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Manfred Frank

»Reduplikative Identität«
Der Schlüssel zu Schellings
reifer Philosophie

Schellingiana 28
frommann-holzboog
Schellingiana
Quellen und Abhandlungen zur
Philosophie F.W. J. Schellings

Herausgegeben von Walter E. Ehrhardt


und Jochem Hennigfeld im Auftrag
der Internationalen Schelling-Gesellschaft

Band 28
Manfred Frank

»Reduplikative Identität«
Der Schlüssel zu Schellings
reifer Philosophie

frommann-holzboog
Das handschriftliche Original des Vierzeilers auf Seite 1

Ich bin der ich war.


Ich bin der ich sein werde.
Ich war der ich sein werde.
Ich werde sein der ich bin

aus dem Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der


Wissenschaften, Archiv-Sign.: NL Schelling, 86, S. 20

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet


diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.dnb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-7728-2841-6
eISBN 978-3-7728-3210-9

© frommann-holzboog Verlag e.K. · Eckhart Holzboog


Stuttgart-Bad Cannstatt 2018
www.frommann-holzboog.de
Satz: Konrad Triltsch GmbH, Ochsenfurt-Hohestadt
Gesamtherstellung: Laupp & Göbel, Gomaringen
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier
„Was ist aber der Idealismus?
Ein Pferdescheuer Schrecken vor dem Materialismus.“
Friedrich Christoph Oetinger (Die Lehrtafel der
Prinzessin Antonia, 1977b, Teil 1, 136)
Inhalt

Vorwort .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. IX

I. TEI L – Fünf Voraussetzungen der Natur-Geist-Identität in


Schellings philosophischen Anfängen .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 001

01. Anregungen aus Reinholds Verfahren bei der


Deduktion der Kategorien (1789). Die Abhängigkeit
der Analysis von der Synthesis und der
darauf begründete Vorrang der dritten Kategorie
jeder Klasse .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 008

02. Zum Koinón des Timaeus: der ‚Geist‘ als


selbstaffirmativer Organismus .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 019

0 3. Schellings Platonismus ist nachhaltig geprägt


durch Oetinger und Hahn .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 029
0
4. Die Bedeutung der Kategorie Gemeinschaft,
der Schritt über Kants ‚Als-ob‘-Restriktion hinaus
und der „Grundsatz aller Grundsätze “.. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 042
0
5. Ein Vorblick auf die fortwirkende Sonderstellung
von ‚Gemeinschaft‘ in Schellings spätesten Vorlesungen:
das Vorbild von Kants ‚Ideal der Vernunft‘ .. .. .. .. .. .. .. 060
0
6. Eine letzte Quelle der „Urform“ alles Wissens: Schelling
auf den Spuren von Diez und die subjektzentrische Um-
bildung der Reinhold’schen Vorstellungs-Theorie .. .. .. 065

II. TEI L – Unterwegs zum „absoluten Identitätssystem“ .. .. .. 091

07. ‚Absolut‘-‚relativ‘ .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 091


08. Exkurs: Das „Subjektiviren“ des Absoluten oder
die verkehrte Stellung der mentalen Repräsentation zum
‚eigentlich Seienden‘.. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 098
0
9. Identität und Differenz:
Leibniz und Hume .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 104

10. Schon die Wolff-Schule kannte eine differenzsensitive


Form der Identität .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 110

11. System und All-Einheit .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 115

12. Das Absolute ist ‚Affirmierendes und Affirmiertes


von sich selbst‘.. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 118

13. Eine Zwischenbetrachtung: ‚Subjekt-Objekt‘ oder


‚Subjekt-Prädikat‘? .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 122

14. In der Binarität der ‚Form‘ steckt der Keim der


Selbstentfremdung des Absoluten .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 127

15. Das Begriffswörtchen ‚als‘ zeigt auf die Sollbruch-


stelle der absoluten Identität .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 143

16. Gängige Urteilslehren an der Nürtinger


Lateinschule und im Tübinger Stift .. .. .... .. .. .. .. .. .. .. .. 154

17. Ein genauerer Blick auf Ploucquets


Identitätstheorie des Urteils .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 165

18. Umfangsgleichheit und Bedeutungsverschiedenheit der


Urprädikate. Weisen der Identität und die Schwächung
des Satzes vom Widerspruch .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 172

19. Exkurs: Parallelen zu Ploucquet finden sich noch


in Schellings schwacher Unterscheidung von Kontra-
diktion und Kontrarietät in den späten Vorlesungen
zur „reinrationalen Philosophie“.. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 180
20. Noch einmal Ploucquet: Im Urteil koinzidiert die ‚Form‘
mit dem ‚Wesen‘. Sie muss als „Selbstoffenbarung
(manifestatio sui)“ desselben verstanden werden .. .. .. .. 186

21. Prädikation (‚relative Setzung‘) verstanden als ‚Mindersein‘


einer ‚absoluten Setzung‘: Urteilslogische Konsequenzen
aus Kants These übers Sein .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 196

22. ‚Reduplicatio‘: Der entscheidende Anstoß durch Leibniz,


Wolff und die ‚ältere Logik‘ .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 212

23. Parallelen zur Theorie der ‚relativen Identität‘ und


zum ‚anomalen Monismus‘ .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 219

24. Ein Ausblick auf Schellings späte Ontologie .. .. .. .. .. .. 236

III. Zusammenfassung: Der Gang der Argumentation .. .. .. .. .. 245

Siglen .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 271

Bibliographie .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 273

Namenregister .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 303
Vorwort

Ohne auf den Titel eines Schelling-Spezialisten Anspruch zu erhe-


ben, haben mich Schellings Gedanken mein ganzes intellektuelles
Leben begleitet: Gleich nach der Doktorarbeit über Das Problem
,Zeit‘ in der deutschen Romantik (1972), in der Schellings Zeit-
Theorie eine Rolle spielt, schrieb ich Der Unendliche Mangel an
Sein (1975). Die Abhandlung breitet des späten Schellings Gründe
für die Unhaltbarkeit eines erkenntnistheoretischen und ontologi-
schen Idealismus aus. Vor allem zeigt sie, wie Schelling sich gegen
Hegels Konkurrenzunternehmen wendet und damit den Denkweg
Feuerbachs und des frühen Marx bahnt. Ein drittes Mal, in Der
Kommende Gott (1982), wurde mir Schellings Idee einer ,Neuen
Mythologie‘ aus seiner Jenaer und Würzburger Zeit wichtig. Kon-
densiert sich doch in dieser Utopie die Pathologie der Moderne, die
das In-eins von politischer Partizipation, religiöser Kultfeier (d. h.
normativer Lebens- und Gesellschafts-Rechtfertigung) und Dich-
tung auf höchstem Niveau, wie es die griechische Tragödie einmal
hatte verkörpern können, als ein unwiederherstellbares Ideal verlo-
ren geben muss. Wenig später – an meinem 40. Geburtstag – über-
redete mich der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld in Genf zu ei-
ner populären Einführung in Schellings Philosophie (1985), die ei-
nen Teilnachdruck seiner Schriften (1985) interpretierend begleiten
und das chronologische Widerlager zu meiner Arbeit über Schel-
lings Spätwerk errichten sollte – denn sie berichtet nur über den
Denkweg bis 1801. Ich bin noch zweimal auf Schelling zurückge-
kommen: 1989 in meiner Einführung in die frühromantische Ästhe-
tik, die den großen frühromantischen Gedanken nachvollzieht, dass
die Kunst ex negativo leistet, woran die philosophische (und die
wissenschaftliche) Reflexion scheitert. Und 2007, in den Texten 13
und 14 der Auswege aus dem Deutschen Idealismus, komme ich
X VORWORT

erstmals auf Schellings Identitätstheorie der Prädikation und den


Gedanken der ,reduplicatio‘ zu sprechen.
Dicht vor meinem Ausscheiden aus dem universitären Dienst ba-
ten mich die Studierenden, Ihnen doch einmal eine Vorlesung über
Schelling zu halten – was ich in meinem akademischen Leben (mit
einer Genfer Ausnahme) nie getan hatte. Ich willigte ein unter der
Bedingung, meine neuesten, nicht sonderlich populären Einsichten
zur mittleren Phase Schellings, der sogenannten Identitätsphiloso-
phie, vortragen und mich auch dabei ganz auf den Zusammenhang
dreier Begriffe, den der Identität, des Urteils und der Existenz, kon-
zentrieren zu dürfen. Aus einem Semester wurden zwei (2008/09).
Ein junger italienischer Kollege, Emilio Corriero, übersetzte die Vor-
lesung, deren zweiten Teil er besucht hat, in einer (von ihm) gekürz-
ten Fassung ins Italienische (Frank 2010). Was ich hier vorlege, ist
aber nicht die alte, gekürzt ins Italienische übertragene Vorlesung,
sondern eine völlige Neubearbeitung – wenige Teile des Schlusses
ausgenommen.
Ich bin am System Schellings als solchem uninteressiert – das ist
mit dem Autor untergegangen. Aber seine scharfsinnig und klar
vorgetragenen Gedanken zu einzelnen Sachproblemen, zumal seine
tief eindringenden und analytisch erhellenden Kommentare zu anti-
ken Autoren, zu Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Fichte oder
Hegel haben überdauert. Auch die Gedanken, die in der vorliegen-
den Abhandlung zur Diskussion kommen, sind solche, die nicht
mit der Wahrheit ,seines Systems der Philosophie‘ stehen und fallen,
wie er sein erstes Hauptwerk ebenso überstürzt wie naseweis nann-
te. Mir geht es um die Einsichten, die er in wiederholten Anläufen,
mit immer tiefer eindringendem Sachverstand, erheblichem Scharf-
sinn und nie nachlassender intellektueller Neugier dem Problem der
Natur-Geist-Identität abgerungen hat.
Damit schreibe ich, rein historisch betrachtet, die Einführung in
Schellings Philosophie (1985) fort, mit der ich wegen ihrer problem-
verharmlosenden Popularität nicht zufrieden war. Mir war erst in
VORWORT XI

der Zwischenzeit der Sinn von Schellings dunkler Formel von der
Identität der Natur und des Geistes als eines ,reduplikativen‘ Ver-
hältnisses aufgegangen. Ich konnte nun erklären, warum es sich hier
um eine Identität handelt, die einen Unterschied in sich einschließt,
um den sich die übergreifende Identität gleichsam verdoppelt. Ich
verstand nun auch, dass nicht Hegel, sondern Schelling Urheber des
berühmten, stets mit Hegels Namen verbundenen Gedankens
(wenn nicht der Formel) der ,Identität der Identität und der Diffe-
renz‘ ist. Ich glaube, einer analytisch präzisen Erklärung dieser For-
mel ohne falschen Tiefsinn und spekulativen Zungenschlag nahezu-
kommen. Das war nur möglich durch Aufmerksamkeit auf kleinste
Andeutungen, die Schelling – von der Forschung übersehen, miss-
achtet oder missdeutet – auf wesentliche Anregungen seines Den-
kens gibt: die Inversion der kantischen Kategorientafel, zentral die
der ,Relation‘, so dass ,Wechselwirkung‘ zur Grundsatz-Kandidatin
aufsteigt; die Identifikation des ,Bandes‘, des desmós, aus Platons
Timaios mit der kantischen Organismusformel ,von sich selbst zu-
gleich Ursache und Wirkung‘; schließlich die Aufklärung des dunk-
len Zusammenhangs, den Schelling zwischen den Ausdrücken
,Identität‘, ,Satz-Form‘ und ,Sein‘ entdeckt.
Den Kern der folgenden Überlegungen bildet die Auswertung
zweier entscheidender Anregungen, die Schellings „absolutes Iden-
titätssystem“ erfahren hat: die Wirkung des Tübinger Stift-Logikers
und Metaphysikers Gottfried Ploucquet sowie der Reduplikations-
theorie der Leibnizianer. Schelling ist ein Denker, der stark auf
Denkanstöße Fremder reagiert – und diese besonders gern herun-
terspielt oder unkenntlich macht. Auf sie muss achten, wer ihn
selbst stark und originell erleben will. Von Ploucquet übernimmt
Schelling (wie andere Stiftler) die Auffassung, dass Urteile – unter
gewissen Auflagen – als Subjekt-Prädikat-Identifikationen analy-
siert werden können, womit er sich de facto stark von Kants Sub-
sumtionsauffassung der Prädikation absondert, ohne das ausdrück-
lich zu vermerken. Von den Leibnizianern lässt er sich belehren,
XII VORWORT

dass Identität für eine Art von Differenz der Identifizierten aufge-
schlossen werden muss, ohne die ihre Identifikation zur gehaltlosen
(tautologischen) ,Einerleiheit‘ verkümmern würde. Beide Anregun-
gen sind, soviel mir bekannt ist, nie wirklich aufgedeckt, geschwei-
ge denn in hinreichender Ausführlichkeit untersucht und interpre-
tiert worden.
Dabei hoffe ich, nicht nur eine historische Arbeit im Geiste der
,Konstellationsforschung‘ vorzulegen. Ich glaube, dass Schelling –
mit den beschränkten (logischen) Mitteln seiner Zeit – über die Lö-
sung eines Sachproblems nachgedacht hat, und zwar auf so ingeniöse
und zuweilen überraschende Weise, dass zeitgenössische analytische
Leib-Seele-Identitätstheorien gut daran täten, sie nicht hochmütig zu
ignorieren. Mit ihnen suche ich jedenfalls den Blickwechsel.
Ich habe meine Abhandlung in zwei Teile gegliedert. Den Kern-
gedanken des II. Teils habe ich eben skizziert. Der I. Teil blickt auf
das Werden des identitätsphilosophischen Grundgedankens in
Schellings frühesten, eigentlich philosophischen Schriften des Jahres
1794 zurück: den Timaeus-Kommentar und die so genannte Form-
schrift. Tatsächlich ist in den Aufzeichnungen des Frühjahrs und
des Sommers 1794 die ,Keimidee‘ von Schellings reifer Philosophie
schon erkennbar für den, dem die Augen dafür geöffnet sind. Sie
wird aber nicht verständlich ohne den Verweis auf allerlei Anregun-
gen, darunter die frühe Lektüre Oetingers und Hahns, des Timaios
und Philebos (nach der Zweibrücker Platon-Ausgabe), der Elemen-
tarphilosophie Reinholds und der Zweifel des Aenesidemus, einer
gründlichen Auseinandersetzung mit Kants Kategoriendeduktion
nach der Zweitauflage der Kritik der reinen Vernunft und vor allem
des teleologischen Teils der Kritik der Urteilskraft, der Reinhold-
Kritik seines Tübinger Stift-Lehrers Diez, die schließlich, wie
Schelling sagt, nur noch „bekräftigt“ werden mussten durch Fichtes
Aenesidemus-Rezension (vom Februar 1794) und seine Programm-
schrift Über den Begriff der Wissenschaftslehre vom Mai 1794. Dar-
um beginne ich den I. Teil meines Büchleins mit einer Skizze der
VORWORT XIII

Traditionslinien, die in der Formschrift zusammenfinden und die


Schelling seit 1800/01 in den Gedanken einer differenzsensitiven
Identität entfaltet. Mit der Wissenschaftslehre selbst, die Fichte ja
wöchentlich in Bögen an seine Hörer verteilte, wurde Schelling
höchstwahrscheinlich erst nach Abschluss der Formschrift bekannt.
Den Schluss (III.) bildet eine Zusammenfassung des gesamten
Argumentationsgangs. Sie gibt einen gedrängten Abriss des Schel-
ling’schen Grundgedankens, der ausdrücklich so abgefasst ist, dass
er auch für sich gelesen werden kann.
Auf die Bedeutung des Timaeus-Kommentars für Schellings ge-
samtes Denken hat mich zuerst Claudia Bickmann gestoßen. Sie
schenkte mir – lange vor der Publikation – eine Kopie der Hand-
schrift. Der viel zu früh Verstorbenen ist dieses Buch gewidmet.

Manfred Frank, Bielefeld im August 2017


I . T E I L – Fünf Voraussetzungen
der Natur-Geist-Identität in Schellings
philosophischen Anfängen

Einem bekannten Diktum zufolge habe jeder bedeutende Denker


einen und nur einen (wesentlichen) Gedanken gefasst und in seinem
Gesamtwerk lediglich ausgeführt. Die Fruchtbarkeit dieses Grund-
gedankens habe sich eben in der Vielfalt der Anwendungen be-
währt, deren er sich fähig zeigte.
Schelling wurde aus nachvollziehbaren Gründen der ,Proteus der
Philosophie‘ genannt. In der Abfolge seiner philosophischen Auf-
zeichnungen ist der Grundgedanke so heftigen Pendelausschlägen
und Verwandlungen ausgesetzt, dass er unkenntlich zu werden
droht. Dennoch, scheint mir, lässt er sich klar bezeichnen.
In einer Vorlesung über „Die Philosophie des deutschen Idealis-
mus“ vom Wintersemester 1965/66 hat Dieter Henrich das wie
folgt versucht. Fichte, Schelling und Hegel seien gemeinsam der
Grundüberzeugung gewesen, im selbstbewussten Ich sei ein Unbe-
dingtes zu denken. Fichte habe den Akzent auf das Ich als den Ort
dieses Gedankens gesetzt, Hegel auf den Anspruch, das Unbedingte
im Ich in Gedanken zu erfassen. Schelling aber habe dem Satz diese
Wendung gegeben: „Das Unbedingte im Ich ist als ein solches zu
denken.“ Seine zweite eigentlich philosophische Publikation heißt
denn auch Vom Ich als Prinzip der Philosophie oder über das Unbe-
dingte im menschlichen Wissen.
Der Titel ist noch zweideutig, denn er lässt sich als durchaus
Fichte’sch fassen: Das Unbedingte wird im menschlichen Wissen
Ereignis. Aber Schelling unterscheidet, was er ,Ich‘ nennt, anders
als Fichte und gemeinsam mit Hölderlin (1795/96), vom ,Selbstbe-
wusstsein‘. Schon in der Formschrift vom Sommer 1794 macht der
19-Jährige „das Unbedingte […] u n a b h ä n g i g vom Bewußt-
2 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

seyn“ (SW I/1, 100). Das so genannte „absolute Ich“ – das eben we-
gen seiner Absolutheit nicht ,Ich‘ heißen sollte1 – ist aus der Positi-
on der ihrer selbst explizit bewussten Person nicht erkennbar, ja
„S e l b s t b e w u ß t s e y n setzt die Gefahr voraus, sein Ich zu ver-
lieren“, das sich allerdings einer intellektualen Anschauung enthülle
(SW I/1, 180 f.).2 Das veranlasste Johann Benjamin Erhard in einer
einflussreichen Rezension der Ich-Schrift zu der höhnischen Fest-
stellung, er sei sich eines absoluten Ichs im Selbstbewusstsein nicht
bewusst, verfüge auch nicht über die intellektuale Anschauung eini-
ger indischer Sekten, die nach dem großen Nichts schmachten, und
halte beide Ausdrücke für selbstwidersprüchlich (Erhard 1796, l. c.,
90 f.).3 Indes: Schelling wird sich den Fängen von Erhards Einwand
schon 1795 in seinen Philosophischen Briefen über Dogmatismus
und Kriticismus listig entwinden und in scheinbar kräftiger Formu-
lierung feststellen: „Kein Satz kann seiner Natur nach g r u n d l o -
s e r seyn, als der, der ein Absolutes im menschlichen Wissen be-

1 Und eben darum konsequenterweise von Hölderlin in Urtheil und Seyn auch
nicht so genannt wird: „Wenn ich sage: Ich bin Ich, so ist das Subject (Ich) und
das Object (Ich) nicht so vereiniget, daß gar keine Trennung vorgenommen wer-
den kann, ohne das Wesen desjenigen, was getrennt werden soll, zu verlezen; im
Gegenteil, das Ich ist nur durch diese Trennung des Ichs vom Ich möglich“ (Höl-
derlin 1991, 156, Z. 8 – 11). Zwar lässt Hölderlin, wie Schelling, der fugenlosen
Einheit des „Seyns“ eine „intellectuale Anschauung“ entsprechen (Z. 7); die aber
scheint, wie bei Schelling, kein epistemischer Zustand eines selbstbewussten We-
sens zu sein. Vgl. Henrich 2004, 1586 f. Auch Fichte habe in der Begriffsschrift das
,absolute Ich‘ noch von unseren Gedanken darüber abgelöst (GA I.2, 148 f. =
Fichte 1971, I, 70 ff.).
2 So auch Hölderlin in Urtheil und Seyn (Hölderlin 1991, 156, Z. 20).
3 Ähnliche Reserve hatte schon Hölderlins Brief an Hegel vom 26. Jan. 1795 gezeigt
(Mat. 124, 2. Abschn.). Bitterer musste Fichte die Bemerkung seines vertrauten
Schulfreundes Friedrich August Weißhuhn aufstoßen, der in einer Rezension von
Fichtes Begriffsschrift (ausgerechnet in Carl Christian Erhard Schmids Journal)
beklagte, „als Einer aus dem Volke“ eines absoluten Ichs sich nicht bewusst zu
sein. Allgemein bedauert er, dass „meinen natürlichen Augen da Dinge gezeigt
werden, die sie nicht fassen und von welchen […] der natürliche Verstand nichts
begreift“ (Weißhuhn 1794, 157).
I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794) 3

hauptet“ (SW I/1, 308).4 Schellings Pointe ist freilich (einmal mehr),
dass das Absolute nicht an der Bedingung eines menschlichen Wis-
sens hänge.
Noch die Abhandlungen zur Erläuterung des Idealismus der
Wissenschaftslehre (1796/97) kommen zu dem Schluss, dass wir die
Grenzen des Bewusstseins (und damit der Transzendentalphiloso-
phie) hinter uns lassen müssen, wenn wir „die Nothwendigkeit ei-
nes philosophischen Princips“ anerkennen, aus dem Bewusstsein
erst hervorgehe. Das „G e i s t i g e im Menschen“ sei nicht das ihm
Bewusste, also keine Reinhold’sche ,Tatsache des Bewusstseins‘; es
sei vielmehr „dasjenige, was j e n s e i t s des Bewußtseyns liegt“
(SW I/1, 442 f.). Tatsächlich war dies schon die Position der Form-
schrift. In einer Anmerkung (I/1, 92) stellt der jugendliche Verfas-
ser fest, dass, wenn es überhaupt eine „Urwissenschaft“ geben solle,
diese sich nicht in Abhängigkeit von einem „menschlichen Wissen“
begeben dürfe. „Das Absolute kann nur für das Absolute gegeben
seyn.“
Damit stand Schelling von Beginn an auf der Kippe eines Den-
kens, das berechtigterweise ,idealistisch‘ heißen darf und dem er
von der Philosophiegeschichte doch immer zugeschlagen wurde.
Denn unter ,Idealismus‘ versteht man die Überzeugung, die Wirk-

4 Zwar fährt Schelling so fort: Ein evidenter Grundsatz sei eben ein solcher, der aus
sich selbst einleuchtet, also keines weiteren Grundes bedarf, den ein endliches Be-
wusstsein liefern könnte. Aber damit ist die Position des Dogmatikers bezeichnet,
der sich über das begründungspflichtige (endliche) Denken hinwegsetzt. Die erste
Berliner Vorlesung (1841/42) kommt auf diesen Passus zurück, deutet ihn nun als
Ausdruck der Transzendenz des Seins gegenüber dem Bewusstsein (Schelling
1993, 159 ff.) und gibt an, schon an dieser Stelle seiner Philosophischen Briefe über
Dogmatismus und Kriticismus (1795 [SW I/1, 303]) behauptet zu haben, „daß, dem
Kritizismus gegenüber auch ein mächtigerer, herrlicherer Dogmatismus sich erhe-
be; und das war nichts Anderes als die positive Philosophie. So lange Zeit schreibt
sich bei mir die Ahnung einer positiven Philosophie her“ (Schelling 1993, 137).
4 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

lichkeit lasse sich auf Tatsachen des Bewusstseins5 reduzieren – ge-


mäß der (frei übersetzten) Berkeley’schen Devise: „Sein heißt: vom
Bewusstsein erfasst werden“ (Berkeley 1980, 77 f. = Part I, § 1 f.).
Aber nicht nur für die Einheit in Schellings Denken mache ich
mich im Folgenden stark. Ich glaube, dass Schelling seinen einen
Gedanken schon in seiner (bereits erwähnten) ersten spezifisch phi-
losophischen Publikation umkreist.
Sie trägt den Titel Ueber die Möglichkeit einer Form der Philoso-
phie überhaupt und ist im September 1794 erschienen (die Nach-
schrift ist von Schelling selbst auf den „9. September 1794“ datiert).6

5 Ich darf in diesem Kontext den bedeutenden Unterschied zwischen ,Denken‘ und
,Bewusstsein‘ vernachlässigen. Er wird im sogenannten deutschen Idealismus oft,
ja meist ignoriert.
6 Mit Post vom 26. September 1794 hat Schelling die Schrift an Fichte verschickt.
Das beigefügte Schreiben betont, genau wie der Vorspann zur Formschrift, dass
Fichtes Publikationen Schellings philosophischen Erstling nur „zum Theil“ und
nur mit „veranlaßt“ haben (GA III.2, 201; Schelling 1968, 57). Die Formschrift
beginnt mit den Worten: „Die Gedanken, welche in gegenwärtiger Abhandlung
ausgeführt sind, wurden, nachdem sie der Verfasser einige Zeit schon mit sich her-
umgetragen hatte, durch die neuesten Erscheinungen in der philosophischen Welt,
auf’s neue in ihm rege gemacht“ (SW I/1, 87; HKA I.1, 265).
Schellings Sohn behauptet in seinem kurzen Abriss der Jugendbiographie seines
Vaters ohne weiteren Beleg, Schelling habe seinen Erstling „im Anschluß […
auch] an die ersten Bogen der Wissenschaftslehre“ verfasst (Plitt I, 54; auf S. 58
wiederholt er, Schelling habe im Sommer 1794 „nur die ersten Bogen derselben
[…] benutzt“). Die ganze Schrift sei ja erst zur Ostermesse 1795 auf den Markt
gekommen. Was einen möglichen Überbringer der ersten Bögen der Grundlage
betrifft, hat Henrichs Edition der Briefe Carl Immanuel Diezens an Süßkind und
Niethammer eine neue Quelle aufgetan: Im Brief an Niethammer vom 25. und
27. Juli 1794 (aus Würzburg, auf dem Weg nach Tübingen) schreibt Diez, der
Fichtes Kolleg in Jena nicht mehr erlebt hat: „Was Du mir von Fichte schriebst,
war mir, so wenig es auch war, angenehm. Ich erwarte, daß Du mir sein Pro-
gramm [die Begriffsschrift] und sein Kompendium [die Grundlage] nach Tübin-
gen schickst“ (Henrich 1997, 328; vgl. Kommentar 739 f.). Das wird Niethammer
sicher getan haben. Aber weitere Auskunft besitzen wir nicht, obwohl auch der
editorische Bericht der Akademie-Ausgabe sicher davon ausgeht, dass Schelling
lediglich die Begriffsschrift vor der Niederschrift der Formschrift kannte (HKA
I.1, 250 – 252). Gegen eine Lektüre der ersten Bögen der Grundlage während der
I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794) 5

Er scheint sie „frühestens Mitte bis Ende Mai“ 1794 begonnen zu


haben (HKA I.1, 250 – 252). Unmittelbar zuvor, nämlich zwischen
Januar und Mai, hatte Schelling – damals noch Student im Tübinger
Stift und nur zum Zwecke der Selbstverständigung, nicht zur Publi-
kation – an einem Kommentar zu Platons Timaios und Philebos ge-
arbeitet, dessen Transkription erst 1994 unter dem Titel „Timaeus.“
(1794) im Druck erschienen ist. Inzwischen hat ihn der 5. Nachlass-
band der HKA in der Version und mit den Anmerkungen des ersten
Herausgebers reproduziert (HKA II.5, 143 – 196).7 Der Text hatte
sich im Nachlass unter Schellings Studienheften (Nr. 7) gefunden.
Der Einbanddeckel trug den (wahrscheinlich nicht von Schelling
stammenden und viel ausgreifenderen) Titel Ueber den Geist der
Platonischen Philosophie (Buchner in: Schelling 1994, 3; diese Auf-
zeichnungen finden sich inzwischen ebenfalls in HKA II.5, 125 –
142).
Der enge Zusammenhang zwischen diesen Schriften ist in drei
neueren Publikationen betont, aber von keiner ausgeschöpft worden
(Franz 1996, Kap. 6 und 7; Henrich 2004, Kap. XXVI; Matthews
2011, Kap. 4 und 5). Zwar betont der Herausgeber des „Timaeus.“
(1794), Hartmut Buchner, ebenso wie Michael Franz, dass die „Form
der Platonischen Philosophie“ schon ein Augenmerk von Papieren
bildet, die dem eigentlichen Timaios-Kommentar in der Kladde vor-

Arbeit an der Formschrift spricht Schellings Mitteilung im zitierten Brief an He-


gel, Fichte habe ihm diese ersten Bögen der Grundlage „nun“ selbst geschickt. Er
finde seine „Prophezeiungen“ durch die Lektüre bestätigt (Plitt I, 73 f.). Das klingt
nicht so, als habe Schelling sie schon früher gekannt. Dazu passt sein späterer
Brief an Niethammer vom 22. Januar 1796, worin er angibt, den praktischen (drit-
ten) Teil der Wissenschaftslehre noch gar nicht gelesen, ja, „bisher nicht Zeit genug
gehabt [zu] habe[n], diß Werk eigentlich zu studiren“ (Fuhrmans I, 60; HKA I.1,
252). Aus eben diesem Grunde nimmt er Niethammers Angebot einer Rezension
der Grundlage freudig an.
7 Darum zitiere ich den Text nach dem Erstdruck (Schelling 1994) und unter Benut-
zung des instruktiven editorischen Berichts durch Hartmut Buchner, der dem
Nachdruck in HKA II.5 fehlt.
6 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

ausgehen (Buchner in: Schelling 1994, 16 f.; Franz 1996, 222 ff.).8
Worin diese Konvergenz besteht, ist aber nur von Bruce Matthews
näher angegeben worden. Nicht nur spürt er Gedanken zur „Ur-
form“ der Philosophie schon im Timaeus auf, sondern er zeigt vor
allem, dass Schellings Blick auf den Timaios (und den Philebos) be-
einflusst war durch eine frühe Prägung durch Oetinger und Hahn
(Matthews 2011, Kap. 2, 4 und 5). Dafür spielt Diez bei Matthews
keinerlei Rolle; er figuriert nicht einmal im „Index“ seines Buches.
Henrichs weit ausholende Studie macht, ohne die Bedeutung der pla-
tonischen Komponente zu leugnen (Henrich 2004, 1554 f., bes. 1662 –
1664),9 vor allem sichtbar, was Schelling viel zu knapp andeutet: „die
Gedanken“, die er vor der Bekanntschaft mit Fichtes Publikationen
von 1794 – der Aenesidemus-Rezension und der Begriffsschrift –
„mit sich herumgetragen hatte“ (SW I/1, 87; HKA I.1, 265). Und das
können nur diejenigen sein, die „aus den Tübinger Stiftsstuben her-
vorging[en]“ und maßgeblich durch Immanuel Carl Diez’ Kritik an
den Gebrechen von Reinholds Fundament der Philosophie angeregt
worden waren (Henrich 2004, 1576). Die Bedeutung dieser auf Diez’
Reinhold-Kritik verweisenden Spur werde ich kurz in Erinnerung

8 Es handelt sich um einen Entwurf mit vielen Leerseiten, zuerst gedruckt in Franz
(1996, 306 – 319) und seit kurzem zugänglich auch in: HKA II.5, 125/133 – 142. Er
benennt nur mit Mühe als ,formal‘ zu charakterisierende Aspekte der platonischen
Dialoge (nämlich ,dialogische Form‘, ,maieutische Methode‘, ,Platons Mythen‘,
sein ,eigentümlicher philosophisch-ästhetischer Charakter‘, ,Charakter des Sokra-
tes‘, sein ,Daimonion‘, sowie einige philologische und exegetische Quisquilien).
Den Mythos der Totenrichter hat Schelling vollständig übersetzt und Referenzen
notiert auf Werkstellen und Sekundärliteratur wie Diogenes Laertius, dessen Pla-
ton betreffendes Buch im ersten Band der Zweibrücker Ausgabe mitabgedruckt
war (Platon 1781, III–LX) und Dietrich Tiedemann, dessen Dialogorum Platonis
Argumenta den 12. Band der Zweibrücker Platon-Ausgabe füllten (1786).
9 Henrich kommt zu dem abschätzigen und von Matthews (2011) angefochtenen
Urteil, diese Aufzeichnungen lieferten „nur eine ferne und dunkle Spiegelung des
Standes von Schellings philosophischem Problembewußtsein“ (Henrich 2004,
1664). Henrich zeigt in der Tat wenig Interesse an einer Aufklärung der Motive
von Schellings Inversion der kantischen Relationskategorien.
I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794) 7

bringen,10 da sie nie gehörig in den Anregungszusammenhang einge-


bracht worden ist, der Schellings früheste Philosophie angestoßen
hat.
Mir geht es einleitend also zunächst darum, das durch die Schwa-
benväter vermittelte platonische Erbe mit den – unter Diezens Ein-
fluss – im Tübinger Stift vor Niederschrift der Formschrift gebildeten
und durch Fichtes Aenesidemus-Rezension und die Begriffsschrift,
wie Schelling schreibt: nur „bestärkten“ früheren Überzeugungen zu
einem Zusammenklang zu führen (SW I/1, 88; HKA I.1, 266).11 Da-
bei erschließt sich neben Schellings erstaunlicher Kenntnis der kanti-
schen Naturteleologie (nach der dritten Kritik) und seiner Hoch-
schätzung von Reinholds Umbildung der kantischen Kategorien-De-
duktion (nach der B-Auflage [SW I/1, 110, Anm. 1]) eine weitere
wichtige Referenz (SW I/1, 241 mit Anm. 2).12 Auf diese letztere
möchte ich allem Weiteren zuvor eingehen.
Ich komme so zur Fünfzahl von Voraussetzungen des Schel-
ling’schen Frühwerks: 1. Platons Timaios und Philebos, 2. der kan-
tische Organismus-Gedanke und seine Inversion der Relationskate-
gorie in der B-Auflage der KrV, 3. der Platonismus Oetingers und
Hahns, 4. der Einfluss von Diezens subjektzentrischer Umbildung

10 ,Kurz‘, weil Henrichs monumentaler Studie sachlich nichts hinzuzufügen ist.


Mir geht es nur um den erwähnten Zusammenhang, der auch bei Henrich nicht
vollständig zur Darstellung kommt.
11 Ich zitiere aus Schellings Formschrift nach den Sämmtlichen Werken (SW mit
Angabe der Abteilung, des Bandes und der Seitenzahl: I/1, 87 – 112), gleiche aber
den Text mit dem der kritischen Ausgabe (HKA I.1, 265 – 300) ab, die die Pagi-
nierung der Sämmtlichen Werke am Rand mit anführt.
12 Ein weiteres Bekenntnis aus der Ich-Schrift: „Wer Kant’s Deduktion der Katego-
rien und die Kritik der teleologischen Urtheilskraft mit dem Geist gelesen hat,
mit dem alles von ihm [sc.: Kant] gelesen werden muß, sieht eine Tiefe des Sinns
und der Erkenntniß vor sich, die ihm beinahe unergründlich scheint“ (SW I/1,
232, Anm. 1). Auf diese Stelle weist Schellings Sohn in der unvollendeten biogra-
phischen Skizze hin, die in die Grundüberzeugungen von Schellings „Jünglings-
jahren“ einführt (Plitt I, 1869, 53; K. F. A. Schelling versehentlich: „theologischen
Urteilskraft“).
8 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

der Reinhold’schen Elementarphilosophie, 5. das Vorbild von Rein-


holds metaphysischer Deduktion der Kategorien.
Mit der letzteren beginne ich, wie gesagt, diesen ersten Teil.

1. Anregungen aus Reinholds Verfahren bei der Deduktion


der Kategorien (1789). Die Abhängigkeit der Analysis von
der Synthesis und der darauf begründete Vorrang der
dritten Kategorie jeder Klasse
Nicht nur, weil der arrogante und mit Lob geizende Jüngling Schel-
ling sie in der Formschrift rühmt (SW I/1, 110, Anm. 1), lohnt ein
Blick auf Reinholds Umbildung der Kant’schen Kategorien-De-
duktion. Die Formschrift zeigt sich bis in begriffliche Details Rein-
holds Neuer Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens ver-
pflichtet. (Auch Aenesidems Kritik, auf die er stark Rücksicht
nimmt, sowie Diezens Revision beziehen sich ausschließlich auf
diese Schrift bzw. die „Neue Darstellung der Hauptmomente der
Elementarphilosophie“, die Reinhold im I. Band seiner Beyträge
nachgeliefert hat [Reinhold 1790, 165 – 254].) Aber schon Schellings
erstes Magister-Specimen vom Herbst 1792 trug den Titel Über die
Möglichkeit einer Philosophie ohne Beynamen, nebst einigen Be-
merkungen über die Reinholdische Elementarphilosophie (Fuhr-
mans I, 41). Das zweite Magister-Specimen (ungefähr aus derselben
Zeit) behandelt die „Uebereinstimmung“ der beiden ersten Kriti-
ken, „besonders in Bezug auf den Gebrauch der Categorien“ (Franz
1996, 153; Henrich 2004, 1560).13 Also auch diese waren Gegen-
stand besonderer Aufmerksamkeit des Studenten. Wir können mit-
hin von einer gründlichen Bekanntschaft des Studenten Schelling
mit der Elementarphilosophie ausgehen und werden kaum fehlge-
13 Franz und Henrich hatten bei dieser Angabe das gedruckte Magisterprogramm
der Universität Tübingen von 1792 vor Augen. Den Untertitel des zweiten Spe-
cimens habe ich unvollständig zitiert. Er fährt nach „Categorien“ fort: „und der
Realisirung der Idee einer intelligiblen Welt durch ein Factum in der lezteren“.
1. REINHOLDS KATEGORIENDEDUKTION 9

hen, wenn wir Einsichten, die er in den Tübinger Prüfungsschriften


zuerst vorgestellt hatte, im Überzeugungsschatz seiner nachfolgen-
den Arbeiten erhalten glauben. Von guter Reinhold-Kenntnis kün-
den jedenfalls die Formschrift (explizit die Einleitung: SW I/1, 87 f.)
und weite Teile der Abhandlungen zur Erläuterung des Idealismus
der Wissenschaftslehre (von 1796/97, bes. I/1, 407 ff.). Aber schon
der Timaeus-Kommentar hält sich weitestgehend im Kielwasser der
Reinhold’schen Begrifflichkeit.
Schelling lobt Reinholds Neufassung der Kategoriendeduktion
als „in f o r m a l e r Rücksicht ein Meisterstück philosophischer
Kunst“ (SW I/1, 110, Anm. 1). Henrich hat auf Reinholds Selbstlob
in dessen Aufsatz „Ueber das Verhältniß der Theorie des Vorstel-
lungsvermögens zur Kritik der reinen Vernunft“ (Reinhold 1790,
257 – 338, hier: 316 f.) hingewiesen und über Reinholds Erzählung,
„dass mir [nach langem Grübeln] die Hauptidee dieser Deduktion
[…] im Traum eingefallen ist“, eine weitere Quelle erschlossen. Der
im Tübinger Stift viel beachtete ehemalige Repetent und an der in-
spirativen Kraft von Träumen interessierte empirische Psychologe
Gottlob Christian Rapp hatte Reinholds Traum-Fund bereits als
„Meisterstück“ gelobt (Rapp 1792). Und dieses Lob, meint Hen-
rich, schränke Schelling nun ein, indem er es ,nur in formaler Hin-
sicht‘ gelten lasse, weil es sich nicht auch auf die „Substanz“ erstre-
cke (Henrich 2004, 1667 f.).14 Ich werde zu zeigen versuchen, dass

14 Freilich hatte Reinhold selbst im zweiten Band der Beyträge bei Gelegenheit von
Kants „meisterhafte[n] Erörterungen“ der „Grundsätze“ davon gesprochen
(Reinhold 1794, 427), aber Kants Annahme, synthetische Sätze a priori, wie es
die Grundsätze sind, seien in der Erfahrung aufzuweisen, als zirkulär kritisiert
(Belege bei Bondeli 2006, 244 ff.). Maimon hat den Zirkularitätsvorwurf schon
1789, erneut 1794 erhoben (Belege bei Bondeli 2006, 301 ff.). Vielleicht hat Schel-
ling, wenn er nun auch Reinholds Deduktionsversuch Zirkularität vorwirft (SW
I/1, 100, Anm. 1), diese Debatte im Gedächtnis (er zitiert ja Maimon [1794]
ebenfalls anerkennend [l. c., 89]).
Eine andere Lesart der Wendung ,in formaler Hinsicht‘ hat Matthews vorge-
schlagen: Reinholds Deduktion habe die Inhalts-, die synthetische oder ,progres-
10 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Schelling auch inhaltlich von Reinholds Deduktion profitiert hat;


denn was er im Text der Formschrift beanstandet, ist lediglich, dass
Reinhold seine Ableitungen aus ,schon gegebenen Begriffen‘ vorge-
nommen habe, ohne diese selbst aus einem höheren Prinzip abzu-
leiten (SW I/1, 100). Denn natürlich lassen sich aus den Ableitungen
Rückschlüsse auf die Verfassung des Prinzips ziehen. (Nichts ande-
res tut Diez.)
Im gleichen Zusammenhang ist wichtig, dass Schelling seine
Leugnung eines prinzipiellen Unterschieds analytischer und syn-
thetischer Urteile von Reinhold übernimmt (z. B. SW I/1, 103 – 105,
354 u.). Reinhold hatte Kants Ansicht, jede Analyse setze eine Syn-
these voraus,15 so ausgelegt, dass auch die Analyse („Erläuterung“)
eines synthetischen, eines „Erweiterungs“-Urteils ,analytisch‘ hei-
ßen darf. (Für Kant waren analytische Urteile mit widerspruchsfrei-
en, also formallogisch richtigen einerlei:16 KrV A 150 ff.) So kann es
nach Reinhold durchaus „analytische Urteile a posteriori“ geben
(Bondeli zu Reinhold 2013, 537, Kommentar-Note 625). ,Analy-
tisch‘ und ,synthetisch‘ sind also zwei Gliederungsansichten dessel-
ben Urteils (Reinhold 1789, 443, 2. Absatz). Daraus zieht Schelling
starke Konsequenzen. So deutet er die Analytizität des Satzes ,Ich
= Ich‘ als Resultat einer Synthesis, „die ihr vorangeht, und in der
That nichts anderes bedeutet, als daß das Ich ursprünglich die Con-
struktion von sich selbst ist“, so wie die Linie außer ihrer (syntheti-

sive‘ Seite vernachlässigt, die die Urform der Philosophie einzubeziehen habe
(Matthews 2011, 243). Dieser Vorwurf wäre ungerecht, da Aenesidemus Rein-
hold gerade umgekehrt vorwirft, die Formseite vom inhaltlichen Grundsatz des
Vorstellungsvermögens her erschlichen zu haben.
15 Ein Zitat für viele: Analysis setzt Synthesis voraus, „denn wo der Verstand vor-
her nichts verbunden hat, da kann er auch nichts auflösen“ (KrV B 130; vgl. A
78 f., B 104 f., B 133 f.).
16 Womit natürlich seine Wahrheit nicht begründet ist (KrV A 100).
1. REINHOLDS KATEGORIENDEDUKTION 11

schen) Konstruktion „nichts ist“ (SW I/1, 448 f. [im Orig. teilweise
kursiviert]; vgl. 424 f.).17
Die Reinhold-Abhängigkeit des 19-jährigen Schelling erhellt
schon aus der Allgegenwart des Ausdrucks „VorstellungsVermögen“
im Timaeus-Kommentar, womit Reinhold die oberste Gattung aller
Widerfahrnisse und Handlungen unseres Geistes anspricht (Schelling
1994, 10 f., 23, 31 f., 68, 70, 72), erst recht aus der Fixierung auf ein
Grundmuster der Reinhold’schen Kategorien-Deduktion: die Zu-
sammenführung von Einheit und Mannigfaltigkeit (35 ff.) und die
ganz unkantische Identifikation der Mannigfaltigkeit mit der Viel-
heit. So schreibt er, „daß [nach Ansicht der Alten] aus Einheit u.
Mannigfaltigkeit (Vielheit) alles, was je vorhanden war, entstand“
(36). Und Vielheit identifiziert er sodann mit dem %peiqom des Tima-
ios (und des Philebos) sowie die Einheit mit der formgebenden Kraft
der Beschränkung (t¹ p´qar). Der Gedanke ist: Ein formloses, darum
in die schlechte Unendlichkeit ausuferndes Chaos (oder Tohuwabo-
hu) wird durch Begrenzung oder Beschränkung, eben die formge-
bende Kraft eines Verstandes, ,bezwungen‘. Über beiden aber postu-
liert er etwas aus Vielheit und Einheit Gemischtes, das joimºm oder
lijtºm des Platon.18 Da Platon geradeso wie Kant Materie (das sinn-
lich Gegebene, ,mundum materialiter spectatum‘ [vgl. 26 nach Kant
KrV B 163, 165; B 446 Anm.]) radikal von der einheitgebenden Form
(unseres Verstandes) abgrenzt, bedarf es eines verbindenden Dritten
oder einer göttlichen Mischung. So heißt es im Timaios:

17 An dem „Satz“, nach dem die synthetische Einheit des Bewusstseins der analyti-
schen vorausgehe, moniert Schelling lediglich, dass sie immer noch „unerklärt
und unverstanden da[stehe], obgleich er den K e r n der Kantischen Philosophie
enthält“ (SW I/1, 448). Die Formschrift war deutlicher, indem sie auch Kant und
Reinhold vorwarf, diese (subalterne) Einheit nicht aus einem obersten Prinzip
abgeleitet zu haben.
18 Schelling (1994), 27 f., 41, 47, 59 – 66, 67 – 70, zum joimom speziell: 41, 63 f., 67, 69.
In den Abhandlungen von 1796/97 kommt Schelling ausführlich und sehr licht-
voll auf diesen Punkt zurück: SW I/1, 356 f.
12 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Denn das Viele in Eins zu mischen und wiederum aus dem Eins das Viele her-
auszulösen, da versteht sich nur Gott richtig darauf, und er allein hat auch die
Macht dazu (68d).

Schelling kommentiert:
u. weil er [Platon] die Ursache dieser Verbindung der Form (peqar) mit der Ma-
terie (apeiqom) weder in jener noch in dieser allein noch in beiden zugleich fin-
den konnte (denn er sah sie als einander beständig entgegenstrebende Dinge
(Regelmäßigkeit u. Regellosigkeit) an) so war (siehe Philebos) ein 3tes nothwen-
dig, das beide mit einander vereinigte oder ,der Welt eine Form gab, die ein
Nachbild der ursprünglichen, reinen Verstandesform war‘ (Schelling 1994, 27).19
Die Art nun, wie beide verbunden worden seien, stellt er [Platon] so dar: p. 313
[der Zweibrücker Ausgabe]. ,Aus der unteilbaren und unwandelbarem ousia
(der Weltseele) u. der teilbaren cörperlichen Materie, mischte er (der Demiurg)
eine 3te, zwischen beiden mitten inne stehende Art von Substanz. Da beide ein-
ander widerstrebten, weil die eine überall d a ß e l b e, die andre durchaus
v e r s c h i e d e n a r t i g (to aleqer – to leqistom – t’auto duslijtom) ist, so
zwang er sie mit Gewalt zusammen, u. mischte diese zusammengezwungne Ma-
terie wieder mit dem leqistom u. dem aleqer u. brachte auf diese Art Ein Gan-
zes hervor!‘ (l. c., 41; vgl. schon 32; die gleiche Platon-Referenz greift Schelling
auf in SW I/1, 356 f. und I/2, 42, 55).

Ich werde in den folgenden (2. und 4.) Kapiteln mehr zur Funktion
dieses vereinigenden Dritten und seiner ,Geist‘-Natur sagen. Für
den Augenblick will ich nur rasch nachweisen, dass Schelling Pla-
tons Gedanken des vermittelnden Bandes wirklich in den ersten
Entwürfen seiner eigenen Naturphilosophie (Ideen zu einer Philo-
sophie der Natur) aufgreift und ohne Umstände an Kants Organis-
mus-Formel anknüpft, hier in der Version, dass in einem Organis-
mus die Teile nur durch den Vorblick auf den Sinn des Ganzen (=
eine Idee) und das Ganze umgekehrt nicht anders als „durch Wech-
selwirkung der Theile möglich“ sind.

19 Michael Franz hat ganz recht, diese vermittelnde reine Verstandesform Platons
auf die „Urform“ der Formschrift zu beziehen, die ja auch zwischen in sich He-
terogenen vermittelt (Franz 1998, 63).
1. REINHOLDS KATEGORIENDEDUKTION 13

Was haben auch diese Theile, die doch nur Materie sind, mit einer I d e e ge-
mein, die der Materie ursprünglich fremd ist, und zu der sie doch zusammen-
stimmen? Hier ist keine Beziehung möglich, als durch ein Drittes, zu dessen
Vorstellungen beides, Materie und Begriff, gehört. Ein solches Drittes aber ist
nur ein anschauender und reflektirender Geist. Also müßt ihr einräumen, daß
Organisation überhaupt nur in Bezug auf einen G e i s t vorstellbar ist (SW I/2,
42 [von mir kursiviert, M. F.]).

Reinhold hatte Kants sogenannte ,metaphysische Deduktion‘ der


Kategorien aus Urteilsformen durch einen nur auf den ersten Blick
komplizierten Vorschlag zu vereinfachen und dabei auch zu plausi-
bilisieren versucht. Urteile bilden nämlich ein Mannigfaltiges, in-
dem sie in Subjekt und Prädikat zerfallen, und die werden nach vier
von Kant für irreduzibel gehaltenen ,Urteilsformen‘ oder Modifika-
tionen des „Verhältniswörtchens ist“ (KrV B 141) zu einem Urteil
vereinigt. Dieselben Urteilsfunktionen sind als Prädikate oder „Be-
griffe von einem Gegenstande überhaupt“ am Werk (KrV B 128),
wenn es um die Synthesis nicht von Subjekt und Prädikat, sondern
des Mannigfaltigen der Anschauung zu einem einigen Objekt geht,
wobei diese Synthesisformen mit denen der entsprechenden Ur-
teilsform jeweils einerlei sind (KrV A 79). Kant hatte behauptet, die
Verwandlung von Urteilsformen in Kategorien ,deduziert‘ zu ha-
ben, aber, außer an zwei Beispielen, dem des Verhältnisses von ka-
tegorischem Urteil und der Kategorie Substanz (KrV B 128 f.) sowie
dem des disjunktiven Urteils und der Kategorie Gemeinschaft (B
111 f.), nirgends transparent gemacht, wie das genau geschehen soll.
Diesen Schritt und die daran anschließende sogenannte „transzen-
dentale Deduktion der Kategorien“ hat er selbst für den dunkelsten
und angreifbarsten seiner theoretischen Philosophie gehalten (KrV
B XXXVIII, A 88 f.) und damit Heerscharen von Verbesserern mit
je neuen Verdeutlichungsversuchen auf den Plan gerufen (zuletzt
und durchaus in Reinhold’schem Geiste: Bunte 2016).
(Urteils-)Subjekte können, schlägt Reinhold vor, jeweils nach
Gesichtspunkten der Einheit, der Vielheit oder der „Einheit und
14 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Vielheit zugleich“ auf ihre zugehörigen Prädikate bezogen werden.


Dadurch fällt der jeweils dritten Kategorie jeder Gruppe eine
Schlüsselstellung zu, die schon der Timaeus betont, aus der aber
erst die Formschrift steile Konsequenzen zieht. Noch die Abhand-
lungen zur Erläuterung des Idealismus der Wissenschaftslehre stel-
len die keineswegs rhetorische Frage: „Warum hat nun K a n t
gleichwohl d i e s e Ordnung der Kategorien gewählt, warum ist er
bei seinem Entwurf der Kategorien nicht von der d r i t t e n Kate-
gorie jeder Klasse ausgegangen […]?“ (SW I/1, 426) Warum hat also
Kant die umgekehrte Reihenfolge gewählt, nämlich diese: „1) Be-
dingung, 2) Bedingtes, 3) der Begriff, der aus der Vereinigung [dem
joimºm] des Bedingten und seiner Bedingung entspringt“ (l. c., 425,
ein Zitat aus KU B LVII)? Dies ist die wesentliche Frage, der Schel-
ling sich im Folgenden stellt. Er wird sie mit einer Kritik an der von
Kant gewählten Reihenfolge beantworten, durch die er sich durch
Reinhold wie durch Platon ermutigt fühlen durfte.
Aber tun wir einen Schritt nach dem anderen. Zunächst identifi-
ziert Reinhold – und Schelling folgt ihm – das (von Kant so genann-
te) „Mannigfaltige“ (egal, ob der Anschauung oder des Urteils)
ohne Weiteres mit der „Vielheit“ und stellt ihr die „objektive Ein-
heit“ des durch den Verstand (bzw. „das Ich“) Verbundenen gegen-
über (Reinhold 1789, 444 mit Anm.).20 Das Mannigfaltige kann, wie
wir sahen, einerseits das der (in Teilanschauungen – z. B. Empfin-
dungen – zerfallenden) Anschauung, andererseits das des (in Sub-
jekt und Prädikat auseinandertretenden) Urteils sein (437). So viele

20 Kant hatte dunkel von der prä-kategorialen „qualitativen Einheit“ gesprochen,


die durch das ,Ich verbinde‘ zustande komme, nicht zu verwechseln mit der
„Einheit“ der gleichnamigen Quantitäts-Kategorie (KrV B 114, B 131; Reinhold
zitiert das: Reinhold 1789, 451 f.). Die Einheit und Vielheit, mit deren Hilfe
Reinhold die Deduktion der Kategorien durchführt, kann also nicht die Einheit
und Vielheit der Kategorie sein. Vielleicht unterstellt Schelling ihm das mit dem
Zirkularitäts-Vorwurf SW I/1, 110, Anm. 1: „Auch mußte Reinhold die Formen
der Einheit und der Vielheit schon voraussetzen, um sie nebst den übrigen For-
men deduciren zu können.“ Dazu klärend Henrich 2004, 1671 ff.
1. REINHOLDS KATEGORIENDEDUKTION 15

Urteilsformen, so viele „Modifikationen der objektiven Einheit“


oder „Kategorien“ (440 f.).21
Das Urteil hat nun – gemäß einer logischen Tradition, in die sich
noch Kant einfügt (KrV A 266 = B 322) – sowohl eine „logische Ma-
terie“ als auch eine „logische Form“ (Reinhold 1789, 444 f.). Unter
der ersteren versteht Reinhold die (,materiellen‘) Komponenten Sub-
jekt und Prädikat, die sich jeweils zur objektiven Einheit eines der
beiden „wie Einheit oder wie Vielheit oder wie Einheit und Vielheit
zugleich“ verhalten können (daraus sollen die je drei Subkategorien
der Quantität – bezogen aufs Subjekt – und Qualität – bezogen aufs
Prädikat – entspringen). Unter der „logischen Form“ verstehen Kant
und Reinhold das Verhältnis von Subjekt und Prädikat „(vermittelst
der Copula)“. Hier geht es zunächst um die zu verbindenden Teile
(„das Zusammenzufassende“), dann um die verbindende Instanz
(„das Zusammenfassende“) – differenziert jeweils durch den Ge-
sichtspunkt, ob die „Einheit des Objektes“ oder „das zusammenfas-
sende Subjekt (das Denkende)“ im Blick stehen; daraus sollen die
Kategorien der Relation und der Modalität entspringen. Diese Ope-
rationen erfolgen auch bei der Deduktion dieser beiden letzten Kate-
gorien nach dem „Grundmuster […] von ,Einheit‘, ,Vielheit‘ und
,Einheit und Vielheit zugleich‘“.22 Im Fall der Relationskategorien
werden Subjekt und Prädikat ,zusammengenommen‘ auf die Einheit
des Objekts bezogen, im Falle der Modalität auf das die Zusammen-
fassung leistende „vorstellende Ich als Subjekt des Verstandes“, das
nach Reinholds damaliger Auffassung „nur durch das Bewußtseyn
des Zusammenfassens“ vorstellbar ist (446). So dachte sich das schon
Kant, der sagte, die Modalität bestimme nicht den Gegenstand selbst,
sondern dessen Verhältnis zu unserem Erkenntnisvermögen („dessen

21 Die Rede von der „objektiven Einheit“ entnimmt Reinhold natürlich dem § 19
der Kant’schen B-Deduktion („Was objektive Einheit des Selbstbewußtseins
sei“: KrV B 139 f.).
22 Bondelis Kommentar (S. 538) zu Reinhold 1789, 444 ff. Auch Henrich erklärt
Reinholds Theoriestück (Henrich 2004, 1669 – 1671).
16 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

empirischen Gebrauch“) (KrV A 233 f. = B 286 f; vgl. A 74 f. = B


99 f.).23 So ist wirklich, was aktuell wahrgenommen wird, möglich,
was realiter denkbar ist, und notwendig, dessen „blosse Vorstellung
des Zusammenfassens […] vom wirklichen Zusammenfassen unzer-
trennlich“ ist (Reinhold 1789, 447).
Kann man sagen, dass Reinholds Operation mit Einheit und
Vielheit und dem aus beiden Zusammengefassten einen Schritt weit
auf den jungen Schelling zugegangen ist? Sicherlich. Denn in der
Formschrift wird nicht nur Reinholds Verfahren der Kategorien-
Ableitung gelobt, sondern Schelling greift auch zustimmend auf sei-
ne Umdeutung des Verhältnisses analytischer und synthetischer
Urteile zurück und postuliert für sie eine gemeinschaftliche „Ur-
form“, die am ehesten aus Reinholds Grundintuition sich erschlie-
ßen ließe (SW I/1, 104 f.). Wir sahen: Reinhold macht nicht die
grundsätzliche Unterscheidung, die Kant trifft, sondern nimmt des-
sen Anweisung beim Wort, dass nämlich nichts auseinanderzuneh-
men (wörtlich: zu analysieren) ist, wo nicht zuvor etwas zusam-
mengesetzt worden ist (Reinhold 1789, 443):
Beim analytischen Urtheilen kommen ein (bereits synthetisch erzeugtes) Prädi-
kat und Subjekt, folglich zwey Vorstellungen vor, deren vorher synthetisch be-

23 Kants bekannte Formulierung lautet: „Die Grundsätze der Modalität sind aber
nicht objektivsynthetisch, weil die Prädikate der Möglichkeit, Wirklichkeit und
Notwendigkeit den Begriff, von dem sie gesagt werden, nicht im mindesten ver-
mehren, dadurch, daß sie der Vorstellung des Gegenstandes noch etwas hinzu-
setzten. Da sie aber gleichwohl doch immer synthetisch sind, so sind sie es nur
subjektiv, d. i. sie fügen zu dem Begriffe eines Dinges, (Realen,) von dem sie
sonst nichts sagen, die Erkenntniskraft hinzu […]“. Modalität sei „bloß eine Po-
sition des Dinges in Beziehung auf den Verstand (dessen empirischen Gebrauch)
[…], so ist Wirklichkeit zugleich eine Verknüpfung desselben [des Dinges] mit
der Wahrnehmung“ (KrV A 233 f. = B 286 f.). Vgl. schon früher bei der Vorstel-
lung der Urteilsformen: „Die Modalität der Urteile ist eine ganz besondere
Funktion derselben, die das Unterscheidende an sich hat, daß sie nichts zum In-
halte des Urteils beiträgt, (denn außer Größe, Qualität und Verhältnis ist nichts
mehr, was den Inhalt eines Urteils ausmachte,) sondern nur den Wert der Copula
in Beziehung auf das Denken überhaupt angeht“ (A 74 f. = B 99 f.).
1. REINHOLDS KATEGORIENDEDUKTION 17

stimmtes Verhältnis zur objektiven Einheit im Bewußtseyn bestimmt wird; und


man kann den Unterschied zwischen dem analytischen und synthetischen Ur-
theile auch damit erklären, daß beim analytischen Urtheile mit dem Gegenstan-
de dasselbe Merkmal im Bewußtseyn verbunden wird, welches durch das syn-
thetische Urtheil vermittelst der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der An-
schauung v o r dem Bewußtseyn erzeugt wurde.

Nehmen wir dazu Kants Auskunft zur Kategorientafel aus der B-


Auflage, aus der Schelling so viel machen wird (KrV B 110 f.), dass
nämlich die jeweils „dritte Kategorie aus der Verbindung der ersten
und zweiten entspringt“. So sei die Allheit „nichts anderes als Viel-
heit als Einheit betrachtet“ oder Gemeinschaft nichts anderes als
Kausalität als substantielle Einheit betrachtet. Versteht man Kants
Auskunft in dem weiten Sinne, den Reinhold den Momenten Ein-
heit und Vielheit verleiht, so kann man durchaus auf Schellings Ge-
danken kommen, Kants Beobachtung lasse sich ins Grundsätzliche
wenden, und der oberste Grundsatz der Philosophie sei nicht in Be-
dingung oder Bedingtem realisiert, sondern in dem, was sich bei der
Entäußerung an sein Anderes nicht verliert, sondern in diesem An-
deren sich selbst affirmiert (SW I/1, 99 f.). Im Bedingten treffe die
Bedingung also auf sich selbst. Das ist der Kerngedanke, aus dem
Schelling gleich im ersten Schritt auf eine Theorie der schlechthin-
nigen Identität des Bedingenden und des Bedingten hinblickt.
[Wir können] dieses D r i t t e […] nicht anders erklären als durch eine u r -
sprüngliche Vereinigung des Bedingens und des Be-
dingtwerdens in der Handlungsweise eines vorstel-
l e n d e n W e s e n s (SW I/1, 426),

wobei hier die kantische Betonung des Handlungscharakters der


Intelligenz24 eine freundliche Geste Schellings an die Adresse Fich-
tes darstellt, von der wir absehen dürfen. Auch sagt Schelling gleich

24 Kant identifiziert ja weitgehend die Begriffe der ,Spontaneität‘ und des ,Intellek-
tuellen‘: „Intellectuel ist das, dessen Begrif ein Thun ist“ (Reflexion Nr. 4182, AA
XVIII, 447).
18 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

darauf, „das ursprüngliche V o r s t e l l e n [sei] gar nicht Princip


der g e s a m m t e n Philosophie“, die Vorstellen und Handeln
übergreife und beide erst aus einem höheren Prinzip ableiten/ein-
sichtig machen müsse.
Noch mehr wundert man sich darüber, wenn man seine [Kants] eigne Versiche-
rung liest, daß alle diese Formen, die er nach vier Momenten ordnet, etwas Ge-
meinschaftliches untereinander haben, daß z. B. allwärts eine gleiche Zahl der
Formen jeder Klasse, nämlich drei seyen, daß überall die d r i t t e Form aus der
Verbindung der ersten und zweiten ihrer Klasse entspringt u. s. w. Dieß weißt
doch gerade auf eine U r f o r m hin, unter der sie a l l e g e m e i n s a m ste-
hen, und die ihnen allen dasjenige mittheilt, was sie in Rücksicht auf ihre Form
Gemeinschaftliches haben (SW I/1, 105).

Was aber macht Schelling aus dieser zustimmend zitierten Beob-


achtung? Gleich in seiner ersten philosophischen Publikation zeich-
net er die „aus beiden zusammengesetzte Form“ als die Grund-
oder Urform der Philosophie aus – anders als Fichte, der nach Art
Kants in den ersten drei Grundsätzen der Grundlage der gesamten
Wissenschaftslehre vom Unbedingten über das Bedingte zu dem aus
beiden Gemischten fortschreitet. Für Schelling aber erhält die
„durch Unbedingtheit bestimmte Bedingtheit (Satz der Disjunc-
tion)“ den obersten Rang. Die Disjunktion erläutert er wiederum
durch die Reinhold’sche Wendung „Verbindung der analytischen
und synthetischen Form“ (SW I/1, 104). Und fügt hinzu:
Dieß weißt doch gerade auf eine U r f o r m [„alles Wissens, der <sic!> analy-
tischen und synthetischen“] hin, unter der sie [die Vorgänger-Formen] a l l e
g e m e i n s c h a f t l i c h stehen, und die ihnen allen dasjenige mittheilt, was
sie in Rücksicht auf ihre Form Gemeinschaftliches haben (105).

Und wieder gelingt es ihm, genau diesen Gedanken in einer durch-


aus an Reinhold angelehnten Sprache schon bei Platon aufzuweisen:
Die Idee der Verbindung der E i n h e i t u. der M a n n i g f a l t i g k e i t oder
Vielheit ist 1ne bei Plato durchaus herrschende Idee, die er nicht nur l o -
g i s c h , sondern […] auch als N a t u r b e g r i f f anwendet, u. überall als 1ne
2. ZUM KOINÓN DES TIMAEUS 19

Form betrachtet, die die ganze/Natur umfaßt, durch deren Anwendung auf die
formlose Materie nicht nur einzelne Gegenstände hervorgebracht, sondern auch
das Verhältniß der Gegenstände zu1ander, u. ihre Unterordnung unter Gattun-
gen und Arten möglich geworden sei (Schelling 1994, 36 f.).

2. Zum Koinón des Timaeus: der ,Geist‘ als


selbstaffirmativer Organismus
Wir treffen hier auf folgendes Syndrom: In der Dialektik von Ein-
heit und Vielheit, die Reinholds Kategorien-Deduktion zugrunde
liegt, schiebt sich die Synthesis von „Einheit und Vielheit zugleich“
in den Vordergrund. Reinhold unterstützt diesen Eindruck durch
seine starke Interpretation von Kants Überzeugung, dass Analysen
nichts anderes sind als Zergliederungen vorgängiger Synthesen.
Wendet man das auf die Urteilsformen an, so springt – abermals er-
mutigt durch Kant – die besondere Bedeutung der jeweils dritten
Kategorie einer jeden Gruppe in den Blick. Das scheint der Kernge-
danke des 19-jährigen Schelling gewesen zu sein. Er deutet sich an
im Timaeus-Kommentar und drängt sich in der Formschrift als ihre
Grundeinsicht in den Vordergrund. In einer aus der Identitäts-Phi-
losophie genommenen Formulierung können wir diesen sich vor-
drängenden Gedanken so wenden: Nicht das Affirmierende, nicht
das Affirmierte, sondern die Interaktion beider bildet das höchste
Prinzip der Philosophie. Die Synthesis geht der Analysis voraus.
Und weil diese Interaktion auf eine Selbstbegegnung hinausläuft,
dürfen wir von einer Identität beider sprechen. Denn wie in Kants
Organismus-Formel ist die Selbigkeit der Relata durch die Formu-
lierung „von sich selbst“ gewährleistet.25 Schelling spricht zwei Jah-

25 Kant spricht in der großen Fußnote zum § 87 von einer „Einsicht in das über-
sinnliche Substrat der Natur und dessen Einerleiheit mit dem, was die Kausalität
durch Freiheit in der Welt möglich macht“ (KU 421 u. [kursiv von mir]). Dies
Zitat, das ich bei Schelling nirgends benutzt gefunden habe, scheint mir das Bin-
deglied zwischen Kants Projekt mit der Teleologie als Mittlerin zwischen Theo-
20 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

re später von einer ,geistigen Selbsttätigkeit‘ (SW I/1, 357), die auch
darum ,geistig‘ heißen dürfe, weil ihr Produkt eine Selbsterkenntnis
ist. Geist heiße nämlich dasjenige, ,das sich selbst erkennt‘ (l. c.).
Noch deutlicher: „G e i s t heiße ich, was nur s e i n e i g n e s Ob-
jekt ist“ (ebd., 366).26
Wir werden im Folgenden sehen, dass diese selbstbezügliche
Geist-Struktur sowohl nach dem Schema des kantischen Organis-
mus wie des platonischen f`om mogtºm modelliert ist.
Vorderhand wollen wir festhalten, dass Schellings basale Intuiti-
on 1794 – wenn nicht sogar schon in seinem zweiten Magister-Spe-
cimen vom Herbst 1792 – erheblichen Auftrieb erhalten hatte durch
die Annahme eines Mittelglieds, das mit dem „vollkommensten al-
ler Bänder“ des Timaios identifiziert wird und zwischen dem Be-
reich der Theorie und der Praxis vermittelt: der Zweckmäßigkeit.
Ich verweise zunächst auf die Passage aus dem Timaios (31c–32a),
die Hegel in seiner Differenzschrift zur Verdeutlichung von Schel-
lings reifem Identitätsgedanken anführt (1970, 97 f.). Das herrlichste
aller Bänder (deslo¸), heißt es dort, sei dasjenige, das nicht nur die
von ihm Verbundenen, sondern sich selbst mit den Verbundenen
noch einmal verbindet, so dass alle drei untereinander eins werden.

rie und Praxis und Schellings Identitätsphilosophie zu liefern; denn Kant spricht
ja von nicht weniger als der ,Einerleiheit‘ des übersinnlichen Substrats der auf
Freiheit gegründeten und der mechanischen Welt. – Im Briefwechsel mit Fichte
beruft sich Schelling am 3. Okt. 1801 auf die inexistente Anmerkung zu KU § 74
(Schelling 1968, 133). Er wird die obige meinen.
26 Michael Franz, der Schellings frühe Antikenforschung am besten überblickt, ver-
weist auf Schellings Studienhefte, in denen die Überlagerung des orientalisch-jü-
dischen pmeula durch den platonischen mour Gegenstand der Aufmerksamkeit
war. Er nennt auch das im Stift beachtete Buch von Schellings Vetter Christoph
Gottfried Bardili über die Geschichte u. a. des Begriffs ,Geist‘ (1788), das gerade
diese Überlagerung zum Thema hat (Franz 1998, 54).
2. ZUM KOINÓN DES TIMAEUS 21

D¼o d³ lºm\ jak_r sum¸stashai tq¸tou wyq·r oq dumatºm· desl¹m c±q 1m l´s\ de?
tim± !lvo?m sumacyc¹m c¸cmeshai. Desl_m de j²kkistor br #m art¹m ja· sumdo¼-
lema fti l²ksta 4m poi0 (Tim. 32b).27

Der komplizierte Gedanke, der die reife Identitätsphilosophie wie


ein Leitmotiv durchziehen wird, findet sich also wirklich im Timai-
os, wird von Oetinger aufgegriffen, und der junge Schelling hat Pla-
tons (und Oetingers) Rede von der Welt als einem f`om mogtºm,
ohne zu zögern, auf die Formel bezogen, die Kant (in der „Critik
der Urteilskraft § 65“) für die innere Verfasstheit des Organismus
geprägt hatte. Schelling schreibt im Timaeus-Kommentar:
Wir müßen uns ferner erinnern, daß Plato die ganze Welt als ein fyom, d. h. als
ein organisirtes Wesen ansah, deßen Teile nur durch ihre bestimmte Beziehung
auf das Ganze möglich sind, deßen Teile wechselseitig sich gegen einander als
Mittel und Zwek verhalten, u. sich also einander ihrer Form sowol als Verbin-
dung nach wechselseitig hervorbringen. [Dazu die Fußnote:] Siehe Critik der
Urteilskraft §. 65. (Schelling 1994, 33)

Der Bezug ist überdeutlich. Er verlangt aber einige Kontextarbeit.


Denn seine Bedeutung für die gleich im Anschluss an den Timaeus
entstandene Formschrift ist nicht ohne Weiteres durchsichtig. Letz-
tere entscheidet sich ja für die dritte Relationskategorie als syntheti-
sche Urform der Philosophie. ,Gemeinschaft‘ heißt, was „von sich
selbst (obgleich in zwiefachem Sinne) Ursache und Wirkung ist“
(KU B 286; vgl. B 290 f., 295 f.; Kant 1996, 733, 736, 740). Genau

27 Die vollständige und wörtliche Übersetzung der Passage in Hegels Fußnote ebd.
lautet: „[Zwei Dinge schön zusammenzufügen ohne ein Drittes, das ist nicht
möglich; denn es muss doch zwischen den beiden ein Band (deslºr) sein, das sie
zusammenhält.] Das wahrhaft schöne Band ist [aber] das, welches sich selbst und
die Verbundenen eins macht. Denn wenn von irgend drei Zahlen oder Massen
oder Kräften das Mittlere, was das Erste für dasselbe ist, eben das für / das Letzte
ist, und umgekehrt, was das Letzte für das Mittlere ist, das Mittlere eben dies für
das Erste ist, – und dann das Mittlere zum Ersten und Letzten geworden ist, das
Erste und Letzte aber umgekehrt, beide zum Mittleren geworden sind, so wer-
den sie notwendig alle dasselbe sein; die aber dasselbe gegeneinander sind, sind
alle Eins [Timaios, Steph. 31 – 32]“ (Hegel 1970a, 97 f.).
22 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

dies ist aber die Definition, die Kant im besagten § 65 (schon im


§ 64, wieder im § 66) der KU vom Organismus geben wird (drei
Jahre nach der B-Ausgabe der KrV). Schelling identifiziert diese
beiden Bestimmungen und schiebt dabei ihre (bei Kant durchaus
verschiedenen) Kontexte ineinander.
Nun heißt ein Wesen, das die Wirkursächlichkeit (den, wie Kant
sagt, nexus effectivus) unter die Botmäßigkeit eines vorbedachten
,Zwecks‘ – eines nexus finalis – bringt, eben ,zweckmäßig‘. Denn
Zwecke sind Zielursachen, die ein Wesen (kausal) dazu veranlassen,
seine ,bewegenden Kräfte‘ auf die Herbeiführung dieses Ziels hin
zu richten.28
Es steckt aber noch etwas anderes in der eben zitierten Timaeus-
Stelle: Nicht nur als Wechselwirkung zweier Typen von Kausalität
bestimmt Kant Organizität, sondern als Vorgängigkeit der Idee des
Ganzen vor der kausalen Interaktion seiner Teile. Kant nennt diese
letztere Art von Abfolge oft ,mechanisch‘, womit er eine unerkannte
Äquivokation erzeugt: Einmal meint nämlich ,mechanisch‘ wirkur-
sächlich (z. B. KU, § 65, B 289 ff., passim), ein andermal die Con-
struktion eines Ganzen aus seinen Teilen (KU, § 77, B 349, 351).
Umgekehrt wird bei der Auffassung der Irreduzibilität von Zweck-
ursachen auf mechanische Wirkkräfte vorausgesetzt, dass es einen
Typ von Kausalität wirklich gebe, bei dem die Idee des Ganzen die
Anordnung der Teile kommandiert. Tatsächlich hat Véronique Za-
netti (1993), anknüpfend an Peter McLaughlin (1989), gezeigt, dass es
zu einer ,Antinomie der teleologischen Urteilskraft‘ – also einem
Streit der mechanistischen und der teleologischen Erklärungsart –
nur kommt, wenn zwei Formulierungen gegeneinander ins Feld ge-
schickt werden (und Kant tut das eben nicht auf durchsichtige Wei-
se):

28 Nach Schelling haben sowohl Kant als auch Platon Lebewesen verstanden als
,beseelte‘ Wesen: solche mit „u r s p r ü n g l i c h e [ r ] B e w e g u n g s -
k r a f t“ (Schelling 1994, 29, schon 28). Diesen Gedanken werde ich gleich erläu-
tern und durch Kant- und Schelling-Zitate belegen.
2. ZUM KOINÓN DES TIMAEUS 23

1. Das Ganze eines Organismus ist zu erklären aus der „mechani-


schen“ Interaktion der Teile, d. h. aus seinen anorganischen
(„bewegenden“) Kräften.
2. Die Teile eines Organismus wirken überhaupt nur auf Geheiß
(der Idee) eines Ganzen. Diese Art von Kausalität heißt „bilden-
de Kraft“29 (Zanetti 1993; dieselbe im Kommentar zu Kants
„Dialektik der teleologischen Urteilskraft“ mit allen einschlägi-
gen Belegen [Kant 1996, 1286 – 1309]).
Auch diesen Gedanken glaubt Schelling also, wie sein Zitat belegt,
schon bei Platon nachweisen zu können. Und zwar erstens in des-
sen Unterscheidung einer irdischen (mechanischen) und einer gött-
lichen (zweckgeleiteten) Kausalität. Und zweitens an seiner Über-
zeugung, dass „organischen Wesen“ eine Geist-Struktur, also ein
mour eingebildet ist (Schelling 1994, 30).30
Ad 1. Die Unterscheidung einer irdischen (notwendigen) und ei-
ner göttlichen Ursächlichkeit (Timaios 68e5 – 69a1) wird in einem
Studienheft Schellings vom August 179231 hervorgehoben. Es trägt
als Motto das besagte Timaios-Zitat:

29 Das Zitat, das bewegende und bildende Kraft der Natur unterscheidet, ist aus
KU B 292 f.
30 Dass Kants Organismus-Bestimmung Patin stand bei Schellings Geist-Konzepti-
on, habe ich detaillierter gezeigt in Frank 1991, Kap. III, 98 ff.
31 Binnendatierungen zeigen freilich, dass wichtige Notate nicht vor 1793/Frühjahr
1794 geschrieben sein können. Auf dem Heftdeckel steht von Schellings Hand
„Vorstellungsarten der alten Welt / über / Verschiedene Gegenstände / gesam-
melt / aus Homer, Plato u. a.“ (Hartmut Buchners Kommentar zu Schelling 1994,
14 f.). Das Heft enthält auch einen ausführlichen Entwurf seiner Dissertation
über Marcion und den Entwurf einer Geschichte des Gnosticismus (inzwischen
abgedruckt in HKA II.5) und 17 Seiten Aufzeichnungen gemischten Inhalts, aber
durchgängig zu Platon (in HKA II.4, 9 – 28).
24 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Duo aitiar eidg wqg dioqifeshai ·32 to lem, amacjaiom. to de, heiom. jai to lem heiom
em "pasi fgteim jtgseyr 2meja eudailomor biou, jahf bsom Blym B vusir emdewe-
tai.33

Dieses Zitat bezieht Schelling ohne Weiteres auf Kants Idee eines
Organismus oder vielmehr: der Welt (die anorganische und die
geistige Natur einbegriffen) als eines ,Gesamtorganismus‘. Wenn
wir (im obigen Zitat) ,notwendige‘ durch ,mechanische‘ oder wirk-
ursächliche und ,göttliche‘ durch ,finale‘ Kausalität (oder ,Zweck-
mäßigkeit‘) ersetzen und zwischen kantischen und platonischen
Zweckideen nicht unterscheiden, sind wir sogleich bei dem Gedan-
ken, der Weltbaumeister habe der Materie eine Form eingebildet,
und die habe sie wie ein eingebauter Plan zur Produktion eines We-
sens veranlasst, „deßen Teile nur durch ihre Beziehung auf das
Ganze möglich sind, u. sich also einander ihrer Form sowol als Ver-
bindung nach wechselseitig hervorbringen“ (Schelling 1994, 33; un-
ter Bezug auf KU B 291). Dabei müssen Gesetze als am Werk ge-
dacht werden, die nicht der Materie als solcher, „sondern einer rei-
nen F o r m der E i n h e i t [zuzuschreiben sind]. Werk einer
I n t e l l i g e n z“ (l. c.). Ein anderer Beleg: „Der Welt als Einem
großen fyom mußte Eine Idee im göttlichen Verstande zu Grunde
liegen, die nicht nur eine besondere Gat/tung oder Art organischer
Wesen darstellte [als welche man Platons Ideen gemeinhin ausgelegt
hat], sondern als eine allgemeine Idee a l l e r dienen konnte“ (38 f.).
Überhaupt heißen Geschöpfe „mogta“ nur, „insofern sie i n d e r
I d e e vorhanden sind“ (31 oben). Darum nennt Platon den Wel-

32 Zit. nach Buchner, in: Schelling 1994, 15. Im Original heißt es: „Di¹ dµ wqµ d¼û
aQt¸ar dioq¸feshai“ (usw.).
33 „Zwei Ursachen gilt es zu unterscheiden, eine notwendige und eine göttliche.
Diese aber muss man in allem suchen um der Glückseligkeit willen, soweit unse-
re Natur es nur zulässt.“ Die Bedeutung der göttlichen Ursache bei Platon ist
Schelling außer durch die Schwabenväter durch zwei Aufsätze von Tennemann
(1791) und Tiedemann (1786) nahegelegt worden, auf die er in Timaeus zurück-
greift.
2. ZUM KOINÓN DES TIMAEUS 25

tenorganismus auch ein ,intelligentes Tier‘, ein ,fyom mogtom‘ oder


einen ,joslor mogtor‘ (31). Die Welt bildet aber auch darum einen
Gesamtorganismus, weil „die Idee des Ganzen wiederum als vor-
ausgehend, u. a priori die Form der Teile in ihrer Harmonie bestim-
mend gedacht werden muß“ (33, vgl. 41 f.). Wie Kant spricht Schel-
ling von der „Caußalität eines Begriffs, einer Idee“ am Ursprung je-
des einzelnen wie des Gesamt-Organismus (l. c.). Auch sonst
betont der Timaeus-Kommentar durchgängig, dass die Vielzahl der
platonischen Ideen, die man als Gattungsbegriffe verstanden hat,
alle von Einer grundlegenden Idee kontrolliert werden, die dafür
sorgt, dass die empirischen (also nicht a priori antizipierbaren) Na-
turgesetze ein kohärentes System oder, wie der Timaeus formuliert,
eine „Harmonie“ bilden. Eben das ist mit dem Ausdruck ,Gesamt-
organismus‘ gemeint.34 Anders, als es der Oberflächeneindruck des
naturteleologischen Teils der KU suggeriert, integriert er auch die
anorganische Natur unter ihren ,Endzweck‘; nur dieses Ganze darf
,fyom mogtom‘ heißen.
Wem übrigens die Unterscheidung einer ,notwendigen‘ von einer
,göttlichen Ursächlichkeit‘ altfränkisch oder pietistisch vorkommt,
muss sich nur daran erinnern, dass Kant denselben Unterschied
auch als den von „realen“ und „idealen Ursachen“ wiedergibt (KU
B, 290). Jedenfalls war Schelling diese platonische Unterscheidung
so wichtig, dass er sie in den Untertitel seines Dialogs Bruno (von
1802) stellt: oder über das göttliche und natürliche Princip der Din-
ge. Auf diese Passage, die vollständig zitiert wird, macht Schelling
selbst in einer Fußnote aufmerksam (SW I/4, 330, erste Anm.; dazu
Matthews 2011, 20 ff., bes. 25).
Es ist schwer zu glauben, dass Schelling mit dieser Projektion
Kants auf Platon – und der enharmonischen Verwechslung der ,Ide-

34 Zur Idee des Gesamtorganismus vgl. Véronique Zanettis und mein Kapitel im
Kommentar zur Kritik der Urteilskraft, das überschrieben ist: „Innere und äuße-
re Zweckmäßigkeit: Kants Theorie der belebten Natur und der Natur als Ge-
samtorganismus“, in: Kant 1996, 1270 – 1286, 1324 ff.
26 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

en‘-Begriffe beider – nicht Gedanken reaktiviert haben sollte, die


ihn bei der Niederschrift seines zweiten Magister-Specimens über
die Teleologie als Vermittlerin von theoretischer und praktischer
Vernunft („besonders in Bezug auf den Gebrauch der Categorien“)
geleitet hatten.35 Noch in der Ich-Schrift beschwört er diesen ur-
kantischen Gedanken mehr, als dass er ihn ausbreitete. Soll es ein
„absolutes Ich“ geben, so muss in ihm der Unterschied zwischen
Mechanismus und Zweckmäßigkeit aufgehoben sein. Nur dann
können aus ihm Wesen erklärt werden, in denen „Technik Mecha-
nism und Mechanism Technik“ wäre, wie es bei den von irdischer
und himmlischer Kausalität gemeinschaftlich gesteuerten Organis-
men der Fall ist (SW I/1, 241; ganz ähnlich bis in den Wortlaut der
Timaeus, 34). Der Grundgedanke ist: Der teleologische Gesichts-
punkt lässt die nach mechanischen Gesetzen arbeitende Natur ins-
gesamt als ein Wesen erscheinen, das von den Ideen der praktischen
Vernunft geleitet ist. Für die behauptet Kant ein „Faktum der [rei-
nen] Vernunft“ in Gestalt des „Sittengesetzes“, das den Tatsachen
unseres Bewusstseins tief eingesenkt sei (KpV 55 f., 81 f.) – auch die-
ses „Faktum“ figurierte ja im Titel von Schellings zweitem Magis-
ter-Specimen. 1797 fügt er der Bemerkung, die Natur befinde sich
insgesamt unter der Botmäßigkeit dieser Zweckidee, die Fußnote
hinzu: „Hieraus erhellt auch, wie und inwiefern Teleologie das ver-
bindende Mittelglied zwischen theoretischer und praktischer Philo-
sophie ist“ (SW I/1, 241, Anm.).
Ad 2. Was aber hat dieser kantisch-platonische Brückenschlag
zwischen Theorie und Praxis mit dem moOr zu tun – außer dass mit
der Zweckidee ein Gedanke der übersinnlichen Welt aufgerufen ist?
Zunächst ist Schelling damit zufrieden, nachgewiesen zu haben,
dass Platon selbst den moOr als Vermittler zwischen Materie und
Form bemüht. Ab 1796 führt Schelling dann selbst den Ausdruck

35 Meine Vermutung: Beim Bezug des Gedankens der Theorie und Praxis verbin-
denden Zweckmäßigkeit auf den Gebrauch der Kategorien stand die Kategorie
,Gemeinschaft‘ Pate.
2. ZUM KOINÓN DES TIMAEUS 27

,Geist‘ in sein Philosophieren ein und unterlegt ihm genau die


Struktur des Organismus, die er dem platonischen moOr nachgewie-
sen hatte. Es ist, glaube ich, der erste Auftritt dieses Schlüsselbe-
griffs im so genannten deutschen Idealismus (SW I/1, 356 ff., 366 ff.,
386 f.). Selbst die „Geschichte des Selbstbewußtseyns“ (382 [im
Orig. gesp.]) erscheint nun als eine solche des nach ihm ringenden
„Geistes“.36
Die so genannten „Handlungen“ dieses „Geistes“ beruhen auf
,Selbsttätigkeit‘ (SW I/1, 357) und dürfen auch darum, fährt Schel-
ling fort, ,geistig‘ heißen, weil ihr Produkt eine Selbsterkenntnis ist.
Geist heiße das- und nur dasjenige, „das s i c h s e l b s t e r -
k e n n t“ (l. c.). Eine andere Formulierung: „G e i s t heiße ich, was
nur s e i n e i g n e s Objekt ist“ (366 u.). Und noch später wird die
Struktur des Geistes geradezu durch diejenige des Organismus er-
läutert: ,Geistig‘ heißt nun, was seine eigenen Vorstellungen produ-
cirt, „in welchem produktive Kraft ist“ (386) – wie in einer Pflanze
einerseits, im sich selbst als sich setzenden Ich37 andererseits (darum
kann Schelling die Pflanze den „verschlungenen Zug der Seele“, ihr
Symbol, nennen; l. c.).
Was verbindet die Struktur des Organismus mit dem Selbstbe-
wusstsein? Beide Male trifft ein Relat in der Verdopplung durch
sein Anderes auf sich selbst oder ein ,Momentum‘ seiner selbst.
Denn so wie Selbstbewusstsein sein Objekt „als sich selbst“38 auf-
fasst, so sind im Organismus Wirkendes und Bewirktes solche „von
sich selbst“.

36 „Durch dasselbe [das Selbstbewusstsein] ist der ganze Umkreis des Geistes be-
schrieben, denn in allen seinen Handlungen strebt er nach Selbstbewußtseyn“
(SW I/1, 383).
37 Das ist Fichtes berühmte Formulierung aus der Wissenschaftslehre nova methodo
von 1798 (GA IV.2, § 1, 32), die in Hölderlins Urtheil und Seyn ihren Vorläufer
hat: Hölderlin 1991, 156, Z. 11 – 15.
38 Der Clou ist das Begriffswörtchen ,als‘. Es verhindert, dass ich mich im Objekt
lediglich auf mich beziehe. Ich muss das in Kenntnis dessen tun, dass das Objekt
ich selbst bin.
28 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Der Punkt ist für Schellings Identitätsphilosophie so entschei-


dend, dass ich bei ihm noch einen Augenblick verweilen muss. Die
im Organismus waltende ,produktive Kraft‘ (der der Biologe Blu-
menbach den Namen „Bildungstrieb“ verliehen hatte) dient Schel-
ling nämlich als Schema für das, was er seit 1796 den „Geist“ nennt
und wovon das Selbstbewusstsein nur die höchste Ausprägung ist.
Der Bildungstrieb ist dadurch ausgezeichnet, dass er nach einem
Plan produziert (oder zu produzieren scheint). ,Nach einem Plan
produzieren‘ heißt: das Ergebnis, das Worumwillen der Produktion
bei der Auslösung der wirkenden Ursachen schon vorschweben ha-
ben wie ein Richtmaß, an dem sich der Produzent orientiert. Ein
solches Richtmaß hatte Kant den ,Zweck‘ einer Produktion ge-
nannt. Zwecke sind selbst Ursachen. Aber ihre Kausalität besteht
darin, die Wirkursachen ihrerseits dazu zu bringen, auf das beab-
sichtigte Ergebnis hinzuarbeiten. Die Formel ,von sich selbst zu-
gleich Ursache und Wirkung‘ meint ja, dass ich jedes Teil eines or-
ganischen Ganzen zweifach deuten kann: 1. als bewirkend ein ande-
res, eben das unmittelbar von ihm Verursachte; 2. als seinerseits
bewirkt durch eine Endursache, die diesen ersten (,mechanischen‘)
Kausalprozess ihrerseits ausgelöst hat.
Man kann also das Spezifikum des Organismus resümierend so charakterisieren:
Wir haben mit einem nach einer Zweckidee organisierten Wesen zu tun, wenn
Folgendes gilt: Gegeben sei ein Teil x und ein Ganzes y, 1. x ist ein Teil von y,
2. x ist die Ursache von y, 3. y bestimmt x (Zumbach 1984, 106).

Und diese Formel, die er schon in den Notizen zu Platons Timaios


freudig aufgegriffen hatte (Schelling 1994, 33), taucht nun 1796/97
bei der Beschreibung der Struktur des Geistes – ja, als das nunmeh-
rige Definiens des Geistes – in den Abhandlungen wieder auf:
Insofern sie [die produktive Kraft oder der Bildungstrieb] i h r e e i g e n e n
Vorstellungen p r o d u c i r t, insofern ist sie von sich selbst w e c h s e l s e i -
t i g U r s a c h e u n d W i r k u n g. Sie wird sich also als ein Objekt anschau-
en, d a s v o n s i c h s e l b s t w e c h s e l s e i t i g U r s a c h e u n d W i r -
3. OETINGER UND HAHN 29

k u n g ist, oder, was dasselbe ist, als e i n e s i c h s e l b s t o r g a n i s i -


r e n d e N a t u r (SW I/1, 386).

Wie im Heft zum Timaeus wird Kants Bestimmung des Organis-


mus ohne Weiteres auf Platons Modell zweier sich antagonistisch in
einem Dritten (joimºm) vereinigenden Kräfte zurückbezogen: der
ungeformten materiellen, die ins Unendliche geht (%peiqom), und der
Form gebenden, Begrenzung schaffenden (p´qar [Schelling 1994,
59 ff.]). Diese Interaktion von zwei gegenläufigen Kräften ist breit
exponiert zu Beginn der Schrift Von der Weltseele (1798), und zwar
in dem Eröffnungsaufsatz „Ueber die erste Kraft der Natur“ (HKA
I.6, 75/77 ff.; = SW I/2, 379/381 ff.). Die wechselseitige Durchdrin-
gung der beiden Tätigkeiten erzeugt „eine 3te, zwischen beiden
mitten inne stehende [,gemischte‘] Art von Substanz“ (Timaios
35a1b3; Schelling 1994, 41). Damit eine Beziehung zweier gegen-
strebiger Tätigkeiten „Ein Ganzes“ erzeugt (l. c.) und zur Selbstbe-
ziehung wird, musste in ihr jenes ,schönste aller Bänder‘ (desl_m de
j²kkiotor) walten (Timaios 31 c), das sie nicht nur miteinander,
sondern auch noch mit dem verbindet, das diese Verbindung durch-
führt: Dieses schönste Band vermittelt also nicht zwischen zwei Se-
paraten, die es der Identität überführte. Es verknüpft „sich selbst“
mit dem von ihm Verbundenen als mit sich selbst (SW I/2, 361), so
dass das Verbundene auch das Andere seiner selbst (oder „i n die-
sem Anderen sich selbst das Eine“) heißen darf (SW I/7, 54 [f.]).
Nur wenn die Teile des Verbundenen „für sich“, also vom Bande
abstrahiert, auftreten, heißen sie dem ,bloß Einen‘ gegenüber ,das
Viele‘.

