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Die Physiker ( 1962 ) ~ Friedrich Dürrenmatt

Friedrich Dürrenmatt schrieb sein Stück „Die Physiker“ in den weltweiten


und anhaltdenden Auseinandersetzung um die Zukunft der Menschheit angesichts
der von ihr entwickelten Mittel, mit denen sie sich selbst vernichten kann. „Die
Pysiker“ wurden am 21. Februar 1962 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt und
sind inzwischen zu einem Welterfolg geworden.
Die große Bühnenwirksamkeit der Physiker läßt sich einerseits aus dem
aktuellen Stoff erklären – der heute immer bedrohlicher werden – den Gefahr der
Kernwaffen und Kernkraftwerke. Andererseits hat die Literatursoziologie ermittelt,
dass das groteske Theater – und die Physiker sind eine groteske Komödie – auf das
deutsche Publikum gerade in den Jahren eine große Anziehungskraft ausübte, als
die westliche Öffentlichkeit die Schuldgefühle und Selbstanklagen, die durch den
zweiten Weltkrieg enstanden waren, zu verdrängen versuchte, um an ihrer Statt
den Glauben an das „Wirtschaftswunder“ und den Konsum-Optimismus zu setzen.

 Die groteske Komödie


Dürrenmatt nennt seine Physiker eine Komödie in zwei Akten. Aber die groteske
Komödie erzeugt zugleich Lachen und Schaudern. Lachen, weil sie – wie in der
Komödie – Anmaßungen des gewöhnlichen, alltäglichen Lebens bloßstellt, und
Schaudern, weil sie diese „normale“ Realität ins ausweglos Unhelmliche verzerrt.
So ist die groteske Komödie eine Zwittergattung zwischen Tragödie und Komödie.
Sie konzentriert sich auf die Widersprüche in der Wirklichkeit, die sie grell und
komischüberspitzt zeichnet.

 Das Paradoxe
Das Groteke beruht bei Dürrenmatt auf dem Paradoxem. Das Paradoxe ist eine
logische Kategorie. Es ist eine scheinbar widersprüchliche Behauptung, die
Vereinigung gegensätzlicher Aussagen, die sich aber bei näherer Betrachtung als
richtig erweist.

 Thema, klassisches Modell


Das aktuelle Problem, das Brecht in seinem „Leben des Galilei“ in historischem
Gewand dramatisiert hatte – die gesellschaftliche Verantwortung des
Wissenschaftlers – gestaltet Dürrenmatt in den „Physikern“ in modernen Milleu.
Der Aufbau des Dramas ist nach Dürrenmatts ironischer Aussage streng klassisch (
einer Handlung, die unter Verrückten spielt, kommt nur die klassische Form bei ).
Brecht verwendete die zum Geschehen Distanz schaffende Szenenfolge und
Dürrnmatt scheinbar das Modell der aristotelischen Tragödie: die Einheit des Ortes
und der Zeit bleibt gewahrt. Die Handlung spielt sich nur im Salon der „Villa“ ab.
Die „Villa“ ist der ältere Gebäudeteil der privaten Irrenanstalt „Les Cerisiers“, in
dem nur drei Patienten, alle drei Physiker, untergebracht sind. Das Sanatorium hat
das bucklige Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd – der, wie sie selbst beteuert,
letzte normal zu nennende Sproß eines degenerierten Adelgeschlechts – mit den
Geldern ihrer reichen Patienten aufgebaut. Das dramatische Geschehen findet am
Nachmittag und Abend desselben Tages statt.

 Die Situationskomödie: Spannung, Personen mit


wechselnder Identität, überraschende Auftritte
Auf dieses klassische Gerüst baut Dürrenmatt eine Situationskomödie. Das
Wesen der Situationskomödie besteht darin, dass der dramatische Konflikt nicht
zwischen Pflicht und Neigung ausgetragen wird oder zwischen Gut und Böse.
Spannung ensteht nicht durch das Handeln der Personnen, sondern durch
verblüffende Situationen, durch die schlaue Irreführung des Publikums. Nicht das
Schicksal, sondern Mißgeschick und Zufall bestimmten das Geschehen. Auf die
Identität der Personen ist kein Verlaß. Sie sind psychologisch wenig motiviert und
entpuppen sich als immer andere Typen, als man gerade angenommen hat. Die
Situationskomödie erfordert einen Schauplatz mit vielen Türen, die überraschende
Auftritte im passenden oder unpassenden Augenblick ermöglichen.
 Der erste Akt: drei Morde im Irrenhaus
Das Geschehen beginnt wie ein Krimi. Es sei hier daran erinnert, dass
Dürrenmatt auch Kriminalromane geschrieben hat und ein Meister dieses Genres
ist. Eine Leiche liegt zu Beginn des ersten Aktes auf der Bühne: der vor zwei Jahren
internierte Physiker Ernst Heinrich Hernesti , der sich für Albert Einstein hält, hat
soeben seine Krankenschwester – eine Meisterin in Judo! – mit der Schnur der
Stehlampe erdrosselt. An einen weiteren Mord, der vor drei Monaten
stattgefunden hat, wird erinnert: der vor einem Jahr internierte Patient Herbert
Georg Beutler, der sich für den großen Physiker Newton h+lt, hat ebenfalls seine
Krankenschwester erdrosselt – eine Ringerin! Der erste Akt schließt mit einem
dritten Mord nach demselben Muster: der dritte in der „Villa“ untergebrachte
Patient, der Physiker Johann Wilhelm Möbius, der sich schon 15 Jahre in der Anstalt
aufhält, erdrosselt mit der Vorhangkordel seine Krankenschwester Monika.

