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2 Mathematik

Esther Ramharter

Abstract: Chapter 2, Mathematics, deals with the kinds and aspects of mathe-
matical objects that in non-terminological parlance can be called lines  – e.g.,
curves or the boundaries of surfaces –, the limits of the concept line, linearity as
a generalisation of lines, and the foundational status of lines in geometry. The
introductory part of this chapter discusses, among other things, the relations
between lines and one-dimensionality, measuring, boundary, and drawing (i.e.,
of lines). The chapter then presents a choice of texts ranging from antiquity to the
present, with a special focus on the 19th and the beginning of the 20th century –
a period that saw a significant rise of interest in geometry and its foundational
issues. Examples from the following authors are included: Aristotle, Euclid,
René Descartes, Johann Benedict Listing, Richard Dedekind, Charles S. Peirce,
David Hilbert, Gottlob Frege, Felix Klein, Hugo Dingler, Benoît Mandelbrot, Gilles
Deleuze/Félix Guattari. The final text, by Harro Heuser, is not about lines, but
about linearity.

2.0 Einleitung1
Was schon in Bezug auf die Philosophie für Verwunderung sorgen mag,2 erstaunt
in Bezug auf die Mathematik wohl noch mehr: Der Linie3 kommt nirgends eine
deutliche und explizite Position zu; in keiner Disziplin der modernen Mathematik
ist ‚Linie‘ ein definierter Begriff.4 Man sieht die Linie heute kaum mehr gezeich-
net, es sei denn zu didaktischen Zwecken; David Hilberts* formalistischem Pro-

1 Die folgenden Ausführungen sind so gestaltet, dass sie mit einem intuitiven Verständnis der
hier nicht definierten Begriffe nachvollziehbar sein sollten. Die mathematische Terminologie
habe ich dennoch  – um mathematisch vorgebildeten Lesern die Lektüre zu erleichtern  – ver-
wendet oder hinzugefügt; wo es mir entbehrlich schien allerdings ohne weitere Erklärung. Alle
mathematischen Begriffe sind ohne Probleme im Internet oder in beliebigen einschlägigen Bü-
chern nachlesbar.
2 Vgl. S. 19.
3 Linie ist hier und im Folgenden nicht auf gerade Linien eingeschränkt zu verstehen.
4 Hier ist anzumerken, dass es geringe Abweichungen in Abhängigkeit von der Sprache gibt. Da
etwa das Englische kein terminologisches Äquivalent zu ‚Geraden‘ kennt, kommen ‚Linien‘ dort
als ‚straight lines‘ vor. ‚Höhen(schichten)linien‘, ‚Äquipotentiallinien‘ etc. mag man außerdem
als Ausnahmen ansehen, aber dabei handelt es sich um Begriffe, die ihre terminologische Hei-

DOI 10.1515/9783110467949-003

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gramm zufolge soll bzw. braucht man sie sich nicht einmal vorzustellen. Deter-
minierungsversuche divergieren in Motive der Demarkation, der Bevorzugung
(Geraden vor anderen), der Abkehr vom Wesen, des Maßes, der Orientierung, des
Folgens, der Bewegung…
Die landläufige Vorstellung, dass Linie ein fundamentaler Begriff der Mathe-
matik sei, scheint in dieser Heterogenität von Auftrittslogiken keinen Anhalt zu
finden. Nur im Kontext von Fundierungsbestrebungen5 für die Mathematik, ins-
besondere die Geometrie, etablieren Diskurse über Linien eine Position, von der
aus der Linie eine solche verbindliche und universelle Rolle zugesprochen wird.
Dass sich in dieser Quellensammlung Texte aus der Zeit um 1900 häufen, ist folg-
lich kein Zufall: Es handelt sich um eine Zeit des Revivals der Geometrie (durch
das Aufkommen der Nicht-Euklidischen Geometrien) und der Grundlagendiskus-
sionen.
Allerdings verleiht nicht nur die Beschäftigung mit Grundlagendebatten der
Linie Relevanz für die Mathematik. Zu verschiedenen Zeitpunkten und in ver-
schiedenen Disziplinen lassen sich Objekte identifizieren – etwa parametrisierte
Kurven6 ab dem Ende des 17. Jahrhunderts –, die man nicht zögern würde, Linien
zu nennen. Als zeitloses Phänomen kann die Linie in der mathematischen Praxis
somit zwar nicht gelten, in ihren konkreten Formen bestimmt sie die Mathematik
jedoch wesentlich.
Eine systematisierende und dennoch der Historizität der Konzeptionen ent-
sprechende Darstellung des Linien-Themas in der Mathematik hat gewisse Motive
zur Disposition, die sich in Definitionsversuchen manifestieren können. „Eine
Linie ist breitenlose Länge“ – in dieser Definition Euklids* und seinem weiteren
Umgang mit der Linie findet sich das kritische Potential vieler späterer Analy-
sen bereits angelegt. Entsprechend widmet sich der erste Teil dieser Einleitung,
jeweils von Euklid ausgehend, folgenden Bestimmungen von Linie:
– Linie als eindimensionales Gebilde
– Linie als Grenze

mat eigentlich in anderen Disziplinen wie der Kartographie oder der Physik haben. Zu Höhen-
schichtenlinien s. S. 212.
5 Meta-Diskurse existieren in Bezug auf die Mathematik fast ausschließlich in Gestalt von Ge-
schichte und Philosophie der Mathematik (wobei es sich um eine sehr eigene Art von Philoso-
phie handelt), kulturwissenschaftliche Beschäftigung damit gibt es nur sehr partiell: Einerseits
befasst sich Friedrich A. Kittler hauptsächlich mit der Antike, andererseits untersuchen Sybille
Krämer u. a. die Mathematik unter dem Aspekt der Schriftbildlichkeit bzw. Diagrammatik, was
hier nicht im Vordergrund stehen soll. (S. etwa Kittler 2006, Kittler 2009, Krämer 2012a, Krämer
2012b. Nennen sollte man ferner noch: Serres 1998.)
6 Für eine Definition s. S. 92.

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– Linie und Maß


– Eine Linie ziehen
– Linie als Kontinuum
– Die Linie, die durch ihr Verhalten definiert ist

Dabei ist zu beachten, dass alle diese Eigenschaften potentiell als definierend
angesehen werden können. Die chronologische Anordnung der im Anschluss
aufgeführten Texte macht es möglich zu sehen, in welcher Zeit die jeweilige Kon-
zeption von Linie begonnen hat, eine Rolle zu spielen.
Der zweite Teil dieser Einleitung widmet sich einer von den Geraden abstra-
hierten Vorstellung von Linearität. Während der Begriff der Linie in verschiede-
nen außermathematischen Kontexten deutlicher konturiert und ausgedeutet zu
sein scheint als in der Mathematik, verhält es sich mit der Linearität umgekehrt:
Linearität hat in der Mathematik eine vollkommen bestimmte und in verschiede-
nen Zusammenhängen immer gleiche Bedeutung. Diese Bedeutung übernimmt
einige der Vorstellungen von Linearität, die in Bezug auf Geschichte und Litera-
tur geläufig sind (nicht-zyklisch, ohne Zurück…), verpflichtet die Phänomene des
Linearen aber noch zusätzlich auf eine Art von ‚Geradheit‘.
Die Linie der Mathematik hat nicht nur Anlass zu Abstraktionen, wie etwa
jene der Linearität, gegeben, sie zeichnet sich auch selbst immer schon durch
ihre Abstraktheit aus. Der Anschein entsteht allerdings, dass es sich dabei um
eine Abstraktheit ohne Abstraktion handelt, zumal sie seit jeher völlig unproble-
matisiert einfach angenommen wird – ganz im Unterschied etwa zur Situation in
Kunsttheorien (s. Worringer*). Die Linie ist so selbstverständlich abstrakt, dass
um 1900 die Idee aufkommt, dass die empirische Linie erst eingeholt werden
muss (s. u. a. Dingler*).
Einen strengen Aufbau der Mathematik prägen Hierarchien: der Abstrakt-
heit, der Abkürzung (durch Definitionen), der Grade… – und der Inklusion. Die
Linie wird vor allem durch ihr Enthalten-Sein in Fläche und Raum lokalisiert.
Fläche und Raum werden im Folgenden allerdings ausgespart bleiben, daher nur
einige kurze Bemerkungen dazu:
Den ‚Raum‘, allgemein gesprochen, gibt es in der Mathematik nicht, wohl
aber spezielle Räume (topologischer Raum, Vektorraum, metrischer Raum…),
die jedoch keinen gemeinsamen Überbegriff haben. Die Räume der Geometrie
werden ‚Geometrien‘ genannt. Die Art der Partizipation der Linie an jedem dieser

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Räume hängt von den Spezifika des jeweiligen Raumes ab und schlägt sich dann
in den Definitionsmöglichkeiten von ‚Linie‘ nieder.7
Das Verhältnis von Linie und Fläche gibt mehr Anlass zu Kommentaren: In
mindestens zweierlei Hinsicht können Flächen aus Linien gebildet sein.8 Anhand
von Beispielen kann man sie sich vor Augen führen: Ein Quadrat lässt sich als Ver-
einigung aller Punkte auf parallelen Strecken – ‚Schnitten‘ durch das Quadrat –
fassen. Und eine um eine Achse kreisende Gerade erzeugt eine Kegelfläche.
Jede Fläche ist die Vereinigung von Punkten auf passend gewählten Strecken,
die die Fläche ‚aufbauen‘. Allerdings muss für viele Zwecke spezifiziert werden,
was ‚aufgebaut sein‘ bedeutet, etwa wenn man auf dieser Basis Flächeninhalte
berechnen möchte. Die Integralrechnung geht auf die Idee zurück, unendlich
viele Streckenlängen aufzusummieren, um einen Flächeninhalt zu berechnen.9
Denkt man sich etwa ein Rechteck mit Seitenlängen a und b aus parallelen Stre-
cken der Länge a aufgebaut, kann man den Flächeninhalt berechnen als Produkt
der Längen dieser Strecken mit ihrer ‚Anzahl‘ b. Ein Kreis mit Radius r ist zwar
offenbar auch aus seinen Radien aufgebaut, in dem Sinn, dass er ihre disjunkte10
Vereinigung ist, und man könnte daher vermuten, dass sich seine Fläche als
Produkt der Länge der Radien r mit ihrer ‚Anzahl‘, d. h. dem Umfang 2r, ergibt.
Das Ergebnis erweist sich jedoch als falsch (r × 2r ist 2r2π, also das Doppelte des
Flächeninhalts). Man sieht, dass hier Klärungen vonnöten sind.11
Die zweite genannte Art, Flächen durch Linien aufzubauen, besteht darin,
die Linie zu bewegen. Die Vorstellung, dass bewegte Punkte Linien, bewegte
Linien aber Flächen erzeugen, findet sich in mannigfaltigen Zusammenhängen;
Gottfried W. Leibniz12 spricht davon, Charles S. Peirce* (S. 119), Paul Klee* (S. 416)
und ebenso Wassily Kandinsky (1973, S. 57). Kandinskys Beispiel einer um einen
festen Punkt rotierenden Strecke, die einen Kreis erzeugt, macht deutlich, dass
diese Art des Aufgebaut-Seins im Ergebnis ein Aufgebaut-Sein der oben beschrie-
benen, ersten Art liefert.
In vielen Zusammenhängen möchte man allerdings gerade nicht, dass die
Linie in der Fläche aufgeht. Interessiert man sich für Scharen von Linien, dann
ist es entscheidend, dass die Linien als einzelne, adressierbare Linien ihre Iden-

7 Für Streckenlängen benötigt man einen metrischen Raum, für Dimensionsdefinitionen topolo-
gische Räume, für Linearität Vektorräume…
8 Außerdem können Linien natürlich Flächen erzeugen, indem sie sie einschließen.
9 Die heutige Integralrechnung vermeidet einen derartigen Umgang mit dem Unendlichen.
10 Der Mittelpunkt als einzelner Punkt spielt für die Flächenberechnung keine Rolle.
11 Das Prinzip von Cavalieri gibt an, unter welchen Umständen man einen Flächeninhalt als
Ergebnis einer Integration über seine unendlich vielen Schnitte erhält.
12 Leibniz 1858, S. 145 („[V]ia puncti dicitur Linea.“).

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tität bewahren. In dieser Einleitung soll geklärt werden, durch welche Merkmale
sich die Linie ihre Eigenständigkeit gegenüber dem, wovon sie Teil ist, aber auch
gegenüber anderen geometrischen Gegenständen, erhält.

Die Linie (2.1)

Linie als eindimensionales Gebilde („breitenlos“)

Die Linie, von der Euklids* Text spricht, hat eine Dimension, sie ist „breitenlos“
(„breitenlose Länge“). Diese Breitenlosigkeit verliert allerdings ihre Selbstver-
ständlichkeit, wenn man sich an dem Paradigma einer (wie auch immer) gezoge-
nen Linie13 orientiert. Wird nämlich die Linie von ihrer Hervorbringung her auf-
gefasst, kommen verschiedene Modalitäten und Grenzfälle ins Spiel: Die Linien
können zu löchrig, zu wild oder zu dicht werden. So wird man zwar nicht zögern,
eine Linie, aus der ein oder mehrere Punkte entfernt wurden, als gestückelte
Linie anzusehen; entfernt man jedoch viele Punkte, kann ein Gebilde entstehen,
von dem sich mit gutem Grund sagen lässt (in einem bestimmten, formal prä-
zisen Sinn), es wäre zu wenig, um Dimension 1 zu haben, und zu viel, um die
Dimension einzelner Punkte (also Dimension 0) zu haben. Lässt man anderer-
seits eine Linie zu wild hin- und herschwanken, kann man ein Gebilde – wie etwa
die Koch-Kurve14 – erzeugen, dessen Dimension größer als 1, aber kleiner als 2
(die Dimension der Fläche) ist. Legt man schließlich eine Linie so, dass sie eine
Fläche ganz ausfüllt,15 nimmt sie – paradoxerweise – die Dimension der Fläche
an und scheint damit ihre Breitenlosigkeit preiszugeben. Ob man also Eindimen-
sionalität tatsächlich als (definierende) Eigenschaft der Linie ansehen kann, wird
durch derartige Gebilde zumindest fraglich.
Fraktale  – i.e. Kurven bzw. Mengen mit nicht-ganzzahliger Dimension  –
kommen historisch in mehreren Schritten in den Blick. Zunächst ist es die Schlan-
genlinie, der die Mathematik – sehr verhalten – Aufmerksamkeit zuwendet: Das
Mittelalter versteht sie als Aufforderung zur Mathematisierung – so beschreibt es
Benoît Mandelbrot* (S. 131), der ‚Erfinder‘ der Fraktale. Konzentrierte Aufmerk-

13 Unter einer Linie kann hier etwa eine stückweise stetige Funktion von Zeitpunkten auf Punk-
te der Ebene verstanden werden.
14 Z. B. bei Deleuze/Guattari* bekommt man sie zu sehen; s. S. 137.
15 Eine Abbildung findet sich etwa auf S. 125.

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samkeit kann sie in der Mathematik16 nie auf sich ziehen, sie bleibt ein Beispiel
unter vielen (etwa in der Differentialgeometrie), kann jedoch vielleicht durch ihre
Form als Vorläufer oder Modell der Fraktale angesehen werden. Das 20. Jahrhun-
dert erst kennt Fraktale und findet in ihnen einen Gegenstand der quantitativen
Bestimmung. Sie werden für einige Jahre regelrecht zu einer Mode.
Die Untersuchung der Schlangenlinien und jene der Fraktale gehören ver-
schiedenen Disziplinen der Mathematik an. Ein Aspekt, unter dem Schlangen-
linien und Fraktale gleichwohl verwandt erscheinen können, ist ihre bildliche
Darstellung. Doch auch da gäbe es Brüche zu erklären. Heutige Fraktal-Bilder,
die zur Dekoration verwendet und kaum als Kunst im engeren Sinn angesehen
werden, zeigen Flächen, nicht Linien. Während die figura serpentinata als Impe-
rativ verstanden wurde, mehr an Variation zu sehen als vorhanden ist,17 brechen
die Fraktal-Bilder die Variation – eine vorhandene Variabilität – willkürlich ab:
Man zeigt (statische) Bilder, nicht Filme oder Objekte mit Zoom-Funktion. Die
Schlangenlinien sind gewissermaßen Auftraggeber der Mathematik, die Fraktal-
Bilder hingegen nutzen eine bereits etablierte Mathematik  – das kann die Ver-
mutung nahelegen, dass die in der figura serpentinata ursprünglich gefühlte
mathematische Herausforderung schlichtweg historisch eingelöst wurde; in der
Realität jedoch erweist sich die Mathematik der Fraktale keineswegs als beson-
ders nützlich für das Studium von Schlangenlinien, sodass der Zusammenhang
im Rückblick nicht stärker wird.
Fraktale mögen einen Vorläufer im Phänotypus der Schlangenlinien haben
und Mandelbrot daher die ideengeschichtlichen Ursprünge der Fraktale zu Recht
in diesen Figuren sehen;18 diejenigen (späteren) praktischen Impulse, die der
mathematischen Theorie zum Durchbruch verhelfen, verortet jedoch auch er
selbst anderswo: in der Vermessung (S. 131). Das Vermessen wird durch die frak-
tale Natur von Küstenlinien vor ein Problem gestellt: Je genauer man misst, desto
länger wird möglicherweise die Küstenlinie; sie kann sogar unendlich werden
(S. 131). Genau genommen existiert dann die Küstenlinie nur als Grenzfigur jener
unendlich vielen (gedachten) Küstenlinien, die zwischen immer mehr Ecken

16 In der Kunst findet man natürlich dezidierte Bemühungen um Schlangenlinien und ver-
wandte Figuren: Albrecht Dürer* befasst sich in seiner Underweysung der Messung mit Schlan-
gen- und „Schnecken“-Linien (d. h. Spiralen), auch Leonardo da Vinci studiert sie intensiv. Im
Manierismus avanciert die figura serpentinata zur Leitfigur in Skulptur und Malerei (s. Giovanni
Paolo Lomazzo*). William Hogarth* wird daraus schließlich die Norm gebende line of beauty
machen, die Möglichkeit, diese zu mathematisieren, aber ausdrücklich verweigern.
17 Vgl. Michael Podros Ausführungen zu Hogarth: Podro 1998, S. 118–120.
18 Auch in den Turbulenzen, wie etwa Leonardo da Vinci sie zeichnet, verortet Mandelbrot sol-
che Ursprünge (s. Mandelbrot 1987, S. 275).

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immer schneller hin- und herschwanken. Als davon betroffen erweisen sich somit
nicht nur die Längenmessung, sondern auch die zu vermessenden Gegenstände,
die ‚in ihrer Natur‘ erschüttert werden. Was sich zunächst als Problem der Län-
genmessung präsentierte, birgt damit jenes noch fundamentalere Problem der
Dimensionalität in sich, das sich in Reinform an den eingangs genannten Bei-
spielen zeigt.
Die Philosophen Gilles Deleuze* und Félix Guattari* nutzen jene Ruhelo-
sigkeit, um die Koch-Kurve als Paradigma des Glatten herauszustellen. Einen
Mathematiker mag diese Terminologie verwundern, da Glattheit in der Mathema-
tik19 das Gegenteil impliziert: das Nicht-Vorhandensein von Ecken. Deleuzes und
Guattaris „glatte Räume“ dagegen verdanken sich dem Ausrutschen, eigentlich
dem Ausgerutscht-Werden. Auf der Koch-Kurve hat man nirgends Halt. Entspre-
chend ist der glatte Raum der Raum der Nomaden. Dem gekerbten Raum verlei-
hen Deleuze und Guattari das Attribut „metrisch“. Sie gebrauchen „das Glatte“
und „das Gekerbte“ wie Indizes, und indizieren damit mehreres. Zum einen ver-
schieben sie Grenzen, indem sie die Indizierung nicht genau mit schon beste-
henden Begrifflichkeiten zusammenfallen lassen; zum anderen schaffen sie eine
Junktimierung von mathematischen und nicht-mathematischen Begriffen – und
zwar nicht einzelnen anderen Begriffen, sondern mit solchen, die ihrerseits über
diese Indizierung verbunden sind. „Glatt“ und „gekerbt“ sammeln dabei nicht
nur Phänomene, sondern stellen auch Verbindungen her, indem die jeweiligen
Grenzverschiebungen ein Eigenleben des Glatten/Gekerbten erzeugen, ein Eigen-
leben aus den Differenzen. Wenn Deleuze und Guattari etwa festhalten, dass sie
als „gekerbt oder metrisch eine Menge [bezeichnen], die eine ganze Dimensions-
zahl hat und der man konstante Richtungen zuordnen kann“ (S. 137), produziert
die Unschärfe des zweiten Teils der Festlegung eine Translation: Sie hätten met-
rische Mengen in Übereinstimmung mit einem üblichen Gebrauch in der Mathe-
matik verstehen können20  – stattdessen sprechen sie in indefiniter Weise von
Richtungen. Diese Freiheit ermöglicht es, die Indizes „glatt“ und „gekerbt“ auf
sehr verschiedene Gegebenheiten zu affichieren. (Für die Nomaden etwa sind
Richtungen leitend. Wie man auch in Deleuzes und Guattaris Aufzählung von
„glatt/gekerbt“-indizierten Typen von Mannigfaltigkeiten als Differenz zumeist
mehr das Verhalten der Richtungen sieht: Unter diesen Mannigfaltigkeiten finden
sich „extensive und qualitative; zentrierte und azentrierte; baumartige und rhi-
zomatische, zahlenförmige und flache […]“ (Deleuze/Guattari 1992, S. 671). Die

19 ‚Glatt‘ bedeutet ‚unendlich oft differenzierbar‘.


20 Z. B. als Mengen (ganzzahliger Dimension) in metrischen Räumen oder als rektifizierbare
Mengen.

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Anbindung der Linie erfolgt so nicht – wie es gewisse Grundlegungsstrategien in


der Philosophie der Mathematik dominiert – in solitären Ausschnitten aus einem
lebensweltlichen Zusammenhang. Hugo Dingler* und später Paul Lorenzen etwa
fundieren die Existenz von Ebenen, Geraden etc. im Gegeneinander-Schleifen
von Steinen. Deleuze und Guattari dagegen machen die Linie zum Element eines
vielfältigen Musters, das sich in verschiedensten Zusammenhängen zeigt. Linien,
kategorisiert in glatte und gekerbte, haben durch diese Indizierung als Phäno-
mene ein semantisches Bezugsfeld (Wellen, musikalische Phrasen, Wanderun-
gen von Nomaden, die politisch-ökonomiegeschichtlichen Bedingungen der
altorientalischen Hochkulturen…) gewonnen, das realistischer zu sein scheint:
Niemand wird glauben wollen, dass es das Konzept der Linie geben würde, gäbe
es nur flach geschliffene Steine oder Striche im Sand. Deleuze und Guattari schaf-
fen contra legem und, ohne es zu beabsichtigen,21 einen Ansatz zu einer Grund-
legung der Geometrie.22

Linie und Messen („Länge“)

Was die Formel „breitenlose Länge“ noch vereint, differenziert die moderne
Mathematik aus: die Länge als Ausdehnung – verallgemeinert: die Dimension –
und das Längenmaß. 23
Die Basis für die Längenmessung von Kurven24 bilden gerade Strecken. (Bei
Euklid sind Geraden stets endlich, in dem Sinn, dass sie einen Anfangs- und einen
Endpunkt im Endlichen haben, jedoch beliebig verlängerbar.)25 Für gekrümmte
Linien wird der Begriff der Rektifizierbarkeit eingeführt. Die Grundidee besteht
darin, die Linie bestmöglich durch Streckenzüge, deren Streckenendpunkte auf
der Kurve liegen, zu approximieren.26 Gerade und krumme Linie werden damit –
in der Idee der Approximation – konzeptuell so verbunden, dass die Linie für alle
Zeit auf die gerade Linie angewiesen bleibt. Besonders radikal fällt diese Bindung

21 Und sie finden im Mainstream der Philosophie der Mathematik dafür auch keine Beachtung.
22 Es bliebe freilich die Aufgabe, die spezifische Stellung der Linie im semantischen Feld des
Glatten und Gekerbten herauszuarbeiten.
23 S. http://www.encyclopediaofmath.org/index.php/Rectifiable_set, besucht am 31.8.2016.
24 Eine Erklärung erfolgt im Abschnitt Eine Linie ziehen, vorläufig reicht eine alltägliche Vorstel-
lung von Kurven aus.
25 S. Heuser 1988, S. 640.
26 Man bildet das Supremum (d. h. die kleinste obere Schranke) aller Gesamtlängen solcher
Polygonzüge.

