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owakei € 6,60 Spanien € 6,50 Tschechien Kc 185,- Printed in


Dänemark dkr 53,– Frankreich € 6,50 Italien € 6,50 Österreich € 5,80 Portugal (cont) € 6,50 Slowenien € 6,30 Spanien/Kanaren € 6,70 Ungarn Ft 2350,- Germany

Rentenreform
Der

die Jungen zahlen


Anti-

Die Alten profitieren,


Was Friedrich Merz
Merkel
mit Deutschland vorhat

Intervallfasten

um abzunehmen
Wann man essen sollte,
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Das Geschäft mit


Neue Enthüllungen

Talenten aus Afrika


Nr. 46 / 10.11.2018
Deutschland € 5,10
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Allstadtber
Jetzt auf Audi Neu- und junge Gebrauchtwagen¹ mit bis
zu 10.000 Euro Umweltprämie² deutschlandweit oder
mit bis zu 9.000 Euro Wechselprämie in den definierten
Schwerpunktregionen³ umsteigen.

¹Junge Gebrauchte sind ehemalige Audi Mietfahrzeuge (AMF) oder Audi Werksdienstwagen (WDW) der AUDI AG mit einem Fahr-
zeugalter von max. 18 Monaten nach Erstzulassung, die über das Audi Handelsnetz vertrieben werden. Detaillierte Hinweise
finden Sie unter www.audi.de/jungegebrauchte.
²Die Audi Umweltprämie gilt ab dem 18.10.2018 für private und gewerbliche Einzelkunden beim Erwerb (Kauf/Leasing/Finanzie-
rung) eines Audi Neufahrzeugs (außer RS- und R-Modelle) oder eines jungen Gebrauchtwagens und bei gleichzeitiger Verwertung
eines auf Sie zugelassenen Diesel-Altfahrzeugs mit Abgasnorm Euro 1 bis Euro 4 durch einen anerkannten Verwerter (Betriebe
gemäß www.altfahrzeugstelle.de). Das Diesel-Altfahrzeug muss bei Abschluss des Kaufvertrages in den letzten 6 Monaten auf
Ihren Namen zugelassen gewesen sein und die Zulassung muss vor oder im September 2018 erfolgt sein. Der Nachweis der
Verwertung durch Sie oder den Audi Partner erfolgt über den Verwertungsnachweis gem. § 15 FZV. Die Verwertung des Diesel-
Altfahrzeugs muss spätestens einen Monat nach Zulassung des Neufahrzeugs oder des jungen Gebrauchtwagens erfolgen und
nachgewiesen werden. Die konkrete Höhe der Audi Umweltprämie ist abhängig von dem erworbenen Modell.
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eit.

³Die Audi Wechselprämie gilt ab dem 18.10.2018 für private und gewerbliche Einzelkunden mit Melde- oder Firmenadresse in ei-
ner der von der Bundesregierung Anfang Oktober 2018 definierten Schwerpunktregionen sowie in deren angrenzenden Landkrei-
sen bei Inzahlungnahme eines Diesel-Altfahrzeugs mit der Abgasnorm Euro 4 oder Euro 5, das vor oder im September 2018 auf
die Berechtigte/den Berechtigten zugelassen wurde, und gleichzeitigem Erwerb (Kauf/Leasing/Finanzierung) eines Audi Neufahr-
zeugs (außer RS- und R-Modelle) oder eines jungen Gebrauchtwagens mit mindestens Abgasnorm Euro 6. Die konkrete Höhe der
Audi Wechselprämie ist abhängig vom erworbenen Modell. Weitergehende Informationen zum Kreis der zur Inanspruchnahme
der Audi Wechselprämie Berechtigten und zu den Aktionsbedingungen erhalten Sie unter audi.de/umwelt-wechselpraemie oder
bei Ihrem Audi Händler.
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Volle
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Transparenz?
Hausmitteilung
Betr.: Rente, Freispruch, Corbyn, »DEIN SPIEGEL« Durch digitale Zusammenarbeit

mit meinem Steuerberater.


Donnerstag, halb elf in Berlin. Im Regierungsviertel
hat der Bundestag das neue Rentenpaket beschlossen,
und die Große Koalition feiert sich selbst. Sie habe
DIETER MAYR / DER SPIEGEL

»Sicherheit« für alle Generationen geschaffen, behaup-


tet SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles. Nur fünf
Kilometer entfernt, im Hof einer Kirchengemeinde,
stehen zur selben Zeit Dutzende Senioren Schlange,
um Brot vom Vortag und Gemüse mit kleinen Macken
abzuholen. »Das neue Gesetz wird das Leben der
Schmergal mit Rentner meisten wirklich bedürftigen Senioren nicht verbes-
sern«, sagt Redakteurin Cornelia Schmergal. Gemein-
sam mit SPIEGEL-Mitarbeiter Christoph Koopmann hat sie die aktuelle Rentenreform
einem Realitätstest unterzogen. Das Ergebnis: An der Lage der Jungen geht die Dis-
kussion vorbei – profitieren wird vor allem die große Gruppe der heutigen Rentner,
die ohnehin schon auskömmlich abgesichert ist. Seite 32

Es war ein Kriminalfall, der wochenlang die Öf-


fentlichkeit beschäftigte. Der Hamburger Gastwirt
Alfredo Saraiva tötete seinen Schutzgelderpresser

MILOS DJURIC / DER SPIEGEL


und betonierte ihn in der Abstellkammer seines
Restaurants ein. Saraiva wurde freigesprochen
und verließ die Stadt, weil er bis heute die Rache
der Verwandten fürchtet. Die Redakteure Özlem
Gezer und Timofey Neshitov trafen Saraiva an
seinem Zufluchtsort in der Lüneburger Heide,
sprachen mit Angehörigen und Freunden des Neshitov, Gezer mit Saraiva
Getöteten und gingen der Frage nach, was dieser
Freispruch für beide Seiten bedeutet. Was sie bei der Recherche erstaunte, war, dass
keiner ihrer Gesprächspartner noch Vertrauen in den Rechtsstaat hat. Die Familie
des Opfers spricht von einem kaltblütigen Mord. Saraiva selbst glaubt nicht, dass die
Polizei ihn wirklich schützen kann. »Der Freispruch des Richters interessiert da drau-
ßen niemanden«, sagte er den Redakteuren. Seite 56

Wenn gut situierte Briten derzeit vor etwas Angst haben, dann vor dem Brexit – und
vor Jeremy Corbyn. Die konservative Regierung, die Wirtschaft, die Medien sprechen
von dem Labour-Chef, als wolle er das Königreich in die sozialistische Steinzeit zu-
rückführen. Junge Leute dagegen haben schon lange nicht mehr so viel Hoffnung in
einen einzigen Politiker gesetzt, anders als in großen Teilen Europas scheint die Linke
in Großbritannien gerade wieder en vogue. Corbyn befindet sich daher auch im Dauer-
wahlkampf, er will schnellstmöglich in 10 Downing Street einziehen. Als ihn Redak-
teur Jörg Schindler auf einer Reise begleitete, spurtete der 69-Jährige derart schnell
Mit den digitalen DATEV-Lösungen haben Sie jederzeit
los, um den Zug zurück nach London zu erwischen, dass sein Team kaum hinterher-
den Überblick über Ihre aktuellen Geschäftszahlen.
kam. »Niemand sollte darauf setzen, dass Corbyn bald die Puste ausgeht«, so Schindler.
Sein Interview mit Corbyn lesen Sie auf Seite 96. Und sind direkt mit Ihrem Steuerberater verbunden. So
können Sie anstehende Investitionen sicher entschei-
den. Informieren Sie sich im Internet oder bei
Ihrem Steuerberater.
In vielen Familien wird darüber gestritten, wann die Kinder ins
Bett müssen. Dabei geschehen im Schlaf so viele spannende Dinge:
»DEIN SPIEGEL«, das Nachrichten-Magazin für Kinder, erklärt in
Digital-schafft-Perspektive.de
seiner Titelgeschichte, was nachts im Körper passiert, wieso das
Gehirn immer wieder Zeit zum Träumen braucht und warum
sogar Albträume hilfreich sein können. Außerdem im Heft: Bastel-
ideen für die Weihnachtszeit; und ein Junge mit Autismus erklärt
seinen Mitschülern, warum er sich manchmal anders verhält als
sie. Die neue Ausgabe von »DEIN SPIEGEL« erscheint am Dienstag.

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 5


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Inhalt
72. Jahrgang | Heft 46 | 10. November 2018

Titel Essay Grünenpolitiker


Omid Nouripour über seine
CDU Friedrich Merz stellt sich Kindheit als Kriegsflüchtling
als Gegenmodell zu Kanzlerin in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . 42
Angela Merkel auf . . . . . . . . . . 16
Flüchtlinge Der neue Bamf-
Karrieren Warum man Chef Hans-Eckhard Sommer
Annegret Kramp-Karrenbauer erklärt im SPIEGEL-
im Kampf um den CDU- Gespräch, wie er seine
Vorsitz nicht unterschätzen Problembehörde in
sollte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 den Griff bekommen will . . . 44

Justiz Werden Nierenspender


Deutschland ausreichend über die
Risiken einer Transplantation
Leitartikel 100 Jahre informiert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
nach der Einführung des
Frauenwahlrechts ist Zeitgeschichte Der jüdische
die Frauenfrage in der Politik Autor Horst Selbiger

JIM BOURG / REUTERS


noch immer aktuell . . . . . . . . . . 8 erzählt, wie er vor 80 Jahren
die Reichspogromnacht
Meinung Der schwarze Kanal / erlebte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
So gesehen: Mit Merz
könnte es Deutschland schon
lange besser gehen . . . . . . . . . . 10 Gesellschaft

Behörden dürfen Bürger Wie gewinnt man gegen Trump? Früher war alles schlechter:
im Netz ausspähen / Der Teilsieg der Demokraten wird dem tief gespaltenen Zeitschriften / Wie schmeckt
AfD-Politikerin Storch Land keine Ruhe bringen. Eine kampfeslustige Hirn aus Dosen? . . . . . . . . . . . . 52
beschäftigt die Justiz /
Mehrheit im Repräsentantenhaus steht nun einem
Bauernpräsident über Eine Meldung und ihre
Wolfsrisse bei Rindern . . . . . . 12 geschwächten Donald Trump gegenüber, Geschichte Warum ein
der seinerseits wild um sich schlägt. Der Präsident- Friseur ein Bild sucht, das er
CSU Horst Seehofer will schaftswahlkampf 2020 hat begonnen. Seite 82 mal besaß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
nicht wahrhaben,
dass seine Zeit als Parteichef Verbrechen Ein Gastwirt
zu Ende ist . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 tötet seinen Schutzgelderpresser
und wird freigesprochen –
Ein anonymer Hinweisgeber wie lebt er weiter nach der
brachte Verfassungschef Tat? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Hans-Georg Maaßen
zu Fall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Kolumne Leitkultur . . . . . . . . . 62

Berateraffäre Die Consulting-


firma McKinsey gelangte im Wirtschaft
Verteidigungsministerium
ohne Ausschreibung an einen Steuerplus dank Shisha-
lukrativen Auftrag . . . . . . . . . . 28 Boom / Frauen sind
zunehmend karrieremüde /
Soziales Das Rentenpaket Samstagsfrage: Wann
der Regierung wird die Klüger als der Mensch kommt der Abschwung? . . . . 64
Probleme der Altersvorsorge
nicht lösen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Maschinen erkennen Krankheiten, steuern Autos, Zukunft Künstliche Intelligenz
optimieren Schichtpläne: vielfach schneller ist die Schlüsseltechno-
Kommunen Im Rathaus von logie von morgen – in
Hannover sollen Mitarbeiter
und besser als der Mensch. Künstliche Intelligenz Deutschland hat man ihre
jahrelang fragwürdige nimmt ihm immer mehr Entscheidungen ab. Entwicklung zu lange
Zulagen kassiert haben . . . . . 40 Wie schlau können die Computer werden? Seite 66 ignoriert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66

6 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Finanzen Immer mehr Menschen Wissenschaft


sparen extrem, damit
sie möglichst früh aufhören Der richtige Umgang mit
können zu arbeiten . . . . . . . . . 72 Antibiotika / Mütter
bevorzugen ihre Töchter, Väter
Weltwirtschaft Wall-Street- ihre Söhne / Kommentar:
Banker Kenneth Jacobs über Sollen Lügendetektoren bei
die Vorzüge der deutschen Einreisekontrollen
Mitbestimmung . . . . . . . . . . . . . 75 zum Einsatz kommen? . . . . 112

Handel Das private Geschäft Gesundheit Essen nach


mit Medikamenten im Internet der Uhr – so gelingt das
ist strafbar – was aber viele Abnehmen wirklich . . . . . . . 114
Verkäufer nicht davon abhält 78

SIGRID REINICHS / DER SPIEGEL


Luftfahrt Wie der Bord-
computer die Lion-Air-
Ausland Maschine von Flug JT 610
zum Absturz brachte . . . . . . 118
Tod durch Italiens
Bauschlampereien / Wie Rekorde Ausstellung zu
Ägyptens Autokrat Sisi technischen Hilfsmitteln und
sein Land plündert . . . . . . . . . . 80 ihren Tücken im Sport . . . . 120
Die Rentenlügen
USA Nach den Midterm-Wahlen Astronomie Vorstoß in
bereiten sich die Demokraten Bei ihren Reformen zur Alterssicherung folgt die die ultraheiße Sonnen-
auf einen neuen Kampf gegen Große Koalition irrigen Annahmen: von der atmosphäre . . . . . . . . . . . . . . . . 122
den Präsidenten vor . . . . . . . . 82
Massenverelendung einer ganzen Seniorengene-
Weißes Haus Liveduell ration bis zur segensreichen Wirkung eines Kultur
mit Trump .................. 88 höheren Rentenniveaus. Was hilft wirklich? Seite 32
Afrikanische Kunst in
Essay Der vergessene Krieg Berlin / Roboter bauen jetzt
in der Ostukraine ........... 90 Häuser / Kolumne:
Besser weiß ich es nicht . . . . 124
Ideologien In der Provinz McKinsey und die Ministerin
Xinjiang hält China eine Ikonografie »Ich bin verführt« –
Million Muslime in Lagern Ursula von der Leyen schätzt Consultants. Ihre Martin Walser über Angela
fest – ehemalige Gefangene Ex-Staatssekretärin kam von McKinsey, Merkel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
berichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
zwei ihrer Kinder arbeiten für die Beratungsfirma. Kino »Loro« von Paolo
Großbritannien Labour-Chef Nun zeigen interne Unterlagen, wie McKinsey im Sorrentino ist ein Epos über
Jeremy Corbyn im SPIEGEL- Verteidigungsressort an lukrative Aufträge kam. Seite 28 Silvio Berlusconi . . . . . . . . . . 130
Gespräch über Politik im
hohen Alter und den Zustand Pop Im Kampf gegen rechts
der europäischen Sozial- ANZEIGE findet Konstantin Wecker
demokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 zurück in die Gegenwart . . . 132

Wie können wir 50 % weniger Geschichte Der britische


Sport Lebensmittel verschwenden? Historiker Christopher Clark
denkt in seinem neuen
Warum der HSV mehr TV- Buch über »Zeit und Macht«
Zuschauer als die Bayern nach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
hatte / Magische Momente:
Orientierungslauf-Weltmeister Literaturkritik Sebastian Barrys
Olav Lundanes über seinen »Tage ohne Ende« erzählt von
Kampf mit den Zecken . . . . . . 99 Bis 2030 weltweit rund 50 Prozent weniger Nahrung zwei schwulen Soldaten 138
wegwerfen – so lautet das Ziel der Vereinten Nationen
Transfers Mächtig, teuer, (UN)! Sie wollen Produzenten und Verbraucher informie-
skrupellos – die umstrittenen ren, wie viele Lebensmittel täglich im Müll landen, damit
Millionendeals des Spieler- alle genau kalkulieren, was wirklich gebraucht wird.
beraters Pinhas Zahavi . . . . 100 Auch wir engagieren uns: Wer bei uns Geld anlegt, unter- Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
stützt uns dabei, weltweit Projekte gegen Lebensmittel- Impressum, Leserservice . . . 140
Talente Wie europäische verschwendung zu finanzieren. Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
Klubs mit afrikanischen Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 142
Jungfußballern ihren Profit www.rabodirect.de Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
maximieren . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 146

Titelfoto: Michael Sohn / AP [M] 7


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Das deutsche Nachrichten-Magazin

100 Jahre Fortschritt


Leitartikel In den USA gewinnen die Frauen, in Deutschland könnte ein Mann die Zeit zurückdrehen.

I t’s the women, stupid. Es waren die Frauen. Sie haben


die Zwischenwahlen in den USA entschieden, zumin-
dest die Wahl zum Repräsentantenhaus. Die Republika-
ner haben dort die Mehrheit vor allem deshalb verloren,
dass es Fortschritte gibt, waren sehr viele bereit, die unvoll-
endete Gleichberechtigung zu tolerieren, sich noch etwas
zu gedulden. Die Altersarmut von Frauen, der »Gender
Pay Gap«, Horst Seehofers Männerministerium – »Rest-
weil Frauen gegen US-Präsident Donald Trump mobil- probleme« nannte man das im Sozialismus. Sie würden mit
machten. So wie Trump vor zwei Jahren die frustrierten der Zeit vergehen.
weißen Männer für sich mobilisierte, brachten jetzt die De- Doch Trump hat gezeigt, dass Fortschritt nicht selbst-
mokraten die Frauen an die Wahlurnen. Fast 60 Prozent verständlich ist und alles wieder in die andere, die falsche
der Frauen stimmten demokratisch, deutlich mehr als vor Richtung gehen kann. Er wurde gewählt aus Sehnsucht
zwei Jahren. Mindestens hundert Abgeordnete, so viele nach der alten Zeit, weil die Welt so globalisiert, so digitali-
wie nie zuvor, sind Frauen. siert, die Gesellschaft so vielfältig ist und die Frauen so
Das ist eine wirklich gute Nachricht. Denn diese US- emanzipiert sind, er ist die personifizierte Reaktion, der
Wahl war viel mehr als der übliche Zwischenstand, die personifizierte Rückschlag. Trump zeigt, wie wenig das
erwartbare Gegenbewegung Männerfrauenthema gelöst ist,
zwei Jahre nach einer amerika- nicht mal in den westlichen
nischen Präsidentschaftswahl. Gesellschaften. Auch in der
Sie war ein Akt des Wider- Politik schwingt es offen oder
stands. Die Demokraten sind untergründig immer mit. Es ist
dabei, ihre Schockstarre, ihre auch der schwierige Subtext
Lähmung zu überwinden. Und beim Kampf um die Nachfolge
ihre Wiederbelebung kommt von Angela Merkel, zwischen
über die Frauen. Ihr Wider- Annegret Kramp-Karrenbauer
stand ist auch ein weiblicher und Friedrich Merz, der Frage,
Aufstand. ob auf eine Frau an der Macht
In Deutschland dürfen Frau- eine Frau folgen kann oder
en seit 100 – in Worten: ein- doch ein Mann folgen muss.
hundert – Jahren wählen, in Natürlich ist Friedrich Merz
den USA fast ebenso lange. weder Frauenfeind noch Popu-
Das ist wenig und viel zugleich: list, aber auch er bedient die
DINA LITOVSKY / REDUX / LAIF

wenig, denn wie lange machen Sehnsucht nach einer alten,


Männer schon Politik? Und von Männerseilschaften
viel, denn wie weit sind Frauen geprägten Zeit. Merz kommt
auch ein Jahrhundert später aus jener Andenpakt-CDU, in
noch immer von echter Gleich- der Männer die Macht unter
berechtigung entfernt! Was sich aufteilten und Frauen im
1918 wie ein Sieg, wie der End- besten Fall Familienministerin
punkt eines langen Kampfes wurden. Und er verkörpert die
erschien, hat sich ein Jahrhun- Frustration einer Generation
dert später als ein Anfang erwiesen. Frauen und Macht – von Männern in der Union, die ihn unterstützt hatte und
das ist immer noch nicht selbstverständlich. Im Gegenteil: dann von einer Frau ausgebootet wurde. Er ist der Mann,
In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass nichts der es nicht ertragen konnte, unter einer Frau Politik zu
sicher ist. Von den USA über Russland und Ungarn bis machen. Merkel wiederum glaubte, diese Männer und ihre
nach Brasilien sind Männer an der Macht, die ein autoritä- Seilschaften besiegt zu haben. Sie hat sich geirrt. Ihre Riva-
res Machtverständnis mit kruden Ideen von Männlichkeit len kehren zurück und beschleunigen ihren Abgang.
verbinden, mit Macho-Attitüden, Männer, die stolz darauf Um Merkels Nachfolge bewirbt sich in der Union kein
sind, Frauen zu verachten. Mann mit Chancen, der ihren Kurs fortsetzen würde, ein
Es reicht, es ist genug. Das ist die Botschaft der amerika- moderner Mann ist nicht in Sicht. So fällt die Entscheidung
nischen Frauenwahl. Niemals zuvor haben so viele Frauen zwischen ihren Gegnern und Annegret Kramp-Karrenbau-
so offensiv Wahlkampf gemacht. Im »Marsch der Frauen« er. Das ist das deutsche Paradox: Ausgerechnet Friedrich
waren sie schon lange zuvor gegen Trump auf die Straße Merz, der Mann von gestern, wird zum Inbegriff des Wan-
gegangen, und auch #MeToo hätte es vielleicht ohne dels in der Union. Kramp-Karrenbauer, die Frau, steht
Trump nicht gegeben. Solange Frauen das Gefühl hatten, dagegen für Kontinuität. Vielleicht könnte man das doch
dass es mehr oder weniger in die richtige Richtung geht, als Fortschritt ansehen. Christiane Hoffmann

8 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Meinung So gesehen

Mit Merz
Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal
Deutschland könnte schon
längst viel besser dastehen.
Ein Fall für den Psychologen G Man ahnte es längst, doch jetzt
gibt es den Beleg: Friedrich Merz
Die AfD will anständig wer- enorm gereizt, wenn diese ihnen die wusste längst alles. Er war schon
den. Es gibt jetzt eine Lis- Wertschätzung versagt. Man kann das immer ein Visionär. Die »Bild«-
te mit Wörtern, die man exemplarisch an der Befassung mit Zeitung hat herausgefunden, dass
als AfD-Mitglied nicht den sogenannten Mainstream-Medien der CDU-Aufsteiger bereits im Jahr
mehr verwenden soll. sehen. In den AfD-Foren ist ständig die 2000 in einer Berliner Einkaufs-
»Umvolkung« gehört dazu, Rede davon, wie irrelevant die Presse passage über Probleme bei der Inte-
aber auch »Überfremdung« und insbesondere der öffentlich-recht- gration von Ausländern geredet hat.
und »Umerziehung«. Die Parteifüh- liche Rundfunk geworden seien. Ande- Sie lässt diese Rede von versierten
rung folgt damit der Empfehlung eines rerseits kenne ich keine Partei, in der Wissenschaftlern analysieren und
Juristen, wie man verhindern kann, so hingebungsvoll die Zahl der Talk- stellt die so naheliegende wie sinn-
dass der Verfassungsschutz tätig wird. showauftritte gezählt wird. Wehe, sie volle Frage: »Hätte es mit Merz die
Ich habe Zweifel, ob sich die Mitglie- kommen einmal nicht vor! Dann heißt AfD nie gegeben?«
der an die Sprachregelung halten wer- es gleich, sie würden boykottiert. Klare Antwort von hier: Selbstver-
den. Ein Grund, bei der AfD zu sein, Auch rechts darf man AfD-Anhänger ständlich nicht. Denn »mit Merz«
ist ja gerade, Dinge zu sagen, die man nicht nennen. Der Parteivorsitzende
woanders nicht sagen darf. Wenn ich Jörg Meuthen möchte, dass man ihn
so reden muss wie bei der CDU, kann als konservativ bezeichnet. Ein Konser-
ich gleich bei der CDU bleiben. »Ich vativer, der vom Umsturz träumt,
möchte nicht, dass wir in dieser soge- scheint mir ein Widerspruch in sich zu
nannten Gesellschaft ankommen. Das sein – aber sei’s drum.
ist nicht unsere Gesellschaft«, rief die Wenn man will, kann man den
schleswig-holsteinische Vorsitzende Anlehnungswunsch als tröstliche Nach-
Doris von Sayn-Wittgenstein auf einem richt sehen. So wild sie sich bei der
Parteitag unter tosendem Applaus den AfD gebärden, so sehr wollen sie
Delegierten zu. So spricht niemand, geliebt werden. Das ist wie bei Kin-
der an bürgerlichen Umgangsformen dern in der Trotzphase. Vielleicht soll- würden wir heute und schon seit Jah-
interessiert ist. So sprechen Leute, die ten sie beim Verfassungsschutz nicht ren in einem ganz anderen Land
sich als revolutionäre Kraft verstehen. Extremismusexperten zurate ziehen, leben. Es wäre ein besseres, schöne-
Das Eigenartige bei den AfD-Revolu- sondern Psychologen. Der Psychologe res Land.
tionären ist ihr Anerkennungsbedürfnis, kann erklären, dass der beste Weg, Mit Merz wären wir schon 2006
das mit einer hohen Kränkungsbereit- einen Menschen durch die Trotzphase Fußballweltmeister geworden, im
schaft korrespondiert. Normalerweise zu begleiten, die richtige Mischung aus eigenen Land. Und seither ständig
lehnt der Revolutionär das System Verständnis und Strenge ist. wieder. Mit Merz wäre Markus Lanz
ab, das er bekämpft. Bei der AfD sind niemals »Wetten dass..?«-Moderator
sie zwar gegen die herrschende Gesell- An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und geworden. Mit Merz wären wir ein
schaft; gleichzeitig reagieren sie aber Markus Feldenkirchen im Wechsel. Volk von reichen Aktienbesitzern,
ohne jemals Verluste gemacht zu
haben, denn mit Merz wäre immer
Kittihawk Aufschwung und nie Bankenkrise.
Mit Merz hätte es keine Eurokrise
gegeben, keinen Klimawandel, keine
Flüchtlinge in den Turnhallen und
keinen Trump im Weißen Haus.
Vor allem aber: Mit Merz gäbe es
jetzt auch keine Kandidatur von
Friedrich Merz. Er stünde stattdes-
sen vor der Abdankung. Das Volk
hätte seine Dauerkanzlerschaft
satt, wäre es leid, wie er sich ständig
durchmerzt und jede Kritik aus-
merzt. Mit Merz würde jetzt eine
Physikerin aus dem Osten überra-
schend ihre Rückkehr in die Politik
verkünden – um die CDU endlich
vom Muff des Merz zu befreien.
Stefan Kuzmany

10 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Deutschland
Merz wäre nicht der erste Anwärter, der an seinem Temperament scheiterte. ‣ S. 16

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Protestplakat
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Internetkontrolle

Behörden dürfen Bürger im Netz ausspähen


Bundesbeauftragte für Datenschutz kritisiert Bestandsdatenauskunft.
 Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz Andrea Voßhoff Bundeskriminalamt eröffnen, solche Daten schon im Vorfeld von
hat sich kritisch zur sogenannten Bestandsdatenauskunft geäußert. Gefahren zu erheben. Eine kürzlich durchgeführte Kontrolle
In ihrer Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht zur habe gezeigt, dass die Schwelle niedrig sei. Der Verfassungsschutz
Verfassungsbeschwerde der Netzaktivistin Katharina Nocun, des könne »praktisch ohne tatbestandliche Begrenzungen beliebig
Piraten-Politikers Patrick Breyer und rund 6000 weiterer Bürger Daten zu Personen ›anreichern‹«, rügt Voßhoff – auch dann, wenn
gegen das Gesetz schreibt Voßhoff etwa zum Auskunftsrecht diese als unbeteiligte Kontaktpersonen in den Akten des Verfas-
des Bundesamts für Verfassungsschutz: »Im Ergebnis beschränkt sungsschutzes gelandet seien. Bereits die Tatsache, dass die
die Vorschrift weder den Anlass noch den Umfang noch den Identifizierung von Internetnutzern »für jede noch so einfache
betreffenden Personenkreis.« Behörden können mit solchen Aus- Ordnungswidrigkeit« zulässig sei, widerspreche den Vorgaben
künften unter anderem Internetnutzer identifizieren und von des Bundesverfassungsgerichts. Eine Nutzeridentifizierung solle
Internetdiensten Passwörter ihrer Nutzer erhalten, etwa zu E-Mail- künftig nur noch nach richterlicher Anordnung möglich sein,
Postfächern oder zu Cloud-Diensten. Voßhoff kritisiert »die fordert Voßhoff. Wann das Bundesverfassungsgericht über die
kaum eingegrenzten Möglichkeiten«, die sich dadurch für das 2013 eingereichte Beschwerde entscheidet, ist nicht absehbar. HIP

Abrüstung Frankreich, Pakistan, Indien, Nordkorea tungswettlauf auf diesem Feld. Die USA,
Atommächte setzen auf und Israel identifiziert. Es geht um mehre- Russland, Ukraine, Weißrussland und
re Tausend Raketen und Marschflug- Kasachstan verzichten damit auf nukleare
Mittelstreckenraketen körper mit Reichweiten von 500 bis zu wie konventionelle landgestützte Mittel-
5500 Kilometern. streckenwaffen. US-Präsident Donald
 Fast alle Atommächte verfügen über INF gelten aufgrund kurzer Flugzeiten Trump will den Vertrag jedoch kündigen.
Mittelstreckenwaffen mit Nuklearspreng- als besonders destabilisierend: Glaubt Die Bundesregierung hofft hingegen auf
köpfen (INF). Das trug der US-Abrüs- eine Regierung, es drohe ein Mittelstre- eine Ausdehnung des Abkommens auf bis-
tungsexperte Hans M. Kristensen vergan- ckenraketenangriff, muss sie binnen Minu- her nicht beteiligte Atomstaaten. Kristen-
gene Woche auf einer Konferenz in Oslo ten reagieren, wenn sie noch vor einem sen zufolge hätte ein globaler INF-Vertrag
vor. Kristensen hat insgesamt 61 Waffen- Einschlag handeln will. Bislang begrenzt das Verschrotten von immerhin 41 der 61
typen in China, Russland, den USA, nur der INF-Vertrag von 1987 den Rüs- vorhandenen Waffentypen zur Folge. KLW

12 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Landwirtschaft unsere Schafe erhalten Schwarz: Ein Kollege aus


Wölfe reißen Rinder schließlich die Deiche im der Krempermarsch hat mir
Norden – mit in die Waag- erzählt, dass ein Wolf sich der-

FLORIAN GAERTNER / PHOTOTHEK.NET


Der Präsident des schleswig-holsteinischen schale fallen. Wir möchten artig in die Hinterkeule eines
Bauernverbands Werner Schwarz, 58, zum bei Problemen gemeinsam seiner Rinder hineingefressen
Wolfsmanagement in Norddeutschland mit den Schutzverbänden hat, dass sein Arm bis zum
und dem zuständigen Minis- Ellenbogen in dem Loch hätte
SPIEGEL: Gut zehn Jahre nachdem der terium nach Lösungen verschwinden können. Und
erste wilde Wolf in Schleswig-Holstein suchen. das Rind lebte noch! Wie
wieder gesichtet wurde, tritt er dort jetzt SPIEGEL: Würde es nicht rei- wägen wir Tierschutz ab: Wol-
vermehrt auf; in diesem Jahr hat es 71 chen, wenn der Staat den len wir so ein armes Rind
Wolfsnachweise gegeben. Wieso halten Schafhaltern gute Zäune Schwarz opfern oder nicht lieber diesen
Sie Ihr Bundesland dennoch für keinen bezahlt? auffälligen Wolf entnehmen?
geeigneten Lebensraum für die Tiere? Schwarz: Bisher ist leider noch kein wolfs- SPIEGEL: Mit »entnehmen« meinen
Schwarz: Schleswig-Holstein hat den sicherer Zaun erfunden worden. Wenn Sie wohl abschießen. Gehen Sie denn
geringsten Waldanteil im Bundesgebiet, wir künftig alle Schafe nachts in Ställe ein- davon aus, dass es einzelne Problem-
dafür aber einen ungewöhnlich hohen sperren müssen, dann werden sich noch wölfe gibt?
Anteil an Weidehaltung. Jede Herde ist mehr Schäfer als bisher überlegen, ihren Schwarz: Ja, es gibt Tiere, die über ihren
ein gedeckter Tisch für den Wolf. Viele Job aufzugeben. Im Übrigen geht es Futterbedarf hinaus töten. Unser Ziel ist
Vögel brüten auf beweideten Flächen. weder Schafhaltern noch Landwirten um nicht, dass der Wolf in Deutschland wie-
Wollen wir das aufs Spiel setzen? Entschädigungen für gerissene Tiere. der ausgerottet wird. Sondern wir wollen,
SPIEGEL: Der Wolf stand jetzt bei der Wir möchten gesunde, nicht verängstigte dass er in geeigneten Regionen lebt. Seit
Umweltministerkonferenz in Bremen auf Herden auf den Weiden. Wir haben ja 2015 haben Wölfe etwa 1300 Nutztiere in
der Agenda. Was fordern die Landwirte? inzwischen auch zunehmend Risse bei Norddeutschland gerissen. Auch die
Schwarz: Dass unsere Interessen als Natur- den Rindern. Bevölkerung fragt sich zunehmend, wie
nutzer und auch als Landschaftsschützer – SPIEGEL: Wölfe jagen Kühe? es weitergehen soll. AB

Strafverfahren anderem Spenden für Storchs politische Bremen


Storch muss zahlen Kampagnen ein. So soll sie mehrere Ver- Moscheebesucher darf
einsmitarbeiter – unter ihnen einen Kam-
 Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch pagnenleiter – zur Scheinselbstständig- Deutscher werden
hat 5000 Euro an die Berliner Justizkasse keit animiert und auf die Weise Sozial-
gezahlt, um einer Anklage zu entgehen. versicherungsbeiträge hinterzogen haben.  Der wiederholte Besuch einer vom
Vorausgegangen war ein Verfahren der Storch erklärt, sie habe den Vorwürfen Verfassungsschutz beobachteten
Berliner Staatsanwaltschaft, die gegen widersprochen. Nachdem sie an die Jus- Moschee ist allein kein Grund, dem
Storch wegen des Verdachts auf »Vorent- tizkasse gezahlt hatte, stellte die Staats- Besucher eine Einbürgerung in
halten und Veruntreuen von Arbeitsent- anwaltschaft am 26. Oktober das Straf- Deutschland zu verweigern. Das ergibt
gelt« ermittelt hatte. Hintergrund waren verfahren ein. sich aus einem Beschluss des Oberver-
die fragwürdigen Arbeitsbedingungen in Die Strafprozessordnung sieht vor, waltungsgerichts Bremen (Az.: 1 LA
dem von der AfD-Frau geleiteten Lobby- dass unter Umständen von einer Anklage 78/17). Die Hansestadt hatte den Ein-
verein »Zivile Koalition«. Er treibt unter abgesehen werden kann – etwa wenn ein bürgerungsantrag des Ausländers zuvor
Beschuldigter einen Geld- abgelehnt, weil dieser zwischen 2009
betrag an die Staatskasse und 2013 nach Beobachtungen des Ver-
zahlt. Es war nicht das fassungsschutzes 17-mal das Freitags-
erste Mal, dass der Verein, gebet des Islamischen Kulturzentrums
den die Politikerin zusam- (IKZ) besucht und dort auch Geld
men mit ihrem Ehemann gespendet hatte. Das IKZ galt seit Lan-
betreibt, die Justiz beschäf- gem als Treffpunkt fundamentalisti-
tigte. So hob Storchs Gatte scher Salafisten. 2017 hatte das Verwal-
2012 mehr als 80 000 Euro tungsgericht Bremen bereits in erster
vom Vereinskonto ab und Instanz entschieden, dass die Stadt die
kaufte davon Goldbarren Einbürgerung nicht aus diesen Gründen
(SPIEGEL 18/2016). Eine ablehnen dürfe. Denn in der Moschee
von einer früheren Vereins- des Kulturzentrums gebe es nicht nur
mitarbeiterin erstattete fundamentalistische, sondern auch
Untreueanzeige gegen Bea- andere Strömungen. Spenden bei Frei-
trix von Storch verlief im tagsgebeten seien allerorten üblich;
Sande – die Staatsanwalt- es gebe keine Anhaltspunkte dafür,
schaft prüfte den Golddeal, dass der Besucher damit die »vermut-
GREGOR FISCHER / DPA

fand aber keine Anhalts- lich verfassungsfeindliche Tätigkeit


punkte für eine Straftat. des IKZ« unterstützen wollte, so das
Was mit dem Schatz Urteil von 2017. Vielmehr habe sich der
geschah, wollte Storch dem Mann vor Gericht klar zur freiheit-
SPIEGEL damals nicht lichen demokratischen Grundordnung
Storch verraten. AMA, SRÖ bekannt. RED

13
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Zeitgeschichte I
Westdeutschland
nicht souverän
 Die Bundesregierung musste bis
1990 die westlichen Alliierten jedes
Mal um Erlaubnis bitten, wenn sie ein
Flugzeug aus der Sowjetunion in den
westdeutschen Luftraum einfliegen las-
sen wollte. Das Bonner Verkehrsminis-
terium beantragte die Genehmigung
bei zivilen Maschinen, das Verteidi-
gungsministerium bei Militärflugzeu-
gen. Die Alliierten ließen sich mit der
Antwort in der Regel 48 Stunden Zeit.

FRANK RUMPENHORST / PICTURE ALLIANCE / DPA


Das geht aus einem Vermerk im Archiv
des Auswärtigen Amtes hervor. Ameri-
kaner, Franzosen und Briten beriefen
sich auf den Überleitungsvertrag von
1952, der zu jenen Vereinbarungen mit
Bonn zählte, die das Besatzungsregime
in der Bundesrepublik offiziell beende-
ten. Obwohl die Bundesregierung den
alliierten Standpunkt nicht teilte, ließ
sie das Thema lange ruhen. Erst als
Wucherpfennig 1987 die Frage aufkam, wer den Einflug
jener sowjetischen Maschinen erlauben
sollte, mit denen Moskau die Einhal-
Kirche tung eines Abrüstungsabkommens mit
den USA kontrollieren wollte, rekla-
Frohe Botschaft für Schwule und Lesben mierte Bonn die Zuständigkeit für sich.
Die Briten lehnten ab: »You are not
 Der vom Vatikan seines Amtes entho- schen richte. Aufgrund einschlägiger sovereign.« KLW
bene Theologieprofessor Ansgar Wucher- Bibelzitate, etwa im Römerbrief, wertet
pfennig, 53, hat seine Forderung nach die päpstliche Glaubenskongregation
einer Zulassung homosexueller Paare zu gleichgeschlechtliche Liebe nach wie vor
katholischen Segensfeiern erneuert. als Disharmonie »zwischen dem Schöp-
Im September hatte der bisherige Rektor fer und seinen Geschöpften« und als
der Frankfurter Jesuitenhochschule »tiefe Verkehrung in den Götzendienst«.
Sankt Georgen keine kirchliche Lehr- Wucherpfennig betont dagegen, die
erlaubnis mehr bekommen, weil er Heilige Schrift sei nicht wörtlich zu ver-
bereits 2016 öffentlich für die stärkere stehen, sondern müsse historisch-kritisch
Anerkennung gleichgeschlechtlicher analysiert werden. Homosexuelle Katho-
Beziehungen eingetreten war. Bei einem liken sollten als »gleichberechtigte Mit-
Vortrag vergangene Woche in Düsseldorf glieder der Kirche anerkannt werden«.
kritisierte der Jesuitenpater die katholi- Die christliche Botschaft des Evangeliums

DPA
sche Lehrmeinung, nach der Homosexua- gelte nicht nur für Heterosexuelle, son-
lität sich »gegen die Natur« des Men- dern auch für Schwule und Lesben. BHR Sowjetflieger Tu-144 über Hannover 1972

Zeitgeschichte II dass er damit keine »Wertbetrachtung« der Nato. Genscher vermutete, Stalin
Genscher-Lob für aussprechen wolle. Den Vermerk hat das habe erkannt, dass er den Osteuropäern
Institut für Zeitgeschichte veröffentlicht. im sowjetischen Imperium mehr Bewe-
Sowjetdiktator Stalin Genscher nahm an, dass die gungsfreiheit zubilligen
legendäre Stalin-Note von müsse. Hierfür sei »die
 Der langjährige Außenminister und 1952 ernst gemeint war. Vermeidung einer Kon-
FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher Stalin hatte damals die Ver- frontation von Paktsyste-
(1927 bis 2016) schätzte offenbar den poli- einigung Deutschlands men wesentlich« gewesen.
tischen Instinkt des sowjetischen Dikta- angeboten, wenn dieses Daraus resultiere Stalins
tors und Massenmörders Josef Stalin neutral bleibe. Kanzler Bereitschaft zur deut-
FRANK DARCHINGER

(1878 bis 1953). Dieser sei »einer der gro- Konrad Adenauer und die schen Einheit. Der Dikta-
ßen strategischen Köpfe dieses Jahrhun- Westmächte lehnten den tor habe vermutlich kalku-
derts«, erklärte Genscher in einem Vorstoß als Störmanöver liert, bei einer Preisgabe
Gespräch mit dem Historiker Michael ab; die Bundesrepublik der DDR mehr zu gewin-
Stürmer im Januar 1987; er fügte hinzu, wurde bald darauf Mitglied Genscher 2001 nen als zu verlieren. KLW

14 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Merkel-Konkurrent Merz: Mythos des unbeugsamen Konservativen

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Titel

In der
Businessclass
CDU Friedrich Merz gilt als Favorit im Rennen um die Merkel-
Nachfolge. Doch der Anwalt ist ein Risikokandidat, nicht
nur wegen seiner Millionengeschäfte in der Finanzbranche,
sondern auch wegen seines aufbrausenden Temperaments.

W
er in diesen Tagen Kontakt Konservativ aber ist Merz auch, und ne-
zum Kandidaten Friedrich ben dem 62-jährigen ehemaligen Frak-
Merz sucht, dem Mann, der tionschef wirkt der 38-jährige Spahn plötz-
sich anschickt, CDU-Chef und lich seltsam überambitioniert, wie ein Stu-
Bundeskanzler zu werden, muss die Frank- dent, der sich anmaßt, vom Uni-Seminar
furter Unternehmensberatung Gauly Ad- ins Kanzleramt wechseln zu können.
visors konsultieren. Selbst Spahns Freunde von der Jungen
Dass die Firma in der Regel nicht Politi- Union mögen sich kaum noch zu ihm be-
ker, sondern CEOs, Aufsichtsräte und Un- kennen.
ternehmer berät, passt durchaus zu Merz, Das Duell, das sich nun in der CDU ent-
der sich schon seit mehr als zehn Jahren faltet, wird allein zwischen Merz und An-
in der Finanzbranche tummelt. Gauly Ad- negret Kramp-Karrenbauer ausgetragen.
visors verspricht potenziellen Kunden, de- Die CDU-Generalsekretärin tritt an mit
ren »Reputation und Unternehmenswert dem Segen der Kanzlerin, sie soll ihr Ver-
zu schützen und zu steigern«. Man sei »im mächtnis wahren, nicht abwickeln, deswe-
Markt als eigentümergeführte Premium- gen wurde sie ja von der Chefin nach Ber-
Beratung« anerkannt und betreibe »stra- lin gebeten. Merz ist der Anti-Merkel, er
tegisches Reputationsmanagement«, heißt unterscheidet sich von ihr in jeder Bezie-
es auf der Homepage der Agentur. »Um hung, im Inhalt, im Stil, auch in den Ver-
die tatsächliche Wirksamkeit der Kommu- mögensverhältnissen. Geld war für Merkel
nikation zu optimieren, überprüfen wir nie eine Triebfeder, das kann man von
die getroffenen Maßnahmen fortlaufend Merz nicht behaupten.
auf ihren Wertschöpfungsbeitrag.« Für ihn wird es nun vor allem darauf an-
Übersetzt auf den Kunden Merz könnte kommen, seinen Groll zu verbergen; die
man sagen: Es gilt, das Vertrauen in den CDU wird keinen Chef wählen, dessen ein-
Kandidaten zu stärken und zu dessen ziges Motiv es ist, Genugtuung für eine Nie-
Wertschöpfung, sprich Wahl zum CDU- derlage zu erfahren, die schon anderthalb
Chef, beizutragen. Vor einem Gespräch Jahrzehnte zurückliegt. Merz weiß das. Als
mit Merz mailt ein Gauly-Berater eine er am Donnerstagmorgen vor jungen CDU-
»Speed-dial-in«-Nummer mit einem Kon- Abgeordneten auftritt, verspricht er, nicht
ferenzerkennungs-Code. Wenn man ihn gegen die Kanzlerin zu arbeiten, denn auch
eintippt, ist der Kandidat in der Leitung: ein Parteivorsitzender trage »staatspoli-
»Friedrich Merz hier.« tische Verantwortung«. Andererseits weiß
Die Republik hat verrückte Tage hinter er auch, wie groß der Verdruss über Mer-
sich. Angela Merkel hat das Land noch ein- kels Führungsstil ist, ihn will er nutzen, um
mal überrascht. Als sie am Montag vor ei- den Parteivorsitz zu erobern.
LUKAS SCHULZE / BONGARTS / GETTY IMAGES

ner Woche ihren Rückzug vom Parteivor- Vom Ausgang des Duells zwischen
sitz verkündete, waren alle, die sich schon Kramp-Karrenbauer und Merz hängt nicht
lange in Position bringen, erst einmal nur das Schicksal der Union ab, jener Par-
sprachlos. Nur Merz, von dem die meisten tei, die bisher 49 Jahre lang den Kanzler
dachten, er würde mit seinen Beratermil- der Bundesrepublik gestellt hat und die
lionen schon in den Ruhestand segeln, war nun in einzelnen Ländern so schwach ge-
präpariert und ließ innerhalb von Minuten worden ist, dass sie Gefahr läuft, von der
durchsickern, dass er bereitstehe. AfD überholt zu werden. Auf dem Partei-
Das erste Opfer des Coups war der tag Anfang Dezember in Hamburg wird
sonst so agile Jens Spahn, der sich in den auch die Vorentscheidung darüber getrof-
vergangenen Jahren fleißig als konservati- fen, wer das Land künftig führen wird.
ve Alternative zu Merkel präsentiert hatte. Merkel weiß selbst, dass jeder CDU-Chef

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 17


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den Ehrgeiz entwickeln muss, das Kanz-


leramt zu übernehmen.
Zu den großen Stärken Merkels zählt
ihre Affektkontrolle, nur selten lässt sie
sich zu einer unüberlegten Äußerung hin-
reißen, und sie ist jemand, der Macht-
kämpfe sorgsam plant und sie nicht aus
dem Bauch heraus führt. Als Merkel im
Jahr 2002 auf die Kanzlerkandidatur ver-
zichtete, rang sie im Gegenzug CSU-Chef
Edmund Stoiber das Versprechen ab, nach
der Wahl Merz den Fraktionsvorsitz ab-
nehmen zu dürfen. Merz ahnte nichts, und
als er sich zu Merkels Vize degradiert sah,
tobte er furchtbar. »Friedrich, finde dich
damit ab, du hast gegen sie verloren«, riet
ihm sein Freund Wolfgang Schäuble. Merz
hielt es auf Dauer nicht als Nummer zwei
hinter Merkel aus. Im Jahr 2009 zog er ei-

GEORG LUKAS
nen Schlussstrich unter die Politik und
wechselte in die Wirtschaft.
Dort ist er in den vergangenen Jahren
reich geworden, er ist ein Kandidat mit
Goldrand; noch kein deutscher Kanzler
flog mit seiner eigenen Privatmaschine in
die Hauptstadt, Merz besitzt zwei Flug-
zeuge, mit denen er regelmäßig zwischen
dem Sauerland und Berlin pendelt. Man
kann Merz nicht vorwerfen, dass er seinen
Wohlstand verheimlicht hätte. Wenn man
in den vergangenen Jahren mit ihm spre-
chen wollte, schlug er als Treffpunkt gern
das Towerrestaurant »Cockpit« des Berli-
ner Sportflughafens Schönhagen vor, von
wo er nach einem schönen Mittagessen
Richtung Heimat abdüste.
Merz’ Reichtum spricht nicht gegen ihn,
aber seine lukrativen Mandate hat er eben
auch durch seine Kontakte in die Politik be-
kommen. Wie schnell einen die Vergangen- Privatmann Merz beim Musizieren*, vor seinem Privatflugzeug
heit einholen kann, zeigte sich am Dienstag, Verrat an den Werten der Union
als die Staatsanwaltschaft die Münchner
Räume des Vermögensverwalters Black-
rock durchsuchte, für dessen deutsche Toch- Wiederherstellung jener Konstellation, in Was Merz umtrieb, war die wirtschaft-
ter er als Aufsichtsratschef arbeitet. der SPD und Union die Hauptkontrahen- liche Agonie jener Zeit. Als er im Jahr
ten sind und sich inhaltlich wirklich von- 2000 durch die Wirren der Spendenaffäre
Was Merz umtreibt und zurück in die einander unterscheiden. an die Spitze der Fraktion gespült wurde,
Politik führte, ist der Niedergang der Merz besitzt das Talent, der politischen gab es keinen schneidigeren Reformer als
Union, ihre Verschiebung in die linke Debatte Schärfe zu geben, daran kann kein ihn. »Wenn man einen Sumpf austrocknen
Mitte. Wie viele in der Partei sieht er den Zweifel bestehen. Er kam 1994 in den Bun- will, darf man nicht die Frösche fragen«,
Flüchtlingssommer 2015 als Wendepunkt destag, zusammen mit Peter Altmaier und sagte er in einem SPIEGEL-Gespräch im
in Merkels Kanzlerschaft. Er kritisiert Norbert Röttgen, die zum linken Flügel Frühjahr 2003, damals ging es um Refor-
nicht, dass Merkel den in Ungarn gestran- der CDU gehörten und später bei Merkel men des Arbeitsrechts. Die Frösche bei
deten Flüchtlingen Zuflucht gewährt hat. Karriere machten. Damals lag das Blei der den Gewerkschaften und der SPD haben
Aber die »Grenzöffnung« für Hunderttau- späten Kohl-Jahre auf dem Land. den Satz nicht vergessen.
sende Menschen ohne Beschluss des Bun- Aber was Merz ärgerte, war nicht die Bis heute gehört zu den Widersprüchen
destags hält er für einen fatalen Fehler. gesellschaftliche Erstarrung. Er stimmte des Friedrich Merz, dass er einerseits das
Merz geht es nicht in erster Linie um im Jahr 1997 gegen die Strafbarkeit der Loblied auf die Kräfte des Kapitalismus
die Flüchtlingspolitik, er will die Zukunft Vergewaltigung in der Ehe, zusammen mit singt und gleichzeitig ein heimeliges Fami-
des deutschen Parteiensystems in den Mit- 130 weiteren Unionsabgeordneten. Ein- lienideal pflegt, das von ebenjenen Kräften
telpunkt seiner Kampagne stellen. Wenn mal rief er unter dem Gejohle eines CDU- so wirkungsvoll untergraben wird. Der
die CDU einen Vorsitzenden bekommt, Parteitags: »Ich möchte mich verdammt Glauben an die Segnungen der Marktwirt-
der für die SPD auch inhaltlich wieder ein noch mal bei niemandem in diesem Land schaft ist bei Merz ungebrochen. Er will
Gegner und für die AfD eine echte Gefahr dafür entschuldigen müssen, dass ich seit Deutschland zu einem Land der Aktionäre
sei, dann könne sich die politische Land- 20 Jahren mit derselben Frau verheiratet machen. Wenn man das Problem der Ver-
schaft in Deutschland wieder neu sortie- bin und dies auch in den nächsten 20 Jah-
ren. So sieht es Merz. Er träumt von einer ren zu bleiben gedenke.« * Mit Ehefrau und Töchtern in Brilon 1999.

