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„Mitarbeiter der Wahrheit“

Theologische Grundüberzeugungen des Papstes Benedikt XVI.

Josef Kreiml

Bei seiner Berufung zum Erzbisch o f v o n München und Freising im Jahr 1977 hat J o seph Ratzinger für sein bisch ö iches Wappen den Spruch „C oo perat o res Veritatis“ („Mitarbeiter der Wahrheit“) gewählt. In seiner Aut o bi o graphie begründet er seine Entscheidung für diesen Wahlspruch s o : Weil in der heutigen Welt „das Thema Wahrheit fast ganz verschwunden ist, weil sie als für den Menschen

zu gr o ß erscheint und d o ch alles verfällt, wenn es keine Wahrheit

.] zeitgemäß im

gibt, deswegen schien mir dieser Wahlspruch guten Sinne zu sein“. 1

1. Ein autobiographischer Rückblick

Über seine Kindheit bemerkt Benedikt XVI., dass in dieser Zeit (1934) Bruder K o nrad v o n Alt ö tting heiliggespr o chen wurde. Der

1 J. Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927–1977), Stuttgart 1998, 179. – Vgl. auch P. Hofmann (Hg.), Joseph Ratzinger. Ein theologisches Pro l, Paderborn 2008 und meine Rezension dieses Werkes, in: R. Voderholzer u. a. (Hg.), Mitteilungen. Institut Papst Bene- dikt XVI., Jahrgang 2, Regensburg 2009, 128–139. – Der folgende Bei- trag geht im Wesentlichen auf eine Vorlesung zurück, die ich am 19. Mai 2005 – einen Monat nach der Wahl Kardinal Ratzingers zum Papst – an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten (veröffentlicht in: KlBl 86 [2006], 231–237) gehalten habe.

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Papst betrachtet es als „merkwürdige Fügung“, dass die Kirche im Jahrhundert des F o rtschritts und der Wissenschaftsgläubigkeit sich selbst in ganz einfachen Menschen am meisten dargestellt fand. Der „helle Blick für das Wesentliche“ ist auch heute den Geringen gegeben. „Ich wüsste keinen überzeugenderen Glaubensbeweis als eben die reine und lautere Menschlichkeit, in die der Glaube meine

Eltern und s o viele andere Menschen, denen ich begegnen durfte, hat reifen lassen“. 2 Sch o n als Schüler war J o seph Ratzinger v o n der kath o lischen Liturgie tief berührt. „Immer klarer wurde mir, dass ich da einer Wirklichkeit begegnete, die nicht irgend jemand erdacht hatte“. 3 1945 trat der 18-Jährige ins Freisinger Priesterseminar ein: Uns alle band damals „eine gr o ße Dankbarkeit dafür zusammen, dass wir aus dem Abgrund der schweren Jahre hatten heimkehren dürfen.

Diese Dankbarkeit schuf einen alle beherrschenden Willen,

.]

Christus in seiner Kirche zu dienen für eine neue bessere Zeit

.]

Niemand zweifelte, dass die Kirche der O rt unserer H o ffnungen war.“ 4 Über die Jahre seines The o l o giestudiums in München äu- ßert sich der Papst sehr ausführlich: „Der Star der Fakultät“ war damals der Neutestamentler Friedrich Wilhelm Maier, v o n dem Ratzinger viel gelernt hat. „Exegese ist für mich immer Zentrum meiner the o l o gischen Arbeit geblieben“. 5 Der Fundamentalthe o - l o ge G o ttlieb S ö hngen hat dem jungen Studenten vermittelt, wie

2 J. Ratzinger, Aus meinem Leben (Anm. 1), 133. – Zur Kindheit und Ju- gend von Georg und Joseph Ratzinger vgl. auch A. Zuber, Der Bruder des Papstes. Georg Ratzinger und die Regensburger Domspatzen, Frei- burg 2007, 13–73.

3 Ebd., 23. – Vgl. auch W. Beinert, Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. Aus- schau als Rückschau, in: Catholica 60 (2006), 139–150; H. Verweyen, Jo- seph Ratzinger – Benedikt XVI. Die Entwicklung seines Denkens, Darm- stadt 2007; St. O. Horn, Zum existentiellen und sakramentalen Grund der Theologie bei Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., in: R. Voderholzer u. a. (Hg.), Mitteilungen. Jahrgang 2 (Anm. 1), 59–65 und S. Wiedenhofer, Schwerpunkte der Theologie von Joseph Ratzinger, in: ebd., 66–70.

4 J. Ratzinger, Aus meinem Leben (Anm. 1), 47.

5 Ebd., 58.

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The o l o gie „kritisch und gläubig“ betrieben werden kann. In aller O ffenheit schildert Ratzinger das „Drama“ seiner Habilitatio n. „In der Fakultätssitzung, die sich mit meiner Habilitati o nsschrift be- fasste, muss es einigermaßen stürmisch zugegangen sein“. 6 Der D o gmatiker Michael Schmaus hatte nämlich in Ratzingers Thesen über Bo naventuras Denken einen „gefährlichen Mo dernismus“ ent- deckt. Weitere Passagen dieser Aut o bi o graphie beziehen sich auf Ratzingers Tätigkeit als The o l o giepr o fess o r an vier verschiedenen Universitäten. Dabei äußert sich der Papst auch über viele interes- sante Details, die den Verlauf des Zweiten Vatikanums betreffen.

Die erst in der letzten K o nzilsperi o de verabschiedete K o nstituti o n über das Wo rt G o ttes („Dei Verbum“) beurteilt Benedikt XVI. als

„einen der herausragenden Texte des K o nzils, der

.] n o ch nicht

wirklich rezipiert ist“. 7 Der Papst teilt auch seine Erfahrungen als D o gmatikpr o fess o r in Münster und Tübingen mit. Im Jahr 1968 entwickelten sich ge- rade die theo l o gischen Fakultäten zum „eigentlichen ideo l o gischen Zentrum“ der marxistischen Rev o luti o n. „Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Fr ö mmigkeit unverhüllt gesehen, den Psych o -Terr o r, die Hemmungsl o sigkeit, mit der man jede m o rali- sche Überlegung als bürgerlichen Rest preisgeben k o nnte, w o es um das ideologische Ziel ging“. 8 In seinen Regensburger Jahren ab 1969 ko nnte der jetzige Papst

seine The o l o gie „in einem weniger aufregenden K o ntext weiter-

6 Ebd., 84f. – Vgl. jetzt auch: J. Ratzinger, Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras. Habilitationsschrift und Bonaventura- Studien, (JRGS, 2), Freiburg 2009.

7 Vgl. auch J. Ratzinger, Die erste Sitzungsperiode des Zweiten Vatikani- schen Konzils. Ein Rückblick, Köln 1963; ders., Das Konzil auf dem Weg. Rückblick auf die zweite Sitzungsperiode des Zweiten Vatikani- schen Konzils, Köln 1964; ders., Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode, Köln 1965; ders., Die letzte Sitzungsperiode des Kon- zils, Köln 1966.

8 J. Ratzinger, Aus meinem Leben (Anm. 1), 150. – Vgl. auch G. Valente, Student – Professor – Papst. Joseph Ratzinger an der Universität, Augs- burg 2009.