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bei Leibniz aus, der krumme Linien als Streckenzüge aus unendlich vielen Stre-
cken auffasst.27
Bei Euklid* stehen Festlegungen von Linie als Konstruktion, als Rand und
als Gegenstand des Messens in einem ungeklärten Verhältnis nebeneinander.
Zwar bildet die Landvermessung ohne Zweifel einen Hintergrund für jene geo-
metrischen Untersuchungen, die er in seinen Elementen zusammenfasst, und
die Elemente ihrerseits bilden auch eine wesentliche Grundlage für die Ent-
wicklung der Vermessungstechniken der Römer und dann im Militärwesen des
16. Jahrhunderts;28 von der Disposition des Messens her ist jedoch weder zu erklä-
ren, warum Euklid Wesensdefinitionen von Punkten, Linien etc. seinen Ausfüh-
rungen voranstellt, noch woher sein Interesse an der deduktiv-systematischen
Vorgangsweise rührt.
René Descartes* dagegen entscheidet sich klar für eine Bevorzugung des
Messens: „[A]lle Probleme der Geometrie können leicht auf einen solchen Aus-
druck gebracht werden, daß es nachher nur der Kenntnis der Längen gewisser
Linien bedarf, um diese Probleme zu konstruieren“ (S. 108). Kurven, die sich dem
nicht fügen, heißen nicht bloß ‚nicht-messbar‘, sondern gelten nicht als geome-
trische Kurven.
Seine Geometrie ist eine Geometrie der Linien, nicht der Flächen.29 Er wirft
den Mathematikern der Antike vor, dass die Darstellung von Quadratzahlen
durch Quadrate, Produkten als Rechtecke etc. eine Uneinheitlichkeit in die Geo-
metrie bringt, von der man sich zu verabschieden hat. Zahlen sind Zahlen und
entsprechen daher durchwegs Strecken, nicht zweidimensionalen Figuren.30
Variiert werden darf die Größe der Maßeinheit, aber nicht deren Dimension.
Descartes’ Geometrie ist daher, noch genauer gesagt, eine Geometrie der
Strecken, der gemessenen Linien. Aus mehreren Gründen kann eine solche the-
oretische Konzeption der exakt gemessenen Linien – vor und nach Descartes –
auch aus dem Fokus des Interesses rücken: Das genannte Problem der Küsten-
vermessung stellt sich den antiken Mathematikern wohl kaum, verfügen sie doch
noch nicht über hinreichend genaue Messinstrumente, die eine Idee beliebig
genauer Messung überhaupt aufkommen lassen würden. Maßstäbe können zu

27 „Sciendum est autem non componi lineam ex punctis […]; sed […] ex lineolis […].“ („Man
muss aber wissen, dass eine Linie nicht aus Punkten zusammengesetzt ist […], sondern […] aus
Linienstückchen […].“) (Leibniz 1863, S. 273) Diese Linienstückchen sind unbegrenzt klein („in-
definite parvis“).
28 Für die spätere Geschichte des Vermessens s. unten, ab S. 211.
29 Vgl. aber die Ausführungen zu Descartes im Philosophie-Teil.
30 a2 steht genauso einfach für eine Zahl wie a. Man sollte es daher nach Descartes mittels Strah-
lensatz als Länge darstellen, nicht als Quadrat.

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grob, aber auch für bestimmte Zwecke zu fein sein, und selbst „Maßstäbe aus
Gummi“ können, wie Ludwig Wittgenstein einmal meint (BGM I, § 5), ihren Zweck
erfüllen. Die mathematische Disziplin, die vom Messen gänzlich absehen kann,
ist die Topologie. Zwar kennt sie verschiedene quantitative Dimensionsbegriffe31,
das genuin Topologische aber zeigt sich in der Independenz vom Metrischen: Als
gleich gilt, was sich durch kontinuierliches Dehnen (ohne Zerreißen) ineinan-
der überführen lässt. So lassen sich etwa ideale Knoten – Knoten aus unendlich
langen Linien  – einteilen in solche, die man auflösen kann, ohne sie zu zer-
schneiden, und solche, bei denen das nicht möglich ist. Erstere sind, topologisch
gesehen, nichts Anderes als gerade Linien. Es gibt also Linien – und Fragestel-
lungen um sie herum –, ohne dass es ein Messen geben müsste.

Die Linie als Grenze („Enden einer Fläche“)

Die Linie entsteht einerseits als selbstständig Hervorgebrachtes, als Markierung,


andererseits als Rand  – von außen erzeugt  –, wie es etwa an dem Bild neben-
einander liegender Farbfelder sinnfällig wird. Bereits Euklid* formuliert beide
Aspekte: Die Linie lässt sich von einem Punkt zu einem anderen „ziehen“ (Pos-
tulat 1), sie ist aber auch „Ende einer Fläche“. Die zweite Auffassung enthält das
Potential, die Linie in ihrer Eigenständigkeit überhaupt in Frage zu stellen. So
geschieht es in der Kunsttheorie seit Leonardo*, aber auch aus einer gänzlich
anderen Richtung können diese Bedenken gespeist werden: Im „empirischen
Teil“ der Grundlegung der Geometrie von Dingler* und später in Lorenzens Pro-
tophysik entstehen Linien ebenfalls nur als Grenzen von Flächen.
Die Definition von Linie als „(breitenloser) Länge“ scheint sich gegenüber
dieser Differenzierung neutral zu verhalten. Dennoch steht sie mit der Bestim-
mung als „Ende einer Fläche“ in Spannung, da ihre Äquivalenz erst aufgewiesen
werden müsste.32 Um diese Äquivalenz oder auch nur die Implikation in einer
Richtung zu zeigen, stehen Euklid jedoch nicht ausreichend Mittel zur Verfügung.
Die selbstständig hervorgebrachte  – gezogene  – Grenzlinie vereint ihrer-
seits zwei potentiell konfligierende Funktionen in sich: die Konstruktion und

31 Neben der Hausdorff-Dimension auch etwa die Lebesgue-Dimension oder die topologische
Dimension (Kettenlänge) oder die Box-Dimension.
32 Laut Heath 1956 (S. 171) weicht Euklid Aristoteles’ Vorwurf aus, demzufolge eine Definition
von Linie als Grenze einer Fläche unwissenschaftlich sei, indem er eine andere Definition von
Linie gibt und erstere Aussage nur als Erläuterung anfügt. Allerdings erklärt Heath nicht, was
der Status dieser Erläuterung sein soll.

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2 Mathematik   89

die Begrenzung, die Umschließung. Der finalen Gestalt nach fallen diese beiden
zusammen, vom Standpunkt der Intention lassen sie sich jedoch unterscheiden.
Die Kreislinie wird gezogen, um zu konstruieren, sie ist vorhanden, wenn sie mit
einer anderen geschnitten werden soll (wenn etwa argumentiert werden soll, dass
eine Gerade, die den Kreisumfang durchquert, ihn auch ein zweites Mal durch-
queren muss). Bei Euklid werden Linien zunächst gar nicht als hervorgebracht,
sondern als Gegebenes betrachtet („breitenlose Länge“, „Enden einer Fläche“) –
definiert –, danach erst wird ihr Zustandekommen thematisiert („daß man von
jedem Punkt nach jedem Punkt die Strecke ziehen kann“ (Euklid*, S. 106)). Diese
Sicht lässt sich aber auch verkehren: Der fertigen, insbesondere der umschlie-
ßenden – in Paul Klees* Terminologie: medialen – Linie wird der Linien-Status
überhaupt abgesprochen. Klee schreibt:

In diesen neuen Fällen umschreibt die befristete / Linie Figuren der Fläche wie Dreieck und
Viereck […]
Elementar betrachtet / (als Handlung der Hand) ist sie gewiss noch Linie, aber / zu Ende
geformt, wird die lineare Vorstellung von / der Flächenvorstellung unverzüglich abgelöst.
Damit  / verschwindet auch der bewegliche Charakter (niemand  / wird beim Anblick der
Mondscheibe versucht / sein, auf seiner Peripherie Karussel zu fahren) / abgelöst durch den
Begriff vollkommenster Ruhe / (beim Kreis hauptsächlich). (S. 417)

Bei Euklid hält sich die Reihenfolge der Definitionen und Postulate gerade nicht
an diese Logik des Entstehens (und Klees Linien-Überlegungen unterscheiden
sich gerade durch ihren genetischen Ansatz von denjenigen Euklids).
Dem Begriff der Grenze entsprechen in der heutigen Mathematik jener des
Randes einer Menge  – als Pendant zum „Ende einer Fläche“33  – und jener der
(geschlossenen) Kurve  – als eigenständig hervorgebrachter Linie. Die Binnen-
differenzierung zwischen Linie im Vollzug und fertiger Linie findet sich in der
Mathematik in Gestalt von Weg und Kurve wieder (s. S. 92).
Der Rand einer Menge A (in einem topologischen Raum) ist definiert als die
Menge aller Punkte P mit der Eigenschaft, dass jede Umgebung von P sowohl
Punkte aus A als auch Punkte, die nicht in A liegen, enthält.34 Der Rand einer
Menge  – in diesem mathematischen Sinn  – muss allerdings keineswegs eine

33 Bei Euklid heißt es allgemeiner: „Grenze ist das, worin etwas endigt.“
34 Alternativ kann man auch definieren: Der Rand von A ist der Abschluss von A ohne das In-
nere. Der Abschluss von A ist dabei die Menge aller Berührpunkte von A, das Innere die Menge
aller Punkte, die samt einer ganzen Umgebung in A enthalten sind. (Ein Berührpunkt von A ist
ein Punkt, der in jeder Umgebung einen Punkt von A enthält.)

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90   Esther Ramharter

Linie bilden, nicht aus Wegen bestehen.35 Dass man dennoch von einem Rand
spricht, rechtfertigt sich dadurch, dass folgender Satz gilt: Für jede Menge B
(eines topologischen Raumes) gilt, dass jede zusammenhängende Menge A (also
etwa eine Linie), die sowohl das Innere von B als auch das Äußere von B trifft,
auch den Rand von B trifft. Den Rand muss also jede Linie, die von innen nach
außen bzw. umgekehrt führt, durchqueren. (Auch diese mathematische Konzep-
tion von (Grenz-)Linie impliziert nicht deren Eindimensionalität.)
Die Komplexität, die die mathematische Realisierung des Konzepts ‚Grenze‘
aufweist, spiegelt sich auch im philosophischen Umgang damit wieder. (Für den
Umgang mit Grenzen in der Geographie vgl. S. 214–220.) Mit gutem Grund etwa
ignorieren Deleuze und Guattari die Grenze im Zusammenspiel von Glattem und
Gekerbtem weitgehend: Lediglich als Fläche bei der Zeltwand und als Umriss in
der Kunst findet sie eine knappe Erwähnung (Deleuze/Guattari 1992, etwa S. 659
und S. 685–690. Sie präsentieren Glattes und Gekerbtes als Antagonisten: Sie
gehen ineinander über, aber nicht räumlich, als Nebeneinander, wie eine blaue
Fläche kontinuierlich in eine angrenzende grüne übergehen kann, sondern zeit-
lich, wie Wellen in eine unbewegte Wasseroberfläche übergehen können). Doch
gerade am Rand würde ein Konflikt sichtbar: Der Rand von Gekerbtem hat – als
Teil davon – keinen Grund, glatt zu sein (bewegt man sich aus der Fläche auf den
Rand zu, entsteht keine Unbestimmtheit, da der Rand schon gegeben ist), und
doch trifft genau dies im Fall der Küstenlinien zu. Auch mathematisch gespro-
chen ist vom ‚Flächen-Standpunkt‘ aus die fraktale Randkurve einer Küste nicht
als solche identifizierbar – mit einem zweidimensionalen Maß gemessen ist ihr
Maß 0, sei sie nun fraktal oder nicht. Nicht selten trifft man in der Mathematik
gerade an einem Rand ein neuralgisches Verhalten an.36
‚Rand‘ ist ein in der Mathematik ubiquitärer Begriff, dennoch handelt es sich
dabei nicht um einen zentralen Begriff in dem Sinn, dass eine Theorie um ihn
herum gebaut wäre. Eine solche dominante Rolle spielt das Konzept der Linie als
Grenze dagegen in der Grundlegung der Geometrie, weil es die Grundlage einer
Version des Konstruktivismus bildet: der von Lorenzen und anderen entwickel-
ten Protophysik bzw. Thaletischen Geometrie, deren basale Ideen auf Dinglers*
Arbeit zurückgehen. Dieser Grundlagentheorie zufolge entstehen Flächen durch
gezieltes Aneinander-Schleifen bzw. – in einem Abstraktionsschritt – durch ein

35 Der Rand muss nicht wegzusammenhängend sein; nicht einmal, wenn die Menge und ihr
Komplement beide wegzusammenhängend sind, muss der Rand der Menge wegzusammenhän-
gend sein. Er muss auch nicht stückweise aus Wegen bestehen.
36 Man denke etwa an den Rand der Konvergenzkreise bei Potenzreihen.

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2 Mathematik   91

geeignetes Aneinander-Passen von Körpern, und Linien entstehen durch ein ent-
sprechendes Vorgehen mit Flächen.
Das handwerkliche Paradigma, das hier zur Fundierung der Mathematik her-
angezogen wird, liefert eine Engführung auf einen einzelnen und der Mathema-
tik extrinsischen Lebensbereich. Einen ähnlichen inadäquaten Reduktionismus
wirft Alois Riegl* den Nachfolgern von Gottfried Semper vor und setzt ihrer Ablei-
tung von Formen aus handwerklichen Techniken und Materialien eine Gestal-
tungskraft entgegen, die an einer umfassend gedachten „Natur“ orientiert ist:

Man ging aber endlich auch daran, aus der Linie selbst eine Kunstform zu gestalten, ohne
dabei ein unmittelbares fertiges Vorbild aus der Natur im Auge zu haben. Diese Gestaltun-
gen geschahen unter Beobachtung der fundamentalen Kunstgesetze der Symmetrie und
des Rhythmus: ein regelloses Gekritzel ist eben keine Kunstform. So bildete man Dreieck,
Quadrat, Raute, Zickzack u. s. w. aus der geraden, den Kreis, die Wellenlinie, die Spirale aus
der gekrümmten Linie. (Riegl*, S. 170)

Riegl selbst parallelisiert Mathematik mit Kunst: „Die geometrischen Kunstfor-


men verhalten sich eben zu den übrigen Kunstformen genau so, wie die Gesetze
der Mathematik zu den lebendigen Naturgesetzen.“ (S. 170) Während die ersteren
beiden durch den Terminus „Kunst“ umklammert werden, ist es bei letzteren die
Gesetzmäßigkeit.
Gesetzmäßigkeiten finden sich nun keinesfalls nur in handwerklichen Tech-
niken, sondern zum Beispiel in allen jenen Zusammenhängen, in denen Deleuze*
und Guattari* das Glatte und das Gekerbte als formgebend beschreiben. Und
selbst unter den Techniken lassen sich andere einzelne Paradigmen als Dinglers
und Lorenzens „Schleifen“, wie etwa jenes der Vermessung oder des Spannens
von Schnüren37, als Alternative aufbieten, wenn die Generierung von Linien auf
einer Vorstellung von Linie als Grenze basieren soll.

Eine Linie ziehen („dass zwischen zwei Punkten eine Linie gezogen werden
kann“)

Während Descartes eine Beschränkung der Geometrie auf jene Linien fordert,
die sukzessive aus Kreisen und Geraden unter Zuhilfenahme von bereits beste-
henden Kurven gewonnen werden können, und damit jedenfalls alle jene Kurven
ausschließt, zu deren Erzeugung die Zeit (insbesondere für die synchrone Aus-

37 Dass die Ägypter von den Griechen ‚Harpedonapten‘ (‚Schnurspanner‘) genannt wurden,
zeigt, dass es sich dabei um eine wesentliche Technik handelt.

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92   Esther Ramharter

führung von zwei Vorgängen) notwendig ist, argumentiert Isaac Newton für die
Linie, die sich in inner- oder außermathematischen Zusammenhängen bewährt –
mögen die Mittel, mit denen wir sie zeichnen, sein was auch immer (er beruft
sich dabei auf die antiken Geometer). Insbesondere sieht Newton, der die Mecha-
nik als die Grundlage der Geometrie erachtet, eben jene mechanischen (trans-
zendenten, nicht-algebraischen) Kurven, die Descartes aus der Geometrie aus-
schließen wollte, als basal an (vgl. Guicciardini 2001, S. 299). Damit ist die Zeit
als – zunächst immaterieller – Parameter zugelassen und ein Schritt in Richtung
heutiger Auffassung von Kurven getan. Die Linie gerät so in ein doppeltes Ver-
hältnis zur Zeit: Die Linie visualisiert die Zeit, die Zeit parametrisiert die Linie.
Newton soll darüber hinaus einer der Ersten gewesen sein, die Kurven parametri-
siert, also den Parameter als Symbol dargestellt und in diesem Sinn materialisiert
haben (vgl. Boyer 2004, S. 142–148). In der Folgezeit konzentriert sich die Beschäf-
tigung mit Kurven auf Gleichungen, und die Verwendung geometrischer Ausdrü-
cke, insbesondere des Terminus ‚Linie‘, tritt in den Hintergrund. Der heutigen
Auffassung von parametrisierten Kurven (Parameterdarstellungen von Kurven)
zum Durchbruch verholfen hat Leonard Euler 1748 mit seiner Introductio in ana-
lysin infinitorum.38
Unter einer ebenen parametrisierten Kurve (oder einem Weg39) versteht man
eine stetige Funktion z eines abgeschlossenen Intervalls I der reellen Zahlen in
den ℝ2 mit z(t) = ( ​   )
x(t)
​​            ​ ,​​ d. h. jedem Wert des Parameters t aus I wird ein Punkt
y(t)
der Ebene (i.e. ein Zahlenpaar) stetig zugeordnet (mehrdimensionale Kurven defi-
niert man analog).40
t lässt sich z. B. als Winkel interpretieren. Der Vorstellung der ‚gezogenen
Linie‘ scheint die Wahl der Zeit als Parameter am besten zu entsprechen. ‚Durch-
läuft‘ der Parameter einen Zeitabschnitt, so ‚bewegt‘ sich der Punkt entsprechend
über die Ebene. Auf diese Weise ist nicht nur ein Darstellungswechsel vollzogen,
sondern auch ein Paradigma in der Mathematik etabliert: Die Linie ist nicht
nur das fertige, zeitunabhängige Endprodukt  – die Figur  –, sondern nun auch
formal das, was sie der Intention nach schon bei Euklid war, und damit auch
vielen Auffassungen in der Kunst angeglichen. Diese Hinwendung zur Vorstel-

38 Er hat solche Kurven systematisch untersucht. Auch der allgemeine Begriff der Funktion geht
auf ihn zurück. Die Bedeutung der Introductio wird gelegentlich sogar mit der von Euklid vergli-
chen (s. Boyer 2004, S. 180 und 188).
39 In der Graphentheorie hat ‚Weg‘ eine andere Bedeutung als hier in der Analysis.
40 Die Stetigkeit von Funktionen setzt das Kontinuum (s. unten S. 94–98) voraus, daher geht
in der Ordnung der Mathematik das Konzept der Linie als Kontinuierliches dem Konzept der
gezogenen Linie, verstanden als parametrisierte Kurve, voraus. Bereits bei Aristoteles* (S. 58)
findet man die Kontinuität der Linie (via Geschwindigkeit) an die Kontinuität der Zeit gekoppelt.

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2 Mathematik   93

lung einer ursprünglich gezogenen Linie wurde wohl auch durch eine andere
Verschiebung ermöglicht: Euler war auch der erste, der nicht die Gleichungen
als kurvenbestimmend (wie etwa Descartes), sondern die Kurven als  – mögli-
cherweise – gleichungsbestimmend ansah (vgl. Boyer 2004, S. 188). Darin findet
sich der letzte Schritt in Richtung heutiger Auffassung angelegt: Es musste nur
noch die Bindung der Kurve an eine algebraische (‚formelmäßige‘) Darstellung
aufgegeben werden, um zu jenem abstrakten Begriff von Kurve zu gelangen, der
von den Kurven nur verlangt, dass x(t) und y(t) irgendwelche stetigen Funktionen
bezeichnen, von denen man überhaupt keine Darstellungsform kennen muss.
Kurve ist – in ihrer allgemeinen Definition – also, obwohl die Idee des Ziehens
wieder angeeignet wurde, von der Idee der Konstruktion (und der rechnerischen
Erfassbarkeit) maximal entfernt worden.
Die Parametrisierung von Kurven ermöglicht es, schnelleres und langsame-
res Durchlaufen zu unterscheiden. Diese Möglichkeit hat allerdings eine Kehr-
seite: Man möchte parametrisierte Kurven vergleichen und feststellen können, ob
sie sich lediglich durch die Geschwindigkeit oder auch durch die Form der durch-
laufenen Gestalt unterscheiden. Dafür gibt es zwei Vorgangsweisen: Erstens,
man verwendet jeweils das Bild der parametrisierten Kurve, d. h. die Menge der
Punkte, die von ihr durchlaufen werden (man nennt dieses Bild ‚Träger‘, ‚Spur‘,
‚Bogen‘ oder schlicht ‚Kurve‘ – unter Weglassung von ‚parametrisiert‘). In vielen
Zusammenhängen möchte man aber nicht davon absehen, dass die parametri-
sierte Kurve durchlaufen wird, also die Parametrisierung nicht einfach weglassen.
Um dennoch Vergleichbarkeit zu gewährleisten, kann man, zweitens, die para-
metrisierten Kurven normieren, indem man sie ‚umparametrisiert‘ und beispiels-
weise als Parameter die Bogenlänge wählt (d. h. t ist jeweils gleich der Länge des
bis zum Zeitpunkt t zurückgelegten Weges)41.
Geht man, wie es historisch auch geschehen ist, von der Linie als – geschlos-
sener oder nicht geschlossener  – Figur aus, so kehrt man über die Parametri-
sierung und anschließende Reduktion auf das Bild der parametrisierten Kurve
wieder an den Anfang zurück. Felix Kleins* Darstellung im dritten Band seiner
Elementarmathematik vom höheren Standpunkte aus42 setzt an diesem Punkt an:
Er beginnt mit einem Begriff von Kurve als Bild einer stetigen Funktion, bespricht
dann das Problem, dass diese Definition flächenfüllende Objekte wie die Peano-

41 Diese Parametrisierung nennt man ‚ausgezeichnete Darstellung‘, weil man zu jedem Zeit-
punkt unmittelbar die Bogenlänge kennt (Zeitpunkt und Bogenlänge sind gleich).
42 Dieser Text ist exemplarisch ausgewählt. Klein ist ein Mathematiker von herausragender Be-
deutung, aber man könnte auch nach Belieben andere Texte heranziehen, in denen man diesel-
ben Ausführungen findet.

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94   Esther Ramharter

Kurve zulässt, gibt an, durch welche Einschränkungen (nämlich den Ausschluss
von Doppelpunkten) man derartige Gebilde ausschließen kann, und endet mit
einer alternativen, aber äquivalenten Definition von Kurven allein auf Basis eines
Begriffs von Dimension, Kompaktheit43 und Kontinuum. Seine Darstellung termi-
niert somit in einem Linienbegriff, der von der Idee der Parametrisierung wieder
völlig befreit ist, für den nun das Kontinuum der tragende Begriff ist.44

Die Linie als Kontinuum

Die Linie galt in der Antike und lange Zeit danach als so selbstverständlich kon-
tinuierlich, dass Euklid verabsäumt, diese Eigenschaft in seinen Axiomen festzu-
halten. Bereits zum Beweis seines ersten Lehrsatzes benötigt er zwei Kreise, die
einander schneiden  – hätten die Kreise aber an manchen Stellen Löcher, wäre
die Existenz eines solchen Schnittpunkts nicht gewährleistet. Daher wird in der
modernen Axiomatik der (Euklidischen) Geometrie ein Vollständigkeitsaxiom
(Stetigkeitsaxiom) hinzugefügt.
Wird die Linie als Kontinuum (vgl. Buckley 2012) konzipiert, stellt sich die
Frage nach dem Verhältnis zu den Punkten  – liegen sie auf ihr, bilden sie die
Linie, existieren sie nur in Abhängigkeit von einander? Aristoteles* (S. 104)
argumentiert, dass die Linie nicht aus Punkten bestehen kann: Es „kann nicht
aus Untheilbarem etwas Stetiges sein“, denn das Kontinuum charakterisiert er
als „theilbar […] in stets Theilbares“. Die ihrem Charakter nach diskreten – d. h.
von einander trennbaren – und jeder für sich unteilbaren Punkte können seiner
Auffassung nach niemals ein Kontinuum ergeben. Aristoteles entwickelt seine
Auffassung im Ausgang von Anaxagoras und den Pythagoräern (vgl. Bedürftig/
Murawski 2012, S. 167). Schon sehr früh also gibt es Diskussionen um das Konti-
nuum (etwa bei den Vorsokratikern, Demokrit, Archimedes), die sich allerdings
vielfach auf allgemeine Fragen der Unendlichkeit und Unteilbarkeit konzentrie-
ren und insofern vom Thema ‚Linie‘ wegführen. Zudem wird das Kontinuum in
der Antike in den Körpern (und im Raum sowie in der Bewegung) gedacht, das
lineare Kontinuum nur daraus abgeleitet – die heutige Sichtweise, die das lineare
Kontinuum als primär (oder jedenfalls nicht als abgeleitet) sieht, entwickelt sich
erst später (vgl. Bedürftig/Murawski 2012, S. 160).

