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3. Die Geschichte der Hafner von Bäriswil


3.1 Einleitung seiner beiden Söhne Jakob und Johannes, die nach 1780
Walter Thut ihre Tätigkeit in die Region Biel und Nidau verlegten.69
Die im Geleitwort des Buches geschilderte Anek-
In Ergänzung zu den archäologischen Untersuchungen dote aus dem Jahr 1798 zeigt zwei Seiten der Bäriswiler
der Jahre 1988 bis 1990 durch den ADB wurden erstmals Hafnerei: Es wurden zweifelsohne schöne Keramikpro-
auch umfangreichere historische Recherchen durchge- dukte hergestellt, die möglicherweise die Behauptung
führt und, wenn auch nicht vollständig, so doch ansatz- stützen, dass sogenannte «Bauerntöpferei» 70 der städti-
weise Antworten auf Fragen zum historischen Umfeld schen Geschirrproduktion überlegen sein konnte.71 Die
gegeben. Hieraus resultierten erste Listen von Namen von Umstände, unter denen diese schönen Geschirre herge-
Bäriswiler Hafnern, vornehmlich der drei Familien Kräu- stellt wurden, waren aber auf der anderen Seite wirtschaft-
chi, Witschi und Kläy.66 Adriano Boschetti-Maradi kom- lich nicht immer sehr erfolgreich und die Hafner der ma-
mentierte 2006 kritisch die verstreut in der Literatur teriellen Not beileibe nicht entrückt.
vorhandenen Informationen zu Bäriswil. Für die genealo- Bis in die Zeit der Manufakturen und der industriel-
gischen Zusammenhänge konnte er sich dabei erstmals len Geschirrproduktion waren die ländlichen Hafnereien
auf die durch Andreas Kistler neu gefundenen Quellen aus kleine Familienbetriebe. Im zünftisch organisierten Hand-
Lokal- und Regionalarchiven stützen.67 Diese bis zum Jahr werk war dies durch die Zunftregeln festgeschrieben, in
2010 kontinuierlich weitergeführten Archivrecherchen den ländlichen Gewerbebetrieben waren dagegen die
sind die Grundlage der folgenden Ausführungen zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten so, dass die Betriebe be-
Genealogien der Hafnerfamilien und ihren Grundstü- scheiden blieben. Ein Meister, höchstens zwei Gesellen,
cken.68 Dass auch in künftigen Jahren mit ergänzenden ar- ein Lehrling, das war die Vorstellung eines zünftischen
chivalischen Informationen gerechnet werden muss, bele- Hafnerbetriebes. Ein Hafner(meister), ein oder zwei an-
gen die im Rahmen dieser Untersuchung neu aufgetauch- gestellte Hafner und Familienmitglieder als Zudienende,
ten Hinweise auf den Lebensweg des Bäriswiler Hafners alle nur dann beschäftigt, wenn Arbeit oder Nachfrage da
Jakob Kräuchi (geboren 1731, gestorben nach 1791) und war, das war der ländliche Hafnerbetrieb. Im zünftischen

6 Hafnerei in Heimberg, 1917. Das Bild


zeigt die klassische Arbeitsteilung der
damaligen Zeit: der Hafner an der Dreh-
scheibe, die Ehefrau oder angestellte
Ausmacherin bei der Keramikdekoration.
In Bäriswil dürfte eine vergleichbare
Arbeitsteilung bestanden haben.
30

1718 – 1765
MICHAEL
Riegle Schulmeister
Rosina
Kobi

1743 – 1814
LUDWIG
Schulmeister in Rüedtligen, Schneider

1. Barbara Witschi
2. Margaritha Neuenschwander

1768 – 1831 1770 – 1851 1782 – 1788


JAKOB (1) LUDWIG (1) JOHANNES (1)
Hafner Hafner, Schulmeister
1768 – 1837 1. Anna Kuenz – 1813
Maria 2. Barbara Schindler 1771 – 1814
Witschi
3. Anna Sahli 1776 – 1839

1795 – 1864 1798 – 1800 – 1804 – 1807– 1791 – 1848 1795 – 1854 1799 – 1815
ELISABETH ANNA MARIA JAKOB ANNA VERENA LUDWIG (1) MAGDALENA (1) ANNA MARIA (1)
Hafner Hafner
1806 – 1868
Anna Barbara 1. Anna Schädeli 1799 –1825
unehelich Buri 2. Anna Witschi geb. Kobi 1797– 1852

1830 – 1908 1831– 1831 1832 – 1842 1835 – 1878 1842 – 1817 – 1819 – 1821 – 1821
JAKOB VERENA JOHANNES JAKOB ANNA LUDWIG (1) BARBARA (1) JOHANNES (1)
Hafner, Bannwart, Hafner ELISABETH
Hafner,
Lisi Kobi 1854 nach
1835 – 1912
Nordamerika
1. Magdalena Kräuchi 1828 – 1885 Rosina
2. Rosina Kräuchi 1848 – 1934 Witschi 1823 –
Anna
Witschi

unter die Arme greifen und über mehrere Jahre auch den später Schulmeister wurde.128 An der wohl auch kalligra-
Hauszins zahlen musste.124 fischen Schreibfähigkeit der meisten Familienmitglieder
Sein 1811 geborener Sohn Johannes (Todesdatum Kräuchi dürften angesichts der langen Schulmeistertra-
unbekannt, genannt «Hafnerhans») setzte ab den 1830er- dition kaum Zweifel bestehen. Dies ist wahrscheinlich
Jahren als Letzter dieses Familienzweigs die Hafnertradi- der Grund für die grosse Zahl aufwendig beschrifteter
tion fort.125 Nach dem Tod der Mutter Elisabeth Niklaus Bäriswiler Keramiken (Kap. 4 .5 .2).
kam es im Jahr 1847 zu einer Teilung des Erbes mit seiner Für den Erwerb der Liegenschaft durch Ludwig
Schwester Elisabeth (1796 – 1859), wobei ihm die Liegen- Kräuchi (1743 – 1814) spricht auch die Eintragung im Ka-
schaft, deren Lokalisierung bislang nicht gelungen ist, zu- tasterverzeichnis von 1801, das «1 Taunerhaus, 1 Brenn-
gesprochen wurde.126 Für ihn wurde am 10. 8. 1857 von ofen, 3 Juchart Ackerland u. a. in der Bäsmeren und
der Gemeinde Bäriswil als Beihilfe zur Auswanderung der Hausmatt» und als Erwerbungsjahr 1780 nennt.129
nach Amerika die sogenannte «Auswanderungssteuer» in Zu diesem Zeitpunkt waren seine beiden Söhne Jakob
Höhe von 20 Franken übernommen.127 (1768 – 1831) 130 und Ludwig (1770 – 1851) 131 erst 12 und
Wenden wir uns jetzt dem zweiten Familienzweig 10 Jahre alt. Es wurde bereits diskutiert, dass kaum ange-
Kräuchi zu (Abb. 11). In Bäriswil befand sich seit spätes- nommen werden kann, dass Ludwig Kräuchi mit seiner
tens 1780 Ludwig Kräuchi (1743 – 1814) im Besitz der
Hafnerliegenschaft Hubelweg 24 (zur Lage vgl. Abb. 12). 124 GAH 2.14, Armenrechnungsmanual 1803 – 1820, Einträge
zwischen dem 8. 11. 1815 und dem 14. 11. 1818. 125 Lebensdaten:
Er war nach den Akten als Schneider und Schulmeister
BRB Nr. 1, 42 und BRB Nr. 1, 127. 126 GAB Nr. 323, 1 vom
tätig, nachdem bereits sein Vater Michael Kräuchi (1718 – 22. 2. 1847. 127 GAB Seckelmeisterbuch Nr. 328, 131. 128 Zu
1765) in Bäriswil Schulmeister gewesen war. Seine Brüder den Bäriswiler Schulmeistern und der Schulmeisterdynastie Kräuchi
Josef, Jakob und Michael und ein Teil seiner Neffen waren vgl. Dorfchronik Bäriswil 2011, im Druck. 129 Liegenschaftskataster
Bäriswil von 1801 im Kirchgemeindearchiv Hindelbank. Dort wird
in Bäriswil und Umgebung, in Lyssach, Rüdtligen, Koppi-
Ludwig Kräuchi allerdings als «Hafner» bezeichnet. 130 Lebensda-
gen und Kirchberg, ebenfalls Schulmeister. Es erstaunt ten: KRH Nr. 4, 73. KRH Nr. 15, 20. BRB Nr. 1, 8. 131 Lebensdaten:
daher nicht, wenn auch sein Sohn Ludwig (1770 – 1851) KRH Nr. 4, 188. BRB Nr. 1, 9.
die geschichte der hafner von bäriswil 47

