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Dänemark

"What's News" VK.COM/WSNWS

€ dkr Dänemark "What's News" VK.COM/WSNWS Nr. 46 / 10.11.2018 Deutschland € 5,10 Der Anti-
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Nr. 46 / 10.11.2018

Deutschland € 5,10

VK.COM/WSNWS Nr. 46 / 10.11.2018 Deutschland € 5,10 Der Anti- Merkel Was Friedrich Merz mit Deutschland

Der

Anti-

Merkel

Was Friedrich Merz mit Deutschland vorhat

Rentenreform

Die Alten profitieren, die Jungen zahlen

Intervallfasten

Wann man essen sollte, um abzunehmen

zahlen Intervallfasten Wann man essen sollte, um abzunehmen Neue Enthüllungen Das Geschäft mit Talenten aus Afrika

Neue Enthüllungen

Das Geschäft mit Talenten aus Afrika

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Allstadtber

Jetzt auf Audi Neu- und junge Gebrauchtwagen¹ mit bis zu 10.000 Euro Umweltprämie² deutschlandweit oder mit bis zu 9.000 Euro Wechselprämie in den definierten Schwerpunktregionen³ umsteigen.

in den definierten Schwerpunktregionen³ umsteigen. ¹Junge G ebrauchte sind ehemalige Audi Mietfahrzeuge (AMF)

¹Junge Gebrauchte sind ehemalige Audi Mietfahrzeuge (AMF) oder Audi Werksdienstwagen (WDW) der AUDI AG mit einem Fahr- zeugalter von max. 18 Monaten nach Erstzulassung, die über das Audi Handelsnetz vertrieben werden. Detaillierte Hinweise finden Sie unter www.audi.de/jungegebrauchte. ²Die Audi Umweltprämie gilt ab dem 18.10.2018 für private und gewerbliche Einzelkunden beim Erwerb (Kauf/Leasing/Finanzie- rung) eines Audi Neufahrzeugs (außer RS- und R-Modelle) oder eines jungen Gebrauchtwagens und bei gleichzeitiger Verwertung eines auf Sie zugelassenen Diesel-Altfahrzeugs mit Abgasnorm Euro 1 bis Euro 4 durch einen anerkannten Verwerter (Betriebe gemäß www.altfahrzeugstelle.de). Das Diesel-Altfahrzeug muss bei Abschluss des Kaufvertrages in den letzten 6 Monaten auf Ihren Namen zugelassen gewesen sein und die Zulassung muss vor oder im September 2018 erfolgt sein. Der Nachweis der Verwertung durch Sie oder den Audi Partner erfolgt über den Verwertungsnachweis gem. § 15 FZV. Die Verwertung des Diesel- Altfahrzeugs muss spätestens einen Monat nach Zulassung des Neufahrzeugs oder des jungen Gebrauchtwagens erfolgen und nachgewiesen werden. Die konkrete Höhe der Audi Umweltprämie ist abhängig von dem erworbenen Modell.

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eit.

³Die Audi Wechselprämie gilt ab dem 18.10.2018 für private und gewerbliche Einzelkunden mit Melde- oder Firmenadresse in ei- ner der von der Bundesregierung Anfang Oktober 2018 definierten Schwerpunktregionen sowie in deren angrenzenden Landkrei- sen bei Inzahlungnahme eines Diesel-Altfahrzeugs mit der Abgasnorm Euro 4 oder Euro 5, das vor oder im September 2018 auf die Berechtigte/den Berechtigten zugelassen wurde, und gleichzeitigem Erwerb (Kauf/Leasing/Finanzierung) eines Audi Neufahr- zeugs (außer RS- und R-Modelle) oder eines jungen Gebrauchtwagens mit mindestens Abgasnorm Euro 6. Die konkrete Höhe der Audi Wechselprämie ist abhängig vom erworbenen Modell. Weitergehende Informationen zum Kreis der zur Inanspruchnahme der Audi Wechselprämie Berechtigten und zu den Aktionsbedingungen erhalten Sie unter audi.de/umwelt-wechselpraemie oder bei Ihrem Audi Händler.

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS Das deutsche Nachrichten-Magazin Hausmitteilung Betr.:

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung Betr.: Rente, Freispruch, Corbyn, »DEIN SPIEGEL«

DIETER MAYR / DER SPIEGEL
DIETER MAYR / DER SPIEGEL

Schmergal mit Rentner

Donnerstag, halb elf in Berlin. Im Regierungsviertel hat der Bundestag das neue Rentenpaket beschlossen, und die Große Koalition feiert sich selbst. Sie habe »Sicherheit« für alle Generationen geschaffen, behaup- tet SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles. Nur fünf Kilometer entfernt, im Hof einer Kirchengemeinde, stehen zur selben Zeit Dutzende Senioren Schlange, um Brot vom Vortag und Gemüse mit kleinen Macken abzuholen. »Das neue Gesetz wird das Leben der meisten wirklich bedürftigen Senioren nicht verbes-

sern«, sagt Redakteurin Cornelia Schmergal. Gemein- sam mit SPIEGEL-Mitarbeiter Christoph Koopmann hat sie die aktuelle Rentenreform einem Realitätstest unterzogen. Das Ergebnis: An der Lage der Jungen geht die Dis- kussion vorbei – profitieren wird vor allem die große Gruppe der heutigen Rentner, die ohnehin schon auskömmlich abgesichert ist. Seite 32

Volle
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Transparenz?
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Durch digitale Zusammenarbeit
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mit meinem Steuerberater.
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Es war ein Kriminalfall, der wochenlang die Öf- fentlichkeit beschäftigte. Der Hamburger Gastwirt Alfredo Saraiva tötete seinen Schutzgelderpresser und betonierte ihn in der Abstellkammer seines Restaurants ein. Saraiva wurde freigesprochen und verließ die Stadt, weil er bis heute die Rache der Verwandten fürchtet. Die Redakteure Özlem Gezer und Timofey Neshitov trafen Saraiva an seinem Zufluchtsort in der Lüneburger Heide, sprachen mit Angehörigen und Freunden des

Getöteten und gingen der Frage nach, was dieser Freispruch für beide Seiten bedeutet. Was sie bei der Recherche erstaunte, war, dass keiner ihrer Gesprächspartner noch Vertrauen in den Rechtsstaat hat. Die Familie des Opfers spricht von einem kaltblütigen Mord. Saraiva selbst glaubt nicht, dass die Polizei ihn wirklich schützen kann. »Der Freispruch des Richters interessiert da drau-

ßen niemanden«, sagte er den Redakteuren. Seite 56

MILOS DJURIC / DER SPIEGEL
MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

Neshitov, Gezer mit Saraiva

Wenn gut situierte Briten derzeit vor etwas Angst haben, dann vor dem Brexit – und vor Jeremy Corbyn. Die konservative Regierung, die Wirtschaft, die Medien sprechen von dem Labour-Chef, als wolle er das Königreich in die sozialistische Steinzeit zu- rückführen. Junge Leute dagegen haben schon lange nicht mehr so viel Hoffnung in einen einzigen Politiker gesetzt, anders als in großen Teilen Europas scheint die Linke in Großbritannien gerade wieder en vogue. Corbyn befindet sich daher auch im Dauer- wahlkampf, er will schnellstmöglich in 10 Downing Street einziehen. Als ihn Redak- teur Jörg Schindler auf einer Reise begleitete, spurtete der 69-Jährige derart schnell los, um den Zug zurück nach London zu erwischen, dass sein Team kaum hinterher- kam. »Niemand sollte darauf setzen, dass Corbyn bald die Puste ausgeht«, so Schindler. Sein Interview mit Corbyn lesen Sie auf Seite 96.

Sein Interview mit Corbyn lesen Sie auf Seite 96. In vielen Familien wird darüber gestritten, wann

In vielen Familien wird darüber gestritten, wann die Kinder ins Bett müssen. Dabei geschehen im Schlaf so viele spannende Dinge:

»DEIN SPIEGEL«, das Nachrichten-Magazin für Kinder, erklärt in seiner Titelgeschichte, was nachts im Körper passiert, wieso das Gehirn immer wieder Zeit zum Träumen braucht und warum sogar Albträume hilfreich sein können. Außerdem im Heft: Bastel- ideen für die Weihnachtszeit; und ein Junge mit Autismus erklärt seinen Mitschülern, warum er sich manchmal anders verhält als sie. Die neue Ausgabe von »DEIN SPIEGEL« erscheint am Dienstag.

DER SPIEGEL

Nr. 46 / 10. 11. 2018

5

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Inhalt

72. Jahrgang | Heft 46 | 10. November 2018

TitelInhalt 72. Jahrgang | Heft 46 | 10. November 2018 CDU Friedrich Merz stellt sich als

CDU Friedrich Merz stellt sich als Gegenmodell zu Kanzlerin Angela Merkel auf

16

Karrieren Warum man

Annegret Kramp-Karrenbauer

im Kampf um den CDU- Vorsitz nicht unterschätzen sollte

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Deutschland
Deutschland
 

Leitartikel 100 Jahre

 

nach der Einführung des Frauenwahlrechts ist die Frauenfrage in der Politik noch immer aktuell

8

Meinung Der schwarze Kanal / So gesehen: Mit Merz könnte es Deutschland schon

lange besser gehen

 

10

Behörden dürfen Bürger im Netz ausspähen / AfD-Politikerin Storch beschäftigt die Justiz / Bauernpräsident über Wolfsrisse bei Rindern

 

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CSU Horst Seehofer will nicht wahrhaben, dass seine Zeit als Parteichef zu Ende ist

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Ein anonymer Hinweisgeber brachte Verfassungschef Hans-Georg Maaßen

zu

Fall

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Berateraffäre Die Consulting- firma McKinsey gelangte im Verteidigungsministerium ohne Ausschreibung an einen lukrativen Auftrag

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Soziales Das Rentenpaket der Regierung wird die Probleme der Altersvorsorge nicht lösen

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Kommunen Im Rathaus von Hannover sollen Mitarbeiter jahrelang fragwürdige Zulagen kassiert haben

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JIM BOURG / REUTERS
JIM BOURG / REUTERS

Wie gewinnt man gegen Trump?

Der Teilsieg der Demokraten wird dem tief gespaltenen Land keine Ruhe bringen. Eine kampfeslustige Mehrheit im Repräsentantenhaus steht nun einem geschwächten Donald Trump gegenüber, der seinerseits wild um sich schlägt. Der Präsident- schaftswahlkampf 2020 hat begonnen. Seite 82

schaftswahlkampf 2020 hat begonnen. S e i t e 8 2 Klüger als der Mensch Maschinen

Klüger als der Mensch

Maschinen erkennen Krankheiten, steuern Autos, optimieren Schichtpläne: vielfach schneller und besser als der Mensch. Künstliche Intelligenz nimmt ihm immer mehr Entscheidungen ab. Wie schlau können die Computer werden? Seite 66

Essay Grünenpolitiker Omid Nouripour über seine Kindheit als Kriegsflüchtling in Deutschland

42

Flüchtlinge Der neue Bamf- Chef Hans-Eckhard Sommer erklärt im SPIEGEL- Gespräch, wie er seine Problembehörde in den Griff bekommen will

44

Justiz Werden Nierenspender ausreichend über die Risiken einer Transplantation informiert?

48

Zeitgeschichte Der jüdische

Autor Horst Selbiger erzählt, wie er vor 80 Jahren die Reichspogromnacht erlebte

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Gesellschaft
Gesellschaft

Früher war alles schlechter:

Zeitschriften / Wie schmeckt Hirn aus Dosen?

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Eine Meldung und ihre Geschichte Warum ein

Friseur ein Bild sucht, das er mal besaß

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Verbrechen Ein Gastwirt

tötet seinen Schutzgelderpresser und wird freigesprochen – wie lebt er weiter nach der

Tat?

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Kolumne Leitkultur

 

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Wirtschaft
Wirtschaft
 

Steuerplus dank Shisha- Boom / Frauen sind zunehmend karrieremüde / Samstagsfrage: Wann kommt der Abschwung?

 

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Zukunft Künstliche Intelligenz ist die Schlüsseltechno- logie von morgen – in Deutschland hat man ihre Entwicklung zu lange ignoriert

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Finanzen Immer mehr Menschen sparen extrem, damit sie möglichst früh aufhören

können zu arbeiten

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Weltwirtschaft Wall-Street-

Banker Kenneth Jacobs über die Vorzüge der deutschen Mitbestimmung

75

Handel Das private Geschäft mit Medikamenten im Internet ist strafbar – was aber viele Verkäufer nicht davon abhält 78

Ausland– was aber viele Verkäufer nicht davon abhält 78 Tod durch Italiens Bauschlampereien / Wie Ägyptens

Tod durch Italiens Bauschlampereien / Wie

Ägyptens Autokrat Sisi

sein Land plündert

80

USA Nach den Midterm-Wahlen

bereiten sich die Demokraten auf einen neuen Kampf gegen den Präsidenten vor

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Weißes Haus Liveduell

mit Trump

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Essay Der vergessene Krieg in der Ostukraine

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Ideologien In der Provinz Xinjiang hält China eine Million Muslime in Lagern fest – ehemalige Gefangene berichten

92

Großbritannien Labour-Chef

Jeremy Corbyn im SPIEGEL- Gespräch über Politik im hohen Alter und den Zustand der europäischen Sozial- demokratie

96

Sportund den Zustand der europäischen Sozial- demokratie 96 Warum der HSV mehr TV- Zuschauer als die

Warum der HSV mehr TV- Zuschauer als die Bayern hatte / Magische Momente:

Orientierungslauf-Weltmeister Olav Lundanes über seinen

Kampf mit den Zecken

99

Transfers Mächtig, teuer, skrupellos – die umstrittenen Millionendeals des Spieler- beraters Pinhas Zahavi

100

Talente Wie europäische Klubs mit afrikanischen Jungfußballern ihren Profit maximieren

106

SIGRID REINICHS / DER SPIEGEL
SIGRID REINICHS / DER SPIEGEL

Die Rentenlügen

Bei ihren Reformen zur Alterssicherung folgt die Große Koalition irrigen Annahmen: von der Massenverelendung einer ganzen Seniorengene- ration bis zur segensreichen Wirkung eines höheren Rentenniveaus. Was hilft wirklich? Seite 32

McKinsey und die Ministerin

Ursula von der Leyen schätzt Consultants. Ihre Ex-Staatssekretärin kam von McKinsey, zwei ihrer Kinder arbeiten für die Beratungsfirma. Nun zeigen interne Unterlagen, wie McKinsey im Verteidigungsressort an lukrative Aufträge kam. Seite 28

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Der richtige Umgang mit Antibiotika / Mütter

bevorzugen ihre Töchter, Väter ihre Söhne / Kommentar:

Sollen Lügendetektoren bei Einreisekontrollen

zum Einsatz kommen?

