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New Testament Studies

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Zur historischen und theologischen Bedeutung der


Erforschung neutestamentlicher Textgeschichte

TOBIAS NICKLAS

New Testament Studies / Volume 48 / Issue 02 / April 2002, pp 145 - 158


DOI: 10.1017/S0028688502000115, Published online: 25 April 2002

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TOBIAS NICKLAS (2002). Zur historischen und theologischen Bedeutung der Erforschung
neutestamentlicher Textgeschichte. New Testament Studies, 48, pp 145-158 doi:10.1017/
S0028688502000115

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New Test. Stud. , pp. –. Printed in the United Kingdom ©  Cambridge University Press

Zur historischen und theologischen


Bedeutung der Erforschung
neutestamentlicher Textgeschichte*
TOB IAS N ICKLAS
Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Regensburg, D-93040
Regensburg, Germany

Meist wird die Erforschung der neutestamentlichen Textgeschichte vor allem als
ein Hilfsmittel auf der Suche nach dem ‘Urtext’ angesehen. Dass auch in textkriti-
scher Hinsicht vielleicht zweitrangig erscheinende Zeugen von hoher theologischer
wie auch historischer Relevanz sein können, zeigt sich auf mehreren Ebenen. So
lassen sich nicht nur Verbindungen zwischen der konkreten Textform manchen
Manuskripts und theologiegeschichtlichen Problemstellungen der ersten
Jahrhunderte aufweisen, auch die Beschaffenheit des Materials, seine Funktion
etwa als Amulett oder im christlichen Schulunterricht, seine Verwendung als
Grabbeigabe oder die Wiederverwertung für verschiedenste Zwecke ermöglichen
wertvolle Schlüsse auf den frühchristlichen Umgang mit dem NT.

Die Erstellung der modernen kritischen Ausgaben des NT – Nestle-Alands


Novum Testamentum Graece in seiner 27. (NA 27) sowie des Greek New Testament
in der 4. Auflage (GNT 4) – hat der wissenschaftlichen Untersuchung des NT eine
Basis beschert, auf der mit weit größerer Verlässlichkeit als noch vor einem
Jahrhundert aufgebaut werden kann. Diese Leistung der Herausgeber kann gar
nicht genug gewürdigt werden. Sie hat aber vor allem im deutschsprachigen
Raum zu dem unbeabsichtigten Nebeneffekt geführt, dass eigenständige textkri-
tische Überlegungen in vielen neueren Untersuchungen nur noch ein Randdasein
fristen bzw. in den Anmerkungsteil ‘verbannt’ werden. Noch seltener werden
Fragestellungen der neutestamentlichen Textgeschichte behandelt: Alleine der
‘Urtext’ interessiert, nur was ihm nahe zu kommen scheint, wird als ‘guter Text’
betrachtet. Dass aber auch die Entwicklung des neutestamentlichen Textes – jen-
seits von Einordnungen in Textfamilien, Einstufungen in Wertigkeiten usw. – an
sich von großem Interesse sein könnte, scheint im Bewusstsein nur am Rande

* Ich bin Prof. Dr Stanley Porter und Dr Wendy Porter (beide Hamilton/Ontario) für die
Zusendung unveröffentlichter Manuskripte zu Dank verpflichtet. Mein Kollege Dr Thomas J.
Kraus gewährte mir bereitwillig Einsicht in seine Vorarbeiten zur Untersuchung von Ps 90
LXX auf Amuletten. 

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eine Rolle zu spielen. Dabei geht es hier nicht nur um philologische Spielerei, die
sich für Sekundäres interessiert, sondern um eine historisch fragende Disziplin
von zutiefst theologischem Interesse: Diese verbindet bibelwissenschaftliche,
patrologische, aber auch soziologische Interessen, ja berührt an manchen
Punkten selbst Fragen systematischer Theologie. Die vorliegende Untersuchung
möchte diese These mit Hilfe einiger Beispiele etwas eingehender beleuchten und
aufzeigen, welche Dimensionen textgeschichtlicher Fragestellung neben dem
bisher Geleisteten möglich, wenn auch kaum diskutiert sind.

1. Textgeschichtliche Forschung als Untersuchung und Interpretation


des Inhalts neutestamentlicher Handschriften

Weitgehend bekannt ist die Tatsache, dass sich – mit einiger methodischer
Vorsicht – Bezüge zwischen dem Text neutestamentlicher Manuskripte und
sozial– wie auch geistesgeschichtlichen Bewegungen im Umfeld des frühen
Christentums aufzeigen lassen. In dieser Hinsicht sei vor allem an B. Ehrmans
Monographie The Orthodox Corruption of Scripture erinnert, die anhand einer
Vielzahl von Beispielen deutlich macht, wie sich die wichtigsten christologischen
Fragen des frühen Christentums in Lesarten neutestamentlicher Handschriften
widerspiegeln.1
Daneben hat vor allem die genaue Untersuchung des Codex Bezae
Cantabrigiensis (D) gezeigt, dass die in diesem Manuskript repräsentierte
Textform eine deutlich antijüdische Tendenz aufweist.2 Doch damit sind längst
nicht alle interessanten Textzeugen untersucht, vor allem aber nicht alle
möglichen Fragen gestellt, geschweige denn beantwortet.

1 B. D. Ehrman, The Orthodox Corruption of Scripture. The Effect of Early Christological


Controversies on the Text of the New Testament (New York/Oxford: Oxford University, 1993).
Vgl. darüber hinaus aber auch die Untersuchungen B. D. Ehrman, ‘1 John 4.3 and the
Orthodox Corruption of Scripture’, ZNW 79 (1988) 221–43; H. Eshbaugh, ‘Textual Variants and
Theology: A Study of the Galatians Text of Papyrus 46’, New Testament Text and Language
(ed. S. E. Porter & C. A. Evans; The Bible Seminar 44; Sheffield: Sheffield Academic, 1997)
81–91; A. Globe, ‘Some Doctrinal Variants in Matthew 1 and Luke 2 and the Authority of the
Neutral Text’, CBQ 42 (1980) 52–72; T. Nicklas, ‘Eine Skizze zu Codex Coridethi’, NovT 42
(2000) 316–27, bes. 325–6; M. Parsons, ‘A Christological Tendency in P 75’, JBL 105 (1986)
463–79, und andere.
2 Vgl. hierzu v.a. E. J. Epp, The Theological Tendency of Codex Bezae Cantabrigiensis in Acts
(SNTSMS 3; Cambridge/New York: Cambridge University, 1966). Weitere Studien zum
Antijudaismus des Codex Bezae: E. J. Epp, ‘The Ignorance Motif in Acts and Anti-Judaic
Tendencies in Codex Bezae’, HTR 55 (1962) 51–62; G. E. Rice, ‘Is Bezae a Homogenous
Codex?’, Perspectives on the New Testament. Essays in Honor of Frank Stagg (ed. C. H. Talbert;
Macon, GA: Mercer University, 1985) 39–54, bes. 41–6. Für den Fall des Vetus-Syra-Textes des
Sinai-Palimpsests vgl. meine Studie ‘Textform und Tendenz. Zum Antijudaismus der alt-
syrischen Sinaiticus-Handschrift (Sys)’, Journal for the Aramaic Bible 4 (2002) [im Druck].

