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Originalveröffentlichung in: Dietrich Harth, Jan Assmann (Hg.

), Revolution
und Mythos, Frankfurt 1992, S. 39-61
JAN ASSMANN

Frühe Formen politischer Mythomotorik


Fundierende, kontrapräsentische und
revolutionäre Mythen

i. Mythos und Revolution.


Zum Begriff der »Mythomotorik«

Nach landläufigem Verständnis stehen sich die Begriffe »Mythos« und


»Revolution« als Gegensätze gegenüber. Denn Mythos nennen wir
fundierende Erzählungen, die einen bestimmten gegenwärtigen Status
quo in das Licht einer naturgegebenen, oder gottgewollten, auf jeden
Fall unabänderlichen Ordnung der Dinge stellen. Auf diese Weise
legitimieren sie den Status quo und schützen ihn vor verändernden
Eingriffen. Mythen beleuchten den Ordnungsaspekt des Gegebenen,
indem sie ein Wissen um seine Kontingenz, d. h. des auch anders
Möglichen, abdunkeln. Sie »reduzieren Komplexität«, wie die System­
theoretiker sagen würden, indem sie den Horizont des Möglichen ein­
grenzen. Sie »erzeugen Unbewußtheit«, wie die Ethno­Psychologen
sagen (Erdheim 1984), indem sie das Wissen um geschichtliches Ge­
wordensein und alternative Optionen abdrängen.
Revolutionen dagegen ­ wie immer man diesen Begriff historisch ein­
grenzen und theoretisch festlegen will ­ stellen den Status quo in Frage,
um ihn grundlegend umzustürzen. Sie müssen das Gegebene delegiti­
mieren, d. h. entmythisieren, um es verändern zu können. Wo der My­
thos seine Unabänderlichkeit und Naturgemäßheit herausstellt, kehren
sie seine willkürliche Gewordenheit und Geschichtlichkeit hervor. Re­
volutionen sind überhaupt nur möglich als Folge einer durchgreifenden
Entmythisierung des Welt­ und Geschichtsbildes.
Dieses Verständnis von Mythos verbindet sich mit Namen wie Mircea
Eliade und Claude Levi­Strauss. Beide sind sich darin einig, daß My­
thos und Geschichte Gegensätze darstellen und daß die Hauptfunk­
tion des Mythos darin besteht, Geschichte auszublenden zugunsten
zeitloser Ordnungsmuster. Eliade nannte das Gegensatzpaar »Kosmos
und Geschichte« (Eliade 1953), Levi­Strauss sprach von »kalten« und
»heißen Gesellschaften«. Archaische oder »kalte« Gesellschaften »er­
tragen die Geschichte nur schwer« (Eliade) und »streben danach, »grä­

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ce aux institutions qu'elles se donnent, ä annuler de fa^on quasi auto­
matique l'effet que les facteurs historiques pourraient avoir sur leur
equilibre et leur continuite.«' »Heiße« Gesellschaften dagegen sind
durch ein »gieriges Bedürfnis nach Veränderung« gekennzeichnet und
verinnerlichen ihre Geschichte (interiorisent leur devenir historique),
um sie zum Motor ihrer Entwicklung zu machen (le moteur de leur
developpement, ebd.). Levi­Strauss ordnet den Mythos den »kalten«
Gesellschaften zu als den Inbegriff jener »Institutionen«, mit deren
Hilfe sie die Auswirkungen geschichtlichen Wandeins annullieren und
es bewerkstelligen, ihre Identität (ihr »Gleichgewicht«) unverändert
über die Zeiten zu reproduzieren. Den Gegensatz nennt er »Ge­
schichte«. Anstelle mythischer Urbilder »verinnerlichen« »heiße« Ge­
sellschaften ihr eigenes geschichtliches Werden und machen es so zum
»Motor« ihrer weiteren geschichtlichen Entwicklung.
Ich möchte die Metapher des »Motors« übernehmen, aber zwei Mo­
difikationen vorschlagen. Erstens scheinen mir die »kalten« Gesell­
schaften, um Kontinuität erzeugen und Identität und Gleichgewicht
unverändert reproduzieren zu können, ebenfalls eine Art von Motorik
ins Werk zu setzen. Auch sie scheinen etwas »verinnerlicht« zu haben,
was sie zum Motor ihrer kreisläufigen Bewegung machen bzw. woraus
sie die Energie ihres Beharrens beziehen. Zweitens scheint mir »My­
thos« die angemessenste Bezeichnung für die »verinnerlichte« Form
und Funktion von Geschichte auch bei den »heißen« Gesellschaften.
Wenn »heiße« Gesellschaften ihr geschichtliches Werden verinner­
lichen, dann machen sie daraus einen Mythos. Beide, die »kalten« wie
die »heißen« Gesellschaften bewegen sich im Banne fundierender Ge­
schichten, aus denen sie ihre Identität und Kontinuität beziehen, auf
die sie ein Wissen von Einheit und Eigenart stützen. 2 Die einen werden
von solchen Geschichten vorangetrieben, die anderen zur strikten Be­
wahrung angehalten. In beiden Fällen jedoch ist eine Motorik am
Werke. Wir wollen sie daher »Mythomotorik« nennen. 3 Jede Gesell­
schaft hat ihre Mythomotorik, d. h. einen Komplex narrativer Sym­
bole, fundierender und mobilisierender Geschichten, die gegenwarts­
deutend und zukunftsweisend wirken.
Mythos ist eine Form des Vergangenheitsbezugs, also eine Form der
Erinnerung. Als solche steht er neben anderen Formen des Vergangen­
heitsbezugs. Hier würde ich die Grenze zwischen »Hitze« und
»Kälte« ziehen. Unter »kalter Erinnerung« möchte ich vorschlagen,
alle Formen von Vergangenheitsbezug zusammenzufassen, die einem
rein ordnenden und messenden Interesse entspringen, also vor allem
die Zählung von Jahren und die Führung von Listen wie etwa die

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sumerischen (Wilcke 1988) und ägyptischen Königslisten (Redford
1986). Selbstverständlich verbindet sich mit solcher Buchführung der
Zeit auch ein legitimatorisches Interesse, insofern als die Gegenwart ­
das gegenwärtige Jahr, der gegenwärtige König, das gegenwärtig regie­
rende Haus ­ als legitimes Glied einer Kette (von Jahren, Königen,
Dynastien) erscheint, und zwar um so legitimer, je tiefer es in der Zeit
verankert ist, so daß regelmäßig am Anfang dieser Buchführung die
Schöpfung oder Weltentstehung figuriert. 4 Der Sinn dieser Buchfüh­
rung liegt aber in dem Nachweis, daß sich in dem ganzen listenhaft
erfaßten Zeitraum nichts Entscheidendes geändert hat. 5 Geschichte
wird in diesem tabellarischen Zugriff nicht erzählt, sondern stillge­
stellt. Denn erzählen kann man nur von dem, was sich bewegt und
wandelt. Solche Erzählungen kommen auch vor ­ Atra­chasis, Gilga­
mesch, Osiris ­ , aber sie beziehen sich auf die Urzeit, die »Gründer­
zeit« der Welt, als die Ordnungen erst entstanden, deren stillgestellte
Dauer dann die Listen über die Generationenfolge hinweg beurkun­
den. Für Ägypten jedenfalls gilt, daß das chronologische Skelett der
Königslisten nie durch Erzählungen über vergangene Könige belebt
wird (Redford 1986).6
Demgegenüber würde ich nun als »heiße Erinnerung« jene Formen
von Vergangenheitsbezug zusammenfassen, die aus der Vergangenheit
eine identitätsfundierende, handlungsleitende und gegenwartsdeu­
tende Kraft schöpfen. Man spricht in diesem Fall auch von »bewohnter
Geschichte«. Die klassische Form solchen »bewohnenden« Bezugs auf
die Vergangenheit ist die Erzählung. Man erzählt von Vergangenem,
um daraus ein Bewußtsein von Einheit und Eigenart, d.h. von Identi­
tät zu beziehen. Vergangenheitswissen ist identitätssichernd. Man er­
innert sich der Vergangenheit, um aus der Richtung des eigenen Wer­
dens die Vektoren der weiteren Entwicklung zu beziehen. Das gilt für
alle Gesellschaften. Erst auf einer weiteren Stufe entscheidet sich, ob
diese weitere Entwicklung die Form kreisläufigen Beharrens annimmt,
im Widerstand gegen die Kräfte der Veränderung, oder ob sie im Ge­
genteil nach Veränderung strebt, im Widerstand gegen die Kräfte des
Beharrens. In jedem Falle ist eine narrative Virulenz am Werk, üben
Geschichten eine handlungsleitende Kraft aus.
Mit Recht hat Benedict Anderson den notwendigerweise imaginären
Charakter aller jener Gemeinschaften betont, deren Größenordnung
über den Umfang der Dorfgemeinschaft hinausgeht, wo jeder jeden
kennt. Gemeinschaften unterscheiden sich nicht danach, ob sie »echt«
oder »künstlich«, »gewachsen« oder »erfunden« sind, sondern nach
dem Stil ihrer Erfindung (Anderson 1983, S. 15).7 Wo immer nach dem

