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HORST H.

BERNHARDT

Halbhoch ins Netz

VEBLAG NEUES LEBEN BEBL1N

19 5 3
Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1953 by Verlag Nevies Leben
Lizenz Nr. 303 • Gen.-Nr. 305/62/53
Umschlagzeichnung: Heinz Rammelt, Bernburg
Gestaltung und Typographie: Kollektiv Neues Leben
Druck: Karl-Marx-Werk, Pößneck, V 15/30
-L/autlose Spannung lag über dem weiten Stadion. Eben noch hatten die
Dreißigtausend aufgeschrien, eben noch schwebte der Torruf auf aller
Lippen. Bredow, der Halblinke von Turbine Berlin, hatte sich, den Ball am
Fuß, durch den doppelten Sperriegel der Dresdner Chemie-Mannschaft ge-
wunden. Er hatte noch einmal kurz aufgeblickt und dann abgeschossen. Die
Richtung, die das braune Leder nahm, schien auch durchaus in Ordnung.
Schon rissen zwei Turbine-Stürmer überglücklich die Arme hoch . . . Doch
sie hatten die Rechnung ohne den Wirt, ohne Chemies hochklassigen Stop-
per, gemacht. Mit mächtigem Spreizschritt warf er sich in den Schuß, und
der Ball drehte in toller Spirale ins Aus. Ecke also!
Nun lag der Ball unmittelbar an der Eckfahne. Bruchteile von Sekunden
schienen zu Minuten zu werden. Endlich pfiff der Schiedsrichter, und
dreißigtausend Stimmen verschmolzen zu einem einzigen Laut.
Der Ball senkte sich bedrohlich unmittelbar hinter dem Elfmeterpunkt.
Da stieg auch schon der Dresdner Torwart aus einer Traube von Spielern
empor, reckte die Fäuste in die Höhe und faustete das Leder weit aus der
Gefahrenzone.
Die Läufer Turbines waren aufgerückt. Schon hatten sie den Ball erneut
unter ihre Kontrolle gebracht und trieben ihn nach vorn. Der Chemie-
Stopper jedoch und seine Abwehrgefährten standen eisern. Sie ließen sich
auf nichts mehr ein. Längst hatte die Mannschaft das betonte Angriffsspiel
aufgegeben. Defensive, haarscharfes Abdecken jedes einzelnen Mannes der
Gegenseite und weites Wegschlagen des Balles - das war nun die Devise.
Man mußte über die Zeit kommen, mußte das wertvolle 3 :2 über die
letzten zehn Spielminuten hinweg retten.
Turbine aber ließ nicht locker. Immer wieder wühlten sich die jungen
Spieler nach vorn, immer wieder versuchten sie den Riegel aufzubrechen,
den die gegnerischen Stopper so meisterhaft aufgebaut hatten.
Nur merkwürdig, gerade jene Aktiven, von denen man am meisten er-
wartet hatte, jene, die so etwas wie die „Korsettstangen" der jungen Tur-
bine-Elf sein sollten, die mehrfachen Auswahlspieler Kieninger und Bre-
dow, gerade sie hielten nicht so recht mit. Es schien ihnen an Kondition zu
fehlen. Sie wirkten müde und abgekämpft. Gewiß, dieses Spiel zehrte an
den Kräften, verlangte letzte Reserven. Doch was die Jungen konnten, die
vor wenigen Wochen noch in der Jungligamannschaft gestanden hatten,
das sollte auch Bredow und Kieninger möglich sein.
„Ja, ja", sagte jemand im Publikum, „Kieninger holt sich seine Kondition
des Sonnabends in den Lokalen am Bahnhof Zoo." Und als einige etwas
zweifelnd aufblickten, spielte der andere seinen Trumpf aus: „Die Freund-
schaft Hasselroths bringt halt etwas ein. Der Dicke tauscht mit keinem." Er
lachte herausfordernd laut und schob die Mütze ins Genick.
Man überlegte. Hasselroth, Hasselroth? Was hatte denn der dicke Hassel-
roth noch immer mit Kieninger zu schaffen?
Doch das Spiel ging weiter. Da blieb keine Zeit zum Überlegen.
„Acht Minuten noch", seufzten die Anhänger Turbines. Der Zeiger der
Uhr nahm seinen Weg, und die Sekunden wurden zu Minuten, zu wert-
vollen, unwiderbringlichen Minuten.
Wieder blieb Bredow hängen. Er „fummelte", daß einem die Haare zu
Berge standen. Wie konnte er das nur tun? Jetzt, in solcher verzweifelten
Lage, wenige Minuten vor Schluß!
Mit gelungenem Trick ließ gerade Turbines blutjunger Linksaußen
Wagner einen Läufer stehen. Er jagte die Außenlinie entlang, schlug noch
einen Haken und gab dann blitzschnell nach innen. Doch Bredow war viel
zu umständlich, viel zu „pomadig". Statt sofort anzunehmen und abzu-
schießen, ließ er sich mit dem gegnerischen Mittelverteidiger in einen
höchst überflüssigen Nahkampf ein. • Schon war's vorbei und eine Tor-
chance dahin!
„Fünf Minuten noch!" Es klang wie eine Beschwörung.
Auf der Aschenbahn - das war eigentlich unzulässig, aber es gab halt
Leute, die ihre Bedeutung überschätzten, die sich alles herausnahmen -
schritt Johannes Hasselroth gewichtig daher. Der schwere Hängermantel
wölbte sich über dem ansehnlichen Bäuchlein, sein halbsteifer Hut und die
dicke Zigarre ließen ihn wie einen Börsenjobber vomKu-Damm erscheinen.
„Da ist er ja, der Hasselroth", meinte ein Besucher. „Ich möchte wissen,
was er noch immer hier,zu suchen hat. Wohnt der nicht schon seit langem
drüben?Undhat er nicht auch sein Geschäft irgendwo inderUhlandstraße?"
„So genau weiß man das wohl nicht", antwortete der Nachbar,
„Der macht schon seine lohnenden Fischzüge", wendete ein Dritter ein.
„Wenn ich nur wüßte, wie er's anstellt."
Dem dicken Hasselroth aber waren solche Überlegungen gleichgültig.
„So sieht's aus", empörte er sich dort unten auf der Aschenbahn, und das
an sich schon aufgedunsene rote Gesicht bekam einen Stich mehr ins Erd-
beerfarbene. „Das also ist der Erfolg der sowjetischen Methodik." Er lachte
laut und hohnvoll.
Die Männer an der Barriere hatten Mühe, an sich zu halten. Sie waren
ständige Besucher der Spiele hier im demokratischen Sektor und kannten
Johannes Hasselroth von früher her. Sie wußten, daß er vor Jahren, in der
Nazizeit noch, Vorsitzender des Spindlersfelder VfB war, jener Mannschaft,
die auf Turbines heutiger Platzanlage spielte und die gleichen rot-weißen
Farben trug. Sie ahnten auch, daß Hasselroth noch immer einen gewissen

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Einfluß auf einzelne Spieler vom alten Stamm ausübte. Dabei hielt sich
hartnäckig das Gerücht, daß der Dicke inzwischen längst enge Beziehungen
zum Vorstand des Westberliner Vertragsligavereins „Titania" angeknüpft
hatte, daß er es gewesen war, der nach Abschluß der letzten Spielzeit
Turbines Mittelstrümer Heiiniich an die Titanen „vermittelte".
Ja, über all das sprach man und noch über vieles mehr. Aber Hasselroth
bewegte sich nach wie vor ungeschoren auf den Sportplätzen des demo-
kratischen Sektors und der Deutschen Demokratischen Republik. Wie lange
sollte das noch so gehen? Wer gab ihm die Sicherheit des Auftretens?
Der Dicke im wolligen Hänger sog an seiner Zigarre. „Vielleicht hat diese
und jene sowjetische Mannschaft Erfolg mit dem System des ununter-
brochenen Herumwirbeins. Mag sein. Für Turbine ist's jedenfalls Gift. Bre-
dows Fähigkeiten liegen im Aufbau aus der Tiefe. Er muß zurückhängen.
Dieses mörderische Angriffsspiel nimmt ihm die Luft - und ein schneller
Mann ist Bredow ja noch niemals gewesen."
„Dann muß er es eben lernen, muß er sich umstellen. Achtundzwanzig
Jahre sind noch kein Alter für einen Spieler", wendete einer der Zu-
schauer ein.
„Haben Sie das gehört?", höhnte Hasselroth. „Umstellen! Ein Spieler wie
Bredow soll sich umstellen. Na, dann Prost Mahlzeit!"
Gerade wieder hatte Bredow durch Langsamkeit den Ball verloren und
blieb resigniert stehen.
„Bitte! Der wird nie ein schneller Mann. Nie! Da sehen Sie's ja wieder."
Hasselroth triumphierte-und der andere schwieg. Was sollte er auch sagen?
Turbines Mannen rannten sich hoffnungslos fest, und es blieben nur noch
zwei Minuten. Zwei kurze Minuten.
Stopper Kieninger hatte den Ball. Doch statt vorwärts, spielte er zurück.
Kieninger war überhaupt einer von denen, die seit Wochen schon das heiße
Bemühen, den unbändigen Willen vermissen ließen, die allein es möglich
machen, Berge zu versetzen. Wolf Kieninger aber schien beinahe interesse-
los. Er spielte sein Pensum herunter, ohne Einsatz, ohne Kampfgeist.
Doch diesmal gelang dem Stopper ein weicher Paßball. Wagner, der
junge Linksaußen, erlief ihn, trickte sich vorwärts und drang in den Straf-
raum ein.
„Schießen! Schießen!" tönte es von den Rängen. Wagner lief noch ein,
zwei Schritte. Dann, ehe der wild angreifende Verteidiger ihn erreichte,
holte er zum Schuß aus. Doch Chemies rechter Läufer hatte die Gefahr er-
kannt. Er wußte, daß nun das 3:3 in der Luft lag, daß niemand mehr
Wagner am Einschuß hindern konnte, wenn er es nicht tat.
Mit regulären Mitteln aber konnte auch er den jungen Stürmer nicht
mehr halten. Also blieb nur eine Wahl - die letzte W a h l . . .
Der Läufer schnellte sich vor, sein „langes Bein" fuhr wie der Blitz in
die Parade des Angreifers, und Wagner überschlug sich. „Wegrasiert", wie
man in Süddeutschland sagt.

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Ein Schrei der Empörung gellte auf. Doch da kam schon der Pfiff des
Schiedsrichters. Schrill und schneidend.
Der Turbine-Stürmer lag meterweit innerhalb des Strafraumes. Es
konnte demnach keine Diskussion geben. Der Fall war klar: Elfmeter! Elf-
meter - neunzig Sekunden vor Spielschluß!
Schwer atmend gruppierten sich die Männer von Turbine und Chemie
um jenen Punkt, dessen richtige Markierung nun noeh einmal vom Schieds-
richter durch Abschreiten überprüft wurde.
Das Stadion kochte und brodelte wie ein Hexenkessel. Sechzig Sekunden
nur noch. Aber ein Elfmeterball wird vollstreckt, auch wenn die Spielzeit
herum ist. So schreibt es die Regel vor.
Die Anhänger Chemies bissen sich auf die Lippen. „So ein Pech", wet-
terte einer für sich. Die Freunde von Turbine aber waren voller Hoffnung.
Ihre Blicke richteten sich auf das Spielfeld. Wer wird den Elfmeterball
treten, wer die Vollstreckung in diesem höchst wichtigen Augenblick über-
nehmen?
Was wollte nur der dicke Hasselroth dort unten am Spielfeldrand? Eben
noch hatte er sich an die Barriere gelehnt und an seiner Zigarre gekaut -
nun lief er über die Aschenbahn und rief Kieninger etwas zu. Wolf Kieninger
aber, der bis jetzt an der Mittellinie stand, die Hände in die Seiten gestemmt
und an all dem anscheinend nicht mehr interessiert, lief plötzlich nach vorn
und stieß den kleinen, stämmigen Eberhardt beiseite, der sich gerade an-
schickte, den Strafstoß auszuführen.
Was soll das? dachten die Zuschauer. Was soll das? dachte auch Trainer
Wittmann, der drüben auf der anderen Seite hinter dem Tor hockte. Seit
Monaten schon hatte Kieninger keinen Elfmeter mehr getreten. Und heute,
ausgerechnet heute, wollte er es tun?
Trainer Wittmann sprang auf. Er wollte hinüberlaufen, wollte Kieninger
zurückhalten, rufen. Doch das wäre zwecklos. Der Weg zum anderen Tor
war weit, und der Lärm der Menge übertönte alles. Die Sekunden verrannen.
Der große Augenblick war da! Das Diskutieren auf den Rängen verebbte.
Es wurde totenstill. Und nun lief er an, der Elfmeterschütze!
Die lähmende Stille wich einem einzigen Aufschrei. Um mindestens
50 Zentimeter stieg der Ball über den Querbalken. Die Turbine-Spieler hiel-
ten sich die Köpfe. Nur Kieninger blieb unberührt. Er brachte es sogar
fertig zu lächeln.
Im Stadion begann es wieder zu brodeln. Aber es war nicht mehr die
Atmosphäre kaum zu ertragender Spannung, es war mehr ein Abklingen,
es war Aufbruchstimmung. Und da schrillte auch schon der Pfiff über den
Platz. Schiedsrichter Hermann hatte abgepfiffen und Turbine ein weiteres
Spiel verloren. Das sechste in ununterbrochener Folge!
Eben noch winkte das Unentschieden. Und nun?
Die Spieler verließen mit hängenden Köpfen den Rasen. Vereinzelte
Pfiffe der enttäuschten Anhänger begleiteten sie. Doch jener, dem sie am

R
ehesten galten, Stopper Kieninger nämlich, ging hocherhobenen Hauptes
vom Platz. Man hatte nicht den Eindruck, als berührte ihn der Elfmeter-
Fehlschuß sonderlich.

