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Vorlesungsskriptum

aus Betonbau

S-3-01/2004

Sparowitz Lutz
Institut für Betonbau
Technische Universität Graz

Forschungsberichte | Diplomarbeiten | Skripten | Vorträge/Tagungen


Inhaltsverzeichnis

Präambel 6

1. Dauerhaftigkeitskriterien bei Betonkonstruktionen 7

1.1 Allgemeines 7
1.2 Umwelteinflüsse 8
1.3 Mindestbetondeckung 10
1.3.1 Allgemeines 10
1.3.2 Schutz der Bewehrung vor Korrosion 10
1.3.3 Sicherstellung der Übertragung von Verbundkräften 11
1.3.4 Mindestbetondeckung für den Brandschutz 11
1.3.5 Nominale Betondeckung 11

2. Grenzzustand der Tragsicherheit


(Ultimate Limit State - ULS) 12

2.1 Allgemeines 12
2.2 Einwirkungskombinationen (EK) im ULS 15
2.2.1 Maßgebende EK für die Bemessung bei reiner Biegung (N=0) 15
2.2.2 Maßgebende EK für die Bemessung bei reiner Normalkraft (M=0) 17
2.2.3 Maßgebende EK für die Bemessung bei Biegung mit Längskraft 17
2.2.4 Maßgebende EK für die Querkraftbemessung 17
2.2.5 Maßgebende EK für die Bemessung bei Torsion 17
2.2.6 Maßgebende EK für die Bemessung bei Querkraft und Torsion 17
2.3 Mechanische Materialeigenschaften 18
2.3.1 Beton 18
2.3.2 Bewehrungsstahl 23
2.3.3 Verbundwirkung 26
2.4 Ermittlung des Querschnittswiderstandes bei Biegung 38
2.4.1 Einführung 38
2.4.2 Berechnung der reaktiven Schnittgrößen zu einem
vorgegebenen Dehnungszustand 39
2.4.3 Gleichgewicht zwischen aktiven und reaktiven Schnittgrößen 42
2.5 Grenzdehnungszustände 43
2.6 Nachweis der Tragfähigkeit bei überwiegender Biegebeanspruchung 45
2.7 Bemessung bei reiner Biegung (NSd = 0) 46
2.7.1 Fragestellung 46
2.7.2 Iterative Ermittlung des Grenzdehnungszustandes 47
2.7.3 Bemessung der Biegezugbewehrung 50
2.8 Verstärken der Druckzone mit einer Druckbewehrung 51
2.9 Bemessung bei Biegung mit Längskraft
und großer Lastausmitte 54
2.10 Bemessung eines zentrisch beanspruchten Druckstabes 55
2.11 Bemessung eines Zugstabes im ULS 56

3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit -


Serviceability Limit State (SLS) 57

3.1 Einführung 57
3.2 Maßgebende Einwirkungskombinationen (EK) im SLS 58

14.11.01 1
Inhaltsverzeichnis

3.3 Materialeigenschaften 59
3.3.1 Zugfestigkeiten von Beton 59
3.3.2 Elastizitätsmodul von Beton 60
3.3.3 Stoffgesetze im SLS 60
3.4 Spannungsnachweise im SLS 61
3.4.1 Druckstab 61
3.4.2 Zugstab 63
3.4.3 Biegestab 64
3.5 Rißbreitennachweis 67
3.5.1 Einführung 67
3.5.2 Rißbildungs- und Rißentwicklungsmechanismus 68
3.5.3 Rechnerische Rißbreite 73
3.5.4 Rißformeln 75
3.6 Verformungsnachweis 82
3.6.1 Verformungsgrenzen 82
3.6.2 Einführung 83
3.6.3 Berechnung der Durchbiegung nach dem Prinzip der virtuellen Arbeit
(Wiederholung aus der LV Baustatik) 84
3.6.4 Momenten-Krümmungs-Beziehung 87
3.6.5 Krümmungszunahme durch Kriechen und Schwinden 91
3.6.6 Durchbiegungsberechnung auf der Basis
der nichtlinearen M/J-Beziehung 95
3.6.7 Vereinfachte Durchbiegungsberechnung -
aus elastischer Lösung abgeleitet 96
3.6.8 Begrenzung der Durchbiegung durch eine entsprechende Festlegung der
Biegeschlankheit 98
3.6.9 Maßnahmen zur Steuerung der Verformung 100

4. Platten 101

4.1 Allgemeines 101


4.2 Liniengestützte Platten 107
4.2.1 Näherungsweise Ermittlung der Schnittgrößen 107
4.2.2 Auswirkung der Querdehnung 119
4.2.3 Drillmomente 121
4.3 Punktförmig gestützte Platten 127
4.3.1 Schnittgrößen 127
4.3.2 Begrenzung der Durchbiegung 132
4.4 Fundamentplatten 134
4.5 Öffnungen in Platten 135

5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung 137

5.1 Interaktionsdiagramme für einachsige Biegung 137


5.2 Interaktionsdiagramme für zweiachsige Biegung 141

6. Bemessung von schlanken Druckgliedern 144

6.1 Allgemeines 144


6.2 Schlankheitsgrad l 145
6.3 Geometrische Imperfektionen 147

14.11.01 2
Inhaltsverzeichnis

6.4 Einzelstütze 149


6.4.1 Der Zusammenhang zwischen Stabverformung e2 und der Krümmung Jm2 im
maßgebenden Querschnitt m 149
6.4.2 Gleichgewicht am verformten Stab (Theorie 2.Ordnung) 154
6.4.3 Instabilitätsfall 156
6.4.4 Der „kritische Punkt“ K 158
6.4.5 Bemessung der erforderlichen Bewehrung
(Modellstützenverfahren) 162
6.4.6 Genauigkeitssteigerung beim Modellstützenverfahren 164
6.4.7 Ersatzstabverfahren 167
6.4.8 Wände 177
6.5 Systemanalyse 179
6.5.1 Allgemeines zum Tragverhalten 179
6.5.2 Vereinfachte Systemanalyse mit Sekantensteifigkeiten 181

7. Spannbeton 184

7.1 Allgemeines 184


7.1.1 Das Grundprinzip des Spannbetons 184
7.1.2 Grad der Vorspannung 192
7.1.3 Vorspannarten 193
7.1.4 Vor- und Nachteile der Spannbetonbauweise 201
7.1.5 Spannsysteme 203
7.1.6 Spannkabelführung 229
7.1.7 Reibungsverluste 231
7.1.8 Spannkraftverlauf 233
7.1.9 Spannweg 239
7.1.10 Spannanweisung und Spannprotokoll 246
7.2 Sicherheitskonzept und Nachweise für
vorgespannte Stahlbetonstabwerke 247
7.2.1 Nachweise im SLS 247
7.2.2 Nachweise im ULS 269
7.3 Vorgespannte Flachdecken 275
7.3.1 Tragwirkung 275
7.3.2 Spanngliedführung 278

8. Stahlbeton - Schubelement 280

8.1 Schubfluß 280


8.2 Schubscheibenelement mit orthogonaler
Bewehrungsanordnung 281
8.3 Schiefwinkeliges Bewehrungsnetz 284
8.4 Schubscheibe mit zusätzlichen Normalkräften 286
8.5 Ersatzscheibenmethode für Stahlbeton - Membranplatten 288

9. Querkraft 290

9.1 Einführung 290


9.2 Gurtkräfte 292
9.2.1 Gurtkraft infolge M 292
9.2.2 Gurtkräfte infolge V 293
9.2.3 Zugkraftdeckungslinie 295

14.11.01 3
Inhaltsverzeichnis

9.3 Betondruckdiagonale bei vertikaler Bügelanordnung 296


9.4 Schubbewehrung - Querbewehrung mit vertikalen Bügeln 298
9.5 Schrägbügel 300
9.6 Schubbewehrung bei veränderlicher Trägerhöhe 302
9.7 Querkrafttragfähigkeit von vorgespannten Balken 305
9.7.1 Reduktion der Stegbeanspruchung durch geneigte Spanngliedführung 305
9.7.2 Alternative Begründung der Querkraftwirkung mit Hilfe der Umlenkkräfte
(MC90) 307
9.8 Schubtragwirkung bei fehlender Schubbewehrung 310
9.9 Sekundäre Schubtragwirkungen 312
9.10 Querbewehrung in Flanschen 315
9.11 Mitwirkende Plattenbreite 320
9.11.1 Allgemeines 320

10.Torsion 324

10.1 Arten der Torsionseinwirkung 324


10.2 Definition der Bezeichnungen 326
10.3 Querkraftanalogie zur Ermittlung von
Torsionsmomentenlinien 327
10.4 Torsionsverformung 329
10.5 Wölbfreie Hohlquerschnitte (St. Venant’sche Torsion) 330
10.6 Vollquerschnitte und dickwandige Hohlquerschnitte 333
10.7 Überlagerung von Querkraft und Torsion 335

11.Durchstanzen von Platten 338

11.1 Zum Bruchmechanismus 338


11.2 Nachweis des Durchstanzwiderstandes
ohne Schubbewehrung (Durchstanzbewehrung) 340
11.3 Rechenwert der einwirkenden Querkraft 342
11.4 Nachweisverfahren 344
11.5 Durchstanzbewehrung 345
11.6 Mindestbiegebewehrung im Bereich der Punktstützung 347
11.7 Durchstanznachweis bei Stützenkopfverstärkung (Pilzdecken) 349
11.8 Berücksichtigung der Vorspannung im Durchstanznachweis 350

12.Fachwerkmodelle - strut and tie models 351

12.1 Allgemeines 351


12.2 Tragfähigkeit von Zugstäben (ties) 352
12.2.1 Unbewehrtes Betonzugspannungsfeld 352
12.2.2 Bewehrter Zugstab 352
12.3 Tragfähigkeit von Druckspannungsfeldern (stuts) 353
12.3.1 Tragfähigkeit von unbewehrten Druckstreben 353
12.3.2 Tragfähigkeit von bewehrten Druckstreben 353

14.11.01 4
Inhaltsverzeichnis

12.3.3 Umschnürte Druckstreben 353


12.3.4 Reduktion der Tragfähigkeit von Druckstreben durch querlaufende Stäbe oder
Hüllrohre 355
12.4 Fachwerkknoten 356
12.4.1 Verankerung von Bewehrungsstäben 356
12.4.2 Überlappungsstoß 359
12.4.3 Druck-Druck-Zug-Knoten 360
12.4.4 Druck-Druck-Druck-Knoten 363
12.4.5 Zug-Zug-Zug-Knoten 364
12.4.6 Zug-Druck-Zug-Knoten 365
12.5 Diskontinuitätsbereiche 367
12.5.1 Konzentrierte Lasteinleitung 367
12.5.2 Endauflager bei Balken 376
12.5.3 Indirekte Lagerung 378
12.5.4 Auflagernahe Lasten 380
12.5.5 Konsolen 383
12.5.6 Geometrische Diskontinuitäten 389
12.6 Rahmenknoten 394
12.6.1 Rahmenecken 394
12.6.2 T-Knoten 402
12.6.3 Kreuzknoten 407
12.7 Wandscheiben und wandartige Träger 409
12.7.1 Abgrenzung zwischen Balken und Scheiben 409
12.8 Scheiben nach der Elastizitätstheorie (Zustand I) 411
12.9 Stahlbetonscheiben 415
12.9.1 Wandartige Einfeldträger (Einfeldrige Wandscheibe) 418
12.9.2 Wandartige Durchlaufträger (mehrfeldrige Wandscheiben) 427
12.10 Fundamente 429
12.10.1 Anmerkungen 429
12.10.2 Streifenfundamente unter Wänden (Linienlasten) 434
12.10.3 Streifenfundamente unter Stützen (Einzellasten) 439
12.10.4 Einzelfundamente 441

13.Umlenkkräfte 462

13.1 Allgemeines 462


13.2 Ohne Verbügelung aufnehmbare Umlenkkräfte 465
13.3 Rückverankerung gekrümmter Spannglieder 466
13.4 Schlanke vorgespannte Druckstäbe 467
13.5 Einspringende geknickte Betonleibung 469
13.6 Nach außen wirkende Umlenkkräfte in der Druckzone 471

14.11.01 5
Präambel

Präambel

Das „Design“ von Tragwerken sollte folgende Schritte umfassen:


• Nachweise in den Grenzzuständen der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)
• Nachweise in den Grenzzuständen der Gebrauchstauglichkeit (Serviceability Limit State -
SLS)
• praxisgerechte konstruktive Durchbildung (Bewehrungsführung etc.). Dabei ist besonde-
res Augenmerk auf einen klaren und effizienten (direkten) Kraftfluß zu legen.
• Erfüllung der materialtechnologischen Anforderungen
(Betontechnologie, Nachbehandlung etc.)
• Erfüllung der Anforderungen hinsichtlich der Dauerhaftigkeit; auf aggressive Umwelteinflüsse
ist zu achten
Obige Nachweise verfolgen u.a. das Ziel der
• Sicherstellung der Duktilität; d.h., das Tragwerk soll derart verformbar konstruiert sein, daß
die Systemtragfähigkeit erreicht wird ohne daß ein lokaler Sprödbruch eintritt. In duktilen
Tragstrukturen sind die Auswirkungen von Zwängen (Temperatur, Kriechen, Schwinden,
Fundamentsetzungen etc.) auf die Tragfähigkeit im allgemeinen nicht signifikant.
• Sicherstellung der Stabilität und Robustheit; d.h. u.a. sind die verschiedenen lastabtragen-
den Elemente des Tragwerkes derart miteinander zu verbinden, daß insgesamt ein zufrieden-
stellendes Systemtragverhalten gegeben ist.
• Sicherstellung, daß das Tragwerk bei einem lokalen Versagen durch eine außergewöhnliche
Einwirkung (unvorhergesehene Nutzung oder Unfall) nicht global einstürzt (progressives Ver-
sagen). Auf besondere Gefährdungspotentiale ist zu achten.
Abhängig von der Art der Tragkonstruktion und des Bauverfahrens kann entweder der ULS oder der
SLS das dominante Bemessungskriterium darstellen. In vielen Fällen genügt lediglich ein Teil oder
sogar nur einer dieser Nachweise, wenn die Erfahrung vorliegt, daß die anderen Kriterien zweifelsfrei a
priori erfüllt sind.
Stets ist auf eine einwandfreie konstruktive Durchbildung und auf materialtechnologische
Aspekte zu achten, weil diese für die Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit von Betonkon-
struktionen gleich wichtig sind, wie die rechnerischen Nachweise.

14.11.01 6
1. Dauerhaftigkeitskriterien bei Betonkonstruktionen

1. Dauerhaftigkeitskriterien bei Betonkonstruktionen

1.1 Allgemeines

Ein Tragwerk ist „dauerhaft“, wenn es während der vorgesehenen Nutzungsdauer seine Funktion hin-
sichtlich der Gebrauchstauglichkeit, Standfestigkeit, Tragfähigkeit und Stabilität bei einem angemesse-
nen Instandhaltungsaufwand erfüllt.
Die Dauerhaftigkeit gilt als gewährleistet, wenn neben den Nachweisen in den Grenzzuständen der
Tragfähigkeit und den Grenzzuständen der Gebrauchstauglichkeit auch die Betontechnologie (Festig-
keit, Dichtigkeit etc.) und die Betondeckung den Umwelteinflüssen Rechnung trägt.
Ein Tragwerk ist derart zu gestalten, daß es robust ist gegenüber flüssigen und gasförmigen Substan-
zen, die in die Struktur eindringen können. Insbesondere sind kritische Bereiche, wie Kanten, Ecken, Fu-
gen etc. entsprechend konstruktiv durchzubilden. Alle der Witterung ausgesetzten Betonoberflächen
sollten mit Gefälle planmäßig entwässert oder abgedeckt werden. (Verblechung, Abdichtung etc.)
Alle hinsichtlich ihrer Dauerhaftigkeit kritischen Bereiche sollten für Inspektion und Wartung zugäng-
lich sein.

14.11.01 7
1. Dauerhaftigkeitskriterien bei Betonkonstruktionen

1.2 Umwelteinflüsse

Umwelteinflüsse sind chemische und physikalische Einwirkungen, denen der Beton ausgesetzt ist und
die Auswirkungen zur Folge haben, die nicht in den Lastannahmen für die Tragwerksplanung berück-
sichtigt werden können.
Chemischer Angriff kann verursacht sein durch:
• die Nutzung (z.B. Lagerung von Flüssigkeiten usw.)
• aggressive Umweltbedingungen
• Berührung mit Gasen oder Lösungen (Säurelösungen, Lösungen aus Schwefelsalzen etc.)
• im Beton enthaltene Chloride
• Reaktionen zwischen Betonbestandteilen (z.B. Alkalireaktion von Zuschlägen)
Physikalischer Angriff kann erfolgen durch:
• Abnutzung (Abrieb)
• Temperaturwechsel
• Frost-Tau-Wechselwirkung
• Eindringen von Wasser
Die Aggressivität der Umwelteinflüsse wird durch sog. Expositionsklassen (Umweltklassen) in der Ta-
belle 1.1 und der Tabelle 1.2 definiert.

Klassen- Beschreibung der Mindestbeton-


Beispiele für Umweltbedingungen
bezeichnung Umwelteinflüsse festigkeit

Kein Angriffsrisiko

XO kein Risiko Unbewehrte Bauteile in nicht betonangreifen- C12


der Umgebung

Angriff durch aggressive chemische Umgebung

XA1 chemisch leicht aggres- Behälter von Kläranlagen C25


sive Umgebung

XA2 chemisch mäßig aggres- Bauteile mit Meerwasserberührung oder in C35


sive Umgebung stark betonangreifenden Böden

XA3 chemisch hoch aggres- Industrieabwasseranlagen mit sehr stark che- C35
sive Umgebung misch angreifendnen Abwässern (z.B. Käse-
reien)

Angriff durch Frost-Tauwechsel

XF1 mäßige Wassersättigung Außenbauteile C30


ohne Taumittel

XF2 mäßige Wassersättigung Bauteile im Sprühnebelbereich von Straßen C30


mit Taumittel

XF3 hohe Wassersättigung Offene Wasserbehälter C30


ohne Taumittel

XF4 hohe Wassersättigung mit Straßenbeläge und Randbalken bei Brücken, C30
Taumittel die mit Tausalz behandelt werden

Angriff durch Abrieb

14.11.01 8
1. Dauerhaftigkeitskriterien bei Betonkonstruktionen

Klassen- Beschreibung der Mindestbeton-


Beispiele für Umweltbedingungen
bezeichnung Umwelteinflüsse festigkeit

XM1 mäßiger Verschleiß Straßenbeläge von Wohnstraßen C30

XM2 schwerer Verschleiß Straßenbeläge von Hauptverkehrsstraßen, C30


Verkehrsflächen mit Gabelstaplerverkehr

XM3 extremer Verschleiß Betonflächen, die häufig mit Kettenfahrzeugen C30


befahren werden

Tabelle 1.1 Expositionsklassen hinsichtlich „Betonangriff“

Klassen- Beschreibung der Mindestbeton-


Beispiele für Umweltbedingungen
bezeichnung Umwelteinflüsse festigkeit

Korrosion verursacht durch Karbonatisierung

XC1 trocken Bauteile in Innenräumen mit normaler Luft- C20


feuchte

XC2 naß, selten trocken Teile von Wasserbehältern, Gründungsbauteile C25

XC3 mäßige Luftfeuchtigkeit Bauteile, zu denen die Außenluft häufig C30


Zugang hat; z.B. offene Hallen und Garagen
und Innenräume mit hoher Luftfeuchtigkeit

XC4 zyklisch naß und trocken Außenbauteile mit direkter Beregnung, Bau- C30
teile in Wasserwechselzonen

Korrosion verursacht durch Chloride

XD1 mäßige Feuchtigkeit Bauteile im Bereich chloridhaltiger Sprühnebel C30

XD2 naß, selten trocken Schwimmbecken, Bauteile, die chloridhaltigen C30


Indurstriewässern ausgesetzt sind

XD3 zyklisch naß und trocken Bauteile im Spritzwasserbereich von tausalz- C35
behandelten Straßen und Parkdecks

Korrosion verursacht durch Chloride aus Meerwasser

XS1 salzhältige Luft, kein Außenbauteile in Küstennähe C30


direkter Meerwasserkon-
takt

XS2 unter Wasser Bauteile, die ständig unter Meerwasser liegen C35

XS3 Gezeitenzonen, Spritz- Kaimauern in Hafenanlagen C35


und Sprühwasserzonen

Tabelle 1.2 Expositionsklassen hinsichtlich Korrosion der Bewehrung

Um die Bewehrung wirksam vor Korrosion zu schützen, sind folgende Kriterien zu erfüllen:
(1) ausreichende Betongüte (Dichtheit)
(2) ausreichende Betondeckung
(3) ausreichend kleine Rißbreiten

Die Forderung (1) gilt als erfüllt, wenn die in der Tabelle 1.1 und der Tabelle 1.2 angeführten Mindest-
betongüten und die Mindestbetondeckungen nach Tabelle 1.3 eingehalten sind.
Die Forderung (3) wird rechnerisch nachgewiesen (Abschnitt 3.5).

14.11.01 9
1. Dauerhaftigkeitskriterien bei Betonkonstruktionen

1.3 Mindestbetondeckung

1.3.1 Allgemeines

Die Betondeckung ist der Abstand zwischen der äußeren Oberfläche der Bewehrung (einschließlich der
Bügel) und der zugehörigen Betonoberfläche.
Die Betondeckung hat folgende Funktionen:
(1) Schutz des Stahles gegen Korrosion
(2) Sicherstellung der Übertragung von Verbundkräften
(3) angemessener Brandschutz

1.3.2 Schutz der Bewehrung vor Korrosion

Der Schutz der Bewehrung gegen Korrosion hängt vom ständigen Vorhandensein eines alkalischen Mi-
lieus ab, das durch eine angemessene Dicke und gute Qualität des entsprechend nachbehandelten Be-
tons erzielt wird.
Die erforderliche Betondeckung hängt sowohl von den Umweltbedingungen als auch von der Güte des
Betons ab. Unter Einhaltung der Mindestbetongüte nach der Tabelle 1.1 und der Tabelle 1.2 kann die
Mindestbetondeckung der Tabelle 1.3 entnommen werden.

Karbonatisierungsinduzierte Chloridinduzierte Chloridinduzierte Korrosion


Korrosion Korrosion aus Meerwasser

Expositions- XC1 XC2 XC3 XC4 XD1 XD2 XD3 XS1 XS2 XS3
klasse

Schlaffstahl 10 20 25 40 40

Spannstahl 20 30 35 50 50

Tabelle 1.3 Mindestbetondeckung cmin [mm]

Für plattenförmige Bauteile darf die Mindestbetondeckung nach Tabelle 1.3 um 5 mm reduziert werden
- mit Ausnahme der Klasse XC1. Dasselbe gilt auch für andere Bauteile, wenn die Betongüte um zwei
Klassen höher ist als die Mindestfestigkeiten in den Tabellen 1.1 und 1.2 und eine entsprechende Anzahl
von Abstandhaltern vorhanden ist.
Für Spannstahl sind weitere Regelungen hinsichtlich der Randabstände der Spannglieder und der
Spannanker gemäß Zulassung zu beachten.
Zusätzliche Betonüberdeckung (Opferbeton) bei Angriff durch Abrieb

XM1 XM2 XM3

∆c1 5 10 15

Tabelle 1.4 Zusätzliche Verschleißschicht ∆c1 [mm]

Bei hoher chemischer Aggressivität (XD3) kann es in speziellen Fällen erforderlich sein, die Bewehrung
vor Korrosion zu schützen (Kunststoffummantelung, rostfreie Stähle, Bewehrungen aus glasfaser- oder
kohlenstofffaser-verstärktem Kunststoff).
Die Werte der Tabelle 1.3 sind zu erhöhen, wenn es sich um massige Bauteile (h ≥ 80 cm) handelt (Min-

14.11.01 10
1. Dauerhaftigkeitskriterien bei Betonkonstruktionen

destfestigkeit C30; Mindestbetondeckung cmin + 20 mm).

Wenn Beton gegen unebene Flächen geschüttet wird:


Beton auf Sauberkeitsschicht: cmin = 40 mm
Beton direkt gegen Baugrund geschüttet: c ≥ 75mm

1.3.3 Sicherstellung der Übertragung von Verbundkräften

Um Verbundkräfte zwischen Stahl und Beton sicher übertragen zu können und um auch in der Beton-
deckung eine angemessene Verdichtbarkeit zu erreichen, sollte die Mindestbetondeckung der maßge-
benden Bewehrungsstäbe nicht kleiner sein als

cmin = ∅ oder ∅n

bzw. wenn dg > 16 mm

cmin = ∅ + 5 mm oder ∅n+ 5 mm

Hierin bedeuten:
∅ ......................Durchmeser der Bewehrung
∅n ....................Vergleichsdurchmesser eines Stabbündels
dg .....................Größtkorndurchmesser des Betonschotters (Zuschlag)

1.3.4 Mindestbetondeckung für den Brandschutz

Die bisher besprochenen Mindestbetondeckungen können für den Brandschutz unzureichend sein. Die
erforderliche Mindestbetondeckung für eine vorgegebene Brandwiderstandsdauer hängt u.a. auch von
den Bauteilabmessungen ab. Sie ist den einschlägigen Normen zu entnehmen.

1.3.5 Nominale Betondeckung

Die bisher besprochene Mindestbetondeckung ist durch ein Vorhaltemaß ∆c2 für Abweichungen von der
planmäßigen Bewehrungslage zu vergrößern:

cnom = c min + ∆c1 + ∆c2

Das Nennmaß cnom der Betondeckung ist in den Bewehrungszeichnungen anzugeben.

Das Vorhaltemaß ∆c2 beträgt 10 mm für die Expositionsklasse XC1 und 15 mm für die Klassen XC2 bis
XS3 in der Tabelle 1.3.
Diese Werte dürfen abgemindert werden, wenn dies durch eine entsprechende Qualitätskontrolle ge-
rechtfertigt ist (beispielsweise bei Betonfertigteilen).

14.11.01 11
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2. Grenzzustand der Tragsicherheit


(Ultimate Limit State - ULS)

2.1 Allgemeines

Sd ≤ Rd (2.1)

a) Bei linearer Schnittgrößenermittlung:

Sd .....................einwirkende Schnittgrößen
Rd .....................den einwirkenden Schnittgrößen entgegenwirkende Querschnittswiderstände (reaktive
Schnittgrößen, auch „verallgemeinerte Spannungen“ genannt)

b) Bei nichtlinearer Schnittgrößenermittlung:

Sd .....................direkte Einwirkungen: Lasten, Kräfte


indirekte Einwirkungen: aufgezwungene Verformungen (Zwang):
Temperaturveränderung, Lagerverschiebung (Senkung, Hebung), etc.
Rd .....................Systemwiderstand: Gleichgewichtslasten

Bei Berechnung der Schnittgrößen nach der Elastizitätstheorie (Fall a) gilt das Superpositionsgesetz.
Die Lastfaktoren (Sicherheitsbeiwerte) γF können entweder vor der Schnittgrößenermittlung eingebracht
werden, oder erst bei der Überlagerung der Schnittgrößen zum Auffinden der ungünstigsten Einwir-
kungskombination.
Bei der Berechnung der Schnittgrößen nach nichtlinearen Verfahren oder nach der Plastizitätstheorie
gilt das Superpositionsgesetz nicht. Daher sind die Einwirkungen (Lasten) direkt mit den Sicherheitsbei-
werten zu multiplizieren und danach entsprechend zu kombinieren.
Bei der Ermittlung der Schnittgrößen lassen sich die nichtlinearen Stoffgesetze der verwendeten Bau-
stoffe Beton und Stahl nur durch nichtlineare Analysen erfassen (Bild 2.2)
Die Stoffgesetze werden auch als Arbeitslinien bezeichnet, weil die im Bild 2.2 hinterlegten Flächen un-
ter den Kurven in mechanischem Sinn einer Arbeit/Volumseinheit entsprechen.

14.11.01 12
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

Q d = γ Q ⋅ Q = 1, 5 ⋅ Q
Fall a : Fall b :
Q
g gd = γg ⋅ g = 1, 35 ⋅ g

MG
g ⋅ l2
------------
8

MQ
Q⋅l
----------
4

MSd MSd
Q⋅l
1, 5 ⋅ ----------
4
g ⋅ l2
1, 35 ⋅ -----------
8

g,Q.......Lasten auf Gebrauchslastniveau g,G.......ständige Lasten


gd,Qd....Lasten auf Traglastniveau q,Q.......veränderliche Lasten

M Sd = γG ⋅ M G + γ Q ⋅ M Q = 1, 35 ⋅ M G + 1, 5 ⋅ M Q (2.2)

γG, γQ .......... Teilsicherheitsbeiwerte, siehe Tabelle 2.1

Bild 2.1 Fall a: Mit den Sicherheitsbeiwerten gewichtete Überlagerung der


Gebrauchslastschnittgrößen MG und MQ
Fall b: Direkte Berechnung der Traglastschnittgrößen MSd für die Bemessungslasten
gd und Qd

a σ s( + )
b

σ (+)
c

(- ) (- )
εc εs

(+ ) (+)
εc ε
s
(-)
σc

σ s( - )

Bild 2.2 a) Stoffgesetz (σ / ε - Diagramm) für Beton (qualitativ)


b) Stoffgesetz für Bewehrungsstahl (qualitativ)

14.11.01 13
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

F
σ c = ------
Ac

Ac ... Betonfläche (c ... concrete)


τb ... Verbundspannung (b ... bond)
τb
Beton
τb F

Beton

Bild 2.3 Prinzip der Verbundwirkung

Stahlbeton ist ein „Verbundbaustoff“ bestehend aus den beiden Komponenten Beton und Stahl. Zwi-
schen dem Beton und dem Stahl (und umgekehrt) können Kräfte übertragen werden. Diese Verbund-
wirkung ist mit örtlichen Verformungen verbunden. D.h. es kommt zu einer Relativverschiebung δ
zwischen den beiden Materialkomponenten (verschieblicher Verbund). Das Bild 2.4 zeigt qualitativ den
Zusammenhang zwischen der übertragbaren Verbundkraft (in Form der Verbundspannung τb) und der
Relativverschiebung δ (Schlupf) zwischen Beton und Stahl.

τ
b

Bild 2.4 Verbundgesetz (qualitativ)

Auch die Verbundwirkung liefert einen Beitrag zum nichtlinearen Last-Verformungsverhalten des Stahl-
betons.
Neben der materialbedingten Nichtlinearität kann auch eine geometrisch bedingte Nichtlinearität auftre-
ten, wenn die Tragwerksverformung die Schnittgrößen beeinflußt (Theorie 2. Ordnung).
Die Tatsache, daß bei materialbedingt und/oder geometrisch-bedingt nichtlinearen Problemen das Su-
perpositionsgesetz nicht gilt, erschwert die Berechnung signifikant.
Deshalb versucht man in der Praxis mit vereinfachenden Linearisierungen auszukommen. Nichtlineare
Berechnungsmethoden werden in der Vertiefungsausbildung behandelt (LV: Betonbau VA). In der
Grundausbildung (LV: Betonbau) wird von der linear-elastischen Schnittgrößenermittlung ausgegangen
(Fall a im Bild 2.1).

14.11.01 14
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.2 Einwirkungskombinationen (EK) im ULS

2.2.1 Maßgebende EK für die Bemessung bei reiner Biegung (N=0)

Es sind folgende Einwirkungskombinationen in der jeweils ungünstigsten Überlagerung zu untersuchen.


Die daraus resultierende größte Beanspruchung wird zur maßgebenden Bemessungssituation:
1. Bemessungssituation (Grundkombination)

M Sd =
å j
γ G, j ⋅ M G, j + γ Q, 1 ⋅ M Q, 1 +
å i>1
γQ, i ⋅ ψ o, i ⋅ M Q, i (2.3)

2. Bemessungssituation (außergewöhnliche Bemessungssituation)

M Sd = å j
M G, j + M A + ψ 1, 1 ⋅ M Q, 1 + å i>1
ψ 2, i ⋅ M Q, i (2.4)

Hierin bedeuten:
MSd ..................Bemessungswert des Biegemoments im ULS
MG,j ..................Biegemoment aus den ständig einwirkenden Lasten j (z.B. Eigengewicht)
MQ,i ..................Biegemoment aus vorübergehend einwirkendem Lastfall i (Nutzlast, Verkehrslast, etc.)
i = 1 ..................Leiteinwirkung
i > 1 ..................Begleiteinwirkung
γG, γQ ................Teilsicherheitsbeiwerte, siehe Tabelle 2.1
ψ0,i ...................Kombinationsbeiwert, siehe Tabelle 2.3. Er erfaßt jenen Anteil des Lastfalles i, der mit
einer entsprechenden Wahrscheinlichkeit gleichzeitig mit der Leiteinwirkung auftritt
ψ1,i ...................Kombinationsbeiwert, der den häufig auftretenden Anteil der Nutzlast i (z.B. 300 x pro
Jahr) definiert
ψ2,i ...................Kombinationsbeiwert, der den quasi-ständig wirkenden Anteil der veränderlichen Last i
beschreibt
MA ....................Biegemoment für eine außergewöhnliche Einwirkung (Unfalleinwirkung), beispielsweise
Anprall von Fahrzeugen, Steinschlag, Lawinen, Seilriß, Explosion (Gas), Erdbeben,
Brand.

Bei Gebäuden darf vereinfachend die Gleichung (2.3) wie folgt ersetzt werden:
1. Bemessungssituation mit einer veränderlichen Leiteinwirkung

M Sd =
å j
γ G ⋅ M G, j +
1.5
0
⋅ M Q, 1 (2.5)

2. Bemessungssituation mit zwei oder mehreren veränderlichen Einwirkungen

M Sd = å j
γ G ⋅ M G, j + å i
1.35
0
⋅ M Q, i (2.6)

Das ungünstigere Moment MSd aus (2.5) und (2.6) ist maßgebend. Diese Vereinfachung ist in den neuen
eurocode-nahen ÖNORMEN (B 4700 und B 4750) generell zugelassen. Für die außergewöhnliche Be-
messungssituation ist in diesen ÖNORMEN folgende Vereinfachung zulässig:

14.11.01 15
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

3. Bemessungssituation - außergewöhnliche Einwirkungen

M Sd =
å j
M G, j + M A +
å i
ψ 2, i ⋅ M Q, i (2.7)

Zum Auffinden der ungünstigsten - und damit maßgebenden Einwirkungskombination geht man derart
vor, daß jede veränderliche Einwirkung einmal zur Leiteinwirkung in den Gleichungen (2.3), (2.4) bzw.
(2.5) wird („Probierverfahren“).

Einwirkung Ständige E. veränderliche E. Vorspannung


γG γQ γP

günstige Auswirkung 1,00 0,00 1,00

ungünstige Auswirkung 1,35 1,50 1,00

Tabelle 2.1 Teilsicherheitsbeiwerte γF für Einwirkungen (EC2, 2.3.3.1, Seite 24, Tab. 2.2)

Beton Betonstahl, Spannstahl


Kombination
γc γs

Grundkombination 1,50 1,15

Außergewöhnliche
1,30 1,00
Kombination

Tabelle 2.2 Teilsicherheitsbeiwerte γM für Baustoffeigenschaften (EC2, 2.3.3.2, Seite 25, Tab. 2.3)

Einwirkung Kombinationsbeiwerte

ψ0 ψ1 ψ2

Nutzlast auf Decken


- Wohnräume, Büroräume,
Verkaufsräume bis 50 m2; 0,7 0,5 0,3
Flure; Balkone; Räume in
Krankenhäusern

- Versammlungsräume;
Garagen und Parkhäuser;
Turnhallen; Tribünen; Flure 0,8 0,8 0,5
in Lehrgebäuden; Büche-
reien; Archive

- Ausstellungs- und Ver-


kaufsräume; Geschäfts- 0,8 0,8 0,8
und Warenhäuser

Windlasten 0,6 0,5 0

Schneelasten 0,7 0,2 0


alle anderen Einwirkungen 0,8 0,7 0,5

Tabelle 2.3 Kombinationsbeiwerte ψ (EC1)

14.11.01 16
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.2.2 Maßgebende EK für die Bemessung bei reiner Normalkraft (M=0)

Es gilt der Abschnitt 2.2.1 uneingeschränkt, wenn man in den Gleichungen (2.3) bis (2.7) M durch N er-
setzt.

2.2.3 Maßgebende EK für die Bemessung bei Biegung mit Längskraft

1. Erstens ist nach Abschnitt 2.2.1 vorzugehen („führende“ Auswertung der EK nach M), wobei
die Normalkraft nach demselben Kombinationsschema überlagert wird („zugehörige“ Normal-
kraft).
2. Zweitens ist zusätzlich auch noch gemäß Abschnitt 2.2.2 eine führende Auswertung der EK
nach N durchzuführen. In diesem Falle ist das jeweils zugehörige Biegemoment in der Über-
lagerung mitzuführen.
Damit ist einerseits das betragmäßig größte Biegemoment mit der zugehörigen Normalkraft und ande-
rerseits die betragsmäßig größte Normalkraft mit dem zugehörigen Biegemoment bekannt. Man erhält
die erforderliche Bewehrung, indem man für diese beiden Extremfälle eine Querschnittsbemessung
(Biegung mit Längskraft) durchführt. Die größere Bewehrungsmenge ist einzulegen.

Anmerkung: Theoretisch könnte eine andere M-N-Kombination bei der weder M noch N ihren Maximalwert erreichen, eine
etwas größere Bewehrungsmenge ergeben. Dies bleibt jedoch in der Praxis unberücksichtigt.

2.2.4 Maßgebende EK für die Querkraftbemessung

Es gilt der Abschnitt 2.2.1 uneingeschränkt, wenn man in den Gleichungen (2.3) bis (2.7) M durch V er-
setzt.

2.2.5 Maßgebende EK für die Bemessung bei Torsion

Es gilt der Abschnitt 2.2.1 uneingeschränkt, wenn man M durch Mx ersetzt.

2.2.6 Maßgebende EK für die Bemessung bei Querkraft und Torsion

Ähnlich wie bei Biegung mit Längskraft ist auch hier für die beiden Grenzfälle „führende Auswertung
nach V“ (max V, zug Mx) und „führende Auswertung nach Mx“ (max Mx, zug V) in den maßgebenden
Querschnitten die Bemessung durchzuführen.

Anmerkung: Da für die Schubtragwirkung von Stahlbeton nicht nur eine Querbewehrung (Bügel), sondern auch eine
Längsbewehrung erforderlich ist, muß - wie später gezeigt wird - bei der Bemessung der Längsbewehrung
auch die Auswirkung der zugehörigen Querkraft und gegebenenfalls des zugehörigen Torsionsmomentes Be-
rücksichtigung finden.

14.11.01 17
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.3 Mechanische Materialeigenschaften

2.3.1 Beton

2.3.1.1 Tragverhalten von Beton

Beton ist ein künstliches Gestein, ein künstliches Konglomerat, das aus Zement, Zuschlagstoffen
(Schotter, Kies, Sand) und Wasser hergestellt wird. Wenn erforderlich werden chemische Zusatzmittel,
wie Verflüssiger und Verzögerer sowie puzzolan reagierende Zusätze, wie Flugasche oder Mikrosilica
zugegeben.
Das Tragverhalten von Beton unter Druckbeanspruchung läßt sich mit dem Bild 2.5 veranschaulichen.

seitliche
Stützung

Bild 2.5 Tragverhalten eines Kies-Sand-Gemisches in einem Stahlrohr

Füllt man ein nach einer Beton-Schotter-Sieblinie abgestuftes Kies-Sand-Gemisch in ein Stahlrohr, so
entsteht nach intensivem Verdichten ein stabiles Korngerippe. Über die Kontaktflächen der Körner kön-
nen erhebliche Druckkräfte in vertikaler Richtung übertragen werden, wenn durch das Stahlrohr die ho-
rizontalen Kraftkomponenten aufgenommen werden.
Wenn man sich den Zementstein zwischen den Körnern als eine Art Klebstoff vorstellt, kann dieser in
gewissem Rahmen die seitlichen Abtriebskräfte mit Hilfe von Querzugspannungen übernehmen. Das
„schwächste Glied in der Kette“ ist bei Normalbeton der Verbund zwischen den Zugschlagkörnern und
dem Zementstein (Bild 2.6 b) an der Oberfläche der Körner (Kontaktflächen).

Anmerkung: Bei hochfestem Beton verläuft die Bruchfläche vorwiegend durch den Zuschlagstoff.

Diese Modellvorstellung verdeutlicht, daß Beton unter einachsiger Druckbeanspruchung versagt, wenn
die seitliche Stützung durch die Klebewirkung des Zementsteines versagt (Bild 2.6).
Da die erforderliche seitliche Kraft im Vergleich zur vertikalen Druckkraft klein ist, können relativ große
Druckkräfte über das Korngerüst abgetragen werden.

Anmerkung: Wird die Querdehnung des Betons behindert (durch eine Querbewehrung oder eine Umschnürungswendel
oder ein Metallrohr gemäß Bild 2.5), so entsteht ein 3-dimensionaler Druckspannungszustand, wodurch sich
die Druckfestigkeit gegenüber der einachsigen Druckfestigkeit wesentlich erhöht.

14.11.01 18
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

a b c

Kontakt-
flächen

Bild 2.6 Tragverhalten von Beton unter einachsiger Druckbeanspruchung


a) innere Rißbildung (Mikrorißbildung) bei mittlerer Belastung
b) Lastabtragung (Zementstein durch Federn idealisiert)
c) äußere Rißbildung (Makrorißbildung) unter hoher Belastung

2.3.1.2 Druckfestigkeit von Beton

Die Betongüte wird mit Hilfe von Festigkeitsklassen definiert (ENV 206); siehe Tabelle 2.4. Als Druckfe-
stigkeit des Betons bei einachsiger Beanspruchung wird die charakteristische Zylinderdruckfestigkeit fck
angesetzt (Zylinder 150 x 300, 28 Tage unter Wasser gelagert).
Die charakteristische Zylinderdruckfestigkeit entspricht definitionsgemäß der 5%-Fraktile einer stati-
stisch relevanten Serie von Zylinderproben, die im Alter von 28 Tagen nach normengerechter Lagerung
in speziellen Prüfmaschinen bis zum Bruch belastet wurden. Nur maximal 5% dieser Proben dürfen die
charakteristische Festigkeit unterschreiten.
Insbesondere beim Nachweis von Bauzständen bei jungem Beton t < 28 Tage ist mit der zum Zeitpunkt
des Nachweises vorhandenen Betonfestigkeit fck (t) zu rechnen (Bild 2.7).

f ck ( t )
---------------
-
f ck ( 28 ) normalerhärtender Zement
1.5

1.0
frühhochfester Zement

0.5

0.0 t(Tage)
3 7 14 28 56 90 180

Bild 2.7 Zeitliche Entwicklung der Druckfestigkeit (Soul’sche Kurve)

Anmerkung: Das Bild 2.7 liefert Richtwerte, wenn keine genaueren Daten zur Verfügung stehen

Bei Nachweisen zum Zeitpunkt t > 28 Tage ist mit der 28-Tage-Festigkeit zu rechnen. Als Bemessungs-

14.11.01 19
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

wert (Design-Wert) fcd der Betondruckfestigkeit bezeichnet man die um den Teilsicherheitsbeiwert γc re-
duzierte charakteristische Festigkeit. (Teilsicherheitsbeiwerte für Baustoffeigenschaften siehe Tabelle
2.2.)

Betonfestig-
C 12/15 C 16/20 C20/25 C 25/30 C 30/37 C 35/45 C 40/50 C 45/55 C 50/60
keitsklassen

fck [N/mm2] 12 16 20 25 30 35 40 45 50

fctm [N/mm2] 1,6 1,9 2,2 2,6 2,9 3,2 3,5 3,8 4,1

fctk,0.05[N/mm2] 1,1 1,3 1,5 1,8 2,0 2,2 2,5 2,7 2,9

fctk,0.95[N/mm2] 2,0 2,5 2,9 3,3 3,8 4,2 4,6 4,9 5,3

Ecm[kN/mm2] 27 29 30 31,5 33 34 35 36 37

Betonfestig- C 55/67 C 60/75 C 70/85 C 80/95 C 90/105 C 100/115


keitsklassen

fck [N/mm2] 55 60 70 80 90 100

fctm [N/mm2] 4,2 4,4 4,6 4,8 5,0 5,2

fctk,0.05[N/mm2] 3,0 3,1 3,2 3,4 3,5 3,7

fctk,0.95[N/mm2] 5,5 5,7 6,0 6,3 6,6 6,8

Ecm[kN/mm2] 38 39 41 42 44 45

Tabelle 2.4 Festigkeitsklassen für Beton aus dem EC2

Der Beiwert α (Gleichung (2.8)) berücksichtigt die Tatsache, daß zwischen der Festigkeit im Bauwerk
und der Festigkeit des Prüfzylinders ein Unterschied besteht (auch hinsichtlich der Belastungsdauer
etc.). Es gilt α = 1,0 für SLS und α = 0,85 für ULS. Fallweise können auch andere Werte Anwendung
finden. In der ÖNORM B 4700 ist der Beiwert α in der Umrechnung zwischen der Würfelfestigkeit und
der charakteristischen einachsigen Festigkeit enthalten.

fc k f ck
α ⋅ f cd = α ⋅ ------- = 0, 85 ⋅ --------- (2.8)
γc 1, 5

Die Festigkeitsentwicklung des Betons und sein Verformungsverhalten hängt von vielen Parametern ab;
von der Betontechnologie (Zementart, Zementgehalt, Wasser/Zement-Faktor, Zuschlagstoffe, Kornab-
stufung (Sieblinie), chemische Zusatzmittel), der Betoneinbringung, der Verdichtung, der Nachbehand-
lung, den Umweltbedingungen (Temperatur, Feuchtigkeit), der wirksamen Bauteildicke, dem
Belastungsalter, der Belastungsgeschwindigkeit, etc. Infolgedessen ist die Spannungs-/Dehnungsbe-
ziehung (Stoffgesetz, Arbeitslinie) keine konstante Materialeigenschaft, sondern eine schwer voraus-
sehbare Kurve die - wie erwähnt - von vielen Parametern beeinflußt wird.
Um trotzdem praktisch arbeiten zu können, wird für die nichtlineare Schnittgrößenermittlung und oft
auch für Verformungsberechnungen (Kurzzeitdurchbiegung) als Stoffgesetz die im Bild 2.8 skizzierte Li-
nie angenommen. Sie ist durch folgende Parameter festgelegt:
Ecm ...................Mittelwert des Elastizitätsmoduls (Sekantemodul)
fcm ....................Mittelwert der Betonfestigkeit

14.11.01 20
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

εcp ....................Betonstauchung unter dem Kurvenscheitel (peak)


εcu ....................maximale Betonstauchung (Bruchstauchung)
fctm ...................Mittelwert der Betonzugfestigkeit

σ kη – η
2
-------c- = ------------------------------ mit η = εc ⁄ εc p
f cm 1 – ( k – 2 )η
ε cp = – 0.0022
– 1.1 ⋅ E cm ⋅ ε cp
k = --------------------------------------- (2.9)
f cm

σ c( + )

f ctm
E cm
εc(−) εcu ε cp
ε c( + )

0.4f c m

f cm

σc(−)

Bild 2.8 Spannungs-/Dehnungslinie für die Ermittlung von Verformungs- und Schnittgrößen

Für die Querschnittsbemessung läßt sich die Spannungs-Dehnungslinie dem Bild 2.9 entsprechend ver-
einfachen.
Die Grenzstauchung εcu des Betons wird wie folgt definiert:

εcu = − 0,0035

Die Prismenstauchung εcp (Index p für ’peak’) wird einheitlich mit εcp = - 0,002 angesetzt.

Anmerkung: Für hochfeste Betone (fck > 50 MPa) gelten andere Festlegungen ( ε cu < 0,0035)

14.11.01 21
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

σc
εc(−) ε cu = – 0, 0035 ε cp = – 0, 002
εc
quadratische Parabel:
σ εc æ εc ö
------c- = -------
- ⋅ 2 – -------
-
Bemessungswert f cd f cd ε cp è ε cpø

charakterist. Wert f ck
(5% Fraktile)

Mittelwert f cm f cm

σc(−)

Bild 2.9 Spannungs-/Dehnungslinie für den Tragsicherheitsnachweis und die Bemessung

2.3.1.3 Zugfestigkeit

Die Betonzugfestigkeit wird erst im Kapitel 3.3.1 besprochen, weil sie bei den Nachweisen in den Grenz-
zuständen der Tragsicherheit (ULS) normalerweise unberücksichtigt bleibt.

14.11.01 22
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.3.2 Bewehrungsstahl

Im Bild 2.10 ist das Stoffgesetz für die heute üblichen Bewehrungsstähle qualitativ dargestellt.

σs

f tk
f yk = σ s0, 2k
σ ek

Es
0, 002 εs G ε uk εs

bleibende Dehnung nach Entlastung

Bild 2.10 Spannungs-Dehnungslinie für Bewehrungsstahl

ftk ......................charakteristische Bruchfestigkeit (5% -Fraktile)


σs0,2k ................begriffliche Streckgrenze (5%-Fraktile)
σek ....................charakteristische Elastizitätsgrenze
Es .....................Elastizitätsmodul
εsG ....................Gleichmaßdehnung
εuk ....................charakteristische Bruchdehnung

Man kann näherungsweise den Kurvenverlauf im Druckbereich gleich annehmen wie im Zugbereich.
Vereinfachend kann das σ/ε - Diagramm bi-linear (Bild 2.11) oder elastisch/plastisch (Bild 2.12) ange-
nähert werden.
Für Bewehrungsstähle mit hoher Duktilität gilt die Anforderung

f tk
- ≥ 1, 08 und ε uk ≥ 5%
------
f yk

Im Bild 2.11 b und im Bild 2.12 b sind die um den Teilsicherheitsbeiwert γs abgeminderten Spannungs-
Dehnungs-Linien dargestellt, die bei der Bemessung bzw. beim Nachweis der Tragsicherheit Anwen-
dung finden.

f tk
f td = ------
γs
f yk σ s 0.2k
f yd = ------- = ---------------- (2.10)
γs γs

Im ULS ist der Teilsicherheitsbeiwert für Stahl

γs = 1,15 (2.11)

14.11.01 23
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

kleiner als der Teilsicherheitsbeiwert für Beton,

γc = 1,5 (2.12)

weil im Herstellungsprozeß die Stahlfestigkeit wesentlich exakter erreicht wird als die Betonfestigkeit
(geringere Streuung der Materialeigenschaften).
Im SLS wird γs = 1,0 und γc = 1,0 angesetzt.

a b
σs σs
f tk f tk
f yk linearisiert f yk
f td
tatsächlicher
Kurvenverlauf f yd

Es
Es

εs εs
0,002 ε yd ε yk
εsu = ε uk

Bild 2.11 bi-lineare Annäherung mit ansteigendem plastischem Ast (verfestigend)

a b
σs σs

f yk f yk

f yd

Es Es

εs εs
0,002 εyd ε yk

Bild 2.12 bi-lineare Annäherung mit idealer Plastifizierung (horizontaler Ast)

Der Elastizitätsmodul von Bewehrungsstahl darf einheitlich mit Es = 200 GPa = 20000 kN/cm2 angesetzt
werden.

14.11.01 24
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

f tk, 0.95
f yk, 0.95
f tm
fy m
f tk, 0.05
f yk, 0.05

Es

εs
εyk, 0.95

ftk,0.95Überfestigkeit (95%-Fraktile)
ftmmittlere Bruchfestigkeit
ftk,0.05charakteristische Bruchfestigkeit (5%-Fraktile)

Bild 2.13 Definition von εyk,0.95

Die Bruchfestigkeit ftk des Stahles ist ebenfalls einer Streuung unterworfen. Als charakteristische Festig-
keit bezeichnet man die 5% - Fraktile ftk, 0.05.

ftk = ftk,0.05

f tk ,0.05
Für den Rechenwert ftd der Stahlfestigkeit ergibt sich damit als untere Schranke f td ⋅ -----------------
γ s

Anmerkung: Wenn sicher zu stellen ist, daß die Bewehrung im ULS ins Fließen kommt, ist mit einer oberen Schranke für
die Fließspannung γ s ⋅ f yk,0.95 zu arbeiten.

14.11.01 25
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.3.3 Verbundwirkung

2.3.3.1 Bruchmechanismen

Der Verbund ermöglicht eine Kraftübertragung zwischen dem Bewehrungsstahl und dem ihn umgeben-
den Beton oder Injektionsmörtel. Er ist somit für die Tragwirkung des Verbundbaustoffes Stahlbeton
von grundlegender Bedeutung.
Als schlaffe Bewehrung werden heute ausschließlich gerippte Stäbe verwendet, bei denen eine dübel-
artige Verzahnung (Scherverbund) zwischen Stahl und Beton besteht (Bild 2.14). Für die Kraftübertra-
gung sorgen Betonkonsolen, die sich auf die aufgewalzten Rippen des Stahles abstützen.

Umlenkkraft u
bewirkt u
Ringzugkraft Längszugkraft

Sekundärrisse

Bild 2.14 Verbundwirkung bei Rippenstahl (schematisch)

Als Maß für die Güte des Verbundes dient die bezogene Rippenfläche fR (Bild 2.15)

AR
f R = -------- (2.13)
AM

AR.....................die auf eine Ebene senkrecht zur Stabachse projizierte Fläche aller Rippen am Stabum-
fang
AM ....................die Mantelfläche des Stabes zwischen den Rippen am Nenndurchmesser ds

c Betonkonsole

ds

a
σr
τbd Abscherfläche (Scherbruch)

a ⋅ ( ds + a ) ⋅ π a
f R = ------------------------------------ = ---
c ⋅ ds ⋅ π c

Bild 2.15 Definition der bezogenen Rippenfläche fR und Scherbruchmechanismus

14.11.01 26
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

Aus dem Bild 2.14 und Bild 2.15 lassen sich zwei unterschiedliche Verbundbrucharten ableiten:
1. Scherbruch: Abscheren der zylindischen Betonkonsole zwischen den Rippen
2. Ringzugbruch: Längsrisse ider Absprengungen als Folge zu hoher Ringzugspannungen
Zwischen den Sekundärrissen bilden sich im Beton um die Bewehrung Druckkegel aus, die außerhalb
der Sekundärrisse in Zylinder (Druck oder Zug) übergehen. In diesem Umlenkbereich entstehen Ring-
zugkräfte, die, wenn die Betonzugfestigkeit überschritten wird, zu Längsrissen führen.

Längsrisse
a

Kegel Kreisring Zylinder

Querdruck

Bild 2.16 Verbundwirkung im Verankerungsbereich eines Bewehrungsstabes


a) Spannungsfelder: Kegel - Kreisring - Kreiszylinder
b) Querdruck: Querpressung stützt den Zugring

Der Verbundwiderstand wächst, wenn eine entsprechend hohe Querspannung (z.B. durch ein Lager)
vorhanden ist (Bild 2.16 b), oder wenn man die Umlenkkräfte u (Bild 2.14) durch die Querbewehrung
(Bügel) verschließt.

14.11.01 27
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.3.3.2 Tragwirkung zwischen den Rissen

1 Betondruckkegel 3 Betonzugzylinder 2

Ts Ts

1 x Sekundärrisse 2
Bewehrungsstab
3 neuer Primärriß 3-3 Primärriß 2-2
Primärriß 1-1

Bild 2.17 Verbundwirkung zwischen zwei Primärrissen

Das Bild 2.17 zeigt schematisch die Verbundtragwirkung zwischen zwei Rissen. Man kann erkennen,
daß der Beton, auf Zug beansprucht, zwischen den Rissen mitträgt. Diese Tragwirkung wird als Zugver-
steifung (tension stiffening effect) bezeichnet. Wenn im Querschnitt 3-3 die Betonzugfestigkeit erreicht
wird, entsteht dort ein neuer Riß 3-3. Es kommt in der Folge zu einer Spannungsumlagerung, sodaß sich
etwa gleiche Zustände, wie im Bild 2.17 zwischen dem neuen Riß 3-3 und den beiden benachbarten
Rissen 1-1 bzw. 2-2 einstellen.

2.3.3.3 Verschieblicher Verbund

Auf Gebrauchslastniveau liegt die Beanspruchung der Bewehrung bei etwa

σs = 300 MPa.

Die zugehörige Stahldehnung beträgt etwa

εs = 0,0015.

Die Zugbruchdehnung des Betons liegt etwa bei

ε ct, u ≈ 0,00015

Sie ist also um etwa eine 10er-Potenz kleiner als die tatsächlich im SLS auftretende Stahldehnung. Aus-
gehend vom Querschnitt 3-3 im Bild 2.17, der als Verschiebungsnullpunkt bezeichnet wird, verlängert
sich der Stahl mindestens zehnmal stärker als der ihn umgebende Beton. Dies ist kinematisch nur mög-
lich, wenn es zu einer Relativverschiebung zwischen den beiden Materialien kommt.

14.11.01 28
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

1 Primärriß 3
Verschiebungs-
nullpunkt

Sekundärrisse
1 3

δ6 δ5 δ4 δ3 δ2 δ1
wr
a

Bild 2.18 „Kammechanismus“ des verschieblichen Verbundes (schematisch)

Das Bild 2.18 zeigt in einer vereinfachten Darstellung, wie es mit Hilfe von Sekundärrissen zu einer ver-
schieblichen Verbundwirkung kommen kann. Dabei verdrehen sich die Betonzähne zwischen den Se-
kundärrissen. Wenn man die Betondehnung vernachläßigt, entspricht die Längenänderung des Stahles
auf des Länge a

∆l s = a ⋅ ε s (2.14)

der Summe der Rißbreiten alles Sekungärrisse 1 bis 6 bzw. der halben Breite wr des Promärrisses 1-1.

Anmerkung: Das Bild 2.18 erklärt auch, warum die Rißbreite zur Bewehrung hin abnimmt.

Der Zusammenhang zwischen der Verbundspannung τbd und der Relativverschiebung δ wird als Ver-
bundgesetz bezeichnet (Bild 2.19). Das Verbundgesetz wird ähnlich ei Stoffgesetze (Arbeitslinien) von
Stahl und Beton als ein aus Versuchen abgeleitetes Materialgesetz eingeführt.

14.11.01 29
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

τb d
--------
fc m

0,1 0,2 0,3 δ

Bild 2.19 Verbundgesetz (schematisch)

2.3.3.4 Der Zusammenhang zwischen der Relativverschiebung δ und den Dehnungen εs und εc

Das Bild 2.20 zeigt einen in einem Betonzylinder eingebetteten Bewehrungsstab, der mit einer Zugkraft
T belastet ist. Ausgehend vom Verschiebungsnullpunkt 0-0, der aus Symmetriegründen in der Mitte
liegt, verlängert sich der Stahl bis zum Querschnitt x-x um δs(x).

ò
x
δs ( x ) = ε s ( x ) dx (2.15)
0

Der Beton verlängert sich um δc(x).

ò
x
δc ( x ) = ε c ( x ) dx (2.16)
0

Infolge dessen beträgt die Relativverschiebung (Schlupf) δ zwischen Stahl und Beton

δ ( x ) = δs ( x ) – δc ( x ) (2.17)

Die Integrale in den Gleichungen (2.16) und (2.17) entsprechen den im Bild 2.20 b bzw. d grau hinter-
legten Flächen.

14.11.01 30
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

a 1 0 x 2

T T

1 0 x 2
b

εs(x)

δs(x)
c

d εc(x)

e δc(x)

Bild 2.20 Verschieblicher Verbund: Relativverschiebung δ = δs − δc zwischen Stahl und Beton


a) Systemskizze: In Betonzylinder eingebetteter Bewehrungsstab
b) Stahldehnung εs
c) Verschiebung δs
d) Betondehnung εc
e) Verschiebung δc

Das Verbundgesetz (Bild 2.19) beschreibt den Zusammenhang zwischen der Verbundspannung τbd(x)
und dem Schlupf δ(x).

14.11.01 31
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.3.3.5 Die Differentialgleichung des verschieblichen Verbundes

a 0
T T

τbd
0

b x
U
∆ε s ( x ) = ------------- ⋅ A
E s As

εs0 εs(x)

ò
x
A = τ bd ( x ) dx
c 0

τbd σc(x)
d

σc0

U
e ∆ε c ( x ) = ------------- ⋅ A
E c Ac
εc0 εc(x)

ò
x
A = τ bd ( x ) dx
0

Bild 2.21 Beziehung zwischen der Verbundspannung und der Stahl- bzw. Betondeckung
a) Bewehungsstab mit der Belastung T, τbd
b) Stahldehnung εs
c) Verbundspannung τbd auf Stahl einwirkend
d) Betonstab mit Belastund τbd
e) Betondehnung εc
f) Verbundspannung τbd auf Beton einwirkend

Im Bild 2.21 ist der Zusammenhang zwischen der Verbundspannung τbd und der Stahl- bzw. Betondek-
kung dargestellt. Aus der Kraft Ts(x) im Stahl am Ort x-x

T s ( x ) = T s0 + ∆T s ( x ) (2.18)

T s0 = E s ⋅ A s ⋅ ε s0 (2.19)

14.11.01 32
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

ò
x
∆T s ( x ) = U ⋅ τ bd ( x ) dx (2.20)
0

U = 2πd s (2.21)

ds .....................Umfang des Bewehrungsstabes


erhält man die Stahldehnung es(x).

ε s ( x ) = εs 0 + ∆ε s ( x ) (2.22)

ò
x
U
∆εs ( x ) = ------------- ⋅ τ bd ( x ) dx (2.23)
Es A s 0

In analoger Weise kommt man zur Betondeckung

ε c ( x ) = εc 0 + ∆εc ( x ) (2.24)

ò
x
U
∆ε c ( x ) = ------------- ⋅ τ bd ( x ) dx (2.25)
E c Ac 0

a 1 0 2
T T

1 0 2

τbd(x) δ´´
b

c
δ´

εs0 ∆ε0 ∆ε(x)

εc0

δ
d δc εc0 εs0
δs δ
a a

Bild 2.22 Grundlegende Zusammenhänge zwischen den Spannungen und den Relativverschie-
bungen
a) Systemskizze des in Beton eingebetteten Bewehrungsstabes
b) Verbundgesetz
c) Dehnungsdifferenz

14.11.01 33
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

d) Relativverschiebung

Mit Hilfe dieser Beziehung lasen sich die im Bild 2.22 skizzierten Zusammenhänge zwischen den Span-
nungen und den Verschiebungen herstellen.
Wenn man den Verlauf von τbd(x) als bekannt vorraussetzt, folgt für die Dehnungsdifferenz ∆ε(x) aus
den Gleichungen (2.13), (2.14) und (2.15) die Integralfunktion

ò
x
U U
∆ε ( x ) = ε s0 – εc 0 + æ ------------- + ------------- ö ⋅ τbd ( x ) dx (2.26)
èE A E ø
s s cAc 0

Die Dehnungsdifferenz kann somit durch Integration aus der Verbundspannung gewonnen werden. Vor-
ausgesetzt der Verlauf der Funktion ∆ε(x) wäre bekannt, so folgt für die Relativverschiebung δ(x) die In-
tegralfunktion

ò
x
δ(x) = ∆ε ( x ) dx (2.27)
0

Die Relativverschiebung δ(x) geht somit durch Integration aus der Dehungsdifferenz hervor. Umgekehrt
vorgegangen stellt die Dehnungsdifferenz ∆ε die erste und die Verbundspanung τbd die zweite Ableitung
der Verschiebung δ dar. Die Differentialgleichung des verschieblichen Verbundes lautet demnach

δ″ ( x ) = C ⋅ τbd ( x )
U U
C = ------------- + ------------- (2.28)
Es As Ec Ac

Unabhängig davon ist die Relativverschiebung δ(x) mit der Verbundspannung τbd(x) über das Verbund-
gesetz (Bild 2.19) gekoppelt. Wenn man das Verbundgesetz durch analytische Funktionen annähert
(z.B. Splines) läßt sich die Differntialgleichung (2.28) geschlossen lösen. Damit sind dann die Span-
nungs- bzw. Dehnungsverläufe in Bild 2.20 bis Bild 2.22 bekannt.

