen, daß der Delphin nicht nur separat und unabhängig auf
jeder Seite Laute erzeugen kann, sondern auch, daß er die beiden
Lautanteile hintereinander und gleichzeitig vermischen kann.
Diesen Vorgang des Vermischens der beiden Lautgebungen von
links und rechts nennen wir »Stereophonation«. Experimente zum
Beweis dieser Befunde sind nun vervollständigt worden. Die Be­
weisführungen werden auf verschiedenen Wegen erbracht: Ab­
horchen der Laute im Stereophonapparat, graphische Analyse,
Zeitlupenfilme mit Röntgenstrahlen, aufgenommen während der

148
Lauterzeugung. Jede dieser Methoden bringt eine andere Seite
des Phänomens zur Geltung. Die experimentelle Zusammen­
stellung von Delphin und Apparatur war folgende:
Die Auswahl des Delphins erfolgt nach seiner Begabung hin­
sichtlich der Lauterzeugung; wir wählten also einen etwas älteren
Delphin. Er wird behutsam in einen lautisolierten Behälter über­
führt, der so konstruiert worden ist, daß er die vom Delphin im
Wasser hervorgebrachten Laute absorbiert, um störende Echos
abzuhalten. Nun wird der Delphin behutsam auf eine Plattform
gesetzt, die sich unter Wasser befindet. Die Wassertiefe kann ent­
sprechend den für das Experiment notwendigen Erfordernissen
abgeändert werden. Zu Beginn jedes Experiments wird die Was­
sertiefe so eingerichtet, daß der Delphin frei auf der Plattform
liegt. Ein flaches Hydrophon wird sorgfältig an der rechten, ein
anderes an der linken Kopfseite angebracht. Die Lage dieser Mi­
krophone ist sehr kritisch. Während die Lautgebung des Delphins
abgehorcht wird, bringt man sie genau an jene Stellen, an denen
der Laut am stärksten vernommen werden kann.
Die Übertragung aus jedem der beiden Hydrophone wird ver­
stärkt und über separate Kanäle aufgezeichnet. Es wird also auf
zweispurigem Weg eine Tonbandaufnahme von jeder Seite des
Delphinkopfes hergestellt. Gleichzeitig werden die separaten Ka­
näle zu einem Kathodenstrahlen-Oszilloskop geführt. Diese
Apparatur zeichnet die Laute auf verschiedene Weise auf: 1. die
Laute werden getrennt auf den X- und Y-Achsen der Kathoden­
strahlröhre wiedergegeben, in einer sogenannten »X versus Y«-
Aufzeichnung; 2. die beiden Kanäle werden jeweils für sich über
zwei getrennte Strahlen am Oszilloskop sichtbar gemacht;
3. ebenso können die Messungen verschiedener Frequenz-Analysa­
toren am Schirm dargestellt werden; 4. mittels Röntgenstrahlen
können wir auf Zeitlupenfilmen verfolgen, was während der ver­
schiedenen Vorgänge innerhalb des Kopfes geschieht. Auf diese
Weise erhalten wir mit Glück und Geduld ein visuell-anatomi­
sches Bild der während der verschiedenen Arten von Lauterzeu­
gung ablaufenden Vorgänge.
Die Aufzeichnungen werden wieder auf verschiedene Weise
untersucht. Die getrennten Kanäle des Tonbandes können von

149
einem Beobachter vermittels Kopfhörer stereophon abgehorcht
werden. Der Beobachter kann aber auch die Laute der linken
oder der rechten Seite allein für sich abhören. Plötzlich wird er
bemerken, daß Laute von rechts kommen und langsam nach
links verschoben werden, um dann wieder nach rechts zu wandern.
Die scheinbare Quelle des Lautes bewegt sich zwischen seinen
beiden Ohren durch das Zentrum seines Kopfes. Diese »stereo­
phonen Bewegungen« sind bei einigen Pfiffen und humanoiden
Lauten besonders auffallend, es gibt sie aber auch bei einigen der
Schnarrgeräuschketten. Der Vorgang, bei dem der Delphin diese
offensichtlich wandernden Laute hervorbringt, wird »Stereopho­
nation« genannt.
Dieselben Ergebnisse können in der objektiven Aufzeichnung
des Oszillographen gezeigt werden. In Abbildung 4 ist ein Bei­
spiel eines solchen Oszillogramms gegeben. Die Lautamplitude
der einen Kopfseite des Delphins lenkt den Kathodenrichtstrahl
senkrecht auf und nieder. Der Laut von der anderen Kopfseite
führt den Richtstrahl in seitlicher Richtung. Wenn der Laut nur
von einer Seite kommt, sehen wir eine gerade schmale Linie, die
sich entweder horizontal oder vertikal bewegt. Werden zwei Laute
hervorgebracht, und zwar zeitlich getrennt einmal von der einen,
dann von der anderen Kopfseite, dann sehen wir ein Linienpaar,
das auf dem Oszilloskopschirm ein Kreuz bildet.
Werden auf jeder Seite zwei Laute erzeugt, die stereophon
verbunden sind, dann zeichnet der Kathodenstrahl komplizierte
Muster auf den Schirm. Sie zeigen die gleichzeitige Amplituden­
relation zwischen den beiden Lauten. Hört ein Beobachter, wie
der Laut zwischen seinen beiden Ohren durch den Kopf hin- und
herschwingt, dann zeichnet der Richtstrahl Kreise und Ellipsen
verschiedener Größe und Neigung. Besonders deutlich wird das
bei den Pfiffen, die von beiden Seiten stammen. Während des
Schnarrens wiederum kann man ähnliche Ellipsen sehen, ferner
komplizierte Schleifen und verschiedene andere Figuren, deren
Größe und Form von einem Schnarrlaut zum anderen wechseln.
Wenn wir eine lange Schnarrlaut-Folge durchgehen, sehen wir
prächtige systematische Progressionen sehr komplizierter Figu­
ren auf der Kathodenstrahl-Röhre.

150
Manche der anderen vom Delphin hervorgebrachten Laute fül­
len den Schirm mit »geräuschvollen«, komplizierten Mustern. Die
Atmungsgeräusche haben zum Beispiel sehr charakteristische Mu­
ster, die mit der Tiefe und Schnelligkeit der Atmung wechseln.
Wir können die objektiven Muster am Schirm auf die subjekti­
ven beziehen, die wir beim stereophonen Abhorchen hören, wäh­
rend wir gleichzeitig die Kathodenstrahl-Röhre beobachten. Wir
erkennen dann sehr schnell, daß die nun aufscheinenden Muster
Kreise, Ellipsen, Schleifen und Linien sind, die nicht auf den
horizontalen und vertikalen Teilen des Schirmes erscheinen, so­
bald sich die Lautquelle scheinbar innerhalb unseres Kopfes be­
wegt. Das heißt, wir spüren eine scheinbare Bewegung der Schall­
quelle, wenn die beiden vom Delphin erzeugten Laute beider
Kopfseiten eine gleichzeitige Beziehung von geeigneter Ampli­
tude, passender Phase und passender zeitlicher Abstimmung ha­
ben. Sonst hören wir den Laut nur in dem einem oder dem ande­
ren Ohr.
Die beiden Laute, die diese Seite-zu-Seite-Beziehung im Kopf
des Delphins haben und aus den beiden Lautbildungsorganen
stammen, sind daher aufeinander bezogen, »stereophon«. Wir
gebrauchen den Ausdruck stereophon, um zu zeigen, daß diese
Laute Raum-Zeit-Beziehungen haben, die vom eigenen Gehirn
so verarbeitet werden, als wenn sie von einer einzigen, von
den beiden wirklichen abgerückten Lautquelle kämen. Stereo­
phonation ist damit ein willensmäßiger, einmaliger physiolo­
gischer Vorgang, den man gegenwärtig nur vom Delphin und
sonst von keinem anderen Tier kennt.
In unserem eigenen Stimmbildungsmechanismus haben wir
überhaupt keine Stereophonation; uns fehlt diese Dimension aus
der lautlichen Verständigungsweise des Delphins. Er kann die
scheinbare Quelle seiner Stimme von einer Seite seines Kopfes zu
der anderen verschieben. Er kann das leicht, fließend und anhal­
tend hervorbringen. Unsere Stimme liegt genau in der Mittelebene
und kommt aus Nase und Mund.
Auf welche Weise nützt der Delphin diese seine Fähigkeit? Er
kann mit seinen beiden Ohren die Verschmelzung seiner beiden
Quellen zu einer einzigen genauso feststellen, wie wir das mit

151
den Stereo-Kopfhörern tun. Durch dieses Stereo-Hören kann
er daher die Wirkungen der passenden Rückkoppelungen auf sich
selbst kontrollieren. Er kann die scheinbare Quelle überall da
hinsetzen, wo es ihm erwünscht ist und soweit das der Spielraum
zwischen seinen beiden Lautorganen erlaubt. Er kann aber auch
diese scheinbare Quelle sehr schnell zwischen den beiden wirkli­
chen Lautquellen hin- und herbewegen. Er könnte daher auch bei
seiner Lautäußerung vom »Dopplereffekt« Gebrauch machen.
(Der Dopplereffekt ist eine scheinbare Frequenzverschiebung, die
von der Bewegung einer Lautquelle herrührt. Ein klassisches Bei­
spiel ist das von einem Autohorn oder einer Zugpfeife: nähert
sich der Laut, steigt die scheinbare Tonhöhe, entfernt er sich,
fällt sie.) Der Delphin kann auch seine näher oder weiter rei­
chenden Amplituden kontrollieren, wenn er vom monopolaren
zum dipolaren Modus überwechselt.
Es gibt zusätzliche Komplizierungen bei der Stimmbildung des
Delphins, die wir an dieser Stelle hinzufügen müssen. Wie bereits
erwähnt, ist sein rechtes Phonationssystem gewöhnlich größer als
sein linkes. Diese Asymmetrie der beiden Seiten hat interessante
Auswirkungen auf das, was er mit jeder Seite anstellen kann.
Einige der von der rechten Seite erzeugten Töne können tiefer
sein als die der linken Seite. Erstmals kam ich auf einige dieser
interessanten Eigenschaften durch die stimmlichen Fähigkeiten
eines Delphins, den wir Chee Chee genannt hatten. Als wir uns
zum erstenmal begegneten, war Chee Chee schätzungsweise zwölf
Jahre alt. In diesem Alter erwies sie sich als geschicktere Lauter­
zeugerin als die beiden jüngeren Delphine namens Elvar und Tol-
va, die in »Mensch und Delphin« erwähnt sind. Ich studierte ihre
Lauterzeugnisse im einzelnen genauer.
Chee Chee hatte einen »persönlichen« Ruf, der ganz bezeich­
nend war. Es war das ein Ruf, wie wir ihn von keinem anderen
Tier gehört hatten, und er war ganz verschieden von den »per­
sönlichen« Rufen der jüngeren Delphine. Er schien einige sehr
tiefe Frequenzen zu enthalten, die unter jenen lagen, die wir von
Delphinen bislang gehört hatten. Ohne Mühe hörten sie alle
unsere Beobachter im Institut im oberen Grenzbereich unseres
eigenen Frequenzumfanges. Dieser Ruf klang nicht so wie die

152
üblichen »Quieklaute« der anderen Delphinrufe. Bei den anderen
Delphinen waren wir uns stets bewußt, welche Mühe das Hören
in den obersten Registern bereitet.
Ich studierte die Produktion dieses Pfeif-Rufens von Chee Chee
mit Hilfe von Frequenzanalysen und anderen Mitteln. Ich beob­
achtete ihre Spritzlochbewegungen auf andere Weise, als ich das
bei den bisherigen Delphinen getan hatte. Wenn die anderen Del­
phine ihren persönlichen Ruf unter Wasser abgaben, war gewöhn­
lich eine große, fließende und anhaltende Bewegung nur an einer
Seite des oberen Endes des Blaslochpfropfens zu beobachten. Diese
Bewegung trat immer synchron zu den Pfiffen und stets nur an
einer Seite auf. Chee Chee hingegen bewegte während ihres Un­
terwasser-Rufes beide Seiten. Sie bewegten sich offensichtlich in
entgegengesetzten Richtungen, eine besondere Drehbewegung
nach der Spitze des Blaslochpropfens gebend.
Der Ruf selbst wurde auf verschiedenen Wegen analysiert. Ei­
ner der wichtigsten Befunde ist in Abb. 5 dargestellt. Diese Fre­
quenzanalyse zeigt die Frequenzvariation des Pfeifens während
seiner zeitlichen Veränderung. Man beachte, daß zwei Haupt­
komponenten zum Teil gleichzeitig auf der Aufzeichnung erschei­
nen. Eine Komponente beginnt auf einer niederen Frequenz und
steigt ziemlich beständig. Die andere Komponente beginnt bei
einer hohen Frequenz und fällt während derselben Periode. Man
beachte weiterhin, daß keine besonders lauten und niedrigen Fre­
quenzen auf der Aufzeichnung zu sehen sind.
Dieses Fehlen niedriger Frequenzen war von menschlichen
Beobachtern nicht erwartet worden. Jeder von ihnen hörte laute,
niedrige Frequenzen. Die objektive Aufzeichnung zeigte sie aber
nirgends. Woher kamen sie? Übereinstimmend gelangten alle
Horcher zu der Auffassung, daß »Einbildung« auszuschließen
sei. Die niederen Frequenzen gab es für alle Horcher; auch dann,
wenn wir sie durch doppelte Blindkontrollen auszuschließen ver­
suchten - sie waren da. Sooft wir auch die Aufzeichnungen durch
die Analysatoren laufen ließen, die niederen Frequenzen blieben
den objektiven Frequenzanalysen-Techniken verborgen; nur die
hohen Frequenzen waren da.
Chee Chee gab uns dann einen Hinweis für das, was da vor

153
Abb. 5. Der »Schrägstrich-Ruf« und sein Echo (siehe Text).

Der Delphin gibt die Frequenz-versus-Zeit-Kurve ab, die mit »Ruf«


beschriftet ist. Ihr Echo erinnert an den Ruf, verzögert durch die Refle­
xion von einer glatten, 76,2 m entfernten Oberfläche. Ruf und Echo
währen etwa 0,3 Sekunden. Bei 76,2 m überschneidet das Echo den Ruf,
wenn es zum Delphin zurückkehrt, wobei es eine Summierungs- und
eine Differenzserie von Frequenzen hervorbringt. Die wichtige Dif­
ferenz-Frequenz liegt bei annähernd 4 kHz; der Delphin könnte diese
»konstante Frequenz-Differenz« (zwischen dem Ruf und seinem Echo)
dazu benützen, um zu erkennen, daß der Gegenstand eine bestimmte
Entfernung weit weg ist. Mit seinem weiten Hörbereich kann er ebenso
die Summe (des Rufes und des überschneidenden Echos) hören, die als
strichlierte Linie aufgezeichnet ist, die über 30 kHz hinausgeht.

154
sich gehen mochte. Sie erzeugte auch recht gut den steigenden
Frequenz-Ruf allein, ohne den fallenden. Dieser Ruf ist den per­
sönlichen Rufen der jüngeren Delphine ähnlich. Hört man ihn
allein, hat die steigende Frequenzkomponente keine niederen
Frequenzen dabei. Es klang so, wie es auf der objektiven Auf­
zeichnung zu sehen war, alles auf den für menschliche Horcher
unangenehm hohen Frequenzen.
Ähnliche Befunde ergab die fallende Komponente für sich
allein. Mit anderen Worten, wir hörten die niederen Frequenzen
nur dann, wenn Chee Chee die beiden Komponenten gleichzeitig
hervorbrachte. Nun fingen wir an, auf die Frequenzunterschiede
selbst zu achten.
Wir gingen zurück und horchten sorgfältig die niederfrequenti-
gen Varianten ab; subjektiv gehört, fingen die Frequenzen niedrig
an und stiegen mit der Zeit aufwärts.
Wenn man die Frequenz-Zeitkurven (Abb. 5) einsieht, erkennt
man, daß die Frequenzdifferenz zwischen den beiden Komponen­
ten eine steigende Serie von Werten hat. An dem Punkt, an dem
sich die beiden Frequenzkurven kreuzen, ist die Frequenzdifferenz
gleich Null. An allen späteren Punkten liegt der untere Kurven­
wert, abgezogen von dem gleichzeitigen Wert der oberen Kurve,
höher. Die Frequenzdifferenzen haben daher einen zeitlichen
Verlauf, der den subjektiv gehörten niederen Frequenzen ähn­
lich ist. Das bedeutet, daß eine Hochfrequenz mit der anderen
verbunden wird und »Schwebungs-Frequenzen« erzeugt.
Wenn sich Chee Chee dessen bewußt ist, was sie mit diesen
beiden Frequenzen zustande bringt, und die Schwebungsfrequen­
zen zwischen ihnen kennt, könnte sie diesen Ruf für irgendeinen
bestimmten Zweck entwickelt haben. Wir wollen sehen, welche
Erfahrungen sie sonst gehabt hatte, ehe wir diesen Ruf entdeck­
ten. Alle Leute in der Umgebung von Chee Chee waren dazu
angehalten worden, ganz laut in gewöhnlichem Englisch zu ihr zu
sprechen. Sie durften auch nicht auf irgendeine ihrer ganz hohen
Frequenzen, also auf ihr »Delphinesisch«, antworten. Wegen der
besonderen Struktur ihrer Lautbildungsausrüstung konnte sie
nicht direkt die sehr niederen Frequenzen, die in unseren Stim­
men vorhanden sind, nachpfeifen. Ich nehme an, daß sie bei ihrer

155
ausgedehnten Erfahrung mit unseren niederfrequentigen Stim­
men die beste niederfrequentige Stimme entwickelte, die sie unter
Benützung ihres Doppel-Phonationsapparates fertigbrachte. So
entwickelte sie einen Ruf, der die menschliche Aufmerksamkeit
auf sich zog: sie kombinierte zwei sich zeitlich verändernde Sätze
hoher Frequenzen, um jenen Satz niederer Frequenzen zu erhal­
ten, der gut innerhalb unseres gewöhnlichen, alltäglichen Stimm-
bereiches liegt. (Man könnte sagen, daß das eine Menge Verstan­
deskräfte von ihr fordere; möglicherweise ist das aber gar nichts
Besonderes. Vielleicht verwenden die Delphine Frequenz-Schwe-
bungs-Phänomene üblicherweise in ihrem Alltagsleben.)
Wenn wir auf die Frequenz-Zeit-Kurve von Chee Chees Ruf
schauen (Abb. 5), sehen wir, daß die Doppelkurve ungefähr ein
auf der Seite liegendes »V« bildet (‹). Die fallende Frequenz­
kurve ist der eine Schenkel des ‹, die steigende der andere. Wir
wollen daher diesen Ruf den »‹-förmigen Ruf« nennen. Das
ist in der Sprache des delphinesischen Frequenzbandes objektiv
aufgezeichnet.
Eine wichtige Eigenschaft dieses Rufes ist für unsere Zwecke
die, daß er wie ein steigender, niederfrequentiger Ruf für uns
klingt. Auf der Zeitlinie der Frequenz würde dies durch den
aufwärtssteigenden Schrägstrich (/) vorgestellt werden; wir wollen
ihn daher den »/-Ruf« nennen. Kurz gesagt, die Schwebungs­
frequenzen eines ‹-Rufes formen einen /-Ruf.
Wenn man sich seiner Elementarphysik erinnert, wird man noch
wissen, daß wir bei gleichzeitigem Vorhandensein zweier Frequen­
zen nicht nur eine Differenzfrequenz erhalten, sondern auch als
Resultat der Kombination der beiden ursprünglichen Frequenzen
eine Summenfrequenz. Das heißt, daß bei der Überlagerung so­
wohl die Summen- als auch die Differenzfrequenz erscheint. Ge­
naue Einsicht in die Figur, die den ‹-Ruf zeigt, erweist, daß
die Lage der Summe des Frequenzpaares zu jedem Augenblick
eine gerade Linie oder ein »Stab« sein muß, der durch das Zei­
chen - vorgestellt wird. Dieser Stab des Frequenzsatzes ist beacht­
lich über dem Original-Frequenzpaar, damit viel zu hoch, um
von uns gehört zu werden; er liegt aber noch gut im Hörbereich
der Delphine. Mit anderen Worten, der Stab ist eine delphinische

156
Umwandlung der Frequenzen und der »/« ist eine menschliche
Umwandlung hinsichtlich der relativen Hörfähigkeiten der bei­
den Arten. Daher ist die vollständige Umformung des »‹-
Rufes« der Schrägstrich-Stabruf, symbolisiert durch »-/«. Der
Delphin kann vermutlich den Schrägstrich-Stab hören, während
der Mensch nur den Schrägstrich und (schwach) das ‹ hören kann.
Wenn Chee Chee das ‹ ruft, erzeugt sie den steigenden Ton
mit ihrem rechten Phonationsapparat. Die rechte Phonations­
membrane vibriert ununterbrochen auf der Frequenz des auf­
steigenden Teiles. Die linke Membrane vibriert auf der Frequenz
des anderen Schenkels des ‹. Die beiden Phonationsmembra­
nen sind an der Nasenscheidenwand in der Mittelebene angeheftet.
Dieses Septum im oberen Teil der Nase ist sehr dünn und hat
besondere Verbindungen zu den beiden knorpeligen Kappen über
den Nasenbeinen. Es gibt auch Muskeln an diesem Septum. Diese
besondere anatomische Ausgestaltung erlaubt Chee Chee offen­
bar, den Vibrationsbetrag im Nasenseptum zu kontrollieren.
Wenn sie gleichzeitig die Frequenzen der Vibrationen beider Mem­
branen vermischen will, kann sie das durch Muskelkontrolle und
durch die Kontrolle der gegenüberliegenden Flächen der verschie­
denen Falten der Nasalzungen. Diese Kontrolle über die Kom­
bination der von beiden Seiten kommenden Frequenzen, die sich
im Nasenseptum treffen, erzeugt die Schwebungen zwischen den
beiden Seiten. Das Nasenseptum vibriert so, daß die Schwebungs­
frequenzen in jedem Augenblick »verstärkt« werden, in dem die
Frequenzen der rechten und der linken Membrane wechseln. Hier
wird vermutlich der Schrägstrich-Ruf hervorgebracht.
In dem Buch »Mensch und Delphin« und in einer darauffol­
genden wissenschaftlichen Arbeit* beschrieben wir den Notruf des
Großen Tümmlers. Er erscheint auf der Frequenzaufzeichnung
wie ein umgekehrtes »V« oder ein »Lambda-Ruf«, und zwar in
einer höheren Frequenzlage als der des schwebungsfrequenz­
erzeugten Schrägstrich-Rufes. Ganz allgemein beginnen beim Not­
ruf (Abb. 6) die Frequenzen bei einem mittleren Wert, steigen
zu einem hohen Wert empor und fallen dann zum Ursprungswert
* Lilly, J. C., »Distress call of the bottlenose dolphin: stimuli and
evoked behavioral responses«, Science, 139: 116-18, 1963.

157
Abb. 6. Der Notruf des Delphins.

Es handelt sich hier um typische Beispiele von Notruf-Pfiffen, die


von einem sehr jungen und von älteren Tieren aufgenommen wurden.
Man beachte, daß die erreichten Frequenzen jenseits des üblichen
Wahrnehmungsbereichs des Menschen liegen. Die beiden oberen Zeich­
nungen enthalten nur die ersten 8 kHz und zeigen, daß die Pfiffe bei
annähernd 4 kHz anfangen. Die beiden unteren Zeichnungen stammen
von verlangsamten Tonbändern und verdoppeltem Frequenzbereich,
um die Harmonien der Pfiffe zu zeigen. Viermal verlangsamt (also
mehr, als hier gezeigt), klingen diese Pfiffe wie Alarmsirenen. (Aus
J. C. Lilly, »Distress call of the bottlenose dolphin«, Science, 139:116-18,
1963.)

158
Abb. 7. Der von einem Delphin entwickelte Spezialruf (Chee Chee).

Diese Abbildung wird im einzelnen im Text erörtert. Sie zeigt zwei


von beiden Seiten abgegebene, getrennte Pfiffe, sowohl der linke als
auch der rechte auf hoher Frequenz. Der linke Pfiff steigt ziemlich ge­
radlinig an, bezogen auf einen Zeitraum von 0,3 Sekunden. Der von
der rechten Seite ist anfänglich verzögert und trillert über 0,2 Sekun­
den. Die unterste Kurve (gestrichelt) zeigt die Differenz-Frequenz, die
dabei erzeugt wird und die innerhalb der Grenzen des menschlichen
Wahrnehmungsvermögens liegt (H.s.-Grenzen). Der Hörbereich des
Delphins (T.t.-Grenzen) erstreckt sich über einen weitaus größeren Be­
reich; der Delphin kann die linken und rechten Pfiffe hören, die Diffe­
renz-Frequenzen und die Summe der beiden Frequenzen. Man nimmt
an, daß der Delphin dieses besondere Signal deswegen so erzeugt, daß
die ihm zuhörenden Menschen die klaren Differenz-Frequenzen hören
können.

159
ab, alles in allem in etwa 3/10 einer Sekunde. Das bedeutet,
daß keine zwei Frequenzen gleichzeitig herauskommen und daß
der Delphin daher den Ruf abwechselnd rechts und links aussto­
ßen kann oder den ganzen Ruf entweder links oder rechts allein
erzeugt. Wir würden daher weder eine Schwebung noch Stereo­
phonationswirkungen bei dem Notruf erwarten. Durch die zeit­
liche Trennung der beiden Teile des Rufes sind die räumlichen
und frequenzmäßigen Bereiche vereinfacht.
Wir wollen nun einen anderen Ruf prüfen, der einfacher als
die vorangegangenen ist. Wir wählen einen Ruf mit ansteigen­
der Frequenz, der nur auf einer Seite produziert wird. Auf einer
Frequenzaufzeichnung würde das eine nach rechts ansteigende
Linie ergeben, oder, um es zu vereinfachen, einen direkten Schräg­
strich »/« (keine Schwebungen) (Abb. 7). Die Schrägstrichrufe
verändern sich in ihrer Länge von 0,1 bis etwa 0,6 Sekunden. Wir
wollen uns nun vorstellen, daß der Delphin in einer Bucht
schwimmt. Die See ist ruhig und hat eine glatte Wasserfläche, von
welcher der Ruf reflektiert wird. Er setzt in einiger Entfernung
von dieser glatten Wasserfläche ein, verläßt den Kopf vollständig,
kehrt dann zurück und überschneidet sich an keinem Punkt. Der
Delphin wird dann ein unbeeinflußtes Echo seines eigenen Rufes
hören. Es wird dieselbe Form haben wie der ausgestoßene Ruf,
und ebenso dieselben Frequenzen. Wenn er jedoch der Ober­
fläche näher kommt und das Echo zurückgelangt, ehe er den Ruf
beendet hat, werden zwischen den Anfangs- und Endfrequenzen
des Rufes Chancen für Schwebungsfrequenzen vorhanden sein.
Diese Schwebungsfrequenzen sind von jenen, die oben beschrieben
wurden (der »‹«, umgewandelt zum Schrägstrich-Ruf), verschie­
den. Die jetzt erwähnten Schwebungen liegen zwischen dem
immer noch ausgestoßenen Ruf und dem zum Delphin zurück­
kehrenden Echo. Da der Ruf in jedem Augenblick frequenzmäßig
ansteigt, werden die frühen Teile, die mit den späteren eine
Schwebung erzeugen, fortlaufend eine tiefere Schwebungsfrequenz
hervorbringen, solange die Überschneidung zwischen den hin­
ausgehenden und den zurückkommenden Teilen vorhanden ist.
Wenn der Delphin noch näher herankommt, wird mehr und
mehr von dem Ruf mit sich selbst Schwebungen erzeugen. Die

160
Tafelabb. 1. Delphin im Behälter zur Untersuchung der Lauterzeugung im
Inneren des Kopfes. Der Delphin ist in diesem Behälter isoliert und er­
zeugt seine Laute entweder bei erhobenem Kopf, wie hier gezeigt, oder
unter der Wasserfläche. Das Blasloch ist geschlossen. Hydrophone werden
an seinen Kopf angebracht, oder sie sind nahe seinem Kopf im Wasser.
(Man beachte den Reflex des Blitzlichts vom Hintergrund seiner Retina.)
Ein Fernseh-Monitor ist durch den Türrahmen zu sehen. In dem entfernte­
ren Raum befindet sich der Computer für die Datenanalyse.
Tafelabb. 2. Das Dolphin Point Laboratory, Communication Research In­
stitute, St. Thomas, U. S. Virgin Islands in der Karibischen See, 18 Grad
nördl. des Äquators. Ansicht von Süden und Westen; Zufahrtsstraße;
maschinell betriebene Stahltüren verschließen den Eingang zum Naßraum
des Laboratoriums der Hauptetage (ca. 6 x 12 Meter); das Büro auf der
ersten Etage; die Dächer (ca. 1000 m2) sammeln Regenwasser für die Süß­
wasserversorgung; im Untergeschoß befinden sich Zisternen (10 000 Liter).
Die jährlichen Durchschnittstemperaturen betragen: min. nachts 24 °C; max.
tagsüber 32 °C. Meerwassertemperaturen im Jahresdurchschnitt: 25-29 °C.
Das Verhältnis zwischen Tag und Nacht liegt im Jahresdurchschnitt an­
nähernd bei 1:1. Die Passatwinde kommen vorwiegend von Süd-Ost bis
Osten, erreichen 14 bis 30 Knoten und herrschen annähernd 80% des Jah­
res, ausgenommen die Monate August, September und Oktober. Die Wellen
stoßen etwa 90% des Jahres von Südosten an dieses Gebäude. Das Labo­
ratorium wurde von einigen Hurricans erreicht: »Donna« (1963) mit 80
Knoten und Südwinden (keine Zerstörungen); »Cleo« (1964) mit 50 Knoten;
»Inez« (1966) mit 150 Knoten. Maximale Wellenhöhe fünf Meter im Jahre
1966, bei einer Sturmflut eineinhalb Meter.
Tafelabb. 3. Meerwasserbehälter, Balkon und Naßraum. Dieser Blick
wurde von einem Punkt aus aufgenommen, der direkt im Süden über dem
Meerwasserbecken liegt; die Karibische See erstreckt sich hinter der Kamera.
Das Meerwasser strömt von links ein und am anderen Ende des Behälters
aus. Eine Wendeltreppe verbindet den Balkon mit dem Meerwasserbecken.
Die Mauer nach Westen hält den Wellenlärm über dem Meerwasserbecken
ab. Dessen Tiefe beträgt 1,35 m, der Boden erhebt sich ein wenig beim
Einfluß und beim Ausfluß auf etwa 15 cm Durchschnittstiefe. Die täglichen
Gezeiten bewegen sich gewöhnlich um 20 cm; extreme Mondgezeiten wäh­
rend des Jahres liegen um 60 cm. Ein Tsunami (1911) verursachte vor­
übergehend minus 10 und plus 5 Meter Gezeiten an der Mitte der Insel.
Die Meerestiefe in einer Meile Entfernung vom Laboratorium beträgt
fünf bis sieben Meter. Übergroße Wellen werden dadurch verhindert. Die
Hauptetage liegt fünfeinhalb Meter über dem Meeresspiegel und besitzt
wasserfeste Mauern bis mindestens 6,5 m oberhalb des Meeresspiegels, wo­
durch ein entsprechender Schutz gegen die höchsten Wellen gewährleistet
ist.
Tafelabb. 4. Margaret Howe und Delphin im Meerwasserbecken. Margaret
streichelt die Haut zwischen den Flossen, eine Region, die von den Del­
phinen häufig zum Streicheln dargeboten wird. Der Delphin schaukelt auf
Margarets Beinen. Margaret spricht immer wieder laut mit ihm.
Tafelabb. 5. Margaret Howe und Delphin im Meerwasserbecken. Margaret
umarmt spontan den Delphin Sissy, schlingt ihre Arme um ihn und spricht
weiter mit ihm. Der Delphin antwortet durch Aufwärtsbiegen des Rückens
und Abwärtsdrücken der Brust und des Bauches. Diese Form physischen
Zusammenseins kann durch Küsse auf den Kopf des Delphins, Blasen in
das Blasloch und wechselseitige Untersuchung der Augen, Ohren, Mund­
öffnung usw. fortgesetzt werden.
Tafelabb. 6. Der Delphin trifft im Naßraum am Aufzug aus dem Meeres­
becken ein. Der elektrische Aufzug befindet sich über dem Wasser. Die von
Hand aus zu bedienende weiche Unterlage wird vom Aufzug weggehoben
und auf einer eingleisigen Förderanlage vom Aufzug in den schalldichten
Raum zur Linken gebracht. Die vier Seile an den vier Ecken der Unter­
lagen werden von der Zugkette zusammengehalten. (Dieser Raum ist der
vom Meerwasser bis zu einer Tiefe von 60 cm überflutete Raum des zwei­
einhalbmonatigen Experiments.) Der Mann an der Hinterseite des Raumes
bedient die Aufzuganlage. - Es handelt sich hier um den Aufzug, der von
Margaret während des zweieinhalbmonatigen Programms als Bett benützt
wurde. Die Schaumgummiunterlage diente als Matratze.

Tafelabb. 7. Die Einrichtung für das vorbereitende Sieben-Tage-Experi-


ment. Die Tragunterlage zur Linken, die an den Aufzugketten hängt, wird
als Bett benützt. Der Behälter hat eine Wassertiefe von 46 cm. Margaret
sitzt an ihrem Schreibpult auf einem Drehstuhl im Wasser und ist mit
einem Trikot bekleidet. Pam (auf dem Bild nicht zu sehen) befindet sich im
Behälter.
Tafelabb. 8. Margaret Howe und der Delphin während des siebentägigen
Experiments. Margaret sitzt häufig im Behälter, um neue Beziehungen zu
Pam zu entwickeln. Rechts (dunkle Fläche) befindet sich am Grunde der
Wasserabfluß; der Einfluß liegt nahe dem Schnabel des Delphins.

Tafelabb. 9. Margaret Howe und Delphin. Sieben-Tage-Experiment (Fort­


setzung). Die ganze Fütterung ist eine Angelegenheit persönlichen Kontaktes
im Wasser. Die Fische werden außerhalb dieses Behälterraumes aufgetaut,
mit dem Eimer herangeschafft und von Hand aus gegeben. Im Sinne des
Experiments muß der Delphin manchmal humanoide Laute in der Luft
abgeben, um einen Fisch zu erhalten; ein andermal erfolgt die Fütterung
ohne solche Anforderungen; die Fische werden einer nach dem anderen
oder alle auf einmal ins Wasser geworfen. Die Forderungen nach Lauten
des Delphins können auf diese Weise von der Fütterung selbst getrennt
werden. Es wird stets bis zur völligen Sättigung gefüttert, gleichgültig, wann
oder wie das Futter verabreicht wird, es wird kein wie immer gearteter Ge­
brauch davon gemacht, durch Hungerkuren den Delphin zu etwas zu zwin­
gen.
Tafelabb. 10. Veränderungen der Anlage für das zweieinhalbmonatige
Experiment. Margaret lebt mit dem Delphin Peter in dem neuüberfluteten
Gebiet zusammen. Der mit Wasser gefüllte Balkon befindet sich über dem
Meerwasserbecken. Die maximale Bodenbelastung erlaubt eine Wasser­
höhe von über 90 cm (Höhe der Wandung). Die Ausflußregulation befindet
sich oben rechts, gerade über der zum Meerwasserbecken führenden Wen­
deltreppe. Margaret und der Delphin Peter befinden sich auf dem Balkon,
der Delphin Sissy ist fünf Meter darunter im Meerwasserbecken.

Tafelabb. 11 (rechts oben). Das zweieinhalbmonatige Experiment: Mar­


garet Howe und Delphin Peter im Ostende des überfluteten Raumes. Ein
geschütztes Mikrophon hängt hinter Margaret. Die das Wasser umschlie­
ßende Mauer ist 1,20 m hoch. Rechts befindet sich Margarets Schreibpult,
das an von der Decke herabreichenden Seilen befestigt ist, so daß es vom
Wasser weg hochgezogen werden kann, wenn es nicht gebraucht wird. Mar­
garet berührt Peters erhobenen Schnabel mit dem Bleistift; sein Maul ist
offen. Selbst wenn Margaret schreibt, kann Peter sie erreichen und sie,
wenn er will, unterbrechen.
Tafelabb. 12. Das zweieinhalbmonatige Experiment: Margaret Howe und
Peter. Margarets Schlafraum befindet sich auf dem Aufzug und ist von
wasserfesten Vorhängen umgeben. Rechts der Zugang zum Gasherd, der
auf einem Wandbrett über dem Wasser steht. Der Speiseschrank ist ober­
halb des Zugangs sichtbar. Margaret bürstet Peters nahe seinem Spiegel an
der Aufzugwand, der sidi halb über und halb unter der Wasseroberfläche
befindet. 1st der Delphin allein, »besieht« er sich im Spiegel und »spricht«
und »schimpft« mit seinem Spiegelbild. Ein Teppich (als lautschluckender
Schirm) hängt zwischen dem Bett und dem schalldichten Raum rund um
die Kamera. Die Decke und Wand in diesem »Aufzeichnungsstudio« sind
ebenfalls mit Teppichen bedeckt.
Tafelabb. 13. Peter nähert sich Margaret.

Tafelabb. 14. Margaret hebt Peters Kopf für einen Kuß und eine Umar­
mung.
Tafelabb. 15. Ein Blick auf einige der Geräte für den Unterricht mit Peter.
Die Kugeln zur Linken werden für das Zahlenlehren benützt; die ver­
schiedenfarbigen Platten in der Mitte dienen dem Lehren von Farben.
Mit den Platten ganz rechts wird das Erkennen von Formen geübt.
Tafelabb. 19. Peter unterbricht Margarets Telephongespräch, und sie ist
offensichtlich erfreut. Peter schaltete sich häufig in ein Telephongespräch
ein und wurde ermuntert, das mit seiner lautesten Stimme zu tun.

Tafelabb. 20 (rechts oben). Margaret hebt ihre Füße aus Peters Reichweite
und schilt ihn, weil er ihre Füße beknabbert hat. Seine Zähne sind sehr
spitz. Man beachte das helle Auge Peters.

Tafelabb. 21 (rechts unten). Einen Augenblick später wandelt sich die Stim­
mung, Margaret dreht die Zehen auf Peter hin und her, während sie lächelt
und mit ihm spricht. Diese Form von Erziehung zur Disziplin und Aus­
schelten ist gewöhnlich nur kurz; Peter wird ausgeschimpft, und der Vor­
fall ist vergessen.
Tafelabb. 19. Peter unterbricht Margarets Telephongespräch, und sie ist
offensichtlich erfreut. Peter schaltete sich häufig in ein Telephongespräch
ein und wurde ermuntert, das mit seiner lautesten Stimme zu tun.

Tafelabb. 20 (rechts oben). Margaret hebt ihre Füße aus Peters Reichweite
und schilt ihn, weil er ihre Füße beknabbert hat. Seine Zähne sind sehr
spitz. Man beachte das helle Auge Peters.

Tafelabb. 21 (rechts unten). Einen Augenblick später wandelt sich die Stim­
mung, Margaret dreht die Zehen auf Peter hin und her, während sie lächelt
und mit ihm spricht. Diese Form von Erziehung zur Disziplin und Aus­
schelten ist gewöhnlich nur kurz; Peter wird ausgeschimpft, und der Vor­
fall ist vergessen.
Tafelabb. 22. Enge Kontakte sind offensichtlich willkommen und werden
von beiden Teilnehmern genossen. Der Delphin liebt es, zuzeiten völlig
schlaff zu sein, und läßt sich von Margaret stoßen, schieben, tragen, um­
herdrehen usw. Oder er möchte die Rollen vertauschen und verlangt,
daß sie sich schlaff macht, damit er sie umherstoßen, ihre Kniegelenke
inspizieren, ihre Finger ansehen kann, usw. Das sind sehr glückliche Perio­
den des »Einander-Kennenlernens«.
hier beteiligte Entfernung kann leicht dargestellt werden: man
benützt die Geschwindigkeit des Schalles im Wasser (1540 m/Sek);
in einer Zehntelsekunde wird der Schall 154 m weit gelangen,
und wenn der Delphin ebenso weit von der Oberfläche entfernt
ist und einen Ruf von 1/10 Sekunde Länge aussendet, dann
wird es keine Überschneidungen geben. Er wird den Ruf als
Echo wiederhören. Dehnt er den Ruf auf 2/10 Sekunden aus,
wird das zurückkehrende Echo von der ersten Hälfte des Rufes
sich mit dessen anderer Hälfte überschneiden und eine Schwe­
bung hervorbringen. Welcherart ist die Schwebung, die er hören
wird?
Wenn der Schrägstrich-Ruf eine linear aufsteigende Frequenz-
versus-Zeit-Kurve ist (das heißt, wenn er eine gerade Linie ist),
bringt der erste Teil mit dem zweiten Teil eine Schwebung her­
vor, die eine konstante Frequenz hat. Wenn es kleine Schwan­
kungen in der Frequenz gibt, werden diese in der Schwebung so
lange widergespiegelt, solange sie nicht gleichzeitig sind und eben­
so oft in der ersten und letzten Hälfte Vorkommen. So wird ein
Schrägstrich-Ruf in diese Stabschwebung umgewandelt, die kür­
zer ist als er. Die Frequenz der Stabschwebung wird sich mit der
Entfernung des Objektes vom Delphin verändern, das heißt,
entfernte Objekte werden wegen der größeren Verzögerung
bei der Überschneidung höherfrequentige Unterschiede ergeben.
Nahe Objekte werden tieferfrequentige Schwebungen ergeben,
weil es eine geringere Verzögerung zwischen jenen Teilen gibt,
die zur Bildung der Schwebung kombiniert werden.
So ist es leicht einzusehen, daß der Schrägstrich-Ruf von Ob­
jekten, die in allen Richtungen um den Delphin herum verteilt
sind, Schwebungsfrequenzen erhalten kann; sie sind verschieden,
da sie von der Entfernung der die Reflexion bewirkenden Ge­
genstände abhängig sind. Damit kann er mit einem einzelnen
Schrägstrich-Ruf gut herausfinden, wie der Meeresgrund beschaf­
fen ist, wo sich die Wasseroberfläche befindet, was für andere
Objekte im Wasser um ihn herum sind und in welchen Richtun­
gen sie liegen. Er braucht nur auf die Schwebungen und deren
Richtungen mit Hilfe seiner beiden Ohren und der üblichen
stereophonen Horchweise zu lauschen.

161
Bei den Frequenzen, die er beim Schrägstrich-Ruf gebraucht
(etwa zwischen 5 und 25 kHz), verändert sich die Wellenlänge
im Meerwasser von 30 cm bis etwa 6,35 cm. Wenn die Analogie
zwischen unserem Sehvermögen und seinem Sonarsystem Geltung
hat, kann er Details in der Größe zwischen 1/4 bis zu 1/30 einer
Wellenlänge auflösen. Daher kann er mit dem Schrägstrich-Ruf
wahrscheinlich Objekte ausmachen, die in ihren größten Dimen­
sionen etwa 8 cm und in ihren kleinsten etwa 1,5 cm aufweisen.
Auf diesem Wege müßte ihm sein Schrägstrich-Ruf ausgezeich­
net mitteilen, in welcher Richtung ein Fischschwarm geeigneter
Größe ist, wo seine Freunde (andere Delphine) sind, und mög­
licherweise sogar, wo seine Feinde (die Haie) sind. Natürlich
ist er hierbei auf bestimmte Entfernungen beschränkt, die von
etwa 1 m bis zu etwa 100 m reichen.
Das innerliche Bild, das der Delphin während des Erzeugens
von Schrägstrich-Rufen aufbauen kann, und das innerliche Bild,
das er sich von seiner Umgebung mit Hilfe von Schwebungsfre-
quenzen macht, die von seinen beiden Ohren stereophon kombi­
niert werden, muß eine recht interessante Form aufweisen. Es ist,
als ob für uns nahegelegene Objekte ein rötliches Licht abgeben
würden und weit entfernte Objekte ein blaues Licht, mit dem
ganzen Farbspektrum dazwischen. Wir könnten dann zum Bei­
spiel einen roten Fleck sehr nahe sehen und einen matteren blauen
Fleck weiter weg; ein blauer Hintergrund unten würde den Bo­
den symbolisieren, ein roter dicht vor uns einen nahen Fisch,
und ein großes grünes Objekt, das zwischen uns und dem Boden
schwimmt, würde einen anderen Delphin bedeuten. Diese Über­
tragung ihrer akustischen Schwebungsfrequenzen in Farbe bietet
eine Möglichkeit, uns vorzustellen, wie die Umgebung für die
Delphine aussieht. (Abermals müssen wir wegen der Unterschiede
in unserem Gehirn und bei der Erfassung unserer Umgebung die
»akustischen Bilder« der Delphine in unsere visuellen Bilder um­
wandeln.)
So also können sie den Schrägstrich-Ruf und andere kompli­
ziertere Rufe nützen, um ihre Umwelt zu erfassen; das nenne ich
hier ihr »Langwellen-Dauersonar«. Ihr »Kurzwellen-Dauerso-
nar« arbeitet bei viel höheren Frequenzen; die Messungen, die

162
wir in unserem Institut ausführten, haben gezeigt, daß sie Fre­
quenzen von annähernd 15 bis 150 kHz benützen. Die inner­
halb dieses Bereiches abgegebenen Laute besitzen im Wasser Wel­
lenlängen von etwa 10 cm bis zu etwa 1 cm herab. Wie wir und
andere gezeigt haben, wird dieser Laut gerade vor dem Oberkie­
fer des Delphins mit einer maximalen Amplitude zu einem
Strahl konzentriert. Dieser Laut kommt in Form von kurzen An­
schlägen sehr hoher Amplituden (3000 Dyn/cm2 oder 140 Dezi­
bels über den Richtbetrag von 0,002 Dyn/cm2). Da dies ein
Strahl ist und weil es sich um eine sehr hohe Amplitude von kür­
zerer Wellenlänge handelt, kann das für eine detaillierte Inspek­
tion von Objekten verwendet werden, die durch den Langwellen-
Dauersonar aufgefunden wurden. Der Delphin verändert seine
Fähigkeit zur Detailauflösung durch die Veränderung der Wel­
lenlänge: je kürzer die Wellenlänge, um so feiner die Details
unter 1 cm. Der Delphin kann etwa (durch einen Schrägstrich-
Ruf) zu seiner Linken finden, daß dort ein interessantes Objekt
in einer bestimmten Entfernung ist. Er kann dann leicht seinen
Kopf hinwenden, sein Kurzwellen-Sonar einschalten und den Ge­
genstand im Detail inspizieren, indem er ihn mit seinem »So­
nar-Strahl« abtastet. Der schmale Lichtstrahl und die kürzeren
Wellenlängen vermitteln ihm eine Auflösung davon, die er mit
seinem langwelligen Schrägstrich-Ruf oder anderen Pfeifarten
nicht hatte. Wenn er kleine Details sehen möchte, verschiebt er die
Frequenz jedes Anschlages nach oben auf 150 kHz (2/5 einer
2,5 cm langen Wellenlänge).
Bis jetzt haben wir also Echos von unbewegten Objekten bei
einem bewegungslosen Delphin betrachtet. Wenn sich ein Delphin
bewegt und dabei Echos auffängt, wird die scheinbare Frequenz
dieser Echos etwas variieren, und zwar abhängig von seiner
Schnelligkeit gegenüber dem Reflektor. Man kann diese Auswir­
kung (den Doppler-Effekt, benannt nach dem Mann, der ihn ent­
deckte) beobachten, wenn man an einer Straße steht, während
ein Auto oder ein anderes Fahrzeug an uns vorbeifährt, das ein
Horn oder eine Sirene konstanter Frequenz ertönen läßt. Wenn
die Lautquelle uns näher kommt, steigt die Frequenz scheinbar
an, und wenn es an uns vorbeifährt und sich entfernt, verringert

163
zu ergänzen. Wir haben dieses Verhalten buchstäblich Hunderte
Male beobachtet.
Die Konversation zwischen zwei Delphinen mit Hilfe von
Pfiffen könnte daher mit diesen Grundlagen erklärbar sein. Del­
phine haben ein sehr großes Gehirn mit sehr großen Allzweck-
Computer-Fähigkeiten, also einen sehr großen Neokortex (Groß­
hirnrinde). Da ein großer Teil davon akustischer Kortex ist,
haben sie vermutlich Symbole (also Abkürzungen) von allen be­
sonderen Beziehungen und Beschreibungen der verschiedenartigen
Objekte (einschließlich sich selbst) entwickelt, denen die Pfeif­
end Schnarr-)Echos und deren Schwebungen entsprechen. Da­
her könnte ein Delphin gegenüber einem anderen einen Schräg-
strich-Ruf anfangen und dessen Ende dann »ausflattern« lassen
(wie wir das vielfach erlebten, wenn zwei Delphine miteinander
sprachen). Es ist dieses Flattern am oberen Ende, das vermutlich
die Einzelheiten des Gemeinten von einem Delphin zum anderen
übermittelt. Die sehr großen Frequenzverschiebungen, die wir
beim ‹-Ruf, dem umgekehrten V-Ruf, beim Schrägstrich-Ruf
sowie bei verschiedenen anderen sehen, symbolisieren möglicher­
weise Veränderungen im Modus, das heißt ganz große Katego­
rien von Bedeutungen. Die kleinen Varianten, wie Schwebungen,
Dopplereffekt und dergleichen formen die Feinheiten des Ge­
meinten um. Wenn wir jemals in das »Delphinesisch« eindringen
und es in die menschliche Sprache umwandeln, haben wir somit
viele Fingerzeige, die uns weiterhelfen. Zumindest haben wir
überprüfbare Hypothesen zu stützen oder zu widerlegen.