3. Schellings Platonismus ist nachhaltig geprägt durch


Oetinger und Hahn
Es scheint, als habe Schelling diesen Gedanken nicht erst aus seiner
Tübinger Platon- oder Kant-Lektüre gewonnen, sondern aus einem
30 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

noch viel früheren Studium der ,Schwabenväter‘. Auf diese Abhän-


gigkeit will ich nun einen eigenen Blick werfen. Die Tatsache selbst
ist unbestritten, in zahlreichen historischen Studien betont und im
Detail nachgewiesen worden. Ich will hier lediglich zeigen, wie sie
den Blick auf Platon und die besondere Aufmerksamkeit auf die
Spitzenstellung der Kategorie ,Wechselwirkung‘ befördert hat.
Ich beginne mit einer kurzen biographischen Erinnerung. Schel-
ling ist durch sein Elternhaus und die großartige Bibliothek des Va-
ters von Kind an tief geprägt vom Geist des so genannten ,spekula-
tiven Pietismus‘ (Plitt I, 21). Sein Vater, der sich einen „Schüler
Bengels im weiteren Sinn“ nannte und in dessen Haus Philipp Mat-
thäus Hahn verkehrte, trat als Prälat in Murrhardt in die Nachfolge
Oetingers. Ausschlaggebend für Schellings Studium der ,Schwaben-
väter‘ waren freilich die dreieinhalb Jahre in der Nürtinger Latein-
schule (1783 – 1786). Der achtjährige Knabe war nicht nur in der
Wohnung seines Onkels mütterlicherseits, des Diakons Nathanael
Köstlin, untergebracht, sondern wurde auch von ihm selbst unter-
richtet. Hier wurde Schelling erst so richtig vertraut mit den Lehren
und den reichlich in der Bibliothek vorhandenen Schriften Johann
Albrecht Bengels, Friedrich Christoph Oetingers und besonders
Philipp Matthäus Hahns.39 Auch der Onkel Faber väterlicherseits in
Neuffen war „ein feuriger Anhänger Oetingers“ (Plitt I, 4). Durch
die spekulativen Pietisten war platonisch-neuplatonisches Gedan-
kengut, angereichert mit jüdisch-kabbalistischer und protestanti-
scher Mystik (Isaak Luria, Jacob Böhme) höchst gelehrt und geist-
voll tradiert worden, wenn auch gelegentlich im Konflikt mit dem
kirchlichen Konsistorium Württembergs.
All das ist wohlbekannt. Aber wie genau imprägniert die Lektüre
Oetingers und Hahns Schellings frühe Platon-Studien und das Ge-
wicht, das er Kants Organismus-Gedanken zumisst?

39 Vgl. u. a. Rudolf Schneider 1938; Reiner Heinze 1969; Volker Schäfer 1989; Ger-
hard Schäfer 1995; Tonino Griffero 2000; Bruce Matthews 2011, 53 – 68.
3. OETINGER UND HAHN 31

Da ist allem voran das Timaios-Zitat, das sich fast in jeder von
Schellings Publikationen des Jahres 1806 direkt oder leicht abge-
wandelt findet. Es ist dasselbe, das Hegel unter Angabe der Quelle
in seiner Differenzschrift übersetzt hat, um das Eigene von Schel-
lings Identitäts-Auffassung historisch zuzuordnen (Hegel 1970a,
97 f.) Ausgerechnet diese Stelle bleibt im Timaeus-Kommentar un-
erwähnt, Schellings Kommentierung überspringt sie auffällig.40 Bru-
ce Matthews hat sie dagegen als Motto über seine Doktorarbeit ge-
stellt (Matthews 2011, v). Obwohl ich sie im letzten Abschnitt zi-
tiert und besprochen habe, rufe ich sie rasch in Erinnerung:
D¼o d³ lºm\ jak_r sum¸stashai tq¸tou wyq·r oq dumatºm· desl¹m c±q 1m l´s\ de?
tim± !lvo?m sumacyc¹m c¸cmeshai. Desl_m de j²kkistor br #m art¹m ja· sumdo¼-
lema fti l²kista 4m poi0 (Timaios 31b–c).

Zwei Dinge allein auf vollkommene Weise zusammenzufügen ohne ein Drittes,
das geht gar nicht. Ein Band muss ihren Zusammenhalt vermitteln. Das voll-
kommenste aller Bänder aber ist dasjenige, das sich selbst und die Verbundenen
so fest als möglich zu Einem macht/flicht. (Übersetzung von M. F.)

Der Sinn dieser merkwürdigen Passage wird uns zu beschäftigen


haben. Hier ist nur eine kurze Ad-hoc-Lesehilfe: Das Band verbin-
det sich selbst mit den Verbundenen, sagt Platon (und Oetinger zi-
tiert das), so dass sich die Identität verdoppelt. Einmal ist das Band
(deslºr) mit dem einen, ein zweites Mal mit dem anderen Relat ver-
bunden; und erst dadurch sind es die Relata – mittelbar – unterein-
ander. Das ist die Keimzelle der berühmt-berüchtigten ,Identität
der Identität und der Differenz‘; denn ohne das Band differieren die
Relata natürlich, sie sind zweier-, nicht einerlei.41 Diese In-eins-
Verflechtung wird Oetinger ,Simplification‘ nennen.

40 Zwischen der Stelle 31b8 und 32c klafft eine Kommentierungs-Lücke.


41 Vgl. den Kommentar mit detaillierten Nachweisen der Textstellen, auf die sich
Oetinger oder die von ihm benutzten Texte beziehen (1977a, 2. Teilband, 147 ff.).
Der Kommentar, in dem eine riesengroße Arbeit steckt, ist auch für alle weiteren
hier herangezogenen Textstellen äußerst nützlich.
32 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Wiederholt kritisiert Oetinger Leibnizens Lehre von der undiffe-


renzierten Ein(erlei)heit der Monade und setzt ihr die Vorstellung
einer organischen Vielfalt von Kräften entgegen, die er mit dem
Freiherrn von Creutz auch recht platonisch „ein Mittelding“ nennt,
das ,weder einfach noch zusammengesetzt‘ sei (Oetinger 1977b,
138 – 143).42 Wie ein solches näherhin strukturiert sein könnte, wird
in 18 kettenschlussartig angeordneten Thesen durchaus scharfsinnig
erwogen. Von Creutz kommt zu dem Schluss, es sei ein Wesen
denkbar, das durch diese beiden entgegengesetzten, aber sich nicht
widersprechenden Prädikate charakterisiert werden könne: als „au-
ßer einer andern vorstellbare Wirklichkeit [Entität]“ und als „nicht
ohne eine andere vorstellbare Wirklichkeit [Entität]“ (142, Satz 21 –
22). Das erste Horn der Alternative könne als eine einfache Kraft
gedacht werden, ohne andere auszuschließen, das zweite nicht; es
sei aber mit dem ersten dann nicht im Widerspruch, wenn die Viel-
heit der Teile so beschaffen sei, dass diese ohne einander nicht exis-
tieren können, also ebenfalls, und zwar notwendig, eine (syntheti-
sche) Einheit bilden (Satz 21). Ich denke, das ist recht genau die
Struktur, die Kant und Schelling einem Organismus zuschreiben.
Es ist die Struktur der Gemeinschaft. Sie schlägt übrigens durch auf
Schellings berühmte Bestimmung der Liebe:
[D]ieß ist das Geheimniß der Liebe, daß sie solche verbindet, deren jedes für
sich seyn könnte und doch nicht ist, und nicht seyn kann, ohne das andere (SW
I/7, 408; ganz ähnlich schon: I/7, 174, Nr. 163).

Im 8. § der „Neue[n] Metaphysische[n] Erwegungen [sic!] über das


Cabbalistische System, woraus die 10 Ausflüsse Gottes begreifli-
cher werden“ (Oetinger 1977b, 170), hebt Oetinger noch einmal zu
einer „Wiederlegung [sic!] der Monaden“ (175) an. Diesmal nicht
mit Mitteln der Logik, sondern nur durch den Nachweis, dass das

42 Oetinger zitiert zustimmend aus dem Versuch über die Seele des Freiherrn Fried-
rich Carl Casimir von Creutz.
3. OETINGER UND HAHN 33

unauflösliche Band der Kräfte mit dessen Auflöslichkeit im Leben


der Kreatur unverträglich ist:
Wenn nun in dem Leben Gottes verschiedene Kräften seyn, welche sich in die
Creatur deriviren, so kann auch kein einfach Ding ohne Verschiedenheit der
Kräften entstehen. [„Ohne Verschiedenheit der Kräfften könnte der Creatur
keine Selbstbewegung mitgetheilt werden; denn die zwey widrige Central-
Kräfften, welche NEUTON aus der Natur erfunden, sind der Grund der Selbst-
Bewegung.“] Mit dieser Verschiedenheit ist also jedes Geschöpffe auflößlich.
Gott kann der Creatur die Unauflößlichkeit und die Ausnahm von der Finster-
niß nicht communiciren, daher ist einfach seyn und zugleich mit Verschieden-
heit der chaotischen Kräften geschaffen werden contradictorisch (175; das Zitat
in eckigen Klammer aus dem § 9).

Unter dem Lemma „Wille“ kommt Oetinger auf die Leibniz-


Wolff’sche Monadologie noch einmal geistvoll zurück (Oetinger
1999 I, 356 f.). Hier stellt sich das Problem folgendermaßen: Dass
ein ,einheitliches denkendes Wesen‘ (eine Kant’sche Apperzeption)
aus der Zusammensetzung einzelner Vorstellungen oder Vorstel-
lungstypen (Sehen, Hören, Riechen, Denken) entstünde, ist unver-
ständlich. Die Zusammensetzung wäre vielmehr „überflüssig“.
Denn die Einzelvorstellungen wären ja in sich schon einig. (Der
Gedanke ähnelt auffällig dem kantischen eines „Selbst[s]“ das nicht
von Vorstellung zu Vorstellung ein anderes wird [KrV B 134].) Die
Einheit eines Wesens, das sie alle im Bewusstsein vereinigt, muss
also anders erklärt werden, und hier wählt Oetinger die mystische
Formulierung vom „wechselseitigen Innestehen einer Kraft in der
andern“. Was er in dunklen Metaphern sagen will, scheint dies zu
sein: Die ,organische‘ Durchdringung oder Integration der subalter-
nen Einheiten ist „keine Zusammensetzung, sondern eine ineinan-
der Wirkung“, eine „Erhöhung der Kräften, die ineinander seyn“
(Oetinger 1999, 356 f.). Die Vereinigung der mannigfaltigen Kräfte/
Vermögen darf nicht additiv erfolgen, sondern muss auf ein integra-
les Vereinigungsvermögen zurückgreifen, das, dem platonischen
,Dritten‘ gleich, eine „Simplification“ der Verschiedenen tatsächlich
34 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

bewirken kann. Dazu muss es ursprünglich schon (Kant würde sa-


gen: a priori) in sich selbst einig sein, um seine Einheit den zu verei-
nigenden „Teilen“ mitteilen, nicht von ihnen synthetisch erben zu
können.
Um auf den Kettenschluss des Freiherrn von Creutz zurückzu-
kommen: Schelling wird durch die Unterscheidung des praeter se
und des extra se zeigen (z. B. SW II/3, 352), dass die Reflexionsbe-
stimmungen Einheit und Verschiedenheit sich (unter einer bestimm-
ten Deutung) nicht widersprechen; und diese Indifferenz der Ver-
hältnisse in Gott gibt Oetinger ja selbst zu.
Warum aber spart Schellings Timaeus die Kern-Passage 31c–32a
aus seinem jugendlichen Kommentar aus? Dafür habe ich ebenso
wenig einen Beleg wie für sein wiedererwachtes Interesse an Oetin-
ger und dem Timaios gerade in der Zeit um 1806. Tagebücher oder
Briefe, die uns diese Information lieferten, sind (mir) nicht bekannt.
Natürlich mag sich Schellings Auskunfts-Unfreudigkeit 1806 auf
den Timaios – die Quelle auch für Oetinger – selbst beziehen; denn
zwischen Philosophie und Religion (1804) und der Freiheitsschrift
(1809) waren ihm, auch in Reaktion auf zeitgenössische Platon-For-
schungen, ernste Zweifel an Platons Verfasserschaft gekommen.43
Im Übrigen haben wir bei Schelling immer damit zu rechnen, dass
er seine geheimen Inspirationsquellen verbirgt, wenn es nicht gera-
de Autoren wie Platon oder Kant sind. Erst Tagebuch-Einträge
vom 7.–9. März 1809 und vom 26. Januar 1810 geben Auskunft dar-
über, dass er sich mit Oetingers Abhandlung über die Irrdische und

43 Der Hauptbeleg ist Schellings Brief an Carl Josef Windischmann, der ihm gerade
ein Exemplar seiner deutschen Übersetzung des Timaios zugeschickt hatte. Im
Dankesschreiben vom 16. 1. 1804 behauptet Schelling, der Timaios sei gar „kein
Werk des Plato“, sondern womöglich ein ganz spätes, vielleicht christliches, „das
den Verlust des ächten ersetzen sollte“ und so ein gutes Lehrstück biete zum Stu-
dium des „Unterschied[es] des Antiken und Modernen“ (Fuhrmans III, 46; so
auch SW I/6, 36 f.). Weitere Belege bei Krings (1994, 119, Anm. 6, und 145 ff.,
bes. 148 – 151).
3. OETINGER UND HAHN 35

himmlische Philosophie […] (1765) beschäftigt hat,44 die ausdrück-


lich auf diese Passage des Timaios Bezug nimmt:
Aus Ezechiel Cap. 1 u. 10 erhellet, daß diese Kräffte in einander sind, wie ein
Rad in dem andern, wie ein fyom in dem andern. Sie sind nicht auseinander ge-
sezt, wie die Simplicia/ monadum. Sondern sie sind von GOtt zur gegenseitigen
Inexistenz d. i. Intensität [sic! eine Art der Wechselwirkung] gebracht. Dieses
Band der Kräfften heißt das Leben Gottes und das Leben der Creatur. In Gott
ist es indissoluble, in der Creatur selbst nach Plato [an der eben angegebenen
Stelle 31c und 41a-b] dissoluble (Oetinger 1765, 183 f.; = Oetinger 1977a 2,
260 f.).45

Diese Art der Zusammenfügung nennt Oetinger in seiner Privat-


sprache ,Essentiierung‘, wobei er sich aber immer noch an Platons
Metapher vom Band orientiert, das Materie und Geist ,zu einem Ei-
nem flicht‘ (,simplificirt‘):
GOtt allein ist der Essentiator: Er fügt die Dinge zusammen, daß der Stoff zu
Geist werde; Er macht, daß alles im ewigen Wort simplificirt werde, was materia-
lisch ist; daher wird die Seele nicht aus Kräfften componirt, sondern essentificirt.
Essentificiren heißt, ad inexistentiam et intensitatem bringen. (l. c., 184/261)

Im göttlichen Logos, im göttlichen Wort seien die Kräfte vereint


(zu ,Einem‘ geworden: „simplificirt“), die in der und durch die

44 Oetingers Schrift wird oft auf den Titel Swedenborg gekürzt. Im Tagebuch von
1809/10 notiert Schelling: „Teils mit Umschreibung des Vorherg[ehenden: ge-
meint wohl Friedrich Schlegels Abhandlung über Sprache und Weisheit der In-
dier], teils mit Studien fürs folg[ende] zugebr[acht]; dazu gelesen Oetingers Swe-
denborg und a[uch] das vortrefflich.“ „Oetingers [Schriften] gelesen – Sweden-
borg“ (Schelling 1994a, 12 f.; vgl. den Hinweis der Herausgeber S. 45, dass
Schelling damals Swedenborg überhaupt nur durch Oetingers Vermittlung kann-
te).
45 Vgl. l. c., 236 f.: „Aus dem Anschauen der Welt, die so unver/änderlich zusam-
men gehalten wird, mußt du schließen, es sei ein ewig unauflöslich Band der
Gottheit, wodurch alles zusammen gehalten wird.“ Und: „Das ganze Gesicht
[gemeint ist eine Vision Ezechiels, Cap. 43] malt uns ab das unauflösliche Band
der Kräfte Gottes in dem ewigen Leben, davon die nächsten Geschöpfe mehr, die
entfernteren weniger an sich tragen“ (348, vgl. 354).
36 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Schöpfung auseinandertreten, indem sie aus einem Zustand der „In-


differenz der Kräfte“46 in einen solchen tatsächlicher Trennung
übergehen (Oetinger 1999 I, 246): „N a t u r ist ein Drittes aus
zweien, nemlich ex agente et patiente“ (Oetinger 1977a 2: 383), und
oft werden die auseinandertretenden und doch aneinander gefessel-
ten Strebungen mit Newtons Widerstreit ausdehnsamer und kon-
traktiver Kräfte47 oder – mit Pseudo-Dionysius – als Antagonismus
dunkler und lichter Kräfte identifiziert. Fast gleichlautend – diesmal
unter Bezug auf biblische Quellen – äußert sich Oetinger in der
Lehrtafel der Prinzessin Antonia (1763). Nur was aus „zwey widri-
ge[n] Kräften“ konstituiert ist, verfügt über „Selbst-Bewegung“
oder „freithätige Kraft“ (Oetinger 1999 I, 356):48
Die Freitätigkeit (Aktion) ist die Wirkung einer Selbstbewegung oder eines
Selbst-Vermögens […].
Die freythätige Kräften [sind Kräfte der göttlichen Weisheit] und [als solche]
alle gewurzelt in dem unauflöslichen Band der Kräften des Lebens GOttes
(Hebr. 7, 16).
Diß unauflösliche Band ist in Gott nothwendig, d. i. es kan nicht anders als un-
auflöslich seyn; hingegen ist alles, was aus dem Leben GOttes zur Würcklich-
keit eines Geschöpfes gelangt, auflößlich, contingent, und hat statt der blossen
Endlichkeit, wie die Philosophen sagen, zuerst Finsterniß, d. i. der Kräften

46 In Oetinger (1977b, 179) ist auch von ,chaotischer‘ „Indisctinction“ die Rede, aus
der die Kräfte in eine „formirte Unterschiedenheit“ heraustreten.
47 Die Irdische und himmlische Philosophie enthält ein ganzes Kapitel über die
„Newtonsche Philosophie“ (Oetinger 1977b 2: 198 – 214, darin einen Abschnitt
mit der Überschrift „Von den Kräften“: 99 ff.). Anderswo: „Es sind 2 Central-
Kräften NEUTONS [sic!], die streiten in der ewigen Natur“ (Oetinger 1999 I,
247).
48 Im Artikel „Wille, Thelema“ heißt es näherhin: „Gott hat aus dem Grund seiner
Freiheit der Kreatur zwei widrige Kräfte eingesenkt, damit die Kreatur nicht von
Ewigkeit seie, sondern Anfang und Ende habe, und die unerschöpfliche Zufällig-
keit oder Contingenz der Kreatur einen wahren Grund in der Freiheit habe, da-
bei aber doch den Character der Freiheit von Gott in der Selbst-Bewegung emp-
fange, dardurch wird der Pantheismus oder Spinozismus aus der Wurzel getilgt“
(Oetinger 1999 I, 356; Oetinger verweist hier selbst auf das nachfolgende Zitat
aus der Lehrtafel).
3. OETINGER UND HAHN 37

chaotische Modification [331] an sich, biß die Finsterniß ins Licht verwandelt
wird (Oetinger 1977b, 174; vgl. 174, 179, 204).49

Der Vers aus dem Hebräerbrief – er spricht von der Unsterblichkeit


des Hohepriesters („kraft seines unauflöslichen Lebens“, „jat±
d¼malim fy/r !jatak¼tou“) – trägt semantisch gar nicht, was Oetin-
ger ihn sagen lässt. Viel signifikanter ist das wahre Vorbild des Ti-
maios (41a–b):
[Der höchste Gott spricht:] ich bin euer Schöpfer (dgliouqcor) und der Vater
der Werke, die durch mich entstanden sind (di’ elou cemolema) und nicht zer-
stört werden können (akuta),50 solange ich nicht will. Freilich kann alles[, was
verbunden ist,] wieder aufgelöst werden (pam kutom); doch das, was vollkommen
zusammengefügt und in einem guten Zustand ist (to ce lgm jakyr "qloshem jai
1wom eq), wieder aufzulösen, kann nur ein Frevler (jajou) wollen. Darum seid
auch ihr, da ihr ja entstanden seid, nicht unsterblich und völlig unauflöslich (aku-
toi). Indes sollt ihr doch nicht aufgelöst werden (outi lem dg kuhgseshe) und
auch nicht dem Todesschicksal verfallen, weil ihr meinen Willen in euch tragt,
und der ist ein noch stärkeres und mächtigeres Band (deslou […] juqioteqou),
als es jene Bänder waren, mit denen ihr bei eurer Entstehung gebunden wurdet.

Aber auch im Biblischen und Emblematischen Wörterbuch gibt es


zahlreiche Belege für die Überzeugung, „daß verschiedene Kräften
in GOtt seyen in einem einigen Band“ (Oetinger 1999 I, 331). Und
ebenso zum Unterschied des in Gott unauflöslichen Bandes von
seiner durch „Mißbrauch der Freiheit, nicht aber von aussen“ be-
wirkten ,Zertrennung‘ (l. c.):

49 Wichtig der Kommentar (2. Teilband, S. 131 zu S. 132, Z. 21 f., des Textbandes):
„Vgl. auch PLATON, Timaios 31b und dazu PROCLI DIADOCHI in PLA-
TONIS Timaeum commentaria edidit ERNESTUS DIEHL. I, Lipsiae 1903,
S. 457 f. zu PLATON, 31 b“.
50 Oetingers Artikel „Unauflößlich. Akalytos“ (im Biblischen und Emblematischen
Wörterbuch) ersetzt den platonischen Ausdruck durch den neutestamentlichen
(Oetinger 1999 I, 331 f., unter Verweis auf Ebr. 7, 16 und Matth. 10, 28).
38 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Aus der [der] Kreatur anhängigen Einschrenkung, Limitation und Finsterniß


macht sich GOtt Wege, als ein [S. 453 Erstdruck] unauflößlich Band der Kräf-
ten (Ebr. 7, 16), ohne seine Auflösung sich zu offenbaren51 […] (246).
Daß die Kräften im Geschöpf zertrennlich seyen von innen durch Mißbrauch
(Matth. 10, 28 [Platons ,Frevel‘]);
Daß in dieser Zertrennlichkeit der Kräfte [S. 637 Erstdruck] der Grund der
Möglichkeit des Falls, daß der Philosophen Begriff von Endlichkeit nichts tauge
(331).

Diese Gedanken weisen freilich voraus auf den Schelling der Welt-
alter-Phase (die Selbst-Repräsentation Gottes in der und als Indiffe-
renz der gegenläufigen Strebungen löst das ewige Band nicht, das
kann nur die frevelnde Freiheit des Geschöpfes tun) und entfernen
sich von der Identitätsphilosophie.
Eine zweite, viel weniger beachtete Quelle für den pietistischen
Filter, der über Schellings jugendlicher Platon-Lektüre lag, ist Phil-
ipp Matthäus Hahn, auch er vom württembergischen Konsistorium
wegen ketzerischer Lehren gemaßregelt, ja seines Pfarramts enthoben
(Stäbler 1992, 17). Diesem Mann war der „kleine Knabe“ schon im
Elternhaus oder bei Köstlin mit Ehrfurcht begegnet. Als Hahn 1790
starb, schrieb ihm der 15-jährige Schelling die erstaunlich frühreife
Elegie bei Hahn’s Grabe gesungen (HKA I.1, 43 f.). Im Rückblick
sagt Schelling über ihn:

51 D. h.: Seine Kräfte verharren im Zustand der Indifferenz; sie sind Gott sichtbar
(durch das Spiel der Weisheit/Sophia: „Sprüchw. 8, 30“), aber noch nicht entäu-
ßert. (Oetinger 1999 I, 331: „Daß diese Kräften in GOtt nicht getrennt werden
können.“) L. c., 247: „Man stelle sich vor, daß der Wille GOttes sich selbst ge-
faßt. Es hat sich die anziehende Kraft, die ewige Attraction, mit ins Spiel ge-
mischt. Die ausdehnende Kraft mußte dieser zusammenziehenden widerstehen.“
Was in diesem Widerspiel entsteht, ist „eine geformte Kraft“. Dabei spielten Ge-
stalten vor Gottes Weisheit: Es sind die Präfiguration künftiger Kreationen, die
sich im Mittel einer ins Unendliche gehenden und einer limitativen Tätigkeit ein-
finden. Man sieht hier einmal mehr, wo des späten Schellings anthropomorphe
Bilderwelt sich bedient hat.
3. OETINGER UND HAHN 39

Ich habe diesen großen Mann auch als kleiner/ Knabe mit geheimer, unverstan-
dener Ehrfurcht gesehen; und sonderbar genug, mein erstes Gedicht, deren ich
in meinem Leben wenige gemacht, war auf seinen Tod. Nie werde ich seinen
Anblick vergessen (Brief an Gotthilf Heinrich Schubert vom 4. April 1811, in:
Plitt II, 251 f.; auch HKA I.1, 34).

Wieder hat Matthews anzugeben versucht, was genau diesen tiefen


Eindruck hervorgerufen haben mag,52 sofern er über die Person hin-
aus auf Kenntnis von Publikationen beruhte. Mit Hahn teilt Schel-
ling die Doppelneigung zur übersinnlichen Welt (zur Spekulation,
ja zur bibelgestützten Geisterseherei) bei großem Respekt vor der
Beschaffenheit und dem genauen Studium der materiellen Wirklich-
keit (Hahn war einer der begnadetsten Mechaniker und Erfinder
seiner Zeit). Das Motto über Schellings Studienheft zu Platon, das
die irdische von der göttlichen Kausalität sowohl unterscheidet als
auch zusammenführt (Timaios 68e5 – 69a1, vgl. hier S. 23 f.) hätte
ebenso gut über Hahns Schriften stehen können (Matthews 2011,
52). Hahn vor allen scheint Schelling nämlich den Schlüsselgedan-
ken seiner Naturphilosophie zu verdanken, wonach das All als et-
was Belebtes zu denken sei: als ein „Tier“, ja, als „Weltseele“ im
Geiste von Platons Timaios. Wie dieser sieht er im „Leben“ einen
Widerstreit von Materie und Form oder, wie er mit Newton und
Böhme (und, nicht zu vergessen, Kant) lieber sagt, anziehenden und
abstoßenden Kräften, die in einem Dritten, der göttlichen Indiffe-
renz, gleichsam ruhen (Hahn 1779, 17, 14 f.). In dieser Ruhe (oder
Indifferenz), die wie später bei Schelling „als ein Nichts“ vorzustel-
len sei, hält sich der kabbalistische „Ensoph“ oder „Ungrund“
(Hahn 1989a, 434; Schulte 1994). Wie den Gott des Timaios haben
wir ihn uns als irreduzibel auf das Widerspiel der Kräfte vorzustel-
len, die in ihm in einen Zustand der Latenz gebunden oder virtuali-
siert sind. Hahn spricht gar von einer Dreiheit oder Trinität von

52 Matthews (2011, 51 – 68). Vgl. Jörg Jantzens Editorischen Bericht zu HKA I.1,
36; Stäbler 1992.
40 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

„Ichheiten“, die mit der Anthropogenese als Leib, Seele und Geist
auseinandertreten (zit. Stäbler 1992, 59, vgl. 63). Natur sei ,ein Drit-
tes aus Zweien‘ (Hahn 1989a, 20 [ff.]), sie zerreiße das göttliche
Band, aber nicht ganz, so dass es als Organismus fortexistieren kön-
ne. Der Organismus ist gleichsam die irdische Überlebens-Form
der göttlichen Dreieinigkeit: eine durch Zweckmäßigkeit gelenkte
mechanische Kausalität.
Die Rede ist von einer differenzsensitiven Form der Identität,
wie sie auch Schelling annehmen wird: Das, was eins ist, ist auch
das, was alles ist. Tatsächlich ringt Hahn ständig um Metaphern, die
die Gleichursprünglichkeit von Differenz und Einheit nicht nur
sichtbar, sondern auch fasslich machen, etwa die der ,Verwoben-
heit‘ beider wie in einer Tapisserie (Hahn 1779, 126). Oder ,zweier
Seiten einer Münze‘, ja einer „gegenseitigen Reflexion“, die dem
Reflexe-Spiel von Schellings Ferneren Darstellungen (1802)53 ähnelt

53 „Die reflektirte Welt ist eben diejenige, in welcher Unendliches und Endliches
getrennt erscheinen. Die Einheit beider kann daher, inwiefern sie in die Sinnen-
welt selbst fällt, nur entweder im U n e n d l i c h e n oder im E n d l i c h e n
reflektirt werden. Die beiden Reflexe sind das, was wir Zeit und Raum nennen
(Verhältniß beider = subjektiv : objektiv). Die Einheit beider – nicht wieder, es
sey im Unendlichen oder im Endlichen, sondern – a n s i c h angeschaut, ist nur
Princip der absoluten Wissenschaft, ist der Gegenstand der r e i n e n intellektu-
ellen Anschauung, und zugleich sie selbst, weil hier Anschauung und Gegen-
stand eins“ (SW I/4, 369, Anm.). (Die intellektuelle Anschauung hat natürlich
ihrerseits in Hahns „Zentralschau“ ihr Vorbild.)
Nimmt man drei weitere Stellen hinzu (denn das Gespenst der intellektuellen An-
schauung soll uns hier nicht aufhalten), sieht man erst Schellings Pointe, die durch-
aus an Hahn erinnert: Wäre das Absolute nichts als ein ,sich selbst spiegelnder
Spiegel‘ (Hahns „gegenseitige Reflexion“), so würden sich die beiden Reflexe zwar
wechselseitig ihr (unabhängiges) Sein aberkennen, aber keins bezeugen. Denn als
bloße Reflexe borgen sie ihr Sein beim anderen, das selbst keins hat und wieder
beim ersten borgen muss, wodurch sich beide „gegenseitig“ vernichten (I/4, 343 f.,
397; I/6, 195 f.). Ist nun ein Absolutes (das meint: soll dieser Begriff nicht leer sein),
so kann sein Bestand (sein ,Sein‘) sich nicht auf das Widerspiel leerer Reflexe grün-
den. Darum betont Schelling immer wieder „die gänzliche und absolute Unabhän-
gigkeit der I d e n t i t ä t oder der G l e i c h h e i t a n s i c h s e l b s t von
dem Subjektiven und Objektiven“ als ihren Reflexen (vgl. l. c., 163 f.; so schon I/4,
3. OETINGER UND HAHN 41

(Hahn 1779, 136; Stäbler 1992, 199). Matthews identifiziert Hahns


„medium conjugendi der 2 Extrema“ (Hahn 1989a, 394 f., 321) ohne
Weiteres mit Platons „deslºr“ (Matthews 2011, 56 f.), erläutert die
Parallelen zu Platons „Band des Lebens“ (Timaios, 73b3) und zu
Oetingers ,Band der Kräfte im Leben Gottes‘.
Auch den durch die jüdische Mystik vermittelten Gedanken des
Zimzum, der Freisetzung einer Welt durch die „Contraction“ Gottes
(Habermas 1971a, 1971b;54 Scholem 1967; Schulte 1994), scheint
Schelling Hahn zu verdanken.55 Wie Oetinger nimmt Hahn an, dass
das in Gott ,unauflösliche Band‘ – nach dem Rückzug („Contrakti-
on“) Gottes auf seine erste Gestalt – im und vom Menschen aufge-
sprengt werden kann. Das ist die Geschichte, die Schelling von Philo-
sophie und Religion (1804 [SW I/6, 42 im Kontext]) übers Würzbur-
ger System (SW I/6, 552, 561) und die Freiheitsschrift bis in die
Spätphilosophie hinein nicht müde wird zu erzählen. Freiheit er-
scheint hier unter negativem Vorzeichen, als „Mißbrauch“, wie Oe-
tinger, oder als „Frevel“, wie es der Gott des Timaios nennt (41a–b).
Aber die Verfolgung dieses Gedankens gehört nicht in den Begriffs-
Zusammenhang, um den es mir hier geht.

117, § 3, passim). Ein hübsches Gleichnis (wieder aus demselben Kontext des
Würzburger Systems): „Wie das Auge, indem es sich selbst im Widerschein, z. B. im
Spiegel, erblickt, sich selbst s e t z t, sich selbst anschaut, nur inwiefern / es d a s
R e f l e k t i r e n d e – den Spiegel – als nichts für sich setzt, und wie es gleichsam
Ein Akt des Auges ist, wodurch es sich selbst setzt, sich selbst sieht, und das Ref-
lektirende nicht sieht, es nicht setzt: so setzt oder schaut das All s i c h s e l b s t,
indem es das Besondere nicht-setzt, nicht-schaut“ (I/6, 197 f.; fast ebenso: I/7, 172
[Nr. 150]; vgl. schon I/1, 389, Anm. 1). Man könnte das Argument, frei nach Sartre,
den ,ontologischen Beweis der Reflexion‘ nennen (Sartre 1943, 28).
54 Zu Habermas’ früher Schellingforschung vgl. Frank (2009).
55 Schulte freilich gibt Oetinger als Quelle an (Oetinger 1979, Teil 1, S. 151, Zeile
18 f.): „Nulla enim neque creatio neque manifestatio fieri potest sine attractione,
quod Hebraeis est Zimzum.“ Schelling sei mit der lurianischen Kabbala nicht aus
den hebräischen Quellen, sondern durch Oetinger bekannt geworden, wie auch
Franz Baader (Schulte 1994, 11 f., Anm. 33).
42 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

4. Die Bedeutung der Kategorie ,Gemeinschaft‘,


der Schritt über Kants ,Als-ob‘-Restriktion hinaus und
der „Grundsatz aller Grundsätze“
Ich wollte im vorigen Abschnitt zeigen, welch kräftige Winke
Schelling der Lektüre Oetingers und Hahns verdankt. Ich habe,
Bruce Matthews ergänzend, die ausgewählt, die in die Richtung des
Timaeus-Kommentars und der Formschrift weisen. Dies ist die zu-
grunde liegende Intuition: Die Grundstruktur des Organismus, des
,geistigen Tiers‘, ist durch die dritte Relationskategorie bestimmt:
,von sich selbst zugleich Ursache und Wirkung‘. Indem er von ihr
her die Formel für das oberste Prinzip der Philosophie gewinnt, nä-
hert sich Schelling der Wendung von der Identität ihrer selbst und
des Gegensatzes. Denn durch die Reflexivität der Beziehung (,von
sich selbst‘) lässt sich die Wechselwirkung nicht von der Idee einer
differenzsensitiven Selbigkeit ablösen. In diese Richtung wies be-
reits Oetingers Kritik an Leibniz’ Monadologie.
Dass die Selbstbeziehung Disparater – eines Wirkenden und ei-
nes Bewirkten, des Vielen und des Einen, der Materie und der
Form, des Affirmierenden und des Affirmierten – den „Charakter
des Geistes“ ausmache (SW I, 386), das steckt den begrifflichen
Rahmen ab, innerhalb dessen die Gemeinschafts-Kategorie ihre in
Schellings frühestem Werk erschließende Bedeutung entfalten
konnte.
Ich habe mehrfach darauf hingewiesen: Die Überschrift seiner
zweiten Magister-Abhandlung hebt nicht bloß die hohe Bedeutung
der Kritik der Urteilskraft als Vermittlerin zwischen Theorie und
Praxis hervor, sondern auch Schellings besonderes Interesse an
Kants Kategorien (und womöglich an Reinholds Umgestaltung ih-
rer Deduktion). Und das verdient in der Nachbarschaft zum Thema
seiner ersten Dissertation (über Reinholds Elementarphilosophie)
unsere besondere Aufmerksamkeit. Das gilt erst recht, wenn wir
bedenken, dass Schelling seinen Prüfer (Jacob Friedrich Abel, Schil-
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 43

lers Schul- und Jugendfreund) erfolgreich darum gebeten hatte, die


Titel seiner Probearbeiten (die man ,Specimina‘ nannte) selbst wäh-
len zu dürfen; üblich waren Verteidigungen von vorgegebenen The-
sen der Stifts-Professoren. Die inhaltliche Nähe der beiden Arbei-
ten wird dadurch noch signifikanter, dass Schelling nur eine hätte
schreiben müssen; aber er setzte durch, zwei zu verfassen. Die Wahl
Abels als Prüfer lag auch darum nahe, weil Abel gerade und nur im
Sommersemester 1792 über Reinhold gelesen hatte (Henrich 2004,
1660 ff.).56 Schellings Specimina waren überdies die ersten am Stift

56 Da wir über Abels Kolleg weiter nichts wissen, müssen wir uns mit einer kurzen
Angabe in Abels „Lebensbericht“ begnügen. Er sagt da, dass er sich durch die
Umstände genötigt sah, „für Schüler, welche die schwersten philosophischen
Schriften lasen, sich mehr anzustrengen und tiefer einzudringen“. Doch scheinen
diese Schüler viel mehr in privaten Debattierclubs und durch die Repetenten, be-
sonders durch Diez, gelernt zu haben als durch Abel, der zwar über Reinhold
vortrug, aber mit deutlicher Reserve, ja Kritik. Abel sagt, „die Anhänglichkeit
einiger Matadore an die neueste Philosophie und mein Widerspruch gegen diese“
habe bei den Studenten, die obendrein „eine Art von halbabgeschlossener Grup-
pe bildeten“, „Abneigung“ erregt, die Hörerzahl sei zunehmend geschrumpft
(zit. Henrich 2004, 1562). Es ist nicht schwer, sich auszumalen, dass Schelling,
Hölderlin und Hegel Abel nicht gemocht haben, zumal er gut kollegiale Bezie-
hungen zur Tübinger Orthodoxie, außer zu Flatt nämlich auch zu Storr, unter-
hielt (Henrich 2004, 1562 f.; zu Abels Reinhold-Rezeption auch: 1660 – 62). Flatt
schreibt später an Süßkind (30. Juni und 3. Juli 1797), früher Diezens Freund und
Briefpartner, dann zunehmend konservativ, er habe unter der Ablehnung von
„Schelling und seine[n] Freunde[n]“ (damit wird wohl der „halbabgeschlossene
Kreis“ identifiziert sein) sehr gelitten, ja sich ,gekränkt‘ gefühlt, „da ich so genau
wußte[,] wie ganz planmäßig sie daran arbeiteten, das Gute, das ich wirken woll-
te[,] zu verhindern, und mir auf alle Art wehe zu thun“. So bleibt das Bild, das
die kantische Philosophie in Tübingen keine Unterstützung durch Professoren
fand, sondern nur unter Vorbehalten – oder als Gegenstand von Warnungen/Wi-
derlegungen – ins Lehrprogramm einrückte. Sowohl Flatt als auch Abel vertei-
digten die Möglichkeit einer Metaphysik als einer Erkenntnisform gegen Kant;
und der Tübinger Kanzler LeBret (bei dem auch Schelling Veranstaltungen be-
suchte) warnte öffentlich vor Schriften Kants, Reinholds und (später) Fichtes.
Schließlich: Wir lernen aus Flatts Brief an Süßkind, dass Schelling die „Zentral-
person“, ja der „Rädelsführer“ der Gruppe war (Henrich 2004, 1571), die Flatts
christliche Dogmatik verachtete und gegen sie agitierte. Noch am 4. August 1797
44 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

geschriebenen, die ausschließlich Themen der neuesten kantischen


Philosophie gewidmet waren. Kantische Themen waren seitens der
orthodox-protestantischen Professorenschaft starkem Gegenwind
ausgesetzt. Beide Specimina gelten als verloren.57
Schaut man aus weitem Winkel auf die Erstlingsschrift, wird man
rasch mehrere Motive ausmachen, die um jeden Preis nach einer
Vereinigung suchen. Die Ungeduld verleitet den jugendlichen Ver-
fasser zu Gedankensprüngen und Lücken im Argument, die die ge-
neigteste Leserin und den bestwilligen Leser (jedenfalls mich) über-
fordern. Da wabert zunächst die (platonische, kantische, Rein-
hold’sche) Frage, die Aenesidemus zugespitzt hatte: ob sich über
Materie und Form ein beide überwölbender höherer Baustoff (oder
Grundsatz) erschließen lasse. Der schwache Skeptiker Aenesidemus
hatte zwei Annahmen als unmittelbar gewiss gelten lassen, aber den
Gedanken abgewiesen, eine lasse sich aus der anderen oder beide
lassen sich aus einer höheren ableiten:
1. dass es „Vorstellungen in uns [giebt], an welchen sowohl man-
cherley Unterschiede von einander vorkommen, als auch gewisse
Merkmale angetroffen werden, in Ansehung welcher sie mit einan-
der übereinstimmen“. Schelling nennt das grosso modo den ,materi-
ellen‘ Grundsatz;
2. dass der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch das höchste
Formalprinzip dieser (und aller) Philosophie sei: „Der Probierstein
aller Wahrheit ist die allgemeine Logik; und jedes Raisonnement
über Thatsachen kann nur in so fern auf Richtigkeit Ansprüche ma-

bittet Schelling Niethammer, den „theol. Schund eines Flatt“ in der Jenaer Allge-
meinen Literaturzeitung möglichst schlecht zu rezensieren, da er sich das als
Württemberger nicht leisten könne. Damit hat Schelling in Flatts Erinnerung
nach dem Weggang seines Lehrers Diez offenbar sogar die Vorreiterrolle über-
nommen (Henrich 2004, 1567 f.; der Brief befindet sich in Henrichs Privatbesitz:
1115, Anm. 169).
57 Fuhrmans 1962, 21, 41; Jacobs 1989, 74, 284; sie könnten sich in Abels Nachlass
befinden, nach dem nie gründlich geforscht wurde: Henrich 2004, 1559 f.
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 45

chen, als es mit den Gesetzen der allgemeinen Logik überein-


stimmt“ (Aenesidemus 1792, 45 f.; vgl. schon 24).
Schon Reinhold hatte versucht, beide Ansprüche durch seinen
„Satz des Bewusstseins“ zu befriedigen, das heißt in seiner Sprache:
sie aus einem und demselben Prinzip ,abzuleiten‘ oder zu ,deduzie-
ren‘ (Frank 1998, 9. Vorl.).58 Fichte wird ihm folgen, indem er das
Prinzip der Elementarphilosophie in ein ,sich selbst setzendes‘ ab-
solutes Ich höherverlegt – denn höher muss dieses Prinzip angesetzt
sein, sollen Vorstellung und ausgeschlossener Widerspruch aus ihm
erst folgen. Ähnlich wie Reinhold tut Fichte das, indem er den Wi-
derspruchs-Satz als unmittelbares Implikat der bewussten Selbst-
identifikation des Ichs (,Ich = Ich‘) ,ableitet‘; denn aus der mit Ge-

58 Das hatte Aenesidemus beanstandet. Reinholds Satz des Bewusstseins sei nur
,material‘; er besage etwas. Aber er tue es in der Form eines prädikativen Aussa-
gesatzes, die er keineswegs ableite. Vielmehr setze Reinhold stillschweigend al-
lerlei voraus. Er setze, wie es Schelling zustimmend resümiert, vor allem „schon
eine Form voraus […], die ein Verhältniß des Subjekts und Prädikats ausdrückt“
(SW I/1 93). Ferner das Verständnis der Ausdrücke ,Beziehen‘ und ,Unterschei-
den‘, das aus dem Bewusstseinssatze gar nicht ,abgeleitet‘ war (Aenesidemus
1792. 84 ff.) Fichte ist in seiner Grundlage bemüht, Reinholds Versäumnis gutzu-
machen: In Wolff-Baumgarten’scher Tradition spricht er von ,Beziehungs‘- und
,Unterscheidungsgrund‘, die gleichursprünglich aus der Selbstsetzung eines abso-
luten Ichs folgten (Fichte 1971 I, 111; dazu Frank 2007, 381, 396 f.).
Ebenso meint Schelling, Form und Inhalt müssen also gleichursprünglich aus ei-
nem beiden übergeordneten Wechsel-Grundsatz fließen: einem solchen, in dem
„[eine] wechselseitige Begründung des einen durch den andern“ geschieht (SW I/
1, 95 mit Anm. 1), statt dass sich die beiden wie exklusive Alternativen zueinan-
der verhalten. Bei Reinhold und bei Aenesidemus seien die Grundsatzkandidaten
– hier material, dort formal – nicht falsch bestimmt, sondern lediglich defizient:
mit einer Beraubung angesetzt. Beide bearbeiten „immer nur einen Theil des
Problems“ (95). – Dass es allerdings keine inhaltsfreie formale Logik gebe, wird
von Schelling grundlos vorausgesetzt; und um die Einsichtigkeit seiner Urform
darf man sich auch Sorgen machen. Darum geht es mir im gegenwärtigen Zusam-
menhang nicht.
46 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

wissheit vollzogenen Selbstidentifikation des Ich scheint der Wider-


spruch als etwas ipso facto Ausgeschlossenes zu folgen.59
Das sieht näherhin so aus: Ist der Bestand eines ,Ichs‘ ausge-
macht, so ist es damit als mit sich identisch verstanden, und die
Identität ist seine Form – ebenso dies, dass es sich von dem, was
nicht es selbst ist, unterscheidet. Denn ohne Unterscheidung würde
es seine eigene Bestimmtheit einbüßen – gemäß Fichtes (zwei oder
drei Jahre später aufgestelltem)
REFLEXIONS-Gesetz aller unseres Erkenntniß – nemlich: Nichts wird er-
kannt, was es sey, ohne uns das mit zu denken, was es nicht sey. […]
Und eben diese Art uns[erer] Erkenntniß, nemlich etwas vermittelst des Gegen-
satzes erkennen heißt etwas BESTIMMEN (GA IV.2, 41).

Damit formuliert Fichte eine der zeitgenössischen Philosophie ge-


meinsame Grundeinsicht. Novalis gab ihr schon 1795/96 diese
Wendung: „Jedes Ding ist nur dann entgegengesezt, wenn es das,
was es ist[,] nur durch ein bestimmtes Seyn des Andern ist“ (Nova-
lis 1965, 234, Nr. 411). Und Schelling wird 1810 vom „G r u n d -
g e s e t z d e s G e g e n s a t z e s“ sprechen: „Jedes Ding, um sich
zu manifestiren, bedarf etwas, was nicht e s s e l b s t ist sensu stri-
cto“ (SW I/7, 435).
Daraus lassen sich scheinbar ohne Weiteres die beiden formallo-
gischen Trivialitäten ,A = A‘ und ,A ¼ 6 -A‘, aber auch das Kondi-
tional ,A ! A‘ oder ,- (A & -A)‘ ableiten. Allerdings muss man,
wenn dies als Konsequenz durchgehen soll, eine gewagte Kontami-
nation von Gegenstandsdiskrimination und Satzwahrheit in Kauf
nehmen. Das Reflexionsgesetz erklärt, wie sich Gegenstände gegen-
einander profilieren, und hier hat die Negation die Peirce’sche Be-
deutung des ,anders als‘. Natürlich folgt daraus nicht, wie Fichte
(und Schelling) wollen, der Satz vom Widerspruch als ein Ausge-
schlossenes: ,Ich kann eine Proposition nicht zugleich annehmen

59 „Identische Sätze verhalten sich zu analytischen wie Art zur Gattung“, resümiert
Schelling (SW I/1,106; sie sind Einzelfälle eines Allgemeinen: 109).
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 47

und negieren.‘ Identität findet zwischen Gegenständen („principe


des indiscernibles“), Widerspruch(sfreiheit) zwischen Sätzen (,prin-
cipium substituabilitatis duarum propositionum salva veritate‘)
statt. Nur, weil Leibniz’ Rationalismus60 diesen Unterschied (zwi-
schen Gegenständen und Aussagen) nicht streng beachten zu müs-
sen glaubte (Frank 1991, 83 ff.; Frank 2007, 376 ff., 411 ff.) und
Schelling ihm in dieser Nichtfestlegung folgt, kann er glauben, die
ausgeschlossene Negation sei einem mit sich identischen Inhalt im-
manent, gemäß dem berühmten Quine-Wort ,No entity without
identity‘ (vgl. Grau 1999).61
Nachdem dies ,geklärt‘ ist, kommt Schelling noch einmal auf die
Frage zurück, warum nicht – wie es Aenesidemus fordert – von zwei
Grundsätzen, einem inhaltlichen und einem formalen, ausgegangen
werden könne. Seine Antwort: Weil es dann keine einheitliche Wis-
senschaftlichkeit gäbe oder weil Wissenschaft dann nicht ,eine‘ und
aus einem Guss wäre. Es gäbe eine Reihe mit einem Inhalt und eine
andere mit einer Form, „was unmöglich ist“ (SW I/1, 95, Anm. 1).
Form und Inhalt müssen sich eben wechselseitig durchdringen und
bestimmen – wie im Grundsatz der Wechselwirkung. In ihm sieht er,
in durchaus platonischer Formulierung, die „bestimmte Form der
Verbindung dieser beiden […] gegeben“ (94).

60 Auf Leibniz’ angeblich bloß formalen „oberste[n] Grundsatz“ gibt Schelling eine
kurze Hindeutung (SW I/1, 93 f.).
61 In seinen Briefen über die neuere Philosophie (1797) hat der Reinhold-Schüler
Friedrich Karl Forberg Fichtes erste drei Grundsätze und Schellings Umgang mit
denselben einer sehr kritischen logischen Analyse unterzogen. Er zeigt, dass
Fichte und Schelling in ihren Reden von Widerspruch, Negation, Anderssein-als,
Nichtsein, Kontradiktion und Subkontrarietät ihre Gegenstände nicht deutlich
entflechten und so Äquivokationen und Erschleichungen produzieren. Insbeson-
dere sei uneinsichtig, wie die Kontradiktion Ich = Nicht-Ich durch eine „Quan-
tifizierung“ der Sphären von Ich und Nicht-Ich in einer Fifty-fifty-Teilung ent-
schärft werden könne (dazu ausführlich: Frank 1998, 23. Vorl., 634 ff.). Im gegen-
wärtigen Zusammenhang darf ich dieses Zusatzproblem ausblenden.
48 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Dies einmal zugestanden, sieht man das aus Fichtes Begriffsschrift


vertraute Programm sich abspulen: Ausgehend vom Ich übers Nicht-
Ich kommt der Prozess zum vorläufigen Stillstand bei der Interakti-
onsform beider: Beide müssen sich ihre Sphären ,teilen‘, aus Position
und Negation ergibt sich Limitation. Wie Fichte spricht Schelling vom
Unbedingten, vom Bedingten und der durch Unbedingtheit bestimm-
ten Bedingtheit (SW I/1, 101). Anders als bei Fichte, tritt nun aber der
erste Grundsatz hinter dem dritten zurück, und dieser heißt auch
nicht, wie bei Fichte, „Quantitabilität“ oder „Theilbarkeit“ (Grundla-
ge, § 3), sondern ,Wechselbestimmung‘ oder ,Wechselbegründung‘
(94 f.). Das zeigt sich am auffälligsten in der Rede von einem „Grund-
satz aller Grundsätze“ (95 f., 100). Der soll sich von seinen beiden Vor-
gängern (dem sich materialiter wie formaliter unbedingt setzenden
Ich, dem sich formaliter unbedingt entgegensetzenden Nicht-Ich)
durch seine höhere Integrations- oder „Verbindungs“-Fähigkeit unter-
scheiden: Aus ihm, der nur seinem Inhalt nach (materialiter) unbe-
dingt, seiner Form nach aber durch den zweiten Grundsatz bedingt ist,
lassen sich die Vorgänger fast analytisch gewinnen (nämlich durch
Analyse herauslösen), während er nicht in gleicher Weise aus seinen
Vorgängern folgt (99, 104 f.).62
Er hat noch einen – fast unbemerkten – Vorzug vor Fichtes Aus-
gang vom absoluten Ich: Er kann eine Binnen-Differenz verkraften,
ohne seine Identität zu gefährden. Denn wenn das Ich sich zum
Nicht-Ich ,entäußert‘, verliert es sich nicht, sondern gewinnt sich
selbst in bereicherter Gestalt. Die Entäußerung hat den Charakter
eines Erweiterungsurteils oder eines synthetischen Satzes.63 Es wird

62 Der Gerechtigkeit halber sollten wir zugeben, dass dieser Vorrang des dritten
Grundsatzes auch schon bei Fichte vorgebildet war.
63 Henrich (2004, 1675) weist darauf hin, dass Schelling die Form der Kategorien in
der „Urform“ des Prinzips nicht nur vorgebildet, sondern in sie eingebettet
denkt. Darin unterscheide er sich deutlich sowohl von Kant wie von Reinhold
und Fichte. Bei Kant sind die vom Ich konstituierten Kategorien doch keine
„Momente“ desselben, noch weniger ist es das Mannigfaltige, auf das sie sich be-
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 49

ein Anderes in die Sphäre eines übergreifenden Ich oder eines resor-
bierenden Selbigen einbezogen (wie bei einer Zellkern-Verschmel-
zung).
Ich versuche eine andere Plausibilisierung dieses hochspekulati-
ven Gedankens: Findet sich innerhalb des angenommenen Unbe-
dingten eine begriffliche Binnendifferenzierung, so kann diese nur
als Resultat einer S e l b s t b e s t i m m u n g des Unbedingten er-
klärt werden. Diese Selbstbestimmung heißt auch – Anleihe bei
Fichtes Begriffsschrift – ,Sich-selbst-Setzen‘. Enggeführt mit der
Organismus-Formel: Das Gesetzte dieses Akts (die Form) und das
Setzende (der Inhalt) sind Setzendes und Gesetztes „von sich
selbst“ – also über ihren Ursprung identisch. (Wie es das Organis-
mus-Schema des Geistes verlangt.) Aus diesem Gedanken sehe ich
Schellings spätere Operation mit einer reduplikativen Identität sich
entwickeln.
In seinem Erstling scheint Schelling den gleichen Ursprung von
Inhalt und Form in einem höheren und gemeinsamen Grundsatz
mit der Gleichursprünglichkeit von Analyse und Synthese engzufüh-
ren.
Dazu kurz eine Erinnerung: Mit Reinhold versteht Schelling
Analytizität und Synthetizität als zwei Seiten derselben Urteilsbil-
dung. Das rühmt er nicht als Reinholds, sondern schon als Kants
große, von den „meisten seiner Schüler“ nicht verstandene Einsicht,
wirft ihm nur vor, das „höhere Princip“ nicht aufgezeigt zu haben,
aus dem sich diese Gleichursprünglichkeit herleiten lasse (103).
Schelling identifiziert es mit dem fehlenden einen Prinzip Kants,
„in dem“ die obersten Grundsätze aller analytischen und aller syn-
thetischen Urteile gleichermaßen „gegründet [sind]“. Pathetisch
stellt er die (seines Erachtens) rhetorische Frage:

ziehen. Die Form der Urteile ist im Ich begründet, aber sie bildet nicht selbst
eine Unterform des Grundsatzes aller Grundsätze.
50 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Woher jene Unterscheidung analytischer und synthetischer Urtheile? Wo das


Princip, in dem diese Urform gegründet ist? Wo das Princip, aus dem die ein-
zelnen Formen des Denkens [die Urteilsformen bzw. Kategorien] abgeleitet
sind, die er ohne alle Rückweisung [Rückführung] auf ein höheres Princip auf-
stellt? (SW I/1, 103; ähnlich schon Reinhold 1789, 443, 2. Abs.).

Wenn Kant also dieses oberste Prinzip selbst auch nicht aufgestellt
habe, so finde sich doch bei ihm für die Gleichursprünglichkeit von
Analyse und Synthese eine wichtige Stütze in einer Bemerkung, die
er der Zweitauflage der Kritik der reinen Vernunft hinzugefügt hat
(KrV B 110 f.), dass nämlich in jeder Kategorien-Klasse die dritte
Subkategorie eine Verbindung der beiden Vorgängerinnen leiste
(SW I/1, 105). Man
wunder[e] sich, daß er den Zusammenhang der einzelnen Formen des Wissens,
die er in der [Kategorien-]Tafel vorstellig macht, mit jener Urform nirgends be-
stimmt angibt,64 und daß er gerade so, wie er jene Urform, ohne sie an ein Prin-
cip anzuknüpfen – gleichsam ex abrupto –, aufstellt, auch die abgeleiteten For-
men als von keinem Princip abhängig dargestellt hat (SW I/1, 105 [von mir kur-
siviert]).

Noch mehr wundere man sich, dass er aus der Analyse und Synthe-
se zusammenschließenden Form der jeweils dritten Unterkategorie
keinen Schluss auf eine „U r f o r m“ gezogen habe, „unter der a l l e
[sc.: einander entsprechenden Formen jeder Klasse] g e m e i n -
s c h a f t l i c h stehen, und die ihnen allen dasjenige mittheilt, was
sie in Rücksicht auf ihre Form Gemeinschaftliches haben“ (l. c.).
Diese Konsequenz kommt überraschend. Sie ist auch – wie so
vieles in diesem Erstling – weder hieb- noch stichfest und über-
rascht mehr durch spekulative Verwegenheit und Wendigkeit im
Assoziieren als durch Stringenz. Wohl aber lässt sie sich mühelos
Schellings Basis-Intuition aus dem Timaeus zuordnen. Vor allem
aber macht sie verständlich, warum sich Schelling gerade hier der

64 An dieser Stelle gibt Schellings Fußnote eben den der Zweitauflage der KrV zu-
gefügten § 11 der KrV (bes. B 110 f.) als Kants einzige „H i n w e i s u n g“ an.
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 51

Kategorie Wechselwirkung besinnt. Sie hatte schon im Timaeus


dazu gedient, Platons vermittelndes Drittes bzw. ,das vollkom-
menste aller Bänder‘ der kantischen Organismus-Definition anzu-
verwandeln (Schelling 1994, 33).
Denn in der Tat charakterisiert Kant in der Überarbeitung der
Kritik der reinen Vernunft das Wesen der Wechselwirkung (oder
Gemeinschaft) in fast genau denselben Worten, mit denen er zwei
Jahre später den Organismus bestimmen wird – und man fragt sich
nun, warum er den Gedanken des Organismus einer ,regulativen
Idee‘ anvertraut, statt ihn zu einer Instanz der dritten Relations-Ka-
tegorie zu erklären. So wie es Schelling in späteren Publikationen
tut, wenn er (z. B. im System des transcendentalen Idealismus) zwi-
schen ,Wechselwirkung‘ und ,Von-sich-selbst-zugleich-Ursache-
und-Wirkung-Sein‘ gar nicht mehr unterscheidet.65
In diese Hinsicht bewegte sich schon Kant selbst 1787 (in der
Zweitauflage der KrV), wenn er den Zusammenhang der dritten
Urteilsform (Disjunktion) und der Kategorie Gemeinschaft erklärt
und dabei Wechselwirkung mit der Wendung ,von sich selbst zu-
gleich Ursache und Wirkung‘ erläutert:
Nun wird eine ähnliche66 Verknüpfung in einem G a n z e n d e r D i n g e ge-
dacht, da nicht eines, als Wirkung, dem anderen, als Ursache seines Daseins,
u n t e r g e o r d n e t, sondern zugleich und wechselseitig als Ursache in Anse-

65 Vgl. z. B. SW I/3, 475: „Der Grundcharakter der Organisation ist also, daß sie
mit sich selbst in Wechselwirkung, Producirendes und Produkt zugleich sey,
welcher Begriff Princip aller organischen Naturlehre ist, aus welchem alle weite-
ren Bestimmungen der Organisation a priori abgeleitet werden.“ Ähnlich neuer-
dings Bunte (2016, 94 ff.).
66 Kant kommt der Frage des Lesers/der Leserin zuvor, wie die Ableitung der Ka-
tegorie Gemeinschaft aus der Form des disjunktiven Urteils zu denken sei, in-
dem er bemerkt, im disjunktiven Urteile werden nicht Individuen unter einem
Begriff subsumiert, sondern gedacht wie Teile eines Ganzen, also nicht sub-, son-
dern einander „koordiniert“, so dass sie einander nicht „einseitig“ (transitiv),
sondern „wechselseitig [symmetrisch …] bestimmen“ (KrV B 112). Darauf be-
zieht sich der im obigen Satz durch „ähnlich“ eingeleitete Vergleich.
52 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

hung der Bestimmung der anderen b e i g e o r d n e t wird, (z. B. in einem Kör-


per, dessen Teile einander wechselseitig [an]ziehen, und auch widerstehen,) wel-
ches eine ganz andere Art der Verknüpfung ist, als die, so im bloßen Verhältnis
der Ursache und Wirkung (des Grundes zur Folge) angetroffen wird, in wel-
chem die Folge nicht wechselseitig wiederum den Grund bestimmt und darum
mit diesem (wie der Weltschöpfer mit der Welt) nicht ein Ganzes ausmacht
(KrV B 112).

Sehr ähnlich äußert sich Kant in einer Fußnote zum Ende der
„Dritten Analogie“, deren Anfang auch für die B-Auflage neu ge-
schrieben wurde und die den Grundsatz des Zugleichseins „nach
dem Gesetze der Wechselwirkung, oder Gemeinschaft“ betrifft
(KrV B 256 ff.):
Die Einheit des Weltganzen, in welchem alle Erscheinungen verknüpft sein sol-
len, ist offenbar eine bloße Folgerung des insgeheim angenommenen Grundsatzes
der Gemeinschaft aller Substanzen, die zugleich sind: denn, wären sie isoliert, so
würden sie nicht als Teile ein Ganzes ausmachen, und wäre ihre Verknüpfung
(Wechselwirkung des Mannigfaltigen) nicht schon um des Zugleichseins willen
notwendig, so könnte man aus diesem, als einem bloß idealen Verhältnis, auf jene,
als ein reales, nicht schließen (l. c., A 218).

Man könnte sagen, Kant gebe hier eine Auskunft über die innere
Verfassung des Gesamtorganismus, und er tue es wieder getreu sei-
ner Bemerkung, die dritte Kategorie einer jeden Klasse bestehe in
einer Verbindung ihrer Vorgängerinnen. Hier geht es um die Wech-
selwirkung, die man kurz charakterisieren kann als durchgängige
Kausalität unter dem Gesichtspunkt der substantiellen Einheit.
In der A-Auflage, insbesondere in der Ideen-Lehre, hatte Kant
das noch nicht so gesehen. Zwar hatte er deutlich gemacht, dass die
„q u a l i t a t i v e E i n h e i t“, zu der der Verstand fähig sei, „das
S y s t e m a t i s c h e der Erkenntnis […], d. i. de[n] Zusammenhang
derselben aus einem Prinzip“, nicht erfasse, dass es dazu vielmehr
des Vorgriffs auf eine „Idee“ bedürfe,
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 53

die von der Form eines Ganzen der Erkenntnis, welches vor der bestimmten
Erkenntnis der Teile vorhergeht und die Bedingungen enthält, jedem Teile seine
Stelle und Verhältnis zu den übrigen zu bestimmen (A 645 mit einer Wort-Er-
gänzung aus B 673).

Kant spricht hier, wie Schelling, von der Form einer Erkenntnis,
und zwar einer solchen, in der die Anordnung der Teile ,vollstän-
dig‘ von der Idee eines Ganzen vorgegeben wird. Eine solche Idee
dürfe ,unbedingt‘ heißen, weil mit der „Summe der Bedingungen
[… auch] das schlechthin Unbedingte gegeben“ sei (l. c. [im Orig.
gesp.]). Er stellt sich das so vor, dass mit der Vollständigkeit einer
geordneten Reihe von Bedingungen automatisch ein Glied erreicht
(und eingeschlossen) ist, das kein weiteres als es bedingend ,voraus-
setzt‘ (416 f.). Unbedingtheit kann aber sehr wohl auch aufgefasst
werden als Eigenschaft eines Gliedes, das nicht „Teil der Reihe“ ist,
sondern von der die ganze Reihe der Bedingungen abhängt. An ei-
ner späteren Stelle erklärt Kant: Würde ein Unbedingtes zur Er-
scheinung nicht hinzugedacht als ihr ,Grund‘, so verliefe die Kette
der Bedingungen buchstäblich im Leeren und bestünde die Welt
aus bloßen, unfundierten Erscheinungen, die insofern nicht einmal
,Erscheinungen‘ heißen dürften, als in ihnen nichts erscheint (vgl.
KrV A 583 f.).67 Eine solche Annahme sei aber eben „nur eine Idee“
(416 f. mit Anm.), und sie ,postuliere‘ nur, wozu die Verstandeska-
tegorien explanatorisch nicht zureichen, weil es sich hier nicht um
das Ganze der ,Gegenstände überhaupt‘ (414), sondern um die To-
talität der wirklich (in der Natur) existierenden „Erscheinungen“
handele (416). Der Verstand, und mithin auch seine Kategorie Ge-
meinschaft, bringe eben keine vollständige Einheit der Erschei-
nungswelt nach notwendigen Gesetzen zuwege. Die Ordnung der
Teile nach Maßgabe der Idee eines Ganzen ist nun aber genau das,
was organische Systeme von bloßen Aggregaten unterscheide.

67 So auch: Prolegomena, § 32. Nicolas Rescher hat diesen Gedanken verteidigt


(Rescher 1974).
54 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

So deute ich den Passus A 414, der den Kategorien Substanz-Ak-


zidens und Gemeinschaft die Eignung (Kant sagt: das ,Sich-Schi-
cken‘) ,zu transzendentalen Ideen‘ abspricht. Die letztere – Gemein-
schaft – genüge dem Anspruch nicht, weil sie eine Wechselwirkung
zwischen Substanzen erklärt, die bloß aggregatartig verbunden seien
„und keinen Exponenten einer Reihe haben“. Kant meint: Kein
Glied dieser Interaktionskette verhalte sich zu seinem Vorgänger als
durch ihn bedingt und zu seinem Nachfolger als ihn bedingend.
(Darum zeichnet er hier allein die Kausalität als dieser minimalen Ra-
tionalitäts-Anforderung ,der Vernunft‘ genügend aus.) Aber eben
diese Auffassung wird in der dritten Kritik durch die Anwendung
der Wechselwirkungs-Definition auf die Organismus-Struktur korri-
giert. Hier sorgt die Vorgängigkeit der Idee eines Ganzen vor der In-
teraktion der Teile überhaupt erst für die Intelligibilität/Einsichtig-
keit der gesamten Anordnung. Und Kant selbst zögert im Teleolo-
gie-Teil der KU immer wieder, ob er den Organismus geradehin als
,existierendes empirisches Objekt‘ oder – wegen seiner Idee-Abhän-
gigkeit – nur als Quasi-Objekt ansprechen darf. In KU B 295
schreibt er etwa: „Zweck der Natur ist objektive Realität.“ Anders
gesagt: Kant schwankt zwischen den Optionen, die ,Idee‘ nur als Er-
kenntnis- oder gar als Realgrund organischer Strukturen gelten zu
lassen. Man kann auch sagen: Er erwägt zuweilen, der Idee – in der
Gestalt der Wechselwirkung – konstitutive, nicht nur regulierende
Kraft zuzusprechen.68
Die Aufzeichnungen des Nachlasswerks enthalten Notate, die
dem Organismus durchaus ohne Einschränkung durch ein ,als ob‘
objektive, ja physische Existenz zuerkennen. Auch hier schwankt
Kant zwischen Formulierungen, die nicht die Idee, sondern die „in-
nere Form des Ganzen vor dem Begriffe der Composition aller sei-
ner Theile […] in Ansehung ihrer bewegenden Kräfte vorher-

68 Dies ist reich belegt und kommentiert durch Frank/Zanetti in: Kant 1996,
1279 ff., 1302 ff.
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 55

geh[en]“ lassen (AA XXI, 210), und solchen, die der „Idee“ dies
Privileg zuerkennen – freilich in einer Weise, als habe sie konstituti-
ve Kraft (l. c., 69). In den früheren Definitionen war vor allem die
Rede von der Beziehung von Wirkung und Gegenwirkung, von der
Wechselwirkung zwischen Teilen und dem Ganzen. Jetzt ist die
Idee des Einheitsprinzips, des Ganzen, in den Vordergrund gerückt.
Kant scheint aber noch immer unzufrieden über einen Aspekt die-
ser Definition: Der der Idee (dem übersinnlichen Einheitsprinzip)
zugebilligte Vorrang setzt immer noch eine äußere und mithin nicht
integrierte Wirkursache voraus; der Organismus „wäre nicht rein
physisch“ (AA XXI, S. 210). Darum versucht Kant noch eine letzte
Definition: „Organischer Körper ist der, dessen jeder Teil absolute
Einheit der Existenz aller übrigen seines Ganzen ist“ (l. c.).69 Das
passt nicht nur zu Leibnizens Auffassung, sondern konkreter in die
spätere Zellbiologie: Jeder Teil, selbst der kleinste, enthält, in seiner
vollständigen Beziehung zu allen anderen, wieder den Bauplan des
gesamten Organismus, zu dem er gehört. Er ist seine Einheit als
faktisch existierendes Glied derselben.70
Der junge Schelling tendiert im Timaeus und in der Formschrift
jedenfalls entschieden zu einer spekulativ kühneren Position, die
sich über das kantische ,als ob‘ hinwegsetzt, dass nämlich, wo wir
Teile notwendig als durch den Vorblick auf ein Totum zusammen-

69 In dieser Definition begegnen wir einer Vorstellung, die schon in einem der Un-
terbeispiele der allerersten Organismus-Bestimmung (aus dem § 65 der KU) ge-
genwärtig war (dem des Teils eines Birnreises, der, auf einen Apfelbaum ge-
pfropft, Birnen hervorbringt, denn dieser Teil enthält in sich alle Informationen
über sein spezifisches Ganzes). Diese Vorstellung ist hier nun einfach ins Extrem
getrieben: Jeder Teil, selbst der kleinste, stellt, in seiner vollständigen Beziehung
zu allen anderen, selbst den kleinsten, wieder den gesamten Organismus dar, zu
dem er gehört. Er ist seine Einheit als faktisch existierendes Glied. Kant würde
diese Eigenschaft des Organismus herzlich gerne empirisch nennen, und die Zel-
lular-Biologie des 19. Jahrhunderts (Schleiden, Virchow) würde gewiss nicht zö-
gern, ihn dazu zu ermutigen.
70 Dazu ausführlich: Frank/Zanetti im Kommentar zu: Kant (1996, 1273 – 1281).
56 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

gesetzt denken, „eine allen Gegenständen zu G r u n d liegende lez-


te I d e e voraussetzen“ (Schelling 1994, 36). Er hält ,Idee‘ aber
nicht für eine ,bloße Idee‘, sondern für konstitutiv, weil in der
Struktur der Weltseele (im f`om mogtºm) tatsächlich realisiert.71 An
eben dieser Stelle verweist er auf Kants Unterscheidung eines
„Weltbegriffs“ von einem „Naturbegriff“ (l. c.; KrV A 418 f.).72 Im
Weltbegriff – hatte Kant gesagt – sei lediglich die mathematische
Summe aller Erscheinungen angesprochen, eben als Größe, die sich
in einer offenen (,potentiellen‘) Unendlichkeit, einem unendlichen
Regress, verlaufe; der Naturbegriff begreife dieselbe Summe actua-
liter, damit als „dynamisches Ganzes“ von konkreten kausalen In-
teraktionen. Und ein solcher Begriff befasse mehr als „die Aggrega-
tion [der Teile] im Raume oder der Zeit“, er begreife nämlich „die
Einheit im D a s e i n der Erscheinungen“, also das verknüpfende
Band aller wirklich existierenden Naturprodukte. Eine solche Ein-
heit könnte nicht von gleicher Art sein wie die „Reihe“ der Bedin-
gungen. Bedingtes führe immer nur – „analytisch“ – auf ein Bedin-
gendes, nie auf ein „Unbedingtes“. Mit dem Unbedingten kommt
also ein „synthetischer“ Begriff ins Spiel (A 307 f.; Freuler 1992, 81).
Und einen solchen Begriff lehnt Kant eben als „transzendent“ (die
Bedingungen menschlicher Erkenntnis übersteigend) ab, obwohl er
heuristisch für die Naturerklärung von Nutzen sei (A 418 – 420).73

71 Das ist jedenfalls – im Blick auf die Eignung der Kategorie Wechselwirkung zur
Konstitution von Organismen – deutlich so in späteren Schriften. Ich nenne nur
zwei Passagen: SW I/2, 40; I/3, 495 f. (im weiteren Kontext).
72 Dazu Matthews (2011, 17 – 20 mit Anm. 34, S. 229). Matthews bringt noch einen
weiteren Gedanken ins Spiel, den, dass jede Idee ein „Maximum“ (eine maximale
Versammlung der in ihr befassten Bedingungen) darstellen muss (vgl. KrV A
665), aber nicht ohne Regress die Erweiterung ins Unbedingte stoppen kann.
Hier lässt er die jede Ausdehnung niederschlagende Idee einer „absoluten Grö-
ße“ oder einer „absoluten Totalität [bzw.] Vollständigkeit“ (KrV A 409) aus der
Ästhetik des Erhabenen intervenieren (KU B 266). Vgl. auch das ganze 3. Kapitel
seines Buchs. Diesen Gedanken werde ich nicht verfolgen.
73 Bei solchen Regeln der Naturforschung, die nicht aus Erfahrung bewiesen und
auch nicht aus Verstandesbegriffen eingesehen werden können, handelt es sich
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 57

Nachdem wir Schelling durchaus bestätigen dürfen, sich auf von


Kant selbst angelegten Bahnen zu bewegen, stellt sich eine grund-
sätzliche Frage: Wie geraten gerade die Kategorie Wechselwirkung
und die Urteilsform Disjunktion, aus der sie gebildet ist (KrV B
111 – 113), in diese herausgehobene, ja prinzipiengleiche Stellung?
Und wie geht es zu, dass alle anderen Kategorien aus ihr abgeleitet
werden können?74 Tatsächlich sagt er in der Formschrift, die „For-
men der R e l a t i o n“ liegen allen übrigen „zugrunde“, ja, sie seien
„wirklich identisch mit der Urform (der analytischen, der syntheti-
schen, und der gemischten75)“ (SW I/1, 107).
Eine erste Vermutung könnte so lauten: Wenn organische Ko-
operation von Ursachen verschiedenen Typs (Wirk- und Zweckur-
sachen) nur mit Hilfe regulativer Ideen verständlich gemacht wer-
den kann (und dahin zielt der Timaeus-Kommentar), gilt für sie,
was für Kants Ideen im Allgemeinen gilt. Sie werden, wie die Kate-
gorien aus Urteilsformen (KrV A 321 = B 378), aus so genannten
,Vernunftschlüssen‘ hergeleitet. Und da Vernunftschlüsse hinsicht-

nur um „M a x i m e n der Vernunft“, nicht um „objektive Prinzipien“ (KrV


A 666 im weiteren Kontext; mehr dazu bei Frank/Zanetti im Kommentar zu:
Kant 1996, 1182 f.).
74 Vgl. SW I/1, 107 – 110. Diese Ansicht sollten wir allerdings nicht zu hoch hängen,
denn gleich ein halbes Jahr später (in der Ich-Schrift), sucht Schelling das gleiche
von der Kategorie der Modalität her (§ 16, bes. SW I/1, 266 ff.). Bei diesem letzte-
ren Versuch lässt er sich leiten von der Semantik des Wortes ,Setzen’ (das ja im
Wort ,Gesetztsein‘ nur ins nominalisierte Passiv-Perfekt transformiert ist). Kant
hatte ,Sein‘ in zwei Urbedeutungen unterteilt: ,absolutes‘ und ,relatives Gesetzt-
sein‘. Das absolute liegt vor bei dem, was wir ,Existenz‘ nennen, das zweite bei
jeder Form von prädikativem Urteil, durch das ein Raum von Möglichem eröff-
net wird. Möglichkeit und Wirklichkeit sind Modalkategorien (AA II, 72 – 78).
75 Die Wahl des Ausdrucks „gemischten“ ist natürlich völlig unkantisch, spiegelt
aber die gerade zurückliegende Philebos-Lektüre. Im Bruno (1802) korrigiert
Schelling die Rede von der Mischung und auch vom aus Zweien gemischten
„Dritten“ (SW I/4, 237) durch die der absoluten „Einheit der Einheit und des
Gegensatzes“ (l. c., 239, passim). Aber er greift den Ausdruck unter klarer An-
spielung auf Timaios und Philebos zustimmend wieder auf in den Aphorismen
(von 1806: SW I/7, 165, Nr. 118).
58 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

lich ihrer Modalität notwendig, hinsichtlich ihrer Bejaht- oder Ver-


neintheit (Qualität) indifferent und, was ihre Quantität betrifft, all-
gemein(geltend) sind, taugt als Leitfaden ihrer ,Deduktion‘ nur die
Kategorie Relation.76
Aber das entspricht nicht dem kecken deduktiven Duktus der
Formschrift, die den Grundsatz aller Grundsätze als nicht bloß re-
gulativ oder idealiter bestehend ansetzt, sondern für Evidenz-gesi-
chert hält.77 Stolz erklärt er ja in SW I/1, 101, mit der Auffindung
der Urform sei das eigentliche „Problem“ der Abhandlung „ge-
löst“, und die „Evidenz“ dieser Lösung sei nur noch an die folgende
Ausarbeitung weiterzugeben.
Ich glaube, wir sollten hier nicht weiter bohren. Die ,Deduktion‘
aller übrigen Kategorien, die Schelling am Schluss der Programm-
schrift aus der Urform der Wechselwirkung versucht (SW I/1,
107 ff.), verrät spekulatives Geschick, wird aber nur eine kurze
Halbwertzeit haben.78 Denn, wie wir sahen, wird Schelling densel-

76 Warum das so ist, wird erklärt in Véronique Zanettis und meinem Kommentar
zu Kant (1996), 1175 ff., bes. 1176 – 1179. Die Deduktion der drei Vernunftideen
am einzigen Leitfaden der Relation hat etwas Künstliches, das uns hier nicht be-
schäftigen muss (KrV 304; dazu: Freuler 1992, § 19, 83 ff.; Mohr 2004, 274 f.). So
präsentiert sich (nach Kant) das Unbedingte erstens als kategorische Synthesis in
einem Subjekt, zweitens als hypothetische Synthesis der Glieder einer Reihe und
drittens als disjunktive Synthesis der Teile eines Systems (KrV A 323). Spuren
dieses letzten Gedankens sieht man deutlich in der Formschrift.
77 Obwohl wir sahen, dass, um Vorstellung und Bewusstsein aus ihnen herzuleiten,
Schelling die Schwelle dieser beiden keck hinter sich lässt. Und wie Evidenz
ohne Bewusstsein – etwa in einer ,intellektualen Anschauung‘ – gesichert sein
soll, ist schwer verständlich – aber das ist eine andere Diskussion.
78 Die Ich-Schrift erscheint ein halbes Jahr nach der Formschrift. Allerdings kommt
Schelling an einem unerwarteten Ort, der kleinen Wende-Schrift Philosophie und
Religion (1804), noch einmal auf die Urform der Disjunktion bzw. der Gemein-
schaft zurück. Man kann die Passage als spätes Echo der Formschrift betrachten
(SW I/6, 21 ff.; Schellings Sohn verweist freilich auf eine Passage im Bruno von
1802: SW I/4, 300). Hier zwar steht der Akzent auf dem Unterschied des absolu-
ten und des bedingten, in „Reflexionsbegriffen“ sich auslegenden Denkens. Be-
dingt erkannt wird dort, wo sich die erscheinende Wirklichkeit als „unangemes-
4. BEDEUTUNG DER KATEGORIE ,GEMEINSCHAFT‘ 59

ben Versuch bald erneut, und diesmal aus der Urform der Modalität
versuchen. Bei genauem Hinsehen sind auch die Relations-Katego-
rien minder bedeutend, als was Schelling die „Urform […] der ana-
lytischen, der synthetischen, und der gemischten“ nennt, die „allen
übrigen [Kategorien] zu Grunde liegen“ (107). Das Wesentliche
dieser ,Umkehrung der kantischen Kategorien-Ordnung‘, die Bruce
Matthews so hoch bewertet (Matthews 2011, 154 f., 170 ff.), scheint
mir das Ineinanderschieben der Gedanken der organischen Wech-
selwirkung und des Sich-selbst-Setzens. Wenn das Unbedingte und
das Bedingte, das Setzende und das Gesetzte es „von sich selbst“
sind, wie das Würzbürger System emphatisch formulieren wird (SW
I/6, § 18, 161 ff.), ist die entscheidende Weiche für Schellings diffe-
renzsensitive Auffassung der höchsten Identität von Natur und
Geist gestellt. Der Rest ist geduldige und gedankenreiche Ausarbei-
tung. Diesen Weg wollen wir im II. Teil nachvollziehen.

sen“ ihrem Wesen oder wo die Begrifflichkeit sich ihrem (wesentlichen) Sein „in-
adäquat“ erweist. Unbedingtes Wissen findet mithin dort statt, wo das ,Sein‘ dem
,Wesen‘ adäquat ist, wie das nur in einer ,unmittelbar anschauenden Erkenntniß‘
der Fall sein könne, die „jede Bestimmung durch Begriff unendlich übertrifft“
(23). Von hier geht Schelling ohne Weiteres über zur Ableitung dreier Formen
des ,Setzens‘ (ein vorher nicht benutzter Ausdruck), so wie sie (sc.: die Formen)
sich dem Blick der Reflexionsbegriffe darstellen: der kategorischen, der hypothe-
tischen und der disjunktiven Form. Sub specie reflexionis werde die erste Form
durch ein ,weder – noch‘ (weder das Affirmierende noch das Affirmierte) aufge-
fasst, die zweite „hypothetische“ durch ein ,wenn – dann‘ (das eine ursprüngliche
Gleichmöglichkeit in ein einseitiges Bedingungsverhältnis zerlegt), die dritte
„disjunktive“ durch ein ,sowohl als auch‘: „[D]iese Form entspringt aus der Ver-
bindung der beiden ersten; denn jenes Eine und selbe, das, nicht zugleich, aber
auf gleiche Weise, jetzt als das eine, jetzt als das andere betrachtet werden kann,
ist eben deßwegen an sich w e d e r das eine n o c h andre (nach der ersten
Form), und doch zugleich das gemeinschaftliche W e s e n, die Identität beider
(nach der zweiten Form), indem es, in seiner Unabhängigkeit von beiden,/ den-
noch gleicher Weise jetzt unter diesem, jetzt unter jenem Attribut betrachtet
werden kann“ (24 f.).
60 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

5. Ein Vorblick auf die fortwirkende Sonderstellung von


,Gemeinschaft‘ in Schellings spätesten Vorlesungen: das
Vorbild von Kants ,Ideal der Vernunft‘
Die Kategorie Wechselwirkung hat noch einmal einen markanten
Auftritt in Schellings letzten Vorlesungen aus den 1850er Jahren
(SW II/1, 282 – 288; 585 f. im Kontext). Er kommt hier auf zwei eng
verknüpfte Theoreme Kants zurück: 1. auf dessen Einsicht, dass die
Wirklichkeit (das existentielle Sein) der Möglichkeit vorausgehen
müsse (AA II, 78 – 80) – Schelling wird vom „unvordenklichen
Seyn“ sprechen, das aller „Potenz“, allem Wissen oder „Was“ zu-
vor besteht (Schelling 1993, 227 f.; II/1, 587);79 2. auf Kants „Ideal
der reinen Vernunft“ (KrV A 571 – 583). Von ihm sagt Schelling
nicht weniger, als dass hier „die Keime“ gelegt seien, aus denen die
ganze auf Kant folgende spekulative Philosophie sich entwickelt
habe.80
Ein Ideal ist eine Idee in individuo, so, wie die klassische Meta-
physik, die metaphysica specialis, sich Gott als einen „e i n z e l -
n e [ n ] G e g e n s t a n d“ dachte (SW II/1, 283); aber selbst in der
Aufblähung zum Ideal bleibt dieser Gegenstand eben doch eine
„bloße Idee“ (586). Was da aber gedacht wird, ist der „Inbegriff“
aller, wie Leibniz sagte, kompossiblen oder, wie Kant sagt, wider-
spruchsfrei diesem Einzelgegenstand zusprechbaren Prädikate (KrV

79 „Allein, daß irgend eine Möglichkeit sei und doch gar nichts Wirkliches, das wi-
derspricht sich, weil, wenn nichts existiert, auch nichts gegeben ist, das da denk-
lich wäre“ (AA II, 78). Ich werde in Kapitel 24 auf dieses Theorem zurückkom-
men.
80 „Diejenigen unter Ihnen, welche mit den nachkantischen Entwicklungen be-
kannt sind, mögen hier leicht die Keime später wirklich hervorgetretener Gedan-
ken zu erblicken glauben“ (SW II/1, 287). In einer Anmerkung bestimmt er
Kants Lehre vom transzendentalen Ideal als den „bestimmten Punkt […], an den
die weitere Entwicklung sich als eine nothwendige Folge anschloß“ (283). Dazu
und zum Folgenden die wichtige Studie Wolfram Hogrebes (1989, bes. §§ 11 und
12). Zum transzendentalen Ideal auch Claudia Bickmann (1996, bes. LXXIII f.,
258 ff.).
5. DAS VORBILD VON KANTS ,IDEAL DER VERNUNFT‘ 61

A 573). So lässt sich dieser Gegenstand ad hoc durch das zutreffen-


de Prädikat F bestimmen und in der Folge durch G oder -G „wei-
terbestimmen“ (Hogrebe 1989, 59). Ein Individuum ist – nach
Leibniz – ein durchgängig bestimmter Gegenstand, d. h. der Refe-
rent eines Subjekt-Ausdrucks, dem kein mögliches Prädikat abgeht.
Bezieht man dieses Subjekt auf Gott als Referenten, so hat man ihn
gedacht als „All der Realität (omnitudo realitatis)“ (KrV A 575 f.),
also als vollständige Instanziierung des Inbegriffs aller möglichen
Prädikate. Da aber realitas existentia nicht einschließt,81 sondern
voraussetzt (wie Kant 1763 gezeigt hatte), muss dem Ideal eine
„materielle Bedingung seiner Möglichkeit“ zugrunde liegend ge-
dacht werden (A 576), die (der späte) Schelling das „reine Daß“
oder die „reine Wirklichkeit“ nennt. Sie bedarf zwar der Ergänzung
durch ein prädikatives „Etwas“, legt diesem aber den (Seins-)Grund
(SW II/1, 585 – 7 [alle Ausdrücke im Orig. gesp.]). Vom Individuel-
len, hatte Aristoteles gesagt, gibt es keine Wissenschaft; gewusst
wird nur das Allgemeine (B 1pist¶lg toO jahºkou). Nun gründet
Kant – in Schellings Anverwandlung seines Gedankens – das Allge-
meine auf ein Individuelles, ein nacktes vorbegriffliches Dass und
Dies-da (586). Und ein solch vorbegriffliches ,Dies-da‘ (tºde ti)
wird nicht gedacht, sondern erfahren. (Hogrebe spricht treffend
von ,pronominalem‘ [oder indexikalischem] Sein – im Gegensatz
zum ,prädikativen‘: Hogrebe 1989, §§ 13, 14.)
Wie aber kommt der Gedanke der Wechselwirkung hier ins
Spiel? Wir erinnern uns: Wechselwirkung ist die Kategorie, die aus
der Urteilsform Disjunktion entwickelt ist. Nun gilt: Wenn alles,
was existiert, nur durch Einschränkung des Alls der Möglichkeiten
Bestimmung erfährt, muss jedes Ding als Teilsphäre dieser allbefas-
senden Sphäre (des Inbegriffs möglicher Prädikate) verstanden wer-
den, „die durch die Negation aller anderer ihrer Teilsphären be-

81 Schelling übersetzt ,Realität‘ durch ,Möglichkeit‘ und ,Möglichkeit‘ wiederum


durch ,Denkbarkeit‘ (SW I/1, 586) – auch das ganz im Sinne Kants.
62 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

stimmt ist“ (Mohr 2004, 307). Kant kommentiert das hier waltende
Verfahren so:
Die logische Bestimmung eines Begriffs durch die Vernunft beruht auf einem
disjunktiven Vernunftschluß, in welchem der Obersatz eine logische Einteilung
(die Teilung der Sphäre eines allgemeinen Begriffs) enthält, der Untersatz diese
Sphäre bis auf einen Teil einschränkt/ und der Schlußsatz den Begriff durch die-
sen bestimmt (KrV A 576 f. [von mir kursiviert]).

Kant unterstellt dies disjunktive Verfahren einem ,Grundsatz der


Bestimmbarkeit‘ (A 571), der, logisch oder formaliter, dafür sorgt,
dass jedem Ding von zwei widersprechenden Prädikaten notwendig
eins zukommt. Aber, anders als Kategorien, interpretieren Ideen die
empirische Realität (nicht bloß die von ,Gegenständen überhaupt‘);
ihre Einteilung geschieht also materialiter oder an Erfahrungsmate-
rial. Dafür ist ein zweiter (materialer) Grundsatz zuständig, der
,Grundsatz der durchgängigen Bestimmung‘. Schelling illustriert
seine Funktion, viel anschaulicher als Kant selbst, so:
Die materielle Möglichkeit eines Dings [eines konkreten existierenden Natur-
produkts] dagegen beruht auf seiner durchgängigen Bestimmtheit, d. h. [darauf,]
daß es durch alle m ö g l i c h e n Prädicate hindurch ein bestimmtes ist, indem
von allen einander entgegengesetzten je eines ihm zukommen m u ß. Ein jedes
Ding wird entweder körperlich seyn oder unkörperlich, wenn körperlich, ent-
weder organisch oder unorganisch, wenn unorganisch, starr oder flüssig, wenn
starr, der Grundgestalt nach regelmäßig oder unregelmäßig, wenn regelmäßig,
wird es einer der fünf regulären Körper seyn müssen, der ihm zu Grunde liegt,
z. B. die Pyramide oder der Cubus; immer aber wird die ihm zugeschriebene
jede andere ausschließen. Hier werden also nicht Begriffe unter sich bloß lo-
gisch, sondern es wird d a s D i n g s e l b s t mit der g e s a m m t e n M ö g -
l i c h k e i t, mit dem Inbegriff aller Prädicate verglichen, welcher die nothwen-
dige Voraussetzung jeder Bestimmung ist, und weil das Bestimmen Sache des
Verstandes ist, nur als I d e e in der Vernunft seyn kann, durch welche diese
dem Verstande die Regel seines vollständigen Gebrauchs vorschreibt [KrV A
571 – 73] (SW II/1, 284).
5. DAS VORBILD VON KANTS ,IDEAL DER VERNUNFT‘ 63

Im logischen Satz der Bestimmbarkeit formuliert der Obersatz nach


Kant eine Disjunktion: (x) (xF ! xG V x-G), der Untersatz
schränkt diese Einteilung „bis auf einen Teil ein“, den der Schluss-
satz dem Begriff x („de[m] allgemeine[n] Begriff einer Realität
überhaupt“) als Prädikat zuerkennt. Hier aber geht es um die Voll-
bestimmung eines bestimmten empirischen Gegenstandes a, und die
Alternationskette liest sich so: aF V a-F V aG V a-G (usw.). Die-
ses Bestimmungsverfahren muss man sich als fortlaufend vorstellen:
Durchs Aussortieren einer Eigenschaft entsteht ein ständig stärker
eingeschränkter Gegenstandsbegriff. Das „Entweder-Oder des dis-
junktiven Obersatzes“ sorgt also – sortierend – für eine schrittweise
Einteilung aller Gegenstände der Kandidatenliste, denen jeweils ei-
nige Eigenschaften der disjunktiven Reihe zukommen, während die
anderen Kandidaten des „Universalregisters der Prädikate“82 über
Bord gehen.83 Schließlich bleibt nur ein einziger Gegenstand übrig,
eben das ,Urwesen‘, der ,Inbegriff‘, ,die Idee in individuo‘.84 Aus
ihr, meint Hogrebe, lässt (der späte) Schelling seine Weltalter her-
vorgehen nach dem Gesetz der Prädikation, nach dem das völlig

82 Der glückliche Ausdruck ist von Wolfram Hogrebe (1989, 60).


83 „Ein jedes Ding ist an sich selbst durchgängig determinirt, aber nicht ein jeder
Begriff ist durchgängig determinirt. Um also ein Ding gantz zu erkennen, ist es
nicht gnug, das zu erkenen, was es ist, sondern auch, was es nicht ist; denn wäre
dieses weggelassen, so ist es unbestimt, ob/ außer dem, was an ihm erkannt wird,
ihm nicht noch mehr zukomt“ (Refl. 4244 [AA XVII, 477 f.]) „[U]m ein Ding
ganz zu erkennen, muß man nicht allein wissen, was es enthält, sondern überdem
alles, was ihm fehlt, damit man es auch in relation erkenne“ (Refl. 6209 [AA
XVIII, 495]).
84 Hogrebe macht auf eine von Kant nicht offengelegte Bedeutungsverschiebung
des Ausdrucks ,Inbegriff‘ aufmerksam, der zunächst extensional und „unter der
Hand“ intensional verstanden wird: als „maximaler Steigerungsgrad einer Sa-
che“, als Muster oder Norm (Kant sagt: Prototyp), hier: „des Möglichen“ (Ho-
grebe 1989, 62). Nur kraft dieser Bedeutungsverschiebung kann ,Inbegriff’ auf
nur einen einzigen Gegenstand (ein Individuum) angewendet werden. Dies Pro-
blem ist ohne Belang für den Schelling der Identitätsphilosophie. Und ich will
hier auch nur die Wiederkehr der Kategorie Wechselwirkung bei der Bestim-
mung des ,Urwesens‘ belegen.
64 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

unbestimmte pronominale Sein sukzessive nach prädikativer Fort-


bestimmung schmachtet (vom ,Hunger nach Bestimmung‘ spricht
Schelling gelegentlich).
Das war noch nicht das Denkthema des frühen und nicht einmal
des identitätsphilosophischen Schelling. Er hat den „Naturbegriff“
der erscheinenden Welt im Blick, in der alle Bestimmungen syste-
misch auf die Idee eines Ganzen blicken, dessen Vollbestimmung
sie verursachen, während sie zugleich von ihr kausal auf den Weg
gebracht werden. Im Blick steht eine Welt sub specie communionis,
wie sie das Grundsätze-Kapitel antizipiert hatte (KrV A 218).
Wie das längere Zitat belegt, das Kants materialen Grundsatz der
Bestimmung am Werk zeigt, geht es Schelling nicht um die disjunk-
tive Reihe aller Gegenstände, sondern um das naturalistische Prin-
zip der Spezifikation, das auch Kant, allerdings in einem anderen
Zusammenhang (KrV A 577 – 9), am Herzen liegt. Dies Gesetz teilt
insbesondere das All natürlicher Gegenstände in Gattungen, Arten
und Individuen.85 Der kleinste Teil wird wie der umfassendste, das
„Urwesen“, vollbestimmt sein. Der Vergleich eines jeden gegebe-
nen Gegenstandes mit dem Inbegriff aller möglichen Prädikate, also
das Herauseinzeln aller existierenden Gegenstände aus dem Skopus
des Universalregisters, ist natürlich einem endlichen Verstand nicht
möglich, also bloß Idee (KrV A 573).
Diese Einschränkung missachtet Schelling. Er behandelt die re-
gulative Idee des Inbegriffs aller kompossiblen Prädikate wie eine
Kategorie oder vielmehr: wie einen (konstitutiven obersten) Grund-
satz. Nun ist die Kategorie, die aus dem disjunktiven Urteil gebildet

85 Kant spricht von „Gesetz der Spezifikation“ (KrV A 656 [im Orig. gesp.]), ohne
das eine konkrete Naturforschung, etwa Linnés Klassifikation der Pflanzen und
Tiere, nicht möglich wäre. Und schon hier greift er auf den Grundsatz der
durchgängigen Bestimmung vor: „Die Erkenntnis der Erscheinungen in ihrer
durchgängigen Bestimmung (welche nur durch Verstand möglich ist) fordert eine
unaufhörlich fortzusetzende Spezifikation seiner Begriffe, und einen Fortgang zu
immer noch bleibenden Verschiedenheiten, wovon in dem Begriffe der Art, und
noch mehr dem der Gattung, abstrahiert worden.“
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 65

wird, die der Wechselwirkung (oder Gemeinschaft). Durch Anwen-


dung dieser Kategorie formiert sich die Totalität aller Erscheinun-
gen – nach ihrem „Naturbegriff“ (KrV A 420) – zu einem nach ver-
schiedenen Bildungsniveaus gestaffelten Gesamtorganismus. In ihm
erscheint jeder Teil wechselseitig als Ursache und Wirkung jedes
anderen. Die Welt zeigt sich als System, in dem alle Teile nach ei-
nem intelligiblen Bauplan („architektonisch“) ausgerichtet und da-
durch untereinander verbunden sind. Und tatsächlich fällt dem
transzendentalen Ideal der Vernunft nach Kants eigener Einteilung
der Ideen am Leitfaden der drei Relationskategorien (KrV A 323,
339 f., 567 ff.) der dritte Platz zu; und das ist der der Wechselwir-
kung, der „d i s j u n k t i v e n Synthesis der Teile in einem S y s -
t e m“ (A 323). Die dritte Kategorie vollbringt ja prinzipiell eine
Synthese der ersten und der zweiten Subkategorie jeder Gruppe
(„so daß der zweite Begriff, mit dem ersten verbunden, auf den
dritten, als einen notwendigen Schlußsatz führ[t]“ [B 395, Anm.]).
Und so ist Gemeinschaft nichts anderes als die ,Totalität der Reihe
aller Bedingungen‘ sub specie substantiae. „Diesen dialektischen
Vernunftschluß werde ich das I d e a l der reinen Vernunft nennen“
(A 340).