Anmerkung: Einfache geschlossene Lösungen liefert eine Linearisierung des Verbundgesetzes gemäß Bild 2.19.

2.3.3.6 Sonderfall: Starr-plastisches Verbundverhalten

τ bd

τy

Bild 2.23 Starr-plastisches Verbundgesetz

14.11.01 34
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

Bei einem starr-plastischen Verbundgesetz sind die Verbundspannungen τbd unabhängig von der Rela-
tivverschiebung δ.

τ bd ( x ) = τ y (2.29)

Wie im Bild 2.24 dargestellt, verläuft in diesem Falle die Verbundspannung über den Bereich 0 ≤ x < a
konstant. Die Dehnungen εs(x) und εc(x) verlaufen linear und die Relativverschiebung δ(x) als quadrati-
sche Parabel. Die starr-plastische Formulierung des Verbundgesetzes eignet sich gut für glatte Schlaff-
und Spannstähle. Für Rippenstähle kann sie für eine Grenzfallbetrachtung von Nutzen sein.

T T

a a

∆ε ( x ) = ε s ( x ) – εc ( x )

δc
δc(x) = δs(x) − δc(x)

δs

Bild 2.24 Verschieblicher Verbund bei starr-plastischem Verbundgesetz

2.3.3.7 Erstrißbildung

Wir betrachten nun einen langen in einem Betonzylinder eingebetteten Bewehrungsstab und nehmen
an, daß die einwirkende Zugkraft exakt jene Größe annimmt, die zur Bildung des ersten Risses an der
zufällig schwächsten Stelle des Stahlbetonzugstabes führt (Bild 2.25).
Im Rißquerschnitt übernimmt der Stahl die gesamte Zugkraft Tcr

T cr
ε s2 = ------------- (2.30)
Es As

während der Beton an der Rißoberfläche spannungslos ist (εc2 = 0).

Außerhalb des durch die Rißbildung „gestörten“ Bereiches befindet sich der Stab noch im (ungerisse-
nen) Zustand I. Dort sind die Dehnungen im Stahl εs1 und im Beton εc1 gleich groß

14.11.01 35
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

ε c1 = ε s1 (2.31)

Diese Dehnung liegt voraussetzungsgemäß geringfügig unter der Betonbruchdehnung. Im Bild 2.22 c
wird ∆ε0 = 0. Die Lasteinleitungslänge läßt sich berechnen.

a Riß
Tcr Tcr ... Rißlast

a a

τbd

εc
c
εc1
εc2

d
εs

εs2
εs1 δs

Verbundbereich
ε c1 = ε s1 durch Riß ε c1 = ε s1
gestörte Zone
Bild 2.25 Erstrißbildung

Zwischen dem Rißquerschnitt und dem ungestörten Bereich existiert ein Lasteintragungsbereich mit der
Länge a in dem ein Teil der Zugkraft Tcr über den Verbund vom Stahl auf den Beton übertragen (umge-
lagert) wird und in diesem sukzessive Zugspannungen aufbaut.
Bereits eine geringfügige Laststeigerung führt zu weiteren Rissen an stochastisch verteilten, nicht vor-
hersehbaren Schwachstellen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, daß Risse innerhalb der obern er-
wähnten Lasteintragungslänge a entstehen, weil dort die Betonspannung kleiner ist als in den
ungestörten Bereichen.
Daraus folgt, daß der Rißabstand größer oder gleich sein wird als die Eintragungslänge a

min s r = a (2.32)

Wenn der Rißabstand größer ist, als die doppelte Eintragungslänge a, verbleibt zwischen den Rissen
noch ein ungestörter Bereich, in dem sich ein weiterer Riß bilden kann. Der bei konstanter Zugkraft ein-
wirkung zu erwartende Rißabstand sr läßt sich nur in groben Grenzen voraussagen.

a ≤ s r ≤ 2a (2.33)

Häufig wird deshalb der mittlere Rißabstand mit

s r = 1, 5a (2.34)

14.11.01 36
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

angesetzt.

2.3.3.8 Abgeschlossenes Rißbild

Die Erstrißbildung ist abgeschlossen, wenn sich überall die gestörten Bereiche überschneiden (Bild 2.26
a). Bei einer weiteren Laststeigerung entstehen kaum neue Risse, die Rißbreiten nehmen aber entspre-
chend zu. Die äußere Zugkraft kan noch bis zum Fließen des Stahles gesteigert werden. Dabei wächst
der Dehnungsunterschied gemäß Bild 2.26 b stark zu.

Riß
T T

εs
εs2

ε s1 = ε c1 ≤ ε ct εc εs1 = εc1

λ⋅T λ⋅T

εs

εs1 >> εc1 εs2

εc1 < εct

Bild 2.26 Stadien der Rißentwicklung


a) Erstrißbildung εs1 = εc1
b) abgeschlossene Rißbildung εs >> εc

14.11.01 37
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.4 Ermittlung des Querschnittswiderstandes bei Biegung

2.4.1 Einführung

a
ϑ ϑ

( -) (- )
ε2 ε2

2
Ma
Ma

1 1
(+) (+ )
ε1 ε1

( -)
ε2

b
ϑ

(+)
1 ε1

Bild 2.27 Stabelement unter „reiner“ Biegung


a) tatsächliche Situation
b) vereinfachte Darstellung als „Dehnung im Querschnitt“

Das Bild 2.27 zeigt ein Stabelement mit der Länge „2“, welches an beiden Enden durch ein äußeres (ak-
tives) Biegemoment belastet ist. Unter dieser in Stablängsrichtung konstanten Momenteneinwirkung
verbiegt sich der Stab kreisförmig. Es gilt die Hypothese von Bernoulli-Navier: Alle Stabquerschnitte blei-
ben bei der Verformung eben und normal zur (verformten) Stabachse. Der Stab wird an der unteren
Randfaser 1 um 2ε1 länger und an der oberen Randfaser um 2ε2 kürzer. Die Längenänderung eines Sta-
belements mit der Länge „1“ wird als Dehnung ε, die gegenseitige Verdrehung der Endquerschnitte ei-
nes Stabes mit der Länge „1“ wird als Krümmung ϑ definiert.

14.11.01 38
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.4.2 Berechnung der reaktiven Schnittgrößen zu einem


vorgegebenen Dehnungszustand

Das Bild 2.28 zeigt eine axonometrische Darstellung eines rechteckigen Stahlbetonquerschnittes mit ei-
ner Dehnungsebene, wie sie sich bei einachsiger (gerader) Biegung entsprechend Bild 2.27 b einstellt.

εc2 Betonstauchung

Dehnungsnullinie

Dehnungsebene

Stahldehnung εs

Bild 2.28 Rechteckquerschnitt mit vorgegebener Dehnungsebene

b( z) ε c2
dA c ( z ) = b ( z ) ⋅ dz
εc( z )
dz Biegedruckzone
z2
z ϑ
z0

y Biegezugzone
zs ε0

As

εs
z ε c1

Bild 2.29 Allgemeiner einfach symmetrischer Querschnitt mit vorgegebener Dehnungsebene

Mit der durch die beiden Parameter ε0 und ϑ festgelegten Dehnungsebene

ε ( z) = ε0 + ϑ ⋅ z (2.35)

läßt sich mit Hilfe von Stoffgesetzen an jeder Stelle z die dort vorhandene Spannung berechnen. Die
reaktiven Schnittkräfte werden durch Integration der Spannungen über die Querschnittsfläche berech-
net.

14.11.01 39
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

Betonanteil der reaktiven Schnittgrößen:


Bei dem im Bild 2.9 definierten Stoffgesetz werden keine Betonzugspannungen berücksichtigt. Die In-
tegration erstreckt sich deshalb nur über die Biegedruckzone.

z2

Nc
(-)
= ò dN c
(-)

zo
z2

Mc
( +)
= ò z
( -) ( -)
⋅ dNc (2.36)
zo

dN c ( z ) = σ c ( z ) ⋅ dA c = σ c ( z ) ⋅ b ( z ) ⋅ dz (2.37)

Anmerkung: Bei einer vom Rechteck abweichenden Querschnittsform ist die Querschnittsbreite b in Gleichung (2.37) eine
Funktion von z.

Aus Bild 2.9 folgt:

( -) εc( z) εc ( z )
ε c > ε cp : σ c ( z ) = f cd ⋅ ------------- ⋅ æ 2 – -ö
------------
ε cp
è ε cp ø
( -)
ε c ≤ ε cp : σc ( z ) = fc d (2.38)

Wenn man die Gleichung (2.35) in die Gleichung (2.38) einsetzt und danach die Gleichung (2.38) in die
Gleichung (2.37), lassen sich die Integrale in Gleichung (2.36) geschlossen oder numerisch lösen. Damit
ist der Betonanteil an den reaktiven Schnittgrößen für die vorgegebene Dehnungsebene - ausgedrückt
durch die Dehnungsparameter ε0 und ϑ - berechnet:

Stahlanteil an den reaktiven Schnittgrößen:


Im vorliegenden Beispiel ist nur ein Bewehrungsstab am Ort zs vorhanden.

N s( + ) = σ s( + ) ( ε s ) ⋅ A s
M s( + ) = z s( + ) ⋅ N s( + ) (2.39)

Die Stahlspannung ergibt sich für die Stahldehnung εs (Bild 2.29 und Gleichung (2.35))

ε s = ε o + ϑ ⋅ zs (2.40)

aus dem Stoffgesetz (Bild 2.11 oder Bild 2.12)

ε s ≤ ε yd : σs = Es ⋅ ε s
f td – f yd
bi-linear ε s > ε yd : σ s = f yd + ---------------------- ⋅ ( ε s – ε yd )
ε s u – ε yd
elastisch-plastisch ε s > ε yd : σ s = f yd (2.41)

14.11.01 40
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

Man erhält den Stahlanteil an den reaktiven Schnittgrößen, indem man Gleichung (2.40) in Gleichung
(2.41) und Gleichung (2.41) in Gleichung (2.39) einsetzt. Wenn n-Bewehrungslagen gegeben sind, lau-
tet die Gleichung (2.39) (Bild 2.30):

å
n
Ns = Ns i
i=1

Ms =
å z si ⋅ N si

N si = σ s ( z s i ) ⋅ A s i (2.42)

A s3

z s3 εs 3

z s2
z s1
ε s2
A s2
ε s1

A s1
z

Bild 2.30 Definition der Bezeichnungen bei n = 3 Bewehrungslagen

Damit sind die reaktiven Schnittgrößen für einen vorgegebenen Dehnungszustand bekannt; Gleichun-
gen (2.36), (2.39) bzw. (2.42).

N r = N c + Ns
Mr = Mc + Ms (2.43)

Anmerkung: Die reaktiven Schnittgrößen sind auf das lokale Koordinatensystem bezogen.
Nr greift im Koordinatenursprung an. Mr dreht um die y-Achse.

14.11.01 41
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.4.3 Gleichgewicht zwischen aktiven und reaktiven Schnittgrößen

Wie im vorigen Abschnitt gezeigt wurde, liefert jeder Dehnungszustand (ε0, ϑ) einen eindeutig bestimm-
ten Schnittgrößenzustand (Nr, Mr). Anders ausgedrückt bedeutet dies, daß die Gleichgewichtsbedingun-
gen zwischen einwirkenden (aktiven) Schnittgrößen und den entgegenwirkenden inneren (reaktiven)
Schnittgrößen nur für einen einzigen Dehnungszustand erfüllt sind. Für vorgegebene Einwirkungen (Na,
Ma) läßt sich der zugehörige Dehnungszustand, bei dem das Gleichgewicht

Na = Nr

Ma = Mr (2.44)

erfüllt ist, im allgemeinen nur auf iterativem Weg auffinden (siehe Abschnitt 2.7.2), wobei die Dehnungs-
ebene gezielt variiert wird, bis die Gleichgewichtsbedingungen (Gleichung (2.44)) erfüllt sind.

14.11.01 42
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.5 Grenzdehnungszustände

Als Grenzdehnungszustand wird eine Dehnungsebene bezeichnet, bei der innerhalb des Querschnittes
mindestens eine Grenzdehnung auftritt, gleichzeitig an keiner Stelle im Querschnitteine Grenzdehnung
überschritten wird. Das Bild 2.31 zeigt die im EC 2 definierten Grenzdehnungszustände.

εc u

εc p
B εs u
2
D

A s2
4

A 3
h 5

A s1 1
C
1
b 0 ε y k0, 95 ε su
zentrischer Druck, wenn As1 =As2 zentrischer Zug,
wenn As1 = As2

Bild 2.31 Grenzdehnungszustände

Bei zentrischem Druck ist der Grenzdehnungszustand erreicht, wenn die der rechnerischen Betondruck-
festigkeit fcd zugehörige Stauchung εcp vorhanden ist. Das heißt, für zentrischen Druck ist die Grenzdeh-
nung des Betons εcp.

Als nächsten markanten Grenzdehnungszustand betrachten wir jene Dehnungsebene, die durch die
Punkte 0 und B gegeben ist. Hier ist die Grenzdehnung durch die Bruchstauchung εc2 = εcu des Betons
am oberen Querschnittsrand festgelegt. Am unteren Querschnittsrand ist keine Dehnung vorhanden
(εc1 = 0, Zustand der Dekompression).

Aber auch bei allen anderen Dehnungszuständen zwischen den beiden oben genannten Grenzdeh-
nungszuständen sind Grenzdehnungen erreicht, solange die Dehnungsebene durch den Punkt A ver-
läuft (A ist vom äußersten Druckrand 3/7·h entfernt). Die Grenzdehnungen εc2 des Betons liegen in
diesem Dehnungsbereich (Bereich 1) zwischen εcu und εcp (εcu ≤ εc2 ≤ εcp).

Ein nächster markanter Grenzdehnungszustand ist der, wenn der Beton am Biegedruckrand ausgenützt
ist (Punkt B, εc2 = εcu ) und gleichzeitig die Bewehrung As1 mit Sicherheit ins Fließen kommt
(εs1 = εyk,0.95). (εyk,0.95 siehe Bild 2.13)

Alle Dehnungsebenen des Bereiches 2 und 3 sind Grenzdehnungszustände, solange der Beton am Bie-
gedruckrand ausgenützt ist, also solange die Dehnungsebene durch den Punkt B geht. Die Bewehrung
As1 wird im Bereich 2 gedehnt, kommt aber erst im Bereich 3 ins Fließen.

Die äußerste Grenzdehnungsebene des Bereiches 3 ist durch die Punkte B und C gegeben. Am Biege-
druckrand ist der Beton durch die Grenzstauchung εcu ausgenützt und die Bewehrung As1 hat die cha-

14.11.01 43
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

rakteristische Maximaldehnung erreicht.


Die Grenzdehnungen des Bereiches 4 sind durch Erreichen der Stahlgrenzdehnung in der Bewehrung
As1 bestimmt (εs1 = εsu). Bei jedem einzelnen dieser Grenzdehnungszustände wird der Beton zwar noch
gedrückt, aber nicht mehr in seiner vollen Tragfähigkeit ausgenützt ( εcu < εc2 ≤ 0).

Der Dehnungsbereich 5 ist dadurch gekennzeichnet, daß der Stahl in der Biegezugzone (As1) ausge-
nützt ist (εs1 = εsu) (Drehpunkt C), während am gegenüber liegendem Rand ebenfalls eine positive Deh-
nung herrscht. Dieser Dehnungsbereich stellt sich ein, wenn neben einem Biegemoment eine relativ
große Zugkraft einwirkt.

14.11.01 44
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.6 Nachweis der Tragfähigkeit bei überwiegender Biegebean-


spruchung

Gegeben sind ein Stahlbetonquerschnitt (Querschnittsabmessungen, Stahlfläche, Beton- und Stahlgü-


te) und einwirkende Schnittgrößen NSd und MSd (ULS).

Fragestellung: Ist der maximale Biegewiderstand MRd größer als das einwirkende Biegemoment MSd,
wenn gleichzeitig das Normalkraftsgleichgewicht

N Rd = N Sd (2.45)

erfüllt ist?

Mit anderen Worten: Ist in der Gleichung (2.46) die Bedingung λ ≥ 1 erfüllt?

λ ⋅ M Sd = M Rd (2.46)

Anmerkung: Für λ ≥ 1 ist die normengemäße Tragsicherheit gegeben. ( M ≤M )


Sd Rd

Vorgangsweise:

M Sd
Bei überwiegender Biegebeanspruchung ( e = ----------- >> , große Ausmitte) ist jener Grenzdehnungszu-
N Sd
stand, für den das Normalkraftgleichgewicht (2.45) erfüllt ist, in den Dehnungsbereichen 2 bis 4 zu su-
chen (Bild 2.31).
Man beginnt beispielsweise mit dem Grenzdehnungszustand durch die Punkte B und C und ermittelt
sich für diesen Dehnungszustand nach Abschnitt 2.4.2 die reaktive Normalkraft NRd. Wenn NRd > NSd
ist, liegt der gesuchte Grenzdehnungszustand im Dehnungsbereich 2 oder 3 (Beton ausgenützt). Man
dreht die Dehnungsebene um den Punkt B bis das Normalkraftgleichgewicht (Gleichung (2.45)) erfüllt
ist.
Wenn NRd < NSd liegt der gesuchte Grenzdehnungszustand im Bereich 4 (Stahl ausgenützt). Man dreht
in diesem Falle die Dehnungsebene um den Punkt C, bis das Normalkraftgleichgewicht (Gleichung
(2.45)) erfüllt ist. Für den nunmehr bekannten Grenzdehnungszustand - bei dem die Bedingung
NRd = NSd erfüllt ist - berechnet man nun das reaktive Biegemoment MRd und den Faktor λ.

M Rd
λ = ----------- (2.47)
M Sd

Für λ ≥ 1 ist die Tragsicherheit erfüllt.

14.11.01 45
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.7 Bemessung bei reiner Biegung (NSd = 0)

2.7.1 Fragestellung

Gegeben ist ein Betonquerschnitt mit den Querschnittsabmessungen sowie die Beton- und die Stahlgü-
te. Gegeben ist auch das einwirkende Biegemoment MSd. Die Normalkraft ist Null.

Gesucht ist die erforderliche Biegezugbewehrung erf As.

14.11.01 46
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.7.2 Iterative Ermittlung des Grenzdehnungszustandes

Vorgangsweise:
Wieder geht man von dem Grenzdehnungszustand B - C im Bild 2.31 aus (εc2 = εcu , εs1 = εsu). Für diesen
Dehnungszustand ermittelt man die Betonanteile (Nc, Mc) an den reaktiven Schittgrößen nach Abschnitt
2.4.2, Gleichung (2.36).

a ε cu
B

Mc M Sd
y Nc

Ns C

As ε su
Reaktion Grenzdehnungsebene B-C Aktion
z

b Druckgurt
σc B

(-) Nc M Sd
ec
y
za
zs
Ns
C

As Zuggurt
Reaktion Spannungen Dehnungen Aktion
z

Bild 2.32 Ausgangszustand für die iterative Ermittlung jenes Dehnungszustandes, der das Mo-
mentengleichgewicht erfüllt

Da voraussetzungsgemäß keine äußere (aktive) Normalkraft einwirkt (NSd = 0) lautet die Normalkraft-
gleichgewichtsbedingung (Bild 2.32 a)

(- ) (+ )
N Rd = N c + N s = 0 (2.48)

Mc
Mit e c = ------- (2.49)
Nc

ist der Angriffspunkt der resultierenden Betondruckkraft in der Biegedruckzone bekannt (Bild 2.32 b).
Der Abstand za zwischen der Druckgurtkraft N c und der Zuggurtkraft N s wird als innerer Hebelarm be-
zeichnet.

z a = ec + zs (2.50)

14.11.01 47
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

Das reaktive Moment lautet

M Rd = – N c ⋅ z a (2.51)

( -) (- )
a ε c > ε cu
B
x Nc

za

As εs u
εc u
b
B

x Nc

za

As
ε yk0, 95 < ε s < ε s u
c
B

Nc
x
za

As
εs < ε yk0, 95

Bild 2.33 Fallunterscheidungen (schematisch)


a) „unterbewehrter Querschnitt“, Stahl ausgenützt, Beton nicht ausgenützt
b) „normalbewehrter Querschnitt“, Stahl fließt, Beton ausgenützt
c) „überbewehrter Querschnitt“, Stahl kommt nicht ins Fließen, Beton ausgenützt

Fallunterscheidungen:
Fall a: Bild 2.33 a
Wenn MRd > MSd ist, liegt jener gesuchte Grenzdehnungszustand, für den das Momentengleichgewicht
erfüllt ist, im Dehnungsbreich 4 (Stahl ausgenützt εs = εsu, Beton nicht ausgenützt εc2 > εcu). Die Deh-
nungsebene wird iterativ um C verdreht bis das Momtentengleichgewicht MRd = M Sd erfüllt ist. Der Quer-
schnitt versagt durch Reißen der Biegezugbewehrung, bevor der Biegedruckgurt bricht. Das Versagen
kündigt sich durch sehr große Stahldehnungen und starke Rißbildung an (sehr duktiles Verhalten).

Anmerkung: Das reaktive Moment MRd = - Nc· z a nimmt von Fall a) nach c) zu, weil Nc stärker anwächst als za abnimmt.

14.11.01 48
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

Fall b: Bild 2.33 b


Wenn MRd < MSd wird, ist die Kraft N c im Biegedruckgurt zu klein, um das Moment MSd aufzunehmen.
Um die Querschnittsfläche des Biegedruckgurtes zu vergrößern, muß man die Stahldehung reduzieren
(Bild 2.33 b). Die Grenzdehnungsebene wird iterativ um den Punkt B verdreht (Dehnungsbereich 3) bis
das Momentengleichgewicht MRd = MSd gegeben ist. Das Querschnittsversagen wird in diesem Fall ur-
sächlich durch Fließen der Bewehrung ausgelöst, jedoch bricht die durch das Stahlfließen eingeschnür-
te Druckzone, bevor die Bewehrung reißt. Das Versagen kündigt sich durch starke Rißbildung an
(duktiles Verhalten).
Fall c: Bild 2.33 c
Wenn man bei der Dehnungsiteration im Dehnungsbereich 3 kein Momentengleichgewicht findet, geht
die Iteration in den Dehnungsbereich 2 über. D.h. die Stahldehnung wird kleiner als die Fließdehnung
bei Überfestigkeit (εs< εyk,0.95).

Die Biegezugbewehrung kommt nicht ins Fließen. In diesem Fall tritt ein vorwarnungsloser Spröd-
bruch der Biegedruckzone ein. Der Biegedruckgurt ist zur Aufnahme des einwirkenden Momentes M Sd
zu schwach. Derartige Querschnitte sind nicht zulässig. Der Druckgurt muß verstärkt werden.
Mögliche Maßnahmen:
• Bessere Betongüte (meist nicht zweckmäßig)
• Querschnittshöhe (Hebelarm za) vergrößern und/oder
• Druckgurt vergrößern (Breite b)
• Druckbewehrung anordnen (siehe Abschnitt 2.8)

14.11.01 49
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.7.3 Bemessung der Biegezugbewehrung

Nachdem jener Grenzdehnungszustand aufgefunden ist, für den das Momentengleichgewicht

M Rd = – N c ⋅ z a = M Sd (2.52)

erfüllt ist, läßt sich die Kraft Ns im Biegezuggurt entweder aus dem Momentengleichgewicht

M Sd
N s = ----------- (2.53)
za

oder aus dem Normalkraftgleichgewicht

N Rd = N s + N c = N Sd = 0

N s = – Nc (2.54)

ermitteln. Damit erhält man die erforderliche Stahlfläche

Ns
erfA s = ---------------- (2.55)
σ s ( εs )

Grundsätzlich folgt σs über das Stoffgesetz aus dem bekannten Dehnungszustand. Weil der Fall c aus-
geschlossen wurde, ergibt sich für das bi-lineare Stoffgesetz (Bild 2.11)

f yd ≤ σ s ( ε s ) ≤ f td (2.56)

bzw. für das elastisch-plastische Stoffgesetz (Bild 2.12)

σ s = f yd (2.57)

14.11.01 50
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.8 Verstärken der Druckzone mit einer Druckbewehrung

Wie bereits erwähnt, ist der Fall c) im Bild 2.33 c wegen der Sprödbruchgefahr unzulässig. Die Biege-
druckzone muß verstärkt werden. Als Verstärkung kann man eine Druckbewehrung am Biegedruckrand
einlegen.
Man geht von dem in Bild 2.34 skizzierten Grenzdehnungszustand (εc2 = εcu, εs1 = εyk,0.95) aus, der de-
finitionsgemäß noch zulässig ist (Bedingung: ε s1 ≥ ε yk, 0.95 ). Für diesen Dehnungszustand läßt sich Nc
und za ermitteln und damit jenes reaktive Biegemoment Mc, welches die Betondruckzone (ohne Druck-
bewehrung) tragen kann:

M c = – Nc ⋅ za (2.58)

Die zugehörige Kraft Ns im Biegezuggurt

Ns = –Nc (2.59)

erfordert die Bewehrungsfläche

Ns Nc
A s = ------- = – ------- (2.60)
f yd f yd

Da voraussetzungsgemäß MSd größer ist als Mc, muß das Differenzmoment

∆M = M Sd – M c (2.61)

mit Hilfe zusätzlicher Bewehrungen am Zug- und Druckrand (Bild 2.34 b) aufgenommen werden. Für das
Kräftepaar ∆Ns1 und ∆N s2 gilt

∆M
∆N s1 = -------- (2.62)
a

– ∆M
∆N s2 = – ----------- (2.63)
a

Aus Gleichung (2.63) erhält man die erforderliche Druckbewehrung

∆N s2
A s 2 = ---------------------- (2.64)
σ s2 ( ε s2 )

14.11.01 51
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

f cd ε cu

Nc x0

za M Sd – ∆M
Þ Mc

Ns

As ε yk, 0.95 = εs1


∆A s2 ε cu
b

∆N s2
ε s2
a Þ ∆M r ∆M

∆N s1

∆A s1 ε y k, 0.95 = ε s1

Bild 2.34 Verstärken der Biegedruckzone durch eine Druckbewehrung


a) Momentenanteil Mc, den die Betondruckzone trägt
b) Momentenanteil ∆M, den die Druckbewehrung übernimmt

Die Stauchung εs2 folgt aus dem Grenzdehnungszustand im Bild 2.34 b. Die zugehörige Stahlspannung
σs2 erhält man aus dem Stoffgesetz (Bild 2.35).

Die Zusatzbewehrung ∆As1 in der Biegezugzone lautet

∆N s1
∆A s1 = ------------- (2.65)
σs 1

Aus den Gleichungen (2.60) und (2.65) ergibt sich die erforderliche Gesamtbewehrung in der Biegezug-
zone:

A s 1 = A s + ∆A s 1 (2.66)

14.11.01 52
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

(+)
σs

( + ) f td
σs 1
f yd

( -)
( -) ε s2 Es (+ )
εs εs
(+ )
ε s1

( -)
σs 2
f yd
f td
( -)
σs

Bild 2.35 Stahlspannung σs1 und σs2

14.11.01 53
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.9 Bemessung bei Biegung mit Längskraft


und großer Lastausmitte

Es wird hier vorausgesetzt, daß das einwirkende Biegemoment im Vergleich zur Normalkraft derart
überwiegt, daß sich ein Grenzdehnungszustand einstellt, der innerhalb der Dehnungsbereiche 3 oder 4
im Bild 2.31 liegt. Die Querschnittsbemessung bei Biegung mit Längskraft (Zug oder Druck) läßt sich mit
einem einfachen Trick auf den im Abschnitt 2.7 behandelten Fall der reinen Biegung zurückführen:

a b c

c2

M Sd Ms 1

y N Sd
zs
N Sd
s1

As A s, M A s, N

Bild 2.36 Transformation der Schnittgrößen auf die Biegezugfaser s1


a) Ausgangssituation
b) einwirkendes Biegemoment auf die Biegezugbewehrung s1 bezogen
c) einwirkende Normalkraft auf die Biegezugbewehrung bezogen

Statt die einwirkenden Schnittgrößen gemäß Bild 2.36 a auf den lokalen Koordinatenursprung zu bezie-
hen, transformiert man sie auf die Biegezugbewehrung. Das Biegemoment Ms1 um den Zugmittelpunkt

M s1 ,Sd = M Sd – N Sd ⋅ z s (2.67)

beansprucht den Querschnitt wie im Abschnitt 2.7 besprochen. Die Biegebemessung liefert die Stahlflä-
che As,M

M s1,Sd
A s, M = ------------------ (2.68)
za ⋅ fy d

Da außerdem noch die Normalkraft NSd im Zugmittelpunkt einwirkt, ist dort noch die zusätzliche Stahl-
fläche As,N erforderlich. Sie nimmt NSd auf:

N Sd
A s, N = ---------- (2.69)
f yd

Für die gesuchte Bewehrung ergibt sich somit die Summe

As = A s,M + As,N (2.70)

Anmerkung: Die Gleichungen (2.67) bis (2.70) gelten unabhängig vom Vorzeichen der Normalkraft NSd, d.h. sowohl für
Druck (NSd < 0) als auch für Zug (NSd > 0).

14.11.01 54
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.10 Bemessung eines zentrisch beanspruchten Druckstabes

As 2 ε s = ε cp
a

N Rd N Sd

ε cp
A s1 Reaktion 1 Aktion
b
( -)
ε cp εs
εc εs

f cd

(- )
σs
σc
f yd
σs
Bild 2.37 zentrischer Druck im ULS
a) Grenzdehnungszustand
b) Beton- und Stahlspannung im Grenzdehnungszustand

Bei symmetrischer Bewehrungsanordnung stellt sich dem Bild 2.31 entsprechend der im Bild 2.37 dar-
gestellte Grenzdehnungszustand ein.
Mit den im Bild 2.37 b definierten Dehnungen εs = εcp und Spannungen σc = fcd und σs = Es. εcp erhält
man die reaktive Normalkraft

(-) (- )
N Rd = f cd ⋅ A c + σ s ⋅ ( A s1 + A s2 ) (2.71)

14.11.01 55
2. Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS)

2.11 Bemessung eines Zugstabes im ULS

A s2
NRd NSd
1

Reaktion 1 ε Aktion
A s1 su

Bild 2.38 Zentrischer Zug im ULS

Bei symmetrischer Bewehrung As1 = As2 stellt sich der Grenzdehnungszustand C-D (εs1 = εs2 = εsu) ge-
mäß Bild 2.31 ein. In den Rißquerschnitten (σc = 0) lautet der Querschnittswiderstand

N Rd = f td ⋅ ( A s1 + A s2 ) (2.72)

Anmerkung: Bisher wurden folgende Bemessungsfälle behandelt: „Reiner Zug“ (M = 0), „Reiner Druck“ (M = 0), „Reine Bie-
gung“ (N = 0) und „Biegung mit Längskraft“ (Zug oder Druck), wenn die Normalkraft relativ klein bzw. die La-
stexzentrizität e

M Sd
e = ------------- (2.73)
N Sd

so groß ist, daß die Biegezugbewehrung ins Fließen kommt (große Lastausmitte). Die Bemessungsfälle „kleine Lastausmitte“
und „mittlere Lastausmitte“ werden im Abschnitt 5 (Stützen) behandelt. Bei einer Druckbeanspruchung mit kleiner Ausmitte bleibt
der gesamte Querschnitt unter Druck (Zustand I). Im Falle der mittleren Ausmitte reißt der Querschnitt zwar in der Biegezugzone
auf (Zustand II), die Biegezugbewehrung kommt jedoch nicht ins Fließen (εs1< εyk,0.95).

14.11.01 56
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit -


Serviceability Limit State (SLS)

3.1 Einführung

Mit den Nachweisen in den Grenzzuständen der Gebrauchstauglichkeit soll einerseits die geplante Nut-
zung und anderseits auch die Dauerhaftigkeit über die vorgesehene Nutzungsdauer sichergestellt wer-
den.
In der Regel sind folgende Nachweise zu führen:
1. Spannungsnachweise
2. Rißbreitennachweise
3. Verformungsnachweise
Gegebenenfalls sind auch andere Gebrauchszustände, wie beispielsweise die Schwingungsanfälligkeit
oder die Wasserdichtheit zu untersuchen.

14.11.01 57
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.2 Maßgebende Einwirkungskombinationen (EK) im SLS

Für die Nachweise in den SLS sind drei Einwirkungsniveaus zu unterscheiden.

Anmerkung: Sie werden nachfolgend am Beispiel der führenden Auswertung nach den Biegemomenten dargestellt. Sie
gelten auch für die führende Auswertung nach den Normalkräften, wenn man in den Überlagerunsformeln for-
mal M durch N ersetzt.

1. Selten auftretende EK (charakteristische EK)


Sie repräsentiert das höchste Lastniveau der Gebrauchslasten
(geringe Auftretenswahrscheinlichkeit: etwa 1 x pro Jahr)

M0 =
å j≥1
M G, j + M Q, 1 +
å i>1
ψ o, i ⋅ M Q, i (3.1)

2. Häufig auftretende EK
Sie repräsentiert ein „mittleres“ Lastniveau der Gebrauchslasten
(hohe Auftretenswahrscheinlichkeit: etwa 300 x pro Jahr)

M1 =
å j≥1
M G, j + ψ 1 , 1 ⋅ M Q, 1 +
å i>1
ψ 2, i ⋅ M Q, i (3.2)

3. Quasi-ständig vorhandene EK
Sie repräsentiert ein „unteres“ Lastniveau im Gebrauchszustand.

M2 = å j≥1
M G, j + å i
ψ 2 , i ⋅ M Q, i (3.3)

ψ0,i ...................Kombinationsbeiwert. Er erfaßt jenen Anteil des Lastfalles i, der mit einer entsprechen-
den Wahrscheinlichkeit gleichzeitig mit der Leiteinwirkung auftritt
ψ1,1 ...................Kombinationsbeiwert für den häufig auftretenden Anteil der Nutzlast 1
ψ2,1 ...................Kombinationsbeiwert für den quasi-ständig wirkenden Anteil der Nutzlast i
Anmerkung: Beispiele für Kombinationsbeiwerte ψ finden sich in Tabelle 2.3

• Die seltene EK wird beispielsweise den Spannungsnachweisen zu Grunde gelegt.

• Die häufige EK wird vorzugsweise für die Rißbreitennachweise eingesetzt.

• Die quasi-ständige EK wird zur Berechnung der Auswirkungen des Kriechens und Schwin-
dens und in der Regel auch für die Verformungsnachweise verwendet.

14.11.01 58
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.3 Materialeigenschaften

Anmerkung: Dieser Abschnitt ergänzt das Kapitel 2.3. mit Materialeigenschaften, die für den SLS von Bedeutung sind.

3.3.1 Zugfestigkeiten von Beton

Das Tragverhalten unter Zugbeanspruchung hängt in erster Linie von der Zugfestigkeit des Zementstei-
nes ab (Bild 3.1).

Bild 3.1 Tragverhalten von Beton unter Zugbeanspruchung

Deshalb ist die Betonzugfestigkeit nur etwa 10% der einachsigen Betondruckfestigkeit. Auch hier ist die
Kontaktfläche zwischen Zementstein und Zuschlagkorn für das Versagen bei normalfestem Beton ver-
antwortlich.

Anmerkung: Bei hochfesten Betonen oder bei Beton mit Zuschlägen von geringer Festigkeit (Leichtbeton) ist die Festigkeit
des Zementsteines und der Verbundschicht so groß, daß die Bruchfläche durch die Zuschlagkörner verläuft.

In Abhängigkeit vom gewählten Prüfverfahren unterscheidet man drei Zugfestigkeiten:

• Biegezugfestigkeit fct,fl fl . . . . . . . . . . . flectural

• Spaltzugfestigkeit fct,sp sp . . . . . . . . . . splitting

• zentrische Zugfestigkeit fct,ax ax . . . . . . . . . . axial

Gesucht erreicht normalerweise die zentrische Zugfestigkeit. Da die Versuchstechnik zur Ermittlung der
zentrischen Zugfestigkeit aufwendig ist, werden in der Regel die Biegezug- bzw. die Spaltzugfestigkeit
ermittelt. Nach EC 2 läßt sich daraus die zentrische Zugfestigkeit wie folgt errechnen:

f ct, ax = 0.5 ⋅ f c t, fl (3.4)

f ct, ax = 0.9 ⋅ f c t, sp (3.5)

Wenn die Zugfestigkeit nicht experimentell ermittelt werden kann, dürfen die Werte der charakteristi-
schen Zugfestigkeit für die entsprechende Festigkeitsklasse aus Tabelle 2.4 angenommen werden.
fctm ...................Mittelwert der Zugfestigkeit
fct,0.05 ...............untere Schranke der charakteristischen Zugfestigkeit (5% Fraktile)
fct,0.95 ...............obere Schranke der charakteristischen Zugfestigkeit (95% Fraktile)

14.11.01 59
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

Die untere Schranke (5%-Fraktile) der Zugfestigkeit lautet dann:

f ctk = f ct, 0.05 = 0.7 ⋅ f ctm (3.6)

Die obere Schranke (95%-Fraktile) der Zugfestigkeit lautet:

f ct, 0.95 = 1.3 ⋅ f c tm (3.7)

Der Rechenwert für die untere Schranke der einachsigen Zugfestigkeit lautet:

f ctk
f c td = -------- (3.8)
γc t

Je nach Aufgabenstellung werden unterschiedliche Sicherheitsbeiwerte innerhalb der nachfolgenden


Schranken angenommen.

1, 0 ≤ γct ≤ 2, 0 im ULS (3.9)

1, 0 ≤ γct ≤ 1, 3 im SLS (3.10)

Bei der Berechnung von Rißschnittgrößen kann fctk,0.05 als Zugfestigkeit eingesetzt werden
( γct =1)

Die charakteristischen Zugfestigkeiten sind in der Tabelle 2.4 in Abhängigkeit von der Betonfestigkeits-
klasse nach EC 2 zusammengestellt.

3.3.2 Elastizitätsmodul von Beton

Wenn keine Meßergebnisse vorliegen, kann näherungsweise der Elastizitätsmodul in Abhängigkeit von
der Betongüte der Tabelle 2.4 entnommen werden.

3.3.3 Stoffgesetze im SLS

Sowohl für den Bewehrungsstahl als auch für den Beton darf im SLS das Hooke’sche Gesetz angesetzt
werden:

σ c = E cm ⋅ ε c (3.11)

σ s = Es ⋅ εs (3.12)

14.11.01 60
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.4 Spannungsnachweise im SLS

3.4.1 Druckstab

Voraussetzungsgemäß bleiben die Querschnitte bei der Verformung eben und es herrscht starrer Ver-
bund. Damit gilt gemäß Bild 3.2

ε = εc = εs (3.13)

As/2

Ns/2

N Na
Ac c

Ns/2

εs
Reaktion Aktion
As/2 εc

Bild 3.2 Verteilungsgrößen

Die reaktive Normalkraft Nr setzt sich aus dem Betonanteil

N c = E c ⋅ Ac ⋅ ε (3.14)

und dem Stahlanteil

N s = E s ⋅ As ⋅ ε (3.15)

zusammen:

N r = N c + Ns (3.16)

Wenn man die Gleichungen (3.14) und (3.15) in die Gleichung (3.16) einsetzt, ergibt sich (3.17).

Es
N r = E c ⋅ æ A c + ------ ⋅ A sö ⋅ ε (3.17)
è E ø
c

Mit der Gleichgewichtsbedingung

Nr = Na (3.18)

erhält man aus Gleichung (3.17) die Stauchung ε

(- )
(- ) Na
ε = ---------------- (3.19)
Ec ⋅ Ai

14.11.01 61
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

mit der ideelen Querschnittsfläche Ai

Ai = Ac + αs ⋅ As oder A i = A c, b + ( α s – 1 ) ⋅ A s (3.20)

Ai ......................ideele Querschnittsfläche
Ac .....................Netto-Betonquerschnittsfläche
Ac,b ...................Brutto-Betonquerschnittsfläche
αs .....................E-Modulverhältnis

Es
α s = ------ (3.21)
Ec

Wenn man ε aus Gleichung (3.19) in die Gleichungen (3.14) und (3.15) einsetzt, erhält man die soge-
nannten Verteilungsgrößen.

Ac
N c = ------ ⋅ N a (3.22)
Ai

αs ⋅ As
N s = ----------------- ⋅ N a (3.23)
Ai

Das sind jene Anteile der Kraft Na, die auf die beiden Materialkomponenten Beton und Bewehrungsstahl
entfallen. Die Beanspruchung σ c lautet:

(-) ( -)
(- ) (- ) Nc Na
σc = Ec ⋅ εc = ---------- = ---------- (3.24)
Ac Ai

Hinsichtlich der Betondruckspannungen sind zwei Nachweise zu führen:


1. Für die seltene EK darf die Betondruckspannung den zulässigen Wert

zul σ c = 0.6 ⋅ f ck (3.25)

nicht überschreiten. Dieser Nachweis soll eine progressive Mikrorißbildung verhindern, welche
zu Längsrissen führen kann (besonders für die Umweltklassen 3+4).

Anmerkung: Wenn die Druckzone durch Bügel umschlossen ist, kann dieser Nachweis entfallen.

2. Für die quasi-ständige EK darf die Betondruckspannung den zulässigen Wert

zul σ c = 0.45 ⋅ f ck (3.26)

nicht überschreiten. Dieser Nachweis verhindert überhöhte Kriechverformungen (nichtlineares


Kriechen).

14.11.01 62
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.4.2 Zugstab

Wenn die einwirkende Zugkraft kleiner ist als die Rißlast Ncr (Index „cr“ für crack)

N cr = f ctk, 0.05 ⋅ A i (3.27)

bleibt der Zugstab im Zustand I. Es gelten die Formeln (3.13) bis (3.24) mit dem Unterschied, daß
Na > 0 ist und sich damit alle Vorzeichen umkehren.

Beim Überschreiten der Rißlast Ncr entstehen in den schwächsten Querschnitten Risse.

Anmerkung: Querschnitte, in denen Bügel angeordnet sind, neigen zur Rißbildung („Perforierung“ des Querschnittes durch
die Bügel).

Im Rißquerschnitt wirkt lediglich die Bewehrung

Na
σ s = ------- (3.28)
As

Für die seltene EK darf die Stahlspannung σs den zulässigen Grenzwert

zul σ s = 0.8 ⋅ f yk (3.29)

nicht überschreiten. Dieser Nachweis soll sicherstellen, daß die Stahldehnung unter Gebrauchslast im
elastischen Bereich (Hooke’scher Bereich) bleibt. Dadurch können sich Risse nach der Entlastung wie-
der schließen.

14.11.01 63
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.4.3 Biegestab

Ermittlung des Rißmomentes


Wenn das ungünstigste einwirkende Moment M0 (unter der seltenen EK) kleiner ist als das Rißmoment
Mcr

M cr = f ctk 0,05 ⋅ W i (3.30)

bleibt der Biegequerschnitt im Zustand I.

• Ideeller Querschnitt im ungerissenen Zustand (Zustand I)

2 y Schwerpunkt des
z
c Nettobetonquerschnittes
Sn z
c i c
i i
Si zs Schwerpunkt des
h ideellen Querschnittes
h–z
i

1
As
z

Bild 3.3 Ideeler Querschnitt: Definition der Bezeichnungen

Ac ⋅ zc + α s ⋅ A s ⋅ z s
z i = -------------------------------------------------- (3.31)
Ai

Ai = A c + αs ⋅ As siehe Gleichung (3.20)


Es
αs = ------ siehe Gleichung (3.21)
Ec

Satz von Steiner:

2 2
Ji = Jc + Ac ⋅ ( zi – z c ) + α s ⋅ As ⋅ ( zs – z i ) (3.32)

Ji
W 1i = ------------- (3.33)
h – zi

Ii
W 2i = – ---- (3.34)
zi

Hierin bedeuten:
zi..................Abstand des ideelen Schwerpunktes vom Biegedruckrand
Ai .................ideele Querschnittsfläche
Ji..................ideeles Trägheitsmoment
Wi ................ideeles Widerstandsmoment

14.11.01 64
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

• Ideeler Querschnitt im gerissenen Zustand (Zustand II)

Beim Überschreiten des Rißmomentes Mcr fällt die Betonzugzone schlagartig aus. Der Dehnungszu-
stand des Querschnittes geht in den Zustand II über (Bild 3.4). Bei reiner Biegung (N = 0) fällt die Nullinie
in die ideele Schwerachse des gerissenen Querschnittes (bestehend aus der Biegedruckzone und der
Biegezugbewehrung). Für den Rechteckquerschnitt und den Plattenbalkenquerschnitt läßt sich der ge-
suchte Dehnungszustand direkt berechnen:

εc

y zc
xo
Nc

d i i Ma
za

Ns

As
εs
z

Bild 3.4 Biegequerschnitt im Zustand II; Spannungsnachweis

• für den Rechteckquerschnitt ohne Druckbewehrung gilt:

α s ⋅ A s1 2bd Es
x = -------------------- ⋅ æ – 1 + 1 + --------------------ö α s = ------ (3.35)
b è α s ⋅ A s1ø Ec

x
z = d – --- (3.36)
3

2M
σ c = ------------------ (3.37)
b⋅x⋅z

M αs ⋅ ( d – x)
σ s1 = ----------------- = σ c ⋅ ---------------------------- (3.38)
z ⋅ A s1 x

• für den Rechteckquerschnitt mit Druckbewehrung gilt:

α s ⋅ ( A s1 + A s2 ) α s ⋅ ( A s1 + A s2 ) 2 2α s
x = – ----------------------------------------- + æ ----------------------------------------
-ö + ---------- ⋅ ( A s1 ⋅ d + A s 2 ⋅ d 2 ) (3.39)
b è b ø b

M
σ c = ------------------------------------------------------------------------------------------------------------ (3.40)
b ⋅x x – d2
---------- ⋅ ( 3d – x ) + α s ⋅ A s2 ⋅ ( d – d 2 ) ⋅ ---------------
6 x

αe ⋅ ( d – x)
σ s1 = σ c ⋅ ---------------------------- (3.41)
x

14.11.01 65
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

• für den Plattenbalkenquerschnitt gilt:

– k 2 + k 22 + b w ⋅ ( 2 ⋅ d ⋅ A e + hf ⋅ k 1 )
x = ---------------------------------------------------------------------------------------------- (3.42)
bw

hf
k 1 ⋅ h f ⋅ æ 3 – 2 ⋅ ----ö + b w ⋅ x 2
è xø
z = d – -----------------------------------------------------------------------
hf
3 ⋅ bw ⋅ x + k 1 ⋅ æ 2 – ----ö
è xø
Es
mit α s = ------ Ae = αs ⋅ As k1 = h f ⋅ ( b – bw )
Ec
k2 = Ae + k1 (3.43)

lautet die Stahlspannung

M
σ s = ----------------- (3.44)
z ⋅ A s1

und die Betonrandspannung

x
σ c = – σ s ⋅ ---------------------------- (3.45)
α ⋅ ( x – d) s

Für den nunmehr bekannten Dehnungszustand ist nachzuweisen, daß

σ c = E c ⋅ ε c ≤ zulσ c
σ s = E s ⋅ ε s ≤ zulσ s (3.46)

zul σc nach Gleichung (3.25) bzw. (3.26)

zul σs nach Gleichung (3.29).

Für allgemeine Querschnittsformen ist der Dehnungszustand (εc, εs) iterativ zu variieren, bis folgende
Gleichgewichtsbedingungen erfüllt sind:

N c + Ns = 0
N s ⋅ za = Ma (3.47)

ò
x0
Nc = σc ( z ) ⋅ b ( z ) ⋅ dz (3.48)
0

ò
x0
Mc = σ c ( z ) ⋅ b ( z ) ⋅ z ⋅ dz (3.49)
0

Mc
z c = ------- (3.50)
Nc

za = d – zc (3.51)

N s = E s ⋅ As ⋅ εs (3.52)

14.11.01 66
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.5 Rißbreitennachweis

3.5.1 Einführung

Risse sind in Stahlbetonkonstruktionen nicht zu vermeiden. Erst durch Rißbildung erhält der Beweh-
rungsstahl die ihm bei der Bemessung im Zustand II zugewiesene Zugkraft.
Neuere Untersuchungen zeigen, daß unter normalen Umweltbedingungen vor allem die Dicke und Dich-
te der Betondeckung für den Korrosionsschutz ausschlaggebend ist und erst in zweiter Linie die Rißbrei-
te, soferne die Rißbreiten entsprechend klein bleiben. Bei fachgerechter Konstruktion sind Schäden
infolge von Rißbildung meist auf Zwang-Beanspruchungen zurückzuführen.
Durch eine risseverteilende und rissbreitenbeschränkende Bewehrung (kleiner Rißabstand srm und
begrenzte Stahldehnung εsm , sowie durch eine entsprechende Betontechnologie und eine zweckmäßi-
ge konstruktive Durchbildung lassen sich die Rißbreiten wirksam steuern, d.h. klein halten. In trockener
Umgebung sind Rißbreiten von 0,3 mm bis 0,5 mm zulässig. Um Dichtigkeit gegen Flüssigkeiten zu er-
reichen, sind die rechnerischen Rißbreiten mit 0,1 mm bis 0,2 mm zu begrenzen.
Die Rißbildung und Rißbreite hängt von verschiedenen Einflußparametern ab, vor allem von :
• Art und Größe der Einwirkungen (Schnittgrößen)
• Betonzugfestigkeit
• Verbundfestigkeit und Verbundwirkung (Stabdurchmesser)
• Bewehrungsgrad bezogen auf die Zugzone
• Betondeckung
• Bauteildicke und Bauteilform
• Verteilung der Zugspannungen (vor der Rißbildung)
Da von diesen Parametern insbesondere die Zugfestigkeit und die Verbundwirkung großen Streuungen
unterworfen sind, besitzen die zur Bestimmung von Rißbreite und Rißabstand abgeleiteten Rißformeln
unabhängig von ihrem Aufbau nur eine begrenzte Aussagefähigkeit. So treten Risse häufig in Quer-
schnitten auf, wo eine Querbewehrung (ein Bügel) angeordnet ist, da diese eine Querschnittsschwä-
chung bewirkt.
Um die Herleitung von Rißformeln zu verstehen, muß zunächst das Last-Verformungsverhalten eines
Zuggliedes näher betrachtet werden:

14.11.01 67
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.5.2 Rißbildungs- und Rißentwicklungsmechanismus

3.5.2.1 Zustand I

Wird ein Stahlbetonzugstab mit einer zunehmenden Zugkraft Na belastet, so treten zunächst keine Ris-
se auf (Zustand I) und die Dehnungen von Beton (εc) und Stahl (εs) sind gleich (Gleichung (3.13)). Unter
Ansatz der ideelen Querschnittswerte kann die Dehnung wie folgt bestimmt werden. (Gleichung (3.19)
und (3.20))

Na Na
ε s = ε c = ---------------- = ---------------------------------------------------- (3.53)
Ec ⋅ Ai Ec ⋅ A c ⋅ ( 1 + α s ⋅ ρt )

mit

Es
α s = ------ ..........E-Modul-Verhältnis
Ec
As
ρ t = ------ ...........Bewehrungsgrad
Ac

3.5.2.2 Erstrißbildung

Der erste Riß (1) tritt auf, sobald die Zugfestigkeit bzw. die Bruchdehnung des Betons auf Zug erreicht
wird und zwar in jenem (schwächsten) Querschnitt, wo der geringste Widerstand, d.h. die geringste Zug-
festigkeit vorhanden ist. Die mit der Rißbildung freiwerdende Betonzugkraft muß von der Bewehrung
übernommen werden und verursacht in dieser eine Zunahme der Dehnung und Spannung. Beidseitig
des Risses treten Verbundspannungen (Bild 3.5) auf, die dem Verbundgesetz (Bild 2.4) entsprechend
die Verträglichkeit der Verformung herstellen. Mit Hilfe dieser Verbundspannungen baut sich im Beton
die im Rißquerschnitt verlorengegangene Zugkraft wieder sukzessive auf, bis am Ende der Einleitungs-
länge a die Dehnungen von Beton und Stahl wieder gleich groß sind (Bild 3.5).
Kennzeichnend für das Stadium der Erstrißbildung ist, daß zwischen den Rissen noch ungestörte Be-
reiche (τbd = 0) existieren, für die εs = εc ist (Zustand I). Da in diesem Bereich die Betonzugspannung
gemäß Bild 3.5 konstant verläuft, entsteht der nächste Riß bei einer (geringfügigen) Laststeigerung an
einer nicht vorhersehbaren Schwachstelle, wo der Querschnittswiderstand im Zustand I mit dem Errei-
chen der Betonzugfestigkeit überwunden wird. Im Bild 3.6 ist dieser neue Riß (3) an „zufälliger“ Stelle
eingetragen.

14.11.01 68
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

Risse

Na Na

ε s, ε c x 1 2

ε s, II

εs( x )
ε s, I
ε c, I
εc( x )

τ bd x
a a a a

τ bd ( x )
x

„ungestörter“ „ungestörter“ „ungestörter“


Verbundbereich Verbundbereich Verbundbereich

Bild 3.5 Beton-, Stahldehnungen (εc, εs) und Verbundspannungen (τbd) bei Erstrißbildung

Riss Riss Riss

Na Na

x 1 3 2
ε s, ε c

εs

εc a
x
τ bd a
τ bd ( x )

„ungestörter“
Verbundbereich

Bild 3.6 Fortgeschrittene Phase der Erstrißbildung

14.11.01 69
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

Zwischen den Rissen (1) und (3) im Bild 3.6 überschneiden sich bereits die Verbundbereiche. Die Bruch-
dehnung bzw. Zugfestigkeit des Betons wird zwischen den Rissen (1) und (3) nicht mehr erreicht.
Zwischen den Rissen (1) und (3) entsteht in der Folge kein weiterer Riß mehr. Hier haben wir es bereits
mit einem abgeschlossenen Rißbild zu tun.
Zwischen den Rissen (3) und (2) ist im Bild 3.6 ’zufällig’ noch ein ungestörter Bereich verblieben, weil
der Abstand zwischen den Rissen (2) und (3) größer als 2a ist. Hier wird noch ein Riß entstehen, wenn
nach einer geringfügigen Laststeigerung örtlich die Betonzugfestigkeit erreicht wird.
Die Erstrißbildung ist abgeschlossen, wenn - entlang des Zugstabes - alle Risse einen Abstand sr zu-
einander aufweisen, der kleiner als 2a ist.
Unter einer über die Stablänge konstant verlaufenden Zugkraft Na läßt sich demnach der Rißabstand
nur in folgenden Grenzen einschränken:

a ≤ s r ≤ 2a (3.54)

In der Praxis führt man häufig den Mittelwert

s rm = 1, 5 ⋅ a (3.55)

als Rechengröße für den mittleren Rißabstand ein. Wenn, wie beispielsweise in der Biegezugzone ei-
nes Balkens sich die Zugkraft in Längsrichtung ändert, entwickeln sich die Risse bei der Erstrißbildung
- ausgehend vom Querschnitt mit der größten Zugkraft - sukzessive im Abstand a. In diesem Fall gilt

s rm ≈ a (3.56)

wobei Risse vorzugsweise im Bereich von Bügeln entstehen.

3.5.2.3 Abgeschlossenes Rißbild

Das abgeschlossene Rißbild ist dadurch gekennzeichnet, daß sich die Verbundbereiche entlang der
gesamten Stablänge überschneiden.

3.5.2.4 Rißbreitenentwicklung

Während der Erstrißbildung verhält sich der Zugstab relativ weich in Bezug auf die Laständerung, weil
die Verformung bei geringer Laststeigerung mit jedem neuen Riß entsprechend zunimmt. Nach Errei-
chen des abgeschlossenen Rißbildes können bei einer weiteren Laststeigerung theoretisch zwar noch
örtlich einzelne Risse entstehen. Im wesentlichen wirkt sich die Laststeigerung jedoch auf eine Zunah-
me der Rißbreite in allen Rissen aus. Die tangentielle Dehnsteifigkeit (DT,2) des Zugstabes gegenüber
einer Laständerung ist größer als im Bereich der Erstrißbildung. Dies zeigt sich durch einen steileren
Verlauf der N/ε - Linie im Bild 3.7 zwischen den Punkten 2 und 3 (abgeschlossene Rißbildung).
Der wesentlichste Unterschied zwischen dem abgeschlossenen Rißbild und der Erstrißbildung besteht
darin, daß zwischen den Rissen die Betonzugfestigkeit nicht mehr erreicht wird.
Während im Stadium der Erstrißbildung in den ungestörten Bereichen (Zustand I) zwischen den Rissen
(Bild 3.5) die Stahldehnung gleich groß ist wie die Betondehnung, kann die Stahldehnung nach Ab-
schluß der Erstrißbildung die Betondehnung wesentlich übersteigen (Bild 3.8).

εs >> εc (3.57)

14.11.01 70
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

Na
Mitwirkung des Betons 3
zwischen den Rissen
(Zugversteifung)
I
dI abgeschlossene
s ta n n itt) Rißbildung
u h
I r“ Z e rs c
nd
k t e u (Rißbeitenentwicklung)
c q
sta

„ n a R iß
( im
Zu

2
1, 3N r
1 D T, 2 Erstrißbildung
Nr
D T, 1 – 2 ungerissen
(Zustand I)

εy ε
D T, 1 = E c ⋅ A i

Bild 3.7 Zusammenhang zwischen Zugkraft Na und Dehnung ε (vereinfachte Darstellung für
Erstbelastung)

Na Na

Risse

εs

εs( x )

εc
x εc( x ) x

Bild 3.8 Abgeschlossene Rißbildung

In den im Bild 3.9 dargestellten Verschiebungsnullpunkten besteht keine Relativverschiebung (Schlupf)


zwischen Stahl und Beton - wohl aber ein Dehnungsunterschied.

∆ε = ε sII – ε cI (3.58)

Die Dehnungen εs(x) und εc(x) sind über das Verbundgesetz (Bild 2.4) mit der Relativverschiebung δ
(Bild 3.9 d) gekoppelt. Zusätzlich müssen in jedem Querschnitt x die relativen Kräfte

N c ( x ) = E c ⋅ Ac ⋅ εc ( x ) (3.59)

14.11.01 71
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

und N s ( x ) = E s ⋅ As ⋅ εs ( x ) (3.60)

im Gleichgewicht stehen mit der Einwirkung Na. Damit läßt sich der Verlauf der Linien εs(x), εc(x), τbd(x)
und δ(x) berechnen.

Riß

Riß

Riß
N R N
a εs

ε sII
∆ε ( x )

b ε cI
x
sr
τb d
c
x

δ
wr
d x

Verschiebungsnullpunkte N

sr

Bild 3.9 Der Dehnungsunterschied zwischen Stahl und Beton

a) Stahldehnung εs,
b) Betondehnung εc,
c) Verbundspannung τbd,
d) Relativverschiebung δ (Schlupf), zwischen Bewehrungsstahl und Beton

14.11.01 72
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.5.3 Rechnerische Rißbreite

Die Rißbreite wr entspricht der Summe des Schlupfes δ (Bild 3.9 d) an den Rißufern beidseits des Ris-
ses, bzw. dem Integral der Dehnungsunterschiede

∆ε ( x ) = ε s ( x ) – ε c ( x ) (3.61)

zwischen den beiden Verschiebungsnullpunkten N (Bild 3.9 d).

wr =
ò
sr
∆ε ( x ) d x (3.62)

Dieses Integral entspricht der im Bild 3.9 a hinterlegt dargestellten Fläche. Wenn man näherungsweise
den Dehnungsanteil εc(x) in Gleichung (3.61) vernachlässigt, ergibt sich die mittlere Rißbreite zu

w rm =
ò
s rm
ε s ( x ) dx (3.63)

oder ausgedrückt durch die mittlere Stahldehnung εsm

w rm = ε sm ⋅ s rm (3.64)

Hierin bedeuten
wrm ...................mittlere Rißbreite
εsm....................mittlere Stahldehnung (siehe Bild 3.10)
srm ....................mittlerer Rißabstand (siehe auch Punkt 3.5.4.2)

Die mittlere Stahldehnung εsm ergibt sich aus Bild 3.10, indem man die Fläche unter dem girlandenarti-
gen Verlauf der Stahldehnung durch ein flächengleiches Rechteck ersetzt. Der Unterschied zwischen
der Stahldehnung εs2 im Rißquerschnitt und der mittleren Stahldehnung εsm wird als Zugversteifung
(tension Stiffening) ∆εsm bezeichnet.

„Girlandenkurve“ εs(x)
εs
∆ε s m

εs 2
ε sm

x
s rm

Bild 3.10 Definition der mittleren Stahldehnung εsm

14.11.01 73
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

Durch Umrechnung des Mittelwertes in den oberen Fraktilewert, erhält man die charakteristische Riß-
breite wk

Die charakteristische Rißbreite, die auch als Rechenwert (design crack width) bezeichnet wird, läßt
sich aus dem Mittelwert wm (Gleichung (3.64)) mit Hilfe des Beiwertes β ermitteln:

w k = β ⋅ wm (3.65)

β = 1,7 ..............Rißbildung infolge von Lasten


β = 1,7 ..............Rißbildung infolge von Zwang in Querschnitten größer als 800 mm
β = 1,3 ..............Rißbildung infolge von Zwang in Querschnitten kleiner als 300 mm

Anmerkung: Die kleinste Querschnittsabmessung ist maßgebend (Zwischenwerte sind linear interpolierbar)

Der Grenzzustand der Rißbreite ist wie folgt definiert:

w k ≤ w lim (3.66)

wk .....................charakteristische Rißbreite (95%-Fraktile), berechnet für die in Tabelle 7.2 definierte


Einwirkungskombination.
wlim ...................Grenzwert für die rechnerische Rißbreite, der im Hinblick auf die Funktion und auf die
Dauerhaftigkeit des Bauwerkes festgelegt wird.
Für Stahlbetonkonstruktionen wird wlim normalerweise wie folgt festgelegt :

w lim = 0, 3 mm (3.67)

Für wasserdichte Behälter etc. sollte

w lim = 0, 15 mm (3.68)

eingehalten werden.