166
VII. KAPITEL

Betrachtung der geistigen Seite

Der Mensch lebt nicht von Brot und Tatsachen allein. In der
amerikanischen Tradition jagt man nach dem Ende eines For­
schungsprojektes und gräbt alle jene der grundlegenden Tatbe­
stände aus, die notwendig sind, um die Ergebnisse für irgend­
welche technischen Fortschritte praktisch anzuwenden. Das scheint
das Hauptmotiv für wissenschaftliche Forschung im heutigen
Amerika zu sein: ein praktisches Resultat. Unsere Entwicklung
der Raumfahrt, unsere Entwicklung der Kernenergietechnik,
unsere Entwicklung auf dem Gebiet der Krankheitsbekämpfung
sind Beispiele dieser Art menschlichen Strebens. Die wissenschaft­
liche Grundlage, auf der alle diese Bestrebungen beruhen,
wurde vor vielen Jahren erarbeitet. Man sagt, die Verzögerungs­
zeit der Praxis, die auf die Grundlagenforschung folgt, müsse
verkürzt werden. Ein moderner Physiker entdeckt bestimmte
Grundpartikel; sie werden bei der Konstruktion nuklearer Bom­
ben mit einer Verzögerungszeit von etwa zehn Jahren verwendet.
Ein Biologe macht grundlegende Entdeckungen in der Biologie;
sie werden dann in Heilverfahren nach einer Verzögerung von
zehn Jahren angewandt. Im Weltraumprogramm sind die tech­
nischen Fortschritte beispielsweise auf der Raketen-Grundlagen-
forschung von Goddard aufgebaut; man scheint die Raketen im
wesentlichen nur größer gemacht zu haben, verfährt aber immer
noch nach seinen Grundprinzipien.
Da auf jedem dieser Gebiete die bahnbrechende Grundla­
genforschung betrieben worden ist, konnte ein guter Teil der
technischen Entwicklung zustande kommen, und wir können da­
her nun die Früchte dieser Arbeit in den Produktionsprogrammen
ausnützen. Diese Produktionsprogramme sind auf »Brot« und
Tatsachen aufgebaut. Ohne den »Brot-Lohn« würde es nicht die
Hunderttausende von Arbeitern geben, die für die Produktion

167
der praktischen Resultate benötigt werden. Ohne die harten Tat­
sachen würde das Programm nicht existieren. Da dies die Tätig­
keiten sind, die (zusätzlich zum Verteidigungsbudget) die Indu­
strie der USA und der Sowjetunion gegenwärtig tragen, wollen
wir einige Grundfragen aufwerfen.
Woher kommt die Motivation für diese Art von Aktivität?
Warum beginnen wir diese Programme überhaupt? Steckt irgend­
ein Geheimnis hinter der nationalen Szenerie, das das Motiv für
unser ganzes Bild abgibt? Wir wollen hinter diese Programme
schauen, um Schlüssel für die menschlichen Antriebskräfte zu fin­
den, die diese Programme motivieren. Danach wollen wir die
Diskussion auf den gegenwärtigen Stand der zwischenartlichen
Verständigung hinführen.
Die geistige Seite des Menschen scheint als Hauptantriebskraft
für die Wissenschaft, aber auch für die Religion gebraucht zu wer­
den. Ganz entschieden wird sie auch für die Industrie benötigt.
Angesichts der immensen Größe des Unbekannten empfinden
manche von uns Ehrfurcht und Verehrung. Bei den meisten wis­
senschaftlichen Diskussionen wird dieser Faktor nicht beachtet.
Wir diskutieren Neugierde, Intellekt, Intuition, Genie, Wahrheit,
Macht, Möglichkeiten und Tatsachen. Die meisten Wissenschaftler
vernachlässigen die inneren Quellen unseres Seins in dem von
ihnen gewählten Beruf. Wenn sie danach gefragt werden, machen
sie gewöhnlich einen Witz daraus. Es ist so, als wenn diese Scheu
und Ehrfurcht nur für eine etwas peinliche Betrachtung in der
Kirche für den Sonntag aufbewahrt würden.
Bei meiner Ausbildung am California Institute of Technology
war diese Spaltung deutlich zu sehen. Scheu und Ehrfurcht wur­
den der geisteswissenschaftlichen Abteilung überlassen. Wenn je­
mand wagte, diese in den naturwissenschaftlichen Abteilungen
zu erwähnen (und manche taten das), begegneten sie einem Gäh­
nen oder bissigem Sarkasmus, je nach dem Zuhörer. Die Pro­
fessoren und Dozenten hatte keine Zeit für derartige Diskussio­
nen. Und doch sagte praktisch jeder Student, den ich besser kannte,
er sei eben wegen dieser beiden Faktoren hier.
Wir sollten uns mit den treibenden Kräften befassen, die junge
Menschen zur Wissenschaft bringen. Wir sollten uns mit ihren

168
ethischen Vorstellungen, ihrer Moral, ihren Motivationen befas­
sen. Die ganze Zukunft unserer Zivilisation liegt in ihren Hän­
den. (Zumindest hoffe ich, daß wir sie diesen übertragen wer­
den, ohne sie zuvor zu zerstören.)
Solange wir nicht die Jugend dazu anhalten, die Notwendig­
keit von Scheu, Ehrfurcht und Achtung einzusehen, kann sie ge­
fährlich dickfellig und zynisch werden, nicht nur innerhalb ihrer
wissenschaftlichen Arbeit selbst, sondern auch hinsichtlich der
Überantwortung dieser an die Technik. Bei mehr Ehrfurcht vor
dem Leben, bei mehr Scheu angesichts des Unbekannten im Inne­
ren wie im Äußeren, bei tieferer Erfahrung mit anderen Men­
schen aus weit entfernten Regionen unseres Planeten wäre die
Atombombe wohl niemals notwendig gewesen und wäre daher
auch niemals hergestellt oder nur geplant worden.
Wenn man einmal durch tiefere Erfahrungen im Einklang mit
den unendlichen Kräften des Universums gewesen ist, mit den
unendlichen Kräften auch in uns selbst, dann sieht man, daß die
Notwendigkeit für Konflikt, Feindschaft und Haß gar nicht so
groß ist. Man findet das Universum in und um sich so weit und
so einmalig, daß jedes andere lebende Wesen, das liebt oder
irgendwelche Anzeichen von Liebe erkennen läßt, ungemein kost­
bar wird und einem nahe kommt. Die eigenen inneren Unzufrie­
denheiten erweisen sich als die trivialen Konflikte, die sie wirklich
sind. Die Zeit ist auf Erden jenseits der kleinen Beschwerden,
Streitereien, Übergriffe und Torheiten von ungeheurem Wert.
Die Zeit dient der Erforschung des Unbekannten. Wenn beim
Tod unserer Körper die Seele ebenfalls stirbt, dann ist diese Zeit
unglaublich kostbar. Sie ist dann die ganze Zeit, die wir für uns
haben. Wenn die Seele aber weiterlebt, hier oder sonstwo, und
fortfährt, Information abzugeben und aufzunehmen, mag diese
Zeit genauso kostbar und unvorstellbar wichtig sein. Unser Ver­
halten, unsere Leistungen, die Bedeutung, die wir jetzt haben,
all das mag oder mag nicht mitbestimmen, welche Art von Fort­
leben wir haben mögen. Ich weiß nicht, welche dieser Alternati­
ven die reale Wahrheit ist. Ich weiß nur, daß es wichtig ist, unsere
Lebenszeit mit wichtigen Projekten zu verbringen.
Der sogenannte wissenschaftliche Pragmatiker in mir sagt, daß

169
ich mit dem Tod meines Körpers sterbe. Der empfindungsfähige
Humanist in mir sagt, daß es weite Gebiete des Nichtwissens in
diesem Teil von mir, jenem Wissenschaftleranteil, gibt. Die huma­
nistische Seite sagt auch, es gibt mehr, als unsere Wissenschaft bis
jetzt zu träumen gewagt hat. Sie sagt weiter, daß die gegenwärti­
gen Postulate der Wissenschaft in der Geschichte der Menschheit
zufällig aneinandergereiht sind. Wir haben unsere Form der
Arithmetik und unsere Form der Geometrie nur deswegen ge­
wählt, weil das die zuerst entdeckten Formen waren und sie denen
übermittelt wurden, die danach kamen. Wir stehen in der Gewalt
des geschichtlichen Ablaufs, in dem die Dinge zufälligerweise zu­
erst geschehen. Es ist beinahe zu spät, zurückzugehen und von
neuem zu beginnen. Die bestehenden Strukturen - sowohl die
intellektuellen als auch die in der äußeren Welt - sind zu kost­
spielig, um abgerissen und neu begonnen zu werden. So stecken
wir in unserer Geschichte.
John Van Neumann sagte von der Arithmetik, daß Addition,
Subtraktion, Multiplikation und Division zufällige Entdeckun­
gen waren, daß wir in deren Tradition eingefangen sind und sie
deshalb zur Basis unserer Mathematik gemacht haben; wenn wir
Zuerst irgend etwas anderes, Machtvolleres, Intellektuelleres,
mehr der Mathematik des Gehirns Gleichendes gefunden hätten,
wären wir heute viel weiter. Das gilt für unser ganzes Wissen.
Das, was wir heute wissen, hilft und hindert uns zugleich, und
zwar durch die Menge unseres Wissens - und das, was noch zu
wissen übrigbleibt. Wir neigen dazu, zu sagen, daß das, was
wir wissen, alles ist, was wir wissen müssen. Das ist offensicht­
lich ein Unsinn und bleibt ein Unsinn, sowohl hinsichtlich der
Arithmetik als auch hinsichtlich der Kenntnis von den Grund­
elementen des Universums. Unser gegenwärtiges Wissen ist eine
sehr dünne, allseits geschlossene Schale, die unseren Geist mit­
samt seinen vielen Unbekannten im Inneren wie Äußeren um­
schließt.
Wenn irgendwelche andere Lebensformen mit einer verschie­
denartigen Logik und Mathematik sich bemühen sollten, uns zu
belehren, könnten wir vermutlich die fremden Wege des Den­
kens und Rechnens nicht verstehen und lernen. Wir neigen dazu,

170
die Möglichkeiten von Gedanken, die außerhalb der traditionsge­
bundenen Denkvorschriften liegen, zu ignorieren.
Mein Bedauern für die Jugend ist groß; warum kann sich ihre
Begabung nicht entfalten, wie sie will? Wir legen der Jugend
Zwangsjacken an und bestrafen das Denken, das sie außerhalb
unserer ausgetretenen Pfade wagt, die wir selbst aus der Vergan­
genheit übernommen haben. Ich für meinen Teil habe schließlich
die Befreiung des Geistes schätzen gelernt. Bei dieser Befreiung
werde ich von meiner eigenen Zwangsjacke gequält. Tradition
und persönliche Lebensgeschichte sind schreckliche Schulmeister,
die entschieden zuviel Macht über die eigene Seele besitzen. Es
werden Mittel zur Lösung der Sklavenketten gesucht, und es
bleibt zu hoffen, daß schließlich jemand die neuen Ausblicke durch
das Gefängnisfenster sehen kann.
Ein solcher Ausblick ist das, was wir in besonderen Zuständen
unseres Bewußtseins sehen können. Das mag jedoch ebenfalls
eine romantische Falle für die Menschheit sein. Die machtvolle
menschliche Einbildungskraft, das Bestreben, sich von den Bin­
dungen des Körpers und des Gehirns frei zu machen, kann eine
Unendlichkeit von unrealen Welten und unrealen Seinszuständen
Vortäuschen, die für uns nutzlos sind. Der einzige Nutzen mag
etwas wie Zerstreuung und Unterhaltung sein. Phantasien über
geistige Verständigung mit anderen Wesen, die größer sind als
wir, werden zur Zeit als Science fiction und demzufolge nur als
Unterhaltung betrachtet.
Diese besondere Vorstellung von »unterhaltsamen« Ideen be­
freit uns davon, über sie »seriös« nachzudenken. So können wir
auf sie schauen, sie auskosten, selbst mögliche Wirklichkeiten er­
fahren, die durch sie postuliert wurden, und schließlich unbeschä­
digt, unbeeinflußt davonkommen, angeregt und unverpflichtet,
wenn sie vorbei sind. Als reife Erwachsene sind wir hinter die
Notwendigkeit für eine innerliche Sensation um der Sensation
willen gekommen, die wir so hoch schätzten, als wir jung waren.
Wir bestehen darauf, daß sich Sensationen als ein wesentlicher
Bestandteil ganz selbstverständlich in unseren Lebensplan ein-
fügen. Es gibt Wissenschaftler und ehemalige Wissenschaftler, die
uns auf »neue Wege der Erleuchtung« führen wollen. Dabei ver-

171
sen Vorfahren von den Bäumen auf die Erde stiegen, evolutio­
niert aus Formen, die weit weg von solchen Szenen waren, wie
ich sie eben beobachtete. Dieser romantische Unsinn wurde von
meiner eigenen Angst erzeugt. Die Delphine hatten keine solchen
Gedanken wie ich.
Die Delphine fühlten sich offensichtlich wohl in ihrem ge­
schützten Teich und erfreuten sich der Wellenbewegung des tropi­
schen, warmen Wassers. Sie schwammen in einer Gruppe einige
Stunden lang im Kreis und verbrachten augenscheinlich eine
wunderschöne Zeit. Sie wußten, daß keine Haie eindringen konn­
ten, denn kein Hai war jemals in den vergangenen Jahren einge­
drungen, seit denen sie im Teich lebten. Sie befanden sich in
einem verhältnismäßig eingeengten, aber gefahrenfreien Urlaub.
Aus ihrer Perspektive war ich unangebracht trocken, erstarrt und
ängstlich. Sie hatten es nicht notwendig, ängstlich zu sein, denn
es gab für sie keinen Grund dazu. In diesem Teich waren sie in
einem verhältnismäßig geschützten Teil ihres Ozeans. Jede Nacht,
jeden Tag, 24 Stunden, 365 Tage und Nächte im Jahr, ihr gan­
zes Leben verbringen sie im Meer. Sie können sich keine Angst
vor Wind, vor Wellen, vor der Dunkelheit und vor der Tiefe
leisten. Die Delphine müssen während der ganzen Zeit zumin­
dest halb wach bleiben. Das ist ihr normales, alltägliches und all­
nächtliches Leben. Wir werden nicht sehr weit kommen, wenn
wir unsere eigene Furcht und unseren eigenen Geisteszustand in
die geistige Struktur der Delphine projizieren. Wir werden viel
weiter kommen, wenn wir uns an Linien entlang bewegen, die
von unserem Denken verschieden sind.
Es ist erhebend, sich die Meere und Ozeane dieser Welt als ein
weites Haus der Delphine und Wale vorzustellen. Kühn ist im
anderen Extrem dieses federleichte, bipede Laufen auf dem trok-
kenen Land, wie es meiner Art zukommt. Unser kleiner »trok-
kener« Geist beweist sehr viel Frechheit, wenn er versucht, seinen
Weg in die »Ursuppe« vorzutreiben. Angesichts der Fähigkeiten
der Delphine verliert man schnell seine Selbstachtung. Vielleicht
können wir den Schrecken der Tiefe trotzen, aber wir sind nicht
dafür gebaut oder ausgerüstet, frei wie ein Delphin darin zu le­
ben. Die körperliche Anpassung der Delphine an ihr Leben im

174
Meer muß eine Entsprechung in ihren geistigen Fähigkeiten und
ihren Gehirnen haben, die gebaut und ausgerüstet sind für diese
Lebensweise. Ihre Freiheiten sind unsere Gefängnismauern; und,
vice versa, unsere Freiheiten sind ihre Gefängnisse. Jedesmal,
wenn ich von einem Delphin in seinem Becken weggehe, jedesmal,
wenn er von mir wegschwimmt, fühle ich diese Wechselbeziehung
von Freiheit und Gefängnis.
Wir müssen annehmen, daß die Delphine ihre eigenen Prinzi­
pien, ihre eigenen Voraussetzungen, ihre eigenen Postulate und
ihre eigenen Haltungen für ihr geistiges Leben haben. Es ist wahr­
scheinlich, daß jeder große Computer (wie ihr Gehirn) sehr fremd­
artige Programme hat. Zu allermindest sehen wir bei unseren
Forschungen, daß sie bei ihrer Form zu handeln konsequente,
logische Grundlagen haben, auf denen sie operieren. Durch das
Zusammenleben mit ihnen und durch ihr von uns gefördertes
Zusammenleben mit uns können wir viele dieser Dinge durch
Beobachtung ihres Verhaltens entdecken. Möglicherweise werden
wir sie eines Tages sogar befragen können, und wir werden dann
sehen, ob ihre Antworten vertraute Formen zeigen oder ob wir
nur auf unbekannte fremde Formen des Denkens und der Lebens­
einstellung stoßen. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es viele
andere Möglichkeiten. Wir könnten zum Beispiel stimmliche oder
nicht-stimmliche, verbale oder nicht-verbale Fragen stellen und
auf ebendiese Weise Antwort erhalten. Diese Antworten mögen
ziemlich faßlich sein oder völlig unbegreiflich. Unser Denken und
Sprechen ist nur menschlich. Ihr Denken und ihr Sprechen ist nur
delphinisch. Um zuerst die geeigneten Fragen zu stellen, müssen
wir teilweise delphinisch werden (mit ihrer Hilfe), und um die
Fragen zu verstehen, müssen die Delphine teilweise menschlich
werden (mit unserer Hilfe). Um passende Antworten auf unsere
Fragen zu geben, müssen die Delphine teilweise menschlich Vor­
gehen; um ihre Antworten zu verstehen, müssen wir teilweise
delphinisch Vorgehen.
Jede Seite, die delphinische wie die menschliche, kann einige
ihrer Programmierungen umschreiben, lim sich der anderen Seite
anzupassen. Jede Seite hat Programme, die sie nicht umschreiben
kann - nämlich die angeborenen Programmbestände. In diesem

175
Buch beschreibe ich, wo wir diese Grenzlinie zwischen uns sehen,
zwischen den angeborenen Programmen und den umschreibbaren
Programmen (soweit wir diese heute bestimmen können). Es be­
darf einer phantastischen Menge von Arbeit und besonderer
(neuer und ausdenkbarer) Methoden, um diese Linie noch sorg­
fältiger nachzuzeichnen. Die feine Grenze zwischen »umschreib­
baren« und »unveränderlichen« Programmen ist ein faszinieren­
des Gebiet für den aufgeschlossenen Forscher. Es ist aber auch ein
Gebiet, auf dem es leicht möglich ist, abscheuliche Fehler zu ma­
chen und sie über Jahre hin beizubehalten. Es verlangt, daß die
am tiefsten sitzenden Vorurteile durchbrochen werden. Wir wissen
bis jetzt nicht, wieviel von dem, was wir denken und glauben,
grundsätzlich geändert werden kann, obwohl wir wissen, daß
vieles verändert werden kann. Wir sind auf vielen Gebieten be­
sonders beharrlich, dank unseren besonderen Rückkoppelungs-
Fähigkeiten - unseren sozialen Rückkoppelungen sowie unseren
Rückkoppelungen zu uns selbst und zu den von uns geliebten
Menschen. Die Gesellschaft selbst errichtet bei uns täglich immer
wieder aufs neue bestimmte Formen von Programmen. Andere
Programme sind unveränderlich, weil sie fest »eingebaut« sind
und weil sie notwendig sind, das Leben selbst zu erhalten.
Wir haben einige Programme, um uns auf gewissen Gebieten
unserer Bemühungen gegen Versagen abzusichern. Sie werden am
besten ausgelöscht. Ich hoffe, daß kein Delphin diese Programme
übernimmt. Ich bezweifle auch, daß sie mit einem Leben im Meer
unter schwierigen Bedingungen vereinbar sind, mit denen Del­
phine erfolgreich fertig werden müssen.
Auf gewissen Gebieten ist die Ethik der Delphine nicht die der
westlichen Welt. Ihre konstante Nacktheit, ihre öffentlichen Se­
xualvorführungen, ihr öffentliches Urinieren und Kotabgeben,
das Kosten der Exkremente und des Urins der anderen, all das
sind Dinge, die der westliche Mensch bei seinen Mitmenschen als
»psychotisch« oder »pervers« oder »Erregung öffentlichen Ärger­
nisses« bezeichnet.
Wenn wir einige der Verständigungsgebiete erforschen, die
zwischen Mensch und Delphin möglich sind, erblicken wir einige
der Hindernisse auf dem Weg zu einem menschlich-delphinischen

176
Fortschritt. Ein solches Gebiet umfaßt einen gewöhnlichen mensch­
lichen Verständigungsweg. Das ist der Weg von Mann und Frau
in der Liebe, bei der Liebesvereinigung. Deren beste Form von
Austausch und Verständigung liegt in ihrer sexuellen Betätigung.
Kann sexuelle Betätigung zur Verständigung jenseits der zwi-
schenartlichen Barriere Verwendung finden? Von seiten der Del­
phine würde die Antwort vermutlich »ja« lauten. Von seiten
des Menschen nennt man so etwas ein Verbrechen (Sodomie).
Solcherart sind einige der Schwierigkeiten mit den Delphinen in
der Zukunft. Sie führen zwangsläufig zu zwischenartlichen Kon­
flikten, genauso wie es zwischenkulturelle Konflikte bei den Men­
schen gibt.
Eine reizvolle Person des anderen Geschlechts, die eine Sprache
spricht, die man selbst nicht kennt, ist wohl unser bester Lehrer
für diese Sprache. Wird man diese empirische Tatsache für die
zwischenartliche Kommunikation anwenden können? Diese Mo­
tivation gilt zwischen uns und den Delphinen als gesichert. Die
männlichen Delphine bevorzugen einen weiblichen Lehrer, und
umgekehrt. Unsere Hauptschwierigkeit mit diesen Lehrern wird
sein, unsere menschliche Heimlichtuerei gegenüber der Unbefan­
genheit der Delphine abzustreifen. Es erfordert Vorstellungskraft,
Entschlossenheit und eine Art »feuchten Mutes«, wenn wir uns
jenseits unserer »trockenen«, bipeden, dem festen Boden ver­
hafteten Einstellung bewegen wollen. Ob man will oder nicht,
man muß ins Wasser gehen, um dem Delphin zu begegnen. Man
muß gewillt sein, bis zu einem gewissen Grad im Wasser zu leben.
Hier gibt es keinen Kompromiß. Wenn wir mit den Delphinen
sprechen und uns ihnen verständlich machen wollen, müssen wir
ihnen mindestens auf halbem Wege in ihrem eigenen Element
begegnen. Im Meerwasser werden wir uns verständigen. Wir
müssen daher lernen, im Nassen zu leben. Die neuen Untersee­
häuser der Franzosen, der Amerikaner und der Briten sind in
dieser Richtung ein Anfang. Wir wollen auf eine andere Rich­
tung der Forschung im Wasser blicken, eine weniger umweltbe­
zogene und mehr geistige Form der Forschung. Wir interessieren
uns für die innerlichen Aspekte.
Man stelle sich einen speziellen Teich in einem speziellen Raum

177
innerhalb eines Gebäudes vor, das sich in den Tropen an der
Küste des Meeres befindet. Die Örtlichkeit ist privat, abseits ge­
legen und vor allem ruhig. Hier gibt es keinen Verkehrslärm,
keine Sirenen, keine Autohupen, keine Straßenbahnen, keine Ex­
plosionen, keine Düsenflugzeuge. Gedränge, Besucher, Parties,
Vorlesungen - alles das gibt es nicht. Das urtümliche Meer ist dicht
dabei. Der voreiszeitliche Felsen einer alten Auffaltung über die
Oberfläche des Meeres ist der Grund, auf dem das Gebäude er­
richtet ist. Die starken Hurrikane und Erdbeben sind die einzigen
Gefahren für diese Anlagen.
In diesem Gebäude ist an einem toten Ende ein isolierter, ruhi­
ger Raum. Der Eingang hat eine Lichtschleuse, um das Tageslicht
abzuhalten. Es gibt für das Außenlicht keinen Zutritt. In dem
Raum befindet sich ein großer würfelförmiger Behälter von
2,50 m Seitenlänge. Die Raumluft ist warm und feucht (30°C
und 100% relative Luftfeuchtigkeit). Wenn das Licht ausge­
schaltet ist, hat man das Gefühl, von einer warmen, feuchten,
weichen, milden Hülle in völliger Dunkelheit umgeben zu sein.
Der Behälter wird mit Meerwasser bis zum Rand gefüllt -
9,5 t. Das Wasser wird mit Hilfe eines Thermostaten auf einer
konstanten Temperatur irgendwo zwischen 30° und 35°C ge­
halten. Die Wände sind von den Mauern und dem Boden ther­
misch abisoliert. Ein 180 cm großer Mann kann im Behälter auf
den Fußspitzen stehen und seine Nase und seinen Mund aus dem
Wasser in die Luft halten. Wenn Körperfett und Muskeln richtig
verteilt sind, kann er horizontal auf der Wasserfläche treiben,
gerade so weit eingetaucht, daß die Nase über die Wasserfläche
emporragt. Der größte Teil seines Körpers bleibt untergetaucht.
Mit seinen Händen unter dem Kopf, um eine Verkrampfung des
Halses zu verhindern, kann er sich voll entspannen und sogar
dösen. Bei aufgedrehtem Licht unterzieht er sich für viele Stun­
den bei verschiedenen Stellungen einem Training, während dessen
er sich selbst überzeugen kann, daß er unter diesen Bedingungen
völlig entspannt ist.
Man merkt sofort, daß das Wasser in die Ohren eindringt und
den Zutritt irgendwelcher kleinerer Geräusche aus der Luft ver­
wehrt. Er mag nun beginnen, sich selbst in die Situation eines

178
Delphins hineinzudenken. Entsteht irgendein Laut im Wasser,
hört er ihn, sobald er unterzutauchen beginnt. Die in der Luft
entstehenden Laute sind in ihrer Intensität mindestens neunhun­
dertfach reduziert. Er erkennt unmittelbar den Unterschied zwi-
schen unserem Hören im Luftraum und dem des Delphins im
Wasser. Wenn jemand über dem Behälter in der Luft spricht,
wird die Stimme in dem genannten Grad reduziert gehört; er
vernimmt sie kaum. (Das Gehör des Delphins unter Wasser ist
viel feiner als das unsere, und er kann daher diese Stimmen besser
als wir hören. Unser Ohr ist an die Lauterzeugung in der Luft
angepaßt; unter Wasser ist das Trommelfell vom Wasser belastet
und arbeitet weniger erfolgreich.) Die Freiheit der Bewegung, der
langsamen Bewegung, empfindet man positiv. Man kann mühelos
viele verschiedene Positionen einnehmen. Wenn man einmal an­
gepaßt ist und den geeigneten Reflex entwickelt hat, die Nase
aus dem Wasser zu halten, werden die Freiheit der Bewegung
und deren Annehmlichkeiten fühlbar.
Bei der richtigen Temperatur und mit der richtigen geistigen
Einstellung kann man so weit kommen, daß das Wasser zu ver­
schwinden scheint. Durch leichtes Bewegen und durch Fühlen der
milden Strömungen an der Haut kann man sich das Wasser wie­
der bewußt machen. Es kann ein erfreuliches Gefühl des Aufge­
hobenseins im leeren Raum erzeugt werden, wenn man lange ge­
nug so verbleiben kann. Zu dieser Zeit hat man sich bereits der
völligen Dunkelheit angepaßt.
Die Dunkelheit in dem Raum um einen ist beinahe greifbar;
bald entsteht eine Unermeßlichkeit. Der einzige stimulierende
Faktor ist die Grenzlinie zwischen Luft, Wasser und Haut. Man
fühlt sich, als wäre man in zwei Welten, die durch die Luft-
Wasser-Linie auf der Haut voneinander getrennt sind. Liegt man
auf dem Rücken, überkommt einen das Gefühl, man würde in eine
schwarze »Luftwelt« sehen, und zwar von einer bequemen, gün­
stigen Stelle der »Unterwasserwelt« her. Mit Hilfe der Vorstel­
lungskraft kann man die Schwerkraft und die Stimulationslinie
zwischen Wasser und Luft aufheben.
Diese Elimination der Schwerkraftrichtung wird durch den
Gebrauch einer geeigneten, nach Maß angefertigten Atemmaske

179
erleichtert. Die Maske wird durch ein besonderes, ruhig arbeiten­
des Luftversorgungssystem mit Luft versehen. Man kann jede
Stellung im Wasser einnehmen, ohne Angst zu haben, Wasser
schlucken zu müssen. Man kann auf den Grund des Behälters hin­
absteigen oder sich in irgendeiner beliebigen Tiefe aufhalten und
dort unbegrenzt bleiben. Die geeignete Ausrüstung zum Schwim­
men und Auftauchen setzt sich aus speziellen Geräten zusammen.
Die Maske hat jedoch eine einschränkende Wirkung, dadurch
nämlich, daß sie den Vorgang zusätzlich kompliziert, das Ope­
rieren im Wasser erschwert.
Unter diesen Umständen lernt man in den meisten Situationen
das Berühren der Wände und des Behälterbodens oder das Durch­
stoßen der Oberfläche zu vermeiden. Die geistigen Phänomene,
die beschrieben werden müssen, werden nämlich durch Kontakte
mit den Wänden oder dem Boden abgeschwächt. Die Situation
des Delphins, der ruhig unter der Oberfläche des warmen tro­
pischen Meeres im Dunkel der Nacht, fern von Haien oder an­
deren Delphinen, liegt, wird in dieser Lage vorstellbar.
Nach vielen Stunden, die man auf diese Weise zugebracht hat,
beginnt man einige ergänzende Analogien des geistigen Lebens
der Delphine zu verstehen. Wenn sich zum Beispiel die Blase füllt,
tritt der Drang zur Entleerung auf. Am Anfang des Experiments
hält man sich zurück und unterdrückt diesen Drang für eine Weile.
Schließlich fragt man sich selbst: warum? Man läßt sich gehen.
Es macht Spaß. Wieder ist man ein bißchen mehr delphinisch
geworden. Die üblichen »Trockenzivilisationsgründe« gibt es
hier in der Isolation und in der Einsamkeit nicht. Wir wissen, in­
tellektuell und ästhetisch betrachtet, daß die sanitären Anlagen
für das Sorge tragen, was wir produzieren. Nun ist man auf dem
Wege, sich einige der Vorteile des Lebens in der Heimat der Del­
phine, dem Meer, zunutze zu machen. Genau wie die Delphine
vor langer Zeit ihre Ausscheidungsprobleme gelöst haben, ist man
eines Tages selbst zu dieser Form der Dartnentleerung bereit.
Sobald man sich an das bequeme freie Schweben im Meerwasser
gewöhnt hat, kann man mit neuen Formen des Denkens und
Fühlens fortschreiten und neue Wandlungen im seelisch-geistigen
Bereich vollziehen. Nicht, daß diese neuen Formen des Denkens

180
nun unbedingt genauso von den Delphinen angewandt würden;
aber es geht darum, daß wir sie bis zu diesem Punkt bisher nie­
mals frei benützt haben. Sie werden vielleicht bei unseren Be­
gegnungen mit den Delphinen nützlich werden.
Das Ziel ist, seinen eigenen Geist zu befreien,, um die neuen
Möglichkeiten des Fühlens und Denkens ohne die Einschränkung
der »Trockenzivilisation« zu sehen. Für eine Weile gibt es nur
den Kontrast: zuerst das Denken in dem trockenen zivilisierten
Leben, und nun das Denken in dem nassen zivilisierten Leben.
Wir bereiten uns hier vor, als wollten wir uns auf eine neue
Mathematik vorbereiten, auf eine neue Logik, die niemals zuvor
vom Menschen entdeckt wurde. Um den Geist zu befreien, braucht
man zunächst einen schöpferischen Zustand für solche Entdeckun­
gen. Man muß sich selbst von den üblichen, den konventionellen
Bereichen des Erkennens und des Fühlens befreien.
Das Cogito ergo sum ist alles, was gebraucht wird, diese neue,
eigenartige und fremde Tiefe unter Wasser zu durchstreifen. Man
ist in seinem eigenen Sein sicher, weil man denkt und daher weiß,
daß man existiert. Für eine Weile ist man zufrieden, den Kon­
flikten und Stürmen des zivilisierten Lebens keine Beachtung
schenken zu müssen.
Die großen nichtwissenschaftlichen Schriftsteller der Vergan­
genheit könnten uns mit Wegweisern versorgen. Für die Gebiete,
in denen man sich nun bewegt, braucht man die Landkarten des
menschlichen Wissens, ungeachtet ihrer Ursprünge oder der ge­
genwärtig gültigen Wahrheiten. Ich kann niemandem irgendein
bestimmtes Wissen oder irgendwelche bestimmten Teile des Ge­
samtwissens der Menschheit empfehlen. Jeder von uns muß sich
das ihm Gemäße wählen, jeder von uns hat innere Universa,
die für ihn charakteristisch sind. Es gibt unterbewußte, grundle­
gende innere Wirklichkeiten in einer unabhängigen Reihe nicht-
konventioneller Formen in einem jeden von uns. Als wir Kinder
waren, lehrte man uns, von diesen Realitäten Abstand zu halten.
Man sagte uns, daß wir nur die Realitäten unserer Eltern anneh­
men dürften. Man lehrte uns, daß unsere Zeit die beste Zeit sei,
daß unsere Kultur die beste Kultur sei und daß bestimmte For­
men von Realitäten die besten für uns seien. Als Kinder wußten

181
wir jedoch von jenen anderen Realitäten jenseits der herkömm­
lichen Formen. Die Gesellschaft begrenzt beinahe bewußt die
Bewußtseinsinhalte unserer Spezies auf bestimmte Wirklichkeits­
formen, um uns in die Stellung einzuschleusen, die unsere Art zur
Zeit einnimmt.
Ich wurde in einer bestimmten Form des Bewußtseins erzogen.
In dieser Einstellung schreibe ich nun an diesem Buch. Nur durch
übermenschliche Anstrengungen kann man sich aus dieser mächti­
gen Kontrolle durch die heutige Weise des Erkennens herausar­
beiten. Wir werden sicher durch die beständige Rückkoppelung
mit Mitgliedern unserer eigenen Art in der gegenwärtigen Form
des Erkennens festgehalten. Diese Rückkoppelung wird (prak­
tisch) höher als alles andere gewertet. Diese Rückkoppelung mit
anderen ist ein wertvolles Hilfsmittel, wertvoll für den Geist
und die Seele jedes einzelnen.
Dieser neue Typ des Forschers und Entdeckers ist, wenigstens
zeitweise, sehr einsam. Er muß aus seiner sozialen Arena heraus­
steigen, dieser innerartlichen Arena, die wir alle so hoch bewerten.
Er muß lernen, allein in neue Arenen zu gehen. Obgleich er
weiß, daß er seinen »erkenntnismäßigen Löwen« und den ande­
ren »Raubtieren« aus den tieferen Räumen seines Geistes begeg­
nen wird, muß er aus seiner Art heraussteigen.
Man liebt seine Frau und seine Kinder, man liebt seine Eltern,
man achtet seine Kollegen und hofft auf Gleichgesinnte in Gegen­
wart und Zukunft. Diesen neuen Realitäten muß man sich jedoch
im wesentlichen allein stellen.
Ich gebrauche den Ausdruck »neu« mit Bedacht. Ich meine neu
für einen selbst, nicht notwendigerweise auch für andere. Einige
dieser Realitäten sind bereits von anderen in der Vergangenheit
erfaßt worden. Einige der unterbewußten Universa in uns selbst
sind beschrieben worden - manche dieser Beschreibungen sind
recht weit von unseren gegenwärtigen wissenschaftlichen Zwecken
entfernt.
Das Spektrum innerlicher Realitäten ist breit; es reicht von den
Gnostikern, den Katholiken, den Protestanten, den Tibetern,
den Buddhisten zu den Erkenntnissen von Sir James Jeans, Al­
bert Einstein, Swedenborg und weiter zu jenen der spiritualisti-

182
sehen Medien, der Quantenphysiker, Raketenpioniere, Astrono­
men, außersinnlichen Wahrnehmer und der Menschen, die in
Krankenhäusern und Gefängnissen eingeschlossen sind. Einige
dieser inneren Universa sind heute ein Dogma, andere sind gegen­
wärtig aus der Mode, manche werden für gefährlich gehalten,
manche sind geächtet, und manche werden vorgeschrieben.
Wenn man beobachtet, wie man das Denken und Handeln
der eigenen Kinder steuert, kann man viel über die Formen der
Vorschriften und Verbote lernen, die man an sie weiterreicht. Das
Beharren auf den Linien des Erkennens wird einem schwerlich
bewußt. Man gibt sich kaum Rechenschaft darüber, wie man sich
ihnen gegenüber verhält. Ein vierjähriges Kind spricht zu einem
unsichtbaren Spielgefährten, den es erfunden hat. Wie reagiert
man auf eine derartige Situation? Ein zehnjähriger Knabe schreit
um vier Uhr früh im Schrecken eines Albtraumes auf. Was sagt
man ihm über die Realität des Albtraumes? Erklären wir jemals
den Kindern, daß jenseits der greifbaren Erscheinung der Dinge,
wie wir sie heute sehen, offenbar noch andere Formen des Be­
wußtseins existieren, die auf sie zukommen werden? Erklären
wir ihnen jemals, daß die Form des Bewußtseins, die Erwachsene
zu haben scheinen und die sie, die Kinder, übernehmen und beob­
achten, nur eine von vielen ist? Erklären wir ihnen die Erlebnisse,
die wir im Inneren bei hohem Fieber, unter der Einwirkung von
Betäubungsmitteln, bei großem Schmerz, während unserer nächt­
lichen Träume haben? Erklären wir ihnen, wie es einem geht,
wenn man zuviel Alkohol getrunken hat? Offensichtlich erklären
wir ihnen alles das in den Vereinigten Staaten von Amerika des
Jahres 1967 im allgemeinen nicht.
Offenbar erklärt man seinen Kindern auch nicht, wie das ist,
wenn man isoliert und sehr allein ist. Wir überlassen solche Be­
schreibungen der verschiedenen Bewußtseinszustände und der da­
mit verbundenen Erfahrung jener Literatur, die von früheren
Generationen verfaßt wurde. Wir überlassen das den neuesten
Gruselfilmen, welche die positiven Seiten dieser verschiedenen Zu­
stände nicht besonders einfühlsam darstellen. Wir überlassen das
den Fernsehsendungen, die nicht viel besser sind.
Die meisten dieser Medien werden auf diese Weise kontrolliert,

183
daß alle Bewußtseinszustände, die anders sind als ein gewisser
enger Bereich, den man betreten darf, als »negativ« behandelt
werden. Diese anderen Zustände werden als entsetzlich, erschrek-
kend, grauenvoll, verrückt, verantwortungslos, lasterhaft oder
psychotisch etikettiert.
Warum überreichen wir nicht unseren Kindern dieses Geschenk
der schöpferischen Erforschung des Geist-Seelc-Bereiches? Wa­
rum lehren wir sie nicht unmittelbar, wie man den eigenen Geist
erforscht? Ich glaube, das kommt daher, weil wir unsere Urteils­
kraft und unsere Vernunft auf diesem Gebiet an Spezialisten ab­
gegeben haben.
Wir treten unsere Rechte ab, die Kinder die geheiligte innere
Freiheit zum Denken und Fühlen zu lehren. Wir übertragen die­
ses Recht allen jenen unserer Art, die als »Experten« gelten. Wenn
wir unser eigenes Recht abtreten, treten wir auch dasselbe Recht
für unsere Kinder ab. Das ist gefährlich und dumm.
Die großen gegenwärtigen Probleme, die Kriege und die po­
tentiellen Kriege, sind die Konsequenzen dieses schwerwiegenden
Eingriffs in die gesunden Quellen des eigenen Seins. Eine Welt
von innerlich freien Individuen kann die freieste und sicherste
Form der Welt sein. Die geistig-seelische und körperliche Verbes­
serung aller Menschen bedarf der fabelhaften Hilfsquellen dieses
Planeten. Kann das Streben des Menschen in der Masse leichter
auf solche Ziele als auf den Krieg gerichtet werden? In der mo­
dernen Welt ist die industrielle Organisation des Menschen wie
ein riesiger Organismus beschaffen. Der »Stoffwechsel« dieses Or­
ganismus dient der Aufrechterhaltung der Struktur der einander
verbundenen Teile. Wie die Zellen und Gewebe im Körper je­
weils für bestimmte Funktionen spezialisiert sind, genauso muß
jede einzelne Person innerhalb dieses »Organismus« spezialisiert
sein. Diese Spezialisierung wird sogar in unser innerliches Leben
getragen, wo sie ganz unangebracht und unnötig ist.
Gibt es keine anderen Wege, um uns alle zu erhalten? Gibt es
keine anderen Lehrmethoden für unsere eigenen innerlichen Uni-
versa, unsere inneren Bewußtseinszustände, ohne diese äußer­
lichen Notwendigkeiten der Kontrolle? Ich habe die Frage aufge­
worfen, um Antworten zu suchen. Ich und alle Menschen, die ich

184
kenne, wir alle hängen von der gegebenen sozialen Struktur ab.
Ich plädiere offen und aufrichtig für neue Wege zur inneren Frei­
heit; aber ich plädiere für diese Wege innerhalb der modernen
Gesellschaftsstruktur, da sie die bis dato beste ist. Ich glaube,
daß zumindest in den Vereinigten Staaten heute jedermann in
Übereinstimmung mit seinen Funktionen innerhalb der modernen
Gesellschaft eine innere Freiheit haben kann.
Wie bezieht sich das auf die Delphine? Sie mögen mehr von
dieser kostbaren Freiheit haben als wir. Daher könnten sie in der
Lage sein, uns zu helfen.
Wir wollen versuchen, uns mit den Delphinen zu verständigen,
und danach sehen, ob sie eine innere Freiheit haben. Bei diesem
Nachforschen werden wir möglicherweise diese Freiheit für den
Menschen finden - oder auch nicht finden. Ich bin jedoch sicher,
daß wir neue geistige Ausblicke finden werden, wenn und nur
wenn wir ihnen gegenüber aufgeschlossen sind und nicht versu­
chen, unsere Bewußtseinsformen auf die Delphine zu übertragen.
Da wir vielfache innerliche Realitäten und vielfache Bewußt­
seinsformen haben, können wir uns vorstellen, daß das größere
Gehirn der größeren Delphine in dieser Richtung reicher und
umfassender begabt ist. In unserem Gehirn existieren die gegen­
wärtigen und abgetrennten Bewußtseinszustände nebeneinander.
Mit den Worten von William James trennt ein hauchdünner Vor­
hang jede Realität von jeder anderen in jeder Richtung. Die
Philosophen und Religionsführer des Ostens haben einige dieser
Realitäten erforscht und erklärt, aber nur mit ihren Begriffen.
Eine ganze Sprache von den vielfältigen Zuständen des Geistes
und der Seele sowie des Bewußtseins wurde von ihnen entwickelt
und angewandt. Viele ihrer Erklärungen scheinen für unser west­
liches Denken ungeeignet zu sein. Offenbar müssen wir ganz
neue Sprachen ersinnen, um diese Zustände in unseren Begriffen
zu beschreiben.
Die östliche Systematisierung scheint nicht für den persönlichen
Gebrauch des westlichen Menschen geeignet zu sein. Wir können
jedoch Vertrauen und Sicherheit von dem Wissen ableiten, daß
diese Menschen so manche interessante Gebiete vor buchstäblich
Hunderten von Jahren erforscht haben. Wir können einige

185
ihrer Techniken und einige ihrer Methoden kopieren. Für unsere
eigene Geschichte und unsere eigene Gesellschaft müssen wir aber
für das, was geschieht, andere Erklärungen finden.
Wir mögen diesen Leuten unglaublich naiv erscheinen - sei’s
drum. Wir sind Westmenschen, Amerikaner und Europäer, mit
einer westlichen Erziehung, Religion, Politik, Eheform, Sitte und
Geschäftspraxis. (Selbst unsere Delphine stammen aus den Kü­
stengewässern der Vereinigten Staaten. Ob deshalb aber die Del­
phine zur westlichen Welt gehören, ist eine Streitfrage.) Wir
hoffen also die vielfältigen Bewußtseinszustände des Menschen
und ebenso der Delphine zu erforschen. Es ist sehr wahrschein­
lich, daß unser geistiges Leben durch solche Ausweitungen berei­
chert wird - sowohl das unsere als auch das der Delphine.

186
VIII. KAPITEL

Die medizinischen Probleme von Delphin und Mensch

Ein kranker Delphin unterscheidet sich weitgehend von einem


kranken Menschen. Ein kranker Mensch kann sich allein in ein
Bett legen und einen großen Teil seiner Krankheit erdulden.
Unser autonomes Nervensystem und unsere autonome Physiolo­
gie überwiegen. Wir können schlafen und überleben.
Ein kranker Delphin kann es sich nicht leisten, sich gesund zu
schlafen. Er kann es sich nicht einmal leisten, länger als etwa sechs
Minuten zu schlafen. Schläft er länger, gerät er in Gefahr, in
große Gefahr sogar, zu sterben. Schläft er zu tief, hört seine
Atmung auf. Wegen dieser Eigentümlichkeit muß ein kranker
Delphin 24 Stunden im Tag gepflegt werden. Ein Delphin wird
das bei einem anderen Delphin auch tun. In unserem Institut haben
wir immer wieder Delphine gesehen, die einen anderen 24 Stun­
den pro Tag pflegten, bis nach einigen Tagen oder erst Wochen
später eine Genesung eintrat.
Eines der Probleme bei der Haltung von Delphinen in Ge­
fangenschaft und der damit verbundenen engen Nachbarschaft
mit dem Menschen ist, daß sie die Krankheiten des Menschen an­
nehmen. Jedesmal, wenn unter den Wärtern des Instituts eine
Epidemie ausbrach, bekamen die Delphine die gleiche Krankheit,
ob es sich nun um Grippe, Hepatitis oder einfache Erkältung
handelt. Deswegen betonen wir hinsichtlich der Delphine drei
medizinische Grundtatsachen:
1. Delphine, die sich im engen Kontakt mit dem Menschen befin­
den, infizieren sich mit jeder der übertragbaren Krankheiten, die
durch Wasser, Luft, Nahrung oder direkte Berührung übermit­
telt werden.
2. Ein kranker Delphin ißt nichts. Wenn ein Delphin ein oder
zwei Tage lang nichts ißt, muß man seine Körpertemperatur
messen und eine Generaluntersuchung vornehmen.

