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VO Einführung in die Musikwissenschaft 1 Wintersemester

2013/14
Grundlagen der Musik vor 1600
Univ.-Prof. Dr. Birgit Lodes

1. Stunde: Einleitung

Präsenz der Alten Musik:

 Mönchschöre in den Charts: Bsp. Mönche von


Heiligenkreuz
 Mittelalter-Bands: Bsp. Ensemble Estampie (auf einem
Mittelalter-Markt);
In extremo (Aufführung im Konzert) u.v.m.
 „akademische“ Aufführungspraxis; Bsp. I Ciarlatani

Beispiel: Walther von der Vogelweide (um 1200): „Palestina-


Lied“

- Minnesang
- mittelhochdeutscher Text mit zahlreichen Strophen.
- Das Palestinalied ist ein „Hit“ der heutigen
Mittelaltermusik-Szene.
- Es ist das einzige Lied Walthers, zu dem ein eindeutiger
Melodieverlauf überliefert ist: Die Noten dieses Liedes sind
auf einem heute in Münster befindlichen Fragment aus
Pergament erhalten, das aus dem ersten Drittel des 14.
Jahrhunderts stamt. Die Aufzeichnung erfolgte also ca. 100
Jahre nach Walthers Tod. (Das als Material wertvolle
Pergamentstück diente als Umschlag für
Kornabrechnungen aus dem Jahre 1522.)
- Möglicherweise handelt es sich bei diesem Lied um eine
Kontrafaktur eines französischen Lieds von Jaufre Rudel.
- Nur zu ca. 10% der aus dem Mittelalter überlieferten
Liedtexte sind überhaupt mit Noten überliefert.
- Notenschrift: (5 Linien; mit eingetragenem c-Schlüssel und
f-Schlüssel); die Tonhöhe ist festgelegt, nicht aber der
Rhythmus; auch nicht Besetzung, Dynamik, Klangfarbe,
Tempo etc.
VO Einführung in die Musikwissenschaft 1 Wintersemester
2013/14
Grundlagen der Musik vor 1600
Univ.-Prof. Dr. Birgit Lodes
- heutige Konvention in der Wissenschaft: Übertragung in
„tondauern-neutraler Notation“
- Der/die heutige InterpretIn ist gefordert, eine Vielzahl von
aufführungspraktischen Entscheidungen zu treffen. Selbst
eine „authentische“ Aufführung wie um 1200 würden wir
heute ganz anders wahrnehmen als damalige Hörer.

∑ Als MusikwissenschaftlerIn sollte man die Parameter der


Überlieferung dieser Musik kennen und wissen, in
welchem Rahmen aufführungspraktische Entscheidungen
zu treffen sind. Diese richten sich jeweils an ein
bestimmtes Publikum.

Epochenbegriffe (siehe auch die Zeittafel):

 Antike (ca. 800 v. Chr. – bis 500 n. Chr.): keine Musik


erhalten, wichtig durch Musikmythen (z. B. Orpheus)
und Musiktheorie (Pythagoras, Boethius)

 Mittelalter (ca. 500–1400): Entwicklung früher


Notenschrift
 Musik kann überliefert werden. Dominanz der Kirche:
Musik des Gottesdiensts (Messe, Stundengebet).
Entwicklung rhythmischer Polyphonie  Grundlage der
europäischen mehrstimmigen Musik.

 Renaissance (ca. 1400/20–1600): Zeitalter des


„euphonischen
(= wohlklingenden) Kontrapunkts“. Blüte geistlicher,
aber auch
weltlicher Polyphonie. Zugleich Zeitalter der
Glaubensspaltung (ab 1517), mit nachhaltigen
musikhistorischen Auswirkungen.

 Barock (ca. 1600–1750): Entwicklung der Monodie


(Sologesang) und der Oper; Aufschwung der
Instrumentalmusik, konzertierendes Prinzip.
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2013/14
Grundlagen der Musik vor 1600
Univ.-Prof. Dr. Birgit Lodes
Die Epochengrenzen sind fliessend; die Epochen selbst eine
Konstruktion, die aber gleichwohl eine sinnvolle Orientierung
ermöglichen.

Wissen, Nichtwissen, Wissenschaftlichkeit:

 Quellen, Dokumente sind nur lückenhaft überliefert,


umso mehr, je weiter man in der Zeit zurückgeht.

 Die Quellen „sprechen“ nicht von sich aus, sie müssen


durch methodisch abgesicherte Fragestellungen
„befragt“ werden.

Pflichttexte:

Andreas Haug, „Musikalische Lyrik im Mittelalter“, in:


Musikalische Lyrik, hrsg. von Hermann Danuser
(Handbuch der musikalischen Gattungen 8), Laaber 2004,
S. 59–63.
Bernhard Morbach, „Gibt es mittelalterliche Musik“, aus ders.,
Die Musikwelt des Mittelalters, Kassel u.a. 22005, S. 13–19.