18 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Titel

mögensverteilung ernsthaft lösen will, wer- Merz’ Kandidatur ist auch deshalb so zehn Jahre verändert«, sagt ein alter Weg-
de das nicht allein über die öffentlichen furios gestartet, weil ihn der Mythos des gefährte. »Er ist ruhiger und kontrollierter
Kassen gehen, sagt er. unbeugsamen Konservativen umgibt. geworden.« Andere allerdings wissen noch
Aber Merz sieht natürlich auch, dass Merz habe aufgrund seiner jahrzehntelan- immer von Zornesausbrüchen zu berich-
Merkel mit ihrem Kurs Wähler weit über gen politischen Erfahrung bewiesen, was ten, wenn das Gespräch auf Merkel und
das traditionelle CDU-Klientel hinaus er- er könne, schwärmt der frühere Bundes- ihre Politik kommt.
reicht hat: viele Frauen und Großstädter, tagsabgeordnete Wolfgang Bosbach. Die Arbeit eines Spitzenpolitikers, vor
die sich früher eher einen Finger abge- Allerdings neigen auch Politiker dazu, allem eines Kanzlers, ist eine fortwähren-
schnitten hätten, als CDU zu wählen. Die die Vergangenheit zu verklären. Merz pro- de Kette von Rückschlägen, Misserfolgen
will Merz nicht verlieren. Bei seiner Pres- fitiert davon, dass er über Jahre kaum in und Kränkungen. Jeder Hinterbänkler
sekonferenz in der vergangenen Woche der Öffentlichkeit stand. Jeder kann des- darf herummäkeln, jeder Leitartikler weiß
nannte er neben Migration und Globali- halb seine Hoffnungen und Wünsche auf es besser. Merkel hat sich nie dazu hinrei-
sierung den Klimawandel und die Digita- ihn projizieren. Tatsächlich hatte Merz nur ßen lassen, auf einen scharfen Kommentar
lisierung als die größten Herausforderun- sehr kurz ein politisches Führungsamt mit einer scharfen Replik zu antworten.
gen. Zudem bezeichnete er sich als »wirk- inne. Er wurde im Februar 2000 Vorsit- Sie ärgert sich, weiß aber ihre Wut mit
lich überzeugten Europäer«. zender der Unionsfraktion im Bundestag. dem Gedanken zu zügeln, dass sie am
Nur: Wie überzeugt ist er wirklich? Bei Im Herbst 2002 musste er dieses Amt wie- Ende eben doch am längeren Hebel sitzt.
dem Treffen mit Unionsabgeordneten am der abgeben. Er stand gerade mal zweiein- Merz hat nach der ersten richtigen
Donnerstagmorgen rückte Merz von eu- halb Jahre an der Fraktionsspitze. Anders Schlappe aufgegeben, statt geduldig auf
ropapolitischen Forderungen ab, die er als es vielen im Rückblick erscheint, hat seine Chance zu warten. Mit seiner Kritik
selbst erst zwei Wochen zuvor mit unter- er seinerzeit alles andere als Führungs- an Merkel ist er zum Liebling der konser-
zeichnet hatte. Bei dem Treffen im Ber- fähigkeit bewiesen. vativen und marktliberalen Kritiker der
liner Haus des Familienunternehmens Bereits zum Amtsantritt bescheinigte Kanzlerin aufgestiegen. Als Staatsmann
wurde Merz auf den Aufruf »Für ein soli- ihm die konservative »Welt«, der falsche hat er sich durch diese Flucht nicht emp-
darisches Europa« angesprochen, den der Mann für den Job zu sein: »Ein Techno- fohlen. Selbst Freunde wie Schäuble sind
frühere Finanzminister Hans Eichel initi- krat durch und durch, profilierungssüchtig, sich unsicher, ob er das Stehvermögen für
iert und den auch beispielsweise der Phi- ohne jede Fähigkeit zur Integration«, das Kanzleramt hat.
losoph Jürgen Habermas unterzeichnet schrieb das Blatt. Merz lieferte in den Fol- Merz wäre nicht der erste Anwärter, der
hatte. gemonaten wenig Anlass, dieses Urteil zu nicht an seinen Fähigkeiten, sondern an
In dem Papier werden unter anderem revidieren. Nach einem Jahr im Amt war seinem Temperament scheitert. Der frü-
»eine Haushaltspolitik für die Eurozone, Merz’ Stellung in der Fraktion so prekär, here Finanzminister Peer Steinbrück woll-
die dem Zusammenhalt und der Zukunfts- dass wichtige Landesgruppenchefs wie der te im Jahr 2013 auch ins Kanzleramt. Er
fähigkeit des Währungsgebietes dient, und spätere Bundestagspräsident Norbert Lam- war ein ausgewiesener Fachmann, aber er
eine gemeinsame Arbeitsmarktpolitik bis mert aus Nordrhein-Westfalen über seine hatte sich nicht im Griff. Am Ende ließ er
hin zu einer europäischen Arbeitslosen- Ablösung nachdachten. Dazu kam es sich für ein Magazincover mit ausgestreck-
versicherung« gefordert. Merz’ Unter- nicht. Aber den Zweikampf um die Frage, tem Mittelfinger ablichten. Damit hatte er
schrift hatte auch deshalb für Erstaunen wer die Nummer eins in der CDU sei, ent- sich unmöglich gemacht.
gesorgt, weil die Forderungen deutlich schied die Parteivorsitzende Merkel ein- Den Mittelfinger würde Merz nicht zei-
über das hinausgehen, was die CDU/CSU- deutig für sich. gen, aber er kann auch sehr aufbrausend
Bundestagsfraktion und selbst Merkel für Fachlich wäre Merz dem Job des Kanz- sein. Würde einer wie Merz ruhig Blut be-
akzeptabel halten. lers gewachsen. Er kann Leute mitreißen wahren, wenn der türkische Präsident ihn
Den erstaunten Abgeordneten erklärte und für seine Ideen begeistern. Seine Re- einen Nazi nennen würde? Oder wenn
Merz, er sei »absolut nicht für eine euro- den sind geschliffen, und er hat im Gegen- sein Bild auf den Straßen von Athen ange-
päische Arbeitslosenversicherung«. Das satz zu Merkel keine Angst, Kontroversen zündet würde?
Haftungsprinzip müsse in der EU weiter offen auszutragen. Seine Bewerbung Merz’ Schwäche ist, dass er politische
gelten. Es sei ihm darum gegangen, neue könnte der demokratischen Debatte, die Auseinandersetzungen persönlich nimmt.
Impulse für Europa zu setzen. Das Ganze Merkel so sanft erstickte, wieder Sauer- Außerdem muss er zeigen, dass er fähig
sei ein Konsenspapier gewesen, daher stoff zuführen. ist, Frauen einzubinden. Merz ist noch
habe er sich nicht in jedem Punkt durch- Aber unklar ist, ob Merz die strategi- in einer Welt politisch sozialisiert, in der
setzen können. Der Kandidat legte eine sche Geduld und die nötige Selbstkontrolle es als vollkommen normal galt, wenn auf
Wendigkeit an den Tag, die er sonst gern für das Amt des Bundeskanzlers hat. Podien nur Herren im grauen Anzug sa-
der Kanzlerin vorwirft. »Friedrich hat sich über die vergangenen ßen. Offenbar will Merz auf dem Parteitag

Politische Stationen von Friedrich Merz


1994 2000 2003 2004 2009 2014

Abgeordneter Fraktionsvorsitzender »Bierdeckel«- Rückzug aus der Abschied Reformkommission


Bei der Bundestags- der CDU/CSU Steuererklärung CDU-Spitze aus der Politik Im Oktober wird
wahl erobert Merz Im Sog der CDU-Spenden- Mit einem radikal Merz will nicht mehr Nach der Wahl im Sep- Merz Mitglied in
ein Direktmandat im affäre muss Wolfgang einfachen Einkommen- für das Parteipräsidium tember verlässt Merz den einer von drei
Wahlkreis Hochsauer- Schäuble von seinen Ämtern steuermodell sorgt kandidieren, legt im Bundestag. Er begründet Kommissionen,
land. Im Parlament zurücktreten. Auf ihn folgen Merz im November für November sein Amt den Schritt mit seinen mit denen die
profiliert er sich als Angela Merkel als Partei- Furore. Sein Konzept als stellvertretender beruflichen Plänen, aber CDU versucht,
Wirtschafts- und chefin und Merz als Fraktions- scheitert später an der Fraktionsvorsitzender auch mit seiner Unzu- ein neues Profil
Finanzexperte. vorsitzender. 2002 wird Merz Schwesterpartei CSU. nieder, bleibt aber friedenheit über die Politik zu entwickeln.
von Merkel verdrängt. Abgeordneter. der Großen Koalition.
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Titel

im Dezember auch einen Kandidaten vor- könnte also auch indirekt und unwissent- Merz zu der Zeit noch als wenig verdrahtet
stellen, der unter ihm als CDU-Generalse- lich an den dubiosen Steuerdeals beteiligt in der Welt der Finanzinvestoren. Hinzu
kretär dient, sollte er die Wahl gewinnen. gewesen sein. Immerhin erklärte die kam, dass die nordrhein-westfälischen
Parteifreunde raten ihm dringend zu einer Staatsanwaltschaft tags darauf, dass zumin- Sparkassen als Miteigentümer der Landes-
Generalsekretärin. dest gegen Merz »keine Verdachtsmomen- bank die Verhandlungen von Beginn an
te für die Begehung einer Straftat oder torpedierten, weshalb Fachleute das Un-
Merz’ größte Flanke sind allerdings seine Ordnungswidrigkeit« vorlägen. Da freilich terfangen im Prinzip vom Start weg als
Jahre in der Finanzwirtschaft. Wie rasch war die Botschaft schon im Umlauf, dass aussichtslos einstuften.
die Situation außer Kontrolle geraten der mögliche Merkel-Nachfolger für eine Es kam, wie es kommen musste: Der
kann, wurde am Dienstag deutlich. Da ti- Institution arbeitet, die in einen Mega- von der EU-Kommission angeordnete Ge-
ckerte plötzlich die Meldung über die skandal verwickelt sein könnte. samtverkauf scheiterte, Merz konnte den-
Agenturen, dass Ermittler der Kölner Das toxische Steuerthema lässt Merz noch branchenübliche Tagessätze von
Staatsanwaltschaft die Münchner Nieder- auch bei seinem anderen prominenten über 5000 Euro abrechnen. Insgesamt soll
lassung von Blackrock durchsucht hätten, Finanzmandat nicht los. Es geht um die Mayer Brown mit dem WestLB-Mandat
um Material zu sogenannten Cum-Ex-Ak- Düsseldorfer Privatbank HSBC Trinkaus einen deutlich zweistelligen Millionen-
tiendeals im Zeitraum 2007 bis 2011 si- & Burkhardt, in deren Aufsichtsrat Merz betrag verdient haben. Und so ist es kein
cherzustellen. seit 2010 sitzt. Das Geldhaus an der no- Wunder, dass Merz das Scheitern des Ver-
Blackrock gilt schon wegen seiner schie- blen Königsallee hat seit Langem Ermittler kaufs sportlich nahm, wie ein damals Be-
ren Größe als mächtigster Finanzkrake im Haus, die zweifelhafte Aktiendeals der teiligter sich heute noch erinnert.
der Welt. Der Konzern legt das Geld von Jahre 2005 bis 2011 untersuchen. Trinkaus Ärger könnte Merz aufgrund eines an-
Groß- und Kleinanlegern an und verfügt bestreitet, sich bewusst an Steuertricks be- deren Mandats bekommen. Er ist seit
so über einen riesigen globalen Kapital- teiligt zu haben, kann aber Alleingänge Ende 2017 Aufsichtsratschef des Flugha-
stock von mehr als 6000 Milliarden Dollar, einzelner Händler nicht ausschließen. fens Köln-Bonn. Kurz zuvor war dort der
den es in Tausende Unternehmen in aller HSBC hat dem Fiskus maximal Steuern langjährige Geschäftsführer Michael Gar-
Welt gesteckt hat. Merz ist seit 2016 bei in niedriger zweistelliger Millionenhöhe vens in Ungnade gefallen, er soll Geschäfts-
dem US-Vermögensverwalter Aufsichts- vorenthalten. Eine etwaige Rückzahlung partner protegiert und Mitarbeiter allzu
ratschef des Deutschlandgeschäfts. wird der Bank kaum wehtun. An Merz da- üppig alimentiert haben.
Der Cum-Ex-Skandal gilt in Europa als gegen bleibt hängen, dass er abermals für Merz hatte mit Zustimmung des Auf-
größter Steuerskandal aller Zeiten. Um bis eine Adresse arbeitet, die womöglich ge- sichtsrats einen Aufhebungsvertrag mit
zu 55 Milliarden Euro soll der Fiskus eu- trickst hat – anders als bei Blackrock teil- Garvens abgeschlossen, in dem der Flug-
ropaweit geschädigt worden sein, weil sich weise während seiner Amtszeit. hafen auf alle weiteren Ansprüche verzich-
Profianleger die Kapitalertragssteuern Der Sauerländer selbst verdammt öf- tet. Der Deal könnte Merz gefährlich wer-
doppelt erstatten ließen, die sie nur einmal fentlich Steuertricksereien à la Cum-Ex, den, sollte die Staatsanwaltschaft Anklage
gezahlt hatten – ein fraglos illegitimes, we- gibt sich intern aber keinen Illusionen hin: erheben. Möglicher Vorwurf: Untreue.
gen unklarer Rechtslage und Gesetzes- Mit dem Generalverdacht gegen seine Weniger schlagzeilenträchtig, aber bei-
lücken nicht zwingend illegales Vorgehen. Finanzengagements werde er wohl leben spielhaft für die Netzwerk-Geschäfte des
Dutzende Geldhäuser sind verwickelt, vor müssen. Seine eigene Vermögensbildung Friedrich Merz ist ein Mandat in seiner
allem deutsche. indes kann nach seinen Jahren in der frei- Heimatstadt Arnsberg. Dort hat er vor Jah-
Welche Rolle die Amerikaner, die jedwe- en Wirtschaft als erfolgreich abgeschlossen ren den Klopapierproduzenten Wepa vor
de Mittäterschaft bestreiten, dabei gespielt gelten. Bereits einer seiner ersten Aufträge der Insolvenz gerettet, seither ist er Chef
haben sollen, bleibt nebulös. Ebenso wie entpuppte sich als Glücksgriff. Gleich nach des Aufsichtsrats. Kommt der zu seinen
die Umstände, unter denen die Razzia seinem Aus als stellvertretender Fraktions- Sitzungen zusammen, kann sich Merz
durchgestochen wurde, kaum dass die chef war Merz als Partner bei der US- angeregt mit Ratsmitglied Wilken von
Schnüffler die Blackrock-Räume am noblen Kanzlei Mayer Brown eingestiegen, und Hodenberg unterhalten.
Münchner Lenbachplatz verlassen hatten. sein wohl lukrativstes Mandat war der Auf- Das Aufsichtsratsmitglied der Private-
Offenbar richtete sich der Verdacht trag, für die staatseigene Westdeutsche Equity-Gesellschaft DBAG führt seit eini-
nicht gegen Blackrock selbst, sondern ge- Landesbank einen Käufer zu finden. gen Jahren eine eigene Anlagefirma na-
gen andere Beteiligte des Cum-Ex-Verfah- Kenner des Vorgangs wundern sich mens UFK Beteiligungs GmbH, einer der
rens. Die US-Fondsgesellschaft ist einer noch heute darüber, dass ausgerechnet er Wepa-Eigentümer. Und wohl nicht ganz
der größten Verleiher von Wertpapieren, 2010 den Auftrag bekam. Schließlich galt zufällig hat die Firma dieselbe Anschrift

Berufliche Stationen von Friedrich Merz Auswahl


Beirat der Commerzbank 2003 2009
Partner bei der Rechtsanwaltskanzlei Mayer Brown (seit 2014 Senior Counsel) seit 2005
Aufsichtsratsmitglied bei der Deutschen Börse 2005 2015
Aufsichtsratsmitglied des Recycling- und Entsorgungsunternehmens Interseroh 2005 2009
Verwaltungsratsmitglied der Schweizer Stadler Rail AG seit 2006
Aufsichtsratsmitglied des Immobilienkonzerns IVG 2006 2010
Aufsichtsratsmitglied der Versicherungsgesellschaft Axa Konzern AG 2007 2014
Aufsichtsratsvorsitzender der Arnsberger Hygienepapier-Firma WEPA seit 2009
Verwaltungsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied der Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt AG seit 2010
Aufsichtsratsmitglied bei Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA 2010 2014
Aufsichtsratsvorsitzender bei Blackrock in Deutschland seit 2016
Aufsichtsratsvorsitzender des Flughafens Köln/Bonn seit 2017

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Wenn man mit Merz spricht, wirkt er


manchmal wie ein Mann, der in einer Zeit-
kapsel gefangen war. All die Debatten über
die Gefahren des Kapitalismus, über die
Schattenseiten der Globalisierung schei-
nen ihn nicht so durchgeschüttelt zu haben
wie den Rest des Landes. Manchmal wirkt
er immer noch wie ein Mann, der bei »Sa-
bine Christiansen« über die Reformen für
den Standort Deutschland spricht. Es ist
schwer vorstellbar, dass das Verbot von
Plastiktrinkhalmen zur Leidenschaft des
Friedrich Merz wird. Eher wird er sich um
die Verlängerung der Lebensarbeitszeit
kümmern.

STEFAN BONESS / IPON


Merz glaubt an die Familie, zu der
Mann und Frau, Kinder und die Ehe ge-
hören. Die gesellschaftspolitischen Refor-
men, die Merkel vorangetrieben hat, hielt
er für einen Verrat an den Werten der Uni-
Porträts der Ex-Fraktionschefs Merz, Merkel*: Nach der ersten Schlappe aufgegeben on, auch wenn er das heute nicht mehr
laut sagt. Andererseits würde Merz aller
Voraussicht nach mit den Grünen regieren
wie die Vermögensverwaltung Volatus, in Olsberg ist und Merz aus Zeiten der müssen, was seine Möglichkeiten auch wie-
über die Merz sein Geschäftsflugzeug vom Jungen Union in den Achtzigerjahren der begrenzte. Einen Rollback jedenfalls
Typ »Socata« vermietet. Hodenbergs UFK, kennt. Vergangene Woche, kurz nachdem würde es kaum geben. Merz müsste sich
die Wepa Industrieholding SE, Volatus so- Merz’ Kandidatur bekannt geworden war, als Kanzler auf einen symbolischen Kon-
wie Merz’ Stiftung und sein Anwaltsbüro schrieb Fischer seinem Kumpel eine SMS: servatismus beschränken müssen, wie in
residieren teils auf derselben Etage eines »Super! Klasse! Endlich!« den Nullerjahren, als er sagte, er habe
schmucklosen Bürohauses im Arnsberger Merz gilt derzeit bei vielen in der CDU nichts gegen die Homo-Ehe, »solange ich
Stadtteil Neheim. Vor der Tür ist der Park- als Favorit im Rennen um die Merkel-Nach- da nicht mitmachen muss«. Das klang
platz Nummer drei für »FM« reserviert, folge, aber die Dinge sind natürlich im dann nicht wie Kohl, schon eher nach
Friedrich Merz. Fluss. »Würde die Mitgliederbasis entschei- Adenauer. Merz, das ist sein Widerspruch,
den, dann hätte Merz jetzt schon gewon- jettet mit dem eigenen Flugzeug durch die
Merz ist tief im Sauerland verwurzelt. nen«, sagt der CDU-Bundestagsabgeord- Welt, aber zu Hause in der Stube riecht’s
Sein Großvater, ein NSDAP-Mitglied, war nete Franz Josef Jung. Der ehemalige Ver- nach Sauerbraten.
bis 1937 Bürgermeister in dem kleinen teidigungsminister ist wie Merz Mitglied Merkel weiß, wie schnell ihre Kanzler-
Städtchen Brilon. Der Vater, Joachim des Andenpaktes, eines Männerbunds, der schaft zu Ende gehen kann, wenn Merz
Merz, arbeitete als Richter und führte in sich einst zusammenschloss, um die Macht die Macht in der Partei erobert. Sie macht
den Siebzigerjahren am Landgericht in in der CDU aufzuteilen, und der dann so sich da keine Illusionen. Als Merz am
Arnsberg Strafverfahren mit NS-Bezug. geschickt von Merkel ausgetrickst wurde. Dienstagabend im Landesvorstand der
Merz’ Ehefrau Charlotte ist Direktorin des Viele im Andenpakt sannen auf Rache, CDU Nordrhein-Westfalen seine Kandida-
Amtsgerichts Arnsberg. und als sich der Bund im vergangenen tur begründete, klagte er über den rüden
Vor 13 Jahren haben die beiden die Herbst in Berlin zum jährlichen Dinner Ton der CSU gegen Merkel. »So geht man
Merz-Stiftung gegründet, es geht um Bil- traf, sondierten die Männer, wie sich die nicht mit einer Kanzlerin um«, erklärte
dung und Erziehung. Man finanziert CDU nach dem absehbaren Ende der Ära Merz treuherzig.
Trommeln für den Musikunterricht in Merkel wieder auf Kurs bringen ließe. Alle Gleichzeitig bemühte er sich um ein ver-
Grundschulen oder verleiht Preise an die Blicke richteten sich auf Friedrich Merz, trauliches Gespräch mit Merkel, das dann
Arnsberger Schüler mit dem besten No- der geschmeichelt lächelte, sich aber noch Anfang der Woche auch telefonisch zu-
tendurchschnitt. In der Gaststätte Rodel- bedeckt hielt. Nun hat er sich erklärt. stande kam. Merz signalisierte der Kanz-
haus, im Stadtteil Neheim, trifft sich jede Wie wird sich das Land ändern, sollte lerin, dass er als Parteichef nicht gegen sie
Woche der Rotary Club Arnsberg. Merz Merz tatsächlich ins Kanzleramt einzie- arbeiten würde. Später wiederholte er die
ist seit Jahren Mitglied, 2009 war er Präsi- hen? Merz ist niemand, der seine Worte Zusage auch öffentlich. Aber Merkel ist
dent. Bis dahin war der Club 52 Jahre lang hütet, er hat Spaß daran, wenn sie zünden lange genug im Geschäft, um zu wissen,
ein reiner Männerverein aus Ärzten, Apo- wie Knallfrösche. Das kann das Land be- was von solchen Versprechen im Zweifel
thekern und Pfarrern. Merz hielt die Regel leben. Merkel hat den Streit und auch den zu halten ist.
für Unfug, es gab heftige Diskussionen da- Krawall ausgelagert, dafür ist nun die AfD Melanie Amann, Tim Bartz,
mals im Rodelhaus, am Ende setzte sich zuständig, während in der immer etwas Dinah Deckstein, Lukas Eberle,
Merz durch. Seitdem nimmt der Club auch überanständigen Merkel-CDU ein feiner, Markus Feldenkirchen, Martin Hesse,
Frauen auf. wenn auch etwas gouvernantenhafter Ton Ralf Neukirch, René Pfister
Kaum einer seiner Duzfreunde hat da- herrschte. Merz ist schnell beleidigt, aber
mit gerechnet, dass Merz die Kanzlerin er hat auch seine Freude daran, ordentlich
beerben möchte. Auch nicht Wolfgang Fi- auszuteilen, was amüsant ist, allerdings in Video
Die Macht des
scher, der seit neun Jahren Bürgermeister der Außenpolitik auch gefährlich werden Andenpakts
kann. Merkel hat Deutschland auch des- spiegel.de/sp462018cdu
* In der Fotogalerie vor dem Fraktionssaal der Union halb solche Reputation verschafft, weil sie oder in der App DER SPIEGEL
im Berliner Reichstag. ihre Worte wägte.

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 21


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Titel

delt wird: Sie wurde Innenministerin, die

S’Annegret
erste in Deutschland. Im kleinen Kreis
spottete Kramp-Karrenbauer fortan über
den »Männerklub« , in den sie da hinein-
geraten sei. Bei Innenministerkonferenzen
würden sich manche Ministerkollegen
Karrieren Im Duell mit Friedrich Merz um den CDU- weitaus engagierter über Panzerung und
Parteivorsitz wirkt Annegret Kramp-Karrenbauer als blasse PS-Werte ihrer Dienstwagen austauschen
als über sicherheitspolitische Konzepte.
Kandidatin. Genau daraus will sie eine Stärke machen. Anders als Merkel glitt Kramp-Karren-
bauer fast konfliktfrei nach oben, musste
sich nie hart durchsetzen. Als der amts-

P
üttlingen im Saarland hat keine Wahrheit sind ihre Bodenständigkeit und müde gewordene Müller 2011 Bundesver-
19 000 Einwohner, aber mehr als Verlässlichkeit ihre größten Stärken im fassungsrichter wurde, schlug er sie als
180 Vereine, fünf katholische Kir- Wettstreit um die CDU-Spitze. Sieg oder Nachfolgerin vor. Niemand widersprach.
chen und ein Museum, das an die Niederlage hängen für sie davon ab, wie Im kleinen Saarland konnte Kramp-Kar-
längst eingestellte Kohleförderung erinnert. experimentierfreudig sich die Parteitags- renbauer wie im Testlabor ihre politische
Und bald könnten die Püttlinger sich viel- delegierten am 7. Dezember in Hamburg Tauglichkeit in immer anspruchsvolleren
leicht noch mit einer CDU-Bundesvorsit- zeigen. Bisher ist die CDU eher für das Experimenten erproben. Jetzt, als Kandi-
zenden und möglichen Bundeskanzlerin Gegenteil bekannt. datin für den CDU-Vorsitz, wirbt sie mit
schmücken. Annegret Kramp wurde 1962 als fünftes fast 18 Jahren Regierungserfahrung, davon
Im Mikrokosmos von Püttlingen kennt von sechs Kindern in einer katholischen 11 als Ministerin und gut 6 als Minister-
jeder jeden, und sowieso kennen alle Familie geboren, der Vater Lehrer, die präsidentin. Mit den Amtskollegen rang
»S’Annegret«, wie die CDU-Generalsekre- Mutter Hausfrau. Sie ging in Püttlingen sie über komplizierte Themen wie Länder-
tärin hier genannt wird. Seit 56 Jahren ist zur Schule, saß für die CDU im Rat der finanzausgleich oder Föderalismusreform.
Annegret Kramp-Karrenbauer eine Bür- Stadt, lernte in Püttlingen ihren Ehemann Der Püttlinger Geborgenheit verdankt
gerin Püttlingens, ihre Nummer steht ganz kennen und zog mit ihm auf einen Hügel Kramp-Karrenbauer Eigenschaften, die
normal im örtlichen Telefonbuch, auch am Stadtrand, in ein Haus mit Solarzellen Spitzenpolitiker brauchen, aber zu selten
wenn meistens ihr Mann abnimmt. Der auf dem Dach. Kinder anderer Minister- haben: innere Ruhe und Nervenstärke.
Bergbauingenieur Helmut Karrenbauer präsidenten studieren in Harvard, die von Parteifreunde schwärmen, wie souverän
gab seinen Beruf auf, damit seine Frau Kar- Kramp-Karrenbauer machten Ausbildun- Kramp-Karrenbauer agiere, wenn um sie
riere in Saarbrücken machen konnte. herum schon alle die Nerven verlören. Sei
»S’Annegret kommt aus einer angesehe- es, als sie 2012 den Befreiungsschlag
nen Püttlinger Familie«, sagt Ilse Weiland. Nach 18 Jahren Merkel aus der kriselnden Jamaikakoalition im
Die 70-Jährige, die mit ihrer Einkaufs- ist eine Kandidatur Saarland wagte, oder als sie 2017 ihren
tasche vor der Volksbank Püttlingen steht, Landtagswahlkampf gegen alle Negativ-
kann alle Geschäfte und Supermärkte auf- der ruhigen Hand eine umfragen zum Sieg führte – stets scheint
zählen, in denen man die CDU-Frau beim riskante Strategie. Kramp-Karrenbauer auf derselben Be-
Bummeln treffen könne – oder eher triebstemperatur zu laufen.
treffen konnte. Seit ihrer Wahl zur Sie käme nicht auf die Idee, ein Bewer-
Generalsekretärin im Februar zeigt sich gen zum Polizisten und zur Hotelfachfrau, bungsvideo zu drehen, in dem kein einziges
Kramp-Karrenbauer nur selten in ihrem der Jüngste will Erzieher werden. CDU-Logo auftaucht, wie Jens Spahn,
Heimatort, sie verbringt die Abende und Wer in Püttlingen politisch etwas errei- dessen Werbebotschaft sich bislang primär
Wochenenden auf Parteiterminen irgend- chen wolle, müsse in der CDU sein, sagt auf die Twitter-Hashtags #Spahn und
wo »im Reich«, wie man den Rest Deutsch- Martin Speicher, der Bürgermeister: »Wir #Neustart beschränkt. Und anders als Merz
lands in Püttlingen nennt. sind eine Hochburg.« Speicher kennt Kramp- heuert sie auch keine Agentur für Krisen-
Wird die Frau aus dem saarländischen Karrenbauer seit Mitte der Achtzigerjahre, PR an, die Medienauftritte plant. Der ein-
Zwergstaat eines Tages die ganze Bundes- als beide für die CDU in den Stadtrat ein- zige bekannte Skandal in ihrer Vita ist ein
republik steuern und in der Welt vertre- zogen. Ehrgeizig und »sehr, sehr zielstrebig« überteuerter Museumsbau in Saarbrücken.
ten? Wladimir Putin oder Donald Trump sei Annegret schon mit Anfang zwanzig ge- Bis Merz auf der Bildfläche auftauchte,
die Stirn bieten? Um die Zukunft des Euro wesen, erinnert sich Speicher. Man habe schien der Weg von »AKK« an die Spitze
ringen oder milliardenschwere Autokon- sich vor den Fraktionssitzungen in kleiner vorgezeichnet. Auf dem Deutschlandtag
zerne in die Schranken weisen? Runde getroffen, um eine Strategie gegen der Jungen Union im Oktober machte die
Alles hängt davon ab, ob »AKK« sich die CDU-Altvorderen abzusprechen. Mittelstandsvereinigung der CDU einen
gegen ihren Konkurrenten Friedrich Merz Politisch sei Püttlingen der Parteifreun- Stimmungstest: Die JU-Leute konnten
durchsetzen kann. Neben dem gut vernetz- din aber bald zu klein geworden, sagt Spei- bunte Bälle in Glascontainer werfen, um
ten Ex-Fraktionschef, dem weltgewandten cher. Sie wechselte in das für saarländische den nächsten Kanzlerkandidaten zu küren.
Transatlantiker und betuchten Wirtschafts- Verhältnisse große Saarbrücken, in die Lan- Wieder Angela Merkel? Für die Kanz-
mann mit der Lizenz zum Fliegen, wirkt despolitik. Saar-Ministerpräsident Peter lerin gab es nur eine Handvoll Bälle.
Kramp-Karrenbauer blass, fast langweilig. Müller holte die damals 38-jährige Land- Jens Spahn? Hier war das Glasrohr deut-
Die Parteifreunde schätzen sie sehr, aber tagsabgeordnete in sein Kabinett. Fortan lich voller.
der Kandidat Merz versetzt die Basis ge- galt sie als »Müllers Mädchen« , so wie An- Kramp-Karrenbauer? Noch mehr Bälle,
radezu in Ekstase. In seiner Person verbin- gela Merkel in den frühen Neunzigerjahren die klare Favoritin.
det sich der Reiz des Neuen mit der Sehn- als »Kohls Mädchen« belächelt wurde. Aber die meisten Bälle landeten im vier-
sucht nach dem Alten. Aber Müller traute Kramp-Karrenbauer ten Container mit der Aufschrift: »Ande-
Kramp-Karrenbauer versucht erst gar aus dem Stand ein Ministerium zu, das in re(r)«. Die Parteijugend hätte also am ehes-
nicht, mit Merz gleichzuziehen. Denn in Regierungen als »hartes Ressort« gehan- ten auf die sichere Bank Kramp-Karren-

22 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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tagswahl über Fortgang oder Ende ihrer Kar-


riere entscheidet. Diese Motivlage könnte
Kramp-Karrenbauer den Sieg bringen.
Und so lautet ihr stärkstes Argument
gegen die Konkurrenz: Ich habe jahrelang
regiert und Wahlen gewonnen – und ihr
so? Merz führte nie ein Ministerium,
Spahn führt seins erst ein halbes Jahr. Kei-
ner stand je als Spitzenkandidat für einen
Wahlkampf gerade.
Kramp-Karrenbauers Strategie kommt
demonstrativ unstrategisch daher, sie zeig-
te sich am Dienstagabend bei einem Auf-
tritt vor dem CDU-Kreisverband Berlin-
Reinickendorf. »Was qualifiziert Sie für
den Parteivorsitz?« , will ein Zuhörer wis-
sen. Eigentlich wolle sie gar nicht antwor-
ten, sagt Kramp-Karrenbauer, »aus Fair-
ness gegenüber den Mitbewerbern«.
Aber natürlich antwortet sie doch. Sie
habe ihr Ministerpräsidentenamt aufgege-
ben, »das ich unter nicht ganz leichten Um-
ständen gegen alle Widerstände und gegen
alle Umfragen gewonnen habe«, um der
CDU auf die Beine zu helfen. Mit »meiner
Erfahrung als Wahlkämpferin, meinen
Überzeugungen« wolle sie ihren beschei-
denen Beitrag leisten. So viel Opferbereit-
schaft kommt an, der volle Saal klatscht
begeistert. Dass Friedrich Merz einst lieber
in die Wirtschaft ging, statt für die CDU
zu kämpfen, muss Kramp-Karrenbauer
gar nicht mehr ausdrücklich erwähnen.
Dass sie die konservativen Instinkte der
Partei zu bedienen weiß, zeigt sie an die-
sem Abend auch. Leider hießen die anste-
henden Martinsumzüge in manchen Kin-
dergärten nur noch »Lichterprozession«,
kritisiert die CDU-Frau. »Das ist keine To-
leranz, das ist Selbstverzwergung!« Keine
Stelle ihrer Rede erntet stärkeren Applaus.
Aus dem Mund von Angela Merkel hat
man solche Aussagen noch nie gehört. Der
HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF

Wunsch der CDU nach Erneuerung liegt


auch am Überdruss mit der Langzeitchefin,
die ihnen zu vage, zu konturlos erschien.
Für die Kandidatin Kramp-Karrenbauer
kommt es daher darauf an, aus Merkels
Schatten zu treten.
Einen ersten Schritt tat sie in ihrer Pres-
sekonferenz, als sie die jüngste Phase von
Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer: Die Basis lechzt nach Neuem Merkels Kanzlerschaft als »bleierne Zeit«
bezeichnete. Bei allem Lob und Dank für
Merkel erwähnte Kramp-Karrenbauer,
bauer gesetzt – hoffte aber insgeheim auf die unbekümmerte Angriffslust eines dass man deren Ära ja »nicht rückgängig
jemand anderen. Irgendeinen anderen. Spahn, also präsentiert sie sich als Gegen- machen« könne – es klang fast bedauernd.
Die CDU-Basis lechzt nach Neuem, will modell: bescheiden, dienstbereit, auf den Auch Merkels Flüchtlingspolitik vertei-
begeistert werden, und noch ist der Funke Zusammenhalt ausgerichtet. digte die Generalsekretärin nicht, sondern
der Saarländerin nicht übergesprungen. Die erste Pressekonferenz zu ihrer Kan- stellte nur fest, es bringe nichts, noch lange
Kramp-Karrenbauers Wahlkampf der ru- didatur begann sie mit einer Art Parteitags- über die Ereignisse von 2015 zu diskutie-
higen Hand ist nach 18 Jahren Merkel eine rede. 20 Minuten Monolog, offensichtlich ren. Sie seien »Fakt« und könnten eben-
riskante Strategie. Die CDU ist unbe- zugeschnitten auf die 1001 Delegierten da- falls nicht »rückabgewickelt« werden.
rechenbar geworden, das zeigt der über- heim auf dem Sofa, nicht auf die Medien- Gut möglich, dass den Parteifreunden
raschende Wahlsieg von Ralph Brinkhaus leute im Saal. Auf dem Parteitag in Ham- diese Antwort nicht reichen wird.
zum Chef der Bundestagsfraktion. burg wird auch nicht die Basis sitzen, Melanie Amann, Matthias Bartsch,
Kramp-Karrenbauer umweht weder die sondern Abgeordnete und Funktionäre – Ralf Neukirch
»Messias«-Aura von Merz, noch hat sie Leute, bei denen eine erfolgreiche Bundes-

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HENNING SCHACHT
Innenminister Seehofer in Berlin: Alles verzockt

Der Watschnbaum
CSU Parteichef Horst Seehofer weiß, dass seine Tage an der Spitze der Partei gezählt sind.
Aber er will nicht den Sündenbock für die Wahlniederlagen abgeben.

E
s brodelt in Horst Seehofer, doch Erst als Alexander Dobrindt neben ihm Auch er hat dafür den Zeitpunkt verpasst.
zu sehen bekommt das erst mal Platz nimmt, wird der CSU-Chef lebhaft. Aber er will das noch nicht wahrhaben.
niemand. Minutenlang verfolgt Seehofer redet auf den CSU-Landesgrup- Zehn Jahre stand Seehofer an der Spitze
der CSU-Chef das Geschehen auf penchef ein, die Debatte auf der Bühne ist der CSU, fast ebenso lang war er Minis-
der Bühne beim Parteitag der Europäi- ihm mit einem Mal egal. Seehofer spricht, terpräsident in Bayern. Er hat seine Partei
schen Volkspartei. Er sitzt zurückgelehnt Dobrindt nickt, so geht das, minutenlang. zurück zu alter Größe geführt und droht
auf seinem Stuhl, im Ohr den Knopf für Worum es geht, ist nicht schwer zu erraten. am Ende nun doch als einer dazustehen,
die Übersetzung. Obwohl er seinen Vize- Gerade eben, als er an der Konferenzhalle der alles verzockt hat: die absolute Mehr-
parteichef Manfred Weber in Helsinki als ankam, hat Seehofer Meldungen demen- heit, die Sonderstellung der CSU in der
Spitzenkandidaten für die Europawahl tiert, dass er am Sonntag seinen Rücktritt Bundespolitik und seine Chancen, den
vorschlagen wird, hat die Parteitagsregie als Parteichef ankündigen werde. »Das ist Mann zu verhindern, den er auf keinen
ihm keinen guten Platz zugewiesen. Wäh- schlichtweg falsch«, sagt er, »eine richtig Fall als seinen Nachfolger sehen wollte –
rend Österreichs Kanzler Sebastian Kurz fette Ente«, fügt er später hinzu. Bayerns Ministerpräsidenten und wohl
in der Mitte der ersten Reihe sitzen darf, Seehofer war es immer wichtig, nicht künftigen Parteichef Markus Söder.
ist Seehofer am Rande neben dem belgi- wie ein alter Bauer vom Hof getrieben zu »Ich bin Herr des Verfahrens«, sagt
schen Vizepremier platziert. Er wechselt werden, auch er will, was in der Politik so Seehofer in Helsinki trotzig. »Derzeit ist
kein Wort mit dem Mann. schwer ist: den selbstbestimmten Abgang. der Ausgang völlig offen.« Doch das ist

24 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Deutschland OPTIMAL GEWASCHENE


Wunschdenken. Mit Neid blicken viele Seehofer will sich wehren, wie kann es
LUFT FÜR GESUNDHEIT
Christsoziale derzeit auf die CDU, wo An-
gela Merkels Ankündigung, nicht wieder
sein, dass jetzt alles auf Söder zuläuft, wo
er doch laut Umfragen der unbeliebteste
UND WELLNESS
für den Parteivorsitz zu kandieren, für Auf- Ministerpräsident von ganz Deutschland 8 VON VIELEN GRÜNDEN WARUM
bruchstimmung sorgt. Sie hoffen, dass ist. Söders Argument, er habe nicht genug
auch Seehofer einsieht, dass seine Zeit als Zeit gehabt, um als Ministerpräsident bei SIE EINEN VENTA BRAUCHEN
Parteichef vorbei ist. Für den Fall, dass er den Bürgern bekannt zu werden, findet
kein Einsehen zeigt, arbeitet die Partei be- Seehofer lachhaft. War der Mann nicht zu-
reits an einem Zeitplan, um ihn zum Rück- vor 15 Jahre in Bayern in hohen Ämtern? NEIN ZU JA ZU
zug zu zwingen. Vor allem aber, und daran hat sich in
Die Debatte auf der Bühne endet, See- den vergangenen Jahren nichts geändert,
hofer steht auf, er will die Halle verlassen, traut er Söder nicht zu, die CSU aus der
aber mit ihm drängen Hunderte Delegierte Krise zu führen. »Vorsicht, wir fahren jetzt
gleichzeitig zum Ausgang. Ein Referent ist in die 30-Prozent-Zone der CSU ein«, sag-
bei ihm, dazu ein enger Mitarbeiter aus te Seehofer früher gern, wenn er mit sei-
der CSU-Zentrale und die Sicherheitsleute. nem Dienstwagen die Nürnberger Stadt-
Doch anders als in seiner Zeit als bayeri- grenze überquerte und damit in Söders ERKÄLTUNGEN DURCH REINER LUFT
scher Ministerpräsident öffnet sich kein Stimmkreis kam. Söder, so fürchtet See- AUSGETROCKNETE FÜRS BABY
Spalier. Seehofer steht im Gedränge, einer hofer, werde die CSU in ein 20-Prozent- SCHLEIMHÄUTE
von vielen, ein Vorgeschmack auf die Zeit, Getto führen.
wenn es mit seinen Ämtern und Privile- Eingezwängt zwischen der AfD und den
gien vorbei sein wird. Freien Wählern auf der einen und den
Vor dem Saal begrüßt ihn CSU-Gene- Grünen auf der anderen Seite, drohe unter
ralsekretär Markus Blume, auch er ist Gast Söder mit der absoluten Mehrheit auch
beim EVP-Parteitreff. »Wir hatten heute der Mythos der Einzigartigkeit als letzter
eine schöne Veranstaltung zu ›100 Jahre Volkspartei Bayerns zu schwinden, warnt
Freistaat Bayern‹«, sagt er. Seehofer nickt, Seehofer. Dabei wirkte er selbst im Wahl- FILTERMATTEN WELLNESS FÜR DIE HAUT
so ein Staatsakt, das wäre früher sein gro-
ßer Auftritt gewesen. Jetzt hat Söder die
Festrede im Nationaltheater gehalten. Wie es aussieht, will
Seehofer muss mit ansehen, wie Söder die CSU Horst Seehofer
ihm nach dem Posten des Ministerpräsi-
denten das nächste Amt streitig macht: den keine Gnadenfrist
Parteivorsitz. Wenige Tage vor der Wahl, mehr gewähren.
auf einem gemeinsamen Termin in See-
hofers Heimatstadt Ingolstadt, schien noch KOPFSCHMERZEN DURCH GESUNDEN PFLANZEN
Einigkeit zu herrschen. Vor dem Einzug in kampf wie ein Spiegelbild dieser Zerris- TROCKENE LUFT
das Stadttheater wartete Seehofer in einem senheit, hin und her getrieben zwischen
angrenzenden Raum, er war im Gespräch Söder, der zeitweise darauf drang, Kurs
mit Bürgern, als Söder hereinplatzte und und Sprache in der Flüchtlingspolitik noch
erst mal die Besucher verscheuchte. weiter zu verschärfen, und einer Kanzle-
Dann versicherte Söder ihm ungefragt, rin, die partout an keinem Punkt nachge-
dass er nach der Wahl nicht das Amt des ben wollte.
Parteichefs anstreben werde. »Damit das Auch das hält Seehofer heute für einen
klar ist«, sagte Söder, »ich habe kein Inte- Fehler: dass er im Sommer den Konflikt KONZENTRATIONS- OPTIMALEM SCHUTZ FÜR
resse am Parteivorsitz.« Seehofer kennt mit Angela Merkel über die Zurückwei- PROBLEMEN DURCH MÖBEL UND FUSSBÖDEN
TROCKENE LUFT
Söder lange genug, er glaubte ihm kein sung bereits registrierter Flüchtlinge an
Wort, aber er wollte ihn kurz vor der Land- der Grenze nicht auf die Spitze trieb, dass
tagswahl zum Schwur zwingen. Zwischen er keine entsprechende Anweisung an die M A DE
GERM IN
beiden kommt es zum Handschlag. Grenzschützer erteilte. Die Eskalation, so ANY
Doch nun zeigt Söder unverhohlen In- ist sich Seehofer im Nachhinein sicher, hät-
teresse am Parteivorsitz. Angeblich soll te die AfD kleinergehalten.
Merkels Ankündigung, sich vom CDU- Zudem wirft er sich vor, dass er seine
Vorsitz zurückzuziehen, zu diesem Sinnes- Partei nicht besser auf die neue Zeit vor-
wandel geführt haben. Seit Wochen ant- bereitet hat, in der die Bindungskraft nicht
wortet Söder zustimmend, wenn ihm Par- mehr so stark ist wie einst, weil neue Mi-
teifreunde eine SMS mit der Frage schi- lieus entstanden sind und viele Menschen
cken, ob er für den CSU-Vorsitz kandidie- wegen der Arbeitsplätze nach Bayern kom- ab € 159,– (UVP)
ren werde. »Wenn ihr das so wollt«, tippt men. Aber soll er deswegen dem Wahl-
er dann. Diese Antwort kommt binnen we- verlierer Söder weichen? »Noch mal mache
niger Minuten. ich einen Watschnbaum nicht«, sagte See-
Weitere Infos und 14-Tage Test
Das kränkt Seehofer. Er hadert, er sto- hofer unlängst in einer Stammtischsendung
chert in der Vergangenheit, er weiß, dass des Bayerischen Rundfunks. Das sei schon 0751 5008-88
er Fehler gemacht hat, etwa mit der gro- nach der Bundestagswahl so gewesen. See- www.venta-luftwaescher.de
tesken Idee, den eigentlich geschassten hofer hofft, dass er noch einmal Zeit ge-
Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maa- winnen kann. Für ihn ist ohnehin klar, dass
ßen zu befördern. er im kommenden Jahr nicht mehr als Par-

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Deutschland

teichef antreten wird. Ab Anfang 2019 schwinden soll. Am Sonntag wird sich der Allerdings rechnet niemand damit, dass
müsste sich die Partei also sowieso um ei- Parteichef mit den CSU-Bezirksvorsitzen- Seehofer bereits am Sonntag der kleinen
nen Nachfolger kümmern. Auffällig häufig den in der Münchner Parteizentrale tref- Runde seinen Rücktritt in offenen Worten
lobt er in diesen Tagen Manfred Weber, fen. Vordergründig wird es darum gehen, ankündigt. Er werde sich frühestens am
den frisch gewählten Spitzenkandidaten Kandidaten für die Europawahl 2019 auf- Dienstag erklären, heißt es aus Seehofers
für die Europawahl: »Das ist unser großer zustellen. In Wahrheit soll das Treffen je- Umfeld, um »die Vorstellung und Verei-
Hoffnungsträger«, sagt Seehofer in Helsin- doch einen »Fahrplan zur Zukunft des Par- digung des Kabinetts nicht mit anderen
ki. Doch wie es aussieht, will ihm seine teivorsitzes« hervorbringen, sagt einer aus Dingen zu belasten«. Am Montag nämlich
Partei keine Gnadenfirst mehr gewähren. dem CSU-Vorstand. Die Bezirksvorsitzen- beruft Markus Söder seine Minister ins
Allerdings könnte Seehofer, so eine Über- den hätten die Macht, einen Sonderpartei- Amt.
legung, Innenminister bleiben. tag einzuberufen, dessen alleiniger Zweck Danach aber wird es Zeit. Andern-
Die CSU hat sich für die kommenden es wäre, einen neuen CSU-Chef zu wäh- falls, so prognostiziert es einer, »greift
Tage eine fragile Choreografie einfallen len. Diese Daumenschrauben würden zum die Basis zu den Mistgabeln«.
lassen, an deren Ende Seehofer am besten Einsatz kommen, falls Seehofer kein Si- Anna Clauß, Peter Müller
wie von selbst vom Parteivorsitz ver- gnal zum Rückzug senden sollte.