D
C B A

A
B

22 Längsschnitt und Grundriss durch die Röhrenhütte


mit schematischer Eintragung der drei erkennbaren
und unterschiedlich alten Bauabschnitte sowie der Öfen
A bis C und der Grube D. Hellviolett Ausgrabungs-
befunde. Ohne M.
52

29 Bäriswil, Röhrenhütte. Im Boden erhaltene Reste von 31 Bäriswil, Röhrenhütte. Ofen B, Schrägansicht des Ofens.
Ofen A: Feuerungs- oder Aschengrube und zwei Zugkanäle. Im Vordergrund die Arbeitsgrube, daran anschliessend
Der ursprüngliche Oberbau kann nicht erschlossen werden. der Feuerungsraum mit Aschenfall aus Röhren, dahinter der
Feuerungskanal unter dem eigentlichen, nicht erhaltenen
30 Bäriswil, Röhrenhütte. Ofen B, Aufsicht auf die erhaltenen Brennraum.
Reste des Aschenfalls (unten), des zentralen Feuerungskanals
und der Ansätze der Lochtenne mit schräg aufsteigenden 32 Bäriswil, Röhrenhütte. Ofen B, Detail des aus Röhren
Zügen (links, Pfeile). Die einzelnen Backsteine auf der Oberfläche gebildeten Aschenrostes zwischen Feuerungsraum und Aschenfall.
rechts und die Backsteinreihe links bildeten ursprünglich
das Fundament der äusseren Ofenhülle und kennzeichnen die
Dimension des ältesten Röhrenofens.
54

34 Bäriswil, Röhrenhütte. Ofen C. Blick über den älteren 36 Bäriswil, Röhrenhütte. Ofen C. In der Lochtenne sind
Röhrenofen B auf die steinerne Aussenschale von Ofen C, vier Reihen von Zuglöchern sichtbar.
die mit einem zusätzlichen, eisernen Ringanker verstärkt ist.
Zwischen Ofen B und C der aussen angebaute Schornstein 37 Bäriswil, Röhrenhütte. Ofen C. Blick durch das Schürloch
und sein Fundament. über den gemauerten Rost des Aschenfalls in den Feuerungskanal
und auf die Reparaturstütze (hinten Mitte) unter der Lochtenne
35 Bäriswil, Röhrenhütte. Ofen C. Blick durch die im Bereich der Einsetzöffnung.
Einsetzöffnung auf die Lochtenne und das Rauchgewölbe.
56

39 Bäriswil, Röhrenhütte. Modelfunde und neue Ausformungen in Gips aus Grube D.


Mittlere Reihe rechts Patrize (Positiv) eines Grifflappens zur Herstellung von Arbeitsmodeln (Negativen).
M. 1: 2.

40 Bunt bemalte Widderspardose


aus Irdenware. Undatiertes Exemplar
wohl des späten 18. oder frühen
19. Jahrhunderts eines unbekannten
Herstellungsortes ( MAHN, Inv.-Nr.
1295). M. 1: 2.
bäriswiler keramik 77

67 Tintengeschirr mit Puttoköpfchen von 1821, daneben Model aus der Röhrenhütte
und moderne Ausformung ( TG 4b, Kat. 153). Ohne M.

beschrieben werden kann. Aus stilistischer Perspektive schirrgruppe, die bislang dem Simmental zugeschrieben
führt die Diskussion um eine kleine Gruppe von Tellern wurde,361 nach meiner Einschätzung jedoch die älteste
mit durchbrochener Fahne und die darauf vorkommen- Bäriswiler Geschirrproduktion beinhaltet («frühes oder
den Motive zu einer Verbindung von «mittlerem und älteres Bäriswil»).
jüngerem Bäriswil» mit einer charakteristischen Ge- Die wichtigsten archäologischen Belege für die
Fertigung der zu besprechenden Keramik in Bäriswil
357 Vgl. Boschetti-Maradi 2006, 230 – 231 Abb. 261 und 262. Wyss sind die schon genannten Bodenfunde eines Models für
1966, 17 Fig. 1. 358 Beispiele für entsprechende Analysen in der ein kleines Köpfchen und einer Patrize für die Herstel-
Schweiz: Vogt / Maggetti / Galetti 1998. Maggetti 2007. Beispiele aus
lung gemodelter Grifflappen (vgl. Abb. 39 oben links und
Deutschland: Mommsen / Beier / Heimermann u. a. 1995. Hähnel /
Schwedt / Mommsen 2008. Hähnel 2010 mit älterer Literatur. Beispie- mittlere Reihe rechts). Diese wurden bei der Ausgrabung
le aus Grossbritannien, den Benelux-Ländern und dem mediterranen der Röhrenhütte aus der grossen Grube D im Werkstatt-
Raum: Gaimster 1999. Veeckman 2002, bes. 215 – 241. 359 Ich bereich geborgen. Bei dem Model des Puttoköpfchens
danke Gisela Thierrin (Porrentruy) und Ursule Babey (Cornol) für die
handelt es sich, erkennbar an den ungleichmässigen, ris-
gemeinsamen, leider vergeblichen Anstrengungen in diesem Zu-
sammenhang. 360 Dieser Arbeitsschritt kann im Folgenden nicht sigen Kanten, um eine Sekundärabformung. Das Köpf-
dargestellt und mit Material belegt werden, da dies auch eine zeich- chen, das sich mit diesem gebrannten Model ausformen
nerische Aufnahme der bekannten Gefässformen der Heimberger liesse, hat im ungebrannten Zustand eine Länge von
und Langnauer Hafnereien nötig gemacht hätte. Der Autor hat jedoch
etwa 3,45 cm.
alle grossen Museumssammlungen vergleichend durchgesehen und
konnte auf diesem Weg die typologischen Unterschiede und Eigen- Unter den Tintengeschirren, die in der Literatur Bä-
ständigkeiten herausarbeiten. 361 Wyss 1966, 15 – 23. riswil zugeschrieben werden, finden sich nun insgesamt
bäriswiler keramik 81