 Groteske Kontraste: die Kriminalpolizei im Irrenhaus


Um dieses makabre Geschehen spinnt sich eine komödienhafte Handlung. Die
Kriminalbeamten, die sich am Anfang des ersten Aktes um die Leiche bemühen,
beschreibt Dürrenmatt in einer einleitenden Glosse zu den „Physikern“ als
seelenruhige, gemütliche Burschen, die schon ihre Portion Weißwein konsumiert
haben und danach riechen – das kontrastiert zum gräßlichen Vorgeschehen und
muss lächerlich wirken, kann aber doch kein befreites Lachen erzeugen, weil
Krankheit und Tod auf die Situation dunkle Schatten werfen. Das Dargestellte wirkt
also nicht komisch, sondern grotesk. Die grotesken Situationen reihen sich
aneinander. Kriminalinspektor Richard Voß streitet mit Oberschwester Marta Boll
um die Terminologie der Bestandsaufnahme: Voß verlangt den Mörder zu sehen,
die Oberschwester beharrt auf dem Wort Täter. Er verlangt Aufschluß über den
Mord. Sie weist ihn zurecht: im Fälle eines Gesitesgestörten könne er sich nur um
einen Unglücksfall handeln. Der Inspektor wird nervös, er will sich eine Zigarre
anzünden, wird aber daran erinnert, dass im Salon nur die Patienten rauchen
dürfen. Schließlich will er den Mörder sehen, darf aber nicht, weil sich Einstein
beruhigen muss: er geigt (die Kreutzsonate von Beethoven! ), und das Fräulein
Doktor muss ihn auf dem Klavier begleiten (ähnlich wie vor drei Monaten, als sie
mit Newton Schach spielen musste).
 Ein groteskes Gespräch, ein paradoxer Vergleich
Die schrecklichen Ereignisse erscheinen wie in einem Zerrspiegel. Während der
Inspektor auf die klavierspielende Chefärztin wartet, entspinnt sich ein witziger
Dialog zwischen ihm und dem Patienten, der sich angeblich für Newton hält.
(Während des Gesprächs muss der Inspektor mit ansehen, wie Netwon raucht und
sogar Kognak trinkt.) Der Patient bekennt, dass er nicht verrückt sei und sich nur
für Newton ausgebe, um den Patienten Einstein nicht zu irritieren. In Wirklichkeit
sei er selbst – Einstein, der Begründer der Relativitätstheorie, mit der er die
Atombombe ermüglicht habe. Der Inspektor ist perplex. In diesem amüsanten
Gespräch, bei dem sich ein Mörder un ein Kriminalinspektor vertraulich beim
Vornamen anreded und der verdatterte Kriminalist eine komische Figur abgibt – in
diesem Gespräch wird das dramatische Thema zum erstenmal, noch komödantisch
verdeckt, angeklungen. Newton erklärt dem Inspektor, dass die Wissenschaftler
Theorien entwickeln, welche von den Technikern angewandt werden: So kann sich
jeder Laie z.B. der Elektrizität bedienen , ohne von ihrem Wesen etwas verstehen
zu müssen: „So vermag heute jeder Esel eine Glühbirne zum Leuchten zu bringen
oder eine Atombombe zur Explosion.“

 Möbius und der König Salomo


Gegen Ende des ersten Aktes rückt die Gestalt des dritten Patienten, des
Physikers Johann Wilhelm Möbius, in den Vordergrund des Geschehens. Mit dem
„Fall“ Möbius ändert die anfängliche Kriminalstorz ihren Sinn. Möbius leidet unter
der Wahnvorstellung, dass ihm der biblische König Salomo erscheine, der ihm
angeblich physikalische Formeln diktierte und ihm alle Geheimnisse der Natur, das
System aller Dinge, die Weltformel offenbart habe.

 Die Abschiedsszene
Über diesen seinen Tick erfahren wir Näheres aus der sentimental-komischen
Szene, in der seine Frau von ihrem Johann Wilhelmlein endgültig Abdschied
nehemen kommt: mit ihren drei halbwüchsigen Söhnen aus erster Ehe und ihrem
neuen Mann, dem verwitweten Missionar Rose – selbst Vater von sechs Buben –
will sie nach den Marianen auswandern. Die Szene mit dem brav-biederen
Missionar, der sentimentalen Ehefrau und den Flöte spielenden Jungen ist voller
knalliger Theatereffeckte. Diese in ihren Mitteln nicht sehr wählerische Komik
legitimiert sich eigentlich nur als Kontrast zu dem nun folgenden
Verzweiflungsausbruch Möbius´. Im ungestüpelten Tisch wie in einem Raumschiff
sitzend, deklamiert er einen neuen Salomo-Psalm, den Weltraumfahren zu singen,
eine Vision vom schrecklichen Ende der Menschheit, die sich selbst vernichtet hat:
die Menschen kreisen als fratzenhafte Mumien in einem radioaktiv verseuchten
Weltall. Es ist die verzweifelte Erkenntnis, dass die wissenschaftliche Forschung, die
Möbius bis zu den letztmöglichen Resultaten gebracht hat, für die Menschheit
schrekliche Folgen haben könne. Möbius jagt mit wilden Flüchen seine Familie fort.