Geheimdienste Wie ein anonymer Hinweisgeber dafür sich zwar über »German media manipula-
tion and Russian disinformation« beklagt
sorgte, dass Verfassungsschutzpräsident Maaßen rausflog und über angebliche »fake news« deut-
scher Medien auslässt. Diese hätten »man

Eklat mit Ansage hunts«, also Hetzjagden, in Chemnitz


»vielleicht sogar erfunden«.
Die innenpolitisch brisantesten Passa-
gen aber finden sich nur in dem deutschen
Manuskript. Jenem, das amtsintern ver-
 Der Whistleblower, der Hans-Georg öffentlicht worden war.
Maaßen zu Fall brachte, meldete sich mit Darin ist die Rede von »linksradikalen
einem zweiseitigen Schreiben. Er wolle Kräften in der SPD«, die schuld an seiner
sich nicht an das Innenministerium von Absetzung seien und auf einen Koalitions-
Horst Seehofer (CSU) wenden, schrieb bruch zielten. Am 24. Oktober landete
der anonyme Mitarbeiter des Verfassungs- diese Fassung unter der Rubrik »Amtslei-
schutzes, weil er sich »keine objektive tung informiert« im Intranet des Verfas-
AXEL SCHMIDT / REUTERS

Prüfung« von Maaßens Dienstherrn ver- sungsschutzes und war somit für Tausen-
spreche. Schließlich habe Seehofer den de Mitarbeiter nachzulesen. Maaßen
Geheimdienstchef bis zuletzt unterstützt. musste damit rechnen, dass seine Sätze
Also wählte er einen Weg, den das die Runde machen würden.
Gesetz ausdrücklich vorsieht: Mitarbeiter Als Seehofer am 2. November gegen
dürfen sich, ohne ihren Vorgesetzten zu 13 Uhr am Rande eines deutsch-polni-
informieren, an die Geheimdienstkontrol- Ex-Behördenchef Maaßen schen Regierungstreffens von dem Rede-
leure des Bundestags wenden, um »inner- »Fake news« im Geheimklub manuskript erfuhr, soll er außer sich gewe-
dienstliche Missstände« anzuzeigen. Und sen sein. Er habe für Maaßen die Pfeile
so landete das Schreiben beim Grünen- als Geheimdienstchef abzulösen, zum auf sich gezogen, sagte er später in kleiner
Abgeordneten Konstantin von Notz, dem Trost sollte er »Sonderberater« im Bundes- Runde, und nun so etwas! Menschlich sei
stellvertretenden Vorsitzenden des Parla- innenministerium werden. Am vergange- er schwer enttäuscht.
mentarischen Kontrollgremiums. nen Montag aber schickte Horst Seehofer Maaßen versuchte in internen Gesprä-
Der Missstand, um den es ging, war ein ihn in den einstweiligen Ruhestand. chen zu beschwichtigen. Er habe vor dem
Manuskript Maaßens, das im Intranet des Die Geschichte der Abgänge der Verfas- »Berner Club« eine entschärfte Rede
Bundesamts für Verfassungsschutz sungsschutzchefs ist eine Geschichte irrer gehalten. Aber im Innenministerium war
erschienen war. Es war seine Abschieds- Volten. Der erste Präsident des Geheim- schnell klar: Er muss seinen Schlapphut
rede, die er am 18. Oktober in Warschau dienstes, Otto John, tauchte nach vier Jah- nehmen. Selbst Beamte, die lange mit ihm
vor dem »Berner Club« gehalten hatte, ren im Amt plötzlich in Ost-Berlin auf zusammenarbeiteten, waren wegen der
einem streng vertraulichen Zirkel von und erklärte seinen Übertritt zur DDR. Rede fassungslos. Und vielleicht hat sie
30 europäischen Inlandsgeheimdienst- Maaßens Vorgänger, Heinz Fromm, warf sogar noch weitere Folgen: Das Ministeri-
chefs. Einen Großteil seiner Rede widme- nach Auffliegen der NSU-Terrorgruppe um prüft, ein Disziplinarverfahren gegen
te Maaßen den rechtsextremen Ausschrei- hin, weil hinter seinem Rücken Akten den Ex-Geheimdienstchef einzuleiten.
tungen in Chemnitz im August, nachdem geschreddert wurden. Mit Maaßens Raus- Der Whistleblower, der den Vorgang an
ein Deutschkubaner dort erstochen wurf ist diese Geschichte nun um eine wei- die Öffentlichkeit brachte, hatte jedenfalls
worden war, möglicherweise von Flücht- tere bemerkenswerte Wendung reicher. eine klare Einschätzung: In seinen Augen,
lingen. Maaßen hatte daraufhin in der Wie seine Wortwahl im »Berner Club« so schrieb er, habe Maaßen mit seinen Sät-
»Bild« angezweifelt, dass es in Chemnitz genau war, versuchten die Fachaufseher zen gegen das politische Mäßigungsgebot
»Hetzjagden« gegen Ausländer gegeben im Bundesinnenministerium in den ver- für Beamte verstoßen. Der Name des Ver-
hatte, wie Bundeskanzlerin Angela Mer- gangenen Tagen noch zu ermitteln. Es fassers ist nicht bekannt. Sein Schreiben
kel und ihr Regierungssprecher behauptet existieren zwei Redemanuskripte für das unterschrieb er oder sie nur mit Initialen.
hatten. Diese Zitate waren Anlass, Maaßen Treffen: ein englisches, in dem Maaßen Martin Knobbe, Wolf Wiedmann-Schmidt

26 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Deutschland

Ein Schiff wird kommen


Berateraffäre Ursula von der Leyen ist wegen fragwürdiger Verträge mit Consultingfirmen in
Bedrängnis geraten. Nun zeigen interne Unterlagen, wie McKinsey bei einem
Milliardenprojekt der Marine ohne Ausschreibung an einen lukrativen Auftrag gelangt ist.

A
m 10. Juni 2015 besuchte Ursula In der vergangenen Woche wurde ein lermeisten Aufträge freihändig vergeben
von der Leyen den Verteidigungs- Rechnungshofbericht bekannt, der das hatten.
ausschuss, um die Abgeordneten Ausmaß der Missstände offenbarte. Die Bislang hat die CDU-Ministerin viel da-
über ein Rüstungsprojekt der Su- Prüfer hatten 56 Beraterverträge unter- für getan, die Affäre zu beenden. In Inter-
perlative zu informieren: das Mehrzweck- sucht und in 47 Fällen festgestellt, dass views räumte sie Fehler ein. In Zukunft
kampfschiff »MKS 180«. »In der Luft, das Ministerium nicht oder nur unzurei- soll eine zentrale Vergabestelle sicherstel-
über und unter Wasser« könne das neue chend begründet hatte, warum es Con- len, dass die Unregelmäßigkeiten aufhö-
Schiff Ziele bekämpfen, sagte die Vertei- sultingfirmen engagieren wollte. Zudem ren. Sie hoffte wohl, dass sich die Vorwürfe
digungsministerin. Und für Spezialkräfte stellte der Rechnungshof verwundert damit erledigen ließen.
sei natürlich auch noch Platz an Bord. fest, dass von der Leyens Beamte die al- Doch danach sieht es nicht aus.
Dann ergriff Staatssekretärin Katrin Su-
der das Wort. Das »MKS 180« sei eines
der »Topprojekte« des Hauses. In schöns-
tem Beraterdeutsch skizzierte sie, wie sie
das Projekt steuern wolle: Eine neuartige
»Programmorganisation« solle sicherstel-
len, dass die neuen Schiffe auch wirklich
rechtzeitig auslaufen können.
Für genau solche Projekte hatte von der
Leyen die Unternehmensberaterin ins Ver-
teidigungsministerium (BMVg) geholt. Su-
der kam von McKinsey und sollte dafür
sorgen, dass die Skandale um überteuertes
und verspätetes Kriegsgerät aufhören. Der
Einsatz von Consultants spielte bei der
»Agenda Rüstung«, wie das Modernisie-
rungsprogramm heißt, eine wichtige Rolle.
Allein 2016 gab ihr Ministerium 134 Mil-
lionen Euro für Berater aus, um den Be-
amten im Haus Beine zu machen.
Nun zeigen sich die Kehrseiten dieser
Politik. Vertrauliche Unterlagen aus dem
BMVg offenbaren, wie McKinsey ohne
Ausschreibung an einen lukrativen Auftrag
beim »MKS 180« gelangen konnte: Die
ehemaligen Kollegen Suders heuerten als
Unterauftragnehmer einer Rechtsanwalts-
kanzlei an. Der Bundestag erfuhr nichts
von dem lukrativen Mandat.
Und es gibt weitere Fälle. McKinsey
stieg auch bei anderen Projekten als Sub-
unternehmer ein und konnte damit ohne
Ausschreibung des Verteidigungsministe-
riums zum Zuge kommen. Insgesamt dürf-
te McKinsey seit 2014 rund zehn Millionen
Euro mit seinen Verteidigungsmandaten
gemacht haben.
Für von der Leyen kommen die neuen
FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Vorwürfe zu einem ungünstigen Zeitpunkt.


Seit Wochen wird ihr Ministerium von
einer Berateraffäre erschüttert. Ende Sep-
tember hatte SPIEGEL ONLINE erstmals
über Unregelmäßigkeiten bei Beraterauf-
trägen berichtet. Seitdem kommen ständig
neue Details ans Licht. Ministerin von der Leyen, Bundeswehrsoldaten vor Sizilien 2015: Überteuertes Kriegsgerät

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McKinsey ist ein besonders heikles The- 2014 holt Ursula von der Leyen Mitarbeiter der Vorteilhaft beraten
ma für von der Leyen. Zwei ihrer Kinder Beratungsfirma McKinsey ins Verteidigungsministerium.
arbeiten bei der Beratungsfirma. Ihre
Staatssekretärin Katrin Suder brachte
Gundbert Scherf von McKinsey mit, der Im Vergabeverfahren für das Mehr-
Katrin Suder zweckkampfschiff »MKS 180« erhält die
Rüstungsbeauftragter wurde. Von Beginn Staatssekretärin
an sorgten die Personalien für Getuschel. Kanzlei Beiten Burkhardt freihändig den
Fragen nach Interessenkonflikten wurde Beraterzuschlag. Sie vergibt dann ohne
Ausschreibung einen Unterauftrag an
laut, die das Ministerium stets bestritt.
Gundbert Scherf McKinsey.
Am Beispiel des »MKS 180« zeigt sich Rüstungsbeauftragter
nun, welche Probleme die Beraterverträge
mit sich bringen können. Nachdem von der
Leyen im Juni 2015 den Kauf der Schiffe Bei Rüstungsprojekten oder Um-
strukturierungen in der Bundeswehr
verkündet hatte, wurde im zuständigen
werden nun in großem
Wehrbeschaffungsamt der Bundeswehr in Umfang externe Berater
Koblenz ein neues Team zusammengestellt.

MTG
angeheuert. »MKS 180«-Entwurfsstudie
Bis zur Bundestagswahl 2017 sollte der
Auftrag an die Werften vergeben werden.
Anders als sonst wurde der Auftrag europa- Experte für Vergaberecht. Er hält die Pra- die Auftragsvergabe an Unternehmens-
weit ausgeschrieben. Im Verteidigungs- xis des Ressorts für rechtswidrig. Die Ver- beratungen gezogen hätten. Wir sind doch
ausschuss hatte von der Leyen diese Ent- antwortlichen hätten nicht zustimmen dür- nicht verrückt, hieß es gern, Aufträge an
scheidung mit den Worten erklärt, dies fen, als Beiten Burkhardt nach dem Zu- unseren alten Arbeitgeber McKinsey, das
bringe »einerseits Transparenz und ande- schlag noch McKinsey anheuerte, sagt der würde doch jeder sofort mitbekommen.
rerseits Bewegung in den Markt«. Professor: »Die Leistungen von McKinsey Auch heute bestreiten Suder und das
Bei so einem ambitionierten Projekt hätte das Amt ausschreiben müssen.« BMVg, dass sie Einfluss auf die Vergabe
durften Consultants nicht fehlen. Hier ent- Ab September 2015 waren die Berater genommen habe. Doch zumindest im An-
schied man sich allerdings gegen eine eu- von McKinsey jedenfalls Teil des »MKS schluss bröckelte die chinesische Mauer
ropaweite Ausschreibung. Den Auftrag für 180«-Teams. Sie bezogen Büros in Ko- zwischen Suder und McKinsey.
die juristische Beratung vergab das Wehr- blenz und berieten das Amt bei der Aus- Der Kauf der neuen Mehrzweckkampf-
beschaffungsamt am 7. September freihän- schreibung für die Kampfschiffe. Der Öf- schiffe gehörte zu Suders Prestigeprojek-
dig an die Rechtsanwaltskanzlei Beiten fentlichkeit blieb dieses Mandat verborgen. ten im BMVg. Mehrfach berichtete sie im
Burkhardt. Als der Zuschlag bereits erteilt Im Februar fragte der AfD-Abgeordnete Verteidigungsausschuss über den Fortgang
war, engagierten die Juristen noch McKin- Uwe Schulz im Parlament nach Aufträgen des Milliardenprojekts. Sogar über die Be-
sey als Subunternehmer. Beiten Burkhardt für McKinsey. In der Antwort fand sich teiligung der externen Berater gab sie hin-
verfügt über rund 300 Anwälte weltweit. kein Hinweis auf den Unterauftrag beim ter verschlossenen Türen Auskunft.
Wofür brauchte es da McKinsey? »MKS 180«. Ein Ministeriumssprecher Im Dezember 2015 sagte die Staats-
Das Ministerium erklärt es heute so: sagt dazu heute: »Unteraufträge der direk- sekretärin, sie sei »sehr froh, dass man Ex-
Am 8. September hätten sich die Projekt- ten Vertragspartner werden statistisch terne dabei habe und die Zusammenarbeit
leitung und Beiten Burkhardt zu ihrer ers- nicht erfasst.« Komisch nur, dass in der im Amt gut erfolge«. Sie selbst habe das
ten Sitzung getroffen. Dabei sei bespro- Antwort ein anderer Unterauftrag von »MKS«-Team »regelmäßig zusammen mit
chen worden, dass der Auftrag auch be- McKinsey durchaus erwähnt wurde. Hatte den Externen bei sich«, sodass alle zusam-
triebswirtschaftliche Teile umfasse. Nur: das Ministerium etwas zu verschweigen? menarbeiten würden, was aus ihrer Sicht
Wer sollte diesen Job übernehmen? Als Suder im August 2014 im Wehr- »sehr gut laufe«. Das Ministerium bestätigt
In diesem Zusammenhang hätten die ressort anfing, wurde sie immer wieder heute: Mitarbeiter von McKinsey hätten
Beamten erwähnt, dass man »beispielswei- auf McKinsey angesprochen. Mehr als »einige wenige Male an Tischgesprächen
se in einem früheren Projekt mit ähnli- zehn Jahre hatte sie dort gearbeitet. Die der Projektleitung mit der damaligen
chem Fachbezug mit der Firma McKinsey »Meckis« sind in vielen Ministerien am Staatssekretärin Dr. Suder teilgenommen,
gute Erfahrungen gemacht hätte«, erklärt Start, wenn es darum geht, den Ministerial- soweit sich das noch feststellen lässt«.
ein Sprecher. Als einen Wink mit dem betrieb in Schwung zu bringen. Im Koblenzer Bundesamt wurde der
Zaunpfahl will das Ministerium diese Aus- Von der Leyen und Suder lernten sich Einsatz von McKinsey kritisch beäugt. Die
sage aber nicht verstanden wissen. Es sei bei genau einem solchen Projekt kennen, zuständigen Beamten ärgerten sich, dass
Beiten Burkhardt immer noch »freige- das die CDU-Politikerin als Arbeitsminis- offene Stellen nicht besetzt wurden und
stellt« gewesen, welchen Unterauftragneh- terin bei McKinsey in Auftrag gegeben hat- stattdessen viel Geld an die Berater floss.
mer sie auswählen. te. Kaum war von der Leyen Ende 2013 Diese seien zudem häufig noch Berufsan-
Wie dem auch sei, McKinsey bekam im Wehrressort angekommen, rief sie ihre fänger gewesen, heißt es. Der Projektleiter
wenige Tage später den Auftrag, ohne zeit- alte Bekannte an. Einige Monate später in Koblenz habe sich oft nicht getraut, auf
raubende Ausschreibung. Auf Nachfrage war Suder als Staatssekretärin vereidigt. seine erfahrenen Leute zu hören. Der
erklärt das BMVg, der Vorgang sei damals Nun stand sie auf der anderen Seite des Grund sei jedem klar gewesen: Der Mann
zweimal im Wehrbeschaffungsamt geprüft Beratungsgeschäfts – als Auftraggeberin habe gewusst, dass Katrin Suder von
worden. Alles sei »rechtskonform« gelau- für millionenschwere Projekte. McKinsey gekommen sei.
fen. Aber: »Um jeden Zweifel auszuräu- Wer Suder oder ihren Rüstungsbeauf- Die Zweifel wuchsen noch, als das Amt
men, wird das BMVg auch diesen Vorgang tragten Scherf auf mögliche Interessenkon- einen neuen, millionenschweren Berater-
im Rahmen der aktuell laufenden Prüfung flikte ansprach, dem wurden schnell alle vertrag ausschrieb, der perfekt zu McKin-
durch die Fachaufsicht auf Ministeriums- Zweifel ausgeredet. In solchen Gesprächen sey zu passen schien. Auf manche wirkte
ebene erneut mit überprüfen.« war viel von einer »Chinese Wall« die es wie ein abgekartetes Spiel.
Hans-Peter Schwintowski ist Jurist an Rede, einer schier unüberwindbaren Mau- Ab Mai 2016 wandte sich nach SPIEGEL-
der Berliner Humboldt-Universität und er, die Suder und Scherf zwischen sich und Informationen ein Beamter an den Kor-

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 29


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Deutschland

ruptionsbeauftragten der Behörde. Er Ähnlich lief es bei der Reform des Wehr- wird. Bei PD wiederum, so jedenfalls die
habe den Eindruck, dass McKinsey an beschaffungsamts ab, für die Ministerin offizielle Lesart, hielt man innerhalb von
dem neuen, für sie bestimmten Vertrag schon lange ein ärgerliches Nadelöhr bei wenigen Wochen »einen vergaberechts-
mitformulieren würde. Er wolle mal nach- Rüstungsprojekten. Um in Koblenz aufzu- konformen Mini-Wettbewerb« ab und er-
fragen, ob das rechtlich in Ordnung gehe. räumen, wurde eine Taskforce ersonnen, mittelte »den qualitativ besten Bewerber«.
Doch der Korruptionsbeauftragte sah die Vorschläge für die Zukunft der Stand- Wieder einmal kam McKinsey zum Zug.
keine Probleme. Das Ministerium sagt orte machen sollte. Im Koalitionsvertrag Von August bis September sollte McKin-
heute: »Der Korruptionsbeauftragte hat legten Union und SPD fest, dass bis Ende sey eine Million Euro für die Beratung kas-
im Rahmen seiner Zuständigkeit die Hin- 2019 Ergebnisse vorliegen sollten. sieren. Insider sagen, es sei von vornherein
weise intensiv geprüft und konnte keinen Da für eine Ausschreibung wohl keine klar gewesen, dass McKinsey das Budget
Korruptionsverdacht feststellen.« Das Zeit war, wurde wieder »Partnerschaft gewinnen solle.
BMVg und McKinsey bestreiten, dass die Deutschland« beauftragt. Das Unterneh- Auf Nachfrage gab das Ministerium am
Berater an dem Vertrag mitgeschrieben men befindet sich in öffentlicher Hand, Donnerstag einen weiteren Fall zu. Der
haben. weshalb auf Ausschreibungen verzichtet Rüstungsdienstleister IABG habe McKin-
Im Juli 2016 schloss das Wehrbeschaf-
fungsamt mit McKinsey den neuen Ver- ANZEIGE

trag. Bis heute sind mehr als 6,6 Millionen


Euro an Honoraren für das Projekt »MKS
180« geflossen. Wie viel McKinsey als Sub-
unternehmer bekommen hatte, will das
Ministerium nicht sagen. Insider sagen, es
sei um Millionen gegangen.
Im Wehrbeschaffungsamt gab es schon
früh Diskussionen über die Abrechnungs-
praxis. Beamte in Koblenz erzählten sich,
dass McKinsey mitunter so viele Stunden
abrechnete, dass ihre Berater an jedem
Werktag des Monats ohne Pausen 13 Stun-
den gearbeitet haben müssten. Das kam
ihnen dann doch etwas viel vor.
Wieder erreichten den Korruptions-
beauftragten Hinweise. Doch auch hier
konnte er keine Probleme finden. McKin-
sey sagt, man habe in der Kürze »keine
Abrechnung gefunden, in der für einen
Mitarbeiter 13 Stunden an einem Tag ab-
gerechnet wurden«.
Das BMVg betont, man habe die Firma
ja nicht vom Wettbewerb ausschließen
können. Insgesamt habe McKinsey in
den vergangenen Jahren viel weniger Auf-
träge vom BMVg bekommen, als es die
Marktstellung erwarten ließe. Die Art und
Weise der Vergaben macht dennoch hell-
hörig. Und der Unterauftrag beim »MKS
180« war auch nicht der einzige Fall dieser
Art.
Im Jahr 2015 suchte das Ministerium
einen Berater für die maroden Beteiligungs-
gesellschaften der Bundeswehr. Schon seit
Jahren galten der Fuhrpark, die Beklei-
dungsgesellschaft und die Panzerwerkstät-
ten als reformbedürftig, folglich wollte die
Ministerin hier gern schnell aufräumen.
Direkt wurde der Auftrag, immerhin
rund anderthalb Millionen Euro schwer,
nicht an McKinsey vergeben. Vielmehr
wählten die Verantwortlichen einen Kniff,
der verdächtig an das Vorgehen beim
»MKS 180« erinnert. Das Ministerium be-
auftragte zunächst eine andere Beratungs-
firma, die heute unter dem Namen »Part-
nerschaft Deutschland« (PD) firmiert. Die-
se holte McKinsey ins Projekt. Aus Sicht
des Ministeriums war das korrekt, die Ver-
gabe sei »in alleiniger Verantwortung der
PD durchgeführt« worden.

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sey zwischen 2016 und 2018 bei einem weist den Vorwurf, McKinsey sei systema- Anders als bei bisherigen Affären kann
Hubschrauberprojekt (»Task Force Dreh- tisch als Subunternehmer an Mandate des von der Leyen dieses Mal nicht auf ihre
flügler«) einen Unterauftrag verschafft. BMVg gelangt, »klar zurück«. Vorgänger verweisen. Zudem stellt sich
Das Volumen sei Betriebsgeheimnis. Für von der Leyen könnte es ungemüt- die Frage, wie unbefangen von der Leyen
Der Grünen-Haushaltspolitiker Tobias lich werden. FDP und Grüne drohen mit möglichen Unregelmäßigkeiten bei Aufträ-
Lindner möchte wissen, ob diese Form der einem Untersuchungsausschuss. Selbst der gen an McKinsey nachgehen kann.
Beauftragung System hatte: »Das Kon- Koalitionspartner geht auf Distanz. Die Schon länger kursiert im Ministerium
strukt mit Unterauftragnehmern führt na- SPD-Bundestagsfraktion fordert, dass ein Berufsprofil, das ein Sohn von der Ley-
türlich dazu, dass am Ende niemand mehr McKinsey nicht länger an der Reform des ens auf einem Karrierenetzwerk veröffent-
weiß, welche Firmen tatsächlich das BMVg Wehrbeschaffungsamts mitarbeitet. Sonst licht hat. Er arbeitet seit 2016 für McKinsey
beraten haben. Diese Intransparenz ist ent- werde man seine eigenen Leute aus dem in den USA. Nun stellt sich heraus, dass
weder gewollt, oder das Ministerium hat Expertenrat abziehen, ließ der parlamen- seit 2017 auch eine Tochter der CDU-Poli-
den Überblick verloren, von welchen Fir- tarische Geschäftsführer Carsten Schnei- tikerin für McKinsey tätig ist – sie arbeitete
men es beraten wird.« Das Wehrressort der die Ministerin per Brief wissen. zuletzt sogar im Berliner Büro der Firma.
In der Branche sorgte dies für Unver-
ständnis. Der Partner eines Konkurrenten
sagt: »Ich würde keine Verwandten von
Großklienten des öffentlichen Sektors ein-
stellen. In der Industrie käme sofort der
Chief Compliance Officer angerückt. Es
muss transparent und nachvollziehbar
sein. Auch bei einer Ministerin. Oder ge-
rade bei einer Ministerin.«
McKinsey sagt auf Nachfrage, es könne
keinen Compliancefall erkennen: »Wir be-
handeln alle Bewerber grundsätzlich gleich,
ohne Ansehen von Herkunft und familiären
Verbindungen.« Auch das Ministerium be-
streitet Interessenkonflikte: Die Ministerin
sei bei Vergaben »grundsätzlich nie an Ent-
scheidungen im Auswahlprozess beteiligt«.
Staatssekretärin Suder hat das Ministe-
rium wieder verlassen. Vier Jahre waren
genug für Suder, die mittlerweile den Di-
gitalrat der Bundesregierung leitet. Auch
ihr Rüstungsbeauftragter Gundbert Scherf
hat es nicht allzu lange im BMVg ausge-
halten. Er ging zurück zu McKinsey – und
stieg zum Partner auf.
Als Scherf das Ministerium verließ, war
wieder viel von einer chinesischen Mauer
die Rede, selbstverständlich werde er bei
McKinsey nichts mehr mit der Defense-
Sparte zu tun haben. Dafür, sagen hoch-
rangige Generäle, sehe man den smarten
Berater etwas zu regelmäßig auf den Ver-
anstaltungen der Rüstungsindustrie. Eine
Studie, die er seitdem veröffentlich hat,
beschäftigt sich mit der Zukunft der Waf-
fenbranche. McKinsey erklärt dazu, Scherf
habe sich eine »Abkühlphase von einem
Jahr auferlegt, in der er an keinen Bera-
tungsprojekten für die relevante Industrie
„ZUKUNFT. SICHER. MACHEN. – DAS IST AUFTRAG UND und natürlich auch nicht für den Geschäfts-
SELBSTVERSTÄNDNIS VON RWE. WIR SPIELEN EINE bereich des BMVg teilgenommen hat«.
AKTIVE ROLLE, UM DIE ENERGIEWELT VON MORGEN Und das Mehrzweckkampfschiff »MKS
ZU GESTALTEN. DIE ZUKUNFTSMETROPOLE RUHR IST 180«, von dem von der Leyen schon 2015
DAFÜR DER IDEALE STANDORT. HIER FINDEN WIR DIE schwärmte? Drei Jahre später hat sein Bau
KREATIVITÄT UND VIEL SEITIGKEIT, DIE EINEN STARKEN immer noch nicht begonnen. Nicht mal
WIRT SCHAFTS STANDORT AUSMACHEN.“ einen Zuschlag hat das Ministerium erteilt,
DR. ROLF MARTIN SCHMITZ, trotz der neuartigen »Programmorganisa-
VORSTANDSVORSITZENDER DER RWE AG tion« und der Hilfe so vieler Anwälte und
WIR SIND DIE #ZukunftsMetropoleRuhr Unternehmensberater. Das Ressort ist
aber zuversichtlich, dass dies im zweiten
Halbjahr 2019 gelingen werde.
Sven Becker, Matthias Gebauer

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 31


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SIGRID REINICHS / DER SPIEGEL

Rentnerpaar Brewe: »Mir macht das Sorgen, da muss man was tun«

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Deutschland

Falsche Versprechen
Soziales Die Koalition hat ein Rentenpaket verabschiedet, das Milliarden Euro verschlingt. Die
echten Probleme der Altersversorgung wird es trotzdem nicht lösen, weil es an der Lebensrealität
von Alten und Jungen vorbeigeht. Von Christoph Koopmann und Cornelia Schmergal

A
n jedem Sonntag rollen sie über schlossen. Was im Januar in Kraft treten deutschen Trump«, hatte Vizekanzler Olaf
die platten Landstraßen des Ruhr- soll, ist ein Versprechen riesigen Ausma- Scholz im August gesagt. Es war ein selte-
gebiets: Heinz Brewe vorn, seine ßes. Es geht um Dutzende Paragrafen, um ner Moment entwaffnender Ehrlichkeit in
Frau Gertrud auf dem Sozius. Rentenaufschläge für Mütter im Senioren- der Rentendebatte.
Ihre Harley-Davidson, Modell Heritage, alter und ein Plus für kranke Frührentner, Gesucht ist nicht etwa ein Konzept für
haben sie vor vier Jahren gekauft. Die um einen neuen Steuertopf für das Ren- irgendetwas, sondern gegen etwas: die
Wahl fiel auf ein chromglänzendes Ge- tensystem und weniger Beiträge für Ge- AfD. Populismus wollen die Volksparteien
fährt, das als Inbegriff amerikanischer ringverdiener. Vor allem aber geht es um mit Populismus bekämpfen.
Lebensart gilt. eines: Das Rentenniveau soll nicht mehr Schon im Juni hatte der völkisch-natio-
Doch von den endlosen Weiten des Wil- sinken. Bis 2025 wird es auf dem heutigen nale Flügel um Björn Höcke für die AfD
den Westens haben sie nie geträumt, auch Stand von 48 Prozent eingefroren, gleich- ein erstes ausformuliertes Rentenkonzept
nicht von einem Trip auf der Route 66. zeitig soll der Beitragssatz nicht über 20 vorgelegt. Das 104-Seiten-Konvolut zeich-
Die Brewes sind mit der B 60 zufrieden. Prozent steigen. Allein bis 2025 wird das net ein Bild des Elends, es spricht von Ar-
Ihre Vorliebe für die Harley hat mit Hüfte Projekt nach Schätzungen 36 Milliarden mut, Scham und der »systematischen Zer-
und Rücken zu tun: Es muss ein Chopper Euro kosten. Und das ist erst der Anfang. störung« der Rente. Dass große Teile der
sein, »ein Tiefflieger«, wie Heinz Brewe SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles AfD deshalb ein Sicherungsniveau von
sagt. »Da sitzt man bequemer. Und man sprach im Bundestag von einem »grund- 50 Prozent propagieren, treibt auch die
kommt leichter rauf.« SPD um. Nur die Linkspartei fordert mehr.
Heinz Brewe ist 79 Jahre alt, seine Frau Tatsächlich treffen die Populisten einen
Gertrud 75. Sie gehören zur glücklichen
Nettoeinkommen* Punkt. Der Gedanke an die Altersversor-
Rentnergeneration von heute, die sich im Veränderung 2015 gegenüber 1991 gung erschreckt viele Wähler, ihre Angst
Alter etwas gönnen kann. Das Reihenhäus- geht zurück auf das Jahr 2004. Auf die Al-
jünger als 25 Jahre +9%
chen in Duisburg ist längst abbezahlt, in terung der Gesellschaft hatte die damalige
der Doppelgarage parkt neben der Harley 25 bis 34 Jahre +3% rot-grüne Bundesregierung mit einem Ein-
ein kleiner Opel Corsa. griff in die Rentenformel reagiert: Wächst
Für ihren bescheidenen Wohlstand ha- 35 bis 44 Jahre +9% die Zahl der Senioren stark, bremst das
ben die beiden hart geschuftet. »Wir haben den Anstieg der Renten. Durch diesen
45 bis 54 Jahre +10 %
Beiträge gezahlt, wir bekommen nichts ge- Nachhaltigkeitsfaktor sollen künftige Ge-
schenkt«, sagt Heinz Brewe. 40 Jahre lang 55 bis 64 Jahre +28% nerationen entlastet werden.
hat der Schlossermeister in die Rentenkas- Bei den heutigen Senioren jedoch weck-
se eingezahlt, mehr als zwei Jahrzehnte 65 bis 74 Jahre + 25 % ten die Reformen Ängste. Lag das Ren-
davon verbrachte er in der Bauabteilung 75 Jahre und älter + 31 % tenniveau rechnerisch zuvor noch bei
eines Stahlwerks. Seine Frau arbeitete halb- 53 Prozent des durchschnittlichen Netto-
tags, als das für Mütter im Westen noch * durchschnittliche, bedarfsgewichtete Realeinkommen, lohns, sank es bis heute auf 48 Prozent.
Quelle: IW Köln
ziemlich selten war. Was ihnen die Renten- Die Lücke müssen die Beschäftigten durch
kasse heute überweist, ist nicht üppig, aber Betriebsrenten oder private Vorsorge
auskömmlich. »Wir sind gesund, wir sind legenden Richtungswechsel« in der Ren- schließen und bleiben oft ratlos zurück.
zufrieden«, sagt Heinz Brewe. tenpolitik – eine beinahe zurückhaltende Sicher scheint nur der Abstieg im Alter.
Nur manchmal, wenn er an seine Toch- Formulierung. Das Paket der Großen Für ihren Armuts- und Reichtumsbericht
ter oder die jungen Familien in der Sied- Koalition bricht mit den Glaubenssätzen hat die Bundesregierung die Deutschen
lung denkt, beschleicht ihn ein eigenartiges vorangegangener Reformen, die dafür befragen lassen, welche Phase des Lebens
Gefühl. »Für die Jüngeren, da wird es spä- sorgten, die Lasten für die Jüngeren zu be- die größte Armutsgefahr berge. 67 Prozent
ter mal schwer«, sagt er. grenzen. Es ist der Beginn eines Paradig- hielten das Risiko im Ruhestand für »sehr
Und so stellt sich Heinz Brewe Fragen, menwechsels mit unabsehbaren Folgen. hoch« oder »hoch«. Sehr hohe Armuts-
wenn er abends die Nachrichten im Fern- Das neue Gesetz reicht nur bis in das risiken für junge Erwachsene vermuten da-
sehen sieht: Wie das mit der gesetzlichen Jahr 2025, über die Zeit danach soll eine gegen nur neun Prozent.
Rente reichen soll, wenn die Kinder immer Rentenkommission entscheiden. Unab- Jedoch verhält es sich in Wahrheit ge-
weniger werden und die Alten immer hängig und »ohne Denkverbote«, wie es nau andersherum. Nicht die Alten sind
mehr? Wie die Jungen später von der Al- ursprünglich hieß. Doch noch bevor sich derzeit die Sorgenfälle in der Grundsiche-
tersversorgung leben sollen, wenn sie nicht die Experten zu ihrer ersten Klausur- rung oder der Einkommensstatistik, son-
Vollzeit arbeiten oder nur wenig verdie- tagung trafen, forderte die SPD, das Siche- dern die Jüngeren: Alleinerziehende,
nen? »Mir macht das Sorgen«, sagt Brewe. rungsniveau gleich bis zum Jahr 2040 zu Niedrigverdiener, Menschen mit Migra-
»Da muss man was tun.« zementieren, und davon rückt die SPD tionshintergrund. »Die gefühlte Realität
Und es tut sich was. Am Donnerstag hat nicht mehr ab. »Ein stabiles Rentenniveau und die realen Daten passen nicht zusam-
der Bundestag ein neues Rentenpaket be- ist die beste Versicherung gegen einen men«, sagt Ökonom Martin Werding von

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 33


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der Ruhr-Universität Bochum. In den vergangenen drei Jahr-


»Heute ist die Lage der Älteren zehnten habe sich das Risiko der
nicht besorgniserregend.« Älteren, von Armut bedroht zu
Doch die Rentendebatte geht sein, »deutlich verringert«, hatte
seit Jahren vom Gegenteil aus. Niehues geschrieben. Was die
Sie stützt sich auf die weit ver- Zeitungen als gute Nachricht fei-
breiteten Annahmen der Popu- erten, störte das Empfinden ei-
listen: dass allein die gesetzliche niger Senioren. »Sie haben da
Rente über den Lebensstandard eine Bombe platzen lassen«, wü-
im Alter entscheide. Dass man tete ein reiferer Herr am Telefon.
das Sicherungsniveau nur etwas Die Studie warf viele Glau-
anheben müsse, um allen Senio- benssätze der Rentendebatte
ren ein würdigeres Dasein zu er- über den Haufen, vor allem dass
möglichen. Dass Altersarmut das Alter gleichbedeutend mit
schon heute Massen von Senio- Armut sei. »Es ist nicht alles su-
ren in die Verelendung stürze. per bei den Älteren«, sagt Nie-
Und dass die junge Generation hues. »Aber in der Breite geht es
selbst von einem höheren Ren- den Senioren heute besser als
tenniveau profitieren werde, ir- noch vor 20 Jahren.«
gendwann. Die 36-jährige Ökonomin lei-
Diese Thesen sind beliebt, sie tet die Forschungsgruppe Mikro-
halten sich in den großen Partei- daten und Methodenentwick-
en, sie ziehen sich durch Talk- lung beim arbeitgebernahen In-
shows und Bundestagsdebatten. stitut der deutschen Wirtschaft

DIETER MAYR / DER SPIEGEL


Aber keine davon ist ganz in Köln. Sie berechnete, wie sich
richtig. die Realeinkommen verschie-
Es ist an der Zeit, mit den irri- dener Altersgruppen seit 1991
gen Prämissen der Rentendebat- entwickelt haben. Das Ergebnis
te aufzuräumen. Nicht etwa, weil hat auch Niehues erstaunt: Viele
es in der gesetzlichen Alterssiche- Senioren sind im Vorteil. Die
rung keine Probleme gäbe. Son- Seniorin Ronde: »Mir fällt jeder Neuanfang leicht« durchschnittlichen realen Netto-
dern weil man sich um die wah- einkommen, die den über 55-
ren Missstände kümmern sollte. Jährigen in ihrem jeweiligen
Denn die Tragik der schwelenden Ren- zent, im Westen um gut zwei Prozent. Im Haushalt zur Verfügung stehen, sind stär-
tendebatte liegt nicht etwa in den Milliar- Juli 2019 steht die nächste Erhöhung um ker gestiegen als die der bis 34-Jährigen
denkosten. Eine gute Absicherung aller Se- mehr als drei Prozent an, wie der neue, (siehe Grafik Seite 33).
nioren sollte einer Gesellschaft etwas wert noch unveröffentlichte Rentenversiche- Niehues sieht dafür vor allem einen
sein. Die Tragik liegt darin, dass die Par- rungsbericht prophezeit. Grund: »Seit Mitte der Neunzigerjahre hat
teien derzeit weder die Probleme wirklich Allein in diesem Sommer stieg Heinz sich der Anteil der Single-Haushalte unter
bedürftiger Rentner lösen noch eine be- Brewes Rente um etwa 50 Euro, die seiner den Senioren verringert« – gegen den ge-
lastbare Perspektive für die Jungen bieten. Frau um rund 20 Euro. Es ist ein beschei- sellschaftlichen Trend. Während immer
denes Plus, aber spürbar. mehr Jüngere teure Single-Wohnungen be-
Paare wie die Brewes jedenfalls gehören Schon in der Grundausstattung ist das zahlen oder ihre Kinder allein erziehen,
eher nicht zu den Sorgenfällen des Sozial- Harley-Modell Heritage Softail ein Er- leben die Älteren häufiger zu zweit. Es ist
systems. Ihre Leidenschaft für die Harley- eignis, an ihrem Motorrad haben die Bre- auch eine Frage der Zeitläufte: Der Zweite
Davidson mag außergewöhnlich für ihr wes nicht gespart. Die Bremszüge aus Weltkrieg hatte viele Frauen zu Witwen
Alter sein. Ihr Einkommen ist es nicht. schwarzem Kunststoff tauschten sie gegen gemacht, die Zeit ihres Lebens allein zu-
Was Heinz und Gertrud Brewe im Mo- silberfarbene Züge, die schwarzen Griffe rechtkommen mussten. Heute werden Paa-
nat ausgeben können, aus der gesetzli- gegen blitzende aus Chrom. Steigt Ger- re zusammen alt, meist haben sowohl Frau-
chen Rentenkasse und einer kleinen Be- trud Brewe auf die Maschine, dann trägt en als auch Männer eigene Beiträge ge-
triebsrente, entspricht ungefähr dem sie eine Lederjacke mit glitzerndem To- zahlt – und zwei Renten sind besser als
Durchschnitt aller deutscher Senioren: tenkopf auf dem Rücken. »Mein Prunk- eine, seien sie auch bescheiden.
Über insgesamt 2543 Euro netto im Mo- stück«, wie sie sagt. Vor allem im Westen verfügen viele Se-
nat verfügt ein Seniorenpaar laut Alters- Wenn die Brewes an der Ampel anhal- nioren über Immobilien, Betriebsrenten
sicherungsbericht der Bunderregierung. ten, recken Autofahrer neben ihnen be- oder Lebensversicherungen – abgeschlos-
»Unsere Ansprüche sind nicht hoch«, sagt wundernd die Daumen. »Vor allem die Äl- sen in Zeiten solider Wertzuwächse. Das
Heinz Brewe. »Andere Senioren fahren teren schauen rüber«, sagt Heinz Brewe. Nettovermögen der 66- bis 70-Jährigen
mit dem Kreuzfahrtschiff in die Karibik, Vielleicht ist es eine Frage der Reife. liegt mit durchschnittlich knapp 175 000
wir fahren mit dem Motorrad an den Bal- Harley-Davidson-Käufer sind im Durch- Euro weit über dem Mittelwert aller Er-
deneysee.« schnitt um die 50 Jahre alt. Bei Neuwagen wachsenen (83 000 Euro).
Es klingt paradox: Seit den rot-grünen oder Inlandsreisen stellen die Senioren Um gut situierte Kunden in reiferen Jah-
Rentenreformen steigen die Renten etwas längst die treuesten Kunden. Sie können ren buhlen Seniorenwohnanlagen wie die
langsamer als die Löhne. Trotzdem kön- es sich leisten. »Anders als früher gehören Rosenhof-Kette oder das Augustinum.
nen sich die Senioren seit acht Jahren in viele Senioren heute zur Mittelschicht«, Und die wenigen, die es sich leisten kön-
jedem Juli über einen Zuschlag freuen. Im sagt Judith Niehues. nen, mieten sich in einer Tertianum-Resi-
Osten stiegen die Überweisungen aus der Vor einem Jahr hatte die Ökonomin denz in München, Berlin oder Konstanz
Rentenkasse im Schnitt um rund drei Pro- eine viel beachtete Studie veröffentlicht. ein. »Unsere Bewohner sollen sich fühlen

