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Otto Bonhoff

20000 für
Francasal

Verlag Neues Leben 1954


Dort wo die Straße nach der südenglischen Stadt Cardiff
einen Bogen beschreibt, ehe sie im stark gelichteten
Wald verschwindet, hielt Jane an und stieg vom Fahrrad,
schüttelte das lange dunkle Haar aus dem Gesicht und
wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.
Es war auch am Abend noch ungewöhnlich heiß, und
der Wind, der von der Küste herüberstrich, brachte keine
Kühlung. Die Luft flimmerte, und vereinzelte Wolken
zogen gleich zerpflückten Wattebäuschen am tiefblauen
Himmel. Die Felder wogten unter ihrer goldenen Last.
Jana hatte das Fahrrad an einen Baum gelehnt und sich
am Rande der Straße niedergesetzt. Verspielt zog sie ei-
nen Grashalm zwischen den Zähnen hindurch. Hin und
wieder ging ihr Blick unruhig zur Stadt zurück, Es war
kurz nach sechs Uhr. Ralph konnte in zwanzig Minuten
hier sein, wenn er sich beeilte. Wie qualvoll langsam der
Minutenzeiger über das Zifferblatt kroch!
Jane lehnte sich zurück und zog die Bluse glatt, um et-
was gegen ihre Unruhe zu tun. Ralphs Stimme hatte am
Telephon sehr verärgert, ja, wütend geklungen; jedenfalls
ganz anders als sonst. Er wollte sie unbedingt heute noch
sprechen. Was hatte sie in ihrer möblierten Bude schon
zu verlieren? Nichts. Also war sie sofort, nachdem sie
das Büro verlassen hatte, hierher gefahren, wo sie sich
immer trafen, wenn das Wetter es zuließ. Beinahe jeden
Abend, seit Ralph wieder da war.
Das Mädchen stützte sich auf den Ellenbogen und kaute
wieder an dem Grashalm herum. Sie hatte keine Strümp-
fe an, ihre Beine waren von der Sonne getönt. Es sah
hübsch aus, wie sie dalag.
Jane kniff die Augen ein bißchen zusammen. Ralph war
gut einen Kopf größer als sie, ein kräftiger Kerl, der zu-
zupacken verstand und den so schnell nichts aus der Ru-
he bringen konnte. Hatte sie gedacht. Aber heute. -. -. Sie
konnte sich nicht erinnern, ihn jemals ähnlich verärgert
sprechen gehört zu haben. Oder war das nur ein Trick, sie
neugierig zu machen und hierher zu locken? Wohl kaum.
Die Sonne blendete, und Jane schloß die Augen. Jetzt
sah sie wieder deutlich den Hafen von Liverpool vor
sich. Sie hatte Ralph Hopkins dort abgeholt, als er aus
der Gefangenschaft zurückgekommen war. Damals bro-
delte der Nebel feucht und feindlich über den Kaianla-
gen, die Flakrohre des Truppentransporters ragten wie
spitze Nadeln in den Himmel, und die wartenden Men-
schen schienen ihre Gesichter verloren zu haben und sich
selbst fremd zu sein. Dann erklangen Rufe, als die Heim-
kehrer von Bord gingen. Mancher von ihnen trug den
Arm in der Binde, hatte einen Verband um den Kopf oder
ging an Stöcken. Dennoch sahen die Soldaten Ihrer Ma-
jestät gesund und gepflegt aus. Die neuen Uniformen, die
man ihnen gegeben hatte, stachen eigentümlich von den
sonnenverbrannten Gesichtern ab, in denen die Zeichen
des Krieges standen. Es war der erste Transport repatri-
ierter Koreakämpfer. Die Soldaten wurden mit Fragen
bestürmt, Scheinwerfer der Wochenschau zerrissen den
Nebel und die kurzen grellen Blitze der Bildreporter
sprangen von einem zum anderen.
Die Blechmusik dröhnte, hier und da stieg schnaubend
der Gaul eines Polizisten, und der eben noch tote Kai war
erfüllt von Frage und Antwort, von sinnlos gestammelten
Worten der Wiedersehensfreude und dem Schluchzen
derer, die Mann oder Sohn, Bruder oder Freund vergeb-
lich erwartet hatten.
Jane fand Ralph erst spät. Er war unter den letzten, die
von Bord gingen. Er hatte sich aus Verlegenheit eine
Zigarette angesteckt und kam sich überflüssig vor, denn
auf ihn wartete niemand. Als Jane vor ihm stand, rötete
sich sein Gesicht. Jane hatte ihm einfach um den Hals
fallen und etwas Liebes sagen wollen, aber nun brachte
sie das nicht fertig. „Du bist da?“ fragte Ralph, und seine
Stimme war ganz leise, aber auch sehr froh gewesen. „Ja,
Korporal, ich bin da“, brachte sie nur heraus. „Dann kön-
nen wir ja gehen“, murmelte er und zog sie aus dem Ge-
wimmel.
Sie gingen durch dunkle Straßen und erzählten von da-
heim. Ralphs Vater war in der Dreherei mit den Fingern
in eine Maschine geraten. Drei Finger wurden abge-
quetscht. Kaum genesen, hatte man ihn entlassen. „Es ist
nicht leicht für ihn“, schloß Jane.
Ralph schlug nachdenklich mit einer Gerte, die er ir-
gendwo aufgelesen hatte, gegen seine Gamaschen. „Es
wird überhaupt nicht leicht sein, sich wieder an das Le-
ben hier zu gewöhnen, auch für mich nicht. Ich habe
nichts gelernt, wovon ich mich jetzt ernähren könnte, und
für das ,Danke schön, Korporal’ kann ich mir nichts kau-
fen. Es ist alles so fremd geworden. Im Lager habe ich
angefangen zu lernen, Buchhaltung und so. Es ist uns
nicht schlecht gegangen bei den Koreanern. Wir haben
über die englischen Zeitungen gelacht, in denen jene als
Menschenfresser hingestellt wurden. Na, vielleicht finde
ich Arbeit.“
Und dann, ganz unvermittelt, legte er den Arm um sie
und zog sie fest an sich. „Es ist schön, daß du gekommen
bist, Jane. Ich habe nicht daran geglaubt. Ich war doch so
lange fort, und du bist jung, und es gibt doch noch ande-
re, die mehr haben.“ Jane schüttelte den Kopf. Da küßte
er sie, und sie wehrte sich nicht. Das wäre Heuchelei
gewesen, Spiegelfechterei; denn sie konnte sich nur dar-
über freuen, daß er wieder da und gesund war.
Das Mädchen richtete sich auf und sah wieder zur Stadt
hinüber. Sie mußte die Augen mit der Hand schirmen,
um den Radler zu erkennen, der dort hinten auftauchte
und rasch näher kam. Jane nahm den Grashalm aus dem
Mund. Ja, es war Ralph.
Er hielt an, stellte das Rad ab und setzte sich ohne Gruß
zu ihr. Jane spürte, daß er sehr wütend war. Achtlos zog
er ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche, steckte eine
an und rauchte hastig.
„Was ist denn?“ Jane rückte näher an den Freund heran.
„Ist im Geschäft etwas passiert?“
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist Charles
verrückt“, brauste Ralph auf. Corner Charles war Inhaber
des Buchmacherbüros, in dem Ralph arbeitete. Es gab,
das wußte Ralph bereits nach wenigen Tagen, kaum ei-
nen gerisseneren Rennverdiener als Charles. Gerüchte
gingen um, daß er es mit der Wahrheit nicht allzu genau
nehme. Niemand wußte, von wem er die Tips erhielt, die
er geschickt in klingende Münze umzuwandeln pflegte.
Er fand stets Liebhaber dafür. Ralph war der Mann weder
sympathisch noch unsympathisch. Er hatte ein breites,
volles Gesicht, das seine Neigung zu irdischen Genüssen
verriet, und zeichnete sich vor anderen Zeitgenossen
durch unerschütterlichen Gleichmut aus. Wenn er in sei-
nen unvermeidlichen, schottisch karierten Knickerbok-
kers am Rande der Rennbahn stand, die Schirmmütze ein
wenig in den Nacken geschoben, dann gab es Leute, die
ihn als „Fels in der Brandung“ bezeichneten.
Ralph zuckte die Achseln und bemühte sich, gleichgül-
tig zu erscheinen. „Charles ist verrückt. Der Laden steht
nicht so gut da, wie man vielleicht annimmt. Es reicht
gerade so. Und nun hat der Boß sich in den Kopf gesetzt,
ausgerechnet auf Francasal durch Mittelsmänner 9000
Schilling zu setzen. Auf Sieg noch dazu! Dabei ist Fran-
casal der übelste Außenseiter, den du dir denken kannst.
Er ist erst vor kurzem aus Frankreich importiert worden.
Warum, ist mir bis heute noch nicht klargeworden. Er
sieht ganz gut aus, alles was recht ist, aber sonst… Ein
ganz müder Renner, der nie auch nur einen günstigen
Platz belegt hat. Gewöhnlich kam er angezockelt, wenn
alles schon im Ziel war. Beim nächsten Rennen in Balh
hat er überhaupt keime Chance. Da sind Klassepferde am
Start. – Ich habe Charles auf die Gefahr aufmerksam ge-
macht. 9000 Schilling! Das verdienen manche Leute in
sechs Monaten nicht. Der dicke Charles hat nur gegrinst
und besteht darauf. ,Sie sind bei mir angestellt, damit Sie
arbeiten und nicht, damit Sie sich in meine Privatangele-
genheiten mischen’, hat er mir geantwortet. Das war al-
les.“
Ralph brütete vor sich hin. Das war die Art, in der
Charles mit seinen Leuten verkehrte. Als Ralph einge-
stellt wurde, hatte der Buchmacher ihm gesagt: „Es gibt
Leute, die behaupten, jeder, der im Lager war, käme als
Kommunist wieder. Mir ist das gleichgültig. Wir haben
zum Glück keinen MacCarthy, der uns die Hölle heiß
macht. Und von mir aus können Sie an Gott glauben oder
an das Kommunistische Manifest, solange Sie arbeiten,
wie ich das verlange. Das heißt: manchmal den Mund
halten. Wenn Sie wollen, kann für Sie am Fünfzehnten
der Erste sein. Ich bin ein verträglicher Mensch und reize
keinen, der mich nicht reizt. Also?“ Ralph hatte einge-
schlagen. Etwas anderes war ihm nicht übriggeblieben,
Jane verstand nicht viel von Rennen, Sie selbst spielte
leidlich Tennis und schwamm einigermaßen. Sie liebte
es, an Sonn- und Feiertagen mit Ralph durch den Wald
oder zur Küste zu radeln, irgendwo in der Sonne zu lie-
gen und abends, wenn schon die Sterne aufgegangen wa-
ren, zurückzukommen, müde und mit schmerzenden Wa-
den, aber braungebrannt und hungrig. Sie liebte es auch,
einmal mit ihm in eine nette Gaststätte zu gehen. Aber,
wie gesagt, von Pferden und Pferderennen verstand sie
nichts. Das überließ sie Ralph, der ein Tiernarr war, wie
seine Freunde sagten.
Ralph legte mit einem Seufzer seinen Kopf in Janes
Schoß. „Ich habe ein dummes Gefühl bei der ganzen Sa-
che, Ein sehr dummes.“ Er wandte den Kopf so, daß er
ihre Augen sehen konnte. „Was hältst du davon, wenn
wir zum nächsten Rennen nach Bath fahren? Macht es dir
Spaß? Zuschauen ist interessant. Schöne Pferde und viele
Menschen. Wir brauchen ja nicht zu wetten.“
Sie hatte eine Haarsträhne von ihm um den Finger ge-
dreht und ließ sie jetzt los. Wie ein kleiner drolliger
Spieß sah diese aus. „Gut“, sagte Jane lächelnd. „Fahren
wir also.“
Er drehte sich herum und nahm sie in die Arme.
„Hier kann uns jeder sehen“, wehrte sie sich schwach,
Er lachte. „Es kommt ja niemand.“
Da gab das Mädchen nach. Ihre Haut war kühl und glatt.
Hinter ihren Ohren kräuselten sich kleine dunkle Locken,
auf denen die Sonne flimmerte.
Endlich machte sie sich los und strich das Haar hinter
die Ohren. „Nun fahren wir aber. Ich muß noch einkau-
fen. Hintenherum. Die Geschäfte haben schon geschlos-
sen.“
Gleichmäßig drehten sich die Pedale. Und plötzlich
brannte der Horizont purpurn auf und überzog den Him-
mel mit flammendem Rot;
„Meinst du, daß Charles euch ruiniert?“ wollte Jane
wissen. Es ging ihr gar nicht um Mr. Gomer und seine
Knickerbocker, sie bangte um Ralphs Stellung. Schwer
war es in England, eine vernünftige Stellung zu finden.
Acht Jahre nach Kriegsende haben die USA dem briti-
schen Vetter viel Wasser abgegraben, und das macht sich
bemerkbar im Geldbeutel jedes einzelnen ebenso wie in
den hitzigen Debatten der beiden Häuser des Parlaments.
Jane dachte an Ralph und erschrak bei dem Gedanken,
er könne alles, was er sich in den vergangenen Wochen
mühsam erarbeitet hatte, wieder verlieren. Sie griff nach
seinem Arm und zwang ihn so, die Fahrt zu unterbre-
chen. Verwundert sah er sie an.
„Versprich mir, daß du dich aus allem heraushalten
wirst, was vielleicht noch kommt. Versprich mir das.“
Um seine Mundwinkel spielte ein Lächeln der Überle-
genheit. Er war erstaunt. „Was soll denn geschehen? Und
wo soll ich mich heraushalten?“
Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte das Ge-
fühl, daß sich hinter den Worten Ralphs von der geplan-
ten Wette etwas Dunkles, Unsauberes verbarg, etwas, das
Gefahr bringen und in das Ralph verwickelt werden wür-
de. Ein bißchen verlegen sah sie ihn an.
„Vielleicht hängt es einmal von dir ab, ob Charles sei-
nen Laden dicht machen muß oder nicht. Was wirst du
dann sagen?“
„Die Wahrheit, Jane, das versteht sich. Ich habe mit
Charles nicht Brüderschaft geschlossen und sehe keinen
Grund, besondere Rücksicht auf ihn zu nehmen.“ Er
grinste schon wieder. „Aber es wird niemand auf die Idee
kommen, ausgerechnet mich über ihn auszufragen. Die
Leute von Scotland Yard kommen Charles auch ohne
mich auf die Sprünge, wenn sie das wollen. Vielleicht
bald, vielleicht später, vielleicht auch gar nicht, wenn er
sich nichts zuschulden kommen läßt.“
„Wenn er nun aber doch .; -.?“
Ralph wischte den Einwurf mit einer Handbewegung
weg. „Du siehst Gespenster, Jane, oder liest zuviel Kri-
minalromane. Nur, weil der Boß eine verrückte Wette
eingehen will, denkst du an die unwahrscheinlichsten
Sachen. Er dreht so ein Ding sicher nicht das erste Mal.
Und wenn er Pleite macht – schön, dann habe ich Pech
gehabt. Aber es ist doch anzunehmen, daß er sich wieder
aus der Affäre zieht. Bin nur neugierig, wie. Deshalb
möchte ich in Bath dabei sein.“
Aber Jane gab nicht nach. Halb widerwillig, und nur,
um sie zu beruhigen, versprach Ralph schließlich, was sie
von ihm verlangte. Er dachte sich nichts dabei, höch-
stens, daß es nicht schön wäre, wenn eines Tages Ralph
Hopkins vor dem geschlossenen Geschäft des Buchma-
chers Gomer Charles stünde und wieder umkehren müß-
te, weil der Laden indessen aus dem Register gestrichen
worden war.
Sie fuhren weiter. Und Ralph war ehrlich genug, einzu-
gestehen, daß die seltsame Erregung des Mädchens auf
ihn übergriff und ihn neugierig machte.
Vor dem Haus, in dem Jane zur Untermiete wohnte,
trennten sie sich. Ralph fuhr langsam wieder an. Er hatte
wenig Lust, schon nach Hause zu fahren, in die mehr als
dürftige Hinterhauswohnung, der alle Fürsorge der Mut-
ter kein freundliches Aussehen zu geben vermochte.
Planlos fuhr er durch die Straßen. Die Laternen flammten
eben auf und malten bizarre Flecke auf die Hauswände.
Behäbig standen erleuchtete Fenster in der Dunkelheit.
Ralph bog gedankenverloren in die Querstraße ein, in
der das Büro lag. Vor ihm tanzte der flimmernde Strahl
der Dynamolampe. Plötzlich stoppte er ab. Vielleicht war
es Charles peinlich, von seinen Angestellten in solcher
Gesellschaft gesehen zu werden?
Der Buchmacher stand, breit und in den unvermeidli-
chen Knickerbockers, die Schirmmütze etwas im Nak-
ken, genau im Licht einer Laterne und sprach auf drei
junge Männer ein, die Ralph nicht kannte. Das Gesicht
des einen, hageren, wurde voll vom Licht getroffen. Er
hatte die Jungen noch nie gesehen. Ihre grellbunten Te-
xashemden, mit Brotbäumen und spielenden Affen be-
druckt, ihre schlauchigen Sechsachtelhosen und ihre
amerikanischen Schuhe, deren Sohlen so dick waren, als
wollten sie damit schnurstracks um die ganze Erde mar-
schieren, wären ihm gewiß aufgefallen. Er mochte solche
Typen nicht.
Ralph war abgestiegen und drehte um. Eben zog
Charles einen Briefumschlag aus der Tasche und gab ihn
dem Hageren. Der griff zu.
An Ralphs Rad begann der Dynamo wieder zu surren.
In Charles’ Büro kamen häufig Gestalten, mit denen
Ralph sonst nichts zu tun haben mochte. Sollte der Him-
mel wissen, was für Geschäfte der Buchmacher mit ihnen
hatte. Was ging es ihn, Ralph, an? Er trat schärfer in die
Pedale.
„Du bist hysterisch geworden wie ein altes Weib“,
knurrte er sich selbst an und ärgerte sich nur noch mehr.
Vor allem über sich selbst. Zuerst hatte ihn nur ver-
stimmt, mit welcher schnoddrigen Selbstverständlichkeit
Charles eine Summe hinauswarf, die für viele andere
Menschen die Rettung und ein paar Wochen ohne Tränen
bedeutet hätte. Ralph empfand das als ungerecht. Weil er
aber nicht wußte, was er dagegen hätte tun sollen), ver-
suchte er, das alles wie lästigen Ballast zur Seite zu
schieben. Aber das frohe Gefühl, das er gehabt hatte, als
er Jane am Straßenrand in seine Arme zog, war weg. Er
versuchte vergeblich, sich an Einzelheiten zu erinnern.
„Versprich mir, dich aus allem herauszuhalten!“ Als
wenn ihm eine Haupt- und Staatsaktion bevorstünde!
Ralph war unzufrieden, unzufrieden mit sich selbst, mit
Gomer Charles und auch mit Jane.
Brummig und mißgelaunt kam er endlich zu Hause an,
kramte den Schlüssel aus der Hosentasche und betrat die
Wohnung im zweiten Stock. Das Haus schmiegte sich
bescheiden und schmalbrüstig in eine Ecke der engen,
lichtarmen Straße.

