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Zeitschrift für die Praxis der politischen Bildung E 4542

Politik & Unterricht

2/3-2006

Demokratie (er-)leben
Ein Prinzip in Gesellschaft und Politik
Zeitschrift für die Praxis der politischen Bildung

Politik & Unterricht


Heft 2/3–2006
2./3. Quartal
32. Jahrgang

Inhalt
Editorial 1
Geleitwort des Ministeriums
für Kultus, Jugend und Sport 2
www.politikundunterricht.de Autoren dieses Heftes 2
Politik & Unterricht wird von der Landeszentrale
für politische Bildung Baden-Württemberg herausgegeben.
Unterrichtsvorschläge 3–14
Herausgeber und Chefredakteur Einleitung 3
Lothar Frick, Direktor der LpB Baden-Württemberg

Geschäftsführender Redakteur Baustein A: Demokratie im Alltag (er-)leben 6


Dr. Reinhold Weber, LpB Baden-Württemberg Baustein B: Misch Dich ein! Mitmachen
reinhold.weber@lpb.bwl.de
in der Demokratie 6
Redaktion Baustein C: Entscheidungen in der pluralistischen
Judith Ernst-Schmidt, Oberstudienrätin, Werner-Siemens-Schule
(Gewerbliche Schule für Elektrotechnik), Stuttgart Gesellschaft treffen 8
Ulrich Manz, Rektor der Schillerschule Baustein D: Demokratie als Staats- und
(Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule), Esslingen Herrschaftsform erleben 9
Dipl.-Päd. Holger Meeh, Studienrat a. e. H.,
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Horst Neumann, Ministerialrat, Umweltministerium Literaturhinweise U3
Baden-Württemberg, Stuttgart
Angelika Schober-Penz, Erich-Bracher-Schule
(Kaufmännische Schule), Kornwestheim
Karin Schröer, Reallehrerin i. R., Reutlingen Texte und Materialien 17–63
Anschrift der Redaktion Baustein A: Demokratie im Alltag (er-)leben 18
Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart Baustein B: Misch Dich ein! Mitmachen
Telefon: 0711/164099-45; Fax: 0711/164099-77
Redaktionsassistenz: sylvia.roesch@lpb.bwl.de in der Demokratie 24
Baustein C: Entscheidungen in der pluralistischen
Gestaltung Gesellschaft treffen 34
Medienstudio Christoph Lang, Rottenburg a. N., www.8421medien.de
Baustein D: Demokratie als Staats- und
Verlag Herrschaftsform erleben 42
Neckar-Verlag GmbH, Klosterring 1, 78050 Villingen-Schwenningen
Anzeigen: Neckar-Verlag GmbH, Anzeigenleitung: Peter Walter
Telefon: 07721/8987-0; Fax: 07721/8987-50; anzeigen@neckar-verlag.de
Es gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 2 vom 01.05.2005. Einleitung: Gabriele Metzler (Federführung)
Druck Baustein A,
PFITZER DRUCK GMBH, Benzstraße 39, 71272 Renningen B, C und D: Gabriele Metzler, Daniel Mergner,
Politik & Unterricht erscheint vierteljährlich Daniel Metzger und Tonio Oeftering
Preis dieser Nummer: Euro 5,60
Jahresbezugspreis: Euro 11,20
Unregelmäßige Sonderhefte werden zusätzlich mit je
Euro 2,80 in Rechnung gestellt.
In der Mitte dieses Heftes finden Sie das Brettspiel
Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die
Meinung des Herausgebers und der Redaktion wieder. »Wer wird Bundeskanzler(in)« eingeheftet. Es steht
Nachdruck oder Vervielfältigung auf elektronischen Datenträgern sowie in Zusammenhang mit dem Materialteil D 6 und wird
Einspeisung in Datennetze nur mit Genehmigung der Redaktion. im Lehrerteil auf Seite 10 näher erläutert.
Titelfoto: picture-alliance/dpa

Auflage dieses Heftes: 19.000 Exemplare


Redaktionsschluss: 15. Juni 2006
ISSN 0344-3531
Editorial
Wenn sich die Landeszentrale für politische Bildung Baden- der freiheitlichen demokratischen Grundordnung über die
Württemberg in der Zeitschrift »Politik & Unterricht« mit Grundsätze der Gewaltenteilung bis hin zu Wahlrecht und
dem Thema Demokratie beschäftigt, so ist das ihre ureigenste Wahlsystem.
Aufgabe. Seit Jahrzehnten arbeiten wir daran, in der Bürger-
schaft und vor allem bei jungen Menschen Wissen über und Mit dem vorliegenden Heft bieten wir dieses Mal einen
Verständnis für die Demokratie zu wecken und zu stärken. ergänzenden, lebensweltbezogenen und auch spielerischen
Nicht nur vor dem Hintergrund zweier Diktaturen auf deut- Zugang an. Den Lehrkräften des Landes wollen wir damit
schem Boden, sondern auch angesichts aktueller Tendenzen, Unterstützung bei ihrer wichtigen Aufgabe geben, das Be-
die oft als Politikverdruss umschrieben werden, wird diese wusstsein um die Bedeutung der Demokratie bei den Schü-
Aufgabe zusehends wichtiger. lerinnen und Schülern zu stärken. Zahlreiche Projekt- und
Spielvorschläge sollen Lust auf Demokratie machen und
Ein zentraler Bestandteil ist dabei die Didaktik der po- zeigen, dass uns das Prinzip der Demokratie im Alltag, in
litischen Bildung für die schulische und außerschulische der Gesellschaft und in der Politik tagtäglich begleitet – und
Bildungsarbeit. Das Fach Gemeinschaftskunde hat in Baden- dass es der tagtäglichen Umsetzung und Stärkung bedarf.
Württemberg Verfassungsrang. »In allen Schulen ist Gemein-
schaftskunde ordentliches Lehrfach«, so die Landesverfas-
sung in Artikel 21. Diesen Verfassungsauftrag unterstützen
wir mit »Politik & Unterricht« nunmehr im 32. Jahrgang der
Zeitschrift. Zahlreiche Themenhefte haben wir dabei ganz
unterschiedlichen Facetten der Demokratie gewidmet.

Mit dieser Ausgabe wollen wir dieses zentrale Thema in


Schule und Unterricht erneut und grundsätzlich aufarbeiten.
Dabei haben wir bewusst auf eine klassische Institutio-
nenlehre verzichtet. Nicht, weil sie weniger wichtig wäre.
Ganz im Gegenteil: Wer Politik verstehen und sich politisch
engagieren will, der muss auch Institutionen und Prozesse
der Demokratie verstehen. Diese »klassischen« Themen der Lothar Frick Dr. Reinhold Weber
politischen Bildung sind jedoch in vielen Schulbüchern Direktor der LpB Geschäftsführender Redakteur
und Unterrichtsmaterialien aufbereitet: von den Prinzipien

Die Zeitschriften der LpB im Internet


Politik & Unterricht erreicht seine Leserinnen und Leser www.buergerimstaat.de
nicht nur in Papierform. Die Zahl derjenigen, die online auf Die wissenschaftliche Zeitschrift »Der Bürger im Staat«
die Zeitschrift zur Praxis der politischen Bildung zugrei- bietet umfassende Informationen von ausgewiesenen Ex-
fen, wird zusehends größer. Um Ihnen den Zugriff über das perten zu aktuellen Themen der Politik und der politischen
Internet zu erleichtern, ist die Website unserer Zeitschrift Bildung. Die älteste und traditionsreiche Zeitschrift der LpB,
»umgezogen«. im Jahr 1950 gegründet, richtet sich vor allem an Mittler der
politischen Bildung, an Lehrende und Studierende sowie an
www.politikundunterricht.de Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II.
Unter dieser Adresse finden Sie ab sofort die aktuellen,
aber auch die bereits vergriffenen Hefte von P&U. Die The- www.deutschlandundeuropa.de
menhefte stehen Ihnen zum Download als pdf-Dokument Die Reihe »DEUTSCHLAND & EUROPA« richtet sich an Lehr-
oder als html-Dokument zur Verfügung – der perfekte und kräfte der Unterrichtsfächer Gemeinschaftskunde, Geschich-
unkomplizierte Weg also zur raschen Recherche und zum te, Geographie, Deutsch, Kunst und Wirtschaft aller Schul-
Weiterverarbeiten von Materialien für den Unterricht. Zu arten. Das zweimal im Jahr erscheinende Heft zu deutsch-
vielen der jüngeren Themenheften finden Sie darüber hinaus europäischen Themen enthält wissenschaftlich orientierte
zusätzliche Unterrichtsmaterialien, Projektvorschläge, Lite- Aufsätze sowie Materialien für den Einsatz im Unterricht.
raturhinweise oder kommentierte Internethinweise. Auch hier wird methodisch-didaktisches Zusatzmaterial zum
kostenfreien Download im Internet angeboten. D&E orien-
Denselben Service bieten auch die beiden weiteren Zeit- tiert sich insbesondere an fächerverbindenden Fragestellun-
schriften der Landeszentrale für politische Bildung an: gen und will zu solchen Unterrichtsansätzen motivieren.

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Geleitwort des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport
»Eines Abends, als wir gegessen hatten, sagte Mama, wir wachsen. Deshalb lohnt sich die oft mühsame Diskussion
sollten sitzen bleiben, Stichwort Familienrat. ... Unseren und die gemeinsame Entscheidungsfindung. Die Glaubwür-
Familienrat hat Mama erfunden, weil sie für Demokratie digkeit von Demokratie misst sich auch daran, ob und in-
ist, das heißt, sie hat’s aus einem Erziehungsbuch, aber wiefern sie im Alltag erlebt wird, im alltäglichen Umgang
meistens bedeutet Familienrat etwas Unangenehmes. Mama zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern.
und Papa versuchen dabei, uns irgendwas schmackhaft zu
machen, von dem sie wissen, dass wir dagegen sind, Wan- Das vorliegende Heft der Landeszentrale für politische
derferien zum Beispiel oder dass sie unser Taschengeld nicht Bildung will nicht nur Kenntnisse vermitteln, sondern die
erhöhen wollen. Wir reden uns die Köpfe heiß, am Schluss Schülerinnen und Schüler auch in demokratische Prozesse
gibt’s eine Abstimmung, und auch wenn wir Kinder drei zu »verwickeln«. Durch abwechslungsreiche Plan- und Rollen-
zwei gewinnen, finden sie später tausend Gründe, die Sache spiele können sie in spielerischer Auseinandersetzung er-
so zu deichseln, dass es doch nach ihrem Kopf geht.« leben, welche Vorteile die Demokratie hat, wie man in der
Demokratie verhandelt, warum in der Demokratie viel ge-
Was der 13-jährige Cassius in Lukas Hartmanns Jugendbuch stritten wird und wie man einen gerechten Staat schaffen
»Die fliegende Groma« so knapp und nüchtern schildert, kann. Spannenden Diskussionsstoff bieten Materialien zum
beschreibt nicht nur Mechanismen der Demokratie wie Dis- Wahlrecht für Kinder und zur Rolle von Interessengruppen.
kussion und Abstimmung, sondern berührt zentrale Fragen
der Demokratie: Wie viel gilt eine Mehrheitsentscheidung? Das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport hofft, dass das
Kann und darf es Stimmen mit unterschiedlichem Gewicht vorliegende Heft vielfach genutzt wird, damit Jugendliche
geben? Welche Erfahrungen machen Kinder und Jugendliche in der Schule nicht nur Wissen über Demokratie erwerben,
mit demokratischer Entscheidungsfindung? Welche Mitbe- sondern auch Demokratie erleben. Denn nur gelebte und
stimmungsrechte werden ihnen in der Familie, aber auch in erlebte Demokratie bleibt lebendig.
der Öffentlichkeit eingeräumt? Gleichzeitig entlarvt es den
Versuch einer Familie, demokratische Spielregeln zu befol- Johanna Seebacher
gen: Der Familienrat scheitert, die Familie stolpert über den Ministerium für Kultus, Jugend und Sport
eigenen Anspruch, weil Kinder und Jugendliche eben noch Baden-Württemberg
nicht an allen Entscheidungen gleichberechtigt beteiligt
werden können.

Jugendliche reagieren meist empfindlich, wenn ihnen ein


Recht auf Mitbestimmung verweigert wird – sie fühlen sich
übergangen, gerade in einem Alter, in dem sie sich doch
schon so erwachsen fühlen. Ein Recht auf Mitbestimmung zu
gewähren, bedeutet immer auch, Vertrauen zu schenken und
den anderen ernst zu nehmen: Daran können Jugendliche

AUTOREN DIESES HEFTES


Tonio Oeftering studiert Politik- und Erziehungswissenschaft
auf Diplom an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und
steht kurz vor dem Abschluss.
Dr. Gabriele Metzler (federführend) ist Dozentin für Politik-
wissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
Daniel Mergner ist ein angehender Grundschullehrer aus
Freiburg.
Daniel Metzger ist Realschullehrer in Wolfach.

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Demokratie (er-)leben
Ein Prinzip in Gesellschaft und Politik

●●● EINLEITUNG punkt. Dieser Auffassung entsprechen die verfassungsmäßig


verbrieften Grund- bzw. Menschenrechte, die in Diktaturen
außer Kraft gesetzt sind. Diktaturen jedweder Form versto-
ßen somit fundamental gegen den Wesensgehalt der parti-
zipativen Demokratie, nach welcher Herrschaft nur legitim
Der weltweite Siegeszug demokratisch legitimierter politi- ist, wenn sie vom Willen der Beherrschten getragen ist. De-
scher Ordnungen wird heute allgemein konstatiert. »Demo- mokratie steht und fällt somit mit engagierten Bürgerinnen
kratie«, so Claus Offe, gilt als »die ›moderne‹ Organisations- und Bürgern, die sich in das gesellschaftliche und politische
form politischer Herrschaft«. Kaum ein Staat verzichtet in- Geschehen aktiv einbringen.
sofern darauf, sich seinen Bürgern und der Weltgesellschaft
als »intakte Demokratie« zu präsentieren. Nordkoreas Kim Einer der Schwerpunkte des vorliegenden Heftes ist es, die
Jong II, Simbabwes Diktator Robert Mugabe, die afghani- intensive Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler
schen Taliban sowie regional und lokal agierende Kriegsher- mit den Möglichkeiten demokratischer Teilhabe in ihrem un-
ren fragmentierter Staaten – sie alle waren und sind in der mittelbaren schulischen und kommunalen Umfeld und auch
ihnen eigenen, oft auch psychopathisch angereicherten Fan- darüber hinaus im Sinne von Interessenartikulation und
tasiewelt glühende Demokraten. Es ist von daher notwendig -aggregation mit geeigneten Materialien zu forcieren. So
zu unterscheiden, ob es sich bei der Betrachtung demokra- wird grundsätzlich die Frage nach den Partizipationsmög-
tischer Staatsformen um wirkliche Demokratien handelt oder lichkeiten in einer Demokratie aufgeworfen.
nur um Nenndemokratien. Gerade auch vor dem Hintergrund
der deutschen Geschichte und des von den Nationalsozia- Die Schwerpunktsetzung auf partizipative Formen demo-
listen propagierten Führerprinzips wird deutlich, dass die kratischen Agierens lässt sich auch an anderen Beispielen
demokratische Staatsform keine Selbstverständlichkeit ist politischer Beteiligung festmachen, etwa im schulischen
und erkämpft, gewollt und von jeder Generation neu akzen- Bereich im Rahmen der Schülermitverwaltung, von Schü-
tuiert werden muss. lerparlamenten oder im weiten Lernfeld kommunaler Inte-
ressendurchsetzung (z. B. Jugendräte). Damit Schülerinnen
Demokratische Systeme rücken den einzelnen Bürger, den und Schüler lernen, ihre Interessen zu erkennen, diese zu
Menschen in seiner Würde und Einzigartigkeit in den Mittel- artikulieren, gegenüber anderen zu vertreten sowie sich zum
Gerhard Mester

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Einleitung

Zwecke der Interessendurchsetzung zusammenzuschließen, werfen und Entscheidungen treffen und durchsetzen kann.«
ist auch psychosoziale Basisarbeit im Sinne von Empower- Wird also China durch seine auf Schnelligkeit und Effizienz
ment (Er-Mächtigung/Stärkung des Selbstwertempfindens) ausgerichtete Regierung den Westen und vor allem auch
unumgänglich. Lebendige Demokratien benötigen selbstbe- die Vereinigten Staaten von Amerika in den kommenden
wusste junge Menschen. Die Fortentwicklung der deutschen Dekaden ökonomisch überholen und damit zur neuen Welt-
sowie europäischen Wertegemeinschaft ist ohne das enga- macht Nummer Eins aufsteigen? Weitgehend unstrittig ist
gierte Involviertsein der jungen Generation nicht möglich. unter Demokratieforschern, dass demokratische Herrschaft
»in hohem Maße kontextabhängig, insbesondere von den
Was leisten Demokratien? Bedingungen wirtschaftlicher Entwicklung, sozialer Integra-
»Die Demokratie ist die schlechteste Staatsform, ausge- tion, politischer Kultur« ist (Rainer-Olaf Schultze).
nommen alle anderen.« Diese Aussage wird dem ehemaligen
britischen Premierminister Winston Churchill zugeschrieben. Wenn sich also die ökonomischen Bedingungen in Deutsch-
Churchills Zitat zielt auf die mit demokratischen Verfah- land verschlechtern, die Menschen weiterhin durch ein
ren verbundenen Schwerfälligkeiten, auf das Erarbeiten von hohes Arbeitsplatzrisiko und durch Massenarbeitslosigkeit
Kompromisslösungen, auf die Einmischungen und Einsprü- verunsichert sind, so könnte auch das liberaldemokratisch
che der zu einer pluralen Gesellschaft gehörenden Interes- und marktwirtschaftlich-sozial geprägte politische System
sengruppen. Nicht zuletzt meint Churchill damit auch die an Zuspruch verlieren. »Das Vertrauen in die ganze poli-
Mühen und vielfältigen Bemühungen, welche Demokratien tische Klasse ist heute geringer als jemals in der zweiten
von befehlsgeleiteten Führerdiktaturen unterscheiden. So Hälfte des 20. Jahrhunderts. Man traut den Politikern den
müssen sich die Bürgerinnen und Bürger demokratischer Willen zur Karriere zu, nicht aber genug Tatkraft für das
Gesellschaften, um am politischen Geschehen teilnehmen Allgemeinwohl«, argumentieren Ex-Bundeskanzler Schmidt
zu können, eben auch Wissen über die für demokratische (SPD) und der ehemalige CDU-Fraktionsvorsitzende Rainer
Systeme bestimmende Verrechtlichung des öffentlichen und Barzel in einem gemeinsamen FAZ-Artikel im Mai 2005.
privaten Lebens angeeignet haben. Um sich einzumischen, »Auch deshalb breiten sich Ängste und schlechte Stim-
um politisch aktiv zu werden, sind von daher umfassende mungen aus. Die Titel, unter denen die Fernseh-Talkshows
Kenntnisse nötig. in den Programmen angekündigt werden, sind in großer
Fülle negativ, sie suggerieren eine negative Sichtweise. Ein
Winston Churchill bringt in seiner Aussage einen weiteren gewählter Politiker aber, der sich an Fernsehrunden unter
wichtigen Sachverhalt auf den Punkt: Nirgendwo gibt es eine Titeln beteiligt wie ›Deutschland bankrott‹ oder ›Land ohne
perfekte Demokratie, aber trotz allgegenwärtiger Widrigkei- Zukunft‹, der vergibt seine Würde. Und weil die Talkshows
ten und auch kritischer Einwände kennen wir kein besseres nicht zum Handeln und zur Veränderung führen, vergibt er
politisches System als die Demokratie. Demokratisch organi- unbemerkt und schrittweise seine Glaubwürdigkeit.« Haben
sierte Systeme bilden von daher die beste Gewähr dafür, dass die beiden gestandenen Politiker Schmidt und Barzel also
Konflikte friedlich geregelt werden können, und zwar sowohl Recht, wenn sie bedeutende demokratische Institutionen,
auf innergesellschaftlicher Ebene wie auch im Rahmen der wie etwa die tragende Rolle des Parlaments, durch überzo-
internationalen Beziehungen. Die Sicherung des Friedens gene Anpassungsleistungen der Politiker an die »Mediende-
nach innen und außen, im Extremfall die Vermeidung von mokratie« gefährdet sehen? Haben sie Recht, wenn sie der
Aufständen und Bürgerkriegen bzw. zwischenstaatlichen Demokratieschelte hinzufügen, dass Politiker oftmals den
Kriegen, ist somit ein vordringliches Kernelement demokra- Weg des geringsten Widerstands gehen, da man oft leichter
tischer Systeme. »Demokratien führen keine Kriege gegen- gewählt werde, wenn man den Wählern nur das sage, was
einander«, so der Politologe Ernst-Otto Czempiel. diese gern hören wollten?

Herausforderungen der Demokratie Zur Konzeption des Heftes


Ein einseitiges Loblied auf die Demokratie anzustimmen und »Der Geist der Demokratie kann nicht von außen aufgepfropft
deren Schwachstellen auszublenden wäre mit Blick auf den werden. Er muss von innen kommen«, sagt Mahatma Gandhi.
in Deutschland vorhandenen Reformstau und auf schwer- Ist es von daher nicht vermessen, Kinder und Jugendliche
wiegende gesellschaftliche Probleme, wie etwa die seit zur Demokratie erziehen zu wollen? Ein auf ausschließlich
zwei Jahrzehnten dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit, verfehlt. kognitive Elemente ausgerichteter Politikunterricht wird
Neuerdings wird von diversen Autoren gar die Frage aufge- wohl kaum den von Demokratie durchdrungenen Staatsbürger
worfen, ob sich die vielbeschworene »good governance« hervorbringen. Vielmehr müssen emotionales Involviertsein
möglicherweise weniger in plural-demokratisch verfassten und kognitives Dazulernen ineinander greifen, um Verste-
Gesellschaften realisieren lasse als vielmehr in autoritativ- hensprozesse in Gang zu setzen und um als Zielperspektive
pragmatischen politischen Systemen, deren kurze Ent- »Stolz auf unsere Demokratie« hervorzubringen. Dabei gilt
scheidungswege bei der Durchsetzung von Reformen als es, Verhaltens- und Aktionsweisen zu fördern, die die ganze
Systemvorteil gewertet werden (z. B. Stadtstaat Singapur, Schülerpersönlichkeit einbeziehen.
chinesische Führung unter Staatspräsident Hu Jintao und
Ministerpräsident Wen Jiabao). Nicht von ungefähr konsta- Dieser Grundauffassung entsprechend sind die Unterrichts-
tiert der amerikanische Ökonom Lester Thurow bewundernd: materialien für dieses Heft (Bausteine A bis D) darauf
»China hat eine effektive Regierung, die Strategien ent- ausgerichtet, sowohl kognitive Kompetenzen zu erwerben

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Einleitung

wie auch tiefergehende, emotional angereicherte (Er-) der Schüler zur letztendlich selbstständigen Unterscheidung
Lebensformen von Demokratie hervorzurufen und zu fördern. von demokratischen, autokratischen oder gar totalitären Ge-
»Erziehung zur Demokratie« bedeutet demnach, Demokratie- meinwesen ist ein weiterer Schwerpunkt des Konzepts.
kompetenz erwerben und Demokratie (er-)leben durch
Ein wichtiges Ziel ist dabei auch die altersgerechte Vermitt-
◗ den Erwerb von Wissen zum Thema Demokratie lung der politischen Ideengeschichte. Gemeinhin werden
◗ das Erkennen, Artikulieren und Durchsetzen eigener Inte- die großen Philosophen – abgesehen von der gymnasialen
ressen Oberstufe – als ungeeignet für schulische Bearbeitungs-
◗ das Ausbilden und Trainieren kommunikativer Fähigkei- formen betrachtet. Hier soll jedoch versucht werden, dass
ten alle jungen Menschen, unabhängig von ihrer Schulform und
◗ das Pflegen einer produktiven Streitkultur und das Erpro- ihrem Alter, mit der abendländischen Geisteskultur vertraut
ben kompromissorientierter Konfliktlösungsmuster gemacht werden können.
◗ die Entwicklung von Verantwortung und Gemeinsinn für
das Ganze Die Verwendung von spielähnlichen Arbeitsformen nimmt
◗ das Sich-Hineinversetzen in unterschiedliche Sichtwei- im vorliegenden Heft großen Raum ein. Durch die Übertra-
sen, Interessen und Rollen gung spielerisch gewonnener Einsichten und Erfahrungen
◗ die Erfahrung von Intensität und die Entwicklung von auf reale Sachverhalte lassen sich kognitive Widerstände der
Begegnungsmentalität Schüler überwinden. Aus didaktischer Sicht ist es ein wich-
◗ die Schaffung von Bewusstsein und Empfindungstiefe für tiges Anliegen des Heftes, den Lehrpersonen eine möglichst
werteorientiertes Handeln breite Methodenvielfalt zur Verfügung zu stellen.
◗ die Wertschätzung für den hohen, vor allem auch zeitli-
chen Aufwand für demokratische Prozesse Der Ansatz des Heftes beruht darauf, von konkreten Lebenssi-
◗ das Erlangen von Selbstvertrauen und auf dieser Grund- tuationen der Schüler ausgehend (Baustein A), einen weiten
lage die Entwicklung von Freude am Gestalten des politi- Bogen hin zu abstrakten Inhalten der Demokratieforschung
schen Umfeldes. (Baustein D) zu spannen. Baustein A sucht die Alltagsprob-
leme der Schüler zu hinterfragen, um so die dort zugrunde
Allein schon die kaum mehr zu überblickende Zahl an älte- liegenden demokratischen oder auch nichtdemokratischen
ren und neuen Publikationen zur Demokratiethematik lässt Wertvorstellungen und Verfahren aufzuzeigen. Davon ausge-
ermessen, welch vielschichtiges und weitgefasstes Spekt- hend soll die Überleitung zu Baustein B geschaffen werden,
rum diese Themenstellung umfasst. Für das vorliegende Heft in welchem Betätigungsfelder auf kommunaler Ebene im
wurde eine für den modernen Unterricht geeignete Kon- Mittelpunkt stehen, um die Schüler zur aktiven Mitgestal-
zeption erarbeitet, anhand derer die für Schüler schwer tung ihrer Umwelt anzuregen. Die in Familie, Clique, Klasse
zugängliche klassische Institutionenlehre von der Entste- und Kommune identifizierten Strukturen und Verhaltens-
hung der ersten politischen Gemeinschaften hergeleitet muster werden nunmehr in Baustein C erweitert und in
wird, um so aufzuzeigen, wie bestimmte Verhaltensweisen einen gesamtgesellschaftlichen Kontext überführt. Mit den
sich letztendlich zu Gewohnheiten verdichten und institu- gewonnenen Erkenntnissen lassen sich so politische Ent-
tionellen Charakter annehmen. Die Ausbildung der Fähigkeit scheidungsfindungsprozesse als das nachvollziehen, was den
Gerhard Mester

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Baustein A/B

Schülern schon ansatzweise aus ihrem privaten Lebensum- ●●● BAUSTEIN B


feld geläufig ist.
MISCH DICH EIN! MITMACHEN
Die pluralistisch-freiheitliche Ordnung als Grundlage de- IN DER DEMOKRATIE
mokratischer Staaten soll durch Baustein C besonders her-
vorgehoben werden. Die für das System der Bundesrepublik
konstitutive politische Ordnung findet in allen vier Bau- UNTERRICHTSPRAKTISCHE HINWEISE
steinen Berücksichtigung, in besonders aufschlussreicher
Weise jedoch in Baustein D. Doch darüber hinaus soll in Nach der Erarbeitung demokratischer Werte im unmittelba-
Baustein D das Blickfeld auch auf die internationale Ebene ren Lebensumfeld der Schülerinnen und Schüler gilt es nun,
ausgeweitet werden. Dass Demokratie auch als »embedded den Aktionsradius in den gesellschaftlichen Raum hinein
democracy« verstanden werden muss, erschließt sich etwa zu erweitern. In einem ersten Schritt erhalten die Schüler
durch den Diskurs Olivers und Kathrins über das Thema »Wie einen Einblick in die Mitwirkungsmöglichkeiten der Schüler-
sozial soll die deutsche Demokratie sein?« (D 8). mitverantwortung, insbesondere der Schulsprecherfunktion
(B 1).

Das Beispiel der Nürtinger Schülerzeitung »Spongo« eröffnet


den Schülern Möglichkeiten, im medialen Bereich Erfahrun-
gen zu sammeln und somit die Bedeutung der Medien und
ihre meinungsbildende Funktion in demokratischen Gesell-
●●● BAUSTEIN A schaften zu erleben (B 2–B 3). Als Schnittpunkt zwischen
Individuum und Gesellschaft fungiert der Text »Schulklei-
DEMOKRATIE IM ALLTAG (ER-)LEBEN dung für alle?« in B 4.

Das Hinaustreten der Schülerinnen und Schüler in den ge-


UNTERRICHTSPRAKTISCHE HINWEISE sellschaftlichen Raum schafft für sie neue Mitwirkungspers-
pektiven im Rahmen ihrer Gemeinde. Anhand des Textes
In Baustein A wird der leitmotivische Charakter demokra- B 5 lernen die Schüler ihre Mitwirkungsmöglichkeiten auf
tischer Wertvorstellungen den Schülern in ihrem unmit- kommunaler Ebene kennen. In B 6 wird ein Beispiel darge-
telbaren Lebensumfeld erfahrbar gemacht. »Was bedeutet stellt, was Jugendliche in ihrer Gemeinde erreichen können.
Demokratie für Dich?«, ist die zentrale Fragestellung der Die Wertschätzung ihrer Anliegen können die Schülerin-
Arbeitsmaterialien dieses Bausteins. Zu Beginn geht es nen und Schüler im Zuge des eigens dafür konzipierten
darum, Vorwissen und individuelle Einstellungsmuster über »Planspiel Jugendgemeinderat« durch Entscheidungs- und
Demokratie auszuloten und diese in der Klasse zu erörtern Kompromissfindungsprozesse erfahren (vgl. S. 7–8). Tanja
(A 1). Die hier präsentierten Fragen orientieren sich an der Fallers Einsatz für das »Jugendhaus Z« in Freiburg zeigt,
Shell Jugendstudie 2002. welche Freude auch in gemeinnütziger Arbeit von und mit
Jugendlichen stecken kann (B 7).
In A 2 spricht unvermittelt die Demokratie als personalisierte
Figur zu den Schülern. Sie fordert die jungen Menschen auf, Jugendliche lernen vor allem auch im Kreis Gleichaltriger
ihr in distanzüberwindender Briefform zu antworten. Demo- und junger Menschen. In den Jugendverbänden der etab-
kratie als Lebensform findet auch Ausdruck in den Sozialbe- lierten Parteien können sich junge Menschen als mündige
zügen der Schüler, in Familie, Clique und Klasse. Hierbei geht Bürger auf Augenhöhe mit ihresgleichen auseinanderset-
es um Formen demokratischen Verhaltens, die geprägt sind zen und die werteorientierte Diskussions- und Streitkultur
durch demokratisch fundierte Konfliktlösungsmuster wie die verinnerlichen, die das Fundament unserer demokratischen
Wertschätzung einer jeden Person und ihrer Anliegen, Mehr- Grundordnung bildet (B 8).
heitsfindung und Minderheitenschutz sowie Einüben von
Kompromissen in strittigen Situationen (A 3–A 5). Der um sich greifenden Politikverdrossenheit, gerade bei den
unter Dreißigjährigen, soll mit statistischem Anschauungs-
Im abschließenden Karikaturenteil (A 6) tritt dann wieder material entgegengewirkt werden (B 9). Junge Menschen
die kognitive Ebene stärker hervor (Begriffe-Lexikon), je- verlieren aufgrund ihres schwindenden Bevölkerungsanteils
doch animiert durch humorvolle, pointierte Zeichnungen. gegenüber älteren Mitbürgern an Einfluss. Um ein Bewusst-
Grundlegende Werte der Demokratie werden wieder aufge- sein für diese Problematik zu schaffen, wurde der fiktive,
nommen und erweitert. Anhand der vorangegangenen Mini- bisweilen auch provokante Diskurs »Kinder an die Wahlur-
szenen aus Familie, Clique und Klasse können die Schüler nen!« verfasst (B 10).
den Transfer hin zur eigenständigen begrifflichen Erläute-
rung der angeführten Wertvorstellungen (Toleranz, Zivilcou-
rage usw.) leisten.