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Deutschland

wie zu Hause und den Komfort eines Fünf- nanziell höchst unterschiedlich gestellt. Die Wende habe sein Leben »über den
Sterne-Hotels genießen«, sagt Marketing- Ganz oben finden sich die üppig versorg- Haufen geworfen«, sagt der 77-Jährige mit
Direktorin Anna Schingen. ten Senioren, die sich ein Apartment im dem weißen Bart. Seit dem Mauerfall hat
Tertianum oder Luxuskreuzfahrten leisten er sich mehrmals neu erfunden.
Vor vier Jahren ist Gabriele Ronde in ihr könnten: vermögende Rentner, Erben, Un- Als es die DDR noch gab, war Heinig
Apartment im Münchner Tertianum gezo- ternehmer oder Beamte, die nie oder nur als Industrieformgestalter gefragt. Fach-
gen. Ronde ist ihr Mädchenname. Welcher kurz in das gesetzliche Sozialsystem ein- zeitschriften berichten noch heute über
Name auf dem Klingelschild steht, soll hier gezahlt haben und sich im Alter über eine seine progressiven Designs, die Hefte sta-
nicht genannt werden. Darum hat sie ge- vergleichsweise üppige Pension freuen, die pelt Heinig auf dem Wohnzimmertisch.
beten. leicht das Doppelte einer gesetzlichen An seinem Reißbrett entwickelte er ein
Vom Balkon fällt ihr Blick in einen ge- Standardrente ausmacht. Wechselheck für den Wartburg, er ent-
pflegten Garten. An der Wand hängen Öl- Ganz unten dagegen sammeln sich alle warf Modelle für Schaufelradbagger
porträts der Urgroßeltern, in Gold ge- Senioren, die mit einer winzigen gesetzli- und Straßenkehrmaschinen, zusammen-
rahmt. Neben der Couch steckt ein Schal- chen Rente auskommen müssen – und nur klappbare Campinganhänger und Plaste-
ter in der Wand. »Notfall« steht darauf. mit dieser. Menschen, die ihr Leben lang Kinderwagen. Heinig war einer der
Gabriele Ronde ist in einem Alter, in mit kleinen Löhnen rangen, mit Auszeiten, wenigen Selbstständigen im sozialisti-
dem dieser Alarmknopf wichtig werden Arbeitslosigkeit oder dem Wandel der Zei- schen Staat, in die Rentenkasse zahlte er
könnte. Die elegante Dame im knallroten ten. Menschen wie Eberhard Heinig. nur den Mindestbeitrag ein. Im Alter, so
Jackett ist 92 Jahre alt. Gerade kommt sie
vom Mittagessen zurück. »Das Essen ist
hier immer ein Erlebnis«, sagt Ronde.
Die Rezepte für die Senioren hat der
Sternekoch Tim Raue erdacht, im Erdge-
schoss der Residenz betreibt er seine Bras-
serie »Colette«. Es gibt nur eine Küche:
Nach links tragen die Kellner die Teller
mit Austern »Fines de claire« ins Raue-
Etablissement, nach rechts die Teller mit
Kabeljau in das Seniorenrestaurant.
Das Tertianum ist ein Haus für Men-
schen, die vom Alter nicht weniger erwar-
ten als von den Lebensphasen davor. »Ich
fühle mich gut aufgehoben hier«, sagt Ga-
briele Ronde. Vor der Geburt ihrer Kinder
hat die promovierte Biologin erforscht,
wie sich eine veränderte Umwelt auf Wald-
böden auswirken. Im Schlafzimmer be-
wahrt sie die Tagebücher auf, die sie in
Marokko oder Spanien auf Reisen mit ih-
rem Mann schrieb, der vor zwei Jahren
starb. Heute schätzt Gabriele Ronde vor
allem den Umstand, dass sie das Haus
nicht mehr verlassen muss, wenn sie ein
Konzert besuchen will. An diesem Okto-
bertag steht ein Balalaika-Abend im Roten
Salon auf dem Programm.
Gabriele Ronde lebt in der kleinsten
Wohnung des Tertianums. Rund 3600 Eu-
ro im Monat kostet das »Residenzentgelt«
für ihr 55-Quadratmeter-Reich – inklusive
Drei-Gang-Menü, Kulturprogramm, Con-
ciergedienst und ambulanter Pflege im
Notfall. Allein mit den 1100 Euro, die ihr
die Rentenkasse aus eigenen Beiträgen
überweist, dazu eine Witwenrente, wäre
das Domizil unerschwinglich.
Um ihr Apartment zu finanzieren, hat
Gabriele Ronde einen Strich unter ihr al-
tes Leben gezogen. Die Lebensversiche-
SIGRID REINICHS / DER SPIEGEL

rung eingesetzt, die Eigentumswohnung


vermietet, den kleinen Mercedes abgesto-
ßen. »In meinem Leben bin ich oft umge-
zogen«, sagt sie, »mir fällt jeder Neuan-
fang leicht.«
Auch finanziell ist für Gabriele Ronde
leicht, was für andere Rentner unerreich-
bar wäre. Die Generation der Alten ist fi- Wendeopfer Heinig: »Sein Leben über den Haufen geworfen«

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Deutschland

glaubte er, werde das Geld schon irgend- für die Legitimation der Rentenkasse, sag- Rente bekommt. Oder Herr Hähme, 68
wie reichen. te etwa der Ökonom Gerhard Bäcker von Jahre alt, Losnummer 5, dem nach einem
Doch mit der DDR gingen seine Auf- der Universität Duisburg bei einer Anhö- halben Leben als Möbelpacker das So-
traggeber unter, mit den Aufträgen auch rung im Bundestag. Wer auskömmliche zialamt die Miete zahlen muss.
seine Erfahrungsschätze. Heinig war ar- Rentenansprüche hat, der kann sie viel- Seit beinahe zehn Jahren ringen die Par-
beitslos, drei Jahre lang, aber er kämpfte. leicht sogar spürbar steigern – denn je hö- teien in Berlin um einen Weg, kleine Ren-
Er ließ sich umschulen, tastete sich an her die Rente, desto stärker profitieren die ten aufzustocken. Sie verstrickten sich in
Computergrafik-Programme heran und er- Senioren vom höheren Niveau. Heinz Bre- den Details von Konzepten, die klingende
öffnete in Berlin ein Geschäft für Solar- we würde das nützen oder auch Gabriele Namen trugen wie Zuschussrente, Lebens-
technik – bis die Ladenmieten im Szene- Ronde und ihren Nachbarinnen. leistungsrente, Solidarrente oder Garan-
Stadtteil Prenzlauer Berg seine mageren tierente. Bis heute gibt es dazu kein Ge-
Einnahmen auffraßen. Und Heinig begann Gegen echte Not richtet man damit aber setz. Auch im neuen Rentenpaket fehlt das
noch einmal von vorn. Am Ende seines wenig aus. Ein höheres Rentenniveau sei Projekt, obwohl die »Grundrente«, wie
Arbeitslebens fegte er als Hausmeister Kir- »kein Allheilmittel für die Bekämpfung sie inzwischen heißen soll, seit März im
chenhöfe. von Altersarmut«, sagt die Präsidentin der Koalitionsvertrag steht.
Heute erhält Heinig kaum 800 Euro Deutschen Rentenversicherung, Gundula Um Armut zu bekämpfen, beschränkt
Rente, manchmal hilft er als Spülkraft im Roßbach. Minirenten werden Minirenten sich die Koalition darauf, die mageren
Kindergarten aus. »Dass ich es noch vom bleiben. Und steigen sie doch, müssen die Renten von Menschen anzuheben, die
Tellerwäscher zum Millionär schaffe, glau- besonders Bedürftigen sie mit der Stütze eine Krankheit aus dem Arbeitsleben
be ich nicht mehr«, sagt er. Er kommt über vom Amt verrechnen – genau wie jeden zwang. Und schon dabei springen Union
die Runden, weil seine kleine Wohnung Nachschlag bei der Mütterrente. Drei Pro- und SPD sehr kurz, weil nur künftige
günstig ist und er sich Brot vom Vortag zent der Altersrentner sind heute auf die Rentner von den Verbesserungen profitie-
bei einer Ausgabestelle für Bedürftige holt. staatliche Grundsicherung angewiesen, ren, verarmte Erwerbsgeminderte von
Heinig bindet sich dann die rote Schürze weil ihnen Beitragsjahre fehlen oder weil heute aber leer ausgehen. Erleichterungen
mit dem »Laib und Seele«-Schriftzug um ihr Lohn schlicht mickrig war. Noch ist ihre für alle anderen Kleinstrentner dagegen
und schleppt als Helfer auch selbst Gemü- Zahl überschaubar. Aber jeder Fall ist ei- vertagten Union und SPD auf die Zukunft:
sekisten. Weil es sich besser anfühlt. ner zu viel. Frühestens im Sommer 2019 könnten sie
Was im Rentensystem schiefläuft, darü- Eberhard Heinig würde vom höheren beschlossen werden. Falls die Koalition
ber hat er lange nachgedacht. Und er hätte Rentenniveau kaum profitieren, ebenso so lange hält.
da einen Vorschlag: »Das ist doch Unsinn, wenig wie die anderen Rentner, die an je- Sigmar Gabriel zählt zu jenen Politi-
wenn für alle das Rentenniveau steigen dem Donnerstag eine Wartenummer aus kern, die ihre Meinungen zwar oft wech-
soll, für die Armen und die Reichen. Viel einer Losschüssel ziehen, um Gemüse seln, aber ein unbestechliches Gespür für
besser wäre es, wenn man nur die kleinen oder Joghurt im kühlen Foyer der Evan- Stimmungen haben. Schon Anfang 2016
Renten aufstockt. Für die, die wirklich gelischen Kirchengemeinde Prenzlauer hatte er, damals noch als SPD-Chef, eine
drauf angewiesen sind.« Berg zu holen. Mindestrente für Geringverdiener gefor-
Viele Ökonomen würden Heinig recht Da wäre Frau Janke, 74 Jahre alt, Los- dert. Auch in der eigenen Partei stieß er
geben: Erhöht man das Rentenniveau pau- nummer 39, eine Kinderspange in das wei- damit auf Widerstand. Bis heute hält er
schal, steigert das zwar die Akzeptanz des ße Haar geschoben, eine gelernte Weberin, die Ablehnung für einen großen Fehler.
Sozialsystems bei Gut- oder Normalver- die ihre letzten Berufsjahre als Pflegekraft »Ich begegne vielen Menschen, die 40 Jah-
dienern. Es gehe um eine »Signalfunktion« verbracht hat und heute kaum 700 Euro re und mehr Vollzeit gearbeitet haben und
mit deutlich weniger als 1000 Euro netto
nach Hause gehen werden, vor allem in
Rentenniveau in Prozent des Durchschnittsverdienstes Ostdeutschland und dort, wo wenig ver-
51,6 % dient wurde«, sagt er. »Da laufen uns die
Leute in Scharen davon.«
Gabriel plädiert daher für eine leicht
verständliche Mindestrente, auch im Jahr
50% Fortschreibung 2018 gilt das noch. »Wir brauchen ein ein-
des Niveaus faches Modell, das die Leute sofort ver-
Vorstoß von Finanzminister stehen«, sagt er. Wer mehr als 40 Jahre
48,1 % Olaf Scholz 48,0 % Vollzeit gearbeitet habe, solle im Alter
48% mindestens 1000 Euro Rente haben. »Ich
befürchte jedoch, dass die Koalition am
Ende nur ein kompliziertes Modell be-
schließt, das viele Ausnahmen kennt und
das niemand versteht.«
46%
Man kann über die Details des Vor-
Geltendes Recht schlags streiten. Aber im Grundsatz kriti-
langsames Absinken des sieren auch die meisten Sozialexperten,
Niveaus bei einem gedeckelten dass es klüger gewesen wäre, zuerst ein
44% Beitragssatz von 20% bzw. 22% Konzept für die wirklich Bedürftigen auf
den Weg zu bringen – statt sich in der Ni-
veaudebatte zu verheddern. Dabei geht es
um die politische Glaubwürdigkeit.
42% Die Rentengleichung für die ferne Zu-
kunft beruht auf vielen unvorhersehbaren
2010 2018 2025 2030 2035 2040 Parametern: Wie es mit der Konjunktur

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weitergeht. Ob der Arbeitsmarkt Ausbildung zum Koch, danach


stabil bleibt. Wie viele Zuwan- ein Jahresvertrag nach dem an-
derer ins Land kommen. Nur deren, selten für mehr als 1200
eine einzige Zahl steht schon Euro brutto im Monat. Um über
heute fest: die der zukünftigen die Runden zu kommen, hat Szu-
Senioren. Wie viele Menschen botics im Urlaub etwas Geld mit
im Jahr 2025, 2030 oder 2040 Fotos für Musikmagazine dazu-
in den Ruhestand gehen, lässt verdient.
sich an der Bevölkerungsstatistik Seit zwei Jahren fotografiert
ablesen. Doch diese Daten wer- er hauptberuflich. Für die Web-
den in der Rentendebatte gern site des Modeversands Zalando
ignoriert. lichtet er in Erfurt Schuhe oder
Ausgerechnet jetzt, da bald Shirts ab und stylt Models. Es ist
die Babyboomer mit den Ge- der erste unbefristete Vertrag in
burtsjahren 1955 bis 1968 in den seinem Leben. Doch perfekt ist
Ruhestand drängen und die Zahl er nicht. Szubotics verdient mo-
der Rentenbezieher rasant stei- natlich 1850 Euro brutto, netto
gen wird, wollen Union und SPD bleiben 1310 Euro. In seinem
das Nachhaltigkeitsversprechen Kleiderschrank hängen vier Ka-
aus der Rentenformel tilgen. puzenjacken und drei Hosen.
Noch im September warnte Mehr braucht er nicht. Mehr geht
ein Mitglied der Rentenkommis- aber auch nicht. Um für höhere
sion die Unions-Bundestagsfrak- Löhne zu kämpfen, ist Szubotics
tion davor, die Sozialkasse zu in die Gewerkschaft Ver.di einge-

SIGRID REINICHS / DER SPIEGEL


überfordern. Axel Börsch-Su- treten.
pan, Direktor des Max-Planck- Er würde gern sparen, eine
Instituts für Sozialrecht und So- Vespa wäre sein »Traum«, oder
zialpolitik, präsentierte den Ab- etwas für die Zukunft zurückle-
geordneten auf einer internen gen. Doch an eine private Alters-
Klausur bedrückende Charts zur vorsorge sei im Moment nicht zu
Alterung des Landes. Das We- denken, sagt er, »dann käme ich
sentliche lässt sich an einem Zeit- Ehepaar Widl: »So gut wird es uns später nicht gehen« am Monatsende bei null raus«.
strahl ablesen: Ganz links, wo Sein Nettolohn könnte irgend-
sich die Siebziger- und Achtzi- wann noch etwas schrumpfen.
gerjahre verorten, hat Börsch-Supan »Vie- ren ein Arbeitsmarkt, der maximale Fle- Ohne das neue Gesetz wäre der Renten-
le Junge« notiert. Ganz rechts, in der Zu- xibilität einfordert. beitragssatz im Januar von derzeit 18,6
kunft, steht in Fettdruck »Viele Alte«. Allerdings gibt es einen Trend, der auf 18,2 Prozent gesunken, rechnet die
Grabka nachdenklich macht: Wer in den Rentenkasse vor. Nun bleibt er erst einmal,
Heute, im Jahr 2018, kommen drei unter Sechzigerjahren zur Welt kam, für den lag wo er ist – und wird spätestens im Jahr
65-Jährige auf einen Alten. Im Jahr 2035 das Armutsrisiko im Alter von 30 bei etwa 2025 auf die neue Obergrenze von 20 Pro-
werden es nur noch zwei Jüngere pro Se- 10 Prozent. Für die in den Achtzigerjahren zent steigen. Und auch das ist nur zu hal-
nior sein. Auf die junge Generation kom- Geborenen lag das Risiko im gleichen Al- ten, wenn die Regierung zusätzlich Steu-
men damit hohe Lasten zu. Schon ohne ter jedoch bereits bei 23 Prozent. »Je jün- ermilliarden einsetzt. Schon heute fließen
das neue Rentenpaket. ger die Alterskohorte, desto größer das Ar- jährlich 94 Milliarden Euro in die Renten-
Allerdings wehren sich die Koalitionäre mutsrisiko«, hat Grabka in einer Studie kasse, das ist der größte Posten des Bun-
gegen den Vorwurf, sie würden die Jungen geschrieben. deshaushalts. Geld, das für Zukunftspro-
mit dem neuen Gesetz belasten. Das Ge- Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und jekte fehlt.
genteil sei der Fall. Die junge Generation Berufsforschung kommt zu dem Ergebnis, Der Effekt des Rentenpakets ist damit
werde selbst einmal vom höheren Renten- dass die Lohnungleichheit zwischen Jung klar, rechnet Ökonom Werding von der
niveau profitieren, lautet die Sprachrege- und Alt zunimmt. Die Jungen haben es Ruhr-Universität Bochum vor: »Wer heu-
lung bei Union und SPD. Und vielleicht also heute schwerer als ihre Eltern, ein gu- te schon alt ist, bekommt über die ver-
ist dies die verunglückteste aller Thesen. tes Einkommen zu erzielen. Und damit bleibende Lebenszeit mehr ausgezahlt.
»Das ist eine elegant verpackte Formu- fällt möglicherweise auch ihre Rente später Den Jungen dagegen nehmen wir effektiv
lierung für: Die Jungen dürfen zahlen«, dürftig aus. Geld ab – und es ist unklar, ob sie später
sagt Verteilungsforscher Markus Grabka Falls David Szubotics sich im Jahr 2057 selber tatsächlich etwas davon haben.« In
vom Deutschen Institut für Wirtschafts- zur Ruhe setzt, darf er mit 775,47 Euro den nächsten Jahren werde der Druck auf
forschung. im Monat rechnen. So steht es auf seiner die Sozialkassen stark zunehmen. »Im
Der Ökonom neigt nicht zu Alarmismus Renteninformation. »Wenn ich das sehe«, schlimmsten Fall«, sagt Werding, »droht
in der Rentenfrage, im Gegenteil. An einen sagt Szubotics, »könnte ich froh sein, irgendwann die völlige Überforderung des
Verteilungskampf zwischen Alt und Jung wenn ich den Löffel abgebe, bevor ich in Rentensystems.« Enttäuschte Erwartun-
will Grabka nicht glauben. Die Sache sei Rente gehe.« gen aber seien eine politische Gefahr.
viel komplizierter, sagt er. Jede Generation Bei den meisten Älteren kann man sich Dabei gäbe es einen Weg, stabile Ren-
sei gespalten, in jeder gebe es Ungerech- die Erwerbsbiografie wie einen langen Ro- ten für die Zukunft zu versprechen, ohne
tigkeiten, in jeder ein Oben und ein Unten. man vorstellen: Ausbildung, erster Job, un- nur Beiträge oder Steuern zu erhöhen. Es
Jede Altersgruppe trage ihre eigene Bürde: befristeter Vertrag, Rente. Szubotics ist 28 wäre ein politisches Wagnis: ein höheres
Bei den Alten war es der Krieg, bei den Jahre alt, und bei ihm sind es jetzt schon Rentenalter. Würden alle etwas länger im
Babyboomern die Ölkrise, bei den Jünge- viele Kurzgeschichten: Realschulabschluss, Beruf bleiben, wäre das ein Hebel, um die

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Altenquotient
Was passiert, Lasten der Alterung gerech- dazu vielleicht noch für eine

wenn ein ter über alle Generationen zu


verteilen.
Als das Umlageverfahren
Werkstatt. »Aber zwischen-
zeitlich«, sagt Hannes Widl,
»geht mir wirklich die Moti-
ganzes Land in im Jahr 1957 eingeführt wur-
de, profitierten die Versicher-
vation flöten.« Die Häuser
im Speckgürtel Münchens
ten im Schnitt kaum 10 Jahre sind, wie fast überall in den

RENTE von ihrer Rente. Heute sind


es fast 20. Wenn die Men-
schen aber mehr gute Jahre
Auf 100 Erwachsene
im Alter von 20 bis
64 Jahren kommen …
begehrten Lagen, in den ver-
gangenen Jahren so teuer ge-
worden, dass das Paar sich

GEHT gewinnen, könnten sie einen


Teil davon in ihr Erwerbs-
leben investieren. Die fünf
Wirtschaftsweisen fordern 2005
mit einem Kauf ruinieren
würde.
Dabei verdienen die Widls
vergleichsweise gut. Sie ar-
das in ihrem Jahresgutachten, beitet als Jugendseelsorgerin
das sie am Mittwoch vorstell- beim Erzbistum München
ten. Auch Unionsfraktions- und Freising, er lässt sich als
vize Hermann Gröhe sagte
am Donnerstag, es dürfe kei-
… 30 Ältere* Schreinermeister zum Be-
rufsschullehrer weiterbilden.
ne »Denkverbote« geben. 2015 Zusammen dürfen sie nach
Die Lasten der Alterung heutigem Stand im Alter mit
ließen sich ein Stück ausglei- 2854,13 Euro Rente rechnen.
chen, wenn die Menschen in Das klingt nicht wenig, aber
einigen Jahren nicht bis 67, auch nicht beruhigend.
sondern bis 68, 69 oder ir-
gendwann vielleicht sogar bis
… 32 Ältere Auf die Rente allein wol-
len sie sich nicht verlassen.
70 arbeiten würden. Damit 2025 Ein eigenes Haus würde Si-
gäbe es mehr Beitragzahler cherheit geben, ist jedoch
und weniger Rentner – und nicht in Sicht. Und wie die
die Überweisungen aus der Widls anders sparen könn-
Rentenkasse würden auto- ten – diese Frage lässt sie rat-
matisch steigen. In der Praxis … 39 Ältere los zurück. Die kleine Ries-
wäre das ein großes Projekt, terrente jedenfalls wird im Al-
das lebenslanges Lernen er- 2035 ter kein Ersatz sein. »So gut
fordern würde und Unter- wie es unsere Eltern im Alter
stützung für alle, die eine haben, wird es uns später
Krankheit früher aus dem Ar- nicht gehen«, sagt Eva Widl.
beitsleben drängt. Es wäre Für mehr Verlässlichkeit
aufwendig. Aber möglich. Al-
lerdings bröckelt das Tabu … 50 Ältere
und Gerechtigkeit über alle
Generationen brauchte es we-
erst langsam. Auch das ist Quelle: MEA; *65 Jahre und älter nige Schritte. Das Verspre-
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dem Populismus in der Ren- chen, die Renten von Gering-
Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich
tendebatte geschuldet. verdienern verlässlich anzu-
Dabei fühlen sich viele Junge schon heu- heben und Rentenerhöhungen nicht auf
te gebeutelt, weil sie an politische Verspre- die Grundsicherung anzurechnen. Die ehr-
chen nicht glauben und nicht wissen, ob liche Debatte darüber, ob eine längere Le-
Japans Wirtschaft ist seit Jahrzehnten es noch Alternativen zur gesetzlichen Ren- bensarbeitszeit ein Weg für mehr Nachhal-
in einer Abstiegsspirale gefangen, te gibt. Das gilt auch für Eva Widl, 31, und tigkeit sein kann. Und ein pragmatisches
auch weil Japans Bevölkerung so ihren Mann Hannes, 28. Ihr gemeinsames Konzept für eine zusätzliche, staatlich ge-
Leben muss im Moment auf 54 Quadrat- förderte Vorsorge.
schnell altert wie kaum eine andere. meter passen. Zwei Zimmer, kleine Küche, All dies wird seit Jahren debattiert.
Wieland Wagner, langjähriger Asien- noch kleineres Bad. Die Wohnung gehört Nichts davon findet sich im Rentenpaket.
Eva Widls Eltern, die sich vor 20 Jahren Und so hat die Bundesregierung das Kunst-
Korrespondent des SPIEGEL, eine Immobilie leisten konnten. stück vollbracht, mit einem Gesetz maxi-
beschreibt eindrucksvoll, wie sich in Im August haben Eva und Hannes ge- male Ausgaben zu provozieren und nur
der vergreisenden Wohlstandsnation heiratet. Von der Wohnzimmerlampe bau- minimales Vertrauen zu schaffen.
melt eine silberne »Just married«-Girlan- Die Widls jedenfalls haben ihre ganz ei-
Leben und Arbeiten verändern – de, auf dem Parkettboden liegt ein roter genen Schlüsse gezogen. Auf Gesetze aus
und was andere Länder am Beispiel Ziegelstein. »Fürs Haisl« steht darauf, das Berlin werden sie nicht warten. Hannes
Japans lernen können. Hochzeitsgeschenk eines Onkels. Das ei- Widl will auf einem anderen Weg für das
gene Haus, so dachten auch Eva und Han- Alter vorsorgen: Im nächsten Sommer en-
nes Widl, solle einmal der Grundstein ihrer det seine Weiterbildung zum Berufsschul-
Altersvorsorge sein. lehrer.
Seit drei Jahren suchen sie nach einem Wenn alles gut geht, wird er Beamter.
Haus in der Gegend um Erding, rund 40 Es wäre sein Abschied aus der gesetzlichen
Kilometer nordöstlich von München. Platz Rentenkasse.
für ein oder zwei Kinder soll es haben,

www.dva.de 38 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Deutschland

Geheimnisverrats gegen Härke ist die

50 000 Euro extra Rede. Handfeste Beweise gibt es aber


nicht. Auch namhafte SPD-Politiker sind
in das Krisenmanagement eingebunden.
Anfang März erörtert Schostok die verfah-
Kommunen In Hannovers Rathaus kassieren Mitarbeiter üppige rene Situation mit Ministerpräsident Weil
Zulagen – für Überstunden, die sie gar nicht geleistet haben. Die Praxis und einem SPD-Bundestagsabgeordneten.
existierte offenbar bereits, als Stephan Weil Oberbürgermeister war. Die beiden Parteifreunde sollen emp-
fohlen haben: keine Strafanzeige. Nie-
mand wolle eine Eskalation. Stattdessen

W enn es um die Moral von Beam-


ten geht, erzählt Frank Herbert
gern eine Geschichte über sich
selbst. Er sei einmal in Eile gewesen und
ten im Kulturbüro der Stadt. Auf den Flu-
ren des Rathauses ist die Personalie bald
ein Klatschthema. Als Oberbürgermeister
Schostok von dem mutmaßlichen Liebes-
solle Schostok Härke drängen, in den vor-
zeitigen Ruhestand zu gehen. So notiert
es Schostok in einem Chat. Die Möglich-
keit einer Strafanzeige solle demnach als
ohne Fahrkarte im Zug von Göttingen dienst des Dezernenten erfährt, ist er em- potenzielles Druckmittel bestehen bleiben.
nach Eschwege gefahren. Das Ticket woll- pört. Die Freundin zieht ihre Bewerbung Auch die Abwahl als Dezernent. Es soll
te er unterwegs lösen, aber er wurde nicht zurück. Härke, 64, will sich nicht in das also eine politische Lösung geben.
kontrolliert. Deshalb habe er sich später Verfahren eingemischt haben, räumt aber Lange hält dieser Krisenplan nicht. Bü-
einen Fahrschein gekauft, ihn zerrissen Fehler ein. Doch eine glimpfliche Lösung roleiter Herbert will unbedingt juristisch
und in den Mülleimer geworfen. So sei er soll es nicht geben. Schostok leitete ein gegen Härke vorgehen. Schostok willigt
nun mal. Ein penibler Staatsdiener durch Disziplinarverfahren gegen ihn ein. ein. Im April schicken zuerst Herbert und
und durch. Moralisch fühlen sich Schostok und sein dann die Stadt Hannover ihre Schriftsätze
Herbert, 49, ist nicht irgendein Verwal- Büroleiter Herbert im Recht. Dabei gibt an die Staatsanwaltschaft.
ter. Mehrere Jahre lang war er der wich- es längst Gerüchte, die auf eine andere Af- Die Führungsriege im Rathaus be-
tigste Beamte im Rathaus von Hannover: färe hindeuten. schließt zudem: Herbert soll ein Hinter-
Duzfreund und Büroleiter von SPD-Ober- Ende 2017 taucht ein brauner Briefum- grundgespräch mit Journalisten führen.
bürgermeister Stefan Schostok und Chef schlag im Büro des CDU-Fraktionschefs Schließlich gibt es Fragen zum braunen
der Rechtsabteilung. Derzeit steht er im im Landtag auf. Er enthält Belege, die Her- Umschlag und dem angeblichen Geheim-
Mittelpunkt einer Affäre, die nicht nur bert belasten. Als Ausgleich für »zusätz- nisverrat durch Personaldezernent Härke,
Schostok belastet. Die Schockwellen rei- liche Leistungen« forderte Schostoks Ver- der die Vorwürfe bestreitet. Herbert reicht
chen bis in die Staatskanzlei von Minister- trauter in einer E-Mail die Differenz zur nun seinerseits vertrauliche Unterlagen
präsident Stephan Weil, der zu den weni- über seine Gehaltsforderungen an die Jour-
gen Hoffnungsträgern der Sozialdemokra- nalisten weiter.
tie in Deutschland zählt. Die Leiterin der Per- Herberts Karriere war ins Stocken ge-
Ginge es nur um moralische Fragen, wä- sonalabteilung ergänzte raten. Anfangs versuchte Schostok, ihn
ren die Genossen vermutlich entspannter. zum hochbezahlten Dezernenten zu ma-
Doch gegen Schostok, seinen ehemaligen kleinlaut, sie sei chen. Doch daraus wurde nichts, weil die
Büroleiter und den suspendierten Perso- ebenfalls auf der Liste. SPD im Rat nicht mitzog. Dann wollte
naldezernenten ermittelt die Staatsanwalt- Herbert Bürgermeister in seiner Heimat-
schaft. Im Juni durchsuchten Ermittler die stadt Eschwege werden. Auch das ging
Büros und Privatwohnungen der Beschul- Besoldungsgruppe B7, in Höhe von mo- schief. Ebenso die Bewerbung als Dezer-
digten. Der Vorwurf gegen Schostok: Un- natlich 2287 Euro, plus 18 freie Tage, nent in Garbsen. Der Beamte musste im
treue. Mit Wissen des Oberbürgermeisters als Ausgleich für 144 Überstunden. Die Rathaus von Hannover bleiben – und fühl-
soll Herbert jahrelang unrechtmäßig üppi- E-Mails aus der ersten Jahreshälfte 2017 te sich mit einem Grundgehalt von 7400
ge Extrazahlungen kassiert haben. Die bei- sind an den Personaldezernenten gerichtet. Euro im Monat chronisch unterbezahlt.
den anderen werden zudem des Geheim- Herbert drängelt, Härke solle endlich zu- Was nun herauskommt: Eine erste
nisverrats bezichtigt. stimmen. Es wäre »jetzt der rechte Zeit- Überstundenpauschale hat Herbert bereits
Dokumente, E-Mails und Chat-Nach- punkt für ein einfaches Einverstanden von 2015 erhalten: zuerst 1045 Euro im Monat,
richten dokumentieren, dass Herbert Deiner Seite«, schreibt Herbert. Im Ver- später 1327 Euro. Insgesamt zahlte die
nicht der Einzige war, der im Rathaus sei- teiler mehrerer Mails: Oberbürgermeister Stadt ihm in den vergangenen Jahren
ne Bezüge verbesserte. In dem wilhelmi- Stefan Schostok. knapp 50 000 Euro extra – offenbar un-
nischen Kuppelbau, in dem der Oberbür- Aber so einfach ist es nicht – für Beamte rechtmäßig. Das geht auch aus einer recht-
germeister wie in einem Schloss residiert, der Besoldungsgruppe B2 ist kein finan- lichen Stellungnahme hervor, die im Rat-
haben die Verantwortlichen offenbar über zieller Überstundenausgleich erlaubt. Der haus kursiert.
Jahre ein großzügiges Zulagensystem eta- CDU-Fraktionschef übergibt das brisante Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermitt-
bliert. Es geht um Leistungen, die in den Material im Frühjahr an Ministerpräsident lungsverfahren ein. Herbert wird vom Jä-
Gehaltstabellen nicht vorgesehen sind. Weil. Schließlich herrscht in Niedersach- ger zum Gejagten, vom Moralapostel zum
Um Zuschläge für Überstunden, die gar sen eine Große Koalition. Weil wiederum Beschuldigten. Schlimmer kann es auch
nicht geleistet werden. Die Praxis soll bis reicht den braunen Umschlag an Schostok für Schostok eigentlich nicht kommen.
in eine Zeit zurückreichen, als Stephan weiter. Der soll sich kümmern. Oder doch? Die üppige Überstunden-
Weil noch Oberbürgermeister von Han- Den Oberbürgermeister stört nicht die regelung für Schostoks Büroleiter ist nach
nover war. exorbitante Forderung seines Büroleiters, SPIEGEL-Recherchen kein Einzelfall. Das
Ihren Anfang nimmt die Rathausaffäre sondern der Umstand, dass die Papiere ih- Rechnungsprüfungsamt hatte bereits in sei-
mit einem Fall von Vetternwirtschaft. Im ren Weg zur CDU und wohl auch zu Jour- nen Prüfberichten für die Jahre 2014 und
Frühjahr 2017 bewirbt sich die Lebens- nalisten gefunden haben. 2016 auf »pauschale Überstundenvergü-
gefährtin des Personal- und Kulturdezer- Im Rathaus folgt eine Besprechung der tungen« bei der Stadt Hannover hingewie-
nenten Harald Härke auf einen neuen Pos- nächsten. Von einer Strafanzeige wegen sen, die »kritisch zu sehen« seien. Es ging

40 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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um mehr als eine Million Euro Mehraus-


gaben pro Jahr für Tarifbeschäftigte.
Was die Prüfer wohl nicht wussten: Die
Stadt zahlt offenbar auch für Überstunden,
die gar nicht existieren. In einer internen
Untersuchung stieß die Personalabteilung
bereits im Frühsommer auf 26 Fälle mit
»unechten Überstundenpauschalen«. Un-
echt, weil die Betroffenen, darunter Fach-
bereichsleiter und Referenten, gar keine
Überstunden abrechnen. Als die Leiterin
der Personalabteilung im Juni die Liste mit
den 26 Empfängern dem Oberbürgermeis-
ter vorstellt, ergänzt sie kleinlaut, sie selbst
sei auch darauf.
In einer Chatgruppe mit Schostok und
anderen bringt Herbert das Problem am
6. Juni auf den Punkt: Die »unechte«
Mehrarbeitsvergütung sei »eigentlich eine
Zulage, weil die Arbeitszeit keine Rolle
spielt«. Schostok solle prüfen lassen, ob
»eine sofortige Einstellung der Zahlung ge-
boten ist«. Herbert schlägt vor, alle Fälle
mit Mehrarbeitsvergütungen untersuchen
zu lassen – und nennt einen weiteren Fall.
Auch die Büroleiterin des Personaldezer-
nenten Härke erhielt demnach fragwürdi-
ge Zuschläge. Sie sollte in den höheren
Dienst aufsteigen. Bis die Beförderung
wirksam wurde, erhielt sie die Differenz
monatelang auf einem anderen Weg aus-
gezahlt: als Überstundenpauschale.
Unter Punkt vier seines Krisenplans
empfiehlt Herbert, der Untersuchungszeit-
raum über die Extrazahlungen solle min-
destens sieben Jahre betragen, »um eine
amtsübergreifende Entwicklung erkenn-
bar zu machen«. Das ist pikant: Vor 2013
war Stephan Weil Oberbürgermeister. Die
ersten »unechten Überstundenpauscha-
len« soll es zum Regierungswechsel im Rat-
haus bereits gegeben haben. »Derlei ist
MICHAE LÖWA

dem Ministerpräsidenten nicht bekannt«,


teilte Weils Pressesprecherin mit.
Auch Schostok will von fragwürdigen
Hannovers Oberbürgermeister Schostok: Lange hält der Krisenplan nicht Zuschlägen nichts wissen. »Dem Begriff
›unechte Überstundenpauschale‹ können
wir nicht folgen«, sagt seine Sprecherin.
Hinter »jeder Zusatzleistung« stehe auch
eine Arbeitsleistung.
Die Zuschläge für den Büroleiter wollen
Schostok und Herbert wegen der laufen-
den Ermittlungen nicht kommentieren.
Die Staatsanwaltschaft glaubt laut einer
Verfügung vom 11. Juni, dass sich der
Oberbürgermeister aktiv daran beteiligt
habe, Möglichkeiten für eine höhere Be-
soldung Herberts zu suchen. Die gefunde-
ne, rechtswidrige Lösung habe er inhalt-
lich mitgetragen. Schostoks Anwalt bestrei-
tet das in einem Schriftsatz.
MARTIN STEINER / HAZ

Als Konsequenz aus der Affäre wurde


Büroleiter Frank Herbert inzwischen ver-
setzt. Harald Härke wurde vom Dienst sus-
pendiert. Nur Schostok macht weiter, als
wäre nichts geschehen. Hubert Gude
Jurist Herbert 2008: »Ein einfaches Einverstanden«

41
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Radio aufnahmen, um damit unsere Eltern zu erschre-


Omid Nouripour
cken. Meine Kindheit in Iran fühlte sich an wie ein großes
Abenteuer.

Der Weg »Für Kinder ist Deutschland das Paradies«, pflegte


mein Teheraner Deutschlehrer zu sagen. Und tatsächlich
sind mir erst in diesem Paradies die Schrecken meiner
Kindheit bewusst geworden. Erst hier lernte ich, dass es

ins deutsche nicht nur ein Abenteuer ist, wenn eine Jungsklasse ohne
das Wissen der Eltern eine Klassenfahrt an die Front
macht. Dass es widerlich ist, wenn man auf dem Schulhof

Paradies Morgenappelle mit Schmähgesängen auf die »Befreiung


Jerusalems von den Zionisten« hört. Und was der Begriff
»Homosexualität« bedeutet, eines der politisch und gesell-
schaftlich ultimativen Tabuthemen in Iran.
Essay Wie es ist, im Krieg und damit Hier in Deutschland war es, als wäre meine Seele unter
ohne Kindheit aufzuwachsen – Beschuss von all dem Neuen. Neue Sprache, neue Schule,
neue Freunde, neue Regeln und so vieles mehr. Was mir
und was das für die Integration in beim Einsortieren der vielen neuen Normen und Gedan-
Deutschland bedeutet ken half, die teilweise gegensätzlich zu den Lehren mei-
ner vorherigen Schulzeit standen, war meine Mutter. Sie
hatte mir im Unrechtsstaat meiner Kindheit immer
wieder eingeimpft, nichts zu glauben im Unterricht, in

A
keinem Fach – außer in Mathematik. So schuf sie eine
ls wir das Kinderzimmer meines Sohnes einrich- Grundlage der Kritik, die mich bis heute trägt. Die mir
teten, hatten meine Frau und ich einen handfes- klarmachte, dass es falsch ist, dass eine alte Frau auf der
ten Streit. Sie, auf dem Land in Ostwestfalen auf- Straße ausgepeitscht wird, weil ihre Strümpfe zu dünn
gewachsen, wollte die Wiege unter das Fenster sind. Und dass neben mir noch Abertausende Kinder
stellen, damit das Neugeborene die frische Luft genießen öffentliche Peinigungen von Frauen erleben mussten. Sie
konnte. Ich aber wehrte mich mit Händen und Füßen, gravierte mir die Liebe zur Freiheit in die DNA.
ohne es ihr plausibel erklären zu können. Wir wurden Im Paradies angekommen, war ich nicht nur schockiert
beide laut, bis aus mir sprudelte, dass ich Angst hatte, die von der heilen Welt unter dem Apfelbaum, sondern auch
Scheibe könnte zerspringen und die Splitter könnten von der Sorglosigkeit meiner Altersgenossen. Milch? Gab
unser Baby verletzen. Plötzlich wurden die Gesichtszüge es im Supermarktregal. Schauspiele am Himmel? Beim
meiner Frau weich. Sie nahm mich in den Arm und sagte Feuerwerk des Museumsuferfests am Main. Bomben? Mit
sehr ruhig, ich brauchte keine Druck- dem Hintern im Freibad. Peitschen? Ein Witzmotiv für pu-
wellen zu fürchten. »Hier ist Frie- bertierende Pennäler über Sadomaso-Praktiken. Alles ein-
den, hier fallen keine Bomben.« fach nur harmlos schön. Ich beschloss zu vergessen. Schö-
Jahrzehnte nachdem ich den ne Mädchen, Panini-Sticker, Mein-Lamy-Füller-ist-schöner-
Krieg meiner Kindheit hinter mir ge- als-deine-Nike-Air-Konflikte, Klassenfahrt nach Büdingen
lassen hatte, holte er mich also wie- zum Hexenturm: Ich holte eine Kindheit nach, die ich mir
der ein. Dabei bin ich nicht schwer vorher nur eingebildet hatte. Die ausgefallen war.
traumatisiert, hatte eine Kindheit Das ist nicht meine Geschichte allein, sondern die von
ohne tiefe Narben. Natürlich waren Millionen Kindern, die es oftmals weit schlimmer hatten
meine Eltern während des Krieges als ich, etwa in Syrien oder Afghanistan. Die nicht nur
zwischen Iran und Irak sehr besorgt erleben mussten, dass ihr Onkel im Gefängnis hingerich-
um meine Schwester und mich. tet wurde so wie meiner, sondern mitansehen mussten,
Wenn Bomben fielen. Wenn meine wie ihre Eltern ermordet wurden, in ihrem Kinderzimmer.
pubertierende Schwester auf Ge- Auch von ihnen landet manch einer im Paradies.
um 1985 burtstage von Schulfreundinnen Kann das Paradies es schaffen, Menschen zu integrieren,
ging, auf denen verbotene westliche denen die Chance genommen wurde, Kind zu sein? Die
Musik gespielt wurde. Wenn ich, Zweifel in der Diskussion wachsen. Wie ist aus mir, der im
Omid Nouripour, 43, kam im noch kein Teenager, auf dem Schul- Iran der Achtziger in die Schule gegangen war, ein Außen-
Alter von 13 Jahren mit sei- hof beim Militärunterricht mit ech- politiker geworden, der beispielsweise für die unverbrüch-
nen Eltern und seiner Schwes- ten Gewehren hantierte. Wenn die liche Verantwortung Deutschlands für das Existenzrecht
ter als Flüchtling aus Iran rationierte Milch nach zwei Stunden Israels eintritt? Oder für das Recht Homosexueller, in Mos-
nach Deutschland. Während Anstehen wieder einmal ausver- kau für ihre Freiheit demonstrieren zu dürfen? Drei Dinge
seine Eltern in Iran ihr Geld kauft war. halfen mir dabei: Optimismus, Klarheit und Geduld.
als Ingenieure für zivile Luft- Und doch habe ich schöne Erinne-
fahrt verdienten, arbeitete die rungen, schrecklich-schöne. Wenn
Mutter in Frankfurt am Main ich mich mit meinem Cousin aus Optimismus
als Auffüllerin im Kaufhaus, dem Keller auf das Dach schlich, um In meiner neuen Heimat Frankfurt traf ich auf Klassen-
der Vater als Lkw-Fahrer. das feuerwerkähnliche Fanal der kameraden, die bis heute meine besten Freunde sind. Sie
Heute ist Nouripour Bundes- Flaks während eines irakischen Luft- halfen mir, Hessisch zu lernen, sie nahmen mich an der
tagsabgeordneter der Grünen angriffs zu bestaunen. Oder wenn Hand, führten mich ein in ihre Welt. So banal, so wich-
und außenpolitischer wir den grauenvoll durchstechenden tig: Sie waren für mich da. Stets gaben sie mir das Ge-
Sprecher seiner Fraktion. Ton des Luftangriffalarms vom fühl, dass sie an mich glaubten. Und dass sie nie zweifel-

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Deutschland

mein Lehrer schlicht aus. Er lieh mir aber ein Buch


darüber, das mir die Augen öffnete über die Lügen meiner
iranischen Schulbildung. Und dann gingen wir mit der
Klasse ins Kino, schauten »Schindlers Liste«. Plötzlich
war »Nie wieder« nicht mehr ein läppischer Ausspruch,
sondern ein erlebtes Gefühl. Nur aus diesem Gefühl
heraus konnte eine Handlungsanleitung, eine Maxime
erwachsen.
Diese Klarheit der Regeln und Normen unserer Gesell-
schaft wird derzeit zu oft zerrieben zwischen einem
Hass, der wahllos in die Tasten gehauen wird, und einer
pseudopostmodernen Ignoranz, in der irgendwie alles
seinen Platz haben darf, auch das Falsche. Dass »richtig«
und »falsch« missbraucht werden können, versteht

HC PLAMBECK / DER SPIEGEL


sich von selbst. Aber gerade die Geschichte unseres Lan-
des zeigt so schmerzvoll, dass es richtig und falsch
gibt. Und dass man das Falsche mit Klarheit zurückwei-
sen muss.

Geduld
Bundestagsabgeordneter Nouripour
Diese Klarheit braucht einen langen Atem. Keine Inte-
gration funktioniert ad hoc. Nicht die der Spätaussiedler
ten, dass ich klarkommen werde. Diese Fürsorge galt in Nordhessen, nicht die der Muslime in Ostwestfalen,
nicht nur für mich, sie galt auch für das Kind der Allein- nicht die der Westdeutschen in Dresden. Ich habe so
erziehenden aus dem sozialen Brennpunkt wie für die viele Fehler gemacht. In der Sprache, im Verhalten, im
Kroatin und den Serben, die den damals dramatisch hei- Umgang mit meinen Mitmenschen. Diese waren nicht
ßen Krieg in ihrer alten Heimat auf dem Schulhof fort- immer nachsichtig mit mir, aber geduldig. Diese Geduld
setzen wollten. fehlt uns heute so oft, weil wir glauben, anstrengende
Meine Schulzeit in der Großstadt Frankfurt war nicht gesellschaftliche Prozesse ließen sich in Twitter-Länge
besonders »kuschelig«, aber es gab funktionierende lösen.
soziale Netzwerke, die den meisten das Wichtigste gaben: Natürlich stand die Wiege unseres Sohnes unter dem
das Gefühl, ernst genommen zu werden. Das machte Fenster. Und mein letzter verzweifelter Vorschlag, wenigs-
aus uns Pubertierenden auf der Suche nach Identität Opti- tens ein diagonales Kreuz aus Klebeband auf der Scheibe
misten. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre an einem Ort anbringen zu dürfen, damit sie im schlechten Fall nicht
aufgewachsen, an dem die Lust am Scheitern grassierte, komplett zersplittert, wurde von meiner Frau souverän
säße ich heute sicherlich nicht im Bundestag. weggelächelt. Dabei kennt jeder Mensch, der einen Bom-
benkrieg erlebt hat, dieses Kreuz. Und er trägt es mit sich –
bis ins Paradies. Ihm zu helfen, es abzulegen, das ist für
Klarheit jede Gesellschaft anstrengend. Und es gelingt auch nicht
Doch mein Umfeld war nicht nur zuversichtlich, sondern immer. Aber es lohnt sich, weil dieser Mensch oft einen
auch klar. Als ich im Geschichtsunterricht mein bisheriges Hunger und eine Demut mit sich bringt, die dieser Gesell-
»Wissen« über den Sechstagekrieg kundtat, lachte mich schaft abhandenzukommen drohen. I

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Deutschland

»Ich sehe mich als Hardliner«


SPIEGEL-Gespräch Der neue Bamf-Präsident Hans-Eckhard Sommer erklärt, welche Folgerungen er
aus der Bremer Asylaffäre zieht – und wie er die Problembehörde in den Griff bekommen will.

S
eit Juni steht Hans-Eckhard Som-
mer, 57, an der Spitze des Bundes-
amts für Migration und Flüchtlinge
(Bamf) in Nürnberg. Innenminister
Horst Seehofer (CSU) hat ihn zum Präsi-
denten der Behörde ernannt, nachdem die
Außenstelle Bremen mit mutmaßlich ma-
nipulierten Asylbescheiden wochenlang
Schlagzeilen gemacht hatte. Die Affäre
zeigte, dass es im Bundesamt in den ver-
gangenen Jahren drunter und drüber ging.
Und das nicht nur in Bremen. Das Amt
musste seit 2015 über fast zwei Millionen
Asylanträge entscheiden, ohne dafür auch
nur ansatzweise gewappnet zu sein. Som-
mers Vorgänger Frank-Jürgen Weise und
Jutta Cordt hatten versucht, die Behörde
mithilfe von McKinsey und anderen Bera-
tern zu modernisieren und den Aktenberg
so schnell wie möglich abzutragen. Sie
setzten Tausende neue, teils kaum ange-
lernte Mitarbeiter ein. Die Folge: Fehler
und Pannen häuften sich.
Sommer (CSU) soll wieder Ruhe ins
Amt bringen. Der ehemalige Verwaltungs-
richter war einst Büroleiter von Edmund
Stoiber. Zuletzt war er im bayerischen In-
nenministerium für Asyl- und Ausländer-
recht zuständig.