Hardy MacCogan, Sportreporter der oppositionellen


„Bath Daily News“, blinzelte zufrieden in die Sonne und
klopfte der Bildreporterin vergnügt auf die Schulter. „Na,
Mädchen, was denkst du?“
Margret Howland schraubte am Teleobjektiv herum. Sie
sah kurz auf, und der Anflug eines Lächelns glitt über ihr
hübsches Gesicht. „Gut. Für Photographen wenigstens.
Lämmerwölkchen und so.“
MacCogan stopfte sich die Pfeife. „Mach dann ein paar
Aufnahmen vom Publikum. Die Pfeffersäcke werden
wieder schimpfen wie die Rohrspatzen, wenn sie eich im
Blättchen sehen, aber es kann nicht schaden, daß die
Rennspekulanten im Bilde sind. Während des Rennens
sitzen sie im Grünen und trinken. Gut, was interessieren
sie Pferde, Reiter und sportlicher Kampf? Nicht einen
Sixpence. Aber dann, wenn die Quoten herauskommen,
dann sind sie da. Da geht’s schließlich um Geld. Ich habe
nichts gegen Wetten, ich wette selbst manchmal, wenn
die Honorare nicht zu mäßig ausfallen, aber daß man
zum Rennen geht, um… Pfui Teufel!“
Es war nicht ganz klar, ob er damit die Pfeffersäcke
oder seine Pfeife meinte, in deren Rohr es zu brodeln
begann wie in einem Topf, wenn das Wasser kocht. Mar-
gret lächelte. Sie kannte die moralischen Ergüsse des
Kollegen, dem jedes Geschäft mit dem Sport ein Greuel
war.
Ihr Blick ging abschätzend über das weite Rund der Ga-
lopprennbahn. Der Himmel leuchtete in sommerlicher
Pracht. Bewegungslos standen weiße Tupfen im satten
Blau. Graubraun lag die Bahn, hell leuchtete das Gras der
weit hingestreckten Rasenflächen. Fröhliche Sommer-
kleider klecksten bunte Flecke hinein. Der schöne Tag
hatte viele Mädchen angelockt, die weniger aus Renn-
sportbegeisterung gekommen sein mochten als darum,
ihre neuen Kleider zu zeigen. Bei den Männern herrsch-
ten Golfanzüge und Schirmmützen vor, nur hier und da
trug jemand zum dunklen Anzug die steife Melone, Zu-
weilen klang ein helles Lachen auf und übertönte das
dumpfe Gemurmel, das wie ein Vorbote kommender
Sensationen über dem Platz lag.
Noch waren die Tribünen beinahe leer. Die Inhaber der
teuren Plätze erschienen gewöhnlich erst kurz vor dem
Hauptlauf, der erfahrungsgemäß die spannendsten Ren-
nen und sichersten Gewinnquoten bringt. Aber vor den
überdachten Plätzen, am Rande der Bahn, wimmelte es
schon von begeisterten Sportfreunden; da wurden die
Programme entfaltet und das Für und Wider in hitzigen
Debatten erwogen. Es war schön heute, sehr schön, und
das Rennen versprach so interessant zu werden, wie Ren-
nen in kleinen Städten eben sein können.
Hardy MacCogan hatte indessen seine Pfeife mit einem
Strohhalm gereinigt und paffte nun genießerisch. „Das
habe ich mir beinahe gedacht!“ kommentierte er. „Der
dicke Gomer Charles ist auch da und grinst, als hätte er
das Rennen bereits in der Tasche. Gefällt mir nicht, der
Junge. Ich meine, wenn man ihn anfaßt, hat man nichts
als Schleim in der Hand wie bei einer Qualle. Wahr-
scheinlich verbrennt man sich an ihm ebenso die Finger.
Aber es gibt kein Rennen, bei dem er mir seinen Anblick
erspart. Guck ihn dir an, den feisten…“ Er verschluckte
die Fortsetzung. „Natürlich“, fing er wieder an, „kaum ist
er anwesend, hängt er sich an die Strippe. Geschäft! Bu-
siness first! Wird heute wieder blendende Resultate ha-
ben, der Bruder.“ Er bohrte die Hände in die Hosenta-
schen und starrte auf seine Fußspitzen, „Ich muß heraus-
bekommen, woher er seine Tips bezieht! Das wäre doch
einmal etwas! Stell dir vor, Margret“, er faßte sie an den
Schultern und drehte sie zu sich herum, „wir hätten eine
Schlagzeile: ,Der Siegermacher von Bath! Dunkle Ge-
schäfte mit Turf!’ Als Unterzeile: ,Sensationelle Enthül-
lungen unseres Reporters MacCogan!’ Das wäre mein
Traum, Margret. Ich möchte einmal eine Geschichte
bringen, die unsere Auflage verdreifacht. Nur leider
möchte das jeder Journalist, und kaum einem gelingt
es…“
Margret schüttelte den Kopf. Manchmal fand sie, daß es
genug wäre, wenn Hardy halb soviel reden würde.
Er orakelte: „Es liegt etwas in der Luft!“
„Ja, Staub.“
MacCogan sah sie mißbilligend an. „Ich habe einen
Riecher dafür. Bestimmt. Obwohl eigentlich gar nichts
passieren kann. ,Observer’ wird das Rennen machen, das
steht so fest wie der Montblanc. Aber immerhin… Ich
sehe mal an den Schaltern nach, ob sich etwas tut.“
Die Stimmung schien gut, und die Buchmacher waren
zufrieden. Auch Gomer Charles, der mit seinem Cardiffer
Büro in telephonischer Verbindung stand, strahlte. Er
hatte sich im Laufe der Jahre einige Leute herangezogen,
die selbständig zu arbeiten wußten.
Von den Schaltern kam ein Brodeln herüber, so, als sei
etwas Besonderes geschehen. Margret blickte auf. Man
hat es schließlich im Gefühl, wann während des Rennens
ein krasser Außenseiter aufholen kann. Jetzt hatte sie
plötzlich das gleiche hellwache Gefühl, das sich in sol-
chen Augenblicken einstellt. Da kam auch MacCogan
zurück;
„Es ist kaum zu glauben!“ brachte er hervor. „Irgendein
Vernieteter hat auf Francasal getippt. 450 Pfund, 450!
Das machte sofort die Runde, klar. Ein paar ganz vor-
sichtige Brüder haben sofort nachgezogen. Man weiß ja
nie, was kommt, obwohl… Francasal halte ich für undis-
kutabel. Da ist einer einem üblen Schwindler aufgeses-
sen.“ Er klopfte die Pfeife auf dem Absatz aus. „Noch
dazu auf Sieg! Stell dir das vor!“
„Gleich wird es losgehen“, stellte das Mädchen sachlich
fest. Aus den Lautsprechern dröhnte Musik, belanglose
Schlager, für die sich im Augenblick kein Mensch begei-
stern konnte. Dennoch wurde es ein wenig stiller auf dem
Platz. Langsam füllten sich auch die Tribünen. Nur die
besten Plätze waren noch immer frei.
Wieder flog an den Schaltern Erregung auf, Stimmen-
gewirr schwoll an und schien nicht verebben zu wollen.
„Ich habe den Eindruck, heute passiert wirklich etwas!“
Hardy MacCogan schien nun selbst erstaunt zu sein und
lief wieder zu den Schaltern. Margret folgte.
Geschickt boxte 6ich der Reporter durch die Menge
nach vorn. Er sah verstörte, erregte Gesichter. Einer
klopfte unermüdlich auf die Gabel des Telephons, durch
das die Liverpooler, Londoner, Glasgower Abschlüsse
kommen sollten. Er klopfte und schrie in die Sprechmu-
schel: „Hallo! – Hallo! – Warum sprechen Sie nicht? –
Hallo! – Hallo!“
An den anderen Schaltern das gleiche Bild – verstörte,
neugierige, wütende, ängstliche Gesichter, stumme Tele-
phone, nervöse Bachmacher. Niemand achtete darauf,
daß Margret kurz entschlossen einen Schalter erklommen
hatte und mit ihrer Kamera die Erregung einfing. Einer,
der es sah, während er mit der heiteren Ruhe des Un-
schuldigen das tumultartische Treiben beobachtete,
wandte sich ab und ging, die Hände in den Hosentaschen
der schottisch karierten Knickerbocker, pfeifend von
dannen.
Sämtliche Fernkabel waren gestört, tot, stumm. Die so-
fort benachrichtigte Entstörungsstelle versprach, alles zu
unternehmen, um den Schaden zu beheben und die Ver-
bindung wiederherzustellen. Das war ein schwacher
Trost, denn das konnte Minuten, konnte aber ebensogut
Stunden dauern.
Hardy war in seinem Element. Befriedigt nickte er Mar-
gret zu, als er sie bei der Arbeit sah, und rief dann über
eine Ortsleitung seine Redaktion an, die er bat, auf even-
tuelle Radionachrichten zu achten.
Die Luft über dem Rennplatz schien zu knistern, als
jetzt die Lautsprechermusik abbrach. Eine sonore Män-
nerstimme verkündete: „Achtung! Die Pferde begeben
sich jetzt zur Parade!“ Und dann – an einen Zirkusauftritt
erinnernd – blecherne Marschmusik. Die Teilnehmer des
Rennens erschienen auf der Bahn. Die Pferde tänzelten
und bissen auf die Trense. Hell leuchteten die vielfarbi-
gen Jerseys der Rennreiter, die Sonne spiegelte sich in
blitzenden Stiefelschäften, auf bunten Mützen und in
schimmernder Seide.
Ein schönes, ein festliches Bild. Beifall flackerte auf
und erstarb wieder. Ein helles, widerwilliges Wiehern
klang über den Platz. Dann Stille – quirlende Bewegung
am Start.
„Achtung!“ Wieder die Männerstimme. „Achtung, Star-
ter! Eins – zwei – drei – ab!“
Sand wirbelte unter den schmetternden Hufen, weit vor-
nübergebeugt hockten die Jockeis. Das erste Rennen hat-
te begonnen.