Als Kieninger und Bredow nebeneinander durch die schmale Pforte


gingen, die den Tribünengang von der Aschenbahn trennt, sagte der Halb-
linke zu seinem Sportkameraden im Mannschaftszentrum: „Was war nur
mit dir los, Wolf? Einen Elfmeter zu verschießen! Und das dreißig Sekunden
vor Schluß."
Doch Kieninger machte nur eine wegwerfende Handbewegung: „Na,
wenn schon." Das klang unglaublich überlegen. So, als stände er hoch über
den Dingen.
Erich Bredow musterte den langen Stopper von der Seite. Gewiß, auch
er machte sich manchmal seine eigenen Gedanken. Auch ihm paßte vieles
an Wittmanns Trainingsmethodik nicht, aber so betont gleichgültig wie
Wolf Kieninger konnte er doch nicht sein.
Das aufgedunsene, puterrote Gesicht Hasselroths tauchte plötzlich im
Gedränge auf. „Wann sehen wir uns, Wolf?" rief er dem Spieler zu, und ehe
der Stopper antworten konnte: „Ein prima Schuß war das eben. Nur 'n biß-
chen zu hoch." Er lachte unangenehm auf, als hätte er den besten Witz ge-
macht. „Dieses Spiel dürfte Turbines Abstieg besiegelt haben."
Kieninger zuckte die Schultern. Er beugte sich zu Hasselroth hinüber
und flüsterte: „Was macht mein Vertrag?"
Wieder lachte Hasselroth. „Erst die Unterschrift, Wolf. Dann das Geld.
Bei der Titania herrschen saubere Geschäftsmanieren." Die halblaut ge-
wechselten Worte waren im allgemeinen Lärm untergegangen. Man war in-
zwischen vor den Umkleideräumen angelangt. Hier endete Hasselroths Ge-
schäftigkeit, denn vor der offenen Tür stand Trainer Wittmann. Hasselroth
hielt den langen Stopper noch einmal am aufgekrempelten Ärmel des
Jerseys fest. „Bring Bredow mit! Vielleicht auch gleich noch den Märten,
hörst du?" raunte er. „Es lohnt sich!"
„Das hätte ich sowieso getan", murmelte Kieninger und stolperte über die
Schwelle der Umkleidekabine, ohne 'Wittmann auch nur eines Blickes zu
würdigen.
Dem Trainer aber war es, als bekomme er einen Stich. Da wühlte sich
doch tatsächlich wieder jener ekelhafte Kerl, der Johannes Hasselroth,
durch's Gedränge. Was wollte der widerliche Patron nur? Wittmann spie
angeekelt aus. Dann ging er hinter den Spielern her in die Kabinen.

Die Stimmung bei der Turbine-Mannschaft war auf dem Nullpunkt an-
gelangt. Eine Atmosphäre, als sei die Luft elektrisch geladen, schwebte in
dem engen Raum. Die jungen Spieler, die auch heute mehr als ihre Pflicht
getan hatten, sprachen nicht, aber ihre Blicke waren eine Anklage an die
Stars, die glaubten, auf ausgetretenen Wegen, unter sturem Beharren an
ihren im Zeitlupentempo zum besten gegebenen Mätzchen und „aus dem
Stand" zum Erfolg zu kommen, die Trainer Wittmanns Ratschläge besten-
falls rein äußerlich anwandten, es aber ganz einfach an Bereitschaft, an Kon-
dition fehlen ließen, um im Wirbel des modernen Spiels mitzuhalten.
Kieninger und Bredow ihrerseits sparten nicht mit Vorwürfen. Und
selbstverständlich suchte besonders Kieninger die Schuld überall, nur
nicht bei sich selbst, nur nicht im eigenen schematischen und erstarrten
Spiel.
Heinz Wittmann wußte sehr wohl, daß es in solchen Augenblicken dar-
auf ankam, keine Panikstimmung entstehen zu lassen. Noch war ja nichts
verloren. Fünf Spiele mußte Turbine bis zum Ende der Spielzeit austragen.
Wenn es gelang, daraus etwa sechs Punkte heimzubringen, so konnte die
Rettung vor dem Abstieg möglich sein. Gewiß, ein schwieriges Vorhaben,
wenn man bedachte, daß die letzten sechs Spiele nicht einen einzigen Punkt
eingebracht hatten und Turbine vom gesicherten achten auf den beäng-
stigend gefährlichen drittletzten Platz gestürzt war.
So war denn Wittmann vor allem auf Hebung der Stimmung aus. „Nun
Schluß mit den Anpflaumereien, Jungens", sagte er und lehnte sich ans Fen-
ster. „Solch eine Umstellung im System geht halt nicht ohne Pannen ab.
Man muß Lehrgeld zahlen. Das ist anderen Mannschaften auch so gegangen.
Heute klappte es übrigens schon weitaus besser. Ich war eigentlich recht
zufrieden. Wenn Bredow und Märten sich schneller vom Ball getrennt
hätten . . . " Er brach ab und überblickte die Schar der Spieler. Als sie
schwiegen, fuhr er fort: „Unser System steht und fällt nun einmal damit,
daß die Halbstürmer mitwirbeln, daß sie nicht stur zurückhängen, nicht aus
dem Stand spielen. Wenn schon die Außenläufer sich in das Sturmspiel ein-
schalten, dann müssen es die Halben erst recht tun! Dazu gehört aber Kon-
dition und nochmals Kondition." Er blickte zu Bredow, zu Märten, zu
Kieninger hinüber. „Die Luft muß halt für neunzig Minuten reichen, Wolf",
Wittmann lachte, als wollte er damit den wenigen Worten der Kritik die
Schärfe nehmen, „nicht in jeder Halbzeit nur für dreißig oder fünfund-
dreißig Minuten."
Die Augen sämtlicher Spieler richteten sich auf den Stopper der Mann-
schaft, den vielerfahrenen Wolf Kieninger, dem seit Jahr und Tag kein
Trainer mehr etwas zu sagen gewagt hatte. Sie wußten auch, ahnten es zu-
mindest, daß längst etwas in der Luft lag und nach Klärung drängte. Ob das
Gewitter nun niedergehen würde?
Es ging nieder!
Kieninger lachte schallend auf. „Was? Ich hätte nicht genügend Luft?
Daß ich nicht lache. Vielleicht hatten Sie schon, ehe Ihnen die Ehre zuteil
wurde ...", er sprach betont ironisch, „diesen Haufen hier zu trainieren,
einmal Gelegenheit, in eine Fachzeitung hineinzusehen. Dann wüßten Sie
nämlich, daß Kieninger so ziemlich als der ausdauerndste Spieler aller deut-
schen Ligen gilt. Aber ...", er lachte wieder hart und trocken auf, „ich
wundere mich hier schon über gar nichts mehr. Außerdem habe ich die Nase
seit langem voll. Gründlich voll."
Heinz Wittmann spürte, daß es sich hier nicht um einen momentanen
Ausbruch, um einen vielleicht sogar verständlichen Ausbruch nach ver-
lorenem Spiel handelte. In diesem entscheidenden Augenblick ging es um
die ganze Mannschaft, um den Bestand und die innere Festigkeit der ersten
Elf von Turbine Berlin. Wann jemals hätte eine Mannschaft mit solcher Ein-
stellung, wie sie Kieninger hier bewies, mit Spielern, denen es so augen-
fällig an Bewußtsein fehlte, Spiele gewonnen?
Die Stimme des Trainers wurde messerscharf. „Was soll das heißen,
Kieninger? Wie soll ich das verstehen? Sind für Sie die Beobachtungen, die
Erkenntnisse des Trainers Ihrer Mannschaft nicht verbindlich?"
Der Stopper hielt dem Blick stand. „Nun, wenn Sie's so genau wissen
wollen: Ich habe die Schurigelei, das Führen am Gängelband satt. Schließ-
i lieh bin ich auch kein heuriger Hase mehr auf dem Fußballplatz. Neue
Methoden ...! Sowjetische Erfahrungen ...!" Jedes Wort war nun offener
Hohn. „Als ob wir früher mit geschlossenen Augen Fußball gespielt hätten.
Sechs verlorene Spiele hintereinander. Es ist ein Skandal. Hatten wir denn
im vergangenen Jahr Abstiegssorgen?" Er wendete sich an die anderen.
„Hatten wir nicht eine mustergültige Kameradschaft, solange wir unseren
Stil spielten? Ohne neue Methoden?"
Der kleine Wagner sprang auf. „Kieninger, das ist Blödsinn, was du da
sagst. Es sind nicht Wittmanns Trainingsmethoden, die uns die Niederlagen
bringen, es ist vielmehr die Einstellung gewisser Spieler zu diesen, solcher
Spieler, die sich nicht einzuordnen vermögen, die kein Bewußtsein haben
und die sich auch nicht im geringsten darum bemühen. Ohne Bewußtsein
aber wird jede Methodik zum bloßen Schema, zur Schablone. Und wen ich
damit meine, das weißt du - glaube ich - ganz genau."
„Grünschnabel", sagte Kieninger wegwerfend. „Ich habe schon Fußball
gespielt, als du noch im Steckkissen lagst. Fragen wir doch die Spieler vom
alten Stamm des Spindlersfelder VfB. Nun los, Bredow, Märten! Sprecht
schon. Es ist ein Aufwaschen."
Die Jungen gruppierten sich um Wittmann. Und nun, da sie sahen, wie
der Hase lief, schlugen sie desto überzeugter in 'Wagners Kerbe. „Wir glauben,
entscheidend ist, wer das meiste für die Mannschaft leistet. Und zwar im
gegenwärtigen Augenblick. Verdienste, die zurückliegen, sind gut. Ohne
Zweifel. Doch wir dürfen uns nicht auf die Vergangenheit beschränken. Wir
leben heute!"
Der Trainer hatte die Hand erhoben. „Bredow, Märten! Was sagt ihr
dazu? Kieninger hat euch zu Zeugen angerufen. Seid auch ihr der Meinung,
daß unser methodischer Spielaufbau wertlos ist?"
Der immer etwas ausweichende Bredow zuckte die Schultern: „Ganz so
kraß möchte ich es nicht ausdrücken. Immerhin, besser war's im vorigen
Jahr schon."