lenwanderung hätte gelangt sein können.386 Gab es also


als Vorbilder Hanauer oder Offenbacher Fayencekörb-
chen der gezeigten Art in den Häusern und Campagnen
sowie Amtssitzen der burgerlichen Oberschicht Berns?
Die aussergewöhnliche Gestaltung der Durch-
bruchsmuster kann eigentlich nur als Hinweis auf die Fer-
tigung in einer Werkstatt mit längerer Tradition auf- 1
gefasst werden. In diesem Fall muss Vergleichbares auch
für die übrigen Dekore gelten, die in Verbindung mit
der durchbrochenen Fahne vorkommen. Farnkrautdekor,
blau-gelbe Bemalung, Gittermuster, grosse Einzelblüten,
aber auch manganviolett eingefasste Blumenzweige und
Blütenmotive, Bauernmädchen, Schäfer und Vogelmotive
sind Produkte einer oder einiger weniger eng miteinander 2
verbundener Werkstätten mit längeren, kontinuierlichen
Entwicklungslinien (vgl. zum Beispiel die typologische
Entwicklungsreihe des Farnkrautdekors, Abb. 70).
Betrachten wir vor diesem Hintergrund die ein-
zelnen Keramikfunktionsgruppen des «mittleren» und
«jüngeren Bäriswil» und ihre jeweiligen typologischen
Untergliederungen – Tintengeschirre, Teller, Teller mit 3
Abtropfsieb, Rasierbecken, Terrinen mit Stülp- oder
Steckdeckel –, so lässt sich bei jeder dieser Funktionsgrup-
pen und Gefässtypen eine kleine Teilgruppe finden, deren
Bemalung und Motivwahl die Verbindung zum «frühen
Bäriswil» mit seinem Farnkrautdekor herstellt.387 Das be-
deutet gleichzeitig, dass sich die typologische Einheitlich-
keit und Abgrenzbarkeit des Bäriswiler Geschirrs gegen- 4

über anderen Produktionsregionen aufs Engste mit einem


relativ homogenen Dekorations- und Musterkanon ver-
bindet. Für diesen lässt sich, akzeptiert man die Begrün-
dungen für die Zuschreibung zum Produktionsort Bäris-
wil, eine typologische und zugleich chronologische Ent-
wicklung beschreiben.
375 Kat. 2. 376 Kat. 113, 114. 377 Kat. 226. 378 Vgl. z. B. Schal-
ler 1990, Abb. 203. 379 Kat. 225. 380 Kat. 39, 129, 146, 155, 5
177, 193, 213, 244, 270, 311. 381 Kat. 222. 382 Inv.-Nr. KG 3671,
Bodensignatur Auer / S 1721 B / d 23t July: Zeh 1913, 133 – 134
Abb. 90. 383 Maire 1992, 66 Abb. 31. Auch in der deutschen Porzel-
lanherstellung sind ähnliche Muster beliebt, vgl. z. B. die Teller mit
durchbrochener Fahne der Porzellanmanufaktur Fürstenberg: Fürs-
tenberg 1988, Kat. 47 – 51 (um 1756 – 1782). 384 SLM Inv.-Nr. 8914.
Dort auch ein undatierter Teller mit gleicher Randbildung aus der
Blankenburger Werkstatt von Abraham Marti: SLM Inv.-Nr. 16044.
Eine identische Randbildung zeigt bereits ein unveröffentlichtes
Tellerfragment aus der Glashütte Court-Chaluet (1699 – 1714) im ber- 6

nischen Jura. 385 Boschetti-Maradi 2006, 140, 142 und Abb. 194.
386 Vgl. die Mitarbeiterliste der Fayencemanufaktur Hanau in Zeh
1913. Für Offenbach frdl. Mitteilung des Stadtmuseums Offen-
bach. 387 Vgl. den Katalog, in dem die Funktionsgruppen nach Un-
tertypen und in tendenziell chronologischer Reihenfolge angeordnet 70 Die Entwicklung des Farnkrautdekors zwischen 1758
sind. und circa 1785 («Farnkrautdekor 1 bis 6»). Ohne M.
84

1 2

3 4

5 6 7

8 9 10

72 Dekordetails der Gruppe 2. 1– 4 Blau-gelber «Farnkrautdekor 2» einmal mit blau-gelb bemaltem,


vielpassigem Rand. 5 – 6 Grosse, blau-gelbe Einzelblumen. 7 Tulpenähnliche Blume. 8 Obstmotiv Birne
und Weintraube. 9 «Apfel / Birne 1». 10 «Vogel 1». Ohne M.
86

1 2

3 4 5

74 Dekordetails der Gruppe 3. 1– 2 «Farnkrautdekor 3» mit teilweise lasierten Flächen und einmal mit blau-gelb bemaltem,
vielpassigem Rand. 3 «Apfel / Birne 1». 4 «Soldat 1». 5 «Vogel 1». Ohne M.
90

1 2

3 4

5 6 7

78 Dekordetails der Gruppe 5a. 1 – 3 «Farnkrautdekor 5» und einmal Teller mit blau-gelb bemaltem,
vielpassigem Rand. 4 – 5 Einzelblumen mit manganlinienbegrenzten, unvollständig ausgemalten Farbflächen
(Dekortechnik «Blumenzweig 1» bzw. «Blüte 1»). 6 «Nelke 1». 7 «Vogel 2». Ohne M.

1 2

4 5 6
3

7 8 9

79 Dekordetails der Gruppe 5b. 1– 3 «Farnkrautdekor 6» und einmal Teller mit blau-gelb bemaltem bzw.
manganviolett geschwämmeltem, vielpassigem Rand. 4 Fruchtkörbchen. 5 Einzelblume mit manganlinienbegrenzten,
unvollständig ausgemalten Farbflächen (Dekortechnik «Blumenzweig 1» und «Blüte 1»). 6 «Nelke 2». 7– 8 Schäfer
und Musikant. 9 «Dragoner 1». Ohne M.
96

1 2 3 4

5 6

7 8 9

10 11 12

84 Dekordetails der Gruppe 6c. 1– 3 «Blumenzweige und Blüte 1». 4 Einzelblume mit braun-gelben Blüten.
5 Rocaillen-Blüten-Motiv mit «Blüte 1». 6 Teller mit blau-gelb-grün bemaltem, vielpassigem Rand und «Blüte 1».
7 «Rose 1». 8 «Apfel 2». 9 «Vogel 3». 10 «Dragoner 1». 11 – 12 Tänzer und Bauernmädchen. Ohne M.
100

2
7

8 9

4 10 11

12 13 14 15

16 17 18

87 Dekordetails der Gruppe 7b. 1– 2 Teller mit vielpassigem Rand, der gelb und manganviolett sowie blau und manganviolett
bemalt ist, auf der Fahne «Kugelblüten 1c» und «Rocaillengitter 2». 3 «Rocaillengitter 2». 4 Kugelige Rosenblütenauflage mit seitlichen
Blättchen und kurzem Perlschnurdekor, dazu Rocaillengitter. 5 «Blumenzweig 2». 6 «Blumenzweig 3». 7 «Blumenzweig 4b».
8 «Blumenzweig 4». 9 Braun-gelbe Blüte in Seitenansicht. 10 «Blumenzweig 4c». 11 «Nelke 4b» mit Vergissmeinnicht. 12 «Sternblume 1».
106

14 15 16

17 18 19

20 21 22

23 24 25

89 a Dekordetails der Gruppe 9. 1– 4 «Kugelblüten 1c und 2». 5 – 6 «Rocaillengitter 3». 7 «Blumenzweig und Blüte 4».
8 «Blumenzweig und Blüte 5». 9 «Blumenzweig 4b». 10 «Blumenzweig 4b». 11 «Blumenzweig 4c». 12 «Rocaillengitter 2».
13 «Rocaillengitter 3».
110

24 «Dragoner 3». 25 «Dragoner 4». Ohne M.