6. Eine letzte Quelle der „Urform“ alles Wissens: Schelling


auf den Spuren von Diez und die subjektzentrische
Umbildung der Reinhold’schen Vorstellungs-Theorie
Vom „Weg (bdºr)“, der zur „reinen, ursprünglichen Form [des Phi-
losophirens]“ führt, hatte wieder Platon zuerst gesprochen, und
Schelling zitiert die Passage aus dem Philebos (15d8–e5) in seinem
Timaeus-Kommentar (Schelling 1994, 35 f.). Es ist die Stelle, in der
Platon von
dieser Form der E i n h e i t i n d e r M a n n i g f a l t i g k e i t [spricht, die]
überall in allen Reden u. Untersuchungen von jeher bis auf unsere Zeit ge-
66 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

herrscht hat. Diese Form zu denken wird niemals aufhören, u. hat auch nicht
jetzt erst angefangen, sondern sie ist eine ewige, niemals alternde Eigenschaft
jeder Untersuchung.

Schelling kommentiert die Stelle (die ich in seiner Übersetzung an-


geführt habe) im Folgenden. Dabei hebt er einmal mehr das Dritte
über dem Gegensatz (l. c., 27)86 besonders heraus. Noch der Dialog
Bruno (1802) rückt, was 1794 noch „Grundsatz aller Grundsätze“
hieß, in die Nähe der platonischen „Idee aller Ideen“ (SW I/4,
242 f.).87 Eine Stelle in der Formschrift sieht Matthews unmittelbar
an Kants Suche nach der „Form eines Ganzen der Erkenntnis“
(KrV A 645) anknüpfen und assoziiert diese wieder mit Platons Ur-
form des Erkennens, aus der „die Formen von Einheit und Viel-
heit“ entspringen (SW I/1, 111; Matthews 2011, 141).88
Das scheint mir weitgehend unstrittig. Doch nicht Platon, auch
nicht ein durch die Brille von Kants Naturteleologie aktualisierter,
sondern die fundamentalistische Wende, die die zeitgenössische
Philosophie mit Jacobi, Reinhold und Fichte gleichsam vor Schel-
lings Augen genommen hatte, hat den Ausschlag dafür gegeben, die
reine, ursprüngliche Form der Philosophie aus der Struktur der
Subjektivität verständlich zu machen. Nun beginnt Schellings
Formschrift mit der stolzen Versicherung, er habe „die Gedanken,
welche in gegenwärtiger Abhandlung ausgeführt sind, […] einige
Zeit schon mit sich herumgetragen“ (SW I/1, 87) – und zwar vor
der Bekanntschaft mit Fichtes Aenesidemus-Rezension und Be-

86 In der Formschrift heißt es: „ein D r i t t e s, das beides [Ich und Nicht-Ich]
vereinigt“ (SW I/1, 101).
87 Dazu ausführlich Matthews (2011, 20 – 27, 130 – 135).
88 Matthews übertreibt die Bedeutung, die der Ausdruck „Form der Platonischen
Philosophie“ in einem Studienheft Schellings (von 1794) hatte. Die Formulierung
kommt in Wirklichkeit nur ein einziges Mal vor (HKA II.5, 133). Ihr folgt, mit
„1.“ gezählt, ein knapper bibliographischer Hinweis auf Tiedemann (1786). Im
Folgenden versammelt Schelling Allotria aller Art (vgl. oben Anm. 8 zu S.6), das
mit der idealistischen Suche nach einer ,Urform‘ der Philosophie überhaupt
nichts zu tun hat.
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 67

griffsschrift (1794). Das hat, wie wir sahen, Henrich dazu veran-
lasst, den Einfluss Immanuel Carl Diezens auf die in der Form-
schrift gärenden Gedanken des 19-jährigen Stiftlers hin zu untersu-
chen; denn Diez war es, der den obersten Grundsatz der Rein-
hold’schen Fundamentalphilosophie zuerst von der anonymen
Vorstellung ins selbstbewusste Subjekt verlegt hatte. Davon han-
deln besonders die Kapitel VI, VII, XIV und XVI von Henrichs
monumentaler Abhandlung.89
Ich zerlege die gigantische Aufgabe in eine Reihe übersichtlicher
Schritte – und habe nicht den Ehrgeiz, Henrichs großartige Kon-
stellationsforschung zu resümieren. Meine Themen sind Schellings
Identitätstheorie des Urteils und sein Rückgriff auf die ,reduplica-
tio‘ der ,älteren Logik‘. Darum darf ich mich strikt auf einige Spu-
ren beschränken, die die Keimidee durchscheinen lassen, aus der
sich Schellings spätere Identitätsauffassung entwickeln konnte.
Am Anfang steht die von Henrich und seinen Schülern reichlich
ausgebeutete VII. Beilage der Zweitauflage von Jacobis Spino-
zabüchlein (erschienen im April 1789). Diese Publikation lag vor,
kurz bevor Reinhold sein Hauptwerk veröffentlichte – und mehr-
fach nimmt er auf sie Bezug. Ich muss nur den Kerngedanken in
Erinnerung bringen, der eigentlich nichts tut, als uralte (z. B. aristo-
telische) Argumente für einen obersten Grundsatz der Philosophie
in Erinnerung zu bringen. Jacobi zeigt in dieser Beilage, dass die
alte Theaitetos-Definition von ,Wissen‘ als ,begründete wahre Mei-
nung‘ (Steph. 187a-d) – die ja Sokrates selbst als unzureichend zu-
rückgewiesen hatte – in einen unendlichen Regress führt. Der Nach-
weis erfolgt so: Gewusst werden Sachverhalte, und die werden
durch (Aussage-)Sätze (also kantische ,Urteile‘) formuliert. Ist ein
Sachverhalt eine Tatsache (also etwas Gewusstes), so muss die ent-
sprechende Aussage per definitionem begründet sein. Also muss sie

89 Eine bündigere Darstellung des Einflusses, den Diez’ Kritik auf die Umorganisa-
tion von Reinholds Grundsatzphilosophie hatte, gebe ich in der 15. Vorlesung
meiner „Unendliche[n] Annäherung“ (Frank 1998).
68 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

in einer anderen Aussage ihren Grund haben, für die nun aber wie-
der das Entsprechende gilt: Sie hat ihren Grund in einer höheren,
die ihn wieder in einer höheren hat und so ad infinitum. Wäre nun
all unser Meinen bedingt durch anderes Meinen, so kämen wir nie
zu einem Wissen. Also muss es, wenn wir an der starken Definition
von ,Wissen‘ festhalten, mindestens einen Satz geben, der nicht be-
dingungsweise, sondern unbedingt gilt. „Gibt es überhaupt ein
Wissen“, so resümiert Schelling 1795 Jacobis Konsequenz, „so muß
es ein Wissen geben, zu dem wir nicht durch ein anderes Wissen
gelangen, und durch welches allein alles andere Wissen Wissen ist“
(SW I/1, 162 [f.]). ,Un-bedingt‘ meint: gültig gerade darum, weil er
seine Geltung nicht aus der Bedingung zieht, dass ein anderer Satz
ihn begründet.90 Das Wissen, das von einem un-bedingt einsichtigen
Satz ausgedrückt wird, nannte Jacobi ,Gefühl‘ (oder ,Glaube‘).
,Glauben‘ meint: einer Tatsache ohne Weiteres gewiss sein, die eben
nicht kraft einer zusätzlichen Begründung, sondern sogleich und
aus sich selbst einleuchtet (so ist ja auch das Euklid’sche !n¸yla,
wörtlich übersetzt, eine Glaubensannahme): ,einer Begründung we-
der fähig noch bedürftig‘ (Jacobi 1789, 389 – 434, bes. 424 ff., 430 ff.).
Jacobi schreibt:
Wie können wir nach Gewißheit streben, wenn uns Gewißheit nicht zum vor-
aus schon bekannt ist; und wie kann sie uns bekannt seyn, anders als durch et-
was[,] das wir mit Gewißheit schon erkennen? Dieses führt zu dem Begriff ei-
ner unmittelbaren Gewißheit, welche nicht allein keiner Gründe bedarf, son-
dern schlechterdings alle Gründe ausschließt, und einzig und allein die mit dem

90 Wieder gibt Schelling Jacobis Gedanken in noch eindrucksvollerer Formulierung


wieder: „Ein Wissen, zu dem wir nur durch ein anderes Wissen gelangen, heiße
ich ein b e d i n g t e s Wissen. Die Kette unseres Wissens/ geht von einem
Bedingten zum andern; entweder muß nun das Ganze keine Haltung haben, oder
man muß glauben können, daß es so ins Unendliche fortgehe, oder es muß irgend
einen Punkt geben, an dem das Ganze hängt, der aber eben deßwegen allem, was
noch in die Sphäre des Bedingten fällt, in Rücksicht auf das Princip seines Seyns
geradezu e n t g e g e n g e s e t z t, d. h. nicht nur unbedingt, sondern schlechthin
u n b e d i n g b a r seyn muß“ (SW I/1, 163 f.).
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 69

vorgestellten Dinge übereinstimmende Vorstellung selbst ist. Die Ueberzeu-


gung aus Gründen ist eine Gewißheit aus/ der zweyten Hand (215 f.).

Hier füge ich einen kleinen Exkurs ein. Es geht bei Jacobi – wie
später bei Reinhold und Fichte – um Wissensbegründung; und Wis-
sen ist Thema in wahren Sätzen. ,Wissen‘ in abstracto wird im da-
maligen Sprachgebrauch auch durch ,Wissenschaft‘ wiedergegeben.
Der Titel von Fichtes ,Wissenschaftslehre‘, die ja keine Wissen-
schaftstheorie im modernen Sinne sein will, zeigt das augenfällig.
Und ,Form der Wissenschaft‘ meint dann: „ein Ganzes [von Wis-
sensbeständen], das unter der Form der E i n h e i t steht“, „ihr In-
halt sey, welcher er wolle“ (SW I/1, 90). So schon Reinhold: „Der
Grundsatz bestimmt nur die Form, nicht die Materie anderer Sätze“
(Reinhold 1790, 115). Wir nennen ja auch die Logik formal, weil sie
nur die Verknüpfungsregeln zwischen Inhalten zum Thema hat,
nicht diese Inhalte selbst. Die Ganzheit wiederum wird durch den
logischen Zusammenhalt der Sätze verbürgt: durch ihre Kohärenz.
Da aber auch falsche Überzeugungssysteme kohärent sein können,
bedarf es einer zusätzlichen Garantie durch einen Jacobi’schen
höchsten Satz, dessen Wahrheit unmittelbar eingesehen werden
kann und der darum Grund-Satz heißt. „Grundsatz heißt jeder
Satz, durch welchen mehrere andere Sätze bestimmt werden“
(Reinhold, l. c.). Sollen aber gar alle Sätze, die auf Wahrheit An-
spruch machen, durch den Grundsatz bestimmt werden, so muss er
unzweifelhaft gewiss sein, und alle Sätze, in denen ein Wissen zum
Ausdruck kommt, müssen gleichermaßen aus ihm fließen. Man
könnte von einem Transport der Gewissheit aus dem Grundsatz auf
alle daraus fließenden Einzelsätze sprechen; und so tut es Fichte in
der Begriffsschrift, wenn er sagt, der oberste Grund teile seine Ge-
wissheit den Folge-Sätzen mit (Fichte 1971 I, 40 u.: „Mithin müsste
wenigstens Ein Satz gewiss seyn, der etwa den übrigen seine Ge-
wissheit mittheilte“). „Sätze“, greift Schelling den Gedanken auf,
sind die „Theile der Wissenschaft“; denn nur sie können in inferen-
70 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

ziellen (kohärenten) Beziehungen zu anderen Teilen ihresgleichen


stehen (SW I/1, 90); Einzelgegenstände, Empfindungen oder Ge-
fühle (mentale Zustände, die sich diesseits der Wissens- bzw. der
Satzgrenze ,zeigen‘) könnten das nicht.
Einen solchen unbedingt gültigen und ohne Weiteres einsichti-
gen Grundsatz glaubte Reinhold im gleichen Jahr, in dem die er-
weiterte Zweitauflage des Spinozabüchleins erschien, in seinem
Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermö-
gens (1789) gefunden zu haben. Er nannte ihn wenig später „Satz
des Bewußtseyns“ und gab ihm zunächst diese Wendung:
Die Vorstellung wird im Bewußtseyn vom Vorgestellten und Vorstellenden un-
terschieden und auf beyde bezogen (Reinhold 1790, 144).

Warum der ,Vorstellung‘? Reinhold meint, mit dieser Wortwahl


nur Kants allgemein anerkannter Begrifflichkeit zu folgen. Denn
Kant hatte ,Vorstellung‘ zum Gattungsnamen aller mentalen Akte
und Erleidnisse (Kant sagt: aller „Modifikationen des Gemüts“,
KrV A 99) erklärt. Dabei bezieht sich Kant zustimmend auf die
Terminologie der Schulphilosophie, die Vorstellungen überhaupt
(,repraesentationes‘, ,représentations‘) in unbewusste und bewusste,
diese in subjektive Sensationen (,Empfindungen‘) und objektbezo-
gene Perzeptionen (,cognitiones‘), diese in Begriffe und Anschau-
ungen und beide wieder jeweils in emprirische und reine (,notio-
nes‘) unterteilt. Kant fügt noch Ideen als ,Begriffe aus Notionen‘
hinzu (KrV A 320; vgl. B 676 f.; genauer Freuler 1992, 46 – 48).
Damit schien der Elementarbegriff der Philosophie gefunden,
aus dem sich all die von Kant angeführten Spezifikationen durch ein
fortschreitendes disjunktives Einteilungsverfahren einsichtig ma-
chen lassen.
Aber seit dem 1. § der „Neuen Darstellung der Hauptmomente
der Elementarphilosophie“ im 1. Band der Beyträge (1790) findet
sich der Satz des Bewusstseins ohne weitere Erklärung so abgewan-
delt:
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 71

Im Bewußtseyn wird die Vorstellung durch das Subjekt vom Subjekt und Ob-
jekt unterschieden und auf beyde bezogen (Reinhold 1790, 167; so auch Rein-
hold 1791, 78 [von mir kursiviert]).

Der Zusatz „durch das Subjekt“ ist von großer Bedeutung. Durch
ihn verschiebt Reinhold, zunächst noch ohne eigens auf das Pro-
blem gerichtete Aufmerksamkeit, sein Projekt von der Vorstellung
auf das Subjekt als Grundbegriff seiner Elementarphilosophie. In
den ursprünglichen Entwürfen der Elementarphilosophie gehört ja
das Subjekt – gerade wie das Objekt – zu den ,äußeren Bedingun-
gen‘ der Vorstellung,91 also zu denen, von denen die Theorie zu ab-
strahieren hat – ist doch die Theorie des Vorstellungsvermögens die
„Wissenschaft der innern Bedingungen der wesentlichen Merkmale
der Vorstellung, desjenigen, wodurch die Vorstellung zur Vorstel-
lung wird“ (Reinhold 1790, 158).92 Dennoch unterläuft es Reinhold
von Zeit zu Zeit, dass er die Vorstellung für eine Modifikation „des

91 Zu dieser Unterscheidung am ausführlichsten Reinhold 1789, 199 [ff.] „Es giebt


ä u s s e r e und i n n e r e Bedingungen der Vorstellung. Aeussere, die ausser der
Vorstellung selbst vorkommen, von ihr nothwendig unterschieden werden müs-
sen, aber gleichwohl als nothwendige Bedingungen mit ihr verknüpft sind. Inne-
re, die in der Vorstellung selbst vorkommen müssen, wesentliche Bestandtheile
derselben ausmachen, und nicht von ihr unterschieden werden können, ohne sie
selbst aufzuheben.“ „Aus diesem Inbegriffe, welcher das blosse Vorstellungsver-
mögen enthält, [ist] das vorstellende Subjekt und das vorgestellte Objekt ausge-
schlossen“ (218). Noch deutlicher S. 220 f.: „Der Inbegriff desjenigen, was zu den
inneren Bedingungen der Vorstellung über/haupt gehört; oder das Vorstellungs-
vermögen in engster Bedeutung, läßt sich seiner Beschaffenheit nach weder von
dem vorstellenden Subjekte, oder der Seele, noch von den vorgestellten Objek-
ten, sondern nur allein aus dem richtigen Begriffe der blossen Vorstellung ablei-
ten.“
92 Früher hatte er das Selbstbewusstsein allein aus den „inneren Bedingungen des
Vorstellungsvermögens“ zu erklären versucht, nämlich als „Bewußtseyn des
Vorstellenden als eines solchen“ oder als das Bewusstsein „seiner selbst als des
Vorstellenden insbesondere“, das er auch als ,deutliches‘ oder eben als ,Selbstbe-
wusstsein‘ bestimmt (Reinhold 1789, 222, §. XXXI; vgl. 228 f., § XXXIII). Aber
auch das war nur eine der Erschleichungen seiner Elementarphilosophie, die er
seit 1790 tastend zu korrigieren beginnt.
72 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

vorstellenden Subjektes“ erklärt, ja so weit geht, zu sagen, die Vor-


stellung sei in demselben „gegründet“ (136).93 Hier deutet sich also
Klärungsbedarf an.
Diese Verschiebung des Prinzips von der Vorstellung aufs Sub-
jekt der Vorstellung muss uns jetzt interessieren.
Es scheinen vor allem zwei philosophierende Zeitgenossen gewe-
sen zu sein, die Reinhold zu dieser Revision seines Systems veran-
lasst haben: Hardenbergs früherer Hauslehrer Carl Christian Er-
hard Schmid94 und der Tübinger Repetent (ungefähr vergleichbar
einem heutigen Assistenten) Immanuel Carl Diez. In einem Brief an
Johann Benjamin Erhard (vom 18. Juni 1792) gibt Reinhold zu –
und das ist ein Zugeständnis, das sich in keiner seiner gleichzeitig
veröffentlichten Schriften wiederfindet –, dass seine Philosophie auf
Prämissen beruht, die sie nicht gleich anfangs, sondern erst in der
Folge begründen kann.95 Im Falle des Prinzips der Reinhold’schen

93 Eine ähnliche Unaufmerksamkeit ist am Werk, wenn Reinhold in derselben


Schrift das ,Ich‘ als dasjenige auszeichnet, das die Vorstellung allein und unmit-
telbar im bloßen Bewußtsein ,wahrnehme‘ (Reinhold 1790, 152). In der revidier-
ten Version der Fundamentallehre, die im Sommer 1792 einsetzt, wird dann ge-
sagt, die Tatsachen, die diese Lehre aufstelle, seien „unmittelbar im Subjekte des
reinen Selbstbewußtseyn gegründet“ (Reinhold 1794, 65). Im Rückblick des pro-
grammatischen Aufsatzes „Über den gegenwärtigen Zustand der Metaphysik
und der transcendentalen Philosophie überhaupt […]“ (in: Reinhold 1797, 276)
wird geradezu das „Subjekt […] des reinen Selbstbewußtseyns“, und nicht mehr
das von ihm ,abhängende‘ Vorstellungsvermögen „für das Fundament der Ele-
mentarphilosophie“ ausgegeben. Vgl. auch Reinholds Brief an Baggesen vom
15. Januar 1795: „Mein Satz des t r a n s c e n d e n t a l e n S e l b s t b e -
w u ß t s e i n s sollte der Theorie der drei Grade der S p o n t a n e i t ä t des
transcendentalen Subjectes zum Grunde liegen“ (Baggesen 1831, II, 5).
94 Der Schmid’sche Beitrag zu Reinholds Systemkrise wird von Henrich und seinen
Schülern durchgängig unterbewertet. Zur Gegensteuerung vgl. Berger (1998).
95 Reinhold referiert Schmids und Diezens Einwände in einem Brief an Johann
Benjamin Erhard vom 18. Juni 1792 wie folgt: „Ich sehe nun deutlich ein[,] das[s]
in dem Ersten Theil der Fundamentallehre der Elementarphilosophie, Theoreme
vorkommen[,] bey denen ich selbst hätte ausdrücklich zeigen sollen[,] daß sie
nicht unmittelbar aus dem Satze des Bewußtseins[,] sondern nur vermittelst an-
derer Sätze[,] die ich in dieser Elementarlehre ohne Beweis als Aussprüche des
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 73

,Elementarphilosophie‘ ist die implizit gemachte Voraussetzung die


der ,Selbsttätigkeit‘ des Subjekts, das ja in allen Zügen, von denen
der ,Satz des Bewußtseins‘ handelt, der alleinige Agent96 ist. So ge-
schieht Begründung statt aus einem gleich anfangs aufgestellten
Grundsatz eher aus einer Finalidee. Sie muss ,Idee‘ auch in jenem
ursprünglichen Sinne Kants heißen (nämlich als eine zum Zweck
der Systematisierung unserer Erkenntnisse ins Unbedingte erwei-
terte Relationskategorie). Nun gelten Ideen nur hypothetisch. Sie
regulieren unser Nachdenken über die Welt, konstituieren aber kei-
ne Objekte. Erfolgt Letztbegründung nur aus Ideen, so erfolgt sie

sens[us] comm[unis] aufstelle[,] erfolgen, und welche Sätze mir dann erst erweis-
liche Aussprüche der philosophirenden Vernunft werden können, wenn die übri-
gen Sätze des Bewußtseyns aufgestellt und entwickelt sind. Z. E. das Theorem,
daß der Stoff gegeben[,] die Form hervorgebracht[,] die Vorstellung erzeugt sey,
wobey Selbstbewußtseyn und bewußtseyn der Selbsthätigkeit, das nicht im Be-
wußtseyn überhaupt liegt[,] vorausgesetzt wird. Allein jene Ansprüche des ge-
meinen Verstandes müssen schlechterdings lemmatisch in der Elementarphiloso-
phie angenommen werden; da nur vom gemeinen Verstand zur philosophirenden
Vernunft übergegangen werden kann; aber sie müssen durch die letztere in der
Folge gerechtfertigt werden.
Das Fundament der Elementarphilosophie sind lauter Fakta des Bewußtseyns,
unter denen der eine[,] der den Satz des B.[ewußtseins] überhaupt ausdrückt[,]
der allgemeinste und in sofern im System der erste ist. Die Elementarphilosophie
stellt erst die Principien der Philosophie auf, kann also von keinen solchen Prin-
cipien ausgehen[,] sondern von blossen Thatsachen[,] die sich durch ihren Unter-
schied und Zusammenhang erläutern, und aus denen jene Principien alsdann von
selbst hervorgehen“ (in: Diez 1997, 912 f.).
96 Ich sage etwas ungenau „Agent“, obwohl das „Gemüt“ sich bei Kant ja auch pas-
siv verhält, so bei der Aufnahme der von den Dingen an sich zugestellten sinnli-
chen Informationen. Reinhold sieht aber auch in der sinnlichen Rezeptivität ein
Minimum an Selbsttätigkeit am Werk, die in der sogenannten „Apprehension“
minimal, beim „reine[n] Verstand oder in der „Apperception“ entschieden, wenn
auch nur ,theoretisch’ wirksam, in der „eine[n] Vernunft“ vollständig und auch
praktisch ausgeprägt ist: „Vernunfteinheit ist die einzig denkbare absolute Wir-
kung des vorstellenden Subjektes“. Hierin besteht seine Lehre von den „drei
Graden der Spontaneität“ (Reinhold 1789, 535 [ff.], 537; Reinhold an Baggesen
am 15. Jan. 1795, in: Baggesen 1831, II, 5 f.).
74 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

eben – paradox gesagt – nie ultimativ. Und so verwandelt sich das


Programm einer Deduktion aus oberstem Grundsatz in eine unend-
liche Approximation an ein nie ultimativ zur Gewissheit zu bringen-
des Principium, eben eine Idee. Reinholds ehemaliger Schüler No-
valis resümiert diese Wende (deren Resultat für ihn selbst verbind-
lich bleiben sollte) in der Wendung, „das absolute Ich“ müsse sich
in ein „Approximationsprincip“ verwandeln (Novalis 1968, 296,
Nr. 314, Z. 15 f.).97
Versuchen wir nun ein Resümee der ziemlich dichten Argumen-
tationsskizze, die Reinholds Brief an Erhard vom 18. Juni 1792 gibt
und die ich in der letzten Fußnote vollständig zitiert habe. Diez
scheint Reinhold vorgeworfen zu haben, sein Grundsatz trage sich
gar nicht selbst, sondern nehme Prämissen in Anspruch, die er erst
viel später begründen könne. Das ergibt einen Zirkel in der Erklä-
rung. Denn das, was erst später eine Begründung erfährt, wird ja
von Reinhold für das ausgegeben, was aus dem obersten Grundsatz

97 Novalis führt hier gleichsam die Riege der Grundsatzkritiker unter Reinholds
ehemaligen Schülern an. Ihre Gedankenschicksale erzählen Frank (1998) und
Henrich (2004). Schelling steuert zuerst mit Ungestüm auf eine beinharte Philo-
sophie-aus-oberstem Grundsatz zu, verbittet sich aber in einer „Antikritik“ auf
Benjamin Erhards rüde und obendrein spöttisch vorgetragene Kritik an seiner
Ichschrift jede Zuschreibung von Sympathie mit den „unglücklichen Untersu-
chungen über e i n e n e r s t e n G r u n d s a t z d e r P h i l o s o p h i e“ (SW
I/1, 242). Den Abhandlungen (von 1796/97) ist dann ein „Anhang […] Ueber
Postulate in der Philosophie“ angehängt, der – wie Diez, Schmid und Reinhold
nach seiner Systemwende – das Ich als kantische Finalidee oder praktisches Pos-
tulat, nicht als ursprünglichen ,Besitz‘ oder Wissensbestand rekonstruiert (SW I/
1, 444 – 452). Dass das nicht schon in den ersten Publikationen seine Überzeu-
gung war (und auch nicht lange bleiben wird), zeigt seine Kritik (in der Ich-
schrift) an der Irrealität von Reinholds Satz des Bewusstseins: Wer das Subjekt
aus den bloß immanenten Bedingungen der Vorstellungen konstruiere, verleihe
ihm dadurch „gar keine als bloß denkbare Realität“. Objekt und Subjekt der
Vorstellung einander äußerlich bleiben zu lassen, heiße, sie „bloß l o g i s c h“ zu
bestimmen. Wie aber könne man ein „h ö c h s t e s Princip“ der Philosophie
seiner Realität berauben? Schelling bezieht sich mit dieser Kritik auf Maimon
(SW I/1, 208 mit Anm.).
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 75

fließt bzw. aus ihm ,deduziert‘ werden kann. Ein Beispiel für dieses
zirkelhafte Verfahren führt Reinhold selbstkritisch selbst an: Es ist
die These (die angeblich aus dem bloßen Begriff der Vorstellung ab-
geleitet wird), dass der Stoff gegeben, das Vorstellungsvermögen
aber Produzent der Form ist, unter der sich der Stoff darbietet. Um
Produzent zu sein, muss aber dem Vorstellungsvermögen Selbsttä-
tigkeit (,Spontaneität‘) zugeschrieben werden – und sogar, wie
Reinhold schreibt, Selbstbewusstsein. Denn im Satz des Bewusst-
seins begegnet die Tätigkeit der Vorstellung in allen Zügen, die sie
ausführt, sich selbst, und zwar – da alles vom Satz des Bewusstseins
Umschriebene im Raum des Bewusstseins sich abspielt – bewusst
sich selbst: Sie (die Selbsttätigkeit des Subjekts) ist es, die die Vor-
stellung aufs Subjekt – also auf sich selbst – teils bezieht, teils von
sich unterscheidet (wenn sie etwa äußere Ursachen hat). Und aufs
Objekt – könnte man sagen – bezieht sie sich, indem sie 1. das Ob-
jekt durch eine vorgängige Selbstunterscheidung von sich ausgrenzt
und für diese Ausgrenzung 2. Selbstbewusstsein braucht (denn sonst
wüsste sie nicht, was sie ausgrenzen muss). Die frühe Elementar-
philosophie hatte aber umgekehrt Selbsttätigkeit und Selbstbe-
wusstsein als (analytische) Konsequenzen aus dem Gedanken der
Formurheberschaft abgeleitet – ein manifester Zirkel.
Etwas ganz Ähnliches hat Diez offenbar gegen Reinholds These
eingewendet, hinsichtlich ihrer Form sei die Vorstellung einig, hin-
sichtlich ihres Stoffes mannigfaltig. Diese Behauptung ließe sich
ohne logischen Widerspruch umkehren; sie hat also per se nichts
Zwingendes. Reinholds Satz wäre nur dann zu begründen, wenn
man von einem anderen Grundsatz ausgeht, der die Spontaneität ei-
nes seiner selbst bewussten Ichs von Anfang an ins Spiel bringt (wie
das übrigens Kant im § 16 der B-Deduktion getan hatte). Denn
Selbstbewusstsein ist ein Einheitsprinzip. Das Ich dürfte nicht
selbstbewusst heißen, wenn es mit seiner Einheit nicht auch be-
kannt wäre. Und wer von einem solchen Prinzip ausgeht, hat keine
Schwierigkeit mit der Erklärung, warum Ich-Gedanken ihrer Form
76 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

nach einig sein müssen und dem vom Stoff beigetragenen Mannig-
faltigen eine Einheit verleihen können. Von hier wird auch die Un-
terscheidbarkeit eines subjektiven Wissens a priori von einem ge-
genstandsgestützten Wissen a posteriori einsichtig, nicht aber aus
dem bloßen Begriff der Vorstellung und dem, was in ihm begrifflich
impliziert ist (vgl. Henrich 2004, 354). Rückblickend hat Diez (in
einem Brief an Niethammer vom 25. Juli 1794, schon im Blick auf
Fichtes ihm damals nur vom Hörensagen bekannte Begriffs-Schrift)
geschrieben: „Vom Ich auszugehen und dies als das Fundament an-
zunehmen, scheint mir der beste Weg zu sein“ (Diez 1997, 328).
Auf die Zirkularität von Reinholds Verfahren – dass er nämlich
die Prämissen seiner Ableitungen voraussetze – hatte auch Schmid
schon, den Reinhold in seinem Brief ja gleichberechtigt neben Diez
nennt, im 6. Abschnitt der Einleitung zu seiner Empirische[n] Psy-
chologie hingewiesen (Schmid 1791, 19 f.): Reinhold habe zunächst
versucht, bereits vorliegende empirische Befunde „unter abstrakte
Begriffe und in systematische Ordnung zu bringen“; von dort aber
sei er auf dem „synthetischen Weg“ wieder herabgestiegen, bemüht,
aus einem Begriffe von der menschlichen Seele […] durch Schlüsse a priori her-
auszubringen, was für Vermögen und Kräfte der menschlichen Seele zukämen
und nach welchen Gesetzen diese würkten. […] Es waren also keine neuen Ent-
deckungen hier zu erwarten, sondern nur eine veränderte Stellung, in welcher
die Wahrheiten dort analytisch, hier aber synthetisch erschienen.

Diesen Vorwurf hatte noch früher Heydenreich in einer vielbeach-


teten Kritik an Reinholds Deduktionsverfahren formuliert, und
Reinhold hat sie durch Abdruck im Anhang seiner Beyträge I ge-
würdigt:
Die Vorstellung und das Vorstellungsvermögen sind nicht das prius, sondern das
posterius, und können auf keine Weise Prämissen für die Wissenschaft abgeben
(Heydenreich in: Reinhold 1790, 427 f.).
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 77

In den Beyträgen I revidiert Reinhold denn auch stillschweigend


seine Auffassung, aus einem Allgemeinbegriff, der allererst durch
Abstraktion aus den „unter ihm enthaltenen“ Vermögen gebildet
worden sei, lassen sich nun umgekehrt diese Vermögen eins ums
andere ,ableiten‘ (l. c., 115 ff.).
Ein Sinn von Reinholds Deduktions-Programm war ja gewesen,
dass erst im Ausgang von einfachen (d. h. nicht weiter zu analysie-
renden) Elementen Schritt für Schritt komplexere Sachverhalte defi-
niert und abgeleitet werden sollten. Von daher erklärt sich über-
haupt der Name ,Elementarphilosophie‘, den Reinhold seinem Pro-
gramm gab. Nun zeigt sich, dass gerade umgekehrt das Komplexe
den Grund der Einsichtigkeit des vergleichsweise Einfacheren ent-
hält – und damit ist die Methode der Elementarphilosophie auf den
Kopf gestellt. Begründung geschieht nicht vom Anfang, sondern
vom Ende der Voraussetzungsreihe aus: ein Verfahren, das der
Adressat von Reinholds Brief, nämlich Johann Benjamin Erhard, als
,analytisch‘ charakterisiert hatte (Frank 1998, 18. Vorl.; Henrich
2004, 1254 ff. und 1291 ff.). Nach damaligem Wortgebrauch meint
das, mit Blick auf ein methodisches Verfahren: vom (vorliegenden)
Begründeten zum (anfangs nur vorausgesetzten) Grund aufsteigend
(Marcelo Stamm in Diez 1997, 905 ff.).
Reinhold schaut dieser Konsequenz wacker ins Auge, wenn er in
seinem Brief zugibt: Die Elementarphilosophie verfüge anfänglich
nur über Tatsachen („Fakta“) des Bewusstseins, und dazu scheine
auch der Satz des Bewusstseins zu gehören. Zwar habe der Satz des
Bewusstseins in der Ordnung der Forschung weiterhin für den ,ers-
ten‘ Satz (also für das ,Fundament‘ der Theorie) zu gelten, schon
weil er der vergleichsweise ,allgemeinste‘ von allen ist. Aber er ist
noch nicht derjenige, der das ganze System ,rechtfertigt‘. Ein sol-
cher könne nicht mehr als Deduktionsgrund, sondern müsse eher
als ein Schlussgedanke, eine Final- oder Vernunftidee von der Art
eines kantischen regulativen Prinzips betrachtet werden. (Schmid
spricht von einem ,normalen‘ Gedanken oder einer ,Normalidee‘; er
78 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

meint damit Gedanken, in denen eine Norm wirkt und die mithin
die Theorie an die praktische Philosophie verweisen, nach dem
Vorbild einer Ableitung aus einer bloß hypothetisch erschlossenen
,regulativen Idee‘ [Schmid 1792, 58 f.].)98
Reinhold greift diese Kritik in seinem Wende-Aufsatz von 1792
durch Dissoziation seiner Methodologie auf: ,Aussprüche des ge-
meinen Verstandes‘ müssen von ,Begründungen/Rechtfertigungen
aus der philosophierenden Vernunft‘ unterschieden werden. So hat
das Selbstbewusstsein den Satz des Bewusstseins zu seinem Funda-
ment, lässt sich aber erst in einer Theorie der – auch die Praxis ein-
beziehenden – Vernunft ,beweisen‘, und das heißt: ,begründen‘.
Reinholds Brief an Erhard beruft sich zusätzlich noch aufs me-
thodische Prinzip des Zusammenhangs aller Sätze der Vorstellungs-
theorie: ihre Kohärenz. Dabei taucht der Ausdruck ,lemmatisch‘
auf. Lemmata sind ad hoc angenommene, noch nicht beweiskräftige
Hilfsannahmen oder Zwischenschritte in einem Beweis. Reinhold
will Erhard dies mitteilen: ,Lemmatisch‘ in Anspruch genommene
Begründungen des Satzes des Bewusstseins – oder vielmehr: aller
Sätze des sens commun – lassen sich erst dann auch als „,Aussprü-
che der philosophierenden Vernunft‘ [einsehen]“, wenn sie 1. voll-
ständig aufgestellt und entwickelt und wenn sie 2. in ihrem „Unter-
schied und Zusammenhang“ durchsichtig geworden sind, d. h. ,aus
ihren wechselseitigen Explikationsverhältnissen her einsichtig ge-
macht sind‘ (Marcelo Stamm in Diez 1997, 908).
Reinhold gibt uns in seinem Brief an Erhard selbst die Versiche-
rung, dass Diezens Einwände ihm Anlass zur Revision der Methode
der Elementarphilosophie geliefert hätten und dass man den Nie-
derschlag dieser Revisionsarbeit im „Zweyten Theil der besagten
Abhandlung fürs nächste Stück der Beyträge“ gewärtigen dürfe.99

98 Ausführlich werden Schmids Einwände gewürdigt in der 13. Vorlesung von


Frank (1998, 349 ff.).
99 In einer ähnlichen Wendung würdigt er Schmids Rezension im Schreiben an
Baggesen vom 2. April 1792 (Baggesen I, 176). Im Übrigen handelt ja auch Rein-
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 79

Auf diesen Text mit dem Titel „Ueber den Unterschied zwischen
dem gesunden Verstande und der philosophierenden Vernunft in
Rücksicht auf die Fundamente des durch beyde möglichen Wis-
sens“ (Reinhold 1794, 1/3 – 72) spielt ja auch Reinholds Rede im
Brief an Erhard von den Ansprüchen des gemeinen Verstandes ge-
genüber der philosophierenden Vernunft verschiedentlich an.100
Zu fragen bleibt nun: Welche Einflüsse mögen Diezens Überle-
gungen auf Schellings philosophischen Erstling gehabt haben? Das
ist Gegenstand des Schluss-Abschnitts (9.) von Henrichs letztem
Kapitel (XVI). Da ist zunächst die titelgebende „Grundlegung [des
Wissens] aus dem Ich“ – und es ist kein Wunder, dass Diez Fichtes
erste öffentliche Schritte in diese Richtung ausdrücklich guthieß; al-
lerdings schloss er nicht Fichtes Fundamentalismus und Begrün-
dungspraxis in sein Lob sein. Er hielt zwar die Logik für aus dem
Ich erklärlich, bleibt aber darin Kant treu, dass er am passiven Ge-
gebensein der Dinge von außerhalb unseres Geistes festhält: Das
Subjekt bringe die vorgestellten Dinge nicht hervor (an Nietham-
mer aus Würzburg, 25. Juli 1794, 328 f.). Auch arbeitet seine (uns
nicht überlieferte) Skizze zu einer Theorie der ersten Gründe nicht
an einem Grundsatz, sondern lässt – kantisch, wie Carl Christian
Erhard Schmid – mehrere davon zu.
Nun wird man sagen: Als Diez diese Gedanken durch den Kopf
gingen, war ihm keine erkenntnistheoretische Schrift Fichtes be-
kannt. Um so mehr rückt eben sein Schüler Schelling in den Sko-
pus. Denn bevor Fichte sein eigenes Programm einer Grundlegung
aus dem Ich öffentlich machte, hatte Schelling schon auf möglicher-
weise Diez’scher Basis den Entwurf einer gegen Reinhold gerichte-

holds Brief an Erhard von 18. Juni 1792 von Schmids für eine künftige Überar-
beitung der Elementarphilosophie zu beachtenden Einwänden.
100 Ich habe diesen Text (in: Frank 1998, 18. Vorlesung) ausführlich analysiert –
auch den Prinzipienwechsel von der Vorstellung zum absoluten Subjekt. We-
sentlich ausführlicher: Henrich 2004, Kap. VI: „Diez’ Studium und Kritik von
Reinhold“, bes. 294 ff.
80 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

ten Fundamentalphilosophie mit dem absoluten Ich als oberstem


Grundsatz unternommen und sogar veröffentlicht. Diese Vorge-
schichte im Blick, war von Schellings Form-Schrift zu zeigen,
daß Schelling [bei ihrer Abfassung] viel von dem vor Augen stand, was aus den
dichtliegenden Quellen zu Diez’ Theoretisieren und Agitieren erschlossen wor-
den ist. Das lässt es zu, vor allem zu zeigen, daß die Interessen und die Positio-
nen von Diez und von Schelling in einem nahen sachlichen Zusammenhang zu
sehen sind. Doch war die sachliche Nähe in diesem Fall auch durch eine persön-
liche Nähe vermittelt (Henrich 2004, 23 f., 1572).

Zunächst ein Wort zu dieser persönlichen Nähe: Diez wurde 1766


in Stuttgart geboren als eines von 14 (meist bald nach der Geburt
gestorbenen) Kindern eines in Tübingen und Bebenhausen tätigen
Amtsarztes, besuchte in Tübingen die Schule, später die Latein-
schule, ging anschließend nach Bebenhausen, lebte dort u. a. an-
derthalb Jahre im Hause des dortigen Lehrers und Vaters Schellings
(1780/81). 1783 wechselte Diez – trotz lebhafter naturwissenschaft-
licher Interessen – ans Tübinger Stift, hörte Vorlesungen bei Flatt,
verteidigte seine Dissertation (Ad Esaiae C. XXVII.) – wie nach-
mals Schelling – bei Schnurrer, schrieb Magisterspecimina Über das
Wesen der Seele (wohl bei Flatt) und Über einige Grundsätze der
Statik und Mechanik nach Erxleben (wohl bei Pfleiderer). Nach Be-
endigung seines Studiums (1788) war Diez zunächst Vikar, weil er
sich auf ein geistliches Amt vorbereitete, geriet aber in eine Glau-
benskrise und wurde im Oktober 1790 zum Repetent im Tübinger
Stift ernannt. Er hat das Amt wider Willen übernommen, heftig be-
klagt, ja verwünscht, anfangs vielleicht darum, weil er sich auf eine
Karriere als Medizinprofessor eingestellt hatte, mit der Zeit mehr
und mehr, weil er sich innerlich vom Christentum und vom Pfarr-
amt losgesagt hatte (Henrich 2004, 895 f[f.]; vgl. Brief an Nietham-
mer vom 12. Okt. 1790: „Ich bin [am 8. Okt.] zum Repetenten er-
nannt. Hätte der Teufel wohl eine schwärzere Plage mir aufbinden
können?“ [Diez 1997, 39 [f.]]). Als Repetent, zumal durch seine ,en-
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 81

ragiert‘101 antidogmatische Agitation daselbst und seine revolutions-


freundliche Einstellung, wurde Diez ein ganz besonders einflussrei-
cher Lehrer Schellings (während dessen zwei ersten Studienjahren,
die ganz dem Philosophiestudium gewidmet waren). Diez trat in
Debattierklubs auf, in denen die neuesten Schriften des Kantianis-
mus behandelt wurden und über die Hegels Freund Leutwein be-
richtet (Henrich 1965, 56 f.) – allerdings erzählt er nicht, dass neben
Schelling auch Hegel (oder Hölderlin) daran teilgenommen hätten.
Überhaupt muss Henrich einschränkend zugeben, „dass er einen
philosophischen Austausch zwischen Diez und Schelling nicht be-
legen, dass er nur „eine Nähe in der Sache“ nachweisen kann (Hen-
rich 2004, 1695). Diez propagierte die sonst nirgends in Lehrveran-
staltungen unter positiven Vorzeichen präsente (seit 1790 allenfalls
bekämpfte) kantische Philosophie, legte sich mit der Tübinger Dog-
matik an und eröffnete den Philosophiestudenten erste Einblicke in
Reinholds Kant-Umbildung. Er ließ sie auch unmittelbar teilneh-
men an den verschiedenen Schritten seiner Reinhold-Kritik. Und
das macht es wahrscheinlich, dass er auch berichtete, wie er sich
eine Alternative zu dessen Idee einer Begründung aus oberstem
Grundsatz vorstellte. Die Quintessenz von Henrichs Aufmerksam-
keit steckt in diesem Satz: „Das Interesse an der frühen Ausbildung
von Schellings Position geht also auf die markanteste Gestalt des
Philosophierens, das aus den Tübinger Stiftsstuben hervorging“
(Henrich 2004, 1576).
Eine wichtige Eigentümlichkeit von Schellings philosophischen
Anfängen, die sich aus dem Umgang mit Diez erkläre, formuliert
Henrich so: Schelling habe sich nicht aus Reinholds Elementarphi-
losophie gelöst, sondern sie mit Mitteln Diezens nur ,völlig umor-
ganisiert‘ (l. c., 1589 f.). Dabei sei dies der entscheidende Zug dieser
Transformation: Nachdem die Unbedingtheit dem Subjekt, die Be-

101 Einen „kantischen enragé“ nennt ihn Christian Philipp Leutwein in einem
Brief, der über die gemeinsam mit Hegel im Stift verbrachte Zeit berichtet.
Dazu Henrich (1965, 57).
82 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

dingtheit dem Objekt und die Vorstellung dem aus beiden ,Ge-
mischten‘ zugeordnet seien, gelingen alle weiteren Ableitungen
leicht nach dem Schema, „daß das Subjekt im Dritten (der Vorstel-
lung) sich zum Objekt wie das Bestimmende zum Bestimmten (wie
Einheit zur Vielheit, Realität zur Negation, Möglichkeit zur Wirk-
lichkeit) verhalte“ (SW I/1, 111). Henrich betont nun, man könne in
diesem fast beiläufig formulierten Resümee Schellings leicht überse-
hen, dass, was aus jenem „einzigen Satze“ deduziert werde, nicht
weniger umfasse als „alle übrigen Sätze der Elementarphilosophie[,
und zwar] bündig und in leichterem Zusammenhange, als in der
Theorie des Vorstellungsvermögens […] begründet ist“ (l. c.). Hen-
rich kommentiert: Mit dieser Formulierung resümiere Schelling ei-
gentlich nur und genau das Programm der Reinhold’schen Elemen-
tarphilosophie, „die wir als Gegenstand von Diez’ Reinhold-Kritik
bereits erörtert hatten“ (Henrich 2004, 1681, unter Verweis auf l. c.,
275 ff.).
Es bleiben Zweifel an der Triftigkeit von Henrichs Rekonstruk-
tion. Wohl mag es so sein, dass Schelling die Umbildung der Rein-
hold’schen Vorstellungstheorie vom Subjekt her zunächst mit Mit-
teln angegangen ist, die er von Diez gelernt hat. Das Ich, von dem
in der Formschrift die Rede ist, ist, wie wir wiederholt sahen, aber
eben nicht das des „Selbstbewusstseins“ oder der ihrer bewussten
„Selbsttätigkeit“, von der Reinhold in seinem Brief an Erhard
schreibt. Vielmehr entzieht Schelling, wie übrigens auch Fichte, das
Subjekt als Un-bedingtes der Bedingung eben dieses Bewusstseins.
Ja, in der Ichschrift verwahrt er sich gegen die Verwechslung des
Subjekts, das nur als Relationsterm in Abhebung gegen den des Ob-
jekts Bedeutung habe, mit dem „absoluten Ich“ (SW I/1, 165 f., § 2,
180, passim) – und provoziert damit die Verständnislosigkeit des
,Mannes aus dem Volke‘, der sich wohl seiner selbst, aber nicht ei-
nes absoluten Ichs bewusst sei (Weißhuhn 1794, 157). Noch grim-
miger fiel, wie wir sahen, der Spott Johann Benjamin Erhards aus
(1796, bes. 90 f.; vgl. hier S. 3; vgl. die S. 74, 87 u. 94).
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 83

Sodann: Henrich hat Schelling beim Übergang von dem Satz, un-
bedingt gesetzt sei, was durch nichts Höheres gesetzt sei, zu dem
Satz, ein solches sei also allein durch sich selbst gesetzt, ein non se-
quitur vorgeworfen (Henrich 2004, 1635 f., 1644 unter Bezug vor
allem auf SW I/1, 93, 94 Anm., 96). Er stellt es so dar, als sage Schel-
ling, was nicht weiter begründet ist, sei also selbstbegründet. Das
wäre natürlich Unsinn.
Aber es lässt sich eine günstigere Lesart für Schellings gedankli-
chen Rösselsprung aufbieten. Um sie zu rechtfertigen, muss ich et-
was ausholen. Zunächst ist, was Diez vorschlägt, ja der Umbau von
Reinholds Prinzip. Statt in einer Gewissheit (einer ,Tatsache des
Bewusstseins‘) wird es in eine kantische Idee verlegt. Also in eine
,bloße‘ Idee, die wir vernünftigerweise postulieren dürfen, die wir
aber nicht erkennen. Eine Idee erfüllt damit eines der von Jacobi
und Reinhold angegebenen Kriterien für ein unmittelbares Wissen
nicht, wie es auch der frühe Schelling angenommen hatte (SW I/1,
162 f.).
Aber auch in der spekulativ dünneren Luft von Ideen kann man
sich in einen Regress verstricken. Schelling mag eine Passage aus
Kants Ideen-Lehre über einen infiniten Aufstieg (Kant spricht um-
gekehrt von einem ,Regressus‘) über Bedingungen von Bedingun-
gen zum definitiv Unbedingten vorgeschwebt haben, als er (in der
Formschrift) dies notierte:
Sollten wir von Grundsatz zu Grundsatz, von Bedingung zu Bedingung bis zu
dem obersten absolut kategorischen zurückgehen? Allein wir müßten nothwendig
von d i s j u n c t i v e n Sätzen anfangen, d.h. jeder Grundsatz würde, insofern er
weder durch sich selbst (denn sonst wär’ er der oberste) noch durch einen höhern
(den wir erst suchen wollen) bestimmt ist, nicht einmal tüchtig dazu seyn, der
erste Punkt einer regressiven Untersuchung zu werden. Doch das erste Merkmal,
das im Begriff eines schlechthin unbedingten Satzes liegt, weist uns selbst einen
ganz andern Weg an, ihn zu suchen. Ein solcher nämlich kann nur durch sich
s e l b s t bestimmt seyn [ein Beleg für Henrichs non sequitur], nur durch s e i n e
e i g e n e n M e r k m a l e gegeben seyn. Nun hat er aber kein Merkmal, als das
84 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

Merkmal der absoluten Unbedingtheit; alle anderen Merkmale, die man von ihm
außer diesem angeben möchte, würden diesem entweder widersprechen, oder
schon in ihm enthalten seyn (SW I/1, 96).

Den drohenden Regress, der – nach dem Vorbild Kants – von Be-
dingung zu Bedingendem aufsteigt und kein Kriterium zum Anhal-
ten findet, wird durch eine begriffliche Stipulation machtwortartig
beendet: Ein schlechthin Unbedingtes ist so beschaffen, dass es
eben durch nichts außer, neben oder über ihm bedingt ist. Von die-
ser begrifflichen Zurichtung geht’s im Sauseschritt zu seiner Exis-
tenz/Realität (nach Art des ontologischen Gottesbeweises) und,
nachdem die Argumentation einmal Fahrt aufgenommen hat, vom
Aus-sich-selbst-Sein des Unbedingten zu seiner „absolute[n] Cau-
salität“, also zu einer Art transzendentaler Freiheit nach Art der
These von Kants dritter Antinomie. Schließlich könne nichts
,schlechthin gesetzt‘ sein „als das, wodurch alles andere gesetzt
wird“ (l. c.).
Das ist eine für den jugendlichen Schelling typische Passage. Sie
verbindet Ungeduld im Vorhasten auf kühne Konsequenzen mit er-
heblichem Scharfsinn und überraschender Belesenheit, davon abgese-
hen, dass sie ein durchs Schaltwerk der Gedanken rasendes Assozia-
tionstalent verrät. Man kann an der schwindelerregenden Abfolge
dieser ,Konsequenzen‘ studieren, wie der Mechanismus philosophi-
scher Intuitionen funktioniert.
Die Kant-Stelle, an die auch Matthews sofort gedacht hat (2011,
18 f. mit 229, Anm. 34), hatten wir schon im Zusammenhang der
Unterscheidung des Welt- und Naturbegriffs diskutiert. Sie findet
sich im Vorspann zu den sogenannten kosmologischen Antinomi-
en. Kant unterscheidet dort, wie bei den Kategorien und Grundsät-
zen, mathematische von dynamischen Ideen, wobei Ideen ins Un-
bedingte erweiterte/verabsolutierte Kategorien sind. Unbedingtheit
wiederum meint: vollständige Versammlung aller Bedingungen, aus
denen ein bestimmtes Bedingtes sich ergibt, „weil außer ihr [der
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 85

vollständigen Reihe der Bedingungen] keine Bedingungen mehr


sind“ (KrV A 417, Anm.). Dies zugegeben, seien zwei Fälle mög-
lich: Entweder bestehe das Unbedingte in einer Reihe von Gliedern,
so dass „nur das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre, und
dann heißt der Regressus unendlich“ (A 417). Oder „das absolut
Unbedingte ist nur ein Teil der Reihe, dem die übrigen Glieder der-
selben untergeordnet sind, der selbst aber unter keiner anderen Be-
dingung steht“ (A 418).102
Das scheint zu meinen: Das Unbedingte geht entweder als Glied
mit ein in die Reihe der Bedingungen,103 ist den übrigen Gliedern
der Reihe also homogen; dann sieht man nicht, wie es als solches
unbedingt heißen könnte. Oder es bleibt draußen, ist nicht von glei-
cher Art wie die übrigen Glieder, sondern verhält sich zu der Reihe
wie ihr externer Grund.104 Im ersten Fall hätten wir mit einer ma-
thematischen (offene raum-zeitliche Größe), im zweiten mit einer
dynamischen Idee (Interaktion aller Teile eines Ganzen) zu tun, so,
dass ,das Ganze‘ mehr ist als die Summe der Teile, denn es kom-
mandiert ihre Wechselwirkung wie ein Gesetz ,von außen‘. Ein ma-
thematisch Unbedingtes ist zwar eine widersprüchliche Idee, aber
sie überschreitet, sagt Kant, den Skopus der erscheinenden Welt
nicht, während die dynamische Naturidee das tut: Indem das Unbe-
dingte hier der Reihe zugrunde liegt (ihr äußerlich bleibt), gehört es

102 Diesen Satz finde ich schwer verständlich, weil er zugleich sagt, das dynamisch
Unbedingte sei Teil der Reihe und kein Teil der Reihe (weil externer Grund der
Reihe). So vor allem, wenn man die in meiner folgenden Anm. 104 zitierte Refl.
6411 zur Deutung heranzieht.
103 Kant blendet in diese Diskussion noch die alte aristotelische Unterscheidung ei-
ner potentiellen von einer aktuellen Unendlichkeit ein. In der ersten zerfließt
das Unendliche, indem ich ans letzte Glied immer noch ein ,+ 1‘ anfügen kann.
Das ,aktual‘ Unendliche verhält sich der zerfließenden Zeit gegenüber wie die
Ewigkeit. Sie ist die zur Nuss geballte Versammlung der Glieder der Reihe und
darum, weil sich ihr nichts hinzufügen lässt, reicher als diese. Schellings (und
Hegels) Identitätsphilosophien arbeiten gern mit dieser Unterscheidung (Kunz
2013, Kreis 2015).
104 Dazu, wenn auch ohne Bezug auf KrV A 417 f., erhellend Allison (1983, 312 f.).
86 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

nicht zur Welt der Erscheinungen. (Darum lehnt Kant diese Idee ja
zunächst auch als ,transzendent‘ ab, rehabilitiert sie aber im Lichte
seiner Postulatenlehre und – für Schelling wichtiger – im Namen
eines ,Endzwecks‘ des Naturprozesses.)105
Wir geraten also an eine ,intelligible‘ Größe (Freiheit, ,absolute
[meint wohl: nicht mechanische] Kausalität‘. Deren Erkenntnis-
grund, hatte Kant in der zweiten Kritik gelehrt, ist das Sittengesetz,
das einzige „Faktum“, das sich in unserer Vernunft findet und das
im Titel von Schellings zweiter Probearbeit von 1792 genannt ist.
Dieses Faktum verlangt zu seiner Erklärung eine Idee (die wäre der
Realgrund des Faktums). Da Freiheit nur durch das Sittengesetz
verbürgt wird (andernfalls bloße Willkür wäre) und das Sittengesetz
ein Zweck in sich selbst ist, darf dieser Idee also auch Selbstzweck-
haftigkeit zuerkannt werden.106

105 Ich habe in diese erläuternde Paraphrase von KrV 417 f. eine Reflexion Kants
aus den frühen 1790er Jahren eingeblendet, die Georg Mohr in seinem Kom-
mentar zu den Antinomien heranzieht. Sie erläutert zwar vordergründig den
Unterschied zwischen den konträren mathematischen und den subkonträren
dynamischen Antinomien, aber wirft auch Licht auf die von Schelling umwor-
bene dunkle Passage: „In den Mathematischen Antinomien sind beyde Sätze
falsch, weil das unbedingte ein Theil der Erscheinungen seyn soll und [es] doch
als ein solches nie unbedingt seyn kann. In der dynamischen können alle beyde
wahr seyn, weil das unbedingte den Erscheinungen zum Grund gelegt wird,
aber nicht ein Theil derselben ist und der eine Satz von den Dingen in der Er-
scheinung, der Andere von ihnen in Beziehung auf den intelligiblen Grund gilt.
Die zwey erste Antinomien gründen sich auf die unbedingte Totalität der Be-
dingungen, die zwei andere auf den Unbedingten Grund der Existenz des Be-
dingten. Dabei sind die 2 erste falsch; die andern können wahr seyn“ (AA
XVIII, Refl. 6411, S. 711; vgl. Mohr 2004 298 f.).
106 Ich muss an dieser Stelle einen Seufzer loswerden, den ich im Text selbst unter-
drücke. Die Höher- und Immer-höher-Verlegung von Erklärungsgründen und
Grundsätzen bis über die Schwelle sogenannter (bloßer) ,Tatsachen‘ des Be-
wusstseins hinaus hat etwas Schwindelerregendes, ja Anrüchiges, das Sympathie
mit dem Spott des Aenesidemus erregt. Der hatte bei der Prüfung der §§ VI –
VIII von Reinholds Neuer Darstellung eingewendet, Reinhold schließe von der
Existenz der Vorstellungen regelmäßig zurück auf die Existenz eines (die kon-
stituierte Bewusstseins-Tatsache lediglich verdoppelndes) Vorstellungs-Vermö-
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 87

Genau das tut der moraltheologische Schlussteil der Kritik der


Urteilskraft. Mit der Einführung des Begriffs ,Endzweck‘ füllt Kant
eine argumentative Lücke, die die Annahme einer (sogenannten ,äu-
ßeren‘) Zweckmäßigkeit der Naturevolution bis dahin gelassen hat-
te. Sollte der Mensch, wie Kant sich ausdrückt, ,der letzte Zweck‘
des Naturlaufs sein, auf den mithin alle vorangehenden Produktio-
nen als auf ihr ,Um-willen‘ hinblicken, so entstünde ein unendlicher
Regress. Denn wenn jedes Naturprodukt seine Rechtfertigung dar-

gens (als seines Konstitutionsgrundes) (Aenesidemus 1792, 97 ff.). Vielleicht hat


dieser Spott auf Herbart und schließlich über Schopenhauer auf Nietzsche ge-
wirkt. Im Ersten Hauptstück von Jenseits von Gut und Böse spottet er über die
manifeste Zirkularität der Kantischen Antwort auf die Frage, wie synthetische
Urteile a priori möglich seien, nämlich: „V e r m ö g e e i n e s V e r m ö -
g e n s“ (Nietzsche 1988, Bd. 5, 24 – 26, Nr. 11). Das sei, wie wenn man, nach
Art des Molière’schen Arztes, die Frage, wie das Opium schlafen mache, beant-
worten wolle durch die Erklärung: „,Vermöge eines Vermögens‘, nämlich der
virtus dormitiva […].“ Urheber dieses Typs von Kritik ist übrigens Crusius, der
direkt und indirekt auf Aenesidems Überzeugungssystem eingewirkt hat. Im
Nachlass hat Nietzsche den Spott auf Schelling selbst ausgedehnt: „Der Unfug
Kants mit ,Erscheinung‘. Und wo er keine Erklärung fand, ein V e r m ö g e n
anzusetzen! Dieser Vorgang war’s, worauf der große Schelling-Schwindel los-
ging“ (l. c., Bd, 11, 273).
Vorher hatte schon Johann Benjamin Erhard Fichtes System „als die höchste
Verirrung der ihre Schranken verkennenden Vernunft“ verworfen (Brief an
Niethammer vom 16. Juni 1796 [in: Niethammer 1995, 177]). Und als Reinhold
von einem angeblich den Tatsachen des Bewußtseins gründend Vorausgehenden
hört, wehrt er sich gegen die Zumutung, „die Thathandlung des absoluten Set-
zens [… sei] das Unbegreifliche, was allem Begreiflichen zum Grunde liege. Ich
für meinen Theil halte noch immer das B e w u ß t s e i n für das Fundament
der Philosophie, und die L e h r e v o m B e w u ß t s e i n [, die] als solche we-
der rein noch empirisch, weder theoretisch noch praktisch ist. In der O r d -
n u n g d e r E r k e n n t n i ß geht das Bewußtsein dem Ich und Nicht-Ich
vorher, und ist das durch sich selbst Klare, wodurch alles andere klar wird, eben
darum durch nichts anderes klar werden kann“ (Brief an Baggesen vom 1. Juni
1796 [Erhard 1833, 420]; vgl. schon den Brief vom 6. Dezember 1794 an densel-
ben, wo Baggesens Kritik an Fichtes „Hinausschreiten über das Bewußtsein“
zustimmend unterschrieben und als „s a l t o m o r t a l e“ verspottet wird
[Baggesen 1831 I, 395]).
88 I. TEIL: FRÜHE VORAUSSETZUNGEN (1794)

aus bezieht, dass es um willen eines höheren Naturprodukts be-


steht, so gilt dies auch für das letzte, als das der Mensch angesehen
wird. Aber wozu soll es Menschen geben? Die Frage schneidet
Kant durch das ab, was er den „Endzweck“ nennt. Als unter dem
Gebot des Sittengesetzes stehend, ist der Mensch das einzige Natur-
produkt, dessen Existenz aus sich selbst gerechtfertigt ist. Er ist der
einzige Selbstzweck der Natur. Aber durch seine Existenz ist die
Natur insgesamt – als Gesamtorganismus – gerechtfertigt.107 Ihre
Zweckmäßigkeit schlägt um von einem äußeren Verwiesensein vie-
ler Glieder auf ein jeweils Höheres (KU, § 63) zu einem vollkom-
men gerechtfertigten Selbstverweis/Selbstzweck. Kant spricht von
einer ,inneren Zweckmäßigkeit‘.
Durch sie also – das war das Ziel meiner umständlichen Erklä-
rung – sieht Schelling im zweiten Abschnitt von SW I/1, 96 den an-
gedeuteten Regressus gestoppt. Und zwar in einer Argumentation,
die nicht mehr als non sequitur gemaßregelt werden muss. Abgese-
hen davon, dass Schelling Kants vorsichtiges ,als ob‘ über Bord
wirft, folgt er doch – wie im Timaeus und in der Formschrift –
durchgängig dessen Kritik der teleologischen Urteilskraft. Nur
durch Kants Erklärung des Gesamtorganismus kommt Platons
fyom mogtom zum Leben. Und da es ,von sich selbst zugleich Ursa-
che und Wirkung‘ ist, diese Formel aber die dritte Relationskatego-
rie verwendet, die wiederum dem Grundsatz aller Grundsätze zu-
grunde liegt, scheint der Kreis geschlossen.
Von hier öffnet sich auch die Möglichkeit eines weiteren, von
Henrich so nicht vorgesehenen Anschlusses an Schmid und Diez.
Die sahen ja eine Umgestaltung/Höherverlegung des Rein-
hold’schen Prinzips vor. Statt in einer Tatsache des Bewusstseins
sollte es in einer Vernunftidee bestehen. Was in der Ordnung des
Bewusstseins das Erste schien, stellt sich in der Ordnung der Grün-

107 Das ist umständlich begründet in Véronique Zanettis und meinem Kommentar
zur KU: Kant 1996, 1322 ff. (Kapitel „Die Lehre vom letzten Zweck und vom
Endzweck der Natur“).
6. SCHELLING AUF DEN SPUREN VON DIEZ 89

de als das Spätere/Letzte heraus. Gerade so, wie, was in der Ord-
nung der Schelling’schen Grundsätze das Letzte schien (,Gemein-
schaft‘), sich als die eigentliche Urform der Philosophie herausstell-
te. Von sich selbst zugleich Ursache und Wirkung zu sein, ist aber
eine Struktur, die sich leicht aus der Selbstzweckhaftigkeit dieser,
wie Schmid sagt, ,Normalidee‘ verständlich machen lässt.
Noch einmal in anderen Worten: Wenn die Suche nach der Ur-
form der Philosophie erst im dritten (disjunktiven, Analysis und
Synthesis verbindenden) Grundsatz ins Ziel und zur Ruhe kommt
(SW I/1, 104 f.), warum darf dann nicht von einer Selbstbegegnung
des Setzenden und des Gesetzten die Rede sein? Das gilt umso
mehr, wenn man die Reorganisation der Elementarphilosophie der
„Idee aller Ideen“ zutraut und diese nicht nur platonisch, sondern
im Sinne der kantischen Zweckidee interpretiert.
Das jedenfalls scheint mir zu sein, was Schelling tastend, in oft
überhasteter Argumentation, gar zu vieles zusammenführen wol-
lend, eigentlich im Sinn hat. Er gewinnt aus diesem Assoziations-
taumel den Kerngedanken seiner späteren, seiner reifen Identitäts-
Auffassung. Denn auch die hält sich an Kants Organismus-Formel,
die zur Erzeugung der Wendung „das Affirmirende und Affirmirte
von sich selbst“ nur mäßig umformuliert bzw. variiert werden
musste.
Ihrer Herleitung und Analyse widme ich den II. Teil dieser Ab-
handlung.
I I . T E I L – Unterwegs zum „absoluten
Identitätssystem“

Lassen wir uns von dem Namen auf den Weg bringen, den Schel-
ling 1801 für sein reifes System der Philosophie ins Auge gefasst
hat: „absolutes Identitätssystem“ (SW I/4, 113). Da ist zunächst der
Ausdruck ,absolut‘, der der Klärung bedarf. Er bringt bei der blo-
ßen Worterklärung seinen Gegensatz ,relativ‘ ins Spiel.

7. ,Absolut‘-,relativ‘
,Denn absolut‘ wird von Schelling gern aus seiner lateinischen Wort-
bedeutung erklärt als „id, quod est omnibus relationibus absolutum“:
dasjenige, das frei, das losgelöst, das unabhängig ist von allen Relatio-
nen. Relationen sind Beziehungen zwischen Termini. Ausgezeichne-
te Beispiele Schellings sind die Kausalität und die Zeit. Die Kausalität
bezeichnet einen wesentlichen Bezug zwischen je zwei Ereignissen,
so, dass, wenn das Ereignis A eingetreten ist, notwendig das Ereignis
B eintreten muss, und zwar nach einer Regel, die wir gewöhnlich als
Naturgesetz (oder als kantischen Grundsatz: als apriorische Über-
gangsregel zwischen mindestens zwei Termini) formulieren. Kausali-
tät verläuft in der Zeit, sie hat die Zeit sozusagen als Dimension;
denn in der Zeit ist das wesentliche Verhältnis je zweier Termini be-
gründet: Ein Jetztpunkt hat notwendig einen künftigen Nachfolger
und einen soeben in die Vergangenheit abgesunkenen Vorgänger. Die
Zeit lässt sich als kontinuierliche Vorher-nachher-Abfolge charakte-
risieren. Da Kausalfolgen in der Zeit stattfinden müssen, scheint si-
chergestellt, dass Ursache und Wirkung notwendig auf zwei Zeit-
punkte verteilt sind (KrV B 233, A 199 ff.).
Beide Relationen sind offenbar Verfehlungen eines Absolutheits-
Ideals. Jedenfalls ist das Schellings Auffassung. Relativ ist, was nur
besteht, sofern ein anderes besteht. Relativ Seiende sind im Wort-
92 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

sinne unselbständig. Etwas ist vergangen nur, insofern es nicht mehr


gegenwärtig ist. Und etwas ist Wirkung nur, insofern es von einem
anderen verursacht wurde, also seinen Bestand nicht in sich selbst
hat, sondern einem anderen verdankt.
Diese Unselbständigkeit hält Schelling für das Grundcharakteris-
tikum der Welt, in der wir leben. Er nennt sie (platonisch) die ,er-
scheinende‘ – offenbar darum, weil er sie von der an sich existieren-
den unterscheiden will, der er eigentliches ,Seyn‘ oder eigentliche
,Realität‘ zuspricht: derjenigen, der er bisher die Auszeichnung der
Absolutheit zuerkannt hat. Die Welt, sofern sie erscheint, ist insge-
samt durch Verhältnisse von der Art der Zeitlichkeit und der Ursa-
che-Wirkung-Beziehungen geprägt. Schelling charakterisiert nun
diesen Unterschied negativ: als Verfehlung eines Zustands der Selb-
ständigkeit (oder des An-sich-Seins).
Bevor ich diese Behauptung durch ein paar charakteristische Zi-
tate belege, muss ich betonen, wie wichtig es für ein angemessenes
Verständnis von Schellings Rede vom Absoluten ist, dass er die (er-
scheinende) Wirklichkeit als einen Zustand beschreibt, den wir
nicht als solchen erfassen können, ohne eine notwendige Vorausset-
zung zu machen. Ähnlich wie Kant, der meinte, wer ,Erscheinung‘
sagt, meine impliciter, ein an sich Seiendes bringe sich zur Erschei-
nung, sonst wäre die Erscheinung leer, weil im Wortsinne nichts in
ihr erscheint (KrV B XXVI f.; vgl. A 251, 253; AA IV, § 49, 337);
oder ähnlich wie Jacobi, der meinte, die conditio humana als ,be-
dingt‘ zu verstehen heiße, sie an ein ,Unbedingtes‘ zu knüpfen (Ja-
cobi 1789, 423); ebenso begreift Schelling die erscheinende Welt als
einen defizitären Zustand, also als das Negativ eines Positivs, das
notwendig mitgedacht ist.
Ohne das zu bedenken, könnte man glauben: Schelling, ein vor-
moderner Autor, philosophiere noch im seligen Glauben an über-
sinnliche Hinterwelten, die das Elend unserer Endlichkeit überhö-
hen und durch eine Art transzendenter Rechtfertigung erträglich
machen. Damit haben wir aber Schellings Ansicht nicht genau er-
7. ,ABSOLUT‘-,RELATIV‘ 93

fasst. Sie besagt vielmehr: Eine phänomenologisch genaue Beschrei-


bung unserer endlichen Wirklichkeit als einer endlichen (und defi-
zienten) kann nicht gelingen, ohne dass wir Maß nehmen an der
Idee einer unendlichen. Die mag ,bloße Idee‘ sein, wie Kant es aus-
drückte – aber ihr Begriff ist intrinsisch eingearbeitet in den der
endlichen. Noch deutlicher wird das, wenn wir für ,endlich-unend-
lich‘ den Gegensatz ,bedingt-unbedingt‘ einsetzen, mit dem der frü-
he Schelling (in der Ich-Schrift von 1795) und auch die Frühroman-
tik ständig arbeiten. Das 1. Blüthenstaub-Fragment des Novalis
hatte gelautet: „Wir suchen überall das Unbedingte, und finden im-
mer nur Dinge“ (Novalis 1965, 413, Nr. 1; vgl. SW I/1, 166 f.). Das
meint: Wer unsere Endlichkeit/Zeitlichkeit überhaupt als ein Reich
von Bedingtheit beschreibt, der begreift sie eben dadurch als ver-
fehlte Unbedingtheit – und mithin bezieht er sich negativ auf den
Begriff des Unbedingten, den wir hier einfach mit dem des Absolu-
ten identifizieren wollen. Anders (und mit einem von Schelling ge-
liebten Ausflug ins Griechische): ,Bedingtheit‘ ist eine mit einer Be-
raubung (st´qgsir) gesetzte Unbedingtheit.
Der deutsche Idealismus, dem die Philosophiegeschichte das
Werk des frühen und mittleren Schelling üblicherweise zurechnet,
wäre keine intellektuelle Bewegung, die Kants transzendentalphilo-
sophisches Erbe antritt, wenn der Begriff des Absoluten nicht auch
ein erkenntnistheoretisches Standbein hätte. Das Unbedingte, von
dem wir gerade sprachen, muss nämlich im menschlichen Wissen
angetroffen (oder als eine Voraussetzung unseres Wissens gefor-
dert) werden. Man nennt diejenige erkenntnistheoretische Position,
die unser Wissen aus einer unbezweifelbaren, insofern absoluten
Gewissheit ableiten möchte, ,Grundsatzphilosophie‘ (oder ,Funda-
mentalismus‘). Das frühe und mittlere Werk Schellings kann als
grundsatzphilosophisch charakterisiert werden. Einige Vorbehalte
gegenüber dieser Bestimmung werde ich an geeignetem Ort kennt-
lich machen.
94 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Ich beginne gleich mit einer ersten Beobachtung. Der Ausdruck


,Grundsatz‘ ist vieldeutig; und noch unübersichtlicher sind die Pro-
gramme eines sogenannten ,Deduzierens‘ aller auf Geltung An-
spruch machenden Sätze aus einem solchen obersten Grundsatz. Da
Schelling früh (1795) Benjamin Erhards Vorwurf zurückgewiesen
hat, in der Ich-Schrift einen obersten Grundsatz haben aufstellen zu
wollen und diese Versuche insgesamt „unglücklich“ nennt (SW I/1,
242), werde ich mich ganz auf den Kontext konzentrieren, in dem
sich seine Gedanken zum Sinn der ,Identität von Natur und Geist‘
halten. Von Deduktionen und Grundsätzen ist dabei wenig oder nie
die Rede; und Schelling bemerkt, „daß abstrakte Grundsätze an der
Spitze dieser Wissenschaft der Tod aller Philosophie seyen“ (l. c.).
Gleichwohl ist nicht zu leugnen, dass er sich in der Darstellung und
im Würzburger System des mos geometricus bedient, den er von
Spinoza übernimmt, der wiederum die Elementa des Euklid nach-
ahmt. Es ist die Methode, die aus einigen wenigen Grundsätzen
(Axiomen) und Definitionen ein ganzes wissenschaftliches System
logisch ableitet. Auch Wolff und die von Schelling gelobte ,ältere
Logik‘ hatten sich dieses Verfahrens bedient, bis Kant der Orientie-
rung der Philosophie an der Methode der Mathematik den Garaus
machte (KrV A 712 ff.). Schelling ist ein Beispiel dafür, wie kurz die
Halbwertzeit der Kritik des „alles zermalmenden Kant“1 währte.
Wenn nicht ,Grundsatz‘, so sollten wir doch ein Quasi-Synonym
des Ausdrucks ,das Absolute‘ ernst nehmen, nämlich die durch Ja-
cobi eingeführte Rede vom ,Unbedingten‘, die – Novalis vielleicht
abgerechnet – kein Zeitgenosse so emphatisch wie Schelling aufge-
griffen hat. Jacobi meinte ja, die Erfahrung der eigenen Bedingtheit
setze die Annahme eines Unbedingten logisch voraus. In der VII.
Beilage schreibt er (Epoche machend):
Ich nehme den ganzen Menschen, ohne ihn zu teilen, und finde, daß sein Be-
wußtseyn aus zwey ursprünglichen Vorstellungen, der Vorstellung des B e -

1 Nach dem berühmten Wort des Moses Mendelssohn (1785, 1).


7. ,ABSOLUT‘-,RELATIV‘ 95

d i n g t e n und des U n b e d i n g t e n zusammen gesetzt ist. Beyde sind un-


zertrennlich miteinander verknüpft, doch so, daß die Vorstellung des Bedingten
die Vorstellung des Unbedingten voraussetzt, und in d i e s e r nur gegeben
werden kann (Jacobi 1789, 423).

Hier wird also geradezu behauptet, die Erfahrung des Bedingten


werde nur innerhalb der Vorstellung des Unbedingten überhaupt
gegeben – und zwar als ein Minder-Sein, ein Verfehlen oder ein
Missrepräsentieren des Unbedingten. Wählen wir das Gegensatz-
paar ,relativ‘-,absolut‘, so müssen wir diese Auffassung so umfor-
mulieren: Alle Rede von Relativität ist einem Rekurs aufs Absolute
verpflichtet, aber das Umgekehrte scheint nicht ebenso zu gelten.
(Eine spöttischere Version dieser Weisheit kennt Friedrich Schlegel:
„Wer etwas Unendliches will, der weiß nicht[,] was er will. Aber
umkehren läßt sich dieser Satz nicht“ [Schlegel 1967, 153, Nr. 47].)
Dass Schelling genau dieser Ansicht ist, will ich nun belegen an
einem charakteristischen Zitat aus dem Würzburger System (von
1804):
Durch diese Bestimmung [nämlich dass keine Relation unmittelbar aus dem
Absoluten entstehen kann] wird eine absolute Verneinung des a n-s i c h-Seyns,
d. h. des wahren Seyns der einzelnen Dinge als einzelner, ausgesagt. W a s daher
auch an dem Ding durch das Gesetz von Ursache und Wirkung bestimmt ist, ist
immer und nothwendig die Negation der Realität an ihm, oder das, wodurch es
vielmehr nicht ist, als ist. – B l o ß diesem Schatten der Realität, kraft des
Nichts, entspringen die Dinge auseinander. Ein Nicht-Wesen sucht in dem an-
dern seine Realität, die es an sich nicht hat, es sucht sie in einem andern, das
selbst keine hat, und sie gleichfalls wieder in einem andern sucht.2 Dieses un-
endliche Anhängen der Dinge aneinander durch/ Ursache und Wirkung ist also
selbst nur das Zeugniß gleichsam und der Ausdruck der Eitelkeit, der sie unter-
worfen sind, und des Zurückstrebens in die Einheit, von der sie losgerissen sind,
und in der alles allein Wahrheit hat. Und jene Negation spricht sich nicht nur

2 In einem anderen Text merkt Schelling an: „Wie die englische Staatsschuld. Be-
ständiges Borgen von einem zweiten, um den ersten, von einem dritten, um den
zweiten zu bezahlen“: SW I/4, 344; wir könnten sagen: wie der finanzkrisenge-
schüttelte Spätkapitalismus.
96 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

überhaupt, sondern als eine u n e n d l i c h e aus, daher jener Zusatz, der dem
Causalgesetz angesetzt zu werden pflegt. u. s. f. ins U n e n d l i c h e, welcher
nichts anderes sagt, als daß das einzelne Endliche ins Unendliche fort niemals
weder unmittelbar aus dem Absoluten entstehen noch etwas an sich seyn kann
(SW I/6, 195 f.).

Die Sphäre der bedingten Welt kann also aus eigenen Ressourcen
nicht bestehen, sie vernichtet sich selbst. Hat sie aber Bestand, so
kann diese ihre Realität nicht aus ihr selbst geschöpft sein. Sie hat
ihr Standbein in dem, was selbst nicht ,ins Unendliche fort‘ bedingt
ist.
Ebenso negativ fällt die Charakterisierung der Zeit aus, in der das
Kausalgesetz sich erstreckt: Sie sei eine besondere Art von Zerset-
zung des An-sich- (oder Absolut-)Seins: nämlich eine Trennung,
die wiedervereinigt (Sartre 1943, 177), oder – in Schellings Worten –
ein ständiges „Zurückrufen des unendlichen Begriffs aus der unend-
lichen Flucht“ (SW I/4, 119). Die zugrunde liegende Vorstellung ist:
Ein in sich Einiges wird in kleinste, aufeinanderfolgende Elemente
zerschmettert, aber eben so, dass diese Folge 1. doch einen Begriff,
eine Regel zum Ausdruck bringt und ein Kontinuum bildet (also
nicht vollkommen auseinanderfällt), und 2. durch ihre Unendlich-
keit anzeigt, dass sie gleichsam aus der Endlichkeit wieder heraus-
strebt. In den Weltaltern wird Schelling den Zeitfluss „eine bestän-
dige Sucht nach der Ewigkeit“ nennen (Schelling 1946, 124; SW I/8,
235). Sie ist, wie Friedrich Schlegel es ausdrückt, „eine aus den Fu-
gen gebrachte Ewigkeit“ (Schlegel 1969, 550). Durch den ihr einge-
arbeiteten Widerspruch zeigt sie sich als eine unangemessene, eine
misslungene Repräsentation der absoluten Einheit, die sie eben –
das ist das Entscheidende – voraussetzt. Denn unendlich verfließen
kann nur, was aus einem unversiegbaren Reservoir schöpft. Zeit-
lichkeit ist „die nothwendige Form dieser Differenz“ von Wirklich-
und ungesättigtem Möglich-Sein (SW I/6, 45); sie ist das Zeichen
der Unselbständigkeit der sich endlos aneinander anklammernden
Dinge, die in alle Ewigkeit nicht zur Fülle ihres Daseins finden.
7. ,ABSOLUT‘-,RELATIV‘ 97

Schelling nennt die Zeit auch eine „bloß trügerische Unendlichkeit


[…], die nicht Kraft einer absoluten untheilbaren Position, sondern
bloß durch den Mangel an Grenzen oder durch endlose Addition
gesetzt ist“ (SW I/6, 160 u.). Die am häufigsten variierte Formel für
diese Missrepräsentation lautet:
Zeitlich ist nämlich alles, dessen Wirklichkeit [= Aktualität] von dem Wesen
übertroffen wird, oder in dessen Wesen mehr enthalten ist, als es der Wirklich-
keit nach fassen kann (SW I/2, 364; vgl. z. B. I/6, 158 u., I/6, 45, 275 ff., I/7,
238 f.; dazu Frank 1992, 329 f.).3

Von solcher Art darf also das Absolute nicht sein, als dessen Ver-
fehlung wir die Zeit beschrieben sehen. Es ist frei von Relativität, in
ihm herrscht keine Beziehung eines auf ein anderes. Man könnte
auch sagen: Das Absolute ist reine Beziehung eines nur auf sich
selbst. So stellt es sich uns wenigstens bei einer ersten groben Be-
deutungsanalyse dar.
Den Metaphysik-kritischen Spott über die Annahme eines Abso-
lutum unterdrückt Schelling durch den listigen Bescheid, dass 1. die
Zeit sich nicht als ,schlechte Unendlichkeit‘ erstrecken oder entfal-
ten könnte, wäre sie nicht der Ausfluss einer unendlich kompakten
(einer aktuellen) Unendlichkeit. Anders gesagt (und 2.): Wer das
Absolute leugnet, spricht dem Bedingten alle Realität ab; denn was
in der relativen Welt eigentlich ist (Platons emtyr em), das eben ist
absolut.

3 Eine Formulierung über die Zeit, die am engsten mit der aus dem Würzburger
System über die Kausalität zusammenstimmt, habe ich in Philosophie und Religion
(aus dem gleichen Jahr 1804) gefunden: „Das in-sich-selbst-Seyn getrennt von der
anderen Einheit involvirt unmittelbar das Seyn mit Differenz der Wirklichkeit
von der Möglichkeit (die Negation des wahren Seyns); die allgemeine Form dieser
Differenz ist die Z e i t, denn jedes Ding ist zeitlich, welches die vollkommene
Möglichkeit seines Seyns nicht in sich selbst, sondern in einem andern hat, und die
Zeit ist daher das Princip und die nothwendige Form aller Nicht-Wesen“ (SW I/6,
45).
98 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

8. Exkurs: Das „Subjektivieren“ des Absoluten oder die


verkehrte Stellung der mentalen Repräsentation zum
,eigentlich Seienden‘
Hier ist der Ort für eine eingeschobene Erklärung. Wir sahen, dass
Schelling schon in seinem philosophischen Erstling und in der Ich-
schrift davor warnt, das Absolute – kantisch, fichtisch – zu einem
Gegenstand des menschlichen Bewusstseins zu depotenzieren. Tat-
sächlich beginnt die Würzburger Vorlesung, der ich die meisten der
obigen Zitate entnommen habe, mit einer Polemik gegen den „Re-
flexions“-Standpunkt und das „Subjektiviren“ des Absoluten (SW
I/6, 142 [ff.]). Das ,Erkennen‘ sei dem Absoluten selbst eingebildet,
es sei des Absoluten ureigene „Form“, nicht ein Modus menschli-
chen Wissens. Obwohl dies vermutlich auch Fichtes Ansicht war,
unterstellt ihm Schelling, auf dem „Reflexionsstandpunkt“ stehen-
geblieben zu sein und das Absolute in die Abhängigkeit von einer
Bewusstseinsperspektive gebracht zu haben. Als er, gerade 26-jäh-
rig, die Darstellung meines Systems der Philosophie veröffentlichte,
wollte er sich damit – öffentlich sichtbar – von Fichtes Subjektivis-
mus abgrenzen.4

4 Ein persönliches Motiv trat hinzu: Schelling war empfindlich über Fichtes Ankün-
digung einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre (vom 24. Februar 1801),
die von Schelling herablassend als seinem „geistvollen Mitarbeiter“ sprach (HKA
I.10, 26; III 2,1, 82, 405). Schellings Stolz drängte dahin, sich nicht zum Kärrner
am Dombau der Wissenschaftslehre herabgesetzt und vereinnahmt zu sehen, son-
dern sich als einen Denker zu beweisen, der sich zu einem von der Transzenden-
talphilosophie nunmehr völlig unabhängigen Standpunkt erhoben hat.
Die Zeitgenossen haben sich übrigens lustig gemacht über das in Geltungsfragen
ebenso unangebrachte wie anmaßende Possessivpronomen im Titel der (obendrein
Fragment gebliebenen) Abhandlung: Darstellung meines Systems der Philosophie
(1801). Für diese Empörung hatte Friedrich Schlegels 99. Athenäumsfragment den
Ton vorgegeben: „Bei den Ausdrücken, Seine Philosophie, Meine Philosophie, er-
innert man sich an die Worte in NATHAN: ,Wem eignet Gott? Was ist das für
ein Gott, der einem Menschen eignet?‘“ (Schlegel 1967, 180; Schlegel zitiert frei
Rechas empörten Ausruf aus Lessings Nathan: „,Sein, sein Gott! für den er
8. EXKURS: DAS „SUBJEKTIVIEREN“ DES ABSOLUTEN 99

In der „Vorerinnerung“ nennt er seinen eigenen, nunmehr von


Fichte unabhängigen Standpunkt „das absolute Identitätssystem,
welches ich hierdurch aufstelle, und welches sich vom Standpunkt
der Reflexion völlig entfernt, weil diese nur von Gegensätzen aus-
geht und auf Gegensätzen beruht“ (SW I/4, 113; vgl. Schelling 1989,
55; SW I/10, 107). Indem sich das neue System vom Reflexions-
standpunkt löst, der durch die Positionen Kants und Fichtes klar
bezeichnet wird (SW I/6, 156, 143), stützt es sich auf „eine Erkennt-
niß, die von aller Subjektivität völlig unabhängig und nicht mehr
ein Erkennen des Subjekts als Subjekts, sondern ein Erkennen des-
sen [ist], was allein überhaupt auch ist, und allein erkannt werden
kann, des schlechthin E i n e n“ (SW I/6, 143 f.; vgl. 126 f.). Zwischen
1800 und 1804 stößt man immer wieder auf Erklärungen wie diese:
Der nothwendige Cirkel, in dem die Wissenschaftslehre befangen ist, und in
dem sie den menschlichen Geist überhaupt befangen glaubt, ist folgender: ,Das
Unendliche, das An-sich, ist immer nur/ f ü r mich; denn i c h bin es ja, der es
denkt oder anschaut; es ist also immer nur in meinem Wissen, nicht unabhängig
von demselben. Nun ist aber das A n - s i c h eben etwas, das unabhängig von
meinem Denken und Wissen existirt, demnach nichts Absolutes,5 oder w e n n,
so als schlechthin unabhängig von mir, und demnach nicht für mein Wissen
oder im W i s s e n (1804 in Propädeutik der Philosophie: SW I/6, 126 f.; fast
ebenso im Würzburger System: l. c., 144 f.; am ausführlichsten und lichtvollsten
im § I. der Ferneren Darstellungen aus dem System der Philosophie von 1802: I/
4, 353 – 360).

kämpft!‘/Wem eignet Gott? was ist das für ein Gott,/Der einem Menschen eig-
net?“ (III, 1).
5 Diese Verneinung ist nicht einleuchtend. Sie fehlt auch in den Parallelformulie-
rungen, z. B. des Würzburger Systems, wo Fichte erneut dieser Gedanke in den
Mund gelegt wird: „,[…] Nun wird aber schon im Begriff des An-sich, im Begriff
des Absoluten gedacht, daß es u n a b h ä n g i g v o n m i r, unabhängig von mei-
nem Wissen sey. Also ist eine Erkenntniß desselben eine völlig unmögliche.‘ In
diesem Schluß ist nur ein Fehler gemacht, nämlich der der Voraussetzung, daß es
nothwendig ich bin, der das An-sich erkennt, daß es m e i n Wissen ist, wodurch
es erkannt wird“ (SW I/6, 144).
100 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Die Vergegenständlichung des Absoluten (oder An-sich) durch ein


es denkendes Subjekt macht jenes zu einem „b l o ß e [ n ] G e -
d a n k e n d i n g f ü r d i c h“ (SW I/6, 142), womit es aufhört, an-
sich zu existieren. Ein An-sich-für-Mich ist, wie Sartre wiederholen
wird, ein hölzernes Eisen (Sartre 1947, 390 f.): ein widersprüchlicher
Gedanke, den Schelling als ,Reflexionsstandpunkt‘ identifiziert und
verwirft.
Die Grundoperation des neuen Identitätssystems besteht also im
,Entsubjektivieren‘ der Identität des Reellen und des Ideellen, die al-
lein auf den Titel des Seins Anspruch erheben darf: durch Fokussie-
rung auf das, was ist (SW I/4, 114 f. [§ 1]; I/6, 142 ff.). Die Unterschei-
dung beider sei „schon ein Produkt unserer Subjektivität“ und ver-
wandle die absolute Identität von einem Seienden in eine bloße
„Erscheinung“, ein „non-ens“ „etwas, das aus der Philosophie gänz-
lich zu verschwinden hat“.
Daß ich sage, ich weiß, ich bin der Wissende, ist schon das pq_tom xeOdor. I c h
weiß n i c h t s, oder m e i n Wissen, insofern es wirklich m e i n e s ist, ist kein
wahres Wissen (I/6, 140 [ff.]; noch drastischer: I/7, 148, Nr. 44).

