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INTERJEKTE 10 2017

›DIE SPUREN VOR DEN


BILDERN DENKEN‹
REDEN ZUR VERLEIHUNG DES
ABY WARBURG-PREISES DER
STADT HAMBURG AN
SIGRID WEIGEL
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin
Schützenstraße 18 | 10117 Berlin
T +49(0)30 201 92-155 | F -243 | sekretariat@zfl-berlin.org

INTERJEKTE ist die thematisch offene Online-


Publikationsreihe des Zentrums für Literatur- und
Kulturforschung (ZfL). Sie versammelt in loser Folge
Ergebnisse aus den Forschungen des ZfL und
dient einer beschleunigten Zirkulation dieses Wissens.
Informationen über neue Interjekte sowie aktuelle
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IMPRESSUM

Herausgeber Zentrum für Literatur- und Kultur­


forschung Berlin (ZfL)
www.zfl-berlin.org
Direktorin Prof. Dr. Eva Geulen
Redaktion Dr. Dirk Naguschewski,
Dr. Gwendolin Engels
Gestaltung KRAUT & KONFETTI GbR, Berlin
Layout / Satz Dominik Flügel
Titelbild Kulturbehörde Hamburg

© 2017 / Das Copyright liegt bei den Autoren.

INTERJEKTE 10 / 2017 2
INHALT

04 LAUDATIO ZUR VERLEIHUNG DES


ABY WARBURG-PREISES DER STADT
HAMBURG AN SIGRID WEIGEL
Andreas Beyer

07 ›ZWISCHEN DEN STÜHLEN‹


WARBURGS BILDERSPRACHE ALS
POSITIONSBESTIMMUNG SEINER
KULTURWISSENSCHAFT
Sigrid Weigel

10 NACHLEBEN UND ABLEBEN DER


­BILDER
Peter Geimer

Die Reden von Andreas Beyer und Sigrid Weigel


wurden am 21. November 2016 im Rahmen der
Preisverleihung im Großen Festsaal des Hambur-
ger Rathauses gehalten. Peter Geimer hielt seinen
Vortrag zu Ehren von Sigrid Weigel am 13. Dezember
2016 im ZfL in Berlin.

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LAUDATIO ZUR VERLEIHUNG DES
ABY WARBURG-PREISES DER STADT
HAMBURG AN SIGRID WEIGEL
Andreas Beyer

Sehr geehrter Herr Staatsrat, für Jahre in Gefangenschaft zu begeben – das hat
sehr verehrte Damen und Herren, er später mit Freuden getan.« Und dass die Jury des
liebe Sigrid Weigel und lieber Klaus Briegleb, diesjährigen Warburg-Preises sich für die richtige und
würdige Person entschieden hat, wird Ihnen schon
der Name Aby Warburgs steht für eine kulturwissen- allein deshalb unmittelbar einleuchten, weil Sigrid
schaftlich ausgerichtete Kunstgeschichte, mehr noch Weigel sich über Gefängnis­literatur, über das Schrei-
aber für eine heute weltweit operierende Denkschule, ben im Gefängnis habilitiert hat. Das ist mehr als eine
die sich vielen Fachrichtungen öffnet und die in Anekdote. Denn diese Studie ist kennzeichnend für
wechselwirksamer Begegnung und Teilhabe ein Sigrid Weigels ebenso eigenständiges wie eigenwil-
Instrumentarium entwickelt, das die Herausforderun- liges, ganz früh schon sich konturierendes wissen-
gen unserer Zeit in Kunst, Kultur und Gesellschaft schaftliches Profil, für ihr Interesse an den ›Rändern‹,
besonders wirksam zu bewältigen verspricht. Denn an den nicht gängigen, nicht kanonischen Stoffen,
Kulturwissenschaft, das muss man der so sehr von und besonders an den transitorischen Schauplätzen
den Life Sciences beseelten Politik immer wieder in von Literatur und Kunst. So wie sie erstmals und sys-
Erinnerung rufen, Kulturwissenschaft ist die eigent­ tematisch über die Literatur als Reproduktionsort der
liche Lebenswissenschaft. Freiheit des Subjekts im Zustand der Gefangenheit
geforscht hat, hat sie mit ihrer Dissertation über die
Nicht nur die zunehmende Zahl an Übersetzungen volkstümliche Gattung der Flugschriftenliteratur oder
von Warburgs Schriften in andere Sprachen ist ein mit ihrer Erkundung der Schreibweisen von Frauen in
Indiz für dessen Aktualität; auch der lange schon von der Gegenwarts­literatur, in Die Stimme der Medusa
der Kunstgeschichte abgetretene Alleinvertretungs­ von 1987, ihr Fach früh und folgenreich geöffnet für
anspruch auf dessen Erbe und eine wirklich polyglotte ganz neue Felder und Methoden, es anschlussfähig
Bild-, Kunst-, Literatur-, Religions-, Film-, kurz: Kultur- gemacht für die Denkpraktiken anderer Fächer.
geschichte sind Beleg eines unvergleichlich dynami-
schen Nachlebens, das den anhaltenden Erfolg dieser Promoviert worden ist Sigrid Weigel an der Universität
Denktradition bekräftigt, die mehr als nur ihr ideelles Hamburg. Habilitiert hat sie sich an der Universität
Zentrum im Warburg Institute in London besitzt – wes- Marburg, ist dann aber nach Hamburg zurückgekehrt,
halb ich mich besonders freue, dass dessen Direktor, um an der hiesigen Universität zu lehren, bevor sie für
David Freedberg, heute Abend unter uns ist. sechs Jahre am Deutschen Seminar der Universität
Zürich tätig war. Erst Ende der neunziger Jahre ist
Aber so international diese Forschung heute auch sie dann den Weg alles Irdischen, also: nach Berlin
auftritt, so sehr bleibt sie doch an Hamburg gebun- gegangen, wo sie zunächst das Einstein Forum in
den, an jene Kulturwissenschaftliche Bibliothek War- Potsdam und dann, ab 1999 und bis ins vergangene
burg in der Heilwigstraße nämlich, die am Beginn des Jahr, das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
vergangenen Jahrhunderts deren Keimzelle gebildet geleitet und an der dortigen Technischen Universität
hat. Von der magischen Anziehungskraft dieses Ortes unterrichtet hat.
spricht Fritz Saxl in seinen Erinnerungen an deren
Anfänge, wenn er schreibt: »Als der Philosoph Ernst Es ist ihr kaum hoch genug einzuschätzendes Ver-
Cassirer die Bibliothek zum ersten Mal benutzte, be- dienst, die Literaturwissenschaft zum Teil einer um-
schloss er, ihr entweder gänzlich fernzu leiben – was fassenderen Kulturforschung gemacht, ja die ›Enden‹
er eine Zeitlang durchgehalten hat – oder sich dort der Literatur gleichsam als genuinen Ursprungsort

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Andreas Beyer

der Kulturwissenschaft erkennbar gemacht zu haben. Für Sigrid Weigel müsste er neu erfunden werden,
Etwa, indem sie von Heinrich Heine zu Sigmund weil in ihrem Forschungsparadigma erst die genauere
Freud einen Transfer beobachtet hat, in welchem Definition dessen stattfindet, worum es bei diesem
die Kulturwissenschaft das Erbe der Literatur antritt: Präfix ›Inter‹ eigentlich geht und wo exakt es zu
durch die Aufnahme nämlich des literarischen Interes- verorten ist.
ses für Affekte und subjektive Imaginationen oder für
die Überlieferung mythischer, religiöser oder magi- Am Beispiel von Warburg, Freud und Benjamin hat
scher Vorstellungen in die wissenschaftliche Betrach- sie die Entstehung der Kulturwissenschaft aus der
tung der Kulturgeschichte; Aspekte des Literarischen Lektüre von Details beschrieben, der Affekte und der
also, die in die Wissenschaft vom Unbewussten und Spuren, die sie in der Sprache der Bilder, des Körpers
der Psyche hineinreichen. Ein Rand auch das, ein und der Dinge hinterlassen haben. Das scheinbar
Schwellenmoment. Bedeutungslose und Unscheinbare: das »bewegte
Beiwerk«, die Versprecher und Fehlleistungen, das
Die kulturwissenschaftliche Perspektivierung der Bruchstück, das Zitat, die Monade – das Detail also
Literaturwissenschaften sieht Sigrid Weigel also sich ist so zum Kennzeichen einer Kulturtheorie gewor-
darauf gründen, dass sich philologische Lektüre­ den, die freilich herausfordert, im Detail stets mehr
verfahren durch Impulse angereichert haben, die aus als das Detail zu sehen. Das Detail nicht als ein Teil
der Ethnologie, aus der Decodierung eines anderen des Ganzen, sondern als Konzentration, in dem das
Wissens in der Psychoanalyse und nicht zuletzt aus Ganze entzifferbar wird. Das Bild der Welt in seiner
dem Umgang der Kunstgeschichte mit nichtsprachli- Verkürzung.
chen Darstellungspraktiken kommen. Aber sie hat zu
Recht auch konstatiert, dass die genannten Fächer Wenn Sigrid Weigel Warburgs Bilderatlas Mnemosy-
ihrerseits philologische Verfahren in ihre eigenen ne und Benjamins Passagenwerk parallelisiert, dann
Methoden übernommen haben, um die spezifische setzt sie zugleich zwei Monumente des Fragments
Beschaffenheit ihrer Gegenstände auf deren rheto- zueinander in Beziehung, zwei Torso gebliebene
rische, narrative oder symbolische Gesetze hin zu Denkschauplätze, welche freilich die eine, große Er-
befragen. Das gilt auch und gerade für Aby Warburg zählung, das Signum der Moderne, in Zweifel ziehen
und den Gelehrtenkreis um die Kulturwissenschaftli- lassen. Nicht ohne Grund, denke ich, sind Warburg
che Bibliothek, wo ja im Rückgriff unter anderem auf und Benjamin in einer Zeit wieder ins Zentrum des
anthropologische und religionshistorische Zusam- Interesses gerückt, die wir mit dem Terminus der
menhänge die Bilder auf ihre spezifische Ausdrucks- Nach- oder Postmoderne umschreiben.
weise oder Sprache hin untersucht wurden.
Warburg und Freud haben einander nicht gekannt
Sigrid Weigels Absicht dabei aber war es nie und und wohl auch die Schriften des jeweils anderen nicht
ist es nicht, durch die wissenschaftshistorische wahrgenommen. Der um eine Generation jüngere
Rekon­struktion der sogenannten ›Ersten Kulturwis- Benjamin hat auf beide zwar zurückgegriffen – ist
senschaft‹ eine neue Disziplin zu etablieren oder gar aber mit seinen Schriften wiederum nicht mehr zu
bestehende Fachwissenschaften abzulösen. Vielmehr diesen durchgedrungen. So ist es erst Sigrid Weigel,
entfaltet, so betont sie zu Recht, die Kulturwissen­ die drei der entscheidenden Denker der ›ersten
schaft gerade dort ihre Projekte, wo vertraute Kulturwissenschaft‹, deren Dreigestirn sozusagen,
Gegenstände einer fachwissenschaftlichen Tradition zusammengebracht, weil zusammengedacht und da-
an der Grenze zu anderen Fächern in ein neues Licht mit das Fundament gelegt hat einer neuen, heutigen
treten: an den Übergängen zu anderen, fachfremden, Kulturwissenschaft, die sich in dem oben skizzierten
zunächst unbekannten Erkenntnisweisen, Fragen, Zwischenreich bewegt.
Phänomenen und Erklärungsmodellen. Zusammen-
gefasst hat sie das in der These: »Kulturwissenschaft Die Beschäftigung mit Aby Warburg – zu deren
ist kein neues Fachgebiet, sondern ein Denken und schönsten Resultaten auch die von ihr in Zusammen-
Arbeiten an Übergängen.« Nicht um eine bloße ›Ge- arbeit mit Martin Treml und Perdita Ladwig herausge-
bietsausdehnung‹ handelt es sich dabei, sondern es gebene Studienausgabe der zentralen Schriften Aby
geht, auf der Basis der jeweils fachwissenschaftlichen Warburgs (2010) zählt, die entschieden zur akademi-
Expertise, um die Arbeit an den Grenzen zu anderen schen Popularisierung von dessen Werk beigetragen
Fachterritorien. Leider ist der Begriff der Interdiszipli­ hat – hat Sigrid Weigel notwendig immer stärker sich
narität in den vergangenen Jahrzehnten durch die mit Bildfragen befassen lassen. Und sie tut das auch
Wissenschaftspolitik zur leeren Floskel verkommen. hier von den Rändern aus, entlang der Grenzen. Mit