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entwickeln“. Dieser Abschnitt enthält auch wichtige Aussagen zur Liturgie: Die eigentliche Gabe der Liturgie ist die Begegnung mit dem Mysterium, das unser Ursprung und die Quelle unseres Lebens ist. Eine Erneuerung des liturgischen Bewusstseins, „die wieder die Einheit der Liturgiegeschichte anerkennt, das Vatikanum nicht als Bruch, s o ndern als Entwicklungsstufe versteht, ist für das Leben der Kirche dringend vonnöten.“ 9

2. Die Kirche im neuen Jahrtausend

Kardinal Ratzingers Buch „Salz der Erde. Christentum und katho - lische Kirche an der Jahrtausendwende“ hat 1996 eine außerge- w ö hnliche Res o nanz ausgel ö st. Selbst entschiedene Kritiker des Christentums haben o hne Einschränkung zugegeben, dass Bene- dikt XVI. in diesem Gespräch mit Peter Seewald die Grundanlie- gen des christlichen Glaubens mit intellektueller Brillanz skizziert und über die Zukunftschancen des Christentums bedenkenswerte Überlegungen anstellt. Der Papst bringt in „Salz der Erde“ die Überzeugung zum Aus- druck, dass das Christentum auch in der Zukunft „Überlebens o rte der Menschlichkeit“ bilden wird. Freilich führt die Erfahrung des Negativen – die Erkenntnis, dass wir ohne Glauben in eine „unge- heure Leere“ hineingeraten – die Menschen n o ch nicht v o n selbst zum christlichen Glauben. Die Erfahrung des Negativen k ö nnte auch Resignati o n, Skepsis, Zynismus und eine weitere Zerstö rung des Menschen zur F o lge haben. Für die Gegenwart stellt Ratzinger

9 Ebd., 174. – Vgl. jetzt auch: J. Ratzinger, Theologie der Liturgie. Die sa- kramentale Begründung christlicher Existenz, (JRGS, 11), Freiburg 2008; R. Voderholzer (Hg.), Der Logos-gemäße Gottesdienst. Theologie der Li- turgie bei Joseph Ratzinger, (RaSt, 1), Regensburg 2009 und A. Gerhards, Im Dienst der Orthodoxie. Anmerkungen zu Joseph Ratzingers „Theolo- gie der Liturgie“, in: IKaZ 38 (2009), 90–103.

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ein Zerbr ö ckeln der bisherigen Existenz einer christlichen Gesell- schaft fest. Ins o fern wird sich das Verhältnis v o n Gesellschaft und Kirche wandeln. Der zentrale Lebensbereich ist nach Ansicht des Papstes heute der Sekt o r der wirtschaftlichen und technischen Inn o vati o nen. In diesem Bereich – speziell in der Unterhaltungswelt der Medien – wird heute Sprache gebildet und Verhalten gef o rmt. Benedikt XVI. ist überzeugt, dass das Christentum in Zukunft „auf neue Weise Lebensm o delle anbieten und sich der Ein ö de des technischen Da- seins wieder als ein O rt wirklicher Menschlichkeit darstellen“ 10 wird. Kirche wird in absehbarer Zeit „nicht mehr einfach die Le- bensf o rm einer ganzen Gesellschaft sein“. Sie wird vielmehr „ei- ne K o mplementärbewegung, wenn nicht eine Gegenbewegung zur herrschenden Weltanschauung sein, sich zugleich aber auch in ihrer

.] immer neu ausweisen“. Die neue Weltsitua-

N o twendigkeit

ti o n macht die Glaubensentscheidung „pers ö nlicher und schwieri- ger“. 11 Im Hinblick auf die gegenwärtige Ethikdiskussi o n bet o nt der Papst, dass die Verantw o rtung v o r G o tt und seinem Gericht heute weitgehend durch die Verantw o rtung v o r der Menschheit ersetzt wird. Wenn es außer der ö ffentlichen Meinung keine Verantw o r- tungsinstanz gibt, ist die M o tivati o nskraft der Ideale im indivi-

10 J. Kardinal Ratzinger, Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald, München 1998, 135. – Vgl. auch P. Seewald (Hg.), Von Joseph Ratzinger zu Bene- dikt XVI., Der deutsche Papst, Augsburg 6. Au . 2005 und H. Hoping / J.- H. Tück (Hg.), Die anstößige Wahrheit des Glaubens. Das theologische Pro l Joseph Ratzingers, Freiburg 2005.

11 J. Ratzinger, Salz der Erde (Anm. 10), 175. – Vgl. auch J. Kreiml, Die Kraft des Heiligen Geistes und das Zeugnis der Christen. Die Botschaft von Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag 2008 in Sydney, in: FKTh 25 (2009), 161–172; Benedikt XVI., Worte der Hoffnung und Ermuti- gung, hg. v. S. von Kempis, Freiburg 2010 und Benedikt XVI., Von der Freude an Gott. Hundert Worte. Mit einem Geleitwort von K. Kardinal Lehmann, München 2007.

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duellen Leben „ o ft sehr gering“. 12 In der heute v o rherrschenden Weltanschauung ist der Aut o n o miegedanke „äußerst d o minant ge- w o rden“. Wenn das aut o n o me Subjekt das letzte Wo rt hat, „dann muss es einfach alles w o llen k ö nnen“. In dieser Grundeinstellung sieht Ratzinger „ein ganz gr o ßes Pr o blem der heutigen Existenz“. 13 Wer das Individuum in seinem Zugriff auf das Leben beengen will, gilt als Feind des Menschen. Nach Ansicht des Papstes ist heute eine „relativistische Str ö - mung“ v o rherrschend gew o rden. Es scheint dem m o dernen Men- schen undem o kratisch und int o lerant, zu sagen, dass wir im Glau- ben eine endgültige Wahrheit haben. Die Frage nach der Stel- lung des Christentums im Gesamtgefüge der Religi o nen hat in der Gegenwart „eine ganz neue Dramatik“ erhalten. Wenn heu- te das Leben in der ausgehaltenen Unsicherheit glo ri ziert und Glaube als v o n G o tt geschenkte Wahrheit verdächtigt wird, „s o ist dies gewiss nicht die Lebensf o rm, in die die Bibel uns führen möchte“. 14

12 N. Hoerster macht (in seinem Nachwort zu: David Hume, Dialog über natürliche Religion [1779]. Übersetzt und hg. v. N. Hoerster, Stuttgart 1994, 147–158) darauf aufmerksam, dass nach Hume (1711–1776) zur Existenz eines christlich verstandenen Gottes kein auf bloßen Vernunfter- wägungen basierender Weg führt. Demnach besteht für Hume keinerlei Grund zu der Annahme, dass Gott am Schicksal der Menschen in irgend- einer Weise Anteil nimmt. „Die Annahme der Existenz Gottes muss ohne jede praktische Relevanz bleiben: Der Mensch kann weder seine Moral auf göttliche Gebote stützen, noch kann er davon ausgehen, dass Gott seine Lebensführung in einem jenseitigen Leben belohnen oder bestrafen wird“ (ebd., 152).

13 J. Ratzinger, Salz der Erde (Anm. 10), 178.

14 Ebd., 146. – In der Predigt „Die Kirche lebt vom Bleiben bei Christus,

.“ (2000) beschreibt Kardinal Ratzinger das christ-

liche Lebensmodell (vgl. Joh 15,1–8) in der Dreiheit von „Bleiben bei Christus“, „Reinigung“ und „Frucht bringen“ (in: F. Trenner [Hg.], Jo- seph Ratzinger / Benedikt XVI., Priester aus innerstem Herzen. Beiträge im Klerusblatt aus fünf Jahrzehnten, München 2007, 309–312).

vom Stehen zu ihm

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3. Freiheit und Wahrheit

In seinem spannenden Aufsatz „Freiheit und Wahrheit“ 15 aus dem Jahr 1995 zeigt Benedikt XVI., dass die Freiheit im Bewusstsein der heutigen Menschheit weithin als das h ö chste Gut gilt. Dem Wahrheitsbegriff hingegen begegnet man mit Verdacht. Wer den An- spruch erhebt, im Dienst der Wahrheit zu stehen, wird als Schwär- mer o der Fanatiker eingestuft. Das unre ektierte Durchschnitts- emp nden versteht unter Freiheit, dass das eigene Wo llen die einzi- ge No rm des Handelns ist und dass der Wille alles wo llen und alles Gew o llte auch ausführen kann. Eine angemessene De niti o n der Freiheit muss – s o der Papst – in den Zusammenhang des Vernünf- tigen gestellt werden. So nst k o mmt es zur Tyrannei der Unvernunft. Die gemeinsame Vernunft aller Menschen wird für die gegenseitige Verträglichkeit der Freiheiten sorgen. J o seph Ratzinger erinnert an den Anspruch des Marxismus, den wissenschaftlich gesicherten Weg zum befreiten Menschen zu ken- nen. Diese vermeintliche Freiheitsbewegung, das - neben dem Na- ti o nals o zialismus – gr ö ßte Sklavensystem der neuzeitlichen Ge- schichte, ist zwar wirtschaftlich und po litisch zusammengebr o chen, aber bis heute nicht wirklich geistig überwunden. Auf der anderen Seite lässt die m o ralische Überlegenheit des liberalen westlichen Systems keinen Enthusiasmus aufk o mmen, weil eine gr o ße Zahl v o n Menschen keinen Anteil an den Früchten dieser Freiheit erhält. Das Gefühl, dass die Dem o kratie n o ch nicht die rechte F o rm der Freiheit darstellt, ist heute weit verbreitet. Es ist fraglich, o b in der Dem o kratie das Wo hl der Allgemeinheit genügend zum Zug ko mmt. Außerdem gibt es in dieser Staatsfo rm vielfach die neue O ligarchie derer, die bestimmen w o llen, was ein aufgeklärter Mensch zu denken hat.