SPIEGEL: Herr Sommer, Horst Seehofer


hat die Migrationsfrage als die »Mutter
aller politischen Probleme« bezeichnet.
Sommer: Als Beamter steht mir eine solche
politische Einschätzung nicht zu. Aber klar
ist: Die Frage der Zuwanderung, wer in die-
sem Land lebt, bewegt die Menschen sehr.
SPIEGEL: Sie haben vor gut vier Monaten
ein Amt übernommen, das wegen seiner
Affären in Verruf geraten ist. Wie ist es,
Chef einer Chaosbehörde zu sein?
Sommer: Das Bamf ist keine Chaosbehör-
de. Dieses Amt ist durch den außerordent-
lich hohen Zugang von Schutzsuchenden
in den Jahren 2015 und 2016 ohne eigenes
Verschulden in eine Ausnahmesituation
geraten, wie sie wahrscheinlich in Deutsch-
RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL

land kaum eine Behörde erlebt hat. Unter


Anspannung aller Kräfte haben die Mit-
arbeiter den Zusammenbruch des Asyl-
systems verhindert. Aus den Fehlern, die
in dieser Zeit zwangsläufig gemacht wur-
den, Rückschlüsse auf unsere Arbeit heute
zu ziehen, ist nicht legitim.
SPIEGEL: Ihre Behörde ist Deutschlands
Torwächter. Sie entscheidet, wer bleiben Bundesamtschef Sommer: »So etwas wird nicht mehr passieren«

44
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darf und wer wieder gehen muss. Ist sie Sommer: Wir haben eine Reihe von Maß- einen Asylbewerber aus dem Kranken-
dieser Aufgabe gerecht geworden? nahmen zur Qualitätssicherung ergriffen. haus abgeführt, seine schwangere Frau
Sommer: Das Amt konnte seinen Ansprü- Das Bamf hat heute eine über 100-prozen- erwartete ein Kind. Er sollte nach Italien
chen eine Zeit lang nicht mehr genügen, tige Kontrolle der Bescheide. Ausnahmslos abgeschoben werden, die Hebammen
weil ihm schon 2013 und 2014 die notwen- alle Entscheidungen werden vor Versand protestierten. Ist das die neue Linie, Ab-
digen Personalaufstockungen versagt ge- noch mal überprüft, bei uns gilt nun ein schiebungen ohne Wenn und Aber?
blieben sind. Ich habe das hautnah mitbe- strenges Vieraugenprinzip. Zehn Prozent Sommer: Das Vorgehen kann ich nicht
kommen, ich war damals Landesbeamter der Fälle werden in verschiedenen Verfah- verstehen. Schon allein deswegen nicht,
in Bayern. Wir haben Brandbriefe ge- rensschritten zwischen Antragstellung und weil man das Thema Abschiebungen da-
schrieben, dass mehr Personal hermuss Bescheid kontrolliert. In der Zentrale mit völlig in Misskredit bringt.
beim Bamf. Das ist leider lange Zeit nicht durchleuchten wir außerdem jeden Monat SPIEGEL: Der Thüringer Ministerpräsident
passiert, sodass dieses Amt bereits als die 1000 Bescheide nach dem Zufallsprinzip. gibt Ihnen die Schuld: Das Bamf habe die
Flüchtlingskrise ihrem Höhepunkt zusteu- Ich kenne keine Behörde, die ihre Arbeit Abschiebung veranlasst!
erte, personell nicht mehr in der Lage war, in diesem Umfang kontrolliert. Sommer: Wir geben nicht den genauen
seine Aufgabe zu erledigen. Ich bin mir SPIEGEL: Sie haben inzwischen alles im Zeitpunkt einer Abschiebung vor. Das ist
aber sicher: So etwas wird nicht mehr pas- Griff? Ländersache. Dass der Mann ausgerech-
sieren. Sommer: Nach vier Monaten wäre es ver- net an dem Tag im Krankenhaus und kurz
SPIEGEL: Das Amt ist aber doch massiv messen, so etwas zu sagen, zumal einiges davor war, Vater zu werden, war wahr-
aufgestockt worden, von 2500 auf 10 000 bereits vorher angestoßen wurde. Aber scheinlich nicht vorhersehbar. Man hätte
Mitarbeiter … ich habe versucht, die dringlichsten Pro- am Tage der Abschiebung reagieren und
Sommer: … aber leider erst mitten in der bleme anzupacken. Wir haben alles Men- die Aktion abbrechen können. Da wartet
Krise. Und die neuen Anhörer und Ent- schenmögliche getan, um Versäumnisse man dann eine gewisse Zeit.
scheider waren ja nahezu alle ohne Vor- der Vergangenheit zu korrigieren. In vie- SPIEGEL: Ist das nicht herzlos? Wenn man
kenntnisse. Sie mussten kurzfristig ge- len Tausend Fällen haben wir nachträglich ein, zwei Monate wartet, dann ist die Ab-
schult werden und eine ungeheure Anzahl Fingerabdrücke genommen und Pässe kon- schiebung in Ordnung?
von Asylverfahren bewältigen. Dass dabei trolliert. Wir schulen unsere Entscheider Sommer: Selbstverständlich. Das ist eine
Fehler passierten, ist naheliegend. Nicht wieder intensiv. Vielleicht ist es auch ein rechtsstaatliche Entscheidung. Die Ehe
vorsätzlich, sondern aus Unkenntnis. Oder war nach deutschem Recht nicht gültig, da
weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt es keine Abschiebungshindernisse.
wenig Zeit für die vielen Anträge hatten. Dass der Mann zwischenzeitlich Vater ge-
SPIEGEL: In Bremen geht es um mehr als
»Wir müssen worden ist, ändert daran nichts. Wir müs-
nur Überforderung. Jahrelang sollen dort Recht und Ordnung sen Recht und Ordnung auch in diesem
Asylverfahren manipuliert worden sein. auch in diesem Bereich durchsetzen. Das tun wir auch im
Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Warum Steuerrecht, wenn jemand nicht zahlt.
bemerkte so lange niemand die Probleme? Bereich durchsetzen.« SPIEGEL: Aber da geht es nicht um das
Sommer: Die Missstände in Bremen sind Wohl eines neugeborenen Kindes und sei-
ja aufgefallen. Das Bamf hatte längst die ner Eltern …
interne Revision beauftragt, bevor die gutes Zeichen, dass wir aus der Öffentlich- Sommer: … wir wollen den Mann ja nicht
Angelegenheit im Frühjahr medienwirk- keit wieder etwas verschwunden sind. in einen Bürgerkrieg zurückschicken, son-
sam bekannt wurde. Vielleicht hätte man SPIEGEL: Was unterscheidet Sie von Ihren dern in ein anderes EU-Land, das für sei-
die Dimension noch früher erkennen kön- Vorgängern, Frank-Jürgen Weise und Jutta nen Asylantrag zuständig ist. Wenn es eine
nen. Aber das Amt hatte sehr wohl be- Cordt? rechtsstaatlich einwandfreie Entscheidung
merkt, dass es in Bremen Fehlentwicklun- Sommer: Meine tiefe Kenntnis des Aus- gibt, müssen wir sie auch umsetzen, so
gen gab. länder- und Asylrechts. Ich bin vom Fach. schwer das im Einzelnen fallen mag.
SPIEGEL: Zur Bremer Affäre hat Ihre Das kommt aus meiner Sicht auch bei den SPIEGEL: Die Anerkennungsquote Ihres
Behörde in den vergangenen Monaten Mitarbeitenden gut an. Auch mein Füh- Amts ist zuletzt zurückgegangen. Ist das
mehrere Untersuchungen angestellt, mit rungsstil ist sicher ein anderer. Ich glaube, ein Ergebnis einer neuen, strengen Linie?
unterschiedlichen Ergebnissen. Das hat für dass ich an Manfred Schmidt anknüpfe … Sommer: Nein. Da gibt es keinerlei Vor-
Verwirrung gesorgt. Manche Medien be- SPIEGEL: … der das Amt von 2010 bis gaben. Die Verfolgungssituation in den
richteten, an der Sache sei gar nichts dran. 2015 führte und im Flüchtlingssommer Herkunftsländern wird von unseren Fach-
Sommer: Was in Bremen passiert ist, war frustriert hinwarf … leuten unter anderem auf Basis der Berich-
schlimm. Wir haben bei einigen wenigen Sommer: … er hat das Amt etwas unglück- te des Auswärtigen Amts und von Nicht-
Mitarbeitern in einem bedenklichen Um- lich verlassen. regierungsorganisationen bewertet. Wenn
fang Fehler festgestellt, bei denen bewusst SPIEGEL: Sie sind also ein klassischer Be- es hier Veränderungen gibt, wirkt sich das
manipulatives Verhalten im Raum steht. amter, der mit Modernisierern von McKin- natürlich auf unsere Anerkennungsquoten
Bei einer Prüfung der internen Revision sey wenig anfangen kann? aus. Wie zum Beispiel im Fall des Irak, wo
waren es 601 Fälle. Und eine zweite Prüf- Sommer: McKinsey und andere Bera- sich die Lage deutlich verbessert hat.
gruppe, die noch mal Tausende Verfahren tungsunternehmen haben dem Bamf in SPIEGEL: Jeder zweite Asylsuchende klagt
seit 2006 untersuchte, hat weitere 145 Fäl- manchen Bereichen sehr geholfen, zum gegen seinen Bescheid. Die Gerichte geben
le entdeckt. Das hat eine ganz andere Qua- Beispiel beim Umbau der IT. In einer nor- ihnen in knapp 20 Prozent der Fälle recht.
lität als die Mängel, die wir in anderen Au- malen Situation hätten wir ihren Einsatz Es gibt nicht wenige, die sagen: Dass so
ßenstellen festgestellt haben. Aber ich will wohl nicht gebraucht. Aber in der Krise viele Entscheidungen aufgehoben werden
keine Vorverurteilung vornehmen. Zu Bre- war ihre Hilfe notwendig, um unser Asyl- müssen, sei der wahre Bamf-Skandal.
men laufen noch Straf- und Disziplinar- system vor dem Zusammenbruch zu be- Sommer: Allein die Zahlen lassen keine
verfahren. Die müssen wir abwarten. wahren. Rückschlüsse auf die Qualität unserer Ar-
SPIEGEL: Wie wollen Sie verhindern, dass SPIEGEL: Vor Kurzem sorgte ein Fall in beit zu. Bei den Verwaltungsgerichten lie-
sich so etwas wiederholt? Thüringen für Empörung. Die Polizei hat gen derzeit mehr als 300 000 Fälle. Zum

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 45


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IN DER SPIEGEL-APP Deutschland

Teil liegen sie dort schon seit Jahren und

RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL


kommen aus der Hochphase der Flücht-
lingskrise. Damals wurde von uns nicht im-
mer so gearbeitet, wie wir das heute erwar-
ten, das ist richtig. Manchmal hat sich aber
auch der Sachverhalt, der unseren Entschei-
dungen zugrunde lag, geändert und ist in-
zwischen bei der Gerichtsentscheidung ein
SCHERL / SZ PHOTO

anderer. Die Verwaltungsgerichte müssen


deshalb etliche Bescheide korrigieren. Das Sommer beim SPIEGEL-Gespräch*
wird sich aber geben. Ich glaube nicht, dass »Wir sind wieder eine gute Behörde«
aktuelle Entscheidungen unseres Amts in
dem Umfang beanstandet werden. Wir oft gibt es auf den Handys Fotos von an-
sind inzwischen wieder eine richtig gute geblich verlorenen Pässen. Die würden wir
Behörde. zur Identitätsfeststellung gern hinzuzie-
CAMERA PRESS / PICTURE PRESS

SPIEGEL: Als Sachverständiger haben Sie hen. Inhalte wie die Chats der Asylsuchen-
im Bundestag einst selbst die mangelhafte den interessieren uns aber nicht.
Identitätsfeststellung bei Asylbewerbern SPIEGEL: Sie gelten als Erfinder der soge-
durch das Bamf beklagt … nannten Anker-Zentren.
Sommer: … das war damals in der Tat ein Sommer: Ich würde die Idee nicht für
großes Problem. Das Bundesamt hatte bei mich allein reklamieren. Sagen wir so: Ich
abgelehnten Asylbewerbern die Frage der habe sie im bayerischen Innenministerium
Identitätsklärung sträflich vernachlässigt. mit entwickelt.
Das überließ man den Ausländerbehörden, SPIEGEL: Asylbewerber, die eine geringe
da sie dann für die Abschiebungen zustän- Chance auf Anerkennung haben, sollen
ALEX WEBB / MAGNUM PHOTOS

dig waren. Inzwischen hat sich das radikal während ihres gesamten Verfahrens in den
geändert: Schon bei der Ersteinreise werden Aufnahmelagern bleiben – und von dort
durch Bundespolizei oder Aufnahmeein- direkt wieder abgeschoben werden. Wa-
richtungen, spätestens bei der Antragstel- rum setzt sich das Konzept nicht durch?
lung beim Bamf, von allen Asylsuchenden Sommer: In Bayern funktioniert es bereits
die Fingerabdrücke genommen. Außerdem sehr gut. Dort sind alle wichtigen Behör-
kontrollieren wir alle vorgelegten Doku- den an einem Ort versammelt, das ver-
mente akribisch auf ihre Echtheit. kürzt auch die Verfahrensdauer. Auch in
SPIEGEL: Wie gehen Sie dabei vor? Sachsen und dem Saarland wurden Anker-
Sommer: Wir überprüfen nicht nur Pässe, Zentren eingerichtet. Bundesweit funk-
sondern jedes Dokument, egal aus wel- tioniert die Umsetzung teilweise aus poli-
chem Staat der Welt es stammt: Heirats- tischen Gründen nicht. Manche Länder
Vernarbtes Land papiere, Geburtsurkunden oder hand-
schriftlich ausgefüllte Bescheinigungen mit
wollen auch diejenigen, die keine Bleibe-
perspektive haben, frühzeitig dezentral in
Von 1914 bis 1918 tobte der erste totale Daumenabdruck. Mir ist keine Behörde den Kommunen unterbringen. Ich halte
Krieg der Menschheitsgeschichte: Mehr mit einem vergleichbaren Fachwissen be- das für kontraproduktiv.
kannt. Trotzdem haben wir derzeit wegen SPIEGEL: Polizeigewerkschafter lehnen
als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kon-
der Vielzahl der zu prüfenden Papiere ei- die Anker-Zentren auch aus Sicherheits-
tinenten zogen gegeneinander zu Felde. nen Stau in der letzten Prüfebene bei den gründen ab. Wenn so viele Menschen auf
Im erbitterten Kampf um ein paar Meter Urkundensachverständigen. In Deutsch- engem Raum untergebracht werden,
Boden starben auf beiden Seiten Men- land gibt es nur wenige dieser ausgewiese- kommt es zu Streit und Ausschreitungen.
schen zu Hunderttausenden, verheizt in nen Spezialisten. Viele Fälschungen sind Können Sie die Kritik verstehen?
der Maschinerie des industrialisierten leicht zu erkennen. Aber eben nicht alle. Sommer: In einer Einrichtung in Bayern
Krieges. Im November vor 100 Jahren SPIEGEL: Flüchtlinge, die keine Papiere gab es gerade wieder einen Polizeieinsatz.
kam es endlich zum Waffenstillstand. In dabeihaben, müssen heute damit rechnen, Das kann vorkommen. Als Bundesamt bie-
360-Grad-Fotos sind die Narben des dass ihre Handys ausgelesen werden. Das ten wir darum in den Unterkünften zum
Krieges noch heute zu sehen. ist umstritten. Warum tun Sie das? Beispiel Erstorientierungskurse an. Es geht
Sommer: Wir suchen nach Anhaltspunk- dabei nicht um Integration, sondern da-
ten dafür, wo sich die Menschen aufgehal- rum, den Alltag zu strukturieren. Gleich-
Sehen Sie die Visual Story im digitalen
ten haben, wie ihre Reisewege waren. Wir zeitig braucht es aber auch genügend Si-
SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code. sehen uns dabei aber nicht die persönli- cherheitspersonal in den Anker-Zentren.
chen Daten der Asylbewerber an, sondern Daran führt kein Weg vorbei.
nur sogenannte Metadaten. An ihnen SPIEGEL: Sind Sie ein Hardliner?
kann man erkennen, wo ein Foto aufge- Sommer: Ich sehe mich in der Tat als Hard-
nommen wurde oder in welchem Land je- liner, wenn einem bereits das Eintreten für
mand telefoniert hat. Wir prüfen dann, ob die konsequente Anwendung des gelten-
die Daten mit den Fluchtgeschichten über- den Rechts einen solchen Titel einträgt.
einstimmen. Die Fotos selbst dürfen wir Aber immer so, dass ich die Entscheidung
nicht auswerten. Das ist bedauerlich, denn und den Vollzug verantworten kann.
SPIEGEL: Herr Sommer, wir danken Ihnen
* Mit den Redakteuren Wolf Wiedmann-Schmidt und für dieses Gespräch.
Hubert Gude in der Bamf-Zentrale in Nürnberg.
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46 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Deutschland

»Das war schon ein großer Fortschritt«,

Nie wieder erholt sagt sie, »zwar ging es mir auch in dieser
Zeit immer wieder schlecht, aber man
fängt sich dann wieder.«
Zietz ließ sich auf eine Warteliste für
Justiz Nierenspender klagen, ihre Ärzte hätten sie unzureichend über eine Spenderniere setzen, das hätte fünf
die Risiken des Eingriffs aufgeklärt. Jetzt muss der Bundesgerichtshof bis sechs Jahre gedauert. Auf den Rat ihrer
entscheiden, ob die Ärzte deswegen für Folgeschäden haften. Ärzte und mit Blick auf die andernfalls
kürzere Lebenserwartung der Frau ent-
schlossen sich die Eheleute zur Lebend-

W enn ich damals gewusst hätte, wel-


che Folgen das für mich hat, dann
hätte ich es nicht getan«, sagt Ralf
Zietz. Seine Frau stimmt ihm zu: »Ich wür-
hat. Auch in diesem Fall nahm das OLG
Hamm an, die Nierenspenderin sei »defi-
zitär« aufgeklärt worden – unterstellte
aber ebenfalls, dass sie auch bei korrekter
spende. Ralf Zietz beschreibt die Äuße-
rungen seiner Ärzte in Essen so: »Im
Grunde wird einem suggeriert, wenn der
Kranke das Organ bekommt, ist er wieder
de das nie wieder machen.« Aufklärung in die Transplantation einge- gesund, und dem Spender geht’s nicht
»Das« ist die Nierenspende von Ralf willigt hätte. So hatten die Anwälte der schlechter als vorher.« Das stimme aber
Zietz, 54, an seine Ehefrau, 58. Nach einem behandelnden Ärzte argumentiert. Das nicht: »Der Kranke wechselt nur die
Nierenversagen musste sie ständig ihr Blut OLG Düsseldorf verurteilte dagegen 2016 Problemzone, und der Gesunde trägt ein
per Dialyse reinigen lassen. Mehrmals in einem ähnlichen Fall die Ärzte zu Scha- hohes Risiko, danach selbst krank zu
wöchentlich war Marlies Zietz an ein ent- densersatz. werden.«
sprechendes Gerät angeschlossen. In dieser Unabhängig davon, wie der BGH in Einmal kamen Marlies Zietz doch Be-
Situation entschied sich das Ehepaar im Karlsruhe am Ende entscheidet – die Fälle denken. »Kurz vor der Transplantation
Jahr 2010 für eine Nierenspende. Die bei- zeigen mögliche Risiken der Organspende wollte ich einen Rückzieher machen«, er-
den ahnten nicht, was auf sie zukommen unter Angehörigen und engen Freunden. innert sie sich an diesen Moment, »und
würde. Sie wird öffentlich nur wenig diskutiert, doch lieber auf die Niere eines Verstorbe-
Denn nach der Operation entwickelte anders als die Organentnahme bei frem- nen warten.« Die Essener Mediziner hät-
auch der Ehemann eine Nierenschwäche. den, hirntoten Spendern. ten das »abgewürgt« und sie zur Trans-
Zudem erkrankte er an dem sogenannten 2017 gab es in Deutschland 557 Trans- plantation gedrängt. Sie musste dann, weil
Fatigue-Syndrom, er fühlt sich schwach plantationen nach Lebendspenden von ihr Mann eine andere Blutgruppe hat als
und schnell erschöpft. Seine Frau benötig- Nieren. Der Eingriff ist auch deshalb rela- sie, ihr Blut nochmals gesondert auswa-
te zwar keine Dialyse mehr – doch die Mit- tiv häufig, weil es nicht genügend Spen- schen lassen – an der belastenden Proze-
tel, die sie nehmen musste, um eine Ab- derorgane gibt. Die Bereitschaft, nach dem dur wäre sie fast gestorben.
stoßung der Niere zu ver- Tod ein Organ zu spen- Die Eheleute betonen, ihnen sei es
hindern, schwächten wo- den, ist in Deutschland wichtig gewesen, dass dem Mann, als dem
möglich ihr Immunsys- Nierentransplantationen immer noch sehr niedrig. Ernährer der Familie, »nichts passieren«
tem so sehr, dass ihr nach in Deutschland Quelle: Eurotransplant Grund dafür sind nicht dürfe. Auch da hätten die Ärzte sie be-
einem eher harmlosen zuletzt die Skandale, schwichtigt: Außer erhöhtem Blutdruck,
davon nach
Unfall ein Bein ampu- 2850 Lebendspende die die Transplantations- den man mit Medikamenten in den Griff
tiert werden musste. medizin in den vergan- bekomme, sei im Grunde nichts zu be-
Inzwischen haben Ge- genen Jahren erschütter- fürchten. Tatsächlich erwähnt der damals
richte festgestellt, dass 795 ten. Die Klinik in Essen verwendete Aufklärungsbogen der Medi-
1921
die Ärzte des Transplan- stand häufig im Zentrum ziner diesen Punkt.
tationszentrums in Essen 557 solcher Vorwürfe. Andere Risiken wurden aber in der
Ralf Zietz nicht ausrei- Die Lebendspende ist Klinik verschwiegen oder verharmlost.
chend darüber informier- nur unter einander nahe- So sagte einer der behandelnden Ärzte
ten, welche Risiken es stehenden Personen er- im Prozess aus, er habe Herrn Zietz er-
birgt, eine Niere zu spen- laubt. Bundespräsident klärt, dass »sich die Nierenfunktion zu-
den. Trotzdem zogen die Frank-Walter Steinmeier nächst halbiert«, dass die verbleibende
Richter des Oberlandes- hat seiner Frau 2010 eine Niere dann »nachwächst«, sodass es »in
2011 2017
gerichts (OLG) Hamm Niere gespendet. Auf ein aller Regel zur Kompensation kommt«.
die Essener Ärzte nicht Spenderorgan von Ver- Doch der Begriff »Kompensation« war
zur Verantwortung, mit einer fragwürdi- storbenen warten Nierenkranke oft meh- von dem Essener Mediziner offenbar
gen Begründung: Die Richter erklärten, rere Jahre – währenddessen müssen sie in nur relativ gemeint: »Wie weit die Kom-
sie seien der »sicheren Überzeugung«, einer belastenden Prozedur ihr Blut reini- pensation reicht«, erklärte er vor Ge-
dass Zietz »auch bei einer vollständigen gen lassen. Ihre Lebenserwartung verkürzt richt, habe er »mündlich nicht quanti-
Aufklärung über die Auswirkungen und sich oftmals deutlich, je länger sie auf ein fiziert«.
Risiken der Nierenlebendspende in diese Spenderorgan warten. Das OLG Hamm urteilte deshalb im
eingewilligt hätte«. Marlies Zietz leidet unter einer Auto- vergangenen Sommer, Zietz sei »nicht
Dass Zietz das anders sieht, ließen die immunerkrankung, die stetig ihre Nieren ordnungsgemäß über die zu erwartende
Richter nicht gelten. angriff. Nach einer Operation im Oktober Reduzierung der Nierenfunktion aufge-
Zietz hat gegen dieses Urteil nun den 2009 versagten die Nieren endgültig. Von klärt« worden. Schon im schriftlichen Auf-
Bundesgerichtshof (BGH) angerufen. Des- da an musste sie mehrmals wöchentlich klärungsbogen seien die Informationen
sen VI. Zivilsenat will sich am 13. Novem- zur Dialyse. Nach einiger Zeit stellten die dazu »irreführend« gewesen. Die Ärzte
ber mit der Causa Zietz befassen und Ärzte sie auf eine sogenannte Bauchfell- hätten damit rechnen müssen, entschied
gleichzeitig mit einem Parallelfall, der sich dialyse um, die sie über Nacht zu Hause das OLG Hamm, dass sich die Nierenfunk-
ebenfalls im Transplantationszentrum des laufen lassen konnte. Tagsüber führte sie tion des Spenders »nur auf etwa 70 Pro-
Universitätsklinikums Essen zugetragen ein fast normales Leben. zent erholen würde«. Deshalb, so die

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Zietz arbeitet zwar noch, aber


er schafft nur etwa 20 Stunden die
Woche. Einigermaßen leistungs-
fähig fühlt er sich nur am Vormit-
tag. Inzwischen ist er als schwer-
behindert anerkannt und bezieht
eine Erwerbsminderungsrente.
Sicher waren die Folgen des Ein-
griffs für Zietz ungewöhnlich
schwerwiegend. Doch seiner Frau
erging es noch schlimmer: Auf-
grund der Medikamente, die ihr
Immunsystem schwächen, leidet
sie am ganzen Körper und im Ge-
sicht unter Hautveränderungen,
aus denen auch regelmäßig Haut-
krebs entsteht. Die betroffenen
Stellen müssen deshalb operativ
entfernt werden.
Sie hat wohl dadurch auch
eine wiederkehrende Blasenent-
zündung, gegen die sie ständig
Antibiotika nehmen muss. Und
als sie sich einen Trümmerbruch
der Kniescheibe zuzog, kam es zu
einer Wundinfektion und schließ-
lich zu einer Blutvergiftung, sodass
ihr das Bein abgenommen werden
musste.
»Damit habe ich niemals gerech-
net«, sagt sie, »das sind grauselige
Zustände, die sind schlimmer als
vor der Transplantation. Wenn ich
das Rad der Zeit zurückdrehen
könnte, würde ich das tun.«
Rechtsanwalt Martin Wittke aus
Bühl in Baden, der Zietz und die
Klägerin des anderen BGH-Falles
vor Gericht vertreten hat, sagt,
»man kann nicht Risiken verschwei-
gen und sich dann mit der Behaup-
tung aus der Verantwortung steh-
HANNA LENZ / DER SPIEGEL

len, der Spender hätte in jedem Fall


zugestimmt«. Die vom Oberlandes-
gericht Hamm benutzte Rechts-
figur der »hypothetischen Einwilli-
gung« sei hier schon deshalb unsin-
nig, so Wittke, weil der Spender
Organspender Zietz, Ehefrau: »Hohes Risiko, danach selbst krank zu werden« nicht einmal selbst auf eine ord-
nungsgemäße Aufklärung verzich-
ten dürfe.
Richter weiter, hätte Zietz auch darüber muss, hielten die Essener Mediziner wohl Nierenspender Ralf Zietz hat inzwi-
aufgeklärt werden müssen, dass seine Nie- nicht ein. schen einen Interessenverein gegründet,
renfunktionswerte »schon vor der Spende Vor der Operation hatte Zietz den Ärz- der potenzielle Spender und Empfänger
im unteren Normbereich lagen« und dass ten noch erzählt, er wolle den New-York- vor den Risiken der Nierenlebendspende
er sich nach der Spende »im Bereich einer Marathon laufen. »Das sei ›super, ein tol- warnt.
chronischen Nierenerkrankung bewegen« les Ziel‹, das sollte ich machen«, erinnert Der Bruchsaler Nierenspezialist Ralf
würde. sich Zietz an die Reaktion der Ärzte. Dikow, bei dem Zietz sowie weitere Mit-
Zudem bemängelten die Richter, dass Doch bald nach dem Eingriff war alles glieder dieses Vereins in Behandlung sind,
Zietz weder auf die »Möglichkeit von Fa- anders. Er sei schon morgens müde, sagt befindet, viele Aufklärungsbögen seien
tigue-Erscheinungen als Folge der Nieren- Zietz, seine Muskeln schmerzten bei leich- mittlerweile »aus fachlicher Sicht recht gut
lebendspende« hingewiesen wurde noch tester Anstrengung. Er sei sehr vergesslich formuliert«.
»ausdrücklich« auf das höhere Risiko, geworden – fatal für den Inhaber und Ge- Manche Risiken würden aber immer
selbst eines Tages an die Dialyse zu müs- schäftsführer zweier Büros für Projektpla- noch beschönigt oder seien »so beschrie-
sen. Auch die gesetzliche Vorschrift, dass nung und Bauleitung. Seine Frau befindet: ben, dass der Laie das nicht versteht«.
ein an der Transplantation nicht beteilig- »Das ist nicht mehr der Mann wie vor der Dietmar Hipp
ter Arzt bei der Aufklärung dabei sein OP. Er hat sich nie wieder erholt.«

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 49


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Deutschland

»Fragt uns«
und Pelzhändler. Ich glaube, die Plünderer
kamen aus allen Schichten. Es gab kaum
jemand, der dagegen Stellung bezogen hät-
te. Entweder waren die Leute Mittäter
oder sehr interessierte Zuschauer. Es war
Zeitgeschichte Der jüdische Autor Horst Selbiger beschreibt, wie eine ganz seltsame Situation.
er vor 80 Jahren in Berlin die Folgen der Reichspogromnacht Ich erinnere mich an eine Musikalien-
erlebte – und mahnt, den rechten Spuk der Gegenwart zu bekämpfen. handlung, Klaviere und Flügel waren kurz
und klein geschlagen. Und direkt neben
unserer Schule lag ein jüdisches Alters-
Selbiger wurde 1928 geboren und wuchs Krützfeld. Heute erinnert dort eine Ge- heim. Matratzen und Bettfedern waren
als Sohn eines jüdischen Zahntechnikers denktafel an ihn. durch die Luft geflogen. Man hörte
und dessen Frau in Berlin-Neukölln auf. Wir gingen weiter. Die Gegend war ja Schreie.
Als Zehnjähriger wechselte er auf die Jüdi- seit Langem jüdisch geprägt. Jetzt gab es Die Lehrer haben uns vor der Schule in
sche Mittelschule in der Großen Hambur- links und rechts zerstörte Geschäfte. Empfang genommen und gesagt: Kinder,
ger Straße im Bezirk Mitte. Am 10. Novem- An vielen Stellen hatten SA-Männer zu- geht schleunigst nach Hause, und dreht
ber 1938, dem Morgen nach der Reichspo- geschlagen, aber auch Hitlerjungen. Und euch nicht um.
gromnacht, führte ihn sein Schulweg an in den Trümmern suchten Leute nach Sa- Wir lebten damals in Neukölln in einer
zahlreichen zerstörten Geschäften und einer chen, die sie gebrauchen konnten. Am sehr großen Wohnung am Kottbusser
in Brand gesteckten Synagoge vorbei. Sel- schlimmsten traf es die jüdischen Juweliere Damm, in der mein Vater auch seine Praxis
biger ist einer von zwei Schülern aus seiner
Klasse, die den Holocaust überlebten.
Nach dem Krieg arbeitete Selbiger zu-
nächst als Journalist in der DDR. 1964 reiste
er für die SED-Zeitung »Neues Deutsch-
land« nach Frankfurt am Main, um über
den Auschwitzprozess zu berichten. Er kehr-
te nicht wieder in die DDR zurück. Später
betrieb er in West-Berlin zwei Reisebüros.
Seit vielen Jahren besucht er Schulen und
berichtet als Zeitzeuge aus seinem Leben.
In diesem Frühjahr hat Selbiger seine Auto-
biografie veröffentlicht*. Dem Buch stellte er
diese Aufforderung voran: »Fragt uns, wir
sind die Letzten! Wenn wir nicht mehr sind,
ist alles nur noch papierne Geschichte.«

I ch war 1938 knapp elf Jahre alt. Da-


mals traf ich meine jüdischen Mitschü-
ler morgens am U-Bahnhof Weinmeis-
terstraße in Berlin-Mitte. Wir sind nie ein-
zeln zur Schule gegangen, weil wir sonst
fürchten mussten, ständig von Hitlerjun-
gen angepöbelt und geschlagen zu werden.
Am Hackeschen Markt trafen wir eine
zweite Gruppe und sind dann zusammen
bis zur Jüdischen Mittelschule in der Gro-
ßen Hamburger Straße gelaufen. Das war
der alltägliche Schulweg.
Am 10. November war alles anders.
Wir sind nur noch durch Scherben ge-
wandert. Überall waren Schaufensterschei-
ben zerschlagen. An der Rosenthaler Stra-
ße gab es ein jüdisches Kaufhaus: Alles
war zerstört, die Inneneinrichtung lag auf
der Straße. Es war Chaos.
Als wir in die Oranienburger Straße ein-
bogen, sahen wir Rauch aufsteigen aus der
wunderschönen Synagoge. Später erfuh-
JESCO DENZEL / DER SPIEGEL

ren wir, dass, wohl einmalig in Deutsch-


land, ein Polizeibeamter mit gezogener
Waffe die Brandstifter verscheuchte, damit
die Feuerwehr den Brand löschen konnte.
Das war der Leiter des Reviers, Wilhelm

* Horst Selbiger: »Verfemt, verfolgt, verraten«. Spur-


buchverlag; 200 Seiten; 17,80 Euro. Überlebender Selbiger in seiner ehemaligen Schule: »Überall waren Scherben«

50
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betrieb. Als ich zu Hause ankam, war das


Praxisschild mit einem Judenstern be-
schmiert. Oben auf unsere Wohnungstür
hatte jemand geschrieben: »Vorsicht, hier
wohnen Juden«. Das war passiert, wäh-
rend ich zur Schule ging.
Meine Mutter war in Tränen aufgelöst.
Mein Vater war sprachlos. Als wir mor-
gens aufgestanden waren, hatten wir von
den Pogromen am Vorabend noch nichts
mitbekommen. Meine Eltern waren genau-
so überrascht und entsetzt wie mein Bru-
der und ich.
Am nächsten Morgen bin ich wieder zur
Schule gegangen. Ich habe gesehen, wie
Juden versuchten, ihre Läden mit Holz-
planken zu sichern. Die Glaser waren ja
völlig überlastet. Außerdem mussten die
Ladenbesitzer, das hatten die Nazis befoh-
len, das Straßenbild selbst wieder herrich-
ten. Die Scherben beseitigen. Die Schmie-

AFP
rereien entfernen. Die meisten jüdischen
Geschäftsleute waren versichert – aber Zerstörtes jüdisches Geschäft in Berlin 1938: »Die Plünderer kamen aus allen Schichten«
ihre Versicherungsansprüche wurden be-
schlagnahmt. Insgesamt wurde den Juden
vom Staat eine Strafe von einer Milliarde Meinem Vater hatte man auch das Le- Mein Vater, mein Bruder, ich und etliche
Reichsmark auferlegt, als »Sühneleistung«. ben schwer gemacht. Er sollte schon 1933 andere kamen frei. Meine Mutter hat un-
Die Lehrer haben nicht mit uns darüber seine Praxis schließen. Aber weil er im Ers- ser Leben gerettet.
gesprochen. Auch mein Vater schwieg. Er ten Weltkrieg als Frontsoldat gedient hatte Man hat uns einfach wieder in die »Ju-
war hilflos, er konnte ja nicht einmal seinen und das Eiserne Kreuz trug, durfte er wei- denhäuser« geschickt. Bis zum Kriegsende
eigenen Kindern helfen. Und jetzt musste termachen. Bis 1938 hatte er immer gesagt: mussten wir als Zwangsarbeiter nach Bom-
er auch noch seine geliebte Praxis auf- Uns meinen die doch nicht! Er war also benangriffen Trümmer beseitigen. Die gan-
geben. Das Labor, der Hausrat, alles wurde ausgenommen von den Judenverfolgun- ze Familie hat überlebt.
für Pfennigbeträge öffentlich versteigert. gen. So fühlte er sich. Er hat sich natürlich Heute wird am 9. November ja alles
Die große Wohnung – wir konnten darin auch nicht um unsere Ausreise gekümmert. durch den Mauerfall überlagert. Kaum einer
sogar Roller oder Fahrrad fahren! – muss- Am 10. November war es dann zu spät. denkt noch an den Hitlerputsch und den
ten wir aufgeben, man gab uns eineinhalb Ich ging erst mal weiter in den Unterricht. Marsch auf die Feldherrnhalle in München
Zimmer in einem »Judenhaus«. Mein Va- 1942 wurden die jüdischen Schulen geschlos- am 9. November 1923. Kaum einer denkt
ter wurde Zwangsarbeiter. Seine Patienten sen. Ich war 14 Jahre alt und wurde Zwangs- noch an den 9. November 1938, nur noch
hatten ihn für seine zierlichen, geschickten arbeiter, zunächst in einer Uniformmützen- an die deutsche Einheit. Ein Freudenfest.
Hände gelobt. Nun musste er als Bügler Produktion, dann in einem Rüstungsbetrieb. Ein schönes Alibi. Die Menschen feiern, um
arbeiten, die Bügeleisen waren damals sehr Am 27. Februar wurde unser Betrieb zu vergessen. Endlich Schwamm drüber.
schwer. Darunter hat er gelitten, und der von der SS umstellt. Alle Juden wurden Natürlich kann man in Deutschland
Abstieg schmerzte ihn. Aber anderen ging verhaftet und in Sammelstellen gebracht. jetzt wieder Entwicklungen beobachten,
es natürlich viel, viel schlimmer. SS-Leute stießen uns vom Lkw. Auf der die an 1932 erinnern. Es ist leider so, dass
Grund für die Pogrome sollte das Atten- Straße standen Frauen und klatschten Bei- die kleinere Gruppe die größere Fresse hat.
tat eines Juden auf einen deutschen Diplo- fall. Wir bekamen die Transportmarke für Die demonstrieren und schreien.
maten in Paris sein, so jedenfalls stellten Auschwitz um den Hals und mussten in ei- Und die große Mehrheit, die nicht ein-
es die Nazis dar. Aber ich glaube, das war ner entweihten Synagoge auf unsere De- verstanden ist damit, die schweigt. Es sind
nur ein Vorwand. Am 9. November feier- portation warten. Kinder schrien. Männer zu wenige, die ihre Stimme erheben.
ten Nazis und SA-Leute den 15. Jahrestag beteten, Gott hilf uns. Er hat aber nicht Es ist zwar meine feste Überzeugung,
des Hitlerputsches von 1923. Da lag Ge- geholfen. Einige stürzten sich von der Em- dass sich der rechte Mob nicht noch einmal
walt wahrscheinlich in der Luft. pore, zogen den Selbstmord der Deporta- durchsetzen kann. Die Menschen sind so-
Für uns war es schon seit Langem im- tion vor. Es waren schreckliche Tage. zusagen geimpft und haben demokratische
mer schlimmer geworden. Eine unbe- Und dann geschah ein großes Wunder. Erfahrungen gesammelt. Ich glaube nicht,
schwerte, wunderbare Kindheit hatte ich Meine Mutter war keine Jüdin. Sie und dass es in Deutschland ein zweites 1933
nur als kleiner Junge. Aber nachdem Hit- viele andere Frauen, die mit Juden verhei- geben wird. Aber die Rechten haben wie-
ler an die Macht kam, wehten überall Ha- ratet waren, kamen zu einem Bürohaus der freien Lauf. Es wird allerhöchste Zeit,
kenkreuzfahnen. Und die Kinder, die Wo- der jüdischen Gemeinde in der Rosenstra- dass wir aufstehen und diesen Spuk be-
chen zuvor noch mit mir gespielt hatten, ße. Davor haben sie demonstriert: Lasst kämpfen. Aufgezeichnet von Frank Hornig
die spielten jetzt nicht mehr mit mir. Als unsere Männer frei. Es wurden mehr und
ich 1934 in einer Neuköllner Volksschule mehr Menschen, allein aus meiner Familie
eingeschult wurde, war ich der einzige kamen noch meine Großeltern und eine Video
Was bei den Pogromen
Jude in der Klasse. Ich war die Judensau, Tante dazu. Es war die erste Demonstra- in Berlin geschah
den konnte man anspucken und verprü- tion christlicher Menschen für Juden im spiegel.de/sp462018progrom
geln. Da war alles schon da, da war alles »Dritten Reich«. Sie ging als Aufstand in oder in der App DER SPIEGEL
schon vom Faschismus infiziert. der Rosenstraße in die Geschichte ein.

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 51


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Gesellschaft
»Er pendelt hin und her zwischen Angst vor dem Tod und Würstchen aus Fisch.« ‣ S. 56

Q UE L L E : WI P
Früher war alles schlechter
Nº 150: Publikumszeitschriften
1950 erschienen in
Deutschland 273 Titel. 2010
1465

2000 2017 wa
1950 1178 es 1592
ren
273 1990 .
894
1970
373 1980
1960 584
343

Merkurs Kollegen. In Zeiten von Fake News sind gute Nachrich- keine davon hielt sich lange. Zeitschriften waren kostspielig im
ten zur Presse selten geworden. Die Wahrheit ist aber auch: Nie Abo und selten im Buchhandel erhältlich. Um 1880 hatte eine
war es einfacher als heute, gut informiert zu sein. Und wurde Bahnhofsverkaufsstelle etwa 50 Zeitschriften im Angebot, heute
je mehr gelesen, mehr geschrieben, mehr diskutiert, mehr hinter- sind es mehrere Tausend internationale Titel. Einzelverkauf und
fragt? Wer heute über die Filterblase jammert, muss berücksich- Kiosk begannen erst im 20. Jahrhundert. Kriegsbedingt 1945 auf
tigen, dass der Zugang zu Informationen über Jahrhunderte das nur 13 Titel reduziert, stieg die Anzahl der deutschen Zeitschrif-
Vorrecht der Privilegierten war. Als 1674 »Der verkleidete ten kontinuierlich, Fachzeitschriften nicht mitgerechnet. Im
Götter-Both Mercurius« erschien, vermutlich Deutschlands erste vergangenen Jahr wurden 1592 Publikumszeitschriften gezählt,
Publikumszeitschrift, wurde sie ein Jahr später wieder einge- so viele wie nie. Wer über die zahlreichen Neugründungen die
stellt. Zu teuer in der Herstellung, zu gering das Interesse. Nach Nase rümpft, sollte sich klarmachen, dass sie der zunehmenden
Schätzungen des Wissenschaftlichen Instituts für Presseforschung Vielfalt unseres Lebens folgen. Es ist deshalb eine gute Nach-
gab es im gesamten 17. Jahrhundert gerade einmal 57 Zeit- richt, dass die Deutung dieser Welt nicht mehr allein Merkur
schriften. Im 18. Jahrhundert durchschnittlich 50 Titel pro Jahr, obliegt, dem Gott der Händler und Diebe. jonathan.stock@spiegel.de

Kulinarik Ahrens: Ich liebe Casu marzu. Das ist stellt. Wir müssen die Maden erneuern,
Wie schmeckt Gehirn aus sardischer Schafskäse, fermentiert durch
lebende Maden. Die Larven können
frische Stierhoden und Schafsaugen
beschaffen, es ist ziemlich aufwendig. Wir
Dosen, Herr Ahrens? 15 Zentimeter hoch springen, sodass man lassen Leute ja auch gern probieren.
den Käse mit geschlossenen Augen isst. SPIEGEL: Schmeckt’s?
Andreas Ahrens, 39, ist Leiter des SPIEGEL: Das ist ja widerlich. Ahrens: Hirnomelette schmeckt ziemlich
Disgusting Food Museums, das Ahrens: Sie können sich gar nicht vorstel- gut, vor allem frisches. Gehirn aus Dosen
kürzlich im ehemaligen Schlachthaus len, wie schwierig es ist, ein Museum zu ist etwas fad. Die schrecklichste Ge-
in Malmö eröffnet hat. leiten, das 80 Exponate dieser Art aus- schmackserfahrung ist meiner Meinung
nach Hákarl, fermentierter Hai. Das stinkt
SPIEGEL: Herr Ahrens, Sie haben für Ihr schlimmer als alles, was ich je gerochen
Museum das ekelhafteste Essen der Welt habe, und schmeckt nach Kaugummi mit
zusammengesucht. Warum? Uringeschmack.
Ahrens: Ekel ist einer der fundamentalen SPIEGEL: Habe ich etwas im Leben ver-
menschlichen Antriebe. Er ist angeboren, passt, wenn ich nie lebende Maden pro-
aber vor allem kulturell anerzogen. Ekel biert habe?
beeinflusst nicht nur die Wahl unseres Ahrens: Ja. Unsere Fleischproduktion
Essens, sondern auch unseren Sex, unsere zerstört unseren Planeten. Insekten oder
Moral und unsere Gesetze. Wir müssen Laborfleisch sind gute Alternativen,
unseren Ekel besser verstehen. vor denen sich viele ekeln. Diesem Ekel
SPIEGEL: Was haben Sie so im Angebot? Gekochter Schafskopf müssen wir uns stellen. JST

52 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Gesellschaft

Agentur sein, etwas, was neu war, das war der Dream«, sagt
Eine Meldung und ihre Geschichte
Meir. Er spricht ein freundlich verknäultes Bayerisch.
Und tatsächlich, es wurde ein Dream. Die Dietls, Eichingers

Warm und trocken und Elsners des Landes trafen sich bei ihm. Er spürte so viel
Freude, Aufregung, auch Druck, dass er den Laden an der Ar-
nulfstraße vergaß und mit ihm den Pool an der Wand.
Meir expandierte, nach Hamburg, Berlin. In seinen Salon
Warum der Friseur Gerhard Meir ein Kunstwerk im »Adlon« ließ er Kopfsteinpflaster legen. Er flog im Zwei-
vergaß, das 250 000 Euro wert sein soll tagestakt durch die Republik, bis ihm ein Taxifahrer eines
Tages sagte: »Sie sehen beschissen aus!«, und Meir kurz da-
rauf auf der Rückbank zusammensackte. Im Krankenhaus