187
3. Ein kranker Delphin wird am besten von einem anderen Del­
phin betreut. Er darf auf keinen Fall allein gelassen werden.
Ein Artgenosse ist ein besserer Pfleger als selbst ein Arzt.
Ein Delphin wird für den anderen sorgen, die 24 Stunden des
Tages ohne Pause, wie eine menschliche Pflegerin für ein krankes
Kind. Neben dieser Krankenpflege muß natürlich von geeigne­
ten Ärzten das Notwendige unternommen werden.
Die Krankheitsanzeichen sind beim Delphin ganz allgemein
Appetitlosigkeit, Niesen durch das Blasloch, schlechte Atmung,
Fieber und Reizbarkeit.
Niesen ist beim Delphin eine sehr explosive und anhaltende
Angelegenheit. Man kann den durch das Blasloch ausgestoßenen
Atem in einer fast explosionsartigen Weise einige Male in ra­
scher Folge hören; es macht sehr laute Geräusche, die noch in ei­
niger Entfernung von dem Behälter zu hören sind. Ein Nasen­
ausfluß tritt während der Krankheit gewöhnlich erst spät auf;
riecht dieser Ausfluß schlecht, so ist das ein böses Zeichen.
Kranke Delphine trachten, allein mit einem anderen Delphin
von Menschen und von Delphinansammlungen entfernt zu ruhen.
Spiel und sexuelle Betätigung unterbleiben. Sie weigern sich, wäh­
rend der Krankheit mit uns zu arbeiten; ausgenommen sind die
notwendigen Prozeduren, medizinische Diagnose und Betreuung.
Viele Delphine lernen, in eine geeignete Schlinge hineinzuschwim­
men, damit sie für antibiotische Spritzen emporgehoben werden
können. Manche lernen es sogar herbeizukommen, um durch
rektale Messung ihre Temperatur bestimmen zu lassen. Wenn wir
ihnen helfen und ihnen dabei keine Schmerzen zufügen, wehren
sie sich weder gegen unsere Bemühungen noch mischen sie sich
ein, wenn wir ihren Begleitern helfen.
Obwohl in der Öffentlichkeit das Gegenteil behauptet wird,
können die meisten in Freiheit gefangenen Delphine in kleinen
Unterkünften nicht sehr lang mit dem Menschen leben. Abgese­
hen von Unfällen und Krankheiten, gegen die sie nicht immun
sind und die vom Menschen übertragen werden, gibt es noch an­
dere Gründe für ihre Hinfälligkeit und frühe Sterblichkeit. Ei­
nige der Hauptprobleme entstehen bei der Wasserversorgung,
der Ausbildung der Wärter, durch die Luft- und Wassertempera­

188
tur, Sonnenschein, Training, Monotonie der Unterhaltung und
Nahrungsversorgung.
Selbst in den kostspieligsten und größten Behältern der Ozea­
narien gibt es die Frage des Überlebens der tüchtigsten unter den
Delphinen. Bei jenen, die alle Unfälle, die vom Menschen ge­
fangenen Delphinen zustoßen können, überleben, hängt die wei­
tere Existenz zu einem beachtlichen Maß von der Wachsamkeit
des Betreuers ab; er muß all die Jahre hindurch Tag und Nacht
ihr Wohlbefinden im Auge behalten. Wie ich an anderer Stelle
bereits gesagt habe, sind die Hinfälligkeit und Sterblichkeitsraten
in den Ozeanarien bis heute vertraulich behandelt worden. Ei­
nige Male war ich gerade in Ozeanarien, als der Verlust einer
Anzahl von vorzüglichen Exemplaren innerhalb sehr kurzer Zeit
eintrat. Und doch gibt es Delphine, die bis zu 15 Jahren in
Ozeanarien gelebt haben. Es handelt sich um seltene Ausnah­
men, die sich diesen Umständen angepaßt haben.
Selbst diese langlebigen Delphine zeigen jedoch mitunter An­
passungsschwierigkeiten und müssen ins Meer zurückgesetzt oder
anderswie entfernt werden, um den Rest der Kolonie vor ihren
Angriffen zu schützen. Selbst in den verhältnismäßig großen,
25 m langen und 4 m tiefen Ozeanarien mit ihren großen Wasser­
mengen, die durch sie hindurchfließen, lag die größte Lebensdauer
bei annähernd 15 Jahren. Wir wollen einige der wahrscheinlichen
Ursachen untersuchen, weshalb die Delphine solche Schwierigkei­
ten haben, unter derart eingeschränkten Bedingungen, wie sie
von uns geboten werden, zu leben. Wir haben im Institut viele
Tatsachen gefunden, die zu einer Lösung dieser Probleme in
der Zukunft beitragen können.
Die Hauptveränderung für einen gefangenen Delphin besteht
im Überwechseln aus seiner gewohnten Umwelt, der offenen See,
den Buchten und Gezeitenmündungen, in die relative Begrenztheit
eines Behälters mit der engen Nachbarschaft des Menschen. Ganz
gleich, wie groß der Behälter oder selbst das eingefriedete Gebiet
im Meer ist, in dem er gehalten wird - der Delphin befindet
sich in einem unveränderlichen Territorium. Das ist die radikale
Veränderung in seinem Leben. Die Größe des Anpassungsschrittes,
den der Delphin machen muß, ist recht beachtlich. Ich möchte

189
das ausdrücklich betonen, denn diese Umstellung kann für den
Delphin außerordentlich hart sein.
Nach der Veröffentlichung von »Mensch und Delphin« erhielt
ich das Bittschreiben einer Frau aus England, man solle die Del­
phine im Meer frei leben lassen und sie nicht einsperren. Ich
glaube, daß man das machen kann und daß das für ihre Gesund­
heit und für unsere Beziehungen zu ihnen wirklich das Beste ist.
Wir können den Delphinen am Meeresufer eine besondere Ein­
richtung schaffen, wo sie kommen und gehen können, wie es ihnen
gefällt. Wir müßten immer noch vorsichtig bei unseren Beziehun­
gen zu ihnen sein, um Unfälle und Infektionen zu vermeiden.
Mensch und Delphin könnten einander auf diese Weise eher
gleichberechtigt begegnen, da sie die Freiheit haben, zu kommen
und zu gehen. Die chronische Einschränkung, das Zusammenleben
im selben Raum, Jahr für Jahr, kann weder für sie noch für uns
gesund sein. Wir wollen daher eine ideale Möglichkeit betrach­
ten, wie Mensch und Delphin einander begegnen können.
Man stelle sich eine von Stürmen und der offenen See geschützte
Bucht vor, die einen Zugang zum Meer hat. In dieser Bucht be­
trägt die Meerwassertiefe nicht mehr als 3 bis 6 Meter. Der Ge­
zeitenhub sollte natürlich klein sein, weniger als etwa ein Meter
im Jahresdurchschnitt. Idealerweise sollte die Wassertemperatur
zwischen etwa 18 und 30° C liegen. Selbst 18° C im Winter
sind für den Menschen für einen ständigen Kontakt mit den
Delphinen eine sehr niedrige Temperatur. Der obere Bereich die­
ser Skala wäre günstiger.
Die Bucht darf nicht durch Kloakenabwässer oder Industrie­
abfälle verunreinigt werden; ideal wäre es, wenn frisches Meer­
wasser ständig in dieses Gebiet einströmen könnte. Es gibt natür­
lich keine vom Menschen errichteten Bauwerke an oder nahe
diesen Küsten der Bucht, ausgenommen einige Fischerhütten und
kleine Dockanlagen. Die Gebäude, die wir aufzubauen haben,
befinden sich seitlich der Bucht, Ganz allgemein brauchen wir
zwei Baulichkeiten: ein wissenschaftliches Forschungsgebäude,
also ein ideales Delphin-Mensch-Laboratorium, und ein überflu­
tetes Haus, in dem Delphine und Menschen ununterbrochen in
enger Nachbarschaft leben können, Tag und Nacht, Jahr für

190
Jahr. Beide Gebäude müssen vor Wirbelstürmen und Orkanen
geschützt sein. Wir wollen nun das ideale Laboratorium und da­
nach das ideale Mensch-Delphin-Haus beschreiben.
Das Laboratorium ist ein großes Gebäude (oder eine Reihe von
miteinander verbundenen kleinen Gebäuden), auf Pfeilern er­
richtet, die so hoch sind, daß ihm hohe Wellen und Sturmfluten
nichts anhaben können. Dieser Bau ragt vom Ufer ins Meer hin­
ein oder wird überhaupt vom Ufer entfernt errichtet. Dazu
gehört ein sehr großes eingezäuntes Areal des Meeresgrundes, das
über das Gebäude hinausgeht, aber dessen Bodenfläche nicht völlig
mit einschließt. Die offene Bucht hat einen Zugang zu einem Teil
der Pfeiler unter dem Gebäude. Die umfriedete Fläche hat bei
den anderen Pfeilern ebenfalls einen Zugang.
Die offene Bucht und zeitweilig auch das eingezäunte Areal
dienen als Aufenthaltsraum für die Delphine und manchmal auch
für Menschen und Delphine zugleich. Das Laboratoriumsgebäude
enthält Aufzüge, die in das Meerwasser hinabgelassen werden
können - einen innerhalb der eingezäunten Fläche, den anderen
in das Wasser der offenen Bucht. Jeder Aufzug enthält eine zwei
mal vier Meter große Vertiefung, die ein Meter tief ist und deren
Seiten sanft nach innen und außen abfallen, und zwar so, daß
eine Person noch sicher nach jeder Richtung gehen kann, sowohl
in der Luft als auch im seichten Wasser.
Diese Aufzüge werden für zwei verschiedene Zwecke gebraucht:
1. für den Transport von Personen aus dem Gebäude in das
Meer und 2. für den Transport von Delphinen vom Meer in das
Gebäude. Sowohl ein Delphin als auch ein Mensch kann den Auf­
zug betätigen.
Der Delphin kann den Aufzug so weit unter die Wasserfläche
sinken lassen, daß es ihm möglich wird, über den Behälterrand
hinwegzuschwimmen. Ist der Delphin im Behälter des Aufzuges,
kann er den Aufzug bis zur Oberfläche des Meerwassers aufstei­
gen lassen, oder noch weiter nach oben bis in das Gebäude. Be­
findet er sich im Gebäude, kann er den Aufzug wieder in das
Meer hinabfahren lassen. Ist der Delphin also im Gebäude, hat
er jederzeit die Wahlfreiheit, in das Meer zurückzugehen. Wäh­
rend der einleitenden Ausbildung der Delphine haben die Men-

191
sehen nur die übergeordnete Kontrolle der Aufzüge, um Ver­
letzungen der Delphine zu vermeiden. Schließlich bekommt jeder
ausgebildete Delphin volle Kontrolle über den Aufzug und über
die Zeit seines Auf- und Niederfahrens.
In dem vorgeschlagenen Projekt sind einige neue Besonderhei­
ten zu beschreiben. Ein großer Teil dieses Gebäudes ist 50 cm
tief unter Wasser gesetzt. Der Aufzug kommt in diese überflutete
Zone so hinauf, daß der Delphin in sie hineinschwimmen kann;
befindet er sich im Haus, kann er durch diese Zone, wann immer
er will, zum Aufzug und in ihn hineinschwimmen. Befindet sich
der Aufzug gerade unten im Meer, kann er ihn zu sich heraufho­
len.
Es mag grundsätzlich richtiger sein, das Laboratorium in Höhe
des Meeresspiegels anzulegen (wie bei dem später beschriebenen
Haus), so daß das Meerwasser durch das Laboratorium fließt;
das ist einfacher als der Gebrauch dieses ausgeklügelten Aufzu­
ges und seiner Kontrollen. Diese Modifikation des Entwurfes
wird gegenwärtig im Institut ausgearbeitet. Wir besitzen das Auf­
zugssystem (bis jetzt noch ohne diese Kontrollen) und das Meer­
wasserbecken unten und die überfluteten Räume oben bereits in
unserem Dolphin Point Laboratory auf der Insel St. Thomas.
Es ist beabsichtigt, daß dieses Gebäude und die Meeresgehege
sowohl als »Schule« als auch als »Laboratorien« dienen - als
Schule für Delphine und ebenso für Menschen.
Das Grundprinzip all dieser Entwürfe besteht darin, jeder
Seite die Gelegenheit zu bieten, mit einem Maximum an Sicher­
heit, Unversehrtheit und Initiative für jede Art einander zu
treffen und miteinander zu arbeiten. Das ist die »Schule für zwi-
schenartliche Verständigung, Abteilung Mensch und Delphin«.
Zunächst wollen wir das Haus und die Schule beschreiben;
dann werden wir die Probleme erörtern, die sich hinsichtlich des
»Lehrkörpers« ergeben.
Das Haus, in dem Mensch und Delphin Zusammenarbeiten,
ist zu der Bucht hin geöffnet, die selbst wieder Zugang zum Meer
hat. Idealerweise liegt das Haus in Höhe der Wasserfläche, und
der Gezeitenhub beträgt etwa 50 cm. Größere Gezeiten könnten
wohl ausgeglichen werden, würden aber eine umständlichere In­

192
stallation erfordern. Das ideale Haus müßte drei getrennte, un­
terschiedliche Abteilungen haben, nämlich den Delphinteil, den
Teil für die Zusammenarbeit und den Menschenteil. Der Del­
phinteil besitzt tiefes Wasser von etwa zwei Meter Höhe, das
unmittelbar an das Meer anschließt. Der Menschenteil ist trocken
und grenzt unmittelbar an das Land. Der übrige, größte Teil
des Hauses dient der Zusammenarbeit von Mensch und Delphin.
Durch sorgfältige Nachprüfungen im Institut, im Laufe einiger
Tausende von Experimentierstunden, haben wir herausgefunden,
daß die ideale Wassertiefe für die Zusammenarbeit gerade so
hoch ist, daß das Wasser bis zum Knie eines Menschen reicht.
Bei dieser Tiefe kann der Delphin völlig frei umherschwimmen,
während der Mensch verhältnismäßig leicht durch das Wasser
gehen kann.
Daher ist das für Mensch und Delphin vorhandene gemeinsame
Begegnungsgebiet in einer Höhe von 46 cm überflutet. In diesem
gemeinsamen Gebiet gibt es alle die Dinge, die für das gewohnte
Leben in einem Heim für einen Menschen notwendig sind. Der
Delphin kann sich zwischen den Menschen umherbewegen. Sitzen
die Menschen beim Essen oder bei einem Gespräch, kann der Del­
phin mit der Freiheit eines Haushundes oder einer Hauskatze
herankommen. Es sind besondere Möbel erforderlich, die aus
einem speziellen Material gefertigt sind, ferner besondere Mauern
und Fußböden sowie eine entsprechende Beleuchtung. Wir haben
die Einzelheiten dieser Erfordernisse erforscht (siehe das Kapitel
über das Zusammenleben mit einem Delphin).
Selbstverständlich müssen für dieses »Naßhaus« besondere
Kleidung, besondere Kochgelegenheiten, besondere Pulte, Tische,
Stühle, Toilettenmöglichkeiten usw. entworfen, gebaut und ge­
prüft werden.
In dem etwa zwei oder mehr Meter tiefen Delphinteil des
Hauses können die Menschen und die Delphine zusammen schwim­
men. Diese Zone kommuniziert durch besondere Wände oder Ab­
sperrungen mit dem Meer, in denen sich Öffnungen befinden, so
groß, daß das Meerwasser durch das Haus fließen kann, aber
große Meeresräuber (vor allem Haie) abgehalten werden. Hier
aber kann sich eine eigene Unterwasserflora entwickeln, ebenso

193
die Kleintierwelt, so daß die Delphine hier ihren natürlichen
Lebensraum wie im Freien vorfinden. Das ist eine Art von »Spiel­
platz« für die Delphine. Sein Zugang zum Meer ist ein Spezial­
tor, das zwar der Delphin öffnen kann, nicht aber die Haie,
Rochen, Sägefische, Kraken und andere große Meeresbewohner.
Der Trockenteil des Hauses ist von dem überfluteten Teil des
Hauses aus einzusehen. Der Delphin kann sich im seichten Wasser
aufhalten und das meiste von dem sehen, was in diesem Teil vor­
geht. Das Grundprinzip beim Entwurf des Hauses ist, daß die
Delphine an den meisten Vorgängen teilhaben können, und zwar
vokal, visuell und, soweit das möglich ist, auch gefühlsmäßig.
Das ist das »Heim für den zwischenartlichen Austausch«.
Die Belegschaft der Mensch-Delphin-Schule und die des Mensch-
Delphin-Heimes muß sehr sorgfältig ausgewählt werden. Mei­
ner Erfahrung nach können die meisten Personen dem Tempo
der Zusammenarbeit mit Tursiops nicht sehr lange standhalten:
die meisten Menschen fallen in dieser Interspeziesschule früher
oder später durch. Einige der Gründe hierfür sind klar, andere
weniger. Wir wollen überlegen, welche Anforderungen an solche
Personen zu stellen sind.
An erster Stelle steht geistige Jugendlichkeit. Sie hängt nicht
unbedingt von der Jugend des Leibes ab. Ich habe viele Leute ge­
sehen, die geistig betagt, aber körperlich jung, und viele, die gei­
stig jung, aber körperlich betagt waren. Um mit Delphinen zu­
sammenzuarbeiten, muß man sich ungeachtet des Alters jung
fühlen.
Ein Streben nach neuem Erleben muß vorhanden sein; nicht
irgendwelcher Sensationen wegen, sondern zur Ergänzung des
eigenen Wissens. Mit anderen Worten, man muß neugierig und
forschend sein.
Die Person muß befähigt und hingebungsvoll sein, auch wenn
es Jahre dauert, bis das Projekt abgeschlossen ist.
Die Gabe der Improvisation ist bei der Zusammenarbeit mit
den Delphinen wesentlich. Unerwartetem und neuem Verhalten
wird man begegnen und es bis zu einem gewissen Punkt fördern,
bis zu dem man mit dem Delphin Schritt halten muß. Das ist hier
genauso wichtig wie beim Umgang mit anderen Menschen, einem

194
Pferd, einem Hund oder einer Katze. Die eigene Integrität (nicht
die eigene Eitelkeit) muß erhalten bleiben. Die Grenzen des Men­
schen werden von einem Delphin früher oder später auf alle er­
denkliche Weise getestet werden.
Es gibt Dinge, die jeder von uns im allgemeinen über Delphine
lernen muß, und jeder Delphin im besonderen muß jeden Men­
schen viel von diesen Dingen lehren. So muß beispielsweise jeder
von uns lernen, daß die Delphine »zahnorientiert« sind, und Del­
phine müssen lernen, daß wir »handorientiert« sind. Delphine
müssen lernen, daß wir zwei Hinterbeine haben, und wir müssen
lernen, daß sie einen großen Schwanz haben. Jeder von uns muß
das durch körperliche Interaktionen lernen; wir erfahren die posi­
tiven und negativen Seiten dieser Wechselbeziehung über lange
Zeiten bei Tag und Nacht, ehe wir von diesen ziemlich offen­
sichtlichen Tatsachen überzeugt sind.
Delphine von der Größe des atlantischen Tümmlers (Tursiops)
sind größer und stärker als die meisten Menschen. Sie gebrauchen
ihre Kiefer und Zähne genauso wie wir, aber außerdem noch so,
wie wir unsere Hände oder Fäuste gebrauchen oder wie wir
einen Hammer, eine Zange oder einen Rechen benützen. Ihre
massiven Halsmuskeln und großen Körper geben ihnen für die
Kiefer mehr Kraft, als wir mit einem kräftigen Fußstoß aufbie­
ten können. Die Enden der Kiefer sind so hart wie ein Leder­
schuh.
Ihr Schwanz wird ebenso als langer Hammer oder als Pike
gegen unsere Beine, Körper oder gar Köpfe verwendet. (Direkt
vor den Flossen besitzt der Schwanz harte Seitenfortsätze der
Wirbel, die dicht unter der Haut liegen.) Sie können buchstäblich
mit ihren Schwänzen »Fußtritte« austeilen. Derartigen schreckli­
chen Werkzeugen ausgesetzt und mit einigen wenigen Spuren
von deren Gebrauch am eigenen Körper versehen, werden die
meisten Leute ängstlich und lassen von dem Vorhaben ab. Die­
jenigen, die bleiben, erfahren, daß diese Reaktionen durch Interak­
tion mit den Delphinen unter Kontrolle gebracht werden können.
Es sind die Personen, die den Hieben standhalten und herausfin­
den, warum sie zu einer bestimmten Zeit diesen Schmerz zuge­
fügt bekamen. Manche merken schnell, daß die Gründe für solche

195
Maßnahmen seitens der Delphine meist klar erkennbar sind. Das
ist die Art Mensch, die wir uns wünschen.
Einige der vielfältigen Gründe für einen Delphin, einen Men­
schen zu züchtigen, und für einen Menschen, einen Delphin zu
maßregeln, werden weiter unten gebracht. Die Haut des Delphins
ist zart. Sie kann leicht verletzt, durch unpassende Behandlung
sogar zerstört werden. Ungeeignete Instrumente oder ungeeignete
Wände können hierfür verantwortlich sein. Ebenso können ihre
empfindlichen Flossen leicht verletzt werden, wenn sie vom Men­
schen zu stark in die falsche Richtung gezogen werden. Ihre Augen
sind so empfindlich wie die unseren und nehmen leicht Schaden.
Eine andere überaus empfindliche Stelle ist die Region rund um
das Blasloch. Dieser Zugang zu ihrer Respiration muß vor unver­
ständiger Behandlung geschützt werden. Auch die Zunge ist ein
empfindlicher und leicht verletzbarer Teil. Besondere Aufmerk­
samkeit muß der Region rund um den Anus und um die Genital­
öffnung gewidmet werden. Schlägt man einen Delphin hierher,
wird er gewöhnlich mit dem Maul vorgehen und sogar in Arme
oder Füße beißen.
Offenbar gibt es für die Delphine Zeiten und Situationen, in
denen sie von uns nicht gestört werden wollen. Unter besonderen
Bedingungen kann man jedoch mitunter während ihrer sexuellen
Aktivität anwesend bleiben, aber nicht immer.
Am Anfang zumindest ist es für jeden das beste, während einer
Interaktion zwischen einem Delphin und einem Menschen bei­
seite zu bleiben. Später darf man sich »einmischen«. Ablenkung
kann hier sowohl dem Menschen als auch dem Delphin schaden.
Manchmal verteidigen sie eifersüchtig ihre Beziehung zu einem
Menschen gegen andere Delphine oder gegen menschliches Ein­
greifen. Der »unhöfliche« Eindringling kann dann recht grob
behandelt werden.
Doch das ist keine unveränderliche Regel, ebensowenig wie
jede andere Regel, die in diesem Mensch-und-Delphin-Interak-
tionsfeld festgelegt werden mag. Mit der geeigneten Einführung
und mit höflicher Einstellung kann ein vielfältiger Austausch
zwischen Mensch und Delphin eingeleitet werden. Es muß natür­
lich ein Einklang zwischen Mensch und Delphin bestehen. In

196
unserem Institut laufen wir niemals unerwartet in das Wasser­
becken. Wenn Delphine plötzlich aufgeschreckt werden, können
sie reflexartig handeln und einen verletzen. Es ist weit besser,
sie zu warnen, indem man auf sie einspricht und so ihre Auf­
merksamkeit auf unsere Anwesenheit lenkt.
Den größten Erfolg erzielt man durch Anrufen. Die Stimmung
des Delphins wird beim Betreten des Behälters langsam und sorg­
fältig geprüft. Sein Interesse, seine Reizbarkeit, sein Beschäftigt­
sein mit anderen Dingen oder sein Ärger können schnell erkannt
und bei dem langsamen Eintreten beachtet werden. Manchmal
wird ein Mensch sogar zum Eintreten eingeladen. Die Delphine
kommen an den Rand des Behälters und bitten eindeutig durch
Körperbewegungen, daß man kommen soll.
Wenn der Delphin sein Maul oder seinen Schwanz benützt,
schilt man ihn sinnvollerweise aus und klatscht ihm an der nächst
erreichbaren Stelle auf die Haut. Man muß nur auf die empfind­
lichen, oben beschriebenen Regionen achtgeben. Der richtige Zeit­
punkt muß eingehalten werden; diese Reaktion muß korrekt er­
folgen, um die gewünschten Ergebnisse zu zeitigen. Manchmal
ist es besser, aus seiner Reichweite und seinem Denken zu ent­
schwinden. Wenn man zum Delphin zurückkehrt, wird er oder
ist er gewöhnlich freundlicher. Auch das ist keine unabänderliche
Regel.
Alle diese Beobachtungen sind dem medizinisch gebildeten
Wissenschaftler vertraut. Beim Menschen achtet der Mediziner
auf soziale Faktoren. Wenn ein Patient schlecht behandelt wurde,
ist dies ein wichtiger Faktor in seinem Krankheitsbild. Wenn
seine menschlichen Kontakte glücklich sind und wenn seine Um­
welt gesund ist, wird er sich eher wohl fühlen oder schneller ge­
nesen, falls er krank wird. Genauso ist das bei den Delphinen.
Ein kranker Delphin kann in die gedachte Schule und das
gedachte Heim hereinkommen und medizinische Hilfe suchen. Es
ist wichtig, daß alle seine sozialen Beziehungen mit jedem von
der Belegschaft so sind, daß er gerne kommt. Man kann keinen
Patienten behandeln, der alles so überhat, daß er fortgeht.
Dies ist ein wichtiger Aspekt der Delphinschule: die Freiheit, zu
kommen und zu gehen.

197
Einmal ausgebildet, können also die Delphine kommen und
gehen, wie es ihnen beliebt. Wenn sie bleiben, werden sie gefüt­
tert und gepflegt, und man kann mit ihnen Zusammenarbeiten.
Bald werden wir dann den Erfolg oder Mißerfolg unserer Inter­
aktionsmethoden wissen. Wenn wir korrekt handeln, werden viel­
leicht andere Delphine davon Kenntnis bekommen und sich die
Sache ansehen wollen. Wenn wir verkehrt handeln, werden uns
vielleicht alle Delphine verlassen.
In der medizinischen Literatur ist neuerdings hervorgehoben
worden, daß Übervölkerung schlechte Auswirkungen auf Tier
und Mensch haben kann. Es ist wissenschaftlich erwiesen, daß
Tiere völlig verstört werden, wenn sie in überbevölkerten Ge­
bieten leben müssen. Ich fand, daß sich bei zu vielen Delphinen
auf zu engem Raum eindeutige Auswirkungen zeigten. Die Er­
gebnisse können katastrophal sein. Manche Individuen werden
krank und sterben sogar. Die meisten der Individuen werden bei
jeder menschlichen Interaktion eifersüchtig und sagen einander
offenbar den Kampf an. Ihr Sexualleben entartet; ihre Spiele
fallen hinsichtlich Kraft und Dauer ab. Manche Individuen su­
chen Einsamkeit, finden sie aber nicht und werden reizbar. Uner­
klärliche Todesfälle treten auf, die oft verdächtig nach Selbstmord
(oder sogar Mord) aussehen. Abrichtungsprogramme werden
schwierig durchführbar, wenn nicht ganz unmöglich.
Bei den vorgeschlagenen Einrichtungen werden viele dieser
Schwierigkeiten vermieden. Wenn sich ein Delphin einmal über-
anstrengt fühlt, kann er ins Meer zurückschwimmen oder mit
einem seiner Freunde die Gesellschaft verlassen. Eine Anlage, in
der die Delphine gehen und kommen können, wie sie wollen,
wird niemals überbevölkert sein.
Mit genügend Raum, Sonne und Luft überstehen die Delphine
selbst schwierige Infektionen, erhalten sich ein lebhaftes und ge­
sundes Sexualleben, entwickeln enge Bindungen an uns und spie­
len stundenlang zusammen. Der Kontrast ist erfreulich.
Wir haben zwei getrennte Gruppen drei Jahre lang gehalten,
um diese Tatsachen herauszufinden. Die nicht zu eng zusammen­
lebenden Tiere sind glücklich, lebhaft und gut erzogen. Bei den
menschlichen Betreuern sind die Verhältnisse ähnlich. Der andere

198
Fall ist durch den gleichzeitigen Kontrast um so aufschlußreicher;
ohne diese andere, überbevölkerte Gruppe hätten wir nicht ge­
wußt, welche Fehler wir in der Zukunft vermeiden müssen. Der
Entwurf für die neue Schule baut auf beiden Erfahrungen auf; aus
dem einen Versuch erfuhren wir die wünschenswerten Faktoren,
die in den Entwurf eingegliedert werden müssen, und aus dem
anderen die unerwünschten, die auszuscheiden sind. Wir wissen
heute, daß die Beweise ausreichen. Wir vergrößern nun für jeden
Delphin den ihm zur Verfügung stehenden Raum, um die über­
bevölkerte Gruppe zu einer richtig gehaltenen umzuwandeln.
Wir hoffen, daß wir in die Lage kommen werden, eine Station
aufzubauen, wie wir sie hier beschrieben haben, und daß wir
damit nicht nur nicht-überbevölkerten Stationen den Weg berei­
ten, sondern darüber hinaus »freie« Stationen, verbunden mit
dem weiten Meer. Wir brauchen Unterstützung: Geld, Rat,
professionelle Hilfe für das Bauwerk und seine technische Ein­
richtung. Mit dieser Anlage könnte der Mensch neue Gebiete
eröffnen, ein neues Verständnis für das Meer und seine klugen
Bewohner.

199
IX. KAPITEL

Stimmliche Nachahmung: ein Schlüssel zur und die erste


Stufe der Verständigung

Im Kindesalter, in dem wir unsere Muttersprache lernen, be­


finden wir uns in der besonderen Situation, zwar selbst nicht
artikulieren zu können, aber doch von einer Menschenwelt um­
geben zu sein, in der die Sprache von allen in unserem Leben
wichtigen Personen verwendet wird. Ganz zu Beginn, von un­
serem ersten Schrei nach der Geburt bis zu unseren ersten Anstren­
gungen zur Wortbildung, drücken wir unser einmaliges Ich aus,
ohne mit jemandem eine gemeinsame Sprache zu haben. Es ist mit
Hilfe von Tonaufzeichnungen und Analysen nachgewiesen wor­
den, daß selbst der erste Schrei eines Neugeborenen eine einma­
lige Lautbildung ebendieses besonderen Säuglings ist. Zwar gibt
es bei diesen Schreien neugeborener Kinder Gemeinsamkeiten,
untersuchen wir aber die Einzelheiten genauer, finden wir bei
jedem Kind spezifische und spezifizierbare Unterschiede.
Ob nun diese einmaligen, spezifizierbaren Unterschiede des
kindlichen Schreiens durch angeborene oder erworbene physio­
logische Faktoren verursacht werden oder ob sie dadurch zu­
stande kommen, daß das ungeborene Kind das menschliche Spre­
chen bereits im Uterus hört, das sind alles ungeklärte Fragen.
Nur die Tatsache der Einmaligkeit dieser Schreie ist mit Sicher­
heit festgestellt. Eine wichtige Beobachtung ist jedenfalls, daß
der menschliche Säugling mit der Fähigkeit geboren wird, ein­
malige Laute mit seinem Vokalisationsapparat abzugeben. Das
ist das erste Mal in seinem Leben, daß Luft durch diesen Appa­
rat strömt. Zuvor, im Uterus, strömten nur embryonale Flüssig­
keiten hindurch. Im Uterus sind die Muskeln herangewachsen,
die Nervenverbindungen und die Verbindungen innerhalb des Ge­
hirns, alle für den einen Augenblick geschaffen, in dem erstmals
Luft eingesaugt und zur Erzeugung dieses Geräusches hervorge­

200
stoßen wird. Wenn natürlich alle diese Vorbereitungen nicht ge­
schehen sind und der Neugeborene nicht die Luft einsaugen kann,
bleibt er eben nicht am Leben.
Auf der Grundlage dieser Vorbereitung beginnt der Säugling
sein Leben. Er wird mit Lauten von Mutter, Vater und Kindern
bombardiert. Jedermann spricht gern zu einem Säugling, und
dieser antwortet gern mit Mienenspiel, Körperbewegungen und
verschiedenen Lauten, die von seinem Sprechapparat und seinen
Lippen erzeugt werden.
Wir werden nach neun Monaten Entwicklung im Uterus mit
einem Gehirn geboren, das etwa 400 g wiegt. Der neugeborene
Delphin hat eine zwölfmonatige Entwicklungszeit im Uterus hin­
ter sich, und sein Gehirn wiegt 700 g. Einer der Hauptunterschiede
ist hier, daß wir nicht in dem Augenblick, da wir geboren wer­
den, zur Luft hinaufschwimmen müssen. Wir liegen in der Wiege
und werden diese drei Monate, die der Delphin noch im Uterus
bleibt, umhergetragen. So haben wir am Ende eines Jahres (vom
Zeitpunkt der Befruchtung an) ein einjähriges Wachstum von
Gehirn und Körper und außerdem eine dreimonatige Erfahrung
außerhalb des Uterus. Der Delphin, der am Ende des Jahres ge­
boren wird, hat nur das Wachstum und irgendwelche akustische
Erfahrungen aus der Zeit seines Uteruslebens. Da sich die Ver­
bindungen zwischen Ohren und Gehirn im Uterus schon sehr
früh entwickeln, hat er möglicherweise zum Zeitpunkt seiner Ge­
burt bereits einen reichen Bestand an Hörerinnerungen in seinem
Gehirn gespeichert. Da sein Stimmbildungsapparat wie unserer
mit eingeatmeter Luft arbeitet, hat er jedoch kaum viel Erfah­
rung in der Lauterzeugung. Auch er hat embryonale Flüssigkeit
in seinem Stimmerzeugungsapparat hin und her strömen lassen.
So hat der menschliche Säugling drei Monate nach der Geburt
bereits eine ebenso lange Erfahrung mit seinem Stimmbildungs­
apparat, die dem Delphinsäugling bei der Geburt fehlt. Die Be­
deutung dieser Tatsache muß aber erst einmal beurteilt werden.
Am Ende der ersten drei Monate kann man beim Abhorchen der
vom Säugling erzeugten Geräusche wahrnehmen, daß er viele
neue Muster bei dieser Geräuscherzeugung erworben hat. Sein Ge­
plapper wird zunehmend komplizierter, ebenso die verschiedenen

201
Arten des Schreiens. Aus all den vom Säugling erzeugten Lauten
kann man schließlich das erste deutliche Wort erkennen, wenn
er etwa neun Monate alt geworden ist. Mit sechs Monaten ist das
Gehirn etwa so schwer wie das eines neugeborenen Delphins, also
700 g, in dieser Zeit beginnt der menschliche Säugling Laute nach­
zuahmen. Die primitiven Anfänge der Nachahmung sind also zu
diesem Zeitpunkt erkennbar. Drei Monate lang imitiert der Säug­
ling die Laute; nun, mit neun Monaten, bildet er das erste erkenn­
bare Wort. Während der nächsten zwei Monate, in denen sein
Gehirn auf 850 g anwächst, imitiert er Silben und Worte; nun
erscheint auch langsam das zweite Wort. Im Alter von 13 Mo­
naten (Gehirngewicht 930 g) erweitert sich sein Vokabular schnell.
Grundsätzlich setzen also zwei Vorgänge ein: Es gibt einen
spontanen Lautbildungsprozeß, den wir angeboren in uns einge­
baut haben. Er befähigt uns, unseren Respirationstrakt für die
instinktmäßige Erzeugung verschiedener Laute zu verwenden
(z. B. Schreien, Kreischen, Stöhnen). Zum zweiten gibt es einen
gelernten, erworbenen und programmierten Lautbildungsprozeß.
Dieses Programmieren setzt als ein Grundvorgang ein, den ich
als »Mimikry«, Nachahmung, bezeichne. Mimikry ist der Prozeß,
einen Laut, eine Kette von Lauten oder ein ganzes Muster von
Lauten, die man in seiner Umwelt hört, so ähnlich wie möglich zu
reproduzieren. Die Quelle dieser Laute kann ein anderer Mensch,
ein Tier oder irgendeine künstliche oder andersartige natürliche
Lautquelle sein. Der menschliche Säugling besitzt den Antrieb,
seine mehr oder weniger ziellose Lauterzeugung zu Mustern aus­
zurichten; er hat den Antrieb, Kopien dieser Laute zu erzeugen,
die er zu hören bekommt. Anders gesagt, das Gehirn des mensch­
lichen Säuglings hat Programme zur Lauterzeugung, zum Laut-
abhorchen und zur Lautkomposition; um menschliche Laute zu
lernen, hört er sie ab, analysiert sie, speichert sie, setzt sie aus
gespeicherten Lauten wieder zusammen und komponiert neue Mu­
ster. Sobald die gespeicherten Muster in ausreichender Zahl und
Vielfalt vorhanden sind, beginnt er Muster zusammenzusetzen,
welche die von ihm gehörten nachahmen. Mit nachgeahmten
Lauten überzeugt er die Erwachsenen von seinem eingebauten
Trieb und seiner Fähigkeit, sich zu verständigen.

202
Mimikry ist der Grundmechanismus, der sicherstellt, daß der
Säugling jene Laute erwirbt, die den anderen Menschen gemein­
sam sind. Dieser Prozeß des Lautabgebens und des Hörens der
eigenen Produktion setzt uns in die Lage, dies mit den Modellen,
die andere Personen von sich geben, zu vergleichen. Er setzt
andere Personen in die Lage, den Grad der Perfektionierung
unserer Muster und deren »Anpassungsgüte« an die gemeinsamen
Sprechmuster zu testen. Zunächst vergleichen wir unsere Leistun­
gen mit denen anderer Leute. Das ist die sklavische, unmittelbare
oder erstrangige Mimikry. Ich sage ein Wort, und das Baby sagt
unmittelbar dieses Wort nach, das es so gut ausspricht, wie es
das eben kann. Später wird das Kind, wenn ich ein Wort sage,
seinen Eindruck von dem Muster dieser Worte in seinem »akusti­
schen Gehirn« aufspeichern, wird üben, es sich selbst vorzusagen,
und wird danach das, was es produziert, mit dem Modell ver­
gleichen, das es in seinem Gehirn gespeichert hat. Das ist die ver­
zögerte oder zweitrangige Mimikry. Das Kind hat die Notwen­
digkeit, mich unmittelbar nachzuahmen, aufgegeben. Es hat
das, was ich gesagt habe, mehr oder weniger genau gespeichert
und reproduziert es später, wann es ihm gerade paßt. Dieser Vor­
gang des Speicherns und der nachfolgenden Reproduktion macht
es schwierig, den Mimikryprozeß bei älteren Kindern zu entdek-
ken. Sie speichern die Muster und reproduzieren sie im zeitlichen
Abstand von der Quelle.
Wenn wir als Erwachsene eine andere Sprache lernen wollen,
müssen wir grundsätzlich zu diesem Anfangsprozeß zurückkeh­
ren, den wir für unsere Muttersprache benützen. Wir lernen die
Sprache schneller, wenn wir unmittelbar Mimikry anwenden kön­
nen, als wenn wir die verzögerte Mimikry gespeicherter Bilder
benützen. Mit anderen Worten, wenn wir zum Mechanismus der
Kindheit mit den unmittelbaren Interaktionen zurückgehen kön­
nen, dabei die Worte festhalten, das Gespräch, die Vorgänge,
die Leute und die Gegenstände, möglichst alles auf einmal, lernen
wir die neue Sprache in sechs Wochen. Wenn wir in die Kind-
Keitsposition zurückgezwungen werden, können wir mit unserem
nun mittlerweile groß gewordenen, erwachsenen Gehirn die Zeit
beträchtlich verkürzen gegenüber jener, die damals benötigt

203
wurde. Wir haben auch unseren zentral-peripheren Stimmbil­
dungsapparat vervollkommnet, freilich manchmal auf Wegen, die
für die zweite Sprache weniger geeignet sind. Auch können unsere
Aufnahmeprozesse auf der Linie der ersten Sprache vorgeprägt
sein und daher die Feinheiten der zweiten Sprache recht schwierig
erfassen. Mimikry von einem Sprecher, dem dies die Mutter­
sprache ist, und Korrektur durch diesen beschleunigen unsere
neuen Leistungen, genau wie unsere Eltern unsere erste Sprache
durch Korrektur vorantrieben. Was sind also die Grunderforder­
nisse zum Sprachenlernen, soweit wir sie heute abschätzen kön­
nen?
Grundsätzlich scheint dies 1. ein Säugetiergehirn von etwa 660
bis 700 g Gewicht zu sein, 2. ein geeigneter Stimmbildungsappa­
rat, 3. eine Ansammlung von gespeicherten Lautmustern, 4. Übung
in erstrangiger oder unmittelbarer Mimikry mit Fehlerberichti-
gung durch andere Menschen, 5. Übung in der zweitrangigen
oder verzögerten Mimikry.
Ich kann nicht genug die Notwendigkeit des Speicherns buch­
stäblich Hunderttausender von Lautmustern im Gehirn betonen,
da erst dann die Übermittlungsseite beginnen kann, diese Muster
nachzuahmen. Um nachzuahmen, müssen wir daher in der Lage
sein, aus den Speichern innerhalb unseres Gehirns große Mengen
von Lautmustern hervorzuholen, die wir dann über unseren Vo-
kalisationsapparat hervorzubringen uns bemühen können. Wenn
sie so hervorkommen, daß sie gehört werden können, sind sie
neue Muster von außen, die die Aufnahmeseite erregen können;
nun haben wir sowohl das erzeugte Muster als auch das emp­
fangene Muster, die wir selbst im Gehirn vergleichen können. So
stellt sich das Mimikryproblem heraus als 1. gespeicherte Muster
komplizierter Laute (S), die wir viele Male aufgenommen
und im Gedächtnis als klar umrissene Einheiten festgelegt
haben, abgetrennt von allen anderen nicht gesprochenen Lauten;
2. gegenwärtig gehörte Lautmuster (H); 3. eine Nebeneinander­
stellung des gehörten Lautes H mit dem gespeicherten Laut S im
Gehirn selbst; 4. die Erzeugung eines Lautes in geeigneten Pro­
zessen der Mimikry, bei denen man ein Lautmuster V erzeugt,
das entweder als H - ein soeben gehörter Laut - bestimmt wird

204
oder als S, das langfristig gespeicherte, abgetrennte Lautmuster;
5. wenn H an S erinnert, dann kann V zurechtgeschnitten wer­
den, damit es ebenso paßt; man kann genauso fortfahren, ver­
schiedene Versionen von V zu sagen, bis die letzte Version von
V gespeichert wird, nachdem sie mit H verglichen wurde und mit
S übereinstimmte.
Natürlich muß auch der Aufnahmeprozeß und seine Verfeine­
rung durch diese Materialien »V« und »H« in vielfältigen Prozessen
geübt werden, damit man »weiß«, wann das Resultat gut genug
ist und den Kriterien anderer Personen standhält. Wie viele unse­
rer Aufnahmeprozesse uns bei der Geburt bereits gegeben sind
und wie viele nachgeburtlich erworben werden müssen, ist noch
nicht bestimmbar. Wir wissen, daß wir das Sprachen-Aufnahme-
vermögen üben können, und achten auf jene Teile der Muster,
die für die Übermittlung des Gemeinten in dieser Sprache wich­
tig sind. Dies ist die Wissenschaft von der Phonetik und Pho-
nemik.
Um zur Mimikry zurückzukehren, können wir sagen, daß sie,
als Prozeß, für das Feststellen von Versuchen eines anderen Le­
bewesens, sich mit sich selbst zu verständigen, wesentlich ist. Im
Falle des Papageis scheint die Mimikry kein Versuch zur Verstän­
digung zu sein. Im Falle des menschlichen Kindes ist die Mimi­
kry solch ein Versuch. Ein Hauptunterschied in diesen beiden
Fällen liegt in der Größe des Gehirns. Der Papagei benützt seinen
Vokalisationsapparat mit einem gewissen Erfolg dazu, eine be­
grenzte Anzahl von Worten zu reproduzieren. Er kann keine ge­
nügend große Zahl von Lautmustern in seinem Gehirn speichern;
er kann nicht den unmittelbaren Zugang zu diesen Mustern und
die komplizierte Kompositionsfähigkeit haben, wie sie ein grö­
ßeres Gehirn besitzt. Um eine Sprache zu sprechen, wie wir sie
kennen, müssen die Einzelbestandteile zu Myriaden vorhanden
sein, leicht erreichbar und schnell zusammensetzbar. Viele Leute
haben jahrelang mit Papageien gearbeitet und können immer
noch nicht befriedigend jene Vorgänge klären, die den Papagei
und andere sprechbegabte Vögel dazu führen, unsere Worte nach­
zuahmen. Hier scheint der Mimikryprozeß in eine mysteriöse
Sackgasse zu führen. Das Gehirn ist eben nicht groß genug, davon

205
vollen Gebrauch zu machen, abgesehen von diesem einen End­
produkt, einige wenige Worte geschickt auszusprechen.
Im Jahre 1957 entdeckte ich die Fähigkeit des Großen Tümm­
lers, Laute nachzuahmen, die in seiner Umgebung Vorkommen.
Diese Erfahrung ist in einer wissenschaftlichen Arbeit vom experi­
mentellen Gesichtspunkt aus niedergelegt.* Einiges hiervon wurde
bereits in »Mensch und Delphin« berichtet. Der einzige schrift­
liche Hinweis aus früherer Zeit stammt von Aristoteles (300 v.
Chr.). Aristoteles sagt, daß die Stimme des Delphins in der Luft
der eines Menschen gleiche; daß er Vokale und Kombinationen
von Vokalen ausspreche und Schwierigkeiten bei der Vokal-Kon-
sonanten-Verbindung habe.
Ungefähr 400 Jahre später verkürzte Plinius Secundus diese
Beschreibung, die sich nun so liest: »Die Stimme des Delphins
gleicht menschlichem Wehklagen.«
Diese Tatsache der Mimikry bei den Delphinen und das Wissen
von ihrer Notwendigkeit für das Erlernen einer Sprache wurden
von Aristoteles offensichtlich nicht berücksichtigt. Er hatte Del­
phine Menschenlaute nachahmen hören, hat aber nicht gesagt,
daß es sich um Nachahmung handelt. Die natürlichen Stimmen
der Delphine glichen zufällig menschlichen Vokalen und vokalar­
tigen Lauten. Natürlich werden solche Laute aber in der Freiheit
weder in der Luft noch unter Wasser abgegeben.
Als ich 1957 auf dieses Phänomen stieß, war ich mit den Schrif­
ten des Aristoteles nicht vertraut. Bei der retrospektiven Analyse
von Tonbändern, die ich unter besonderen Umständen von dem
aufgenommen hatte, was der Delphin hören ließ, erinnerten einige
Laute an solche, die im Laboratorium entweder spontan oder von
mir gewollt Vorkommen. Später, als ich einen anderen Delphin
hinsichtlich seiner Nachahmungsfähigkeit prüfte, fanden wir
schnell heraus, daß bestimmte physikalische Elemente der Mimi­
kry offensichtlich im Repertoire der Delphine vorhanden waren.
Seit der Veröffentlichung von »Mensch und Delphin« ist die
Arbeit über dieses Phänomen erweitert worden und hat sehr
interessante Ergebnisse gezeitigt.
* Lilly, J. C.: »Vocal Behaviour of the Bottlenose Dolphin«, Proc.
Am. Philos. Soc. 106: 520-29; 1962.

206
Wir wollen Mimikry als einen Schlüssel zur zwischenartlichen
Verständigung betrachten. Nun wollen wir uns vorstellen, daß
einer von uns von einer außerirdischen, intelligenten Art in Ge­
fangenschaft gehalten wird und von den Fremden umgeben ist.
Wenn so ein gefangener Mensch gegenüber den anderen seine In­
telligenz unter Beweis stellen will, wird er zunächst danach trach­
ten, mit jenen zu sprechen. Wenn sich die anderen offensicht­
lich in einer fremden Sprache unterhielten, würde dieser Mensch
daran interessiert sein, diese fremde Sprache zu lernen. Es würde
sich für ihn auch lohnen, ein paar Fremde auf sich aufmerksam
zu machen, die seinem Wunsch, die fremde Sprache zu erlernen,
aufgeschlossen gegenüberstünden.
Um diese Aufmerksamkeit zu erringen, würde ein solcher
Mensch versuchen, einige Laute dieser Sprache nachzuahmen.
Wenn er beim Nachahmen genügend Fortschritte gemacht hat,
so daß die Fremden seine Mimikry erkennen, werden sie antwor­
ten und sich auch bemühen, ihn die Sprache zu lehren; das heißt,
wenn er das Glück hat, einen Fremden zu finden, der erstens be­
merkt, daß er nachahmt, und zweitens, daß die Nachahmung ein
Versuch zur Verständigung ist.
Es könnten alle möglichen Vorurteile bei den Fremden beste­
hen, die einen derartigen direkten Gebrauch des Nachahmern
verhindern würden. Viele unkundige Menschen haben solche Vor­
urteile. Ich habe über das Nachahmungsphänomen von Tursiops
in einigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen berichtet und
habe dargelegt, daß Tursiops die Mimikry so gebraucht, wie wir
das in einer derartigen außerirdischen Situation auch tun würden.
Meine ersten Demonstrationen des Phänomens erforderten eine
gewisse Übung beim Beobachten, das heißt, ich brauchte ein gutes
Ohr für Tonwerte und die Fähigkeit, die Signale von den übri­
gen Geräuschen zu trennen.
Die Aussprache von Tursiops ist offensichtlich nicht sehr gut.
Daß er irgend etwas sagt, was an menschliche Laute erinnert (die
soeben zu ihm gesagt wurden), ist verblüffend und zeigt den
Versuch des Nachahmens an. Die meisten Naturwissenschaftler
haben keine Übung darin, die menschlichen »fremden Akzente«
von ihrer Muttersprache zu unterscheiden, und sind nicht gewohnt,

207
menschliche Stimm-Signale von sehr gestörten Übertragungen zu
trennen. Deshalb waren meine Vorführungen von direkten Ton­
bandaufzeichnungen des Phänomens für viele Leute und auch
Wissenschaftler nicht überzeugend genug. Aus diesem Grunde
waren Demonstrationen von Mimikry erforderlich, die nicht auf
das Gehör und eine psycho-physische Beurteilung abzielten.
Die neuen Demonstrationen wurden in Science berichtet. Die
in dieser Arbeit"' gebrachte Zusammenfassung lautet:
»Zusätzlich zu seinem normalen Unterwasserlaut zur Kommu­
nikation kann der Delphin (Tursiops truncatus) geschult werden,
Laute aus dem Blasloch abzugeben, das sich in der Luft öffnet.
Durch geeignete Belohnung (positive Verstärkung) und auslö­
sende Techniken können solche stimmlichen Emissionen von ihrem
natürlichen Muster abgewandelt werden. Eine solche Gruppe von
Lauten erinnert an die menschliche Stimme (›Lautmimikry‹).
Aspekte von diesen Lauten, die physikalisch bestimmbar, spezi­
fizierbar und demonstrierbar sind, ergeben die Ähnlichkeiten so­
wohl in den Zahlen der Lautanschläge, die von Menschen und
Delphinen abgegeben werden, als auch hinsichtlich der Dauer der
aufeinanderfolgenden Lautabgaben. In 92 % der Austauschver­
suche glich die Anzahl der von Tursiops abgegebenen Lautan­
schläge der Anzahl der gerade zuvor vom Menschen abgegebe­
nen plus minus 1, und zwar bei einer Folge von einem bis zu
zehn Anschlägen.« Kein anderes Lebewesen (mit der einen Aus­
nahme von ungewöhnlichen Menschen) kann diese Leistung er­
reichen.
Wir wollen einen Augenblick lang Experimente betrachten, die
diese Punkte beweisen. Zunächst wollen wir uns die Lautreihe
ansehen, die vom Menschen den Delphinen dargeboten wurde.
In der früheren Arbeit zwischen 1957 und 1961 benützten wir
gewöhnliches menschliches Sprechen mit einzelnen Worten, Phra­
sen und Sätzen. Damals entdeckten wir Ähnlichkeiten zwischen
dem, was wir sagten, und dem, was der Delphin sagte. Unter vie­
len primitiven Imitationen unseres Sprechens (»humanoide Emis­
sionen«) waren andere stimmliche »Geräusche« eingemengt. Die

* Lilly, J. C. 1965 (siehe Literaturverzeichnis).