15 In: J. Kardinal Ratzinger, Glaube – Wahrheit – Toleranz. Das Christen- tum und die Weltreligionen, Freiburg 2003, 187–208; vgl. auch meine Rezension dieses Buches, in: LebZeug 60 (2005), 70–74.

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Erstaunen muss die Tatsache herv o rrufen, dass Jean-Paul Sartre (19 0 5–198 0 ), der radikalste Freiheitsphil o s o ph des 2 0 . Jahrhun- derts, die Freiheit des Menschen am Ende nur n o ch als dessen Verdammnis begreifen k o nnte. Das Aufregende am Denkansatz Sar- tres besteht darin, dass er die Trennung v o n Freiheit und Wahrheit radikal durchführt: Es gibt letztlich keine Wahrheit. Die Freiheit hat keine Richtung und kein Maß. Sartre hat dabei geradezu ei- ne tragische Erkenntnis gew o nnen: Die v ö llige Abwesenheit jeder metaphysischen und sittlichen Bindung, d. h. die abs o lut anarchi- sche Freiheit als Wesensbestimmung des Menschen, enthüllt sich für den, der sie zu leben versucht, nicht als h ö chste Steigerung der Existenz, s o ndern als abs o lute Leere. Die anarchische, v o n der Wahrheit abgek o ppelte Freiheit erl ö st den Menschen nicht, s o n- dern kann ihn im Grunde nur n o ch als missratenes Gesch ö pf, als sinnlose Existenz begreifen. Diesem falschen Freiheitsbegriff stellt der Papst das christliche Verständnis der Freiheit gegenüber: Grundlegend für den Menschen ist – s o seine These – das Mit-Sein und Für-Sein. Das radikale Freiheitsverlangen, das heute weithin das allgemeine Bewusstsein bestimmt, will „weder v o nher n o ch wo raufhin, weder v o n n o ch für sein, s o ndern eben ganz frei“. 16 Der Mensch setzt zwar das Für-Sein der anderen v o raus, wie es heute im Netz der Dienstleistungssys- teme seinen Niederschlag gefunden hat, aber er mö chte seinerseits nicht in den Zwang eines s o lchen Vo n und Für hineingen o mmen werden, s o ndern v o llk o mmen unabhängig sein; er will tun und las- sen k ö nnen, was er will. Hinter diesem radikalen Freiheitswillen der Neuzeit steht als ihr versteckter theo l o gischer Kern die Verhei- ßung der G o ttgleichheit. Abs o lut frei sein, o hne ein Vo n und Für:

das ist ein Götzenbild. Die Freiheit des Menschen ist im Letzten trinitätsthe o l o gisch begründet: „Der wirkliche G o tt ist seinem Wesen nach ganz Sein- Für (Vater), Sein-Vo n (S o hn) und Sein-Mit (Heiliger Geist)“. 17 Weil der Mensch Ebenbild G o ttes ist, ist das Vo n, Mit und Für „die

16 J. Ratzinger, Glaube – Wahrheit – Toleranz (Anm. 15), 199.

17 Ebd., 200.

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anthr o p o l o gische Grund gur“. Ins o fern k o mmt der Radikalismus der Freiheit, wie Sartre ihn gedacht hat, einer „Rebellio n gegen das Menschsein selbst“ gleich. Die wirkliche Freiheit des Menschen ist geteilte Freiheit, Freiheit im Miteinander v o n Freiheiten, die sich gegenseitig begrenzen und tragen. Mit Recht hat deshalb der jüdische Phil o s o ph Hans J o nas (19 0 3–1993) die Verantw o rtung zum ethischen Zentralbegriff erklärt. In diesem Zusammenhang würdigt Benedikt XVI. das heutige Bemühen um ein „Welteth o s“. Er bezweifelt aber, dass die rati o nale Evidenz dieses Eth o s die Aut o rität der Religi o nen ersetzen kann. Ins o fern muss die Vernunft o ffen bleiben für die gr o ßen religi ö sen Überlieferungen und sich v o m Traum der Selbstgenügsamkeit verabschieden. Sie braucht den „Anhalt an den großen Traditionen der Menschheit“. 18

a) Welche Werte sind im demokratischen Staat mehrheitsfähig?

In seinem Beitrag „Die Freiheit, das Recht und das Gute. M o rali- sche Prinzipien in dem o kratischen Gesellschaften“, 19 der auf eine

18 Ebd., 208. – Vgl. zu diesem Fragekomplex auch die Debatte, die Kar- dinal Ratzingers am 19. Januar 2004 in München mit Jürgen Habermas geführt hat: Ratzingers damaliger Vortrag ist dokumentiert in: J. Kardi- nal Ratzinger, Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen, (Herder Spektrum, 5592), Freiburg 2005, 28–40; auch J. Kreiml, Die Debatte zwischen Joseph Ratzinger und Jürgen Ha- bermas. Das Votum des Papstes für ein fruchtbares Miteinander von Ver- nunft und Glaube, in: KlBl 88 (2008), 86–88; außerdem D. Kaes, Theolo- gie im Anspruch von Geschichte und Wahrheit. Zur Hermeneutik Joseph Ratzingers, St. Ottilien 1997.

19 In: J. Ratzinger, Werte in Zeiten des Umbruchs (Anm. 18), 41–48. – Vgl. auch Benedikt XVI., Eine menschlichere Welt für alle. Die Rede vor der UNO. Vollständige zweisprachige Ausgabe. Kommentiert von Gernot Erler, Udo Di Fabio und Klaus Töpfer, Freiburg 2008. (Der Papst seine Ansprache an die Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York am 18. April 2008 gehalten.)

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Rede zurückgeht, die der damalige Kardinal 1992 in Paris gehalten hat, vertritt der Papst die Ansicht, dass sich heute im Westen ein „banaler Nihilismus“ ausbreitet, der nicht weniger gefährlich ist als der Marxismus. Der amerikanische Phil o s o ph Richard R o rty, der die neue Ut o pie des Banalen f o rmuliert hat, k o nzipiert eine liberale Gesellschaft, in der abs o lute Werte und Maßstäbe nicht mehr existieren. Das eigene Wo hlbe nden ist nach dieser Gesell- schaftsthe o rie das v o rrangige Ziel des Menschen. Nach Ansicht Benedikts XVI. führt ein Verständnis v o n Freiheit, das primär an individueller Bedürfnisbefriedigung o rientiert ist, zum Verlust der Menschlichkeit. Freiheit „kann man nicht nur für sich haben w o l- len; sie ist unteilbar und muss immer als Auftrag für die ganze Menschheit gesehen werden“. 20 Ins o fern ist Freiheit nie o hne O pfer und Verzicht m ö glich. Sie muss auch die Rechte der Schwachen schützen. Das Dilemma der mo dernen Demo kratien besteht darin, dass sie jene mo ralischen Werte, die v o n keiner Mehrheitsmeinung getragen werden, nur mit Mühe in Geltung halten k ö nnen. Die Erfahrungen mit den Diktaturen des 2 0 . Jahrhunderts haben gezeigt, dass die Vernunft den Blick auf die Grundwerte des Humanen sehr wo hl aus den Augen verlieren kann. Ein strenger P o sitivismus, der sich in der Verabs o lutierung des Mehrheitsprinzips ausdrückt, schlägt irgend- wann unvermeidlich in Nihilismus um. Mehrheitsentscheidungen bleiben nur dann wahrhaft menschlich und vernünftig, wenn sie auf gemeinsamen Überzeugungen beruhen. Der gr o ße p o litische Den- ker Alexis de To cqueville hat gezeigt, dass die v o m Christentum genährten moralischen Überzeugungen zum tragenden Fundament der m o dernen Dem o kratien gew o rden sind. Der Versuch, sich v o n den gr o ßen sittlichen und religiö sen Kräften der eigenen Geschichte abzuschneiden, käme nach Ansicht des Papstes dem „Selbstmo rd ei- ner Kultur und einer Natio n“ gleich. Die wichtigste Vo raussetzung für den Erhalt der Freiheit gegenüber allen Nihilismen und ihren t o talitären Fo lgen ist die Bewahrung der wesentlichen mo ralischen Einsichten.