Während auf der Bahn Mensch und Tier aus sich her-
ausholten, was nur herauszuholen war, näherten sich der
Stadt in schneller Fahrt zwei Radler – Jane und Ralph.
Sie hatten sich für die lange Fahrt viel Zeit genommen.
Sie schienen die Rennbahn auch gerade noch rechtzeitig
zu erreichen, da hatte Ralph kurz vor der Stadt eine Rei-
fenpanne. In fieberhafter Eile wurde geflickt. Nun ver-
suchten beide, wenigstens zum Hauptlauf noch zurecht-
zukommen.
Es war, wie schon gesagt, sommerlich heiß und beinahe
windstill, eine Seltenheit in diesem feuchten, nebligen
Landstrich. Der Schweiß lief den beiden in Strömen über
die Gesichter. Jane hätte etwas darum gegeben, sich ei-
nen Augenblick – einen Augenblick nur – ganz still in
den Schatten eines Baumes setzen zu dürfen. Während
sie kräftig in die Pedale trat, malte ihre Phantasie das
Bild ganz deutlich aus: Die Lichtflecke, die durch die
Blätter brachen und auf dem Gras spielten, das monotone
Konzert der Grillen und die verworrenen Laute, die von
der Stadt wie aus weiter Ferne herüberklangen.
„Sieh mal“, keuchte Ralph und wies mit einer Kopfbe-
wegung nach vorn. Verstohlen streckte sich Jane etwas
im Sattel. Der Rücken begann ihr zu schmerzen. Was sie
sah, erweckte ihre Aufmerksamkeit. Das Überlandkabel
hing zur Erde, gerissen. Dicht neben einem Mast parkte
ein dreirädriger roter Lieferwagen, von dem man anneh-
men konnte, daß er zu einer Reparaturkolonne des Elek-
trizitätswerkes gehöre. Drei Männer in Monteuranzügen,
die eben noch rauchend neben dem Wagen gestanden
hatten, begaben sich beim Nahen der beiden Radler etwas
überstürzt in den Baumschatten, als wollten sie im Stra-
ßengraben Mittagsruhe halten.
„Die sollten lieber erst ihre Arbeit machen“, schimpfte
Ralph. Er wandte sich noch einmal um. Jane sah, wie ein
erstauntes Lächeln über sein Gesicht glitt. Danach run-
zelte er nachdenklich die Stirn, schüttelte den Kopf und
trat schärfer an. Als Jane sich später noch einmal um-
wandte, fuhr das rote Auto in entgegengesetzter Richtung
davon. Jane wunderte sich, daß das Überlandkabel noch
immer zerrissen am Mast hing. Vielleicht haben sie nicht
die nötigen Werkzeuge, dachte das Mädchen. Dann fuh-
ren sie schon zwischen den Häusern der Stadt, bogen
wenig später auf den freien Platz vor der Rennbahn ein
und stiegen ab. Jane freute sich, daß sie unterwegs nichts
gesagt und durchgehalten hatte. Vergnügt schob sie ihren
Arm unter den Ralphs, und gemeinsam betraten sie die
Bahn.
Gerade wurde das zweite Rennen gelaufen. Die Tribü-
nen hatten sich bereits etwas mehr gefüllt. Davor stand
die Menge Kopf an Kopf. Wieder wirbelte Staub unter
den Hufen schöner Pferde, wieder gaben die Menschen,
als die ersten Pferde das Ziel passierten, ihrer Freude
oder ihrem Ärger lauten Ausdruck. Der Lautsprecher
meldete die Quoten. Langsam, ganz langsam kam die
erregende Stimmung auf, die für alle Sportplätze der
Welt kennzeichnend ist.

Hardy MacCogan gab es auf, seine Pfeife zu reinigen,


und kaufte sich ein paar Zigaretten. Alle paar Mi-nuten
verschwand er, um die Stimmung der Buchmacher zu
ergründen. Diese hatten sich indessen wieder beruhigt
und sich achselzuckend darein gefügt, daß die auswärti-
gen Notierungen nun erst nach Schluß des Rennens be-
kanntwerden würden.
„Glaubst du immer noch an deine Sensation?“ spottete
Margret.
Er grinste. „Bange machen gilt nicht, Mädchen. Es ist
noch nicht aller Tage Abend. Es gibt noch ein Nachspiel,
verlaß dich darauf.“
Sie gingen in das Rennbahnrestaurant, um schnell einen
kühlen Schluck zu nehmen. Auf der Bahn fuhren
Sprengwagen und Walzen.
Jane hatte noch nie ein Pferderennen miterlebt, das bun-
te Durcheinander und das prickelnde Spiel gefielen ihr.
Vor Ralph her drängte sie durch die Menge und machte
ihn auf dieses oder jenes aufmerksam, für das sie keine
Erklärung wußte oder das ihr besonders gut gefiel. Ralph
war nur mit halbem Ohr bei der Sache. Seine Gedanken
kreisten um die Begegnung auf der Landstraße. Dann
wieder dachte er an Jane. Er ärgerte sich über seine eige-
ne Zerfahrenheit und fand, daß er wie ein ausgemachter
Trottel hinter einem Mädchen herlief, das hübsch und
anziehend war und wahrhaftig mehr Aufmerksamkeit
verdiente, als er im Augenblick aufbringen konnte.
Während der nächsten Rennen warf er verstohlene Blik-
ke auf ihr dunkles, blauschwarz schimmerndes Haar und
kam zu dem Schluß, daß er eigentlich ein ausgemachter
Glückspilz sei. Dann lag ihm wieder die Begegnung auf
der Straße im Sinn, und er ärgerte sich, daß er nicht sagen
konnte, was ihm an den Männern der Reparaturkolonne
bekannt erschienen war.
Nun waren die Tribünen bis auf den letzten Platz ge-
füllt. Die Welle des Rennfiebers schlug hoch empor und
packte Junge und Alte. Letzte erregte Diskussionen wur-
den geführt, der Name des vermeintlichen Siegers war in
aller Munde „Observer macht’s! Observer muß es heute
wissen!“ Das war die allgemeine Meinung, unerschütter-
lich und wie auf Granit gebaut.
Der Jockei wurde noch einmal zur Waage gerufen.
Dann löste wieder der Einzugsmarsch die blecherne
Tanzmusik ab.
„Achtung! Die Pferde begeben sich jetzt zur Parade!“
Totenstille über dem Platz, das Knistern von Zeitungspa-
pier und die tänzelnden Schritte der Pferde.
„Das ist Francasal!“ erläuterte MacCogan, ungerührt
von den strafenden Blicken seiner Umgebung, „der
Schokoladenbraune da. Wenn er halb so gut läuft, wie er
aussieht, ist alles in bester Ordnung. Aber…, Na, wir
werden ja sehen.“ Und mit dieser orakelhaften Wendung
beschloß er seine Rede.
Als letzter erschien der Favorit des Rennens, Observer,
im Felde. Er wurde von denen, die auf ihn schwuren, mit
lautem, demonstrativen Beifall begrüßt. Es war ein
schlanker Schimmel mit dem langen Hals und dem
schmalen Kopf des Arabers. Die Nüstern vibrierten leise,
und die starken Zähne knirschten auf der Trense. Der
Jockei machte ein sehr überlegenes Gesicht. Observer
hatte bisher ohne Anstrengung jedes Rennen gewonnen.
„Achtung! Starter! Achtung! Eins – zwei – drei – ab!“
Ein Aufbrodeln wie in einem jäh aufgescheuchten Bie-
nenschwarm. Wieder die ruhige Stimme im Lautspre-
cher: „Fehlstart! Achtung! Fehlstart! – Achtung, Starter!
Eins – zwei – drei – ab!“
Ein Radioreporter, der sich mit seinem Mikrophon ne-
ben Hardy aufgebaut hatte, erfreute die, die weiter hinten
standen, durch eine lebendige Schilderung des Rennver-
laufs: „Das Feld geht ab wie die Post. Wie erwartet, hat
sich Observer sofort an die Spitze gesetzt. Seine Hufe
trommeln gleichmäßig wie ein mit wunderbarer Präzision
arbeitendes Uhrwerk. Leicht und elegant reitet Bob Grai-
sen, so, als hätte er den Sieg bereits in der Tasche. Aber
noch wird er ihm streitig gemacht. Dicht aufgeschlossen
folgt das Feld. Geschickt hat Randolph Collins die Ho-
neymoon an die Innenbahn gebracht. Eine ernste Gefahr
für Observer, wenn Honeymoon dieses mörderische
Tempo durchhält. Aber sie verausgabt sich jetzt schon
stark, beginnt schon zu glänzen, während Observer läuft,
als sei das Ganze ein behagliches Haferfressen im war-
men Stall. Die Aufmerksamkeit wendet sich noch einmal
dem Start zu. Dort hielt eben noch ein einzelner Reiter.
Sein schokoladenbrauner Renner bockte, der Jockei be-
nutzte die Peitsche, widerwillig, wie mir schien. Es sah
so aus, als wolle er ausscheren. Aber nun… nun hat sich
das Tier – es ist Francasal – beruhigt, beginnt zu laufen,
läuft! Es ist wie ein Wunder! Kein Mensch hätte das die-
sem müden Renner zugetraut, kein Mensch hat ihn je so
laufen sehen. Man wird in diesem Fall künftig sehr vor-
sichtig mit abfälligen Worten sein müssen; denn was
Francasal da zeigt, das ist – man möchte es die Hohe
Schule der Rennbahn nennen. Jim Pearcy, der Jockei, ist
selbst ganz erstaunt. Man merkt ihm an, wie er sich dem
Lauf des Pferdes anpaßt, wie er ihm den Galopp, einen
wunderbar raumgreifenden, ausgewogenen Galopp, er-
leichtert! Jim Pearcy sieht seine Chance gekommen.
Francasal holt rapide auf, hat die letzten des Feldes schon
beinahe spielend überholt. Er kommt nicht an das dicht
besetzte Innenrund, gewinnt aber dennoch Raum, schiebt
sich langsam zur Spitze vor. Nun liegt er bereits Brust an
Brust mit Honeymoon, der der Schaum in dichten Wol-
ken flockt. Die Stute fällt ab...“
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Margret
kam das schleifende Geräusch, mit dem sich das Teleob-
jektiv verschob, laut und störend vor. Dann zeigte ihr der
Spiegelreflexsucher Gomer Charles. Er war sehr blaß.
Dicke Schweißperlen liefen ihm von der Stirn her über
die Nasenwurzel und in die Mundwinkel. Der Buchma-
cher hatte die Zigarre aus dem Mund genommen und
zerdrückte sie nervös zwischen den Fingern. Der Ver-
schluß der Kamera schnarrte,
„Jetzt hat Observer die Gefahr erkannt!“ schrie der
Funkreporter heiser. „Er holt das Äußerste aus sich her-
aus. Jetzt muß er einmal zeigen, daß er nicht nur galop-
pieren, sondern auch kämpfen kann. Bob Graisen tut, was
ein Reiter nur immer tun kann, er gibt jede erdenkliche
Hilfe. Es ist ein atemberaubender, aber ein schöner und
fairer Kampf, den sich zwei Favoriten bieten, von denen
der eine noch vor einer knappen halben Stunde überhaupt
nicht in die engere Wahl gezogen wurde. Jim Pearcy auf
Francasal hat die Chance seines Lebens, und er weiß sie
– so scheint es mir – zu nutzen. Er reitet wie zehntausend
erwachende Teufel, und Francasal, dieser wunderbare,
immer verkannte Francasal, bei dem auf einmal der be-
rühmte Knoten geplatzt zu sein scheint, läuft das Rennen
seines Lebens. Noch eine halbe Länge ist er hinter Ob-
server. Das ist Zauberei, aber schon liegen die beiden
Kopf an Kopf. Waagerecht fliegen die Mähnen, waage-
recht liegen die langen Schweife. Bob Graisen verliert
die Nerven, er arbeitet mit Sporen und Peitsche. Vergeb-
lich – Observer bleibt zurück, bleibt tatsächlich zurück,
und nun passiert Francasal, ungefähr mit einer Kopflänge
Vorsprung, das Ziel. Was niemand geglaubt hätte, ist im
Großen Preis von Bath Wirklichkeit geworden: Der kras-
se Außenseiter hat sich als ein Klassepferd von hohen
Graden erwiesen, und Observer, der unbestrittene Favo-
rit, ist nicht zu tadeln, denn er ist wunderbar gelaufen,
ohne sich allerdings gegen den überlegenen Gegner be-
haupten zu können.“