208
meisten davon waren die üblichen Unterwasser-Delphingeräusche,
nun aber in der Luft abgegeben (die vertrauten Schnarrlaute,
Pfiffe, das Bellen und Blöken des gewöhnlichen Austausches zwi­
schen Delphinen).
Wenn wir das stimmliche Verhalten des Delphins durch das
eine oder andere Mittel weiterentwickelten, fing er an, mehr und
mehr »Humanoide« zu erzeugen. Wir belohnten nur humanoide
Lautabgaben und bestraften durch Belohnungsentzug delphinische
Lautabgaben.
Diesen Prozeß des Konzentrierens und Veränderns seiner
Emissionen auf ein Emissionsmuster haben wir (in der Sprache
der Psychologie) das »shaping up« des stimmlichen Verhaltens
genannt. Am Anfang wird es durch Futterbelohnungen erreicht;
das heißt, unmittelbar nach jeder Leistung, die in etwa den er­
wünschten Charakter hat, wird ein Fisch gereicht. Der mensch­
liche Beobachter belohnt den Delphin so lange nicht, bis dieser
etwas sagt, was einige Beziehung zu den Lauten hat, die der
Beobachter beim Delphin erzielen will. Es erfordert Stunden und
viele Wiederholungen, die Aussprache allmählich zu verbessern.
Wenn wir einem Delphin eine lange Liste der geeigneten Laut­
formen vorlegen, die wir in geeigneter Anzahl, in passender Rei­
henfolge und geeigneter Aussprache in etwa 12 bis 30 Minuten
von ihm abgegeben wünschen, wird er diejenigen Besonderheiten
auswählen, die man in der jeweiligen Reihe besonders betont
und die er schaffen kann. Er versagt nur bei der Aussprache: die
abgegebenen Frequenzen sind für das menschliche Ohr zu hoch.
Die menschliche Stimme hat einen Tonbereich von 125 bis 225
Anschlägen pro Sek. und Frequenzen von 300 bis 3900 Hz. Der
Tonbereich des Delphins umfaßt 300 bis 1000 Anschläge pro Sek.
und hat Frequenzen von 1200 bis 24 000 Hz. (Abb. 8).
Bei den Vorarbeiten für den Artikel in Science strebten wir
zum Beispiel an, unsere Bemühungen auf kurze, scharfe Laut­
anschläge zu konzentrieren, die für die menschliche Sprache keine
Bedeutung haben. Zu diesem Entschluß kamen wir, weil wir ge­
funden hatten, daß dann, wenn wir den Delphinen sinnvolle
Sätze oder Worte anboten und diese sie in Tonfall und Rhyth­
mus nachahmten, wir den Rest des Zusammenhangs während des

209
P. A. R., ANSCHLÄGE/SEK. (QUELLE)

Abb. 8. Eine menschliche Stimme sagt ›at ri», die Antwort des Del­
phins, die Frequenz und Tonhöhe der in die Luft abgegebenen Stimme
des Delphins werden gezeigt.
Diese Darstellung ist das Ergebnis von Analysen der menschlichen
Vokallaute und der Antwortlaute des Delphins. Die waagrechte Achse
stellt die Anschlagsrate der Schallquelle dar, im Falle des Menschen
die Anschlagsrate des Kehlkopfes, im Falle des Delphins die der Dia-
gonalmembrane. Die senkrechte Achse zeigt die Frequenzen der Hohl­
raumresonanzen: im Fall der menschlichen Stimme sind das die For­
manten (die Resonanzen von der Veränderung der Größe und Form
des Mundes, des Kehlkopfes und der Nasengänge während des Spre­
chens). Im Falle des Delphins werden die Hohlräume willkürlich in
ihrer Größe verändert, in einer Weise, die der des Menschen analog
ist, wobei die Energiegipfel der verschiedenen Harmonien dieser An­
schlag-Rate moduliert werden. Die erste Gruppe von Punkten (in ver­
tikaler Reihung) stellen den Vokallaut in »at« dar. Die zweite ver­
tikale Gruppe von Punkten betrifft den stimmhaften »r«-Laut, die
dritte Gruppe den Vokallaut von »ri«. Die Antworten des Delphins
bestanden aus zwei Lautabgaben, deren Grundtonhöhe ungefähr bei
800 pro Sekunde liegt, während die menschliche Stimme zwischen 100
und 200 pro Sekunde zu finden ist. Der Delphin veränderte seine Hohl­
räume in Übereinstimmung mit seiner größeren Tonhöhe.

210
Abhorchens »hineinlesen« könnten - wenn wir etwa »Guten Mor­
gen, Tursiops! Wie geht es dir heute?« sagten. Die Reihe von
Humanoiden, die der Delphin danach abgab, hatten gewisse phy­
sikalische Beziehungen zu den Anordnungen der Laute, die wir
zum Delphin gesagt hatten. Das Problem lautete: welche Be­
ziehungen? Wir konnten die Bedeutung heraushören, welche Ein­
zelheiten der Delphin auch nachahmen mochte, und wenn wir
oft und sorgfältig genug das immer wieder abgespielte Tonband
abhorchten, konnten wir den Delphin sagen »hören«: »Guten
Morgen, Tursiops! Wie geht es dir heute?« Mit anderen Worten:
seine Wiedergabe war gut genug, so daß wir das, was er gesagt
hatte, zur Rekonstruktion dessen benutzen konnten, was wir ihm
gerade zuvor gesagt hatten. Selbst dieser primitive Grad von
unmittelbarer Stimmnachahmung kann höchstens vom Menschen,
aber von keinem anderen Tier erreicht werden. Wir können solche
unmittelbaren, miteinander »verzahnten« Stimmergebnisse mit
»sprechenden« Vögeln nicht erzielen. Wenn der Vogel nachahmt,
ist seine Aussprache gut, aber er wird seine Stimmleistung nicht
alternierend mit der des Menschen »verzahnen«. Der Delphin
hingegen schafft das wunderbar, genau, rhythmisch einwandfrei
und Hunderte Male bei großer Geschwindigkeit.
Wenn wir uns selbst in die Lage des Delphins versetzen, der
im Gegensatz zu unserem einen Lautsender gleich drei hat, die
zur Übermittlung seiner Information an die anderen Delphine
unter Wasser benützt werden, der angetrieben wird, zu uns in
unserem Medium, also der Luft, zu sprechen, der für die Aus­
sprache seine Nase und nicht seine Zunge sowie sein Maul be­
nützt, dann können wir, denke ich, seine Schwierigkeiten ver­
stehen, die er bei dem Bestreben hat, uns nachzuahmen und uns
davon zu überzeugen, daß er das tut.
Wir versuchten diese Schwierigkeiten zu umgehen, indem wir
ihn mit einer Reihe von Lauten versorgten, die keine Bedeutung
besaßen und die unerwartete und unvorhersagbare akustische
Merkmale hatten, so daß weder wir noch er Vorhersagen konn­
ten, was beim Abhorchen der Übermittlungen als nächstes kom­
men würde.
Eine Liste von Speziallauten wurde aufgestellt. Diese neue

211
Liste von Lauten bestand aus sinnlosen Silben, das heißt Silben,
die, miteinander zu Gruppen verbunden, keine Bedeutung für
den menschlichen Hörer haben. Sie wurden aus willkürlichen
Konsonanten und ebensolchen Vokalen systematisch kombiniert.
Die neun Vokale waren (in der Schreibweise des internationalen
phonetischen Alphabets): ē - i - ā - ě - ä - ō - ō ō - a i - o i .
Die Konsonanten waren: r - l - z - v - t - c h - w - m - n - t - k - s .
Die Konsonanten wurden wie in Abb. 9 als Kopflinien anein­
andergereiht, die Vokale untereinander an den linken Rand die­
ser Tabelle gesetzt. Die Verbindungen von Konsonanten und
Vokalen wurden dann entsprechend dieser Anordnung paarweise
in die Tabelle eingetragen. Dies ergab 99 Vokal-Konsonanten-
und 99 Konsonanten-Vokalverbindungen. Von diesen 198 Sil­
ben waren alle bis auf 11 aussprechbar. Die endgültige Liste hatte
187 Silben.
Diese 187 Nonsens-Silben schrieben wir auf Karten, auf jede
Karte eine. Jede Karte wurde außerdem vierfach hergestellt.
Die Karten wurden gemischt, damit eine zufällige Anordnung
zustande kam.
Aus einer Tabelle von zufälligen Zahlen wurde eine Liste der
Zahlen 1 bis 10 in einer willkürlichen Reihenfolge aufgestellt.
Die Gruppen von wahllosen Zahlen wurden dann dazu benützt,
die Anzahl der sinnlosen Silben bei jeder Darbietung auszuwäh­
len. Dieser Vorgang wurde so lange fortgesetzt, bis die Reihe
der sinnlosen Silben aufgebraucht war.
Aus diesen Karten wurden daraufhin Listen der zufällig ange­
ordneten Gruppen in blinder Ordnung der sinnlosen Silben nie­
dergeschrieben. Mit diesen Listen arbeiteten wir dann bei den
Experimenten.
Einzelne Delphine hatten bereits einige Übung darin, in der
Luft Laute abzugeben. Einer von ihnen wurde für das erste
Experiment ausgewählt. Ein Spezialbehälter war konstruiert wor­
den, in dem der Delphin lebte und dem ein transparenter Seiten­
arm aus Plexiglas angefügt war. Der Delphin konnte nach Be­
lieben in diesen Seitenarm hineinschwimmen, dessen Wasserhöhe
30 bis 45 cm betrug. Wenn der Delphin hineinschwamm, konnte
er entweder sein Blasloch über den Wasserspiegel erheben, oder

212
Abb. 9. Tabelle der bedeutungslosen Silben, die als Stimm-Anreiz für
den Delphin verwendet wurden.

Die Vokale sind links in einer vertikalen Reihe aufgeführt, die Kon­
sonanten in der waagrechten Kopfzeile. Die Aussprache der »Konsonan-
ten-Vokal- und Vokal-Konsonanten«-Paare wird an entsprechender
Stelle in der Tabelle angegeben. Man beachte, daß »W« als Endkonso­
nant gestrichen wurde, und zwar wegen der Ausspracheschwierigkeiten.
(Tabelle nach J. C. Lilly, in Darley: Brain Mechanisms, 1967).

213
der Wasserstand wurde so reguliert, daß sein Blasloch aus dem
Wasser herausragte.
Wir glaubten, daß wir die beste Zusammenarbeit und die be­
sten Leistungen bei Tursiops erzielen würden, wenn wir es seinem
Dafürhalten überließen, das Experiment abzubrechen (den Sei­
tenarm zu verlassen). Wir meinten, er würde uns verlassen, wenn
er genug hätte bzw. ermüdete, eine kurze Rast machen und dann
für weitere Arbeit wiederkommen. Der Delphin handelte, wie
vorausgesagt.
Über dem wassergefüllten Seitenarm wurde in günstiger Lage
nahe dem Blasloch des Delphins ein Mikrophon angebracht. Der
Experimentator stand neben ihm, so daß er mit seiner rechten
Hand dem Delphin einen Fisch verfüttern konnte, während er
von der Liste in seiner Linken ablas. Ein vor dem Seewasser
geschütztes Mikrophon wurde vor den Mund des Experimentators
montiert. Die aus beiden Mikrophonen kommenden Informa­
tionen wurden in einem zweispurigen Tonbandgerät getrennt
aufgezeichnet. Das Tonbandgerät befand sich außerhalb des Rau­
mes, und der das Gerät bedienende Mitarbeiter konnte durch ein
Glasfenster alles beobachten und die Tonstärke regulieren.
Zu Beginn eines Experiments betrat der Experimentator den
Raum, stellte das Mikrophon auf, drehte das Licht über dem Sei­
tenarm an und rief dem Delphin zu: »All right, lets go.« Nor­
malerweise schwamm der Delphin nach kurzer Zeit in den Seiten­
arm. Der Mensch sagte dann: »Hello.« Der Delphin gab irgend­
eine humanoide Antwort. Der Mensch las dann die erste Silben­
gruppe von der Liste ab, hielt den Fisch so, daß ihn der Delphin
sehen konnte, und überließ ihm diesen, wenn der Delphin eine
Antwort mit Humanoiden in der Luft gab. Innerhalb weniger
Minuten nach den ersten Versuchen begann der Delphin eine An­
zahl von Lauten zurückzugeben. Wurden mehr Silben abgele­
sen, entsprach die Anzahl der Lautabgaben des Delphins genau
denen des Menschen.
Ließ der Mensch fünf Lautabgaben hören, antwortete der
Delphin ebenfalls mit fünf. Gab der Mensch vier Lautäußerungen
von sich, antwortete der Delphin mit vier, und waren es nur
drei, dann enthielt die Antwort des Delphins abermals nur drei

214
Abb. 10. Oszillographen-Aufzeichnung eines Delphin-Lautaustausches;
sie zeigt zehn Anschläge des Menschen, die von ebenso vielen des Del­
phins nachgeahmt werden.

Die obere Zeile zeigt alle die Laute, die sowohl vom Menschen als
auch vom Delphin abgegeben wurden; die zweite Zeile zeigt nur die
Lautabgaben des Menschen; die unterste Zeile die des Delphins. Es ist
zu beachten, daß die Verzögerung zwischen dem Ende der menschlichen
Präsentation und dem Beginn der Antwort des Delphins denselben Um­
fang aufweist wie das Schweigen zwischen den Anschlägen der mensch­
lichen Darbietung. Es handelt sich um einen ausgewählten Teil eines
sehr langen Experimentes, bei dem die Anzahlen der Lautabgaben sei­
tens des Menschen von 1 bis 10 variierten; die Lautabgaben des Del­
phins variierten ebenfalls von 1 bis 10. (Siehe J. C. Lilly, »Vocal Mimi­
cry by the Dolphin«, Science 147:300-1, 1965).

215
Abb. 11. Aus punkten eines Einzelexperiments: die Anzahl der menschli­
chen Silben ohne Bedeutung wird von der waagrechten Achse angegeben.
Die Anzahl der Lautanschläge bei der Antwort des Delphins liegt auf
der senkrechten Achse.

Wenn der Delphin keinen Fehler in der Anzahl seiner Antworten


macht, wird die Resultatanzahl auf einer um 45 Grad geneigten Geraden
aufgetragen; sie lautet 5, 5, 4, 5, 3, 2, 3, 2, 2, 3. Die nächste Schräglinie
rechts zeigt Fälle, bei denen der Delphin einen Anschlag hinzufügte; die
Schräglinie links zeigt, wo er einen Anschlag zu wenig abgab. Es han­
delt sich um ein frühes Experiment, bei dem der Delphin noch lernte
und einige Fehler machte. (Siehe J. C. Lilly, wie bei Abb. 10.)

216
Lautabgaben. Abbildung 10 zeigt einen Mensch-Delphin-Aus­
tausch von zehn Lautabgaben.
Delphine antworten einander gewöhnlich durch Lautabgaben.’1'
Diese Teilleistung ist vom Delphin bereits bekannt. Beim Ex­
periment mit dem Menschen sind die in die Luft abgegebenen
lauten Töne das neue Phänomen.
Wir analysierten die Ergebnisse von 1000 solcher Lautabgaben
zwischen Mensch und Delphin. Die nächste Abbildung (Abb. 11)
zeigt die Anzahl der Lautabgaben bei Delphinemissionen, vergli­
chen mit der Anzahl der menschlichen Lautabgaben, die jeweils
denen des Delphins vorangegangen waren. Wir nennen die
menschliche Emission die »Stimulusemission« und die »Antwort«
des Delphins die »Antwortemission«.
Wenn wir die Anzahl der vom Delphin abgegebenen Laute von
der bei der Stimulusemission abgegebenen Anzahl abziehen, er­
halten wir ein Maß für die Irrtümer des Delphins. Wenn die Dif­
ferenz zwischen den beiden Zahlenwerten Null ist, beträgt der
Irrtum des Delphins ebenfalls Null. Ist die Differenz plus eins,
hat der Delphin eine Emission mehr als der Mensch abgegeben.
Beträgt die Differenz minus eins, beträgt sein Irrtum ebenfalls
eins. Die dritte Abbildung dieser Reihe (Nr. 12) zeigt seine Punkt­
zahl für eintausend Emissionen. Der sehr große Gipfel über null
Fehler beweist, daß er in den meisten Fällen die richtige Anzahl
abgegeben hat.
Eine Fehlerquelle ist folgende: bei Silben, die einen Vokal und
zum Beispiel den Konsonanten »t« enthalten, bilden wir nicht
einen, sondern zwei getrennte Laute. Bei der Aussprache der
Silbe »it« sagt man, »i«, dann folgt eine kurze Pause, und da­
nach kommt das »t«. Wenn wir daher glauben, daß wir eine
einfache Silbe und daher einen Laut sagen, geben wir in Wirk­
lichkeit zwei physikalische Lautanschläge ab. Der Delphin ver­
bindet diese beiden Laute nicht zu einer Silbe, wie wir das tun.
Bei der Wiederholung dieser Silbenform wird er zwei Lautan­
schläge an Stelle des erwarteten einen abgeben. Als wir diese
Form unseres Irrtums entdeckten, mußten wir viele der Del-
* Lilly, J. C., und Miller, A. M.: »Vocal exchanges between dol­
phins«, Science 134: 1873-76, 1961.

217
Abb. 12. Die Gesamtfehler-Auszählung einiger Experimente, die ver­
hältnismäßig wenigen Fehler zeigend, die der Delphin beim Nachahmen
einer Anzahl von Lautanschlägen macht.

Bei diesem Lautaustausch mit dem Delphin wurden die fehlerlosen


Lautabgaben mit »0« bezeichnet. Wenn der Delphin einen Anschlag
hinzufügte, wurde dieser Fehler rechts eingetragen, unterschlug er einen,
wurde das links eingetragen. In einigen Fällen antwortete er nicht, was
bei minus 2, minus 3, minus 4, minus 5 usw. gezeigt wird. Der größte
Teil der Antworten jedoch ahmte die Anzahl der bedeutungslosen Silben
nach, und zwar bei 200 Lautaustauschen. (Aus J. C. Lilly, H. M. Truby,
A. M. Miller und F. Grissmann, Some Parametric Regions of Vocal
Copying by the Dolphin, 1967).

218
phinemissionen neu zählen und korrigieren, um sie den »physika­
lisch spezifizierbaren« Anschlägen anzugleichen und nicht den
»vom Menschen erwarteten« (Abb. 12). Dieses Beispiel illustriert
den Wert des Auswählens physikalisch spezifizierbarer Variablen,
so daß man nicht durch Silben oder Worte verwirrt wird, die
»menschliche Bedeutung« haben.
Um eine Vorstellung von der Größe der Aufgabe zu geben,
die der Delphin löste, wollen wir einige der quantitativen Mes­
sungen bringen. Die sinnlosen Silben wurden in einem Abstand
von je 0,7 Sek. gebracht; die durchschnittliche Dauer jedes dieser
Lautanschläge betrug annähernd 0,4 Sek. Die »Zwischenanschlag-
Pausen« dauerten ebenso annähernd 0,4 Sek. Diese Zahlen wur­
den von Messungen der objektiven Tintenschreiber-Aufzeichnun­
gen abgenommen, die direkt vom Tonband gemacht wurden.
Vom Ende der Darbietung seitens des Menschen bis zum Be­
ginn der Delphinemission vergingen abermals annähernd 0,4
Sek. Diese Zeit ist also der menschlichen Zwischenanschlag-Pause
gleich. So konnte der Delphin nicht das Verstreichen einer gewis­
sen Zeit benützen, um zu wissen, wann der Mensch seine Liste
beendet hatte und wann er mit der Antwort beginnen müsse. Wie
stellte der Delphin fest, wann der Mensch das Ende seiner Liste
erreicht hatte und die Reihe an ihn kam?
Wenn man eine Liste von irgendwelchen Zahlen, sinnlosen Sil­
ben oder Waren herunterliest, merkt man, daß man das letzte
Wort der Liste nicht genauso betont wie alle vorhergehenden.
Wenn ich »1,2, 3, 4, 5« sage, verändere ich das Wort »fünf«. Es
kann leicht bewiesen werden, daß der Delphin diesen Wechsel
in der Stimme entdeckt und ihn benützt, um zu erfahren, wann
der Experimentator das Ende der jeweiligen Reihe sinnloser Sil­
ben erreicht hat.
In der Veränderung der Stimme des Partners einen Anhalts­
punkt dafür zu finden, was nun zu tun ist, ist eine sehr zwingende
Beweisführung für die Fähigkeiten des Gehörs und die Qualität
des Geistes am anderen Ende dieses Systems. Daß der Delphin
in der Lage ist, solche Anhaltspunkte zu finden, zu erkennen und
sich zunutze zu machen, bedeutet, daß er lautliche Vorgänge sehr
genau unterscheidet und komplex erfaßt. Bei diesem Experiment

219
wurde eine schnelle Folge von Antworten ohne Unterbrechung
innerhalb von Zeitabschnitten zwischen 12 und 20 Minuten auf­
rechterhalten. Um eine Vorstellung zu geben, wie schnell das ist,
kann man das mit einem Frage-und-Antwort-Spiel zweier Men­
schen vergleichen, die während einer Periode von 12 bis 20 Mi­
nuten so schnell wie möglich sprechen. Die Schnelligkeit in unseren
Versuchen war so groß, daß der Experimentator nach jedem Ver­
such erschöpft war; der Delphin würde uns bei weitem überflügeln.
Andere physikalisch spezifizierbare Variablen, die gemessen
wurden, zeigten uns, daß der Delphin die Dauer der menschli­
chen Emissionen und die Dauer der Zwischenpausen innerhalb
eines geringen Fehlerbereichs nachahmt.
Die wichtige Frage, wie gut der Delphin jede dieser sinnlosen
Silben ausspricht, ist jedoch eine Sache der persönlichen Meinung
des Beobachters, der das beurteilt. »Physikalisch nicht spezifizier­
bare Variablen« werden einbezogen, wenn es darum geht, zu
vergleichen, was man selbst und was der Delphin hört. Wir ha­
ben uns damit auf das Gebiet der Psycho-Physiologie begeben.
Die vorsichtigste Aussage, die über das gemacht werden kann,
was man hört, wenn diese Tonbandaufzeichnungen abgespielt
werden, ist die, daß eine besondere Eigenart der menschlichen
Stimme genau kopiert wird. Ich fand, daß beim Abspielen des
Bandes mit Hilfe eines Spezialfiltersystems die Parallelität zwi­
schen den beiden Stimmen (Mensch und Delphin) verstärkt wer­
den könnte.
Die menschliche Stimme besteht ganz allgemein aus einem
Grundton und den Harmonien des Grundtons, wie sie durch die
von der Zunge geformten Höhlen durch den weichen Gaumen
und den Kehlkopf besonders betont werden.
Einige Aspekte der menschlichen Stimme sind mit Hilfe eines
Laut-Spektrographen physikalisch spezifizierbar, der die Varia­
tion der Frequenz in der Stimme zeitmäßig anzeigt. Daraus geht
hervor, daß das meiste der bedeutungsvollen Anteile unserer
Stimme (herausgeschnitten aus den weniger bedeutungsvollen Ge­
räuschen) in der Mitte des Sprechspektrums liegt, also zwischen
etwa 300 und 3000 Hz. An jedem Ende dieses Bereiches gibt es
Laute, die weniger wichtig für die Wortbedeutung sind, das heißt

220
beim Bestimmen von Ähnlichkeiten zwischen dem, was eine an­
dere Person sagt, und dem, was man auf Grund ihrer Kenntnis
der Sprache von ihr erwartet. Die Vorhersagbarkeit der abgege­
benen Lautmuster wird demnach hauptsächlich durch die Region
zwischen 300 und 3000 Hz bestimmt. Wenn man die beiden Enden
abhackt, ist weniger verloren, als wenn man aus diesem Bereich
etwas entfernte. Über 3000 Hz, zwischen annähernd 3800 und
8000 Hz, liegt der vierte Formant. Ganz allgemein scheint dieser
Formant nur zu besagen, daß der Sprecher spricht; er verändert
sich nicht viel bei verschiedenen Worten und scheint während
des ganzen Sprechens konstant zu bleiben.
Bei den Experimenten reduzierten wir die Stimme auf den
obengenannten wesentlichen und bedeutungsvollen Bereich. Die
daraus resultierenden Delphinemissionen erinnerten dann weit
mehr an die menschliche Stimme. Eine psycho-physische Entspre­
chung wurde zwischen dem gefunden, was Mensch und Delphin
sagten. Die Delphinlaute klangen dabei mehr wie eine verzerrte
menschliche Stimme.
Ähnlich ist es, wenn wir die vorhergehenden sinnlosen Silben­
aufzeichnungen hernehmen und alle tieferfrequentigen Laute der
menschlichen Stimme (alle unter 2000 Hz) herausschneiden; beim
Abhören erinnert dann die menschliche Stimme weitgehend an
die Delphinstimme. Diese Beweisführung zeigt wohl, daß Über­
mittlung an den Delphin und Empfang vom Delphin (als Rück­
koppelungssystem), durch einen Wegfall der tiefen Frequenzen
charakterisiert sind; das heißt, entweder hört der Delphin die
niederen Frequenzen nicht (Abb. 13), oder er ist nicht in der
Lage, sie in irgendeinem Grad von Klangtreue wiederzugeben.
Er kann jedoch gute Nachbildungen der höheren Frequenzen
übermitteln. Diese Beweisführung betrifft die normale Unterwas­
ser-Stimme des Delphins. Für diesen Fall haben Experimente in
unserem Institut gezeigt, daß der Delphin bei der Abgabe von
Unterwasser-Lauten unter etwa 400 Hz Schwierigkeiten hat; sein
Bellen, Blöken und seine vokalartigen Laute scheinen in der Nähe
dieses Wertes zu enden (die Pfeiflaute enden durchwegs im unter­
sten Bereich bei Frequenzen von etwa 6000 Hz). Das zeigt an,
daß ein in der Luft lautgebender Delphin bei jenen niedrigen

221
Abb. 13. Die Hörleistungs-Kurven von Mensch und Delphin.

Die Hörkurve des Delphins (T. t. Wasser) reicht von 100 Hz bis
160 000 Hz. Die Hörkurve des Menschen (H. s. Luft) reicht von 100 Hz
bis 15 000 Hz. Der Minimaldruck für die Wahrnehmung ist in beiden
Fällen bei 0 Dezibel (genau: 0,002 Dyn pro Quadratzentimeter). Man
beachte, daß die Knochenleit-Kurve des Menschen (H. s. Knochen) der
Unterwasser-Kurve des Delphins (T. t. Wasser) von 100 Hz bis annä­
hernd 3 000 Hz entspricht und die Kurven für »Luft«- und »Knochen«-
Leitfähigkeit beim Menschen eine Differenz von ca. 45 Dezibel bis 3 000
Hz aufweisen. (Trommelfell und Mittelohrknochen des Menschen ar­
beiten nicht besonders gut unter Wasser). Die schnell aufsteigende Linie
der Hörkurve des Delphins entspricht recht gut der Amplitude seiner
abgegebenen Sonar-Anschläge. Der Punkt »S« ist die Spitzenamplitude
einzelner Sonar-Spitzen bei 150 kHz (140 Dezibel), 12 cm nach dem
Ende des Schnabels. (Die Luftgehör-Kurven des Menschen sind nach
Licklider, die Knochenleit-Kurven sind nach Zwislocki und Corso; die
Daten des Delphins stammen von Scott Johnson, die Sonar-Amplituden
von J. C. Lilly).

222
Frequenzen, bei denen wir noch eine gute Kontrolle über unsere
Stimme haben, Schwierigkeiten haben wird.
Daß Delphine sich begeistert auf derart komplizierte und
differenzierte akustische Übungen einlassen, wie es das Nachah­
men unserer Stimme ist, zeigt eine Seite der Funktionen ihres
großen Gehirns. Wie wir zuvor in diesem Bericht festgestellt
haben, ist ihr Gehirn in seinen akustischen Abschnitten etwa
zehnmal so groß wie das unsere, während umgekehrt unser vi­
sueller Gehirnanteil zehnmal so groß wie der ihre ist. Um die
obigen Ergebnisse zu erklären, müssen wir hier annehmen, daß
Delphine geschickte Zähler sind, oder aber, daß sie ein sehr gro­
ßes, unmittelbares, reaktionsschnelles akustisches Gedächtnis ha­
ben. Wenn wir die Verteilung der Irrtümer des Delphins zu
der Zahl der einzelnen Posten der gerade vorgelesenen Stimulus­
listen in Beziehung setzen, sehen wir, daß bis zu zehn Posten die
Fehler nicht so zunehmen wie die Zahl der Posten selbst. Men­
schen, die mit ähnlichen Listen getestet werden, fallen bereits
bei fünf bis sechs Posten ab. Natürlich sind das Listen, die zum
erstenmal gehört wurden und eine Reihenfolge aufweisen, die
ebenfalls zum erstenmal gehört wurde. Dies ist eine naive Lei­
stung bei einer neuartigen Serie von Stimuli und nicht eine an­
spruchsvolle Wiedergabe memorierten Materials, weder beim
Delphin noch beim Menschen.
Vermutlich haben die Delphine ein sehr gutes, stets gegenwärti­
ges akustisches Gedächtnis und können, wie sich zeigte, ganz ge­
nau akustische Vorgänge »wieder abspielen«, und zwar bis zu
einer unbekannten Zahl von Einzelheiten und in einer unbekann­
ten Zeitdauer.
Die berichtete Arbeit stößt in ein neues Gebiet der Delphin-
Forschung vor. Angeregt von dem großen akustischen Gehirn
und unserer Kenntnis von ihm, begannen wir Dinge zu testen, die
als akustisch-stimmliche Kombinationen geeignete Funktionen
dieses akustischen Gehirns sind. Das sind jene Dinge, Vorgänge
und Gedanken, mit denen Delphine sich wohl in erster Linie be­
schäftigen und in denen sie sich vor allem qualifizieren sollten.
Es sind die ersten Versuche, jene Gebiete zu zeigen, auf denen die
Delphine den Menschen übertreffen können und es auch tun. Sie

223
können besser schwimmen als wir; das ist eine offensichtliche,
notwendige Anpassung. Ihr stimmlich-akustisches Verhalten ist
nicht so offensichtlich eine derartige Anpassung. Ihr Sonarge­
brauch ist im Meer unerläßlich. Sie haben jedoch gleich uns ent­
deckt, daß die Verständigung und jener Schlüssel zur Verständi­
gung mit Fremden, den man »Mimikry« nennt, sie stärker und
schneller in Beziehung zu anderen Geschöpfen um sie herum brin­
gen als vermutlich irgendeine andere ihrer Fertigkeiten.
Die Notwendigkeit eines großen Gehirns für die Entwick­
lung von Sprache ist in einer anderen Arbeit dargelegt worden.*
Das war ein Ausbau der Beweisführung für das Vorhandensein
einer Sprache bei den Delphinen. Unsere Leithypothese lautet
noch immer: Ihre Gehirne sind so groß, daß sie eine Sprache ent­
wickelt haben könnten, auch wenn sie jeder menschlichen Sprache
sehr unähnlich ist.
Die oben geschilderten Experimente mit der Mimikry erweisen
die Existenz mancher der notwendigen Fähigkeiten für eine
Sprache. Sie zeigen, daß die Physiologie und die Anatomie für
eine Sprache brauchbar, schulbar und anpaßbar sind.
Die Experimente zeigen jedoch nicht die detaillierten Bedeu­
tungsgehalte der Delphinsprache, noch zeigen sie, daß die Del­
phine unsere Bedeutungsgehalte verstehen. Der Delphin kann
unsere Anleitung hinsichtlich stimmlicher und nicht-stimmlicher
Sprache annehmen und durch sie allmählich vorankommen. Wir
können einem Delphin beibringen, daß wir auf ein bestimmtes
Signal hin von ihm wünschen, gewisse Dinge zu tun. Alle diese
Prüfungen hat der Delphin bestanden. Die Delphine sind außer­
ordentlich lernfähig, was ihre Körperbewegungen oder ihr
Schwimmverhalten betrifft, oder wenn es darum geht, an einen
bestimmten Platz zu kommen oder Gegenstände von einer Stelle
zur anderen zu befördern. Die gegenwärtigen Experimente zei­
gen, daß sie ebenso in den Bereichen der Stimmbildung und Aku­
stik außerordentlich lernfähig sind. Der nächste Schritt - ein sehr
langer Schritt - zeigt, daß der Delphin diese Laute sinnvoll ge­
brauchen kann, genau wie wir Sprache und Gespräch benützen.

* Lilly, J. C. 1963 (siehe Literaturverzeichnis).

224
X. KAPITEL

Leben mit einem Delphin: Lernen des Weges

In den einleitenden Phasen der Forschungen über das zwi-


schenartliche Verständigungsproblem beim Menschen und Delphin
wurde festgestellt, daß eine mögliche Methode zur Unterrichtung
einer menschlichen Sprachform die Anwendung des menschlichen
Lehren-Lern-Modells »Mutter-Kind« ist. Während des Zeitraums
von einem Jahr war es möglich, diesen Plan mit einer »menschli­
chen Mutter« und einem jungen männlichen Delphin namens Pe­
ter im einzelnen auszuführen. Die angewandten Techniken mö­
gen für Planungen ähnlicher Forschungen interessant sein: die
Haupthindernisse, die einem engen Kontakt während der vollen
24 Stunden des Tages bei sechs Tagen pro Woche entgegenstehen,
sind aufgeklärt, und es sind mehr oder weniger befriedigende
Lösungen erarbeitet worden. Der Entwurf und die Konstruktion
der Anlage wurden durch frühere Pläne und die Errichtung eines
Gebäudes unterstützt, das sich schließlich dieser Art von Arbeit
anpassen ließ (Tafelabb. 2).
Die speziellen Modifikationen des bereits vorhandenen Labo­
ratoriums auf der Insel St. Thomas wurden für das Mutter-Kind-
Modell nach einem einleitenden Experiment entworfen, das aus
einem ständigen Zusammensein eines Menschen mit einem Del­
phin in einem seichten Bassin bestand und das sich über sieben
Tage und Nächte erstreckte. Die Ergebnisse dieses Versuches wa­
ren so ermutigend, daß wir ein längeres, zweieinhalbmonatiges
Experiment planten. Zwischen diesen beiden Experimenten wur­
den die Veränderungen für das längere Experiment vorgenom­
men.
Das langfristige Experiment wurde im Sommer 1965 ausge­
führt. Es begann im Juni und endete Anfang September.
Bisher wurde diese Forschung mit Delphinen betrieben, die
einzeln in kleinen Behältern über kurze Zeitperioden hin isoliert

225
waren, und zwar mit einem teils mehr formlosen, teils mehr for­
malen System. Bisher wurde die »Futter-Belohnung« getestet und
als brauchbar befunden; später erwies sie sich bei einem geschul­
ten Delphin als unnötig. Bisher wurde der Delphin zwischen den
Experimenten mit einem anderen Delphin zusammengesetzt, um
die Auswirkungen der Isolation zu vermeiden, oder er wurde
in seinem Behälter allein gelassen. Der zwangslose, spontane
stimmliche Austausch wurde erforscht. Worte, Phrasen, Sätze,
Stimmlagen und emotionale Beteiligung an der beiderseitigen Be­
ziehung ergaben sich als wichtige Faktoren bei der Vermittlung
eines primitiven Sinns zwischen Mensch und Delphin.
Später wurden die formalen Austauschmöglichkeiten entwickelt;
bei diesen wurden Reihen von sinnlosen Silben benützt, um die
Fähigkeiten des Delphins zu testen, 1. isolierte menschliche Sprech­
laute, 2. Zahlen von Lautabgaben, 3. Dauer der Lautabgaben
nachzuahmen, und 4. wurde die Bildung von Lautmustern psy-
cho-physisch gemessen. Es stellte sich bald heraus, daß ein Delphin
innerhalb gewisser Grenzen recht komplizierte Austauschregeln
mit einzelnen Versuchsleitern erlernen will, das heißt, die Del­
phine begründen mit Menschen einen primitiven Aktions-Reak-
tions-Kodex.
Die Ergebnisse ließen sich wie folgt zusammenfassen*: Dauer,
Anzahl und Musterbildung der menschlichen Laute werden von
Tursiops mit einer Genauigkeit von mehr als 90% nachgeahmt.
Die vorgelegten Muster müssen zahlreich und von großer Ver­
schiedenheit sein, um das Interesse des Delphins aufrechtzuerhal­
ten. Der Versuchsleiter kann lernen, irgendeinen ausgewählten
Aspekt oder Aspektgruppen der Sprechlaute, die nachgeahmt
werden sollen, auszuwählen, zu kontrollieren und damit den
Delphin zu »lehren«. Die so erforschten Grenzen des Delphins
waren: 1. die endgültig gelernte Tonlage ist hoch (400-1000 Hz);
2. die Formanten können bis zum zweiten und dritten Partial hinab
geübt werden; 3. die allgemeine Musterbildung ist ausgezeichnet;
komplizierte Muster werden bei ausgezeichneter Nachahmung in
höheren Frequenzlagen wiedergegeben. Je länger und häufiger
die Kontakte Mensch-Delphin sind, um so besser wird die Lei-
* Lilly, J. C., 1965, siehe Literaturverzeichnis.

226
stung. Längere, intensivere Kontakte erwiesen sich als notwen­
dig.
Diese Ergebnisse ermutigten zur Planung der hier beschriebenen
Untersuchungen. Um rasch vorwärtszukommen, wurde ein stän­
diger Kontakt am Tag und bei Nacht geplant. Das Analogon zu
diesem neuen Studium ist das Verhältnis zwischen Mutter und
Säugling, das von allen jenen Aktionen, Reaktionen, Zusammen­
hängen, Situationen und Emotionen bestimmt wird, die Zu­
sammenwirken, damit das Kind die Sprache der Mutter lernt.
Wir anerkennen, daß es bei der Mutter-Kind-Beziehung und
beim Erwerb der Sprache durch das Kind viele Unbekannten gibt.
Doch wenn wir 1. die geeignete »Mutter«, 2. den geeigneten Del­
phin, 3. die geeignete Umgebung, 4. das geeignete soziale Milieu
und 5. die geeignete Koordinierung all dieser Faktoren wählen,
meinen wir, daß diese Unbekannten aus jener Beziehung in die
neue Beziehung von Delphin und Mensch hineingebracht werden.
Die Erfolge bei der früheren Mimikryforschung und deren ermu­
tigende Ergebnisse werden zusätzlich berücksichtigt. Ein Haupt­
zweck dieses Projekts wird von der hier beteiligten »Mutter« so
ausgedrückt: »Ganz egal, wie lang das dauert, egal, wieviel Ar­
beit es macht - dieser Delphin wird englisch sprechen lernen!«.

Die Voraussetzungen
Die grundlegenden Meta-Voraussetzungen (»Voraussetzungen
von Voraussetzungen«) und die Voraussetzungen, die von den
Forschern für dieses Projekt erarbeitet wurden, sind heuristisch
wichtig. Die Voraussetzungen sind pragmatisch; wenn eine Vor­
aussetzung funktioniert, wird sie fixiert und angewendet; wenn
eine andere nicht funktioniert, wird sie verworfen. Erfolg oder
Nichterfolg einer gegebenen Voraussetzung wird mit Hilfe der
Resultate gemessen, die von einem Menschen erzielt werden, der
die Voraussetzung energisch und lange genug gebraucht. Der da­
mit befaßte Mensch ist nur ein Beurteiler der Ergebnisse: unab­
hängige Beurteiler, die nicht mit Delphinen arbeiten, prüfen das
aufgezeichnete Material an Tonbändern.
Die Grundeinstellung des menschlichen Partners ist wichtig und
bestimmt, wie er oder sie den Delphin während der Zusammen­

227
arbeit behandelt. Wenn einer zum Beispiel glaubt, daß alle Del­
phine gefährliche (obgleich gescheite) Tiere sind, traut er sich nicht
an sie heran, während eine Person, die glaubt, daß die Gefahr
nur infolge unpassender Annäherung an die Delphine auftritt,
es zumindest versucht. Im ersten Fall wird auf die Versuchsan­
näherungen zur Prüfung der Voraussetzung verzichtet; im zwei­
ten Fall werden Versuche angestellt, um den richtigen Zugang
zum Delphin zu ermitteln.
Die Voraussetzungen, die man über die möglichen Ebenen des
Verstehens seitens des Delphins annimmt, sind ebenfalls wichtig.
Wenn man glaubt, daß Delphine »kluge Tiere« sind, die man »leicht
abrichten« kann, dann beschränkt man sich auf das »Abrichten«
und übersieht die anderen Wege, die zum Delphin führen. Wenn
jemand glaubt, daß Delphine seine Handlungen und Worte eben­
so verstehen könnten wie ein anderer Mensch, dann gibt man
dem Delphin auf lange Sicht Gelegenheit, die Bedeutung der
Handlungen im engen Zusammenleben zu lernen. Dann arbeitet
man nicht nur mit dem Körper der Delphine und seinem eigenen
Körper, sondern gebraucht auch die Stimme und deren Mittel,
um sich vollständig und wirksam auszudrücken. Wenn man glaubt,
daß Delphine niemals Englisch lernen können, wird man niemals
versuchen, es ihnen beizubringen. Wenn man glaubt, daß sie nicht
nur das Gehirn dafür besitzen, es zu lernen, sondern auch Ohren,
es zu hören, und einen Stimmapparat, der die Aussprache bewäl­
tigen kann, dann wird man versuchen, den Delphin zum Englisch-
sprechen zu veranlassen.
Ein Glaube macht noch keine wirkliche Tatsache. Um die
(künftige) Tatsache »englisch-sprechende Delphine« zu erhalten,
muß man die erforderliche Zeit sowie Interesse, Energie, Geld
und Selbsthingabe investieren, um den Versuch ausreichend lange
Zeit hindurch zu betreiben; dann wird man sehen, ob die Tat­
sache durch die eigenen Bemühungen geschaffen werden kann.
Die Grundvoraussetzungen des menschlichen Partners und die
fortschreitenden Veränderungen kann man aus den Aufzeichnun­
gen ersehen, die diese Person vor, während und nach der Zusam­
menarbeit mit Delphinen gemacht hat. Sie sind ein Teil dieses
Berichts. Die Methode, die Voraussetzungen zu betrachten, ergibt

228
ein detailliertes Bild; doch daraus ergeben sich höchstens indirekt
die allgemeinen Voraussetzungen, unter denen die Person arbei­
tet. Es sind viele verschiedene Wege denkbar, diese Allgemeinhei­
ten auszudrücken. Einer der Aspekte wurde von einem der For­
scher (John C. Lilly) vor dem Beginn des Projekts in dem Buch
»Mensch und Delphin« dargestellt (der Mutter-Kind-Aspekt).
Ein anderer Weg wurde von ihm nach den Experimenten, unter
Berücksichtigung des menschlichen Partners sowie der Ergebnisse
und Aufzeichnungen folgendermaßen neu gefaßt:
1. In einer Umwelt, die so beschaffen ist, daß eine Begegnung
auf möglichst gleicher Ebene erfolgen kann, können ein Mensch
und ein Delphin wechselseitiges Vertrauen, wechselseitiges Ver­
stehen und gemeinsame Verständigungsmethoden entwickeln.
2. Der Mensch kann seine emotionalen Reaktionen dem Del­
phin mitteilen, und dieser kann in passender Form auf diese Reak­
tionen antworten.
3. Der Delphin kann seine emotionalen Zustände dem Men­
schen mitteilen, und dieser kann in passender Form antworten.
4. Der Delphin verfügt über strategische Konzepte, die er
benützen, und andere, die er bei den Interaktionen entwickeln
kann; gleich dem Menschen plant er voraus.
5. Es lassen sich nicht nur Techniken der Informationsüber­
mittlung erarbeiten, sondern der Delphin versteht auch »meta­
sprachliche« Weisungen, die ihm gegeben werden. Diese Instruk­
tionen beziehen sich etwa darauf, wie man nachahmt, wie man
ausspricht, wie die Lautstärke gesteigert oder die Tonhöhe her­
abgesetzt werden kann usw. (Das erstaunliche Ergebnis ist, daß
er nur das nachahmt, was er nachahmen soll. Er ahmt nicht die
Weisungen [Meta-Sprache] nach, die mit den nachzuahmenden
Worten [Sprache] gegeben werden.)
6. Der Delphin prüft den Menschen: Er weiß, was in einem be­
stimmten Augenblick erwünscht ist, kann es vorsätzlich »falsch«
madien, um eine Reaktion des Menschen hervorzulocken; er kann
es ebenso richtig machen, tut es aber nicht für seine eigenen Zwecke.
Einer dieser Zwecke ist, den Menschen zur Reaktion und zur
Fortsetzung der Interaktion mit ihm zu veranlassen.

229
Die Voraussetzungen des menschlichen Partners, also jene von
Margaret C. Howe, sind ihren eigenen Worten nach folgende:
1. Delphine sind durch ihre hohe Intelligenz in der Lage, sich
mit dem Menschen zu verständigen.
2. Delphine sind nicht nur zu dieser Verständigung befähigt,
sie sind auch begierig darauf und bereit, mit dem Menschen zu­
sammenzuarbeiten, um sie zu erreichen.
3. Der vermutlich beste Weg, zu dieser Verständigung zu kom­
men, besteht darin, eine Situation zu schaffen, in der Mensch und
Delphin so eng wie möglich für eine längere Zeit Zusammen­
leben.
4. Das ist ein langer Prozeß und schließt viele Einzelschritte
ein, von denen jeder überlegt und gefördert werden muß. Der
Versuch, sich mit einem Delphin auf englisch zu verständigen,
umfaßt zwei Hauptteile: Der Delphin muß erstens lernen, wie
die Worte mit Hilfe des Sprechapparates gebildet werden müs­
sen; und zweitens muß er die Bedeutung dessen, was er sagt,
lernen. Diese beiden Teile können getrennt oder zugleich erarbei­
tet werden.
5. Ein erster Schritt ist die Schaffung und Erhaltung gegensei­
tigen Vertrauens und wechselseitiger Belohnungen füreinander.

Margaret C. Howes Annahmen stimmen grundsätzlich mit de­


nen von John C. Lilly überein.