6 Politik & Unterricht • 2/3-2006


Baustein B

PLANSPIEL JUGENDGEMEINDERAT

Planspiele gewinnen im Kontext der Bildungspläne ver- ◗ und die Darstellung möglicher Kompromiss- bzw. Teil-
mehrt an Bedeutung. Ganzheitliches Lernen statt Ge- lösungen aufgrund des begrenzten Budgets.
nerieren von trägem Wissen und die Bereitschaft zur
Unterrichtsöffnung seitens der Lehrenden bilden den
Grundstein für ein erfahrendes, im Sinne des Schülers Reflexion
selbsttätiges Lernen. »Learning by doing« heißt derweil In der anschließenden Reflektionsphase sollten die Schü-
die Zauberformel, die ein thematisch tieferes Involviert- ler – sie haben ihre Rolle mit der Beendigung der Sitzung
sein seitens der Schüler zulässt und zu einem Mehr an wieder verlassen – ihre Erfahrungen gemeinsam diskutie-
Verstehen und damit zu besseren Lernerfolgen führt. ren. Dabei ist es wichtig, ihnen plausibel zu machen, dass
vermeintlich schnelle Lösungen zu Fehlentscheidungen
Im Zusammenhang mit der Durchführung von Planspielen und zu einseitiger Klientelpolitik führen können.
wird immer wieder die Frage nach dem Lebensweltbezug
gestellt. Schüler erleben im Kontext von Planspielen ein
Höchstmaß an Realitätsnähe. Der Lernerfolg entsteht Ablauf
dabei nicht zuletzt durch das sinnhafte Verknüpfen des Eröffnung der Sitzung und Begrüßung durch den Bür-
angeeigneten Wissens mit spielerischen Elementen, etwa germeister, Erläuterung des Sitzungsablaufs, Vorstellung
mit Rollen-, Plan- und Simulationsspielen, die letztlich der Tagesordnung und Abstimmung per Handzeichen.
ein schnelleres und weniger problembehaftetes Einstei- Die Jugendgemeinderäte erhalten nun die Tagesordnung
gen in komplexe Zusammenhänge ermöglichen. und können Anträge zur Aufnahme bzw. Veränderung
einzelner Punkte stellen. Ein Jugendgemeinderat über-
Voraussetzungen nimmt die Protokollierung der Ergebnisse. Nach einer
Voraussetzung für dieses Planspiel ist, dass die Lernenden kurzen Aussprache steht dieser Vorschlag zur Abstimmung
die Aufgaben und Tätigkeitsfelder eines Jugendgemein- (Handzeichen oder drei verschiedenfarbige Kärtchen: rot
derats kennengelernt haben (vgl. B 5–B 6). = nein, weiß = Enthaltung, grün = Zustimmung).

Vorbereitung
Bevor das Planspiel beginnen kann, sollten die Schüler Tagesordnung
über die Methode und das geplante Vorgehen informiert 1. Vorstellung des Finanzbudgets (30.000 EUR) für ju-
werden, denn sie finden sich mit Beginn der Sitzung in der gendfördernde Maßnahmen (fünf förderungswürdige Pro-
Rolle der Jugendgemeinderäte wieder. Sie lernen dabei jekte):
geschicktes Argumentieren, das Einhalten von klaren ◗ Entwicklung eines Spielplatzkonzepts (8.000 EUR)
Gesprächsregeln, problemorientiertes Vorgehen und das ◗ Bau eines Skateparks (18.000 EUR)
Finden von Kompromissen. Dabei sollen sie nicht nur ihre ◗ Freizeitzuschüsse für Kinder und Jugendliche sozial
eigene Meinung zu einzelnen förderungswürdigen Vorha- schwacher Familien (6.000 EUR)
ben vertreten, sondern immer auch die Auffassungen der ◗ Integratives Sportkonzept (Sportplatzsanierung inklu-
Jugendlichen, mit deren Vertretung sie nun beauftragt sive neuer Basketballanlage (10.000 EUR).
sind, berücksichtigen. Bevor die Jugendgemeinderatssit- ◗ Hochseilgarten mit Kletterwänden (20.000 EUR).
zung starten kann, gilt es, den Raum möglichst realitäts-
nah umzugestalten – aus dem früheren Klassenzimmer 2. Ermittlung des gesamten Finanzierungsbedarfs
wird jetzt ein Sitzungssaal. (= 62.000 EUR).

Durchführungsphase 3. Bildung der Arbeitskreise zur Entwicklung eines Kom-


Der Lehrer informiert die Schüler über den Zeitrahmen promisspapiers (nach Interessenlage der Jugendgemein-
und den Ablauf der Sitzung. Etwa drei Schulstunden soll- deräte) mit Zeitvereinbarung.
ten eingeplant werden. Er weist sie darauf hin, dass sie
sich jetzt mit der Rolle der Jugendgemeinderäte identi- 4. Vorstellung und Begründung des Vorhabens im
fizieren sollen. Die Lehrperson übernimmt die Rolle des Plenum.
anwesenden Bürgermeisters und eröffnet die Sitzung.
5. Kompromissfindungsphase (evtl. nochmalige Bildung
Aufträge an die Arbeitskreise von Arbeitskreisen).
Im Jugendgemeinderat werden Arbeitskreise gegründet.
Jeder Arbeitskreis nimmt sich eine der förderungswürdi- 6. Abstimmung über den erzielten Kompromiss (sonst
gen Maßnahmen vor. Es folgen: Abstimmung über die Einzelbereiche).
◗ eine kurze Vorstellung des Projekts
◗ eine ausführliche Begründung des Vorhabens (warum 7. Wünsche und Anträge, Ausblick.
sollte gerade dieses Projekt gefördert werden?)

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Baustein C

Vorstellung der Projekte Arbeitskreise (AK)


Der Bürgermeister trägt jetzt die einzelnen förderungs- ◗ Arbeitskreis 1: Entwicklung eines Spielplatzkonzeptes
würdigen Projekte vor und erläutert die Problematik der (8.000 EUR). Die Bürgerinitiative für eine familienfreund-
Budgetknappheit. Die Jugendgemeinderäte müssen also liche Umgebung setzt sich seit längerer Zeit schon für den
vor allem alternative Überlegungen anstellen und krea- Bau eines Spielplatzes ein. Auf dem Sportplatz werden
tive Ideen entwickeln. gerade kleinere Kinder immer wieder von Jugendlichen
verdrängt. Es sei deshalb höchste Zeit, so die Bürgerini-
Die Arbeitskreise tiative, dass ein kindergerechter neuer Spielplatz gebaut
Für die folgende Arbeitsphase in den Arbeitskreisen ist werde.
es wichtig, den Gruppen eine klare Zeitspanne (ca. 30 bis
45 Minuten) vorzugeben. Im nächsten Schritt werden im ◗ Arbeitskreis 2: Bau eines Skateparks (18.000 EUR).
Klassenraum gleichmäßig an den Wänden die einzelnen Der städtische Jugendclub möchte auf dem Gelände einer
Infoblätter zu den förderungswürdigen Projekten ange- ehemaligen Parkanlage eine Skateranlage bauen lassen.
pinnt. Die Jugendgemeinderäte sammeln sich jetzt nach Damit könnten in Zukunft Unfälle mit PKWs, Fahrradfah-
Interessenlage und bilden zu jedem förderungswürdigen rern und Fußgängern vermieden und den Jugendlichen
Projekt einen Arbeitskreis. Nach dieser Findungsphase ein höheres Maß an Sicherheit gewährleistet werden.
sollen die Gruppen die Sitzordnung zu Gruppentischen
umfunktionieren. Die AKs beginnen nun zu arbeiten. ◗ Arbeitskreis 3: Freizeitzuschüsse für Kinder und Ju-
gendliche sozial schwacher Familien (6.000 EUR). Die Ver-
eine und Veranstalter von Jugendfreizeiten (Stadtrand-
Präsentation und Diskussion im Plenum erholung, Zeltlager usw.) brauchen dringend 6.000 EUR,
Im Anschluss an die Gruppensitzungen gilt es, die Er- um weiterhin sozial schwachen Familien einen Zuschuss
gebnisse im Plenum vorzustellen. Dafür wird die ur- gewähren zu können.
sprüngliche Sitzordnung des Plenums wiederhergestellt.
Die Schüler haben jetzt die Möglichkeit, in die Kom- ◗ Arbeitskreise 4: Integratives Sportkonzept (10.000
promissfindung einzusteigen. Der Bürgermeister hält die EUR). Nach mehreren Anfragen seitens Jugendlicher und
Lösungsvorschläge fest. Sollten sich noch keine Kompro- einiger Sportvereine wird eine Sanierung des Sportplatzes
misse abzeichnen, können die Jugendgemeinderäte per inklusive einer Basketballanlage (Mehrzwecksportplatz)
Mehrheitsentscheid erneut eine Unterbrechung und eine in Betracht gezogen. Die Kosten belaufen sich inklusive
Fortsetzung der Arbeit in den AKs vorschlagen. Eine er- einer einfachen Basketballanlage auf 10.000 EUR.
folgreiche Kompromissfindung hängt insbesondere davon
ab, ob es den Jugendgemeinderäten gelingt, Aspekte des ◗ Arbeitskreis 5: Hochseilgarten mit Kletterwänden
bürgerlichen Engagements, Spendenaktionen und Spon- (20.000 EUR). Der Stadtkämmerer macht den Vorschlag,
soring zu integrieren. Wichtig ist, dass sie am Ende der den Geldbetrag von 20.000 EUR für ein Jahr zurückzu-
Kompromissfindung gemeinsam über die Lösung abstim- stellen und so zu sparen, um im kommenden Jahr auf
men. Der Bürgermeister dankt den Jugendgemeinderäten einem freiwerdenden Grundstück am Waldrand die ersten
für ihre engagierte Mitarbeit und beendet die Sitzung. Bauschritte einleiten zu können.

●●● BAUSTEIN C zentrale Kennzeichen der Demokratie, diesen nötigen Inte-


ressenausgleich zu schaffen und Kompromisse zu finden.
ENTSCHEIDUNGEN IN DER PLURALISTISCHEN
GESELLSCHAFT TREFFEN C 1 bietet anhand von sechs Fotos die Möglichkeit, die
Vielfalt der Interessen und Lebensweisen sowie ihre unter-
schiedlichen Ausdruckformen als Bedingung der Demokratie
UNTERRICHTSPRAKTISCHE HINWEISE zu thematisieren. Die bunte Fülle von Meinungen, Interes-
sen und Lebensweisen in demokratischen Gesellschaften
In der pluralistischen Gesellschaft sind Erfahrungen mit rekurriert auf einer Vielzahl von interagierenden Verbänden
der Demokratie oft von langwierigen und schwierigen Ent- und starken Parteien, die den Schülern als Partizipations-
scheidungsprozessen geprägt. Dieser vermeintliche Makel möglichkeit dargeboten werden (C 2–C 4). Die Schülerinnen
demokratischer Systeme wird in Baustein C thematisiert. und Schüler lernen, dass der Lobbyismus zu den Grunder-
Vermeintlich deshalb, weil der bedeutende und nicht genug scheinungsformen in der Demokratie gehört und prinzipiell
zu betonende Vorteil der Demokratie gerade darin besteht, nicht negativ ist, wenn es gelingt, die Ausgewogenheit
möglichst viele Auffassungen und Interessen in den Ent- unterschiedlicher bis hin zu gegensätzlichen und mit aller
scheidungsprozess einfließen zu lassen. Es ist geradezu das Macht artikulierten Interessen zu wahren (C 5). Dass diese

8 Politik & Unterricht • 2/3-2006


Baustein D

Idealvorstellung nicht immer gegeben ist, hängt auch von ◗ Das autoritär-diktatorische System mit totalitären bzw.
der unterschiedlichen Machtkonzentration bei den jeweili- fundamentalistischen Tendenzen,
gen »Pressure Groups« ab. ◗ das egalitär-sozialistische System, angereichert mit Kom-
munegedanken und
Von der Pluralismustheorie zur Praxis ◗ das liberal-marktwirtschaftlich demokratische System.
Am Fallbeispiel der Neuen Landesmesse in Leinfelden-Ech-
terdingen bei Stuttgart können die Schülerinnen und Schü- Die theoretischen Grundlagen (Susan Strange) sind dabei als
ler anhand eines praktischen Beispiels aus der aktuellen wissenschaftlicher Hintergrund für die von den Schülern ei-
Politik den langen zeitlichen Planungshorizont bis hin zur genständig zu entwickelnden Staats- und Gesellschaftsideen
konkreten Verwirklichung erfahren (C 6). 1993 begann die und nicht als unbedingt bindende Setzungen zu verstehen.
Standortsuche für die Neue Messe, abgeschlossen sein wird
das Projekt im Frühjahr 2007. Wäre dieses Bauvorhaben Im Rahmen des Insel-Spiels werden die Schüler in die Lage
nicht demokratisch, sondern obrigkeitsstaatlich durchge- versetzt, die Anfänge möglicher gesellschaftspolitischer
führt worden, hätte es keine vierzehn Jahre bis zur Realisie- Entwicklungen und damit auch unterschiedliche Systemaus-
rung der Neuen Messe gedauert, aber gewiss hätten sich die formungen selbst zu entwerfen. Sie erfahren dabei elementar
Betroffenen nicht politisch einbringen können und wären die jahrhundertewährende und bis hin zur Demokratie sich
um ihre demokratischen Rechte gebracht worden. ausformende Staatswerdung. Akzeptanz und Wertschätzung
demokratischer Grundprinzipien werden so als Grundlage
eines gerechtigkeitsorientierten und friedlichen Zusammen-
lebens auf eine intensive Art fassbar gemacht. Indem die
Schüler in die Schiffbrüchigensituation versetzt werden,
können sie spielerisch die Herausbildung unterschiedlicher
Staatsformen prozessual begreifen.
●●● BAUSTEIN D
Auf allen Ebenen des Insel-Spiels können die Lehrenden die
DEMOKRATIE ALS STAATS- UND Schüler mit den in D 2 folgenden Ich-Aussagen der zehn
HERRSCHAFTSFORM ERLEBEN Philosophen konfrontieren (in der Ablaufplanung des Insel-
Spiels ist dies am Ende vorgesehen). Die Philosophen verlei-
hen dem Insel-Spiel gedankliche Tiefe und weisen auch über
UNTERRICHTSPRAKTISCHE HINWEISE dieses hinaus. Die Schüler erfahren beispielsweise durch den
Vergleich ihrer Positionen bzw. des von ihnen entwickelten
Baustein D setzt mit dem Insel-Spiel ein. Die zentralen Inselstaates, dass auch die großen Denker der politischen
Aspekte der Demokratie als Staats- und Herrschaftsform Ideengeschichte über den besten aller möglichen Staaten
lassen sich über dieses handlungsorientierte Spiel erarbei- bzw. die beste Form menschlichen Zusammenlebens nachge-
ten. Gleichermaßen sind diese Grundlagen wie Staatsform, dacht haben und an manchen Stellen zu ähnlichen oder gar
Gewaltenteilung, Verfassung, politische Institutionen und denselben Schlussfolgerungen wie die Schüler gelangt sind.
Akteure (z. B. Parlamente und Parteien), wehrhafte Demo- Doch ebenso wie das Herausstellen von Gemeinsamkeiten
kratie, Sozialstaatsklausel, Medien und Pressefreiheit, aber zwischen philosophischen Aussagen und Schülerpositionen
auch diktatorische Erfahrungen sowie Grundrechte- und beleben auch die Widersprüche. Die Schüler erweitern ihren
Menschenrechtsverletzungen mit den einzelnen Materialtei- gedanklich-emotionalen Horizont durch konträre oder ganz
len unabhängig von dem Insel-Spiel zu bearbeiten. Die hier anders lautende Denk- oder Verhaltensmuster.
präsentierten Materialien bieten vor allem einen alterna-
tiven und ergänzenden Zugang zu den gängigen Schulbü- Die zehn Philosophen repräsentieren mit dem Fokus auf das
chern, in denen die politischen und rechtlichen Grundlagen politische Denken die abendländische Geisteskultur von der
der Demokratie aufgearbeitet sind. Antike bis zur Gegenwart. Den Einstieg in die politische Ide-
engeschichte bilden also nicht sperrige Textauszüge aus den
D 1 bietet ein stimmungsvolles Bild für den Einstieg in Schriften der jeweiligen Denker. Vielmehr nähern sich die
das Spiel und erste Materialien. Eine ausführliche Beschrei- Philosophen den Schülern als Personen. Dabei stand das Be-
bung des Spiels findet sich im Folgenden auf den Seiten mühen im Vordergrund, essentielle inhaltliche Schwerpunkte
12 – 14. Im Insel-Spiel steht die Entwicklung eigenständiger aus den Werken der jeweiligen Denker herauszufiltern und
Politik- und Gesellschaftsentwürfe seitens der Schüler auf diese auf eine zwar häufig verknappte, aber sinnerhaltende
der Grundlage insularer Reduziertheit im Vordergrund. Die und auch pointiert herausfordernde Weise zu formulieren.
Grundidee des als Projekt angelegten Spiels stammt aus
den von der Politologin Susan Strange in ihrem politökono- Unabhängig vom Insel-Spiel können die Ich-Aussagen der
mischen Klassiker States and Markets vorangestellten Some Philosophen auf vielfältige Art und Weise den Unterricht
Desert Island Stories. Diese eindrucksvoll entworfenen In- beleben. So können die bedeutenden Denker der politischen
selgeschichten repräsentieren, ausgehend von der Situation Ideengeschichte verglichen werden im Hinblick
von Schiffbrüchigen mit anschließender Insellandung, drei ◗ auf ihr Menschenbild (anthropologische Grundlagen der
unterschiedliche politökonomische Ordnungsmuster: jeweiligen Theorie),

Politik & Unterricht • 2/3-2006 9


Baustein D

DAS »WER WIRD BUNDESKANZLER(IN)?-SPIEL«

Bei dem in der Mitte des Heftes beigehefteten »Wer wieder, was es in seinen Anfängen war: ein unterhaltsa-
wird Bundeskanzler(in)?«-Spiel handelt es sich um mes Spiel für Jung und Alt. Ähnliches gilt auch für das
eine Variation des sogenannten »Gänsespiels«. Dieses »Schlangen und Leitern«-Spiel, das von dem indischen
Spiel trat erstmals während der Regentschaft des Flo- Spiel »moksha-patamu« abstammt, welches dort traditio-
rentiner Großherzogs Francesco de Medici (1574–1587) nell religiöse Inhalte vermittelt. Es liegt nahe, das »Gän-
in Erscheinung, der eine edle Ausgabe des Spiels an den sespiel« und das »Schlangen-und-Leitern-Spiel« wieder
spanischen König Philipp II. sandte. Nachdem der König mit pädagogischen Inhalten zu besetzen, um so Kinder
von diesem Spiel angetan war, erlangte es rasch euro- und Jugendliche »spielend« für Bildung und Politik zu
paweite Bekanntheit. Seit dem frühen 17. Jahrhundert motivieren.
waren die ersten gedruckten »Gänsespiele« im Umlauf
und erhielten nun eine pädagogische Ausrichtung. Zuvor Das »Wer wird Bundeskanzler(in)?«-Spiel bietet einen
enthielten die Spielfelder nur unterschiedliche Funktio- spielerischen Zugang zu politischen Ämtern und Insti-
nen, doch nun wurden diese mit moralischen Wertvorstel- tutionen, zu Personen in der Politik und nicht zuletzt
lungen verknüpft. Auf zeitgenössischen Stichen jener Zeit auch zu den unterschiedlichen Politikebenen (Gemeinde,
sieht man nun gelegentlich Eltern, die mit ihren Kindern Kreis, Land und Bund). Es steht in diesem Heft auch in
Varianten des Gänsespiels spielen (wie etwa »Tugend und Zusammenhang mit den Porträts der vier Bundeskanzler
Laster«), um sie sittlich zu bilden. (Material D 6). Hier lassen sich im Vergleich zwischen
den vier politischen Karrieren in der realen Demokratie
Diese pädagogische Ausrichtung des Spiels ist seit Beginn und dem Spiel auf spielerische Art und Weise Erkenntnisse
des 20. Jahrhunderts verloren gegangen. Das Spiel wurde über Politik gewinnen.

◗ auf die von ihnen präferierte Staats- bzw. Gesellschaftsform, Inselgruppen mit den Staatsformen (D 3) und dem Prinzip
◗ auf den Zusammenhang zwischen ihrer Biografie, den je- der Gewaltenteilung (D 4) verglichen werden. Davon aus-
weiligen zeitlich-historischen Bedingungen und ihren theo- gehend erschließt sich das politische System Deutschlands
retischen Schlussfolgerungen, (D 5). Die Erkenntnisse insularer Herausbildung von Verant-
◗ auf ihre Grundwertepräferenz, wortungsträgern, Führungs- und Herrscherfiguren sollen mit
◗ auf ihr Demokratie- bzw. Diktaturverständnis, biografischem Hintergrund auf vier Kanzler der Bundesrepub-
◗ auf Ablehnungen und Animositäten im Rahmen ihres lik Deutschland transferiert werden (D 6). Die vier Kurzbio-
Werks sowie auch der Philosophen untereinander bzw. auf grafien bieten einen personenbezogenen Zugang zu demo-
gemeinsame Anliegen. kratischen Prozessen und Entscheidungen. Sie stehen auch
in Zusammenhang mit dem »Wer wird Bundeskanzler(in)?-
Fortführung der erarbeiteten Grundlagen des Insel-Spiels Spiel«. Dieses Brettspiel, in der Mitte des Heftes beigefügt,
In der Folge können, abhängig von der jeweiligen Thema- bietet einen spielerischen Zugang zu Akteuren und Institu-
tik, die Ergebnisplakate reflektiert und die Regelungen der tionen in der parlamentarischen Demokratie.

Überblick: Formen der Republik

10 Politik & Unterricht • 2/3-2006


Baustein D

In den Erfahrungen der Inselgruppen finden sich auch Frei- schrecklichen Erfahrungen der Kindersoldatin China Keitetsi
heitsbestrebungen und -beschränkungen der Individuen (D 13) nicht nur kognitiv, sondern auch gefühlsmäßig er-
(z. B. Arbeitszwang, Essensrationierung, Gruppendruck), die fahrbar. Mit der Geschichte über China Keitetsi wird auch
zum heutigen Dilemma zwischen Freiheit und einem aus- das Empathiepotenzial der Schüler angesprochen. Die dra-
zutarierenden Maß an Sicherheit in Bezug gesetzt werden matische Lebensgeschichte erhöht die Aufmerksamkeit der
können (D 7). Insulare Formen des Sich-Wehrens und der äu- Schüler und lässt die Bedeutung ansonsten schwer zugäng-
ßeren bzw. inneren Gefahrenabwehr sollen auf den heutigen licher Gesetzestexte in neuem Licht erscheinen. Die Zitate
Diskurs im Hinblick auf die Fragestellung »Wie weit kann der in D 14 dienen zur abschließenden Diskussion über die
Rechtsstaat im Kampf gegen seine Feinde gehen?«, vergli- grundsätzlichen Elemente der Demokratie und demokrati-
chen werden. Konflikte, wie etwa der Umgang mit kranken scher Gesinnung. D 15 bietet als Quiz die Möglichkeit zur
und leistungsunfähigen Inselbewohnern, lassen sich zum abschließenden Lernkontrolle.
besseren Verständnis des Sozialstaatsprinzips heranziehen.
Unterschiedliche Formen sozialstaatlicher Ausprägung finden
sich im Text (D 8). Eine spezifische Variante sozialistischen
Gedankenguts (vgl. die Ich-Aussagen von Karl Marx) lernen
die Schüler nun durch die Beschreibung der politischen
Wirklichkeit in der ehemaligen DDR kennen (D 9).

Die Materialien D 10 und D 11 thematisieren einerseits die


Medien, ihre Bedeutung in der Demokratie sowie ihren Ein-
fluss auf den politischen Meinungsbildungsprozess, anderer-
seits aber auch das Postulat, dass eine lebendige Demokratie
von informierten Bürgern lebt. Ein krasser Gegensatz zum
demokratischen System Deutschlands ist das Regime von
Alexander Lukaschenko in Weißrussland. Im Text D 12 treten
dessen diktatorische Machenschaften zu Tage. Stolz sein
auf demokratische Errungenschaften kann nur derjenige,
der sich auch mit den vielschichtigen Facetten diktatori-
scher und totalitärer Herrschaft auseinandergesetzt hat. Aus
konflikthaft zugespitzten Inselsituationen und dem starken
Wunsch nach Sicherheit bilden sich oftmals (An-)Führerfi-
guren mit zunehmend martialischer werdenden Handlungen
heraus. Demokratie, so lernen die Schüler, ist etwas Kostba-
res, das es nicht nur zu verteidigen, sondern immer wieder
neu zu beleben gilt.

Der glückliche Umstand einer durch Grundrechte abgesi-


cherten Demokratie (Rechtsstaatsprinzip) wird durch die

Überblick: Formen der Diktatur

Politik & Unterricht • 2/3-2006 11


Baustein D

DAS INSEL-SPIEL

Im Insel-Spiel werden die Schüler aus ihrem etablierten fender Prozess. Das, was beim Insel-Spiel an Politik- und
politischen System herausgerissen und in eine Situation Demokratieerfahrungen gewonnen wird, ist etwas Blei-
versetzt, in der die gewohnten Regularien nicht mehr bendes, auf dem aufgebaut werden kann. Kognitive und
gültig sind. Sie werden damit konfrontiert, mit einer emotionale »Verwicklungen« führen zu (Spiel-)Handlun-
selbstentwickelten Rollenbiografie auf einem Kreuz- gen, in denen alle Beteiligten mit »Kopf, Herz und Hand«
fahrtschiff einen Südseeurlaub zu verbringen. Das Schiff involviert sind.
gerät – aus welchen Gründen auch immer – in eine Ka- ◗ Mit der Einblendung realer Philosophen (vgl. D 2)
tastrophensituation und wird untergehen. Ein Teil der werden kognitive Prozesse beflügelt und die politische
Touristen und der Besatzung des Schiffes kann sich mit Urteilskraft geschärft. Die Philosophen treten meist in
Rettungsbooten in Sicherheit bringen, andere Schiffbrü- kritischen Situationen auf (»Freeze«/Ruhen der Spiel-
chige versuchen schwimmend an Land zu kommen. Nach handlung) und beziehen in Ich-Aussagen Stellung zum
dem Schiffsuntergang erfolgt ein Szenenwechsel. Drei anstehenden Konflikt. Durch ihre tiefgründig divergenten
schiffbrüchige Gruppen haben sich an unterschiedlichen Vorstellungen erweitern sie das Meinungsspektrum der
Stellen einer großen Südseeinsel gerettet, ohne vonein- Schüler. Auch verweisen sie auf die historische Dimension
ander zu wissen. von Politik bzw. demokratischer Theorie. Die Philosophen
beschwören die Wiederkehr des »Immergleichen«, aber
Die britische Politökonomin Susan Strange hat ihrem sie verweisen ebenso auch darauf, dass auf neue Heraus-
Lehrbuchklassiker States and Markets ihre Three Desert forderungen neue Antworten gefunden werden müssen.
Island Stories vorangestellt. Nach Strange bilden sich ◗ Die im Insel-Spiel enthaltenen Konfliktsituationen
drei unterschiedliche politische Systeme heraus: Ein au- legen nahe, die dort identifizierten Mechanismen auch
toritär-diktatorisches System unter der Führung eines vor anderem Hintergrund wiederzuerkennen.
ehemaligen Besatzungsmitglieds des Kreuzfahrtschiffs,
ein zweites System, das auf sozialistischen und kom- 2. Typische Konfliktsituationen im Insel-Spiel
munistischen Ideen fußt, und ein drittes, freiheitlich- ◗ Wie organisiert die jeweilige Inselgruppe ihr Überleben
demokratisches System, das auf markwirtschaftlichen bzw. die Sicherung ihrer Existenzgrundlage?
Vorstellungen aufbaut. Der Ansatz von Susan Strange ◗ Welche Konflikte treten auf und wie werden diese ge-
zielt darauf ab, dass sich Schüler jenseits theoretischen regelt (z. B. Führer- oder Mehrheitsprinzip)?
Wissens mit den Basiserfordernissen der drei System- ◗ Was geschieht mit einem Schwerverletzen? Kann dieser
varianten in der durch den Schiffsuntergang künstlich etwa durch Mehrheitsbeschluss aus der Gruppe ausgesto-
herbeigeführten, anarchischen Konstellation arrangieren ßen und damit dem sicheren Tod ausgesetzt werden?
und ihren jeweiligen Kleinstaat schaffen. ◗ Wie wird verfahren, wenn einer alleine ein Tier erlegt?
Soll grundsätzlich alles geteilt oder soll strikt nach dem
Leistungsprinzip verfahren werden?
1. Die Bedeutung des Insel-Spiels für die Demokratie- ◗ Welche ungeschriebenen oder auch schriftlich fixierten
thematik Gesetze gelten für die jeweilige Inselgruppe bzw. den
◗ Das Spiel führt die Teilnehmer an die Anfänge des Kleinstaat?
politischen Gemeinwesens zurück. Die Selbstverständ- ◗ Was passiert, wenn die drei Inselgesellschaften auf-
lichkeit, in ein etabliertes und funktionierendes demo- einander treffen? Wird es unter dem Strukturmerkmal
kratisches System hineingeboren zu werden, das sich in der Anarchie, was auch weitgehend noch für die heutige
Jahrhunderten entwickelt hat, entfällt. internationale Staatenwelt gilt, zu Kriegshandlungen
◗ Junge Menschen werden auf eine schöpferisch-kreative kommen? Oder wird über strittige Fragen verhandelt und
Weise dazu gebracht, sich ihre eigenen, politikdurchwirk- eine friedliche Kompromisslösung herbeigeführt, die alle
ten Lebensbedingungen selbst zu gestalten. Interessen zu berücksichtigen sucht?
◗ Verfahrensweisen, Regeln und Gesetze sind nicht, wie
im realen politischen System, vorgegeben. Sie müssen, 3. Varianten des Insel-Spiels
meist angeregt durch konkrete Probleme sowie Inte- Das Insel-Spiel lässt sich im Rahmen einer AG oder eines
ressenkonflikte, von den Teilnehmern verhandelt und längerfristigen, fächerübergreifenden Projekts umsetzen.
beschlossen werden. Hierbei ist für demokratische Ord- Denkbar ist allerdings auch eine auf einzelne Aspekte
nungen konstitutiv, dass alle politischen Entscheidungen verkürzte Version, die an einem einzelnen Vormittag
kollektiv durch alle getroffen werden. Üblicherweise ent- durchgeführt werden kann. Bei der Bearbeitung des Insel-
halten die Regeln auch einen Sanktionskatalog, mit dem Spiels ist auch eine Aufbereitung als Theaterstück oder
Regelverstöße geahndet werden. Videofilm denkbar, um so die gewonnenen Erkenntnisse
◗ Im Insel-Spiel wird die Wirksamkeit oder Ineffizienz anderen vermitteln zu können. Die Philosophen können
politischer Ordnungselemente in ihren Auswirkungen auf sowohl durch die Schüler verkörpert werden, aber sie
das Individuum und auf die Gemeinschaft hautnah erlebt. können auch durch die Lehrperson dargestellt werden.
Das ist gerade für Kinder und Jugendliche ein tiefgrei- In den unteren Jahrgangsstufen bietet sich eine Dar-

12 Politik & Unterricht • 2/3-2006


Baustein D

stellung ausgewählter Philosophen in Posterform an. ◗ Besprechungsphase I


Auch in diesem speziellen Fall werden die Schüler zur Die Inselgruppen stellen erste Lösungsansätze vor, die ihr
Überlegung aufgefordert, welche Philosophen der von Überleben sichern könnten.
ihnen entwickelten Staatsform entsprechen bzw. nicht
entsprechen. Entwicklung rudimentärer Staatsstrukturen
Besonders interessant sind die Reaktionsweisen der In-
Generell werden für das Spiel die Klassenstufen 6 bis 8 selgruppen auf den Wegfall zivilisatorischer Ordnungs-
empfohlen, wobei Teamteaching wegen des recht großen systeme. Mittels einer ersten Flaschenpost als Impuls,
Aufwands von Vorteil ist. in der sich eine versteckte Arbeitsanweisung befindet
(z. B. »Wie ist das Zusammenleben geregelt?«, vgl. D 1),
4. Die Spielphasen des Insel-Spiels im Einzelnen entwickeln die Gruppen Regelungen (z. B. Inselgesetze)
Rollenbiografien und einigen sich über einen Verbots- und Strafkatalog
Die Schülerinnen und Schüler entwerfen zu Beginn des (Plakat, Farbstifte).
Spiels eigene Rollenbiografien (vgl. D 1 im Schülerteil des
Heftes) nach dem Motto: »Wer möchtest Du gerne sein?
In welche Rolle möchtest Du gerne schlüpfen?« Sie ge- ◗ Besprechungsphase II
stalten einen eigenen Rollenausweis (Karten in gleicher Die Gruppen stellen sich jetzt gegenseitig ihre Inselge-
Anzahl in Grün, Rot, Blau). Es folgt die Umgestaltung des setze vor und diskutieren die unterschiedlich akzentuier-
Klassenzimmers. ten Regelungen.