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Laudatio zur Verleihung des Aby Warburg-Preises der Stadt Hamburg an Sigrid Weigel

ihrem im letzten Jahr erschienenen Buch Grammato- sich meinte, in seinem Werk zu sein, nämlich wie Gott
logie der Bilder hat sie eine vorläufige Summe ihrer in der Welt: unsichtbar und allgegenwärtig.
eigenen literatur- und kulturwissenschaftlichen Arbeit
am Bild gezogen. Es besteht auf der Eigenrechtlich- Der Warburg-Preis würdigt ein bedeutendes wissen-
keit des Bildes, aber indem es untersucht, wie das, schaftliches Werk, ein vorläufiges; die Auszeichnung
was zunächst kein Bild ist – Affekte und Neuronen, preist zudem, bedenkt man, dass Sigrid Weigel dazu
Trauer und Tränen etwa –, erst zum Bild wird; sucht noch regelmäßig in Princeton unterrichtet und, wie
also die Spur des vor-bildlichen und dessen Bild- nebenher, weitläufige, hängende Gärten über dem
gebung (nicht: Visualisierung) und erkundet das Lago Maggiore bewirtschaftet, ein schier unglaublich
In-Erscheinung-Treten, als Emergenz sowohl visueller arbeitsreiches und produktives Leben, ein glückendes
Bilder als auch von Denkbildern. Wiederum handelt und beglückendes zugleich, das immer auch eine
es sich also um eine Arbeit an Schwellen, hier vor Liebeserklärung an die sowohl schönen wie wissen-
allem an jener vom Anikonischen zur Bildwerdung. den Künste ist.
Das Buch, in meinen Augen die integralste Bild­
theorie, über die wir derzeit verfügen, hat alles, was Ihr »methodisches Prinzip«, hat ein Rezensent einmal
es braucht, ein Klassiker zu werden – nicht nur für in der NZZ geschrieben, sei schlicht, »sehr viel zu
die Kunst- und die Literaturwissenschaften, denn wissen«. Dieses Wissen, gepaart mit großer Stil­
magistral werden hier auch Religionsgeschichte und sicherheit – nicht nur in der Sprache –, dieses Wissen
Psychologie, Anthropologie und Naturwissenschaften fruchtbar gemacht zu haben und mit uns zu teilen, ist
in ihrer epistemischen Verschränkung und wechsel- allererster Grund, dass ihr Name nunmehr einrückt in
seitigen Abhängigkeit evident. Und in ihrem Bild­ die illustre Reihe der Träger des Warburg-Preises.
bedürfnis, ihrer Bildnotwendigkeit.
Es ist das Privileg des Laudators, die Laureatin, in Ih-
Nicht weniger kapital ist Weigels Beitrag zu einer rer aller Namen, zu beglückwünschen. Was ich freudi-
Annäherung zweier Wissenskulturen, nämlich der gen Herzens tue. Und während ich das tue, schenken
empirisch-experimentellen und der historisch-herme- Sie ihr doch, bitte, Ihren schönsten Applaus.
neutischen Methoden, die einander als Rivalen ge-
genüberstehen, aller Rede von der Interdisziplinarität
zum Trotz. Unausgesetzt hat sie für die Aufmerksam-
keit an den je anderen Erkenntnissen, Techniken und
Theorien geworben. Im Begriff der Genea-Logik hat
sie diese Verschränkung von Natur und Kunst, und
damit von Natur- und Humanwissenschaften, zusam-
mengefasst und versucht, die Kultur- und Wissen-
schaftsgeschichte genealogischen Wissens mit me-
thodischen Perspektiven zu kombinieren. Vor allem
aber hat sie diese wechselseitige Aufmerksamkeit
ganz praktisch befördert, durch zahlreiche Initiativen
und Veranstaltungen am Zentrum für Literatur- und
Kulturforschung, das sie, dabei ganz wie Warburg
davon überzeugt, dass das Wissen auch eines Ortes,
eines Schauplatzes bedarf, zu einer rührigen Institu-
tion, einem Labor und Thinktank ausgebaut hat, von
dem entscheidende Anregungen ausgehen und der
aus der akademischen Welt, und zwar nicht nur der
Berlins, nicht mehr wegzudenken ist. Es ist eben kein
»Gefängnis«, sondern ein Hort wissenschaftlich gren-
zenloser Unbefangenheit. Und wenn sie das Haus,
wohlbestellt, nun auch in die verlässlichen Hände von
Eva Geulen übergeben hat, die wiederum viel Neues
dort wird entstehen lassen, so darf man doch getrost
davon ausgehen, dass Sigrid Weigel dort eine Weile
noch ganz so bleiben wird, wie Gustave Flaubert von

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›ZWISCHEN DEN STÜHLEN‹
WARBURGS BILDERSPRACHE ALS
POSITIONSBESTIMMUNG SEINER
KULTURWISSENSCHAFT
Sigrid Weigel

Aby Warburg, mit dessen Name heute weithin der Hand des Demiurgos« fühle. Dessen ihm unbe-
Forschungen zum Nachleben der Antike assoziiert kannten Bauplan respektiere er dadurch, dass er ihm
werden, betrachtete sich selbst als Futurist. Diese kein »brüchiges Baumaterial« zuführen wolle.
Bezeichnung bezog sich allerdings nicht auf die
avantgardistische Kunstbewegung des Futurismus, Solche Formulierungen sind charakteristisch für die
Warburg kennzeichnete damit sein wissenschafts- ebenso bilderreiche wie handfeste Diktion Aby War-
politisches Ethos: die Verantwortung nämlich der burgs. Allein als Sprachwitz verstanden, wird sie unter
Forschung wie jedes einzelnen Wissenschaftlers Wert gehandelt. Denn so witzig und selbstironisch
gegenüber der Zukunft der europäischen Kultur. Wir seine Metaphern daherkommen, so hintergründig und
schreiben das Jahr 1912, Warburg hat aus Anlass feinsinnig ist ihr Gehalt. In diesem Falle stiften sie
des zehnjährigen Bestehens seiner Bibliothek gerade eine Kompromissbildung im Freud’schen Sinne, zwi-
ein Exlibris entwerfen lassen, mit den Lettern AW schen den konkurrierenden Dogmen eines göttlichen
und KB – für Kulturwissenschaftliche Bibliothek Aby Schöpfungsplans einerseits und eines Bauplans der
Warburg (später abgekürzt als K.B.W.). Und er plant Natur andererseits; und im selben Atemzug wird diese
akademische Sommerkurse über antike Astrologie für Vorstellung in eine Sphäre menschlicher Tätigkeiten
das folgende Jahr, für die er so renommierte Kollegen überführt, dorthin, wo das, was entsteht, von unse-
wie den Altphilologen Franz Boll und den Orientalis- rer Ein- und Umsicht abhängt. Das Brückenbauen
ten Carl Bezold gewinnt. In einer Stadt, die damals zwischen verschiedenen Fächern und Forschungsfel-
noch einer Universität entbehrte, verstand er die dern sollte zu einem der Schlüsselbilder für Warburgs
Veranstaltungen der Warburg-Bibliothek als Beitrag Kulturwissenschaft werden, deren Beförderung er sein
zur Bildung des ›guten Europäers‹. Den Sommer- ganzes Engagement und einen nicht geringen Teil
kurs über die Wanderung der Planetenbilder wird er des familiären Erbes widmete. Gleichwohl sah er sich
mit der programmatischen Äußerung beschließen, nicht als deren Architekt oder Konstrukteur, sondern
dass Griechenland eben auch in Hamburg gegen betrachtete den Kreis der Geister, die sich in der
Alexandrien gerettet werden müsse. K.B.W. zusammenfanden, als »Kollegium von Brü-
ckenbauern«. Und so würdigte er auch Ernst Cassirer,
Er sei ein überzeugter ›Futurist‹, der zwischen den indem er ihm dankte, dass er einen »neuen weiten
Stühlen der ›Zionisten‹ und ›Assimilanten‹ nicht allzu Brückenbogen über dem Lethestrom« aufrichten helfe.
bequem sitze, so Aby Warburg 1912 in einem Schrei-
ben an den damaligen Rabbiner des Hamburger Re- Zuallererst ein besessener Büchersammler und
formtempels Jakob Sonderling. Gegen das scheinbar ein ebenso leidenschaftlicher Philologe wie Kunst-
alternativlose Entweder-Oder zwischen vollständiger historiker, hat Warburg die Bibliothek, die er als
Anpassung an die Mehrheitskultur und politischer Privatgelehrter begründete, bald zu einem veritablen
Absonderung setzt Warburg einen Umgang mit dem Forschungsinstitut ausgebaut, in dem Detailforschun-
Überlieferten, der sich an der Gestaltung des Künfti- gen aus Kunstgeschichte, Philologie und Archäologie,
gen zu messen habe. Und diese Art Futurismus gilt aus Religionswissenschaft, Orientalistik und vielen
weit über die Frage jüdischer Tradition hinaus. Dass anderen Fächern in ein gemeinsames Vorhaben ein-
Warburg dies als etwas begreift, das dem Wissen- gebracht wurden. Mit der Leitfrage nach den psychi-
schaftler gleichsam von der Geschichte aufgegeben schen Energien und den phobischen Motiven, die in
ist, wird im Fortgang des zitierten Briefes deutlich, die Rituale und Bilder, in die Gebärden und symboli-
wenn es heißt, dass er sich »als Brückenmaterial in schen Formen des menschlichen Ausdruckswillens

