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Manuskript

radioWissen SENDUNG: 7.08.2018


9.05 Uhr / B 2

TITEL: Die Philosophie der Romantik - Denken als Gefühl

AUTOR/IN: Michael Reitz

REDAKTION: Bernhard Kastner

REGIE: Irene Schuck

PERSONEN: Erzählerin
Erzähler
Zitator 1
Zitator 2

Musik Zuspielungen
Im O-Ton: Frieder Lauxmann, Philosoph und Schriftsteller / Herbert Uerlings,
Literaturwissenschaftler Trier

Besondere Anmerkungen:
ED 26.11.2008
LW 15.09.2010

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Musik
Schubert „Quintett“

Zitator 1
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen

Erzählerin
Friedrich Hölderlin, Philosoph und Dichter der Romantik.

Zitator 2
Was ist denn nun dieses Sentimentale? Das, was uns anspricht, wo das Gefühl
herrscht, und zwar nicht ein sinnliches, sondern ein geistiges. Die Quelle und
Seele aller dieser Regungen ist die Liebe, und der Geist der Liebe muss in der
romantischen Poesie überall unsichtbar sichtbar schweben.

Erzähler
Der Denker und Schriftsteller Friedrich Schlegel.

Musik
Tschaikowsky „Schwanensee“ (Thema)

Zitator 2
Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst, als einem absolut freien
Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt aus
dem Nichts hervor. Die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts.

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Erzählerin
Aus dem sogenannten „ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus“,
verfasst von den Philosophen Hölderlin, Georg Wilhelm Hegel und Friedrich
Schelling.

O-Ton Lauxmann
Romantisch ist die Hingabe an die innere Stimme, an das Gefühl, an das
Verständnis der großen Zusammenhänge, die jenseits des mathematisch-logisch
und vernunftmäßigen Verstandes liegen.

Erzähler
Der Karlsruher Philosoph und Schriftsteller Frieder Lauxmann.

Musik
Ralph Vaughan Williams: Fantasia on Greensleeves

Erzählerin
Wenn wir heute von Romantik oder romantisch sprechen, meinen wir zumeist
Stimmungen, die mit Sehnsucht, Verliebtsein und Nestwärme zu tun haben. Eine
Musik, die uns zu Herzen geht, eine Landschaft bei Sonnenuntergang. Doch
Romantik war einst mehr als eine Liebeserklärung bei Kerzenschein.
Kulturgeschichtlich und philosophisch war sie der intensivste Versuch, eine Welt
wieder zu verzaubern, die von den Naturwissenschaften entschleiert worden war.
Und wie jede Epoche so hat auch die Romantik eine Vorgeschichte.

Musik
Filmmusik aus „Legenden der Leidenschaft“

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Erzähler
Der Anfang der Romantik ist selbst romantisch. Denn an ihrem Beginn steht eine
Seereise von Riga nach Frankreich im Jahre 1769. Unternommen wird sie von
dem Theologen Johann Gottfried Herder.
Der junge Prediger entflieht der provinziellen Enge der baltischen Stadt – und
weiß eigentlich nicht so genau, wo er hin will. Auf dem Schiff kommen Herder
Gedanken, die charakteristisch sind für die Stimmung seiner Epoche: Aufbruch in
die Weite, Gefühl von Unendlichkeit, Sturm und Drang.

Zitator 1
Ich gefiel mir nicht, als Gesellschafter weder, in dem Kreise, da ich war; noch in
der Ausschließung, die ich mir gegeben hatte. Die Sphäre war für mich zu enge,
zu fremde, zu unpassend, und ich für meine Sphäre zu weit, zu fremde, zu
beschäftigt. Ich gefiel mir nicht als Bürger, da meine häusliche Lebensart oft eckle
Ruhe hatte. Wann werde ich so weit sein, um alles, was ich gelernt, in mir zu
zerstören, und nur selbst zu erfinden, was ich denke und lerne und glaube? Und
so ward ich Philosoph auf dem Schiffe.

Erzähler
In der Folgezeit träumt nicht nur Herder davon, dem Leben mehr Bedeutung zu
verleihen und die „eckle Ruhe“ gegen ein Leben voll tieferer Empfindungen
einzutauschen. Denn die Welt hat sich verwandelt. Die Vernunft soll das religiöse
Gefühl ersetzen, naturwissenschaftliche Erklärungen der Welt und des Menschen
werden zunehmend als einziges Erkenntniskriterium gesehen. In den
Wissenschaftstheorien des Briten Francis Bacon und des Franzosen René
Descartes kommt der Mensch nicht mehr vor. Eine Weltsicht setzt sich durch, in
der das Dasein nach einem mechanischen Prinzip gesehen wird: Alle Probleme,
auch die der Seele, lassen sich wie eine defekte Uhr auseinandernehmen und
wieder zusammensetzen. Bezeichnenderweise lautet der Titel eines damaligen

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Bestsellers „Der Mensch als Maschine“, verfasst von Julien de La Mettrie. Bei
dieser Sichtweise bleibt einiges auf der Strecke.