43 Eine Teilmenge des ℝn ist genau dann kompakt, wenn sie beschränkt und abgeschlossen ist.
Vgl. S. 95, Anm. 47.
44 Zur Geschichte des Kurvenbegriffs am Anfang des 20. Jahrhunderts und der damit verbunde-
nen ‚Krise der Anschauung‘ siehe Brusotti 2017.

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2 Mathematik   95

In der Scholastik beherrscht eine weitere Idee die Diskussionen um das Kon-
tinuum: seine Erzeugung durch fließende Individuen (vgl. Bedürftig/Murawski
2012, S. 175). Auch für spätere Akteure in der Auseinandersetzung um die Natur
des Kontinuums, wie Kepler, Pascal oder Leibniz, stehen Fragen der Erzeugung,
der Unteilbarkeit, des atomaren Aufbaus und der Unendlichkeit im Vordergrund.
Im 19. Jahrhundert wird die Konzeption von Linien bzw. Kontinua als Punkt-
mengen dominierend.45 Aristoteles’ Auffassung, dass ausdehnungslose Punkte
durch Aneinanderreihen auf keine Weise etwas Kontinuierliches schaffen
können, scheint intuitiv so einleuchtend, dass man eine Konzeption von Linie
als Punktmenge daraufhin ansehen wird, was sie dieser Intuition entgegenzuhal-
ten hat. In zweifacher Weise reicht es jedenfalls nicht zu fordern, zwischen zwei
Punkten möge immer ein weiterer liegen (die diskontinuierliche Entsprechung
zu Aristoteles’ „teilbar in immer wieder Teilbares“). Erstens wäre damit immer
noch nicht garantiert, dass zwei Linien, die einander queren, einen Schnittpunkt
haben, und zweitens schafft eine solche Festlegung keine Vorstellung von Kon-
tinuität.46
Richard Dedekinds* und Augustin-Louis Cauchys Lösungen, die heute als
Standard gelten, können als brute force angesehen werden: Man erzwingt, dass
es keine Löcher gibt. Das Gemeinsame der beiden Lösungsansätze kann man
sich etwa folgendermaßen denken: Für Kontinuität (Vollständigkeit) wird ver-
langt, dass an jeder Stelle am Rand einer in einer Richtung beschränkten Menge
von Punkten einer Linie (verstanden als Punktmenge) immer auch ein Punkt
dieser Linie liegen muss.47 Diese Forderung scheint jedoch problematisch: Wie
soll gewährleistet werden, dass sich an jeder solchen Stelle ein Punkt befindet?48
Entweder man setzt voraus, dass, da die Linie existiert, dort immer schon ein
Punkt vorhanden ist  – dann aber ist die Konstruktion question begging. Oder

45 Georg Cantor etwa geht von einer solchen Konzeption von Kontinuum aus. S. etwa Cantor
1883.
46 Man nennt diese Eigenschaft ‚Dichtheit‘.
47 Für Cauchy bedeutet Kontinuität, dass jede Folge von Punkten, die immer näher aneinander
liegen (heute nennt man solche Folgen ‚Cauchy-Folgen‘), einen Grenzwert haben muss, d. h.,
dass dort, wohin sich die Punkte ‚annähern‘, ein Punkt liegen muss. In der Topologie versteht
man unter einem Kontinuum allgemeiner einen zusammenhängenden kompakten Hausdorff-
Raum (vgl. Rinow 1975, S. 223–224).
48 Angenommen, die Linie bestünde nur aus jenen Punkten, die einen Abstand vom Nullpunkt
haben, der eine Bruchzahl ist. Man kann nun etwa eine Menge von Brüchen angeben, sodass
alle Brüche dieser Menge kleiner als √2 sind und es in dieser Menge beliebig nahe an √2 Zahlen
gibt. Am Rand der Menge der entsprechenden Punkte befindet sich dann kein Punkt der Linie,
da √2 kein Bruch ist.

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96   Esther Ramharter

aber man fordert die Existenz von etwas, das möglicherweise schlicht nicht da
ist. Dies entspricht der Vorgangsweise in einem axiomatischen Kalkül, ist aber
offenkundig unzulässig, wenn man die Linie aus Punkten aufgebaut denken
will. Die Konstruktion der kontinuierlichen Linie erfordert eine in der Mathe-
matik übliche, aber doch im ersten Moment irritierende Abstraktion: Das Vor-
liegen einer Lücke stellt man dadurch fest, dass am Rand einer in einer Rich-
tung beschränkten Punktmenge kein Punkt liegt. Man definiert nun einen neuen
‚Punkt‘ als diese Punktmenge (formal korrekter: als die Gesamtheit aller solcher
Punktmengen mit diesem Rand). Die Gesamtheit der ‚alten‘ Punkte (die man, um
Einheitlichkeit zu schaffen, genauso als entsprechende Punktmengen definie-
ren kann) und der ‚neuen‘ Punkte hat nun, nach Definition, keine Lücken mehr.
Inwiefern bietet diese Definition nun der Intuition Befriedigendes? Die Idee, dass
Kontinuität etwas mit einer gezogenen Linie zu tun hat, kann man darin nicht
unmittelbar verwirklicht sehen. Dedekinds und Cauchys Konzepte von Kontinu-
ität verschieben diese von einer globalen in eine lokale Sichtweise: Zunächst ist
Kontinuität nicht eine Eigenschaft einer ganzen Linie bzw. eines Linienstücks –
wie es bei der ursprünglichen Idee der gezogenen Linie der Fall ist  –, sondern
einzelner Stellen (erst im Nachhinein kann man eine ganze Linie kontinuierlich
nennen, wenn sie es an jeder ihrer Stellen ist). Allerdings muss man – schon an
Aristoteles – die Frage stellen, was denn Kontinuität eigentlich sei (unendliche
Teilbarkeit reicht nicht, wie man an dem genannten Beweis des ersten Lehrsat-
zes von Euklid sieht); lautet dann die Antwort ‚Lückenlosigkeit‘, können Dede-
kinds und Cauchys Konstruktionen das zumindest in gewissem Sinn bieten. Man
muss sich dann aber noch von einer zweiten Vorstellung lösen, nämlich von der
an­einander angrenzender Punkte. Obwohl Dedekinds und Cauchys Punkte keine
Lücken lassen, gibt es dennoch keine zwei Punkte, zwischen denen nicht noch
ein weiterer liegen würde. Mehr noch: Nicht nur muss man die Möglichkeit eines
Nebeneinander von Punkten aufgeben, man muss auch noch durch Abstraktion
einen Ebenenwechsel vollziehen, von Punkten zu Punktmengen.49 In die Idee der
Vollständigkeit ist so a priori die Idee der Vervollständigung eingebaut. Eben das
kann man nun allerdings als die Intuition ansehen, die Dedekind und Cauchy
gegen Aristoteles aufbieten können: Sieht man geometrische Objekte  – insbe-
sondere Linien – konsequent als aus Punkten aufgebaut an, dann erreicht man
Vollständigkeit eben dadurch, dass man solange Punkte ‚hinzufügt‘, bis keine

49 Zwar lässt sich die Konstruktion schließlich gänzlich auf der Ebene der Punktmengen reali-
sieren, aber man braucht dazu eben auch die Punkte als Grundlage, und die basale Idee würde
nie entstehen, ginge man nicht von den ursprünglichen Punkten aus.

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2 Mathematik   97

Lücken mehr vorhanden sind (allerdings bleibt der Umstand bestehen, dass man
dazu das ‚Wesen‘ der Punkte unterwegs verändern muss)50.
Charles S. Peirce* vertritt zur selben Zeit eine Auffassung, die näher an Positi-
onen der Scholastik und abseits vom heutigen Mainstream (wie vom Mainstream
seiner Zeit) liegt. Er greift auf die auch von Immanuel Kant vertretene Auffas-
sung51 des Kontinuums zurück, die ein Kontinuum dadurch charakterisiert, dass
„any part of [it] however small itself has parts of the same kind“ (Peirce 1986,
S. 103).52 Offenkundig erfüllt ein aus Punkten aufgebautes Kontinuum diese
Bedingung nicht, da Punkte keine Linienstücke enthalten. Es führt allerdings in
die Irre, wenn man hier von ‚Peirces Auffassung‘ spricht, da seine Ansicht von der
Beschaffenheit der Linien einem andauernden Wandel unterliegt (vgl. Buckley
2012, S. 110–120) bzw. zumindest aus sehr verschiedenen Perspektiven entsteht.
Im Folgenden werden nur zwei Ausschnitte aus diesem Spektrum dargestellt.
(a) In einer Vorlesung argumentiert Peirce mit bzw. gegen Georg Cantor, dass
man mit dem Verfahren, Mengen von Mengen zu bilden so weit fortschreiten
kann, bis „wir nun eine Mächtigkeit erreicht haben, die so ausgedehnt ist, dass
die Einzeldinge in einer solchen Menge miteinander verschmelzen und ihre unter-
schiedliche Identität verlieren. Eine solche Menge ist kontinuierlich“ (Peirce*,
S. 116–117). Er teilt mit Cantor die Auffassung, dass ein solches Fortschreiten
möglich ist, weicht jedoch von Cantor ab in seiner Diagnose, worin dieser Prozess
terminiert: Linien bestehen zwar aus Punkten, aber die Punkte haben keine
Individualität, sie verschwimmen. Damit Punkte identifiziert werden können,
müssen sie Singularitäten bilden, z. B. Rand- oder Knickpunkte sein.
(b) In verschiedenen Textfragmenten, in denen Peirce versucht, Linienphä-
nomene zu klassifizieren, schreibt er: Linien werden von Partikeln erzeugt (vgl.
S. 119). Peirce entwickelt hier nicht nur eine Konzeption von Linie, sondern einen
ganz eigenen Fragenkomplex. Zum Beispiel tut sich die Frage auf, welche Linien
von einem Partikel erzeugt werden können (bei verzweigten Linien etwa ist eine
solche Erzeugung durch ein einzelnes Partikel nicht immer möglich). Während

50 Ein solches Vorgehen ist in der Mathematik allgegenwärtig, etwa wenn reelle Zahlen bei der
Einführung der komplexen Zahlen zu Zahlenpaaren mit zweiter Komponente 0 werden oder
wenn Distributionen als spezielle Funktionale konzipiert werden.
51 Der Raum ist nach Kant ein quantum continuum, „weil kein Teil [desselben] gegeben werden
kann, ohne […] daß dieser Teil selbst wiederum ein Raum […] ist. Der Raum besteht also nur
aus Räumen […]. Punkte […] sind nur Grenzen. […] [A]us bloßen Stellen […] kann weder Raum
noch Zeit zusammengesetzt werden. Dergleichen Größen kann man auch fließende nennen […].“
(Kant KrV, S. 154)
52 Zalamea 2003, S. 144, nennt diese Eigenschaft „reflexivity“. Man beachte, dass das eine an-
dere Forderung darstellt als die aristotelische „Teilbarkeit in immer wieder Teilbares“.

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98   Esther Ramharter

sich von verschwimmenden Punkten eventuell noch sagen lässt, dass sie die
Linie aufbauen, bestehen die von einem Partikel quasi als Spur erzeugten Linien
ihrer Konstruktion nach nicht aus Punkten.
Gemeinsam ist den durch die Bewegung von Partikeln erzeugten Linien
und den Kontinua, wie sie Dedekind und Cauchy fassen, dass mit ihnen ein
Vorrang des Punktes vor der Linie etabliert wird. Sie unterscheiden sich hinge-
gen darin, dass die Entwicklung einer Auffassung von Linien als Punktmengen
natürlicherweise einhergeht mit der Identifizierung von Punkten mit Zahlen
(Zahlentupeln).53 Die ‚Zahlengerade‘ wird zum Paradigma einer Konzeption von
Linie, die ihre Plausibilität mehr aus den Zahlen als aus der Geometrie schöpft.54
Fließen, Bewegung, Erzeugung etc. müssen verschwinden (bzw. in andere Kon-
zepte transformiert werden).

Die Linie, die durch ihr Verhalten definiert ist

Bei Euklid findet auf der Ebene des verbalen Ausdrucks das Entstehen der Linie
noch eine Entsprechung, etwa in Formulierungen wie: „…daß man von jedem
Punkt nach jedem Punkt die Strecke ziehen kann“ (Euklid*, S. 106). Der Sache
nach spielt das Ziehen allerdings auch bei Euklid bereits keine Rolle; in der
modernen Axiomatik heißt es entsprechend konsequent: ‚Durch je zwei Punkte
geht genau eine Gerade.‘ Nicht nur von der Genese, sondern von jeder Anschau-
ung überhaupt soll die Geometrie laut David Hilbert* befreit werden. Seine Axio-
matisierung der Euklidischen Geometrie unterscheidet sich von Euklids Axioma-
tisierung nicht nur dadurch, dass einige Mängel aus heutiger Sicht ausgemerzt
sind, sondern auch dadurch, dass eine Entsprechung zu Euklids Definitionen,
die das Wesen der geometrischen Objekte bestimmen sollen, gänzlich fehlt. Dass
man die anschaulichen Begriffe ‚liegt auf‘ und ‚geht durch‘ vor allem in der abso-

53 Die weiterhin existierende axiomatische bzw. synthetische Geometrie wird in der Regel nach
einigen synthetischen Beweisen in eine arithmetische Behandlung übergeführt. Es lässt sich
zeigen, dass eine axiomatisch gegebene Euklidische Geometrie, in der (als stetig definierte) Ge-
raden genuine Objekte sind, mit einer analytischen Version, in der Punkte n-tupel von Zahlen
und Geraden Mengen von Punkten sind, isomorph (strukturell äquivalent) ist. Lakoff und Núñez
argumentieren allerdings, dass das nicht reicht, im Gegenteil, dass die Konzeption von Linien
als Punktmengen und jene von „ursprünglich kontinuierlichen“ Linien, „wie wir sie gewöhnlich
verstehen“, inkonsistent sind (Lakoff/Núñez 2000, S. 264f), etwa eben, weil in letzterer Linien
unabhängig von Punkten existieren, in ersterer nicht.
54 Nicht-Standard-Modelle etwa entwickeln sich aus dem Umgang mit Zahlen, nicht aus der
Anschauung des Kontinuierlichen (vgl. Bedürftig/Murawski 2012, S. 193).

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2 Mathematik   99

luten und projektiven Geometrie durch ‚inzidieren‘ ersetzt (‚ein Punkt liegt auf
einer Geraden‘ wird ersetzt durch ‚ein Punkt inzidiert mit einer Geraden‘), mag
als ein weiterer Schritt in diese Richtung gesehen werden.
Die Abkehr vom ‚Wesen‘ um 1900 betrifft zwar die gesamte Mathematik, aber
die Geometrie, und vor allem die Linie, besonders stark. Allerdings eröffnet diese
Abkehr auch Möglichkeiten, gewisse Anschauungen einzubeziehen, die durch
die Euklidischen Festlegungen ausgeschlossen waren: Nimmt man Euklid beim
Wort, so steht durch seine Formulierung: „Die Enden einer Linie sind Punkte“
fest, dass Linien aus Punkten bestehen (sonst müsste er sagen: ‚An den Enden
von Linien befinden sich Punkte‘). Ob er selbst diese Konsequenz hätte ziehen
wollen, sei dahingestellt; die moderne Axiomatik lässt hier jedenfalls einen phi-
losophischen Spielraum: Ob Geraden aus Punkten bestehen oder Punkte ‚überall
auf der Geraden liegen‘, wird offengelassen.55 Ein weiteres Beispiel dafür, was
durch die Abwendung von der Euklidischen Wesenszuschreibung gewonnen
werden kann, bietet die Tatsache, dass Geraden und Punkte nun nicht mehr aus-
dehnungslos zu sein brauchen. Wählt man  – in passender Weise  – Kugeln als
Punkte und Zylinder als Geraden und entsprechende ‚dicke‘ Kurven als Linien
(z. B. Tori als Kreise), kann man ebenfalls ein Modell erhalten, das die modernen
Axiome der Euklidischen Geometrie erfüllt. Derartige ‚Linien mit Dicke‘ mag man
als erfahrungsnäher56 ansehen als die Euklidischen „breitenlosen Längen“.

Das Lineare (2.2)

Während es in der bildenden Kunst meist die Linie als konkret-manifeste Gestalt
ist, die Aufmerksamkeit auf sich zieht, bestimmt Linearität (bzw. die Auseinan-
dersetzung mit ihr) vielfach das Denken über Sprache und Schrift sowie über
Literatur und Filme. Vilém Flusser konstatiert gar eine unserer gesamten Kultur
zugrundeliegende Funktion der Linearität qua Schreiben und Lesen (Aneinan-
derreihung von Symbolen). Sogar die lineare, gerichtete, geschichtliche Zeit wird
auf diese Linearität des Schriftlichen zurückgeführt.57 Derrida* und viele andere
treten an, diese Linearität aufzubrechen.58

55 Wenn auch, wie im vorigen Abschnitt dargestellt, die übliche Sichtweise darin besteht, dass
die Punkte die Linie bzw. das Kontinuum bilden und nicht bloß darauf liegen.
56 Das Ziel einer erfahrungsnahen Geometrie verfolgt Hjelmslev mit seiner „natürlichen Geo-
metrie“ (vgl. Kowol 2009, S. 41–43; hier wird auch dieses Modell der Euklidischen Geometrie mit
‚dicken‘ Linien und Punkten dargestellt).
57 Vgl. Flusser 1997, S. 21–40.
58 Zum Konzept des Linearen bei Wölfflin* s. dagegen S. 376.

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100   Esther Ramharter

In allgemeinen Lexika findet man Definitionen von „linear“ wie „geradlinig,


einfach und stetig [verlaufend]“59. Bezogen auf Narrative wird gelegentlich noch
Kausalität ergänzt: „[…] the clear motivation of a series of causes and effects that
progress without significant digression, delays or irrelevant actions” (Bordwell/
Thompson 2001, S. 431). Insbesondere ist der Zeitablauf als nacheinander-geord-
net zu verstehen.
In mathematischen Texten liest man Erklärungen von Linearität, die
zunächst mit all den genannten wenig verwandt zu sein scheinen, etwa wenn
Linearität dadurch charakterisiert wird, dass die Veränderung eines Parameters
stets eine dazu proportionale Änderung eines anderen Parameters bewirkt. Den
außermathematischen Vorstellungen angenähert wird die mathematische Kon-
zeption jedoch wenigstens dadurch, dass der Graph einer solchen Proportionali-
tät60 eine gerade Linie (durch den Nullpunkt) ist.
Der Rekurs auf Proportionalität legt eine Nähe zur Physik, allgemeiner: zur
Anwendung offen. Heute bestimmt aber mindestens so sehr die Abstraktion
die mathematische Konzeption von Linearität. Linearität als Eigenschaft von
Abbildungen von Vektorräumen in Vektorräume (s. Heuser*) übernimmt von
den Geraden ein Verhalten, das nicht einfach geometrisch-intuitiv zu fassen ist.
Erstaunlicherweise kommt Euklids Formulierung dem Sachverhalt vielleicht am
nächsten: Der Graph einer linearen Abbildung „liegt zu den Punkten auf ihm
gleichmäßig“ (vgl. Euklid*, S. 104) in dem Sinn, dass der Graph punktsymmet-
risch bezüglich jedes seiner Punkte ist61 (oder anders gesagt: Wenn man sich von
einem beliebigen Punkt aus in zwei verschiedene Richtungen des Graphen weg-
bewegt, ‚geschieht dasselbe‘). Allerdings ist hier hinzuzufügen, dass es jedenfalls
nicht die Geradheit von Linien allein ist, die in der Linearität aufgenommen wird,
sondern ebenso jene von Ebenen und allgemein Hyperflächen. Eingeschränkt auf
eindimensionale Räume bringt das Konzept der Linearität für die Mathematik tat-
sächlich nicht viel über die Geraden hinaus.
Was sonst, außer Euklids „gleichmäßig zu den Punkten liegen“, könnte es
sein, das Linearität von den Geraden (oder auch Ebenen) abstrahiert? Es liegt
natürlich nahe, dass es schlicht ‚Geradheit‘ in irgendeinem Sinn ist. Wenn man
nicht sagen möchte, dass exakt die Definition von Linearität eben diese Gerad-
heit ist, die abstrahiert wird, muss Geradheit zunächst durch andere Begriffe oder

59 Duden-Online: „linear“. http://www.duden.de/rechtschreibung/linear, besucht am


30.06.2016.
60 Vorausgesetzt, es handelt sich um eine Funktion von den reellen Zahlen in die reellen Zahlen.
61 Das heißt, für jeden Punkt P des Graphen gilt: Wenn man einen Punkt des Graphen an P
spiegelt, erhält man wieder einen Punkt des Graphen.

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2 Mathematik   101

Größen charakterisierbar werden, wie z. B. Anstieg, Winkel etc.,  – ein tertium
comparationis muss vorhanden sein –, damit man eine entsprechende Aussage
treffen kann, dann aber gibt es verschiedenste Möglichkeiten.
Ingredienzien einer aus der Beschäftigung mit Schrift, Narration etc. stam-
menden Konzeption von Linearität sind, zusammenfassend gesagt: Geradlinig-
keit, Einfachheit, Stetigkeit, Serialität, Abwesenheit von Rückschritten, Verzö-
gerungen und Überflüssigkeiten sowie gelegentlich Kausalität. Inwiefern findet
man diese in der Linearität der Mathematik wieder? Generell muss vorausge-
schickt werden, dass Linearität im Kontext von Künsten und Rhetorik offensicht-
lich eindimensional gedacht wird. Im Ausdruck ‚geradlinig‘ ist das sogar explizit
gemacht. ‚Geradlinig‘ meint nicht wirklich gerade, wohl eher etwas wie ‚umweg-
los‘. Eine Entsprechung in der Mathematik findet dies darin, dass die Graphen
eindimensionaler linearer Abbildungen62 unter gewissen Zusatzannahmen63
‚Geodätische‘  – d. h. kürzeste Verbindungen zwischen je zwei Punkten  – dar-
stellen. Gewisse lineare Abbildungen sind auch einfach in dem Sinn, dass ihre
algebraischen Darstellungen den niedrigsten Grad haben. Stetigkeit ist zwar nur
für endlich-dimensionale Vektorräume gewährleistet,64 da hier jedoch ohnehin
nur der eindimensionale Fall relevant ist, ist Stetigkeit somit gegeben. Serialität
und die Abwesenheit von Rückschritten bedeuten, dass es keine Rückkehr gibt.
Tatsächlich kann eine eindimensionale lineare Abbildung nur dann einen Wert
ein zweites Mal annehmen, wenn sie überhaupt konstant ist, d. h. immer nur
diesen Wert annimmt. In der Mathematik wird das genauso als Grenzfall erach-
tet wie im Zusammenhang mit Narrationen oder Argumentationen: Würde man
von linearem Verlauf sprechen, wenn überhaupt nichts geschieht? In demselben
Sinn kann es bei linearen Abbildungen auch keine ‚Verzögerungen‘ geben: Wenn
eine solche Abbildung auf einem Stück konstant wäre, dann wäre sie überhaupt
konstant; partiell konstant kann sie also nicht sein. Dass es keine ‚Überflüssig-
keiten‘ im Sinne von isolierten Punkten oder Stücken geben kann, folgt aus der
Stetigkeit. Es scheint also insgesamt eine weitgehende Analogie zwischen der
Linearität kulturwissenschaftlicher Fächer und jener der Mathematik zu geben,
lediglich das Konzept der Kausalität, das für Narrationen eine Rolle spielt, kann
keine Entsprechung finden, da Kausalität definitionsgemäß nicht unmittelbar
mathematisch modellierbar ist.

62 Gemeint soll hier sein: Abbildungen, die auf einem 1-dimensionalen Vektorraum definiert
sind.
63 Eine passende Metrik muss jedenfalls vorhanden sein.
64 Für den Fall unendlich-dimensionaler Vektorräume s. Heuser*.