Notwendige Voraussetzungen für eine Mensch-Delphin-Anlage


Die ersten grundsätzlichen Notwendigkeiten sind Luft und
Meerwasser von geeigneter Temperatur. 27° bis 29° C soll die
Wassertemperatur betragen. Eine befriedigende Lufttemperatur
liegt zwischen 27° und 32° C. Sowohl Luft als auch Wasser müs­
sen beständig durch die Anlage strömen. Frisches, sauberes Meer­
wasser muß rasch genug durch die Anlage fließen, um die Ab­
fälle zu entfernen und die Temperatur zu erhalten. Eine natür­
liche Wasserbewegung, wie sie durch Wind, Wellenbildung und
Gezeitenhub entsteht, ist besser als die Verwendung von Pum­
pen (Tafelabb. 3).
Die Anlage sollte einige separate Abteilungen umfassen, die

230
unmittelbar nebeneinanderliegen und durch ungefährliche Gren­
zen voneinander getrennt sind: eine Tiefwasserzone, eine Seicht­
wasserzone und eine wasserlose bzw. trockene Zone.
Die Tiefwasserzone dient dem Delphin zur Entspannung; wenn
er mit großer Geschwindigkeit schwimmen oder schnelle dreidi­
mensionale Manöver ausführen will, so steht es ihm frei, das zu
tun. Das Wasser in dieser Zone ist jedoch zu tief, als daß der
Mensch sich längere Zeit zusammen mit dem Delphin hier aufhal­
ten könnte.
Das seichte Wasser ist jene Zone, in der die interessanten Er­
gebnisse erzielt werden. Diese Zone ist so seicht, daß der Mensch
bequem umhergehen, aber doch tief genug, daß der Delphin
bequem schwimmen kann. Das ist die Zone der Begegnung zwi­
schen Mensch und Delphin: das Gebiet der wechselseitigen An­
passung. Jeder von beiden gibt in diesem Gebiet bei der Zu­
sammenarbeit einiges von seinem gewohnten Komfort auf. Der
Delphin kann jederzeit dieses Gebiet verlassen. Er kann sicher
und bequem in die Tiefwasserzone gleiten. Ebenso kann der
menschliche Partner sicher und leicht in die wasserlose Zone ge­
langen.
Die wasserlose Zone besteht aus zwei Untergebieten. Das eine,
dem seichten Wasser unmittelbar angrenzend, kann die Feucht­
zone genannt werden. Es ist unausbleiblich, daß Wasserspritzer
durch die Bewegungen des Delphins in diese Feuchtzone gelangen.
Es ist ebenso unausbleiblich, daß der Mensch beim Abschütteln
des Wassers aus dem Seichtwasserraum den ersten Teil der Trok-
kenzone anspritzt. Im anderen Teil der Menschenzone muß es
völlig trockene Räume geben. Das ist die Zone, in der sich der
Mensch als Mensch entspannen kann. Sie ist komfortabel und
eben auf den Menschen zugeschnitten, für einen Delphin aber
gänzlich unbequem, furchterregend und bisweilen sogar gefähr­
lich.
Auf zwei zusätzliche Bereiche, die an diese angrenzen, sei noch
hingewiesen. Am Tiefwasserteil der Anlage sollte das Meer selbst
beginnen. Aus diesem kommen die Delphine in den ersten Raum.
Am anderen Ende der trockenen Zone beginnt die Zivilisation
am trockenen Land. Von hier kommen die menschlichen Partner,

231
und hierher kehren sie aus der Isolation zur Erholung zurüde.
(Wenn wir dem Delphin die Möglichkeit bieten könnten, auf
eine ähnliche Weise zur Erholung in das Meer zurückzukehren,
würden wir die Anlagen für ideal halten.) Einige Teile der oben
genannten Zonen sollten sich innerhalb des Gebäudes befinden,
geschützt vor der tropischen Sonne, und andere sollten außen
sein, Wind und Sonne und all den Launen tropischen Wetters
ausgesetzt.
Die Ernährung hat praktische und ideelle Aspekte. Idealerweise
sollte der Delphin so frei sein, daß er sich im Meer die notwendige
Nahrung zu erjagen und zu seiner Ausbildung durch den mensch­
lichen Partner in die Anlage zurückzukehren vermag. Bis zu dem
Tage, da das möglich sein wird, müssen die Menschen 15 bis 20
Pfund Fisch pro Tag und Delphin aufbringen. Butterfische sind
unserer Erfahrung nach die beste und vollständigste Nahrung für
den Delphin. Zu gewissen Zeiten des Jahres kann dieser Fisch
eingefroren in großen Mengen vom amerikanischen Festland be­
zogen werden. In Tiefkühlanlagen hält sich der Fischvorrat sehr
lange.
Was den menschlichen Partner betrifft, so können die meisten
der üblichen Nahrungsmittel verwendet werden. Praktische Er­
fahrung zeigt jedoch, daß leicht zubereitbare Nahrungsmittel am
geeignetsten sind. Ein etwas ungewöhnliches Nahrungsmittel für
den Menschen ist das Futter des Delphins: es hat sich jedoch ge­
zeigt, daß gebratener Butterfisch zeitweilig eine gute Kompro­
mißlösung ist.
Ein schwieriges Problem stellt die Energieversorgung und Be­
leuchtung dar. Wir haben Elektrizität als Hauptenergiequelle
und Propangas zum Kochen verwendet. Elektrizität (115 Volt)
ist gefährlich, wenn sie vollkommen vom Salzwasser umgeben ist.
Sowohl Delphin als auch Mensch könnten schwere Schläge erhal­
ten, Verbrennungen erleiden oder gar getötet werden, wenn bei
der Bedienung von Schaltern, Steckdosen oder Geräten ein Feh­
ler gemacht wird. In unmittelbarer Nähe des Meerwassers dürfen
keine Wandschalter, Steckdosen oder Geräte angebracht werden.
Wir fanden, daß wir Feuer und Schocks vermeiden, wenn wir
wasserfeste Beleuchtungen mit Kabeln versehen, die aus dem

232
Raum herausführen, und sie in einen trockenen, isolierten Raum
leiten, in dem sich der Schalter befindet.. Zum Kochen wurde ein
zweiflammiger Propangasofen benützt, bei dem die Gasversor­
gung außerhalb des Gebäudes liegt. Der Herd befindet sich hoch
genug über dem Wasser, um vor Meerwasserspritzern geschützt
zu sein. Um Nahrungsmittel frisch zu halten, wäre ein Gaskühl­
schrank willkommen. Möglicherweise wären niedervoltige Be­
leuchtungen den vorhandenen 115-Volt-Beleuchtungen vorzuzie­
hen.
Die zur Zeit vorhandene Anlage unterscheidet sich von dem
obigen Ideal in mancher Hinsicht. Die Tiefwasserzone befindet
sich mehr als 4,8 m unterhalb der Flachwasser- und Trockenzone.
Der Delphin muß also eine Wanderung im elektrischen Aufzug
machen, um vom flachen zum tiefen Wasser zu gelangen, und
umgekehrt (Tafelabb. 6). Das tiefe Wasser ist ein Schwimmbecken
in Meereshöhe, annähernd 20 m lang, 6 m breit und 1,4 m tief.
Es wird von den Wellen des Passatwindes mit frischem Meer­
wasser versorgt (Tafelabb. 4,5). Das ist unsere Behelfsmöglichkeit
für den Fall, daß die Pumpen versagen, die das Wasser in die
höher gelegenen Teile des Hauses bringen.
Die Seichtwasserzone, der »Begegnungsraum«, besteht aus zwei
Gebieten. Das innen gelegene mißt 12 x 6 m und das außen be­
findliche 6 x 6 m (siehe Photos).
Im innen gelegenen Seichtwasserraum sind die Schlaf-, Koch-
und Nebenräume für den Menschen. Analoge Funktionen des
Delphins werden irgendwo in den beiden Zonen ausgeführt.
Die Trockenzone bildet den Rest des Gebäudes und enthält
den Fischvorrat, ferner die Nahrungsmittelvorräte für den Men­
schen (einschließlich eines Kühlschranks), Toiletten und, falls be­
nötigt, eine trockene Schlafgelegenheit.
Eine Besonderheit der Seichtwasser-Anlage: Der Binnenraum
besitzt ein »Tonstudio« von 6x4 Metern, mit Schallisolationen
an den Mauern und an der Decke, um eine Aufnahme in der Luft
bei minimalen Echos zu ermöglichen. Die Aufzeichnungen selbst
werden mit Tonbandgeräten gemacht, die sich in einem angren­
zenden Trockenraum befinden. Die Mikrophone sind durch ge­
eignete Plastikbeutel geschützt und hängen von der Decke in

233
die Aufnahmezone. Der stimmliche Austausch findet möglichst in
dieser Zone statt. Einige Interaktionen erfolgen jedoch außen auf
der Balkonanlage und können daher nicht aufgezeichnet werden.
Die Einzelheiten der Anlage sind den Photos und ihren Unter­
schriften zu entnehmen. Einen Grundriß der Anlage zeigt die
Abbildung 14.

Geschichte
Wir wollen an dieser Stelle eine kurzgefaßte Übersicht über
die »Geschichte« des menschlichen Partners in seinen Beziehungen
zu Delphinen vorlegen.
Am 7. Februar 1964 wurde Miss Margaret C. Howe Mitarbei­
terin des Communication Research Institute auf St. Thomas. Bis
zu dieser Zeit hatte sie Delphine nur einmal kurz in einem Del­
phinzirkus in Florida gesehen. Vom 7. Februar 1964 bis zum
5. April 1964 arbeitete sie mit Delphinen, hauptsächlich mit
Peter, einem männlichen Delphin, die sich in den Fiberglasbehäl­
tern (zu dieser Zeit im oberen Geschoß, in dem Raum, der später
unter Wasser gesetzt wurde) befanden. Die beiden übrigen Tiere
waren jeweils im Meeresbecken. Während dieser Zeit hat sie an
vier Tagen (10.-13. April) ihre ersten Lautübungen mit Peter ge­
macht. Bei dieser Arbeit forderte sie, daß er einen Laut abgab,
bevor er einen Fisch bekam. Das war Peters erster Einsatz in die­
ser Form.
Am 15. April 1964 wurde Pamela (ein weiblicher Delphin)
nach oben gebracht und in den Behälter zu Peter gesetzt. Von
diesem Datum an bis zum 17. Mai arbeitete Margaret Howe mit
Pamela und Peter im Fiberglasbehälter.
Am 18. Mai 1964 wurde Sissy nach oben gebracht und in den
Behälter zu den beiden anderen Delphinen gesetzt. Margaret
führte ihre Beobachtungen und Arbeiten mit allen dreien fort.
Seit den vier Tagen im April fanden keine Lautübungen mit
irgendeinem der Delphine statt.
Am 22. Mai 1964 wurden alle drei Delphine in den Meeres­
behälter verbracht, und Margaret sah zum erstenmal alle drei
zusammen durch das Bullauge unter der Wasserlinie. An
diesem Tag begannen einige der Mitarbeiter des Laborato-

234
Abb. 14. Der Grundriß des St.-Thomas-Laboratoriums, der die Lage der
überfluteten Zonen für das Zusammenleben-Experiment zeigt.

Der Balkon ist links, der Innenraum rechts (schräg schraffiert). Der
Meerwasserteich befindet sich unmittelbar unter diesen beiden Räumen,
4,8 m unterhalb des Fußbodens. Das Meerwasser wurde in diesem Raum
während des Experiments auf einer Höhe von 46 cm erhalten.

235
riums das Verhalten der Tiere zu protokollieren. Diese Arbeit
wurde bis zum 25. August 1964 fortgesetzt.
Vom 25. August bis zum 1. Oktober fuhr Margaret fort, die
Delphine unter Wasser zu beobachten. Ihre Hauptbemühungen
galten der Auswertung der Daten aus den vergangenen Mona­
ten. Tonband und Filmaufnahmen vom Verhalten der Tiere wur­
den bearbeitet. Während dieses ganzen Zeitraumes verblieben alle
drei Delphine in dem Meeresbecken.
Vom 2. bis zum 15. Oktober 1964 fand eine allgemeine Um­
stellung im Laboratorium statt. Das Personal wurde ausgewech­
selt, und Planungen für eine völlige Änderung der Forschungs­
richtung und des Forschungsprogrammes wurden entwickelt. Die
drei Delphine verblieben im Meeresbecken.
Vom 15. bis zum 31. Oktober 1964 arbeitete Margaret Howe
zum erstenmal selbständig im Laboratorium. Sie wurde vollver­
antwortlich in ihr Amt eingesetzt. Sie lernte, den Elektronenappa­
rat zur Aufzeichnung der verschiedenen Lautbildungen über und
unter Wasser zu bedienen. Sie machte ihre ersten Versuche mit
Lautübungen bei jedem der drei Tiere im Meeresbecken. Einige
wichtige Tonbänder entstanden in dieser Zeit.
Am 2. November 1964 wurde Peter nach oben gebracht und
allein in den Fiberglasbehälter gesetzt. Margaret konzentrierte
sich jetzt auf die Lautübungen mit ihm. Hiermit beginnen die
gegenwärtig wichtigen Daten. In diesen Übergangsphasen erhielt
Margaret die ersten Antworten von Peter, allerdings noch mit
Lauten, die nicht in den Luftraum abgegeben wurden, und er
lernte die Spielregeln. Als er auf den Einfall kam, die in die Luft
abgegebenen Laute mit ebensolchen zu beantworten, fing er an,
in der Luft zu schnarren, zu pfeifen und humanoide Laute aus­
zustoßen. Diese Bemühungen wurden dadurch ermuntert, daß
man seine humanoiden Lautäußerungen mit besonderem Nach­
druck förderte. Sobald Peter begriff, daß Margaret die huma­
noiden Laute wünschte, unterbrach er sie beständig und mußte
lernen zuzuhören. Darin bestand der nächste Teil des Programms.
Bis zum 9. Januar 1965 wurden dabei gute Fortschritte erzielt.
An diesem Tag wurde Peter wieder in das Meeresbecken
gesetzt. Nun wurde Pamela nach oben in den Fiberglas­

236
behälter gebracht. Vom 9. Januar bis zum 19. März 1965 arbei­
tete Margaret mit Pamela, wobei Stimmbildung und enger Kon­
takt zum Menschen im Vordergrund standen, ln dem Zeitabschnitt
vom 20. bis zum 27. März wurde das Sieben-Tage-Experiment
ausgeführt. Margaret lebte im Behälter mit Pamela. Vom
28. März bis zum 19. April blieb Pamela oben, Margaret setzte
ihre Lautübungen mit ihr fort, Peter und Sissy waren im Meeres­
becken. Am 20. April 1965 wurde Peter nach oben gebracht, wäh­
rend Pamela in das Meeresbecken zurückgesetzt wurde.
Bis zum 12. Mai 1965 übten Margaret und Peter zusammen
den stimmlichen Austausch. Am 13. Mai wurde Peter in den
Meeresbehälter zu Sissy und Pamela zurückgesetzt. Er blieb dort,
während Miss Howe zur Vorbereitung des Zweieinhalb-Monate-
Experiments die notwendigen Änderungen in der Anlage vor­
nahm.
Am 14. Juni wurde Peter wieder nach oben gebracht und in
die neue Anlage der Seichtwasserzone gesetzt. Am 15. Juni be­
gab sich Margaret Howe zu ihm in den Raum und begann das
zweieinhalbmonatige Zusammenleben im Wasser.
Am 1. September 1965 verließ Margaret Howe den »Naß­
raum«. Zwischen dem 14. September und dem 4. Oktober war
Margaret nicht im Laboratorium. Peter wurde am 13. September
in das Meeresbecken gebracht und kam am 19. September wie­
der nach oben in das Seichtwasserbecken.
Die obige Geschichte bringt keine Beschreibung von mögli­
cherweise wichtigen Faktoren in der Entwicklung von Margaret
Howes Ausbildung und Erfahrungen. Die Ergebnisse ihrer Er­
fahrungen werden am besten von Margaret selbst wiedergege­
ben. Von hier an werden, wo es angezeigt ist, Margarets Äuße­
rungen wörtlich zitiert.
Margaret Howes Erfahrungen im Communication Research In­
stitute, Dolphin Point, Laboratory auf St. Thomas, lassen sich
folgendermaßen zusammenfassen:
Vom 7. Februar 1964 bis zur zweiten Hälfte des Oktobers
1964 war Margaret Mitglied einer Gruppe von neun Menschen,
die über das Verhalten der drei Delphine arbeiteten. Von annä­
hernd dem 20. Oktober 1964 bis heute betrieb Margaret mit Unter-

237
Stützung von Dr. Lilly, der in der Lage war, jeden Monat etwa
fünf Tage im Laboratorium zu verbringen, dieses spezielle For­
schungsprojekt. Margarets Team während dieser zwölf Monate
bestand aus ihr selbst und zwei oder drei Arbeitern. Zwei Arbei­
ter, Richard Turnbull und Aubrey Pickering, hatten bereits
einige Erfahrung in den besonderen Methoden des Umgangs mit
den Delphinen in ihrer Fütterung und Pflege.
Während der Periode, die Margaret im Laboratorium mit acht
anderen Menschen und den drei Delphinen verbrachte, beschäftigte
sie sich drei Monate lang mit der Beobachtung des Verhaltens
der Delphine und der Niederschrift ihrer Beobachtungen. Die Er­
fahrungen dieser Zeit waren für sie im Hinblick auf die gegen­
wärtigen Versuche sehr wichtig und nützlich. Die Perspektive der
damaligen Periode, die zu den neueren Experimenten in Marga­
rets Leben führte, wird am besten durch einen Auszug aus ihren
Aufzeichnungen wiedergegeben:

Donnerstag, den 13. August 196-4. Zeit: 11.04 Uhr. Die Sicht
ist gut. Pam schwimmt die volle Länge des Beckens. Pam und Pe­
ter ruhen beim Einfluß. Sissy kreist, gibt Sonarlaute durch das
Hydrophon ab. Peter kreist langsam. Jetzt jagt Sissy Peter. Er
schnappt nach ihr. Er macht drei Halbsprünge, sie wirbeln umher,
Sissy öffnet ihr Maul weit und läßt ihre Zähne an seinem Rücken
herabgleiten. Peter dreht sich um, er ist nun unter ihr. Peter
beißt in ihre Kehle. Es beginnt eine Serie von Sonarlauten, gleich
einer knarrenden Tür. Sissy schwimmt zu Pam, Peter folgt ihr,
beißt in ihren Schwanz. Sie treiben sich. Peter wieder bauchoben.
Sie schwimmen Maul an Maul.
11.10 Uhr. Peter schnappt heftig nach Sissys Auge. Er schiebt
seinen Kopf unter ihre Genitalregion und stößt fest nach oben;
nun beginnt Sissy zu quäken, »wuuuu, wuuuuuu«. Sie kreist von
Peter weg, jetzt wieder zu ihm. Er schwimmt in engen Kreisen
hinter ihrem Schwanz, häufiges lautes »wuuuuuu, wuuuuuu«.
Sissy schreit und entläßt dabei einen stetigen Strom von Luft­
blasen aus ihrem Blasloch. In der Mitte des Beckens stellen sie sich
Gesicht zu Gesicht, berühren sich aber nicht. Nasen etwa 1,30 m
voneinander entfernt. Plötzlich windet sich Peter mit offenem

238
Maul auf Sissy zu. Sissy geht zu Pam, und sie kreuzen zusam­
men. Peter fährt dazwischen, legt sich mit Sissy an, ruft klagend
»wäh, wäh«. (Zeit zum Schreiben.) Pams rechtes Auge geschlos­
sen, kreuzt nun mit Sissy. Peter ist allein, schwimmt um das Bek-
ken, den Bauch zur Wand. Peter wendet den Bauch nach oben
und beginnt Pam zu verfolgen. Pam springt dreimal aus dem
Wasser, wobei sie sich jedesmal umdreht. Pam schwimmt langsa­
mer, Peter wird bei seiner Jagd sofort ruhiger, Pam fährt mit
der Nase an Peters Genitalregion entlang, Sissy schließt sich ihnen
an, und die drei kreisen zusammen.
11.15 Uhr. Peter bauchoben, beknabbert Sissy. Sissy dreht
ebenfalls den Bauch nach oben, fährt dabei mit dem »Wuuuuuu,
wuuuuuu« fort. Ich kann den Luftbläschenstrom sehen ... die
drei kreuzen schweigend, ziellos, Peter eine Länge voraus, Sissy
außen und gleichauf mit Pam, die innen schwimmt. Sie machen
eine Pause und ruhen an der Oberfläche (Zeit zum Schreiben).
11.20 Uhr. Peter und Pam haben beide das rechte Auge ge­
schlossen. Sissy kreist langsam im Becken. Tändelt mit einem
Rasenstück. Pam bewegt sich wellenförmig am Ort, Peter be­
ginnt sie erregt zu umkreisen, dabei stets die Bauchseite ihr zuge­
kehrt. Sissy verhält nahebei - Peter dreht bei und echolotet Pams
Genitalregion. Pam bewegt sich langsam im Kreis, Peter folgt.
Peter führt, Pam echolotet Fisch unter dem Gitter, Sissy ruht
nahe bei Pam. Die Lebhaftigkeit läßt nach, alle drei scheinen zu
ruhen und tun nichts Besonderes. Einander-Abschnuppern, Ge­
nitalien-Echoloten, Spielen mit Gras, alles das scheint für diesen
Tag vorbei zu sein. Sissy ist allein. Nun springt sie halb heraus,
schlägt das Wasser mit ihrer Seite, wieder und wieder, fonp,
fonp, sie schießt nach unten. Das muß aufregend sein. Für einige
Zeit schenkt ihr niemand Aufmerksamkeit. Sie fährt fort. Plötz­
lich sieht Peter sie vom gegenüberliegenden Ende des Bedkens
her an, und ich kann ihn wie toll echoloten hören. Er rückt lang­
sam an sie heran, die Schnelligkeit wächst, und nun schießt er
mit offenem Maul heran. Sie treiben sich. Pam kommt heran und
schaut zu. Peter quäkt, rast, versucht die Genitalregion an Pam
zu pressen, keine Erektion, sie jagen sich heftig, Mengen von
Luftblasen. Sissy beginnt mit Sprüngen, und Peter macht es ihr

239
nach. Pam schießt umher, Peter drückt die Nase in Sissys Hals,
Sissys Schwanzflossen schnellen über Peters Genitalien, plötzlich
ist es ruhig. Ruheperiode. Ganz plötzlich plärrt Sissy und jagt
hinter Peters Schwanz nach. (Pause für Notizen.) Peter und Sissy
wirbeln umher, Peter scheint die Richtung zu geben, stößt sie
umher, beknabbert sie hier und dort, und es scheint, daß ihre Ge­
nitalregionen recht oft in Kontakt kommen. Dabei geht es sehr
lebhaft zu. Pam verhält sich bei den Versuchen ruhig.
11.35 Uhr. Pam hält nahe bei Sissy, Peter und Sissy scheinen
aufeinander böse zu sein, stoßen sich, beknabbern sich und schel­
ten miteinander »wäh, wäh«, Sissy geht an Peter vorbei und
ruft »wäh«. Sie schlägt ihn mit ihrem ganzen Schwanz. Ich kann
die Brandung des Wassers merken, wie es gegen das Bullauge
stößt. Pam hält sich heraus, steht aber nahe bei Sissy.
11.45 Uhr. Plötzlich ist das Gefecht vorüber, und die drei ru­
hen dicht beisammen am Einfluß.
Ich bin verwirrt über die Weise, wie ein heftig aussehendes und
lebensgefährlich klingendes Gezänk in einem großen »Nichts« en­
den kann. Ganz plötzlich abgestellt, rasten sie danach Seite an
Seite, anscheinend nicht an einer Fortsetzung des Zankes interes­
siert???? M.Howe

Die gesammelten Notizen, Beobachtungen und vereinzelten


Tonbänder aus dieser Periode von Margaret Howes Erforschung
der Delphine sind aufbewahrt und werden von ihr bei der Nie­
derschrift eines Berichtes darüber benützt.
Ich bat Margaret Anfang März 1965 um einen Bericht über
ihre Meinung von den Delphinen und deren mögliche »Lebens­
auffassung«, mit der Weisung, »frei von der Leber weg die Dinge
darzustellen«, und außerdem darum, das Buch »Planet of the
Apes« von Pierre Boulle zu lesen und zu kommentieren. Diese
beiden Niederschriften enthalten Informationen über Margarets
Grundvorstellungen und werden deshalb hier angeschlossen.

Frei von der Leber weg die Dinge darstellen


Ich habe auf zwei verschiedene Weisen mit Delphinen gearbei­
tet: Einmal beobachtete ich eine Zeitlang drei Tiere (Peter, Pam
und Sissy) in einem Meerwasserbecken, das Einsicht in das Ge-

240
schehen unter Wasser bot; zweitens habe ich intensiv mit jeweils
einem Tier gearbeitet, um ihnen sowohl Englisch als auch Zahlen­
systeme beizubringen, und war hierbei mit ihnen in engem Kon­
takt. Ich bin mit den Tieren zusammen geschwommen. Ein halbes
Jahr lang habe ich in einem Laboratorium gearbeitet, dessen
einzige Bewohner die drei Delphine waren. Seit ich mein Zuhause
verlassen habe, um zur Schule zu gehen, ist das die längste Zeit,
die ich mit irgendeinem anderen lebenden Wesen im selben Wohn-
raum zugebracht habe.
Das Leben in einer so andersartigen Umgebung eliminiert be­
stimmte allgemeine Faktoren (Kleider, Konflikte im Sozialleben,
Nahrungsteilung, usw.): es eliminiert jedoch nicht die Verständi­
gung und das Einander-Bewußt-Werden. Ich kann jeden Del­
phin hören oder von jedem Teil des Gebäudes her zu ihm spre­
chen. Diese Verständigung schließt natürlich nicht ihre sehr ho­
hen Frequenzen oder ihre Unterwasserlaute ein. Sie umfaßt hin­
gegen alle Luftemissionen oder laute Unterwassergeräusche. Ich
schlafe gewöhnlich ziemlich leicht, und ein Delphin (der eine, der
in dem Behälter nächst meinem Schlafraum sein muß) kann mich
während der Nacht aufwecken. Ich möchte sagen, hier würde ich
gern eine noch intimere Lebenssituation für Mensch und Delphin
ausarbeiten und verwirklichen.
In meinen Arbeitstagen mit den Delphinen und meinem engen
Zusammenleben mit ihnen habe ich vieles über ihre spezifische
Intelligenz, ihre Lernfähigkeit und ihre Persönlichkeit gelernt.
Ich habe manches über die Delphinsozietät gelernt, wie sie unter
den dreien besteht, und über die Mensch-Delphin-Sozietät, wie sie
unter uns vieren besteht. Ich habe einiges über ihre Ethik oder
Zivilisation gelernt. Dieser Bericht wird sich nicht direkt mit
der Intelligenz und mit pädagogischen Problemen befassen; er
ist mehr ein allgemeiner Weg zum Lebenskodex des Delphins.
Beim Beobachten von zusammenlebenden Tieren gibt es so viel
zu sehen, daß man eine gute Weile braucht, bis man überhaupt
irgend etwas »sieht«. Sie sind ständig so miteinander beschäftigt,
und ihr Verhalten wiederholt sich so selten in gleicher Form, daß
man nur schwer erfassen kann, was man eben sieht. Tatsächlich
sieht man zumindest für eine Weile einfach einen Schnabel und

241
dien. Wenn eines unserer Tiere hungrig ist (ich habe das viele
Male selbst getestet), »nimmt« es nur zögernd einen Fisch aus
dem menschlichen Griff heraus. Ein Delphin kommt an und greift
das Ende des Fisches mit dem Maul; fühlt er nur einen leisen
Widerstand, läßt er ihn los oder hält ihn weiterhin fest - aber
nur selten wird er ihn wegziehen. Der Delphin muß wissen,
daß dieser Fisch letztlich ihm »gehört«; es scheint so zu sein, daß
er zögert, aus der Menschenhand einen Fisch »wegzunehmen«.
Leichter übernimmt er den Fisch, wenn sich zwischen diesem und
der Hand ein »neutrales Gebiet« befindet.
Auf dieser Linie lag auch ein anderes Vorkommnis zwischen
Sissy und mir.
Neben dem Becken filmte ein Kamerateam. Ich schwamm zu­
sammen mit Sissy. Wir hatten ein wenig gespielt, und ich trug
keine Maske. Diese lag auf einer Mauer dicht über dem Wasser­
spiegel. Eine Wellenbewegung spülte sie in das Wasser, und sie
sank etwa 60 cm tief auf den Grund hinab. Einen Augenblick lang
konnte ich sie nicht finden und entdeckte danach, daß Sissy sie
aufhob. Ich kam heran, um sie an mich zu nehmen, da sank Sissy
ein Stück und »saß« nun auf der Maske. Das zeigte mir an, daß
es, zumindest für den Augenblick, nun »ihre« Maske war. Ich
versuchte einige Minuten lang (während das Kamerateam amü­
siert zusah), die Makse von Sissy zu bekommen. Sissy stieß midi
mit ihrem Schnabel an, und ich zog mich zurück. Wir mußten
mit den Filmaufnahmen weiterkommen, doch das war meine
einzige gutsitzende Maske. Ich erhielt eine andere Maske und
warf sie etwa eineinhalb Meter weit von mir; sie ging unter. Sissy
wurde neugierig und schwamm hin, um sie zu untersuchen. Ich
bückte mich, um »meine« Maske aufzuheben; Sissy kam stracks
durch das Becken auf mich zu, bellend und das Maul gegen mich
öffnend und schließend. Ich erschrak und zog mich zurück. Rück­
blickend bin ich auf midi selbst böse, denn ich hatte das »Delphin­
gesetz« gebrochen. Ich weiß ganz genau, daß ich die Maske nicht
hätte »wegnehmen« dürfen, doch menschlicher Betrug hatte mich
gelehrt, wie man sie bekommen könnte. Ich glaube, ein anderer
Delphin hätte die Maske Sissy nicht »weggenommen«, er hätte
auch keinen Trick angewandt.

244
Ein anderer interessanter Punkt: Ich ging einige Minuten spä­
ter in das Wasser zurück und beendete die Filmaufnahmen mit
Sissy. Ich war ein wenig vorsichtig, da ich erwartete, Sissy sei
böse oder grolle. Nichts dergleichen. Sissy hatte den Vorfall ver­
gessen oder betrachtete ihn als erledigt. Es war wieder »meine«
Maske.
Mit einzelnen Delphinen begann ich eine neue Reihe von Be­
gegnungen. In einem höhergelegenen kleineren Behälter arbeitete
ich intensiv mit jeweils einem Delphin, dem ich Englisch und eine
Zahlenreihe beibringen wollte. Ich habe auf diese Weise mit Pe­
ter, dem jungen Männchen, und mit einem der Weibchen, nämlich
mit Pamela, gearbeitet.
Peter ist jung, kindisch und neigt dazu, der »ungezogenste«
der drei Delphine zu sein. Er hat Spaß an solchem Unfug, wie
den Ausfluß seines Behälters mit einem Spielzeug zu verstopfen,
so daß der Behälter randvoll wird und schließlich überläuft. Ich
kam herein und fand Peter vergnügt in seinem großen mißhandel­
ten Behälter. Ich schalt ihn auf englisch aus. (Ich versuchte beim
Delphin niemals handgreiflich Disziplin zu erreichen, wie etwa
durch einen festen Schlag auf den Kopf.) Peter antwortet mit
einem leichten Schmollen, neigt aber weiterhin sehr zum »Unge­
zogensein«, wenn er eine Gelegenheit dazu hat.
Als ich Peter erstmals traf, war er sehr bestrebt, mit anderen
Personen zu spielen. Dazu gehörte auch, daß er einen menschli­
chen Arm oder eine Hand in sein Maul nahm und sein Zahn­
fleisch daran rieb. Da ich noch eine »grüne Anfängerin« war,
nahm ich an diesem Spiel nicht teil und verweigerte es. Peter
lernte bald, daß er mich nicht mit offenem Maul schrecken dürfe,
war nun sehr sachte mit mir und öffnete das Maul nur selten.
Ich sage selten, denn das betrifft einen anderen Punkt.
Ich habe ohne Ausnahme gefunden, daß jeder der drei Del­
phine, wenn ihm Mißvergnügen oder Ärger vom Menschen berei­
tet wurde, den Menschen zuerst »androhte« oder »warnte«, ehe
er weitere Disziplinarmaßnahmen ergriff. Dieses Drohen besteht
1. aus dem öffnen und Schließen des Mauls in einer warnenden
Weise; 2. aus schnellem Auf- und Niederschlagen des Kopfes oder
seitlichen Kopfbewegungen, in einer »Geh-weg«-Geste, oder

245
3. aus einem stimmlichen »wäh, wäh«, das Ärger anzeigt. Ich habe
alle drei Methoden des Warnens erlebt und bald gelernt, es zu
respektieren. Das wird von den Delphinen auch erwartet.
Alles das fügt sich zu einer sehr sympathischen Lebenseinstel­
lung zusammen. Besitz hat man, aber man »erkämpft« ihn nicht.
Menschen oder Tiere werden »gewarnt«, wenn sie irgend etwas
falsch machen. Züchtigungen sind kurz, völlig eindeutig und
danach erledigt. Können diese Tiere nicht zu einem sehr aggres­
siven, feindlichen, mit einem Wort »menschlichen« Handeln pro­
voziert werden?
Bei einer Gelegenheit beobachtete ich Peter in einer Situation,
die sicherlich nach einer solchen Reaktion zu schreien schien. Ei­
nige Monate lang hatte ich einen persönlichen Kampf mit einer
Ratte im Labor durchzustehen. Ein schlaues Biest, das mir gele­
gentlich einen Blick auf einen verschwindenden Schwanz bot und
in der Nacht liebliche Spuren seiner Anwesenheit hinterließ. Die
Ratte turnte auch auf den Drähten herum, die zu den Lampen
über Peters Becken führten. Eines Nachts drehte ich die Beleuch­
tung an, wobei ich die Ratte offensichtlich erschreckte. Sie fiel
klatschend mitten in Peters Behälter. Drei Freunde, die zu Be­
such gekommen waren, und ich stürzten hinzu, um Zeugen des
Geschehens zu sein. Die Seiten des Behälters sind glatt und leicht
übergeneigt, die Ratte konnte also nicht herausklettern. Alle Leute
rund um den Behälter, einschließlich meiner, waren gespannt, Pe­
ter nach ihr schnappen, sie umherstoßen, ertränken, in die Luft
werfen, kurz, irgend etwas mit der Ratte tun zu sehen. Peter
schaute die Ratte an, echolotete sie kurz, stieß ein wenig nach ihr
und ignorierte sie dann. Peter war viel mehr an den Leuten um sich
herum interessiert, die offensichtlich über irgend etwas sehr erregt
waren. Ich versuchte die Ratte mit einem Stück Brett über Wasser
zu halten. Wieder warf Peter einen Blick auf das Ding, stieß es
kurz an, und weiter geschah nichts\ Wir verbrachten damit eine
halbe Stunde und konnten einfach nicht glauben, daß Peter seine
Kiefer nicht öffnete und die Ratte verschlang oder zumindest
verstümmelte. Es geschah wirklich nichts, der Zwischenfall war
zu Ende, und ich setzte die Ratte in den Ausfluß und sandte sie
auf ihr eigenes Begräbnis ins Meer. Wieder hatte Peter hier die

246
Möglichkeit eines nicht-feindlichen Verhaltens vorgeführt. Wie
erfreulich!
Im Zusammenhang mit diesem Fehlen von Feindseligkeit beim
Delphin muß eine gewisse Vorsicht erklärt werden, die mögli­
cherweise aus dem Leben der Delphine im Meer und den damit
verbundenen Notwendigkeiten stammt. Jedes neue Objekt, das
in den Behälter zu dem Delphin gebracht wird, wird zuerst echo­
gelotet und visuell beobachtet, ehe es berührt wird. Das gilt
fiir ein kleines Stückchen Papier genausogut wie für einen Men­
schen. Selbst ein kleiner lebender Fisch, der in den Behälter ge­
worfen wird, wird erst sorgsam echogelotet, ehe er geschnappt
wird, falls er überhaupt geschnappt wird. Unsere Tiere werden
mit toten Fischen gefüttert, und zwar so gut, daß es schwer ist,
eine normale Reaktion auf einen lebenden Fisch zu beobachten.
Mit dem Anführen dieser verschiedenen Beispiele habe ich nicht
die Absicht, den Eindruck zu erwecken, als ob den Delphinen je­
de Form von Gewaltätigkeit völlig abginge. Sie sind sehr kräf­
tige, schnelle Tiere, die in Augenblicken des »Stress« einer sehr
eindrucksvollen Stärke fähig sind. Aber ich möchte die Möglidi-
keit andeuten, daß ihnen das Drehen und Wenden, das Betrü­
gen, Stehlen und Lügen sowie andere anscheinend kleine, aber
doch abwegige Lebensäußerungen, die menschlicher Schwäche ent­
stammen, völlig fehlen. Nach allem, was ich beobachtet und erlebt
habe, kann ich mir nicht vorstellen, daß eine Delphinzeitung
- falls es sie gäbe - Artikel über Raub, Mord, Unredlichkeit,
Pflichtvergessenheit oder Aufruhr enthalten würde.
Die Arbeit, die beiden Arten, Mensch und Delphin, kommuni­
kativ zusammenzugesellen, ist sehr neu, schreitet aber im Ver­
hältnis zu den auftretenden Hindernissen rasch voran. Der größte
Faktor bei diesem raschen Fortschritt ist nicht nur das sich ver­
tiefende menschliche Interesse und die gespannte Erwartung weit­
reichender Möglichkeiten, sondern auch das eigene Interesse der
Delphine und ihre Mitarbeit in einem offensichtlich ebenso star­
ken Bestreben, »damit vorwärtszukommen«. Wir müssen uns dar­
an erinnern, daß sie, da sie mit uns leben und arbeiten, nicht nur
die englische Sprache, Zahlenreihen usw. lernen, sondern genau
wie wir auch eine andere Form zu leben. Hier ergeben sich neue

247
ethische und moralische Begriffe. Wir wollen uns von Anfang
an entschließen, bei allen Äußerungen über das, was wir die Del­
phine beobachten, lernen und instinktiv »fühlen« lassen, vor­
sichtig zu sein. Wir wollen gegenüber den Möglichkeiten des Ler­
nens unter Anwendung dessen, was wir lernen, aufgeschlossen
sein; wir lernen es von dem friedvollen, sanften und - was in
einer Zeit, da Magengeschwüre und Nägelkauen zu unserem All­
tagsleben gehören, nicht übersehen werden darf - glücklichen
Delphin!! [Ende des Berichts von Margaret Howe]

»Der Planet der Affen« von Pierre Boulle


Ich fand diesen Rollentausch zwischen Mensch und Menschen­
affen in der stammesgeschichtlichen Entwicklung köstlich und
geistvoll; unterstellt man die Intelligenz des Delphins den Men­
schenaffen, wird er völlig glaubwürdig.
Es gibt jedoch einen Punkt, der das Gesamtschema des Buches
bestimmt und mich tief beunruhigt:
Das Schema verläuft so:
(1) Erde: Der Mensch dominiert, der Menschenaffe ist unterge­
ordnet.
(2) Betelgeuse: Der Menschenaffe dominiert, der Mensch ist
untergeordnet.
(3) Erde: Der Menschenaffe dominiert, der Mensch ist unter­
geordnet, und alles spricht dafür, daß, wenn unsere Reisenden
auf den Planeten der Menschenaffen zurückgekehrt wären, folgen­
des Verhältnis eintreten würde:
(4) Betelgeuse: Der Mensch dominiert, und der Menschenaffe
ist untergeordnet.
Warum, warum, warum muß es eine Dominanz und eine Un­
terordnung geben??? Warum muß der Mensch herrschen, und
warum muß der Menschenaffe herrsdien?
Ich habe jeden Tag Gelegenheit, einem Tier (Delphin) direkt
in das Auge zu sehen, zu ihm zu sprechen, ihm zuzuhören, zuzu­
lächeln, es auszuschelten und auf irgendeine Weise zu versuchen,
die sprachliche Kluft zu überbrücken, die zwischen mir und dieser
anderen Intelligenz existiert, deren Vorhandensein ich längst als
Tatsache akzeptiert habe.

248
Aber nie und nimmer habe ich mir vorgestellt, daß der Del­
phin, wenn er eines Tages die Form unserer Intelligenz begriffen
hat, so weit gehen würde, diesen Planeten »beherrschen« zu wol­
len. Ebensowenig, wie ich mir jemals vorgestellt habe, daß der
Mensch sich bemühen müsse, den Delphin unterzuordnen und
»unter Kontrolle« zu bringen.
Kann es sein, wie Boulle unterstellt, daß innerhalb eines Le­
bensraumes oder Landes nur eine Art eine höhere Intelligenz ha­
ben darf? Das wäre möglich. In diesem Fall könnten Mensch und
Delphin auf gleicher Ebene existieren. ... Der Mensch an Land
und der Delphin im Wasser.
Doch diese Vereinfachung ist Unsinn. Land, Meer und Luft ver­
schmelzen in einem intelligenten Wesen zu einer Einheit. So kön­
nen wir nicht annehmen, daß die Menschen an Land und die
Cetacea (Delphine) im Wasser am intelligentesten sind. Wir müs­
sen uns mit dem Gedanken abfinden, daß es auf diesem Planeten
zwei gleiche Intelligenzformen auf gleicher Grundlage gibt. Dies
könnte bereits so sein, wobei das fehlende Bindeglied die Kom­
munikation wäre. Wenn dieses Glied einmal nicht mehr fehlt und
der Delphin und der Mensch Gedanken einander mitteilen kön­
nen (und dieser Tag wird kommen), werden wir dann einer krie­
gerischen Auseinandersetzung entgegensehen? Mit einer Eroberer­
oder Erobertsein-Atmosphäre? Ich hoffe nicht.
Zurückblickend hätte es sein können, daß an Stelle der glück­
lichen bisexuellen Gesellschaft, in der wir leben, uns das Geschick
zu einer monosexuellen Gesellschaft gezwungen hätte, und zwar
einfach durch dieses verbohrte »einer muß der Oberste sein«.
Vorwärtsschauend könnte es ganz gut sein, daß wir es eines
Tages schwer vorstellbar finden werden, daß es nur eine mono­
spezifische Gesellschaft geben solle ... da wir dann in unserer
ganz normalen bispezifischen Kultur glücklich leben ... der von
Mensch und Delphin.
Margaret Howe.

Mein Kommentar:
Dieser Bericht zeigt ganz klar Miss Howes Grundeinstellung
und Enthusiasmus gegenüber den Delphinen. Sie denkt klar,

249
schreibt klar, sieht und fühlt klar. Sie bleibt mit ihren Gedanken
auf dem Boden der Tatsachen; ihre Handlungsweise ist dement­
sprechend. Das sind die Talente, die sie für dieses Projekt mit­
bringt. Wir vermieden es, hierfür einen Psychologen, einen Psy­
choanalytiker, einen vergleichenden Zoologen oder irgendeinen
anderen naturwissenschaftlichen Spezialisten auszuwählen. Wir
suchen einen pragmatischeren, allgemeineren, doch direkteren
Weg, als ihn irgendeine der gegenwärtigen naturwissenschaft­
lichen Disziplinen bietet. Ich war der Ansicht, daß zur Durchfüh­
rung dieses Projekts einer jener ziemlich seltenen Menschen, der
ganz er selber ist, benötigt wird. Miss Howe ist berufen, das Pro­
jekt zu Ende zu führen. Indem sie ihre Augen so offen hält, wie
sie nur kann, offen gegenüber allen Beweisführungen und Prü­
fungen der Wahrheit, soweit sie dazu befähigt ist, arbeitet sie
ohne Berufung auf künstlich geschaffene Kriterien, wie sie von
Wissenschaftlern aufgestellt werden.
Bei dem vorhergehenden Experiment mit dem Delphin Pamela,
das sieben Tage währte, erbrachte Miss Howe viele Informa­
tionen, die für die Planung des zweieinhalbmonatigen Experi­
ments nützlich waren. Sie erfuhr manches über sich selbst, über
den Delphin, ihre Interaktionen, sie entdeckte aus Erfahrung die
Probleme und manche Lösung bezüglich der Kleidung, der Feuch­
tigkeit, des Gehens, des Kochens und der gesamten realen Situa­
tion des Sich-Einlebens. Sie schrieb einen Bericht über diese ganze
Woche.
Der volle Fortschritt aus der Vergangenheit in die Zukunft
schließt den langfristigen Plan ein, ein Haus zu errichten, das die
Delphine mit den Menschen gemeinsam bewohnen können. Als
ein Ergebnis des Sieben-Tage-Experiments bringt Miss Howe
viele Vorschläge dafür, wie dieses Haus konstruiert werden sollte.
Diese Vorschläge werden, soweit das bereits möglich ist, in dem
zweieinhalbmonatigen Experiment berücksichtigt. Dieses Experi­
ment ist die zweite Phase des langfristigen Plans, ein Zusammen­
leben-Programm zwischen Margaret und einem Delphin zu ent­
wickeln. Das Haus ist eine wesentliche Voraussetzung für diese
künftige Entwicklung, und die vorbereitenden Experimente sind
für die geeignete Anlage dieses Hauses notwendig.

250
XI. KAPITEL

Leben mit einem Delphin: Sieben Tage und Nächte mit Pam

Mit Margaret Howe wurde ein vorläufiges Experiment durch-


geführt, bei dem sie sieben Tage und sieben Nächte mit einem
Delphin verbrachte. Die Ziele dieses Experiments waren, die Eig­
nung einer bestimmten Tiefe des Meerwassers (etwa 40 cm) für
Mensch und Delphin zu überprüfen und die besonderen Bedürf­
nisse des Menschen, wie Kleidung, Nahrung, Süßwasser, trockenes
Zubehör (Bleistifte, Papier, Bücher), herauszufinden; außerdem
waren die Grenzen der menschlichen Eignung festzustellen, auf
einem nassen Bett in nasser Kleidung zu schlafen; schließlich
wollten wir den Fortschritt der Mensch-Delphin-Beziehung wäh­
rend eines derartig engen Zusammenlebens sehen und die stimm­
lichen Übungen mit dem Delphin fortsetzen und festhalten, um
den Fortschritt unter solchen Bedingungen zu zeigen.
Im folgenden wird Miss Howes Bericht über diese Periode wie­
dergegeben:

Bei 40 cm Wassertiefe kann ein Mensch manövrieren, umher­


gehen, an einem Tisch arbeiten, auf einem Stuhl sitzen oder essen.
Durch dieses Experiment wurde jedoch bewiesen, daß zumindest
bei diesem speziellen Delphin 40 cm Tiefe nicht ausreichen, um
den Rücken des Tieres längere Zeit hin naß genug zu erhalten,
wie das für eine normale gesunde Haut notwendig ist. Man hätte
Pamelas Rücken ständig durch künstlich erzeugte Wellen feucht
halten können. Doch das ist eine lästige Aufgabe, und Pamela
war dafür schwer zu haben. Ihr Rücken war zwar am Ende der
Woche nicht ernsthaft ausgetrocknet und rissig, befand sich aber
in einem Zustand, der zeigte, daß ein längerer Aufenthalt in dieser
Umgebung zu Schwierigkeiten führen würde.
Bei dieser Tiefe besteht für die Manövrierfähigkeit eines Del­
phins eine Grenze (Tafelabb. 7, 8, 9, 10). Springen, Umhertollen,

251
schnelles Schwimmen sind nur beschränkt möglich, wenn nicht
ganz ausgeschlossen. Es muß daran erinnert werden, daß Pamela
zur Zeit des Experiments eine verletzte Handflosse hatte und
eine inaktive Periode durchlebte. Ich glaube, daß ein gesundes,
unverletztes Tier binnen kurzem Klaustrophobie bekommt und
sich nach tieferem Wasser sehnt, in dem es springen und unter­
tauchen kann. Meiner Meinung nach sollte ihm oder ihr diese
Möglichkeit geboten werden.
Die Tiefe von 40 cm scheint für den Menschen ziemlich ideal
zu sein: es ist seicht genug, daß man in ihm ohne große Behinde­
rung umhergehen kann. (Knietiefes Wasser ist sehr schwierig zu
begehen. 40 cm reichen bis zur Mitte meiner Wade, während mein
Kniegelenk 49 cm hoch ist.) Das Wasser ist seicht genug, daß man
auf einem Stuhl sitzen kann, dessen Sitzfläche oberhalb der
Wasserlinie liegt. Es ist seicht genug, daß die Wasserspritzer, die
der Delphin beim Umherbewegen abgibt, nicht hoch genug ge­
langen, um das Zubehör des Menschen - Tisch, Papiere, Fernseh­
apparat usw. - zu erreichen. Es ist tief genug, daß ein Mensch in
ihm sitzen oder treiben und dadurch zum Delphin »herunter­
kommen« kann. Und noch ein kleiner, aber wichtiger Punkt bei
diesem Experiment: das Wasser ist tief genug, daß ich beim Sitzen
auf dem Stuhl meine Hand an der Seite leicht herunterhängen
lassen und ins Wasser eintauchen kann, was Pamela eine Gelegen­
heit bietet, meine Hand zu reiben.
Ich möchte anregen, daß bei dem nächsten Experiment 40 cm
tiefes Wasser das ganze Haus überflutet. Es muß aber außerdem
einen tieferen, etwa 80 cm hinabreichenden Schwimmweg durch
das Haus geben, in dem der Delphin umherwandern und manö­
vrieren kann; auf diese Weise könnte er auf »seinem« Platz in der
Küche liegen, dich beobachten, sich von sich aus entschließen, zu
dir zu kommen, und hierfür ganz einfach aus dem 80 cm tiefen
Wasser in das 40 cm tiefe Wasser schwimmen.
Ich würde auch irgendwo in dem Haus ein tieferes Becken emp­
fehlen, mindestens zwei Meter tief, damit der Delphin nach Del­
phinart leben kann. Dieses müßte mit den anderen Wasseranla­
gen verbunden sein. Während ich über all dies nachdachte, habe
ich mir ebenso Gedanken über die Wände und Türen gemacht.