Die Identität heißt absolut, weil sie aus allen Relationen gelöst (ab-
solviert) ist, auch aus der auf ein sie in Gedanken erfassendes oder
gar konstituierendes (transzendentales) Ich. Von ihm ist zu ,abstra-
hiren‘. Diese Abstraktion – das macht gleich der 1. § von Schellings
Darstellung klar – bringt erst den Inhalt der absoluten Identität als
solchen in den Blick. Es heißt dort:
Das Denken der Vernunft ist jedem anzumuthen; um sie als absolut zu denken,
um also auf den Standpunkt zu gelangen, welchen ich fordere, muß vom Den-
kenden abstrahirt werden. Dem, welcher diese Abstraktion macht,/ hört die
Vernunft unmittelbar auf etwas Subjektives zu seyn, wie sie von den meisten
vorgestellt wird (I/4, 114 f.).

Die Stelle hat eine Vorgängerin in dem Aufsatz, in dem Schelling sei-
ne Abwendung von der transzendentalphilosophischen Beschrän-
8. EXKURS: DAS „SUBJEKTIVIEREN“ DES ABSOLUTEN 101

kung der Fichte’schen Wissenschaftslehre zuerst hat deutlich werden


lassen, nämlich der Abhandlung Ueber den wahren Begriff der Na-
turphilosophie und die richtige Art, ihre Probleme aufzulösen.
Der Grund, daß auch solche, die den Idealismus wohl gefaßt haben, die Natur-
philosophie nicht begreifen, ist, weil es ihnen schwer oder unmöglich ist, sich
von dem Subjektiven der intellektuellen Anschauung loszumachen. – Ich forde-
re zum Behuf der Naturphilosophie die intellektuelle Anschauung, wie sie in
der Wissenschaftslehre gefordert wird; ich fordere aber außerdem noch die Ab-
straktion von dem/ A n s c h a u e n d e n in dieser Anschauung, eine Abstrakti-
on, welche mir das rein Objektive dieses Aktes zurückläßt, welches an sich bloß
Subjekt-Objekt, keineswegs aber = Ich ist, aus dem mehrmals angezeigten
Grunde (I/4, 87 f.).

Schelling greift die alte aristotelische Unterscheidung auf, nach der


das Erste-für-Uns (prôton pros hämâs) nicht das An-sich-Erste
(prôton tä physei) und nicht einmal das Erste in der Kette der Grün-
de ist. Und er gibt ihr diese Wendung: Dem Fichte’schen Idealis-
mus, der vom Standpunkt des Bewusstseins anhebt, stellt sich das
Nicht-Ich (oder die Natur) als ein Nachträgliches oder Abkünftiges
dar. Verfolgen wir dagegen den Weg der Tätigkeit, die auch Fichte
die ,unbewusste‘ oder ,reelle‘ nennt, so finden wir das vom Be-
wusstsein am weitesten Entfernte (die Materie) als Erstes und ver-
folgen nach, wie in einer Kette aufeinanderfolgender Idealisierun-
gen („Potenzierungen“) nach und nach, über die Stadien des ,dyna-
mischen Prozesses‘ und des ,Organismus‘, erst so etwas wie
Subjektivität entsteht und sich über Empfindung, Anschauung, Re-
flexion, absichtliches und sittliches Handeln allererst auf den Stand-
punkt des seiner selbst bewussten Ichs hinaufarbeitet.
Nicht wird also bestritten, dass die Naturevolution ein solches
seiner selbst bewusstes Ich hervorbringt, und auch nicht, dass es für
uns ein natürlicher Ausgangspunkt des Denkens ist. Sondern das
Ich wird vor den Augen des Philosophen aus seiner geistfernsten
Potenz Schritt um Schritt hinaufgeführt auf diesen Standpunkt, von
102 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

dem Fichte, „wie aus der Pistole mit dem absoluten Wissen unmit-
telbar anfang[end]“ (Hegel 1952, 26), sein Philosophieren anhebt.
Schelling spricht bekanntlich von einer ,Depotenzierung‘ der Trans-
zendentalphilosophie: Sie hat aus der höchsten Potenz zur niedrigs-
ten hinabzusteigen, um von ihr aus den Prozess bis zur Potenz des
Selbstbewusstseins nachzukonstruieren (SW I/4, 84 f.). Das nennt er
auch den Gang vom objektiven zum subjektiven Subjekt-Objekt
(Schelling 1989, 42). Denn beide, die geistfernste wie die geistigste
Potenz, sind nur Stadien auf dem Weg des Zu-sich-Kommens der
einen und selben Natur.
Noch in den Einleitungsvorlesungen seiner Erlanger Initia philo-
sophiae universae (1820/21) ist Schelling diesem ,ordo inversus‘ me-
thodisch treu geblieben. Was vom Standpunkt der Reflexion das
Erste scheint, ist in Wahrheit (oder „im Grunde“) das Zweite oder
Letzte. Aber die Reflexion hat in ihrer eigenen Struktur das Mittel,
sich ihrer verkehrten Stellung gegen das ,Sein‘ bewusst zu werden
und durch Selbstanwendung die verkehrten Verhältnisse wieder ins
Richtige zurückzuspiegeln: Die jedesmalige Gestalt des Bewusst-
seins erkennt sich als bloßer „Reflex (das U m g e k e h r t e )“ der
wirklichen Gestalt (Schelling 1969, 47 f.; = SW I/9, 234).6
Übrigens findet sich in Schellings allererster eigentlich philoso-
phischer Publikation, der Form-Schrift (vom Sommer 1794), eine
lange Anmerkung, die klarstellt, dass und warum die Begriffe ,Be-

6 Genau diesen Gedanken hat Novalis zu Beginn seiner Fichte-Studien entwickelt


(unter der Überschrift „Unbestimmte Sätze“, es handelt sich vor allem um die
Aufzeichnungen Nr. 15 – 43). Der Text ist aber erst 1965 von Hans-Joachim Mähl
vollständig und in gehöriger Ordnung publiziert worden und war Novalis’ Zeit-
genossen gänzlich unbekannt, außer vielleicht Friedrich Schlegel, der im Sommer
1796 – zwischen dem 29. Juli und dem 6. August 1796 – diese frühesten philoso-
phischen Aufzeichnungen seines Freundes durchsehen durfte, zum ordo inversus
aber nirgendwo sich geäußert hat (Novalis 1965, 113 – 133; eine ausführliche Inter-
pretation in Frank 1998, 32. Vorlesung; zu Schlegels Kenntnis der Fichte-Studien
vgl. Friedrich Schlegel 1987, 319; 326 f.; vgl. Kommentar 509, Brief 165, Anm. 2;
dazu Frank 1998, 35. Vorlesung, S. 893 f.).
8. EXKURS: DAS „SUBJEKTIVIEREN“ DES ABSOLUTEN 103

wusstsein‘ und ,Vorstellung‘ nicht als die obersten Grundsätze einer


,Elementarphilosophie‘ gelten können. Wer vom „unbedingten Ich“
aus deduziert, will das (bedingte) „S e l b s t b e w u ß t s e y n“ ja
erst ableiten. Dies ist ein aus dem ersteren selbst Abkünftiges und
„setzt die Gefahr voraus, das [unbedingte] Ich zu verlieren“ (SW I/
1, 180 mit Anm. 1). Das gelte erst recht für die Begriffe ,Bewusst-
sein‘ und ,Vorstellung‘, die aus einer „objektiven“ Entität abgeleitet
werden müssen (110 f.), die selbst „u n a b h ä n g i g vom Bewußt-
seyn“ bestehe (I/1, 100, Anm. 1). Nun folgt dasselbe Argument wie
1801:
Der Akt, der dem Philosophen (der Zeit nach) zuerst vorkommt, ist allerdings der
Akt des Bewußtseyns, aber Bedingung der Möglichkeit dieses Akts muß ein [nicht
ins Bewußtseyn fallender] höherer Akt des menschlichen Geistes seyn (l. c.).

Eine solche Beobachtung wiederholt auch der ,ideale‘ Teil des


Würzburger Systems (1804):
Es ist bemerklich gemacht worden, daß, was in der Idee durchaus das Erste ist,
in der reflektirten Erkenntniß als das Dritte oder die Synthesis erscheinen müs-
se (SW I/6, 521).

Man beobachtet hier eine „Verkehrung (inversion)“. Das in der


Ordnung des Bewusstseins (dem „order of discovery“) Erste ist das
in der Ordnung der Entstehung Nachträgliche (Matthews 2011,
133).7 Wir haben zu Beginn des I. Teils gesehen, dass Schelling dar-
aus starke Konsequenzen für die Anordnung der in Prinzipienrang
erhobenen Relationskategorien zieht: „[T]he third form [Gemein-
schaft, Wechselwirkung] is the whole that must be posited as the
first cause […] of the ensuing multiplicity of the triad.“

7 Matthews (2011, 28) zitiert eine Stelle aus den Abhandlungen, wo Schelling auf
einen „gemeinschaftlichen Fehler“ aller Versuche hinweist, „das, was allen Begrif-
fen vorausgeht, durch Begriffe zu erklären“ (SW I/1, 376). Allerdings hat Bewusst-
sein einen größeren Umfang als Begrifflichkeit.
104 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Man fragt sich natürlich, warum dieser höhere Akt des Geistes
als ein „menschlicher“ ausgezeichnet wird und wie Schelling ihn
dem endlichen Bewusstsein zu vermitteln gedenkt. Obwohl er – ge-
rade im ,idealen‘ Teil des Würzburger Systems – allerlei dazu sagt,
darf diese Vermittlung als Schwachpunkt des Schelling’schen Sys-
tems gelten. Er ist für den Gegenstand dieses Büchleins Gott sei
Dank nicht entscheidend.

9. Identität und Differenz: Leibniz und Hume


Der absolutistische Sound, den wir bis hierhin vernommen haben,
differenziert sich erheblich, wenn wir zum zweiten der klärungsbe-
dürftigen Ausdrücke in Schellings Kurzformel ,absolutes Identitäts-
system‘ übergehen, nämlich: ,Identität‘. Was immer die spekulative
Absicht sein mag, die Schelling mit diesem in Prinzipienrang erho-
benen Begriff verbindet: Spontan scheint er uns wieder keine Ver-
ständnisschwierigkeiten zu bereiten. Was ,Identität‘ meint, das
glauben wir sofort zu verstehen, haben wir doch an der Identität
unserer selbst – unserer eigenen Person – über die Zeit hinweg eine
durch hohe Erlebnisgewissheit verbürgte Illustration.
Auf den zweiten Blick erweisen sich wenige Begriffe als so
schwer zu fassen wie der der Identität. An ihm haben sich viele Phi-
losophen die Begriffs-Zähne stumpf gebissen. Geht man die Tradi-
tion kursorisch durch, so nimmt es sich aus, als dürfe man sich erst
bei den Schriften des Leibniz eine Pause gönnen (und so tut das
auch regelmäßig Schelling selbst, wo immer er sein absolutes Iden-
titätssystem in die neuzeitliche philosophische Tradition einzuord-
nen versucht).8 Leibniz war es, der das Problem zuerst als die Prin-

8 Leibniz ist überhaupt die graue Eminenz im Hintergrund von Schellings philoso-
phischen Anfängen, viel mehr als der exponiertere Spinoza. Schelling ist oft da am
stärksten, wo er nicht eigene, sondern fremde Positionen vorstellt, kritisiert oder
geistvoll kommentiert. Leider hat er das Projekt einer eigenen „Untersuchung“
über Leibniz nicht ausgeführt, das er am Schluss der Abhandlungen (1797) keck in
9. IDENTITÄT UND DIFFERENZ (LEIBNIZ UND HUME) 105

zipienfrage durchschaut hat, die es ist, und gleichzeitig mit zweier-


lei Antworten bedacht hat, die verschiedenen Diskursen zugehören
(Lorenz 1969). Der erste ist logisch, der zweite metaphysisch (oder
ontologisch). Im ersten wird auf die Satzform reflektiert, im zweiten
über Gegenstände der realen Welt gehandelt. Im ersten macht Leib-
niz geltend, zwei Ausdrücke seien identisch, die in Sätzen ohne
Verlust des Wahrheitswerts (salva veritate) durcheinander ersetzt
werden können (GP VII, 219, 228; Leibniz 1903, 240, 362 f., 519 f.).
Das zweite Prinzip, bekannt als ,principe des indiscernables‘, ist on-
tologisch und erklärt sich über innerweltliche Substanzen. Über sie
stellt es fest, „qu’il n’est pas vray, que deux substances se ressem-
blent entierement [c’est-à-dire selon toutes leurs dénominations in-
trinsèques] et soyent differentes solo numero“ (Discours de Méta-
physique, § 9; vgl. Monadologie, § 9 [PS 1, 76, 442]). Diese beiden
Anwendungen des Identitätsprinzips – das logische und das ontolo-
gische – müssen sorgfältig entflochten werden; man kann sogar
zweifeln, ob es sich wirklich um ein und dasselbe Gesetz handelt,
wie viele meinen.9

diesen Worten in Aussicht stellt: „Die Geschichte der Philosophie enthält Beispie-
le von Systemen, die mehrere Zeitalter hindurch räthselhaft geblieben sind. Ein
Philosoph, dessen Principien alle diese Räthsel auflösen werden [gemeint ist Fich-
te 1971 I, 512 – 5 = GA I.4, 263 – 5]), urtheilt noch neuerdings von L e i b n i z, er
sey wahrscheinlich der einzige Ueberzeugte in der Geschichte der Philosophie.
Der Einzige also, der i m G r u n d e recht hatte. Diese Aeußerung ist merk-
würdig, weil sie verräth, daß die Zeit, Leibnizen zu verstehen, gekommen ist.
Denn, so wie er b i s h e r verstanden ist, kann er nicht verstanden werden, wenn
er i m G r u n d e recht haben soll. Diese Sache verdient eine nähere Untersu-
chung“ (SW I/1, 443; zu Schellings Leibniz-Rezeption vgl. Neumann 2016).
9 Einwände gegen Leibnizens undifferenzierte Gleichbehandlung von logischer und
ontologischer Identität reichen von Clarke über Hume, Kant, Peirce, Wittgenstein
zu Max Black und Alfred Ayer. Er lautet so: Wäre Identität natürlicher Gegen-
stände logisch zu rechtfertigen, so geschähe die Rechtfertigung a priori. Wir kön-
nen aber bei der Identifikation natürlicher Gegenstände, da sie ohne Zutun unse-
res Geistes vorliegen, von Zahl und raumzeitlicher Position nicht absehen. So kön-
nen wir uns widerspruchsfrei eine symmetrische Welt ausdenken, in der
Gegenstände, die hinsichtlich ihrer ,dénominations intrinsèques‘ ununterscheidbar
106 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Bedenken daran hat zuerst David Hume geäußert. Hume besteht


darauf, dass in der Wendung ,mit sich selbst gleich‘ der mit der Re-
flexivpronomen bezeichnete Gegenstand von dem geradehin be-
zeichneten in einer Hinsicht verschieden sein müsse (sonst sage das
Urteil zweimal dasselbe, sei also nichtssagend [Hume 1888,
200 f.]).10 Aus diesem Einwand, der Identität letztlich zu einem Un-
entscheidbaren macht, hat Kant dann bedeutende Konsequenzen
gezogen für den Status der ,numerischen Identität‘ (KrV A 365) des
Prinzips seiner theoretischen Philosophie, des Selbstbewusstseins
(Henrich 1976, 1988). Beide (Hume wie Kant) schlagen vor, das

sind, gleichwohl nach Zahl, Ort oder Zeit unterschieden auftreten, wie etwa
rechts- oder linkshändige Moleküle. (Es hat sich herausgestellt, dass z. B. Terpen-
tinöl linksdrehend und wässrige Lösungen von Rohrzucker rechtsdrehend sind;
vgl. Linus Pauling [1969], 137). Für solche Unterschiede ist Leibnizens Identi-
tätsgesetz nicht feinmaschig genug. Denn ,dénominations intrinsèques‘ werden
durch Prädikate (generelle Termini) ohne Zuhilfenahme von singulären Termini
(Demonstrativpronomen oder Eigennamen) ausgedrückt.
Verzichtet man unter diesen Umständen auf eine logische Definition der Identi-
tät, dann verwandelt sich Identifikation in ein empirisches Problem à la Hume
oder Kant: Dass wir zwei natürliche Gegenstände (oder einen Gegenstand über
die Zeit) identisch nennen, meint dann einfach, dass unsere physikalischen Para-
meter und unsere fünf Sinne nicht beliebig fein sind, um sie unterscheiden zu
können.
Was dagegen die Rede von der Identität abstrakter Gegenstände (z. B. Zahlen,
geometrischer Figuren) betrifft, so gibt es Stellen, an denen Leibniz selbst ihren
Sinn zu leugnen scheint. Beispiele in Lorenz (1969, 153 ff.).
10 Der Fall der sterilen Sich-selbst-Gleichheit Eines (simplicity): „For in that propo-
sition, an object is the same with itself, if the idea express’d by the word, object,
were no ways distinguish’d from that meant by itself; we really shou’d mean no-
thing” (200). Diese nichtssagende (triviale) Sich-selbst-Gleichheit nennt Hume
„unity“, die gehaltvolle „identity“. Der nicht-triviale Fall wirklicher Identität,
wo eine – z. B. zeitliche – minimale Verschiedenheit die beiden Relata trennt,
wird so vorgestellt: „And this idea we call that of identity. We cannot in any
propriety of speech, say, that an object is the same with itself, unless we mean,
that the object existent at one time is the same with itself existent at another. By
this means we make a difference, betwixt the idea meant by the word, object, and
that meant by itself, without going the length of number, and at the same time
without restraining ourselves to a strict and absolute unity“ (201).
9. IDENTITÄT UND DIFFERENZ (LEIBNIZ UND HUME) 107

Identitätsprinzip von dem des Widerspruchs zu trennen. Letzteres


ist logischer, dieses ontologischer Natur. Das erstere besagt, dass
man etwas nicht zugleich behaupten und verneinen (oder: dass man
eine Sache nicht zugleich mit ihrem Gegenteil setzen) kann; das
letztere macht geltend, dass etwas nicht identisch heißen kann,
wenn seine Eigenschaften sich verändern. Das erstere versteht sich
von selbst; dem letzteren zufolge bildet Identität ein echtes Verhält-
nis zwischen zweien, denen es nicht auf die Stirn geschrieben steht,
dass sie Eines sind. Etwas mit etwas zu identifizieren heißt dann:
eine wirkliche Erkenntnis erwerben, während widerspruchsfrei ur-
teilen etwas Selbstverständliches oder Nicht-Informatives ist, et-
was, das unsere Kenntnis einer Sache nicht erweitert. So scheint
Identität (im Gegensatz zur logischen Widerspruchsfreiheit) eine
Art von Differenz einzuschließen; und da liegt das Problem, dem
sich Schellings Identitätsphilosophie stellt.
Es artikuliert sich in der an Leibniz anschließenden neuzeitlichen
Tradition zunächst als ein Paradox: Einerseits muss, wer sinnvoll
und nicht-trivial von Identität reden will, distinkte Zustände eines
Gegenstandes oder Gegenstände selbst voneinander unterscheiden
können (also etwa A von B; Beispiele für Letzteres: ,Der Monte
Cervino ist das Matterhorn‘, ,Mount Everest = Chomolungma‘,
,Jade ist Nephrit oder Jadeit‘, ,Temperatur ist mittlere Molekülbe-
wegung‘, ,Der Abendstern ist derselbe Planet wie der Morgenstern‘,
,Psychische Erlebnisse sind physische Ereignisse‘ usw.). Wird ande-
rerseits die Bedeutung von ,Identität‘ im denkbar stärksten Sinne
genommen, so schlägt sie alle Differenz von Zuständen (Eigen-
schaften, Prädikaten etc.) nieder und nimmt dann typischerweise
die Form der Identifikation Eines ,nur‘ mit sich selbst an (A = A).
Solche Sätze erweitern unser Wissen nicht; sie sind im Wortsinne
nichtssagend. Paradox erscheint nun, dass ein objektiv (de re) nicht
bestehender Unterschied sich im kognitiven Gehalt so aufsässig be-
merkbar machen kann. Aus dieser Paradoxie sind mehrere Konse-
quenzen gezogen worden. Eine wäre, überhaupt nur noch extensio-
108 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

nale Kontexte oder de-re-Verhältnisse zuzulassen, die subjektive


Erkenntnisperspektiven (,kognitive Gehalte‘) ausschließen. Kom-
plementär dazu kann man, wie es Hector-Neri Castañeda vorge-
schlagen hat, die gegenständliche Welt in eine Menge von Frege-
Sinnen („guises“) zerlegen und Frege-Bedeutungen (mit ihnen die
Identität von Subjekten oder Einzelgegenständen) gleichsam als
Konstrukte aus solchen ,particular-guises‘ bzw. ,I-guises‘ entstehen
lassen (Castañeda 1975; 1999, 180 – 203; 228 – 250). Klassisch ist
Leibnizens Reaktion, „gewaltstreichartig“ alle wahren Sätze zu ana-
lytischen zu erklären (Wolff 1986, 100).
Die unerwünschten Konsequenzen, die der erste und der letzte
Ausweg mit sich bringen, können vermieden werden, wenn man
das zu strenge Identitätskriterium lockert. Castañeda, der diese Lo-
ckerung ins Extrem treibt, beruft sich selbst auf Frege. Frege hatte
Identität nicht als sterile Selbstbeziehung eines Relats (einer Sache
,nur‘ auf sich) verstanden, sondern als echte Beziehung zwischen
verschiedenen Namen oder Zeichen einer Sache. Danach hätten die
beiden Kennzeichnungen ,Abendstern‘ und ,Morgenstern‘ densel-
ben Sachbezug (dieselbe ,Bedeutung‘), aber verschiedenen ,Sinn‘.
Diese Lösung ist aber ihrerseits unbefriedigend, da sie auf einen in-
finiten Regress hinausläuft: Identität wird als Bedeutungsidentität
erklärt. Wird gesagt, der Abendstern sei der Morgenstern, so wer-
den nicht zwei verschiedene Gegenstände (A und B) miteinander
identifiziert, sondern A und B werden als Bedeutungen desselben
identifiziert („die Bedeutung von ,A‘ = die Bedeutung von ,B‘“).
Aber die Identität der Bedeutungen der Ausdrücke A und B muss
(durch Wiedereinsetzung des Analysandums in die Gleichung) er-
neut über die Identität ihrer Bedeutungen erklärt werden, und so
entsteht eine unendliche Potenzierung von Bedeutungs-Bedeutun-
gen (Wolff 1986, 100 f.).
So scheint neben der Auffassung, wonach Identität der Bezug ei-
nes Relats ,nur‘ auf sich sei, auch diejenige zu scheitern, die Identi-
tät als Bezug zweier Relata deutet. Dennoch scheinen wir auf Iden-
9. IDENTITÄT UND DIFFERENZ (LEIBNIZ UND HUME) 109

titäts-Unterstellungen in unserem Leben und Sprechen nicht ver-


zichten zu können – denn unsere Prädikationen gehen einerseits auf
identifizierte Dinge (sonst redeten wir von ,nichts‘, „no entity with-
out identity“), und andererseits ist deren Identität over time – wie
z. B. die unserer selbst als Personen – ein Hauptbelang unserer Sor-
ge und unseres Nachdenkens. Anders gesagt: Wir unterstellen zwar
in abstracto, jeder Gegenstand sei mit sich selbst identisch; aber wir
wissen in unserer Sprache, die überflüssig viele Bezeichnungen ent-
hält, sehr oft nicht, ob sie für dieselbe Sache stehen (die Identität
von Dingen ist uns sehr oft unbekannt).
Das Problem entsteht, wenn man zwischen der irrelationalen
und der relationalen Auffassung von Identität zu wählen hat und
die erste gehaltlos, die zweite paradox findet. Schelling war, soviel
ich sehe, der erste Denker der Neuzeit, der vermutet hat, dieser
Notstand könne ein fundamentum in re haben und es verführerisch
erscheinen lassen, im Gedanken der Identität sowohl Einfachheit
wie Unterschiedenheit – also so etwas wie Selbstunterscheidung –
anzunehmen. Damit begegnen wir nun der logisch-semantisch un-
durchsichtigen Wendung von der „Identität der Identität und der
Nichtidentität“, die Hegel in der Differenz-Schrift in den Diskurs
der Philosophie eingeführt hat, um das Eigene des Schelling’schen
Ansatzes hervorzuheben (Hegel 1970a, 96). Ist diese Formel minder
paradox, als es ihre (irrelationalen und relationalen) Vorgängerin-
nen waren? Diesen Verdacht auszuräumen, war ein Hauptinteresse
der Schelling’schen Identitätsphilosophie. Sie versucht, ,Identität‘
so zu fassen, dass in diesem Verhältnis zwei konträre (A und nicht
A), ja selbst kontradiktorische Prädikationen (A und Nicht-A) auf
eine und dieselbe Sache zutreffen (so etwa Schelling 1993, 102 f.).
Damit nimmt sie die Hume’sche Herausforderung an, die ja besagt
hatte, ein Ding mit sich nicht-trivial zu identifizieren, heiße voraus-
setzen, dass es anders geworden sei. Während aber Humes Argu-
ment in die skeptische Leugnung der Feststellbarkeit von Identität
überhaupt mündet, sucht Schelling zu zeigen, dass der Gedanke der
110 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Veränderung überhaupt nur in dem der Einheit eines Selbigen sich


entfalten kann. Nur was ein Anderes sein könnte, nur von dem ist
es sinnvoll zu sagen, es sei sich selbst gleich:
Unter seiner Sichselbstgleichheit [sagt Schelling in der Einleitung in die Philoso-
phie von 1830] ist das sich selbst Ungleichwerdenkönnen verborgen. Diese
Möglichkeit liegt in der Einheit verborgen; denn das Sichselbstungleichseinkön-
nen ist ja das sich selbst Gleiche; demnach schließt es bereits die Möglichkeit in
sich ein, aus sich selbst herauszutreten (1989, 49).

10. Schon die Wolff-Schule kannte eine differenzsensitive


Form der Identität
Obwohl ich im 22. Kapitel zeigen werde, dass Schellings Identitäts-
philosophie eine entscheidende Anleihe bei Christian Wolff macht,
habe ich keinen Beleg dafür gefunden, dass Schelling auch mit den
folgenden Überlegungen des Wolffianers Alexander Gottlieb Baum-
garten vertraut war. Die Übereinstimmung in der Sache ist aber so
auffällig, dass ich Baumgartens Überlegungen zur Differenzsensitivi-
tät der Identität hier einblenden möchte. Sein Keimgedanke kommt
mit dem Schelling’schen überraschend überein, ja er könnte Schel-
lings Rede von einer quantitativen Differenz bei qualitativer Einheit
der Substanz geradezu erklären. In Kürze sind Baumgarten wie
Schelling der Meinung, dass Differenz kein wesentlicher (die Sub-
stanz selbst betreffender) Zug ist, sondern nur auf einem Mehr oder
Weniger der Merkmale-Verteilung beruht.
So tritt neben Hume Baumgarten als eine denkbare zweite Quel-
le für Schellings Aufweichung des gar zu rigiden Leibniz’schen
Identitäts-Konzepts. Die Spanne der Merkmale-Verteilung in der
Charakteristik einer Substanz reicht bei Baumgarten von ,mehr als
nichts‘ bis ,vollständig‘ (Baumgarten, Metaphysica, §§ 68 – 72, § 161,
10. DIFFERENZSENSITIVE IDENTITÄT (BAUMGARTEN) 111

§ 174, § 265)11: „identitas minima est, si unica minima determinatio


sit paucissimis minimis communis“).
Hier könnten wir den Ursprung von Schellings ,Potenzen‘-Lehre
sehen. Potenzen sind quantitative Abschattungen der Substanz, die
sich dem Wesen („qualitate“) nach in allen Erscheinungen identisch
durchhält („quantitative Differenz“). Nur quantitativ, durch ein
Überwiegen oder Zurücktreten der Aspekte des Reellen und des
Ideellen kann Physisches sich gegen Geistiges demarkieren:
Die Besonderheit der endlichen Dinge, durch welche das reale All als reales, das
ideale als ideales erscheint, können nur entweder auf einem wechselseitigen/
Ueberwiegen des einen Faktor12 [sic!] über den andern oder auf dem Gleichge-
wicht beider beruhen (SW I/6, 209 f., § 54 [im Orig. gesp.]).
Alle Differenzen auch der Natura naturata (der realen sowohl als idealen) sind
nur quantitativer Art, nur Unterschiede der Potenz, nicht des Wesens (l. c., 211,
§ 58 [im Orig. gesp.]).
Dem Erscheinungsleben nach gleich endlich und gleicherweise nur unter Rela-
tionen geboren, unterscheiden sich also die Dinge durch Grade der Realität:
wie in der Zahl 3, obschon sie endlich ist gleich 1, dennoch ein größerer Gehalt
ist denn in dieser (SW I/7, 187, Nr. 218 [von mir kurs.]).

In seiner Metaphysica, auf die Kant seine Vorlesungen zur Meta-


physik stützte, hatte schon Baumgarten – wie Hume – zwischen ei-
nem strengen und einem lockeren Sinn von ,Identität‘ unterschie-
den; und Maimon hatte in „Meine Ontologie“ diese Unterschei-
dung übernommen (Maimon 1790/1975, 239 ff.; Frank 2007, Text

11 Die Paragraphen-Angaben beziehen sich auf den Text der Metaphysica, wie er im
Band XVII der Kantischen Akademie-Ausgabe („Erläuterungen zu A. G. Baum-
gartens Metaphysica.“) abgedruckt ist (AA XVII, 5 – 226).
12 So nennt Schelling in dieser Zeit (schon ab 1797, besonders in der ersten identi-
tätsphilosophischen Phase) mit seinem Vorbild Eschenmayer, was er sonst, auch
von diesem angeregt, ,Potenz‘ nennt (vgl. HKA I.10, 16 ff.; SW I/4, XIII f., I/5,
62). Von Eschenmayer hat Schelling auch die Gradationstheorie der Materie
übernommen, wonach alle Individualität in der Natur aus graduellen Abstufun-
gen der Vereinigung der beiden Grundkräfte (des Reellen und des Ideellen) ent-
springt.
112 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

14). Während die strenge Identität „numerisch“ oder „vollständig“


ist („completa“, „totalis“: Gleichheit hinsichtlich aller ihrer Eigen-
schaften), erlaubt die lockere Identität mehrerer Einzelgegenstände
eine Graduierung. Zwei Gegenstände können mehr oder weniger
ähnlich sein (wobei die Skala von ähnlich in nur einem zu ähnlich in
allen Merkmalen reicht: 267). Daher Baumgartens Prinzip des ver-
neinten Totalunterschieds (principium negatae totalis dissimilatio-
nis/diversitatis) zwischen Einzelgegenständen (§ 268). Vollständig
identische Individuen sind numerisch identisch – wobei diese strikte
Identitäts-Form sich in die triviale Selbigkeit eines „nur“ mit sich
selbst auflöst. Unmöglich könnten zwei Individuen (duo extra se
singularia) vollständig oder absolut differieren (§ 269).
In § 3 seiner ersten Wissenschaftslehre (1794) verteidigt Fichte
ausdrücklich das Wolff’sche fundamentum divisionis13 (vgl. Mai-
mon 1794/1970, 53/111 und 119/177; Fichte übersetzt: „Unter-
scheidungsgrund“):
Jedes Entgegengesetzte ist seinem Entgegengesetzten in Einem Merkmal = X
gleich; und jedes Gleiche ist seinem Gleichen in einem Merkmale = X entge-
gengesetzt (Fichte 1971 I, 111).

Von Interesse für Schelling könnte auch gewesen sein, was Baum-
garten über die conceptus reflexionis (oder comparationis) Identität
und Differenz zu sagen weiß. Sie werden behandelt in der Sektion
„ENS“ als diejenigen Eigenschaften ,des Seienden‘, durch die es sich
unserem Erkennen mitteilt (§ 67). Eigenschaften sind Bestimmun-
gen (determinationes) oder Merkmale (notae characteristicae, dis-
crimina) des ,Seienden‘. Sie können innerlich (wenn dem Ding we-
sentlich) oder äußerlich sein (wenn auf etwas anderes bezogen:
§ 68 f.). Innere Eigenschaften sind nochmals unterteilt in solche, die
in dem Seienden per se erkennbar sind, und solche, die eigens ange-
geben (dari) werden müssen. Diese „Data“ können wiederum un-

13 Natürlich, ohne Wolffs oder Baumgartens Namen zu nennen.


10. DIFFERENZSENSITIVE IDENTITÄT (BAUMGARTEN) 113

bezogen auf anderes (in und durch sich selbst „erkenntlich“) sein
oder nicht. Im ersten Falle haben wir mit „Qualitäten (qualitates)“,
im zweiten mit „Quantitäten (quantitates)“ zu tun.
Nun soll es sich bei Identität (oder Selbigkeit) und Verschieden-
heit um Relationen handeln, die entweder qualitativ oder quantitativ
realisiert sein können. Falls qualitativ realisiert, heißen sie „similia“,
falls quantitativ (nach dem Mehr oder Weniger von Qualitäten-Men-
gen) „aequalia“, falls gleichermaßen qualitativ wie quantitativ: „con-
gruentia“ (§ 70, § 265). So ist Kongruenz die feinstkörnige Weise der
Ähnlichkeit. („Diversitas“, „inaequalitas“ und „discongruentia“ sind
die entsprechenden Negationen; ihr Gesamt erschöpft den Raum der
„Reflexionsbeziehungen“ [§ 71].)
Nun meint Baumgarten, dass Differenz von Einzelgegenständen
eine minimale Ähnlichkeit und Ähnlichkeit von Einzelgegenständen
eine minimale Entgegensetzung in mindestens einem (Unterschei-
dungs-)Merkmal voraussetzt. (Er spricht durchaus von ,Identität‘,
nicht bloß von ,Ähnlichkeit‘, wie das gleich folgende Zitat belegt.)
Die Rede ist von einem Prinzip der „verneinten Total-Identität“ und
der „verneinten Total-Diversität“ (siehe die schon zitierten §§ 265 f.
und § 174).
In anderen Worten: Divergenz in nur einer Eigenschaft verbietet
nicht die Rede von „Identität“, die dann – im Gegenteil – „maxi-
mal“ (wenn auch nicht „total“) ist. Umgekehrt ist die (Identität)
minimal, wenn zwei Einzelgegenstände in nur einem Merkmal kon-
vergieren (§ 174; „minimal“ ist definiert als „mehr als nichts“ und
dass „dessen weitere Reduktion/Verkleinerung unmöglich ist“
[§ 161]). Die Spannweite reicht von ,total‘ zu ,mehr als nichts‘: Dif-
ferenz lässt sich also nur als quantitative berücksichtigen; und mini-
male Verschiedenheit vereitelt nicht die Rede von Identität.
Nun vertritt Schelling die Ansicht, dass Identität von Subjekt
und Objekt oder von Geist und Natur sich nicht nach dem Schema
einer totalen Ununterschiedenheit denken lässt – so, als sei A als
solches und in derselben Hinsicht zugleich totaliter B. Das hindert
114 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

uns aber nicht, A und B eins ums andere X zuzuschreiben (das al-
lein und im strengen Sinne analytisch mit sich selbst identisch ist).
Nicht nur lag Baumgartens Metaphysica Kants Metaphysik-Vor-
lesungen zugrunde (und ist in ihren wesentlichen Teilen im entspre-
chenden Reflexionen-Band der Akademieausgabe abgedruckt: AA
XVII). Auch Salomon Maimons entscheidender Versuch einer Re-
leibnizianisierung Kants stützt sich auf Baumgartens „Ontologia“,
den Abschnitt der Metaphysik, auf den ich mich eben – im Vorblick
auf Schelling – bezogen habe.14
So ,dupliziert‘ sich das Identitäts-Urteil in zwei Unter-Unterteile
(,X = A‘ und ,X = B‘): Das, was A ist, ist auch das, was B ist: Fa !
($x) (x=a 6 Fx) oder: (x) [(Fx ! ($y) (Gy 6 x=y)]. Was allein
wirklich existiert („ist“), ist X, „das Subjekt“, und es ist indistincte
und toto cœlo mit sich selbst identisch, fugenlos und ohne innere
Verdopplung. Dagegen existieren B and A („seine wesentlichen
Prädikate“) nicht an sich, sondern nur, insofern sie von X ,gewesen
werden‘ (Schelling 1946, 26 ff.). Da B nur das symbolische Kürzel
für Differenz und A dasjenige für Identität (von A und B) ist,
nimmt die vollständig entfaltete Identitätsformel diese Gestalt an:
Es gibt ein X, das sich selbst (unter dem Exponenten oder der Prä-
dominanz von A) mit sich selbst (unter dem Überwiegen/dem Ex-
ponenten von B) identifiziert (nach SW I/7, 370):
(A = B)B ! (A = B)A
Nun ist Überwiegen ein Quantitäts-Merkmal. Darum hält sich
Schelling für berechtigt, wenn er strenge (oder aktuale) Identität für
qualitativ und Differenz für quantitativ (oder potentiell) erklärt.

14 Das habe ich gezeigt in: Frank 2007, 397 [ff.], bes. 404, Anm. 25. Maimon (1965)
bezieht sich in seinem Versuch über die Transcendentalphilosophie (vom richtig
datierten Spätherbst 1789), wie seine Nummerierung der Paragraphen beweist,
nicht auf Baumgartens Ontologie direkt, sondern auf Eberhards stark gestraffte
Übersetzung und Ausgabe von Baumgartens Metaphysica (Eberhard 1783). Die-
sen Nachweis verdanke ich Dagmar Mirbach, die Eberhards gekürzte und von
Georg Friedrich Meier ins Deutsche übertragene Version von Baumgartens Me-
taphysik neu editiert hat: Baumgarten 2004.
11. SYSTEM UND ALL-EINHEIT 115

11. System und All-Einheit


Kommen wir jetzt zum dritten Begriff in der Formel ,absolutes Iden-
titäts-System‘, dem des Systems. Schelling hat ihn aus seiner griechi-
schen Wurzel s¼stgla gedeutet (von: sum-Vstgli). System ist, in dem
ein All, eine Totalität von Erkenntnissen zusammenbesteht. ,System‘
meint: Kohärenz der Fülle von Überzeugungen (oder auch von Ge-
genständen, wenn ich z. B. von einem natürlichen System spreche,
wie es etwa die Biologie tut). Dazu bedarf es aber einer zentralen
Hinsichtnahme, eines Prinzips. Das war schon Kants Auffassung, der
„das Systematische der Erkenntnis[se]“ in dem „Zusammenhang der-
selben aus einem Prinzip“ sah (KrV A 645 = B 673). Was nämlich
aus demselben Prinzip fließt, das muss auch miteinander zusammen-
hängen. Und was die Erkenntnisse zu einem Totum, zu einem All
schmiedet, kann nur eine Einheit – hier: ein einiges Prinzip – sein,
aber eben ein Prinzip, das vieles, das einander eigentlich widerstrebt,
zu einem Zusammenhaltenden zusammenfügt. Das unterscheidet ein
System von einem ,bloß zufälligen Aggregat‘, in dem Gegenstände
bzw. Erkenntnisse versammelt sind, die nicht aus einem und demsel-
ben Grundsatz fließen und darum miteinander nicht durch Kohärenz
verknüpft sind, wie Mengen aus Ungleichartigem: z. B. Liebeskum-
mer, eine Stecknadel, Schellings Identitätsphilosophie und die Qua-
dratwurzel aus -2. Nur was – bei aller individuellen Verschiedenheit
– unter ein und derselben systematischen Hinsichtnahme versammelt
ist, von dem kann gesagt werden, es bilde ein All oder gehöre zum
selben Ganzen. Den Zusammenhang der Begriffe Einheit und Allheit
hatte Kant an der Quantitätskategorie illustriert, die ja in die drei
Unterkategorien Einheit – Vielheit – Allheit zerfällt (KrV A 80) – mit
der uns wohlbekannten Pointe, dass die dritte Kategorie ihre beiden
Vorgängerinnen zusammenfasst: „So ist die Allheit (Totalität) nichts
anderes als die Vielheit als Einheit betrachtet“ (KrV B 111). Auch aus
dem Grundsatz der Gemeinschaft ließe sich die systematische An-
ordnung unserer Kenntnisse erklären, denn eine jede ist in einem
116 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

System mit jeder anderen verbunden, wenn auch nicht horizontal als
disjunktive Reihe, sondern auf verschiedenen Ebenen stammbaumar-
tig nach dem Gesetz der Spezifikation sich verzweigend (von Gat-
tungen über Arten zu Individuen). Vom vertrauten Grundsatz der
Wechselwirkung aus macht Schelling den Begriff ,System‘ fasslich in
seiner Erlanger Einleitungsvorlesung vom 4. Januar 1821, die an
Kants Organismus-Definition und die frühe Timaios-Lektüre glei-
chermaßen anknüpft:
Der Begriff ,System‘ ist nicht schwer zu definiren, man kann sagen: jedes zu-
sammengesetzte Ganze von sich gegenseitig bedingenden u. wechselseitig vor-
aussetzenden Gliedern ist ein System. Nur solche Glieder bilden ein Ganzes,
die sich wechselseitig Mittel u. Zweck sind u. sich gegenseitig bedingen. Sehr
treffend sagt man daher: ,Planetensystem‘, ,Weltsystem‘ etc., weil da ein Glied
durch alle u. alle durch eines bedingt sind, so [dass,] wenn Eines wankte, das
Ganze zusammenstürzte, weil Ein Glied mit dem andern lebt u. stirbt u. durch
ein unauflösliches Band verknüpft ist (Schelling 1969, 1).

Deutlich anschließend an die Lehre vom transzendentalen Ideal der


Vernunft, geht Schelling von einem „eigentlichen Subjekt der Philo-
sophie“ (A) aus, das sehr gut als pronominales Sein charakterisiert
werden kann, weil es nach prädikativer Bestimmung hungert und
seine erste Erfüllung durch die Prädikation ,A = B‘ erfährt. Die
prädikative Ergänzung B aber sättigt das Subjekt nicht, es ist auch
C, es ist auch D (usw.), kurz: Es strebt danach, von einem maximal
Unbestimmten zu einer vollendeten Fülle von (widerspruchsfrei
kompossiblen) Bestimmungen sich zu ergänzen; und erst dann,
wenn es durch alles hindurchgegangen, in nichts geblieben ist und
auch noch die letzte Bestimmung in sich aufgenommen hat, erst
dann hat es sich im Wortsinne in einem System abgeschlossen
(15 f.).15

15 Freilich nehmen die Erlanger Vorlesungen mit dem Titel Initia philosophiae uni-
versae nicht diese Wendung aufs System, sondern auf die indefinible Freiheit
(Schelling 1969, 21), die sich, wie die romantische Ironie, über jede beschließende
Bestimmung hinwegsetzt. Von diesem unendlich bestimmbaren und nie zu Ende
11. SYSTEM UND ALL-EINHEIT 117

Man muss also im Begriff ,System‘ den der überwundenen „Asy-


stasie“ mithören, „daß es [das menschliche Wissen] ursprünglich
und von sich selbst nicht im System – daß es also ein !s¼statom, ein
nicht Zusammenbestehendes, sondern vielmehr sich Widerstreiten-
des ist“ (8 [= SW I/9, 209]). Es wäre darum falsch, das System auf
eine „bloße E i n h e i t“ zu gründen (wie es die tautologische des
A = A ist). System darf vielmehr nur heißen, was ein Auseinander-
streben seiner Teile bändigt oder bezwingt. Mit der Einheit habe
die „Nicht-Einheit gleiche Rechte“,
und das wahre System [kann] eben nur dasjenige seyn […], welches Einheit der
Einheit und des Gegensatzes ist, d. h. welches zeigt, wie die Einheit mit dem
Gegensatz und der Gegensatz mit der Einheit zugleich bestehe, ja wie es zum
Besten des andern nothwendig sey – dieß alles mußte vorausgehen, ehe im Pla-
ton auch nur die wahre I d e e eines Systems erscheinen konnte. Also der Zeit
nach sind die S y s t e m e vor dem System. Bedürfniß der Harmonie kommt
erst aus Disharmonie (9 [= SW I/9, 209] [von mir kursiviert]).

Damit ist die berühmte Pantheismusformel des ,Eins und Alles‘ er-
reicht. Griechisch hieß sie 4m ja· p÷m. In Schellings Identitätsphiloso-
phie spielt sie eine überragende Rolle, und durch Jacobis Spino-
zabüchlein (wie Matthias Claudius das respektable Opus verniedli-
chend nannte) wurde sie zu einem Lieblingszitat, ja zu einem

bestimmten Subjekt sagt Schelling (fast in den Worten des Meisters Eckhart):
„Dieses ist schlechthin indefinibel. Denn 1) es ist nichts – nicht e t w a s, und
selbst dieß wäre eine negative Definition; allein es ist auch nicht nichts, d. h. es ist
alles. Es ist nichts einzeln, stillstehend, insbesondere; es ist B, C, D u. s. w. nur,
sofern jeder dieser Punkte zu dem Fluß der unzertrennlichen Bewegung gehört.
Es ist nichts, das es wäre, und es ist nichts, das es nicht wäre. Es ist in einer un-
aufhaltsamen Bewegung, in keine Gestalt einzuschließen, das Incoercible, das
Unfaßliche, das wahrhaft Unendliche“ (l. c., 17; = SW I/9, 217). Darum erinnert
Schelling anfangs an den defizitären Beigeschmack, den die alten Griechen im
Ausdruck ,System‘ mit spürten: als Stockung, Stehenbleiben, Gerinnen (der
Milch z. B.): l. c., 2 f.
118 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Schlüsselwort der Goethezeit.16 Alle idealistischen Systeme sind All-


Einheits-Systeme, und das Feuerbach-Marx’sche ebenso. Der Sinn
der Formel ist, dass das, was Eins ist, auch das ist, was Alles ist. Da-
mit wird die Vielfalt der Erscheinung monistisch gebändigt, aber
nicht wegreduziert: Was immer auf den Titel eines Seienden (emtyr
em) Anspruch macht, also: von was immer wir sagen, es sei (oder es
existiere), wird für Entfaltung eines Einfachen und Einzigen gehalten
(SW I/6, 156 f., § 1; 183 o.; Schelling 1988, 50 [= Troxler-Nachschrift
des Kollegs von 1801]).17 Schelling nennt es in gewöhnungsbedürfti-
ger Hypostasierung ,das Identische‘ oder nur ,die Identität‘ – als kön-
ne es eine Identität einfachhin geben, den Relata über- und vorgeord-
net, auf sie irreduzibel (vgl. l. c., 147, 163 f.) – eine Identität-an-sich,
Punkt.

12. Das Absolute ist ,Affirmierendes und


Affirmiertes von sich selbst‘
Damit sind wir an einem entscheidenden Wendepunkt angekom-
men, auf den der ganze I. Teil vorbereitend hingearbeitet hat: ,Iden-

16 Die Wendung findet sich zuerst bei den Eleaten Zenon und Melissos (Diels/
Kranz 1992, 29 A 30 [I 255,6] = 30 A 13 [I 267,30]; vgl. den Index im dritten
Band, S. 149 unter dem Lemma EXr.)
17 Seit 1806 betont Schelling das Sein des Absoluten schon in der Terminologie, die
er später als die der ,positiven Philosophie‘ auszeichnen wird, z. B. in der Fichte-
Streitschrift: „Ist sonach Philosophie eine Wissenschaft des Göttlichen, so ist sie
nicht eine Wissenschaft desselben als eines Wesens, das bloß in Gedanken ist,
oder allein durch diesen kann ergriffen werden, sondern sie ist eine Wissenschaft
Gottes als des allein-Wirklichen, eben daher allein Anschaulichen und in allem
Anschaubaren wirklich allein Angeschauten: (denn eine Anschauung, die nicht
Anschauung des Wirklichen wäre, wäre auch nicht Anschauung)“ (SW I/7, 29
u.). „Das Eine unmittelbar Erkennbare ist der wahren Philosophie gerade das
schlechthin Positive, das absolut-Wirkliche, d. h. Gott“ (l. c., 34 u.). Vgl. ebd.,
43 f.: „die Naturphilosophie, welche allein auf Anschauung des Wirklichen, auf
die vollkommene Identität/ des Idealen mit dem Realen gegründet ist“; 64: „Die
Naturphilosophie stellt in der Natur unmittelbar das Positive dar […].“
12. ,AFFIRMIERENDES UND AFFIRMIERTES VON SICH SELBST‘ 119

tität‘ meint bei Schelling nicht: das Nichtsein von Differenz, also
„nicht, daß es Differenz überhaupt nicht gebe, sondern nur, daß sie
nichts Letztes sei. Alle Differenz besteht nur in Beziehung auf Ei-
nes, kraft dessen sie sein kann. Sie ist nur, insofern dieses Eine ist“
(Henrich 1980, 29 f.; 1982, 146 f.). Das Umgekehrte gilt nicht:
Gott ist das an sich identische, gleiche Wesen des Affirmirenden und des Affir-
mirten; a b e r nicht umgekehrt gehören dieses a l s dieses und jenes a l s jenes
z u m W e s e n G o t t e s (SW I/6, 162).

Diese Asymmetrie zwischen dem Absoluten und seinen Gliedern


drückt Schelling auch so aus:
Es erhellt zugleich aus diesem Princip [der Identität] die gänzliche und absolute
Unabhängigkeit der I d e n t i t ä t oder G l e i c h h e i t a n s i c h s e l b s t
von dem Subjektiven und dem Objektiven. Die Q u a l i t ä t [Wiebeschaffen-
heit] des Subjekts und des Prädicats ist für die Identität völlig gleichgültig, wo-
raus sich zum voraus einsehen läßt, wie jene ewige Einheit als Einheit nie negirt
werden könne, sondern dieselbe bleibe, das [negierbare] Subjekt und das Objekt
mag [sich] wandeln, wie es will. Nicht durch das Subjekt und das Objekt be-
steht die Gleichheit, sondern umgekehrt, nur sofern die Gleichheit ist, d. h. nur
sofern beide ein und dasselbe sind, sind auch Subjekt und Objekt (SW I/6, 147;
162; ebenso I/4, 117, § 6; 120 u., Zusatz 1 zu § 15; 123, § 24).

Hier wird also gesagt, dass die absolute Einheit ihre Relata als Rela-
ta begründet, aber nicht umgekehrt aus ihnen verständlich gemacht
werden kann. Ist nun die Identitätsformel ,A = A‘, so kann sie nicht
„das S u b j e k t als Subjekt“ meinen oder als „das Erkennende“ (I/
6, 147) oder das Objekt als das Erkannte. Durch das Begriffswört-
chen ,als‘ (oder qua, Ø) wird immer eine Bestimmung, und damit
eine Einschränkung ausgedrückt, die vom Gedanken der absoluten
Identität fernzuhalten ist. Das bedeutet dann aber, wie Schelling
sich ausdrückt (und dieser Gedanke wird uns noch beschäftigen
müssen), dass nicht eine Konstante (,A‘) mit sich selbst (oder mit
einem Anderen, ,B‘), sondern dass das, was schon identisch ist, mit
sich selbst identifiziert wird: Identität ist prinzipiell Identität zwei-
120 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

er. Aber die sind sich nicht von Natur aus gleich, sondern nur da-
durch (um an das Platon-Wort zu erinnern), dass die Identität sich
mit ihnen noch einmal identifiziert. So verdoppelt sie sich zur
,Identität der Identität‘.
Mit dem Ausdruck ,Selbstaffirmation‘ ist nichts als die Tatsache
gemeint, dass das Absolute „seine eigene Bekräftigung“ ist: „[W]äre
es nicht wesentlich Selbstbejahung, so wäre es nicht das Absolute,
nicht ganz und gar von und aus sich selbst“ (SW I/7, 52). Der
Schein einer Zweiheit oder gar Mehrheit (SW I/6, 157 f., § 12) ent-
steht, wenn man die Reflexivität im Ausdruck ,Selbstaffirmation
der Identität‘ unter die Lupe legt: Da taucht eben ein Subjekt und
ein Objekt der Selbstbekräftigung (oder „Selbstoffenbarung“ [I/7,
54, 59]) auf. Die beiden Ausdrücke stehen doch nur für zwei Wei-
sen der Selbstpräsentation der Identität. Diese ist ,absolut einfach‘
(SW I/6, 164), weil es ein und dasselbe – oder noch besser: weil es
sie selbst (die Identität selbst) ist –, das bzw. die sich als Subjekt in
Objekt-Position bekräftigt.
Es ist hier überall keine T h e i l u n g möglich, so daß etwa ein Theil von Gott
das Bejahende seiner Realität, der andere das Bejahte wäre, sondern jedes das
Bejahende und das Bejahte ist das g a n z e Absolute (164).

Diesen auf Anhieb nicht leicht einsichtigen Gedanken formuliert


Schelling erstmals in seiner Darstellung meines Systems der Philoso-
phie (von 1801) wie folgt:
In dem Satz A = A aber wird dasselbe sich selbst gleich, d. h. es wird eine Iden-
tität der Identität gesetzt. Die absolute Identität ist also nur als die Identität ei-
ner Identität, und dieß ist die vom Seyn selbst [Ontologie] unzertrennliche
[Satz-] Form ihres Seyns (I/4, 121, § 16).18

18 In einer konzentrierten Fußnote zur 2. Erklärung zum § 41 („Jedes Einzelne ist


in Bezug auf sich selbst eine Totalität“ [im Orig. gesp.]) findet sich im Zusam-
menhang der Einführung des Begriffs ,Potenz‘ eine ähnliche Erklärung für die
Verdopplung der Identitätsformel jedes der miteinander identifizierten Relate:
„Ferner das Seyn [oder Wesen] ist unendlich wie das Erkennen [oder die Form],
12. ,AFFIRMIERENDES UND AFFIRMIERTES VON SICH SELBST‘ 121

Im Würzburger System wird diese dunkle These nur wenig explizi-


ter vorgetragen. Aber ein Argument kommt entscheidend dazu:
Das Absolute wird nun beschrieben als „das Affirmirende und das
Affirmirte v o n s i c h s e l b s t“ (I/6, 148, § 6).19 Wir haben im I.
Teil gesehen, dass Schelling die Formel, die Kant für den Organis-
mus entwickelt hatte, nämlich ,von sich selbst zugleich Ursache und
Wirkung zu sein‘,20 damit nur auf die Struktur des binnendifferen-
zierten Absoluten überträgt. Dies ist der Sinn dieser Übertragung:
Sind die beiden Termini in der Identitäts-Gleichung von sich selbst,
nicht nur eins vom anderen, zugleich Setzendes und Gesetztes, so
folgt, dass jedes in sich schon das ganze Absolute ist (§ 18):
beides, das Affirmirende und das Affirmirte, jedes für sich, ist Identität des Af-
firmirenden und des Affirmirten (SW I/6, 164; vgl. 162).21

und b e i d e s, unendliches Seyn und unendliches Erkennen, wird ausgedrückt


durch den Satz A = A. Da der Satz beides ausdrückt, so steht das Unendliche in
Ansehung des Erkennens sowohl als des Seyns unter der Form des Satzes A = A.
Die Indifferenz vom Erkennen und Seyn ist also nicht e i n f a c h e Identität
von A als Subjekt und A als Objekt (Spinoza), sondern Indifferenz von A = A
als Ausdruck des Seyns und A = A als Ausdruck des Erkennens. Q u a l i t a -
t i v e Indifferenz wäre gesetzt, wenn A als Subjekt und A als Objekt einander
entgegengesetzt wären. Dieß ist aber nie der Fall als in Bezug aufs Endliche. In
Bezug auf das Unendliche ist nicht A als Subjekt und A als Objekt, sondern A =
A und A = A, d. h. eine Identität gegen die andere im Gegensatze. Jedes ist gleich
unendlich, also ununterscheidbar […]“ (SW I/4, 134, § 42, Anm. 1). Vgl. auch die
lange Fußnote zu den Aphorismen I/7, 239 f.
19 Die Formel wird expliziert und entwickelt im zentralen § 18, 161 ff.
20 Schelling erklärt, warum er vom Affirmierenden/Bejahenden bzw. Affirmierten/
Bejahten und nicht von Ursache und Wirkung spricht, obwohl er gerade diese
Ausdrücke überträgt. Affirmierendes und Affirmiertes sind einerlei, aber „[u]n-
ter Ursache verstehe ich hier ein Affirmirendes, das von seinem Affirmirten ver-
schieden ist“ (SW I/6, 177; 194 f., § 40). In Kontexten, in denen Schelling mehr
auf den copulativen Sinn der Identifikation abhebt, heißt das Affirmierende ,das
Subjekt (oder das Prädicirende)‘ und das Affirmierte auch ,das Prädicat (oder das
Prädicirte)‘ (so in der „Anmerkung [zur Fußnote] zum XXII. Aphorismus“ l. c.
[SW I/7, 219], verweisend auf S. 202).
21 Schelling behauptet, durch die Ineinanderverschachtelung des Affirmierenden
und des Affirmierten sei „[a]ller Regressus ins Unendliche […] abgeschnitten“
122 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Von dieser (besonders auffälligen) Formulierung ist der Weg zur


Formel von der Identität der Identität leichter nachvollziehbar als
im Zitat aus der Darstellung, obwohl wieder nur in unwilliger Ex-
plizität:
In dem Satz A = A wird nicht Ungleiches Ungleichem, sondern dasselbe wird
sich selbst gleich gesetzt. Das A als Subjekt ist schon das Ganze, ebenso das A
als Prädicat ist das Ganze, es wird nicht eine einfache Identität, sondern es wird
die I d e n t i t ä t e i n e r I d e n t i t ä t gesetzt. Wie nun in dem Satz A = A
das erste A nicht bloß ein Theil des Ganzen, sondern das ganze untheilbare A
selbst ist, ebenso das Prädicat etc.[,] so ist das Absolute, als das Bejahende von
sich selbst nicht bloß ein Theil des Absoluten, sondern das ganze Absolute.
Ebenso das Bejahrte von sich selbst (I/6, 165; vgl. 173).

13. Eine Zwischenbetrachtung: ,Subjekt-Objekt‘


oder ,Subjekt-Prädikat‘?
Ich komme zurück auf das Zitat, das die völlige Unabhängigkeit der
Identität von der Qualität – der inhaltlichen Erfüllung – der Relata
betont. Das gibt willkommenen Anlass, zwei Zwischenbeobachtun-
gen einzuschieben. Sie scheinen bloß terminologischer Natur, be-
treffen aber die Sache der Identitätsphilosophie im Kern und helfen,
Konfusionen vorzubeugen.
Erstens ist zu bemerken, dass Schelling sich bald an der Sache der
wissenden Selbstbeziehung (wenn er die Relata ,Subjekt‘ und ,Ob-
jekt‘ nennt), bald an der Satzform orientiert (in der ein ,Subjekt‘ als
ein ,Prädicirendes‘ – wie er sich ausdrückt – mit einem ,Prädikat‘
oder ,Prädicirten‘ identifiziert wird). Beide – die Sache und die

(SW I/6, 165 o.). Vielleicht, aber gewiss nicht der Zirkel, den Herbart Fichtes
Theorie des sich je schon immer als wissenden Selbstbezug voraussetzenden
Selbstbezugs vorwerfen konnte. Ist ,Ich‘ definiert als ,das Sich Vorstellende‘, so
kommt es mit jeder weiteren Substitution von ,Sich‘ zu einer absehbar endlosen
Iteration, und das Verständnis von ,Ich‘ wird zirkulär nur vorausgesetzt (Herbart
1824 in: Frank 1991, 70 ff., 482 ff.).
13. ,SUBJEKT-OBJEKT‘ ODER ,SUBJEKT-PRÄDIKAT‘? 123

Satzform – werden auch als das ,Wesen‘ und die ,Form‘ des Abso-
luten unterschieden (durchgängig so in den Ferneren Darstellungen
[1802; vor dem § III] und noch in den Stuttgarter Privatvorlesungen
[1810, SW I/7, 421 ff.]). Dem Unterschied entspricht, wie wir sehen
werden, auch der von absoluter Identität und relativer Identität (=
Indifferenz). Bleiben wir aber zunächst bei der ,Wesen‘-,Form‘-Un-
terscheidung. ,Wesen‘ meint: was das Absolute ist; Form, wie es sich
sprachlich-logisch artikuliert (I/4, 120 ff., § 15 ff.). Darum lässt sich
die Form auch mit dem Sich-Erkennen oder der Selbstoffenbarung
des Wesens gleichsetzen (§ 17; SW I/7, 54); und ferner lässt sich von
der Form sagen, sie sei die ,Art und Weise‘, wie das ,Seyn‘ oder
,Wesen‘ (für sich selbst) da sind.22 Die Form ist daher auch der Mo-
dus der Selbsterkenntnis des Wesens (SW I/4, bes. 37). In einer
Fußnote der Freiheitsschrift spricht er von der Form als „dem logi-
schen Begriff“ (I/7, 343) – im Gegensatz zur Substanz als dem We-
sen.
Natürlich ist immer zu bedenken: Dass Schelling die Satz-Copu-
la als Identitätsanzeige verstanden hat, unterliegt keinem Zweifel,
und wir müssen auf diese für die Identitätsphilosophie ausschlagge-
bende Eigentümlichkeit im Zusammenhang mit seiner Ploucquet-
Aufnahme noch zurückkommen. Seit seiner Darstellung meines
Systems der Philosophie (1801) hat er das Wesen der absoluten Iden-
tität von Natur und Geist durch die Form des Urteils erläutert, in
der sie sich ausspricht, die Form aber zugleich in eine einseitige Ab-
hängigkeit vom Wesen gebracht. Die Satz- oder die logische Form
artikuliert nur die Einheit der Substanz. In ihrer Zweigliedrigkeit ist
sie zugleich das Einfallstor für die Ablösung der endlichen Welt
von der unendlichen, von der ab Philosophie und Religion (1804),
drastischer in der Freiheitsschrift (1809) und im ganzen Spätwerk
gehandelt werden wird.

22 Schelling kann sich also Selbsterkenntnis gar nicht anders denn als ein Subjekt-
Objekt-Verhältnis, ausgedrückt durch einen prädikativen Aussagesatz, vorstel-
len.
124 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Schelling unterscheidet den Gehalt oder das Wesen der Identität


zunächst ganz arglos von der Form des Urteils, durch das es (das
Wesen) sich dem Erkennen vermittelt, also von „A als Subjekt und
A als Prädicat“. Sagt man statt ,Wesen‘ ,Seyn‘, so können die Satz-
glieder auch Seinsweisen oder ,Arten des Seyns‘ heißen.23 Während
das Wesen selbstständig existiert, können die kopulativ Verbunde-
nen „nicht von sich selbst seyn“: Sie bestehen nur als vom Wesen
Verbundene (SW I/4, 120 f.).24 Ungeachtet der Tatsache, dass die

23 In dieser idealistischen Phase macht Schelling allerdings – philologisch streng ge-


nommen – noch einen Unterschied zwischen ,Wesen‘ und ,Sein‘. Zum Sein, sagt
er, gehört die Aktuierung einer vormaligen Potenz (SW I/4, 122 f., § 24 und 134,
§ 31). In der Satzform ,A = A‘ ist der Unterschied der Relate zwar angezeigt,
aber nur als begrifflicher oder virtueller; er ist noch nicht wirklich vollzogen, die
beiden unterscheiden sich ja nicht. Erst mit der Aktuierung der beiden Glieder
beginnt offenbar ihr ,Sein‘. Von diesem Augenblick an herrscht – bei fortwähren-
der ,qualitativer Identität‘ – ,quantitative Differenz‘. Und jetzt muss die alte For-
mel ,A = A‘ in ,A = B‘ umgeschrieben werden, weil die Relate darin inhaltlich
(begrifflich) auseinandertreten (124, Erl. zum § 23). Diese Differenzierung darf
ich im Folgenden vernachlässigen, weil Schelling die absolute Identität ja in der
Folge als ,unbedingtes Gesetztsein‘ oder ,absolute Position‘, mithin eben doch –
in Kants Tradition – als Sein charakterisiert (Fußnote zum § 6, S. 117; I/7,
Anm. 1).
Im Würzburger System (1804) ist die terminologische Verschleifung von Sein
und Wesen dann explizit vollzogen. Vgl. SW I/6, 156 (§ 10 mit Folgesatz). Es
findet hier eine direkte Gleichsetzung zwischen ,allem, was ist, insofern es ist‘,
mit ,absoluter Identität‘ statt. Sein = Identisch-Sein. Es heißt ferner: Das, worin
überhaupt Verschiedenheit gesetzt sei, „gehört nicht zum Wesen, zum wahren
esse, sondern zum non-esse, zum Nichtseyn der Dinge“. Hier werden ,Wesen‘
und ,Sein‘ einfachhin identifiziert.
Am konsequentesten finde ich diese terminologische Verschleifung vollzogen in
Schellings Streitschrift gegen Fichte (von 1806: SW I/7, 52 ff.). „[D]as Wesen oder
das Seyn“, heißt es nun, sei das Positive oder Bejahte der Selbstaffirmation; die
Form oder das Bejahende füge das Erkenntnis-Moment hinzu. Weil aber auch
die Form (oder Erkenntnis) nicht ist, sofern sie nicht vom Sein = Wesen ,gewe-
sen‘ werde, dürfe auch sie selbst positiv heißen (I/7, 53,3). Das ist die logische
Implikation der Rede des ,Von-sich-selbst-zugleich-Bejahendes-und-Bejahtes-
Sein‘, dass beide Relate wieder das Eine und ganze Absolute sind.
24 Vgl. SW I/2, 360 f. Am explizitesten über die Wesen-Form-Unterscheidung ist
der Beginn der Stuttgarter Privatvorlesungen von 1810: SW I/10, 421 ff.; vgl. aber
13. ,SUBJEKT-OBJEKT‘ ODER ,SUBJEKT-PRÄDIKAT‘? 125

Satzform mithin unmittelbar mit dem Sein der absoluten Identität


mitgesetzt ist (l. c., § 15), gilt doch ein zwar nicht zeitlicher oder
aktueller, aber doch (onto-)logischer Vorrang des Wesens vor der
Form:
Was zugleich mit der Form des Satzes A = A gesetzt ist, ist auch unmittelbar mit
dem Seyn der absoluten Identität selbst gesetzt, es gehört a b e r n i c h t z u
i h r e m W e s e n, sondern nur zu der Form oder Art ihres Seyns (l. c., Zusatz 1;
deutlicher ebenso SW I/6, 147, 3. Abschn. und 163 u.).

Es gibt also eine asymmetrische Abhängigkeit der Form vom Sein


oder Wesen, die nur mühsam im Verband einer Identität beider un-
terkommt: eine für Schelling charakteristische Annahme. Dazu
passt, dass Schelling die Form des Satzes stets als etwas einführt, in
dem sich das Wesen des Absoluten nur ,ausspricht‘ oder ,ausdrückt‘
(z. B. SW I/6, 150, Zusatz zum § 7). In Form der Vernunft (oder des
Erkennens) – und nichts anderes ist die Form des absoluten Satzes –
„w i e d e r h o l t“ sich nur die absolute und vorprädikative Identität
(l. c., 151, 2. Abschn.; 155 o.). In den Ferneren Darstellungen aus
dem System der Philosophie (1802) wird die Vernunft ganz klar als
„unmittelbares Abbild der ewigen Einheit“, als „Reflex“ und als
Organ des Erkennens derselben ausgewiesen – und, zusammen mit
der ,Form‘, als eine ,Art des Seyns‘ dieser Einheit gegenübergestellt
(bes. SW I/4, 389 – 91). In den Ferneren Darstellungen wird auch
viel klarer, dass in der Form, also der Vernunft als (ideellem) Wi-
derhall der (reellen) Identität, zuerst das Differenzmoment aus sei-
ner bisherigen Potentialität sich zur Aktualität durcharbeitet (389,
4. Abschn.).
Alle diese Zitate artikulieren das Absolute durch die Satzform,
die wiederum als eine Form der Identifikation verstanden wird
(denn sie ist ja der Ausdruck, der Reflex der absoluten Identität).
Dazu passt, dass die beiden Glieder, die sonst ,das Bejahende‘ und

schon den § III der Ferneren Darstellungen aus dem System der Philosophie von
1802, wo die ,Form‘ mit dem ,Erkennen‘ gleichgesetzt wird (SW I/4, bes. 373).
126 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

,das Bejahte‘ heißen, auch ,Subjekt‘ und ,Prädikat‘ – oder auffälli-


ger: ,das Prädicirende‘ und ,das Prädicirte‘ genannt werden (SW I/7,
219; eben da zeigt sich auch besonders deutlich, dass Schelling nur
Kants Formulierung ,von sich selbst zugleich Ursache und Wir-
kung‘ aufgreift und umwandelt; denn er nennt „das Bewirkende =
A“ und „das Bewirkte = B“). Daneben aber ist von ,Subjekt‘ und
,Objekt‘ die Rede – und plötzlich sind wir aus dem logisch-seman-
tischen Zusammenhang heraus- und wieder in einen ontologischen
(oder wenn man will: erkenntnistheoretischen) Diskurs eingetreten.
Dazu passt auch, dass Schelling (man muss hinzufügen: in dieser
Phase seines Philosophierens) gar keinen Unterschied zwischen
Existenz und Identität macht. Existenz ist eine (uneigentliche, hö-
herstufige) Eigenschaft von Gegenständen, nämlich die, zu einer
nicht-leeren Begriffsklasse zu gehören, also wirklich von wenigs-
tens einem Gegenstand instanziiert zu werden. Und Identität ist
eine relationale Eigenschaft, wenn sie auch von einigen Logikern
schamhaft ,die allerfeinste‘ genannt wird. An der eben angegebenen
Stelle aus den Aphorismen über die Naturphilosophie, sagt Schelling
gar, „[a]lle Existenz beruh[e] auf der unauflöslichen Verknüpfung
des Subjekts mit einem Prädicat, die in jenem Satze [A=A] nicht für
den besondern Fall, sondern allgemein und schlechthin / ausgesagt
ist“ (I/7, 218 f). Dieses Changieren zwischen Ontologie und Seman-
tik ist auch für Hölderlins Argumentationsskizze Urtheil und Seyn
und für den Beginn von Hardenbergs sog. Fichte-Studien charakte-
ristisch. Es hängt zusammen mit einer Identitätstheorie der Prädi-
kation, die zugleich das Weltgeschehen am Leitfaden fortschreiten-
der prädikativer Bestimmung eines (anfangs nur pronominal be-
stimmten) Ursubjekts begreift (Hogrebe 1989; siehe oben, Kap. 5,
61 ff.) und deren Grundlagen Hölderlin, Hegel und Schelling noch
im Tübinger Stift erwarben.25

25 Dazu ausführlicher unten Kapitel 16.


14. DIE ,FORM‘ ALS KEIM DER SELBSTENTFREMDUNG 127

Eine 2. Beobachtung steht an, die sich eigentlich von selbst ver-
steht und die ich immer wieder nebenbei mit bedient habe: Die
durch die Großbuchstaben B und A bezeichneten/symbolisierten
Relata [z. B. SW I/6, 165]) stehen freilich für Natur (die Totalität
des Physischen) und Geist. Schellings Prinzip formuliert also auch
(und wesentlich) eine These über die Identität des Physischen und
des Geistigen. Wir wissen aus der Einleitung, dass seine Konzepti-
on/Theorie kompliziert, aber von eigentümlicher Eleganz ist und
noch heutige Leib-Seele-Theorien inspirieren kann. Auch das wird
noch zur Sprache kommen.

14. In der Binarität der ,Form‘ steckt der Keim


der Selbstentfremdung des Absoluten
Nach dieser terminologischen Zwischenbetrachtung möchte ich
zum Kernthema dieser Abhandlung zurückkehren. Es hat sich ge-
zeigt, dass Schelling die Leibniz’sche Auffassung der Identität, die
er durch Ausdrücke wie ,Einerleiheit‘ oder ,Identität nur mit sich‘
wiedergibt, zu starr findet und durch Humes (und eventuell Baum-
gartens) Auffassung überlagert, wonach Selbigkeit eine minimale
Differenz einschließen muss. Anders müssten wir ihr jeden Er-
kenntniswert (wie Frege sagt) absprechen.
Bisher hat uns Schelling diesen Gedanken aber in einer Weise
vorgeführt, die zwar ein Wesen an eine Form (der Selbsterkenntnis
in Gestalt eines Satzes) bindet. Und damit eine Zweiheit, eine Rela-
tion, in die Identität einbettet. Aber er hat keine Gelegenheit ver-
säumt, die Asymmetrie dieses Verhältnisses zu unterstreichen. Die
Identität strahlt in einer ,freien Bloßheit‘ (Schelling 1989, 49),26 die

26 Auch diesen Ausdruck schöpft Schelling aus Oetinger, vgl. den Artikel „Freiheit,
Eleutheria“ seines Biblischen und Emblematischen Wörterbuchs. „Und wo du
anfangst, Dich zu Gott zu nahen […], so erfährest du an dir selbst, was Freiheit
seye, viel besser als wenn wenn du philosophisch nachdenkest, daß bei der Frei-
128 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

die Binarität ihrer Selbstoffenbarung gleichsam ausblendet oder


vielmehr zu einem Schlemihl’schen Schatten verkümmern lässt. Je-
denfalls wird überaus deutlich, dass er die Identität keinesfalls – wie
Hegel es unternehmen wird – aus dem Reflexe-Spiel der Relata
(Subjekt und Objekt, Ideelles und Reelles, Subjekt und Prädikat)
erklären will (Henrich 1971, 1976a). Die sind vielmehr einseitig ab-
hängig von der Identität und würden eine Selbstbeziehung ohne die
Dominanz des Identitäts-Moments aus eigenen Mitteln nicht gene-
rieren können. Anders: Zwar bedarf das Absolute einer Selbstoffen-
barung, und die bringt ein Moment der Differenz (oder Alterität)
ins Spiel. Aber nicht die Differenz als Differenz erklärt den Erfolg
der Selbstoffenbarung.
Am Beispiel des Selbstbewusstseins hatte Schellings Freund Höl-
derlin diesen Punkt früh deutlich gemacht (obwohl nicht bekannt
ist, ob Schelling dies Argument der Jahreswende von 1795/9627 von
ihm kannte):
Wie kann ich sagen: Ich! ohne Selbstbewußtseyn? Wie ist aber Selbstbewußt-
seyn möglich? Dadurch dass ich mich mir selbst entgegenseze, mich von mir
selbst trenne, aber ungeachtet dieser Trennung mich im entgegengesezten als
dasselbe erkenne. Aber in wieferne als dasselbe? Ich kann, ich muß so fragen;
denn in einer andern Rüksicht ist es sich selbst entgegengesezt (Hölderlin 1991,
156, Z. 20 – 26).

Wir brauchen Einheit zum Verständnis von Selbstbewusstsein:


denn mit ,Ich‘ meinen wir uns als eine(n), nicht als mehrere; aber
wir brauchen auch Differenz, weil wir die Einheit nur durch Refle-

heit eine Indifferenz, eine Gleichgültigkeit der Kräften seye“ (Oetinger 1999 I,
221 f.).
27 Über diese Datierung siehe Strack (2013, 8 ff., bes. 17). Henrich (1965/66) hatte
das Notat aufgrund von Indizien auf vor dem 20. April 1795, „vermutlich um
den Beginn des Monats“ entstanden datiert (Henrich 1991, 56). Schellings Ich-
Schrift war erst zur Ostermesse 1795 erschienen. Während Henrich ihren Ein-
fluss auf Hölderlin leugnet, hält Strack ihn – mit seiner späteren Datierung – für
ausschlaggebend.
14. DIE ,FORM‘ ALS KEIM DER SELBSTENTFREMDUNG 129

xion erkennen können, und Reflexion ,ur-teilt‘ und spaltet die ur-
sprüngliche Identität. – Da Schelling diese fortbestehende (und im
späteren Werk wieder auflebende) Orientierung am Selbstbewusst-
sein nicht ausdrücklich macht, wirkt die Unterlegung der Begriffs-
analyse von Absolutheit und Identität durch die Selbstaffirmation
aufgesetzt, und damit auch das plötzliche Auftauchen eines Mehr-
als-Einheit,28 ohne das wir die Formel ,Hen kai pan‘ doch nicht ver-
stehen könnten.
Bei Schelling wird diese ur-teilende Zweiheit von der ,absoluten‘
Identität gleichsam verschluckt. Die Frage ist also: Wie bringt
Schelling sie dennoch so zur Geltung, dass seine kühne Formel von
der ,Einheit der Einheit und des Gegensatzes‘ Kontur gewinnt und
glaubwürdig wird. Anders gefragt: Wie macht sich das Differenz-
Moment in der dialektischen Identitäts-Formel geltend?
Als ich eben daran erinnerte, dass Schelling die (zu starke) Leib-
niz’sche Identitätsformel mit einem Schuss Hume’scher Skepsis lo-
ckert, meinte ich genau den Einbau der Differenz in die Identitäts-
formel. Der Schweizer Arzt und Naturphilosoph Ignaz Paul Vital
Troxler hat eine Nachschrift des Vortrags von Schellings erstem
Kolleg über sein Identitätssystem aus dem Jahr 1801 hinterlassen.
Diese Nachschrift ist an einigen Stellen expliziter als der höchst
wortkarge, trockene und mit Erklärungen geizende Vortrag des ge-
druckten Fragments, das obendrein Spinozas mos geometricus ver-
ständniserschwerend nachahmt. Zum hier angesprochenen Problem
hat Troxler dies notiert:

28 Mit ,Mehr-als-Einheit‘ meine ich Hölderlins und Schellings gemeinsame Über-


zeugung, dass „Identität“, wie Novalis sagt, „ein subalterner Begriff“ ist (Novalis
1965, 187, Z. 3 f.). Beim frühen Schelling und bei Hölderlin stehen „Seyn“ oder
„das Absolute“ höher (am höchsten) in der Hierarchie, jedenfalls noch über
,Identität’ (Hölderlin 1991, 136, Z. 7: „Aber dieses Seyn muß nicht mit der Iden-
tität verwechselt werden“; Schelling SW I/1, 178: „Mithin wird selbst alle Form
der Identität (A = A) erst durch das absolute Ich begründet“).
130 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Jener Satz a = a drückt das Absolute dadurch aus, indem er die Indifferenz und
Differenz zugleich setzt. Er ist wohl zu unterscheiden von dem, wo die erstre
im Gegensatz gegen die letztre ist, wie im Fichtischen Ich = Ich, in dem, wie
aus dem zweiten und dritten Grundsatz seiner Wissenschaftslehre erhellt, keine
Differenz inbegriffen ist (Schelling 1988, 34).29
Es wird also gefordert eine absolute Indifferenz zwischen Objektivität und
Subjektivität. Mit gleicher Notwendigkeit muß das Identische weder das eine
noch das andre und das eine und das andre zugleich sein. Diesem entspricht der
Satz: a = a. Er drückt die Existenz, das Wesen und die Form der absoluten
Identität aus. Er sagt, die Identität a ist identisch mit der Identität a – Subjekt-
objekt a und Subjektobjekt a sind eins und ebendasselbe. Diese beiden, wie sie
hier ausgesprochen sind, sind im a 1 wie a 2 – die aber beide a sind (l. c., 50; vgl.
Schelling 1989, 48 ff.).

,Schön und gut‘, werden wir sagen. ,Da scheint der kluge mitschrei-
bende Student manches selbst nicht genau verstanden zu haben.
Wieso ist, was da eins ist, zugleich von sich verschieden, außer weil
es zweimal ausgesprochen wird? Das aber gilt doch für den angeb-
lich leeren Reflexionsbegriff Fichtes (,Ich = Ich‘) ebenso. Wichti-
ger: Wie genau wird denn begründet, dass das, was Eins ist, auch
das ist, was Alles ist – ja, woher kommt denn überhaupt auch nur
der Schein einer Mehrheit ins völlig einfache Eins?‘ In der Tat, das
scheint zu den Erschleichungen zu gehören, an denen Schellings
Nachahmung der geometrischen Methode des Spinoza nicht arm
ist. Sie entmutigt den/die gutwillige(n) Leser(in). Alles wird präsen-
tiert als aus einem einzigen Grundsatz, A = A, mit mathematischer
Notwendigkeit folgend, der gleich anfangs auch schon als Urform
der ,Vernunft‘ (SW I/4, 114, § 1) bzw. des ,Wissens‘ (I/6, 137, § 1)
ausgegeben war. Wer sich dazu weitere Auskunft erhofft, wird ab-
gespeist mit der rüden Auskunft: „Das Denken der Vernunft ist je-
dem anzumuthen“ (I/4, 114).

29 Das leere Ich = Ich Fichtes, sagt Schelling später, ist kein Fall von informativer
Identität, sondern exemplifiziert lediglich die „unveränderliche E i n e r l e i -
h e i t“ eines nur mit sich selbst: „der bekannte Reflexionsbegriff an die Stelle der
absoluten Identität gesetzt“ (SW I/7, 69; dazu der 14. Text in: Frank 2007).
14. DIE ,FORM‘ ALS KEIM DER SELBSTENTFREMDUNG 131

Der Schein einer der absoluten Identität eingearbeiteten Vielheit


wird erregt durch die stillschweigend zu ihrer Artikulation einge-
setzte Formel der Selbstaffirmation des Absoluten. Schelling macht
es seinen Leser(inne)n darum schwer, weil er das Differenz-Mo-
ment in der Identitätsformel zugleich unterschlägt und an die große
Glocke hängt. Was immer ,Selbstaffirmation‘ sonst noch bedeuten
mag: Die Wendung meint ein epistemisches Sich-auf-sich-Beziehen.
Und dass dies Selbsterkennen – im Gegensatz zur ,unären‘ Essenz
des Absoluten selbst30 – in der ,binären‘ Form eines Satzes erfolgt,
daran lässt Schelling keinen Zweifel. Wir haben also (Subjekt-Prädi-
kat-)Relation und Selbigkeit zugleich. Aber der Zusatz, dass die
Selbstaffirmation als „ein Selbsterkennen beschrieben“ werden kön-
ne, wird erst im § 19 ganz explizit gemacht (I/6, 168 [im Orig.
gesp.]). Wie kämen wir aber dahin, wenn wir nicht insgeheim von
Anfang an außer vom Begriff der Identität zugleich auch von dem
der wissenden Selbstbeziehung (,Reflexion‘), und damit auch der
Selbstunterscheidung, ausgegangen wären? Die Rede vom ,Wesen in
der Form‘ will diesen Gedanken der Selbstreflexion ja wohl nur als
Platzhalter vorläufig besetzen. Reflexion ist nun eine Beziehung be-
sonderer Art: nämlich eine Beziehung auf sich selbst (als auf sich
selbst), und dazu noch eine wissende Selbstbeziehung (unterschie-
den etwa von selbstregulativen Beziehungen innerhalb einer organi-
schen Struktur, die zwar bestehen, aber nicht notwendig eine
Kenntnis von sich ausbilden: Man denke an einen unbedingten Re-
flex).
Obwohl er gleich zu Beginn seiner Darstellung jeden Bezug auf
ein (zur absoluten Vernunft äußerlich noch hinzutretendes) erken-
nendes Subjekt abweist (SW I/4, 114 f.; wir sahen: im Würzburger
System ist polemisch von ,Subjektiviren‘ des Absoluten die Rede: I/
6, 142), ist doch ganz klar, dass Schelling, was er ,absolutes Wissen‘
oder ,Vernunft‘ nennt, am Modell des (Fichte’schen) Selbstbewusst-

30 Zur Unterscheidung von ,binär‘ und ,unär‘ vgl. Wehmeier 2012.


132 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

seins orientiert. In dieser Struktur ist es aber ganz leicht, ein Ein-
heits- und ein Differenz-Moment als gleichermaßen konstitutiv
auszumachen. Daran sollte das obige Hölderlin-Zitat aus Urtheil
und Seyn erinnern.
De facto scheint Schelling so vorzugehen: Den ersten Schritt
macht die Rede von der Unendlichkeit des Absoluten (Würzburger
System, § 16). Unterschieden wird eine „aktuelle Unendlichkeit“
von einer durch bloße Addition angestrebten (oder potentiellen)
Endlosigkeit. Die eine ist in sich gefasst, die andere verfließt im
schlechten Sinne im Unendlichen: wie Zeit und Kausalkette (SW I/
6, 160). Klar, dass die letztere, die Hegel die ,schlechte Unendlich-
keit‘ nennen wird, sich nicht als Kandidatin zur Erläuterung der
Formel der absoluten Selbstaffirmation des Absoluten eignet. In die
erste ist aber der Begriff der ,omnitudo realitatis‘ hineingeschwin-
delt; und in der Tat werden wir zugeben, dass, wer behauptet, alles
sei Eins, meinen muss, dass es irgendwie Vieles gebe. Denn ,alles‘
meint ja: jeder der unendlich vielen Gegenstände, deren jeder nu-
merisch von allen anderen wohl unterschieden ist. – Aber wie ha-
ben wir diese Vielheit eingeführt, wo kommt sie her?
Offenbar ist die Zweiheit der Keim der Dissemination; und zu
ihr kommt Schelling durch das Als-zwei-Zählen der Glieder (oder
„Faktoren“31 [208, 210, passim; so schon 1801: Schelling 1988, 46])
Affirmierendes und Affirmiertes. Zur Drei kommt er, indem er

31 Den Ausdruck ,Faktor‘ hat Schelling wie andere Elemente seiner Potenzenlehre
von der Gradationstheorie Carl August Eschenmayers übernommen, der Quali-
tätsunterschiede der Materie aus den Dichtigkeiten der Materie, und diese wieder
aus unterschiedlichen Verhältnissen der Attraktions- und der Repulsivkraft qua-
si-mathematisch ableitete und schon eine Abfolge der Höherpotenzierung vorge-
sehen hatte. Vgl. des Herausgebers (Manfred Durner) editorischen Bericht zu
HKA I.10, 14 – 19 und das Namenregister („Eschenmayer“). Noch instruktiver
ist der Kommentar zu Eschenmayers bedeutendem Brief an Schelling vom 07. 02.
1801 (HKA III.2,1, 357 – 363), nämlich HKA III.2,2, 739 – 742). Direkt auf die
Herkunft des Ausdrucks ,Faktor‘ geht ein Francesco Moiso im Erg.bd. zu den
Bd. 5 – 9 der HKA, 217 mit Fn. 183, verweisend auf Eschenmayer 1798: 37 f.
14. DIE ,FORM‘ ALS KEIM DER SELBSTENTFREMDUNG 133

auch die Totalität (die wieder als Einheit gefasste Vielheit) als eigen-
ständiges Glied berücksichtigt – alles natürlich zunächst in vernei-
nenden Wendungen: Die Einheit dürfe, sofern sie der absoluten
Identität eingebildet sei, gerade nicht als eigenständig gezählt wer-
den:
Gott selbst [ist] nicht das eine und das andere/ insbesondere, noch selbst die
Einheit beider; die letzte nicht, denn diese ist nach § 23 nur a f f i r m i r t durch
die Idee Gottes, also n i c h t d i e I d e e G o t t e s s e l b s t (SW I/6, 201 f.).

Wieder müssen wir auf den Gebrauch des Begriffswörtchens ,als‘


achten, das den ihm folgenden Ausdruck ,bestimmt‘, d. h. ein- bzw.
ausgrenzt aus dem Verband der Identität. Diese Aussonderung wird
ja von dem Adverb ,insbesondere‘ ausgedrückt. Das Absolute selbst
ist also nicht Affirmierendes, nicht Affirmiertes noch auch die Ein-
heit beider insbesondere.
Wie aber kommen die drei Faktoren zu ihrer – und sei’s schein-
baren – Verselbständigung, ohne die es keine wirkliche, keine er-
scheinende Welt gäbe? Zunächst beutet Schelling den Doppelsinn
von ,Unendlichkeit‘ aus, indem er die eine Bedeutung unerlaubt in
die andere hinüberspielen lässt. (Das nennt man in der Argumenta-
tionstheorie eine Äquivokation.) Der Schluss lässt sich wie folgt re-
konstruieren: ,Aktuelle Unendlichkeit ist omnitudo realitatis. Nun
ist Allheit nichts als die erschöpfende Versammlung alles Einzel-
nen32 („Denn so gewiß sie unendlich ist, so gewiß ist n i c h t s au-

32 Das entspricht genau Georg Cantors späterer Definition der aktuellen Unend-
lichkeit (= des Absoluten): „[Ich gebrauche] den Ausdruck ,absolut‘ nur für das,
was nicht mehr vergrößert, resp. vervollkommnet werden kann, in Analogie des
,Absoluten‘ der Metaphysik“ (Cantor 1991, 139). Vgl. ders. 1932, 378: „Es wurde
das A.-U. [Aktual-Unendliche] nach drei Beziehungen unterschieden, erstens so-
fern es in der höchsten Vollkommenheit, im völlig unabhängigen, außerweltli-
chen Sein, in Deo realisiert ist, wo ich es Absolut-Unendliches oder kurzweg Ab-
solutes nenne; zweitens sofern es in der abhängigen, natürlichen Welt vertreten
ist; drittens sofern es als mathematische Größe, Zahl oder Ordnungstypus vom
Denken in abstracto aufgefaßt werden kann, In den beiden letzten Beziehungen,
wo es offenbar als beschränktes, noch weiterer Vermehrung fähiges und insofern
134 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

ßer ihr, dasjenige aber, außer welchem nichts ist, ist nothwendig das
A l l“ [174, § 24]). Also impliziert sie (= die aktuelle) die schlechte
Unendlichkeit, d. h. die additive oder aggregatartige Versammlung
alles realen Einzelnen.‘ Dabei ist schon vorausgesetzt, dass Einzel-
nes existiert.33 Aber wie das möglich sein soll, wenn außer dem All
nichts real ist, hatte Schelling uns noch gar nicht gezeigt.
Er versucht es uns aber zu zeigen, und zwar ungefähr so: Die
einzigen Elemente, mit denen sich arbeiten lässt, wenn man vom
einsamen Einen zum Vielen und Verschiedenen gelangen will, sind
– wie wir sahen – die Faktoren des Absoluten: Affirmierendes, Af-
firmiertes und die Einheit beider – sagen wir (mit Troxler): Subjekt,
Objekt und Subjekt-Objekt. Diese sind identisch, solange sie es
miteinander sind. Ihr Unterschied ist nicht aktuell, sondern nur be-
grifflich (das ist ein Grund, warum Schelling die Faktoren ,Poten-
zen‘, ,Möglichkeiten‘ nennen wird). Tritt einer der Faktoren aus
dem Zustand der Möglichkeit (potentia) in den der Wirklichkeit
(actualitas) über, so schließt er seine Mit-Faktoren von sich aus.
Das Affirmierende, das vordem mit dem Affirmierten begrifflich

dem Endlichen verwandtes A.-U. sich darstellt, nenne ich es Transfinitum und
setze es dem Absoluten entgegen.“ Zum Bezug Cantors auf Schelling vgl. Kunz
(2013), zu Kants und Hegels Bezug auf Cantor: Kreis (2015).
33 Die Äquivokation wird noch gesteigert dadurch, dass Schelling – mit Spinoza –
in der Selbstaffirmation nicht nur Unendliches impliziert sieht, „sondern auch
a u f u n e n d l i c h e W e i s e: Mit andern Worten: A l l e s, was kraft der
Selbstaffirmation Gottes möglich ist, ist auch unmittelbar wirklich durch sie. Das
aber, worin alle Möglichkeiten Wirklichkeiten sind [die omnitudo realitatis] ist
nothwendig ein solches, dem nichts gebricht: es ist A l l […]“ (SW I/6, 174,
§ 24; vgl. die „Erläuterung“ zum § 25, S. 176). Die Erschleichung besteht darin,
dass numerische Vielfalt oder Einheit vom All geleugnet (§ 25, 175), zugleich
aber vorausgesetzt wird: „[W]as aus Gott auf unendliche Weise folgt, und was
daher in der Erscheinung [deren Möglichkeit doch erst erklärt werden soll] als
ein Verschiedenes sich darstellen kann, ist doch in der absoluten Position der un-
endlichen Realität [hier wechselt die Bedeutung von ,unendlich‘ zu ,aktuell un-
endlich‘], d. h. in der Idee Gottes selbst, Eins“ (176). Wie kann, was nicht Vieles
ist, sich in der Erscheinung als Vieles darstellen?
14. DIE ,FORM‘ ALS KEIM DER SELBSTENTFREMDUNG 135

identisch war, schließt dieses wie Ursache die Wirkung von sich
aus:
Es muß hier immer etwas von dem Begriff, von dem Denken Unabhängiges
hinzukommen, damit der Gegensatz s e y. Indem ich irgend einen Gegenstand
= A denke, so denke ich nur A, ich denke nichts anderes, welches in dieser
Qualität noch A wäre. Aber ist dieses A ein Nichtabsolutes, so ist es durch ein
anderes bestimmt – ein anderes ist sein Affirmirendes – ich muß also auf etwas
von meinem Denken, welches ein bloßes Denken von A ist, Unabhängiges, auf
ein anderes als A, auf B hinausgehen, um A als reell zu setzen, von B wieder auf
C, u. s. f. (SW I/4, 149; vgl. I/7, 204, Anm. 2).