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W i e solcher E r f i n d u n g u n d I n g a n g h a l t u n g gefragt w i r d , tritt das P h ä ­
n o m e n d e r M y t h o m o t o r i k in den Blick. I m a g i n i e r t e G e m e i n s c h a f t e n
halten z u s a m m e n d u r c h d e n B a n n einer g e m e i n s a m b e w o h n t e n G e ­
schichte. M y t h o s ist das w i c h t i g s t e M e d i u m d e r » I m a g i n a t i o n « v o n
G e m e i n s c h a f t . D a b e i gilt es zu b e r ü c k s i c h t i g e n , d a ß es hier nicht u m
einen einmaligen A k t d e r E r f i n d u n g geht, s o n d e r n u m die u n a u s g e ­
setzte A r b e i t d e r K o n t i n u a t i o n . Kollektive I d e n t i t ä t e n e n t s p r e c h e n d e r
G r ö ß e n o r d n u n g m ü s s e n nicht n u r imaginiert, s o n d e r n ü b e r die G e n e ­
r a t i o n e n f o l g e h i n w e g r e p r o d u z i e r t w e r d e n . H i e r liegt die G e d ä c h t n i s ­
f u n k t i o n d e r K u l t u r b e g r ü n d e t . M y t h o m o t o r i k g e h ö r t in den F u n k ­
t i o n s r a h m e n des » K u l t u r e l l e n G e d ä c h t n i s s e s « (A. u. J. A s s m a n n 1988),
mit dessen H i l f e G e m e i n s c h a f t e n ihre imaginäre Identität ausbilden
und reproduzieren.
Fragen w i r n u n nach d e r M y t h o m o t o r i k f r ü h e r G e s e l l s c h a f t e n , d a n n
zeigt sich s o f o r t ein w i c h t i g e r U n t e r s c h i e d , d e r Ä g y p t e n u n d M e s o p o ­
t a m i e n auf d e r einen Seite v o n Israel u n d G r i e c h e n l a n d auf d e r a n d e r e n
t r e n n t . D i e ägyptische M y t h o m o t o r i k ­ u m m i c h auf diesen Bereich zu
b e s c h r ä n k e n ­ u m f a ß t G e s c h i c h t e n , die in d e r G ö t t e r w e l t spielen, die
israelitische u n d griechische dagegen solche in d e r M e n s c h e n w e l t , auch
w e n n G o t t b z w . die G ö t t e r intensiv e i n b e z o g e n sind. D e n Begriff
» M y t h o s « , mit d e m m a n sonst gern die g ö t t e r w e l t l i c h e n E r z ä h l u n g e n
b e z e i c h n e t , u m sie v o n d e r »Geschichte« zu u n t e r s c h e i d e n , k ö n n e n
w i r hier nicht v e r w e n d e n , d e n n w i r w o l l e n ja jede f u n d i e r e n d e u n d
motivierende Geschichte »Mythos« nennen, ganz unabhängig davon,
o b sie in d e r U r z e i t o d e r v o r 40 J a h r e n spielt. A m hilfreichsten scheint
m i r d e r v o n E. Cassirer geprägte Begriff d e r »absoluten Vergangen­
heit« (Cassirer 1958, S. 130). D a m i t ist die k o s m o g o n i s c h e U r z e i t ge­
m e i n t , die i n s o f e r n »absolut« ist, als sich die f o r t s c h r e i t e n d e G e g e n ­
w a r t nie w e i t e r v o n ihr e n t f e r n t . Sie bleibt v i e l m e h r stets in gleicher
D i s t a n z u n d läßt sich d a h e r rituell w i e d e r h o l e n u n d narrativ vergegen­
w ä r t i g e n . D a s klassische P a r a d i g m a ist d e r australische Begriff d e r
»Traumzeit«. D i e ägyptische ­ u n d w o h l auch die m e s o p o t a m i s c h e ­
M y t h o m o t o r i k b e z i e h t sich auf die a b s o l u t e Vergangenheit. D i e rela­
tive Vergangenheit dagegen, d. h. die v o n den Königslisten a u s g e m e s ­
sene Zeit m e n s c h l i c h e r H a n d l u n g e n , hat keine f u n d i e r e n d e n u n d
h a n d l u n g s m o t i v i e r e n d e n E n e r g i e n f r e i z u s e t z e n . Sie w i r d v o n den M e ­
dien d e r E r i n n e r u n g , also den Königslisten u n d » A n n a l e n « , w e n i g e r
mobilisiert als v i e l m e h r stillgestellt. H i e r darf sich nichts ä n d e r n , sonst
w ü r d e die V e r b i n d u n g z u r a b s o l u t e n Vergangenheit a b r e i ß e n .
In Israel dagegen bildet das E x o d u s g e s c h e h e n den zentralen m y t h o ­
m o t o r i s c h e n K o m p l e x . E r s t in z w e i t e r Linie k o m m e n die Väterge­

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schichten. In hellenistischer Zeit verdichten sich die David-Überliefe­
rungen zur mythomotorischen Kraft einer messianischen Bewegung.
Die Kosmogonie dagegen verblaßt zu einem Vorspiel auf anderer
Ebene. In dieser Umgewichtung der mythomotorischen Akzente liegt
eine entscheidende Abwendung Israels von seiner kulturellen Umwelt,
die man wohl nicht trennen kann vom monotheistischen Protest seiner
Religion. In Griechenland nun stoßen wir auf das Phänomen einer
vergleichbaren Fundierung im polytheistischen Kontext. Die Vergan­
genheit, auf die sich die griechischen Geschichten fundierenden und
motivierenden Ranges beziehen, ist gleichfalls nicht absolut und kos­
mogonisch wie in Ägypten und Mesopotamien, sondern relativ und
menschenweltlich wie in Israel, und sie gehört chronologisch sogar in
dieselbe Epoche wie das Exodus­Geschehen: in den Ausgang der
Bronzezeit. Gemeint ist natürlich Homer. Damit will ich nicht bestrei­
ten, daß es in Griechenland noch zahllose weitere fundierende und
motivierende Geschichten gab, vermutlich besaß jede Stadt, jedes
Adelshaus seinen eigenen Schatz an fundierender Uberlieferung. Die
Situation ist hier völlig anders als in Israel, dessen Überlieferung durch
kanonisierende Eingriffe immer ausschließlicher auf den Exodus zuge­
spitzt wurde. Und dennoch gibt es eine Parallele, die dann in den Blick
tritt, wenn man die Frage nach der Bedeutung Homers im Zusammen­
hang des Problemfelds »Ethnogenese« betrachtet. Die »Volkwerdung«
Israels ­ und Israel kann geradezu als der Erfinder des Volksbegriffs im
emphatischen Sinne gelten ­ vollzieht sich im Bezug auf den Exodus
und in der Kanonisierung der Torah. Und die Volkwerdung Griechen­
lands ­ gemeint ist hier die Entstehung eines »panhellenischen« Be­
wußtseins ­ vollzieht sich im Bezug auf den Trojanischen Krieg und in
der Kanonisierung Homers.
Eine weitere Unterscheidung betrifft nicht die Form des Vergangen­
heitsbezugs (»absolute« oder »relative« Vergangenheit), sondern die
Form der solcherart fundierten Identität. Hier möchte ich zwischen
einer Mythomotorik der »Integration« und der »Distinktion« unter­
scheiden. Diese Unterscheidung sollen die beiden folgenden Ab­
schnitte am Beispiel Ägyptens und Israels illustrieren.

2. Mythomotorik der Zweiheit und Vereinigung

Das pharaonische Ägypten kennt keine ­ sit venia verbo ­ »nationale«


Geschichtsschreibung, die auch nur entfernt etwa mit der biblischen
zu vergleichen wäre. Die ersten Ansätze in dieser Richtung gehören in

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die Ptolemäerzeit (Manetho). Die Königslisten, wie schon betont, sind
kein Instrument der »heißen« Erinnerung, sondern der Zeitmessung
(Redford 1986). Das heißt aber nicht, daß sich im ägyptischen Selbst­
bild nicht auch eine spezifische Erinnerung oder Rekonstruktion zur
Wesensformel verdichtet hätte. Sie tritt uns hier lediglich in einer ganz
anderen Form entgegen: nicht narrativ entfaltet, wie wir es erwarten
würden, sondern zum Symbol verdichtet. Dieses Symbol lautet
sprachlich: »die Vereinigung der beiden Länder«, äg. zmj tjwj. »Die
beiden Länder« ist der normale Name, mit dem sich die alten Ägypter
auf ihr Land beziehen. Die »beiden Länder« sind Ober­ und Unter­
ägypten, ägyptisch Schema0 und Mehu, also zwei ganz verschiedene
Wörter. Der ägyptische König trägt zwei Titel: njswt als König von
Ober­, bjt als König von Unterägypten. Seine beiden Kronen symbo­
lisieren die Herrschaft über die beiden Landesteile und sind zwei Kro­
nengöttinnen und zwei Kronenstädten zugeordnet, Hauptstädten my­
thischer (und vielleicht auch historischer) Vorläuferstaaten, die zum
pharaonischen Reich vereinigt wurden (Otto 1938). Bildlich findet
sich dieses zentrale politische Symbol auf den Seiten königlicher
Throne dargestellt. Horus und Seth schlingen und verknoten die Wap­
penpflanzen von Ober­ und Unterägypten um ein längliches Gebilde
herum, das eine Hieroglyphe mit der Bedeutung z w j »vereinigen« ist.
Der Staat, den der König beherrscht, ist das Resultat einer Vereini­
gung, die in der mythischen Urzeit die beiden Götter vollbracht haben
und die jeder König bei Herrschaftsantritt und in der Ausübung seiner
Herrschaft neu vollbringt. 8
Der Mythos von Horus und Seth ist als narrative Ausformung der
Zweiheitssymbolik der Gründungsmythos des ägyptischen Staats. Das
antagonistische Brüderpaar steht aber für mehr als nur für die geogra­
phische Zweiteilung in Ober­ und Unterägypten. Horus verkörpert
die Zivilisation, Seth die Wildnis, Horus das Recht, Seth die Gewalt,
Horus die Ordnung, Seth die Unordnung. 9 Einheit kann nur durch
Versöhnung dieser antagonistischen Prinzipien, Versöhnung aber nur
durch Unterwerfung des einen unter das andere hergestellt werden.
Das Recht, die Kultur, die Ordnung müssen kämpfen und siegen; sie
setzen sich nicht von selbst durch. Sie setzen sich aber nicht verdrän­
gend an die Stelle von Chaos, Unordnung, Wildheit und Gewalt, son­
dern bändigen sie. Der Mythos fundiert daher keinen Zustand, son­
dern ein unabschließbares Projekt: die Bändigung des Chaos und die
Herstellung von Ordnung durch Vereinigung, nach dem Prinzip ab
integro nascitur ordo. Die Einheit ist immer problematisch, sie ist nie­
mals gegeben, sondern immer aufgegeben.