20 J. Ratzinger, Werte in Zeiten des Umbruchs (Anm. 18), 44.

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b) Das Gewissen als Stimme Gottes im Menschen

In seinem Vo rtrag „Wenn du den Frieden willst, achte das Gewis- sen jedes Menschen“ 21 aus dem Jahr 1991 hat der jetzige Papst gezeigt, dass die Frage nach dem Gewissen in den „Kernbereich“ des Menschen führt. O ft erscheint das Gewissen als „Bo llwerk der Freiheit gegenüber den Einengungen der Existenz durch die Aut o - rität“. 22 Der Spruch des Gewissens darf aber nicht auf subjektive Gewissheit reduziert werden. Vielmehr stellt das Gewissen „die Transparenz des Subjekts für das G ö ttliche und s o die eigentliche Würde und Größe des Menschen“ 23 dar. Der Gewissensbegriff des Liberalismus reduziert den Menschen auf seine o ber ächliche Überzeugung. Dieser Gewissensbegriff dient zur Rechtfertigung für die Subjektivität, die sich nicht in Frage stellen lassen will, wie auch für den s o zialen K o nf o rmis- mus, der als Mittelwert zwischen den verschiedenen Subjektivitä- ten das Zusammenleben erm ö glichen s o ll. Die Verp ichtung zur Wahrheitssuche wie der Zweifel an der Durchschnittshaltung und ihren Gew o hnheiten entfallen dabei. Das Überzeugtsein v o m Eige- nen wie auch umgekehrt die Anpassung an die anderen genügen. Für J o hn Henry Newman ist das Gewissen „die vernehmliche und gebieterische Anwesenheit der Stimme der Wahrheit im Subjekt“. Das Gewissen ist „die Aufhebung der bl o ßen Subjektivität in der Berührung zwischen der Innerlichkeit des Menschen und der Wahr- heit von Gott her“. 24 Ein wirklicher Gewissenspruch ist weder mit dem eigenen Geschmack n o ch mit dem s o zial Vo rteilhaften iden- tisch. In der Reihenf o lge der Tugenden bet o nt Kardinal Newman den Vo rrang der Wahrheit v o r dem K o nsens bzw. der Gruppenver- träglichkeit. Ein „Mann des Gewissens“ (wie z. B. Th o mas Mo rus)

21 In: J. Ratzinger, Werte in Zeiten des Umbruchs (Anm. 18), 100–122.

22 Ebd., 100.

23 Ebd., 108. – Vgl. auch J. Kreiml, Das Gewissen und der Papst. John Henry Newmans Brief an den Herzog von Norfolk, in: ders. u. a. (Hg.), Weg, Wahrheit, Leben. Im Dienst der Verkündigung. Festschrift für Bi- schof Klaus Küng, Regensburg 2010 (im Erscheinen).

24 J. Ratzinger, Werte in Zeiten des Umbruchs (Anm. 18), 110.

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erkauft Wo hlbe nden, Erf o lg, ö ffentliches Ansehen und Billigung v o n Seiten der herrschenden Meinung niemals durch den Verzicht auf Wahrheit. Die „ganze Radikalität“ des heutigen Disputs um die Ethik ko n- zentriert sich – so der Papst – auf die Frage, o b der Mensch „wahr- heitsfähig“ o der sich selbst seine Maßstäbe setzt. Dieser Disput ist in seiner Tragweite nur vergleichbar mit dem Streit zwischen So kra- tes und den So phisten. Der „eigentlich kritische Punkt der Neuzeit“ besteht dabei darin, dass G o tt als Bezugspunkt des Denkens nicht mehr für alle sichtbar ist. Der Mensch zeichnet sich jed o ch da- durch aus, dass er sich der Stimme der g ö ttlichen Wahrheit und ihres Anspruches öffnet (vgl. das Zeugnis der Märtyrer). Zwei Dimensi o nen des Gewissens müssen deutlich unterschie- den werden: Die o nt o l o gische Dimensi o n des Gewissens besteht darin, dass dem Menschen ein Grundverhältnis des und Wahren eingeprägt ist. D. h. dem g o ttebenbildlich geschaffenen Menschen ist eine „innere Seinstendenz auf das G o ttgemäße hin“ eigen. Die zweite Dimensi o n des Gewissens besteht darin, dass es im Gewis- sensurteil seine fundamentale innere Zuge o rdnetheit zum Guten auf eine k o nkrete Situati o n anwendet. Freilich muss der Mensch auch einem irrigen Gewissensspruch f o lgen. Aber es „kann sehr w o hl Schuld sein“, dass man zu verkehrten Überzeugungen ge- langt ist. Dabei liegt die Schuld nicht auf der Ebene des ko nkreten Gewissensurteils, s o ndern auf einer tieferen Ebene, nämlich „in der Verwahrl o sung meines Seins, die mich stumpf gemacht hat für die Stimme der Wahrheit und deren Zuspruch in meinem In- nern“. 25 Ins o fern bleiben auch Überzeugungstäter ( z. B. Fanatiker) schuldig. Der „Hö henweg“ zum Guten ist nicht bequem. Er verlangt dem Menschen vieles ab. Nur die Mühsal der Wahrheit erlö st den Men- schen. Freilich darf das Christentum nicht m o ralistisch missver- standen werden. Denn seine B o tschaft der Gnade geht über unser eigenes Tun hinaus.

25 Ebd., 120.

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4. Der christliche Glaube in der Begegnung mit den Kulturen und Religionen

In seinem Buch „Glaube – Wahrheit – To leranz. Das Christentum und die Weltreligi o nen“ 26 setzt sich Benedikt XVI. mit entscheiden- den geistigen Herausf o rderungen der Gegenwart auseinander. Er stellt darin wichtige Überlegungen zur The o l o gie der Religi o nen zur Diskussi o n. Zur Zeit des Zweiten Vatikanums ist die The o l o - gie der Religi o nen – s o Ratzinger – n o ch ein Randthema gewesen. Die „eher zufällig“ entstandene Erklärung „No stra aetate“ über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religio nen habe sich nachträglich als bes o nders zukunftsweisend herausgestellt. Das Pan- o rama der Religi o nsgeschichte stellt uns – s o Benedikt XVI. – v o r die Grundentscheidung zwischen zwei Wegen: Auf der einen Seite steht die Mystik der Identität im Sinne der asiatischen Religio nen, auf der anderen Seite die Mystik der pers o nalen Liebe im Sinne der jüdisch-christlichen Offenbarung. In seinem Aufsatz „Zur Lage v o n Glaube und The o l o gie heu- te“ 27 (1996) macht Ratzinger plausibel, warum der Relativismus in der Gegenwart „zum zentralen Pr o blem für den Glauben“ ge- worden ist. Im politisch-gesellschaftlichen Bereich kann man dem Relativismus ein gewisses Recht einräumen. Er erscheint als die phil o s o phische Grundlage der Dem o kratie, die darauf beruht, dass niemand in Anspruch nehmen darf, allein den richtigen Weg zu kennen. Ein gravierendes Pr o blem besteht aber darin, dass der Re- lativismus v o n vielen als umfassende Theo rie verstanden wird, die auch auf dem Gebiet der Religi o n und der Ethik anzuwenden sei.