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Die Erforschung neutestamentlicher Textgeschichte 147

Lassen sich etwa Aspekte frühchristlicher Sakramentenlehre, sich entwickeln-


der Ethik,3 der Auseinandersetzung mit der – etwa heidnisch-römischen – Umwelt
usw. aus der Untersuchung neutestamentlicher Textgeschichte erheben?
Spiegeln sich soziale Entwicklungen wie etwa im Hinblick auf die Rolle der Frau,4
die sich ausbildende hierarchisch geprägte kirchliche Organisation oder aufkom-
mende asketische Bewegungen wider? Sind eventuelle antimagische Tendenzen
erkennbar?5 Welche Einflüsse entwickelte der sich mehr und mehr verfestigende
Kanon und damit deutlich werdende innerkanonische intertextuelle
Beziehungen auf die neutestamentliche Textgeschichte?6 Im Zusammenhang der
Untersuchung inhaltlicher theologischer Schwerpunkte dürften auch die alten
Übersetzungen des NTs, die ja zumindest für gewisse Zeit zur Grundlage der
Theologie christlicher Teilkirchen wurden und deren Spiritualität beeinflussten,
eine wichtige Rolle spielen.7 Die Palette der Möglichkeiten geht weit, vieles ist
bisher kaum angedacht, noch weniger bearbeitet.

2. Die Verbindung von Material und Inhalt(en)

Trotzdem sollte auf dieser Stufe nicht stehen geblieben werden. Während
die bisher erwähnten Beispiele sich nur auf inhaltlicher Ebene für die jeweilige

3 Vgl. in diesem Zusammenhang meinen Fragen der Sabbatobservanz diskutierenden Aufsatz,


‘Das Agraphon vom “Sabbatarbeiter” und sein Kontext: Lk. 6:1–11 in der Textform des Codex
Bezae Cantabrigiensis (D)’, NovT 44 (2002) [im Druck].
4 In diesem Zusammenhang sei auf folgende Studien verwiesen: R. I. Pervo, ‘Social and
Religious Aspects of the “Western” Text’, The Living Text. Essays in Honor of Ernest W.
Saunders (ed. D. E. Groh & R. Jewett; Lanham: University Press of America, 1985) 229–41, bes.
235–40; B. Witherington, ‘The Anti-Feminist Tendencies of the “Western” Text in Acts’, JBL
103 (1984) 82–4.
5 Zumindest was den Text bekannter neutestamentlicher Manuskripte angeht, scheinen sich
keine Varianten zu finden, die irgendwelche promagische Tendenzen zeigen, wie auch B. D.
Ehrman, ‘The Text as Window: New Testament Manuscripts and the Social History of Early
Christianity’, The Text of the New Testament in Contemporary Research. Essays on the Status
Quaestionis. A Volume in Honor of Bruce M. Metzger (ed. B. D. Ehrman & M. W. Holmes; SD
46; Grand Rapids: Eerdmans, 1995) 361–79, bes. 369, betont.
6 Der bekannteste Aspekt dieser Fragestellung ist natürlich der der gegenseitigen
Harmonisierung der vier kanonischen Evangelientexte. Vgl. hierzu weiterführend z.B. T.
Baarda, ‘DIAFWNIA – SUMFWNIA: Factors in the Harmonization of the Gospels,
Especially in the Diatessaron of Tatian’, Gospel Traditions in the Second Century. Origins,
Recensions, Text and Transmission (ed. W. L. Petersen; Notre Dame/London: University of
Notre Dame, 1989) 133–54.
7 Zur Bedeutung der Untersuchung der alten Übersetzungen vgl. auch die Überlegungen in
meinem Artikel ‘Das Mißverständnis des Nikodemus (Joh 3,3f.) in syrischer Überlieferung’,
ASE 17 (2000) 203–16, bes. 203, 215–16. Hingewiesen sei aber vor allem auf die entsprechenden
Aufsätze in Ehrman und Holmes, ed., The Text of the New Testament in Contemporary
Research, und die dort angegebenen Literaturlisten.

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Textform des/der entsprechenden Manuskripte(s) bzw. Textzeugen inter-


essierten und diese zu interpretieren suchten, besteht auch über die
Untersuchung der Manuskripte an sich die Möglichkeit, Dimensionen
frühchristlicher Geschichte zu beleuchten: die einzelnen Handschriften stellen ja
vielleicht die direktesten Zugangsmöglichkeiten zur tatsächlichen Welt konkreter
Menschen mit ihren Sorgen und Nöten dar, wollen als (mit Händen) greifbare
Spuren längst vergangenen Lebens angesehen werden.8 Auch hier sollen nur
einige mehr oder weniger zufällig zusammengestellte, kurz angesprochene
Beispiele anzudeuten helfen, welche Möglichkeiten sich mit der Untersuchung
selbst für die Erstellung eines hypothetischen ‘Urtextes’ sicherlich zweitrangiger
Manuskripte ergeben können:

2.1 Zu den erst in jüngster Zeit veröffentlichten Handschriften des NTs gehört
P.Oxy. lxvi. 4500 ( 0308), ein Pergamentfragment mit einem Text von Apk
11.15–16 auf der Fleisch- sowie Apk 11.17–18 auf der Haarseite, welches vom
Herausgeber auf das 4. Jahrhundert datiert wird.9 Betrachtet man allein den Text
des Manuskriptes, so fallen folgende Lesarten ins Auge:10
Apk 11.16 kaºqhmenoªi mit A 051 majA gegen kaqhntai ∏47 a2 C bzw. oi
kaqhntai a* majK
Apk 11.17  kai (nach hn) mit ∏47 a* C gegen omit a2 A maj.