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„So? Es war besser? Und warum? Weil jeder beim Training im Grunde
tat, was er wollte! Weil es nicht einmal genau darauf ankam, ob man über-
haupt erschien!" Wittmann stand nun wie ein Kampfhahn vor den dreien.
„War es besser, im Durchschnitt zu versacken?"
„Aber es wurden doch Spiele gewonnen. Vierzehn Spiele! Mehr als in
diesen beiden Serien zusammen. Voriges Jahr standen wir im Mittelfeld.
Ich denke, das ist entscheidend", schaltete sich Märten ein.
„Der Durchbruch zur reinen Klasse kostet Federn, sagt eine ungarische
Fußballerweisheit. Die Umstellung im System fiel zudem in eine heikle
Periode der Meisterschaftsspiele. Solche Rückschläge überwindet man aber
nicht, indem man sich schmollend in die Ecke stellt."
„Aha, man überwindet sie wohl durch den Abstieg, wie?"
Heinz Wittmann musterte den Mittelverteidiger scharf. „Sie sind un-
sportlich, Kieninger. So kann man über solche Dinge nicht sprechen. Suchen
Sie sich bessere sportliche Ratgeber als Herrn Hasselroth. Ich rate es Ihnen."
Der Trainer wendete sich an Pepi Wagner. „Und ihr? Was meint ihr dazu?"
„Ich . . . " Wagner verbesserte sich, „wir sind der Meinung, daß der ein-
geschlagene Weg, ja, nur dieser allein, zum Erfolg führen muß." Der kleine
Außen sprach für die jungen Spieler.
Es überlief den Trainer warm. Diese Jungen, diese prachtvollen Jungen,
die seit Wochen sein ganzer Stolz waren, standen zu ihm, vertrauten ihm!
Sollte er da vor einzelnen Stars kapitulieren, die versuchten, die System-
losigkeit der Vergangenheit, die individuelle Schlamperei und den Per-
sonenkult zu erneuern und zu verewigen?
„Wir werden uns über eure grundsätzliche Einstellung zur Sache unter-
halten müssen", sagte er, zu Kieninger gewandt. „Aber natürlich nicht jetzt,
sondern im Beisein aller Mitglieder der Sektion. Ich glaube, das ist auch in
eurem Sinne."
Kieninger sah ihm frech ins Gesicht. „Unterhalten? Ich wüßte nicht,
worüber wir uns noch unterhalten sollten. Anderswo wird auch Brot ge-
backen. Und nicht nur hier." Die drei waren umgezogen. Kieninger stieß die
Tür auf. „Ich glaube, wir haben hier nichts mehr verloren. Bredow, Mär-
ten - kommt!"
Die beiden trotteten hinter Kieninger drein. Es schien ihnen nicht recht
wohl dabei zu sein. Aber wer A sagt, muß wohl auch B sagen? Mit hartem
Krach fiel die Tür ins Schloß. Der Kalk rieselte von der Decke, und es wurde
totenstill im Raum. Doch diese Stille war ganz anders als jener unheil-
schwangere, lastende Alpdruck, als Wittmann vorhin in die Kabine trat.
Drei Spieler, drei bekannte und erfahrene Spieler der BSG, hatten sich ent-
schieden, eigene Wege zu gehen. Ein schwerer Verlust für die Mannschaft,
ohne Zweifel. Und doch, war es nicht, als hätte sich das Gewitter verzogen,
als bräche die Sonne durch dunkle Wolken?
Heinz Wittmann blickte sinnend vor sich hin. Er hatte einen Fehler be-
gangen. Das wurde ihm nun klar. Die Auseinandersetzung mit Kieninger

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mußte kommen - das stimmte wohl. Doch nicht jetzt, so kurz nach dem
Spiel! Er hätte sich nicht herausfordern lassen dürfen. Der Trainer fühlte,
er mußte die Jungen aufmuntern.
Er ging zwei Schritte auf Wagner zu und klopfte dem Blondschopf auf
die Schulter. „Jungens, diesen Aderlaß danken wir dem sauberen Herrn
Hasselroth. Jetzt kommt es auf uns, auf euch an. Ihr könnt spielen, glaubt
es mir. Jeder einzelne von euch beherrscht schon jetzt die technischen
Finessen, hat das notwendige Ballgefühl. Es gibt wenige, die euch darin
etwas vormachen könnten. Was noch fehlt, ist das traumhaft sichere Er-
fassen der Situation, ist die Erfahrung und die richtige Anwendung der
Methodik. Doch das werdet ihr lernen! Gerade jetzt, in diesen harten Kämp-
fen, wo es um alles geht, wollen wir Herrn Hasselroth den Triumph nicht
gönnen, daß unsere BSG absteigt. Nun erst recht nicht!"

Am Montagmorgen saß Benno Eberhardt an seinem Arbeitsplatz im


Personalbüro des Trafo-Werkes. Hier, an dem hellgelben, abgenutzten
Schreibtisch im ersten Stockwerk des Verwaltungsgebäudes liefen die Mel-
dungen aus den einzelnen Abteilungen zusammen, und Benno Eberhardt
war es, der immer am ehesten wußte, wer von der Mannschaft erkrankt und
nicht spielfähig war, mit wem man rechnen oder nur bedingt rechnen konnte.
Der kleine Eberhardt gehörte nicht ausgesprochen zum Nachwuchs, aber
er war auch nicht einer von denen, die schon in der ersten Mannschaft des
alten VfB gespielt hatten, wie Kieninger, wie Märten und Bredow. Immer-
hin kannte er die Ära Hasselroth recht gut und wußte um die Machen-
schaften des alten Vorsitzenden.
Aber jeder erkannte diese anscheinend nicht, vor allem nicht Märten
und Bredow. Dabei waren sie keine üblen Burschen. Sie konnten nicht nur
spielen, sondern galten auch sonst als anständige Kerle. Nur etwas zu bieg-
sam waren sie, und sie unterlagen zu leicht denEinflüssen von Wolf Kieninger.
Ja, der Kieninger. Er, schon vor zwölf Jahren als talentierter Jungspieler
der verhätschelte Star des dicken Hasselroth, war ein besonderer Fall. Was
hatte man nicht alles versucht, Wolf Kieninger in die rechten Bahnen zu
leiten? Doch immer wieder gingen Gerüchte um Kieninger, Gerüchte, die
von Westverbindungen wissen wollten, von dunklen Geschäften und un-
klaren Manipulationen. Und ohne daß Eberhardt es positiv wüßte, ver-
mutete er hinter all dem die feinen Drähte Johannes Hasselroths.
Das Telephon schrillte durch die Stille des Zimmers. „Personalbüro.
Eberhardt." Die Fahrbereitschaft meldete das Fehlen von Wolf Kieninger
und Erich Bredow.
„Danke", sagte Benno Eberhardt und legte den Hörer auf. Dann blickte
er eine ganze Weile nachdenklich vor sich hin, und seine Gedanken waren
eigentlich mehr bei Johannes Hasselroth als bei seinen beiden Opfern.
Eberhardt hatte gerade den Meldebogen ausgefüllt, als es anklopfte und
ein Bote aus der Werkhalle IV eintrat.
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„Willi Märten ist nicht gekommen, soll ich bestellen", krähte er mit
hoher Jungenstimme. Auch er war Fußballer und blickte besorgt drein.
„Ich weiß", erwiderte Eberhardt in Gedanken und wurde erst aufmerk-
sam, als der Junge fragt: „Wieso? Ist etwas passiert?"
Der kleine Eberhardt zuckte die Schultern. „Es könnte sein, Karli."
Eberhardt griff, kaum daß der Junge die Tür hinter sich geschlossen hatte,
erneut zum Telephonhörer.
„Geben Sie mir bitte den Kollegen Wittmann. Den Trainer, ja!" Und als
er gleich darauf die vertraute Stimme hört: „Kannst du mal zu mir her-
überkommen, Heinz? Es handelt sich um . . . "
„Kieninger, Märten und Bredow", ergänzte der Trainer.
„Woher weißt du?"
„Ich weiß nichts. Ich denke es mir."
„Hm! Also, kannst du kommen?"
„Ich komme."
Kaum drei Minuten später saßen sich die Männer gegenüber.
„Du weißt, was das bedeutet, dieses Fehlen der drei?"
Der Trainer nickte. „Sie müssen ihre Erfahrungen machen, Benno.
Nur", Heinz Wittmarm wurde nachdenklich, „es tut mir um Märten leid
und besonders um Bredow. Beide hätten sich diese Lehre, die sie nun be-
kommen werden, ersparen können."
Benno Eberhardt blickte noch immer geradeaus.
„Wir müssen jedenfalls künftig ohne die drei auskommen."
Heinz Wittmann ging im Zimmer auf und ab. „Über die Aufstellung
sprechen wir am Mittwoch, nach dem Training."
Wieder schlug das Telephon an. Mechanisch nahm Eberhardt den Hörer
ab. Dann hörte man abwechselnd sein „hm" und „ja". Wittmann war mitten
im Zimmer stehengeblieben. Er fühlte, daß es hier um die Spieler ging,
oder zumindest um einen von ihnen.
„Willi Märten wird von seiner Wirtin entschuldigt. Er ist krank", sagte
Eberhardt endlich.
Der Trainer legte den Kopf schief. „Wir werden's ja sehen", erwiderte
er, und sein Händedruck war fest wie immer.

Beim Mittwoch-Training der BSG Turbine Berlin gab es eine Über-


raschung. Willi Märten, der Halbrechte, erschien wieder! Er tat, als wäre
nichts geschehen, als wäre er niemals an der Seite Kieningers und Bre-
dows mit so deutlich vernehmbarem Krach aus der Umkleidekabine ge-
gangen. Märten packte mit größter Selbstverständlichkeit seinen Trainings-
anzug, seine Knieschützer und „Toppe" aus und begann leise vor sich
hinzupfeifen. Das geschah zweifellos aus Verlegenheit. Doch Wittmann und
all die anderen hüteten sich wohi, auch nur ein einziges Wort darüber oder
über die Ereignisse am Sonntag zu verlieren. Wer seinen Fehler einsah,
War ihr Kamerad und wurde auch als Kamerad behandelt.

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Trainer Wittmann schenkte seinen Jungen nichts. Er nahm sie hart
heran. Am späten Abend dann, nach dem Abschluß des Trainings, sah er
immerhin ein wenig klarer.
Durch Willi Martens Einsicht behielt der junge Sturm seine „Korsett-
stange". Ein erfahrener Spieler der alten Garde würde weiterhin Regie
führen, und - so bedauerlich auch in diesem Augenblick der Abgang von
Bredow sein mochte - die Schwierigkeiten bei der Besetzung der halb-
linken Position bereiteten Wittmann längst nicht so viel Sorgen, wie es im
Falle des Austritts von Märten der Fall gewesen wäre. Hier konnte man bei-
spielsweise Werner Bürger einsetzen. Er war zwar erst neunzehn Jahre alt,
galt aber bereits als „ausgefeilter Techniker" und besaß ein verblüffendes
Ballgefühl. Allerdings war Bürger noch ungewöhnlich schmalbrüstig und
benötigte gut und gerne zwei Jahre zur Reife. Nun, es würde sich erweisen,
ob der Junge bereits robust genug war, oder ob die knochenharten Ver-
teidiger der Oberliga ihm den Schneid abkaufen würden.
Für Kieninger aber konnte am nächsten Sonntag Toni Klager eingesetzt
werden. Er hatte vor zwei Wochen eine Knöchelverletzung auskuriert und
in der zweiten Mannschaft gute Kondition bewiesen. Toni Klager war zwar
keine spielerische Offenbarung. Er galt als typischer Ersatzspieler und
treuer Kämpfer, wirkte auf so ziemlich allen Posten und versagte eben-
sowenig jemals, w*ie er nie zu besonderen Leistungen auflief.
Immerhin war mit dieser Umbesetzung die Schwächung auf das Mindest-
maß begrenzt. Und ob es überhaupt eine Schwächung sein würde, das mußte
die Zukunft lehren. Auf alle Fälle brachten Bürger und Klager eine ganz
andere Bereitschaft mit, als es letzthin bei Kieninger und Bredow der Fall
gewesen war.
Am Freitag würde der Trainer die beiden nun noch einmal vornehmen,
und die Tips Heinz Wittmanns waren wohlüberlegt. Er kannte alle Ober-
ligamannschaften aus eigener Anschauung, registrierte gewissenhaft ihre
Formschwankungen und Besonderheiten. Daraus ergaben sich dann mit-
unter Hinweise, die nicht mit Gold aufgewogen werden konnten.
Eins jedenfalls war unzweifelhaft erreicht worden, und das durfte man
beileibe nicht unterschätzen: Der Geist der Mannschaft, das Bewußtsein
jedes einzelnen Spielers standen nun auf einem Niveau, das noch vor
wenigen Tagen unerreichbar schien. — Nach dem Training, beim Verlassen
der Waschräume, prallte Wittmann beinahe mit Wagner zusammen. „Na,
Pepi. Wie sieht's aus am Sonntag?" fragte er.
Die weißen Zähne des Jungen blitzten. „Wir werden's schon schaffen.
Nun erst recht!"