Was nur der Möglichkeit nach verschieden war, sich aber faktisch
nicht unterschied, kann ein und denselben Ort mit diesem Anderen
einnehmen. Erst mit der wirklichen Ausgrenzung voneinander wird
Eines zu Dreien. Das ist das Wesen der Bestimmung, die „B e -
s t i m m u n g d u r c h a n d e r e s“ ist (I/6, 195), also einem Gegen-
stand einen Raum, eine Sphäre zumisst, der die Sphäre aller anderen
Seienden von sich ausschließt.34 Statt mit den anderen potentiā iden-
tisch zu sein, sondert er sie actu von sich aus. Der Faktor ist nun,
wie Schelling früher gesagt hatte, Affirmierendes insbesondere oder
Einheit insbesondere, also verhält sich jeder Faktor exklusiv gegen
die anderen (SW I/6, 181). Vielheit ist also ein Schein: „Das Concre-
te ist also Vieles, eben weil es nicht das W a h r e ist“ (191; gegen
die Verwechslung von ,Einheit‘ mit ,numerischer Einfachheit‘ vgl.

34 In der Darstellung wird die Anreicherung der Identität mit der Totalität offenbar
vom Auftauchen der quantitativen Differenz und der Einzelheit abhängig ge-
macht und ist insofern ein Zug der endlichen (erscheinenden) Welt. Dem § 30 hat
Schelling eine eigene und ausführliche „Deduktion [angefügt], daß die absolute
Identität nothwendig Totalität ist“ (SW I/4. 126 f.). Danach scheint deutlich, dass
Totalität aktuelle Vielheit, Verschiedenheit und Einzelheit enthält bzw. voraus-
setzt und dass Totalität nichts ist als „[d]iese Differenz im Einzelnen […] und
Indifferenz im Ganzen“ (127). Demnach ist Totalität noch kein gleichsam gebo-
rener Charakter der absoluten Identität, sondern gehört zur Erscheinung. Dafür
spricht auch, dass Schelling sie einmal „das erste Seyn“ nennt (128), ähnlich spä-
ter die Materie, die er hier und später gern das ,primum existens‘ (144 o.) nennt.
136 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

auch 175, § 25). Von dieser Absonderung vom Wahren spricht


Schelling auch als von einer Abstraktion, einer Ablösung. Sie er-
zeugt abstrakte Existenzen (I/7, 190: „abstrahirte[s] Daseyn der
Dinge“):
[D]as Besondere [entsteht] nur durch Abstraktion von dem Wesen (SW I/6,
185).
Durch die Einheit sowohl als Vielheit wird nichts zum
Wesen eines Dings Gehöriges ausgedrückt. Beide sind
n u r F o r m e n d e r A b s t r a k t i o n v o n d e m A l l , d . h . Formen des
Nichtseyns (192).
Denn das Unendliche ist unendlich und für sich selbst, nur inwiefern es in Gott
als absoluter Einheit begriffen ist; abgesehen von dieser Einheit, fiele es der blo-
ßen Relation mit anderem anheim (I/7, 161, Nr. 90).
Das Endliche k a n n nicht getrennt von dem Unendlichen seyn, weil es an sich
nichts seyn würde, da es nur auf Relationen beruht, diese aber nichts seyn kön-
nen ohne das, wovon sie es sind. / Wird das Endliche abstrahirt gedacht vom
Unendlichen, so verlangt es seinen eignen Ursprung und wirkliches Daseyn,
und d i e b l o ß e R e l a t i o n s e l b s t m u ß d a n n [per impossibile] z u
e t w a s R e a l e m u n d W i r k l i c h e m g e m a c h t w e r d e n . / Dagegen
als gleich ewig mit dem Unendlichen gesetzt, ist das Endliche, eben deshalb,
auch als nichtig gesetzt. – (l. c., 190 f.).
Das Seyn der Dinge in Gott ist […] ihr nicht-Seyn in Relation auf/einander, so
wie dann im Gegentheil ihr Seyn in Relation aufeinander nothwendig ihr nicht-
in-Gott-Seyn oder ihr nicht-Seyn in Ansehung Gottes involvirt (l. c., 196 f.).
Klar ist, daß […] dem Einzelnen, wie es n u r relativ auf andere Einzelne, d. h.
abstracte [abgesehen] von dem Unendlichen, ist, diese andere Einzelne nicht in
der Ungeschiedenheit und Klarheit des Centri, sondern allein in […] unwesent-
licher Verknüpfung offenbar und gegenwärtig seyn können (208, Nr. XLVII;
zur ,abstrakten‘ Existenz des relativ nicht Seienden vgl. Nr. LIII, S. 209).

Das „Absehen von dem Reellen“ nennt Schelling gelegentlich auch


„ein Imaginiren“ (l. c., 61; vgl. 164, Nr. 111; 169, Nr. 133; 171,
Nr. 145). Der Ausdruck ,Einbildung‘ passt ins Wortfeld ,Schein‘,
,Erscheinung‘, ,lµ em‘ oder ,bloßes Gedankending‘. Es ist nur
Schein, dass die Dinge sich in einem Außereinander individuieren
14. DIE ,FORM‘ ALS KEIM DER SELBSTENTFREMDUNG 137

oder dass sie sich von ihrem wahren Sein, dem platonischen emtyr
em, ,abstrahieren‘ lassen:
Das Seyn als S e y n kann sich daher […] nicht außer dem Seyn befinden; be-
trachtest du demnach die Vielheit und das Außereinander, so betrachtest du
nicht das S e y n, und siehst du das S e y n, so siehst du eben deshalb die Vielheit
und das Außereinander nicht (l. c.).

Aus all diesen Zitaten könnte man sich nun das Bild machen, die
Identitätsphilosophie, die im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts
so naturfreundlich begonnen hatte, sei zu einer platonischen Ver-
achtung der erscheinenden Welt übergegangen. Denn die Form
zeigt sich ja nun nicht als harmlose Verdoppelung oder Selbstoffen-
barung des Wesens, sondern vielmehr als eine Art von Fehl- oder
Missrepräsentation seiner. Das Wesen an ihm selbst ist eben nicht
seine Form. Und wenn es der Form bedarf, um das Wesen der Er-
kenntnis zu vermitteln, so könnte man urteilen, dass diese Selbstof-
fenbarung gerade daran scheitert, dass sie das fugenlose Eine zu ei-
ner judikativen Zweiheit entstellt.
Das zeigt sich auch an einem Zug, den, soviel ich weiß, Schelling
nie explizit gemacht hat. In den frühesten Fassungen des Magnetis-
mus-Schemas, das die Vereinbarkeit absoluter Identität mit quanti-
tativer Differenz illustrieren soll (siehe unten, Kap. 15, 150 – 152),
soll die Identität der Linie durch das „A = A“ verbürgt sein. Später
wird die Form oder das vom Band der absoluten Identität Verbun-
dene als B bezeichnet: mit der erneuten Zweideutigkeit, dass ,B‘
bald ,das vom Band Verbundene‘ (also eine Zweiheit), bald nur das
einsame Korrelat von A bedeutet. Da es nun, nach Voraussetzung,
außer A nichts gibt, muss B als eine Art Schein- oder Miss-Reprä-
sentation von A erscheinen; eben als der Preis, den A dafür erbrin-
gen muss, sich selbst in Satz-Form zu artikulieren und damit dem
Erkennen zugänglich zu machen. (Wobei die interessante Voraus-
setzung waltet, dass nur satzförmig Artikuliertes möglicher Gegen-
138 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

stand eines Erkennens ist. Danach brächte es die so genannte ,intel-


lektuale Anschauung‘ eben nicht zur ,Erkenntnis‘ des Absoluten.)
Seit der Weltalter-Phase ist das dominante A (das außerdem zu
einer idealistischen Missinterpretation von Schellings im Grund
hinsichtlich Idealismus und Naturalismus neutralem Monismus
verleiten könnte, denn ,A‘ steht ja für ,Geist‘) stillschweigend (näm-
lich ohne jede diesbezügliche Aufklärung des Lesers/der Leserin)
durch ,X‘ ersetzt worden. ,X‘ heißt nun das absolute Band, und die
von ihm Verbundenen heißen A (Geist) und B (Natur). B ist in die-
ser neuen Formel (die im unten abgebildeten Magnetismus-Schema
schon 1806 auftaucht) gleichursprünglicher Partner von A, nicht
dessen verzerrte oder entfremdete ,Form‘.
Die ersten Jahre des 19. Jahrhunderts zeigen Schelling angele-
gentlich bemüht, den schlechten Ruf der ,Form‘ zu korrigieren.
Fortan zeigt er sich interessiert an der Körperlichkeit und Einzel-
heit des Einzeldings, überhaupt dem Gedanken der Individualität
(und Personalität). Ihnen scheint er eine neue Würde verleihen zu
wollen – während sie früher als Scheinrepräsentationen und damit
Verfehlungen des Absoluten abqualifiziert wurden. In der Form,
die seit 1802 auch gelegentlich ein ,anderes Absolutes‘ (SW I/4, 31
[ff.]) heißt, gründet, was seit 1804 für den „Abfall“ von der Idee des
Absoluten Verantwortung trägt (SW I/6, 38 ff.; vgl. 552). Ein für die
frühe Identitätsphilosophie typischer hochmütiger Satz lautete:
„Nichts ist an sich betrachtet endlich“ (SW I/4, 119. § 14 [im Orig.
gesp.]; so auch I/6, 161). Nun scheint sich Schelling davon zu über-
zeugen, dass sich nichts ,an sich‘ betrachten lässt. In den Aphoris-
men zur Einleitung in die Naturphilosophie (von 1806) schreibt er
recht salbungsvoll, aber ohne die mindeste Aufklärung der verblüff-
ten Leserin:
Wessen ich mich rühme? – Des Einen, das mir gegeben ward, daß ich die Gött-
lichkeit auch des Einzelnen, die mögliche Gleichheit/ aller Erkenntniß ohne
14. DIE ,FORM‘ ALS KEIM DER SELBSTENTFREMDUNG 139

Unterschied des Gegenstandes, und damit die Unendlichkeit der Philosophie


verkündigt habe (SW I/7, 143 f.).

,Wie und wo das?‘, werden wir nach Kenntnisnahme der Zitate fra-
gen, die ich eben umständlich ausgebreitet habe. Wenn Schelling
nun sagt (in den Aphorismen von 1806), die Anschauung (die ja
schon in den Abhandlungen von 1796/97 als das Höchste im
menschlichen Geiste, nicht als das Tiefste oder Unterste gerühmt
worden war) schaue „in jedem [Einzelnen] die Allheit“ (l. c., 146),
so sieht man eine Akzentverschiebung. Sieht man auch einen Theo-
riewechsel? Ihn möchte Schelling um jeden Preis verleugnen oder
doch unauffällig halten. Schauen wir genauer hin.
Das Sein der Dinge im Absoluten, hatte Schelling in derselben
Schrift gesagt, ist ihr Nicht-Sein-in-Relation (196 f.). Denn im Ab-
soluten selbst ist nichts Relatives, „kein Vor oder Nach“ (SW I/6,
160 [im Orig. gesp.]). Da die Dinge nur in Abstraktion vom eigent-
lichen Sein ihr geborgtes oder Quasi-Sein haben, muss von dieser
Abstraktion selbst noch einmal abstrahiert werden, wenn ihr ei-
gentliches Sein in den Blick kommen soll. Man kann das – hegelisch
– auch als Selbstnegation der Negativität, des lµ eWmai der endlichen
Dinge, beschreiben. Der sprechendste, Hegels Grundüberzeugung
am nächsten kommende Beleg für diese Negation der Negation fin-
det sich in Schellings Vergleich mit dem Auge im Spiegel, das sich
selbst setzt, indem es den Spiegel nicht setzt, und den Spiegel setzt,
indem es sich selbst nicht setzt (SW I/6, 197 f.). Der Spiegel ist die
Metapher der Endlichkeit oder des Nicht-Seins – auch der ,Form‘,
in der sich das Absolute satzförmig erkennbar macht oder ,selbstof-
fenbart‘. So setzt sich das einzelne Ding, indem es das nicht setzt,
was an ihm nicht ist, und das ist – wie wir wissen – seine Relativität
auf andere Dinge. Die Deutung des Vergleichs:
[…] es ist ein und derselbe untheilbare Akt, das ewige Schaffen der Idee Gottes,
wodurch das All i s t und das Besondere n i c h t ist, wodurch das All sich als
All gesetzt, und wodurch das Besondere, als solches, relativ auf das All als
140 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

n i c h t - r e a l gesetzt ist. Da es nun die absolute Position des All, d. h. es das


All selbst ist, wodurch das Besondere als bloßes Nicht-Seyn gesetzt wird, so ist
das Nichtseyn a l s Nichtseyn, und eben dadurch, d a ß es Nichtseyn ist, Aus-
druck des All, das All in ihm erkennbar, nicht unmittelbar, aber mittelbar, d. h.
durch Reflex, durch Widerschein: – und hiermit ist denn zuerst die Bedeutung
der E r s c h e i n u n g ausgesprochen (SW I/6, 197, § 41).
[Das besondere Leben] wird in der ewigen Affirmation Gottes in einem und
demselben Akt geschaffen und vernichtet; geschaffen als absolute Realität, ver-
nichtet, weil es kein besonderes vom All abtrennbares Leben für sich, sondern
eben nur das Leben im All hat ([Leibniz’] Fulguration – Ausstrahlen und Zu-
rücknehmen –) (187).

In der Einleitung zu den Aphorismen findet sich folgender Aphoris-


mus (Nr. 222):
Ja das Einzelne selbst ist, durch seine Existenz, gerade weil es dieß [sc.: Einzel-
nes] ist, der unmittelbarste Widerschein Gottes und der Totalität, weil es am
wenigsten aus sich selbst sein kann, und sein Leben am wenigsten am Leben des
All hängt (I/7, 188; vgl. 191 f.).

Durch die schärfste Richtung auf einen Punkt ist die Einzelheit ein
privilegierter Reflex der All-Einheit; denn wie diese ist sie die Ver-
sammlung einer Fülle (von Eigenschaften) in der Einheit einer
Form. (Individualität ist ja Vollbestimmtheit; keine individuierende
Eigenschaft fehlt; natürlich ist sie – intensional betrachtet – der un-
terste Gegenpol einer omnitudo realitatis.) Freilich: Was an ihr (der
Einzelheit) ist, ist gerade der Einstand des Einen in ihr, nicht ihre
Bezogenheit auf alles andere, dem sie ihre schärfste Individuierung
(Bestimmung) verdankt. Man könnte sagen: Durch Vollbestimmt-
heit symbolisiert das Einzelne am vollkommensten, wenn auch in
gerade umgekehrter Weise, das All, das ja alle Bestimmungen in
sich enthält. (Ohnehin gilt: Dem Wesen nach sind alle Gegenstände
Eins, auch der einzelne; nicht aber der ,besonderen Art ihres Seins‘
nach, die von der Relation auf Anderes bestimmt ist: SW I/4, 133,
§ 40 f.)
14. DIE ,FORM‘ ALS KEIM DER SELBSTENTFREMDUNG 141

Diese Fähigkeit, das Einzelne nicht aus einem Bruch mit dem Ei-
nen, sondern als verborgene Implikation des Einen und aus dem Ei-
nen verständlich machen zu können, hat Schelling mit Recht als ei-
nen Triumph seiner All-Einheits-Theorie gefeiert. Nicht nur der
Aphorismus, den ich als salbungsvoll bezeichnet habe, belegt das.
Schelling traf den Ton der Goethezeit, wenn er dem Einzelnen –
dem Gestirn, dem Stein, dem Metall, dem Organismus – seine Wür-
de als Behältnis eines unendlichen Gehalts wiederschenken konnte.
Am leidenschaftlichsten vertritt er die Interessen der stummen Na-
tur gegen die Usurpationen einer naturfeindlich-moralisierenden
Ich-Philosophie in der Streitschrift gegen Fichte (1806).
Ich fasse die Konsequenz, zu der dieser Abschnitt kommt, zu-
sammen: Wenn Schellings Identitätsphilosophie dem Einzelnen in
seiner Einzelheit besondere Würde glaubt zusprechen zu können,
so muss er zwei Prämissen in gleicher Weise Rechnung tragen: 1.
muss alles Endliche als Entfaltung eines einigen Prinzips erklärt
werden können; 2. muss alles Endliche aus Relationen zu anderem
Endlichen verständlich gemacht werden – Relationen, in denen die
Absolutheit außer Kraft gesetzt ist (Henrich 1980, 12). Damit die
beiden Prämissen die Systemeinheit nicht auseinanderbrechen,
muss außerdem garantiert sein, dass Differenz selbst zur Struktur
der Einheit gehört, ihr gleichsam ,eingebildet‘ ist (wie Schelling
gern sagt). Das erreicht Schelling erstens durch eine schwache Fas-
sung des Begriffs ,Identität‘, der (Hume’sche) Andersheit/Verände-
rung inkorporiert, und zweitens durch eine Auslegung der Selbst-
identität als ein zwei geschiedene ,Faktoren‘ einbegreifendes Selbst-
bejahungs-Geschehen. Die Differenzierung der beiden Faktoren
(oder Relata) der Selbstbejahung lässt sich dann begreiflich machen,
indem nur noch die Negation als weitere Mitspielerin zugelassen
wird (sie ist ihrerseits nichts als Aufhebung oder Gegensatz der Be-
jahung): Etwas wird als endlich verstanden, nicht, indem es gar
nicht zugelassen wird (das wäre selbstwiderlegend). Das Absolute
selbst verendlicht sich, indem es von seiner Absolutheit absieht
142 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

(,abstrahiert‘). Und das wiederum geschieht einzig durch Negation,


d. h. durch Abgrenzung des Einzelnen von all den anderen Einzel-
nen, die außerhalb seiner zu seiner Bestimmung beitragen. Wir
können auch sagen: indem die aktuelle Unendlichkeit (das All, der
Inbegriff aller möglichen Prädikate des Einen) seinen Inhalt Stück
um Stück freigibt und sich so nicht nur in eine Zeitreihe, sondern
auch in eine Kausalkette entlässt, worin wir Grundstrukturen unse-
rer Endlichkeit erkennen.35

35 Ich blende absichtlich Vorstufen differenzsensitiver Identität in Schellings natur-


und transzendentalphilosophischer Phase (1797 – 1800) aus und erwähne nur den
Gegensatz einer reellen (,ins Unendliche gehenden‘) und einer ideellen (,limitati-
ven‘) Tätigkeit, von deren Antagonismus sich noch Spuren in der Darstellung
finden (SW I/4, 141).
Schelling hat dieses Wechselspiel von Selbsterschaffung und Selbstbeschränkung
wiederholt durch das arithmetische Beispiel der Reihe 1 – 1 + 1 … usw. illustriert
(I/3, 289; 313, Anm. 381). Man stelle sich, sagt er, eine absolute Größe (= 1) vor,
die in dieser Reihe abwechselnd vernichtet und wiederhergestellt wird, so dass
durch diese stets unterbrochene Wiederkehr zwar nicht sie selbst, wohl aber eine
mittlere Größe zwischen ihr und ihrer Negation produziert wird: ein Bruch der
ursprünglichen Einheit, der weder das anfängliche Unendliche noch auch null,
1
sondern deren Synthese sein wird.
2
Eine andere Illustration: Das Absolute muss sich in der erscheinenden Wirklich-
keit als unendliches Werden, als „E v o l u t i o n“ darstellen, das sich über jede
Schranke hinwegsetzt, um seine aktuelle Unendlichkeit zu behaupten (I/3, 15).
Dabei werden gewisse ,Epochen’ oder Stadien der Evolution abgesteckt und
überschritten. Schelling vergleicht sie den Wirbeln in einem Flusslauf. In diesem
Gleichnis soll die unendliche Aktivität durch das eindimensionale Fließen des
Stroms symbolisiert werden, während das Bild des Wirbels die rückschlägige und
hemmende Kraft bezeichnet. Der Fluss strömt in gerader Linie, bis er sich an
einem Widerstand bricht; da er zu fließen nicht aufhört, kreist er im Wirbel um
den Hemmungspunkt (I/3, 18, Anm. 1; 289, 491). So auch kann jedes Naturpro-
dukt – und allen voran die Organisation – als ein solcher Wirbel angesehen wer-
den, der im Grunde nichts Starres oder Fixes, sondern etwas stets in Bewegung
Befindliches ist, das sich beständig reproduziert. „Wir sehen eigentlich“, sagt
Schelling, „nicht das Bestehen, sondern das beständige Reproducirtwerden der
Naturprodukte“ (l. c., 18, Anm. 2).
15. DAS BEGRIFFSWÖRTCHEN ,ALS‘ 143

15. Das Begriffswörtchen ,als‘ zeigt auf die Sollbruchstelle


der absoluten Identität
Wie dieser Zersetzungsvorgang genau geschieht, dazu hat uns
Schelling bisher nur sehr allgemein das Mittel gezeigt. Wir möchten
aber erfahren, wie aus der absoluten Einheit von Wesen und Form,
in welcher der Keim einer Differenz steckt, ein wirklicher Natur-
prozess seinen Ausgang nehmen kann, der sich dann in einem geis-
tigen Prozess fortsetzt. Einen solchen Gesamtprozess hat Schelling
nur ein einziges Mal, im Würzbürger System, durchkonstruiert –
und dies System hat er zwar (fast) ausformuliert, aber zu Lebzeiten
nicht publiziert.
Gesehen haben wir: Das Form-Moment und die in ihm angelegte
Möglichkeit des Abstrahieren-, ja ,Abfallen‘-Könnens von der we-
sentlichen Einheit haben offenbar allein die Kraft zu dieser Abspal-
tungsleistung. Sie ist, wie Schelling seit den Ferneren Darstellungen
(1802) sagt, „in der Idee des Absoluten nur potentialiter enthalten“,
noch nicht in aktualisierter Form vollzogen (SW I/4, 389). Wie die-
se Möglichkeit der Absonderung in ihre Verwirklichung übergeht,
das wollen wir nun aus größerer Nähe ansehen – ohne auf die in der
Literatur gut erschlossene Lehre von der Potenzierung der Evoluti-
onskette und dem Auseinandertreten der qualitativen Identität und
der quantitativen Differenz (bzw. Indifferenz) mehr als nötig ein-
zugehen (vgl. dazu Rang 2000).
Schauen wir noch einmal auf die Metapher der ,Absonderung‘
oder ,Abs-traktion‘. ,An sich‘ ist das Andere gleichursprünglich mit
dem Einen. Das Andere taucht auf, so wie das Eine sich affirmiert –
getreu dem Reflexionsgesetz, das Bestimmung an Diskrimination
bindet (vgl. Kap. 4). Nur die Abstraktion von dem ,Band‘ lässt es
als ein Besonderes, im Extrem: als ein Einzelnes – von allen anderen
Abgeschiedenes, gleichsam Selbstgenügsames – erscheinen. In den
Publikationen von 1806 tritt an die Stelle der Unterscheidung des
Einen von seinem Gegensatz immer häufiger die kompliziertere Ti-
144 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

maios-Formel der Unterscheidung des ,Bandes‘ (oder der ,Copula‘)


von dem ,Verbundenen‘ (die wiederum in A und B zerfallen). Und
in diesem Zusammenhang taucht auch immer häufiger das Begriffs-
wörtchen ,als‘ auf, dem die Abstraktionsleistung eigentlich zufällt.
Es ist dort immer wieder die Rede vom ,Einen als Einen‘ und dem
,Vielen als Vielen‘ (z. B. SW I/7, 57). Aber erst später, besonders in
der Weltalter-Phase, wird auf die Fähigkeit dieses Begriffswörtchen
reflektiert, die Einheit zu konservieren und doch die Trennung an-
zubahnen.
Den sprechendsten Beleg für diese Reflexion finde ich in einer
Vorlesung auf dem Sommersemester 1830. Es handelt sich um die
Einleitung in die Philosophie, die Schellings Lieblingsschüler, der
spätere Bayernkönig Maximilian II., als „die Basis [seiner] gesamten
Philosophie“ besonders schätzte. Schelling hat sich die Mühe ge-
macht, eine ordentliche Nachschrift für ihn eigenhändig zu korri-
gieren. Sie darf darum für einigermaßen authentisch gelten und ist
von dem Schelling-Forscher Walter E. Ehrhardt 1989 aus dem
Nachlass Hubert Beckers’ publiziert worden (Schelling 1989, IX).
In der XIII. Vorlesung wird zur Bedeutung des „Wörtchens ,als‘“
dies gesagt:
Ich stoße hier wieder auf einen Ausdruck, den ich erklären zu müssen glaube: es
ist das Wörtchen ,als‘, das in der Philosophie von großer Bedeutung ist. Die
Partikel drückt immer etwas über das Wesen hinzukommendes, akzessorisches,
zufälliges aus; sie hat daher auch in dem [gegenwärtigen] Gebrauche eine attra-
hierende Bedeutung. Man sieht diesen Unterschied besonders bei solchen Ei-
genschaften, die der Mensch hat, ohne daß er es weiß, daß er sie hat, die er hat
nur, inwieferne er sie sich nicht zu Gemüte führt (Schelling 1989, 44).

Was Schelling mit ,attrahierend‘ meint – ein Ausdruck, dessen er


sich im gesamten Spätwerk bedient –, machen Beispiele deutlich,
die er gleich anfügt: Z. B. verliert eine anmutige Frau ihre Anmut,
sobald sie darauf reflektiert, sie als Anmut ,sich anzieht‘ – so, wie in
Kleists Marionettentheater der junge Mann, der von ungefähr sei-
15. DAS BEGRIFFSWÖRTCHEN ,ALS‘ 145

nen Fuß auf einen Schemel setzt, um ihn abzutrocknen, seine frap-
pierende Ähnlichkeit mit dem anmutigen kapitolinischen Dornaus-
zieher verliert, sowie er die im Spiegel erhaschte Körperhaltung
noch einmal mit Absicht und Bewusstsein wiederherzustellen ver-
sucht (l. c., 45; Kleist 1986, 478). Das ,als‘ besiegelt diesen Übergang
von der Unbefangenheit/Naivität zur Reflexion und hängt dem ur-
sprünglichen Zustand etwas an, das früher in ihm verborgen, jeden-
falls unmerklich war (daher: ,Ak-zidens‘, ,sul-bebgjºr‘), das sich
wenigstens nicht als solches in Szene gesetzt hatte.
Schelling fährt mit einer rückblickenden Erklärung auf das fort,
was er in seiner natur- und identitätsphilosophischen Phase unter
Potenzierung verstanden hatte. Diese Operation hat zu tun mit dem
Explizit-Machen eines vordem Impliziten. Eine Natur-Geist-Iden-
tität wird als solche bewusst, indem ich aus ihr heraustrete, und sie
damit zerstöre. Aus dem ,A = B‘ wird durch das Setzen des B als B
ein (A = B)B. B erscheint nun, wie das Würzburger System das ge-
nannt hatte, als ,Exponent‘ über der Gleichung und zeigt an ein
,Überwiegen‘, also eine quantitative Differenz, ein Übergewicht
von B über A und damit eine Zerstörung des bisherigen Indiffe-
renzverhältnisses von A und B. Die muss A im anschließenden
Evolutionsprozess durch Höherpotenzierung wieder einholen bzw.
wettmachen, bis es selbst überwiegt. (Verwirrenderweise gibt Schel-
ling sein berühmtes Magnetismusschema in verschiedenen Versio-
nen. In einer geht es von überwiegendem B – Reellem – zu über-
wiegendem Ideellen (A); in anderen potenziert sich nur A von der
ersten zur dritten – im Würzburger System bis zur sechsten – Po-
tenz, es wird also keineswegs Indifferenz als Zielpunkt angestrebt.
Darüber gleich mehr.)
Deutlicher als in den Schriften aus der identitätsphilosophischen
Zeit erklärt Schelling in der Einleitung in die Philosophie von 1830
das Heraustreten der Differenten aus der wesentlichen Einheit. Es
ist nun die Rede von einem Prozess der Aktualisierung, des Ins-
Sein-Tretens eines vordem nur Virtuellen (Schelling 1989, 49 f.;
146 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

ganz ähnlich SW I/10, 100 f.). Was sich aktualisiert (oder in die
Wirklichkeit [lat. actualitas] wendet), tritt aus einem Raum bloßer
Möglichkeit (lat. potentia) heraus, in dem es es selbst (A) oder ein
Anderes (B) sein konnte, aber nicht war. Was nur verschieden sein
kann, aber von dieser Lizenz keinen Gebrauch macht, was gleich-
sam ,an sich hält‘, stört den Raum der „Sichselbstgleichheit“ nicht.
Da, wo A ist, ist auch B; sie verdrängen sich nicht von ihrem Platz,
weil sie ihn nicht tatsächlich zu zweit und in Konkurrenz miteinan-
der einnehmen, sondern nur einnehmen könnten. Nun aber, mit
dem Actu-B-geworden-Sein, reduziert sich das gleichgültige Schwe-
ben zwischen A und B auf B – das zeigt das Begriffswörtchen ,als‘
an – und verdrängt seine Möglichkeit/Potenz, auch A zu sein, von
seiner Stelle.36 Es ist nun B insbesondere oder entschieden, es ist –
sagt Schelling – ,als B‘ geworden. Da es aber wesentlich A ist, wird
es sich gegenüber dem B-Gewordensein durch Höherpotenzierung,
durch ,Selbsterhöhung‘ zu behaupten suchen.37 Es wird also dem (A
= B) gegenüber als A2 sich geltend machen und es zu ,überwiegen‘
versuchen. Nun ist es wieder ,als A‘ geworden, wie es im Ausgang
sein wollte. Denn durch ,B‘ ist ja nicht ein wahrhaft Anderes be-
zeichnet, sondern A’s durch falsche Selbstbehauptung „zugezoge-
nes […], von seinem reinen Wesen verschiedenes“ Sein. (Hier
tauscht Schelling das Verbum ,attrahiert‘ gegen das deutsche ,zuge-

36 „Diese drei Momente [die Potenzen oder Faktoren] sollen nun aber in dem abso-
luten Ich nicht auseinander, sondern das[,] was das Erste ist, ist auch das Zweite,
und was das Erste und Zweite ist, ist auch das Dritte, wie in einem geometri-
schen Punkte die Peripherie gleich dem Radius, und Peripherie und Radius
gleich dem Zentrum ist“ (Schelling 1989, 54). Dieses Vergleichs hatte sich Schel-
ling gelegentlich schon in seinen identitätsphilosophischen Schriften bedient, am
ausführlichsten im § 18 des Würzburger Systems (SW I/6, 165 ff.).
37 Auch diesen Ausdruck mag Schelling von Oetinger übernommen haben. Der
spricht in dem wichtigen Artikel „Wille“ des Biblischen und Emblematischen
Wörterbuchs von einer ,Erhöhung‘, ja ,Verdopplung‘ der Kräfte (noch einmal wie
Schelling), die aus einem Zustand des Gegeneinanders und Miteinanders in einen
solchen wirklicher Einheit übergehen (Oetinger 1999 I, 357).
15. DAS BEGRIFFSWÖRTCHEN ,ALS‘ 147

zogen‘.)38 Wenn A aus seiner ,freien Bloßheit‘ heraustritt und sich


als A setzt, zieht es sich versehentlich und unbeabsichtigt B zu, die
entfremdete Reflexionsgestalt seiner selbst, gegen die es sich nun
durch Selbstmultiplikation, durch Selbst-,Reduplikation‘, also eben
durch Höherpotenzierung behaupten muss.39
Dass B als eine missglückte Selbstdarstellung von A zu gelten
hat, die in der Folge von A wieder ,verdrungen‘ wird (wie Schelling
gern sagt), das zeigt klarer ein früherer Passus derselben Vorlesung
(45). Hier ändert Schelling einmal wieder die Begrifflichkeit und
spricht von einem ,Unendlichen‘ als erstem Moment oder erster Po-
tenz. Die Unendlichkeit ist der ersten Potenz wesentlich, sie ist sie.
Und da sie sie wesentlich ist, kann sie diese Eigenschaft im Fortgang
nicht verlieren. Aber, fährt Schelling fort, sowie sie die Eigenschaft
„als solche sein [will]“, wird sie sich darüber ein „Etwas oder End-
liches“, also gerade nicht das, was sie eigentlich wollte. (Diese Fehl-
repräsentation war in der früheren Begrifflichkeit durchs ,B‘-Wer-
den bezeichnet.) Der Preis der Aspekt-Festlegung durch das Be-
griffswörtchen ,als‘ ist also eine unversehene Verendlichung, über
die sich das „an und vor sich Seiende“ hinwegsetzt durch Redupli-

38 „Diese Möglichkeit liegt in der Einheit verborgen; denn das Sichungleichsein-


können ist ja das sich selbst Gleiche; demnach schließt es bereits die Möglichkeit
in sich ein, aus sich selbst herauszutreten“ (Schelling 1989, 49).
39 In dem Auszug aus Schellings großer Münchener Vorlesung, die Schellings
Sohns unter dem irreführenden Titel Geschichte der neueren Philosophie isoliert
ediert hat, sagt Schelling sehr ähnlich: „Das als A gesetzte A ist aber nicht mehr
das einfache A, sondern A, das A ist, nicht – ist und nicht ist, sondern entschie-
den ist. A, das A ist, ist das mit sich selbst duplicirte A (in der älteren Logik
wurde diese Art des Setzens, wo A nicht simpliciter, sondern a l s A gesetzt wird,
die reduplicative oder Reduplicatio genannt), also das als A gesetzte A ist nicht
mehr einfaches, sondern duplicirtes A, das wir (nachdem der Begriff erklärt ist)
der Kürze wegen A2 [also: A in zweiter Potenz] nennen können, und wir hätten
also nun auf der einen Seite A, das B [Objekt] geworden ist, auf der andern im
Gegensatz und in der Spannung mit diesem – aber eben darum zugleich in der
Erhöhung d u r c h dieses – A2 (das in sich selbst erhöhte A, denn das heißt das
als solches gesetzte A)“ (SW I/10, 103).
148 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

kation: durch Höherpotenzierung. Nennen wir das Anfängliche A


und das verendlichte A B, so werden wir die zweite Potenz A2 nen-
nen müssen. Auch hier bedient sich Schelling eines Ausdrucks aus
der metaphorischen Familie des Sich-Anziehens oder Sich-etwas-
Zuziehens: Das Wesen, das zwischen der Möglichkeit schwankte, es
selbst (Wesen) oder nicht es selbst („Nicht-Wesen“) zu sein, ist nun
durch das reduplikative ,als‘40 auf ein Etwas-Sein festgelegt, es ist
„mit Zufälligkeit behaftet“, es ist ein „mit dem Sein befangenes“, es
ist ein ,Entstelltes‘, ein „sui dissimile“ geworden (l. c., 45 f.).
Hier wird B also nicht als ursprünglicher Gegenspieler von A in
Anschlag gebracht, sondern es entsteht unwillentlich durch Redu-
plikation von A, das in zweiter Potenz einer ersten entgegengesetzt
ist, von der er sich nun actualiter unterscheidet. Das ist die Soll-
bruchstelle der absoluten Identität, ,sobald sie sich bewegt‘, sagt
Schelling (l. c.).
Diese mit dem Begriffswörtchen ,als‘ bezeichnete Aspektfestle-
gung durch Selbstpotenzierung, gibt Schelling hier zu, habe die ,äl-
tere Logik‘, z. B. Christian Wolff, noch gekannt. Ich habe das in der
„Einleitung“ vorweggenommen und werde auf diese wichtige
Übernahme eines Theorems der Leibniz-Schule im 22. Kapitel zu-
rückkommen.
Schelling ist im mündlichen Vortrag oft viel deutlicher, weil ex-
pliziter als in seinen für den Druck bestimmten früheren Texten.
Trotzdem will der Passus, den ich eben darum so ausführlich verge-
genwärtigt habe, ja nur die Grundoperation der Selbstdifferenzie-
rung des Einen fasslich machen, von der schon die Darstellung von
1801 gehandelt hatte. Damals lag die Sollbruchstelle in der ,Form‘,
in der sich das Absolute zeigt (d. h. dem Erkennen ,zeigt‘) und da-
durch zugleich ,als‘ Absolutum verstellt (SW I/4, 124, samt Erläute-
rung zum § 23). Nicht im ,Wesen‘, allein in der Form liege der

40 Was das Begriffswörtchen ,als‘ mit der ,Reduplikation‘ zu tun hat, wird unten im
22. Kapitel dieses Teils erklärt.
15. DAS BEGRIFFSWÖRTCHEN ,ALS‘ 149

Keim zur ,Absonderung‘, und weil das so sei, dürfe man von einer
„differentia formalis“ sprechen (127, Anm.). Sie quantifiziert die
vormals qualitative Einheit (oder Identität) zur Indifferenz, in der
sich die Potenzen nicht absolut vereinigen, sondern nur wie auf ei-
ner Waage das Gleichgewicht halten. Auch der Begriff der ,Po-
tenz(en)‘ wird hier eingeführt.
Das ist in der Literatur gut erschlossen (z. B. durch Rang 2000).
Und da mir an der Klärung von Schellings Verständnis des Aus-
drucks ,Einheit von Einheit und Gegensatz‘ liegt, werde ich mich
mit den bekannten Details nicht nacherzählend aufhalten.
Ich will nur kenntlich machen, wieso die rückblickende Selbst-
deutung des Kollegs von 1830 glauben konnte, das reduplikative
,als‘ vollbringe eben die begriffliche Differenzierung, die früher der
absondernden Form zugefallen war. Tatsächlich kommt Schelling
hier auf das Magnetismus-Schema zurück, durch das er das Zu-
gleich von durchgängiger (,wesentlicher‘) Identität und erscheinen-
der (,quantitativer‘) Differenzierung in romantischer Zeit so wir-
kungsmächtig illustriert hatte. 1830 erzählt er seinen Studenten, „in
der ersten noch jugendlichen Freude über dieses gefundene Verhält-
nis [habe er dasselbe] als ein Polarisationsverhältnis dargestellt“.
Die beiden Pole des Magneten fliehen jede die homogene Seite,
doch die Entgegengesetzten ziehen sich auch wieder an und liefern
so eine anschauliche Darstellung des ,Lebens‘ als einer sich wider-
strebenden Einheit, die als drittes Moment den Indifferenzpunkt
einschließt (Schelling 1989, 59). So verhalte es sich in der ganzen
Natur: Kein Produkt sei rein nur es selbst, in jedem seien die Ge-
gensätze harmonisiert,41 aber sie sind es in unterschiedener Propor-
tion, nach Graden des Überwiegens und Zurücktretens der Poten-
zen. Jedes Naturprodukt ist wesentlich durch ,A = B‘ charakteri-
siert, aber auf der Naturseite überwiegt in je drei Potenzierungen

41 „Es ist also im Universum kein r e i n Reales, oder rein I d e a l e s, und das
W e s e n des Realen wie des Idealen = Indifferenz (quantitative Differenz nach
§ 30)“ (SW I/6, 205).
150 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

das B (das ,Realprinzip‘), auf der ideellen in ebenfalls je drei Poten-


zierungen das Idealprinzip, so dass der ganze Prozess, der von der
Materie zum menschlichen Bewusstsein schreitet, auf diese Formel
gebracht werden kann: (A = B)B ! A = B)A (SW I/7, 370). Es lässt
sich denken, dass dies Schema Goethes lebhafte Zustimmung finden
musste.42
Man kann das Überwiegen oder Zurücktreten der Faktoren mit
einem Plus- oder Minuszeichen über den Potenzen (A und B) mar-
kieren, und dann sieht das Schema (nach einer Version der Aphoris-
men zur Einleitung in die Naturphilosophie [SW I/7, 184, Anm. 1])
so aus:

Die Deutung: Alles, was auf der Horizontale (hier durch den Groß-
buchstaben X symbolisiert)43 liegt, ist durch wesentliche Identität

42 Am 27. Sept. 1800 schreibt er an Schelling: „[…] In den geistigen Regionen der
Wissenschaft […] habe ich selten hier oder dorthin einen Zug verspürt; zu Ihrer
Lehre ist er entschieden. Ich wünsche eine völlige Vereinigung, die ich durch das
Studium Ihrer Schriften, noch lieber durch persönlichen Umgang […] früher
oder später zu bewirken hoffe“ (HKA III.2,1, S. 239). Das Knittelvers-Gedicht
Epikurisch Glaubensbekenntniß Heinz Widerpostens (1800), ,geschrieben in der
Frau Venus Horst‘, das sich in derber Polemik gegen Novalis’ und Schleierma-
chers Spiritualisierungen der sinnlichen Natur wendet, zeigt, dass Schelling den
Goethe’schen Sound, wie man ihn aus dem Faust kennt, voll beherrschte
(Mat., 145 – 153; inzwischen auch im Band HKA II.6, 497 – 524, der den Text in
zwei Versionen verfügbar macht). Goethe unterband freilich den Druck, nicht
mangels Zustimmung, sondern aus ministerlicher Furcht vor einem Skandal.
43 Ich weise noch einmal darauf hin, dass hier erstmals das Symbol ,X‘ zur Bezeich-
nung der Identität auftaucht. Die Symbolisierung steht in Spannung zu dem „A
= A“, das wie in früheren Versionen des Schemas die ,Form‘ der Identität aus-
drücken soll. Das macht aber den Einsatz von ,B‘ unverständlich; denn B ist doch
nun gleich ursprünglich mit A und nicht mehr bloß dessen uneigentliche Reprä-
15. DAS BEGRIFFSWÖRTCHEN ,ALS‘ 151

ausgezeichnet (also auch jedes einzelne Ding). Verhältnisse des


,rechts von‘ und ,links von‘ einem Punkt der Linie gehen die Identi-
tät gar nichts an. Das Differieren der Einzelerscheinungen c, d und f
ist nur durch das Absehen von der Identität der Linie möglich, also
aufgrund quantitativer Differenz, die macht, dass ein Ding den
Grund seines Seins nicht – wie die Identität – in sich, sondern in
einem anderen hat. Ganz links auf der Linie steht das Zeichen A –
das Zeichen für das Idealprinzip – unter positivem Exponenten,
ganz rechts B als das Realprinzip unter ebensolchem. Der Weg auf
der Linie von rechts nach links geht von der Einheit des Reellen mit
dem Ideellen (unter überwiegender Realität) durch einen Indiffe-
renz- oder Gleichgewichtspunkt (A = B)44 zu jenem Einheitspunkt
des Ideellen und des Reellen im Bewusstsein45, bei dem das Ideelle
exponentiell den Ausschlag gibt. Das entsprechende Schema aus der
Darstellung (I/4, 137):

sentation. Um diese Emanzipation von B (der Natur) zu würdigen, musste Schel-


ling das Symbol für die absolute Einheit von A auf X verlagern.
44 Im Schema steht in der Mitte „A = A“. Die Formel bezeichnet die durchgehende
Identität der Linie selbst. Sinnvollerweise hätte Schelling „A = B“ schreiben sol-
len. Dass er es nicht tut, hängt damit zusammen (siehe die vorige Fußnote), dass
er in dieser Phase ,B‘ nicht für ein Eigenständiges, sondern für eine Erscheinung,
ja eine Missrepräsentation von A, als dessen inneres Doppel oder als seinen unei-
gentlichen Reflex versteht. So kann er meinen, ,alles, was auf der Linie liegt, sei
A‘.
45 So sagt es Schelling noch 1830 (Schelling 1989, 59). Aber nach meinem Verständ-
nis ist doch das Bewusstsein kein Indifferenzpunkt, sondern eine maximal ins
Ideelle verzerrte Synthesis. Der Indifferenzpunkt sollte im Organismus liegen, in
dem, wie wir sahen, alle Teile einander wechselseitig Ursache und Wirkung, Af-
firmierendes und Affirmiertes, in einer Art Homöostase sind (also ohne Über-
wiegen eines ,Faktors‘ über den anderen). So erwägt es Schelling selbst einmal im
§ 190 des Würzburger Systems: „Der Organismus in specie ist also […] der voll-
kommenste Ausdruck jenes allgemeinen Verhältnisses der Erscheinungswelt zur
absoluten, kraft welcher nämlich jene das Gegenbild oder Organ von dieser ist.
Der Organismus in specie ist nämlich eben dadurch, daß er in sich selbst eine
Totalität, eine Allheit ist, auch das unmittelbarste Gegenbild und Organ der ab-
soluten Identität“ (SW I/6, 377).
152 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Eine andere Form des Schemas benützt keine Plus-Zeichen über


den Buchstaben (und keine die Identität anzeigende Horizontalli-
nie), sondern wirkliche Potenzen/Hochzahlen; und dabei gibt es
wieder zwei Möglichkeiten: In jeder Reihe, der reellen und der ide-
ellen, lässt sich bis zur dritten Potenz aufsteigen,46 oder man kann,
wie es im Würzburger System geschieht, die Potenzen bis zur 6.
durchzählen (und dann Kunst, Philosophie und Staat in den ideel-
len Indifferenzpunkt stellen, wie es auch die Aphorismen tun: SW I/
7, 184, Anm. 1).47 Das sähe dann – schematisch – so aus:

46 Warum nur bis zur dritten? Weil mehr als die drei Schritte in der Formel von der
„Einheit der Einheit und des Gegensatzes“ (so z. B. Schelling 1969, 9 = SW I/9,
209) nicht vorgesehen sind: Sie formuliert die Totalität der Glieder, die aus relati-
ver Identität, relativem Gegensatz und relativer Totalität bestehen (SW I/4, 149
u.).
47 Durchgezählt sind das erstens die Materie (als Synthesis aus Schwerkraft und
Licht oder aus Kohäsion und Expansion); die zweite begreift die Materie, inso-
fern in ihr die Formen der Bewegung Formen der Tätigkeit sind (sie entsteht aus
dem Zusammenwirken von Magnetismus, Elektrizität und chemischem Prozess);
die dritte Potenz ist die organische Natur (ihre Elemente [nach Blumenbach und
Kielmeyer]: Reproduktion, Irritabilität und Sensibilität); die vierte Potenz, die
bereits den Blitzeinschlag der Intelligenz erfahren hat, ist die des Wissens (mit
den ihm untergeordneten Formen der Empfindung, der produktiven Anschau-
ung und der freien Reflexion); die fünfte Potenz ist die der Praxis (ihre Momente
sind die Willkür, die Freiheit und das prinzipiengeleitete – sittliche – Handeln):
die sechste und letzte Potenz ist der Kunst aufgespart, sofern sie symbolisch die
Selbstvergegenwärtigung der unendlichen Produktivität des absoluten Geistes
leistet in Gestalt einer von keiner Deutung ausschöpfbaren Unendlichkeit der
Anschauung (SW I/3, 620; 627; I/6, 134 – 136; im Rückgriff auf Kant: KU B, § 49,
192 f.).
15. DAS BEGRIFFSWÖRTCHEN ,ALS‘ 153

1. Potenz: A = (A = B)

2. Potenz: A2 = (A = (A = B))

3. Potenz: A3 = (A2 = (A = (A = B))) [usw.]

Diese Folge ließe sich auch, wie es die Aphorismen (von 1806) tun,
so schreiben, dass das Gleichheitszeichen – das Schelling nun die
,ewige Copula‘ nennt – durch die Horizontallinie ersetzt wird (SW
I/7, 204 f., Anm. 2):

A3 stünde über dem Trennstrich im Mittelpunkt, weil ja der Indiffe-


renzpunkt nicht an eines der Linien-Enden (die Schelling auch
,Pole‘ nennt), sondern in die Mitte gehört: zwischen das „relativ-
reale“ und das „relativ-ideale All“ (I/7, 184, Anm. 1).
Sehr ähnlich ist auch das Schema der Stuttgarter Privatvorlesun-
gen (1810):

Wieder markiert die Mittellinie die durchgängige Identität (auch


durch ,A‘ bezeichnet); und B und C sind identisch, „weil sie dem
Wesen nach A, aber verschieden sind […] voneinander als Formen,
oder für sich betrachtet“ (SW I/7, 422).48

48 Sehr ernste und scharfsinnige Zweifel an der Angemessenheit und damit Erklä-
rungskraft der mathematischen Potenzierungsmetapher hat ausgerechnet ihr Er-
finder Eschenmayer geäußert (vgl. bes. seinen Brief an Schelling vom 21. Juli
1801 [Plitt I, 336 ff. = HKA III.2.1, 357 – 363]). Schelling gibt sich, als sei ihm sein
154 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

16. Gängige Urteilslehren an der Nürtinger


Lateinschule und im Tübinger Stift
Schelling verweist in mehreren Schriften seit etwa 1809, verstärkt
seit 1811, auf das, was er die ,ältere Logik‘ nennt. Wir haben eben
einen wichtigen Beleg durchinterpretiert und werden im 22. Kapitel
bemerken, dass er gar den sonst so oft verspotteten Christian Wolff
als einen Logiker rühmt, dem der Gedanke der ,Reduplikation‘ des
Identitätsurteils noch vertraut gewesen sei (Schelling 1994, 49 f.).
Offenbar hat er gerade von ihm etwas Entscheidendes gelernt.
Stillschweigend – jedenfalls, soviel ich weiß, im publizierten
Werk und in den nachgelassenen Vorlesungen nirgends ausdrück-
lich – verweist Schelling auch auf Ploucquets Urteilslehren49 sowie
auf solche von Leibniz, Letzteres auch ausdrücklich und öffentlich
in Publikationen. Alle drei nimmt er erkennbar in Anspruch, aber
außer Leibniz, von dem sich seine Abhängigkeit von selbst zu ver-
stehen scheint, nennt er keines der übrigen Vorbilder beim Namen
(allenfalls sehr mittelbar in Briefen und frühen Zeugnissen noch aus
dem Stift; auch benutzt er in seinen ersten philosophischen Schrif-
ten Ploucquets Zeichen für die Verschiedenheit zweier Ausdrücke:
>).50 Was Kants These vom Sein betrifft, so steht sie zwar im Zen-

Verfahren so klar, dass er, der doch ein so sprachgewandter Erklärer sein kann,
diesmal jeder weiteren Auskunft überhoben ist.
49 Natürlich ist Kants Urteilslehre omnipräsent in Schellings Werk, bis hinein in die
letzten Vorlesungs-Aufzeichnungen über Kants Lehre vom transzendentalen
Ideal (vgl. oben, Kap. 5). Er macht aber nirgends explizit deutlich, dass seine ei-
gene Urteilstheorie nicht dem Kant’schen Subsumtionsmodell, sondern der Leib-
niz-Wolff’schen Identitäts-Auffassung der Prädikation folgt. Viele Interpreten,
die den sogenannten deutschen Idealismus für eine Fortbildung Kants halten, ha-
ben das gar nicht bemerkt und die absonderlichsten Kontinuitäten ersonnen.
Man versteht ihre Schellingdeutung auch darum so schlecht, weil sie dem Wort-
laut von Schellings Texten ständig Gewalt antun muss, um sie auf die kantische
Linie zu trimmen.
50 Genauer als: mengentheoretische Disjunktheit der beiden Begriffsumfänge (Len-
zen 2008a, Kap. 3; Lenzen 2008b, Kap. 3.1).
16. GÄNGIGE URTEILSLEHREN DER SCHULEN 155

trum von Schellings Spätphilosophie; und ich habe in anderem Zu-


sammenhang im Blick auf sie von „Schellings später Rückkehr zu
Kant“ gesprochen (Frank 2007, Text 13). Aber dieser späte Zusam-
menhang ist nicht geeignet, uns über Schellings Umgang mit Kants
Theorie des Seins als absoluter bzw. relativer Position während der
identitätsphilosophischen Phase aufzuklären. (Ich komme auf
Schellings Abhängigkeit von Kants These übers Sein im 21. Kapitel
zu sprechen.)
Warum sollen wir uns dann überhaupt die Mühe dieses histori-
schen Umwegs machen? Ist es nicht schwer genug, in der spekulati-
ven Höhenluft von Schellings Identitätsdenken einen einzigen
Schritt bergauf zu tun?
Ich glaube, die Orientierung in dieser hochstufigen Spekulations-
Atmosphäre wird erheblich erleichtert, wenn wir nicht immanent
an Schellings Buchstaben kleben, sondern drei von ihm aufgegriffe-
ne (und im Folgenden beschriebene) Anregungen zur Kenntnis
nehmen. Wenn Schelling – in immer wieder auf verwirrende Art
wechselnder Terminologie – ein Wesen von einer Form des Absolu-
ten unterscheidet und diese Form bald als Subjekt-Objekt-, bald als
Subjekt-Prädikat-Beziehung auszeichnet, wechselt er (wie wir sa-
hen) zwischen einer ontologischen und einer logisch-semantischen
Auffassung von Identität – genau wie das schon Leibniz tat, der ein
ontologisches principium identitatis indiscernibilium von der Er-
setzbarkeit von Sätzen salva veritate unterschied und doch nicht
konsequent auseinander hielt. Leibniz hielt alle wahren Sätze für
identisch (für Analysen des im Subjekt-Terminus, wie immer ver-
borgen, Enthaltenen). Das tat auch Ploucquet, die Logik-Autorität
im Tübinger Stift zur Zeit der Ausbildung Hölderlins und Hegels –
und indirekt noch Hegel. Und so tut es auch Schelling, der die
Identitäts-Formel ,A = A‘ für die Matrix aller wahrheitsfähigen
Aussagen hält (SW I/7, 218 f., 342).
Wie aber kam er dazu? Nicht durch Kant, der doch gemeinhin
für den Gründungsvater des deutschen Idealismus ausgegeben wird.
156 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Kant hat sich nicht nur gegen die Identitätsauffassung des Urteilens
gewandt (Stuhlmann-Laeisz 1976, bes. 73 ff.). Er vertrat ein klares
Subsumtionsmodell des Urteils, wonach ,urteilen‘ heißt: einen Ge-
genstand (ausgedrückt durch einen grammatischen Subjekt-Termi-
nus) unter einen Begriff (ausgedrückt durch einen Prädikat-Termi-
nus) aufnehmen.51 Begriffe sind (nach dieser Auffassung) Klassifika-
tionsausdrücke; sie klassifizieren Gegenstände nach einem, wie
Kant sich ausdrückt, ,mehreren Vorstellungen gemeinsamen Merk-
mal‘, das dann als Prädikat eines Urteils dient (z. B. KrV A 68 f.).
Von einer Identität von Subjekt und Prädikat ließe sich also in einer
kantischen Sprache gar nicht sinnvoll reden; das Verhältnis der von
diesen Ausdrücken bezeichneten Gegenstände ist vielmehr eines
des ,Enthaltenseins-unter‘ (das ist Kants Ausdruck) – im Gegensatz
zum ,Enthaltensein-in‘, womit ein Teil-Ganzes-Verhältnis ange-
sprochen ist (etwa durch den Satz: ,Jeder Körper ist im Raum‘; vgl.
KrV B 40; dazu Michael Wolff 1995, 243 ff.; eine real existierende
Katze ist aber natürlich nicht ,im‘ Begriff ,Katze‘ enthalten, sie fällt
nur, wie man eben darum sagt, ,unter‘ den Begriff).
Demgegenüber vertritt Schelling – wie wir im Vorbeigehen
mehrfach Anlass hatten zu beobachten – eine Identitätstheorie der
Prädikation; und das trifft auch für Hölderlin und Hegel zu und be-
stätigt eine allgemeine Beobachtung: Weit entfernt, an Kant anzu-
knüpfen, geht der so genannte ,deutsche Idealismus‘, schon seit Sa-
lomon Maimon (Frank 2007, Text 14), auf die Leibniz-Wolff’sche
Tradition zurück, so gern und so oft er sich über die letztere lustig
macht. Für die drei idealistischen Stiftler ist das ganz manifest. Und
Michael Franz hat uns durch eine Reihe von Aufsätzen und den
Neudruck der Ploucquet’schen Logik (Ploucquet 2006) auch Teile
der Quellen wieder zugänglich gemacht, die diese Leibniz’sche Tra-
dition sinnenfällig machen: Ploucquets Urteilslehre.

51 Auch hier ist Schelling inkonsequent. Im ,idealen‘ Teil des Würzburger Systems
z. B. trägt er die denkbar traditionellste Lehre von Begriff, Urteil und Schluss
vor: SW I/6, 526 (im Kontext).
16. GÄNGIGE URTEILSLEHREN DER SCHULEN 157

Sie war nicht die einzige, die die Tübinger Stiftler von Kants
Subsumtions-Modell der Prädikation wegführten. Hölderlin und
Schelling jedenfalls haben noch im Stift wesentliche Anregungen
für Ihre Urteils-Theorie aus der Lektüre Gottfried Ploucquets und
schon in der Nürtinger Lateinschule aus dem Knaus’schen Lehr-
buch bezogen, das ihrem Logik-Unterricht zugrunde lag.
1. Doch zunächst zu Ploucquets Logik. In der Tat vertrat dieser
eine pointierte und zu seiner Zeit stark beachtete Identitäts-Auffas-
sung der Prädikation. Zwar war er 1782 durch einen Schlaganfall als
tätig Lehrender der Philosophie ausgeschieden und 1790, als Schel-
ling sein Tübinger Studium begann, gerade gestorben. Doch stützte
sich Johann Friedrich Flatt, als Extraordinarius gewissermaßen
Ploucquets intermittierend für die theoretische Philosophie einge-
setzter und minderformatiger Vertreter, bei seinen Vorlesungen
über Logik und Metaphysik (ab 1785/86) auf Ploucquets Kompen-
dium letzter Hand (1782), die Expositiones philosophiae theoreticae
(Henrich 2004, 77); und auch Christoph Gottfried Bardili legte sie
in den Jahren 1788 – 1790 seinen Repetitorien zugrunde, zu deren
Besuch die Stiftler verpflichtet waren. Dem ontologischen Part von
Ploucquets Kompendium sind wiederum die Magistralthesen ent-
nommen, die Hölderlin und Hegel 1790 im Fach Philosophie zu
verteidigen hatten. Möglicherweise hat Flatt die Auswahl der The-
sen vorgenommen (Franz 1996, 110 ff.; Franz 2005b, 30 ff.; 39 f.; 61).
Auch der fünf Jahre jüngere Schelling hatte zu Ploucquets Werk
Zugang und hat sich noch in späteren Jahren daraus belehren lassen
(Franz 2005b, 39, 532). In der Biographie seines Vaters, die den von
Plitt herausgegebenen Briefwechsel einleitet, berichtet Schellings
Sohn:
Schelling scheint sich auch nach vorhandenen Spuren [seinen Studienheften?]
mit dem System des kurz zuvor [nämlich vor Schellings Eintritt ins Tübinger
Stift] gestorbenen, in ziemlichem Ansehen stehenden Professors der Philoso-
phie, Gottfried Ploucquet, bekannt gemacht zu haben. Ploucquet war ein An-
158 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

hänger der Leibnitzischen Philosophie, welche er durch die Anwendung des lo-
gischen Calculs weiter zu bilden versuchte (Plitt I, 28).

Allerdings wird Schellings Sohn eher das System der Metaphysik


als die Schriften zum logischen Kalkül im Blick gehabt haben; auch
die 1790 im MA-Examen zu verteidigenden Thesen betrafen, wie
gesagt, nur die zur Ploucquet’schen Ontologie, nicht zur Logik.52
Das logische Defizit in der Ausbildung der Tübinger Fraktion
des deutschen Idealismus ist immer wieder bedauert worden; und
auch Flatt war kein vollwertiger Ersatz für Ploucquet. Gleichwohl
ist überliefert, dass sich Schelling noch als Student verschiedene
Kalkulationen nach Ploucquets Methode in seine Studienhefte no-
tiert hat (Franz 2005b, 532); und in der Form- sowie in der Ich-
Schrift benutzt er das Ploucquet’sche Zeichen für die Verschieden-
heit zweier Ausdrücke: „ist nicht: >“) (SW I/1, 98, 108; 222). In die
für seine reife Identitätstheorie des Urteils so wichtige Weltalter-
Phase fällt die (für einen von sich so eingenommenen Professor wie
Schelling) durchaus anerkennende Bemerkung im Brief an einen
vertrauten Freund (den Rat Eberhard Friedrich Georgii, 12. Jan.
1812):
Könnten sie [die Tübinger Professoren] mir vorerst den alten Ploucquet wieder
von den Todten erwecken; das war wenigstens Metaphysik und schon als solche
erhebend zum Geistigen. Von diesem Mann schreibt sich die Gediegenheit, der
tüchtige Sinn, die Festigkeit unserer alten Pfarrer noch her, an der ich mich oft
erbaut habe und gegen welche die Leerheit und bloße Buchstabenweisheit der
jüngeren so stark absticht (Plitt II, 280).

Bereits 1802, in der Zeit der Ausarbeitung seines Jenaer „absoluten


Identitätssystems“, hatte sich Schelling „die Ploucquetschen philo-
sophischen Schriften, besonders seine L o g i k u n d M e t a p h y -

52 „Die Inauguralthesen zum Magisterium in Tübingen 1790 – 1792“, in: Franz


2005b, 24 – 69.
16. GÄNGIGE URTEILSLEHREN DER SCHULEN 159

s i k, ferner ü b e r d i e M o n a d e n l e h r e“,53 von seinem Vater


erbeten (an die Eltern vom 8. Juli: Plitt I, 373; HKA III.2,1, 442).54
Freilich – man darf das bedauern – scheinen ihn beide Male nicht
der logische, sondern der ontologische und der metaphysische Teil
der Ploucquet’schen Lehre interessiert zu haben. Doch kann man
vermuten, dass er auch ihnen einen Gedanken55 schuldet, der mit

53 Ein Verzeichnis aller Schriften Ploucquets findet sich in Franz (2005b, 65 – 69).
Schelling scheint neben der Berliner Preisschrift Primaria Monadologiae Capita
[…] (Ploucquet 1758) vor allem die Expositiones Philosophiae Theoreticae („edi-
tio ultima“, Stuttgart 1782; Neudruck des logischen Teils in: Ploucquet 2006) im
Sinn zu haben. Sie wurden auch nach Ploucquets Ausscheiden aus der aktiven
Lehrtätigkeit als Kompendium den (z. B. Flatt’schen) Vorlesungen über „Logik
und Metaphysik“ zugrunde gelegt (Franz 2005b, 40). Die Expositiones fanden
sich in Schellings nachgelassener Bibliothek (Neumann 2016, 88, Anm. 62; vgl.
HKA III, 2.2, 806 f.). Ihnen sind auch fast wörtlich die Inauguralthesen entnom-
men, die Hölderlin und Hegel 1790 zu verteidigen hatten (Franz 2009, 55, 59
[ff.]). Schellings Vater hatte selbst bei Ploucquet 1758 mit einer Dissertation über
die Monadenlehre (Schelling 2009) promoviert, die Ploucquet sehr dicht an sei-
nen eigenen Überzeugungen fand (Franz/Neumann 2009, 339, 398 f.).
54 Schellings Vater hatte sein eigenes Studium bei Ploucquet schon vor dem Er-
scheinen der Erstauflage (unter dem Titel Fundamenta […] 1759) des gewünsch-
ten Werks abgeschlossen, so dass der Sohn sich den Kauf des Buches erbitten
musste. Es war außerhalb von Württemberg nicht zu erhalten. Darum drängt
Schelling seinen Vater, ihm die Auslagen erstatten zu dürfen.
Schelling bittet übrigens „dann zweytens [um] einige der vorzüglichsten, am
meisten philo- und theosophischen Schriften von Oetinger“ (HKA III.2,1, 442).
55 Den bei Ploucquet vielfach und zentral präsenten Ausdruck „Weltseele“ hat
Schelling natürlich aus Platons Timaios geschöpft. Dennoch mag auch Ploucquet
bei der Namenswahl Pate gestanden haben. Für seine Arbeit an der Weltseele
(1798) bittet Schelling am 4. September 1797 seinen Vater um die Zusendung von
naturphilosophischen Schriften Ploucquets und anderer Autoren, die sich mit
dieser Frage beschäftigt haben. Namentlich führt er an: „Ploucquet de notione
Vitae, de mensura virium, de Hylozoismo“ und fügt an: „auch wenn Ploucquet
sonst etwas über die Physik geschrieben hat“ (HKA I.6, 3 f.; dort gibt es eine
ausführliche Bibliographie der genannten Texte mit dem Zusatz, dass eine Schrift
De notione Vitae nicht zu ermitteln war; Schelling mag die von seinem Onkel
Nathanael Köstlin verteidigte Dissertatio de vi animae se sibi manifestandi, cha-
ractere eius primitivo […], Tübingen 1764, gemeint haben). Ploucquets Disserta-
tion De hylozoismo veterum et recentiorum (Tübingen 1775) dagegen enthält we-
160 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

der Identitätsauffassung des Urteils in indirekter Beziehung steht


und zunächst aus davon unabhängigen Gründen unser Interesse
verdient (darüber gleich mehr).
2. Eine weitere Anregung für Schellings Identitäts-Auffassung
des kopulativen ,ist‘, noch aus der Nürtinger Lateinschulzeit, mag
das Logik-Lehrbuch des Philosophie-Professors und späteren Stutt-
garter Gymnasialrektors Johann Christoph Knaus (1709 – 1796) ge-
liefert haben. Das Knaus’sche Lehrbuch (Knaus 1751)56 war nichts
anderes als die lateinische Übersetzung des deutschen Logik-Kom-
pendiums von Paul Eugen Layritz (Layritz 1743)57; sie war im Auf-
trag des Stuttgarter Konsistoriums erfolgt (Franz in: Franz/Jacobs
2004, 214 – 225; bes. 220 – 225). Das Kompendium wurde in pietis-
tisch orientierten Ländern wie Württemberg dem Schulunterricht
zugrunde gelegt (nach Auskunft von Schenk [1999] sollte die Über-
setzung zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, nämlich auch
Schulübungszwecken im Lateinischen dienen). Das Lehrbuch ba-
siert wesentlich auf Wolffs lateinischer Logik, teilweise auf Baum-
garten und Meier. Die Knaus’sche Logik gibt auch eine ganz un-
kantische Erklärung der Rolle der Copula (l. c., 316 ff., 332). Sie sei
eine Identitätsanzeige gemäß der Inhärenztheorie des Prädikats im
Subjekt. Die Wolff’sche Definition, der gemäß im Urteil Begriffe
aufeinander bezogen oder voneinander getrennt werden (Wolff
1983, 129 – 131, = §§ 39/40; vgl. „De judicio in specie“ 216 ff., =
§§ 198 ff.), wird übernommen. Im ersten Falle wird das Subjekt
durch das Prädikat bejaht oder eher: bestätigt (es steckt im Subjekt

sentliche theoretische Winke auf die „anima mundi“ und auf literarische Quellen
zu diesem Begriff. Auf S. 77 der Weltseele scheint sich Schelling indirekt auf
Ploucquets Schrift zu beziehen (vgl. den editorischen Bericht S. 15 f.).
56 Abbildung der Titelseite in Franz/Jacobs 2004, 188.
57 Abbildung in Franz/Jacobs 2004, 223. Vgl. Knaus 1751, Vorwort; in l. c., 220 f.
Layritz erklärt seinerseits, die gründlichen und deutlichen Institutiones philoso-
phiae logicae des Wolffianers Friedrich Christian Baumeister nur an den Schulge-
brauch didaktisch adaptiert zu haben (222 f.).
16. GÄNGIGE URTEILSLEHREN DER SCHULEN 161

drin),58 im anderen ausgeschieden (es steckt nicht darin). Damit


hängt auch die so genannte ,Konvertibilitätsbedingung‘ zusammen,
die in den mittelalterlichen Logiken eine große Rolle spielte und
mit der noch Schleiermachers Dialektik arbeitet (Schleiermacher
2001 II, 364 ff.): Wenn Subjekt und Prädikat „einerlei“ sind, kann
man den Satz salva veritate in beiden Richtungen lesen; d. h., man
darf Subjekt und Prädikat – ohne Rücksicht auf ihren Quantor –
miteinander ,vertauschen‘; andernfalls ist die Beziehung asymme-
trisch (Schenk 1999, 317; vgl. Wolff 1983, 264 ff. = §§ 282 ff.).
3. Eine dritte wichtige Hindeutung gibt Schelling rückblickend zu
Beginn der Freiheitsschrift (1809). Hier bezieht er sich ausdrücklich
auf Leibnizens Entgegnung (von 1669) auf die Einwände des polni-
schen Sozinianers (d. h. hier: Trinitäts-Leugners) Andreas Wissowa-
tius (latinisiert, eigentlich Andrzej Wiszowaty)59 – eine Auseinander-

58 Gemäß der Leibniz’schen inesse-Relation inhäriert das Prädikat dem Subjekt


(Couturat 16 f., 402, 474; vgl. Mates 1986 84 ff.). Die Relation des inesse impli-
ziert ontologische Homogenität zwischen Subjekten und Prädikaten (Prädikate
sind inkomplette Teile von Begriffen [Mates 1986, 60 f.]). Ferner gilt für die ines-
se-Relation: A ist in B enthalten oder wird von B genau dann impliziert, wenn es
unmöglich ist, dass ein Gegenstand unter A, aber nicht unter B fällt. Und: Begriff
A ist in B enthalten genau dann, wenn alle einfachen Bestandteile von A auch
Bestandteile von B sind. So ist der Begriff ,Tier‘ im Begriff ,Mensch‘ enthalten,
denn traditionell gilt es für unmöglich, dass etwas ein Mensch ist, ohne ein Tier
zu sein; also lässt sich (in dieser Tradition) der Begriff ,Mensch‘ durch ,vernünf-
tiges Tier‘ analysieren (Mates 1986, 87). Daraus ergibt sich die (noch von Mai-
mon und Schleiermacher vertretene) Ansicht, dass es gar keine synthetischen Ur-
teile, sondern nur solche geben kann, deren Analytizität dem Urteilenden – we-
gen der Beschränktheit seines Verstandes – nicht oder noch nicht bekannt ist.
Das ist der Fall, wenn etwas „in dem Umfang des Begriffs mitgesetzt“ ist, „was
in Beziehung auf ihn zufällig ist, was aber der Möglichkeit nach Urteile enthält“
(Schleiermacher 2001, II, 201).
59 Responsio ad objectiones. Contra Trinitatem & Incarnationem Dei altissimi (meist
kurz zit.: Defensio Trinitatis contra Wissowatium). Im 1. Teilband des VI. Bandes
der Akademieausgabe kritisch ediert: VI, 1, 518 – 530 (krit. Apparat und Anm.:
573 – 577).
162 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

setzung, der Lessing eine ganze Abhandlung gewidmet hat.60 Schel-


ling gibt dort auch (ausnahmsweise) seine Quelle kund: nämlich die
Leibnizausgabe des Louis Dutens, die 1786 sechsbändig in Genf er-
schienen war (SW I/7, 342, Anm.).61 Aus dem ersten Band zitierend,
bezieht er sich vor allem auf Leibnizens Unterscheidung der tautolo-
gischen „Einerleiheit“ (oder „Gleichheit“) von der (differenzsensiti-
ven) „Identität“ oder „Einheit“ (l. c., 343, dieselbe Anm.; vgl. 342)
und wirft z. B. Reinhold in rüden Beschimpfungen vor, diesen Unter-
schied nicht wahrgenommen zu haben und Spinoza, mithin auch
Schelling, per absurdum so zu interpretieren, als meinten beide, alle
Dinge seien in Gott (oder ,an sich‘) einerlei.
Leibniz habe die Copula im bejahenden Aussagesatz zwar als
Identitätszeichen verstanden (und dem schließt sich Schelling an).
Aber er habe zwei Formen der Identität deutlich auseinandergehal-
ten: die nichtssagende ,Einerleiheit‘ und die gehaltvolle Identität
zweier, deren Verknüpfung durch die Satz-Copula einen Erkennt-
niswert mit sich führe (Neumann 2012, 111 ff.). In der Tat zeigt
Leibniz in seiner „Defensio Trinitatis“ die Widerspruchslosigkeit
der Annahme, dass die eine (göttliche) Substanz unter drei Hin-
sichtnahmen charakterisiert werden könne („en contienne plusieurs
respectives“: Leibniz 1768c, 26). Das belegt Leibniz an der Funkti-
on der Copula, und Schelling gibt seinen Gedanken zu Recht als
Logik der Ein- und Ausfaltung („implicitum et explicitum“) wieder
(SW I/7, 342).

60 „Des Andreas Wissowatius Einwürfe wider die Dreieinigkeit“, in: Lessing 1976,
203 – 216. Lessing hat Wissowatius’ Text samt Leibnizens Antwort vollständig
ediert. Schelling geht in der Freiheitsschrift nicht direkt auf diesen Text, sondern
auf die Erziehung des Menschengeschlechts ein (SW I/7, 412), die wiederum Leib-
nizens Vorspann zur Théodicée, dem „Discours de la conformité de la foi avec la
raison“ verpflichtet ist: PS 2.1, 68 – 205. Dazu und zum Folgenden: Neumann
2012.
61 Wie gut Schelling diese Ausgabe kannte, zeigt sein Gedächtniszitat aus dem 5.
Bd. in einem Brief an Georgii (Plitt II, 279 f.). Dazu Neumann 2012, 108 f.
16. GÄNGIGE URTEILSLEHREN DER SCHULEN 163

Die alte tiefsinnige Logik [die des Leibniz]/ unterschied Subjekt und Prädicat
als vorangehendes und folgendes (antecedens et consequens), und drückte damit
den reellen Sinn des Identitätsgesetzes aus. Selbst in dem tautologischen Satz,
wenn er nicht etwa ganz sinnlos seyn soll, bleibt dieß Verhältniß. Wer da sagt,
der K ö r p e r ist Körper, denkt bei dem Subjekt des Satzes zuverlässig etwas
anderes als bei dem Prädicat; bei jenem nämlich die Einheit, bei diesem die ein-
zelnen im Begriff des Körpers enthaltenen Eigenschaften, die sich in demselben
wie Antecedens zu Consequens verhalten. Eben dieß ist der Sinn einer andern
älteren Erklärung, nach welcher Subjekt und Prädicat als das Eingewickelte und
Entfaltete (implicitum et explicitum) entgegengesetzt werden62 (SW I/7, 342).

Das folgt aus der Annahme praedicatum inest subjecto (Discours de


Métaphysique, § 8 [PS 1, 74]), die sich auch so umformulieren lässt:
Das Subjekt ist ein Inbegriff an Merkmalen, die alle in ihm eingefal-
tet („impliziert“) sind und in Prädikatstellung „einzeln“ entfaltet
(„expliziert“) werden (können). Beim Fall der Tautologie wendet
Schelling dies so, dass alle Merkmale, eins ums andere, aus der aktu-
ellen Einheit des Inbegriffs sich herausfalten, während ein im um-
gangssprachlichen Sinne gehaltvolles Urteil nicht alle auf einmal,
sondern jeweils eines oder mehrere in der jeweiligen Gesprächssi-
tuation signifikante Prädikate aus der Totalität herausholt (auswi-
ckelt, expliziert).
Jedenfalls kann hinsichtlich dieses Ganzes-Teil-Verhältnisses von
Einerleiheit oder Selbigkeit nicht die Rede sein.63
Aber ein Weiteres entnimmt Schelling Leibnizens „Defensio Tri-
nitatis“: Die Unterscheidung eines Enthaltenseins des Prädikats per
se oder per accidens (Leibniz 1768a, 11; vgl. Leibniz 2006a, AA

62 Wie oft, gibt Schelling keinen Hinweis, an wen er denkt. An Nikolaus von Kues
oder Giordano Bruno?
63 In „Events“ macht David Lewis übrigens eine ganz ähnliche Unterscheidung zwi-
schen ,Differenten‘, die aber nicht notwendig ,distinkt‘ sein müssen: „,Distinct‘
does not mean ,non-identical‘. I and my nose are not identical, but neither are we
distinct. There is a clear sense in which our second event is part of the first: the
subclass is part of the class, they are neither identical nor distinct. […] Indeed, we
dare not count the two as distinct“ (Lewis 1986, 256).
164 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

VI,1, 520, Z. 5 – 7). Ein Prädikat ist per se enthalten, wenn es dem
Subjekt wesentlich oder unmittelbar zukommt (der Farbe blau die
Ausgedehnheit oder dem Ton die Lautstärke); es ist per accidens
(oder zufällig oder mittelbar) in ihm enthalten, wenn diese Not-
wendigkeit fehlt. Schelling illustriert diesen „einem Kinde begreif-
lich zu machen[den]“ Unterschied an dem Satz „dieser Körper ist
blau“ (SW I/7, 341). Er erkläre den Körper und seine Bläue erstens
nicht für einerlei und zweitens die Eigenschaft ,blau‘ auch nicht für
eine notwendige Implikation von ,Körper‘. Sondern der Sinn des
Satzes sei dieser: „dasselbe, was dieser Körper ist, sey, obgleich
nicht in dem nämlichen Betracht [Leibnizens respective], auch blau“
(ebd).
Mit dieser Wendung geht Schelling über den Leibniz der „De-
fensio“ ein Stück hinaus, freilich ohne sich von Leibniz zu trennen.
Ich werde das im Abschnitt über die Reduplicatio erläutern
(Kap. 22). In den Weltaltern ist der Schritt explizit vollzogen. Schel-
ling kann das Beispiel aus der Freiheitsschrift („das Vollkommene
ist das Unvollkommene“ [SW I/7, 341]) nun anders deuten denn als
ein Enthaltensein des Prädikats per accidens. Vielmehr kann er bei-
de Ausdrücke zu ,Prädikaten‘ eines in der Oberflächengrammatik
des Satzes verborgenen Subjekts (er nennt es ,X‘) erklären (Schel-
ling 1946, 27, 2. Abschn.) und den Sinn des Satzes dann so deuten:
Das, was im strengen Sinne der Einerleiheit ,es selbst‘ ist (das X, das
wahre ,Subjekt‘ des Satzes), sei in einem Betracht (als erstes Prädi-
kat) das Vollkommene, in einem anderen (als das zweite Prädikat)
das Unvollkommene, ohne dass Vollkommenheit und Unvollkom-
menheit dadurch einfachhin gleichgesetzt würden (denn „das Un-
vollkommene ist nicht dadurch, daß und worin es unvollkommen
ist, sondern durch das Vollkommene, das in ihm ist“ [SW I/7, 341]).
Der „Grundsatz des Widerspruchs“, erläutert Schelling, besage,
„richtig verstanden […], nichts anderes, als daß entgegengesetzte
Subjekte nicht als Subjekte Eins seyn können, was aber nicht ver-
hindert, daß sie als Prädicate Eins seyen“ (Schelling 1946, 27) –
17. PLOUCQUETS IDENTITÄTSTHEORIE DES URTEILS 165

wenn sie nämlich nach einer Hinsichtnahme spezifiziert werden


(28, Z. 10/11 von unten).
Der wahre Sinn eines jeden Urtheils, z. B. des einfachsten, A ist B, [ist] eigent-
lich der: das, was A ist, i s t das, was auch B ist, wobei sich zeigt, wie das Band
[die Copula, das ,ist‘] sowohl dem Subjekt [X] als auch dem Prädikate [A, B] zu
Grunde liegt. Es ist hier keine einfache Einheit, sondern eine in sich verdoppelte
oder eine Identität der Identität. In dem Satz, A ist B, ist enthalten, erstens der
Satz A ist X (jenes nicht immer genannte d a s s e l b e, von dem Subjekt und
Prädicat beyde Prädikate sind); zweitens der Satz X ist B; und erst dadurch, daß
diese beyden wieder verbunden werden, also durch Reduplikation des Bandes
entsteht drittens der Satz A ist B (ebd., von mir kursiviert; wieder nennt Schel-
ling den Begriff das „eingewickelte“, den Schluss das „entfaltete Urtheil“).

Ein Beispiel, das Leibnizens „Defensio“ entgegenkommt: Als


Mensch ist Jesus unvollkommen (z. B. sterblich, fehlbar), als Christos
ist er Gott gleich, unsterblich und vollkommen. (Wir werden später
[Valicella 2004] sehen, dass hier in Wahrheit ein ungetilgter konträrer
Widerspruch waltet, vgl. unten Kap. 18.)

17. Ein genauerer Blick auf Ploucquets


Identitätstheorie des Urteils
Zunächst verdient die Art und Weise Aufmerksamkeit, wie Schel-
ling sich Ploucquets logische Grundintuition zugeeignet hat. Wir
verfügen nur über indirekte Belege und müssen darum offenlassen,
ob seine Identitäts-Auffassung des Urteils direkt durch Ploucquet
angeregt war – dafür sprechen, wie gesagt, frühe Übungen Schel-
lings zum logischen ,Calculus‘, wie sie in seinen Studienheften er-
halten sind, und seine Übernahme von Ploucquets Symbol für die
Verschiedenheit (>) in seinen ersten philosophischen Schriften.
Eine bloße Konvergenz in der Sache wäre eine zu schwache These;
aber diese wäre jedenfalls belastbar, wie ich im Folgenden ausführ-
licher zeigen will.
166 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Ploucquet war, wie gesagt, der Auffassung, dass wir in jedem


(außer dem existentiellen) Urteil zwei Begriffe miteinander ,verglei-
chen‘ und im Falle des bejahenden Urteils sogar identifizieren. Ich
glaube, trotz Michael Franz’ Pionierarbeit in der Erschließung von
Ploucquets Einfluss auf die Tübinger Stiftler im Allgemeinen ist
Schellings Prägung durch die Identitätstheorie der Prädikation nie
bemerkt, geschweige denn ausbuchstabiert worden.
Sie bedarf also einer eigenen Hervorhebung. Darum will ich ins-
besondere zeigen, wie sich für Schelling auch von hier ein theoreti-
scher Weg öffnete, der Identitätsformel ein wesentliches Moment
von Differenz ,einzubilden‘.
Der Ausgangspunkt seiner Überlegung ähnelt der Plouc-
quet’schen erkennbar: Schelling versteht das Urteilen als eine Art
von Zur-Deckung-Bringen zweier Begriffsumfänge, die aber in ih-
rem Inhalt (ihrer ,Intension‘, wie man sagte) sehr wohl differieren
dürfen. ,Extension‘ oder ,Umfang‘ meint: die Menge der Gegen-
stände, die unter einen Begriff fallen (das ist das Subsumtionsmodell
des Urteils). ,Intension‘ oder ,Begriffsinhalt‘ meint die Gesamtheit
der begrifflichen Merkmale, die in einem Begriff enthalten sind. Ex-
tensional ist ein Begriff umso reicher, je mehr Gegenstände unter
ihn fallen (,Lebewesen‘ ist also reicher als ,Mensch‘). Intensional
herrscht gerade das umgekehrte Verhältnis; denn das Begriffsmerk-
mal ,Mensch‘ kommt nun zu dem von ,Lebewesen‘ hinzu.
Nach Ploucquet werden in jedem (prädikativen) Urteil zwei Be-
griffe („notiones“), nämlich ein Subjekt- und Prädikat-Begriff, mit-
einander ,verglichen‘: „Judicium est comparatio notionis cum noti-
one“ (Ploucquet 1970, 47; vgl. Ploucquet 2006, 2: „Judicium est in-
tellectio factae comparationis duarum notionum. Ratiocinium est
intellectio factae comparationis duorum judiciorum“). Solche Ver-
gleichungen sind das Werk der Reflexion. Im Reflektieren geschieht
eine „Vergleichung schon gegebener Begriffe“, wie noch Kant sagt
(AA IV, 326). Genauer: Die Reflexion legt zwei oder mehrere Be-
griffsumfänge übereinander und „überlegt“ (das meint: ,reflek-
17. PLOUCQUETS IDENTITÄTSTHEORIE DES URTEILS 167

tiert‘), wie viele sich davon überschneiden und wie viele von ihnen
differieren. Ein Urteil ist demnach bejahend, wenn in ihm eingese-
hen wird, dass Subjekt und Prädikat sich vollständig decken („Intel-
lectio identitatis subjecti et praedicati est affirmatio“). In diesem
Falle lassen sich die beiden Ausdrücke umkehren, d. h. ohne Verlust
des Wahrheitswerts in beiden Richtungen lesen („Conversio propo-
sitionis est commutatio subjecti cum praedicato“; vgl. 2006, 114,
§ 207: „Cum in definitione subjectum & praedicatum eandem no-
tionem exhibeant; omnis definitio est propositio convertibilis seu
reciprocabilis“). Das Urteil ist verneinend, wenn das Subjekt als
vom Prädikat verschieden eingesehen wird; in solchen Urteilen sind
die Termini nicht vertauschbar (Ploucquet 1970, 48). Bloße Ver-
schiedenheit von Begriffsumfängen begründet also die Negation.64
Soviel zum Gedanken des Urteilens als eines Vergleichens von
Begriffsumfängen. Darin liegt die Möglichkeit, dass sie nicht zur
Deckung kommen oder sich nur teilweise überschneiden. Das Fak-
tum der Verneinung – sowohl im harten Sinn der Kontradiktion als
auch im weicheren der (sub)konträren Entgegensetzung – lässt sich
nun aus dem der Nicht-Überschneidung oder der völligen Unver-
träglichkeit von Begriffsgehalten der Glieder eines Aussagesatzes
fasslich machen. Differenz setzt freilich Identität voraus, nicht um-
gekehrt – wie ein Parasit von seinem Wirt abhängt. In bejahenden
Aussagen gibt es vollkommene Umfangsgleichheit („aequalitas“)
zwischen Subjekt und Prädikat – ist doch das Prädikat auf den Um-
fang des Subjektausdrucks ,komprimiert‘ (dann wird es „kompre-

64 Michael Franz machte mich darauf aufmerksam, dass Ploucquet für die Verschie-
denheit das Größer-als-Zeichen > wählt, das Schelling 1794/95 ebenfalls zwei-
mal verwendet. „Wenn die Gleichheit von S[ubjekt] und P[rädikat] verneint
wird, dann liegt eben automatisch eine Größer-als- oder eine Kleiner-als-Relati-
on vor. (Und das, wie im Einzelnen gezeigt werden könnte, sowohl für die inten-
sionale Interpretation, bei der die Merkmale gezählt werden, als auch für die ex-
tensionale Interpretation, bei der die Exemplare gezählt werden.)“
168 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

hensiv“ verstanden);65 wenn nicht, wenn es also über den Gehalt des
Subjekts übersteht oder hinter seinem Umfang zurückbleibt oder
ihm total ungleich ist, wird das Ungleiche teilweise oder toto coelo
(,der ganzen Weite/Quantität nach‘) von ihm ausgeschlossen („Ex-
klusion“ [Ploucquet 2006, § 30 f.]). Da dabei das Prädikat quantifi-
ziert werden muss, spielt es keine Rolle, wie der Subjektausdruck
quantifiziert ist: Das Prädikat wird sich in jedem Fall an ihn anglei-
chen (et vice versa).
Darum geschieht der Universalität einiger bejahender Sätze kein
Abbruch. Eine Eigentümlichkeit der Ploucquet’schen Logik ist
nämlich die Voraussetzung, dass Komprehension Allgemeinheit
nicht ausschließt (Ploucquet 1970, 175, 4.). Ploucquet meint, parti-
kulare Quantifikation (,einige S‘) lasse sich in zweierlei Sinn prakti-
zieren (Ploucquet 2006, § 14 f.): im ,komprehensiven‘ Sinne, wenn
offen bleiben darf, ob die quantifizierten Einzelgegenstände einer
Menge mit ihrer Allheit zusammenfallen (Allheit ist dann ein
Grenzfall der Partikularität; hier hat der Quantor ,einige‘ den Sinn
von ,wenigstens einer‘, kann aber ,alle‘ einschließen; z. B., wenn ich
Bäume beobachte und sehe, dass die Eiche, die Fichte und die Ulme
Samen trägt und dann induktiv schließe: ,Wenigstens ein Baum,
aber vielleicht alle Bäume tragen Samen‘). Oder im ,exklusiven‘ Sin-
ne, wenn der Quantor ,einige‘ so gelesen wird: ,Einige S sind F, ei-
nige andere [S] aber sind nicht F‘). Damit steht ein ,logischer Sinn’
(„sensu logico“ [§ 16]) einem ,umgangssprachlichen Sinn’ der Parti-
kularität gegenüber („in linguis usitatis“ [§ 31]). Im ersten lässt die
Partikularität die Universalität als Extrem oder Grenzfall zu, im
zweiten legt sie uns auf ein ausschließendes Entweder-oder fest.
Dieser zweite Fall ist gegeben bei einer Nicht-Überschneidung des
(extensionalen) Gehalts von Subjekt- und Prädikat-Terminus. Hier
findet Differenz oder Negation statt: ,Einige S sind nicht F‘. Und

65 Das entspricht der Definition der ,aequalitas‘ als Umfangs-Gleichheit zweier


Termini: „Identitas inter plures quantitates qua tales est aequalitas“ (Ploucquet
1782, 160 [zit. nach Franz 2005a, 106]).
17. PLOUCQUETS IDENTITÄTSTHEORIE DES URTEILS 169

dann wird das Ausgeschlossene (F) universal verstanden (§ 31: „In-


tegra enim praedicati notio negatur de subjecto“; auch Ploucquet
1970, 175).
Die für unsere Fragestellung wichtigste These Ploucquets – zu-
gleich diejenige, die Maimon in seinem Versuch über die Transcen-
dentalphilosophie (1789) ausführlich und zustimmend zitiert (Mai-
mon 1965, 380 – 384 [= Ploucquet 1970, 48 – 53]) – ist die der Sub-
jekt-Prädikat-Identität im wahren bejahenden Urteil; und
Schellings Formel ,A = A‘ ist ja bejahend. Ploucquet illustriert sie
in Kürze am folgenden Beispiel: ,Jeder Kreis ist eine (quaedam)
krumme Linie‘ muss in der komprehensiven Lesart so verstanden
werden: Wir haben eine „notionem cujusdam lineae curveae, quae
vocatur circulus“, also einer (sc.: ganz bestimmten oder wenigstens
einer) gekrümmten Linie, eben der, die da ,Kreis‘ genannt wird
(50). Nicht haben wir zu tun mit jeder beliebigen krummen Linie,
etwa einer Parabel, die nicht in sich zurückläuft und die keinen
Punkt hat, der von allen Punkten der Peripherie gleich weit entfernt
ist (51). Wir können den Kreis also nicht mit jeder beliebigen
Krümmung, sondern dürfen ihn nur mit derjenigen identifizieren,
die begriffsgleich ist mit ,Krümmung, deren Peripherie-Punkte alle
gleich weit entfernt sind von einem Mittel-Punkt‘. So ist der eigent-
liche Sinn des Satzes ,Der Kreis ist eine gekrümmte Linie’ dieser:
,Eine krumme Linie, die in sich selbst zurückläuft, ist eine bestimm-
te (quaedam) krumme Linie.‘ Das bedeutet, dass das Prädikat um
der Wahrheit des Satzes willen nicht in seiner vollen, sondern in der
auf den Umfang des Subjekt-Terminus zusammengedrängten
(,komprehensiven‘) Extension genommen wird: ,einer bestimmten
krummen Linie‘; und dieser Satz ist identisch, weil seine beiden Ex-
treme (so nannte man die Eck-Termini, die den – im Schluss ver-
schwindenden – Mittelbegriff – terminus medius – umgreifen) im
Grunde nur einen einzigen Begriff bilden: „ille mentis actus, quo
circulus concipitur esse quaedam [eine bestimmte] linea curvea, ni-
hil aliud est quam intellectio unius notionis“ (51; vgl. 52; diese Kon-
170 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

sequenz, „daß nämlich ein Urtheil nur einen Begriff enthält“ [Mai-
mon 1965, 380 u.], war übrigens Maimons Motiv, den eben wieder-
gegebenen Passus aus Ploucquets Kalkül-Schrift ausführlich zu zi-
tieren: l. c., 381 – 384). Ein möglicher Einwand: ,Krummlinig‘ meine
in beiden Fällen extensional (,per notionem genericam‘) dasselbe,
egal, ob an einen Kreis oder eine Parabel gedacht wird. Replik: Je-
des Prädikat wird dem Subjekt nicht überhaupt, sondern in einer
bestimmten Hinsicht zugesprochen („tali modo“, „relatio ad subjec-
tum“): eben der, in der es mit dem Subjekt einen einzigen Begriff
bildet, ja, in der es ihm leibnizisch inhäriert („inest subjecto“ [52]).
Sage ich etwa: ,Ich sehe diesen runden Stein‘, so habe ich nicht zwei
zu konjugierende Begriffe, sondern nur einen: „Licet enim judicium
dicatur comparatio ideae cum idea (mag immer das Urteil als Ver-
gleich einer Idee mit einer anderen ausgedrückt werden); idem ta-
men comparatum cum semet ipso non sistit res duas, vel sed unam
(so stellt doch dasselbe, mit sich selbst verglichen, nicht zwei, son-
dern eines dar)“ (l. c.). Gäbe es nicht klare Belege für Ploucquets
Auffassung der komprehensiven Prädikate als ,extensionaler Quan-
titäten‘ (z. B. Ploucquet 1970, 18, 54), so würde seine eben zitierte
Replik auf den Einwand, Begriffe seien doch Extensionen, nahe le-
gen, dass er sehr wohl an ein intensionales Verhältnis gedacht hat.
Dafür spricht schon die Leibniz’sche Ausdrucksweise (inest sub-
jecto praedicatum) und die klar analytische Auffassung der Prädika-
tion, die dem Subjekt-Terminus nichts hinzufügt. Dafür spricht
auch Ploucquets Deutung eines Begriffs nicht als disjunktive Klasse
von Gegenständen, sondern als konjunktive Merkmalsmenge, in der
die Prädikate (selbst Merkmale) enthalten sind wie Raumteile im
Raum. Anders würde es keinen Sinn ergeben, das Urteil ,Alle Krei-
se sind krumme Linien‘ durch folgende Auslegung ad absurdum
führen zu wollen: ,Alle Kreise sind Wellenlinien und Ellipsen und
Parabeln und Ovale etc.‘ Das aber tut er, z. B. in folgender Überle-
gung: Im Urteil ,Jeder Mensch ist sterblich‘ „setzen wir nicht nur
Menschheit in Umfangeinheit mit Sterblichkeit, sondern innerhalb
17. PLOUCQUETS IDENTITÄTSTHEORIE DES URTEILS 171

des Gegenstandes ,jeder Mensch‘ stellen wir als eines seiner Merk-
male das ,Sterblichsein‘ vor, und so ist es unmöglich, dass die Ein-
heitsvorstellung ,sterblicher Mensch‘ gedanklich auseinandergeris-
sen wird“ (Rülf 1920, 20). Das ,Rundsein‘ wohnt als ein Teilbegriff
oder Merkmal dem Subjekt ,dieser Stein‘ inne („ipsa haec notio par-
tialis modo determinato inest subjecto“),
und so wird das Subjekt als ein in solcher Weise bestimmtes (qua tali modo de-
terminatum) begriffen und so vom Geiste ein Begriff gewahrt (observatur): run-
der Stein. Durch diesen Satz denke ich tatsächlich nichts anderes als einen Be-
griff, nämlich den eines runden Steines, indem zwei Termini auch durch einen
ausgedrückt werden können.66 Mag allemal das Urteil Vergleich einer Vorstel-
lung (ideae) mit einer anderen genannt werden, so wird doch das nämliche
(idem) mit sich selbst (semet ipso) verglichen, nicht gibt es zwei Dinge, sondern
nur eine (Ploucquet 1970, 52).
Es erhellt, dass sich alle bejahenden Schlüsse (syllogismos) auf einen Begriff
(unam notionem) reduzieren lassen. Was aber auf eine bejahende Aussage (pro-
positionem) reduziert werden kann, wird damit auf zwei identische Ausdrücke
(terminos) zurückgeführt, mithin auf einen Begriff (l. c., 73 u.).