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D e r M y t h o s w i r d n i c h t einfach z u r B e l e h r u n g u n d U n t e r h a l t u n g er­
zählt. E r leistet zweierlei. Einerseits e n t w i r f t er eine Welt, die z w e i g e ­
teilt ist u n d die n u r d a d u r c h in G a n g gehalten w e r d e n k a n n , d a ß die
beiden Teile z u einer h ö h e r e n E i n h e i t v e r b u n d e n w e r d e n , so d a ß O r d ­
n u n g ü b e r C h a o s , K u l t u r ü b e r W i l d n i s u n d R e c h t ü b e r G e w a l t die
O b e r h a n d behält. A n d e r e r s e i t s mobilisiert d e r M y t h o s die E n e r g i e n ,
d e r e n es b e d a r f , u m die E i n h e i t h e r z u s t e l l e n u n d die Welt in G a n g zu
halten. W e s e n s f o r m e l n o d e r E r i n n e r u n g s f i g u r e n h a b e n A p p e l l ­ C h a ­
r a k t e r , sie ü b e n eine n o r m a t i v e u n d f o r m a t i v e K r a f t aus. D e r Begriff
d e r » M y t h o m o t o r i k « v e r s u c h t , die h a n d l u n g s l e i t e n d e u n d selbstbild­
f o r m e n d e K r a f t dieser I d e n t i t ä t s ­ S y m b o l i k z u m A u s d r u c k zu b r i n g e n .
D e r M y t h o s v o n H o r u s u n d Seth v e r w a n d e l t die E r i n n e r u n g an eine
u r s p r ü n g l i c h e Z w e i h e i t in Sinnenergie, in den I m p u l s zu i m m e r e r n e u ­
ter A n s t r e b u n g u n d H e r s t e l l u n g v o n Einheit. Vielleicht liegt in solcher
M y t h o m o t o r i k das G e h e i m n i s d e r einzigartigen K o n s t a n z des ägypti­
schen Staates. D e n n hier geht es ja n i c h t einfach u m b l o ß e D a u e r ,
s o n d e r n v i e l m e h r u m die K r a f t zu identischer E r n e u e r u n g , z u r s t r u k ­
turellen S e l b s t r e p r o d u k t i o n auch ü b e r s c h w e r e Z u s a m m e n b r ü c h e h i n ­
weg.
D i e ä g y p t i s c h e M y t h o m o t o r i k steht n u n e i n d e u t i g im D i e n s t nicht d e r
A b g r e n z u n g nach a u ß e n , s o n d e r n d e r H e r s t e l l u n g v o n E i n h e i t im I n ­
n e r e n , d e r Vereinigung d e r Teile zu einem G a n z e n , das d a n n schlechthin
a l l u m f a s s e n d g e d a c h t w i r d u n d sich n i c h t g e g e n ü b e r a n d e r e r G a n z h e i t
a b z u g r e n z e n hat. D i e G r e n z e n d e r imaginierten G e m e i n s c h a f t fallen
m i t d e n G r e n z e n des M e n s c h s e i n s u n d d e r g e o r d n e t e n Welt z u s a m m e n .
D i e H e r r s c h a f t ü b e r die z w e i L ä n d e r b e d e u t e t H e r r s c h a f t ü b e r das
G a n z e , äg. » A l l h e r r s c h a f t « (nb tm) o d e r » E i n h e r r s c h a f t « (nb wc). D i e
b e i d e n L ä n d e r vereinigen sich z u r Welt, w i e sie v o m S o n n e n g o t t ge­
schaffen u n d d e m K ö n i g ü b e r a n t w o r t e t w u r d e .
D i e s e Ideologie e n t s p r i c h t einer t y p i s c h e n historischen Situation.
W e n n e t h n i s c h e V e r b ä n d e sich zu einem g r ö ß e r e n e t h n o p o l i t i s c h e n
Gebilde zusammenschließen oder durch Wanderung, Uberlagerung
o d e r E r o b e r u n g in einen a n d e r e n e t h n o p o l i t i s c h e n V e r b a n d hineinge­
raten, ergeben sich P r o b l e m e d e r I n t e g r a t i o n o d e r A k k u l t u r a t i o n . D i e
d o m i n i e r e n d e K u l t u r ­ die k u l t u r e l l e F o r m a t i o n d e r d o m i n i e r e n d e n
E t h n i e ­ erhält n u n t r a n s e t h n i s c h e G e l t u n g u n d w i r d z u r H o c h k u l t u r
gesteigert, die die ü b e r l a g e r t e n kulturellen F o r m a t i o n e n marginali­
siert. D i e E r r i c h t u n g d e r f r ü h e n H o c h k u l t u r e n geht überall e i n h e r m i t
d e r S c h a f f u n g n e u a r t i g e r politischer O r g a n i s a t i o n s f o r m e n weit o b e r ­
halb d e r »natürlichen« e t h n i s c h e n G r ö ß e n o r d n u n g e n . D i e s y m b o ­
lische Sinnwelt dieser s o l c h e r a r t gesteigerten kulturellen F o r m a t i o n er­

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hält n u n die zusätzliche A u f g a b e , die h o c h g r a d i g instabile politische
O r g a n i s a t i o n s f o r m zu stabilisieren u n d eine Vielzahl m e h r o d e r w e n i ­
ger h e t e r o g e n e r s o z i o k u l t u r e l l e r F o r m a t i o n e n zu integrieren. Im R a h ­
m e n einer solcherart gesteigerten, interlokal u n d t r a n s ­ e t h n i s c h ver­
breiteten, in h o c h u n d niedrig, Z e n t r u m u n d P e r i p h e r i e s t r u k t u r i e r t e n
K u l t u r v e r l ä u f t Sozialisation in a n d e r e n , vielfältig g e s t u f t e n B a h n e n .
N i c h t m e h r die Eltern u n d p r i m ä r e n S o z i a l k o n s t e l l a t i o n e n , s o n d e r n
I n s t i t u t i o n e n v e r w a l t e n u n d v e r m i t t e l n das kulturelle Wissen, sein E r ­
w e r b ist a n s t r e n g e n d u n d langwierig. Integrativ gesteigerte K u l t u r ist,
wie der A n t h r o p o l o g e A r n o l d G e h l e n das g e n a n n t hat, eine B e w e g u n g
»nach d e r G r ö ß e , d e m A n s p r u c h s v o l l e n u n d K a t e g o r i s c h e n hin«, die
stets » e r z w u n g e n , m ü h s a m u n d u n w a h r s c h e i n l i c h ist« (1961, S. 59 f.).
Allerdings scheint G e h l e n sich nicht d a r ü b e r im klaren gewesen zu
sein, d a ß er nicht K u l t u r an sich, s o n d e r n K u l t u r in einem b e s t i m m t e n
h i s t o r i s c h e n A g g r e g a t i o n s z u s t a n d , einer b e s t i m m t e n S t e i g e r u n g s f o r m
b e s c h r e i b t u n d d a ß es nicht n u r der M e n s c h in d e r Labilität seiner
I n s t i n k t e u n d G e s i n n u n g e n ist, den diese K u l t u r zu stabilisieren hat,
s o n d e r n auch die politische O r g a n i s a t i o n s f o r m , die diese K u l t u r trägt
u n d v o n ihr getragen w i r d . Was G e h l e n b e s c h r e i b t , t r i f f t ziemlich ge­
nau den altägyptischen Begriff d e r K u l t u r , d e r e n zentrales P r o b l e m
zeit ihres Bestehens die I n t e g r a t i o n w a r (erst im H e l l e n i s m u s trat m i n ­
destens g l e i c h b e d e u t e n d das D i s t i n k t i o n s p r o b l e m h i n z u ) .