In Apk 11.18 ist zusätzlich nach toi~ doulou~ soºu ein kai sichtbar – eine
Singulärlesart.
Was das Fragment aber darüber hinaus interessant macht, ist die Tatsache, dass
seine ursprüngliche Seitengröße wohl nur 8  8 cm betragen haben dürfte, dabei
jede Seite 14 Zeilen auf einer Fläche von 6  6.5 cm enthalten hat. Es handelt sich
also um ein Beispiel eines Miniaturcodex, einer Handschrift, die sicherlich nicht
zum öffentlichen Vortrag, sondern – im weitesten Sinne eine Art antiken
‘Taschenbuchs’ – für die Zwecke privater Frömmigkeit bestimmt war.11 Hieraus

8 Dies zu zeigen ist auch das Anliegen von T. J. Kraus, ‘Ad fontes: Gewinn durch die
Konsultation von Originalhandschriften am Beispiel von P. Vindob. G 31974’, Bib. 82 (2001)
1–16, bes. 1–3, 14–15.
9 Vgl. W. E. H. Cockle, ‘4500. Revelation XI 15–16; 17–18’, The Oxyrhynchus Papyri LXVI (London:
Egypt Exploration Society, 1999) 35–7, Tafel I und II.
10 Vgl. auch J. K. Elliott, ‘Seven Recently Published New Testament Fragments from
Oxyrhynchus’, NovT 43 (2000) 209–13, bes. 212.
11 Eine Vielzahl weiterer Beispiele von Christen gebrauchter Miniaturcodices bieten z.B. L.
Amundsen, ‘Christian Papyri from the Oslo Collection’, Symbolae Osloenses 24 (1945) 121–47,
bes. 126–8; C. H. Roberts, Manuscript, Society, and Belief in Early Christianity (London:
Oxford University, 1979) 10–11, und v.a. E. Turner, The Typology of the Early Codex
(Philadelphia: University of Pennsylvania, 1977) 29–30. Erinnert sei z.B. an P.Oxy. v. 840
(Reste eines apokryphen Evangeliums), P.Osl. 1661 (∏62; Mt 11.25–30; Dan 3.50–5), P.Ant. i.12
(0232; 2 Joh 1–9) oder P. Vindob. G 3073 (0223; 1 Kor 1.17–2.2).

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aber lässt sich eine Reihe von Fragen ableiten, welche theologie- und
sozialgeschichtliche Problematik verbinden. Nur einige seien genannt: Zeigt sich
z.B. an der privaten Benutzung gerade der Apokalypse ein besonderes Interesse
an den ‘letzten Dingen’?12 Welche Bedeutung hat die kanonische Stellung eines
Textes für seine Rolle im Hinblick auf private Frömmigkeit? Was sagen
‘Miniaturcodices’ allgemein über eine frühchristliche ‘Kultur privaten Lesens’ –
gerade bei höhergestellten Schichten – aus?13

2.2 Zu den ungewöhnlichsten Manuskripten des NTs gehört sicherlich P.Oxy.


xxxiv. 2684 (∏78), ein Doppelblatt (3./4. Jahrhundert), welches eine ganz eigen-
willige Textform von Jud 4–5, 7–8 bietet.14 Es zeigen sich nicht weniger als zwei sin-
guläre Lesarten, dazu drei seltene, jeweils in Differenz zu P.Bodmer. xvii (∏72).
Nicht nur aufgrund seines einzigartigen Textes aber ist der erwähnte Papyrus von
Interesse, einmalig ist vielmehr auch sein (Breit-)Format von 5.3  2.9 cm pro
Seite, auffällig sind auch Schrift und Lay-Out, welche vom Herausgeber als ‘ama-
teurhaft’ bezeichnet werden.15 Es handelt sich also erneut um den Überrest eines
Miniaturcodex, welcher eventuell als Amulett diente. Warum aber wurde hierfür
ausgerechnet der genannte Ausschnitt des Judasbriefes ausgewählt? Soll die im
Text angedrohte Strafe abgewendet werden? Geht es um einen Bann
übelgesonnener Menschen oder wie auch immer gearteter dämonischer Kräfte?
Daneben stellt sich natürlich auch die Frage, ob und inwiefern die eigentümliche
Textform des Fragments mit seiner möglichen Verwendung als Amulett zu tun
haben könnte, doch scheinen sich auch von dieser Seite her keine greifbaren
Verbindungsmöglichkeiten aufzutun.
Klarer liegt der Fall für P.Vindob. G 2312: Der Papyrus (6  14.9 cm; 6.
Jahrhundert) bietet auf insgesamt 8 Zeilen hintereinander eine
Zusammenstellung dreier biblischer Texte:16 Ps 90.1–2 LXX (Z. 1–3); Röm 12.1–2

12 Ein weiteres Beispiel für die Apokalypse auf Miniaturcodex bietet P.Oxy. viii. 1080 (169; Apk
3.19–4.3). Auch die beiden in der Wiener Nationalbibliothek (P.Vindob. G 39756) sowie in der
Bodleian Library (Bodl. Ms. Gr. Th.f. 4) befindlichen Fragmente der apokryphen
‘Offenbarung des Petrus’ entstammen einem Miniaturcodex.
13 Vgl. zu dieser Problematik auch H. Y. Gamble, Books and Readers in the Early Church. A
History of Early Christian Texts (New Haven/London: Yale University, 1995), sowie T. J. Kraus,
“Uneducated”, “Ignorant”, or even “Illiterate”? Aspects and Background for an
Understanding of AGRAMMATOI (and IDIWTAI) in Acts 4.13’, NTS 45 (1999) 434–49.
14 ‘2684. New Testament: Jude 4–5, 7–8’, The Oxyrhynchus Papyri XXXIV (London: Egypt
Exploration Society, 1968) 4–6, Tafel I. Vgl. daneben K. Treu, ‘Christliche Papyri IV’, APF 22
(1973) 367–95, bes. 373.
15 Ibid., 5.
16 Vgl. C. Wessely, Textus Graeci Papyrorum, qui in Libro ‘Papyrus Erzherzog Rainer – Führer
durch die Ausstellung Wien 1894’ descripti sunt (SPP; Leipzig: Haessel, 1921) 141, Nr. 294. Ein
neueres Foto mit kurzer Kommentierung findet sich bei H. Förster, ‘Alltag und Kirche’,
Christliches mit Feder und Faden. Christliches in Texten, Textilien und Alltagsgegenständen