14.11.01 74
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.5.4 Rißformeln

w k = β ⋅ ε sm ⋅ s rm (3.69)

3.5.4.1 Mittlere Stahldehnung εsm

Bild 3.11a zeigt einen in Beton eingebetteten Bewehrungsstab auf den eine Zugkraft Na einwirkt.

Na .....................einwirkende (äußere) Zugkraft


Ncr ....................Normalkraft, die zur Entstehung eines Risses führt (Rißkraft)

N c r = f ctm ⋅ A i

εsrI ....................Stahldehnung unter der Rißlast Ncr vor der Rißbildung im Zustand I
εsrII, σsrII ...........Stahldehnung, Stahlspannung unter der Rißlast Ncr nach der Rißbildung im (nackten)
Zustand II
∆εr ....................Dehnungssprung beim Übergang vom Zustand I in den Zustand II unter der Rißlast
εsII, σsII .............Stahldehnung, Stahlspannung unter der Last Na im (nackten) Zustand II
∆εsm .................Abnahme der Stahldehnung infolge der Zugtragwirkung des Betons zwischen den Ris-
sen
εsm....................mittlere Stahldehnung infolge der Einwirkung Na unter Berücksichtigung des Tension-
Stiffening Effektes
DI,DII ................Dehnsteifigkeit des Zugstabes im Zustand I bzw. im nackten Zustand II (Rißquerschnitt)
βt ......................Beiwert zur Berücksichtigung der Belastungsdauer oder einer dynamischen Einwirkung

βt = 0,4 ............für Kurzzeiteinwirkung


βt = 0,25 ..........für Langzeiteinwirkung oder häufige Lastwechsel

14.11.01 75
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

a Ac

As
Na Na

N ∆ε sm = β t ⋅ ∆ε r

Na
Tension-Stiffening

2 „nackter“ Zustand II
1, 3N cr
N cr 1
D II = E s ⋅ A s

DI = Ec ⋅ Ai ∆εr εs
ε s rI ε s rII ε s m εsII

c
Na
σ s = -------
As
∆ε sm
σ s II

2
σ s rII 1

Es
εs
ε s rI ε s rII εs m εsII

Bild 3.11 Zugversteifung (Tension-Stiffening Effekt)


a) In Beton eingebetteter Bewehrungsstab
b) Zusammenhang zwischen der Zugkraft Na und der mittleren Stahldehnung εsm
c) Stoffgesetz einer in Beton eingebetteten Bewehrung

Im Bild 3.11 b ist das Last-Verformungsverhalten unter Berücksichtigung der Zugtragwirkung des Be-
tons zwischen den Rissen dargestellt.
Im Bild 3.11c wurde lediglich die Ordinate durch As dividiert. Dadurch entspricht der Ordinatenwert der
Stahlspannung σsII im Rißquerschnitt. Man kann dieses Diagramm als verschmiertes, mittleres σ/ε-Dia-
gramm für einen betonummantelten Bewehrungsstab auffassen. Für einen innerhalb eines Bauteiles lie-
genden Bewehrungsstab gilt:

A c = A c, eff (3.70)

Ac,eff .................mit dem Bewehrungsstab auf Zug mitwirkende Betonfläche (wirksame Betonzugzone,
effective area). Siehe Bild 3.13
Die mittlere Stahldehnung in Bild 3.10 ist kleiner als die Dehnung εsII im Rißquerschnitt. Durch die Mit-

14.11.01 76
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

wirkung des Betons zwischen den Rissen (Zugtragwirkung) versteift sich der Zugstab im Vergleich zum
nackten Bewehrungsstab im Rißquerschnitt. Man nennt diese Wirkung Zugversteifung oder Tension-
Stiffening-Effect. Im Bild 3.11 ist gezeigt, daß sich die Zugtragwirkung des Betons zwischen den Ris-
sen durch eine entsprechende Modifikation der Stahlarbeitslinie berücksichtigen läßt.

∆εr = ε s rII – ε srI (3.71)

σ s rII
ε srII = -----------
Es
f ct
ε srI = ------ (3.72)
Ec

N cr = f ct ⋅ A i = σ s rII ⋅ A s
f ct As
σ srII ≈ ------ mit ρ = ------ und A c ≈ A i
ρ Ac
f ct
ε srII ≈ -------------- (3.73)
ρ ⋅ Es

Bei abgeschlossenem Rißbild lautet die Zugversteifung

∆εs = β t ⋅ ∆εr = β t ⋅ ( ε srII – ε srI ) (3.74)

bzw. die mittlere Stahldehnung

ε sm = ε sII – β t ⋅ ∆ε r = ε sII – ∆ε s m (3.75)

Anmerkung: Die Formel (3.75) setzt einen guten Verbund (gerippte Bewehrungsstäbe) voraus.

Bei Bauteilen, die nur im Bauteil selbst hervorgerufenen Zwängen unterworfen sind, darf εsII unter An-
satz von σ sII = σ srI I ermittelt werden.

Die Bezeichnungen im Bild 3.12 entsprechen den Definitionen zu Bild 3.11.


Im EC2 wird der Tension-Stiffening Effekt durch folgende Funktion angenähert:

σ sII σ srII 2 α s ⋅ A s σ sII


ε sm = --------- ⋅ 1 – β 1 ⋅ β 2 ⋅ æ -----------ö ≥ ----------------- ⋅ --------- (3.76)
Es è σ sII ø Ai Es

14.11.01 77
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

σs

σ sII

E c ⋅ Ai σ srII
---------------- Es
As
ε srII ε s m ε sII εs

Bild 3.12 Stoffgesetz einer in Beton eingebetteten Bewehrung nach EC2

β1 .....................Beiwert zur Erfassung der Verbundeigenschaften


β1 = 1,0 guter Verbund (Rippenstäbe)
β1 = 0,5 glatte Stäbe
β2 .....................Beiwert zur Erfassung der Belastungsdauer
β2 = 1,0 für Kurzzeiteinwirkung
β2 = 0,5 für Langzeiteinwirkung

Anmerkung: Häufige Lastwechsel wirken sich wie Langzeiteinwirkungen aus (β2 = 0,5)

3.5.4.2 Mittlerer Rißabstand srm


s rm = 50 + 0, 25 ⋅ k 1 ⋅ k 2 ⋅ ----- (3.77)
ρr

Anmerkung: Die Gleichung (3.77) wurde „halbempirisch“ entwickelt

k1 ......................Beiwert zur Berücksichtigung des Einflusses der Verbundeigenschaften


k1 = 0,8 für Rippenstähle
k1 = 1,6 für glatte Stähle
k2 ......................Beiwert zur Berücksichtigung des Einflusses des Dehnungszustandes
k2 = 0,5 für Biegung
k2 = 1,0 für reinen Zug
∅ ......................mittlerer Stabdurchmesser in mm
ρr ......................wirksamer Bewehrungsanteil

As
ρ r = ---------------
A c, eff

Ac,eff .................wirksame Querschnittfläche des Betonzuggurtes

Die rechnerischen Rißbreiten nach Formel (3.77) gelten für die in Bild 3.13 grau dargestellten wirksamen
Zugzonen Ac,eff. Außerhalb dieser Bereiche können größere Rißbreiten auftreten. Aus Bild 3.13d folgt,
daß bei einer risseverteilenden Flächenbewehrung der Stababstand s nicht wesentlich größer sein sollte
als 12ds (Vorschlag: s ≤ 15d s ).

Andernfalls können sich Sammelrisse mit wesentlich größeren Rißbreiten ausbilden (Bild 3.14).

14.11.01 78
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

a Balken b Platte

Ac,eff Ac,eff
1,5 ds1 d
s1
d s1 kleinerer Wert von 2,5 (c + ∅/2)
oder (h - x) / 3

kleinerer Wert von 2,5 (c + ∅/2)


c Bauteil oder t/2
unter Zug

Ac,eff d rissesteuernder Einflußbereich


um einen Bewehrungsstab

ds 12d
s

ds1
t
Bild 3.13 wirksame Fläche nach EC2 (typische Fälle)

Sammelriß
am Rand konzentrierte gleichmäßig verteilte
Bewehrung Bewehrung

Bild 3.14 Sammelrißbildung bei


a) Scheiben unter Zugbeanspruchung
b) Plattenbalken mit hohem Steg (ohne Steglängsbewehrung)

14.11.01 79
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.5.4.3 Konstruktive Maßnahmen zur Steuerung der Rißbreiten

Wenn man die Rißformeln nach Abschnitt 3.5.4.1 und 3.5.4.2 etwas vereinfacht und die rechnerische
Rißbreite mit 0,3 mm begrenzt, erhält man die in Bild 3.15 und Bild 3.16 dargestellten Konstruktionsre-
geln für eine rißbreitenbegrenzende Bewehrung.
Bei überwiegendem Zwang ist der maximale Stabdurchmesser aus Bild 3.15 einzuhalten, wobei als Ein-
gangsgröße die Stahlspannung σsII für die Rißschnittgrößen im Zustand II verwendet wird.

Bei Rissen, die durch Lasten verursacht sind, ist entweder das Bild 3.15 oder das Bild 3.16 (Begrenzung
der Stababstände) anzuwenden.
Wenn die Anforderungen in Bild 3.15 und Bild 3.16 eingehalten werden und außerdem die Mindestbe-
wehrung nach Abschnitt 3.5.4.4 nirgends unterschritten wird, kann man in der Regel auf den rechneri-
schen Nachweis nach Abschnitt 3.5.4.1 und 3.5.4.2 verzichten.

σ [ MPa ]
s

400

300
Stahlbeton

200

Spannbeton
100

10 20 30 d s [ mm ]
Stabdurchmesser

Bild 3.15 Maximaler Stabdurchmesser

σ s [ MPa ]

400

300
Stahlbeton
200

Spannbeton
100

100 200 300 s [ mm ]

Bild 3.16 Maximaler Abstand zwischen den Bewehrungsstäben

Anmerkung: Die Stahlspannung σs im Bild 3.15 und Bild 3.16 ist für den Rißquerschnitt - d.h. im Zustand II - zu ermitteln.

14.11.01 80
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.5.4.4 Mindestbewehrung zur Rissebeschränkung

In jenen Bereichen, wo unter SLS-Bedingungen die Zugfestigkeit des Betons überschritten werden
kann, ist eine Mindestbewehrung As,min der anzuwendenden Norm entsprechend einzulegen.

A s, min = ρ r, min ⋅ A c, eff (3.78)

ρr,min .................Mindestbewehrungsgrad bezogen auf den Zuggurt (z.B. Bild 3.17)


Ac,eff ................wirksame Betonzugzone (Bild 3.13)

ρ
r, min [ % ] h eff en-
---------- = 0, 0 K ast and
h n rW
t he
1, 0 s ho r eine
ine e
u rt e itts od
gg n
0, 8 Zu ersch
q u

0, 6
0, 2

0, 4 0, 4
0, 6
0, 8
0, 2
tte
Dünne Pla
0, 0
50 100 150 200 250 300 s [ mm ]
h eff
---------- = 1, 0
h
t

Bild 3.17 Mindestbewehrungsgrad ρr,min nach MC90 (Model Code)

Anmerkung: Bild 3.17 gilt für fctm = 2,9 MPa und fyk = 460 MPa. Für andere Werte gilt die Extrapolation
f ctm 460
erf ρ r, min > ρ r, min ⋅ ---------- ⋅ ----------
2, 9 fyk

Für S550 wird daraus ρ r, min ⋅ 0, 29f ctm

In den Normen (EC2, DIN1045-1, ON B4700) und Regelwerken (MC90) bestehen unterschiedliche Vorschrif-
ten hinsichtlich einer erforderlichen Mindestbewehrung, die risseverteilend und rißbreitensteuernd wirkt.

Es versteht sich von selbst, daß innerhalb eines Projektes nur das vertraglich festgelegte Normenwerk anzu-
wenden ist. Ein Mischen von Normen ist unzulässig! Deshalb ist die risseverteilende Mindestbewehrung der
jeweils gültigen Norm zu entnehmen.

14.11.01 81
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6 Verformungsnachweis

3.6.1 Verformungsgrenzen

Zu große Verformungen können einerseits das Erscheinungsbild stören und andererseits die ordnungs-
gemäße Nutzung beeinträchtigen. Probleme können beispielsweise auftreten bei Trennwänden, Vergla-
sungen und Außenwandverkleidungen, bei der Wasserableitung von Flachdächern, bei Abwasser-
rohren, bei der Haustechnik, bei empfindlichen Maschinen, etc.
Deshalb soll die geplante Nutzung und ein entsprechendes Erscheinungsbild durch die Begrenzung der
Verformung sichergestellt werden.
Wenn keine diesbezüglichen Vereinbarungen vorliegen, sollte man den Durchhang f unter der Verbin-
dungslinie der Lager (Bild 3.18) für die quasi-ständige Einwirkungskombination zwischen

l
----------
l
----------
und (3.79)
200 300

begrenzen:

l
f ≤ f lim = ---------- (3.80)
250
Überhöhung ü

Durchhang f δ Gesamtverformung
(Durchbiegung)

Bild 3.18 Verformungen: Definition der Bezeichnungen

ü .......................Überhöhungsstich
f ........................Durchhang
δ .......................Durchbiegung (Biegeverformung)
........................Stützweite

Anmerkung: Bei Balken entspricht der Spannweite, bei Kragträgern ist für die doppelte Kraglänge einzusetzen.

Wenn man die Überhöhung der Schalung mit

l
ü ≤ ü lim = ---------- (3.81)
500

l
limitiert, kann die Gesamtverformung δ maximal ---------- werden (Gleichungen (3.80) und (3.81)). Die Zu-
167
satzdurchbiegung nach dem Einbau von spröden Zwischenwänden wird mit ∆δ begrenzt. Sofern keine
genaueren Angaben von der Lieferfirma vorliegen, setzt man in der Regel ∆δlim innerhalb folgender
Grenzen an:

l l
------------- ≤ ∆δ lim ≤ ---------- (3.82)
1000 500

14.11.01 82
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6.2 Einführung

Die Verformungen von Stahlbetonbauteilen werden von vielen Parametern beeinflußt, die zum Zeitpunkt
der Projektierung meist nur abgeschätzt werden können. Daher lassen sich Verformungen nur ungefähr
voraussagen. Die wichtigsten Einflußparameter sind die Zugfestigkeit, der Elastizitätsmodul des Betons
und der Ausschalungszeitpunkt.
Aus der Statik ist bekannt, daß sich die Durchbiegung eines Bauteils durch Integration der Krümmungen
der Biegelinien über die Bauteillänge ermitteln läßt. Im Betonbau ist die Biegesteifigkeit eine lastabhän-
gige Größe. Es besteht also kein linearer Zusammenhang zwischen dem einwirkenden Moment und der
Krümmung. Darüberhinaus beeinflussen das Kriechen und das Schwinden des Betons die Verformung
von Stahlbetonbauteilen deutlich.
Als Grundlage für eine „wirklichkeitsnahe“ Verformungsberechnung dient die rechnerische Momenten-
Krümmungs-Beziehung unter Berücksichtigung der Zugtragwirkung des Betons zwischen den Rissen
(Tension-Stiffening Effekt). Das heißt, es wird mit der mittleren Stahldehnung εsm gemäß Bild 3.12 ge-
arbeitet und angenommen, daß die Querschnitte im Mittel eben bleiben.

My

Vereinfachung
(trilinear)

1, 3M rm „nackter“Zustand II
M rm

ϑ ym ϑ y2 ϑy

Bild 3.19 M/ϑ - Beziehung

Damit erhält man die im Bild 3.19 qualitativ dargestellte M/ϑ - Linie. Sie stellt die Grundlage für die Ver-
formungsberechnung dar und wird deshalb auch als verallgemeinertes Stoffgesetz des Stahlbeton-
balkens bezeichnet. Das M/ϑ - Diagramm beschreibt das materialbedingt nichtlineare Querschnitts-
Verformungs-Verhalten und stellt damit die Basis für die nichtlineare Systemanalyse dar, die wirklich-
keitsnahe Verformungen und Schnittgrößen liefert. Heute ist es üblich, die Systemanalyse nach der Me-
thode der Finiten Elemente durchzuführen. Hier wird der Zusammenhang zwischen den Schnittgrößen
und den Verformungen in jedem Gauß’schen Integrationspunkt auf den Stabachsen benötigt.
In der Praxis interessieren in erster Linie die Kurzzeitverformungen für Bauzustände und die Lang-
zeitverformungen unter der quasi-ständigen EK.
Nachfolgend werden vereinfachte Methoden zur Berechnung der Durchbiegungen besprochen, die zum
Teil auch händisch durchführbar sind.

14.11.01 83
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6.3 Berechnung der Durchbiegung nach dem Prinzip der virtuellen Arbeit
(Wiederholung aus der LV Baustatik)

v
Die äußere Arbeit, die eine virtuelle Kraft F = 1 am Wege der gesuchten Verformung δ leistet

v
Aa = F ⋅ δ , (3.83)

v
entspricht der inneren Arbeit, die die virtuellen Schnittgrößen M ( x ) am Wege der realen Verzerrungen
ϑq(x) leisten

Ai =
ò
(l )
v
M ( x ) ⋅ ϑ q ( x ) dx (3.84)

Aa = Ai (3.85)

δ =
ò
(l )
v
M ( x ) ⋅ ϑ q ( x ) dx (3.86)

Anmerkung: Bei statisch unbestimmten Systemen darf der virtuelle Lastangriff an einem beliebigen (zulässigen) statisch
bestimmten Grundsystem angebracht werden (Reduktionssatz).

Reale Belastung
q
δ
l
1
Reale Momente Mq ( x )
ql 2
M m = -------
8
2 3
--- ⋅ ϑ m
Reale Krümmungen 4
ϑq( x )

2
ql
l l ϑ m = -------------
--- --- 8 ⋅ EI
4 4 v
Virtuelle Belastung F = 1

3
Virtuelle Momente v
M(x)
l
---
4

Bild 3.20 Reale und virtuelle Momente für die Durchbiegungsberechnung nach dem Prinzip der
virtuellen Arbeiten

Das Integral der Gleichung (3.86) läßt sich numerisch z.B. mit folgenden Überlagerungsformeln lösen:

Anmerkung: Solche Überlagerungsformeln bzw. Auswertungen von Integralen finden sich in jedem Bautabellen Buch

14.11.01 84
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

Überlagerung Trapez mit Trapez (Trapezregel):

ò
(a )
v a
M ( x ) ⋅ ϑ q ( x ) dx = --- ⋅ [ A ⋅ ( 2C + D ) + B ⋅ ( 2D + C ) ]
6
(3.87)

Beispiel: Biegeverformung eines frei aufliegenden Einfeldträgers unter Gleichlast auf Basis der
Elastizitätstheorie.

Mq(x )
ϑ q ( x ) = ---------------- (3.88)
EJ

v
Die Linien M ( x ) und ϑq(x) sind im Bild 3.20 dargestellt.

M(x) B
v
A

C ϑq( x) D

Überlagerung Trapez mit Parabel:

ò
(a)
v a
M ( x ) ⋅ ϑ q ( x ) dx = --- ⋅ [ A ⋅ ( C + 2 ⋅ E ) + B ⋅ ( D + 2 ⋅ E ) ]
6
(3.89)

B
A

C D
E

a a
--- ---
2 2

Mit der Formel (3.89) ergibt sich für die Überlagerung der Linien 3 mit 2 im Bild 3.20

l 3 l 3 5 2
δ = 2 ⋅ ----------- ⋅ 0 ⋅ æ 0 + 2 ⋅ --- ⋅ ϑmö + --- ⋅ æ ϑ m + 2 ⋅ --- ⋅ ϑ mö = ------ ⋅ ϑ m ⋅ l (3.90)
2⋅6 è 4 ø 4 è 4 ø 48

2
δ = kM ⋅ ϑ m ⋅ l

5
k M = ------
48 (3.91)

14.11.01 85
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

kM .....................Beiwert, von den Lagerungsbedingungen abhängig


ϑm ....................Krümmung in Feldmitte

Aus diesen Zusammenhängen lassen sich zwei unterschiedliche Vorgangsweisen ableiten, die beide
praktische Anwendung finden:

1. Unterteilung des Systems in genügend viele Abschnitte a. Dadurch läßt sich der Verlauf von ϑ q ( x )
dem Bild 3.20 entsprechend beliebig genau berücksichtigen.

2. Näherungsweise Ableitung der Durchbiegung aus der Querschnittskrümmung ϑm im maßgebenden


Querschnitt entsprechend Gleichung (3.90), wobei vereinfachend angenommen wird, daß im restli-
chen Tragwerk die Krümmung affin zur Momentenlinie verläuft.

In beiden Fällen ist der Momenten-Krümmungs-Zusammenhang von zentraler Bedeutung (Bild 3.19).
Nachfolgend wird der Fall der reinen Biegung (N = 0) behandelt.

14.11.01 86
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6.4 Momenten-Krümmungs-Beziehung

3.6.4.1 Ursprungssteifigkeit

Zustand I

Zustand II
M cr

B II
ϑ
BI = Ec ⋅ Ji

Bild 3.21 Ursprungssteifigkeit

Rißmoment:

M cr = f ctm ⋅ W i1 (3.92)

Mcr ....................Rißmoment
fctm ...................Mittelwert der Betonzugfestigkeit
Wi1 ...................Ideeles Widerstandsmoment auf den Biegezugrand des Querschnitts bezogen

Zustand I :

M M
ϑ I = --------------- = ----- (3.93)
E c ⋅ Ji BI

Ji.......................ideeles Trägheitsmoment (Gleichung (3.32))

B I = Ec ⋅ J i (3.94)

BI ......................Biegesteifigkeit im Zustand I

14.11.01 87
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

nackter Zustand II :

d ϑ II M
d–x

As ε s II

Bild 3.22 Definition der Bezeichnungen

M
ϑ II = -------
B II
ε s II σ sII M
ϑ II = ------------ = ---------------------------- = -------------------------------------------------
d–x Es ⋅ (d – x ) Es ⋅ As ⋅ z a ⋅ ( d – x )

B II = E s ⋅ A s ⋅ z ⋅ ( d – x ) (3.95)

za und x für den Zustand II werden nach Abschnitt 3.4.3 berechnet.

3.6.4.2 Abschnittsweise Linearisierung der M/ϑ-Beziehung

Die im Abschnitt 3.5.4.1 Bild 3.11 angestellten Überlegungen am Stahlbeton-Zugstab (Tension-Stiffe-


ning Effekt) lassen sich sinngemäß auf die Zugzone von Biegebalken übertragen. Die Kraft

M
N s = ----- (3.96)
za

im Biegezuggurt entspricht dann der Kraft Na im Bild 3.11. Der Unterschied zwischen einem Biegezug-
gurt und einem Stahlbetonzugstab besteht lediglich darin, daß beim Biegestab die Dehnungen im Zug-
gurt nicht konstant sind, sondern eine Dehnungsgradiente vorhanden ist.

Nc

Krümmung

Zugstab
(konstante
Dehnung)
A c, eff Ns Biegestab
εs (Dehnungs-
As gradiente)

Bild 3.23 Unterschied zwischen Biege-und Fachwerktragwirkung (Zug-/Druckgurt)

An die Stelle der Normalkraft/Dehnungs-Beziehung (Bild 3.11) tritt nun die Momenten/Krümmungs-Be-
ziehung (Bild 3.24).

14.11.01 88
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

M
β t ⋅ ∆ϑ r 7 G
ϑ a,I
5
Ma 4

6
1, 3M cr
M cr 1
3 2

B II
ϑ
B I ϑ rI ϑm3 ϑ ϑ a,m ϑ a,II ϑy(εs = εy m) ϑn
rII
ϑ ym
∆ϑ r
b

M
7 G

β t ⋅ ∆ϑ r

M cr 1 3
2

ϑ
∆ϑ r

Bild 3.24 „mittlere“ M/ϑ-Beziehung abschnittweise linearisiert


a) Erstrißbildung und Belastung
b) vorwiegend Zwang und Entlastung

Vorgangsweise zur Ermittlung der Punkte 1 bis 6 im Bild 3.24a:

1) Berechnung des Rißmomentes Mcr (Gleichung (3.92))

2) Berechnung der Krümmung ϑrI (Gleichung (3.93)), das ist die Krümmung zu dem Moment, das den
ersten Riß verursacht, jedoch bevor der erste Riß entstanden ist (Punkt 1).

M cr
ϑ rI = --------------- (3.97)
Ec ⋅ Ji

3) Berechnung des Dehnungszustandes (x, za) im nackten Zustand II (nachdem der Riß entstanden ist)
unter dem Rißmoment und damit BII (Gleichung (3.95)) bzw. ϑrII (Punkt 2)

M cr
ϑ rII = --------- (3.98)
B II

14.11.01 89
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

4) ∆ϑr = ϑ rII – ϑ rI (3.99)

5) ϑ m3 = ϑ rII – β t ⋅ ∆ϑr (Punkt 3) (3.100)

Damit ist die Gerade 3-7 im Bild 3.24a und b bekannt.

6) Für ein einwirkendes Moment Ma > 1,3Mcr gilt (Punkt 4)

Ma
ϑ a,II = ------- (3.101)
B II

7) Für die mittlere Krümmung (Tension-Stiffening) erhält man somit (Punkt 5)

ϑ a,m = ϑa,II – β t ⋅ ∆ϑ r (3.102)

βt ......................Beiwert zur Berücksichtigung der Belastungsdauer


βt = 0,4 ............für Kurzzeiteinwirkunge
βt = 0,25 ..........für Langzeiteinwirkungen oder häufige Lastwechsel

Zum Vergleich: Im Anhang 4 des EC2 wird der Tension-Stiffening Effekt wie folgt berücksichtigt

ϑ m = ζ ⋅ ϑ II + ( 1 – ζ ) ⋅ ϑ I (3.103)

σ s r2 2
ζ = 1 – β 1 ⋅ β 2 ⋅ æ -----------ö (3.104)
èσ ø
s2

Anmerkung: ζ = 0 .......für ungerissene Querschnitte

ϑm ....................mittlere Krümmung, den Tension-Stiffening-Effect berücksichtigend (entspricht ϑa,m in


Bild 3.24)
ϑI ......................Krümmung zum Moment Ma für den (ungerissenen) Zustand I berechnet (entspricht ϑa,I
in Bild 3.24)
ϑII .....................Krümmung zum Moment Ma für den „nackten“ Zustand II berechnet (entspricht ϑa,II in
Bild 3.24)
ζ .......................Verteilbeiwert
β1 = 1,0 ............für Rippenstahl
β1 = 0,5 ............für glatten Stahl
β2 = 1,0 ............für Kurzzeitbelastung
β2 = 0,5 ............für Langzeitbelastung oder häufige Lastwechsel
σsr2 ...................Spannung im Zustand II unter dem Rißmoment Mcr
σs2 ....................Spannung im Zustand II unter dem Moment Ma

3.6.4.3 Ermittlung der M/ϑ-Linie als Polyline

In der LV Betonbau VA wird ein Computeralgorithmus besprochen, mit dessen Hilfe der Kurvenverlauf
der M/ϑ-Linie unter Einhaltung der Gleichgewichts- und Verträglichkeitsbedingungen in beliebig vielen
Punkten numerisch bestimmt werden kann.

14.11.01 90
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6.5 Krümmungszunahme durch Kriechen und Schwinden

3.6.5.1 Einführung

Schwinden und Kriechen sind plastische Langzeitverformungen des Betons, die vorwiegend eine Folge
des Austrocknens sind und hauptsächlich von der Feuchte der Umgebung, den Abmessungen des Bau-
teils und der Zusammensetzung des Betons abhängen. Während das Schwinden ein „Schrumpfungs-
prozeß“ ohne Lasteinwirkung ist, hängt das Kriechen linear von den einwirkenden Spannungen ab (Bild
3.25).

a b

( -)
Na

ε cs∞ ε cc ε c, el
1 1

Bild 3.25 (a) Schwinden und (b) Kriechen des Betons

ε cc ( ∞, t 0 ) = φ ( ∞, t 0 ) ⋅ ε c, el (3.105)

εc,el ...................elastische (spannungserzeugende) Betonverkürzung


εcc.....................plastische Kriechdehnung
t0 ......................Belastungszeitpunkt
εcst ....................Schwindmaß zum Zeitpunkt t
εcs∞ ..................Endschwindmaß
φ(t,t0) ................Kriechzahl zum Zeitpunkt t, wenn die Last zum Zeitpunkt t0 aufgebracht wird
φ(∞,t0)...............Endkriechzahl (zur Zeit t = ∞ )wenn die Last zum Zeitpunkt t0 aufgebracht wird

Die Gleichung (3.105) (lineares Kriechen) ist nur gültig, wenn die kriecherzeugende Spannung
σ c = E c ⋅ ε c,el folgende Bedingung erfüllt:

σ c ≤ 0, 45 ⋅ f ck (3.106)

εc s a φ b

ε cs ∞ φ ( ∞, t 0 )
ε cs t ( t ) φ ( t, t 0 )

t t
t0 t
t

Bild 3.26 zeitlicher Verlauf von (a) Schwinden und (b) Kriechen

14.11.01 91
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

Das Kriechen hängt auch vom Reifegrad des Betons beim erstmaligen Aufbringen der Dauerlast (Aus-
schalen), also vom Belastungszeitpunkt t0 ab. Der zeitliche Verlauf des Schwindens und des Kriechens
ist qualitativ im Bild 3.26 dargestellt.
Die nachfolgenden Tabellen (Tabelle 3.1 und Tabelle 3.2) enthalten auf der sicheren Seite liegende Nä-
herungswerte für das Endschwindmaß εcs∞ und die Endkriechzahl φ(∞,t0). Eine lineare Interpolation zwi-
schen den Tabellenwerten ist zulässig.

Alter t0 bei wirksame Bauteildicke


Belastung 2A c
---------- [ mm ]
(Tage) u

50 150 600 50 150 600

trockene Umgebungs- feuchte Umgebungs-


bedingungen (innen) bedingungen (außen)

1 5,5 4,6 3,7 3,6 3,2 2,9

7 3,9 3,1 2,6 2,6 2,3 2,0

28 3,0 2,5 2,0 1,9 1,7 1,5

90 2,4 2,0 1,6 1,5 1,4 1,2

365 1,8 1,5 1,2 1,1 1,0 1,0

Tabelle 3.1 Endkriechzahl φ(∞,t0) für Normalbeton (EC2, Tab. 3.3 Seite 46)

Ac .....................Querschnittsfläche (Beton)
u .......................dem Austrocknen ausgesetzter Umfang des Querschnittes

relative wirksame Bauteildicke


Lage des
Luftfeuchte 2Ac/u (mm)
Bauteils
(%) ≤ 150 600

innen 50 -0,60 -0,50

außen 80 -0,33 -0,28

Tabelle 3.2 Endschwindmaß εcs∞ [in ‰] für Normalbeton (EC2, Tab. 3.4, Seite 47)

3.6.5.2 Näherungsweise Berechnung der Langzeitverformung

Um die Krümmungsänderung infolge des Schwindens ϑcs und infolge des Kriechens ϑcc einfach abzu-
schätzen, kann man von folgenden Annahmen ausgehen (Bild 3.27):

1. Die Dehnung im Druckmittelpunkt repräsentiert die Verformung der Biegedruckzone:


Schwinden: ε cs = ε cs∞
Kriechen: ε cc = φ ( ∞, t o ) ⋅ ε cm

14.11.01 92
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

2. Durch das Schwinden und Kriechen der Druckzone verändert sich der innere Hebelarm nur unwe-
sentlich. Deshalb bleibt die Stahldehnung εs näherungsweise während der Langzeitverformung kon-
stant. Unter dieser Annahme lautet die Langzeitkrümmung näherungsweise (Bild 3.28)

ε cs + ε cc εc s∞ + φ ( ∞, t 0 ) ⋅ ε cm
∆ϑ∞ = ϑ cs + ϑ cc = ---------------------- = ---------------------------------------------------- (3.107)
za za

a b c
ε cm ε cs ε cc

m
x Nc
ϑ 0, II
d z M2

Ns ϑ cs ϑ cc

As εs

Bild 3.27 Krümmungsänderung ϑcs und ϑcc infolge Schwinden und Kriechen im Zustand II
a) Dehnungszustand zu M2
b) Schwindkrümmung ϑcs
c) Kriechkrümmung ϑcc

0, 4 ⋅ ∆ϑ r 0, 25 ⋅ ∆ϑ r

t = t0
M2
t = ∞

Mc r

ϑ
ϑ 0, II ϑ ∞, m ϑ∞, II
∆ϑ r ϑ 0, m
ϑ cs + ϑcc
∆ϑ ∞

Bild 3.28 Parallelverschiebung des M/ϑ-Diagrammes durch Schwinden und Kriechen (Dauerein-
wirkung M2)

ϑ 0,m = ϑ0,II – β t ⋅ ∆ϑ r mit βt = 0,4 siehe Gleichung (3.102)

ϑ ∞, m = ϑ 0,II + ∆ϑ cs + ∆ϑ c c – β t ⋅ ∆ϑr mit βt = 0,25 (3.108)

14.11.01 93
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

Der Dehnungszustand im Bild 3.27a für die quasi-ständige Einwirkung M2 kann unter Berücksichtigung
des Tension-Stiffening Effekts gemäß Gleichung (3.75) mit βt = 0,25 ermittelt werden. Der innere Hebel-
arm lautet dann

M2
z a = ----------------- (3.109)
As ⋅ σ s

Wenn man davon ausgeht, daß sich der innere Hebelarm entlang der Stabachse nicht wesentlich än-
dert, verläuft die Kriechkrümmung ϑcc affin zur Momentenlinie, wogegen die Schwindkrümmung ϑcs
konstant bleibt.
Nach EC2 darf alternativ zur Gleichung (3.107) die Auswirkung des Kriechens einfach dadurch erfaßt
werden, daß der Dehnungszustand infolge M2 (Bild 3.27a) mit einem entsprechend reduzierten Ec-Mo-
dul

E cm
E c, eff = ----------------------------- (3.110)
1 + φ ( ∞, t 0 )

bestimmt wird. Die Krümmung ϑ∞ enthält dann sowohl den Kurzzeitanteil ϑ0, als auch den Kriechanteil
∆ϑcc .

Nach EC2 berechnet sich die Schwindkrümmung wie folgt:

M2 = As ⋅ σ s ⋅ za
M2
σ s = αs ⋅ ------- ⋅ ( d – x )
J i
Ss = A s ⋅ ( d – x )
Ji
z = -----------------
αs ⋅ Ss
ε cs∞ αs ⋅ Ss
ϑ cs∞ = ----------- = ε cs∞ ⋅ ----------------- (3.111)
za Ji

Es
α s = --------------- (3.112)
E c, eff

Ss .....................statisches Moment der Bewehrung um den Schwerpunkt des ideelen Querschnittes


Ji.......................ideeles Trägheitsmoment um den ideelen Schwerpunkt

Je nachdem, ob es sich um den Zustand I oder II handelt, sind obige Querschnittswerte für den unge-
rissenen oder den gerissenen Querschnitt einzusetzen. In beiden Fällen fällt die Nullinie mit der ideelen
Schwerachse zusammen (reine Biegung). Daher gelten die Gleichungen (3.110) und (3.111) für beide
Fälle.

14.11.01 94
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6.6 Durchbiegungsberechnung auf der Basis


der nichtlinearen M/ϑ-Beziehung

Mit Hilfe des Prinzips der virtuellen Arbeiten läßt sich die Durchbiegung eines Biegeelementes gemäß
Gleichung (3.113) berechnen.

δ =
ò
(l )
v
M ( x ) ⋅ ϑ q ( x ) dx (3.113)

Hierin bedeuten:
δ .......................Durchbiegung (Biegeverformung)
v
M(x) ................virtuelles Moment im Querschnitt x
ϑq(x) .................Krümmung im Querschnitt infolge der die Durchbiegung verursachenden Einwirkung q
Mq(x) ................Biegemoment im Querschnitt x infolge der Einwirkung q

Der nichtlineare Zusammenhang zwischen den Biegemomenten Mq(x) und der zugehörigen Krümmung
ϑq(x) ist durch M/ϑ-Diagramme entsprechend Abschnitt 3.6.4 (Bild 3.29) gegeben.

Mq ( x )

Mq
M cr 2
q⋅l
M m = ------------
8

x
m
ϑq

ϑm „genaue“ Methode
ϑq( x )
Näherungsmethode
(ϑ affin zur Momentenlinie)
v
F = 1

v
M
l
---
v 4
M (x )

Bild 3.29 Verlauf der Funktionen Mq(x), ϑq(x) und vM(x)

14.11.01 95
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6.7 Vereinfachte Durchbiegungsberechnung -


aus elastischer Lösung abgeleitet

Wie im Abschnitt 3.6.3 (Gleichung (3.91)) gezeigt wurde, läßt sich die Durchbiegung nach der Elastizi-
tätstheorie mit Hilfe des Verformungsbeiwertes kM durch die Krümmung ϑm im maßgebenden Quer-
schnitt m ausdrücken.

2
δ = k M ⋅ ϑ m ⋅ l eff (3.114)

Der Beiwert kM hängt von der Belastungsart und von den Lagerbedingungen ab. Er ist für einige häufig
vorkommende Fälle dem Bild 3.30 und dem Bild 3.31 zu entnehmen. Für andere Fälle läßt sich kM durch
eine lineare Analyse bestimmen.

System und Lastart kM System und Lastart kM


q
5 q 1
Mm ------ ------
l
48 Mm 16
l
P
P
1 1
------ ------
Mm 12 24
l/2 Mm
l/2
q
MK q
Mm 1-
----- 1
---
10 4
l lK

q MK P
1 1
Mm ------ ---
12 3
l l

P
7 MK 1
Mm ---------- ---
120 5
l/2

Bild 3.30 Beiwerte kM für Einfeldträger und Kragarme für die Durchbiegung in Feldmitte oder am
Ende eines starr eingespannten Kragarmes

14.11.01 96
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

kM

0,12
3
ly 1 2 3

2
lx
0,11 mxm
1 lx

0,10

ly 4 5 6
5
6
0,09 lx

mxm
4
lx

0,08

ly 7 8 9
8
9
0,07 lx
mxm
7
lx

0,06
1,0 1,5 2,0 ly / lx

Bild 3.31 Beiwert kM für vierseitig gelagerte Rechteckplatten bezogen auf das Feldmoment mx in
Feldmitte und auf die kürzere Spannweite lx

Die nichtlinearen Effekte, wie Rißbildung, Tension-Stiffening, Kriechen und Schwinden werden lediglich
im maßgebenden Querschnitt durch die Krümmung ϑm zum Biegemoment Mm entsprechend Abschnitt
3.6.4 erfaßt.
Die Kurzzeitdurchbiegung erhält man mit der Gleichung (3.114), indem man für ϑm die Kurzzeitkrüm-
mung ϑ0,m (Bild 3.28) einsetzt.

Die Langzeitdurchbiegung erhält man mit der Gleichung (3.114), indem man für ϑm die Langzeitkrüm-
mung ϑ∞m einsetzt (Bild 3.28).

14.11.01 97
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6.8 Begrenzung der Durchbiegung durch eine entsprechende Festlegung


der Biegeschlankheit

Der rechnerische Nachweis der Durchbiegung von Stahlbetonbalken und -platten kann durch eine ent-
sprechende Begrenzung der Biegeschlankheit

l eff
k w = ------- (3.115)
d

ersetzt werden. Die zulässige Biegeschlankheit ergibt sich unter Berücksichtigung des statischen Sy-
stems und des Beanspruchungsniveaus aus der Tabelle im Bild 3.32. Sie wurde für die Stahlgüte S400
bzw. für eine Stahlspannung σs,häufig = 250 MPa im maßgebenden Querschnitt (Zustand II) abgeleitet.

Für die erforderliche Nutzhöhe ergibt sich:

l eff ⋅ σ s, häuf
erf d = ------------------------------ (3.116)
k w ⋅ k ⋅ 250

leff .....................Stützweite gemäß Tabelle im Bild 3.32


d .......................statische Nutzhöhe
kW ....................Grundwert der Biegeschlankheit aus Tabelle im Bild 3.32
k .......................Korrekturbeiwert
σs,häufig .............Stahlspannung im maßgebenden Querschnitt in Feldmitte oder im Einspannquerschnitt
eines Kragbalkens unter der häufigen EK
Die Beanspruchung des Betons wird über den geometrischen Bewehrungsgrad

As
ρ = ----------- (3.117)
b⋅d

im Bild 3.32 festgelegt. Zwischenwerte können linear interpoliert werden.


Der Korrekturbeiwert k lautet:
k = 1 .................normalerweise
k = 0,8 ..............bei Plattenbalken, bei denen das Verhältnis von mitwirkender Plattenbreite zur Stegbrei-
te den Wert 3 überschreitet
7
k = ------- ............bei Stützweiten l eff > 7m unter verformungsempfindlichen Trennwänden mit Ausnahme
leff
von Flachdecken
8, 5
k = --------- ............bei Flachdecken, deren größere Stützweite leff > 8, 5m beträgt
leff

Der vereinfachte Nachweis durch Begrenzung der Biegeschlankheit liegt in der Regel auf der si-
cheren Seite. Genauere Nachweise können zu schlankeren Bauteilen führen.

14.11.01 98
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

kw

ρ ≥ 1,5% ρ ≤ 0,5%
statisches System Beton hoch Beton gering
beansprucht beansprucht

frei drehbar gelagerter Einfeld-


träger; frei drehbar gelagerte l1 = leff
18 25
einachsig oder zweiachsig l2
gespannte Platte leff

Endfeld eines Durchlaufträgers


oder einer einachsig gespann- l1 = leff
ten durchlaufenden Platte; Endfeld
l2 23 32
Endfeld einer zweiachsig
gespannten durchlaufenden leff
Platte

l1 = leff
Mittelfeld eines Balkens oder
Mittelfeld
einer einachsig oder zweiach- l2 25 35
sig gespannten Platte
leff

Platte, die ohne Unterzüge auf l1


Stützen gelagert ist (Flach-
21 30
decke) (auf der Grundlage der
größeren Spannweite) l2 = leff

l1
Kragträger 7 10
l2 = leff
leff

Bild 3.32 Grundwert kw der zulässigen Biegeschlankheit von Stahlbetonbauteilen ohne Längs-
druck (nach EC2, Tab. 4.14)

14.11.01 99
3. Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit - Serviceability Limit State (SLS)

3.6.9 Maßnahmen zur Steuerung der Verformung

Wenn die errechneten Durchbiegungen die Verformungsgrenzen im Abschnitt 3.6.1 überschreiten, sind
folgende Maßnahmen möglich:

• Kompensation eines Teiles der Verformung durch Überhöhen der Schalung

• Vorspannen (Verformungsvorspannung)

leff
• kleinere Biegeschlankheit ------
- wählen
d

• statisches System ändern (Einspannen, Durchlaufwirkung, kleinere Spannweiten, etc.)

• höhere Betongüte, bessere Nachbehandlung

• spätere Lastaufbringung (Ausschalfrist, Vermeiden von Überbelastung im Bauzustand)

• Druckbewehrung zum „Bremsen“ der Langzeitverformung

• Abmindern der Stahldehnung durch Überbemessen der Biegezugbewehrung. Das spröde Bruchver-
halten bei überbewehrten Querschnitten ist allerdings nicht im Sinne der „Sicherheitsphilosophie“.

14.11.01 100
4. Platten

4. Platten

4.1 Allgemeines

Mittelebene

Bild 4.1 Definition einer zweiachsig gespannten (umfangsgelagerten) Platte

Platten sind ebene Flächentragwerke, die normal zu ihrer Mittelebene belastet sind.
Sie sind wohl das wichtigste Tragelement des Stahlbetons, wie Tabelle 4.1 veranschaulicht. Die Wahl
eines geeigneten Plattensystems (Raster) und dessen Bemessung haben also einen erheblichen Ein-
fluß auf die Rohbaukosten von Gebäuden.

Betonvolumen %

tragende Wände 4

Stützen 5

Platten (Decken) 59

Gründungen 22

Sonstiges 10

Tabelle 4.1 Anteiliges Betonvolumen verschiedener Bauteile im Hoch-und Industriebau

Neben der Verwendung als Fundamentplatten und Hochbaudecken oder z.B. als Fahrbahnplatten (Stra-
ßen- und Brückenbau) werden Platten auch in vertikaler Lage als Kellerwände, Behälterwände, Silowän-
de und Stützmauern eingesetzt. Dabei werden sie meist zusätzlich in ihrer Ebene beansprucht, sodaß
neben der Plattenwirkung sich auch eine Scheibentragwirkung einstellt. In der Terminologie der tech-
nischen Mechanik handelt es sich dabei um eine „Membranplatte“ oder - allgemeiner - um eine „ebene
Schale“.
Das Bild 4.2 zeigt die Schnittkräfte eines allgemein belasteten ebenen Schalenelementes (Platte +
Scheibe) in vektorieller Indizierung (1. Index: Achse auf die die Schnittebene normal steht. 2.Index:
Achsrichtung in die die Schnittgröße orientiert ist).
nxx, nyy .............Normalkräfte
vxz, vyx ..............Querkräfte
mxy , myx ...........Biegemomente
mxx , myy ...........Drillmomente

14.11.01 101
4. Platten

a b
1 1
x x

1 1
mxx nxx mxy
mx
mxy
vxz my
z myx z
y myy y myx

vyz
nyy

Bild 4.2 Definition der Schnittgrößen

(a) rektorielle Notation


(b) klassische Notation
Leider wird diese eindeutige Bezeichnung der Schnittgrößen (Bild 4.2 a) von der Praxis nur zögernd an-
genommen. Sie wird zwar in FE-Computerprogrammen intern verwendet. Nach außen wird die Indizie-
rung jedoch häufig auf die Spannungsrichtung bezogen, das heißt das beispielsweise die
Biegemomente mit mx bezeichnet werden, wenn sie in x-Richtung Normalspannungen erzeugen. Drill-
momente werden mit mxy bezeichnet, wenn sie in y-Richtung Schubspannungen bewirken. Deshalb wird
nachfolgend die auf die Spannungsrichtung bezogene Indizierung verwendet (Bild 4.2 b)
Nach Art der Lagerung unterscheidet man zwischen liniengestützten und punktgestützten Platten
(Flachdecken), sowie zwischen einachsig und zweiachsig gespannten Platten (Bild 4.3).

a b
≥ ly Mittelbereich ≥ ly

ly

lx

y
c d e
lx

ly

Bild 4.3 Platten mit verschiedenen Auflagerbedingungen


a) einachsig gespannt mit freien Rändern auf beiden Seiten
b) umfangsgelagerte Platte, im Mittelbereich einachsig gespannt
c) zweiachsig gespannt (rechts und unten unverdrehbar gelagert)
d) zweiachsig gespannt (lx ≤ 1,5 ly, freier Rand rechts)
e) zweiachsig gespannt (punktgestützte Platte)

14.11.01 102
4. Platten

Lagersymbolik:

...........frei drehbarer Rand (Linienlagerung)


..........(starr) eingespannter Rand (Linienlagerung)
..........freier Rand
....................Punktstützung

ql y2
--------
eingespannte Ränder

8
3 2 4
x


WP

Plattenstreifen 2-2

ql y2
ly

--------
1 1

8
WP

+
w(x) w(y)

y 3 2 4 frei drehbar

my
gelagerte
Plattenstreifen 1-1 Ränder q

Lx

w(x) ≈ const

ϑx ≈ 0
mx mx ≈ 0

+ +

~2ly ~ly

Bild 4.4 qualitative Ermittlung des Biegemomentenverlaufes mx und my,


abgeleitet aus der Biegefläche w(x,y)

Einachsig gespannte Platte:


Grundsätzlich entstehen in Platten stets Schnittgrößen in beiden Achsrichtungen. Bei einachsig ge-
spannten Platten ist jedoch eine Tragrichtung dominant.
Eine rechteckige Platte unter Gleichlast gilt als einachsig gespannt, wenn sich eine zylindrische Biege-
fläche einstellt. Dies ist der Fall, wenn sie zwei freie (ungelagerte) Ränder aufweist, die nahezu parallel
verlaufen (Bild 4.3 a). Auch im Mittelteil von langgestreckten Platten stellt sich unter Gleichlast eine vor-
wiegend einachsige Tragwirkung über die kürzere Spannweite ein, wenn die Bedingung

ly
---- > 2 (4.1)
lx

erfüllt ist (Bild 4.3 b). In Richtung dieser Haupttragwirkung verläuft auch die Hauptbewehrung (Längsbe-
wehrung). Eine orthogonal dazu orientierte Bewehrung wird als Querbewehrung bezeichnet. Bei einach-
sig gespannten Platten kann die Berechnung und Bemessung in guter Näherung an frei nebeneinander
liegenden Plattenstreifen (mit der Breite b = 1m) ohne Torsionssteifigkeit durchgeführt werden.

14.11.01 103
4. Platten

1m
b=

h
x
y

d as
z mx
v xz

Bild 4.5 Plattenstreifen : Definition der Bezeichnungen

b = 1m ..............Breite des Plattenstreifens


h .......................Plattenstärke (Plattendicke)
d .......................statische Nutzhöhe
as [cm2/m] ........Stahlfläche in einem Plattenstreifen von 1m Breite (Stahlfläche pro Laufmeter)
mx [kNm/m] ......Biegemoment bezogen auf den Plattenstreifen (b = 1m), welches in x-Richtung Span-
nungen bewirkt.
vxz [kN/m] .........Querkraft in Richtung z bezogen auf den Plattenstreifen (b = 1m), wirkend in der Ebene
normal zur x-Achse.

Anmerkung : Der Index von Biegemomenten mx unterscheidet sich vom Index bei Balken M y, weil letztere vektoriell orien-
tiert sind. Indexregel siehe Bild 4.2 b.

Damit gelten die Abschnitte 1 bis 3 sinngemäß auch für derartige Plattenstreifen. Abweichungen von der
einachsigen Tragwirkung treten auf, wenn parallel zur Spannrichtung Unterstützungen verlaufen, bzw.
wenn Öffnungen oder konzentrierte Einzellasten vorhanden sind.
Zweiachsig gespannte Platte:
In einer ersten Annäherung kann man sich die Tragwirkung einer Platte durch zwei Scharen von Plat-
tenstreifen (Bild 4.7) vorstellen. Bei Rechteckplatten verlaufen diese Streifen orthogonal zueinander. Bei
von einem Rechteck abweichender Grundrißform ist die Richtung der Plattenstreifen dem Kraftverlauf
anzupassen (z.B. bei schief gelagerten Platten oder Trapezplatten). Die Tragwirkung der Platte wird auf
diese Weise durch ein Stabwerk (Trägerrost) vereinfacht. Es handelt sich dabei bekanntlich um ein
hochgradig statisch unbestimmtes System - welches wegen seiner Fähigkeit möglicher Schnittkraftum-
lagerung - beachtliche Tragreserven aufweist.
Deshalb sind für die Bemessung von Platten in der Regel die SLS’s wie z.B. der Verformungsnachweis
von vorrangiger Bedeutung. Wenn man den Stäben (Plattenstreifen) keine Torsionssteifigkeit zuweist,
bleibt die Verformung des Stabwerkes mit der Biegefläche der Platte verträglich. Allerdings ist in diesem
Modell die Drillsteifigkeit der Platte nicht berücksichtigt, wodurch einerseits gewisse Tragreserven nicht
genützt werden und andererseits es zu einer erhöhten Rißbildung in jenen Bereichen kommt, wo we-
sentliche Drillmomente auftreten.

14.11.01 104
4. Platten

a
x

mx
1
asx

1 x
b
my

asy

c as [cm2/m]

d ... Nutzhöhe
d h ... Gesamthöhe
h

b = 1,0 m

Bild 4.6 Biegebemessung einer Stahlbetonplatte


a) Bewehrung asx in x-Richtung
b) Bewehrung asy in y-Richtung
c) Bemessungsquerschnitt des Plattenstreifens

Die obige Betrachtungsweise als Trägerrost dient in erster Linie dem ingenieurmäßigen Denken.
Mit den heute allgemein vorhandenen FE-Programmen ist die Berechnung von Platten nach der Elasti-
zitätstheorie alltägliche Praxis. Sie setzt lineare Stoffgesetze (Rissefreiheit, Zustand I) und normalerwei-
se auch Isotropie (gleiche Steifigkeit in allen Richtungen) voraus.
Nichtlineare FE-Plattenprogramme, die nichtlineare Materialgesetze (inklusive Rißbildung und ver-
schieblichen Verbund) und das Kriechen und Schwinden des Betons in den Zuständen I und II berück-
sichtigen, haben sich dagegen bisher in der Praxis kaum etabliert - nicht zuletzt deshalb, weil ihre
Bedienung ein spezifisches know how erfordert.

14.11.01 105
4. Platten

a b

2
c
x

d lx ≈ ly e lx >> ly
q2 = qy
wm
q1 = q x
ly

1 lx
2

Bild 4.7 Modellierung drillweicher Platten durch einen Trägerrost


a) Trägerreihe 1 in x-Richtung gespannt
b) Trägerreihe 2 in y-Richtung gespannt
c) Verbindung von a und b zu einem Trägerrost
d) Verträglichkeit der Durchbiegung wm
e) auf die Trägerreihen 1 bzw. 2 entfallende Lastanteile q1 bzw. q2

Die obige Betrachtungsweise als Trägerrost dient nicht nur dem ingenieurmäßigen Verständnis des
Tragverhaltens, sondern kann auch als Grundlage für eine praxisgerechte Durchbiegungsberechnung
von Plattentragwerken dienen. Die Verformungsberechnung läßt sich nämlich näherungsweise mit Hilfe
von Plattenstreifen auf die Durchbiegungsberechnung von Balken nach Abschnitt 3.6 zurückführen. Die
Biegemomente im betrachteten Plattenstreifen erhält man entweder aus einer linearen FE-Analyse mit
Platten- oder Schalenelementen oder aus einer Stabwerksanalyse (Platte als Trägerrost modelliert).
Die Rechenergebnisse lassen sich verbessern, indem man unabhängig voneinander die Durchbiegun-
gen δx und δy von jenen beiden Plattenstreifen ermittelt, die sich in jenem Punkt kreuzen, der die größte
Verformung aufweist. Durch Mittelbildung erhält man einen brauchbaren Näherungswert für die gesuch-
te Durchbiegung

δx + δy
δ = ----------------- (4.2)
2

Die Langzeitdurchbiegung im Zustand II wird sich etwa fünfmal größer ergeben als die linear (Zustand
I) ermittelte Kurzzeitverformung.

14.11.01 106
4. Platten

4.2 Liniengestützte Platten

4.2.1 Näherungsweise Ermittlung der Schnittgrößen

Normalerweise werden Platten nach der FE-Methode berechnet. Zur Vorbemessung und für die Hör-
saalübungen können auch die folgenden Verfahren Anwendung finden.

4.2.1.1 Lastaufteilungsverfahren

Für eine rasche Vorbemessung der erforderlichen Bewehrung kann die weitgehende Vereinfachung
nach Bild 4.7 d und e Anwendung finden (Streifenkreuzmethode).
Durch Gleichsetzen der Durchbiegungen im Kreuzungspunkt läßt sich beispielsweise für eine frei dreh-
bar umfangsgelagerte Platte die Aufteilung der Last q in die beiden Tragrichtungen x und y wie folgt er-
mitteln:

q = qx + qy (4.3)

Die Durchbiegung eines freiaufliegenden Einfeldträgers unter Gleichlast lautet:

4
5 qx ⋅ lx
δ x = ---------- ⋅ -------------- (4.4)
384 EI

4
5 qy ⋅ ly
δ y = ---------- ⋅ -------------- (4.5)
384 EI

Durch Gleichsetzen der Durchbiegungen

δ = δx = δy (4.6)

ergibt sich aus den Gleichungen (4.4) und (4.5)

qx l 4
----- = æ ---yö (4.7)
qy èl ø
x

Demnach trägt sich die Last vorwiegend über die kürzere Spannweite ab (Bild 4.7 e). Für ly > lx wird
q y « q x (Bild 4.3 b).

In analoger Weise ergeben sich die im Bild 4.8 dargestellten Formeln für Einfeldplatten mit unterschied-
lichen Lagerungsbedingungen.
Die Verwendung dieses Verfahrens ist allerdings nur sinnvoll für Längenverhältnisse von
2/3 ≤ lx / ly ≤ 3/2, da außerhalb dieses Bereiches die Lastabtragung vorwiegend über die kurze Spann-
weite erfolgt.

14.11.01 107
4. Platten

qx qy

lx ly

Lagerung Lastanteile
4 4
y ly lx
-⋅q
q x = ------------- q y = -------------- ⋅ q
x 4 4 4 4
1.Fall l y + lx ly + lx
4 4
y 5 ⋅ ly 5 ⋅ lx
q x ≅ -----------------------------
4
-⋅q
4
q y ≅ -----------------------------
-⋅q
4 4
2.Fall
x
5 ⋅ ly + 2 ⋅ lx 5 ⋅ l y + 2 ⋅ lx
4 4
y 5 ⋅ ly lx
-⋅q
q x = --------------------- -⋅q
q y = ---------------------
4 4 4 4
3.Fall
x
5 ⋅ ly + l x 5 ⋅ ly + lx
4 4
y ly lx
q x = --------------
4 4
⋅q q y = -------------- ⋅q
x 4 4
4.Fall ly + lx ly + lx
4 4
y ly 1 ⁄ 2 ⋅ lx
q x ≅ -----------------------------
4 4
⋅q q y ≅ ----------------------------- ⋅q
x 4 4
5.Fall l y + 1 ⁄ 2 ⋅ lx l y + 1 ⁄ 2 ⋅ lx
4 4
y ly lx
q x = --------------
4 4
⋅q q y = --------------
4 4
⋅q
x
6.Fall ly + lx ly + lx

Bild 4.8 Lastabtragung qx in x-Richtung und qy in y-Richtung nach der „Streifenkreuzmethode“


(Lastaufteilungsverfahren)

4.2.1.2 Lastscheidenverfahren

Die Erfahrung bzw. Erkenntnis, daß sich die Lasten auf dem kürzestmöglichen Weg zu den Auflagern
abtragen führt zur Lastscheidenmethode. Die Lastscheiden sind im Bild 4.9 durch strichlierte Linien dar-
gestellt (analog zur „Dachausmittlungsmethode“ im Hochbau).

45° 60°
45°
30°
30°
45° 60°

45°
60°
30° 45°

Bild 4.9 Lastscheiden zu verschiedenen Lagerungsbedingungen

Die Lastscheiden eignen sich auch für die näherungsweise Lastaufteilung zur Bestimmung der Aufla-
gerkräfte.

14.11.01 108
4. Platten

lx

q⋅l
ly -----------y
2

ly/2 ly/2

q⋅l
----------y-
2

Bild 4.10 Lastaufteilung zur näherungsweisen Bestimmung der Auflagerkräfte

a b Schnitt a-a Schnitt b-b

c c

q q

a b

q
Schnitt c-c

Bild 4.11 Aufteilung zur näherungsweisen Bestimmung der Biegemomente

14.11.01 109
4. Platten

4.2.1.3 Czerny-Tafeln

Tafeln für gleichmäßig vollbelastete vierseitig gelagerte Rechteckplatten


1. Einspannungsfreie Lagerung der vier Ränder

14.11.01 110
4. Platten

2. Starre Einspannung eines Randes und


einspannugnefreie Lagerung der drei anderen Ränder

14.11.01 111
4. Platten

14.11.01 112
4. Platten

3. starre Einspannung von zwei gegenüberliegenden Rändern und


einspannungsfreien Lagerung der beiden anderen Ränder

14.11.01 113
4. Platten

14.11.01 114
4. Platten

4. starre Einspannung von zwei benachbarten Rändern und


einspannungsfreie Lagerung der beiden anderen Ränder

14.11.01 115
4. Platten

5. starre Einspannung von drei Rändern und


einspannungsfreie Lagerung des vierten Randes

14.11.01 116
4. Platten

14.11.01 117
4. Platten

6. starre Einspannung der vier Ränder

14.11.01 118
4. Platten

4.2.2 Auswirkung der Querdehnung

Wegen der Querdehnung

ε y = –ν ⋅ ε x (4.8)

ν .......................Querdehnungskoeffizient ( ν ≈ 0,2 )
verformt sich jeder Plattenstreifen in Querrichtung. Die Druckzone verbreitert sich. Die Zugzone wird
schmäler. (Bild 4.12)
1
a
x

1+εy2(+)
b

mx
ϑy
1 + εy1 (−)

my my

my my my

Bild 4.12 Quermomente infolge der Querdehnung


a) unbelastete Platte in Plattenstreifen unterteilt
b) belastete Platte; die Biegemomente mx verursachen Querverformungen ϑy
c) Quermomente my = EJ ⋅ ϑy machen die Querverfomung ϑy rückgängig

Aus Kontinuitätsgründen ist beim „Flächentragwerk Platte“ ein Klaffen der Fugen zwischen den Platten-
streifen nicht möglich. Daher entstehen Quermomente my, die die Querdehnung εy bzw. die Querkrüm-
mung ϑy rückgängig machen (Bild 4.12 c).

my
ϑ y = ------- (4.9)
EJ

mx
ϑ y = ν ⋅ ϑx = ν ⋅ ------- (4.10)
EJ

my = ν ⋅ mx (4.11)

Diese Quermomente entstehen auch, wenn die Biegefläche in Querrichtung keine Krümmung aufweist;
beispielsweise bei einer einachsig gespannten Platte unter Gleichlast, die eine zylindrische Biegefläche
aufweist. Daraus leitet sich bei einer einachsig gespannten Platte die erforderliche Mindestbewehrung
in Querrichtung ab (20% der Längsbewehrung).

14.11.01 119
4. Platten

Der vollständige Momenten-Krümmungs-Zusammenhang lautet

∂2w ∂ 2w
m x = – K ⋅ æ ---------- + ν ⋅ ---------- ö (4.12)
è ∂x 2 ∂y 2 ø

∂2w ∂ 2w
m y = – K ⋅ æ ---------- + ν ⋅ ---------- ö (4.13)
è ∂y 2 ∂x 2 ø

mit der Plattensteifigkeit K

3 3
E⋅h E⋅h
K = ------------------------------- ≈ -------------- = EJ (4.14)
2 12
12 ⋅ ( 1 – ν )

w ......................vertikale Verformung (Durchbiegung) der Platte

14.11.01 120
4. Platten

4.2.3 Drillmomente

4.2.3.1 Tragverhalten

Die Biegefläche einer Platte läßt sich durch zwei orthogonale Serien von Plattenstreifen nur stetig bzw.
verträglich modellieren, wenn sich die Plattenstreifen entsprechend den Biegelinien der quer verlaufen-
den Plattenstreifen verdrillen (Bild 4.13). Die Verdrillung der Biegefläche verursacht Drillmomente, die in
orthogonalen Schnitten entgegengerichtet gleich groß wirken.

x8
a c

X1 X2 X3 X4 X5 X6 X7 X8 X9 X10 x

Y1 Y1
y3 Y2
X6 X7 Y2 X10
Y3
Y4 X10 Verdrillung
Y4
X9 des
Y5 Y5 Platten-
X8
Y6 X7 streifens Y3
Y7 X6

Y8
Y9
Y10

Höhenschichtenlinien der Biegefläche


y
Verdrillung des Plattenstreifens X8
b

Y1
x8 Y2
Y3
Y4
Y5
Bild 4.13 Verdrillung einer Platte
a) Grundriß der Platte mit Biegefläche im Form von Höhenschichtlinien
b) Biegelinien entlang der Schnitte Y1 bis Y5 und Verdrillung des Plattenstreifens X8
c) Biegelinien entlang der Schnitte X6 bis X10 und Verdrillung des Plattenstreifens Y3

14.11.01 121
4. Platten

x
a b

m xy τy x τ xy

y m yx mx y
my x

c d

ϑ xy
ϑ yx ϑ xy

Bild 4.14 Definition der Drillmomente


a) Vorzeichenregelung
b) Spannungen zu den Drillmomenten
c) Verdrillung (2D-Verdrehung einer Platte)
d) Torsion (1D-Verdrehung eines Stabes)

Es liegt nahe, die Verdrillung einer Platte mit der Torsionsverformung eines Stabes zu vergleichen :
Der Unterschied besteht darin, daß die Torsionsverformung (Verdrillung) eines Stabes (Bild 4.14 d) im
wesentlichen eine eindimensionale Verdrehung ϑx der Querschnitte um die Stabachs x darstellt
(St.Venant’sche Torsion). Die Verdrillung einer Platte ist dagegen eine zweidimensionale Verdrehung
ϑxy und ϑyx zweier normal zueinander liegender Ebenen x und y (Bild 4.14 c).