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Gesundheit Essen nach

der Uhr – so gelingt das Abnehmen wirklich

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Luftfahrt Wie der Bord- computer die Lion-Air- Maschine von Flug JT 610 zum Absturz brachte

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Rekorde Ausstellung zu technischen Hilfsmitteln und ihren Tücken im Sport

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Astronomie Vorstoß in

die ultraheiße Sonnen- atmosphäre

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Kultur
Kultur
 

Afrikanische Kunst in Berlin / Roboter bauen jetzt Häuser / Kolumne:

 

Besser weiß ich es nicht

 

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Ikonografie »Ich bin verführt« – Martin Walser über Angela

Merkel

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Kino »Loro« von Paolo Sorrentino ist ein Epos über Silvio Berlusconi

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Pop Im Kampf gegen rechts findet Konstantin Wecker zurück in die Gegenwart

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Geschichte Der britische Historiker Christopher Clark denkt in seinem neuen Buch über »Zeit und Macht« nach

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Literaturkritik Sebastian Barrys »Tage ohne Ende« erzählt von

zwei schwulen Soldaten

 

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Bestseller Impressum, Leserservice

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Nachrufe Personalien Briefe Hohlspiegel / Rückspiegel

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DINA LITOVSKY / REDUX / LAIF

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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

I

100 Jahre Fortschritt

Leitartikel In den USA gewinnen die Frauen, in Deutschland könnte ein Mann die Zeit zurückdrehen.

t’s the women, stupid. Es waren die Frauen. Sie haben die Zwischenwahlen in den USA entschieden, zumin-

dass es Fortschritte gibt, waren sehr viele bereit, die unvoll- endete Gleichberechtigung zu tolerieren, sich noch etwas zu gedulden. Die Altersarmut von Frauen, der »Gender Pay Gap«, Horst Seehofers Männerministerium – »Rest- probleme« nannte man das im Sozialismus. Sie würden mit der Zeit vergehen. Doch Trump hat gezeigt, dass Fortschritt nicht selbst- verständlich ist und alles wieder in die andere, die falsche Richtung gehen kann. Er wurde gewählt aus Sehnsucht

nach der alten Zeit, weil die Welt so globalisiert, so digitali- siert, die Gesellschaft so vielfältig ist und die Frauen so emanzipiert sind, er ist die personifizierte Reaktion, der personifizierte Rückschlag. Trump zeigt, wie wenig das Männerfrauenthema gelöst ist, nicht mal in den westlichen

Gesellschaften. Auch in der Politik schwingt es offen oder untergründig immer mit. Es ist auch der schwierige Subtext beim Kampf um die Nachfolge von Angela Merkel, zwischen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz, der Frage, ob auf eine Frau an der Macht eine Frau folgen kann oder doch ein Mann folgen muss. Natürlich ist Friedrich Merz weder Frauenfeind noch Popu- list, aber auch er bedient die Sehnsucht nach einer alten, von Männerseilschaften geprägten Zeit. Merz kommt aus jener Andenpakt-CDU, in der Männer die Macht unter sich aufteilten und Frauen im besten Fall Familienministerin wurden. Und er verkörpert die Frustration einer Generation von Männern in der Union, die ihn unterstützt hatte und dann von einer Frau ausgebootet wurde. Er ist der Mann, der es nicht ertragen konnte, unter einer Frau Politik zu machen. Merkel wiederum glaubte, diese Männer und ihre Seilschaften besiegt zu haben. Sie hat sich geirrt. Ihre Riva- len kehren zurück und beschleunigen ihren Abgang. Um Merkels Nachfolge bewirbt sich in der Union kein Mann mit Chancen, der ihren Kurs fortsetzen würde, ein moderner Mann ist nicht in Sicht. So fällt die Entscheidung zwischen ihren Gegnern und Annegret Kramp-Karrenbau- er. Das ist das deutsche Paradox: Ausgerechnet Friedrich Merz, der Mann von gestern, wird zum Inbegriff des Wan- dels in der Union. Kramp-Karrenbauer, die Frau, steht dagegen für Kontinuität. Vielleicht könnte man das doch als Fortschritt ansehen. Christiane Hoffmann

dest die Wahl zum Repräsentantenhaus. Die Republika- ner haben dort die Mehrheit vor allem deshalb verloren, weil Frauen gegen US-Präsident Donald Trump mobil- machten. So wie Trump vor zwei Jahren die frustrierten weißen Männer für sich mobilisierte, brachten jetzt die De- mokraten die Frauen an die Wahlurnen. Fast 60 Prozent der Frauen stimmten demokratisch, deutlich mehr als vor zwei Jahren. Mindestens hundert Abgeordnete, so viele wie nie zuvor, sind Frauen. Das ist eine wirklich gute Nachricht. Denn diese US- Wahl war viel mehr als der übliche Zwischenstand, die erwartbare Gegenbewegung zwei Jahre nach einer amerika-

nischen Präsidentschaftswahl. Sie war ein Akt des Wider- stands. Die Demokraten sind dabei, ihre Schockstarre, ihre Lähmung zu überwinden. Und ihre Wiederbelebung kommt über die Frauen. Ihr Wider- stand ist auch ein weiblicher Aufstand. In Deutschland dürfen Frau- en seit 100 – in Worten: ein- hundert – Jahren wählen, in den USA fast ebenso lange. Das ist wenig und viel zugleich:

wenig, denn wie lange machen Männer schon Politik? Und viel, denn wie weit sind Frauen auch ein Jahrhundert später noch immer von echter Gleich- berechtigung entfernt! Was 1918 wie ein Sieg, wie der End- punkt eines langen Kampfes erschien, hat sich ein Jahrhun- dert später als ein Anfang erwiesen. Frauen und Macht – das ist immer noch nicht selbstverständlich. Im Gegenteil:

In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass nichts sicher ist. Von den USA über Russland und Ungarn bis nach Brasilien sind Männer an der Macht, die ein autoritä- res Machtverständnis mit kruden Ideen von Männlichkeit verbinden, mit Macho-Attitüden, Männer, die stolz darauf sind, Frauen zu verachten. Es reicht, es ist genug. Das ist die Botschaft der amerika- nischen Frauenwahl. Niemals zuvor haben so viele Frauen so offensiv Wahlkampf gemacht. Im »Marsch der Frauen« waren sie schon lange zuvor gegen Trump auf die Straße gegangen, und auch #MeToo hätte es vielleicht ohne Trump nicht gegeben. Solange Frauen das Gefühl hatten, dass es mehr oder weniger in die richtige Richtung geht,

das Gefühl hatten, dass es mehr oder weniger in die richtige Richtung geht, 8 DER SPIEGEL

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Meinung

Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal

Ein Fall für den Psychologen

enorm gereizt, wenn diese ihnen die Wertschätzung versagt. Man kann das exemplarisch an der Befassung mit den sogenannten Mainstream-Medien sehen. In den AfD-Foren ist ständig die Rede davon, wie irrelevant die Presse und insbesondere der öffentlich-recht- liche Rundfunk geworden seien. Ande- rerseits kenne ich keine Partei, in der so hingebungsvoll die Zahl der Talk- showauftritte gezählt wird. Wehe, sie kommen einmal nicht vor! Dann heißt es gleich, sie würden boykottiert. Auch rechts darf man AfD-Anhänger nicht nennen. Der Parteivorsitzende Jörg Meuthen möchte, dass man ihn als konservativ bezeichnet. Ein Konser- vativer, der vom Umsturz träumt, scheint mir ein Widerspruch in sich zu sein – aber sei’s drum. Wenn man will, kann man den Anlehnungswunsch als tröstliche Nach- richt sehen. So wild sie sich bei der AfD gebärden, so sehr wollen sie geliebt werden. Das ist wie bei Kin- dern in der Trotzphase. Vielleicht soll- ten sie beim Verfassungsschutz nicht Extremismusexperten zurate ziehen, sondern Psychologen. Der Psychologe kann erklären, dass der beste Weg, einen Menschen durch die Trotzphase zu begleiten, die richtige Mischung aus Verständnis und Strenge ist.

An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.

So gesehen

Mit Merz

Deutschland könnte schon längst viel besser dastehen.

Man ahnte es längst, doch jetzt gibt es den Beleg: Friedrich Merz wusste längst alles. Er war schon immer ein Visionär. Die »Bild«- Zeitung hat herausgefunden, dass der CDU-Aufsteiger bereits im Jahr 2000 in einer Berliner Einkaufs- passage über Probleme bei der Inte- gration von Ausländern geredet hat. Sie lässt diese Rede von versierten Wissenschaftlern analysieren und stellt die so naheliegende wie sinn- volle Frage: »Hätte es mit Merz die AfD nie gegeben?« Klare Antwort von hier: Selbstver- ständlich nicht. Denn »mit Merz«

von hier: Selbstver- ständlich nicht. Denn »mit Merz« würden wir heute und schon seit Jah- ren

würden wir heute und schon seit Jah- ren in einem ganz anderen Land leben. Es wäre ein besseres, schöne- res Land. Mit Merz wären wir schon 2006 Fußballweltmeister geworden, im eigenen Land. Und seither ständig wieder. Mit Merz wäre Markus Lanz niemals »Wetten dass ?«-Moderator geworden. Mit Merz wären wir ein Volk von reichen Aktienbesitzern, ohne jemals Verluste gemacht zu haben, denn mit Merz wäre immer Aufschwung und nie Bankenkrise. Mit Merz hätte es keine Eurokrise gegeben, keinen Klimawandel, keine Flüchtlinge in den Turnhallen und keinen Trump im Weißen Haus. Vor allem aber: Mit Merz gäbe es jetzt auch keine Kandidatur von Friedrich Merz. Er stünde stattdes- sen vor der Abdankung. Das Volk hätte seine Dauerkanzlerschaft satt, wäre es leid, wie er sich ständig durchmerzt und jede Kritik aus- merzt. Mit Merz würde jetzt eine Physikerin aus dem Osten überra- schend ihre Rückkehr in die Politik verkünden – um die CDU endlich vom Muff des Merz zu befreien.

Stefan Kuzmany

CDU endlich vom Muff des Merz zu befreien. Stefan Kuzmany Die AfD will anständig wer- den.

Die AfD will anständig wer- den. Es gibt jetzt eine Lis- te mit Wörtern, die man als AfD-Mitglied nicht mehr verwenden soll. »Umvolkung« gehört dazu, aber auch »Überfremdung« und »Umerziehung«. Die Parteifüh- rung folgt damit der Empfehlung eines Juristen, wie man verhindern kann, dass der Verfassungsschutz tätig wird. Ich habe Zweifel, ob sich die Mitglie- der an die Sprachregelung halten wer- den. Ein Grund, bei der AfD zu sein, ist ja gerade, Dinge zu sagen, die man woanders nicht sagen darf. Wenn ich so reden muss wie bei der CDU, kann ich gleich bei der CDU bleiben. »Ich möchte nicht, dass wir in dieser soge- nannten Gesellschaft ankommen. Das ist nicht unsere Gesellschaft«, rief die schleswig-holsteinische Vorsitzende Doris von Sayn-Wittgenstein auf einem Parteitag unter tosendem Applaus den Delegierten zu. So spricht niemand, der an bürgerlichen Umgangsformen interessiert ist. So sprechen Leute, die sich als revolutionäre Kraft verstehen. Das Eigenartige bei den AfD-Revolu- tionären ist ihr Anerkennungsbedürfnis, das mit einer hohen Kränkungsbereit- schaft korrespondiert. Normalerweise lehnt der Revolutionär das System ab, das er bekämpft. Bei der AfD sind sie zwar gegen die herrschende Gesell- schaft; gleichzeitig reagieren sie aber

Kittihawk

gegen die herrschende Gesell- schaft; gleichzeitig reagieren sie aber Kittihawk 10 DER SPIEGEL Nr. 46 /

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS DIE OPEL GEWERBE- OFFENSIVE DER OPEL SUV MOKKA X JETZT
ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS DIE OPEL GEWERBE- OFFENSIVE DER OPEL SUV MOKKA X JETZT

DIE OPEL

"What's News" VK.COM/WSNWS DIE OPEL GEWERBE- OFFENSIVE DER OPEL SUV MOKKA X JETZT SCHON AB MTL.

GEWERBE-

OFFENSIVE

News" VK.COM/WSNWS DIE OPEL GEWERBE- OFFENSIVE DER OPEL SUV MOKKA X JETZT SCHON AB MTL. €149

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1 Beispiel-Kalkulation für den Opel Mokka X Selection, 1.4 ECOTEC ® Turbo, 88 kW (120 PS) * , mit Start/Stop, 6-Gang-Schaltgetriebe. Monatliche Nettorate: € 149. 2 Beispiel-Kalkulation für den Opel Grandland X Selection, 1.2 Direct Injection Turbo, 96 kW (130 PS) ** , mit Start/Stop, 6-Gang-Schaltgetriebe. Monatliche Nettorate: € 179. 3 Ein Angebot der Opel Leasing GmbH, Mainzer Straße 190, 65428 Rüsselsheim. Alle Preise verstehen sich zzgl. MwSt. und Überführungskosten. Angebot freibleibend und nur gültig bei Vertragseingang beim Leasinggeber bis 30. 11. 2018. Das Angebot gilt nur für Händlerbestandsfahrzeuge und ausschließlich für Gewerbekunden. Leasingsonderzahlung (exkl. MwSt.) € 0, Laufzeit 36 Monate, Laufleistung 10.000 km/Jahr. 4 Die angegebenen Verbrauchs- und CO 2 -Emissionswerte wurden nach dem vorgeschriebenen WLTP-Messverfahren (Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure) ermittelt und in NEFZ-Werte umgerechnet, um die Vergleichbarkeit mit anderen Fahrzeugen zu gewährleisten. Die Motoren erfüllen die Abgasnorm Euro 6d-TEMP.

* Kraftstoffverbrauch 4 Opel Mokka X Selection, 1.4 ECOTEC ® Turbo, 88 kW (120 PS), mit Start/Stop, 6-Gang-Schaltgetriebe innerorts 8,2–8,1 l/100 km, außerorts 5,7–5,6 l/100 km, kombiniert 6,6–6,5 l/100 km; CO 2 -Emission kombiniert 151–148 g/km; Effizienzklasse D (gemäß VO (EG) Nr. 715/2007, VO (EU) Nr. 2017/1153 und VO (EU) Nr. 2017/1151). ** Kraftstoffverbrauch 4 Opel Grandland X Selection, 1.2 Direct Injection Turbo, 96 kW (130 PS), mit Start/Stop, 6-Gang-Schaltgetriebe innerorts 6,1 l/100 km, außerorts 4,9–4,8 l/100 km, kombiniert 5,3–5,2 l/100 km; CO 2 -Emission kombiniert 121–120 g/km; Effizienzklasse B (gemäß VO (EG) Nr. 715/2007, VO (EU) Nr. 2017/1153 und VO (EU) Nr. 2017/1151).

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Deutschland

Merz wäre nicht der erste Anwärter, der an seinem Temperament scheiterte. ‣ S. 16

Protestplakat 2013 in Berlin IPON / IMAGO
Protestplakat
2013 in Berlin
IPON / IMAGO

Internetkontrolle

Behörden dürfen Bürger im Netz ausspähen

Bundesbeauftragte für Datenschutz kritisiert Bestandsdatenauskunft.

Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz Andrea Voßhoff

hat sich kritisch zur sogenannten Bestandsdatenauskunft geäußert. In ihrer Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht zur Verfassungsbeschwerde der Netzaktivistin Katharina Nocun, des Piraten-Politikers Patrick Breyer und rund 6000 weiterer Bürger gegen das Gesetz schreibt Voßhoff etwa zum Auskunftsrecht des Bundesamts für Verfassungsschutz: »Im Ergebnis beschränkt die Vorschrift weder den Anlass noch den Umfang noch den betreffenden Personenkreis.« Behörden können mit solchen Aus- künften unter anderem Internetnutzer identifizieren und von Internetdiensten Passwörter ihrer Nutzer erhalten, etwa zu E-Mail- Postfächern oder zu Cloud-Diensten. Voßhoff kritisiert »die kaum eingegrenzten Möglichkeiten«, die sich dadurch für das

Bundeskriminalamt eröffnen, solche Daten schon im Vorfeld von Gefahren zu erheben. Eine kürzlich durchgeführte Kontrolle habe gezeigt, dass die Schwelle niedrig sei. Der Verfassungsschutz könne »praktisch ohne tatbestandliche Begrenzungen beliebig Daten zu Personen ›anreichern‹«, rügt Voßhoff – auch dann, wenn diese als unbeteiligte Kontaktpersonen in den Akten des Verfas- sungsschutzes gelandet seien. Bereits die Tatsache, dass die Identifizierung von Internetnutzern »für jede noch so einfache Ordnungswidrigkeit« zulässig sei, widerspreche den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts. Eine Nutzeridentifizierung solle künftig nur noch nach richterlicher Anordnung möglich sein, fordert Voßhoff. Wann das Bundesverfassungsgericht über die 2013 eingereichte Beschwerde entscheidet, ist nicht absehbar. HIP

Abrüstung

Atommächte setzen auf Mittelstreckenraketen

Fast alle Atommächte verfügen über

Mittelstreckenwaffen mit Nuklearspreng- köpfen (INF). Das trug der US-Abrüs- tungsexperte Hans M. Kristensen vergan- gene Woche auf einer Konferenz in Oslo vor. Kristensen hat insgesamt 61 Waffen- typen in China, Russland, den USA,

Frankreich, Pakistan, Indien, Nordkorea und Israel identifiziert. Es geht um mehre- re Tausend Raketen und Marschflug- körper mit Reichweiten von 500 bis zu 5500 Kilometern. INF gelten aufgrund kurzer Flugzeiten als besonders destabilisierend: Glaubt eine Regierung, es drohe ein Mittelstre- ckenraketenangriff, muss sie binnen Minu- ten reagieren, wenn sie noch vor einem Einschlag handeln will. Bislang begrenzt nur der INF-Vertrag von 1987 den Rüs-

tungswettlauf auf diesem Feld. Die USA, Russland, Ukraine, Weißrussland und Kasachstan verzichten damit auf nukleare wie konventionelle landgestützte Mittel- streckenwaffen. US-Präsident Donald Trump will den Vertrag jedoch kündigen. Die Bundesregierung hofft hingegen auf eine Ausdehnung des Abkommens auf bis- her nicht beteiligte Atomstaaten. Kristen- sen zufolge hätte ein globaler INF-Vertrag das Verschrotten von immerhin 41 der 61 vorhandenen Waffentypen zur Folge. KLW

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Landwirtschaft

Wölfe reißen Rinder

Der Präsident des schleswig-holsteinischen Bauernverbands Werner Schwarz, 58, zum Wolfsmanagement in Norddeutschland

SPIEGEL: Gut zehn Jahre nachdem der erste wilde Wolf in Schleswig-Holstein wieder gesichtet wurde, tritt er dort jetzt vermehrt auf; in diesem Jahr hat es 71 Wolfsnachweise gegeben. Wieso halten Sie Ihr Bundesland dennoch für keinen geeigneten Lebensraum für die Tiere? Schwarz: Schleswig-Holstein hat den geringsten Waldanteil im Bundesgebiet, dafür aber einen ungewöhnlich hohen Anteil an Weidehaltung. Jede Herde ist ein gedeckter Tisch für den Wolf. Viele Vögel brüten auf beweideten Flächen. Wollen wir das aufs Spiel setzen? SPIEGEL: Der Wolf stand jetzt bei der Umweltministerkonferenz in Bremen auf der Agenda. Was fordern die Landwirte? Schwarz: Dass unsere Interessen als Natur- nutzer und auch als Landschaftsschützer –

unsere Schafe erhalten schließlich die Deiche im Norden – mit in die Waag- schale fallen. Wir möchten bei Problemen gemeinsam mit den Schutzverbänden und dem zuständigen Minis- terium nach Lösungen suchen. SPIEGEL: Würde es nicht rei- chen, wenn der Staat den Schafhaltern gute Zäune

bezahlt? Schwarz: Bisher ist leider noch kein wolfs- sicherer Zaun erfunden worden. Wenn wir künftig alle Schafe nachts in Ställe ein- sperren müssen, dann werden sich noch mehr Schäfer als bisher überlegen, ihren Job aufzugeben. Im Übrigen geht es weder Schafhaltern noch Landwirten um Entschädigungen für gerissene Tiere. Wir möchten gesunde, nicht verängstigte Herden auf den Weiden. Wir haben ja inzwischen auch zunehmend Risse bei den Rindern.

SPIEGEL: Wölfe jagen Kühe?

FLORIAN GAERTNER / PHOTOTHEK.NET
FLORIAN GAERTNER / PHOTOTHEK.NET

Schwarz

Schwarz: Ein Kollege aus der Krempermarsch hat mir erzählt, dass ein Wolf sich der- artig in die Hinterkeule eines seiner Rinder hineingefressen hat, dass sein Arm bis zum Ellenbogen in dem Loch hätte verschwinden können. Und das Rind lebte noch! Wie wägen wir Tierschutz ab: Wol- len wir so ein armes Rind opfern oder nicht lieber diesen

auffälligen Wolf entnehmen? SPIEGEL: Mit »entnehmen« meinen Sie wohl abschießen. Gehen Sie denn davon aus, dass es einzelne Problem- wölfe gibt? Schwarz: Ja, es gibt Tiere, die über ihren Futterbedarf hinaus töten. Unser Ziel ist nicht, dass der Wolf in Deutschland wie- der ausgerottet wird. Sondern wir wollen, dass er in geeigneten Regionen lebt. Seit 2015 haben Wölfe etwa 1300 Nutztiere in Norddeutschland gerissen. Auch die Bevölkerung fragt sich zunehmend, wie es weitergehen soll. AB

Strafverfahren

Storch muss zahlen

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch hat 5000 Euro an die Berliner Justizkasse gezahlt, um einer Anklage zu entgehen. Vorausgegangen war ein Verfahren der Berliner Staatsanwaltschaft, die gegen Storch wegen des Verdachts auf »Vorent- halten und Veruntreuen von Arbeitsent- gelt« ermittelt hatte. Hintergrund waren die fragwürdigen Arbeitsbedingungen in dem von der AfD-Frau geleiteten Lobby- verein »Zivile Koalition«. Er treibt unter

anderem Spenden für Storchs politische Kampagnen ein. So soll sie mehrere Ver- einsmitarbeiter – unter ihnen einen Kam- pagnenleiter – zur Scheinselbstständig- keit animiert und auf die Weise Sozial- versicherungsbeiträge hinterzogen haben. Storch erklärt, sie habe den Vorwürfen widersprochen. Nachdem sie an die Jus- tizkasse gezahlt hatte, stellte die Staats- anwaltschaft am 26. Oktober das Straf- verfahren ein. Die Strafprozessordnung sieht vor, dass unter Umständen von einer Anklage abgesehen werden kann – etwa wenn ein Beschuldigter einen Geld-

betrag an die Staatskasse zahlt. Es war nicht das erste Mal, dass der Verein, den die Politikerin zusam- men mit ihrem Ehemann betreibt, die Justiz beschäf- tigte. So hob Storchs Gatte 2012 mehr als 80 000 Euro vom Vereinskonto ab und kaufte davon Goldbarren (SPIEGEL 18/2016). Eine von einer früheren Vereins- mitarbeiterin erstattete Untreueanzeige gegen Bea- trix von Storch verlief im Sande – die Staatsanwalt- schaft prüfte den Golddeal, fand aber keine Anhalts- punkte für eine Straftat. Was mit dem Schatz geschah, wollte Storch dem SPIEGEL damals nicht verraten. AMA, SRÖ

GREGOR FISCHER / DPA
GREGOR FISCHER / DPA

Storch

Bremen

Moscheebesucher darf Deutscher werden

Der wiederholte Besuch einer vom Verfassungsschutz beobachteten Moschee ist allein kein Grund, dem Besucher eine Einbürgerung in Deutschland zu verweigern. Das ergibt sich aus einem Beschluss des Oberver- waltungsgerichts Bremen (Az.: 1 LA 78/17). Die Hansestadt hatte den Ein- bürgerungsantrag des Ausländers zuvor abgelehnt, weil dieser zwischen 2009 und 2013 nach Beobachtungen des Ver- fassungsschutzes 17-mal das Freitags- gebet des Islamischen Kulturzentrums (IKZ) besucht und dort auch Geld gespendet hatte. Das IKZ galt seit Lan- gem als Treffpunkt fundamentalisti- scher Salafisten. 2017 hatte das Verwal- tungsgericht Bremen bereits in erster Instanz entschieden, dass die Stadt die Einbürgerung nicht aus diesen Gründen ablehnen dürfe. Denn in der Moschee des Kulturzentrums gebe es nicht nur fundamentalistische, sondern auch andere Strömungen. Spenden bei Frei- tagsgebeten seien allerorten üblich; es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass der Besucher damit die »vermut- lich verfassungsfeindliche Tätigkeit des IKZ« unterstützen wollte, so das Urteil von 2017. Vielmehr habe sich der Mann vor Gericht klar zur freiheit- lichen demokratischen Grundordnung bekannt. RED

DPA

FRANK DARCHINGER

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FRANK RUMPENHORST / PICTURE ALLIANCE / DPA
FRANK RUMPENHORST / PICTURE ALLIANCE / DPA

Wucherpfennig

Kirche

Frohe Botschaft für Schwule und Lesben

Der vom Vatikan seines Amtes entho-

bene Theologieprofessor Ansgar Wucher- pfennig, 53, hat seine Forderung nach einer Zulassung homosexueller Paare zu katholischen Segensfeiern erneuert. Im September hatte der bisherige Rektor der Frankfurter Jesuitenhochschule Sankt Georgen keine kirchliche Lehr- erlaubnis mehr bekommen, weil er bereits 2016 öffentlich für die stärkere Anerkennung gleichgeschlechtlicher Beziehungen eingetreten war. Bei einem Vortrag vergangene Woche in Düsseldorf kritisierte der Jesuitenpater die katholi- sche Lehrmeinung, nach der Homosexua- lität sich »gegen die Natur« des Men-

schen richte. Aufgrund einschlägiger Bibelzitate, etwa im Römerbrief, wertet die päpstliche Glaubenskongregation gleichgeschlechtliche Liebe nach wie vor als Disharmonie »zwischen dem Schöp- fer und seinen Geschöpften« und als »tiefe Verkehrung in den Götzendienst«. Wucherpfennig betont dagegen, die Heilige Schrift sei nicht wörtlich zu ver- stehen, sondern müsse historisch-kritisch analysiert werden. Homosexuelle Katho- liken sollten als »gleichberechtigte Mit- glieder der Kirche anerkannt werden«. Die christliche Botschaft des Evangeliums gelte nicht nur für Heterosexuelle, son- dern auch für Schwule und Lesben. BHR

Zeitgeschichte I

Westdeutschland nicht souverän

Die Bundesregierung musste bis

1990 die westlichen Alliierten jedes

Mal um Erlaubnis bitten, wenn sie ein Flugzeug aus der Sowjetunion in den westdeutschen Luftraum einfliegen las- sen wollte. Das Bonner Verkehrsminis- terium beantragte die Genehmigung bei zivilen Maschinen, das Verteidi- gungsministerium bei Militärflugzeu- gen. Die Alliierten ließen sich mit der Antwort in der Regel 48 Stunden Zeit. Das geht aus einem Vermerk im Archiv des Auswärtigen Amtes hervor. Ameri- kaner, Franzosen und Briten beriefen sich auf den Überleitungsvertrag von 1952, der zu jenen Vereinbarungen mit Bonn zählte, die das Besatzungsregime in der Bundesrepublik offiziell beende-

ten. Obwohl die Bundesregierung den alliierten Standpunkt nicht teilte, ließ sie das Thema lange ruhen. Erst als

1987 die Frage aufkam, wer den Einflug

jener sowjetischen Maschinen erlauben sollte, mit denen Moskau die Einhal- tung eines Abrüstungsabkommens mit den USA kontrollieren wollte, rekla- mierte Bonn die Zuständigkeit für sich. Die Briten lehnten ab: »You are not sovereign.« KLW

Die Briten lehnten ab: »You are not sovereign.« K L W Sowjetflieger Tu-144 über Hannover 1972

Sowjetflieger Tu-144 über Hannover 1972

Zeitgeschichte II

Genscher-Lob für Sowjetdiktator Stalin

Der langjährige Außenminister und

FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher (1927 bis 2016) schätzte offenbar den poli- tischen Instinkt des sowjetischen Dikta- tors und Massenmörders Josef Stalin (1878 bis 1953). Dieser sei »einer der gro- ßen strategischen Köpfe dieses Jahrhun- derts«, erklärte Genscher in einem Gespräch mit dem Historiker Michael Stürmer im Januar 1987; er fügte hinzu,

dass er damit keine »Wertbetrachtung« aussprechen wolle. Den Vermerk hat das

Institut für Zeitgeschichte veröffentlicht. Genscher nahm an, dass die

legendäre Stalin-Note von 1952 ernst gemeint war. Stalin hatte damals die Ver- einigung Deutschlands angeboten, wenn dieses neutral bleibe. Kanzler Konrad Adenauer und die Westmächte lehnten den Vorstoß als Störmanöver ab; die Bundesrepublik wurde bald darauf Mitglied

der Nato. Genscher vermutete, Stalin

habe erkannt, dass er den Osteuropäern im sowjetischen Imperium mehr Bewe- gungsfreiheit zubilligen

sowjetischen Imperium mehr Bewe- gungsfreiheit zubilligen Genscher 2001 müsse. Hierfür sei »die Vermeidung einer

Genscher 2001

müsse. Hierfür sei »die Vermeidung einer Kon- frontation von Paktsyste- men wesentlich« gewesen. Daraus resultiere Stalins Bereitschaft zur deut- schen Einheit. Der Dikta- tor habe vermutlich kalku- liert, bei einer Preisgabe der DDR mehr zu gewin- nen als zu verlieren. KLW

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS Merkel-Konkurrent Merz: Mythos des unbeugsamen

Merkel-Konkurrent Merz: Mythos des unbeugsamen Konservativen

LUKAS SCHULZE / BONGARTS / GETTY IMAGES

LUKAS SCHULZE / BONGARTS / GETTY IMAGES РЕЛИЗ ПОДГОТОВИЛА ГРУППА "What's News"

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Titel

In der Businessclass

CDU Friedrich Merz gilt als Favorit im Rennen um die Merkel- Nachfolge. Doch der Anwalt ist ein Risikokandidat, nicht nur wegen seiner Millionengeschäfte in der Finanzbranche, sondern auch wegen seines aufbrausenden Temperaments.

W er in diesen Tagen Kontakt zum Kandidaten Friedrich Merz sucht, dem Mann, der

sich anschickt, CDU-Chef und Bundeskanzler zu werden, muss die Frank- furter Unternehmensberatung Gauly Ad- visors konsultieren. Dass die Firma in der Regel nicht Politi- ker, sondern CEOs, Aufsichtsräte und Un- ternehmer berät, passt durchaus zu Merz, der sich schon seit mehr als zehn Jahren in der Finanzbranche tummelt. Gauly Ad- visors verspricht potenziellen Kunden, de- ren »Reputation und Unternehmenswert zu schützen und zu steigern«. Man sei »im Markt als eigentümergeführte Premium- Beratung« anerkannt und betreibe »stra- tegisches Reputationsmanagement«, heißt es auf der Homepage der Agentur. »Um die tatsächliche Wirksamkeit der Kommu- nikation zu optimieren, überprüfen wir die getroffenen Maßnahmen fortlaufend auf ihren Wertschöpfungsbeitrag.« Übersetzt auf den Kunden Merz könnte man sagen: Es gilt, das Vertrauen in den Kandidaten zu stärken und zu dessen Wertschöpfung, sprich Wahl zum CDU- Chef, beizutragen. Vor einem Gespräch mit Merz mailt ein Gauly-Berater eine »Speed-dial-in«-Nummer mit einem Kon- ferenzerkennungs-Code. Wenn man ihn eintippt, ist der Kandidat in der Leitung:

»Friedrich Merz hier.« Die Republik hat verrückte Tage hinter sich. Angela Merkel hat das Land noch ein- mal überrascht. Als sie am Montag vor ei- ner Woche ihren Rückzug vom Parteivor- sitz verkündete, waren alle, die sich schon lange in Position bringen, erst einmal sprachlos. Nur Merz, von dem die meisten dachten, er würde mit seinen Beratermil- lionen schon in den Ruhestand segeln, war präpariert und ließ innerhalb von Minuten durchsickern, dass er bereitstehe. Das erste Opfer des Coups war der sonst so agile Jens Spahn, der sich in den vergangenen Jahren fleißig als konservati- ve Alternative zu Merkel präsentiert hatte.