„Was sagst du nun?“ wandte sich Hardy an seine Nach-


barin. – Sie schwieg. Der Beifall der Zuschauer kam nur
schwach. Die allgemeine Enttäuschung war auch durch
die Leistung Francasals nicht aufzuheben. Jeder zweite
hatte auf Observer gesetzt und verloren. Die wenigen, die
sich den Wetten auf Francasal angeschlossen hatten, wa-
ren berauscht vor Glück. Die Quote stand, wie zu erwar-
ten, außerordentlich hoch. Ralph wischte sich den
Schweiß von der Stirn und setzte sich da nieder, wo er
eben gestanden hatte. Ihm zitterten die Knie.
„Da hat also Gomer Charles durch die Einsätze seiner
Mittelsmänner 4500 Pfund aus seinen 450 eingesetzten
Pfund gemacht?“ fragte Jana erstaunt
Ralph nickte. „Er verdient überall, am Sport am mei-
sten. Die Begeisterung der Menschen läßt sich eben
leicht ausnutzen.“ Er fuhr hoch: „Aber sag, was du willst,
mit rechten Dingen ist das nicht zugegangen, Dafür lege
ich meine Hand ins Feuer.“
„Du hast mir versprochen, dich aus allem herauszuhal-
ten“, bemerkte Jane sofort.
Er nickte: „Keine Sorge. Was geht’s mich an!“

„Mit rechten Dingen ist das nicht zugegangen!“ sagte in


demselben Augenblick Hardy MacCogan zu Margret und
schob sich vor ihr her dem Ausgang zu. „Das wird eine
tolle Geschichte, oder ich will die längste Zeit bei der
Zeitung gewesen sein.“
Er besaß ein altersschwaches Motorrad, Margret
schwang sich hinten auf; Hardy ließ die Maschine giftig
aufheulen, und sie fuhren zur Zeitungsredaktion.
Das unansehnliche Gebäude, in dem ein altersschwa-
cher Paternoster langsam durch die Stockwerke wackelte,
schien zu schlafen. Aber das schien nur so. In der Setze-
rei knackten die Greifarme der Linotypesetzmaschinen;
Handsetzer waren dabei, die fetten Schlagzeilen zusam-
menzustellen. Die Fernschreiber ratterten, die Hellschrei-
ber spien schmale bedruckte Streifen mit klebrigen
schwarzen Rücken aus. In der Sportredaktion hämmerten
die Schreibmaschinen und nahmen gewandte Stenotypi-
stinnen die Telephondiktate der Reporter auf, die von den
Sportstätten der Umgebung berichteten. Hinter seinem
mit Manuskripten bedeckten Schreibtisch thronte, un-
nahbar wie ein Buddha, hemdsärmelig, der Sportredak-
teur und brachte in die Fülle der eingegangenen Meldun-
gen Ordnung, schied aus und ließ die Umrisse der Sport-
seiten entstehen.
Margret war sofort ins Labor geeilt, Hardy ließ sich
schwer in einen Sessel fallen und öffnete den Hemdkra-
gen.
„Wir nehmen den Fall nach oben, erste Aufmachung“,
ließ ihn der Redakteur nicht zu Wort kommen. „Hier ist
das, was der Rundfunk indessen durchgegeben hat.“
MacCogan überflog den mit der Schreibmaschine ge-
tippten Bogen. „Warnung!“ las er. „Kurz vor Beginn des
Rennens ,Großer Preis von Bath’ wurden bei allen Buch-
macherbüros der Inseln des Vereinigten Königreichs, in
London und in Bath selbst ungewöhnlich hohe Wetten
auf den Außenseiter Francasal abgeschlossen. Zur glei-
chen Zeit wurde jede Telephonverbindung mit Bath un-
terbrochen. Die Störungsstelle konnte bis jetzt nicht er-
mittelt werden. Es ist anzunehmen, daß die Leitung ab-
sichtlich gestört wurde.
Es ist ebenfalls anzunehmen, daß in Bath hohe Gewinne
erzielt werden. Um keinem Betrugsmanöver aufzusitzen,
hat der Königliche Rennsportverein sofort nach Be-
kanntwerden der Tatsachen die Affäre der Polizei Ihrer
Majestät übergeben. Bis nach Bekanntgabe des Untersu-
chungsergebnisses durch Scotland Yard sind sämtliche
Gewinne gesperrt und dürfen nicht ausgezahlt werden.
Die Polizei Ihrer Majestät hat umfangreiche Ermittlungen
begonnen. Wir bitten alle Freunde des Turfs, für diese
Maßnahme Verständnis zu zeigen. Ich wiederhole…“
Hardy MacCogan pfiff leise durch die Zähne, „So. Ich
habe Francasal laufen sehen. Es war ein Genuß.“
„Du glaubst doch selbst nicht, daß ein Pferd, das am
vergangenen Sonntag noch völlig versagte, innerhalb
einer Woche eine solche Kondition erreicht. Nonsens!
Wir werden die Sache groß herausbringen. Wenn mich
nicht alles täuscht, dann zeigt sich hier wieder einmal
ganz eindeutig das Geschäft mit dem Sport, die skrupel-
lose Ausnutzung einer Höchstleistung zu dunklen Mani-
pulationen. Vielleicht steckt noch mehr dahinter. Auf alle
Fälle wirst du die Sache im Auge behalten müssen. Es ist
wahrhaftig an der Zeit, denen, die im Sport nur ein Mittel
zu leichtem Geldverdienen sehen, die Maske abzureißen.
Wenn du das tust, kannst du dir einiges Verdienst erwer-
ben. Die amerikanische Losung – Sport gleich Money-
machen – die bei uns leider immer mehr Boden gewinnt,
muß in ihrer ganzen Gemeinheit gezeigt werden.“
Hardy nickte eifrig. In Gedanken formte er bereits Wor-
te zu Sätzen und Sätze zu einer Reportage, die sich Mr.
Charles aus Cardiff nicht hinter den Spiegel stecken wür-
de. Hardy hatte in letzter Zeit häufig gesagt, daß es ihn
anekle, über Veranstaltungen zu berichten, die nur den
Zweck verfolgten, Geld in die Taschen geschäftstüchtiger
Manager zu scheffeln. Menschen, die Höchstleistungen
erzielten, bedeutende Sportler, wurden ausgepreßt und
dann weggeworfen wie leere Zitronen, dem Elend, der
Not, dem Hunger preisgegeben. Neue traten an ihre Stel-
le, wurden ausgepumpt und dann weggeworfen wie sie.
Hardy MacCogan sah seine Stunde gekommen, die Stun-
de, in der er im Namen all der Mißbrauchten die Karten
offen auf den Tisch legen konnte.
„Na; dann, Rita! Los geht’s!“ wandte er sich an die
blonde Stenotypistin. MacCogan begann zu diktieren.
Dabei beherrschte ihn ein Gedanke: Wer ist der Hinter-
mann des dunklen Spieles und was kann ich tun, um ihn
zu entlarven?