Das Drillmoment ergibt sich aus der Biegefläche wie folgt (Herleitung siehe C-Skriptum):

∂2w
m xy = – ( 1 – ν ) ⋅ K ⋅ ------------- (4.15)
∂x∂y

Entlang der „Höhenschichtenlinien“ der Biegeflächen bzw. - orthogonal dazu - entlang der Fallinien der
Biegeflächen gilt

∂2w
------------- = 0 (4.16)
∂x∂y

Damit wird - auf diese gegen x/y-verdrehte Richtung bezogen - das Drillmoment Null und die Biegemo-
mente zu Hauptmomenten m1 bzw. m2. Die Drillmomente haben demnach den Charakter einer Trans-
formationsgröße - wie die Schubspannungen τxy beim ebenen Spannungszustand σx/σy oder das
Deviationsmoment Jxy bei der Transformation von Trägheitsmomenten.

Anmerkung: Zwischen den jeweiligen Transformationsgleichungen besteht eine formale Analogie :

mx + my 1 2 2
m 1,2 = --------------------- ± --- ⋅ ( m x – m y ) + 4m xy (4.17)
2 2

σ x + σy 1 2 2
σ 1,2 = ------------------ ± --- ⋅ ( σ x – σ y ) + 4τ xy (4.18)
2 2

14.11.01 122
4. Platten

Jx + Jy 1 2 2
J 1,2 = ----------------- ± --- ⋅ ( J x – J y ) – 4J xy (4.19)
2 2

m1,2 ..................Hauptmomente bei Platten


σ1,2 ...................Hauptspannungen bei Scheiben
J1,2 ...................Hauptträgheitsmomente bei einem Stabquerschnitt

Dasselbe gilt für die Hauptrichtungen :

m xy m xy
tan α0 = --------------------- = --------------------- (4.20)
m1 – m y mx – m2

τ xy τ xy
tan α0 = ------------------ = ------------------ (4.21)
σ 1 – σy σx – σ2

J xy Jx y
tan α0 = ----------------- = ----------------- (4.22)
J1 – J y J x – J2

Das Bild 4.15 zeigt die Hauptmomententrajektorien am Beispiel von verschiedenen Rechteckplatten un-
ter Gleichlast. Überall dort, wo die Richtung der Hauptmomente von den Bewehrungsrichtungen x/y ab-
weichen, sind neben den Biegemomenten mx und my auch Drillmomente mxy wirksam.

ly
ly

lx ly : lx = 2
ly : lx = 1
lx
b c
freier Rand

ly ly

lx lx

Bild 4.15 Trajektoriendarstellung der Hauptmomente


a) allseitig frei drehbar gelagerte Platte
b) allseitig starr eingespannte Platte
c) dreiseitig frei drehbar gelagerte Platte (der vierte Rand ist nicht unterstützt)

14.11.01 123
4. Platten

4.2.3.2 Bemessung bei von der Bewehrungsrichtung


abweichenden Hauptmomenten

Unter der Voraussetzung my ≥ mx liefert das im Bild 4.16 dargestellte Flußdiagramm jene Bemessungs-
momente mud bzw. m’ud , die der Biegebemessung im ULS zu Grunde zu legen sind. Die Momente mud
bewirken Zug an der Plattenunterseite und m’ud an der Plattenoberseite. Beispielsweise liefert die Be-
messung eines Plattenstreifens der Breite „1“ für das einwirkende Biegemoment m’udy die obere Beweh-
rung in y-Richtung. Die Begründung zu Bild 4.16 folgt im Abschnitt 6.

ist

JA m x ≥ – m xy NEIN

m udx = m x + m x y m udx = 0
m xy 2
m udy = m y + m x y m udy = m y + ----------
m x
ist

JA m x ≤ – m xy NEIN

m xy 2
m′ udx = – m x + m xy m′ ud x = – m x + ----------
m y
m′ udy = – m y + m xy m′ ud y = 0

Bild 4.16 Bestimmung der Bemessungsmomente aus den Werten von mx, my und mxy in den
Grenzzuständen der Tragsicherheit (EC2, Anhang 2)

4.2.3.3 Drillbewehrung und Ankerkraft

Im Bild 4.17 sind die Biegemomente mx, my und m xy einer frei drehbar linienförmig gestützten Rechteck-
platte unter Gleichlast skizziert. Man erkennt, daß in der Plattenecke lediglich Drillmomente auftreten.
Die zur Aufnahme der Drillmomente erforderliche Bewehrung folgt aus Bild 4.16.

m udx = m u dy = m' udx = m' udy = m x y (4.23)

14.11.01 124
4. Platten

a b

my mx mxy

myx mxy

Re = 2mxy

Bild 4.17 Ecke einer frei drehbar gelagerten Platte


a) Schnittgrößenverlauf
b) Ersatzschubkräfte für Drillmoment und Lagerkräfte

Das Bild 4.17 b zeigt die am Plattenrand wirkenden Drillmomente in Form von Ersatzschubkräften. Wäh-
rend sich benachbarte Ersatzkräfte nahezu aufheben, addieren sich im Platteneck die entstehenden
Schubkräfte. Um die der Schnittgrößenermittlung zu Grunde gelegten Randbedingungen (Linienlage-
rung) zu erfüllen, muß die negative (abhebende) Auflagerkraft im Platteneck mit der Eckkraft

R e = 2 ⋅ m xy (4.24)

nach unten verankert werden (Bild 4.18 a), oder durch eine ständige Auflast von mindestens 1/16 der
Plattenbelastung auf die Lagerlinie gedrückt werden (Bild 4.18 b).

a Querstab, besser
Schlaufenmatte

Anker

Eckkraft Re

b Auflast

Querstab, besser
Schlaufenmatte

Bild 4.18 Frei drehbar gelagerte Platten: Bewehrungsführung im Eckbereich


a) ohne Auflast (Anker)
b) mit Auflast

14.11.01 125
4. Platten

x
a myx b

1 (−)
y
my = 0

m
m
mxy 2 (+)
1
mx = 0

1
1
c d e
B

A
obere Bewehrung
m2
(+

1 (−)
)

as
Schnitt B-B
B

as
p A -A

untere Bewehrung
A

itt

2 (+)
hn
Re

m
Sc
m1
(−
)

as
p

as
as
KF

Bild 4.19 Ecke einer frei drehbar umfangsgelagerten Platte mit Eckverankerung
a) Eckschnittgrößen (Drillmomente) mxy
b) Hauptmomente (m1, m2) in der Plattenecke
c) Schnittkräfte (qualitativ) infolge der Eckverankerungskraft Re
d) Bewehrungsführung (Trajektorienbewehrung)
e) Bewehrungsführung (orthogonale Netzbewehrung)

Wenn die Plattenecken nicht belastet oder verankert sind, hebt die Platte im Eckbereich von der Lager-
linie ab (Bild 4.20a). Es entsteht ein anderes statisches System (ohne Lagerung im Eckbereich). Da-
durch nehmen die Feldmomente zu (Größenordnung : 20%)

a b

Bild 4.20 Biegefläche einer Platte (schematisch)


a) ohne Eckverankerung
b) mit Eckverankerung

14.11.01 126
4. Platten

4.3 Punktförmig gestützte Platten

4.3.1 Schnittgrößen

Punktgestützte Platten liegen direkt auf den Stützen auf. Sie werden deshalb auch als unterzuglose
Decken bezeichnet. Man unterscheidet Flachdecken (Bild 4.21) und Pilzdecken (Bild 4.22), bei denen
die Platte im Stützenbereich verstärkt (pilzförmig angevoutet) ist.
Punktgestützte Platten werden heute nach der Methode der Finiten Elemente linear elastisch berechnet.
Zur Vorbemessung und zu Kontrollzwecken hat sich das nachfolgend beschriebene Näherungsverfah-
ren bewährt.
Wenn das Verhältnis der Rasterabmessung 0,7 nicht unterschreitet, darf man die punktgestützte Platte
näherungsweise in zwei einander kreuzende Rahmenstreifen zerlegen.
Pilz- und Flachdecken weisen nämlich eine ähnliche Tragwirkung auf, wie zwei Scharen sich gegensei-
tig durchdringender Rahmen. Normalerweise werden die Horizontalkräfte über die Deckenscheiben in
vertikale Aussteifungselemente (Stiegenhauskerne, Wandscheiben etc.) abgeleitet. Dann werden die
Stützen an ihren Enden durch die Deckenscheiben festgehalten. Die Tragwirkung ist vergleichbar mit
einem seitlich unverschieblichen Stockwerkrahmen.

Bild 4.21 Flachdecke

Bild 4.22 Pilzdecke

14.11.01 127
4. Platten

y lx
fiktive Linienlagerungen

ly

ly

ly

ly

lx lx

Bild 4.23 Ersatzrahmen

Das Berechnungsmodell besteht aus den beiden im Bild 4.23 grau hinterlegten Plattenstreifen mit der
Breite ly in x-Richtung bzw. mit der Breite lx in y-Richtung. Dabei wird angenommen, daß beide Platten-
streifen über den Stützen linienförmig gelagert sind. Weil die Biegesteifigkeit der Stützen normalerweise
klein im Vergleich zur Biegesteifigkeit der Plattenstreifen ist, werden für die Vorbemessung meist die
Plattenstreifen als Durchlaufträger modelliert.

14.11.01 128
4. Platten

streifen

streifen
streifen

streifen

streifen
Gurt-

Gurt-
Gurt-

Feld-

Feld-
a

lx
X

lx

Flachdecke: 0,4 lx 0,6 lx 0,4 lx 0,6 lx 0,4 lx

tatsächliche
Pilzdecke: 0,5 lx 0,5 lx 0,5 lx 0,5 lx 0,5 lx Verteilung my
abgestufte
b Verteilung my
m y = ℵ ⋅ m ym

Mittelwert mym
My
m ym = -------
lx

Bild 4.24 Plattenstreifen in y-Richtung


a) Definittion der Gurt- und Feldstreifen
b) Verteilung von my

Anmerkung: Das Bild 4.24 gilt auch für die x-Richtung, wenn man die Indizes x und y vertauscht.

Jeder Plattenstreifen ist mit der Gesamtlast in ungünstigster Anordnung und Kombination zu be-
heben.
Die auf diese Weise erhaltenen extremalen Stützenelemente MSx bzw. MSy und Feldmomente MFx bzw.

14.11.01 129
4. Platten

MFy beziehen sich auf den jeweiligen Plattenstreifen mit der Breite by bzw. bx.

Um der Tatsache Rechnung zu tragen, daß sich die Plattenmomente m über die Breite der Plattenstrei-
fen stark unterschiedlich verteilen (Bild 4.24 b) werden die Plattenstreifen in Grut- und Feldstreifen un-
terteilt. Die Gurtstreifen, die direkt über die Punktstützungen verlaufen, werden wesentlich höher
beansprucht, als die Feldstreifen.

Mit dem Mittelwert

My Mx
m ym = ------- bzw. m xm = ------- (4.25)
lx ly

läßt sich die im Bild 4.24 b treppenförmig angenäherte Aufteilung der Biegemomente auf die Gurt- und
Feldstreifen wie folgt annehmen:

my = ⋅ m y m bzw. m x = ⋅ mx m (4.26)

Die Werte ?? sind in der Tabelle im Bild Bild 4.25 zusammengefaßt.

FLACHDECKE PILZDECKE

Gurtstreifen Feldstreifen Gurtstreifen Feldstreifen

Stützquerschnitt 1,9 0,4 Stützquerschnitt 1,5 0,5

Feldquerschnitt 1,3 0,8 Feldquerschnitt 1,1 0,9

Bild 4.25 Beiwerte ?? zur Formel

Dabei sind die Bemessungsmomente mx, Sd und my, Sd für die Gurt- und Feldstreifen näherungsweise
ermittelt. Es folgt die Biegebemessung in den maßgebenden Querschnitten (Stütz- und Feldquer-
schnitt).
Neben dem Nachweis der Biegetragfähigkeit ist bei punktgestützten Platten auch die Tragfähigkeit
(ULS) hinsichtlich Durchstanzen nachzuweisen (11.Abschnitt). Für diesen Nachweis benötigt man die
auf eine Stütze entfallende maximale Auflagerkraft. Das Bild 4.26 b zeigt den zugehörigen Lastbereich.
Er ist durch die Querkraftsnullpunkte der stellvertretenden Plattenstreifen bestimmt.

14.11.01 130
4. Platten

Vx

Vy

Bild 4.26 Lasteinwirkungsbereich für die auf eine Stütze entfallende Auflagerkraft

14.11.01 131
4. Platten

4.3.2 Begrenzung der Durchbiegung

Lx
Ly

w1
w2
w1

Fel
ds t
r e if
en
n
ife
rt e
s St ü
eld tz s
F tre i
n fe n
ife
rt e
zs
üt
St

Fe l
dst
r e if
en

mx x

y
my

n
ife
rt e
zs
üt
St

Bild 4.27 Bildfläche einer schlaff bewehrten Flachdecke (Lx = Ly)

14.11.01 132
4. Platten

C fCx

fA
fAy

fBx

lx lx

b=1
b=1
A fA ly D

f ’A
B

f Bx + f Cx f Dy + f Ey
f A = ---------------------- + f Ay f' A = ---------------------- + f Ax
2 2

1
f = --- ⋅ ( f A + f' A )
2

Bild 4.28 Begrenzung der Verformung

14.11.01 133
4. Platten

4.4 Fundamentplatten

14.11.01 134
4. Platten

4.5 Öffnungen in Platten

Zur Durchführung von Installationsleitungen bzw. von Treppen etc. werden häufig Öffnungen bzw. Aus-
sparungen benötigt. Selbstverständlich ist es kein Problem, derartige Öffnungen in FE-Analysen zu be-
rücksichtigen. Allerdings ist die Interpretation der Ergebnisse in unmittelbarer Nähe des Lochrandes
(insbesondere in den Ecken) nicht ganz einfach. Deshalb wird nachfolgend der Einfluß von Öffnungen
näherungsweise durch Plattenstreifen berücksichtigt:

• Kleine Rechtecköffnungen (b < lx / 5)

Bei kleinen Öffnungen ist es ausreichend, die auf die Öffnung entfallende Bewehrungsmenge konzen-
triert neben der Öffnung anzuordnen (Bild 4.29). Außerdem sollten zur Beschränkung der Rißbreiten
Querzulagen vorgesehen werden. Schließlich sind die Ränder gemäß Bild 4.29 mit Steckbügeln einzu-
fassen. Den Spannungsspitzen in einspringenden Ecken kann man mit konstruktiv eingelegten Diago-
nalstäben in den Ecken Rechnung tragen.

konstruktiv
Haupttragwirkung

s s
Querzulagen
s

lx
Schnitt s-s
s

Längszulagen

Bild 4.29 Bewehrung im Bereich einer kleinen Rechtecköffnung

• Große Rechtecköffnungen (b > lx / 5)

Um große Öffnungen werden häufig Ersatzsysteme („Auswechslungen) mit verstärkten Plattenstreifen


(„versteckte Unterzüge“) verwendet. Sie sollten genauer nachgewiesen werden - besonders das Verfor-
mungsverhalten. Im Bild 4.30 ist eine derartige „Auswechslung“ mittels Plattenstreifen für den Fall einer
einachsig gespannten Platte dargestellt.

14.11.01 135
4. Platten

verstärkte Plattenstreifen
in Querrichtung y

lx

ungestörte ungestörte
einachsige einachsige
Tragwirkung verstärkte Plattenstreifen Tragwirkung
in Längsrichtung x

Bild 4.30 Anordnung verstärkter Plattenstreifen zur näherungsweisen Bemessung


der Bewehrung um großen Öffnungen

14.11.01 136
5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung

5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung

Bei Stützen überwiegt in der Regel die Längskrafteinwirkung, sodaß die Bemessungssituation keine bis
mittlere Lastausmitte vorherrschen. Von den im Bild 2.18 definierten Grenzdehnungszuständen treten
deshalb vorzugsweise die Dehnungsbereich (1) und (2) auf. Im Dehnungsbereich (1) bleiben die Beweh-
rungen As1 und As2 unter Druckbeanspruchung. Im Dehnungsbereich (2) befindet sich die Bewehrung
As1 zwar unter Zugbeanspruchung, die Dehnungen bleiben aber im elastischen Bereich (εs1 < εy) . Zur
Stärkung der Druckzone wird deshalb meist eine zur Bewehrung As1 symmetrische Druckbewehrung
angeordnet
As1 = As2

Der Iterationsprozeß zum Aufsuchen jenes Grenzdehnungszustandes, bei dem die Gleichgewichtsbe-
dingungen erfüllbar sind und die anschließende Bemessung der Bewehrung werden üblicherweise elek-
tronisch durchgeführt. Für die Handrechnung lassen sich Bemessungsdiagramme erstellen.

5.1 Interaktionsdiagramme für einachsige Biegung

Anmerkung: Die Herleitung der Interaktionsdiagramme wird in der Vorlesung gebracht (siehe auch C-Skriptum)

Die reaktiven Schnittkräfte lassen sich in eine dimensionslose Form bringen. Die bezogenen Schnittkräf-
te

N Sd ( -)
ν ( - ) = --------------------- (5.1)
f cd ⋅ A c

M sd
µ = ----------------------------- (5.2)
f cd ⋅ A c ⋅ h

sind für eine bestimmte Querschnittsform von den Querschnittsabmessungen unabhängig. Dadurch
können allgemeingültige Interaktionsdiagramme für die Handrechnung erstellt werden.
Die Tafeleingangsparameter sind:
1) die Stahlgüte (z.B. S 550),
2) das Bewehrungsverhältnis (meist A s 1 = A s2 ),
ds d2
3) die Randabstände der Bewehrung æ -----ö und ------ ; meist wird d1 = d2 angenommen
è hø h
4) die Querschnittsform
Rechteck [ - ]
Kasten [ b0 / b, h0 / h ]
Kreis [-]
Kreisring [ d0 / d ]

14.11.01 137
5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung

h0

b0 d0
d
h

Bild 5.1 Querschnittsform (Definition der Bezeichnungen)

Das Bild 5.2 enthält als Beispiel ein Interaktionsdiagramm für einen Rechteckquerschnitt.

Anmerkungen: Weitere Diagramme finden sich im Übungsskriptum

14.11.01 138
5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung

Bild 5.2 Interaktionsdiagramm für die Bemessung von Stützen nach Theorie 1.Ordnung

14.11.01 139
5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung

Der Kurvenverlauf der Interaktionssdiagramme läßt erkennen, daß im Bereich kleiner bezogener Nor-
malkräfte (ν ≈ 0 bis − 0,4) eine Erhöhung der Druckkraft (bei gleichbleibendem Moment) die Tragfähig-
keit verbessert, das heißt weniger Bewehrung erforderlich macht.

Bei großer bezogener Normalkraft ( υ > 0,4) führt eine Erhöhung der Druckkraft zu einem größeren
Stahlbedarf.
Für die bezogenen Schnittkräfte ν und µ - gemäß den Gleichungen (5.1) und (5.2) - entnimmt man
dem Diagramm den Bewehrungswert ω. Damit folgt für die erforderliche Stahlfläche

fc d
A s, tot = A s1 + A s2 = ω tot ⋅ ------- ⋅ A c (5.3)
f yd

Die Tragfähigkeit gilt als nachgewiesen, wenn die vorhandene Stahlfläche größer oder gleich der nach
Gleichung (5.3) erforderlichen Fläche ist.

14.11.01 140
5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung

5.2 Interaktionsdiagramme für zweiachsige Biegung

Auch bei zweiachsiger Biegung lassen sich die Schnittkräfte auf den Einheitsquerschnitt transformieren
(Bild 5.3).

a b
As2 b ρ2 1

ds ds/h

η µy
ν
y My N 1
h

Mz
µz
ρ1
bs/b
As1 ζ
bs
z

Bild 5.3 Zweiachsige Biegung


a) tatsächlicher Querschnitt und tatsächliche Schnittgrößen
b) Einheitsquerschnitt und bezogene Schnittgrößen

Die aktiven Schnittkräfte lauten in bezogener Form:

M Sdy
µ y = ---------------------------- (5.4)
f cd ⋅ b ⋅ h 2

M Sdz
µ z = ---------------------------- (5.5)
f cd ⋅ b 2 ⋅ h

N Sd
ν = ------------------------- (5.6)
f cd ⋅ b ⋅ h

Im Vergleich zur einachsigen Biegung kommt hier eine Variable hinzu, nämlich das Biegemoment µz
um die z-Achse. Da in einem zweidimensionalen Diagramm nur zwei Variable darstellbar sind, kann ein
Interaktionsdiagramm nur für eine bestimmte Normalkraft ν = const (Bild 5.4) erstellt werden.

14.11.01 141
5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung

µz
ν = const

Symmetrieachse

max ω

ω=0

µy

Bild 5.4 µy / µz-Interaktion für ν = const

Bei symmetrischer Bewehrung A s 1 = A s2 , die bei Stützen zweckmäßig und üblich ist, verlaufen die
Kurven im Bild 5.4 symmetrisch zur Geraden µy = µz.

Deshalb genügt es, für eine bestimmte Normalkraft einen Sektor von 45° darzustellen und die Achsen
mit µ1 und µ2 zu bezeichnen. Dann gilt

µy > µz : µ1 = µy µ2 = µ z
µy < µz : µ1 = µz µ2 = µ y (5.7)

Das Bild 5.5 besteht demnach aus acht voneinander unabhängigen Diagrammen, wobei jedes einer an-
deren Normalkraft ν entspricht. Für eine einwirkende Normalkraft νSd, die zwischen den Eingangspara-
metern ν liegt, darf zwischen den Diagrammen linear interpoliert werden.

14.11.01 142
5. Bemessung von Druckstäben nach Theorie I.Ordnung

Bild 5.5 Interaktionsdiagramm für zweiachsige Biegung

14.11.01 143
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.1 Allgemeines

Dieser Abschnitt behandelt schlanke Druckglieder (Stützen, Rahmenstiele, etc.), bei denen die Verfor-
mung einen signifikanten Einfluß auf die Biegemomente hat (Verformungsmomente). Dieser „second
order effect“ (Theorie II. Ordnung) läßt sich mit Hilfe der nichtlinearen M/ϑ-Beziehung erfassen, wobei
die Rißbildung, das Schwinden und Kriechen des Betons und die nichtlinearen Materialeigenschaften
im ULS zu berücksichtigen sind.
Geometrische Imperfektionen, durch die Vorkrümmung und/oder Schiefstellung der Stabachse, sowie
durch einen ungenauen Lastangriff sind in Form einer Zusatzexzentrizität ea (ungewollte Ausmitte) zu
berücksichtigen. Sie stellt ein additives Sicherheitselement dar - ähnlich den Toleranzen (Maßabwei-
chungen) der Bewehrungslage.
Zur Berechnung der Schnittkräfte sind konventionelle lineare Methoden zulässig, wenn man die Theorie
II.Ordnung, mit reduzierten Biegesteifigkeiten BII anwendet (Sekantensteifigkeit). Wie das Bild 6.1 ver-
anschaulicht, wird dadurch die Krümmung - besonders bei Beanspruchungen, die unter dem Rißmo-
ment liegen - auf der sicheren Seite liegend zu groß in Rechnung gestellt und damit die Stabverformung
überschätzt.

a b
M (- ) Tension M
N = const
Stiffening
A s = const K
My My
tatsächlicher
Kurvenverlauf
bi-lineare
Annäherung
nackter Zustand II
M cr

MD B II
B mII

ϑu ϑ ϑ
ϑym ϑ y II ϑ ym ϑ yII

Bild 6.1 Verallgemeinertes Stoffgesetz des Stahlbetons


a) mittlere M/ϑ-Beziehung (Kurzzeitverhalten)
b) Linearisierung der M/ϑ-Beziehung

Natürlich ist eine nichtlineare Analyse auf der Basis ebenbleibender Querschnitte (Hypothese von
Bernoulli) unter Annahme „wirklichkeitsnaher Stoffgesetze“ (z.B. Bild 2.8) genauer.
Eine Vereinfachung dieser Methode besteht darin, daß man nur einen Querschnitt der Stütze - den maß-
gebenden oder kritischen Querschnitt - nichtlinear betrachtet und entlang der Stabachse eine be-
stimmte Krümmungsverteilung annimmt (z.B. affin zur Momentenlinie).

14.11.01 144
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.2 Schlankheitsgrad λ

Mit Hilfe der Stabschlankheit

0l
λ = ---- (6.1)
i

l0 ......................Ersatzstablänge (wirksame Stablänge; siehe auch Abschnitt 6.4.7.3)


J
i = ---- ............Trägheitsradius
A
J .......................Trägheitsmoment des Querschnittes (normalerweise Jc im Zustand I)
A.......................Querschnittsfläche (normalerweise Ac im Zustand I)

Ersatzstablänge
Die Ersatzstablänge lo entspricht der Länge jener Modellstütze, die bei gleichem Querschnitt dieselbe
Tragfähigkeit aufweist, wie die tatsächlich in das Tragwerk eingebundene Stütze. Bei der Ermittlung der
Ersatzstablänge ist gebührende Umsicht zu üben, da es schwierig ist, alle relevanten Parameter auf ein-
fache Weise zu erfassen. Dies gilt insbesondere für die Randbedingungen an den Stabenden, die von
der Steifigkeit der anschließenden Elemente im Traglastzustand abhängen.
Knicklänge
Zur Abschätzung der Ersatzstablänge wird diese in der Praxis häufig mit der Knicklänge gleichgesetzt.
Die Knicklänge ist als Abstand der Wendepunkte der elastischen Knickbiegelinie definiert. Die im Bild
6.2 skizzierten Euler’schen Grundfälle liefern nützliche Schranken für die Eingrenzung der Ersatzstab-
länge.
Bei kleinen Schlankheiten sind die Auswirkungen der Stabverformung auf die Biegemomente gering,
das heißt die Verformungsmomente ∆M nach Theorie 2. Ordnung sind vernachlässigbar (∆M/M < 10%).
Wenn die Schlankheit λ das Kriterium

λ < 25 (6.2)

erfüllt, gilt die Stütze als nicht schlank. Dann dürfen die Schnittgrößen nach Theorie 1.Ordnung berech-
net werden. Die Bemessung erfolgt nach Abschnitt 5.
Stützen mit Schlankheiten

λ > 140 (6.3)

gelten als extrem stabilitätsgefährdet. Sie sind deshalb besonders vorsichtig zu untersuchen. Weitere
Angaben zu den Schlankheitsgrenzen finden sich im EC2.

14.11.01 145
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

Stützenkopf horizontal unverschieblich

l0 ≈ 0,7 l
l l0 = 0,5 l l0 = l

Stützenkopf horizontal verschieblich

l0 = l
l0 = 2 l

Bild 6.2 Euler’sche Knickfälle

14.11.01 146
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.3 Geometrische Imperfektionen

Die Auswirkung von geometrischen Abweichungen der Stabachse von der geplanten Lage läßt sich mit
einem Knick αa der Stabachse simulieren.
ea
a b

l
αa
ea
l0

l0
ea = α a ⋅ ----
αa 2

Bild 6.3 Definition der geometrischen Imperfektionen


a) Geknickte Stabachse bei seitlich unverschieblichen Systemen
b) Schiefstellung der Stabachse bei seitlich verschieblichen Systemen

Bei der Schnittgrößenermittlung am Tragwerk als Ganzes kann der Winkel αa berücksichtigt werden mit:

0,01
α a = ----------- im Bogenmaß, (6.4)
l

jedoch mindestens mit

α a = 0, 005 (6.5)

l ........................Stablänge in [m]
Alternativ zu Bild 6.3 darf die Auswirkung der geometrischen Imperfektion auch durch äquivalente Hori-
zontallasten H erfaßt werden (Bild 6.4).

N N N
H

0, 35l
0, 5l
ea
0, 7l
ea H
H
H = αa ⋅ N

H = 2α a ⋅ N H = 2α a ⋅ N

Bild 6.4 Erfassung von geometrischen Imperfektionen mit Hilfe


von äquivalenten Horizontallasten H

Bei seitlich verschieblichen Stockwerkrahmen (Bild 6.5) wird eine mittlere Schiefstellung αam über alle
Geschoße angesetzt,

14.11.01 147
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

1
α am = α a ⋅ 0,5 ⋅ æ 1 + -----ö (6.6)
è mø

wobei m die Anzahl der vertikal durchlaufenden Stützen bedeutet.

Anmerkung: Im Falle Bild 6.5 a und b geht in die Gleichung (6.6) die Gebäudehöhe l ein. Im Falle Bild 6.5 c ist l die Ge-
schoßhöhe und m die Gesamtanzahl aller Stützen in den beiden Geschoßen, die einen Beitrag leisten zu der
zu verankernden Horizontalkraft H2.

Die Imperfektionen (früher: „ungewollte Ausmitte“) bewirken Momente Ma (Theorie 1.Ordnung im maß-
gebenden Querschnitt m), entweder als Folge der Exzentrizität ea

M a = N ⋅ ea (6.7)

oder als Folge der äquivalenten Horizontallasten. Diese Momente sind den Lastmomenten nach Theorie
1.Ordnung zuzuschlagen.
a b c

α am

j Nj

H H1 H2
l i l
Ni
αam
αa m

H 1 = α am ⋅ ( N i – N j )
1 2 3 H 2 = αam ⋅ ( N i + N j )

Bild 6.5 Definition von geometrischen Imperfektionen


a) mittlere Schiefstellung αam (m = 3; drei Stützenreihen)
b) äquivalente Horizontalkräfte H1; sie ersetzen die Schiefstellung
c) lokale Abtriebskraft H2 für die Bemessung der Stabilisierungskräfte zwischen den
aussteifenden und den ausgesteiften Bauteilen
(Beispiel: Anschluß zwischen Decke und Kern)

e1 = e0 + ea
M1
e 0 = -------
N
Ma
e a = -------
N
M1 + Ma
e 1 = ---------------------- (6.8)
N

e1 .....................Gesamtausmitte nach Theorie 1. Ordnung (inklusive Imperfektion)


e0 .....................Lastausmitte nach Theorie 1. Ordnung (ohne Imperfektion)
ea .....................Ausmitte infolge einer geometrischen Imperfektion
M1 ....................Lastmoment nach Theorie 1. Ordnung
Ma ....................Moment nach Theorie 1. Ordnung

14.11.01 148
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4 Einzelstütze

6.4.1 Der Zusammenhang zwischen Stabverformung e2 und der Krümmung


ϑm2 im maßgebenden Querschnitt m

a) Stützenkopf gehalten

Wenn man den Verlauf der Krümmung ϑ(x) entlang der Stabachse vorgibt, läßt sich die Stabverformung
e2 mit Hilfe des Verformungsbeiwertes kM durch die Krümmung im maßgebenden Querschnitt ausdrük-
ken.

Parabolische Krümmungsverteilung
Unter der Annahme, daß die Krümmungsverteilung entlang der Stabachse einer quadratischen Parabel
entspricht, wird die Biegelinie ein Polynom 4.Ordnung.
Mit der Gleichung (3.91) erhält man e2 aus dem Bild 6.6:

2
1 l0 l0 3 l 0 ( 4 ⋅ ϑ m 2 + 6 ⋅ ϑ m2 )
e 2 = 2 ⋅ --- ⋅ ---- ⋅ ---- ⋅ æ ϑ m2 + 2 ⋅ --- ϑm 2ö = e 2 = ------ ⋅ -------------------------------------------------
6 2 4 è 4 ø 24 4

2
5 2 l0
e 2 = ------ ⋅ l 0 ⋅ ϑ m2 ≈ ------ ⋅ ϑ m 2 (6.9)
48 10

N
ϑm 2

v l0
e2 F = 1
l0 ----
4

3
--- ϑm2
4

Bild 6.6 Verformungsberechnung (Prinzip der virtuellen Arbeit)

14.11.01 149
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

Zum Vergleich sind nachfolgend noch andere Krümmungsverläufe angeschrieben:

a N

Theorie 1.Ordnung
Theorie 2.Ordnung
5
e 2 = ------ ⋅ l 02 ⋅ ϑ m2
ϑm 2 48
q
ϑ m1
5 1
k M = ------ = -------- = 0,104
48 9,6
quadratische Parabel

b N
ϑo
quadratische Parabel
ϑ m2 l 02
e 2 = ------ ⋅ ( 5ϑ m 2 + ϑ m 1 )
48
ϑ m1 ϑ m1
5 ⋅ æ 1 + -----------ö
è ϑ m2ø
k M = ----------------------------------
ϑu 48
N

Bild 6.7 Verformungsbeiwert kM für parabolischen Krümmungsverlauf


a) Horizontal wirkende Gleichlast (z.B. Windeinwirkung)
b) Linear veränderliche Lasextzentrizität

14.11.01 150
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

rechteckige Krümmungsverteilung

N Grenzfall: rechteckige
Krümmungsverteilung
M1 ( ϑm2 = konst )

M1 l 02
e 1 = ------- » e2 = ---- ⋅ ϑ m
N ϑm 8

1
k M = ---
8
M1

dreieckige Krümmungsverteilung

N
Grenzfall: dreieckige
Krümmungsverteilung
l 02
e2 = ------ ⋅ ϑ m
12
ϑ m qq
1
H k M = ------
12

sinusförmige Krümmungsverteilung

w ( x ) = e 2 ⋅ sin ------
2
N π xπ
Grenzfall: sinusförmige w′ ( x ) = e 2 ⋅ --- ⋅ cos ------
2 2
Krümmungsverteilung
π2 xπ
w″ ( x ) = – e 2 ⋅ ------ ⋅ sin ------
l2 2

ϑm 2 π2
ϑ m 2 = – w″ ( x = l/2 ) = e2 ⋅ ------
l2
l 02
e 2 = ------ ⋅ ϑ m2
x π2

π 2 = 9, 87 ≈ 10
1
k M = -----------
9,87

Bild 6.8 Verformungsbeiwert kM zu verschiedenen Annahmen für die Krümmungsverteilung

14.11.01 151
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

b) Stützenkopf frei

2
e2 N l0
N e 2 = ------ ⋅ ( 5ϑ m 2 – 2ϑ m1 )
H 48
H
Für N = 0 wird
l
ϑ m2 = ϑ m1 und
ϑm2
2H e2
l0 2
ϑm 1 lo
e 2 = ------ ⋅ ϑ m1
12
ϑm 1
5 ⋅ æ 1 – -----------ö
è ϑ m 2ø
H k M = ---------------------------------
48
N

e2 N N ϑ m2 l0
2
e 2 = ------ ⋅ ( 5ϑ m 2 – 2ϑ m1 )
48
q
l Für N = 0 wird

ϑ m2 = ϑ m1 und
q⋅l
l0 ⇔
e2 ϑm 1 2
lo
l e 2 = ------ ⋅ ϑ m1
16
ϑm1
5 ⋅ æ 1 – 2 ⋅ -----------ö
è ϑm2ø
N k M = -----------------------------------------
48

Bild 6.9 Verformungsbeiwert kM für Kombination aus linearer und parabolischer Krümmungsver-
teilung

Allgemein gilt für den Zusammenhang zwischen der Krümmung ϑm2 im maßgebenden Querschnitt
und der Verformung e2

2
e2 = k M ⋅ l 0 ⋅ ϑ m2 (6.10)

1 1
mit --- > k M > ------ (6.11)
8 12

1
Für eine der Momentenlinie angepaßte Bewehrungsabstufung sollte stets kM = --- angenommen werden.
8
Nach EC2 gilt für den Verformungsbeiwert kM näherungsweise

14.11.01 152
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

1
k M = ------ (6.12)
10

Beim klassischen Knicken wird die Biegelinie und damit die Krümmungsverteilung sinusförmig ange-
nommen.

1
k M = ------ (6.13)
π2

14.11.01 153
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4.2 Gleichgewicht am verformten Stab (Theorie 2.Ordnung)

Mit der Linearisierung des M/ϑ-Diagrammes nach Bild 6.1 b

Mr
ϑ m2 = ------- (6.14)
B II

erhält man aus Gleichung (6.10)

2 Mr
e 2 = k M ⋅ l ⋅ ------- (6.15)
B II

einen linearen Zusammenhang zwischen dem reaktiven Biegemoment Mr im maßgebenden Querschnitt


und der Stabauslenkung e2 (Bild 6.10).

Mr

B II
Reaktion M r ( e 2 ) = --------------- ⋅ e 2
2
kM ⋅ l

e2

B II
--------------- = N E ........Eulerlast
2
kM ⋅ l

Bild 6.10 Reaktion Mr

Das aktive Biegemoment nach Theorie 2.Ordnung lautet (Bild 6.11)

M 2 = M 1 + ∆M = M 1 + N ⋅ e 2 (6.16)

∆M....................Verformungsmoment
M1 ....................Moment nach Theorie 1.Ordnung
M2 ....................Moment nach Theorie 2.Ordnung
N ....................Normalkraft (Absolutbetrag)
e2 .....................Stabauslenkung im maßgebenden Querschnitt

Ma

Aktion
M1 M a ( e 2 ) = N a ⋅ ( e1 + e 2 ) = M 1 + Na ⋅ e 2

Na e2
e1

Bild 6.11 Aktion (Einwirkung) Ma in Abhängigkeit von der Stabverformung e2

14.11.01 154
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

Ein stabiles Gleichgewicht Ma = Mr herrscht im Schnittpunkt der beiden Geraden (Bild 6.12).

Reaktion

M2 Aktion
M1

Kugelgleichnis
NE für stabilen
Na e2 Gleichgewichtszustand
e1 e2

Bild 6.12 Die Gleichgewichtsbedingung Ma = Mr liefert die gesuchte Stabauslenkung e2

1
e 2 = ----------------- ⋅ e1 (6.17)
NE
------- – 1
Na

B II
N E = ----------------
k M ⋅ l 02
1
mit ------- = π2 und BII = EJ (6.18)
kM

ergibt sich die Formel für die klassische Eulerlast:

2
EJπ
N E = ------------- (6.19)
2
l0

14.11.01 155
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4.3 Instabilitätsfall

Dem Bild 6.1 entsprechend ist die Reaktion mit My begrenzt (Bild 6.13).
Wenn die Aktion die Reaktion im kritischen Knickpunkt K tangiert ist der Grenzzustand der Tragfähigkeit
erreicht. Wenn man die Normalkraft Na oder die Lastausmitte e 1 vergrößert, ist kein Gleichgewicht mehr
möglich; die Stütze wird instabil; die Verformung e2 wächst schlagartig bis Materialversagen eintritt. Im
kritischen Knickpunkt K herrscht ein labiles Gleichgewicht.

M
a b Aktion

Na K
G

M1 Reaktion

maßgebender
e1 e2 Querschnitt m
l e
Na NE

e1 e2

c Kugel-Gleichnis
Na

e2

Bild 6.13 Auswirkung einer bi-linearen M/ϑ-Beziehung auf die Tragfähigkeit eines schlanken
Druckstabes
a) Aktion M2 = N a · (e1 + e2) am verformten Stab
b) kritischer Gleichgewichtszustand im kritischen Knickpunkt K
c „Kugelgleichnis“ für labilen Gleichgewichtszustand

Wenn man entsprechend Gleichung (6.10)

1
ϑ m2 = --------------- ⋅ e2 (6.20)
2
kM ⋅ l0

die Abszissenachse verzerrt, erhält man das Bild 6.14, welches das komplexe Instabilitätsproblem des
Stahlbetondruckstabes auf eine einfache Querschnittsbetrachtung zurückführt. Die Reaktion entspricht
nämlich der M/ϑ-Beziehung im maßgebenden Querschnitt.

14.11.01 156
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

M
Aktion

K
M2 = M K G

M1 Reaktion
(M/ϑ-Diagramm) Mu
2
N a ⋅ k M ⋅ l0

ϑ
B II
Momenten-/Krümmungsbeziehung
e im maßgebenden Querschnitt m
ϑ m = --------------- ϑ K = ϑ m2
2
k M ⋅ l0

Bild 6.14 Bemessung von Stahlbetonstützen: Rückführung auf eine einfache Querschnittsanalyse

14.11.01 157
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4.4 Der „kritische Punkt“ K

Die Rückführung des relativ komplexen Problems der Bemessung schlanker Druckstäbe auf eine Quer-
schnittsbetrachtung zeigt anschaulich, daß für die größtmögliche Einwirkung das Gleichgewicht nur im
Punkt K erfüllbar ist (Bild 6.14).

Ma = Mr

Aktion Ma = M2 ⇔ Reaktion Mr = M K

Dieser Gleichgewichtszustand ist labil, d.h. bei einer geringen Störung wird die Stütze instabil (Ma > Mr).

Bei schlanken Stützen tritt der Instabilitätsfall ein, bevor die materialbedingte Querschnittstrag-
fähigkeit Mu erschöpft ist.

Anmerkung: Die materialbedingte Querschnittstragfähigkeit Mu entspricht dem Endpunkt G der M/ϑ-Linie im Bild 6.14. Für
diesen Grenzzustand des Querschnittswiderstandes im ULS gelten die üblichen Interaktionsdiagramme. Sie
wurden mit den normengemäßen Grenzdehnungszuständen nach Bild 2.31 erstellt. Für Stabilitätsprobleme
ist der Grenzpunkt G nur ausnahmsweise relevant, und zwar wenn er im Bild 6.14 links vor dem kritischen
Punkt K zu liegen kommt. Diesen Fall bezeichnet man als Spannungsfall 2.Ordnung. Er wird mit der oben
beschriebenen bi-linearen Näherung für die M/ϑ-Linie praktisch ausgeschlossen.

Die Reaktion im Bild 6.14 entspricht der M/ϑ-Beziehung im maßgebenden Querschnitt. Sie hängt be-
kanntlich von der Normalkraft, den Materialeigenschaften, der Querschnittsform und last not least von
der Bewehrungsfläche As = As1 + As2 ab. Bei Stützen wendet man normalerweise eine symmetrische
Bewehrungsanordnung As1 = As2 an.

Der Knickpunkt K im M/ϑ-Diagramm (Bild 6.14) ist dadurch gekennzeichnet, daß entweder in der
Biegezugbewehrung As1 die Fließdehnung εyd(+) auftritt (niedrige bezogene Normalkraft ν < 0,4)
oder daß in der Biegedruckbewehrung As2 die rechnerische Fließstauchung εyd(−) erreicht wird
(hohe bezogene Normalkraft ν > 0,4). Das Bild (6.15) zeigt ein N-M-W-Interaktionsdiagramm fü rden kri-
tischen Punkt K. An Stelle der Grenzdehnungen gemäß Bild 2.31, die für den Grenzpunkt G im Bild
(6.14) gelten, sind hier die Dehnungen εyd in der Druck- bzw. Zugbewehrung eingehalten.

Definition der Bezeichnungen:

Nc0 = fcd · Ac (6.21)

N Sd N Sd
ν = ----------------------- = ---------- (6.22)
f cd ⋅ b ⋅ h N c0

M Sd M Sd
µ = ------------------------- = ----------------- (6.23)
c0 ⋅ h
2 N
f cd ⋅ b ⋅ h

A s f yd N s0
ω = ----------- ⋅ ------- = ---------- (6.24)
b ⋅ h f cd N c0

N c 0 + A s ⋅ f yd
ν 0 = ---------------------------------- = 1 + ω (6.25)
N c0

ν .......................bezogene Normalkraft
µ .......................bezogenes Biegemoment
ω.......................bezogene Stahlfläche
ν0......................bezogene Normalkrafttragfähigkeit bei zentrischer Druckeinwirkung

14.11.01 158
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

( -)
εy d ( -)
zentrischer ε yd
Druck
( -)
ε yd

( -)
εyd Dekompression
( -)
ε yd
ν

ν0
( -)
zentrischer ε yd
Druck
ω ε c1 = 0
ω
( -)
ε yd
Druckbewehrung
ν = 1,0 ε s1 = 0 ausgenützt:
ν > 0,4
( -)
ω = 0 ε yd

ν bal = 0,4 „balanced point“


(+ )
ε yd Biegezugbewehrung
ausgenützt:ν < 0,4

(+ ) µ
ε yd ( -)
ε s2 > ε yd

Bild 6.15 Interaktionsdiagramm für den Rechteckquerschnitt mit


den Grenzdehnungen εs1 ≤ εyd und/oder εs2 ≥ −εyd

Das Bild 6.15 zeigt ein spezielles Interaktionsdiagramm, welches ausschließlich für den Knickpunkt K
gilt. Im oberen Bereich (ν > 0,4) wird die Stauchung der Druckbewehrung As2 mit εyd(−) festgehalten,
während die Dehnung der Bewehrung As1 innerhalb der Grenzen εyd(−) ≤ εs ≤ εyd(+) - also im Hoo-
ke’schen Bereich - liegt. Im unteren Bereich des Diagrammes (ν < 0,4) ist die Biegezugbewehrung As1
mit εyd(+) festgehalten. Die Biegedruckzone ist dagegen nicht ausgenützt (εs2 > εyd(−)).

Die rechnerische Fließdehnung εyd repräsentiert den Beginn des Stahlfließens, wodurch die M/ϑ-Linie
in den flachen Ast (Fließplateau) übergeht. Der Knickpunkt im M/ϑ-Diagramm wird also durch den Knick-
punkt im σ/ε-Diagramm des Stahles verursacht.
Im Dehnungsbereich (1) (Bild 6.16) herrscht Zustand I. Im Dehnungsbereich (2) ist die Fließstauchung
εyd(−) am Druckrand ausgenützt und im Dehnungsbereich (3) wird die Fließdehnung εyd(+) am Biegezu-
grand festgehalten.

14.11.01 159
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

(- )
ε yd
As 2

2 3
1 N Sd
y

M2 = MK
C

0
A s1
z
(+ )
ε yd

Bild 6.16 Dehnungszustände zu MK

Balanced Point
Am Übergang zwischen den Dehnungsbereichen (2) und (3) liegt die Dehnungsebene (B)-(C). Sie ist
dadurch gekennzeichnet , daß in beiden Bewehrungen As1 und As2 gleichzeitig die rechnerische Fließ-
dehnung εyd mit unterschiedlichen Vorzeichen auftritt. Die zugehörigen Schnittgrößen werden mit Nbal
und Mbal bezeichnet.

(- )
ε yd f cd
b
Ns 2

As Nc 0, 8 ⋅ x
------ x
2 ec
h a N bal
y ϑ bal M bal
N s1

A εyd
z -----s-
2

Bild 6.17 Dehnungszustand und Schnittkräfte im balanced point

Beispielsweise lauten für einen Rechteckquerschnitt mit symmetrischer Bewehrung die reaktiven
Schnittgrößen für diesen speziellen Dehnungszustand (Bild 6.17) :

N bal = N c + N s1 + N s2 (6.26)

As
N s2 = – f yd ⋅ ------ (6.27)
2

As
N s1 = +f y d ⋅ ------ (6.28)
2

14.11.01 160
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

N bal = N c = f cd ⋅ b ⋅ 0, 8 ⋅ x (6.29)

x = 0, 5 ⋅ h (6.30)

N bal = 0,4 ⋅ f cd ⋅ A c (6.31)

e c = 0, 3 ⋅ h (6.32)

f yd ⋅ A s ⋅ a
M bal = N c ⋅ 0,3h + -------------------------- (6.33)
2

2 ⋅ ε yd
ϑ bal = ---------------- (6.34)
a

14.11.01 161
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4.5 Bemessung der erforderlichen Bewehrung


(Modellstützenverfahren)

a b

ν ν
zentrischer Druck
ν0

ν Sd

Balanced Point (BP)


ν bal

µ ϑ
µ bal ϑK ϑ bal

Bild 6.18 Linearisierung der N/ϑ-Beziehung


Anmerkung: man kann die N/ϑ-Linie auch theoretisch genau darstellen (strichlierte Linie)

N ud f cd ⋅ A c + f y d ⋅ A s
ν 0 = ------------------ = ------------------------------------------- = 1 + ω (6.35)
f cd ⋅ A c f cd ⋅ A c

A s f yd
ω = ------ ⋅ ------- (6.36)
A c f cd

N Sd
ν Sd = ------------------ (6.37)
f cd ⋅ A c

N bal
ν bal = ------------------ (6.38)
f cd ⋅ A c

Rechteckquerschnitt: νbal = 0,4

Vorgangsweise:

1) Berechnung von νbal (Gleichung (6.38)) und ϑbal (Gleichung (6.34))


→ Punkt BP in Bild 6.18

2) Berechnung νSd (Gleichung (6.37))

3) Für νSd > µbal: Schätzung von ω (Gleichung (6.36)) und Berechnung von ν0 (Gleichung (6.35))

4) Entnahme von ϑK aus Bild 6.18 b


ϑ K = α r ⋅ ϑ bal
für νSd > νbal: lineare Interpolation mittels αr

14.11.01 162
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

ν 0 – ν Sd
α r = ---------------------- ≤ 1 (6.39)
ν 0 – ν bal

5) Berechnung von e2 mit Gleichung (6.20)

2 1
e 2 = k M ⋅ l0 ⋅ ϑ K (EC2: kM = ------ ) (6.40)
10

6) Ermittlung der Gesamtausmitte im maßgebenden Querschnitt

e to t = e 0 + e a + e 2 (6.41)

M Sd1
e 0 = -------------- .Theorie 1.Ordnung
N Sd
ea ................Imperfektion (siehe Bild 6.3)
e2 ................Stabverformung nach Theorie 2. Ordnung (Gleichung (6.41))

6) Bemessung der erforderlichen Bewehrung im maßgebenden Querschnitt für die Schnittgrößen NSd
und M Sd = N Sd ⋅ etot

Anmerkung: Streng genommen müßte die Bemessung mit den Interaktionsdiagrammen im Bild 6.15 erfolgen. Näherungs-
weise darf nach EC2 die Bemessung mit den üblichen Diagrammen durchgeführt werden, wenn diesen das
elastisch-plastische Stoffgesetz zu Grunde liegt.

7) Wenn das Ergebnis As der Bemessung wesentlich von der Schätzung im Schritt (3) abweicht, muß
der Bemessungsvorgang ab Schritt (3) mit einer neuen Annahme für As wiederholt werden.

Anmerkung: Für kleine Lastexzentrizitäten e1 < 0,1·h liefert das Verfahren zu ungenaue (auf der sicheren Seite liegende)
Ergebnisse. Auch bei Schlankheiten l > 140 sollten genauere Methoden anwendet werden.

14.11.01 163
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4.6 Genauigkeitssteigerung beim Modellstützenverfahren

Die im vorigen Abschnitt angewendeten Vereinfachungen führen zu einer für die komplexe Aufgaben-
stellung erstaunlich anschaulichen und verständlichen Bemessungsmethode (Modellstützenverfahren).
Das Problem wird auf eine einfache Querschnittsbetrachtung im maßgebenden (kritischen) Querschnitt
zurückführt (Bild 6.14).

6.4.6.1 Anwendungen des theoretisch genauen M/ϑ-Diagrammes

Eine Verbesserung der Genauigkeit erreicht man, indem man an Stelle der vereinfachten bi-linearen
M/ϑ-Beziehung den theoretisch genaueren Kurvenverlauf nach Abschnitt 3.6.4 ermittelt. (Bild 6.19 und
Bild 3.24).
Mm

n
tio
Ak G
K Reaktion

M1
2
N Sd ⋅ k M ⋅ l 0 MK
M cr

ϑm
ϑK

e1
------------------
-
2
k M ⋅ l0

Bild 6.19 Rückführung des Stabilitätsproblems einer Einzelstütze auf die M/ϑ-Linie im kritischen
Querschnitt

Mit der kritischen Krümmung erhält man die Stabauslenkung e2

2
e2 = k M ⋅ l0 ⋅ ϑK (6.42)

und damit das Verformungsmoment nach Theorie 2.Ordnung

∆M = N ⋅ e 2 (6.43)

welches zum Biegemoment M1 nach Theorie 1.Ordnung hinzukommt

M 2 = M 1 + ∆M (6.44)

Damit lauten die Bemessungsschnittgrößen im ULS

N Sd = N (6.45)

M Sd = M 2 (6.46)

e2 .....................Stabverformung
l0 ......................Ersatzstablänge (Abschnitt 6.2, bzw. Abschnitt 6.4.7.3)
kM .....................Verfomrungsbeiwert, der die Krümmungsverteilung entlang der Stabachse beschreibt
NSd, MSd ..........Bemessungsschnittgrößen (maßgebende EK im ULS)

14.11.01 164
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4.6.2 Genauere Erfassung des Verformungsbeiwertes kM

• Der Beiwert kM kann näherungsweise mit kM = 1/10 angenommen werden (EC2). Eine merkliche Ge-
nauigkeitssteigerung wird erreicht, wenn man kM nach Abschnitt 6.4.1 ermittelt bzw. iterativ verbes-
sert.

• Wenn die Biegemomente nach Theorie 1.Ordnung konstant verlaufen, sollte kM = 1/8 angesetzt wer-
den.

• Wenn das Moment 1.Ordnung durch eine horizontale Einzellast in Stabmitte verursacht wird oder -
was gleichwertig ist - durch eine Horizontalkraft am Kopf einer Kragstütze angreift, kann kM= 1/12
angenommen werden.

• Wenn die Bewehrung der Momentenlinie entsprechend abgestuft wird, sollte stets kM =1/ 8 einge-
setzt werden.

6.4.6.3 Näherungsweise Berücksichtigung der Kriechverformung

Bei Querschnitten mit symmetrischer Bewehrung kann die kritische Krümmung ϑK wie folgt berechnet
werden (MC90):

ϑK = α Φ ⋅ α r ⋅ ϑ bal (6.47)

mit Gleichung (6.34)

ε yd
ϑ bal = 2 ⋅ -------- (6.48)
a

ϑbal ...................Krümmung im balanced point


αΦ.....................Korrekturfaktor für Kriechen
αr ......................Korrekturfaktor, der die Normalkraft bzw. Bewehrung berücksichtigt
εyd ....................Fließdehnung
a .......................Abstand zwischen den Schwerpunkten von Zug-und Druckbewehrung
Mit der wirksamen Kriechzahl Φeff

M g,1
Φ eff = Φ ⋅ --------------- (6.49)
M Sd,1

Φ eff
α Φ = 1 + ---------- (6.50)
4

Φ ......................Kriechbeiwert (Endkriechzahl)
Mg,1 ..................quasi-ständig einwirkendes Biegemoment (SLS) nach Theorie 1.Ordnung
MSd,1 ................Bemessungsmoment (ULS) nach Theorie 1.Ordnung

Anmerkung: Mg,1 und MSd,1 enthalten die Auswirkung der Imperfektion e a.

Eine genauere Möglichkeit die Auswirkung von Kriechen und Schwinden zu berücksichtigen besteht
darin, die Zunahme der Krümmung im maßgebenden Querschnitt ϑcs + ϑcc gemäß Bild 6.20 in die M/ϑ
- Beziehung einzubringen.

14.11.01 165
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

Die Auswirkung des Kriechens darf vernachlässigt werden (Φ = 0), wenn zumindest zwei der nachfol-
genden Bedingungen erfüllt sind:

λ ≤ 40 (6.51)

e1
------ ≥ 2 (6.52)
h

Ng
---------- ≤ 0, 15 (6.53)
N Sd

2 Mg
N K ⋅ kM ⋅ l 0
ϑc s + ϑc c

ϑ
ϑK
e1
------------------
-
2
k M ⋅ l0

Bild 6.20 „Parallelverschiebung“ der M/ϑ-Kurve durch Kriechen

Mg ....................ständige Einwirkung
ϑcs ....................Krümmungszunahme durch Schwinden
ϑcc ....................Krümmungszunahme durch Kriechen

14.11.01 166
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4.7 Ersatzstabverfahren

6.4.7.1 Allgemeines

Mit dem Modellstützenverfahren läßt sich eine einzelne schlanke Stahlbetonstütze mit praxisgerechter
Einfachheit und ausreichender Genauigkeit bemessen.
Normalerweise ist der Bewehrungsanteil von Stützen im Vergleich zu den übrigen Bauteilen eines Bau-
werkes gering. Deshalb ergibt sich auch aus wirtschaftlicher Sicht keine Notwendigkeit, die Bewehrung
von Stützen auf das statisch gerade noch vertretbare Mindestmaß zu minimieren. Dagegen spricht auch
die zentrale Bedeutung von Stützen als Tragelement. Häufig kommen später unvorhergesehene Last-
fälle hinzu. Dann ist der Bauherr dankbar, wenn in der Tragfähigkeit der Stützen noch gewisse Reserven
vorhanden sind. Diese Gründe sprechen dafür, bei der Bemessung von Stützen großzügig vorzugehen.
Auch die Tatsache, daß man duktile robuste Konstruktionen anstrebt, spricht dafür, plastische Gelenke
möglichst außerhalb der Stützen in Biegequerschnitte zu verlegen und Instabilitätsfälle womöglich zu
vermeiden.
Vom restlichen Tragwerk hinsichtlich ihrer Tragwirkung isolierte Einzelstützen kommen in der Praxis
häufig vor - insbesondere in Form von Kragstützen z.B. bei Hallen oder als aussteifender Kern in Hoch-
bauten. Deshalb werden Kragstützen im Abschnitt 6.4.7.4 nochmals ausführlicher besprochen.
Mit Hilfe des Ersatzstabverfahrens kann man in vielen Fällen eine in das Tragsystem eingebun-
dene Stütze gedanklich aus diesem herauslösen und als isolierte Einzelstütze nach dem Modell-
stützenverfahren bemessen.
Selbstverständlich besteht die Forderung, daß die Modellstütze dieselbe Beanspruchung und Tragfähig-
keit aufweisen soll, wie die wirkliche in das Tragsystem (Stockwerkrahmen etc.) integrierte Stütze.
Für die Definition dieses Ersatzstabes sind folgende Größen erforderlich:
NSd ...................einwirkende Druckkraft im ULS für die maßgebende EK
e1 .....................Ersatzausmitte nach Theorie 1.Ordnung (inklusive der Imperfektion ea) im maßgeben-
den Querschnitt
kM .....................Verformungsbeiwert, der die Krümmungsverteilung entlang der Stabachse berücksich-
tigt. Er hängt von den Lagerungsbedingungen und von der Belastungsart ab, die auf die
Modellstütze einwirkt (Abschnitt 6.4.1)
l0 ......................Ersatzstablänge. Sie entspricht der Länge der Modellstütze, die zum Vergleich heran-
gezogen wird.
κ .......................Modellstützenbeiwert. Dieser Faktor ermöglicht es, spezielle Einwirkungen und Lage-
rungsbedingungen auf einfache Weise zu berücksichtigen

∆M = κ ⋅ N Sd ⋅ e2 (6.54)

Anmerkung: Hinsichtlich ea gilt Abschnitt 6.3. Der Beiwert kM wurde im Abschnitt 6.4.1 behandelt. Die Ersatzausmitte ee,
die Ersatzstablänge l0 und der Beiwert κ werden nachfolgend besprochen.

6.4.7.2 Ersatzausmitte ee

Wenn bei einem seitlich unverschieblich gelagerten Einzelstab die Momentenlinie nach Theorie 1.Ord-
nung entsprechend Bild 6.21 a verläuft, liegt die maximale Stabauslenkung nicht in der Stabmitte. Um
dieselbe Stabauslenkung in Stabmitte zu erhalten, arbeitet man mit einer entsprechend gewichteten Er-
satzausmitte ee (Bild 6.21 b).

e to t = e e + ea + e 2
e1 = ee + ea (6.55)

14.11.01 167
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

a b c
e02(+) e02(+)
N N N

e2 e2
ee e2

N N N
e01(+) e01(-)
elastische Einspannung

Bild 6.21 Ersatzausmitte: Definition der Bezeichnungen


a) Ausgangssituation
b) Ersatzausmitte
c) durchschlagende Momentenlinie

Unter der Bedingung e 02 > e 01 und mit den im Bild 6.21 definierten Bezeichnungen und Vorzeichen
lautet die Ersatzausmitte

e e1 = 0,6 ⋅ e02 + 0,4 ⋅ e 01 (6.56)

e e2 = 0,4 ⋅ e02 (6.57)

Der größere der beiden Werte ee1 oder ee2 ist maßgebend

e 01 ≤ ee ≥ e 02 (6.58)

Zusätzlich zur Bemessung der schlanken Stützen nach dem Modellstützenverfahren sind die Stabenden
für die Schnittgrößen nach Theorie 1.Ordnung (e01 bzw. e02) zu bemessen. Dabei ist die Mindestaus-
mitte

h
min e 0 = ------ (6.59)
20

einzuhalten. Stützen mit einem Momentenverlauf gemäß Bild 6.21, deren Schlankheit λ die Grenze

e 01
λ lim = 25 ⋅ æ 2 – --------ö (6.60)
è e 02ø

unterschreiten (Bild 6.22), gelten als nicht stabilitätsgefährdet. Sie dürfen deshalb für die Schnittgrößen
nach Theorie 1.Ordnung (unter Berücksichtigung der Imperfektionen ea) bemessen werden.

14.11.01 168
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

λ krit
75

50

25
e 01
--------
e02 e02 e02
e 02

e01 e01 e01


+1 0 –1
Bild 6.22 Grafische Darstellung der Gleichung (6.60)

6.4.7.3 Ersatzstablänge l0

Die Randbedingungen und die Belastung der Modellstütze sind der Problemstellung anzupassen. Dies
geschieht mit Hilfe der Parameter kM, e1, l0.