DER SPIEGEL

Nr. 46 / 10. 11. 2018

Konservativ aber ist Merz auch, und ne- ben dem 62-jährigen ehemaligen Frak- tionschef wirkt der 38-jährige Spahn plötz- lich seltsam überambitioniert, wie ein Stu- dent, der sich anmaßt, vom Uni-Seminar ins Kanzleramt wechseln zu können. Selbst Spahns Freunde von der Jungen Union mögen sich kaum noch zu ihm be- kennen. Das Duell, das sich nun in der CDU ent- faltet, wird allein zwischen Merz und An- negret Kramp-Karrenbauer ausgetragen. Die CDU-Generalsekretärin tritt an mit dem Segen der Kanzlerin, sie soll ihr Ver- mächtnis wahren, nicht abwickeln, deswe- gen wurde sie ja von der Chefin nach Ber- lin gebeten. Merz ist der Anti-Merkel, er unterscheidet sich von ihr in jeder Bezie- hung, im Inhalt, im Stil, auch in den Ver- mögensverhältnissen. Geld war für Merkel nie eine Triebfeder, das kann man von Merz nicht behaupten. Für ihn wird es nun vor allem darauf an- kommen, seinen Groll zu verbergen; die CDU wird keinen Chef wählen, dessen ein- ziges Motiv es ist, Genugtuung für eine Nie- derlage zu erfahren, die schon anderthalb Jahrzehnte zurückliegt. Merz weiß das. Als er am Donnerstagmorgen vor jungen CDU- Abgeordneten auftritt, verspricht er, nicht gegen die Kanzlerin zu arbeiten, denn auch ein Parteivorsitzender trage »staatspoli- tische Verantwortung«. Andererseits weiß er auch, wie groß der Verdruss über Mer- kels Führungsstil ist, ihn will er nutzen, um den Parteivorsitz zu erobern. Vom Ausgang des Duells zwischen Kramp-Karrenbauer und Merz hängt nicht nur das Schicksal der Union ab, jener Par- tei, die bisher 49 Jahre lang den Kanzler der Bundesrepublik gestellt hat und die nun in einzelnen Ländern so schwach ge- worden ist, dass sie Gefahr läuft, von der AfD überholt zu werden. Auf dem Partei- tag Anfang Dezember in Hamburg wird auch die Vorentscheidung darüber getrof- fen, wer das Land künftig führen wird. Merkel weiß selbst, dass jeder CDU-Chef

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GEORG LUKAS

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den Ehrgeiz entwickeln muss, das Kanz- leramt zu übernehmen. Zu den großen Stärken Merkels zählt ihre Affektkontrolle, nur selten lässt sie sich zu einer unüberlegten Äußerung hin- reißen, und sie ist jemand, der Macht- kämpfe sorgsam plant und sie nicht aus dem Bauch heraus führt. Als Merkel im Jahr 2002 auf die Kanzlerkandidatur ver- zichtete, rang sie im Gegenzug CSU-Chef Edmund Stoiber das Versprechen ab, nach der Wahl Merz den Fraktionsvorsitz ab- nehmen zu dürfen. Merz ahnte nichts, und als er sich zu Merkels Vize degradiert sah, tobte er furchtbar. »Friedrich, finde dich damit ab, du hast gegen sie verloren«, riet ihm sein Freund Wolfgang Schäuble. Merz hielt es auf Dauer nicht als Nummer zwei hinter Merkel aus. Im Jahr 2009 zog er ei- nen Schlussstrich unter die Politik und wechselte in die Wirtschaft. Dort ist er in den vergangenen Jahren reich geworden, er ist ein Kandidat mit Goldrand; noch kein deutscher Kanzler flog mit seiner eigenen Privatmaschine in die Hauptstadt, Merz besitzt zwei Flug- zeuge, mit denen er regelmäßig zwischen dem Sauerland und Berlin pendelt. Man kann Merz nicht vorwerfen, dass er seinen Wohlstand verheimlicht hätte. Wenn man in den vergangenen Jahren mit ihm spre- chen wollte, schlug er als Treffpunkt gern das Towerrestaurant »Cockpit« des Berli- ner Sportflughafens Schönhagen vor, von wo er nach einem schönen Mittagessen Richtung Heimat abdüste. Merz’ Reichtum spricht nicht gegen ihn, aber seine lukrativen Mandate hat er eben auch durch seine Kontakte in die Politik be- kommen. Wie schnell einen die Vergangen- heit einholen kann, zeigte sich am Dienstag, als die Staatsanwaltschaft die Münchner Räume des Vermögensverwalters Black- rock durchsuchte, für dessen deutsche Toch- ter er als Aufsichtsratschef arbeitet.

Was Merz umtreibt und zurück in die

Politik führte, ist der Niedergang der Union, ihre Verschiebung in die linke Mitte. Wie viele in der Partei sieht er den Flüchtlingssommer 2015 als Wendepunkt in Merkels Kanzlerschaft. Er kritisiert nicht, dass Merkel den in Ungarn gestran- deten Flüchtlingen Zuflucht gewährt hat. Aber die »Grenzöffnung« für Hunderttau- sende Menschen ohne Beschluss des Bun- destags hält er für einen fatalen Fehler. Merz geht es nicht in erster Linie um die Flüchtlingspolitik, er will die Zukunft des deutschen Parteiensystems in den Mit- telpunkt seiner Kampagne stellen. Wenn die CDU einen Vorsitzenden bekommt, der für die SPD auch inhaltlich wieder ein Gegner und für die AfD eine echte Gefahr sei, dann könne sich die politische Land- schaft in Deutschland wieder neu sortie- ren. So sieht es Merz. Er träumt von einer

neu sortie- ren. So sieht es Merz. Er träumt von einer Privatmann Merz beim Musizieren*, vor
neu sortie- ren. So sieht es Merz. Er träumt von einer Privatmann Merz beim Musizieren*, vor

Privatmann Merz beim Musizieren*, vor seinem Privatflugzeug

Verrat an den Werten der Union

Wiederherstellung jener Konstellation, in der SPD und Union die Hauptkontrahen- ten sind und sich inhaltlich wirklich von- einander unterscheiden. Merz besitzt das Talent, der politischen Debatte Schärfe zu geben, daran kann kein Zweifel bestehen. Er kam 1994 in den Bun- destag, zusammen mit Peter Altmaier und Norbert Röttgen, die zum linken Flügel der CDU gehörten und später bei Merkel Karriere machten. Damals lag das Blei der späten Kohl-Jahre auf dem Land. Aber was Merz ärgerte, war nicht die gesellschaftliche Erstarrung. Er stimmte im Jahr 1997 gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe, zusammen mit 130 weiteren Unionsabgeordneten. Ein- mal rief er unter dem Gejohle eines CDU- Parteitags: »Ich möchte mich verdammt noch mal bei niemandem in diesem Land dafür entschuldigen müssen, dass ich seit 20 Jahren mit derselben Frau verheiratet bin und dies auch in den nächsten 20 Jah- ren zu bleiben gedenke.«

Was Merz umtrieb, war die wirtschaft- liche Agonie jener Zeit. Als er im Jahr 2000 durch die Wirren der Spendenaffäre an die Spitze der Fraktion gespült wurde, gab es keinen schneidigeren Reformer als ihn. »Wenn man einen Sumpf austrocknen will, darf man nicht die Frösche fragen«, sagte er in einem SPIEGEL-Gespräch im Frühjahr 2003, damals ging es um Refor- men des Arbeitsrechts. Die Frösche bei den Gewerkschaften und der SPD haben den Satz nicht vergessen. Bis heute gehört zu den Widersprüchen des Friedrich Merz, dass er einerseits das Loblied auf die Kräfte des Kapitalismus singt und gleichzeitig ein heimeliges Fami- lienideal pflegt, das von ebenjenen Kräften so wirkungsvoll untergraben wird. Der Glauben an die Segnungen der Marktwirt- schaft ist bei Merz ungebrochen. Er will Deutschland zu einem Land der Aktionäre machen. Wenn man das Problem der Ver-

* Mit Ehefrau und Töchtern in Brilon 1999.

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mögensverteilung ernsthaft lösen will, wer- de das nicht allein über die öffentlichen Kassen gehen, sagt er. Aber Merz sieht natürlich auch, dass Merkel mit ihrem Kurs Wähler weit über das traditionelle CDU-Klientel hinaus er- reicht hat: viele Frauen und Großstädter, die sich früher eher einen Finger abge- schnitten hätten, als CDU zu wählen. Die will Merz nicht verlieren. Bei seiner Pres- sekonferenz in der vergangenen Woche nannte er neben Migration und Globali- sierung den Klimawandel und die Digita- lisierung als die größten Herausforderun- gen. Zudem bezeichnete er sich als »wirk- lich überzeugten Europäer«. Nur: Wie überzeugt ist er wirklich? Bei dem Treffen mit Unionsabgeordneten am Donnerstagmorgen rückte Merz von eu- ropapolitischen Forderungen ab, die er selbst erst zwei Wochen zuvor mit unter- zeichnet hatte. Bei dem Treffen im Ber- liner Haus des Familienunternehmens wurde Merz auf den Aufruf »Für ein soli- darisches Europa« angesprochen, den der frühere Finanzminister Hans Eichel initi- iert und den auch beispielsweise der Phi- losoph Jürgen Habermas unterzeichnet hatte. In dem Papier werden unter anderem »eine Haushaltspolitik für die Eurozone, die dem Zusammenhalt und der Zukunfts- fähigkeit des Währungsgebietes dient, und eine gemeinsame Arbeitsmarktpolitik bis hin zu einer europäischen Arbeitslosen- versicherung« gefordert. Merz’ Unter- schrift hatte auch deshalb für Erstaunen gesorgt, weil die Forderungen deutlich über das hinausgehen, was die CDU/CSU- Bundestagsfraktion und selbst Merkel für akzeptabel halten. Den erstaunten Abgeordneten erklärte Merz, er sei »absolut nicht für eine euro- päische Arbeitslosenversicherung«. Das Haftungsprinzip müsse in der EU weiter gelten. Es sei ihm darum gegangen, neue Impulse für Europa zu setzen. Das Ganze sei ein Konsenspapier gewesen, daher habe er sich nicht in jedem Punkt durch- setzen können. Der Kandidat legte eine Wendigkeit an den Tag, die er sonst gern der Kanzlerin vorwirft.

Titel

Merz’ Kandidatur ist auch deshalb so furios gestartet, weil ihn der Mythos des unbeugsamen Konservativen umgibt. Merz habe aufgrund seiner jahrzehntelan- gen politischen Erfahrung bewiesen, was er könne, schwärmt der frühere Bundes- tagsabgeordnete Wolfgang Bosbach. Allerdings neigen auch Politiker dazu, die Vergangenheit zu verklären. Merz pro- fitiert davon, dass er über Jahre kaum in der Öffentlichkeit stand. Jeder kann des- halb seine Hoffnungen und Wünsche auf ihn projizieren. Tatsächlich hatte Merz nur sehr kurz ein politisches Führungsamt inne. Er wurde im Februar 2000 Vorsit- zender der Unionsfraktion im Bundestag. Im Herbst 2002 musste er dieses Amt wie- der abgeben. Er stand gerade mal zweiein- halb Jahre an der Fraktionsspitze. Anders als es vielen im Rückblick erscheint, hat er seinerzeit alles andere als Führungs- fähigkeit bewiesen. Bereits zum Amtsantritt bescheinigte ihm die konservative »Welt«, der falsche Mann für den Job zu sein: »Ein Techno- krat durch und durch, profilierungssüchtig, ohne jede Fähigkeit zur Integration«, schrieb das Blatt. Merz lieferte in den Fol- gemonaten wenig Anlass, dieses Urteil zu revidieren. Nach einem Jahr im Amt war Merz’ Stellung in der Fraktion so prekär, dass wichtige Landesgruppenchefs wie der spätere Bundestagspräsident Norbert Lam- mert aus Nordrhein-Westfalen über seine Ablösung nachdachten. Dazu kam es nicht. Aber den Zweikampf um die Frage, wer die Nummer eins in der CDU sei, ent- schied die Parteivorsitzende Merkel ein- deutig für sich. Fachlich wäre Merz dem Job des Kanz- lers gewachsen. Er kann Leute mitreißen und für seine Ideen begeistern. Seine Re- den sind geschliffen, und er hat im Gegen- satz zu Merkel keine Angst, Kontroversen offen auszutragen. Seine Bewerbung könnte der demokratischen Debatte, die Merkel so sanft erstickte, wieder Sauer- stoff zuführen. Aber unklar ist, ob Merz die strategi- sche Geduld und die nötige Selbstkontrolle für das Amt des Bundeskanzlers hat. »Friedrich hat sich über die vergangenen

zehn Jahre verändert«, sagt ein alter Weg- gefährte. »Er ist ruhiger und kontrollierter geworden.« Andere allerdings wissen noch immer von Zornesausbrüchen zu berich- ten, wenn das Gespräch auf Merkel und ihre Politik kommt. Die Arbeit eines Spitzenpolitikers, vor allem eines Kanzlers, ist eine fortwähren- de Kette von Rückschlägen, Misserfolgen und Kränkungen. Jeder Hinterbänkler darf herummäkeln, jeder Leitartikler weiß es besser. Merkel hat sich nie dazu hinrei- ßen lassen, auf einen scharfen Kommentar mit einer scharfen Replik zu antworten. Sie ärgert sich, weiß aber ihre Wut mit dem Gedanken zu zügeln, dass sie am Ende eben doch am längeren Hebel sitzt. Merz hat nach der ersten richtigen Schlappe aufgegeben, statt geduldig auf seine Chance zu warten. Mit seiner Kritik an Merkel ist er zum Liebling der konser- vativen und marktliberalen Kritiker der Kanzlerin aufgestiegen. Als Staatsmann hat er sich durch diese Flucht nicht emp- fohlen. Selbst Freunde wie Schäuble sind sich unsicher, ob er das Stehvermögen für das Kanzleramt hat. Merz wäre nicht der erste Anwärter, der nicht an seinen Fähigkeiten, sondern an seinem Temperament scheitert. Der frü- here Finanzminister Peer Steinbrück woll- te im Jahr 2013 auch ins Kanzleramt. Er war ein ausgewiesener Fachmann, aber er hatte sich nicht im Griff. Am Ende ließ er sich für ein Magazincover mit ausgestreck- tem Mittelfinger ablichten. Damit hatte er sich unmöglich gemacht. Den Mittelfinger würde Merz nicht zei- gen, aber er kann auch sehr aufbrausend sein. Würde einer wie Merz ruhig Blut be- wahren, wenn der türkische Präsident ihn einen Nazi nennen würde? Oder wenn sein Bild auf den Straßen von Athen ange- zündet würde? Merz’ Schwäche ist, dass er politische Auseinandersetzungen persönlich nimmt. Außerdem muss er zeigen, dass er fähig ist, Frauen einzubinden. Merz ist noch in einer Welt politisch sozialisiert, in der es als vollkommen normal galt, wenn auf Podien nur Herren im grauen Anzug sa- ßen. Offenbar will Merz auf dem Parteitag

Politische Stationen von Friedrich Merz

1994 2000

2003 2004

2009

2014

Stationen von Friedrich Merz 1994 2000 2003 2004 2009 2014 Abgeordneter Fraktionsvorsitzender »Bierdeckel«-
Stationen von Friedrich Merz 1994 2000 2003 2004 2009 2014 Abgeordneter Fraktionsvorsitzender »Bierdeckel«-
Stationen von Friedrich Merz 1994 2000 2003 2004 2009 2014 Abgeordneter Fraktionsvorsitzender »Bierdeckel«-
Stationen von Friedrich Merz 1994 2000 2003 2004 2009 2014 Abgeordneter Fraktionsvorsitzender »Bierdeckel«-
Stationen von Friedrich Merz 1994 2000 2003 2004 2009 2014 Abgeordneter Fraktionsvorsitzender »Bierdeckel«-
Stationen von Friedrich Merz 1994 2000 2003 2004 2009 2014 Abgeordneter Fraktionsvorsitzender »Bierdeckel«-

Abgeordneter

Fraktionsvorsitzender

»Bierdeckel«-

Rückzug aus der

Abschied

Reformkommission

Bei der Bundestags- wahl erobert Merz ein Direktmandat im Wahlkreis Hochsauer- land. Im Parlament profiliert er sich als Wirtschafts- und Finanzexperte.

der CDU/CSU Im Sog der CDU-Spenden- affäre muss Wolfgang Schäuble von seinen Ämtern zurücktreten. Auf ihn folgen Angela Merkel als Partei- chefin und Merz als Fraktions- vorsitzender. 2002 wird Merz von Merkel verdrängt.