Auf der Rennbahn und in der Gaststätte war es leer ge-


worden. Ein gelangweilter Kellner lehnte am Büfett,
Fliegen summten an den Fenstern, und aus einer Nische
drang das Klatschen von Bridgekarten auf einen Tisch.
Jane hatte sich zurückgelehnt und ließ die Beine bau-
meln. Sie spürte eine leise Müdigkeit. Eben hatten sie
gegessen, tranken nun ein Glas Bier und schwiegen.
Ralph empfand die Stille nicht, die ihn umgab. Er rauchte
eine Zigarette an der anderen an und brütete vor sich hin.
So saß er da, seit er die Warnung im Lautsprecher gehört
hatte.
„Charles muß vom Teufel geritten worden sein“, meinte
er endlich. „Ich kann ihm nichts beweisen. Seine Karten
– so scheint es – gewinnen immer. Keine Menschenseele
hätte den Sieg von Francasal für möglich gehalten –
Charles sieht ihn voraus und wettet durch Mittelsmänner
eine empfindlich hohe Summe. Er gewinnt. Zur gleichen
Zeit aber sind in London und Glasgow ebenfalls Leute
auf die Idee gekommen, daß doch der unscheinbare Fran-
casal ganz gut daran täte, einmal zu gewinnen. Sie setzen
auf ihn, und er gewinnt. Eine hohe Summe ist eingesetzt,
naturgemäß müßten die Quoten niedrig sein. Aber – zum
Glück für Charles – fällt es ein paar Banditen ein, just im
richtigen Augenblick die Telephonkabel lahmzulegen.
Da werden alle Auszahlungen gesperrt, und die anderen,
die ebenso schlau waren, haben das Nachsehen, weil
Scotland Yard in diesem Augenblick einzugreifen geruht.
Es profitiert niemand, keiner zieht Nutzen aus der Ge-
schichte – das kann doch nicht mit rechten Dingen zuge-
hen.“
Ralph machte eine Pause und drehte einen Bierdeckel
zwischen den Fingern. Dann zerbrach er ihn.
„Ralph!“ bat das Mädchen und legte ihm die Hand auf
den Arm. Er hörte nicht.
„Pfui Teufel! Übel wird einem, wenn man sich das alles
überlegt. Aber da bestehen Zusammenhänge. Ich weiß
nur nicht, welche. Ob Charles etwa auch die Einsätze in
den anderen Städten gesteuert hat? Sicher nicht. Viel-
leicht rechnete er dort mit geringen Einsätzen und wollte
einen falschen Verdacht erwecken? Wenn er als einziger
profitieren kann, wird er doch nicht die Sperrung aller
Auszahlungen herbeiführen, sollte man denken. Ich glau-
be, daß er das Kabel zerstören ließ. Ja, das muß er getan
haben. Aber warum nur? Wollte er, daß es aussieht, als
habe irgendein großer Unbekannter das Kabel zerstört,
um ihn, den ach so ehrlichen Geschäftsmann, zu schädi-
gen? Die Sache wird immer verworrener!“
„Wie kommst du denn darauf, daß ausgerechnet
Charles…? Ralph, du siehst Gespenster.“
„Der Kerl baut sein Netz wie eine Spinne. – Vielleicht
gehen die Einsätze außerhalb wirklich auf sein Konto? Er
riskiert ja nichts. Das gesperrte Geld wird sicher zurück-
gezahlt. Und er deckt sich, wenn er den Anschein er-
weckt, daß andere Leute ebenso schlau waren wie er und
auch auf Francasal gesetzt haben. Mit der einstweiligen
Sperrung mußte er rechnen.“
„Du redest wie der tüchtige Detektiv im Kriminalro-
man“, spottete Jane und strich unmutig das Haar hinter
die Ohren. „Eigentlich hatte ich gedacht, es würde ein
schöner Tag werden. Nun brütest du vor dich hin und
machst dir die Sorgen der Polizei.“
Ralph knurrte. Dann pochte er mit dem Knöchel auf den
Tisch. „Gut, natürlich hast du recht. Aber morgen gehe
ich hin und erzähle, was ich mir da zusammengereimt
habe. Das muß richtig sein.“
„Das wirst du nicht tun!“
Jane war im Augenblick hellwach.
„Was muß denn wahr sein? Du redest dir etwas ein, du
hast keinen Beweis, gar nichts. Und wenn du etwas sagst,
dann stellen sie dich deinem Chef gegenüber. Dann weißt
du, was dir blüht. Dann sitzt du übermorgen auf der Stra-
ße.“
„Und Charles hinter schwedischen Gardinen.“
„Denkst du! Warum denn? Was kann man ihm bewei-
sen? Bestenfalls einen Verstoß gegen die Bestimmung,
nach der Buchmacher nicht wetten dürfen. Dafür be-
kommt er eine Ordnungsstrafe. Vielleicht machen sie
ihm den Laden wirklich zu. Dann sitzt du auch draußen.“
„Wenn schon.“
„Das scheint dir alles gleichgültig zu sein.“ Jane rückte
näher an den Freund heran und sprach beschwörend auf
ihn ein. „Ich bitte dich, Ralph, denk doch einmal an uns.
Was soll denn werden? Wir wollen doch heiraten, es uns
etwas gemütlich machen. Ich will nicht immer in der
möblierten Bude hocken, nicht immer bei fremden Men-
schen sein. Wir hatten uns das so schön ausgemalt.; Und
nun setzt du alles aufs Spiel! Wenn du arbeitslos wirst,
dann – dann ist alles aus, Ralph. Ich bitte dich!“
Sie legte ihm wieder die Hand auf den Arm und rückte
noch dichter an ihn heran. Flüchtig dachte er, daß sie
schöne Hände habe, die kräftig zupacken können. Dann
fühlte er deutlich, daß sie Angst hatte, Angst vor dem,
was er morgen heraufbeschwören wollte,
„Ralph“, bat sie.
„Bei denen, die uns im Lager bewachten“, fing er unge-
lenk an und suchte sichtlich nach Worten, „war einer, der
den Banditen Ly Sing Mans in die Hände gefallen war.
Sie hatten ihn gefoltert, ihm ihre Fahne, die er haßte, auf
die Brust tätowiert und ihn zwingen wollen, militärische
Geheimnisse preiszugeben. Er tat es nicht, sagte ihnen
nur, daß er sie verachte, daß er sie hasse und nie sagen
würde, was sie hören wollten. Er blieb bei der Wahrheit.
Und das war etwas ernster als das hier, Jane, wo es um
ein paar Pfund Sterling geht.“
Jane sagte nichts. Sie richtete sich auf und sah zum Fen-
ster hinaus. Unmerklich rückte sie von ihm ab. Das ein-
fallende Licht war sehr stark, und er sah ihr Profil wie
einen schwarzen Scherenschnitt. Ihre Schultern, die
schönen starken Schultern einer Sportlerin, sanken mut-
los nach vorn. Er tastete nach ihrer Hand. Sie schwieg.
Da lenkte er ein.
„Ich habe das nicht böse gemeint“, sagte er leise. „Du
hast sicher recht. Wir sind ja nun wieder in England, und
da gelten andere Gesetze als draußen.“ Er versuchte zu
lachen, aber es klang nicht echt. Er war nicht überzeugt
von dem, was er sagte; es war sicher nicht richtig, nach-
zugeben.
Das Mädchen lächelte wieder, gab ihm einen schnellen
scheuen Kuß und ging mit ihm hinaus. Die Sonne brann-
te immer noch, von keiner Wolke verdeckt, über den
Wiesen.