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›Zwischen den Stühlen‹ – Warburgs Bildersprache als Positionsbestimmung seiner Kulturwissenschaft

eingegangen und darin gebunden sind, ist Kulturwis- Es ist nicht zuletzt der experimentelle Charakter der
senschaft im Sinne Warburgs heute so brisant wie K.B.W., die Warburg selbst als »Laboratorium kultur-
nie. Ebenso mit ihrer Aufmerksamkeit für die archai- wissenschaftlicher Bildgeschichte« verstand, der die
schen Ursprünge und außereuropäischen Korrespon- Attraktivität des Warburg-Archivs bis heute ausmacht.
denzen europäischer Kultur. Die Untersuchung der Neben der unkonventionellen, jede Bibliotheksord-
widerstreitenden Energien, wie Sigmund Freud sie nung ignorierenden Bücheraufstellung sind dies die
für die Erinnerungen und Träume, für die Objekt- und Zettelkästen mit den wuchernden Aufzeichnungen,
Symptombildungen des Einzelnen erschlossen hat, die jede Systematik sprengen, und allen voran der
verfolgen die von der Warburg-Bibliothek angesto- Bilderatlas Mnemosyne, dessen ars combinatoria –
ßenen Studien im Feld der Kulturgeschichte und des Montage der Bilder auf den einzelnen Tafeln und des
Bildgedächtnisses. Wenn Warburg diese Arbeit als Arrangements der Tafeln – eine Komposition oder Re-
»kulturwissenschaftliche Zusammenhangskunde« figuration je nach Anlass, Thema, Fragestellung und
charakterisiert, dann deshalb, weil sie tatsächlich nur Erkenntnisinteresse ermöglicht. Die Art und Weise,
aus einer Position ›zwischen den Stühlen‹ entstehen wie auf den Tafeln bestimmte Ausdrucksgebärden,
konnte und nur in Gestalt einer kollektiven Anstren- Bildformeln oder Symbole aus unterschiedlichen
gung realisierbar ist – und sein wird. Forschungsvor- Epochen und Genres angeordnet sind, entspricht
haben, die sich die jeweils erforderlichen Expertisen genau jener bildlichen Erkenntnis von Geschichte, die
von der konkreten Problemstellung und nicht von Walter Benjamin dem Historismus entgegengestellt
einer Fachdefinition vorgeben lassen wollen, können hat: als Konstellation, in der das Gewesene mit dem
sich auch heute noch an der K.B.W. ein Beispiel Jetzt zum Bild zusammentritt.
nehmen. In Abwandlung von Warburgs Leitspruch,
wonach »Athen eben immer wieder aus Alexandrien Von der Anziehungs- und Überzeugungskraft der
zurückerobert sein will«, könnte man sagen, dass Instrumentarien, die in der Warburg-Bibliothek für die
eine solche Kulturwissenschaft eben immer wieder selbstgestellte Aufgabe einer Erforschung der Wan-
fachwissenschaftlichen Bornierungen und Egoismen derungen und Umformungen antiker »Darstellungen
abgerungen werden muss. inneren und äußeren bewegten Lebens« entwickelt
wurden, zeugen etliche Berichte im Tagebuch der
Wissenschaftspolitik wird nicht allein in den Amts- Kulturwissenschaftlichen Bibliothek. So resümiert
stuben der zuständigen Ministerien betrieben; die Warburg z. B. den Besuch des aus Harvard angereis-
Art und Weise, wie jeder einzelne Wissenschaftler ten Politikwissenschaftlers und Nationalökonomen
Forschung und Lehre praktiziert, ist bereits Wissen- Seligman in der Heilwigstraße 116 in dem knappen
schaftspolitik. Für Warburg war die unabhängige Eintrag »Er kam, sah und ich siegte«. Wird hierin
Einrichtung K.B.W. ein Instrument der Forschung seine notorische Neigung zur geistreichen Entstellung
und der »Geistespolitik« zugleich. Damit wollte er von Bildungszitaten und Redewendungen kenntlich,
dem entgegenwirken, was er die »grenzpolizeiliche so meldet sich im Anschluss der Bankierssohn zu
Befangenheit« der akademischen Fächer nannte; Wort. Der hat gelernt, seine Geistespolitik auch in
diese war ihm ebenso zuwider wie jede rein »ästheti- Begriffen des Werts zu definieren: »der Brutto-leucht-
sierende Kunstgeschichte«. Unermüdlich polemisierte wert meines combinatorischen Verfahrens ging ihm
er gegen konventionelle Grenzpfähle, warb für die blitzartig auf und ein«.
»Erweiterung der Kunstgeschichte in stofflicher und
räumlicher Hinsicht«, empfahl die Verbesserung der Trotz solcher Erfolgsmeldungen hätte Warburg es
kulturwissenschaftlichen Methode durch die Verknüp- sich sicher nicht träumen lassen, dass seine Kultur-
fung von Kunstgeschichte und Religionswissenschaft wissenschaft dereinst zu einem der erfolgreichsten
und plädierte für die Arbeit in Grenzgebieten – selbst Exportartikel der deutschsprachigen Geisteswissen-
wenn es dabei galt, von verschiedenen Seiten einen schaften avancieren würde – und als Methode mit
Tunnel anzubohren, ohne Gewissheit, in dem noch historischer und hermeneutischer Tiefendimension
unerschlossenen Gelände am selben Punkt anzulan- damit eine wichtige Alternative zum globalisierten
gen. Wenn solcherart Zusammenhangsdenken ge- Theoriejargon der Cultural Studies darstellen würde.
lingt, wie tatsächlich im Falle der Bibliothek Warburg, Über 100 Jahre nach Gründung der Bibliothek und
dann schlagen daraus Geistes-Funken mit Lang- 83 Jahre nach deren Übersiedlung ins Londoner Exil
zeitwirkung. Und so setzt das Warburg-Archiv noch gehören seine längst noch nicht vollständig erschlos-
heutige Besucher in Erregung – jedenfalls diejenigen, senen Hinterlassenschaften zu den begehrtesten
für die sich Recherche nicht in der Suchfunktion Quellen für Wissenschaftler und Künstler aus aller
digital verfügbaren Wissens erschöpft. Welt, aus Paris, Buenos Aires, Tokio, Los Angeles