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102   Esther Ramharter

Allerdings täuscht das Feststellen der zahlreichen Parallelen zwischen den


beiden Konzeptionen über etwas Gewichtiges hinweg: Ausgerechnet die Gerad-
heit, die die Linearität der Mathematik ausmacht, kommt in der Linearität der
Filme und Texte kaum vor (allenfalls über die ‚Umweglosigkeit‘). In dieser Hin-
sicht hat die Linearität der Künste und der Sprache mehr mit der Linie als mit
der Linearität der Mathematik gemeinsam. Insgesamt könnte man vielleicht fol-
gende Aussagen wagen: Die außermathematische Linearität teilt mit den Linien
der Mathematik die Gestalteigenschaften, mit der Linearität der Mathematik die
Art der Abstraktheit. Während die geometrische Linie aus der gezeichneten Linie
allein durch Abstraktion der Dicke entsteht (man könnte auch sagen: durch einen
Grenzprozess), erfordert die Konzeption der – inner- wie außermathematischen –
Linearität eine mit einer Metaphorik verbundene Abstraktion.

2.1 Die Linie

Aristoteles (384–322 v. Chr.)

Aristoteles’ Beschäftigungen mit der Linie sind für die Mathematik ebenso ein-
schlägig wie für die Kunst und die Philosophie. In einer interessanten Spannung
steht dazu der Umstand, dass Aristoteles ‚Linie‘ als Beispiel für einen Begriff
wählt, der einer bestimmten Wissenschaft zugehörig und für sie grundlegend ist,
und nicht Wissenschaften übergreifend.
Die Geometrie setzt, so Aristoteles in den Zweiten Analytiken, Linien voraus,
inklusive allem, was sich daraus ergibt, wie z. B. ihre Schnittpunkte. Wahre
Sätze, die solche Begriffe beinhalten, werden allerdings nicht angenommen,
sondern sie müssen aus den Bestimmungen der speziellen Objekte der jeweiligen
Wissenschaft plus den allgemeinen Sätzen, die die Wissenschaften gemeinsam
haben, folgen. Axiome im heutigen – und auch Euklidischen – Sinn sieht Aris-
toteles also nicht vor. Angenommen werden immer nur Sätze, die aussagen, was
etwas bedeutet, sprich: Definitionen. In der modernen Diskussion um die Grund-
lagen der Geometrie, zu deren wichtigsten Opponenten Gottlob Frege und David
Hilbert* zählen, wäre Aristoteles’ Position also einerseits noch jenseits von Frege
einzuordnen: Dieser fordert zwar, dass die grundlegenden Begriffe vorab defi-
niert werden müssen, aber er verlangt nicht, dass alle Sätze der Geometrie aus
diesen Definitionen folgen müssen. Andererseits entsteht dadurch, jenseits von
Frege, eine Position, die man auch wieder näher an Hilbert sehen könnte, denn
bei diesem folgen ja tatsächlich alle Sätze aus den Axiomen, die ihm zufolge die
Gegenstände ausreichend bestimmen.

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2 Mathematik   103

Nicht nur im Rahmen methodologischer Überlegungen, sondern auch im


Zusammenhang mit Physik kommt bei Aristoteles die Linie vor, und zwar in
Gestalt des Kontinuums. Zum einen thematisiert er das Verhältnis von Konti-
nuum und Atomen, Raum, Geschwindigkeit, Zeit etc. (s. dazu etwa Miller 1982,
Sorabji 1983, vgl. auch S. 35–37); zum anderen widmet er sich aber auch dem
Kontinuierlichen als solchem und versucht, dessen Beschaffenheit zu verstehen.
Seine Grundauffassung ist dabei, dass die Linie  – das Kontinuierliche  – nicht
aus Punkten zusammengesetzt sein kann. Aristoteles versucht für diesen Stand-
punkt zu argumentieren; in der Regel bestehen die heiklen Stellen seiner Argu-
mente darin, dass vom Diskreten auf das Kontinuierliche geschlossen wird – und
das, obwohl Aristoteles gerade den fundamentalen Unterschied betonen möchte.
Etwa geht er davon aus, dass es, wenn Objekte geordnet – ‚der Reihe nach‘ – sind,
immer ein nächstgelegenes Objekt geben muss. Das aber gilt, aus heutiger Sicht,
nur für diskrete Mengen von Objekten sicher (es braucht nicht einmal das Kon-
tinuum, um diese Behauptung falsch zu machen: unter den Bruchzahlen gibt es
auch keine nächstgelegenen).
Dass Aristoteles die Diskussion um das Kontinuum jedenfalls stark angefacht
hat, sieht man schon an der ausführlichen Beschäftigung der antiken Aristoteles-
Kommentatoren mit diesem Thema (s. etwa Furley 1982).

Furley 1982; Kretzman 1982; Miller 1982; Sorabji 1983

Zweite Analytiken oder: Lehre vom Erkennen I, 10, 76 a 31 – 76 b 16


Hrsg. u. übers. v. Julius von Kirchmann. Leipzig: Dürr, 1877, S. 19–20.

Ich nenne aber oberste Grundsätze eines Gebietes die, bei denen man das: Dass sie sind, nicht
beweisen kann. Was nun die obersten Grundsätze und das daraus Abgeleitete bedeuten, wird
offenbar angenommen; dass sie aber die Wahrheit enthalten, muss bei den obersten Grundsät-
zen ebenfalls angenommen werden, während das Uebrige bewiesen werden muss. So wird vor-
ausgesetzt was die Eins und was das Gerade und das Dreieck bedeuten; auch muss man anneh-
men, dass die Eins und die Grösse sind; alles andere aber wird bewiesen.
Die obersten Grundsätze, deren man sich in den beweisenden Wissenschaften bedient, sind
theils der be-[S. 20]treffenden Wissenschaft eigenthümlich, theils sind es gemeinsame und zwar
gemeinsame vermöge einer Aehnlichkeit, da dies in so weit geschehen kann, als der Satz zu
einem Gebiete gehört, welches unter der betreffenden Wissenschaft steht. Ein eigenthümlicher
Satz ist z. B. der, welcher besagt, was die Linie oder das Gerade sei; ein gemeinsamer Satz aber ist
z. B. der, dass wenn man Gleiches von Gleichem abzieht, Gleiches übrig bleibt. Ein jeder Grund-
satz kann benutzt werden, so weit er zu dem gemeinsamen Gebiete gehört; denn er wirkt dann
dasselbe, auch wenn er nicht in seiner vollen Allgemeinheit genommen wird, sondern blos von
den Grössen und in der Arithmetik nur von den Zahlen ausgesagt wird.
Es giebt auch eigenthümliche oberste Begriffe, deren Dasein man annimmt, und von welchen
die Wissenschaft das ihnen an sich Zukommende betrachtet; so z. B. die Arithmetik das der Eins
Zukommende und die Geometrie das dem Punkte und der Linie Zukommende; denn von diesen

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104   Esther Ramharter

nimmt man nicht blos ihr Sein, sondern auch ihr So beschaffen sein an. Was die, solchen Dingen
an sich zugehörigen Bestimmungen bedeuten, wird zwar ebenfalls vorausgesetzt, z. B. in der
Arithmetik das, was das Ungerade und Gerade oder was eine Quadrat- oder eine Kubikzahl ist,
und in der Geometrie das, was kein gemeinsames Maß hat, was gekrümmt, oder was das Zusam-
mentreffen von Linien ist; aber daß diese Bestimmungen wahr sind, wird aus den gemeinsamen
Grundsätzen und aus dem, was schon vorher bewiesen worden, dargelegt. Auch mit der Stern-
kunde verhält es sich so.
Denn jede beweisende Wissenschaft hat es mit Dreierlei zu thun; mit dem, was als seiend ange-
nommen wird (dies ist die Gattung, von welcher sie die, ihr an sich zukommende Bestimmun-
gen untersucht), sodann mit den sogenannten gemeinsamen Grundsätzen, aus denen, als den
Ersten, die Beweise geführt werden, und drittens mit den, der Gattung zukommenden Bestim-
mungen, bei denen sie das, was eine jede bedeutet, ohne Beweis annimmt.

Physik VI, 1, 231 a 21 – 231 b 18


Übers. v. Christian H. Weiße. Leipzig: Johann Ambrosius Barth, 1829, S. 143.

Wenn nun ist stetig und sich berührend, und der Reihe nach, den vorherigen Bestimmungen
zufolge, stetig, dessen letzte Theile Eins, sich berührend, von dem sie zusammen sind; der Reihe
nach aber, was nichts gleichartiges dazwischen hat: so kann nicht aus Untheilbarem etwas Ste-
tiges sein; z. B. die Linie aus Puncten, dafern die Linie ein Stetiges, der Punct aber ein Untheil-
bares ist. Denn weder sind Eins die letzten Theile der Puncte, (da nicht hat letzte und außerdem
noch andere Theile das Untheilbare), noch sind sie zusammen. Denn überhaupt nichts Letztes
hat, was ohne Theile ist. Ein anderes nämlich wäre das Letzte und das, wovon es letztes ist.
Nun müßten nothwendig entweder stetig oder durch gegenseitige Berührung zusammenhän-
gend sein die Puncte, aus denen das Stetige besteht. Das nämliche gilt von allem Untheilbaren.
Stetig kann es nicht sein, aus dem angegebenen Grunde. Durch Berührung aber hängt über-
haupt zusammen entweder Ganzes mit Ganzem, oder Theil mit Theil, oder Theil mit Ganzem.
Da nun keine Theile hat das Untheilbare, so muß es als Ganzes mit Ganzem durch Berührung
zusammenhängen. Ein Ganzes aber welches ein Ganzes berührt, kann nicht stetig sein. Das
Stetig nämlich hat verschiedene Theile, und zerfällt in gleichfalls theilbare und räumlich für
sich bestehende Theile. – Aber auch nicht folgen der Reihe nach kann Punkt auf Punkt, oder das
Jetzt auf das Jetzt, so daß hieraus die Länge wäre, oder die Zeit. Denn folgend der Reihe nach ist,
was nichts gleichartiges zwischen sich hat; die Punkte aber haben stets zum Dazwischen eine
Linie, und die Jetzt eine Zeit. Auch würde beides getheilt werden müssen in Untheilbares, wenn
es, woraus es besteht, darein auch getheilt wird. Aber nichts war von dem Stetigen in Untheilba-
res theilbar. Von anderer Gattung aber läßt sich nicht denken, daß etwas zwischen den Punkten
oder dem Jetzt sei. Denn wäre etwas, so müßte es offenbar entweder theilbar oder untheilbar
sein. Und wenn theilbar, entweder in Untheilbares, oder in stets Theilbares. Dieß aber wäre
stetig. – Ersichtlich aber ist auch, daß alles Stetige theilbar ist in stets Theilbares. Denn wenn in
Untheilbares, so würde Untheilbares mit Untheilbarem sich berühren. Denn Eins ist das Letzte
und sich berührend, des Stetigen.

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2 Mathematik   105

Euklid (ca. 300 v. Chr.)

Die Geschichte des antiken Griechenland wird üblicherweise in die helleni-


sche und die hellenistische Periode eingeteilt. Die hellenische gilt als Blütezeit
für Kunst und Literatur, mathematische Texte sind erst ab der hellenistischen
Periode überliefert, allerdings sammeln diese Überlieferungen in der Regel nur
Ergebnisse, die schon davor entwickelt worden waren (s. Boyer 2004, S. 21). Auch
Euklids Werke gelten weniger als eigenständige Leistung denn als systematische
Zusammenstellung der Resultate von Theaitetos, Eudoxos u. a.
Euklids Elemente zählen zu den ersten mathematischen Texten, die in der
Frühen Neuzeit in gedruckter Form vorliegen, und bestimmen das Verständnis der
Grundlagen der Geometrie bis heute. In wesentlichen Zügen stimmt Euklids Axi-
omatik mit modernen Axiomensystemen für die Euklidische Geometrie überein,
allerdings weist sie aus heutiger Sicht einige Schwachstellen auf; so fehlt etwa
ein Stetigkeitsaxiom, das gewährleistet, dass zwei einander schneidende Linien
einen Schnittpunkt haben, und die vorangestellten Wesensdefinitionen scheinen
die eigentlichen Verdienste eher zu verdunkeln.
Welche Rolle die Definitionen von Punkten, Geraden, Flächen etc., für Euklid
selbst spielen, ist umstritten. Während Proklos in Euklid einen Platoniker sieht,
erkennt Heath in ihm einen Aristoteliker (vgl. hierzu S. 102). Man mag vielleicht
in den Definitionen den Platoniker erkennen, in den Postulaten den Aristoteliker.
Die Definition der Linie als breitenlose Länge sieht selbst Heath als plato-
nisch an. Er gibt Aristoteles’ Einwand wieder, wonach es sich um eine rein nega-
tive Festlegung („breitenlos“) handle, und eine solche tauge nicht als Definition.
Aristoteles erachtet diesen Vorwurf allerdings, so Heath, selbst nur unter der
Voraussetzung als stichhaltig, dass man eine platonische Auffassung von Ideen
vertritt (s. Heath 1956, S. 158).
Bemerkenswerterweise sind die einzigen Linien, die in Euklids Elementen
vorkommen, Geraden und Kreise (s. Heath 1956, S. 146) – jene Linien, die sich mit
Zirkel und Lineal konstruieren lassen. Euklid nimmt, im Unterschied zu Platon
und Aristoteles, keine Klassifizierung in gerade und gekrümmte Linien vor, und
erst recht keine Sub-Klassifikation von gekrümmten Linien. Aristoteles scheint
zudem die Notwendigkeit von geknickten bzw. zusammengesetzten Linien zu
erkennen, etwa wenn man von einem Dreieck sprechen möchte; auch diese Über-
legung findet man bei Euklid nicht.
Besondere Aufmerksamkeit auf sich zog seit jeher der spezielle Fall der paral-
lelen Geraden. Euklid meint – zu Recht, wie man heute weiß – die Existenz einer
Geraden, die durch einen vorgegebenen Punkt parallel zu einer vorgegebenen
Geraden verläuft, postulieren zu müssen. Sein Postulat 5 fordert dies, allerdings
in einer vielleicht nicht auf den ersten Blick als Parallelenaxiom erkennbaren

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106   Esther Ramharter

Form. Viele Mathematiker – u. a. Proklos, Clavius, Giovanni Alfonso Borelli und
John Wallis – diskutieren in der Folge dieses Axiom, versuchen es aus den anderen
Axiomen zu beweisen bzw. geben alternative Formulierungen an. Im 19. Jahrhun-
dert verändert die Entdeckung der Nicht-Euklidischen Geometrien (und somit der
Unbeweisbarkeit des Parallelenaxioms) den Rahmen dieser Diskussionen.
Neben der Problematik des Parallelenaxioms zeigen sich auch alle anderen
Grundlagenfragen der Geometrie, die in der Literatur zu den Elementen ausführ-
lich diskutiert werden, an der Linie (manche freilich auch an weiteren mathema-
tischen Objekten): Sie betreffen die Ausdehnungslosigkeit, die Bedeutung der
Phrase „zu den Punkten auf ihr gleichmäßig liegen“ (in Euklids Definition 4,
einer der Definitionen von Geraden), die zweifache Definition von Durchmesser
als Strecke durch den Mittelpunkt einerseits und als Umfang-halbierende Strecke
andererseits, die Endlichkeit oder Unendlichkeit von Geraden, die Kontinuität (s.
Heath 1956).

Boyer 2004, S. 21–39; Fritz 1971; Gericke 2003, S. 70–71; Heath 1956; Proklus 1945;
Seidenberg 1975; Stillwell 2002, S. 18–20; van der Waerden 1966, S. 148–151

Elemente, 1. Teil (Buch I-III)


Nach Heibergs Text übers. u. hrsg. v. Clemens Thaer (= Ostwald’s Klassiker der exakten Wissen-
schaften, Nr. 235). Leipzig: Akademische Verlagsgesellschaft, 1933, S. 1–4.

Definitionen.
1. Ein Punkt ist, was keine Teile hat.
2. Eine Linie breitenlose Länge.
3. Die Enden einer Linie sind Punkte.
4. Eine gerade Linie (Strecke) ist eine solche, die zu den Punkten auf ihr gleichmäßig liegt.
5. Eine Fläche ist, was nur Länge und Breite hat.
6. Die Enden einer Fläche sind Linien.
7. Eine ebene Fläche ist eine solche, die zu den geraden Linien auf ihr gleichmäßig liegt.
[…]
13. Eine Grenze ist das, worin etwas endigt.
14. Eine Figur ist, was von einer oder mehreren Grenzen umfaßt wird.
[…]
17. Ein Durchmesser des Kreises ist jede durch den Mittelpunkt gezogene, auf beiden Seiten vom
Kreisumfang begrenzte Strecke; eine solche hat auch die Eigenschaft, den Kreis zu halbieren.
[…]
23. (35) Parallel sind gerade Linien, die in derselben Ebene liegen und dabei, wenn man sie nach
beiden Seiten ins unendliche verlängert, auf keiner einander treffen.

Postulate.
Gefordert soll sein:
1. Daß man von jedem Punkt nach jedem Punkt die Strecke ziehen kann,

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2 Mathematik   107

2. Daß man eine begrenzte gerade Linie zusammenhängend gerade verlängern kann.
[…]
5. (Ax. 11) Und daß, wenn eine gerade Linie beim Schnitt mit zwei geraden Linien bewirkt, daß
innen auf derselben Seite entstehende Winkel zusammen kleiner als zwei Rechte werden, dann
die zwei geraden Linien bei Verlängerung ins unendliche sich treffen auf der Seite, auf der die
Winkel liegen, die zusammen kleiner als zwei Rechte sind. […]

§ 1 (A.1). Über einer gegebenen Strecke ein gleichseitiges Dreieck zu errichten. […]
§ 2 (A.2). An einem gegebenen Punkte eine einer gegebenen Strecke gleiche Strecke hinzulegen.

René Descartes (1596–1650)

Descartes’ Géométrie wird zwar heute gesondert herausgegeben, bildet aber


Descartes’ Intention nach einen Teil seines Discours de la Méthode (wie auch die
Optik und die Meteorologie). Die Geometrie stellt eine Anwendung seiner analy-
tischen Methode und gleichzeitig ihr Paradigma dar. Seit wann Descartes dieses
Projekt verfolgt, lässt sich nicht genau sagen; klar dürfte jedoch sein, dass es in
den 1630er Jahren im vollen Gange ist.
Descartes gilt als Erfinder der Analytischen Geometrie, diese Aussage bedarf
allerdings einiger Spezifikationen (vgl. Ramharter 2005): Descartes hat nämlich
in der Regel nicht ein zwei-achsiges Koordinatensystem verwendet, wie es heute
für die ebene Analytische Geometrie charakteristisch ist, sondern ein ein-ach-
siges. (Wenn die zweite Achse eingezeichnet ist, dann nur, weil die Gerade für
andere Zwecke auch noch gebraucht wird.)65 Auch die Idee, dass man die ganze
Ebene – alle Punkte der Ebene – durch Koordinaten erfassen kann, stammt kei-
neswegs von Descartes. Hier lässt sich schwer ein Urheber ausfindig machen –
auf Nicolas Oresme (1330–1382) etwa geht die Feststellung zurück, dass man
prinzipiell alle Größen, alles Messbare, als Längen darstellen kann. Ist Descartes
der Erste, der Kurven durch Koordinaten beschreibt? Auch hier fällt die Antwort
negativ aus. Die Basis dafür liefert Apollonius (ca. 262-ca. 190 v. Chr.), indem er
Gleichungen für Kurven aufstellt. Die allgemeine Idee, Kurven durch die Koordi-
naten der Punkte der Kurve anzugeben, ist eher Pierre de Fermat (1607/08–1665)
zuzuschreiben; Descartes lässt nämlich nur Kurven zu, die durch algebraische
Gleichungen dargestellt werden. Und womit man heute den Schulunterricht in
Analytischer Geometrie üblicherweise beginnt, nämlich Punkte als Vektoren auf-
zufassen, das taucht historisch überhaupt erst im 19. Jahrhundert im Zusammen-

65 Nebenbei gesagt sind die Koordinatensysteme in Descartes’ Géométrie auch nicht rechtwin-
kelig, sondern jeweils der Aufgabe entsprechend gewählt.

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108   Esther Ramharter

hang mit komplexen Zahlen sowie deren Verallgemeinerungen (Quaternionen)


und der Vektoranalysis auf. Trotz all dieser negativen Befunde hat es aber durch-
aus seine Berechtigung, Descartes als den Begründer der Analytischen Geometrie
zu bezeichnen, denn er entwickelte als erster eine ganze, einheitliche Theorie auf
Basis von Koordinatensystemen, nämlich eine Kurvenklassifikation nach dem
aufsteigenden Grad der Kurven, und verhalf mit diesem Erfolg – auch die Lösung
des seit der Antike offenen Pappus-Problems war damit verbunden – der Analyti-
schen Geometrie zweifellos zum Durchbruch.
Ganz allgemein kann man sagen: Descartes bezieht krumme Linien auf
gerade und macht so auch die krummen beherrschbar. Auf ein Detail an Descar-
tes’ Terminologie sei hier noch hingewiesen: Er verwendet „Linie“ (ligne) auch
für ‚Strecke‘.
Zudem verfolgte er konsequent das Programm, Größen durchgängig als Stre-
cken, nie als Flächen darzustellen, wie es noch Franciscus Vieta getan hatte (s.
oben, S. 108). Die Addition erklärte er entsprechend als geradliniges Zusammen-
fügen von Strecken, die Subtraktion durch das ‚Wegnehmen‘ einer Strecke von
einer anderen, Multiplikation und Division mit Hilfe des Strahlensatzes (ähnli-
chen Dreiecken), das Wurzelziehen über das Finden einer mittleren Proportiona-
len, d. h. konstruktiv etwa mittels das Höhensatzes im rechtwinkligen Dreieck.
Auf diese Weise gelang es ihm, eine genaue Entsprechung der Arithmetik bzw.
Algebra in der Geometrie zu finden.

Grosholz 1991; Hintikka/Remes 1974; Kline 1972, Vol. I, S. 56–68; Krämer 1989;
Krämer 2016, S. 197–203; Lachterman 1989; Ramharter 2005; Serfati 2005

Die Geometrie
Hrsg. u. übers. v. Ludwig Schlesinger. Leipzig: Mayer & Müller, 1923, S. 1–2.

Erstes Buch.
Über Probleme, die mit alleiniger Anwendung von geraden Linien und Kreisen konstruiert werden
können.
Alle Probleme der Geometrie können leicht auf einen solchen Ausdruck gebracht werden, daß
es nachher nur der Kenntnis der Länge gewisser gerader Linien bedarf, um diese Probleme zu
konstruieren.
Und gleichwie sich die gesamte Arithmetik nur aus vier oder fünf Operationen zusammensetzt,
nämlich den Operationen der Addition, der Subtraktion, der Multiplikation, der Division und
des Ausziehens von Wurzeln, das ja auch als eine Art von Division angesehen werden kann: so
hat man auch in der Geometrie, um die gesuchten Linien so umzuformen, daß sie auf Bekanntes
führen, nichts anderes zu tun, als andere Linien ihnen hinzuzufügen oder von ihnen abzuzie-
hen; oder aber, wenn eine solche gegeben ist, die ich, um sie mit den Zahlen in nähere Bezie-
hung zu bringen, die Einheit nennen werde, und die gewöhnlich ganz nach Belieben angenom-
men werden kann, und man noch zwei andere hat, eine vierte Linie zu finden, die sich zu einer

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2 Mathematik   109

dieser beiden verhält, wie die andere zur Einheit, was dasselbe ist, wie die Multiplikation; oder
aber eine vierte Linie zu finden, die sich zu einer der beiden verhält wie die Einheit zur anderen,
was dasselbe ist wie die Division; oder endlich eine oder zwei oder mehrere mittlere Proportio-
nalen [S. 2] zu finden zwischen der Einheit und irgendwelchen anderen Linien, was dasselbe ist
wie das Ausziehen der Quadrat- oder Kubikwurzel usw. – Und ich werde mich nicht scheuen,
diese der Arithmetik entnommenen Ausdrücke in die Geometrie einzuführen, um mich dadurch
verständlicher zu machen.