122

TA 2

Seiten sind glasiert. Die Sieblöcher sind um ein zentrales und 1803 datiert. Bei dem Teller mit Abtropfsieb von 1801
Loch unregelmässig verteilt. Stilistisch ist der Teller in die sind Siebeinsatz und zugehöriger Teller durch eingeritzte
Gruppe 2 und damit in den Zeitrahmen von circa 1758 bis « XX »-Markierungen auf der Unterseite oder dem Boden
1780 einzuordnen. Die Produktion von TA 2 reicht je- unverwechselbar miteinander verbunden (zu den Markie-
doch mit einem datierten Stück (Abb. 166) sicher auch rungen von Gefässteilen Kap. 4 .4 .13.5).
noch bis ins Jahr 1788. Die jüngeren TA 3b finden sich nur in Gruppe 9 und
TA 3a (Abb. 110, 1) zeigt mit schräg gestellten und tragen Datierungen zwischen 1807 und 1821. Die Na-
aussen gekehlten Randbildungen Elemente, wie wir sie be- mensaufschriften nennen einen Mann, zwei Frauen und
reits von den Rasierbecken RB 2 und den Schüsseln SR 3 drei Ehepaare, unter anderem Samuel Friedli und seine
kennen und wie sie auch bei den Tellern ( TLR 3, Var.) Frau Anna Maria Leuenberger aus Brechershäusern BE
vorkommen. Je jünger die Stücke werden, desto breiter (Kap. 4 .9).
wird der Rand, der schliesslich auch deutlich schräg nach Es gibt keine archivalischen oder literarischen
innen abgestrichen ist und damit TLR 5 entspricht ( TA Zeugnisse, die die Funktion dieser Keramikgruppe bele-
3b, vgl. Abb. 110, 2).549 Aufgrund des Dekors sind TA 3a in gen. Der Ausstellung des «Chüechlihus – Regionalmu-
Gruppe 7a, 7b und 9 vertreten. Dementsprechend begeg- seum Langnau» verdanke ich jedoch den Hinweis, dass es
nen uns charakteristische Blumenzweige und Rocaillen- sich um sogenannte «Chüechli-Platten» handelt, das
gitter sowie Namensaufschriften, die einmal eine Frau, ein- heisst Geschirr, das im Zusammenhang mit der Herstel-
mal zwei Frauen und einmal ein Ehepaar nennen. Die Lö- lung und der Präsentation von Küchli stand (Abb. 111).
cher der Siebeinsätze sind jetzt regelhaft auf vorgeritzten Küchli waren im bernischen Mittel- und Seeland, vor al-
Zirkelschlägen angeordnet, das zentrale Siebloch umgibt lem aber im Emmental ein unverzichtbarer Bestandteil
ein Blattkranz (auch noch bei TA 3b). Der Spiegel ist jetzt der Feste des Jahres- und des Lebenslaufes (Taufe, Hoch-
ohne ein Zentralmotiv. Die ältesten Stücke gehören in die zeit, Beerdigung). Küchli galten wegen des zusätzlichen
Zeit zwischen etwa 1788 und 1793. Die jüngsten sind 1801 Arbeitsaufwandes als Festspeise. Wenn es galt, der christ-

105 Kalottenförmige Schüssel mit gelb-blauem Farnkrautdekor, circa 1760 bis 1780 ( SR 4, Gruppe 2, Kat. 49). M. 1: 3.
134

117 Motive auf Deckeln von Stülpdeckelterrinen: «Vogel 1», «Farnkrautdekor 2 und 5», gegit-
tertes Rocaillendreieck,

4. 4.13. 5 Exkurs zu den Blindmarken bei Dosen, Teekannen verschiedenen Zahlen, Buchstaben und Markierungen,
und Terrinen die oft in gleicher Form bei einem Unterteil und einem
Im Zusammenhang mit den Terrinen TE 1 bis TE 4 ist Deckel oder bei einem Teller und einem Siebeinsatz so-
wiederholt auf Blindmarken in Form von Zahlen, Buch- wie dem Tintengeschirr und den zugehörigen Tintenfäss-
staben oder «I»-Strichgruppen hingewiesen worden chen bzw. Streusandbüchsen vorkommen, die Auffin-
(Abb. 124). Blindmarken finden sich jedoch auch bei Tee- dung der zusammengehörenden Teile beim Ausnehmen
kannen und Dosen aus Fayence.592 Bei einem Teller mit des Töpferofens nach dem Brand erleichtern. Dies war
Abtropfsieb 593 und einem Tintengeschirr 594 liegen offen- vermutlich deshalb nötig, weil die Keramik von Bäriswil
bar ebenfalls Markierungen vor. Vermutlich sollten die auf der Töpferscheibe handgefertigte und daher in ihren
bäriswiler keramik 145

TK 1 TK 2

4.4.15 Teekannen (TK 1 und TK 2) Im 18. und 19. Jahrhundert stellte Kaffee das wich-
Insgesamt können fünf Teekannen aus Bäriswiler Produk- tigste Heissgetränk der ländlichen Bevölkerung dar, wäh-
tion nachgewiesen werden.636 Drei der fünf Exemplare tra- rend Tee teuer war und damit eher von der städtischen
gen Namenswidmungen weiblicher Beschenkter und zwei Oberschicht konsumiert wurde. Nur bei Besuch und
davon eine Jahreszahl. Alle weisen innen und aussen eine besonderen Anlässen stellte man Kindern und Frauen
Fayenceglasur auf, die in Inglasurtechnik mit Bäriswiler «mit Zucker und Zimt angemachten süssen Tee» auf.638
Motiven bemalt ist. Es lassen sich zwei Varianten unter- Angesichts dieses Sachverhaltes verblüfft das Vorkom-
scheiden. Die ältere aus der Zeit um 1792 ( TK 1, zwei Ex- men von Teekannen beim gleichzeitigen Fehlen von Kaf-
emplare) ist gedrückt kugelbauchig, der Henkel ist hoch- feekannen und nahezu jeglichem sonstigen Kaffeegeschirr
oval geformt, und die Ausgusstülle ist auf einer kleinen Flä- (Tassen, Koppchen, Untertassen, Milchkännchen) in der
che angesetzt (Abb. 135, 1). Keines der beiden Exemplare Bäriswiler Geschirrproduktion. Offenbar war die Selek-
trägt eine Blindmarke. Die jüngere Teekannenform der tion durch Gebrauch und museale Wertschätzung bzw.
Zeit um 1800 ( TK 2) hat ein gekantet abgesetztes Ober- Sammeltätigkeit hier – wie auch bei den Produkten aus
teil, der Henkel ist rundoval, und die Tülle hat eine lang Langnau 639 – so stark, dass ein völlig verzerrtes Bild ent-
gezogene Ansatzfläche (Abb. 135, 2). Zwei der drei Exem- standen ist. Die zeitgleiche Produktion von Heimberg
plare tragen unter der Fayenceglasur eine Blindmarke auf kennt sowohl Tee- als auch Kaffeekannen in zahlreichen
der Schulter oberhalb des Henkels und auf der Innenseite Variationen, während museal Tassen und Untertassen im
des Deckels. Beide Teekannenformen haben eine dünne Gegensatz zum archäologischen Fundstoff ebenfalls wei-
Standplatte und sind mit einem kleinen Steckdeckel mit testgehend fehlen.640
knopfförmigem Griff versehen. Stilistisch gehören sie
zahlreiche weitere unveröffentlichte Fragmente. 572 Wyss 1966,
überwiegend zur Gruppe 7b, das jüngste Exemplar trägt Taf. 6, datiert 1733: BHM Inv.-Nr. 7233. Weitere Stücke: BHM
Dekor der Gruppe 9, das heisst, dass die Produktion mög- Inv.-Nr. 15925 (1735). BHM Inv.-Nr. 15926 (1740). SMB Inv.-Nr. IV-4
licherweise noch ins frühe 19. Jahrhundert hineinläuft. mit der Beschriftung «LANGNAVW» (1742). SLM Inv.-Nr. 2142
(1734). SLM Inv.-Nr. 63927 (1740). SLM Inv.-Nr. 13671 (1750).
Formal unterscheiden sich die Bäriswiler Teekannen, sieht
573 Vgl. z. B.: Führer Basel 1994, 83 Kat. 115. 574 Niederdorfer
man vom Dekor ab, nicht von zeitgleichen Produkten, wie 1987 mit älterer Literatur und Verweis auf verschiedene Regionen des
sie etwa in Bern hergestellt oder verkauft wurden.637 deutschen Sprachraumes.