 Die Ermordungsszene
Schwester Monika bringt den Rasenden zur Vernunft. „Sie verstellen sich“ , sagt
sie ihm offen. Möbius, durchschaut gibt beschämt zu, einen Wahnsinnsanfall
vorgetäuscht zu haben. Monika offenbart nun Möbius ihre Liebe, sie hält ihn nicht
für verrückt, glaubt ihm, dass ihm Salomo erscheint und ihm physikalische Formeln
diktiert. Sie will ihn aus dem Irrenhaus retten, der Wahrheit ans Licht verhelfen,
trotz der Warnung: „Es ist tödlich, an den König Salomo zu glauben.“ Möbius
gesteht ihr, sie auch zu lieben, warnt sie aber gleichzeitig: „Darum sind Sie in
Gefahr.“ Einstein geistert über die Bühne und erinnert Monika an den Tod der
Schwester Irene. Aber Monika bleibt unbeirrbar, sie will Möbius heiraten. Möbius
gibt immer einsilbiger Antwort, zieht sie dann zum Fenster und erdrosselt sie mit
der Vorhangschnur: eine plötzliche, beinahe unglaubwürdige Wendung des
Geschehens. Die Gemüter haben sich nicht einmal erhitzt, der Dialog ist karg und
trocken, dem lapidaren Sprachstil des ganzen Dramas entsprechend, fast zur
Formelhaftigkeit komprimiert.

 Groteske Enthüllungen: Umdeutung der Geschehenisse,


Umschwung der Handlung
Das dramatische Geschehen ist mit Möbius´ Tat nicht abgeschlossen, die beiden
Irren Einstein und Newton, die bishernur mehr oder weniger vom kriminalistischen
Standpunkt interessierten, haben ihre Rolle noch nicht ausgespielt, die Geschichte
ist noch nicht zu Ende gedacht. Denn „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht,
wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“ heißt es im dritten der
21 Punkte zu den Physikern, in denen Dürrenmatt seine Dramentheorie –
angewandt auf die Physiker – in Form von Lehrsätzen formuliert hat.
Die erste Szene des zweiten Aktes gestaltet eine Parallelsituation zur
Eingangsszene, doch mit umgekehrten Vorzeichen: Im Salon ist die Kriminalpolizei
wieder mit der Bestandsaufnahme eines Mordes beschäftigt. Doch nun beharrt die
Chefärztin auf Mord und Mörder und der Kriminalinspektor auf Unglücksfall und
Täter. Es wird dem Inspektor gleich Schnaps und Zigarre angeboten, er lehnt ab.
Die Chefärztin ist nervös, der Inspektor ruhig. Er will den Täter nicht mehr
vernehmen.
Im weiteren Verlauf der Handlung werden Enthüllungen gemacht, die zu einer
Umdeutung der bisherigen Vorkommnisse führen und einen (ersten) Umschwung
der Handlung bewirken. Bei dem Nachtmal, das von den neuen Wärtern –
ehemaligen Boxprofis – serviert wird, gesteht Newton – Gang um Gang
verschlingend – Möbius, dass auch er nur den Verrückten gespielt habe, um ihn,
Möbius, ausspionieren zu können. Er sei in Wirklichkeit der Physiker Kilton und
gehöre dem Geheimdienst eines fremden Landes an, der Möbius, den größten
Physiker aller Zeiten, in seinen Dienst nehmen wolle. Einstein, der das Gespräch
belauscht hat, mischt sich ein und gesteht seinerseits, dass auch er nicht verrückt
sei, dass er Eisler heiße (auch er ist ein Physiker von Rang ) und auch von einem
Geheimdienst beauftragt sei, Möbius zu engagieren. Nachdem die beiden Agenten
entgegengesetzter politischer Systeme sich vergeblich mit der Pistole befrohen –
das Muster des Krimis wird in diesem grimmigen Spaß wieder angeklungen – setzen
sich alle drei zum friedlichen Mahl, doch spottet Einstein: „Die reinste
Henkersmahlzeit.“ Tatsächlich verschließen und vergittern die Wärter zur Nacht all
Ausgänge.