Johann Benedict Listing (1808–1882)

Die von Leonhard Euler beantwortete Frage, ob es einen Rundgang durch das
Königsberg seiner Zeit gibt, der jede der sieben Brücken über den Fluss Pregel
genau einmal benutzt, wird „Königsberger Brückenproblem“ genannt.66 Dieses
Problem rangiert unter den Ursprüngen von zwei mathematischen Disziplinen:
der Topologie67 und der Graphentheorie68. Auf den Umstand, dass es dabei irrele-
vant ist, wie lang die Brücken und Wege sind, welche Winkel sie einschließen, ob
sie gerade oder gebogen sind, reagieren die beiden Disziplinen in ihrer Didaktik –
in den Skizzen und Diagrammen – entgegengesetzt: Die Graphentheorie zeich-
net alle Linien (wenn möglich) gerade, die Topologie gekrümmt. Das mag wohl
daher rühren, dass die Topologie sich in Abgrenzung von der Geometrie versteht
und entwickelt hat.69 Insofern stellen Johann B. Listings Vorstudien zur Topolo-
gie eindeutiger einen ‚Urtext‘ der Topologie dar als Eulers Briefwechsel. Listing
formuliert sehr klar und allgemein, worum es der Topologie geht: um räumliche
Gebilde, nicht unter dem Gesichtspunkt der Quantität, sondern der Modalität;
um Gegenstände wie Linien, Flächen, Körper unter Absehung von allem, was nur
durch Messen feststellbar ist.
Der nachstehende Textauszug endet mit dem Beginn einer Darstellung
dessen, was man Orientierung nennen kann. Wenn Linien in der Topologie
nämlich zwar der Funktion des Messens beraubt sind, dann aber nicht jener der

66 Für genauere Darstellungen s. Velminski 2007 und Pichler 2009.


67 Die Bezeichnung ‚Topologie‘ hat sich erst im frühen 20. Jahrhundert durchgesetzt (s. Heuser
2007, S. 183).
68 Für eine Darstellung des Königsberger Brückenproblems als Ausgangspunkt der Graphenthe-
orie s. z. B. Mahr/Velminski 2010.
69 Vgl. Heuser 2007. Ein Dreieck der Euklidischen Geometrie hat drei gerade Kanten; für die To-
pologie ist die Form der Kanten irrelevant, d. h., alle Figuren, die durch die Verbindung von drei
Eckpunkten (gerade oder schief, egal mit welchen Winkeln) entstehen, sind gleich (topologisch
äquivalent).

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110   Esther Ramharter

Orientierung: Die Linie bleibt Grenze, sie ermöglicht Innen und Außen, Links und
Rechts, Oben und Unten.

Bredekamp/Velminski 2010; Günzel 2007; Heuser 2007; Mahr/Velminski 2010;


Pichler/Ubl 2009; Velminski 2007

Vorstudien zur Topologie


Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1848, S. 3–7.

Bei der Betrachtung räumlicher Gebilde können zwei allgemeine Gesichtspunkte oder Katego-
rien unterschieden werden, nämlich die Quantität und die Modalität. Die Untersuchungen der
Geometrie in ihrer heutigen Ausbildung, so verschieden sie auch ihrem Gegenstande wie ihrer
Methode nach sein mögen, haben der ersteren dieser Kategorien immer den Vorrang gelassen
und demgemäß ist die Geometrie von jeher als ein Theil der Größenwissenschaft oder der Mathe-
matik betrachtet worden, wie sich denn auch ihr Name mit Recht auf den Begriff des Messens
beruft. Der zweite Gesichtspunkt, die Modalität oder die Berücksichtigung aller auf Lage und
Aufeinanderfolge bezüglichen Fragen ist in der Geometrie meist nur in sofern in den Vorder-
grund getreten als es ihr gelungen ist, diese Kategorie auf die der Größe zurückzuführen oder
mit ihr zu verschwistern. Die Coordinatenmethode und die aus ihr erwachsene analytische Geo-
metrie, so wie die Anwendung imaginärer und complexer Größen auf geometrische Betrachtun-
gen sind hierfür selbst-[S. 4]redende Beispiele. Aber auch in der Geometrie der Alten und den
neueren in gleichem Sinne gepflogenen Fortschritten, so wie in der sogenannten descriptiven
Geometrie, wo man sich ohne Beihülfe des analytischen Calculs bloß auf dem Felde räumlicher
Intuition bewegt, ist die Berücksichtigung modaler Verhältnisse nicht zu einem abgegrenzten
und ausschließlichen Gegenstand der Beschäftigung gemacht worden, sondern meist in den
Operationen mit räumlichen Größen implicirt oder gewissermaßen von ihnen getragen.
Die erste Idee einer wissenschaftlichen und gleichsam calculatorischen Bearbeitung der modalen
Seite der Geometrie dürfte in gelegentlichen Aeußerungen von Leibniz gefunden werden, in
welchen von einer Art Algorithmus die Rede ist, womit man die Lage räumlicher Gebilde eben
so der Analyse unterwerfen müßte, wie es hinsichtlich der Größe mittelst der Algebra geschieht
[…]. Doch ist eine später bekannt gewordene, von Leibniz selbst herrührende Probe seiner neuen
geometrischen Characteristik, die zunächst auf den Begriff der Congruenz gegründet ist, nicht
eigentlich modalen Inhalts. Auch kann die an dieß Leib-[S. 5]nizische Specimen angeknüpfte
neue geometrische Analyse von Grafsmann nur, wie der barycentrische Calcul von Möbius, als
eine Bereicherung der eigentlichen Geometrie angesehen werden, und dasselbe gilt von der géo-
métrie de position von Carnot, welche sich an die durch Menge ausgebildete géométrie descrip-
tive anschließt. Dagegen steht die bekannte Aufgabe des sogenannten Rösselsprungs, welche
schon von Euler und später von Andern wissenschaftlich gelöst worden, in näherer Verwandt-
schaft mit der Geometrie der Lage, und die von Vandermonde in seinen „remarques sur les prob-
lèmes de situation“ […] an diese Aufgabe geknüpften Bemerkungen über den Weg, den ein Faden
geführt werden muß, um z. B. eine Tresse oder die Maschen eines Strumpfgewebes darzustellen,
sind ganz hierher zu zählen.
[S. 6] Es mag erlaubt sein, für die Art Untersuchungen räumlicher Gebilde den Namen „Topolo-
gie“ zu gebrauchen statt der von Leibniz vorgeschlagenen Benennung „geometria situs“, welche
an den Begriff des Maßes, der hier ganz untergeordnet ist, erinnert, und mit dem bereits für eine
andere Art geometrischer Betrachtungen gebräuchlich gewordenen Namen „géométrie de posi-

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2 Mathematik   111

tion“ collidirt. Unter der Topologie soll also die Lehre von den modalen Verhältnissen räumlicher
Gebilde verstanden werden, oder von den Gesetzen des Zusammenhangs, der gegenseitigen Lage
und der Aufeinanderfolge von Punkten, Linien, Flächen, Körpern und ihren Theilen oder ihren
Aggregaten im Raume, abgesehen von den Maß- und Größenverhältnissen. Durch den Begriff der
Aufeinanderfolge, der mit dem der Bewegung nahe verwandt ist, tritt die Topologie zur Mecha-
nik in ähnliche Beziehung wie zur Geometrie, wobei natürlich wiederum die Geschwindigkeit
fortschreitender oder die Winkelgeschwindigkeit drehender Bewegung, deßgleichen Masse,
Bewegungsgröße, Kräfte oder Momente ihrer Quantität nach nicht in wesentlichen Betracht
kommen, sondern nur die modalen Beziehungen zwischen beweglichen oder bewegten Gebil-
den im Raume. Die Topologie wird, um den Rang einer exacten Wissenschaft zu erreichen, zu
dem sie berufen scheint, die Thatsachen der räumlichen Anschauung auf möglichst einfache
Begriffe zurückführen müssen, mit welchen sie unter Beihülfe geeigneter, den mathematischen
analog gewählter Bezeichnungen und Symbole die vorkommenden Operationen nach einfachen
Regeln, gleichsam rechnend, vollzieht.

[S. 7] Von der Position


Ich beginne mit einer einfachen, der Combinationslehre analogen, vorbereitenden Betrachtung,
die sich an das Schema der drei Dimensionen des Raums anlehnt. Jeder räumliche Gegenstand
kann mit drei in seinem Innern sich rechtwinklig kreuzenden Linien ausgerüstet werden, nach
denen wir seine Dimensionen und Seiten von einander unterscheiden. In concreten Fällen sind
vielerlei Benennungen für diese Dimensionen und Seiten üblich, deren Beachtung mehr für die
Topologie als für die Geometrie von Interesse sein kann. Für den unbegrenzten Raum an irgend
einem Platze auf der Erde bietet sich am natürlichsten die Lothlinie mit den beiden entgegenge-
setzten Richtungen Oben und Unten, die (horizontale) Mittagslinie mit Süd und Nord […], und
die zu beiden rechtwinklige Horizontallinie mit West und Ost dar; an einem Hause die Höhendi-
mension mit Oben und Unten, die Länge mit Rechts und Links, die Tiefe mit Vorn und Hinten;
am menschlichen Körper Oben und Unten, Vorn und Hinten, Rechts und Links, u.s.w.

Richard Dedekind (1831–1916)

Richard Dedekind steht mit seinem Werk, in vielfacher Hinsicht, im Zentrum des
Geschehens der Mathematik um 1900 und danach: Er war Schüler von Gauß und
Listing, befreundet mit Dirichlet und Riemann und führte einen Briefwechsel mit
Cantor. Er prägte wichtige mathematische Begriffe, einige tragen auch seinen
Namen – die englische Wikipedia enthält eine 22 Einträge verzeichnende „list of
things named after Richard Dedekind“70.
Seine 1888 erschienene Arbeit Was sind und was sollen die Zahlen? enthält die
erste vom heutigen Standpunkt aus exakte Einführung der natürlichen Zahlen

70 http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_things_named_after_Richard_Dedekind, besucht am
24.7.2016.

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112   Esther Ramharter

durch Axiome.71 Die erste exakte Definition der reellen Zahlen, die einer üblichen
logischen Ordnung nach ja der Definition der natürlichen Zahlen nachfolgt, gab
Dedekind bereits Jahre davor: in seiner 1872 veröffentlichten Schrift Stetigkeit und
Irrationale Zahlen.
Im untenstehenden Textausschnitt daraus werden nicht die reellen Zahlen
bzw. die stetige Linie definiert, sondern lediglich, was ‚stetig‘ bedeutet. Die daran
anschließende Konstruktion der reellen Zahlen aus den natürlichen (bzw. den
rationalen) Zahlen mittels ‚Dedekindscher Schnitte‘ zählt bis heute zu den Stan-
dard-Vorgangsweisen bei der Einführung der verschiedenen Zahlbereiche.
Den Zusammenhang zwischen Zahlen und Geraden erklärt Dedekind selbst
folgendermaßen: „Will man nun, was doch der Wunsch ist, alle Erscheinungen in
der Geraden auch arithmetisch verfolgen, so reichen dazu die rationalen Zahlen
nicht aus, und es wird daher unumgänglich notwendig, […] die […] rationalen
Zahlen […] wesentlich zu verfeinern durch eine Schöpfung von neuen Zahlen
der Art, daß das Gebiet der Zahlen dieselbe Vollständigkeit oder, wie wir gleich
sagen wollen, dieselbe Stetigkeit gewinnt, wie die gerade Linie.“ Man sieht hier
deutlich, dass Linie und Zahlen in enger, aber ungeklärter Verbindung gedacht
werden. Was soll „alle Erscheinungen in der Geraden auch arithmetisch verfol-
gen“ genau bedeuten? Was macht die „gerade Linie“ und insbesondere deren Ste-
tigkeit aus, mit der die Vollständigkeit der ‚neuen Zahlen‘ in Übereinstimmung
gebracht werden soll? Dedekind nennt zwar ein Beispiel – man trägt die Länge
der Diagonale eines Einheitsquadrats auf der Geraden ab –, an dem man sieht,
dass die rationalen Zahlen ‚nicht so vollständig‘ sind wie die Gerade; wie aber
diese Vollständigkeit der Geraden unabhängig von Zahlen charakterisiert werden
sollte, sodass ein formaler Vergleich möglich wäre, sagt er nicht. Er spricht ab
einem gewissen Punkt eigentlich von Zahlen, nicht mehr von Punkten, aus-
gerechnet bei der Definition der Stetigkeit wechselt er wieder zu Punkten. (Zu
diesem Problemkomplex s. auch oben S. 95–97.) Heute ist es in vielen Zusammen-
hängen, in denen die Geometrie nicht Thema ist, üblich, bei ‚Stetigkeit des Konti-
nuums‘ überhaupt nur an die Vollständigkeit der reellen Zahlen, nicht an Linien
zu denken.

Epple 1999, S. 378–380; Gillies 1982; Grattan-Guinness 2000, S. 85–87; Kennedy


1972

71 Diese sind von den Peano-Axiomen zwar verschieden, aber ihnen äquivalent. S. etwa Ken-
nedy 1972.

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2 Mathematik   113

Stetigkeit und Irrationale Zahlen [1872]


In: Ders.: Was sind und was sollen die Zahlen? Stetigkeit und Irrationale Zahlen. Braunschweig:
Friedrich Vieweg & Sohn, 1969, S. 8–11.

§ 3
Stetigkeit der geraden Linie

Von der größten Wichtigkeit ist nun aber die Tatsache, daß es in der Geraden L unendlich viele
Punkte gibt, welche keiner rationalen Zahl entsprechen. Entspricht nämlich der Punkt p der
rationalen Zahl a, so ist bekanntlich die Länge o p kommensurabel mit der bei der Konstruktion
benutzten unabänderlichen Längen-[S. 9]einheit, d. h. es gibt eine dritte Länge, ein sogenanntes
gemeinschaftliches Maß, von welcher diese beiden Längen ganze Vielfache sind. Aber schon die
alten Griechen haben gewußt und bewiesen, daß es Längen gibt, welche mit einer gegebenen
Längeneinheit inkommensurabel sind, z. B. die Diagonale des Quadrates, dessen Seite die Län-
geneinheit ist. Trägt man eine solche Länge von dem Punkt o aus auf der Geraden ab, so erhält
man einen Endpunkt, welcher keiner rationalen Zahl entspricht. Da sich ferner leicht bewei-
sen läßt, daß es unendlich viele Längen gibt, welche mit der Längeneinheit inkommensurabel
sind, können wir behaupten: Die Gerade L ist unendlich viel reicher an Punktindividuen, als das
Gebiet R der rationalen Zahlen an Zahlindividuen.
Will man nun, was doch der Wunsch ist, alle Erscheinungen in der Geraden auch arithmetisch
verfolgen, so reichen dazu die rationalen Zahlen nicht aus, und es wird daher unumgänglich
notwendig, das Instrument R, welches durch die Schöpfung der rationalen Zahlen konstruiert
war, wesentlich zu verfeinern durch eine Schöpfung von neuen Zahlen der Art, daß das Gebiet
der Zahlen dieselbe Vollständigkeit oder, wie wir gleich sagen wollen, dieselbe S t e t i g k e i t
gewinnt, wie die gerade Linie.
Die bisherigen Betrachtungen sind allen so bekannt und geläufig, daß viele ihre Wiederholung
für sehr überflüssig erachten werden. Dennoch hielt ich diese Rekapitulation für notwendig, um
die Hauptfrage gehörig vorzubereiten. Die bisher übliche Einführung der irrationalen Zahlen
knüpft nämlich geradezu an den Begriff der extensiven Größen an – welcher aber selbst nirgends
streng definiert wird – und erklärt die Zahl als das Resultat der Messung einer solchen Größe
durch eine zweite gleichartige+). Statt dessen fordere ich, daß die Arithmetik sich aus sich selbst
heraus entwickeln soll. Daß solche Anknüpfungen an nicht arithmetische Vorstellungen die
nächste Veranlassung zur Erweiterung des Zahlbegriffes gegeben haben, mag im allgemeinen
zugegeben werden (doch ist dies bei der Einführung der komplexen Zahlen entschieden nicht
der Fall gewesen); [S. 10] aber hierin liegt ganz gewiß kein Grund, diese fremdartigen Betrach-
tungen selbst in die Arithmetik, in die Wissenschaft von den Zahlen aufzunehmen. So wie die
negativen und gebrochenen rationalen Zahlen durch eine freie Schöpfung hergestellt, und wie
die Gesetze der Rechnungen mit diesen Zahlen auf die Gesetze der Rechnungen mit ganzen posi-
tiven Zahlen zurückgeführt werden müssen und können, ebenso hat man dahin zu streben, daß
auch die irrationalen Zahlen durch die rationalen Zahlen allein vollständig definiert werden. Nur
das Wie? bleibt die Frage.
Die obige Vergleichung des Gebietes R der rationalen Zahlen mit einer Geraden hat zu der
Erkenntnis der Lückenhaftigkeit, Unvollständigkeit oder Unstetigkeit des ersteren geführt,
während wir der Geraden Vollständigkeit, Lückenlosigkeit oder Stetigkeit zuschreiben. Worin
besteht denn nun eigentlich diese Stetigkeit? In der Beantwortung dieser Frage muß alles ent-
halten sein, und nur durch sie wird man eine wissenschaftliche Grundlage für die Untersuchung
a l l e r stetigen Gebiete gewinnen. Mit vagen Reden über den ununterbrochenen Zusammenhang

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114   Esther Ramharter

in den kleinsten Teilen ist natürlich nichts erreicht; es kommt darauf an, ein präzises Merkmal
der Stetigkeit anzugeben, welches als Basis für wirkliche Deduktionen gebraucht werden kann.
Lange Zeit habe ich vergeblich darüber nachgedacht, aber endlich fand ich, was ich suchte.
Dieser Fund wird von verschiedenen Personen vielleicht verschieden beurteilt werden, doch
glaube ich, daß die meisten seinen Inhalt sehr trivial finden werden. Er besteht im folgenden. Im
vorigen Paragraphen ist darauf aufmerksam gemacht, daß jeder Punkt p der Geraden eine Zerle-
gung derselben in zwei Stücke von der Art hervorbringt, daß jeder Punkt des einen Stückes links
von jedem Punkte des anderen liegt. Ich finde nun das Wesen der Stetigkeit in der Umkehrung,
also in dem folgenden Prinzip:
„Zerfallen alle Punkte der Geraden in zwei Klassen von der Art, daß jeder Punkt der ersten Klasse
links von jedem Punkte der zweiten Klasse liegt, so existiert ein und nur ein Punkt, welcher
diese Einteilung aller Punkte in zwei Klassen, diese Zerschneidung der Geraden in zwei Stücke
hervorbringt.“
Wie schon gesagt, glaube ich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß jedermann die Wahrheit
dieser Behauptung sofort zugeben wird; die meisten meiner Leser werden sehr enttäuscht sein,
zu vernehmen, daß [S. 11] durch diese Trivialität das Geheimnis der Stetigkeit enthüllt sein soll.
Dazu bemerke ich folgendes. Es ist mir sehr lieb, wenn jedermann das obige Prinzip so ein-
leuchtend findet und so übereinstimmend mit seinen Vorstellungen von einer Linie; denn ich
bin außerstande, irgendeinen Beweis für seine Richtigkeit beizubringen, und niemand ist dazu
imstande. Die Annahme dieser Eigenschaft der Linie ist nichts als ein Axiom, durch welches
wir erst der Linie ihre Stetigkeit zuerkennen, durch welches wir die Stetigkeit in die Linie hin-
eindenken. Hat überhaupt der Raum eine reale Existenz, so braucht er doch n i c h t notwendig
stetig zu sein; unzählige seiner Eigenschaften würden dieselben bleiben, wenn er auch unstetig
wäre. Und wüßten wir gewiß, daß der Raum unstetig wäre, so könnte uns doch wieder nichts
hindern, falls es uns beliebte, ihn durch Ausfüllung seiner Lücken in Gedanken zu einem ste-
tigen zu machen; diese Ausfüllung würde aber in einer Schöpfung von neuen Punktindividuen
bestehen und dem obigen Prinzip gemäß auszuführen sein.

+
) Der scheinbare Vorzug der Allgemeinheit dieser Definition der Zahl schwindet sofort dahin,
wenn man an die komplexen Zahlen denkt. Nach meiner Auffassung kann umgekehrt der Begriff
des Verhältnisses zwischen zwei gleichartigen Größen erst dann klar entwickelt werden, wenn
die irrationalen Zahlen schon eingeführt sind.

Charles Sanders Peirce (1839–1914)

Charles S. Peirces ganzes Denken ist vom Pragmatismus bestimmt, als dessen
Gründungsvater er gilt.72 In diesem Rahmen entwickelt Peirce eine Semiotik, die
ebenfalls grundlegend für seine Philosophie wird. Auch in seinen Ausführungen
zu Mathematik und Logik kann man das Zusammenspiel beider Momente erken-

72 Da sich Peirce von anderen Pragmatisten distanzieren möchte, nennt er seine Philosophie
später ‚Pragmatizismus‘.

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2 Mathematik   115

nen: Alles Schließen ist – dem Pragmatismus entsprechend – letztlich induktiv,


in der Mathematik und der Logik lediglich besonders sicher. Nicht der Grad der
Verlässlichkeit unterscheidet also Logik und Mathematik – insbesondere ist die
Logik nicht wie für Frege und Russell etwa fundamentaler –, sondern ihr Zweck:
Während die Mathematik die Aufgabe hat, Neues herauszufinden, besteht die
Aufgabe der Logik darin, uns verstehen zu lassen, wie unser Denken funktioniert.
Dazu müssen wir Experimente mit Diagrammen durchführen,73 die unser Denken
möglichst ikonisch abbilden. Hier zeigt sich ein Spezifikum der Peirce’schen
Auffassung von Logik: Während es sich dem üblichen Verständnis nach bei den
Zeichen der Logik vor allem um Symbole handelt, sollen sie nach Peirce mög-
lichst Icons sein, d. h. nicht aufgrund von Konvention bezeichnen, sondern auf-
grund von Ähnlichkeit. Peirce gibt als Beispiel für Icons Photographien an – wie
etwas unserem Denken in diesem Sinn ähnlich zu sein vermag, bedarf natürlich
weiterer Erklärungen (s. z. B. Nubiola/Barrena 2012, Shin 2002; im Folgenden
können nur Beispiele gegeben werden).
Linien treten bei Peirce in dreierlei Zusammenhängen auf: (1) in den Exis-
tential Graphs, seinem elaboriertesten Logik-System, (2) in seiner Konzeptuali-
sierung des Kontinuums und (3) im Rahmen einer Klassifizierung von Linien der
Topologie bzw. Geometrie74.
(1) Die Existential Graphs75 kennen u. a. folgende zwei Arten von Linien: Cuts
drücken Verneinung aus. Wie Cuts konkret umgesetzt werden, wird bei Peirce
nicht einheitlich dargestellt; die Grundidee besteht allerdings darin, dass man
um das herum, was man verneinen möchte, einen Schnitt macht und den aus-
geschnittenen Teil des Blattes umdreht. Ikonisch ist diese Darstellung u. a. inso-
fern, als doppelte Verneinung – also doppeltes Umdrehen des ausgeschnittenen
Teils – ohne weitere Konvention wieder Bejahung ausdrückt, wie es, laut Peirce,
auch in unserem Denken geschieht. De facto werden die Cuts natürlich auch bei
Peirce schlicht als geschlossene Linien dargestellt. Die zweite Art von Linien in
den Existential Graphs sind solche, die Existenzquantifikation ausdrücken.
‚ grün‘ bedeutet ‚Es gibt etwas Grünes‘

‚ ‘ bedeutet ‚Es gibt etwas, das grün und rund ist.‘

Dass Peirce diese sogenannten Identitätslinien als ikonisch ansieht, reicht nun in
den zweiten Kontext hinein, in dem Peirce Linien verwendet: „The line of identity

73 Jegliche Wissenschaft besteht nach Peirce in Experimenten mit Diagrammen.


74 Die Topologie sieht Peirce als Grundlage bzw. erstes Teilgebiet der Geometrie an. Er beschäf-
tigt sich eingehend mit den Arbeiten von Listing.
75 Sie werden ausführlich erläutert in: Roberts 1973, Shin 2002, Zeman 1964.

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116   Esther Ramharter

is, moreover, in the highest degree iconic. For it appears as nothing but a conti-
nuum of dots, and the fact of the identity of a thing, seen under two aspects, con-
sists merely in the continuity of being in passing from one apparition to another.”
(Peirce CP 4.448)
(2) Die Formulierung „continuum of dots“ täuscht über eben jene Eigenheit
des Peirce’schen Kontinuums hinweg, in der es sich von Cantors Kontinuum
unterscheidet: Ein Kontinuum ist für Peirce nicht eine Gesamtheit von Punkten –
jedenfalls nicht von wohlunterscheidbaren, sondern allenfalls von ineinander
übergehenden. Wie Peirce sich das Verhältnis von Linien  – Kontinua  – und
Punkten genau vorstellt, findet man in dem ersten der nachfolgenden Textaus-
züge erläutert.
(3) Während der Zusammenhang von (1) und (2) bei Peirce und auch in der
Sekundärliteratur ausführlich behandelt wird, steht die Behandlung der Linien
im Rahmen seiner Ansätze zu einer Topologie und Geometrie weitgehend isoliert
da. Peirce versucht in Elements of Mathematics und in New Elements of Geometry
(in zweiterem auf der Grundlage der Arbeiten seines Vaters Benjamin Peirce) eine
systematische Entwicklung der Geometrie. Peirce verfolgt hier kein philosophi-
sches Interesse – sich dennoch nahelegende Zusammenhänge76 wurden meines
Wissens nach noch nicht eingehender untersucht.