Diese Einheit lässt sich intuitiv oder auf einen Blick erfassen: „uno
obtutu“ (l. c.). Ein anderes Beispiel: ,Alle Löwen sind Tiere.‘ Das
Urteil besagt nicht, dass die Löwen unter die Klasse aller Tiere, also
auch der Hunde, Pferde und Katzen zu rechnen seien, sondern nur,
dass zu jedem Löwen das Merkmal Tier67 gehört. „[D]enn der Löw
ist nicht das Thier in abstracto, sondern in concreto, auch nicht das
Thier Tiger etc., sondern das Löw-Thier, oder Thier-Löw“ (l. c.,

66 Wenig früher sagt Ploucquet, die Subjekt-Prädikat-Diversität sei (im bejahenden


Urteil) nur ein Schein: Subjekt und Prädikat müssen „als verschiedene Zeichen
derselben Sache“ betrachtet werden (Ploucquet 1970, 50,4).
67 Ploucquet präzisiert, dass selbstverständlich das Prädikat nur einen Teil des Sub-
jekts ausmache, dass aber dennoch von einer Identität zwischen beiden gespro-
chen werden dürfe, weil das Prädikat in seiner komprehensiven Eingrenzung nur
diesem bestimmten Subjekt zukomme und, „wenn man es nur unter seinen Be-
stimmungen verstehe (sub sui determinationibus intellectum), denselben Begriff
wie das Subjekt bilde […]“ (Ploucquet 1970, 52 f.).
172 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

175 f.). Die Begriffs-Identität und das logische Immanenzverhältnis


könnten nicht kürzer bezeichnet werden (gerade weil Ploucquet an
der eben zitierten Stelle die Sprache der intensionalen, nicht der
Umfangs-Logik spricht: „obwohl ein Thier ohne Absicht auf diesen
Saz [sic!] [dass es nämlich ein Löwe ist] eine größere Weite [= Ex-
tension] hat, und z. E. Pferde, Tiger, Hunde etc. i n s i c h [nicht:
unter sich] begreift“ [von mir gesperrt]). Extensionen sind Disjunk-
tionen von Gegenständen; aber bei einer intensionalen Betrachtung
(worauf Lenzen hinweist) „enthält ein Begriff A einen Begriff B ge-
nau dann, wenn A mit der Konjunktion AB (bzw. BA) zusammen-
fällt. Da der Begriff ,Löwe‘ den Begriff ,Tier‘ enthält, ist ,Löwe‘
also mit ,Löwen-Tier‘ bzw. mit ,Tier-Löwe‘ identisch“ (Lenzen
2008b, 93). Die Kopula, eigentlich bestimmt, diese Identität zwi-
schen Subjekt und Prädikat anzuzeigen, stellt sich in unserer nicht
kalkülisierten Umgangssprache dagegen als eine Art Elementar-
Teilung dar; und das hat damit zu tun, dass die Extension von
,Löwe‘ mit der von ,Tier‘ eben nicht identisch ist, sondern von der
Letzteren überragt wird (l. c., 50; vgl. Hölderlins berühmte Überle-
gung zu Urtheil und Seyn).

18. Umfangsgleichheit und Bedeutungsverschiedenheit


der Urprädikate. Weisen der Identität und
die Schwächung des Satzes vom Widerspruch
1. Ich habe durch die Intension-Extension-Unterscheidung bisher
nur einen objektiv bestehenden Grund angegeben, warum Schelling
seine erkennbar mit Ploucquets verwandte Identitätsauffassung der
Prädikation mit der der Differenz der Glieder vereinbaren zu kön-
nen glaubt – dies alles ohne die Feinmechanik der modernen Se-
mantik. Koextensionalität der Begriffe A (Geist) und B (Natur)
schließt ihre Bedeutungsverschiedenheit (also ihre inhaltliche – oder
intensionale – Unterschiedenheit) gerade nicht aus. Um den Über-
18. IDENTITÄT UND WIDERSPRUCHS-SCHWÄCHUNG 173

gang vom allein existierenden Absoluten (emtyr em, X) zu A und B


verständlich zu machen, greift er auf die (mittelalterliche) logische
Operation mit der ,reduplicatio‘ zurück, mit der wir uns detailliert
im 22. Kapitel auseinandersetzen werden. X ist nicht an ihm selber,
sondern nur als A Geist und nur als B Natur. Daraus folgt nicht die
Inhaltsgleichheit von Natur und Geist, sondern nur ihre Koinzi-
denz in X, von dem – dem eigentlichen Satzsubjekt – sie im transiti-
ven Sinne ,gewesen werden‘.
Dieses ,wesende Subjekt‘ wäre selbst einfach (im Sinne der analy-
tischen Einerleiheit:68 es wäre nichts als ,es selbst‘), und die Prädi-
kate (A und B [vgl. Schelling 1946, 27, 2. Abschn.]) wären eins nur
in Bezug aufs Subjekt, beziehungsweise sofern sie vom Subjekt ,ge-
wesen werden‘, nichts hingegen (bloße lµ emta) außerhalb dieses
Bezugs. Wer verliebt ist, ist insofern nicht zornig (Liebe und Zorn
sind semantisch distinkt – bei Jacob Böhme, an den Schelling hier
denkt, bezeichnen die Ausdrücke einen konträren Gegensatz); aber
es ist durchaus denkbar, dass der Verliebte und der Zornige die näm-
liche Person sind (wie Kafkas Kleine Frau, die dem Ich-Erzähler
ganz konträre Botschaften sendet).
Das Prinzip der Widerspruchsfreiheit – darauf insistiert Schelling
(Schelling 1946, 27) – wird hier also durch das Identitätsprinzip
überhaupt nicht verletzt.69 Ein Beispiel: Die Seele ist nicht der Leib,

68 „Der wahre Sinn des Urtheils, z. B. das A ist B, kann nur dieser seyn: d a s, w a s
A i s t, i s t d a s , w a s B ist, oder d a s, w a s A , und d a s w a s B ist, ist
einerlei“ (SW I/8, 213 [der entscheidende Ausdruck von mir kursiviert]). „Der
wahre Sinn jener anfangs behaupteten Einheit ist daher dieser: ein und dasselbe =
X ist sowohl die Einheit als der Gegensatz“ (l. c., 217).
69 Dass Schelling den Satz des Widerspruchs respektiert (nach seiner Meinung: im
Gegensatz zu Hegel), zeigt auch diese Passage: „Daß also je das Ideale als solches
das Reale sey, und umgekehrt, Ja Nein und Nein Ja, dieß ist ja wohl unmöglich;
denn dieß behaupten, hieße den menschlichen Verstand, die Möglichkeit sich
auszudrücken, ja den Widerspruch selbst aufheben. Wohl möglich aber ist, daß
ein und dasselbe = X sowohl Ja als Nein, Liebe und Zorn, Milde und Strenge
sey“ (SW I/8, 214).
174 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

und der Gedanke in seiner mentalen Selbstdarstellung ist kein neu-


rophysiologischer Prozess in meinem Hirn. Beide sind strikt nur
mit sich identisch und von ihrem Korrelat unterschieden. Aber aus
der Unmöglichkeit zu sagen, das Denken sei als solches ein neuro-
naler Prozess, folgt nicht – so Schelling –, dass man mithin nicht
sagen darf, „dasselbe, was in dem einen Betracht Leib ist, sey in
dem andern Seele“ (l. c., 28): erster Morgenschimmer einer Iden-
titätstheorie im zeitgenössischen Sinne, auch wenn wir die Feinme-
chanik von Theorien der Supervenienz des Einen über dem Ande-
ren von einem philosophischen Klassiker nicht erwarten dürfen
(dazu Beckermann 2008, 8. Kap., 203 ff.).
Ploucquets Überlegungen könnten Schellings Versuchen zur
Aufklärung der Identitätsformel eine wesentliche Hilfestellung ge-
boten haben: Wenn das bejahende Urteil auf beiden Seiten der Co-
pula Äquivalente verteilt, dürfen die Glieder von Sätzen wie ,A =
B‘ oder ,Geist ist Natur‘ als umfangsgleich gelten. Denn genau
dann, wenn etwas Natur ist, so ist es auch Geist (et vice versa). Das
impliziert nun nicht, dass ,Geist‘ und ,Natur‘ auch bedeutungs-
gleich sind und denselben Wahrheitsbedingungen unterstehen. Sie
können sehr wohl, wie man damals sagte, inhaltlich oder intensio-
nal verschieden sein. Wie das letztere möglich ist, das sucht Schel-
ling unter Rückgriff auf die alte logische Figur der Reduplikation
zu erklären – darüber mehr im 22. Kapitel.
2. Noch eine Konvergenz mit Ploucquet verdient unsere Auf-
merksamkeit. Obwohl Schelling das Widerspruchsprinzip aus-
drücklich nicht in Frage stellt, darf man doch von einer merkwürdi-
gen Schwächung seiner Geltung bei ihm sprechen (vgl. SW I/7, 205,
Anm. 1). Das gilt auch dann, wenn man sich klarmacht, dass er für
die Erklärung seiner Identitätsformel 1. nur auf affirmative Urteile
zurückgreifen musste, 2. eine besondere Erklärung für die Sinn-
Verschiedenheit von umfangsgleichen Prädikaten hatte (,reduplika-
tive Lesart‘) und 3. ausdrücklich – wahrscheinlich gegen Hegel –
betonte, dem Satz des Widerspruchs allen denkbaren Respekt wi-
18. IDENTITÄT UND WIDERSPRUCHS-SCHWÄCHUNG 175

derfahren zu lassen – freilich mit einer bemerkenswerten Schwä-


chung seiner Geltung.
Dafür findet sich ein früher und auffälliger Beleg in den Aphoris-
men über die Naturphilosophie (1806): Es sei „Mißverstand des ers-
ten Gesetzes aller Logik“, wenn einer den Satz ,A = B‘ so lesen
wollte, als werde A als A geradehin mit B identifiziert. A sei „das
Wesen oder E s s e von B“, nicht B in concreto, und B als ein Par-
tikulares sei nur, insofern es von A in diesem seinem Sein unterhal-
ten werde (es sei nur, insofern A es – akkusativisch oder transitiv –
ist), so wie ein Prädikat nicht an sich, sondern nur an einem Subjekt
auftrete, ohne mit ihm zusammenzufallen. Dennoch hält Schelling,
„so paradox es […] scheinen mag“, daran fest, von einem Verhältnis
der Identität zwischen A und B, Subjekt und Prädikat, zu sprechen,
weil er eben eine Identitätsauffassung der Prädikation vertritt (SW
I/7, 205, Anm. 1; auch in den Weltalter-Entwürfen wird der Satz
des Widerspruchs mit Nachdruck verteidigt [Schelling 1946, 27,
128; Hogrebe 1989]).
Ich will nur, so kurz und einfach wie möglich, für diese – nicht
Aufhebung, aber Abschwächung des Sinns der Kontradiktion eine
Parallele bei Ploucquet sichtbar machen. Wir erinnern uns, dass
Ploucquet den Charme seiner Identitätstheorie darin sah, dass er
eine Misslichkeit der klassischen (aristotelischen) Logik vermeiden
könne: In seiner Fassung kann man die Reihenfolge von Subjekt-
und Prädikatbegriff samt ihren Quantoren salva veritate vertau-
schen (,Konversion‘), wahre Sätze also in beiden Richtungen lesen;
bei Aristoteles gilt dies nur für die beiden Fälle der universell ver-
neinenden und der partikular bejahenden Aussage. Also:

(Konv. 1) SeP $ PeS (,Kein Mensch ist ein Engel‘ $ ,Kein Engel
ist ein Mensch‘)

(Konv. 2) SiP $ PiS (,Einige Menschen sind arm‘ $ ,Einige Arme


sind Menschen‘)
176 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Aber schon bei der Vertauschung von SaP und SoP70 geht das nicht
mehr (Konv. 3 und Konv. 4). Aus ,Alle Menschen (S) sind sterblich
(P)‘ folgt nicht ,Alles Sterbliche (P) ist ein Mensch (S)‘; und aus ,Ei-
nige Lebewesen (S) sind keine Menschen (P)‘ folgt nicht ,Manche
Menschen (P) sind keine Lebewesen (S)‘. In diesen letzteren Fällen
kann der Wahrheitswert der Konversion nur erhalten werden, wenn
nicht nur – wie in den zwei vorigen Beispielen – die beiden Termini
simpliciter, sondern auch die Quantität verändert wird. Man spricht
in dem letzteren Fall von ,Konversion per accidens‘. (Urteile der
Form O – ,einige S sind nicht P‘ – sind danach gar nicht konverti-
bel. Wir werden aber gleich sehen, dass und wie Ploucquet mit die-
ser Auskunft sich nicht zufrieden gibt, sondern dass er auch die
vierte Satzform SoP mit feinsinnigen Auflagen für konvertibel hält.)
In der komprehensiven Lesart – meint Ploucquet – gelte die
Konvertierbarkeit der Aussagen nun aber durchgängig, auch für die
negierten Sätze; und das erleichtere den logischen Formalismus er-
heblich („Ein partikular-verneinender Satz ist eben so wohl conver-
tibel, als ein allgemeiner, wenn man nur dem Prädikat seine allge-
meine Grösse lässt“ [Ploucquet 1970, 178]). Ploucquet illustriert das
in einem „Exempla Conversionum“ überschriebenen Abschnitt u. a.
an folgenden beiden Beispielen, die auch Lenzen (2008a, 105) dis-
kutiert:
Quædam religio non est rationalis.
Cum omne rationale negetur de Quadam religione; patet, propositionem con-
versam esse hanc: Nullum rationale est Quædam religio; non autem hanc: Nul-
lum rationale est religio; quia non omnis religio, sed Quædam religio negatur de

70 Ich benutze die klassische (auf Aristoteles aufbauende) Notation: S steht für Sub-
jekt, P für Prädikat, und ,a‘, ,e‘, ,i‘ ,o‘ für die vier Figuren des so genannten logi-
schen Quadrats: a ist ein allgemein bejahendes (,Alles S ist P‘), e ein allgemein
verneinendes (,Kein S ist P‘), i ein partikulär bejahendes (,Einiges S ist P‘) und o
ein partikulär verneinendes Urteil (,Einiges S ist nicht P‘). Zur raschen Übersicht:
Tugendhat/Wolf 1983, Kap. 5, bes. 73 im Kontext.
18. IDENTITÄT UND WIDERSPRUCHS-SCHWÄCHUNG 177

omni rationali: Neque propositio conversa in formâ potest esse: quoddam ratio-
nale non est religio; quia rationalis sumitur universaliter.
Quædam creatura non est homo:
Convertendo erit: Nullus homo est quædam creatura, quia omnis homo negatur
de quadam creatura, v. g. ligno, lapide &c. (Ploucquet 1970, 55).

In der komprehensiven Lesart trete also nicht der traditionelle


Schulbuch-Widerspruch zwischen SiP und SeP (und analog zwi-
schen SoP und SaP) auf, also nicht zwischen Aussagen wie:
,Manche S sind P‘ (,Ein bestimmtes Geschöpf ist ein Mensch‘ oder ,Einige Ge-
schöpfe sind Menschen‘) und ,Kein S ist P‘ (,Kein Mensch ist ein [bestimmtes]
Geschöpf‘)

bzw.
,Einige S sind nicht P‘ (,Einige Geschöpfe sind keine Menschen‘) und ,Alle S
sind P‘ (,Unter allen Geschöpfen befinden sich einige Menschen‘) (Ploucquet
1970, 55).

Nämlich dann nicht, wenige ,einige‘ (,manche‘, ,wenigstens ein‘) so


gelesen wird, wie wir es kennen, nämlich als: ,wenigstens ein, aber
grenzwertig auch alle‘. Dann stehen sich nämlich S und P nicht
kontradiktorisch, sondern bloß konträr gegenüber, d. h., dass sie
zwar nicht beide wahr, aber beide falsch sein können. Aber, wird
man einwenden, wie soll denn das möglich sein, dass diese beiden,
einander entgegengesetzten Aussagen sich nicht strikt widerspre-
chen?
Ploucquet hat seine „Abänderung der logischen Construction“
(Ploucquet 1970, 155) in einer ausführlichen Replik auf Lamberts
Anmerkungen zu seinem Verfahren (1765) lichtvoll verteidigt. Es
sei irrig, sagt er dort, partikulare Sätze für ausschließend, nämlich
für die Allgemeinheit verneinend anzusehen. Dieser Irrtum habe
von Aristoteles bis auf seine Zeit zum unrichtigen Beweis der
Schlussarten Baroco und Bocardo geführt (l. c., 177). Diese Schluss-
arten betreffen die falsche Verneinung eines partikularen Satzes. In
178 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

ihm wird das Prädikat falsch von seinem Subjekt verneint; wahr
wäre also die Bejahung des Prädikats. Aber, sagt Ploucquet, das än-
dert doch den Umfang des Subjekt-Ausdrucks nicht (Ploucquet
2006, § 37, 12):
Da nun dasselbe Subjekt particular ist, so ist schlechterdings nothwendig, daß es
seine Partikularität auch in dem bejahenden Satze beibehalte. Wenn es falsch ist,
dass einige A, nicht B sind; so ist nothwendig wahr, daß diese einige A, B sind,
nicht aber, daß alle A, B sind; dann [sic!] der Fehler wurde bey dem Prädikat,
nicht bey dem Subjekt begangen (Ploucquet 1970, 177).

Mit anderen Worten: Das Subjekt büßt seine Partikularität in der


Negation nicht ein, sondern behält sie; nur das Prädikat wird ein-
mal bejaht, das andere Mal verneint. (Wenn ich glaube, Maulwürfe
haben keine Augen, so glaube ich, einige Tiere haben keine Augen –
und meine mit ,einige Tiere‘ genau und nur die Maulwürfe.71 Wenn
das falsch ist, so ist das Gegenteil zu meiner Überzeugung nicht:
„Alle Thiere haben Augen: sondern nur: Einige Tiere, d. i. diejeni-
gen Thiere, von denen ich glaubte, daß sie keine Augen haben, ha-
ben [sehr wohl] Augen“ [l. c., 178].)
Daraus ergibt sich nun, dass die traditionelle Unvereinbarkeit
(sub)konträrer und kontradiktorischer Gegensätze ihre Schärfe ver-
liert (Franz 2005b, 88, 101; Lenzen 2008b, 76, 98 ff.; Lenzen 2008a).
Konträr heißt ein Gegensatz, in dem nicht beide Prädikate auf ein
Subjekt zutreffen, wohl aber beide falsch sein können (ist also eines
wahr, so ist das andere notwendig falsch: SaP [,Alle S sind P‘] und
SeP [,Kein S ist P‘]; Beispiel: ,Alle Farben sind eckig/süß‘, ,Keine
Farbe ist eckig/süß‘ – weil die Prädikate ,eckig‘ und ,süß‘ nicht in
denselben Prädikationsspielraum wie Farben gehören [vgl. Tugend-
hat/Wolf, 1983, 71 f., 57 ff.]).72 Subkonträr heißen Urteile, in denen

71 Der Satz ist natürlich empirisch falsch; aber Ploucquet gebraucht ihn.
72 „Wenn der Saz, da Etliche exclusiv genommen wird, falsch ist: so können folgen-
de beide Säze wahr seyn: Alle A sind B, und: Kein A ist B“ (Ploucquet 1970,
178).
18. IDENTITÄT UND WIDERSPRUCHS-SCHWÄCHUNG 179

beide Prädikate zwar nicht zusammen falsch, wohl aber zusammen


wahr sein können: SiP [,Einige S sind P‘] und SoP [,Einige S sind
nicht P‘]; Beispiel: ,Einige Bücher sind rot‘ und ,Einige Bücher sind
nicht rot, z. B. blau‘; Tugendhats Beispiel ist: ,Einige Philosophen
sind langweilig‘ und ,Einige Philosophen sind nicht langweilig‘, die
beide wahr sein können: Tugendhat/Wolf 1983, 72). Kontradikto-
risch heißt ein Urteil, in dem ein Prädikat zugleich mit seiner Ver-
neinung gesetzt wird und also notwendig eines von beiden zutref-
fend, das andere falsch sein muss, weil sie eben kein gemeinsames
Drittes haben (SaP [,Alle S sind P‘] und SoP [,Einige S sind nicht P‘]
bzw. SeP [,Kein S ist ein P‘] und SiP [,Mindestens ein S ist P‘]).
Gegen diesen in der logischen Tradition seit Aristoteles akzeptier-
ten Usus behauptet nun Ploucquet in der Tat (und Lenzen findet: zu
Unrecht), die Urteile SiP (,Wenigstens ein [quoddam] S ist P‘) und
SeP (,Kein [Nullum] S ist P‘) stünden sich nicht kontradiktorisch,
sondern konträr gegenüber, und zwar dann, wenn man die Negation
so lese: ,Kein S ist ein bestimmtes P‘ (sie könnten also beide falsch,
und ein Drittes könnte wahr sein) – und entsprechend die zugehörige
Negation: SoP (,Wenigstens ein [quoddam] S ist nicht P‘) und SaP
(,Jedes [Omne] S ist P‘): beide könnten falsch sein. Während also – in
der traditionellen Logik – die negativen Sätze ,Einige Religionen sind
[= wenigstens eine bestimmte Religion ist] nicht vernünftig‘ dem po-
sitiven Allsatz ,Alle Religionen sind vernünftig‘ kontradiktorisch ge-
genüberstünde, wählte Ploucquet die – zugegeben – sprachunübliche
Wendung ,Keine vernünftige Theorie ist eine bestimmte Religion‘,
die dem ersten (partikularen) Satz zwar, wie es das Viereck der Ge-
gensätze verlangt, eine universelle Formulierung gegenüberstellt,
aber Subjekt und Prädikat vertauscht und so mit der ursprünglichen
Formulierung kompatibel ist.
Um diese Abschwächung des Sinns der Kontradiktion zu errei-
chen, muss Ploucquet die Beispiele ,komprehensiv‘, und eben nicht
,exklusiv‘ interpretieren: Wenn wenigstens eine Religion nicht ver-
nünftig ist, kann die Umkehrung nur lauten, dass unter allem
180 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Nichtvernünftigen sich auch wenigstens eine Religion befindet,


nicht aber, dass alle Religionen unvernünftig sind. Eine solche Um-
kehrung geht eben nur, wenn ,wenigstens ein‘ und ,alle/kein‘ die
komprehensive Lesart erfahren, wonach der Umfang des Subjekt-
Terminus bei der Umkehrung gewahrt bleibt, also mit dem Umfang
des Prädikats ,geglichen‘ wird: „Idem enim, quod negatur, per affir-
mationem affirmatur“ (Ploucquet 2006, 12, § 37; vgl. das negative
Pendant im § 38 und die §§ 40 ff. „De Conversione“). Verneint wird
die Vernünftigkeit einer bestimmten Religion; bejaht wird die Un-
vernünftigkeit dieser nämlichen (bestimmten) Religion. Hier
herrscht ein Sowohl-als-auch-Verhältnis (also ein Teils-teils-) bzw.
ein Weder-noch-Verhältnis. Wenn einige Religionen den Kriterien
der Rationalität nicht genügen, so gilt das (wenigstens in der Logik)
nicht per se von allen Religionen. Hier wird also die Kontradiktion
– mit ihrem tertium non datur – aufgeweicht zum subkonträren
Gegensatz à la Tugendhat: ,Einige Philosophen sind langweilig‘ und
,Einige Philosophen sind nicht langweilig‘ – Sätze, die beide wahr
sein können. (Ploucquet sagt, der Satz: „Etliche A sind nicht B“, sei
im komprehensiven Sinne so zu verstehen: „diese Etliche A [sind]
keine B, es mögen andere A, die unter diesen Etlichen nicht begrif-
fen sind, B seyn, oder nicht seyn“ [Ploucquet 1970, 178].)

19. Exkurs: Parallelen zu Ploucquet finden sich noch in


Schellings schwacher Unterscheidung von Kontradiktion
und Kontrarietät in den späten Vorlesungen zur
„reinrationalen Philosophie“
In Lyotards Le Différend findet sich eine „Notice ARISTOTE“
(Lyotard 1984, 111 – 116). Es werden dort zwei ,Operationen‘ dis-
kutiert, die nach Aristoteles beim Argumentieren auftreten, t¹ ûla
und t¹ pqºteqom, das Vor und Nach, die Zeitfolge; ist doch die Zeit
„die Zahl der Bewegung nach ihrem Vor und Nach“ (Physik 219 b
19. EXKURS: KONTRADIKTION UND KONTRARIETÄT 181

1 – 2). Der Satz vom Widerspruch schließt widersprechende Prädi-


kate in Bezug auf ein und dasselbe Subjekt ja nur aus, wenn sie ihm
zugleich beigelegt werden. Der jetzt sitzende Sokrates kann sehr
wohl zu einer anderen Zeit aufrecht stehen. Gibt man die Zeitstelle
nicht an, so entstehen Paralogismen von der Art: „Derselbe sitzt
und steht, denn um zu stehen, muss er sich erheben, und erheben
kann sich nur, wer sitzt“ (zit. Lyotard 1984, 111). Allerdings räumt
Aristoteles ein, dass das Jetzt, welches Vor und Nach scheidet, ei-
gentlich ein ausdehnungsloser Ort ist, den wir – sprechend – nur zu
früh oder zu spät benennen können; außerdem ist die Selbigkeit des
in der Zeit sich Erstreckenden nie ausgemacht. Es ist, sagt Aristote-
les, „einerseits nicht und andererseits doch dasselbe“ (Physik 219 b
12 – vgl. Hegels Definition der Zeit als des ,Seins, das, indem es ist,
nicht ist, und indem es nicht ist, ist‘ [Hegel 1970b, Enzyklopädie Bd.
II, § 258, S. 48]). Das gilt auch für die physische Seite jeder Rede,
nicht aber für das von ihr – als kºcor !povamtijºr – thematisierte
jetzt Seiende (zit. Lyotard 1984, 114), das damit als propositionaler
Gehalt aus dem Zeitfluss herausgehoben ist:
[Ainsi,] Aristote déconnecte les opérateurs diachroniques, jouant dans les uni-
vers de phrase et l’occurence de la phrase (ou l’occurence-phrase). La présenta-
tion ,actuelle‘ est imprésentable, l’événement s’oublie comme tel en tant qu’il se
conserve (l’après), s’anticipe (l’avant), ou se ,maintient‘ (le maintenant). (l. c.)

Diese ,Entflechtung‘ will Lyotard zurücknehmen zugunsten einer


Indifferenz (wenn ich recht sehe) von physisch-zeitlichem Vor-
kommnis (Sprache als Schall-Fluss) und Rede-Inhalt (Bedeutung
und Referenz). So würde Rede als „Ereignis“ (à la Heidegger) ge-
nommen, aber ohne sie einem privilegierten „Dasein“ (einem Men-
schensubjekt) als Adressaten zuzueignen (l. c. ,115).
Ich verstehe nicht, was man sich unter dieser adressatenlosen,
hinsichtlich ihres Sinns neutralisierten und doch angeblich nicht
bloß physischen ,chaîne phonatoire‘ vorstellen soll, möchte aber
stattdessen bei der Frage verweilen, ob die Gleichzeitigkeit/Un-
182 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

gleichzeitigkeit eine essentielle Qualität ins Widerspruchsprinzip


einbringt oder nicht. In einigen Formulierungen des Grundsatzes
des Aristoteles fehlt der Zeitindikator (ûla) in der Tat nicht, etwa
in der folgenden, von Schelling ausführlich kommentierten (Meta-
physik IV, 6 extr.): „(Epe· d(!d¼matom, tµm !mt¸vasim !kghe¼eshai ûla
jat± toO aqtoO“ (Da es unmöglich ist, dass Widersprechendes zu-
gleich von demselben mit Wahrheit gesagt werde). An dieser Stelle
folgert Aristoteles daraus aber noch mehr (in Schellings Überset-
zung):
[Da dies so ist,] ist offenbar, daß auch Entgegengesetztes [t!mamt¸a] nicht zu-
gleich eines und dasselbe sein kann. Denn das eine der Entgegengesetzten ist
Beraubung [t_m l³m c±q 1mamt¸ym h²teqom st´qgs¸r 1stim], Beraubung aber nicht
weniger Verneinung [!pºvasim], nämlich einer bestimmten Art (des S e y n s
z. B., nicht des Seyns überhaupt). Wenn es also etwas Unmögliches ist, mit
Wahrheit zugleich zu bejahen und zu verneinen [ûla jatav²mai ja· !pov²mai
!kgh_r], so wird auch unmöglich seyn, daß Entgegengesetzte zugleich eines
und dasselbe seyn, man beschränke denn jedes auf ein besonderes Wo, oder sage
das eine vom bestimmten Theil (s c h w a r z z. B./ vom Auge), das andere
(w e i ß ) schlechthin vom Ganzen (SW II/1, 305 f.).

Schelling findet an diesem Zitat „[m]erkwürdig […], wie hier dem


,n i c h t z u g l e i c h‘ das ,n i c h t a n d e r s e l b e n S t e l l e‘ sub-
stituiert ist, und leicht mag Aristoteles sinnliche Beispiele, wie die
von uns (ähnliche hat Alexander [der Kommentator des Aristote-
les]) beigefügten im Sinne gehabt haben“ (l. c., 306). ,An derselben
Stelle‘ ist nicht notwendig räumlich zu verstehen, es kann meinen:
eines könne nicht mit gleicher Geltung fürs andere stehen (wie in
der Substitutionsregel salva veritate oder im Leibniz’schen Unun-
terscheidbarkeitsgrundsatz). Nun ergibt dies Räsonnement nur
Sinn, wenn der hier waltende Typ von Gegensatz nicht der „for-
melle Widerspruch“ ist: nicht die kontradiktorische, sondern die
konträre Entgegensetzung (l. c., 308 f.; schon 304 f.). In der traditio-
nellen Logik nennt man zwei Begriffe konträr, wenn zwischen ih-
nen im Rahmen eines höheren Begriffes der denkbar größte Unter-
19. EXKURS: KONTRADIKTION UND KONTRARIETÄT 183

schied besteht. Konträre Begriffe sind etwa – in Bezug auf Spinozas


höchstes Wesen – „reell“ und „ideell“ oder – in Bezug auf morali-
sche Qualität – „gut“ und „böse“. Konträre Begriffe werden also so
gebildet, dass eine Klasse von Dingen derart in Unterklassen aufge-
spalten wird, dass die Teilklassen nach einem bestimmten Ord-
nungsprinzip in einer Reihe angeordnet sind. Dann nennen wir die
an den beiden Enden stehenden Grenzbegriffe einander konträr
entgegengesetzt.
Da dieses jeweilige Ordnungsprinzip intensional (auf Wortbe-
deutung beruhend) ist, fällt der konträre Gegensatz gar nicht in die
formale Logik. – Nun gleitet unser Aristoteles-Zitat unversehens
aus der Beschreibung des kontradiktorischen in die des konträren
Gegensatzes: Auch Entgegengesetzte (t!mamt¸a) – nicht nur Wider-
sprechende (tµm !mt¸vasim) – können, sagt er, nicht zugleich von
demselben mit Wahrheit gesagt werden, und verweilt dann bei der
Erörterung nur des konträren Gegensatzes. Entgegengesetzte sind
mit einer Verneinung, einer Beraubung (!mt¸vasir, st´qgsir) ge-
setzt; sie müssen, um miteinander bestehen zu können, einander ei-
nen Teil ihrer Realität abtreten.73 Darum unterscheidet Aristoteles
die unbedingte oder absolute Verneinung (B !pºvasir B "pk_r keco-
l´mg), die besagt: fti oqw rp²qwei (1je?mo) 1je¸m\, von der bedingten
oder relativen: fti oqw rp²qwei (1je?mo) tim· c´mei (Metaphysik IV, 2,
63, 8 ff.). Mit der ersten ist die bloße Möglichkeit eines Prädikats
einem Subjekt abgesprochen (z. B. ist ,weiß‘ kein denkbares Prädi-
kat von ,Stimme‘, und zwar zu keiner Zeit), mit der zweiten ist nur
die Wirklichkeit, nicht aber die Möglichkeit eines Prädikats ver-
neint: Ein böser Mensch, der seiner Natur nach gut sein könnte, ist

73 Mithin ist, beiläufig bemerkt, der berühmte 3. Grundsatz der Wissenschaftslehre


von 1794 kein solcher des Widerspruchs, sondern nur der Entgegensetzung: Ich
und Nicht-Ich sind einander konträr entgegengesetzt, fallen mithin als äußerste
Endglieder einer Unterklasse unter den übergeordneten Begriff des absoluten
Ichs und müssen miteinander – sich ,quantifizierend‘ – in die Realität teilen
(Fichte 1971 I, 110 – 112).
184 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

nur nicht gut, lµ !cahºr, könnte aber gut sein und wird durch die
Verneinung nur zu einer besonderen Art (c´mor) des auch gut sein
Könnenden. Dies l¶ verneint also nur auf gewisse Weise, es beraubt
nicht schlechterdings oder ganz und gar (toO fkou kºcou), wie das
oqj em (Metaphysik X, 4, 201) tut. Die absolute Verneinungspartikel
ist im Griechischen das oq(j), das schlechterdings und in jeder Hin-
sicht Verneinte ist mithin das oqj em (vgl. SW II/1, 288 f., 303 – 308):
das überhaupt, weil schlechterdings nicht sein Könnende. Zur For-
mulierung des Widerspruchsprinzips gebraucht Aristoteles nun
charakteristischerweise die Wendung ûla eWmai ja· lµ eWmai, nie sagt
er ûla eWmai ja· oqj eWmai, „wie er müßte, wenn der Grundsatz ihm
bloß die formelle Bedeutung hätte, von der die Neueren allein wis-
sen“ (l. c., 308). Formeller (kontradiktorischer) Gegensatz findet
nach Aristoteles in zwei Fällen statt (Peq· 2qlge¸ar 6 und 7): 1.
wenn ein allgemein bejahender einem partikular verneinenden Satz
entgegensteht (z. B. „Von Natur sind alle Menschen weiß“, „Von
Natur sind einige Menschen nicht weiß“) – wären nämlich beide
Sätze universell bejahend oder verneinend, wäre der Gegensatz
bloß konträr, beide könnten falsch sein, nicht kontradiktorisch, so,
dass der eine notwendig falsch, der andere also notwendig wahr ist.
Von eben solchen Sätzen auszusagen, dass sie „nicht zugleich“ wahr
sein können, ist sinnlos, denn wie könnten Widersprechende zu
verschiedenen Zeiten beide wahr sein? Der andere Fall eines analy-
tisch evidenten Widerspruchs ist derjenige, wo – ohne Rücksicht
auf den Quantifikator – einfach Bejahung und Verneinung einander
entgegenstehen („z. B. die Sonne bewegt sich um die Erde“ und
„Die Sonne bewegt sich nicht um die Erde“) – auch hier ist es un-
möglich zu sagen, weil undenkbar, sie bewege sich und bewege sich
nicht, nur nicht in derselben Zeit.
Einer ganz anderen Situation begegnen wir in dem Satz „Peter
schreibt, Peter schreibt nicht“. Meint ,schreibt nicht‘ dasselbe wie
das Dispositionsprädikat ,ist Analphabet‘, dann haben wir natürlich
den formellen analytischen Widerspruch, und es ist wieder über-
19. EXKURS: KONTRADIKTION UND KONTRARIETÄT 185

flüssig zu betonen, dass beides nicht zugleich auf Peter zutreffen


könne. ,Peter schreibt nicht‘ kann aber von einer Person gesagt sein,
die schreiben kann und diese Fähigkeit nur gerade nicht ausübt,
und
hier ist es nicht unmöglich, d. h. es ist kein Widerspruch, zu sagen, daß derselbe
auch schreibt, nur i n e i n e r a n d e r n Z e i t. Also gerade nur wo bloße Ent-
gegensetzung, ist das Aristotelische ,n i c h t z u g l e i c h‘ an seiner Stelle, und
Kant, der den Grundsatz nur als formellen kennt, hat ganz Recht, wenn er die
Einschränkung verwirft, Unrecht jedoch, wenn er meint, wo sie unvermeidlich,
sey bloß Ungenauigkeit des Ausdrucks daran schuld (l. c., 309, unter Bezug auf
KrV 152 f.).

Ein Behältnis, das leer ist, kann sehr wohl voll sein – nämlich zu
einer anderen Zeit; ein nicht Gelehrter (z. B. ein Kind) kann sehr
wohl, nämlich zu einer anderen Zeit (als Erwachsener) gelehrt sein,
ebenso der Böse gut usw. Kant, der meinte, der apodiktisch gewisse
Widerspruchssatz werde durch den Zusatz des ,nicht zugleich‘ un-
statthaft, nämlich durch die Zeit affiziert, hält Schelling entgegen,
dass im reinen Denken sehr wohl ein „Vor und Nach“ stattfinde
(SW II/1, 311; vgl. 182, 234 f.). Er spricht auch von einer, wiewohl
nur ,noetischen Folge‘, in welcher reine Denkbestimmungen (als
bloße Potenzen, als der Wirklichkeit harrende) in eine Abfolge ge-
bracht sind, die ihrer Simultaneität keinen Abbruch tut.
Aber dieses „zugleich“ hebt nicht auf, daß das eine Moment noetisch eher sey
als das andere. Der Natur nach (d. h. eben in Gedanken) ist darum das Erste
doch das Erste, das Dritte das Dritte; was Subjekt und Objekt in Einem ist,
kann nicht mit Einem Moment, es kann nur mit verschiedenen Momenten, und
da unsere Gedanken derselben successiv sind, auch nicht mit einer und dersel-
ben Zeit (jat± t¹m aqt¹m wqºmom [Metaphysik XI, 5]) gesetzt werden, wenn näm-
lich, was hier bloß noetisch gemeint ist, zum realen Prozeß wird (l. c., 312).

In der Einleitung zur ersten Berliner Vorlesung (von 1841/42) inter-


pretiert Schelling den noetischen Gegensatz der Potenzen sehr wohl
als kontradiktorisch. Aber der Widerspruch bleibe virtualisiert:
186 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Was nur sein kann, aber nicht ist, widerspreche dem nicht, das nicht
einmal sein kann. Schelling nennt die beiden Relata der „Urpotenz“
hier „das ins Sein Übergehende und das ins Sein Nichtübergehende“
(Schelling 1993, 102).
Die Urpotenz (die unendliche Potenz des Seins) schließt nichts aus und läßt
zwei kontradiktorische Gegenteile zu. Das was potentiâ das Übergehenkönnen-
de ist, ist potentiâ zugleich das schlechthin sich Gleiche und Identische. (Wer
nur potentiâ krank ist, ist auch potentiâ gesund, und umgekehrt. [Dies freilich
ist ein nur konträrer Gegensatz; die Person könnte tot sein.]) Das Sein können,
die Urpotenz läßt sich keinen entschiedenen Charakter abgewinnen; denn sei-
ner Natur nach kann es eben sowohl das übergehende, als das sich selbst gleich-
bleibende sein.
Sind diese beiden Möglichkeiten ursprünglich mit einander und unentschieden,
so kommt die Unterscheidung erst/ herein durch das wirkliche Übergehen der
ersten; die zweite wird dadurch erst gesetzt. Denn ihrer Natur nach ist sie nicht
zum Sein geneigt, vielmehr demselben entgegen. Ausgeschlossen von jener Un-
entschiedenheit wird die zweite Möglichkeit erst in Kraft gesetzt (102 f.).

20. Noch einmal Ploucquet: Im Urteil koinzidiert die ,Form‘


mit dem ,Wesen‘. Sie muss als „Selbstoffenbarung
(manifestatio sui)“ desselben verstanden werden
Die Eleganz von Ploucquets Konvertibilitäts-Konzession selbst an
die Paarung universell verneinter und partiell bejahter Sätze ist mit
einem gewissen Aufweichen der Unterscheidung von Kontradikti-
on und Kontrarietät erkauft. Ich wollte zeigen, dass Schelling bis in
die letzten Jahre seines Lebens damit ringt, wie das, was er den Ge-
gensatz der Urpotenzen (Natur und Geist, rein Seinkönnendes und
rein Seiendes usw.) nennt, näher zu bestimmen sei.74 Es sollte sich

74 Oetinger ist über diesen Punkt sehr klar. Er hält den Antagonismus der Kräfte
im Leben Gott für das Widerspiel „conträrer Triebe“ (Oetinger 1977a 2: 266) –
im Zusammenhang mit seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem „noch
jetzt lebenden Herrn Prof. Ploucquet“.
20. NOCH EINMAL PLOUCQUET 187

nicht um Prädikate handeln, die, einem absoluten Subjekt (= X) zu-


gesprochen, auf einen Widerspruch führen – wie er Hegel im Ver-
dacht hat, das mit seiner Dialektik zu tun. Aber selbst mit dieser
Möglichkeit ringt er. Ich werde nicht weiter in die logisch heikle
Materie eindringen; denn mir lag nur daran zu zeigen, dass Schel-
lings Identitätstheorie der Prädikation auch dies Problem von sei-
nem Stiftlehrer Ploucquet geerbt haben könnte. Wolfgang Lenzen
(2008a, 2008b) vor allem hat gezeigt, dass Ploucquet es sich beim
Versuch einhandelt, die von Aristoteles überkommene Lehre von
der Inkonvertibilität einiger verneinender Urteile durch seine
komprehensive Lesart zu entkernen.
Kehren wir von diesem Exkurs zurück zu Schellings Interpretati-
on der Satz-Copula als Identitätszeichen: Dass er die Copula, die er
gern auch (platonisch) das ,Band‘ oder ,das ewige Band‘ nennt, als
Identitätszeichen verstanden hat, unterliegt keinem Zweifel. Seit
seiner Darstellung meines Systems der Philosophie (1801) hat er das
Wesen der absoluten Identität von Natur und Geist durch die Form
des Urteils erläutert, in der sie sich ausspricht. Dabei unterscheidet
er, wie wir wissen, den Gehalt oder das Wesen der Identität von der
Form des Urteils, durch das es (das Wesen) sich dem Erkennen ver-
mittelt, also von „A als Subjekt und A als Prädicat“. Sagt man statt
,Wesen‘ ,Seyn‘, so können die Satzglieder auch Seinsweisen oder
,Arten des Seyns‘ heißen. Während das Wesen selbständig existiert,
können die kopulativ Verbundenen „nicht von sich selbst seyn“: Sie
bestehen nur als vom Wesen Verbundene (SW I/4, 120 f.). Ungeach-
tet der Tatsache, dass die Satzform mithin unmittelbar mit dem Sein
der absoluten Identität mitgesetzt ist (l. c., § 15), gilt doch ein zwar
nicht zeitlicher oder aktueller, aber doch (onto)logischer Vorrang
des Wesens vor der Form:
Was zugleich mit der Form des Satzes A = A gesetzt ist, ist auch unmittelbar mit
dem Seyn der absoluten Identität selbst gesetzt, es gehört aber nicht zu ihrem We-
188 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

sen, sondern nur zu der Form oder Art ihres Seyns (l. c., Zusatz 1; deutlicher
ebenso SW I/6, 147, und 163 unten).

Es gibt also – wie wir früher sahen – eine asymmetrische Abhängig-


keit der Form vom Sein oder Wesen, die nur mühsam im Verband
einer Identität beider unterkommt: eine für Schelling charakteristi-
sche Annahme. Dazu passt, dass Schelling die Form des Satzes stets
als etwas einführt, in dem sich das Wesen des Absoluten nur ,aus-
spricht‘ oder ,ausdrückt‘ (z. B. SW I/6, 150, Zusatz zum § 7). In den
Weltaltern unterscheidet er ein Aussprechliches von einem Aus-
sprechenden und dieses wieder von dem Ausgesprochenen (Schel-
ling 1946, 124 ff., 168 ff.). In Form der Vernunft (oder des Erken-
nens) – und nichts anderes ist die Form des absoluten Satzes –
„w i e d e r h o l t“ sich nur die absolute und vorprädikative Identität
(SW I/6, 151; 155 o.). Der Aussagesatz steht also in einer Art Reprä-
sentationsverhältnis zur absoluten Einheit. Auch in der Abbild-
Form identifiziert er, diesmal nicht ein Subjekt und ein Objekt,
sondern ein (Satz-)Subjekt mit einem Prädikat. Und so wie auf der
ontologischen, der Ebene des Wesens, ein Affirmierendes, das
selbst schon affirmiert war, einem Affirmierten gleichgesetzt wur-
de, das selbst schon affirmierend war, so wird in der Form des Iden-
titäts-Satzes A = A (oder besser: A = B) nicht eines mit sich selbst,
sondern A, insofern es von X ,gewesen‘ wird, mit B, insofern es von
demselben X ,gewesen‘ wird, gleichgesetzt. Im absoluten Identitäts-
Urteil werden also zwei Unter-Identitäts-Urteile noch einmal iden-
tifiziert (Schelling 1946, 27 – 29 und 126 – 131); und die Form des
Urteils wiederholt in ihrer „Doppelheit“ (129) – ,spricht aus‘ – die
Natur eines „Doppelwesen[s]“ (29). Hier – zwischen den Jahren
1811 und 1813 – begegnet Schelling der alten Timaios- und Oetin-
ger-Formel von der „mit sich gedoppelten“ Identität oder der
„Identität der Identität“ wieder (28), ja selbst der Formel von der
„Einheit der Einheit und des Gegensatzes“ (63).
20. NOCH EINMAL PLOUCQUET 189

Es lassen sich hieraus verschiedene Folgerungen ziehen; z. B. daß das Band (das
Ist) im Urtheil nicht ein bloßer Theil desselben ist, sondern gleicherweise allen
Theilen zu Grunde liegt; daß Prädicat und Subject jedes für sich schon eine Ein-
heit sind, daß also das Band im Urtheil niemals ein einfaches, sondern ein mit
sich selbst so zu sagen verdoppeltes, eine Einheit von Einheiten ist (129).

Den genauen Sinn der Theorie des Doppelurteils werden wir besser
verstehen, wenn wir uns mit Schellings Aufnahme der Figur der
Reduplikation aus der „alte[n] tiefsinnige[n] Logik“ (SW I/7, 342)
vertraut gemacht haben (im 22. Kapitel).
Während der identitätsphilosophischen Phase ist Schelling über
den Abbild-Charakter der Urteils-Kopula sowie der Aussage, dass
ihr wahrer Sinn der einer doppelten Identifikation sei, nirgends so
explizit wie in den Aphorismen über die Naturphilosophie (von
1806). Hier weicht die in den klassischen identitätsphilosophischen
Texten überwiegende Rede vom Affirmierenden/Bejahenden und
Affirmierten/Bejahten explizit dem prädikationslogischen Vokabu-
lar. Das Affirmierende heißt nun Subjekt, das Affirmierte Prädikat;
das erste heißt Antecedens, das zweite Consequens (342). Und der
Satz ,A=A‘ selbst heißt hier „der höchste Existentialsatz“ (weil
Schelling in dieser Phase seines Philosophierens die Ausdrücke
,Wesen‘ und ,Existenz‘ noch nicht unterscheidet). Er bildet die all-
gemeine Matrix aller wahrheitsfähigen Aussagen, deren „Princip“
er ist – und löst nebenbei den Unterschied analytischer von synthe-
tischen Urteilen auf (I/7, 218).
Alle Existenz beruht auf der unauflöslichen Verknüfung des Subjekts mit einem
Prädicat, die in jenem Satze [A=A] nicht für den besondern Fall, sondern allge-
mein und schlechthin/ ausgesagt ist. Wird nun zugegeben, wie denn zugegeben
werden muß, daß das Verhältniß des Prädicats (d. h. des Prädicirten) zum Sub-
jekt (d. h. dem Prädicirenden) das Verhältniß eines solchen sey, das an und für
sich selbst n i c h t seyn könnte, durch die Verknüpfung mit dem Subjekt aber
i s t, so erhellt, daß der Satz A=A, das Princip der Identität, nichts anderes aus-
sagt denn d i e e w i g e C o p u l a d e s s e n, d a s a n s i c h s e l b s t i s t
[das Subjekt], m i t d e m, d a s a n u n d f ü r s i c h s e l b s t n i c h t
190 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

s e y n k ö n n t e [das Prädikat], d. h. die absolute Identität des Unendlichen


und des Endlichen. Es erhellt eben daraus, dass durch jede Verknüpfung, die in
Kraft dieses Gesetzes geschieht, also überhaupt in jedem Vernunftsatz, nicht
Gleiche, sondern wirklich Entgegengesetzte verbunden werden, die sich immer
so verhalten, wie sich Prädicirendes und Prädicirtes verhält. Beide wären formal
oder analytisch nicht eins; sie wären nicht eins o h n e G o t t; durch Gott sind
sie aber auch nicht synthetisch, sondern eben absolut-eins (218 f.).

Dieser dichte Passus verlangt nach einem Kommentar. Es gehen


mehrere gedrängte Argumentationsstränge durcheinander, die ich
entflechten möchte. Die These selbst ist kaum misszuverstehen:
Was Schelling ,Form‘ nennt, ist die Urteils-, die Aussage-Ebene, auf
der einem Subjekt ein Prädikat beigelegt wird. Auf dieser Ebene
erst entsteht, wie Schelling an anderen Stellen deutlich macht, so et-
was wie ,Erkenntnis‘; denn erkannt wird das Wahre, und Wahrheit
ist eine Eigenschaft von Aussagen, nicht von Wesenheiten. Was da
näherhin erkannt wird, ist die substantielle Subjekt-Objekt-Identi-
tät des ,Wesens‘, die Schelling besser mit ,A = B‘ statt durch ,A =
A‘ symbolisiert hätte. Denn der Schluss des Zitats macht deutlich,
dass Schelling meint, die nicht-triviale Identifikation, die in Aussa-
geform stattfindet, binde einen Gegensatz in die Identitätsformel
ein, so eben (wie wir es von Schelling gewöhnt sind), dass in ihr
eine Einheit einen Gegensatz einschließt. Die Identität heißt eben
darum – auch das verstehen wir – ,gedoppelt‘, weil sie nicht zwei
Relata identifiziert, sondern die Identität beider mit ihrer Nicht-
Identität.
So verstehen wir nun auch die These, die erweiterte Identitäts-
formel überwinde den kantischen Gegensatz von Erläuterungs- und
Erweiterungs- (oder analytischen und synthetischen) Urteilen. Hier
kommt ein Keimgedanke der Formschrift zur reifen Entfaltung.
Seit Aristoteles heißen Subjektausdrücke (Ausdrücke, die für ,Sub-
stanzen‘ stehen) solche, die für sich alleinstehen können; Prädikate
aber heißen unselbständig, weil sie parasitär an einem Selbständigen
haften, mit dem sie nicht im trivialen Sinne verschmelzen. Während
20. NOCH EINMAL PLOUCQUET 191

die Formel ,A = A‘ zur Bezeichnung der strikten Selbstidentität der


Substanz (analytisch) annehmbar ist, passt sie nicht auf die Synthese
des Subjekts mit dem ihm beigelegten, aber nicht im strikten Sinne
identischen Prädikat. Und doch ist Prädikat (nach Schelling) ja
nichts anderes als das ,Aussprechende‘ des verborgenen Wesens, das
ihm also nichts anderes zufügt, sondern es allererst wahrheitsförmig
(in Aussagesatzform) artikuliert.
Wir erinnern uns: Schelling war im Verlauf seines Nachdenkens
über den Sinn des Gedankens einer Identität von Natur und Geist
dahin gekommen, zwei Bedeutungen von ,identisch‘ zu unterschei-
den: die analytische oder tautologische, in der ein Subjekt-Aus-
druck einfach durch sich selbst bestimmt wird (,A = A‘ oder ,wenn
A, dann A‘); und die synthetische, in der die Bedeutungen von Sub-
jekt und Prädikat in wenigstens einem Aspekt differieren (,A = B‘):
gemäß der Hume’schen Vorgabe, dass das ,sich selbst’ der Identi-
täts-Formel nicht haargenau dasselbe bedeuten dürfe wie das No-
men, auf das es sich als Reflexivpronomen bezieht – denn würde es
das tun, so hätten wir wieder den ,sinnlosen‘, ,nichts sagenden‘ Ka-
sus der Selbstidentifikation. Gehaltvolle Identifikation muss also
ein Differenz-Moment einschließen, das Prädikat muss die Bedeu-
tung des Subjekts synthetisch erweitern; und genau das will Schel-
lings Formel von der Identität der Identität und der Nicht-Identität
ausdrücken.
Wittgenstein hat das Problem im Tractatus so zugespitzt: „Bei-
läufig gesagt: Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist ein
Unsinn, und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst,
sagt gar nichts“ (5.5303). Ulrich Pardey hat sich differenzierte Stra-
tegien ausgedacht zur Vermeidung dessen, was allgemein als die
Antinomie oder das Paradox der Identität bezeichnet wird. Es
kommt dadurch zustande, dass man die Identitätsaussage (ich blei-
be bei Schellings Symbolismus) ,A = B‘ als Aussage über Dinge
versteht und dann zu der Absurdität kommt, zwei Dinge als ein
Ding fassen zu müssen (Pardey 1994, 106 im Kontext). Damit hängt
192 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

der Fehler zusammen, Identität überhaupt als eine Relation – ge-


nauer, als eine reflexive Relation – zu bestimmen. Relationsprädika-
te sind typischerweise zweistellig; das gilt auch für die – wie die Lo-
giker sagen – ,feinste‘ aller Relationen, die Identität bzw. die Refle-
xivität. Es wäre ein Irrtum, Identität und Reflexivität als Grenzfälle
von Relationalität aufzufassen. Denn für ,normale‘ Relationen gilt,
was Ulrich Pardey die ,Verschiedenheits-Voraussetzung‘ nennt (l.
c., 5, 30 ff.). Sie führt in die seit Frege bekannten Paradoxien der
Identität/Reflexivität, die ,a = a‘ als einen Grenzfall von ,a = b‘ be-
handeln und reflexive Relationen (,sich kennen‘, ,sich lieben‘) für
einen Spezialfall transitiver und asymmetrischer (,jemanden ken-
nen‘, ,jemanden lieben‘). In dem Satz ,Ödipus heiratet Iokaste‘ ist
präsupponiert, dass er sie nicht für seine Mutter hält; und in ,Peter
wirft Paul ins Wasser‘ ist vorausgesetzt, dass Peter nicht mit Paul
identisch ist. Anders gesagt, wir brauchen eine Auffassung, die A
und B wider den reflexiv-pronominalen Sprachgebrauch auf bare
fugenlose Identität (sagen wir: Einerleiheit) gründet (und Einerlei-
heit nicht für eine normale, nämlich nicht für eine zweistellige Rela-
tion hält). Selbstbewusstsein ist so ein Fall, in dem das Andere als
dasselbe wie das Eine erkannt wird – und das Selbstbewusstsein
schwebt Schelling denn (neben dem kantischen Organismus) auch
vor als Modell für die Rede, jedes der beiden, das Affirmierende
(Subjekt) und das Affirmierte (Prädikat) sei es „von sich selbst“.
Wenn wir über Schellings Theorie der Reduplikation verfügen,
werden wir verstehen, dass und wie er den strikten und den locke-
ren Sinn von Identität tatsächlich glaubt zusammendenken zu kön-
nen, ohne (im Sinne Wittgensteins) damit etwas Unsinniges oder et-
was Triviales/Nichtssagendes gesagt zu haben.
Damit sind wir nun scheinbar vom Ploucquet’schen Kontext –
der Identitätstheorie der Prädikation – abgekommen. Aber das ist
nur ein Schein. Denn erstens mag Schelling von Ploucquet etwas für
seine Identitätsphilosophie Ausschlaggebendes gelernt haben, näm-
lich dass wahrheitsfähige Urteile nicht nach dem Kant’schen Sub-
20. NOCH EINMAL PLOUCQUET 193

sumtionsmodell der Prädikation verstanden werden müssen, son-


dern als Weisen der Identifikation von Subjekt und Prädikat – aller-
dings bemüht sich Schelling um den Zusatz, dass diese Identifikati-
on nicht als triviale Analyse des Subjekt-Terminus verstanden wer-
den darf.
Aber Schellings ganze Unterscheidung eines Wesens von einer
Form der Identität geht auf Ploucquet zurück. Zu den Grundüber-
zeugungen von dessen Ontologie (wir sahen: dem alleinigen Gegen-
stand der 1790 im Stift zu verteidigenden Inauguralthesen) gehört,
dass sich die Substanz in sich selbst offenbart (,manifestiert‘). Sub-
stanz ist, wie bei Leibniz, der basale Gegenstand der Plouc-
quet’schen Ontologie. Es gibt nur eine: die Gottes. Wie bei Leibniz
und Wolff ist sie, und zwar wesentlich – nicht bloß akzidentell –
durch Kraft charakterisiert. Aber, anders als bei Leibniz oder
Wolff, äußert sich die Kraft der Substanz nicht als Ursprung für das
Fortschreiten von einer Vorstellung zur anderen (Monadologie
§ 15)75 oder als „Quelle von Veränderungen“ (Wolff 1720/1725, II.
Kap., § 115), sondern darin, sich selbst ein Licht über sich anzünden
(oder Selbstbewusstsein gewinnen) zu können:76 „substantia est id,
quod in se est manifestabile“ (Ploucquet 1782, Ontologia § 153;
ähnlich der § 161: „Substantia, quae Principium Manifestationis in
se sola habet […]“).77 Aber die Substanz ist nur der Realgrund der

75 Die Kraft (Force), die die Monade belebt, ist nur eine abgeleitete oder eine Er-
scheinungs-Form dieser „Appetition“. Vgl. 1978, 148 f., Anm.; ferner S. 41.
In dem Lettre II. à Mr. Bourguet schreibt er: „De la manière que je définis per-
ception et appétit, il faut que toutes les monades en soient douées. Car percep-
tion m’est la représentation de la multitude dans le simple, et l’appétit est la ten-
dance d’une perception à une autre […].“
76 Eine bekannte Parallelformulierung bei Schelling: „Jenes absolute Licht, die Idee
Gottes, schlägt gleichsam ein in die Vernunft, und leuchtet in ihr fort als eine
ewige Affirmation von Erkenntniß“ (SW I/6, 155).
77 In der XXIII. Inauguralthese von 1790 ist die Definition präsent im dem Satz:
„Vis est principium manifestationis“ (entspricht Ontol. § 62; in: Franz 2005b,
32). Zu Ploucquets Selbstmanifestations-Theorie siehe Neumann 2009, 229 ff.
194 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Manifestation, nicht ihr Erkenntnisgrund. Das, was die Substanz


(unabhängig von ihrer Offenbarung, gleichsam an ihr selbst) ist,
nennt Ploucquet ihr Wesen; das ihr innewohnende Prinzip, das sie
(die Substanz) dem Erkennen enthüllt (ihre „intellegibilitas“), nennt
er ihre Form.78 Entsprechend werden in den §§ 7 und 8 der Ontolo-
gia zwei Weisen der Einsichtigkeit/Intelligibilität der Substanz un-
terschieden: die intelligibilitas, quae und die intelligibilitas, quā.
Jene geht auf das Was, diese auf das Wodurch der Einsicht. Das
nimmt Schellings spätere Theorie auffallend vorweg.
Übrigens hat Oetinger, der einen so großen Einfluss auf Schel-
lings Timaios-Aneignung hatte, Ploucquets eben vorgestelltes
Theorem in einem ganzen Abschnitt des II. Teils seiner Irrdischen
und Himmlischen Philosophie und abermals im Eintrag „Offenba-
ren, Phaneroo“ seines Biblischen und Emblematischen Lexikons,
kritisiert. (Merkwürdigerweise geht Oetinger in seinen verschie-
dentlichen Angriffen auf Ploucquet auf die für Schelling ungleich
wichtigere Identitätstheorie des Urteils gar nicht ein.)
Ich zitiere Oetingers Bemerkungen zum Selbstoffenbarungs-
Theorem, wie es Ploucquet im II. Kapitel seiner Schrift Principia de
Substantiis & Phænomenis vorgestellt hatte, weil ich sie noch nir-
gends beachtet gefunden habe, aber bemerkenswert finde. Es sei ein
Non sequitur, aus der Annahme der Aktivität der Substanzen (=
Monaden) zu folgern, „daß die Substanzen in sich selbst offenbar
seyn müssen“ (Oetinger 1765, 194 f.; = Oetinger 1977a 2: 267).
Das folgt […] nicht: denn agiren heißt nicht, ein reflexives Bild formiren. Wann
die Substanzen ein Bild in sich hätten, daß sie sich offenbar wären, so muß es
Spiegelhaft in einem zweyten Wesen repräsentirt, und von da wieder zurückge-
worfen werden. So daß/ zwey Sachen, die zusammen eine Substanz ausmach-
ten, doch eines wären. Wer bringt aber das Bild in die Substanz? Wenn statt
Nichts Etwas ist, so ist noch keine manifestatio sui da; es muß etwas zuerst in
sich selbst agiren, ehe es sich selbst offenbar seyn kann. Folglich ist das ein gro-

78 Belege in Franz 2005b, 47 ff., 55 ff.


20. NOCH EINMAL PLOUCQUET 195

ßer Saltus: Agere est aliquid in se exprimere, seu sibimet esse manifestatum […]
Wie kommt diese [die vis manifestativa sui] in die Substanz? Kommt sie aus
Nichts oder aus vorher würckenden Realitäten? Antwort: Es müssen viel Reali-
täten vorher gehen, ehe eine vis manifestativa sensoriata werden kann. Also
Substanz nicht ein absolutum, nicht ein primitivum, sondern die Substanz ste-
het unter vorgängigen Realitäten, Sonst müßt die Imago aus nichts in der Sub-
stanz entstehen.

Zunächst hält Oetinger Substanzen nicht für sui-suffizient, sondern


für erschaffen. Auch die ,frei tätige Selbstbewegung‘ ist ihm nur
Abglanz der göttlichen Freiheit, und mit dieser Klarstellung glaubt
er allen „Pantheismus oder Spinozismus aus der Wurzel getilgt“
(Oetinger 1999 I, 356). Freilich drückt er sich über den Willen kuri-
os aus (man glaubt, Fichte zu lesen): Er sei
eine Wirkung der freithätigen Kraft, welche in sich selbst geht, damit sie sich
ausser sich offenbare, also ist der Wille niemal [sic!] ohne in sich selbst laufende
Kraft. Wenn der Wille in sich selbst geht, so bringt er aus seiner Verborgenheit
ein Bild seiner selbst durch Vervielfältigung der in einander laufenden Kräften
hervor, er wird sich selbst zu seinem eigenen Spiegel, in welchen die Finsterniß
vergeht. Es entsteht nicht nur eine Selbst-Erkenntniß, sondern es werden aus
dunklen klare Begriffe, auf diese Art entsteht die Kraft zu unterscheiden, und
aus dieser Kraft zu vergleichen, sich selbst zu verstehen, über sich selbst zu den-
ken, kurz eine Kraft sich gegen sich und andere zu offenbaren. Dieß kann nicht
geschehen ohne Simplification79 des ewigen Worts in der Seele (l. c.).

79 Dem Ausdruck sind wir oben schon begegnet (Kap. 3). Er meint: aus vielen ,In-
einander-Wirkungen getrennter Kräfte’ die Einheit Einer Vorstellung hervor-
bringen, was aus der puren Mannigfaltigkeit diskreter Impressionen, Sinnesorga-
ne und materieller Kräfte nicht denkbar wäre, so wenig, wie Leibniz und Wolff
recht haben, die Einheit der Monaden aus den Einzelvorstellungen ihrer Teile
hervorgehen zu lassen. Oetinger denkt an eine Art kantischer Apperzeption, von
der er bei Abfassung seines Artikels noch nichts wissen konnte (Oetinger 1999 I,
356 f.). Er spricht auch von einer „Innestehung“ der auseinanderstrebenden Kräf-
te zu „einer Kraft“ (l. c. [von mir kursiviert]); das erinnert erneut an das zwi-
schen Materie und Form vermittelnde Dritte des Timaios oder Philebos, über das
nur Gott (oder eine schwäbische ,Zentralschau‘) verfügt.
196 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Dies scheint Oetinger also vorzuschweben: Bevor eine Kraft sich


ihr selbst offenbart, muss schon eine Selbstbewegung, eine zentripe-
tale Wendung in ihr stattgefunden haben, eben eine ,innere‘ Reflexi-
on, an die die (,äußere‘) spiegelbildliche Repräsentation anknüpft.
Denn Repräsentation ist eine zweistellige Relation, die der ,Simpli
(fi)kation‘ im Wege ist. Und Oetinger kann sich nicht vorstellen,
dass die Substanz sie ohne innere Verdoppelung in sich selbst sollte
darstellen können. Eine innere Verdoppelung kann er sich wieder-
um nur als Hinzufügung einer weiteren Substanz (oder irgendwel-
cher zusätzlichen, extra-monadischen ,Realitäten‘) vorstellen, die
der ersten ihr Spiegelbild zurückwerfen.
Die Frage, die er sich nicht stellt, stellt auch Schelling sich nicht:
Wenn die Selbstrepräsentation des Umwegs über eine (numerisch)
andere Substanz bedarf, was garantiert dann der ersten, dass sie das
,Spiegelbild‘ der zweiten als sich selbst oder als ihr eigenes erfasst –
es also zur ,Simplification‘ bringt? Eine bloße Rückwendung auf
sich selbst genügt nicht, denn auch die ,in sich gehende Tätigkeit‘
der Reflexion bewirkt eine Art innerer Verdopplung, die die ,Sim-
plifikation‘ nicht erklärt. (Mehr freilich erklärt auch Oetinger
nicht.)

21. Prädikation (,relative Setzung‘) verstanden als


,Mindersein‘ einer ,absoluten Setzung‘: Urteilslogische
Konsequenzen aus Kants These übers Sein
Wie steht es nun um eine weitere wesentliche Voraussetzung, die in
Schellings reife Identitätstheorie des Urteils einfließt, aber Wurzeln
weder in seiner Nürtinger noch in der Stifts-Ausbildung hat80 und

80 Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass Kants These schon in den Gesprä-
chen mit Diez und in Schellings früher Lektüre der KrV eine Rolle spielte. Aber
ich habe dafür keinerlei Beleg. Ich weiß ebenso wenig, ob Schelling über „Urtheil
und Seyn“ mit Hölderlin gesprochen hat. Ich zeige im Folgenden nur die fakti-
21. PRÄDIKATION ALS ,MINDERSEIN‘ 197

die er als solche ebenfalls nur sehr versteckt preisgibt? Überhaupt


verwandelt sich der gründliche Schelling-Interpret wiederholt von ei-
nem Hermeneutiker in einen detektivisch arbeitenden Spurenleser.
Ich meine Kants Auffassung vom Sinn von ,Sein‘ und die in diese
berühmte These eingebettete Deutung des Wesens der Prädikation.
Zunächst ist ganz klar (ich sagte es schon), dass Kant mit der Iden-
titätstheorie der Prädikation gar nichts im Sinn hat: Er hat der Iden-
titätsauffassung der Leibnizianer entschieden widersprochen. Und
doch hat er mit seiner berühmten These übers Sein tief auf den
Denkweg der Stiftler und auch auf ihre Auffassung vom Wesen der
Prädikation eingewirkt, wie sich besonders an Hölderlin und Schel-
ling zeigen lässt. Ja, Kant hat – sehr mittelbar – die reduplikative
Lesart, die Schelling dem Ausdruck des absoluten Seins gibt, ermu-
tigt. Sagen wir: Es hat sie nicht absichtlich, aber de facto gefördert.
Beginnen wir bei Kants Überzeugung, dass der Ausdruck ,Sein‘
in allen seinen Verwendungen eine grundlegend einheitliche Bedeu-
tung hat. Schon zu Beginn der Schrift über den Einzig möglichen
Beweisgrund (1763) wird diese ,völlige Einfachheit‘ betont (AA II,
73; vgl. 70, Z. 17). Sie hat ein Echo in Hölderlins Rede vom „Seyn,
im einzigen Sinne des Worts“ (Hölderlin 1984, 163, Z. 1 f.). Der
Name für diesen einfältigen Sinn ist ,Position‘, deutsch ,Setzung‘,
griechisch ,Thesis‘ (so Schelling, schon unter dem terminologischen
Einfluss der Wissenschaftslehre, im § 16 der Ich-Schrift, wo Setzung
als die Urtätigkeit des Absoluten Ichs genommen wird, aus der alle
– übrigen – Kategorien sich ableiten). ,Position‘ ist gleichsam der
Gattungsname für ,Sein‘,81 der – sagt Kant – begrifflich „beinahe
unauflöslich“ sei (AA II, 73 u.). Beinahe, denn es gelinge gleichwohl
eine zweifache Spezifikation: die in relative und absolute Setzung.
Relativ heißt eine Setzung, die einen Klassifikator relativ auf ein

sche Übereinstimmung beider in der Deutung des Zusammenhangs von existen-


tiellem und prädikativem ,Sein‘.
81 „Der Begriff der Position oder Setzung ist völlig einfach und mit dem von Seyn
überhaupt einerlei“ (AA II, 73).
198 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Subjekt setzt, wie es in gewöhnlichen prädikativen Aussage-Sätzen


der Fall ist. Absolut dagegen ist ein Begriff gesetzt, wenn ihm über-
haupt etwas entspricht, wenn er also keine Leermenge beschreibt,
wie exemplarisch die (prädikatlosen) Sätze: ,Es ist ein Gott‘ oder
,Ich bin‘. Streng genommen beschränkt sich also die Bedeutung von
,Sein‘ (qua ,Existenz‘) auf die der absoluten Setzung. Der späte
Schelling nennt Aussagen übers existentielle Sein ,absolut prädikat-
los‘ oder ,nicht-attributiv‘ (Schelling 1972, 426; SW II/3, 162).
Warum ,Position‘? Kant folgt dem lateinischen Wortgebrauch
Baumgartens, dessen Metaphysica (in der 4. Ausgabe von 1757) sei-
nen entsprechenden Vorlesungen als Vorlage diente. In Pars I
(„Ontologia“), Caput I, Sectio III („Ens“) sagt Baumgarten: „Quod
aut ponitur esse A, aut ponitur non esse A, determinatur. Quod
vero tantum ponitur esse aut A, aut non-A, est indeterminatum“
(§ 34 [AA VII, 33]). Baumgarten kennt auch schon die Unterschei-
dung des logischen oder prädikativen Seins vom Sein überhaupt,
das er als bestimmbar, aber nicht bestimmt bezeichnet. Entspre-
chend unterscheidet er, wie Kant, ,absolute‘ (bestimmungsunabhän-
gige) und ,relative‘ (bestimmungsfähige) Begriffe (§ 37, vgl. Reflexi-
on Nr. 3525 [l. c., 35]). Natürlich versteht Baumgarten etwas ande-
res unter ,absoluten Begriffen‘, als was Kant seit 1763 ,absolute
Position‘ nennt – ein Standpunkt, der ja gerade der Leibniz-Wolff’-
schen Ontologie den Garaus machen will.
Kants These hat einen ontologischen und einen erkenntnistheo-
retischen Aspekt. Der erste erklärt Sein (im Sinne von Existenz) zu
einem Denkunabhängigen. Der zweite verweist es an den anderen
Erkenntnisstamm: die Wahrnehmung, welche Empfindung ein-
schließt (AA II, 72, 80 f. unten, KrV A 225 = B 272 f.).
Das existentielle Sein (Wirklichkeit, Dass-Sein) geht der Mög-
lichkeit (dem Wesen oder Was-Sein) voraus (AA II, 72, 77 f.).
„L‘existence précède l’essence“ (Sartre 1947, 385): die These, auf
der die seither so genannte Existenzphilosophie beruht, die mit
Recht auf den späten Schelling zurückgeführt wird (vgl. Schelling
21. PRÄDIKATION ALS ,MINDERSEIN‘ 199

1993, 125). Ganz in kantischen Bahnen bewegt sich Hölderlin in


Urtheil und Seyn: Wirklichkeit wird von der Wahrnehmung, Mög-
lichkeit vom Denkvermögen erschlossen. Wahrnehmung stellt ei-
nen „unmittelbaren“ (vorbegrifflichen), Denken einen „mittelba-
ren“ (begriffsvermittelten) Kontakt zu den Gegenständen her (Höl-
derlin 1991, 156, Z. 28 ff.). Und:
Wenn ich einen Gegenstand als möglich denke, so wiederhohl’ ich nur das vor-
hergegangene Bewußtseyn, kraft dessen er wirklich ist. Es giebt für uns keine
denkbare Möglichkeit, die nicht Wirklichkeit war (l. c., Z. 30 – 32).

Damit greift Hölderlin natürlich Kants Beobachtung auf: „[…] daß


irgend eine Möglichkeit ist und doch gar nichts Wirkliches, das wi-
derspricht sich“ (AA II, 78).
Doch mit dieser Konsequenz ist – nach Schellings und seines
Freundes Hölderlins Überzeugung – der Reichtum von Kants The-
se übers Sein noch nicht erschöpft. Im Frühjahr 1795 deuten sie
Kants Rede von der im Urteil vorliegenden Relativierung eines
„unbedingte[n] Gesetztseyns“ (SW I/4, 117, Anm. 1) als einen ,Ab-
leitungs‘-Zusammenhang (I/1, 154). ,Sein‘ hat die (alleinige) Bedeu-
tung von Identität, Identität ist tätig in der Urteil-Synthesis, und
das ,ist‘ des Urteils kann, ja muss als eine Minderform (ein Sar-
tre’sches „moindre-être“) des kompakten/fugenlosen Seins verstan-
den werden.
Die Intuition, die diese Spekulation anleitet, ist minder abwegig,
als es zunächst den Anschein haben mag. Auch Frege hat einen tie-
fen, wenn auch dunklen Zusammenhang von ,Identität‘ und ,Exis-
tenz‘ (im ,Erkenntniswert‘ augenfällig) vermutet (Frege 1975, 40 f.).
Und wenn wir eine Entität, die da ist, mit dem „Wert einer gebun-
denen Variable“ gleichsetzen (Quine 1980a, 12 f.), dann rückt ihre
Existenz ganz nahe heran an die Identifikation des Einzelgegen-
standes in einer Wahrnehmungs- oder Zeigehandlung. Schon Kant
sah ,im Wahrgenommenwerden den einzigen Charakter der Wirk-
lichkeit‘, sofern Wahrnehmungen auf Einzelnes gehen und vorbe-
200 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

grifflich sind; Begriffe – ausgedrückt durch Prädikate – gehen auf


Klassen von Einzelnem; darum ist Wirklichkeit „kein reales Prädi-
kat“ (KrV A 225; A 598). Für Hume schrumpft die relationslose
Sichselbstgleichheit eines Einzeldings auf die Eigenschaft seiner
Existenz zusammen (Hume 1888, 200; vgl. Quine 1980b, 208). So
schon Christian Wolffs Logica § 270 (Wolff 1983, 260): „idem ens
est illud ipsum ens, quod est, seu, omne A est A, ubi A denotat gene-
ratim ens cujuscunque speciei vel generis, sive in communi, sive in
singulari.“
Auch wirkungsgeschichtlich erfuhr Kants Seins-These zunächst
Unterstützung durch Frege (und an ihn anschließend durch Rus-
sell), und in unseren Tagen wurde Freges und Russells Rettungsver-
such Kants durch Kripke zurückgewiesen, der aber ebenfalls Inter-
esse daran zeigt, Kants These in einer ganz anderen Lesart zu ver-
teidigen. Beide Deutungsversuche scheinen mir erhellend, und sie
werfen Licht auch auf den begrifflichen Rahmen, in dem sich die
recht spekulativen Deutungen Hölderlins und Schellings bewegen.
Manche Interpreten meinen, bei Freges Rekurs auf Kant handle
es sich vielmehr um eine Widerlegung Kants. Aber man kann Fre-
ges Neubearbeitung des kantischen Problems auch als konstrukti-
ven Verbesserungsvorschlag verstehen, zumal er sich ja freundlich
auf ihn bezieht. Existentielles Sein, hatte Kant gesagt, sei keine reale
Eigenschaft, keine Eigenschaft, die das Was einer Sache bestimmt.
Anders: keine Eigenschaft, die etwas innerhalb eines Prädikations-
spielraums ,herauseinzelt‘. Sondern die feststellt, dass ein Gegen-
stand innerhalb dieses Prädikations-Spielraums wirklich instanziiert
ist: „Die Vorstellung des Seeeinhorns […] ist die Vorstellung eines
existierenden Dinges“ (AA II, 72 unten). Descartes hätte (in scho-
lastischer Tradition) gesagt, sie habe kein objektives, sondern ein
formales Sein. So drückt sich auch Kant in der Sprache der Schul-
philosophie gelegentlich aus.
Daher sprach Frege von einer Eigenschaft zweiter Stufe: Eine Ei-
genschaft erster Stufe einzelt einen Begriff aus, unter den Gegen-
21. PRÄDIKATION ALS ,MINDERSEIN‘ 201

stände fallen; Eigenschaften zweiter Stufe einzeln Begriffe aus, un-


ter die Begriffe fallen. Und zwar fällt ein Begriff erster Stufe genau
dann unter den (höherstufigen) Begriff ,Existenz‘, wenn unter ihn
mindestens ein Gegenstand (z. B. ein Seeeinhorn) fällt (oder: wenn
ein Individuum die Begriffs-Funktion ,erfüllt‘; „sättigt“, sagt Mar-
kus Gabriel [2016, 98]). Anders: Etwas als wirklich qualifizieren
heißt, das qualifizierende Prädikat als nicht-leer erweisen. (Frege
gibt kein Existenz-Kriterium an; Kants Kriterium ist ,Wahrneh-
mung = Empfindung + Bewusstsein‘ [KrV A 225 f.].)
Kant sagt in diesem Sinne durchaus treffend: „Es ist daher kein
völlig richtiger Ausdruck zu sagen: Ein Seeeinhorn ist ein existie-
rend Tier, sondern umgekehrt, einem gewissen existierenden Seetie-
re kommen die Prädikate zu, die ich an einem Einhorn zusammen
gedenke“ (AA II, 73).
Frege fügt im Blick auf Kant an: „Der ontologische Beweis für
das Dasein Gottes leidet an dem Fehler, daß er die Existenz wie ei-
nen Begriff erster Klasse behandelt“ (Frege 1975, Anm. 8, S. 36; vgl.
Frege 1987 , S. 86 f., = § 53).
Tobias Rosefeldt gehört zu den Philosophen, die Freges entge-
genkommende Lesart von Kants These für „unhaltbar“ erklärt ha-
ben. Denn Kant halte im Grunde an der Auffassung fest, Existenz
sei eine Eigenschaft von Gegenständen, also eine Eigenschaft erster
Stufe, nur eben keine real-mögliche, sondern eine tatsächlich instan-
ziierte (Rosefeldt 2011).
Diese These lasse sich besser mit Alexius Meinong erläutern, der
ja nicht-wirkliche Intentional-Gegenstände als irgendwie existie-
rend zugelassen und darüber eine bekannte Auseinandersetzung mit
Bertrand Russell geführt hat. Nach Meinongs Klassifikation sind
alle Eigenschaften in konstitutorische und außerkonstitutorische zu
unterteilen:
a) Für jede vollständige und widerspruchsfreie Klasse konstitutori-
scher Eigenschaften gibt es einen möglichen Gegenstand, dem
genau die Elemente dieser Klasse als Eigenschaften zukommen.
202 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

b) Davon sind ausgenommen außerkonstitutorische Eigenschaften,


als da sind die Eigenschaften, ein unmöglicher oder ein existie-
render Gegenstand zu sein.
Aber: Haben Frege und Meinong eigentlich ein Kriterium, um zu
entscheiden wann Eigenschaften zweiter Stufe, also ,außerkonstitu-
torische Eigenschaften‘ instanziiert sind? Kant hat immerhin eins
(wenn auch ein wegen seiner Enge fragwürdiges): Erfahrung, Empi-
rizität.
Gegen Rosefeldt möchte ich Frege verteidigen: Kant lässt sich
leicht mit Frege vereinbaren, wenn man seine Unterscheidung von
Subjekt- und Prädikat-Ausdrücken aufgibt und beide Ausdrücke –
wie Kant es tut – indistinctē als „Begriffe“ auffasst. Das ist der allge-
meine Sprachgebrauch der damals üblichen Logik.
,Es ist ein Gott‘ meint dann nicht mehr die ,absolute Setzung‘ des
(Referenten des) Subjekt-Ausdrucks – ohne weitere Prädikation –,
sondern, dass das Prädikat ,Gott‘ (das für einen ,Begriff‘ steht) als
nicht-leer ,gesetzt‘ wird: 9x (xG).
Gott ist allmächtig‘ müsste dann – wie bei Russell (1956, 252) –
so wiedergegeben werden 9x (xG 6 xA).82
Kant hat aber einen Vorzug vor Frege: Er verfügt über ein epis-
temisches Kriterium für Existenz: (Bestätigung durch) Erfahrung
(oder vorsichtiger: Gegenstand möglicher Erfahrung zu sein). (Dies
Kriterium ist allerdings, wie gesagt, zu eng.)
Frege, der die Einmischung epistemischer Kriterien in die Logik/
formale Semantik wie der Teufel das Weihwasser scheut, verfügt

82 Russell wiederholt Freges Ansicht ausdrücklich, wenn er feststellt, dass in Sätzen


wie ,Einhörner existieren‘ oder ,Der Verfasser der Ilias existiert‘ oder ,Homer
existiert‘ das Wort ,existieren‘ semantisch nicht als Prädikat, sondern als Exis-
tenzoperator zu verstehen ist. So sagt er: Der Eigenname ,Homer‘ könne durch
die Kennzeichnung „der Autor der Ilias“ ersetzt werden. Und statt dieser Person
geradehin ein Existenzprädikat zuzuschreiben („das wäre Unsinn“), solle man
stattdessen sagen, dass diese Person tatsächlich unter die Kennzeichnung fällt
(Russell übersetzt den Frege’schen Ausdruck durch ,definite description‘): ,hat
die Ilias gedichtet‘ (Russell 1956, 252).
21. PRÄDIKATION ALS ,MINDERSEIN‘ 203

über kein solches Kriterium. Er drückt sich davor, indem er vom


„Erfassen“ von Gedanken spricht, denen aber kein (individueller)
psychischer Akt entsprechen soll. Das ist unplausibel.
Die Frege’sche Reduktion von Existenz auf das Enthaltensein in
einer Menge ist ebenfalls zu eng (Gabriel 2016, 123 ff., 141 ff.). Au-
ßerdem ist Freges Extensionalismus erkenntnistheoretisch blind –
ein Einwand, der Kant nicht trifft. Dieser Vorwurf ist Frege oft ge-
macht worden, am eindrucksvollsten von Gianfranco Soldati. Frege
setzt die Erklärung von Begriffen mit der Angabe ihres Umfangs
gleich, statt etwas über den „psychischen Vorgang“ auszusagen,
„der zur Entstehung dieses Begriffes führt“ (Soldati 1994, Kap. 3).
Frege sieht von Privatgegebenheiten eines individuellen Bewusst-
seins kategorisch ab. Soldati kann sehr schön zeigen, dass die Frege-
Semantik über den kognitiven Gehalt von Gedanken keine Rechen-
schaft ablegen kann (sie muss Frege-Sinn-gleiche Sätze mit ver-
schiedenem kognitiven Gehalt – z. B. „x ist die Schnittkante einer
Ebene und eines Kreiskegelmantels“ und „x ist eine ebene Kurve,
deren Gleichung in Parallelkoordinaten vom zweiten Grade ist“
[Frege 1971, 319 f.; Soldati 1994, 77 ff.] – als denselben Wahrheitsbe-
dingungen unterstehend annehmen: ,Frege-Sinn reicht nicht aus,
den psychischen Gehalt vollständig zu bestimmen‘ [97]). Nimmt
man nun an, es gebe hier einen kognitiven Unterschied, dann muss
man urteilen, dass Frege dessen Realität in seiner Theorie nicht er-
fassen kann. Schellings Identitätstheorie ist aber sehr daran interes-
siert, den Erkenntnisunterschied von Sätzen wie ,X = A‘ und ,X =
B‘ hochzuhalten.
Das meint auch Markus Gabriel (2016, 120 ff.). Aber diese Kritik
treffe auch Freges Restriktion auf nicht-leere Mengen. Sie erkläre
eigentlich nur die Existenz von Zahlen („mathematische Existenz“
[125]). Freilich kann man sich fragen, ob Gabriels Unterstellung der
Existenzfrage unter die Kategorie der ,Sinnfelder‘ nicht Kants und
Freges Deutung der Existenz als eines Instanziierungs-Verhältnisses
erbt. Das ist aber nicht Thema meiner Abhandlung.
204 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Wohl aber lohnt sich ein kurzer Blick auf Kripkes berühmte Kri-
tik an der von ihm so genannten Frege-Russell-Doktrin; denn er
nimmt Kant ausdrücklich vor deren Vereinnahmung in Schutz.
Nach Kripke existieren Gegenstände geradehin und, wenn ,rigide‘
identifiziert, quer durch alle möglichen Welten. Seine bevorzugten
Beispiele sind, wie bei Kant, empirische Gegenstände, die in Wahr-
nehmungssituationen individuiert, gleichsam von Angesicht zu An-
gesicht ,getauft‘ werden und sich als dieselben erhalten durch eine
auf die Taufsituation direkt rückbezügliche Kausalgeschichte. Das
aber bedeute nicht, dass sie in allen möglichen Welten dieselben Ei-
genschaften instanziieren müssen. Ihre Existenz ist also kein ,reales
Prädikat‘, das kontrafaktischer Instanziierung bedarf. Der Mann
Moses – geradehin und, wieder wie bei Kant, in einer Wahrneh-
mungssituation identifiziert – wäre in allen Welten er selbst geblie-
ben, wenn er die Israeliten nicht aus Ägypten geführt hätte (oder
hat). Klebte seine Existenz an einer ,Eigenschaft zweiter Ordnung‘,
so wären Frege und Russell im Falle des Nicht-Zutreffens der indi-
viduierenden Eigenschaft (,der Mann, der die Israeliten aus Ägyp-
ten geführt hat‘) zu einer Kombination widersprüchlicher Aussagen
gezwungen: ,Möglicherweise gab es genau ein x so, dass x die Israe-
liten aus Ägypten geführt und sie nicht aus Ägypten geführt hat.‘
Der Widerspruch fände aber nicht statt, wenn man so formuliert:
,Es gibt ein x so, dass x (und nur x) die Israeliten aus Ägypten ge-
führt hat, aber Moses hätte die Israeliten auch nicht aus Ägypten
führen können – und wäre trotzdem Moses geblieben: in einer an-
deren möglichen Welt‘ (Kripke 2013, 33).
Das hält Kripke für einen starken Einwand gegen Freges und
Russells Umdeutung Kants, der zwar wegen ,Dunkelheit‘ auch kri-
tisiert wird, dessen These Kripke aber nachvollziehbarer findet als
die Frege’sche Umdeutung: Existenz sei sehr wohl eine direkte Ei-
genschaft (,erster Klasse‘) von Gegenständen, und keine Eigenschaft
zweiter Ordnung (also von Begriffen). Kant habe gemeint, dass, ei-
nem Subjekt die Existenz abzusprechen, etwas anderes sei, als ihm
21. PRÄDIKATION ALS ,MINDERSEIN‘ 205

eine sachbeschreibende Eigenschaft abzusprechen; und das Exis-


tenzprädikat darum ,logisch‘ und ,nicht real‘ genannt (l. c., 35 f.,
Anm. 6). Auch diesen Streit müssen wir nicht hier entscheiden.
Natürlich sind solche Überlegungen Zukunftsmusik aus der Per-
spektive Hölderlins und Schellings. Aber es sind doch Versuche,
Kant – nach dessen eigener Devise – besser zu verstehen, als er sich
selbst verstanden hat (KrV A 314). Dazu taugen sowohl die Frege-
Russell-Doktrin als auch Kripkes Einspruch. Mit dem Letzteren
wäre Hölderlin z. B. darin einverstanden, dass Existenz von parti-
kularen Gegenständen eine Frage der Wahrnehmung ist, auch wenn
er, ebenso wie sein Freund Schelling, auf einem spekulativ viel be-
lasteteren Gleis fährt.
Hölderlin hat das früh, Schelling erst seit 1827 klar so gesehen
(wenn er von einem ,höheren Empirismus‘ der Existenz-Auffassung
spricht (z. B. Schelling 1972, 34.–38. Vorl.).
Früh (1794/95) aber beuten die beiden Kants berühmte These
übers Sein für eine Identitäts-Auffassung der Prädikation aus: Ein-
trächtig denken sie, dass Kant einen nicht weiter ausgeführten Zu-
sammenhang zwischen absoluter und relativer Setzung andeutet.
Ihn wollen sie unter dem Einfluss Ploucquets (und Fichtes) einsich-
tig machen. Etwa so: Die in der Copula ,ist‘ besiegelte Identität
zweier Glieder muss 1. zwar als die feinste aller Relationen, aber
gleichwohl als Relation und damit als Minderform des kompakten
existentiellen Seins verstanden werden, sofern man, wie Schelling es
tut, das absolute Sein als omnibus relationibus absolutum versteht.
Man könnte sagen, die im Urteil vorliegende Identität sei eine ver-
zerrte ehedem absolute. Akzeptiert man dies, so nimmt man an,
dass ,Sein‘ im Ableitungszusammenhang höher steht als Identität
(wie es Hölderlin und Schelling 1795 tatsächlich vertreten: Hölder-
lin 1991, 156, Z. 7 und 18; SW I/1, 177 f.).
Ich unterbreche hier kurz, um zwei auf der Hand liegenden Ein-
würfen zu begegnen. Erstens, wird man sagen, hat der reife Kant
doch keine Identitäts-, sondern eine Subsumtionstheorie des Urteils
206 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

vertreten. Das habe ich oben selbst betont und die mit Maimon ein-
setzende Umbildung Kants als eine ,Releibnizianisierung’ der kan-
tischen Transzendentalphilosophie bezeichnet (vgl. oben, Kap. 10).
Der vorkritische Kant, besonders der Verfasser des Einzig mögli-
chen Beweisgrunds zur Demonstration des Daseins Gottes (von
1763), hatte aber mit Leibnizens Urteilslehre noch keineswegs ge-
brochen.
Sodann (2. Einwand): Bei der Kunde, es werde heutzutage ernst-
haft eine Identitätstheorie der Prädikation diskutiert, werden einige
in die Jahre gekommene Sprachanalytiker ausrufen: ,Sauve qui
peut!‘ Allen voran Ernst Tugendhat, der Schellings Satz vom An-
fang des Transcendentalsystems (1800), wonach Wissen/Wahrheit in
der „Uebereinstimmung eines Objektiven mit einem Subjektiven“
[SW I/3, 339; vgl. I/6, 138] bestehe und Übereinstimmung wieder-
um in Identität gründe, als Musterbeispiel einer Nonsense-Philoso-
phie anführt. Tugendhat nennt Schellings Bestimmung der Wahr-
heit als Identität von Subjekt und Objekt „umwerfend primitiv“
oder auch ,höchst phantastisch‘ (Tugendhat 1979, 316; Tugendhat
1976, 250). So sehe ein Denken aus, das sich beim Versuch einer
Überbietung der Tradition in den schlimmsten Unsinn verrenne.
Tugendhat übersieht, dass Schelling sich in weitgehender Überein-
stimmung mit der Tradition befindet (die Tugendhat allerdings nicht
kennt) und dass Kants/Freges Subsumtionsmodell der Prädikation
keineswegs das einzig denkbare, wenn auch das heute machthabende
ist. Wolfgang Lenzens Diskussion der Ploucquet’schen Ansicht hat
neben Schwächen durchaus auch Stärken und pragmatische Vorzüge
der Identitätstheorie aufgewiesen.
Mit seinem vernichtenden Urteil setzt Tugendhat eine anti-rea-
listische Wahrheitstheorie voraus, die sowohl mit der Korrespon-
denz- als auch mit einer Identitätsauffassung allerdings unverträg-
lich ist und Widerstand schon von der stark überwiegenden realisti-
schen Fraktion der analytischen Philosophie von Putnam bis
Dretske erfahren (in der Sache; soviel ich weiß, zitieren beide Auto-
21. PRÄDIKATION ALS ,MINDERSEIN‘ 207

ren Tugendhat nirgends). Aber das reicht nicht schon hin, um die
letztere zu disqualifizieren. Der reife Schelling würde sagen, eine
Prädikation sei genau dann wahr, wenn der Prädikatsausdruck eine
mögliche Bestimmung der unendlichen Bestimmbarkeit des Sub-
jekts sei – gemäß der Annahme, dass das unendliche Subjekt durch
alles, d. h. durch alle (widerspruchsfrei kompossiblen) Bestimmun-
gen, hindurchgehe und nichts sei, „nämlich nicht so sey […], dass es
nicht auch anderes seyn könnte“ (Schelling 1969, 16). Damit glaubt
er übrigens, wie wir eingangs sahen (vgl. oben, Kap. 5), Kants
,Grundsatz der Bestimmbarkeit‘ zu folgen (KrV A 571), der die
„materielle Möglichkeit eines Dings […] auf seiner durchgängigen
Bestimmtheit [beruhen lässt], d. h. [darauf,] dass es durch alle
m ö g l i c h e n Prädicate hindurch ein bestimmtes ist, indem von
allen einander entgegengesetzten je eines ihm zukommen m u ß“
(SW II/1, 284).83 Diese Bestimmung des Subjekts darf – unter Be-
dingungen einer Identitätstheorie – nicht als Kausalbezug gedacht
werden (denn die Substanz könne nicht auf sich selbst wirken), son-
dern als eine der (partiellen oder aspektuellen) Identität, indem das
Subjekt der Reihe seiner Bestimmungen nicht gleichsam träge „zu
Grunde“ liege, sondern „die Mannichfaltigkeit der Dinge […] viel-
mehr als die vollständige F o l g e aus ihm betrachtet werden [müs-
se]“ (SW II/1, 287). So kann nur ein Leibnizianer sprechen.
Zu erinnern wäre noch, dass Schelling – in Leibniz’scher Tradition
– die Kausalität, mit deren Hilfe bei Kant die Wirklichkeit unsere
Sinnlichkeit affiziert, ihrerseits als defizienten Modus der Identität
betrachtet. In grober Vereinfachung meint das, der Satz vom Grunde
habe in der Tatsachenwelt die Stellung, die der Identitätssatz in der
Welt der Vernunftwahrheiten innehat. Kausalität sei gerade so eine
aus den Fugen geratene (oder Minderform von) Identität, wie es das
Urteil in der Logik ist. Wären Ursache/Affirmierendes und Wir-