Schiffsuntergang und Strandung Produktion und Vermarktung


Die Schülerinnen und Schüler recherchieren zunächst den Jede Gruppe erhält eine Urfrucht (Banane, Kokosnuss
Schiffskurs in Richtung Fidschi-Inseln, setzen sich auf oder Orange), die symbolisch das Saatgut darstellt. Mit
den Boden und schließen die Augen (Meeresrauschen). der nunmehr einsetzenden Produktion entwickeln sich
Es folgt das Vortragen der Traumreise Teil I durch die Formen marktwirtschaftlichen Agierens. Der Vorgang des
Lehrperson. Anschließend bewegen sich die Schüler im Säens wird von den Schülern durch das Umrisszeichnen
Rhythmus der Musik und genießen Kulinarisches (Knab- auf Papier symbolisiert, das Bewässern durch Ausmalen
bermischung auf Tablett). Nach einigen Minuten setzen und das Ernten durch Ausschneiden. Dabei erfahren die
sie sich wieder und schließen erneut die Augen. Die Schüler, dass die jeweiligen Produktionsschritte unter-
Lehrperson trägt Teil II der Traumreise vor. Nach der schiedlich viel Zeit beanspruchen und durch Veränderun-
Textstelle mit der gewaltigen Explosion (Schiffsunter- gen Rationalisierungseffekte erzielt werden können.
gang) retten sich die Schüler in die drei bereitgestellten
»Rettungsboote« (drei farbige Schnüre: grün, rot, blau in Währungssystem Perlen
Bootsform; Zuordnung entsprechend der Ausweisfarbe). In der darauf aufbauenden Phase entwickeln die Schüler
Die Schiffbrüchigen landen an drei auseinander gelege- ein geeignetes Währungssystem, symbolisch unterstützt
nen Inselstränden (eingekreiste Bereiche mit Farbpunkten durch die »angeschwemmten« Perlen. Die drei Gruppen
grün, rot, blau). Es folgt die Abdunklung und Meeresrau- erhalten jeweils die gleiche Anzahl (z. B. 90 rote, blaue
schen. Die Schüler schließen wiederum die Augen. Diese oder grüne Perlen). Ziel ist ein eigenes Währungs-, Preis-
Vorgehensweise wird später noch vermehrt Verwendung und Entlohnungssystem, indem festgelegt wird, wer z. B.
finden. Es ist deshalb sehr ratsam, die Abdunklung und für welchen Arbeitseinsatz in welcher Höhe entlohnt
die Musik zu ritualisieren. wird. Zudem muss entschieden werden, wer das »Grup-
pengeld« verwaltet und wie etwa Früchte bzw. Nahrung,
Sicherung des Überlebens Holz oder Werkzeuge erworben werden können. Mittels
Die Schülerinnen und Schüler sollen sich nunmehr aktiv eigener Preisgestaltung treten jetzt die Gruppen mit dem
vor dem Hintergrundwissen, dass eine Rettung ausge- Ziel, hohe Verkaufserlöse zu erwirtschaften, in direkte
schlossen scheint, auf das Inselleben einstellen und Konkurrenz zueinander.
können das angeschwemmte und damit vorhandene Ma-
terial (Holz, Schnüre, Muscheln, Tücher, Steine, Bambus-
rohre usw.) auf eine mögliche Nutzbarkeit überprüfen ◗ Besprechungsphase III
(z. B. kantige Muschel = Schneidewerkzeug). Die zentrale Den rasanten Währungssystem- und Marktentwicklungen
Fragestellung heißt in dieser Phase: »Überlegt Euch, wie folgen zwei Gesprächsrunden zum gemeinsamen Aus-
Ihr Euer Überleben sichern könnt.« Die Gruppen gehen tausch (gegenseitige Vorstellung des Preis- bzw. Ent-
auf Nahrungssuche, bauen Flöße, richten sich Unterkünfte lohnungssystems und des Produktionsablaufs). Abschlie-
ein und stellen Angeln, Jagdwerkzeuge, »Kleidung« oder ßend wird festgestellt, welche der Gruppen den höchsten
auch andere nützliche Gegenstände her. Für den Fischfang Gewinn bzw. Verlust erzielt hat. Die Schüler reflektieren
werden in den abgedunkelten Phasen (Nacht) Papierfi- über Einführung bzw. Abschaffung des Geldes.
sche zwischen den »Inseln« verstreut.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 13


Baustein D

Einwanderungsproblematik Technische Geräte: CD-Player, CD mit Meeresrauschen


Die Gruppenmitglieder haben nun die Möglichkeit, die und Tierstimmen (Möwen) sowie Discomusik.
Gruppe zu wechseln. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit,
klare Regelungen zu Einwanderung und Asylgewährung Innerhalb des Spiels beobachtbar: Geeignete Zeitpunkte
auf ihrem jeweiligen Inselterritorium zu verabschieden. (Fixpunkte) für Feedback- und Besprechungsphasen in
Fragen wie »Wer darf rein?« bzw. »Welche Voraussetzun- den Projektverlauf einbauen.
gen muss er oder sie mitbringen?« werden mittels einer
weiteren, den Schülerimpuls aufnehmenden Flaschenpost Reflexionsphasen: Präsentations- bzw. Besprechungs-
zur Entscheidungsgrundlage (Flaschenpost Nr. 4; Farb- phasen sollten zeitlich den Gruppenprozessen (sinnvolle
stifte, Plakat, vgl. D 1). Zäsur) angepasst werden.

Mögliche Probleme: Beteiligungsdefizite können durch


◗ Besprechungsphase IV ein geeignetes Sortiment an Sinnesmaterialien kompen-
Gruppenbesprechung mit Erfahrungsaustausch. siert werden.

Die philosophische Ebene


Nach mehreren Stunden Inselleben gilt es nun, Bilanz
zu ziehen. Die von den unterschiedlichen Gruppen ent- Die Texte zu den Traumreisen
wickelten Strukturen und Rechtssysteme sollen nun mit
ausgewählten Ich-Aussagen der Philosophen verglichen ◗ Traumreise Teil I
werden. Die faszinierende Erfahrung für die Schüler be- Die Schülerinnen und Schüler sitzen auf dem Boden des
steht darin, dass sie in einem schöpferischen Akt aus ei- Klassenzimmers und schließen die Augen (CD mit Mee-
gener Kraft diverse Gesellschaftskonstruktionen erschaf- resrauschen):
fen haben, die von niemand Geringerem als den großen
Denkern abendländischer Geistestradition begründet wur- »Wir befinden uns an einem großen Hafen. Einige See-
den. möwen kreischen leise im säuselnden Wind. Ein großes
Luxusschiff mit dem Namen Earth 3000 legt leise brum-
Zurück in die Zivilisation mend an. Langsam wird die Schiffstreppe ausgefahren
Das Projekt neigt sich nun dem Ende zu. Es gilt jetzt, die und wir betreten das Schiff (im Hintergrund ertönt jetzt
»Gestrandeten« von der nicht oder kaum erschlossenen Partymusik, die zunehmend lauter wird). Wir betreten mit
Insel in die Zivilisation zurückzuholen (Schiff: Stuhl- den anderen Reisenden den großen, hell ausgeleuchteten
anordnung in Rumpfform). Ein »mitgereister Journalist« Partysaal des Schiffes und lauschen der Begrüßungsrede
(eine der Lehrpersonen) begrüßt die geretteten Insulaner des Kapitäns.«
an Bord und befragt sie nach ihren Erfahrungen und Ein-
drücken während des Insellebens. Auch sollen die Schüler Die Lehrperson begrüßt die Anwesenden auf dem Lu-
darüber Auskunft geben, was sie nach ihrer Rückkehr in xusdampfer. Die Schüler wachen auf, bewegen sich zum
ihre »alte Heimat« an neuem Wissen und Denken mit Rhythmus der Musik und bedienen sich an der Bar.
einbringen wollen.

◗ Traumreise Teil II
»Müde begeben wir uns zurück in unsere Kojen (Schüler
Checkliste für die Lehrpersonen schließen die Augen). Wir hören die Geräusche der Wellen,
die an den Schiffsbug klatschen. Langsam beginnt das
Vorbereitung: Information des Lehrerkollegiums, Raum- Schiff zu schwanken. Ein Sturm zieht auf. Das Prasseln
organisation, Teamteaching. des Regens wird immer stärker. Plötzlich ertönt ein lauter
Knall. Alle Lichter gehen aus. Ihr werdet aus Eurem Schlaf
Materialvorbereitungen: Karteikarten (Ausweise/Rollen- gerissen und lauscht angespannt den Anweisungen des
biografie, Wandzeitung), Wandzeitung Philosophen (vgl. Kapitäns: ›Achtung, Achtung! Bewahren Sie bitte Ruhe
Material D 1 und D 2), farbige Seile (Rettungsboote). und gehen Sie zügig aus Ihren Kabinen. Unser Schiff hat
Schlagseite bekommen und ist nicht mehr manövrierfähig!
Materialien für die Insulaner: Holzrollen und Latten, Bitte begeben Sie sich an Deck und entsprechend Ihrer
Schnüre, Muscheln, Tücher, Lederfetzen, Fäden, Näh- Ausweisfarben in die Rettungsboote (grüne Ausweise =
nadeln, Steine, Bambusrohre, Papierfische, drei Tüten grünes Boot). Rudern Sie so gut Sie können. Ich wünsche
mit verschiedenfarbigen Perlen, drei unterschiedliche Ihnen viel Glück.‹«
(Ur-)Früchte, genügend Papier, Kartons, Scheren, Obst,
Schokolade, Blei- bzw. Buntstifte, leere Flaschen (für
Flaschenpost), Korken.

14 Politik & Unterricht • 2/3-2006


Reinhold Weber/Hans-Georg Wehling (Hrsg.):
Baden-Württemberg. Gesellschaft, Geschichte, Politik.
Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs Bd. 34, Stuttgart 2006.

Seit seiner Gründung im Jahr 1952 ist Kultur und nicht zuletzt über Religionen
Baden-Württemberg einen erfolgreichen und Konfessionen in Baden-Württemberg.
Weg gegangen. Aber das Land hat auch
tiefgreifende Veränderungen erfahren – Der Grundlagenband zum „Ländle“
sei es in den Bereichen Föderalismus, versteht sich als Studienbuch und als
europäische Einigung oder durch die Nachschlagewerk.
Herausforderungen der Globalisierung
und des demografischen Wandels der Erhältlich gegen eine Schutzgebühr
deutschen Gesellschaft. von 6.50 EUR (zzgl. Versandkosten)
bei der Landeszentrale für
Namhafte Autoren bieten eine politische politische Bildung, Marketing,
Landeskunde zum deutschen Südwesten Stafflenbergstr. 38, 70184 Stuttgart
auf dem neuesten Stand. Grundlegend marketing@lpb.bwl.de oder über
informiert wird über Geschichte, Politik, www.lpb-bw.de/Shop.
politisches System und politische Kultur,
Geografie, Bevölkerung und Gesell-
schaft, Verwaltung, Wirtschaft, Bildung,

Reinhold Weber/Ines Mayer (Hrsg.):


Politische Köpfe aus Südwestdeutschland.
Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs Bd. 33, Stuttgart 2005.

Namhafte Politiker aus dem deutschen Die Beiträge belegen das Verdienst
Südwesten haben zwischen der Reichs- „politischer Köpfe“ aus Südwestdeutsch-
gründung 1870/71 und der Gründung land bei der Parlamentarisierung des
der Bundesrepublik die Geschicke Deutschen Reiches, bei der Begründung
Deutschlands beeinflusst. Ausgewiesene und Verteidigung der ersten deutschen
Experten porträtieren in diesem 316 Demokratie von Weimar, im Widerstand
Seiten starken Buch 30 Zeitzeugen und gegen die Hitler-Diktatur sowie beim
Akteure zweier Jahrhunderte, die auf Wiederaufbau der deutschen Demokratie
Reichs- bzw. Bundesebene nachhaltige nach 1945 und in der Bundesrepublik
Spuren hinterlassen haben – als Abge- Deutschland.
ordnete, Minister, Kanzler, Präsidenten
und als Protagonisten des Widerstands Das Buch ist gegen eine Schutzgebühr
gegen das NS-Regime. von 6.50 EUR (zzgl. Versandkosten)
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Bildung oder marketing@lpb.bwl.de
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Ein Angebot der Zentralen für politische Bildung

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möchte die Internet-Angebote aller (BAG) Politische Bildung Online Adressen und Angebote im Web im
Zentralen für politische Bildung unter gehören die Bundeszentrale für politische Bereich Politik und Bildung erfasst,
der gemeinsamen Web-Adresse Bildung sowie die Landeszentralen beschrieben und nach Themen sortiert
www.politische-bildung.de für politische Bildung der jeweiligen zugänglich.
zugänglich machen. Bundesländer an.
Im Bereich Link-Tipps …
Im Download-Bereich … werden zu jeweils aktuellen Themen
werden sämtliche derzeit online zur eine Auswahl an Link-Tipps zusammen-
Verfügung stehende Publikationen gestellt. Monatlich kommen 2–3 Themen
der Zentralen für politische Bildung hinzu bzw. werden überarbeitet und
verzeichnet. aktualisiert.

Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Politische Bildung Online


c/o Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg,
Stafflenbergstr. 38, 70184 Stuttgart
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Karl-Heinz Meier-Braun/Reinhold Weber (Hrsg.):


Kulturelle Vielfalt. Baden-Württemberg als Einwanderungsland.
Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs Bd. 32, Stuttgart 2005.

Baden-Württemberg hat traditionell den Gesellschaft künftig spielt, steht dabei


höchsten Ausländeranteil unter den deut- im Mittelpunkt. Der Band belegt: Baden-
schen Flächenländern. Fast 1,3 Millionen Württemberg ist als Einwanderungsland
Menschen aus mehr als 200 Nationen von kultureller Vielfalt geprägt.
der Erde leben im Südwesten. Die ersten
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tische Aspekte und einzelne Migranten-
gruppen in Vergangenheit und Gegen-
wart. Auch die Frage, welche Rolle
Zuwanderung mit Blick auf die demo-
grafische Entwicklung der deutschen
A • Demokratie im Alltag (er-)leben

Demokratie (er-)leben
Ein Prinzip in Gesellschaft und Politik

Texte und Materialien


für Schülerinnen und Schüler

2/3-2006

Baustein A Demokratie im Alltag (er-)leben


A 1– A 2 Was bedeutet Demokratie für Dich? 18
A 3– A 5 Entscheidungen in Familie, Clique und Klasse 20
A 6 Werte in der Demokratie 22

Baustein B Misch dich ein! Mitmachen in der Demokratie


B 1– B 4 Mitmachen in der Schule! 24
B 5– B 7 Mitmachen in der Gemeinde! 27
B 8 Mitmachen in den Jugendorganisationen der Parteien! 29
B 9 – B 10 Mitmachen bei Wahlen! 31

Baustein C Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen


C 1– C 2 Pluralismus der Meinungen, Interessen und Lebensstile 34
C 3– C 4 Parteien, Verbände, Interessengruppen 36
C 5 Lobbyismus 38
C 6 Fallbeispiel: Die Neue Messe in Leinfelden-Echterdingen 39

Baustein D Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben


D 1 Das Inselspiel: Wie soll Euer Staat gestaltet sein? 42
D 2 Gedanken über den besten Staat 44
D 3 Staatsformen: ein Überblick 49
D 4 Gewaltenteilung 50
D 5 Deutschland: eine parlamentarische Demokratie 51
D 6 Vier deutsche Bundeskanzler – vier politische Karrieren in der Demokratie 52
D 7 Die wehrhafte Demokratie: Freiheit und Sicherheit 56
D 8 –D 9 Rechtsstaat und Sozialstaat 57
D 10 – D 11 Medien in der Demokratie 59
D 12 – D 13 Beispiele für die Missachtung der Demokratie 60
D 14 – D 15 Was ist Demokratie? 62

Hinweis: Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg übernimmt keine Verantwortung für die
Inhalte von Websites, auf die in diesem Heft verwiesen oder verlinkt wurde.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 17


A • Demokratie im Alltag (er-)leben

A • Demokratie im Alltag (er-)leben


Materialien A 1 – A 6

A1 Einstellungen zur Demokratie und zur Politik

trifft voll trifft überhaupt


und ganz zu nicht zu
1. Jeder sollte das Recht haben, für seine Meinung einzutreten, auch wenn
die Mehrheit anderer Meinung ist.

2. Jeder Bürger, der das Wahlrecht hat, sollte auch wählen gehen.

3. Jeder Bürger hat das Recht, für seine Überzeugung


auf die Straße zu gehen.

4. Eine lebensfähige Demokratie ist ohne politische Opposition


nicht denkbar.

5. Auch wer in einer politischen Auseinandersetzung in der Mehrheit ist,


sollte einen Kompromiss mit der Minderheit suchen.

6. Ich glaube nicht, dass sich Politiker darum kümmern,


was Leute wie ich denken.

7. Eine starke Hand müsste mal wieder Ordnung in unseren Staat bringen.

8. Politik finde ich zu kompliziert.

9. In einer Demokratie müssen alle aufeinander Rücksicht nehmen.

10. Ich bin stolz auf unsere Demokratie.

Fragen nach: Jugend 2002. 14. Shell Jugendstudie, Frankfurt/M. 2002, S. 109.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU A 1

◗ Bildet in Eurer Klasse vier Gruppen und diskutiert die zehn gebnisse nun mit denen der Shell Jugendstudie von 2002.
Aussagen. Entscheide Dich anschließend ganz für Dich selbst Bei der Suche der Ergebnisse dieser Befragung von 2.500
und kreuze in der Tabelle an, was für Dich zutrifft oder was Jugendlichen in Deutschland ist Euch sicherlich Euer Lehrer
für Dich überhaupt nicht zutrifft. behilflich.
◗ Sammelt in Eurer Klasse die Ergebnisse der Fragebögen ◗ Führt eine Straßenumfrage durch und vergleicht die Ergeb-
und stellt die Ergebnisse grafisch dar. Vergleicht diese Er- nisse ebenfalls mit der Shell-Jugendstudie.

18 Politik & Unterricht • 2/3-2006


A • Demokratie im Alltag (er-)leben

A2 Was bedeutet Demokratie für Dich?

Liebe Jugendliche,

sicherlich habt Ihr schon viel von mir gehört und auch schon einiges über mich erfahren.
Schließlich lebt Ihr ja mit mir. Ja, Ihr habt richtig gehört! Ich bin es – Eure Demokratie!

Dort, wo ich auftrete, höre ich oft Kritik an mir. Zu langsam seien die Entscheidungen mit mir,
viele hätten keine Lust mehr, mit mir etwas zu unternehmen, zum Beispiel wählen zu gehen.
Und dann heißt es manchmal sogar noch, ich sei schuld an der hohen Arbeitslosigkeit und mit
mir könne man keine durchgreifenden Reformen verwirklichen.

Das geht doch zu weit, oder? Ich sitze jetzt etwas zerknirscht da und hoffe, dass Ihr mich ein
wenig aufmuntern könnt! Schreibt mir einen kurzen Brief und teilt mir doch mit, was ich Euch
bedeute und was Euch an mir wichtig ist!

Liebe Grüße
Eure Demokratie

Einige Schülerinnen und Schüler haben der Demokratie be-


reits geantwortet! Hier einige Auszüge aus den Briefen:

Liebe Demokratie, Liebe Demokratie,


ich finde es gut, dass es Dich gibt! Obwohl manches na- ich finde Dich gut, weil dank Dir die Bürgerinnen und
türlich besser sein könnte, z. B. mehr Unterstützung für Bürger, das Volk, durch eine freie Abstimmung entschei-
Familien oder Schwächere in der Gesellschaft, gefällt mir den, wer unser Land regieren soll. Und trotzdem wird die
an Dir besonders, dass Du allen Menschen, die mit Dir Minderheit nicht unterdrückt.
leben, die gleichen Rechte gibst. Schade, dass Dein Arm Thorsten A.
nicht noch weiter reicht, auch nach Afrika!
Sina B.
Liebe Demokratie!
Ich bin stolz auf Dich! Dank Dir kann ich überall meine
Hallo Demokratie, Meinung frei äußern, solange ich niemanden beleidige!
meine Mutter leitet seit kurzer Zeit ein Unternehmen. Ich Noa B.
finde gut an Dir, dass Du Dich um die Chancengleichheit
von Frauen und Männern bemühst, denn beide haben die
gleichen Rechte, auch bei der Berufswahl. Liebe Demokratie,
Lisa S. bitte sag doch den Leuten, dass sie sich wieder stärker
für ihre eigenen Rechte und für Dich einsetzen sollen.
Ich mache mir nämlich Sorgen, dass Du sonst gefährdet
Liebe Demokratie, sein könntest.
Demokratie heißt für mich Herrschaft des Volkes. Keine Herman B.
Unterdrückung und keine Tyrannei, wie wir sie aus dem
Geschichtsunterricht kennen. Das war nicht leicht durch-
zusetzen. Danke!
Maximilian Z.
ARBEITSAUFTRÄGE ZU A 2

Hallo Demokratie, ◗ Bildet Gruppen und sammelt alle Begriffe, die Euch zum
Du bist der Versuch eines Volkes, sich selbst zu regieren! Thema Demokratie einfallen. Verfasst nun einen Brief, in
Danke! dem Ihr darlegt, was unsere Demokratie für Euch persönlich
Franka Z. bedeutet.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 19


A • Demokratie im Alltag (er-)leben

A3 Demokratie in der Familie


Die Ausgangslage
In Familie Müller sind beide Elternteile berufstätig. Die meist am Sonntag, steht ein fest vereinbarter Familientag
Woche ist straff durchorganisiert und alle Familienmitglie- auf dem Programm. Dieses Wochenende ist eine Diskussion
der haben ihre festen Termine: Arbeit, Schule, Haushalt, darüber entbrannt, wie der gemeinsame Familientag gestal-
Vereine, Hobbys usw. An einem Tag in der Woche aber, tet werden soll ...

Die konträren Vorstellungen der Familienmitglieder (Problemstellung)


• Frau Müller möchte am Familientag gerne eine Wanderung • Martin Müller, der Sohn, möchte am Familientag seinen
in den nahegelegenen Bergen machen und anschließend besten Freund mit dabeihaben. Bei einer Fahrt mit dem
mit der Familie in ein beliebtes Ausflugslokal einkehren. Auto geht das aber nicht, weil schließlich auch der große
• Herr Müller möchte dagegen lieber den ganzen Tag in ein Hund der Familie mit dabei sein soll.
neu eröffnetes Automobilmuseum. Dort wird gerade eine • Franziska Müller, die Tochter, möchte bei dem schönen
Sonderschau von Oldtimern gezeigt, die nur noch eine Wetter zum Surfen an den See.
Woche lang zu sehen ist.

Wie könntest Du Familie Müller helfen?


Die Stimmung ist inzwischen so aufgeheizt, dass nur noch Müller gut befreundet. Wie würdest Du entscheiden? Welche
eine unabhängige Person von außen schlichtend eingreifen Überlegungen stehen hinter Deiner Entscheidung?
kann. Stell Dir vor, Du bist 30 Jahre alt und mit Familie

Wären das praktikable Lösungsvorschläge?


1. Der Familientag fällt aus. Jeder macht das, wozu er am Automobilmuseum. Dafür wird etwa eine Stunde einge-
meisten Lust hat. rechnet. Im Anschluss daran fahren alle gemeinsam zum
2. Der Familientag wird auf einen gemeinsamen Besuch in Ausflugslokal am Bergsee. Franziska kann hier surfen. Die
der Eisdiele am Vormittag verkürzt. Anschließend geht anderen Familienmitglieder wandern um den See, fahren
jeder seinen eigenen Interessen nach. Tretboot und fotografieren Franziska beim Surfen.
3. Jeder tut tagsüber das, wozu er am meisten Lust hat. 5. Die Familienmitglieder verzichten auf ihre individuellen
Abends treffen sich alle Familienmitglieder samt Freund Wünsche, um gemeinsam die Großeltern zu besuchen, die
des Sohnes am Grillplatz beim See. ihre Enkel schon lange nicht mehr gesehen haben.
4. Als Freundin oder Freund der Familie erklärst Du Dich
bereit, den Hund zu übernehmen. Die Familienmitglieder
– samt Freund des Sohnes – besuchen gemeinsam das

ARBEITSAUFTRÄGE ZU WEITEREN FAMILIENKONFLIKTEN

◗ Diskutiert die drei folgenden Konflikte und entwerft selbst Felix. Seinen Protest findet sie unangebracht und ärgert sich
Lösungsmöglichkeiten. Wie soll, nach Anhörung aller Argu- darüber so sehr, dass sie das Badezimmer abschließt und
mente, jeweils entschieden werden? Felix nur nach heftigem Klopfen die Tür öffnet.

1. Sarah ist 16 Jahre alt und hat einen Zwillingsbruder. Aus 3. Familie Serrano war letztes Jahr auf der Karibikinsel
Sicherheitsgründen wird Sarah von ihren Eltern strengstens Trinidad in Urlaub. In diesem Jahr ist die Haushaltskasse
verboten, später als 22 Uhr nach Hause zu kommen. Ihr Zwil- knapper. Vater und Mutter Serrano sprechen sich für einen
lingsbruder Leo kann dagegen mehr oder weniger tun, was Camping- und Wanderurlaub in Südtirol aus. Silvia, die Toch-
er will. Hier drücken die Eltern schon einmal beide Augen ter, protestiert heftig. Sie ist seit dem Trinidad-Urlaub eine
zu – er ist ja eine Junge, sagen sie. begeisterte Taucherin und schlägt vor, an die nordspanische
Küste zu verreisen, wo man die Ferienwohnung von Bekann-
2. Marina ist 15 Jahre alt und blockiert jeden Morgen eine ten mieten und wundervoll tauchen könnte. Juan, der Sohn,
Stunde lang das Badezimmer. Ihren jüngeren Bruder Felix, 13 möchte unbedingt nach Barcelona. Ihn fasziniert das bunte
Jahre alt, lässt sie immer nur ganz kurz ins Bad. Sie findet Treiben in der Geburtsstadt seiner Eltern.
es völlig in Ordnung, dass sie das Bad länger »braucht« als

20 Politik & Unterricht • 2/3-2006


A • Demokratie im Alltag (er-)leben

A4 In der Clique entscheiden


Szenario 1 Szenario 3
Die beiden Freundinnen Laura und Lisa feiern gemeinsam Du fühlst Dich eigentlich ganz wohl in Deiner Clique. Seit
ihren 15. Geburtstag. Sie laden ihre gesamte Clique ein. einiger Zeit benimmt sich ein Mitglied der Clique, Benjamin,
Die Eltern der beiden haben zugestimmt, dass sie zu Hause aber wie ein »Platzhirsch«. Er protzt mit den teuersten Kla-
feiern dürfen. Die Abmachung war aber, dass es auf dem Fest motten, er bekommt am meisten Taschengeld von allen und
keine alkoholischen Getränke geben darf. Als die Party in will neuerdings immer über die Köpfe der anderen hinweg
vollem Gange ist, kommen unangemeldet ältere Jungs hinzu entscheiden, was gemeinsam in der Clique unternommen
und bringen Alkopops mit ... werden soll ...

Szenario 2 Szenario 4
Eure Clique fährt in der Straßenbahn zum Live-Konzert. Die Die Clique um Martin und Kevin ist eine eingeschworene
Spannung steigt, die Vorfreude ist groß. Ihr bekommt mit, Gemeinschaft. Die Jugendlichen tragen die gleichen Marken-
wie zwei Jugendliche einen etwas sonderbar gekleideten, jeans und hören die gleiche Musikrichtung. Lukas, der erst
schmächtigen Jungen angreifen. Der Junge ist sichtlich ver- kürzlich in die Stadt gezogen ist, kommt neu in die Klasse. Er
ängstigt. Er versucht, in den vorderen Teil der Straßenbahn hat andere Vorlieben, legt keinen Wert auf Markenkleidung
zu gelangen, doch die älteren Jugendlichen versperren ihm und hört andere Musik. Mit Michael aus der Clique hat er
sowohl den Weg nach vorn zum Schaffner wie zu den Aus- sich schon angefreundet. Der Rest der Clique lehnt Lukas
gangstüren ... aber ab ...

ARBEITSAUFTRAG ZU A 4

Versetzt Euch in die vier beschriebenen Situationen. Begründet Eure Entscheidung ausführlich.
Wie würdet Ihr in Eurer Clique jeweils entscheiden?

A5 Entscheidungen in der Klasse treffen


Szenario 1 Szenario 2
In letzter Zeit beklagen sich vermehrt Schüler aus der Klasse In der Geschwister-Scholl-Schule ist es üblich, dass die Schü-
7b, dass ihnen Geld wegkomme. Die Schulleitung und auch ler alle zwei Jahre eine größere gemeinsame Fahrt unter-
die Eltern sind bereits informiert. Alle Schüler sind aufge- nehmen. Eine Jungengruppe von fünf Schülern möchte im
fordert, das »schwarze Schaf« herauszufinden. Eines Tages Winter auf eine Berghütte, um Snowboard zu fahren. Eine
kommt Jens während der Sportstunde in den Umkleide- andere, weniger sportliche Jungengruppe möchte lieber das
raum und sieht, wie Olaf im Rucksack eines seiner Klassen- Angebot einer heimischen Computerfirma annehmen, zu Hause
kameraden herumsucht und sich etwas einsteckt. Jens tritt bleiben und statt Schulunterricht an einem Computertraining
leise hinter Olaf, greift ihm in die Tasche und zieht einen teilnehmen. Eine Mädchengruppe möchte im Herbst auf einen
10-Euro-Schein heraus. Daraufhin gesteht Olaf unter Tränen, Bauernhof, wo auch Reiten mit eingeschlossen ist. Eine wei-
er brauche das Geld dringend für Nachhilfestunden. Seine tere, gemischte und politisch sehr interessierte Gruppe von
alleinerziehende Mutter habe nicht genug Geld, ihm diese zu Mädchen und Jungen möchte lieber nach Straßburg und dort
bezahlen. Er fleht Jens an, ihn nicht zu verraten. Schließlich das Europaparlament besuchen. Die Gruppe hat bereits Kon-
seien die beiden ja gut befreundet ... takt mit einem Europaparlamentarier aufgenommen ...

ARBEITSAUFTRÄGE ZU A 5

◗ Wie soll sich Jens in Szenario 1 verhalten? Sollte er auf ◗ Für welchen Vorschlag soll sich die Klasse in Szenario 2
jeden Fall die Klassenlehrerin oder die Schulleitung über entscheiden?
Olafs Diebstahl informieren? ◗ Wie soll die für alle Klassenmitglieder geltende Entschei-
◗ Sollte er Olaf auffordern, das Geld insgeheim zurückzuzah- dung getroffen werden?
len und dann die Sache auf sich beruhen lassen? ◗ Könnte vielleicht ein Kompromissvorschlag ausgearbeitet
◗ Sollte er die gesamte Klasse informieren oder nur den werden, der mehr oder weniger alle Schülerinnen und Schü-
Klassensprecher? Oder sollte er niemandem etwas sagen? ler zufriedenstellt?

Politik & Unterricht • 2/3-2006 21


A • Demokratie im Alltag (er-)leben

A6 Werte in der Demokratie


Holger Appenzeller
Burkhard Mohr
LpB Baden-Württemberg

22 Politik & Unterricht • 2/3-2006


A • Demokratie im Alltag (er-)leben
Gerhard Mester
Gerhard Mester

ARBEITSAUFTRÄGE ZU A 6

◗ Bildet pro Zeichnung eine Gruppe, also insgesamt fünf BEGRIFFE-LEXIKON


Gruppen in der Klasse. Beschreibt nun, was auf Eurer Zeich-
1. Mehrheit
nung zu sehen ist. Analysiert und interpretiert die Zeich-
nung. Was ist Eure Meinung dazu? Was könnte der Zeichner 2. Minderheit
aussagen wollen? 3. Kompromiss
◗ Ordnet nun Eurer Zeichnung Begriffe aus dem Begriffe- 4. Respekt / Wertschätzung
Lexikon zu. In dem Lexikon stehen schon ein paar Begriffe,
5. Zivilcourage
die in den Zeichnungen thematisiert werden. Ergänzt das
Lexikon um weitere Begriffe, die Ihr mit der Zeichnung Eurer 6. Gewaltverzicht
Gruppe in Verbindung bringt. 7. Volksherrschaft
◗ Durch Auslosen bekommt nun jedes Gruppenmitglied 8.
einen Begriff aus dem Lexikon zugewiesen. Jede Schülerin
9.
und jeder Schüler soll nun in eigenen Worten den zugelosten
Begriff erläutern. 10.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 23


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

B • Misch Dich ein! Mitmachen


in der Demokratie
Materialien B 1 – B 10

B1 Schülermitverantwortung an der Schule

P&U führte ein Interview mit Anna M. (15 Jahre) über die Anna M.: Im Moment kommen auf uns als SMV neue und
Rolle des Schülersprechers und über die Schülermitver- sehr wichtige Aufgaben zu. Ich denke da an das Leitbild
antwortung an einer Realschule in Baden-Württemberg. unserer Schule. Oder daran, dass Schulen Freiräume und
Möglichkeiten erhalten, eigene Schwerpunkte zu setzen. In
P&U: Welche Vorstellungen hattest Du beim Antritt Deines den Diskussionen der letzten Wochen ging es darum, unseren
Amtes als Schülersprecherin? Beitrag zum Leitbild zu leisten. Wir als SMV wollen uns dafür
einsetzen, dass Schüler sich gegenseitig akzeptieren und
Anna M.: Ich kannte die SMV-Arbeit ja schon aus meiner unterstützen. Die Art des Umgangs mit anderen Schülern
Zeit als Klassensprecherin. Schon damals konnte ich eini- und den Lehrern finden wir sehr wichtig. Ich glaube schon,
ges mitentscheiden, wie zum Beispiel eine Schülerdisko, dass wir als SMV im Moment sehr viel bewegen können – aber
die Ausgestaltung der Pausenhalle und die Hausaufgaben- das ist auch immer mit viel Arbeit verbunden, die eine Spre-
betreuung an unserer Schule. cherin alleine nur schwer leisten kann.