26 Vgl. Anm. 15. – In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk vom November 2002 (abgedruckt in: M. Mandlik, Benedikt XVI. In Rom un- terwegs – der Papst aus der Nähe, Freiburg 2008, 41–62) sagte Kardinal Ratzinger, dass er in seinen Jahren als Präfekt der Glaubenskongregati- on „mit vielen großen Fragen konfrontiert“ (ebd., 45) wurde, die unsere Zeit bewegen, erschüttern oder auch helfen, weiterzukommen (vgl. auch meine Rezension des Mandlik-Buches, in: FKTh 25 [2009], 234–236).

27 In: J. Ratzinger, Glaube – Wahrheit – Toleranz (Anm. 15), 93–111.

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The o l o gen wie z. B. J o hn Hick vertreten einen theo l o gischen Rela- tivismus, der auf eine „Rücknahme der Christ o l o gie“ hinausläuft. Der Glaube, dass es in Jesus Christus und im Glauben der Kirche „verbindliche Wahrheit“ gibt, wird v o n the o l o gischen Relativisten als Fundamentalismus verunglimpft. Der Begriff „Dial o g“, dem in der christlichen Traditi o n durch- aus ein bedeutender Stellenwert zuko mmt, mutiert bei den theo l o gi- schen Relativisten zum „Gegenbegriff“ zu Bekehrung und Missio n. Die pluralistischen Religi o nsthe o l o gen verbinden auf merkwürdige Weise die nachmetaphysische Phil o s o phie Eur o pas und die negative The o l o gie Asiens. Der areligi ö se und pragmatische Relativismus der westlichen Welt leiht sich v o n Indien her eine Art religi ö - se Weihe, die seinem Verzicht auf de nitive Glaubensaussagen scheinbar die Würde h ö herer Ehrfurcht v o r dem Geheimnis Go ttes verleiht. Wie kann die Theo l o gie auf diese Situatio n reagieren? Ratzinger hält die Frage nach den Grenzen und M ö glichkeiten der Vernunft, die Frage nach den mö glichen phil o s o phischen Prämissen des Glau- bensverständnisses in der gegenwärtigen The o l o gie für äußerst wichtig. Die Exegese muss immer wieder „die Phil o s o phie der eigenen Meth o de kritisch überprüfen“. Weil die N o t, in die sich die p o sitivistisch xierte Vernunft hineinman ö vriert hat, heute zur allgemeinen N o t des Glaubens gew o rden ist, k o mmt in der Ex- egese der Gegenwart eine „neue Grundlagenbesinnung in Gang“. Der Papst plädiert für einen „neuen dial o gischen Umgang v o n Glaube und Phil o s o phie“, weil beide einander brauchen. Die Tat- sache, dass heute tr o tz aller relativistischen Infragestellungen des Glaubens „n o ch christlich geglaubt wird“, sei im Letzten darauf zurückzuführen, dass der Glaube zutiefst dem Wesen des Menschen entspricht. Bes o nders beachtenswert sind die Aussagen Benedikts XVI., die sich auf die Enzyklika „Fides et ratio “ (1998) beziehen 28 : In der

28 J. Ratzinger, Glaube, Wahrheit und Kultur – Re exionen im Anschluss an die Enzyklika „Fides et ratio“ (1999), in: ders., Glaube – Wahrheit – Toleranz (Anm. 15), 148–169.

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Phil o s o phie geht es um die Frage, o b der Mensch die grundlegende Wahrheit über sich selbst erkennen kann o der o b er erkenntnis- the o retisch in einem nicht aufzuhellenden Zwielicht lebt und sich deshalb letztlich auf die Frage nach dem Nützlichen zurückziehen muss. Der christliche Glaube behauptet, uns die Wahrheit über G o tt, Welt und Mensch zu sagen. Auf diesem Anspruch gründet die mis- si o narische Tendenz des Glaubens. Nur wenn der Glaube wirklich Wahrheit enthält, geht er alle Menschen an. Die Wahrheitsfrage ist deshalb die zentrale Frage der christlichen The o l o gie. Ins o fern bezieht sich der Glaube n o twendigerweise auf Phil o s o phie. Mit

„Fides et rati o “ wo llte J o hannes Paul II. in einer vo m Relativismus geprägten Welt zum Abenteuer der Wahrheit ermutigen. Die Wahr- heitsfrage, die heute weithin als unwissenschaftlich abquali ziert wird, muss wieder als Herausf o rderung für den Menschen gesehen werden. Sympt o matisch für die heute übliche Verabschiedung der Wahr- heit ist eine Bemerkung v o n Umbert o Ec o (in „Der Name der Ro se“): „Die einzige Wahrheit heißt: lernen, sich vo n der krankhaf- ten Leidenschaft für die Wahrheit zu befreien“. Der Streit um die Wahrheit bildet den Kernpunkt der Auseinandersetzung des christli- chen Glaubens mit einer bestimmten Spielart der mo dernen Kultur, die sich als die m o derne Kultur schlechthin ausgeben will. Der agn o stische italienische Phil o s o ph Pa o l o Fl o res d‘Arcais, mit dem Kardinal Ratzinger in einem r ö mischen Theater eine ö ffentliche Debatte geführt hat, behauptet in seinem K o mmentar zu „Fides et

rati o “, „die o fzielle katho lische Kultur

c o urt‘ nichts mehr zu sagen“. Benedikt XVI. hält die hinter dieser Äußerung stehende Anmaßung, die Kultur schlechthin zu sein, für arrogant und menschenverachtend. Fl o res d’Arcais behauptet, die Enzyklika „Fides et rati o “ ha-

be „mö rderische Ko nsequenzen für die Demo kratie“. Dieses Urteil muss – s o der Papst – als Versuch gewertet werden, über die Ent- scheidung einer Mehrheit hinaus keine andere Instanz mehr gelten zu lassen. „Die zufällige Mehrheit wird zum Abs o lutum. Denn das Abs o lute, Unhintergehbare gibt es nun d o ch wieder. Wir sind der Herrschaft des P o sitivismus und der Verabs o lutierung des Zufäl-

.] habe der ‚Kultur t o ut

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ligen, ja Manipulierbaren ausgesetzt.“ 29 Mit ihrem Insistieren auf der Wahrheitsfähigkeit der menschlichen Vernunft verteidigt die Enzyklika J o hannes Pauls II. die Gr ö ße des Menschen gegen die selbsternannte „Kultur tout court“. Ratzinger vertritt einen dynamischen Kulturbegriff: D. h. die Kulturen sind nicht auf eine Gestalt xiert; zu ihnen geh ö rt viel- mehr die Fähigkeit zum Vo ranschreiten und zur Umf o rmung, frei- lich auch die Gefahr des Verfalls. Kulturen sind auf Begegnung und gegenseitige Befruchtung hin angelegt. Ihnen ist die O ffenheit für die O ffenbarung G o ttes eingeschrieben. Die O ffenbarung ant- wo rtet auf eine innere Erwartung in den Kulturen selbst. In diesem Zusammenhang verweist der Papst auf das Wo rt Theo d o r Haeckers vom adventlichen Charakter der vorchristlichen Kulturen. Im Hinblick auf die Heilsbedeutung der Religi o nen stellt Be- nedikt XVI. fest, dass diese nicht als geschl o ssene Systeme zur Rettung des Menschen beitragen, s o ndern dadurch, dass sie den Menschen dazu bewegen, das „Angesicht G o ttes zu suchen“. Die Wahrheitsfrage darf in der The o l o gie der Religi o nen nicht suspen- diert werden. Die Wahrheit darf auch nicht durch die gute Absicht ersetzt werden. Im Namen guter Absichten ist in der Geschichte sch o n viel Bö ses geschehen. Es gibt viele kranke Religio nsf o rmen, auch „Erkrankungsf o rmen des Christlichen“. Die Absage an die Wahrheit kann den Menschen nicht zum Heil führen. Der Papst stimmt dem J o urnalisten Jan Ro ss zu, der in seinem Ko mmentar zu

„Fides et rati o “ in der „ZEIT“ geschrieben hat, die Entthro nung v o n

.] freier,

.] enger“. R o ss warnt v o r einer „Verdummung durch

The o l o gie und Metaphysik mache das Denken „nicht

s o ndern Unglauben“.