Am gleichen Abend, da Wittmann mit seinen Jungen die neue Mann-


schaft zusammenschweißte, traten zwei schlaksige Burschen, denen der
Kundige sofort den Fußballer ansah, in die Gaststube eines Tempelhofer
Speiselokals. Es war jetzt kurz nach acht Uhr und noch ziemlich ruhig in

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dem hellerleuchteten Raum. An den Wänden baumelten einige Spanner mit
Zeitungen, darunter die Westberliner „Fußballwoche", der „Telegraf" und
der „Abend".
„Zwei Bock, zwei Kognak", bestellte der eine der Burschen und streckte
die Beine weit von sich.
„Hast du denn Westgeld?" fragte sein Gegenüber.
„Du bist ein Anfänger, Erich. Das Westgeld haben Hasselroth und seine
Leute. Genügt das nicht? Schließlich wollen sie etwas von uns und nicht
wir von ihnen. Man soll sein Fell so teuer wie möglich verkaufen. Laß die
,ollen Titanen' nur ruhig blechen!"
Erich Bredow war unangenehm berührt. Was für einen Ton Kieninger
mit einemmal anschlug! Gewiß, Wolf war noch niemals ein Kind von
Traurigkeit gewesen. Doch dies hier mutete wie ein billiger Kuhhandel
an und nicht wie die Aufnahme in einen Fußballklub, der sich doch immer-
hin einiges darauf zugute hielt, zu den ältesten und ruhmreichsten deutschen
Vereinen zu zählen.
Kieninger griff nach der „Fußballwoche" und blätterte ein Weilchen
darin. Dann nahm er den „Abend" vom Haken, und plötzlich lachte er auf.
„Hör zu!"
Der Ober kam, setzte zwei Glas Bockbier und zwei doppelte Kognaks ab.
„Wie immer! Hasselroth übernimmt's", sagte Kieninger großspurig.
„Gewiß, gewiß", dienerte der Ober. „Übrigens, haben Sie schon gelesen?"
Er wies auf den „Abend". „Stimmt das nun so, oder ist's eine Ente?"
„Nee, nee, stimmt schon. Die Absetzbewegung ist abgeschlossen. Mit Er-
folg abgeschlossen!" grinste Kieninger. Er setzte sich in Pose und begann
vorzulesen. „DDR-Fußballstars nach Westberlin geflüchtet. Die beiden be-
kannten Spieler der ostzonalen Mannschaft Turbine Berlin, Wolf Kieninger
und Erich Bredow, sind nach Westberlin geflüchtet und sollen die Absicht
haben, sich dem BFC Titania anzuschließen. Nach unseren Informationen
war Verfolgung aus politischen Gründen das Motiv zu der sensationellen
Flucht."
Erich Bredow lief es eiskalt über den Rücken. „Aber das ist doch gar
nicht wahr, Wolf. Das ist doch . . . "
Der Ober sah ihn überrascht an. Seine Miene wechselte von tiefer Be-
friedigung zu ebenso ausgeprägtem Mißtrauen. Doch da fuhr auch schon
Wolf Kieninger seinem Gefährten über den Mund. „Sie müssen das ver-
stehen", sagte er entschuldigend. „Mein Freund Bredow kann es noch gar
nicht fassen, im freien Westen zu sein. Er ist so daran gewöhnt, die Schnauze
zu halten, daß er es auch jetzt noch nicht wagt, seine Meinung zu sagen."
„Ja, ja", meinte der Ober liebedienerisch. „Furchtbar müssen dieser
Zwang, diese seelischen Qualen sein."
„Das kann man wohl sagen!"
Doch wer Kieninger und Bredow hier sitzen sah, körperlich in bester
Verfassung, jetzt schon, im März, braungebrannt von der Sonne im

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thüringischen Trainingslager, mußte sich seine eigenen Gedanken machen.
Und das tat nun sogar der Ober, hier im Tempelhofer Verkehrslokal des
BFC Titania 88.
Johannes Hasselroth schoß prustend durch den Friesvorhang am Ein-
gang des Lokals. Sein halbsteifer Hut war weit in den Nacken geschoben.
Er hatte es eilig, wie immer.
„Das ist gut, daß ihr schon hier seid'1, platzte er heraus, sah den „Abend"
auf dem Tisch, liegen und tippte mit seinem dicken, fleischigen Zeigefinger
auf die Notiz über Kieningers und Bredows angebliche Flucht. „Saubere
Arbeit, wie? Tja, so arbeitet unsere Pressestelle. Umsonst hat die alte
Titania da nicht einen gewissen Johannes Hasselroth zu sitzen." Er lachte
schallend.
„Bredow erschrak darüber, als begegne ihm der schwarze Mann", hieb
Kieninger in die gleiche Kerbe.
„So?" Hasselroths Kichern verstummte. Seine Augen bekamen einen lau-
ernden Ausdruck. Die Lider zuckten leicht. „Nun ist's zu spät", sagte er, und
es schien Erich Bredow, als klänge die unverhohlene Drohung aus den Wor-
ten: „Nun ist's zu spät. Auf solche Rückkehrer wartet man drüben gerade."
Erich Bredow senkte den Blick. Hatte er nicht A gesagt? Mußte er nun
nicht auch . . . ? Wie oft war ihm dieser Gedanke in den Tagen seit Sonntag
gekommen. Er verfolgte ihn bis in den Schlaf, ließ ihn nicht los, keine Minute.
Der Dicke setzte sich auf einen der Stühle. „Drei Doppelte, Heinrich",
rief er dem Ober zu. Er atmete schwer und stützte beide Ellenbogen auf die
Tischplatte. „So, nun wollen wir erst mal das Geschäftliche erledigen." Er
holte eine Brieftasche hervor und entnahm ihr sechs engbeschriebene Bogen.
„Das sind die Verträge in dreifacher Ausführung. Über die Einzelheiten
haben wir uns ja bereits unterhalten, Wolf. Du kannst das dem Erich noch-
mal erklären, falls du es bisher nicht getan hast. Jetzt brauchen wir das
wohl nicht durchzukauen. Den Zuzug für Westberlin besorgt euch unser
Vereinsvorsitzender. Er hat beste Beziehungen nach oben. Wohnung, also
vorerst ein Zimmer, bekommt ihr zum fünfzehnten. Alles schon klar." Er
richtete sich auf und sagte pathetisch: „Na, wie arbeiten wir?"
„Großartig", beteuerte Kieninger wunschgemäß.
Erich Bredow aber wagte noch eine Frage. „Und wie sieht's mit der
Arbeit aus?"
„Mit der Arbeit?" Hasselroth tat, als sei eine so unsinnige Frage noch
niemals an ihn gerichtet worden. „Ich verstehe immer Arbeit. Mensch, du
bist Vertragsspieler. Was willst du da noch arbeiten?"
Doch Bredow war damit nicht ganz zufrieden. „Wenn man sich aber mal
verletzt, wenn man nicht mehr spielfähig ist? Außerdem wurde bisher
immer davon gesprochen, daß uns auch eine Arbeitsstelle vermittelt würde."
Mit solchen Einwänden schien Hasselroth nicht gerechnet zu haben. Er
druckste ein Weilchen, dann plötzlich erhellte sich sein feistes Gesicht.
„Tja, man merkt halt, daß ihr aus dem Osten kommt. Du mußt dich erst

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akklimatisieren, mein Junge. Hier gibt es soziale Unterstützungsfonds und
karitative Verbände jeder Art, da kommt kein Mensch um, selbst wenn er
als Vertragsspieler nicht mehr spielfähig ist. Außerdem . . . "
„Als wenn's auf die Arbeit ankommt", warf Kieninger zynisch ein. „Ihr
glaubt gar nicht, mit wie wenig Arbeit ich auskommen kann." Er lachte laut
und unangenehm. Bredow wurde es immer unbehaglicher. Er fühlte sich
verlassen und verraten. Die Gedanken wanderten zu Märten, der bereits am
Dienstag seine Befürchtungen zu ihm geäußert hatte und gleich wieder zu-
rückgegangen war. Doch er, Erich Bredow, fand auch jetzt noch nicht die
innere Kraft, das Gewebe von Lug und Trug zu zerfetzen und die allein
richtigen Konsequenzen zu ziehen.
Johannes Hasselroth hatte indes Wolf Kieninger die Verträge zu-
geschoben. Der Mittelläufer ergriff den Füller, überlegte keinen Augenblick
und setzte seinen Namen unter die drei Schriftstücke. Nun war die Reihe
an Bredow. Der Füller brannte in seinen Fingern. Doch was sollte er tun?
Er war ja geflüchtet. Aus „politischen Gründen", wie es da eben Kieninger
aus der verlogenen Verlautbarung des „Abend" vorgelesen hatte.
„Nun los!" drängte der Freund. „Auf was wartest du noch? Glaubst du,
durch langes Zögern deinen Preis zu erhöhen?"
Kieninger und Hasselroth lachten erneut überlaut und gezwungen. Nun
gab es wohl keine Wahl mehr. Bredow setzte die Feder an und unterschrieb.
Der dicke Hasselroth zog ihm die Verträge unter den Händen weg, ehe noch
die Tinte trocken war.
So billig hatte der BFC Titania 88 schon lange keinen Star mehr ein-
gekauft.

Mitten in der Nacht - es hatte bereits zwölf geschlagen, und draußen


verlöschten die Lichtreklamen - traten Johannes Hasselroth und Wolf Kie-
ninger aus einer Nachtbar an der Joachimsthaler Straße. Sie hatten beide
starke Schlagseite, und Hasselroth fiel das Sprechen schwer. „Ist ein naives
Schaf, der Bredow", lallte er.
„Das war ein lohnender Job für dich, mein Lieber. Sei nur zufrieden",
entgegnete Kieninger. „Eigentlich solltest du dafür noch extra etwas sprin-
gen lassen."
„Extra? Haben wir nicht schon den ganzen Abend auf meine Rechnung...?"
„Saufen allein macht nicht selig."
„Na, und die Fuhren mit meinem Wagen? Bringen die etwa nichts ein?"
„Ist schließlich auch 'ne verdammt gefährliche Sache. Und jetzt, als
Flüchtling ...", er grinste, „ist es damit ohnehin aus."
„Dann findet sich was anderes. Ein guter Coup liegt immer auf der Straße,
wenn man die richtigen Verbindungen hat. Du bist jedenfalls ein smarter
Junge, Wolf. So etwas liebe ich."
„Schade, daß der Märten wieder abgesprungen ist. Wir hätten ihn gut
gebrauchen können."

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„Der Junge ist weich wie Plumpudding und hat zuviel Hemmungen.
Trotzdem - über kurz oder lang zieh ich ihn doch herüber."
Sie gingen bis zum nächsten Taxenhalteplatz. „Wie lange willst du selbst
denn noch drüben bleiben, Hannes?"
Der dicke Hasselroth lachte selbstsicher. „Wer tut mir drüben etwas?
Solange meine Beziehungen hinhauen, solange ich nach zwei Seiten hin lan-
cieren kann, geht doch alles in Ordnung. Die Stoffe werden im Osten ein-
gekauft und gehen als legales Interzonenhandelsgut nach Westberlin. Das
alles zudem noch auf Johannes Hasselroths eigenem Wagen. Bitte! Größer
kann die Quote doch gar nicht sein. Ich wäre ja blöde, wollte ich gerade jetzt
endgültig nach dem Westen."
„Und in dieser Schaukel sollte für Kieninger künftig kein Platz mehr
sein?"
„Aber Wolf." Hasselroth gab sich sehr jovial. „Hast du denn mit den
Transporten nicht genug verdient? Nun ist's für dich damit aus. Schön, wir
werden was anderes finden."
Sie standen nun vor den Taxen. „Weißt du was?" sagte da plötzlich
Kieninger.
„Na?"
„Ich habe Durst. Und was für einen!"
Johannes Hasselroth kicherte. „Dem kann abgeholfen werden." Er
drehte sich auf dem Absatz und kam ins Wanken.
Das Neonlicht eines Cafes strahlte in die Finsternis.
„Und so zieh'n wir mit Gesang ...", begann der dicke Hasselroth. Seine
Stimme klang heiser und brüchig.
Dann torkelten die beiden durch die Klapptür.

Am Sonntag, genau um 15.30 Uhr, liefen die Mannschaften von Turbine


Berlin und Empor Riesa ins Stadion Lichtenberg ein.
Für die Riesaer stand nicht ganz soviel auf dem Spiel wie für Turbine.
Die Mannschaft nahm einen gesicherten Mittelplatz ein und konnte es sich
leisten, ohne nervliche Belastung ins Treffen zu gehen. Entsprechend war
auch das Spiel. Flüssig, leicht und unbeschwert bei Riesa, übernervös und
verkrampft bei Turbine. Den Berliner Verteidigern gelang kaum ein ein-
ziger klarer Schlag. Sie steckten durch ihre Unsicherheit auch den Torwart
an. Er ließ mehrere gar nicht einmal sonderlich schwierige Bälle fallen,
faustete, wenn er fangen mußte, und fing im dichtesten Gewühl, wenn es
weitaus sinnvoller gewesen wäre, die Fäuste zu gebrauchen.
Toni Klager versuchte zwar Ordnung in das Deckungsschema zu bringen
und schlug weg, was nur irgendwie in seine Reichweite kam, aber es schien
eben doch nur eine Frage der Zeit, wann die Treffer der Riesaer wie reife
Früchte fallen würden. Vom Sturm erhielt die schwerschuftende Hinter-
mannschaft der Turbine-Elf zudem kaum Entlastung. Der kleine Wagner,
sonst einer der Zielstrebigsten, sah buchstäblich keinen Ball. Bürger