P&U: Wie hast Du Dein Amt wahrgenommen und welche P&U: Was für ein Typ von Mensch bist Du? Wie siehst Du
Ziele hattest Du? Dich selbst? Nimmst Du eher Anregungen auf oder wirst
Du lieber selber aktiv?
Anna M.: Als ich zur Schülersprecherin gewählt wurde,
kamen auf mich viele neue Aufgaben zu. Das Thema »rauch- Anna M.: Wenn ich eine Idee habe, dann will ich das durch-
freie Schule« hat zu vielen Diskussionen geführt. Und das ziehen. Ich mag es nicht, wenn mir dann jemand dazwi-
nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei den Lehrern. schenfunkt. Ich liebe es, etwas voranzubringen. Ich möchte
Ich wollte halt schon immer die Interessen der Schüler ver- auch später einmal etwas im Bereich Management machen.
treten. Das ist gar nicht so leicht. Fünft- und Sechstklässler Ich will etwas organisieren und zum Abschluss bringen.
sitzen oft nur schweigend da, während Vierzehn- oder Fünf-
zehnjährige schon viele Ideen haben. Vor einem halben Jahr P&U: Wie könnte man Deiner Meinung nach die Schüler-
wollten wir mal zusammen ein Fußballspiel organisieren. mitverwaltung verbessern?
Am Ende mussten wir es zu zweit durchziehen. Das erlebe
ich oft, aber es hat dann doch noch geklappt. Ich setze Anna M.: Schade ist, dass Schüler über die Arbeit der SMV
mich auch für eine Schulbibliothek ein, weil wir bis jetzt zu wenig wissen. Wenn die SMV-Mitglieder mal einen Ausflug
noch keine haben. Auf dem Pausenhof wollen wir einen machen oder auf eine Hütte gehen, wird von den Schülern
Basketballkorb aufstellen. Aber bis jetzt will noch niemand oft kritisiert, wie schön wir es doch hätten. Dabei ist es für
den Balldienst übernehmen. Für Hopsspiele sollen Felder uns so wichtig, dass wir mehr Zeit zum Diskutieren und Ent-
eingezeichnet werden, und für den Essensverkauf machen scheiden haben. Ich selber wäre auch bereit, nachmittags zu
wir zurzeit Vorschläge für ein besseres Angebot. einer SMV-Sitzung zu kommen. Aber halt nur ich oder wenige
andere. Wir bräuchten mehr SMV-Sitzungen und statt Einzel-
P&U: Wie hat sich Dein Bild Deines Amtes im Lauf der Zeit Doppelstunden. Eine Stunde braucht man ja schon, um ein
verändert? Meinst Du, dass Du wirklich etwas verändern Thema zu finden und gute Ideen auszutauschen.
konntest?

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B 1

◗ Was erfahrt Ihr über die Schülersprecherin Anna M.? No- ◗ Diskutiert das Thema »rauchfreie Schule« und die Frage,
tiert wichtige Stichpunkte aus dem Interview und stellt Euch welche Rolle die SMV dabei spielen könnte.
die Ergebnisse gegenseitig vor. ◗ Informiert Euch über das Leitbild Eurer Schule und macht
◗ Was wisst Ihr über die SMV-Arbeit an Eurer Schule? Führt Vorschläge, wie Ihr mit der SMV daran mitwirken könnt.
ein Interview mit Eurem Schülersprecher durch oder ladet Präsentiert Eure Ergebnisse anschließend auf einer Wand-
ihn oder sie in Eure Klasse ein. zeitung.

24 Politik & Unterricht • 2/3-2006


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

Die beste Schülerzeitung des Jahres 2006 heißt »Spongo« SPIEGEL ONLINE: Ein Job, den die Öffentlichkeit gerade
und kommt aus dem schwäbischen Nürtingen. Chefredak- dank Rütli-Schule und Co. nicht sehr positiv wahrnimmt.
teur Matthias Eberspächer, 19, über Schreiben in der
Provinz und seinen Traumberuf Lehrer: Bei uns haben Lehrer wenig Probleme mit den Schülern. Ich
habe ein positives Bild von dem Beruf, weil ich gerne Leuten
SPIEGEL ONLINE: Ihr habt sechs Top-Ten-Platzierungen etwas beibringe und Bildung ein faszinierendes Thema finde.
beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb belegt, unter Ähnlich wie Schülerzeitung. …
anderem bester Heftinhalt, bestes Layout, beste Repor-
tage – was ist das Erfolgsrezept von »Spongo«? SPIEGEL ONLINE: Und wie ist das bei Eurer Zielgruppe?

Wir sind ein eingespieltes Redaktionsteam von 10 bis 15 Wir haben 1.200 Schüler, eine Auflage von 750 und verkau-
Leuten, das seit der 9. oder 10. Klasse zusammen ist, sich fen davon etwa 600. Wir hoffen aber, dass wir durch Zweit-
langsam entwickelt hat und immer wieder durch Preise und leser etwa 90 Prozent der Schüler erreichen – wenn auch
kleine Erfolge hochgestachelt wurde. Der harte Kern ist auch nicht mit jeder Geschichte. Wenn ich mir anschaue, was es
gut befreundet, da verbringt man gerne Zeit miteinander. am ersten Tag jedes Mal noch für einen Ansturm gibt, kann
ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass das keine Zukunft
SPIEGEL ONLINE: Habt Ihr feste Hierarchien? haben soll. …

Ja, ein relativDieser Text kann


demokratisches aus urheberrechtlichen
Redaktionssystem. Gründen
Wir haben SPIEGEL nicht
Online vom 30. angezeigt werden.
Mai 2006 (Interview: David Böcking).
drei Chefredakteure mit eigenen Aufgabengebieten, Redak-
teure, die sich um jeweils eine Kategorie kümmern und
Leute für Layout und Werbung. Die Entscheidungen werden
gemeinsam getroffen, wobei die Chefredaktion schon die
Richtung vorgibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Eure Blattlinie aus?

Alle Themen, die Jugendliche beschäftigen, kommen in die


Zeitung. Wir müssen eigentlich nur schauen, was uns selbst
interessiert. ...

SPIEGEL ONLINE: Willst Du einmal Journalist werden?

Ich will vor dem Studium durch Praktika auf jeden Fall in
den Beruf reinschnuppern. Das ist ein Traum, aber es gibt
auch Alternativen. Zum Beispiel Lehrer.

B3 Schülerzeitung – fair berichten!


Szenario das Raucherzimmer. Ein Teil der Schülerschaft findet das
ungerecht. Du hast Dich als Redakteur Eurer Schülerzeitung
An Deiner Schule ist das Rauchen für Schüler strikt verbo- entschieden, dieses Thema aufzugreifen und einen Artikel
ten. Wer dennoch beim Rauchen erwischt wird, muss den zu schreiben.
Schulhof vom Müll reinigen. Für Lehrer gibt es dagegen

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B 2–B 3

◗ Recherchiert im Internet nach Schülerzeitungen, die eine ◗ Zu B 3: Verfasse einen Artikel für die Schülerzeitung, in
eigene Homepage haben. Vergleicht mit den Ansätzen und dem Du Dich auch mit der Vorbildfunktion von Lehrern
Ideen von »Spongo« in B 2. auseinandersetzt? Was musst Du alles beachten, um fair zu
◗ Was macht Eurer Meinung nach eine gute Schülerzeitung berichten?
aus? Erstellt eine Liste mit den wesentlichen Punkten.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 25


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

B4 Schulkleidung für alle?

Haupt- und Realschule. Das ganze ist nicht teurer als das
Outfit der Ketten »C & A« oder »H & M«, versichert Behre.

In Friesenheim trägt man nicht Uniform, sondern Schulklei-


dung. Die Schüler können ihre Kleidung frei wählen, jedes
Kind habe im Schnitt drei Kleidungsstücke, berichtet der
Rektor. Niemand ist verpflichtet, die Kleidung mit Logo zu
tragen. »Was taugt‘s, wenn ich nicht überzeugen kann«, sagt
Behre. Möglicherweise findet »Look« gerade deshalb immer
Winfried Rothermel

größeren Absatz, weil man sie freiwillig trägt. Die Schulklei-


dung wird bei einem bestimmten Händler im Ort verkauft.
Inzwischen denken die Projektmanager daran, in den großen
Pausen einen Kleiderstand in der Schule aufzumachen.

Rektor läuft Reklame Die Kleiderfrage ist kein Thema mehr an der Schule. Vor gut
»In dieser Saison trägt man kleinere Logos.« Schulleiter einem Jahr war das noch anders. Damals gab es zahlreiche
Günter Behre trägt zurzeit schwarz mit dem rosafarbenen Beschwerden, weil Schüler wegen ihrer Kleidung gehän-
Logo der Haupt- und Realschule Friesenheim, denn der selt wurden. Eine Umfrage ergab, dass fast ein Drittel der
Rektor läuft nach eigenem Bekunden Reklame. Schwarz und Schüler betroffen war. Andererseits waren viele Eltern nicht
Rosa sind die neuen Farben in der Kollektion »Look«, die an bereit, teure Markenkleidung zu kaufen. Warum also keine
der Schule bei Lahr seit gut einem Jahr angesagt ist. Jeder Schulkleidung? Schüler, Eltern und Lehrer stimmten ab,
dritte der 800 Schüler trägt inzwischen »Look«, der Rektor Musterkollektionen wurden präsentiert, die Schulkonferenz
sowieso, aber auch zahlreiche Lehrer. gab den Segen, das Projekt »Look« war geboren. Jetzt hat
die Identifikation der Schüler mit der Schule »extrem zuge-
»Look« ist an der Schule Programm. An Schuluniform erin- nommen«, sagt Behre. Man fühle sich wohl, das Zusammen-
nert die Kollektion nur entfernt. Es gibt Polo- und T-Shirts, gehörigkeitsgefühl sei deutlich gestärkt worden, man sei
Kapuzenpullis oder Rugby-Shirts, 16 verschiedene Klei- sogar stolz auf die Schule.
dungsstücke insgesamt, in Dunkelblau, Gelb, Rot oder eben
Schwarz, der Farbe der Saison. Unverzichtbar ist das Logo Stuttgarter Zeitung vom 9. Mai 2006 (Renate Allgöwer).
mit den ineinander übergehenden Buchstaben h, r und s, für

PRO: Argumente für einheitliche Schulkleidung CONTRA: Argumente gegen einheitliche Schulkleidung

»Bei dem vorherrschenden Markenzwang hätte dies für die »Schuluniformen machen alle Schüler gleich. Man kann
Schüler Vorteile, die kein Geld für Markenkleidung haben.« seinen eigenen Stil nicht mehr zeigen.«

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B 4

◗ Welche Argumente für eine Schulkleidung findest Du in eines gegen Schulkleidung. Sammelt in der Klasse oder in
dem Text? Gruppenarbeit weitere Argumente und führt eine Pro- und
◗ Wie kam die Entscheidung an der Schule in Friesenheim Contra-Debatte durch. Ihr könnt dann abstimmen und Euch
zustande? überlegen, wie Ihr vorgehen würdet, falls Ihr eine Schulklei-
◗ In der Tabelle findest Du jeweils ein Argument für und dung an Eurer Schule einführen möchtet.

26 Politik & Unterricht • 2/3-2006


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

B5 Jugendgemeinderäte: Die kommunale Vertretung Jugendlicher

Um Jugendliche stärker an die Politik heranzuführen, demo- von Schulhöfen, Skateanlagen, der Nahverkehr – insbeson-
kratische Spielregeln erfahrbar zu machen und gleichzeitig dere Nachtbusse und Tarife –, die Gestaltung und Erhaltung
ihre Interessen in kommunalpolitische Planungs- und Ent- von Jugendhäusern, politische und sonstige Veranstaltun-
scheidungsprozesse aufzunehmen, haben einige Kommunen gen, Umweltaktionen, Bandcontests und vieles mehr.
regelmäßig tagende Gremien eingerichtet, in denen Jugend-
liche die Anliegen ihrer Altersgruppe vertreten. In diesen Wie, wann und für wie lange ein Jugendgemeinderat ge-
Jugendgemeinderäten und Jugendräten ist eine politische wählt wird, ist von Kommune zu Kommune unterschiedlich.
Beteiligung möglich, die in mehreren Bundesländern ge- Das aktive und passive Wahlrecht haben in der Regel alle
setzlich vorgesehen ist. Diese kommunalen Einrichtungen Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren. Die Amtszeit be-
haben das Recht, zu Entscheidungen des Gemeinderats und trägt meist zwei Jahre. Die Anzahl der Ratsmitglieder, die
der Verwaltung angehört zu werden oder auch selbst An- überparteilich arbeiten, ist von der Größe der Kommune ab-
träge einzubringen. Inzwischen gibt es bundesweit annä- hängig. Alle Jugendgemeinderäte haben einen eigenen Etat
hernd 300 Jugendgemeinderäte, davon 90 allein in Baden- für Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen und Projekte.
Württemberg.
Weitere Informationen finden sich auf www.jugendgemein-
Ein großes Anliegen der rund 1.500 Jugendgemeinderatsmit- derat.de, der Homepage des Dachverbandes der Jugend-
glieder in Baden-Württemberg ist es, ihre Stadt für Jugend- gemeinderäte Baden-Württemberg.
liche attraktiver zu machen. Hierzu gehören beispielsweise
die Gestaltung und Einrichtung von Spiel- und Sportplätzen, Wolfgang Berger, Landeszentrale für politische Bildung Baden-
die Planung von Rad- und Verkehrswegen, die Umgestaltung Württemberg.

B6 Politik für Einsteiger

Politik? Bloß nicht! Damit kann doch niemand was anfan- Die größte Leistung des Tettnanger Jugendgemeinderats ist
gen, oder etwa doch? Lioba Fluhr findet Politik interessant. wohl der Partybus. Der fährt seit rund drei Jahren. Er sam-
So interessant, dass sie sich sogar im Jugendgemeinderat melt die Jugendlichen aus Tettnang und Umgebung zu ver-
in Tettnang engagiert. Zugegeben, alltäglich ist das, was schiedenen Uhrzeiten ein, um sie auf Veranstaltungen nach
die 17-Jährige macht, nicht. Sie verbringt viel Zeit damit, Ravensburg oder Friedrichshafen zu bringen. »Der Bus fährt
sich für den Jugendgemeinderat in Tettnang zu engagieren mindestens ein Mal im Monat. Je nachdem, was los ist«,
... Aber: Lioba findet es einfach interessant, sich mit Politik sagt Lioba. Die Resonanz ist gut: 100 bis 200 Leute pro Ver-
zu beschäftigen: »Ich denke mich gerne in die Probleme anstaltung werden so bequem und sicher durch die Gegend
rein, überlege, was es für Möglichkeiten geben könnte und kutschiert. Für drei Euro ist man dabei. Und noch dazu gibt
tausche mich gerne darüber aus.« es eine Kartengarantie. Heißt: Wer mit dem Partybus fährt,
bleibt nicht vor der Tür stehen. Ein besseres Beispiel dafür,
Im Tettnanger Jugendgemeinderat engagiert sich Lioba seit was rauskommen kann, wenn sich Jugendliche engagieren,
Herbst 2004 und ist eine der Vorsitzenden. 15 Mitglieder kann es wohl kaum geben. Auch wenn »viel Arbeit dahinter
zwischen 16 und 18 Jahren sind dabei. ... Bei ihren regelmä- steckt«, wie Lioba sagt. Telefonieren, Absprachen treffen,
ßigen Treffen sitzen die Schüler beisammen und überlegen, Plakate machen. ...
was sie für die Jugendlichen in Tettnang tun können. »Wir
wollen was machen, das interessant für die jungen Leute Schwäbische Zeitung vom 14. März 2006 (Nora Schmitt-
hier ist.« Konzerte, Motto-Partys oder andere Talentshows Sausen).
zum Beispiel.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B 5–B 6

◗ Welcher Jugendgemeinderat in Deiner näheren Umgebung ◗ Würdest Du Dich für den Jugendgemeinderat zur Wahl
hat einen eigenen Internetauftritt? Informiert Euch über stellen? Was spräche dafür und was dagegen?
seine Arbeit und berichtet in der Klasse. ◗ Überlege, warum sich Jugendliche nicht in (Partei-)Listen
◗ Welche Rechte haben die Jugendgemeinderäte? zusammenschließen, um zur Jugendgemeinderatswahl ge-
◗ Wie ist das Verhältnis von Jungen und Mädchen in diesem geneinander anzutreten.
Jugendgemeinderat?
◗ Beratet in Kleingruppen, für welche Aufgaben sich der
Jugendgemeinderat einsetzen sollte: für die Klasse, für Eure
Schule, für den Orts- oder Stadtteil?

Politik & Unterricht • 2/3-2006 27


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

B7 Jugendhaus Z: Für Dich – für andere!

ber diskutiert, wie die von uns geforderte Selbstverwaltung


auszusehen habe und mit welchen Mitteln wir auf uns und
unser Ziel aufmerksam machen könnten.

Auch wenn es bei uns keine Ämter gab, so kristallisierte


sich nach einiger Zeit doch eine Arbeitsteilung heraus: Es
gab einen Wortführer, eine Person, die Plakate aufhängte,
einige Leute, die für das Schriftliche zuständig waren – und
Jugendhaus Z, Freiburg

dann gab es noch jemanden, mit dem ich mich wöchentlich


auf die Haupteinkaufsstraße stellte, um mit einem Stand
Passanten auf unser Vorhaben aufmerksam zu machen. Wir
Aktiven waren so etwas wie ein fester Kern mit wechselnder
Besetzung. Machtansprüche gab es nicht – so etwas hätte
auch niemand geduldet.
Das Jugendzentrum, an dessen Entstehung Tanja Faller be-
teiligt war, heißt heute »Das Z« und wird von der Stadt Mehrfach trugen wir unser Anliegen dem Jugendamt vor,
Freiburg gefördert. Hier haben Jugendliche die Möglichkeit, bis ein Stadtrat auf uns aufmerksam wurde und sich für uns
sich zu treffen und ihre Freizeit zu gestalten. Sie organisieren einsetzte. Nachdem ich mehr als zwei Jahre an dem Projekt
Partys, Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen und mitgearbeitet hatte, verließ ich die Gruppe, da ich mich
vieles mehr (www.das-z.de). Tanja Faller, die heute Interna- nach meinem Abitur 1997 entschlossen hatte, für einige
tionale Beziehungen in Bologna studiert, berichtet von ihren Zeit nach Peru zu gehen, um dort mit Kindern zu arbeiten.
Erfahrungen: So erlebte ich auch nicht mehr, wie das Projekt zu einem
Verein wurde und es dann doch irgendwann Ämter gab. Mit
den meisten Leuten aus der Anfangszeit habe ich auch heute
Als ich in Freiburg in die elfte Klasse ging, begann ich mich noch Kontakt; nach meinem Wissen ist keiner mehr mit dem
mit einer Gruppe Gleichgesinnter für ein von Jugendlichen Projekt verbunden. Auch mich verbindet heute wenig mit
selbstverwaltetes Jugendzentrum in zentraler Lage zu enga- dem Jugendhaus. Es war uns schon früh klar, dass wir den
gieren. Anfangs bestand die Gruppe aus sechs Personen – bei Erfolg unserer Arbeit nicht mehr miterleben würden. Doch
einigen Treffen waren wir gar nur zu dritt. Ein geeigneter da wir selbst von den Erfolgen profitiert haben, die die
Ort war schnell gefunden: Eine Fußgängerunterführung in Jugendlichen vor uns erkämpft haben, betrachte ich das als
der Innenstadt war durch Ampeln abgelöst worden, sodass eine Art Generationenvertrag.
die Unterführung nicht mehr benötigt wurde. Unsere Gruppe
wuchs rasch auf über zwanzig Personen an. Schon bald trafen
sich die unterschiedlichsten Leute auf unseren wöchentli-
chen Zusammenkünften: Studenten, Mitglieder traditionel-
ler Jugendverbände wie den Pfadfindern und Leute, die sich
schon in anderen Jugendzentren engagierten, insgesamt
also eine alles andere als einheitliche Gruppe.

Wir waren in dieser Anfangszeit kaum organisiert – so gab


es keine Ämter oder formale Regeln. Manche Treffen waren
ziemlich chaotisch, doch die Gleichberechtigung unter-
einander war uns das wert. Wir trafen uns in einem Raum in
der Uni, der uns von der unabhängigen Studentenvertretung
zur Verfügung gestellt wurde. Die Studenten waren neben
den im Stadtjugendring organisierten Gruppen die einzigen,
die uns unterstützten. Bei unseren Treffen wurde heiß darü-

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B 7

◗ Was erfahrt Ihr in dem Text von Tanja Faller über die ◗ Informiere Dich über die Jugendzentren in Deiner Ge-
Schwierigkeiten bei der Gründung des Jugendhauses Z in meinde oder in Deiner näheren Umgebung. Wie sind sie
Freiburg. Wie haben die Jugendlichen damals diese Schwie- entstanden? Von wem wurden oder werden sie gefördert?
rigkeiten überwunden?

28 Politik & Unterricht • 2/3-2006


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

B8 Junge Menschen in der Politik: vier Interviews


Interview 1 – Junge Union Baden-Württemberg (JU) den unterschiedlichsten Themen, erarbeiten auf Sitzungen
Thomas Bareiß wurde 1975 in Albstadt-Ebingen geboren. politische Forderungen und diskutieren leidenschaftlich. Zur
Nach Realschule, Wirtschaftsgymnasium und Wehrdienst JU gehört aber genauso auch das Fußballturnier, das Musik-
studierte er Betriebswirtschaftslehre an der Berufsakademie festival, die Kinonacht oder die Studienreise.
Ravensburg. Danach arbeitete er für ein Textilunternehmen
in Meßstetten. Mit 15 Jahren ist er der Jungen Union (JU) P&U: Wie kann man sich bei der Jungen Union engagie-
in Baden-Württemberg beigetreten. Seit 2002 ist er ihr ren und ist man dann gleich auch Mitglied der »großen«
Landesvorsitzender. Neben zahlreichen anderen politischen CDU?
Ämtern ist er seit Herbst 2005 auch Mitglied des Deutschen Mitglied der Jungen Union kann jeder im Alter zwischen 14
Bundestags. (www.ju-bw.de) und 35 Jahren werden, der sich zu unseren Grundsätzen und
Zielen bekennt. Wir sind zwar eine Vereinigung der jungen
P&U: Herr Bareiß, die Junge Union wirbt auf ihrer Home- Generation in der CDU, aber wir sind politisch und organi-
page mit »party & politics«. Politik wird oft als trockene satorisch selbstständig. Man kann somit Mitglied in der JU
Angelegenheit gesehen. Wie sind Sie selbst zur Politik sein, ohne gleich der »großen« CDU beitreten zu müssen.
gekommen und wieso macht es Spaß, sich bei der JU zu Gerade vor Ort kann man einiges erreichen, in einem Aus-
engagieren? schuss des Gemeinderats oder als Ratsmitglied. JU-Mitglie-
Das Diskutieren hat mir schon immer viel Spaß gemacht, der bringen z. B. Ideen ein, wenn um das Kulturangebot oder
zuerst in der Schule und dann in der Politik. Mit 14 Jahren um Sportstätten gestritten wird. Auch im Landtag wirken
war ich zum ersten Mal bei einer JU-Veranstaltung. Ich fand Freunde aus der JU mit. Gerade in der Schul- und Hochschul-
es wahnsinnig spannend, mich zu informieren und zu disku- politik oder bei der Förderung der Jugendarbeit geht es um
tieren. Später bin ich dann in die JU eingetreten und wurde die Anliegen junger Leute. Im Bundestag wirkt die »Junge
nach vier Jahren auch Mitglied der CDU. In der JU habe ich Gruppe« in der CDU/CSU-Fraktion als Jugendlobby und auch
gelernt, meine eigenen Ideen direkt in die politische Arbeit im Europäischen Parlament finden sich Mitglieder der JU.
einzubringen. In meiner Heimatstadt waren wir eine super
Truppe. Es hat Spaß gemacht, sich mit Freunden zu engagie- Wir sind christlich-demokratisch und liberal, weil wir für die
ren, politische Ideen zu entwickeln und für ihre Durchset- Grundrechte des Bürgers und seine Freiheit eintreten; sozial,
zung zu streiten. Ich wollte meine Zukunft selbst in die Hand weil wir uns für alle Menschen, vor allem für die Schwä-
nehmen, weil ich lieber handle als behandelt zu werden. cheren, einsetzen; konservativ und fortschrittlich, weil wir
Gerade als junger Mensch muss man sich in Entscheidungs- Bewährtes nur durch Neues ersetzen wollen, wenn wir das
prozesse einbringen, schließlich sind wir später von diesen mögliche Neue als besser erkannt haben. Wir wollen damit
Entscheidungen unmittelbar betroffen. Das ist Arbeit. Klar, Motor einer ständigen Erneuerung in den Unionsparteien
politische Bildung gehört dazu. Wir machen Seminare zu sein, sachpolitisch und personell.

Interview 2 – Junge Liberale Baden-Württemberg (JuLis) Wehrpflicht. Und vor Ort kann jeder viel bewegen. Bei uns
Der 1987 in Waldbronn geborene Leif Schubert fand mit 16 sind über 1.100 junge Menschen organisiert – und wir wach-
Jahren zu den Jungen Liberalen. Nach mehreren politischen sen weiter. Jeder zwischen 14 und 35 Jahren ist aufgerufen,
Ämtern setzte er sich Anfang 2006 als jüngster Landesvor- die Interessen unserer Generation mit kreativen Ideen und
sitzender in der Geschichte des Verbandes durch. Neben mit offener Diskussion zur Geltung zu bringen – Mitmachen
seiner politischen Tätigkeit besucht er die Oberstufe eines ist die Devise. Schließlich beginnt ja auch der längste Weg
Karlsruher Gymnasiums. (www.julis.org) mit dem ersten Schritt.

P&U: Herr Schubert, wie wollen die JuLis die Interessen P&U: Warum heißt für Sie Politik alles andere als Lange-
junger Menschen in der Politik umsetzen? weile und Stillstand?
Zunächst einmal brauchen wir die aktive Auseinanderset- Bei uns sind sehr unterschiedliche Ansichten vorhanden.
zung mit den Jugendlichen selber. Dazu bieten wir Seminare So ist es immer spannend, individuelle Sichtweisen von der
und Diskussionsabende an. Von Aktionen wie Bungee-Jum- Außen- bis zur Umweltpolitik zu diskutieren. Und wenn es
ping zum Thema »Die Zukunft der Jugend hängt am sei- mal richtig kontrovers zur Sache geht, dann schätzen wir
denen Faden« bis zur Lesung von Freiheitstexten auf dem erst recht jede Meinung. Spannend wird es auch, wenn man
Marktplatz oder einer netten Kneipentour erlebt man bei dann irgendwann selbst auf dem Podium sitzt und merkt,
uns lustige Momente und lernt interessante Leute kennen. dass man mit guten Argumenten und etwas Leidenschaft
Außerdem tragen wir unsere Vorstellungen in unsere überzeugen und weiterkommen kann – gegen jede Art von
Seniorenorganisation, die FDP, hinein. Hier ist die politische Stillstand. Persönlich kann ich nur immer wieder staunen,
Umsetzung durch Mandatsträger, durch eine gute Pressear- wie schnell man Dinge umsetzen kann, wenn man bereit ist,
beit und durch den Ruf der JuLis als »liberales Gewissen« für eine Idee – bei uns z. B. die der Selbstbestimmung und
schon häufig geglückt, z. B. beim Thema Abschaffung der Freiheit – einzustehen.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 29


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

Interview 3 – Jungsozialisten (Jusos) Kontakt mit jungen Menschen zu treten. Als Juso muss man
Roman Götzmann ist 24 Jahre alt und lebt in Waghäu- auch nicht automatisch Mitglied der »großen« SPD sein.
sel bei Karlsruhe. Nach Abitur und Zivildienst studiert er Bei uns können alle interessierten Jugendlichen und junge
seit 2002 an der Universität Mannheim Politikwissenschaft, Erwachsene ab 14 und bis zum 35. Geburtstag mitmachen.
Öffentliches Recht sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Und die Mitgliedschaft ist übrigens kostenfrei.
Nach zwei Jahren im Juso-Landesvorstand ist er 2006 zum
Landesvorsitzenden gewählt worden. Außerdem ist er in P&U: Ist das Verhältnis der Jusos zur SPD immer »Friede,
verschiedenen Gremien der SPD tätig. (www.jusos-bw.de) Freude, Eierkuchen«? Wie verschaffen sich die Jusos in
der SPD Gehör?
P&U: Herr Götzmann, wie versuchen die Jusos in Baden- Die Jusos verstehen sich als inhaltlicher Antriebsmotor der
Württemberg junge Menschen für Politik zu begeistern? SPD. Da bleiben Reibungen und Auseinandersetzungen mit
Junge Menschen sind gar nicht politikverdrossen, sondern der Mutterpartei nicht aus – ja, sie sind auch durchaus
in vielfältiger Weise für unsere Gesellschaft tätig. Sie wollen gewünscht. Zudem sind viele Jusos auch in der SPD aktiv.
sich aber zunehmend projektbezogen engagieren, etwa im Unsere Positionen machen wir dabei sowohl intern, in den
Kampf gegen Rechtsextremismus oder gegen Kriege. Hierfür entsprechenden Gremien also, wie auch öffentlich über Ver-
bieten wir ihnen entsprechende Angebote. Denn Politik darf anstaltungen oder Pressemitteilungen deutlich. Gerade was
sich nicht in abgeschiedenen Nebenzimmern abspielen, son- die Entwicklung neuer Konzepte angeht, tut sich die SPD
dern muss wahrnehmbar sein. Daher sind wir mit Veranstal- bisweilen schwerer als andere Parteien, Althergebrachtes
tungen und Aktionen im ganzen Land präsent und werben über Bord zu werfen. Hierbei sind die Jusos gerne behilflich
für unsere Positionen: Abschaffung von Studiengebühren, und scheuen auch nicht die Auseinandersetzung. Ein gutes
Kampf gegen Rechtsextremismus, mehr Ausbildungsplätze, Beispiel hierfür ist unser erfolgreicher Kampf innerhalb der
Einführung einer Gemeinschaftsschule nach skandinavischem Landes-SPD für die Forderung nach der Abschaffung der
Vorbild. Zudem versuchen wir, über unsere Internetseite in Wehrpflicht in Deutschland.

Interview 4 – Grüne Jugend Baden-Württemberg anderen Jugendorganisationen mit 35 Jahren halten wir für
Iris Britta Weible wurde 1980 in Bietigheim-Bissingen ge- deutlich zu hoch, weil man in diesem Alter schon lange bei
boren. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur den »Erwachsenen« zu sehen ist.
Bankkauffrau/Finanzassistentin. Heute arbeitet sie im
Bereich der Baufinanzierung. Seit April 2003 ist sie Mit- P&U: Was hat Sie dazu gebracht, sich politisch zu enga-
glied im Landesvorstand der Grünen Jugend. Im April 2005 gieren?
wurde sie zur Landesvorsitzenden gewählt. Außerdem ist sie Ich engagiere mich politisch, weil es um die Zukunft von
Vorsitzende des Ortsverbands Stuttgart-Mitte der Grünen. uns jungen Menschen geht. Was heute entschieden wird,
(www.gjbw.de) damit müssen wir morgen leben. Deshalb müssen wir junge
Menschen uns einmischen und mitentscheiden. Auch wenn
es manchmal nicht so scheint, aber es lässt sich doch viel in
P&U: Frau Weible, die Grüne Jugend wirbt mit dem Slogan der Politik bewegen, wenn man sich zusammenschließt. Es
»jung – grün – stachelig«. Warum »stachelig«? ist wichtig, sich in einer Demokratie politisch zu engagieren,
Obwohl viele unserer Mitglieder auch Mitglied bei den auch um rechtsextremen Bewegungen entgegenzutreten. Im
Grünen sind, sind wir immer kritisch gegenüber unserer Vordergrund steht für mich aber der Umweltschutz, weil
Mutterpartei. Natürlich arbeiten wir zusammen, aber wir die Natur unser wichtigstes Gut ist. Genauso wichtig ist
sparen nicht an Kritik, wenn es nötig ist. Deshalb nennen die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Die
wir uns stachelig, weil wir selbstständig denken und die Grüne Jugend ist die einzige Jugendorganisation, die eine
Politik hinterfragen. Wir haben unseren eigenen Kopf und weibliche Landesvorsitzende hat und die ihre Ämter quotiert
zeigen dies auch. Zum Beispiel haben wir bei der Diskussion besetzt. Und dass dabei der Spaß nicht zu kurz kommt,
um die Studiengebühren deutlich gemacht, dass wir anderer versteht sich ja fast von selbst: Zeit für Partys, neue Leute
Meinung sind als die Mutterpartei. Auch bei anderen Themen kennenlernen, gute Unterhaltungen und auch mal einfach
arbeiten wir so gegen den Mainstream und wollen langfristig nur zusammen in die Kneipe – das gehört natürlich dazu.
überzeugen. So kann sich bei der Grünen Jugend jeder junge Und auch Bildungsfahrten lassen sich mit Spaß verbinden!
Mensch unter 28 Jahren engagieren. Die Altersgrenze der

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B 8

◗ Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede bei ◗ Könntest Du Dir vorstellen, Dich auch in einer Jugend-
den Jugendorganisationen der Parteien lassen sich aus den organisation einer Partei zu engagieren? Begründe Deine
Aussagen der vier jungen Politiker erkennen? Meinung.