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Sigrid Weigel

und anderswo, und das, obwohl seine Schriften – Ein »Modellirholz« solle seine Bibliothek sein »für
wegen der eigenwilligen Bilder, Sprachkonstruktionen das Deutschland nach dem Kriege«, so Warburg mit
und Begriffsschöpfungen – nahezu unübersetzbar einem seiner typischen handwerklichen Sprachbilder,
sind. Und 87 Jahre nachdem Warburgs Tod den als er 1917 ein Testament aufschrieb. Als Werkzeug
Bilderatlas Mnemosyne unvollendet gelassen hat, gestaltender künstlerischer Arbeit, das speziell der
werden die erhaltenen Bildtafeln immer wieder in Aus- Ausformung von Details dient, erweist sich auch das
stellungen präsentiert und zählen Atlas und Bildtafeln Modellierholz als treffendes Sprachbild im präzisen
zu den beliebtesten Kulturtechniken von Kuratoren Sinne.
und Museumsleuten.
Das Gleiche gilt für die oft zitierte Redewendung des
Insofern hätte er es heutzutage vermutlich leichter, »Kinematographischen« im Schlussplädoyer seines
seinen im Bankwesen tätigen Brüdern ihre Investitio- Vortrags bei dem von ihm mitinitiierten Internationa-
nen in die stetig wachsende Bibliothek schmackhaft len Kunsthistorikerkongress in Rom 1912, in dem er
zu machen. Zwar werden derartige Exporte gewöhn- dafür wirbt, die Gegenstände der Kunstgeschichte
lich nicht in einer monetären Währung gerechnet, in eine »historische Psychologie des menschlichen
doch war Aby Warburg geübt darin, dem Wider- Ausdrucks« einzubringen. Insofern sei es kein
stand seiner Brüder mit einer eigenen Art doppelter Selbstzweck, die Fresken des Palazzo Schifanoia zu
Buchführung zu begegnen, betrachtete er sich doch Ferrara zu entschlüsseln – was er als »Auflösung ei-
als »wissenschaftlicher Privatbankier, dessen Credit nes Bilderrätsels« bezeichnet, »noch dazu wenn man
so gut ist wie der der Reichsbank«. Als Paul Warburg nicht einmal ruhig beleuchten, sondern nur kinemato-
1927 der »weiteren Expansion« und »überwuchern- graphisch scheinwerfern kann«. Das Aufscheinen
den Kostspieligkeit« des Unternehmens einen Riegel einzelner Bilder aus der Dunkelheit des Kinos, aus
vorschieben wollte, hielt Aby Warburg ihm einerseits dem dennoch ein zusammenhängender Film entsteht,
die 13%ige Verzinsung des Anlagekapitals bei den wird ihm zur Metapher für die Beziehung zwischen
Publikationen der K.B.W. entgegen (allerdings ohne Detail und Zusammenhang. Er habe zeigen wollen,
die Redaktionskosten zu rechnen, wie er einräumen wie seine Methode, »indem sie sorgfältig sich um
musste), und er wog andererseits die Investitionen die Aufhellung einer einzelnen Dunkelheit bemüht,
in die Bibliothek mit deren »Autorität in der gelehrten die grossen allgemeinen Entwicklungsvorgänge in
Welt« auf, die sich der Bekanntheit durch die Publi- ihrem Zusammenhange beleuchtet«. Mit dem Bild des
kationen verdanke: »Man denke, nur 6 Vortragsjahre Kinematographen präsentiert Warburg sich zugleich
und diese Anerkennung!« als Kinogänger, der er tatsächlich war. Teils durch die
Kinobegeisterung von Mary Warburg befördert, war er
Um wie viel höher noch würde er bewerten, dass sich der Bedeutung des neuen technischen Mediums
es heute gerade jüngere Wissenschaftler aus der bewegter Bilder bewusst. Er ging davon aus, dass
ganzen Welt an den Woburn Square zieht, wo sie »hier unter allen Umständen etwas miterlebt werden
sich enthusiastisch über seine oft schwer entziffer- muss.« Was Warburg als Geistespolitik bezeichnete,
baren Notizhefte und Zettelkästen beugen oder mit war für ihn immer zuerst Bildpolitik – in der Forschung
seiner Bibliothek und Fotosammlung arbeiten. Seine ebenso wie in der zeitgenössischen Bildung und
Hinterlassenschaft entfaltet die ihr eigene Dynamik, Unterhaltungskultur wie auch im öffentlichen Raum.
weil die schier endlosen Schätze des Warburg-­
Archivs erst dadurch zugänglich werden, dass sie in
einer nun schon Jahrzehnte andauernden kollektiven
Anstrengung von Wissenschaftlern aus verschie-
denen Ländern gehoben werden (von denen einige
auch heute hier versammelt sind). Kommen in der
Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten nicht nur
Kunsthistoriker und Religionswissenschaftler, sondern
auch Philologen, Philosophen und viele mehr am
selben Archivtisch zusammen, so erfüllt sich in der
Aneignung seines Erbes seine Idee des Kollegiums
von neuem. Auch wenn Warburg sich ein derartiges
Nachleben seiner Ideen vermutlich nicht hat vor-
stellen können – intendiert hat er es schon. Denn er
betrachtete die K.B.W. als Werkzeug für die Zukunft.

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Nachleben und Ableben der Bilder
Peter Geimer

Sehr geehrte Damen und Herren, aus dem frühen zwölften Jahrhundert dem heiligen
liebe Sigrid, liebe Eva, Maurus seine Klosterregel übergibt (Abb. 1), sie wür-
lieber Daniel Weidner, lieber Stefan Willer, de – eingedenk der Migrationen der Warburg’schen
Pathosformeln – in einer kühnen Volte in die Gegen-
vielleicht wird es in naher Zukunft einen War- wart springen und auch die profane Ikonographie
burg’schen Mnemosyne-Atlas geben, der auch eine des Piktogramms einschließen (Abb. 2), sie würde
Bildertafel mit Abbildungen zum Motiv der Gabe den niederländischen Kommandanten Justinus von
enthält. Diese Tafel würde uns vielleicht den heili- Nassau zeigen, wie er auf Velázquez’ berühmtem Ge-
gen Benedikt zeigen, wie er auf einem Manuskript mälde dem Spanier Spinola den Stadtschlüssel von

Abbildung 1 Abbildung 2

Abbildung 3 Abbildung 4

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Peter Geimer

Breda überreicht (Abb. 3) – und vielleicht würde sie In-Erscheinung-Tretens; zum anderen, indem sie
auch eine Fotografie zeigen, die vor einigen Wochen gelegentlich auch auf Leerstellen des Warburg’schen
im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses auf- Werks hinwies. So geht sie in ihren Studien zur
genommen wurde: Sigrid Weigel nimmt die Urkunde Kulturgeschichte der Trauer der interessanten Frage
zum Aby Warburg-Preis 2016 entgegen (Abb. 4). nach, warum Warburg dem affekttheoretisch so
bedeutsamen Phänomen der Tränen keine Aufmerk-
Sigrid Weigel – und diesen einen Satz stehle ich aus samkeit geschenkt hat, obwohl die Tränen doch –
der Hamburger Laudatio von Andreas Beyer –, Sigrid ebenso wie die Gebärden des Trauerns – zu jenen
Weigel kommt das Verdienst zu, »die Literaturwissen- Äußerungen gerechnet werden können, die Warburg
schaft zum Teil einer umfassenderen Kulturforschung in seiner berühmten Formulierung als »bewegtes Bei-
gemacht, ja die ›Enden‹ der Literatur gleichsam als werk« beschrieb; oder sie bemerkt am Rande einer
genuinen Ursprungsort der Kulturwissenschaft er- Betrachtung zum Verhältnis von Transzendenz und
kennbar gemacht zu haben.« Sigrid Weigel – oder wie Immanenz in Carlo Crivellis Verkündigung mit dem
unser gemeinsamer Freund Georges Didi-Huberman heiligen Emidius, dass der liebe Gott hier im Detail
in Anspielung auf ihre zur Institution gewordene Na- steckt, und zwar »sehr viel direkter, als Aby Warburg
mensvetterin Helene Weigel gerne sagt: ›die Weigel‹, sich das je hat träumen lassen«.
›la Weigel‹. Darin schwingt nicht nur Freundschaft und
Sympathie mit, sondern auch die hohe Anerkennung In diesem Haus ist so viel Neues, Grundsätzliches
für eine herausragende Forscherin, deren Schriften und Bleibendes über Warburgs kulturwissenschaft-
nicht nur in Berlin und im deutschsprachigen Raum liches Werk vorgetragen und geschrieben worden,
gelesen, diskutiert und in Seminare getragen werden, dass ich mich im Folgenden auf einige wenige Beob-
sondern auch in Paris und Mailand, in Basel und achtungen beschränken möchte. Die beiden ersten
London, in Tel Aviv, Princeton, Harvard, Berkeley und betreffen die Aktualität von Warburgs Denken, und ich
Stanford. Mit Sigrid Weigel ist aber auch der Name möchte sie – aus der Perspektive des Kunsthistori-
einer Institution verbunden, die sie über Jahre hinweg kers – überschreiben: 1. Lob der Sprache, 2. Lob des
geleitet und geprägt hat und die ihr die Kultur in ihrem Anachronismus. Daran anschließend möchte ich kurz
Namen verdankt: Zentrum für Literatur- und Kultur- drei Themenfelder andeuten, die meiner Ansicht nach
forschung. Und so gilt der Hamburger Warburg-Preis Herausforderungen einer heutigen Warburg-For-
sicherlich nicht alleine dem herausragenden wis- schung darstellen.
senschaftlichen Werk Sigrid Weigels, sondern auch
dem ZfL, an dem Warburgs Kulturwissenschaft ein Die Kunstgeschichte hat kein einfaches Verhältnis
so vielfältiges Nachleben gefunden hat und an dem zur Sprache. Wo die Besonderheit, die Eigenge-
über Bilder – ganz im Sinne Warburgs – im Verbund setzlichkeit und Unersetzbarkeit von Bildern – zu
zahlreicher Wissensgebiete nachgedacht wird: Recht – hervorgehoben wurde, ging ein solches Lob
neben Literatur- und Kunstgeschichte auch klassi- des Ikonischen nicht selten – und zu Unrecht – mit
sche Philologie, Religionswissenschaft, Mythologie, einer Unterschätzung der Sprache einher. Als in
Musikwissenschaft, Anthropologie, Philosophie, den achtziger und neunziger Jahren ein ›iconic turn‹
Evolutionstheorie. der Geisteswissenschaften ausgerufen wurde, der
unüberhörbar den vorangegangenen ›linguistic turn‹
Es ist ein spezifischer und zuvor kaum zur Kenntnis ablösen wollte, war dieser Impuls richtig und notwen-
genommener Warburg, der in der Berliner Schüt- dig, er barg aber auch die Tendenz eines unproduk-
zenstraße und zuvor – ich erinnere mich gut – in der tiven Paragone zwischen Bild und Text in sich: als
Jägerstraße 10/11 Gestalt angenommen hat, in seiner käme man dem Wesen der Bilder besonders nahe,
überraschenden Nähe zu Freud, aber natürlich auch wenn man sie von allem Nicht-Bildlichen und von den
zu Walter Benjamin, wenn etwa Warburgs Pathosfor- Schlacken der Sprache befreit hätte. Schon einige
mel ihre Gemeinsamkeiten mit Benjamins »Dialektik Jahre zuvor hatte sich in Max Imdahls Entwurf einer
im Stillstand« entfaltet. Der Gefahr, aus Warburg Ikonik ein ähnliches Dilemma abgebildet. Es bleibt
einen kulturwissenschaftlichen Säulenheiligen, den Imdahls großes Verdienst, in seinen Bildlektüren die
internationalen Schutzpatron eines ›cultural turn‹ zu Spezifik des Bildes dargestellt und daran erinnert
machen, ist Sigrid Weigel dabei auf umsichtige Weise zu haben, dass der ästhetische oder ikonographi-
begegnet: zum einen, indem sie Warburgs Kultur- sche Gehalt eines Bildes sich nicht restlos durch
wissenschaft in ihren eigenen Studien weitergedacht Worte transkribieren lässt. Unter der Hand wurde
und fortentwickelt hat – etwa in ihrer eindrucksvollen die Nobilitierung des Ikonischen dann aber rasch
Phänomenologie der Engel als Reflexionsbilder des zu einer Marginalisierung der Sprache, wurde das