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„fummelte", und wenn einer der Verteidiger ihm zu nahe kam, „kniff" er
gottserbärmlich. Die große Zahl der Anhänger Turbines starrte schweigsam
auf die Spielfläche hinunter, und die wenigen Parteigänger Riesas, die ihre
Mannschaft begleitet hatten, machten Lärm für ein paar tausend.
In der zweiundzwanzigsten Minute war es dann soweit! Die Riesaer
kamen auf dem rechten Flügel durch. Ihr Außen flankte. Der Mittel-
stürmer ließ geschickt passieren, und nun stand der Halblinke in kaum fünf
Meter Abstand ganz frei vor dem Turbine-Tor. Vielleicht, wenn Torwart
Grosser sich sofort von der Linie gelöst hätte . . . Er zögerte aber, und schon
zappelte das Leder im Netz. 0:1. Das Begräbnis allererster Güte schien zu
beginnen. Zwar straffte sich nun das Spiel Turbines. Die Verteidiger wur-
den sicherer, das Läuferspiel aufmerksamer, und auch der Sturm stieß des
öfteren aussichtsreich vor. Doch alles in allem diktierte „Empor" auch
weiterhin das Geschehen, spielte sein Spiel, ohne allzu große Einengung
seitens der Turbine-Elf.
In der einundvierzigsten Minute - schon hoffte man, wenigstens ohne
weiteren Torverlust die Pause zu erreichen - entstand ein beängstigendes
Gewühl im Turbine-Strafraum. Eine Vielzahl von Beinen mühte sich um
den Ball. Da trudelte das tückische Objekt Toni Klager vor die Füße. Er
wollte es kurz zum Torwart zurückgeben. Doch Grosser war bereits unter-
wegs, und flach glitt das Leder unmittelbar an ihm vorbei ins Netz. 0:2!
Durch ein Selbsttor des unglücklichen Klager!
Es war nur gut, daß die Pause kam. Turbine schien aus allen Fugen. Man
spielte schwach wie lange nicht, und Heinz Wittmann, der trotz aller äußer-
lichen Ruhe aufgeregt war, schüttelte ein ums andere Mal den Kopf. Wo
waren die guten Vorsätze seiner Jungen, wo aller Eifer und alle Kampf-
entschlossenheit? In der Kabine gab Wittmann nun die Order für die zweite
Halbzeit. 0:2, das bedeutete ja beinahe die sichere Niederlage. Es war also
nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen.
„Ruhiger werden, Jungens! Viel ruhiger. Ihr seid während der gesamten
ersten Hälfte ein einziges Nervenbündel gewesen. So kann's nicht klappen.
Wir werden nun stürmen. Mit allen Kräften! Und laufender Stellungs-
wechsel! Beide Außenläufer schalten sich von Anfang an ins Sturmspiel ein
und pendeln gegebenenfalls sofort wieder in die Deckung zurück", befahl
Wittmann. „Und dann aus allen Rohren schießen. Verstanden? Das kurze
Hin- und Hergespiele ohne Saft und Kraft hört jetzt auf. Sonst könnt ihr
heute noch die Oberliga quittieren." Oh ja, sie verstanden ihn. Sie hatten es
ja selber gemerkt, wie auseinander sie waren. Die Nerven! Die Nerven! Als
der Schiedsrichter zum Wiederanpfiff an die Tür pochte, erhob sich Pepi
Wagner als erster. Heinz Wittmann klopfte ihm aufmunternd auf die
Schulter. „Los Pepi! Du weißt doch: nun erst recht!"
Ehe aber der Umschwung kam, hätte es um ein Haar gleich nach Halb-
zeit 0:3 gestanden. Die nun etwas gelockerte Hintermannschaft Turbines
konnte den angreifenden Innensturm der Riesaer nicht vom Ball trennen.

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Schließlich wagte der Halbrechte einen knallharten Direktschuß aus
zwanzig Metern. Doch Grosser „rettete" so toll, daß man ihm alles verzieh,
was er vorher verpatzt hatte.
Der höchst wichtige Anschlußtreffer Turbines fiel schließlich wie der
Blitz aus heiterem Himmel. Werner Bürger versuchte einen Balltrick,
täuschte damit den Riesaer Verteidiger und gab besonnen nach innen.
Märten erwischte den Ball so glücklich mit dem Spann, daß Schuß und
Einschlag praktisch eins waren. Es stand nur noch 1:2. Und alles war
wieder offen!
Fast eine halbe Stunde lang rangen beide Mannschaften um die Ent-
scheidung. Endlich zog Wagner - um vieles besser gegenüber der ersten
Halbzeit - unwiderstehlich los. Er hatte bald einen Vorsprung von zwei
Metern vor dem ihn verfolgenden Läufer. Gerade als der ihn erreichte,
schoß Pepi lang und flach in die äußerste Ecke. Es war ein sehr überlegter,
ein sehr eindrucksvoller Treffer, der Turbine zudem gewaltigen Auftrieb
gab. Außerhalb und innerhalb der Barrieren lag man sich in den Armen.
Unentschieden! 2:2 stand es nun. Und noch zehn Minuten waren zu spielen.
In der achtundachtzigsten Minute - wieder in der achtundachtzigsten,
wie am Vorsonntag - verwirkte einer der Riesaer Deckungsspieler durch
Handspiel einen Strafstoß hart an der Strafraumlinie. Märten legte sich
das Leder zurecht, nahm einen weiten Anlauf und schmetterte es, durch
eine Lücke in der etwas nachlässig gezogenen Mauer, so völlig unhaltbar
ins Netz, daß der Riesaer Torwart nicht einen Finger zu rühren vermochte.
Was sich nun im Stadion Lichtenberg tat, ist schwer zu beschreiben.
Mit turbulenten, aber erfolglosen Riesaer Angriffen klang das Spiel aus.
Turbine hatte erstmals wieder nach sechs Wochen gewonnen, hatte mit
neuformierter, blutjunger Mannschaft zwei wertvolle Punkte eingebracht,
hatte etwas erreicht, was man am Abend des Vorsonntags für unmöglich
gehalten hätte. Zugegeben, es war kein großes Spiel, und eine gewisse
Lässigkeit, eine allzu selbstsichere Überheblichkeit der Riesaer, nament-
lich in der zweiten Hälfte, kam Turbine entgegen. Doch gewonnen war
gewonnen. Die einmal gewonnenen Punkte würde niemand den Berlinern
streitig machen können.
Heinz Wittmann vermochte lange nichts zu sagen, als er bei seinen
Jungen in der Umkleidekabine saß.
Er ließ die Blicke über die kleine Schar schweifen. Wie „lütt", wie
„spillerig" doch einige noch waren! Eher Jungspieler als Mitglieder einer
Oberligavertretung der Deutschen Demokratischen Republik. Aus diesen
Jungen würde er schon etwas machen, wenn er sie in der Hand behielte.
Er würde sie individuell trainieren. Er würde die Periodisierung des Trai-
nings noch sorgfältiger auskalkulieren, würde in Vorbereitung auf die
Spielzeit, in Hauptperiode und Übergang zur Spielpause den denkbar
besten Modus zu finden versuchen, um aus den Jungen das Höchstmögliche
herauszuholen, ohne sie jedoch überzutrainieren. Da erhob sich der kleine
m
/

Wagner wieder, ging auf den Trainer zu und streckte ihm lächelnd die
Hand entgegen: „Wenn Sie nicht gewesen wären, noch vorhin in der
Pause — wir hätten auch dieses Spiel niemals gewonnen."
Heinz Wittmann winkte bescheiden ab. Eine beinahe festliche Stim-
mung lag über der nüchternen Umkleidekabine der BSG Turbine Berlin.
Der erste Sieg nach sechs Wochen! Der erste Sieg unter widrigsten Um-
ständen. Wie hatte doch Heinz Wittmann neulich gesagt? „Jetzt müssen
wir es schaffen. Nun erst recht!"

An diesem Sonntag, nach dem Spiel des BFC Titania 88 gegen den Wil-
mersdorfer SV, hatte Bredow zum erstenmal Gelegenheit, einen Blick
hinter die Kulissen des Westberliner Vertragsligarummels zu werfen. Er
erfuhr beispielsweise, daß die Titania zu Beginn dieser Saison achtund-
zwanzig Spieler unter Vertrag genommen hat und auf manchen Posten
dreifach besetzt war. Dazu kam eine Heerschar von Amateuren, und der
Trainer hatte die gewiß nicht beneidenswerte Aufgabe, aus diesem Kon-
glomerat von fertigen Cracks und versprechenden Jungmannen, die aus
allen Hirnmeisrichtungen zusammengeströmt waren, die jeweils beste Be-
setzung herauszufinden. Das ergab zwangsläufig Experimente über Ex-
perimente, und in den Meisterschaftsspielen verursachte die Mannschaft
ihrem zunächst so hoffnungsvollen Anhang eine unliebsame Überraschung
nach der anderen. Trainer Ärgert - ein tüchtiger Mann, aber Sklave des
gewichtigen Vorstandes - hatte vor den sinn- und wahllosen Spieler-
einkäufen gewarnt, doch Vereinsvorsitzender Lingenau stellte eigene Be-
rechnungen an. Ihm ging es ja nicht um den vernünftigen Aufbau der
Mannschaft. Er war Aktionär eines großen Betriebes, auf dessen Dach
zwar längst der Pleitegeier saß, der sich jedoch durch Kredite nach außen
hin noch immer recht respektabel ausnahm. Wenn er, der Herr Direktor Lin-
genau, nun für Spielereinkäufe sagen wir 25 000 DM aus dem Betrieb her-
auszog und damit „Titania" zum Meister machte, so amortisierte sich das
Kapital in den Spielen um die „Deutsche Meisterschaft" mit - vorsichtig
geschätzt - 150 000 Emmchen, und damit konnte Herr Lingenau dann
schon wieder etwas anfangen.
Nun war die Rechnung allerdings nicht aufgegangen. Titania lag nur
an vierter Steile der Vertragsliga, das Verhältnis von Vorstand zu Trainer
und Mannschaft war gespannt, die Stimmung unter den Spielern schlecht
und die Unzufriedenheit allgemein. Kam doch der einzelne Spieler infolge
des „Überangebots" viel zu selten zum Einsatz und damit zwangsläufig um
die ersehnten Aktivitäts- und Torprämien. Vom Vertragsligagrundlohn
allein aber konnte man beim besten Willen nicht leben.
Dem Vorstand, besonders Herrn Lingenau, rauchte der Kopf, und man
sah nur einen Weg der Rettung aus dieser Kalamität: Billiger Einkauf von
Spielern im Osten, und „Abstoßen" der teuren Stars, deren Eigenwilligkeit
zudem jede Mannschaftsbindung unmöglich gemacht hatte. Da war

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Johannes Hasselroth mit seinen Ostberliner Verbindungen gerade der rechte
Mann. Am Ende der vorigen Spielzeit hatte er bereits „Turbines" da-
maligen schußgewaltigen Mittelstürmer Hellmich den Titanen in die Hände
gespielt, und diesmal „vermittelte" er nun um ein Butterbrot den naiven,
unerfahrenen Bredow. Leute wie Hasselroth brauchte man. Sie würden
schon dafür sorgen, daß der Aderlaß an Spielern im Osten zugunsten der
westdeutschen und Westberliner Ligen ein dauernder und wohlorganisier-
ter blieb. Auch Kieninger war ja im Grunde noch recht billig. Zwar ließ er
nicht ganz so schamlos mit sich handeln. Da er aber gleichzeitig „Geschäfts-
partner" Hasselroths war, stellte sich die „Übernahme" für Titania immer-
hin sehr „preiswert".
Das alles begriff Erich Bredow nun allmählich. Nicht daß es ihm jemand
gesagt hätte. So töricht war der Vorstand der ollen Titanen nun wirklich
nicht. Doch wer Ohren hatte zu hören, der hörte. Wann jemals hätten
unzufriedene Menschen den Mund gehalten? Und das galt naturgemäß
erst recht für die verwöhnten Titania-Stars.
Erich Bredow kam sich vor wie in einer Unterweltskneipe. Da sprach
man mit erschreckender Offenheit vom Angebot eines vom Abstieg be-
drohten Konkurrenzvereins, das Spiel beider Mannschaften am kommen-
den Sonntag „zu verschaukeln". Für Titania, so hieß es, sei das Resultat
sowieso ohne größeres Interesse, da weder nach oben noch nach unten hin
etwas auf dem Spiele stände. Für die anderen jedoch wäre der Ausgang
„lebenswichtig". Was ginge einem also ab, wenn man ...? Zumal die Ab-
stiegsbedrohten sich nicht kleinlich zeigten.
Als Erich Bredow und Wolf Kieninger in dieser Nacht gemeinsam der
Pension zusteuerten, in der man sie übergangsweise untergebracht hatte,
fielen zum erstenmal harte Worte zwischen den langjährigen Mannschafts-
kameraden. „Das nennst du ein Leben?" sagte Bredow angewidert und spie
aus. „Pfui Teufel! Die Gladiatoren im alten Rom hatten es besser. Vor allem,
waren sie menschlich nicht so hoffnungslos verrottet."
„Du Kindskopf, du lächerlicher Kindskopf! Wo Geld verdient wird, da
pulsiert das wahre Leben. Merk dir das! Alles andere ist Phrase", erwiderte
Kieninger und legte die Hände auf den Rücken.
Da sprach Erich Bredow zum erstenmal aus, was ihn seit Tagen
schon bewegte. „Wenn ich das geahnt hätte . . . Wenn ich das nur geahnt
hätte . . . "
„Es gibt Menschen, die nicht für die Freiheit geboren sind", entgegnete
Wolf Kieninger salbungsvoll. „Ich jedenfalls fühle mich hier wohl, sau-
wohl!"
Sie waren vor der Tür der kleinen Pension angelangt, schlössen auf und
traten in ihr Zimmer. Erich Bredow war jeder Appetit vergangen. Er warf
sein Jackett auf einen Stuhl und begann sich auszukleiden. Wolf Kieninger
aber saß schon lange am Tisch und machte sich schmatzend über die beleg-
ten Brote her. Dazu trank er Bier, viel Bier.