Dipert 1996; Hilpinen 2004; Nubiola/Barrena 2012; Pape 1997, S. 404–445; Peirce
CP; Pietarinen 2006; Putnam 1995; Ramharter 2011, S. 167–230; Roberts 1973; Shin
2002; Zalamea 2003; Zeman 1964

Das Denken und die Logik des Universums


Übers. u. hrsg. v. Helmut Pape. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2002, S. 214–217 (wiederabgedruckt
mit freundlicher Genehmigung der Verlage Suhrkamp und Harvard University Press).

Doch nun wollen wir eine Menge betrachten, die ein Einzelding für jedes Einzelding einer Menge
von Mengen enthält, indem sie eine [S. 215] Menge jeder überabzählbaren Mächtigkeit umfasst.
Das heißt, dass diese Menge aus allen endlichen Mächtigkeiten bestehen soll, zusammen mit
allen möglichen Mengen aus diesen Mächtigkeiten, zusammen mit allen möglichen Mengen von
Mengen dieser Mächtigkeiten, zusammen mit allen möglichen Mengen von Mengen von Mengen
dieser Mächtigkeiten und so weiter ad infinitum. Diese Menge ist offensichtlich von einer Mäch-
tigkeit, die so groß ist wie die Mächtigkeit aller möglichen Mengen ihrer Elemente. Doch wir
sahen soeben, dass dies für keine Menge gelten kann, deren Einzeldinge voneinander unter-
schieden sind. Wir stellen deshalb fest, dass wir nunmehr eine Mächtigkeit erreicht haben, die

76 Z. B. würde die Auszeichnung von Punkten auf einer Linie es ermöglichen, eine nicht-endo-
peuretische Lesbarkeit (s. Pietarinen 2006 für Erklärungen zu „endopeuretisch“) der Existential
Graphs zu entwickeln.

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2 Mathematik   117

so ausgedehnt ist, dass die Einzeldinge in einer solchen Menge miteinander verschmelzen und
ihre unterschiedliche Identität verlieren. Eine solche Menge ist kontinuierlich.
Betrachten Sie eine Linie, die in sich selbst zurückläuft – einen Ring.

Diese Linie ist eine Menge von Punkten. Denn wenn ein Teilchen, das zu irgend einem Augen-
blick einen einzelnen Punkt einnimmt, sich bewegt, bis es in seine erste Position zurückkehrt,
so beschreibt es eine derartige Linie, die nur aus den Punkten besteht, die das Teilchen während
dieser Zeit einnimmt. Doch kein Punkt auf dieser Linie hat irgendeine unterschiedliche Identität,
die absolut von jeder anderen verschieden ist. Denn nehmen wir einmal an, dass ein Punkt auf
dieser Linie markiert wird.

Nun ist diese Markierung eine Diskontinuität, und deshalb garantiere ich Ihnen, dass dieser
Punkt durch die Markierung eindeutig von allen anderen Punkten unterschieden wird. Doch
schneide man die Linie an diesem Punkt durch, [S. 216]

wo ist dieser markierte Punkt jetzt? Er ist zu zwei Punkten geworden. Und wenn diese zwei
Enden verbunden würden, um den Ort zu zeigen, würden sie zu einem einzigen Punkt. Aber
wenn die Verbindung aufhören würde, irgend eine unterscheidende Eigenschaft zu besitzen, das
heißt irgend eine Diskontinuität, wäre dort gar kein besonderer Punkt. Wenn wir die Verbindung
nicht unterscheiden könnten, so würde sie nicht als verschieden erscheinen. Aber die Linie ist
ein bloßer Begriff. Sie ist nichts außer dem, was sie zeigen kann, und deshalb folgt, dass dort,
wenn dort keine Diskontinuität wäre, kein unterschiedener Punkt sein würde – das heißt, kein
Punkt, der in seinem Sein absolut von allen anderen unterschieden ist. Wir wollen noch einmal
zu der Linie mit den beiden Enden zurückkehren und annehmen, dass der letzte Punkt des einen
Endes abbricht.

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118   Esther Ramharter

Trotzdem ist da am Ende immer noch ein Punkt, und wenn der isolierte Punkt wieder angefügt
würde, so wären sie ein Punkt. Das Ende der Linie kann in irgendeine beliebige diskrete Mächtig-
keit von Punkten explodieren, und diese würden vor der Explosion alle ein Punkt gewesen sein.
Es könnten Punkte davonfliegen, in der Mächtigkeit und Ordnung wie alle reellen irrationalen
Quantitäten von 0 bis 1, und sie könnten sich in dieser Reihenfolge alle bereits auf der Linie
befunden haben und doch alle nur ein Punkt gewesen sein. Die Leute werden sagen, dass dies
selbstwidersprüchlich ist. Dem ist nicht so. Wenn dem so ist, so beweise man es. Der Apparat
der Logik der Relative ist ein vollkommenes Instrument, um alles als selbst-widersprüchlich zu
erweisen, was wirklich selbstwidersprüchlich ist. Aber dieser Apparat weigert sich nicht nur, dies
als selbstwidersprüchlich zu beweisen, sondern er beweist im Gegenteil, dass es nicht selbstwi-
dersprüchlich ist. Natürlich kann ich Ih-[S. 217]nen diesen Beweis hier nicht vorführen. Aber es
handelt sich nicht um eine Ansichtssache, sondern um einen klaren Beweisfall. Selbst wenn ich
einen subtilen Fehlschluss über der Abfolge der überabzählbaren Mächtigkeiten begangen haben
sollte – was ich als möglich in dem Sinne zulassen muss, in dem es möglich ist, dass ein Mensch
eine Kolonne fünfstelliger Zahlen in allen 120 Anordnungen zusammenzählt und stets dasselbe
Ergebnis erzielt und doch dies Ergebnis falsch sein könnte  –, trotzdem sage ich: Auch wenn
alle meine Konklusionen hinsichtlich des Überabzählbaren zu Fall kämen, das, was ich jetzt
über Kontinuität behaupte, hätte immer noch Bestand. Ein Kontinuum ist nämlich eine Menge
von einer so umfassenden Mächtigkeit, dass im ganzen Universum der Möglichkeit nicht genug
Raum ist, in ihm unterschiedliche Identitäten zu bewahren; sie werden vielmehr miteinander ver-
schmolzen. Also ist das Kontinuum alles, was möglich ist, in welcher Dimension es auch immer
kontinuierlich sein mag. Aber das Allgemeine oder Universale der normalen Logik umfasst eben-
falls alles, was unter einer bestimmten Beschreibung möglich ist. Und so ist das Kontinuum das-
jenige, welches die Logik der Relative als das wahre Universale erweist. Ich spreche vom wahren
Universalen, denn kein Realist ist so närrisch zu behaupten, dass das Universale eine Fiktion ist.

New Elements of Geometry Based on Benjamin Peirce’s Works and Teachings, Book
II: Topology, Chapter I: Generation, Intersection, Enclosure
In: Ders.: The New Elements of Mathematics II. Hrsg. v. Carolyn Eisele. The Hague: Mouton, 1976,
S. 273–277.
Übers. v. Esther Ramharter.77

ERZEUGUNG UND SCHNITT


Art. 25. Wir haben gesehen, dass, in einem Punkt zu sein, eine individuelle räumliche Eigenart
(character) ist; sie ist eine vollständige geometrische Bestimmung ohne Platz für geometrische

77 Die Übersetzung orientiert sich hinsichtlich der Terminologe an Das Denken und die Logik des
Universums (insbesondere S. 336–337).

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2 Mathematik   119

Variation. Verlange von jedem Teil eines Dinges, einen bestimmten Punkt einzunehmen, und es
kann sich nicht bewegen, nicht einmal drehen.
Ein Partikel, das in jedem Moment nur einen Punkt einnimmt, nimmt im Lauf der Zeit eine Linie
ein. Daher ist die Eigenart, eine Linie zu sein, allgemeiner als jene, ein Punkt zu sein. […]
Von dem sich bewegenden Partikel sagt man, es generiere oder beschreibe die Linie, die es im
Lauf der Zeit einnimmt […].
Eine wichtige Denkweise besteht darin, die Linie als aus Punkten zusammengesetzt zu erachten;
wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass man ohne den Zement der Kontinuität nicht eher eine
Linie aus Punkten aufbauen kann als ein Haus aus Sand. […]
Art. 27. Allgemeinheiten über Linien
Ein sich bewegendes Partikel erzeugt eine Linie. Das ist die Essenz der Linie. Aber nicht jede
Linie kann durch die Bewegung eines einzelnen Partikels erzeugt werden. Wir haben [in Buch
I, Art. 12] von regulären Orten gesprochen. Diese sind der Ausdruck eines allgemeinen Gesetzes
folgender Art: Wenn der kleinste Teil, der die Dimensionalität des Ganzen hat, gegeben ist, erhält
man die vollständige reguläre Figur, indem man die ganze Figur konstruiert, deren Gesetz in
diesem Teil verkörpert ist. Eine irreguläre Figur ist einfach ein Teil einer regulären Figur. Die
Zeichnung vermittelt an einem einfachen Fall, wie das sein kann [Fig. 9. Eine irreguläre und eine
vollständige reguläre.]

Diese Darstellung illustriert auch die Tatsache, dass eine reguläre Linie so beschaffen sein kann,
dass sie nicht durch die Bewegung eines einzelnen Partikels erzeugt werden kann. Fig. [10a]
zeigt ein Beispiel dafür. Die äußere Kurve, die regulär ist, ist von der Form [von Fig. 10(b)]. Die
nächste [Kurve innen] hat einen Doppelpunkt (crunode) [Fig. 10(c)]. Die nächste, immer noch
reguläre, hat zwei separate Teilorte (portion). Die nächste schließlich hat einen Teilort und einen
singulären Punkt (acnode).78

Definition 76. Ein Teilort eines Orts ist ein stetig zusammenhängender Teil dieses Orts, der die-
selbe Dimensionalität wie das Ganze hat.
Definition 77. Eine einfache Linie ist eine Linie die durch die Bewegung eines einzelnen Partikels
erzeugt werden kann.

78 Fig. 10(a) passt nicht zu Peirces Text: In der Zeichnung ist kein singulärer Punkt zu sehen.
Innerhalb der rechten geschlossenen Kurve müsste ein Punkt vorhanden sein.

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120   Esther Ramharter

Definition 78. Ein Punkt auf einer Linie, der die Grenze von drei oder mehr Teilorten der Linie, die
jeweils außerhalb von einander liegen, ist, wird Gabelung oder Gabel genannt. Sie ist perissad oder
artiad, je nachdem ob die Anzahl der auseinanderlaufenden Strecken ungerade oder gerade ist.
Definition 79. Eine einfache begrenzte Linie ohne Gabelung, oder ein Teilort einer Linie, so weit
ausgedehnt wie ohne Durchlaufen einer Gabelung möglich, wird Strecke genannt.
Definition 80. Ein Punkt {falls existent}, der in jeder Erzeugung einer Linie die Grenze (Anfang
oder Ende) der Bewegung eines erzeugenden Partikels ist, wird Extremität der Linie genannt.
Eine freie Extremität ist eine Extremität, die nicht ein Gabelungspunkt ist.
Definition 81. Eine Linie, deren Erzeugung durch die Rückkehr der erzeugenden Partikel an ihre
ursprünglichen Positionen abgeschlossen wird, heißt in-sich-selbst-zurückkehrend. [Fig. 11. Das
erste ist eine Linie ohne freie Extremitäten. Die anderen sind in-sich-selbst-zurückkehrend, die
erste nicht.]

[…] Definition 83. Ein Punkt auf einer Linie, der von einem erzeugenden Partikel oder zwei ver-
schiedenen erzeugenden Partikeln zweimal oder öfters durchlaufen wird, wird Doppelpunkt (a
crunode, or more commonly a node) genannt.
Definition 84. Ein Punkt auf einer Linie, wo ein erzeugendes Partikel stoppt und auf seinem Weg
umkehrt, wird Kehrpunkt (cusp) genannt.
(Doppelpunkte und Kehrpunkte werden anderswo ausführlicher erklärt. Hier werden sie nur
der Bequemlichkeit wegen erwähnt. Ein Doppelpunkt ist eine artiade Gabelung.) [S. Fig. 12. Ein
Kehrpunkt und ein Doppelpunkt.]

Art 28. Theorem 5. Jede einfache Linie, die keine Gabelung und keine zwei freien Extremitäten auf-
weist, kehrt in sich selbst zurück.79

79 Dieses Theorem, das Peirce unmittelbar im Anschluss an die wiedergegebene Passage be-
weist, wurde in die Textauswahl aufgenommen, um ein Bild zu vermitteln, welche Art Sätze
Peirce als grundlegend für die Geometrie (bzw. Topologie) ansieht.

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2 Mathematik   121

David Hilbert (1862–1943)

In einem Briefwechsel, der sich über acht Jahre erstreckt, von 1895 bis 1903, dis-
kutieren David Hilbert und Gottlob Frege ihre Auffassungen von Axiomen der
Geometrie. Während sich anfangs beide in der Auseinandersetzung engagieren,
scheint Hilberts Interesse mit der Zeit nachzulassen. Man gewinnt den Eindruck,
er halte bereits alles für gesagt – er antwortet auf Freges Briefe in Form kurzer
Entschuldigungen, wirkt gar verärgert: „Diese Auffassung habe ich mir nicht
etwa zur Kurzweil ausgedacht, sondern ich sah mich zu derselben gedrängt durch
die Forderung der Strenge beim logischen Schließen und beim logischen Aufbau
einer Theorie“.80 Dass Hilbert kategorische und definitive Aussagen dieser Art
machen kann, liegt in gewisser Weise auch in der Sache begründet: Er reduziert
die Aufgabe einer Grundlegung der Mathematik, insbesondere einer Axiomatik,
auf das Festlegen der ‚Funktionsweise‘ der basalen Objekte. Nach Freges Ver-
ständnis müssen Axiome eine Bestimmung des Wesens von Punkten, Geraden
etc. liefern,81 für Hilbert dagegen genügt es, wenn sie hinreichend bestimmen,
was man im Rahmen der Geometrie von den geometrischen Objekten braucht.82
Gemäß Hilberts Auffassung – die unter Mathematikern wohl als diejenige ange-
sehen wird, die sich durchgesetzt hat – gibt es kein Wesen von Punkten, Geraden,
Linien…, sondern ein Punkt, eine Gerade, eine Linie… ist alles, was sich wie ein
Punkt, eine Gerade, eine Linie… verhält.
Hilberts sogenannte formalistische Auffassung beschränkt sich nicht auf die
Geometrie, sondern bezieht sich ebenso auf die Arithmetik und alle grundlegen-
den Bereiche der Mathematik. Inwiefern aber spielen nun Geraden bzw. Linien
doch eine besondere Rolle? Geometrische Objekte gelten als irreduzibel in dem
Sinn, dass es keine Aussicht gibt, sie auf Fundamentaleres zurückzuführen (im
Unterschied zur Arithmetik)83. Andere solche als irreduzibel angesehene mathe-
matische Objekte wie Mengen oder Formeln der Logik sind so abstrakt, dass man
kaum motiviert ist, nach ihrem Wesen zu fragen. In der Geometrie dagegen gibt
es in weit größerem Ausmaß Anschauungen und Intuitionen, die erfasst werden
wollen  – folgt man Frege. Dass es bestimmte Vorstellungen von geometrischen
Objekten wie Punkten und Linien gibt, dass die Objekte also eine Eigenstän-

80 Brief Hilbert an Frege vom 22. 9. 1900 (Frege 1980, S. 23).


81 Hilberts Axiome sind für Frege Postulate im Sinne Euklids, nicht Axiome.
82 Hilberts Axiomensystem fordert die Vollständigkeit bzw. Stetigkeit der Geraden und bietet
somit eine wichtige Klarstellung im Vergleich zu Euklids Elementen.
83 Außer man beschränkt die Geometrie auf Analytische Geometrie und macht sie somit zu
einem Teilgebiet der Algebra bzw. Analysis.

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122   Esther Ramharter

digkeit gegenüber den Axiomen haben, bringt die Hilbert’sche Auffassung von
Axiomen in der Geometrie in eine besondere Spannung.
Allerdings hat gerade in der Geometrie die ‚Wesenlosigkeit‘ der durch die
Axiome implizit definierten Objekte einen gewichtigen Vorteil: Hilbert spricht in
seinem Brief das sogenannte Dualitätsprinzip an, das  – in seiner ebenen Vari-
ante – grob gesprochen besagt: Vertauscht man in einem Theorem der elemen-
taren projektiven Geometrie84 jedes Vorkommnis von ‚Punkt‘ durch ‚Gerade‘,
von ‚liegt auf‘ durch ‚geht durch‘85, und jeweils umgekehrt, so erhält man wieder
ein Theorem.86 Punkte und Geraden sind also in einem gewissen Sinn dasselbe.
Das heißt, ausgerechnet in dem Bereich, in dem eigenständige Objekte zugrunde
liegen, sind diese eigenständigen Objekte untereinander austauschbar.
Allgemeiner gesagt: Es zeigt sich für die Linie hier sehr deutlich, dass sie, wo
sie eine fundamentale Rolle spielt, keineswegs Exklusivität beanspruchen kann.
Die Statusbestimmung der Linie in der Geometrie bildet somit einen Gegenpol
zu Kandinskys* Auffassung, der den Wesensunterschied von Linie und Punkt als
genuin ansieht.

Coxeter 1981; Frege 1980; Kowol 2009; Tappenden 2000; Wehmeier 1997

Brief an Gottlob Frege vom 29. 12. 1899


In: Gottlob Freges Briefwechsel mit D. Hilbert, E. Husserl, B. Russell, sowie ausgewählte Einzel-
briefe Freges. Hrsg. v. Gottfried Gabriel, Friedrich Kambartel u. Christian Thiel. Hamburg: Felix
Meiner, 1980, S. 11–13, hier: S. 13.

Sie sagen meine Begriffe z. B. „Punkt“, „zwischen“ seien nicht eindeutig festgelegt […]. – Ja, es
ist doch selbstverständlich eine jede Theorie nur ein Fachwerk oder Schema von Begriffen nebst
ihren nothwendigen Beziehungen zu einander, und die Grundelemente können in beliebiger
Weise gedacht werden. Wenn ich unter meinen Punkten irgendwelche Systeme von Dingen, z. B.
das System: Liebe, Gesetz, Schornsteinfeger …, denke und dann nur meine sämmtlichen Axiome
als Beziehungen zwischen diesen Dingen annehme, so gelten meine Sätze, z. B. der Pythago-
ras auch von diesen Dingen. Mit anderen Worten: eine jede Theorie kann stets auf unendlich
viele Systeme von Grundelementen angewandt werden. Man braucht ja nur eine umkehrbar ein-

84 Dabei handelt es sich um eine Geometrie, die den Sonderstatus der parallelen Geraden auf-
hebt; in ihr schneiden sich zwei Geraden immer. Dem Versuch, eine allen Geometrien zugrunde-
liegende Geometrie anzugeben, entspringt die absolute Geometrie, die der projektiven Geomet-
rie in verschiedenen Hinsichten verwandt ist.
85 Um die Notwendigkeit dieser Ersetzung zu vermeiden, wurde das Wort ‚inzidieren‘ einge-
führt, das sowohl für ‚geht durch‘ als auch für ‚liegt auf‘ steht. Vgl. auch S. 98–99.
86 S. etwa Kowol 2009, S. 88–91. Was für Theoreme gilt, muss natürlich insbesondere auch für
die Axiome gelten. Beispielsweise lautet zu ‚Durch zwei Punkte geht genau eine Gerade‘ die
duale Entsprechung ‚Auf zwei Geraden liegt genau ein Punkt‘.

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2 Mathematik   123

deutige Transformation anzuwenden und festzusetzen, dass die Axiome für die transformirten
Dinge die entsprechend gleichen sein sollen. Thatsächlich wendet man auch diesen Umstand
häufig an, z. B. Dualitätsprinzip etc. und ich in meinen Unabhängigkeitsbeweisen. Die sämmt-
lichen Aussagen einer Electricitätstheorie gelten natürlich auch von jedem andern System von
Dingen, welches man an Stelle der Begriffe Magnetismus, Electricität … substituirt, wenn nur die
geforderten Axiome erfüllt sind. Der genannte Umstand kann aber nie ein Mangel einer Theorie
sein und ist jedenfalls unvermeidlich. Allerdings ist zur Anwendung der Theorie auf die Welt der
Erscheinungen meines Erachtens immer ein gewisses Maass von gutem Willen und Takt erfor-
derlich: dass man für Punkte möglichst kleine Körper, für Gerade möglichst lange etwa Lich-
strahlen [sic] etc. substituirt. Auch wird man bei der Prüfung der Sätze nicht allzu genau sein
dürfen; denn das sind ja nur Sätze der Theorie.

Felix Klein (1849–1925)

Felix Klein erzielte bedeutende Ergebnisse in der Geometrie und Funktionen-


theorie. Seine wissenschaftliche Programmschrift, die als sogenanntes Erlanger
Programm bekannt wurde, zielte auf eine vereinheitlichende Fassung der ver-
schiedenen bekannten Geometrien. Klein unterscheidet zwischen Präzisionsma-
thematik  – der Theorie idealer oder ideeller mathematischer Objekte, z. B. der
reellen Zahlen – und der Approximationsmathematik – dem Rechnen mit Nähe-
rungswerten.
In den folgenden Textpassagen werden 1.) Kurven definiert, dann wird 2.)
der Kurvenbegriff auf die sogenannten Jordankurven verengt, da der allgemeine
Kurvenbegriff der Anschauung nicht immer entspricht, wie etwa im Fall der flä-
chenfüllenden Kurven. Schließlich wird 3.) eine Alternativdefinition für Jordan-
kurven über einen Dimensionsbegriff präsentiert. Danach, nicht mehr in den hier
wiedergegebenen Textauszügen führt die Untersuchung der Bedingungen, unter
denen Bogenlänge, Tangenten, Krümmungen etc. existieren, zum Begriff der
regulären Kurven. Reguläre Kurven sind also sehr spezielle, mathematisch gut
‚kontrollierbare‘ Kurven. Diese Kurven verwendet Klein, um empirische Kurven
zu approximieren. Die Annäherung der Präzisionsmathematik an die Approxi-
mationsmathematik erfolgt mithin nicht dadurch, dass die präzisionsmathema-
tischen Begriffe möglichst weit gefasst werden und so auch die empirischen Fälle
bestmöglich abdecken, sondern im Gegenteil: indem mathematische Begriffe
geschaffen werden, die man innermathematisch so gut unter Kontrolle hat, dass
bei der Approximation eine gewünschte, vorgegebene Genauigkeit sicher gewähr-
leistet werden kann.

Rowe 1989

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124   Esther Ramharter

Elementarmathematik vom höheren Standpunkte aus


Bd. 3. Präzisions- und Approximationsmathematik. Berlin, Heidelberg: Springer, 1928, S. 116–124.