D as Bild, das Gerhard Meir sucht, hing mal in seinem ei-


genen Laden. Es zeigt einen Swimmingpool, lebensgroß,
Achtzigerjahre-Style, Airbrush. Das Wasser ist azurblau,
hinten tief, vorn seicht, so, als liefe man direkt hinein.
an der Wand hing dann nur noch das Christuskreuz.
Ein Aneurysma hatte ihn beinahe niedergestreckt, und Meir
erklärte die Party für beendet. Das war vor zehn Jahren.
Heute hat sein Salon noch drei Waschtische, er lebt privat
Manche kennen Gerhard Meir vielleicht noch. Er wurde auf 79 Quadratmetern, allein. Die Kunst, sagt er, habe er ein-
bekannt als Starfriseur, als er Gloria Fürstin von Thurn und gelagert. Wo, das sagt er nicht. Gerhard Meir sagt auch nichts
Taxis eine Punkfrisur mit roten Spitzen verpasste. Er war über seine finanzielle Situation.
der Friseur in Deutschland, der aus Frisuren Kunst machte. Es sei erst neulich gewesen, als ein Freund ihn wieder
»Swimmingpool« heißt das Bild, das er sucht. »Ich wollte da an den »Swimmingpool« erinnerte. Der Freund sagte ihm
nicht irgendwas hinklatschen damals«, sagt er. Es ging um sei- auch, dass das Bild viel wert sei heute, geschätzte 250 000
nen ersten Laden, 1978 in München. Er war ein Dorfjunge vom Euro. Meir schickte heimlich drei Leute in die Arnulfstraße,
Schliersee, er wollte nichts Spießiges aber alle sahen nur eine weiße
mehr, keine Deckchen, Gardinen, Wand.
Haarspray für 50 Pfennig. »Das Schlimmste wäre, jemand
Er wollte einen Friseurladen, der hätte einfach drübergemalt oder es
nicht mehr aussah wie ein Friseur- abgekratzt wie eine Tapete«, sagt
laden. Er wollte Marmor, Spiegel- er. Er hat mit einem Experten diese
wand, Bauhaus-Repliken als Stühle. Möglichkeiten besprochen.
Eine Freundin erzählte von Künst- Es wäre jetzt leicht zu sagen, dem
lern aus San Francisco. Meir flog hin, Meir gehe es nur ums Geld. Darum
23, Geselle. Er kaufte das Riesenbild geht es ihm nicht, zumindest nicht
für 4000 Dollar und brachte es ge- nur. Er gehört zu den Sehnsüchti-
rollt in sein neues Leben. gen, zu denen, die immer suchen.
Es war genau das, was er wollte, Er will ein Bild finden, von dem er
ein Gefühl. »Als wenn du am Mit- glaubt, dass es verloren ist.
telmeer durch die Tür kommst«, Und wenn nicht?
sagt er. Tapezierer klebten es mit Die Arnulfstraße 10 liegt in einem
Spezialkleber an die Wand. Kurz Meir 1980 Hinterhof, der Friseursalon heute
danach kam das mit der Fürstin. ist modern, neuzeitlich schlicht.
Er begleitete sie zu »Wetten, Das Bild?
dass..?«, auch nach Amerika in die »Hat der Robert das nicht weg-
Letterman-Show. Zum Gerhard dekoriert?«, sagt ein Mitarbeiter.
gingen jetzt alle in München, ins »Hat der Andreas mitgenom-
»Le Coup« in der Arnulfstraße 10. men«, sagt der Chef.
Es gibt Schwarz-Weiß-Fotogra- Von der Website Michaelgraeter.de Der Andreas ist Andreas Wil-
fien aus der Zeit, eine zeigt Meir helm. Man findet ihn wenige Stra-
vor dem »Swimmingpool«. Er ist blond, schön, Seitenscheitel, ßen weiter im »Temple of Hair«. Er war schon der fünfte
dunkler Anzug, Champagnerglas. Er war glücklich. Mieter nach Meir. Alle davor hatten die Kunst nicht erkannt.
Rund 40 Jahre später sitzt er an einem frühen Freitagabend Das Bild?
in einer Bar im Ludwigpalais in München und trinkt Rot- »Ich habe es«, sagt Wilhelm, lächelnd, zufrieden, ein Mann
weinschorle, Schal, Hornbrille. Er hat Feierabend, ist er- Anfang fünfzig. Auch er ist Friseur und Sammler.
schöpft, er föhnt noch immer die Damen der Stadt. Er war 19 Jahre alt und Meir gerade weg, als er selbst eine
Von der Bar aus schaut er in die Fenster von seinem Laden, Weile im »Le Coup« arbeitete. Ihm gefiel der Laden so gut,
der ihm geblieben ist, »Gerhard Meir« heißt er, ganz einfach. dass er ihn vor sechs Jahren, als er endlich konnte, übernahm.
Es hängt noch immer Kunst an der Wand; Imi Knoebels »Rot- Er schmiss alles raus, was Ikea war, und richtete ihn her wie
Weiß«, 56 collagierte Siebdrucke nach Entwürfen von damals. Er säuberte den Swimmingpool an der Wand von
1990/91, sein Lieblingsstück. Meir ist Friseur und Sammler. den Spuren der Jahrzehnte.
Er redet, wenn man ihn lässt, nur über Kunst und nie über Als Wilhelm nach zwei Jahren wieder ging, trennte er das
Haare, so als sei die Kunst sein schönster Fluchtpunkt. Als Bild an zwei Tagen mit einer Rasierklinge vom Nesselstoff
Junge, der Jungs mochte, ging er als Kind schon gern in die an der Wand und trug es eingerollt davon, unversehrt.
Kapelle und flog mit den Putten davon. Wo ist es jetzt?
Meir war dann damals, weil es so gut lief, umgezogen in »Es lagert warm und trocken«, sagt er. Mehr sagt er nicht.
was Größeres, 250 Quadratmeter, fünf Meter hohe Decken. »Wahnsinn, großes Glück«, sagt Gerhard Meir am Telefon.
Der neue Laden war ein Palast, Kunst pur. Das Luxuslabel »Das Bild hat eine Heimat.« Zumindest das.
Hermès mietete ihn später für eine Show. »Es sollte eine Barbara Hardinghaus

54 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

Gastronom Saraiva in seinem Restaurant in Undeloh, Lüneburger Heide: »Irgendwann kriegen sie mich«

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Gesellschaft

Tod in der Trattoria


Verbrechen Vor drei Jahren tötet ein Hamburger Gastwirt einen Mann, der ihn erpresst hat, und
betoniert ihn ein. Ein Gericht urteilt Notwehr und lässt ihn gehen. Doch er lebt in ständiger
Angst vor Rache. Macht ein Freispruch wirklich frei? Von Özlem Gezer und Timofey Neshitov

A
lfredo Saraiva sitzt auf der Veran- delt. Es wurde ein Fall, über den wochen- kriegen sie mich«, sagt er. »Sie werden
da seiner Trattoria und stopft Ta- lang berichtet wurde, eine Zeitung titelte mich holen, ich weiß es, auch hier.«
bak in Zigarettenblätter. Vor ihm während des Verfahrens: »Mord nach Art »Sie«, das sind für ihn die Männer, die
liegt die »SportBild« auf rot-wei- des Hauses«. Saraiva nur »die Clique« nennt. Sie, das
ßer Plastikdecke. Seit der Morgen graut, Es wurde ein Prozess, bei dem ein Cou- ist für ihn vor allem dieser eine unter ihnen,
traben Pferde über die steinige Dorfstraße sin des Getöteten den Angeklagten Saraiva Eyüp Han, der Cousin des Getöteten. Er
und ziehen Reisende in Kutschen hinter vor dem Gerichtsgebäude blutig schlug. Bei sei auch der Grund, sagt Alfredo Saraiva,
sich her, vorbei an der Dorfkirche, entlang dem Schöffen berichteten, sie seien auf of- warum er sein Lokal in Hamburg zurück-
an Heitmanns Hökerladen, Richtung fener Straße gewarnt worden, keine Fehler gelassen habe. Warum er nicht zurückkeh-
Marktplatz, wo Händler Felle auf Klapp- zu machen. Nach dem Urteilsspruch schlu- re in jene Stadt, die er seine Heimat nennt,
tische sortieren. Saraiva steckt sich die gen die Angehörigen des Opfers an die Panzer- in die ihn seine Eltern brachten, vor mehr
Selbstgestopfte an, seine nackten Füße glasscheiben des Gerichtssaals, sie blickten als 40 Jahren, an einem Januartag 1974.
sind nass, er hat gerade Fett vom Stein- Saraiva in die Augen und sagten: »Du Mör- Alfredo Saraiva wird als Sohn eines
boden der Küche geschrubbt, hat Pfiffer- der, glaub ja nicht, dass es hier vorbei ist.« Dorfmetzgers im Norden von Portugal ge-
linge sortiert, Sahne geschla- boren, dort schlachtet er Läm-
gen. Die Alten von den Kut- mer und spielt Fußball. In
schen werden später auf Sarai- Hamburg verbringt er seine
vas Veranda sitzen, werden Kindheit im Lokal »El Argen-
seine hausgemachte Buchwei- tino« in der Dorotheenstraße.
zentorte bestellen, wenn die Seine Mutter ist die Wirtin.
Kirchenglocken die volle Drei Die Familie lebt in zwei Woh-
läuten, in Undeloh, Lünebur- nungen, weil sie in eine nicht
ger Heide. hineinpasst. Alfredo ist das
Ein deutsches Idyll. mittlere von elf Kindern. Bei
»Für mich ist das hier ein den Saraivas gibt es nicht viele
Gefängnis«, sagt Alfredo Sa- Regeln, der Vater will keine
raiva. Mädchen im Schlafzimmer,
AXEL HEIMKEN / PICTURE ALLIANCE / DPA

In seinen Jahren als Wirt hat mit seiner Mutter versteht Al-
Saraiva, 54 Jahre alt, oft sein fredo sich nie, bevor sie ihm
Lokal gewechselt, immer woll- etwas sagt, knallt sie ihm eine.
te er es selbst. An diesen Ort Alfredo ist 17 Jahre alt, als
ist er gekommen, um zu flie- er in das Hotel Adler zieht,
hen, vor jener Vergangenheit, eine Art Pension für junge
die für ihn nie vergangen ist. Männer, die ihre Ruhe haben
Es war ein kalter Tag im wollen. Er tanzt im Club Hol-
September vor drei Jahren, an lywood auf der Reeperbahn,
dem Alfredo Saraiva den Tatort Casa Alfredo in Hamburg 2016: 49 Quadratmeter im Souterrain kickt bei St. Pauli, später beim
Mann, der ihn erpresste, mit HSV, träumt von einer Profi-
einem Schuss in den Nacken karriere, lernt Koch in den
tötete, den leblosen Körper an den Knö- Alfredo Saraiva hat nach dem Urteil Hamburger Edelküchen, Fellini, Vier Jah-
cheln packte und in die Abstellkammer sei- nie wieder öffentlich über das, was ge- reszeiten, Flöte. Alfredo lernt schnell,
nes Restaurants zerrte. Dort wuchtete er schah, gesprochen. Er dachte, er könne wird, was er nie werden wollte, wird Koch,
ihn in eine tiefe Grube, das Gesicht nach seinen Frieden damit machen. Doch in wird Chef, wie seine Mutter.
unten, schaufelte so lange Beton und Sand den vergangenen drei Jahren hat er nie In den Jahren danach übernimmt er Lä-
hinterher, bis er nicht mehr auf den kahlen das Gefühl verloren, ein Gejagter zu sein. den, übergibt sie wieder.
Hinterkopf des Toten blickte. Mit einem Im Sommer entschloss er sich, seine Ge- Es ist Frühjahr 2011, im Vorübergehen
Gartenschlauch ließ er Wasser in die Gru- schichte im SPIEGEL zu erzählen. Es ist sieht er diesen kleinen Laden, nicht weit
be laufen, damit der Leichnam noch tiefer schwer zu sagen, was ihn dazu brachte. vom Hamburger Hauptbahnhof, im Szene-
in den Boden sackte. Vielleicht glaubte er, sicherer zu sein, viertel St. Georg, Kirchenallee 27. Saraiva
Alfredo Saraiva musste für seine Tat nie wenn er Öffentlichkeit herstellt. Vielleicht unterschreibt den Mietvertrag, kämpft ein
in Haft. Er wurde nach 17 Verhandlungs- hoffte er, mit der Tat endlich abzuschlie- Jahr lang um Genehmigungen, der Laden
tagen freigesprochen. Der Richter am ßen, wenn er wieder beginnt, darüber zu war zuvor ein Friseursalon. Er reißt den
Hamburger Landgericht entschied, der sprechen. Boden raus, zieht mit Spachteln Muster in
Wirt, der über Jahre Schutzgeld an seinen Alfredo Saraiva trocknet seine Füße am die Wände aus Rigips, klempnert das Pis-
Erpresser zahlte, habe in Notwehr gehan- Waschbeton der Veranda. »Irgendwann soir selbst, baut den Steintresen. Er legt

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 57


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Gesellschaft

grünen Kunstteppich vor die Tür, stellt Es wird seine erste Rate an ÇinÇin. sie spazieren gehen auf der Langen Reihe,
Topffichten um seine Terrasse. Sechs Her- Vor dem Casa Alfredo quatschen in den am Eingang ihrer Haustür.
de brennen jetzt jeden Abend im »Casa Wochen danach Fremde seine Gäste an, Wenige Wochen vor der Tat platzt Çin-
Alfredo«, 49 Quadratmeter, im Souterrain. ÇinÇin ist wieder in der Nähe, seine Män- Çin in die Geburtstagsfeier von Saraivas
Es gibt keine Speisekarte, der Wirt bie- ner könnten den Dreck fernhalten, sagt er, Tochter, sie wird 18 und feiert im Lokal.
tet seinen Gästen an, was er gerade dahat. um sie zu bezahlen, brauche er 1000 Euro. Ich zahle bald, sagt Alfredo, geh jetzt.
Bald ist Alfredo im Kiez geschätzt für seine Alfredo Saraiva zahlt, bald jeden Monat. Es sind die Schattenseiten einer familiä-
Spaghetti Neri mit Scampi, bekannt für ÇinÇin sitzt jetzt fast täglich auf der Ter- ren Trattoria, die sich schnell in einen
seine »One-Man-Show«. Alfredo kocht, rasse, Alfredos Töchter laufen an ihm vor- schutzlosen Raum verwandelt, wenn die
kellnert, schrubbt die Teller, an manchen bei, ÇinÇin fragt Celina, die Jüngste, wo Falschen reinkommen und der, den sie su-
Abenden für 80 Gäste. Auf seiner Terrasse ihre Schule sei, sie denkt, der Mann ist der chen, immer da ist.
sitzen Darsteller vom Schauspielhaus, An- Tomatenlieferant des Vaters, und redet Alfredo Saraiva ruft an diesem Abend
wälte und Ärzte, der Pfarrer von der Kir- mit ihm. nicht die Polizei. Was könnten die Beam-
che gegenüber, die Polizisten aus dem Vier- Im Frühjahr 2015 beginnt ÇinÇin im Kiez ten schon tun, sich 24 Stunden vor sein
tel. Das Lokal schafft es in Szenezeitschrif- zu streuen, er sei nun der Partner vom Casa Lokal stellen? Er weiß, dass ÇinÇin oft in
ten, irgendwann zu Sat 1. Alfredo. Es kommen Leute ins Lokal, essen, Haft saß, abgeschoben wurde, illegal zu-
An einem Nachmittag im Frühjahr 2013 trinken, und wenn sie gehen, sagen sie, rückkehrte.
setzt sich ein Mann in schwarzer Adidas- »geht auf den Chef«. Sie meinen ÇinÇin. Auch andere Ladenbetreiber aus der
Jacke und mit kahl geschorenem Kopf auf Im Café nebenan, im Lottoladen gegen- Nachbarschaft werden später erzählen,
Alfredo Saraivas Terrasse. über, überall fragen sie Alfredo: Ist der dass keiner im Kiez sich auf die Polizei
Ercan Dal, im Viertel bekannt als »Çin- »Fettsack« wirklich dein Partner? Dieser verlasse. Sie alle wurden schon von Män-
Çin«, bestellt Espresso und sagt, er habe Typ, der über dich sagt, du seist »sein nern wie ÇinÇin aufgesucht. Der Wirt von
vom Erfolg des Lokals im Fernsehen er- Hund«. Saraiva stellt ÇinÇin zur Rede, das nebenan sagt, in Indien schlagen wir der
fahren, erst neulich, im Aufenthaltsraum Gerücht sei nötig, sagt der, er könne Alfre- Schlange den Kopf ab, wenn sie ihn das
der U-Haft. do sonst nicht schützen. Saraiva antwortet, erste Mal hebt, er selbst habe einem, der
Die Männer, beide um die 50, kennen er könne nicht immer weiter schwarzes es bei ihm versuchte, mit einer Weinflasche
sich flüchtig, seit mehr als 30 Jahren, sie Geld machen, um es ÇinÇin »in den Arsch den Schädel blutig geschlagen. Der Deut-
sind sich oft im Viertel begegnet, im Bil- zu schieben«. sche von gegenüber sagt, Männer wie Çin-
lardsalon Carlos, in Dönerläden auf dem Çin bediene er erst gar nicht, solche Typen
Steindamm. erpressten eh nur Läden, in denen sie sich
St. Georg ist schon lange das Revier von »Entweder du zahlst selbst auch gern aufhielten. Die Türken im
Ercan Dal, die Dinge, die er hier verbro- heute, oder einer Kiez sagen, sie hätten Alfredo gewarnt,
chen hat, stehen in seinem Strafregisteraus- seine One-Man-Show sei der Fehler, Al-
zug. Er vertickte in seiner Jugend Gras, von uns beiden geht fredo, das perfekte Opfer. Einer, auf den
nahm Schwule aus, half Zuhältern, die Steh- hier drauf.« ÇinÇin sein Leben lang gewartet habe.
plätze ihrer Mädchen zu verteidigen. ÇinÇin ist 300 Meter vom Casa Alfredo
Es sind Geschichten, die ÇinÇin jetzt entfernt aufgewachsen, in einem schmuck-
auch dem Wirt im Casa Alfredo erzählt. Bald hat er 25 000 Euro an seinen Er- losen Altbau. Auch er kam wie Alfredo
Saraiva hört ihm zu, er schickt keinen fort. presser gezahlt, die Umsätze sind rückläu- Mitte der Siebzigerjahre nach Hamburg,
Er bleibt auch freundlich, als an einem Win- fig. Im Juli 2015 kommt im Lokal eine aus ÇinÇin, einem Armenviertel in Ankara.
tertag 2013 ein Mann ins Lokal kommt und Stromnachzahlung an, knapp 18 000 Euro. Sein Vater putzte die Hamburger Kanali-
fragt, ob Alfredo ihm 500 Euro leihen kön- Saraiva hatte die Stromkabel im Casa Al- sation, Ercan kam in eine Ausländerklasse,
ne. Der Mann ist der Bruder eines Gastro- fredo selbst gezogen, seit Jahren keine nicht weit vom Hansaplatz. Dort hatte er
nomen aus der Nachbarschaft, Alfredos Rechnung gezahlt. Er schickt ÇinÇin fort, bald seine Clique, sie nannten sich »Red
Geschäfte laufen, er denkt nicht lange nach, das erste Mal. Stars«, verprügelten Nazis und hatten nur
er leiht ihm Geld, nicht einmal, mehrfach. ÇinÇin schickt seine Männer ins Casa ein Ziel: Sie wollten nie so werden wie ihre
Am Ende sind es 1500 Euro, Alfredo läuft Alfredo. Sie fluchen an den Tischen der Eltern, nicht schuften im Schichtsystem.
durchs Viertel, erzählt anderen Ladenbe- Gäste in ihre Telefone: »Du Fotze, du Nut- ÇinÇin, ein guter Taschendieb, war un-
sitzern davon. Wenige Tage später steht te, ich töte dich«, sie spucken Schleim auf ter ihnen immer nur der Junge mit den zu
der Mann wieder im Lokal und sagt, »Al- den Boden, schlagen dem Wirt heiße Tel- kurzen Beinen, der bei Fußballturnieren
fredo, du hast meinen Namen im Viertel ler aus der Hand. Alfredo Saraiva weiß, im Jugendklub die anderen mit Zuckertei-
beschmutzt«. Er fordert 5000 Euro. Die wie schnell der Ruf eines Lokals ruiniert len und Cola bestechen musste, damit sie
beiden Männer beschimpfen sich, ÇinÇin sein kann. Er schließt jetzt an manchen ihn in ihre Mannschaft wählten. In seiner
ist zufällig in der Nähe, schlichtet den Nachmittagen die Küche. ÇinÇin setzt sich Clique war ÇinÇin der Schnacker, ein
Streit. Später kommt er allein in das Lokal zu ihm und sagt, »ich helfe dir«; Saraiva Witzbold, ihr Mitläufer. Er drehte für sie
und sagt, Alfredo, pass auf, der Typ hetzt sagt, »halt die Fresse, du Arschloch, das den Joint, kochte Nudeln, war Kartenab-
alle gegen dich auf, jetzt sind auch die sind doch deine Männer«. reißer im Savoy-Kino und lotste seine
Albaner im Spiel. ÇinÇin sagt, Alfredo sol- Wenn Saraiva morgens in sein Lokal Jungs umsonst in jede Vorstellung.
le ihm die 5000 Euro geben, er werde die kommt, sind manchmal die Fenster einge- Die Männer aus seiner Clique, die, vor
Typen beruhigen. schlagen, es wird eingebrochen. Saraiva denen Saraiva sich bis heute fürchtet, sa-
In jenen Tagen sprechen fremde Män- ruft die Polizei, die Beamten nehmen Fin- ßen alle mal im Knast, alle länger als Çin-
ner Alfredos Töchter auf der Straße an, sie gerabdrücke, verhören Männer, die sagen, Çin. Sie kamen raus, wurden Staplerfahrer,
sollten doch sagen, wo sie wohnten, man sie hätten nur Whisky geklaut. Im Casa eröffneten Spielotheken, stellten sich an
würde sich freuen, dem Vater mal wieder Alfredo gibt es keinen Whisky. Tresen türkischer Teestuben, irgendwann
zu begegnen. Alfredo Saraiva hat fünf In Alfredo Saraivas Briefkasten liegen zogen sie weiter, weg aus dem Viertel.
Töchter. Er zahlt erst 1000, wenige Tage Umschläge mit Bildern seiner Töchter, er ÇinÇin ließen sie zurück. Der machte
später 4000 Euro. sieht sie an Bushaltestellen warten, sieht weiter wie früher.

58 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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vom Richter in seinem Urteil. All die Schil-


derungen zum Tathergang variieren. Der
einzige lebende Zeuge ist Alfredo Saraiva.
Es ist Abend geworden in Undeloh, Sa-
raiva sitzt unter dem gelben Licht einer
Stofflampe seiner Trattoria, schiebt sich
schwarze Fledermäuse aus Weingummi in
den Mund und erzählt von jener Nacht vor
drei Jahren, so wie er sie erlebt haben will.
ÇinÇin trägt weiße Turnschuhe von
Nike, er geht an einen der hinteren Tische
im Lokal, Alfredo bringt die Bolognese-
soße in die Kühltruhe und setzt sich auf
einen Holzstuhl gegenüber. ÇinÇin wippt
mit dem Stuhl hin und her, legt eine Pistole
auf den Tisch, richtet sie auf Alfredo und
spielt mit der Sicherung.
In Alfredos Erinnerung kommt es zu fol-
gendem Dialog:
Alfredo: Ich habe Schulden. Es gibt kein
Geld mehr.
ÇinÇin: Entweder du zahlst heute, oder
einer von uns beiden geht hier drauf.
Erpresser ÇinÇin in Hamburg: Endlich Chef A: Glaubst du, ich habe Angst?
Ç: Ich ficke deine Kinder, ich ficke deine
Mutter. Ich fick sie alle.
A: Du kleiner Bastard, du fickst meine
Mutter? Fick doch deine Mutter!
Ç: Meine Mutter ist tot.
A: Dann fick sie im Grab.
Ç: Lass deine hübschen Töchter arbeiten!
Als ÇinÇin seine Töchter erwähnt, springt
Alfredo auf, will ihm an den Kragen, reißt
dabei die Tischdecke herunter, die beiden
Männer ringen auf dem Boden miteinan-
der, Saraiva spürt die Pistole unter sich,
nimmt sie in die linke Hand. »Hey Bru-
der!«, schreit ÇinÇin im Gerangel. »Wir
sind keine Brüder«, sagt Alfredo Saraiva.
»Du bist Moslem, ich bin Katholik.«
Irgendwann fällt der Schuss.
Zur Todesursache wird im Obduktions-
bericht später stehen: »Relativer Nahschuss,
MATTHIAS VON BRAUN / ACTION PRESS

aus einer Distanz von 1-2 cm. Das Projektil


drang hinter der rechten Ohrmuschel in den
Nacken, durchschlug den 1. Halswirbel, ver-
ursachte dort einen knöchernen Defekt,
eine Verletzung des Rückenmarks und eine
grobfetzige Zerreißung der hohen Rachen-
hinterwand. Der Geschädigte war sofort
handlungsunfähig, durch eine Atemläh-
Tür zur Abstellkammer im Casa Alfredo 2016: Spürhund Chicco schlägt an mung trat der unmittelbare Tod ein.«
In seiner Erinnerung lässt Alfredo Sarai-
va nach dem Schuss die Pistole fallen, hockt
auf dem Boden, starrt den Toten an, viel-
Mit Alfredo Saraiva begegnet ÇinÇin gangen, als ÇinÇin zum dritten Mal an die- leicht eine halbe Stunde, schaltet das Licht
das erste Mal jemandem, der schwächer sem Tag ins Casa Alfredo kommt. aus, geht auf die Terrasse, raucht und raucht.
ist als er selbst. Für das, was in dieser Nacht geschah, Rennt los, vergisst den Schlüssel im Laden,
Am 30. September bekommt Alfredo Sa- gibt es in der Akte Gerüchte und Ver- geht zurück, schließt ab. Er will zur Wache,
raiva frischen Fisch geliefert. Gegen 15 Uhr mutungen der Opferangehörigen, es gibt läuft vorbei am ukrainischen Konsulat, sieht
betritt ÇinÇin das erste Mal an diesem Tag die Vernehmungsprotokolle des LKA, die die Polizisten davor, will sie ansprechen, tut
das Lokal und fragt nach Geld. Es ist Mo- Funkzellenabfrage für ÇinÇins Handy, es nicht, will erst zu seinen Töchtern, alles
natsende, Zahltag. Alfredo schickt ihn fort, und es gibt die schriftliche Einlassung von gestehen, irrt durch die Nacht, entlang der
ÇinÇin ruft auf dem Festnetz an, kommt Alfredo Saraiva zur Haftprüfung. Die Tat Alster, zurück in das Lokal. ÇinÇin liegt auf
wieder, der Laden ist voll, Alfredo sagt, wird rekonstruiert im Abschlussbericht der dem Boden, bäuchlings, in seinem Blut.
»komm heute Nacht«. Es ist kurz nach Mordkommission, von der Staatsanwalt- In den Wochen vor der Tat hatte Alfredo
23 Uhr, die letzten Gäste sind gerade ge- schaft in ihrer Anklageschrift, schließlich Saraiva in seiner Abstellkammer ein großes

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Gesellschaft

Loch ausgehoben für den Kühlkanister ihm, ÇinÇin sei am 30. September kurz den Laden und wird gleich als Zeuge mit-
eines Fettabscheiders. Nachbarn hatten sich da gewesen und habe 20 000 Euro gefor- genommen. Während er zum Polizeipräsi-
über den aufsteigenden Geruch aus dem dert, er habe ihn weggeschickt. Kurz da- dium gebracht wird, zeigt der Spürhund
Casa Alfredo beschwert. Die Grube ist ei- nach seien zwei Albaner aufgetaucht und Chicco ein »auffälliges Verhalten«. Saraiva
nen Meter tief, einen Meter breit. Er nimmt hätten nach ÇinÇin gefragt. Danach habe gesteht seine Tat und sagt den Beamten,
dem Toten sein Handy, zieht Sim-Karte und er ihn nie mehr gesehen. wo er die Leiche vergraben hat.
Akku raus, packt ÇinÇin an seinen Knö- Am 9. Oktober stellt die Familie von Mit Bohrhämmern brechen die Ermittler
cheln, der ist 1,61 groß, weit mehr als hun- Ercan Dal eine Vermisstenanzeige. den Boden auf. Als sie den Leichnam raus-
dert Kilogramm schwer. Alfredo Saraiva ist Eyüp Han druckt Bilder seines Cousins heben, bleiben ÇinÇins weiße Nike-Schuhe
ein schmaler Mann mit starken Händen. Er auf DIN A4, »Vermisst!!!!!« steht in gro- im Beton stecken. In seiner schwarzen Adi-
wuchtet den Toten in die Grube. ßen Buchstaben drüber. Die Zettel, gehüllt das-Jacke sind noch 503,50 Euro Bargeld.
Durch das Fenster scheint das Licht der in Klarsichtfolie, hängen jetzt überall im Saraiva kommt in U-Haft, sitzt auf Gang
Straßenlaterne ins Lokal, Saraiva sucht auf Kiez, auch am Laternenmast vor dem B, heißt dort bald nur »der Maurer« und
dem Boden die Pistole, schließt sie in die Casa Alfredo. bleibt knapp sechs Monate. Er schreibt
Schublade einer Kühlvitrine am Eingang, Bald haftet an der Tür vom Lokal ein Zettel: Briefe an seine Töchter, zerreißt sie wieder.
nimmt einen Gartenschlauch, spült das Betriebsferien von 25.10.–9.11.15. Eyüp Er will sich bei ihnen entschuldigen, weil
Blut des Toten vom Laminat, wischt sie da draußen jetzt allein sind, Kin-
es von Tischbeinen, von Stühlen. der eines Mörders, will ihnen erzäh-
An seinen Hosenbeinen ist Blut, an len, dass er sich nach Weihnachten
seinen Schuhen Blut, er stopft die stellen wollte, nur noch einmal ge-
Sachen in den Hausmüll, zieht seine meinsam feiern.
schwarze Kochhose an, bestellt ein Am 11. Mai 2016 beginnt am
Taxi, fährt nach Hause, duscht, ge- Landgericht Hamburg der Prozess
gen acht Uhr kehrt er zurück an gegen Alfredo Saraiva. Er sitzt jetzt
den Tatort. Menschen aus ÇinÇins Leben ge-
Um zwölf Uhr ist Mittagstisch genüber, seinen Brüdern, Freun-
im Casa Alfredo. den, der Clique.
Als die letzten Gäste am Abend Sie treten in den Zeugenstand
ihre Tische verlassen, zieht sich und erzählen Geschichten, die den
Alfredo zurück in seine Abstell- Wirt belasten sollen. Alfredo habe
kammer, wirft erst Putz und Kalk ÇinÇin als Bodyguard beauftragt,
in die Grube, darauf Kreide, damit habe ihm Geld gegeben, damit der
kein Leichengeruch aufsteigt, legt seine Lebensgefährtin überwache,
Fliesen drüber, rührt Zement an ihr Säure ins Gesicht schütte. Sie sa-
mit Wasser, zieht den Beton mit gen, ÇinÇin habe Alfredo Koks für
einem Spachtel glatt. seine Kunden geliefert, eine Pistole
Das Casa Alfredo ist ein kleines für ihn besorgt. Der Richter glaubt
Lokal, Alfredo braucht die Kam- ihnen nicht. Er verlegt einen der Ver-
mer, 30- bis 40-mal am Tag tritt er handlungstage an den Tatort. Im
ein, holt Wein, hängt Jacken der Casa Alfredo stellt Saraiva seine Tat
Gäste an Haken. nach, sein Anwalt liegt als Opfer auf
In den nächsten Tagen schläft Al- dem Boden, der Richter läuft durch
fredo Saraiva kaum, tagsüber kocht die Abstellkammer, inspiziert Rohre.
MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

er, in der Dunkelheit versucht er In seinem Urteil sagt der Richter,


mit einer Schleifmaschine Blutreste Saraivas Schuss sei das mildeste
aus dem Laminat zu bürsten, es Mittel gewesen, um den Angriff auf
funktioniert nicht. Er reißt die sein Eigentum und seine Töchter
Bretter aus dem Boden, verlegt abzuwehren. Für das Einbetonie-
neues Holz. Am 7. Oktober steht ren der Leiche wird er nicht ange-
auf der Facebook-Seite des Restau- Cousin Eyüp Han in Hamburg: »Alfredo, du weißt doch mehr« klagt. Nach deutschem Recht muss
rants: »Neuer Boden im Casa! keiner eine Straftat aufdecken, die
Kommt und überzeugt euch selbst. er selbst begangen hat.
Eure Füße werden begeistert sein.« Han geht wieder zur Polizei, er sagt, es wür- Am 31. August 2016 wird Alfredo Sa-
Die Facebook-Seite betreut ein Stamm- de ihn wundern, dass dieser Alfredo gerade raiva freigesprochen.
gast. Saraiva will ihm nicht sagen, lass das. jetzt in den Urlaub gefahren sei. Drei Monate später kehrt er nach St.
Wenige Tage nach ÇinÇins Verschwin- Ende Oktober, einen Monat nach der Georg zurück. Er schließt die Grube mit
den kommt ein Mann ins Casa Alfredo, Tat, nimmt die Hamburger Mordkommis- Beton, wischt den Boden, breitet die ka-
bestellt Pasta, stellt sich vor als Eyüp Han, sion die Ermittlungen auf. Die Funkzellen- rierten Decken auf die Tische, kauft Scam-
der Cousin von ÇinÇin, will wissen, ob abfrage ergibt, dass das letzte Signal von pi, Basilikum, Wein und Brot. Die ersten
der in letzter Zeit vorbeigekommen sei. ÇinÇins Handy im Casa Alfredo verzeich- Gäste kommen wieder ins Casa Alfredo,
»ÇinÇin war oft hier«, sagt Alfredo. net wurde. Die Staatsanwaltschaft veran- klopfen ihm auf die Schulter, machen Sel-
Das Handy des Toten hat Saraiva weni- lasst die Telefonüberwachung von Saraiva fies. Saraiva fühlt sich als Sieger in diesem
ge Tage zuvor auf einer Brücke zertreten und beschließt die Durchsuchung der La- Herbst, ein bisschen auch als Held, endlich
und gemeinsam mit der Tatwaffe in die denräume. frei, bis an einem Morgen wieder Eyüp
Elbe sinken lassen. Am Morgen des 18. November brechen Han vor seinem Fenster steht. Der Cousin
Eyüp Han kommt wieder. »Alfredo, du Ermittler das Schloss zum Casa Alfredo auf. des Toten packt das Metallgitter mit bei-
weißt doch mehr«, sagt er. Saraiva erzählt Nachbarn rufen Saraiva an, er kommt in den Händen und schreit durch das Fenster:

60 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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gab. Sie raten Alfredo, nie wieder zurück-


zukehren in ihre Nähe. Und wenn doch?
Einer der Brüder sagt, er würde eine Ei-
senstange nehmen und ihn damit jagen.
Unter der Stofflampe in Undeloh er-
zählt Alfredo Saraiva, dass er sich nie bei
der Familie von ÇinÇin entschuldigt habe.
»Du kannst mit diesen Leuten ja nicht re-
den, es war kein Autounfall.« Dann sagt
er, er sei am Grab von ÇinÇin gewesen,
gleich nach seiner Haft, zweimal.
Warum?
»Nur so.«
Warum?
»Ich wollte mich nicht entschuldigen bei
diesem Arschloch oder so. Ich wollte nur
verstehen, wie er aus mir so etwas Kalt-

MILOS DJURIC / DER SPIEGEL


blütiges machen konnte.«
Alfredo Saraiva hat nie eine Therapie
gemacht. Er hat ÇinÇin nicht vergeben.
Er erzählt von Polizisten, die ihm geraten
hätten, er solle seine Identität wechseln.
»Ich habe keine Lust mehr auf dieses
Koch Saraiva in seiner Trattoria: »Ich habe keine Lust mehr auf dieses Versteckspiel«
Versteckspiel«, sagt er.
Saraiva lässt nachts das Fenster offen,
seine Gardinen wehen im Wind, er ver-
»Wie traust du dich, hier wieder aufzutau- über 60 Jahre alt, verwechselt Milch mit sperrt selten noch die Tür zur Gaststätte.
chen?« Alfredo ruft die Polizei. Eyüp Han Sahne, Saraiva schimpft, aber Werner ist »Manchmal wünsche ich mir, ich wäre in
bekommt einen Platzverweis. An einem der Einzige, der bei ihm arbeiten will, im dieser Nacht draufgegangen«, sagt er. »Ich
anderen Morgen passt er Alfredo vor dem Umkreis von vielen Kilometern. will nur, dass es vorbei ist, für alle.«
Laden ab, schlägt ihm die Unterlippe blu- Alfredo Saraiva schaut aus dem Fenster Am nächsten Morgen wischt seine Toch-
tig. »Wenn ich dich hier noch einmal sehe, seiner Trattoria in die Dunkelheit und sagt, ter Celina die Tische auf der Veranda, sie
bist du tot.« »sie werden nachts kommen, um mich zu ist 18, hat langes schwarzes Haar und Reh-
Saraiva schraubt das Lokalschild von der holen«. Dann erzählt er von Südländern augen. Sie kellnert in der Trattoria, wenn
Hauswand und schließt das Casa Alfredo. in langen Audis, von Einbrüchen in der sie ihren Vater vermisst oder Taschengeld
In den Wochen danach arbeitet er in Gaststätte, von Männern, die auf seiner braucht. Sie ist die Einzige aus der Familie,
den Küchen seiner Freunde, hilft bei Um- Veranda Kaffee trinken, die er damals in die Alfredo Saraiva noch besucht. Er sitzt
zügen, streicht Wände. Polizisten aus dem seiner Verhandlung in Hamburg gesehen in seiner Stammecke und sortiert Bilder
Viertel sagen ihm, wir können dich hier haben will. Alfredo sichert ihre Tassen, aus seiner Vergangenheit. Alfredo mit
nicht schützen, fahr nach Portugal. Alfredo übergibt sie der Polizei. nacktem Oberkörper, Alfredo mit seinem
Saraiva fährt in die Lüneburger Heide. »Aber die Bullen machen einen Scheiß«, toten Bruder, mit seiner Ex-Frau, seinem
Er fährt vorbei an dieser leer stehenden sagt er. Alfredo Saraiva glaubt nicht, dass ersten Kind, Alfredo mit seinem zweiten,
Gaststätte, ein roter Klinkerbau mit spit- der deutsche Rechtsstaat ihn schützen mit Enkelkindern. »Ich kann niemanden
zem Dach, ein ehemaliges Hotel, drei Ster- kann, weder damals noch heute. Er konnte mehr umarmen seit dieser Sache«, sagt er.
ne, drei Etagen, viel braun, viele Kacheln. nicht verhindern, dass ihn der Cousin von Dann redet Alfredo Saraiva plötzlich über
Der frühere Ballsaal wird sein Schlafzim- ÇinÇin blutig schlug. Er konnte ihn nicht Investoren, Patentämter, Lagerhallen.
mer, holzvertäfelte Wände, Schaukelstuhl, schützen, als jener Cousin auch nach dem »Celly, ich habe ein neues Konzept, wir
an die Wand hängt er seine Gitarre, einge- Freispruch noch keine Ruhe gab, als er machen Fischwürstchen«, sagt er.
klemmt in die Arme eines Kronleuchters. drohte und wieder zuschlug. Eyüp Han ist Er pendelt hin und her zwischen Angst
Nachts liegt er allein in seinem Doppelbett, für seine Angriffe in der Zwischenzeit zu vor dem Tod und Würstchen aus Fisch.
klickt sich durch Sportnachrichten, schaut zehn Monaten Haft auf Bewährung und Ende Oktober zieht Alfredo Saraiva die
Filme, die seine jüngste Tochter Celina auf 600 Euro verurteilt worden, alle Rechts- Tür der Trattoria da Angelo zum letzten
sein Tablet geladen hat, Bollywood. fragen sind geklärt, aber was hilft das? Mal hinter sich zu. Er hängt ein Schild da-
Alfredo Saraiva hat seine fünf Töchter Drei Jahre und ein Freispruch sind ver- vor, geschlossen.
von vier Frauen, mit keiner ist er heute gangen, aber es gibt für beide Seiten kei- Sein neues Lokal wird in einer ruhigen
noch zusammen, auch seine letzte Lebens- nen Frieden. Straße liegen. Er will wieder einen Stein-
gefährtin hat sich von ihm getrennt. Alfre- Die Menschen, die zu ÇinÇins Leben ge- tresen bauen, so ähnlich wie den alten, die
do Saraiva lebt allein in Undeloh. Sein neu- hörten, die zu ihm hielten, sagen, sie hätten Wände mit Spachteln verzieren und auf
es Lokal heißt »Trattoria da Angelo«. ihren Glauben an diesen Rechtsstaat und den Tischen rot-weiße Decken ausbreiten.
Zu seinen Stammgästen gehört der Bau- seine »Gerechtigkeitsscheiße« verloren. Er will für seine Gäste kochen, ihnen das
er Thorsten, der mit seiner Hündin Cora Man kann sie treffen in Western-Union- Essen servieren, ihre Teller schrubben. Es
abends vorbeikommt und Pizza Salami für Filialen in Hamburg-Wilhelmsburg, in Tee- soll werden wie früher.
seine Frau holt. Der Kutscher Andreas, der stuben am Steindamm, unweit von ÇinÇins Alfredo Saraiva wird wieder alles allein
von Schnucken spricht und Alfredo stun- altem Revier. Sie sprechen von Mord, von machen.
denlang von den Wolfsrudeln in der Heide Hinrichtung. Von einem Tod ohne Ab- Mail: oezlem.gezer@spiegel.de,
erzählt. In der Küche schrubbt Werner die schied, weil die Gerichtsmedizin ÇinÇin timofey.neshitov@spiegel.de
Teller, er hat eine leise Stimme, ist weit der Familie in einem verriegelten Sarg über-

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Gesellschaft

Stille Post
Vor ein paar Tagen war ich bei der 40-Jahr-Feier der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Israel. Es gab zwei deutsche Red-
ner, Kurt Beck und Martin Schulz. Ich dachte, gleich geht der
Vorhang auf, und Manfred Stolpe betritt die Bühne. Oder Hel-
mut Schmidt kommt zurück. Wir waren ja im Heiligen Land.
Leitkultur Alexander Osang über Martin Schulz, den ich dafür bewundere, dass er überhaupt
den deutschen Zeittunnel noch vor die Tür tritt, feuerte die Linke der Welt an.
Wahrscheinlich hatten sie ihm die Einladung in einen is-
raelischen Briefkasten geworfen, als er noch ein Hoffnungs-

H eute Morgen erreichte mich in Tel Aviv ein Ostergruß


aus Weimar. Die Postkarte war von Anfang April, das
Briefzentrum Erfurt hatte sie am 6. April 2018 ab-
gestempelt. Ein alter Freund war mit seiner Frau in den Oster-
träger der deutschen Sozialdemokratie war, und dann hat sich
niemand getraut, ihm auch noch die Rede in Tel Aviv wegzu-
nehmen. Kurt Beck redete flüssig. Aber das, was er sagte,
hätte er auch vor 10 Jahren so sagen können, wahrscheinlich
ferien nach Thüringen gefahren, las ich. Sie wünschten uns sogar vor 20. Beck wirkte auch äußerlich so, als wäre er mit
viel Glück beim Neuanfang in Israel. Auf der Postkarte war dem israelischen Postzug angereist. Er trug einen Zweireiher
es, wie gesagt, Anfang April. Ich zog damals gerade von Ber- und einen Haarschnitt, der in den Achtzigerjahren populär
lin nach Tel Aviv. war und dann vor etwa drei oder vier Jahren noch mal kurz
Die Karte hat sieben Monate gebraucht. Zu Fuß läuft man im Spitzenfußball zurückkam. Oben igelig und im Nacken
32 Tage von Weimar nach Tel Aviv, sagt Google Maps. Man lang. Ich dachte an ein Wahlplakat der SPD, das ich Tage
soll allerdings über Damaskus gehen. Selbst wenn man die zuvor im Zentrum von Ludwigshafen gesehen hatte. Es hing
Verzögerung und Nachtruhen einrechnete, hätte ein Postbote in einem verwahrlosten Glaskasten und zeigte Regine Hilde-
mit der Karte zweimal hin- und herlaufen können. In diesem brandt, die vor 17 Jahren gestorben ist.
Moment spürte ich, trotz schö- Nun kommt auch Friedrich
nem Wetter, schönen Men- Merz zurück.
schen, dem guten Essen und Im Newsletter von Gabor
all der Energie, meinen harten Steingart, den ich jeden Mor-
deutschen Kern. In meinem gen lese, erfuhr ich in einer
Kopf rauscht das Volkslied: Art Powerpoint-Präsentation,
Hoch auf dem gelben Wagen. warum Merz Deutschland
Das Postkartenmotiv heißt: erlösen wird. Steingart war
Weimarer Köpfe. Man sieht mal mein Kollege beim
Goethe, Schiller, Liszt, Bach, SPIEGEL, später leitete er
Herder und auch Puschkin, das »Handelsblatt«, was er
der zwar nie in Weimar war, im Moment genau macht,

ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL


aber dort ein Denkmal hat. Es weiß ich nicht.
soll die Bewunderung Pusch- Kai Diekmann, der mal
kins und Goethes füreinander Chefredakteur der »Bild«-
symbolisieren und die unver- Zeitung war, lobte die Merz-
brüchliche Freundschaft der Analyse von Steingart auf
DDR zur Sowjetunion. Die Twitter als »MUST READ«.
DDR gibt es seit 28 Jahren Diekmanns Tweets erinnern
nicht mehr. In Weimar hatten, SPD-Wahlplakat mit Hildebrandt-Motiv in Ludwigshafen mich an das Tagebuch eines
wie ich jetzt lese, die ersten manischen Frührentners. Er
warmen Frühlingstage begon- postet gern Bilder aus Flug-
nen, in Tel Aviv waren die Temperaturen seit gestern von zeugen, Landeanflug hier, Landeanflug da. Eine Zeit lang
31 auf 24 Grad Celsius gefallen. Es wird Herbst. Die Jahres- waren Bilder aus afrikanischen Republiken dabei, und ich
zeiten tanzten. Einen Moment lang wurde mir schwindlig, befürchtete, Diekmann sei ins Waffengeschäft eingestiegen.
und ich dachte an Mister Blue, um mich zu beruhigen. Dann aber wieder: Düsseldorf, Frankfurt, Berlin. Abendlicht,
Blue ist ein ehemaliger West-Berliner Polizist, den ich als Morgengrauen, Sonne und Regen. Dazwischen Bilder von
Aussteiger auf der thailändischen Trauminsel Phi Phi Don der schönen Brandenburger Seenlandschaft, in der Diekmann
traf, nachdem sie von einem Tsunami verwüstet worden war. lebt. Und regelmäßige Dokumente seiner Laufaktivitäten.
Blue hatte überlebt, weil seine Hütte auf einem kleinen Hügel Zehn Kilometer heißen bei Diekmann »10K«. Das klingt, als
stand. Auf seiner schmalen Terrasse befanden sich ein Schau- laufe er nicht einfach, sondern bereite sich auf den Ernstfall
kelstuhl und ein Tischchen, auf dem ein paar alte, zerfledderte vor. Nun also Merz.
Ausgaben des SPIEGEL lagen. Blue las die immer wieder Friedrich Merz hat dunkle Schatten unter den Augen, er
von vorn, sagte er. Passiert ja nüscht Neuet. kommt aus der Vergangenheit, auch aus der von Steingart
Es ist natürlich rufschädigend für jemanden wie mich, der und Diekmann. Wolfgang Schäuble soll ihn durch den Zeit-
sein Geld im Neuigkeitsgewerbe verdient, aber meist sehe tunnel zurückgeholt haben. Schäuble war vor ein paar Tagen
ich das genauso. in Jerusalem. Wir saßen zusammen im King-David-Hotel.
In den sieben Monaten, die die Osterkarte im Bermudadrei- Ein israelischer Kollege fragte ihn nach seinen machtpoliti-
eck der israelischen Post verbrachte, gab es verschiedene deut- schen Ambitionen. Schäuble sagte: Ich bin 76. Er lächelte
sche Koalitionskrisen, an der Grenze zu Gaza starben fast 200 sein Teufelslachen. Verglichen mit ihm ist Friedrich Merz na-
Menschen, es erschienen mehrere Skandalbücher über Trump, türlich jung. Vor 16 Jahren, da war er Mitte vierzig, schrieb
ein Betrugsprozess gegen Sara Netanyahu begann, und Merz ein Buch. Es heißt: »Mut zur Zukunft«. Es ist, als würde
Deutschland schied früh aus der Fußball-WM aus. Die Welt man einen 16 Jahre alten Science-Fiction-Film sehen.
ging täglich unter. Aber alle sind noch da. Trump, die Große Im Frühling kommt dann Michael Ballack zurück, um den
Koalition, der Nahostkonflikt, Sara Netanyahu und Jogi Löw. deutschen Fußball zu retten. Blue weiß es schon. I

62 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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»Die Eifrigsten achten sogar darauf, wie lange sie die Klospülung drücken.« ‣ S. 72

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Shisha-Bar in Düsseldorf

Abgaben

Shisha-Boom sorgt für Steuerplus


Weil neue Tabakprodukte Verbraucher anlocken, fordern die Grünen ein umfassendes Werbeverbot.
 Der Boom von Shisha-Pfeifen und Tabakerhitzern Beleg dafür, dass Raucher auf die neuen Produkte umgestie-
beschert dem deutschen Fiskus ein Steuerplus. So haben sich gen sind. Shisha-Tabak und Sticks für Tabakerhitzer werden
die Einnahmen aus der Steuer auf Pfeifentabak, die auch wesentlich niedriger besteuert als herkömmliche Zigaretten.
Wasserpfeifentabak oder Sticks für Tabakerhitzer umfasst, in Die Bundesregierung selbst erklärt, ihr lägen »keine belast-
den vergangenen neun Jahren fast vervierfacht. Lagen sie im baren Informationen« über das Verhalten von Tabakkonsu-
Jahr 2009 noch bei 23,8 Millionen Euro pro Jahr, stiegen sie menten vor. »Die Bundesregierung leugnet die rasante Ver-
bis 2017 auf 94,5 Millionen Euro, wie aus einer Antwort des breitung neuer Tabakprodukte«, sagt Stefan Schmidt, Finanz-
Bundesfinanzministeriums auf eine Frage der Grünen-Bun- experte der Grünen. Neue Rauchprodukte müssten stärker
destagsfraktion hervorgeht. Die Einnahmen aus der Steuer besteuert werden. Die Grünen vermuten Gesundheitsrisiken
auf Zigaretten blieben dagegen im selben Zeitraum trotz und haben »ein Gesetz für ein Tabakwerbeverbot, das Tabak-
Erhöhungen annähernd konstant. Die Grünen werten das als erhitzer mit einschließt« in den Bundestag eingebracht. COS

Landwirtschaft Anhand von Schiffsbewegungen, Satelli- sollen Soja von illegal gerodeten Flächen
Kahlschlag für Hähnchen tenbildern und wochenlangen Recherchen
fanden die Aktivisten Belege dafür, dass
bezogen haben, was beide Firmen bestrei-
ten. Rothkötter ließ Fragen unbeantwor-
 Einer der größten deutschen Fleisch- Rothkötter von den amerikanischen tet. »Der Fall zeigt, dass die Branche die
und Futtermittelproduzenten, die nieder- Agrarkonzernen Bunge und Cargill mit Augen schließt, wenn es um Sorgfalts-
sächsische Rothkötter-Gruppe, profitiert Soja beliefert wird, einem Grundstoff fast pflicht in ihrer Lieferkette geht«, sagt eine
womöglich vom illegalen Kahlschlag der jeden Tierfutters. Beide Unternehmen Robin-Wood-Sprecherin. Rothkötter
Wälder Südamerikas. Das geht aus einer sind von der brasilianischen Regierung gehört zu den umsatzstärksten Unterneh-
Studie der Umweltschutzorganisationen vor Kurzem mit Strafzahlungen in Millio- men der deutschen Geflügelindustrie und
Robin Wood und Mighty Earth hervor. nen-Dollar-Höhe belegt worden. Sie beliefert Händler wie Netto und Lidl. NKL

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Banken Greser & Lenz


HSH schrumpft den
Standort Kiel
 Nach der Privatisierung der HSH
Nordbank will das Management offen-
bar den Sparkurs verschärfen. Nach
Angaben von Insidern sollen mehrere
Hundert Stellen gestrichen werden.
Unter anderem plant der Vorstand um
Stefan Ermisch anscheinend, den
Standort Kiel zu schrumpfen, der dann
auch nicht mehr zweiter Hauptsitz der
Bank sein soll. Dort sollen dann ledig-
lich noch die Bereiche IT und Opera-
tions betrieben werden. Künftig soll die
Bank nur noch aus Hamburg geführt
werden. Jobs fallen den Informationen
zufolge auf allen Hierarchieebenen weg,
allein mehrere Dutzend Führungskräfte
dürften betroffen sein. Werden die
Pläne umgesetzt, würde die Mitarbei-
terzahl bei der HSH Nordbank auf weit
unter 1300 fallen, zuletzt waren noch
1760 Vollzeitkräfte beschäftigt, vor
zehn Jahren lag die Zahl bei 5000. Auf
Geheiß der EU-Kommission mussten Gleichstellung werden. Bei einer ersten Befragung
die Länder Hamburg und Schleswig- Frust macht Frauen Anfang 2018 lagen beide Werte noch
Holstein die HSH privatisieren, nach- deutlich höher. Julia Sperling, Partnerin
dem sie die Landesbank nach der Finanz- karrieremüde bei McKinsey, führt dies auf einen
krise massiv gestützt hatten. Anfang  Immer weniger Frauen haben Lust auf Frustrationseffekt zurück. Frauen hätten
des Jahres hatten sich die Alteigentü- eine Führungsposition. Zu diesem Er- erlebt, dass flexible Arbeitszeitmodelle
mer der HSH auf einen Verkauf an ein gebnis kommt eine Studie der Initiative und andere Maßnahmen zur besseren
Konsortium um die Finanzinvestoren »Chefsache«, in der sich Konzerne wie Vereinbarkeit von Job und Familie nur
Cerberus und J. C. Flowers geeinigt. Allianz, Telekom oder Lufthansa enga- schleppend vorankämen. »Die Verspre-
Die Übernahme könnte bis Ende Novem- gieren. Gerade einmal 30 Prozent der chungen der neuen Arbeitswelt haben
ber vollzogen werden, wenn die EU- befragten Frauen streben eine Führungs- sich bisher nicht erfüllt. Das scheint bei
Kommission und die Bankenaufsicht position an. Nur jede Dritte hält es für vielen Frauen zu Ernüchterung geführt
bis dahin ihre Zustimmung erteilen. MHS realistisch, in eine solche befördert zu zu haben«, sagt Sperling. AKN

Samstagsfrage

Kommt der Abschwung?