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„Wolf, du bist als Sportler nicht mehr der Jüngste. Laß das Trinken, sonst
war diese Spielzeit gleichzeitig deine letzte."
Doch Kieninger lachte nur. „Je mehr ich saufe, desto besser spiele ich."
Da ließ Erich Bredow von dem Kameraden ab. Er legte seine Hose zu-
sammen und hing sie über den Stuhl. Als er sich bückte, um die Schuh-
riemen zu lösen, bemerkte er einen Zettel, ein Notizbuchblatt, das anschei-
nend aus seiner Hose gefallen, war. Bredow erhob sich nur so weit, daß ein
Lichtstrahl auf den Zettel fiel. Mit Bleistift waren wenige Worte auf das
Papier geworfen. Wenige, hastig niedergeschriebene Worte.
„Lieber Erich! Ich muß Dich dringend sprechen. Aber so, daß niemand
vom Verein etwas davon erfährt. Auch Kieninger nicht. Sei morgen,
Montag, um 20 Uhr, im ,Cafe Isola' am Tempelhof er Damm.
Kurt Hellmich."
Erich Bredow ließ den Zettel wieder in die Tasche gleiten. Kieninger
saß noch immer am Tisch, aß und trank. Er kümmerte sich nicht um Bre-
dow, so restlos ging er in seiner nahrhaften Beschäftigung auf.

Erich Bredow war schon lange vor 20 Uhr im „Cafe Isola". Er wußte
nicht, was er machen sollte. Kieninger hatte wieder irgendein Geschäft
abzuwickeln, mit Hasselroth, wie er sagte. Und daß es dabei nicht sauberer
zugehen würde als bei den Tischgesprächen der Titanen, das ahnte Bredow
längst. Gestern hatte man sein Handgeld - für Informierte eine lächerlich
geringe Summe - ausgezahlt. Das ermöglichte ihm wenigstens diesen
Kaffeehausbesuch und ein paar Stunden außerhalb des kahlen, unpersön-
lichen Pensionszimmers.
Was hatte er nur angestellt mit dieser Übersiedlung? Hatte ihn ein
Phantom genarrt? Ein geordnetes, ein sinnvolles Leben war von ihm auf-
gegeben worden, weil er den trügerischen Sirenenklängen vertraut hatte:
Den RIAS-Sendungen, den hier und da eingeschmuggelten Exemplaren der
Westspresse, den honigsüßen Einflüsterungen so falscher Freunde, wie
Hasselroth und Kieninger es waren.
Da trat auch schon Kurt Hellmich in das Lokal. Der gleiche Hellmich,
der ihm in diesen Tagen stets so auffallend aus dem Wege gegangen war,
daß Bredow schon glaubte, er zürne ihm aus irgendeinem Grunde.
Heute aber, hier im „Cafe Isola", schien Hellmich alles andere als zu-
geknöpft. Er war wieder ganz so, wie Bredow ihn kannte. Nur nervös schien
er zu sein, übernervös. Seine Hände zitterten, und er sog den Rauch der
Zigarette mit der Gier passionierter Raucher ein. „Du hast unterschrieben,
Erich?" begann er das Gespräch.
„Ich hatte keine Wahl. Du weißt, was im ,Abend' stand. Ich bin jetzt
drüben unmöglich. Man sperrt mich ein, sobald ich mich sehen lasse."
Hellmich wurde ärgerlich. „Rede keinen Unsinn. Das ist doch alles
Quatsch. Denke an Werner, denke an Rebentisch von ,Aufbau' Halle. Die
sind auch zurückgegangen. Man hat ihre Angaben überprüft. Sie haben die

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übliche Spielsperre erhalten. Aber getan? Getan hat ihnen niemand etwas.
Auf alle Fälle ist das besser, als sich unglücklich zu machen, wie ich mich
unglücklich gemacht habe."
Bredow glaubte nicht recht gehört zu haben. „Wie, du hast dich unglück-
lich gemacht? Du, der hochbezahlte Paradestar der Titania, mit dessen
Glück in Westberlin Hasselroth und Kieninger drüben handeln gehen?"
„Hasselroth und Kieninger!" Es klang sehr verächtlich. „Die beiden
wissen, warum sie das tun. Ein sauberes Pärchen, die zwei, das kann ich
dir sagen. Oder glaubst du etwa, der Kieninger wäre jemals hierhergekom-
men, wenn ihm nicht drüben der Boden unter den Füßen gebrannt hätte?"
Und dann packte Hellmich aus. Er wußte viel zu erzählen. Mochte auch
Hasselroth verschwiegen sein - Wolf Kieninger plauderte, sobald er ein
Glas über den Durst getrunken hatte, und das kam oft genug vor in den
letzten Wochen.
So erfuhr Bredow, daß Hasselroth einen gewissen Hans Krüger durch
gelegentliche Zuwendungen „an der Strippe" hielt. Dieser Krüger saß in
einer Dienststelle des demokratischen Magistrats, und durch ihn erhielt
Hasselroth seine einwandfreien Ausfuhrbescheinigungen. Auf diese Weise
brachte er in aller Offenheit seine Textiltransporte nach Westberlin, wo
die Aufkäufer schon darauf lauerten. Wolf Kieninger selber aber war
Hasselroths Vertrauensmann. Natürlich auch nicht ohne Grund, denn
einem bekannten Sportler öffnen sich manche Türen, die andere nur
mit Gewalt aufzubrechen vermögen. Ja, Hasselroth war schon ein kluger
Mann.
Nun allerdings, so erzählte Hellmich weiter, sei Kieninger wohl doch
einen Schritt zu weit gegangen und mußte Abstand zwischen sich und den
demokratischen Sektor legen. Daß er dabei seinen Auftraggebern noch eine
kleine Morgengabe in Gestalt des Halbstürmers Bredow mitbringen wollte,
paßte ganz in die Richtung.
Die beiden kamen vom Hundertsten ins Tausendste.
„Warum hast du mir das alles nicht eher gesagt?" fragte Bredow. „Ich bin
prompt in die Falle gegangen, wie so viele vor mir."
„Hast du eine Ahnung, wie man mich von dir zu isolieren versuchte!" Die
Empörung Hellmichs brach sich erneut Bahn. „Westliche Freiheit! Es ist die
Freiheit der Sklaven auf den Baumwollplantagen und in den Ölraffinerien."
Erich Bredow stierte vor sich hin. Kurt Hellmich atmete tief. Er setzte
erneut zum Sprechen an, ließ es dann aber.
„Wolltest du noch etwas sagen?"
Da ermannte sich Hellmich. Eben noch hatte er gezögert. Nun aber, da
er den alten Sportkameraden vor sich sah, im besten Zuge, jenen tristen
Weg einzuschlagen, den jeder anständige Sportler hier über kurz oder lang
zu gehen gezwungen war, sprudelte es aus ihm heraus. Lang aufgespeicherte
Empörung und heilige Wut. „Weißt du, was man tun müßte? Zu Wittmann
müßte man gehen, mit ihm reden, und - wenn möglich - zurückkehren. Und

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noch eins", er ballte die Fäuste, „diesem Hasselrath das Handwerk legen.
So gründlich, daß ihm Hören und Sehen vergeht."
Bredow nickte abwesend. Das wäre schon recht, dachte er. Doch es ging
ja nicht. Er war Flüchtling, politischer Flüchtling!
Warum eigentlich sollte man ihn drüben verurteilen? Weil er einer Lüge
aufgesessen war? Weil man in der Westpresse etwas über ihn verbreitet
hatte, um ihm den Rückzug abzuschneiden? Gewiß, er und Hellmich wür-
den bekennen müssen. Sie würden in dieser Spielzeit drüben nicht mehr
zum Zuge kommen. Doch Furcht? Wovor sollten sie sich fürchten?
Es war, als sei das Licht der elektrischen Birnen plötzlich doppelt so
stark, als scheine draußen die Sonne, als sei es heller Mittag.
„Du hast recht, Kurt. Wir gehen zurück."
Bredow und Hellmich steckten die Köpfe zusammen. Ein Plan war
durch Kurt Hellmichs Worte ausgelöst worden. Sie beide kamen sich nun
vor wie Verschwörer. Wie Verschwörer einer guten Sache.

. Johannes Hasselroth und Wolf Kieninger kauerten auf einem Barhocker


und waren im Gespräch. Dabei tranken sie Gin und rauchten. „Zu dumm,
daß du nicht mehr in den Osten kannst, Wolf", klagte der Dicke. „Das Ge-
schäft wird dadurch erschwert. Wir müssen einen neuen Mann einstellen.
Und der kostet nicht nur Geld, er sieht womöglich auch zuviel."
Ein bißchen Schadenfreude schien aus Kieningers Zügen zu sprechen.
Johannes Hasselroth merkte es wohl. „Außerdem hätte ich es natürlich
gern gesehen, wenn du die letzten Spiele Turbines noch mitgemacht
hättest."
„Warum?"
„Nun, ein Stopper nimmt die Schlüsselposition in der Mannschaft ein. Er
kann den Spielverlauf einigermaßen lenken, vielleicht sogar korrigieren."
Hasselroth lachte hämisch und klatschte sich auf die Schenkel. „Wenn Tur-
bine absteigt, werden die Spieler billig, mein Lieber. Wir könnten noch
diesen oder jenen aus der Konkursmasse brauchen. Ich denke da nach wie
vor an Märten, dann auch an Eberhardt, vielleicht sogar an Wagner. Der
Junge ist spritzig und hat eine Zukunft."
„Doch was anderes", sagte der Dicke. „Am Sonntag machen wir die
nächste Fuhre. Acht Tonnen! Den Fahrer habe ich bereits gechartert. Aus-
hilfsweise vorerst."
„Am Sonntag?" wunderte sich Kieninger, denn „Liefertag" war bisher
immer der Sonnabend.
„Ausnahmsweise", entgegnete Hasselroth und schüttete einen doppelten
Gin hinunter. „Der Sonntag ist diesmal der sicherste Tag. Es handelt sich
nämlich um eine kitzlige Fracht. Wir haben zwar Papiere, wie immer,
aber, du verstehst, Aufstellung und Ladung stimmen nicht ganz überein. Da
möchte ich lieber dabei sein. Am Sonntag macht zur fraglichen Zeit ein Be-
kannter an der Kontrollstelle Dienst. Der weist mich nötigenfalls schon aus."

24
Wolf Kieninger staunte. Ein toller Bursche, dieser Hasselroth. Überall
hatte er seine Bekannten zu sitzen.
„Hm! Wann übernehmen wir?" fragte er. „Ich nehme doch an, daß ich
hier auf euch warten soll?"
„Versteht sich. Also hör zu! Um 18 Uhr passiere ich mit der Karre die
Kontrollstelle. Um 18.30 Uhr bin ich schätzungsweise hier. Ein lohnender
Braten übrigens", fügte er hinzu und schnalzte mit der Zunge.
„Das glaube ich. Sonntagsarbeit muß aber auch besser bezahlt werden."
Hasselroth kicherte in sich hinein. „Du lernst ganz hübsch hinzu, mein
Junge." Die Barfrau schob zwei Gin herüber.
„Also nochmal, wann geht's los?"
„Sonntag achtzehn Uhr am Brandenburger Tor. Achtzehn Uhr dreißig
steigst du zu, und anschließend wird gleich noch geliefert. Dann sind wir
die Klamotten wenigstens los! Es wird so viel gestohlen heutzutage."
„Top!" Die beiden besiegelten das Geschäft mit kräftigem Händedruck.
Dann glitt Kieninger vom Barhocker. „Ich bin müde. Gute Nacht!"
„Es war eine anstrengende Woche", heuchelte Hasselroth Teilnahme. Als
aber Wolf Kieninger dem Ausgang zustrebte, murmelte er hinter ihm her:
„Du wirst mir langsam unangenehm, Bursche. Man sollte sich nach Ersatz
umsehen."