252
Es wird eine besondere »Delphintür« für Mensch und Delphin
benötigt. Der offene Raum unter der Tür dient zwei Zwecken:
1. geht ein Mensch durch die Tür, muß er sie nicht gegen den
Druck des Wassers bewegen; der ganze bewegliche Teil der Tür
befindet sich in der Luft; 2. der Unterrand der Tür befindet sich
mehr als 40 cm über dem Wasserspiegel, damit für die Rücken­
flosse des Delphins genügend Platz bleibt, wenn er unter der ge­
schlossenen Tür hindurchschwimmt.
Eine Woche lang hier zu leben ist ganz etwas anderes, als ein
Jahr oder mehr hier zuzubringen. Aus meiner Erfahrung weiß
ich jedoch, daß Kleidung - Anzüge, die aus Ober- und Unterteil
bestehen, in zwei Garnituren, so daß eine weggegeben werden
kann - in einem Raum, in dem die Lufttemperatur zwischen
26° und 28° C liegt, lebensnotwendig ist. Trikots erwiesen sich als
schnell trocknend und wärmend; sie saßen aber zu knapp, wo­
durch ich wundgerieben wurde. Ich bin jedoch nicht sicher, ob eine
lockere Kleidung dieses Problem lösen würde. Auch lose anlie­
gende Kleidung kann wundreiben ... sie reibt die Haut sogar
mehr. Eine Bemerkung zum Büstenhalter: die Haken am Rücken
neigen dazu, nachzugeben, und ich stellte fest, daß einer verscho­
ben war und sich in meinen Rücken einbohrte. Ich mußte ihn
mehrmals auf seinen Platz zurückschieben.
Selbst während nur einer Woche ist es sehr wichtig, trockene
Kleider zur Verfügung zu haben. Shorts, Hemden, irgend etwas.
Der Mensch ist daran gewöhnt, die Kleider zu wechseln und sich
»frisch« zu fühlen, und gerade weil die Kleider 95% der Zeit
naß sind, gibt es keinen Grund zu der Annahme, daß man sie
nicht wechseln müsse. Nasse Kleidung vermittelt einem nach kur­
zer Zeit ein unangenehmes Gefühl, und man möchte in trockene
Kleider schlüpfen und danach diese naß werden lassen. Ein Bei­
spiel: Es ist wünschenswert, die Tageskleidung mit der Nacht­
kleidung auszutauschen und am Morgen von der Nachtkleidung
zur Tageskleidung überzuwechseln. Die Ausstattung ist unwichtig,
die Nässe der Kleider ist unwichtig ... sehr wichtig ist das Wech­
seln. Ich empfehle mehr Experimente darüber, welche Kleidung
auch dann noch bequem ist, wenn sie naß wird.
Ich fand, daß ich während dieser Woche nicht so viel Süßwasser

253
benötigte, wie ich gedacht hatte. Ich hatte nur selten Durst, ob­
gleich ich nicht selten überhitzt war. Süßwasser brauchte ich, um
morgens mein Gesicht zu waschen, ebenso für meine Zähne
(»Salzwasserzahnpaste« ist nicht das Wahre und garantiert, daß
die Zähne nach einiger Zeit gebohrt werden müssen). Meine
Hände wusch ich nur dann mit Süßwasser, wenn ich lesen, schrei­
ben usw. wollte. Das ist wahrscheinlich unumgänglich, da mir
meine Finger zu schaffen machten, vermutlich durch den ständigen
Kontakt mit dem Salzwasser.
Ich empfehle, in jedem Raum Süßwasserhähne anzubringen.
Badezimmer mit Süßwasserdusche. Sauberes Haar und sauberer
Körper werden selbst nach einer Woche wichtig, wenn auch
nicht unbedingt. Aber auf lange Zeit würde die Dusche sehr wich­
tig werden. Keiner dieser Süßwasserhähne würde einen Ausguß
brauchen. Sie könnten direkt auf den »Boden« in das 40 cm tiefe
Salzwasser laufen.
Wenn sich (a) Wasser und (b) ein Delphin im selben Raum be­
finden, wird nach und nach alles naß. In dem 40 cm hohen
Wasser konnte Pamela den Fernsehapparat völlig durchnässen,
obgleich er gut zwei Meter über dem Boden stand. Natürlich
müssen die Dinge des Menschen trocken bleiben: Schreibzeug, Pa­
pier, Fernsehapparat, elektrische Einrichtungen usw. Ich besaß
verhältnismäßig wenig Zubehör während meines einwöchigen
Experiments, und Pamela war verhältnismäßig ruhig und still.
[Diese Ruhe rührte vielleicht von ihrer Verletzung her.]
Ich empfehle mehr Experimente über die Einrichtung und
Pflege von Gegenständen, deren der Mensch bedarf. Das Haus
muß hoch oben angebrachte Regale, hochgelegene elektrische
Anschlüsse (wenn überhaupt), hochgelegene elektrische Geräte
(wenn überhaupt) und eine Vorrichtung haben, um »trockengela-
gerte« Dinge zu schützen. Schränke unterhalb der Decke, die nur
vom Menschen erreicht werden können. Das ist ausschließlich ein
Problem für den Architekten.
Während dieser Woche wurde meine ganze Nahrung außer­
halb des Raumes zubereitet und zu mir gebracht. Natürlich würde
das Problem in dem überfluteten Haus gänzlich anders sein, da
die Person eine Küche haben würde. Ich glaube nicht, daß irgend­

254
eine strenge Diät für den Menschen notwendig ist. Ich schlage
vor, daß Konservennahrung trocken gelagert wird und daß die
Kochgelegenheiten so einfach wie möglich sind. Zwei Brenner rei­
chen völlig aus. Gefrorener Butterfisch ist ausgezeichnet und
könnte eine einfache Nahrungsquelle sein [doch möglicherweise
eintönig]. Elektrische oder Gasgeräte in der Kücheneinrichtung
müssen erst einmal erprobt werden; ich möchte das hier nicht tun.
Während meiner Woche schlief ich gewöhnlich in den Tages­
kleidern, naß, in einem nassen Bett, mit einer trockenen Stepp­
decke, die naß wurde, mit einem trockenen Kopfkissen, das naß
wurde, mit Ausnahme einer Ecke, die ich mit meiner Wange ge­
schützt hatte. Einige Male ging ich in trockenen Kleidern zu Bett,
aber das Bett war immer noch naß. Dies bedeutet, daß die Klei­
dung über Nacht feucht wurde. Einige Male fühlte ich mich des
Nachts unbehaglich, da meine Haut juckte. Ich nehme an, daß
das auf die lange Zeit zurückzuführen ist, die ich in derselben
Kleidung verbrachte, weniger auf den Umstand, daß ich naß
war. Gewöhnlich schlief ich gut, und einige Male wurde ich sogar
von einem sehr gesunden Schlaf überrascht.
Die Schlafgewohnheiten werden durch einen Delphin verän­
dert. Häufig wurde ich in der Nacht von einer rastlos-hungrigen
Pamela aufgeweckt. Das ist zwar nicht weiter schlimm, muß
aber einkalkuliert werden. Ich löste das Problem, indem ich täg­
lich ein Nickerchen machte, wobei ich mich an die Schlaf- oder
Ruhegewohnheiten des Delphins so weit wie möglich anpaßte.
Ich empfehle, daß mehr Experimente ausgeführt werden, um
die Auswirkungen des »Naß-Schlafens« zu erforschen.
Anmerkung: Ich hatte am letzten Tage meines Aufenthalts in
dem Behälter sowie an dem darauffolgenden einen steifen Nak-
ken. Kam das vom »nassen« Schlafen? Ich würde Experimente
begrüßen, die feststellen, ob »trockenes« Schlafen in enger Nach­
barschaft zum Delphin möglich ist. Schlaf im Zeitraum einer
Woche gleicht nicht dem Schlafen über ein Jahr oder mehr. Ist
»Naß-Schlafen« die Lösung?? Oder Schlafen in erwärmtem
Wasser? Oder »trockenes« Schlafen? Ich weiß es nicht. Ich emp­
fehle, flexibel genug zu sein, um die Schlafsitten des Delphins
nachzuahmen. Für einen Menschen und einen Delphin ergeben

255
sich innerhalb eines Jahres bestimmte Stunden des Wachens und
Stunden des Schlafens, und es besteht keine Notwendigkeit, ab­
wechselnd acht Stunden zu wachen und acht Stunden zu schla­
fen. Wichtig ist, daß beide ausreichend Schlaf und Ruhe bekom­
men, und nicht, wann das geschehen muß.
Eine Bemerkung über Sauberkeit: Selbst während dieser einen
Woche sammelte sich in diesem kleinen Behälter Schmutz an und
setzte sich am Grunde ab. In einem Haus, wo der Delphin nicht
andauernd den Boden jedes Raumes aufwühlt, muß das mit
Sicherheit passieren. Es muß ein Abflußsystem, das ein Abschrub­
ben des Bodens ermöglicht, vorhanden sein. Auch ein »Staubsau­
ger« in Form eines Saughebers sollte zur Verfügung stehen. Dies
scheint der beste Weg zu sein, den Schmutz aus dem Wasser her­
auszubekommen, ohne das Wasser ablassen zu müssen.
Eine Woche ist eine kurze Zeit, und jedes Tier ist verschieden.
Am Anfang meiner Experimente entschloß ich mich dafür, nichts
zu überstürzen, »um zu veranlassen, daß irgend etwas zwischen
uns geschieht«, und die Initiative so weit wie möglich Pamela zu
überlassen. Ich war über diesen Entschluß sehr froh; ich bleibe
dabei, ob es sich nun um eine Woche oder um ein Jahr handelt.
Während dieser Woche ergab sich allmählich eine angenehme, be­
ständige, liebevolle Verbundenheit zwischen uns. Unsere wech­
selseitige Beziehung war jedoch eineinhalb Tage gleich null; wir
hatten keinen Kontakt - langsam näherte ich mich Pam . .. und
sie erlaubte mir, sie zu streicheln. *
Dann forderte sie dazu heraus ... sich auf die Seite drehend.
Langes Kraulen wandelte sie langsam, und bald kam sie von
sich aus zu mir ... und rieb meine Beine und Hände. Fast bis
zum Ende der Woche wollte Pam kein Futter von mir anneh­
men. Sie wollte nicht einmal Futter von außen her annehmen,
* Eine klinische Bemerkung über Pam: Dieser Delphin ist schwer
verletzt worden. Sein Verhalten ist im allgemeinen distanziert, zurück­
gezogen. Pamela ist scheu und weicht aus. Sie ist vorsichtig und be­
hutsam. Sie läßt einen jedoch fühlen, daß sie auch zahm ist und Kon­
takt haben möchte, daß sie jedoch irgend etwas von einem solchen
Kontakt abhält. Wir wissen, daß sie, ehe sie uns begegnete, zwei
traumatische Episoden durchgemacht hatte, die wir hier nicht be­
schreiben.

256
solange ich mich im Behälter befand. Langsam löste sich dies alles
auf, bis Pamela am Ende der Woche Fische aus meiner Hand
nahm, während ich mich im Behälter befand ... sitzend oder
stehend.
Die Vertrautheit und Kühnheit nahmen im Lauf der Woche
rasch zu. Am Anfang stand ein sehr höfliches, sanftes, zartfühlen­
des Bekanntwerden.
Gegen Ende der Woche waren wir beide so weit gelöst, daß
Pamela Aufmerksamkeit von mir verlangte, Unterhaltungen un­
terbrach, mit dem Schwanz schlug, um meine Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen usw. Und ich bin im Umgang mit ihr freier
geworden . . . einmal ließ ich mich sogar gehen und schrie sie an,
sie solle mit irgend etwas aufhören, was mich ärgerte.
Ich glaube, daß dieser Wechsel der Stimmung im Behälter in­
teressant und wichtig ist. Ich behaupte nicht, daß alle Höflichkeit
oder Sanftheit aufhörten; ich sage nur, daß einer dem ändern un­
gehemmter seine Wünsche kundtat.
Ich empfehle, daß in einem anderen einleitenden Experiment
oder in dem überfluteten Haus selbst nichts vorangetrieben wer­
den sollte, daß der Delphin die Möglichkeit haben muß, seinen
eigenen Weg zu gehen . .. und jedes Tier mag in dieser Richtung
verschieden sein. Über eine längere Zeitperiode hin müssen die
Unterrichtsstunden während des Tages eingeteilt sein ... und in
der Zeit dazwischen muß das Leben für beide Parteien so leicht
und frei wie möglich sein.
Während dieser Woche verzeichnete ich nur eine Unterrichts­
stunde mit Pamela. Bis gegen Ende der Woche war es mir nicht
möglich, sie innerhalb des Behälters auf irgendeine Weise zu füt­
tern, und danach wollte sie sehr häufig nur einige wenige Fische
annehmen. Ich glaube mit Sicherheit, daß die Lautäußerungen
des Delphins sich über eine längere Zeitperiode hinweg steigern
werden ... vom Menschen ermutigt . . . und Teil des Unterrichtes
sowohl als auch des dazwischenliegenden Zusammenlebens wer­
den.
Pam zeigte unmittelbar nach meinem Betreten des Bassins den
guten Willen, mir stimmlich zu antworten. Es war jedoch Del-
phinesisch. Bald darauf begann sie irgendwelche Humanoide ab­

257
zugeben. Ich glaube, daß man, je näher man dem Delphin physisch
kommt, um so eher stimmlichen Kontakt finden kann. Und wenn
auch der Fortschritt innerhalb einer Woche sehr langsam sein
mag, müßte jedoch über ein Jahr hinweg ... eine solche Situation
eindrucksvolle Ergebnisse erbringen.
Ich möchte gern ein Haus sehen, das so gebaut ist, daß ein
Mensch und ein Delphin wirklich für ein, zwei oder drei Jahre
Zusammenleben könnten. Wenn Delphine sich wirklich auf eng­
lisch mit uns unterhalten sollen, müssen sie einen weitaus bestän­
digeren Kontakt zu uns und unserer Sprache haben als die zwei
oder drei Stunden pro Tag, in denen sie gegenwärtig im Labora­
torium Unterrichtsstunden erhalten. Schließlich könnte das ge­
samte Zusammenleben mit uns ein einziger Unterricht sein, wobei
das Tier mehr und mehr lernen und der Mensch mehr und mehr
englische Wörter bieten wird, ehe er auf die Wünsche des Del­
phins eingeht.
Niemand wird jemals das Ergebnis eines derartigen Experi­
mentes kennen, ehe es nicht unternommen wird. Wir verdanken
es dem Delphin und unserer Neugierde, wenn wir es versuchen.

Dies ist Margaret Howes Bericht über die sieben Tage und
Nächte, die sie mit Pam verbracht hat. In diesem Bericht werden
die Pläne für ein künftiges, viel längeres Experiment angedeu­
tet. Sie war nun bereit, zweieinhalb Monate oder annähernd tau­
send Stunden diesem Projekt zu widmen, obwohl ihr Privatle­
ben und ihre sozialen Beziehungen darunter leiden. In gewissem
Sinne besteht Margaret jedoch darauf, daß die Welt zu ihr und
zu ihrem Delphin kommt. Sie kann ja während dieses Experi­
ments nicht in die Welt hinausgehen. Wir wollen nun in dieses
Experiment eintreten und in das Programm, das sie sich selbst
vorgenommen hat. Danach werden wir einen detaillierten Bericht
über die zweieinhalb Monate geben, wie er von ihr in dieser Zeit
niedergeschrieben wurde.
Es sei hervorgehoben, daß die Experimente von Margaret
immer noch als vorläufig betrachtet werden. Das Progamm mit
dem überfluteten Haus für ein »dauerndes« Delphin-Mensch-
Zusammenleben steht in ihrem Denken an erster Stelle. Deswe­

258
gen nennt sie dies ein »Programm für ein zweieinhalbmonatiges
vorbereitendes Experiment«.
Margaret und ich führten vor, während und nach dem sieben­
tägigen Experiment viele Besprechungen: Planungen, Kompro­
misse, Kosten, Materialien, Personal, alles wurde diskutiert. Nach
solchen Beratungen ergriff dann Margaret innerhalb der Gren­
zen des Möglichen die Initiative und führte die notwendigen Ein­
zelheiten aus. Der Inhalt unserer Besprechungen wird nicht be­
richtet, da die wichtigen Punkte das sind, was sie getan hat, und
da dies auf ihren endgültigen Plänen beruht. Obwohl möglicher­
weise wichtig, wurden diese Details in diesem Bericht nur im Spie­
gel von Margarets Niederschrift reflektiert.

259
XU. KAPITEL

Programm für ein zweieinhalbmonatiges vorbereitendes Ex­


periment: Zusammenleben mit dem Delphin Peter in einer
Spezialanlage

Ehe das Zusammenleben begann, wurde das Programm wie


folgt festgelegt: Das Experiment wird auf St. Thomas U.S. Vir­
gin Islands, im Dolphin Point Laboratory des Communication
Research Institute während der Monate Juni, Juli und August
1965 ausgeführt. Während dieser Zeit werden ein Mensch und
ein Delphin Tag und Nacht Zusammenleben. Sie werden zusam­
men essen, schlafen, spielen und arbeiten innerhalb der von dem
Experiment gegebenen Grenzen. Einzelheiten dieser Grenzen sind
in diesem Bericht enthalten (Tafelabb. 11-14).
Die Absichten des Menschen sind: 1. Informationen über die
Lernfähigkeit eines Delphins zu erhalten, der einer solchen inten­
siven und langwährenden zwischenartlichen Isolation mit dem
Menschen ausgesetzt ist; 2. den Versuch zu unternehmen, den
Delphin zu lehren, englisch zu »sprechen« und zu »verstehen«;
3. zusätzliche Information für die geeignete Konstruktion des
überfluteten Hauses zu erlangen.
Die täglichen Notizen und Berichte werden im St.-Thomas-
Laboratorium von Margaret Howe aufbewahrt. Eingeschlossen
ist eine allgemeine wöchentliche Übersicht von Miss Howe. Be­
sucher werden in diese beiden Räume oder in den Appara­
turenraum ohne eine Verabredung mit Miss Howe nicht einge­
lassen. Alle Besucher müssen in die Protokolle eingetragen wer­
den.
Eine Änderung im Tagesplan darf nur dann vorgenommen
werden, wenn sie von Miss Howe angeregt oder gutgeheißen
wird. Sie trägt die Verantwortung für die Änderungen, die ihr
passend erscheinen. Sie wird das Becken jeden Samstag verlassen.
Die Zeit am Samstag wird zum Teil damit verbracht, die Ton­

260
bänder der abgelaufenen Woche zu ordnen und die Bänder für
die folgende Woche herzurichten. Die wöchentlichen Berichte sind
abzufassen.
Sollte Miss Howe im Verlauf dieser zweieinhalb Monate krank
werden oder in irgendeiner Weise sich körperlich unwohl fühlen,
kann sie sich zu jeder Zeit zurückziehen, solange sie das für not­
wendig hält. Jedes Fernbleiben muß notiert werden.
Es folgt ein Abriß des Tagesplanes, vorbehaltlich der späteren
Änderungen durch Miss Howe.
7.30: Miss Howe steht auf, wäscht sich und ißt.
8.00-8.30: Mitgeschnittene Unterrichtsstunde mit Peter, fünf
Pfund Fisch.
9.00: Miss Howes tägliches Saubermachen usw.
9.30: Miss Howe füttert; Notizen, Protokoll, Beaufsichtigung
der Arbeiter.
10.00-10.30: Miss Howe und Peter spielen; dazu etwas Unter­
richt.
11.00: Miss Howe und Peter im Freien ... zusammen, aber
entspannt.
11.30: Miss Howe bekommt ihr Mittagessen.
12.00-12.30: Mitgeschnittene Unterrichtsstunde mit Peter, fünf
Pfund Fisch.
1.00-2.30: Miss Howe schläft, schreibt, liest, entspannt sich.
3.00-3.30: Mitgeschnittene Unterrichtsstunde mit Peter, fünf
Pfund Fisch.
4.00-4.30: Arbeit mit Peter.
5.00-5.30: Miss Howe arbeitet an Notizen, Niederschriften,
dem nächsten Tagesplan.
6.00: Miss Howe bekommt ihr Abendessen.
6.30: Spiele mit Peter, Besuche, Lesen ... immer im Bewußt­
sein des Zusammenlebens mit Peter.
Ende des Tages, die Arbeit ist vorüber, die beiden sind immer
noch zusammen.
10.00: Schlafengehen.
Obiger Tagesplan ist von Sonntag bis Freitag gültig. Der
Samstag ist für Miss Howe ein freier Tag; Samstagnacht schläft
sie bei Peter.

261
Im Sprachunterricht wird ein Grundvokabular verschiedener
Kategorien wie folgt verwendet:
Grundvokabular sowohl für Aussprache als auch Verständnis:
Zahlen (1-5); persönliche Namen (Peter, Margaret, me, you);
Begrüßungen (Hallo, bye-bye); Gegenstände (Ball, Spielzeugfisch,
Eimer usw.); Tätigkeiten (Sprechen, Hören, Kommen, Gehen,
Bringen usw.).
Es ist geplant, für das Lehren der Zahlen eine Reihe von Bällen
zu verwenden, die mit zwei einander gegenüberliegenden Ha­
ken versehen sind. Die Bälle können von dem Experimentator
leicht zusammengehängt werden, und zwar in jeder Kombination.
Der Mensch kann eine Kette von Bällen emporhalten und auf die
Bälle zeigen, wobei er sagt »eins, zwei, drei« usw. Er kann eine
Kette von zwei Bällen in der einen Hand und eine von dreien
in der anderen halten und entsprechend zeigen, daß das eine
zwei und das andere drei ist. Addition und Subtraktion sind
unbegrenzt möglich.
Ein Problem besteht darin, dem Delphin beizubringen, daß er
das Wort für die Zahl zu sagen und nicht die entsprechende Zahl
von Lauten für die vorgewiesene Zahl abzugeben hat. Zuerst
muß der Delphin wiederholen. Danach wird verlangt, daß der
Delphin Name und Zahl der Bälle angibt, die man, ohne zu spre­
chen, hochhebt.
Sehr wenig ist darüber bekannt, was der Delphin über Farben
weiß oder nicht weiß. Ich schlage vor, dies nicht in den ersten
Stunden zu prüfen, da die Antwort des Delphins vielleicht
nichts erbringt. Man verwende hölzerne Tafeln, alle von der­
selben Größe und Form, die sich nur durch ihre Farbe unter­
scheiden. Zunächst soll der Delphin nachsprechen; danach ist
zu verlangen, daß der Delphin die Farbe, die man vorzeigt,
benennt.
Formen können durch verschieden benannte Winkel usw. mit­
verwendet werden, ich schlage aber vor, mit Grundformen zu
beginnen. Es sind hölzerne Tafeln annähernd gleicher Größe und
Farbe zu verwenden, die sich nur durch ihre Form unterscheiden.
Wie zuvor, kann das Verständnis des Delphins zunächst dadurch
erzielt werden, daß er das Vorgesagte wiederholt, wonach von

262
ihm verlangt wird, daß er die Form der vorgezeichneten Tafel
benennt.
Wenn wir darangehen, kleine Sätze mit den Delphinen durch­
zunehmen, scheint es wesentlich zu sein, daß geeignete Namen
verwendet werden, wie »Peter«, »Margaret« usw.; auch Wörter
wie »du« und »ich« sollten gelehrt werden.
Begrüßungen verstehen sich von selbst. Der einzige Grund,
warum ich sie gebrauche, besteht darin, daß sie 1. als ein Signal
dienen (»bye-bye .. . die Stunde ist vorüber«, usw.) und 2. weil
es eine ganz natürliche Sache ist, »hello« zu sagen, wenn man ein
Becken oder einen Raum betritt. Dies reicht jedoch in ein Gebiet
hinein, wo es schwer zu sagen ist, ob der Delphin versteht, wor­
um es geht.
Die Liste der Gegenstände kann je nach dem Tier und der Um­
gebung abgeändert werden. Sie sollte flexibel gehandhabt werden;
wenn der Delphin zum Beispiel einen Aschenbecher in das Wasser
bekommt und damit spielt, sollte dieser einen Namen haben.
Ich schlage vor, und zwar bei allen Wörtern der Vokabelliste,
daß es nicht gestattet sein sollte, ein Wort der Liste auszuschei­
den, sobald es einmal gelernt ist und seine Bedeutung verstanden
wird. Wenn Peter lernt, was ein Aschenbecher ist, sollte dieser
nicht beiseite gestellt und vergessen werden. Er sollte zu den
Dingen Peters gehören und verwendet werden.
Anatomie ist ein schwieriges Gebiet, auf dem der Delphin
Mühe hat, den Gegenstand mit dem Wort zu identifizieren. Ich
halte es für gut, den Schwanz Peters immer wieder zu benennen,
sooft er damit aufschlägt. Danach müßte man zu ihm »Schwanz«
sagen und ihn auffordern, seinen Schwanz darzubieten.
Es ist ein guter Weg, Tätigkeiten zu üben, wenn man das Tier
für irgendeine Art von Spiel gewinnt. Ich »werfe« den Ball. Pe­
ter, »GO GET IT« oder »PICK IT UP«, »BRING IT HERE« ...
»GIVE IT TO ME« ... usw. Diese Liste sollte ergänzt werden,
wenn neue Tätigkeiten spielerisch gelehrt werden. Das gelingt
leichter, wenn der Mensch spricht und das Tier handelt. Nicht
viel später werden wir vielleicht dazu gelangen, daß Peter mir
aufträgt, irgend etwas »zu holen und zu bringen«. (Das wird
mir ein Vergnügen sein!)

263
Bei all dem oben Gesagten schlage ich vor, den Delphin nach
und nach vom Fisch als Belohnung wegzubringen und an Stelle
des Fisches die offensichtliche Freude des Menschen am Ergebnis,
Liebkosungen, stimmliche Belohnungen usw. einzusetzen. Um dies
zu erreichen, werde ich Folgendes versuchen:
1. Fisch als eine Belohnung nach jeder Antwort.
2. Fisch als eine Belohnung nach jeder zweiten richtigen Ant­
wort.
3. Schrittweise dahin gelangen, die Unterrichtsstunden kurz
vor der Fütterung abzuhalten.
4. Schrittweise dahin gelangen, die Stunden zeitlich weiter von
der Fütterung entfernt abzuhalten.
5. Zu diesem Zeitpunkt besorge man die Fütterung so teil­
nahmslos und belohnungsunabhängig wie möglich. Der Fütternde
darf den Delphin nicht ansprechen, und er muß so schnell füttern,
daß dem Delphin keine Gelegenheit zum Sprechen bleibt.
Das alles ist ein sehr langfristiges Programm. Zunächst wird
es wesentlich sein, das Tier dahin zu bringen, daß es Humanoide
anbietet und zuhört, um es dann später zum Sprechen zu bringen.

WÖCHENTLICHE BERICHTE von M. Howe. Niedergeschrie­


ben während des zweieinhalbmonatigen Experiments:

15.-19. Juni 1965. 1. Woche.


Ich muß sagen, daß diese Woche in der Hauptsache eine Woche
der Vorbereitung und Anpassung war. Peter wurde am Montag
nach oben gebracht. Er schien über sein neues Heim glücklich zu
sein, hat es aber bis jetzt nicht gewagt, nach außen zu gehen. Ich
versuchte ihn während einer Mahlzeit dazu zu überreden, aber
er wollte nicht. Ich werde ihn vielleicht nächste Woche hinaustrei­
ben, damit ein Anfang gemacht wird.
Ich mußte mich sehr beeilen, alles für dieses Experiment fertig
zu bekommen, und mußte zu meiner Enttäuschung das Wasser­
becken nur deswegen zweimal füllen lassen, um undichte Stellen
zu finden. Endlich war ich fertig, und die Räume waren 56 cm
hoch überflutet, da entdeckte ich, daß es noch eine Menge Dinge
in der letzten Minute zu besorgen gab, und so verging ein Tag,

264
an dem ich ständig in den überfluteten Raum und wieder hinaus
mußte. Am Dienstagabend war ich einigermaßen eingerichtet.
Die ersten paar Nächte in dem überfluteten Raum waren
schrecklich. Ich fühlte mich unwohl und schlief schlecht. Später
schien ich mich anzupassen, und bis Donnerstag war ich wohlauf.
Ich fand, daß es sehr ermüdend war, dauernd durch den über­
fluteten Raum zu laufen. Alles, was ich unternahm, kostete mehr
Energie als sonst; am Nachmittag schlief ich jedoch ein Weilchen,
und dies hat mir offenbar gutgetan.
Peter ist die Energie selbst und ein bißchen aufdringlich. Ich
trage einen langstieligen Besen bei mir und treibe ihn damit weg.
Das ist natürlich nicht immer der Fall: wir verbrachten auch
»Liebes«-Stunden. Das Wasser ist tief genug, daß er sich auf den
Rücken drehen kann; er tat dies, um sich am Bauch reiben zu
lassen. Er schlief dicht neben meinem Bett. .. manche Nächte ver­
hielt er sich ganz ruhig, und in anderen schrie er und plantschte er
umher. Er ist immer hungrig .. . und weckt mich gewöhnlich zei­
tig am Morgen, damit ich ihn füttere.
Die Unterrichtsstunden gingen ganz gut ... Ich begann mit
Zählen und Formen. Zur Zeit habe ich das jedoch abgebrochen ...
ich gehe zurück und bringe Peter zum Zuhören. Sprechen. Er
scheint seinen Sinn für Konversation verloren zu haben. Er fällt
mir oft in die Rede. Jedes Ding zu seiner Zeit. Ich kann ihn nicht
unterrichten, wenn er zu schreien anfängt, sooft ich meinen Mund
aufmache. Er hat, gemäß Tonband, ein klares Wort gesagt, näm­
lich »BALL«. Das geschah mitten in einer seiner Abschweifungen
und enthält möglicherweise keine Bedeutung. Es zeigt jedoch
eine gute Aussprache ... ein hübscher Vergleich zu Pams
»BALL«.
Wir haben einige Spiele - das vielversprechendste von ihnen
scheint ein Apportierspiel mit einem Spüllappen oder dem Ball
zu sein. Ich werfe den Lappen, quäke »go get it« zu Peter ... er
flitzt weg ... bringt ihn zu mir ... und wirft ihn willentlich in
meine Richtung. Das könnte endlos weitergehen. Ich würde ihn
gern dahin bringen, den Unterschied zwischen »bring den Ball«
und »bring den Lappen« zu erfassen. Ein Schritt in die gewünschte
Richtung.

265
Er hat einigen Eifer entwickelt, dem Tonfall meiner Stimme
zu folgen ... »eins, zwei, drei, vier« ... mit einer Betonung auf
der Vier.
Wir haben einige Male mit seiner Bürste gespielt ... er liebt es,
sanft mit ihr gebürstet zu werden. Ich mache das gewöhnlich vor
seinem Spiegel, vor dem er einen guten Teil des Tages verbringt.
Ich benenne die Bürste, sooft ich sie gebrauche. Bis jetzt hat Peter
das noch nicht nachgemacht.
Einige persönliche Bemerkungen, die ich hier anführen möchte
und mit denen ich mich beschäftige: Ich finde, daß die Kleidung
kein Problem ist. Ich verbringe den Tag in einem Badeanzug ...
dusche vor dem Mittagessen und ziehe das Oberteil eines Trikots
an. Mir ist es bis jetzt nicht kalt gewesen; nachts benutze ich
nicht den nassen Badeanzug. Der Raum ist warm, die Nächte sind
es nicht. ... Die Kälte war kein solches Problem wie bei Pam.
Das Bett ist nachts gewöhnlich feucht, es trocknet aber aus,
und die Hälfte der Zeit brauche ich die Steppdecke nicht. Ich
habe einige Male gegen Wanzen gesprüht, sie haben mich aber
nicht belästigt.
Das Kochen klappt gut.
Das Saubermachen ist interessant. Ich muß es einige Male am
Tag machen, der Wasserdurchfluß hilft mir dabei. Jeden Mor­
gen hat sich der meiste Schmutz am Boden des Aufzugsschachtes
abgelagert. Ich brauche ihn nur mehr abzusaugen. Ich versuchte
das mit dem Sauggerät aus Miami ... stellte aber fest, daß es
nicht genug Saugkraft hat; ich legte einen Schlauch durch den
Aufzug hinab zum Meerwasserbecken, füllte ihn mit Wasser, um
einen Abzug zu bekommen, und stellte fest, daß er eine gute
Saugkraft hat. Das einzige Problem ist eine zu kleine Öffnung.
Vielleicht kann ein Trichter an meinem Ende des Schlauches dem
abhelfen ... Außen gibt es ein anderes Problem: Algen wachsen
an den Wänden ... ich reinige sie täglich ... die Reinigung des
Bodens ist nicht so einfach. Es gibt hier einen stärkeren Durch­
strom, und der Schmutz verteilt sich. Er will sich nicht in einem
Haufen sammeln. Aber im allgemeinen bleibt die Anlage sau­
berer, als ich ursprünglich dachte ... und das Seewasser ist immer
klar, nicht milchig.

266
Unter der Dusche habe ich ein Kindershampoo verwendet; es
reizt die Augen nicht. Peter bleibt bei mir unter der Dusche und
scheint von der Seife nicht belästigt zu werden; ich möchte daher
annehmen, daß ihre Auswirkungen bei einer derart großen Was­
sermenge unbedeutend sind.
Wenn das Telephon läutet, brauche ich gewöhnlich einige Zeit,
bis ich hinkomme ... und am Weg dahin erkläre ich Peter: »Te­
lephon.« Er hört mich oft sprechen und beginnt sich stimmlich zu
äußern . . . sehr laut und manchmal in einer wetteifernden
Form . . . es ist amüsant. Ich ermutige das. Peter benützt den
Spiegel . . . spricht zu sich selbst . . . schimpft . . . schleudert Was­
ser gegen sein Bild. Ich habe die Absicht, ein Mikrophon über ihm
anzubringen, um einiges von diesen privaten Unterhaltungen fest­
zuhalten. Ein guter Teil des Gespräches, das Peter führt, wenn er
»allein« ist, findet nun in Humanoiden statt. Interessant und
ermutigend!
Das einzige, was ich wirklich nicht mag, ist Peters Unfähigkeit
zuzuhören. Er muß dies bald lernen, oder ich werde mich be­
mühen, Pamela hierher zu bekommen. Peters Stimme ist gut,
laut und humanoid, aber er läßt sich Zeit mit der Aussprache . . .
und er will mich immer wieder unterbrechen. Aber ich werde ihm
zumindest noch eine Woche geben.*
Ein anderer interessanter Punkt: Ich merkte beim Abhören der
während dieser Woche aufgenommenen Tonbänder, daß ich
dadurch mehr ermutigt wurde, als ich es während des eigent­
lichen Unterrichts war. Ich kam während der Woche nicht dazu,
die Tonbänder abzuhören. Ich habe gerade den ganzen Samstag
damit zugebracht, meine Aufzeichnungen zu ordnen und die
Tonbänder abzuhören. Ich könnte meinen Tagesplan für den
Samstag abändern und im Apparaturenraum die in der abgelau-
fenen Woche gemachten Aufzeichnungen ausarbeiten . . . und da­
für sonntags die Anlage verlassen und diesen Tag freinehmen.
Die Außenarbeit ist getan . . . ich habe mir die Mauer des künf­

* Bevor diese Experimente begannen, wurde die Frage erörtert,


ob mit Peter und Pamela gearbeitet werden solle. Pamela hatte von
der vorhergehenden Arbeit mit mir eine gute Aussprache. Peter war
lebhafter, hat aber eine schlechtere Aussprache.

267
tigen Behälters für Pam angeschaut. Sie ist über 2,50 m hoch und
könnte diese Woche fertig werden ... in diesem Fall können wir
die Wasserleitungen anbringen und Pamela in der folgenden
Woche heraufbringen. Pam und Sissy sind beide in dem algenbe­
wachsenen Meerwasserteich unten.
Um es zusammenzufassen: für die wenigen Tage ein guter An­
fang .. . und einige nette Spiele, Unterrichtsstunden und Ge­
wohnheiten haben begonnen. Ich bin zufrieden .. . und freue mich
auf die nächste Woche.

19.-25. Juni 1965. 2. Woche.


In dieser Woche entwickelten sich einige neue Dinge.
Erstens sind wir, Peter und ich, uns auf eine mehr gesellige,
körperliche Art nähergekommen. Peter fing an, sanfter zu mir zu
sein, so daß ich ohne Besen zu ihm gehen kann. Er schnappt nicht
mehr so nach mir wie früher ... er studierte meine Füße, Beine,
Knöchel, Knie gründlich. Er verfährt dabei sehr sanft . .. Seine
Grobheit zeigt sich nur dann, wenn er versucht, mich umherzu­
stoßen. Er gelangt zwischen meine Beine und stößt mich zur
Seite. Wenn er zu kneifen beginnt, mache ich ein großes Geschrei,
brülle ihn an und trete den Rückzug an. Aber wir werden zu­
nehmend freundlicher . .. und ich fühle mich wohler bei ihm.
Zweitens, meine früheren Gedanken über Peter werden wahr;
Peter neigt mehr und mehr zum »Spielen«, und Sprechen macht
ziemlich langsame Fortschritte.
Ich werde daraus meinen Nutzen ziehen ... und die Spiele, so­
weit ich kann, für das Sprechen ausnützen. Wir werden damit
fortfahren, das »Handtuch-bring-Spiel« und das »Lappen-bring-
Spiel« zu spielen. Wir sind so weit gekommen, daß ich drei
Bälle werfe und daß er sie dann aufsammelt und zu mir zurück­
bringt. Daraufhin kann ich beginnen, die Zahl der Bälle zu
nennen, und ihm klarzumachen versuchen, daß er nur einen oder
nur zwei Bälle holen soll. Er ist von diesem Spiel sehr begei­
stert ...
Beim Abhören der Tonbänder hat es mich am meisten er­
mutigt, daß Peter anscheinend arbeiten will. Wenn er in sanfter
Stimmung ist, beginnt er mir tatsächlich wieder zuzuhören. Doch

268
in einigen Stunden mußte ich ihn regelrecht anschreien, um Ord­
nung in den Unterricht zu bringen. Einmal ließ ich ihn abschwei­
fen, soviel er wollte, aber ich versuchte alle seine Laute nach­
zuahmen. Das Tonband war interessant. Ich war überrascht, wie
gut ich in der Lage war, zumindest seine Tonhöhe zu kopie­
ren ... und wie er mich durch neue Lautkombinationen zu prü­
fen schien.
Ich habe mich hauptsächlich auf Form- und Zählunterricht
konzentriert.
Ich habe ein spontanes Spiel mitgeschnitten, das wir beim Fern­
sehen entwickelt haben. Der Fernsehapparat befindet sich im
Hintergrund, Peter und ich spielen mit dem Handtuch. Peter
spricht es an, ich werfe es, er nimmt es auf, bringt es zu mir usw.
Ich weiß nicht, wie lange Peter bei diesem Spiel bleiben würde ...
ich werde immer vor ihm müde. Es wäre interessant, so lange
weiterzumachen, bis er müde wird.
Peter ißt gut. Nur einmal hat er eine Mahlzeit zurückgewiesen
und aß etwa eine Stunde später. Gelegentlich, wenn ich irgend
etwas esse, macht er Radau ... er öffnet das Maul, als ob er sagen
wollte: Füttere mich ... und ich werfe ihm ein Stück dessen zu,
was ich gerade habe. Eine Sardine war besonders interessant. Er
zerquetschte sie ein wenig, bevor er sie fallen ließ.
Ich bin mit allen Aktivitäten Peters recht zufrieden, ausge­
nommen seine Stimmbildungsfähigkeit. Er ist mehr als eifrig,
arbeitet schwer ... aber er scheint die Aussprache nicht zu hören
oder nicht in der Lage zu sein, sie nachzuahmen. Vielleicht kommt
das noch, vielleicht auch nicht ... Er hat ein klares »Ball« gesagt
und sich große Mühe mit dem Anfang des Wortes »one« gege­
ben ... und das beste von allem ist, daß er ein gutes Gefühl für
die Tonhöhe zu haben scheint.
Damit meine ich, daß ich meine Stimme häufig bei der letzten
Zahl hebe, wenn ich »eins, zwei, drei« zähle ... und häufig
kopiert Peter dieses Steigen beim letzten der drei Laute. Das gilt
ebenso für Wörter wie »triangle« oder »hello«. Ich versuche ein
Wort stets auf die gleiche Weise auszusprechen ... manchmal
versage ich, aber meistens bleibe ich meinem Tonfall treu, und
Peter fängt an, dies aufzunehmen.

269
Er hat die Aussprache des Buchstabens »M« geübt, zweifellos
den Anfang von »Margaret«, und entdeckt, daß eine leichte
Drehung, die das Blasloch knapp unter die Wasseroberfläche
bringt, einen befriedigenden »M«-Effekt zustande bringt. (Pam
hat genau dasselbe getan.)
Sicherlich klingt Peters Stimme schon mehr humanoid als vor
zwei Wochen . . . und einiges davon schleicht sich nach und nach
in die unterrichtsfreie Zeit ein, etwa wenn er meine Aufmerksam­
keit auf sich lenken will, wenn er ärgerlich ist, usw. Ich antworte
immer in irgendeiner Form auf einen unaufgefordert abgegebenen
Humanoiden und ermuntere ihn. Peter fährt mit seinem »Ge­
plauder« fort, wenn ich beim Telephon sitze ... und das meistens
in Humanoiden. Ich glaube, daß jeder, der mich angerufen hat,
Peters Stimme im Hintergrund gehört hat. Ich habe die Leute
gefragt, wie das klingt, und sie sagen, daß sie ihn sehr gut hören
können. Ich denke gelegentlich, daß Peter ganz glücklich ist. Von
Pam, in der anderen Situation, würde ich das nicht gesagt
haben ... aber hier ist das Wasser tief genug, so daß Peter gut ein­
getaucht ist, sich leicht bewegen, umherrasen kann ... und ich
sehe tatsächlich keine schlechten Auswirkungen. Ich fühle mich -
mit Ausnahme des Schlafens - auch ganz wohl. Mein Bett enthält
nun etwa 7 cm Wasser, das nicht heraus will ... es ist jetzt ge­
sättigt. Ich habe ab und zu außerhalb der Wasseranlage geschla­
fen ... und ich warte nun auf einige Polyäthylen-Planen, um
mein Bett wasserdicht machen zu können. Ich werde es abschir­
men. Ich habe einen Tag lang 38° Fieber gehabt ... und ver­
brachte den Tag außerhalb des überfluteten Raumes im Bett.
Aubrey Pickering ist krank gewesen, und ich glaube, daß mein
Fieber damit zusammenhängt.
Wir haben Peter bis jetzt nicht nach außen getrieben. Ich
erwarte einen Spezialarbeiter, der sich die Balkonanlage wegen
ihrer Sauberhaltung ansehen soll, und ich möchte nicht, daß Pe­
ter dort ist, wenn er das tut. Und für den Augenblick scheint
er hier drinnen glücklich zu sein. Jeden Tag fährt er mit dem
Aufzug weiter hinunter ... es kann sein, daß er selbst nach außen
gehen wird.
Am Montag wird das Meerwasserbecken gereinigt, und am

270
Dienstag wird der Zement kommen und aufgegossen, wie es ge­
plant war. Meine Arbeiter werden mit der Mauer weiterma­
chen . . . und am Ende der nächsten Woche sollte Pam nach oben
kommen. Das gibt mir Hoffnung! [Dies bezieht sich auf die
Mauer rund um Pams neuen Behälter außerhalb des Gebäudes,
wovon früher in diesem Bericht die Rede war.] Ich freue mich
darauf, die Arbeit mit Pam beginnen zu können ... ich ver­
misse ihre Aussprachefähigkeit!

27. Juni - 2. Juli 1965. 3. Woche.


Montag und Dienstag dieser Woche begannen wir mit der Ge­
neralsäuberung des neu überfluteten Raumes. Das Wasser wurde
abgelassen und das Becken ausgeschrubbt. Peter wurde nach außen
gesetzt. Wir wollten ihn im Traggurt befördern, aber das war
nicht notwendig. Er wurde sanft gestoßen und schwamm durch
die Tür. Er verbrachte draußen einen glücklichen Tag ... er be­
wegte sich frei überall um die mittlere Mauer herum. Wir arbei­
teten innen und strichen den Boden erneut mit Thoroseal. Diens­
tag machten wir außen sauber. Peter mußte mit dem Traggurt
nach innen gebracht werden und war widerspenstig. Als er im
Gurt lag, entdeckte ich an seinem Bauch einige rote Flecken, wahr­
scheinlich von dem rauhen Boden der Innenseite. Sie sahen nicht
offen oder gar besonders wund aus, nur rosa. Wir konnten die
Außenseite einigermaßen gut reinigen, obgleich das Wasser nicht
vollständig abgelassen war und es schwer ist, das ganze schmutzige
Wasser hinauszubefördern. Der meiste Algenbewuchs, der nicht
hinausgespült wurde, wurde schließlich weggeschrubbt.
Mein Bett ist rundherum verhängt ... alle Teile des Bettes
sind getrocknet. Trockenes Schlafen ist zu erwarten. Fand wäh­
rend der Woche, daß die Arbeit sehr gut vorangeht ... Peter
erreicht meine Aufmerksamkeit dadurch, daß er einen Ball gegen
den Vorhang w i r f t . . . »whap, whap . . . « aber er kann mich nicht
mehr durchnässen.
Einige Unterrichtsstunden in dieser Woche waren sehr schwach.
Peter hat einen monotonen Laut aufgenommen, ein Plärren ...
und es geht immer weiter ... selten hört er damit auf, um auf
mich zu hören. Ich gäbe alles darum, wenn ich das unterbinden

271
könnte, und manchmal verliere ich meine Beherrschung und schreie
Peter an. Ein anderes Mal paßt er sehr gut auf ... und scheint
zumindest den Versuch zu machen, das Richtige zu tun.
Manchmal fühle ich sehr deutlich, daß ich versuchen kann, was
ich will ... aber ich habe dabei keine Fortschritte gemacht. Ich
muß Peter lehren, daß er etwas lernen muß, und danach werden
wir einiges erreichen. Ich kann mit ihm fünf Lektionen durch­
nehmen und habe es so s a t t . . . und dann will ich eine Zählstunde
geben, und plötzlich lauscht Peter ... dreht sich herum und schaut
auf die Bälle, auf die ich zeige, schaut zurück auf mich ... ver­
sucht Laute zu bilden, lauscht, wenn ich wiederhole. Es kann sein,
daß Peter nicht ganz genau weiß, was man von ihm erwartet.
Ich muß versuchen, das ganz klarzumachen.
Beim Durchgehen der Tonbänder dieser Woche stelle ich fest,
daß sie sehr nützlich sind . .. Ich erhalte eine konzentrierte Ver­
sion dessen, was vorgegangen ist. Es wird alles wieder gegen­
wärtig. Ich greife einige Dinge heraus, die mir interessant schei­
nen ... den guten Anfang eines Wortes, eine gute Nachahmung
der Modulation, der Tonhöhe usw., aber ich habe bis jetzt noch
nicht damit begonnen, einige Teile davon neu aufzuzeichnen. Ich
bin mit dem Mechanismus so wenig vertraut, daß es eine Ewig­
keit dauern würde ... und ich glaube, ich habe noch nicht ge­
nügend gutes Material, daß es der Mühe wert wäre, die Zeit da­
mit zu verbringen. [Als ich Miss Howe fragte, was sie unter
»gutem Material« verstehe, fügte sie hinzu: »gute Aussprache«.]
Peter ist noch immer nicht freiwillig nach außen gegangen. Er
tastet seinen Weg zollweise ab . .. Ich bin zu der Erkenntnis ge­
kommen, daß es hier etwas zu seicht ist. Dieses Wochenende
werde ich den Wasserspiegel anheben und sehen, ob er heraus­
kommen wird.
Gegen Ende der Woche, am Freitagnachmittag, hatte ich die
erste wirklich schlechte Periode von Ruhelosigkeit. Ich konnte
keinen Augenblick länger im Laboratorium verbringen. Ich setzte
mich in meinen Wagen und fuhr ein wenig umher ... und fühlte
mich besser. [Margaret hat über diesen Zustand eine längere No­
tiz verfaßt, die später in der Zusammenfassung der aufgetretenen
Probleme eingeschaltet werden wird.]

272
Ich bin physisch so fertig, daß ich es kaum aushalten kann . . .
meine Beine sind von den Knien abwärts taub. Man beachte, daß
ich meine Periode am Mittwoch bekam . . . das mag mich ange­
griffen haben. Freitag schlief ich in meinem eigenen Bett ... und
fühlte mich am Samstag besser. Diese ganze Abspannung war
außerdem mit einer Depression verbunden ... ich wäre gern fort­
gegangen, um einige Menschen zu sehen. Ich glaube, daß ich einen
Punkt erreicht hatte, an dem mein Geist nicht ganz bei der Sache
ist und ich nicht richtig arbeite. Jedenfalls ging ich fort und wan-
derte am Sonntag umher ... und fühle mich besser, da ich dem
Montag entgegensehe.
Um es zusammenzufassen: es ist eine Art von neutraler
Woche gewesen. Kein sichtbarer Fortschritt, aber auch kein Rück­
schlag. Das ist gut für mich. Es bleibt die Tatsache, daß Peter und
ich eine weitere Woche miteinander verbracht haben ... uns
gegenseitig angeschrien haben ... verbrachten lange liebevolle
Stunden, schimpften aufeinander ... betrieben Unterricht usw.,
und so sind wir eine Woche mehr einander bewußt geworden, als
wir das jemals zuvor waren.
Und das ist für den Augenblick alles, was ich erwarte. Es hat
so lange gedauert, mit den physischen Problemen des Systems
fertig zu werden, und mit Ausnahme der Ernährung, denke ich,
haben wir das nun geschafft. Die Raumpfleger werden am Diens­
tag kommen und für Sauberkeit sorgen. Höchste Zeit!
Der Beton wurde diese Woche im Meerwasserbecken aufge­
gossen . . . Das war eine große Verwirrung. Den ganzen Tag
Lärm . . . ich mußte einige Male hinausgehen, um nach der Arbeit
zu sehen. Die Pumpen wollten nicht arbeiten, es waren zu wenig
Arbeiter, im Becken stand noch Wasser ... ich hatte eine Menge
Probleme bezüglich der Außenarbeiten im Kopf. Die Arbeiter
waren pünktlich um 7.30 Uhr am Samstagmorgen da, um die
Betonarbeiten abzuschließen. Ich stand um 5 Uhr früh auf und
stellte die Pumpen an, um das Becken zu entleeren, doch der
Strom fiel aus.
Das meiste von all dem sind kleine Probleme, aber in dieser
Woche häuften sie sich und belasteten mich sehr. Pam wollte
einige Tage lang nicht fressen. Ich war ihretwegen beunruhigt.

273
Sic ist nun in Ordnung ... sie ist zu ihrer Norm zurüde­
gekehrt.
Peter ist immer noch an Spielen sehr interessiert. Er liebt es,
Dinge zu holen und zu bringen. Ich muß einen Weg finden, dies
sinnvoller zu gestalten. Je mehr davon, um so besser. Ich suche
nach irgendeiner Form von Tätigkeit oder Darbietung, die eine
Beziehung dazu hat und Peter unter Kontrolle bringt. Dieses
»Holen und Bringen« ist ideal. Nochmals, ich sehe der nächsten
Woche mit Spannung entgegen.