83 Das ist ein unendliches disjunktives Urteil: die Welt durch die Kategorie der
Wechselwirkung bestimmt.
208 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

kung/Affirmiertes im Absoluten nicht eines, so könnten sie in der er-


scheinenden Welt nicht auseinandertreten und trotzdem ihren intrin-
sischen Bezug aufeinander bewahren. Ohne Identität als Ausgangs-
punkt oder Zielgröße wäre Kausalität gar nicht zu denken: Ein
Nicht-Wesen – so hatte sich Schelling ausgedrückt – sucht sein Sein
in einem anderen, das selbst keines hat und es in einem weiteren
sucht, und so ad infinitum (SW I/6, 195 f.; vgl. I/4, 130 f., 343 f., 397).
Gäbe es nicht ein Seiendes, das sein Sein in sich, statt in einem weite-
ren hätte (das also absolute-, nicht relative- existierte), bräche die ganze
Kausalkette als eine haltlose, auf nichts Unabhängiges gestützte Rela-
tivität in Nichts zusammen.84/85
2. Auch von Kants These übers Sein her lässt sich also eine Iden-
titätstheorie der Prädikation rechtfertigen, wie sie Schelling zeitle-
bens verfochten/vorgeschwebt hat und für die er (wie gezeigt)
schon im Stift Anregungen empfangen haben mag. ,Sein‘ und ,abso-
lute Identität‘ werden synonym verwendet mit ,absolutes Band‘
oder ,absolute Copula‘ (SW I/2, 360; I/7, 204); und von ihr wird
gesagt, „das Urteil sey eigentlich nur das entfaltete Band“ (Schelling
1946, 28) – darüber gleich mehr.
3. Das Charakteristikum dieser Kant-Umdeutung ist die syste-
matische Engführung (man könnte auch sagen: enharmonische Ver-
wechslung) logisch-semantischer und ontologischer Fragestellun-
gen – worauf zuerst Wolfram Hogrebe (1989) hingewiesen hat. Die
Zersetzung des Seins in ein Ur-teil, das Begriffe identifiziert (und
dabei trennt), wird – sowohl von Hölderlin wie von Schelling –
ohne Weiteres auch als Subjekt-Objekt-Identifikation und -Tren-

84 Näheres zu dieser (eigentlich leibnizischen) Auffassung in meiner Einleitung zu


Schleiermacher 2001 I, 97 ff.
85 Im Übrigen hat der alte Schelling noch ein weiteres – anti-idealistisches – Motiv
für den Wiederanschluss an die Korrespondenz-Theorie darin gesehen, dass die
Vernunft nur die Möglichkeit, nur die „Potenz des Erkennens“ in sich enthalte,
so dass ihr „Inhalt“ ohne den Bezug auf ein unabhängiges Seiendes leer bleibe
(„[d]a allem Erkennen ein Sein entspricht, so entspricht der unendlichen Potenz
des Erkennens die unendliche Potenz des Seins“ [Schelling 1993, 100]).
21. PRÄDIKATION ALS ,MINDERSEIN‘ 209

nung charakterisiert. Auch das Selbstbewusstsein unterliegt der Ur-


teilsstruktur: In ihm bezieht sich eines auf sich selbst als auf sich
selbst; und das wäre nach Hölderlins Überzeugung aus der bloßen
Relation eines Subjekts auf ein Objekt nicht verständlich zu ma-
chen (Hölderlin 1991, 156, Z. 13 – 15).
4. Diese „gänzliche und absolute“ Abhängigkeit sowohl der
Satz-Glieder Subjekt und Prädikat als auch der Relata des Selbstbe-
wusstseins vom Sein muss als eine unumkehrbar-einseitige betrach-
tet werden. Das heißt, der Gedanke ,Sein‘ wäre aus dem Reflexe-
Spiel der Urteils-Glieder unerklärbar – damit ist Hegels Versuch,
das Sein auf die autonom gedachte Reflexion zu reduzieren, abge-
wiesen, bevor er noch an die Öffentlichkeit trat (Hölderlin 1991, Z.
7 ff.; SW I/4, 117, § 6; 120 u., § 15 Zusatz 1; deutlicher I/6, 147,
163 f.).
Noch eine Überzeugung, die versteckt in Hölderlins und Schel-
lings Kant-Umdeutung eingeht, bedarf der Explizitation. Die Vor-
stellung, dass jede Identifikation auch trennt, war in der Schulphilo-
sophie durchaus verbreitet. Ich erinnere daran, dass Baumgarten die
Reflexionsbestimmungen (conceptus reflexionis, charakteristisch
auch ,Verhältnis‘- oder ,Vergleichungsbegriffe‘ genannt) Identität
und Differenz (deutsch ,Einerleiheit‘ und ,Verschiedenheit‘, nicht
zu verwechseln mit den objektkonstitutiven Kategorien ,Einheit‘
und ,Vielheit‘), – Baumgarten also hatte hinsichtlich dieser Begriffe
ein principium negatae totalis dissimilationis et diversitatis formu-
liert. Es gilt für natürliche Gegenstände und besagt, stark verkürzt,
es sei unmöglich, dass zwei getrennte Einzelgegenstände völlig oder
schlechterdings verschieden sind (§ 269 mit §§ 267 und 74 [AA
XVII, 84 f., 43]). Umgekehrt müssen zwei Gleiche in wenigstens ei-
nem Merkmal differieren.86

86 Im ersten Weltalter-Entwurf bezieht sich Schelling charakteristischerweise direkt


auf Leibniz, den er wiederum in die scholastische Tradition stellt. Leibniz habe
die Unwahrheit der bekannten Formel aufgewiesen, „Disparate können weder
von sich gegenseitig noch von einem dritten ausgesagt werden“. Was in einer
210 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Die Pointe dieser Spekulationen ist allemal, dass sich die Einheit
des Seins aus dem Widerspiel der Satz-Glieder so wenig verständ-
lich machen lässt wie die epistemische Einheit (der wissende
Selbstbezug) des Ich aus dem Widerspiel der Reflexe von Ich-Ob-
jekt und Ich-Subjekt.87 Schelling sagt: Unbedingt gesetzt sei die
Einheit, nicht gesetzt (oder – in Kants Redeweise – nicht absolut,
sondern nur relativ gesetzt) seien die Satzglieder Subjekt und Prädi-
kat (Anm. zum § 6 der Darstellung [SW I/4, 117]). Das Eine als
,bloßes Eins‘ darf in der Relation nicht dem Vielen als Vielen entge-
gengesetzt werden, so wenig wie das Unendliche als solches dem
Endlichen. Wer so spricht, hält sich an „Reflexions- [oder] Verhält-
nißbegriff[e]“ (SW I/7, 58). Was allein wirklich existiert, ist die „In-
einsbildung“ der Relata: das Band oder die Copula zwischen dem
Band und dem von ihm abstractē verbundenen und unterschiedenen
Einen und Vielen (l. c., 60).
In der Folge unterscheidet Schelling bekanntlich die Thesis als
das ,Wesen‘ von dessen Selbstoffenbarung in der ,Form‘. Wir kön-
nen dieses sattsam bekannte Verhältnis im Lichte der Deutung von
Kants Seins-These nun neu bestimmen: Unter ,Form‘ versteht
Schelling eben die „Satz“- oder Urteilsform, in der sich die höchste
Thesis zugleich dem Bewusstsein mitteilt und als undifferenzierte
Einfachheit entzieht (I/4, 117 f.; I/4, §§ 15 f, S. 120 f.; 133, Anm.; I/7,
425). Mitteilt, denn nur als bewusste ist sie uns bekannt; entzieht,
denn nur unbedingt Gesetztes ist im emphatischen Wortsinne. In
den Aphorismen (1806) findet Schelling diese fast Hegel’sche Wen-
dung: „Das Seyn der Dinge in Gott […] ist ihr nicht-Seyn in Relati-
on auf/einander“, wo das Sein (die absolute Position) mit der
Selbstnegation der relativ nicht Seienden (der lµ emta) geradehin

Hinsicht Seele, könne in einer anderen Hinsicht Leib sein (Schelling 1946, 28;
ausführlicher ebenso 127).
87 Der Punkt ist, „daß ich mich mir selbst entgegenseze, mich von mir selbst trenne,
aber ungeachtet dieser Trennung mich im entgegengesezten als dasselbe erkenne“
(Hölderlin 1991, 156, Z. 13 – 15 [meine Kursivierung]).
21. PRÄDIKATION ALS ,MINDERSEIN‘ 211

identifiziert wird (SW I/7, 196 f., auch 194; ganz ähnlich schon die
Fichte-Streitschrift I/7, 61 f.; vgl. Henrich 1982, 167 ff.). Hölderlins
Freund Isaac Sinclair findet die glücklichste Formulierung: „Die
verschiedenen sind nicht verschieden, insofern sie sind. (Ich setze
die verschiedenen nicht verschieden[,] insofern ich sie setze)“ (Sin-
clair 1991, 48). Und Novalis notiert 1795/96: „Alles Denken ist also
eine Kunst des Scheins. […] Denken ist der Ausdruck /die Äuße-
rung/ des Nichtseyns. […] Aller Denkstoff ist Scheinstoff“ (NS II,
181 o. und Z. 14; 146, Z. 25 f.; als bloße Einbildung/Imagination
hatte auch Schelling 1806 die Ansicht des Verbundenen ,unter Ab-
sehung vom Band‘ charakterisiert: SW I/7, 60 ff.; man sehe nur das
Band, nicht die von ihm abgelösten Relata als solche).
Was ergibt sich daraus für die Struktur des Urteils? Zunächst
einmal: Schellings Ansichten darüber dürfen als kühne Variationen
des von Kant zuerst 1763 angestimmten Themas verstanden wer-
den. Erst in den Weltalter-Entwürfen finden sie, wie zuerst Hogre-
be (1989) gezeigt hat, zu einem einigermaßen deutlichen (urteilslo-
gischen) Selbstbewusstsein.88 Das Urteil wird dort analysiert als
Konjunktion zweier Unterurteile. (Für diese Auffassung haben wir
schon in der identitätsphilosophischen Phase und zu Beginn der
Freiheitsschrift Vorstufen gefunden.) ,Geist und Natur sind Eines‘
wird verstanden als: Es gibt ein X, und dies X ist einerseits A
(Geist) und andererseits B (Natur). B als B ist nicht ,einerlei‘ mit A;
und A als A ist nicht einerlei mit B. Die Identität beider beruht auf
ihrem Gleichermaßen-im-Sein-erhalten-Werden durch X (oder das
absolute Sein). Scheiden sie aus diesem Identitätsverbund aus, so
verkommen sie zu abgelösten, zu ,abstrakten Existenzen‘ (SW I/7,
241, Nr. CCXXXI; 190; 208 f.; I/7, 55, 61; passim), zu platonischen
lµ emta – darüber gleich mehr. Nur X ist im strengen Sinne mit sich
selbst nicht nur generisch identisch, sondern strikt als Individuum

88 Dazu, und unter Bezug auf Hogrebe, auch lichtvoll Gabriel (2014).
212 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

,einerlei‘.89 A und B interpretiert Schelling – wider die Oberflächen-


grammatik der Formel ,A = B‘ – nicht als singuläre Termini, also
nicht als Substanz- oder Individuen-Konstanten, sondern als As-
pekte – Beschreibungen oder „Prädikate“ – von X (Schelling 1946,
26 f., 128 f.).
Damit glaubte Schelling eine urteilslogisch befriedigendere Er-
klärung des Wesens der absoluten Identität gegeben zu haben, als es
ihm in den (das Würzburger System ausgenommen) unvollendeten
Entwürfen der identitätsphilosophischen Phase gelungen war.
Freilich auch dort gab es schon deutliche Spuren einer Identitäts-
auffassung der Prädikation. Schon im Würzburger System analy-
siert Schelling den (freilich tautologischen) Satz „der Kreis ist rund“
als Konjunktion der beiden Unter-Urteile: ,Dies ist ein Kreis‘ und
,Dies ist rund‘. Das (grammatische, nicht logische) „Subjekt“ des
Satzes nennt Schelling auch „das Prädicirende“, die Prädikate ,ist
rund‘ bzw. ,ist ein Kreis‘ „das Prädicirte“. „Ich setze rund nur, in-
wiefern K r e i s gesetzt ist“ (SW I/6, 146).
Auf Schellings Anleihe bei Leibniz und „d[er] alte[n] tiefsinni-
ge[n] Logik“ (SW I/7, 342) zu Beginn der Freiheitsschrift mit ihrer
hilfreichen Unterscheidung von Einerleiheit und Identität hatte ich
schon verwiesen (16. Kapitel, S. 161 ff.). Wer Prädikation als ,Expli-
kation‘ eines im Subjekt-Begriff Implizierten (,Eingewickelten‘)
versteht, hat sich natürlich weit von Kants Urteilslogik entfernt.

89 Darum kann Schelling die Lehre, wonach das Absolute durch generische Identi-
tät, also durch Gleichheit ,dem Allgemein- oder Gattungsbegriff nach‘ ausge-
zeichnet sei, barsch verwerfen (SW I/4, 376). Seine Rede von ,qualitativer Identi-
tät‘ meint die Identität eines seiner Allgemeinheit ungeachtet „i n d i v i d u e l -
l e [ n ] Wesen[s]“ (I/7, 438) in numerischer Selbigkeit. Dass die Form des
Identitätssatzes eine Zweiheit artikuliert, schließt die (numerische) Einerleiheit
des in der Form behaupteten Wesens (= X) nicht aus.
22. ,REDUPLICATIO‘ 213

22. ,Reduplicatio‘: Der entscheidende Anstoß


durch Leibniz, Wolff und die ,ältere Logik‘
Wir stehen hier an der Schwelle einer letzten, der entscheidenden
Voraussetzung, die in Schellings Identitätstheorie der Prädikation
eingeht, ja seine Theorie der Identität von Geist und Natur fast
ganz allein durchsichtig macht, obwohl sie dabei auf die Bausteine
zurückgreift, durch die wir uns bisher durchgekämpft haben. Es ist
umso erstaunlicher, dass dieser Einfluss weder erkannt noch gebüh-
rend aufgeklärt wurde. Das hängt natürlich damit zusammen, dass
Schelling seine gedanklichen Abhängigkeiten gerne verborgen und
auch hier nur recht vage angedeutet hat, am ehesten noch beiläufig
im mündlichen Vortrag, wenn er sich vor der Publikation einiger-
maßen geschützt glaubt.90 Ich habe die entscheidende Stelle im
15. Kapitel, das die Rolle des Begriffswörtchens ,als‘ beleuchtet,
schon angeführt, ohne Schellings erstaunliche Angabe seiner Quelle
zu präzisieren. Ich bringe nur den Kontext in Erinnerung,
Das Ich „in freier Bloßheit“ (potenzloses a oder a0) – heißt es in
der Einleitung in die Philosophie (Schelling 1989, 49 f.) – muss als
völlige Bestimmungsunabhängigkeit oder Ununterschiedenheit der
in ihm gelegenen Möglichkeiten (eben als ,Indifferenz‘) vorgestellt
werden. Sowie es ,sich bewegt‘ und als das setzen will, was es ist,
also als a, zieht es sich eine Bestimmung zu oder wird ,Etwas‘. Die-
se ungewollte Entfremdungsgestalt zieht sich a zu, wie Schelling
sich anthropomorphistisch ausdrückt (45), wie ein Mensch sich eine
Krankheit zuzieht. Es ist nun aufs entschiedene b-Sein festgelegt.
Und da diese Bestimmung seinem freien Wesen widerspricht, muss
es sich ihr gegenüber zu a2 ,erhöhen‘, ,sich mit sich selbst multipli-
zieren‘, d. h. a in zweiter Potenz werden. Und an dieser Stelle spielt

90 Ich sage ,einigermaßen‘. Denn das Zirkulieren von Vorlesungsnachschriften war


der große Kummer seiner Lehrtätigkeit, seitdem er fast überhaupt nichts mehr
selbst publizierte. Vgl. z. B. Schelling 1972, 488.
214 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Schelling zum ersten und einzigen Mal mit offenen Karten und
deckt seine Abhängigkeit von Christian Wolff auf.
Von den beiden in ihm [d. h. in a0] liegenden Möglichkeiten [= Potenzen] ist
eine jetzt erfüllt. Vorher waren beide Möglichkeiten in ihm äquivalent, jetzt
aber ist das als a gesetzte a mit sich selbst dupliziert. Wenn sich dieser Ausdruck
nicht mehr in der neueren Logik findet, so ist er doch in der Wolff’schen/ üb-
lich, in welcher der Ausdruck reduplikatives Setzen soviel bedeutet, als dass das
a aus dem impliziter b sein können heraustritt, und dann als a folglich mit sich
selbst multipliziertes a ist. A kann also nicht b sein, ohne nicht [sic!] zugleich als
a zu sein. Wir hätten nun auf der einen Seite a = b; auf der andern Seite a im
Gegensatze und in der Spannung, wodurch das a zu einem a2 wird (Schelling
1989, 49 f.; vgl. 45).

Soviel ich weiß, ist das der einzige Hinweis in Schellings bislang pu-
blizierten Schriften, in dem eine direkte, und gar eine sehr weitrei-
chende Abhängigkeit von Wolff eingestanden wird. Sonst wird
über Wolff, „langweiligen Angedenkens“ (SW I/10, 60), nur spöt-
tisch in Schellings Vorlesungen abgeurteilt, und selbst in der Nach-
schrift des Kronprinzen dauert es nicht lange, bis Schelling wieder
zu den vertrauten Schmähungen des Wolff’schen Rationalismus zu-
rückfindet und sie im ebenfalls oft wiederholten Vorwurf gipfeln
lässt, Hegel sei so etwas wie ein Wolffius redivivus:
Wenn dieser Wolffianismus die Wissenschaft auch nicht weiterbrachte, so hat er
sie doch von der frühern Bahn abgelenkt; er hat eine Stockung hervorgebracht,
die in allen Fächern auch jetzt noch empfindbar ist. Die objektive Richtung
wurde durch ihn unversehens in die subjektive verkehrt. Es scheint, man müsse
die Frage aufwerfen, wie denn dieser Wolffische Rationalismus so schnell in
Deutschland Eingang finden konnte; allein näher betrachtet ist die Sache sehr
einfach. Dieser Rationalismus, der im Grunde nur aus Tautologien besteht, und
auf die Hauptsache keine Antwort gibt,

der habe auch Hegels Behauptung gegen die Naturphilosophie „in


höherer Potenz“ ermöglicht und einer „unüberwindliche[n] Nei-
22. ,REDUPLICATIO‘ 215

gung der Deutschen zum Subjektiven“ noch einmal und zur Unzeit
zum Durchbruch verholfen (Schelling 1989, 66 f.).
Der Passus, der die Übernahme von Wolffs Operation mit der
Reduplikation gesteht, wirft ein Licht auf Schellings Motiv, sich der
mathematischen Potenzierung als Metaphernspenders zu bedienen.
Das haben wir schon diskutiert; hier aber taucht ein neues Motiv
auf: Bei grundlegender Indifferenz von a und b überwiegt kein As-
pekt den anderen, beide sind ,äquipollent‘, wie Schelling gern sagt,
oder auch ,äquivalent‘, gleichwertig, keins dominiert das andere.
Setze ich aber a unter dem Aspekt von (respectu) B, so ist a mit B
multipliziert: Ba. Entsprechend ist A, unter seinem eigenen Aspekt
gesetzt (,a, insofern es A ist‘): Aa, also = a2. Es findet, wie Schelling
Wolff zitiert, eine Reduplikation oder, was hier dasselbe meint, eine
Multiplikation von a durch sich selbst statt. (Schelling kennt wie
seine Zeitgenossen keinen graphischen Unterschied in der Notation
von Gegenständen und Eigenschaften.)
Schellings Sohn hat einen ähnlichen Passus aus einer Münchener
Vorlesung des Vaters Zur Geschichte der neueren Philosophie, eben-
falls aus den 1830er Jahren (SW I/10, 103), überliefert. Schelling
kommt auch hier, wie in der Einleitung in die Philosophie, auf die
eigene Naturphilosophie und das in ihr thematisierte Verhältnis des
Absoluten zu seinen Prädikaten zu sprechen. Erneut ist von einem
in sich duplizierten Setzen oder von einer, wie die ältere Logik das
genannt habe, Reduplikation die Rede. Doch erfährt Wolff nicht
die Ehre der Erwähnung:
A, das A ist, ist das mit sich selbst duplicirte A (in der älteren Logik wurde
diese Art des Setzens, wo A nicht simpliciter, sondern a l s A gesetzt wird, die
reduplicative oder Reduplicatio genannt), also das als A gesetzte A ist nicht
mehr einfaches, sondern duplicirtes A, das wir (nachdem der Begriff erklärt ist)
der Kürze wegen A2 [also: A in zweiter Potenz] nennen können.

In der Tat benutzte die ,ältere Logik‘, die Schelling (1946, 28, 127)
über Leibniz hinaus als die scholastische identifiziert – z. B. Thomas
216 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

von Aquin in seinem Sentenzenkommentar91 (8415 f., 8690) oder


Jean Buridan in seinen Organon-Kommentaren92 –, den Ausdruck
reduplicatio im Sinne einer Aspekt-Festlegung („praecisio“) des
Subjekts, die vom eigentlichen Prädikat („praedicatum principale“)
noch unterschieden ist. (Der ebenso mögliche Fall einer Reduplika-
tion des Prädikats interessiert im gegenwärtigen Kontext nicht.) Ein
Beispiel: „Homo est sensibilis inquantum animal.“ Typischer-, aber
nicht notwendigerweise ist der reduplikative Ausdruck („terminus
reduplicativus“: animal) mit dem des eigentlichen Prädikats (sensi-
bilis) nicht identisch (ist er identisch oder ist das Prädikat im Sub-
jekt impliziert, so heißt die Reduplikation „inutilis“: Beispiel: „om-
niscius“ und „spiritus sapientissimus“ [vgl. Leibniz 1999, N. 241,
1243]). Die Reduplikation selbst wird ausgedrückt durch Konjunk-
tionen bzw. Adverbien, je nachdem, ob ein Nebensatz oder eine
Nominalphrase folgt: (pro)ut, respectu, quatenus, qua, in quantum,
quando, secundum quod, qua ratione u. ä. (Bäck 1996). Der Subjekt-
Ausdruck biegt sich gleichsam auf sich zurück und reflektiert sub
respectu quodam seine Bedeutung, die sich dadurch in zwei aufspal-
tet (,dupliziert’). Die Idee: Von jedem Subjekt-Terminus kann in
mehrfacher Hinsicht die Rede sein. Die Reduplikation soll den ge-
rade relevanten semantischen Gesichtspunkt festlegen. Ein Stan-
dard-Beispiel: „Ein Mensch, insofern er Mensch ist, ist das würdigs-
te aller Geschöpfe; insofern er aber ein ruchloser Übeltäter ist, ver-
dient er Verachtung.“ Oder: „Wer Menschen als Kranke heilt, ist
Arzt; wer sie als Sünder heilt, ist Geistlicher.“ Oder: „Als Konsul
hat Fabius Maximus Autorität über seinen Vater; aber als Sohn

91 Scripta super libros sententiarum (1252 – 1256). Das erste Hauptwerk bietet einen
sehr freien Kommentar zu den Libri quattuor sententiarum des Petrus Lombar-
dus (1150 – 1152).
92 Quaestiones in Analytica Priora (Liber primus, Quaestio 43a) und Posteriora (Li-
ber secundus, Quaestio 21a); auch im Tractatus de Consequentiis, 4.4 „De syllo-
gismis ex propositionibus reduplicativis“, 28a. (Ich verdanke Christian Ströbele
die Kenntnis dieser signifikanten Passagen.)
22. ,REDUPLICATIO‘ 217

steht er unter des Vaters Autorität“ (ein Beispiel aus Plutarchs Le-
ben des Fabius Maximus). „Ein Zylinder ist hinsichtlich seiner Basis
größer als ein anderer, kleiner hinsichtlich seiner Höhe.“ „Blume B
ist der Form nach schöner als Blume A, die wiederum einen schöne-
ren Geruch hat“ [Beispiele aus Leibniz 1999, N. 241, 1242 f.]).
Oder: „Als Amphib schwimmt das Krokodil im Wasser und läuft
am Lande.“ Vorbild sind ein berühmter Passus aus Aristoteles’
Analytica Priora (1.38) und seine metaphysische Rede vom ,Seien-
den als Seienden‘ (oder, wie es üblicherweise übersetzt wird, vom
,Sein des Seienden‘: t¹ cm Ø em [Metaphysik IV, 1003a; dazu Angel-
elli 1978; Honnefelder 1989, 102 f.; Brands, in: Sherwood 1995, 260,
Anm. 141]). Wer etwa reduplikativ vom Guten ,als vom Guten‘
oder ,soweit es gut ist‘ spricht, greift den für seinen Kontext we-
sentlichen Aspekt heraus und schließt die übrigen aus. Meister Eck-
hart musste sich wegen der reduplikativen Rede vom „Guten, inso-
fern er gut ist (Bonus inquantum bonus)“, in Avignon verteidigen,
zumal er sie mit „der Güte“ schlechthin identifizierte. Dabei hatte
er durchaus nichts anderes getan als einer, der die Wendung vom
ens qua ens durch Sein des Seienden übersetzt.93
Offenbar war die Reduplicatio für mittelalterliche Theologen vor
allem darum wichtig, weil es galt, die doppelte Natur Christi (ganz

93 Eckhart meinte: Der abstrakte Terminus Güte vertrage nicht die Eigenschaft der
,Geborenheit‘ (freilich stört das einem Universale nicht einsichtig zukommende
Maskulinum ,bonus‘ statt ,bonum‘; siehe die Ausgabe von Gabriel Théry (1926/
27, 156 ff.; 186 ff.). – Ähnlich wird die Frage beschieden, ob man zukünftigem
oder vergangenem Sein den Modus der Notwendigkeit zusprechen dürfe, da
doch alles Seiende notwendig sei: Nein, man dürfe das nicht von Zukünftigem als
Zukünftigem oder von Vergangenem als Vergangenem sagen, sondern nur vom
Seienden qua Seienden. „Der Sinn ist: Alles, was ist, wenn/insofern es ist (si sit),
ist notwendig […]. Lässt man die Reduplikationsformel weg, wird der Satz
[nämlich: ,Alles Seiende ist notwendig‘] falsch. Denn von dem, was sein wird,
lässt sich doch vorstellen, es werde nicht sein (Nam quod futurum est tamen in-
telligi potest non fore). Und von dem, was nicht gewesen ist, lässt sich doch vor-
stellen, es wäre gewesen (Et quod non fuit tamen intelligi potest fuisse)“ (Eckhart
1994, 66/8 [meine Übersetzung]).
218 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Mensch und ganz Gott) als widerspruchsfrei denkbar auszuweisen.


Aber die Sätze „x, insofern es F ist, ist H“ und „x, insofern es G ist,
ist nicht H“ laufen eben doch auf eine Kontradiktion hinaus, weil
F-heit H-heit einschließt (,entails‘), G-heit aber nicht. Ohne Kon-
tradiktion geht es im Falle Bobs ab, der als Ehemann scheidbar ist,
nicht aber als Kapitän der Marine (der Kapitänsrang schließt Ehe-
scheidungsfähigkeit weder ein noch aus: Vallicella 2004; Bäck 2003).
Schelling legt das Problem von Beginn vorsichtiger an, indem er
von der Natur-Geist-Identität (X) als Prämisse ausgeht und dann nur
noch verständlich machen muss, wie diese beiden einzigen Prädikate
(oder Kennzeichnungen) der absoluten Identität als Reduplikationen
von X miteinander bestehen können. Dabei beruft er sich explizit auf
Leibniz (Schelling 1946, 28, 127), der für einige scheinbar inkompati-
ble philosophische Überzeugungen nach einer „konkordistischen“
Lösung suchte (Schulthess 2009). Leibniz, sagt Schelling dort, habe
die Unwahrheit jener viel zitierten logischen Regel gezeigt, die da
lautet: „Disparate können weder von sich gegenseitig noch von ei-
nem Dritten ausgesagt werden“ (l. c.). ,Konkordistisch‘ heißt der
Vermittlungsversuch zwischen zwei Thesen, weil und wenn er die
eine „en un bon sens“, also unter einer wohlwollenden Deutung (re-
duplicatio) liest, in der sie mit der anderen nicht mehr unvereinbar ist.
So die These der Kompatibilität unserer Leiblichkeit und Geistigkeit
(GP IV, 523 f.; PS 3.1, 4 ff.), die unserer Determiniertheit und Freiheit
oder die der sinnlichen Empfangenheit vs. Angeborenheit unserer
Ideen: Der Dialog zwischen Philalethes und Theophile in den Nou-
veaux Essais ist durchgängig nach der konkordistisch-reduplikativen
Methode gearbeitet, wie gerade der Beginn des I. Buches illustriert:
Philosophen – selbst ,Sektierer‘ unter ihnen – haben oft Recht in
dem, was sie behaupten, Unrecht nur in dem, was sie leugnen. Daniel
Schulhess hat genau gezeigt, wie die nach dieser Einsicht arbeitende
konkordistische Methode funktioniert: Man verwandelt Thesen (Be-
hauptungen) in Disjunktionen einander entgegengesetzter Unterthe-
sen (disjuncta), von denen eine – und mithin die Disjunktion als gan-
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 219

ze – notwendig wahr ist. Nach dem später nach dem Logiker Augus-
tus De Morgan genannten, aber dem späten Mittelalter vertrauten
Gesetz (Kneale & Kneale 1962, 295) ist die Negation einer disjunkti-
ven Aussage die Konjunktion der Negationen ihrer Teile: - (P V Q)
$ (-P 6 -Q). Damit sind aber nun beide Hörner der Alternative
verneint, während in der (bejahten) Ausgangsform ein Horn der Al-
ternative wahr sein musste. Konsequenz: Man darf Theorien nie pau-
schal verwerfen: „Raison tu as/ en ce qu’affirmes, tort/ en ce que tu
nies“ (vgl. Leibniz’ Briefe an N. Rémond vom 10. Jan. und vom
14. Aug. 1714 [PS 5.2, 322, 340 ff.]; Schulthess 2007, 213 ff.; Schulth-
ess 2009, 259 f.). Heute würde man von „schwachen“ oder „kompa-
tibilistischen“ Theorien sprechen, die alternative Standpunkte nicht
gegeneinander ausspielen, sondern auf einem bescheideneren Niveau
bzw. in konzilianterer Einstellung integrieren.

23. Parallelen zur Theorie der ,relativen Identität‘


und zum ,anomalen Monismus‘
Mir scheint, dass, sucht man nach einer Parallele zur neueren Philo-
sophie, der Gedanke der reduplikativen Hinsichtnahme auf ein
Subjekt am ehesten mit Peter Geachs Theorie der Relativität von
Identität verglichen werden kann. Geach war ein herausragender
Mittelalter-Kenner, obwohl er sich nicht auf die Operation mit der
reduplicatio beruft. Geach nennt ,strikte‘ oder ,absolute‘ Identitäts-
aussagen über zwei Dinge oder Namen oder Prozesse sinnlos, so-
fern und solange wir den Aspekt (repräsentiert durch einen count
noun, mass oder general term) nicht spezifizieren, hinsichtlich des-
sen wir sie identifizieren. Strikte Identitätsaussagen, die zwei Terme
schlechterdings gleichsetzen, haben die Form ,x = y‘ oder, genauer,
,Fy $ $x (Fx 6 x=y)‘ oder ,Fb 6 b=a ! Fa‘; ,relative‘ – nämlich
aspektrelativierte – Identitätsaussagen haben dagegen die Form: ,x
ist dasselbe A wie y; aber x ist nicht (notwendig auch z. B.) dasselbe
220 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

B wie y‘. ,x ist mit y identisch‘ wird mithin als eine unvollständige
Aussage analysiert. In relativen Identitätsaussagen ist der Quantor
unbeschränkt („unrestricted“). Ein solcher (durch einen generellen
Terminus bezeichneter) Aspekt liefert, sagt Geach, das Identi-
tätskriterium der Relation zwischen x und y (Geach 1968, 63 f.;
vgl. 149 ff.). Das der vermeintlich strikten Identitäts-Auffassung zu-
grunde liegende Identitätskriterium gebe – bei genauer Analyse –
nur die Ununterscheidbarkeit zweier Gegenstände in einer Theorie
an, stelle sich aber theorieunabhängig (,was immer von x gilt, gilt
auch von y, egal, welche Theorie zugrunde liegt‘). Darum ziehe sich
die strikte Identitäts-Auffassung das Problem zu, dass, was in einer
Theorie ein Identitäts-Prädikat, in einer anderen Theorie desselben
Gegenstandsbereichs möglicherweise keines mehr sei (,Grellings
Paradox‘ [Geach 1972c]).
Beispiele für relative Identität: ,Spricht1‘ ist dasselbe Wort wie
,spricht2‘. Sie differieren aber als Einzelzeichen (tokens); nie wird
,spricht‘ zweimal völlig gleich ausgesprochen oder hingeschrieben.
Der Beefeater vor dem Tower ist als Funktionsträger der nämliche
wie gestern, aber nicht als individuelle Person: Gestern war es Mr.
Foster, heute heißt er Mr. Smith. Lord Newriche spricht am Mon-
tag und Dienstag mit demselben Herold Bluemantle; aber er spricht
mit zwei verschiedenen Männern, weil es von Montag auf Dienstag
einen Personalwechsel gegeben hat (dazu Griffin 1977; Henrich
1979, 146 – 148). Oder, um ins Mittelalter zurückzukehren, ein Bei-
spiel Buridans:94 Sokrates ist als Mensch lächerlich, als Philosoph
nicht. Man kann auch sagen: Unter einer Beschreibung ist x F, unter
einer anderen G (vgl. Anscombe 1981). In diesem Sinne definiert
ein frühneuzeitliches philosophisches Lexikon (von 1613) die Re-
duplicatio als „quaedam conditio posita in propositione reddens ra-
tionem, qua praedicatum attribuitur Subjecto, vt[,] Qua, Jat² [in

94 Aus dem Kommentar zu den Analytica Priora, Quaestio 43a, 4.; vgl. Tractatus de
consequentiis, 4.4.3 und Kap. 5.8.5 des logischen Hauptwerks, der Summulae de
Dialectica 5.8.5.
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 221

Text fälschlich: Jah¸], Quatenus“, also: als eine Bedingung, die in


einer Aussage gesetzt (oder: einer Aussage beigefügt) wird und eine
Berechtigung dafür angibt, das Prädikat dem Subjekt zuzusprechen:
als, insofern (Goclenius 1980, 965).95
Und gerade in diesem Sinn, als „conditio, sub qua praedicatum
convenit subjecto termino“, kennt sie dann auch der von Schelling
eben darum ausgezeichnete Wolff (Wolff 1983, 230 [ff.], = § 227
[ff.]); allerdings habe ich, entgegen Schellings Versicherung, den
Ausdruck, den Leibniz geläufig benutzt,96 in Wolffs Logiken nicht
gefunden.97 Auch ohne dies ist die Ähnlichkeit mit Schelling einer-
seits, Geach andererseits aber unübersehbar. Ein Satz klinge gele-
gentlich kategorisch, obwohl eine Analyse seiner Tiefenstruktur
eine Hypothese (eine verborgene Bedingung) ans Licht bringe, un-
ter der der Subjekt-Ausdruck de facto stehe. Buchstabiere man die-
se (implizite) Bedingung aus, so lese sie sich wie folgt: ,sofern das
Subjekt so oder so spezifiziert/bestimmt ist‘: „Kommt nämlich das
Prädikat dem Subjekt nicht schlechthin (absolute), sondern nur un-
ter einer Bedingung zu, so tritt die Bedingung doch nicht so zurück,
dass die Konditionalpartikel [als] nicht ausdrücklich gesetzt würde
(expresse ponatur). Die Aussage bleibt also hypothetisch“ (Wolff
1983, § 218.). Wolff illustriert das an dem Satz: ,Ein aus großer

95 In Goclenius’ Aufzählung von Äquivalenten des Begriffswörtchens ,als‘ fehlt die


!va¸qesir, das von Aristoteles so häufig benutzte Ø (vgl. oben, Kap. 9).
96 Leibniz beruft sich gelegentlich auf Joachim Junges Hamburgische Logik (1638,
Jungius 1977; Leibniz’ Exzerpte „Logica de notionibus Jungiarum Schedarum
excerpta annotata“, in: Leibniz 1999, VI, N. 241, S. 1211 – 1299, hier bes. S. 1241 –
144 („quatenus“); über Leibnizens Hochschätzung von Jungius: Leibniz 1999, N.
162, S. 726.
97 Zu Leibniz’ Verwendung der Reduplikation: Nuchelmans 1983, 223 f.; Burkhardt
1980, 230 f.; Schulthess 2007, 2009. Bei Wolff, wie gesagt, habe ich den Ausdruck
nicht gefunden, wohl aber die Sache, besonders in der lateinischen Ontologia
(Wolff 1977, 232 ff., = §§ 285 ff.) und der Logica (Philosophia rationalis sive logi-
ca, §§ 227 [ff.], = Wolff 1983, 230 [ff.]). Das könnte bedeuten, dass Schelling die-
se Sache so klar war, dass er sie bei Wolff nicht über den Fachausdruck identifi-
zieren musste.
222 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Höhe gefallener Stein hat eine gewaltige Wucht (impetum)‘. Er ist


formal kategorisch, aber versteckt hypothetisch, denn verborgen
wird gesagt: ,sofern er aus großer Höhe fällt‘ (l. c., 231 [§ 227]).
Heutige Leib-Seele-Theorien arbeiten mit ganz ähnlichen Bei-
spielen. Nimmt man (wie etwa Davidson [1986, Essays 11 und 13])
an, dass es 1. Mentales gibt (vertritt also einen mentalen Realismus),
2. dass zwischen Mentalem und Physischem in beide Richtungen
kausale Verbindungen bestehen, und 3., dass die physische Welt ei-
nen geschlossenen Determinismus bildet (anders: dass nur Physi-
sches auf Physisches wirkt), während 4. psychische Ereignisse kei-
nen ähnlich gesetzmäßigen Zusammenhang aufweisen (,Anomalie‘
des Psychischen) – macht man diese vier Annahmen zugleich, so er-
zeugt man eine inkonsistente Überzeugungsreihe: Einen dieser Sät-
ze muss man aufgeben. Davidsons Lösungsvorschlag ist bekannt
(Davidson 1980, 207 ff.): Satz 2 ist richtig, muss aber so interpretiert
werden: Jedes mentale Ereignis wird durch ein physisches Ereignis
,realisiert‘. Das Problem: Wir müssen also diejenigen physikali-
schen Eigenschaften, die Mentales realisieren, vor solchen auszeich-
nen können, die sich auf ihre Physik reduzieren. Anders gesagt: Es
muss kraft seines mentalen Charakters sein, dass dieser bestimmte
physische Zustand als Realisator dieser bestimmten mentalen Ei-
genschaft aufgefasst werden darf. Und dieses kraft (das wir durch
qua oder inquantum oder quatenus latinisieren dürfen) steht für
eine reduplikative Verwendung genau im Sinne Christian Wolffs.
Dieses reduplikative qua ist darum so wichtig, weil particulars (z. B.
Ereignisse) ihre Wirkungen kraft ihrer Eigenschaften verursachen,
und nicht einfach schlechthin. Dies kann man an einem ganz ähnli-
chen Beispiel wie dem Wolff’schen illustrieren: „Der Apfel qua 200
Gramm schwer“ ist Ursache dessen, dass der Messzeiger an der
Waage bis zu einer bestimmten Markierung ausschlägt, aber nicht
„der Apfel qua grün“. So auch „diese Ereignisfolge qua beabsichtigt
von Subjekt S“, aber nicht „diese Ereignisfolge qua ausgelöst durch
diese (physiologisch ausbuchstabierte) Muskelkontraktion“.
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 223

Hier muss ich eine Geschichte einfügen. 1995 war Davidson


Ernst-Bloch-Professor in Tübingen. Ich hatte ihn mit den Teilneh-
mer(inne)n meines Philosophy-of-Mind-Oberseminars zu einem
Brunch nachhause eingeladen, während dessen er mit gezielten Fra-
gen besonders zum obigen Thema gelöchert wurde. In einer Pause
schlenderte er in mein angrenzendes Arbeitszimmer, das ein wun-
dervolles Panaroma auf die Schwäbische Alb bot, setzte sich an
meinen Schreibtisch, zog seine dickbeglaste Hornbrille auf und stu-
dierte eine Passage aus dem gerade aufgeschlagenen Würzburger
System Schellings. Mir war äußerst peinlich, dass er mich beim Stu-
dium so offenkundiger ,Nonsense‘-Philosophie ertappte, da ich
mich ihm bisher als wacker mithaltenden Analytiker präsentiert
hatte. Ich stammelte, das sei ein deutscher Text, obendrein in Frak-
tur gesetzt, nichts, das ihn interessiere. Er sah mich amüsiert an: Ob
ich nicht wisse, dass er Altphilologie studiert und über den Philebos
promoviert habe? Altphilologen seien in Harvard verpflichtet ge-
wesen, Deutsch wenigstens zu lesen, und die meisten Texte der
klassischen deutschen Altphilologie seien in Fraktur gesetzt. Da-
nach beugte er sich über die aufgeschlagenen Seiten und las
Deutsch: „Zwischen Realem und Idealem, Seyn und Denken ist
kein Causalzusammenhang möglich, oder das Denken kann nie Ur-
sache einer Bestimmung im Seyn, oder hinwiederum das Seyn Ur-
sache einer Bestimmung im Denken seyn. Denn Reales und Ideales
sind nur verschiedene Ansichten einer und derselben Substanz; sie
können also so wenig etwas ineinander bewirken, als eine Substanz
etwas in sich bewirken kann“ (SW I/6, 500 f., im Orig. teilweise
gesp.).98 „But that’s the gist of my anomalous monism“, rief er aus,
griff sich ein Papier und schrieb die Passage auf. Den inzwischen
herbeigeströmten übrigen Gästen erklärte er sein erstaunliches Be-
kenntnis. Eigentlich habe ihn früh Spinoza auf die Spur einer Na-

98 Später wendet Schelling diesen Satz selbst auf die Identität von Leib und Seele
an, zwischen denen aus demselben Grund kein Kausalzusammenhang bestehen
könne (SW I/6, 548 f.).
224 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

tur-Geist-Identitätstheorie gesetzt. Der anomale Monismus sei eine


Position, „die nicht allzu verschieden von der Spinozas ist“ (David-
son 1993b, 162); und Schelling sei doch nichts als ein etwas aufge-
möbelter Spinoza. Klar, Identität sei kein Kausalverhältnis, nur
Physisches wirke auf Physisches. Geistiges (der Bereich des Ratio-
nalen) sei aber nicht inexistent, sondern präsentiere sich nur nicht in
ähnlich ordentlichen (gesetzförmigen) Verhältnissen. Die Kausal-
kette zwischen Ereignissen laufe ganz unabhängig davon ab, unter
welcher Beschreibung wir sie erfassen. Aber nur den Bereich des
Physischen erfassen wir ,nomologisch‘. Eigentlich habe er sich auf
den modischen Weg des Materialismus drängen lassen. Seine (Da-
vidsons) Herzensoption sei eine Art ,neutraler Monismus‘ gewesen.
Denn Identität sei doch eine symmetrische Beziehung. Sie privile-
giere keines ihrer Relata. Darum sei es unsinnig, eine Identitäts-
theorie eher ,idealistisch/mentalistisch‘ als ,materialistisch‘ zu nen-
nen.99 Sie sei keins von beiden und beides zugleich, wie es Schelling
so schön gesagt habe.
Wir waren baff und fanden diese Charakterisierung von Identi-
tätstheorien in früheren und späteren Publikationen von Davidsons
Philosophy of Mind wieder. Mir fällt sie hier ein; und es gelingt mir
nicht, den unschulmäßigen Verweis auf Davidsons Theorie des an-
omalen Monismus als jüngeren (freilich durch neuere Theorien in-
zwischen arg bedrängten)100 Beleg für die Aktualität Schellings zu
unterdrücken.

99 „I see no good reason for calling identity theories ,materialist‘: if some mental
events are physical events, this makes them no more physical than mental. Iden-
tity is a symmetrical relation“ (Davidson 1987, 453; dazu Frank 1991, 115 ff.).
100 Inzwischen hat sich der Materialismus vom Identitätsgedanken abgekehrt (auch
unter dem Einfluss des lange Zeit modischen Gedankens, dass die mentale Soft-
ware in multipler Hardware realisiert werden kann) und sich ,Supervenienz‘
und ,Grounding‘ zugewandt. Diese Beziehung ist asymmetrisch und erklärt
vielleicht auch besser die Idee, dass die Materialisten/Physikalisten der physika-
lischen Realität den Vorrang geben. Die erkenntnistheoretische Problematik
selbst des Materialismus und Funktionalismus hat in jüngerer Zeit Ned Block
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 225

Man könnte sich außer auf diesen eigenwillig ausgelegten


,anomalen Monismus‘ ebenso gut auf Saul Kripkes sogenanntes
,cartesianisches Argument‘ für den Leib-Seele-Dualismus berufen:
Identität ist eine notwendige Beziehung, während B auch nicht A
sein könnte (eine C-Faser-Reizung verursacht im Hirn keinen
Schmerz, ihre Verbindung ist jedenfalls ,kontingent‘; sie ist nicht
von der Art der Identität von H2O und Wasser oder Wärme und
mittlerer Molekülbewegung). Aber notwendig ist Schmerz bewusst
oder fallen Sein und Sich-Erscheinen hier zusammen.101 Und ebenso
notwendig ist X mit sich selbst einerlei. A und B sind nur identisch,
wenn und insofern sie von X ,gewesen werden‘. Sie sind eben nur
Potenzen (Möglichkeiten) von X. Genau darin kommt die redupli-
kative Lesart zum Tragen. Aber durch sie vollziehen wir nur einen
Schluss auf die beste Erklärung. Wir unterlegen ihm keine Notwen-
digkeit. (Das zeigt übrigens, dass Schellings Identitätsphilosophie
nicht als Philosophie aus oberstem, Evidenz-gesicherten Grundsatz
charakterisiert werden darf.)
Die Nicht-Notwendigkeit, eine Nervenfaserreizung als ,Realisa-
torin‘ eines phänomenalen Zustands zu deuten,102 hat neben Kripke

scharfsinnig und umständlich aufgedeckt (Block 2005). Ich werde gleich darauf
eingehen.
101 „If X = Y, then X and Y share all properties, including modal properties. If X is
a pain and Y the corresponding brain state, then being a pain is an essential
property of X, and being a brain state is an essential property of Y. If the cor-
respondence relation is, in fact, identity, then it must be necessary of Y that it
corresponds to a pain, and necessary of X that it corresponds to a brain state,
indeed to this particular brain state, Y. Both assertions seem false; it seems cle-
arly possible that X should have existed without the corresponding brain state;
or that the brain state should have existed without being felt as pain. Identity
theorists cannot, contrary to their almost universal present practice, accept the-
se intuitions; they must deny them, and explain them away. This is none too
easy a thing to do“ (Kripke 1971, 146, Anm. 1).
102 Von ,Realisierung‘ mentaler (oder allgemeiner: funktionaler) Zustände ist stän-
dig die Rede in der Philosophy of Mind. Der zugrunde liegende Gedanke: Un-
ter ,funktionaler Zustand‘ wird eine Art ,dispositionaler Eigenschaft‘ verstan-
226 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

auch andere neuere Bewusstseinsphilosophen zum Dualismus ver-


führt, z. B. (wenigstens während einer Phase ihres Denkens) Frank
Jackson (1982) oder Ned Block (2005). Der Letztere hat die
Schwierigkeit für ein epistemisches Subjekt, einen Zustand des Zu-
muteseins als identisch mit einem physischen Ereignis im Hirn zu
verstehen, ,das schwierige (hard) Problem‘ des Bewusstseins ge-
tauft. Ned Block, der weitgehend Chalmers’ Ansicht den Weg be-
reitet hatte, hat dies Problem inzwischen für leicht löslich erklärt.
Man müsse nur ,Begriffe‘, d. h. ,mentale Repräsentationen‘ und ,Ei-
genschaften‘ auseinanderhalten und statt von subjektiven und ob-
jektiven Eigenschaften von subjektiven bzw. objektiven Begriffen
einer und derselben Eigenschaft sprechen. Die kann sich (das ist
Blocks Beispiel) objektiv als unwillkürliche heftige Muskelkontrak-
tion oder – subjektiv – als Gefühl eines Krampfes darstellen – eben
so, dass der subjektive und der objektive Begriff dieselbe Eigen-
schaft ,herausgreifen‘ (Block 2005, 43 ff.). „Wir können also einen
Dualismus der Eigenschaften durch einen Dualismus der Begriffe
ersetzen“ (46).
Das ist ein Lösungsvorschlag, der Schelling offensichtlich entge-
genkommt. Aber dieser Vorschlag überspringt natürlich das „schwie-

den. Es handelt sich bei ihr um eine Eigenschaft höherer Ordnung, die be-
stimmte Eigenschaften niederer Ordnung festlegt, die wiederum ihre eigene
kausale Geschichte haben. So wird (die Disposition) ,Schlafförderlichkeit‘ z. B.
durch ein Barbiturat ,realisiert‘ – aber auch durch eine lange erschöpfende Wan-
derung. Eng verwandt ist der Begriff der ,Supervenienz‘. Man sagt: Die reali-
sierte Eigenschaft ,superveniert‘ auf dem Realisierer (und ,erklärt‘ ihn dadurch).
Der Begriff der ,Konstitution‘ wiederum lässt sich leicht von dem der Realisati-
on her einführen: Wenn der mentale Zustand M eine funktionale Rolle hat, die
genau von dem (physischen) Zustand N realisiert wird, können wir sagen, dass
N M ,konstituiert‘. N konstituiert aber nicht ein funktionales Äquivalent von
M, nämlich ein solches, dem ein wesentliches Merkmal von M fehlt, nämlich
das Zumuteseins-Bewusstsein. Wenn M Schmerz ist, ist ihm ein bestimmtes Zu-
mutesein wesentlich, und ein funktionales Äquivalent von M, dem dies Be-
wusstsein abgeht, würde nicht von N realisiert (Block 2005, 51 – 53 mit 71).
Darüber gleich mehr.
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 227

rigere“, nämlich das erkenntnistheoretische Problem des Bewusst-


seins, mit dem sich Block im Weiteren auseinandersetzt. Aufs Äu-
ßerste vereinfacht, sieht sein Argument so aus: Ein mit uns gleich
verdrahtetes Wesen – Block spricht von einem ,oberflächlich funktio-
nalen Äquivalent‘ – muss uns weder physisch noch geistig gleich
sein. Was das Zweite betrifft, so gibt es vielmehr Gründe, an seiner
Bewusstseinsfähigkeit zu zweifeln (53 ff.). Alternative Realisationen
,derselben‘ funktionalen Rolle können sehr wohl darin differieren,
dass die eine bewusst ist (sich irgendwie anfühlt), die andere nicht
(59). Block meint nun, wir hätten nicht einmal die Spur einer rationa-
len Begründung für die Annahme, dass Commander Data (die Figur
aus der Science-Fiction-Serie Star Trek) in funktional gleichen, aber –
im Vergleich mit uns – physikalisch unterschiedlich realisierten Zu-
ständen bei Bewusstsein ist, d. h., dass Bewusstsein statt durch prote-
inbasierte Schwingungen durch nicht-schwingende kupferne Silikon-
Chips ,konstituiert‘ werden kann (60, 62).103
Der so genannte Disjunktivismus lässt eine strikte Identität gel-
ten zwischen zwei Instanziierungen eines identischen (funktiona-
len) Typs: Bewusstsein habe eben entweder die neuronale Basis, die
es beim Menschen hat, oder werde (z. B.) durch die elektronischen
Mechanismen realisiert, über die Datas Gehirn-Analogon verfügt.
Die Realisatoren der M-Zustände können also ,grundlegend ver-
schieden‘ sein; und ohnehin hapert es bei genauem Hinsehen auch
mit ihrer strengen funktionalen Isomorphie. Nur ein „superficia-
lism“ kann diesen Unterschied ignorieren. Daraus zieht Block den
Schluss, dass ein ,phänomenaler Realist‘ (also ein Theoretiker, der
Zumuteseins-Zustände für Realitäten hält) nicht den Anflug eines
Motivs hat, an eine Disjunktion der physikalischen Basen unserer
bewussten Zustände und Commander Datas funktional äquivalen-
ter Zustände zu glauben (68 ff.). Wohlbemerkt: Der Disjunktivis-

103 Durchgängig macht Block die Voraussetzung, dass bei der Zuschreibung von
Bewusstsein die materielle Konstitution (und Struktur) die Funktion „über-
trumpft“ (Block 2005, 77 f.).
228 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

mus ist nicht in ontologischer, er ist lediglich in epistemischer (er-


kenntnistheoretischer) Hinsicht suspekt: „Wir haben keine Vorstel-
lung davon, wie wir wissen können, ob er wahr ist oder nicht“ (77).
Wir können weder wissen noch ausschließen, dass Data ein Zombie
ist.
„Die Identifikation wirft also ein explanatorisches Problem auf“
(72). Ich habe es (ungefähr) in der Sprache der Philosophy of Mind
formuliert. Aber ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass Schelling
sich mühelos in diese Argumentation einklinken könnte. Auf einer
ontologischen Ebene gibt es keinen Konflikt zwischen den X-
Kennzeichnungen A und B. Aber epistemisch ist keineswegs ein-
sichtig, dass A durch B ,realisiert’ werden muss. Vor allem: Schel-
ling schließt mit der Identifikation von A und B nur auf die beste
Erklärung. Er behauptet nicht (wie Fichte), diese Identität als eine
Evidenz unseres Bewusstseins darstellen zu können (denn die ,intel-
lektuelle Anschauung‘ scheint kein Zustand unseres Bewusstseins
zu sein). Block spricht von der ,epistemischen Unzugänglichkeit‘
dieser Identität (60, 73, 91). Hier waltet also ein Moment von Kon-
tingenz, das sich gut in den modalontologischen Rahmen von
Schellings späten Überlegungen fügt.104
Die reduplikative Wende und der Rückgriff auf den Timaios
setzt – wie wir schon mehrfach sahen, aber jetzt besser zuordnen

104 Den modalen Hang teilt übrigens Schellings Rückgriff auf die Figur der redupli-
catio (,als a- oder als b-sein-Können‘ und In-Widerspruch-Geraten erst mit der
Aktualisierung der reduplizierenden Position) nicht erst mit Kripke, sondern
schon mit Christian Wolffs Logica, die assertorische prädikative Aussagen als
versteckte Konditionale interpretiert. Das gilt auch, wenn man in die der Moda-
lität gewidmeten Paragraphen seiner Ontologia schaut (Wolff 1977, 232 ff., =
§§ 285 ff.). Dort wird – in charakteristisch reduplikativer Rede – begründet,
warum ein Mögliches notwendig möglich ist und jedes Seiende, als sich erge-
bend aus dem Satz des zureichenden Grundes, notwendig seiend ist („Quodli-
bet, dum est, necessario est“, l. c., 233, = § 288 und 234, = § 289). Freilich ver-
tritt Schelling diese letzte These gerade nicht, weil er Existenz für empirisch
und kontingent hält.
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 229

können – massiv in allen Publikationen des Jahres 1806 ein. Christi-


an Danz, der Mitherausgeber des Nachlassbandes mit Tübinger
Studienheften (HKA II.5), hat mir auf der Suche nach Spuren von
Übungen des Studenten Schelling zum Ploucquet’schen „Calculus“
Einträge aus der Zeit um 1806105 mitgeteilt, die die massive Rückbe-
sinnung auf das Timaios-Zitat vom Band der Kräfte belegen, das
sich selbst mit dem Verbundenen verbindet und mit dem Akt der
„Selbstbejahung“ identifiziert wird. Freilich fehlt auch hier der
Hinweis auf den Timaios oder auf Oetinger/Hahn als Quelle(n).
Überall wird in den Schriften des Jahres 1806 die Urteils-Copula
als Identifikationszeichen verstanden und Identität mit Existenz
gleichgesetzt. Identifiziert werden durch das judikative ,ist‘ „das
Prädicirende mit dem Prädicirten“. Dabei kann nun zweitens ent-
weder „auf die absolute Gleichheit [Ploucquets „aequalitas“], die
Copula selbst, oder auf das Subjekt und das Prädikat, als die [unter-
schiedenen] Gleichgesetzten“, reflektiert werden (SW I/2, 361). Die
erste Einheit ist nur das uninteressante Sich-selbst-Gleichsein des
Wesens ,nur mit sich selbst‘, nicht mit seinem Anderen („ein reines
bloßes Eins, in dieser seiner abstrakten Einheit“). Damit kommt der
dritte (platonische, Oetinger-Hahn-vermittelte) Gedanke zum Zug:
Die eigentliche gehaltvolle Identität findet statt zwischen dem We-
sen (dem, worüber – Hahn sagt auch: wodurch/kraft dessen – geur-

105 Der Zeitpunkt ist durch gleiche Schrift und datierte Honorarabrechnungen na-
hegelegt. Schelling hat seine Studienhefte – hier das Heft NL 31 – oft für spätere
Aufzeichnungen wiederbenutzt. Sie unterbrechen die Auslegung der Psalmen
unter dem Titel „Analecta philosophica“ nach dem 98. Psalm. 66r setzt der er-
haltene Text (nach einer 5-seitigen Lücke im Ms. – wieder ein mit:
„1. In jedem Ding ist eine bestimmte/Selbstbejahung des … = A …/ … = B die
Form; u uns/eine Form eines Dinges … …./die bestimmte Weise der Selbst/
bejahung der … im E.
2. das Verbinden.. oder/die Copula – die … jene/Bejahung ist das allg./Band der
Dinge = C
3. Jede … jener Art eingtl. 1 Act der/Einheit [?]; aber da C. ;/
4. C ist in jeder besd … Form/3. B. A = B, A = C pp nur / als D. Band aller
Dinge/oder Form nach d. Band/dieser u. die Kraft dieser/Form. u. er kann …“
230 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

teilt wird) und seiner Form (der zweigegliederten Prädikation), die


in einem trivialen (tautologischen) Sinne nicht ,dasselbe‘ ist wie das
Wesen („daß das, was als Eins i s t, oder existirt, in dem S e y n
nothwendig ein Band seiner selbst und eines Anderen sey“ [SW I/7,
55,1]). Nenne ich jenes das Verbindende, diese die Verbundenen, so
komme ich zu der eben zitierten Formel einer Einheit, die „das
Verbundene mit dem Band“ selbst noch verknüpft (I/2, 61): das
,vermittelnde Dritte‘ der platonischen Spätdialoge.
Wir haben dann nicht mehr mit einem Gegensatz des Einen und
des Vielen oder des Unendlichen und des Endlichen zu tun,
sondern d a s s e l b e, was die Vielheit ist, dasselbe ist auch die Einheit, und was
die Einheit ist, d a s s e l b e ist auch die Vielheit, und dieses nothwendige und
unauflösliche Eins der Einheit und Vielheit selbst in ihr nennst du ihre Existenz
(SW I/7, 56; ebenso Schelling 1946, 26 f.: „dasselbe Existirende/ welches das eine
ist, ist auch das, welches das andere ist“; vgl. schon I/7, 341).

Wir sahen, dass diese Formulierung in den Weltaltern die redupli-


kative Deutung erfährt, dass ,A = B‘ als Doppelurteil oder viel-
mehr: als Konjunktion zweier Unterurteile verstanden werde müs-
se. Das erste Urteil ist ,X = A‘, das zweite ,X = B‘, und erst auf-
grund des Gleichermaßen-durch-X-gewesen-Werdens sind A und
B miteinander gleich – aber ohne die Notwendigkeit, die allein der
strikten Sich-selbst-Gleichheit von X zukommt. Ferner: Das Urteil
wird als das „entfaltete Band“ charakterisiert, was zu der kühnen
Deutung passt, Schelling habe Kants These der Abkünftigkeit der
relativen von der absoluten Setzung im Sinne Leibniz’ umgedeutet:
als Explikation eines vorher nur Implizierten (Schelling 1946, 28;
ausführlicher 129).
Formalisieren könnte man das auf verschiedene Weise: Wir ha-
ben eine Individuenkonstante a (Geist), eine Individuen-Variable x
(das Absolute) und eine Prädikatskonstante F (Natur). Damit wird
einer Unterscheidung Rechnung getragen, die Schelling (in Hogre-
bes Vokabular) anstellt zwischen ,pronominalem‘ und ,prädikati-
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 231

vem‘ Sein. Das erste wird durch singuläre Termini (also referentielle
Ausdrücke) symbolisiert, das zweite durch Ausdrücke für generelle
Termini (eben Prädikate). Dann gilt:
Fa ! ($x) (x=a 6 Fx)
(Geist ist Natur. Daraus folgt: Es gibt genau ein x so, dass x
gleich Natur, und Geist gleich x ist.)
Oder auch (Vorschlag von Jürgen Pafel):
„ x(ax) = x(Bx) [,Das, was A ist, ist das, was auch B ist‘].“
i i

„Seit Peano ist es in der Logik üblich, die Zeichenfolge x’ – in der Bedeutung
i
,das Objekt x, so dass‘ zu verwenden. Damit wird aus den zusammengesetzten
singulären Termini ,der Autor von Waverley‘ und ,die Primzahl zwischen 5 und
11‘:
x (x hat Waverley geschrieben) [und] x (x ist prim . 5 < x < 11)
i i
Singuläre Termini in dieser Form geschrieben heißen Kennzeichnungen.“ (Qui-
ne 1974, 276 f.).

Wir haben dann die Identität als Subjekt und A und B als Prädika-
te/Kennzeichnungen. Mir scheint dies das zu sein, was Schelling in
dem Weltalter-Zitat vorschlägt.
Noch eine andere Formel wäre denkbar (Hogrebe 1989, 81): Wir
haben jetzt zwei Individuen-Variablen x und y und zwei Eigen-
schafts-Konstanten F (Natur) und G (Geist). Dann gilt:
(x) [Fx !($y) (Gy 6 x=y)].
(Für alle x gilt: Wenn x Natur ist, dann gibt es ein y, so dass y
Geist ist und x [Natur] gleich y [Geist] ist.)
In der Münchener Einleitung in die Philosophie (1830) wird
Schelling diese Differenzierungsleistung, die das eine Band in zwei
Verbundene auseinanderlegt, als Leistung der Begriffs-Partikel ,als‘
erklären (Schelling 1989, 44 f., 49 f.; vgl. oben Kap. 15). Eine anmu-
tige Frau verliert diesen Reiz in dem Augenblick, da sie sich als an-
mutig betrachtet. Ein König reist incognito, hört damit aber nicht
auf, König zu sein, nur reist er nicht als König. So ist das Absolute
selbst (= X) nicht als A oder als B, und die beiden Beschreibungen/
232 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Kennzeichnungen drücken beide das ganze und ungeteilte Wesen


von X aus, ohne dass sie sich in Äußerungen durch einander erset-
zen ließen (A und B haben also verschiedene Wahrheitsbedingun-
gen): Das Unendliche ist nicht als solches das Endliche, so wie der
Freie nicht als solcher der Angekettete ist (SW I/7, 205, Anm. 1).
Entsprechend gilt: Meine Verliebtheit ist nicht als solche eine V-Fa-
ser-Reizung von Nervenfasern in meinem Cortex. Aber es mag Ei-
nes geben, das unter einer (epistemischen) Beschreibung Verliebt-
heit und unter einer anderen (neurobiologischen) ein elekro-magne-
tisches Hirnphänomen ist. Ja, man mag so weit gehen zu sagen, die
Hirnfaserreizung sei die einzige physische Realisatorin des Be-
wusstseinszustandes.
Wir haben hier mit einer Alternative zu tun, die durchaus dem
scheinbaren Dilemma ähnelt, das Schelling nach der reduplikativen
Methode zu lösen gedenkt. Der Proponent sagt etwa, phänomenale
Zustände seien subjektiv, weil es für ihr Auftreten notwendig ist,
dass einem Subjekt dabei irgendwie zumute ist. Das ist aber für
neuronale Zustände nicht so, sie sind völlig objektiv. Mithin – so
scheint es – ist kein seelischer Zustand – seinem Typ nach – neuro-
nal (Nagel 1979). Wenden wir die reduplicatio an, ergibt sich diese
kompatibilistische Lesart: Typen seelischer und Typen neuronaler
Zustände sind nicht an sich – oder nicht metaphysisch – verschie-
den (nämlich nicht, insofern sie von X unterhalten werden). Sie sind
es nur unter einer begrifflichen (oder epistemologischen) Perspekti-
ve. Ein Zustandstyp kann unter einem Begriff subjektiv (phänome-
nal) und unter einem anderen (neurowissenschaftlichen) objektiv
sein. Wir können dann sagen: Als phänomenaler Zustand ist er sub-
jektiv, und als neuronaler ist er objektiv. (Natürlich bleiben
McGinns und Blocks Fragen auch von Schelling unbeantwortet,
nämlich wie ich mir diese Wahrheit ihrerseits subjektiv – „episte-
misch“ – fasslich machen oder vorstellen kann, da ich ja nur mit
dem einen Horn der Alternative vertraut bin: Ich spüre meinen
Schmerz, aber nehme insofern keine C-Faser-Reizung wahr.
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 233

McGinn spricht von einer prinzipiellen Grenze der Verständlich-


keit, die er „cognitive closure“ nennt: „You cannot see a brain state
as a conscious state“ [McGinn 1991, 11; noch sophistizierter zur
selben Unmöglichkeit Ned Block in „Das Schwierigere Problem
des Bewusstseins“: Block 2005, bes. 90 f.]. Und Levine sagt, von der
einen Seite der Identitäts-Relation haben wir ein unbezweifelbares
Bewusstsein, während uns die andere nur als hypothetischer Ge-
genstand bekannt ist: Levine 2006: 188. Die Identität von Leib und
Seele ist nie als solche interner Bewusstseins-Bestand.)
Identität – das ist Schellings Gedanke in Kürze – darf nicht eli-
minativ verstanden werden, so, als meine ,Identität von Natur und
Geist‘ dies: ,Natur, und nicht Geist‘ oder: ,Geist nur, sofern er –
unter genauer Analyse – in Natur kollabiert‘. Nach seiner Überzeu-
gung begeht der Fichte’sche Idealismus nur den umgekehrten Feh-
ler des Materialismus.
Diese durch die wohlverstandene (,in sich duplizierte‘) Identität
garantierte Identität nennt Schelling gern die ,Gleichursprünglich-
keit’ von Natur und Geist, so in den Weltalter-Entwürfen: „Also
sind Natur und Geisterwelt gleich ursprünglich, und (auch in ihrer
Scheidung) <schlechthin> gleichzeitig“ (Schelling 1946, 252).
Schellings Beispiel liegt – unter Berufung auf Leibniz – ganz auf
dieser Linie: „Ebenso könne zwar nicht gut geradezu gesagt wer-
den: die Seele sei der Leib, der Leib Seele; wohl aber, dasjenige, was
in dem einen Betracht Leib ist, sey in dem andern Seele“ (Schelling
1946, 28). Von diesen ließe sich, mit einer gewissen Gewalt gegen
die Sprache, sagen, dass sie von X, dem eigentlich Seienden (emtyr
em), dem „Band im Urteil“ (l. c.), ,gewesen werden‘. Die Formel
,être été‘ stammt zwar von Sartre (1943, 58, 162, passim), doch hat
sie in Schellings Werk eine bedeutende Vorläuferin. Ich meine den
Gedanken des ,transitiven‘ Seins, welches das von ihm Durchwalte-
te bzw. Gewesene damit ins Sein hebt (SW II/1, 293; II/3, 227). Für
diesen Gedanken gibt es ein Vorbild schon 1806 in den Aphorismen
(SW I/7, 205, Anm. 1). Dort wird die spinozistische Formel ,Gott
234 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

ist alle Dinge‘ „invita latinitate“ so übersetzt, dass die von Gott ge-
wesenen, also ins Sein versetzten Dinge im Akkusativ stehen:
„Deus est res cunctas“ (dazu ausführlich Frank 2002, 234 ff.).
Noch eine Passage aus der letzten Fassung der Weltalter, die
ganz nebenbei die Unaufgebbarkeit des Widerspruchsprinzips für
alles gehaltvolle Sprechen betont:
Daß also je das Ideale als solches das Reale sey, und umgekehrt, Ja Nein und
Nein Ja, dieß ist ja wohl unmöglich; denn dieß behaupten, hieße den menschli-
chen Verstand, die Möglichkeit sich auszudrücken, ja den Widerspruch selbst
aufheben. Wohl möglich aber ist, daß ein und dasselbe = x sowohl Ja als Nein,
Liebe und Zorn, Milde und Strenge sey (SW I/8, 214).

Die Person, welche anmutig und liebenswert ist, ist genau dieselbe
wie die, welche garstig und plump ist – das impliziert keineswegs,
dass Anmut und Garstigkeit dasselbe sind. Die A sein kann (aber
nicht ist), ist dieselbe wie die, die B sein kann (aber nicht ist). Aber
einmal aktualisiert, schließen sich A und B als zwei konträre, im
Extrem gar kontradiktorische Prädikationen des allein wahrhaft
Seienden, der Copula x, aus.106 Nur von ihr gilt die rigide, irrelative,
widerspruchsgeschützte Identität, die Schelling „Einerleiheit“

106 Das bloße Können-aber-nicht-Sein ist eine Denkmöglichkeit, die Schellings ge-
samte Spätphilosophie leitmotivartig eher heimsucht als begleitet. Gewöhnlich
bezieht er sich auf Platon oder Plutarch, einmal (spät, nach 1850) auf Aristoteles
als Quelle (die Stelle passt in den Kontext, den ich als Schwächung der Geltung
des Widerspruchsprinzips ausgemacht habe: 19. Kap.): „Das ,nicht‘, wie Aristo-
teles […] erklärt [Metaph. X, 4 (tot.)], beraubt entweder ganz (fkyr) oder nur
auf gewisse Weise, z. B. daß nur der Actus geleugnet wird, das gleich s e y n,
nicht auch das gleich seyn können. Was A nicht ist, ist entweder das ganz des
Aseyns Unfähige (t¹ !d¼matom fkyr 5weim), oder das es seyn kann aber nicht ist
(t¹ !d¼matom fkyr lµ 5weim), oder das es seyn kann aber nicht ist (t¹ pevuj_r
5weim lµ 5w,). Ist Beraubung eine Verneinung des H a b e n s, so setzt sie ent-
weder ein absolutes nicht haben-Können (!dumal¸a dioqishe9sa), oder sie setzt
das Subjekt, das haben-Könnende, voraus (ist sumeikgll´mg t` dejtij`), wo sie
erst Beraubung im engern Sinn ist. Gleich oder nicht gleich (oqj Usom) ist alles,
gleich oder ungleich (!m¸som) aber nicht alles, sondern nur was der Größe fähig
[also quantifizierbar] ist [V, 22 (114,10])]“ (SW II/1, 307).
23. ,RELATIVE IDENTITÄT‘ UND ,ANOMALER MONISMUS‘ 235

nennt. Das Identische von A und B ist das „x“, von dem sie beide
wahr sind, das aber an ihm selbst „eigenschaftslos“ und darum ,un-
faßlich‘ ist (Schelling 1946, 15), so dass sich nicht anders als nichts-
sagend (tautologisch) von ihm sprechen lässt, es sei strikt nur mit
sich selbst identisch („x = x“). Das auch B sein könnende A oder
das auch A sein könnende B sind Prädikate (mögliche Ergänzun-
gen) von x, die untereinander keineswegs identisch sind im Sinne
der Einerleiheit. Diese mögliche Aussagbarkeit unterschiedener
Prädikate vom Absoluten nennt nun Schelling in den Weltalter-
Entwürfen ihre „Aussprechlichkeit“ und ihre faktische Aktualisie-
rung ihr „Ausgesprochensein“.
Fassen wir alles zusammen, so können wir uns so erklären: Nach der ersten
Idee ist das Ewige [= X] Seyendes [= A] und Seyn [= B], oder diese beyde sind,
zwar nicht das Ausgesprochene, aber das Aussprechliche von ihm. Es selbst
aber, das sie [transitiv] ist, oder von dem sie das Aussprechliche sind, kann als
solches weder das eine noch das andere seyn, sondern nur das Aussprechende
von beyden. Daß es sie aber wirklich ausspricht, sich offenbart, als das Ausspre-
chende von beyden, ist mit der ersten Idee nicht gesetzt (130).

Wer ,A‘ sagt, sagt insofern nicht ,B‘, aber er muss, wenn er A gesagt
hat, auch ,B‘ sagen, denn das in der Bedeutung des Bandes Impli-
zierte muss sich, wenn A einmal aktuiert ist, nach dem Gesetz der
Notwendigkeit entfalten.
Es bleibt die im Zusammenhang der Ploucquet-Rezeption er-
wähnte Zweideutigkeit in Schellings Umgang mit dem Ausdruck
,Gegensatz‘. An eine Kontradiktion will er nicht denken, ja, er
schützt sich in der Zeit zwischen den Aphorismen und den Weltal-
tern – wahrscheinlich, um sich von Hegel abzugrenzen – mehrfach
vor dem Vorwurf, das Prinzip der traditionellen Logik zu verlet-
zen. Die Aufnahme der Reduplikations-Theorie ist ein einziger
Versuch, diesen Anspruch einzulösen. Aber es besteht eine offen-
kundige Spannung zwischen den Sätzen „X = X“ (tautologisch ver-
standen, mit der Umkehrung „X ¼ 6 -X“: dem Satz des Wider-
236 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

spruchs), „A ¼6 B“ (den zwei konträren oder subkonträren Eigen-


schaften von X) und dem Anspruch, A und B seien das Aussprech-
liche von X. Wie soll man ,aussprechlich‘ und ,ausgesprochen‘ an-
ders verstehen als in dem Sinne, den Schelling 1806 „das Prädicirte“
oder „das Prädicat“ genannt hatte. Sind aber A und B Eigenschaften
(ausdrückt durch Prädikate) von X (und seien es solche, die „in der
ersten Idee“ nur potentiā in X lagen – sonst wären sie nicht das
„Aussprechliche“ von X –, so wäre dieses nicht im denkbar radi-
kalsten Sinne „eigenschaftslos“.

24. Ein Ausblick auf Schellings späte Ontologie


Dieser Gedanke wird in den identitätsphilosophischen Schriften
aber immer noch durch das idealistische Vorurteil verdunkelt, Sein
sei (im Absoluten) ein Implikat des Wesens (so z. B. SW I/4, 118,
§ 8, Zusatz 1; vgl. das fröhliche Geständnis in den Weltaltern, gegen
den recht verstandenen ontologischen Gottesbeweis sei „schlechter-
dings nichts einzuwenden“: Schelling 1946, 105).107 Erst das Spät-
werk ändert die Vorzeichen und macht das Wesen ontologisch ein-
seitig abhängig vom Sein. Fortan gilt: Es könnte kein Denken geben
ohne ein Sein, das sich damit in dessen Intentionalobjekt verwan-
delt; wohl aber kann es ungedachtes (oder unerkanntes) Sein geben.
Das wäre sogar der Normalfall. „Unser Ausgangspunkt ist [fortan]
das allem Denken zuvor, das unbedingt Existirende“ (SW II/4, 337).
„In i h m s e l b s t ist kein W a s, e[s] ist das reine D a ß – actus
purus“ (SW II/1, 586). „Denn nicht weil es ein Denken gibt, gibt es
ein Seyn, sondern weil es ein Seyn gibt, gibt es ein Denken“ (SW II/
3, 161, Anm. 1).108

107 Das ergibt sich schon aus der Behauptung, außer der Vernunft (praeter ipsam)
sei nichts, in ihr alles (SW I/4, 115, § 2; 116, § 3; 118, § 10).
108 Einen Vorläufer des Gedankens eines Vorrangs des Seins vor dem Nichts kann
man in den Weltaltern finden. Mehrfach betonen sie: „Nur das Etwas ist der
Träger des Nichts, das selbst nicht seyn kann“ (Schelling 1946, 19, passim).
24. EIN AUSBLICK AUF SCHELLINGS SPÄTE ONTOLOGIE 237

Versteht man Denken, wie Schelling es tut, als Entwerfen von


Möglichkeiten, so ließ sich ein weiteres Mal die Wirkung von Kants
Seinsthese von 1763 belegen. Kant hatte ja in seinem Text über den
Einzig möglichen Beweisgrund auch dies gezeigt, dass Sein – als ab-
solute Position – nicht aus einer ihm vorausgehenden Möglichkeit
verständlich gemacht werden kann, wie das die Wolff-Schule und
Descartes’ ontologischer Gottesbeweis gewollt hatten. Genauer: Es
könnte nicht etwas eine Möglichkeit von etwas sein, das nicht zu-
nächst (im Modus der Wirklichkeit) existierte. Hebe ich das Dasein
schlechthin auf, so ist auch nichts mehr gegeben, dessen Möglich-
keiten sich entwerfen ließen: Es gäbe, hatte Kant gesagt, „kein Ma-
teriale [mehr] zu irgend etwas Denklichem, und alle Möglichkeit
fällt weg“ (AA II, 78). Es ist zwar logisch nicht widersprüchlich,
alle Existenz zu verneinen, indem man hier etwas setzt und wieder
aufhebt. Dort aber eine Aufhebung oder eine Potentialisierung vor-
nehmen zu wollen, wo gar nichts Wirkliches gegeben ist, das wider-
spricht sich. Daraus ergibt sich, dass die Negation hier nie schlecht-
hin, sondern nur partial auftreten könnte: als (teilweise) Einschrän-
kung eines Positiven, das zu anderen Teilen fortbesteht, mithin als
Bestimmung. Wieder ist dieser Gedanke durch Maimon an Fichte
weitergeleitet worden (Maimon 1965, 111 ff.; vgl. Frank 2007, Text
14.).
Erst im Alter kommt Schelling auf diese kantische Einsicht expli-
zit zurück. Unter Verweis auf KrV A 613 f. und die dort ausgespro-
chene Ehrfurcht vor dem alles Denken niederschlagenden Sein
schreibt Schelling: „Ich führe diese Worte an, weil sie Kants tiefes
Gefühl für die Erhabenheit dieses allem Denken zuvorkommenden
Seyns ausdrücken“ (SW II/3, 153). Keine Potenz, lehrt er in der ers-
ten Berliner Vorlesung, ,präveniert‘ den actus purus der Existenz
(Schelling 1993, 168), und der Gedanke Gottes als causa sui, als Ur-
sache seiner eigenen Wirklichkeit, ist schlicht abwegig (l. c., 154 f.,
166 f.). Denn dann müsste per impossibile Wirkliches aus einer
Denkbestimmung, die einen Raum möglicher Gegenstände be-
238 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

schreibt, also aus einer Potenz hervorgehen (l. c., 160). Wirklichkeit
ist aber die potentia potentiae: diejenige (nur uneigentlich so ge-
nannte) „Potenz, die die Potenz [selbst noch] in ihrer Hand hat“,
indem sie allererst diesen Entwurf, die Potenz, diese d¼malir ontisch
fundiert (l. c., 162 f., 166 u.). Erst dem „blinden Sein“ zeigt sich post
actum ein Seinkönnen (165); auch das „Sein Gottes kommt selbst
seinem eigenen Denken zuvor“ (163).
Möglich also, haben wir gesehen, d. h. durch die Natur des Seienden nicht wi-
dersprochen, ist die dem Sein nachfolgende Potenz; denn erst das Reinseiende
kann das Seinkönnende [transitiv] sein. Die potentia pura, der Anfang der nega-
tiven Philosophie, war sogar impotent, Potenz zu sein und konnte sich als sol-
che nicht halten. Erst das rein Seiende ist das der Potentia Mächtige, und da es
nicht Potenz des Actus sein kann, ist es materiell schon potentia potentiae. Was
immer sein Sein voraus hat, ist das eigentlich etwas wollen- oder anfangenkön-
nende, dadurch, daß es sein Sein unabhängig von sich hat, sein Sein voraus hat
und desselben sicher ist (165).
Der reine Geist ist absolute Wirklichkeit, v o r aller Möglichkeit – Wirklich-
keit, der k e i n e Möglichkeit vorhergeht (SW II/3, 262).

Ganz Kant-treu hatte Schellings Jugendfreund Hölderlin in Urtheil


und Seyn dies genau gesehen. Nicht so Schelling in seiner wenig
früher entstandenen Ich-Schrift. Zwar geht auch er mit Kant (und
Fichte) von der obersten Thesis aus, dem unbedingten Gesetztsein.
Anders als Hölderlin hält er sie aber nicht für eine nicht in Be-
wusstsein auflösbare Voraussetzung des Bewusstseins, sondern für
ein ihm Innerliches. Und außerdem deutet er die als Möglichkeit
(als ,absolute Setzbarkeit‘ bzw. als ,objektiv-logische Möglichkeit‘
[SW I/1, 226 f.]). Dieser idealistische Fehlschluss liegt ganz auf der
Linie seiner Missachtung von Kants Argument gegen den ontologi-
schen Gottesbeweis, das auf der Unableitbarkeit der Existenz aus
,realen‘ Begriffsbestimmungen beruht.109 Schelling ist in dieser Pha-

109 Wolff hatte die Existenz als „Ergänzung der Möglichkeit“ erklärt; Baumgarten
hatte gedacht, ein Ding existiere aufgrund „durchgängige[r] innere[r] Bestim-
mung“ (AA II, 76). Populär gesagt, meinte die Wolff-Schule, ein Ding dürfe
24. EIN AUSBLICK AUF SCHELLINGS SPÄTE ONTOLOGIE 239

se noch arglos einig mit Fichte, der vom „Prädicat des reellen
Seyns“ spricht, als hätte er nie von Kants Widerlegung dieser Auf-
fassung gehört (Fichte 1971 I, 496 f.).
Wie aber greift Schellings – durch Rückgang auf Kant erworbene
– späte Einsicht in den Vorrang der Wirklichkeit vor der Möglich-
keit/dem Denken? So, dass Schelling Denkbestimmungen in eine
einseitige ontologische Abhängigkeit vom existentiellen Sein bringt:
Denkbestimmungen – und das Subjekt als ihr Prinzip vorab – wer-
den vom Sein getragen. In der Tat bestimmt Schelling das selbstbe-
wusste Subjekt ontologisch (im Anschluss an Platon und Plutarch –
und, wie wir sahen, Aristoteles) als ein lµ em. Ein lµ em ist – im
Gegensatz zum oqj em – nicht ein Nichtseiendes, also eines, das in
keiner Hinsicht existent genannt werden kann. Ein lµ em ist dage-
gen, wie Schelling sich ausdrückt, nur nicht seiend, oder es ist nicht
das Seiende selbst. Zu ihm verhält es sich vielmehr parasitär: als ein
relativ Seiendes, das sein Quasi-Sein beim Seienden-im-emphati-
schen-Sinne borgt. Von ihm wird es ,gewesen‘. Schelling sagt zu
dieser merkwürdigen Seinsart, die sich obendrein als eine Relation

dann existent heißen, wenn all das, was in seinem Wesen enthalten (oder ge-
dacht) ist, ihm auch tatsächlich (d. h. erschöpfend) zukommt. Als ,Ergänzung‘
erscheint die Existenz hier darum, weil sie auch dasjenige noch bestimmt, was
durch die im Wesen eines Dinges gedachte Eigenschaftsmenge allenfalls noch
unbestimmt gelassen war. Der Fehler dieser Auffassung ist, dass sie den Begriff
der Wirklichkeit mit dem der Möglichkeit als gleichartig denkt. Auf diese Weise
wird der Begriff der Existenz in den der Möglichkeit hinübergezogen. Das ist,
wie Kant gezeigt hat, falsch. Z. B. kann auch ein Einhorn voll (oder ausrei-
chend) bestimmt sein (in Legende und Märchen ist es ein pony- oder zie-
genähnliches Tier, trägt ein Horn auf der Stirn, ist weiß, lässt sich nur von einer
Jungfrau zähmen, usw.), ohne darum zu existieren. Durch Vollbestimmtheit er-
fährt das Wesen keine Ergänzung, wie der Erfahrungsbezug eine wäre (Existenz-
sätze sind nach Kant grundsätzlich synthetisch [KrV A 598]). Kant sagt, auch
ein als existent gewahrter Gegenstand kann begrifflich unterbestimmt sein; ja,
das ist ein Charakteristikum der uns umgebenden Dinge. Wären sie vollbe-
stimmt aufgrund ihrer bloßen Existenz, so wäre Wissen(schaft)sfortschritt uner-
klärlich.
240 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

zwischen Sein und Nicht-etwas- oder Ungegenständlich-Sein dar-


stellt:
Wir könnten für d i e s e Art des Seyns, zu großer Erleichterung des Verständ-
nisses, wohl ein eignes Wort, anstatt des jetzt zu allen Arten des Seyns promis-
cue angewendeten Worts Seyn, brauchen, wenn nicht leider in der deutschen
Sprache das alte Verbum W e s e n außer Gebrauch gekommen wäre (es findet
sich nur noch in der vergangenen Zeit – in der Form gewesen), wir könnten
jenes ungegenständliche Seyn, das darum nicht ein völliges n i c h t Seyn ist, das
rein W e s e n d e nennen (SW II/3, 212).

Schelling meint das Subjekt, das er ,ungegenständlich‘ nennt, weil es


nicht sich selbst, sondern das wirkliche Sein außer sich zum Gegen-
stand hat. Seine Quasi-Nichtigkeit erlaubt ihm, sich nicht mit sich
selbst, sondern mit dem zu befassen, von dem es ein Bewusstsein
ist. Dazu muss das Bewusstsein (Erkenntnisprinzip im kantischen
Sinne) ,an Inhalt völlig leer‘ sein (KrV A 345 f.; vgl. B 408). Anders
gesagt: Sein Blick auf die Gegenstände darf nicht durch die Einkap-
selung eines Gegenstandes gehemmt sein; ein innerbewusster Inhalt
würde die Durchsichtigkeit des Bewusstseins für sich trüben. Dann
würde aber einleuchtender dieses wirkliche Sein dasjenige genannt,
das das rein Wesende „im t r a n s i t i v e n Sinn“ ist; und so tut es
Schelling auch wenig später (SW II/3, 227; vgl. II/1, 293; der Sache
nach schon 1806: I/7, 205, Anm. 1). Eine Passage, in der Schelling
seinen Gedanken explizit an Kants These über das Sein anschließt,
macht noch deutlicher, dass es das nicht-prädikative, das existentiel-
le oder, wie Schelling hier sagt, das verbale (aber nominalisierte)
Sein in Subjekt-Position ist, dem diese transitive Natur zugespro-
chen werden muss:
Dieses bloß Existirende ist in seiner Art auch das Existirende selbst, aqt¹ t¹ em,
wenn wir nämlich em im verbalen Sinn nehmen. Insofern kann man ihm das
Seyn nicht attributive [als Prädikat] beilegen; was s o n s t das Prädikat ist [eine
Flexionsform des Hilfswörtchens ,sein‘], ist hier das Subjekt, ist selbst an der
24. EIN AUSBLICK AUF SCHELLINGS SPÄTE ONTOLOGIE 241

Stelle des Subjekts. Die Existenz, die bei allem anderen als accidentell erscheint,
ist hier das Wesen (SW II/3, 162).

,Transitiv sein‘ meint dann: Das ungegenständliche Subjekt (nicht,


wie im obigen Zitat, das grammatische, sondern diesmal das Subjekt
der Erkenntnis, das, weil kein Gegenstand, insofern nicht ist) wird
vom verbalen, aber nominalisierten Sein (im Sinne von Existenz)
,gewesen‘, d. h. in seinem Quasi-Sein unterhalten. In der Berliner
Vorlesung 1841/42 findet sich die charakteristische Formulierung
(die vielleicht im obigen Zitat aus einem späteren Vortrag – 1842/
43? – nur wieder aufgegriffen wurde), „daß dies Reinseiende […]
bloß im verbalen Sinne, als das Existierende in actu puro existentiae
zu nehmen ist und daß sein Wesen eben dies ist, das rein Existieren-
de zu sein. Es hat kein Wesen außer dem Sein“ (Schelling 1993,
161). Schelling erläutert diese Seinsart des transitiven Seins, für die
er wieder im Deutschen keine Bezeichnung finde, am Arabischen.
Hier werde das ,ist‘ (die Copula) wie unser deutsches ,können‘ mit
dem Akkusativ konstruiert, so dass die Araber statt ,homo est sapi-
ens‘ etwa sagten ,homo est sapientem‘. Angewendet auf die Re-
lation, die das existentielle Sein zum rein wesenden Bewusstsein un-
terhält, müsste man sagen, dass in ihr das Sein das Subjekt akkusati-
visch trägt, durchwaltet, zur Erscheinung bringt – oder wie man
sich ausdrücken will (SW II/3, 162,3; 227 – 229; vgl. I/10 265).110 Ein
weiterer Beleg für diese transitive (den Akkusativ nach sich ziehen-
de) Bedeutung des existentiellen Seins: „[E]rst das Reinseiende kann
das Seinkönnende sein“ (Schelling 1993, 165). Auch das Französi-
sche, sagt Schelling, sei ontologisch differenzierter als das Deutsche,
da es zwei Wörter zur Bezeichnung des Nichtseienden kenne: rien
und néant (SW I/10, 284 f.; vgl. Schelling 1972, 385 f.; ähnlich Sartre
1943, 51, 65). ,Rien‘ wäre eine denkbare Übersetzung für ,oqj em‘ so
wie ,néant‘ das griechische ,lµ em‘ wiedergeben könnte. Im ersten

110 Schelling sagt, das ,ist‘ werde analog dem deutschen ,kann‘ konstruiert und lau-
te auch „im Arabischen kan, im Hebräischen kun” (SW I/10, 265).
242 II. TEIL: UNTERWEGS ZUM „ABSOLUTEN IDENTITÄTSSYSTEM“

Fall wird ein striktes und unspezifiziertes Nichtsein ausgesagt, im


zweiten ein Nur-nicht-Sein. Im ersten Falle wird selbst die Mög-
lichkeit, im zweiten nur die Wirklichkeit eines Sachverhalts ver-
neint. Schelling illustriert das an einer dem Altgriechischen mögli-
chen Unterscheidung, die wir im Deutschen nicht nachahmen kön-
nen:
Wenn jemand den Vorsatz zu einer Handlung, etwa zu einem Verbrechen ge-
faßt, ihn aber nicht ausgeführt hat, so würde ich gut griechisch bloß sagen kön-
nen: lµ 1po¸gse, er hat es nur nicht g e t h a n, nur die Ausführung, das wirkli-
che Geschehenseyn, die Position wird geleugnet; wenn aber ein Verbrechen be-
gangen worden, und der Thäter zweifelhaft ist, wird man von dem, welcher
auch nicht einmal den Vorsatz gefaßt hatte, wo also auch die Möglichkeit ge-
leugnet wird, nothwendig sagen müssen: oqj 1po¸gse (SW I/10, 284).