 Möbius vernichtet aus Verantwortungsbewußtsein seine


Manuskripte
Die Physiker sind im Irrenhaus gefangen. Kilton und Eisler wollen fliehen und
Möbius – oder zumindest seine Manuskripte ( er mag der wichtigste Mann der Welt
sein, seine Manuskripte sind wichtiger ) – in die Freiheit retten. Da gesteht Möbius,
der trotz seiner Einsicht in die Manipullierbarkeit seiner Forschungsergebnisse im
Irrenhaus weitergearbeitet hat, er habe seine Manuskripte verbrannt. Die
komödiantische Farce schlägt scheinbar in ein ernstes Drama um: Möbius hat
gemordet und seine Manuskripte vernichtet. Er zieht es vor, als Mörder und Irrer
in der Anstalt zu bleiben, als mit seiner Weltformel in der Freiheit den Untergang
der Menschheit zu ermöglichen. Der Fortschritt der Wissenschaft, der eine
Vorasusetzung für den Fortschritt der menschlichen Zivilisation ist, schlägt nach
Möbius´ Erkenntnis ins grauenhafte Gegenteil um: Er führt zur Vernichtung der
Menschheit. Für so schrecklich hält Möbius die praktischen Folgen der
Wissenschaft in einer Welt, die mit dem wissenschaftlichen Fortschritt moralisch
nicht Schritt gehalten hat.

 Gibt es die wissenschaftliche Freiheit?


Newton-Kilton vertritt die wissenschaftliche Freiheit ohne Verantwortung: „Es
geht um die Freiheit unserer Wissenschaft und um nichts weiter. Wer diese Freiheit
garantiert, ist gleichgültig. Ich diene jedem System, läßt mich das Sxstem in Ruhe.“
Einstein-Eisler bejaht die Verantwortung des Wissenschaftlers. Aber die
Verantwortung geht in seinen Augen nur so weit, als der Wissenschaftler sich die
Machtpolitiker auswählen soll, zu deren Gunsten er arbeitet. Über die Anwendung
der Wissenschaft dürfen – seiner Meinung nach – die Politiker entscheiden. Kilton
und Eisler, die ihre Krankenschwestern ohne moralische Gründe ermordeten (sir
räumten sie aus dem Weg, weil die Schwestern sie durchschaut hatten und somit
ihre Interessen gefährdeten), sind sprechende Beispiele für Möbius´ erkenntnis:
„Wir sind wilde Tiere. Man darf uns nicht auf die Menschheit loslassen. In der
Freiheit sind unsere Gedanken Sprenstoff.“ Deshalb fordert er sich und seinen
Physiker-Kollegen, in der Anstalt zu bleiben.

 Als Akt der Verantwortung forder Möbius von den


Wissenschaftlern die Zurücknahme ihres Wissens
Das einzige, was einem verantwortungsbewußten Wissenschaftler zu tun
übrigbleibt, ist seine Isolation und die Zurücknahme des Wissens. Die Vernunft, auf
die sich Möbius beruft, fordert vom Wissenschaftler paradoxerweise das Einstellen
der Forschung. Möbius stellt sich und seine Physiker-Kollegen vor die Alternative:
entweder keine Wissenschaftler und Menschen oder Wissenschaftler und Mörder
zu sein. Es gelingt ihm, Kilton und Eisler von der Notwendigkeit zu überzeugen, mit
ihm im Irrenhaus zu bleiben. In der Form eines paradoxen Terzettes bekunden sie
ihre resignierende Solidarität:
Newton: Verrückt, aber weise.
Einstein: Gefangen, aber frei.
Möbius: Physiker, aber unschuldig.

 Scheinbarer Sieg des Guten


Die Szene ist voll von feierlichem Pathos, trotz Irrenhaus-Szenerie, trotz
kulinarischer Untermalung und Revolverspiel. Aber ist sie auch so ernst gemeint,
wie sie den Anschein erweckt? Das welanschauliche Duell der drei Physiker endet
zu plötzlich und – von den Gestalten Eisler und Kilton her unmotiviert – in
Versöhnung und Einsicht. Ist das die „positive Botschaft“ des Dramas? Ein naiver
Zuschauer muss es glauben, ein versierter hingegen muss enttäuscht sein, dass sich
alles so konfliktlos zum Guten gewendet hat. Dürrenmett täuscht beide: Es geht
ihm nur darum, die Physiker in eine maximale Fallhöhe zu bringen, damit die nun
folgenden Enthüllungen die Sinnlosigkeit ihres Opfers und ihre Ohnmacht um so
krasser ercheinen lassen.

 Das Geheimnis der Zahnd


Die Zahnd bricht in die Szene ein. Sie hat das nächtliche Gespräch belauscht und
verkündet, dass sie alles wisse, das sie alle Gespräche der Physiker habe abhören
lassen, dass sie Kiltons un Eislers Geheimsender entdeckt habe und dass sie die
Krankenschwestern auf die Physiker gehetzt habe, damit sie einen Mord auf sich
lüden und dadurch unschädlich gemacht würden. Sie hat Möbius´ Manuskripte
fotkopiert und durch Gründung von Fabriken und Trusts seine Erkenntnisse
ausgewertet und das Weltunternehmen gestartet. Die drei Physiker sind ihr für
immer ausgeliefert, sie werden von den Angestellten ihrer Werkpolizei, als welche
sich die Pfleger entpuppen, im Irrenhaus wie im Gefängnis gehalten, damit das
Wissensmonopol gewahrt bleibt.
 Die Vergeblichkeit der Aufopferung
Die Zahnd hat Möbius´ wissenschaftliche Erkenntnisse an sich gerissen und
mißbraucht, obwohl oder gerade weil sie nichts von der Physik versteht. In einer
grandlösen, schwülstigen Tirade gibt die Ärztin ihrem Machtrausch Ausdruck. Die
Physiker verzweifeln: „Die Welt ist in die Hände einer verrückten Irrenärztin
gefallen.“ Mit glänzender Logik argumentiert die Zahnd die Vergeblichkeit der
Zurücknahme: „Alles Denkbare wird einmal gedacht.“ Dem entspricht Möbius´
bittere Einsicht: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen
werden.“ Damit erkennt Möbius die Vergeblichkeit einer einseitigen, nur vom
Wissenschaftler übernommenen Verantwortung.