Den Auftakt machten die führenden Wirtschaftsinstitute BIP-Wachstum Deutschland drohen Unwägbarkeiten: Die deutsche
mit ihrem Herbstgutachten. Es folgte die Bundes- Frühjahr- und Herbst- Automobilbranche steckt durch den Dieselskandal
regierung mit ihrer Prognose. Nun revidieren auch Prognosen des Sach- in schwierigen Zeiten – und mit ihr die vielen
die Wirtschaftsweisen ihre Wachstumsvorhersagen verständigenrats, in Prozent Zulieferbetriebe, die an ihr hängen. Das deutlichs-
kräftig nach unten: Für dieses Jahr senkten sie ihre te Zeichen für eine Abkühlung aber sind die
Erwartung von 2,3 Prozent auf 1,6 Prozent, für
2,3 niedrigeren Ziele der chemischen Industrie. Die
2019 von 1,8 Prozent auf 1,5 Prozent. Wenn der 1,6 1,8 1,5 Branche ist so was wie ein Frühindikator, weil
Sachverständigenrat allein für 2018 0,7 Prozentpunk- sie nahezu alle Industriebereiche mit Vorprodukten
für 2018 für 2019
te weniger Wirtschaftswachstum vorhersagt, steht eine beliefert. Gehen die Bestellungen zurück, sinkt
Frage im Raum: Kommt jetzt der Abschwung? Noch ist irgendwo anders die Produktion.
eine Rezession nicht in Sicht, auch kein Nullwachstum. All das ist kein Grund zu tiefer Sorge oder gar Panik. Viele
Doch sicher scheint: Der jahrelange Boom geht zu Ende. deutsche Unternehmen machen noch immer gute bis sehr gute
Weltweit sind die Risiken gestiegen. Da ist der Brexit mit seinen Gewinne. Aber Politik und Wirtschaft sollten vorsorgen und
Ungewissheiten, die chinesische Konjunktur schwächelt. Und es das Land wetterfest für schwierigere Zeiten machen, etwa durch
gibt die Irrlichter dieser Welt wie US-Präsident Donald Trump, Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Die Finanzkrise
der den harten Handelskrieger gibt. Oder die populistische italie- hat zwar viele ökonomische Gewissheiten in Zweifel gezogen.
nische Regierung, die bereit scheint, ihr Land und damit Europa Eine aber bleibt: Jedem Aufschwung folgt ein Abschwung.
sehenden Auges in eine neue Schuldenkrise zu treiben. Auch in Unklar ist nur, wann genau. Markus Dettmer

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 65


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Angstträume
Zukunft Künstliche Intelligenz ist die Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts.
Sie wird verändern, wie wir leben. Weltweit ringen Nationen um die
Vorherrschaft, Deutschland aber kämpft darum, nicht den Anschluss zu verlieren.

66 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Wirtschaft

E
s ist schwer, nicht davon fasziniert Skeptiker fürchten, dass autonome Waf- will ihr Kabinett nun auf einer Digital-
zu sein, was Computer plötzlich fensysteme eine neue Art moderner Krie- klausur in Potsdam gegensteuern und eine
können: Da schreibt eine Maschi- ge ermöglichen. Dass intelligente, allge- nationale KI-Strategie beschließen.
ne Gedichte im Stil Rainer Maria genwärtige Überwachungsmaschinen die Bei der KI-Forschung, hat die Regierung
Rilkes. Eine andere malt Bilder ähnlich de- Freiheit vernichten. bei den Vorbereitungen dazu festgestellt, ste-
nen Pablo Picassos. Eine dritte komponiert Es geht, das ist leicht zu sehen, um viel. he der Standort nicht schlecht da, doch viele
Choralkantaten, die selbst Fachleute kaum Es geht um eine Zukunft, für die bereits Talente wanderten früh ab und setzten ihre
von jenen unterscheiden können, die Jo- jetzt die Einflusszonen abgesteckt werden: Geschäftsideen anderswo um. »In der For-
hann Sebastian Bach einst erschaffen hat. Wer wird die Systeme künstlicher Intelli- schung sind wir schon Weltspitze, dies wol-
Ein Algorithmus erkennt Herzrhyth- genz erfinden? Wer wird mit ihnen Geld len wir nun auch bei der Anwendung von
musstörungen schneller und genauer als verdienen? Wer wird sie beherrschen? Wer KI-Technologien erreichen«, sagt Kanzler-
jeder menschliche Kardiologe. Eine Soft- wird bestimmen, welche Grenzen gelten, amtsminister Helge Braun. »KI made in
ware liest Lippen besser als jeder Mensch. welche Moral? Germany« solle zu einem »Markenzeichen
Ein Roboter steuert autonome Autos und Es geht um viel, auch für Deutschland. für sichere und hochmoderne KI-Anwen-
bald womöglich auch fliegende Taxis. Als Exportnation, als Standort für Inno- dungen« werden. Und dabei auf die »Daten-
Aber auch dies ist nun möglich: Pro- vationen, aber auch als Wertegemein- souveränität des Einzelnen achten«.
gramme fälschen Bilder und Videos so gut, schaft: Wer mitbestimmen will, wie weit Es stellen sich jedoch grundlegende Fra-
dass sie mit echten Aufnahmen verwech- Technik die Welt beherrscht, muss erst ein- gen in diesem Ringen um die Schlüssel-
selt werden können. Algorithmen steuern mal die Technik selbst beherrschen. technologie des 21. Jahrhunderts: Wie las-
Waffen. Software programmiert sich selbst. Kein Wunder, dass ein ökonomischer sen sich in diesem neuen Maschinenzeit-
Ein Wendepunkt der Technologiege- und politischer Kampf entbrannt ist, wel- alter Besitzstände wie Werte und ethische
schichte sei erreicht, darin sind sich die ches Land bei dieser neuen, mächtigen Grundsätze bewahren? Und: Wo bleibt
meisten Experten einig, mindestens so Technologie führend ist. Es ist ein Wettlauf, der Mensch? Ist die Menschheit auf kluge
weltverändernd wie die Erfindung des bei dem es sich keine große Nation der Maschinen wirklich »philosophisch und
Internets, des PC und des Smartphones. Welt erlauben kann, den Anschluss zu ver- intellektuell nicht vorbereitet«, wie der
Künstliche Intelligenz, kurz KI, sagen sie, einstige amerikanische Außenminister
werde den Menschen verändern, seine Art Henry Kissinger bereits warnt – und wie
zu leben und zu arbeiten, zu wirtschaften »Der Anführer in diesem wäre das zu ändern?
und Krieg zu führen. Die Antworten finden sich an drei Orten:
»Künstliche Intelligenz ist eine der wich- Bereich wird zum im Silicon Valley, wo künstliche Intelligenz
tigsten Entwicklungen der Menschheit«, Herrn der Welt werden.« wesentlich entwickelt wurde. In Deutsch-
sagt Sundar Pichai, der Chef von Google, land, wo versucht wird, nicht den Anschluss
»weitreichender als die Elektrizität.« zu verlieren. Und schließlich in China, wo
Die künstliche Welt wird intelligent, die lieren. Und die Kontrahenten schleichen die Technologie wie nirgendwo sonst
Intelligenz künstlich. Das klingt kompli- sich nicht in diesen Wettkampf hinein. Sie machtpolitisch instrumentalisiert wird.
ziert, das klingt nach Science-Fiction. Aber eröffnen ihn mit Getöse.
im Grunde ist es erst einmal simpel, was China machte den Anfang. Bereits im
gerade geschieht: Computer lernen zu ler- Sommer vergangenen Jahres kündigte die I. Silicon Valley: Vorreiter
nen. Maschinen werden besser, ohne dass Staatsführung an, bis 2030 die globale Füh- Die Stanford University erstreckt sich über
ihnen Menschen beibringen müssen, wie rungsposition in künstlicher Intelligenz 33 Quadratkilometer unterhalb immer-
sie das tun. übernehmen zu wollen. grüner Hügel im Rücken der kaliforni-
Das ist noch weit entfernt von mensch- Wenig später zog der russische Präsi- schen Pazifikküste, Königspalmen säumen
licher Intelligenz, weit entfernt von der dent Wladimir Putin nach und verkündete, die Auffahrt zu einem prachtvollen Cam-
Machtergreifung der Maschinen. Aber es dass KI »die Zukunft der Menschheit« sei. pus inmitten des Silicon Valley. Hier reiften
ist revolutionär. »Der Anführer in diesem Bereich wird zum die Ideen zu Google und Hewlett-Packard.
Künstliche Intelligenz ist im Kern die Herrn der Welt werden.« Und im Frühjahr Und hier begann der Aufstieg des Deut-
Wissenschaft vom Erlernen des automa- erklärte der französische Präsident Emma- schen Sebastian Thrun zu einem der wich-
tischen Problemlösens: Intelligent ist, wer nuel Macron, den europäischen Gegenan- tigsten Technologievordenker der Welt.
gut Probleme lösen kann. In den vergan- griff anführen zu wollen. Frankreich werde Anfang des Jahrtausends entwickelte er
genen Jahren haben Maschinen in erstaun- voranpreschen mit Milliardeninvestitionen als junger Professor mit einem Team der
lichem Tempo gelernt, Muster zu erken- in diese »technologische, ökonomische, so- Stanford University ein selbstfahrendes
nen, sich Wissen anzueignen, Aufgaben ziale und ethische Revolution«. Auto, gewann damit einen Wettbewerb
zu übernehmen, für die sie nicht explizit Nur in Berlin blieb es gefährlich lange des US-Verteidigungsministeriums und be-
programmiert wurden, sondern deren Lö- still, obwohl die sich anbahnende KI-Re- eindruckte die Gründer von Google so
sung sie sich selbst erarbeiten. Um dem volution gerade für Deutschland von gro- sehr, dass sie ihn zum Leiter der Geheim-
Menschen erst bei Entscheidungen zu hel- ßer Bedeutung ist: ein Land, das vom Ma- labore des Konzerns machten. Die Mil-
fen. Und sie ihnen später abzunehmen. schinenbau lebt – und davon auch weiter liardeninvestitionen der Autoindustrie in
Das lässt Raum für Träume, und es lässt leben möchte, wenn diese Maschinen ein- autonomes Fahren gehen zu einem guten
Raum für Angst. Intelligente Maschinen mal intelligent sein sollten. Teil auf die Vorarbeit des gebürtigen So-
könnten der Menschheit helfen, die nächs- Die Kanzlerin hat die Tragweite spät er- lingers zurück.
te Stufe der Evolution zu erklimmen, sa- kannt. Mittlerweile spricht sie in allen Thrun ist jedoch kein Autoingenieur. Er
gen Technikoptimisten. Eine Stufe, in der grundsätzlicheren Reden auch über die Be- baut kluge Maschinen. Selbstfahrende Au-
algorithmische Ärzte Krankheiten beseiti- deutung der Digitalisierung und räumt ein, tos, sagt Thrun, seien nichts anderes als
gen und Leben verlängern und in der das dass Deutschland bei der künstlichen In- künstliche Intelligenz auf Rädern.
Leben noch schöner und freier ist, weil telligenz »den Anschluss vielleicht ein biss- Aber Thrun, braun gebrannt und durch-
Maschinen die harte Arbeit machen. chen verloren« habe. Kommende Woche trainiert, will an diesem heißen kaliforni-

Illustration: Mario Wagner / Der Spiegel; Fotos: DPA (1), Reuters (1), Getty (4), Ullstein Bild (2) 67
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Wirtschaft

schen Nachmittag nicht über Autos reden, Thrun und andere führende Informati- wird uns die künstliche Intelligenz von der
er ist längst weitergezogen. In seinem nach ker betonen aber, dass schon jetzt ein Pa- Last der sich routinemäßig wiederholen-
ihm benannten »Thrun-Labor« an der radigmenwechsel mit großen Auswirkun- den Arbeit befreien.«
Stanford University hat er gemeinsam mit gen erfolgt sei: von Algorithmen, die auf Im Silicon Valley setzen nun Konzerne
einigen seiner Doktoranden eine neue in- genau definierten Regeln basieren, die von und Hunderte Start-ups alles daran, dass
telligente Software gebaut. Sie erkennt Menschen vorgegeben werden, hin zu Al- es vor allem ihre Maschinen sein werden,
Hautkrebs so gut wie ein Arzt. gorithmen, die selbstständig lernen, wie die diese nächste Stufe der Digitalisierung
Thrun und sein Team brachten dem ein begrenzter Teil der Welt funktioniert. dominieren. Das gelang ihnen bereits mit
Computer bei, die Charakteristika von Thrun erklärt es so: »Früher musste ein großen Teilen des Internets. Die Silicon-
Hautkrebs nur aus klinischen Bildauf- Programmierer Tausende Regeln aufstel- Valley-Konzerne sehen sich in einer idea-
nahmen zu erkennen. Sie »trainierten« len und endlose Zeilen Code schreiben, len Ausgangsposition, weil künstliche In-
ein künstliches neurales Netzwerk mit um eine Maschine dazu zu bringen, einen telligenz auf der Verarbeitung enormer
129 450 Aufnahmen von Hautveränderun- Hund zu erkennen: Er muss eine Schnauze Datenmassen basiert. Und damit haben
gen. Die Aufgabe der Maschine: gutartige haben, aber keinen Rüssel, Ohren und die kalifornischen Tech-Unternehmen die
von bösartigen Hautauffälligkeiten zu un- Schwanz, aber keine Flügel.« Extrem auf- meiste Erfahrung.
terscheiden und Melanome zu diagnos- wendig und fehleranfällig. In den vergangenen Jahren haben diese
tizieren. Zum Vergleich wurden 21 Haut- Ein Kind dagegen lerne ganz anders, ei- Konzerne enorme Ressourcen in die KI-For-
ärzte herangezogen. Die Maschine dia- nen Hund zu erkennen: Es sieht einen schung gesteckt und sich einen deutlichen
gnostizierte genauso treffend wie die Hund und bekommt von den Eltern er- Vorsprung erarbeitet. Google investierte
Ärzte. Nur viel schneller. klärt, was ein Hund ist. Das Kind hält an- Milliarden Dollar in seine KI-Forschungs-
Möglich geworden sind solche hinzuler- fangs vielleicht auch einen Wolf für einen abteilung. Facebook entwickelt eigene KI-
nenden Computersysteme vor allem durch Hund, lernt aber schnell, die Unterschiede Computerchips.
ein Feld der Informatik namens Deep Lear- zu sehen und die Tiere zuzuordnen. Deep- Viele der Digitalunternehmen setzen da-
ning. Informatiker versuchen schon lange, Learning-Algorithmen funktionieren ähn- bei wie Sebastian Thrun zunächst auf die
Computer Dinge tun zu lassen, ohne dass lich: Sie werden mit Bildern und Informa- Medizin als erstes großes Anwendungs-
sie ihnen einprogrammiert werden. Dieses tionen trainiert. So sieht ein Hund aus, so beispiel. Krebsforscher etwa entwickeln
Feld nennt sich Machine Learning, maschi- ein Wolf. Der Algorithmus vergleicht die mit intelligenter Bioinformatik neue An-
nelles Lernen. Deep Learning ist ein be- Unterschiede und lernt, sie selbst zu er- sätze. Gleichzeitig werden gerade im hoch-
sonderer Teil davon. Die Idee ist, sehr ver- kennen anhand von Beispielen. sensiblen Feld der Medizin die ethischen
einfacht gesagt, die Funktionsweise des »Vielleicht werden wir bald nicht mehr Fallstricke des anstehenden Maschinen-
menschlichen Gehirns nachzuahmen, mit lernen zu programmieren, sondern wie zeitalters deutlich: Welche persönlichen
künstlichen Neuronen. man dem Computer die richtigen Beispiele Daten werden hergegeben? Wo und wie
Im Gehirn werden Synapsen gestärkt, zeigt«, sagt Thrun. Das soll dem Menschen sicher werden sie gespeichert, mit wem ge-
indem sie immer wieder genutzt werden: nahezu alle Routineaufgaben abnehmen. teilt? Und wer will seine Gesundheit einem
Wiederholung verfestigt die Verbindung, Dem Lkw-Fahrer genauso wie Anwälten Algorithmus anvertrauen, dessen Entschei-
das Gehirn lernt. In der digitalen Welt wird und Dermatologen. dungsprozesse undurchschaubar sind?
dieser Prozess durch Mathematik simu- Es wäre ein Sprung, den er mit der »Er- Was im Inneren der neuronalen Netze
liert. Die Verbindungen zwischen den findung der Dampfmaschine vor 300 Jah- vorgeht, sei tatsächlich oft »mysteriös«,
künstlichen Neuronen werden so lange ren« vergleicht: »So wie die Bauern da- sagt Thrun. Die Maschine trifft keine nach-
neu justiert, bis das Netz nahezu fehlerlos durch nach und nach von immer mehr Las- vollziehbaren Entscheidungen aufgrund
funktioniert. Zugleich werden mehrere ten der körperlichen Arbeit befreit wurden, von Wissen und Erkenntnis. Thruns Haut-
Ebenen künstlicher Neuronen nebenei-
nandergeschichtet, die Daten dringen von
einer Schicht in die nächste. Mit jeder
Schicht wird das System ein Stück schlauer,
daher der Name »Deep Learning«, tiefge-
hendes Lernen.
Die Idee zum Deep Learning entstand
schon vor Jahrzehnten, aber es fehlten die
Rechenkraft und die riesigen Datenmen-
gen. »Als ich in den Neunzigerjahren mei-
ne Doktorarbeit schrieb, konnten wir
künstliche neuronale Netze mit 100 Neu-
ronen bauen«, sagt Thrun. »Nun sind es
100 000 Neuronen.« Bald sollen es zehn
Millionen sein. Das ist noch immer unend-
lich weit weg von der Rechenpower des
menschlichen Gehirns: Es verfügt ge-
schätzt über 85 Milliarden Neuronen.
Kritiker warnen, dass gerade solche Ver-
gleiche mit dem menschlichen Gehirn zu
falschen Erwartungen führten, dass echtes
Weltverständnis und abstraktes Denken
von Maschinen nicht einmal im Ansatz zu Sebastian Thrun
erkennen seien. Und dass deswegen
zwangsweise irgendwann ein Absturz des
KI-Hypes kommen müsse.

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krebsmaschine unterscheidet Melanome


von Leberflecken, indem sie mathemati-
sche Gewichtungen vornimmt. Das funk-
tioniert, aber auf rätselhafte Art. Und
wenn schon Experten rätseln, wie soll der
normale Mensch der scheinbar irrationa-
len Maschine vertrauen?

II. Deutschland: Aufholjagd


Eigentlich stehen die Deutschen nicht
schlecht da. Der wichtigste Vordenker des
selbstfahrenden Autos von Google: je-
ner Sebastian Thrun, ein Deutscher. Der
Chefentwickler von Amazon in Sachen
künstlicher Intelligenz: Ralf Herbrich, ein
Deutscher. Einer der weltweit wichtigsten,
vielleicht der wichtigste Forscher von
maschinellem Lernen, Jürgen Schmid-
huber, ein Deutscher.
Nahezu jeder trägt Schmidhubers
Arbeit heute in seiner Hosentasche mit
sich: Der deutsche Informatiker hat den
Deep-Learning-Algorithmus mitentwi-
ckelt, der die Spracherkennung in Smart-
phones wesentlich antreibt. Als die »New
York Times« ihn porträtierte, überschrieb Rainer Maria Rilke,
sie den Artikel so: »Wenn KI erwachsen Johann Sebastian Bach,
wird, wird sie Jürgen Schmidhuber wohl Pablo Picasso
Papa nennen.«
Es sei schlicht an der Zeit, unser men-
schenzentriertes Weltbild abzulegen, sagt
Schmidhuber. Die Menschheit müsse sich Dabei können intelligente, lernende Sys- wären womöglich mehrere Schichten aus-
mit dem Gedanken anfreunden, nicht auf teme nicht nur Großkonzernen, sondern gefallen, vermutet er: »In der Vorweih-
ewig die Krone der Schöpfung zu sein. Er gerade auch mittelständischen Unterneh- nachtszeit hätte dies leicht einen Verlust
beschäftigt sich vor allem mit einer Frage: men helfen. Insbesondere wenn es darum von mehreren Hunderttausend Euro be-
Was wird mit einer Maschine alles möglich, geht, kritische Situationen zu meistern. deutet.«
die das menschliche Gehirn immer voll- So wie vergangenen Sommer, als Cop- Solche intelligenten Systeme finden im
ständiger nachahmt? penrath & Wiese unerwartet die Eier aus- deutschen Mittelstand aber nur allmählich
Schmidhuber glaubt die Antwort bereits gingen. Die Großkonditorei, bekannt für Verbreitung. Große Konzerne dagegen
gefunden zu haben: »Deep Learning und ihre schockgefrorenen Backkreationen, sind bereits dabei, die KI-Potenziale für
Robotik werden zusammenwachsen.« Bis- verbraucht jeden Tag rund 900 000 Eier. sich zu erschließen. Mithilfe von KI kön-
lang gehe es bei KI nur um Mustererken- Mal sind es mehr, mal weniger, im August nen sie Schichtpläne optimieren oder den
nung in großen Datenmengen, »ideal für 2017 sollten es plötzlich fast gar keine mehr Einsatz von Fahrzeugflotten steuern. Wo
Google und Facebook und Amazon«. Die sein. Der Skandal um Hühnereier, die mit früher Manager ihr Erfahrungswissen aus-
nächste Stufe sei mit Sensoren und neuen dem Insektizid Fipronil belastet waren, spielten oder auch nur ihrem Bauchgefühl
Lernsystemen ausgestattet, ein viel größe- schränkte die Verfügbarkeit drastisch ein. vertrauten, kommt nun der Rechner mit
rer Schritt. Mit weitreichenden Folgen – Nach wenigen Tagen sei klar gewesen, seinem Elefantengedächtnis zum Einsatz:
insbesondere für die deutsche Wirtschaft. »in welcher prekären Situation wir waren«, Er sucht zu jeder erdenklichen Konstella-
»Deutschland hat dabei eine unglaub- sagt Tobias Heinemann. Er ist bei Coppen- tion die bestmögliche Lösung.
liche Chance«, sagt Schmidhuber, da nir- rath & Wiese verantwortlich dafür, dass der Siemens etwa setzt künstliche Intelli-
gends sonst auf der Welt so viel Kom- Warenfluss in der Fabrik läuft. genz ein, um Gasturbinen zu steuern. Bei
petenz in gleich zwei Gebieten vorhan- Mit Algorithmenhilfe konnte Heine- diesen Turbinen bestehe die Kunst darin,
den sei: in der Grundlagenforschung zu mann die Folgen des Eiermangels für alle permanent einen Ausgleich zwischen kon-
KI und im Maschinenbau. »Die Voraus- der derzeit 24 Produktionslinien im Haus kurrierenden Zielen zu finden, sagt Volk-
setzungen sind ideal, wir sollten das nicht abschätzen: wie stark zum Beispiel die ein- mar Sterzing, KI-Spezialist des Konzerns.
vermasseln.« zelnen »Sahne«-Linien betroffen waren. Es gelte, die schädlichen Stickoxidemis-
Aber der Weg scheint weit: Erst fünf Das KI-System schlug vor, an welchen sionen niedrig zu halten, aber ebenso das
Prozent der Industriebetriebe in Deutsch- Stellen das Unternehmen den Absatzplan Flackern der Flamme in der Brennkammer,
land setzen heute schon KI ein, so das Er- ändern muss, um den Engpass optimal zu denn eine geringe »Verbrennungsdyna-
gebnis einer von der Bundesregierung überbrücken. mik«, so das Fachwort, schone die Turbine.
beauftragten Studie. Noch erstaunlicher: Es suchte zum Beispiel die Kunden im Das Dilemma: Verbessert man einen Wert,
Lediglich zwei Prozent planen, ein solches Einzelhandel heraus, die gerade eine verschlechtert sich der andere. »KI hilft
System einzuführen. Dramatisch niedrige Preisaktion planten, damit diese gebeten uns, immer wieder den goldenen Mittel-
Zahlen für eine Schlüsseltechnologie, die werden konnten, das Vorhaben zu ver- weg zu finden«, so Sterzing.
wesentlich über die künftige Entwicklung schieben. Heinemann folgte den KI-Emp- In den USA und in Asien sind die selbst-
der Volkswirtschaft entscheiden wird. fehlungen. Hätte er anders entschieden, lernenden Turbinen bereits im Einsatz, sie

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 69


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senken Sterzing zufolge die Stickoxid- zent dieser Zuwächse würden auf Effi- zon Fresh entwickelt wurde: Algorithmen
emissionen um bis zu 20 Prozent. zienzgewinne in existierenden Branchen sollen dabei den Reifegrad von Obst er-
Solche Effizienzsteigerungen wirken entfallen. Rund 60 Prozent aber auf Pro- kennen und verhindern, dass Kunden ver-
erst einmal nicht revolutionär, aber wenn dukte und Anwendungen, die noch nicht dorbene Früchte erhalten. Allerdings kön-
sie sich nach und nach in vielen Unterneh- bekannt seien. nen Algorithmen weder schmecken noch
men bemerkbar machen, verändert das Die Bundesregierung will deswegen riechen noch tasten, ob es weiche oder fau-
auf Dauer die gesamte Wirtschaft. Die Un- nun auch eine »Agentur zur Förderung le Stellen gibt.
ternehmen werden produktiver, die Wirt- von Sprunginnovationen« vorantreiben. Die Berliner KI-Forscher lösten das Pro-
schaft wächst. Das eigentliche Versprechen »Damit wollen wir die Märkte der Zukunft blem mithilfe einer Kamera, die die Früch-
der KI liegt deswegen in ihrem Potenzial mit vollkommen neuen, also disruptiven te in einem für das Auge unsichtbaren
als Basistechnologie, die unzählige Folge- Ideen erschließen, um so auf das gestiege- Spektrum auf bestimmte Flüssigkeitsein-
innovationen und neue Industrien mit sich ne Veränderungstempo zu reagieren«, sagt lagerungen untersucht. Damit lassen sich
bringe. So wie zuvor die Dampfmaschine, Kanzleramtsminister Braun. der menschliche Geruchs- und Tastsinn
die Elektrizität oder der Computer. »Wir An solchen ganz neuen Ideen arbeitet ersetzen. Es ist faszinierend und erschre-
sehen bereits erste Anzeichen eines kom- bereits Ralf Herbrich mit seiner Abteilung ckend zugleich.
menden Produktivitätsanstiegs, der größer von inzwischen 500 Mitarbeitern von
sein könnte als alle vorangegangenen in Berlin-Mitte aus. Herbrich verantwortet
der Geschichte«, sagt Erik Brynjolfsson, die KI-Forschung von Amazon. Der US- III. China: Welteroberung
Ökonom am Massachusetts Institute of Onlineriese baute die Abteilung in der Der Aufstieg Chinas begann mit einer Nie-
Technology. deutschen Hauptstadt auf, weil »Deutsch- derlage. Am 27. Mai 2017 war Ke Jie end-
Was das für Deutschland bedeuten könn- land in der Grundlagenforschung zu gültig geschlagen. Ein von Google ent-
te, hat das Beratungsunternehmen Price- maschinellem Lernen führend ist«, wie wickeltes Computerprogramm namens
waterhouseCoopers errechnet. In einer Herbrich sagt, der selbst in Berlin studiert AlphaGo hatte den Weltranglistenersten
aktuellen Studie prognostiziert es einen hat. im Brettspiel Go gleich drei Mal besiegt.
möglichen Wachstumsschub für das deut- Was Herbrich und sein Team sich er- Go ist komplexer als Schach, die Zahl der
sche Bruttoinlandsprodukt um 11,3 Pro- dacht haben, wird beispielsweise gerade möglichen Spielzüge schier endlos. Auch
zent oder 430 Milliarden Euro bis zum in den USA erprobt: eine Anwendung, die deshalb galt die Kunst des Go-Spiels schon
Jahr 2030 – allein durch KI. Etwa 40 Pro- in Berlin für die Lebensmittelsparte Ama- im alten China als Weg zur Weisheit.
Die Schmach des chinesischen Cham-
pions gegen die amerikanische Maschine
wurde zu einem Wendepunkt. »Chinas
›Sputnik‹-Moment«, so nennt ihn der In-
vestor Kai-Fu Lee. Bis dahin habe sich in
China außerhalb der Fachwelt niemand
wirklich für die Fortschritte der künst-
Xi Jinping lichen Intelligenz interessiert. Die Demon-
tage von Ke Jie habe China in einen regel-
rechten KI-Rausch versetzt, vergleichbar
mit jenem Weltraumfieber, das Amerika
nach der sowjetischen »Sputnik«-Mission
erfasste.
Lee, 56, ist der wohl einflussreichste
Fürsprecher der Technologie in China, er
baute Googles Chinageschäft auf, heute
managt er einen 1,7 Milliarden Dollar
schweren Fonds, der in KI-Start-ups inves-
tiert. Lee sieht einen Zweikampf zwischen
den USA und China heraufziehen, jenen
beiden Ländern also, die auch anderswo
zunehmend miteinander um die globale
Vorherrschaft ringen. In dieser neuen »bi-
polaren Weltordnung«, glaubt Lee, werde
Europa kaum eine Rolle spielen.
Innerhalb der nächsten fünf Jahre be-
reits könnte China die USA überholen, so
Lees Prognose. Denn China habe den
wichtigsten Rohstoff im globalen KI-Wett-
rennen: die Daten von 1,3 Milliarden Men-
schen, von denen etwa 780 Millionen on-
line sind.
Je mehr Daten ein Algorithmus zur Ver-
fügung hat, desto besser arbeitet er. In Chi-
na gibt es diese Ressource im Überfluss.
Die Chinesen sind euphorische Smart-
phone-Nutzer. Sie bezahlen nahezu über-
all mit den Geräten, sie leihen mit ihnen
Fahrräder aus, sie buchen damit Friseur-

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termine. Die Daten, die chinesische Kon-


sumenten auf diese Weise hinterlassen, ge-
ben nicht bloß Aufschluss über ihr Online-
verhalten, sondern darüber, was sie in der
realen Welt tun – wohin sie mit dem Fahr-
rad fahren, welche Pizza sie essen, was sie
im Supermarkt einkaufen. Für KI-Anwen-
dungen wirken diese unfassbaren Daten-
mengen wie Doping.
Dass China auf dem Weg zur KI-Super-
macht ist, steht außer Frage. 2017 sammel-
ten chinesische KI-Start-ups erstmals mehr
Geld ein als ihre US-Konkurrenten. Schon
jetzt kommt künstliche Intelligenz in Chi-
na breiter zum Einsatz als in den meisten
anderen Ländern der Welt. An einem
Shanghaier Gericht durchforsten Algorith-
men Gerichtsakten und machen den Rich-
tern Vorschläge, wie ein Angeklagter zu
verurteilen sei. Chinesische Konsumenten
können mithilfe von Gesichtserkennung
bezahlen. Die Polizei nutzt die Technolo-
gie, um Verkehrssünder zu sanktionieren.
Algorithmen des Onlinehändlers Alibaba
lenken den Verkehr in sechs chinesischen hervor. Wird sie uns voranbringen, uns bar harmlose Aufgabe gegeben, Erdbee-
Metropolen. befreien – oder uns überrunden und be- ren zu pflücken. Die lernende Maschine
Peking begreift die Entwicklung der herrschen? suche dabei ständig nach dem effektivsten
künstlichen Intelligenz als eine industrie- Wie klug Maschinen wirklich werden Weg, die Aufgabe zu lösen. Und stelle da-
politische Herausforderung wie den Aus- können, darüber streiten die KI-Experten. bei fest: Um ihren Output zu maximieren,
bau seines Hochgeschwindigkeitsnetzes, Der deutsche Forscher Jürgen Schmid- muss sie den ganzen Planeten mit Erd-
der Elektromobilität oder des Solarsektors. huber ist überzeugt, bald schon eine uni- beerfeldern überziehen – und deshalb die
Auf diesen Feldern ist China bereits Welt- verselle künstliche Intelligenz bauen zu Zivilisation vernichten: das Ende der
marktführer. Bis 2030, so verkündete der können: eine Maschine, die nicht nur für Menschheit als unbeabsichtigter Neben-
Staatsrat bereits vergangenes Jahr, soll eine Aufgabe trainiert werden kann, son- effekt einer Routineaufgabe, weil die
China zum weltweit »führenden Inno- dern immer mehr Fähigkeiten erwirbt und Maschine ihre eigentliche Aufgabe fehl-
vationszentrum für künstliche Intelligenz« auf jede Problemstellung angesetzt wird. interpretiert.
werden. Kritiker bezweifeln das. Über die heute Doch wer diese letzten Fragen mitdis-
Grenzen setzt Chinas Führung der KI- schon mögliche Mustererkennung und ihre kutieren will, als Akteur und nicht nur als
Branche hingegen kaum, im Gegenteil: Rolle als Helfer bei Routineaufgaben werde Zaungast, muss erst einmal in der Lage
Die Zusammenarbeit zwischen Staat und die Maschine nie hinauskommen: sehr nütz- sein mitzuhalten. Beim Datenschutz ha-
Unternehmen ist eng, weil beide von- lich, aber im Kern doch dumm, immer auf ben die Europäer ja erlebt, wie schwer es
einander profitieren. Die Unternehmen er- den Menschen angewiesen. Selbst die bes- ist, im Nachhinein den eigenen Werten
halten über den Staat Zugang zu Daten ten Algorithmen wären nicht mal ansatz- Geltung zu verschaffen – wenn die Tech-
und gewinnen den wohl größten denk- weise in der Lage, Kreativität und Abstrak- nologie, wenn die Märkte und Produkte
baren Kunden. Der Staat wiederum be- tionsvermögen zu demonstrieren. bereits fest in den Händen anderer sind.
kommt eine Technologie, die ihm hilft, Die Maschinenintelligenz werde die Die Herausforderung, die KI in den
sein wichtigstes Ziel durchzusetzen: die Menschheit transzendieren, meint Schmid- kommenden Jahren und Jahrzehnten be-
»Stabilität der Gesellschaft«. huber. Eher früher als später, wahrschein- deuten wird, ist ungleich größer als die
Nirgendwo ist die unheimliche Allianz lich schon 2050. An diesem Punkt wären Frage, wer welche persönlichen Daten wo
so fruchtbar wie bei Anwendungen von Maschinen denkbar, »die so klug sind wie speichert und wem verkauft.
Gesichts- und Spracherkennung. Es ist wir«. Oder klüger. Die Gegenrede zu die- Die Digitalisierung schafft nicht nur glo-
kein Zufall, dass China ausgerechnet auf ser euphorischen Zukunftsvision haben bale Produkte und globale Märkte – und
diesem Gebiet der künstlichen Intelligenz Stephen Hawking und Bill Gates längst ge- das viel schneller als jemals zuvor. Sie
führend ist. halten. Sie beschrieben KI als Bedrohung schafft eben auch globale Werte, globale
Die Frage ist, wozu das autoritär regier- der Menschheit. Normen, eine Art schleichende globale
te Land KI nutzt: für die Sicherheit seiner Auch Elon Musk, der Gründer von Tesla Moral, deren Macht man sich nur schwer
Bürger, wie es offiziell heißt? Oder um und SpaceX, einer der führenden Techno- erwehren kann.
einen nie da gewesenen Überwachungs- visionäre des Silicon Valley, hat sich zum In der künstlichen Intelligenz mitzu-
staat zu errichten? Warner vor der Macht der Maschinen auf- reden, Akteur zu bleiben, Standards und
geschwungen. Er spricht vom »größten Ri- Werte mitbestimmen zu können, ist des-
siko für die Zivilisation«. Ihm sei bewusst, halb längst nicht mehr nur eine Frage, die
IV: Erlösung oder Apokalypse? sagt Musk, dass solche Warnungen drama- über den Wirtschaftsstandort Deutschland
Letzte Fragen sind solche, die sich nie be- tisch und surreal klingen. »Aber nur, bis bestimmt, über Wohlstand und Arbeits-
antworten lassen: Woher kommen wir, wo- Roboter die Straße heruntermarschieren plätze. Es ist eine politische Frage.
hin gehen wir, wer sind wir? und Menschen jagen.« Alexander Jung, Ann-Kathrin Nezik,
Auch die Beschäftigung mit künstlicher Musk illustriert seine Bedenken an Marcel Rosenbach, Thomas Schulz
Intelligenz bringt solche letzten Fragen einem Beispiel: Einer KI werde die schein-

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Wirtschaft

Hippies mit Geld


Finanzen Viele Menschen legen einen Großteil ihres Einkommens zurück, um mit
40 Jahren in den Ruhestand gehen zu können. Im Internet tauschen sie
Spartipps und Lebensweisheiten aus – denn es geht auch um Konsumkritik und Sinnsuche.

D
ie Wohnung ist weg, das Auto soll Frugalisten nennen sich die Anhänger tine und Gehaltsüberweisungen schon
im Winter verkauft werden. Zwei der Bewegung auch, nach dem englischen zum Monatsanfang. Es war ein Kleinfami-
Rollkoffer und drei kleine Ruck- Wort »frugal« für »genügsam«. Dank des lienleben, wie es millionenfach gelebt wird
säcke sind dann alles, was Alex Internets sind sie zu einer Art Community in Deutschland.
und Boboli Fischer und ihre siebenjährige geworden. In Facebook-Gruppen, bei Und doch: Irgendetwas habe gefehlt, sa-
Tochter Leni aus ihrem alten Leben noch Stammtischen und einschlägigen Veran- gen die Fischers. Sie sahen Kollegen, die
mitnehmen. Darin: Kleider für alle, ein staltungen tauschen sie Spartipps aus, ent- sich für ihr Eigenheim über Jahrzehnte ver-
paar Malsachen für Leni und ein Skate- werfen Rentenrechner und bewerben An- schuldet hatten, und verstanden sie nicht.
board, das sie gerade zum Geburtstag be- lagestrategien. Dann war da diese Leidenschaft fürs Rei-
kommen hat. Wenn man Boboli Fischer Und sie sinnieren über Lebens- und Mo- sen. Als Tochter Leni geboren wurde, kam
fragt, ob ihr nicht doch irgendetwas fehlen tivationsweisheiten. Denn das Sparen ist der Wunsch hinzu, sie nicht »ins deutsche
werde, sagt sie: »Nee!«. Und noch einmal für sie mehr als reiner Geiz. Sie feiern es Schulsystem pressen zu müssen«, wie Bo-
mit Nachdruck: »Nee!« als Gesellschaftskritik, als Antwort auf im- boli Fischer sagt. Sie findet, dass Kinder
Ein Dienstag in Peschiera del Garda, mer neue Smartphone-Modelle, überteu- in Freiheit besser lernen.
einem Ort am Gardasee. Die Fischers wir- erten Coffee-to-Go und 14-Stunden-Tage Nach und nach entstand die Idee, dau-
ken wie eine normale Touristenfamilie: ge- im Büro. Als Sinnsuche, bei der man die erhaft zu reisen. Doch dafür musste Geld
sunde Bräune, sie trägt Pferdeschwanz wirklich wichtigen Dinge im Leben er- her. »Auf Biegen und Brechen hätten wir
und blaue Strickjacke, er T-Shirt und offe- kennt. Die Eifrigsten unter ihnen achten das nie gemacht«, sagt Boboli Fischer.
nes Jeanshemd. Tochter Leni hat bunte sogar darauf, wie lange sie die Klospülung »Wir sind absolute Sicherheitsmenschen.«
Kettchen um Arm und Hals. drücken und wie viel Wasser dabei ver- Bereits 2003, lange vor dem Entschluss
Im Gegensatz zu den meisten anderen braucht wird. auf Weltreise zu gehen, hatte Alex Fischer
Gästen des Urlaubsorts aber werden sie die Familienfinanzen in die eigenen Hände
nicht mehr nach Hause fahren. Seit Juli genommen. Aus Interesse. Er machte Kas-
reisen sie durch die Welt, erst mit dem Er fragt sich bei jedem sensturz, kündigte alle Versicherungen
Auto durch Europa, der Sonne hinterher, Euro, den er ausgibt, und Fonds, die er sich im Laufe der Jahre
im Winter geht es weiter nach Asien. Es von Bankberatern hatte aufschwätzen
ist ein Hippieleben, ohne festen Wohnsitz »wie viel Lebensfreude lassen.
und ohne Schule für Leni, die von ihren er mir bringt«. Vorsichtig fing er an, selbst zu investie-
Eltern unterrichtet wird. ren. Erst mal in ein paar Einzelaktien und
Ungewöhnlich ist allerdings der finan- ETFs, Fonds also, die einen Aktienindex
zielle Plan, der hinter der Unternehmung In den USA wird schon nach verschie- widerspiegeln. Weil die Auswahl und Ge-
steckt – denn die Familie hat über zehn denen Formen des Frugalismus unterschie- wichtung der Aktien damit feststeht, muss
Jahre lang für dieses Leben gespart. Mehr den, die »New York Times« schrieb kürz- kein teurer Fondsmanager bezahlt werden.
als die Hälfte ihres Einkommens steckten lich vom »extremen«, weniger drastischen Immer tiefer arbeitete sich Fischer in
die Fischers jeden Monat in den Aufbau und vom »Barista«-Frugalismus. Dessen das Thema »Geldanlage« ein, mittlerweile
eines Aktiendepots, das jetzt große Teile Anhänger arbeiteten noch in Teilzeit als hat er eine eigene, durchaus gewagte An-
der Ausgaben deckt. Mutter Boboli absol- Barista bei Starbucks, um die Kranken- lagestrategie entwickelt und vermarktet
vierte eine 60-Stunden-Woche in einem versicherung mitzunehmen. sie über das Internet. Der Wert seines De-
Telekommunikationsunternehmen, Vater Der Zeitung zufolge sind es vor allem pots liege heute »im hohen sechsstelligen
Alex baute einen Finanzblog auf, der zu- Männer, die sich diesem Lebensstil ver- Bereich«, sagt er. Über Dividenden und
sätzliches Geld abwerfen sollte. Die Pla- schreiben, oft aus der amerikanischen Wertsteigerungen werfe es genug ab, um
ckerei hat sich gelohnt, denn jetzt, mit Techindustrie, in der sie bis zur Erschöp- zwei Drittel der Familienausgaben zu de-
ewas über 40 Jahren, können die beiden fung gearbeitet haben. cken. Den Rest spielt sein Finanzblog ein.
quasi in Rente gehen. Die Fischers sagen, sie hätten eigentlich Die Fischers haben in 15 Jahren ein Ver-
Das Paar hat damit geschafft, wovon ein schönes Leben gehabt. »Wir sind vor mögen aufgebaut, das andere in ihrem gan-
viele träumen und worauf inzwischen im- nichts geflüchtet.« Eine 100-Quadratme- zen Leben nicht hinkriegen. Aber sie ha-
mer mehr Menschen gezielt hinarbeiten: ter-Wohnung mit Garten in einem bayeri- ben auch beide gut verdient – und waren
durch ein sparsames Leben möglichst früh schen Dorf, die Umgebung idyllisch. Wie- »immer sparsam«: Ein Gehalt sei grund-
finanziell so unabhängig zu werden, dass sen, Wälder, Berge, Seen. sätzlich vollständig in den Anlagetopf ge-
man nicht mehr auf Arbeitseinkommen Anfang der Zweitausenderjahre waren wandert, jede Gehaltserhöhung ebenfalls so-
angewiesen ist. sie von Berlin dorthin gezogen, »der Le- fort »in die Sparrate« geflossen.
»Fire« lautet die Abkürzung für den bensqualität hinterher«, wie Boboli Eine gewisse Disziplin gehört dazu. Ein-
Trend, der auch in Deutschland zuneh- Fischer sagt. Hatten Jobs und Freunde ge- mal im Jahr legt die Familie das Jahres-
mend Anhänger findet: »Financial Inde- funden. Die Bausparkasse, in der Alex budget fest. »Wir haben im Schnitt von
pendence, Retire Early«. Finanzielle Un- Fischer damals anfing, warb beim Vorstel- 2500 Euro monatlich gelebt«, sagt Alex
abhängigkeit und frühe Rente. lungsgespräch mit der mediterranen Kan- Fischer. Trotzdem seien zwei Autos und

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GIANMARCO MARAVIGLIA / DER SPIEGEL


Familie Fischer am Gardasee: Einmal im Jahr das Budget für zwölf Monate festgelegt

regelmäßige Fernreisen mit dem Rucksack bei Heizung, Kfz-Versicherung und Giro- Wer Geld sparen wolle, müsse erst ein-
drin gewesen. konto. mal einen Überblick über seine Ausgaben
Der Trick sei, sagt Fischer, auch auf Klei- Klar ist aber auch: Der Weg hin zu fi- bekommen, sagt Wagner. Weil er für ein
nigkeiten zu achten. »Im Restaurant be- nanzieller Freiheit in jungen Jahren steht richtiges Haushaltsbuch zu faul gewesen
stellen wir zum Beispiel immer nur zwei eher Gutverdienern offen – ist aber auch sei, legte er damals einfach mehrere Brief-
Essen für uns alle und ein Getränk.« Wenn für die alles andere als leicht. Das zeigt die umschläge an: für Wohnkosten, Essen und
das nicht reiche, werde nachgeordert. Oft grobe Kalkulation mit einem Zinsrechner Freizeit, Kleidung. Er schätzte seinen Be-
aber auch nicht. im Internet: Wenn zum Beispiel ein 25- darf für jeden Posten, so viel Geld kam in
So oder so ähnlich argumentieren viele Jähriger sein Geld breit gestreut in Aktien den Umschlag. Nach einigen Monaten wur-
Frugalisten: Wer Geld sparen wolle, brau- anlegt, kann er mit einer Rendite nach de angepasst, nach unten oder nach oben.
che vor allem Zeit. Zeit für die Recherche Steuern von im Schnitt vier Prozent pro Dabei hat Wagner seine ganz eigene Le-
nach günstigen Unterkünften im Urlaub; Jahr rechnen. Der junge Mann plant, mit bensphilosophie entwickelt: Er fragt sich
Zeit, um regelmäßig die Flatrate für das 45 in Rente zu gehen und dann 40 Jahre bei jedem Euro, den er ausgibt, »wie viel
Handy zu überprüfen, Strom- und Gas- lang monatlich 3000 Euro zur Verfügung Lebensfreude er mir bringt«. Vor größeren
anbieter zu wechseln. Viele bieten nämlich zu haben. Dafür aber müsste er ab sofort Ausgaben lässt er 30 Tage verstreichen,
Sonderkonditionen für das erste Jahr – etwa 2000 Euro im Monat zurücklegen, um zu sehen, ob der Anschaffungswunsch
man dürfe nur das Kündigen danach nicht die Inflation ist dabei noch nicht berück- auch wirklich nachhaltig ist. Oft lautet die
vergessen. sichtigt. 2000 Euro im Monat muss man Antwort dieser eigenwilligen Kosten-Nut-
Tatsächlich lassen sich über solche Knif- aber erst einmal haben – und dann auch zen-Rechnung: Das lohnt sich eigentlich
fe die monatlichen Ausgaben deutlich re- noch von etwas leben. nicht.
duzieren. Rund 2000 Euro im Jahr kann Florian Wagner, 31, hat das nach sei- Mittlerweile hat Wagner seine Ausga-
ein Durchschnittshaushalt in Deutschland nem Berufsstart als Wirtschaftsingenieur ben auf 1000 Euro im Monat gedrückt.
allein dadurch sparen, dass er seine Finan- tatsächlich geschafft. Er habe nach seinem Und er behauptet felsenfest, das strenge
zen selbst in die Hand nimmt, hat der Studium schnell festgestellt, dass mehr Sparen bedeute für ihn »mehr Lebensqua-
Chefredakteur der Website Finanztip.de, Besitz ihn nicht glücklich mache, sagt er. lität«. Einmal die Woche geht er bei Aldi
Hermann-Josef Tenhagen, ausgerechnet. »Mit jeder Gehaltserhöhung stiegen meine einkaufen und kocht mehr als früher. Er
Und das, ohne an Komfort einzubüßen. Ausgaben«, sagt er, »bis ich irgendwann macht Spaziergänge oder fährt Fahrrad,
300 Euro könne durch den Wechsel des dachte: Was soll das bringen?« Sein Leben statt die U-Bahn zu nehmen, geht viel wan-
Stromanbieters zusammenkommen, 550 sei dadurch kein bisschen besser ge- dern. Wenn Freunde in eine Cocktailbar
Euro bei Telefon und Internet, der Rest worden. wollen, schlägt er vor, die Drinks doch lie-

73
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„EIN GROSSER FILM ...