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Nachleben und Ableben der Bilder

Bild zu einem »Sehangebot, das [...] alle sprachlich Stich befinden sich in lebhaftem Gespräch vor einer
mitzuteilenden Ereignisvorstellungen [...] übersteigt« Statue, in weit ausladenden Gesten und mehr mit sich
und den Text »transzendiert«. Demnach erschloss selbst und ihren Affekten als mit der Statue vor ihren
sich das Eigentliche eines visuellen Kunstwerks in Augen beschäftigt. Auf dem linken Bild hingegen
einem Evidenzerlebnis, das nur im Sehen und als führen sie vor, wie man es richtig macht: schweigend
Sehen zu haben war und für das die Sprache für stehen sie nebeneinander, jeder für sich, und be-
immer blind blieb. Vor Bildern zu sprechen, galt zwar trachten andächtig das Bildwerk, das vor ihren Augen
als unerlässlich, eine Art notwendiges Übel, aber die seine stumme Aura entfaltet. Wer weiß? Vielleicht
Sprache lieferte beständig nur den Nachweis ihrer haben tatsächlich zahllose Kunstschriftsteller diese
eigenen Unzulänglichkeit. Ekphrasis wäre dann eine Form rein kontemplativer Kunsterkenntnis gewählt –
Art strukturiertes Versagen, ein wohlorganisiertes wir wissen dann aber nichts von ihnen, eben weil sie
Scheitern an der Evidenz des Sichtbaren, ein Reden konsequent verstummt sind.
unterhalb der Schwelle des Eigentlichen.
Wenn man die beiden schweigenden Herren nicht
Ein möglicher Ausweg wäre das Verstummen. zu den Galionsfiguren kunsthistorischer Bildher-
Tatsächlich gibt es bekanntlich kunsttheoretische meneutik machen will, geht es nicht ohne Sprache.
Traditionen, die – wie etwa Karl Philipp Moritz’ 1788 Und für die Kunstgeschichte stellt die Sprache nicht
erschienener Aufsatz Die Signatur des Schönen – in einfach ein notwendiges Übel dar und auch nicht den
letzter Konsequenz auf ein solches wortloses Be- Kollateralschaden einer ins Sprachlose zielenden
trachten von Kunst hinauslaufen. Nach Moritz ist das Bildhermeneutik. Kein Bild wäre je aus sich selbst
vollkommene Kunstwerk sich selbst bereits genug: heraus evident gewesen, und zu den Möglichkeiten,
jede Angewiesenheit auf Versprachlichung wäre be- Bildlichkeit zu erschließen, gehört an erster Stelle die
reits der Beweis seiner Mangelhaftigkeit. Im Göttinger Sprache. Wie wohltuend war es deshalb, 2010 die
Taschenkalender von 1779/80 hat Daniel Chodo- von Sigrid Weigel, Martin Treml und Perdita Ladwig
wiecki dieses Schweigegebot wirkungsvoll in Szene im Suhrkamp Verlag herausgegebene Warburg-Aus-
gesetzt (Abb. 5). Die beiden Männer auf dem rechten gabe Werke in einem Band aufzuschlagen und

Abbildung 5

INTERJEKTE 10 / 2017 12
Peter Geimer

bereits auf den ersten Seiten im Vorwort der Heraus- Verschwindens und des Vergessens. Nietzsche
geberinnen zu lesen: »Warburgs Originaltexte sind von beklagt bekanntlich nicht den Mangel an Überliefe-
einer für ihn charakteristischen Sprache geprägt, seine rung, sondern im Gegenteil ihren Überschuss, das
Schreibweise und seine Wortschöpfungen machen Insistieren einer Vergangenheit, die nicht verschwin-
einen unverzichtbaren Teil seiner Betrachtungsweise den will. Denn das Vergangene muss nicht unbedingt
aus.« Ekphrasis, so heißt es weiter, sei der »Schau- gesucht, heraufbeschworen und aus Fragmenten
platz einer vielfältigen Intertextualität zwischen wiederhergestellt werden: die Geschichte erscheint
Bildern und Texten«. Deshalb möchte ich – gerade auch ungefragt, und behelligt die Gegenwart als
als Kunsthistoriker – Sigrid Weigel und dem ZfL dafür Gespenst. »Es ist ein Wunder: der Augenblick, im
danken, dass sie mit Warburgs Kulturwissenschaft Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts,
nicht nur eine der wichtigsten Theorien des Bildes ins nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst
Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt haben, sondern wieder, und stört die Ruhe eines späteren Augen-
dass sie dem Bild von Anfang an auch die Reflexion blicks.« Während Goethe beobachtet, dass die
der es begleitenden und es erschließenden Sprache Vergangenheit sich unversehens entfernt, erinnert
hinzugesellt haben. Nietzsche an die ebenso zutreffende Wahrheit, dass
man sie nicht loswird.
Mein zweiter Punkt betrifft Warburgs berühmtes
Konzept des Nachlebens, und bitte erlauben Sie mir, Damit sind freilich nur die Extreme historischer
dass ich auch hier kurz aushole. Rekonstruktion benannt: Versiegen versus Über-
schuss der Quellen, Abwesenheit und Verlust versus
Die Vergangenheit ist unbeobachtbar. Man hat von ihr Dauerpräsenz des Vergangenen. Die kulturwissen-
gehört oder gelesen, man erinnert sich an sie, sortiert schaftliche Arbeit hält sich in der Regel irgendwo im
ihre Hinterlassenschaften oder macht sich nachträglich Spannungsfeld zwischen diesen Extremen auf. Man
ein Bild davon, was sie gewesen ist. Aber keine dieser hat es in ihr weder mit einfachen Anwesenheiten noch
Formen des Rückbezugs stellt das Vergangene als mit einfachen Abwesenheiten zu tun. Aby Warburg
solches wieder her. »Ich betreibe nicht nur Geschichte hat dieser nichtlinearen Zeitlichkeit mit seinem
in dem Sinn, dass ich historische Texte produziere«, Konzept des Nachlebens Rechnung getragen und
bemerkt Michel de Certeau, »ich gelange durch meine die traditionelle Vorstellung, dass Geschichtsschrei-
Arbeit auch zu dem Bewusstsein, dass etwas gesche- bung es mit einer chronologischen Aufeinanderfolge
hen ist, das heute abgestorben ist und in lebendiger verschiedener, jedoch in sich selbst homogener
Form unerreichbar geworden ist.« Diese Unerreich- Zeiten zu tun hat, dementiert. Wenn zwei Jahrzehnte
barkeit zeigt sich vor allem dort, wo die Zeugnisse der später Martin Heidegger den ›vulgären Zeitbegriff‹
Vergangenheit unkenntlich geworden oder gänzlich kritisiert, wenn Siegfried Kracauer von der »chro-
aus der Überlieferung verschwunden sind. Auf seiner nologischen Exterritorialität« des Historikers spricht
Reise durch Sizilien lässt Goethe im April 1787 das an- und – ein halbes Jahrhundert später – Michel de
tike Syrakus am Wegesrand liegen, denn »von dieser Certeau die »A-Topien« des historischen Schreibens
herrlichen Stadt« sei »wenig mehr als der prächtige hervorkehrt, dann arbeiten alle diese Autoren daran,
Name geblieben«. Zwei Tage zuvor hatte Goethe die chronologische Ordnung der Geschichte aus den
in Agrigent an der Seite des Zeichners Christoph Angeln zu heben. Und sie alle formulieren eine Kritik
Heinrich Kniep vor den Resten des Jupitertempels ge- der Chronologie, die auf seine Weise bereits Warburg
standen und den Bau »wie die Knochenmasse eines im Begriff des Nachlebens ausgesprochen hatte.
Riesengerippes« in der Landschaft liegen sehen. Für Diese Kritik galt dem Ideal einer Vergangenheit, die
pittoreske Stimmungsbilder war es angesichts der bis in ihrer historischen Rekonstruktion noch immer ganz
zur Unkenntlichkeit entstellten Reste zu spät, und die sie selbst wäre, an ihren eigenen Maßstäben mit sich
beiden Reisenden machten die verstörende Erfahrung, selbst gemessen, und ohne die Beimischung fremder
dass es einen Verfall noch über den Verfall hinaus Standpunkte und Perspektiven einer späteren Zeit.
gab: Auch Ruinen verfallen und enden, wie Goethe im Warburg, so Georges Didi-Huberman, hält dieser
Tagebuch notiert, als »Schutthaufen«. Kniep verstaute Chimäre ein »kulturelles Modell der Geschichte«
seine Utensilien, und man verließ den Schauplatz entgegen, »in dem die Zeit nicht auf biomorphe
»mit dem unangenehmen Gefühle, daß hier für den Stadien projiziert wird, sondern ihren Ausdruck in
Zeichner gar nichts zu tun sei«. Schichten, hybriden Blöcken, Rhizomen, spezifischen
Komplexitäten, oft unerwarteten Rückwendungen und
Ein Jahrhundert später formuliert Friedrich Nietzsche stets verfehlten Zielen findet.« Warburgs Begriff des
das Gegenbild zu dieser Erfahrung der Leere, des Nachlebens, so Didi-Huberman weiter, »beschreibt