Eine parabelförmige (Bild 6.7) oder eine sinusförmige Krümmungsverteilung (siehe Abschnitt 6.4.1) set-
zen streng genommen voraus, daß die Stabenden momentenfrei sind - also Gelenke aufweisen. Die zu-
gehörige Ersatzstablänge l0 muß infolge dessen dem Abstand der Wendepunkte der Biegelinie bzw.
dem Abstand der Momentennullpunkte entsprechen.
In der klassischen Stabilitätstheorie geht man ähnlich vor: Man ermittelt den ersten Eigenwert und
entnimmt der ersten Eigenform die Knicklängen als Abstand der Wendepunkte. Wohl als Folge der zeit-
lichen Entwicklung der Theorie wird auch heute noch die Ersatzstablänge l0 näherungsweise gleich-
gesetzt mit der Knicklänge.
Im Stahlbetonbau ist es jedoch besser, in Biegelinien zu denken unter qualitativer Berücksichtigung der
materialbedingten und geometrisch bedingten Nichtlinearität (Theorie 2.Ordnung).
Trotzdem liefern die Knicklängen eine gewisse Hilfestellung bei der Ermittlung der Ersatzstablängen :

l0 = β ⋅ l (6.61)

l0 ......................Ersatzstablänge
l ........................effektive Stablänge
β .......................Ersatzlängenbeiwert

14.11.01 169
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

1) Seitlich unverschiebliche Systeme (β ≤ 1,0)

a b c d

0,71 l
l 1,0 l 0,5l β⋅l

β = 1 β = 0,7 β = 0,5 0,5 < β < 1,0

Bild 6.23 Euler’sche Knickfälle für seitlich ausgesteifte Systeme


a) beidseits frei drehbar gelagert (β = 1)
b) an einem Ende eingespannt, am anderen Ende frei drehbar (β = 0,7)
c) beidseitig starr eingespannt (β = 0,5)
d) beidseitig elastisch eingespannt (0,5 < β < 1,0)

Für seitlich ausgesteifte (unverschiebliche) Rahmen kann β dem Nomogramm im Bild 6.25a entnommen
werden. Es gilt grundsätzlich 0,5 < β ≤ 1,0

å
(i)
E cm ⋅ J ci ⁄ l c i
k A ( oder k B ) = ------------------------------------------------------
åE cm ⋅ α ⋅ J bi ⁄ l bi
(i )

α = 1 .................das abliegende Ende ist elastisch oder starr eingespannt


α = 0,5 ..............das abliegende Ende ist frei drehbar gelagert
α = 0 .................für einen Kragbalken

Beispiel
für Berechnung von kA
J c2 l c2 in Knoten A:
J b1 A J b2
J c1 J c2
-------- + --------
J c1 l c1 l c 2
l c1 k A = -------------------------------------
Jb 1 J b2
-------- + 0,5 ⋅ --------
l b1 l b2

l b1 l b2

Bild 6.24 Ermittlung der Leiterwerte kA und k B (Beispiel)

Anmerkung: 1/kA bzw. 1/k B sind die Steifigkeiten von Drehfedern CA bzw.C B an den Stabenden.

14.11.01 170
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

a unverschiebliche Rahmen b verschiebliche Rahmen

Bild 6.25 Nomogramm zur Ermittlung des Ersatzstablängenbeiwertes β


a) seitlich unverschiebliche Rahmen
b) seitlich verschiebliche Rahmen

2) Seitlich verschiebliche Systeme (β ≥ 1,0)

N b
a α c

CB
l
---
2
l l

c
l0 CA
l0

c = ∞: l0 = 2l
c = 0 : l0 = ∞

l 0 = 2l l0 = l
β = 2 β = 1 2l < l0 < ∞ 1,0 < β < ∞

Bild 6.26 Euler’sche Knickfälle für seitlich verschiebliche Einzelstäbe (a) und (b),
sowie die Verallgemeinerung auf elastische Drehfedern an den Stabenden (c)

14.11.01 171
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

JR JR

JS l JS

JS » J R JR » JS
β = 2 l β = 1

Bild 6.27 verschiebliche Rahmen (Sonderfälle)

Auch für seitlich verschiebliche Stockwerksrahmen gibt es ein Nomogramm zur Ermittlung von β (Bild
6.25 b). Grundsätzlich gilt: 1,0 < β < ∞

6.4.7.4 Kragstütze

Allgemeines

Kragstützen (Bild 6.26 a) sind ein häufig verwendetes Tragelement im Betonbau.


Kragstützen lassen sich mit der Ersatzstablänge l0 = 2 l auf die Modellstütze zurückführen, wobei kM >
0.1 (siehe Abschnitt 6.4.1 b) eingesetzt werden darf.

Berücksichtigung einer elastischen Fußeinspannung

Häufig sind Kragstützen in Einzelfundamenten eingespannt. Die Nachgiebigkeit des Baugrundes läßt
sich durch eine Drehfeder am Stützenfuß als elastische Einspannung simulieren.
Der Stützenfuß ist der maßgebende und kritische Querschnitt. Das reaktive Biegemoment am Stützen-
fuß ist für die Abtragung von Horizontal- und Vertikalkräften (Theorie 2.Ordnung) notwendig.
Obwohl das Bettungsmodulverfahren in der Bodenmechanik als veraltet gilt, wird es nachfolgend an-
gewendet, weil sich die Steifigkeit CF der Drehfeder am Stützenfuß mit dieser Methode besonders ein-
fach ableiten läßt. Dabei wird der Baugrund durch ein System von lotrechten elastischen Federn mit der
Federsteifigkeit ks simuliert, die sich unabhängig voneinander zusammendrücken lassen. Die im elasti-
schen Halbraum gegebene Wechselwirkung der Federn untereinander bleibt unberücksichtigt. Unter
der Annahme eines konstanten Bettungsmoduls ks stellt sich unter einem starren Fundamentblock eine
lineare Verteilung der Bodenpressung σB ein (Bild 6.28).

14.11.01 172
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

ks

x
σB

Bodenpressung ∆σ B ( x )

Bild 6.28 Bettungsmodulverfahren

Die Änderung der Bodenpressung infolge eines Momentes am Stützenfuß lautet

M
∆σ ( x ) = ----- ⋅ x (6.62)
J

und die Änderung der Bodensetzung aus der Fundamentdrehung

∆s ( x ) = ϕ ⋅ x (6.63)

Mit dem Bettungsmodul ks

∆σ ( x ) M
k s ( x ) = --------------- = ----------- = const (6.64)
∆s ( x ) ϕ⋅J

ergibt sich für die Federsteifigkeit CF der elastischen Einspannung am Stützenfuß:

M
C F = ----- = k s ⋅ J (6.65)
ϕ

J .......................Trägheitsmoment [m4] der Fundamentsohle


ks ......................Bettungsmodul [kN/m3]
CF .....................Drehfedersteifigkeit [kNm]

Anmerkung: Die Schwierigkeit liegt in der Festlegung des Bettungsmoduls ks, der in weiten Grenzen schwankt (Literatur:
Wölfer 1978). Beispielsweise: Moorboden: ks ~ 5000 kN/m3, festgelagerter Kies: ks ~ 250 000 kN/m3

14.11.01 173
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

ϕ⋅l e2 N
H

l
ϕ ϕ

CF

Bild 6.29 Elastische Einspannung am Stützenfuß

Das Moment nach Theorie 2.Ordnung lautet:

M2 = N ⋅ (e1 + ϕ ⋅ l + e2 ) (6.66)

M2 = ϕ ⋅ CF (6.67)

Gleichsetzen von Gleichungen (6.66) und (6.67):

N ⋅ ( e 1 + e2 )
ϕ = ----------------------------------- (6.68)
CF – N ⋅ l

Gleichung (6.68) in Gleichung (6.67) eingesetzt, ergibt:

M2 = κ ⋅ N ⋅ (e1 + e2 ) (6.69)

CF
κ = -------------------------- (6.70)
CF – N ⋅ l

Die Auswirkung der elastischen Einspannung läßt sich demnach einfach dadurch erfassen, daß man die
Normalkraft um den Modellstützenbeiwert κ nach Quast vergrößert.

14.11.01 174
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

Näherungsweise Berücksichtigung einer gleichmäßig verteilten Längskraft

a b
e2
κ⋅N
e2

e
Biegelinie als -----2-
g 4
l quadratische
Parabel
angenähert

Bild 6.30 a) gleichmäßig verteilte Längskraft


b) Ersatzlast am Stützenkopf

ò l e2
∆M = g ⋅ e 2 ( x ) dx = g ⋅ --- ⋅ e2 + 4 ⋅ ------ + 0 (6.71)
6 4
l Simpson’sche
Integrationsregel

1 1
∆M = --- ⋅ l ⋅ g ⋅ e 2 = --- ⋅ N ⋅ e2 (6.72)
3 3

1
κ = --- (6.73)
3

Eine gleichmäßig verteilte Längskraft g (z.B. Eigengewicht der Stütze, oder Fassadenlast) läßt sich
gleichwertig ersetzen durch die Einzellast κ · l · g am Stützenkopf.

Näherungsweise Bemessung einer schlanken aussteifenden Kragstütze

In Hochbauten werden meist Stiegenhauskerne inklusive Lift und Installationsschächte als aussteifende
Kragkonstruktionen ausgebildet (Bild 6.31 - Stützenreihe a). Wenn man die Summe aller ausgesteiften
Stützen (Bild 6.31 - Stützenreihe b) zusammenfaßt, kommt durch die seitliche Verschiebung e2,i in der
i-ten Decke eine Abtriebskraft Hi hinzu. Sie kann näherungsweise dadurch erfaßt werden, daß man Fb,i
am Ort a angreifen läßt (selbstverständlich ändert sich dadurch die Normalkraft in der Stützenreihe a
nicht). Wir setzen voraus, daß alle Geschoßhöhen und alle Geschoßlasten gleich groß sind - wobei Fa
≠ Fb sein kann. Unter der vereinfachenden Annahme, daß die Biegelinie nach Theorie 2.Ordnung eine
quadratische Parabel ist, ergibt sich näherungsweise das Verformungsmoment am Stützenfuß (Reihe
a):

å
n
∆M = ( F a + F b ) ⋅ e 2i (6.74)
i=1

Damit ergibt sich den Gleichungen (6.71) bis (6.73) entsprechend

N = n ⋅ Fa (6.75)

und

14.11.01 175
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

∆M = κ ⋅ N ⋅ e 2 (6.76)

1 Fb
κ = --- ⋅ æ 1 + ------ö (6.77)
3 è F aø

κ⋅N
e2 Fa Fb
Hn
Fa Fb
e2
e2i Fb Fb
Fa Hi
Hi
Fa Fb

Fb Abtriebskräfte H
Fa
H2
Fb
Fa
H1

a b a

Bild 6.31 aussteifende Kragstütze unter Stochwerkslasten


a) aussteifende Stützenreihe
b) ausgesteifte Stützenreihe (hier können mehrere Stützenreihen zusammengefaßt sein)

14.11.01 176
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.4.8 Wände

6.4.8.1 Einführung

Wände und Scheiben sind Flächentragwerke, die im Gegensatz zu Platten in ihrer Ebene belastet wer-
den. Lotrecht stehende Scheiben bezeichnet man als Wand oder Wandscheibe, horizontal angeordnete
als Deckenscheiben. Im Hochbau kommen Wände meist als raumabschließender Bauteil und werden
häufig zur Aussteifung des Gebäudes herangezogen. Wände sind kontinuierlich z.B. auf einem Funda-
ment gelagert, wandartige Träger sind wie Balken punktweise unterstützt. Wegen ihrer im Verhältnis
zur Spannweite großen Bauteilhöhe und damit geringen Verformung, werden wandartige Träger oft zum
Abfangen großer Lasten verwendet.

6.4.8.2 Wände

Wände sind meist wie Stützen überwiegend auf Druck beanspruchte Bauteile, deren Breite größer als
die vierfache Dicke ist. Wird diese Bedingung nicht erfüllt, so handelt es sich gemäß EC2 um ein stab-
förmiges Druckglied, das als Stütze zu bemessen und zu bewehren ist.
Für den Stabilitätsnachweis von schlanken Stahlbetonwänden sind in Bild 6.32 Knicklängenbeiwerte β
zusammengestellt, welche von der Art der Aussteifung bzw. Lagerung abhängen (zweiseitig, dreiseitig
und vierseitig gehalten).
Querwände dürfen als aussteifend im Sinne von Bild 6.32 betrachtet werden, wenn

• ihre Dicke mindestens gleich der Hälfte der Dicke hw der auszusteifenden Wand ist

• ihre Höhe gleich der auszusteifenden Wand ist

• ihre horizontale Länge lh mindestens ein Fünftel der Höhe lw der auszusteifenden Wand beträgt. In-
nerhalb von lh weist die Querwand keine Öffnungen auf.

Die Lasteintragung darf bei Innenwänden mit beidseitig anschließenden Decken als mittig wirkend vor-
ausgesetzt werden. Bei Wänden, die Lasten aus einseitig anschließenden Decken erhalten, ist dagegen
eine Lastausmitte zu berücksichtigen.
Bei zweiseitig gehaltenen Wänden, die im Bereich der Wand-Decken-Knoten eine Bewehrung zur Über-
tragung von Biegemomenten aufweist, darf der Knicklängenbeiwert mit β = 0,85 angesetzt werden.

14.11.01 177
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

Lagerungsbedingung

lw lw

lh lh lh

1 1
β = 1, 0 β = -------------------------- lw ≤ lh β = -----------------------
lw 2 lw 2
für jeden Wert lw / lh 1 + æ -------ö 1 + æ -----ö
è 3l ø èl ø
h h

1
lw > lh β = ------------------
lw
2 ⋅ æ -----ö
èl ø
h

Bild 6.32 Beiwerte zur Ermittlung der Ersatzstablängen von zweiseitig, dreiseitig und vierseitig
gehaltenen Wänden (lw = lichte Höhe, lh = lichte Länge)

14.11.01 178
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.5 Systemanalyse

6.5.1 Allgemeines zum Tragverhalten

Bei seitlich verschieblichen Rahmenkonstruktionen ist die Abtragung von Horizontalkräften nur über
Querkräfte in den Stützen möglich, wie das Bild 6.33 veranschaulicht.
Die Querkräfte sind mit Biegemomenten (Bild 6.34) gekoppelt. Letztere verursachen Biegeverformun-
gen. Die Stützenverformung bewirkt nach Theorie 2.Ordnung Verformungsmomente ∆M, die die Ein-
spannmomente in den Endquerschnitten vergrößern und zu Instabilitätsproblemen führen können. Ob -
und in welcher Größe - an den Stützenköpfen Querkräfte aus ∆M entstehen, hängt davon ab, ob sich
die Stützen gegenseitig beeinflussen (aussteifende versus ausgesteifte Stützen). Dieser Effekt läßt sich
nur durch eine Systemanalyse nachweisen.

H
M 1o M 2o M 3o M no

H1 H2 H3 Hn

H1 H2 H3 Hn
M 1u M 2u M 3u M nu

Bild 6.33 Abtragung von Horizontalkräften über Querkräfte in den Stützen

H i ⋅ l = M iu + M i0 (6.78)

å
n
H = Hi (6.79)
i=1

å
n
H⋅l = M iu + M i0 (6.80)
i=1

14.11.01 179
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

N
∆M
Hi M io Hi ∆M o

- eo

M2

+ N
Stütze i

+ eu

Hi M iu V = Hi ∆M u
N

Bild 6.34 Schnittkräfte entlang einer Stütze

14.11.01 180
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

6.5.2 Vereinfachte Systemanalyse mit Sekantensteifigkeiten

Bei verschieblichen Rahmensystemen sollte das Ersatzstabverfahren nicht oder nur in der Vorbemes-
sung angewendet werden.
Eine Systemanalyse nach Theorie 2.Ordnung ist erforderlich, wobei die materialbedingte Nichtlinearität
(Rißbildung, nichtlineare Stoffgesetze) in der heutigen Praxis meist noch mit linearen Stabwerkprogram-
men durch entsprechend reduzierte Biegesteifigkeiten (Sekantensteifigkeit) Berücksichtigung findet.
Die geometrischen Imperfektionen (Bild 6.35) werden meist durch horizontale Ersatzlasten erfaßt (Bild
6.36).

N Sd, 1 N Sd, 2 N Sd, i N Sd, j

α aj
α a2

α a, i

Bild 6.35 Geometrische Imperfektion, durch Schrägstellung der Stützen berücksichtigt

In der Berechnung der Systemverformung und der Schnittkräfte nach Theorie 2.Ordnung können Ar-
beitslinien für die Mittelwerte der Baustoffestigkeiten Anwendung finden.

f cm = f c k + 7,5 MPa
f ym = f y k + 10 MPa (6.81)

wobei die Stahldehnung mit

f ym
ε ym = -------- (6.82)
Es

begrenzt wird. Der Tension-Stiffening-Effect wird im allgemeinen vernachlässigt, wodurch die Verfor-
mungsmomente auf der sicheren Seite liegend überschätzt werden.

14.11.01 181
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

N Sd, 1 N Sd, 2 N Sd , i N Sd, j

H Sd, 2 H Sd, i H Sd , j

H Sd, j = α aj ⋅ N Sd , j
H Sd, 2 = α a2 ⋅ N Sd, 2

H Sd, i = α a, i ⋅ N Sd, i

Bild 6.36 Geometrische Imperfektion, durch horizontale Ersatzlasten berücksichtigt

Besonders im Brückenbau ist eine schwimmende Lagerung des Tragwerks auf dem Unterbau (Stüt-
zen, Pfeiler). Dieses System wird als seitlich verschieblicher Rahmen, soferne keine seitlich unver-
schieblichen Lagerungen existieren, durchaus gebräuchlich.
Durch die Verkehrslasten kommt es zu einer Vielzahl von Laststellungen bzw. Lastfällen. Durch die
nichtlinearen Effekte gilt streng genommen das Superpositionsgesetz nicht mehr. Um dennoch mit ei-
nem vertretbaren Aufwand zu den ungünstigsten Einwirkungskombinationen für die Bemessung der
Stützen im ULS zu kommen, muß man vorerst rigorose Linearisierungen vornehmen :

1) materialbedingte Nichtlinearität

Zur näherungsweisen Erfassung von Rißbildung (Zustand II) und des plastischen Materialverhaltens
werden entsprechend reduzierte Biegesteifigkeiten (Sekantensteifigkeiten) angesetzt, die die M/ϑ-Be-
ziehung linearisieren. (siehe Bild 6.1). Diese mittlere Biegesteifigkeit wird während der Ermittlung der
maßgebenden EK festgehalten.

2) geometrisch bedingte Nichtlinearität

Die Koeffizienten der lokalen geometrischen Steifigkeitsmatrix, welche die Effekte der Theorie 2.Ord-
nung bewirken, enthalten die Stablängskraft (Normalkraft N). Dadurch ist die geometrische Steifigkeits-
matrix lastabhängig. Setzt man für N den absolut größten Wert max |N| aus allen Lastkombinationen ein
und hält die auf diese Weise berechnete geometrische Steifigkeitsmatrix unabhängig von den tatsächli-
chen Einwirkungen unveränderlich fest, so erreicht man eine auf der sicheren Seite liegende Linearisie-
rung der geometrischen Nichtlinearität.
Nach diesen beiden Linearisierungen gilt wieder das Superpositionsgesetz !
Vorgangsweise:

1) Berechnung des Gesamtsystems nach Theorie 1.Ordnung unter Ansatz und Überlagerung sämtli-
cher maßgebender Einwirkungen, wobei die Steifigkeiten auch aus den ungerissenen Querschnitten
(Zustand I) ermittelt werden dürfen. Besser ist es allerdings, hier bereits mit reduzierten Sekanten-
steifigkeiten zu arbeiten. In diesem Rechenschritt werden die größtmöglichen Druckkräfte max |NSd|
in allen Druckgliedern errechnet.

2) Bemessung der Bewehrung in den kritischen Querschnitten mit der zur maßgebenden EK gehörigen
Schnittgrößen MSd, NSd (nicht max |NSd|!) und den Rechenwerten fcd bzw. fyd der Materialfestigkeit.
Mindestbewehrungen sind zu beachten.

14.11.01 182
6. Bemessung von schlanken Druckgliedern

3) Ermittlung der Querschnittsbiegesteifigkeiten und daraus der Stabsteifigkeiten auf Basis der unter (1)
berechneten Schnittgrößen und unter (2) bemessenen Bewehrungen. Für die Berechnung der Stei-
figkeit werden die Mittelwerte der Festigkeiten fcm und fym verwendet.

4) Berechnung des Gesamtsystems nach Theorie 2.Ordnung mit den unter (3) ermittelten Steifigkeiten
und den unter (1) ermittelten größtmöglichen Druckkräften max |NSd|. Dadurch wird die ungünstigste
Überlagerung (Superpositionsgesetz) sämtlicher Einwirkungen nach den genormten Kombinations-
regeln möglich.

5) Bemessung der maßgebenden Querschnitte für die aus (4) folgenden Schnittgrößen.

Anmerkung: Die Bemessung wird für zugehörige Schnittgrößen MSd, NSd durchgeführt. Die größtmöglichen Druckkräfte
max |NSd| gehen in den Bemessungsvorgang nicht ein. Der Querschnittsbemessung sind die Bemessungs-
werte der Festigkeiten fcd und fyd zu Grunde zu legen.

6) Die aus (5) berechnete Bewehrung ist mit jener Bewehrung zu vergleichen, die der Berechnung der
Steifigkeit zu Grunde liegt. Weichen die beiden Stahlflächen um mehr als 15% voneinander ab, ist
die Berechnung ab (3) mit einer veränderten (gemittelten) Bewehrungsannahme zu wiederholen. An-
dernfalls ist die größere der beiden - zuletzt ermittelten - Bewehrungen einzulegen.

Anmerkung: Wenn Betonabmessungen geändert werden, ist der Rechenablauf ab (1) zu wiederholen.

Anmerkung: Die vereinfachte Systemanalyse mit reduzierten Sekantensteifigkeiten kann selbstverständlich auch für Ein-
zelstützen angewendet werden. Damit lassen sich entsprechend adaptierte lineare Computerprogramme te-
sten.

Sekantensteifigkeit

As
Eine einfache Annahme für die sekante Biegesteifigkeit von Querschnitten mit ρ = ------ ≥ 0,01 lautet
Ac
nach MC 90:

0,4 ⋅ E c ⋅ J c
B red = ----------------------------- (6.83)
1 + Φ eff

Ec .....................Rechenwert des E-Moduls des Betons


Jc ......................Brutto-Trägheitsmoment des Betonquerschnitts
Φeff ...................wirksame Kriechzahl

Wenn die Bewehrung bekannt ist (oder angenommen wurde), läßt sie sich wie folgt berücksichtigen:

0,2 ⋅ E c ⋅ J c
B red = ----------------------------- + E s ⋅ J s (6.84)
1 + Φ eff

Es .....................Rechenwert für den Elastititätsmodul des Stahles


Js ......................Trägheitsmoment der Bewehrung

Wenn erwiesen ist, daß der Querschnitt im Zustand I bleibt (im ULS+Theorie 2.Ordnung) :

0,8 ⋅ E c ⋅ J c
B I = ----------------------------- (6.85)
1 + Φ eff

14.11.01 183
7. Spannbeton

7. Spannbeton

7.1 Allgemeines

7.1.1 Das Grundprinzip des Spannbetons

Die Wirkungsweise einer Vorspannung wird nachfolgend für die bisher gebräuchliche Art der Vorspan-
nung - nämlich für die „innere Vorspannung mit nachträglichem Verbund“ (Abschnitt ) erklärt. Die Aus-
führungen lassen sich sinngemäß auch auf die anderen Vorspannarten im Abschnitt 7.1.3 übertragen.
Unter Spannbeton versteht man eine spezielle Bauweise, bei der Tragwerke oder Bauteile aus Stahlbe-
ton zusätzlichen Kräften unterworfen werden, die aus einer Vorspannung resultieren. Diese Kräfte über-
lagern sich den äußeren Lasten. Sie werden so gewählt, daß sie den äußeren Lasten möglichst
entgegenwirken und damit den Spannungs- und Verformungszustand der Konstruktion günstig beein-
flußen.
Die Spannkräfte werden in der Regel durch Vorspannen hochfester Bewehrungsstähle (Spannstähle)
erzeugt. Sie werden direkt im Tragwerk verankert und erzeugen damit einen inneren Gleichgewichtszu-
stand, einen Selbstspannungszustand. Bei statisch bestimmten Konstruktionen entstehen durch das
Spannen der Spannstähle keine zusätzlichen Auflagerkräfte.
Nur wenn sich die aus der Vorspannung resultierenden Verformungen nicht ungehindert entwickeln kön-
nen, entsteht ein Zwang - wie bei einer behinderten Temperaturverformung. Dieses Phänomen tritt nur
bei statisch unbestimmten Systemen auf, wie beispielsweise bei Durchlaufträgern. Es führt zu Auflager-
reaktionen und Zwangschnittgrößen. Die Vorspannung statisch unbestimmter Systeme wird in der Lehr-
veranstaltung Betonbau VA behandelt.
Durch das Vorspannen werden also Spannungen in das Tragwerk eingetragen, die den Spannungen
aus den äußeren Lasten entgegenwirken. Risse in der Biegezugzone können nicht entstehen, wenn die
Zugspannungen durch die Vorspannung vollständig überdrückt werden (volle Vorspannung). Bei teilwei-
se vorgespannten Konstruktionen entstehen zwar in den höchstbeanspruchten Querschnitten Risse in
der Biegezugzone; insgesamt reduziert die Vorspannung aber die Rißbildung. Die Querschnittsverdre-
hung (Krümmung) und damit die Verformung (Durchbiegung) nehmen stark ab. Dadurch werden schlan-
kere Tragwerke bzw. wesentlich größere Spannweiten möglich.
Das Bild 7.1 zeigt das prinzipielle Tragverhalten am Beispiel eines Einfeldträgers unter Gleichlast.
Um die Bewehrung vorspannen zu können, wird in den Beton ein Rohr einbetoniert. In diesem Hüllrohr
liegt der Spannstahl. Er wird entweder bereits mit dem Hüllrohr als fertiges Spannglied (Spannkabel) ein-
gebaut, oder nachträglich (nach Erhärten des Betons) eingefädelt. Beim Spannen gleitet der Spannstahl
innerhalb des Hüllrohres.
Um den im Bild 7.2 skizzierten gekrümmten Verlauf des Spanngliedes herzustellen, muß das Hüllrohr
flexibel sein. Es darf aber nicht zu weich sein, damit es seine Lage beim Betonieren beibehält und nicht
durch den Rüttler beschädigt wird. Selbstverständlich muß es auch wasserdicht sein. Wenn nämlich
beim Betonieren Zementmilch in das Hüllrohr eindringt, bildet sich ein „Pfropfen“, der den Spannstahl
festhält und dadurch das durchgehende Spannen des Kabels behindert.
Die Vorspannung wird nach dem Erhärten des Betons aufgebracht, indem man das Kabel am Spannan-
ker mittels einer hydraulischen Presse aus dem Hüllrohr herauszieht und dadurch anspannt. Dabei
stützt sich die Presse über die Ankerplatte gegen den Beton ab. Die Vorspannkraft wirkt also einerseits
als Zugkraft P(+) auf den Spannstahl und andererseits als Druckkraft P (-) auf den Beton (Bild 7.1).

14.11.01 184
7. Spannbeton

a q

P(+) P(+)
Schwerachse Beton

P(−) ep(x) P(−)

Spannstahl
Hüllrohr
x

b l

P(+) P(+)

Spannstahl
P u ... Umlenkkräfte [kN/m]
u ( x ) = ---------- P ... Längskraft [kN]
r (x )
c r .... Krümmungsradius [m]
des Spanngliedes
P(−) Hüllrohr P(−)

u(x)

Bild 7.1 Wirkungsweise der Vorspannung


a) Schemaskizze eines vorgespannten Balkens
b) auf das Spannglied einwirkende Kräfte
c) auf den Beton einwirkende Kräfte

Im Bild 7.1 b ist das Spannkabel alleine dargestellt, mit der Zugkraft P(+) an den Enden. Der gekrümmte
Verlauf in Längsrichtung ist dadurch vorgegeben, daß das Kabel im Hüllrohr geführt ist. Wenn man das
Spannglied als biegeweiches Seil idealisiert, müssen die vom Hüllrohr auf das Seil einwirkenden Kräfte
im Seil einen momentenfreien Gleichgewichtszustand - also eine Stützlinie - erzeugen. Im Bild 7.1 b sind
diese Kräfte eingezeichnet. Man bezeichnet sie als Umlenkkräfte u. Während des Spannungsvorganges
gleitet das Kabel im Hüllrohr, wobei Reibungskräfte zwischen Spannstahl und Hüllrohr entstehen, die
etwa proportional zu den Umlenkkräften sind und gegen die Gleitrichtung wirken. Vereinfachend sind
diese Reibungskräfte im Bild 7.1 vernachlässigt.
Auf das Hüllrohr - und damit auf den Beton - wirken exakt dieselben Kräfte ein, wie auf den Spannstahl
(Bild 7.1 c) - allerdings in entgegengesetzter Richtung.

14.11.01 185
7. Spannbeton

m
(1 − λ) ⋅ q
a
λ⋅q

P(-) Pz Pz P(-)
Schwerachse Beton
Px ep(x) f Px(−)

uz(x) ≈ u
m

l/2 l/2
x
(-)
b P P(-)
Pz
f Px

Tangente am f
Kabelanfang Tangente am
Parabel Kabelende

c uz

Pz Pz

(−)
x Mp(x) = Px (x) ⋅ ep(x)

Bild 7.2 Wirkung der Vorspannung auf den Beton:


a) Umlenkkräfte uz, Verankerungskräfte P
b) Richtung der Verankerungskraft P
c) Momente aus der Vorspannung (Momente infolge der Umlenkkräfte uz)

Im Bild 7.2 sind die auf den Beton einwirkenden z-Komponenten uz der Umlenkkräfte dargestellt. Es wur-
de ein parabolischer Kabelverlauf angenommen. Für die z-Komponenten der Umlenkkräfte uz ergibt sich
in diesem Fall in erster Näherung

uz = const (7.1)

Das Gleichgewicht am Seil (Bild 7.1 c) liefert die z-Komponente der Verankerungskraft P.

l
P z = u z ⋅ --- (7.2)
2

Aus Bild 7.2 b ergibt sich

Pz 2f
------ = --------- (7.3)
Px l⁄2

14.11.01 186
7. Spannbeton

Mit den Gleichungen (7.2) und (7.3) erhält man

8 ⋅ f ⋅ Px
u z = -------------------- (7.4)
l2

Das Bild 7.2 c zeigt den Verlauf der Biegemomente aus der Vorspannung. Für das Moment in Feldmitte
gilt

– u z ⋅ l2 (- )
M p ( l ⁄ 2 ) = --------------- = P x ⋅ f (7.5)
8

Das Biegemoment aus den Umlenkkräften verläuft demnach affin zur Exzentrität ep des Spannkabels in
Bezug auf die Schwerachse des Stabes:

( -) (- )
Mp ( x ) = P x ( x ) ⋅ ep (x ) (7.6)

Die Gleichung (7.6) gilt auch, wenn die Endverankerung des Spannkabels nicht in der Schwerachse
liegt.
Die Normalkraft lautet:

(- ) ( -)
N p ( x ) = Px ( x ) (7.7)

Mit den Gleichungen (7.6) und (7.7) hat man für Stabwerke sehr einfache Formeln für die Schnittgrößen
infolge der Vorspannung zur Verfügung. Sie gelten allerdings nur für statisch bestimmte Stabwerke. Bei
statisch unbestimmten Systemen kommen noch Zwängungsmomente hinzu.
Bei Flächentragwerken und Kontinua gelten diese Gleichungen nicht. Man muß die Umlenkkräfte als La-
sten aufbringen. Für diese Lasten ermittelt man die Schnittgrößen normalerweise mittels einer FE-Ana-
lyse.
Obwohl für Stabwerke die einfachen Formeln (7.6) und (7.7) zur Verfügung stehen, sollte man sich die
Wirkungsweise der Vorspannkraft über die Umlenk- und Verankerungskräfte vorzustellen. Für die Be-
rechnung der Schnittgrößenanteile wird man aber stets die einfachen Formeln (7.6) und (7.7) heranzie-
hen. Deshalb dienen die folgenden Betrachtungen in erster Linie dem Verständnis.

Wir zerlegen die äußere Gleichlast q im Bild 7.2 a in den Anteil λ ⋅ q , der betragsmäßig der Umlenkkraft
uz entspricht

2P z
λ ⋅ q = u z = ---------- (7.8)
l

und in den Rest ( 1 – λ ) ⋅ q .

Wenn man nur den Anteil λ ⋅ q aufbringt, wird die Last λ ⋅ q direkt durch die entgegen wirkende Um-
lenkkraft uz aufgehoben. Unter der Einwirkung λ ⋅ q bleibt der Täger momentenfrei, also vollkommen
gerade. Die äußere Last λ ⋅ q bewirkt die Auflagerreaktion R.

l
R = λ ⋅ q ⋅ --- (7.9)
2

Aus der Gleichung (7.8) folgt

R = Pz (7.10)

14.11.01 187
7. Spannbeton

Die Auflagerkräfte entsprechen also der z-Komponente der Verankerungskraft P.


Keinesfalls darf man daraus schließen, daß die Vorspannung eine Auflagerkraft bewirkt. Vielmehr stellt
die Vorspannung stets ein in sich geschlossenes inneres Kraftsystem dar. Die Umlenkkräfte uz stehen
mit Pz im Gleichgewicht und die Gleichlast λ ⋅ q mit R. Wegen λ ⋅ q = uz gilt R = Pz.

Die Horizontalkomponente Px der Verankerungskraft wirkt in der Stabachse (Schwerachse) und verur-
sacht eine zentrische Druckbeanspruchung.
Das Bild 7.3 zeigt den Querschnitt m-m (Bild 7.2) mit den Spannungen aus der Vorspannung mit dem
Lastanteil λ ⋅ q und den Spannungen aus dem Lastanteil ( 1 – λ ) ⋅ q .

a b c d e
2

M λq −

Np(−) M(1−λ)q
+ = − =
+

Px(−)
+ +
1

Px Px M ( 1 – λ )q
------ σ c1, p + λ ⋅ q = ------ σ c 1, ( 1 – λ )q = ---------------------- σc1
Ac Ac W1

M(1−λ)q ..............Moment aus dem Lastanteil (1−λ)q


W1 ....................Widerstandsmoment auf die untere Randfaser (1) bezogen

Bild 7.3 Spannungen in Feldmitte


a) für den Lastfall Vorspannung
b) für den Lastanteil λ ⋅ q
c) für den Lastfall Vorspannung plus Lastanteil λ ⋅ q
d) für den Lastanteil (1 − λ)⋅ q
e) für die Gesamtlast q (Überlagerung von c und d)

Der Lastanteil (λ ⋅ q) wird von der vertikalen Komponente der Vorspannkraft Pz, bzw. der dadurch ent-
stehenden Umlenkkraft uz aufgehoben. Aus dem Lastanteil (λ ⋅ q) gibt es also kein Moment.

Die horizontale Komponente Px (= N p) erzeugt eine zentrische Druckbeanspruchung. Das aus dem Last-
anteil (1−λ) ⋅ q entstehende Moment bezogen auf das Widerstandsmoment verursacht die Biegezugs-
pannung σc1,(1−λ)q im Bild 7.3 d. Die Druckspannung σ c1,p+λq aus der Normalkraft überlagert sich der
Biegezugspannung σc1,(1−λ)q und reduziert diese weitgehend (Bild 7.3 e).

( -)
σ c 1 = σ c1 (+ )
, p + λq + σ c1, ( 1 – λ )q (7.11)

Für

σ c 1, p + λq ≥ σ c1, ( 1 – λ )q (7.12)

werden die Biegezugspannungen vollständig überdrückt. Man bezeichnet diesen Fall als volle Vor-
spannung.

14.11.01 188
7. Spannbeton

a b c d
2
+ − −
S Np Mp=P ⋅ ep

Mq
− ϑq(+)
ep + + =
− ϑp(−)
+
(−)
1 P

ε c1, N ε c1, M εc1, q εc1


p p

Bild 7.4 Volle Vorspannung: keine Biegezuspannungen, keine Biegerisse


a) Dehnungsebene infolge der Normalkraft Np
b) Dehnungsebene infolge des Momentes Mp
c) Dehnungsebene infolge der Einwirkung Mq
d) Gesamtdehungsebene infolge Np, Mp und Mq

Für λ = 1 gilt u z = q , das heißt die Umlenkkräfte uz aus der Vorspannung tragen exakt die Einwirkung
q. Die Momente M p = P ( - ) ⋅ ep aus der Vorspannung sind betragmäßig gleich groß wie die Momente
Mq infolge der Last q. Sie weisen aber das umgekehrte Vorzeichen auf.

Mq + Mp = 0 (7.13)

Dasselbe gilt für die Querschnittskrümmung ϑ (Bild 7.4).

Mq Mp
ϑ q + ϑ p = ------- + ------- = 0 (7.14)
EJ EJ

Infolgedessen kommt es zu keiner Biegeverformung. Man spricht von einer formtreuen Vorspannung.
Die Normalkraft Np(−) bewirkt eine Verkürzung εc der Stabachse.

Im Bild 7.2 ist das Spannkabel an den Enden in der Höhe des Querschnittsschwerpunktes verankert. An
den Stabenden herrscht in diesem Fall ein zentrischer Druckspannungszustand,

(-)
P
σ c = --------- (7.15)
Ac

weil dort weder aus der äußeren Last q noch aus der Vorspannung Biegemomente auftreten.

14.11.01 189
7. Spannbeton

a q

P(+) ep P(+)
P(−) P(−)
A E

b q

Np Np

Mp Mp

Mp = P (- ) ⋅ ep Np = P (-)

Mp −

d
Mq

q l2
e M q = --------
8

Mp + q
− −
+
M p + q = M p( - ) + M q( + )

Bild 7.5 exzentrisch verankertes gerades Spannkabel


a) Einwirkungen q und P
b) Auf den Beton einwirkende Kräfte
c) Biegemomente Mp infolge der Vorspannung
d) Biegemomente Mq infoge der Last q
e) Überlagerung c) und d) der Biegemomente Mp+q

Um die Auswirkungen einer exzentrischen Anordnung der Spanngliedverankerungen A und E zu disku-


tieren, zeigt das Bild 7.5 den Sonderfall eines geraden Spanngliedes. In diesem Fall treten keine Um-
lenkkräfte auf. Die exzentrisch angeordneten Spanngliedverankerungen führen zu einen über die
Stablängsrichtung konstanten Biegemomentenverlauf.

M p( - ) = P ( - ) ⋅ e p (7.16)

Er überlagert sich mit den Biegemomenten Mq aus der äußeren Einwirkung. Wie das Bild 7.5 e zeigt,

14.11.01 190
7. Spannbeton

entsteht an den Stabenden ein negatives Biegemoment, welches Zugspannungen am oberen Rand des
Balkens hervorruft.
Die Normalkraft aus der Vorspannung reduziert diese Zugspannungen. Sie kann sie überdrücken, wenn
die Spanngliedverankerung innerhalb des Querschnittkernes angeordnet ist.
Zusammenfassend ist festzuhalten, daß beim „Lastfall Vorspannung“ sowohl die Umlenkkräfte als auch
exzentrisch angeordnete Spanngliedverankerungen Biegemomente und damit Biegeverformungen be-
wirken. Sie sollen den Biegemomenten aus den äußeren Lasten entgegenwirken. Zusätzlich erzeugt die
Vorspannung im Beton eine negative Normalkraft - d.h. eine Druckkraft. Sie überdrückt oder vermindert
die Dehnungen in der Biegezugzone, d.h. sie schließt (verhindert) potentielle Biegerisse oder reduziert
zumindest deren Rißbreiten.

14.11.01 191
7. Spannbeton

7.1.2 Grad der Vorspannung

7.1.2.1 Volle Vorspannung (Spannbeton)

Man spricht von voller Vorspannung, wenn man die Vorspannkraft so groß wählt, daß unter allen mög-
lichen Lastkombinationen des Gebrauchszustandes an keiner Stelle des Tragwerkes im Beton
Biegezugspannungen auftreten. Eine voll vorgespannte Konstruktion bleibt zumindest im Einflußbereich
der Vorspannung rissefrei, sofern alle tatsächlich auftretenden Lastfälle - auch Zwänge - erfaßt werden.
Dies ist allerdings praktisch nicht möglich, weil nicht alle während der Nutzungsdauer auftretenden Ein-
wirkungen vorhersehbar sind. Das heißt, daß man auch bei voll vorgespannten Konstruktionen mit Ris-
sen rechnen muß. Daher ist auch bei voller Vorspannung eine risseverteilende und
rißbreitenbegrenzende schlaffe Mindestbewehrung vorzusehen.
In den Anfängen der Spannbetonbauweise wurden generell voll vorgespannte Konstruktionen ausge-
führt. Der damals übliche geringe Anteil an schlaffer Bewehrung führte zur Bezeichnung Spannbeton.
Die volle Vorspannung findet heute nur noch in Ausnahmenfällen Anwendung, wenn Rissefreiheit ge-
fordert ist - beispielsweise im Behälterbau oder bei Bauwerken in korrosiver Umgebung.

7.1.2.2 Vorgespannter Stahlbeton

In vielen Fällen führt das Prinzip der vollen Vorspannung nicht zur optimalen Lösung in wirtschaftlich und
statisch-konstruktiver Hinsicht. Meist ist es zweckmäßiger, Risse zuzulassen und die Vorspannung bei-
spielsweise so zu wählen, daß unter den ständig einwirkenden Lasten keine Risse auftreten. Damit wird
erreicht, daß sich Risse, die sich unter der Nutzlast bilden, bei Wegfallen der Nutzlasten wieder schlie-
ßen. (teilweise oder partielle Vorspannung)
Damit keine zu großen Rißbreiten unter den häufig auftretenden Lasten entstehen, ist eine entsprech-
nende schlaffe Bewehrung für diese Lastkombination zu bemessen.
Bei günstigen Umweltbedingungen, d.h. wenn keine Korrossionsgefahr für den Spannstahl besteht,
kann man auch unter den quasi ständig wirkenden Lasten Risse zulassen. Dadurch reduziert sich die
erforderliche Vorspannkraft weiter, während gegenläufig der Anteil an schlaffer Bewehrung zunimmt.
Die Vorteile beider Bewehrungsarten kommen in einer konstruktiv sinnvollen und wirtschaftlichen Kom-
bination zum Tragen. Man spricht von vorgespanntem Stahlbeton.
Auch der kontinuierliche Übergang vom vorgespannten zum schlaff bewehrten Stahlbeton ist theore-
tisch gegeben.
Allerdings darf man nicht vergessen, daß die Vorspannung ein effizientes Mittel ist, um die Durchbiegun-
gen zu verringern. Wenn der Vorspannungsgrad ausschließlich auf den Grenzzustand der Verformung
ausgelegt wird, spricht man von Verformungsvorspannung.

14.11.01 192
7. Spannbeton

7.1.3 Vorspannarten

Je nachdem, ob zwischen dem Spannkabel und dem umgebenden Beton ein Verbund hergestellt wird
oder nicht, unterscheidet man zwischen Vorspannung mit oder ohne Verbund.
Die Vorspannung mit Verbund unterteilt sich in die Vorspannung mit sofortigem Verbund (Spann-
bettvorspannung) bei der die Vorspannung vor dem Betonieren aufgebracht wird, und die Vorspannung
mit nachträglich hergestellten Verbund, bei der nach dem Erhärten des Betons vorgespannt wird.
Auch bei der Vorspannung ohne Verbund gibt es zwei Arten. Erstens die interne Vorspannung mit
innerhalb des Betons verbundlos geführten Kabeln Kabeln und zweitens die externe Vorspannung. Bei
der externen Vorspannung werden die Spannglieder außerhalb des Betons - meist im Hohlraum von Ka-
stenquerschnitten - geführt. Auch die Kabeln von Schrägseilbrücken sind als externe Spannglieder ein-
zustufen.

7.1.3.1 Spannverfahren mit Verbund

1. Vorspannung mit sofortigem Verbund (Spannbettvorspannung)

Dieses Verfahren wird vor allem in Betonfertigteilwerken angewendet. Das Bild 7.6 zeigt das Prinzip.
Zwischen ortsfesten Verankerungskonsolen werden dünne Spanndrähte oder Litzen gespannt, die nor-
malerweise gerade - also ohne Knick - durch die noch leeren Schalungen laufen. Erst nach dem Span-
nen erfolgt das Einbringen und Verdichten des Betons.
Aus betriebswirtschaftlichen Gründen wird normalerweise eine Serie von Spannbetonfertigteilen gleich-
zeitig gefertigt. Deshalb soll das Spannbett möglichst lang sein (Größenordnung 100 m). Der Abbinde-
prozeß des Betons wird sowohl betontechnologisch als auch durch eine entsprechende
Nachbehandlung (mit Dampf) beschleunigt.

a betoniertes Element

Spanndrähte
Spannbett
b

Bild 7.6 Spannbettverfahren (schematisch)


a) Gespannte Drähte werden einbetoniert
b) Durch Lösen der Drähte aus der Verankerung werden
die Elemente vorgespannt

Nach dem Erhärten des Betons werden die Drähte von den externen Verankerungen gelöst. Ein stoß-
freies Entspannen läßt sich beispielsweise auch erreichen, indem man die Drähte an der Trennstelle bis
zum Glühen erhitzt.
Die nunmehr freie Vorspannkaft überträgt sich über die Verbundwirkung (siehe Abschnitt 2.3.3) vom

14.11.01 193
7. Spannbeton

Spanndraht auf den Beton. Die Vordehnung im Spanndraht nimmt um jene Stauchung ab, die der Beton
durch das Vorspannen erfährt. Das heißt, der Großteil der ursprünglich im Spannbett aufgebrachten in-
itialen Vorspannkraft P(0) bleibt als effektiv wirksame Vorspannung P erhalten.
Um die auf den Beton wirksame Vorspannkraft P abzuleiten, benötigt man die ideelen Querschnittswerte
des Verbundquerschnittes.

εc = 0

Schwerpunkt
Bruttoquerschnitt

Schwerpunkt
ideeler Querschnitt
ep
ei
Schwerpunkt
Spannstahl P(0)

εp(0)

b
2

Schwerpunkt P(0)
ideeler Querschnitt
P(0) ⋅ ei
ei
Schwerpunkt
Spannstahl
3

1
εp(1) εp

εp(0)

Bild 7.7 Spannbettvorspannung


a) Dehnungszustand vor dem Lösen der Spannbettverankerung
b) Dehnungszustand nach dem Lösen der Spannbettverankerung
(Vorspannung wirkt auf den Beton)

14.11.01 194
7. Spannbeton

εp(0) ..................Vordehnung (initiale Dehnung) des Spannstahles


εp(1) ..................Lastdehnung des Spannstahles
εp ......................Gesamtdehnung des Spannstahles
Ai ......................ideelle Fläche
Ac, Ic .................Bruttoquerschnittswerte des Betonquerschnitts
S3 .....................statisches Moment um Schwerpunkt 3 des Spannstahles
Ji.......................ideeles Trägheitsmoment

Ep
α p = ------ – 1 (7.17)
Ec

A i = A c + αp ⋅ A p (7.18)

S 3 = A c ⋅ e p = A i ⋅ ei (7.19)

Ac
e i = ------ ⋅ e p (7.20)
Ai

Ai
bzw. e p = ------ ⋅ e i (7.21)
Ac

2 2
J i = Jc + Ac ⋅ ( e p – e i ) + α p ⋅ Ap ⋅ e i (7.22)

(Satz von Steiner; Eigenträgheitsmoment des Stahles vernachlässigt)


Die Gleichung (7.21) in (7.22) eingesetzt ergibt

Ai 2
J i = J c + α p ⋅ A p ⋅ ------ ⋅ ei (7.23)
Ac

Das Bild 7.7 a zeigt den Dehnungszustand vor dem Durchtrennen der Spanndrähte. Der Beton ist span-
nungslos. Der Spannstahl ist auf die Vordehnung (initiale Dehnung) εp(0) gedehnt.

σp (0 ) (0 )
( 0) P
εp = ------ = ------------------ (7.24)
Ep Ep ⋅ Ap

Wenn man die Spanndrähte von den Verankerungen löst, wirkt die initiale Vorspannkraft P(0) wie eine
äußere Druckkraft in der Faser 3 auf den ideelen Querschnitt. Dadurch verformt sich der Querschnitt ge-
mäß Bild 7.7 b. Es kommt in der Schwerachse des Spannstahls (Faser 3) zur Lastdehnung εp(1), die sich
der Vordehnung εp(0) überlagert. Infolge des Verbunds zwischen dem Beton und dem Stahl ist die Be-
tonstauchung εc3 in der Faser 3 gleich der Lastdehnung εp(1).

(1 )
ε c3 = ε p (7.25)

Damit läßt sich die Lastdehnung aus der Betonspannung σ c3 in der Faser 3 ableiten.

14.11.01 195
7. Spannbeton

(0 )
æ P( 0) P ⋅ ei ö
σ c3 = – ç ---------- + ------------------- ei÷ (7.26)
è Ai Ji ø

Aus den Gleichungen (7.25) und (7.26) folgt die Lastdehnung.

2
(1 ) æ J i + A i ⋅ ei ( 0 )ö
εp = –ç --------------------------⋅ P ÷ (7.27)
è E c Ai J i ø

Damit lautet die Gesamtdehnung εp im Spannstahl nach Aktivierung der Vorspannung

(0 ) (1)
ε p = ε p + εp (7.28)

bzw. mit den Gleichungen (7.24) und (7.27)

2
æ 1 Ji + Ai ⋅ ei ö ( 0)
εp = ç -------------- – --------------------------÷ ⋅ P (7.29)
è Ep A p E c Ai Ji ø

Für die im Spannstahl verbleibende Vorspannkraft P ergibt sich

P = σ p ⋅ A p = E p Ap εp (7.30)

Aus den Gleichungen (7.29) und (7.30) folgt

2
A i Ji – α p Ap J i – α p Ap Ai e i (0 )
P = ------------------------------------------------------------------ ⋅ P (7.31)
A i Ji

Mit den Querschnittswerten Ai und Ji nach den Gleichungen (7.18) und (7.22) läßt sich die Gleichung
(7.31) wie folgt umformen:

Ac ⋅ J c (0 )
P = ---------------- ⋅ P (7.32)
Ai ⋅ Ji

Die effektive Vorspannkraft P ist etwas kleiner als die initiale Vorspannkraft P(0), weil sich die
Spannstahldehnung um die Betonstauchung reduziert.
Infolge der exzentrischen Vorspannung hebt sich der Bauteil durch seine Verformung entsprechend der
Schemaskizze im Bild 7.6 b vom Schalboden ab. Sein meist relativ geringes Eigengewicht g wird akti-
viert. Die Momente Mg bewirken ein Ansteigen der Kraft im Spannglied um den Wert Pg.

Mg
σ c3, g = ------- ei (7.33)
Ji

σ p, g = αp ⋅ σ c3, g (7.34)

Mg
P g = α p A p ------- ei (7.35)
Ji

Die Vorspannkraft P verläuft normalerweise über die Länge der Bauteile konstant. Lediglich an den En-

14.11.01 196
7. Spannbeton

den der Elemente wird beim Lösen der Spannbettkraft der Haftverbund der meist glatten Spanndrähte
überfordert. Der Spanndraht schlüpft in den Beton und entspannt sich dabei. Man kann den Verbund
auch künstlich aufheben, indem man beispielsweise den Spanndraht mit Bitumen streicht, oder mit ei-
nem Kunststoffüberzug versieht. Damit läßt sich lokal die Größe der Vorspannkraft steuern. In der Praxis
sieht man allerdings aus Kostengründen normalerweise von solchen Maßnahmen ab. Um Risse zu ver-
meiden werden die Fertigteile meist für den Transport zentrisch oder geringfügig exzentrisch vorge-
spannt (kleine Ausmitte).

2. Vorspannung mit nachträglichem Verbund

Bisher wurde in erster Linie die Vorspannung gegen den erhärteten Beton mit nachträglichem Verbund
angewendet. Aus Wartungsgründen setzt sich neuerdings die verbundlose Vorspannung immer mehr
durch.
Bei der Vorspannung mit nachträglichem Verbund werden einzeln oder gebündelt Spannstähle in Form
von Stäben, Drähten oder Litzen zu Spannkabeln zusammengefaßt. Sie werden entweder vor dem Be-
tonieren oder auch nachher (Durchschubkabel) in die Hüllrohre eingefädelt. Die gewünschte Lage der
Hüllrohre im Bauwerk wird durch steife Unterstellungsbügel (Kabelhalter, Haltebügel) erreicht. Der Ab-
stand dieser Kabelunterstellungen hängt vom Spannverfahren bzw. vom Kaliber des Spanngliedes ab
(Größenordnung ca. 1 m). Die Spannkabel sind bis zum Herstellen des Verbundes innerhalb der Hüll-
rohre verschieblich.
Grundsätzlich hat man hinsichtlich der Kabelführung einen relativ großen Spielraum. Natürlich versucht
man die zur Verfügung stehende Querschnittshöhe auszunützen, d.h. man wird den Kabelverlauf so
wählen, daß die Umlenkkräfte und die Verankerungskräfte den äußeren Lasten möglichst effizient ent-
gegenwirken. Bei der Umlenkung der Spannglieder sind minimale Krümmungsradien einzuhalten, die
abhängig vom Spannverfahren zwischen 2,0 m und 30,0 m betragen. Im Bereich von Verankerungen
und Kupplungen müssen die Spannglieder eine entsprechende Strecke (0,5 m bis 2,0 m) gerade ver-
laufen, damit der Spannstahl genau normal zur Ankerplatte ankommt und dort beim Anspannen nicht
geknickt wird.
Nach dem Betonieren bzw. nach dem Erhärten des Betons werden die Spannglieder mittels spezieller,
hydraulischer Spanngeräte gefaßt, gespannt und verankert. Zu diesem Zweck muß im Bereich der
Spannanker ein entsprechender Raum für die Spannpresse zur Verfügung stehen. Man ist deshalb be-
strebt, die Spanneinrichtung möglichst klein, leicht und handlich auszubilden.
Im Laufe der Entwicklung der Spannbetonbauweise gab es viele Spannsysteme, wobei sich letztlich nur
wenige Konstruktionsprinzipien durchgesetzt haben. Heute scheint diese Entwicklung weitgehend ab-
geschlossen zu sein.

a bewegliche Verankerung feste Verankerung

14.11.01 197
7. Spannbeton

Bild 7.8 Kabelverfahren mit nachträglich hergestelltem Verbund


a) Die Spanndrähte liegen schlaff im Hüllrohr
b) Durch Spannen der Kabel und Absetzen der Kraft auf den Beton
(Verankern) wird die Vorspannkraft eingeleitet

Nach dem Spannen wird der Zwischenraum zwischen dem Spannstahl und dem Hüllrohr mit einem spe-
ziellen Injektionsmörtel ausgepreßt. Dadurch wird nachträglich der Verbund zwischen dem Spannstahl
und dem Beton hergestellt. Das Injektionsgut hat auch den Spannstahl vor Korrosion zu schützen.
Schlecht ausgepreßte Hüllrohre sind die häufigste Ursache von Schäden an Spannbetonkonstruktio-
nen. Die Tatsache, daß man bei der Bauabnahne nicht überprüfen kann, ob alle Hüllrohre vollständig
ausgefüllt sind, ist sicherlich als Schwäche des Verfahrens zu werten.
Für die Ausführung von Spannbetonbauten ist besonders qualifiziertes und erfahrenes Personal erfor-
derlich. Die Spannbewehrung ist stabil und exakt einzubauen. Besonders im Bereich der Anker ist auf
eine sorgfältige Betoneinbringung und Verdichtung zu achten.
Das Vorspannen selbst und schließlich das Injizieren erfordert entsprechend geschulte Fachleute. Da-
her werden diese Arbeiten heute in der Regel von Spezialfirmen durchgeführt.
Vor dem Spannen ist vor allem im Verankerungsbereich die Betonfestigkeit zu kontrollieren. Sie soll
etwa 80% der Würfelfestigkeit betragen. Auch ist die Temperatur des Spannkabels zu berücksichtigen
(Hydrationswärme, Abkühlen in der Nacht, direkte Sonneneinstrahlung am Tag). Ein Zuviel an Vor-
spannkraft kann unter Umständen schlechter sein, als ein Zuwenig.

7.1.3.2 Vorspannung ohne Verbund

1. Innerhalb des Betons geführte Spannglieder

Die Dauerhaftigkeit von Spannbetonkonstruktionen mit nachträglichem Verbund hängt wesentlich da-
von ab, ob die Hüllrohre vollständig ausgepreßt sind. Korrosionsschäden, die auf schlecht injizierte Hüll-
rohre zurückzuführen sind, werden oft erst nach Jahrzehnten akut. Der heutige Stand der
Injektionstechnik schließt dieses Risikopotential weitgehend aus.
Die Forderung nach einer einfachen Überprüfbarkeit des Erhaltungszustandes der Spannkabel führte
zur Entwicklung der verbundlosen Vorspannung. Bei dieser Methode wird der Korrosionsschutz beim
Herstellen der Kabel aufgebracht.
Das Hüllrohr - ein glattes Polyäthylenrohr - weist einen nur geringfügig größeren Innendurchmesser auf
als der Spannstahl. Den Zwischenraum füllt meist ein spezielles fettähnliches Mineralölprodukt aus, wel-
ches die Reibung stark reduziert und außerdem einen dauerhaften Korrosionsschutz gewährleisten soll.
Allerdings ist die Sicherstellung des Korrosionsschutzes im Bereich der Anker problematisch.
Der gegenüber der Vorspannung mit nachträglichem Verbund wesentlich geringere Hüllrohrdurchmes-
ser bringt statische und konstruktive Vorteile. Vor allem bei Plattentragwerken (z.B. Flachdecken) mit
ihrer naturgemäß geringen Dicke hat sich deshalb die verbundlose Vorspannung durchgesetzt.
Künftig werden die Spannglieder bei verbundloser Vorspannung nachspannbar und erforderlichenfalls
austauschbar sein..
Diesem Vorteil steht als Nachteil ein höherer Stahlbedarf gegenüber, weil der Spannstahl im Grenzzu-
stand der Tragfähigkeit meist nicht bis zum Fließen ausgenutzt wird.

2. Außerhalb des Betons geführte Spannglieder (externe Vorspannung)

Bei außerhalb des Betons geführten Spanngliedern kann man den Erhaltungszustand kontrollieren, wo-
bei die kritischen Bereiche der Anker- und Umlenkstellen nur bedingt zugänglich sind. Schadhafte Kabel
können unter Verkehr, das heißt ohne Einschränkung der Nutzung ausgetauscht werden. Weil die Kabel
extern angeordnet sind, werden schmälere Stege und damit leichtere Tragwerke möglich. Um die Kabel
vor Brandeinwirkung und Attentaten zu schützen, wählt man meist Tragwerke mit Kastenquerschnitt und

14.11.01 198
7. Spannbeton

ordnet die Spannglieder im Hohlraum an (Bild 7.9). Dabei verliert man allerdings an statischer Nutzhöhe.
Externe Spannglieder werden häufig über Umlenksattel geführt. Dadurch erreicht man eine polygonale
Spanngliedführung (Bild 7.9 b) mit konzentrierten Umlenkkräften an den Knickstellen. Diese Umlenk-
kräfte wirken der Querkraft aus den äußeren Lasten entgegen.

d
Feldquerschnitt Querschnitt über der Mittelstütze

Bild 7.9 externe Vorspannung eines Kastentragwerkes (Schemaskizze)


a) gerade Spanngliedführung
b) polygonale Spanngliedführung mit konzentrierten Umlenkkräften
c) Alternative zu b)
d) Querschnitte

Externe Vorspannungen lassen sich natürlich auch außerhalb des Querschnittes in Form von Unter -
oder Überspannungen (z.B. Schrägseilbrücken) realisieren. Die Verwendung von Zementmörtel mit de-
finierter Mindestdicke als Korrosionsschutz verbessert den Brandwiderstand und die Steifigkeit von
Schrägkabeln.

3. Äußere Vorspannung ohne Spannkabel

Es wäre grundsätzlich auch möglich eine Betonkonstruktion ohne Verwendung von Spanngliedern vor-
zuspannen. Man könnte beispielsweise den Beton vorspannen, indem man ihn gegen feste äußere Wi-
derlager preßt.

14.11.01 199
7. Spannbeton

Die äußere Vorspannung ohne Spannkabel wird durch Aufzwingen einer Verformung erreicht. Sie hat
also den Charakter eines Zwanges. Leider wird ein Zwang durch das Kriechen des Betons stark abge-
baut. Das heißt eine derartige Vorspannung verliert mit der Zeit ihre Wirkung, sie „kriecht weg“!
Grundsätzlich tritt dieses Phänomen auch bei der Vorspannung mit Hilfe von Spanngliedern auf. Aller-
dings werden die hochfesten Spannstähle beim Spannen derart stark gedehnt, daß sich die durch das
Kriechen und Schwinden des Betons bedingte Abnahme der Spannstahldehnung in Grenzen hält.
In den Anfängen der Spannbetonbauweise hat man versucht normale Bewehrungseisen vorzuspannen.
Die dabei erzielbaren geringenen Stahldehnungen lagen in der Größenordnung der Betonstauchungen
aus dem Kriechen und Schwinden des Betons. Die Vorspannung ging verloren. Die Bauweise drohte zu
scheitern. Erst als man das Problem erkannte und hochwertige Spannstähle entwickelte, gelang der
Durchbruch.
Bei den heutigen Vorspannsystemen betragen die zeitabhängigen Spannkraftverluste durch das Krie-
chen und Schwinden des Betons und durch die Relaxation des Spannstahles normalerweise weniger
als 10%.
Bei der Vorspannung durch Aufzwingen von Verformungen ohne Spannglieder die das Thema dieses
Abschnittes ist, kann dagegen der Verlust an der Vorspannwirkung bis zu 80% ausmachen. Diese Art
der Vorspannung ist also langfristig gesehen nahezu wirkungslos. Sie kommt deshalb nur in Ausnahme-
fällen meist als kurzfristige Maßnahme in Frage.

14.11.01 200
7. Spannbeton

7.1.4 Vor- und Nachteile der Spannbetonbauweise

Vorteile des Spannbetons

1. Die Vorspannung führt zu einer wesentlichen Verringerung der Biegeverformung, wodurch schlanke-
re Konstruktionen möglich werden.
2. Die Vorspannung überdrückt die Biegezugzone. Dadurch werden Biegerisse über weite Bereiche der
Konstruktion vermieden bzw. reduziert.
3. Die Möglichkeit Spannkabel nachträglich in die Hüllrohre einzufädeln und an die vorhandenen Kabel
anzukoppeln bildet die unverzichtbare Voraussetzung für die meisten Bauweisen des modernen
Großbrückenbaues. Als Beispiel seien die abschnittsweisen Bauverfahren wie der klassische Frei-
vorbau und der feldweise Vorbau erwähnt. Auch die Segmentbauweise ist hier anzuführen. Sie ist
dadurch gekennzeichnet, daß das Tragwerk aus Fertigteilelementen besteht, die zusammenge-
spannt werden.
4. Hochwertige Spannstähle in Verbindung mit hochfestem Beton ermöglichen geringere Quer-
schnittsabmessungen. Dies hat leichtere Konstruktionen zur Folge.