30 Politik & Unterricht • 2/3-2006


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

B9 Ältere Wähler gewinnen an Einfluss


Gerhard Mester

Die Macht der älteren Wähler wächst. 60 Prozent der Menschen der unter 30-Jährigen machten von ihrem Wahlrecht Ge-
im Alter über 60 Jahren haben sich bei der letzten Landtags- brauch, während von den über 60-Jährigen etwa 60 Prozent
wahl in Baden-Württemberg im März 2006 beteiligt. Bei den an die Wahlurne gingen. ... Von den potenziellen Erstwäh-
unter 30-Jährigen gab nur jeder dritte seine Stimme ab. lern beteiligten sich 41 Prozent.

Die Entwicklung ist eigentlich nichts Neues. Weil die Ge- Auch im Wahlverhalten von Frauen und Männern haben die
sellschaft im Südwesten immer älter wird, hat sich auch Statistiker Unterschiede herausgefunden. So waren Männer
die Altersstruktur der Wahlberechtigten verändert. Während weitaus häufiger an den Wahlurnen zu finden als Frauen.
1980 die Gruppe der unter 30-Jährigen und die der über Dieses Auseinanderklaffen wird vor allem bei den unter 30-
60-Jährigen anteilsmäßig dicht beieinander lagen, verschob Jährigen und den über 60-Jährigen deutlich. ...
sich das Bild bei der Landtagswahl 2006 deutlich: Der Anteil
der Älteren betrug 31 Prozent und war damit knapp doppelt Stuttgarter Nachrichten vom 19. April 2006 (Hilmar Pfister).
so hoch wie der der Jüngeren (16 Prozent).

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum die »politische
Einflussnahme der Älteren deutlich zugenommen hat«, wie
es Gisela Meister-Scheufelen, die Präsidentin des Statisti-
schen Landesamtes, ausdrückte. So blieb die Beteiligung der
jüngeren Wahlberechtigten zusätzlich unter dem niedrigen
Gesamtdurchschnitt von 53,4 Prozent. Nur rund 33 Prozent

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B 9

◗ Sammle die Informationen im Text B 9 und stelle sie gra- ◗ Warum ist es wichtig, dass in der Demokratie möglichst
fisch dar: Wie sieht die Wahlbeteiligung der unter 30-Jähri- viele Bürgerinnen und Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch
gen und die der über 60-Jährigen bei der Landtagswahl 2006 machen?
im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt der Wahlbeteiligung ◗ In manchen Ländern gibt es eine Wahlpflicht. Wer wahl-
aus? berechtigt ist, muss zur Wahl gehen und kann nur aus ganz
◗ Überlegt Gründe für die schwache Wahlbeteiligung der besonderen Gründen fernbleiben. Diskutiert die Idee einer
jungen Generation bei der Landtagswahl 2006. Sammelt Wahlpflicht in Deutschland. Was spräche dafür, was dage-
diese und diskutiert in der Klasse, was dagegen getan werden gen?
könnte.
◗ Analysiert und interpretiert die Karikatur. Worauf möchte
der Zeichner hinweisen?

Politik & Unterricht • 2/3-2006 31


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie

B 10 Kinder an die Wahlurnen: Sollen Kinder und Jugendliche wählen dürfen?

Drei unterschiedliche Auffassungen zum Wahlrecht für sage ich. Unsere Kinder und Jugendlichen sind alles andere
Kinder und Jugendliche: Das folgende Gespräch ist eine als die Pechvögel der Politik. Denn sie haben ja Eltern. Ich
erfundene Diskussion zu der Frage, ob Kindern und Ju- setze mich von daher vehement dafür ein, dass die Eltern
gendlichen altersunabhängig das Wahlrecht zugestanden das Wahlrecht für ihre Kinder einnehmen, bis diese alt genug
werden sollte. sind, ihre Interessen eigenständig zu vertreten.

Christina Ostelli, 16 Jahre, ist die neu gewählte Schulspre- Peter Höffer: Heranwachsende und Kinder können sich bei
cherin der Albert-Einstein-Realschule. Sie ist politisch sehr uns nun wirklich nicht beklagen, dass es ihnen schlecht
engagiert. In ihrer Freizeit arbeitet sie bereits seit Jahren bei gehe. Vergleichen Sie doch mal die Leistungen unseres Staa-
einer Tierschützergruppe mit, neuerdings auch beim Deutschen tes für Kinder und Jugendliche mit denen anderer Staaten.
Kinderhilfswerk (DKHW). Sie ist der Ansicht, dass Kindern das Wo denn auf der Welt wird so viel für unsere jungen Mitbür-
Wahlrecht ohne Altersgrenze gegeben werden müsse. ger getan wie bei uns.

Peter Höffer, 44 Jahre, ist Rechtspfleger am Vormundschafts- Ein Kinderwahlrecht zu fordern mag ja theoretisch noch
gericht. Der Witwer ist Vater dreier schulpflichtiger Kinder und einleuchtend sein. Aber wie sieht die Praxis aus?
Vorsteher der Freiwilligen Feuerwehr seines Heimatdorfes. Er
ist ein strikter Gegner der Wahlrechtsausweitung. Peter Höffer: In letzter Konsequenz hieße das ja: Säuglinge
an die Wahlurnen! Soll denn ein Wahlhelfer entscheiden
Carla Siebert-Krehn, 33 Jahre, verheiratet, ist Mutter von müssen, ob das Geschrei, das der Säugling anstimmt, ein
12-jährigen Zwillingssöhnen. Sie ist als Innenarchitektin teil- hohes C ausdrückt. Das wäre dann das Votum für die CDU/
zeitbeschäftigt und ist die Elternsprecherin der 7. Klasse der CSU. Was nach einem S klingt, aha, eine Stimme für die SPD.
Albert-Einstein-Realschule. Zusammen mit ihrem Mann hat sie Greift das Baby nach dem grünen Ball, Grünen-Partei. Nimmt
außerdem eine bundesweite, internetgestützte Bewegung ge- es stattdessen etwas Gelbes in die Hand, dann hat die FDP
gründet, die sich dafür einsetzt, dass Kinder und Jugendliche einen Jungwähler für sich gewonnen. Ich halte die ganze
ein größeres politisches Gewicht erhalten. Debatte für blanken Unsinn.

Warum sollen Ihrer Meinung nach Kinder und Jugendliche Christina Ostelli: Also, um das mal klarzustellen: Kinder-
das Wahlrecht erhalten? rechtsverfechter sind keine Idioten! Wenn ein Kind wählen
will, meldet es sich beim Wahlleiter des Wahlbezirks und
Christina Ostelli: Kinder und Jugendliche machen etwa lässt sich in die Wählerliste eintragen.
20 Prozent der Bevölkerung aus. Im Gegensatz zu anderen
Bevölkerungsgruppen werden sie aber unzureichend berück- Carla Siebert-Krehn: Mit Polemik, Herr Höffer, kommen wir
sichtigt. Ihre Interessen zählen nicht. Sie haben ja keine nicht weiter. Niemand will, dass Säuglinge oder Kleinkinder
Wahlstimme. Warum sollten sich die vom Volk gewählten wählen gehen sollen. Ich betone noch einmal: Die Eltern er-
Politiker für eine Gruppe einsetzen, die keine Wahlstimme halten die Wahlstimmen ihrer Kinder und vertreten mit deren
hat? In einer Demokratie muss grundsätzlich gelten, dass Stimmen in bester Absicht das Kindeswohl. Nur so gelangen
alle, die von politischen Entscheidungen betroffen sind, sich wir zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft.
auch am Zustandekommen dieser Entscheidungen beteiligen
können. Und das geschieht nun mal durch Wählen. Deshalb Soll es denn gar keine Altersgrenze geben?
ist das Wahlrecht für Kinder und Jugendliche so wichtig.
Christina Ostelli: Nein. Wer wählen gehen will, der geht
Peter Höffer: Willst Du damit sagen, Christina, dass alle wählen.
Kinder uneingeschränkt wählen gehen sollen? Willst Du
Kinder, die am liebsten draußen herumtollen und mit ihren Peter Höffer: Ein fünf- oder sechsjähriger Knirps als Wähler?
Freunden zusammensein wollen, in politische Diskussionen Bei so viel Realitätsverlust geht mir der Gaul durch.
hineindrängen? Dass sie von Dingen reden müssen, die sie
überhaupt nicht verstehen? Politik ist ein wichtiger Bereich Christina Ostelli: Einige Wahlrechtsverfechter schlagen ein
der Erwachsenenwelt. Die Welt der Kinder ist eine ganz Wahlrecht ab sieben Jahren vor. Aber was ist, wenn ein
andere. Wir Erwachsenen müssen die Kinder vor Überforde- Sechsjähriger kommt, der auch mitwählen will. Warum soll
rungen schützen. Also: Schluss mit dem Unfug, dass Kinder man den dann ausschließen?
und Jugendliche zu kleinen Politikern verbogen werden.
Peter Höffer: Mein jüngster Sohn ist sechs. Der interessiert
Carla Siebert-Krehn: Der Anspruch einer parlamentarischen sich dafür, wie die Feuerwehr einen Brand löscht. Ob die
Demokratie ist doch, dass das Parlament die unterschiedli- Mehrwertsteuer heraufgesetzt wird oder nicht, das lässt den
chen Bevölkerungsgruppen widerspiegelt. Wählen können völlig kalt. Dafür fehlt ihm halt auch noch jedes Verständ-
bei uns aber nur diejenigen, die über 18 Jahre alt sind. Wer nis.
jünger oder gar noch sehr jung ist, hat Pech gehabt. Nein,

32 Politik & Unterricht • 2/3-2006


B • Misch Dich ein! Mitmachen in der Demokratie
Burkhard Mohr

Carla Siebert-Krehn: Oh je, wenn nur noch diejenigen wählen Beeinflussbarkeit von Kindern und jungen Menschen nicht
dürften, die was von der Welt verstehen, dann könnte bei eine Riesengefahr?
uns vielleicht nur noch jeder Zehnte wählen.
Carla Siebert-Krehn: Die Gefahr einer starken Beeinflus-
Sollen Kinder und Jugendliche mit dem Wahlrecht eine sung von Kindern sehe ich auch. Deshalb sollen ja die Eltern,
völlige Gleichstellung mit den Erwachsenen erlangen? die den Durchblick haben, nach bestem Wissen und Gewissen
für ihr Kind entscheiden.
Carla Siebert-Krehn: Nein. Wenn Jugendliche straffällig
werden, sollen sie auf keinen Fall nach dem weit strenge- Christina Ostelli: Es gibt auch erwachsene Kind-Menschen,
ren Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt werden, sondern wie die ganz von ihren Gefühlen gesteuert sind. Doch sobald
bisher auch nach dem Jugendstrafrecht. man 18 ist, interessiert das nicht mehr. Ich behaupte jetzt
mal, dass der Durchschnittswähler bei so komplizierten
Christina Ostelli: Und bis zum Alter von 14 Jahren sollen Sachen wie Wirtschaft und Globalisierung kaum was checkt,
Kinder wie bisher natürlich straffrei sein. und dass die meisten Leute rein nach Gefühl abstimmen.

Peter Höffer: Also, das geht nicht. Wer mitentscheidet, der Carla Siebert-Krehn: Vielleicht hast Du damit Recht, Chris-
ist auch voll verantwortlich. Dann müssten Kinder halt auch tina. Darüber muss ich noch mal nachdenken. Ob wir Erwach-
in den Knast, wenn sie was verbrochen haben, genauso wie senen immer so vernunftbetont handeln, wer weiß ...?
Erwachsene. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.
... Wer von Ihnen möchte noch das Schlusswort sprechen?
Christina Ostelli: Widerspruch. Das eine hat mit dem an-
deren nichts zu tun. Frau Siebert-Krehn, ich sehe ein Prob- Peter Höffer: Darf ich? Kinder wissen, wie man Geld aus-
lem darin, wenn Kinder und Jugendliche nicht persönlich gibt, aber sie wissen nicht, wie der berufliche Alltag aus-
abstimmen können. Wenn das die Eltern für sie machen, sieht und wie man Geld verdient. Sie haben keine Ahnung
ist das für mich ein Übergriff. Die Eltern stimmen dann vom Arbeitsleben und von Wirtschaft. Ihr Lebensbereich ist
so ab, wie sie es für richtig halten. Das Kind hätte viel- die Familie, die Schule, Freunde. Bei Wahlen geht es aber
leicht anders abgestimmt. Das nenne ich eine Familien- auch um das Einschätzen von internationaler Politik, von
diktatur. ... Maßnahmenkatalogen gegen Terror und Krieg, es geht um
sehr komplexe und schwierige Themen. Ich könnte mir aber
Kindsein heißt ja auch, noch nicht so festgelegt zu sein vorstellen, dass Kinderbeiräte auf kommunaler Ebene schon
wie ein Erwachsener. Offen sein, sich beeinflussen lassen. eine Rolle spielen könnten. Vor allem, wenn es um den
Heute möchte das Kind vielleicht Weltraumfahrer werden, Ausbau von Kinderspielplätzen geht oder um die Sicherheit
morgen Fußballer, übermorgen Fassadenkletterer, je nach- der Schulwege. Und ich denke, bei diesem letzten Punkt sind
dem, was es gerade besonders beeindruckt. Ist diese leichte wir alle einer Meinung.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU B 10

◗ Bildet drei Gruppen und arbeitet folgende Positionen in Gruppe einen Sprecher für Eure Position. Bestimmt nun in
dem Text B 10 aus: 1. das Kinderwahlrecht; 2. das Eltern- Eurer Klasse einen Moderator und führt selbst eine Podiums-
wahlrecht; 3. das derzeit geltende Wahlrecht. Wählt in Eurer diskussion zum Thema Wahlrecht durch.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 33


C • Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen

C • Entscheidungen in der pluralistischen


Gesellschaft treffen
Materialien C 1 – C 6

C1 Pluralismus in der Gesellschaft


picture-alliance/dpa

picture-alliance/dpa
picture-alliance/HB-Verlag

picture-alliance/Godong
picture-alliance/dpa

picture-alliance/dpa

ARBEITSAUFTRÄGE ZU C 1

◗ Was ist auf den sechs Fotos in C 1 jeweils dargestellt? Was schen Gesellschaft zu tun? Welche Assoziationen rufen die
haben diese Fotos mit einer demokratischen und pluralisti- Bilder bei Euch hervor?

34 Politik & Unterricht • 2/3-2006


C • Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen

C2 Interessengruppen in der demokratischen Gesellschaftsordnung


Burkhard Mohr

»Ich« ist die Einzahl (Singular) und »wir« ist die Mehr- In einer modernen Gesellschaft konkurrieren eine Vielzahl
zahl (Plural). Das ist aus dem Deutschunterricht be- verschiedener Gruppen und Organisationen um Einfluss.
kannt. Pluralismus hat also mit vielen Menschen, mit Man nennt diese Gruppen auch intermediäre Gruppen, weil
Gruppen und mit der Gemeinschaft zu tun. Und dort, wo sie zwischen den Bürgerinnen und Bürgern einerseits und
es viele Menschen gibt, gibt es auch viele Meinungen und den Staatsorganen andererseits agieren und eine vermit-
unterschiedliche Interessen. telnde Funktion haben. So wie die Staatsgewalt zwischen
den Organen des Staates aufgeteilt ist, so sollen auch
In der Demokratie spielen viele unterschiedliche (plurale) diese Gruppen und Organisationen ihre Macht gegensei-
Meinungen eine wichtige Rolle. Pluralismus bedeutet, dass tig begrenzen. Im Idealfall steht einer bestimmten Orga-
man die Meinungen, Interessen, Hoffnungen und Ziele an- nisation eine gleich mächtige Gegenorganisation gegen-
derer achtet und respektiert. Das ist im Zusammenleben der über. Wenn auf der einen Seite zum Beispiel die Verbände
Menschen wichtig, aber auch im Verhältnis zwischen den der Arbeitgeber stehen, so stehen auf der anderen Seite die
Bürgern und dem Staat. Unsere politische Ordnung ermutigt Vertretungen der Arbeitnehmer, die Gewerkschaften.
dazu, dass sich Menschen in unterschiedlichen Einrichtun-
gen zusammenschließen oder als Interessengruppe gemein- Da diese Gruppen fast notwendigerweise miteinander in
sam für ihre Interessen eintreten. Das können Parteien, Ver- Konflikt geraten, stellt der freiheitliche Rechtsstaat den
bände, Vereine, Kirchen, Gewerkschaften oder auch Bürger- Ordnungsrahmen und die Regeln für die friedliche Lösung
initiativen sein. Weil niemand anderen seine Meinung oder solcher Konflikte zur Verfügung. Voraussetzung dafür ist,
Überzeugung aufzwingen darf, haben diese Einrichtungen dass alle Betroffenen die Grundregeln und die Institutio-
– so wie der Einzelne auch – das Recht auf Meinungsfrei- nen des Rechtsstaates akzeptieren. Weil es ja darum geht,
heit. Eine pluralistische Demokratie ist offen für viele Ideen gesellschaftliche Konflikte politisch zu lösen und zu einer
und Vorstellungen, auch wenn sie nur von einer kleinen Einigung zu gelangen, ist der Kompromiss ein Wesensmerk-
Minderheit vertreten werden. Allerdings dürfen diese Ideen mal der pluralistischen Demokratie.
und Vorstellungen das Toleranzgebot des demokratischen
Staates nicht gefährden.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU C 2

◗ Bildet in Eurer Klasse Gruppen: 1. Taubenliebhaber gegen sollen bei Verstößen gegen das von Euch entwickelte Recht
Taubenfütterungsgegner; 2. Abtreibungsgegner gegen Be- gelten?
fürworter einer Legalisierung von Abtreibungen; 3. Auto- ◗ Als Interessenvertreter wählt Ihr aus Eurer Mitte jeweils
bahnbefürworter gegen Umweltschützer. Um Eure jeweili- einen Politiker. Er oder sie entscheidet am Ende Eures inte-
gen Interessen möglichst wirkungsvoll vertreten zu können, ressengeleiteten Vortrags, wie verfahren werden soll. Wessen
solltet Ihr Euch vorab gut über den jeweiligen Sachverhalt Interessen sollen ganz oder teilweise oder überhaupt nicht
und die Rechtslage informieren. Entwerft nun auf Geset- berücksichtigt werden? Kann die von Eurem »Politiker« ver-
zesblättern Gesetze, um einen friedlichen Konfliktaustrag tretene Lösung als »gute Politik« (»good governance«) be-
Eurer Interessengruppen zu gewährleisten. Welche Strafen zeichnet werden?

Politik & Unterricht • 2/3-2006 35


C • Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen

C3 Parteien und Verbände

PARTEIEN VERBÄNDE

Definition

(1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung Ein Verband ist eine auf Dauer angelegte Vereinigung von
des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung Personen, Gruppen, Unternehmen oder Institutionen zur or-
muss demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen ganisierten Interessenvertretung gegenüber Dritten, d. h.
über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über gegenüber konkurrierenden Vereinigungen, staatlichen Ein-
ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben. richtungen, Parteien und der Öffentlichkeit.
(2) Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten
ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokra- Gruppen, die sich spontan zusammenschließen, um für einen
tische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen bestimmten Zweck zu demonstrieren, sich danach jedoch
oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu ge- wieder auflösen, werden von dieser Definition nicht er-
fährden, sind verfassungswidrig. Über die Frage der Verfas- fasst.
sungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfassungsgericht.

Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Art. 21, Abs.


1 und 2).

Handlungsfelder

• betätigen sich in allen politischen Bereichen • betätigen sich in einzelnen politischen Bereichen
(z. B. Wirtschaft, Verkehr, Umwelt)
• bündeln unterschiedliche Interessen zu einer gesell-
schaftlichen Gesamtkonzeption • artikulieren besondere Einzelinteressen und versuchen,
diese durchzusetzen
• nehmen an Wahlen teil
• sprechen eventuell Wahlempfehlungen aus
• beteiligen sich an der Regierung oder arbeiten in der
Opposition • versuchen, Einfluss auf die Regierung und auf die
Verwaltung zu nehmen
• sind umfassend am politischen Prozess beteiligt
• sind nur begrenzt am politischen Prozess beteiligt
• sind zur innerparteilichen Demokratie verpflichtet
• sind nicht zur innerverbandlichen Demokratie
verpflichtet

• wahren und fördern die Arbeits-, Lebens- und


Wirtschaftsbedingungen

Kurzformel

Parteien handeln unmittelbar politisch Verbände handeln mittelbar politisch


in allen Politikbereichen. in einzelnen Politikbereichen.

Handlungsfelder nach: d@dalos (internationaler UNESCO-Bildungsserver).

ARBEITSAUFTRÄGE ZU C 3

◗ Beschreibe in eigenen Worten, was eine Partei und was ◗ Wäre der örtliche Sportverein in Deiner Gemeinde ein
einen Verband ausmacht. Was unterscheidet eine Partei von Verband im Sinne der oben stehenden Definition?
einem Verband?

36 Politik & Unterricht • 2/3-2006


C • Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen

C4 Verbände und Interessengruppen

Die Deutsche Gesellschaft für Verbandsmanagement e. V. Arbeit und Wirtschaft: ca. 7.600 Verbände
(DGVM) gibt für Deutschland rund 14.000 Verbände an. Diese Gesellschaft und Politik: ca. 1.800 Verbände
sind nicht mit den rund 540.000 eingetragenen Vereinen in Freizeit und Kultur: ca. 1.000 Verbände
Deutschland zu verwechseln. Die DGVM teilt die deutschen Bildung und Wissenschaft: ca. 1.300 Verbände
Verbände in fünf Handlungsfelder auf: Gesundheit und Soziales: ca. 2.300 Verbände

Sechs Beispiele:

Der BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie e. V.) Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bezieht Position
ist der Spitzenverband der deutschen Wirtschaft. Er vertritt im Interesse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ge-
die Interessen der deutschen Industrie gegenüber den poli- genüber den politischen Entscheidungsträgern, Parteien und
tisch Verantwortlichen in Deutschland, Europa und weltweit. Verbänden in Deutschland, aber auch international. Dem
Er umfasst 35 Mitgliedsverbände mit mehr als 100.000 Un- DGB gehören acht Einzelgewerkschaften und damit insge-
ternehmen, die über 8 Millionen Menschen beschäftigen. samt über sieben Millionen Beschäftigte an.
(www.bdi-online.de) (www.dgb.de)

Greenpeace ist eine internationale Organisation, die kreativ Im Deutschen Mieterbund (DMB) sind rund 330 örtliche
und gewaltfrei auf weltweite Umweltprobleme hinweist und Mietervereine zusammengeschlossen. Während der Deutsche
versucht, Lösungen für diese Probleme durchzusetzen. Seit Mieterbund vor allem Öffentlichkeitsarbeit und die politi-
1971 setzt sich Greenpeace für den Schutz der Lebensgrund- sche Arbeit übernimmt, führen die örtlichen Mietervereine
lagen ein. Weltweit hat die von Regierungen, Parteien und konkrete Rechtsberatung für Mitglieder durch, z. B. wenn
wirtschaftlichen Interessengruppen unabhängige Organisa- diese Probleme mit ihrem Vermieter haben. Der Deutsche
tion etwa 2,8 Millionen Mitglieder, davon über 500.000 in Mieterbund setzt sich aber z. B. auch für den Wohnungsbau
Deutschland. ein.
(www.greenpeace.de) (www.mieterbund.de)

Im Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) haben sich rund amnesty international (ai) ist eine weltweite Mitglieder-
50.000 Menschen in Deutschland zusammengetan, um die organisation, die sich für die internationale Durchsetzung
Rechte der Kinder zu stärken und um Kinder stark zu machen. der Menschenrechte einsetzt. Auf der Grundlage der Allge-
Der Kinderschutzbund wendet sich aktiv gegen jede Form meinen Erklärung der Menschenrechte wendet sich ai gegen
von Benachteiligung, Diskriminierung und Ausgrenzung schwerwiegende Verletzungen der Rechte eines jeden Men-
nicht nur von Kindern, sondern von allen Menschen. Der schen auf Meinungsfreiheit, auf Freiheit von Diskriminierung
Kinderschutzbund spürt Missstände auf, will die politisch sowie auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Weltweit
Verantwortlichen und die Verwaltung zum Handeln bewegen hat ai etwa 1,8 Millionen Mitglieder. In Deutschland sind
und packt selber aktiv an. es rund 75.000.
(www.dksb.de) (www.amnesty.de)

ARBEITSAUFTRÄGE ZU C 4

◗ Welchem der fünf oben genannten Bereiche sind die vorge- ◗ Sucht nach weiteren großen Verbänden aus Bereichen, die
stellten Verbände zuzuordnen? Recherchiert in Gruppen über hier nicht ausgewählt wurden. Gibt es einen Verband, den
die Verbände, über ihre Arbeitsweise und ihre Ziele. Stellt Ihr besonders interessant oder wichtig findet?
»Euren« Verband in der Klasse vor. ◗ Welche Gründe könnten Bürgerinnen oder Bürger, ein Un-
◗ Sucht nach Beispielen, wie die genannten Verbände und ternehmer oder ein Naturschützer haben, einem Verband
Interessengruppen versuchen, Einfluss auf die Öffentlichkeit beizutreten?
und auf politische Entscheidungsprozesse zu nehmen. Wie
unterscheiden sich die Vorgehensweisen der Verbände?

Politik & Unterricht • 2/3-2006 37


C • Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen

C5 Lobbyismus
Gerhard Mester

Das englische Wort »Lobby« bezeichnete ursprünglich die der verlängerte politische Arm der einzelnen Bürger. Oft
Vorhalle des englischen Parlaments. Dort konnten Abgeord- sind die Vertreter der Interessengruppen auch ausgewiesene
nete mit Personen sprechen, die keine Parlamentarier waren Experten, auf deren Ratschlag die Politiker Wert legen.
und deshalb nicht in den Sitzungssaal durften.
Die Notwendigkeit von Interessenverbänden und ihrer po-
»Lobby« heißt aber auch Interessenvertretung in der Politik. litischen Aktivität ist in der parlamentarischen Demokra-
Der Zusammenschluss von Personen oder Organisationen tie unabdingbar. Doch der Lobbyismus ist auch umstritten,
zur Vertretung gemeinsamer Interessen gegenüber Dritten denn in der Macht der Verbände liegen auch Gefahren. So
ist also eine Lobby. So können ein Wirtschaftszweig, ein kann es bedenklich sein, wenn einzelne große Verbände
Sportverband oder auch die Autofahrer eine Lobby haben. einen übermäßigen Einfluss erringen. Auch arbeiten nicht
Eine Person, die für eine solche Interessengruppe arbeitet, alle Verbände im Lichte der Öffentlichkeit – ihre Kontrolle ist
ist demzufolge ein Lobbyist. deshalb nicht immer gewährleistet und eventuell kann sich
eine Gegenlobby nicht rechtzeitig äußern. Oft wird deshalb
Lobbyismus hat im Wesentlichen drei Merkmale: die Infor- von der »Herrschaft der Verbände« gesprochen, die die Aus-
mationsbeschaffung, den Informationsaustausch sowie die richtung der Politik am Gemeinwohl hindere. So kann es zu
Einflussnahme auf Entscheidungsträger. Zu den wirkungs- Ungleichgewichten kommen, wenn sich manche Interessen
vollsten Instrumenten der Lobbyisten gehört die Einfluss- verstärkt gegenüber anderen durchsetzen können. Wer also
nahme auf die öffentliche Meinung über die Medien. eine »gute Lobby« hat, hat vielleicht bessere Chancen, in
der Politik »gehört« zu werden.
Ohne die Mitwirkung organisierter Gruppen kann kein Kom-
promiss zwischen den verschiedenen Interessen des Volkes
gefunden werden. Bürger brauchen die Möglichkeit, sich in
Gruppen zu organisieren, um ihre Beteiligung am politi-
schen Geschehen wirksam zu machen. Lobbys sind deshalb

ARBEITSAUFTRÄGE ZU C 5

◗ Beschreibt in eigenen Worten, was Lobbyismus ist. Welche ◗ Analysiert und diskutiert die Karikatur. Auf welches Prob-
Funktionen hat der Lobbyismus? lem will der Karikaturist mit seiner Zeichnung aufmerksam
◗ Warum ist Lobbyismus in der pluralistischen Gesellschaft machen?
und in der parlamentarischen Demokratie wichtig? Warum
kann der Lobbyismus aber auch negative Auswirkungen
haben?

38 Politik & Unterricht • 2/3-2006


C • Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen

C6 Fallbeispiel: Neue Messe Stuttgart

Mai 2006: Der Blick auf die Baustelle


der Neuen Messe in Leinfelden-Echter-
dingen bei Stuttgart, die zurzeit größte
Baustelle in Deutschland.
Projektgesellschaft Neue Messe GmbH & Co. KG

Die Ausgangslage

Im Jahr 1993 beginnt in Baden-Württemberg die Suche nach terdingen stimmt kurz darauf erneut gegen das Vorhaben.
einem optimalen Standort für eine neue Landesmesse. In der Im Dezember 1998 verabschiedet der Landtag von Baden-
Folge werden 94 Standorte nach wirtschaftlichen, verkehrs- Württemberg mit 81:57 Stimmen das sogenannte Landes-
technischen und ökologischen Gesichtspunkten untersucht. messegesetz. In Einklang mit dem Grundgesetzartikel 14
Als klarer Favorit geht das Gebiet auf den Fildern bei Lein- sieht das Landesmessegesetz vor, dass eine Enteignung der
felden-Echterdingen, in der Nähe von Stuttgart, hervor. Der Grundstückseigentümer im öffentlichen Interesse und für
Gemeinderat von Leinfelden-Echterdingen lehnt den Messe- die Zwecke des Baus und Betriebs der Messe zulässig ist.
bau jedoch im Januar 1997 ab. Wenig später gründen Bürger
der anliegenden Gemeinden sowie Ortsvereine von Parteien, Ende Oktober 2001 beginnt das sogenannte Planfeststel-
Vereine und Verbände das Aktionsbündnis »Die Filder leben lungsverfahren. Eine solche Baugenehmigung ist für Groß-
lassen« gegen den Messebau. projekte gesetzlich vorgeschrieben. Federführend ist dafür
das Regierungspräsidium Stuttgart verantwortlich. In den
Im Mai 1998 gründen die Stadt Stuttgart, das Land Baden- Rathäusern der umliegenden Gemeinden liegen die Pläne für
Württemberg und der Verband Region Stuttgart die »Projekt- den Bau der Neuen Messe aus. Die Bürgerinnen und Bürger
gesellschaft Neue Messe«. Ihr Auftrag ist die Planung und können nun die Pläne sowie die rund 2.100 Textseiten ein-
der Bau der Neuen Messe. Der Gemeinderat Leinfelden-Ech- sehen und ihre Einwände gegen das Projekt äußern.