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Nachleben und Ableben der Bilder

eine andere Zeit. Er desorientiert die Geschichte, an der Decke der Ölbergkapelle in der Kreuzlinger
er öffnet und kompliziert sie. Mit einem Wort, er Kirche verbinden. Wo es darum geht, zu zeigen,
›ana­chronisiert‹ die Geschichte. Er führt zu jenem welche Wege und Umwege die Bilder über die Zeit
Paradoxon, wonach die ältesten Dinge nach weniger miteinander verbinden, sucht der Archetypismus die
alten Dingen erscheinen können«. Bilder, das war Abkürzung angeblich überzeitlicher Konstanten, ohne
eine der entscheidenden Erkenntnisse Warburgs, Vermittlung, ohne Wahrscheinlichkeit der Verirrung
gehören ihrer Zeit nicht einfach an, sondern sind Orte oder Abweichung. Wenn Warburg in einer berühmt
einer »achronologisch geschichteten Materie«. gewordenen Formulierung von einer »Ikonologie des
Zwischenraums« spricht, dann ist damit genau dieser
Dieser Gedanke kann gar nicht veralten, und wenn Raum zwischen den Bildern bezeichnet, den eine
die heutige Geschichtswissenschaft sich erneut kulturwissenschaftliche Arbeit befragen muss. »Sym-
den Problemen des Anachronismus zuwendet, bole«, so schreiben auch Sigrid Weigel, Martin Treml
wie beispielsweise der Historiker Achim Landwehr und Perdita Ladwig im Vorwort der Warburg’schen
in seinen unlängst erschienenen Essays zur Ge- Werke in einem Band zu Recht, »Symbole waren
schichtstheorie – Die anwesende Abwesenheit der für Warburg keine Urphänomene, sondern höchst
Vergangenheit sind sie betitelt –, dann spricht das komplizierte Gebilde: Produkte von ›Auseinanderset-
ebenso für die Aktualität des Warburg’schen Denkens zungsprozessen‹, Konflikten und Kompromißbildun-
wie die Überlegungen Jacques Rancières, der Lucien gen, deren Ausdruckswille Elemente aus verschiede-
Febvres Kritik des Anachronismus als »der schlimms- nen Kunst- und Wissensgebieten und aus entfernten
ten aller Sünden« des Historikers die Wirksamkeit von Epochen zu einem Bilde zusammenfügt« – keine
Ereignissen, Begriffen und Bedeutungen entgegen- Archetypen also, keine Urphänome, kein Rückgang
hält, »die die Zeit rückwärts zählen, die den Sinn auf auf angebliche Ursprünge, sondern die Analyse von
eine Weise zirkulieren lassen, die sich jeder Gleich- ›Auseinandersetzungsprozessen‹.
zeitigkeit, jeder Identität einer Zeit mit ›sich selbst‹
entzieht«. Mit anderen Worten: Es genügt nicht, zu vergleichen,
der Vergleich selbst muss Gegenstand der Befragung
Im zweiten Teil meines Vortrags möchte ich zwei He- sein. Eine Kritik des Archetypismus wäre deshalb
rausforderungen an die heutige Warburg-Forschung auch eine Kritik des Vergleichens und eine Kritik der
skizzieren. Analogie: Was geschieht, wenn Bilder sich ähneln,
man aber weiß, dass sie hinsichtlich ihrer Funktion,
ihrer Technik, der Kontexte ihrer Herstellung oder der
I. Art ihrer Rezeption vor allem differieren und vielleicht
sogar – allen Evidenzen der Ähnlichkeit zum Trotz –
In seiner Studie Das Nachleben der Bilder erinnert inkompatibel sind?
Georges Didi-Huberman an eine »bis heute gefähr-
liche Falle jeglicher Analyse des Nachlebens«. Die Im April 2008 lieferte das Magazin der Süddeutschen
Rede ist vom, so nennt es Didi-Huberman, Arche- Zeitung einen bemerkenswerten Beitrag zu dieser
typismus. »Die Zeitmodelle werden hier zu einem Frage, vielleicht ohne es recht zu wissen. Die Redak-
Essentialismus der Kultur und der Psyche verdünnt. teure stellten ausgewählte Mitglieder des Teams von
Das wichtigste Element dieser Falle ist die Analogie, Bayern München Gestalten der europäischen Kunst-
die für eine geschönte Wahrnehmung sorgt. Wenn geschichte gegenüber, etwa Luca Toni Michelangelos
Ähnlichkeiten zu Pseudomorphien werden und Jüngstem Gericht auf der Altarwand der Sixtinischen
dazu noch zur Entdeckung einer allgemeinen und Kapelle (Abb. 6).
zeitlosen Bedeutung dienen, wird aus dem survival
eine Mystifikation, und ein Erkenntnishindernis.«
Der Archetypismus, wie Didi-Huberman ihn hier
beschreibt, will sich genau jene geduldige und
schwierige Vermittlungsarbeit sparen, die Warburg
immer wieder vorgeführt hat, wenn er beispielsweise
aufzeigt, was den Katchina-Tanz der Hopi-Indianer
mit dem Zusammenspiel von Chor und Satyrspiel in
der antiken Tragödie verbindet, oder die Verbindungs-
glieder freilegt, die den Schlangentanz in Neumexiko
mit dem Moses als Schildhalter der Klapperschlange Abbildung 6

INTERJEKTE 10 / 2017 14
Peter Geimer

»Luca Toni«, so der begleitende Kommentar, »hat Re­­porter der Illustrierten Stern in der Badewanne
Bayern München nicht nur fußballerisch nach vorn eines Genfer Hotels fotografiert hat, und der 1793
gebracht. Diese Bilder beweisen: Der italienische ermordete Jean Paul Marat, wie ihn J­ acques-Louis
Stürmerstar versucht – bisher unbemerkt – in seinem David im Auftrag des Pariser Konvents auf einem
Verein die Hochkultur einzuführen«. Die ironische Gemälde der Nachwelt festhielt (Abb. 7). Eine Foto-
Volte ist unverkennbar, aber im Grunde wird hier im grafie des inhaftierten RAF-Mitglieds Jan-Carl Raspe
Zeichen der Parodie ein Verfahren beschrieben, das, in der Haftanstalt Köln-Ossendorf (1973) und das
so jedenfalls mein Eindruck, zu einer gängigen kunst- Gemälde Gilles von Antoine Watteau (1719) (Abb. 8).
und kulturwissenschaftlichen Praxis geworden ist. Der Abtransport eines weiblichen Leichnams aus
dem Flüchtlingslager im kongolesischen Goma und
Dazu einige Beispiele aus Publikationen der vergan- Caravaggios Grablegung von 1603 (Abb. 9). Eine der
genen zwanzig Jahre: der Kieler Ministerpräsident berühmten Szenen aus Abu Ghraib und Pasolinis Die
Uwe Barschel, wie ihn am 11. Oktober 1987 ein 120 Tage von Sodom (Abb. 10).

Abbildung 7

Abbildung 8

15 INTERJEKTE 10 / 2017
Nachleben und Ableben der Bilder

Abbildung 9

Abbildung 10

Bleiben wir kurz bei dem letzten Beispiel: einem stiefelleckender Unterwerfung, die erniedrigenden
Beitrag von Ulrich Raulff aus der Süddeutschen Sexualpraktiken, das alles kennt man aus der
Zeitung vom 4. Mai 2004. Raulffs These besagt, Literatur und Ikonographie des Sado-Masochismus.«
dass es ein geheimes Eigenleben der Bilder gibt, Raulff stößt also in Abu Ghraib zunächst einmal auf
dass die Bilder über unsere Köpfe hinweg – oder Bekanntes. Die Fotos aus dem Gefangenenlager
durch diese hindurch – miteinander kommunizieren. sind Exemplare eines längst vertrauten Bildarse­
»Wir wissen jetzt, dass es eine Osmose der Bilder nals. Zeige mir Abu Ghraib, und ich zeige dir, wo es
gibt. Auf verborgenen Wegen, in geheimen Kanälen längst war. Schon auf den ersten Blick fallen aber
kommunizieren die Bilder miteinander, teilen sich die fundamentalen Unterschiede auf: Das linke Bild
ihre Temperatur mit, tauschen ihre Botenstoffe aus, ist ein Filmstill, schwarzweiß, das rechte – ursprüng-
infizieren einander. [...] Wir müssen uns von der lich – eine farbige Digitalaufnahme; das linke Bild
Vorstellung verabschieden, dass Bilder ›gelesen‹, von entstammt einem Spielfilm, das rechte vielleicht auch
klugen Hermeneuten entziffert werden können. Bilder einem Spiel, aber einem Spiel, das seine Koordinaten
sind schneller und perfider als das lesende Auge: in einem tatsächlichen Krieg und seinen tatsäch-
immer schon da, wo der härteste Stoff umgeschlagen lichen Verbrechen hat. Und inwiefern ist das Foto
wird. [...] Die Henkersmasken, die Posen hündischer, aus Abu Ghraib Teil jener »Ikonographie des Sado-­