3. »Auszug aus Ägypten« (Yitzi'at Misraim)


als israelitische Wesensformel

So wie die M o t i v e d e r Z w e i h e i t , E i n h e i t u n d Vereinigung im Z e n t r u m


des ägyptischen G e s c h i c h t s ­ u n d Selbstbildes stehen, so bilden die
e n t g e g e n g e s e t z t e n M o t i v e d e r T r e n n u n g u n d A b g r e n z u n g das Z e n ­
t r u m des israelitischen Selbstbildes. In Israel h a b e n w i r es n u n im
G e g e n s a t z zu Ä g y p t e n m i t einer sehr a u s f ü h r l i c h e n u n d elaborierten
schriftlichen E n t f a l t u n g d e r i d e n t i t ä t s s i c h e r n d e n G e s c h i c h t s e r i n n e ­
r u n g zu t u n , die v o m ersten S c h ö p f u n g s t a g bis in die Perserzeit reicht
( b z w . , w e n n m a n die M a k k a b ä e r b ü c h e r h i n z u n i m m t , bis ins 2. J a h r ­
h u n d e r t v. C h r . ) . A u c h hier aber läßt sich die Vergangenheit auf einige
zentrale S y m b o l e v e r d i c h t e n , die die » M y t h o m o t o r i k « Israels bilden.
Sie treten in jenen Texten h e r v o r , in d e n e n die Vergangenheit liturgisch
rekapituliert w i r d , v o r allem in einem Text, d e r bei d e r D a r b i e t u n g d e r
E r s t r e i f e zu rezitieren ist u n d d e n G e r h a r d v. R a d »das kleine ge­
schichtliche C r e d o « g e n a n n t h a t :

46
Ein umherirrender Aramäer war mein Vater,
der zog hinab mit wenig Leuten nach Ägypten
und blieb daselbst als Fremdling
und ward daselbst zu einem großen und zahlreichen Volke.

Aber die Ägypter mißhandelten uns und bedrückten uns


und legten uns harte Arbeit auf.
Da schrieen wir zu dem Herrn, dem Gott unserer Väter,
und der Herr erhörte uns und sah unser Elend,
unsere Mühsal und Bedrückung.

Und der Herr führte uns heraus aus Ägypten


mit starker Hand und ausgestrecktem Arm,
unter großen Schrecknissen, unter Zeichen und Wundern.
Und brachte uns an diesen Ort und gab uns dieses Land,
das von Milch und Honig fließt (5 Mose 2 6 ^ ­ 9 ) .

G. v. Rad hat eine ganze Reihe ähnlicher Rekapitulationen der Ge­


schichte Israels zusammengestellt (v. Rad 1958, S. 9 ff. vgl. auch S. 148
ff.). Ihnen allen ist gemeinsam die Beschränkung auf einen engen Zy­
klus zentraler Erinnerungsfiguren: die Väter und ihre marginale Stel­
lung, der Aufenthalt in Ägypten als unterdrückte Fremdlinge, der
Exodus, die Landnahme. Sie bilden den zentralen mythisch­symboli­
schen Komplex des israelitischen Selbstbildes, Israels »Mythomoto­
rik«. 10 Und wie es sich für Mythen gehört, haben sie ihren Ort im
Kult. Alle diese Rekapitulationen sind, wie v. Rad gezeigt hat, litur­
gische Texte.
Wenn ich diese Erinnerungsformen als »Mythos« bezeichne, will ich
damit keineswegs ihren historischen Charakter abstreiten. Ich will da­
mit lediglich die Funktion solcher Erinnerung hervorheben. Ge­
schichte, die nicht einfach gewußt, sondern erinnert (»bewohnt«) und
zum Motor der eigenen Entwicklung gemacht wird, ist Mythos. Da­
mit ist über Fiktivität oder Historizität gar nichts gesagt. Mythos ist
eine Geschichte, die man sich erzählt, um sich über sich selbst und die
Welt zu orientieren, eine Wahrheit höherer Ordnung, die nicht einfach
nur stimmt, sondern darüber hinaus auch noch normative Ansprüche
stellt und formative Kraft besitzt. Die Vernichtung des europäischen
Judentums z. B. ist eine geschichtliche Tatsache und als solche Gegen­
stand der historischen Forschung. Im modernen Israel jedoch ist sie
darüber hinaus (und übrigens erst in den letzten zehn Jahren) unter der
Bezeichnung »Holokaust« zur fundierenden Geschichte und damit
zum Mythos geworden, aus der dieser Staat einen wichtigen Teil seiner
Legitimierung und Orientierung bezieht, die in öffentlichen Denkmä­

47
lern und Gedenkveranstaltungen nationalen Charakters feierlich kom-
memoriert und in Schulen gelehrt wird und daher zur Mythomotorik
dieses Staates gehört."
Der Auszug aus Ägypten nun ist die zentrale Wesensformel der Israe­
liten, ebenso wie »die Vereinigung der beiden Länder« die zentrale
Wesensformel des pharaonischen Ägypten war. Beide Formeln bezie­
hen sich nicht nur auf eine Erinnerung, sondern auch auf ein Pro­
gramm. Darin liegt ihre kinetische Energie, ihre Mythomotorik. Die
Einheit gilt es immer wieder herzustellen, aus Ägypten gilt es immer
wieder auszuziehen. Die Vereinigung der beiden Länder ist eine Inte­
grationsformel, der Auszug aus Ägypten ist eine Distinktionsformel.
Man darf nie wieder nach Ägypten zurückkehren: die durch den Aus­
zug gesetzte Grenze darf nie wieder überschritten geschweige denn
eingerissen werden.
Der Auszug aus Ägypten ist der Auszug aus Unfreiheit und Unter­
drückung. Ägypten steht für illegitime Herrschaft: die Herrschaft von
Menschen über Menschen. Menschenherrschaft ist Fremdherrschaft.
Dagegen steht nicht Anarchie, sondern Theokratie: die Herrschaft
Gottes, durch den Bündnisvertrag, den Er mit den Auswanderern
schließt und das Gesetz, das Er ihnen gibt. Aus Ägypten ausziehen
heißt also: in das Gesetz einziehen (Walzer 1985). Das Gesetz markiert
in jeder einzelnen seiner 613 Bestimmungen die Grenze, die Israel von
seiner Umwelt unterscheidet, von der ausschließlichen Verehrung des
Einen Gottes bis zum Verbot, das Böcklein in der Milch seiner Mutter
zu kochen. »Ägypten«, d.h. die fremde kulturelle Umwelt, ist über­
all, und überall öffnet sich im Halten des »Gesetzes« der Weg der Be­
freiung aus Knechtschaft und Verfolgung, der ins Gelobte Land
führt.
Eine passendere, bedeutungsvollere Geschichte hätte sich gar nicht
imaginieren lassen, um den Überlebenswillen des versprengten Volkes
gegen alle Verfolgungen und Unterdrückungen über die Jahrtausende
hin wachzuhalten. Aber die Exodus­Überlieferung ist natürlich, auch
in ihrer Bedeutung als zentrale Erinnerungsfigur im Sinne der Stiftung
des Volkes Israel, viel älter als die Diaspora­Situation, älter wohl auch
als das babylonische Exil, das aller Wahrscheinlichkeit nach bereits nur
dank dieser Überlieferung ohne Identitätsverlust überstanden werden
konnte. 12 Andererseits kann man sich aber schlecht vorstellen, daß
etwa das davidische Königreich gerade die Exodus­ und Sinai­Über­
lieferung in das Zentrum seines Selbstbildes gerückt hätte. Den Aus­
zug aus Ägypten kann man sich daher am ehesten als die Identitäts­
formel einer Widerstandsbewegung vorstellen, die sich in der Königs­
48
zeit k o n s t i t u i e r t e , d e r e n W o r t f ü h r e r die P r o p h e t e n w a r e n u n d die sich
im b a b y l o n i s c h e n Exil d u r c h s e t z t e ( M . S m i t h 1971). D e n n sie allein
v e r m o c h t e die W i d e r s t a n d s k r ä f t e zu mobilisieren, d e r e n es b e d u r f t e ,
u m eine I d e n t i t ä t ü b e r d e n Verlust aller ä u ß e r e n Stabilisierungen h i n ­
w e g u n t e r w i d r i g s t e n B e d i n g u n g e n d u r c h z u h a l t e n . D u r c h das b a b y l o ­
nische Exil w u r d e n u n diese G r u p p e aus i h r e m k u l t u r e l l e n K o n t e x t
herausgelöst, m i t d e m sie ü b e r J a h r h u n d e r t e in s c h w e r s t e m K o n f l i k t
gelegen hatte u n d f o r m i e r t e sich in B a b y l o n als E x i l s g e m e i n d e (golah)
in n u n w i r k l i c h f r e m d e m k u l t u r e l l e n K o n t e x t , a b g e t r e n n t v o m h e i m a t ­
lichen K ö n i g t u m u n d O p f e r k u l t u n d d a m i t v o n jeder religiösen D e u ­
t u n g s k o n k u r r e n z . In dieser G r u p p e k o n n t e n sich die A n s c h a u u n g e n
d e r m o n o t h e i s t i s c h e n W i d e r s t a n d s b e w e g u n g u m so m e h r d u r c h s e t z e n ,
als ihre U n h e i l s p r o p h e z e i u n g e n d u r c h die Ereignisse voll u n d g a n z
bestätigt w o r d e n w a r e n . D i e M a u e r u m U b e r l i e f e r u n g u n d I d e n t i t ä t
erwies sich hier erstmals als Schutzwall, so d a ß diese als einzige d e r
zahllosen v o n den A s s y r e r n u n d B a b y l o n i e r n d e p o r t i e r t e n V o l k s g r u p ­
p e n ihre I d e n t i t ä t ü b e r f ü n f z i g J a h r e b e w a h r e n u n d nach d e m M a c h t ­
wechsel 537 nach Palästina z u r ü c k k e h r e n k o n n t e .
M i t d e m Verlust des L a n d e s v e r s c h w i n d e n die territorialen u n d politi­
schen G r e n z e n , i n n e r h a l b d e r e n sich die I d e n t i t ä t »Israel« b e h a u p t e t
hatte. A n ihre Stelle tritt eine u n s i c h t b a r e G r e n z e . D a s G e s e t z ist die
G r u n d l a g e einer L e b e n s f o r m , m i t d e r e n B e f o l g u n g sich eine G r u p p e
n o t w e n d i g e r w e i s e v o n allen a n d e r e n V ö l k e r n a b s o n d e r n m u ß . 1 3