127 Tintengeschirr mit


«Farnkrautdekor 5» und
Bäriswiler «Vogelmotiv 2
2»,
168

1 2

3 4

145 Teller mit fassoniertem Rand, beidseitig engobiert und glasiert, mit Aufhängeöse,
um 1785 / 1788 ( TLR 6, Gruppe 6b, Kat. 315). M. 1: 4.
186

lich (Gruppe 9, Abb. 182).816 Offenbar vermischte oder


verwechselte man in der Werkstatt die unterschiedlichen
Grundengoben.
Die Bedeutung des Befundes ist eindeutig. In Bäris-
wil wurden, berücksichtigt man die Datierung der diver-
sen betroffenen Gefässe, während der gesamten Produk-
tionszeit auch Keramiken mit roter Grundengobe im
selben Ofen gebrannt wie das «klassische» Bäriswiler Ge-
schirr. Da wir bis ins frühe 19. Jahrhundert nur mit den
Hafnereien der Familien Kräuchi zu rechnen haben, be-
deutet dies zugleich, dass hier neben einer «Luxusserie»
auch ganz normales, malhornverziertes Alltagsgeschirr
gefertigt wurde. Der Malhorndekor dieses Geschirrs
dürfte sich kaum von dem anderer Produktionsorte unter-
schieden haben, und so können die Bäriswiler Stücke bei
Ausgrabungen, wie zum Beispiel in Bern, nicht eindeutig
identifiziert werden.817 Zeigen sie jedoch typische Roko-
kodekore, so liegt die Vermutung nahe, es könne sich um
Produkte aus Bäriswil handeln, zumal es sich erneut um
den schon bekannten grossen Schüsseltyp (Dm. 46,5 und
53 cm) mit zwei Grifflappen handelt (Abb. 183, 1 – 2).818
Daneben müssen schon um 1800 weitere Waren-
arten in der Produktion gewesen sein: die damals sehr
moderne und auch in Bern und an vielen anderen Orten
produzierte manganglasierte Keramik 819 und Geschirr
mit Farbkörper in der Grundengobe. Grössere Anteile
von Farbkörpern in der Grundengobe ergeben bei einer
stark schmelzenden und laufenden Bleiglasur typische
manganviolette Glasurfärbungen. Diese Dekorations-
technik kommt in verschiedenen Hafnereien der Deutsch-
schweiz um 1800 auf.820
Während sich für diese Bäriswiler Waren bislang
keine eindeutigen Nachweise aus dem Verbrauchermilieu
ergeben haben, sieht die Sache bei Keramiken mit inten-
siv gelber bzw. braungelber Glasur und dunkelbraunem
Spritzdekor anders aus. Hier kann aufgrund der charakte-
ristischen und nur bei Bäriswil vorkommenden Boden-
marken (s. o. Abb. 124) der Nachweis erbracht werden,
dass zwei, wohl nach 1800 entstandene Terrinen ( TE 2b
und TE 3) aus der Sammlung des SLM in Bäriswil gefer-
tigt wurden.821 Die ältere der beiden (Abb. 184, 1) weist
zudem den typischen Grifflappen mit zentralem Band-
geschlinge auf, wie er in dieser Form und Grösse bei den
älteren Fayenceterrinen (TE 4) vorkommt (vgl. Abb. 47,
Gruppe 6c und 7a). Die zweite Terrine ( TE 3) trägt einen
165 Architekturdarstellungen auf Tellern aus Langnauer bislang für Bäriswil nicht nachgewiesenen, tordierten Ho-
und Heimberger Produktion sowie auf einer Ofenkachel aus der Werk- rizontalhenkel (Abb. 184, 2). Tordierung von Griffen ist
statt von Abraham Marti in Blankenburg, 1806, 1831
bei Heimberger Geschirr nicht belegt, begegnet uns je-
und vor 1791 ( RML Inv.-Nr. A 37; SMT Foto Nr. 4202; PB Nacht, Gru-
benwald). Ohne M. doch bei Langnauer Produkten ab circa 1789 (offene
202

Bäriswil
Burgerort der Familiennamen auf Bäriswiler Geschirr
(mehr als ein Familiennamen/Ort, um 1800)
Burgerort eines Familiennamens auf Bäriswiler Geschirr
(um 1800)
Herkunft exakt lokalisiert