29 Ebd., 154. – K. Müller (Dem Glauben nachdenken. Eine kritische Annä- herung ans Christsein in zehn Kapiteln, Münster 2010, 110–124) bezeich- net das Verhältnis Glaube – Vernunft mit Recht als das „Lebensthema“ Joseph Ratzingers.

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5. Jesus Christus, der einzige Heilsmittler

In seinem Buch „Unterwegs zu Jesus Christus“ versucht der Papst, das Geheimnis unseres Erl ö sers zu bedenken. Mit dem ihm eige- nen the o l o gischen Tiefgang stellt er die Frage nach der univer- salen Heilsbedeutung Jesu Christi und nach dem missi o narischen Bewusstsein der Christen in den Mittelpunkt seiner Überlegun- gen. Benedikt XVI. macht darauf aufmerksam, dass einerseits die Gestalt Jesu in den Religi o nen in vielfältiger Weise gegenwärtig ist und andererseits in der Christenheit ein „beunruhigender Be- deutungsverlust“ der Christ o l o gie festzustellen ist. Der Jesus der Evangelien sprengt den Rahmen des bl o ß Menschlichen und stellt uns v o r Fragen und Entscheidungen, die den Menschen in seiner letzten Tiefe herausf o rdern. Der Papst verweist auf das Wo rt des J o hannesevangeliums „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gese- hen“ (J o h 19,4), das als zentraler Text der Christ o l o gie zu gelten hat. Die neutestamentlichen Texte v o m Schauen G o ttes in Chris- tus wurzeln tief in der Fr ö mmigkeit Israels und reichen durch sie hindurch in die Weite der Religi o nsgeschichte hinein. Anders als im Neuplat o nismus, Buddhismus o der Hinduismus hat das „ganz Andere“ im Christentum einen Namen, nämlich den Namen Jesus Christus. In seinen Aussagen über „das Kreuz und die neue ,Ästhetik‘ des Glaubens“ 30 zeigt Benedikt XVI., dass sich die Wahrheit des Glau- bens in erster Linie nicht der schlussf o lgernden Vernunft er ö ffnet, s o ndern dem innerlich Erschütterten. Der Blick auf die gr o ßen Bil- der der christlichen Kunst bringt uns in der Reinigung des Schauens und des Herzens einen Strahl der g ö ttlichen Sch ö nheit zu Gesicht und lässt uns die Macht der Wahrheit berühren. Der überzeugende Wahrheitsbeweis des Christlichen sind – s o Ratzinger – zum einen die Heiligen und zum anderen die Sch ö nheit der christlichen Kunst,

30 Vgl. J. Kardinal Ratzinger, Unterwegs zu Jesus Christus, Augsburg 2003, 31–40; auch meine Besprechung dieses Buches, in: FKTh 21 (2005), 75–

77.

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die der Glaube herv o rgebracht hat. Der Papst erinnert in diesem Zusammenhang an das Wo rt D o st o jewskis, die Sch ö nheit werde uns erl ö sen. Der russische Dichter hat mit der erlö senden Sch ö nheit Christus gemeint. Benedikt XVI. stellt die These auf, dass sich die Kultur des Wes- tens seit der Aufklärung v o n ihren christlichen Grundlagen entfernt. Er belegt diese Analyse mit dem Hinweis auf die Au ö sung v o n Ehe und Familie, die zunehmenden Angriffe auf das menschliche Leben und seine Würde, die Abdrängung des Glaubens ins Sub- jektive und die daraus f o lgende Säkularisierung des ö ffentlichen Bewusstseins wie die Fragmentierung und Relativierung des Etho s. Der Papst bet o nt, dass der christliche Glaube o ffen ist für alles Gr o - ße, Wahre und Reine in den Kulturen der Welt. Evangelisierung ist nie nur intellektuelle Mitteilung; sie ist vielmehr ein Lebenspro zess in einer Weggemeinschaft, der zur Reinigung und Verwandlung unserer Existenz führt. Im Beitrag „Christus – der Erl ö ser aller Menschen“ 31 , der als K o mmentar zum D o kument der Glaubensk o ngregati o n „D o minus Iesus“ (2 000 ) zu lesen ist, macht Ratzinger darauf aufmerksam, dass der Titel „Herr“ bei Paulus „ganz klar“ die wahre G ö ttlich- keit Jesu Christi zum Ausdruck bringt. Der Papst erinnert an das Scheitern der liberalen Leben-Jesu-Fo rschung und bet o nt, dass der lebendige Christus „nur im Glauben erkannt werden kann“. Er gibt zu bedenken, dass s o g. kritische Exegeten ihre Schriftauslegungen o ft auf „eine phil o s o phische Vo raussetzung v o n gr o ßer Tragweite“ aufbauen. Eingriffe gö ttlicher Macht, die über das immer wirkende Handlungsge echt in der Welt hinausgehen, werden o ft a pri o ri für unmöglich erklärt. Bei der Suche nach dem wirklichen Jesus ist die Frage ent- scheidend, o b G o tt „fähig ist, in der Welt zu handeln und uns in Beziehung zu sich zu setzen“. 32 Die rechte G o tteserkenntnis führt den Menschen immer zu einer Erneuerung des Lebens. Ins o fern

31 Ebd., 55–78.

32 Ebd., 65.

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sind heute neue F o rmen des Katechumenats v o n gr ö ßter Bedeu- tung. Jesus ist nicht ein Erleuchteter unter vielen Gestalten der Religionsgeschichte; vielmehr „ruht er am Herzen des Vaters“. Benedikt XVI. weist den Vo rwurf zurück, ein religi ö ser Wahr- heitsanspruch sei als Anmaßung zu quali zieren. Vo n einer per- manenten religi ö sen Suche, die nie an einem Ziel ank o mmen darf, ist nicht viel zu halten. Wirklich anmaßend wäre es, „zu sagen, G o tt k ö nne uns nicht das Geschenk der Wahrheit machen“. 33 Die Wahrheit des Glaubens kann man freilich nie einfach „haben“; das Verhältnis zu ihr muss immer „demütige Annahme“ sein. Die Begegnung mit dem Wo rt G o ttes ist ein Geschenk, das uns zum Weiterschenken gegeben wurde. Missi o n hat mit geistigem K o l o - nialismus nichts zu tun. Der Blick auf G o tt überwindet die Idee der Anmaßung v o n innen her. Die heute weitverbreitete innere Distanz gegenüber dem Gedanken der Missi o n beschw ö rt in den Ländern des Westens – s o der Papst – die Gefahr herauf, dass wir den Schatz unseres Glaubens – wie der feige Knecht des biblischen Gleichnisses – vergraben. Ratzinger weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass die v o n den Kirchenvätern aufgegriffene Rede vo n den „Samenk ö r- nern des Wo rtes“ in v o rchristlichen Religio nen auch in der heutigen Religi o nsthe o l o gie weiterführt. Die Kirchenväter haben den Dialo g mit der Phil o s o phie gesucht und das Christentum als wahre Phil o - s o phie verstanden. Die Wahrheit Christi zerst ö rt die Elemente des Wahren in den anderen Religi o nen nicht, s o ndern reinigt, erneuert und eint sie. Die Rede vo m einzigen und universalen Heilsmittler Je- sus Christus „schließt keinerlei Verachtung der anderen Religi o nen

33 Ebd., 69. – T. S. Eliot (Christianity and Culture, Washington 1976) weist mit Recht darauf hin, dass „sich Kultur ausnahmslos im Zusammenhang mit Religion entwickelt“ (zit. nach: F. Alting von Geusau, Christliche Freundschaft und die Gestaltung Europas, in: G. Kugler / D. Borel [Hg.], Entdeckung der Freundschaft. Von Philia bis Facebook, Freiburg 2010, 177–188, hier 187). Unserem christlichen Erbe verdanken wir die Ent- wicklung unserer Künste, unseren römischen Rechtsbegriff und unser Bild von privater und öffentlicher Moral.