 Der fatalistische Schluß und seine Deutung


Mit dem Machtrausch der Weltundernehmerin Zahnd, dem Versagen der
Physiker und Möbius´ Schlußworten, die eine Schreckenvision der sinnlos
kreisenden, radioaktiven Erde zeichnen, hat Dürrenmatt „die Geschichte zu Ende
gedacht“.
Vieles bleibt dabei ungeklärt bzw. Unbegründet. Auch die Enthüllungen der
Zahnd sind nicht recht plausibel: Hatte die Chefärztin es nötig, sich auf das
gefährliche Spiel mit der Polizei einzulassen, hatten sie die wehrlosen Physiker nicht
sowieso in der Hand, warum hat sie die beiden Agenten überhaupt an Möbius
herangelassen?
Dürrenmatt konzentriert seine Handlung offensichtlich auf eindeutige –
groteske – Widersprüche, die Fabel (=Inhalt) läuft geradlinig auf einen Punkt zu. Er
will nicht durch Argumente überzeugen, sondern durch Theatralik überraschen. So
muss der Trumph der Irrenärztin absolut sein. Damit verwehrt er dem Zuschauer
jede Hoffnung, er verbaut jeden Weg zur Lösung des Konflikts. Das entspricht der
Erkenntnis Dürrenmatts, dass im Atomzeitalter die Dramatik keine
Verhaltensmodelle postulieren kann. Die Entscheidung in großen Fragen der
Menschheit liegt nicht bei einzelnen, sondern ist in dem unüberschaubaren
politisch-ökonomisch-individuellen Systemgeflecht der modernen Welt
weitgehend dem Zufall überlassen.
In diesem Sinne is Dürrenmatt weniger optimistisch als Brecht, der sich vom
Drama Impulse zur gesellschaftlichen Aktion erhoffte. Im 21. Punkt zu den
Physikern heißt es: „Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der
Wirklichkeit auszusetzen, aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu
bewältigen.“ Der Dramatiker kann so wenig wie der Physiker die Entwicklung der
Menschheit beeinflussen oder gar verantworten. Denn: „Was alle angeht, können
nur alle lösen.“ (17.Punkt)