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(Z. 4–6, Text bricht aber mitten im Wort ab); Joh 2.1 (Z. 7–8, Text bricht mitten im
Wort ab). Erst die Betrachtung des Restes dieses Manuskripts macht deutlich,
worum es sich hier handelt: Am oberen Rand finden sich sieben siebenstrahlige
Sonnensterne, in Zeile 9 eine Reihe magischer Zeichen, die Anrufungen von
‘Adonai’ und ‘Sabaot’ einschließen. All dies spricht dafür, dass hier ein Amulett
vorliegen muss. Doch worin bestand seine konkrete Funktion? Handelt es sich,
wie vielleicht aus Joh 2.1 zu erschließen, um einen ‘Schutz für Jungverheiratete’?17
Warum ist der Text dann mit Röm 12.1–2 und dem Ausschnitt des Psalms18 zusam-
mengestellt? Was bedeutet eine derartige Verwendung des Textes für seine
Bewertung in den Augen des Benutzers? Hier tun sich bereits die Tore in die
Richtung zur Frage nach ‘magischen’ Vorstellungen im frühen Christentum auf –
ein Feld, das im Rahmen des Vorliegenden natürlich nicht ‘beackert’, sondern nur
angesprochen werden kann.
Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch P.Oxy.
viii. 1077 (6  11.1 cm; 6. Jahrhundert). In insgesamt fünf in der Senkrechte in je
drei Quadrate geteilten Kolumnen wird hier ein etwas verkürzter Text von Mt
4.23–4 geboten, der der größeren Übersichtlichkeit halber interpunktiert
wiedergegeben sei:19
kai; perih`gen oJ ∆Ihsou`~ o”lhn th;n Galilaivan didavskwn kai; khruvsswn to;
eujaggevlion th`~ basileiva~ kai; qerapeuvwn pa`san novson kai; pa`san novson
kai; pasan malakivan ejn tw`/ law`/
kai; ajph`lqen hJ aJkoh; auJtou` eiJ~ o{lhn th;n Surivan kai; proshvnegkan aujtw`/
tou;~ kakw`~ e[conta~ kai; ejqeravpeusen aujtou;~ oJ ∆Ihsou`~.
So zeigt P.Oxy. viii 1077 bereits auf den ersten Blick eine ganz einmalige Textform,
die sicherlich nicht im Einzelnen durchbesprochen werden muss.20 Auffällig aber
ist besonders die dreimalige Explikation der Heilung jeder Krankheit (V. 23) sowie
die erheblichen Kürzungen in V. 24. Betrachtet man die Form des Manuskripts

aus Ägypten. Katalog zur Sonderausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek aus


Anlaß des 14. Internationalen Kongresses für Christliche Archäologie (ed. J. Henner, H. Förster
& U. Horak; Nilus 3; Wien: OVG, 1999) 40–51, bes. 48–9.
17 Förster, ‘Alltag’, 48.
18 Ps 90 LXX begegnet häufig auf Amuletten, was sicherlich eng mit seinem Inhalt zusammen-
hängt, wo der Beter sich unter den Schutz Gottes stellt. Eine genaue Untersuchung über die
Verwendung dieses Textes auf Amuletten wird im Moment von meinem Kollegen Dr Thomas
Kraus vorbereitet, der mir dankenswerterweise Einblick in seine Unterlagen gewährte.
19 Zum Text, wie er sich im erhaltenen Manuskript präsentiert, vgl. ‘1077. Amulett: St.
Matthew´s Gospel iv’, The Oxyrhynchus Papyri VIII (London: Egypt Exploration Fund, 1911)
10–11.
20 Zum schnellen Vergleich mit anderen griechischen Handschriften der Stelle eignet sich
vielleicht am besten New Testament Greek Manuscripts. Variant Readings Arranged in
Horizontal Lines against Codex Vaticanus. Matthew (ed. R. J. Swanson; Sheffield/Pasadena:
Sheffield Academic/William Carey International University, 1995) 30–1.

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Die Erforschung neutestamentlicher Textgeschichte 151

darüber hinaus etwas näher, erklärt sich dieser Befund: Jedes der durch die
Dreiteilung der Kolumnen entstehenden Quadrate ist durch Herausschneiden
der Ecken sowie durch die Schreibung des Textes in Form von Kreuzen verziert.
Die Kreuze der ersten wie auch der letzten Kolumne sind ausgezeichnet, in den
anderen nur durch die Anordnung der Buchstaben angedeutet. Die sich hier
zeigende besondere Textform von Mt 4.23–4 dürfte also mit der Verwendung als
Amulett zusammenhängen, bei der es in erster Linie um die Betonung der
heilkräftigen Tätigkeit Jesu ankam. Wie der Evangelientext verstanden wurde,
zeigt sich darüber hinaus aber auch in der Verwendung folgender Überschrift in
Kolumne 1: iamatikon euaggelion kata Matqaion (‘heilendes Evangelium nach
Matthäus’).
Dass die Tatsache der Einstufung eines Fragments als Amulett aber nicht
unbedingt gleichzeitig bedeutet, dass der sich dort findende biblische Text text-
kritisch uninteressant sein muss, zeigt etwa P.Vindob. G 29831 (6. Jahrhundert; 4.2
 6.5 cm; Pergament), ein Doppelblatt aus einem Miniaturcodex, welches vom
Herausgeber aus Amulett eingestuft wird.21 Der sich auf dem zweiten Blatt fin-
dende Textausschnitt von Joh 1.5–6 stimmt vollkommen mit dem in den heutigen
kritischen Ausgaben des NA 27 sowie GNT 4 überein.
Mit diesen kurzen Andeutungen ist natürlich keineswegs die Welt der neutes-
tamentlichen Textzeugen erschlossen, welche mit mehr oder weniger großer
Sicherheit als Amulett o.ä. benutzt wurden. Sie seien vielmehr nur als Hinweis auf
ein – zumindest von Seiten der neutestamentlichen Exegese – weitgehend
unbeackert gebliebenes Feld von kaum überschaubaren Dimensionen gegeben.22

2.3 Mit P.Vindob. L 91 betreten wir ein anderes Gebiet, welches im Hinblick auf
die Untersuchung neutestamentlicher bzw. biblischer Textzeugen allgemein von
Interesse ist: der Papyrus (17.5  7.5 cm) bietet auf dem Recto folgenden Rest eines
lateinischen Vaterunsers, abwechselnd in griechischer und lateinischer Schrift:23
et panem nostºr≥o≥um≥
[e]d· [in terra pan]em
kw≥tªiºqianoum // da nobi~