Steuererklärung Mit einem radikal einfachen Einkommen- steuermodell sorgt Merz im November für Furore. Sein Konzept scheitert später an der Schwesterpartei CSU.

CDU-Spitze Merz will nicht mehr für das Parteipräsidium kandidieren, legt im November sein Amt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender nieder, bleibt aber Abgeordneter.

aus der Politik Nach der Wahl im Sep- tember verlässt Merz den Bundestag. Er begründet den Schritt mit seinen beruflichen Plänen, aber auch mit seiner Unzu- friedenheit über die Politik der Großen Koalition.

Im Oktober wird Merz Mitglied in einer von drei Kommissionen, mit denen die CDU versucht, ein neues Profil zu entwickeln.

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im Dezember auch einen Kandidaten vor- stellen, der unter ihm als CDU-Generalse- kretär dient, sollte er die Wahl gewinnen. Parteifreunde raten ihm dringend zu einer Generalsekretärin.

Merz’ größte Flanke sind allerdings seine Jahre in der Finanzwirtschaft. Wie rasch die Situation außer Kontrolle geraten kann, wurde am Dienstag deutlich. Da ti- ckerte plötzlich die Meldung über die Agenturen, dass Ermittler der Kölner Staatsanwaltschaft die Münchner Nieder- lassung von Blackrock durchsucht hätten, um Material zu sogenannten Cum-Ex-Ak- tiendeals im Zeitraum 2007 bis 2011 si- cherzustellen. Blackrock gilt schon wegen seiner schie- ren Größe als mächtigster Finanzkrake der Welt. Der Konzern legt das Geld von Groß- und Kleinanlegern an und verfügt so über einen riesigen globalen Kapital- stock von mehr als 6000 Milliarden Dollar, den es in Tausende Unternehmen in aller Welt gesteckt hat. Merz ist seit 2016 bei dem US-Vermögensverwalter Aufsichts- ratschef des Deutschlandgeschäfts. Der Cum-Ex-Skandal gilt in Europa als größter Steuerskandal aller Zeiten. Um bis zu 55 Milliarden Euro soll der Fiskus eu- ropaweit geschädigt worden sein, weil sich Profianleger die Kapitalertragssteuern doppelt erstatten ließen, die sie nur einmal gezahlt hatten – ein fraglos illegitimes, we- gen unklarer Rechtslage und Gesetzes- lücken nicht zwingend illegales Vorgehen. Dutzende Geldhäuser sind verwickelt, vor allem deutsche. Welche Rolle die Amerikaner, die jedwe- de Mittäterschaft bestreiten, dabei gespielt haben sollen, bleibt nebulös. Ebenso wie die Umstände, unter denen die Razzia durchgestochen wurde, kaum dass die Schnüffler die Blackrock-Räume am noblen Münchner Lenbachplatz verlassen hatten. Offenbar richtete sich der Verdacht nicht gegen Blackrock selbst, sondern ge- gen andere Beteiligte des Cum-Ex-Verfah- rens. Die US-Fondsgesellschaft ist einer der größten Verleiher von Wertpapieren,

Titel

könnte also auch indirekt und unwissent- lich an den dubiosen Steuerdeals beteiligt gewesen sein. Immerhin erklärte die Staatsanwaltschaft tags darauf, dass zumin- dest gegen Merz »keine Verdachtsmomen- te für die Begehung einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit« vorlägen. Da freilich war die Botschaft schon im Umlauf, dass der mögliche Merkel-Nachfolger für eine Institution arbeitet, die in einen Mega- skandal verwickelt sein könnte. Das toxische Steuerthema lässt Merz auch bei seinem anderen prominenten Finanzmandat nicht los. Es geht um die Düsseldorfer Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt, in deren Aufsichtsrat Merz seit 2010 sitzt. Das Geldhaus an der no- blen Königsallee hat seit Langem Ermittler im Haus, die zweifelhafte Aktiendeals der Jahre 2005 bis 2011 untersuchen. Trinkaus bestreitet, sich bewusst an Steuertricks be- teiligt zu haben, kann aber Alleingänge einzelner Händler nicht ausschließen. HSBC hat dem Fiskus maximal Steuern in niedriger zweistelliger Millionenhöhe vorenthalten. Eine etwaige Rückzahlung wird der Bank kaum wehtun. An Merz da- gegen bleibt hängen, dass er abermals für eine Adresse arbeitet, die womöglich ge- trickst hat – anders als bei Blackrock teil- weise während seiner Amtszeit. Der Sauerländer selbst verdammt öf- fentlich Steuertricksereien à la Cum-Ex, gibt sich intern aber keinen Illusionen hin:

Mit dem Generalverdacht gegen seine Finanzengagements werde er wohl leben müssen. Seine eigene Vermögensbildung indes kann nach seinen Jahren in der frei- en Wirtschaft als erfolgreich abgeschlossen gelten. Bereits einer seiner ersten Aufträge entpuppte sich als Glücksgriff. Gleich nach seinem Aus als stellvertretender Fraktions- chef war Merz als Partner bei der US- Kanzlei Mayer Brown eingestiegen, und sein wohl lukrativstes Mandat war der Auf- trag, für die staatseigene Westdeutsche Landesbank einen Käufer zu finden. Kenner des Vorgangs wundern sich noch heute darüber, dass ausgerechnet er 2010 den Auftrag bekam. Schließlich galt

Merz zu der Zeit noch als wenig verdrahtet in der Welt der Finanzinvestoren. Hinzu kam, dass die nordrhein-westfälischen Sparkassen als Miteigentümer der Landes- bank die Verhandlungen von Beginn an torpedierten, weshalb Fachleute das Un- terfangen im Prinzip vom Start weg als aussichtslos einstuften. Es kam, wie es kommen musste: Der von der EU-Kommission angeordnete Ge- samtverkauf scheiterte, Merz konnte den- noch branchenübliche Tagessätze von über 5000 Euro abrechnen. Insgesamt soll Mayer Brown mit dem WestLB-Mandat einen deutlich zweistelligen Millionen- betrag verdient haben. Und so ist es kein Wunder, dass Merz das Scheitern des Ver- kaufs sportlich nahm, wie ein damals Be- teiligter sich heute noch erinnert. Ärger könnte Merz aufgrund eines an- deren Mandats bekommen. Er ist seit Ende 2017 Aufsichtsratschef des Flugha- fens Köln-Bonn. Kurz zuvor war dort der langjährige Geschäftsführer Michael Gar- vens in Ungnade gefallen, er soll Geschäfts- partner protegiert und Mitarbeiter allzu üppig alimentiert haben. Merz hatte mit Zustimmung des Auf- sichtsrats einen Aufhebungsvertrag mit Garvens abgeschlossen, in dem der Flug- hafen auf alle weiteren Ansprüche verzich- tet. Der Deal könnte Merz gefährlich wer- den, sollte die Staatsanwaltschaft Anklage erheben. Möglicher Vorwurf: Untreue. Weniger schlagzeilenträchtig, aber bei- spielhaft für die Netzwerk-Geschäfte des Friedrich Merz ist ein Mandat in seiner Heimatstadt Arnsberg. Dort hat er vor Jah- ren den Klopapierproduzenten Wepa vor der Insolvenz gerettet, seither ist er Chef des Aufsichtsrats. Kommt der zu seinen Sitzungen zusammen, kann sich Merz angeregt mit Ratsmitglied Wilken von Hodenberg unterhalten. Das Aufsichtsratsmitglied der Private- Equity-Gesellschaft DBAG führt seit eini- gen Jahren eine eigene Anlagefirma na- mens UFK Beteiligungs GmbH, einer der Wepa-Eigentümer. Und wohl nicht ganz zufällig hat die Firma dieselbe Anschrift

Berufliche Stationen von Friedrich Merz Auswahl

Beirat der Commerzbank

2003

 

2009

seit 2005

2005

2015

2005

2009

 

Partner bei der Rechtsanwaltskanzlei Mayer Brown (seit 2014 Senior Counsel) Aufsichtsratsmitglied bei der Deutschen Börse Aufsichtsratsmitglied des Recycling- und Entsorgungsunternehmens Interseroh

Verwaltungsratsmitglied der Schweizer Stadler Rail AG Aufsichtsratsmitglied des Immobilienkonzerns IVG

Aufsichtsratsmitglied der Versicherungsgesellschaft Axa Konzern AG

seit 2006

2006

2010

2007

2014

Aufsichtsratsvorsitzender der Arnsberger Hygienepapier-Firma WEPA

seit 2009

Verwaltungsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied der Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt AG Aufsichtsratsmitglied bei Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA

seit 2010

2010

2014

seit 2016 seit 2017
seit 2016
seit
2017

Aufsichtsratsvorsitzender bei Blackrock in Deutschland

Aufsichtsratsvorsitzender des Flughafens Köln/Bonn

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STEFAN BONESS / IPON
STEFAN BONESS / IPON

Porträts der Ex-Fraktionschefs Merz, Merkel*: Nach der ersten Schlappe aufgegeben

wie die Vermögensverwaltung Volatus, über die Merz sein Geschäftsflugzeug vom Typ »Socata« vermietet. Hodenbergs UFK, die Wepa Industrieholding SE, Volatus so- wie Merz’ Stiftung und sein Anwaltsbüro residieren teils auf derselben Etage eines schmucklosen Bürohauses im Arnsberger Stadtteil Neheim. Vor der Tür ist der Park- platz Nummer drei für »FM« reserviert, Friedrich Merz.

Merz ist tief im Sauerland verwurzelt.

Sein Großvater, ein NSDAP-Mitglied, war bis 1937 Bürgermeister in dem kleinen Städtchen Brilon. Der Vater, Joachim Merz, arbeitete als Richter und führte in den Siebzigerjahren am Landgericht in Arnsberg Strafverfahren mit NS-Bezug. Merz’ Ehefrau Charlotte ist Direktorin des Amtsgerichts Arnsberg. Vor 13 Jahren haben die beiden die Merz-Stiftung gegründet, es geht um Bil- dung und Erziehung. Man finanziert Trommeln für den Musikunterricht in Grundschulen oder verleiht Preise an die Arnsberger Schüler mit dem besten No- tendurchschnitt. In der Gaststätte Rodel- haus, im Stadtteil Neheim, trifft sich jede Woche der Rotary Club Arnsberg. Merz ist seit Jahren Mitglied, 2009 war er Präsi- dent. Bis dahin war der Club 52 Jahre lang ein reiner Männerverein aus Ärzten, Apo- thekern und Pfarrern. Merz hielt die Regel für Unfug, es gab heftige Diskussionen da- mals im Rodelhaus, am Ende setzte sich Merz durch. Seitdem nimmt der Club auch Frauen auf. Kaum einer seiner Duzfreunde hat da- mit gerechnet, dass Merz die Kanzlerin beerben möchte. Auch nicht Wolfgang Fi- scher, der seit neun Jahren Bürgermeister

* In der Fotogalerie vor dem Fraktionssaal der Union im Berliner Reichstag.

DER SPIEGEL

Nr. 46 / 10. 11. 2018

in Olsberg ist und Merz aus Zeiten der Jungen Union in den Achtzigerjahren kennt. Vergangene Woche, kurz nachdem Merz’ Kandidatur bekannt geworden war, schrieb Fischer seinem Kumpel eine SMS:

»Super! Klasse! Endlich!« Merz gilt derzeit bei vielen in der CDU als Favorit im Rennen um die Merkel-Nach- folge, aber die Dinge sind natürlich im Fluss. »Würde die Mitgliederbasis entschei- den, dann hätte Merz jetzt schon gewon- nen«, sagt der CDU-Bundestagsabgeord- nete Franz Josef Jung. Der ehemalige Ver- teidigungsminister ist wie Merz Mitglied des Andenpaktes, eines Männerbunds, der sich einst zusammenschloss, um die Macht in der CDU aufzuteilen, und der dann so geschickt von Merkel ausgetrickst wurde. Viele im Andenpakt sannen auf Rache, und als sich der Bund im vergangenen Herbst in Berlin zum jährlichen Dinner traf, sondierten die Männer, wie sich die CDU nach dem absehbaren Ende der Ära Merkel wieder auf Kurs bringen ließe. Alle Blicke richteten sich auf Friedrich Merz, der geschmeichelt lächelte, sich aber noch bedeckt hielt. Nun hat er sich erklärt. Wie wird sich das Land ändern, sollte Merz tatsächlich ins Kanzleramt einzie- hen? Merz ist niemand, der seine Worte hütet, er hat Spaß daran, wenn sie zünden wie Knallfrösche. Das kann das Land be- leben. Merkel hat den Streit und auch den Krawall ausgelagert, dafür ist nun die AfD zuständig, während in der immer etwas überanständigen Merkel-CDU ein feiner, wenn auch etwas gouvernantenhafter Ton herrschte. Merz ist schnell beleidigt, aber er hat auch seine Freude daran, ordentlich auszuteilen, was amüsant ist, allerdings in der Außenpolitik auch gefährlich werden kann. Merkel hat Deutschland auch des- halb solche Reputation verschafft, weil sie ihre Worte wägte.

Wenn man mit Merz spricht, wirkt er manchmal wie ein Mann, der in einer Zeit- kapsel gefangen war. All die Debatten über die Gefahren des Kapitalismus, über die Schattenseiten der Globalisierung schei- nen ihn nicht so durchgeschüttelt zu haben wie den Rest des Landes. Manchmal wirkt er immer noch wie ein Mann, der bei »Sa- bine Christiansen« über die Reformen für den Standort Deutschland spricht. Es ist schwer vorstellbar, dass das Verbot von Plastiktrinkhalmen zur Leidenschaft des Friedrich Merz wird. Eher wird er sich um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit kümmern. Merz glaubt an die Familie, zu der Mann und Frau, Kinder und die Ehe ge- hören. Die gesellschaftspolitischen Refor- men, die Merkel vorangetrieben hat, hielt er für einen Verrat an den Werten der Uni- on, auch wenn er das heute nicht mehr laut sagt. Andererseits würde Merz aller Voraussicht nach mit den Grünen regieren müssen, was seine Möglichkeiten auch wie- der begrenzte. Einen Rollback jedenfalls würde es kaum geben. Merz müsste sich als Kanzler auf einen symbolischen Kon- servatismus beschränken müssen, wie in den Nullerjahren, als er sagte, er habe nichts gegen die Homo-Ehe, »solange ich da nicht mitmachen muss«. Das klang dann nicht wie Kohl, schon eher nach Adenauer. Merz, das ist sein Widerspruch, jettet mit dem eigenen Flugzeug durch die Welt, aber zu Hause in der Stube riecht’s nach Sauerbraten. Merkel weiß, wie schnell ihre Kanzler- schaft zu Ende gehen kann, wenn Merz die Macht in der Partei erobert. Sie macht sich da keine Illusionen. Als Merz am Dienstagabend im Landesvorstand der CDU Nordrhein-Westfalen seine Kandida- tur begründete, klagte er über den rüden Ton der CSU gegen Merkel. »So geht man nicht mit einer Kanzlerin um«, erklärte Merz treuherzig. Gleichzeitig bemühte er sich um ein ver- trauliches Gespräch mit Merkel, das dann Anfang der Woche auch telefonisch zu- stande kam. Merz signalisierte der Kanz- lerin, dass er als Parteichef nicht gegen sie arbeiten würde. Später wiederholte er die Zusage auch öffentlich. Aber Merkel ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, was von solchen Versprechen im Zweifel zu halten ist.