Am Freitag nachmittag und bis weit in den Abend hinein unterzog


Trainer Wittmann seine Mannschaft nochmals einem Training. Es wurde
hart gearbeitet in diesen Stunden, und die Jungen spürten ihre Knochen.
Gerade war Wittmann damit beschäftigt, Tormann und Sturm im Herein-
geben von Flankenbällen und Ecken zu trainieren, als auf dem Rasen hinter
dem Tor Bewegung entstand. „Hellmich und Bredow", hörte Wittmann die
Spieler flüstern, als er am Pfosten stand und die Haltung des Tormanns
korrigierte, der eben einen Eckball weggefaustet hatte. Wittmann hörte die
beiden Namen nennen, aber er machte sich keine Gedanken darüber.
Als der Trainer sich umwendete, glaubte er seinen Augen nicht zu
trauen. Dort, über die Steinstufen des Stadions, stiegen langsam zwei junge
Männer in hellen Sakkos zur Spielfläche hinab. Sie blickten etwas unsicher
drein, aber jeder kannte sie, kannte sie seit Jahren von den Berliner Fuß-
ballfeldern her: Kurt Hellmich und Erich Bredow.
Dem Trainer entglitt die Trillerpfeife. Sie baumelte nun an der gewirk-
ten Strippe. Wittmann bückte sich und kroch unter der. Barriere hindurch.
Auch die „Reservisten" eilten hinzu. Mit Mienen, aus denen das ungläubige
Staunen sprach, gingen sie auf beide zu. Wittmann erreichte sie als erster.
Der Schalk blitzte aus seinen Augen: „Auf Besuch aus dem goldenen
Westen?"
Die beiden lächelten wie dumme Jungen. Bredow winkte ab, und Hell-
mich sagte, verlegen von einem zum anderen blickend: „Wir möchten mit
euch reden. Doch jetzt wird das wohl nicht gehen?"

25
„Warum nicht?" entgegnete Wittmann sofort und sah sich um. Freudig
erregte, abwartende Gesichter umgaben ihn. „Oder ist jemand anderer
Meinung?"
Man ging zu den Umkleidekabinen hinüber und hockte sich auf Bänke
und Stühle. Die Blicke der Turbine-Spieler waren auf Hellmich und Bredow
gerichtet. Der ehemalige Mittelstürmer, der nun eine ganze Spielzeit beim
BFCTitania88 wirkte, der die Methoden des Vertragsspielerunfugs kennen-
gelernt hatte, räusperte sich. Er fühlte die Blicke der Kameraden und
wußte, daß er nun sprechen mußte. „Wir möchten zurück", stieß Hellmich
hervor, und er blickte dem Trainer offen ins Gesicht. „Was meint ihr dazu?
Können wir mit eurer Unterstützung rechnen?"
Es war totenstill für Augenblicke.
„Wir haben eine Dummheit begangen", sagte nun auch Erich Bredow.
„Es tut uns leid."
Heinz Wittmann war ernst geworden. „Wir werden niemals jemanden
zurückstoßen, der sich nicht an uns, an unserer demokratischen Ordnung
vergangen hat, Freunde. Das zu prüfen, ist natürlich nicht unsere Sache.
Doch ...", er blickte sich um, „die Spieler der BSG Turbine werden euch
gewiß nichts nachtragen."
Dann saßen sie zusammen. Achtzehn Turbine-Spieler und die beiden
Rückkehrer. Sie hörten von den Versprechungen und vom wahren Leben
der Vertragsspieler in Westberlin. Sie hörten, wie der Mensch zur Ware,
zum Sklaven wird, wie Herr Lingenau, der allmächtige Vereinsvorsitzende
der Titanen, Kurt Hellmich erst nach einem halben Jahre der Mitglied-
schaft zum erstenmal die Hand zu geben geruhte, wie Johannes Hasselroth
zwischen Ost und West pendelte, wie er das alles durchaus nicht zufällig
tat, sondern im Auftrag seiner Hintermänner, die am Auskauf der Sport-
gemeinschaften der Deutschen Demokratischen Republik nur allzu inter-
essiert waren.
Der Ekel überkam die jungen Spieler. Sie hatten einen Blick ins „Para-
dies" getan, in das Paradies einer verfaulenden Ordnung. Als man endlich
aufbrach, war es zwar nur ein kurzer Trainingstag. Der Nutzen des Ge-
hörten für jeden einzelnen, für sein künftiges Leben aber könnte nicht
größer sein.
Vor dem Büfett des Erfrischungskioskes sprachen Bredow und Hell-
mich den Trainer noch einmal an. „Wir haben noch etwas zu klären, etwas
sehr Wichtiges: den Fall Hasselroth!"
Heinz Wittmann sah die beiden Spieler aufmerksam an - nickte ihnen
aufmunternd zu, dann verließen sie in angeregter Unterhaltung das
Stadion.

Das Spiel gegen Rotation Leipzig wurde für Turbine zur Zerreißprobe.
Heinz Wittmann konnte sich nicht entsinnen, seine Mannschaft jemals
vorher so gut spielen gesehen zu haben. Der Sturm wirbelte, daß es eine

25
Augenweide war. Jeder Spieler hatte das Höchstmaß an körperlicher Bereit-
schaft erreicht, und außerhalb der Barrieren verstummten alle, die Trainer
Wittmanns Methode des forcierten Angriffspiels bisher immer glaubten
leichthin abtun zu können.
Aber gerade, als alles zum Besten ging, als Turbine durch zwei pracht-
volle Treffer von Eberhardt und Wagner mit 2:0 führte und der Großteil
der Zuschauer bereits im stillen zwei Punkte notierte, brach es über die
Mannschaft herein. „Lotti" Grosser, der Tormann, riskierte beim Heraus-
laufen zu viel. Er warf sich dem angreifenden Rechtsaußen von Rotation
tollkühn in den Schuß und wurde verletzt. Fünf Minuten wankte er noch
in seinem Gehäuse herum, dann - nach einem erneuten Zusammenprall -
mußte er endgültig vom Platz. Turbine war in größter Verlegenheit. Seit
Wochen schon fehlte es an einem vollwertigen Tormannersatz. Wolfgang
Mechling, der Schlußmann der „Zweiten", galt als nervenschwach in so
bedeutungsvollen Spielen, und die mögliche Verletzung Grossers war schon
seit langem Trainer Wittmanns Alpdruck. Nun hatte der Unfall sich tat-
sächlich ereignet. Noch dazu in einem Augenblick, da das Barometer deut-
lich auf Schönwetter stand.
Sofort bekam Rotation Oberwasser. Turbines Spielfaden riß, und die
brenzligen Situationen vor Wolfgang Mechlings Tor häuften sich beängsti-
gend. Die Abwehrspieler jedoch standen durch, warfen ihre Leiber in die
Kombinationen der Leipziger und retteten, was zu retten war. Als kurz vor
Halbzeit der Druck zunahm, half auch Märten noch als Deckungsspieler
aus, und oft waren es nur zwei Stürmer, die vorn auf Vorlagen lauerten.
Zur Halbzeit nahm Heinz Wittmann seine Schützlinge ins Gebet, und
nach Wiederanpfiff hatte sich Turbine wenigstens einigermaßen gefangen.
Das Sturmspiel begann erneut zu laufen. Aber es ist nun mal eine alte Er-
fahrung, daß es äußerst schwerfällt, eine im Kommen befindliche Mann-
schaft zu halten. Und Rotation Leipzig „kam", daß man auf den Rängen den
Atem anhielt.
In der sechzigsten Minute spitzelte einer der Leipziger das Leder so
raffiniert ins Dreiangel, daß Mechling keine Hoffnung blieb, und knapp
zehn Minuten später war gegen einen Schuß aus Nahdistanz kein Kraut ge-
wachsen. Trainer Wittmann saß mit brennenden Augen auf der Spieler-
bank. Neben ihm hockten Kurt Hellmich und Erich Bredow. Ihre Nägel
preßten sich in die Handflächen, und sie merkten es nicht einmal. Wenn es
doch wenigstens beim Unentschieden bliebe! Ein Punkt war immer noch
besser als gar keiner.
„Wenn die Jungen doch nur ruhiger wären. Viel ruhiger", stöhnte Witt-
mann.
Da brüllten die Massen auf. Zugleich aber lagen sich Wittmann, Hell-
mich und all die anderen in den Armen. Das Bangen und Zagen war ver-
gessen. Ganz überraschend, ganz unvermutet, war Turbines drittes Tor
gefallen.

27
Da hatte der kleine Wagner sich viel zu weit in Richtung der Eckfahne
abdrängen lassen. Als eigentlich schon gar keine Hoffnung mehr bestand,
dem Verteidiger zu entgehen, schoß er entschlossen ab. Das Leder segelte
in hohem Bogen herein, wurde vom Winde abgefälscht und senkte sich
unmittelbar vor dem hinteren Torpfosten ins Netz.
Was nutzte es, daß die Leipziger ihrem Torwart bittere Vorwürfe mach-
ten, weil er die kurze, anstatt die lange Ecke gedeckt hatte. Zu spät war halt
zu spät. Es stand 3:2 für Turbine, und in fünfzehn Minuten würde das Ende
des Kampfes sein.
Doch sagten wir nicht, daß dieses Spiel zu einer Zerreißprobe werden
sollte? Kaum hatte der Beifall sich gelegt, kaum lag der Ball zum Anstoß
auf der Mittellinie, da hielt man erneut den Atem an. Leipzigs starker
Mittelstürmer blieb, obwohl von zwei Abwehrspielern angegriffen, am Ball.
Er steuerte dem Tor zu und schoß, ehe ihn jemand zu hindern vermochte.
Zwar erreichte Mechling das Leder, doch der Schuß war ungemein scharf.
Er drehte über die Finger des kleinen Tormanns - und über die Linie 3:3.
Und wieder war alles offen wie zu Beginn.
Heinz Wittmann ließ seine Blicke über die Massen gleiten. Entlang der
Tribünenplätze, entlang der Aschenbahn. Um seiner Aufregung Herr zu
werden, konzentrierte er sich plötzlich auf einen anderen Gedanken.
Hasselroth war nicht zu sehen! Zum erstenmal, solange Wittmann zurück-
denken konnte, fehlte er bei einem Spiel der BSG. Also schien es zu stim-
men, was Bredow in Erfahrung gebracht hatte: daß der Dicke nämlich
gerade heute ein Geschäft startete, daß irgendwo am Bahnhof Lichtenberg
seine vollgepfropfte Fuhre wartete. Wenn die Volkspolizei nur aufpaßte...!
Wenn sie die Meldung nur ernst nahm . . .
Doch da packte den Trainer auch schon wieder gebieterisch das Spiel.
Zerreißprobe! Ja, es war wirklich eine Zerreißprobe. Mehrfach noch lag
der Torruf auf den Lippen der Tausende, weiteten sich die Herzen, er-
starrten die Glieder, je nachdem, ob ihre Lieblinge angriffen oder sich in
der Defensive befanden.
In der fünfundachtzigsten Minute dann stieß Willi Märten den Ball im
Fallen zum Siegestreffer über die Linie. Ein böser Rempler war der Szene
vorausgegangen, aber Schiedsrichter Schlosser aus Jena bewies Finger-
spitzengefühl, ließ weiterspielen und ermöglichte so den Einschuß.
Willi Märten wurde von seinen Gefährten umringt. Für Sekundenbruch-
teile schien es, als wolle man ihm den Kopf abreißen, so arg nahm man ihn
her.
Dann aber hieß es wieder, sich zu konzentrieren. Vier Minuten waren
noch zu spielen, und jetzt mußte es endgültig reichen.
Mit neun Mann verteidigte Turbine den knappen Vorsprung über die
letzten Minuten. Dann liefen Hellmich und Bredow ihren neuen, alten
Sportkameraden entgegen, umhalsten sie und geleiteten sie im Triumph in
die Kabine.

23
Heinz Wittmann aber saß bereits über der Tabelle. „24:28", stellte er
befriedigt fest. „Nun müßte es reichen!" Das klang sehr befreit, und tat-
sächlich war es dem Trainer, als sei mit diesem Treffer Willi Martens ein
riesengroßer Stein mit deutlich hörbarem Plumps von seinem Herzen
gefallen.