4. Mythomotorik des Panhellenentums

Ich will z u n ä c h s t a n h a n d einer Szene aus H e r o d o t illustrieren, was ich


m i t d e m Begriff eines »panhellenischen B e w u ß t s e i n s « meine. Ich
d e n k e an eine Szene, die H e r o d o t im 8. B u c h seiner H i s t o r i e n be­
schreibt. G e g e n E n d e d e r Perserkriege hält sich A l e x a n d r a s v o n M a ­
z e d o n i e n als persischer U n t e r h ä n d l e r in A t h e n auf, u m sie zu einem
B ü n d n i s mit d e m P e r s e r k ö n i g zu ü b e r r e d e n . D i e A t h e n e r s c h o b e n
a b e r die V e r h a n d l u n g e n h i n a u s , weil ­ so w ö r t l i c h H e r o d o t ­ »sie
w u ß t e n , d a ß m a n in Sparta v o n d e r A n k u n f t des persischen G e s a n d t e n
u n d d e m beabsichtigten Vertrage h ö r e n u n d schleunigst G e s a n d t e
schicken w ü r d e . Sie h a t t e n d a h e r absichtlich g e w a r t e t , u m den Sparta­
n e r n ihre w a h r e G e s i n n u n g v o r A u g e n zu f ü h r e n . « Z u n ä c h s t erhält
A l e x a n d r a s eine s c h a r f e A b s a g e , d a n n b e k o m m e n die m i ß t r a u i s c h e n
S p a r t a n e r ihre L e k t i o n .

49
»Und dann ist da das Griechentum (to hellenikon), nämlich die Gleichheit des
Blutes und der Sprache (homaimon te kai homoglosson), die gemeinsamen
Heiligtümer und Riten und die gleichgerichteten Sitten (etbea te homo-
tropa).«

Dieses panhellenische B e w u ß t s e i n , dessen ö f f e n t l i c h e B e k u n d u n g die


A t h e n e r sich so angelegen sein lassen, ist alles a n d e r e als eine Selbst­
v e r s t ä n d l i c h k e i t bei einem »Volk«, das nicht die geringsten A n s ä t z e zu
einer politischen I d e n t i t ä t a u f w e i s t u n d dessen verschiedene politische
E i n h e i t e n u n t e r e i n a n d e r in a u ß e n p o l i t i s c h e n B e z i e h u n g e n stehen.
N a c h M e i n u n g des klassischen Philologen R. P f e i f f e r ist es w e i t g e h e n d
das W e r k eines Textes u n d seiner V e r b r e i t u n g : d e r Ilias. »Auf d e r
G r u n d l a g e dieser epischen D i c h t u n g als einem u n s c h ä t z b a r e n n a t i o n a ­
len Besitz b e g a n n das G e s a m t v o l k d e r G r i e c h e n , die Panhellenes, sich
als E i n h e i t zu b e g r e i f e n , allen U n t e r s c h i e d e n d e r S t ä m m e u n d Stände
z u m T r o t z u n d u n g e a c h t e t d e r w e c h s e l n d e n politischen u n d sozialen
Verhältnisse« (Pfeiffer 1982, S. 21).
E n t s c h e i d e n d f ü r die F r a g e nach d e r e t h n o g e n e t i s c h e n u n d m y t h o m o ­
torischen F u n k t i o n d e r h o m e r i s c h e n E p e n ist w e n i g e r die Zeit ihrer
E n t s t e h u n g als v i e l m e h r die Zeit ihrer K o d i f i z i e r u n g u n d K a n o n i s i e ­
r u n g , in d e r sie in i h r e m T e x t b e s t a n d gesichert u n d d u r c h regelmäßige
A u f f ü h r u n g e n z u r G r o ß e n T r a d i t i o n d e r griechischen S t ä m m e w u r ­
d e n . D i e A n f ä n g e einer organisierten U b e r l i e f e r u n g u n d V e r b r e i t u n g
des H o m e r t e x t e s fallen z u s a m m e n m i t d e m E n d e d e r s c h ö p f e r i s c h e n
P e r i o d e d e r griechischen E p i k in d e r ersten H ä l f t e des 6. J a h r h u n d e r t s
v. C h r . ' 4 D i e s e K o i n z i d e n z ist n a t ü r l i c h kein Zufall. A u c h in Israel ist
das » E n d e der P r o p h e t i e « d e r A n f a n g d e r K a n o n i s i e r u n g . D i e I n s t i t u ­
tion d e r w e t t k a m p f a r t i g e n H o m e r r e z i t a t i o n b e g a n n in den p a n a t h e ­
näischen Spielen u n d breitete sich auf alle panhellenischen Feste aus. In
dieser ersten P h a s e d e r nationalen »Einverseelung« des H o m e r t e x t s
h a t t e die R e z e p t i o n ein ausgeprägt festliches, z e r e m o n i e l l e s u n d k o m ­
munalistisches, g e m e i n s c h a f t s b i l d e n d e s G e p r ä g e . D i e h o m e r i s c h e n
E p e n f u n d i e r t e n in u n a u f l ö s l i c h e m Z u s a m m e n h a n g m i t den p a n a t h e ­
näischen Festen das P r o j e k t einer E t h n o g e n e s e jenseits o d e r u n a b h ä n ­
gig v o n p o l i t i s c h e r I d e n t i t ä t . Sie w u r d e n z u r » G r o ß e n T r a d i t i o n « , die
ähnlich wie in I n d i e n ein B e w u ß t s e i n g r o ß r ä u m i g e r b z w . »interloka­
ler« Z u s a m m e n g e h ö r i g k e i t w a c h h ä l t ' ' , ü b e r alle k l e i n r ä u m i g e n
K ä m p f e , Kriege, G r e n z f e h d e n u n d D i f f e r e n z e n h i n w e g , an d e n e n es in
G r i e c h e n l a n d e b e n s o w e n i g wie in I n d i e n gefehlt hat. D i e p a n h e l l e n i ­
schen Spiele u n d die h o m e r i s c h e E p i k bildeten ein S a m m l u n g s z e i c h e n
v o n ä h n l i c h e r integrativer K r a f t wie später, im Zeitalter d e r attischen