Melanie Amann, Tim Bartz, Dinah Deckstein, Lukas Eberle, Markus Feldenkirchen, Martin Hesse, Ralf Neukirch, René
Melanie Amann, Tim Bartz,
Dinah Deckstein, Lukas Eberle,
Markus Feldenkirchen, Martin Hesse,
Ralf Neukirch, René Pfister
Video
Die Macht des
Andenpakts
spiegel.de/sp462018cdu
oder in der App DER SPIEGEL

21

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Titel

S’Annegret

Karrieren Im Duell mit Friedrich Merz um den CDU- Parteivorsitz wirkt Annegret Kramp-Karrenbauer als blasse Kandidatin. Genau daraus will sie eine Stärke machen.

P üttlingen im Saarland hat keine 19000 Einwohner, aber mehr als 180 Vereine, fünf katholische Kir-

chen und ein Museum, das an die längst eingestellte Kohleförderung erinnert. Und bald könnten die Püttlinger sich viel- leicht noch mit einer CDU-Bundesvorsit- zenden und möglichen Bundeskanzlerin schmücken. Im Mikrokosmos von Püttlingen kennt jeder jeden, und sowieso kennen alle »S’Annegret«, wie die CDU-Generalsekre- tärin hier genannt wird. Seit 56 Jahren ist Annegret Kramp-Karrenbauer eine Bür- gerin Püttlingens, ihre Nummer steht ganz normal im örtlichen Telefonbuch, auch wenn meistens ihr Mann abnimmt. Der Bergbauingenieur Helmut Karrenbauer gab seinen Beruf auf, damit seine Frau Kar- riere in Saarbrücken machen konnte. »S’Annegret kommt aus einer angesehe- nen Püttlinger Familie«, sagt Ilse Weiland. Die 70-Jährige, die mit ihrer Einkaufs- tasche vor der Volksbank Püttlingen steht, kann alle Geschäfte und Supermärkte auf- zählen, in denen man die CDU-Frau beim Bummeln treffen könne – oder eher treffen konnte. Seit ihrer Wahl zur Generalsekretärin im Februar zeigt sich Kramp-Karrenbauer nur selten in ihrem Heimatort, sie verbringt die Abende und Wochenenden auf Parteiterminen irgend- wo »im Reich«, wie man den Rest Deutsch- lands in Püttlingen nennt. Wird die Frau aus dem saarländischen Zwergstaat eines Tages die ganze Bundes- republik steuern und in der Welt vertre- ten? Wladimir Putin oder Donald Trump die Stirn bieten? Um die Zukunft des Euro ringen oder milliardenschwere Autokon- zerne in die Schranken weisen? Alles hängt davon ab, ob »AKK« sich gegen ihren Konkurrenten Friedrich Merz durchsetzen kann. Neben dem gut vernetz- ten Ex-Fraktionschef, dem weltgewandten Transatlantiker und betuchten Wirtschafts- mann mit der Lizenz zum Fliegen, wirkt Kramp-Karrenbauer blass, fast langweilig. Die Parteifreunde schätzen sie sehr, aber der Kandidat Merz versetzt die Basis ge- radezu in Ekstase. In seiner Person verbin- det sich der Reiz des Neuen mit der Sehn- sucht nach dem Alten. Kramp-Karrenbauer versucht erst gar nicht, mit Merz gleichzuziehen. Denn in

Wahrheit sind ihre Bodenständigkeit und Verlässlichkeit ihre größten Stärken im Wettstreit um die CDU-Spitze. Sieg oder Niederlage hängen für sie davon ab, wie experimentierfreudig sich die Parteitags- delegierten am 7. Dezember in Hamburg zeigen. Bisher ist die CDU eher für das Gegenteil bekannt. Annegret Kramp wurde 1962 als fünftes von sechs Kindern in einer katholischen Familie geboren, der Vater Lehrer, die Mutter Hausfrau. Sie ging in Püttlingen zur Schule, saß für die CDU im Rat der Stadt, lernte in Püttlingen ihren Ehemann kennen und zog mit ihm auf einen Hügel am Stadtrand, in ein Haus mit Solarzellen auf dem Dach. Kinder anderer Minister- präsidenten studieren in Harvard, die von Kramp-Karrenbauer machten Ausbildun-

Nach 18 Jahren Merkel ist eine Kandidatur der ruhigen Hand eine riskante Strategie.

gen zum Polizisten und zur Hotelfachfrau, der Jüngste will Erzieher werden. Wer in Püttlingen politisch etwas errei- chen wolle, müsse in der CDU sein, sagt Martin Speicher, der Bürgermeister: »Wir sind eine Hochburg.« Speicher kennt Kramp- Karrenbauer seit Mitte der Achtzigerjahre, als beide für die CDU in den Stadtrat ein- zogen. Ehrgeizig und »sehr, sehr zielstrebig« sei Annegret schon mit Anfang zwanzig ge- wesen, erinnert sich Speicher. Man habe sich vor den Fraktionssitzungen in kleiner Runde getroffen, um eine Strategie gegen die CDU-Altvorderen abzusprechen. Politisch sei Püttlingen der Parteifreun- din aber bald zu klein geworden, sagt Spei- cher. Sie wechselte in das für saarländische Verhältnisse große Saarbrücken, in die Lan- despolitik. Saar-Ministerpräsident Peter Müller holte die damals 38-jährige Land- tagsabgeordnete in sein Kabinett. Fortan galt sie als »Müllers Mädchen« , so wie An- gela Merkel in den frühen Neunzigerjahren als »Kohls Mädchen« belächelt wurde. Aber Müller traute Kramp-Karrenbauer aus dem Stand ein Ministerium zu, das in Regierungen als »hartes Ressort« gehan-

delt wird: Sie wurde Innenministerin, die erste in Deutschland. Im kleinen Kreis spottete Kramp-Karrenbauer fortan über den »Männerklub« , in den sie da hinein- geraten sei. Bei Innenministerkonferenzen würden sich manche Ministerkollegen weitaus engagierter über Panzerung und PS-Werte ihrer Dienstwagen austauschen als über sicherheitspolitische Konzepte. Anders als Merkel glitt Kramp-Karren- bauer fast konfliktfrei nach oben, musste sich nie hart durchsetzen. Als der amts- müde gewordene Müller 2011 Bundesver- fassungsrichter wurde, schlug er sie als Nachfolgerin vor. Niemand widersprach. Im kleinen Saarland konnte Kramp-Kar- renbauer wie im Testlabor ihre politische Tauglichkeit in immer anspruchsvolleren Experimenten erproben. Jetzt, als Kandi- datin für den CDU-Vorsitz, wirbt sie mit fast 18 Jahren Regierungserfahrung, davon 11 als Ministerin und gut 6 als Minister- präsidentin. Mit den Amtskollegen rang sie über komplizierte Themen wie Länder- finanzausgleich oder Föderalismusreform. Der Püttlinger Geborgenheit verdankt Kramp-Karrenbauer Eigenschaften, die Spitzenpolitiker brauchen, aber zu selten haben: innere Ruhe und Nervenstärke. Parteifreunde schwärmen, wie souverän Kramp-Karrenbauer agiere, wenn um sie herum schon alle die Nerven verlören. Sei es, als sie 2012 den Befreiungsschlag aus der kriselnden Jamaikakoalition im Saarland wagte, oder als sie 2017 ihren Landtagswahlkampf gegen alle Negativ- umfragen zum Sieg führte – stets scheint Kramp-Karrenbauer auf derselben Be- triebstemperatur zu laufen. Sie käme nicht auf die Idee, ein Bewer- bungsvideo zu drehen, in dem kein einziges CDU-Logo auftaucht, wie Jens Spahn, dessen Werbebotschaft sich bislang primär auf die Twitter-Hashtags #Spahn und #Neustart beschränkt. Und anders als Merz heuert sie auch keine Agentur für Krisen- PR an, die Medienauftritte plant. Der ein- zige bekannte Skandal in ihrer Vita ist ein überteuerter Museumsbau in Saarbrücken. Bis Merz auf der Bildfläche auftauchte, schien der Weg von »AKK« an die Spitze vorgezeichnet. Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union im Oktober machte die Mittelstandsvereinigung der CDU einen Stimmungstest: Die JU-Leute konnten bunte Bälle in Glascontainer werfen, um den nächsten Kanzlerkandidaten zu küren. Wieder Angela Merkel? Für die Kanz- lerin gab es nur eine Handvoll Bälle. Jens Spahn? Hier war das Glasrohr deut- lich voller. Kramp-Karrenbauer? Noch mehr Bälle, die klare Favoritin. Aber die meisten Bälle landeten im vier- ten Container mit der Aufschrift: »Ande- re(r)«. Die Parteijugend hätte also am ehes- ten auf die sichere Bank Kramp-Karren-

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HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF
HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF

Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer: Die Basis lechzt nach Neuem

bauer gesetzt – hoffte aber insgeheim auf jemand anderen. Irgendeinen anderen. Die CDU-Basis lechzt nach Neuem, will begeistert werden, und noch ist der Funke der Saarländerin nicht übergesprungen. Kramp-Karrenbauers Wahlkampf der ru- higen Hand ist nach 18 Jahren Merkel eine riskante Strategie. Die CDU ist unbe- rechenbar geworden, das zeigt der über- raschende Wahlsieg von Ralph Brinkhaus zum Chef der Bundestagsfraktion. Kramp-Karrenbauer umweht weder die »Messias«-Aura von Merz, noch hat sie

die unbekümmerte Angriffslust eines Spahn, also präsentiert sie sich als Gegen- modell: bescheiden, dienstbereit, auf den Zusammenhalt ausgerichtet. Die erste Pressekonferenz zu ihrer Kan- didatur begann sie mit einer Art Parteitags- rede. 20 Minuten Monolog, offensichtlich zugeschnitten auf die 1001 Delegierten da- heim auf dem Sofa, nicht auf die Medien- leute im Saal. Auf dem Parteitag in Ham- burg wird auch nicht die Basis sitzen, sondern Abgeordnete und Funktionäre – Leute, bei denen eine erfolgreiche Bundes-

tagswahl über Fortgang oder Ende ihrer Kar- riere entscheidet. Diese Motivlage könnte Kramp-Karrenbauer den Sieg bringen. Und so lautet ihr stärkstes Argument gegen die Konkurrenz: Ich habe jahrelang regiert und Wahlen gewonnen – und ihr so? Merz führte nie ein Ministerium, Spahn führt seins erst ein halbes Jahr. Kei- ner stand je als Spitzenkandidat für einen Wahlkampf gerade. Kramp-Karrenbauers Strategie kommt demonstrativ unstrategisch daher, sie zeig- te sich am Dienstagabend bei einem Auf- tritt vor dem CDU-Kreisverband Berlin- Reinickendorf. »Was qualifiziert Sie für den Parteivorsitz?« , will ein Zuhörer wis- sen. Eigentlich wolle sie gar nicht antwor- ten, sagt Kramp-Karrenbauer, »aus Fair- ness gegenüber den Mitbewerbern«. Aber natürlich antwortet sie doch. Sie habe ihr Ministerpräsidentenamt aufgege- ben, »das ich unter nicht ganz leichten Um- ständen gegen alle Widerstände und gegen alle Umfragen gewonnen habe«, um der CDU auf die Beine zu helfen. Mit »meiner Erfahrung als Wahlkämpferin, meinen Überzeugungen« wolle sie ihren beschei- denen Beitrag leisten. So viel Opferbereit- schaft kommt an, der volle Saal klatscht begeistert. Dass Friedrich Merz einst lieber in die Wirtschaft ging, statt für die CDU zu kämpfen, muss Kramp-Karrenbauer gar nicht mehr ausdrücklich erwähnen. Dass sie die konservativen Instinkte der Partei zu bedienen weiß, zeigt sie an die- sem Abend auch. Leider hießen die anste- henden Martinsumzüge in manchen Kin- dergärten nur noch »Lichterprozession«, kritisiert die CDU-Frau. »Das ist keine To- leranz, das ist Selbstverzwergung!« Keine Stelle ihrer Rede erntet stärkeren Applaus. Aus dem Mund von Angela Merkel hat man solche Aussagen noch nie gehört. Der Wunsch der CDU nach Erneuerung liegt auch am Überdruss mit der Langzeitchefin, die ihnen zu vage, zu konturlos erschien. Für die Kandidatin Kramp-Karrenbauer kommt es daher darauf an, aus Merkels Schatten zu treten. Einen ersten Schritt tat sie in ihrer Pres- sekonferenz, als sie die jüngste Phase von Merkels Kanzlerschaft als »bleierne Zeit« bezeichnete. Bei allem Lob und Dank für Merkel erwähnte Kramp-Karrenbauer, dass man deren Ära ja »nicht rückgängig machen« könne – es klang fast bedauernd. Auch Merkels Flüchtlingspolitik vertei- digte die Generalsekretärin nicht, sondern stellte nur fest, es bringe nichts, noch lange über die Ereignisse von 2015 zu diskutie- ren. Sie seien »Fakt« und könnten eben- falls nicht »rückabgewickelt« werden. Gut möglich, dass den Parteifreunden diese Antwort nicht reichen wird.

Melanie Amann, Matthias Bartsch, Ralf Neukirch

HENNING SCHACHT

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS Innenminister Seehofer in Berlin: Alles verzockt Der

Innenminister Seehofer in Berlin: Alles verzockt

Der Watschnbaum

CSU Parteichef Horst Seehofer weiß, dass seine Tage an der Spitze der Partei gezählt sind. Aber er will nicht den Sündenbock für die Wahlniederlagen abgeben.

E s brodelt in Horst Seehofer, doch zu sehen bekommt das erst mal niemand. Minutenlang verfolgt

der CSU-Chef das Geschehen auf der Bühne beim Parteitag der Europäi- schen Volkspartei. Er sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl, im Ohr den Knopf für die Übersetzung. Obwohl er seinen Vize- parteichef Manfred Weber in Helsinki als Spitzenkandidaten für die Europawahl vorschlagen wird, hat die Parteitagsregie ihm keinen guten Platz zugewiesen. Wäh- rend Österreichs Kanzler Sebastian Kurz in der Mitte der ersten Reihe sitzen darf, ist Seehofer am Rande neben dem belgi- schen Vizepremier platziert. Er wechselt kein Wort mit dem Mann.

Erst als Alexander Dobrindt neben ihm Platz nimmt, wird der CSU-Chef lebhaft. Seehofer redet auf den CSU-Landesgrup- penchef ein, die Debatte auf der Bühne ist ihm mit einem Mal egal. Seehofer spricht, Dobrindt nickt, so geht das, minutenlang. Worum es geht, ist nicht schwer zu erraten. Gerade eben, als er an der Konferenzhalle ankam, hat Seehofer Meldungen demen- tiert, dass er am Sonntag seinen Rücktritt als Parteichef ankündigen werde. »Das ist schlichtweg falsch«, sagt er, »eine richtig fette Ente«, fügt er später hinzu. Seehofer war es immer wichtig, nicht wie ein alter Bauer vom Hof getrieben zu werden, auch er will, was in der Politik so schwer ist: den selbstbestimmten Abgang.