Nachteile des Spannbetons


1. Spannbeton ist teurer als Stahlbeton. Der Grund liegt nicht im Stahlpreis. (Der Stahlpreis steigt etwa
linear mit der Festigkeit; gegenläufig sinkt aber die erforderliche Menge linear mit der Festigkeit).
Vielmehr kommen beim Spannbeton die Kosten für die Verankerungskörper, die Haltebügel, die Hüll-
rohre etc. hinzu. Dazu kommen die Gerätekosten und vor allem die Lohnkosten für den Einbau, das
Spannen und das Injizieren.
2. Der hochwertige Spannstahl ist korrosionsempfindlicher als normaler Betonstahl
3. Der glatte Spannstahl weist schlechtere Verbundeigenschaften auf.
4. Durch nicht vollständig injizierte Hüllrohre können Korrosionsprobleme auftreten, die kostspielige Sa-
nierungsmaßnahmen erfordern. In einigen Fällen müssen bei älteren Tragwerken externe Spannglie-
der nachträglich ergänzt werden.
Obwohl heute ausgereifte Systeme zur Verfügung stehen, wo derartige Probleme nahezu auszu-
schließen sind, stellt das Auspressen der Hüllrohre noch immer die Schwachstelle der Methode dar.
Es existiert nämlich keine einfache und sichere Kontrollmöglichkeit.
5. Bei niedrigen Temperaturen (im Winter) kann nicht injiziert werden.
6. Bis der Verbund hergestellt ist muß die Tragsicherheit ohne Verbund gegeben sein.

Vorteile der Vorspannung ohne Verbund


1. Werkmäßiges Aufbringen des Korrosionsschutzes. Spannsysteme für Vorspannung ohne Verbund
weisen einen sehr guten - meist mehrfachen - Korrosionsschutz auf. Allerdings liegen diesbezüglich
noch keine Langzeiterfahrungen vor.
2. Die Kabelkräfte lassen sich einfach kontrollieren und nachspannen ohne Beeinträchtigung der Nut-
zung des Bauwerkes.
3. Falls erforderlich können die Spannglieder ausgetauscht werden.
4. Im Spannstahl entstehen durch Verkehrslasten nur geringe Spannungsänderungen.
a) Es treten keine Ermüdungsprobleme auf. Bei externen Spanngliedern sind eventuell auftretende
Seilschwingungen zu dämpfen.
b) Es sind höhere Nennkräfte (zul P = 0,7 fpk) möglich.
5. Winterbaustellen sind möglich (kein Injizieren erforderlich).
6. Die geringen Abmessungen der Spannglieder ergeben größere statische Nutzhöhen bzw. geringere
Konstruktionshöhen (wichtig z.B. bei Flachdecken).

14.11.01 201
7. Spannbeton

7. Die geringen Reibungsverluste ermöglichen eine gleichmäßigere Ausnutzung der Spannstähle und
sehr lange Kabel. (Es gibt Ausführungen mit bis zu 500 m Kabellänge).
8. Wirtschaftlich in Hinblick auf Dauerhaftigkeit und Folgekosten.(hoffentlich)

Nachteile der Vorspannung ohne Verbund


1. In der Regel läßt sich die Tragfähigkeit des Spannstahles nicht vollständig ausnützen. Dies erhöht
die insgesamt erforderliche Stahlmenge.
2. Im Bereich der Verankerung und Umlenkung von externen Spanngliedern sind Querträger, Lisenen
oder Konsolen erforderlich. Die Schalung, Bewehrung und Herstellung dieser Elemente erfordert ei-
nen entsprechenden Aufwand. Auch stellen diese „Unstetigkeiten der Konstruktion“ ein gewisses
Schadenspotential dar.
3. Meist werden die Ankerkörper auf der Baustelle montiert. Dadurch ist der Korrosionsschutz in diesen
wichtigen Bereichen besonders sorgfältig herzustellen (Risikopotential).
4. Um die Spannpresse später wieder ansetzen zu können, muß ein entsprechender Überstand der Lit-
zen hinter dem Spannanker korrosionsgeschützt bereitgestellt werden. Auch ist ein ausreichender
Platz für die Spannpresse vorzusehen. Dies kann gegebenenfalls aufwendigere Widerlagerkonstruk-
tionen erforderlich machen.
5. Dauerhaftigkeitsprobleme, die sich aus der Verwendung von Korrosionsschutzfetten ergeben kön-
nen (Wärmeausdehnung, Veränderung der Viskosität, Beständigkeit gegen Bakterien, Brennbarkeit)
sind noch nicht vollständig geklärt.
6. Die von den Drähten bzw. Litzen schneidenartig auf das Hüllrohr einwirkenden Umlenkpressungen
können bei dem viskoseelastischen Werkstoff HDPE langfristig Verformungen bzw. Schädigungen
verursachen.

14.11.01 202
7. Spannbeton

7.1.5 Spannsysteme

7.1.5.1 Spannsysteme für die Vorspannung mit nachträglichem Verbund

Vom Prinzip her sind alle heute gebräuchlichen Spannsysteme ähnlich. Dies gilt für die Spannstähle
(Stäbe, Drähte und Litzen), für die Hüllrohre, für die Verankerungen und sogar für die hydraulischen
Pressen.
Auch das nachträgliche Ausinjizieren durch Einpressen von Zementmörtel erfolgt bei den verschiedenen
Systemen auf ähnliche Weise.
Zusätzlich zu den Spaltzugbewehrungen in den Zonen der konzentrierten Einleitung von Vorspannkräf-
ten, die der Projektant zu bemessen hat, sind um die Verankerungen Umschnürungswendel angeord-
net. Sie behindern die Querdehnung des Betons hinter den Ankerplatten. Es entsteht dadurch im Beton
ein dreiachsiger Druckspannungszustand, der hohe Betonpressungen unter der Lasteinleitungsfläche
zuläßt. Die Wendel sind meist an die Ankerplatten geschweißt. Sie werden, wenn erwünscht, mit dem
Spannsystem mitgeliefert (siehe z.B. Bild 7.22).
Man unterscheidet Einzelspannglieder aus Stabstahl, Monolitzen und Bündelspannglieder bei denen
mehrere Drähte, Stäbe oder Litzen in einem Hüllrohr zusammengefaßt (gebündelt) sind.
An den Enden und auch bei Zwischenverankerungen wird die Spannkraft über Verankerungselemente
(Ankerplatten) auf den Bauwerksbeton übertragen.
Beim abschnittsweisen Bauen sind neu hinzukommende Bauabschnitte an bereits fertiggestellte Bau-
abschnitte anzuspannen. Die neu hinzukommenden Spannkabel werden zu diesem Zweck an die Ver-
ankerungselemente von bereits eingebauten und gespannten Kabeln angekoppelt.
Spannglieder können auch mittels beweglicher Muffen gestoßen werden.
Für die im Handel angebotenen Spannsysteme stehen Arbeitsunterlagen und Firmenprospekte zur Ver-
fügung. Die Bilder dieses Abschnittes sind derartigen Unterlagen entnommen.
Nachfolgend werden zur Veranschaulichung der verschiedenen Konstruktionsprinzipien einige ge-
bräuchliche Spannsysteme vorgestellt - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Einzelspannglieder

DYWIDAG - Einzelspannglied mit Gewindestabstahl

zul.P ∗)
Nenndurch- Stahlfläche Stahlgüte P0,1k Puk
messer Ap fp0.1k / fpk 0,85 ⋅ fp0.1k ⋅
0,75 fpk ⋅ A p
Ap
[mm] [mm] [MPa] [kN] [kN] [kN]
[kN]

15 176,7 885/1080 156,4 190,9 132,9 143,1

16 201,1 1420/1570 285,5 315,7 242,7 236,7

835/1030 460,5 568,1 391,5 426,1


26,5 551,5
1080/1230 595,7 678,4 506,3 508,8

835/1030 671,5 828,4 570,8 621,3


32,0 804,2
1080/1230 868,6 989,2 738,3 741,9

14.11.01 203
7. Spannbeton

835/1030 849,9 1048,4 722,4 786,3


36,0 1017,9
1080/1230 1099,3 1252,0 934,4 939,0

*) die fettgedruckten Werte sind maßgebend


Bild 7.10 DYWIDAG Einzelspannglied: Gewinde - Stahl

Das Bild 7.10 enthält eine Tabelle mit den zur Verfügung stehenden Gewindestäben, ihrer Stahlgüte,
ihrer Tragfähigkeit nach EC2 und ihren Verankerungsmöglichkeiten.
Das Bild 7.11 enthält die Verankerungen und einen Muffenstoß. Durch die Längsschlitze in den keilför-
mig ausgebildeten Sechskantmuttern klemmt sich die Mutter beim Verankern an den Gewindestab. Da-
durch ist der Verankerungsschlupf größer als beim glatten Stabstahl, jedoch kleiner als bei
Keilverankerungen.

a b c

Bild 7.11 Gewinde-Stahl


a) Spannanker
b) Muffenstoß
c) Festanker

Stahlgüte Schlupf [mm]


[MPa]
Glocken- Platten-
Muffenstoß
verankerung verankerung

885/1080 2,5 - 1,0

1325/1470 3,5 1,5 1,0

835/1030 2,5 1,0 1,0

1080/1230 4,5 1,5 1,5

Bild 7.12 Gewinde - Stahl: Verankerungsschlupf

Aus walztechnischen Gründen besteht das Gewinde aus relativ groben doppelseitig aufgewalzten Ge-
winderippen; das heißt, das Gewinde ist zweigeteilt. Es läuft nicht um den Stabumfang herum. Der we-
sentliche Vorteil der Gewindestäbe besteht darin, daß das Gewinde über die gesamte Stablänge läuft.
Dadurch kann man Gewindestäbe auf der Baustelle ablängen und an beliebiger Stelle stoßen oder ver-
ankern. Deshalb eignen sie sich auch hervorragend für Bauhilfsmaßnahmen, wie z.B. Abspannungen.
Man verwendet Gewindestäbe vorzugsweise für gerade Spannglieder, weil die groben Gewinderippen
bei gekrümmten Spanngliedern relativ hohe Reibungsverluste verursachen (Bild 7.13). Diese lassen
sich reduzieren, indem man die Kabel an beiden Enden anspannt (beidseitiges Spannen).

14.11.01 204
7. Spannbeton

Stabdurchmesser Reibungsbeiwert ungewollter


[mm] µ Umlenkwinkel k [°/m]

15 0,44 0,5
16 0,35

26,5
32,0 0,58 0,3
36,0

Bild 7.13 Gewinde - Stahl: Reibungskennwerte

Spannvorgang bei Stabstählen mit Gewinde

Nach ausreichender Erhärtung des Betons werden die Einzelstäbe mit einer hydraulischen Spannpres-
se gespannt, die sich auf die Verankerungsplatte oder die Verankerungsglocke abstützt.

Bild 7.14 Schnitt durch eine Spannpresse mit Ringkolben

Der Spannstahl wird so weit gedehnt, bis die erforderliche Stahlspannung erreicht ist. Während des
Spannvorganges wird die Verankerungsmutter laufend nachgedreht, die nach dem Ablassen des Druk-
kes der Spannpresse die Vorspannkraft auf die Verankerungsplatte überträgt. Die Umdrehungen der
Mutter werden auf ein Zählwerk übertragen, von dem man die Dehnung das Stabes ablesen kann. Au-
ßerdem wird die Stahlspannung durch Ablesen des Öldruckes kontrolliert. Die Meßwerte der Dehnwege
werden in das Spannprotokol eingetragen und mit den errechneten Werten verglichen. Wenn die Meß-
werte von den Rechenwerten wesentlich abweichen, ist die Ursache zu ergründen (z.B.“Verstopfer“).
Bis zum Verpressen des Spannkanales mit Zementmörtel kann die Stahlspannung jederzeit durch noch-
maliges Aufsetzen der Presse geprüft und erforderlichenfalls korrigiert werden. Damit kann auch vorweg
eine Teilvorspannung aufgebracht werden.(Weitere Informationen siehe Firmensprospekt).

2. Litzenspannkabel

Litzen bestehen aus sieben glatten, kaltgezogenen Einzeldrähten, die spiralartig miteinander verwun-
den sind (Bild 7.15).

14.11.01 205
7. Spannbeton

Bild 7.15 Litzenstähle

Es werden heute Stähle der Güte S 1570/1770 oder S 1670/1870 verwendet, die zu folgenden Litzen-
typen verarbeitet werden:

Stahlgüte St 1570/1770 St 1670/1870

Litzentyp 13 mm 15 mm 15 mm 13 mm 15 mm 15 mm
(0,5“) (0,6“) (0,6‘‘) (0,5“) (0,6“) (0,6‘‘)

Nenndurchmesser mm 12,9 15,3 15,9 12,9 15,3 15,9

Nennquerschnitt mm2 100 140 150 100 140 150

Laufmetergewicht kg/m 0,785 1,10 1,18 0,785 1,10 1,18

P0,1 kN 157 220 236 168 234 251

Pu kN 177 248 266 187 262 281

zul P = 0,75 ⋅ Pu kN 133 186 199 140 196 210

Elastizitätsmodul MPa 200 200 200 200 200 200

Bild 7.16 Kenngrößen für gebräuchliche Litzentypen

Mehrere Litzen werden zu Bündelspanngliedern (Spannkabel) zusammengefaßt. Die Bruchlast eines


Kabels liegt normalerweise zwischen 180 kN und etwa 4000 kN. Technisch möglich sind Spannglieder
mit Bruchlasten über 10 000 kN.
Die Verankerung der Litzen erfolgt meist über dreiteilige Ringkeile, die an der Innenseite mit Kerbzähnen
versehen sind (Bild 7.17).

Bild 7.17 Kreisringkeil zum Verankern von Litzen

14.11.01 206
7. Spannbeton

Beim Verkeilen bzw. Absetzen der Spannpresse werden die Keile in die kegelstumpfartigen Ausneh-
mungen im Ankerkörper gepreßt. Dadurch klemmen sich die Ringkeile über ihre rauhe Innenfläche an
den Litzen fest. Dieser Vorgang ist mit einer Relativverschiebung zwischen Litze und Ankerkörper ver-
bunden - dem Keilschlupf. Der Keilschlupf beträgt bei Litzen normalerweise etwa 5mm. Um den Keil-
schlupf am Festanker um etwa die Hälfte zu reduzieren, können diese werkseits mit Vorverkeilung
geliefert werden. Als Verkeilkraft wird werkseits die 1,2-fache Normkraft aufgebracht.
Neuerdings kann auch der Keilschlupf durch spezielle Beilagscheiben kompensiert werden.
Nachfolgend sind die Spann- und Festanker, sowie die festen und beweglichen Kopplungen für ver-
schiedene Litzenspannverfahren abgebildet.

Litzensystem DYWIDAG

Das Bild 7.18 zeigt die typische DSI - Verankerung für Bündelspannglieder mit 3 bis 19 Litzen 0,6“.
Die Verankerungsplatte verfügt über einen Pressenbund für die Zentrierung der Spannpresse, sowie
über Löcher für das Injizieren oder Entlüften des Spannkanals. Weiters verfügt die Verankerungsplatte
über konische Bohrungen zur Aufnahme der Verankerungskeile.

1 Plattenverankerung
2 Verankerungskeil
3 Übergangsrohr 9
9
4 Abstandhalter
5 GFK--Klebeband
6 Hüllrohr 8
7 Injiziermuffe
8 Injizierhaube 2 4 3 5 6 7
1
9 Injizierschlauch 10
10 Zusatzbewehrung
(Wendel)

Bild 7.18 DSI - Plattenverankerung für Spann- und Festanker

Als Festanker wird für vorgefertigte Spannglieder in der Regel die Schlaufenverankerung verwendet
(Bild 7.19 a). Als Alternative bietet DYWIDAG den sogenannten Verbundanker an (Bild 7.19 b).

Bild 7.19 Festanker System DSI


a) Schlaufenverankerung
b) Verbundanker

Das Bild 7.20 zeigt eine feste Koppelstelle System DSI.

14.11.01 207
7. Spannbeton

Sie dient zum Ankoppeln (Anspannen) eines neuen Bauabschnittes an einen bereits fertiggestellten und
vorgespannten Bauabschnitt.
Die Koppelscheibe 3, die auf einem Distanzring 2 aufliegt, weist zur Aufnahme der ankommenden und
abgehenden Litzen entsprechende konische Bohrungen für die Verankerungskeile auf. Die Litzen des
abgehenden Spanngliedes werden mit mindestens 1,2 zul P vorverkeilt und durch Keilsicherungsla-
schen gesichert.

1 Glockenring
2 Distanzrohr A-A B-B
3 Koppelscheibe
4 Verankerungskeil
5 Abschlußrohr
6 Überschubmuffe
7 Übergangsrohr
8 Abstandhalter
9 GFK-Klebeband
10 Injizierschlauch
11 Zusatzbewehrung
12 Keilsicherungslasche

Bild 7.20 System DSI: feste Koppelstelle

Das Bild 7.21 zeigt einen beweglichen Litzenstoß mittels Muffen. Das Einzelelement (Bild 7.21 a) be-
steht aus zwei Verankerungshülsen, welche über einem Verbindungsbolzen mit Außengewinde gekop-
pelt werden. Zwei Spiralfedern pressen die Verankerungskeile auf die eingeschobenen Litzenenden.
Durchgangsbohrungen ermöglichen auch ein Injizieren der Hohlräume innerhalb der Muffen. (Weitere
Informationen siehe Firmenprospekt).

14.11.01 208
7. Spannbeton

1 Keilhülse
2 Verankerungskeil
3 Druckfeder
4 Verbindungsbolzen
5 Injizierbohrung

1 Litzenmuffe
2 Muffenrohr
3 Übergangsrohr
4 GFK-Klebeband
5 Hüllrohr
6 Abstandhalter

Bild 7.21 Beweglicher Litzenstoß mit Muffen


a) Detail eines Litzenstosses (Einzelmuffe)
b) Stoß eines Bündelspanngliedes

Litzensystem VORSPANN - TECHNIK - Freyssinet (VT)

Bild 7.22 Spann- und Festanker

14.11.01 209
7. Spannbeton

Bild 7.23 VT: feste Koppelstelle

Bild 7.24 VT: bewegliche Koppelstelle

Bild 7.25 VT: Spanngliedanordnung (Betongüte ≥ C35/40)


Abstände der Verankerungen und Abstände der Hüllrohre

14.11.01 210
7. Spannbeton

Bild 7.26 Platzbedarf für Spannpresse

Kenndaten
Nachfolgend sind als Beispiele die Kenndaten für das Spannglied VT 16-100 (VT 160L) zusammenge-
stellt. Diese Bezeichnung bedeutet
VT ...................Firma VORSPANN-TECHNIK
16 ....................Bündel aus 16 Litzen
100 ..................Querschnitt einer Litze: 100mm2
VT 160L ...........zulässige Zugkraft 160 t
L.....Litzenspannverfahren (alte Bezeichnung)
Spannglied St 1570/1770 Lg

Querschnitt des Spannbündels 16 cm2


rechnerische Bruchlast 2832 kN
zulässige Spannkraft 2124 kN
E-Modul 20,0 ⋅ 106 N/cm2
Reibungsbeiwert µ 0,25
µ bei reibungsvermidernden Maßnahmen 0,20
Gewicht des Spannbündels 12,56 kg/m
ungewollter Umlenkwinkel 0,25 °/m
Abstand d. Spanngliedunterstellungen max. 140cm
min. Krümmungsradius 4,0 m
Injektionsmörtelbedarf 3,7 l/m
Zementbedarf 5,2 kg/m
Randabstand der Hüllrohre 85 mm
Achsabstand der Hüllrohre 125 mm
Hüllrohrdurchmesser innen/außen 75/82 mm
Verankerungen;(Betongüte ≥ C30/37)
Randabstand 190 mm
Achsabstand 350 mm
Ankerplatte
Seitenlänge 270 mm
Dicke 30 mm
Trompetenlänge 290 mm
Normalringkörper Ck 45 V
Durchmesser 175 mm
Höhe 45 mm
Koppelringkörper Ck 45 V

14.11.01 211
7. Spannbeton

Durchmesser 175 mm
Höhe 75 mm
Koppelbolzen 37 Mn Si 5
Gewinde M 80 x 4
Länge 270 mm
Hüllkasten
Durchmesser 185 mm
Länge (feste Koppelstelle) 260 mm
Länge (bewegliche Koppelstelle) 910 + 1,1 ⋅ ∆L
(weitere Informationen siehe Firmenprospekt)

Spannvorgang
Stellvertretend für alle Litzenspannverfahren wird nachfolgend der Spannvorgang für das System VT -
Freyssinet beschrieben:
Die Litzen laufen außen in einer Nut entlang der Spannpresse und werden dort mit Ringkeilen befestigt.
Das Bild 7.27 zeigt der hiefür erforderlichen Litzenüberstand.

a b

Bild 7.27 Spanngliedüberstände für


a) beidseitiges Spannen
b) einseitiges Spannen

Die Presse stützt sich über den Druckring auf die Ankerplatte ab. Die Vorspannkraft wird durch Messen
des Öldruckes und des Dehnweges kontrolliert.
Vor Beginn des Spannens werden auf 4 Drähten Meßmarken angebracht, aus deren Verschiebung man
die Dehnung der Drähte und den Keilschlupf feststellen kann. Diese Werte werden ins Spannprotkoll
eingetragen und den rechnerisch ermittelten Werten gegenübergestellt.

Bild 7.28 Schnitt durch Spannpresse in den 4 Spannfasen (Ansetzen, Spannen, Verkeilen und
Lösen)

14.11.01 212
7. Spannbeton

Wenn die Spannkraft erreicht ist, drückt der Verkeilkolben mit der Verkeilplatte über Verkeilringe die
Ringkeile in die Bohrungen. Die Verkeilkraft beträgt etwa 20 kN. Nach Ablassen der Spannkraft ziehen
sich die Litzen um das Maß des Keilschlupfes (ca. 6mm) in den Ringkörper ein. Danach können die
Drahtüberstände abgeschnitten werden. (Weitere Informationen siehe Firmenprospekt)

3. Kabelhalter

Die Höhenkoten der Spannglieder sind in den Querschnitten mit Spanngliedunterstellungen im Kabel-
plan enthalten. Die Vorspannkabel müssen genau nach der plangemäßen Kabellage auf genügend stei-
fe Kabelhalter verlegt werden, sodaß sie beim Betonieren nicht verschoben oder verbogen werden. Um
ein lokales Durchhängen der Kabel zwischen den Unterstützungen zu verhindern bzw. klein zu halten
soll der Abstand zwischen den Kabelhaltebügeln den in den Arbeitsunterlagen angegebenen Wert nicht
überschreiten (Größenordnung 1m). Die Spanngliedunterstellungen bestehen aus steifen Bügeln, die
eventuell durch aufgeschweißte Diagonalstäbe ausgesteift sind. Die oberen Querstäbe im Bild 7.29 a
müssen zum Verlegen der unteren Kabellagen entfernbar sein.
.
A Schnitt A-A
1

1
5
4
4
2 2
7 3

5
6
6

A
1 Kabelhaltebügel ∅ 14-20 mm
2 oberer Tragstab, auf angeschweißtes Auflager gelegt
3 Auflagerstäbchen, an Bügel angeschweißt
4 Hüllrohr
5 Halbschale (Stützschale)
6 unterster Tragstab, direkt an Bügel geschweißt
7 Fixierdraht

Bild 7.29 Spanngliedunterstellungen (Kabelhalter)

Als Hüllrohre haben sich für die Vorspannung mit nachträglichem Verbund dünnwandige Wellrohre aus
Stahlblech (Blechstärke ca. 0,25) oder Kunststoff durchgesetzt. Sie sind nicht zu weich und doch an den
gekrümmten Kabelverlauf anpaßbar. Die einzelnen Hüllrohrschüsse werden mit Schraubenmuffen oder
Schrumpfmuffen verbunden. An den Kabelstössen sind die Hüllrohre erweitert. An den Hochpunkten der
Hüllrohre, am höchsten Punkt von Hüllrohrerweiterungen (Muffenstössen) und an den Verankerungen
sind Entlüftungen anzuordnen.

14.11.01 213
7. Spannbeton

a) Hüllrohre aus Blech

Bild 7.30 Hüllrohr aus Stahlblech mit gewindeartigen Wellen

Die gewindeartigen Rippen haben eine mehrfache Funktion:

• Sie machen das Hüllrohr elastisch biegbar.

• Sie steifen den Hüllrohrquerschnitt gegen örtliches Eindrücken an den Kabelunterstützungen aus.

• Sie bilden ein Gewinde zum Anschrauben von Muffen an Stoßstellen von Hüllrohranschlüssen

• Sie ermöglichen ein Durchfließen des Injektionsmörtels auch in Bereichen, wo der Spannstahl an der
Hüllrohrwandung anliegt.

• Sie vermindern die Reibungsverluste.

b) Hüllrohre aus Kunststoff

Bei erhöhten Anforderungen an den Korrosionsschutz und die Ermüdungsfestigkeit der Spannglieder
bieten sich gerippte Polyäthylen - Hüllrohre an.

Litzentyp Litzentyp
Hüllrohrabmessungen
13 mm 15 mm
[mm]
(0,5“) (0,6“)

Kabeleinheit Kabeleinheit d D s

5-12 6-7 59 73 2

5-19 6-12 76 91 2,5

5-31 6-19/6-22 100 116 3

andere Einheiten auf Anfrage

Bild 7.31 geripptes Hüllrohr aus Polyäthylen

14.11.01 214
7. Spannbeton

4. Einstoßmethode

Die Litzen werden mit Hilfe einer Einstoßmaschine aus der Litzenrolle herausgezogen und in das Hüll-
rohr eingestossen (Bild 7.32). Dieser Vorgang kann vor oder nach dem Betonieren stattfinden.

Bild 7.32 Einstossen der Litzen in das Hüllrohr (schematisch)

Einziehmethode
Bei der Einziehmethode wird das Litzenbündel durch das einbetonierte Hüllrohr gezogen (Bild 7.33).

Bild 7.33 Einziehen des Litzenbündels (schematisch)

Werkseitge Vorfertigung
Im Werk vorgefertigte Kabel (mit Hüllrohr und Verankerungen) werden vor dem Betonieren als Einheit
verlegt. Die Methode ist vorteilhaft bei kleinen Kabeln und kurzen Transportwegen.

5. Injizieren

Vor dem Injizieren werden die Entwässerungsschläuche geöffnet. Der Injektionsschlauch wird an einem
Kabelende bzw. am tiefsten Punkt an die dafür vorgesehene Injektionsöffnung angeschlossen. Der Ein-
preßmörtel wird solange in das Spannglied gepumpt bis es blasenfrei in gleichmäßiger Konsistenz am
ersten Hochpunkt austritt. Dann wird diese Öffnung verschlossen. Nun wird weiter injiziert, bis der zweite
Hochpunkt gefüllt ist usw. Auf diese Weise werden Hochpunkte entlüftet (Bild 7.34). Wenn schließlich
der Mörtel am Kabelende in gleichbleibender Konsistenz wieder austritt, werden alle Entlüftungsöffnun-
gen nochmals geöffnet und entlüftet.
Der Transport des Injektionsgutes im Hüllrohr sollte mit etwa 50 m begrenzt werden.
Entsprechend den Richtlinien für Einpreßmörtel sind Prüfungen auf der Baustelle durchzuführen. Diese
betreffen die Feststellung des Fließvermögens sowie die Bestimmung des Absetzmaßes und des Quell-
maßes.

14.11.01 215
7. Spannbeton

Bild 7.34 Anordnung von Injektionsanschlüssen, Entwässerungen und Entlüftungen (schema-


tisch)

Für die Zusammensetzung des Einpressmörtels und das Auspressen von Spannkanälen mit Zement-
mörtel gibt es Richtlinien. Das Injektionsgut hat folgende Forderungen zu erfüllen:
• Vollständige (satte) Füllung
• Verbundwirkung (Druckfestigkeit, Quellfähigkeit)
• Frostbeständigkeit
• Korrosionsschutz
• gute Verarbeitbarkeit
Diese Forderungen lassen sich durch Zementmörtel erreichen, denen Zusätze (Fließmittel, Quellmittel
etc.) beigefügt werden. Es ist darauf zu achten, daß geeignete Zemtentsorten verwendet werden.
Der Auspreßvorgang ist in einem eigenem Protokoll zu dokumentieren.

7.1.5.2 Spannsysteme für Vorspannung ohne Verbund

Für die verbundlose Vorspannung werden dieselben Litzenspannstähle wie für Spannsysteme mit Ver-
bund verwendet. Sie liegen in einem relativ engen glatten PE - Mantelschlauch (Polyäthylen oder Poly-
propylen) mit ca. 1mm Wandstärke. Der Raum zwischen den Litzen und dem Hüllrohr wird durch eine
spezielle Korrosionsschutzmasse ausgefüllt (extrudert), die auch als Gleitmittel wirkt und für geringe
Reibungsverluste sorgt.

a Litze PE-Schlauch

Korrosions-
schutzmasse

14.11.01 216
7. Spannbeton

Bild 7.35 Monolitze a)Monolitzen


b)Ankerkopf (Keilverankerung)

Mehrere Monolitzen lassen sich zu einem Spannglied zusammenfassen.


Man unterscheidet zwei Arten von verbundlosen Spannsystemen:
Die interne Vorspannung ohne Verbund und die externe Vorspannung.
Bei der internen Vorspannung werden die Kabel wie bei der Vorspannung mit nachträglich hergestellten
Verbund innerhalb des Betons geführt.
Bei der externen Vorspannung verlaufen die Kabel frei zugänglich außerhalb des Querschnittes. Auch
die Abspannkabel von Schrägseilbrücken mit Spannkräften bis zu 15000 kN und Bruchlasten bis zu
34000 kN sind als externe Spannglieder anzusehen.
Die Vorspannung ohne Verbund ist nicht neu. Bereits 1927 hat der deutsche Ingenieur Färber das Prin-
zip der internen verbundlosen Vorspannung zum Patent angemeldet. Um den Verbund auszuschalten,
umgab er den Stahl mit einer Parafinschichte. 1934 patentierte der deutsche Ingenieur Dischinger die
externe Vorspannung. Er baute die erste große Spannbetonbrücke (Bild 7.36) mit einer Mittelöffnung
von 69 m. Sie ist heute noch in Betrieb.

Bild 7.36 Die Aue - Brücke in Sachsen (BRD) mit externer Vorspannung (Dischinger 1936)

7.1.5.3 Intern geführte Spannkabel ohne Verbund

1. VT - CMM - SYSTEM

Dieser Spanngliedtyp der Firma VORSPANN - TECHNIK (CMM steht dabei für Compact Multi Mono) ist
dadurch gekennzeichnet, daß mehrere Monolitzen nebeneinanderliegend mit einer entsprechenden PE
- Ummantelung zu flachen Bändern verbunden sind (Bild 7.37).
Verwendete Litzen: F150 (0,62“)
St 1570/1770
Ap = 150 mm2

P uk = f pk ⋅ A p = 1770 ⋅ 150N = 265,5kN

zul P = 0,7 ⋅ P u = 185,85kN

14.11.01 217
7. Spannbeton

a b

Bild 7.37 a) Einfach extrudierte VT - CMM - Spanngliedtypen


b) Doppelt extrudierte Spanngliedtypen

Das Bild 7.38 zeigt als Beispiel die Verankerungen von Bündeln aus zwei und vier Monolitzen. Sie wer-
den sowohl als Spannanker als auch als Festanker verwendet. Die Festanker werden mit der 1,2-fachen
Nennkraft vorverkeilt.

Bild 7.38 Verankerungstypen für das VT - CMM System der Fa. VORSPANN-TECHNIK

Spanngliedkoppelelemente dienen dazu, um zwei nacheinander hergestellte Tragwerksteile miteinan-


der zu verbinden. Im Bild 7.39 sind Koppelstellen für 1- und 4-litzige Spannglieder dargestellt.

14.11.01 218
7. Spannbeton

Bild 7.39 Koppelstellen zum VT - CMM - System

Die VT-FG-Spannpressen können ohne Hilfsmittel von Hand an die Verankerungen angsetzt werden.
Sie benötigen nur 250 mm Überstand der Litzen am Spannende (FG = Front Grip).
Das Bild 7.40 enthält die technischen Daten für das VT-CMM-System.

Type VT-M 01-150 VT-CMM 02-150 VT-CMM 03-150 VT-CMM 04-150


Spannstahlgüte ST 1570/1770 ST 1570/1770 ST 1570/1770 ST 1570/1770
Litzenanzahl Stk. 1 2 3 4
Querschn. d. Spannbündels cm2 1,5 3,0 4,5 6,0
Gewicht des Spannbündels kg/m 1,18 2,36 3,54 4,72
rechnerische Bruchlast kN 265,5 531,0 796,5 1062,0
Spannkraft bei zul P kN 199,1 398,2 597,4 796,5
Elastizitätsmodul MPa 195 ⋅ 103 195 ⋅ 103 195 ⋅ 103 195 ⋅ 103
Reibungsbeiwert µ 0,05 0,05 0,05 0,05
ungewollter Umlenkwinkel °/m 0,2 0,2 0,2 0,2
min. Krümmungsradius m 2,5 2,5 2,5 2,5
Spaltzugwendel - ∅ a100/10,4+1 W. ∅a140/10,5+1 W. ∅ a160/12,5+1 W.
á 50mm á 50mm á 50mm
Zusatzbewehrung 1 φ 8, 160/100 2 φ 8, 160/160 3 φ 8, 220/160 3 φ 10, 280/180
Mindestbetongüte C25/30 C25/30 C25/30 C25/30
Verankerungsabmessungen mm 80 x 130 x 78 120 x 120 x 78 140 x 140 x 78 160 x 160 x 78
sxsxh

14.11.01 219
7. Spannbeton

Spannbündelabstände mm

60 60 60
45
50 50 50
50

62 84 84 74 108 86 132
50 45 45

Rand- und Achsabstände der mm


Verankerung

90 150
(120) 170 190
70
100
100 150 (80) 100
110
70 100 150
130 210 160 270
70 100
(80) 110
100
100 110
(80)
100

Litzenüberstand Spannseite mm 500 250 250 250


Keilschlupf am Spannanker mm 7 7 7 7

Bild 7.40 Technische Daten für die Spannglieder VT-M 01 - 150, VT-CMM 02, 03, 04 - 150

2. DYWIDAG - Stabspannglieder ohne Verbund

Es kann entweder glatter Stabstahl oder Gewinde-Stahl Verwendung finden (Bild 7.41).

Stahlgüte Bruchlast Puk / zul Last = 0,75 Puk [kN]


[N/mm2]

- - Ø 26 Ø 32 Ø 36

glatter 835/1030 - 547/410 828/621 1049/787


Stahl 1080/1230 - 653/490 989/742 1252/939

Gewinde- - Ø 15 Ø 26,5 Ø 32 Ø 36
stahl
835/1030 - 568/426 828/621 1049/787
900/1100 194/145 - - -
1080/1230 678/508 989/742 1252/939

Bild 7.41 Bruchlast und zulässige Vorspannkraft

Das Bild 7.42 zeigt ein Spannglied ohne freien Spannkanal. Hier wird das PE-Mantelrohr unmittelbar
einbetoniert. Das Spannglied bleibt nachspannbar; es ist jedoch nicht als Einheit (mit dem Korrosions-
schutz) auswechselbar.

Bild 7.42 Spannglied ohne freien Spannkanal

14.11.01 220
7. Spannbeton

Das Bild 7.43 a stellt ein Spannglied dar, welches in einem Spannkanal frei geführt ist. Bis zu drei Ein-
zelstäben können zu einem Stabbündeln zusammengefaßt werden (Bild 7.43 b). Derartige Spannglieder
sind austauschbar.

Bild 7.43 Spannglieder mit freiem Spannkanal


a) Einzelspannglied
b) Bündelspannglied

7.1.5.4 Externe Spannkabel

1. VT - CMM - SYSTEM

Für die externe Vorspannung werden die im Bild 7.44 dargestellten doppelt extrudierten VT-CMM-
Spannglieder verwendet. Der innere Korossionschutzmantel hat eine Wandstärke von 1,5 mm und der
äußere von 3 mm.
Diese Bänder können entweder einzeln oder in Gruppen angeordnet werden (Bild 7.44).

Bild 7.44 Beispiele für die Gruppenanordnung der flachen doppelt extrudierten Bänder

Das Bild 7.45 zeigt einen typischen Ankerblock. Als Unterschied zu runden Kabeln sind hier die Bohrun-
gen für die Ankerkeile nicht versetzt sondern parallel angeordnet.

14.11.01 221
7. Spannbeton

Querbewehrung

Wendel

Bild 7.45 Ankerblock zu 4x VT-CMM 04 - 150 (zul P = 4x 796,5 = 3186 kN)

Das Bild 7.46 enthält die prinzipielle Ausbildung eines Umlenksattels für das gleiche Kabel.

Bild 7.46 Umlenksattel aus Stahlblech

2. Externe Spannkabel VSL (Vorspannsystem Losinger)

Mit Monolitzen oder mit einem Bündel aus Litzen arbeitet ebenfalls das System VSL, die in einem runden
Hüllrohr aus Polyäthylen oder Stahl geführt werden. Der Hohlraum wird mit Zementmörtel ausgepreßt.

Bild 7.47 Schematischer Aufbau eines externen Spannkabels VSL

Es werden 0,5“ oder 0,6“-Litzen der Güte St 1570/1770 verwendet.


Das Bild 7.48 zeigt die Spanngliedverankerung, das Bild 7.71 ein Detail der Kabelumlenkung (weiter In-
formationen siehe Firmenprospekt).

14.11.01 222
7. Spannbeton

a
5
2 6 7 8 10
1 9
1 Injektionskappe
2 Ankerbüchse
3 Gewindeankerbüchse
4 Ringmutter
5 Ankerplatte 11
6 Wendel b
7 Führungsrohr 5 7
4 6 8
8 Übergangsrohr 1 3 9 10
9 Stahlrohr
10 Hüllrohr
11 Klemmring (Umlenkring)

11

Bild 7.48 Spanngliedverankerung System VSL


a) nicht austauschbar
b) austauschbar

a
3
2 1 4

2
3

1 Polyäthylenrohr 1
2 Schlumpfschlauch
3 Stahlrohr - Umlenksattel
4 Litzenbündel b
3
1 4
1

3
1

Bild 7.49 Ausbildung der Kabelumlenkung


a) PE-Rohr unterbrochen
b) PE-Rohr durchlaufend

Die Umlenkung des Litzenbündels erfolgt in einem exakt geformten steifen Stahlrohr. Der minimal zu-
lässige Umlenkradius liegt je nach Spannglied-Typ zwischen 2,5 und 5,0 m (Details siehe Firmenpro-
spekt). Wenn das PE-Rohr wie in Bild 7.49 b innerhalb des Umlenkrohres durchläuft, kann des leichter
ausgetauscht werden.
Es ist äußerst wichtig, daß die Umlenkkräfte (und die Reibungskräfte) sauber in das Tragwerk eingeleitet
werden. Das Bild 7.50 zeigt vier Varianten für die Ausbildung der Kabelumlenkung. Es ist ratsam für die
Bemessung und konstruktive Durchbildung dieser Details höhere Sicherheitsbeiwerte anzusetzen.

14.11.01 223
7. Spannbeton

a b

c d

Bild 7.50 Umlenkstellen externer Spannglieder:


Krafteinleitung in das Tragwerk über:
a) Konsolen
b) Querbalken (teilweise in der Bodenplatte)
c) Querrahmen (günstige Eintragung der Querkraft in den Steg)
d) Querverband bei Stahlkonstruktion
oder für nachträglichen Einbau in Betontragwerke

3. DYWIDAG - Spannglieder ohne Verbund

Abgesehen von Details sind die Dywidag-Bündelspannglieder ohne Verbund dem VSL-System (vgl. Ab-
schnitt ) ähnlich. Auch hier besteht ein Kabel aus einem Bündel von Einzellitzen, die werkseitig mit Kor-
rosionsschutzmasse und PE-Mantel umhüllt werden (Monolitzen). Zusätzlich wird das gesamte Bündel
durch Verfüllen der Hohlräume innerhalb der Verrohrung mit Zementmörtel gegen Korrosion, mechani-
sche Beschädigung und Brandeinwirkung geschützt.
Das Bild 7.52 zeigt eine Verankerung, die als Spann- und Festanker Verwendung findet. An Umlenkstel-
len sorgen spezielle Abstandhalter für eine geordnet-zentrische Führung der Litzen (Bild 7.53)

Anzahl Litzen Ø 0,6“ Fläche [mm2] Bruchlast PBruch [kN] zul Last pzul = 0,7 x PBruch [kN]

12 1680 2974 2082

15 2100 3717 2602

19 2660 4708 3296

Bild 7.51 Spannkräfte in externen Bündelspanngliedern (System DYWIDAG)

14.11.01 224
7. Spannbeton

Verankerungsscheibe

Bild 7.52 Spanngliedverankerung System DYWIDAG

Bild 7.53 Umlenksattel System DYWIDAG

7.1.5.5 Schrägkabel

Kabel für Schrägseilbrücken sind im Prinzip externe Spannglieder, die den Witterungsverhältnissen
(Temperatur, UV-Strahlung, saures Wasser, Streusalzdämpfen, Ozon, Wind, etc.) besonders ausge-
setzt sind.
Moderne weit gespannte Schrägseilbrücken mit ihren leichten, schlanken Tragwerken erfahren unter
Verkehrslast hohe Spannungsänderungen in den Kabeln. Infolge winderregten Schwingungen werden
die Kabel dynamisch beansprucht.
Ein weiterer Unterschied zur externen Vorspannung von Balkenbrücken besteht darin, daß bei großen
Schrägkabelbrücken normalerweise wesentlich größere Kabelkräfte auftreten.
Das Bild 7.54 zeigt den schematischen Aufbau eines Schrägkabels mit dem heute üblichen Parallel-Lit-
zenbündel.
Das äußere Schutzhüllrohr aus Polyäthylen sollte 10 bis 15 mm Wandstärke aufweisen. Dieses verfügt
über eine extrem niedrige Durchlässigkeit für Gase und Flüßigkeiten. Es weist eine hohe UV-Beständig-
keit auf und ist auch gegen andere atmosphärische Einflüsse resistent. Erforderlichenfalls kann auf das
HDPE-Rohr eine eingefärbte Außenschicht aufextrudiert werden.
Innerhalb dieser Schutzhülle können die Litzen entweder nackt oder in Form von Monolitzen bereits
zweifach korrosionsgschützt geführt werden. Eine weitere Verbesserung des Korrosionsschutzes wäre
durch Galvanisieren der Litzen erreichbar.
Der Hohlraum zwischen dem Litzenbündel und der äußeren Umhüllung wird heute meist mit Kunststoff-
modifiziertem Zementmörtel ausgepreßt. Diese für die Dauerhaftigkeit besonders wichtige Maßnahme
gibt dem Kabel einen wichtigen Schutz gegen die Umwelteinflüsse und im beschränkten Maße auch ge-
gen Brandeinwirkung. Auch erhöht sich das Gewicht und die Steifigkeit des Kabels wodurch sich das
Schwingungsverhalten ändert. Das Verpressen der Kabel mit Zementmörtel ist schwierig - insbesonders
bei langen Kabeln. Deshalb werden sich hier in Zukunft alternative Füllmaterialien durchsetzen.
Ein mit Monolitzen gefülltes Schrägkabel verfügt demnach über einen 4-fachen Korrosionsschutz (Kor-
rosionsschutzmasse + PE-Schlauch + Zementmörtel + Schutzhüllrohr).

14.11.01 225
7. Spannbeton

HPDE-Schlauch 12-15 mm
Zementinjektion

Litze in PE-Schlauch

Bild 7.54 Prinzipieller Aufbau eines auswechselbaren Schrägkabels

Bild 7.55 Verankerungselement VT

Die Schrägkabel und ihre Verankerungen müssen eine entsprechende Längssteifigkeit und statische
Festigkeit aufweisen. Außerdem sollen sie eine Schwingbreite von

2σ A = 200 bis 250 MPa (7.36)

auf Dauer ertragen, um einen ausreichenden Ermüdungswiderstand sicherzustellen.


Dies hat zur Folge, daß man die Schrägkabel in Gebrauchszustand nur bis 45% ihrer charakteristischen
Festigkeit beanspruchen darf:

zulσ p = 0,45 ⋅ f pk (7.37)

Besonders schwierig ist die Forderung (Gleichung (7.36)) hinsichtlich des Ermüdungswiderstandes für
die Keilverankerungen der Litzen zu erfüllen. Um einen „weichen“ Übergang der Kraft von der Litze zur
Verankerung zu erreichen, kann der Verankerungsbereich mit einem Mörtel ausgepreßt werden, der mit
einem dauerelastischen Kunststoff versetzt ist.
Beim VT-HIDYN-Schrägkabel ist das Ermüdungsproblem mit einem Doppelkeilsystem gelöst. Das Bild
7.56 veranschaulicht das VT-HIDYN-Prinzip am Beispiel der Verankerung einer Monolitze.

14.11.01 226
7. Spannbeton

a b

~ 0,9 P

Bild 7.56 VT-HIDYN-Prinzip


a) Doppelverankerung
b) Kraftverlauf in der Litze

Die Verankerung der Litze erfolgt mit zwei koaxial hintereinander angeordneten Keilverankerungen. Die
Verankerung S entspricht einer herkömmlichen Stahl-Keil-Verankerung mit leichten Modifikationen. Die
Verankerung P ist dagegen eine Klemmeinrichtung mit einem im Vergleich zum Stahlkeil weichen Pla-
stikkeil (Polyamide). Diese „weiche Verankerung“ übernimmt etwa 10% der Kraft P und führt zu dem im
Bild 7.56 b skizzierten Kraftverlauf in der Litze. Mit dieser Verankerungslösung erreicht man Festigkeits-
werte, die nahezu dem ungestörten (nicht geklemmten) Zugglied entsprechen.
Um den Eigenschwingungen der Kabel zu begegnen, werden an beiden Verankerungen entsprechende
Dämpfungsringe aus Neoprene eingebaut, deren Steifigkeit über Klemmscheiben beeinflußbar ist (sie-
he Bild 7.57).

14.11.01 227
7. Spannbeton

a B

5
4
1 2
8 10
7 9
6 D1
D2
D3

JO
D‘ DP DS

D3
D2
3 D1
11 12
13
H C
A
b
HPDE-Schlauch 12-15 mm
1 Abdeckkappe 8 Schutz- und Stützrohr Zementinjektion
2 Anker S (Stahlkeile) 9 Umlenkring (Führungsring)
3 Anker P (Polyamidkeile) 10 Dämpfer VT-CMM-Bänder
(doppelt extrudiert)
4 Ringmutter 11 Litzen
5 Ankerplatte 12 VT-CMM-Litzenbänder
6 Polyäthylen - Teleskoprohre 13 Zementfüllung
7 Trompete (Übergangsrohr)

Unit: A B C H DP/S D‘ D1 D2 D3 JO Puk zul P


Min [kN] 0.45 fpk
VT 7-150 150 540 100 50 140/120 185 150 93/102 90/83 230 1,858.5 836.3

VT 12-150 160 560 100 55 180/160 230 190 125/133 85/115 310 3,168.0 1,438.7

VT 19-150 170 590 110 60 210/190 280 215 156/165 110/140 370 5,044.5 2,270.0

VT 37-150 190 1000 120 70 270/250 330 300 245/232 176/200 500 9,823.5 4,420.6

VT 55-150 210 1160 130 80 310/290 380 340 263/273 226/250 610 14,602.5 6,571.1

VT 60-150 230 1330 140 90 340/320 415 370 288/299 226/250 650 15,930.0 7,168.5

VT 73-150 250 1420 150 100 360/340 440 390 313/324 256/280 700 19,381.5 8,721.7

VT 91-150 340 1710 200 140 420/400 540 450 352/368 291/315 800 24,160.5 10,872.2

VT 128-150 440 2320 260 180 490/470 640 520 399/419 331/355 940 33,718.5 15,173.3

Bild 7.57 VT-HIDYN Schrägkabel


a) Schnitt durch die Kabelverankerung
b) Kabelquerschnitt
c) Abmessungen und Kabelkräfte

14.11.01 228
7. Spannbeton

7.1.6 Spannkabelführung

Eine wichtige Aufgabe bei der Projektierung von Spannbetonkonstruktionen besteht in der Festlegung
der geometrischen Anordnung der Kabel (Kabelverlauf). Hier sind sowohl statische als auch konstrukti-
ve Gesichtspunkte zu beachten.
Aus der statischen Berechnung läßt sich ein sogenannter Kabelschlauch ableiten. Als Kabelschlauch
bezeichnet man zwei Grenzkurven, zwischen denen die aus allen Kabeln resultierende Vorspannkraft
liegen muß - also den zulässigen Bereich für die Anordnung der Spannkabel.
In Hinblick auf die konstruktive Durchbildung sind die Verankerungs- und Koppelstellen besonders sorg-
sam zu planen. An Koppelfugen dürfen maximal 50% aller Kabel gestoßen werden.
Wichtig ist, daß die Ankerplatten exakt an der Schalung zu befestigen sind. Um Knicke zu vermeiden,
sind die Kabel an den Enden über die Länge von ca. 1m gerade und exakt normal zu den Ankerplatten
zu führen. Dasselbe gilt beidseits von Koppelstellen.
In Verankerungsbereichen sind an allen Oberflächen rechtwinkelige Bewehrungsnetze mit einem Min-
destbewehrungsgrad von 0,15% in jede Richtung anzuordnen. Es sollen geschlossene Bügel verwendet
werden.
Selbstverständlich sind die in den Zulassungsbescheiden der Spannsysteme angegebenen Mindestab-
stände der Ankerkörper untereinander und vom Rand einzuhalten. Alle Ankerkörper sind von Wendeln
umschlossen. Zusätzlich sind noch Spaltzugbewehrungen erforderlich (siehe Kapitel 11.5.1). Bei Span-
nankern ist der erforderliche Platz für die Spannpressen bereitzustellen.
Auch für die Spannglieder bzw. Hüllrohre sind konstruktive Vorgaben zu erfüllen. Für die Spannglied-
führung sind Mindestkrümmungsradien vorgegeben. (siehe Firmenprospekte)
Auch die Betondeckung der Hüllrohre und ihr Abstand untereinander ist so festzulegen, daß der Beton
ordnungsgemäß eingebracht und verdichtet werden kann und daß eine ausreichende Verbundwirkung
vorhanden ist. Die Abstände sollten keinesfalls den Hüllrohrdurchmesser dduct und den Größtkorndurch-
messer der Betonzuschläge (+ 5 mm) unterschreiten. Weitere Angaben finden sich im Kapitel 15 (Kon-
struktive Durchbildung) und in den Arbeitsunterlagen zu den Spannsystemen.
Bei der Festlegung der Lage der Hüllrohre ist zu berücksichtigen, daß der Schwerpunkt des Spannstahls
nicht in der Mitte des Hüllrohres liegt. Vielmehr legt sich der Spannstahl entsprechend der Umlenkung
an die Hüllrohrwandung an.
Um einen möglichst großen inneren Hebelarm zu erreichen, wird man in den extremalen Momentenbe-
reichen (Bild 7.58, Querschnitte 2 und 4) die Kabel möglichst nahe beim Biegezugrand anordnen. Na-
türlich sind dabei die Mindestabstände der Hüllrohre zueinander und Mindestbetondeckungen
einzuhalten.

Konzentration der Kabel


über der Stütze

1 2 3 4 5

Auffächerung Konzentration der Kabel Auffächerung


im Bereich im Bereich im Bereich
des Endauflagers der maximalen der Wechselmomente
Feldmomente bzw. der Koppelfugen
Bild 7.58 Kabelführung (schematisch)

14.11.01 229
7. Spannbeton

Im Bereich der Momentennullpunkte wo aus der Verkehrslast Momente mit wechselnden Vorzeichen
(Wechselmomente) auftreten, fächert man die Kabel normalerweise auf (Bild 7.58, Querschnitt 3). Bei
Koppelfugen (Bild 7.58, Querschnitt 5), die vorzugsweise in den Momentennullpunkt verlegt werden,
muß man die Kabel auseinanderziehen um die Zwischenverankerungen unterzubringen.
Schließlich werden die Kabelverankerungen auch an den Trägerenden über die Querschnittshöhe ver-
teilt.
Als Zuggurt für das Schubfachwerkmodell (Abschnitt 11.5.2) wird man die zur Aufnahme der Kraft T er-
forderlichen Kabel knapp ober dem Auflager verankern (Bild 7.59).

Bild 7.59 Spannkabel als Zuggurt des Querkraft-Fachwerkmodells

Außerdem sollte der momentenfreie Endquerschnitt durch die Vorspannung überdrückt werden. Damit
die resultierende Vorspannkraft innerhalb des Querschnittskernes angreift und um die Spaltzugkräfte
klein zu halten werden die restlichen Kabel über die Querschnittshöhe entsprechend gleichmäßig ver-
teilt. Selbstverständlich sind auch hier die Mindestabstände der Ankerkörper untereinander und zu den
Berandungen hin einzuhalten.
Jedes einzelne Spannglied wird im Konstruktionsplan (Kabelplan) lagegemäß in Grundriß, Aufriß und
Schnitten dargestellt. Die Hüllrohre werden zumindest in jenen Querschnitten, wo sich Tragbündel (Ka-
belhalter) befinden, durch ihren Abstand von der unteren und von der seitlichen Schalung zahlenmäßig
(tabellarisch) im Kabelplan festgelegt.
Die Tragbügel werden numeriert und häufig im Biegeplan einzeln dargestellt, um durch eine übersicht-
liche Kotierung der Querstäbe den exakten Einbau der Spannglieder zu unterstützen.
Jedes Spannglied erhält eine Kabelnummer - analog der Posititionsnummer einer schlaffen Bewehrung.
Sie wird für die Herstellung, das Verlegen, das Spannen (Spannfolge) und die Abrechnung benötigt. Als
Arbeitsunterlage für den Spannvorgang dient das Spannprotokoll (siehe Abschnitt 7.1.10).
Zur Berechnung und Konstruktion der Kabelführung bedient man sich spezieller Modula von einschlägi-
gen CAD-Programmsystemen.

14.11.01 230
7. Spannbeton

7.1.7 Reibungsverluste

Die Längsbeweglichkeit der Vorspannkabel im Hüllrohr wird durch Gleitwiderstände beeinträchtigt. Die
beiden wichtigsten Einflüsse sind:
• Der Widerstand infolge Reibung des Kabels am Hüllrohr bei gekrümmter Kabelführung.
• Der Widerstand infolge ungewollter Umlenkungen, die durch den Durchhang des Hüllrohres
zwischen den Kabelhaltern entstehen. Damit werden auch geringfügige Ungenauigkeiten beim
Verlegen und Verschiebungen bzw. Verbiegungen beim Einbringen des Betons erfaßt.
Bringt man an einem Ende des Kabels eine Kraft P auf, so spannt und dehnt sich der Spannstahl. Dabei
verschiebt sich das Kabel im Hüllrohr in Richtung des Spannankers und aktiviert Reibungskräfte. Sie
sind eine Folge der Umlenkkräfte u.

a b
x
r ⋅ dα r ⋅ dα

dr r
du P − dr
P P0 dα P(β) = P0 − ∆Pµ
α
r
dα β

Bild 7.60 Umlenkreibung eines Seiles entlang eines Zylindersattels


a) Zusammenhänge am Differentialelement
b) Coulomb‘sches Reibungsgesetz

P
u = ---- (7.38)
r

du = u r dα = P ⋅ dα (7.39)

dr = µ ⋅ du (7.40)

dr = P ⋅ µ dα (7.41)

Coulomb‘sches Reibungsgesetz

P ( β ) = P 0 ⋅ e – µβ (7.42)

Für µβ << 1 gilt näherungsweise

P ( β ) = P 0 ( 1 – µβ ) (7.43)

Die Reibungskräfte verursachen einen Spannungsverlust ∆Pµ(x). Aus Gleichung (7.42) folgt

∆P µ ( x ) = P 0 [ 1 – e – µβ ] (7.44)

bzw. für µβ << 1 (siehe Gleichung (7.43)) die schnelle Abschätzungsformel

∆P µ ( x ) ≈ P 0 ⋅ µβ (7.45)

14.11.01 231
7. Spannbeton

β = θ+k⋅x (7.46)

ò
x
mit θ = dθ (7.47)
0

P0 .....................Vorspannkraft an der Spannstelle (x=0)


µ .......................Reibungsbeiwert
Richtwerte für µ:
• kaltgezogener Draht0,17
• Litzen0,19
• glatter Rundstab0,33
• gerippter Stab0,65
θ .......................Summe der Umlenkwinkel (Bild 7.61) im Bogenmaß (rad) auf der Strecke x. Totaler
räumlicher Ablenkwinkel - vektoriell zu bestimmen. (Bei geringer Krümmung im Grund-
riß: Summe der horizontalen und vertikalen Umlenkwinkel)
k ......................ungewollter Umlenkwinkel (rad / lfm)
0,005 < k < 0,01
x ......................horizontaler Abstand vom Spannanker
(im Bild 7.61 definiert)

θ2

WP ... Wendepunkt θ3
2 WP 3
1 WP θx
x
θ1 θ2

Bild 7.61 Definition der vertikalen Umlenkwinkel θ(x)

Der gesamte Umlenkwinkel zwischen den Punkten 1 und x im Bild 7.61 lautet:

θ ( x ) = θ 1 + 2θ 2 + θ 3 + θ x (7.48)

14.11.01 232
7. Spannbeton

7.1.8 Spannkraftverlauf

Um den Spannkraftverlauf zu ermitteln, benötigt man die Lage der Spannglieder (Kabelplan). Da man
die Größe der Vorspannkraft P0 bei der Berechnung der Spannkraftverluste herausheben kann (Glei-
chung (7.44)) ist eine normierte Darstellung gemäß Bild 7.62 mit Hilfe der Wirkungsfaktoren ρ(x)
zweckmäßig:

– µ ( θ + kx )
ρ ( x ) = ρ0 ⋅ e (7.49)

Das Bild 7.62 zeigt schematisch einen Balken mit zwei parabolisch verlaufenden Spanngliedern, die bei-
de vom linken Ende des Balkens vorgespannt sind. Der Spannkraftverlauf kann auf einfache Weise mit
Hilfe des Wirkungsfaktors berechnet werden:

P ( x ) = 2P mo ⋅ ρ ( x ) (7.50)

Die Vorspannkraft nimmt kontinuierlich mit dem Abstand von der Spannstelle ab. Wenn der Spannkraft-
verlust ∆ρ (L) groß ist, wird man beidseitig vorspannen. Im Bild 7.63 ist zu erkennen, daß sich die Vor-
spannkraft in Feldmitte durch das beidseitige Spannen nicht erhöht.

(a)
2. Pm0

Wirkungsfaktor ρ(x) ∆ρ(x)


(b) ∆ρ(L/2) ∆ρ(L)

1,0
ρ(x) ρ(L)

x
A = ò (L )
ρ ( x ) dx

Spannkraftverlauf P(x) = 2Pm0 ⋅ ρ(x)


(c)
2∆Pµ(x)
2∆Pµ(L)

2Pm0
2Pm0 ⋅ ρ(x) 2Pm0 ⋅ ρ(L/2)

Bild 7.62 Beide Kabel werden einseitig vorgespannt (von links)

14.11.01 233
7. Spannbeton

Pm0 Pm0

Wirkungsfaktor ρ(x) A2

1,0 1,0
∆ρ(L/2)

A1

Spannkraftverlauf P(x) = 2Pm0 ⋅ ρ(x)

2Pm0
2Pm0
2Pm0 ⋅ ρ(L/2)

Bild 7.63 Beide Kabel werden beiseitig vorgespannt

14.11.01 234
7. Spannbeton

Pm0 Pm0

L
x
ρ1 ( x ) + ρ 2 ( 2 )
Kabel 1 -----------------------------------
Wirkungsfaktor ρ(x) 2
ρ1(x) ρ2(x)

1,0
ρ(L/2)

Kabel 2 ρ2(x)

1,0

Spannkraftverlauf P(x) = Pm0 ⋅ (ρ1(x) + ρ2(x))

2Pm0 ⋅ ρ(L/2)

Bild 7.64 Kabel 1 wird einseitig von links vorgespannt, Kabel 2 von rechts

Das Bild 7.64 zeigt eine Alternative zum Bild 7.63. Die beiden Kabel werden jeweils nur einseitig ange-
spannt, allerdings von gegenüberliegenden Balkenenden. In diesem Fall lautet die Vorspannkraft an Ort
x.

P ( x ) = P m0 [ ρ 1 ( x ) + ρ 2 ( x ) ] (7.51)

14.11.01 235
7. Spannbeton

Das Mittel aus den Linien ρ1 (x) und ρ2 (x) ist im Bild 7.64 strichliert eingezeichnet. Es verläuft bei para-
bolischer Kabelführung in Trägerlängsrichtung x konstant. Damit erreicht man über den gesamten Bal-
ken dieselbe Vorspannkraft.
Abschließend ist anzumerken, daß die Vorspannkraft in Feldmitte für alle drei Vorspannvarianten (Bild
7.62 bis Bild 7.64) gleich ist.
Wegen ρ(L/2) < 1,0 kann das Spannglied im höchstbeanspruchten Querschnitt in Feldmitte nicht ausge-
nützt werden.
Deshalb ist es gestattet, beim Spannen kurzfristig eine höhere Vorspannkraft P0 aufzubringen, um die
Reibungsverluste zu reduzieren (Bild 7.65).

Pm0 Pm0

a ρ(x) 1 ρ = 1,0

ρe(x)

1,0 ρ(x)

x
a

ρ = 1,0 ρa,2 >1,0


ρa,1 > 1,0 ρ2(x)
1,0 1,0
1
1
ρ e, 1 = ----------- ρ e, 2 = -----------
ρ a, 1 ρ a, 2

ρ(x)

Bild 7.65 Kurzfristiges Überspannen zur Erhöhung des Wirkungsfaktors ρ in Feldmitte


a) Spannen von links
b) beidseitiges Spannen

Nach dem Überspannen, muß man die Kraft an der Spannpresse nachlassen, um an jeder Stelle x die
Bedingung

ρ ≤ 1, 0 (7.52)

14.11.01 236
7. Spannbeton

einzuhalten.
Nach EC2-1-1 gelten folgende zulässige Spannkräfte

0,8 ⋅ f pk ⋅ Ap
P0 ≤ (7.53)
0,9 ⋅ f p0,1k ⋅ A p

0,75 ⋅ f pk ⋅ Ap
Pm 0 ≤ (7.54)
0,85 ⋅ f p0,1k ⋅ A p

P0 ....................zulässige Überspannung (kurzfristig)


Pm0 ...................zulässige Vorspannkraft (Mittelwert)

Der jeweils kleinere Wert ist maßgebend.


Sehr häufig wird in der Praxis zweimal aufgespannt (Bild 7.66), um eine gleichmäßigere Ausnützung der
zulässigen Vorspannkraft Pm0 zu erreichen.