D e m o k r a t i e , die G r o ß e n D i o n y s i e n u n d die T r a g ö d i e n d i c h t u n g f ü r die
sich als kollektive I d e n t i t ä t erst k o n s t i t u i e r e n d e athenische B ü r g e r ­
schaft (Meier 1989).
W i r stehen also in G r i e c h e n l a n d v o r d e m s e l b e n P h ä n o m e n wie in Is­
rael: beide N a t i o n e n f o r m i e r e n sich im R ü c k g r i f f auf eine f u n d i e r e n d e
G e s c h i c h t e . In Israel ist es die E r i n n e r u n g einer dissidenten G r u p p e ,
einer S e z e s s i o n s b e w e g u n g , die sich im Z e i c h e n d e r Distinktion auf die
T o r a h g r ü n d e t . D i e zentrale E r i n n e r u n g s f i g u r ist die G e s c h i c h t e einer
A u s w a n d e r u n g , einer Sezession, einer B e f r e i u n g aus d e r F r e m d e . In
G r i e c h e n l a n d ist es die g e m e i n s a m e E r i n n e r u n g vieler z e r s t r e u t e r
G r u p p e n , die sich im Z e i c h e n d e r Integration auf die Ilias s t ü t z t . D i e
zentrale E r i n n e r u n g s f i g u r ist die G e s c h i c h t e einer Koalition, eines
p a n h e l l e n i s c h e n Z u s a m m e n s c h l u s s e s gegen den F e i n d im O s t e n . Beide
U b e r l i e f e r u n g e n aber f u n g i e r e n im R a h m e n d e r sie t r a g e n d e n Gesell­
s c h a f t e n als M y t h o m o t o r i k , die E x o d u s ­ U b e r l i e f e r u n g mit d e m v o n
ihr e i n g e r a h m t e n G e s e t z , u n d die T r o j a ­ Ü b e r l i e f e r u n g mit d e m sie
t r a g e n d e n H e l d e n l i e d . H i e r h a b e n zwei Gesellschaften in einer e t h n o ­
genetisch kritischen Situation auf die Vergangenheit B e z u g g e n o m ­
men, u m daraus gegenwartsdeutende und zukunftsorientierende Im­
pulse zu g e w i n n e n . In Israel sind die G r ü n d e f ü r einen e r i n n e r n d e n
R ü c k b e z u g auf die Vergangenheit offensichtlich. W i r h a b e n sie in den
K a t a s t r o p h e n z u n ä c h s t des N o r d r e i c h s (722 v. C h r . ) , d a n n des Süd­
reichs (587) zu e r b l i c k e n u n d im Versuch, auch darin n o c h den Willen
G o t t e s zu e r k e n n e n u n d ihn als Strafe f ü r s c h w e r e V e r s c h u l d u n g , n ä m ­
lich V e r t r a g s b r u c h , z u e r k l ä r e n . In G r i e c h e n l a n d liegen die D i n g e
komplizierter.
D e r tiefe kulturelle u n d gesellschaftliche B r u c h z w i s c h e n d e r m y k e n i ­
schen u n d d e r archaischen Gesellschaft f ü h r t z u r K o n s t i t u t i o n einer
»Vergangenheit« im Sinne eines H e r o i s c h e n Zeitalters. A b e r auch z w i ­
schen d e r a r c h a i s c h ­ a r i s t o k r a t i s c h e n Welt u n d d e r E n t s t e h u n g s z e i t des
h o m e r i s c h e n Textes liegt m ö g l i c h e r w e i s e ein B r u c h . H o m e r steht viel­
leicht s c h o n am E n d e d e r Welt, die er b e s c h r e i b t , u n d setzt ihr in seiner
D i c h t u n g ein D e n k m a l . E r sichert eine ( m ü n d l i c h e ) T r a d i t i o n , d e r e n
gesellschaftliche R a h m e n b e d i n g u n g e n d e m U n t e r g a n g geweiht s i n d :
eine m ü n d l i c h e H e l d e n e p i k , die nicht in m y k e n i s c h e r , s o n d e r n in
f r ü h a r c h a i s c h e r Zeit g e b l ü h t hat, u n d in d e r jene L e g e n d e n eine be­
s o n d e r e Rolle spielten, die sich u m die e i n d r u c k s v o l l e n R u i n e n u n d
sonstigen Ü b e r r e s t e d e r m y k e n i s c h e n K u l t u r g e r a n k t h a t t e n . D e n n es
spricht m a n c h e s d a f ü r , d a ß sich die griechische Gesellschaft s c h o n in
h o m e r i s c h e r Zeit v o n einer »loose society« zu einer »tight society« zu
w a n d e l n b e g o n n e n hat (Berry 1977; Pelto 1968). D a s w i c h t i g s t e I n d i z

Ji
dafür ist das Einsetzen der Kolonie­Bewegung, die man doch wohl als
Indiz eines verstärkten Bevölkerungsdrucks im Mutterland deuten
muß. Die sich herausbildende Polis­Gesellschaft stellt den typischen
Fall einer »tight society« und in vieler Hinsicht das genaue Gegenstück
zur homerischen Gesellschaft dar. Daher oszilliert die homerische
Mythomotorik zwischen einer fundierenden und einer kontrapräsen­
tischen, die Gegenwart in Frage stellenden Funktion. Auf diesen Ge­
gensatz wollen wir abschließend eingehen.

5. Fundierende, kontrapräsentische u n d
revolutionäre M y t h o m o t o r i k

In ihrer »fundierenden« Funktion stellt Mythomotorik Gegenwärtiges


in das Licht einer Geschichte, die es sinnvoll, gottgewollt, notwendig
und unabänderlich erscheinen läßt. Diese Funktion hatte etwa der
Osiris­Mythos für das ägyptische Königtum, die Exodus­Überliefe­
rung für das Israel der Exils­ und Nachexilszeit, oder Homers Ilias für
die Fundierung eines panhellenischen Bewußtseins. In ihrer »kontra­
präsentischen« Funktion dagegen geht Mythomotorik von Defizienz­
Erfahrungen aus und beschwört in der Erinnerung eine Vergangenheit,
die meist die Züge eines Heroischen Zeitalters annimmt. Von diesen
Erzählungen her fällt ein ganz anderes Licht auf die Gegenwart: es
hebt das Fehlende, Verschwundene, Verlorene, an den Rand Ge­
drängte hervor und macht den Bruch bewußt zwischen »einst« und
»jetzt«. Hier wird die Gegenwart weniger fundiert als vielmehr im
Gegenteil aus den Angeln gehoben oder zumindest gegenüber einer
größeren und schöneren Vergangenheit relativiert. Auch hierfür sind
die homerischen Epen ein Beispiel. Wenn unsere Analyse stimmt, ent­
stehen sie in einer Ubergangszeit, in der die griechische Welt sich ver­
ändert und die großräumige, ungebundene Lebensweise des rosse­
züchtenden Adels der engräumigeren, gemeinschaftlich gebundenen
Lebensweise der Polis weicht. So kommt es zu Defizienz­Erfahrun­
gen, die die Vorstellung eines Heroischen Zeitalters jenseits von Nie­
dergang und Bruch entstehen lassen. Die beiden Funktionen müssen
sich also keineswegs ausschließen. Trotzdem scheint es sinnvoll, sie
begrifflich zu unterscheiden.
Revolutionär wird eine kontrapräsentische Mythomotorik allerdings
nur bei extremen Defizienzerfahrungen, nämlich unter den Bedingun­
gen der Fremdherrschaft und Unterdrückung. Dann nämlich bestäti­
gen die Überlieferungen das Gegebene nicht, sondern stellen es in

52
Frage und rufen zu seiner Veränderung und zum Umsturz auf. Die
Vergangenheit, auf die sie sich beziehen, erscheint nicht als ein unwie­
derbringliches Heroisches Zeitalter, sondern als eine politische und
soziale Utopie, auf die es hinzuleben und hinzuarbeiten gilt. Erinne­
rung schlägt um in Erwartung, die mythomotorisch geformte Zeit
nimmt einen anderen Charakter an. Aus der Kreisläufigkeit der ewigen
Wiederkehr wird die Gerade, die auf ein fernes Ziel hinführt. Aus der
Re­volution, dem »Umlauf« (der Gestirne) wird die Revolution, der
Umsturz. Solche Bewegungen lassen sich weltweit beobachten; die
Ethnologen fassen sie unter Begriffen wie »Messianismus« und »Mil­
lenarismus« (oder: »Chiliasmus«) zusammen und führen sie damit zu­
rück auf die jüdische Messias­Erwartung, ohne allerdings einen gene­
tischen Zusammenhang postulieren zu wollen. Vielmehr sieht es so
aus, als würden unter strukturell ähnlichen Bedingungen spontan und
weltweit, auch ohne Kontakt mit dem Christentum, Bewegungen ent­
stehen, die entscheidende Merkmale des Messianischen oder Millena­
ristischen gemein haben. Sie treten typischerweise in Situationen der
Unterdrückung und Verelendung auf. 16 So ist die jüdische Apokalyp­
tik möglicherweise nicht als der Ursprung dieses historischen Phäno­
mens, sondern lediglich als der früheste Beleg einer kulturanthropolo­
gischen Universalie zu verstehen.' 7 Auch das Buch Daniel, das älteste
Zeugnis einer millenaristischen Form kontrapräsentischer Mythomo­
torik, ist in einer solchen Situation entstanden. Es wird heute allge­
mein in die Zeit des Antiochus IV. Epiphanes datiert, in die Zeit der
ersten religiös motivierten Widerstandsbewegung, von der die Ge­
schichte weiß: der Makkabäerkriege (Lebram 1968; Koch 1980).18
Auch in Ägypten beobachten wir das Umschlagen von fundierender in
kontrapräsentische Mythomotorik (Assmann 198}). O b und wann
aber hier der Übergang von kontrapräsentischer zu revolutionärer
Mythomotorik anzusetzen ist, muß als eine offene Frage bezeichnet
werden. Die einzigen Texte eindeutig revolutionären Charakters stam­
men aus der Spätphase der ägyptischen Kultur und sind keinesfalls
älter als das Buch Daniel. Es handelt sich um das griechisch überlie­
ferte »Töpferorakel« und die demotischen »Prophezeiungen des Lam­
mes«. Beide Texte prophezeien die Wiederkehr eines messianischen
Königs, der nach einer langen Periode der Fremdherrschaft und Un­
terdrückung mit der Restitution des pharaonischen Königtums eine
neue Heilszeit heraufführt. Hier haben wir es ohne Zweifel mit einer
Mythomotorik des Wartens und der Hoffnung zu tun.
Das Töpferorakel weist aber nun bis ins einzelne gehende Parallelen
mit einem 2000 Jahre älteren Text auf: den Prophezeiungen des Ne­

J3
ferti. D i e F r a g e liegt n a h e , o b nicht auch dieser Text s c h o n als Beleg
einer messianischen B e w e g u n g u n d e n t s p r e c h e n d e r k o n t r a p r ä s e n t i s c h ­
r e v o l u t i o n ä r e r M y t h o m o t o r i k v e r s t a n d e n w e r d e n m u ß . Bei diesem
Text h a n d e l t es sich j e d o c h u m eine E x ­ e v e n t u ­ P r o p h e z e i u n g , d. h. u m
einen Text, d e r n i c h t aus d e r E r f a h r u n g d e r D e f i z i e n z h e r a u s e n t s t a n d ,
s o n d e r n im Gegenteil eine g e g e n w ä r t i g e Situation als E r f ü l l u n g v o r a n ­
gegangener D e f i z i e n z e n darstellt. K ö n i g A m e n e m h e t L, d e r G r ü n d e r
d e r 12. D y n a s t i e , w i r d in diesem Text als eine messianische F i g u r p r o ­
p h e z e i t . N a c h d e m in langen S t r o p h e n das U n h e i l einer k a t a s t r o p h i ­
schen Z w i s c h e n z e i t o h n e p h a r a o n i s c h e s K ö n i g t u m geschildert w u r d e ,
heißt es z u m S c h l u ß :
Ein K ö n i g wird k o m m e n aus d e m Süden, A m e n i mit N a m e n ,
der Sohn einer Frau aus Ta-Seti, ein Kind von O b e r ä g y p t e n . [ . . . ]
Ma'at [Wahrheit, Gerechtigkeit, O r d n u n g ] wird auf ihren Platz
zurückkehren,
während Isfet [Lüge, U n r e c h t , C h a o s ] vertrieben ist.