Auch er hat dafür den Zeitpunkt verpasst. Aber er will das noch nicht wahrhaben. Zehn Jahre stand Seehofer an der Spitze der CSU, fast ebenso lang war er Minis- terpräsident in Bayern. Er hat seine Partei zurück zu alter Größe geführt und droht am Ende nun doch als einer dazustehen, der alles verzockt hat: die absolute Mehr- heit, die Sonderstellung der CSU in der Bundespolitik und seine Chancen, den Mann zu verhindern, den er auf keinen Fall als seinen Nachfolger sehen wollte – Bayerns Ministerpräsidenten und wohl künftigen Parteichef Markus Söder. »Ich bin Herr des Verfahrens«, sagt Seehofer in Helsinki trotzig. »Derzeit ist der Ausgang völlig offen.« Doch das ist

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Wunschdenken. Mit Neid blicken viele Christsoziale derzeit auf die CDU, wo An- gela Merkels Ankündigung, nicht wieder für den Parteivorsitz zu kandieren, für Auf- bruchstimmung sorgt. Sie hoffen, dass auch Seehofer einsieht, dass seine Zeit als Parteichef vorbei ist. Für den Fall, dass er kein Einsehen zeigt, arbeitet die Partei be- reits an einem Zeitplan, um ihn zum Rück- zug zu zwingen. Die Debatte auf der Bühne endet, See- hofer steht auf, er will die Halle verlassen, aber mit ihm drängen Hunderte Delegierte gleichzeitig zum Ausgang. Ein Referent ist bei ihm, dazu ein enger Mitarbeiter aus der CSU-Zentrale und die Sicherheitsleute. Doch anders als in seiner Zeit als bayeri- scher Ministerpräsident öffnet sich kein Spalier. Seehofer steht im Gedränge, einer von vielen, ein Vorgeschmack auf die Zeit, wenn es mit seinen Ämtern und Privile- gien vorbei sein wird. Vor dem Saal begrüßt ihn CSU-Gene- ralsekretär Markus Blume, auch er ist Gast beim EVP-Parteitreff. »Wir hatten heute eine schöne Veranstaltung zu ›100 Jahre Freistaat Bayern‹«, sagt er. Seehofer nickt, so ein Staatsakt, das wäre früher sein gro- ßer Auftritt gewesen. Jetzt hat Söder die Festrede im Nationaltheater gehalten. Seehofer muss mit ansehen, wie Söder ihm nach dem Posten des Ministerpräsi- denten das nächste Amt streitig macht: den Parteivorsitz. Wenige Tage vor der Wahl, auf einem gemeinsamen Termin in See- hofers Heimatstadt Ingolstadt, schien noch Einigkeit zu herrschen. Vor dem Einzug in das Stadttheater wartete Seehofer in einem angrenzenden Raum, er war im Gespräch mit Bürgern, als Söder hereinplatzte und erst mal die Besucher verscheuchte. Dann versicherte Söder ihm ungefragt, dass er nach der Wahl nicht das Amt des Parteichefs anstreben werde. »Damit das klar ist«, sagte Söder, »ich habe kein Inte- resse am Parteivorsitz.« Seehofer kennt Söder lange genug, er glaubte ihm kein Wort, aber er wollte ihn kurz vor der Land- tagswahl zum Schwur zwingen. Zwischen beiden kommt es zum Handschlag. Doch nun zeigt Söder unverhohlen In- teresse am Parteivorsitz. Angeblich soll Merkels Ankündigung, sich vom CDU- Vorsitz zurückzuziehen, zu diesem Sinnes- wandel geführt haben. Seit Wochen ant- wortet Söder zustimmend, wenn ihm Par- teifreunde eine SMS mit der Frage schi- cken, ob er für den CSU-Vorsitz kandidie- ren werde. »Wenn ihr das so wollt«, tippt er dann. Diese Antwort kommt binnen we- niger Minuten. Das kränkt Seehofer. Er hadert, er sto- chert in der Vergangenheit, er weiß, dass er Fehler gemacht hat, etwa mit der gro- tesken Idee, den eigentlich geschassten Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maa- ßen zu befördern.

Seehofer will sich wehren, wie kann es sein, dass jetzt alles auf Söder zuläuft, wo er doch laut Umfragen der unbeliebteste Ministerpräsident von ganz Deutschland ist. Söders Argument, er habe nicht genug Zeit gehabt, um als Ministerpräsident bei den Bürgern bekannt zu werden, findet Seehofer lachhaft. War der Mann nicht zu- vor 15 Jahre in Bayern in hohen Ämtern? Vor allem aber, und daran hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert, traut er Söder nicht zu, die CSU aus der Krise zu führen. »Vorsicht, wir fahren jetzt in die 30-Prozent-Zone der CSU ein«, sag- te Seehofer früher gern, wenn er mit sei- nem Dienstwagen die Nürnberger Stadt- grenze überquerte und damit in Söders Stimmkreis kam. Söder, so fürchtet See- hofer, werde die CSU in ein 20-Prozent- Getto führen. Eingezwängt zwischen der AfD und den Freien Wählern auf der einen und den Grünen auf der anderen Seite, drohe unter Söder mit der absoluten Mehrheit auch der Mythos der Einzigartigkeit als letzter Volkspartei Bayerns zu schwinden, warnt Seehofer. Dabei wirkte er selbst im Wahl-

Wie es aussieht, will die CSU Horst Seehofer keine Gnadenfrist mehr gewähren.

kampf wie ein Spiegelbild dieser Zerris- senheit, hin und her getrieben zwischen Söder, der zeitweise darauf drang, Kurs und Sprache in der Flüchtlingspolitik noch weiter zu verschärfen, und einer Kanzle- rin, die partout an keinem Punkt nachge- ben wollte. Auch das hält Seehofer heute für einen Fehler: dass er im Sommer den Konflikt mit Angela Merkel über die Zurückwei- sung bereits registrierter Flüchtlinge an der Grenze nicht auf die Spitze trieb, dass er keine entsprechende Anweisung an die Grenzschützer erteilte. Die Eskalation, so ist sich Seehofer im Nachhinein sicher, hät- te die AfD kleinergehalten. Zudem wirft er sich vor, dass er seine Partei nicht besser auf die neue Zeit vor- bereitet hat, in der die Bindungskraft nicht mehr so stark ist wie einst, weil neue Mi- lieus entstanden sind und viele Menschen wegen der Arbeitsplätze nach Bayern kom- men. Aber soll er deswegen dem Wahl- verlierer Söder weichen? »Noch mal mache ich einen Watschnbaum nicht«, sagte See- hofer unlängst in einer Stammtischsendung des Bayerischen Rundfunks. Das sei schon nach der Bundestagswahl so gewesen. See- hofer hofft, dass er noch einmal Zeit ge- winnen kann. Für ihn ist ohnehin klar, dass er im kommenden Jahr nicht mehr als Par-

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teichef antreten wird. Ab Anfang 2019 müsste sich die Partei also sowieso um ei- nen Nachfolger kümmern. Auffällig häufig lobt er in diesen Tagen Manfred Weber, den frisch gewählten Spitzenkandidaten für die Europawahl: »Das ist unser großer Hoffnungsträger«, sagt Seehofer in Helsin- ki. Doch wie es aussieht, will ihm seine Partei keine Gnadenfirst mehr gewähren. Allerdings könnte Seehofer, so eine Über- legung, Innenminister bleiben. Die CSU hat sich für die kommenden Tage eine fragile Choreografie einfallen lassen, an deren Ende Seehofer am besten wie von selbst vom Parteivorsitz ver-

Deutschland

schwinden soll. Am Sonntag wird sich der Parteichef mit den CSU-Bezirksvorsitzen- den in der Münchner Parteizentrale tref- fen. Vordergründig wird es darum gehen, Kandidaten für die Europawahl 2019 auf- zustellen. In Wahrheit soll das Treffen je- doch einen »Fahrplan zur Zukunft des Par- teivorsitzes« hervorbringen, sagt einer aus dem CSU-Vorstand. Die Bezirksvorsitzen- den hätten die Macht, einen Sonderpartei- tag einzuberufen, dessen alleiniger Zweck es wäre, einen neuen CSU-Chef zu wäh- len. Diese Daumenschrauben würden zum Einsatz kommen, falls Seehofer kein Si- gnal zum Rückzug senden sollte.

Allerdings rechnet niemand damit, dass Seehofer bereits am Sonntag der kleinen Runde seinen Rücktritt in offenen Worten ankündigt. Er werde sich frühestens am Dienstag erklären, heißt es aus Seehofers Umfeld, um »die Vorstellung und Verei- digung des Kabinetts nicht mit anderen Dingen zu belasten«. Am Montag nämlich beruft Markus Söder seine Minister ins Amt. Danach aber wird es Zeit. Andern- falls, so prognostiziert es einer, »greift die Basis zu den Mistgabeln«.

Anna Clauß, Peter Müller

Geheimdienste Wie ein anonymer Hinweisgeber dafür sorgte, dass Verfassungsschutzpräsident Maaßen rausflog

Eklat mit Ansage

Der Whistleblower, der Hans-Georg Maaßen zu Fall brachte, meldete sich mit einem zweiseitigen Schreiben. Er wolle sich nicht an das Innenministerium von Horst Seehofer (CSU) wenden, schrieb der anonyme Mitarbeiter des Verfassungs- schutzes, weil er sich »keine objektive Prüfung« von Maaßens Dienstherrn ver- spreche. Schließlich habe Seehofer den Geheimdienstchef bis zuletzt unterstützt. Also wählte er einen Weg, den das Gesetz ausdrücklich vorsieht: Mitarbeiter dürfen sich, ohne ihren Vorgesetzten zu informieren, an die Geheimdienstkontrol- leure des Bundestags wenden, um »inner- dienstliche Missstände« anzuzeigen. Und so landete das Schreiben beim Grünen- Abgeordneten Konstantin von Notz, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Parla- mentarischen Kontrollgremiums. Der Missstand, um den es ging, war ein Manuskript Maaßens, das im Intranet des Bundesamts für Verfassungsschutz erschienen war. Es war seine Abschieds- rede, die er am 18. Oktober in Warschau vor dem »Berner Club« gehalten hatte, einem streng vertraulichen Zirkel von 30 europäischen Inlandsgeheimdienst- chefs. Einen Großteil seiner Rede widme- te Maaßen den rechtsextremen Ausschrei- tungen in Chemnitz im August, nachdem ein Deutschkubaner dort erstochen worden war, möglicherweise von Flücht- lingen. Maaßen hatte daraufhin in der »Bild« angezweifelt, dass es in Chemnitz »Hetzjagden« gegen Ausländer gegeben hatte, wie Bundeskanzlerin Angela Mer- kel und ihr Regierungssprecher behauptet hatten. Diese Zitate waren Anlass, Maaßen

AXEL SCHMIDT / REUTERS
AXEL SCHMIDT / REUTERS

Ex-Behördenchef Maaßen

»Fake news« im Geheimklub

als Geheimdienstchef abzulösen, zum Trost sollte er »Sonderberater« im Bundes- innenministerium werden. Am vergange- nen Montag aber schickte Horst Seehofer ihn in den einstweiligen Ruhestand. Die Geschichte der Abgänge der Verfas- sungsschutzchefs ist eine Geschichte irrer Volten. Der erste Präsident des Geheim- dienstes, Otto John, tauchte nach vier Jah- ren im Amt plötzlich in Ost-Berlin auf und erklärte seinen Übertritt zur DDR. Maaßens Vorgänger, Heinz Fromm, warf nach Auffliegen der NSU-Terrorgruppe hin, weil hinter seinem Rücken Akten geschreddert wurden. Mit Maaßens Raus- wurf ist diese Geschichte nun um eine wei- tere bemerkenswerte Wendung reicher. Wie seine Wortwahl im »Berner Club« genau war, versuchten die Fachaufseher im Bundesinnenministerium in den ver- gangenen Tagen noch zu ermitteln. Es existieren zwei Redemanuskripte für das Treffen: ein englisches, in dem Maaßen

sich zwar über »German media manipula- tion and Russian disinformation« beklagt und über angebliche »fake news« deut- scher Medien auslässt. Diese hätten »man hunts«, also Hetzjagden, in Chemnitz »vielleicht sogar erfunden«. Die innenpolitisch brisantesten Passa- gen aber finden sich nur in dem deutschen Manuskript. Jenem, das amtsintern ver- öffentlicht worden war. Darin ist die Rede von »linksradikalen Kräften in der SPD«, die schuld an seiner Absetzung seien und auf einen Koalitions- bruch zielten. Am 24. Oktober landete diese Fassung unter der Rubrik »Amtslei- tung informiert« im Intranet des Verfas- sungsschutzes und war somit für Tausen- de Mitarbeiter nachzulesen. Maaßen musste damit rechnen, dass seine Sätze die Runde machen würden. Als Seehofer am 2. November gegen 13 Uhr am Rande eines deutsch-polni- schen Regierungstreffens von dem Rede- manuskript erfuhr, soll er außer sich gewe- sen sein. Er habe für Maaßen die Pfeile auf sich gezogen, sagte er später in kleiner Runde, und nun so etwas! Menschlich sei er schwer enttäuscht. Maaßen versuchte in internen Gesprä- chen zu beschwichtigen. Er habe vor dem »Berner Club« eine entschärfte Rede gehalten. Aber im Innenministerium war schnell klar: Er muss seinen Schlapphut nehmen. Selbst Beamte, die lange mit ihm zusammenarbeiteten, waren wegen der Rede fassungslos. Und vielleicht hat sie sogar noch weitere Folgen: Das Ministeri- um prüft, ein Disziplinarverfahren gegen den Ex-Geheimdienstchef einzuleiten. Der Whistleblower, der den Vorgang an die Öffentlichkeit brachte, hatte jedenfalls eine klare Einschätzung: In seinen Augen, so schrieb er, habe Maaßen mit seinen Sät- zen gegen das politische Mäßigungsgebot für Beamte verstoßen. Der Name des Ver- fassers ist nicht bekannt. Sein Schreiben unterschrieb er oder sie nur mit Initialen.

Martin Knobbe, Wolf Wiedmann-Schmidt

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Deutschland

Ein Schiff wird kommen

Berateraffäre Ursula von der Leyen ist wegen fragwürdiger Verträge mit Consultingfirmen in Bedrängnis geraten. Nun zeigen interne Unterlagen, wie McKinsey bei einem Milliardenprojekt der Marine ohne Ausschreibung an einen lukrativen Auftrag gelangt ist.