3. Juli - 10. Juli 1965. 4. Woche.


In der ersten Wochenhälfte ging die Arbeit im Meerwasser­
becken immer noch weiter; die Wanne muß ordentlich zementiert
werden. Am Samstagmorgen fiel die Elektrizität aus, und aus
unerfindlichen Gründen lief der kleine Behälter neben dem Meer­
wasserbecken halb aus. Ohne Kraftanlage war es unmöglich, ihn
aufzufüllen. Ich habe einen 15 Meter langen biegsamen Schlauch
gekauft, den ich als Abzug oben verwende. Ich steckte ihn in den
Behälter und füllte ihn mit Wasser von oben. Das ist ein sehr
guter Ersatz. Ich stelle fest, daß der Sauger mehr Wasser schafft
als der reguläre Abfluß oben.
Ich habe ebenso entdeckt, daß Peters Abneigung, nach außen
zu gehen, nicht daher rührt, daß der Raum oder die Tür zu eng
i s t . . . es kommt daher, daß das Wasser beim Aufzug zu flach ist.
(Auf der Südseite des Aufzuges ist der Boden des Durchgangs
etwas aufgewölbt, so daß Peter über einen Buckel am Boden
schwimmen müßte.) Ich ließ das Wasser über 60 cm ansteigen ...
und er schwamm von allein hinaus. Peter war einen Tag drau­
ßen ... und ich schloß den oberen Teil der Tür, in der Annahme,
daß er nicht unter der Tür durchschwimmen würde, denn ich
wollte, daß er draußen bleibt. So könnte ich die Innenseite reini­
gen, ohne von ihm unterbrochen zu werden. Doch weit gefehlt!
Peter schwamm sehr bereitwillig zur Tür herein . . . und wieder
hinaus. Solange er genug Wasser hat, bewegt er sich frei umher.
Wir verbrachten viel Zeit draußen, ich gab ihm einige nicht
mitgeschnittene Lektionen am Balkon und spielte mit ihm, wäh­
rend ich auf dem Floß trieb.

274
Ich habe begonnen, mit Peter mehr und mehr außerhalb der
Fütterungszeiten zu arbeiten. Wenn ich die Fütterung nicht mit
Unterricht verbinde, füttere ich so unbeteiligt wie möglich. Ich
werfe einfach das Fischbündel in das Wasser und lasse ihn allein.
Er frißt die ganzen Fische, aber ich spreche nicht zu ihm, streichle
ihn nicht usw. Ich stelle fest, daß Peter immer häufiger mit Hu-
manoiden meine Aufmerksamkeit zu wecken sucht. Ich antworte
so oft wie möglich. Ob ich im Bett bin oder koche, ich unterbreche
meine Tätigkeit sofort, wenn Peter mit Humanoiden zu mir
spricht, gehe zu ihm oder versuche ihn in eine Konversation zu
verwickeln. Ich antworte nicht auf Schnarren und Pfeifen, mit
dem er meine Aufmerksamkeit erlangen will. Das kommt bei
mir nicht an, und ich mache ihm das damit klar.
Peter ist mehr und mehr am Spielen interessiert und beginnt
damit häufig von sich aus. Er kann den Ball mit einiger Genauig­
keit auf mich oder zu mir stoßen, und ich finde, daß ich plötzlich
zu seinem Spiel notwendig bin ... er spielt nur selten allein mit
diesen Gegenständen. Wir spielen zwei Spiele. Eines ist das »Ho­
len«! Peter bringt mir den Ball, den Lappen oder das Spielzeug­
kaninchen, ich werfe den Gegenstand fort, er schießt darauf zu
und bringt ihn mir zurück. Das andere ist »Fangen«: Er wirft
den Ball in die Luft zu mir, häufig kann ich ihn fangen und werfe
ihn dann zu ihm zurück. Sehr bereitwillig wirft er ihn wieder zu
mir. Er kennt kein Für-sich-Behalten oder irgendeinen »Weg-
nehm-Instinkt«. [Man muß berücksichtigen, daß dies Margarets
Spezialgebrauch des Wortes »Instinkt« ist.]
Ich komme etwa in den Raum, treffe Peter vor dem Spiegel an
und sehe den Ball am anderen Ende des Raums schwimmen. Ich
sage mehrere Male zu Peter »Ball«, und wenn er spielen möchte,
kann er ihn holen ... und er tut es. Es ist schwer zu sagen, ob er
beispielsweise zwischen Ball und Lappen unterscheiden kann.
Wenn sie beide unten liegen und ich ihm sage, daß er den Lappen
holen soll, bringt er häufig den Ball. Er scheint den Ball vorzu­
ziehen, und ich bin nicht sicher, ob er nicht einfach das, was ich
sage, ignoriert und das tut, was er will. Wenn das geschieht,
ignoriere ich den Ball, verlange weiterhin den Lappen, und wenn
er ihn nicht bringen will, gebe ich die ganze Sache auf.

275
John Lovett kam während der Woche und machte Schwarz-
weiß-Aufnahmen. Einige davon hebe ich mit den Negativen im
Ordner auf, die übrigen habe ich Dr. Lilly geschickt. Es sind
gute Aufnahmen und ein ausgezeichneter Beleg für den erzielten
Fortschritt.
Die mitgeschnittenen Übungsstunden mit Peter zeigen eine Ver­
besserung. Er ist endlich wieder in der Lage zuzuhören! Ich habe
eine nette Methode, ihn zum Schweigen zu bringen. Wenn er
etwas falsch macht, lege ich meine Finger einfach sanft auf seinen
Schnabel oder über sein Blasloch, und er ist ruhig. Ich wieder­
hole . . . und er folgt mir. Er scheint das ungeduldige Kreischen
aufgegeben zu haben, das so ärgerlich war, und wir arbeiten viel
besser zusammen. Ich habe mich noch nicht über die Tonbänder
dieser Woche gemacht, so daß ich darüber nichts berichten kann.
Ich bin nicht in der Lage, diese Tonbänder so auszuwerten, wie
ich es gerne möchte. Aber ich weiß, was getan werden muß und
was ich gerne tun würde. Ich werde wohl einfach fortfahren,
Tonbänder herzustellen und sie, so gut ich kann, durchzugehen . . .
doch zu einem späteren Zeitpunkt werde ich einige Tage dafür
aufbringen müssen, und vielleicht finde ich auch jemanden, der
sich mit dem Schneiden auskennt. Alle die Tonbänder abzuhören
dauert endlos, und ich werde neue Aufnahmen jener Teile an­
fertigen, die einen Fortschritt zeigen. Das muß getan werden,
kann aber warten.
Peter war während der Woche einige Male sexuell erregt, und
ich habe darüber Gedanken und Fragen, die in einer besonderen
Arbeit folgen werden. [Die betreffende Arbeit trägt das Datum
vom 11. Juli 1965.]

276
XIII. KAPITEL

Beobachtungen und Gedanken nach vier Wochen Erfahrung

Margaret verfaßte einen Sonderbericht über das ständige Zu­


sammenleben mit Peter in der 5. Woche:
In den vergangenen Wochen kamen mir Gedanken und machte
ich Beobachtungen, die nicht in die Wochenberichte Eingang ge­
funden haben. Dies soll eine Art Zwischenbericht über diese Ge­
danken und Beobachtungen sein.
Mit einem Delphin 24 Stunden pro Tag zusammenzuleben ist
eine Situation, die einen sehr auf die Probe stellt. Viel mehr, als
ich erwartet hatte. Ein Delphin ist, ungleich einem Hund, einer
Katze oder einem Menschen, weit mehr ein »Schatten« als ein
Hausgenosse. Wenn man ihm die Gelegenheit gibt, wird er dich
niemals verlassen. In Anwesenheit von Peter einen Boden aus­
zukehren bedeutet, daß Peter unausgesetzt zu deinen Füßen i s t . . .
er berührt dich ... stößt dich ... beknabbert dich ... spricht
vielleicht zu dir (humanoid oder delphinesisch). Er geht einfach
nicht weg. Durchquert man den Raum, um an das Telephon zu
gelangen, bedeutet das, daß dir Peter begegnet, sobald du in sei­
nen unmittelbaren Bereich kommst, und er begleitet dich, sto­
ßend, knabbernd, klatschend, den ganzen Weg. Und wenn du
auch eine halbe Stunde telephonierst, wird Peter nicht abgelenkt
oder gelangweilt, er bleibt einfach bei dir ... wieder dich be­
rührend, dich stoßend, dich beknabbernd, sprechend, spritzend.
Zur Zeit bin ich in einer Situation, in der Peter immer noch
Widerstand leistet, wenn er mit dem Aufzug hinunterfährt und
nach außen gebracht wird. Ich kann ihm »entkommen«. Aber
er ist von selbst hinausgegangen ... er kann sich im ganzen Raum
umherbewegen, und es ist nur eine Frage der Zeit, daß ich keinen
Platz mehr haben werde, ihm zu »entkommen«. Das ist natür­
lich genau das, was ich gewollt habe, aber ich habe nicht die In­
tensität der Situation bedacht. Wenn Peter nicht gerade mit

277
einem Spiel beschäftigt ist, will er mich auf irgendeine Weise
berühren und meine Aufmerksamkeit fordern. Das mag sich
freundlich anhören, aber ich kann buchstäblich keinen Schritt tun,
ohne daß mir Peter zwischen die Füße gerät. Und wenn ich ihn
weiterhin ignorieren sollte, darf ich sicher sein, von seinem
Schwanz einen Schlag zu bekommen, der mir die Füße wegreißt.
Meine Schienbeine sind von oben bis unten von dem ständigen
Anstoßen seiner Nase und der Vorderkante seiner Flossen zer­
schlagen. Und all dies paßt mir sehr gut. Wir werden niemals mit
dem Delphin vertraulich leben, solange dieses Problem nicht ge­
löst ist. Peter muß lernen, daß er mich verletzen kann ... und
er muß lernen, daß er mich nicht verletzen darf, auch wenn er
noch so verärgert ist. Solange das nicht klar ist, wird darin eine
gewisse Gefahr beim allzu engen Zusammenleben mit Delphinen
bestehen, jedenfalls für mich. Ich habe nicht den Eindruck, daß
er mich gerne physisch verletzen will, wenn er plötzlich mitten
in einem Spiel oder in einer Unterrichtsstunde ärgerlich wird. In
dieser Hinsicht beschäftigen wir uns mit einem »wilden Tier«,
und wir müssen es domestizieren oder zivilisieren. [Ich befragte
sie über den Ausdruck »wildes Tier« und wollte wissen, ob »wil­
der Mensch« nicht besser gewesen wäre. Sie sagte nein, sie meine
»wildes Tier« und das sei der Sinn, in dem sie es meint.]
Jemand, der mit einem Delphin geschwommen ist oder eine
Zeitlang mit ihm gespielt hat, kann das natürlich nicht verstehen.
Wenn man sich selbst 24 Stunden am Tag einem Delphin aussetzt,
wird man der »andere Delphin« in seinem Leben. Man wird ge­
genüber seinen Launen und Eigenheiten empfindlich. Man ist
etwas anderes als ein Mensch, der lediglich eine Zeitlang spielen
möchte. Man wird konfrontiert mit den sexuellen Wünschen und
Spielen der Delphine, ihrem Hunger, ihren Streichen, ihrem Ver­
langen nach intensiver körperlicher Betätigung und Ruhe. Man
ist nicht mehr nur ein nettes »Zwischenspiel« innerhalb des Ta­
ges. Man ist ein ständiger Begleiter und muß mit dem Delphin,
so wie er ist, Frieden schließen.
Dieser »Friedensschluß« mit Peter hat einen guten Teil unseres
Zusammenlebens beansprucht, doch wir schaffen es ganz gut. Ich
habe meine eigenen Ängste, usw., ich bin nun einmal kein »großer

278
starker Mann«. Vielleicht könnte ein tapfererer, stärkerer Mann
dieses Problem in kürzerer Zeit lösen ... aber ich habe getan, was
ich konnte. Anfänglich ging ich mit Gummistiefeln in den über­
fluteten Raum. Peter hatte zuvor meine Füße beknabbert, und
das wollte ich verhindern. Er knabberte trotzdem, und ich ging
dazu über, einen Besen mit mir zu tragen. Dies hielt ihn davon
ab; er kam zu mir, aber ich konnte meine Füße vor seiner bestän­
digen Aufmerksamkeit schützen. Nach einigen Tagen wurden
die Gummistiefel zur Plage, und ich legte sie ab. Ich trug weiter­
hin einen Besen bei mir, aber auch dies wurde bald lästig. Ich be­
schloß, die Sache anders anzupacken.
Peter schien das Problem zu fühlen und war bereit, die Sache
ebenfalls anders anzupacken. Er wurde sehr sanft, und wir ver­
brachten unsere ersten »Liebesstunden«. Dies gab mir Vertrauen,
und ich war Peter für seine Sanftheit dankbar. Wir wurden mehr
und mehr miteinander vertraut. Ich begann ohne Besen umher­
zugehen. Peter folgte mir weiterhin und stieß mit seinem Schna­
bel gegen mich, hielt aber die meiste Zeit sein Maul geschlossen
und knabberte nicht. Wenn er meinen Fuß oder mein Bein zwi­
schen seine Zähne nahm, machte ich einen großen Krach, schrie
ihn an, schleuderte Wasser auf ihn, schlug ihn sogar, wenn es
schmerzte, und zog mich sofort aus »seiner« Umgebung zurück.
Ich wartete, und Peter antwortete gewöhnlich damit, daß er
sich herumdrehte, mit den Flossen wackelte, das Maul schloß und
ruhig dalag. Ich näherte mich ihm wieder, bediente mich nun
eines beruhigenden Tonfalls, und wenn er weiterhin sanft blieb,
setzten wir das Spiel fort, und der Vorfall war erledigt. Wenn
er weiterhin nach mir schnappte - er hatte mich ja schließlich
zum Zurückkommen verleitet -, wurde ich böse und ließ ihn
längere Zeit allein. Dies schien sehr gut zu wirken ... täglich
konnten Peter und ich längere Zeit ganz glücklich und gemütlich
miteinander auskommen.
All dies ist im einzelnen schwer zu beschreiben ... manches
davon ist sehr subtil . . . aber die Veränderung in unserer Be­
ziehung ist nach einigen Wochen zu sehen. Sie ist ein wichtiges
Element unserer Zusammenarbeit ... und ohne Rücksicht dar­
auf, wie lange man zur Lösung braucht, wird sie sehr wertvoll

279
sein. Ich sehe dem Tag entgegen, an dem Peter mich anschreien
wird, anstatt nach mir zu schnappen, um sein Mißvergnügen zu
zeigen. Das bedeutet für ihn eine große Überwindung seines
Instinkts, und ich schätze jede Anstrengung seinerseits sehr hoch
ein. Meine Quetschungen und Kratzer sind es mir wert. [Frü­
here Studien während Margarets dreimonatiger Beobachtung
des Verhaltens der Delphine zeigen die Art und Weise, wie
Delphine ihre Zähne gegenüber Artgenossen gebrauchen.]
Soviel zur »Zähmung« Peters. Nun zu meinem Fortschritt beim
Unterricht und zu den Plänen hierzu.
In seiner natürlichen Umgebung hat es Peter nicht nötig,
englisch zu sprechen. Bevor ich ihn dazu bringen kann, daß er
wirklich zu sprechen anfängt, muß ich ihm eine derartige Not­
wendigkeit bieten. Das kann ich auf zwei Wegen machen.
Der erste ist, durch Futterbelohnung, später hoffentlich durch
stimmliche oder physische Belohnung, zu erreichen, daß er wie­
derholt, was ich gerade sage.
Der zweite ist, verschiedene Gegenstände und den Gebrauch
verschiedener Gegenstände einzusetzen und dies so notwendig
oder so vergnüglich zu gestalten, daß ich von ihm verlangen kann,
die Sprache zu benützen, um diese Gegenstände anzuzeigen, zu
bekommen oder zu kontrollieren.
Die Futterbelohnung bei mitgeschnittenen oder »formalen«
Unterrichtsstunden mit Peter hat sich als unergiebig erwiesen.
Das von mir vorbereitete Programm ist zurückgestellt worden,
weil Peter auf irgendeine Weise vergessen hatte, wie man zu­
hört. Wir haben viel Zeit gebraucht, um ihn zum Geben und
Nehmen, zum Zuhören und Antworten zu bewegen. Er ist nun
wieder auf dem Weg dorthin, und die Unterrichtsstunden wer­
den für uns beide vergnüglicher. Ich kann das Anschreien ein­
stellen und Peter an Schnabel oder Blasloch berühren, um anzu­
zeigen, daß er wieder zuhören müsse. Ich glaube, dies rührt zum
großen Teil daher, daß die Fütterungszeiten nicht allzusehr hin­
ausgezögert werden. Wenn Peter tatsächlich hungrig ist, schreit
er ganz einfach so lange, bis ich ihn füttere. Eine dreimalige
Fütterung am Tag hilft, die »Überdehnung« der Fütterungszeit
zu verhindern ... und eine entspanntere Unterrichtsatmosphäre

280
zu schaffen. Peter hat einen guten Appetit und frißt stets alles,
was ich ihm anbiete. Wenn ich den Eindruck habe, daß er zu
hungrig ist, um aufzupassen, füttere ich ihn ausreichend und hole
mehr Fisch für ihn. Es ist nicht fair, einem hungrigen Delphin
das Futter vorzuenthalten. Die Belohnung sollte mehr ein Lecker­
bissen für ihn sein.
Auf jeden Fall gelangt Peter wieder in das richtige Fahrwasser
und hört zu; ich kann ernsthaft beginnen, ihm Zahlen, Formen
und Farben beizubringen. Das sind die drei Dinge, mit denen ich
anfangen möchte, und danach werden wir weitersehen. Es ging
langsam voran, aber wir haben zumindest einiges zustande ge­
bracht. Peter ist dabei der Schrittmacher; ich kann ihn lediglich in
seine Grenzen verweisen und dann mich seinem Tempo anpassen.
Im Augenblick hat Peter diesen Punkt erreicht: er kann zu­
hören, und er kann schweigen. Er antwortet mit gut 95% Hu-
manoiden und läßt nur gelegentlich delphinesische Kommentare
hören. Er kann die Wörter »Ball« und »hello« ein wenig nach­
ahmen. Sie sind nicht besonders klar, aber sie sind da. Er arbeitet
offensichtlich an »L« und »M« ... vermutlich von »hello«, »Ball«
und »Margaret«.
Mein erstes Ziel wird sein, ihn dahin zu bringen, jedes Wort
klar auszusprechen und seine Bedeutung zu wissen. Das wird ver­
mutlich seine Zeit brauchen und ist der schwerste Schritt. Wenn
er einmal gelernt hat, daß er einiges sagen kann und daß es für
mich etwas bedeutet .. . dann werden die anderen Wörter und
deren Bedeutungen leichter kommen. So wiederhole ich immer
wieder die wenigen Wörter, die er am leichtesten wiederholen zu
können scheint . . . und ich glaube nicht, daß er durch diese Wie­
derholung gelangweilt wird, bis er das Wort beherrscht, an wel­
chem Punkt ich dann weitergehen werde. Das alles ergibt sehr
langweilige Tonbänder, da ich ein Wort immer und immer wie­
derhole, während Peter verschiedene Antworten gibt. Ich kann
jedoch Veränderungen hören; Veränderungen, wenn er sich um
neue Laute bemüht ... und ich werde diese langweilige Haus­
arbeit so lange nicht aufgeben, bis ich das Gefühl habe, daß Pe­
ter es geschafft hat. Die Veröffentlichung usw. wird eben so lange
warten müssen, bis geglückte Tonbänder vorhanden sind. Es gibt

281
nichts Kluges oder Aufregendes bei einem Taubstummen, der
sprechen zu lernen versucht. Es ist ein langsames, langweiliges,
quälendes und enttäuschendes Geschäft, und in diesem Rahmen
bewegt sich das, was Peter und mich beschäftigt.
Die Zahl der Gegenstände in Peters Leben verändert sich
ständig. Ich halte es für sehr wichtig, Gegenstände zu wählen,
mit denen beide spielen können . .. und darüber sprechen ... und
das ist eine viel schwerere Wahl, als es den Anschein hat (Tafel­
abb. 17, 18). Ich habe mich blindlings hineingestürzt. Peter hat mir
gezeigt, wie ich vorgehen soll. Ich begann ganz natürlich mit
einem Ball. Das ist angemessen . .. Peter kann gelegentlich Ball
sagen, und ich verlange von ihm, daß er sich darum bemüht,
bevor ich ihm den Ball gebe. Nun kommt die Frage: Was kann
man mit dem Ball anfangen? Am Anfang machten wir nichts.
Peter verlangte den Ball, ich gab ihn ihm, und er nahm ihn mit
seinem Maul glücklich entgegen. Eine Zeitlang. Das änderte sich,
als er ihn leicht hüpfen ließ, indem er ihn auf den Boden warf.
Darauf scheinen alle Delphine ganz natürlich zu kommen ... sie
lieben es, mit dem Ball zu spielen. Schön! Aber lieben sie es, zu­
sammen mit dem Menschen Ball zu spielen? Es schien ganz na­
türlich zu sein, den Ball zu werfen und zu sehen, ob Peter ihn
holen wird. Hunde haben uns dieses Spiel gelehrt. Peter kennt es
auch! Ich weiß nicht, wie ich Peter dies gelehrt habe oder ob ich
es ihm überhaupt beigebracht habe .. . Jedenfalls fängt er einen
Ball ganz glücklich, hebt ihn auf ... bringt ihn zu mir und über­
läßt ihn mir. Schön\ Kann er dies mit mehr als einem Ball?
Ja\ Peter kann drei Bälle gleichzeitig in seinem Maul halten ...
und er holt drei Bälle gleichzeitig und bringt sie alle zurück. Das
will ich später einmal ausnützen, wenn sein Zahlensinn mehr ent­
wickelt ist ... um zu versuchen, ob er auf Wunsch einen oder
zwei bringen kann.
Also einer von Peters Gegenständen ist ein Ball, klein, rot und
schwimmfähig.
Wenn Peter einen Ball holt, wird er andere Dinge ebenso
holen? Ja! Ich habe das Spiel mit einem Lappen versucht . . . er
liebt es, das Spiel zu variieren, indem er ihn mit seinen Zähnen
oder auf einer Flosse zurückbringt.

282
Die Abänderung dieses Spiels besteht darin: Nachdem Peter
mir den Lappen übergeben hatte, begann ich ihn leicht damit
abzureiben ... wobei ich »rub« sagte. Peter antwortete darauf
nicht stimmlich, aber einige Male später, wenn er mit dem Lap­
pen im Maul zurückkam, wollte er ihn mir nicht sofort geben.
Statt dessen behielt er den Lappen, sank auf den Boden herab
und führte seinen Schnabel mit dem Lappen an meinen Beinen
und Füßen auf und ab. Ich sagte »rub!«, »thank you, Peter«, und
er gab mir den Lappen für einen neuen Wurf.
Der zweite Gegenstand ist also der Lappen: ein Spül- oder
ein Waschlappen. Ein nasses Handtuch erschien mir zu schwer
und zu unhandlich.
Solange ich Peter kenne, hat er immer ein »Floß« gehabt.
Es besteht aus einem Seil, das an jedem Ende einen Korkschwim­
mer hat. Er spielt allein damit, es ist leicht in die Luft zu werfen,
doch ich habe mit ihm nicht damit gespielt.
Ein weiterer Gegenstand ist also ein »Floß«.
Peter und ich entwickelten ein anderes Spiel mit dem Ball,
nämlich »Fangen«. Wir waren einige Meter weit voneinander
entfernt. Ich warf den Ball zu Peter; bekam er ihn, konnte er
zwei Dinge tun: er konnte ihn mir unter Wasser durch Kiefer­
schnappen zuschießen oder ihn von der Oberfläche des Wassers in
die Luft hüpfen lassen. Das letztere habe ich gefördert, und wir
können einige Bälle wechseln, wobei er ein recht gutes Zielver­
mögen zeigt, so daß ich den Ball auffangen kann. Dieses Spiel
wird von Peter plötzlich unterbrochen; er legt sich auf die Seite
und will so lange nicht weiterspielen, bis ich ihn streichle und
gurre. Wenn ich das einige Minuten lang mache, kann das Ball­
spiel wieder weitergehen.
Ich habe zwei Körbe besorgt, einen blauen und einen roten,
und drei Bälle von jeder Farbe. Ich werde die Körbe aufhängen,
um zu sehen, ob ich Peter für ein kurzes Wasser-Basketballspiel
interessieren kann. Später werde ich prüfen, ob er die Farben
unterscheiden kann.
Ein weiterer seiner Gegenstände ist also die Basketballausrü­
stung.
Vom Anfang dieses Experiments an besaß ich eine Bürste, die

283
bei Peters Spiegel aufbewahrt wurde. Eine menschliche Schwäche,
aber doch ganz lustig! Es ist eine Staubbürste, ein weiches, dickes
Ding. Peter scheint sie zu lieben, aber kann nicht viel mit ihr
anfangen. Ich gebrauche sie nicht sehr oft, aber wenn ich es tue,
sage ich »brush«, und wenn ich Peter damit bürste, sage ich
»brush, brush«. Peter liegt dann auf der Seite und läßt sich von
oben bis unten abbürsten. Er liebt es, am Schnabel und um die
Lippen herum gebürstet zu werden.
Ein weiterer Gegenstand für Peter: die Bürste.
Ich fand .ein langes großes Gummikaninchen ... es schwimmt,
und wenn man es drückt, schreit es. Ich gab es Peter und er­
klärte »bunny«.
Ich zeigte ihm, wie es schreit. .. ließ es ein wenig umherhüpfen
und überließ es ihm. Er brachte das Kaninchen bald zum Schreien.
Ich ging zu ihm und benannte es abermals. Ich nahm es fort, wenn
er es verließ. Ich werde es aufbewahren, bis ich die Zeit für ein
neues Kaninchen-Spiel für gekommen halte, und dann werde ich
Peter noch einmal erklären, was es ist. Idi meine, man sollte ihm
Dinge dieser Art nicht zu lange überlassen. Er gewöhnt sich sonst
zu sehr an sie und beachtet sie nicht mehr. Sie sollten sorgfältig
zur richtigen Zeit und bei entsprechender Aufmerksamkeit zuge­
teilt werden.
Peter hat nun auch ein quiekendes Spielzeug, ein Kaninchen.
Ich habe einige Zeit lang Peter mit seinen Formen spielen las­
sen, damit er mit ihnen mehr vertraut wird. Wenn ich sie im
Unterricht verwende, überlasse ich sie ihm nicht. Ich halte sie
empor oder tauche sie in das Wasser, damit er sie sehen kann.
Ich glaube, er hat keine rechte Lust, damit zu spielen ... solange
er nicht die Unterschiede versteht, sind sie bedeutungslos und
nicht zum Spielen geeignet. So werden sie nur für den Augenblick
im Unterricht zum Vorweisen benützt.
Peter hat einen Rhombus, ein Quadrat, einen Kreis, ein Recht­
eck und ein Dreieck. Diese Formen bestehen aus Holz, schwim­
men und sind weiß bemalt, mit einem schwarzen Rand (Tafelabb.
16, 17).
Im Augenblick ist dies der Grundbestand von Peters Gegen­
ständen. Täglich werden Tüten, Apfelkerngehäuse, Zigaretten­

284
stummel, Eimer, Teebeutel, Besen, Bücher usw. in den überflute­
ten Raum gebracht und gewöhnlich vor ihm benannt, aber die
obigen Gegenstände gehören zu seinem festen Bestand. Sollte die­
ser Bestand ergänzt werden, würde ich dies in diesem Bericht
vermerken.
Allmählich entsteht ein Lebensraum für Delphin und Mensch,
und langsam lerne ich, was benötigt wird und was nicht. Ich
lerne, daß ich nicht ganz geeignet für eine völlige Isolation mit
Peter bin, und glücklicherweise lerne ich, daß das auch gar nicht
notwendig ist. Ich bin sehr deprimiert und entmutigt gewesen und
habe festgestellt, daß ich mindestens einmal in der Woche aus­
brechen muß.
Ich habe mich dabei ertappt, daß ich während des Tages irgend­
eine Ausrede finde, um aus dem überfluteten Raum herauszu­
kommen ... daß ich nach unten gehen muß, um nach einer Pumpe
zu sehen ... daß ich nach oben gehen muß, um etwas zu holen ...
daß ich hinausgehen und einige Minuten damit zubringen muß,
meine Katze zu liebkosen ... daß ich hinaus muß und eine
Dusche in meinem eigenen Badezimmer nehmen und mir die
Füße einmal richtig trocknen muß ... und nach all diesem »müs­
sen« war es mir stets am wichtigsten, zurückgehen zu müssen, um
zu sehen, was Peter gerade macht.
Aber bei einem zweieinhalbmonatigen Zusammenleben halte
ich es für sehr wichtig und wertvoll, so streng wie möglich den
eingeführten Tagesablauf beizubehalten, eben weil es wichtig ist,
soviel wie möglich dazusein ... um herauszufinden, was ge­
schieht, wenn ein Spiel vorüber ist ... wenn eine Stunde fad
i s t . . . oder wenn ich erschöpft bin usw.
In einer langweiligen Pause wirft Peter beispielsweise plötzlich
den Lappen nach mir, und wir beide haben das Gefühl, inein­
ander verschossen zu sein ... oder voneinander beglückt zu
sein ... und je öfter so etwas passiert, um so mehr können wir
gemeinsam erreichen.
Ich finde, daß dieses Leben schwer ist und mein Privatleben
stark belastet. Ich glaube, es würde mir nicht gefallen, allzu lange
derart zurückgezogen zu leben. Doch im Augenblick und sicher­
lich auch in den nächsten Monaten fühle ich mich sehr wohl dabei

285
und bin glücklich über das bisher Erreichte und das, was no‹h
erreicht werden kann.
Ich hoffe, daß ich das, was ich in diesen Monaten lerne, in
irgendein System bringen kann, und zwar ein System des Lehrens
und Lernens, das in Zukunft mit einem erträglicheren Acht-
Stunden-Tag (von 9-17 Uhr) beim Delphin mehr erreicht. Oder
vielleicht nicht mit einem Acht-Stunden-Tag, sondern mit einer
mehr lockeren Form des Zusammenlebens, die dem Menschen
mehr Zeit für sich selbst läßt. [Die Anlage ist ein für das Zu­
sammenleben zu langweiliger und zu kleiner Bereich. Es zeigen
sich eindeutig negative Auswirkungen der Isolation und des
Alleinseins. Eine Mutter und ihr Kind können zusammen ihr
Haus verlassen; Margaret und der Delphin können das nicht.
Vielleicht ist das »Delphinomobil« eine Antwort auf Margarets
und Peters Verlangen nach einem Wechsel der Umgebung.]

286
XIV. KAPITEL

Wer lehrt wen was: Wechselseitiges Vertrauen

11.-17. Juli 1965. 5. Woche.


In den Nächten des Sonntags und Montags dieser Woche konnte
ich wenig schlafen. Peter war wach und schlug mit dem Schwanz
kräftig auf das Wasser. Ich versuchte mit ihm zu sprechen, mit
ihm zu spielen ... nichts half. Er blieb ruhelos, sein Schwanz
machte whap, whap, die ganze Nacht. Ich stellte fest, daß sich
am Anfang der Woche meine Spielperioden mit ihm veränderten.
Auch hatte Peter häufig Erektionen, wenn ich mit ihm spielte.
Peter ist seit genau einem Monat mit mir oben, und bis jetzt
hat er noch niemals seine sexuelle Erregung zur Schau gestellt.
Ich denke, wir müssen daraus etwas lernen.
Ich finde, daß seine Wünsche unsere Beziehung beeinträchtigen.
Ich kann mit ihm nur noch so lange spielen, bis er eine Erektion
bekommt, und dann muß das Spiel bzw. die Unterrichtsstunde
abgebrochen werden. Ich meine, daß ich Peter nicht befriedigen
kann ... Ich bin mit ihm im Wasser, und er ist zu wild im Um­
gang. Er preßt sich immer wieder gegen meine Beine, umkreist
midi, neigt zum Knabbern . . . und ist im allgemeinen so erregt,
daß er sein Verhalten mir gegenüber nicht mehr unter Kontrolle
bringen kann. Ich hatte Peter im selben Zustand zuvor schon
erlebt, aber unter andersartigen Umständen. Als Peter oben in
dem Fiberglasbehälter war, wurde er gelegentlich erregt, und
ich entdeckte, daß er irgendeine Art von Orgasmus erreichte,
wenn ich seinen Penis in die Hand nahm und ihn sich gegen mich
pressen ließ; er hatte das Maul offen, die Augen geschlossen, der
Körper schüttelte sich, dann entspannte sich sein Penis und zog
sich zurück”'. Er wiederholte dies bisweilen zwei- oder dreimal;

* Der Penis des männlichen Delphins erscheint nur während der


Erektion außerhalb seines Körpers. Er verschwindet innerhalb des
Genitalspalts, wenn er nicht erregt ist.

287
dann hörten seine Erektionen auf, und er schien befriedigt zu
sein.
Jetzt bin ich jedoch vollständig im Wasser mit ihm, und da ein
so großer Teil meines Körpers ihm ausgesetzt ist, können wir
nicht mehr in die oben genannte Position zueinander gelangen.
Ich bin gänzlich ungeschützt vor ihm, und er stößt und schiebt
meine Beine und Füße und versucht auf rührende Weise, sich
selbst zu befriedigen. Ich kann ihm seine zunehmende Enttäu­
schung nachfühlen, und es ist danach für ihn völlig unmöglich
zu arbeiten.
Ich habe beschlossen, daß Peter für mindestens einen Tag zu
Pamela und Sissy hinabgehen muß. Ich denke, es ist nur recht
und billig, daß er nach etwa einem Monat mit mir allein diese
beiden für ein oder zwei Tage trifft. Ich hoffe, daß dies seine
Frustration mildert, so daß wir einen weiteren Monat mit der
Arbeit fortfahren können. Soviel ich weiß, hat man mit Del­
phinen schon viel länger in Isolation gearbeitet, ohne daß sie
Gelegenheit hatten, mit anderen Tieren umherzutollen, aber ich
glaube, daß man bei einem gewissen Punkt durch unbefriedigte
sexuelle Bedürfnisse behindert wird. Mir ist es lieber, daß ich
Peter für einen Tag entbehre und daß er danach glücklich wie­
derkommt, als daß wir so weitermachen wie im Augenblick.
Dieses Problem wird bei den Weibchen viel schwerer zu be­
handeln sein, falls es bei ihnen überhaupt existiert. Wenn Pam
in ihrem Behälter nach oben kommt, werde ich ihr einen Monat
geben und danach genau auf Anzeichen von Frustration oder Ver­
zögerung ihres Lernens achten. Dies mag ein sehr wichtiges und
bis jetzt noch nicht bedachtes Stadium in der Delphinausbildung
sein. Der Versuch, ein Tier in der Isolation und in einer Lern-
situation von einer solchen Frustration frei zu halten, kann das
Lernen beeinträchtigen oder sogar unmöglich machen. Jedes Tier
weist dabei vielleicht verschiedene Toleranzen auf, sie könnten
aber auch einigermaßen ähnlich sein. Bei Peter scheint die Grenze
bei etwa einem Monat zu liegen. Ich werde diesen Bericht mit
einem Bericht über Peters Verhalten fortsetzen, nachdem er ein
oder zwei Tage bei Pam und Sissy gewesen ist.
Ein anderer Gedanke, der mir in diesem Zusammenhang kam,

288
betrifft die Frage, ob es nicht das beste für den Menschen wäre,
irgendeinen Weg zu finden, die sexuellen Ansprüche des Del­
phins ohne einen anderen Delphin zu befriedigen. Dies könnte
das Band zwischen dem Delphin und dem Menschen festigen.
Es könnte freilich auch zu immer häufigeren »Sexualperioden«
zwischen den beiden führen. Wenn Peter weiß, daß ich seine
Wünsche befriedigen kann, könnte er sich frei genug fühlen,
Spiel oder Unterricht in eine »Sexualperiode« zu verwandeln . . .
Weiß er jedoch, daß ich keinen Anteil an seinen sexuellen Be­
dürfnissen nehme und daß er einmal im Monat zu Pam oder
Sissy gesetzt wird, könnte er seine Erregungszeiten bei mir redu­
zieren. Das wäre natürlich vorzuziehen. Ich werde es versuchen
und dann weiter sehen. Das ist ein Problem, und es muß gelöst
werden ... Ich kann nicht weitermachen, wenn meine Schien­
beine von einem lüsternen kleinen Peter umgürtet werden. Es
schmerzt!
Peter bessert sein Verhalten während der Unterrichsstunden
weiterhin. Er ist meistens aufmerksam, hört besser zu, als ich
jemals hoffte, und bemüht sich sehr. Ich nehme nur einige wenige
Wörter mit ihm durch und versuche ihm diese einzutrichtern. Er
hört zu, antwortet, hört abermals zu. Er hat immer noch diese
schlechte Aussprache, verbessert sich aber täglich hinsichtlich der
Modulation und Tonhöhe. Hört man die Tonbänder ab, könnte
man nach dem allgemeinen Eindruck auf Englisch schließen. Es
ist nur noch nicht verständlich. Man könnte es auf einer Cock­
tailparty für eine Konversation im Hintergrund halten. Es hört
sich schon ganz wie Englisch an ... und bald wird es das sein.
Ich bin sehr zufrieden.
Das Meeresbecken ist fertig. Die Seitenwände sind mit blauem
Tile-It und der Boden mit weißem Thoroseal gestrichen. Es ist
gefüllt, und Pam und Sissy sind darin sehr glücklich. Sie können
noch gut aus dem Wasser springen ... ich war dessen nicht so
sicher, wegen des neuen Bodens. Sie lieben es. Sissy verbringt
einen guten Teil der Zeit damit, die Nase in die Wanne hinein­
zustecken und jeden Zoll zu untersuchen. Ich bin bis jetzt noch
nicht richtig darin gewesen, aber ich ging eines Tages ein Stüde
hinein, um Sissy mit Creme einzureiben; sie hatte einen leichten

289
Sonnenbrand. Es ist viel angenehmer, die abfallende Seite am
Ausfluß hinabzugehen, als diese Stufen.
Die Mauer rund um den Behälter von Pam ist fertig und ge­
strichen. Es fiel mir schwer, mich für eine Farbe zu entscheiden ...
sie sollte nicht zu leuchtend und nicht zu warm sein. Ich entschied
mich für eine schwarz-weiße Kombination, die in breiten Strei­
fen angeordnet ist. Es sieht nicht so verrückt aus, wie ich befürch­
tet hatte; es wirkt so kühl und unaufdringlich wie möglich. Ich
überlege nun, wie man dort den Einfluß anbringen soll . .. wenn
ich den Ausfluß von der Balkonanlage in ihren Behälter benützen
könnte, ließen sich Pumpe, Elektrizität, Lärm usw. vermeiden.
Es könnte funktionieren, vielleicht auch nicht. Zur Zeit warte ich
auf die Pumpe, die von Miami kommen soll. Ich könnte an jedes
Ende des Saugers ein Ventil anbringen, um ihn damit zu kontrol­
lieren. Ich bin sicher, daß das Wasser sauber genug sein würde ...
es gibt ja oben so viel davon.
Ein Monat des Projektes ist um ... und gut gegangen. Ich
denke nun nicht mehr an die drei Monate, sondern meine, es
könnte immer so weitergehen!

17. Juli - 1. August 1865. 6. und 7. Woche.


Dies soll weniger ein Wochenbericht sein als eine ausführlichere
Niederschrift über einige Hauptpunkte, die mir während dieser
Wochen aufgefallen sind. Wie von Dr. Lilly ebenfalls beobachtet,
gab es eine interessante Sache, nämlich Peters »Maulspiel« mit
mir. Es handelt sich um Folgendes:
Als Peter und ich mit dem Ballspiel begannen, entwickelten
wir ein hübsches Spiel, bei dem wir, einige Meter voneinander
entfernt, den Ball jeweils zum anderen hüpfen ließen; wir nann­
ten es »Fangen«. Peter warf den Ball langsam und genau auf
immer kürzere Distanzen ... ich mußte auf ihn zugehen, um den
Ball zu erreichen. Daraus wurde bald ein Spiel, bei dem ich un­
mittelbar vor Peter stand und den Ball tatsächlich in sein Maul
hineinlegte. Er lag auf der Seite ... und schloß sein Maul sanft
um den Ball, um ihn anschließend wieder mir zu überlassen. Bald
hielt er den Ball in seinem Maul ... lag auf der Seite, und ich
nahm ihm den Ball versuchsweise aus dem Maul und begann da­

290
bei sein Zahnfleisch leicht zu reiben. Peter lag wie tot im Wasser
und hatte die Augen teilweise geschlossen. Ich ging auf diese
Form des »Mundspiels« ein. Früher geriet ich immer in Wut, sooft
Peter beim Spielen sein Maul öffnete. Nun aber war ich bereit
mitzumachen, da Peter so ruhig und sanft war, offensichtlich ein
wenig in Trance, und weil der Ball in seinem Maul war und er
mich wahrscheinlich nicht zu kräftig hätte beißen können. Man
beachte, daß Peter anfänglich den Ball vorne in seinem Maul
gehalten hat, das Maul nur ein wenig geöffnet, und nicht in der
Lage war, es zu schließen. Langsam begann Peter den Ball in
seinem Maul zurückzurollen, bis seine Kiefer völlig offen waren
und er sie mit dem Ball dazwischen nur einige Zentimeter weit
schließen konnte. An diesem Punkt hielt ich mich ein wenig
zurück, bis Peter mich durch seine Sanftheit und seine tranceartige
Fixierung überzeugt hatte, daß er Vergnügen daran fand und
mich nicht zum Narren hielt. Ich kam mir ein wenig albern vor
und war zugleich erfreut, daß Peter eine derart feine, liebens­
würdige Methode entwickelt hatte, mir meine Furcht vor seinen
vielen Zähnen zu nehmen. So hatten wir Punkt eins erreicht:
Peter »tot«, mit dem Ball im leicht geöffneten Maul, während
ich seine Lippen und sein Zahnfleisch streichle. Sobald diese Stufe
erreicht war, bereitete sich Peter langsam auf den nächsten Schritt
vor. Ich hatte keine Vorstellung, was bei diesem Spiel heraus­
kommen würde ... ich ließ die Dinge treiben und wartete die
Folgen der zunehmenden Sanftheit Peters und meiner abneh­
menden Furcht ab. Peter hatte die Führung übernommen.
Sein nächster Schritt war, während desselben Spieles langsam
in das Wasser hinabzusinken, wobei er den Ball vorne im Maul
und seine Kiefer leicht geschlossen hielt. Peter führte die offene
Spitze seines Maules langsam und sanft an meinem Bein auf
und ab. Ich hatte mittlerweile ein wachsames Auge auf den Ball,
und solange dieser in seinem Maul verblieb, wußte ich, daß er
nicht beißen konnte, und gestattete daher das Spiel.
Als nächstes schob Peter den Ball allmählich in seinem Maul
nach hinten, so daß seine Kiefer vollständig geöffnet waren, wäh­
rend sich der Ball hinten in seinem Maul befand. Nun sank er
hinunter und setzte das Spiel fort, an meinem Bein auf und ab zu

291
fahren; dabei war das ganze Gebiß und nicht nur die Spitze
seines Maules beteiligt. Abermals beobachtete ich den Ball
scharf ... meinen »Sicherheitsfaktor«, hielt den Atem an, als die
Zähne so sanft an meinen Beinen auf und nieder glitten, und er­
laubte dieses Spiel. [Peter wird auf fünf oder sechs Jahre ge­
schätzt, seine Zähne haben noch die kindlich scharfen Spitzen
und werden eben erst abgekaut. Sie können immer noch blutige
Schrammen erzeugen.]
All das oben Geschilderte erstreckte sich über mehrere Wochen;
es ist ein langsames, schrittweises Aufbauen gewesen. Peter lodet
mich zu dieser Position, und sobald wir damit beginnen, wirkt er
völlig entspannt, die Augen gänzlich oder teilweise geschlossen,
auf die Seite gerollt . . . offensichtlich fühlt er sich wunderbar.
Meine einzige Reaktion besteht darin, daß ich den Atem anhalte
und den Ball beobachte ... ich bin kein aktiver Partner dabei.
Doch Peter ist noch nicht zu Ende. Während des Spiels fällt der
Ball langsam, anscheinend »zufällig« aus seinem Maul. Zunächst
verlange ich, er soll den Ball wieder aufnehmen, ehe ich ihm
erlaube, mit den Zähnen weiterzumachen ... aber bald ist er so
offensichtlich mit seinem Vergnügen beschäftigt, der Ball scheint
nur so aus seinem Maul zu schlüpfen, und wieder mache ich einen
tiefen Atemzug und lasse Peter gewähren; seine offenen Kiefer
fahren nun ohne Ball an meinem Bein auf und nieder. Mein
Sicherheitsfaktor ist dahin, und ich kann das Spiel jeweils nur
einige Sekunden lang weitergehen lassen.
Peter ist ganz scharf auf dieses Spiel ... und langsam gewinne
ich Vertrauen zu ihm. Ich bestehe nicht mehr darauf, daß der
Ball am Anfang des Spiels vorhanden ist, damit ich mich wohler
fühlen kann.
Peter kommt einfach auf mich zu, das Maul offen, sich auf
die Seite rollend; ich stehe sehr ruhig da, die Beine ein wenig
gespreizt, und Peter schiebt sein Maul sanft über mein Schien­
bein. Sein Maul öffnet sich dabei, und er beginnt an meinem Bein
auf und nieder zu fahren. Dann das andere Bein. Das ganze
Knie ist in seinem Maul.
An diesem Punkt wird mir klar, was hier vorgeht. Peter um­
wirbt mich ... oder tut etwas sehr Ähnliches! Ich fange an, eine

292
aktive Rolle in diesem Spiel zu übernehmen. Nachdem Peter
midi einige Minuten sanft mit den Zähnen »gestreichelt« hat, lobe
ich ihn mit beruhigenden Worten und reibe ihn, wenn er sich zum
Streicheln umwendet. Einige Minuten danach ist er wieder da,
um mich zu streicheln. Ich halte immer noch ein wenig den Atem
an, doch Peter hat mich überzeugt, daß dies ein völlig legitimes
Spiel unter Delphinen ist, und dadurch, daß er sein Verhalten
mir anpaßt, will er mir wohlgefällig sein; es ist wirklich ein sehr
angenehmes Gefühl!
Bei alledem beschäftigen mich zwei Dinge. Eines davon ist
Peters selbstverständliche Art, mich zu umwerben, mich darüber
zu belehren, daß ich dieses Spiel spielen könnte. Ich hatte viele
Befürchtungen ... Peter bemerkte sie offensichtlich und half mir,
mich wieder zu beruhigen (der Ball war also ein sehr bequemes
Werkzeug). Peter hat lange auf diesen Kontakt hin g e a r b e i t e t . . .
er war sehr ausdauernd und geduldig. [Man beachte, daß Peter
auf eine recht intellektuelle Weise ein Werkzeug benützte, um
Margaret zu bewegen, gewisse Aufmerksamkeiten hinzuneh­
men.] Das zweite ist ganz allgemein die Stimmung bei diesem
Spiel. Es ist offensichtlich ein sexuelles Spiel ... es besteht im
Grunde nur aus körperlichem Kontakt. Die Stimmung ist sehr
sanft ... ruhig ... beruhigend ... alle Bewegungen sind lang­
sam . .. der Tonfall ist sehr ruhig .., nur leises Murmeln mei­
nerseits. Peter bewegt gleichmäßig, aber immer ganz langsam,
seinen Körper um mich herum ... die Augen fast geschlossen. Er
bekommt gewöhnlich dabei keine Erektion, präsentiert aber sei­
nen Bauch und seine Genitalregion zum Streicheln. Ich stellte
fest, daß Peters Stimmung gewöhnlich völlig umschlägt, wenn er
einmal eine Erektion hat, und er wird derartig wild, daß ich ihn
verlassen muß. Vielleicht ist das seine Methode, mich in irgend­
eine Form von Liebesspiel zu verwickeln, ohne mich dabei zu
vertreiben.
Ich fühle mich durch Peters Geduld mit mir bei alledem außer­
ordentlich geschmeichelt ... und ich bin erfreut darüber, von die­
sem Delphin so offensichtlich »umworben« zu werden.
Einige andere Punkte sind während dieser Woche aufgetaucht.
An einigen Tagen sind Gruppen von vier bis sechs Personen im

293
Laboratorium gewesen. Sie alle sahen Peter. Sie waren alle trok-
ken, standen außerhalb des überfluteten Lebensraums und ließen
die Arme über die Mauer herabbaumeln. Dies erweckt die Vor­
stellung: »Delphin ist im Behälter - die Menschen lehnen sich
hinein« ... und ich mag das nicht. Peter fiel in seine alte Tätig­
keit zurück, die Leute und die verschiedenen baumelnden Arme
und die Köpfe anzuspritzen. Und die Leute? Die übliche Reak­
tion ... man sagt mit hoher, kichernder Stimme »nein«, duckt
sich, nur um Sekunden später wieder hochzuhüpfen und wieder
die Arme herabbaumeln zu lassen, womit man noch mehr Sprit­
zer herausfordert.
Das ist alles sehr schön, die Leute sind geschmeichelt, und Peter
hält es für ein Spiel, aber ich verweigere die Erlaubnis hierzu.
Es ist langweilig, sogar störend und völlig unvereinbar mit dem,
was ich bei dem Zusammenleben mit Peter vorhabe. Ich unter­
breche dieses Tun, indem ich mit Peter hineingehe (ich war vor­
her mit den Leuten draußen). Peter begann mit mir zu spielen,
und obgleich er sich der Leute draußen bewußt war, konzentrierte
er sich nicht mehr auf sie. Genug davon . . . Peter befindet sich
in keinem Käfig, und Außenstehende sollen nicht mit ihm spielen,
ihn necken, beobachten, anstarren oder sonst etwas mit ihm an­
stellen. Ihr seid einige Monate zu spät dran, Leute, Peter ist euch
entwachsen! [Und das gilt auch für Margaret.]
Ich ging nach San Juan und kaufte einige neue Spielsachen für
Peter. Ich werde sie irgendwann einmal verwenden. Ich habe alle
Bälle aus den Räumen entfernt und ihm sechs Spielzeugfische
gegeben. Sie bestehen aus rotem Kunststoff, sind etwa 23 cm lang,
sie schwimmen; ich kann sie sanft anstoßen, und sie gleiten auf
der Oberfläche des Wassers dahin. Peter begann sie hüpfen zu
lassen ... er hat sie einige Male eingesammelt ... und langsam
entwickeln wir »Spielzeugfisch-Spiele«. Den echten Butterfisch
nenne ich nun »Fisch im Eimer« zur Unterscheidung. Gelegentlich
spiele ich mit dem Fisch und einem Ball ... wobei ich »Ball« und
»toy fish« erkläre. Peters »toy fish« ergibt zwei klar getrennte
Laute, aber bis jetzt ist die Aussprache noch unzureichend. Ich
arbeite an »toie«. Ich habe bis jetzt nicht über Farben zu ihm ge­
sprochen ... aber ich zähle die Fische mit ihm. Langsam werden

294
diese neuen Gegenstände Teil seines Lebens. Ich werde die ande­
ren Spielsachen besprechen, wenn ich sie benütze.