D i e s e r K ö n i g f ü h r t allerdings kein »Tausendjähriges Reich« h e r a u f ,


s o n d e r n lediglich die R ü c k k e h r z u r N o r m a l i t ä t . D e n n m i t M a ' a t m e i n t
d e r Ä g y p t e r nicht einen u t o p i s c h e n H e i l s z u s t a n d , s o n d e r n eine O r d ­
n u n g , o h n e die die Welt gar nicht b e w o h n b a r u n d ein friedliches Z u ­
s a m m e n l e b e n u n m ö g l i c h ist. I m m e r h i n aber w ä h l t er als H o r u s n a m e n
u n d d a m i t Regierungsdevise einen Begriff, d e r als das ä g y p t i s c h e
Ä q u i v a l e n t v o n »Renaissance« gelten k a n n : whm mswt, » W i e d e r h o l e r
d e r G e b u r t « . E i n e n u t o p i s c h e n C h a r a k t e r g e w i n n t aber die M a ' a t ­
K o n z e p t i o n erst in d e r Spätzeit. J e t z t b e z e i c h n e t sie nicht m e h r die
schlichte, v o n j e d e m K ö n i g selbstverständlich zu g e w ä h r l e i s t e n d e
N o r m a l i t ä t des Status q u o , s o n d e r n ein » G o l d e n e s Zeitalter«, in d e m
»die M a u e r n nicht einfielen u n d die D o r n e n nicht s t a c h e n « :
Ma'at war aus dem H i m m e l g e k o m m e n zu ihrer Zeit
u n d vereinigte sich mit den Irdischen.
D a s Land war ü b e r s c h w e m m t , die Leiber waren gefüllt.
Es gab kein Hungerjahr in den beiden Ländern.
D i e Mauern fielen n o c h nicht ein, der D o r n stach n o c h nicht
in der Zeit der Göttervorfahren.
( O t t o 1969; A s s m a n n 1990, S. 225 f.)

E r s t auf d e r Basis dieser Stufe, w o f u n d i e r e n d e in k o n t r a p r ä s e n t i s c h e


M y t h o m o t o r i k u m s c h l ä g t , ist die weitere E n t w i c k l u n g zu r e v o l u t i o n ä ­
rer M y t h o m o t o r i k d e n k b a r . D i e » P r o p h e z e i u n g e n des N e f e r t i « stehen
n o c h im B a n n e f u n d i e r e n d e r M y t h o m o t o r i k . D i e W i e d e r h e r s t e l l u n g
der Ma'at bedeutet keinen U m s t u r z bestehender O r d n u n g , sondern

54
eine Rückkehr zur Ordnung. Man kann diesen Text nicht als einen
Ausdruck von Erwartung und Hoffnung deuten. Das Töpferorakel
dagegen ist in genau diesem Sinne revolutionär. Es weissagt einen
Heilskönig, der Gegenstand von Hoffnung und Erwartung ist, und
dessen Herrschaft nur durch den Umsturz der bestehenden politi­
schen Ordnung heraufgeführt werden kann.
Daß dieser Text aus derselben Zeit stammt wie das Buch Daniel, ist
doch sehr bedenkenswert. An direkte Beeinflussung wird man nicht
denken wollen; dafür sind die beiden Texte zu verschieden. 19 Sie ent­
sprechen sich nur in dem strukturellen Merkmal der revolutionären
Mythomotorik. Daher liegt es näher, an eine unabhängige Entstehung
unter gleichen historischen Bedingungen zu denken, also an die My­
thomotorik nationaler Widerstandsbewegungen, die sich sowohl in
Judäa wie in Ägypten gebildet haben.
Um diese Form von Mythomotorik zu illustrieren, muß man nicht
weit in die Geschichte zurückgreifen. Alle nationalen Erweckungsbe­
wegungen mobilisieren die Erinnerung an eine Vergangenheit, die im
krassen Gegensatz zur Gegenwart steht und zum Inbegriff des wah­
ren, wieder herbeizuführenden Zustands wird, eine Zeit der Freiheit
und Selbstbestimmung, zu deren Wiedergewinnung das »Joch der
Fremdherrschaft« abgeschüttelt werden muß. Was man Folklore nennt
und für uralte Überlieferung hält, entstand weitgehend im 18. und 19.
Jahrhundert im Zuge solcher nationalistischer Widerstandsbewegun­
gen oder wurde doch in dieser Zeit kodifiziert und gewann seine festen
Formen (Hobsbawm und Ranger 1983). Beispiel solcher »erfundenen
Traditionen« sind etwa die bekannten Schottenmuster. 20
Wieviel politischer Sprengstoff (im wörtlichsten Sinne) sich mit For­
men verbinden kann, die man zunächst als »Folklore« einstufen
würde, möchte ich an einem Beispiel illustrieren, das ich selbst in
Jerusalem beobachtet habe. Dort gibt es eine fundamentalistische
Sekte, die »Faithful of the Temple­Mound«, die sich der Herstellung
sakraler Geräte und Gewänder nach den Vorschriften des Gesetzes
widmet und diese Produkte auch zum Verkauf anbietet. Der unge­
warnte Tourist wird in diesen Aktivitäten nichts anderes als eine Art
Heimatwerk erblicken. Dahinter steht jedoch der entschlossene Wille,
den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels mit Hohepriestertum und
Opferkult zu betreiben.
Was hier vor sich geht, kann man als eine Form revolutionär­kontra­
präsentischer Mythomotorik beschreiben. Nach der Zerstörung des
zweiten Tempels 70 n. Chr. hat sich die israelitische Religion bekannt­
lich von einer Kultreligion mit Tempel und Opferriten zu einer Wort­

55
religion mit Synagogen und Lehrhäusern gewandelt. Aus Israel wurde
das Judentum, aus dem Kult wurde eine Erinnerung. Die ganze Idee
der jüdischen (im Gegensatz zur israelitischen) Religion, so könnte
man argumentieren, basiert auf der Abwesenheit von Tempel, Priester­
tum, Kult und Opferritual, die gleichwohl als leere Stelle erinnert und
dreimal am Tag in den Gebeten kommemoriert werden. Diese Leer­
stelle symbolisiert die Vorläufigkeit, das Zwischenzeitliche der jüdi­
schen Existenz in der Erwartung des Messias. »Defizienz« wird hier
zur Signatur »dieser« Welt, der die in der Religion vergegenwärtigte
»kommende Welt« gegenübersteht. So hat etwa Abraham Heschel den
Sabbat einen »Tempel« genannt. Die ganze jüdische Welt könnte man
als eine Nachfolgeinstitution des Tempels begreifen, die in dem
Augenblick in sich zusammenfallen, implodieren würde, in dem das
Volk zum »wirklichen« Tempel zurückkehrte. Daher ist der heiligste
Ort nicht der Tempel, sondern die Klagemauer, also die Negation des
Tempels, die Affirmation seines Verlusts.
Diese Religion paßt zur Situation der Diaspora. Aber wie läßt sich in
Israel an ihr festhalten? Hier scheint es nur zwei Wege zu geben. Den
einen gehen die Ultraorthodoxen von Mea Schearim. Für sie ist der
gegenwärtige Staat Israel eine Fremdherrschaft wie jede andere auch.
Sie verweigern Kriegsdienst und Steuern und begehen den National­
feiertag mit Trauerfasten. Den anderen gehen die »Faithful of the Tem­
ple Mound«. Sie kehren sich von einem Judentum ab, das durch die
Diaspora geprägt ist: »Wir sind nicht in der Diaspora, sondern in
Israel, wir leben nicht in der Erwartung, sondern in der Erfüllung. Was
sollen wir dreimal am Tag vom Tempelkult träumen, wenn wir am Ort
sind, wo wir ihn vollziehen können?« Also transformieren sie Erinne­
rung in Aktion und nehmen die Gefahr einer politischen Katastrophe
in Kauf.
Im Oktober 1989, zur Zeit des Laubhüttenfestes, hatten Mitglieder
dieser Sekte versucht, den Grund­ oder Eckstein für den »Dritten
Tempel« zu legen. Bilder in den Jerusalemer Tageszeitungen zeigten
einen Mann namens Yehoschua Cohen, den die Sekte zum Hoheprie­
ster erkoren hatte, in priesterlichem Gewand, begleitet von Assisten­
ten mit den vorgeschriebenen Gefäßen des Tempelrituals, zwei Wid­
derhörnern, einer Klarinette und einem Akkordeon, wie er den Zug
zum Teich von Siloam anführte, dort die Reinigungszeremonie des
Steines vollzog, und schließlich in Richtung Altstadt zog, wo der Stein
auf dem Tempelplatz zeremoniell niedergelegt werden sollte. Der
Stein, ein Block von 1 m 5 Größe und 3 Tonnen Gewicht, war nach
Vorschrift ohne Verwendung von Eisen behauen worden. Die Gewän­