Pm0 Pm0

L
a

1.Aufspannen ρa,1
2.Aufspannen ρa,2
2.Nachlassen ρe,2
1.Nachlassen ρe,1

1,0

l0

1.Aufspannen ρa,1 3.Aufspannen ρa,3


2.Aufspannen ρa,2 4.Aufspannen ρa,4
2.Nachlassen ρe,2 4.Nachlassen ρe,4
1.Nachlassen ρe,1 3.Nachlassen ρe,3

Bild 7.66 Zweimaliges Überspannen um einen gleichmäßigeren Spannkraftverlauf zu erreichen


a) Spannen von links
b) beidseitiges Spannen

14.11.01 237
7. Spannbeton

Insbesondere bei den Spannverfahren mit Keilverankerung wird nach dem zweiten Aufspannen veran-
kert. Der Keilschlupf verursacht dann einen Abfall der Spannkraft, der sich wie ein „zweites Nachlassen“
auswirkt.
Im nächsten Abschnitt wird abgeleitet, wieviel beim 2. Spannen überspannt werden muß, um den Keil-
schlupf zu kompensieren.

14.11.01 238
7. Spannbeton

7.1.9 Spannweg

Nur wenn beim Spannen der Spannglieder zusätzlich zur Spannkraft am beweglichen Ankerkopf auch
der Dehnweg gemessen wird, läßt sich kontrollieren, ob sich die planmäßige Vorspannung über die ge-
samte Trägerlänge eingestellt hat.
Eine Behinderung des Spannvorganges (durch in das Hüllrohr eingedrungenen Beton, durch unvorher-
gesehene Umlenkungen oder ganz allgemein durch einen erhöhten Reibungswiderstand) bewirkt, daß
der vorausberechnete Sollwert der Pressenkraft schon bei einem kürzeren als dem berechneten Spann-
weg erreicht wird.
Manchmal kann man „Hüllrohrverstopfer“ durch ruckartiges Anspannen und Nachlassen überwinden -
d.h. gängig machen. Man kann auch versuchen den „Pfropfen“ durch Einpressen von Wasser oder Luft
zu zerstören (Gefahr von explosionsartigen Abplatzungen). Schließlich besteht auch die Möglichkeit den
Verstopfer mit einem Draht zu durchbohren.
Die Kenntnis der zu erwartenden Dehnwege ist aber nicht nur für Kontrollzwecke wichtig, sondern bei
manchen Spannsystemen auch für die Ablängung der Kabel bzw. für die Auswahl der Ankerkonstruk-
tionen.
Der Dehnweg ∆l ist gleich dem Integral der Dehnungen εp(x) des Spannstahles, vermehrt um das Inte-
gral der Stauchungen εc(x) des Betons entlang der Spanngliedachse. Mit hinreichender Genauigkeit darf
über die Balkenlänge x integriert werden.
Der Spannweg, gemessen gegenüber dem sich gleichzeitig verkürzenden Beton, beträgt

∆l =
ò
(L )
[ ε p( + ) ( x ) – ε c( - ) ( x ) ] dx (7.55)

P m0 ⋅ ρ ( x )
mit ε p ( x ) = --------------------------- (7.56)
E p ⋅ Ap

(x) (x)
M p + g1 ( x ) N p + g1
und ε c ( x ) = ------------------ ⋅ e p + ------------------ (7.57)
Ec ⋅ Jc Ec ⋅ Ac

Neben diesen beiden wichtigsten Anteilen am Spannweg kommen noch folgende Größen hinzu.
• Ein gewisser Spannweg wird benötigt, um das Kabel im Hüllrohr zu strecken, ohne daß nenn-
enswerte Spannungen im Spannstahl auftreten. Bei gekrümmtem Hüllrohrverlauf legt sich dabei
das Kabel entlang der Bogeninnenseite an die Hüllrohrwandung an. Der hierfür erforderliche
Spannweg läßt sich durch ein leichtes Anspannen des Kabels vorwegnehmen.
• Der Verankerungsschlupf (Keilschlupf) an der Endverankerung läßt sich durch werkseitiges Vor-
verkeilen mit der 1,2-fachen Vorspannkraft weitgehend eliminieren. Man kann den Endver-
ankerungsschlupf auch durch Vorbelasten des Kabels großteils ausschalten.
• Damit der Spannstahl an der Spannpresse befestigt (verkeilt) werden kann, muß der Stahl um ein
entsprechendes Maß lü über den Ankerkörper hinaus reichen. Diese Kabelstück erfährt beim
Spannen ebenfalls eine Dehnung.

P
∆lü = -------------- ⋅ l ü (7.58)
Ep A p

Diese Überstandsdehnung muß den übrigen Dehnwegen zugeschlagen werden. Sie ist norma-
lerweise nicht im Spannprotokoll enthalten und wird vom Vorspannunternehmen gesondert be-
rücksichtigt. Sie liegt in der Größenordnung der Betonverkürzung.

14.11.01 239
7. Spannbeton

7.1.9.1 Stahlanteil am Spannweg

Weil die Betonstauchungen wesentlich kleiner sind als die Stahldehnungen

ε c « εp (7.59)

werden sie oft vernachlässigt. Dann erhält man als Spannweg

ò
Pm 0
∆l = ------------------ ⋅ ρ ( x ) dx (7.60)
Ep ⋅ Ap ( L )

Das Integral

A =
ò ( L)
ρ ( x ) dx (7.61)

stellt die Fläche unter der Kurve ρ (x) dar (Bild 7.62 b).
Beispielsweise wird im Bild 7.63 zuerst von links mit der Kraft Pm0 gespannt und danach von rechts mit
der Spannkraft Pm0. Der Spannweg am linken Anker ist affin zur Fläche A1. Der Spannweg am rechten
Anker ist affin zur Fläche A2:

P m0 ,1
∆l1 = ------------------ ⋅ A 1 = c ⋅ A 1 (7.62)
Ep ⋅ Ap

Pm 0
∆l2 = ------------------ ⋅ A 2 = c ⋅ A 2 (7.63)
Ep ⋅ Ap

Weil beim ersten Aufspannen von links auch im rechten Trägerbereich bereits ein guter Teil der Vor-
spannkraft aufgebaut wird, ist der Spannweg ∆l1 wesentlich größer als ∆l2. Erst wenn beim Spannen von
rechts die Kraft

P( L) = Pm 0 ⋅ ρ( L) (7.64)

überschritten wird, beginnt sich das Kabel am Ende aus der Verankerung 2 zu lösen.
Nun stellt sich die Frage, auf welche Last Pe die Spannkraft an der Presse zu entlasten ist, wenn man
mit der Kraft Pa > P m0 überspannt hat (siehe Bild 7.65 a und Bild 7.67).

Aus Gleichung (7.42) folgt

– µ a ⋅ β1
ρa ⋅ e = ρ m0 (7.65)

– µe β1
ρe = ρ m 0 ⋅ e (7.66)

β1 = θ1 + k ⋅ a (7.67)

Hierin bedeuten
Pe .....................Index e für Entlasten
Pa .....................Index a für Aufspannen
ρa [-] .................Wirkungsfaktor an der Spannstelle beim Überspannen
ρe [-] .................Wirkungsfaktor an der Spannstelle nach dem Entlasten

14.11.01 240
7. Spannbeton

µa .....................Reibungsbeiwert beim Aufspannen


µe .....................Reibungsbeiwert beim Entlasten
β1 .....................Kabelumlenkung auf der Strecke a1

Aus der Gleichung (7.65) folgt mit ρm0 = 1,0

ln ρ a
β 1 = ----------- → a1 (7.68)
µa

und aus der Gleichung (7.66)

µe µe
– ------ ln ρ a – ------
µa µa
ρe = e = ρa (7.69)

bzw. für µ a = µ e = µ

ρa ⋅ ρ e = 1 (7.70)

Mit den in Bild 7.67 hinterlegten Flächen A lautet der jeweilige Spann- oder Nachlaßweg

P m0
∆ l = -------------- ⋅ A (7.71)
Ep Ap

bzw. ∆ l = c ⋅ A [m ]

P m0
mit c = -------------- [ - ] (7.72)
Ep A p

Aus der Gleichung (7.70) erhält man ρe im Bild 7.67 a

1
ρ e, 1 = ----------- (7.73)
ρ a, 1

1
ρ e, 2 = ----------- (7.74)
ρ a, 2

14.11.01 241
7. Spannbeton

a ρa,1 b

ρa,2

1 1
1,0
2

Ae,1 Aa,2

ρe,1 a1 ρe,1 a1

c d
ρa,1

ρa,2 ρa,2

2 1 2 1
1,0 1,0

Ae,2 ρe,2
ρe,2
ρe,1 q(x)

Bild 7.67 Detail aus Bild 7.66 a:


Spannkraftverlauf im Verankerungsbereich bei 2-fachen Überspannen (1. Aufspannen
siehe Bild 7.65 a)
a) 1. Nachlassen ∆l e, 1 = c ⋅ A e, 1
b) 2. Aufspannen ∆l a, 2 = c ⋅ A a, 2
c) Verankern und Keilschlupf ∆l s = ∆l e, 2 = c ⋅ A e, 2
d) endgültiger Spannkraftverlauf

Der Wirkungsfaktor ρa,2 muß iterativ unter der Bedingung ermittelt werden, daß die Fläche Ae,2 im Bild
7.67 c mit der Gleichung (7.70) den vorgegebenen Schlupf ∆l s ergibt.

∆l s
A e, 2 = ------- (7.75)
c

Damit ist der in den Bildern 7.66 a und 7.67 d skizzierte sägezahnartige Verlauf des Wirkungsfaktors
und damit der Vorspannkraft P(x) gefunden.

14.11.01 242
7. Spannbeton

a
S S W
A W θ2 W W θ4 θ5
W θ1 θ3
S S
B

x
Welligkeit
b k⋅L
kx
θ1 β1 β(x) β(L)/2
θ2 θ(x)
θ2
Umlenk-
θ3 winkel θ
θ3
β(L) θ4
β‘(x) θ‘(x)
θ4

θ5

kx‘ Welligkeit

k⋅L

x‘

c
1,0

Wirkungs-
ρ(x) faktor ρ

Bild 7.68 Ermittlung des Spannkraftverlaufes


a) Kabelführung
b) Umlenkwinkel β = θ + k ⋅ x
c) Wirkungsfaktor ρ(x)

Das Bild 7.68 zeigt zusammenfassend die Ermittlung des Spannkraftverlaufes.


Im Bild 7.68 a ist der Kabelverlauf für einen Zweifeldträger mit Kragarm angegeben (schematisch).
Die Scheitelpunkte sind mit S (horizontale Tangente), und die Wendepunkte mit W bezeichnet. Die ge-

14.11.01 243
7. Spannbeton

samte Winkeländerung zwischen zwei Scheitelpunkten entspricht dem doppelten Neigungswinkel im


dazwischenliegenden Wendepunkt.
Im Bild 7.68 b sind dazu die Umlenkwinkel θi mit der Welligkeit zur Winkelsumme β zusammengefaßt.

Dem Bild 7.68 b lassen sich beim Spannen am Anker A (von links) die Umlenkwinkel β in Abhängigkeit
von Ort x entnehmen. Beim Spannen am Anker B (von rechts) benötigt man β‘ in Abhängigkeit von x‘.
Für den Wirkungsfaktor am Ort x gilt:

Spannen von A: ρ ( x ) = ρ 0 ⋅ e – µ ( θ + kx ) (7.76)

Spannen von B: ρ ( x' ) = ρ0 ⋅ e – µ ( θ' + kx' ) (7.77)

Für den Spannkraftverlauf gilt

P ( x ) = P m0 ⋅ ρ ( x ) (7.78)

bzw. P ( x' ) = P m0 ⋅ ρ ( x' ) (7.79)

7.1.9.2 Betonanteil am Spannweg

Beim Vorspannen einer Spannbetonkonstruktion treten neben den Stahldehnungen auch Betonstau-
chungen auf, die normalerweise gegenüber den Stahldehnungen gering sind. Ihr Anteil an den Gesamt-
dehnungen nimmt mit zunehmender Stahlgüte ab. Er liegt beispielsweise für eine Stahlgüte St 1570/
1770 in der Größenordnung von 2%. Aus diesem Grunde werden sie oft vernachlässigt. Jedenfalls er-
fordert ihre Berücksichtigung keine hohe Genauigkeit.
Es ist zwischen direkter und indirekter Betonverkürzung zu unterscheiden.

1. Direkte Betonverkürzung

Die Gesamtanzahl der zu spannenden Kabel sei n. Beim Spannen des Kabels i verkürzt sich der Beton
in der Faser des Kabels i um den Betrag ∆l c, ii .

ò
1 Pi ( x )
∆l c, dir = ∆l c, ii = ------ ⋅ σ ⋅ ------------- dx (7.80)
E c ( L ) c i,p+g1 P ( x )
i

Hierin bedeuten:
Pi (x).................Vorspannkraft im Kabel i und
P(x) ..................Summe der Vorspannkräfte aller Kabel im Querschnitt x
σci,p+g1 .............Spannung in der Faser i infolge der gesamten Vorspannkraft P(x) und g1
g1 .....................ständige Einwirkung während des Spannens
Es wird also die gesamte Betonstauchung infolge p und g1 im Verhältnis der Vorspannkraft auf das je-
weilige Kabel aufgeteilt.

2. Indirekte Betonverkürzung

Wird ein Spannkabel i vor dem Kabel k gespannt, so muß das Kabel i um den Betrag ∆l c, ik überspannt
werden. ∆l c, ik ist die Betonverkürzung entlang des Kabels i infolge der Vorspannung des Kabels k.

14.11.01 244
7. Spannbeton

ò
1 P k (x)
∆l c, ik = ------ ⋅ σ ci, p + g ⋅ ------------- dx (7.81)
Ec 1 P (x )
(a )

Dabei liefert selbstverständlich nur jener Bereich a des Kabels k Anteile zu ∆l c, ik in dem sich die beiden
Kabel überlappen (Bild 7.69).

i k

Bild 7.69 Gemeinsamer Bereich a der Kabel i und k

Alle nach dem Kabel i gespannten Kabel ( k = i+1 bis n ) liefern einen Anteil zur indirekten Betonverkür-
zung ∆l c, ind des Kabels i

å
n
∆lc, ind = ∆l c, ik (7.82)
k =i+1

Um der indirekten Betonverkürzung Rechnung zu tragen, werden alle Spannkräfte (sowohl die Auf-
spann- als auch die Nachlaßkräfte) mit dem Faktor f erhöht:

∆l s + ∆l c, dir + ∆l c, in d
f = ----------------------------------------------------- (7.83)
∆l s

Es bedeuten:

∆l s ...................Spannweg infolge Stahldehnung


∆l c, dir ..............Spannweg infolge direkter Betonstauchung
∆l c, ind ..............Spannweg infolge indirekter Betonstauchung

∆l c, ind wird umso größer, je früher das Kabel i in der Spannfolge vorkommt, d.h. je mehr Kabel k nach
dem Kabel i gespannt werden. Für jenes Kabel, welches zuletzt gespannt wird, gilt

∆lc, ind = 0 (7.84)

14.11.01 245
7. Spannbeton

7.1.10 Spannanweisung und Spannprotokoll

Die Spannanweisung enthält alle Angaben, die für das Vorspannen benötigt werden. Die Reihenfolge
nach welcher die Kabel zu spannen sind, wird als Spannfolge bezeichnet. Die Spannfolge ist derart
festzulegen, daß die Querschnitte in allen Spannphasen (möglichst gleichmäßig) überdrückt bleiben und
nicht zu große Spaltzugwirkungen entstehen.
Die Spannanweisung enthält ferner die errechneten Werte für die Aufspannkräfte, Nachlaßkräfte, Auf-
spannwege und Nachlaßwege (Sollwerte). Die auf der Baustelle aufgebrachten, bzw. gemessenenen
Werte (Istwerte) sind in das sogenannte Spannprotokoll einzutragen. Wenn die Istwerte stark von den
Sollwerten abweichen, ist die Ursache festzustellen (z.B. Betonplomben in einem verletzten Hüllrohr,
gerissene Litzen etc.)
Das Bild 7.70 zeigt das Formular welches sowohl die Spannanweisung (Sollwerte) als auch das Spann-
protokoll (Istwerte) enthält.

Spannanweisung und Spannprotokoll

Spannsystem: Objekt:
Spannstahl: Bauabschnitt:
E-Modul: lt Statik: Datum:
tatsächl.: Temperatur:
Reibungswert lt.Statik: Spannpresse Nr.:
1.Spannstufe 2.Spannstufe 1.+2.Stufe
Spannglied Nr.

Bemerkungen
Spannfolge

Dehnweg Vorspannkraft Nach- Dehnweg Vorspannkraft Nach- Dehnweg


laßweg mm laßweg mm

soll ist soll soll ist soll ist soll ist soll soll ist soll ist soll ist
mm mm kN bar bar mm mm mm mm kN bar bar mm mm mm mm

Bild 7.70 Beispiel eines Spannprotokolls

Schließlich sollen dem Spannprotokoll noch Anweisungen für das Absenken des Gerüstes beigefügt
werden. Auf diese Problematik wird in der Lehrveranstaltung Betonbau VA eingegangen.

14.11.01 246
7. Spannbeton

7.2 Sicherheitskonzept und Nachweise für


vorgespannte Stahlbetonstabwerke

7.2.1 Nachweise im SLS

Grundsätzlich sind - wie auch bei schlaff bewehrten Konstruktionen - alle Grenzzustände auf Traglast-
niveau (ULS) und für verschiedene Lastlevel auf Gebrauchslastniveau (SLS) einzuhalten. Nachfolgend
werden jene Nachweise besprochen, die der Einwirkungskombination „Biegung mit Längskraft“ zuzu-
ordnen sind.
Natürlich ist der Nachweis der Tragfähigkeit auch im Spannbetonbau von vorrangiger Bedeu-
tung.
Daneben sind folgende Nachweise im SLS zu erbringen, um die Gebrauchstauglichkeit und die Dauer-
haftigekeit sicherzustellen:
1. Grenzzustand der Dekompression (Übergang vom Zustand I in den Zustand II)
2. Begrenzung der Normalspannungen (Spannungsnachweise, zul σ)
3. Begrenzung der rechnerischen Rißbreiten (Rißbreitennachweis, Korrosion der Bewehrung,
Dichtigkeit)
4. Begrenzung der Verformungen (Nachweis der Langzeitdurchbiegung)
5. Schwingungsbeschränkung (Erregerfrequenz contra Eigenfrequenz)
Sowohl die Menge an Spannbewehrung (Spannstahl) als auch die Menge an schlaffer Bewehrung (Be-
wehrungsstahl) ist derart festzulegen (zu bemessen), daß alle Grenzzustände im ULS und SLS einge-
halten werden. Mit der Größe der Vorspannkraft läßt sich steuern, unter welchem einwirkenden Moment
MD der Querschnitt vom ungerissenen Zustand I in den gerissenen Zustand II übergeht. Dabei wird die
Betonzugfestigkeit vernachlässigt (fct = 0) (Bild 7.71 und Bild 7.72).

σc2
2

σ c0 MD
y S

ep

P
1
σc1
x

Bild 7.71 Grenzzustand der Dekompression: Definition der Bezeichnungen

-P
σ c0 = – ------
Ac

MD – P ⋅ ep P
σ c1 = ----------------------------- – ------
W1 Ac

σ c1 = 0

14.11.01 247
7. Spannbeton

W1
M D = P ⋅ æ e p + -------- ö (7.85)
è Ac ø

a b c

ΙΙ M > MD
y
Ιε M<MD Ιε M=MD ε0
S 0 0

1
εc1 < 0 εc1 = 0 εc1 > 0
x
I P II I
Anmerkung: ε0 = ----------------- ε 0 ≠ ε0
E c ⋅ Ac

Bild 7.72 Definition des Dekompressionsmomentes


a) M < MD: Zustand I (Querschnitt überdrückt)
b) M = MD: Grenzzustand der Dekompression
c) M > MD: Zustand II (Querschnitt in der Zugzone gerissen)

Als Vorspanngrad η kann man das Verhältnis zwischen dem Dekompressionsmoment MD und dem ma-
ximalen Moment im SLS (seltene Einwirkungskombination) bezeichnen.

MD
η = ------------------ (7.86)
max M

Bei η ≥ 1 bleibt der Querschnitt für alle einwirkenden Gebrauchslasten durch die Vorspannung über-
drückt, d.h. im Zustand I. Man spricht in diesem Fall von voller Vorspannung.
Im Gegensatz dazu bezeichnet man geringer vorgespannte Querschnitte (0 < η < 1) als teilweise vor-
gespannt. In diesem Falle ist das Dekompressionsmoment MD kleiner als max M; der Querschnitt geht
unter der Gebrauchstlast in den Zustand II über.
Mit Hilfe der Vorspannung läßt sich also steuern, ob und in welchem Bereich ein Balken in den Zustand II
übergeht.
Weil die Umlenkkräfte aus der Vorspannung normalerweise gegen die ständigen Lasten orientiert sind,
reduzieren sie die verformungswirksamen Lasten. Deshalb läßt sich mit der Vorspannung die Größe der
Durchbiegung verringern.
Neben der Tatsache, daß die Vorspanntechnik wirtschaftliche abschnittsweise Bauverfahren möglich
macht (Anspannen eines neuen Bauabschnittes an die fertiggestellten), dient sie in erster Linie zur Ver-
formungssteuerung.
Für die Bestimmung der erforderlichen Vorspannkraft ist jenes einwirkende Moment maßgebend, wel-
ches zum Grenzzustand der Dekompression führen soll. Oder die Größe der Vorspannkraft ergibt sich
aus der Forderung, daß ein bestimmter vorgegebener Grenzzustand der Verformung einzuhalten ist.
Für die Bemessung der Vorspannung sind somit in erster Linie, wie im Bild 7.74 dargestellt ist, die
Grenzzustände der Gebrauchstauglichkeit (SLS) maßgebend.

14.11.01 248
7. Spannbeton

a εcu = −0,0035
Nc

ϑ
zp MSd
zs Np εp
Ap
Ns
As
εs
b

σp σs

f pd

fs d

Ep Es

ε py εp εs y εs

Bild 7.73 Bemessung im ULS


a) Querschnitt im ULS
b) Stoffgesetze

Mit Hilfe der schlaffen Bewehrung, die zusätzlich zur Spannbewehrung eingebaut wird, kann auf wirt-
schaftliche Weise die Biegetragfähigkeit der Querschnitte sichergestellt werden. Beispielsweise ergibt
sich aus Bild 7.73 für den Fall, daß beide Bewehrungen ins Fließen kommen (εs ≥ εsy und εp ≥ εpy)

M Rd = f pd ⋅ A p ⋅ z p + f sd ⋅ A s ⋅ z s (7.87)

und mit M Rd = M Sd (7.88)

M Sd – ( f pd ⋅ A p ⋅ z p )
erf A s = --------------------------------------------------- (7.89)
f sd ⋅ z s

Die Bemessung der schlaffen Bewehrung erfolgt demnach im ULS!


Rippenstähle sind wegen ihrer guten Verbundeigenschaften besonders gut geeignet um Rißbreiten klein
zu halten. Deshalb bildet der Grenzzustand der Rißbreite (SLS) neben der Tragfähigkeit (ULS) ein wei-
teres Bemessungskriterium für die schlaffe Bewehrung.
Im Bild 7.74 sind die maßgebenden Grenzzustände für die Bemessung der vorgespannten und der
schlaffen Bewehrung zusammengefaßt. Die Nummern am rechten Bildrand beschreiben eine zweckmä-
ßige Reihenfolge, nach der bei der Bemessung vorzugehen ist. Nachfolgend werden die entsprechen-
den Nachweise in eben dieser Reihenfolge besprochen.

14.11.01 249
7. Spannbeton

BEMESSUNG - MASSGEBENDE GRENZZUSTÄNDE

(a) vorgespannte Grenzzustand der Dekompression 1


Bewehrung Grenzzustand der Verformung 3

(b) schlaffe Grenzzustand der Tragsicherheit 2


Bewehrung Grenzzustand der Rißbreite 4

Bild 7.74 Maßgebende Grenzzustände für die Bemessung der


(a) vorgespannten, (b) schlaffen Bewehrung

7.2.1.1 Einwirkungskombinationen

Für die Grenzzustände im SLS sind drei Einwirkungskombinationen definiert, für die bestimmte Nach-
weise zu führen sind.

1. Der höchste Level wird als charakteristische oder selten auftretende Einwirkungskombination
(EK0) bezeichnet. Die Auftretenswahrscheinlichkeit dieser Kombination beträgt etwa einmal pro Jahr.
Sie liefert die maximal auftretenden Momente im SLS.

M0 =
å j
M g, j + M q, 1 +
å i>1
Ψ 0, i ⋅ M q, i (7.90)

2. Der mittlere Level wird als häufig auftretende Einwirkungskombination (EK 1) bezeichnet. Seine
Auftretenswahrscheinlichkeit beträgt etwa einmal pro Woche.

M1 =
å j
M g, j + Ψ 1, 1 ⋅ M q, 1 +
å i>1
Ψ 2, i ⋅ M q, i (7.91)

3. Der untere Level entspricht der quasi-ständigen Einwirkung (EK2).

M2 =
å j
M g, j +
å i
Ψ 2, i ⋅ M q, i (7.92)

7.2.1.2 Anforderungsklassen: Klassifizierung der Nachweiskriterien

Der Vorspanngrad η (Gleichung (7.86)) ist ein Maß für die Intensität (Stärke) der Vorspannung. Sie wird
im Einvernehmen mit dem Bauherrn durch Vorgabe einer betimmten Anforderungsklasse festgelegt.
Mit den Anforderungsklassen werden die Nachweisbedingungen - das heißt, die maßgebenden Einwir-
kungskombinationen - hinsichtlich der Grenzzustände der Dekompression und der Rißbreite in Kate-
gorien A bis E eingeteilt.
Die maßgebenden Einwirkungskombinationen EK0, EK1, bzw. EK2 sind in Abschnitt 7.2.1.1 definiert
(Gleichung (7.90) bis (7.92)). Die nachfolgende Tabelle zeigt in Abhängigkeit von der vorgegebenen An-
forderungsklasse jene Einwirkungskombination, für die der Grenzzustand der Dekompression einzuhal-
ten ist.

14.11.01 250
7. Spannbeton

Anforderungs- maßgebende
Nachweis
klasse Einwirkungskombination EK

A EK0 ...... selten auftretende EK M0 ≤ MD

B EK1 ...... häufig auftretende EK M1 ≤ MD

C EK2 ...... quasi-ständige EK M2 ≤ MD

D ρ · EK2: 1>ρ>0
ρ · M2 ≤ MD
E
Tabelle 7.1 Definition der Maßgebenden EK für den Nachweis des
Grenzzustandes der Dekompression

Mit der Anforderungsklasse wird auch jene Einwirkungskombination festgelegt, die dem Rißbreitennach-
weis zu Grunde zu legen ist:

Anforderungs- maßgebende
klasse Einwirkungskombination EK

A kein Rißbreitennachweis erforderlich (volle Vorspannung)

B EK0 ..... selten auftretende EK

C
EK1 ..... häufig auftretende EK
D

E EK2 ..... quasi-ständige EK

Tabelle 7.2 Definition der maßgebenden EK für den Nachweis des Grenzzustandes der Rißbreite

Die rechnerisch einzuhaltenden Grenzrißbreiten sind im Kapitel 3.5 angeführt. Im Entwurf der DIN1045-
1 (1997) sind in Abhängigkeit von den Umweltbedingungen und von der Art der Vorspannung Mindest-
anforderungsklassen festgelegt (siehe folgende Tabelle).

Vorspannung mit
Expositions-
sofortigem nachträgli- Stahlbeton
klasse ohne Verbund
Verbund chem Verbund

X0, XC1 D D E E

XC2, XC3, XC4,


XF1, XF3
C C1) E E

XD1, XD2, XD3,


XS1, XS2, XS3, B C1) E E
XF2, XF4

XA1, XA2, XA3 besondere Maßnahmen erforderlich

1) wird der Korrosionsschutz anderwertig sichergestellt, darf die Anforderungsklasse D verwendet werden

Tabelle 7.3 Mindestanforderungsklassen nach DIN 1045-1 (Entwurf 1997)

14.11.01 251
7. Spannbeton

Von der Anforderungsklasse A bis E nimmt der Vorspanngrad η sukzessive ab. Im internationalen
Spannbetonbau besteht ein Trend hin zu geringeren Vorspanngraden und zur verbundlosen Vorspan-
nung. Mit dieser Entwicklung sind Begriffe wie vorgespannter Stahlbeton und Verformungsvorspan-
nung verbunden.
Mit abnehmendem Vorspanngrad kommt es gegenläufig zu einer Zunahme des Bewehrungsgrades an
schlaffer Bewehrung (Bild 7.75). Der höhere Anteil an schlaffer Bewehrung macht das Tragwerk robu-
ster (z.B. gegen Zwänge im jungen Betonalter), duktiler (gute Risseverteilung durch schlaffe Beweh-
rung) und auch wirtschaftlicher.

a Spannbeton b vorgespannter
Stahlbeton
Spann- Bewehrungs- Spann- Bewehrungs-
stahl stahl stahl stahl

100% 100%

Ap · fpd As · fsd Ap · fpd As · fsd

Beschränkte Verformungs-
Vorspannung vorspannung

Bild 7.75 Der Trend zu geringeren Vorspanngraden (qualitativ)


a) Vergangenheit (hoher Vorspanngrad)
b) Zukunft (niedriger Vorspanngrad)

7.2.1.3 Grenzzustand der Dekompression: Bemessung der Vorspannkraft

Je nach vorgegebener Anforderungsklasse ist der Grenzzustand der Dekompression in allen Quer-
schnitten für die in Tabelle 7.1 definierten EK einzuhalten.
Beispielsweise gilt für die Anforderungsklasse C: MD = M2

Das Dekompressionsmoment MD ist demnach vorgegeben. Gesucht ist jene Vorspannkraft Pinf, die er-
forderlich ist, um exakt den Grenzdehnungszustand der Dekompression im Bild 7.76 zu bewirken.

14.11.01 252
7. Spannbeton

a b c
σc2
2

K1 MD P
y k1 P/A
P
K2 ep MK1
MP
P
1
σc1 = 0 MP = −P · ep MK1 = −P ( ep + k1)
z

Bild 7.76 Transformation der Vorspannkraft Pinf in den oberen Kernpunkt K1


a) Ausgangssituation: Schnittgrößen MD und P auf die Spanngliedachse bezogen
b) Äquivalente Schnittgrößen MP und P auf den Schwerpunkt bezogen
c) Äquivalente Schnittgrößen MK1 und P auf den oberen Kernpunkt bezogen

Durch das Verschieben der Kraft P zum oberen Kernpunkt entsteht das Biegemoment MK1.

M K1 = – P inf ⋅ ( e p + k 1 ) (7.93)

Die nunmehr im Kernpunkt wirkende Kraft P verursacht allein das im Bild 7.76 skizzierte Spannungsbild
(σ c1 = 0). Infolge dessen müssen die Biegemomente einander aufheben.

( + ) + M ( -) = 0
MD (7.94)
K1

Daraus folgt die erforderliche Vorspannkraft

MD
P inf = ------------------ (7.95)
ep + k 1

Der Index „inf“ weist darauf hin, daß die Gleichung (7.95) für einen unteren Grenzwert der Vorspannkraft
einzuhalten ist. Dieser tritt üblicherweise zu Zeit t = ∞ nach Abzug aller Kurz- und Langzeitverluste auf.
Die Formel (7.95) zur Bemessung der erforderlichen Vorspannkraft aus dem Grenzzustand der Dekom-
pression gilt auch für statisch unbestimmte Tragwerke, wenn in der Gleichung (7.96)

M
e p = -------p (7.96)
P

Mp auch die statisch unbestimmten Momente (Zwängungsmomente) des Lastfalles „Vorspannung“ ent-
hält (Bild 7.76 b). Näheres siehe LV - Betonbau VA.
Ermittlung der Kernweiten k1 und k2:

Der Abstand k1 des Kernpunktes K1 vom Schwerpunkt wird aus der Bedingung σc1 = 0 ermittelt (Bild
7.77)

14.11.01 253
7. Spannbeton

a b
σ c2 σc2 = 0

K1 N(-)
y h k1
k2
K2
N(-)

σc1 = 0 σc1
z

Bild 7.77 Kernweiten k1 und k 2: Definition der Bezeichnungen

( -)
N ⋅ k1 N(- )
a) σ c1 = -------------------- + ---------- = 0
W1 A
-W 1
k 1 = – ---------- (7.97)
A

(- )
N ⋅ k2 N ( - )
b) σ c2 = – -------------------- + ---------- = 0
W2 A
W2
k 2 = + -------- (7.98)
A

Für den Rechteckquerschnitt gilt beispielsweise

b ⋅ h2
W 1 = W 2 = -------------- und A = b ⋅ h
6
h
– k 1 = k 2 = --- (7.99)
6

7.2.1.4 Kernpunktsmomentendeckung

Durch den Trick, die Vorspannkraft in die Kernpunkte zu transfomieren, wird die Auswirkung der Nor-
malkraft auf den jeweils verschränkten Querschnittsrand zu Null. Die Spannungen infolge der Vorspan-
nung an diesen Rändern ergeben sich dadurch ausschließlich aus den Kernpunktsmomenten:

M k1
σ c1, p = + ---------- (7.100)
W1

– M k2
σ c2, p = ------------- (7.101)
W2

mit M k1 = – P ⋅ ( e p – k 1( - ) ) (7.102)

M k2 = – P ⋅ ( e p – k 2( + ) ) (7.103)

14.11.01 254
7. Spannbeton

Die Randspannungen infolge eines einwirkenden Momentes Mq lauten

Mq
σ c1, q = + -------- (7.104)
W1

Mq
σ c2, q = – -------- (7.105)
W2

Normalerweise sind die Kernpunktsmomente gegen die Lastmomente Mq orientiert. Das Bild 7.78 zeigt
schematisch eine grafische Darstellung der Momente Mk1(x), Mk2(x) und Mq(x), wobei die Kernpunkts-
momente mit umgekehrten Vorzeichen aufgetragen sind und die Kraft P(x) in den Gleichungen (7.102)
und (7.103) mit einem unteren Grenzwert Pinf einzusetzen ist.

σc2 > 0
b
a

-P·k2 Mk2
-P·k1

Mk1
Mk1 ∆Mm Mq ≤ M D
Mq

σ c1 > 0

Bild 7.78 Kernpunktsmomentendeckung


(a) Mq beispielsweise > Mk1 (Grenzzustand der Dekompression bereichsweise über-
schritten)
(b) M q ≤ M k1 (Grenzzustand der Dekompression eingehalten)

Der Bereich zwischen den beiden Kernpunktsmomentenlinien Mk1 und Mk2 wird als Kabelschlauch be-
zeichnet. Wo einwirkende Momente Mq innerhalb des Kabelschlauches (im Bild Bild 7.78 hellgrau hin-
terlegt) liegen, bleiben die Querschnitte durch die Vorspannung überdrückt (im Zustand I).

σ c, p + σ c, q < 0 (7.106)

In jenen Bereichen, wo das einwirkende Moment Mq betragsmäßig größer ist, als das zugehörige Kern-
punktsmoment, entstehen Zugspannungen

σ c, p + σ c, q > 0 (7.107)

Im Bild 7.78 ist dieser Bereich im linken Feld dunkelgrau hinterlegt dargestellt. Mit dem Differenzmoment

14.11.01 255
7. Spannbeton

∆M m = M q, m – M k1, m (7.108)

lautet die maximale Zugspannung im ersten Feld

∆M
σ c1 = -------- > 0 (7.109)
W1

Da Betonzugspannungen bei den Spanngliednachweisen nicht in Rechnung gestellt werden, gehen alle
Querschnitte σc1 > 0 in den Zustand II über. Folglich sind die Spannungsnachweise (siehe Abschnitt
7.2.1.5) für diese Querschnitte im Zustand II zu führen.
Wenn man die Vorspannung vorh P derart erhöhen will, daß im Querschnitt m unter Mq,m keine Zug-
spannungen auftreten, lautet die hiefür erforderliche Kraft

M q, m
erf P = vorh P ⋅ ----------------- (7.110)
M k1, m

Wenn Mq der maßgebenden EK für den Grenzzustand der Dekompression entspricht (Tabelle 7.1), so
läßt sich die Nachweisbedingung

Mq ≤ MD (7.111)

mit Hilfe der Kernpunktsmomentendeckung durch eine entsprechende Anpassung der Spanngliedfüh-
rung und der Vorspannkraft optimal erfüllen.
Die Kernpunktsmomentendeckung ist ein anschauliches Verfahren zur zielsicheren Auslegung (Bemes-
sung) der Spannbewehrung.

7.2.1.5 Spannungsnachweise

1. Grundlagen

Mit den Nachweisen in den Grenzzuständen der Gebrauchsspannungen soll das Gebrauchsverhalten
und die Dauerhaftigkeit günstig beeinflußt werden.
Um eine „Zermürbung“ des Betons durch progressive Mikrorißbildung zu verhindern, wird die größte Be-
tondruckspannung unter der seltenen EK (SLS) limitiert mit

zul σ c0 = 0, 60 ⋅ f c k ( t ) . (7.112)

Bei jungem Beton ist die Entwicklung der Betonfestigkeit mit der Zeit t in Rechnung zu stellen:

fck(t) ≤ fck(28) (7.113)

Um überhöhte Kriechverformungen (nichtlineares, überproportionales Kriechen) auszuschließen, dür-


fen die Betondruckspannungen unter der quasiständigen EK2 den Wert

zul σ c∞ = 0, 45 ⋅ f ck (7.114)

nicht übersteigen. Dieser Nachweis kann beispielsweise beim Aufbringen der Vorspannkraft Probleme
bereiten (LK: Mg1+p, N g1+p), wenn dieser Zustand über längere Zeit erhalten bleibt.

Um zu vermeiden, daß die schlaffe Bewehrung übermäßig gedehnt wird, wird die maximale Stahlspan-
nung unter der seltenen EK0 im SLS auf

14.11.01 256
7. Spannbeton

zul σ s = 0, 8 ⋅ f yk (7.115)

beschränkt. Dies soll verhindern, daß plastische Stahldehnungen und große Risse auftreten, die sich
nach der Entlastung nicht mehr schließen.
Beim Spannstahl fürchtet man seine Empfindlichkeit hinsichtlich der Spannungsrißkorrision. Deshalb
ist die Zugspannung in den Spanngliedern mit dem Mittelwert der Vorspannung unter der quasi-ständi-
gen EK2 nach Abzug der Spannkraftverluste auf folgenden Wert zu begrenzen.

zul σ p = 0, 7 ⋅ f pk (7.116)

Für die Spannungsnachweise ist die Streuung der Vorspannkraft wie folgt zu berücksichtigen:

p 0 ( x ) = r sup ⋅ P m0 ( x )
P ∞ ( x ) = r inf ⋅ P m∞ ( x ) (7.117)

Pm0(x) ..............Mittelwert der Vorspannkraft am Ort x ohne Abzug der Langzeitverluste


Pm∞(x) ..............Mittelwert der Vorspannkraft am Ort x nach Abzug aller Spannkraftverluste

Vorschlag zur Abschätzung der Spannkraftverluste infolge Kriechen & Schwinden für die Vorbemessung

Anforderungs- ∆P ∞
κ = -----------
klassen P0

A 0,20

B 0,15

C 0,10

D 0,05

E 0

Tabelle 7.4 Richtwerte für eine grobe Abschätzung der Spannkraftverluste

P∞ = ( 1 – κ ) ⋅ P0 (7.118)

Kriechen & Schwinden wirkt sich in einer Abnahme der Vordehnung εp(0) aus.
Die Beiwerte rsup und rinf sind von den Spannkraftverlusten abhängig.

14.11.01 257
7. Spannbeton

mit Verbund
1,1
rsup
ohne Verbund

1,0
ohne Verbund
rinf
mit Verbund
0,9

10 20 30 % Spannkraftverluste κ
Bild 7.79 Streuung der Vorspannkraft

2. Querschnittswerte

Aus Rechtecken zusammengesetzte Querschnitte


Mit Hilfe des bekannten Satzes von Steiner lassen sich die Querschnittswerte gemäß Bild 7.80 als Sum-
me über alle n Teilrechtecke i ermitteln:
Querschnittswerte des i-ten Teilrechteckes bezogen auf die y-Achse:

∆ Ai = b i ⋅ h i (7.119)

∆ S yi = ∆ A i ⋅ z i (7.120)

3
bi h i 2
∆ J yi = ----------- + ∆ A i⋅ z i (7.121)
12

Bedeutung:
A.......................Fläche
Syi .....................statisches Moment
Jyi .....................Trägheitsmoment

Rechteckige Hohlräume lassen sich in den Gleichungen (7.119) bis (7.121) einfach mit negativem Vor-
zeichen erfassen.

Querschnittswerte des Bewehrungstabes j


∆Asj ..................Fläche des j-ten Bewehrungsstabes
∆ S sj = ∆ A sj⋅ z j statisches Moment des j-ten Bewehrungsstabes um die y-Achse
2
∆ J s = ∆ A sj⋅ z j Trägheitsmoment des j-ten Bewehrungsstabes um die y-Achse

Querschnittswerte der Hüllrohre k (Index d für „duct“)

∆Adk .................Fläche des k-ten Hüllrohrquerschnittes


∆Sdk = ∆Adk.zk .statisches Moment des k-ten Hüllrohrquerschnittes

14.11.01 258
7. Spannbeton

∆Idk = ∆Adk.Zk2 .Trägheitsmoment des k-ten Hüllrohrquerschnittes

Querschnittswerte des Spannstahles k (Index p für „prestressed“)


∆Apk ................Fläche des k-ten Spannstahlquerschnittes
∆ S pk = ∆ A pk⋅ z k ......statisches Moment des k-ten Spannstahlquerschnittes um die y-Achse
2
∆ J pk = ∆ A pk⋅ z k ......Trägheitsmoment des k-ten Spannstahlquerschnittes um die y-Achse

Das Bild 7.80 zeigt schematisch einen aus Rechtecken zusammengesetzten Querschnitt. Das Bild 7.81
enthält eine tabellarische Übersicht, wie man die Brutto-, Netto- und ideelen Querschnittswerte ermittelt.
Der Zähler i läuft über alle Betonquerschnittsteile (Rechtecke); der Zähler j läuft über alle Stabquer-
schnitte der schlaffen Bewehrung und der Zähler k über alle Spannglieder.
In der Praxis vernachlässigt man oft die schlaffe Bewehrung bei der Ermittlung der Querschnittswerte.
Diese Vereinfachung kann bei der Berechnung des Rißmomentes problematisch werden.

a A, J b A n , Jn c Ai, Ji
i = 1 bis n j = 1 bis nj k = 1 bis nk
Betonteile Bewehrungsstäbe Spannstähle
k = 1 bis nk
Hüllrohre
b1
A1 z1 h1
c z2 cn ci
SP brutto SPnetto SPideel
z3 h
b2 2 Asj
A2 A2

A3 h3 Adk

b3 SP...Schwerpunkt

Bild 7.80 Beispiel eines aus Rechtecken zusammengesetzten Querschnittes


a) Bruttoquerschnitt (Gesamtquerschnitt, inklusive der durch die schlaffe Bewehrung
und die Hüllrohre „verdrängten“ Flächen)
b) Nettoquerschnitt (Bruttoquerschnitt, abzüglich der durch die schlaffe Bewehrung und
die Hüllrohre „verdrängten“ Flächen, jedoch mit den Es/E c-fachen Flächen der
schlaffen Bewehrung)
c) Ideeler Querschnitt (Nettoquerschnitt plus Ep/E c-fache Spannstahlfläche)

Brutto Netto Ideel

å å å å å
Es Ep
A A = ∆ Ai An = A – ∆A s – ∆A d + ------ ∆ As A i = A n + ------ ∆A p
(i ) ( j) (k )
Ec ( j)
E c (k)

å å å å å
Es Ep
Sy S = ∆ Si Sn = S – ∆S s – ∆S d + ------ ∆ Ss S i = S n + ------ ∆S p
(i ) ( j) (k )
Ec ( j)
E c (k)

14.11.01 259
7. Spannbeton

å å å å å
Es Ep
Jy Jy = ∆ Ji Jy n = J – ∆J s – ∆J d + ------ ∆ Js J y i = J y n + ------ ∆J p
(i ) ( j) (k)
Ec (j )
E c (k )

S Sn Si
c c = ---- c n = ------ c i = -----
A An Ai

2 2 2
J J = Jy – A ⋅ c J n = J yn – A n ⋅ c n J i = J yi – A i ⋅ c i

Bild 7.81 Ermittlung der Brutto-, Netto- und ideelen Querschnittswerte

A.......................Querschnittsfläche
Sy .....................Statisches Moment um die y-Achse
Jy ......................Trägheitsmoment um die y-Achse
c .......................Abstand des Schwerpunktes von der y-Achse
J .......................Trägheitsmoment um die Schwerachse

Polygonartig begrenzte Querschnitte


Grundsätzlich gelten die Ausführungen des vorigen Abschnittes auch für polygonartig begrenzte Quer-
schnitte mit dem einzigen Unterschied, daß die Querschnittswerte des Bruttobetonquerschnittes nicht
aus einer Summe von Rechtecken gebildet werden, sondern aus einer Summe von Trapezen. Jeder
Umfangsabschnitt des durch ein Polygon begrenzten Querschnittes bildet mit der y-Achse ein Trapez
(Bild 7.82).

yi+1
y yi

zi
zi+1
i
i

i+1 z

Bild 7.82 Trapezfläche über dem i-ten Umfangsabschnitt

Die Bruttoquerschnittswerte für den i-ten Umfangsabschnitt lauten

∆y i = y i + 1 – y i (7.122)

∆y i
∆A i = -------- ( z i + z i + 1 ) (7.123)
2

∆y i 2
∆S yi = -------- [ ( z i + z i + 1 ) – z i ⋅ z i + 1 ] (7.124)
6

∆y i 2 2
∆J yi = -------- ( z i + z i + 1 ) – ( z i ⋅ z i + 1 ) (7.125)
12

14.11.01 260
7. Spannbeton

Sie ersetzen die Gleichungen (7.119) bis (7.121). Der Zähler i durchläuft alle Umfangsabschnitte. Au-
ßenkonturen werden gegen den Uhrzeigersinn, Hohlräume im Uhrzeigersinn umlaufen. Dadurch regelt
sich automatisch das Vorzeichen des Beitrages, die das jeweilige Trapez zu den Querschnittswerten lie-
fert. Das Bild 7.83 a zeigt einen Querschnitt mit 10 Umfangsabschnitten, die Bilder Bild 7.83 b bis g die
trapezförmigen Teilquerschnitte, die aus den Umfangsabschnitten gebildet werden. Die Umfangsab-
schnitte 3,5,7 und 10 liefern keine Beitrag zu den Querschnittswerten,weil für diese Abschnitte ∆y = 0 ist
(Gleichungen (7.122) bis (7.125)).

a b c d
∆y(+) ∆y(+) ∆y(−)

y y y y
9
8
9 10
8 10 +
7 1 1 −
+
7 6 6
5 1
4 1
4 5 5
4
3 4
3 2 2 2 3 2 2
z z z z

e f g
∆y(+) ∆y(−) ∆y(−)
y y y
− −
+ 9
8 9 9 10
8
7
6
6
z z z

Bild 7.83 Aufbau eines polygonal begrenzten Querschnittes aus einer Serie von Trapezen (pro
Umfangsabschnitt)

3. Vorgangsweise bei Spannungsnachweisen

Obwohl die volle Vorspannung, wo unter der seltenen EK0 keine Zugspannungen auftreten dürfen, heu-
te nur in Ausnahmefällen Anwendung findet (z.B. Segmentbauweise) wird nachfolgend an Hand dieses
Grenzfalles die prinzipielle Vorgangsweise gezeigt.
Allgemein gilt für einachsige Biegung (M = My):

N M
σ x ( z ) = ---- + ----- ⋅ z (7.126)
A J

Als Querschnittswerte im Nenner der Gleichung (7.126) werden in der Vorstatik die Bruttowerte des rei-
nen Betonquerschnittes eingesetzt. In der Endstatik sind für alle Lastfälle, die vor dem Injizieren der Hüll-
rohre auftreten die Nettoquerschnittswerte und für alle Einwirkungen nach dem Injizieren die ideelen
Querschnittswerte anzusetzen.
Während der Bauphasen (Systemwechsel) und nach Fertigstellung sind alle auftretenden Lastfälle in
ungünstigster Kombination zu überlagern und damit die Randspannungen unten (σc1) und oben (σc2 )
nachzuweisen.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind dabei folgende Lastfälle zu berücksichtigen:
1. Vorspannung p
2. Zwänge infolge P bei statisch unbestimmten Systemen

14.11.01 261
7. Spannbeton

3. ständige Last g1 zum Zeitpunkt des Spannens


4. kurzfristig wirkende Baunutzlasten
5. ständige Last g2 nach dem Injizieren
6. Nutzlasten in ungünstigster Kombination (selten auftretende LK): extremale Schnittgrößen
7. Zwängungszustände (z.B. Temperatur, Stützensenkung, etc.)

Fallunterscheidungen für das Beispiel „volle Vorspannung“

Für die Betonrandspannungen sind folgende vier Fälle nachzuweisen: „Unten“ befindet sich die „vorge-
drückte Zugzone“.

Fall 1: Druck unten


σc2
2 EK:
1. P0,sup
S Mg1
y 2. Mg1 für kleinere Last beim Vorspannen
z.B. Eigengewicht g1
Nachweise:
P0,sup
(-)
1 σ c1 ≥ zul σco = 0,6 fck(t)
z σc1 σ c2 ≤ 0

Fall 2: Zug oben (darf nicht auftreten)

σc2 EK:
2 entweder Fall 1, oder:

min M 1. P0,sup
S
y 2. min M aus seltender EK oder Bauzustand

Nachweise:
P0,sup (-)
1 σ c1 ≥ zul σco
z σc1
σ c2 ≤ 0

Fall 3: Zug unten (darf nicht auftreten)

σc2
2 EK:

max M 1. P∞,inf
S
y 2. max M für seltender EK 0
oder
Pinf 1. Pt,inf
1
σc1 2. max M für Bauzustand
z
Nachweise:
σ c1 ≤ 0
(-)
σ c2 ≥ zul σco

14.11.01 262
7. Spannbeton

Fall 4: Druck oben (Dauerlast)

σ c2
2 EK:

Mg 1. P∞,inf
S
y 2. Dauerlast (quasi-ständige EK)

P∞,inf Nachweise:
1 σc2 ≥ zul σco = 0,45 fck
z σc1

Bild 7.84 Fallunterscheidungen

Bei voller Vorspannung (Zustand I) braucht die Spannung in der schlaffen Bewehrung nicht nachgewie-
sen werden.
Für die Spannung im Spannstahl gilt allgemein:

σ p = E p ⋅ εp (7.127)

ε p = εp( 0 ) + ε p( 1 ) – ∆ε p ( t ) (7.128)

εp(0) ..................Vordehnung
εp(1) ..................Lastdehnung

ε p( 1 ) = εc p (7.129)

εcp ....................Betonstauchung in der Faser des Spannstahlschwerpunktes

∆P ( t )
∆εp ( t ) = ------------------ (7.130)
Ep ⋅ Ap

∆εp(t) ................Abnahme der Stahldehnung εp durch die Langzeitverluste (Kriechen & Schwinden, Re-
laxation)
Für die Betonstauchung εcp in der Spanngliedfaser gilt mit den im Bild 7.85 definierten Bezeichnungen:

( -)
M g1 + p M g2 + q
–P
ε cp = ------------------ + ------------------- ⋅ epn + ------------------ ⋅ e pi (7.131)
Ec ⋅ An Ec ⋅ Jn Ec ⋅ Ji

14.11.01 263
7. Spannbeton

a b
Ep
An A i = A n + ------ ⋅ A p
E c

n n
y

y i Si
epn epi i

z z

Bild 7.85 Querschnittswerte: Definition der Bezeichnungen


a) Nettoquerschnitt vor dem Injizieren
b) ideeler Querschnitt nach dem Injizieren

Die Ermittlung der Querschnittswerte wurde im Abschnitt behandelt.

4. Vordehnung

Die Vordehnung εp(0) oder initiale Dehnung ist jene Dehnung, die im Spannstahl auftritt, wenn die Be-
tondehnung in der Faser des Spannstahles zu Null wird.

Anmerkung: Im Falle einer Spannbettvorspannung entspricht die Vordehnung jener Dehnung im Spannstahl, die im
Spannstahl vor dem Betonieren herrscht.

Um die Vordehnung εp(0) abzuleiten betrachten wir den Dehnungszustand unmittelbar nach dem Vor-
spannen (Bild 7.86).

P
------------------
E c ⋅ An

An
Mg1+p
Sn P
y
epn εcp

εp(1) εp
z εp (0)

Bild 7.86 Dehnungszustand unmittelbar nach dem Vorspannen

Die Dehnung im Spannstahl lautet mit den im Bild 7.86 definierten Bezeichnungen:

ε p = εp( 0 ) + ε p( 1 ) (7.132)

(0 ) (1)
εp = ε p – εp (7.133)

14.11.01 264
7. Spannbeton

σp
ε p = ------ (7.134)
Ep

P
σ p = ------ (7.135)
Ap

σ cp
ε p( 1 ) = εc p = --------- (7.136)
Ec

M g1 + p P
σ cp = ------------------ – ------ (7.137)
W pn An

1 Ep
ε p( 0 ) = ------ ⋅ æ σ p – ------ ⋅ σ cp
( - )ö (7.138)
Ep è Ec ø

Anmerkung: (+) – P ⋅ e
M g1 + p = M g1 pn

5. Spannungsnachweise im Zustand II bei Vorspannung mit Verbund

Einführung

Wenn zusätzlich zur Vorspannung ein Moment M(0) einwirkt, welches den in Bild 7.87 skizzierten Deh-
nungszustand bewirkt, so wird die Lastdehnugn εp(1) zu Null. Die Dehnung im Spannstahl εp entspricht
dann der Vordehnung εp(0).

Die Vordehnung läßt sich demnach als jene Dehnung definieren, die im Spannstahl verbleibt, wenn die
Lastdehnung zu Null wird.

εc2


Sn M(0)

epn
Ap εp = εp(0)

εc1

Bild 7.87 Wenn die Lastdehnung zu Null wird, entspricht die Spannstahldehnung εp der Vordeh-
nung εp(0)

Wenn man in der Höhe des Spannstahls zusätzlich eine schlaffe Bewehrung anordnet (Bild 7.88), so
entspricht die Dehnung εs der Lastdehnung εp(1).

14.11.01 265
7. Spannbeton

εc2


M > M(0)

Ap

As εp(1) εp(0)
εs
εp

Bild 7.88 Lastdehnung εp(1) und Vordehnung εp(0) in einem gerissenen Querschnitt

Das Bild 7.89 zeigt die Arbeitslinien des Spannstahls und des Schlaffstahls um die Vordehnung εp(0) ge-
geneinander verschoben.

σp σs fpd
fsd = fyd

σ p( 1 ) σs

εs
σp
σ p( 0 )

εs εp
εp(0)
εp(1)
εp

Bild 7.89 „gemeinsame Wirkung“ von Spannstahl und Schlaffstahl in derselben Dehnungsfaser

Aufsplitten der Kraft im Spannstahl

Die Kraft P im Spannstahl läßt sich in zwei Anteile P(0) und P(1) aufsplitten.

P = P (0 ) + P( 1 ) (7.139)

mit P ( 0 ) = E p ⋅ A p ⋅ ε p( 0 ) (7.140)

P ( 1 ) = E p ⋅ A p ⋅ ε p( 1 ) (7.141)

P(0) wird als initiale Vorspannungkraft bezeichnet. Sie ist unabhängig vom Dehnungszustand.

Der Anteil P(1) ist dagegen vom Dehnungszustand abhängig. P(1) entspricht der Kraft einer in derselben
Dehnungsfaser liegenden schlaffen Bewehrung mit der Dehnungsteifigkeit Ep · Ap.

14.11.01 266
7. Spannbeton

Die schlaffe Bewehrung im Bild 7.88 enthält die Zugkraft

T s = E s ⋅ A s ⋅ ε s = E s ⋅ A s ⋅ εp( 1 ) (7.142)

Mit dem Anteil P(1) trägt die Spannbewehrung demnach wie eine schlaffe Bewehrung.

Verschieben der initialen Vorspannkraft auf die Einwirkungsseite

Da die Kraft P(0) vom Dehnungszustand unabhängig (konstant) ist, kann man sie auf die Einwirkungs-
seite verschieben. Dabei ändert sie ihr Vorzeichen, das heißt sie wird zu einer einwirkenden Druckkraft.

Widerstand Einwirkung

C
M
ϑ
d z
P(1) εp(1) εp(0) P(0)
Ap Ts+p
As
Ts
εs

Bild 7.90 Spannungsnachweis im Zustand II: Die initiale Vorspannkraft P(0) wird auf der Lastseite
berücksichtigt

Der Kraftanteil P(1) läßt sich mit der Kraft T im Schlaffstahl zu der resultierenden Zugkraft Ts+p zusam-
menfassen. Sie greift im Schwerpunkt der gewichteten Stahlfläche

Ep
A s + p = A s + ------ ⋅ A p (7.143)
E s

an und ergibt sich mit der Lastdehnung in dieser Faser zu

Ts + p = Es ⋅ As + p ⋅ εs + p (7.144)

Damit kann der Spannungsnachweis eines vorgespannten Querschnittes im Zustand II wie bei einem
schlaff bewehrten Querschnitt erfolgen, der die Bewehrung As+p aufweist und entsprechend Bild 7.90
durch ein Biegemoment und die exzentrisch in der Spannstahlachse angreifende Druckkraft P(0) bela-
stet ist.

6. Spannungsnachweise im Zustand II bei Vorspannung ohne Verbund

Bei Vorspannung ohne Verbund ist und bleibt die aufgebrachte Vorspannkraft P auf Gebrauchslastni-
veau eine von den einwirkenden Schnittgrößen nahezu unbeeinflußte (konstante) „äußere“ Einwirkung.
Sie wird deshalb auf der Lastseite als in der Schwerachse der Spannstahlfläche angreifende äußere
Druckkraft angesetzt (Bild 7.91).

14.11.01 267
7. Spannbeton

Widerstand Einwirkung

C
ϑ M
z
d
P
Ap
Ts
As
εs

Bild 7.91 Vorspannung ohne Verbund; die Vorspannkraft P wird auf der Einwirkungsseite berück-
sichtigt

7.2.1.6 Langzeitverluste

7.2.1.7 Rißbreitennachweis

7.2.1.8 Verformungsnachweis

14.11.01 268
7. Spannbeton

7.2.2 Nachweise im ULS

7.2.2.1 Einwirkungskombinationen

Im Grenzzustand der Tragsicherheit (Ultimate Limit State - ULS) sind folgende Einwirkungskombinatio-
nen zu unterscheiden.
1. Bemessungssituation (Grundkombination)

M Sd =
å j
γ G, j ⋅ M G, j + γ P ⋅ M p + γ Q, 1 ⋅ M Q, 1 +
å i>1
γ Q, i ⋅ ψ o, i ⋅ M Q, i (7.145)

Ständige E. veränderliche E. Vorspannung


Einwirkung
γG γQ γP

günstige Auswirkung 1,00 0,00 1,00

ungünstige Auswirkung 1,35 1,50 1,00

Tabelle 7.5 Teilsicherheitsbeiwerte γF für Einwirkungen (EC2, 2..3.3.1, Seite 24, Tab. 2.2)

Die Vorspannung wird mit ihrem Mittelwert in Rechnung gestellt (für die statisch Unbestimmten). Der sta-
tisch bestimmte Anteil (−P · ep, −P) tritt auf der Widerstandsseite in Erscheinung.

Der Kombinationsbeiwert Ψ0,i erfaßt jenen Anteil der Einwirkung MQ,i, der mit hoher Wahrscheinlichkeit
gleichzeitig mit der vollen Leiteinwirkung MQ,1 auftritt.

2. Bemessungssituation (außergewöhnliche Einwirkung)


Durch Unfälle (Anprallstöße, Explosion, Erdbeben, Brand, etc.) kommt es zu Einwirkungen, die das
Tragwerk „gerade noch“ ertragen soll.

M Sd =
å j
M G, j + M p + M A + ψ 1 , 1 ⋅ M Q, 1 +
å i>1
ψ2, i ⋅ M Q, i (7.146)

MA ....................Bemessungswert der außergewöhnlichen Einwirkung (festgelegter Wert)


Ψ1,1 ..................häufig auftretender Anteil der Leiteinwirkung MQ,1
Ψ2,i ...................quasi ständiger Anteil der Begleiteinwirkung MQ,i

7.2.2.2 Bemessung der Bewehrung bei Vorspannung mit Verbund

Bei der Biegebemessung im ULS auf Querschnittsebene ist den mit den Gleichungen (7.145) und
(7.146) definierten Einwirkungen MSd ein gleich großes reaktives Moment MRd entgegenzustellen.

M Rd = M Sd (7.147)

14.11.01 269
7. Spannbeton

1. elastisch-plastisches Stoffgesetz

σp

f p ;0, 1 0, 9 ⋅ f pk
f py = -------------- = ---------------------
f py γp 1, 15

Ep

εp
ε py

Bild 7.92 elastisch-plastisches Stoffgesetz für Spannstahl

Unter der Annahme des im Bild 7.92 definierten vereinfachten Stoffgesetzes für den Spannstahl, bei
dem die Bruchdehnung εpu unbegrenzt bleibt, erreicht die Betonstauchung εc2 am Biegedruckrand ihren
Grenzwert εcu.

Druckmittelpunkt

εcu = −0,0035

C
ϑ MSd
d z
Tp εp(1) εp(0)
Ap T
As
Ts
εs
Zugmittelpunkt

Bild 7.93 Vorspannung mit Verbund: Bemessung der erforderlichen Bewehrung

Das Bild 7.93 zeigt jenen Grenzdehnungszustand, bei dem das reaktive Biegemoment

M Rd = – C ⋅ z (7.148)

die Gleichgewichtsbedingung (7.147) erfüllt.


Grundsätzlich wird zum Aufsuchen des Grenzdehnungszustandes gleich vorgegangen wie beim schlaff
bewehrten Balken:

ε s ≥ ε sy
ε p ≥ ε py (7.149)

Für den Rechteck- und den Plattenbalkenquerschnitt wurden unter der vereinfachenden Annahme eines

14.11.01 270
7. Spannbeton

rechteckigen Spannungsblockes geschlossene Formeln angegeben, wobei hier allerdings die Lage des
Zugmittelpunktes von der Größe As abhängt. Dadurch muß die Nutzhöhe d iterativ korrigiert werden.