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ein, aber sie setzt sich entschieden der Resignati o n der Wahrheits- unfähigkeit und der bequemen Statik des Alles-bleiben-Lassens entgegen“. 34

6. Die innere Einheit der Heilsgeschichte

In seinem Buch „Die Vielfalt der Religio nen und der Eine Bund“ 35 zeigt Benedikt XVI. wichtige Leitlinien auf für das Gespräch mit den Weltreligi o nen und im bes o nderen für das Gespräch mit den Ju- den. In einer zunehmend v o n religi ö ser Gleichgültigkeit geprägten Welt haben die Gläubigen aller Religio nen einen wichtigen Auftrag

zu erfüllen. Ratzinger f o rmuliert aus christlicher Sicht theo l o gische Prinzipien, die im Religi o nsdial o g unbedingt beachtet werden s o ll- ten. Für Benedikt XVI. geh ö ren – wie für J o hannes Paul II. 36 – das Gespräch mit den Religi o nen der Welt und das Verhältnis zwischen Kirche und Israel zu den abs o luten „Pri o ritäten“ einer heutigen Glaubensbesinnung.

a) Zum Verhältnis des Christentums zum Judentum

Die erste Amtshandlung des soeben gewählten Papstes Bene- dikt XVI. war es, der jüdischen Gemeinde in Rom einen Brief zu

schreiben. Dieser Brief an den römischen Oberrabbiner Riccardo

Di Segni hat in der jüdischen Welt große Aufmerksamkeit gefun-

34 J. Kardinal Ratzinger, Unterwegs zu Jesus Christus (Anm. 30), 76.

35 ders., Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund, (Urfelder Reihe, 1), Hagen 1998.

36 Vgl. Johannes Paul II., Versöhnung zwischen den Welten. Im Gespräch mit den Religionen, hg. v. M. Kopp, München 2004; auch meine Bespre- chung dieses Buches, in: FKTh 21 (2005), 68–70.

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den. 37 Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang ein Vortrag, den Kardinal Ratzinger – unter dem Titel „Israel, die Kirche und die Welt. Ihre Beziehung und ihr Auftrag nach dem ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ von 1992“ 38 – anlässlich einer großen jüdisch-christlichen Begegnung 1994 in Jerusalem ge- halten hat. In dieser Rede weist Benedikt XVI. darauf hin, dass dem Katechismus der Katholischen Kirche „angesichts des Fanals von Auschwitz“ und vom Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils her (vgl. „Nostra aetate“, Nr. 4) die Versöhnung mit dem Judentum „als Sache des Glaubens selbst eingeschrieben“ 39 ist. Jesu Sendung besteht in der Zusammenführung v o n Juden und Heiden zu einem einzigen G o ttesv o lk, in dem sich die universa- listischen Verheißungen der Schrift erfüllen, die dav o n sprechen, dass alle V ö lker den G o tt Israels anbeten werden. O hne die gläu- bige Annahme der g ö ttlichen O ffenbarung, wie sie den Heiligen Schriften des Alten Testaments zu entnehmen ist, kann es keinen Zugang zu Jesus Christus und damit keinen Eintritt der V ö lker in das Volk Gottes geben. Zwischen der B o tschaft Jesu und der B o tschaft v o m Sinai be- steht eine „tiefe Einheit“. Mit seinem zweifach einen Geb o t v o n der G o ttes- und Nächstenliebe fasst Jesus das Gesetz und die Pr o - pheten zusammen. Nach dem Verständnis des Neuen Testaments hat Jesus die To ra universalisiert. Die Aufnahme in die Abrahams- kindschaft v o llzieht sich für die V ö lker durch den Eintritt in den einen G o tteswillen, „in dem sittliches Geb o t und Bekenntnis zur Einzigkeit G o ttes untrennbar sind“. Eine s o lche Sicht der inne-

37 Vgl. Die Tagespost vom 10. 05. 2005, 5; auch die Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in der Kölner Synagoge am 19. August 2005, in: Predigten, Ansprachen und Grußworte im Rahmen der Apostoli- schen Reise von Papst Benedikt XVI. nach Köln anlässlich des XX. Welt- jugendtages, hg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, (VApS, 169), Bonn 2005, 45–49.

38 In: J. Ratzinger, Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund (Anm. 35),

17–45.

39 Ebd., 21.

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ren Verschränkung der beiden Testamente entspricht einer langen Tradition katholischer Überlieferung. Der K o n ikt zwischen Jesus und den jüdischen Aut o ritäten sei- ner Zeit, der am Kreuz endet, hat nach Ansicht des Papstes eine „tragische Tiefe“. Er resultiert aus dem Anspruch Jesu, mit g ö tt- licher Aut o rität zu handeln. Der Katechismus v o n 1992 bet o nt, dass es keine jüdische Ko llektivschuld am To d Jesu gibt. Vielmehr sind alle Sünder schuld am Leiden Christi. „Menschliche Sünde führt dazu, dass Go ttes Liebe zum Menschen die Gestalt des Kreu- zes annimmt. S o ist einerseits die Sünde schuld am Kreuz, aber andererseits ist das Kreuz die Überwindung der Sünde durch die stärkere Liebe G o ttes“. 40 „Sch o n als Kind“ hat J o seph Ratzinger den Gedanken als tr ö stlich empfunden, dass Jesu Blut keine Ver- geltungsf o rderungen erhebt, s o ndern „alle in die Vers ö hnung ruft“. Juden und Christen s o llten sich – s o die Schlussf o lgerungen dieses Jerusalemer Vo rtrags – heute „aus der Tiefe des Glaubens heraus“ in einer grundlegenden inneren Vers ö hnung gegenseitig annehmen und für die Welt zu einer Kraft des Friedens werden. Zum Verhältnis zwischen Judentum und Christentum hat Kar- dinal Ratzinger 1995 in Paris einen weiteren Vo rtrag gehalten. Er trägt den Titel „Der neue Bund. Zur The o l o gie des Bundes im Neu- en Testament“ 41 : In dieser Rede geht es dem Papst um die Frage, w o rin Einheit und Unterschied zwischen dem Bundesbegriff des Alten und des Neuen Testaments bestehen. Die strenge Antithe- se v o n zwei Bünden (Alter und Neuer Bund), die bei Paulus (vgl. 2 Ko r 3,4–18) entwickelt ist, hat das christliche Denken „wesentlich geprägt“. Dabei wurde weithin vergessen, dass in anderen paulini- schen Texten das Drama der Geschichte G o ttes mit den Menschen „vielschichtiger“ dargestellt ist. Die Einseitigkeit der paulinischen Antithese muss ergänzt wer- den. Der Papst verweist auf die innere Einheit der Heilsgeschichte, „wie sie in der ganzen Bibel aus Altem und Neuem Testament dargestellt wird“. Als „der grundlegend neue Bund“ ist der Abra-

40 Ebd., 43.

41 In: ebd., 47–79.

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hamsbund anzusehen. Das Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern ist ein Bundesschluss in der Verlängerung des Sinaibundes, der hier erneuert wird. Die Bundeserneuerung, die vo n frühester Zeit an ein wesentliches Element in der Liturgie Israels gewesen ist, erreicht im Abendmahl durch die Vo llmacht Jesu „ihre hö chstmö gliche Fo rm“. Nach christlichem Verständnis hat Jesus „die endgültige Ausle- gung der To ra“ gebracht und damit die To ra selbst erneuert. Die Christ o l o gie stellt „die Synthese der Bundesthe o l o gie des Neuen Testamentes“ dar. G o ttes Liebe zur Kreatur geht „bis ans Kreuz“. In Jesus Christus geht die Selbstbindung G o ttes „über die Gabe der Schrift als verbindlichem Verheißungsw o rt hinaus bis zu dem Punkt, dass G o tt sich in seiner eigenen Existenz an die Kreatur Mensch bindet, indem er menschliche Natur annimmt“. 42

b) Der Dialog der Religionen

In seinem Vo rtrag „Der Dial o g der Religi o nen und das jüdisch- christliche Verhältnis“ 43 , den der ehemalige Präfekt der Glaubens- k o ngregati o n ebenfalls in Paris gehalten hat, setzt sich Ratzinger mit der im heutigen Religi o nsdial o g diskutierten Mö glichkeit einer s o g. pragmatischen O pti o n auseinander: Nach dieser O pti o n s o llten alle Religi o nen den unseligen Streit um Wahrheit aufgeben und ihr wahres Wesen in der Orthopraxie entdecken. Dieses pragmatische M o dell erweist sich nach dem Urteil des Papstes als nicht tragfähig. „Religi o n kann nicht einer praktisch- p o litischen Finalität unterstellt werden, die dann ihr G ö tze wird.