21 Vgl. ‘10. Amulett mit Joh. 1,5–6’, Griechische literarische Papyri christlichen Inhaltes II.
Textband (ed. K. Treu & J. Diethart; Wien: Hollinek, 1993) 23.
22 Weiterführend ist natürlich noch an die Verwendung neutestamentlicher Motive und
Gattungen in magischen Papyri und anderen Materialien zu denken. Damit aber ist der engere
Bereich biblischer Textgeschichte verlassen und in die Wirkungsgeschichte im weiteren Sinne
eingetreten. Eine Vielzahl von – häufig spät zu datierenden – Beispielen, die sich natürlich auch
aufgrund der Haltbarkeit von Papyri v.a. auf Oberägypten konzentrieren, findet sich in dem
Sammelband Ancient Christian Magic. Coptic Texts of Ritual Power (ed. M. Meyer & R. Smith;
San Francisco: Harper, 1994). Hier ist auch weiterführende Literatur angegeben.
23 Vgl. Neue Texte aus dem antiken Unterricht (ed. H. Harrauer & P. J. Sijpestijn; MPER NS 15;
Wien: Hollinek, 1985) 177–8, Nr. 184.

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nostrum cothqi dianum


odie e demette nobi~
da nobis hed· ie· // e demette
debitta nostra
nobis // debitta no[stra]
s≥i≥k≥ . . . e≥ªd
s[icu]d· [

Als Textzeuge für die Rekonstruktion eines ursprünglichen Vaterunsers ist das
vorliegende Fragment natürlich vollkommen bedeutungslos. Worin aber besteht
der Hintergrund dieser eigenartigen Zusammenstellung von Textteilen des
lateinischen Vaterunsers in griechischer und lateinischer Schrift? Liegt hier
wiederum ein Amulett vor? Eher wohl handelt es sich um eine Übung aus dem
Schulalltag des christlichen Ägypten. Damit wäre dann ein weiterer kaum über-
schaubarer Bereich angesprochen: Natürlich lässt sich nicht bei jedem
Textzeugen eine eindeutige Entscheidung fällen, ob eine Schulübung vorliegt
oder nicht. Manuskripte, die in irgendeiner Weise mit schulischem Unterricht zu
tun hatten, lassen sich aber häufig an einem oder mehreren der folgenden
Merkmale erkennen:
(1) Die Verbindung von literarischem Auszug und ganz klar einzustufenden
schulischen Übungen wie etwa das Schreiben eines Alphabets u.a.: Hierzu lassen
sich etwa Beispiele für ganze ‘Schulhefte’ bzw. ‘-bücher’ anführen, die z.T. von
mehreren Personen für verschiedene Übungen gebraucht wurden. Erwähnt sei
etwa P.Vindob. G 29274 (4 Doppelblätter, 5  9.5 cm; 4./5. Jahrhundert). Dort
findet sich neben einer Abschreibübung von Ps 32.9–15 LXX eine ganze Reihe weit-
erer Schulübungen sowie die ungelenke Zeichnung eines Menschen. Ähnliches
lässt sich aber auch auf einzelnen Ostraca beobachten. So verbindet etwa die Nr.
190 der Sammlung Neue Texte und Dokumentation zum Koptisch-Unterricht 24 2
Kor 4.18–19 und Mt 5.13 mit Buchstabenübungen und Wortteilen.
(2) Auch die Markierung von Worten und Silben eines Textes für Leseübungen
begegnet immer wieder auch in Manuskripten mit biblischem Text, so etwa auf
T.Vat. gr. 2657, einer Holztafel mit den Psalmen 28 und 29.1–7.25
(3) Im genannten Zusammenhang mag auch P. Vindob. K 9152 V von Interesse
sein, welcher auf der Fleischseite einen koptischen Text von Apg 27.14–21 bietet.
An den linken Freirand ist von zweiter Hand die eigentliche Schulübung, eine

24 Neue Texte und Dokumentation zum Koptisch-Unterricht (ed. M. Hasitzka; MPER NS 18; Wien:
Hollinek, 1990) 124–5.
25 Vgl. hierzu R. Pintaudi, ‘Una Tavoletta lignea della Biblioteca Vaticana: Vat. gr. 2657’, ZPE 48
(1982) 97–104. Eine Leseübung mit neutestamentlichem Text findet sich daneben als
Nummer 210 bei Neue Texte und Dokumentation zum Koptisch-Unterricht, 141 (Ostracon;
Röm 16.10–12; Datierung unklar). Hingewiesen sei darüber hinaus etwa auf P.Lit.Lond. 207
(3./4. Jahrhundert) mit Ps 11.7–14.4 LXX. Hier sind von zweiter Hand über Ps 11.7–13 Punkte zur
Markierung der Silben eingetragen.

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Die Erforschung neutestamentlicher Textgeschichte 153

Liste von Wörtern und Wendungen aus Apg 1.1–13.42, nachgetragen.26 Hier ist
natürlich der engere Zusammenhang biblischer Textgeschichte verlassen, gleich-
zeitig öffnet sich das Tor zu einem wenig beachteten Bereich neutestamentlicher
Wirkungsgeschichte.
(4) Als ein letztes Beispiel sei die Wiederholung von Texten als Schreibübung
angeführt. In diesem Zusammenhang sei vor allem an O.Sarga 5 erinnert, wo sich
wohl ein Mönch oder Novize zwei Mal nacheinander am Text von Joh 2.1 ver-
suchte.27 Daneben finden sich Vorlagen für Abschreibübungen,28 ja selbst ganze
‘Studienbücher’ wie etwa der Codex Chester Beatty inv. Ac 1499 mit einem
griechisch-lateinischen Lexikon zu den paulinischen Briefen sowie einer griechi-
schen Grammatik.29 Anderes bleibt in seiner Einordnung unsicher: so wurde z.B.
P.Oxy. ii. 209 (Ausschnitte aus Röm 1; erste Hälfte 4. Jahrhundert) wegen der
Schrift, aber auch der Fehler in der Schreibung von den Herausgebern als ‘school-
boy´s exercise’ eingestuft.30 Hingewiesen sei auch auf O.Moen 631 mit Mt 1.19–20.
Die Interpretation als Schulübung erfolgte hier aufgrund der sich ebenfalls auf
dem Ostracon findenden Zeichnungen, der ungelenken Schrift wie auch der
Tatsache, dass der Text plötzlich abbricht.31 Ähnlich lässt sich schließlich auch
P.Berol. 3605 (1 Tim 1.4–5, 6–7; 6./7. Jahrhundert) wegen seiner ‘große(n), grobe(n),
unregelmäßige(n) Schrift’ als ‘Schulübung oder Federprobe’32 einordnen.