O-Ton Lauxmann
Verloren geht das Gefühl, dass die Welt ein großer Kosmos ist, der durch einen
Sinn zusammengehalten wird.

O-Ton Lauxmann
Die Romantik hat dem entgegen zu setzen, dass man sich der Allmacht der
Vernunft nicht in allen Regeln, in aller Hinsicht anvertrauen kann. Dass man das
Gefühl für die großen Zusammenhänge, für das Eindringen in die Geschichte (...)
entwickeln muss, (...) das innerlich werden, das Gefühl, das Ahnen, das sich
einstellen auf die Unsicherheiten, auf die Schwankungen des Geistes – dass das
eigentlich einen wahren Fortschritt im Denken und auch in der Freiheit des
Menschen mit sich bringen kann. So könnte man das sagen, obwohl man kann die
Romantik ja auch nicht so definieren, dass man sie auf einen Punkt bringen kann,
das war ja eine Zeitbewegung, die alle möglichen Strömungen und
Zusammenhänge hervorgebracht hat.

Erzählerin
Denn kaum eine Denkrichtung ist so wenig in eine Form zu gießen wie die
Romantik. Nirgends ist die Spurensuche so aufwändig. Bereits der Ursprung des
Wortes romantisch ist nebulös: in lingua latina, also in der Gelehrtensprache der
damaligen Zeit, waren Bücher meist verfasst. Vor allem in Frankreich entstand
jedoch parallel dazu eine Bewegung, die Bücher in der Volkssprache schrieb – in
lingua romana. Das französische Wort roman wurde für einige deutsche Denker
und Schriftsteller zum Etikett einer Betrachtung der Wirklichkeit, die Geheimnisse
nicht wissenschaftlich lösen, sondern bewusst erhalten will. Das Rätselhafte,
Mysteriöse sollte stattdessen in allen menschlichen Belangen aufleuchten und als
das Wesen der menschlichen Existenz gesehen werden.

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Daraus entstand die wohl bekannteste Definition von Romantik. Sie stammt von
dem Bergbauingenieur, Schriftsteller und Philosophen Friedrich von Hardenberg,
der sich selber Novalis nannte – lateinisch für Neuland.

Zitator 2
Die Welt muss romantisiert werden. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn,
dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des
Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisiere ich
es.

Erzählerin
Ausgangspunkt der Romantik war die Ansicht, dass die Welt immer kälter wird,
und ihre Bewohner seelisch verarmen. Der Lärm von Vernunft und Wissenschaft,
so der Befund der Romantiker, mache die Menschen taub für den Traum, die
Fantasie, das Unbewusste, verbanne die Religion in ein Reich der weltfremden
Spinnerei. Dieser Widerspruch zwischen rauer Verstandesherrschaft einerseits
und der Verletzlichkeit des Menschen andererseits wird von den Romantikern als
Krise empfunden.

O-Ton Uerlings
Die Romantik ist der Versuch einer kulturrevolutionären Antwort auf eine
umfassende Epochenkrise.

Erzähler
Der Trierer Literaturwissenschaftler Herbert Uerlings.

O-Ton Uerlings
Umfassende Epochenkrise bedeutete für die Romantiker aus heutiger Sicht, dass
sie das Gefühl hatten, dass (…) Europa insgesamt in eine Krise geraten war. Das
hatte verschiedene Gründe, aus heutiger Sicht steht im Vordergrund
Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilbereiche, Ausdifferenzierung dessen,

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was aus Sicht der Romantiker vorher noch (...) durch politische, philosophische,
religiöse Ideen zusammengehaltenes Eines war.

Erzähler
Ausdifferenzierung bedeutet Trennung, Unterscheidung und Spaltung. Und genau
das geschieht gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Die gesellschaftlichen
Bereiche werden zunehmend von ihrer Verflechtung mit der Religion gelöst, es
entstehen von den Kirchen unabhängige Institutionen, Spiritualität wird unter dem
Eindruck der aufklärerischen Philosophie als Geisterseherei denunziert. Die
Romantiker diagnostizieren deshalb einen Riss, der mitten durch die Welt und die
Herzen geht. Sie streben nach Heilung dieses Bruchs, den nach ihrer Ansicht
jeder Mensch in sich selbst erlebt, beschreiben ihre Fremdheit in einer
gespaltenen Lebenswelt. Einer Welt, aus der Gott, das Wunderbare und das
Staunen zugunsten einer Mentalität verschwinden werden, die alles zu erklären
können glaubt. Und dabei sind die Romantiker sehr produktiv: in Kunst, Literatur,
Musik und Philosophie.