Bäriswiler Bären- und Rocaillenmotive, Langnauer Dekortechnik,


1797 ( RML Inv.-Nr. A 1033). M. 1: 3.
BUCHBESPRECHUNGEN

Andreas Heege, Andreas Kistler und decken waren sie dort gegenüber den
Walter Thut: Keramik aus Bäriswil: Meistern mit ihren Werkstätten in der
Zur Geschichte einer bedeutenden Mehrzahl, in der Stadt gab es sie praktisch
nicht.
Landhafnerei im Kanton Bern. - Im dritten Kapitel mit einer Einleitung von
Schriften des Bernischen Walter Thut zur »Geschichte der Hafnerei in
Historischen Museums Band 10, Bäriswil« wird von allen drei Autoren dank
intensiver archivalisch-genealogischer For-
2011, 306 Seiten, 1 ausklappbare
schungen die Geschichte der Bäriswiler
Typentafel. Hafnerfamilien Kräuchi, Kläy und Witschi
ISBN: 978-3-9523269-6-1. 58.- CHF vorbildlich aufgearbeitet und mit exakten
Stammbäumen vorgestellt. Die bedeu-
tendste Hafnerfamilie waren die Kräuchi
mit drei Familienzweigen. Die lokale Kera-
»Keramik aus Bäriswil« ist, wie etwa auch mikherstellung begann mit Jakob Kräuchi
Keramik aus Langnau, Heimberg, Blanken- (geb. 1731), der zuvor bereits Öfen neu
burg oder Steffisburg den mit Schweizer setzte und reparierte. 1758 erhielt er die
Keramik befaßten Spezialisten ein Begriff, Konzession für den Betrieb eines Brenn-
dürfte aber außerhalb der Schweiz in brei- ofens in Bäriswil. Ab diesem Zeitpunkt tru-
ten Kreisen bislang weitgehend unbekannt gen die Hafner Kräuchi bis 1821 in großem
sein. Das Buch stellt nun eine Gruppe da- Umfang zur »klassischen Bäriswiler Kera-
von, die Bäriswiler Keramik, einem großen mik« bei, wenn sie nicht – wie Andreas
Interessentenkreis vor. Heege anmerkt – gar die einzigen Herstel-
Die Grundlage dafür stellt die Aufarbeitung meinde Bäriswil, die damit ihr großes Inte- ler waren. Die zweite Linie dieser Hafnerfa-
der Bäriswiler Keramik dar, die im Rahmen resse an der örtlichen Keramikproduktion milie setzt mit Ludwig Kräuchi (1743–1814),
des vom Rittersaalverein Burgdorf, der bekundet. Dies ist nicht selbstverständlich, Schneider und Schulmeister ein, der eine
Ortsgemeinde Bäriswil und dem Histori- zudem erschien der Band aus Anlaß der Hafnerliegenschaft besaß. Er ließ seinen
schen Museum Bern getragenen Projektes, 1150-Jahr Feier der ersten Nennung des Sohn Ludwig (1770–1851) vier Jahre lang
das von Dezember 2009 bis August 2010 Dorfes Bäriswil. durch einen württembergischen Hafner in
lief. Im vergangenen Jahr erschien in KERA- Im ersten Kapitel wird durch Andreas Hee- der eigenen Werkstatt zum Hafner ausbil-
MOS Heft 207 die erste Vorstellung dieses ge der Forschungsstand zu Keramik aus Bä- den. Daneben war dieser ebenfalls Schul-
Projektes durch Andreas Heege . Bis dahin riswil ausführlich vorgestellt. Daraus ist er- meister, worauf seine kaligrafischen Fähig-
waren rund 150 Objekte in Museen be- sichtlich, daß die Beschäftigung mit histori- keiten beruhten. Etliche weitere Mitglieder
kannt, weshalb auch der Aufruf um Be- scher Keramik des 18. und 19. Jhs., wie dieses Familienzweiges waren gleichfalls
kanntgabe weiterer Stücke aus Sammler- auch andernorts, so auch in Österreich, Schulmeister.
kreisen erfolgte. nach ersten Anfängen in der volkskundli- Im Besitz der Familie Witschi befand sich
Nunmehr – lediglich ein knappes Jahr spä- chen, kunstgewerblichen und lokalhistori- die Röhrenhütte, in der Drainagerohre aus
ter – liegt, wie Andreas Heege, Archäologe schen Literatur im späten 19. Jh., schwer- Keramik produziert wurden. Im Zuge der
und Keramikspezialist, im Geleitwort an- punktmäßig erst knapp vor und nach dem von England ausgehenden Drainagierung
führt, ein »Werkkatalog« mit nunmehr 333 Zweiten Weltkrieg einsetzte. feuchter Böden dürfte hier in den 1860er
bekannten Objekten in Verbindung mit der Walter Thut beschäftigt sich im Folgenden Jahren die Röhrenproduktion begonnen ha-
historischen und archäologischen Aufarbei- mit der Hafnerei und dem ländlichen Ge- ben. 1890 zerstörte ein Brand die Röhren-
tung aller Quellen vor. Gemeinsam mit An- werbe im Kanton Bern seit der Frühen Neu- hütte weitgehend. Danach erfolgte der Wie-
dreas Kistler und Walter Thut, die für die zeit. Ein - vor allem aus österreichischer deraufbau des noch heute stehenden Ge-
Auswertung der archivalischen Quellen und Sicht - besonders interessanter Aspekt ist, bäudes.
genealogischen Forschungen verantwort- daß Handwerker nicht die vorgeschriebene Die im Rahmen des laufenden Projektes er-
lich zeichnen, gelang dies in bemerkens- Lehr- und Gesellenzeit mit anschließenden folgten bauhistorischen Beobachtungen
wert kurzer Zeit. Unterstützung fanden die Wanderjahren und schließlich die Meister- und die dendrochronologische Datierung
Autoren in einem verhältnismäßig großen prüfung absolvieren mußten um ein Hand- der Bauhölzer aus der Fassade legen eine
Stab an Fachkollegen, Institutionen, Privat- werk auszuüben. In der Schweiz veranlaßte Weiterverwendung alter Fichtenbalken ei-
sammlern und Hilfskräften, die im Dank ge- offenbar die wachsende Bevölkerung und nes Vorgängerbaues mit dem Fälldatum
nannt werden. die immer knapper werdende Ernährung, zwischen 1710 bis 1715 nahe. Die Werk-
Gleich beim ersten Durchblättern des Ban- die in der Landwirtschaft tätigen Menschen und die Trocknungshalle wurden nach den
des fallen die durchgängig farbigen Abbil- aus ihrer wirtschaftlichen Notlage heraus, Dendrodaten des Dachstuhles zeitlich ab-
dungen äußerst wohltuend auf. Dies wird - sich ohne Vorkenntnisse unterschiedlichen gestuft wiedererrichtet. Die Fälldaten für
wie es für die Darstellung bunt bemalter Handwerken zuzuwenden. Ohne adäquate die Werkhalle liegen im Herbst/Winter
Keramik sinnvoll und wünschenswert ist - Ausbildung konnten so mit fortschreitender 1893/94, jene für die Trocknungshalle im
einer Vielzahl an Sponsoren verdankt: CE- Erfahrung und Übung kleinere Betriebe ent- Herbst/Winter 1903/04. Im Zuge der Ge-
RAMICA-Stiftung, Basel, Swisslos - Lotte- stehen, um durch den Nebenerwerb zur samtsanierung fanden in den Jahren 1988
riefonds Kanton Bern, Archäologischer Landwirtschaft ein für das tägliche Leben bis 1990 archäologische Untersuchungen
Dienst des Kantons Bern, Zunftgesellschaft ausreichendes Grundeinkommen zu si- im Gebäude der Röhrenhütte statt. Dabei
zum Affen, Bern, Förderverein Historisches chern. Diese ungelernten Arbeiter wurden wurden auch die Reste zweier alter Brennö-
Museum Bern, Rittersaalverein, Schloss- »Stümp(l)er, Pfuscher, Fretter, Grempler« fen (Ofen A und B) aufgedeckt, die bereits
museum Burgdorf sowie der Einwohnerge- genannt. Um den Bedarf auf dem Lande zu vor 1893/94 aufgegeben, abgebrochen und