Die wichtigsten Argumente …

... der Befürworter der Neuen Messe: ... der Gegner der Neuen Messe:

◗ Das alte Messegelände auf dem Stuttgarter Killesberg ist ◗ Baden-Württemberg ist ein gut versorgtes Messeland. Eine
zu klein. Die alte Messe liegt für Besucher und Anlieferer neue Landesmesse in Stuttgart ist deshalb nicht nötig.
verkehrsungünstig mitten in Stuttgart. Stuttgart braucht, ◗ Der hochwertige Filderboden fällt der Neuen Messe zum
um als Messe- und Wirtschaftsstandort attraktiv zu sein, Opfer. Zahlreiche Landwirte sind betroffen. Es geht um die
eine neue, moderne und größere Messe mit guter Verkehrs- Zukunft der Landwirtschaft auf den Fildern insgesamt.
anbindung. ◗ Die Verkehrs- und Lärmbelastung der unmittelbaren An-
◗ Die Neue Messe schafft und sichert Arbeitsplätze (Messe- wohner auf den Fildern nimmt weiter zu.
betrieb, Handwerker, Gastronomen, Hoteliers usw.). ◗ Umweltschützer kritisieren den Flächenverbrauch der
◗ Die Neue Messe ist ein Imagegewinn für Stuttgart und für Neuen Messe in einer Gegend, die mit Autobahn und Flug-
ganz Baden-Württemberg. hafen den Tieren und Pflanzen immer weniger Raum lässt.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 39


C • Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen

Die wichtigsten Argumente der Beteiligten und Betroffenen


PRO CONTRA
◗ Die Projektgesellschaft Neue Messe ist für den Neubau ◗ Die Gemeinde Leinfelden-Echterdingen, auf deren Ge-
der Messe in Leinfelden-Echterdingen. Die alte Messe sei markung das neue Messegelände liegt, ist gegen die Neue
zu klein und nicht ausbaufähig. Die Neue Messe soll mehr Messe, weil sie zusätzlich zum Flughafen weitere Lärm- und
Umsatz, mehr Internationalität, einen Imagegewinn und Verkehrsbelästigungen für die Anwohner befürchtet. Außer-
höhere Steuereinnahmen für die Stadt und die Region Stutt- dem sollen die Gemeinde selbst und Landwirte aus der Ge-
gart, aber auch positive Auswirkungen auf die Wirtschaft des meinde Grundstücke abtreten, im Zweifel per Enteignung.
ganzen Landes bringen. ◗ Zahlreiche Landwirte, Grundstücksbesitzer und Anwoh-
◗ Zahlreiche Handwerker und Dienstleister (z. B. Gastro- ner auf den Fildern sind gegen die Neue Messe, weil sie
nomen) in der Umgebung sind für die Neue Messe. Sie teilweise Land verkaufen oder ihren ganzen Hof aufgeben
erhoffen sich einen wirtschaftlichen Aufschwung, also neue müssen. Die Existenz der Landwirte auf den Fildern ist da-
Aufträge und Gäste. durch gefährdet.
◗ Auch die Betreiber des Stuttgarter Flughafens sind für ◗ Das Aktionsbündnis zur Rettung der Filder ist gegen
den Bau der Messe. Sie hoffen, dass die Neue Messe weitere die Neue Messe, weil in der schon stark bebauten Gegend
internationale Gäste ins Land lockt, die dann vielleicht mit weitere Natur verbraucht wird. Es setzt sich auch für die
dem Flugzeug nach Stuttgart kommen. Bürger und Landwirte ein, denen eine Enteignung droht.
◗ Mehrere Gemeinden in näherer und auch weiterer Um- ◗ Umweltschutzverbände wie der BUND und der Natur-
gebung befürworten den Bau der Messe. Sie erhoffen sich schutzbund (NABU) kritisieren vor allem, das Land könne
Gäste und eine bessere Erreichbarkeit für Investoren. Die Ge- den für den Bau der Messe nötigen Eingriff in Natur und
meinden sehen sich als den »Vorgarten der Metropolregion Landwirtschaft nicht ausgleichen, weil die Gegend auf den
Stuttgart« und rechnen mit wirtschaftlichen Vorteilen. Fildern bereits so stark verbaut sei.

FRAGEN
◗ Sammelt die Argumente der unterschiedlichen Interessen- www.leinfelden-echterdingen.de, www.schutzgemeinschaft-
gruppen und tragt sie in die Tabelle ein. Bildet nun zwei filder.de oder www.nabu-bw.de.
Gruppen: eine mit Befürwortern der Neuen Messe und eine ◗ Versucht nun, in einer Pro- und Contra-Debatte zu einer
mit Gegnern des Projektes. Sammelt weitere Argumente und Lösung zu kommen. Wie könnte ein Kompromiss aussehen?
vertieft Eure Position. Weitergehende Informationen findet
Ihr z. B. unter www.landesmesse.de, www.fildermesse.de,

Projektgesellschaft Neue Messe

Handwerker und Dienstleister in der Umgebung

Gemeinden in der näheren und weiteren Umgebung

Betreiber Flughafen Stuttgart

Gemeinde Leinfelden-Echterdingen

Landwirte, Grundstücksbesitzer und Anwohner auf den Fildern

Schutzgemeinschaft Filder e. V.

Naturschutzverbände

40 Politik & Unterricht • 2/3-2006


C • Entscheidungen in der pluralistischen Gesellschaft treffen

Die Entscheidung

Die Entscheidung für den Bau der Neuen Messe ist eine lang- 35 Millionen Euro zu bekommen. Im August 2004 kommt
wierige politische und auch juristische Auseinandersetzung. dann die Wende: Der Gemeinderat beschließt mit großer
Letztendlich aber wird die Messe gebaut. Sie soll im Frühjahr Mehrheit den Verkauf der städtischen Grundstücke. Auch die
2007 teilweise und endgültig im September 2007 eröffnet meisten Bauern – rund achtzig Betroffene – schließen sich
werden. Die Entscheidungen im Einzelnen: an und verkaufen ihr Land.

Das Regierungspräsidium Stuttgart genehmigt im März 2003 Im Januar 2004 leitet das Regierungspräsidium Stuttgart
mit dem Planfeststellungsbeschluss den Bau der Messe. Die die Enteignungsverfahren gegen diejenigen Grundeigentü-
betroffenen Bauern und Anwohner auf den Fildern schöpfen mer ein, die einen freiwilligen Verkauf ablehnen. Im Sommer
ihre Rechtsmittel aus. Zwischen Dezember 2000 und August des Jahres nimmt jedoch einer der klagenden Bauern ein
2004 entscheiden mehrere Gerichte, dass sowohl die Plan- Angebot an und verkauft seine Flächen. 12 Hektar davon
feststellung als auch das Landesmessegesetz rechtmäßig liegen im Messegelände, der Rest steht als Ersatzfläche
sind. Im Sommer 2006 sind jedoch noch zwei Verfassungs- für die anderen betroffenen Landwirte zur Verfügung. Die
beschwerden am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe an- klagenden Landwirte, die Projektgesellschaft Neue Messe
hängig, bei denen noch nicht entschieden war, ob sie das und das Land Baden-Württemberg besiegeln schließlich den
höchste deutsche Gericht überhaupt annimmt. Verkauf und somit die endgültige Einigung im Messestreit.
Am 1. September 2004 beginnen Bagger mit dem Abtragen
Im Januar 2004 lehnt der Gemeinderat von Leinfelden-Ech- des Oberbodens. Erneut demonstrieren etwa 100 Personen
terdingen das Angebot des Landes und der Stadt Stuttgart friedlich gegen den Messebau. Wenig später erfolgt der erste
ab, für Lärmschutz und ökologische Ausgleichsmaßnahmen Spatenstich für das Bauprojekt.

Folgende Kompromisse wurden eingegangen

Bei einem solchen Großprojekt sind gesetzliche Maßnahmen Die betroffenen Landwirte und Grundstücksbesitzer wurden
vorgeschrieben, um die Eingriffe in die Natur auszugleichen, finanziell und mit Tauschflächen entschädigt. Als finanzielle
sogenannte naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen. Entschädigung bekamen die Landwirte ihren Boden weit
Das können Ausgleichsflächen oder ökologische Maßnahmen über dem Verkehrswert bezahlt. Für den Erhalt des landwirt-
sein. Aus der Sicht der betroffenen Landwirte besteht dabei schaftlichen Anbaus erhielten sie Ersatzflächen. Zusätzlich
immer das Problem der Doppelbelastung. Denn zum einen bringt die Installation einer neuen Beregnungsanlage auf
wird landwirtschaftliche Fläche für den Messebau selbst be- 100 Hektar Fläche eine Verbesserung für die Landwirte, weil
nötigt, zum anderen aber auch für die vorgeschriebenen damit der Ertrag pro Hektar gesteigert werden kann.
Ausgleichsmaßnahmen. Den Interessen der Grundstücks-
besitzer soll deshalb so nachgekommen werden, dass mög- Außerdem wurde im August 2004 eine Strukturkommission
lichst intensive Ausgleichsmaßnahmen mit beschränkter zur Sicherung der Landwirtschaft auf den Fildern eingerich-
Flächenausdehnung getroffen werden. tet. Ihr gehören Vertreter der Gemeinden auf den Fildern,
des Verbandes der Region Stuttgart, der Landesmesse, des
Dieser Interessenausgleich wurde bei der Stuttgarter Messe Flughafens, der landwirtschaftlichen Berufsvertretungen
gefunden. Durch das »Trittstein-Konzept« wurden Grund- und der Landesregierung an. Die Betreibergesellschaft der
stücksflächen so angeordnet, dass die Tierwelt möglichst Messe wird zu einer Ausgleichsabgabe verpflichtet. Vorran-
geschont bleibt. So reichen 12 Hektar Ausgleichsfläche, die gig sollen die Gelder dort eingesetzt werden, wo der Eingriff
in ihrer ökologischen Wirkung aber einer weit größeren in die Natur erfolgt ist. Insgesamt geht es aber darum, Pro-
Fläche entsprechen. Dies wiederum kommt den Landwirten jekte mit dem größten ökologischen Effekt zu fördern. So
entgegen. Das wichtigste Ziel wurde also erreicht: Den Er- erhält die Gemeinde Leinfelden-Echterdingen einen Anteil
fordernissen der Umwelt Rechnung tragen und zugleich die der Ausgleichsabgabe für ein neues Naturschutzgebiet auf
betroffenen Landwirte so weit als möglich schonen. ihrer Gemarkung.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU C 6

◗ Vergleicht das Ergebnis Eurer Pro- und Contra-Debatte mit ◗ Kennt Ihr ein anderes Beispiel aus Eurer näheren Umge-
dem tatsächlichen Ergebnis. Wo unterscheiden sich Eure bung, wo sich ein ähnlicher Nutzungskonflikt ergeben hat?
Lösungsansätze von den tatsächlich gefundenen Kompro- Wie wurde dort verfahren?
missen?
◗ Wurden bei dem Bau der Neuen Messe alle Stimmen gehört
und alle Interessen der Beteiligten berücksichtigt?

Politik & Unterricht • 2/3-2006 41


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D • Demokratie als Staats- und


Herrschaftsform erleben
Materialien D 1 – D 15

D1 Das Insel-Spiel: Wie soll Euer Staat gestaltet sein?


Illustration: Burkard Pfeifroth, Reutlingen
Grafik: 8421medien.de

42 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

Name
m/w Alter Nation

Geschwister Beruf
Ehestand Hobbys
Kinder Kleidung

ROLLENBIOGRAFIE

◗ Welche Person möchtest Du gerne sein? Schreibe diese Informationen auf und gestalte Deinen Inselausweis.

Vier Flaschenpostbeispiele

1. EMPFÄNGER: INSEL DER GESETZLOSEN 2. EMPFÄNGER: INSEL DER GELDLOSEN

Bei Eurer Ankunft seid Ihr auf der Insel ohne Gesetze und Auf Eurer Insel gibt es kein Geld. Perlen könnten als Wäh-
Regeln. rung zum Bezahlen von Waren und Arbeit dienen.

Wie werden bei Euch Gesetze gemacht? Perlen als Geld?


Wer bestimmt, welche Gesetze gelten sollen? Ist das möglich?
Wie regelt Ihr die Arbeitsaufteilung und die Freizeit? Wer verwaltet das neue Geld?
Welche Regeln gelten für Männer, Frauen und Kinder? Wie viel Arbeitsentgelt bzw. Lohn wird bezahlt?
Wem gehört was? Was ist Privatbesitz, was gehört allen? Was kostet ein Stück Holz, was kostet ein Fisch?
Welche Grundrechte haben die Menschen auf Eurem Insel-
abschnitt?
Welche Gesetze gelten für die Umwelt (Wasser, Luft, Pflan-
zen, Tiere)?

◗ Diskutiert und entscheidet! Überlegt genau und bedenkt ◗ Diskutiert und entscheidet! Schreibt die Regeln für die
die Folgen. Schreibt dann die Gesetze sorgfältig auf die Bezahlung von Löhnen und für die Preise (Holz, Fisch
angeschwemmten Kartonbögen. usw.) sorgfältig auf die angeschwemmten Kartonbögen.

3. EMPFÄNGER: INSEL DER ARBEITSLOSEN 4. EMPFÄNGER: INSEL DER EINSIEDLER

Eure Insel eignet sich zum Anbauen und Nutzen bestimm- Die Insel ist dünn besiedelt und es stellt sich die Frage, ob
ter Pflanzen und Früchte. Ihr anderen Inselbewohnern die dauerhafte Mitgliedschaft
in Eurer Inselgruppe ermöglichen wollt.
Verteilt die Aufgaben: sähen (Umriss malen), bewässern
(ausmalen), ernten (ausschneiden), optimieren (einer Wer darf herein? Welche Voraussetzungen muss sie oder
aus Eurer Gruppe überprüft und optimiert die Arbeitsvor- er erfüllen? Beachtet bei der Beantwortung dieser Fragen
gänge). auch Eure bisherigen Gesetze und Vereinbarungen.

◗ Diskutiert und entscheidet! Schreibt Eure Ergebnisse ◗ Diskutiert und entscheidet! Ergänzt Eure Regelungen und
(Vorteil der Arbeitsteilung) auf die angeschwemmten Gesetze um die Aufnahmebedingungen auf Eurem
Kartonbögen. Regelplakat.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 43


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D2 Gedanken über den besten Staat

In meinem Staat herrscht Gerechtigkeit. Männer und Frauen


sind gleichberechtigt. Sie haben gleiche Rechte und Pflich-
ten.
picture-alliance/akg-images

Ihr könnt Euch meinen Stadtstaat, die Polis, am besten als


großen Menschen vorstellen. Der Kopf steht für Klugheit. In
meinem Staat sind das die Philosophenkönige. Der Oberkör-
Platon per steht für Kraft und Mut. Damit meine ich die Wächter.
(427–347 v. Chr.) Und der untere Teil des Körpers? Der steht für die arbeitenden
Menschen: die Bauern, Handwerker und Händler. Sie küm-
»Ich bin Platon. Ich wurde im Jahre 427 v. Chr. in Athen mern sich um das leibliche Wohl der Gemeinschaft.
geboren. Mein Lehrer, Sokrates, war einer der berühmtesten
Philosophen überhaupt. Er selbst hat nichts geschrieben, Die Philosophenkönige und Wächter sollen zum Leben er-
aber dafür erzählen fast alle meine Bücher von Gesprächen, halten, was sie benötigen. Sie dürfen keinen Privatbesitz
die Sokrates mit anderen Menschen geführt hat. haben. Sie sollen alles miteinander teilen, sogar ihre Kinder.
Dadurch wird die Familie überflüssig.
Als ich ein junger Mann war, musste ich erleben, wie nach
einem Krieg die Demokratie in Athen abgeschafft wurde. Ich Aber vielleicht ist ja das, was wir Leben nennen, ein Traum
habe viel über den besten Staat nachgedacht, und hier sind und das, was wir Traum nennen, das Leben.«
meine Vorschläge und Ideen:

führt im Naturzustand dazu, dass jeder Mensch vor dem


anderen Angst haben muss. Homo homini lupos est – der
Mensch ist dem Menschen ein Wolf.
picture-alliance/akg-images

Aber eigentlich wollen die Menschen ja in Frieden leben.


Dies ist jedoch nur möglich, wenn sie den Krieg aller gegen
alle beenden und einen Vertrag schließen. Dieser Vertrag
Thomas Hobbes kommt dadurch zustande, dass einer zum anderen sagt:
(1588–1679) Ich übertrage einer bestimmten Person das Recht, mich zu
regieren. Aber nur unter der Bedingung, dass auch du dieser
»Mein Name ist Thomas Hobbes. Ich komme aus England, wo Person das Recht gibst, dich ebenso regieren zu lassen.
es zu meiner Zeit sehr unruhig war. Es gab viele Spannun-
gen zwischen dem König und denen, die eine Demokratie Ist dies geschehen, so nennt man diese zu einer riesenhaf-
wollten. Auch zwischen den unterschiedlichen Kirchen gab ten Person vereinte Menge Staat. Der gemeinsame Wille aller
es Konflikte. 1640 musste ich nach Frankreich fliehen. Zwei Menschen nach einem starken Staat schafft eine riesenhafte,
Jahre später gab es in England einen Bürgerkrieg, der 1649 furchterregende Kunstfigur, den Leviathan. Die Herrscher-
mit einer Revolution endete. Ich konnte dann zwar wieder gewalt stellt darin eine künstliche Seele dar, die dem ganzen
zurück in meine Heimat, aber meine Bücher blieben weiter- Körper Leben und Bewegung gibt. Die Beamten und Richter
hin umstritten und wurden ein paar Jahre nach meinem Tod sind künstliche Gelenke. Belohnungen und Strafen, die von
sogar öffentlich verbrannt. der Herrschergewalt ausgehen und durch die jeder Körperteil
und jedes Gelenk bewegt wird, sind die Nerven. Wohlstand
Ich glaube, dass alle Menschen von Natur aus gleich sind. und Reichtum der einzelnen Mitglieder des Staates machen
Körperliche Unterschiede können dadurch ausgeglichen den Leviathan stark. Die Ratgeber des Herrschers, die ihm
werden, dass auch der Schwächste den Stärksten töten alles vortragen, was er unbedingt wissen muss, sind das
kann – entweder durch Hinterlist oder durch ein Bündnis Gedächtnis des Leviathans. Eintracht bedeutet Gesundheit,
mit anderen. Geistige Unterschiede sind ausbildungs- und Aufruhr, Krankheit und Bürgerkrieg sind der Tod des Levia-
erziehungsbedingt. thans.«

Die Gleichheit der Menschen beruht auch darauf, dass alle


nach denselben Dingen streben: Erstens nach Sicherheit,
zweitens nach Existenzsicherung und Wohlstand, drittens
nach Respekt und Ansehen. Daraus entstehen unvermeidli-
che Konflikte bis hin zu einem Krieg aller gegen alle. Dies

44 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

Ein einzelner machtgieriger Prasser, eine Pest für sein Vater-


land, zieht in seiner Unersättlichkeit einen großen Zaun um
Felder, Wiesen und Wälder. Mit Lug, Trug und Gewalt nimmt
picture-alliance/akg-images

er den Bauern das Land weg und macht es zu Schafweiden.


Die Menschen werden vertrieben und haben nichts mehr.
Deshalb muss auf Utopia das Privateigentum abgeschafft
und zu Gemeinschaftseigentum werden. Das Aushängeschild
Thomas Morus für Reichtum und Wohlstand, der Besitz von Gold- und Sil-
(1477/78–1535) berschmuck, muss abgeschafft werden. Auf meiner Insel
Utopia sind Schmuck und sonstige vermeintliche Reichtümer
»Ich bin Thomas Morus. Ich habe erst als Anwalt gearbeitet, nicht nur wertlos – sie werden verachtet und sind das Erken-
bevor ich 1504 in das Londoner Parlament gewählt worden nungsmerkmal für zwangsweise goldbehängte Sklaven und
bin und dort eine Karriere als Politiker gemacht habe. Al- aus der Gemeinschaft ausgestoßene Kriminelle.
lerdings bin ich später beim König in Ungnade gefallen und
wurde deshalb gefangen gehalten und schließlich enthaup- Damit es keinen Neid oder Streit geben kann, müssen die
tet. Es hatte damit zu tun, dass ich nicht nur Politiker, son- Bewohner per Losentscheid alle zehn Jahre ihre Häuser tau-
dern vor allem auch gläubiger Katholik gewesen bin. Dafür schen. Es gibt auch keine individuelle Kleidung. Alle tragen
bin ich 1935 auch heiliggesprochen worden. reinweiße Gewänder. Für den Umgang mit alten und kranken
Menschen haben wir Utopier klare Regeln. Wir kümmern uns
Ich glaube, dass der Mensch weder gut noch böse ist. Ent- rührend um sie und unterlassen nichts, was zu ihrer Gene-
scheidend ist vielmehr, dass die Menschen in einem Umfeld sung beiträgt. Ist aber die Krankheit unheilbar und quält
leben, das dafür sorgt, dass sie sich nicht böse, sondern und martert sie den Menschen, so soll sich der Kranke aus
tugendhaft verhalten. seinem Leben wie aus einem Kerker befreien oder befreien
lassen.
Ich träumte einst von einer wunderbaren Insel, meiner Insel
Utopia. Alle Insulaner müssen entweder in der Landwirt- Mein Idealstaat heißt Utopia. Das heißt so viel wie ›Nicht-
schaft arbeiten oder ein Handwerk ausüben, um so die Ort‹ oder ›nirgends‹ und meint, dass es vielleicht niemals
Versorgung aller sicherzustellen. Nur ein kleiner Teil der möglich sein wird, einen solchen Idealstaat zu schaffen.
Bevölkerung soll von der körperlichen Arbeit freigestellt Aber auch wenn es vielleicht unmöglich ist, den idealen
werden, um sich dem Studium der Wissenschaft und der Staat zu verwirklichen, darf man sich zumindest Gedanken
Künste widmen zu können. darüber machen, wie er aussehen könnte, oder?!«

sie dazu gezwungen werden. Wenn ihnen freie Wahl bleibt


und sie tun können, was sie wollen, gerät alles sofort in
Verwirrung und Unordnung.

Der Fürst ist das Gesetz! Der Fürst darf auch grausam sein,
picture-alliance/dpa

um an die Macht zu kommen oder um an der Macht zu blei-


ben. Er soll gefürchtet, aber nicht gehasst werden. Furcht
Niccolò Machiavelli erzeugt Gehorsam, Hass führt zu Aufständen. Der Fürst muss
(1469–1527) Fuchs und Löwe sein. Denn der Fuchs wittert die Fallen
seiner Gegner und vor der Stärke des Löwen haben alle
»Mein Name ist Niccolò Machiavelli. Ich bin nicht nur Philo- anderen Respekt.
soph und Schriftsteller, sondern war auch Außen- und Ver-
teidigungsminister des Stadtstaates Florenz. Ich habe mir Zur Errichtung der Herrschaft ist jedes Mittel recht, sei es
viele Gedanken darüber gemacht, wie ein Staat funktionie- auch noch so grausam, gewalttätig oder hinterlistig. Allein
ren muss: Die ständigen Kriege zwischen den verfeindeten der Erfolg ist der Maßstab, der über die Nützlichkeit der
Kleinstaaten Oberitaliens sowie Aufstände und Unruhen sind Mittel entscheidet. Ein Fürst, der Großes vollbringen will,
für mich das Allerschlimmste. Nur mit einem starken Fürsten muss lernen, wie man Menschen betrügt.
kann es dauerhaften Frieden geben. Was muss also ein Fürst
oder ein Herrscher tun, damit er seine Macht nicht wieder Noch heute nennen böse Zungen Menschen, die, darauf aus
verliert? Dieser Frage bin ich nachgegangen. sind, möglichst viel Macht an sich zu reißen, ›Machiavel-
listen‹. Eine Frechheit, wo ich doch immer nur den Frieden
Ich glaube, dass alle Menschen von Natur aus abgrund- wollte!«
tief schlecht sind. Stets folgen sie ihren bösen Neigungen,
sobald sie Gelegenheit dazu haben. Gutes tun sie nur, wenn

Politik & Unterricht • 2/3-2006 45


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

Konflikte. Der eine besitzt nun viel, der andere fast gar
nichts. Die Menschen brauchen deshalb positive Gesetze, um
diesen friedvollen Zustand wieder herzustellen.

Die vollkommenste Regierungsform ist die, die ihr Ziel mit


picture-alliance/dpa

dem geringsten Aufwand erreicht. Ist das Volk unter einer


milden Regierung genauso gehorsam wie unter einer stren-
Montesquieu gen, so ist die erstere vorzuziehen, weil sie vernünftiger ist,
(1689–1755) während eine strenge unvernünftig wäre.

»Mein Name ist Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède Ich plädiere dafür, dass die Macht im Staate aufgeteilt wird.
et de Montesquieu. Aber man nennt mich heute nur noch Denn nur so kann gewährleistet werden, dass sie nicht von
Charles de Montesquieu. Wie man an meinem Namen schon einzelnen Personen oder Gruppen missbraucht und so die
hören kann, entstamme ich einem französischen Adels- Freiheit des Einzelnen eingeschränkt wird. Deswegen soll es
geschlecht; ich bin ein echter Baron. Obwohl ich also ein eine Gewalt geben, welche die Gesetze macht, eine Gewalt,
einflussreicher Mann bin, musste ich einen Teil der Bücher, welche die Gesetze ausführt und eine Gewalt, die darüber
die ich geschrieben habe, unter fremdem Namen veröffent- richtet, ob die Gesetze befolgt werden oder nicht. Dies nennt
lichen. Manche meiner Schriften wurden auch verboten, man Gewaltenteilung.
weil ich mich zu kritisch gegenüber den Herrschern und der
Kirche in Frankreich geäußert habe. Damit die Demokratie, in der das ganze Volk regiert, funkti-
oniert, bedarf es der Tugend. Das heißt, die Bürger müssen
Im Naturzustand leben die Menschen friedlich miteinander. die Demokratie wollen und wertschätzen. Und sie müssen
Sie haben viel Platz und sind so vernünftig, dem anderen aufpassen, dass sie nicht abgeschafft wird.
das zu gönnen, was er findet oder erntet.
Die Freiheit ist nicht allen Völkern erreichbar, da sie nicht
Das geht so lange gut, bis die Freiheit des einen die Freiheit unter jedem Himmel gedeiht.«
des anderen beschränkt. Durch das Abgrenzen und das Zäu-
neziehen sowie durch das Aufkommen des Geldes entstehen

von daher weder gut noch böse. Erst das Leben mit vielen
Menschen in der Gemeinschaft macht sie unfrei und gebun-
den.
picture-alliance/akg-images

Es gibt aber kein Zurück zum ursprünglichen Naturzustand


mehr. Also stellt sich die Frage, wie sich dieses Zusam-
menleben der Menschen am besten gestalten lässt und wie
Jean-Jacques Rousseau sie wieder frei werden können. Meine Lösung für dieses
(1712–1778) Problem ist der Gesellschaftsvertrag. Dieser besteht darin,
dass jeder alle seine Rechte und Ansprüche an die Gemein-
»Mein Name ist Jean-Jacques Rousseau. Ich wurde 1712 in schaft abgibt. Denn wenn keiner mehr besondere Rechte hat
Genf geboren. Aber dort hielt es mich nicht lange, denn ich oder Ansprüche an die anderen stellen kann, dann sind alle
habe immer einen unbändigen Drang nach Freiheit verspürt wieder gleich und damit frei.
und bin deswegen viel auf Reisen gewesen. Ich habe Bücher
über Erziehung und über Demokratie geschrieben. Diese Damit die Freiheit aller gewährleistet bleibt, ist es wichtig,
wurden jedoch unmittelbar, nachdem ich sie veröffentlicht dass in der Politik der Gemeinwille verwirklicht wird. Denn
hatte, verboten und verbrannt. Ich musste fliehen, um einer nur wenn der Wille aller durchgesetzt wird, sind alle frei.
Verhaftung zu entgehen. Deswegen darf es auch keine Könige oder Parlamente geben
– denn diese würden nicht dem Willen der Gemeinschaft
Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. entsprechen, sondern nur ihre eigenen Interessen vertreten.
Daraus folgt, dass alle an den politischen Entscheidungen
Die Naturmenschen (homme naturel) leben weiträumig beteiligt sein müssen, denn nur so kann der Wille der ganzen
und isoliert voneinander. Sie sind geprägt vom Willen nach Gemeinschaft durchgesetzt werden.«
Selbsterhaltung und Existenzsicherung. Selbstliebe (amour
de soi-même) und das Mitleid-Gefühl für die Mitmenschen
(commisération) sind in gleicher Weise vorhanden. Im Na-
turzustand sind die Menschen frei und unabhängig. Sie sind

46 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

Im Kommunismus wird das Privateigentum an Produktions-


mitteln abgeschafft. Das heißt, alle Maschinen und Fabriken,
die Gebäude und alle Geräte, mit denen etwas hergestellt
werden kann, gehören nicht mehr einzelnen Unternehmern
(Kapitalisten), sondern allen arbeitenden Menschen ge-
picture-alliance/dpa

meinsam. Das ist das Ende der Ausbeutung.

Karl Marx Für mich bedeutet Kapitalismus auch: In demselben Maße,


(1818–1883) in dem die Widerwärtigkeit der Arbeit wächst, nimmt der
Lohn ab.
»Ich bin Karl Marx. 1818 wurde ich in Trier geboren. Ich
war schon immer ein scharfer Kritiker der gesellschaftlichen In meiner klassenlosen kommunistischen Gesellschaft ist es
Zustände, besonders der in Preußen. Deswegen musste ich mir möglich, heute dies, morgen jenes zu tun. Ich kann mor-
auch nach Frankreich auswandern. Als ich aber in Paris gens fischen, nachmittags einen Bauernhof bewirtschaften
immer noch nicht in Ruhe gelassen wurde und nach Belgien und abends Schriftsteller sein. Ich bin dann kein Arbeits-
gehen musste, habe ich mich dazu entschlossen, meine und Berufssklave mehr. Ich bin ein freier Mensch. In einer
Staatsbürgerschaft abzugeben und den Rest meines Lebens Gesellschaft, in der alle gleich sind, also keiner mehr über
ein Staatenloser zu bleiben. Mein Grab könnt Ihr in London, den anderen herrscht, wird auch kein Staat mehr gebraucht.
im Stadtteil Highgate, besuchen. Wichtige Aussagen von Er wird, wenn die Revolution vollendet ist, abgeschafft.
mir sind:
Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpre- Revolution zittern. Die arbeitenden Massen haben nichts zu
tiert, es kommt darauf an, sie zu verändern. verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.
Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!«
Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Ge-
schichte von Klassenkämpfen. Eines Tages werden sich die
Arbeiter zu einer Revolution erheben und eine Gesellschaft
errichten, in der es keine Herrschaft von Menschen über
Menschen mehr geben wird. Diese Gesellschaftsform heißt
Kommunismus.

Kunden (Konsumenten) wie möglich an sich zu binden, so


konkurrieren Politiker (Anbieter) in der Demokratie um die
Stimmen der Wähler (Konsumenten) und damit um die Füh-
rung im Staat.
picture-alliance/dpa

Viele Menschen können sich für Sport oder ihren Beruf


mehr begeistern als für Politik. Diese ist ihnen nämlich zu
Joseph Alois Schumpeter kompliziert. Sie interessieren sich nicht dafür, und deswe-
(1883–1950) gen verstehen sie auch nichts davon. Deswegen finde ich
es auch richtig, wenn es gewählte Politiker gibt, die sich
»Mein Name ist Joseph Alois Schumpeter. Geboren wurde um alles kümmern. Die Aufgabe der Wähler besteht dann
ich in Triesch (heute Tschechien, früher Österreich), wo ich darin, zu entscheiden, wer sie regieren soll. Und wenn sie
nicht nur Professor, sondern auch einmal Präsident einer ihre Stimme abgegeben haben, dann sollen sie die Politik
Bank und sogar Finanzminister war. Ich habe mich also nicht denjenigen überlassen, die sie gewählt haben und die auch
nur mit Politik, sondern auch viel mit Ökonomie beschäftigt. etwas davon verstehen.
Ab 1925 habe ich in Deutschland gearbeitet. Wegen meiner
jüdischen Abstammung bin ich 1932 dann in die USA aus- Demokratie bedeutet ja eigentlich, dass alle an politischen
gewandert, wo ich an der berühmten Harvard-Universität Entscheidungen beteiligt werden und dann der Wille des
wieder als Professor gearbeitet habe. Gesagt habe ich: Volkes umgesetzt wird. Aber ich glaube, dass es so etwas
wie den Willen des Volkes gar nicht gibt. Denn die verschie-
Alles Neue setzt die Zerstörung des Alten voraus. denen gesellschaftlichen Gruppen haben ganz unterschied-
liche Vorstellungen davon, wie die Gesellschaft auszusehen
Die Demokratie funktioniert eigentlich wie die Wirtschaft: hat. Es gibt also höchstens einen Willen der Mehrheit, aber
So wie verschiedene Unternehmen (Anbieter) versuchen, keinen des ganzen Volkes.«
in einem bestimmten Markt führend zu sein und so viele

Politik & Unterricht • 2/3-2006 47


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

die Macht von anderen Menschen übertragen bekommen.


Und natürlich können die Regierten dem Herrscher die
Macht auch wieder entziehen. Wenn der Herrscher Gewalt
anwendet, um weiterregieren zu können, dann hat er streng
genommen keine Macht mehr über die anderen. Denn er
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herrscht nur noch mit Gewalt.