Diesen „Begriff des relativ Nichtseienden ausgesprochen zu haben“,


schreibt Schelling seinem System im Rückblick der Berliner Vorle-
sung von 1841/42 als den „logisch vielleicht […] größte[n] Gewinn“
zu (Schelling 1993, 114).
Seine Überlegung bewegt sich in so verblüffender Nähe zum
Grundgedanken von Sartres philosophischem Hauptwerk, dass der
Verweis sich förmlich aufdrängt. Schon der Titel L’être et le néant
bringt die Kernthese auf den Punkt, dass das néant, das als Be-
wusstsein oder Subjektivität vorliegt, ontisch einseitig vom existen-
tiellen Sein ,gewesen‘ wird (est été [Sartre 1943, 58, 162, passim]),
dem es umgekehrt zur Erkenntnis verhilft. Erkenntnis besteht da-
nach von Seiendem, aber sie ist nicht im gleichen Sinne wie das, von
dem sie Erkenntnis ist. Das erlaubt ihr aber, als diejenige sich selbst
durchsichtige Leere zu ,wesen‘, die nicht überhaupt nicht ist, son-
dern die nur nicht das gegenständliche Seiende ist, dem sie zur Er-
kenntnis verhilft und von dem sie (transitiv) gewesen wird. In einer
Vorlesung von 1833 sagt Schelling: „G r u n d ist gegen das, d e m
es Grund ist, nicht seiend“ (Schelling 1972, 440) – nämlich dann,
wenn ,Grund‘ als Erkenntnisgrund verstanden wird. Als Grund da-
24. EIN AUSBLICK AUF SCHELLINGS SPÄTE ONTOLOGIE 243

für, dass das gegenständliche Sein sich dem Bewusstsein zeigt (oder
ihm erscheint), ist das Bewusstsein selbst auf das Sein nur bezogen,
d. h. es ist nicht selbst das Sein (Kant würde sagen: es ist nur relati-
ve, nicht absolute Setzung seines Gegenstandes). Anderswo im sel-
ben Vorlesungszyklus sagt Schelling: „Das nur Wissende [oder Sub-
jektive] ist eben darum das nicht-selbst-Seiende. Diesem nicht-
selbst-Seienden, bloss Wissenden, kann von der anderen Seite/ nur
das unendliche Positive [„das reine Sein“] entsprechen“ (l. c., 310 f.).
Schelling nennt das rein Seiende auch das ,gegenständliche‘ und das
rein Wesende das ,urständliche Sein‘ (l. c., 408; SW I/10, 133). Nach
dieser Sprachregelung gilt, dass ohne das rein ,gegenständliche‘ Sein
das reine ,urständliche‘ Subjekt sich in ein Nichtseiendes, ein oqj em
oder rien, auflösen würde.111

111 Ich habe in einer frühen Publikation über Schelling (1975) an mehreren Belegen
gezeigt, dass Schelling mit einem ähnlichen Argument schon in seiner identi-
tätsphilosophischen Phase gearbeitet hat (Frank 1992, 193 ff. [„Der ontologische
Beweis der Reflexion“]). Anders als Hegel besteht er auf der Unabhängigkeit
seines Prinzips, der so genannten absoluten Identität, von den durch sie ver-
bundenen Relaten (z. B. SW I/6, 147,3). In dieser Unabhängigkeit bestehe das
Sein des Absoluten, das sich auf Gedankenverhältnisse (auf die ,Reflexion‘, sagt
Schelling) nicht reduzieren lasse. Für diese These argumentiert Schelling durch
eine reductio ad absurdum: Wird die Reflexion als autark gedacht, so bedarf sie
keines Existenz-Inputs. Dann gälte aber, dass jedes Relat sein Sein aus dem Ver-
weis auf sein anderes beziehen muss. In diesem existenzlosen Spiel können sich
die Relate zwar wechselseitig ihr unabhängiges Bestehen absprechen, aber kei-
nes begründen: Ein Nichtseiendes hat sein Sein im anderen, das es selbst nicht
in sich hat und darum in seinem anderen sucht, wodurch sich ein unendlicher
Begründungs-„Cirkel“ ergibt, der das Sein auf immer in der Schwebe lassen
oder bloß voraussetzen muss (SW I/4, 358; vgl. I/6, 185).
III. Zusammenfassung
Der Gang der Argumentation

1. Das Problem. All-Einheits-Lehren, wie Schellings reife Philoso-


phie zwischen 1800 und 1806 eine ist, kämpfen mit einer besonde-
ren Schwierigkeit. In den Aphorismen über die Naturphilosophie
(von 1806) bringt er sie so auf den Punkt, wobei es hier die Begriffe
,Unendlichkeit‘ und ,Einheit‘ sind, die die Spannung erzeugen:
Die Unendlichkeit der Dinge, wenn gleich für sich [der Zahl, Gestalt und Kom-
position nach] unermeßlich, gehört doch a l s s o l c h e nur zu E i n e m We-
sen, dessen Natur es ist[,] alle Dinge zu seyn, und in dessen Einheit sie daher
nothwendig sich durchdringen und selbst eins werden (SW I/7, 200, Nr. XIII).

Knapper, aber nur scheinbar fasslicher, weil auf die Einheit des
Seins in aller Mannigfaltigkeit zugespitzt, 1804:
A l l e s, w a s i s t, i s t, i n s o f e r n e s i s t, E i n s; nämlich es ist die ewig
gleiche Identität, das E i n e, das überhaupt i s t (SW I/6, 156).

Wie soll das möglich sein, und wie lässt sich dergleichen auch nur
verstehen, geschweige denn vernünftig erklären?
Eines ist von Beginn an auffällig, zumal angesichts der mächtigen
Tradition, die von Parmenides über Plotin, die Mystik zu Spinoza
und Goethe reicht: Schelling entwickelt früh eine Neigung zu For-
mulierungen, die das Viele und das Eine nicht geradehin identifizie-
ren, sondern eine Verdoppelung der zu identifizierenden Relata
vorsehen. Er nennt das seit 1801 – ungeschickt, aber vielsagend –
eine ,Identität der Identität‘, später auch eine ,in sich duplizierte
Identität‘ und erläutert den dunklen Ausdruck seit 1806 etwa so:
,Das, was Eins ist, ist auch das, was Vieles ist.‘ Nicht als solche wer-
den also Eines und Vieles – oder, was nicht dasselbe ist: Selbiges
246 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

und Verschiedenes1 – identifiziert, sondern über ein Drittes, das er,


Platons Timaios folgend, früh das „Band“ (den „deslºr“) oder – im
Vorgriff auf seine Identitäts-Theorie der Aussage – die „Copula“
nennt. Verbunden werden vom Band nicht Eines und Vieles, son-
dern das Eine, das Eines ist, mit demselben Einen, das Vieles ist.

1.1 Das Leitbild des „Timaios“ und von Kants „teleologischer Ur-
teilskraft“. Wir sahen: Schellings All-Einheits-Lehre teilt ihr Zen-
tralproblem mit den Versuchen aller seiner Vorläufer von Parmeni-
des bis Spinoza. Mit dieser Feststellung ist freilich das Problem
noch nicht analysiert. Hegel hat ihm 1801 im Blick auf Schellings
„Identitäts-System“ diese paradoxe Wendung gegeben: Das, was
verschieden an Zahl, und das, was Eins ist, die müssen selbst wieder
als Eines begriffen werden („Identität der Identität und Nichtiden-
tität“ [Hegel 1970a, 96]).
Er verweist (l. c., 97 f.) auf Timaios (31c–32a), mit dem der 19-
jährige Schelling sich ausführlich auseinandergesetzt hatte (Schel-
ling 1994): Das herrlichste aller Bänder (deslo¸) sei dasjenige, das
nicht nur die von ihm Verbundenen, sondern sich selbst mit den
Verbundenen noch einmal verbindet, so dass alle drei untereinander
eins werden.
D¼o d³ lºm\ jak_r sum¸stashai tq¸tou wyq·r oq dumatºm· desl¹m c±q 1m l´s\ de?
tim± !lvo?m sumacyc¹m c¸cmeshai. Desl_m de j²kkistor br #m art¹m ja· sumdo¼-
lema fti l²kista 4m poi0 (Tim. 32b).2

1 Einheit und Vielheit sind Quantitätskategorien; Identität und Verschiedenheit Re-


flexionsbestimmungen. (Vgl. Frank 2007, Text Nr. 14.)
2 Die vollständige und wörtliche Übersetzung der Passage in Hegels Fußnote ebd.
lautet: „Zwei Dinge schön zusammenzufügen ohne ein Drittes, das ist nicht mög-
lich; denn es muss doch zwischen den beiden ein Band (deslºr) sein, das sie zu-
sammenhält. Das schönste aller Bänder ist aber das, welches sich selbst und die
Verbundenen eins macht. Denn wenn von irgend drei Zahlen oder Massen oder
Kräften das Mittlere, was das Erste für dasselbe ist, eben das für /das Letzte ist,
und umgekehrt, was das Letzte für das Mittlere ist, das Mittlere eben dies für das
Erste ist, – und dann das Mittlere zum Ersten und Letzten geworden ist, das Erste
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 247

Der komplizierte Gedanke findet sich wirklich im Timaios, wird


von Oetinger und Hahn aufgegriffen, und der junge Schelling hat
Platons (und Oetingers/Hahns) Rede von der Welt als einem f`om
mogtºm, ohne zu zögern, auf die Formel bezogen, die Kant (in der
„Critik der Urteilskraft § 65“) für die innere Verfasstheit des Orga-
nismus geprägt hatte. Schelling schreibt dort:
Wir müßen uns ferner erinnern, daß Plato die ganze Welt als ein fyom, d. h. als
ein organisirtes Wesen ansah, deßen Teile nur durch ihre Beziehung auf das
Ganze möglich sind, deßen Teile wechselseitig sich gegeneinander als Mittel u.
Zwek verhalten u. sich also einander ihrer Form sowol als Verbindung nach
wechselseitig hervorbringen (Schelling 1994, 33).

Kants Formel hatte gelautet: „von sich selbst (obgleich in zwiefa-


chem Sinne) Ursache und Wirkung“ (Kant 1996, 733 [= KU B
286]). Schelling greift sie in seinem zweiten (Würzburger) System-
Entwurf, gearbeitet nach Spinozas mos geometricus, wörtlich auf
und gibt ihr eine Wendung, die den Bezug zu Kants KU ebenso wie
zum Timaios noch deutlicher hervortreten lässt: Das Absolute sei
„das Affirmirende und das Affirmirte von sich selbst“ (SW I/6, 148,
§ 6; § 18, 162 ff.; explizit verweist Schelling auf die Übernahme von
Kants Rede von ,Ursache und Wirkung‘ ebd., 177; 194 f., § 40). Das
heißt aber in der Konsequenz:
beides, das Affirmirende und das Affirmirte, jedes für sich, ist Identität des Af-
firmirenden und des Affirmirten (l. c., 164).

Weil die „Ursache ([das] Prädicirende)“ ebenso wie „die Wirkung


(d. h. das Prädicirte)“ (SW I/7, 219 [auf „das erste und vornehmste
Band“ des Timaios verweist S. 202]) je in sich das ganze Absolute
darstellen, kann der Unterschied beider nur als ein Überwiegen
bzw. Zurücktreten von Aspekten – also nur quantitativ – sich gel-

und Letzte aber umgekehrt, beide zum Mittleren geworden sind, so werden sie
notwendig alle dasselbe sein; die aber dasselbe gegeneinander sind, sind alle eins“
(Hegel 1970a, 97 f.).
248 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

tend machen. Der Qualität (oder dem ,Wesen‘) nach sind beide ja
eines. Das steckte in der auf beide Relata anzuwendenden Reflexiv-
Formulierung ,von sich selbst‘. Und nun versteht man Schellings –
auf den Timaios blickende – Rede von der Reduplikation/Verdop-
pelung des Bandes (deslºr): Im Absoluten ist nicht Affirmierendes
(oder Ideelles) mit Affirmiertem (oder Reellem) direkt oder gerade-
hin verbunden, sondern das Band selbst verknüpft sich abermals
mit den Verbundenen. Das ist die Intuition, die Schellings dunkle
Rede von einer „Identität der Identität“ (SW I/4, 121 f.; Schelling
1988, 34, 50: SW I/6, 165, 168, 173, 187) oder einer in sich „duplicir-
ten Identität“ (SW I/6, 117; I/7, 424 f.; I/8, 216; I/10, 103) leitet.3
Schelling nennt das eigentlich Verbindende oder „das Band“ in spä-
teren Texten X, das Ideelle A, das Reelle B. Dann findet die Redu-
plikation/Identifikation nicht zwischen A und B (simpliciter) statt,
sondern zwischen den Teilurteilen ,X = A‘ und ,X = B‘ (z. B.
Schelling 1946, 28, 128 f.). A und B sind also nicht einfachhin ver-
knüpft (oder vielmehr identifiziert), sondern durch ihr gemein-
schaftliches Von-X-verbunden-Sein (oder ,-gewesen-Werden‘, wie
der späte Schelling sagen wird). Nur X ist im strengen Sinne mit
sich identisch, d. h. einerlei; A als A ist nicht B; und B als B ist nicht
A (Schelling 1946, 130). Beide lassen sich nicht einmal aufeinander
reduzieren, so dass der Materialismus ebenso abgewiesen ist wie der
Spiritualismus. Unter Rückgriff auf Lehren Leibnizens, „der hier-
mit wieder die Scholastiker zu Vorgängern hat“ (l. c., 127), und
Christian Wolffs wird Schelling in der Münchener und Erlanger

3 Diese Formel ist nicht zu verwechseln mit Schellings Rede von einem „g e d o p -
p e l t e n L e b e n“ aller endlichen Dinge: in sich selbst (als von anderen unter-
schiedene Einzeldinge) oder im Absoluten oder im All (als absolut eins und einig:
SW I/6, 187). Ein Einzelding betrachtet sub specie aeternitatis nennt Schelling pla-
tonisch „Idee“. (Diese Stelle ist das einzige direkte Zitat in Dieter Henrichs Auf-
satz „Andersheit und Absolutheit des Geistes. Sieben Schritte auf dem Wege von
Schelling zu Hegel“ (Henrich 1982, 151, der Nachweis: 172.)
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 249

Zeit von einer „Reduplikation“ von X sprechen (Schelling 1989,


49 f.).
In der Zwischenzeit, besonders in den Schriften von 1806: den
Aphorismen zur Einleitung in die Naturphilosophie, den Aphoris-
men über die Naturphilosophie, der Polemik gegen Fichte und der
neuen Einleitung zur Weltseele, spricht Schelling, frei den Timaios
zitierend, von dem „Band eines Wesens als Einen mit ihm selbst als
einem Vielen“ (SW I/7, 56, 58, 60; I/7, 239 f. Anm.; I/2, 361, 363).
Dort ist auch bereits (der Sache nach) von einem ,transitiven Sein‘
des Absoluten die Rede, das die von ihm ,gewesenen‘ Relata A und
B durchwirkt und damit im Sein erhält.4 In den Aphorismen wird
die Spinoza’sche Formel ,Gott ist alle Dinge‘ „invita latinitate“ so
übersetzt, dass die von Gott gewesenen, also ins Sein versetzten
Dinge im Akkusativ stehen: „Deus est res cunctas“ (SW I/7, 205,
Anm. 1).

2.0 Später wird man von einer „Aporie der Identität“ sprechen. Z. B.
Wittgenstein:
Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist ein Unsinn, und von Einem
zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts (Tractatus 5.5303).

Sein Vorschlag: Sinnvolles Sprechen sollte reflexive Ausdrücke und


vor allem das Identitätszeichen vermeiden:
Gleichheit des Gegenstands drücke ich durch Gleichheit des Zeichens aus, und
nicht mit Hilfe eines Gleichheitszeichens. Verschiedenheit der Gegenstände
durch Verschiedenheit der Zeichen (l. c., 5.53 [ff.]; vgl. Pardey 1994; Wehmeier
2012).

4 So besonders häufig in den späten Vorlesungen (SW II/1, 293; II/3, 227): „In dem
Satz: das Ideal [der Vernunft] ist die Idee, hat also das ist nicht die Bedeutung der
bloßen logischen copula. Gott ist die Idee heißt nicht: er ist selbst nur Idee, son-
dern: er ist der Idee (der Idee in jenem hohen Sinn, wo sie der Möglichkeit nach
alles ist), er ist der Idee Ursache des Seyns, Ursache daß sie Ist, aQt¸a toO eWmai, im
aristotelischen Ausdruck“ (II/1, 586). Darüber genauer und belegreicher: Frank
2002, 234 ff.
250 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

2.1 Ein Blick auf die Vorläufer: Hume, Leibniz, Kant samt einem
Vorblick auf Frege. Wittgenstein verweist indirekt auf Hume. Der
hatte festgestellt:
" Nur in der Logik (im Bereich der „relations of ideas“) könne
von strikter Identität die Rede sein. (Ein tautologischer Bezug
geschieht doppelt und „in derselben Hinsicht“: Hume 1902 [=
Abschnitt IV, 1. Teil des Enquiry Concerning Human Under-
standing].)
" Nicht so in der Ontologie natürlicher Gegenstände (wo es um
„matters of fact“ geht). Das (in der Formel „the same with it-
self“) vom Reflexivpronomen bezeichnete Objekt müsse in we-
nigstens einer Hinsicht von dem geradehin bezeichneten Objekt
unterschieden sein. Sonst würde das Urteil zweimal dasselbe
und somit gar nichts sagen [Treatise of Human Nature, Book I,
Part IV, Sect. II; in: Hume 1988, 200 f.]).5
Mit dieser Sprachregelung greift Hume Leibniz’ Vermengung logi-
scher und ontologischer Identität an – jedenfalls scheint das seine
Absicht zu sein.
" Logisch: Substituabilitas duarum propositionum salva veritate,
d. h. ohne Verlust ihres Wahrheitswertes (Leibniz 1903, 10).
" Ontologisch: Le principe des indiscernables: „Es ist nicht wahr,
dass zwei Substanzen einander vollständig ähnlich sein und le-
diglich der Zahl nach [solo numero] differieren können“ (Dis-
cours de Métaphysique, § 9; vgl. Monadologie, § 9).
Leibniz unterscheidet die beiden Verwendungen nicht streng, wenn
überhaupt. Die Nachwelt spricht einfach von „Leibniz’ Gesetz“
(Lorenz 1969).

5 Für Hume schrumpft die relationslose Sichselbstgleichheit („unity“) eines materi-


ellen Einzeldings auf die Eigenschaft seiner Existenz zusammen (Hume 1888, 200;
vgl. Quine 1980b, 208). So schon Christian Wolffs Logica § 270 (Wolff 1983. 260):
„idem ens est illud ipsum ens, quod est, seu, omne A est A, ubi A denotat generatim
ens cujuscunque speciei vel generis, sive in communi, sive in singulari.“
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 251

Eine Art ersten Vermittlungsversuchs hat Kant mit seiner Unter-


scheidung eines analytischen von einem synthetischen Ich unternom-
men: Damit zieht er aus Humes Einwand gegen Leibniz Konse-
quenzen für den Status der ,numerischen Identität‘ des Prinzips seiner
theoretischen Philosophie, des Selbstbewusstseins: Selbstbewusstsein
sei nicht nur analytisch eines (so, dass ich bei jeder Analyse eines ,ich‘-
Gedankens auf die mögliche Vorstellung ,Ich denke‘ treffe: KrV B
§ 16); Selbstbewusstsein besitze auch synthetische Einheit (die Kant
,Identität‘ nennt): Es überstehe nämlich auch den Wechsel seiner Zu-
stände, indem es sich im Übergang vom einen zum anderen als das-
selbe ,durchhalte‘. So schlägt Kant – unter Berufung auf Hume und in
Opposition zu Leibniz – vor, das (ontologische) Identitätsprinzip von
dem (logischen) des Nicht-Widerspruchs zu trennen. Letzteres besagt,
dass man etwas nicht zugleich behaupten und verneinen (oder: dass
man eine Sache nicht zugleich mit ihrem Gegenteil setzen) kann; dieses
macht geltend, dass etwas nicht identisch heißen kann, wenn seine Ei-
genschaften sich verändern (dazu Henrich 1976 und 1988). Das erstere
versteht sich von selbst (es ist trivial); dem letzteren zufolge bildet
Identität ein echtes Verhältnis zwischen zweien, denen es nicht auf die
Stirn geschrieben steht, dass sie Eines sind. Etwas mit etwas identifi-
zieren heißt dann: eine wirkliche Erkenntnis erwerben, während wider-
spruchsfrei urteilen etwas Selbstverständliches ist. Damit scheint Iden-
tität (im Gegensatz zur logischen Widerspruchsfreiheit) eine Art von
Differenz einzuschließen. So etwa müssen wir uns die Problemlage
vorstellen, von der Schellings berühmte These über die Identität von
Natur und Geist ihren Ausgang nimmt.
Tun wir noch einen kurzen Vorblick auf Freges Versuch, den
Begriff der Identität zu differenzieren:
" Bezugnahmen auf den gleichen Gegenstand können in ihren
„Hinsichtnahmen“ („Sinnen“, „Weisen des Gegebenseins“) dif-
ferieren und haben dann einen verschiedenen „Erkenntniswert“
bei gleicher „Bedeutung“ (= Referenz, Extension) (Frege 1975,
40). Nur die Identifikation der Hinsichtnahmen ist erkenntniser-
252 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

weiternd. („Der Sieger von Jena und Auerstädt ist der Verlierer
von Waterloo“ [Husserl 1980 II/1, 47]) – im Gegensatz zur Tau-
tologie „Napoleon = Napoleon“.)
" Folglich scheint Identität (im Gegensatz zu Widerspruchsfrei-
heit) eine Art (möglicher) Verschiedenheit in sich zu schließen.
Damit ist recht genau das (Sach-)Motiv für Schellings berühmte
These einer differenzsensitiven Identität von Natur und Geist be-
zeichnet.

2.2 Schelling möchte der gar zu strikten (Leibniz’schen) Identität


eine minimale (Hume-)Differenz einbilden. Er diskutiert die Diffe-
renzsensitivität der Identität unter vier Hinsichten und hält sie mit
der ursprünglichen Form des Urteils für vereinbar:
a. der des Wesens oder des Identischen-selbst;
b. der der Satz-Form A = A, in der das Wesen des ,Identischen-
selbst‘ sich (sprachlich) ausdrückt: Mit der Satzform kommt ein
virtueller oder „verborgener“, aber noch nicht „aktuierter“ Ge-
gensatz ins Spiel.
c. Dieser virtuelle Gegensatz aktualisiert sich in der Formel A = B.
Sie sieht ein Sich-ungleich-Werden der (vormals) Ununterschie-
denen vor. B war an ihm selbst ungleich mit A, erfährt aber nun
seine Gleichsetzung mit A.
d. Schelling spricht fortan – im Blick auf die Identität, die einen ak-
tuellen Gegensatz inkorporiert – von „Identität der Identität“
(SW I/4, 121 f.; Schelling 1988, 34, 50: SW I/6, 165, 168, 173, 187)
oder in sich „duplicirte[r] Identität“ (SW I/6, 117; I/7, 424 f.; I/8,
216; I/10, 103).
Sind diese Formeln minder paradox als ihre (irrelationalen und rela-
tionalen) Vorgängerinnen?
Dies ist, was Schelling versucht: Er möchte Identität so denken,
dass in diese Beziehung zwei verschiedene, aber gleichermaßen rigi-
de Kennzeichnungen (A und B) eintreten, deren jede genügen wür-
de, den Gegenstand hinreichend zu bestimmen und die beide auf
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 253

ein und dasselbe Ding (X) zutreffen. Während sich A und B unter-
scheiden, bleibt X streng (analytisch) mit sich selbst gleich. Schel-
ling unterscheidet „Identität“ (vieler) von der „Einerleiheit“ (oder
Selbigkeit, der sterilen Sich-selbst-Gleichheit, zuerst im Vorspann
der Freiheitsschrift 1809 [SW I/7, 341 f.] und dann durchgehend in
den Weltalter-Entwürfen 1811 – 1813).
Durchs Übereinanderstülpen der Hume’schen und der Leib-
niz’schen Position will Schelling zeigen, dass der Gedanke der Ver-
änderung (oder besser: ,Veranderung‘) überhaupt nur in dem der
Einheit eines Selbigen sich entfalten kann.
Unter seiner Sichselbstgleichheit ist das sich selbst Ungleichwerdenkönnen ver-
borgen. Diese Möglichkeit liegt in der Einheit verborgen; denn das Sichselbstun-
gleichseinkönnen ist ja das sich selbst Gleiche; demnach schließt es bereits die
Möglichkeit in sich ein, aus sich selbst herauszutreten (Schelling 1989, 49).

2.3 Auch bei der Wolff-Schule macht Schelling (möglicherweise) eine


Anleihe. Sein Keimgedanke: Differenz ist kein wesentlicher (die
Substanz selbst betreffender) Zug, sondern beruht nur auf einem
Mehr oder Weniger der Merkmale-Verteilung. So hat Baumgarten
in seiner Metaphysica zwischen einem strengen und einem lockeren
Sinn von ,Identität‘ unterschieden. Während die strenge Identität
„numerisch“ oder „vollständig“ ist („completa“, „totalis“: Gleich-
heit hinsichtlich aller ihrer Eigenschaften), erlaubt die lockere Iden-
tität mehrerer Einzelgegenstände eine Graduierung. Zwei Gegen-
stände können mehr oder weniger ähnlich sein (wobei die Skala von
ähnlich in nur einem zu ähnlich in allen Merkmalen reicht: § 267).
Daher Baumgartens Prinzip des verneinten Totalunterschieds (prin-
cipium negatae totalis dissimilationis/diversitatis) zwischen Einzel-
gegenständen (§ 268). Vollständig identische Individuen sind nume-
risch identisch – wobei diese strikte Identitätsform sich in die trivia-
le Selbigkeit eines „nur“ mit sich selbst auflöst. Unmöglich könnten
254 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

zwei Individuen (duo extra se singularia) vollständig oder absolut


differieren (§ 269).
Identität erlaubt also eine Graduierung der Merkmalsverteilung.
Anders gesagt: Sie lässt quantitative Differenz bei qualitativer Iden-
tität zu. Läge hier nicht ein Vorbild für Schellings Rede vom ,Über-
wiegen‘ oder ,Zurücktreten‘ von Merkmalen (,Faktoren‘, ,Poten-
zen‘)? A (Geist) ist demnach von B (Natur) nicht qualitativ, son-
dern nur nach überwiegenden Exponenten des einen Merkmals
über das andere verschieden. In der Grundformel stünde dann „(A
= B)“ und als Hochzahl über der Klammer stünde einmal A, das
andere Mal B (SW I/7, 370).

2.4 Das Absolute ist das Bejahende und das Bejahte seiner selbst.
Notabene: Die Formel einer qualitativen Identität bei quantitativer
Differenz passt zu Schellings (ab 1804 ausgeprägter Rede) vom ,Af-
firmierenden und Affirmierten seiner selbst‘. Durch die Reflexivität
dieser Beziehung ist sichergestellt, dass ,Affirmierendes‘ und ,Affir-
miertes‘ – schon durch die Aktiv- und Passiv-Form deutlich unter-
schieden – nichts anderes als zwei Stellungen zu einem und demsel-
ben Phänomen bezeichnen. Das Affirmierende bezieht sich in der
Relation aufs Affirmierte auf sich selbst, und so auch umgekehrt das
Affirmierte im Bezug aufs Affirmierende. Schelling sagt: Jedes, Af-
firmierendes wie Affirmiertes, ist je in sich schon das ganze und
nämliche Absolute (SW I/6, 161 ff. [= § 18]). Deutlich lässt grüßen
Kants Organismus-Formel „von sich selbst zugleich Ursache und
Wirkung“, die Schelling, wie wir sahen, schon im Timaeus auf Pla-
tons Gedanken vom doppelten Band und von der Weltseele proji-
ziert.

2.5 Unterscheidet sich Schellings Identitäts-These von Freges? Ja.


Für Frege ist ,a=a‘
1. eine genuine – eine reflexive –, eine zweistellige Beziehung: aRa
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 255

2. und der Spezialfall einer transitiven, einer asymmetrischen, einer


Fremd-Beziehung aRb (Pardey 1994, 30 ff.).
Nicht so für Schelling.
a. Erstens identifiziert er strikte Identität (,X = X‘) mit einem er-
folgreichen Akt der Bezugnahme auf ,das Höchste‘ (,es gibt ein
X‘), womit er einer von Wittgensteins Forderungen an Identität
entspricht. ,Es gibt ein X‘ – diese Feststellung steht für eine in-
dexikalische Identifikation eines ,thin [oder: bare] particular‘
und nicht für die Individuierung von X durch Aussondern
(,singling out‘) einer oder mehrerer seiner intrinsischen Eigen-
schaften; es gibt keine. Und ebenso selbstverständlich setzt die
Bezugnahme auf einen Einzelgegenstand dessen Existenz vor-
aus. – Wir müssen das im Kopf haben, um Schellings platonisti-
sche Rede vom Absoluten als dem Identischen oder der Identi-
tät überhaupt zu akzeptieren (und in der Folge seine Identifika-
tion von ,Identität‘ mit ,Existenz‘).6
b. Ferner, und wieder anders als Frege, unterscheidet Schelling die
strikte Identität (,X=X‘ oder ,Es gibt ein X‘) von ,A=B‘. Letzte-
re ist eine echte Fremd-Beziehung und weist einen ,Erkenntnis-
wert‘ auf, während ,X=X‘ eine einstellige oder vielmehr über-
haupt keine ,wirkliche‘ Beziehung ist. Die Formel bedeutet le-
diglich: ,Es gibt ein X‘, nicht: ,X steht in einer Beziehung zu sich
selbst‘.
c. Schließlich besteht der späte Schelling, treu seinem „aufrichtige[n]
Jugendgedanke[n]“ von 1801 – 1804 (Marx an Feuerbach am
3. Okt. 1843, in: Schelling 1993, 568) darauf, dass die Wahrheit
von ,A = B‘ streng von der Existenz von X abhängt, oder: dass

6 Die eigenwillige Übernahme von Kants Lehre vom ,transzendentalen Ideal der
Vernunft‘ (vgl. oben, 5. Kap.) führt Schelling auch dazu, ,das‘ Identische – uner-
achtet seiner Abstraktheit – als ein wirkliches Individuum/Einzelwesen zu den-
ken. Denn es gibt nur EINES, von dem die Prädikate A und B transitiv unterhal-
ten werden: „Das [aktuelle oder individuelle] Seyn ist das Erste, das Denken erst
das Zweite oder Folgende“ (SW II/1, 587, 285, 287; Hogrebe 1989, 37 f.; §§ 11 f.).
256 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

die übergreifende Identität nicht aus der Beziehung von Identität


und Differenz als den Relata verständlich gemacht werden kann
(SW I/4, 117, § 6; 120, Zusatz 1 zu § 15; 123, § 24; I/6, 147, 162 f.).
Relationale Identität hängt von strikter oder fugenloser „Einerlei-
heit“ ab, nicht umgekehrt. Dies ist die genaue Gegenposition zu
Freges, der „a = a“ für einen abkünftigen (und Sonder-)Fall von
„a = b“ hielt.
Schelling kann strenge Identität (oder Existenz: X = X) von der Re-
lation A = B (die Erkenntniswert aufweist) unterscheiden. Mithin
vertritt er nicht eine Abart von Freges Reflexivitätsthese (Pardey
1994, 102 ff.; Wehmaier 2012).
Die Bedeutungen des ,=‘ in ,X = X‘ und in ,A = B‘ sind ver-
schieden. Das liegt an der Verschiedenheit des ,Bandes‘ (oder der
,Copula‘, wie Schelling sagt) und des von ihm ,Verbundenen‘.
Um diese Unterscheidung stimmig zu machen, bedarf es eines
Arguments, das das copulative (oder prädikative) ,ist‘ als Ausdruck
des strengen (oder existentiellen) ,ist‘ deutbar macht. Genau das
gibt Schelling im „Identitätssystem“ von 1801, indem er das „Wesen
an sich“ (= Identität) unterscheidet von seiner „[sprachlichen, logi-
schen] Form“ oder „Selbst-Offenbarung“, dem „Satz A = A“,
durch welchen das Wesen sich unserer „Erkenntniß“ erschließt (SW
I/4, 120 f.; I/4, 373; I/6, 147 und 163; I/2, 360 f.; vgl. I/10, 421 ff.).

3.0 Prädikation ist als eine Weise der Identifikation zu denken.

3.1 Schelling übernimmt Gottfried Ploucquets Identitätstheorie der


Prädikation. An dieser Stelle zeigt sich Schelling gleich doppelt dem
Metaphysiker und Logiker Gottfried Ploucquet verpflichtet, dessen
Lehrbücher im Tübinger Stift und noch in Schellings Studienzeit
Pflichtlektüre waren. Verpflichtet ist Schelling
1. Ploucquets Idee einer Selbst-Offenbarung des Wesens des Abso-
luten in der Form der prädikativen Aussage und
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 257

2. Ploucquets Auffassung der Prädikation als einer Form der Identi-


fikation.
Ad 1: Die Selbst-Offenbarung der Substanz in ihrer Form: „substan-
tia est id, quod in se est manifestabile“ (Ploucquet 1782, Ontologia
§ 153; cf. § 161: „Substantia, quae Principium Manifestationis in se
sola habet […]“). Die Substanz ist nur der Real- („causa realis“),
nicht der Erkenntnis-Grund („causa cognoscendi“) dieser Offenba-
rung. Ploucquet nennt das, was die Substanz unabhängig von ihrer
Offenbarung –„an ihr selbst“ – ist, ihr „Wesen“. Dies der Substanz
einwohnende Prinzip, welches ihre Erkenntnis möglich macht, nennt
Ploucquet ihre „Form“. Entsprechend unterscheiden die §§ 7 und 8
seiner Ontologia zwei Weisen der Einsichtigkeit der Substanz: die in-
telligibilitas, quae und die intelligibilitas, quā. Die erste erfasst das
Was, die zweite das Wodurch der Einsicht. Schelling scheint Plouc-
quets Konzeption einfach übernommen zu haben!
Ad 2: In bejahenden Aussagen, meint Ploucquet, haben Subjekt
und Prädikat des Satzes den gleichen Begriffsumfang (dieselbe ,Ex-
tension‘, wie man auch damals sagte). Urteilen heißt: (wenigstens)
zwei Begriffe vergleichen. Was bei diesem Vergleich gleichsam über-
steht (nicht zur Deckung kommt), wird negiert. Das zwingt Plouc-
quet zur Quantifikation auch des Prädikators. So wird der Satz ,Alle
Löwen sind Säugetiere‘ quantifikatorisch so umgewandelt: ,Alle Lö-
wen sind einige Säugetiere‘ – mit der vorteilhaften Konsequenz, dass
man bejahende Urteile salva veritate umkehren („konvertieren“)
kann.
Auch Schelling, der noch im Stift Übungen zu Ploucquets „Calcu-
lus“ anstellte und in seinen ersten Publikationen auf dessen Symbo-
lismus zurückgriff, hält Identität (die Satzform ,A = A‘) für die Ma-
trix aller wahren Prädikationen.
Das Grundgesetz der Vernunft und aller Erkenntniß, sofern sie Vernunft-
erkenntniß ist, ist das Gesetz der Identität oder der Satz A = A (SW I/6, 145, § 5
[im Original gesp.]).
258 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

Warum aber identifiziert er sie mit der Existenz? Das Mittelglied fin-
det er in Kants „These übers Sein“.

3.2 Was Schelling aus Kants These übers Sein macht. Schelling (und
seinen Freund Hölderlin) interessierte an ihr allein dies: Mit der Be-
stimmung von ,Sein überhaupt‘ als „Position“ hatte Kant von Anbe-
ginn eine Theorie des Urteils im Blick. Tatsächlich unterschied
Kant eine a) ,absolute‘ von einer b) ,relativen Position‘ (AA II,
72 ff.; KrV A 598 ff.).
a) In der absoluten Position wird die Existenz des Gehalts eines
Subjekt-Terminus als solche ,gesetzt‘ – ohne jede weitere prädi-
kative Qualifizierung („existentielles ,ist‘“: ,Ich bin‘, ,Es ist ein
Gott‘: Hier wird von einem Begriff bestätigt, dass er keine Leer-
menge bildet, sondern wenigstens eine wirkliche Instanz kennt).
b) In der relativen Position (Prädikation, Urteil) wird ein Subjekt-
Terminus auf ein Prädikat ,bezogen‘ und dadurch bestimmt
(„prädikatives ,ist‘“).

3.3 Was hat ,Urteil‘ mit ,Existenz‘ zu tun? Anders: Warum sollen
Existenz und Prädikation Varietäten der ,Position‘ sein? In beiden
,Seins‘-Varietäten geschieht eine ,Setzung‘ (Kant, AA II, 73 f.). Das
kann so verstanden werden, dass judikatives oder prädikatives Sein
eine ,abkünftige‘ (,mindere‘, ,geringere‘ oder ,uneigentliche‘) Form
der absoluten Setzung/Position sind (Schelling 1989, 77 f.).
Als Mittelglied für diese Bedeutungsverschiebung kommt ,Iden-
tität‘ in Frage – vorausgesetzt, wir verstehen Prädikation als eine
Form von Identifikation: S als P seiend (und Existenz als strenge
und irrelative Identität).
Die Passage über das Doppelurteil, als die Identifikation in den
Weltaltern verstanden wird (Schelling 1946, 28, 128), macht den
Sachverhalt noch deutlicher: A und B werden als ,aussprechlich‘
und X als das ,Aussprechende‘ beider bezeichnet. Das Aussprechli-
che heißt auch ,Prädikat‘. Das Subjekt (X) selbst kann also nur in-
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 259

dexikalisch (vor-prädikativ) bezeichnet werden (Hogrebe [1989]


spricht von „pronominalem Sein“). Gelingende indexikalische
Identifizierung impliziert aber Existenz des Identifizierten.

3.4 Absolutes ,Band‘ (deslºr) oder ,Copula‘. Genau dies hatte Schel-
ling von Beginn an vor Augen. In seinem System von 1801 schreibt
er:
[…] das einzige Seyn, das durch diesen Satz [A = A] gesetzt wird, ist das der
Identität selbst, welche daher von dem A als Subjekt und von dem A als Prädi-
cat völlig unabhängig ist (SW I/4, 117; im Orig. gesp.).

Ein anderes Zitat (von 1806):


Nämlich, was ist denn nun eigentlich vermöge jenes Bandes der Existenz? – Das
Viele als das Viele? Keineswegs; dieses kann ewig nicht seyn, sondern ewig ist in
ihm nur das Eine; da ja aber auch dieses Eine nicht als das Eine existirt, sondern
nur insofern es als das Eine das Viele ist, so existirt wahrhaft weder das Eine als
das Eine noch das Viele als das Viele, sondern eben nur die lebendige copula
beider, ja eben diese copula ist allein die Existenz selbst und nichts anderes (SW
I/7, 57).

Seinem naturphilosophischen Konkurrenten Eschenmayer wirft er


ebendort vor, die Indifferenz (A3), die nur in Relation auf die Diffe-
renz besteht, mit der absoluten Identität (= A0), dem „in jeder
Rücksicht Bestimmungslose[n]“ oder „Potenzlose[n]“ verwechselt
zu haben.
Wäre allein das Ewige (= A3), so wäre, da dieses [nach Eschenmayer] Indiffe-
renz ist, eben damit weder das Endliche noch das Unendliche gesetzt; es wäre
n u r Indifferenz gesetzt, allein in/ dem Absoluten ist die Differenz (in diesem
Betracht) ebenso absolut als die Indifferenz, die Einheit und die Entgegenset-
zung sind selbst wieder eins (SW I/7, 173 f., Nr. 215 mit Anm.),

womit Hegels Formel von 1801 wieder zu Ehren kommt.7

7 Die kürzeste und deutlichste Unterscheidung von Identität und Indifferenz findet
sich in Schellings Würzburger System (SW I/6, § 53, S. 209). Indifferenz ist „quan-
260 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

3.5 Schellings Annahme einer ,existentiellen Copula‘ ist (wahr-


scheinlich) nach Leibniz’ „copulativer Theorie der Existenz“ model-
liert. Diese Theorie beruht auf zwei Prämissen:
a) „The concept of existence is ultimately a form of predication, a
copula.
b) Existence itself is simply what is represented by the existential
copula within a true proposition whose major logical operation
is the logical copula [itself].“
Nun gibt es zwei Weisen der Verknüpfung (= Identifikation) von
Subjekt und Prädikat: eine notwendige (analytische, wesentliche)
und eine kontingente (synthetische, empirische) (Castañeda 1990a,
5, 11; unter Bezug auf Leibniz’ Discours, Ende Kap. 13 und Gene-
rales Inquisitiones, Nr. 11; Castañeda 1990b; ganz ebenso Schelling
z. B. SW I/7, 219 über den Unterschied analytischer und syntheti-
scher sowie apriorischer und empirischer von identitären Urteilen).

3.6 So auch der späte Schelling. Auch sein „höherer Empirismus“


denkt die Existenz des Absoluten als ein empirisches, ein aposterio-
risches (ein „positives“, ein „transcendentes“, ein „nacktes“, ein
„blindes“, ein „sinnloses“, ein „grundloses“, ein „kontingentes“)
Faktum (z. B. Schelling 1972, 238 ff., 272/279 ff.; 432, 438; Schelling
1993, 102, 158, 164 ff.; SW X, 232 ff., 377 f., 423, 456 [ff.]; Schelling
1993, 144 ff., 159 f.).
Darum taufte er seine spätere Philosophie „positive Philoso-
phie“, in Anspielung auf Kants Gleichsetzung von ,Existenz‘ mit
,absoluter Position‘– und auf Kants These, Existenz sei nichts a
priori durch Gedanken, sondern allein etwas a posteriori – aus „Er-
fahrung“ – Bekanntes (AA II, 80 f.; Prolegomena § 14; KrV A 167,
224 f., 723) – einschließlich der Existenz des Cogito selbst (AA

titatives Gleichgewicht“, nicht „qualitative Einheit“. So „stellt z. B. der Cubus


oder die Sphäre auch eine Gleichheit der drei Dimensionen dar, aber nicht als ab-
solute Identität, sondern nur im Gleichgewicht oder als Indifferenz“.
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 261

XXVIII/1, 206; IV, 334; AA XVIII, 318 f. [= Refl. 5661]; KrV B XI


f., B 422 f.).
Ferner gilt, wie schon Hölderlins Argumentationsskizze Urtheil
und Seyn (1795/96) betont hatte, dass Wirklichkeit (mithin Wahr-
nehmung) dem Denken vorausgeht, wobei Denken mit ,Urteilen‘
und ,Entwerfen von Räumen des Möglichen‘ gleichgesetzt wird:
„Es giebt für uns keine Möglichkeit, die nicht Wirklichkeit war.
[…] Der Begriff der Möglichkeit gilt von den Gegenständen des
Verstandes, der der Wirklichkeit von den Gegenständen der War-
nehmung […]“ (Hölderlin 1991, 156, Z. 31 f., Z. 35 – 37).
Diese These, die die berühmte Sartre’sche vorwegnimmt („l’exis-
tence précède l’essence“ [Sartre 1947, 385]), hat ebenfalls in Kants
These übers Sein (von 1763) ihren Ursprung. Schon er hatte sich
Crusius’ Formel zu eigen gemacht, dass Denken die Form des Mögli-
chen, Wahrnehmung das Organ der Wirklichkeitserfassung sei (Kant
AA II, 76). „Daher sagen wir auch: möglich ist, was sich dencken
läßt“ (Crusius 1745, 95, § 56). Und er unterscheidet mit Nachdruck –
in scholastischer Tradition, aber mit antiessentialistischer Stoßrich-
tung – an jedem Ding die zwei Aspekte, dass es ist, und was es ist.
Der erste heißt Existenz, der zweite Wesen (29 f., § 17; so auch Schel-
ling 1993, 98 f.).
Der Bewusstseinsmodus, der der Existenz entspricht, ist ihm
darum (wie Kant) nicht der Gedanke, sondern die unmittelbare und
nicht-inferentielle Kenntnisnahme, die in der empiristischen Tradi-
tion ,Empfindung‘ genannt wird (17 – 19, § 16). Und Kant hatte hin-
zugefügt, dass wir nicht etwas als möglich denken können, ohne ein
anderes als bereits wirklich vorauszusetzen (AA II, 78). Also schon
für Kant galt Schellings späte Einsicht, dass Existenz (Wirklichkeit,
quodditas) dem Was-Sein (quidditas) vorausgeht.

4.0 Schellings zweite Anleihe bei der Wolff-Schule: „Reduplikati-


on“. Eine weitere entscheidende Abhängigkeit von der Leibniz-
262 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

Wolff-Schule hat Schelling verschleiert: das Theorem der „Redupli-


kation“.
Nur in einem unveröffentlichten Text, nämlich einer studenti-
schen Vorlesungsnachschrift ist davon die Rede.
Nämlich in einer Nachschrift der Einleitung in die Philosophie
(1830), die Schelling eigenhändig für seinen Lieblingsschüler, den
bayerischen Kronprinz Maximilian, überarbeitet hat. Dort wird der
Prozess der Höherpotenzierung von A (Geist) über B (Natur) als
,Reduplikation‘ von A erklärt.
Ausgangspunkt ist die Indifferenz von A und B. Und da B nur
A’s Entäußerungsform und A das Symbol der ursprünglichen Indif-
ferenz ist, wird dieser Zustand als A in „freier Bloßheit“ oder als A0
charakterisiert. Will nun A als A sich geltend machen, muss es aus
der Unentschiedenheit gegenüber B heraustreten und entschieden
A sein. Da es mit B aber seinem Wesen nach identisch ist, muss es
sich potenzieren, d. h. ,mit sich selbst duplizieren‘, also A2 werden.
Wenn sich dieser Ausdruck nicht mehr in der neueren Logik findet, so ist er
doch in der Wolff’schen/ üblich, in welcher der Ausdruck reduplikatives Setzen
soviel bedeutet, als daß das a aus dem impliziter b sein können heraustritt, und
dann als a folglich mit sich selbst multipliziertes a ist. A kann also nicht b sein,
ohne nicht zugleich als a zu sein. Wir hätten nun auf der einen Seite a = b; auf
der andern Seite a im Gegensatze und in der Spannung, wodurch das a zu einem
a2 wird (Schelling 1989, 49 f.).

(Schelling unterscheidet graphisch nicht zwischen Symbolen für


Gegenstände und Eigenschaften; darum sind A und B mal groß, mal
klein geschrieben.)

4.1 ,Die ältere Logik‘ („die alte tiefsinnige Logik“ [SW I/7, 340]).
Mit dieser in der Weltalter-Phase häufig wiederholten Wendung
meint Schelling eine Tradition, die er über Wolff und Leibniz bis in
die Scholastik zurückdatiert (Schelling 1946, 28, 127).
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 263

Philosophen in dieser Tradition haben den Ausdruck ,reduplica-


tio‘ benutzt, um die Spezifikation eines Aspekts anzuzeigen, unter
dem das (Satz-)Subjekt betrachtet wird (durch quā, quatenus
u. dgl.).
Oft zitierte Beispiele sind: „Ein Mensch als Mensch ist das wür-
digste aller Lebewesen; als Bösewicht verdient er dagegen Verach-
tung.“ Oder: „Wer Kranke als Sieche heilt, ist Arzt; wer sie als Sün-
der heilt, ist Priester.“8 Oder: „Als Konsul hat Fabius Maximus Au-
torität über seinen Vater; aber als Sohn steht er unter seines Vaters
Botmäßigkeit.“ Gerne angeführte Beispiele, die Schelling selbst hin-
zufügt (und deren erstes an Kleists Marionettentheater erinnert):
„Anmut, dieser höchste Reiz weiblicher Natur [verschwindet] au-
genblicklich, sobald jemand sie [sich] anzieht“, also als solche aus-
stellt: „Anmut besteht nur im Nichtanziehen ihrer selbst“ (Schel-
ling 1989, 44). Oder: „Ein König reist/ incognito, dadurch hört er
nicht auf, König zu sein, aber er reist nicht als König“ (l. c., 44 f.
[von mir kursiviert]).
Das Vorbild für diese ,etwas-als-etwas‘-Formulierungen findet
sich bei Aristoteles: das Seiende als Seiendes, t¹ cm Ø em (z. B. Analy-
tica Priora 1.38).

4.2 Schelling übernimmt dieses Theorem („reduplicatio“). Dabei


setzt er die Natur-Geist-Identität als höchsten Gegenstand (X) und
muss dann einsichtig machen, wie die beiden Kennzeichnungen der
absoluten Identität (A und B) als Reduplikationen von X zusam-
menbestehen können.
Vorbild ist Leibnizens „Konkordismus“ (Schelling 1946, 28, 127):
„Disparate können weder von sich gegenseitig noch von einem Drit-
ten ausgesagt werden.“ (Also: Das Kalte kann nicht heiß genannt

8 Jedenfalls im Christentum. Schamanen der Bön-Religion oder buddhistische


Priester kooperieren bei der Krankenheilung.
264 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

werden noch das Heiße kalt, noch kann Wasser zugleich warm und
kalt heißen.)
Darum widerspricht sich nicht, wer annimmt, der Geist als Geist
unterscheide sich vom Körper (in wenigstens einer Hinsicht), sowie
der Körper als Körper sich (in wenigstens einer Hinsicht) vom
Geist unterscheide, obwohl es ein X gebe, das („transitiv“) sowohl
Geist als auch Leib und im strengst denkbaren Sinne – ohne Wech-
sel der ,Hinsicht‘ – mit sich selbst einerlei ist.

4.3 Auch liegt kein Widerspruch in der Behauptung, Schellings Iden-


titätstheorie sei nicht-reduktionistisch. Unter ,Reduktion‘ versteht
man die gelingende Ersetzung einer Klasse von Phänomenen durch
eine andere salva veritate. So kann ich Aussagen über mentale Phä-
nomene in solche über materielle überführen.
Schelling macht nun geltend, dass mentale und geistige Zustände
gleich mögliche Kennzeichnungen des Absoluten (oder X) heißen
dürfen, dass sie sich aber nicht aufeinander reduzieren lassen.
Die Rede von Geistigem unterliegt nämlich anderen Wahrheits-
bedingungen als die Rede von Körperlichem. (Wir werden eine Lie-
beserklärung nicht durch den Satz „In meinem Hirn feuern V-Fa-
sern“ übermitteln.)
Ich zitiere zwei neuere Anti-Reduktionisten, die den Schel-
ling’schen Punkt (versteht sich: ohne Referenz auf ihn) wunderbar
deutlich machen:
You cannot see a brain state as a conscious state (McGinn 1991, 11).

D. h.: Es genügt nicht, die Identität des Geistigen und des Materiel-
len festgestellt zu haben. Diese Identität wäre dem Geist darüber
hinaus einsichtig zu machen. Was aber Teil einer Identitäts-Relati-
on ist, kann die ganze Relation nicht in sich darstellen.
Anders: Die Vorstellung, bewusster und neurophysiologischer
Zugang seien zwei Wege zur selben Realität, ist unverständlich. Das
sieht auch Joseph Levine so:
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 265

Rather we’re thinking of the fact that on one side of the identity is a representa-
tion that somehow involves a full-fledged conscious experience whereas the
other side does not (Levine 2006, 188).

4.4 Schellings Operation mit der Figur der ,Reduplikation‘ bewegt


sich in auffälliger Nähe zu Peter Geachs Theorie „relativer Identi-
tät“. Der kundige Mediävist Geach findet „absolute Identifikatio-
nen“ à la Leibniz oder Quine „sinnlos“. ,Relativ‘ werden dagegen
Identitätssätze genannt, die auf einen Aspekt relativiert wurden. Sie
sehen so aus: ,x ist dasselbe A wie y; aber x ist nicht notwendig auch
(z. B.) dasselbe B wie y.‘ (,Sokrates ist lächerlich als Mensch, aber
nicht als Philosoph.‘)
Man kann auch sagen, dass „unter einer Beschreibung“ x F ist,
unter einer anderen G (vgl. Anscombe 1981). Solch eine Hinsicht
oder Beschreibung (bezeichnet durch einen generellen Terminus
oder „count name“) liefert nach Geach das Identitätskriterium für
die Beziehung von x und y (Geach 1968, 63 f.; vgl. 149 ff.).
Genau in Geachs Sinne, als eine „conditio, sub qua praedicatum
convenit subjecto termino“, wurde das Verfahren der Reduplikation
schon von Wolff eingesetzt (Wolff 1983, 230 ff., § 227 ff.) – auch
wenn ich, wider Schellings eigene Behauptung, keine Textstelle in
seinem Werk gefunden habe, die von ,reduplicatio‘ spricht.
Hier ist ein weiteres Beispiel für Wolffs Praxis der Reduplikati-
on: Ein Satz klingt manchmal kategorisch, obwohl eine Analyse sei-
ner Tiefenstruktur eine Hypothese (eine verborgene Bedingung)
ans Licht bringt, unter der der Subjekt-Ausdruck tatsächlich steht.
Buchstabiert man diese (implizite) Bedingung aus, liest sie sich so:
,sofern das Subjekt so oder so spezifiziert/bestimmt ist‘.
Kommt nämlich das Prädikat dem Subjekt nicht schlechthin (absolutē), sondern
nur unter einer Bedingung zu, so tritt die Bedingung doch nicht so zurück, dass
die Konditionalpartikel [als] nicht ausdrücklich gesetzt würde (expresse pona-
tur). Die Aussage bleibt also hypothetisch (Wolff 1983, § 218).
266 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

Wolff illustriert das an dem Satz: ,Ein aus großer Höhe gefallener
Stein hat eine gewaltige Wucht (impetum).‘ Er ist formal katego-
risch, aber versteckt hypothetisch, denn verborgen wird gesagt: ,so-
fern er aus großer Höhe fällt‘ (l. c., 231 [§ 227]).

4.5 Zeitgenössische Leib-Seele-Theorien arbeiten mit ähnlichen Bei-


spielen.
" Davidson, zum Beispiel, vertritt eine Token-Identitäts-Theorie.
Danach supervenieren mentale Ereignisse auf physikalischen,
ohne dass sich ein allgemeines Gesetz der Verknüpfung physi-
scher und mentaler Typen auffinden ließe. Es ist dann entschei-
dend, die Hinsicht zu spezifizieren, in der das physische Ereig-
nis mentale Eigenschaften ,realisiert‘, und sie von ,bloß‘ physi-
schen Eigenschaften zu unterscheiden (Davidson 1986, Essays
11 und 13).
" Ein dem Wolff’schen vergleichbares Beispiel: Wenn der Zeiger
an der Waage auf ,200‘ steigt, ist die Ursache ,der Apfel quā 200
Gramm schwer‘, und nicht ,der Apfel quā grün‘. Ähnlich ist die
Ursache einer menschlichen Handlung ,diese Folge von Ereig-
nissen quā beabsichtigt von Subjekt S‘, und nicht ,diese Sequenz
von Ereignissen quā ausgelöst durch diese (physiologisch spezi-
fizierte) Muskelkontraktion‘.
" Ein weiteres Echo bei Davidson (1987, 453). Wie Schelling be-
tont er den Unsinn, diese Identität eher idealistisch als materia-
listisch zu verstehen. „Identität ist eine symmetrische Bezie-
hung“ („I see no good reason for calling identity theories ,mate-
rialist‘: if some mental events are physical events, this makes
them no more physical than mental. Identity is a symmetrical re-
lation“ [Davidson 1987, 453; dazu Frank 1991, 115 ff.]); Geist
und Natur zu identifizieren, kann nicht heißen, Natur über
Geist zu stellen (oder umgekehrt). Identitätstheorien können
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 267

nicht eher materialistisch als mentalistisch/idealistisch heißen.


Beide Denker haben einen Hang zum neutralen Monismus.9

4.6 Dies führt uns zurück auf Schellings reduplikatives Verständnis


von ,Identität‘. Denn die Identität, von der er handelt, ist nicht ein-
fache Identität, sondern ,in sich duplizierte oder ,Identität der Iden-
tität‘. Die Verdopplung der Identität verlangt dann eine begriffliche
Überarbeitung der Identitätsformel, die Schelling – diesmal unter
Bezug auf Kants Bestimmung des Organismus als ,Ursache und
Wirkung von sich selbst‘ (Kant AA V: 370, 373, 376) – so vornimmt:
Das Absolute ist ,von sich selbst das Affirmierende und Affirmier-
te‘ oder ,das Setzende und das Gesetzte‘ (SW I/6, 148, 161 ff.; Schel-
ling 1943, 125 f.). Die Formel „von sich selbst“ ist reduplikativ zu le-
sen. Ihre genaue Auslegung bringt zutage, dass beide, das Affirmie-
rende wie das Affirmierte, (unter wechselnden Exponenten) das
ganze Absolute verkörpern, keineswegs nur je einen Teil (Schelling
1946, 125 unten).

4.7 Diese Interpretation war in Schellings Schriften von 1806 vollen-


det. Dort hieß es, „daß, was als Eines ist, in dem Seyn selbst, noth-
wendig ein Band seiner selbst als Einheit, und seiner selbst als des
Gegentheils, oder als Vielheit seyn müsse“ (SW I/7, 55). Ein ähnli-
ches Zitat aus derselben Schrift (der Polemik gegen Fichte):
Dasselbe, was die Vielheit ist, dasselbe ist auch die Einheit, und was die Einheit
ist, dasselbe ist auch die Vielheit, und dieses nothwendige und unauflösliche
Eins der Einheit und Vielheit selbst in ihr nennst du ihre Existenz (SW I/7, 56).

" Inwiefern expliziert diese komplizierte Formel die frühere von


der ,Identität der Identität‘ reduplikativ? Offenkundig zitiert die
Rede vom „Band“ Platons „desmós, der sich selbst [= das Band]

9 Hierher gehört die Anekdote über Davidsons heimlichen Spinozismus, die ich auf
S. 222 ff. erzähle.
268 III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION

abermals mit den Verbundenen verbindet“ (Timaios 31b–32a).


Die Verbundenen sind die Unter-Urteile „A ist X“ und „B ist
X“; „und erst dadurch, daß diese beyden wieder verbunden wer-
den, also durch Reduplikation des Bandes, entsteht […] der Satz
A ist B“ (Schelling 1946, 28).
" So auch die spätere Einleitung (von 1806) zur Weltseele: Nenne
ich das erste das Verbindende, das zweite das Verbundene, kom-
me ich zur eben zitierten Formel der reduplikativen Identität,
die selbst noch einmal „das Band mit dem Verbundenen“ ver-
bindet (SW I/2, 61): das ,verbindende Dritte‘ Platons.
" Gleichzeitig hält diese Formel Ploucquet die Treue: Die ,Copu-
la‘ (oder das ,Band‘) identifiziert „das Prädicirende mit dem Prä-
dicirten“ (durch das judikative ,ist’: SW I/2, 61), erklärt sie aber
eben dadurch nicht für „einerlei“ (I/7, 341 f.). Das Band ist „das
Wesende“ der Urprädikate A und B (II/3, 212). Und wenn man
B als Symbol für „das Verbundene als solches“, A als das Band
versteht, kommt man zu der Formulierung von 1806, das Band
sei ,,das Wesende von B“ (SW I/2, 364).
Dieser Gedanke erfährt seine lichtvollsten Erklärungen in den
Weltaltern: „[D]asselbe Existirende/ welches das eine ist, ist auch
das, welches das andere ist“ (Schelling 1946, 26 f.). Die Reduplikati-
on wird nun als Konjunktion eines Doppelurteils interpretiert: ,X =
A‘ und ,X = B‘; und nur kraft der gleichursprünglichen ,Von-X-
gewesen-Werdens‘ sind auch A und B miteinander identisch, als
solche (isoliert) differieren sie voneinander. So schließt die höchste
Identität, die des ,Bandes‘, eine Differenz in sich ein (Schelling
1946, 28 und 129). Damit werden zugleich zwei Bedeutungen von
,Identität‘ sichtbar: der enge oder strikte Sinn von ,Einerleiheit‘ und
der lose Sinn, in dem ,Identität‘ ein Anderes in sich einbettet. (Die-
sen Gedanken hatte Schelling unter Verweis auf Leibniz’ Kampf-
schrift gegen den Sozinianer Wissowatius schon in der Frei-
heitsschrift angedeutet: SW I/7, 341; vgl. Buchheim 1997, 11; Neu-
mann 2012, 107 ff.)
III. ZUSAMMENFASSUNG. DER GANG DER ARGUMENTATION 269

5.0 Ein Blick auf Schellings Erbe. Er hat den Ausweg gezeigt aus
einer Jahrtausende alten naturfeindlich-spiritualistischen Subjekt-
philosophie und die Natur auf Augenhöhe zum Geist gebracht.
Marx ist ihm gefolgt, wenn er 1844 die „Resurrektion“ der durch
menschliche Zurichtung gefallenen Natur, einen ,durchgeführten
Naturalismus der Menschheit und Humanismus der Natur‘ herbei-
sehnt (Marx 1968, 536, 538; vgl. Schelling 1989, 52 o.).
Heine schrieb 1833/34 über Schelling: „,Gott‘, welcher […] von
den deutschen Philosophen das Absolute genannt wird, ,ist alles
was da ist‘, er ist sowohl Materie wie Geist, beides ist gleich gött-
lich, und wer die heilige Materie beleidigt, ist dabei so sündhaft, wie
der, welcher sündigt gegen den heiligen Geist“ (Heine 1997, 565 f.).
Siglen

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Immanuel Kant: Theoretische Philosophie. Texte und Kommentar
in 3 Bd. Hrsg. von Georg Mohr. Bd. 1. Frankfurt a. M. 2004.

KU: Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. 2. Aufl. (B) 1793. Zitiert
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— (1989a): Philipp Matthäus Hahn 1739 – 170. Ausstellungen des
Württembergischen Landesmuseums Stuttgart. Teil 1 und 2: Kata-
log und Aufsätze. 2 Bde. Stuttgart.
— (1989b): Theologische Notizen und Exzerpte der Jahre 1766 – 76.
Hrsg. von Albrecht Plag. Stuttgart.
— und Jacob Friedrich Klemm (2016): Etwas zum Verstand des Kö-
nigreichs Gottes und Christi („Fingerzeig“) samt einem Auszug aus
dem „Theologischen Notizbuch“ von Philipp Matthäus Hahn mit
neun ausgewählten Abhandlungen aus dem zeitlichen Umfeld der
Epheserbriefauslegung von 1774. Hrsg. von Walter Stäbler. Stutt-
gart (Kleine Schriften des Vereins für württembergische Kirchen-
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— (1976): Identität und Objektivität. Eine Untersuchung über Kants
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— (1979): „,Identität‘ – Begriffe, Probleme, Grenzen“. In: Odo Mar-
quard und Karlheinz Stierle (Hrsg.): Identität. München, 133 –
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— (1980): Das Andere seiner selbst. Die Logik der Entwicklung He-
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Geistes (Jena 1801 – 1804), unveröffentlichtes Manuskript.
— (1982): Selbstverhältnisse. Gedanken und Auslegungen zu den
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,Ich‘“, 57 – 82, und „Andersheit und Absolutheit des Geistes. Sie-
ben Schritte auf dem Wege von Schelling zu Hegel“, 142 – 172).
Stuttgart.
— (1988): „Die Identität des Subjekts in der transzendentalen De-
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Jacobi, Friedrich Heinrich (1789): Ueber die Lehre des Spinoza in
Briefen an Herrn Moses Mendelssohn [= „Spinozabüchlein“ nach
Matthias Claudius]. Neue vermehrte Auflage. Breslau. Kritische
Neuausgabe in: Friedrich Heinrich Jacobi: Werke, Bde. 1,1 und
1,2, Schriften zum Spinozastreit. Hrsg. von Klaus Hammacher und
Irmgard-Maria Piske. Hamburg/Stuttgart-Bad-Cannstatt 1989.
(Die Ausgabe gibt die hier zitierte Paginierung der Originaldrucke
1785 und 1789 am Rande mit an).
Jacobs, Wilhelm C. (1989): Zwischen Revolution und Orthodoxie?
Schelling und seine Freunde im Stift und an der Universität Tübin-
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mum collecta, in classes distributa, præfationibis et indicibus ex-
oranata, studio Ludovici Dutens, Genevae: apud fratres de Tour-
nes. 6 Vol. in 4 (in Vol. 1: „Responsio ad objectiones Wissowatii“,
11 – 16; „Duae epistolae ad Loeflerum de trinitate et definitionibus
mathematicis circa Deum, Spiritus] c.“, 17 – 21 und „Remarques de
Mr. Leibniz, sur le livre d’un Antitrinitaire Anglois, qui contient
des considérations sur plusieurs explications de la Trinité: publié
l’an 1693 – 4“, 24 – 27). (Auch diese Ausgabe lag Schelling vor, er
zitiert sie in der Freiheitsschrift.).
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Nebst angehängten Briefen des Philalethes an Aenesidemus. Berlin
1794: Ernst Felisch, = Bd. 5 der Gesammelten Werke (= Repro-
grafischer Nachdruck der Erstausgabe, hrsg. von Valerio Verra.
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einer Gesellschaft Teutscher Gelehrten. Hrsg. von Friedrich Im-
manuel Niethammer. Neu Strelitz; ab 1797 unter Beteiligung Jo-
hann Gottlieb Fichtes als Mitherausgeber bei Gabler in Jena und
Leipzig (zit: PhJ, römische Zahl Band-, arabische Zahl Heft-
Nummer).
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2. Malebranche[s]. 3. Newtons. 4. Cluvers. 5. Wolfens. 6. Plouc-
quets. 7. Baglivs. 8. Frickers irrdische Philosophie mit Ezechiels
himmlischer Philosophie verglichen wird [samt einer kurzen Ver-
gleichung der Grundsätze Ezechielsund Jacob Böhmes: 356 – 362,
sowie Doctoris Speners Urtheile von Jacob Böhm und seinen
Schriften: 368 – 377]. Franckfurt-Leipzig [„Frankfurt u. Leipzig“
sind Messeorte als Deckadresse; Verlagsorte sind: Herrenberg, im
Selbstverlag, Mötzingen im Gäu, u. a.; = Abt. II, Bd. 2 der Ed. Eh-
mann/Beyreuther s. u.].
— (1977a): Sämtliche Schriften. Gesammelt und hrsg. von Karl
Christian Eberhard Ehmann [1858 – 64]. Eingeleitet und neu hrsg.
von Erich Beyreuther [= Nachdruck], II. Abteilung: Theosophi-
sche Schriften, Stuttgart. (1. Bd.: Kabbalistische Lehrtafel der Prin-
zessin Antonia […]; 2. Bd.: Swedenborg über die irdische und
himmlische Philosophie […]; 3. Bd.: Die Psalmen Davids […]; 4.
Bd.: Inquisitio de Sensu communi […]; 5. Bd.: Abriß der evangeli-
schen Ordnung zur Wiedergeburt […]; 6. Bd.: Abhandlungen von
den letzten Dingen […].
— (1977b): Die Lehrtafel der Prinzessin Antonia. Hrsg. von Rein-
hard Breymayer und Friedrich Häußermann. 2 Bände. Teil 1:
Text; Teil 2: Anmerkungen (= Texte zur Geschichte des Pietismus,
im Auftrag der Historischen Kommission zur Erforschung des Pie-
tismus. Hrsg. von K. Aland, E. Peschke, M. Schmidt. Abt. VII:
Friedrich Christoph Oetinger. Hrsg. von Gerhard Schäfer und
Martin Schmidt, Band 1). Berlin/New York. (Dieser erste Band
der entstehenden historisch-kritischen Edition enthält in eckigen
Klammern die Paginierung des Erstdrucks Tübingen: gedruckt
bey Johann David Bauhof und Francki[schen] Wittib [sic!] [näm-
lich Maria Barbara Franck], 1763).
— (1979): Theologia et idea vitae deducta. Hrsg. von Konrad Ohly.
Berlin/New York. Teil 1 (Erstdruck 1765) (= zweiter Band der
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te des Pietismus, VII, Band 2).
— (1999) Biblisches und emblematisches Wörterbuch. Hrsg. von Ger-
hard Schäfer in Verbindung mit Otto Betz, Reinhard Breymayer,
Eberhard Gutekunst, Ursula Hardmeier, Roland Pietsch, Gun-
tram Spindler. 2 Teilbände, Teil 1: Text; Teil 2: Anmerkungen
(Texte zur Geschichte des Pietismus, Abt. VII, = Band 3 der ent-
stehenden historisch-kritischen Ausgabe). Berlin/New-York. (Die
Seitenzahlen des Erstdrucks sind in eckigen Klammern angegeben:
[ohne Verlagsangabe] Heilbronn 1776 [Repr. Nachdruck, hrsg.
von Dmitrij Tschižewskij. Hildesheim 1969]).
— (2015): Die Werke Friedrich Christoph Oetingers. Chronologisch-
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pendiums zur ,Logik und Metaphysik‘ ist lateinisch mit deutscher
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Schriften, welche den logischen Calcul Herrn. Prof. Ploucquets be-
treffen, mit neuen Zusätzen. Hrsg. von August Friedrich Bök.
Faksimile Neudruck der Ausgabe Frankfurt und Leipzig 1766.
Hrsg. von Albert Menne. Stuttgart-Bad Cannstatt, 29 – 79.
— (2006): Logik. Hrsg., übersetzt und mit einer Einleitung versehen
von Michael Franz. Hildesheim/Zürich/New York (siehe Plouc-
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Basel 2013; die Ausgabe gibt die Paginierung des Erstdrucks mit
an, nach der ich zitiere.).
— (1790): Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der
Philosophen. Erster Band, das Fundament der Elementarphiloso-
phie betreffend. Jena.
— (1791): Ueber das Fundament des philosophischen Wissens. Nebst
einigen Erläuterungen [von Johann Benjamin Erhard und Fried-
rich Carl Forberg] über die Theorie des Vorstellungsvermögens.
Jena. (Inzwischen auch als Band 4 der Gesammelten Schriften,
2011. Die Originalpaginierung, nach der ich zitiere, ist mit angege-
ben).
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Philosophen. Zweiter Band, die Fundamente des philosophischen
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Namenregister

Abel, Jacob Friedrich 42 – 44 Bondeli, Martin 9 f., 15


Aenesidemus XII, 8, 10, 44 f., 47, Brands, Hartmut 217
86 f. Bourguet, Louis 193
Alexander von Aphrodisias 182 Bruno, Giordano 163
Allison, Henry E. 85 Buchheim, Thomas 268
Angelelli, Ingnacio 217 Buchner, Hartmut 5 f., 23 f.
Anscombe, G. Elizabeth M. 220, Bunte, Martin 13, 51
265 Burkhardt, Hans 221
Aristoteles 61, 175 – 177, 179 – 184, Buridan, Jean 216, 220
187, 190, 217, 221, 234, 239, 263 Cantor, Georg 133 f.
Ayer, Alfred J. 105 Castañeda, Hector-Neri 108, 260
Baader, Franz Xaver von 41 Chalmers, David J. 226
Bäck, Allan 216, 218 Clarke, Samuel 105
Baggesen, Jens 72 f., 78, 87 Claudius, Matthias 117
Bardili, Christoph Gottfried 20, Corriero, Emilio X
157 Creutz, Friedrich Carl Casimir
Baumeister, Friedrich Christi- von 32, 34
an 160 Crusius, Christian August 87, 261
Baumgarten, Alexander Gott- Danz, Christian 229
lieb 45, 110 – 114, 127, 160, 198, Davidson, Donald 222 – 224, 266 f.
209, 238, 253 Descartes, René X, 200, 237
Becker, Hubert 144 Diels, Hermann 118
Beckermann, Ansgar 174 Diez, Immanuel Carl XII, 4, 6 – 8,
Bengel, Johann Albrecht 30 10, 43 f., 65 – 89, 196
Berger, Andreas 72 Dretske, Frederick I. 206
Berkeley, George 4 Durner, Manfred 132
Bickmann, Claudia XIII, 60 Dutens, Louis 162
Black, Max 105 Eberhard, Johann August 114
Block, Ned 224 – 228, 232 f. Eckhart, Meister 117, 217
Blumenbach, Johann Friedrich 28, Ehrhardt, Walter E. 144
152 Erhard, Johann Benjamin 2, 72, 74,
Böhme, Jacob 30, 39, 173 77 – 79, 82, 87, 94, 144
304 NAMENREGISTER

Eschenmayer, Carl August 111, Hahn, Philipp Mathäus XII, 6 f.,


132, 153, 259 29 – 42
Euklid 68, 94 Hegel, Georg Friedrich Wil-
Faber, Gotthard Friedrich 30 helm IX–XI, 1 f., 5, 20 f., 31, 43,
Faust, Heinrich 150 81, 85, 102, 109, 126, 128, 132, 134,
Feuerbach, Ludwig IX, 118, 255 139, 155 – 157, 159, 173 f., 181, 187,
Fichte, Johann Gottlieb X, XII f., 209 f., 214, 235, 243, 246 – 248, 259
1 f., 4 – 7, 17 f., 20, 27, 43, 45 – 49, Heidegger, Martin 181
66, 69, 76, 79, 82, 87, 98 f., 101 f., Heine, Heinrich 269
105, 112, 118, 122, 124, 126, 130 f., Heinze, Reiner 30
141, 159, 168, 183, 195, 205, 211, Henrich, Dieter 1 f., 4 – 9, 14 f., 43 f.,
228, 233, 237 – 239, 249, 267 48, 67, 72, 74, 76 f., 79 – 83, 88, 106,
Flatt, Johann Friedrich 43 f., 80, 119, 128, 141, 157, 211, 220, 248,
157 – 159 251
Forberg, Friedrich Carl 47 Herbart, Johann Friedrich 87, 122
Frank, Manfred X, 23, 41, 45, 47, Heydenreich, Karl Heinrich 76
54 f., 57, 67, 74, 77 – 79, 97, 102, Hogrebe, Wolfram 60 f., 63, 126,
111, 114, 122, 130, 155 f., 224, 234, 175, 208, 211, 230 f., 255, 259
237, 243, 246, 249, 266 Hölderlin, Friedrich 1 f., 27, 43, 81,
Franz, Michael 5 f., 8, 12, 20, 156 – 126, 128 f., 132, 155 – 157, 159, 172,
160, 166 – 168, 178, 193 f. 196 f., 199 f., 205, 208 – 211, 238,
Frege, Gottlob 108, 127, 192, 199 – 258, 261
206, 250 f., 254 – 256 Homer 23, 202
Freuler, Léo 56, 58, 70 Honnefelder, Ludger 217
Gabriel, Markus 201, 203, 211 Hume, David 104 – 107, 109 – 111,
Geach, Peter 219 – 221, 265 127, 129, 141, 191, 200, 250 – 253
Georgii, Eberhard Friedrich 158, Husserl, Edmund 252
162 Jackson, Frank C. 226
Grelling, Kurt 220 Jacobi, Friedrich Heinrich 66 – 69,
Goclenius, Rodolphus 221 83, 92, 94 f., 117
Goethe, Johann Wolfgang 150, 245 Jacobs, Wilhelm C. 44, 160
Grau, Alexander 47 Jantzen, Jörg 39
Griffero, Tonino 30 Jungius, Joachim 221
Griffin, Nicholas 220 Kafka, Franz 173
Habermas, Jürgen 41 Kant, Immanuel X–XII, 6 – 26, 28 –
30, 32 – 34, 37, 39, 42 – 44, 48 – 67,
NAMENREGISTER 305

70, 73 – 75, 77, 79, 81, 83 – 89, 91 – Lombardus, Petrus 216


94, 98 f., 105 f., 111, 114 – 116, 121, Lorenz, Kuno 105 f., 250
124, 126, 134, 152, 154 – 157, 160, Luria, Isaak 30, 41
166, 185, 190, 192, 195 – 212, 216, Lyotard, Jean-François 180 f.
230, 237 – 240, 243, 246 f., 250 f., McGinn, Colin 232 f., 264
254 f., 258, 260 f., 267 McLaughlin, Peter 22
Kielmeyer, Karl Friedrich 152 Mähl, Hans-Joachim 102
Kleist, Heinrich von 144 f., 263 Maimon, Salomon 9, 74, 111 f., 114,
Knaus, Johann Christoph 157, 160 156, 161, 169 f., 206, 237
Kneale, Martha 219 Mates, Benson 161
Kneale, William 219 Matthews, Bruce 5 f., 9 f., 25, 30 f.,
Köstlin, Nathanael 30, 38, 159 39, 41 f., 56, 59, 66, 84, 103
Kranz, Walther 118 Marcion 23
Kreis, Guido 85, 134 Marx, Karl Heinrich IX, 118, 255,
Krings, Hermann 34 269
Kripke, Saul A. 200, 204 f., 225, 228 Maximilian, bis 1848 Kronprinz,
Kues, Nikolaus von 163 später als Maximilian II. Joseph
Kunz, Hans-Peter 85, 134 König von Bayern 144, 262
Laertius, Diogenes 6 Meier, Georg Friedrich 114, 160
Lambert, Johann Heinrich 177 Meinong, Alexius 201 f.
Layritz, Paul Eugen 160 Melissos von Helikarnass 118
LeBret, Johann Friedrich 43 Mendelssohn, Moses 94
Leibniz, Gottfried Wilhelm X f., Mirbach, Dagmar 114
32 f., 42, 47, 55, 60 f., 104 – 108, Mohr, Georg 58, 62, 86
110, 127, 129, 140, 148, 154 – 156, Moiso, Francesco 132
158, 161 – 165, 170, 182, 193, 195, Molière (eigentl. Jean-Baptiste Po-
197, 198, 206 – 209, 212 f., 215 – quelin) 87
219, 221, 230, 233, 248, 250 – 253, De Morgan, Augustus 219
260 – 263, 265, 268 Nagel, Thomas 232
Lenzen, Wolfgang 154, 172, 176, Neumann, Hanns-Peter 105, 159,
178 f., 187, 206 162, 193, 268
Lessing, Gotthold Ephraim 98, 162 Newton, Isaac 36, 39
Leutwein, Christian Philipp 81 Niethammer, Friedrich Imma-
Levine, Joseph 233, 264 f. nuel 4 f., 44, 76, 79 f., 87
Lewis, David 163 Nietzsche, Friedrich 87
Linné, Carl von 64
306 NAMENREGISTER

Novalis (Hardenberg, Friedrich Rülf, Friedrich 171


von) 46, 74, 93 f., 102, 129, 150, Russell, Bertrand 200 – 202, 204 f.
211 Sartre, Jean-Paul 41, 96, 100, 198 f.,
Nuchelmans, Gabriel 221 233, 241 f., 261
Oetinger, Friedrich Christoph XII, Schäfer, Gerhard 30
6 f., 21, 29 – 38, 41 f., 127 f., 146, Schäfer, Volker 30
159, 186, 188, 194 – 196, 229, 247 Schelling, Joseph Friedrich 30, 80,
Pafel, Jürgen 231 159
Pardey, Ulrich 191 f., 249, 255 f. Schelling, Karl Friedrich August 4,
Parmenides 245 f. 7, 58, 147, 157 f., 215
Pauling, Linus 106 Schenk, Günter 160 f.
Peano, Giuseppe 231 Schlegel, Friedrich 35, 95 f., 98, 102
Peirce, Charles S. 46, 105 Schleiden, Matthias Jacob 55
Pfleiderer, Christoph Friedrich 80 Schleiermacher, Friedrich 150, 161,
Philalethes 218 208
Platon XI f., 5 – 7, 11 f., 14, 18, 20 – Schlemihl, Peter 128
26, 28 – 31, 34 f., 37, 38 f., 41, 51, Schmid, Carl Christian Erhard 2,
65 f., 88, 97, 117, 120, 137, 159, 72, 74, 76 – 79, 88 f.
234, 239, 246 f., 254, 267 f. Schneider, Rudolf 30
Plotin 245 Schnurrer, Christian Friedrich 80
Ploucquet, Gottfried XI, 154 – 160, Scholem, Gershom 41
165 – 172, 174 – 180, 186 f., 192 – Schopenhauer, Arthur 87
194, 205 f., 229, 235, 256 f., 268 Schubert, Gotthilf Heinrich 39
Plutarch 217, 234, 239 Schulte, Christoph 39, 41
Pseudo-Dionysius 36 Schulthess, Daniel 218 f., 221
Putnam, Hilary W. 206 Schulze, Gottlob Ernst (siehe Aenesi-
Quine, Willard V. O. 47, 199 f., 231, demus)
250, 265 Sherwood, William of 217
Rang, Bernhard 143, 149 Sinclair, Isaak von 211
Rapp, Gottlob Christian 9 Soldati, Gianfranco 203
Reinhold, Carl Leonhard XII, 3, 6 – Spinoza, Baruch de X, 94, 104, 121,
11, 13 – 19, 42 – 45, 48 – 50, 65 – 67, 129 f., 134, 162, 183, 223 f., 245 –
69 – 79, 81 – 83, 86 – 88, 159, 162 247, 249
Rémond, Nicolas François 219 Stäbler, Walter 38 – 41
Rescher, Nicolas 53 Stamm, Marcelo 77 f.
Rosefeldt, Tobias 201 f. Storr, Gottlieb Christian 43
NAMENREGISTER 307

Strack, Friedrich 128 Weißhuhn, Friedrich August 2, 82


Stuhlmann-Laeisz, Rainer 156 Widerporst, Heinz 150
Süßkind, Friedrich Gottlieb 4, 43 Windischmann, Carl Joseph 34
Swedenborg, Emanuel 35 Wissowatius, Andreas (Wiszowaty,
Tennemann, Wilhelm Gottlob 24 Andrzey) 161 f., 268
Théry, Gabriel 217 Wittgenstein, Ludwig 105, 191 f.,
Théophile 218 249 f., 255
Thomas von Aquin 216 Wolf, Ursula 176, 178 f.
Tiedemann, Dietrich 6, 24, 66 Wolff, Christian 33, 45, 94, 110,
Troxler, Ignaz Paul Vital 118, 129, 112, 148, 154, 156, 160 f., 193, 195,
134 198, 200, 213 – 215, 221 f., 228,
Tugendhat, Ernst 176, 178 – 180, 237 f., 248, 250, 253, 261 f., 265 f.
206 f. Wolff, Michael 108, 156
Unseld, Siegfried IX Zanetti, Véronique 22 f., 25, 54 f.,
Vallicella, William F. 218 57 f., 88
Virchow, Rudolf Ludwig Karl 55 Zenon 118
Wehmeier, Kai F. 131, 249 Zumbach, Clark 28
SCH E LLI NG IANA
Quellen und Abhandlungen zur Philosophie
F.W. J. Schellings
Herausgegeben von Walter E. Ehrhardt und Jochem Hennigfeld im Auf-
trag der Internationalen Schelling-Gesellschaft. Die ›Schellingiana‹ wol-
len die Kenntnis der Schelling’schen Philosophie und ihre Erforschung
fördern. 1989 ff. Broschur. ISBN 978 3 7728 1207 1. 24 Bände lieferbar

Christopher Arnold
SCHELLINGS FRÜHE PAULUS-DEUTUNG
Eine Untersuchung zur Entwicklung von F.W.J. Schellings Schriftinter-
pretation im Zusammenhang der Tübinger Theologie seiner Studienzeit
und der hermeneutischen Theoriebildung seit der Frühaufklärung. –
Schellingiana 29. Ca. 480 S. Broschur. ISBN -2857 7. November 2018
Mit diesem Band liegt die erste systematische Untersuchung der frühen
biblisch-exegetischen Schriften aus Schellings Schul- und Tübinger Stu-
dienzeit (1787–1795) vor. Diese Schriften stellt Arnold in den Horizont
der komplexen Problemgeschichte der Spätaufklärung: Neben der gene-
rellen Herausforderung der Theologie durch die Rezeption Kants waren
im Vorfeld Grundsatzdebatten zur Authentizität und zum göttlichen Auto-
ritätsanspruch der Bibel aufgebrochen. Dabei zeigt Arnold, dass Schelling
diese Kontroversen intensiv rezipiert und zu einer eigenen hermeneuti-
schen Methodik ausgearbeitet hat. Schellings aus dieser Auseinanderset-
zung entwickelte Theorie der Schriftinterpretation, der christlichen Religion
und des Glaubensbegriffs ist gerade auch für das Verständnis seines spä-
teren geschichts- und moralphilosophischen Œuvres bedeutsam.

Christian Danz (Hrsg.)


SCHELLING IN WÜRZBURG
Mit Beiträgen von Christopher Arnold, Ulrich Barth, Christoph Binkel-
mann, Christian Danz, Georg Essen, Michael Hackl, Jan Rohls, Alexander
Schuhbach, Sebastian Schwenzfeuer, Clemens Tangerding und Paul Ziche.
– Schellingiana 27. 2017. VII, 375 S. Br. ISBN -2790 7. Lieferbar
In seiner Würzburger Zeit von 1803 bis 1806 hat Schelling mehrfach sein
›System der gesammten Philosophie und der Naturphilosophie insbeson-
dere‹ vorgetragen. Hierbei handelt es sich um die einzige Gesamtdarstel-
lung der identitätsphilosophischen Konzeption, welche sowohl Natur-
als auch Geistphilosophie umfasst. Die Beiträge des Bandes thematisieren
das Würzburger System vor seinem werk- und problemgeschichtlichen
Hintergrund sowie in seinem debattengeschichtlichen Kontext.

Xavier Tilliette
UNTERSUCHUNGEN ÜBER DIE INTELLEKTUELLE
ANSCHAUUNG VON KANT BIS HEGEL
Herausgegeben von Lisa Egloff und Katia Hay. Aus dem Französischen
übersetzt von Susanne Schaper. Mit einem Geleitwort von Volker Ger-
hardt und Wilhelm G. Jacobs. – Schellingiana 26. 2015. X, 473 S. Bro-
schur. ISBN 978 3 7728 2622 1. eBook. Lieferbar
Die Diskussion der intellektuellen Anschauung erreicht ihren Höhe-
punkt in der Zeit zwischen Kant und Hegel. Dabei verschleiert der Aus-
druck »intellektuelle Anschauung« die Mehrzahl derjenigen Begriffe,
die durch ihn bezeichnet werden. Es ist keinesfalls gleichgültig, wer die-
sen Ausdruck benutzt, oft nicht einmal, in welcher Phase seines Denkens
er ihn verwendet. Der Interpret hat sich stets erneut zu fragen, was genau
mit diesem Ausdruck gemeint ist. Die Uneindeutigkeit des Ausdrucks
gründet darin, dass die verhandelte Frage, nämlich die nach der Begrün-
dung jeglichen Wissens, zentral für die Philosophie ist und entsprechend
kontrovers beantwortet wurde. Tilliette geht der Geschichte dieser Frage,
die um 1800 weder erstmals gestellt noch bereits abgehakt werden kann,
am Leitfaden des Ausdrucks nach und stellt sie historisch philosophie-
rend mit französischem Charme dar.

Paul Ziche / Gian Franco Frigo (Hrsg.)


»DIE BESSERE RICHTUNG DER WISSENSCHAFTEN«
Schellings ›Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums‹
als Wissenschafts- und Universitätsprogramm. – Schellingiana 25. 2011.
VII, 431 S. Broschur. ISBN 978 3 7728 2598 9. Lieferbar
Die Reorganisation des Wissenschaftssystems ist Kant und den Idealisten
ein zentrales Anliegen. In seinen Vorlesungen über die Methode des akade-
mischen Studiums von 1802/03 entwickelt Schelling eine besonders in-
teressante Form der Wissenschaftsreflexion. Ausgehend von der universi-
tären Praxis diskutiert er die seinerzeit gelehrten Wissenschaftsgebiete
und zeigt, wie sein eigener Wissenschaftsbegriff die Brücke schlägt zur aka-
demischen Realität. Resultat ist ein Wissenschaftsprogramm, das zugleich
praxisnah und revolutionär ist. Der Band kommentiert in internationalen
Beiträgen Schellings ›Vorlesungen‹ philosophisch und wissenschaftshi-
storisch und zeigt die Aktualität von Schellings Ansatz im Kontext gegen-
wärtiger Universitätsdebatten auf. – Mit Beiträgen von F. Abbri, C. Danz,
P. Del Negro, G. F. Frigo, K. Köchy, K. Leonhard, J. Nida-Rümelin, H. J.
Sandkühler, W. R. Shea, J. A. Steiger, H. Zedelmaier, P. Ziche u. G. Zöller.

Lore Hühn (Hrsg.)


SCHOPENHAUER LIEST SCHELLING
Arthurs Schopenhauers handschriftlich kommentiertes Handexemplar
von F. W. J. Schelling: ›Philosophische Untersuchung über das Wesen
der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegen-
stände‹. – Lektüren F.W. J. Schellings II. Unter Mitarbeit von Sebastian
Schwenzfeuer. – Schellingiana 23. Ca. 210 S., ca. 120 Abb. Broschur.
ISBN 978 3 7728 2465 4. 1. Halbjahr 2019

Lore Hühn / Jörg Jantzen (Hrsg.)


HEIDEGGERS SCHELLING-SEMINAR (1927/28)
Die Protokolle von Martin Heideggers Seminar zu Schellings ›Freiheits-
schrift‹ (1927/28) und die Akten des Internationalen Schelling-Tags
2006. – Lektüren F. W. J. Schellings I. Unter Mitarbeit von Philipp Schwab
und Sebastian Schwenzfeuer. – Schellingiana 22. 2011. VIII, 481 S., 3 Abb.
Broschur. ISBN 978 3 7728 2464 7. Lieferbar
Dieser Band enthält die wichtigsten Dokumente von Martin Heideggers
Marburger Auseinandersetzung mit F. W. J. Schelling. Die Protokolle
eines Seminars, das Heidegger zu Schellings ›Freiheitsschrift‹ im WS
1927/28 gehalten hat, stammen aus der Feder seiner Marburger Schüler
Walter Bröcker, Gerhard Krüger, Käte Oltmanns, Hans Jonas u.a. Dieses
Protokollheft wird erstmals der Forschung zugänglich gemacht.

Paul Ziche / Petr Rezvykh


SYGKEPLERIAZEIN – SCHELLING UND DIE
KEPLER-REZEPTION IM 19. JAHRHUNDERT
Unter Mitwirkung von Daniel A. DiLiscia. – Schellingiana 21. 2013.
299 S., 6 Abb. Br. ISBN 978 3 7728 2441 8. eBook. Lieferbar
Johannes Kepler spielte als genialer Entdecker von Naturgesetzen eine
zentrale Rolle in der frühen Naturphilosophie Schellings und Hegels;
die Romantik feierte ihn als Prototypen des Genies schlechthin. Um
1840 setzt sich Schelling in einem stark veränderten Kontext für die
erste Gesamtausgabe der Werke Keplers ein: Die Naturphilosophie wird
nun vom Empirismus und Induktivismus scharf kritisiert. Neu entdeckte
Dokumente belegen, wie man dennoch auf Kepler zurückgriff und wel-
che Rolle Schelling dabei spielte; gezeigt wird, dass sich idealistische
und nach-idealistische Philosophieauffassungen also nicht ausschließen,
sondern dass die von Idealisten und Romantikern betonte Genialität
Keplers, etwa seine Phantasie und Intuition, zu Kennzeichen wissen-
schaftlicher Methode umgedeutet werden können.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling


EINLEITUNG IN DIE PHILOSOPHIE
Herausgegeben von Walter E. Ehrhardt. – Schellingiana 1. XIII, 153 S.
Gebunden. ISBN 978 3 7728 1208 8. Lieferbar
In seinen Münchener Vorlesungen des Sommersemesters 1830 hat Schel-
ling selbst eine Einleitung in seine Philosophie vorgetragen – wohl einen
Königsweg: Maximilian II. von Bayern, von dem sich Schelling stets
verstanden fühlte, urteilte, der vorgelegte Text sei als Basis von Schel-
lings gesamter Philosophie zu betrachten.

frommann-holzboog
Nie ist genau erklärt worden, was Schelling unter »Iden-
tität von Natur und Geist« verstand. Dabei hat er sein
reifes Denken »Identitätssystem« genannt und sich zeit-
lebens um kein zweites Problem begrifflich ähnliche
Mühe gegeben. Schelling hat seinen Kerngedanken in ein-
zelne entscheidende Argumente versteckt, die, wären sie
bekannt, sein gesamtes Denken durchsichtiger machen
würden. Der vorliegende Band deckt neben diesen werk-
immanenten Forschungslücken auch wichtige Quellen
für Schellings Entwicklung einer differenzsensitiven
Identitätsform auf, die er selbst kunstvoll verborgen hat.
Es sind erstens die Identitätstheorie der Prädikation von
Ploucquet, zweitens die logische Figur der »reduplicatio«,
die einen identischen Gegenstand mithilfe des Begriffs-
wörtchens »als« in zwei Aspekte zerlegt. Damit lässt sich
die Schelling’sche Formel von der Identität der Identität
und Differenz dem gesunden Menschenverstand vermit-
teln und Schellings »aufrichtiger Jugendgedanke« (Marx)
aktualisieren. Er schneidet respektabel ab im Wettbewerb
mit allerlei heutigen Leib-Seele-Identitätstheorien.

ISBN 978 3 7728 2841 6