2.4 In ganz anderer Hinsicht mag P.Oxy. iv 657 (∏13), vom Herausgeber auf die
erste Hälfte des 4. Jahrhunderts datiert,33 von Interesse sein, welcher – angeordnet

26 Vgl. hierzu Neue Texte und Dokumentation zum Koptisch-Unterricht, 171–3, sowie Griechische
und koptische Texte theologischen Inhalts III (ed. C. Wessely; SPP 12; Leipzig: Akademie, 1912
[Nachdruck Amsterdam: Hakkert, 1966]) 132–4, Nr. 154 a.b.c.
27 Vgl. hierzu Wadi Sarga. Coptic and Greek Texts from the Excavations Undertaken by the
Byzantine Research Account (ed. W. E. Crum & H. I. Bell; Kopenhagen: Gyldendalske
Boghandel/Nordiske Forlag, 1922) 31. Beispiele mit alttestamentlichen Texten finden sich in
der Wiener Sammlung, so etwa P.Vindob. G 22857 (7. Jahrhundert/Arsinoites/
Herakleopolites): hier gibt ein erfahrener Schreiber auf Zeile 1 Ps 109.1 LXX vor, weitere
Hände ahmen nach. Vgl. Neue Texte aus dem antiken Unterricht, 74, Nr. 88. Tafel 30.
28 Hingewiesen sei – obwohl ohne neutestamentlichen Text – auf die Tafeln des Aurelios
Papnouthion, Louvre inv. MND, MND 552 H,I,K,L mit Ps 146 als Schreibübung. Vgl. hierzu B.
Boyaval, ‘La cahier scolaire d´Aurelios Papnouthion’, ZPE 17 (1975) 225–35.
29 Vgl. The Chester Beatty Codex Ac 1499. A Graeco-Latin Lexicon on the Pauline Epistles and a
Greek Grammar (ed. A. Wouters; CBM 12; Leuven/Paris: Peeters, 1988) 166–8.
30 Vgl. ‘CCIX. St. Paul´s Epistle to the Romans, Chap. I.’, The Oxyrhynchus Papyri II (ed. B.
Grenfell & A. S. Hunt; London: Egypt Exploration Fund, 1899) 8–9. Tafel II, bes. 8.
31 Vgl. P. J. Sijpesteijn, ‘Matthäus 1,19–20 auf einem Ostracon’, ZPE 55 (1984) 145.
32 K. Treu, ‘Neutestamentliche Fragmente der Berliner Papyrussammlung’, APF 18 (1966) 23–38,
bes. 36. Vgl. ähnlich O.Vindob. K 505 (Jak 3.9–11; 8. Jahrhundert?): ‘Auf beiden Seiten große
unbeholfene Schrift.’ Neue Texte und Dokumentation zum Koptisch–Unterricht, 130.
33 Vgl. ‘657. Epistle to the Hebrews’, The Oxyrhynchus Papyri IV (London; Egypt Exploration
Fund, 1904) 36–48, bes. 37. Ein weiteres Fragment desselben Papyrus wurde 1951 als PSI

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in (erhaltenen) 11 Kolumnen – bedeutende Teile des Hebräerbriefes wiedergibt.


Auch hier ist natürlich bereits der Text an sich beachtenswert. Daneben aber
ergeben sich weitere aufschlussreiche Details: Der biblische Text des
Hebräerbriefes steht auf dem Verso des Papyrus, auf der Recto-Seite findet sich ein
Auszug aus Livius, xxxvii–xl sowie xlviii–lv – wohlgemerkt in lateinischer Sprache
(P.Oxy. iv. 668)! Die Tatsache, dass vor dem Beschreiben des Verso der Versuch
unternommen wurde, das Manuskript durch Streifen weiterer Papyri zu stärken,
dürfte darauf hindeuten, dass beide Texte erhalten werden sollten. Natürlich ist
ein derartiger Zeuge nicht nur aufgrund seines neutestamentlichen Textes und
dessen Form von Interesse, vielmehr wirft er natürlich auch Licht auf seine(n)
Besitzer bzw. Benutzer, bei dem bzw. denen ein hohes Bildungsniveau bei gle-
ichzeitigem literarischen Interesse – in zwei verschiedenen Sprachen – vorausge-
setzt werden kann. Doch vielleicht geht dieser letzte Schluss schon ein Stück zu
weit, ist zu eindeutig gezogen. Letztlich birgt jeder erhaltene Textzeuge ein Stück
Geheimnis, das ihm nicht bis ins Letzte entlockt werden kann.
So bietet etwa auch P.Amh. i.3 (∏12) ein komplexes Zueinander von Texten. Für
die Frage nach der Rekonstruktion eines möglichst ursprünglichen NTs mag
dieses Manuskript vor allem aufgrund seines hohen Alters von Interesse sein.
Geboten wird hier – nach Auskunft des Herausgebers in einer Unziale des späten
3. bzw. frühen 4. Jahrhunderts – ein Text von Hebr 1.1,34 welcher v.a. aufgrund des
 hmªwºn nach patrasin interessant ist. Gleichzeitig aber ist dieser Zeuge als ein
wahres Konglomerat von Texten anzusehen: Auf dem Recto des Papyrus findet
sich der Brief einer offensichtlich angesehenen Gestalt der Kirche aus Rom an
befreundete Bewohner des Faijum.35 Auf der gleichen Seite ist auch der erwähnte
Text aus dem Hebräerbrief zu finden, während das Verso Gen 1.1–5 in den
Versionen der LXX und Aquila wiedergibt. Auch hier stellt sich eine Reihe von
Fragen: Welchen Grund könnte es haben, sich Hebr 1.1 zu notieren? Ist der bereits
vorhandene Text hier als ‘gebrauchtes’ Papier für neue Zwecke wiederverwertet?
Was bedeutet dies dann aber für die ‘Qualität’ des Textzeugen? Andererseits:
Worin könnte der Zweck der Zusammenstellung zweier griechischer Versionen