Zitatorin (zum Ende hin abgeblendet)


Dorothea, August und Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck, Caspar David Friedrich,
Bettine und Achim von Arnim, Clemens Brentano, Friedrich Schelling, Johann
Gottlieb Fichte, Karoline von Günderrode, Joseph von Eichendorff, Jean Paul,
Friedrich Schleiermacher …

Zitator 1
Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt. Du wärst
der denkende Mensch nicht, wärst du nicht der leidende, der gärende Mensch
gewesen.

Erzählerin
Friedrich Hölderlin in seinem Buch „Hyperion“.

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O-Ton Uerlings
Krise hat jetzt aber (...) auch bedeutet, analog zu dem Wortgebrauch in der
Medizin, es sind gleichzeitig alle Möglichkeiten da die Krise zu überwinden. In der
Medizin ist die Krise der Punkt, an dem sich entscheidet, ob eine Krankheit einen
negativen, gar tödlichen Verlauf nimmt oder einen guten Verlauf nimmt, der zur
Genesung führt, und genau so haben gerade die Frühromantiker ihre eigene Zeit
gesehen. Das ist die Konstellation, die zu erklären hilft (...) warum hier soviel
Aufbruchstimmung gewesen ist, trotz (...) gerade wegen der Krise.

Erzählerin
Die Romantik setzt in dieser Aufbruchstimmung auf das unabhängige Ich, das sich
den Zwängen der Zeit nicht unterwirft. Dieses Ich besteht jedoch nicht nur aus
Verstand, sondern vor allem aus Gefühlen. Unser Kopf sucht nach systematischen
und logischen Erklärungen, unser Herz dagegen nach Geborgenheit und
Vertiefung. Die Romantiker wollen die Sinnesempfindung gegenüber dem Denken
stärken, machen sich allerdings keine Illusionen darüber, dass das eine ohne das
andere nicht geht.

Zitator 2
Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er
wird sich also wohl entschließen müssen, beides zu verbinden.

Erzählerin
Friedrich Schlegel

O-Ton Lauxmann
Die Romantiker haben sich befreit, sie hatten das Gefühl, wir müssen uns von
diesen Zwängen (...) lösen und ein freies Leben führen, auch geistig (...) Und das
hat dem Menschen wieder ein Gefühl für sein kreatürliches Dasein gegeben. Und
da muss man kein Spinner sein, um so etwas zu empfinden. Im Gegenteil, auch
heute (...) werden die Leute, die so langsam wieder das rein Rationale und

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Mechanistische (...) überwinden, es nicht ablehnen, aber sagen, das ist noch nicht
das ganze Leben. Wenn ich für die höhere Mathematik schwärme, bin ich auch
nicht gegen das kleine Einmaleins.

Musik

O-Ton Lauxmann
Ich kann nicht alles mit der Vernunft entscheiden. Denn: Wenn ich mit der
Vernunft entscheide, kann ich nur die Informationen nutzen, die mir bekannt sind,
die ich wissentlich kenne. Wenn ich aber aus dem Herzen entscheide (..) dann
kann ich all das empfinden, was mir irgendwie aus dem Unbewussten, aus
Erinnerungen, aus Gedanken (...) wieder verwenden. Ich kann es in meine
Entscheidung einbeziehen, und das ist das Wichtige. Wir dürfen uns nicht auf die
Informationen für unsere Entscheidung beschränken, die uns verstandesmäßig
zur Verfügung stehen.

Erzähler
Eine Tatsache springt ins Auge, wenn man sich mit dem Denken der Romantik
auseinandersetzt: Es gibt keine klare Trennung zwischen Philosophie, Theologie,
Literatur und Poesie, wobei Letztere geradezu als Organ der Philosophie gesehen
wird. Maßgebend für diese Ansicht ist der Philosoph Friedrich Schelling, einer der
wenigen Hauptdarsteller der Romantik, die nicht literarisch arbeiteten.

Zitator 2
Der Philosoph muss eben so viel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die
Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstaben-Philosophen.