Inspektor Higgins lehnte sich im Rücksitz des Funkwa-


gens zurück und besah beschaulich die fast weiße Asche
seiner Zigarre. Hätte man ihn nach seinen Gedanken ge-
fragt, so hätte er unzweifelhaft kundgetan, daß er es für
eine Gemeinheit erachte, ihn zwanzig Minuten vor Ende
seines Dienstes von London in dieses weltabgeschiedene
Nest zu jagen. In der Vorstellung des Inspektors zählten
sämtliche Städte Großbritanniens, wenn sie nicht London
oder Edinburgh hießen, als öde Dörfer. Higgins trauerte
dem Dauerskat nach, den er an diesem Abend mit zwei
Kollegen hatte spielen wollen und der nun – das sah der
Kriminalist voraus – ungespielt bleiben würde.
Higgins war ein Mann, der mit den scharfsinnigen Hel-
den der Hollywoodfilme äußerlich nicht das geringste
gemein hatte. Der dicke, etwas asthmatische Herr im
dunklen Sonntagsanzug, die Melone auf dem schon ge-
lichteten Schädel, glich weit mehr dem hauptamtlichen
Vorsitzenden eines Kaninchenzüchtervereins als einem
fähigen Spezialisten für Turfschwindeleien. Das war er
aber, und einige Gauner, die heute noch in Dartmoor hin-
ter vergitterten Fenstern saßen, wußten ein Lied davon zu
singen.
Der Sergeant neben dem Fahrer gähnte. Eintönig plät-
scherte aus dem Lautsprecher die Stimme des Polizei-
funksprechers, der einen Steckbrief durchgab. Dann
beugte sich Higgins etwas vor.
„Achtung, SY 84, Achtung, Funkwagen 84. Scotland
Yard ruft Inspektor Higgins. – Erste Ermittlungen im Fall
,Großer Preis von Bath’ haben ergeben, daß die außer-
halb Bath abgeschlossenen Wetten auf Francasal nach
der erzielten Quote einen Gewinn von 200 000 Pfund
Sterling erbracht hätten. Wetten wurden über einige klei-
nere Büros und in der Hauptsache über das ,Zentrale
Wettbüro Jonathan Craig, London’, abgeschlossen. Wir
rufen wieder.“
„Eine runde Summe“, stellte Higgins behaglich fest.
„Danach zu urteilen, dürften wir es mit dem größten
Wettskandal dieses erhebenden Jahrhunderts zu tun ha-
ben. Aber der Schein trügt manchmal. Sind wir denn
noch nicht bald in diesem armseligen Nest? Ich will das
Wunderpferdchen sehen, das alle Leute mit Pferdevers-
tand an der Nase herumgeführt haben soll. Ich glaube,
das liebe Tierchen wird bösartig verleumdet. Sind wir
noch nicht bald da?“
Der Fahrer zuckte die Achseln. „Ich fahre schon, was
der Kasten hergibt, Inspektor“, sagte er über die Schulter.
„Glauben Sie, daß wir heute noch nach London zurück-
kommen?“
„Ich sehe schwarz.“
Dann schwiegen sie wieder, und der Motor brummte
einschläfernd.
Higgins schreckte aus seinem Vorbereitungsnickerchen
auf, als der Fahrer am Ortseingang die Polizeisirene ein-
schaltete. Der Sergeant grinste. Er hatte noch immer eine
kindliche Freude daran, wenn bei diesem Klang die Au-
tos an den Kreuzungen stehenblieben und die Menschen
sich neugierig umsahen. Mühselig und ein bißchen steif
kletterte Higgins am Rennplatz aus dem Wagen. Zwei
von der Ortsbehörde abkommandierte Motorradfahrer in
Uniform salutierten und meldeten sieh.
Ein erregter Mann mit dunkler Hornbrille trat an den In-
spektor heran. „Wilkins, Direktor Wilkins. Ich muß beto-
nen, daß mir die Sache außerordentlich peinlich ist. So
etwas ist hier noch nie passiert. Der Ruf von Bath war
makellos. Und nun… ich bin untröstlich. Was ich tun
kann, Sie zu unterstützen, wird geschehen.“
„Dann zeigen Sie mir bitte das Wundertier, auf das die-
ser Glückspilz von Buchmacher so hohe Wetten hatte.
Eine ganz schöne Einnahme konnte das für ihn werden,
meine ich. Wie hieß er eigentlich?“
Der Inspektor trat liebevoll den Stummel seiner Zigarre
aus. Menschen, die ununterbrochen schwatzen, waren
ihm ein Greuel.
„Charles, Gomer Charles. Alle hiesigen Abschlüsse
gingen über sein Büro. Es wird ihm sehr unangenehm
sein. Sein Büro erfreut sich des besten Rufs; ja, man
möchte sagen, des allerbesten Rufs. Aber was kann er
dafür, wenn die Verbrecher durch ihren Schwindel aus-
gerechnet ihn hereinlegen? Was kann er dafür?“
„Er kann nichts dafür“, begütigte Higgins den redseli-
gen Direktor und zog ihn am Arm nach den Ställen. Der
Inspektor liebte schöne Pferde. Er hatte zwar nie auf ei-
nem Gaul gesessen, fühlte sich aber als ihr stiller Anwalt,
wenn wieder einmal auf ihre Kosten geschwindelt wor-
den war.
Francasal war nicht mehr da. Sein Trainer, Nathanael
Scratch, hatte ihn nach dem Rennen sofort im Spezialwa-
gen abgeholt.
„Das ist ja jammerschade!“ bedauerte Higgins ehrlich,
„Nun fehlt nur noch, daß auch der Jockei fort ist.“
Der Direktor hob beschwörend die Hände. „Nein, er ist
noch hier. Ich habe ihn gebeten, sich zu Ihrer Verfügung
zu halten. Er erwartet Sie in meinem Büro.“
Jim Pearcy warf seine Zigarette in den Ascher und
machte eine kleine Verbeugung. Neben dem fülligen
Higgins sah er in seinem Reitanzug dünn und unschein-
bar aus. Man hätte ihm ein Schinkenbrötchen anbieten
mögen. Pearcy verhielt sich zunächst sehr zugeknöpft.
Offensichtlich hatte er Angst, sein Ritt würde angezwei-
felt und er um den seltenen Ruhm des Sieges gebracht
werden.
„Ich habe gehört, daß Sie ausgezeichnet geritten sind“,
schmunzelte der dicke Higgins gönnerhaft. „Na, Sie müs-
sen doch selber ganz verblüfft gewesen sein, als Sie
merkten, was Sie für ein Klassepferd unter den Händen
halten.“
Pearcy nickte. „Halb und halb. Ich kannte das Tier nicht
und habe es heute überhaupt zum erstenmal in meinem
Leben geritten.“ Sehr verlegen fügte er hinzu: „Ich be-
komme immer nur die Hoffnungslosen, bei denen es
nicht darauf ankommt. Hauptsache, es sitzt einer darauf.
So war ich auch diesmal eingestellt. Ich hatte noch nie
eine Chance.“ Wilkins räusperte sich mißbilligend. Der
Jockei beachtete das nicht. „Ich habe mein Bestes getan.
Francasal ist ein müder Renner, sagte jeder, der ihn kann-
te. Da habe ich ihn gleich hart angefaßt. Ihm paßte das
nicht, und gleich am Start bockte er. Schließlich zog er
ab, und wie! So plötzlich, daß ich Mühe hatte, nicht die
Bügel zu verlieren. Ich war ja darauf aus, das Tier erst
einmal wieder aus dem Stand auf der Hinterhand heraus-
zubringen. Dann merkte ich natürlich, daß ich d i e
Chance hatte. Man merkt das schließlich. So kam es. Bis
zum letzten Augenblick habe ich nicht an den Sieg ge-
glaubt, obwohl Francasal einen wunderbaren Handgalopp
lief.“ Er nahm fahrig eine neue Zigarette. „Und nun wird
wohl alles vergeblich gewesen sein.“
„Nicht den Kopf hängen lassen! Mr. Wilkins kennt nun
Ihre Fähigkeiten und wird Sie nächstens besser einsetzen.
Nicht wahr, lieber Mr. Wilkins?“
Der „liebe“ Mr. Wilkins beeilte sich, festzustellen, der
Inspektor habe ihm aus der Seele gesprochen.
Higgins dachte nach. „Wo könnte Francasal denn jetzt
sein? Das heißt, wo hat dieser Mister Scratch seinen
Stall?“
Wilkins gab Auskunft. Der Inspektor bestand darauf,
das Tier zu sehen. Gemeinsam mit Pearcy kletterte er
wieder in den Funkwagen. Die beiden Motorradfahrer
folgten mit knatternden Maschinen.
Sie fanden Mister Scratch inmitten seiner Familie an ei-
nem gedeckten Kaffeetisch. Er wurde nicht einen Au-
genblick verlegen und führte seinen Besuch sofort zu den
Stallungen.
Higgins und Pearcy traten zu Francasal. Er ließ den
Kopf ein wenig hängen, wandte ihn kaum um und malm-
te Hafer. Pearcy klopfte ihm zärtlich den Hals und strei-
chelte das schöne schokoladenbraune Fell. Francasal
nahm keine Notiz und malmte weiter.
Scratch lehnte an der Tür und sah zu. „Schön, nicht
wahr? Obwohl ich zuerst verteufelte Mühe hatte, ihn von
seinem Bruder zu unterscheiden. Santa Amaro ist heute
nicht gelaufen. Ich habe die beiden vor einem halben Jahr
gemeinsam in Pflege bekommen. Santa Amaro ist erfolg-
reich gewesen in dieser kurzen Zeit, aber Francasal. Ich
kann es mir noch gar nicht vorstellen. Oder Mister Pear-
cy hat ein Wunder vollbracht.“
„Auf jeden Fall ist er gut geritten. – Santa Amaro lief
heute nicht, sagten Sie? Kann man ihn sehen?“
„Gleich nebenan.“
Santa Amaro warf den Kopf hoch und keilte. Scratch
kraulte ihn zwischen den Ohren.
„Wenn ich nicht Santa Amaro vor mir hätte, würde ich
glauben, Francasal zu sehen!“ brachte der Inspektor ver-
blüfft heraus. „Führen Sie doch bitte beide Tiere einmal
hinaus in den Hof.“
Higgins nahm Pearcy beiseite und sprach angelegentlich
auf ihn ein, so daß der Jockei das Hinausbringen der
Pferde nicht beobachten konnte. Die Männer folgten.
Higgins kramte Zuckerstückchen aus der Tasche. „Wie
ist’s, Pearcy, wollen Sie Ihrem Sieger nicht das Zeug von
mir geben? Sie können besser mit ihm umgehen, denke
ich.“
Pearcy sah ihn verlegen an.
„Es wirft ein sehr schlechtes Licht auf mich als Berufs-
reiter, Sir, aber… ich kann die Tiere nicht unterschei-
den.“
„Ich auch nicht“, gab der Inspektor zu. Francasal schien
das Spiegelbild Santa Amaros zu sein und umgekehrt
Santa Amaro das Spiegelbild Francasals. „Aber, Mister
Pearcy, es muß doch eine Möglichkeit für Sie geben, das
Pferd wiederzuerkennen, auf dem Sie gesiegt haben.“
Pearcy kratzte sich hinter den Ohren. „Tja“, meinte er
gedehnt, „man müßte aufsitzen und ein paar Runden rei-
ten. Dann würde ich an der Reaktion das richtige Pferd
wiedererkennen.“
Scratch trat neugierig heran. „Darf man erfahren…?“
„Unser Freund hier“ – Higgins legte dem Trainer den
Arm freundschaftlich um die Schulter – „möchte einmal
auf beiden gesessen haben. Erheben sich dagegen Ein-
wände?“
„Wenn Sie Spaß daran haben! Man soll sich mit der
Polizei immer gut stellen.“ Er lachte, als hätte er den be-
sten Witz seines Lebens erzählt. „Bitte, Mister Pearcy!“
Blitzschnell saß der Jockei auf dem Rücken eines der
ungesattelten Pferde. Das Tier begann ruhig zu traben.
Pearcy stieg ab und zuckte die Achseln. Scratch führte
das andere Pferd heran. Kaum hatte sich Pearcy mit der
Geschicklichkeit eines Zirkusreiters aufgeschwungen,
stellte sich das Tier auf die Hinterbeine und begann zu
bocken. Aber so leicht war der gewandte Reiter nicht
abzuschütteln. Higgins sah gespannt zu, wie der Jockei
das Pferd beruhigte. Dann fiel es beinahe aus dem Stand
in Galopp, Sand stiebte und prasselte in feinen Körnern
gegen die Mauer.
„Das ist’s! Das ist einwandfrei Francasal!“ rief Pearcy
dem Inspektor zu.
Scratch biß sich auf die Lippen. Plötzlich standen kleine
Schweißtropfen auf seiner Stirn. „Das ist Santa Amaro!“
preßte er heraus,
„Woran sehen Sie das?“
Schweigend hob Scratch die Mähne. Da zeigte sich ein
daumennagelgroßer weißer Fleck. Higgins pfiff leise
durch die Zähne, hob die Mähne Francasals und trat zu-
rück. Das Fell war makellos schokoladenbraun.
„Na also!“ knurrte Higgins. „Und wegen so einer Lap-
palie mußte ich aus London hierherkommen.“ Er dachte
an den Dauerskat. „Sie haben die Pferde heute früh aus-
gewechselt, wenn man so sagen darf? Ich bin immer ein
Freund von Leuten gewesen, die ihre Schandtaten ehrlich
zugeben.“
Scratch bohrte verbissen die Hände in die Hosenta-
schen. „Ich wollte es nicht. Ich wollte es wahrhaftig
nicht. Aber er hat mich überredet. Ich brauche auch Geld,
Sie verstehen. - Die Zeiten sind schlecht. Ja, Santa Ama-
ro ist heute für Francasal gelaufen. Er versprach mir eine
Beteiligung am Gewinn. Darauf ging ich ein. Santa Ama-
ro ist sicher, unter jedem Reiter.“
„Und wer ist ,er’, von dem Sie da sprechen?“
„Mr. Reginald O’Brien. Ich kenne ihn weiter nicht. Er
war nur zweimal hier, einmal als die Pferde ankamen,
und dann gestern. Aber er hat sofort gezahlt und machte
einen zuverlässigen Eindruck.“
„Kennen Sie seine Anschrift?“
„Nein, ich weiß nur, daß er aus London kam.“
„Kennen Sie den Buchmacher Gomer Charles?“
„Oberflächlich.“
„Schön, oder vielmehr gar nicht schön. Können Sie die-
sen Mr. O’Brien beschreiben?“
Der Sergeant stenographierte und legte sorgenvoll die
Stirn in Falten. Die Beschreibung paßte auf Zehntausen-
de. Higgins stellte noch ein paar Fragen, aber Scratch war
schweigsam geworden und sagte nichts mehr.
Der Inspektor hatte sich auf einer Bank neben der Stall-
tür niedergelassen und streckte behaglich die Beine aus.
„Wer hat davon gewußt, daß die Pferde vertauscht wer-
den sollten? Zunächst einmal Mister O’Brien. Dann Sie
selbst, versteht sich. Haben Sie gewettet?“
„Nein. Ich wollte mich möglichst weit heraushalten.
Dachte mir ja, daß der Schwindel platzt.“
„Das ist lobenswert und ehrt Sie“, meinte Higgins mit
leisem Spott. „Aber sicher haben Sie den guten Tip wei-
tergegeben? Man ist gefällig und hilft seinen Freunden,
nicht wahr? Verstehe ich gut. Wenn ich aus sicherer
Quelle etwas erfahre, was einträglich ist und mir keinen
Schaden bringt…“ Er blinzelte entwaffnend.
„Ich habe niemandem etwas davon gesagt“, beharrte
Scratch. „Am liebsten hätte ich die ganze Geschichte
nicht mitgemacht. – Das widerstrebt mir.“
„Aber Sie werden doch wenigstens Ihren Kindern – Sie
haben doch erwachsene Kinder? – einen Hinweis gege-
ben haben? Oder… Sagen Sie es ruhig. Ich bekomme es
doch heraus.“
„Gladys hat es gewußt“, gestand Scratch übellaunig.
„Sie stand dabei, als ich mit O’Brien, den der Teufel ho-
len soll, verhandelte. Sie hat ihre vorwitzige Nase über-
haupt immer in allem, was sie nichts angeht. Ob sie den
Tip verwertet hat, das weiß ich nicht. Ich weiß überhaupt
weiter nichts, – Was haben Sie denn nun mit mir vor?“
Higgins stand auf. „Zunächst werden Sie diesen beiden
netten jungen Männern“ – er wies auf die Motorradfah-
rer, die die Verhandlung gespannt beobachtet hatten –
„Gesellschaft leisten. Ich sehe mich leider gezwungen,
Sie im Namen Ihrer Majestät zu verhaften.“ Einer der
jungen Polizisten legte dem Trainer die Hand auf die
Schulter. Scratch ließ den Kopf hängen.
„Da sind Sie in eine schöne Geschichte hineingeraten“,
bedauerte Higgins väterlich. „Aber es wird für Sie nicht
so schlimm werden.“ Er ließ den Trainer in der Obhut der
Polizisten und ging mit dem Sergeanten zum Wohnhaus
hinüber. Der Sergeant forschte nach, inwieweit die Fami-
lienmitglieder über den Pferdetausch informiert waren.
Higgins selbst stieg ächzend auf den Dachgarten, wo er
Gladys, die älteste Tochter des Trainers, vermutete.
Gladys lag im Liegestuhl und hob den Kopf nur ein we-
nig, als der Inspektor kam. Sie trug einen knappen
zweiteiligen Luftanzug, und ihre Haut hatte unter der
Einwirkung der Sonne eine goldbraune Tönung ange-
nommen. Das große schlanke Mädchen sah gut aus und
machte keinen Hehl daraus, daß sie das wußte. Als sie
dem Beamten die Hand gab, bemerkte dieser ihre roten
Fingernägel.
Higgins räusperte sich und nahm die Melone ab. Die Si-
tuation war ihm unbehaglich. Ehe er sich dessen versah,
saß er, mit dem Hut in der Hand, auf einem Hocker ne-
ben dem Liegestuhl und kam sich wie ein dummer Junge
vor, der gezwungen ist, hinter einer großen Sonnenbrille
die Augen seines Mädchens zu erraten. Higgins wußte
nicht, wo er hinsehen sollte. Daß Mädchen lächelte, und
seine Zähne blitzten weiß zwischen schön geschwunge-
nen Lippen. Higgins fluchte innerlich. In Soctland Yard,
dachte er, würde seine ganze Abteilung mit Vergnügen
eine Woche umsonst arbeiten, um ihn in dieser Lage se-
hen zu können. Das Grinsen wäre endlos gewesen,
„Schönes Wetter heute“, fing er an und fand, daß das
ein sehr „geistreicher“ Anfang sei. Gladys streckte sich
behaglich aus. Ihre Beine waren lang und schlank.
„Das richtige Rennwetter. Das meinten Sie doch sicher
mit Ihrer Feststellung, Herr Inspektor? Oder muß man
Oberinspektor sagen?“
Man müßte dir ein paar hinter die Ohren geben, tobte
Higgins innerlich, Laut sagte er:
„Ich bin ein bescheidener Mensch. Inspektor genügt
mir. Übrigens haben Sie recht, schönes Wetter ist heute,
und außerdem hat Ihnen Ihr Vater einen guten Tip gege-
ben.“
„Er hätte ihn mir nie gegeben, wenn ich nicht zufällig
dabeigewesen wäre. Er mag nicht, daß ich wette. Dabei
tue ich nichts lieber. – Um Ihnen die Mühe zu ersparen,
mich in ein kompliziertes Kreuzverhör zu nehmen: Ich
bin, als ich wußte, was gespielt wurde, sofort mit meinem
Geld zu Mr. Charles nach Cardiff gefahren – ich hatte
ohnehin dort zu tun – und habe gesetzt, auf Sieg für
Francasal. Das Geld werde ich abholen, sobald die Sperre
aufgehoben ist. Genügt Ihnen das?“
Es genügte. Higgins verabschiedete sich. Als er die Me-
lone wieder aufsetzte, hatte er das Gefühl, keine sehr
vorteilhafte Figur abgegeben zu haben. Der Sergeant
hatte indessen nur ermittelt, daß Scratch die Wahrheit
gesagt hatte.
Higgins nahm im Wagen den Hörer des Sprechfunkge-
räts.
„Zentrale Scotland Yard“, meldete sich über trennende
Kilometer hinweg eine Frauenstimme. – „Hier Funkwa-
gen SY 84, Inspektor Higgins. Bitte, verbinden Sie mich
mit Detektiv-Chefinspektor Wilson.“ Es knackte in der
Leitung, Higgins erstattete Bericht und bat um weitere
Befehle.
„Wir werden zunächst“, meinte Wilson, „nach diesem
Mann O’Brien fahnden. Craig Ltd. wird laufend über-
wacht. Die Kunden, die auf Francasal gesetzt haben, sind
bereits festgestellt. Alle verfügbaren Leute sind hinter
ihnen her. Ich lasse außerdem Craigs Geschäftsbücher
genau überprüfen. Sie, Inspektor, werden jetzt festzustel-
len haben, wer die Fernleitung zerstört hat und welcher
Zusammenhang zwischen den Londoner und den Ab-
schlüssen in Bath besteht. Irgendwo sitzt der Mann, der
den Stein ins Rollen brachte, den Stein, der uns gerade
vor die Füße kollerte. Wir haben die nötigen Anweisun-
gen an die Ortsbehörden gegeben. Leute stehen Ihnen
überall zur Verfügung. Quartieren Sie sich dort ein und
bleiben Sie mit uns in Verbindung, damit wir auf dem
laufenden sind. Was kann ich sonst für Sie tun?“
„Bitte, teilen Sie Oberinspektor Collins und Sergeant
Weatherbury mit, daß aus dem heutigen Skatabend nichts
wird. Ich bedaure das.“
„Kann ich mir vorstellen“, lachte Wilson. „Wird ge-
macht! Viel Erfolg, Inspektor! Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen.“ Seufzend legte Higgins den Hörer
auf. „Nach Cardiff!“