Ein Kontinuum kann Grenzen der allerverschiedensten Art haben, und eine Kurve kurzweg als
Grenze eines Bereichs zu definieren, ist völlig unzulässig, natürlich nur im Gebiete der Präzisions-
mathematik, wo wir es mit den auf Grund des modernen Zahlbegriffs idealisierten Gebilden, hier
speziell mit den idealisierten Gebilden der Raumanschauung zu tun haben. Wie definieren wir
denn nun eine Kurve? Dazu macht man folgenden Ansatz:
Man gibt eine Variable t, die alle Werte eines abgeschlossenen Intervalls a ≤ t ≤ b durchlaufen
soll und setzt die Koordinaten eines Punktes gleich eindeutigen und stetigen Funktionen dieser
Hilfsvariablen, also x = φ(t), y = ψ(t); von der solcherweise definierten Punktmenge sagt man,
daß sie eine Kurve bildet. In freie Worte gefaßt, lautet also die Definition einer Kurve:
Eine ebene Kurve ist eine Punktmenge der Ebene, die ein eindeutiges und stetiges Bild eines abge-
schlossenen Intervalls einer Geraden ist.
Unwillkürlich mischen sich übrigens bei einer solchen Definition der Kurve durch einen Para-
meter t mechanische Auffassungen ein. Man kann t als Zeit fassen (woher auch die gewöhnliche
Bezeichnung durch den Buchstaben t rührt) und sagen: Während der Parameter t die Zeit von a
bis b durchläuft, durchläuft der Punkt x = φ(t), y = ψ(t) die Kurve. Oder anders gefaßt: Die Kurve
ist die Bahn eines Punktes, der sich während eines Zeitintervalls stetig bewegt. Dies ist alles sehr
leicht zu verstehen. Schwieriger wird es, wenn wir nach den gestaltlichen Verhältnissen fragen,
die bei einer so definierten Kurve auftreten können.
Ich muß hier insbesondere auf eine Entdeckung von Peano aufmerksam machen, die er 1890
veröffentlichte [Math. Annalen Bd. 36 (1890), S. 157–160] und die von Hilbert 1891 geometrisch
erläutert wurde [Math. Annalen Bd. 38 (1891), S. 459–460]. Es handelt sich um die Bemerkung,
daß eine durch die eindeutigen und stetigen Funktionen x = φ(t), y = ψ(t) definierte Kurve ein
ganzes Flächenstück völlig bedecken kann. Kurven dieser Art nennt man Peano-Kurven. […]

ER: Auf den Seiten 117–123 gibt Klein ein Beispiel einer Peano-Kurve; da dieses
allerdings nicht sehr anschaulich ist, wird hier eine Darstellung jener Kurve prä-
sentiert, die Hilbert angegeben hat und auf die Klein (s. oben, S. 116) hinweist (die
Dimension dieser Kurve beträgt 2):

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2 Mathematik   125

[S. 123] Wir gehen nunmehr an folgende natürliche Fragestellung heran:


Die Peano-Kurve ist doch nicht dem ähnlich, was man im gemeinen Leben eine Kurve nennt. Wie
muß ich daher die Definition x = φ(t), y = ψ(t) einer Kurve einengen, bzw. welche Haupteigenschaf-
ten muß ich von einer so definierten Kurve verlangen, damit wir ein Analogon zur empirischen Kurve
erhalten? Diese Frage hat in einfacher Weise C. Jordan in seinem Cours d’analyse beantwortet:
Unsere Peano-Kurve hatte unendlich viele Knickpunkte und damit auch unendlich viele Dop-
pelpunkte (die genauere Überlegung zeigt, daß sogar unendlich viele dreifache oder vierfache
Punkte auftreten); die Argumente t im Intervall 0 ≤ t ≤ 1, für welche ein mehrfacher Punkt ein-
tritt, liegen überall dicht. C. Jordan verlangt nun, daß die durch die Formeln x = φ(t), y = ψ(t)
definierte Kurve im Inneren des Definitionsintervalls keinen mehrfachen Punkt besitzt, d. h. daß
nicht zwei oder mehr Werte t1, t2,…(a<t1<b, a<t2<b,…) existieren, für welche gleichzeitig

φ(t1) = φ(t2), ψ(t1) = ψ(t2)

ist. Für die Intervallendpunkte a und b wird diese Bedingung nicht vorgeschrieben. Ist sie auch
für diese Punkte erfüllt, so nennt man das zu x = φ(t), y = ψ(t) gehörige Kurvenbild eine offene
Jordansche Kurve. Ist aber φ(a) = φ(b) und ψ(a) = ψ(b), so fallen Anfangs- und Endpunkt der
Kurve zusammen, und man nennt die Kurve eine geschlossene Jordansche Kurve. Eine offene
Jordansche Kurve ist demnach ein umkehrbar eindeutiges und stetiges Abbild einer Strecke, eine
geschlossene Kurve ein umkehrbar eindeutiges und stetiges Abbild eines Kreises.
Es gilt nun der für die Analysis fundamentale Satz:
Jede geschlossene Jordansche Kurve teilt die Ebene in zwei zusammenhängende Gebiete, deren
gemeinsame Grenze sie ist.

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126   Esther Ramharter

[Fußnote S. 124] Der neue [vorher] erwähnte Dimensionsbegriff gestattet auch, das Problem einer
vernünftigen Kurvendefinition zu erledigen: Eine Kurve ist ein kompaktes eindimensionales Kon-
tinuum. Dabei heißt ein Kontinuum K kompakt, wenn jede unendliche Teilmenge aus K einen
Häufungspunkt besitzt, der natürlich, da ein Kontinuum eine abgeschlossene Punktmenge ist,
zu K gehört. Von der naiven Anschauung ebenfalls als Kurve angesprochene nichtkompakte ein-
dimensionale Kontinua (Parabel) lassen sich den soeben erklärten „allgemeinen“ Kurven durch
Hinzufügen des Punktes ∞ unterordnen.
Dieser Kurvenbegriff, nach dem in Übereinstimmung mit der Anschauung solche Punktmengen
wie die Peanoschen nicht als Kurven anzusprechen sind, ist die Verallgemeinerung des Begriffs
der Cantorschen Kurve, unter der man ein keine inneren Punkte besitzendes beschränktes Konti-
nuum der euklidischen Ebene versteht. An Literatur über Kurventheorie sind u. a. zu nennen: K.
Menger: Grundzüge einer Theorie der Kurven. Math. Ann. Bd. 95 (1925), S. 277–306, sowie weitere
in dieser Zeitschrift, den Amsterdamer Proceedings und den Fundamenta Mathematicae erschie-
nenen Arbeiten. […]
Jede Kurve in einem wenigstens zweidimensionalen euklidischen Raum ist Grenze eines Gebie-
tes, nämlich des zur Kurve komplementären; doch zeigen einfache Beispiele, daß die Umkeh-
rung nicht gilt.

Hugo Albert Emil Hermann Dingler (1881–1954)

Seit Beginn des 20.  Jahrhunderts bemüht sich die Philosophie der Mathematik
verstärkt um das Herausstellen einer Kontinuität zwischen Empirie und Mathe-
matik. Dieses Bestreben nimmt dabei so unterschiedliche Formen an wie den
methodischen oder Erlanger Konstruktivismus (Lorenzen, Kamlah…), die quasi-
empiristische Mathematik-Auffassung Lakatos’ oder auch die Spätphilosophie
Wittgensteins.
Die von Paul Lorenzen, Peter Janich und Rüdiger Inhetveen entwickelte „Pro-
tophysik“ geht in ihren grundlegenden Ideen auf Hugo Dingler87 zurück. Poli-
tisch distanziert sich Lorenzen von dem Nationalsozialisten Dingler allerdings
entschieden.88
Methodologisch ist die Protophysik darauf festgelegt, durch Wahrung einer
wissenschaftlichen Ordnung logische Zirkelhaftigkeit zu vermeiden. Für die Geo-
metrie bedeutet das konkret, zuerst eine empirische Definition für ein gewisses
Objekt zu geben – das bedeutet, ein Verfahren zu finden, das zu diesem Objekt
führt  –, und dann aus diesem Verfahren einen Begriff auszusondern. Entspre-

87 Dingler zählt nicht zu den eminenten Mathematikern, ist aber durch seine Bedeutung für den
Konstruktivismus wesentlich an der Grundlagenforschung der Mathematik beteiligt.
88 Vgl. Hogrebe 2009, S. 170. Zur nationalsozialistischen Gesinnung und Aktivität Dinglers s.
Menzler-Trott 2001.

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2 Mathematik   127

chend unterscheidet Dingler eine logische und eine empirische Seite der Geome-
trie; der logische Teil ist für Dingler durch Hilberts Axiome gegeben, der empiri-
sche wird von ihm selbst ausgearbeitet.

Janich 2006; Hogrebe 2009; Menzler-Trott 2001; Toretti 1978; Wolters 1985

Die Grundlagen der angewandten Geometrie


Leipzig: Akademische Verlagsgesellschaft, 1911, S. 19–23.

Wenn wir uns überlegen, daß wir Gerade haben, von denen wir sagen müssen, daß sie sicher
sehr genau sind, daß wir Konstruktionen ausführen können, bei denen die [S. 20] Widersprüche
gegen die Theorie von bemerkenswerter Kleinheit sind, so müssen wir doch daraus schließen,
daß wir eine ziemlich genaue wirkliche Gerade haben. Und wenn wir uns vorstellen, was für
Zeichnungen wohl Archimedes gemacht haben mag, und sie in Gedanken mit unseren heuti-
gen genauesten vergleichen, dann haben wir auch ein Gefühl, als ob mittlerweile unsere Gerade
„genauer“ geworden sein müßte. Es sieht also in der Tat so aus, als ob wir in der Praxis die rich-
tige empirische Gerade hätten, nur wissen wir offenbar theoretisch nichts davon. Dies führt uns
darauf, einmal zu fragen, wo denn eigentlich unsere empirischen Geraden herkommen, wie sie
uns an Linealen, Reißschienen, Winkelhaken entgegentreten. Die gewöhnlichen Erklärungen
der Geraden wie: als gespannte Schnur, als Lichtstrahl beim Darübervisieren usw. fallen natür-
lich völlig außer Betracht, denn niemand wird mit diesen Methoden wirkliche genau gearbei-
tete Lineale herstellen können, niemand würde sich die mit einem solchen Versuche verknüpfte
ungeheure Mühe machen.
Zunächst ist zu beachten, daß die hölzernen Lineale, mit denen man zumeist arbeitet, nach
eisernen geschnitten werden. Wo kommen aber die eisernen her? Oft auch wieder von eisernen.
Wir haben also gewissermaßen m e h r e r e G e n e r a t i o n e n v o n G e r a d e n vor uns, wo eine
aus der anderen erzeugt wurde. Es ergibt sich, daß irgendwann und irgendwo einmal mindes-
tens eine Gerade durch „Urzeugung“ entstanden sein muß. Die Folgen davon, wenn dies nur
einmal geschehen wäre, also eine Normalgerade vorhanden wäre, haben wir im vorigen Para-
graphen bereits angedeutet. Eine andere Möglichkeit wäre die, daß wir tatsächlich eine Methode
hätten, durch die wir irgendwann gewissermaßen aus dem Nichts heraus eine beliebig genaue
Gerade herstellen könnten, eine Methode, die bei ideal sorgfältiger Anwendung auch eine ideal
genaue Gerade liefert (was bedeutet, daß aus der theoretisch idealisierten Methode theoretisch
das Entstehen der absolut genauen Geraden folgt).
[S. 21] I n d e r Ta t h a b e n w i r e i n e s o l c h e M e t h o d e , und es ist sehr zu verwundern, daß
sie unter den Mathematikern so wenig bekannt ist.
Diese Methode basiert auf der Herstellung, der Urzeugung der Ebene, von der das eben Gesagte
in gleicher Weise gilt, wie von der Geraden. Man nimmt dazu drei starre Körper (Eisenplatten),
die man in praxi der Einfachheit halber soweit verarbeitet, daß jeder von ihnen eine annähernd
ebene Fläche aufweist. Dann schleift man mit Schmirgel durch gegenseitiges Aufeinanderrei-
ben die drei Stücke bei öfterem Wechsel solange aufeinander ab, bis jedes derselben mit jedem
anderen vollständig genau aufeinanderpaßt (was durch Dazwischenschieben von dünnem
Papier geprobt wird, schließlich muß sich vollständige Adhäsionswirkung bemerkbar machen).
Zwei Stücke genügen nicht, da bei zwei aufeinander abgeschliffenen Stücken, wie man leicht
sieht, die Möglichkeit besteht, daß eine Kugelfläche zustande kommt. Auf den Beweis, daß auf

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128   Esther Ramharter

die genannte Weise in der Tat eine Ebene (oder drei Ebenen) zustandekommt, werden wir […] zu
sprechen kommen. Auf diese Weise also stellt man die sog. R i c h t f l ä c h e n her.
Mit Hilfe solcher Richtflächen (in geeigneter Form) werden [S. 22] dann genaue Eisenlineale her-
gestellt. Indem man diese 1. auf einer Seite in der in der Anmerkung erwähnten Art eben macht,
2. sie hochkant stellt und nun die Schmalfläche des Parallelepipeds auf gleiche Weise ebnet.
Dann gibt der Schnitt der beiden so entstehenden Ebenen eine genaue G e r a d e . Man sieht, daß
man so auch den Punkt empirisch definieren könnte.
Es sei erlaubt, an die Darlegung dieser Vorgänge, welche wir als die „empirische Definition“ der
Ebene, der Geraden, des Punktes bezeichnen wollen, noch einige methodische Bemerkungen zu
knüpfen. Das Wesen der empirischen Definition wird am deutlichsten, wenn wir uns folgende
Szene vorstellen: Ich frage jemanden: Was ist eine Ebene? Der Gefragte antwortet keine Silbe,
d. h. er gibt keine durch Begriffe ausgedrückte, keine logische Definition der Ebene, er bringt
mir auch nicht einen Gegenstand, an dem sich eine ebene Fläche befindet, und deutet darauf
(was der schon behandelten Definition durch eine Normalebene entsprechen würde), sondern
er geht hin, nimmt drei starre Körper und beginnt den oben beschriebenen Prozeß zur Herstel-
lung einer Ebene. Hätte der Mann eine Normalebene gebracht und darauf gedeutet, so hätte ich
nicht gewußt, ob die Farbe oder die feinen Unebenheiten der Oberfläche usw. dazugehören. Bei
Anwendung der letzten Methode jedoch weiß ich dies sofort, ich habe sofort „einen Begriff“,
was eine Ebene sei, oder viel-[S. 23]mehr, was sie sein s o l l . – Statt des Mannes, der die Ebene
herstellte, könnten wir uns ebensogut eine Maschine oder einen Naturvorgang denken, der das
gleiche ausführt. Es ist also nicht der ausführende Mensch das Wesentliche bei der empirischen
Definition, sondern der Vo r g a n g , die Tatsache, daß ein Vorgang sich abspielt, ist das Wesent-
liche. Erst durch einen Vorgang werden verschiedene Dinge in Beziehungen zu einander gesetzt.
Sondern wir diese bei der empirischen Definition auftretenden Beziehungen begrifflich heraus,
so haben wir das logische Material, das die logische Definition des Begriffes, d. h. sein Axiomen-
system liefert, aus dem alle weiteren Sätze über den Begriff folgen.
Diese Darlegungen des letzten Absatzes sollen lediglich auf die Beziehung der empirischen Her-
stellung eines Dinges zu seiner logischen Definition hinweisen.

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2 Mathematik   129

Benoît B. Mandelbrot (1924–2010)

Mandelbrot gilt als Begründer eines Teilbereichs der Mathematik – der Theorie
der Fraktale –, der auf den ersten Blick ästhetischen Annehmlichkeiten zu ent-
springen scheint. Nicht nur die zahlreichen Bilder von Fraktalen,89 die auch
fernab der Mathematik anzutreffen sind und bis zu einem gewissen Grad sogar
das Interesse der Kunst auf sich gezogen haben (s. z. B. Taylor/Micolich 1999),
sondern Mandelbrots zweite Monographie The Fractal Geometry of Nature selbst
setzt über große Strecken auf die Schönheit der Fraktale. Auch die Einführung
nicht-ganzzahliger Dimensionen aus Analogiegründen  – und die darauf basie-
rende Definition von Fraktalen als gewissen Mengen nicht-ganzzahliger Dimen-
sion – mag als ästhetisch motiviert eingeschätzt werden. Bei näherer Betrachtung
ergibt sich jedoch ein anderes Bild: Ihre Ursprünge hat die Theorie der Fraktale in
Fragen der Vermessung, im Bestimmen von Nullstellen, im Studium von Rekursi-
onen und Differentialgleichungen – in mathematisch-technischen Problemstel-
lungen also  –, und ihre Anwendungen erstrecken sich heute auf Börsenkurse,
Sternhaufen in Galaxien, Funktechnik, in der Mathematik auf Funktionentheorie
und dynamische Systeme u. v. m. Mandelbrot hat die Theorie keineswegs allein
begründet, aber er hat sie als Erster direkt auf reale Gegebenheiten angewendet
und war wohl für ihre Popularisierung verantwortlich.
Interessant für ein Studium des Phänomens Linie ist der folgende Textaus-
schnitt zum einen, weil die Vermessungslinie geradezu als ein Archetyp von Linie
gelten kann, zum anderen aber auch, weil  – gerade an diesem Archetyp  – die
Fragilität des Konzepts Linie (s. auch oben S. 83) deutlich wird. Die Länge des
hier wiedergegebenen Ausschnitts hat zwei Gründe: Kürzungen würden das Ver-
ständnis unmöglich machen, vor allem aber liegt hier einer der sehr seltenen
Fälle vor, in denen sich ein Grundlagentext der neueren Mathematik selbst in
einen breiteren kulturgeschichtlichen Kontext einzureihen versucht.

Falconer 1997; Mandelbrot 1977; Mandelbrot/Hudson 2004; Richardson 1961;


Taylor/Micolich/Jonas 1999

89 Beispiele für Fraktale finden sich bei Deleuze/Guattari* und Klein*.

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130   Esther Ramharter

Die fraktale Geometrie der Natur


Basel, Boston: Birkhäuser, 1987, S. 273–274, 37–42 (wiederabgedruckt mit freundlicher Genehmi-
gung des Verlags Springer).


 Tafel C1

[S. 274] Die zum ersten Mal abgehandelte fraktale Geometrie der Natur umfaßt jene Teile der
Mathematik und der Naturwissenschaften, die für die Darstellung einer hinreichend breit gefä-
cherten Klasse von Naturerscheinungen notwendig ist.
Viele der Formen sind uns wohlvertraut, aber die von ihnen aufgeworfenen Probleme wurden in
der Vergangenheit kaum erwähnt. Die Tafel […] C1 […] liefer[t ein] Beispiel […] dafür, daß schon
in alten Kunstwerken die fraktale Geometrie eine Rolle spielte.
[…] In Westeuropa stagnierten zwar um 1200 Naturwissenschaften und Philosophie, dafür ent-
wickelte sich aber das Ingenieurwesen sehr stürmisch. Der Baumeister war in der Periode der

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2 Mathematik   131

gotischen Kathedralen eine Persönlichkeit. Deshalb ist Gott in den „Bibles Moralisées illustrées“
jener Zeit […] oft mit einem Zirkel dargestellt […].
Tafel C1 zeigt als Beispiel die Titelseite einer berühmten Bible Moralisée, die zwischen 1220 und
1250 im Dialekt der Ostchampagne geschrieben wurde. […] Der Text lautet:

Ici crie des90 ciel et terre


soleil et lune et toz elemenz
(Hier schafft Gott Himmel und Erde
Sonne und Mond und alle Elemente.)

In der neu geschaffenen Welt nehmen wir drei Formen wahr: Kreise, Wellen und „Schlangen-
linien“. Die Untersuchungen von Kreisen und Wellen wurden mit einem kolossalen Aufwand
betrieben. Sie bilden die eigentliche Grundlage der Naturwissenschaften. Die „Schlängellinien“
dagegen blieben fast völlig unberührt. […]
Die Tafel kann man interessanterweise dahingehend interpretieren, daß sie die Naturwissen-
schaftler bittet, doch „das Maß des Universums zu nehmen.“ Für Kreise und Wellen erweist sich
der Zirkel als geeignetes Mittel. Doch was passiert, wenn wir den Zirkel für die Schlängellinien
auf dieser Tafel benutzen,… oder für die Küstenlinien auf der Erde?

[S. 37] Wie lang ist die Küste Britanniens?


Um eine erste Kategorie von Fraktalen einzuführen, nämlich Kurven, deren gebrochene Dimen-
sion größer als 1 ist, betrachten wir das Dehnen einer Küstenlinie. Es ist völlig klar, daß die
Länge einer Küstenlinie mindestens gleich dem Abstand zwischen ihrem Anfangs- und ihrem
Endpunkt ist, gemessen auf einer Geraden. Eine typische Küstenlinie ist jedoch unregelmäßig
und schlängelt sich, und es ist keine Frage, daß sie viel länger ist, als die Strecke zwischen ihren
Endpunkten.
Es gibt viele Methoden, ihre Länge genauer abzuschätzen, und dieses Kapitel analysiert einige
von ihnen. Das Resultat ist außerordentlich seltsam: Die Länge einer Küstenlinie erweist sich
als ein undefinierbarer Begriff, der einem durch die Finger gleitet, wenn man ihn fassen will.
Alle Meßmethoden führen letztlich zu dem Schluß, daß die Länge einer typischen Küstenlinie
sehr groß und so schlecht bestimmt ist, daß sie am besten als unendlich angesehen wird. Wenn
man also verschiedene Küstenlinien bezüglich ihrer „Ausdehnung“ vergleichen will, dann ist die
Länge ein ungeeigneter Begriff.
In diesem Kapitel suchen wir eine verbesserte Variante dafür. Hierbei müssen wir verschiedene
Formen der fraktalen Begriffe Dimension, Maß und Kurve einführen.

Eine Vielfalt alternativer Meßmethoden


Methode A: Ein Stechzirkel wird auf eine vorgegebene Weite B, wir wollen sie Eichlänge nennen,
eingestellt. Damit laufen wir die Küstenlinie entlang. Die Zahl der Schritte, multipliziert mit ε,
ist eine approximative Länge L(ε). Wenn die Weite des Stechzirkels immer kleiner wird und wir
diese Operation wiederholen, dann erwarten wir erfahrungsgemäß, daß sich L(ε) schnell bei
einem wohldefinierten Wert stabilisiert, den wir die wahre Länge nennen wollen. Aber in Wirk-
lichkeit geschieht das nicht. Typischerweise neigt L(ε) zu unbegrenztem Wachstum.

90 ER: Richtig wäre Dex statt des.

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132   Esther Ramharter

Der Grund für dieses Verhalten ist offensichtlich: Wenn eine Bucht oder Halbinsel, die auf einer
Karte vom Maßstab 1:100000 sichtbar ist, auf einer Karte vom Maßstab 1:10000 erneut untersucht
wird, werden Unterbuchten und Unterhalb-[S. 38]inseln sichtbar. Auf einer 1:1000-Karte erschei-
nen Unter-Unterbuchten und Unter-Unterhalbinseln usw. Jede trägt zur gemessenen Länge bei.
Unsere Prozedur bestätigt, daß eine Küstenlinie zu irregulär ist, um sie direkt durch Ablesen
in einem Katalog von Längen einfacher geometrischer Kurven messen zu können. Deshalb
ersetzt Methode A die Küstenlinie durch eine Folge von Polygonzügen, mit denen wir umgehen
können.
Methode B: Ein solches „Glattstreichen“ kann man auch auf andere Weise erreichen. Stellen wir
uns einen Menschen vor, der die Küstenlinie entlang läuft und dabei den kürzesten Weg nimmt,
der nicht weiter als eine vorgegebene Distanz ε vom Wasser entfernt verläuft. Dann wiederholt
er seine Wanderung mit einem kleineren Eichabstand usw., bis ε, sagen wir, 50 cm erreicht.
Ein Mensch ist zu groß und zu schwerfällig, um feineren Details zu folgen. Man kann ferner
argumentieren, daß ein unerreichbar feines Detail (a) kein direktes Interesse für den Menschen
hat und (b) sich mit der Saison und den Gezeiten so sehr verändert, daß es ganz und gar bedeu-
tungslos wird. Argument (a) werden wir später in diesem Kapitel wieder aufnehmen. Inzwischen
können wir Argument (b) neutralisieren, indem wir uns auf bergige Küsten mit geringen Gezei-
ten und vernachlässigbaren Wellen konzentrieren. Im Prinzip könnte ein Mensch solch einer
Kurve auch bis in feinere Details folgen, indem er erst eine Maus einspannt, dann eine Ameise
usw. Erneut ist es so, daß die zurückzulegende Entfernung über alle Grenzen wächst, falls unser
Wanderer zunehmend dichter an der Küstenlinie bleibt.
Methode C: In der Methode B ist eine Asymmetrie zwischen Land und Wasser enthalten. Um
diese zu beseitigen, hat CANTOR im Prinzip vorgeschlagen, daß man die Küstenlinie mittels einer
nicht scharf eingestellten Kamera betrachten sollte, die jeden Punkt in einen kreisförmigen Fleck
vom Radius ε transformiert. Mit anderen Worten, CANTOR betrachtet alle Punkte auf dem Land
und auf dem Wasser, die einen Abstand von höchstens ε zur Küstenlinie haben. Diese Punkte
bilden eine Art Wurst oder Band der Breite 2ε […]. Wir messen nun die Fläche dieses Streifens
und teilen sie durch 2ε. Falls die Küstenlinie gerade wäre, würde der Streifen ein Rechteck sein,
und der eben erwähnte Quotient wäre die tatsächliche Länge. Bei richtigen Küstenlinien haben
wir eine geschätzte Länge L(ε). Wenn ε kleiner wird, wächst diese Schätzung über alle Grenzen.
Methode D: Stellen wir uns eine Landkarte vor, die, im Stile eines Pointillisten gezeichnet, kreis-
förmige Flecke vom Radius ε verwendet. Anders als in Methode C, bei der Kreise mit dem Mittel-
punkt auf der Küstenlinie benutzt wurden, wollen wir fordern, daß die Anzahl der Flecke, die die
gesamte Küstenlinie bedecken, so klein wie möglich ist. Im Ergebnis dessen können sie in der
Nähe eines Kaps fast vollständig auf dem Lande liegen und in der Nähe von Buchten größtenteils
auf dem Meer. Die Fläche einer solchen Abbildung, geteilt durch 2ε, ist eine Schätzung für die
Länge. Diese Schätzung „benimmt“ sich ebenfalls schlecht.