 Textbeispiel: „Die Physiker“ – II Akt


MÖBIUS: Es gibt Risiken, die man nie eingehen darf: Der Untergang der Menschheit
ist ein solches. Was die Welt mit den Waffen anrichtet, die sie schon besitzt, wissen
wir, was sie mit jenen anrichten würde, die ich ermögliche, können wir uns denken.
Dieser Einsicht habe ich mein Handeln untergeordnet. Ich war arm. Ich besaß eine
Frau und drei Kinder. Auf der Universität winkte Ruhm, in der Industrie Geld. Beide
Wege waren zu gefährlich. Ich hätte meine Arbeiten veröffentlichen müssen, der
Umsturz unserer Wissenschaft und das Zusammenbrechen des wirtshaftlichen
Gefüges wären die Folgen gewesen. Die Verantwortung zwang mir einen anderen
Weg auf. Ich ließ meine akademische Karriere fahren, die Industrie fallen und
überließ meine Famiie ihrem Schicksal. Ich wählte die Narrenkappe. Ich gab vor,
der König Salomo erscheine mir, und schon sperrte man mich in ein Irrenhaus.
NEWTON: Das war doch keine Lösung!
MÖBIUS: Die Vernunft forderte diesen Schritt. Wir sind in unserer Wissenschaft an
die Grenzen des Erkennbaren gestoßen. Wir wissen einige genau erfassbare
Gesetze, einige Grundbeziehungen zwischen unbegreiflichen Erscheinungen, das
ist alles, der gewaltige Rest bleibt Geheimnis, dem Verstande unzugänglich. Wir
haben das Ende unseres Weges erreicht. Aber die Menschheit ist noch nicht so
weit. Wir haben uns vorgekämpft, nun folgt uns niemand nach, wir sind ins Leere
gestoßen. Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung
gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich. Es gibt für uns Physiker nur noch die
Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen. Sie geht an uns
zugrunde. Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es
zurückgenommen. Es gibt keine andere Lösung, auch für euch nicht.
EINSTEIN: Was wollen Sie damit sagen?
MÖBIUS: Ihr müsst bei mir im Irrenhaus bleiben
NEWTON: Wir?
MÖBIUS: Ihr beide.
Schweigen.
NEWTON: Möbius! Sie können von uns doch nicht nerlangen, dass wir ewig –
MÖBIUS: Ihr besitzt Geheimsender?
EINSTEIN: Na und?
MÖBIUS: Ihr benachrightigt eure Auftraggeber. Ihr hättet euch geirrt. Ich sei
wirklich verrückt.
EINSTEIN: Dann sitzen wir hier lebenslänglich. Gescheiterten Spionen kräht kein
Hahn mehr nach.
MÖBIUS: Meine einzige Chance, doch noch unentdeckt zu bleiben. Nur im
Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der
Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.
NEWTON: Wir sind doch schließlich nicht verrückt.
MÖBIUS: Aber Mörder.
Sie starren ihn verblüfft an.
NEWTON: Ich protestiere!
EINSTEIN: Das hätten Sie nicht sagen dürfen, Möbius!
MÖBIUS: Wer tötet, ist ein Mörder, und wir haben getötet. Jeder von uns hatte
einen Auftrag, der ihn in diese Anstalt führte. Jeder von uns tötete seine
Krankenschwester für einen bestimmten Zweck. Ihr, um eure geheime Mission
nicht zu gefährden, ich, weil Schwester Monika an mich glaubte. So hielt mich für
ein verkanntes Genie. Sie begriff nicht, dass es heute die Pflicht eines Genies ist,
verkannt zu bleiben. Töten ist etwas Schreckliches. Ich habe getötet, damit nicht
ein noch schreckliches Morden anhebe. Nun seid ihr gekommen. Euch kann ich
nicht beseitigen, aber vielleicht überzeugen? Sollen unsere Morde sinnlos werden?
Entweder haben wir geopfert oder gemordet. Entweder bleiben wir im Irrenhaus,
oder die Welt wird eines. Entweder löschen wir uns im Gedächtnis der Menschen
aus, oder die Menschheit erlischt.
Schweigen
NEWTON: Möbius!
MÖBIUS: Kilton?
NEWTON: Diese Anstalt. Diese schrecklichen Pfleger. Diese bucklige Ärztin!
MÖBIUS: Nun?
EINSTEIN: Man sperrt uns ein wie wilde Tiere!
MÖBIUS: Wir sind wilde Tiere. Man darf uns nicht auf die Menschheit loslassen.
Schweigen
EINSTEIN: Johann Wilhelm Möbius. Ich bin ein anständiger Mensch. Ich bleibe.
Schweigen
NEWTON: Ich bleibe auch. Für immer.
Schweigen
MÖBIUS: Ich danke euch. Um der kleinen Chance willen, die nun die Welt doch
noch besitzt, davonzukommen.
Er hebt sein Glas.
MÖBIUS: Auf unsere Krankenschwestern!
Sie haben sich feierlich erhoben.
NEWTON: Ich trinke auf Dorothea Moser.
DIE BEIDEN ANDEREN: Auf Schwester Dorothea!
NEWTON: Dorothea! Ich musste dich opfern. Ich gab dir den Tod für deine Liebe!
Nun will ich mich deiner würdig erweisen.
EINSTEIN: Ich trinke auf Irene Staub!
DIE BEIDEN ANDEREN: Auf Schwester Irene!
EINSTEIN: Irene! Ich musste dich opfern. Deine Liebe segne die Freundschaft, die
wir drei Physiker in deinem Namen geschlossen haben. Gib uns die Kraft, als Narren
das Geheimnis unserer Wissenschaft treu zu bewahren.
Sie trinken, stellen die Gläser auf den Tisch.
NEWTON: Verwandeln wir uns wieder in Verrückte. Geistern wir als Newton daher.
EINSTEIN: Fiedeln wir wieder Kreisler und Beethoven.
MÖBIUS: Lassen wir wieder Salomo erscheinen.
NEWTON: Verrückt, aber weise.
EINSTEIN: Gefangen, aber frei.
MÖBIUS: Physikr, aber unschuldig.
....................................................................................................................................
FRL. DOKTOR: Ihr Gespräch, meine Herren, ist abgehört worden; ich hatte schon
längst Verdacht geschäpft. Holt Kiltons und Eislers Geheimsender, McArthur und
Murillo.
OBERPFLEGER: Die Hände hinter den Nacken, ihr drei!
Möbius, Einstein und Newton legen die Hände hinter den Nacken, McArthur und
Murillo gehen in Zimmer 2 und 3.
NEWTON: Drollig!
Er lacht. Allein. Gespenstig.
EINSTEIN: Ich weiß nicht –
NEWTON: Ulkig!
Lacht wieder. Verstummt. McArthur und Murillo kommen mit den Geheimsendern
zurück.
OBERPFLEGER: Hände runter!
Die Physiker gehorchen. Schweigen.
FRL. DOKTOR: Die Scheinwerfer, Sievers.
OBERPFLEGER: O.K. Boss.
Er hebt die Hand. Von außen tauchen Scheinwerfer die Physiker in ein blendendes
Licht. Gleichzeitig hat Sievers innen das Licht ausgelöscht.
FRL. DOKTOR: Die Villa ist von Wärtern umstellt. Ein Fluchtversuch ist sinnlos.
Zu den Pflegern.
FRL. DOKTOR: Raus, ihr drei!
Die drei Pfleger verlassen den Raum, tragen die Waffen und Geräte hinaus.
Schweigen.
FRL. DOKTOR: Nur ihr sollt mein Geheimnis wissen. Ihr allein von den Menschen.
Weil es keine Rolle mehr spielt, wenn ihr es wißt.
Schweigen.
FRL. DOKTOR, feierlich: Auch mir ist der goldene König Salomo erchienen.
Die drei starren sie verblüfft an.
MÖBIUS: Salomo?
FRL. DOKTOR: All die Jahre.
Newton lacht leise auf.
FRL. DOKTOR, unbeirrbar: Zuerst in meinem Arbeitszimmer. An einem
Sommerabend. Draußen schien noch die Sonne, und im Park hämmerte ein Specht,
als auf einmal der goldene König heranschwebte. Wie ein gewaltiger Engel.
EINSTEIN: Sie ist wahnsinnig geworden.
FRL. DOKTOR: Sein Blich ruhte auf mir. Seine Lippen öffneten sich. Er begann mit