42 Ebd., 76. – In seinem Interview-Buch „Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald“ (Stuttgart 2000) stellt Kardinal Ratzinger fest: Es bleibt „unsere christliche Überzeugung, dass Christus auch der Messias Israels ist. Freilich liegt es in Gottes Händen, auf welche Weise, wann und wie sich das Einswerden von Juden und Heiden, das Einswerden des Gottesvolkes vollziehen wird“ (zit. nach:

FOCUS Nr. 37/2000, 48–50, hier 50).

43 In: J. Ratzinger, Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund (Anm. 35),

93–121.

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Der Mensch macht Go tt zum Diener seiner Zwecke und entwürdigt damit Go tt und sich selber.“ 44 Auch die O pti o n, die den theistischen Religi o nstypus in den mystischen Typus integrieren, d. h. den mys- tischen Typus als den weiträumigeren ansehen will, in dem auch das theistische Erbe seinen Platz nden k ö nnte, weist Ratzinger zurück. Es steht außer Zweifel, dass der mystische Str o m in den theistischen Religi o nen „nie ganz gefehlt“ hat. Denno ch ist die the- istische Haltung nicht auf den mystischen Weg rückführbar. Eine s o lche K o nzepti o n würde den Begriff der Sch ö pfung ad absurdum führen. D. h. die geschaffene Welt „ ele ganz aus der Beziehung mit dem Gö ttlichen heraus“. Dies hätte zur Fo lge, dass das Ethische „letztlich unsere K o nstrukti o n“ bliebe. Das Heil läge im Grunde außerhalb der Welt. Für das Wirken in der Welt wäre uns demnach „keine Weisung gegeben“. Benedikt XVI. ist der Überzeugung, dass uns die Anbetung G o ttes mitten im Alltag beansprucht. Bei aller Wichtigkeit des mystischen Elementes kann der Glaube an Go tt auf inhaltlich benennbare Glaubenswahrheiten „nicht verzichten“. Die Begegnung mit den Religi o nen Asiens wird die Christen jed o ch erneut daran erinnern, dass ihr Glaube eine mystische Di- mensi o n in sich trägt. Dadurch k ö nnen „einseitige Verhärtungen der christlichen P o sitivität“ aufgebr o chen werden. Die selbstgewähl- te Erniedrigung G o ttes („Ken o se“) in Jesus Christus ist nach der Überzeugung des Papstes „gleichsam auf neue Weise die Wo lke des Geheimnisses, in der er sich verbirgt und zeigt zugleich“ 45 . Die Ken o se G o ttes ist der O rt, an dem sich die Religi o nen o hne Herrschaftsansprüche berühren k ö nnen. Sch o n S o krates hat dar- auf aufmerksam gemacht, dass die Armut „die wahrhaft g ö ttliche Erscheinungsform der Wahrheit“ ist. Die Begegnung der Religi o nen darf nicht zu einem Verzicht auf Wahrheit führen. Sie macht vielmehr ein tieferes Eindringen in sie

44 Ebd., 108.

45 Ebd., 115. – Vgl. auch B. Stubenrauch, Die Theologie und die Religionen, in: K. Müller (Hg.), Fundamentaltheologie – Fluchtlinien und gegenwär- tige Herausforderungen, Regensburg 1998, 349–367.

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erf o rderlich. Der Verzicht auf Wahrheit würde den Menschen dem Kalkül des Nutzens ausliefern und ihn damit seiner Gr ö ße, die in der Wahrheitsfähigkeit besteht, berauben. Verkündigung kann heute und in Zukunft freilich nur n o ch im Sinne eines dial o gischen Ge- schehens praktiziert werden. Missi o n und Dial o g müssen „sich ge- genseitig durchdringen“. In einer dial o gischen Verkündigung wird dem Andersgläubigen „die verb o rgene Tiefe dessen erschl o ssen, was er in seinem Glauben schon berührt“.

7. Abschließende Bemerkungen

Am 1. April 2 00 5, einen Tag v o r dem Heimgang J o hannes Pauls II., hat Kardinal Ratzinger in Subiac o einen Vo rtrag über das christ- liche Erbe Eur o pas gehalten. Die eur o päische Aufklärung dürfe – s o der Kardinal – ihre christliche Herkunft nicht verleugnen. In der heutigen Debatte über die De niti o n Eur o pas – etwa bei der Frage, o b die christlichen Wurzeln Eur o pas in der eur o päischen Verfassung genannt werden s o llen – ist eine gr o ße Verantw o rtung für die Menschheit wahrzunehmen. Nicht die Erwähnung der christ- lichen Wurzeln Eur o pas in der eur o päischen Verfassung verletzt die Angeh ö rigen anderer Religi o nen, s o ndern „der Versuch, eine menschliche Gemeinschaft vö llig o hne Go tt zu schaffen“. Der wah- re Gegensatz, der die Welt v o n heute charakterisiert, besteht nicht zwischen den verschiedenen religiö sen Kulturen, s o ndern zwischen der radikalen Emanzipatio n des Menschen v o n G o tt, v o n den Wur- zeln des Lebens auf der einen Seite und den gr o ßen religi ö sen Kulturen auf der anderen Seite. Benedikt XVI. beendet seinen Vo rtrag v o m 1. April 2 00 5 mit f o lgenden Wo rten: „Was wir in diesem Mo ment der Geschichte v o r allem brauchen, sind Menschen, die G o tt durch einen erleuchteten und gelebten Glauben in dieser Welt glaubhaft machen. Das ne- gative Zeugnis v o n Christen, die zwar v o n G o tt gespr o chen, aber gegen ihn gelebt haben, hat das Bild G o ttes verdunkelt und dem Unglauben die To re ge ö ffnet. Wir brauchen Menschen, die den

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Blick geradewegs auf Go tt richten und vo n d o rt die wahre Mensch- lichkeit begreifen. Wir brauchen Menschen, deren Verstand v o m Licht G o ttes erleuchtet und deren Herz v o n G o tt ge ö ffnet wird, s o dass ihr Verstand zum Verstand der anderen spricht und ihr Herz die Herzen der anderen öffnen kann.“ 46

46 Zit. nach: Die Tagespost Nr. 57/14. 05. 2005, 9. – Vgl. auch Bene- dikt XVI., Mit den Heiligen durch das Jahr. Meditationen, hg. v. L. Sa- pienza, Freiburg 2010. – Verwiesen sei auch auf: J. Kreiml, Braucht die europäische Moderne (noch) das Christentum?, in: J. Reikerstorfer / ders. (Hg.), Suchbewegungen nach Gott. Der Mensch vor der Gottesfrage heu- te. (Religion – Kultur – Recht, 5), Frankfurt a. M. 2007, 89–104 (zur Debatte Kardinal Ratzingers mit Marcello Pera); J. Kreiml, „Gott ist un- endliche Nähe.“ Der Glaube an Jesus Christus in der Theologie Joseph Ratzingers, in: G. L. Müller (Hg.), Der Glaube ist einfach. Aspekte der Theologie Papst Benedikts XVI., Regensburg 2007, 85–100; J. Kreiml, Der Christusglaube der Kirche. Einige Aspekte der Christologie bei Jo- seph Ratzinger, in: Chr. Schaller u. a. (Hg.), Mittler und Befreier. Die christologische Dimension der Theologie. Für Gerhard Ludwig Müller, Freiburg 2008, 426–442; R. Weimann, Glaube und Vernunft im Denken Joseph Ratzingers. Ein Ausblick, in: FKTh 26 (2010), 58–69 und K.-H. Menke, Quaerere Deum. Joseph Ratzingers Plädoyer für die Unbedingt- heit der Wahrheitsfrage, in: ThGl 100 (2010), 133–148.