Gomer Charles lehnte sich behaglich im Sessel zurück


und musterte mit zusammengekniffenen, spöttischen Au-
gen seine Frau, die in einem Heft Comics blätterte. Es
war wenig Gemeinsames zwischen ihnen – von jeher. Sie
wußte, daß er sie betrog und schickte sich darein als in
etwas Unvermeidliches, das es zu ertragen galt wie die
höhnischen Worte, die täglichen Beleidigungen und die
Erklärung, daß er sie nur aus Mitleid zu sich genommen
und ein Mann von seinen Gaben tausend andere Frauen
hätte wählen können.
Es regnete. Der Himmel war schwarz und ohne Sterne,
auf den Straßen bildeten sich kleine Lachen, und der As-
phalt schimmerte von der Feuchtigkeit. Ein Radio dudel-
te. Plötzlich schlug das Telephon an. Charles stand auf
und ging hinaus. Er hatte die Tür hinter sich verschlos-
sen, und die Frau hörte nicht, was er sagte.
Es wurde ein langes Gespräch. Draußen rauschte der
Regen.
Die Frau sah auf und versuchte ein Lächeln, als Gomer
wiederkam. Das Lächeln erfror. Der Buchmacher zog
fahrig das Jackett über und begann, eilig etwas Wäsche
in seinen Koffer zu packen. Dann ging er wieder hinaus
in das Geschäft, und seine Frau hörte die schwere Stahl-
tür des Geldschranks schlagen.
„Willst du fort?“ wagte sie zu fragen.
Er lachte gezwungen. „Ich glaube, das sieht man. Ich
muß verschwinden, fahre nach Portland zu Jack. Wenn
jemand fragt, ich bin in Liverpool oder sonstwo. Bestell
einen Wagen. Ich weiß noch nicht, wann ich wieder-
komme.“
Sie wollte noch etwas sagen, als aber Charles dem
Schreibtisch einen Revolver entnahm und das gefüllte
Magazin in den Griff einführte, versagte ihr die Stimme.
Der bestellte Wagen, den der Buchmacher selbst fahren
wollte, kam. Gomer Charles stand mit verkniffenen Lip-
pen im Büro und sah sich um. Vielleicht sehe ich den
ganzen Kram zum letzten Male, dachte er. Nur nicht sen-
timental werden! Dann setzte er sich ans Steuer. Seine
Frau stand mit hängenden Armen vor der Tür und blickte
dem Wagen nach.
Bläulich zuckte die Nadel des Tachometers über matt
erleuchtete Ziffern. Gomer Charles lachte verbissen in
sich hinein. Die Firma hatte ihm einen guten Wagen ge-
schickt. Eigentlich schade, daß sie ihn eines Tages in
einer schmutzigen Hafenstraße wiederfinden würde. Der
Buchmacher schob die Mütze weiter in den Nacken.
Dann tastete er wieder nach dem Revolver. Der Lauf
fühlte sich kühl und metallisch an. Sechs Schüsse – und
Scotland Yard hätte drei Mann weniger. Für jeden zwei
Kugeln, wenn sie ihn stellen würden. Wenn! Aber dazu
gehörte immer jemand, der sich stellen ließ. Er wollte das
anderen überlassen, er liebte die Gerichtsatmosphäre
nicht – die Lockenpracht der hölzernen Richter und das
Getue der Beisitzer. Plötzlich war sein Hals ganz trocken.
Er dachte daran, daß sie am nächsten Tag vielleicht bei
ihm erschienen wären, Polizisten mit Sturmriemen un-
terrn Kinn und dieser feiste Kapaun, der Gladys verhört
hatte. Gomer Charles unterdrückte einen Fluch. Wie
konnte sie auch so ungeschickt sein und diesem Mops
sagen, daß sie mit dem Tip zu ihm gekommen war!
Wenn die Detektive jetzt nicht auf seiner Spur saßen,
dann war ihnen nicht zu helfen.
Gut nur, daß Gladys ihm Bescheid gesagt hatte. Früh
neun Uhr, das wußte er, stach in Portland das Postschiff
nach Cherbourg in See. Morgen mittag konnte er im
Flugzeug sitzen und dahin fliegen, wo kein „Bobby“ ihm
mehr gefährlich werden konnte. Daß alles so kommen
mußte! Er hatte doch alles getan, was man tun konnte –
hatte sogar das Kabel zerstören lassen, um die Polizei an
der Nase herumzuführen. Welcher vernünftige Mensch
konnte auf den Gedanken kommen, ein Buchmacher lie-
ße eine Leitung unterbrechen, wenn er damit die Sper-
rung seiner eigenen Gewinne bewirkte? Charles hatte
gedacht, ganz sicher zu gehen – „ich werde mich doch
nicht selbst schädigen!“ – , aber er hatte nicht damit ge-
rechnet, daß der Vertrauensmann von Scratch so hoch
wetten würde, daß der Verdacht entstehen mußte, er,
Charles, habe durch das Zerschneiden des Kabels die
Bekanntgabe auswärtiger Abschlüsse hintertreiben wol-
len, damit in Bath hohe Quoten zur Auszahlung gelang-
ten. Auch Inspektor Higgins mußte sich das denken, ob-
wohl er annehmen konnte, ein so geriebener Renngewin-
ner müßte mit dem Radio und dem Telegraphen rechnen.
Die Höhe der Londoner Einsätze zerriß das so schön ge-
sponnene Netz. Jetzt half nur noch eins – türmen. Viel-
leicht würde sich Higgins bei der Suche nach den Kabel-
fritzen aufhalten. Vielleicht auch nicht. Gleichgültig.
Charles war entschlossen, seine Haut so teuer wie mög-
lich zu verkaufen.
Vollgas! Die Bäume rechts und links verdichteten sich
zu einem Zaun. Und Gomer Charles tastete wieder nach
dem Revolver. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er
Gladys mitnehmen sollte. Er hatte einen Spaß an ihr ge-
habt, gewiß, und sie konnte leidenschaftlich und wild
sein, aber – sie würde ihm im Wege stehen. Weiter!

Ralph schob die Bettdecke zurück und starrte zur Decke


hinauf. Sie verlor sich über ihm im Dunkel. Er konnte
keinen Schlaf finden.
„Denk doch einmal an uns!“ hatte Jane gesagt. Er sah
ihre ängstlichen Augen und fühlte ihre warme, lebendige
Nähe. Vielleicht hatte er sich ihre Gunst für immer ver-
scherzt, vielleicht konnte sie ihm nicht verzeihen, daß er
getan hatte, was seine Pflicht war. Ralph hatte – kaum
aus Bath zurückgekehrt – die Polizei angerufen und ihr
berichtet, was er über Charles’ Beteiligung an den Fran-
casal-Wetten wußte.
Ralph starrte ins Dunkel. Da hatten Menschen – einfa-
che Menschen – , für die ein Einsatz ein Wagnis war,
gewettet, und nun wurden sie geprellt, damit ein Gomer
Charles ihr Geld verprassen konnte. Jane mußte einsehen,
daß er, Ralph, sich schuldig an jenen machte, wenn er
schwieg; Würde sie das verstehen, oder...?

Der Morgen kroch grau und verregnet über die Dächer.


Margret und MacCogan schritten mit hochgeschlagenen
Mantelkragen fröstelnd durch regennasse Straßen. Mar-
gret war schlecht gelaunt.
„Kein Photographierwetter!“ kommentierte sie ihre
Stimmung. „Alles grau in grau, Nur gut, daß ich Blitz-
licht mitgenommen habe.“
Sie standen vor dem Buchmacherbüro von Gomer
Charles, sahen, wie sich die Rolläden vor dem großen
Fenster in die Höhe schoben, wie die Angestellten kamen
und dann die ersten Kunden.
Schließlich betraten sie selbst das Büro. Hardy MacCo-
san spitzte die Lippen, als er Ralph sah. Beide hatten
während des Rennens dicht beieinander gestanden. Hardy
hatte ein ausgezeichnetes Personengedächtnis, im Gegen-
satz zu Ralph, der dem Besucher höflich Auskunft über
den Verlauf des gestrigen Rennens gab. Der Reporter
dankte freundlich.
„Ist es erlaubt, hier einen Augenblick Platz zu nehmen?
Es regnet immer stärker“, bat er. Er setzte sich mit Mar-
gret an einen kleinen Tisch und war bald – so schien es –
ausschließlich mit der Lektüre der „Bath Daily News“
beschäftigt.
Wieder schlug die Ladentür. Drei Jungen mit kurzge-
schorenen Haaren, in durchregneten Texashemden, die
mit Brotbäumen und spielenden Affen bedruckt waren,
traten ein.
Ralph sah die drei erstaunt an und wurde blaß.
„Möchte den Chef sprechen!“ schnarrte einer. Ralph
ging nach hinten und kam Minuten später erregt zurück.
„Mister Charles ist nicht da“, erklärte er. Im Laden ho-
ben sie erstaunt die Köpfe – Margret, Hardy, die drei
Halbstarken und der Detektivsergeant aus London, der
ebenfalls als „Kunde“ anwesend war.
„Verreist? Bei dem verdammten Wetter?“ spottete Har-
dy. „Der Feiertagsregen lockt doch keinen Hund auf die
Straße.“
Es war auf einmal totenstill. Ein gefährliches Knistern
lag in der Luft. Der Sergeant riß nervös an seinem Ohr-
läppchen. Er wußte nicht, wie er reagieren sollte.
„Machen Sie mal keinen faulen Zauber!“ brach der Ha-
gere die Stille. „Wir sind bestellt, es ist wichtig, zum
Teufel. Ich lasse mich nicht an der Nase herumführen.“
Ralph wurde blaß und starrte den Hageren gebannt an.
Plötzlich erinnerte er sich der Reparaturkolonne auf der
Landstraße.
„Haben Sie noch keinen Menschen gesehen?“ knurrte
der Hagere unbehaglich. „Los, melden Sie mich!“
Auf Ralphs Stirn trat Schweiß. Charles war also weg,
irgendwohin, wo ihn niemand kannte. Auf einmal wußte
Ralph, daß er diesen Mann haßte, der mit der Sportbegei-
sterung der Menschen skrupellos sein Spiel trieb.
Da kam Jane – mitten in der Bürozeit; blaß und über-
nächtigt sah sie aus. Merkwürdigerweise empfand sie die
Spannung im Geschäft nicht. Ralph wandte sich brüsk
um und trat zu ihr. Sie legte ihm die Hände auf die Schul-
tern und den Kopf an seine Brust.
„Es geht nicht, Ralph, es geht nicht“, murmelte sie. „Ich
komme mir so schlecht vor, so schlecht. Ich bin schuld
daran, wenn du niemanden mehr ansehen kannst. Ich
konnte nicht schlafen. Ralph, ich glaube, wir müssen die
Wahrheit sagen und ehrlich sein, es wird uns nicht gut
gehen dabei, aber kommt es darauf an?“ Sie legte ihren
Kopf an seine Schulter. „Eines Tages wird es so sein, daß
wir stolz darauf sind. Sag die Wahrheit, Ralph!“
„Hollywoodsuppe und Glyzerintränen“, grinste der Ha-
gere. „Da soll man nicht stören, Kommt, Boys!“
Die drei wandten sich zur Tür. Ralph schnellte vor und
stand mit ausgebreiteten Armen vor dem Eingang. „Halt!
Erst erzählt ihr, was am Sonntag in dem Graben los war,
in dem ihr Mittagsruhe gehalten habt. War ein schönes
Kabel, das euch unter die Finger kam, ja?“
Der Hagere wurde blaß und kaute an seiner Unterlippe.
Dann griff er nach einem Stuhl, hob ihn mit jähem Ruck,
um ihn auf Ralphs Schädel niedersausen zu lassen. Aber
da knallte die Faust des ehemaligen Korporals in die Ma-
gengrube des Jungen. „So schnell nicht!“ brüllte Ralph
und schleuderte den zweiten, der ihn anfiel, zu Boden.
Ein paar Frauen schrien auf, der Sergeant hatte plötzlich
den Dienstrevolver in der Faust und schlug mit dem Griff
den dritten Angreifer nieder. Der Reporter wälzte sich
mit dem Hageren, der wieder zu sich kam, am Boden.
Margret stand auf dem Tisch und photographierte gei-
stesgegenwärtig. Stühle wurden umgerissen, eine Kundin
fiel in Ohnmacht, Blut lief über Ralphs Gesicht, Margret
schrie aufgeregt ins Telephon.
Und dann plötzlich Stille, tiefe Stille. Das Überfall-
kommando war da – Kerle von Schrankbreite, Sturmrie-
men unterm Kinn, Gummiknüppel in den Fäusten.
Der Sergeant wies sich aus, Handschellen klirrten.
Schweratmend gab Ralph zu Protokoll, wie er die drei
wiedererkannt hatte.
Der Sergeant verlor keine Zeit. Begleitet von Hardy, der
seine große Stunde gekommen sah, suchte er Mrs.
Charles auf, und als der Detektiv sie energisch aufforder-
te, ihm das Versteck ihres Mannes zu nennen, sank sie
zusammen, als habe man ihr eine unsichtbare Stütze
weggenommen.
„Er sprach von Liverpool“, sagte sie müde. „Glauben
Sie, daß er außer Landes geht?“
Der Sergeant lachte grimmig. „Er will außer Landes!
Will!“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt. Die Frau
sah ihm lange nach.
In dem verwüsteten Laden standen nur noch Jane und
Ralph. Sie wischte ihm das Blut von der Stirn, und er ließ
sie nicht aus seinen Armen. „Ich danke dir“, sagte er lei-
se. „Ich danke dir sehr. Ich wußte. daß auch du die
Wahrheit sagen müßtest. Wir haben nur diese Waffe, und
wir werden es schaffen, ohne zu lügen. Wir werden
glücklich sein, weil wir das Richtige getan haben.
Oder…?“ Sie lächelte und schmiegte sich wieder an ihn.
Ralph hob plötzlich den Kopf. Die Tür zum Nebenzim-
mer stand offen, und soeben hatte Mrs. Charles den Tele-
phonhörer abgenommen und das Fernamt verlangt.
„Geben Sie mir Portland 5344“, sagte sie leise und
schnell, „Portland 5344.“
In diesem Augenblick wußte Ralph, daß Charles nie und
nimmer nach Liverpool gefahren war, wußte er, daß die
Frau, die trotz allem an Charles hing, ihn warnen wollte.
Ralph riß sie zurück und drückte die Gabel nieder. „Port-
land 5344“, wiederholte er. Der Besitzer dieses An-
schlusses würde leicht zu ermitteln sein. Und dann war
Charles in seiner Hand.
„Ruf die Polizei an!“ rief er Jane zu. „Ich fahre nach
Portland!“