Erzählerin
Romantisch ist auch die Idee, dass Philosophie und Poesie eine spirituelle
Aufgabe zukommt: die Wiederverbindung des Menschen mit Natur und
Schöpfung. Denn diese Verbindung war nach Ansicht der Romantiker durch die

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Abkoppelung des Lebens vom Religiösen verlorengegangen. Nur eine


Verquickung aus Ästhetik, Dichtung und Philosophie sei in der Lage, dem
Menschen bei seiner Sinnsuche zu helfen. Wie ein roter Faden zieht sich deshalb
ein Projekt durch fast alle Erzeugnisse der romantischen Philosophie und
Literatur: die Suche nach dem absoluten Buch, das alles in sich vereinigt, was den
Menschen und seine Welt ausmacht.

O-Ton Uerlings
Diese Idee des Absoluten Buches ist sicher ein generelles Charakteristikum aller
Philosophien (..) die Idee eines absoluten Buches ist sicher auch charakteristisch
für viele Religionen, sie ist charakteristisch für alle Bemühungen, die so etwas wie
ein absolutes Wissen erzeugen wollen (...)

Erzähler
So sind die romantischen Erzähler gleichzeitig auch immer Philosophen, die
unterschiedliche Positionen der Zeit artikulieren.
In Novalis’ Roman „Heinrich von Ofterdingen“ wird der romantische dem
wissenschaftlichen Menschen gegenüber gestellt; in E.T.A Hoffmanns „Kater
Murr“ macht sich der Autor über die Philosophie Georg Wilhelm Hegels lustig;
Hölderlins Briefroman „Hyperion“ ist eine messerscharfe Untersuchung mit
romantischen Mitteln wie ein Mensch an der Welt und der Zeit verzweifelt.

O-Ton Uerlings
Es ist charakteristisch für die Kunst der Romantik (…) dass sie ganz enge
Beziehungen zur Philosophie aufweist (…) Wenn man einen Roman nimmt wie
den Heinrich von Ofterdingen (…) da sieht man dann, das philosophische
Positionen von Platon bis zur Gegenwart zitiert werden, und sie werden nicht
einfach nur zitiert, sondern sie werden in Form von Gesprächen miteinander
kombiniert (...) Es ist Aufgabe des Lesers auf diese Stimmenvielfalt so zu
reagieren, dass er weiterdenkt (...) das die Grenzen zwischen Kunst und Leben

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aufgelöst werden sollen, dass das Leben wie Novalis sagt, ein von uns gemachter
Roman werden soll. Leben als Kunst, Lebenskunst, das gehört ganz elementar
dazu, sonst wäre die Romantik nicht Romantik.

Erzähler
Das Wahre wurde von den Romantikern nicht im Intellektuellen gesehen, sondern
in der Fähigkeit, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie immer wieder in
einer Welt zur Sprache zu bringen, in der Emotionen als weltfremd galten. Eine
zentrale Rolle spielt dabei die Natur. Sie ist es, mit der der Mensch sich wieder
versöhnen soll, um ein vollständigeres Wesen zu werden – eine geradezu
moderne Position, wenn man an die heutige Naturzerstörung denkt. Einige der
Romantiker, die die tiefen Wunden der Welt heilen wollten, sind daran zerbrochen.
Friedrich Hölderlin lebte die letzten Jahrzehnte seines Lebens in geistiger
Verwirrung; Karoline von Günderrode beging Selbstmord; Schelling, Fichte und
Schleiermacher wurden lange Zeit angefeindet, schikaniert und verleumdet.

Erzählerin
Hinzu kommt, dass mit der Romantik zum ersten Mal in der Geistesgeschichte die
Frauen als Denkerinnen und Autorinnen zur Kenntnis genommen werden.
Neueren Forschungen zufolge muss ihr Einfluss auf das Denken dieser Epoche
enorm gewesen sein.
Caroline Schlegel war nicht unwesentlich an der Shakespeare-Übersetzung ihres
Mannes August beteiligt; Hölderlins „Hyperion“ wäre vielleicht nie geschrieben
worden ohne eine tiefe und geheimnisvolle Beziehung zu einer Frau namens
Suzette Gontard. Karoline von Günderrodes Erzählungen ist es zu verdanken,
dass wesentliche Teile der romantischen Philosophie in eine
allgemeinverständliche literarische Form gebracht wurden.

Zitatorin
Vollkommen wahr ist also nur das Ewige, das keinem Wechsel der Zeiten und
Zustände unterworfen ist. Die Schönheit ist der äußere Ausdruck des erreichten

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Gleichgewichtes mit sich selbst. Die Liebe ist die Versöhnung der Persönlichkeit
mit der Allheit.