Anhang – Keramos 213 109


verfüllt waren. Die fundierte Beschreibung mit Zinnglasur. Die Keramiken sind traditio- Das zweite Indiz für den Nachweis der loka-
der Öfen blieb Andreas Heege vorbehalten. nell auf der Drehscheibe handgefertigte len Produktion stellt die Patrize dar, von der
Der noch bestehende Ofen (Ofen C) war bis Einzelstücke mit gut haftenden Engoben Arbeitsmodel für palmettenförmige Grif-
zum Ende der Röhren-Produktion in den und Glasuren, was auf sorgfältig aufbereite- flappen für Terrinen abgeformt werden
1950er Jahren in Betrieb. Die beiden Bren- ten Ton schließen läßt auf den die Eigen- konnten. Sie weist in ihrem Mittelfeld ein
nöfen B und C für das Brennen von Röhren, schaften von Engoben und Glasuren gut ab- markantes Bandelwerk auf, wie es sich in
entsprechen nicht dem sonst in der gestimmt waren. Die gewissenhafte Aus- ähnlicher Form auf verschiedenen Bäriswi-
Schweiz seit dem 16. Jh. sowohl für den führung wird u. a. auch durch die ler Terrinen findet. Vergleichbare Grifflap-
Brand von Geschirr- als auch Ofenkeramik Kennzeichnung mit Blindmarken von zu- pendekore sind für Bäriswiler Produkte cha-
geläufigen rechteckigen, stehenden Ofen- sammengehörenden Deckeln und Untertei- rakteristisch, da sie weder bei Heimberger
typ (»Typ Piccolpasso«). len von Terrinen bestätigt. Die dominieren- noch Langnauer Produkten, und auch nicht
Die Funktion einer großen Grube D, verfüllt de Dekorweise ist das Bemalen mit einem bei anderen Hafnereien der weiteren Regi-
mit Schrüh- und Fehlbränden der Keramik- feinen Pinsel oder einer Gänsefeder. Auf- on zu beobachten sind.
herstellung, konnte nicht geklärt werden. grund qualitativer Unterschiede darf auf Ein spezielles, in keiner anderen bernischen
Der Verfüllungszeitraum wird anhand eini- mehrere Malerhände geschlossen werden. Keramikproduktion nachweisbares Charak-
ger Funde, u. a. einer gepreßten Mineral- Ob die Bemalung frei oder mit Hilfe von teristikum ist die manganviolette kaligrafi-
wasserflasche (nach 1879) und des Man- Umrißschablonen (Sponsen) erfolgte, ist sche Beschriftung eines Teiles der Geschirre
gels an Brandschutt des Jahres 1890 in der nicht festzustellen. mit verschnörkelter, feinliniger Fraktur-
Zeit zwischen 1879 und 1890 angenom- Im nächsten Abschnitt erläutert Andreas schrift, die entsprechende Ausbildung und
men. Ältere Funde, darunter mehrere Mo- Heege die archäologischen und stilistischen Übung voraussetzt.
del, von denen zwei mit 1793 bzw. 1796 da- Zuordnungskriterien. Bäriswiler Geschirr Grundlegende Bedeutung für die Einord-
tiert sind, können nicht mit der Röhren-Pro- bildet zwar eine markante Gruppe, die sich nung der Bäriswiler Keramik wird derzeit
duktion der Familie Witschi in Verbindung von zeitgenössischen Schweizer Produkten fünf nur in der Schweiz bekannten Tellern
gebracht werden. Für sie wird ein Zusam- gut abgrenzen läßt, doch trägt kein Stück mit Durchbruchsdekor beigemessen, die
menhang mit der Familie Kräuchi postuliert. eine Erzeugersignatur oder die Angabe des zwar mit verschiedenen Durchmessern,
Darunter befinden sich ein Sekundärmodel Herstellungsortes. Die Zuordnung der Kera- doch auf gleiche Art und Weise hergestellt
eines kleinen Puttoköpfchens, ein Model mik zu Bäriswil als Ort der Erzeugung kann wurden und ohne Vergleiche bleiben. Die
für palmettenförmige Grifflappen und eine sich auch nicht auf Bodenfunde stützen, gemalten Motive auf diesen Tellern finden
Patrize für einen Grifflappen mit dem für Bä- wie – idealerweise – Werkstattabfälle, son- sich auch auf anderen Bäriswiler Stücken,
riswil charakteristischen Bandelwerk, die dern beruht weitgehend auf verschiedenen wodurch sie als wesentliches Bindeglied
für die Einordnung der Bäriswiler Keramik Kriterien der Herstellungstechnik und der zur übrigen Keramik zu betrachten sind.
herangezogen wurden. Verarbeitung (Scherbenfarbe, Engobe, Mal- Die Bäriswiler Keramikproduktion setzt also
Bei der Datierung einiger Fragmente eines farben, Glasur, Abdrehspuren, Bodenge- 1758 mit der Konzession zur Errichtung ei-
Schlickkastens, für die »185?« vorgeschla- staltung), der Formgebung (Homogenität nes Brennofens ein und endet vermutlich
gen wurde, wäre möglicherweise auch die und Abgrenzbarkeit der Formtypologie und 1821, wie die letzten erhaltenen datierten
Lesung »1785« ins Auge zu fassen, da auf Formentwicklung) sowie des Dekors und Stücke nahelegen.
Abb. 42 deutlich eine Spitze vor dem 8 zu der Dekorentwicklung. Die chronologische Auf der Basis der derzeit bekannten 333
erkennen ist, die sowohl als »1« aber auch Eingrenzung wird unterstützt durch datierte Objekte ließ sich eine chronologische Abfol-
als »7« gedeutet werden könnte. Diese Da- Stücke ab 1781. ge der Gefäßformen und Dekore erkennen.
tierung läge auch etwas näher an den mit Für die Charakterisierung der Bäriswiler Ke- Das Formenspektrum wird von wenigen
1793 bzw. 1796 datierten Modeln. ramik wurde auch die gleichzeitige Keramik- Teller- und Schüsselformen bei weitem do-
Den größten Teil des Buches nimmt die um- entwicklung im bernischen Mittelland, in miniert. Untergeordnet sind Tintengeschirre
fangreiche Beschreibung und Einordnung Langnau, in der Region Heimberg und in und Terrinen vertreten und nur sehr wenige
der Bäriswiler Keramik ein, die von Andreas Blankenburg in die Betrachtung miteinbezo- andere Formen wie beispielsweise Kannen
Heege geleistet wurde. Über intensive Re- gen. Die mit den Aufschriften überlieferten mit Rohrausguß, die als Teekannen inter-
cherchen und Mail-Aktionen in Museen der Wohnorte der Besitzer erhärten die Ein- pretiert werden.
Schweiz, aber auch in Deutschland, Öster- schätzung, daß die Produktion dieser spezi- Anhand markanter Dekordetails wurden
reich, England und Frankreich, in Privat- fischen Keramikgruppe im bernischen Mit- acht Dekorgruppen erarbeitet, die durch Da-
sammlungen und in Auktionshäusern bzw. telland erfolgte. tierungen auf den Objekten selbst gestützt
Auktionskatalogen konnten insgesamt 333 Als wichtigste archäologische Belege für werden, wobei jedoch fließende Übergän-
Stück Bäriswiler Keramik erfaßt werden. die Herstellung dieser Keramik in Bäriswil ge zwischen den Gruppen zu beobachten
Dabei wurde auch ein Licht auf die museale werden zwei Bodenfunde aus der bereits sind. Es gelang mitunter eine erstaunlich
Sammlungstätigkeit in der Schweiz gewor- oben erwähnten Grube D herangezogen. enge chronologische Eingrenzung einzelner
fen. Rund 76 % der Museumsbestände ge- Der Model für ein kleines Köpfchen und die Gruppen bzw. Untergruppen auf nur weni-
langten zwischen 1878 und 1914 in die Patrize für die Herstellung gemodelter Grif- ge Jahre; so beschränkt sich die kleine
Sammlungen, bis 1939 kamen nur mehr flappen, die vergesellschaftet mit weiteren Gruppe 4 gar nur auf die Zeit um 1781/82.
wenige Stücke dazu. Ab diesem Zeitpunkt Modeln, von denen zwei mit 1793 bzw. Im großen und ganzen vermag die Eintei-
galten die Museumsbestände, auch wegen 1796 datiert sind, geborgen wurden. Unter lung in Dekorgruppen zu überzeugen,
der stark gestiegenen Preise, als abge- den Tintengeschirren, die Bäriswil zuge- wenngleich die Feindifferenzierung der ein-
schlossen und die Keramik kam bevorzugt schrieben werden, findet sich an der Rück- zelnen Dekorelemente wie auch der For-
über Auktionen in Privatbesitz. wand als zentrales Motiv jeweils ein ähnli- menvarianten immer in einem gewissen
Bei dem Bäriswiler Geschirr handelt es sich ches angarniertes Köpfchen mit variieren- Ausmaß subjektiv aus der Sicht des Bear-
- entgegen der älteren Ansicht - mehrheit- den Frisuren. Dieser Fund wird von Andreas beiters gefärbt bleibt. In diesem Zusam-
lich nicht um Fayence, sondern um Irden- Heege als gewichtiger Hinweis für eine Fer- menhang ist auf die beiden Tellerformen 3
ware mit einer weiß brennenden Engobe tigung dieser Gruppe von gleichförmigen Var. hinzuweisen, die genausogut als Teller-
und einer darüber aufgetragenen farblosen Tintengeschirren in Bäriswil gewertet. Die form 4 und 5 eingeordnet werden könnten.
Bleiglasur, also um bleiglasierte Irdenware. datierten Stücke umspannen den Zeitraum Die auf einen Blick erfaßbare, übersichtliche
Nur wenige Stücke sind echte Fayencen von 1792 bis 1821. Vorstellung der einzelnen Dekorgruppen