Der Funkwagen gab her, was er hergeben konnte. Der


Fahrer sah starr auf die Straße, die wie ein silberner Blitz
unter die Motorhaube schoß. Inspektor Higgins raste
nach Liverpool und hatte eben dem Sergeanten erklärt,
daß er dazu verdammt zu sein scheine, sämtliche lang-
weiligen Nester des Vereinigten Königreichs kennenzu-
lernen. In regelmäßigen Intervallen gab der Polizeifunk
das Signalement des flüchtigen Gomer Charles. Der
jüngste Polizist des entlegensten Reviers kannte den
Steckbrief des Buchmachers. In Liverpool hatten die Be-
amten festgestellt, daß Charles sich bisher nirgends ein-
geschifft hatte.
Der Inspektor sah geruhsam auf seinen Bauch und auf
die Asche seiner Zigarre und wirkte mehr denn je wie der
hauptamtliche Vorsitzende eines Kaninchenzüchterver-
eins, der eben einen guten Zuchtback erworben hat.
„Achtung! Inspektor Higgins! Achtung! Inspektor Hig-
gins!“ Im Funkwagen horchten sie auf. „Es wurde festge-
stellt, daß Mr. Reginald O’Brien seit acht Monaten Inha-
ber des Buchmacherbüros Craig Ltd. London, ist. Alle
abgeschlossenen Wetten, bis auf die in Cardiff und Bath,
waren von ihm inszeniert. O’Brien hat ein umfassendes
Geständnis abgelegt. Die Fahndung nach Gomer Charles
ist verstärkt fortzusetzen. Laut Befehl von Colonel
Hampson wurde Inspektor Higgins Vollmacht zur umfas-
senden Verfolgung erteilt. – Ich wiederhole: Scotland
Yard ruft SY 84. Achtung! Inspektor Higgins! Achtung!
Inspektor Higgins!...“

Gomer Charles stand am Fenster. Er rauchte ununter-


brochen und fand keine Ruhe. Das Schiff hatte er nicht
erreicht – unterwegs war ihm das Benzin ausgegangen,
und er hatte mit einem Kanister zum nächsten Ort laufen
müssen, um den Tank aufzufüllen. Gefährlich und wider-
lich, dieser Zeitverlust. Gomer Charles dachte an seine
Frau. Sie würde keinem Verhör standhalten. Er biß die
Zähne aufeinander. Keiner würde sich die Mühe machen,
für ihn eine Gefahr auf sich zu nehmen. Er hatte keinen
Freund, niemanden. Ob Gladys…? Für sie war er nur
interessant, solange er zahlen konnte. Was ging er sie
noch an? Nichts! Und dieser Gauner, bei dem er sich
verborgen hatte? Er würde sich sein Schweigen bezahlen
lassen und im übrigen die Achseln zucken. Dem Buch-
macher trat der Schweiß auf die Stirn. Er kam sich sehr
allein und sehr bedauernswert vor.
Charles legte den Revolver auf den Tisch. Die Geste be-
ruhigte ihn. Auf einmal schien es ihm besser, bis zum
nächsten Morgen planlos durch die Straßen zu gehen, als
In dieser Falle sitzenzubleiben. Er fühlte sich beengt und
hatte Angst vor den Wänden, die ihn anzuglotzen schie-
nen. Aber er wagte doch nicht, das Zimmer zu verlassen.

Monoton trommelte der Regen auf das Verdeck des


Funkwagens. Gleichmäßig arbeiteten die Scheibenwi-
scher und schafften ausreichende Sicht, Grau und verreg-
net war die Straße. Endlos schien sie sich hinzuziehen.
Wieder die Stimme im Lautsprecher: „Achtung, Inspek-
tor Higgins! Achtung, Inspektor Higgins! Es Ist anzu-
nehmen, daß der flüchtige Gomer Charles sich nach Port-
land gewandt hat und sich bei Mr. Jack Burns, 163 Fleet-
Street, aufhält. Ein Angestellter des Buchmachers war
Zeuge eines Telephongesprächs, das…“
Der dicke Higgins wurde munter. „Anhalten!“ stieß er
hervor, „Sofort zurück! Tempo, ehe der Kerl uns ent-
wischt.“
Der Wagen bremste, schleuderte und stand, wendete
langsam und fuhr wieder an. Dem Inspektor schmeckte
die Zigarre nicht mehr. Higgins hatte Angst, zu spät zu
kommen.
Sehr gute Freunde mußten die beiden Matrosen sein, die
sich in der lichtarmen, verbauten Straße nahe dem Hafen
getroffen hatten. Obwohl der Regen schon seit Stunden
als dichter Schleier auf das holprige Pflaster klatschte,
standen sie in einem Hauseingang, erzählten einander
Witze, rauchten Zigaretten und blinzelten einem dicken
Mann im Regenmantel zu, der hin und wieder vorüber-
kam und sie um Feuer für seine Pfeife bat. Der Mann
rauchte gar nicht, aber die Matrosen waren sicher, daß
man das von dem Fenster aus, dem ihre Aufmerksamkeit
galt, nicht erkennen konnte. Dieses Fenster lag im ersten
Stock über einem Laden, an dem zu lesen war, daß hier
preiswert ausgediente Seesäcke, Wetterzeug und Anden-
ken aus aller Welt zu haben seien. Die beiden Matrosen
hatten dafür ebensowenig Interesse wie der dicke Mann
im Wettermantel.
Alle drei waren Angehörige der örtlichen Polizei. Sie
waren übrigens nicht die einzigen, die dem Haus ihre
Aufmerksamkeit widmeten. In der hinteren Toreinfahrt
hatten zwei Männer, die man für Hafenarbeiter halten
konnte, Schutz vor dem Regen gesucht und flirteten mit
einem Mädchen, zu dessen dienstlichen Obliegenheiten
dieser „Flirt“ gehörte.
Die Detektive wechselten einen raschen Blick, als Ralph
den Laden betrat. Der Befehl ging jedoch nur dahin,
Charles beim Verlassen des Hauses festzunehmen und im
übrigen auf Higgins zu warten. Also ließen sie Ralph
passieren.
Aus dem Halbdunkel des Ladens trat ein untersetzter
Mann auf den Besucher zu,
„Was sollte sein?“
Ralph beugte eich vertraulich über den Tisch. „Ich muß
Gomer dringend sprechen. Ich weiß, daß er hier ist. Es
handelt sich um ein Geschäft.“
Der Mann sah ihn mißtrauisch an. Aber das Wort „Ge-
schäft“ besiegte seine Bedenken.
„Eine Treppe, gleich rechts.“
Die schmale Stiege war dunkel und knarrte bei jedem
Schritt. Ralph hielt den Atem an. Unbehagen stieg in ihm
auf. Aber es gab kein Zurück mehr, konnte es nicht mehr
geben. Und dann überwog auch die Freude, im Namen all
tier Geprellten und Betrogenen vor Charles hintreten zu
können und Ihm zu sagen, daß sein Spiel nun aus sei, daß
man nicht ungestraft mit ehrlicher Begeisterung spielen
und sie ausnutzen kann.
Der Buchmacher starrte hinaus. Die Wohnungstür wur-
de geöffnet. Sicher war sein Wirt aus dem Laden herauf-
gekommen. Sonst hatte niemand den Schlüssel. Charles
fühlte eine dumpfe Wut. Wollte der Kerl zu ihm – ihm
wieder Geld abnehmen?
Gomer Charles wußte nicht, was er denken sollte, als
Ralph eintrat und sich mit verblüffender Schnelligkeit
zwischen den Tisch mit dem Revolver und den Buchma-
cher schob.
„Guten Tag“, sagte Ralph.
„Was wollen Sie?“ brachte Charles heiser hervor. Er
hatte auf einmal Angst, namenlose, jammernde Angst.
„Geben Sie zu“, sagte Ralph hart, „daß Sie den Schwin-
del um Francasal für sich ausnutzen wollten und die Te-
lephonverbindung nach Bath zerstören ließen, um den
Verdacht auf irgendwelche Leute zu lenken, die Ihnen
kein Geschäft gönnen? Geben Sie es ruhig zu, die Polizei
weiß es ohnehin. Sie hat auch die drei Jungen festge-
nommen, die das Kabel zerschnitten. Sie, Mr. Charles,
vergaßen nämlich, daß ich zum Rennen fuhr und dabei
am Ort der ,technischen Störung’ vorüberkam. Und ich
kenne Ihre Kundschaft.“
Charles dachte an seinen Revolver. Aber vor dem stand
Ralph. Aus. Ganz aus also. Oder doch nicht? Der da
stand, war arm. Vielleicht, daß er mit Geld…?
Und der Buchmacher versuchte es. Er bat und be-
schwor, bettelte und flehte, er fluchte und weinte in ei-
nem Atemzug.
Ralph sah ihn schweigend an. Ihn ekelte vor diesem
Mann, der betrogen hatte und nun, wo der Schlußstrich
gezogen wurde, seine ganze Hohlheit und Erbärmlichkeit
offenbarte.
„Lassen Sie mich doch gehen. Lassen Sie mich hier
raus“, versuchte es Charles noch einmal. „Ich werde Ih-
nen das nie vergessen. Noch ist ja Zeit, noch ...“ Er ver-
stummte.
Und für solche hat man im Dreck gelegen, dachte
Ralph, Für solche haben wir die Köpfe hingehalten!
„Halten Sie den Mund!“ fuhr er auf. „Sie werden hier
herauskommen – aber nicht allein, das verspreche ich
Ihnen! Solange ich hier stehe.“
Jäh wurde die Tür aufgerissen. Waffen blitzten. Die
beiden Matrosen, der Mann im Regenmantel, die Hafen-
arbeiter traten ein, an ihrer Spitze schwitzend Inspektor
Higgins und der Sergeant.
Gomer Charles hob die Hände. Higgins sprach die Ver-
haftungsformel. Dann drückte er Ralph die Hand. Ver-
wundert sahen die Detektive zu.
Begegnungen mit massigen Sauriern, fliegenden Raubechsen, mit
Menschen der Vorzeit. Atemraubende Kämpfe mit menschengroßen
Ameisen und urzeitlichen Meeresungeheuern. Wer Mut hat, ist will-
kommen. Hasenfüße bleiben besser zu Hause.
Von W. A. Obrutschew Aus dem Russischen Illustriert etwa 352
Seiten Halbleinen 5,40 DM