Hannah Arendt Ich finde es wichtig, dass jeder die Freiheit hat, sich an der
(1906–1975) Politik zu beteiligen. Denn wenn Dinge entschieden werden,
die alle betreffen, sollen auch alle die Möglichkeit haben,
»Mein Name ist Hannah Arendt. Ich wurde 1906 in Hannover etwas dazu zu sagen und an den Entscheidungen, die für alle
geboren, und ich bin Jüdin. Als Jugendliche habe ich mich gelten sollen, mitzuwirken.
nicht sonderlich für Politik interessiert. Als 1933 die Natio-
nalsozialisten an die Macht kamen, wurde ich erst verhaftet Die technische Entwicklung der Gewaltmittel hat den Punkt
und musste dann über Prag nach Paris und später in die USA erreicht, an dem sich kein politisches Ziel mehr vorstel-
fliehen. Nun wurde mir bewusst, dass Politik wichtig ist und len lässt, das ihren Einsatz in einem bewaffneten Konflikt
uns alle angeht! rechtfertigen könnte. Das Kriegshandwerk hat seinen Glanz
eingebüßt.
Nur wenn man über eine Sache gut nachgedacht hat, kann
man zu einem begründeten Urteil kommen und die richtige Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinandersein
Entscheidung fällen. Dies gilt besonders für die Politik. der Verschiedenen.

Macht und Gewalt sind Gegensätze. Ein einzelner Mensch Der Sinn von Politik ist Freiheit.«
kann sich nicht einfach Macht nehmen. Er kann höchstens

Es kommt nicht darauf an, für eine bestimmte Gruppe,


Klasse, Rasse oder Nation in ferner Zukunft das größte Glück
herbeizuführen, sondern darauf, das Leid der heute lebenden
Menschen so gering wie möglich zu halten.
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Mein Ideal von einem guten Staat ist die ›offene Gesell-
schaft‹. Der Staat, die Gesetze und die gesellschaftlichen
Karl R. Popper Regeln sind dazu da, die Freiheit des Einzelnen zu garantie-
(1902–1994) ren und zu schützen. Aber natürlich hat der Einzelne keine
schrankenlose Freiheit. Die Freiheit des einen endet da, wo
»Mein Name ist Karl Raimund Popper. Ich wurde 1902 in Wien die Freiheit des anderen berührt wird.
geboren. 1937 bin ich wegen meiner jüdischen Herkunft
nach Neuseeland emigriert, um dort als Lehrer zu unterrich- Niemand ist gegen Irrtümer gefeit; das Große ist, aus ihnen
ten. 1946 bin ich dann nach London übergesiedelt und habe zu lernen. Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch,
dort als Professor gearbeitet. Ich habe viele Bücher über die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefähr-
Politik, aber auch über Naturwissenschaften geschrieben. lichste. Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten,
produziert stets die Hölle.
Es gibt nur zwei Staatsformen: Solche, in denen es möglich
ist, die Regierung ohne Blutvergießen durch eine Abstimmung Alles Lebendige strebt nach einer besseren Welt.«
loszuwerden, und solche, in denen das nicht möglich ist.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 2

◗ Welche der Philosophen sagen Dir am meisten zu? Wessen Philosoph sein, der Euch besonders anspricht, oder einer,
Ideen gefallen Dir am wenigsten? den Ihr nicht gut findet.
◗ Versuche, zum Beispiel über das Internet (Wikipedia), ◗ Welche der Philosophen hätten sich untereinander wohl
mehr über die einzelnen Philosophen herauszufinden. gut verstanden, wenn sie zur gleichen Zeit gelebt hätten?
◗ Bildet Gruppen und stellt in der Klasse einen Philosophen Und welche hätten sich bestimmt heftig miteinander ge-
vor, den Ihr Euch herausgesucht habt. Das kann sowohl ein stritten?

48 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D3 Staatsformen: ein Überblick

Hat die Bevölkerung Einfluss auf die Politik des Staates?

ja nein

Stimmen die Bürger Gibt es eine Regierung,


bei allen wichtigen Fragen ab? die das gesamte Staatsgebiet kontrolliert?

nein ja nein ja

Wählen die Bürger den Regierungs- Kann die Regierung selbstständig


chef in einer direkten Wahl? Entscheidungen treffen?

ja nein ja nein

Präsidentielle Parlamentarische Direkte Staatszerfall Diktatur Marionetten-


Demokratie Demokratie Demokratie »Chaosstaaten« Regierung

• Der Präsident • Die in das Par- • Die wahlbe- • Mehrere Grup- • Die Gewalt- • Die Regierung
ist mächtig, da lament gewählten rechtigten Bürger pen (»Warlords«/ herrschaft einer wird von einem
er gleichzeitig Volksvertreter treffen sich auf Kriegsherren) Person oder einer anderen Staat
Staatsoberhaupt wählen einen Versammlungen, kämpfen um die Gruppe ohne kontrolliert
und Regierungs- Regierungschef bei denen über Herrschaft. Rücksicht auf die und kann keine
chef ist. und können alle wichtigen • Es gibt keine Interessen der selbstständigen
• Regierungsmit- diesen auch Fragen abge- Regierung, die Bevölkerung. Entscheidungen
glieder dürfen wieder absetzen. stimmt wird. den gesamten • Menschenrechte treffen (z. B. eine
nicht gleichzeitig • Regierungs- • Das Parlament Staat kontrolliert. werden willkürlich Kolonie oder ein
dem Parlament chef und Staats- ist an diese Vor- • Oftmals bürger- verletzt, bis hin zu erobertes Gebiet).
angehören. oberhaupt sind gaben gebunden. kriegsartige Folter und Tötung.
• Der Präsident zwei getrennte • Funktionierte Zustände.
kann nur wegen Ämter, was man bisher nur bei
einer Straftat von eine geteilte sehr kleinen
einer Parlaments- Exekutive nennt. Staaten.
mehrheit abge-
setzt werden.

Beispiel: Beispiel: Beispiel: Beispiel: Beispiel: Beispiel:


USA Deutschland Schweiz Somalia Nord-Korea Indien vor 1947

Bevölkerung hat Teilhabe an der Regierung Keine Teilhabe der Bevölkerung an der Regierung
(Demokratie = Herrschaft des Volkes) (stattdessen Unterdrückung und Gewalt)

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 3

◗ Bildet sechs Gruppen und ordnet jeder Gruppe eines der ◗ Begründet mit Hilfe der erarbeiteten Materialien die Zu-
aufgeführten Länder zu: USA, Bundesrepublik Deutschland, ordnung der sechs Länder zu den sechs Staatsformen.
Schweiz, Somalia, Nordkorea und Indien vor 1947. Recher-
chiert nun, z. B. im Internet, die wichtigsten Merkmale be-
züglich der Staatsform des jeweiligen Landes. Gestaltet dazu
ein Plakat und präsentiert das Ergebnis vor der Klasse.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 49


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D4 Gewaltenteilung oder: Alle Macht in einer Hand?

Absolute Monarchie Moderne Demokratie


»Es gibt eigentlich nur zwei Staatsformen:

Solche, in denen es möglich ist, die Re-


gierung ohne Blutvergießen durch eine
Abstimmung loszuwerden, und solche, in
denen das nicht möglich ist.
picture-alliance/akg-images

Gewöhnlich nennt man die erste Form


Demokratie und die zweite Form Diktatur

picture-alliance/dpa
oder Tyrannei.«
(Karl Popper)

Die im Grundgesetz verankerte Aufteilung der politischen Zu Zeiten Ludwigs XIV. (König von Frankreich, 1643–1715)
Macht, das Prinzip der Gewaltenteilung, ist ein Haupt- gab es die Gewaltenteilung nicht. Der König verfügte in
merkmal der Demokratie. Nicht eine einzelne Gruppe (z. B. der absoluten Monarchie über alle drei Gewalten und bean-
eine Partei) oder eine einzelne Person (z. B. ein Diktator) spruchte die absolute Macht im Staat. Diese rechtfertigte
können allein bestimmen. Vielmehr verteilt sich die Macht er mit der Behauptung: »L‘état c´est moi« (»Der Staat bin
des Staates auf verschiedene politische Organe. So soll der ich«).
Missbrauch staatlicher Gewalt verhindert werden.
Der Herrscher auf Lebenszeit handelte oft willkürlich. Indem
Die im Grundgesetz verankerte Aufteilung der politischen er über alle drei Gewalten verfügte, konnte er schnellstmög-
Macht, das Prinzip der Gewaltenteilung, ist ein Hauptmerk- lich Veränderungen herbeiführen. Aber: Was der König tat
mal der Demokratie. Nicht eine einzelne Gruppe (z. B. eine oder sagte, war Gesetz und durfte nicht kritisiert werden.
Partei) oder eine einzelne Person (z. B. ein Diktator) können Wer dem König widersprach, riskierte sein Leben.
allein bestimmen. Vielmehr verteilt sich die Macht des Staa-
tes auf verschiedene politische Organe.

In der Demokratie gibt es drei Gewalten:

Die Legislative (Parlament) ist die gesetzgebende Gewalt.


Der Bundestag und der Bundesrat beschließen die Gesetze.

Die Exekutive (Regierung) ist die ausführende Gewalt. Re-


gierung und Verwaltung führen die Gesetze aus.

Die Judikative (Gerichte) ist die rechtsprechende Gewalt.


Das höchste Gericht, das Bundesverfassungsgericht, über-
prüft Gesetze und Entscheidungen auf ihre Übereinstimmung
mit dem Grundgesetz.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 4

◗ Erklärt den Begriff der Gewaltenteilung auf einem Plakat tertanen davon unterrichtet, dass die drei Gewalten auf alle
mittels einer Skizzze. Zeiten beim König liegen müssen.
◗ Bildet zwei Gruppen. Gruppe 2: Ihr seid die Bundeskanzlerin! Verfasst ein Plädo-
Gruppe 1: Stellt Euch vor, Ihr seid Ludwig XIV. und haltet yer, in dem Ihr die Bürgerinnen und Bürger von der Gewal-
Eure Thronrede. Verfasst ein Plädoyer, in dem Ihr Eure Un- tenteilung überzeugt.

50 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D5 Die Bundesrepublik Deutschland – eine parlamentarische Demokratie

Deutschland ist eine repräsentative Demokratie. Diese Re- ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden
gelung, im Grundgesetz verankert, gilt für den Bund und und nur ihrem Gewissen unterworfen«. Die Abgeordneten
für die Länder. Der Gedanke ist einfach: In einer modernen haben demgemäß ein freies und kein imperatives Mandat.
Gesellschaft stellt der Staat den Bürgerinnen und Bürgern
eine Vielzahl an Leistungen zur Verfügung. Darüber muss Der Ort, wo also Entscheidungen getroffen werden, ist das
im Sinne und zum Wohle der Allgemeinheit entschieden Parlament. Hier wird diskutiert, debattiert und nach den
werden. Auch wenn in der Gesellschaft Probleme gelöst oder demokratischen »Spielregeln« von Mehrheit und Minder-
Konflikte geregelt werden müssen, muss es ein von allen heit, von Überzeugen und Kompromissfindung entschieden.
Bürgern anerkanntes Verfahren geben. Deshalb wird die repräsentative Demokratie auch eine par-
lamentarische Demokratie genannt. Dabei hat das Parlament
Weil nicht alle Bürger gleichzeitig über Probleme beraten neben der Gesetzgebung und der Vertretung der Meinungs-
und entscheiden können, wählen sie eine Gruppe von Volks- und Interessenvielfalt der Bevölkerung noch weitere wich-
vertretern, die für begrenzte Zeit ermächtigt sind, Regeln tige Funktionen: Es kontrolliert die Regierung und es wählt
(Gesetze) zu beschließen. Die Abgeordneten vertreten (re- andere Verfassungsorgane, also z. B. den Regierungschef.
präsentieren) den Willen des Volkes, das ja in der Wahl seine Weil die Parlamentsdebatten öffentlich sind, ist das Par-
Meinung zum Ausdruck gebracht hat. Die Gesetze werden so lament auch ein Forum der politischen und öffentlichen
von allen anerkannt, weil sie von demokratisch gewählten Debatte.
Volksvertretern verabschiedet werden. Dabei sind die Ab-
geordneten, so das Grundgesetz in Art. 38, »Vertreter des

Die Verfassungsorgane der


Bundesrepublik Deutschland
im Überblick.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 5

◗ Fasse in eigenen Worten zusammen: Was bedeutet der ◗ Welche Möglichkeiten der Einflussnahme auf den poli-
Begriff der repräsentativen parlamentarischen Demokratie? tischen Prozess haben die Bürgerinnen und Bürger in der
◗ Welche zentralen Funktionen haben die Parlamente in parlamentarischen Demokratie?
Deutschland? Erläutere und begründe diese Funktionen
anhand von Beispielen.
◗ Warum ist es wichtig, dass die Abgeordneten in der Bun-
desrepublik Deutschland »nur ihrem Gewissen unterworfen«
und nicht an Aufträge und Weisungen gebunden sind?

Politik & Unterricht • 2/3-2006 51


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D6 Vier deutsche Bundeskanzler – vier politische Karrieren in der Demokratie

Aufgewachsen in der DDR tretende Regierungssprecherin der letzten DDR-Regierung


Angela Merkel wird am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren, unter Lothar de Maizière.
wächst aber in der DDR auf. Ihr Vater, ein evangelischer
Pfarrer, und ihre Mutter, eine Fremdsprachenlehrerin, ziehen Politische Karriere im wiedervereinigten Deutschland
kurz nach der Geburt von Angela Merkel in die DDR. Der Vater Nach der Wiedervereinigung Deutschlands gelingt dem po-
glaubt, als Geistlicher der religionsfeindlichen Haltung in litischen Talent Angela Merkel eine rasche Karriere. 1990
der DDR entgegenwirken zu können. Der Neuanfang ist für zieht sie für die CDU, in der die Partei des Demokratischen
die Familie nicht leicht. Von Anfang an gilt der Vater als Aufbruchs inzwischen aufgegangen ist, als Direktkandidatin
Gegner des Systems und wird von der Stasi beobachtet. Als in den Bundestag ein. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl
Ehefrau eines Pfarrers darf die Mutter nicht ihrem Beruf wird sie Ministerin für Frauen und Jugend. 1991 wird sie
nachgehen. Auch Angela Merkel erfährt in der Schule Be- zur stellvertretenden Vorsitzenden der Bundes-CDU und zwei
nachteiligungen. Um diesen zu entgehen, tritt sie in die Jahre später auch zur Vorsitzenden des CDU-Landesverbands
Jugendverbände der DDR ein. Politisch bleibt sie aber un- Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Nach dem Wahlerfolg
auffällig, auch um die Aussichten auf einen Studienplatz von CDU und FDP bei der Bundestagswahl 1994 ist sie bis
nicht zu gefährden. 1998 Umweltministerin im Kabinett Kohl.

ullstein – Meldepress
picture-alliance/dpa

Angela Merkel (CDU) amtiert seit Herbst 2005 als 1990: Angela Merkel als stellvertretende Sprecherin der
Bundeskanzlerin. letzten DDR-Regierung.

Studium und Beruf 1998 wird die CDU nach 16 Jahren Regierungsarbeit auf
Als Angela Merkel 1973 nach dem Abitur eine Zusage für einen die Oppositionsbank verwiesen. Die Partei ist im Umbruch.
Studienplatz hat, fühlt sie sich sicher. Bei der Abschlussfeier Angela Merkel wird Generalsekretärin der CDU. Im selben
der Klasse wagt sie mit Mitschülern eine Abweichung vom Jahr heiratet sie ihren langjährigen Lebensgefährten,
Programm. Sie tragen ein satirisches Gedicht vor und singen den Chemieprofessor Joachim Sauer. Als 1999 bekannt wird,
die Internationale auf Englisch. Die Klasse wird von der Stasi dass führende Mitglieder der CDU an Verstößen gegen das
verhört; es droht der Verlust der zugesagten Studienplätze. Parteienfinanzierungsgesetz beteiligt waren, kommt die
Nur das beherzte Eintreten der Eltern bei den DDR-Behörden Stunde von Angela Merkel. Ihr glaubwürdiger Einsatz zur
kann dies verhindern. Noch im selben Jahr beginnt Angela Aufklärung der Vorfälle findet Anerkennen in der CDU und in
Merkel in Leipzig ihr Studium der Physik. Während eines der Bevölkerung. 2000 wird sie zur Bundesvorsitzenden der
Studienaustausches mit der Sowjetunion lernt sie ihren CDU gewählt. Die erste Frau an der Spitze der Partei steht
späteren Mann Ulrich Merkel kennen. Nach dem Studien- für einen politischen Neuanfang. Nach der Bundestagswahl
abschluss zieht das Paar nach Ost-Berlin, wo Angela Merkel 2002 führt sie zusätzlich noch ihre Fraktion im Bundestag
als Physikerin arbeitet. 1982 lassen sich Angela und Ulrich an.
Merkel scheiden. Drei Jahre später schließt die Physikerin
ihre Doktorarbeit ab. Als im Herbst 2005 vorgezogene Bundestagswahlen stattfin-
den, kann sich Angela Merkel als Kanzlerkandidatin durch-
Als 1989 das DDR-Regime zusammenbricht, engagiert sich setzen. Nach dem Wahlsieg der CDU wird sie im Bundestag
Angela Merkel in der Partei Demokratischer Aufbruch (DA). zur Kanzlerin gewählt und bildet eine große Koalition aus
Sie legt ihren Beruf nieder und wird bald Pressesprecherin CDU und SPD. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte
der Partei. Nach der letzten Wahl in der DDR wird sie stellver- wird das Land von einer Frau regiert.

52 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

In der Nachkriegsnot aufgewachsen eröffnet er eine eigene Anwaltskanzlei. Bei seiner Tätigkeit
Gerhard Schröder wird am 7. April 1944 in Mossenberg in als Anwalt zeigt er eine Nähe zur Friedensbewegung und zu
Niedersachsen als zweites Kind von Fritz und Erika Schrö- Atomkraftgegnern. 1980 wird Gerhard Schröder als Direkt-
der geboren. Der Vater ist Arbeiter und fällt im Zweiten kandidat in den Bundestag gewählt. 1983 gelingt ihm dies
Weltkrieg. Die Zeit nach dem Ende des Krieges ist für die nur über einen Listenplatz. Inzwischen ist er das dritte Mal
Familie hart. Zuerst kommt sie bei Bauern unter, wo sie verheiratet.
für eine bescheidene Unterkunft bei der Ernte und im Stall
hilft. 1947 heiratet die Mutter den Arbeiter Paul Vossler und 1986 setzt sich Gerhard Schröder als Spitzenkandidat für
bringt drei weitere Kinder zur Welt. Schon bald aber erkrankt die Landtagswahl in Niedersachsen durch. Nach einer knap-
der Stiefvater schwer. Gerhard Schröder muss als ältester pen Niederlage wird er Fraktionsvorsitzender im Landtag
Sohn die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen und von Hannover. Sein Bundestagsmandat legt er nieder. Im
Geld verdienen. 1958 schließt er die Hauptschule mit guten selben Jahr noch wird er Mitglied im Bundesvorstand und
Noten ab. Das Schulgeld verhindert den Wunsch, das Gym- im Präsidium der SPD. Vier Jahre später tritt er erneut in
nasium zu besuchen. Gerhard Schröder macht eine Lehre als Niedersachsen an und wird nun Ministerpräsident einer rot-
Einzelhandelskaufmann und arbeitet anschließend in Göt- grünen Landesregierung. 1994 gelingt ihm die Wiederwahl
tingen in einer Eisenwarenhandlung. Abends macht er den und die Wahl zum Landesvorsitzenden seiner Partei. 1997
Realschulabschluss nach. Schon 1963 tritt der 19-Jährige in heiratet er ein viertes Mal, nun die Journalistin Doris Köpf.
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Gerhard Schröder (SPD) war von 1998 bis 2005 der 1978: Gerhard Schröder als Bundesvorsitzender der Jung-
siebte deutsche Bundeskanzler. sozialisten (Jusos).

die SPD ein und opfert seine Wochenenden der Parteiarbeit. Sie hat bereits eine Tochter; später adoptiert das Paar eine
Ab 1964 erhält er eine Halbwaisenrente und kann nun das weitere Tochter.
Abitur nachholen. Mit der Arbeit auf Baustellen verdient er
sich Geld dazu. Kanzler einer rot-grünen Regierung
1998 tritt Gerhard Schröder erstmals als Kanzlerkandidat der
Studium und politisches Engagement SPD an. Er wird siebter Kanzler der Bundesrepublik Deutsch-
Dem Abitur folgt 1966 ein Jurastudium und der Eintritt in land und Chef einer rot-grünen Regierung. 1999 wird er SPD-
die Studentenorganisation der SPD. 1968 heiratet er die Bib- Bundesvorsitzender. 2002 wird er als Kanzler wiedergewählt.
liothekarin Eva Schuhbach. Der 68er-Studentenbewegung Seine größte Aufgabe ist es, den Sozialstaat zu reformieren
steht Gerhard Schröder kritisch gegenüber. Zu theoretisch (»Agenda 2010«). Mit dieser Herausforderung gerät er in
sei ihm das alles, meint er später. Er engagiert sich bei den seiner Partei in Bedrängnis und gibt 2004 den Parteivor-
Jusos und wird bald deren Vorsitzender in Göttingen. 1971 sitz ab. Nach einer Reihe von verlorenen Landtagswahlen
schließt er sein Studium ab und beginnt bei einem Anwalt sieht er 2005 den Rückhalt seiner Regierung schwinden
in Hannover. Auch hier wird er wenig später Vorsitzender der und stellt im Bundestag die Vertrauensfrage. Es kommt zu
Jusos. 1976 bekommt Gerhard Schröder seine Zulassung als vorgezogenen Bundestagswahlen, die die SPD im September
Anwalt; inzwischen ist er zum zweiten Mal verheiratet. 2005 verliert. Gerhard Schröder tritt von seinen politischen
Ämtern zurück. Er lebt heute mit seiner Familie in Hannover
Politische Karriere und arbeitet für eine Schweizer Verlagsgruppe sowie für eine
1977 wird Gerhard Schröder zum Bundesvorsitzenden der deutsch-russische Pipeline-Gesellschaft.
Jusos gewählt. Er vertritt eine gemäßigte Linie und nähert
die Jugendorganisation der SPD ihrer Mutterpartei an. 1978

Politik & Unterricht • 2/3-2006 53


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

Eine früh beendete Kindheit neter im Landtag von Rheinland-Pfalz. Hier wird er schon
Helmut Kohl wird am 3. April 1930 in Ludwigshafen als das 1961 zum stellvertretenden Vorsitzenden seiner Fraktion
dritte und letzte Kind von Hans und Cäcilie Kohl geboren. gewählt, ein Jahr später zum Vorsitzenden. Helmut und
Der Vater kommt aus einfachen Verhältnissen und arbeitet Hannelore Kohl heiraten 1960. 1963 und 1965 kommen die
als Finanzbeamter, die Mutter ist streng katholisch. Ab 1940 Söhne Wolfgang und Peter zur Welt. 1966 wird Helmut Kohl
besucht Helmut Kohl das Gymnasium. Schon nach einem Vorsitzender des Landesverbandes und Mitglied im Bundes-
der ersten Luftangriffe der Alliierten hilft er als Mitglied vorstand der CDU. Als er 1969 dann Ministerpräsident von
der Schülerfeuerwehr dabei, Tote zu bergen. Nach seinen Rheinland-Pfalz wird, gibt er seine bisherige Tätigkeit in
eigenen Worten beenden diese schlimmen Erfahrungen seine der Chemischen Industrie auf. Er ist nun außerdem stell-
Kindheit. 1943 werden die Schulen geschlossen und ab Ende vertretender Bundesvorsitzender der CDU, bis er 1973 zum
1944 wird er bei Salzburg als Flakhelfer ausgebildet. Hier Vorsitzenden seiner Partei gewählt wird.
erlebt er den Zusammenbruch des NS-Regimes und macht
sich zu Fuß auf den Nachhauseweg. Kanzlerkandidat der CDU/CSU
Die CDU/CSU wird 1976 mit Helmut Kohl als Kanzlerkandidat
1946 setzt der über 1,90 Meter große 16-Jährige gegenüber zur stärksten Partei. Die Regierung bildet jedoch Helmut
seinen Eltern durch, dass er wieder das Gymnasium besuchen Schmidt (SPD) mit der FDP. Helmut Kohl tritt von seinem
kann. Seine Schulleistungen sind eher durchschnittlich, aber Amt als Ministerpräsident zurück und wird Vorsitzender der
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Helmut Kohl (CDU) war von 1982 bis 1998 deutscher 3. Oktober 1990: Helmut Kohl bei der Feier der
Bundeskanzler. deutschen Wiedervereinigung in Berlin.

er ist ein Organisationstalent. So organisiert er, dass seine Oppositionsfraktion im Bundestag. 1982 gelingt es ihm
Klasse den durch den Krieg beschädigten Raum selbst reno- dann, mit Stimmen der FDP-Fraktion Helmut Schmidt durch
viert, was ihm wohl das durch die französische Besatzungs- ein konstruktives Misstrauensvotum abzulösen.
macht eingeführte Amt des Klassensprechers einbringt.
Helmut Kohl zeigt sich sehr interessiert an der entstehenden Bei der vorgezogenen Bundestagswahl 1983 wird Helmut
Demokratie. 1947 ist er Mitbegründer der Jungen Union in Kohl in seinem Amt bestätigt, erneut bei der Wahl 1987.
Ludwigshafen. Ein Jahr später tritt er in die CDU ein. 1948 Als Kanzler ist er am Aufbau Europas und am guten Verhält-
lernt er seine spätere Ehefrau Hannelore Renner kennen. nis zu Frankreich entscheidend beteiligt. Das wichtigste
Ereignis seiner Amtszeit ist die deutsche Wiedervereinigung
Aufstieg in der Landespolitik 1989/90. Seine Verdienste dabei bescheren ihm bei der
1950 besteht Helmut Kohl sein Abitur und studiert in Frank- ersten gesamtdeutschen Wahl 1990 eine deutliche Mehrheit.
furt, dann in Heidelberg. Sein Studium finanziert er durch Auch 1994 wird er erneut in seinem Amt bestätigt. 1998
Arbeiten. 1953 wird er zum Schriftführer des Kreisverbandes verlieren CDU und CSU jedoch die Bundestagswahlen.
CDU-Pfalz gewählt, ein Jahr später wird er stellvertretender
Landesvorsitzender der Jungen Union in Rheinland-Pfalz. Helmut Kohls Amtszeit dauerte insgesamt 16 Jahre. Bis
Auch dem Landesvorstand der CDU gehört er an. 1958 heute ist er damit der Bundeskanzler mit der längsten Amts-
schließt er seine mit sehr gut benotete Doktorarbeit über zeit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Sein
die Parteien in der Region nach dem Zweiten Weltkrieg ab. Amt als Ehrenvorsitzender der CDU musste er jedoch 1999
Ab 1959 arbeitet Helmut Kohl als Referent des Verbandes wegen Verstößen gegen das Parteienfinanzierungsgesetz
der Chemischen Industrie in Ludwigshafen. Im selben Jahr niederlegen. Helmut Kohl lebt heute in Oggersheim bei
wird er Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes und Abgeord- Ludwigshafen.

54 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

Jugend und Kriegsdienst im NS-Deutschland senator. Nach der Sturmflut, die Hamburg 1962 verwüstet,
Helmut Schmidt wird am 23. Dezember 1918 in Hamburg ge- erlangt er durch sein umsichtiges Krisenmanagement bun-
boren. Der Vater hat sich vom Helfer in einer Anwaltskanzlei desweit Bekanntheit und geht 1965 wieder in den Bundes-
zum Handelslehrer hochgearbeitet. Der sportliche und mu- tag. Nach dem Wahlsieg der SPD-FDP-Koalition unter Bun-
sisch begabte Helmut Schmidt malt, ist begeisterter Ruderer deskanzler Willy Brandt wird er 1969 Verteidigungsminister
und ein begabter Klavierspieler. Im Alter von elf Jahren lernt und später Minister für Wirtschaft und Finanzen.
er Hannelore Glaser kennen, die sich selbst »Loki« nennt.
Sie wird später seine Ehefrau. 1933 will Helmut Schmidt in Bundeskanzler in schwierigen Zeiten
die Hitlerjugend (HJ) eintreten. Der Vater verbietet ihm 1974 wird Helmut Schmidt zum Bundeskanzler gewählt. Er
dies jedoch, weil der Großvater des Jungen ein Jude war. steht vor großen Herausforderungen im Kampf gegen die
Helmut Schmidt tritt 1934 trotzdem ein, wird aber 1936 Wirtschaftskrise und gegen den linksextremen Terrorismus
suspendiert, weil er immer wieder »meckert«. 1937 macht der RAF. Er bewährt sich jedoch als Krisenmanager und
er sein Abitur und muss dann die zweijährige Wehrpflicht wird 1980 erneut zum Kanzler einer SPD-FDP-Regierung ge-
antreten. 1940 wird er Offizier und muss für zwei Jahre an wählt. Dieses Bündnis hält bis 1982, als CDU/CSU und FDP
die Front nach Russland. 1942 heiraten Helmut Schmidt und erfolgreich ein konstruktives Misstrauensvotum gegen ihn
»Loki« Glaser. 1944 kommt der Sohn Moritz zur Welt. Seit der durchführen.
Heirat arbeitet Helmut Schmidt im Reichsluftfahrtministe-
picture-alliance/dpa

picture-alliance/dpa

Helmut Schmidt (SPD) war von 1974 bis 1982 Bundes- 16. Mai 1974: Helmut Schmidt wird im Bundestag als
kanzler. Bundeskanzler vereidigt.

rium in Berlin. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler Seit 1983 ist Helmut Schmidt Mitherausgeber der Wochen-
am 20. Juli 1944 wird die Gestapo auf frühere unbedachte zeitung Die Zeit. 1999 hat er sich weitgehend ins Privatle-
Äußerungen Schmidts aufmerksam. Ein befreundeter General ben zurückgezogen und lebt heute mit seiner Frau Loki in
rettet ihn durch die Versetzung an die Front. Dort erreicht Hamburg.
ihn die Nachricht, dass Moritz an einer Hirnhautentzündung
gestorben ist.

Politisches Engagement in der SPD


Das Kriegsende erlebt Helmut Schmidt in britischer Gefan-
genschaft. Hier wird er zum überzeugten Sozialdemokraten,
weil, so Schmidt, die Kameradschaft im Krieg der Solidarität ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 6
im Frieden gleiche. Nach dem Krieg beginnt er ein Studium
der Volkswirtschaftslehre und tritt 1946 der SPD bei. Von ◗ Bildet vier Gruppen und informiert Euch über jeweils einen
1947 bis 1948 ist er Vorsitzender des Sozialistischen Deut- Bundeskanzler. Vergleicht die Werdegänge der vier porträ-
schen Studentenbundes (SDS). Inzwischen ist die Tochter tierten Kanzler. Worin unterscheiden sich sich? Welche Ins-
Susanne zur Welt gekommen. titutionen und Ämter haben sie durchlaufen, bis sie Chefin
bzw. Chef der deutschen Regierung wurden?
Hamburger Innensenator und Minister in Bonn ◗ Vergleicht die Karrieren der vier Regierungschefs mit dem
1953 wird Helmut Schmidt das erste Mal in den Bundestag »Wer wird Bundeskanzler(in)-Spiel« in der Mitte des Heftes.
gewählt; 1957 erneut, dieses Mal mit einem Direktmandat. Was erkennt Ihr wieder, was ist anders?
1961 kehrt er nach Hamburg zurück und wird dort Innen-

Politik & Unterricht • 2/3-2006 55


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D7 Wie viel Staatsgewalt verträgt die wehrhafte Demokratie?


Gerhard Mester

Sicherheit und Freiheit stehen in einem Spannungsverhält- Menschenrechte sichern. Andererseits gibt es Situationen,
nis zueinander. Ein zu hohes Maß an Sicherheit beeinträch- wo sie diese Grundrechte einschränken muss, wenn Sicher-
tigt die Freiheit des Einzelnen wie umgekehrt eine gren- heit und öffentliche Ordnung gefährdet sind. Es gilt also
zenlose Freiheit einen rechtsfreien Raum entstehen ließe. immer aufs Neue, das Spannungsverhältnis zwischen Si-
Ohne Regeln und Gesetze entstünde ein »Kriegszustand aller cherheit und Freiheit richtig auszuloten und entsprechend
gegen alle«. Einerseits muss die Demokratie die Grund- und politisch zu handeln.

Zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit und zur besseren Aufklärung von Straftaten sollen zentrale öffentliche
Plätze in Innenstadtbereichen, z. B. Bahnhöfe, mit Videokameras ausgestattet und überwacht werden.

Bei Verdacht auf terroristische Umtriebe soll es den Ermittlungsbehörden erlaubt sein, schnell und unbürokratisch
Abhörmaßnahmen ergreifen zu können, z. B. das Abhören von Telefongesprächen oder von Gesprächen in Wohnun-
gen.

In Deiner Stadt will eine rechtsextreme Partei eine Demonstration veranstalten. Sie beruft sich auf das Grundrecht
der Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Engagierte Bürger verlangen ein Verbot der Demonstration.