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Peter Geimer

Masochismus«? Die Rolle der Sadisten mag noch Eine neue und ganz ungeahnte Aktualität erhielt
zweifelsfrei aufzufinden sein, aber wer wären hier diese Problematik vor wenigen Wochen in der
die Masochisten? Dahinter steht die Prämisse, dass Londoner Tate Gallery. Seit drei Jahren vergibt die
es so etwas wie einen ikonographischen Untergrund Tate einen Preis, der innovative Projekte im Bereich
gibt, ein geheimes Tunnelnetz der Bilder, das unsere digitaler Technologien fördert. In diesem Jahr ging
visuelle Kultur unterspült. Wäre die Kunstgeschichte die Auszeichnung an das italienische Forscherteam
demnach eine Geheimwissenschaft? Die Lehre vom »Fabrica«, Teil der Benetton Group, für die Entwick-
nachträglichen Aufspüren jener geheimen Kanäle, lung des Softwareprogramms »Recognition«, das
über welche die Bilder miteinander kommunizieren? nach formalen Ähnlichkeiten zwischen den weltweit
Vielleicht wird man Fotos wie den Folterbildern aus zirkulierenden Bildern der Nachrichtenmedien und
Abu Ghraib aber eher gerecht, wenn man bei ihrem Werken der britischen Kunstgeschichte sucht. Vier-
Anblick nicht immer schon bei anderen bekannten undzwanzig Stunden am Tag sichtet das Programm
Bildern ist, sondern nach ihrer Spezifik und vielleicht Tausende eingehender Nachrichtenfotos und gleicht
sogar nach ihrer partiellen Unvergleichbarkeit fragt. sie mit den Sammlungsbeständen der Tate Gallery
Ist hier jedenfalls nicht der von Didi-Huberman be- ab – bis für jedes Foto ein Vergleichsbild gefunden
schriebene Umschlag am Werk, an dem die Analogie ist, das den Algorithmen des Programms hinreichend
in Essentialismus umschlägt und aus dem survival ähnlich erscheint.
eine Mystifikation wird?
Im Folgenden einige der Bildpaare, die das Pro-
Eine umfassende Theorie des Vergleichens steht, gramm auf seiner Suche in den Tiefen des globalen
soweit ich sehe, noch aus. Sie würde nicht nur ver- Bilderstroms identifiziert hat: ein ausgehobenes
gleichen, sondern das Vergleichen selbst befragen, Waffenlager des IS nahe Falludscha und die abs-
und ihre Frage wäre in all diesen Fällen: Was kon­ trakte Komposition Ohne Titel des britischen Malers
stituiert hier überhaupt Vergleichbarkeit? Zudem hat Roger Hilton von 1956; Barack Obama während eines
das Verfahren des vergleichenden Sehens wohl auch Treffens mit dem indischen Premierminister (Abb. 11)
seinerseits eine Geschichte. Nicht nur die Objekte und zwei englische Gentlemen mit Perücke, wie der
des Vergleichs sind historisch variabel, sondern auch Waliser Maler John Downman sie gegen Ende des
das Vergleichen selbst kann als ein historisch sich achtzehnten Jahrhunderts porträtiert hat (Abb. 12);
wandelndes Unterfangen gelten. In Abwandlung einer der Eingang zur psychiatrischen Klinik, in die man vor
berühmten Formulierung Heinrich Wölfflins lässt sich wenigen Monaten den ukrainischen Dissidenten Ilmi
sagen: Nicht alles ist zu allen Zeiten vergleichbar. Umerow zwangseingewiesen hat, und das farben-
Es wäre wohl lohnenswert, die Methode des verglei- frohe Ölgemälde Mein Garten des britischen Malers
chenden Sehens selbst einmal einem vergleichenden George Clausen (Abb. 13).
Sehen zu unterziehen und danach zu fragen, was zu
verschiedenen Zeiten jeweils als ähnlich und unähn- Die Frage, welchen Sinn diese Zusammenstellungen
lich angesehen wurde. haben könnten, wurde auch in der aktuellen Begleit­

Abbildung 11 Abbildung 12

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Nachleben und Ableben der Bilder

Abbildung 13

Abbildung 14

ausstellung der Tate nicht gestellt. »Recognition ist das alle sozialen und kulturellen Unterschiede
ein autonom operierendes Softwareprogramm«, hieß transzendiert.
es dort, als wäre durch den bloßen Einsatz neuer
Technologie die Relevanz des Unternehmens bereits So setzte das Programm eine Pressefotografie der
von sich aus garantiert. Dabei verdeckt der Hinweis, gutgelaunten AfD-Politikerin Beatrix von Storch auf
die Software funktioniere »autonom«, den Umstand, einer Wahlparty in Mecklenburg-Vorpommern neben
dass ihre Programmierung eine ganze Reihe unbe- ein Ölporträt der Herzogin von Argyll von 1931 (Abb.
fragter Grundannahmen voraussetzt. Warum favo­ 14). Zweimal Frauen, zweimal Adlige, beide lächeln –
risiert das Programm beispielsweise Ähnlichkeiten richtig erkannt. Aber jenseits der blassen Analogie
zwischen Bildern, statt auch Abweichungen und überwiegen die Unterschiede: Im einen Bild entspricht
Unterschiede darzustellen? Die universale Zusam- die Heiterkeit der Dargestellten einer ästhetischen
menschau der Bilder erinnert an jenen »Mythos der Darstellungskonvention der Porträtmalerei, im ande-
menschlichen Gemeinschaft«, den Roland Barthes ren Bild der Freude über die hohe Akzeptanz frem-
bereits vor einem halben Jahrhundert am Beispiel der denfeindlicher Politik in Mecklenburg-Vorpommern.
Ausstellung »The Family of Man« zu Recht kritisiert ›Vergleichendes Sehen‹? Oder ›Gleichheit aus Verse-
hat: ein Essentialismus, der überall auf der Welt und hen‹? Dass eine auf Mustererkennung programmierte
zu allen Zeiten dieselben Archetypen sucht – als Software von englischer Porträtmalerei, Ästhetik und
gäbe es ein unwandelbares Wesen des Menschen, AfD-Wahlpartys nichts weiß, wird man ihr schwerlich

INTERJEKTE 10 / 2017 18
Peter Geimer

vorhalten können. Dass aber auch die Kuratoren der Ende des neunzehnten Jahrhunderts zum Ziel des
Tate von der historischen Verankerung der Bilder amerikanischen Tourismus geworden, bis die Hopi
nichts wissen wollen – wenige U-Bahn-Stationen vom 1915 ein Fotografieverbot durchsetzen. Dabei ging es
Londoner Warburg Institute entfernt –, sollte uns zu schon damals nicht um eine bloße Anstandsregel wie
denken geben. man sie aus zahlreichen christlichen Kirchen kennt,
sondern um einen als Übergriff empfundenen Akt, der
die Religiosität der Hopi im Kern berührt.
II.
Der Tagung in Boulder war eine Kontroverse vor­
Im Frühjahr 1896 machte Warburg sich zu einer Reise ausgegangen, die vor allem um die Frage nach
in den Südwesten der Vereinigten Staaten auf, um dem Umgang mit den historischen Fotografien aus
in den indianischen Siedlungen Arizonas und Neu­ den Pueblos kreiste. Davide Stimilli, Professor am
mexikos die Rituale der Hopi und Navajo zu studieren. German Department der Universität von Colorado,
Wie Warburg später notierte, war es nicht zuletzt »ein hatte Warburgs Amerikareise zum Gegenstand einer
aufrichtiger Ekel« vor der ästhetisierenden Kunst- wissenschaftlichen Tagung machen wollen, flankiert
geschichte, der ihn zu dieser Entdeckungsfahrt in von einer Ausstellung im University of Colorado Art
die Außenbezirke der westlichen Kultur veranlasste. Museum. Neben unveröffentlichten Briefen und Doku-
Seinem Ekel gegen den Formalismus seiner Kollegen menten sollte dort auch eine Auswahl der Fotos aus
hat Warburg eine Kunstgeschichte entgegensetzt, die dem Besitz des Warburg Institute in London gezeigt
auch in der alten Kultur der Indianer nach Spuren des werden. Eine universitätsinterne Diskussion über die
symbolischen Handelns und Denkens suchte und im Zulässigkeit der Ausstellung flammte auf und führte
Schlangenritual der Hopi eine Verwandtschaft zum zu keiner Einigung. Das Projekt wurde kurzerhand
Kult des Dionysos und damit, so Warburg, zu einem abgesagt, die Exponate eingepackt und zurück nach
Ort »unserer europäischen Bildung« zu erkennen London geschickt, aus der geplanten Tagung wurde
vermochte. ein vorsichtiger Versuch der Schadensbegrenzung im
verkleinerten Teilnehmerkreis.
Für seine indianische Reise hatte sich Warburg eine
der damals in den Handel gekommenen Kodak-Roll- Die Kontroverse um Warburgs Bilder lässt sich nur
filmkameras zugelegt und konnte sich überdies auf von ferne mit den Debatten um die Zulässigkeit
Bildmaterial seiner Vorgänger stützen. So erschienen von Pressefotos vergleichen, wie sie in westlichen
im April 1923 an den Wänden des Kreuzlinger Sana- Gesellschaften regelmäßig geführt werden und wie
toriums kosmologische Ornamente, die Andachtsräu- Susan Sontag sie in ihrem Essay Das Leiden anderer
me der Hopi, der Schlangen- und der Antilopentanz. betrachten eingehend erörtert hat. Es geht bei diesen
Zu den am häufigsten reproduzierten Bildern der Fällen meist um Fragen nach den Grenzen des
Reise gehören eine Reihe von Fotos, die damals in ethisch Zumutbaren, um die Gründe und Abgründe
Kreuzlingen nicht gezeigt wurden. Das berühmteste des Vorzeigens von Schockfotos, um den fließenden
von ihnen zeigt den Reisenden selbst – im dreireihi- Übergang zwischen journalistischer Informations-
gen Anzug mit Uhrenkette und einer heiligen Katchi- pflicht und Voyeurismus. Der Fall der historischen
na-Maske, die er wie einen Hut auf dem Kopf trägt. Aufnahmen aus den Pueblos betrifft hingegen weni-
ger die Frage nach dem rechtlichen oder ethischen
»Ich erinnere mich nicht, wann und wo ich diese Status einzelner Bilder, sondern zielt grundsätzlich
Bilder zum ersten Mal gesehen habe«, sagte vor vier auf die Kulturtechnik des Fotografierens selbst. Der
Jahren der Hopi Victor Masayesva auf einer Tagung Fotoapparat in der Hand des Fremden manifestiert
an der University of Colorado in Boulder, »aber sie aus Sicht zahlreicher Hopi eine Intervention von
gehen mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf«. Masay- außen, die mit den schwarzweißen Bildrechtecken
esva gehört zu den ersten amerikanischen Ureinwoh- zugleich auch einen Teil des Abgelichteten selbst
nern, die in Princeton studierten, machte Abschlüsse davonträgt und sakrale Rituale und Objekte an Orte
in englischer Literatur und Fotografie, ist Autor mehre- bringt, die ihnen fremd sind.
rer Filme und lebt heute wieder an seinem Heimatort
Hotevilla im Nordwesten Arizonas. Masayesvas Der Fall ist vielschichtig. Man sollte sich hüten, War-
Irritation durch die historischen Fotografien aus den burgs historische Reise im Rückblick so zu betrach-
Pueblos hat mit den Vorbehalten der Hopi gegen das ten, als hätte er sie mit den Klassikern der postkolo-
Ablichten ihrer sakralen Kultgegenstände und Riten nialen Theorie im Gepäck antreten können. Vieles an
zu tun. Insbesondere das Schlangenritual war gegen Warburgs Ansichten ist zeittypisch, und es hilft nicht