56
der und Gefäße waren nach biblischen Angaben von einer Talmud­
schule hergestellt worden, die sich auf die Rekonstruktion der Kult­
praxis spezialisiert hat. Die Polizei hat die Ecksteinlegung verhindern
und den Zug von der Tempelregion ablenken können. Die ganze Ak­
tion, mitten in der zum Bersten gespannten Atmosphäre der Intifada,
war eine Provokation ohnegleichen und hätte leicht zu einem Blutbad
führen können. 1990, wiederum während des Laubhüttenfestes,
wurde der Versuch wiederholt. Diesmal war die Prozession verboten
worden, aber eine von arabischer Seite organisierte Gegendemonstra­
tion konnte nicht mehr rechtzeitig abgesagt werden. So kam es zu
Steinwürfen, die ein Massaker auf dem Tempelberg auslösten.
Was diese Sekte anstrebt, die Wiedererrichtung des (dritten) Tempels,
kann nur durch Sprengung der bestehenden islamischen Heiligtümer
(Felsendom und el­Aksa­Moschee) bewerkstelligt werden. Bei diesem
Beispiel wird die jeder Mythomotorik innewohnende Virulenz buch­
stäblich zum Sprengstoff, der den Frieden einer ganzen Region gefähr­
det. Der Jerusalemer Tempel hat sich in einen kontrapräsentischen
Mythos verwandelt, der dort, wo die messianische Orientierung auf
die »kommende Welt« verblaßt, jederzeit ins Revolutionäre umschla­
gen kann. Unter den Revolutionen des Jahres 1989 gehört dieser Vor­
fall gewiß zu den unbedeutenderen Ereignissen. Was er aber in para­
digmatischer Klarheit deutlich macht, ist die unverminderte Zündkraft
einer in die Antike zurückreichenden Mythomotorik.

Anmerkungen

1 Levi­Strauss 1962, S. 309 (dt.: S. 270); vgl. i960, S. 39.


2 Zum Verhältnis von Mythos, Geschichte und kollektiver Identität vgl. jetzt
auch Wülfing/Bruns/Parr 1991.
3 Der Begriff »mythomoteur« wurde geprägt von Ramon d'Abadal i de Vi­
nyals 1958 und von J.Armstrong 1982 sowie A.D.Smith 1986 aufgegrif­
fen.
4 Vgl. den von E.Voegelin 1974 geprägten Begriff »Historiogenesis«.
5 Vgl. Herodot II 142. Herodot beziffert die Länge der ägyptischen Ge­
schichte mit 341 Generationen, nach seiner Rechnung 11 340 Jahre. So weit
in die Vergangenheit soll sich in Ägypten dokumentierte Geschichte er­
strecken. »Während dieses Zeitraums«, schreibt er, »sei die Sonne viermal
außerhalb ihres gewöhnlichen Orts aufgegangen. Wo sie jetzt untergeht,
dort sei sie zweimal aufgegangen, und wo sie jetzt aufgeht, dort sei sie
zweimal untergegangen. In Ägypten hätte sich dadurch nichts verändert,

57
weder in Bezug auf die Pflanzenwelt noch in Bezug auf die Tätigkeit des
Flusses, weder in Bezug auf die Krankheiten noch in Bezug auf den Tod der
Menschen.«
6 Erst bei Herodot finden sich solche Erzählungen: offenbar aus der münd­
lichen Tradition. Es mag sich um Legenden handeln, die sich um besonders
spektakuläre Denkmäler der Vergangenheit gerankt haben wie die großen
Pyramiden von Giza und das Ramesseum in Theben.
7 Vgl. auch Castoriadis 1975; Baczko 1984. Der Begriff des »Imaginaire« ist
für unsere Fragestellung zentral. Man könnte den Mythos als die narrative
Form des sozialen Imaginaire bezeichnen. Den imaginären Charakter nicht
nur von »Nationen«, sondern auch von Ethnien betont Elwert 1989.
8 Vgl. zu dieser Symbolik Frankfort 1948; Griffiths i960. S. a. die treffenden
Bemerkungen von Kemp 1989, S. 27­29.
9 Zu Seth vgl. Velde 1967; Hornung 1975; Brunner 1983.
10 Vgl. hierzu die exzellente Studie von Walzer 1985. Walzer würde sich zwar
gegen die Verwendung des Wortes »Mythos« wehren, weil die Pointe der
Exodus­Uberlieferung gerade in ihrer (beanspruchten) Geschichtlichkeit
liegt (im Unterschied zum Mythos von Horus und Seth); uns aber kommt
es hier nicht so sehr auf diesen (als solchen unbestrittenen) Unterschied an
als vielmehr auf die funktionale Gemeinsamkeit einer identitätsfundieren­
den, zur »Wesensformel« summierten Geschichte.
11 Ich beziehe mich hier auf einen Vortrag von Yehuda Bauer in Jerusalem, im
April 1990.
12 Vgl. hierzu meinen Beitrag zu A. Assmann, D . H a r t h (1991).
13 Vgl. den Brief des Aristeas, 139 und 142, nach Delling 1987, S.9: »Der
Gesetzgeber, von Gott zu umfassender Erkenntnis ausgerüstet, umschloß
uns mit nicht zu durchbrechenden Palisaden und ehernen Mauern, damit
wir mit keinem der anderen Völker in irgendeiner Hinsicht in Verkehr
seien, rein an Leib und Seele, frei von trügerischen Vorstellungen, den Gott,
der allein Gott, allein mächtig ist, im Unterschied zur Schöpfung verehrten
[...]. Damit wir nun mit nichts uns befleckten und nicht im Verkehr mit
Schlechtem verdorben würden, umschloß er uns von allen Seiten mit Rein­
heitsvorschriften, Geboten über Speisen und Getränke und Hören und
Sehen.« Ich verdanke den Hinweis auf diesen Text G. Chr. Macholz.
14 Dies und das folgende weitgehend nach Pfeiffer 1982 und Hölscher
1987.
15 Redfield 1956, bes. S.67ff.; Obeyesekere 1963, S. 139­153.
16 S. hierzu v. a. Lanternari i960; Worsley 1969; Mühlmann 1961; Cohn
1988.
17 Zur jüdischen Apokalyptik s. den Sammelband von Hellholm 1983, ^ 9 8 9
mit Bibliographie. Zum mesopotamischen Hintergrund s. jetzt Kvanvig
1988. Es handelt sich um mythische Motive, die aus Mesopotamien stam­
men aber erst im frühjüdischen Kontext die revolutionäre Dynamik der
Apokalyptik entfalten.
18 Ein typisches Beispiel für kontrapräsentische oder kontrafaktische Mytho­
motorik ist das Buch Esther. Was hier erzählt wird, ist nichts anderes als ein

J8
Antisemitenpogrom. Nicht die Juden, sondern ihre Verfolger werden um­
gebracht. Zwar kann der König Ahasveros seinen Befehl, den er auf Ver­
anlassung des Schurken Haman erteilt hat, nicht mehr widerrufen, aber er
kann die Juden warnen und zur Gegenwehr ermuntern, so daß der Tag mit
einem Blutbad unter den Judenverfolgern endet. Diese Geschichte ist aber
m. W. nie zu einem im revolutionären Sinne handlungsleitenden Mythos
geworden wie etwa das Buch Daniel. Der kontrapräsentische Sinn des
Estherbuchs wird vielmehr in einen Festbrauch umgesetzt, den man als
karnevalistisch bezeichnen muß, als Inszenierung einer Verkehrten Welt:
das jüdische Purim­Fest. Auch im perserzeitlichen und hellenistischen
Ägypten entsteht unter den Bedingungen der Fremdherrschaft eine kon­
trapräsentische Literatur, die ein Gegenbild der gegenwärtigen Verhältnisse
als Heroisches Zeitalter in die Vergangenheit projiziert, vgl. hierzu Lloyd
1982 a.
19 Lebram 1968 denkt an eine ägyptische Beeinflussung von Daniel. Die ägyp­
tischen Traditionen um den persischen König Kambyses, der als Inbegriff
eines gottlosen Herrschers gilt, hätten das Vorbild abgegeben für die Dar­
stellung des Königs Antiochus. Der koptische Kambyses­Roman stammt
allerdings aus einer viel späteren Zeit. Die zeitgenössischen Zeugnisse über
die Perserherrschaft in Ägypten sind eher perserfreundlich, vgl. Lloyd
1982.
20 Vgl. H.Trevor­Roper, in: Hobsbawm und Ranger 1983, S. 15­42.

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