seiner Magd zu reden. Er war von den Toten auferstanden, er wollte die Macht
wieder übernehmen, die ihm einst hienieden gehörte, er hatte seine Weisheit
enthüllt, damit in seinem Namen Möbius auf Erden herrsche.
EINSTEIN: Sie muss interniert werden. Sie gehört in ein Irrenhaus.
FRL. DOKTOR: Aber Möbius verriet ihn. Er veruchte zu verschweigen, was nicht
verschwiegn werden konnte. Denn was ihm offenbart worden war, ist kein
Geheimnis. Weil es denkbar ist. Alles Denkbare wird einmal gedacht. Jetzt oder in
der Zukunft. Was Salomo gefunden hatte, kann einmal auch ein anderer finden, es
sollte die Tat des goldenen Königs bleiben, das Mittel zu seiner heiligen
Weltherrschaft, und so suchte er mich auf, seine unwürdige Dienerin.
EINSTEIN, eindringlich: Sie sind verrückt. Hören Sie, sie sind verrückt.
FRL. DOKTOR: Er befahl mir, Möbius abzusetzen und an seiner Stelle zu herrschen.
Ich gehorchte dem Befehl. Ich war Ärztin und Möbius mein Patient. Ich konnte mit
ihm tun, was ich wollte. Ich betäubte ihn, jahrelang, immer wieder, und
photokopierte die Aufzeichnungen des goldenen Königs, bis ich auch die letzten
Seiten besaß.
NEWTON: Sie sind übergeschnappt! Vollkommen! Begreifen Sie doch endlich!
(leise) Wir alle sind übergeschnappt.
FRL. DOKTOR: Ich ging behutsam vor. Ich beutete zuerst nur wenige Erfindungen
aus, das nötige Kapital anzusammeln. Dann gründete ich Riesenwerke, erstand eine
Fabrik um die andere und baute einen mächtigen Trust auf. Ich werde das System
aller möglichen Erfindungen auswerten, meine Herren.
MÖBIUS, eindringlich: Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd: Sie sind krank. Salomo
ist nicht wirklich. Er ist mir nie erschienen.
FRL. DOKTOR: Sie lügen.
MÖBIUS: Ich habe ihn nur erfunden, um meine Entdeckungen geheimzuhalten.
FRL. DOKTOR: Sie verleugnen ihn.
MÖBIUS: Nehmen Sie Vernunft an. Sehen Sie doch ein, dass Sie verrückt sind.
FRL. DOKTOR: Ebensowenig wie Sie.
MÖBIUS: Dann muss ich der Welt die Wahrheit entgegenschreien. Sie beuteten
mich all die Jahre aus. Schamlos. Sogar meine arme Frau ließen Sie noch zahlen.
FRL. DOKTOR: Sie sind machtlos, Möbius. Auch wenn Ihre Stimme in die Welt
hinausdränge, würde man Ihnen nicht glauben. Denn für die Öffentlichkeit sind Sie
nichts anderes als ein gefährlicher Verrückter. Durch Ihren Mord.
Die drei ahnen die Wahrheit.
MÖBIUS: Monika?
EINSTEIN: Irene?
NEWTON: Dorothea?
FRL. DOKTOR: Ich nahm nur eine Gelegenheit wahr. Das Wissen Salomos musste
gesichert und euer Verrat bestraft werden. Ich musste euch unschädlich machen.
Durch eure Morde. Ich hetzte die drei Krankenschwestern auf euch. Mit eurem
Handeln konnte ich rechnen. Ihe wart bestimmbar wie Automaten und habt
getötet wie Henker.
Möbius wendet sich ab.
FRL. DOKTOR: Was euch umgibt, sind nicht mehr die Mauern einer Anstalt. Dieses
Haus ist die Schatzkammer meines Trusts. Es umschließt drei Physiker, die allein
außer mir die Wahrheit wissen. Was euch in Bann hält, sind keine Irrenwärter:
Sievers ist der Chef meiner Werkpolizei. Ihr seid in euer eigenes Gefängnis
geflüchtet. Salomo hat durch euch gedacht, durch euch gehandelt, und nun
vernichtet er euch. Durch mich.
Schweigen.
FRL. DOKTOR: Ich aber übernehme seine Macht. Ich fürchte mich nicht. Meine
Anstalt ist voll von verrückten Verwandten, mit Schmuck behängt und Orden. Ich
bin die letzte Normale meiner Familie. Das Ende. Unfruchtbar, nur noch zur
Nächstenliebe geeignet. Da erbarmte sich Salomo meiner. Er, der tausend Weiber
besitzt, wählte mich aus. Nun werde ich mächtiger sein als meine Väter. Mein Trust
wird herrschen, die Länder, die Kontinente erobern, das Sonnensystem ausbeuten,
nach dem Andromedanebel fahren. Die Rechnung ist aufgegangen. Nicht
zugunsten der Welt, aber zugunsten einer alten, buckligen Jungfrau.
Sie läutet mit einer kleinen Glocke. Von rechts kommt der Oberpfleger.
OBERPFLEGER: Boss?
FRL. DOKTOR: Gehen wir, Sievers. Der Verwaltungsrat wartet. Das
Weltunternehmen startet, die Produktion rollt an.
Sie geht mit dem Oberpfleger nach rechts hinaus.
Die drei Physiker sind allein. Stille. Alles ist ausgespielt. Schweigen.
NEWTON: Es ist aus.
Er setzt sich aufs Sofa.
EINSTEIN: Die Welt ist in die Hände einer verrückten Irrenärztin gefallen.
Er setzt sich zu Newton.
MÖBIUS: Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.
Möbius setzt sich auf den Sessel links vom Sofa. Schweigen. Sie starren vor sich hin.
Dann reden sie ganz ruhig, selbstverständlich, stellen sich einfac dem Publikum vor.
NEWTON: Ich bin Newton. Sir Isaak Newton. Geboren am 4.Januar 1643 in
Woolsthrope bei Grantham. Ich bin Präsident der Royal Society. Aber es braucht
sich deshalb keiner zu erheben. Ich schrieb: Die mathematischen Grundlagen der
Naturwissenschaft. Ich sagte: Hypotheses non fingo in der experimentellen Optik,
in der theoretischen Mechanik und in der höheren Mathematik sind meine
Leistungen nicht unwichtig, aber die Frage nach dem Wesen der Schwerkraft
musste ich offenlassen. Ich schrieb auch theologische Bücher. Bemerkungen zum
Propheten Daniel und zur Johannes-Apokalypse. Ich bin Newton. Sir Isaak Newton.
Ich bin Präsident der Royal Society.
Er hebt sich und geht auf sein Zimmer.
EINSTEIN: Ich bin Einstein. Professor Albert Einstein. Geboren am 14. März 1879 in
Ulm. 1902 wurde ich Experte am Eidgenössischen Patentamt in Bern. Dort stellte
ich meine spezielle Relativitätstheorie auf, die die Physik veränderte. Dann wurde
ich Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Später wurde ich
Emigrant. Weil ich ein Jude bin. Von mir stammt die Formel E=mc², der Schlüssel
zur Umwandlung von Materie in Energie. Ich liebe die Menschen und liebe meine
Geige, aber auf meine Empfehlung hin baute man die Atombombe. Ich bin Einstein.
Professor Albert Einstein. Geboren 14. März 1879 in Ulm.
Er erhebt sich und geht in sein Zimmer. Dann hört man ihn geigen. Kreisler.
Liebeslied.
MÖBIUS: Ich bine Salomo. Ich bin der arme König Salomo. Einst war ich
unermeßlich reich, weise und gottesfürchtig. Ob meiner Macht zitterten die
Gewaltigen. Ich war ein Fürst des Friedens und der Grechtigkeit. Aber meine
Weisheit zerstörte meine Gottesfurcht, und als ich Gott nicht mehr fürchtete,
zerstörte meine Weisheit meinen Reichtum. Nun sind die Städte tot, über die ich
regierte, mein Reich leer, das mir anvertraut worden war, eine blauschimmernde
Wüste, und irgendwo um einen kleinen, gelben, namenlosen Stern kreist, sinnlos,
immerzu, die radioaktive Erde. Ich bin Salomo, ich bin Salomo, ich bin der arme
König Salomo.
Er geht auf sein Zimmer. Nun ist der Salon leer. Nur noch die Geige Einsteins ist zu
hören.
ENDE