110 Keramos 213 – Anhang


mit den Abbildungen der charakteristischen wohl über die Standorte (mit Ausnahme alle derzeit bekannten Exemplare der Bäris-
Dekore der Tellerfahnen und der Zentralmo- von Leobersdorf), als auch über ihr jeweili- wiler Keramik mit Farbfoto sowie exakter
tive sowie der Beschreibung auf jeweils ei- ges Produktionsspektrum. Beschreibung, die auch hohen Ansprüchen
ner Doppelseite ist für den Benutzer des Die ausführliche Beschreibung der Gefäß- genügen, vorgestellt werden.
Werkes sehr praktisch und soll hier beson- formen der Bärsiwiler Keramik (sie umfaßt Eine solch umfassende Darstellung der Ke-
ders hervorgehoben werden. Als kleine Er- nahezu 50 Seiten) wird durch Farbfotos und ramik einer Region, die auch viele weiter-
gänzung wäre dabei ein Maßstab wün- vor allem durch technische Zeichnungen er- führende Aspekte berücksichtigt, wie u.a.
schenswert. gänzt. Diese sind zwar für Archäologen die regionale Kostümkunde, den Handelsra-
Die typologische Einheitlichkeit und Ab- selbstverständlich, doch sind sie in der vor dius der Ware, die Schicht der Benutzer,
grenzbarkeit des Bäriswiler Geschirrs ge- allem mit kunsthistorischen Aspekten be- führt deutlich vor Augen wie wichtig zu-
genüber anderen Produktionsregionen ist faßten Keramikliteratur kaum zu finden. Die nächst kleinräumig lokale Aufarbeitungen
eng mit einem relativ homogenen Dekorati- Berücksichtigung der dargestellten Formde- sind, die die unabdingbare Basis für nach-
ons- und Musterkanon verbunden. Doch tails ermöglicht dem Leser leicht die Ab- folgende überregionale, auch länderüber-
sind vor allem bei den Farnkraut-/Fieder- grenzung der Bäriswiler Produkte von den greifende Vergleiche bilden und damit wei-
blattdekoren, den Nelken und den Blüten- anderen deutschschweizer Erzeugnissen. terreichende Aussagen – seien es Gemein-
sträußchen auffallende Parallelen zu öster- Hilfreich dabei ist auch die ausklappbare samkeiten oder Differenzen – zu Handwerk,
reichischen Fayencen zu erkennen. Insbe- Formentafel am Ende des Bandes. Lebensumständen, und dgl. erst ermögli-
sondere lassen sich mit ähnlichen Nelken Das anschließende Kapitel beschäftigt sich chen. Eine vergleichbare fundierte Studie
und Blütenranken Affinitäten zu synchronen mit den figürlichen Dekorationsmotiven, vor zur Keramik einer Region, wie die vorliegen-
Objekten des späten 18. und frühen 19. allem den Schäferinnen, Schäfern und Sol- de Arbeit, bleibt – vor allem für niederöster-
Jhs. aus der Manufaktur Pisotti (1777– daten, wobei die bildlichen Darstellungen reichische Fayencen – noch ein Desiderat.
1848) in der Riedenburg in Salzburg konsta- mit den zeitgenössischen Trachten im Kan- Aus der Sicht des Archäologen ist mit Freu-
tierten. Fiederblätter bzw. Farnkraut stehen ton Bern bzw. den Uniformen verglichen de festzustellen, daß die bunte Keramik
in Verbindung mit der älteren Manufaktur werden. adäquat in Farbabbildungen vorgestellt
Moser (1736–1776) in der Riedenburg, aber Ein weiteres sehr interessantes Kapitel wird, was bei archäologischen Publikatio-
auch mit Gmundner Fayencen der »blauen zeigt das Absatzgebiet der Bäriswiler Kera- nen leider noch immer nicht die Regel ist.
Periode« (1. Hälfte bis um die Mitte des 18. mik, das mit Hilfe der seit ca. 1780 auftre- Im 21. Jh. angekommen, stehen die Abbil-
Jhs.), die neben der sparsamen Verwen- tenden Namensaufschriften umrissen wer- dungen auf heutigem technischem Repro-
dung der übrigen Scharffeuerfarben von Ko- den kann. Es überschreitet kaum einen Ra- duktionsniveau.
baltblau geprägt wird. Einige Bezüge beste- dius von 30 km. Aufgrund der Aufschriften Auf diesem Grundlagenwerk können nun
hen auch zu Dekoren auf Fayencen, die der- ist auch erkennbar, daß die Keramik häufig weitere Forschungsarbeiten aufbauen. Die-
zeit dem südlichen und östlichen durch Schenkung an die Besitzer gelangte. se Monographie ist jedoch nicht nur für Ke-
Niederösterreich sowie der West-Slowakei Der Abnehmerkreis bzw. die Beschenkten ramikspezialisten unverzichtbar, sondern
zugewiesen werden. Für eine Betrachtung stammten aus der wohlhabenden bäuerli- auch der nur allgemein an Keramik und sei-
im überregionalen Kontext ist dazu jedoch chen Oberschicht, die Schreibzeuge befan- nem Umfeld Interessierte wird darin viele
in Österreich noch grundlegende For- den sich vorwiegend im Besitz der des neue Aspekte kennenlernen.
schungsarbeit zu leisten. Insbesondere bei Schreibens und Lesens kundigen Gerichts-
den niederösterreichischen Fayence-Werk- sässen und Ammänner. Alice Kaltenberger, Wien
stätten herrscht noch immer Unklarheit, so- Den Abschluß bildet der Katalog, in dem

Amanda Dunsmore (Ed.): This genen Forschungsgebieten beschäftigen.


Blessed Plot, This Earth… : English Sie brachten damit in doppelter Hinsicht
Pottery Studies in Honour of ihre Wertschätzung für ihn zum Ausdruck.
Jonathan Horne wurde 1940 in Wadebrid-
Jonathan Horne. Paul Hoberton ge, Cornwall, geboren. Er verbrachte seine
Publishing, London. Kindheit in Croydon, Surrey, wo er Gelegen-
255 Seiten, gebundene Ausgabe, heit hatte, als kleiner Junge bei Ausgrabun-
gen an einer römischen Villa mitzuarbeiten.
260 x 216 mm, 140 Farbabbildungen
Diese Eindrücke scheinen so nachhaltig ge-
ISBN: 978-1-907372-09-4. £ 40.00 wirkt zu haben, dass sie bei ihm fortan gro-
ßes Interesse an Archäologie und Geschich-
te entstehen ließen. Er begann zunächst,
Normalerweise erreichen Festschriften alte Keramik, insbesondere Fayencen, zu
oder Festgaben ihren Adressaten noch zu sammeln. Später kaufte und verkaufte er
Lebzeiten. Im vorliegendem Fall war das Keramiken in kleinem Umfang. Eine ange-
bedauerlicherweise nicht mehr möglich. Jo- strebte Tätigkeit als Kaufmann gab er auf
nathan Horne starb im Juli 2010 kurz vor und eröffnete stattdessen 1968 ein kleines
seinem 70. Geburtstag. Horne war ein aus- Geschäft in der Londoner Portobello Road,
gesprochener Kenner und Fachmann im Be- das er über 10 Jahre erfolgreich führte.
reich der englischen, aber auch europäi- 1979 zog er in größere Räume nach Ken-
schen Keramik des 17. und 18. Jahrhun- Die Liste derer, die sie gewinnen konnte, ist sington um. Durch sein Wissen und seine
derts. Amanda Dunsmore, Konservatorin lang. Insgesamt 33 Beiträger aus England, Kennerschaft erwarb er sich einen Kunden-
an der National Gallery von Victoria (Mel- Schottland, Australien, den Vereinigten kreis, der ihn als Fachmann auf den Gebie-
bourne, Australien), ergriff deshalb die Ini- Staaten und den Niederlanden verfaßten ten der frühen englischen und europäi-
tiative und bat Freunde, Kollegen und Weg- Aufsätze zu Ehren Hornes, die sich thema- schen Fayencen, der Irdenware, des Stein-
gefährten um Beiträge für eine Festschrift. tisch mehr oder weniger eng mit dessen ei- zeugs und speziell bei Fliesen außeror-

Anhang – Keramos 213 111