2. August - 18. August 1965. 8., 9. und 10. Woche.


Die vergangenen Wochen sind für mich insofern sehr inter­
essant gewesen, als ich feststelle, daß meine Aufmerksamkeit bei
der Arbeit periodisch nachläßt.
Ich bekämpfe dies bis zu einem gewissen Punkt, aber nur bis
zu diesem Punkt. Ich finde, daß es das beste ist, mich nicht zu
verstellen, wenn einmal meine Aufmerksamkeit von Peter ab­
gewandt ist, weil das Fehlen meines aufrichtigen Enthusiasmus
uns nur zurückwerfen kann.
Hinzu kommt, daß es während dieser Wochen im Laborato­
rium andere Ablenkungen gegeben hat, die meine Aufmerksam­
keit in Anspruch nahmen.
Zwei Sonnendächer sind angebracht worden, eines über dem
Fiberglasbehälter und eines über dem viereckigen Behälter beim
Ausfluß des Meerwasserbehälters. Wir haben diese Dächer seit
langer Zeit gebraucht, und ich bin sehr froh, daß sie aufgestellt
wurden.
Ebenso wurden während dieser Woche Aufnahmen von dem
Laboratorium im allgemeinen und von mir zusammen mit Sissy
und Pam gemacht. Wir stellten eine Reihe von Aufnahmen her,
wie Sissy mit dem Aufzug nach oben gebracht wird. Hierfür
benützten wir mein Bett, um die Drehscheibe bei der Arbeit zu
zeigen. Mein Bett war daher völlig durchnäßt, und es dauerte
einige Tage, bis es wieder trocken war. Das durchbrach meinen
gewohnten Arbeitsrhythmus mit Peter; ich finde, daß es sehr
schwer ist, wieder hineinzukommen, wenn er einmal durchbro­
chen ist.
Außerdem erforderten einige Angelegenheiten in der Stadt
meine Aufmerksamkeit. Unser Telephon ist seit mehr als einer
Woche gestört, und alle Anrufe müssen außerhalb des Instituts
erledigt werden. (Dies beunruhigte Dr. Lilly sehr, der 36 Stunden
lang versuchte, mich anzurufen, und beinahe nach St. Thomas
gekommen wäre, um nachzusehen, was geschehen sei.)
So hat alles in allem die ganze Zeit ein großes Durcheinander

295
geherrscht. Inzwischen habe ich mit Peter gearbeitet, so gut ich
konnte.
Am Montag dieser Woche, nachdem ich einige Tage nicht im
überfluteten Raum gewesen war, begab ich mich wieder zu Peter
und stellte fest, daß nach dieser Pause von beiden Seiten neue
Energie aufgewendet werden mußte. Ich bin mit Peter zufrie­
den ... er arbeitet so eifrig wie immer. Ich sage: »Arbeit, Ar­
beit, Arbeit«, und Peter sagt: »Spiel, Spiel, Spiel.« Ich versuche
beides zu kombinieren. Er beschäftigt sich endlos mit seinen Spiel­
sachen, wenn ich mit ihm spiele. Ich arbeite gewöhnlich mit zwei
verschiedenen Spielsachen gleichzeitig . .. etwa mit dem Spiel­
zeugfisch und einem »Ba Be Block« (Baby block). Wir gehen von
einem zum anderen über, und ich versuche ihm den Unterschied
klarzumachen. Manchmal klappt es und manchmal nicht. Wenn
er einmal die Wahl richtig getroffen hat, schelte ich ihn aus, wenn
er danach noch einen Fehler macht. Manchmal benimmt er sich
genauso wie ein ungezogener kleiner Junge.
Ich möchte noch eine Bemerkung über das sexuelle Problem
hinzufügen, das sich zwischen Peter und mir ergeben hat. Ich
hatte festgestellt, daß Peter während seiner Erektionen zu schwie­
rig und zudringlich war und ich nicht mit ihm arbeiten konnte.
Dann wollte Peter mich durch das Bein-Beknabber-Spiel um­
werben. Das ist ein Beispiel dafür, daß Peter mich irgend etwas
lehren möchte.
Nun geschah es, daß Peter sein sexuelles Verhalten verän­
derte . .. auf einer mehr menschlichen Ebene ... und er muß nicht
mehr schlagartig aufhören, wenn er erregt ist. Peters sexuelle
Erregung beginnt gewöhnlich mit dem Beißspiel und meinem
Streicheln. Wenn sein Penis erigiert, versucht er mich jetzt nicht
mehr niederzurennen und meine Füße wegzuboxen, sondern glei­
tet sehr anschmiegsam meine Beine entlang, und ich kann sehr
leicht seinen Penis entweder mit der Hand oder dem Fuß reiben.
Peter akzeptiert beides und scheint dabei irgendeine Art von
Orgasmus und Entspannung zu erreichen. Wir wiederholen das
etwa dreimal, bevor er ruhig wird und ein anderes Spiel beginnt.
Das ist keine private Angelegenheit. Peter und ich haben das
während der Anwesenheit anderer Leute getan ... aber es ist

296
eine sehr delikate Sache, Peter geht völlig darin auf, und ich lasse
mich so weit darauf ein, daß ich soviel Liebe wie möglich in den
Tonfall, die Berührung und in die Stimmung bringe. Wir brau­
chen nicht seine Intimsphäre zu respektieren, aber wir müssen
sein Glücksempfinden respektieren!
Ich hatte anfänglich Angst vor Peters Maul und seiner sexuel­
len Aktivität. Peter hat über zwei Monate gebraucht, mich dar­
über zu belehren, und ich brauchte über zwei Monate, um zu
lernen, daß ich mich selbst ohne jede Hemmung mit beidem be­
fassen kann. Es ist seltsam: ich muß im ersten Fall völliges Ver­
trauen haben ... Peter könnte mich in Stücke reißen. Also hat
er mich belehrt, daß ich ihm vertrauen kann. Und im anderen
Fall setzt er volles Vertrauen in mich, indem er mir seine empfind­
lichsten Teile überläßt . .. damit zeigt er mir, daß er Vertrauen
zu mir hat. Peter hat ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis
aufgebaut. Hätte ich eine derartige Entwicklung planen können?
Nun zu den Dingen, die ich bisher unberücksichtigt ließ. Die
Auswirkung der Isolation und Einsamkeit in einem Zeitraum
von zehn Wochen kann nicht übersehen werden. Wenn ich die
verbrachte Zeit und die gesammelten Notizen überschaue, stelle
ich fest, daß ich aus bestimmten Gründen manche Dinge über mich
selbst ausgelassen habe. Vielleicht dachte ich, daß sie nicht wich­
tig wären, oder ich schämte mich ihrer.
Manchmal fühlte ich während des Zeitraumes die physischen
Depressionswirkungen der Situation in einem Maße, daß ich tat­
sächlich zu weinen begann. Kleine Unbequemlichkeiten erschie­
nen plötzlich sehr groß und gefährlich. Ich hatte einen Anfall von
Selbstmitleid und Depression. Kein anderer als Peter hat mich
ohne Ausnahme jedesmal davon befreit. Ein Beispiel dafür:
Wenn ich am Abend vor dem Zubettgehen eine Dusche nehme,
so muß ich im knietiefen Meerwasser stehen, mich abtrocknen
und dann zu meinem Bett zurückwaten. Dies bedeutet, daß meine
Beine von den Knien abwärts vom Salzwasser naß waren, wenn
ich mich in das Bett legte. Selbst nach dem Abtrocknen mit einem
Handtuch kam die Nässe immer noch durch und machte mein
Bettlaken feucht-kalt; hatte ich irgendwelche Kratzer von Pe­
ter an meinen Beinen, brannten sie weiter; in dieser ziemlich gro­

297
tesken Situation, wenn das Mondlicht auf dem Wasser lag, sich
Schatten überall an der Decke und den Wänden bewegten und
der dumpfe Pumpenlärm von unten heraufdrang, mußte ich
mich im Bett einzurichten versuchen, und ich hatte gelegentlich das
Bedürfnis, aus schierem Selbstmitleid meine eigenen salzigen Trä­
nen der Manscherei hinzuzufügen, in der ich bereits lag. Und
dann, meist nicht sehr lang, nachdem ich ruhig lag, mußte Peter
mit Humanoiden Krach machen, laut, klar und ganz nahe. Ich
konnte von meinen Lager aus die Schutzvorhänge teilen und die
Hände meinem eifrigen, klugäugigen Zimmergenossen hinaus­
reichen, der gewöhnlich irgendeinen Ball gefunden hatte und ein
nettes Spielchen, wie Bringen oder Fangen, anfangen wollte.
Peter gab sehr deutlich zu erkennen, daß er mich für das Spiel
unbedingt brauchte; er warf den Ball immer wieder auf mein
Bett und gab in langen und komplizierten Phrasen Humanoide
ab, deren Bedeutung nicht absolut klar, deren Absicht aber ganz
unmißverständlich war ... so daß ich ihn nur selten, wenn
überhaupt, ignorieren konnte, und gewöhnlich endete es damit,
daß ich wieder ins Wasser zurückging und mich nicht mehr um
Schlaf, das nasse Bett oder das Duschen kümmerte . . . einfach
überwältigt davon, was Peter und ich hier zusammen leisteten.
Ein anderes Beispiel für die Depressionen, die ich zu über­
stehen hatte: Während des Tages halten sich die beiden Arbeiter
im Bereich des Laboratoriums auf, und ich kann mit ihnen spre­
chen und erfahren, wie ihre Arbeit weitergeht. Der eine Arbeiter
verläßt das Labor ziemlich spät - einige Stunden nachdem ich
Peter üblicherweise das Mittagessen verabreicht habe. Ich fand,
daß die Stimme oder der Anblick dieser letzten Person, die mich
am Ende des Tages verläßt, mich so schrecklich bedrückte, daß
ich diesem Gefühl nur entrinnen konnte, wenn ich die Fütterung
Peters so lange hinausschob, bis alle weg waren. Ich tat es und
stellte fest, daß ich unbedingt eine weitere Unterrichtsstunde mit
Peter abhalten müsse, wenn das traurige Gefühl über mich kam
und ich mich so allein fühlte. Am Ende der Stunde war ich mit
Peter und dem, was sich während der Stunde getan hatte, der­
art beschäftigt, daß das leere Gefühl ausblieb, vor dem ich mich
fürchtete. Wenn ich am Abend noch einen Besucher erwartete,

298
war ich sehr aufgeregt und in gehobener Stimmung. Ich merkte
aber fast immer, daß ich trauriger und einsamer war, wenn der
Besucher mich verlassen hatte, als ich es ohne Besuch gewesen
wäre. (Ich hatte selten Besuch.)
Das Gefühl der Depression und der Einsamkeit war allerdings
nicht konstant, sondern kam und ging, und meine Hinwendung
zu Peter, um dieses Gefühl zu überwinden, ist meiner Meinung
nach ein wichtiger Teil des Experiments. [Margaret hat nichts
von den Alleinseglern, von der Einsamkeit in der Polarnacht oder
von den Isolationsexperimenten gelesen. Sie ist mit einigen der
Dinge vertraut, die ich ihr über Isolation erzählt habe. Ich habe
den Eindruck, daß ihre Beschreibung ausschließlich von ihr selbst
stammt und nur wenig, wenn überhaupt, von außen eingegeben
ist. Es ergibt sich eine interessante Übereinstimmung mit den Er­
fahrungen anderer Leute, die in Isolation waren.]

Das ist das Ende von Margarets Aufzeichnungen, die während


des Experimentes niedergeschrieben wurden. Im folgenden wer­
den zusätzliche Daten gebracht, die nach dem Experiment zusam­
mengestellt wurden.

299
XV. KAPITEL

Der stimmliche Austausch zwischen Margaret und Peter

Ehe wir zu den Tonbandanalysen dieses Berichtes übergehen,


muß einiges über die Schwierigkeiten auf diesem Gebiet gesagt
werden und darüber, daß der Leser dieses Buches die Texte lei­
der nicht auch hören kann*.
Bis heute gibt es keine uns bekannte Möglichkeit, etwas so zu
drucken, daß man es hören kann. Wir müssen uns darauf beschrän­
ken, Laute zu beschreiben oder zu umschreiben oder sie in
einem Diagramm festzuhalten. Keine dieser Methoden, auch
nicht alle diese Methoden zusammen, kann den Laut selbst wie­
dergeben. Es können so viele Aspekte einer Unterrichtsstunde
mit einem Delphin und einem Menschen beschrieben werden, es
kann durch das Lesen der Texte und die Betrachtung eines Dia­
gramms so viel über die erzeugten Laute nahegebracht wer­
den, daß wir den Eindruck haben, es sei wohl der Mühe wert,
so viele Wege zu beschreiten, wie wir immer können, um ein
möglichst vollständiges Bild der Laute zu geben.
Wir betonen jedoch, daß jede einzelne dieser Methoden nur
einige Aspekte der Laute bieten kann: der folgende Teil dieses
Berichtes zielt darauf ab, nach unserem besten Vermögen über
die stimmlichen Aspekte dieses Experiments zu informieren.
Miss Howe hat eine Methode entwickelt, charakteristische Bei­
spiele von den Tonbändern zusammenzustellen, die während
dieser zweieinhalb Monate und während der vorhergegangenen
Zeit aufgenommen wurden und ihre Interaktionen mit Peter auf
stimmlicher Ebene wiedergeben. Der folgende Abschnitt ist diesen
von ihr erarbeiteten Wiedergaben gewidmet und bringt kurze

* Es kann nach Übereinkunft eine Tonband-Kopie angefordert wer­


den, die Beispiele von Margarets und Peters Fortschritten in der ein
Jahr lang währenden Arbeit zeigt, welche mit diesem zweieinhalb­
monatigen Experiment endet.

300
typische Beispiele, die aus längeren Tonbandaufzeichnungen aus­
gewählt wurden. Da diese Tonbänder für die Übermittlung von
Informationen so wichtig sind, wurden die Abschnitte, die für die
Transkription benützt wurden, kopiert und in einer geeigneten
Reihenfolge zusammengesetzt. Sie werden einen Teil des Berichts
bilden.
Mit Hilfe des Laut-Spektrographen wurden einige Beispiele
zur Analyse der Aussprache ausgewählt. Einen Teil dieser Daten
bilden Sonogramme von Peters und Margarets wiederholter Aus­
sprache desselben Wortes.
Das Folgende ist ein Versuch, Ausschnitte der Tonbänder so
zu umschreiben, daß der Leser zu einem besseren Verständnis
der Dinge gelangen kann, die in einer Unterrichtsstunde mit dem
Delphin Peter vorgegangen sind. Dies ist jedoch kein Versuch,
die Laute exakt zu beschreiben, die von dem Delphin abgegeben
wurden, sondern dient vielmehr dem Nachweis der Fortschritte
innerhalb eines Zeitraums von einigen Monaten, die sich zwischen
Mensch und Delphin bei der Lehrer-Schüler-Beziehung ergeben
haben. Die Transkription ist folgendermaßen durchgeführt:
1. Die beiden Zeilen sind wie auf einem Notenblatt gleichzei­
tig zu lesen. Die erste Zeile ist die von MH (Margaret Howe), die
andere die von PD (Peter Delphin).
2. Das Symbol c wird dazu benützt, einen Schnarrlaut, Pfiff
oder irgendeine andere Form von »Delphinesisch« zu bezeichnen.
Daher kann eine Reihe von Schnarrlauten mit cccccc umschrieben
sein. Eine exakte Zählung dieser Schnarrlaute wird hier nicht ge­
boten, und cccccc bedeutet nicht sechs Schnarrlaute, sondern ein­
fach eine Reihe von Schnarrlauten.
3. Das Symbol x bezeichnet einen von dem Delphin abgege­
benen humanoiden Laut, der nicht klar genug humanoid ist, um
phonetisch genau beschrieben zu werden. Es handelt sich also um
einen humanoiden Versuch des Delphins.
4. Wenn der humanoide Versuch für eine phonetische Nieder­
schrift auf englisch geeignet ist, wird er so gut wie möglich be­
schrieben. Auf diese Weise kann »oie« ein Versuch für »boy«
sein - ohne das »b«.
5. Von MH zu Peter gesprochene Instruktionen sind in Klein­

301
buchstaben gesetzt, die von Peter zu kopierenden Worte in Groß­
buchstaben. Zum Beispiel: »Peter, please say HELLO MAGRIT.«
6. Kurze zusammenfassende Bemerkungen folgen jeder Tran­
skription.
7. Diese Transkriptionen enthalten allein die in die Luft abge­
gebenen Laute, wie sie auf den Tonbändern aufgezeichnet sind.
Alle Unterwasserlaute sind in diesem Bericht nicht erfaßt.

Beispiel sieben Monate vor dem zwcieinhalbmonatigen Experi­


ment (3. November 1964)

MH SPEAK GOOD SPEAK GOOD BOIE Good, Peter good!


PD CCCC cccccxx XX
MH Now you’re going! Y es, SPEAK
PD ccccccccxxx ccccccccxxx cccccccxxoi
MH Good boy! SPEAK GOOD BOIE SPEAK GOOD BOIE.
PD CCCC XX
Dr. Lilly (JCL) ist soeben angekommen, und Peter madit eine
Pause, um zu sehen, was vorgeht.
MH SPEAK GOOD BOIE Good boy. (JCL im Hintergrund)
PD cccccccccccc cccc xx xx
MH Did you hear that? Speak GOOD BOIE SPEAK
PD ccc cccccccccc ccccc
MH GOOD BOIE SPEAK GOOD (Kichern) yes, come on,
PD xxx xxxxx oii
MH take a fish (JCL im Hintergrund; MH und JCL plaudern)
PD xxxxxcccc
MH SPEAK GOOD BOIE SPEAK GOOD BOIE (JCL im Hin-
PD xx ccc xxx
MH tcrgrund) Who is that, Peter? (JCLs Stimme) Come on ... SPEAK
GOOD BOIE
PD
MH (JCLs Stimme) SPEAK GOOD BOIE
PD cccccccc ccccc

1. Ständige Wiederholung von SPEAK GOOD BOIE seitens


Margaret als Versuch, Peter zu einer Antwort mit Humanoi-
den zu bewegen.
2. Peter antwortet hauptsächlich mit delphinesischem Schnar­
ren ... nur einige wenige Humanoide.

302
3. Peter spricht (schnarrt) häufig, während Margaret noch spricht.
4. Die Fortsetzung des Unterrichts ist nicht sehr sinnvoll; Peter
und Margaret sind nicht aufeinander eingespielt. Die Lektion
weist eine sehr lockere Struktur auf.

Beispiel sechs Monate vor dem zweieinhalbmonatigen Experi­


ment

MH Ssssssshhh I AM SUCH A GOOD BOIE


PD ccccccxxxxccc ccxxxx xxx xx (schrill)
MH No, Peter, sssshhh. SPEAK GOOD No, no, Shhhh SPEAK
PD xxxxx (schrill)
MH GOOD
MH BOIE FOR FISH shhh DO NOT PLAY
PD xxxxxcccxx (schrill) cccc ccccccccccccc
MH shhhhhhh, Peter, DO NOT PLAY Yes, sshhhh SPEAK GOOD
PD cccccxxxxxccxxx xxx
MH BOIE SPEAK GOOD BOIE John, that telephone
PD cccccc xx cc xxxx (schrill)
MH is ringing. SPEAK FOR FISH GOOD BOIE HELLO EL VAR
PD ccccxxxx (schwach)
MH HELLO ELVAR SPEAK AND EAT
PD c ccc xxx lo xxx xxxx ccccc xx (schrill)
MH No no, sssssshhhh ssssshhhh SPEAK AND EAT SAY
PD cccxxxcccxxx xxxxxx cccccxxxx C
MH GOOD BOIE SAY GOOD BOIE ssshh come on.
PD CCCCCCC cccccccccccccccccxx xxxxccxx
MH I MUST SPEAK FOR FISH I WILL SPEAK AND EAT
PD xxxxx cccc xxx ccccc ccc xxx (schrill)
MH NOW
MH sssshhhh, no Peter I WILL SPEAK AND EAT
PD ccccxx (schrilles Blasen) cccccxxxxx (schrill)

1. Peter gibt immer noch eine Menge delphinesischer Schnarrlaute


von sich.
2. Er fängt an, ein wenig mehr Humanoide abzugeben, doch diese
klingen wie schrilles Blasen.
3. Er unterbricht Margaret immer noch und gibt während ihres
Sprechens Laute von sich.

303
Fünf Monate vorher (5. Januar 1965)

MH AIR OWN EMM SAY NO ETCH EIM SIGH IT ARE


PD cccc cc ccxxx xx xx cc xxx
MH I’ll go from lesson eleven back into lesson
PD xxxx ccc xxx
MH number eight listen TOI OIT OICH
PD ccc xxxx cc xxx cc cc xxx cc
MH CHOIE OIT COIE OIT COIE TOIE
PD cccc ccccc xxxxx xxxx xxxx ccc xxxxx
MH say GOOD BOIE GOOD BOIE OIEZ ZOIE OIS CHOIE
PD ccc xx xxxxx ccc xxx
MH OIE Peter, say BOIE ... GOOD BOIE I AM A
PD ccc xxxxx xxxxcccxxxxx ccc
MH GOOD BOIE SPEAK GOOD BOIE TOIE
PD ccccc xxxxx cccc xxxx ccc xxxx XXX
MH OIE SOIE ROIE OIE say OIE GOOD
PD cccc xxxxx ccc xxx c c xxxx c
MH BOIE OIM MOI LOI OIT OIL (Murmeln)
PD cccc xxxx ccc cxxxx xxxxx
MH OIL LOI ROI OIK Listen ... OIL LOI ROI OIK
PD ccc xxx ccc xx xx oi xx c
MH OIZ ZOI OIS CHOI (Murmeln) OIL LOI ROI OIK
PD xxx ow xxx xx xx xxx xxx xxxx
MH say GOOD BOIE nope ... GOOD BOIE GOOD BOIE (hoch)
PD ccc xxx xxx xxxxxxxx

1. Peter gibt mehr und mehr humanoide Antworten. Immer noch


einige Schnarrlaute.
2. Peter unterbricht gelegentlich, entwickelt aber einen feinen
Sinn für Zuhören, Sprechen, Zuhören, Sprechen.
3. Die von Margaret benützten Worte stammen von einer Liste
sinnloser Silben, die zusammengestellt wurde, um dem Del­
phin Lautkombinationen zu bieten.

304
MH Peter, say HELLO yes... say GOOD BOIE GOOD BOIE
PD ccxxxx xxlo
MH Come on, Peter, say GOOD BOIE Nice. English, Peter,
PD pronounce xxxccxxxccxxx xx xx
MH Say MARGARET ... come on MA NO! Listen. MARGARET
PD cccvv xx xxxxx xxc
MH Not very good say HELLO That’s better say HELLO MARGARET
PD ccc xxaw baw ccc
MH uh uh ... listen, listen HELLO MARGARET nice
PD cccxx uh uh uh awxxx e
MH nice listen listen listen say HELLO GOOD BOY
PD awxxxx ccccc cccccccc ccc ccxxxw aw xxx
MH We are going to speak English yet, Peter ... say HUMANOID ...
PD
MH HUMANOID No! That’s not right. Say ... BALL No! Listen
PD xxxxx awxxx
MH Listen, listen BALL O.K. HELLO uh uh uh
PD ccccxxx cccccccxxxxaw cc uh uh
MH listen listen HELLO Uh uh Peter, I don’t mean to bore you
PD cc xxxxxxxx
MH but you say it right and then we’ll go on. Hmmm? You didn’t
say it
PD
MH right. Now listen. HELLO Pretty good, pretty good.
PD xxxx xx ccccxxx
MH n’uh un uh now listen, listen listen listen Peter sssssh, say MAR-
PD ccccccc ccccc xx
MH GARET uh uh no! Wrong MARGARET. Peter! That’s noise!
PD ccc uh uh uh xx uh uh uh uh xxx

1. Peter schnarrt noch, gibt aber hauptsächlich Humanoide ab.


2. Einige seiner Humanoiden fangen an sich zu englischen Lauten
auszuformen.
3. Peter unterbricht Margaret immer noch, schweigt aber gele­
gentlich, wenn man ihm es sagt. Der ganze Unterricht macht
Fortschritte.

305
Nadi zehn Tagen des Zusammenlebens über vierundzwanzig
Stunden pro Tag (8. Juni 1965)

MH Say ... MAGRIT all right ssssssh listen listen no!


PD ccccc xxx xxx xxx xxxx xxxx x xxxxx
MH Listen! Listen, Peter! Listen no! Listen Peter! sshhhh
PD xxx xxxowxxxxxxxx xxxxxxxx xx
MH HELLO MAGRIT GOOD BOIE GOOD BOIE Come on
PD xxx xx xxxx xxxxx
MH Listen, listen, no no no ... say GOOD BOIE
PD xxxx xxx xxxxxx xx xxxxbxxxxxxxx
MH Peter! Listen to me! Now stop it! no! no! no! Listen
PD xxxxxxx xxxxxxxxxxxxx xxx
MH Peter, shhhh shhhh say GOOD BOIE Oh, he just won’t
PD xxxxx xxxxx
MH listen to me. HELLO thank you, that’s good. MAGRIT all right
PD xxx ccccxxx xxxx
MH I am all right GOOD BOIE all right no, listen, no no no no
PD axxx xxx xxx Bxxx xxx xxx xxxxxxxxxxxx
MH shhhh listen listen listen Peter HELLO no, he’s just
PD xxxxxxx xxxxxxx xxxxx
MH getting HELLO HOW ARE YOU? No, not very good, Peter,
PD xxxxxxxxx xxxxxx xxxx xxx
MH HOW Listen, Peter, no no no no ssshhh ...
PD xxxx xxx xxxx x x x x x x x x x x x x x x x x x

1. Peter antwortete in beinahe echten Humanoiden. Sehr wenig


Schnarren.
2. Er hat seinen anfänglichen Sinn für Konversation verloren;
er unterbricht Margaret wieder. Er spricht zur selben Zeit.
3. Es vergeht viel Zeit bei dem Versuch, ihn zum Zuhören und
Schweigen zu bringen.

306
Nach dreiundsechzig Tagen und Nächten (10. August 1965)

MH MAGRIT All right, listen ... BALL Peter ... BALL


PD xxx xxx xx xx x xx xx
MH BALL Yes. Say TOIE FISH listen ... TOIE FISH (Murmeln)
PD xxaw aw xxx xxx
MH come over here. Peter. Say BO BO CLOWN Let’s do it again.
PD xxx xxx xxx
MH Pronounce, Peter BO BO CLOWN nice. KI NI PO PO
PD xxo oh xxx xx xx xx xx
MH Listen ... KI NI PO PO That’s better. (Murmeln) MAGRIT
PD xx xx xx xoh
MH Listen, MAGRIT No ... MAGRIT No, Peter.
PD XX XX XX XX XX XX XX XX cc
MH Listen, MAGRIT MAGRIT better. Say HELLO MAGRIT
PD xx xx xx xxx xxx
MH Pronounce, Peter. HELLO MAGRIT That’s
PD xxx xxx xxx xxx xxx ohh aaa xxx
MH better, Peter. Say BO BO CLOWN Listen. BO BO CLOWN
PD xxx xxx xxx xxx xx
MH Listen ... BO BO CLOWN Listen, Peter, BO BO CLOWN
PD xxx xxx ownxx xx xx xx

1. Peter schnarrt nicht mehr und gibt keine delphinesischen Ant­


worten.
2. Peter hört zu, spricht. Wenn er es falsch macht, kann ihn Mar­
garet zum Schweigen bringen und neu anfangen lassen.
3. Peter macht Fortschritte, dieselbe Anzahl von Lauten zurück­
zugeben, die ihm geboten werden.
4. Peter ist in der Lage, seine Worte teilweise verständlich aus­
zusprechen.
5. Wenig ist gesteuert, der Fortschritt kann selbst bei einem
derart kurzen Ausschnitt gesehen und gehört werden.

307
Nadi dem Abschluß der Experimentierperiode (8. Oktober 1965)

MH Now you think, Peter, ’cause you used to do this. Listen BA BEE
BLOCK
PD
MH Yes! (händeklatschend) That’s better. Now do the other
PD mxx xxx
MH one. Say... BA SKET BALL No, BA SKET BALL
PD xx xx xx xx xxxx xx xx
MH Better shhh! MAGRIT No. It’s EMMMMMM (küßt Peter
PD xxx xxx xxx
MH auf den Kopf) say ... MMAGRIT no, not EH. It’s MMM.
PD eh xxx
MH Eh ... MMM MMMMMM MMAGRIT Yes! Yes! (Klatschen)
PD (sanft) Mxx xxx
MH That’s an EM. Let's do it again. Say ... MMAGRIT Yes, that’s
PD mxxx xxx
MH better, (händeklatschend) Good! Say ... BALL No, not MAGRIT
PD xxx xxx
MH BALL with a BEE. Say ... BALL Yes BAWL! Good! Say ...
PD baww
MH MMAGRIT No ... not EH. MMMMM. MMMMM.
PD eh xxx
MH MMAGRIT Yes ... that’s better .. . that’s better, Peter ...
PD mxx xxx
MH Good! Yes, you can muffle it (Klatschen)
PD

1. Man beachte, daß Margaret »baby block« und »basketball«


synkopiert und daß Peter lernt, dies nachzumachen.
2. Peter spricht außerhalb der Reihe und wird unmittelbar in
Zeile 7 und 8 zum Schweigen gebracht.
3. Peter antwortet hauptsächlich mit Humanoiden, in der rich­
tigen Anzahl und mit gewöhnlich guter Tonhöhe und Modula­
tion. Margaret fängt an, mehr zu verlangen, arbeitet an der
Aussprache. Speziallaute.
4. Der Unterricht ist kontrolliert und systematisch, das Geben
und Nehmen des Lernens, Lehrens, Sprechens und Zuhörens ist
so fest gefügt, daß der Fortschritt zu sehen ist.

308
XVI. KAPITEL

Schlußfolgerungen aus dem Zusammenleben


mit einem Delphin

Dieses Schlußkapitel wird in zwei Abschnitte aufgeteilt: in die


Schlußfolgerungen von Margaret Howe, welche die Befunde zu­
sammenfassen, und in diejenigen von John Lilly.
Margaret schreibt Folgendes:
Allgemeine Schlußfolgerungen über die Lernfähigkeit von Del­
phinen.
(a) Es ist schwierig, über sämtliche Informationen zu berichten,
die Peter in diesem Programm gelernt hat. Delphine können
nicht nur lernen, sondern lernen freudig, lernen schnell, und sie
haben viele Dinge gelernt, über die wir nichts wissen können.
Wir beschränken die Informationen, (b) Delphine können lernen,
mit irgend jemandem zu spielen. Am Anfang dieser zweieinhalb
Monate wollte Peter seine Spielsachen nicht mit anderen teilen.
Er spielte allein, doch oft war er der Initiator eines Spieles mit
einem Menschen, (c) Peter lernte, wie während eines Stimmunter-
richts (wie er vom Menschen betrieben wurde) gearbeitet werden
muß, und machte stimmliche Fortschritte, (d) Peter lernte, wie er
mich belehren muß. (e) Peter lernte, seine physischen Energien
zu zügeln, aus Rücksicht darauf, daß ich ein Mensch bin. (f) Peter
lernte, daß er mich ungemein erfreuen konnte, aber auch ärgern.
Der von Peter erzielte stimmliche Fortschritt: Die Tonband­
transkriptionen zeigen die aufeinanderfolgenden Stadien des
Fortschritts. 1. Peter schnarrt hauptsächlich, einige wenige Hu­
manoide, unterbricht mich. 2. Peter bringt mehr und mehr Hu­
manoide, unterbricht noch. 3. Peter fängt an zuzuhören, ent­
wickelt einen Sinn für Konversation. 4. Peter lernt zu schweigen,
wenn ich ihn zurechtweise; ich kann ihn korrigieren. 5. Peter be­
müht sich erfolgreich, mein Sprechen zu kopieren, hört zur selben
Zeit gut zu, spricht, hört zu, spricht.

309
Die Tonbandtranskriptionen zeigen nicht die folgenden Lei­
stungen, die ebenfalls erzielt wurden: 1. Peter lernte sehr gut,
die Modulation meiner Stimme nachzuahmen. Wenn sich meine
Stimme am Ende eines Wortes hob, tat Peter das gleiche. 2. Peter
lernte, während einer Stunde im Wasser verhältnismäßig ruhig
zu bleiben. Die früheren Stunden waren mit Peters Umherplan­
schen und häufigem Umherkreisen erfüllt. Am Ende der Ver­
suchsreihe blieb er während der ganzen Unterrichtsstunde an
einem Platz, seinerseits mit dem Unterricht befaßt. Er hört zu.
3. Peter lernte zu beobachten, was ich während des Unterrichts
mache. Wenn ich Bälle zähle oder auf Formen zeige, liegt Peter
auf der Seite, und ich kann sein Auge auf die Gegenstände ge­
richtet sehen. 4. Peter hat gelernt, nicht nur auf eine Fischbe­
lohnung hin zu arbeiten, sondern ebensogut für das, was er durch
den Unterricht erreicht, oder für mein stimmliches oder physisches
Lob. Peter beteiligt sich zu jeder Tages- oder Nachtstunde an
einer humanoiden Konversation durch Sprechen und Zuhören -
nicht mehr nur während der Fütterung. Das hat sich so erfolg­
reich entwickelt, daß nun Peter von sich aus häufig mich anruft
oder mit dem Sprechen anfängt, wenn ich bei ihm bin; ich stelle
fest, daß die darauffolgende Unterrichtsstunde oder Konversa­
tion wirklich von Peter begonnen wurde. Unsere Formalstunden
erfolgen noch während der Fütterungen, der Fisch wird aber
nicht mehr als Belohnung gebraucht. Peter bekommt alle Fische
innerhalb der annähernd gleichen Zeitperiode, ob es nun eine gute
oder eine miserable Unterrichtsstunde ist. Wenn er eine unge­
nügende Antwort gibt, bekommt er einen Fisch und wird von
mir ausgeschollen. Wenn er hervorragend ist, bekommt er einen
Fisch und wird von mir gelobt.
Schlußfolgerungen aus dem zweieinhalbmonatigen Programm
für den Entwurf eines künftigen überfluteten Hauses: Die
Hauptschlußfolgerung ist, daß dieses Programm gezeigt hat, wie
wertvoll diese Form des Zusammenlebens ist, und daß ein länge­
res, beständigeres Programm als ein unschätzbarer Schritt für das
Durchbrechen der Verständigungsbarriere zwischen Mensch und
Delphin anzusehen ist und deswegen durchgeführt werden muß.
Es gibt einige kleinere Punkte, die sich im Verlauf dieses Pro­

310
gramms ergeben haben und die sich für ein länger währendes Pro­
gramm als wertvoll erweisen werden. 1. Die Ernährung des Men­
schen muß noch genauer geprüft werden. Dieses Programm zeigte,
daß die Menge der Dosennahrung, Spaghettis usw. zwar eine
Person gesund erhalten, aber eine beachtliche Gewichtszunahme
bewirken. Tiefgefrorene Lebensmittel könnten hier abhelfen.
2. Nach einer Woche des Zusammenlebens mit Pamela stellte
Margaret fest, daß selbst ihr kurz gewelltes Haar zu lang war
und Tag und Nacht feucht blieb, es brauchte auch zuviel Zeit
zum Trocknen, wenn es völlig naß geworden war. Für das zwei­
einhalbmonatige Programm legte sie sich einen kurzen, sehr männ­
lichen Haarschnitt zu. Sie tat dies nicht nur aus gesundheitlichen
Gründen, sondern auch, weil sie nicht aus Angst vor nassem Haar
darauf verzichten wollte, etwa zu irgendeiner Nachtstunde
zum Delphin in das Wasser zu springen. 3. Die Schlafmöglich­
keiten müssen verbessert werden. Wenn man jede Nacht in einem
trockenen, bequemen Bett schlafen könnte, würden viele Unan­
nehmlichkeiten dieses Programms entfallen. Das darf jedoch nicht
dazu führen, daß sich der Mensch aus dem Gebiet des Delphins
entfernt. Der Delphin muß den Menschen zu jeder Zeit aufwek-
ken können. Das Aufwecken könnte jedoch stimmlich erfolgen
und nicht durch Anspritzen. Es war sehr wichtig, daß ich Peter
von meinem Bett aus berühren und sehen konnte - diese Form
des Zusammenseins sollte nicht der Trockenheit geopfert werden.
Vielleicht wäre ein festerer Vorhang rund um das Bett geeignet.
4. Eine Süßwasserdusche nehmen und in das Bett steigen zu
können, ohne mit Salzwasser in Berührung zu kommen, dürfte
für einen Zeitraum von mehr als zweieinhalb Monaten beinahe
notwendig sein. 5. Der menschliche Partner in einem länger
währenden Programm sollte nicht gleichzeitig auswärtige Ver­
pflichtungen haben. Man bedenke, daß Margaret durch die Bau­
maßnahmen, den Gesundheitszustand anderer Tiere, Schwierig­
keiten mit den Arbeitern usw. abgelenkt oder verwirrt wurde.
Pumpen, Stromversorgung, Kühlanlage, Nahrungsmittel usw.
sollten von dem Außenpersonal betreut werden. 6. Das überflu­
tete Gebiet des Hauses sollte für den Menschen so abwechslungs­
reich wie möglich gestaltet werden. Man beachte, daß sich die

311
beiden Räume als ein ziemlich langweiliger Lebensraum für zwei
Monate erwiesen. Die Betätigungsmöglichkeiten für den Men­
schen waren begrenzt. Das gleiche gilt auch für den Delphin;
für ihn wäre eine tiefe Zone zur Entspannung empfehlenswert.
7. Dem Menschen muß genügend Zeit für einen Aufenthalt außer­
halb der Anlage zugestanden werden, damit die negativen Aus­
wirkungen (Nachlassen des Interesses) der Isolationseffekte ver­
mieden werden. Es sollten jedoch nicht die positiven Auswirkun­
gen der Isolation (Zusammensein mit dem Delphin) ausgeschal­
tet werden.

Ein Hauptergebnis ist, daß der ganze Aufwand an Zeit, Ener­


gie, Geld, Selbsthingabe und die Entwicklung der Anlage eminent
wertvoll gewesen sind. Ich fühle, daß wir inmitten eines neuen
»Werdens« sind und uns in ein vorderhand noch Unbekanntes
hineinbewegen, ausgerüstet mit einer Art von Wissen, das wir
ohne diese Experimente niemals erlangt hätten. Ich möchte her­
vorheben (jedoch nicht überbetonen), daß auf dieser Stufe unse­
rer menschlichen Entwicklung neue, völlig unerwartete Vorgänge
stattfinden. Diese Vorgänge wurden von Margaret Howe aus­
reichend geschildert. Darüber hinaus ist vieles in Miss Howe vor­
gegangen, was bis jetzt noch nicht bewußt berichtet werden kann.
Ebenso gibt es vieles, was weder sie noch ich bis jetzt bei einer
Mensch-Delphin-Beziehung und beim Delphin voll erfassen kön­
nen. Gegenwärtig befindet sich dieses Team auf ihrem Weg,
und zwar, wie ich fest glaube, auf dem richtigen Weg. Diese und
ähnliche Unternehmungen sollten unterstützt und enthusiastisch
gefördert werden, damit wir mit dem Projekt des überfluteten
Hauses weiterkommen.
Ich persönlich habe viel Neues über Delphine gelernt, viel
Neues über einen hervorragenden Menschen, der längere Zeit­
räume mit einem Delphin konfrontiert war. Ich habe manche
neue Dinge erfahren über die Fähigkeiten von Mensch und Del­
phin bei der Ausführung eines gutgearteten, doch ernsthaften
Programms, im Wasser zusammenzuleben.
Die dabei gesammelten Informationen zeigen, daß die Vor­
aussetzungen, auf denen dieses Projekt beruhte, zur Gewinnung

312
neuer Erkenntnisse brauchbar sind. Margaret überprüfte die Vor­
aussetzungen mit intelligenten und emotionalen Interaktionen
zwischen sieh und dem Delphin. Die einzigen Einschränkungen
bei diesen Forschungen liegen in unseren Vorstellungen, wie sie
an diese Arbeit herangetragen, im Verlauf der Arbeit abgewan­
delt und bei der Planung künftiger umfassender Formen des Zu­
sammenlebens angewandt wurden.
Bei dieser Art von Arbeit ist es klug, die Maschinerie auf ein
Minimum zu reduzieren und sich selbst in maximaler Weise ein­
zusetzen. Es kann sein, daß die fundamentalen Schranken, die
zwischen Mensch und Delphin bestehen, durch Miss Howes Be­
mühungen überwunden werden, ohne Zuhilfenahme der Appa­
rate, die man für eine Mensch-Delphin-Verständigung entwickelt
hat. (Ein anderes Projekt des Instituts dient der Erforschung einer
Möglichkeit, die Frequenzbarriere zwischen der menschlichen
Sprache und dem »Delphinesischen« zu überwinden. Wenn es
sich herausstellt, daß es die Frequenzbarriere ist, die uns behin­
dert, dann könnten die entwickelten elektronischen Geräte einge­
setzt werden.)
Unser Hauptziel ist es, die zwischenartliche Verständigungs­
barriere zu durchbrechen, so daß wir wechselseitig Informationen
austauschen können, die beschreibende, benennende und erkennt­
nismäßige Bedeutung haben. Solange wir nicht mit Delphinen
und diese mit uns Zusammenleben, bleibt der Geist des Delphins
undurchdringlich für uns, und der menschliche Geist bleibt den
Lehren der Delphine verschlossen.
Miss Howe hat großartige Arbeit geleistet. Sie genießt jetzt
einen langverdienten Urlaub. Ihre »intraspezifischen Bedürfnisse«
wurden befriedigt: Sie, gleich dem Mädchen mit den Schimpansen
in Afrika, heiratete ihren Photographen. Ein Jahr lang wird sie
sich auf ihre eigene Familie konzentrieren, nur auf eine mensch­
liche. Es kann sein, daß sie einmal einen Delphin als ein weiteres
»Kind« in ihrer Familie haben wird.
Peter macht ebenfalls wohlverdienten Urlaub vom Menschen
und ist zu seinen Delphinfreunden zurüdegekehrt - auf eine
Weile. Irgendeine andere Person wird Margarets Arbeit fort­
setzen.

313
EPILOG

Im März 1966 Unterzeichnete der russische Fischereiminister


Alexander Ischkow einen Erlaß, der das kommerzielle Fangen
und Schlachten von Delphinen im Asowschen und im Schwarzen
Meer auf eine Zeit von zehn Jahren untersagt. Einige Mitglieder
der sowjetischen Akademie der Wissenschaften appellierten an
Wissenschaftler anderer Länder, ähnliche Verbote in ihren Län­
dern zu erwirken.
Was steckt hinter dieser Initiative in der Sowjetunion? Exten­
sive Delphin-Forschung wurde und wird in der UdSSR durchge­
führt. Eine grundlegende Erforschung des Gehirns betreiben einige
Forscher (I. N. Filiminow, T. Sacharowa, V. P. Zvorynkin,
Ph. Owsjannikow, M. F. Nikitenko). Dieses Forschungsgebiet ist
der Schlüssel zur Veränderung der derzeitigen Fehlvorstellungen
über die Stellung des Delphins auf diesem Planeten. Unsere eigene
Forschung über das Delphingehirn wird gekrönt durch »An Atlas
of the Brain of the Dolphin, Tursiops truncatus«, herausgege­
ben P. J. Morgane et al., 1966. Unsere Arbeit und die der Russen
ergänzen einander. Die Beweise für die hohe Qualität dieses
Gehirns sind nahezu vollständig. Die Ausrottung der Delphine
ist nicht länger vereinbar mit unserer humanistischen Tradition.
Und schließlich hat die menschliche Spezies hier eine Gelegenheit
zur Zusammenarbeit mit einer anderen hochstehenden Spezies bei
Programmen von wechselseitigem Interesse. Obgleich die Delphine
anders sind (sogar fremdartig), sind sie wahrscheinlich ebenso
flexibel, erziehbar und intelligent wie wir.
Als eine Konsequenz unserer Studien schlagen wir vor, daß in
verschiedenen Teilen der Welt neue Anlagen geschaffen werden,
um diese neue Entwicklung zu ermöglichen. Wir schlagen vor,
daß Flachwasser-»Parks« eingerichtet werden. Solche Parks müß­
ten in Gebieten liegen, welche die Delphine natürlicherweise auf­
suchen. Die Unterwasser- und Oberwasseranlagen sind so zu kon­
struieren, daß sie den freiwilligen Kontakt zwischen den beiden

314
Spezies erlauben. Weder Mensch noch Delphin dürfen in ihr eige­
nes Medium oder in das des anderen hineingezwungen werden.
Das Problem ist in diesem Buch im Querschnitt dargestellt worden,
und gewisse Parameter können nun genauer benannt werden. Mit
der Hilfe und dem Interesse der Tierschützer und ihrer Organi­
sationen, mit der Unterstützung des Staates können diese Pläne
und Programme verwirklicht werden. Wenn man behutsam vor­
geht, kann der gute Wille der Delphine aufrechterhalten werden.
Menschen guten Willens können diese Möglichkeiten schaffen
und bewahren.
Eine neue Ethik und die auf ihr basierenden Gesetze werden
sich entwickeln. Doch Erhaltung und Schutz reichen nicht aus.
Ein positives neues Denken, Fühlen und Handeln wird benötigt.
Wir wollen Älians Ausspruch: »Oh, meine guten, freundli­
chen Delphine, hütet euch vor der Barbarei der Menschen«, ab­
wandeln zu: »Freundliche Delphine, verbündet euch mit uns!«
LITERATURVERZEICHNIS

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Zuckerman, Sir Solly, The Social Life of Monkeys and Apes (Trency,
Trubncr & Co., London: Kcgan Paul, 1932).
Die deutsche Originalausgabe des vorliegenden Bandes er­
schien in der Reihe

winkler
tierbücher
Aus dieser Reihe sind folgende Werke lieferbar:

Sigvard Berggren
Mein Tierparadies
Mit 16 Schwarzweißabbildungen und 4 Vierfarbtafeln. 208 Sei­
ten. Ganzleinen

«Berggren schuf über viele Widerstände hinweg einen Tier­


park auch für Tierarten, die ein stark ausgeprägtes Freiheits­
bedürfnis haben. Gefährliche und lustige, ergreifende und kurz­
weilige Begegnungen wechseln einander ab. Jeder Tierfreund
wird seine Freude an diesem Buch haben.» Aus Naturwissen­
schaft und Technik

Die große Bärenstory


Erlebnisse mit wilden Bären
erzählt von Frank Dufresne

Mit 8 Vierfarbtafeln und 12 Schwarzweißabbildungen.


256 Seiten. Ganzleinen

«Dufresne, der vierzig Jahre in Alaska gelebt hat, gehört zu


den Autoren, die uns noch etwas Neues zu berichten wissen.
In seiner ‹Bärenstory› erzählt er von seinen Erlebnissen mit
wilden Riesenbären, für deren Erhaltung er trotz manch ge­
fährlicher Zwischenspiele leidenschaftlich plädiert. Ein Buch,
das jeden Naturfreund begeistern wird.» Westfälische Rund­
schau

Bitte fordern Sie ausführliche Prospekte an.

WINKLER-VERLAG • 8 MÜNCHEN 23
Prof. Lilly, ein weltbekannter Delphinforscher, berichtet in
diesem verblüffenden Buch von jahrelangen Großversuchen
mit den klugen Delphinen. Eine aufregende Entdeckungsreise
in wissenschaftliches Neuland: Die junge Wissenschaftlerin
Margaret lebt wochenlang Tag und Nacht zusammen mit dem
Delphin Peter in einem Seewasserbassin. Und Peter lernt
tatsächlich Worte wie «Hello», «Ball», «Boy». Das Tier ant­
wortet schließlich seiner menschlichen Freundin mit 95 Pro­
zent humanoiden Lautgebilden.