M Rd = T p ⋅ z p + T s ⋅ z s = A p ⋅ f pd ⋅ z p + A s ⋅ f y d ⋅ z s (7.150)

Daraus folgt mit Gleichung (7.147)

M Sd – A p ⋅ f pd ⋅ z p
erf A s = ---------------------------------------------- (7.151)
f yd ⋅ z s

Vorgangsweise:

1. Annahme für die Nutzhöhe d

2. Ermittlung des Dehnungszustandes (x, εp(1), εs)

3. Überprüfung der Forderung (7.149) nach Duktilität

4. Berechnung der erforderlichen schlaffen Bewehrung erf As (Gleichung (7.151))

5. Korrektur der Nutzhöhe d und Wiederholung ab 2.

Anmerkung: Bei einer allgemeinen Querschnittsform, wo keine Formeln zur Ermittlung des Dehnungszustandes existieren,
muß in Punkt 2. ϑ iterativ variiert werden, bis die Gleichgewichtsbedingung

M Sd + C ⋅ z = 0 (7.152)

erfüllt ist.

2. bi-lineares Stoffgesetz

σp

f pk
f pk
f pd = -------
γp
0, 9 ⋅ f pd

Ep

ε py εpu εp

Bild 7.94 bilineares Stoffgesetz

Unter der Annahme des im Bild 7.94 definierten vereinfachten Stoffgesetzes für den Spannstahl ist die

14.11.01 271
7. Spannbeton

Spannstahldehnung mit der Bruchdehnung εpu zu begrenzen.

εcu

εp(0)
A
Ap
As
εpu

εcu

Ap
As
εsy

Bild 7.95 Fallunterscheidungen


a) Stahl ausgenützt
b) Beton ausgenützt

Es sind zwei Fälle zu unterscheiden:

1. Dehnungsbereich A (Bild 7.95 a):


Die Grenzdehnung im Spannstahl εpu ist ausgenützt, die Betonstauchung εc2 am Biegedruckrand ist
betragsmäßig kleiner als die Grenzstauchung εcu = −0,0035.
Die Spannstahldehnung wird hier also mit εpu festgehalten und die Betonstauchung ε c2 < εcu va-
riiert, bis das Momentengleichgewicht (7.152) erfüllt ist. Wieder ist z von der Größe und Lage von As
abhängig.

2. Dehnungsbereich B (Bild 7.95 b):


Die Grenzstauchung am Biegedruckrand ist ausgenützt

ε c2 = ε cu = – 0, 00035

Die Stahldehnung im Spannstahl liegt innerhalb der Grenzen εpy und εpu

ε py ≤ ε p < ε pu
und ε s ≥ ε sy

In diesem Fall wird ähnlich wie im Abschnitt vorgegangen, wobei die Spannung σp im Spannstahl im
Bereich der plastischen Verfestigung vom Dehnungszustand εp abhängt (Bild 7.94):

M Sd – A p ⋅ σ p ⋅ z p
erf A s = --------------------------------------------- (7.153)
f yd ⋅ z s

14.11.01 272
7. Spannbeton

Um festzustellen, welcher der beiden obigen Fälle für eine vorliegende Aufgabe relevant ist, berechnet
man für den Dehnungszustand

ε p = εpu
ε c2 = ε cu (7.154)

das reaktive Biegemoment

M Rd = – C ⋅ z (7.155)

Wenn MRd ≥ MSd ist, liegt der gesuchte Dehnungszustand, für den das Gleichgewicht erfüllt ist
(MRd = MSd) im Dehnungsbereich A (Fall1). Der Betondruckgurt ist nicht ausgenützt. ( εc2 < ε cu ).

Wenn MRd ≤ M Sd ist, liegt der gesuchte Dehnungszustand im Dehnungsbereich B (Fall2). In diesem Fall
ist der Stahl-Zuggurt nicht ausgenützt (εp < εpu).

7.2.2.3 Bemessung der Bewehrung bei Vorspannung ohne Verbund

Die im Sinne der Statik „richtige“ Berechnung der Traglast bei Vorspannung ohne Verbund setzt eine
iterativ - nichtlineare Systemanalyse voraus und ist deshalb nicht Stoff der Grundvorlesung.
Im Bild 7.96 ist das prinzipielle Tragverhalten bei Vorspannung ohne Verbund gezeigt.

ohne Verbund mit Verbund

Versagen der Biegedruckzone


FMV

Mr Spannstahl nicht ausgenützt

My MF
εp < εpy

εpy εp ε (0) εp
p
εp > εpy

∆εp
εp(1) wr

wr
sr
Bild 7.96 Tragverhalten im ULS bei Vorspannung ohne Verbund

Bei Vorspannung mit Verbund wirkt die Spannbewehrung auch risseverteilend und rissesteuernd - je-
doch mit einer schlechteren Verbundwirkung. Dadurch läßt sich die Einwirkung bis zum Fließen der Be-
wehrung steigern ohne daß extrem große Rißbreiten entstehen.
Bei Vorspannung ohne Verbund führt eine relativ geringe Erhöhung der Vorspannkraft zu großen Riß-
breiten, weil sich die Dehnungsänderung im Spannstahl über die gesamte freie Länge des Spannstahles
aufsummiert und in Form eines einzigen konzentrierten Risses auswirkt. Diese Rißbreite

14.11.01 273
7. Spannbeton

w = ∆ε p ⋅ l (7.156)

führt zu einer extremen Einschnürung der Druckzone, die nicht nur die Druckkraft C, sondern auch die
Querkraft VSd übertragen muß.
Häufig kommt es zu einem Schubdruckbruch der Biegedruckzone bevor die Spannbewehrung ins Fließ-
ne kommt. Im Vergleich zur Vorspannung mit Verbund ist bei Vorspannung ohne Verbund ein höherer
Anteil an schlaffer Bewehrung zur Sicherstellung der Tragfähigkeit (ULS) erforderlich.
Vereinfachte Bemessung im ULS

MSd
z
P
Ap
T = erf As · fyd eps
As
εs

Bild 7.97 Vorspannung ohne Verbund: vereinfachte Bemessung der schlaffen Bewehrung

Wenn man auf der sicheren Seite liegend die Zunahme ∆P beim Anheben der Einwirkung vom SLS zum
ULS vernachlässigt, läßt sich die erforderliche schlaffe Bewehrung wie bei einem Stahlbetonquerschnitt
unter Biegung mit Längsdruckkraft (große Ausmitte) bemessen (Bild 7.97):

M Sd + P eps P
erfA s = ------------------------------ – -------- (7.157)
z ⋅ fyd fyd

14.11.01 274
7. Spannbeton

7.3 Vorgespannte Flachdecken

7.3.1 Tragwirkung

Bild 7.98 Vorgespannte Flachdecken mit weiten Auskragungen

d [m]

0,45

0,45

0,40
on

0,35
et
lb
ah

on
St

et
in

0,30 nb
ke

an ton
ec

p
S l be
hd

n
0,25 e i Stah
ac

k
e c in
Fl

h d ke ton
a c c n be
l
F lzde a n
0,20 Sp
Pi e in
ck
0,15 ilzde
P

0,10
5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 l [m]

Bild 7.99 Deckenstärken in Abhängigkeit von den spannweiten (empfohlene Grenzschlankhei-


ten)

Punktgestützte Platten weisen wesentlich größere Durchbiegungen auf als liniengestützte Platten mit

14.11.01 275
7. Spannbeton

gleicher Spannweite und Plattenstärke h. Deshalb werden Flachdecken ab einer Spannweite von ca. 8
m vorzugsweise vorgespannt ausgeführt. Heute wird in erster Linie mit verbundloser Vorspannung (Mo-
nosotzen, bzw. CMM-Bänder) gearbeitet.

Kunststoffmantel
Litze

Dauer-Korrosionsschutzfett

Bild 7.100 Aufbau einer Monolitze

Die Vorspannung dient zur Verringerung der Durchbiegung (Verformungsvorspannung). Die Tragfähig-
keit und die Veschränkung der Rißbreite wird mit schlaffer Bewehrung sichergestellt.
Bild 7.101zeigt schematisch die Tragwirkung einer Vorspannung. Bei Flächentragwerken läßt sich die
Vorspannung nur mit den Umlenkkräften als Linienlast und den Ankerkräften als konzentrische einzel-
lasten modellieren (Bild 7.102). Die Schnittgrößen werden nach der Methode der Finiten Elemente er-
mittelt.

Spannglieder über den Stützen

Lasten
Stütze Stütze

Stütze Stütze
Spannglieder im Feld

Bild 7.101 Schematische Darstellung der Lastabtragung durch Vorspannung

P P
u

Bild 7.102 Umlenkkräfte (Plattenwirkung) und Längskräfte (Scheibenwirkung)


aus der Vorspannung

Das Bild 7.103 zeigt am Beispiel eines liniengestützen Plattenfeldes die Flächentragwirkung - bestehend
aus einem hängenden Seilnetz (Membran aus Spannstahl) und einem Druckgewölbe (Betonmembran)
- umschlossen von einem Druckring in dem die Stahlmembran hängt, bzw. einem Zugring, auf den sich
das Betongewölbe abstützt. Wenn auf Traglastniveau die Bewehrung ins Fließen kommt, überwiegt im
Umschließungsring die Zugkraft. Das Druckgewölbe versagt, wenn der Zugring nachgibt.

14.11.01 276
7. Spannbeton

Betonzug - resp. Druckring

Spannstahl -> Stahlmembran


Beton -> Betonmemran

δ2

Bild 7.103 Flächentragwirkung einer vorgespannten Stahlbetonplatte (Membranplatte)


a) Beton- und Stahlmembrane
b) Durchbiegung δ bei Umfangseinspannung

Im Falle der punktgestützten Platten bildet sich eine Haupttragwirkung über die Stützstreifen aus. Man
kann sich vorstellen, daß die im Bild 7.103 dargestellte Membranplatte auf den Stützstreifen aufliegt. Die
Durchbiegung in Feldmitte setzt sich zusammen aus einem Anteil δ1, der der Verformung der Stützstrei-
fen entspricht und aus einem Anteil δ2, der auch bei der liniengestützten Platte auftritt (Bild 7.103 b).

14.11.01 277
7. Spannbeton

7.3.2 Spanngliedführung

Um den Anteil d1 zu verringern, kann man eine sogenannte Stützstreifenvorspannung anordnen (Bild
7.104 a). Um den Anteil d2 zu reduzieren, ist eine verteilte Vorspannung in den Feldstreifen zweckmäßig
(Bild 7.104 b).

Spannkabel in verteilte Spannkabel


a Stützstreifen b

c d

Bild 7.104 mögliche Spanngliedanordnungen


a) reine Stützstreifenvorspannung
b) Stützstreifenvorspannung (50%) plus verteilte Spanngleider (50%) im Feldbereich
c) einachsige Stützstreifenvorspannung
(bei stark unterschiedlichen Spannweiten ly > lx)
d) einachsige Stützstreifenvorspannung in x-Richtung;
verteilte Vorspannung orthogonal dazu (y-Richtung)

Häufig weisen die Randfelder von Flachdecken dieselben Spannweiten auf wie die Innenfelder. Dann
sind nicht nur die Feldmomente sondern auch die Durchbiegungen in den Randfeldern und besonders
im Eckfeld wesentlich größer als in den Innenfeldern. Wenn es möglich ist, die Innenfelder lediglich ent-
lang der Stützstreifen vorzuspannen, bietet sich für die Randfelder die im Bild 7.105 skizzierte Anord-
nung der Spannbewehrung an.

14.11.01 278
7. Spannbeton

P = Px

P = 1,2 Px

P = 0,5 Px

Bild 7.105 Anordnung der Vorspannung in den Randfeldern

14.11.01 279
8. Stahlbeton - Schubelement

8. Stahlbeton - Schubelement

8.1 Schubfluß

Der Schubfluß t ist definiert als auf die Längeneinheit bezogene aus den Schubspannungen τ resultie-
rende Schubkraft (Bild 8.1).

t = τ ⋅ b0 (8.1)

τ t

b0 1

Bild 8.1 Definition des Schubflusses t

14.11.01 280
8. Stahlbeton - Schubelement

8.2 Schubscheibenelement mit orthogonaler


Bewehrungsanordnung

Das Bild 8.2 zeigt das orthogonal bewehrte Scheibenelement unter reiner Schubbeanspruchung. Die
Rißrichtung θ ist vorgegeben.

a · tan θ

t
θ

t
a

Bild 8.2 orthogonal bewehrte Stahlbeton - Schubscheibe

Das Bild 8.3 enthält das zum Bild 8.2 gehörige diskrete Fachwerkmodell unter der reinen Schubeinwir-
kung tSd auf Traglastniveau (ULS).

t Sd = τ Sd ⋅ b 0 (8.2)

Riß tSd
tSd · tan θ

hd 2
tan θ

Riß
θ 1

1 b0

Bild 8.3 Fachwerkmodell für Stahlbetonschubscheibe

• Bezogene Druckkraft in den Betondiagonalen


Mit hd = sin θ und den Gleichgewichtsbedingungen am Knoten 1 (Bild 8.3) ergibt sich die Diagonalkraft c.

t c
c = ------------- ns (8.3)
cos θ θ
t

14.11.01 281
8. Stahlbeton - Schubelement

und die bezogene Normalkraft nc

c 2t
n c = ------ = --------------- (8.4)
hd sin 2θ

aus der Gleichung (8.4) ergibt sich die Betonspannung σc für t = tSd zu

nc 2t Sd
σ c = ------ = -------------------------- (8.5)
b0 b 0 ⋅ sin 2θ

σc muß kleiner oder gleich der zweiachsigen Druckfestigkeit f2cd unter Zug/Druck-Einwirkung sein:

f 2cd = ν 2 ⋅ f 1c d (8.6)

f ck
ν 2 = æ 1 – ----------ö ≥ 0, 7 (8.7)
è 200ø

Der Abminderungswert ν2 für die einachsige Betondruckfestigkeit f1cd begründet sich mit der Tatsache,
daß infolge der Dehnung der Bewehrung in x- und z-Richtung quer zur Druckstrebe Zugdehnugnen herr-
schen.
Der vom schrägen Druckspannungsfeld aufnehmbare Schubfluß lautet:

f 2cd ⋅ b0 ⋅ sin 2θ
t Rdc = ----------------------------------------- (8.8)
2

Die Tragsicherheit des Betondruckspannungsfeldes ist gegeben für:

t Sd ≤ t Rdc (8.9)

Die Kraft im vertikalen Zugstab nsz folgt aus dem Kräftegleichgewicht am Knoten 1.

n sz, Sd = t Sd ⋅ tan θ (8.10)

Von der Vertikalbewehrung ist die Kraft nsz aufnehmbar

n sz, Rd = asz ⋅ f y d [kN/m] (8.11)

• Bemessung der Vertikalbewehrung

t Sd ⋅ tan θ
erf as z = ------------------------- [cm2/m] (8.12)
f yd

• Tragfähigkeitsnachweis für Vertikalbewehrung

t Sd ≤ t Rd (8.13)

mit t Rd = vorh a sz ⋅ f yd ⋅ cot θ [kN/m] (8.14)

Die Kraft im horizontalen Zugstab nsx folgt aus dem Kräftegleichgewicht am Knoten 2 (Bild 8.3).

14.11.01 282
8. Stahlbeton - Schubelement

t ⋅ tan θ n sx ⋅ tan θ
sin θ = ------------------ θ
c
t ⋅ tan θ (8.15)
t c
c = -------------
cos θ

n sx, Rd = t Sd ⋅ cot θ (8.16)

n sx,Rd = a sx ⋅ f yd (8.17)

• Bemessung der Horizontalbewehrung

n sx t Sd ⋅ cot θ
erf as x = -------- = ------------------------ (8.18)
f yd f yd

• Tragfähigkeitsnachweis für die Horizontalbewehrung


Es gilt

t Sd ≤ t Rd (8.19)

mit t Rd = vorh a sx ⋅ f y d ⋅ tan θ (8.20)

14.11.01 283
8. Stahlbeton - Schubelement

8.3 Schiefwinkeliges Bewehrungsnetz

t·a

ß
Ri
θ α 2

t·z
z

ß
Ri
t·z

θ θ

t·a t·a

a b0

Bild 8.4 Fachwerkmodell für eine Stahlbetonscheibe mit einem schiefwinkeligen


Bewehrungsnetz

Nachfolgend werden die auf die Längeneinheit bezogenen Stabkräfte des Fachwerkmodelles im Bild 8.4
ohne Ableitungen angeführt. Es wird den Studierenden dringend geraten, diese Formeln in Anlehnung
an die Vorgangsweise in Abschnitt 8.2 selbstständig abzuleiten.
ns......................auf die Längeneinheit bezogene Kraft in der schrägen Bewehrungsschar
nsx ....................auf die Längeneinheit bezogene Kraft in der Längsbewehrungsschar
nc......................auf die Längeneinheit bezogene Kraft im Betonspannungsfeld

t
n s = ------------------------------------------------------- (8.21)
sin α ⋅ ( cot θ + cot α )
2

n sx = t ⋅ cot θ (8.22)

–t
n c = ------------------------------------------------------- (8.23)
sin2 θ ⋅ ( cot θ + cot α )

Sonderfälle:

1) α = 90°: n sz = t ⋅ tan θ
n sx = t ⋅ cot θ
– 2t
n c = --------------- (8.24)
sin 2θ

2) α = 90°; θ = 45°

n sz = t
n sx = t
n c = – 2t (8.25)

14.11.01 284
8. Stahlbeton - Schubelement

3) α = 45°; θ = 45°

n sz = t
n sx = t
nc = t (8.26)

14.11.01 285
8. Stahlbeton - Schubelement

8.4 Schubscheibe mit zusätzlichen Normalkräften

nz

nx t nx

nz

Bild 8.5 Stahlbetonscheibe unter allgemeiner Belastung (nx, nz, t)

Im Bild 8.5 sind zum Bild 8.3 die Längskräfte nx und nz hinzugefügt. Damit erweitern sich die Gleichun-
gen (8.10), (8.16) udn (8.17) auf

n sx = n x + t ⋅ cot θ (8.27)

n sz = n z + t ⋅ tan θ (8.28)

2t
n c = – --------------- (8.29)
sin 2θ

Die bezogenen Normalkräfte nx und nz werden demnach direkt von der jeweiligen Bewehrungsschar
aufgenommen, soferne es sich um Zugkräfte handelt.
Unter der Beanspruchungskombination „Druck - Druck“ herrscht ein zweiachsiger Druckspannungszu-
stand, wenn die Bedingung

n x ⋅ nz > t 2 (8.30)

erfüllt ist.
Unter der Kombination „Druck - Zug - Schub“ wird die Kraft nsx negativ, wenn folgende Bedingung erfüllt
ist (Gleichung (8.27)):

n x > t ⋅ cot θ (8.31)

14.11.01 286
8. Stahlbeton - Schubelement

nz

nx t nx

t
θ1
t

nz

Bild 8.6 Druck - Zug - Schubeinwirkung

In diesem Fall (Bild 8.6) kann aus der Gleichung (8.27) jene Rißrichtung θ1 ermittelt werden, für die
nsx = 0 und damit asx = 0 ist.

t
tan θ 1 = – ----- (8.32)
nx

Für diese Rißrichtung θ1 liefern die Gleichungen (8.27) bis (8.29)

nsx
a sx = -------- = 0 (8.33)
f yd

nz + t ⋅ tan θ 1
a sz = --------------------------------- (8.34)
f yd

nc
σ c = ------ (8.35)
b0

14.11.01 287
8. Stahlbeton - Schubelement

8.5 Ersatzscheibenmethode für Stahlbeton - Membranplatten

Stahlbetonplatten lassen sich hinsichtlich ihrer Biegetragwirkung vereinfacht in zwei Gurtscheiben zer-
legen, die die Biegezugzone bzw. die Biegedruckzone bilden. Häufig überlagert sich der Plattenwirkung
auch eine Scheibenwirkung, wenn die Platte nicht nur normal zur Plattenebene, sondern auch in ihrer
Ebene belastet ist.

a b
y y
x x

my mx mxy tyx txy nx


myx ny

Bild 8.7 Auf ein Membranplattenelement einwirkende Schnittgrößen


a) Plattenwirkung
b) Scheibenwirkung

m yx m xy t yx
a ---------- ---------
- ------
- t xy
zy zx b 2 ------
-
2

nx /2
n y/2
zy zy mx /z zx zy tyx /2 t xy/2 nx /2 zx
m y/ x n y/2

Bild 8.8 Aufteilen der Schnittgrößen auf die Ersatzscheiben liefert folgende Scheibenkräfte:
a) infolge der Biege- und Drillmomente aus der Plattenwirkung
b) infolge der Normal- und Schubkräfte aus der Scheibenwirkung

Das Bild 8.8 zeigt, wie die im Bild 8.7 definierten Schnittgrößen die Ersatzscheiben belasten. Dabei wird
davon ausgegangen, daß die Scheibenkräfte nx bzw. ny im Bild 8.7 entweder positiv oder klein genug
sind, um in den Plattenquerschnitten in Kombination mit den Biegemomenten mx bzw. m y eine „große
Lastausmitte“ zu bewirken. Andernfalls sollte der zwischen den Gurten liegende Plattenlayer in die Mo-
dellbildung einbezogen werden.
Um den inneren Hebelarm zx bzw. zy zu bestimmen, kann man den Spannungsblock gemäß Bild 8.9
ansetzen, wobei man für die Betonspannung σc nur etwa 50% der einachsigen Druckfestigkeit anneh-
men sollte:

f cd = 0, 5 ⋅ f 1 cd (8.36)

Die Höhe 0,8 · x des Spannungsblocks sollte den zweifachen Randabstand der Druckbewehrung nicht
unterschreiten.

14.11.01 288
8. Stahlbeton - Schubelement

0,5 f1cd εcu


ds2 0, 8x x
h2 Drucklayer C
mx
zx

Zuglayer T εs
h1
ds1
1

Bild 8.9 Ermittlung der Ersatzscheibendicken h1 und h2

Damit sind die Einwirkungen entsprechend Bild 8.5 bekannt. Als Scheibendicke b0 ist für die Zugscheibe
h1 = 2ds1 und für die Druckscheibe h2 = 0, 8x ≥ 2d s 2 einzusetzen. Wenn die Biegemomente mx und my
unterschiedliche Vorzeichen aufweisen, entstehen in beiden Ersatzscheiben Zug-, Druck- und Schub-
beanspruchungen.

14.11.01 289
9. Querkraft

9. Querkraft

9.1 Einführung

Die Tragwirkung von Stahlbetonbalken läßt sich durch ein einfaches Fachwerkmodell beschreiben (Bild
9.1 b).

z
θ

Schubrisse

b
2 m 3
O2 O
D33
D1 D z
V2 2 V3
θ
U1 U2 U3
2 m 3 4 5

Bügelschar zur Zugstrebe V4

c 1 2 3 4 5

Betondruckfeld
Bügelschar zur Zugstrebe V3

Bild 9.1 Beschreibung des Biege- und Schubtragverhaltens eines Balkens durch ein diskretes
Fachwerkmodell
a) Balken mit Streckenlast q und Rißbild
b) Diskretes Fachwerkmodell
c) Spannungsfelder im diskreten Fachwerk (verschmiertes Fachwerkmodell)

Der Obergurt C im Bild 9.1 b entspricht der Biegedruckzone (Druckgurt); der Untergurt T repräsentiert
die Biegezugbewehrung.
Die Druckdiagonalen D ersetzen die Tragwirkung der schrägen Betondruckspannungsfelder (Bild 9.1 c).
Die Vertikalkomponente Dz der Diagonalkraft D entspricht der Querkraft V. Sie wird auch von den verti-
kalen Zugstreben V getragen, die als Resultierende aller Bügelkräfte innerhalb der Bereiche a aufzufas-
sen sind.
Der Winkel θ, den die Diagonalen D mit der Horizontalen einschließen, entspricht ungefähr jener Rich-
tung, in der sich Risse einstellen. Um schleifende Schnitte zwischen den Fachwerkstäben zu vermeiden,
sollte der Winkel θ innerhalb folgender Grenzen angenommen werden.

25° < θ < 65° (9.1)

14.11.01 290
9. Querkraft

Anmerkung: Das Fachwerk im Bild 9.1 b ist für jeden Winkel θ innerhalb des in Gleichung (9.1) definierten Bereich tragfä-
hig. Daher kann θ frei gewählt werden.

Wenn neben dem Biegemoment auch eine Normalkraft wirkt, so wirkt sich diese auf die Rißrichtung ten-
denziell wir folgt aus (Bild 9.2). Dies sollte aus Verträglichkeitsgründen bei der Wahl von θ berücksichtigt
werden, obwohl auch bei Biegung mit Längskraft das Fachwerkmodell im Bild 9.1 unabhängig vom Win-
kel θ tragfähig ist.

a Risse
N N N N

θ = 90° Risse θ > 45°

b
Risse
N N N N

θ = 0° Risse θ < 45°

Bild 9.2 Auswirkung einer Normalkraft auf die Rißrichtung


a) Zugkraft
b) Druckkraft

14.11.01 291
9. Querkraft

9.2 Gurtkräfte

9.2.1 Gurtkraft infolge M

In einem echten Fachwerk sind die Stäbe an den Knoten gelenkig angeschlossen. Sie bekommen des-
halb nur Normalkräfte ab. Die Spannungsverteilung über den Querschnitt von Fachwerkstäben ist kon-
stant. Deshalb ist die Annahme eines Spannungsblockes in der Druckzone eines Biegebalkens (Bild
9.3) mit dem Fachwerkmodell (Bild 9.1) verträglich.

f cd = 0, 85 ⋅ f 1cd ε cu = – 0, 0035

Druckgurt C
0, 8x x

M Sd
z

Zuggurt

T = As ⋅ σ s ( εs )
εs

Reaktion Aktion

Bild 9.3 Biegequerschnitt im ULS: Definition des Druckgurtes mit Hilfe eines Spannungsblockes
nach EC2

Nach EC2 lautet der Design-Wert fcd für die einachsige Betondruckfestigkeit

f cd = 0, 85 ⋅ f 1cd (9.2)

14.11.01 292
9. Querkraft

9.2.2 Gurtkräfte infolge V

a i m i+1
C

T m
a
b

Momentenlinie M(x)
Mi Mi+1

∆Mi+1
abgerückte
Momentenlinie
M + ∆M z
∆M i = V i ⋅ --- ⋅ cot θ
2
a
a v = --- (Versatzmaß
2 Abrückmaß)

Vi+1 V(x)
Vi
Vi-1(+)

Bild 9.4 a) Fachwerkmodell für die Ermittlung der Stabkräfte im Schnitt m - m


b) Erfassen der Gurtkraftänderung infolge V durch „Abrücken der Momentenlinie“

Das Bild 9.4 zeigt einen Ausschnitt aus dem Bild 9.1 und die zugehörigen Schnittgrößen M(x) und V(x).
Der Querschnitt m liegt in der Mitte zwischen den Querschnitten i und i + 1.
Die Gurtkräfte im Schnitt m - m lauten:

–M
C = -------- i (9.3)
z

Mi + 1
T = + -------------- (9.4)
z

a
M i = M m – V i ⋅ --- (9.5)
2

a
M i + 1 = M m + V i ⋅ --- (9.6)
2

a = z ⋅ cot θ (9.7)

14.11.01 293
9. Querkraft

Mm V
C = – --------- + ---- ⋅ cot θ (9.8)
z 2

Mm V
T = + --------- + ---- ⋅ cot θ (9.9)
z 2

Infolge der Querkraft bzw. durch die geneigten Betondruckstreben entsteht im Balken eine innere
Längszugkraft (Bild 9.6) Dx.

D x = V ⋅ cot θ (9.10)

Diese teilt sich je zur Hälfte auf die beiden Gurte auf (Gleichungen (9.8) und (9.9). Diese „innere Spreiz-
kraft“ entlastet den Druckgurt und belastet den Zuggurt zusätzlich. Die Kraft im Biegezuggurt nimmt um
V
---- ⋅ cot θ zu.
2
Wenn man die tatsächliche Momentenlinie M(x) um das Versatzmaß av=a/2 horizontal verschiebt (Bild
9.4), entsteht beispielsweise im Querschnitt i ein ∆Mi, welches exakt dem zweiten Term in der Gleichung
(9.5) und (9.6) entspricht.

a z
∆M i = V i ⋅ --- = V i ⋅ --- ⋅ cot θ (9.11)
2 2

Das Versatzmaß av lautet demnach

z
a v = --- cot θ (9.12)
2

Ein Vergleich der Gleichungen (9.9) und (9.11) zeigt, daß die Auswirkung der Querkraft auch durch Er-
höhen des Biegemomentes um ∆M erfaßt werden kann; das heißt, in dem man eine Biegebemessung
für die abgerückte Momentenlinie durchführt:

14.11.01 294
9. Querkraft

9.2.3 Zugkraftdeckungslinie

Mit Hilfe der Gleichung (9.9) läßt sich die Kraft im Biegezuggurt wie folgt darstellen

M Sd V Sd
T Sd = ----------- + ---------- cot θ (9.13)
Z 2

Diese ’einwirkende’ Zugkraft muß durch die Biegezugbewehrung aufgenommen werden.

T Rd = erfA s ⋅ f yd = erfT s (9.14)

Hiefür ist folgende Stahlfläche erforderlich (TSd = TRd)

T Sd
erf As = ---------- (9.15)
f yd

Normalerweise wird man die erforderliche Bewehrung erf As auf eine konstruktiv sinnvolle Anzahl von
Bewehrungskalibern aufrunden. Die tatsächlich vorhandene Stahlfläche vorh As liefert die reaktive
Zugkraft

TRd = vorh As · fyd = vorh TS (9.16)

Das Bild 9.6 veranschaulicht, wie man mit Hilfe einer grafischen Darstellung der Gleichung (9.13) und
(9.14) die Biegezugbewehrung austeilt.

Bild 9.5 Austeilen der Biegezugbewehrung mit Hilfe von Zugkraftdeckungslinien

An Stelle der Zugkraftdeckungslinien (Bild 9.7) kann man auch Momentendeckungslinien oder Stahldek-
kungslinien verwenden. Bei der letzteren wird die erforderliche Stahlfläche

M Sd 1 V Sd
erfA S = -------------- + --- ---------- cot θ (9.17)
z ⋅ f yd 2 f yd

der vorhandenen Stahlfläche vorh As gegenübergestellt. In jedem Querschnitt muß gelten

vorh vorhA s ≥ erfA s (9.18)

14.11.01 295
9. Querkraft

9.3 Betondruckdiagonale bei vertikaler Bügelanordnung

Die Querkrafttragfähigkeit der Betondiagonalen D im Fachwerkmodell (Bild 9.1 b) ist neben der Tragfä-
higkeit der Vertikalstreben (Bügel) für die Schubtragsicherheit bestimmend.

a b

C Dx/2 i+1
m
σc

-
Dx
z

hd
Dz = V
D σc

θ
T m
Dx/2
a
bw
Bild 9.6 a) Diagonalkraft D und Gurtkraftänderung Dx/2 infolge der Querkraft V
b) Querschnittsfläche Ad = bw ⋅ hd einer Betondruckdiagonalen

Das Bild 9.6 a zeigt, wie sich die Diagonalkraft aus der Querkraft ableitet.

Dz = V (9.19)

D x = V ⋅ cot θ (9.20)

V
D = ----------- (9.21)
sin θ

Im Bild 9.6 b ist gezeigt, wie sich die Querschnittsfläche Ad der Betondruckdiagonalen errechnet

h d = a ⋅ sin θ = z ⋅ cos θ (9.22)

A d = b w ⋅ h d = b w ⋅ z ⋅ cos θ (9.23)

Für eine vorgegebene Querkraft V ergibt sich die Betonspannung

D V
σ c = ------ = – ------------------------------------------------ (9.24)
Ac bw ⋅ z ⋅ cos θ ⋅ sin θ

2V
σ c = – ---------------------------------- (9.25)
bw ⋅ z ⋅ sin 2θ

V
σ c = – -------------- ⋅ ( tan θ + cot θ ) (9.26)
bw ⋅ z

wegen

14.11.01 296
9. Querkraft

1
sin θ ⋅ cos θ = ------------------------------ (9.27)
tan θ + cot θ

Die Druckspannung σc darf die zweiachsige Zug-/Druckfestigkeit

f 2cd = ν 1 ⋅ f 1c d (9.28)

f ck
ν 1 = 1 – ---------- ≥ 0, 7 (9.29)
200

nicht überschreiten. Die Reduktion ν1 gegenüber der einachsigen Druckfestigkeit f1cd ist dadurch be-
gründet, daß quer zum Druckspannungsfeld infolge der Bügeldehnung Zugspannungen herrschen.

σ c ≤ f 2cd (9.30)

Aus der Gleichung (9.26) läßt sich die Querkrafttragfähigkeit VRdc der Betondruckstreben ableiten.

1
V Rdc = --- ⋅ ν 1 ⋅ f 1cd ⋅ b w ⋅ z ⋅ sin 2θ (9.31)
2

Die Tragfähigkeit der Betondruckstreben ist gegeben, wenn

V Sd ≤ V Rdc (9.32)

14.11.01 297
9. Querkraft

9.4 Schubbewehrung - Querbewehrung mit vertikalen Bügeln

T B = ns ⋅ a
a b

i i+1
m

TB

V z
V

TB
θ
m
Bügel
a

Bild 9.7 a) die resultierende Bügelkraft TB entspricht der Querkraft V


b) die über die Länge a verteilten Bügel haben gemeinsam die Kraft TB zu tragen

Aus dem Kräftegleichgewicht am Knoten i+1 im Bild 9.7 a ergibt sich

T B = V Sd (9.33)

Diese Kraft wird von einer Serie von vertikalen Bügeln übernommen, die auf jener Länge a angeordnet
sind. Auf diese Bügel stützt sich das schräge Betondruckspannungsfeld ab.

a = z ⋅ cot θ (9.34)

Die auf die Längeneinheit bezogene Bügelkraft ns lautet

TB V Sd
n s = ------- = ---------- ⋅ tan θ (9.35)
a z

Aus ns ergibt sich die erforderliche Querschnittsfläche erf as der Bügel pro lfm (z.B. [cm2/m]).

ns V Sd
erf as = ------- = -------------- ⋅ tan θ (9.36)
f yd z ⋅ f yd

Für die Querschnittsfläche As1 eines Bügelschenkels ergibt sich daraus

as ⋅ s
A s 1 = ------------- (9.37)
n

as......................Querschnittsfläche der Bügel pro Längeneinheit [m]


s .......................Bügelabstand [m]
n .......................Schnittigkeit: Anzahl der vertikalen Bügelschenkel in einem Querschnitt (Bild 9.8)

14.11.01 298
9. Querkraft

bw
bw

2-schnittiger 4-schnittiger
Bügel (n = 2) Bügel (n = 4)

Bild 9.8 Definition des Begriffes „Schnittigkeit“

Die von den Vertikalbügeln aufnehmbare Querkraft VRds lautet (aus Gleichung (9.36)):

V Rds = vorh a s ⋅ z ⋅ f yd ⋅ cot θ (9.38)

Die Tragsicherheit der Bügelbewehrung ist gegeben, wenn

V Sd ≤ V Rds (9.39)

14.11.01 299
9. Querkraft

9.5 Schrägbügel

Das Bild 9.9 zeigt das Fachwerkmodell bei schräger (von der Vertikalen abweichender) Bügelanord-
nung.

Riss Riss

h
d

α Θ

a
a1 a2
a

Bild 9.9 Fachwerkmodell für Schrägbügel

Mit den geometrischen Größen:

a 1 = z ⋅ cot θ
a 2 = z ⋅ cot α
a = z ⋅ ( cot θ + cot α ) (9.40)

ergibt sich für die Betondruckstrebe im Bereich a1

– V Sd
D = ------------- (9.41)
sin θ

A c = b w ⋅ h d = bw ⋅ a ⋅ sin θ = bw ⋅ z ⋅ ( cot θ + cot α ) ⋅ sin θ (9.42)

D – V Sd 1
σ c = ------ = – -------------- ⋅ ------------------------------------------------------- (9.43)
Ac bw ⋅ z sin2 θ ⋅ ( cot θ + cot α )

Wieder ist die Bedingung

σ c ≤ f 2cd = ν 1 ⋅ f 1cd (9.44)

einzuhalten. Alternativ zu Gl. (9.44) kann man die Tragfähigkeit der Betondruckstreben wie folgt nach-
weisen (aus Gl.(9.37) mit σc = f2cd):

V Rdc = f 2cd ⋅ b w ⋅ z ⋅ sin2 θ ⋅ ( cot θ + cot α ) (9.45)

V Sd ≤ V Rdc (9.46)

Im Bereich a2 wird die Querkraft vom schrägen Zugstab getragen, das heißt die z-Komponente von Ts
entspricht der Querkraft.

V Sd
T s = ------------ (9.47)
sin α

14.11.01 300
9. Querkraft

Ts V Sd
n s = ------ = -------------------------------------------------------- (9.48)
a z ⋅ sin α ( cot θ + cot α )

ns
erf a s = ------- (9.49)
f yd

Die Tragfähigkeit der Schrägbügelbewehrung ist gegeben, wenn die Bedingung

V Sd ≤ V Rds (9.50)

erfüllt ist. Die von den Schrägbügeln aufnehmbare Querkraft VRds lautet (aus Gl. (9.42) und (9.43)):

V Rds = vorh a s ⋅ f yd ⋅ z ⋅ sin α ⋅ ( cot θ + cot α ) (9.51)

14.11.01 301
9. Querkraft

9.6 Schubbewehrung bei veränderlicher Trägerhöhe

a „Sattelbinder“ mit „Fischbauch“

b Schnitt A - A
Cx
Cz α2
C

z
Vw
β(+)
α1 T
Tz
Tx

Bild 9.10 geneigte Gurte übernehmen mit der z-Komponente der Gurtkräfte Anteile der Querkraft
VSd
a) Systemskizze
b) Schnitt A - A

Das Bild 9.10 zeigt einen Balken mit geneigten Gurten. Für die Gurtkräfte gilt:

M Sd
T x = – C x = ----------- (9.52)
z

T z = T x ⋅ tan α 1 (9.53)

C z = C x ⋅ tan α2 (9.54)

Damit lautet das Kräftegleichgewicht in z-Richtung

C z + V w + T z = V Sd (9.55)

Für den reduzierten Querkraftanteil Vw, der im Steg mittels Bügel und Druckstreben (Betondiagonalen)
abzutragen ist, ergibt sich damit:

M Sd
V w = V Sd – ----------- ⋅ ( tan α 1 + tan α 2 ) (9.56)
z

α1, bzw. α2 werden als positiv angenommen, wenn C z bzw. Tz die gleiche Richtung wie Vw aufweisen,
das heißt, wenn h mit dem Biegemoment M anwächst.

14.11.01 302
9. Querkraft

Anmerkung: Bei geneigten Gurten erfolgt die Querkraftdeckung wie in den Abschnitten 9.1 bis 9.5, wobei man statt VSd die
reduzierte Querkraft Vw einsetzt.

a A b Schnitt A - A

h(x) VSd

Vw

α1
Tx
α1(-)
A
Tz
T
x

M(x)

Bild 9.11 h fällt mit wachsendem M

Das Bild 9.11 zeigt einen der seltenen Fälle, wo sich das Vorzeichen in Gleichung (9.56) umdreht.

(+ ) (+ )
V w = V Sd + T z (9.57)

( +)
(+ ) M Sd (- )
Vw = V Sd – ----------- ⋅ tan α 1 (9.58)
z

Im Bild 9.12 heben die z-Komponenten der Gurtkräfte einander auf. Dadurch gilt

V w = V Sd (9.59)

a m b Querschnitt m - m
U
a

α α
Cz Cz

Cz Cz Tz Tz

α α
m U
Tz Tz

Bild 9.12 parallelgurtiger Träger mit geneigter Stabachse

In jenen Querschnitt m - m, wo die Stabachse im Bild 9.12 einen Knick aufweist, addieren sich die z-
Komponenten zu Umlenkkräften U.

14.11.01 303
9. Querkraft

U = 2 C z = 2T z (9.60)

Die Umlenkkräfte werden in einem eigenen Abschnitt ausführlich behandelt.


Das Bild 9.13 stellt einen sogenannten Sattelbinder dar, bei dem in Feldmitte die Querkraft Null ist
(Gleichlast). Hier fallen in der Gleichung (9.55) die Terme Tz und V Sd weg. Die Stegkraft Vw hält der z-
Komponenten der Gurtkraft C das Gleichgewicht (Bild 9.13 b):

C z + Vw = 0 (9.61)
m
a
C

T T

− VSd

+ VSd,m-m = 0

Cz Cz

Vw Vw

kleine Bügel konzentrierte Bügel

Bild 9.13 Sattelbinder: Aufnahme der Umlenkkräfte U = 2Cz


a) Übersicht und Querkraftlinie für Gleichstreckenlast
b) Detail im Bereich m - m
c) Spannungsfelder

14.11.01 304
9. Querkraft

9.7 Querkrafttragfähigkeit von vorgespannten Balken

9.7.1 Reduktion der Stegbeanspruchung durch geneigte Spanngliedführung

Grundsätzlich gelten die im Abschnitt 9.6 dargelegten Zusammenhänge auch für geneigte Spannglieder
(Bild 9.14).

VSd Vw

α Pcz
Pc

dx

Bild 9.14 Die z-Komponente der auf den Beton wirkenden Vorspannkraft Pcz (-) reduziert die aktiv
einwirkende Querkraft VSd

(- )
V w = V Sd + P cz (9.62)

(- )
P c z = P c ⋅ sin α (9.63)

Die über den Steg abzutragende Querkraft Vw ist normalerweise um Pcz kleiner als die einwirkende
Schnittkraft VSd. Infolge der Neigung α der Spannglieder wird die Schubbeanspruchung des Steges und
damit auch die erforderliche Schubbewehrung (Bügel) kleiner. Deshalb ist in die Gleichung (9.63) (bei
positivem α gemäß der Definition im Bild 9.14) ein unterer Grenzwert Pinf für die Vorspannkraft einzu-
setzen. Pinf versteht sich als Vorspannkraft nach Abzug aller Kurz- und Langzeitverluste mit folgenden
Sicherheitsbeiwerten:

Für σ p < f p, 0,1k : P inf = P mt ⋅ γ p mit γp = 0,9 (9.64)

A p ⋅ f p, 0,1k
Für σ p ≥ f p, 0,1k : P inf = --------------------------- mit γp = 1,15 (9.65)
γp

P c = – P inf (9.66)

Anmerkung: Die Reduktion der Stegbeanspruchung durch Pcz setzt voraus, daß die in Rechnung gestellte Neigung α im
Bauwerk sicher vorhanden ist. Im Zweifelfall ist ein unterer Grenzwert für α einzusetzen.

14.11.01 305
9. Querkraft

Schubtragwirkung

Modell 1 uz = q1 = λq Vorspannen als externes Lastsystem

Gleichgewichtssystem A: Das durch die Umlenkkräfte u und die Vorspannkraft Pt


belastete momentenfreie Seil (Seileck)

Pt

uz ... Umlenkkräfte

Gleichgewichtssystem B: Der durch q1 und die Vorspannung belastete Beton

Wendepunkt q1 = λ ⋅ q Wendepunkt
Pz = Pt ⋅ sin α

Pt Pt

Px

α uz ... Umlenkkräfte
Px = Pt ⋅ cos α
λ⋅R

P ⋅ sin α P inf = γP ⋅ P m t
V≈0 --> λ ≈ --------------------
R
γP = 0,9

t = ∞

14.11.01 306
9. Querkraft

9.7.2 Alternative Begründung der Querkraftwirkung mit Hilfe der Umlenkkräfte


(MC90)

Anmerkung: Die nachfolgenden Ausführungen dienen in erster Linie dem Verständnis der Querkrafttragwirkung in vorge-
spannten Konstruktionen

Wenn man die Vorspannung als „externes Lastsystem“ betrachtet, kann man den Umlenkkräften einen
Teil λ der äußeren Lasteinwirkung q zuordnen. Die Last λ ⋅ q steht also mit den Umlenkkräften uz im
Gleichgewicht (Bild 9.15).

Anmerkung: Die z-Komponente uz der Umlenkkräfte kann konstant angesetzt werden, wenn der Spanngliedverlauf nähe-
rungsweise einer quadratischen Parabel entspricht.

a Pp(+) Pp(+)
uz
Pz
α0 α0

q1 = λ ⋅ q
b

Pc(-)
Pcz
α0 Pcx
uz

λ ⋅ Rq λ ⋅ Rq
Auflager bzw. Wendepunkte

Bild 9.15 Lastanteil λ ⋅ q , den die Spanngleider mit den Umlenkkräften u abtragen
a) das durch die Umlenkkräfte u und die Vorspannkraft Pp belastete Seil
b) der durch den Lastanteil q1 und die Vorspannung belastete Beton

Voraussetzunsgemäß gilt an jeder Stelle x

q1( x) = uz( x ) (9.67)

das heißt q1 und uz heben einander auf (σ z < 0).

Damit bleibt der Balken gerade (keine Biegeverformung). Er erfährt lediglich eine Längsrichtung durch
Pcx (-). Die z-Komponente der Ankerkraft Pcz(0) entspricht der anteiligen Auflagerreaktion λ ⋅ R .

P c z ( 0 ) = P inf ⋅ sin α 0 = λ ⋅ R (9.68)

14.11.01 307
9. Querkraft

q⋅l
R = --------- # (9.69)
2

Aus Gleichung (9.68) folgt mit Pinf nach den Gleichungen (9.64) und (9.65):

P inf
λ = ---------- ⋅ sin α 0 (9.70)
R

Der Lastanteil liefert keine Querkraft ( V w ≈ 0 ).

F
q2 = ( 1 – λ ) ⋅ q

schlaffe Bewehrung
vorgespannte Bewehrung

Bild 9.16 Fachwerkmodell für den Nachweis der Querkrafttragfähigkeit

Für den zweiten und restlichen Anteil

q2 = ( 1 – λ ) ⋅ q (9.71)

an der äußeren Last qSd

q Sd = q 1 + q 2 (9.72)

entspricht die Querkrafttragwirkung einem schlaff bewehrten Balken.


Das Bild 9.16 zeigt das zugehörige Fachwerkmodell. Die Stegbewehrung (Bügel) ist demnach für den
Lastanteil qz zu bemesen.

Bei Vorspannung ohne Verbund ist der Spannstahl im Fachwerkmodell nicht wirksam. Der Zuggurt im
Bild 9.16 besteht nur aus schlaffer Bewehrung.
Wenn es sich um eine Vorspannung mit Verbund handelt, kann der Spannstahl mit seiner rechnerischen
Resttragfähigkeit wie eine schlaffe Biegezugbewehgung im Fachwerkmodell Berücksichtigung finden
(Bild 9.17).

14.11.01 308
9. Querkraft

σp σp2 f pk
f pk f pk
f pd = ------- = -----------
γp 1,15
f p, 0,1d = 0,9 f pd
γ p ⋅ f p, 0,1d
γp = 0,9 σp2

σp1 εp2

σp(0)

εp
εpu
εp1 εp2

Bild 9.17 Vorspannung mit Verbund: Resttragfähigkeit der Spannbewehrung im Fachwerkmodell

(0 ) ( 1)
ε p1 = ε p + ε p, q1 (9.73)

εp1 ....................Gesamtdehnung im Spannstahl für Vorspannung und Lastanteil q1


εp(0) ..................Vordehnung
(1)
εp,q1 ..............Lastdehnung für q1
σp1....................Spannstahlspannung zu εp1
T p1 = A p ⋅ σ p1 .... Primärtragwirkung des Spannstahles
εp1 ....................zusätzliche Lastdehnung für des Lastanteil q2
σp2....................zusätzliche Spannstahlspannung, die im Fachwerkmodell in Rechnung gestellt werden
kann
T p2 = A p ⋅ σ p2 ... Sekundärtragwirkung des Spannstahles im Fachwerkmodell (infolge der Verbund-
wirkung)

14.11.01 309
9. Querkraft

9.8 Schubtragwirkung bei fehlender Schubbewehrung

Bei fehlender Stegbewehrung (Bügel) stellt sich eine Druckbogen-mit-Zugbandtragwirkung gemäß Bild
9.18 ein. Die Vertikalkomponente der Längskraft im Druckbogen entspricht dann im wesentlichen der
Querkraft. Diese Bogen-mit-Zugbandtragwirkung wächst mit zunehmender Stegbreite und abnehmen-
der Biegeschlankheit (Scheibenwirkung).

Bild 9.18 Druckbogen mit Zugband

Während Balken nur ausnahmsweise (bei untergeordneter Tragwirkung) ohne Mindestschubbewehrun-


gen ausgeführt werden dürfen, wird bei Platten häufig keine Schubbewehrung erforderlich.
Bei Balken und Platten ohne Schubbewehrung sind Einzellasten, die im „KANI’schen Schubtal“ (Bild
9.19) angeordnet sind, besonders kritisch.

a F

MSU .... Bruchmoment Schub


MBU .... Bruchmoment Biegung
µL ...... Längsbewehrungsgrad

Bild 9.19 „Schubtal“ nach KANI

Sie stehen einerseits derart nahe beim Auflager, daß die Querkraft dominant wird und sie sind anderer-
seits so weit vom Auflager entfernt, daß eine direkte Lastabtragung über Sprengwerkwirkung (Bild
12.36) nicht mehr möglich ist. In Hinblick auf die Querkrafttragwirkung in unbewehrten Stegen wirkt sich
eine Einzellast, die im Abstand x0 = 2,5 bis 3,0 d vom Auflager angreift, besonders günstig aus.

Bei schlanken Balken und Platten - insbesondere bei Durchlauftragwirkungen - kann eine lokale Schub-
bewehrung (Aufhängebewehrung) ein „Zwischenauflager“ für die Bogen-mit-Zugband-Wirkung bilden
(Bild 9.20).

14.11.01 310
9. Querkraft

Bild 9.20 Bogen mit Zugband Wirkung bei Durchlaufträgern (Schemaskizze)

14.11.01 311
9. Querkraft

9.9 Sekundäre Schubtragwirkungen

Bei Balken und Platten mit Schubbewehrung überlagert sich die Fachwerkwirkung die im Abschnitt 9.8
beschriebene Bogen-mit-Zugband-Wirkung gemeinsam mit weiteren sekundären Tragwirkungen. Des-
halb sind die in Versuchen gemessenen Bügeldehnungen oft wesentlich kleiner als die mittels Fach-
werkmodellen berechneten (Bild 9.21)

Vu
(Bruch) VRd1 ... Betonanteil
g
un
e hn
g eld
B ü °)
e 5
en =4
es
s (θ
m ie
ge alog VS&T... Fachwerkanalogie
Vr n
ka
(Riß) w er
ch
Fa

εs

Bild 9.21 Vergleich der gemessenen Bügeldehnungen mit den rechnerischen Werten nach der
klassischen Fachwerkanalogie (45° Fachwerk)

Schubtragfähigkeit des Druckgurtes


Infolge der Längsdruckkraft C im Biegedruckgurt ist die Druckzone in der Lage ohne Schubbewehrung
Schubspannungen zu tragen (Bild 9.22). Die Schubtragfähigkeit des Druckgurtes nimmt mit wachsender
Druckspannung σx ab und wird für σx = fcc zu Null.

σ1/f cc (fcc= 31,1 MPa)

σ2/fcc τ/fcc

τ/fcc

σ2/f cc σx/fcc fct/fcc


σx/fcc
σ1/fcc

Bild 9.22 Schubtragfähigkeit τ eines Betonprismas unter einachsiger Druckbeanspruchung σx

14.11.01 312
9. Querkraft

Rißverzahnung
Als Folge der Verzahnung der rauhen Rißufer können in den Rißufern Schubkräfte übertragen werden
- soferne die Rißbreiten klein bleiben (Bild 9.23).

Vw1
Va1 Va2
Vw2
Fs Vd1 Fs + ∆Fs
Vd2
Vc C1

Vw

Va
Vd

Bild 9.23 Elemente der Querkraftabtragung

Dübelwirkung der Längsbewehrung


Um die Risse zu verteilen und damit die Rißbreiten klein zu halten ist insbesondere bei hohen Stegen
eine Steglängsbewehrung vorzusehen. Diese Längsbewehrung uönd auch die Biegezugbewehrung
(Hauptbewehrung) durchdringen die Risse und wirken wie Dübel einer Verschiebung der Rißufer in Riß-
richtung entgegen. Diese Dübelwirkung überträgt einen (meist relativ kleinen) Querkraftanteil Vd2.

Biegesteifigkeit der Betondiagonalen


Die schrägen Betonzähne (Druckdiagonalen) zwischen den Rissen weisen eine gewisse Biegesteifigkeit
auf. Dies führt zu einer vierendeelartigen Rahmentragwirkung und damit zu einem weiteren Beitrag an
der Querkrafttragwirkung.

Querkrafttragfähigkeit ohne Schubbewehrung


Die diversen sekundären Tragwirkungen lassen sich zusammenfassen zu der Querkrafttragfähigkeit
VRd1, die ein Balken oder eine Platte ohne Schubbewehrung aufweist. Für den Bemessungswert von
VRd1 gilt die halbempirische Formel:

VRd1 = [τRd · k · (1,2 + 40 ρ 1) - 0,15 σcN] bw·d (9.74)

τRd ....................Rechenwert der Schubfestigkeit


k .......................Beiwert, der die Bogen-mit-Zugband-Wirkung gewichtet
ρ1 .....................Bewehrungsgrad
σcN ...................Längsspannung (Druck negativ) aus einer Normalkraft infolge einer Last oder Vorspan-
nung
bw .....................kleinste Querschnittsbreite innerhalb der Nutzhöhe
d .......................Nutzhöhe

14.11.01 313
9. Querkraft

0, 25f ctk,0,05
τ Rd = --------------------------------- (9.75)
γc

k = 1,6 − d ≥ 1 (d in m) γc = 1,5 (9.76)

Wenn mehr als 50% der Feldbewehrung gestaffelt ist, gilt k = 1

A s1
ρ 1 = -------------- ≤ 0, 02 (9.77)
bw ⋅ d

As1 ....................Fläche der Biegezugbewehrung, die mindestens um das Maß d + lbd über den betrach-
teten Querschnitt hinausreicht
lbd .....................Verankerungslänge

N Sd
σ cN = ---------- (9.78)
Ac

14.11.01 314
9. Querkraft

9.10 Querbewehrung in Flanschen

A A
M V M + ∆M

V
A A

∆x
C C + ∆C

tA
z

C T + ∆T

Bild 9.24 Anschlußfolge A-A zwischen Gurt und Steg

Schubbewehrung im Steg

Im Bild 9.24 sind die Anschlußfugen zwischen den Gurten und dem Steg dargestellt, sowie der in diesen
Fugen wirkende Schubfluß tA-A.

– ∆C ∆M
t A – A = ----------- = -------------- (9.79)
∆x ∆x ⋅ z

dM ∆M
V = -------- = --------- (9.80)
dx ∆x

V
t A – A = ---- (9.81)
z

Alle weiteren Nachweise entsprechen den Abschnitten 9.3 und 9.4. Beispielsweise folgt die erforderliche
Anschlußbewehrung aus Gleichung (8.12) oder (9.30):

tA – A V
erf as = ------------- tan θ = -------------- tan θ (9.82)
f yd z ⋅ f yd

14.11.01 315
9. Querkraft

b
bF bF b = bW + 2bF
bW

B B

B B

CW
CF CF

tB-B
∆x

CF + ∆CF CF + ∆CF
CW + ∆Cw

Bild 9.25 Anschlußfuge B-B zwischen Druckgurt-Flansch und Steg

Schubanschlußbewehrung zwischen Druckgurt-Flansch und Steg


Der auf einen Flansch entfallende Anteil ∆CF an der Kraftänderung ∆C beträgt:

bF – ∆M b F
∆CF = ∆C ------ = ------------ ------ (9.83)
b z b

Damit lautet der Schubfluß tB-B (Bild 10.8/2)

– ∆C F ∆M 1 bF
tB-B = -------------- = --------- --- ------ (9.84)
∆x ∆x z b

V bF
t B – B = ---- ------ (9.85)
z b

Damit folgt aus der Gl.(9.34) die erforderliche Anschlußbewehrung

tB – B
erf as = ------------- tan θ2 (9.86)
f yd

14.11.01 316
9. Querkraft

b
bF bF
bW

As = AsW + 2AsF
C C
AsF AsF

C C
AsW

TW
TF TF

tC-C
∆x

TF + ∆TF TF + ∆TF
TW + TCw

Bild 9.26 Anschlußfuge C-C zwischen Zuggurt-Flansch und Steg

Schubanschlußbewehrung zwischen Zuggurt-Flansch und Steg


Der von einem Flansch getragene Anteil ∆TF an der Zugkraft-Änderung ∆T lautet:

A sF ∆M A s F
∆F F = ∆T --------- = --------- --------- (9.87)
As z As

Damit erhält man für den Schubfluß tC-C (Bild 10.8/3)

∆T F ∆M A sF
tC-C = ---------- = --------- --------- (9.88)
As z As

V A sF
tC-C = ---- --------- (9.89)
z As

Aus der Gleichung (8.28) erhält man damit die erforderliche Anschlußbewehrung

14.11.01 317
9. Querkraft

tC – C
erf as = ------------- tan θ1 (9.90)
f yd

Die Änderung der Gurtkräfte erfüllt die Gleichgewichtsbedingungen

∆T + ∆C = 0 (9.91)

∆M = ∆T · z = V · ∆x (9.92)

Das Bild 9.27zeigt jenes Fachwerkmodell, welches diesen Gleichgewichtszustand herstellt. Im Druck-
gurt kann für die Rißrichtung θ 2 ≤ 45° angesetzt werden. Im Zuggurt sollte dagegen der Winkel
θ 1 ≥ 45° angenommen werden.

a
y Druckgurt (Grundriß) ∆x
∆CF
Flansch
x a2 θ2 ∆C
Steg ∆CW
∆CF
Flansch

b
Steg (Aufriß)
Flansch hF

Steg x z

θ
Flansch
∆T
z

c y Zuggurt (Grundriß)
∆Tf
Flansch
a1 θ1
Steg ∆Tw ∆T
x
Flansch
∆Tf

a1 ⋅ cotθ1 z ⋅ cotθ a2 ⋅ cotθ2

Bild 9.27 Fachwerkmodell zur Änderung der Gurtkräfte infolge der Querkraft

Im Bild 9.28 sind dieselben Zusammenhänge in Form von Spannungsfeldern dargestellt.

14.11.01 318
9. Querkraft

Bild 9.28 Spannungsfelder in den Gurten

14.11.01 319
9. Querkraft

9.11 Mitwirkende Plattenbreite

9.11.1 Allgemeines

Sogenannte Plattenbalkenquerschnitte (Bild 9.29) mit einer breiten Biegedruckzone und einem relativ
schlanken Steg werden dem Verbundbaustoff Stahlbeton in besonderem Maße gerecht. Bei relativ ge-
ringem Gewicht bieten sie ein optimales Biege- und Querkraftverhalten. Der Plattenbalkenquerschnitt
ist neben dem Rechteckquerschnitt die häufigste Querschnittsform im Stahlbetonbau.

h h

bw

Bild 9.29 Plattenbalken - Querschnitt

Wie im vorigen Abschnitt ausgeführt wurde, stellt sich auch in der Druckgurtscheibe eine Fachwerkwir-
kung ein, die eine Querbewehrung erfordert.
Bei breiten Druckgurten entzieht sich die Gurtscheibe (infolge der Dehnung der Querbewehrung) mit zu-
nehmender Entfernung vom Steg der Druckkraftaufnahme. Die Querschnittsverformung weicht von der
Bernoulli-Hypothese ab. Das Bild 9.30 zeigt qualitativ die Verteilung der Längsspannungen σcx in der
Biegedruckzone.

σx
x

obere Randspannung

gekrümmt

Nullinie
(gekrümmt)

max σcx

Bild 9.30 Verteilung der Betonspannungen σcx und Verlauf der Nullinie

Die mitwirkende Plattenbreite beff entsprechend Bild 9.31 ist die Ersatzbreite, die unter Annahme einer
konstanten Spannung max σc in der Gurtscheibe zu der gleichen Druckkraft C führt, wie die tatsächliche
Spannungsverteilung σc(y).

14.11.01 320
9. Querkraft

+b ⁄ 2
1
b eff = ------------------- ⋅ ò σ ( y ) dy (9.93)
max σ c – b ⁄ 2 c

a b

σc(y) max σc

Bild 9.31 Vereinfachte Spannungsverteilung über die „mitwirkende Plattenbreite“ beff


a) Querschnitt
b) Fachwerkmodell für Änderung ∆C der Biegdruckkraft C
c) Definition der mitwirkenden Plattenbreite beff

Das Bild 9.32 zeigt einen mehrstegigen Plattenbalken, bei dem der Druckgurt gleichzeitig in Querrich-
tung als Platte trägt. Von dieser Plattenwirkung leitet sich die Bezeichnung „Plattenbalken“ ab. Streng
genommen müßte die mitwirkende Plattenbreite als „mitwirkende Scheibenbreite“ bezeichnet werden.

14.11.01 321
9. Querkraft

a b
beff beff
b1 bw b2 b2 bw b2

b
a1 bw a bw

l 0,1 l 0,12 l 0,2 l 0,k

0,15 (l1 + l 2)
0,85 l 1 0,7 l 2 2lk

l1 l2 lk

Bild 9.32 mitwirkende Plattenbreitebeff: Definition der Bezeichnungen

a) b eff = b w + b 1 + b2 (9.94)

b) b eff = b w + 2b 2 (9.95)

l0
b 1 = ------ und b1 ≤ a1 (9.96)
10

l0 a
b 2 = ------ und b 1 ≤ --- (9.97)
10 2

Nach EDIN 1045-1 gilt:

2
b eff = b w + b eff,i (9.98)
å
i=1

b eff,i = 0,2 ⋅ bi + 0,1 ⋅ l o ≤ 0,2 ⋅ l 0 ≤ b i (9.99)

Der Verlauf der Breite beff hängt von der Belastung (Einzellast, Streckenlast), der Entfernung vom Auf-
lager, vom statischen System und vom Verhältnis der Plattensteifigkeit zur Steifigkeit des Steges ab
(Bild 9.33). Im EC2 wird die mitwirkende Breite stark vereinfacht ermittelt, wobei die Ergebnisse auf der
sicheren Seite liegen.

14.11.01 322
9. Querkraft

Bild 9.33 Beispiele für den Verlauf der mitwirkenden Breite beff (qualitativ)

14.11.01 323
10. Torsion

10. Torsion

10.1 Arten der Torsionseinwirkung

Man unterscheidet zwischen der Last- oder Gleichgewichtstorsion und der Verformungs- oder Verträgli-
chkeitstorsion. Während bei der Lasttorsion die Torsionsmomente benötigt werden, um das Gleichge-
wicht herzustellen (Bild 10.1), hat die Verformungstorsion den Charakter eines Zwanges; (Bild 10.2)

x’
F

MT = F ⋅ e

MT −

Mx
+

Bild 10.1 Beispiel für eine Lasttorsionswirkung

14.11.01 324
10. Torsion

F
B

elastisch
eingespannt
α
MT M
B
frei drehbar
gelagert β

Bild 10.2 Beispiel für eine Verträglichkeitstorsion α < β

Mit abnehmender Torsionssteifigkeit im Balken A nimmt die Verdrehung α im Bild 10.2 zu und gegen-
läufig die Torsionseinwirkung MT ab. Der Grenzfal