Johannes Hasselroth hatte seinen LKW nebst Anhänger in Lichtenberg


beladen. Das war bereits am Vormittag geschehen, und nun wartete er,
bis die Uhr halb fünf wäre. Zu dieser Zeit wollte der Fahrer kommen, und
gegen halb sechs sollte es losgehen, Richtung Kontrollstelle.
Um drei Viertel fünf kam der Chauffeur. Hasselroth hatte schon viel
getrunken bis dahin. Er wußte selber nicht, wie er es sich erklären sollte.
Er war unruhig heute, wie noch niemals zuvor. Mehrmals hatte er sich
einen Narren gescholten, doch diese Unsicherheit kehrte immer wieder.
Kurz vor drei Viertel sechs kletterte er schnaufend zu dem Fahrer in
die Führerkabine, und der schwere LKW setzte sich in Bewegung. Man
fuhr durch die Stalinallee, über den Alexanderplatz, dann die Münzstraße
entlang, die Rosenthaler Straße und die Wilhelm-Pieck-Straße.
Die Uhr auf der Telephonzelle an der Ecke Friedrichstraße zeigte
18.10 Uhr, als das Fahrzeug links abbog und mit knatterndem Diesel den
„Linden" zusteuerte.
An der Sowjetischen Botschaft sah Johannes Hasselroth ein letztesmal
auf die Uhr. 18.18 Uhr. Er lächelte.
Da stand auch schon ein Volkspolizist auf der Straße. Man fuhr rechts
heran. Nun, die Papiere waren ja in Ordnung. Und wenn der Volkspolizei-
wachtmeister gar zu neugierig wäre, hatte Hasselroth noch immer seinen
„guten Bekannten", Hans Krügers zuverlässigen Gewährsmann Erwin
Baltenstetter, als Aktivposten zur Verfügung.
Hasselroth reichte die Papiere hinaus und mit den Papieren sein wohl-
gefülltes Zigarettenetui. Der Volkspolizist dankte. Dann lächelte er ver-
bindlich. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich einmal für ein Weilchen
hinausbemühen würden, Herr Hasselroth. Wir möchten uns nämlich Ihre
Fracht doch einmal ein wenig genauer ansehen."
Der Dicke lief rot an: „Erlauben Sie! Die Papiere sind in Ordnung. Die
Ausfuhrgenehmigung liegt auch vor...!"
„Eben. Um so schneller wird alles gehen."
„Und außerdem können wir Herrn Baltenstetter..."
Der Volkspolizist nickte. „Natürlich werden wir uns auch mit Herrn
Baltenstetter unterhalten."
Sein Ton sagte Hasselroth nicht zu. Der Dicke war abergläubisch, und
seine Unruhe fiel ihm ein. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn
er...
Wie diese Burschen nur alle guckten. Und reichlich viele Volkspolizisten
waren es auch, die hier herumstanden. Noch dazu an einem Sonntag.

29
„Wenn Sie bitte vorgehen würden . . . "
Der Volkspolizeiwachtmeister war von einer allzu verdächtigen Liebens-
würdigkeit.
In der kleinen Kontrollbaracke saßen mehrere Uniformierte und, hinter
einem Behelfsschreibtisch, Hasselroths „guter Bekannter" Erwin Balten-
stetter.
„Herr Baltenstetter, ich finde dieses Verhalten der Polizei unerhört."
Johannes Hasselroth legte mächtig los. Er spulte sein ganzes Vokabular an
Anschuldigungen herunter und endete mit der empörten Feststellung:
„... und so etwas passiert nun einem anständigen Staatsbürger und Steuer-
zahler."
Doch Erwin Baltenstetter antwortete nicht. Er machte ein kreuz-
unglückliches Gesicht und ähnelte in nichts dem Manne, mit dem es sich
sonst so fröhlich zechen ließ. Die Stille im Raum war peinlich. Da räusperte
sich einer der Uniformierten am Tisch. Er hatte einen höheren Dienstgrad,
doch darauf verstand sich Hasselroth nicht.
„Nun fehlt uns eigentlich nur noch Herr Krüger. Dann sind wir alle bei-
sammen."
Hasselroth überlief es eiskalt. Krüger? Was wußte die Volkspolizei von
Krüger? Aus! ging es ihm durch den Sinn. Alles aus! Der schlechte Traum!
Die Unsicherheit! Verdammt! Für Sekunden trug sich Hasselroth mit dem
Gedanken, hinauszulaufen. Zu seinem LKW! Vielleicht gelang es ihm,
durchzubrechen. Vielleicht... Eine Tür sprang auf. Drei Männer traten ein.
Drei Männer in Zivil. Einer davon, der mittlere, war Krüger. Sein Gewährs-
mann Hans Krüger!
Der Kopf Erwin Baltenstetters fiel schwer auf den Tisch. Er war mit
seiner Beherrschung am Ende. Johannes Hasselroth sah sich hilflos um. Sein
Blick fiel auf Krügers Handschellen, fiel auf die Gesichter der Männer, aus
denen die Entschlossenheit sprach, mit jenen abzurechnen, die hinter dem
Rücken der Werktätigen ihre schmierigen Geschäfte machten.
„Ein sauberes Kleeblatt", sagte der Kommissar. „Einer gibt die Be-
scheinigungen, der zweite hält im Notfall die Polizei vom Leibe, und der
dritte lädt, damit er beim Verteilen der Beute ein bißchen besser wegkommt
als seine Komplicen, statt der vorgesehenen sechs Tonnen noch zwei v/eitere
für eigene Rechnung auf. Tja, Pech, Herr Hasselroth! Schade um Ihren
Schützling, Herrn Kieninger. Er wird vergeblich warten."
Der Dicke möchte etwas erwidern, möchte sich verteidigen. Doch das
Netz ist allzu feinmaschig. Es hat keinen Durchschlupf. Und selbst aus den
Gesichtern von Krüger und Baltenstetter spricht nur Haß, abgrundtiefer
Haß.

Während im Klubraum der BSG Turbine zwei Dutzend überglückliche


Fußballer den zweiten Sieg in vierzehn Tagen feierten, saß jenseits des
Brandenburger Tores ein langer, schlaksiger Bursche, die Zigarette im

30
v
Mundwinkel, in einem billigen Tingeltangel. Seine glasigen Augen stierten
übermüdet und gerötet auf das halbleere Wasserglas. Rauchschwaden um-
nebelten ihn, und das Gegröle Betrunkener stieß mißtönend ins Ohr.
Wolf Kieninger sah und hörte das alles kaum. „Mal oben, mal unten",
lallte er und versuchte ein Lächeln. Sein hageres Gesicht verzog sich zur
Grimasse. „Armer Hasselroth! Warst ja ein Aas. Immerhin, das hätte ich
dir nicht gegönnt." Sein Stammeln wurde immer undeutlicher. Doch plötz-
lich, ehe er von dem hohen Barhocker herunterrutschte, straffte er sich noch
einmal und redete so laut und deutlich, daß die aufdringlich und schlecht-
geschminkte Barfrau kopfschüttelnd aufsah. „Dabei sollte gerade ich dich
zum Teufel wünschen. Hast du mich nicht auch auf dem Gewissen? Hast du
nicht schuld, daß es für mich kein Zurück mehr gibt?"
Er wankte zwischen den Tischreihen hindurch, schlug den Flauschvor-
hang zurück und trat auf die nächtliche Straße. Dort hockte ein Bettler im
fallenden Nebel und streckte Kieninger die magere Hand mit einer Schachtel
Streichhölzer entgegen.
Die Straße war spiegelblank, und es begann zu regnen. Wolf Kieninger
vergrub die Hände in den Taschen und schlug den Rockkragen hoch. Dann
torkelte er unsicher an der Plauswand der halbdunklen Straße entlang . . .

Den ganzen Abend über hatte Heinz Wittmann auf einen Anruf ge-
wartet. Hatte man nun endlich Johannes Hasselroth das Handwerk gelegt?
Oder reichte das Material noch immer nicht? Als es zehn Uhr geworden
war, ohne daß sich irgend etwas regte, rief der Trainer kurz entschlossen
die Volkspolizeiinspektion an.
Der Kommissar lachte in den Apparat hinein. „Längst erledigt, der Fall.
Die drei sitzen seit drei Viertel sieben, genauer seit 18.51 Uhr, hinter Schloß
und Riegel. Alles verlief reibungslos." Und dann nach einem erneuten Auf-
lachen: „Nächstes Mal geben Sie uns aber den richtigen Telephonanschiuß
an. Dann hätten Sie sich jetzt zwanzig Pfennige erspart und wir viel Zeit.
Ich habe hier nämlich schon sechs vergebliche Anrufe registriert. Immer
meldete sich der Verband zur Bekämpfung des Alkoholismus."
Nun lachten alle beide.
„Und nochmals besten Dank für die wertvollen Informationen."
Heinz Wittmann legte auf. Er ging über den teppichbelegten Flur und
blieb vor der Klapptür stehen. Im Saal des Klubhauses spielte die Kapelle
gerade einen Walzer, und Pepi Wagner hielt ein schlankes Mädel mit korn-
blondem Haar im Arm. Der Trainer lächelte. Nun konnte die Mannschaft
zusammenwachsen. Niemand würde es mehr hintertreiben. Weder inner-
halb noch außerhalb der eigenen Reihen. Er trat wieder in den Saal.
Eberhardt winkte herüber, und jetzt auch „Lotti" Grosser. Heinz Witt-
mann ging auf den Tisch zu.
Da beugte sich Benno Eberhardt vertraulich vor. „Na, wie sieht's aus
mit Hasselroth und Konsorten?" ,

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Auf den Mienen des Trainers lag tiefe Zufriedenheit: „Am Branden-
burger Tor erwischt. Genau wie Bredow es ermittelt hatte. Und zwar", er
hatte sich die genaue Zeit tatsächlich gemerkt, „um 18.51 Uhr." Benno Eber-
hardt schlug in die Hände. Seine ehrliche Überraschung aber wandelte sich
fast augenblicklich zu kameradschaftlicher Anteilnahme. „Das freut mich
für Bredow, für Märten. Können die beiden nun wieder damit rechnen,
daß . . . ? " Wittmann zögerte und blickte Eberhardt gespannt an.
„Wir brauchen einen neuen Leiter der Fahrbereitschaft, und Kieningers
Platz ist auch frei. Man könnte also - die Genehmigung der BGL voraus-
gesetzt - alle drei . . . "
„Und den Erich Bredow etwa gar als . . . ? "
„Als Fahrbereitschaftsleiter, ganz recht. Er hat seinen Fehler gutgemacht.
Das Unschädlichmachen Hasselroths war ein Meisterstück."
Vom Billardsaal her kamen Bredow, Hellmich und Märten.
„Ich habe die Volkspolizeiinspektion angerufen", begann Bredow. Er war
sehr aufgeregt und suchte nach Worten. „Hasselroth ist . . . Hasselroth
hat . . . " Die Männer lachten. „Längst bekannt, Kollege Fahrbereitschafts-
leiter." Bredow, Hellmich und Märten sahen sich an.
„Soll das bedeuten . . . ? "
„Das soll bedeuten, daß ihr beiden, Hellmich und Märten, euch morgen
früh um halb sieben beim Fahrbereitschaftsleiter Bredow zur Übernahme
eurer neuen Tätigkeit meldet."
Die drei zögerten nur wenige Sekunden. Dann hatten sie begriffen. „Das
ist ja . . . Das ist ja . . . "
Heinz Wittmann mischte sich gutgelaunt ein. „ . . . ein Volltreffer! Halb-
hoch - ins Netz!"
Die Musik tönte leise herüber.
Am Tisch Benno Eberhardts steckte man noch lange die Köpfe
zusammen. Der Sonntag war ereignisreich gewesen - sehr ereignisreich!

32
Ai a Tie-niu vor der Bude anlangte, war der dicke Krummbeinige noch
darinnen. Er unterhielt sich mit einem zweiten, Jüngeren. Dieser trug einen
neuen Sportmantel und hatte auf der Nase eine Sonnenbrille. Dabei scheint
doch keine Sonne mehr! dachte Tie-niu. Neugierig trat er näher. Da drehte
der Dicke sein wimpernloses Gesicht langsam Tie-niu zu und starrte ihn
mit seinen roten, entzündeten Augen an. Der Blick stach wie ein spitzes
Messer. Dieser Blick, dieses Gesicht gehörte einem Feind! Kläglich schlich
Tie-niu weg. Er ist es! Er ist es! klopfte sein Puls. Ein paar Atemzüge lang
verlor Tie-niu den Kopf. Dann zwang er sich zu ruhigem Nachdenken. Er
kämpfte seine Angst nieder und kehrte um. Seine Knie schlotterten, aber er
zwang sich zum Gehen. Vorsichtig machte er einen weiten Bogen, näherte
sich der Bude von der Rückseite her. Die Bretterwände hatten Ritzen und
Löcher. Tie-niu spähte durch ein Astloch und drückte dann sein Ohr da-
gegen. Jetzt konnte er einzelne Worte unterscheiden: „Legt Feuer . . . G i f t . . .
am besten nachts . . . Dorf schläft . . ."

Wen belauscht der chinesische Junge hier?


Was haben diese beiden Männer vor?

Sicher seid Ihr auf die Lösungen dieser Fragen gespannt. Ihr findet sie
in dem Buch von Alex Wedding

Dieses Jugendbuch macht Euch nicht nur mit den abenteuerlichen Erleb-
nissen Tie-nius bekannt, sondern erzählt uns auch viel von den Menschen
des neuen China.

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Berlin W 8 • Markgrafenstraße 30

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