A m 10. Juni 2015 besuchte Ursula von der Leyen den Verteidigungs- ausschuss, um die Abgeordneten

über ein Rüstungsprojekt der Su- perlative zu informieren: das Mehrzweck- kampfschiff »MKS 180«. »In der Luft, über und unter Wasser« könne das neue Schiff Ziele bekämpfen, sagte die Vertei- digungsministerin. Und für Spezialkräfte sei natürlich auch noch Platz an Bord. Dann ergriff Staatssekretärin Katrin Su- der das Wort. Das »MKS 180« sei eines der »Topprojekte« des Hauses. In schöns- tem Beraterdeutsch skizzierte sie, wie sie das Projekt steuern wolle: Eine neuartige »Programmorganisation« solle sicherstel- len, dass die neuen Schiffe auch wirklich rechtzeitig auslaufen können. Für genau solche Projekte hatte von der Leyen die Unternehmensberaterin ins Ver- teidigungsministerium (BMVg) geholt. Su- der kam von McKinsey und sollte dafür sorgen, dass die Skandale um überteuertes und verspätetes Kriegsgerät aufhören. Der Einsatz von Consultants spielte bei der »Agenda Rüstung«, wie das Modernisie- rungsprogramm heißt, eine wichtige Rolle. Allein 2016 gab ihr Ministerium 134 Mil- lionen Euro für Berater aus, um den Be- amten im Haus Beine zu machen. Nun zeigen sich die Kehrseiten dieser Politik. Vertrauliche Unterlagen aus dem BMVg offenbaren, wie McKinsey ohne Ausschreibung an einen lukrativen Auftrag beim »MKS 180« gelangen konnte: Die ehemaligen Kollegen Suders heuerten als Unterauftragnehmer einer Rechtsanwalts- kanzlei an. Der Bundestag erfuhr nichts von dem lukrativen Mandat. Und es gibt weitere Fälle. McKinsey stieg auch bei anderen Projekten als Sub- unternehmer ein und konnte damit ohne Ausschreibung des Verteidigungsministe- riums zum Zuge kommen. Insgesamt dürf- te McKinsey seit 2014 rund zehn Millionen Euro mit seinen Verteidigungsmandaten gemacht haben. Für von der Leyen kommen die neuen Vorwürfe zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Seit Wochen wird ihr Ministerium von einer Berateraffäre erschüttert. Ende Sep-

tember hatte SPIEGEL ONLINE erstmals über Unregelmäßigkeiten bei Beraterauf- trägen berichtet. Seitdem kommen ständig neue Details ans Licht.

In der vergangenen Woche wurde ein Rechnungshofbericht bekannt, der das Ausmaß der Missstände offenbarte. Die Prüfer hatten 56 Beraterverträge unter- sucht und in 47 Fällen festgestellt, dass das Ministerium nicht oder nur unzurei- chend begründet hatte, warum es Con- sultingfirmen engagieren wollte. Zudem stellte der Rechnungshof verwundert fest, dass von der Leyens Beamte die al-

lermeisten Aufträge freihändig vergeben hatten. Bislang hat die CDU-Ministerin viel da- für getan, die Affäre zu beenden. In Inter- views räumte sie Fehler ein. In Zukunft soll eine zentrale Vergabestelle sicherstel- len, dass die Unregelmäßigkeiten aufhö- ren. Sie hoffte wohl, dass sich die Vorwürfe damit erledigen ließen. Doch danach sieht es nicht aus.

FABRIZIO BENSCH / REUTERS
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Ministerin von der Leyen, Bundeswehrsoldaten vor Sizilien 2015: Überteuertes Kriegsgerät

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McKinsey ist ein besonders heikles The- ma für von der Leyen. Zwei ihrer Kinder arbeiten bei der Beratungsfirma. Ihre Staatssekretärin Katrin Suder brachte Gundbert Scherf von McKinsey mit, der Rüstungsbeauftragter wurde. Von Beginn an sorgten die Personalien für Getuschel. Fragen nach Interessenkonflikten wurde laut, die das Ministerium stets bestritt. Am Beispiel des »MKS 180« zeigt sich nun, welche Probleme die Beraterverträge mit sich bringen können. Nachdem von der Leyen im Juni 2015 den Kauf der Schiffe verkündet hatte, wurde im zuständigen Wehrbeschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz ein neues Team zusammengestellt. Bis zur Bundestagswahl 2017 sollte der Auftrag an die Werften vergeben werden. Anders als sonst wurde der Auftrag europa- weit ausgeschrieben. Im Verteidigungs- ausschuss hatte von der Leyen diese Ent- scheidung mit den Worten erklärt, dies bringe »einerseits Transparenz und ande- rerseits Bewegung in den Markt«. Bei so einem ambitionierten Projekt durften Consultants nicht fehlen. Hier ent- schied man sich allerdings gegen eine eu- ropaweite Ausschreibung. Den Auftrag für die juristische Beratung vergab das Wehr- beschaffungsamt am 7. September freihän- dig an die Rechtsanwaltskanzlei Beiten Burkhardt. Als der Zuschlag bereits erteilt war, engagierten die Juristen noch McKin- sey als Subunternehmer. Beiten Burkhardt verfügt über rund 300 Anwälte weltweit. Wofür brauchte es da McKinsey? Das Ministerium erklärt es heute so:

Am 8. September hätten sich die Projekt- leitung und Beiten Burkhardt zu ihrer ers- ten Sitzung getroffen. Dabei sei bespro- chen worden, dass der Auftrag auch be- triebswirtschaftliche Teile umfasse. Nur:

Wer sollte diesen Job übernehmen? In diesem Zusammenhang hätten die Beamten erwähnt, dass man »beispielswei- se in einem früheren Projekt mit ähnli- chem Fachbezug mit der Firma McKinsey gute Erfahrungen gemacht hätte«, erklärt ein Sprecher. Als einen Wink mit dem Zaunpfahl will das Ministerium diese Aus- sage aber nicht verstanden wissen. Es sei Beiten Burkhardt immer noch »freige- stellt« gewesen, welchen Unterauftragneh- mer sie auswählen. Wie dem auch sei, McKinsey bekam wenige Tage später den Auftrag, ohne zeit- raubende Ausschreibung. Auf Nachfrage erklärt das BMVg, der Vorgang sei damals zweimal im Wehrbeschaffungsamt geprüft worden. Alles sei »rechtskonform« gelau- fen. Aber: »Um jeden Zweifel auszuräu- men, wird das BMVg auch diesen Vorgang im Rahmen der aktuell laufenden Prüfung durch die Fachaufsicht auf Ministeriums- ebene erneut mit überprüfen.« Hans-Peter Schwintowski ist Jurist an der Berliner Humboldt-Universität und

DER SPIEGEL

Nr. 46 / 10. 11. 2018

2014 holt Ursula von der Leyen Mitarbeiter der Ursula von der Leyen Mitarbeiter der

Beratungsfirma McKinsey ins Verteidigungsministerium.

Vorteilhaft beraten

Katrin Suder

Katrin Suder

Staatssekretärin

Gundbert Scherf

Gundbert Scherf
Katrin Suder Staatssekretärin Gundbert Scherf Im Vergabeverfahren für das Mehr- zweckkampfschiff »MKS

Im Vergabeverfahren für das Mehr-

Gundbert Scherf Im Vergabeverfahren für das Mehr- zweckkampfschiff »MKS 180« erhält die Kanzlei Beiten

zweckkampfschiff »MKS 180« erhält die Kanzlei Beiten Burkhardt freihändig den Beraterzuschlag. Sie vergibt dann ohne Ausschreibung einen Unterauftrag an McKinsey.

Rüstungsbeauftragter

einen Unterauftrag an McKinsey. Rüstungsbeauftragter Bei Rüstungsprojekten oder Um- »MKS 180«-Entwurfsstudie

Bei Rüstungsprojekten oder Um-

»MKS 180«-Entwurfsstudie MTG
»MKS 180«-Entwurfsstudie
MTG

strukturierungen in der Bundeswehr werden nun in großem Umfang externe Berater

angeheuert.

Experte für Vergaberecht. Er hält die Pra- xis des Ressorts für rechtswidrig. Die Ver- antwortlichen hätten nicht zustimmen dür- fen, als Beiten Burkhardt nach dem Zu- schlag noch McKinsey anheuerte, sagt der Professor: »Die Leistungen von McKinsey hätte das Amt ausschreiben müssen.« Ab September 2015 waren die Berater von McKinsey jedenfalls Teil des »MKS 180«-Teams. Sie bezogen Büros in Ko- blenz und berieten das Amt bei der Aus- schreibung für die Kampfschiffe. Der Öf- fentlichkeit blieb dieses Mandat verborgen. Im Februar fragte der AfD-Abgeordnete Uwe Schulz im Parlament nach Aufträgen für McKinsey. In der Antwort fand sich kein Hinweis auf den Unterauftrag beim »MKS 180«. Ein Ministeriumssprecher sagt dazu heute: »Unteraufträge der direk- ten Vertragspartner werden statistisch nicht erfasst.« Komisch nur, dass in der Antwort ein anderer Unterauftrag von McKinsey durchaus erwähnt wurde. Hatte das Ministerium etwas zu verschweigen? Als Suder im August 2014 im Wehr- ressort anfing, wurde sie immer wieder auf McKinsey angesprochen. Mehr als zehn Jahre hatte sie dort gearbeitet. Die »Meckis« sind in vielen Ministerien am Start, wenn es darum geht, den Ministerial- betrieb in Schwung zu bringen. Von der Leyen und Suder lernten sich bei genau einem solchen Projekt kennen, das die CDU-Politikerin als Arbeitsminis- terin bei McKinsey in Auftrag gegeben hat- te. Kaum war von der Leyen Ende 2013 im Wehrressort angekommen, rief sie ihre alte Bekannte an. Einige Monate später war Suder als Staatssekretärin vereidigt. Nun stand sie auf der anderen Seite des Beratungsgeschäfts – als Auftraggeberin für millionenschwere Projekte. Wer Suder oder ihren Rüstungsbeauf- tragten Scherf auf mögliche Interessenkon- flikte ansprach, dem wurden schnell alle Zweifel ausgeredet. In solchen Gesprächen war viel von einer »Chinese Wall« die Rede, einer schier unüberwindbaren Mau- er, die Suder und Scherf zwischen sich und

die Auftragsvergabe an Unternehmens- beratungen gezogen hätten. Wir sind doch nicht verrückt, hieß es gern, Aufträge an unseren alten Arbeitgeber McKinsey, das würde doch jeder sofort mitbekommen. Auch heute bestreiten Suder und das BMVg, dass sie Einfluss auf die Vergabe genommen habe. Doch zumindest im An- schluss bröckelte die chinesische Mauer zwischen Suder und McKinsey. Der Kauf der neuen Mehrzweckkampf- schiffe gehörte zu Suders Prestigeprojek- ten im BMVg. Mehrfach berichtete sie im Verteidigungsausschuss über den Fortgang des Milliardenprojekts. Sogar über die Be- teiligung der externen Berater gab sie hin- ter verschlossenen Türen Auskunft. Im Dezember 2015 sagte die Staats- sekretärin, sie sei »sehr froh, dass man Ex- terne dabei habe und die Zusammenarbeit im Amt gut erfolge«. Sie selbst habe das »MKS«-Team »regelmäßig zusammen mit den Externen bei sich«, sodass alle zusam- menarbeiten würden, was aus ihrer Sicht »sehr gut laufe«. Das Ministerium bestätigt heute: Mitarbeiter von McKinsey hätten »einige wenige Male an Tischgesprächen der Projektleitung mit der damaligen Staatssekretärin Dr. Suder teilgenommen, soweit sich das noch feststellen lässt«. Im Koblenzer Bundesamt wurde der Einsatz von McKinsey kritisch beäugt. Die zuständigen Beamten ärgerten sich, dass offene Stellen nicht besetzt wurden und stattdessen viel Geld an die Berater floss. Diese seien zudem häufig noch Berufsan- fänger gewesen, heißt es. Der Projektleiter in Koblenz habe sich oft nicht getraut, auf seine erfahrenen Leute zu hören. Der Grund sei jedem klar gewesen: Der Mann habe gewusst, dass Katrin Suder von McKinsey gekommen sei. Die Zweifel wuchsen noch, als das Amt einen neuen, millionenschweren Berater- vertrag ausschrieb, der perfekt zu McKin- sey zu passen schien. Auf manche wirkte es wie ein abgekartetes Spiel. Ab Mai 2016 wandte sich nach SPIEGEL- Informationen ein Beamter an den Kor-

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ruptionsbeauftragten der Behörde. Er habe den Eindruck, dass McKinsey an dem neuen, für sie bestimmten Vertrag mitformulieren würde. Er wolle mal nach- fragen, ob das rechtlich in Ordnung gehe. Doch der Korruptionsbeauftragte sah keine Probleme. Das Ministerium sagt heute: »Der Korruptionsbeauftragte hat im Rahmen seiner Zuständigkeit die Hin- weise intensiv geprüft und konnte keinen Korruptionsverdacht feststellen.« Das BMVg und McKinsey bestreiten, dass die Berater an dem Vertrag mitgeschrieben haben. Im Juli 2016 schloss das Wehrbeschaf- fungsamt mit McKinsey den neuen Ver- trag. Bis heute sind mehr als 6,6 Millionen Euro an Honoraren für das Projekt »MKS 180« geflossen. Wie viel McKinsey als Sub- unternehmer bekommen hatte, will das Ministerium nicht sagen. Insider sagen, es sei um Millionen gegangen. Im Wehrbeschaffungsamt gab es schon früh Diskussionen über die Abrechnungs- praxis. Beamte in Koblenz erzählten sich, dass McKinsey mitunter so viele Stunden abrechnete, dass ihre Berater an jedem Werktag des Monats ohne Pausen 13 Stun- den gearbeitet haben müssten. Das kam ihnen dann doch etwas viel vor. Wieder erreichten den Korruptions- beauftragten Hinweise. Doch auch hier konnte er keine Probleme finden. McKin- sey sagt, man habe in der Kürze »keine Abrechnung gefunden, in der für einen Mitarbeiter 13 Stunden an einem Tag ab- gerechnet wurden«. Das BMVg betont, man habe die Firma ja nicht vom Wettbewerb ausschließen können. Insgesamt habe McKinsey in den vergangenen Jahren viel weniger Auf- träge vom BMVg bekommen, als es die Marktstellung erwarten ließe. Die Art und Weise der Vergaben macht dennoch hell- hörig. Und der Unterauftrag beim »MKS 180« war auch nicht der einzige Fall dieser Art. Im Jahr 2015 suchte das Ministerium einen Berater für die maroden Beteiligungs- gesellschaften der Bundeswehr. Schon seit Jahren galten der Fuhrpark, die Beklei- dungsgesellschaft und die Panzerwerkstät- ten als reformbedürftig, folglich wollte die Ministerin hier gern schnell aufräumen. Direkt wurde der Auftrag, immerhin rund anderthalb Millionen Euro schwer, nicht an McKinsey vergeben. Vielmehr wählten die Verantwortlichen einen Kniff, der verdächtig an das Vorgehen beim »MKS 180« erinnert. Das Ministerium be- auftragte zunächst eine andere Beratungs- firma, die heute unter dem Namen »Part- nerschaft Deutschland« (PD) firmiert. Die- se holte McKinsey ins Projekt. Aus Sicht des Ministeriums war das korrekt, die Ver- gabe sei »in alleiniger Verantwortung der PD durchgeführt« worden.

Deutschland

Ähnlich lief es bei der Reform des Wehr- beschaffungsamts ab, für die Ministerin schon lange ein ärgerliches Nadelöhr bei Rüstungsprojekten. Um in Koblenz aufzu- räumen, wurde eine Taskforce ersonnen, die Vorschläge für die Zukunft der Stand- orte machen sollte. Im Koalitionsvertrag legten Union und SPD fest, dass bis Ende 2019 Ergebnisse vorliegen sollten. Da für eine Ausschreibung wohl keine Zeit war, wurde wieder »Partnerschaft Deutschland« beauftragt. Das Unterneh- men befindet sich in öffentlicher Hand, weshalb auf Ausschreibungen verzichtet

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wird. Bei PD wiederum, so jedenfalls die offizielle Lesart, hielt man innerhalb von wenigen Wochen »einen vergaberechts- konformen Mini-Wettbewerb« ab und er- mittelte »den qualitativ besten Bewerber«. Wieder einmal kam McKinsey zum Zug. Von August bis September sollte McKin- sey eine Million Euro für die Beratung kas- sieren. Insider sagen, es sei von vornherein klar gewesen, dass McKinsey das Budget gewinnen solle. Auf Nachfrage gab das Ministerium am Donners