Die Willkür der Meßergebnisse


Zusammenfassend stellen wir also immer das gleiche fest. Wenn ε kleiner gemacht wird, wächst
jede approximierende Länge unbegrenzt.
Um die Bedeutung dieses Ergebnisses zu ermitteln, wollen wir analoge Messungen an einer
Standardkurve von Euklid durchführen. Für eine Strecke sind die approximierenden Messungen
im Wesentlichen identisch, und sie definieren die Länge. Für einen Kreis nehmen die approxi-
mierenden Maße zu, streben aber schnell gegen einen Grenzwert. Kurven, für die die Länge so
definiert ist, heißen rektifizierbar.

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2 Mathematik   133

Ein noch interessanterer Gegensatz wird durch die Ergebnisse von Messungen an einer Küste
ge-[S. 39]liefert, die der Mensch kultiviert hat, sagen wir an der Küste bei Chelsea, wie sie heute
ist. Die grobe Form wurde vom Menschen nicht verändert, eine sehr große Eichlänge führt
deshalb erneut zu Ergebnissen, die mit kleiner werdendem ε größer werden.
Es gibt aber nun einen mittleren Bereich für ε, in dem sich L(ε) wenig verändert. Dieser Bereich
kann von 20 Metern bis zu 20 Zentimetern heruntergehen (nehmen Sie jedoch diese Werte bitte
nicht zu genau). Aber L(ε) wächst erneut, wenn ε kleiner als 20 Zentimeter geworden ist. Die
Messungen werden nun von den Unregelmäßigkeiten der Steine beeinflußt. Wenn wir L(ε)
als Funktion von ε darstellen, dann gibt es also kaum Zweifel daran, daß die Länge in einem
ε-Bereich zwischen ε = 20 Meter und ε = 20 Zentimeter liegt, in jenem flachen Teil der Kurve
also, den es nicht gab, bevor die Küste kultiviert war. Messungen, die in diesem Bereich gemacht
werden, sind offenbar von großem praktischem Nutzen. Da die Grenze zwischen verschiede-
nen Wissenschaftsdisziplinen großenteils eine Sache der üblichen Arbeitsteilung zwischen den
Wissenschaftlern ist, können wir die Geographie auf Erscheinungen beschränken, die oberhalb
der menschlichen Einflußnahme sind, zum Beispiel auf Maßstäbe oberhalb 20 Meter. Diese Ein-
grenzung würde zu wohlbestimmten Werten der geographischen Länge führen. Die Küstenwacht
kann sehr wohl das gleiche ε für nicht kultivierte Küsten benutzen, und Enzyklopädien und Jahr-
bücher könnten das entsprechende L(ε) übernehmen.
Nun ist es allerdings schwer vorstellbar, daß sich alle Regierungsstellen das gleiche ε zu eigen
machen, und die Übernahme durch alle Länder ist einfach undenkbar. Zum Beispiel unterschei-
den sich (vgl. RICHARDSON (1961)) die Längen der gemeinsamen Grenzen zwischen Spanien und
Portugal sowie zwischen Belgien und den Niederlanden, wie sie in den Lexika dieser benachbar-
ten Länder angegeben sind, um 20 %. Diese Abweichung muß sich teilweise aus der unterschied-
lichen Wahl des ε ergeben. Eine empirische Entdeckung […] zeigt, daß ein Unterschied in ε um
den Faktor 2 genügt, und es wäre nicht überraschend, wenn ein kleines Land (Portugal) seine
Grenze sorgfältiger mißt, als sein großer Nachbar.
Der zweite und wichtigere Grund, sich gegen ein willkürliches ε zu entscheiden, ist philosophi-
scher und naturwissenschaftlicher Art. Die Natur existiert außerhalb des Menschen, und jeder,
der einem speziellen ε, und damit L(ε) zuviel Gewicht verleiht, läßt das Studium der Natur vom
Menschen überschatten, entweder durch seine typische Eichlänge oder durch seine in hohem
Grade veränderlichen technischen Möglichkeiten. Falls Küstenlinien jemals Objekt wissen-
schaftlicher Erkundungen werden, dann kann die Unbestimmtheit ihrer Länge nicht einfach
beiseite geschoben werden. Wie auch immer, der Begriff der Länge in der Geographie ist nicht so
harmlos, wie er scheint. Er ist nicht gänzlich „objektiv“. Unvermeidlich mischt sich der Betrach-
ter in die Definition ein.

Wird diese Willkür allgemein anerkannt und ist sie von Bedeutung?
Die Ansicht, daß Küstenlinien nicht rektifizierbar sind, wird zweifellos von vielen Menschen für
richtig gehalten, und ich selbst werde niemals anders denken. Aber meine Suche nach schrift-
lichen Bekenntnissen dafür war fast ein Fiasko. Außer PERRlN […] gibt es die Bemerkung in
STEINHAUS (1954), daß „das linke Ufer der Weichsel, wenn es mit zunehmender Genauigkeit
gemessen wird, das zehn-, hundert- oder sogar tausendfache der einem Schulatlas entnomme-
nen Länge liefert … Eine der Realität nahekommende Aussage müßte die meisten in der Na-[S. 40]
tur vorkommenden Bogenlinien als nicht rektifizierbar bezeichnen. Eine solche Aussage steht im
Gegensatz zu der Meinung, daß nichtrektifizierbare Bogenlinien eine Erfindung der Mathemati-

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ker sind und daß natürliche Bogenlinien rektifizierbar sind: das Gegenteil ist wahr.“ Aber weder
PERRIN noch STEINHAUS sind dieser Einsicht weiter gefolgt.
[ …D]er vorliegende Essay [ist] tatsächlich [einer der] ersten Arbeiten zu diesem Gegenstand. […]

Der Richardson-Effekt
Die Veränderung der mit Methode A ermittelten näherungsweisen Länge L(ε) wurde empirisch
von RICHARDSON (1961) untersucht in einem Artikel, den mir der Zufall (oder das Schicksal)
beschert hat. […]
Die graphischen Darstellungen […], die nach seinem Tod unter seinen Papieren gefunden
wurden, waren in einem fast vertraulichen (und völlig ungeeigneten) Jahrbuch veröffentlicht
worden. Sie führen alle zu dem Schluß, daß es zwei Konstanten gibt, die wir mit λ und D bezeich-
nen wollen, so daß man – um die Küstenlinie durch ei-[S. 41]nen Polygonzug zu approximieren –
ungefähr λε1–D Intervalle der Länge ε braucht, die sich zur Gesamtlänge

L(ε)~λε1–D

aufsummieren. Die Größe des Exponenten D scheint von der gewählten Küstenlinie abzuhängen,
und verschiedene Teile derselben Küste können, falls sie getrennt betrachtet werden, verschie-
dene Werte von D hervorbringen. Für RICHARDSON war das fragliche D einfach ein Exponent
ohne eigenständige Bedeutung. Jedoch scheint seine Größe von der Methode, die zur Bestim-
mung der Küstenlänge verwendet wurde, unabhängig zu sein. Deshalb scheint D Beachtung zu
verdienen. […]
Nachdem ich RICHARDSONS Arbeit ausgegraben hatte, schlug ich vor […], daß der Exponent D,
ungeachtet der Tatsache, daß er keine ganze Zahl ist, als eine Dimension interpretiert werden
kann und sollte, nämlich als eine gebrochene Dimension. […]

[S. 42] Die fraktale Hausdorff-Dimension


Falls wir akzeptieren, daß verschiedenartige Küsten tatsächlich unendliche Länge haben und
daß die Länge, die auf einem selbstgewählten Wert ε basiert, nur eine teilweise Vorstellung von
der Wirklichkeit gibt, wie können wir dann unterschiedliche Küstenlinien miteinander verglei-
chen? Da „unendlich“ gleich „viermal unendlich“ ist, ist jede Küstenlinie viermal so lang wie
jedes ihrer Viertel. Aber das ist freilich kein brauchbares Ergebnis. Um die vernünftige Vorstel-
lung zu erläutern, daß die ganze Kurve ein „Maß“ haben muß, das viermal so groß ist wie das
jedes ihrer Viertel, brauchen wir ein besseres Verfahren.
Eine sehr sinnreiche Methode, um dieses Ziel zu erreichen, lieferte FELIX HAUSDORFF. Sie wird
intuitiv dadurch erklärt, daß das lineare Maß eines Polygonzugs durch Addition seiner Seiten-
längen (ohne diese irgendwie zu verändern) berechnet wird. Man kann sagen (der Grund dafür
wird gleich klar werden), daß die Seitenlängen in die Potenz D=1, die Euklidische Dimension
einer Geraden, erhoben werden. Das Flächenmaß einer Polygonfläche wird ähnlich berechnet,
indem diese mit Quadraten gepflastert wird und die Seitenlängen dieser Quadrate, erhoben in
die Potenz D=2, die Euklidische Dimension der Ebene, addiert werden. Wenn andererseits die
„falsche“ Potenz benutzt wird, liefert das Ergebnis keine besonderen Informationen. Die Fläche
jedes geschlossenen Polygonzugs ist Null, und die Länge seines Inneren ist unendlich. Mit einer
Polygonzugapproximation einer Küstenlinie, die aus kleinen Intervallen der Länge ε besteht,

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2 Mathematik   135

werden wir nun ebenso verfahren. Wenn wir die Intervallängen in die Potenz D erheben,91 erhal-
ten wir eine Größe, die wir probeweise ein „approximatives Maß in der Dimension D“ nennen
können. Da laut RICHARDSON die Zahl der Seiten N = λε–D ist, nimmt dieses approximative Maß
den Wert λεDε–D = λ an.
Das approximative Maß in der Dimension D ist daher unabhängig von ε. Mit realen Daten ist es
dann einfach so, daß sich das approximative Maß mit ε wenig verändert.
Die Tatsache, daß die Länge eines Quadrates unendlich ist, hat außerdem ein einfaches verallge-
meinerndes Pendant: Das approximative Maß einer Küstenlinie, das in irgendeiner Dimension d,
kleiner als D, bestimmt wird, strebt mit ε → 0 gegen ∞. Analog sind die Fläche und das Volumen
einer Geraden gleich Null. Wenn d einen Wert größer als D annimmt, dann strebt das entspre-
chende approximative Maß der Küstenlinie mit ε → 0 gegen 0. Das approximative Maß bestimmt
sich genau dann vernünftig, wenn d=D ist.

Die fraktale Dimension einer Kurve kann 1 übersteigen. Fraktale Kurven


Wie beabsichtigt, behält die Hausdorff-Dimension die Rolle der gewöhnlichen Dimension als
Exponent bei der Definition eines Maßes bei.
Unter einem anderen Gesichtspunkt ist D aber sehr seltsam: Es ist ein Bruch! Insbesondere über-
steigt D den Wert 1, der die intuitive Dimension einer Kurve darstellt und von dem man streng
zeigen kann, daß er ihre topologische Dimension DT ist.
Ich schlage vor, Kurven, deren gebrochene Dimension die topologische Dimension 1 übersteigt,
fraktale Kurven zu nennen. Das vorliegende Kapitel kann nun in der Aussage zusammengefaßt
werden, daß Küstenlinien innerhalb eines für Geographen interessanten Maßstabs durch frak-
tale Kurven nachgebildet werden können. Küstenlinien sind fraktale Muster.

Gilles Deleuze (1925–1995) und Félix Guattari (1930–1992)

Gilles Deleuze und Félix Guattari kommt hier eine Sonderrolle zu: Sie sind weder
Mathematiker noch Grundlagenforscher der Mathematik, dennoch gibt es gute
Gründe, den Abschnitt über das Glatte und Gekerbte in der Mathematik aus
Tausend Plateaus hier aufzunehmen: Mit der Frage „Gibt es eine ganz allgemeine
mathematische Definition von glatten Räumen?“ deuten die Autoren an, dass
ihr Begriff des „Glatten“ (und „Gekerbten“) am besten mathematisch fassbar ist,
und tatsächlich findet sich die Bezugnahme auf die Mathematik in allen anderen
Beispielbereichen, die Deleuze und Guattari behandeln (Physik, Musik, Wellen,
Wanderbewegungen, Handwerk…), aber nicht vice versa. Das Glatte ist also tat-
sächlich ein wesentlich mathematischer Begriff. Darüber hinaus ist dieser Begriff
nicht nur für sich genommen, und auch nicht nur für die Philosophie, von Bedeu-

91 ER: εD ist – für ganzzahliges D – das Volumen eines D-dimensionalen Würfels bzw. bis auf
eine Konstante das Volumen einer D-dimensionalen Kugel. Für nicht-ganzzahliges D wählt man
εD der Analogie wegen.

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136   Esther Ramharter

tung, sondern die Lesbarkeit in Richtung einer neuartigen Fundierungsweise der


Mathematik macht ihn zusätzlich für die Grundlagenforschung der Mathematik
relevant (auch wenn Deleuze und Guattari selbst an diese Möglichkeit wohl kaum
gedacht haben).
Für Literatur und nähere Erklärungen zu Deleuze siehe S. 44–48 und S. 68.

Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie.


Gem. mit Félix Guattari, Berlin: Merve, 1992, S. 674–676 (wiederabgedruckt mit freundlicher
Genehmigung des Verlags Merve).

1440. Das Glatte und das Gekerbte


[…] Gibt es eine ganz allgemeine mathematische Definition von glatten Räumen? Es hat den
Anschein, daß die „fraktalen Objekte“ von Benoît Mandelbrot in diese Richtung gehen. Dabei
handelt es sich um Mengen, deren Dimensionszahlen Bruch- oder nicht ganze Zahlen sind,
oder auch ganze Zahlen, allerdings mit kontinuierlicher Richtungsänderung. Zum Beispiel
ein Segment, bei dem man das mittlere Drittel durch den Winkel eines gleichseitigen Dreiecks
ersetzt, wobei man danach den Vorgang bei jedem der vier Segmente wiederholt, etc., bis ins
Unendliche, entsprechend einer homothetischen Beziehung – ein solches Segment bildet dann
eine unendliche Linie oder Kurve mit einer Dimension, die größer als 1 ist, aber kleiner als die
Oberfläche (= 2). Ähnliche Ergebnisse können durch eine Aushöhlung erreicht werden, indem
man „Buchten“ ausgehend von einem Kreis einschneidet, anstatt „Kaps“ ausgehend von einem
Dreieck hinzuzufügen; ebenso wird ein Kubus, den man nach dem Prinzip der Homothetie
aushöhlt, kleiner als ein Volumen und größer als eine Oberfläche (das ist die mathematische
Darstellung der Affinität zwischen einem freien und einem durchlöcherten Raum). In anderen
Formen sind auch die Brownsche Bewegung, die Turbulenz und das Himmelsgewölbe solche
„fraktalen Objekte“ […]. Vielleicht bekommt man so eine neue Möglichkeit, unscharfe Mengen
(fuzzy sets) zu bestimmen. [S. 675]

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2 Mathematik   137

Der Menger-Schwamm: mehr als eine


Oberfläche, weniger als ein Volumen! Das
Gesetz der Aushöhlung dieses Kubus kann
man auf den ersten Blick erkennen: jedes vier-
eckige Loch ist von acht Löchern umgeben, die
ein Drittel seiner Größe haben; diese acht
Löcher sind selber von acht Löchern umgeben,
die wiederum ein Drittel seiner Größe haben.
Die Koch-Kurve: mehr als eine Linie,
Und so weiter bis ins Unendliche. Der Zeichner
weniger als eine Oberfläche! Vom Segment
konnte die Unendlichkeit von immer kleineren
AE (1) wird das zweite Drittel entfernt und
Löchern nur bis zur vierten Stufe darstellen,
durch das Dreieck BCD (2) ersetzt. Bei (3) wie-
aber es ist offensichtlich, daß der Kubus bis
derholt man diesen Vorgang einzeln an jedem
ins Unendliche immer mehr ausgehöhlt wird,
der Segmente AB, BC, CD und DE. Das führt zu
daß sein Gesamtvolumen gegen Null geht und
einem kantigen Umriß, bei dem alle Segmente
daß die Gesamtoberfläche der Aushöhlungen
gleich sind. Bei jedem dieser Segmente wie-
auf den Seiten bis ins Unendliche wächst. Die
derholt man ein drittes Mal (4), was man in (2)
Dimension dieses „Raumes“ ist 2,7268. Es
und (3) gemacht hat; und so weiter bis ins
„liegt“ somit zwischen einer Oberfläche (mit
Unendliche. Am Ende erhält man eine
der Dimension 2) und einem Volumen (mit der
„Kurve“, die aus einer unendlichen Zahl von
Dimension 3). Der „Sierpinsky-Teppich“ ist
Eckpunkten besteht und bei der man an
eine der Flächen des Kubus, wobei die Aus-
keinem ihrer Punkte eine Tangente ziehen
höhlungen viereckig sind, und die Dimension
kann. Die Länge dieser Kurve ist unendlich
dieser „Oberfläche“ ist 1,2618. (Siehe Studies in
und ihre Dimension ist größer als eins: sie
Geometry von L. Blumenthal und K. Menger,
stellt einen Raum mit der Dimension 1,261859
San Francisco 1970, S. 433 und 501)
dar (genau log 4/log 3).

Zu den „fraktalen Objekten“ von B. Mandelbrot


Aber vor allem bekommt der glatte Raum dadurch eine allgemeine Bestimmung, die seine Unter-
schiede und Beziehungen zum Gekerbten berücksichtigt: 1.) als gekerbt oder metrisch bezeich-
net man eine Menge, die eine ganze Dimensionszahl hat und der man konstante Richtungen
zuordnen kann; 2.) der nicht-metrische glatte Raum wird durch die Konstruktion einer Linie mit
einer Bruch-Dimension [S. 676] geschaffen, die größer als 1 ist und aus einer Oberfläche, deren
Bruchdimension größer als 2 ist; 3.) die Bruchzahl der Dimensionen ist der Index eines im eigent-

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lichen Sinne gerichteten Raumes (mit kontinuierlicher Variation der Richtung, ohne Tangente);
4.) der glatte Raum wird nun dadurch definiert, daß er keine zusätzliche Dimension gegenüber
dem hat, was ihn durchquert oder sich in ihm einschreibt: in diesem Sinne ist er eine flache
Mannigfaltigkeit, zum Beispiel eine Linie, die als solche eine Fläche füllt; 5.) der Raum selber
und das, was den Raum ausfüllt, tendieren dahin, identisch zu werden und in der anexakten
und dennoch genauen Form der zählenden oder der nicht ganzen Zahl die gleiche Potenz zu
haben (ausfüllen ohne zu zählen); 6.) ein solcher amorpher, glatter Raum entsteht durch die
Häufung von Nachbarschaften, und jede Häufung definiert eine Zone der Unausmachbarkeit,
die dem Werden eigen ist (mehr als eine Linie und weniger als eine Oberfläche, kleiner als ein
Volumen und größer als eine Oberfläche).

2.2 Das Lineare

Harro Heuser (1927–2011)

Harro Heuser hat zwei Lehrbücher zur Analysis verfasst, die für deutschsprachige
Mathematiker und Studierende zu Standardwerken geworden sind. Der vorlie-
gende Textausschnitt stammt nicht aus einem dieser Bände, sondern aus dem
über Funktionalanalysis. Bei Funktionalanalysis handelt sich um eine der vielen
‚Fortsetzungen‘ der gewöhnlichen, reellen Analysis, die sich in der Mathematik
zu einer eigenen Disziplin entwickelt haben.92
Im Folgenden wird der mathematische Begriff der Linearität expliziert, d. h.,
es wird ein allgemeines Verständnis von Gerade-Sein abstrahiert.

Funktionalanalysis
Stuttgart: B. G. Teubner, 1992, S. 47–48, 78, 94 (wiederabgedruckt mit freundlicher Genehmigung
des Verlags Springer).

[S. 47] Lineare Abbildungen spielen nicht nur bei Gleichungsproblemen […] eine Rolle  – sie
tauchen vielmehr in der Analysis geradezu rudelweise auf.

[S. 78] Die Abbildung A: E → F des Vektorraums E über K in den Vektorraum F über K heißt
l i n e a r, wenn für alle x, y aus E und alle α aus K stets gilt:

A(x + y) = Ax + Ay, A(αx) = αAx

92 Grob gesprochen geht es um die Untersuchung von Funktionalen, d. h. von Abbildungen
eines (unendlich-dimensionalen) Vektorraums in den zugrundeliegenden Körper.

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2 Mathematik   139

Lineare Abbildungen nennt man auch l i n e a r e Tr a n s f o r m a t i o n e n , l i n e a r e O p e r a t o -


r e n […] oder H o m o m o r p h i s m e n .

[Beispiele von S. 48:]


Integrationsoperator:

A: C[a,b] → ℝ mit Ax:= ​​∫a  b​  ​ ​​​x(t)dt

[…]
Differentiationsoperator:

dx
A: C(1)[a,b] → C[a,b] mit Ax: = ​​ __
dt
 ​​ 

[Erklärung dazu von S. 47:]


C[a,b] [bedeutet] die Menge der stetigen und C(n)[a,b] die der n-mal stetig differenzierbaren Funk-
tionen x: [a,b] → ℝ.

[S. 94] Satz Eine lineare Abbildung des normierten Raumes E in den normierten Raum F ist
dann und nur dann s t e t i g , wenn sie b e s c h r ä n k t ist.

Erläuterung ER:
Eine Gerade durch den Ursprung eines Koordinatensystems hat also folgende
Eigenschaften: Erstens, addiert man zwei Punkte auf ihr (koordinatenweise), so
erhält man einen Punkt, der wieder auf der Geraden liegt. Zweitens, multipli-
ziert man einen Punkt auf dieser Geraden mit einer Zahl, so erhält man eben-
falls wieder einen Punkt auf der Geraden. Diese beiden Aussagen beschreiben
nicht nur die Geraden durch den Ursprung, sie charakterisieren sie sogar: Jede
Kurve, die diese Eigenschaften hat, ist eine Gerade durch den Ursprung. Man
nennt diese beiden Eigenschaften A(x + y) = Ax + Ay und A(αx) = αAx zusammen-
genommen ‚Linearität‘  – und entsprechende Kurven bzw. Funktionen ‚linear‘.
Damit ist ein Begriff geschaffen, der nun auf andere Objekte übertragen werden
kann. Nicht nur von Geraden bzw. Funktionen in der Ebene kann man sagen,
dass sie linear sind, sondern z. B. auch von Integrationsoperatoren. Waren es im
Beispiel der Geraden Punkte, die man addiert hat, sind es nun bestimmte Inte-
grale, die addiert werden. Der Raum, auf dem operiert wird, besteht nicht mehr
aus Punkten (Zahlenpaaren), sondern in diesem Fall aus Integralen. Über lineare
Operatoren in diesem abstrakten Sinn lassen sich dann Aussagen machen – wie

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140   Esther Ramharter

oben z. B. über den Zusammenhang von Linearität und Stetigkeit –93, die viele
verschiedene konkretere Aussagen als Spezialfälle enthalten.
Dass der Begriff des Gerade-Seins nicht leicht zu fassen ist, kann man bereits
bei Euklid sehen. Mit dem Konzept der Linearität wird dieses Gerade-Sein erfasst,
aber der Wert davon ließe sich schwer einsehen, würde das Konzept nicht sogar
noch mehr leisten: Es umfasst Phänomene der Linearität in Räumen, die nicht
nur aus ‚gewöhnlichen‘ Punkten, sondern aus allen Arten von – beliebig abstrak-
ten oder andersartig konkreten – Objekten bestehen können, solange sich nur die
Bedingungen der Linearität sinnvoll dafür formulieren lassen.94

93 Lineare Abbildungen sind nicht immer stetig, in endlich-dimensionalen Vektorräumen aber


schon.
94 Damit sich die Bedingung der Linearität sinnvoll formulieren lässt, ist vorausgesetzt, dass
die Objekte aus einem Vektorraum stammen. Ein Vektorraum ist eine Menge von Objekten, die
man wie Pfeile in der Ebene etwa addieren und vervielfachen kann.

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