1291/1292 herausgegeben. Vgl. Papiri Greci e Latini XII.2 (ed. V. Bartoletti; Publicazione della
Società Italiana per la ricerca dei Papiri greci e latini in Egitto; Florenz: Felice le Monnier,
1951) 207–10. Eine Liste weiterer Datierungsversuche bietet K. Aland, Repertorium der
griechischen christlichen Papyri I: Biblische Papyri. Altes Testament, Neues Testament, Varia,
Apokryphen (PTS 18; Berlin/New York: De Gruyter, 1976) 232.
34 Vgl. The Amherst Papyri. Being an Account of Greek Papyri in the Collection of The Right Hon.
Lord Amherst of Hackney, F.S.A., Part I: The Ascension of Isaiah, and Other Theological
Fragments (ed. B. P. Grenfell & A. S. Hunt; London: Oxford University, 1900) 28–31, bes. 31.
35 Zur Problematik der Rekonstruktion eines genauen Hintergrundes vgl. C. Wessely, Les plus
anciens monuments du Christianisme écrits sur papyrus (PO IV.2; Paris: Firmin-Didot, 1906)
137–8.

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Die Erforschung neutestamentlicher Textgeschichte 155

von Gen 1.1–5 bestanden haben? Bilden textgeschichtliche Studien den


Hintergrund eines derartigen Zueinander? Worin bestand ihr eigentlicher
Hintergrund?36

2.5 Damit aber sind noch keineswegs alle Möglichkeiten angesprochen, die
sich aus der genaueren Betrachtung neutestamentlicher Handschriften für die
Rekonstruktion frühchristlicher Theologie- und Sozialgeschichte ergeben
können. Nur im Ansatz erwähnt ist die Bedeutung der Schrift an sich, der Qualität
der Gestaltung des Textes, der Güte des Materials, aber auch mögliche
Gliederungssignale, die ja wiederum Licht auf die Interpretation des Inhalts
werfen,37 eventuelle Notierungen in Bezug auf den Vortrag38 usw. Nicht erwähnt
wurde auch das bereits mehrfach diskutierte Problem sog. Hermeneia in
Handschriften v.a. des Johannesevangeliums.39
Es zeigt sich also: Form und Inhalt gehören zusammen. Diese Binsenweisheit
lässt sich nicht nur auf die Verbindung zwischen der syntaktisch erhobenen
Struktur eines Textes und seiner Semantik beziehen, sondern genauso auch auf
die zwischen der formalen Gestaltung eines neutestamentlichen Manuskriptes
und der Interpretation des auf ihm repräsentierten Textes durch den Gestalter wie
auch seine Rezipienten. Diese für die Interpretation der Handschrift im Hinblick
auf seine Stellung im Rahmen neutestamentlicher bzw. biblischer Textgeschichte

36 Ein weiteres Beispiel für die Notierung eines neutestamentlichen Textes auf einem bereits
benutzten Papyrus ist P.IFAO II 31 (2. Jh.), welcher auf der Rückseite wohl einer Urkunde
Reste von Apk 1.13–20 – wahrscheinlich zum privaten Gebrauch notiert – bietet. Vgl. hierzu
D. Hagedorn, ‘P.IFAO II 31. Johannesapokalypse 1.13–20’, ZPE 92 (1992), 243–7,
Tafel IX.
37 In Bezug auf alttestamentliche Texte hat solche Untersuchungen v.a. J. M. Oesch, Petucha
und Setuma. Untersuchungen zu einer überlieferten Gliederung im hebräischen Text des Alten
Testaments (OBO 27; Freiburg/Schweiz/Göttingen: Universitätsverlag/Vandenhoeck &
Ruprecht, 1979) angestellt.
38 Hierauf hat zuletzt W. Porter, ‘The Use of Ekphonetic Notation in New Testament
Manuscripts,’ Akten des 23. Internationalen Kongresses für Papyrologie, Wien, 22.–28. Juli
2001 (Wien: Hollinek, 2003) [in Vorbereitung], verwiesen.
39 Eine Liste von Handschriften mit derartigen ‘Hermenien’ bietet K. Treu, ‘P.Berol. 21315:
Bibelorakel mit griechischer und koptischer Hermeneia’, APF 37 (1991) 55–60, bes. 60. Zur
Problematik vgl. v.a. den Beitrag von B. M. Metzger, ‘Greek Manuscripts of John´s Gospel
with “Hermeneiai”’, Text and Testimony. Essays on New Testament and Apocryphal Literature
in Honour of A.F.J. Klijn (ed. T. Baarda u.a.; Kampen: Kok, 1988) 162–9, der die These vertritt,
dass die Hermeneia nicht als übliche Auslegungen des neutestamentlichen Textes zu verste-
hen, sondern eher in der Nähe von Orakelsprüchen anzusiedeln seien, sowie S. E. Porter,
‘The Use of Hermeneia and Johannine Papyrus Manuscripts’, Akten des 23. Internationalen
Kongresses für Papyrologie, welcher doch sprachliche Verbindungen mit den biblischen
Texten herzustellen sucht. P. W. Van der Horst, ‘Sortes: Sacred Books as Instant Oracles in
Late Antiquity’, The Use of Sacred Books in the Ancient World (ed. L. V. Rutgers u.a.; Leuven:
Peeters, 1998) 143–73, bes. 166–7, schließlich ordnet das Phänomen in den Kontext der antiken
Verwendung ‘heiliger Schriften’ als Orakel ein.

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wichtige Erkenntnis darf aber nicht zu dem Umkehrschluss führen, dass be-
stimmte Zeugen, weil sie als Schulübung, Amulett o.ä. einzuordnen sind, grund-
sätzlich aus dem textkritischen Entscheidungsprozess auszugliedern seien. Der
Text eines Amuletts mag in vielen Fällen aus dem Gedächtnis niedergeschrieben,
kann aber durchaus auch aus einem bedeutsamen umfangreicheren Codex aus-
geschnitten oder abgeschrieben sein – und genauso kann auch einer Schulübung
ein im Hinblick auf die eigentliche Textkritik wertvoller Text als Vorlage zugrun-
deliegen.