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Nachleben und Ableben der Bilder

weiter, dieser historischen Diskursformation heute die von Warburgs psychischer Labilität und seinem le-
eigene Aufgeklärtheit entgegenzuhalten. Andererseits benslangen Hadern mit seiner jüdischen Sozialisation
machen einige Eintragungen in Warburgs Notizen und ihren Ritualen.
deutlich, dass er sich der Wirkung seiner Fotopraxis
bewusst war. Aufgrund der geringen Brennweite der Einmal in Zirkulation versetzt, lassen die Bilder sich
Kodak-Kamera war Warburg gezwungen, nah an kaum wieder stillstellen oder annulieren. Sie lassen
das ausgewählte Motiv heranzugehen. Zu den von sich nicht wieder einfangen und führen längst ein
ihm erwähnten »Verlegenheiten, die Freunden der zweites Dasein in den Tiefen des World Wide Web.
Photographie im fernen Westen drohen«, gehörte vor Aber es gibt die Möglichkeit, ihnen Gegenbilder an
allem der Umstand, dass die Abbildung der Indianer die Seite zu stellen, die sie neu und anders lesbar
oftmals gegen deren Willen geschah. Als Warburg machen. Ein solches Gegenbild gibt es auch zur
im Januar 1897 der Hamburger Gesellschaft zur bekannten Ikonographie der Warburg’schen Reise.
Förderung der Amateurfotografie eine Auswahl seiner Der Reisende selbst hat es im April 1896 in einem
Lichtbilder vorstellte, entschuldigte er sich wiederholt Pueblo in Neumexiko aufgenommen. Es zeigt die
für die schlechte Qualität mancher Bilder, da »fast alle verwischte Rückenansicht einer Frau, die beim
Indianer vor dem Photographiert-Werden eine aber- Anblick des Fotografen die Flucht in das Innere ihres
gläubische Scheu besitzen, die lange Vorbereitungen Hauses angetreten hat und auf dem Film nur eine
ausschließt«. unscharfe Spur ihrer historischen Existenz hinterließ
(Abb. 15). Über der Steinbank, auf der die Frau zuletzt
Bemerkenswert war, dass die Veranstaltung in Boul- noch gesessen hat, erstrahlt ein weißer, gleißender
der am Ende alle Beteiligten nachdenklich zurückließ Lichtschein. »Flucht und Schrecken« ist auch eine
und weder als Streit noch als Pflichtübung politischer Rubrik in Warburgs unvollendetem Bilderatlas Mne-
Korrektheit endete. Hier war ein Fall eingetreten, der mosyne überschrieben. Die Momentaufnahme der
im Normalbertrieb akademischer Vortragsreisen eher aus dem Lichtbild sich davonstehlenden Frau hätte
selten vorkommt. Mit dem Thema der Tagung war hier einen Ort finden können – als unvorhergesehene
unversehens die aktuelle Lebenswelt einer Bevöl- Pathosformel.
kerungsgruppe präsent, die es seit der Einführung
der staatlichen Schulpflicht, seit Zwangsimpfung und »Es gilt«, so schreibt Sigrid Weigel in ihrem Buch
erzwungener Eigentumsbildung gewohnt war, ihre Grammatologie der Bilder, »es gilt die Spuren vor
Interessen gegen fremde Ansprüche an ihre Kultur den existierenden Bildern zu denken – genauer: die
zu verteidigen. Hätte die Tagung im akademischen Spuren, die denjenigen Bildern, die wir sehen, vor-
Milieu der amerikanischen West- oder Ostküste ausgehen.« Damit ist nicht nur ihre Arbeit der letzten
oder Europas stattgefunden, wäre die Frage nach Jahre und Jahrzehnte beschrieben, sondern auch ein
dem prekären Status der Bilder vermutlich gar nicht bild- und kulturwissenschaftliches Programm für zu-
aufgekommen. Zwei Warburg-Bilder standen plötzlich künftige Studien umrissen. Und ich wünsche dir, liebe
unvermittelt nebeneinander: auf der einen Seite einer Sigrid, aber auch uns, deinen Leserinnen und Lesern,
der Gründer der Kulturwissenschaft, auf der anderen dass dieses Programm weiterhin seine Intensität und
Seite ein Fremder aus Europa, dessen Verhalten sich seine intellektuelle Brillanz entfalten wird – und dabei
auf den ersten Blick nicht erkennbar vom Benehmen die zweite, geheime Bedeutung des Kürzels ZfL in ihr
anderer Touristen unterschied. Sollte man sich in Recht tritt: ZfL – Zeit für Lektüre.
dieser Situation auf die Freiheit der Wissenschaft
berufen und die Bedenken der Hopi und Navajo als
extrauniversitären Kollateralschaden auf sich beruhen
lassen? Oder sollte man diese Bedenken zum Anlass
für ein lokales oder gar internationales Bilderverbot
nehmen? In Boulder wurde allen Beteiligten deut-
lich, dass es auf diese Fragen keine eindeutige und
verbindliche Antwort geben konnte, da schon die
Suche nach solchen Verbindlichkeiten erneut mit der
produktiven Energie kultureller Differenzen rechnen
muss. Michael Steinberg stellte dar, dass Warburg
seine Reise nicht als Kolonisator, sondern vor allem
aus Erkenntnisinteresse angetreten habe, und die
anwesenden Hopi und Navajo hörten mit Interesse

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Peter Geimer

Abbildung 15

21 INTERJEKTE 10 / 2017
Nachleben und Ableben der Bilder

ABBILDUNGSNACHWEISE

Abb. 1: Der hl. Benedikt übergibt seine Regel an bild. Fotografie und Anarchismus«, in: Bildwelten des
den hl. Maurus und andere Mönche; frz. Miniatur Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik 2/1
aus einem Manuskript der Regula Benedicti, Abtei (2004), S.78–81, hier S. 78 f. (links: Jan-Carl Raspe
Saint-Gilles, 1129 (Ausschnitt), https://de.wikipedia. 1973; rechts: Antoine Watteau, Pierrot, genannt Gilles
org/wiki/Regula_Benedicti#/media/File:St._Bene- (Pierrot, dit Gilles), 1718/1719).
dict_delivering_his_rule_to_the_monks_of_his_order.
jpg (zuletzt aufgerufen am 04.05.2017). Abb. 10: Bildkombination aus: Otto Karl Werckmeis-
ter, Der Medusa-Effekt. Politische Bildstrategien seit
Abb. 2: Piktogramm Übergabe. dem 11. September 2001, Berlin 2005, S. 43 (links:
© LaCatrina / Fotolia. James Nachtwey, Zaire, 1994; rechts: Caravaggio,
Die Grablegung Christi, 1603/04).
Abb. 3: Diego Velázquez, Übergabe von Breda (Die
Lanzen), 1634–1635, in: José Lopez-Rey, Velázquez, Abb. 11: Bildkombination aus: Süddeutsche Zeitung,
Köln 1996, S. 181, Abb. 73. 4. Mai 2004, S. 11 (links: Filmstill aus Pier Paolo
Pasolini, Die 120 Tage von Sodom, 1975; rechts:
Abb. 4: Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Sigrid Weigel, Staatsrat Fotografie aus Abu Ghraib).
Dr. Carsten Brosda. Foto: Kulturbehörde Hamburg.
Abb. 12–15: Ansichten aus der Ausstellung »Reco-
Abb. 5: Daniel Chodowiecki, KunstKenntnis/Conois- gnition«, 2. September bis 27. November 2016, Tate
sance des Arts, 1779, aus der Folge: Natürliche und Britain. Fotos: Peter Geimer.
affectierte Handlungen des Lebens, zweite Folge,
Blatt 7 und 8. Abb. 16: Aby Warburg, Rückenansicht einer Frau,
© Deutsches Historisches Museum; Jens-Heiner Bau- Neumexiko, 1896, in: Thomas Hensel, »Kupferschlan-
er, Daniel Nikolaus Chodowiecki. Danzig 1726–1801 gen, unendliche Wellen und telegraphierte Bilder. Aby
Berlin. Das druckgraphische Werk. Die Sammlung Warburg und das technische Bild«, in: Cora Bender,
Wilhelm Burggraf zu Dohna-Schlobitten. Ein Bildband Thomas Hensel, Erhard Schüttpelz (Hg.), Schlangen-
in Ergänzung zu Engelmann, Hannover 1982, S. 95, ritual. Der Transfer der Wissensformen vom Tsu’ti’kive
Abb. 571, 572. der Hopi bis zu Aby Warburgs Kreuzlinger Vortrag,
Berlin 2007, S. 297–360, hier S. 318, Abb. 18.
Abb. 6: Bildkombination aus: Marc Baumann, »Die
bayerische Renaissance«, in: Süddeutsche Zeitung
Magazin 14/2008, http://sz-magazin.sueddeutsche.
de/texte/anzeigen/4880/Die-bayerische-Renaissance
(zuletzt aufgerufen am 04.05.2017) (links: Michelan-
gelo, Das Jüngste Gericht [Detail: Jesus mit Maria],
Rom, Città del Vaticano, Sixtinische Kapelle, 1534–
1541; rechts: Luca Toni im Spiel FC Bayern München
gegen Borussia Dortmund am 28.10.2007).

Abb. 7: Bildkombination aus: Hans V. Findeisen, »Der


Tote in der Wanne. Überlegungen zur Ästhetik des
politischen Totenfotos«, in: Kritische Berichte 17/1
(1989), S. 78–81, hier S. 80 (links: Sebastian Knauer,
Uwe Barschel, tot in der Badewanne aufgefunden
am 11. Oktober 1987, veröffentlicht im Stern vom
15.10.1987; rechts: Jacques-Louis David, Der Tod des
Marat, 1793).

Abb. 9: Bildkombination aus: Jörg Probst, »Bildbe-


sprechung: Selbstverwischung. Die RAF im Polizei-

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