Erzählerin
Doch trotz der maßgeblichen Rolle der Frauen in den romantischen Zirkeln darf
man sich über eines nicht täuschen: Der damaligen Zeit entsprechend kann von
Gleichberechtigung der Frauen in der Romantik nicht die Rede sein. Bei aller
Opposition gegen den Zeitgeist schwammen die Männer der Romantik an dieser
Stelle mit dem gesellschaftlichen Strom.

O-Ton Uerlings
Wir haben philosophisch hoch ambitionierte Autorinnen wie etwa Karoline von
Günderrode. (...) Wir haben politisch engagierte Autorinnen, wie etwa Bettine von
Arnim mit ihrem Armenbuch (…) wir haben die Rolle der Jüdinnen in den Berliner
Salons, die enorm wichtig gewesen sind für die Entwicklung der Romantik (...)
Man muss allerdings auch sagen, Frauen spielen auch eine Rolle in der zweiten
Reihe, dafür haben die Männer zum Teil gesorgt (…) Das Bild (...) enthält zum
einen emanzipatorische Züge, etwa, wenn es darum geht, die Liebe gegen die
Ehe zu verteidigen, wie Schlegel das in bahnbrechenden Texten (…) getan hat.
Weiblichkeit wird aber auch (...) zu einem Marker für Natur, Natürlichkeit,
Privatheit (...) Ausschluss aus der Sphäre der Öffentlichkeit, der Autorschaft, der
Politik und so weiter. Das sind die problematischen Kehrseiten einer Idealisierung
von Weiblichkeit.

Musik
Ralph Vaughan Williams: Fantasia on Greensleeves

Zitator 1
Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.

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Erzählerin
Friedrich von Hardenberg, alias Novalis

Erzähler
Das, was nicht zum Ding, zur Sache gemacht werden kann, suchen. Und dabei
immer wieder auf eine Wirklichkeit zu stoßen, in der nur Sachliches, die Fakten,
gelten – Novalis’ Satz ist das Fazit einer verzweifelten Suche. Denn die Romantik
war eine Suchbewegung, entstanden aus der Sorge, dass der Mensch sich selbst
aus dem Blick verliert. Auf Wissenschaft und entstehende Technik hatten viele
Menschen mit Hilflosigkeit und Angst reagiert, Verlorenheit war das
vorherrschende Gefühl. Aber auch das Streben nach Allheit, nach Verbundenheit
mit dem Kosmischen, dem Unerklärbaren und dem Unvordenklichen, wie Friedrich
Schelling es nannte. Gemeint ist damit ein Befinden, was nicht rational, also vom
Verstand, begründet und erklärt werden kann.
Denn Denken wurde von den Romantikern in erster Linie als Gefühl gesehen. In
ihren Büchern drückt sich das meist nicht in einer klar strukturierten Handlung aus,
sondern vielmehr in der Anhäufung von symbolischen Orten, an denen mysteriöse
Dinge geschehen: nebelverhangene Wälder, mittelalterliche Schlösser und
Klöster, die Kreidefelsen auf Rügen.

Zitator 1
Ich fühl in mir ein Leben, das kein Gott geschaffen und kein Sterblicher gezeugt.
Ich glaube, dass wir durch uns selber sind, und nur aus freier Lust so innig mit
dem All verbunden.

Erzählerin
Friedrich Hölderlin

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Erzähler
Kritik an der Romantik entzündete sich vor allem an einem Verhalten, das man
heute als Eskapismus bezeichnet – Weltflucht, abtauchen in die private
Umgebung, die Idylle der eigenen Vorstellungen und Wünsche. Tatsache ist: die
Romantiker waren eingefleischte Individualisten, die sich ihre eigenen Gefühle
nicht nur sehr zu Herzen nahmen, sondern sie regelrecht als Arbeitsgrundlage
sahen. Damit setzten sie sich dem Vorwurf aus, nur an sich selbst zu denken und
sich ein Wolkenkuckucksheim zu konstruieren. Was macht die Romantik aber
dennoch bis heute attraktiv und spannend – denn die Bücher von Hölderlin,
Brentano oder Jean Paul werden immer noch gelesen. Und das Adjektiv
romantisch ist einer der am meisten verbreitete kulturgeschichtliche Begriff.

O-Ton Lauxmann
Die Romantik ist die große Alternative zum reinen Vernunftdenken. Und der
Mensch hat eine Sehnsucht nach dem Überirdischen, nach den großen
Zusammenhängen, nach dem Weltganzen, in das er sich einschwingen kann. Und
diese Sehnsucht wird in der neuen, gegenwärtig überwiegend rationalen Welt
nicht erfüllt. Das war schon damals so (...) und ich meine ich spüre eine neue Art
vielleicht nicht von Romantik aber von einem solchen Bedürfnis (...)
heranwachsen.

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