3. Geschichte(n) des Umgangs mit neutestamentlichen Textzeugen

Abschließend sei noch auf eine letzte Dimension möglicher


Untersuchungen hingewiesen: Nicht nur der Inhalt und das Material eines
Textzeugen spielen eine Rolle. Wo dies noch rekonstruierbar ist, können auch die
Fundumstände bzw. der Fundort eines Manuskriptes Licht auf dessen
Geschichte, seine Deutung bzw. Bedeutung werfen. Nur einige Beispiele seien
angeführt:
Hingewiesen sei etwa auf die Evangelienhandschrift der Chester Beatty-Papyri
des NTs (∏45). Auch wenn sich hier die konkreten Fundumstände wohl nicht
mehr mit letzter Sicherheit rekonstruieren lassen, erscheint es wahrscheinlich,
dass die Papyrusbücher in einem Topf aufgefunden wurden.40 Wurden diese
Texte in Gefäßen aufbewahrt, um sie vor Vernichtung zu schützen? Lassen sich
von hier aus Parallelen zu jüdischem Umgang mit ‘Heiliger Schrift’ – man denke
etwa auch an die Textfunde aus Qumran – ziehen? Doch auch dies ist nicht das
einzige Beispiel von Interesse: Ganz anders sieht der Fall z.B. für ∏4 (Paris, Bibl.
Nat. Suppl. Gr. 1120) aus. Dieses Manuskript wurde aus Fetzen zusammen-
geleimter Blätter zur Ausfüllung eines Philo-Codex rekonstruiert.41 Der berühmte
Akhmim-Codex (P.Cair. 10759) des sog. Petrusevangeliums schließlich – zwar kein
Zeuge biblischer Textgeschichte, immerhin aber für die neutestamentliche

40 Vgl. hierzu die Nachforschungen von C. Schmidt, ‘Die Evangelienhandschrift der Chester-
Beatty-Sammlung’, ZNW 32 (1933) 225–32, bes. 226. Ein weiterer Fall ist das von H. Thompson
edierte Manuskript des Johannesevangeliums in subachmimischem Dialekt. Vgl. hierzu F.
Petrie, ‘The Discovery of the Papyrus’, The Gospel of St. John according to the Earliest Coptic
Manuscript (ed. H. Thompson; London: British School of Archaeology in Egypt, 1924) ix–x.
Vgl. ähnlich The Coptic Version of the Acts of the Apostles and the Pauline Epistles in the
Sahidic Dialect (ed. H. Thompson; Cambridge: Cambridge University, 1932) ix, zu den
Fundumständen fünf koptischer Pergamentcodices mit der Apg und den paulinischen
Briefen.
41 Zu den Fundumständen vgl. R. P. Scheil, ‘Fragments de l´Évangile selon Saint Luc, recueillis
en Égypte’, RB 1 (1892) 113–15, bes. 113; J. Merell, ‘Nouveaux Fragments du Papyrus 4’, RB 47
(1938) 5–22, bes. 5–6.

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Die Erforschung neutestamentlicher Textgeschichte 157

Exegese von großer Bedeutung – diente als Grabbeigabe.42 Dies ist besonders
interessant, wenn man einen Bezug zum Inhalt des Manuskripts herstellt:
Passions– und Auferstehungserzählungen eines apokryphen Evangelientextes,
eine recht eigenständig wirkende Rezension der sog. Offenbarung des Petrus43 mit
Beschreibung des Jenseits sowie Ausschnitte des griechischen Henochbuchs.
Wurde dieser eigenartige Codex vielleicht bereits im Hinblick auf die zukünftige
Jenseitsreise seines Besitzers zusammengestellt? Wirken hier Formen ägyptischer
Frömmigkeit auch auf manche frühe Christen dieser Region nach? Auf jeden Fall
liegt hier ein hochinteressanter Zeuge für eschatologische Vorstellungen vor, der
gerade in seiner Gesamtheit kaum untersucht ist.
Auf einer noch einmal anderen Ebene liegt die Problematik der sog.
Palimpseste: Dass etwa die Vetus Syra-Version der vier Evangelien (Sys) Ende des
8. Jahrhunderts mit Texten wie Legenden heiliger Frauen, einer Apologie des
Glaubens nach Nestorius, der Susanna-Erzählung, dem Martyrium des Zauberers
Cyprian und der Jungfrau Justa oder Versen Ephräms überschrieben wurde,44 ist
natürlich auch von Aussagekraft dafür, wie sehr diese Textform zu diesem
Zeitpunkt an Bedeutung verloren hatte.

Fazit

So mag am Ende dieser kurzen Skizze der Eindruck stehen, dass sie vor
allem Fragen aufgeworfen, weniger Antworten gegeben hat. Letzteres war aber
auch gar nicht angezielt. Aufgezeigt werden sollte vielmehr ein eng verstricktes
Knäuel von Desiderata im Bereich der Erforschung neutestamentlicher
Textgeschichte. Natürlich bleibt die Frage nach dem neutestamentlichen ‘Urtext’
weiter von höchstem Interesse. Daneben aber sollte jeder Textzeuge an sich und
für sich als konkreter ‘Fingerabdruck’45 von Menschen einer vergangenen Zeit als
historisch wertvoll eingestuft werden. Nicht nur der rein neutestamentliche Text
dieser Manuskripte macht sie interessant, vielmehr ist das Zusammenspiel aller
Inhalte mit der Form von größter Bedeutung. Hinzu kommt alles, was sich über
den Umgang mit dem jeweiligen Manuskript rekonstruieren lässt – also die
konkrete Geschichte des Textzeugen. So betrachtet, sind neutestamentliche
Manuskripte nicht nur als Zeugen eines ‘Urtexts’ von Bedeutung, sie erzählen

42 Vgl. U. Bouriant, ‘Fragments du texte grec du livre d´Énoch et de quelques écrits attribués à
Saint Pierre’, MMAF 9.1 (1892) 93–147, bes. 93–5.
43 Vgl. hierzu v.a. R. Bauckham, ‘The Apocalypse of Peter. A Jewish-Christian Apocalypse from
the Time of Bar Kochba’, Apocrypha 5 (1994) 7–111, bes. 9–12, 109–10.
44 Vgl. hierzu die Angaben bei A. Hjelt, Die altsyrische Evangelienübersetzung und Tatians
Diatessaron, besonders in ihrem gegenseitigen Verhältnis untersucht (Leipzig: Akademie,
1901) 77.
45 So auch Kraus, ‘Ad fontes’, 1.

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vielmehr – in subtiler Weise – Geschichten, die zu überhören bedeuten würde,


hochinteressante Aspekte frühchristlicher Theologie- wie auch Sozialgeschichte
außer Acht zu lassen.

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