Sogenannte »Hassprediger« fundamental-islamistischer religiöser Gemeinschaften sollen aus Deutschland aus-


gewiesen werden, auch wenn ihnen in ihrem Heimatland die Folter oder gar die Todesstrafe droht.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 7

◗ Bearbeitet in Gruppen jeweils eines der vier Beispiele. ◗ Präsentiert Euer Beispiel nun in der Klasse. Stellt dabei
Bevor Ihr beginnt, stimmt kurz geheim ab und haltet das Eure Ergebnisse und Begründungen vor. Ihr könnt danach
Ergebnis fest, ohne es vorerst zu bewerten. Beantwortet nun auch in der Klasse zu Eurem Fall abstimmen lassen.
die Frage, welche Grundrechte einander gegenüberstehen. ◗ Überlegt weitere Beispiele, in denen sich Freiheit und
◗ Recherchiert nun, wie die Rechtslage oder der aktuelle Sicherheit in der Demokratie in einem Dilemma befinden.
Stand der Diskussion ist. Sammelt Pro- und Contra-Argu- ◗ Gestaltet zwei Plakate. Eines, auf dem Ihr Eure Vorstellun-
mente, wie mit dem Problem umgegangen werden könnte. gen von Freiheit und eines, auf dem Ihr Eure Vorstellungen
◗ Wägt die Argumente ab und stimmt nochmals geheim ab. von Sicherheit darstellt. Hängt die Plakate im Klassenzim-
Hat sich das Ergebnis verändert? Welche Argumente waren mer auf und diskutiert Eure Argumente.
die wichtigsten?

56 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D8 Wie sozial soll die deutsche Demokratie sein?

Deutschland ist »ein demokratischer und sozialer Rechts- dererseits regt die aktuelle Problematik der Finanzierbarkeit
staat.« So steht es im Grundgesetz in Artikel 20, 1 (Sozial- des Sozialstaates die Diskussion neu an, wie unser Sozial-
staatsklausel). Die sozialen Rechte des Einzelnen werden staat gestaltet sein soll. Welche grundsätzliche soziale
damit besonders betont. Sie können allerdings in einem Versorgung soll der Staat garantieren? Zwei Jugendliche
Spannungsverhältnis zu anderen Grundrechten stehen. An- diskutieren:

Kathrins Meinung Olivers Meinung

Das höchste politische Ziel einer demokratischen Gesell- Das höchste politische Ziel muss sein, dass sich der Einzelne
schaft muss sein, möglichst viel Gleichheit zu erreichen. in Freiheit selbst entfalten kann und dass er oder sie dadurch
Gleichheit bedeutet für mich soviel wie Gerechtigkeit. ein möglichst hohes Maß an Glücklichsein erreicht.

Es ist ungerecht, dass ein Arbeitsloser zum Spargelstechen Ungerecht ist, dass einer Arbeitslosengeld bezieht und sich
gezwungen wird. Und dass er, wenn er das nicht tun will, zu fein ist für die Arbeit auf dem Feld. Wer ist denn der Staat,
Probleme mit dem Arbeitslosengeld bekommt. der das bezahlt? Das sind doch wir alle!

In einer demokratischen Gesellschaft darf es keine Kluft Warum sollte jemand Unternehmer werden, Arbeitsplätze
zwischen Arm und Reich geben. Der Staat muss durch Umver- schaffen und das Risiko auf sich nehmen, alles zu verlieren,
teilung dafür sorgen, dass es allen Bürgerinnen und Bürgern wenn er am Ende nicht mehr verdienen kann als jemand, der
gleich gut geht, damit sozialer Frieden herrscht. dieses Risiko nicht auf sich nimmt?

Die Bundesrepublik Deutschland,


ein sozialer Rechtsstaat.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 8

◗ Bildet Gruppen und schreibt in eigenen Worten auf, Begründet Eure Meinung und tragt sie in der Klasse vor.
welche Argumente Kathrin und Oliver verwenden, um ihre ◗ Analysiert die Grafik in D 8 und erklärt mit eigenen Worten
Auffassung zu begründen. Wie steht Ihr zu den Argumenten? den Begriff des »sozialen Rechtsstaates«.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 57


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D9 Als Deutschland noch geteilt war: Wie sozial war die sozialistische DDR?

Eine Studentin aus Freiburg berichtet über die Erfahrungen geschlagen hatten, wurde der Antrag endlich genehmigt.
ihrer Eltern in der ehemaligen DDR: Obwohl dies ein Erfolg war, war es auch ein trauriger Anlass,
da man nicht wusste, ob und wann man sich wiedersieht.
Ich wurde 1985 in der DDR geboren. An die Wende, wie man
das Ende der DDR 1989 auch nennt, kann ich mich nicht Immer mehr Freunde meiner Eltern verließen die DDR. Es
erinnern, aber ich habe mit meinen Eltern oft darüber ge- hieß: »Der Letzte macht das Licht aus.« Doch dann kam
sprochen. Sie erinnern sich an das Leben in der DDR als eine 1989 die Wende. Meine Mutter besuchte gerade eine Tante
Zeit, in der es viel weniger Freiheiten und Möglichkeiten im Westen, während mein Vater und ich als Pfand in der
gab. Dies war ihnen oft gar nicht wirklich bewusst, da sie ja DDR bleiben mussten, wie es damals üblich war, damit sie
nichts anderes kannten. Die Welt war für sie viel kleiner, aber auch wieder zurückkommt. Meine Mutter erinnert sich, dass
auch überschaubarer, so dass sie sich gut zurechtfanden und ihr die Menschen hier so modern vorkamen, während sie
sich rasch Freiräume schufen. Sie erlebten die Einschränkun- sich eindeutig als Ostlerin erkennbar glaubte. Angespannt
gen teilweise gar als Erleichterung, da man sich um weniger verfolgte sie die Berichterstattung über die DDR und wäre
kümmern musste, weniger Verantwortung trug und weil man am liebsten sofort zurückgefahren, als sich die Ereignisse
dem Staat bei allem die Schuld geben konnte. dort überschlugen. Am 4. November gab mein Vater mich
in die Obhut meiner Großmutter, um mit hunderttausenden
Zum Zeitpunkt meiner Geburt waren meine Eltern gerade 23 anderer Menschen auf den Straßen Berlins für mehr Rechte
Jahre alt. Mein Vater studierte und arbeitete dann bei einem zu demonstrieren. Alle waren aufgeregt und hatten Angst,
Verlag, während meine Mutter bei einer Bank angestellt war. da niemand wusste, wie die Staatsführung der DDR reagieren
Wir wohnten zunächst in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Ost- würde. Doch es waren so viele Menschen unterwegs, dass
Berlin, doch bald nach meiner Geburt konnten wir in ein die Demonstranten auch ein ungewohntes Gefühl von Macht
Hochhaus ziehen, wo wir dann Zentralheizung und warmes verspürten, das ihnen Mut machte. Dann kam die Nachricht,
Wasser hatten. Wir hatten schon früh einen »Trabi«, was dass die Grenzen offen sind, und am nächsten Tag war alles
nicht selbstverständlich war. Es gab in der DDR keine Kredite anders. Wir gingen im Westteil Berlins spazieren und hatten
von der Bank, so dass man bei solchen Anschaffungen auf das Gefühl, dass alle Menschen in Berlin an diesem Tag unter-
die Hilfe der Familie angewiesen war. Es gab wenig Luxus in wegs waren: Es war wie ein riesiges Fest. Jeden Tag folgten
der DDR, doch da fast alle wenig hatten, gab es auch wenig neue Überraschungen. In den Läden gab es plötzlich eine
Neid. Zukunftsangst kannten meine Eltern nicht, sodass sie so große Auswahl, dass wir gar nicht wussten, was wir kau-
stets all ihr Geld ausgaben und keine Altersvorsorge trafen. fen sollten, und alles war so bunt verpackt, dass wir darüber
Warum sollte man auch Angst vor der Zukunft haben, wenn lachten. Endlich konnten wir verreisen, wohin wir wollten.
der Staat den Arbeitsplatz garantiert?
Wir erlebten, wie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine
Einfach verreisen, wohin man wollte, durfte man in der DDR neue Gesellschaft entstand. Damit gingen jedoch auch Prob-
nicht. Meine Eltern erzählen noch heute lachend, wie sie von leme einher, da die nun geforderte Eigenverantwortung zu-
Abenteuern in fernen Ländern träumten, während sie die nächst ungewohnt war. Doch die Möglichkeit der Selbstver-
Ferien in Russland verbrachten. Die wenigen Glücklichen, die wirklichung wog dies wieder auf. Heute sagen meine Eltern,
ins westliche Ausland verreisen durften, mussten nächtelang dass sie froh waren, als sie in der DDR gelebt haben, aber
von ihren Erlebnissen in dieser anderen Welt erzählen. Be- sie erleben ihre heutige Freiheit als so wertvoll, dass sie
sucher aus dem Westen waren Stars; die Geschenke, die sie diese um keinen Preis wieder aufgeben würden. Das Recht
mitbrachten, waren einmalig. Die einzige Möglichkeit, um zu wählen und die Meinungsfreiheit sind ihnen besonders
die DDR dauerhaft zu verlassen, war ein bewilligter Ausrei- wichtig. Dennoch sagen sie, dass sie mich und andere junge
seantrag, bei dem man seinen Besitz zurücklassen musste Leute nicht beneiden, da wir heute eine viel größere Ver-
und keine Möglichkeit hatte, wieder zurückzukehren. Auch antwortung tragen, als es bei ihnen damals der Fall war.
die besten Freunde meiner Eltern stellten einen solchen Aus- Wir haben viel mehr Möglichkeiten, aber für unsere Zukunft
reiseantrag, um in den Westen überzusiedeln. Nach über sind wir selbst verantwortlich. Wir können nicht einfach dem
zwei Jahren, in denen sie sich mit der Bürokratie herum- Staat für alles die Schuld geben.

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 9

◗ Vieles von dem, was in der Bundesrepublik Deutschland ◗ Habt Ihr vielleicht Mitschüler, deren Eltern in der DDR
schon lange selbstverständlich ist, gab es bis 1989/90 in aufgewachsen sind? Was können diese Mitschüler von ihren
der DDR nicht. Was zum Beispiel? Sammelt Beispiele aus Eltern über die ehemalige DDR berichten? Vielleicht können
dem Text. Wie demokratisch und wie sozial war die Deutsche ja die Eltern selber im Unterricht berichten und Eure Fragen
Demokratische Republik (DDR)? beantworten.

58 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D 10 Medien: die »vierte Gewalt« im Staat?

Immer wieder wird von den Medien als »vierter Gewalt« im bevor die in der Verfassung vorgesehenen Organe genutzt
Staat gesprochen. Gemeint ist, dass die Medien Einfluss auf werden. Wird Politik also über die Medien gemacht? Sind
den politischen Prozess ausüben. Anders als die staatliche Politik und Medien voneinander abhängig?
Gewalt ist dieser Einfluss im Grundgesetz nicht geregelt.
Eine staatliche Kontrolle widerspräche auch den demokrati- In der Demokratie haben die Medien eine wichtige Funktion.
schen Grundsätzen der Meinungs- und Informationsfreiheit. Sie informieren, kontrollieren und kritisieren. Sie wirken auch
Es liegt deshalb am einzelnen Bürger, die Medien kritisch an der Meinungsbildung der Bevölkerung mit. Sie machen
zu nutzen und sich selbst umfassend zu informieren. Gerade politische Prozesse und Entscheidungen verständlich. Vor
die Massenmedien bergen hier aber Gefahren. allem durch ihre Kontroll- und Kritikfunktion ergänzen die
Medien die staatliche Gewaltenteilung, denn ein kritischer
Politiker wenden sich an die Medien, um ihre Standpunkte Journalismus kann Missstände enthüllen.
in der Öffentlichkeit zu vertreten. Oft geschieht dies, noch

D 11 Die Frage nach der Macht der Medien

Gerhard Schröder ... hat es erst so richtig deutlich gemacht. ziehen beide ihre Vorteile daraus. Die Medien messen im
Der Ausspruch des Ex-Kanzlers, er brauche zum Regieren besten Fall ihren Erfolg durch hohe Einschaltquoten. Die
Bild, BamS und die Glotze, hat es wohl dann völlig auf die Partei sieht spätestens bei der Wahl, wie erfolgreich oder
Spitze getrieben: Die Frage nach der Macht der Medien. miserabel sie war. Denn was sie nicht gut verkauft, eventuell
Allem voran jedoch, inwieweit die Politik im 21. Jahrhundert weil es schlecht bebilderbar ist, findet einfach nicht oder nur
von Medien bestimmt wird bzw. wie stark sich Fernsehen, sehr kurz in den Medien, hauptsächlich im Fernsehen, statt.
Radio und Zeitung vor den Karren spannen lassen. Bei allem Dieses Phänomen »lässt die Wichtigkeit der PR-Abteilungen
beklagen sich die Amtsträger noch, sie seien Opfer der Bran- stark anwachsen«. ... »Medien können politische Karrieren
che. Dabei muss auch die Frage zugelassen sein, wie stark beflügeln oder zerstören, das Vertrauen in politische Orga-
sie selbst ins Rampenlicht drängen. nisationen bestärken oder erschüttern«, sagt Grimm. ...
Er meint, dass Medienfreiheit nur praktiziert werden kann,
Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm ... wenn der Journalist Distanz zu anderen Systemen hält. Nur
sieht das Ganze ziemlich nüchtern. Er geht sogar so weit, so könne er unabhängig betrachten und schreiben.
dass die Politik spezielles Personal aussuche. Schließlich
müssten Themen gut rübergebracht ... werden. Und dabei Heilbronner Stimme vom 5. April 2006 (Marcel Auermann).

»Wir Bürger haben die Politiker in den Bundestag


gewählt, nicht aber in die Talkshows. Ihre Aufgaben
liegen im Parlament, diese heißen Gesetzgebung
und Kontrolle der Bundesregierung. ...
Unser Staat ist als parlamentarische Demokratie
verfasst. Es sind vor allen anderen leider die Politiker
selbst, die entgegen dem Geist des Grundgesetzes
unseren Staat zu einer Fernseh-Demokratie
umfunktionieren.«
Gerhard Mester

Helmut Schmidt und Rainer Barzel (Politiker),


11. Mai 2005 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 10–D 11

◗ Versucht in eigenen Worten zu erklären, was die Bezeich- für oder gegen die »Macht der Medien« angeführt?
nung der Medien als »vierte Gewalt« im Staat meint. Welche ◗ Diskutiert das Zitat: »Demokratie braucht gut informierte
Aufgaben und Ziele haben die Medien? Welche Gefahren Bürgerinnen und Bürger.«
bestehen im Zusammenhang mit der »Macht der Medien«? ◗ Interpretiert die Karikatur in D 11 und diskutiert das Zitat
Was meint der Begriff der »Mediendemokratie«? der beiden Politiker Schmidt und Barzel.
◗ Welche Argumente werden in dem Zeitungsartikel in D 11

Politik & Unterricht • 2/3-2006 59


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D 12 Weißrussland: Lukaschenko greift nach dritter Amtszeit

Milinkiewitsch. Nur mit diesem Bewusstsein würden die


Menschen gegen ein gefälschtes Ergebnis auf die Straße
gehen. …

Nach seinem Amtsantritt 1994 hat Lukaschenko die junge


Demokratie in der ehemaligen Sowjetrepublik zielstrebig
demontiert. Dutzende Zeitungen wurden in den letzten Jah-
ren verboten, politische Gegner verschwanden spurlos. Bei
der Wahl 2001 gelang es dem Präsidenten, durch Manipu-
lation die Opposition ganz aus dem Parlament zu drängen.
Nach dem nun beschlossenen Maulkorb-Gesetz wird mit
picture-alliance/dpa

Freiheitsentzug bis zu zwei Jahren bestraft, wer »den weiß-


russischen Staat und seinen Präsidenten diffamiert«. Schon
die leiseste Kritik könnten Gerichte als Diffamierung werten,
sagte der frühere Vorsitzende des weißrussischen Parlaments
Am 8. April 2006 legt der weißrussische Präsident Stanislaw Schuschkiewitsch. »Das bedeutet die vollständige
Alexander Lukaschenko seinen Amtseid ab. Europa, die Abschaffung der Redefreiheit in unserem Land.« Kürzlich hat
USA und die weißrussische Opposition beziehen Stellung der weißrussische Staat auch die aus Stalinzeiten bekannten
gegen das Lukaschenko-Regime. »Vertrauenshotlines« eingeführt. Darüber kann jeder anonym
seine Nachbarn, Kollegen und Bekannten anschwärzen.

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko setzt Für die Weißrussen wird es immer schwerer, an kritische
alles daran, sich die Macht im Land für weitere fünf Jahre Nachrichten zu kommen. Vor wenigen Tagen kündigte die
zu sichern. Die Präsidentenwahl wurde auf den 19. März unabhängige Zeitung »Salidarnasc« an, ihr Erscheinen ein-
vorgezogen und findet nun eine Woche vor der Parlaments- zustellen. Sie wird den Abonnenten nicht mehr über den
wahl in der Ukraine statt. Damit will Lukaschenko, der zum staatlichen Vertrieb zugestellt und kann sich daher nicht
dritten Mal kandidiert, die Aufmerksamkeit der Staaten- mehr finanzieren. Die zwei verbliebenen kritischen Blätter
gemeinschaft von undemokratischen Vorgängen in seinem bauen nun ein eigenes Vertriebssystem auf. …
Land ablenken. Denn dass er die Wahl fälschen und sich zum
haushohen Sieger ausrufen wird, gilt unter Beobachtern als Die Unzufriedenheit und Ungewissheit erzeugt bei vielen
sicher. Zugleich soll ein Maulkorb-Gesetz die Weißrussen Weißrussen Orientierungslosigkeit. … Nach der letzten un-
davon abhalten, ausländischen Pressevertretern Interviews abhängigen Untersuchung vom September 2005 wären 40
zu geben. Prozent der Weißrussen zur Emigration bereit. Unter Jugend-
lichen beträgt diese Zahl über 65 Prozent. … Ein Regime-
Zum ersten Mal stellen die sonst zerstrittenen weißrus- wechsel in Weißrussland kann ohne Druck von außen nicht
sischen Oppositionsparteien einen gemeinsamen Kandida- gelingen, darin sind sich Beobachter einig. …
ten. Der 58-jährige Alexander Milinkiewitsch … will der
Propaganda in den staatlich gelenkten Medien durch eine Financial Times Deutschland vom 9. Januar 2006 (Tatjana
»Von-Tür-zu-Tür-Kampagne« begegnen: »Wir müssen den Montik/Florian Kellermann)
kritischen Bürgern klarmachen, dass sie nicht allein sind
und die Opposition eine echte Alternative darstellt«, sagte

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 12

◗ Wo liegt Weißrussland geografisch? Sucht den Staat auf ◗ Wenn Menschen ihr Land verlassen und auswandern, so
einer Landkarte. nennt man das Emigration. Wie viele Jugendliche in Weiß-
◗ Was erfahrt Ihr aus dem Zeitungsartikel über die Präsi- russland wären grundsätzlich bereit, ihr Land zu verlassen?
dentenwahl in Weißrussland im März 2006? Wie behandelt Welche Gründe könnten sie haben?
Lukaschenko politische Gegner? ◗ Warum ist eine freie Wahl ohne Zwang und Einschränkun-
◗ Können Zeitungen in Weißrussland – wie in Deutschland gen für eine Demokratie so wichtig?
– frei entscheiden, worüber sie berichten wollen? Können ◗ Sucht nach Informationen, wie die Wahl in Weißrussland
die Medien Kritik an Präsident Lukaschenko und an seiner ausgegangen ist. Wie hat die internationale Staatengemein-
Amtsführung üben? schaft auf die Vorgänge in Weißrussland reagiert? Welche
◗ Was sind die im Text genannten »Vertrauenshotlines«? Wie Maßnahmen hat zum Beispiel die Europäische Union vor und
sind sie zu beurteilen? nach der Wahl ergriffen?

60 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D 13 Wenn Kindersoldaten sterben, sind sie schnell ersetzt

Dabei setzt sich der Missbrauch dort noch verstärkt fort: Mit
14 Jahren bringt Keitetsi ihr erstes Kind, einen Sohn, zur
Welt, der Vater ist ein hochrangiger Militär. Mit 15 Jahren
kann sie schon nicht mehr zählen, »wie viele Commander
meinen Körper benutzt haben«. Mit 18 Jahren macht sie
sich, erneut schwanger, schließlich auf die Flucht, die sie
durch Kenia, Tansania, Sambia und Simbabwe schließlich
nach Südafrika führt.

Von dort wird Keitetsi schließlich nach vier Jahren auf der
Straße und in einer Klinik vom Flüchtlingswerk der Vereinten
picture-alliance/dpa

Nationen nach Dänemark gebracht, wo ihr zweites Leben


beginnt. Die junge Frau erhält psychologische Betreuung,
arbeitet als Kindergärtnerin, schreibt ihr Buch und macht es
sich zur Lebensaufgabe, die Welt auf das Schicksal der Kin-
Im Februar 2006 empfängt Bundespräsident Horst Köhler dersoldaten aufmerksam zu machen. Mit großer Resonanz:
die ehemalige Kindersoldatin China Keitetsi. Sie über- Keitetsi hat bereits eine Rede vor den Vereinten Nationen
reicht ihm ein Kreuz, das aus dem Metall von Waffen gehalten und Bill Clinton getroffen. … Neben der politi-
gefertigt wurde. schen Einflussnahme liegt der Afrikanerin der Kontakt mit
Schulklassen besonders am Herzen. »Ich will den Schülern
vermitteln, was für ein Geschenk es ist, zur Schule gehen
Die Visitenkarte von China Keitetsi sticht sofort ins Auge: zu dürfen.« ...
In Cartoonform ist darauf ein kleines Mädchen zu sehen,
das von bunten Bleistiften träumt, die sie vielleicht in der Keitetsis traurige Lebensgeschichte hat bei vielen Schulklas-
Schule benützen könnte – stattdessen aber in Uniform und sen bleibenden Eindruck hinterlassen, auch wenn sich der
mit einem Gewehr auf der Schulter in den Krieg geschickt Blick auf den Schulalltag durch ihre Berichte nicht nach-
wird. Es ist eine ungewöhnliche Art, sich vorzustellen. Die haltig ändern mag. Das belegen die zahlreichen Einträge im
1976 in einem kleinen Dorf in Uganda geborene Keitetsi hat Gästebuch auf ihrer Website www.xchild.uk. Dort bittet sie
aber auch eine mehr als ungewöhnliche Lebensgeschichte auch um Unterstützung für ihren Verein »Hilfe für ehemalige
hinter sich, die für schätzungsweise 300.000 Kinder welt- Kindersoldaten und afrikanische Kriegsopfer«, der diesen
weit dennoch eine traurige Realität ist: Ein Leben als Kin- eine Schul- und Berufsausbildung ermöglichen soll. Denn
dersoldatin. dass deren Zahl in absehbarer Zeit abnehmen könnte, darüber
macht sich Keitetsi keine Illusionen: »Als Museveni Kinder
Im Alter von acht Jahren wurde Keitetsi von der NRA (Na- rekrutierte, wurde das als modern angesehen, weil sie viele
tional Resistance Army) des Rebellenführers und heutigen Vorteile haben: Sie sind leicht manipulierbar, können viele
Präsidenten Yowere Museveni zwangsrekrutiert, doch ihr Aufgaben übernehmen und wenn sie sterben, kann man sie
Martyrium begann schon kurz nach ihrer Geburt: In ihrem schnell ersetzen.« … Und ihren Kampfnamen »China«, den
Buch »Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr« sie aufgrund ihrer asiatischen Augenform erhielt, beschloss
schildert sie in qualvoller Ausführlichkeit, wie sie von ihrem sie zu behalten: »Sonst wird mich eines Tages jemand er-
Vater und der Stiefmutter fortlaufend körperlich misshandelt kennen, unerwartet ›China‹ nennen, und dann kommen alle
wurde. Eine Erfahrung, die erklärt, warum sie die Armee bei grausamen Erinnerungen auf einmal zurück.«
allem Schrecken zunächst als eine Art Ersatzfamilie emp-
funden hat. Badische Zeitung vom 1. Oktober 2005 (Stefan Rother).

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 13

◗ Informiert Euch genauer über die Situation von Kinder- Art. 2, Abs. 1: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung
soldaten in Uganda und über das Leben von China Keitetsi. seiner Persönlichkeit.
Entwerft dann eine Präsentation zu ihrem Leben und zu Art. 2, Abs. 2: Jeder hat das Recht auf Leben und körper-
ihrem heutigen Engagement. liche Unversehrtheit.
◗ Vergleicht die Situation der Kindersoldaten mit den Grund- ◗ Vergleicht die frühere Situation von China Keitetsi mit
rechten im deutschen Grundgesetz: der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Welche
Art. 1, Abs. 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie Menschenrechte wurden verletzt? Eine Version der Menschen-
zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen rechtserklärung für Jugendliche findet Ihr z. B. unter www.
Gewalt. lpb.bwue.de/aktuell/puu/2_05/baustein_a.pdf.

Politik & Unterricht • 2/3-2006 61


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D 14 Was ist Demokratie?

Ihr findet hier Zitate von berühmten Persönlichkeiten rund Gewaltenteilung – Meinungsfreiheit – Widerstandsrecht
um das Thema Demokratie. Bildet Vierergruppen in der – Volkssouveränität – Kompromiss – Toleranz – Menschen-
Klasse und diskutiert die Zitate. Notiert kurz Eure wich- rechte – freie Wahl – Sozialstaat – Minderheitenschutz
tigsten Meinungen zu jedem Zitat. Ordnet dann jedem Zitat – Bürgerbeteiligung – Verfassung – Gesetzmäßigkeit der
einen oder mehrere der folgenden Begriffe zu. Begründet Regierung – Unabhängigkeit der Gerichte – geregelter
eure Zuordnung. Konfliktaustrag – Interessenausgleich – Pluralismus

meine Notizen zugeordnete Begriffe

»Diktaturen sind Einbahnstraßen.


In Demokratien
herrscht Gegenverkehr.«
Alberto Moravia, Schriftsteller (1907–1990)

»Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht,


aber ich würde mein Leben dafür einsetzen,
dass Sie sie äußern dürfen.«
Voltaire, Schriftsteller und Philosoph (1694–1778)

»Wenn einer steuert,


und ein anderer bremst,
und trotzdem kein Unfall passiert.«
Wolfram Weidner, Journalist (geb. 1925)

»Unter Demokratie verstehe ich, dass sie


dem Schwächsten die gleichen Chancen
einräumt wie dem Starken.«
Mahatma Gandhi, Politiker und Philosoph (1869–1948)

»Democracy is the government of the people,


by the people, for the people.«
Abraham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten
von Amerika (1809–1865)

»Es ist eine ewige Erfahrung, dass jeder Mensch,


der Macht in Händen hat, geneigt ist, sie zu missbrauchen.
Er geht so weit, bis er Schranken findet.«
Montesquieu, Staatsphilosoph (1689–1755)

»Freiheit ist immer


die Freiheit
des Andersdenkenden.«
Rosa Luxemburg, Politikern (1871–1919)

»Mir ist die


gefährliche Freiheit lieber
als eine ruhige Knechtschaft.«
Jean-Jacques Rousseau, Staatsphilosoph (1712–1778)

ARBEITSAUFTRÄGE ZU D 14

◗ Wählt aus den Aussagen der berühmten Persönlichkeiten ◗ Präsentiert Eure Ergebnisse in der Klasse und vergleicht
zwei Zitate aus, die für Euch die Demokratie am besten diese mit den Ergebnissen der anderen Mitschülerinnen und
beschreiben. Begründet Eure Auffassung. Mitschüler.

62 Politik & Unterricht • 2/3-2006


D • Demokratie als Staats- und Herrschaftsform erleben

D 15 Demokratie und Diktatur – ein Quiz

Kreuzt bei den folgenden Aussagen die richtigen Antwortmöglichkeiten an.

In Diktaturen gibt es … a) freie und geheime Wahlen


b) zahlreiche Verletzungen der Menschenrechte
c) Meinungs- und Pressefreiheit
d) eine Vielzahl von staatlich nicht kontrollierten Interessengruppen

Diktaturen benötigen … a) Spitzel und Denunzianten


b) einen Personenkult um den Herrscher
c) Feindbilder (der »böse Andere«)
d) Gewaltenteilung

Diktaturen achten … a) die Würde jedes einzelnen Menschen


b) die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger
c) politische Gegner
d) alles, was der Diktator sagt, befiehlt und tut

Demokratie bedeutet … a) die Herrschaft einer Elite


b) die Herrschaft eines Einzelnen
c) die Herrschaft des Volkes
d) die Dauerherrschaft einer Gruppe

In der Demokratie gibt es … a) viele unterschiedliche Meinungen und Lebensweisen


b) keine Verfassung
c) die Gleichberechtigung von Männern und Frauen
d) freie und geheime Wahlen

Demokratien benötigen … a) aktive, engagierte und informierte Staatsbürger


b) durch die Verfassung garantierte Rechte
c) unabhängige Gerichte
c) Mehrheitsentscheide

Demokratien achten a) die freie Presse und kritische Medien


b) Unterdrücker und Gewalttäter
c) alle Religionen und Glaubensauffassungen
d) die Rechte und Meinungen von Minderheiten

Politik & Unterricht • 2/3-2006 63


Zeitschrift für die Praxis der politischen Bildung

Politik & Unterricht


Heft 2/3-2006
2./3. Quartal
32. Jahrgang

LITERATURHINWEISE

Fachliteratur
Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Politische
Abromeit, Heidrun: Wozu braucht man Demokratie? Die post- Streitkultur. Themenblätter im Unterricht Nr. 48, 2005.
nationale Herausforderung der Demokratietheorie, Opla- Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Entscheiden
den 2002. in der Demokratie. Themenblätter im Unterricht Nr. 54,
Arendt, Hannah: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu 2006.
Leben und Werk, 3. Aufl. München 1998. DeBono, Edward: Teach Your Child How to Think, New York
Beyme, Klaus von: Die Parlamentarische Demokratie, Wies- 1992.
baden 1999. DeBono, Edward: Six Thinking Hats, New York 2000.
Dahl, Robert A.: Polyarchy. Participation and Opposition, Csikszentmihalyi, Mihalyi: Flow. The Psychologie of Optimal
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Kaldor, Mary: Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im 2000.
Zeitalter der Globalisierung, Frankfurt/M. 2000. Himmelmann, Gerhard: Demokratie Lernen als Lebens-, Ge-
Maier, Hans/Denzer, Horst (Hrsg.): Klassiker des politischen sellschafts- und Herrschaftsform, Schwalbach/Ts. 2001.
Denkens, 2 Bde., 5. Aufl. München 2001. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württem-
Massing, Peter/Breit, Gotthard (Hrsg.): Demokratie-Theo- berg (Hrsg.): Demokratie lernen und leben. Magazin
rien. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2. Aufl. Schwal- Schule, Heft 16, 2005.
bach/Ts. 2003. Lehren und Lernen. Zeitschrift für Schule und Innovation in
Merkel, Wolfgang/Puhle, Hans-Joachim: Defekte Demokra- Baden-Württemberg: Demokratie lernen, Heft 1/2006.
tie, 2 Bde., Opladen 2003. Massing, Peter/Roy, Klaus-Bernhard (Hrsg.): Politik – Politi-
Müller, Harald: Das Zusammenleben der Kulturen. Ein Gegen- sche Bildung – Demokratie, Schwalbach/Ts. 2005.
entwurf zu Huntington, Frankfurt/M., 4. Aufl. 2001. Metzler, Gabriele: Kreativer Politikunterricht, in: Sozial-
Oberndörfer, Dieter/Rosenzweig, Beate (Hrsg.): Klassische wissenschaftliche Informationen Jg. 27, Heft 1, 1998,
Staatsphilosophie. Texte und Einführungen von Platon bis S. 18–30.
Rousseau, München 2000. Metzler, Gabriele/Metzger, Daniel/Kneile-Klenk, Karin: Pro-
Offe, Claus (Hrsg.): Demokratisierung der Demokratie. Diag- jektseminar »Globaler Krieg nach dem Kalten Krieg: (west-
nosen und Reformvorschläge, Frankfurt/M. 2003. liche) Demokratie contra Fundamentalismus?« in: Volker
Platon: Der Staat, 2. Aufl. München 1998. Reinhardt (Hrsg.): Projekte machen Schule. Projektunter-
Popper, Karl R.: Auf der Suche nach einer besseren Welt. richt in der politischen Bildung, Schwalbach/Ts. 2005.
Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, 11. Aufl. Mün- Schiele, Siegfried (Hrsg.): Politische Mündigkeit. Zehn Ge-
chen 2002. spräche zur Didaktik politischer Bildung, Schwalbach/Ts.
Schmidt, Manfred G.: Demokratietheorien, 3. Aufl. Opladen 2004.
2000.
Strange, Susan: States and Markets. An Introduction to
International Economy, London 1989.
Vorländer, Hans: Demokratie, München 2003.

Fachdidaktikische Literatur

Breit, Gotthard/Schiele, Siegfried: Demokratie braucht poli-


tische Bildung, Schwalbach/Ts. 2004.
Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Was heißt
hier Demokratie? Thema im Unterricht, 2004.
Zeitschrift für die Praxis der politischen Bildung

Politik & Unterricht


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