 Friedrich Dürrenmatt: 21 Punkte zu den Physikern

1. Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte aus.
2. Geht man von einer Geschichte aus, muss sie zu Ende gedacht werden.
3. Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst-mögliche
Wendung genommen hat.
4. Die schlimmst-mögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch
Zufall ein.
5. Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall
möglichst wirksam einzusetzen.
6. Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen.
7. Der Zufall in einer dramatischen Handlung besteht darin, wann und wo wer
zufällig wem begegnet.
8. Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der
Zufall zu treffen.
9. Planmäßig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der
Zufall trifft sie dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres
Ziels erreichen: Das, was sie befürchteten, was sie zu vermeiden suchten (z.B.
Oedipus).
10. Eine solche Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig).
11. Sie ist paradox.
12. Ebensowenig wie die Logiker können die Dramatiker das Paradoxe
vermeiden.
13. Ebensowenig wie die Logiker können die Physiker das Paradoxe vermeiden.
14. Ein Drama über die Physiker muss paradox sein.
15. Es kann nicht den Inhalt der Physik zum Ziele haben, sondern nur ihre
Auswirkung.
16. Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen.
17. Was alle angeht, können nur alle lösen.
18. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss
scheitern.
19. Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit.
20. Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus.
21. Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit
auszusetzen, aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu
bewältigen.