ATEMBERAUBEND!“ ber zu Hause zu mixen, »das macht auch strategie auf lange Sicht an den Erträgen
ZDF heute journal
viel mehr Spaß«. Für Kleidung braucht er der Aktienmärkte teilhaben kann. Wenn
noch 240 Euro. Im Jahr. aber die eine besondere Anlagestrategie
Einen Luxus, den sich der Stuttgarter empfohlen wird, die immer finanzielle
gönnt, ist ein jährliches Beachvolleyball- Freiheit oder gar den schnellen Reichtum
camp in Italien und ein rund 60 Euro teu- garantiert, rate ich sehr deutlich zu Vor-
rer Ball dazu. Als dieser neulich kaputt sicht.« Sogenannte Anlagegurus ver-
war, »schwebte mein Finger schon auf dem schwänden meist so schnell aus der Öffent-
Amazon-Kaufbutton für einen neuen«, lichkeit wie sie gekommen seien.
sagt er. Aber dann googelte er und fand Denn die Frage ist, was von dem Hype
einen Internetanbieter, der eine Reparatur übrig bleibt, wenn es an den Börsen mal
für acht Euro anbot. so richtig abwärts geht oder die Kredit-
In vier Jahren hat Wagner auf diese Wei- zinsen wieder ordentlich steigen.
se rund zwei Drittel seines Gehalts zurück- Aktienmärkte können ein Jahrzehnt
gelegt und mehr als 140 000 Euro ange- oder länger stagnieren oder mehrere Jahre
spart. Zum Vergleich: Der normale Deut- Verluste verzeichnen. »Nur wenige Privat-
sche bringt es im Schnitt gerade mal auf anleger haben die Nerven, solche Phasen
rund zehn Prozent seines Einkommens. auch auszusitzen«, sagt der Berliner Ver-
Und das gilt international schon als viel. mögensberater Thomas Vollkommer. »Die
Die Anzahl derer aber, die gar nichts meisten geben vorher auf und verlieren so
zurücklegen, ist in den vergangenen Jah- viel Geld.« Je langfristiger eine Rechnung
ren drastisch gestiegen – von 20 auf außerdem angelegt sei, desto größer sei
29 Prozent in nur zwei Jahren, wie der das Risiko, dass sie am Ende nicht ganz
Bundesverband der Deutschen Volksban- aufgehe. »Wer wirklich mit Mitte vierzig
ken und Raiffeisenbanken kürzlich ermit- in Rente gehen will, muss schon sehr große
telt hat. Grund dafür, heißt es bei dem Ver- Sicherheitspuffer aufbauen, damit ihm
band, sei wohl die Niedrigzinspolitik der nicht mit Anfang sechzig plötzlich das
Europäischen Zentralbank. Die führe Geld ausgeht.«
dazu, dass Festgeld und Spareinlagen Die meisten Leute hielten es sowieso
kaum mehr etwas abwerfen. Da macht das nicht lange ganz ohne Arbeit aus, sagt Gi-
Sparen wenig Spaß. sela Enders, die in Berlin Seminare zum
Viele Frugalisten machen ihr Vermögen Thema Geld anbietet. Sie hat ein Buch
denn auch mit teils hochriskanten Immo- über Menschen geschrieben, die finanziell
bilien- oder Aktieninvestments. Bereiche, ausgesorgt haben. »Fast alle«, sagt sie, »ha-
in denen, das kann man so sagen, der Fun- ben nach kurzer Zeit irgendein Projekt ge-
Faktor in den vergangenen Jahren recht startet oder wieder irgendeine regelmäßige,
hoch war. Die Immobilienpreise explodier- oft zeitlich dosierte Tätigkeit aufgenom-
VOM OSCAR®-PRÄMIERTEN REGISSEUR
ten, die Kreditzinsen sind niedrig, die Bör- men.« Ihre Freiheit bestehe darin, dass sie
DAMIEN CHAZELLE
se boomt seit mittlerweile zehn Jahren fast machen könnten, was ihnen Spaß mache.
ununterbrochen. Auch die Fischers sitzen bei ihrer Welt-
Er gehört zu den größten Helden des Viele der Extremsparer treten deshalb reise nicht nur in Cafés und am Strand he-
20. Jahrhunderts: Neil Armstrong, der recht selbstsicher auf und versuchen, aus rum. Boboli Fischer hat einen Reiseblog
erste Mann auf dem Mond. dem Spartrend Geld zu machen. Einer der gestartet und liest sich gerade in die Päda-
bekanntesten Vertreter der Szene, der Ber- gogik ein. Sie will herausfinden, wie sie
AUFBRUCH ZUM MOND erzählt liner Lars Hattwig, hat eine »Passiver ihre Tochter am besten unterrichten kann.
eindringlich aus Armstrongs Leben Geldfluss Academy« gegründet, die finan- Ihr Mann bastelt weiter an seinem Finanz-
und von den enormen Konflikten und zielle Unabhängigkeit »in wenigen Jahren« blog.
Entbehrungen, mit denen der Pilot verspricht. Wirtschaftsingenieur Wagner, der von
Auch Wirtschaftsingenieur Wagner ver- 1000 Euro im Monat lebt, hat sich kürzlich
vor und während seiner legendären
breitet seine Erkenntnisse auf einer Web- ausgerechnet, wie lange er mit seinem be-
Mission konfrontiert war.
site namens Geldschnurrbart.de, benannt reits Ersparten über die Runden kommt.
nach dem Urvater des Frugalismus in Die Antwort lautete: beim jetzigen Lebens-
Der mitreißende Film führt erneut ein Nordamerika – »Mr. Money Moustache«. stil ziemlich lange. Also hat er gekündigt.
gefeiertes Duo zusammen: den Oscar®- Alex Fischer, der mit seiner Familie durch Sein Job bei einem Automobilzulieferer
Preisträger und Regisseur Damien die Welt reist, hat seinen Blog schlicht hat ihm keinen Spaß mehr gemacht, jetzt
Chazelle (La La Land ) und den Oscar®- Reich-mit-plan.de genannt. Für 199 Euro sucht er nach einer neuen Aufgabe, die
Kandidaten Ryan Gosling. können seine Leser eine zwölfmonatige ihn ausfüllt. Dann könne er sich auch
»Mitgliedschaft« beim »Dividendenalarm« durchaus vorstellen, wieder viel zu arbei-
EIN BEWEGENDER FILM ÜBER erwerben und sich allerlei Auswertungen ten. Und zwar bis zum Rentenalter.
DAS GRÖSSTE WAGNIS DER zusenden lassen, um unterbewertete Ak- Anne Seith
MENSCHHEIT. tien aufzuspüren.
Niels Nauhauser von der Verbraucher-
zentrale in Baden-Württemberg rät, sol- Video
Mit 40 in Rente?
chen Blogs »mit gesunder Skepsis« zu be- Ein Frugalist rechnet vor
gegnen. »Absolut richtig ist, dass man mit
JETZT IM KINO gut diversifizierten Aktienindexfonds und
spiegel.de/sp462018frugalisten
oder in der App DER SPIEGEL
einer simplen Kaufen-und-halten-Anlage-

/ZumMond.DE
74 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018
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Wirtschaft

im Aufsichtsrat so stark vertreten sind wie

»Immigration ist die Kapitalseite. Das ist eine der großen


Stärken der Wirtschaft und der Gesell-
schaft in Ihrem Land.
SPIEGEL: Sie sind Wall-Street-Banker und

eindeutig gut« klingen wie ein Gewerkschafter.


Jacobs: Na ja, ich finde, man darf auch
Ansichten unabhängig von seinem Beruf
haben. Vielleicht geht das unter, aber in
Weltwirtschaft Kenneth Jacobs, Investmentbanker, warnt vor den USA wird frei von politischer Neigung
den Folgen der US-Wirtschaftspolitik, lobt das deutsche zunehmend darüber diskutiert, wie wir
Mitbestimmungsmodell und fordert eine Debatte über Einwanderung. die sozialen Sicherungssysteme verbessern
können. Die Gesundheitsversorgung etwa
ist für die meisten Amerikaner das wich-
Jacobs, 60, wollte eigentlich Basketballprofi einer multilateralen Welt mit den USA als tigste Thema, wie ja gerade die Zwischen-
werden, machte dann aber Karriere an der Leitbild letztlich allen zugutekommen. wahlen gezeigt haben.
Wall Street: Seit 2009 ist er Chef von Seit Trump im Amt ist, wird dieses Leitbild SPIEGEL: Trump wird von handelspoliti-
Lazard, einer der weltweit einflussreichsten schwächer. Und mit ihm verschwinden ei- schen Hardlinern wie Peter Navarro und
Investmentbanken. nige der Leitplanken, die immer verhin- Robert Lightizer beraten. Gibt es jeman-
dert haben, dass andere Länder zu sehr den in seiner Nähe, der verhindern könnte,
SPIEGEL: Mr Jacobs, die Zinsen sind nied- vom Weg abkommen. Das macht mir Sor- dass der Handelskrieg eskaliert?
rig, Wirtschaft, Börse und Bankgeschäft in gen, vor allem mit Blick auf einige latein- Jacobs: Ich kenne niemanden. Die einzige
den USA boomen – wie zufrieden sind Sie amerikanische Länder und die Türkei. Person, auf die Trump hört, ist er selbst.
mit Präsident Donald Trump? SPIEGEL: Hat Trump nicht recht, wenn er Für ihn ist es ein Spiel: Bis wohin kann ich
Jacobs: So ein Urteil hängt nicht nur von Auswüchse des Freihandels kritisiert und gehen, um meine Anhänger zu mobilisie-
der Wirtschaft ab. Aber es stimmt: Die darauf verweist, dass die Chinesen die Re- ren, ab wann schadet es meiner Basis? Da-
US-Konjunktur ist in guter Verfassung. Die geln einseitig zu ihren Gunsten auslegen? bei ist eines ganz klar: Ein Handelskrieg
Grundlage dafür haben Ex-Präsident Barack mit China würde vor allem die Branchen
Obama und die Notenbank nach der Finanz- und Arbeitnehmer treffen, die Trump und
krise gelegt. Trumps Wirtschaftspolitik ist die Republikaner unterstützen.
auf Wachstum gerichtet und setzt diese SPIEGEL: Sie sind nicht nur Fan der deut-
Politik fort. Dennoch bleiben Fragen offen. schen Mitbestimmung, sondern gelten
SPIEGEL: Was meinen Sie? auch als Befürworter von Einwanderung
JOHANNES SIMON / PICTURE ALLIANCE / SZ PHOTO / DPA

Jacobs: Vor allem die Steuerreform. Die und loben Kanzlerin Angela Merkel für
kam zur falschen Zeit, weil die Wirtschaft ihre Politik der offenen Grenzen. Wieso?
ohnehin stark wächst. Jacobs: In einer entwickelten, aber altern-
SPIEGEL: Sie als Unternehmer dürften da- den Volkswirtschaft kann sich Wachstum
mit doch kein Problem haben. nur aus zwei Quellen speisen: Wachstum
Jacobs: Auch als Unternehmer ist die Liebe der Produktivität und beziehungsweise
zu meinem Land größer als die Liebe zur oder der Bevölkerung. Keines von beidem
Wirtschaft. Die wachsende soziale und wirt- ist in Europa der Fall. Studien zeigen, dass
schaftliche Ungleichheit ist ein Problem, die Produktivität in alternden Volkswirt-
und nicht alle Amerikaner profitieren von schaften abnimmt. Bei rückläufiger Gebur-
der Einkommensteuerreform. Geringverdie- tenrate und alternder Bevölkerung kann
ner etwa haben minimalen Nutzen. Und was Bevölkerungswachstum also nur durch
die Senkung der Unternehmensteuern an- Wall-Street-Banker Jacobs Zuwanderung entstehen. Übrigens auch
geht: Es ist unklar, wie viel von dem zusätz- »Kein Mensch glaubt daran« durch Leute ohne besondere Ausbildung.
lichen Geld investiert oder direkt wieder an Es gibt genug zu tun. Was wir daher brau-
die Aktionäre ausgeschüttet wird. Zugleich chen, ist eine ehrliche Debatte über soziale
sieht es so aus, als steige das Etatdefizit im Jacobs: Es ist nicht alles falsch, was er sagt. Kosten und Nutzen von Immigration. Für
Haushaltsjahr 2019 auf fast tausend Milliar- Aber Trump versteht Handel als bilaterale mich steht fest: Unter dem Strich ist Im-
den Dollar und im Jahr 2020 darüber hinaus. Angelegenheit. Kein Mensch außerhalb migration für alternde entwickelte Volks-
Das entspricht fünf Prozent der Wirtschafts- des Weißen Hauses glaubt daran. Seine wirtschaften eindeutig gut. Eindeutig.
leistung, und das bei starker Konjunktur. Das Handelspolitik ignoriert wichtige funda- SPIEGEL: Das sehen aber viele Menschen
ist besorgniserregend, vor allem wenn die mentale Probleme innerhalb der USA. in vielen Ländern anders.
Zinsen irgendwann wieder deutlich steigen. SPIEGEL: Welche sind das? Jacobs: Weiß ich. Das ändert aber nichts
SPIEGEL: Leiden dann nicht vor allem Jacobs: Vor allem dass nicht jeder Anteil daran, dass ich ein kompromissloser An-
Staaten und Konzerne in Asien, die hohe an den wirtschaftlichen Vorteilen des Frei- hänger von Immigration in den USA bin.
Dollar-Schulden haben? Steigen die US- handels hat. In den USA haben Aktionäre Die USA sind Immigrationsexperten, das
Zinsen, wertet der Dollar auf. In der Folge und Konsumenten beträchtlich profitiert, kann niemand so gut wie wir. Auch heute
fallen die lokalen Währungen, Firmen ge- die Arbeitnehmer jedoch nicht. Doch eine noch. Vielleicht bin ich ein unverbesserli-
hen pleite, wie zuletzt in der Türkei. Debatte über die Verteilung des Nutzens cher Optimist. Aber ich glaube daran, dass
Jacobs: Die Situation ist nicht neu für von freiem Handel wird nicht geführt. die Mehrheit der Amerikaner das ganz ge-
die Staaten und Unternehmen dort. Viel SPIEGEL: Was ist zu tun? nauso sieht, egal was einige Politiker oder
schlimmer ist, dass grundlegende Gewiss- Jacobs: Wir könnten mehr auf Deutsch- TV-Moderatoren erzählen.
heiten der vergangenen Jahrzehnte ver- land schauen. Dort können die Arbeitneh- Interview: Tim Bartz
loren gehen: nämlich dass freie Märkte in mer ihre Rechte wahrnehmen, indem sie

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 75


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und stellte es auf ein Kleinanzeigenportal.

Contergan bei Ebay »Ich hatte ehrlich keine Ahnung, dass man
das nicht verkaufen darf«, sagt er am Te-
lefon. Neben dem Schmerzmittel Trama-
dol und dem Blutdrucksenker Valsartan
Handel Nasensprays, Kopfschmerztabletten oder Antibiotika finden sich unter seinem Benutzernamen
werden von Privatpersonen im Internet angeboten. Die auch ein Radiowecker und diverse Garten-
wenigsten Verkäufer wissen, dass sie sich damit strafbar machen. geräte aus dem Nachlass seines Vaters.
Auch sonst ist die Motivation für den
Onlinehandel meist nachvollziehbar: »Ich
hatte sechs Schachteln gekauft, leider ver-
trage ich das Medikament nicht und möchte
es darum hier anbieten«, schreibt eine Frau.
Urlaubsrückkehrer wollen die teuer erstan-
dene Malariaprophylaxe nicht einfach un-
genutzt entsorgen. Sogar Choleraimpfstoff
kann gekauft werden – ohne Rezept und
vor allem ohne die Sicherheit, dass die Kühl-
kette nicht unterbrochen worden ist. Ein
Nutzer begründet den Verkauf so: »Wir
haben uns nach dem Kauf dagegen entschie-
den, da unser Reiseland nur ein geringes
Risiko hatte« und wünscht »viel Spaß beim
Sofort-Kaufen und dann beim Reisen!«.
Sprüche wie diese treiben Reinhard
Rokitta in den Wahnsinn. Er ist Apotheker
in Bünden. Der Kampf gegen den »brand-
gefährlichen und rechtswidrigen Handel«
mit Medikamenten durch Laien ist für den
Pharmazeuten zu einer Art Lebensthema
geworden.
Auslöser war ein harmloses Gespräch
mit einem Kunden. Dieser fragte ihn im
März 2013, ob er ihm ein Malariamedika-

D ie Idee kam der 26-jährigen Frau


aus dem sächsischen Bautzen, als
am Ende des Monats das Geld
knapp wurde: Warum nicht die Antibaby-
rechtswidrige Arzneimittelangebote von
Nichtapothekern, waren es in diesem Jahr
schon jetzt rund 2900 Anzeigen bei
Onlineportalen in Deutschland, darunter
ment ohne Rezept verkaufen könne, sonst
müsse er das im Internet bestellen. Auf
Rokittas Frage, wo es das ohne Rezept gebe,
kam die Antwort: »Auf Lonelyplanet.de«.
pille zu Geld machen? Von ihrem Freund 720 verschreibungspflichtige Medikamen- Rokitta recherchierte und stieß auf ein
hatte sich die Büroangestellte gerade ge- te. Die Zahlen stammen vom Verein Freie Forum, in dem Malariatabletten angebo-
trennt, die Packung mit dem Verhütungs- Apothekerschaft, der Portale wie Ebay, ten wurden, die Reisende nicht gebraucht
mittel trotzdem bezahlt. Quoka oder Ebay-Kleinanzeigen über- hatten. Manchmal waren die Packungen
So bot sie den unangetasteten Sechs- wacht. Die Dunkelziffer dürfte weit höher nicht mehr vollständig. Rokitta monierte
monatsvorrat kurzerhand in einem Inter- sein, nicht alle Angebote werden von der seinen Fund bei Lonelyplanet, innerhalb
netforum für 20 Euro an, in der Apotheke Truppe gefunden, manche schnell gelöscht. kurzer Zeit wurde der Handel dort gene-
hatte sie das verschreibungspflichtige Me- Auch als Kaufinteressierter muss man ein rell unterbunden.
dikament für 37,39 Euro gekauft – mit bisschen suchen, nicht immer ist alles verfüg- Die Sache ist deshalb so bizarr, weil es
einem Rezept ihrer Gynäkologin. Ein bar. Doch wer Zeit hat, findet grundsätzlich wohl kaum ein strenger reguliertes Ge-
Schnäppchen also, ganz ohne Stress. so gut wie alles: Haarwuchsmittel, Nasen- schäft als den Verkauf von Arzneimitteln
Einen Haken allerdings hat das Ganze: spray, Insulin, Thrombosespritzen, Botox, gibt: Es ist geregelt, dass für Apotheken-
Die Verkäuferin begeht eine Straftat, denn Verhütungspillen, Hyaluronsäure, starke stempel auf dem Rezept rote Stempelfarbe
Privatpersonen dürfen auch im Internet Schmerzmedikamente oder Antibiotika. verwendet werden muss. Enthält das Do-
nicht mit apothekenpflichtigen Arzneimit- Manchmal tragen die Packungen kyril- kument kein Geburtsdatum des Patienten,
teln handeln. lische Aufschriften oder kommen aus süd- ist es ungültig. In den Regalen, die der Kun-
Es reicht, Elmex-Gelee-Zahnpasta, Na- europäischen Ländern. Auch leere Packun- de selbst anfassen darf, dürfen nur Kosme-
senspray oder Paracetamol im Netz anzu- gen finden sich unter den Angeboten – sol- tika und Co. stehen. Frei verkäufliche Mit-
bieten, um sich strafbar zu machen – was che Verkäufe sind nicht strafbar. Doch die tel, leichte Schmerzmittel, Hustensaft oder
die meisten Anbieter, wie auch die Büro- meisten Arzneimittel stammen aus Apo- Nasensprays etwa, gehören hinter den Tre-
angestellte aus Bautzen, allerdings nicht theken, lagerten eine Weile bei normalen sen. Rezeptpflichtige Medikamente müs-
wissen. Es sind Verstöße gegen das Arznei- Patienten zu Hause. sen nicht einsehbar gelagert werden, für
mittelgesetz, es drohen Geld- oder Frei- Wie auch im Fall eines Mannes aus Ber- sie darf in der breiten Öffentlichkeit auch
heitsstrafen bis zu drei Jahren, die Staats- lin-Rudow. Als sein Vater vor einigen Wo- nicht geworben werden.
anwaltschaften sind verpflichtet, ihnen an- chen starb, fand er in dessen Schublade All das stört bei Ebay, Ebay-Kleinanzei-
gezeigte Straftaten zu verfolgen. die Medikamentenvorräte: Pillen gegen gen oder Portalen wie der Mannheimer
Trotzdem steigt der private Handel mit die Herzprobleme, Schmerztabletten und Plattform Quoka wenig. Onlinemarkt-
Medikamenten im Netz sprunghaft an: vieles mehr. Der 56-jährige Bauingenieur plätze haben sich längst zum Ort für den
Gab es im Jahr 2017 mindestens 2500 wollte das nicht einfach alles entsorgen illegalen Handel entwickelt. Die Betreiber

78 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Wirtschaft

argumentieren regelmäßig, sie seien nur ein sein Ministerium sieht allerdings keinen dikamentenpackungen. Filter reagierten
Marktplatz mit bestimmten Regeln. Man Handlungsbedarf: »Der Begriff des Handel- etwa auf konkrete Bezeichnungen von Prä-
könne Angebote, die nicht legal erschienen, treibens ist weit zu verstehen«, teilte das paraten, aber auch auf allgemeinere Wör-
ja melden. Man werde das dann prüfen. Ministerium den Apothekern mit. Es sei ter wie »Pillen« oder »Tabletten«.
Dass es für die Kunden riskant sein »jede eigennützige auf Umsatz gerichtete Wirklich zu funktionieren scheint das
kann, den illegalen Handel zu tolerieren, Tätigkeit« gemeint. Das Arzneimittelge- aber nicht. So stand 2015 eine ganz beson-
ficht die Plattformbetreiber offenbar nicht setz beinhalte »kein Schlupfloch«, durch das dere Auktion bei Ebay online, überschrie-
an: Hochwirksame Medikamente ohne Ex- Privatpersonen Handel treiben könnten. ben mit »Contergan Forte arznei«. Der Ver-
pertise einzunehmen kann zur Lebens- Urteile gegen diese Form des illegalen käufer schrieb als Artikelbeschreibung bei
bedrohung werden. Außerdem sollten sich Arzneimittelhandels gibt es so gut wie Ebay: »Ich habe beim Aufräumen EINE org.
auch die Krankenkassen für das illegale nicht. Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten verpackte Contergan gefunden. Es ist noch
Treiben interessieren – sie dürften den verurteilte 2004 etwa einen Angeklagten EINE Tablette in dem Röhrchen.« Und wei-
größten Teil der im Netz angebotenen zu einer Geldstrafe von 1050 Euro, weil ter: »Keine Garantie oder Rücknahme«.
Ware vorher bezahlt haben. er drei Viagra-Tabletten verkauft hatte. Contergan löste einen der größten Skan-
»Was uns entsetzt, ist der Umstand, dass Zur Wahrheit gehört aber auch: Sofern dale der Pharmageschichte aus, Tausende
sich Politiker, Behörden und Kammern ein- überhaupt Ermittlungen aufgenommen wer- Kinder kamen behindert zur Welt, nachdem
fach wegducken. Niemand fühlt sich rich- den, stellen die Strafverfolger die Verfahren ihre Mütter während der Schwangerschaft
tig zuständig«, sagt Rokitta. häufig ein. »Wenn die Justiz nicht endlich das Beruhigungsmittel eingenommen hatten.
Das Problem: Das Arzneimittelgesetz konsequent ist, wird der illegale Handel zu Ebay teilt auf Anfrage mit, man wisse
sieht zwar einen Straftatbestand, wenn einer Art Graubereich«, kritisiert Rokitta. nicht, was »konkret aus dem Angebot«
dem Täter eine »Berufs- oder Gewerbs- Zwar versichern die Plattformen, dem geworden sei.
mäßigkeit« vorgeworfen werden kann und Handel Einhalt gebieten zu wollen. So Martin U. Müller
die Pille gegen Entgelt weitergegeben wird. weist das deutsche Anzeigenportal Quoka Mail: martin.mueller@spiegel.de
In der Realität werden aber viele Fälle darauf hin, dass die Nutzungsbedingungen Twitter: @MartinUMueller
nicht verfolgt. den illegalen Handel mit Arzneimitteln ver-
Die Freie Apothekerschaft, deren Schatz- bieten würden, wie auch den mit Waffen.
meister Rokitta ist, will das so nicht hin- Branchenprimus Ebay teilt mit, man sei Video
Schmerzmittel per Klick
nehmen. Die Apotheker reichten Petitio- »in erheblichem Umfang proaktiv tätig,
nen ein, wandten sich an Politiker und um unzulässige Angebote zu identifizieren spiegel.de/sp462018ebay
schrieben mehrmals an Bundesgesund- und zu beenden«. Aus Sicherheitsgründen oder in der App DER SPIEGEL
heitsminister Jens Spahn. Ausgerechnet verbiete man sogar den Verkauf leerer Me-

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Ausland
Die Dinge in Washington werden nun nicht weniger verrückt oder konfrontativ werden. ‣ S. 82

MARCO LONGARI / AFP


Gebannt verfolgt der alte Mann, wie in einem Wahllokal in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars, nach
der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am Mittwoch Stimmen ausgezählt werden. 36 Kandidaten
hatten sich beworben, eine echte Chance haben aber nur der bisherige Präsident und zwei seiner Vorgänger –
drei Multimillionäre in einem der ärmsten Länder Afrikas. Ein Sieger stand am Donnerstag noch nicht fest.

Analyse

An der Frontlinie
Mit Lehren aus dem Ersten Weltkrieg wirbt Frankreichs Präsident um Deutschland.

Womit lässt sich der Frieden inniger beschwören als mit der Erin- Kritik an den französischen Siegern und deren Umgang mit den
nerung an einen Krieg? »Grande Guerre« wird der Erste Welt- deutschen Verlierern. Dass Macron der Ambivalenz der Geschich-
krieg in Frankreich genannt, und Emmanuel Macron nimmt den te Tribut zollt, zeigt seine Äußerung über Philippe Pétain. Der
100. Jahrestag des Kriegsendes zum Anlass für eine historische wurde während des »Großen Kriegs« als Nationalheld gefeiert;
Begehung. Acht Tage lang befand sich der Präsident auf einem Jahrzehnte später aber wirkte er als oberster Nazi-Kollaborateur.
»Weg des Gedenkens«. Er besuchte die Stätten der Verwüstung Und natürlich geht es auch um heute, um diese seltsame Bezie-
entlang der einstigen Frontlinie. Von Straßburg über Verdun hung zwischen Berlin und Paris, die einer eher unbefriedigenden
und Reims bis nach Compiègne, wo er an diesem Samstag Angela Ehe gleicht, in der der eine möchte, was der andere partout nicht
Merkel als seinen Ehrengast vor jenem Eisenbahnwaggon emp- will – ein schnelleres Zusammenwachsen. Dazwischen webt
fängt, in dem der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Macron die Gegenwart, mit Blick auf die Gräber von Verdun for-
Warum das Ganze? Für Macron muss Politik auch einen Über- dert er eine europäische Armee. Auch sich selbst vergisst er nicht:
bau haben, damit sie über das Konkrete, das Alltägliche hinaus- Er nutzte die Reise, um kleine, vergessene Ortschaften zu besu-
weist. Dafür müssen Symbole her: Die schiere Dauer seiner Wan- chen und Rentnern zu erklären, warum sie jetzt weniger im Geld-
derschaft zeigt den Stellenwert, den diese für Macron hat. Es geht beutel haben. Ob seine Bemühungen fruchten, wird die Geschichte
um 1918 und damit auch um die so oft als haltlos abgeschmetterte zeigen, der er nun eine Woche lang gehuldigt hat. Julia Amalia Heyer

80 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Italien bung sind es sogar 97 Prozent. Bürger- Ägypten


Tod im Schwarzbau meister, die einschreiten, ernten massiven »Wie die Mafia«
Widerstand und werden bedroht. Und
 Der Vorfall erschütterte das ganze so wurde sogar schon im Unesco-Weltkul- Ägyptens vom Militär
Land: Neun Menschen starben Anfang turerbe »Tal der Tempel« bei Agrigent getragene Regierung
November in einem Haus südlich der ohne Genehmigung gebaut. Im Fall der bürdet dem Land
sizilianischen Hauptstadt Palermo, hin- neun Toten auf Sizilien hatte die zustän- immer neue Milliarden-
weggespült von einer Schlammlawine. dige Gemeinde bereits 2008 versucht, schulden auf, die Infla-
Dass die zerstörte Behausung illegal die Abrissgenehmigung umzusetzen. Die tion galoppiert. Der
zu nah an einem Fluss errichtet und be- Bewohner des Hauses aber legten Revi- renommierte Ökonom
reits vor zehn Jah- Abdelkhalek Farouk, 61,
ren zum Abriss frei- kritisiert die Misswirtschaft am Nil in
gegeben worden einem neuen Buch, aber es wurde
war, kam erst in der prompt beschlagnahmt, der Experte
Folge heraus. Die landete für neun Tage im Gefängnis.
Tragödie wirft ein
Licht auf die Ver- SPIEGEL: Warum genau wurden Sie
hältnisse vor allem verhaftet?
im Süden Italiens. Farouk: Angeblich, weil ich Lügen ver-
Während im Friaul, breite. Tatsächlich wurde ich festge-
im Nordosten Ita- nommen, weil ich unseren Präsidenten
liens, auf 100 ge- Abdel Fattah el-Sisi kritisiere.
nehmigte Bauvor- SPIEGEL: Sisi sagte im Januar 2017:
haben nur 3 bis »Wir sind sehr arm.«
4 illegale kommen, Farouk: Und mein Buch heißt: »Ist

IGOR PETYX / IMAGO


sind es in Sizilien Ägypten wirklich ein armes Land?«
oder Kalabrien fast SPIEGEL: Etwa nicht?
20-mal so viele. Farouk: Wir haben viele Ressourcen,
Der Prozentsatz an doch Ägypten betreibt eine miserable
ungesetzlich hoch- Trauerzug für die Flutopfer in Palermo Wirtschaftspolitik. Das Land wird von
gezogenen Gebäu- Interessengruppen beherrscht, die
den hat sich landesweit binnen zehn Jah- sion ein – und erwirkten so einen letzt- sich aufführen wie die Mafia und die
ren mehr als verdoppelt. Seit 2004 haben lich tödlichen Aufschub. Denn Gerichte öffentlichen Kassen plündern. Die
italienische Gerichte den Abriss von mehr auch in Italien nehmen sich gern Zeit: Armen und die Mittelschicht dagegen
als 71 000 Häusern angeordnet. Mehr Ehe in dritter Instanz ein rechtskräftiges müssen immer höhere Abgaben zahlen.
als vier Fünftel dieser Schwarzbauten aber Urteil gefällt wird, vergehen im Schnitt SPIEGEL: Das sind für Ägypten keine
stehen bis heute; in Neapel und Umge- fast vier Jahre. WMA wirklich neuen Probleme.
Farouk: Richtig. Aber unter Präsident
Sisi verschärft sich die Misere. Nehmen
wir den Bau der neuen Hauptstadt süd-
Chappatte östlich von Kairo. Für das Prestigepro-
jekt sprach Sisi dem Militär per Dekret
700 Quadratkilometer Land zu und
ließ eine neue Holding schaffen, die zu
einem großen Teil der Armee gehört.
So legte er fest, dass Einnahmen aus
dem Großprojekt direkt an das Militär
fließen – und nicht in die Staatskasse.
SPIEGEL: Die Regierung sagt, der Bau
belaste den Haushalt nicht.
Farouk: Das sagt sie, weil der Unmut
über das Vorhaben wächst. In meinem
Buch, das ich jetzt ins Internet gestellt
habe, belege ich, dass es eben doch mit
öffentlichen Mitteln finanziert wird.
SPIEGEL: Was haben Sie in der Haft
erlebt?
Farouk: Es war furchtbar, wie in einem
Grab. Meine Zelle war unter der Erde,
ohne jegliches Sonnenlicht. Abwasser
strömte über den Zellenboden.
SPIEGEL: Haben Sie keine Angst, dass
Sie nach diesem Interview erneut ver-
haftet werden könnten?
Farouk: Es ist klar, dass Sisi keine
Kritik duldet. Aber ich lasse mir meine
Meinung nicht verbieten. RAS

81
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Ausland

D
ie größte Gefahr für Donald ermittler Robert Mueller einstellen oder eine von Tausenden Aktivistinnen in Ame-
Trumps Zukunft als Präsident behindern will. rika, ein Steinchen in einem großen
steht an einem kühlen Novem- Am Resultat dieser Zwischenwahlen ha- Mosaik. Als ihre Kandidatin, die frühere
bermorgen in der Tür eines Ein- ben Frauen wie Diane Smith einen großen Obama-Mitarbeiterin Haley Stevens, am
familienhauses in Novi, einem Vorort von Anteil. Sie haben dafür gesorgt, dass es im Dienstag im 11. Distrikt gewann, hatte
Detroit, im US-Bundesstaat Michigan. Es Parlament wieder eine Opposition gibt. Smith Tränen in den Augen. »Mein ganzer
ist der Tag nach der Wahl, und Diane Die Wähler der Demokraten haben Ame- Körper zitterte.«
Smith lässt einen kurzen Schrei der Freude rika einen Teil der »checks and balances« Die Kongresswahlen waren eine Wahl
in die Luft. »Yeah!« Dann bittet sie ins zurückgegeben, die diese Demokratie seit der Frauen – das ist die erste Lektion von
Warme und setzt Kaffee auf. Jahrhunderten vorbildhaft machten. diesem Dienstag. Nie zuvor traten derart
Smith ist 57 Jahre alt, Mutter zweier Smith wohnt eine halbe Stunde westlich viele Kandidatinnen an, vor allem für die
Söhne, Anwaltsgattin, amerikanischer von Detroit, großes Haus, riesige Fenster, Demokraten; schon lange nicht mehr
Durchschnitt. Eine freundliche Dame, die draußen fallen rote Blätter von Essigbäu- stimmten so viele weibliche Wähler für
zehn Jahre jünger aussieht, wenn sie lacht. men auf eine breite Einfahrt. Hier gewan- die Demokraten, 59 Prozent – das sind 19
Und Smith lacht viel im Moment. Sie zählt nen bei Kongresswahlen seit Jahrzehnten Prozentpunkte mehr als für die Republi-
zu jenen Wählern, die sich wegen Trump die Republikaner. Smith sagt: »Ich war kaner. Nie zuvor gab es derart viele Frau-
von der republikanischen Partei abge- 30 Jahre lang Republikanerin und habe en, die dem Präsidenten im Vorfeld der
wandt haben, eine von Hunderttausenden, nichts gegen echte konservative Politik.« nächsten großen Wahl gefährlich werden
vielleicht Millionen in den USA. Smith ist Sie stimmte für Bush senior, Bush junior, können, als potenzielle Kontrahentinnen
einer der Gründe dafür, dass die Republi- konservative Senatoren, konservative Ab- im Kampf um das Weiße Haus.
kaner am vergangenen Dienstag Was den Republikanern zudem
die Mehrheit im Repräsentanten- Angst machen sollte: Sie haben

Zwei bittere
haus einbüßten. Und sie könnte quer durch die USA Abgeordne-
mit dafür sorgen, dass Trumps tensitze und Gouverneursposten
Wiederwahl in zwei Jahren schei- verloren, selbst in einst tiefroten
tert, im November 2020. Gegenden. Vom Bundesstaat New
Am Dienstag wählte Amerika York über Virginia hinunter nach

ZACH GIBSON / GETTY IMAGES


Jahre
einen neuen Kongress, aber es Florida; von Illinois, Minnesota,
war mehr als eine Wahl. Es war Texas und Colorado bis nach Okla-
eine Teilentmachtung von Donald homa und Georgia. Unter den ver-
Trump, eine Volksabstimmung lorenen Gebieten sind viele Vor-
über einen Präsidenten mit Hang städte und Siedlungen, in denen
zum Despotentum. Zwar konnten wohlhabende, gut gebildete Men-
die Republikaner ihre Mehrheit im USA Nach dem Teilsieg bei den Kongress- schen wohnen, einst eine der wich-
Senat ausbauen; die Demokraten wahlen bereiten sich die tigsten Wählergruppen der Repu-
übernehmen allerdings die Macht blikaner. Die politische Landkarte
im Repräsentantenhaus und kon-
Demokraten auf eine schmutzige Schlacht der USA, die nach Trumps Wahl-
trollieren damit eine Hälfte des gegen Donald Trump vor. Der sieg in der Mitte tiefrot war, hat
Kongresses. Voraussichtlich wird blaue Flecken bekommen – die
eine demokratische Politikvetera-
Präsidentschaftswahlkampf 2020 hat Farbe der Demokraten. Das ist die
nin Sprecherin des Repräsentanten- begonnen. Und Trump geht zweite Lektion von Dienstag.
hauses: Nancy Pelosi, die den Job gegen Sonderermittler Robert Mueller vor. Die Parteienlandschaft in den
schon von 2007 bis 2011 innehatte. USA verschiebt sich nachhaltig.
Die Demokraten können dem Die Demokraten werden zur Partei
Präsidenten und dessen Verbün- der Gebildeten und Vermögenden
deten nun empfindlich schaden, können geordnete, alles rot, immer rot – die Farbe in den Vorstädten sowie der Jungen und der
Untersuchungen vorantreiben, Zeugen der Republikaner. Dann aber kam Trump. Minderheiten; die Republikaner werden zur
laden, die Herausgabe von Dokumenten Sie las von den Missbrauchsvorwürfen Partei des ländlichen, weißen, ungebildeten,
erzwingen. Die Demokraten können tun, gegen ihn, sie hörte, wie abfällig er über älteren Amerika. Diese beiden Welten drif-
was der Kongress seit zwei Jahren hätte Hillary Clinton redete, sie sah, wie er bei ten immer weiter auseinander, und die Re-
machen sollen: die Regierung kontrollie- Debatten über Kritikerinnen sprach. publikaner haben das Problem, dass ihre
ren, ein Gegengewicht zu Donald Trump »Trump ist ein Frauenfeind«, sagt sie. Wählerschaft im Schrumpfen begriffen ist.
bilden. Smith stört nicht nur der Präsident, son- Die Kandidaten der Demokraten ver-
Dieser Teilsieg der Demokraten bedeu- dern auch jene, die ihn stützen. »Die Repu- körpern die andere Welt: In Colorado wur-
tet nicht, dass die Dinge in Washington nun blikaner sind für mich unwählbar gewor- de erstmals ein offen schwuler Kandidat
weniger verrückt oder konfrontativ wer- den.« Die Partei stehe für einen mora- zum Gouverneur gewählt, Jared Polis. Aus
den. Im Gegenteil, ein geschwächter Präsi- lischen Totalausfall, Republikaner stünden New Mexico und Kansas ziehen zwei Frau-
dent steht einer kampfeslustigen Mehrheit tatenlos daneben, wenn Trump rassistische en in das US-Repräsentantenhaus ein, die
im Repräsentantenhaus gegenüber – die Töne anschlage, wenn er täglich lüge, von amerikanischen Ureinwohnern abstam-
Zeit bis zur Präsidentschaftswahl im Jahr Angst verbreite, Stimmung gegen Immi- men, Deb Haaland und Sharice Davids. Mit
2020 könnte brutal werden. Das kündigte granten mache und Neonazis umwerbe. Im der 29 Jahre alten Demokratin Alexandria
sich schon am Tag nach der Wahl an, als Juli beschloss Smith, der demokratischen Ocasio-Cortez aus New York wird die
Trump erst eine Pressekonferenz gab, die Kandidatin in ihrem Wahlkreis zu helfen, jüngste Frau vereidigt, die je ins Repräsen-
an eine Wirtshausschlägerei erinnerte (siehe in Michigans 11. Distrikt, der vor zwei Jah- tantenhaus kam.
Seite 88). Danach feuerte er Justizminister ren noch an die Republikaner ging. »Der neue Kongress wird jünger, vielfäl-
Jeff Sessions – und schürte Ängste, dass Smith klopfte an Türen, »bis meine Knö- tiger, sozusagen ›cooler‹ – mit mehr Frau-
er die Russlanduntersuchung von Sonder- chel blau waren«. Sie verteilte Flugblätter, en und Nichtweißen denn je«, sagt John

82 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Abgeordnete Pelosi: Die Demokraten können dem Präsidenten und dessen Verbündeten nun empfindlich schaden

RICK LOOMIS / AFP


CARLOS BARRIA / REUTERS

Neu-Abgeordnete Ocasio-Cortez: Keine Mehrheit für eine Amtsenthebung

Präsident Trump: »Dieses Spiel können sie gern spielen«

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Ausland

Emerson, bis 2017 US-Botschafter in Ber- Füßen tritt. Viele seiner Anhänger finden
Analyse der Wahl zum lin. »Die meisten von ihnen wurden ge- alles gut, was Trump tut, und zwar gerade
wählt, weil sie über Alltagsthemen spra- weil die andere Seite sich daran stört.
Deutliche Veränderungen im Vergleich zur chen: über das Gesundheitswesen, Arznei- Das gilt auch für die dramatische Maß-
mittelpreise und stagnierende Gehälter. nahme, die Trump gleich am Tag nach der
Sie haben es zumeist vermieden, über Wahl ergriff: die Entlassung seines Justiz-
Demokraten Republikaner Trump zu reden oder über eine Amtsent- ministers Jeff Sessions.
hebung.« Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Prä-
Das andere Amerika findet man, wenn sident nach einer Kongresswahl sein Ka-
man nach West Virginia reist, in die Stadt binett umbildet. Die Entlassung von Ses-
Huntington, wo einst der Kohlebergbau sions ist aus demokratischer Sicht aber be-
florierte und jetzt der Handel mit Heroin denklich. Trump greift damit direkt die
und Opioiden. Dort trat die Republika- Russlanduntersuchung von Robert Muel-
weiße bis jährige Frauen und Männer nerin Carol Miller als Abgeordnetenkan- ler an, die ihn von Beginn seiner Präsident-
didatin an, Besitzerin einer Bisonfarm, schaft an unter Druck setzte. Trump warf
verheiratet mit einem Autohändler und Sessions stets vor, dass er ihn nicht vor
% euphorische Anhängerin des Präsidenten. Mueller beschütze.
%
Ihren Wahlkampf baute sie auf drei Schlag- Der Mann, den er als vorläufigen Ersatz
% % wörter auf: Kohle, Waffen, Gott. Mehr für Sessions ausgewählt hat, hat genau das
brauchte Miller nicht. Sie gewann mit vor: der kommissarische Justizminister
56 Prozent der Stimmen. Matthew Whitaker ist ein Trump-Fan. Er
In Huntington sieht man das weiße, verkündete schon im vergangenen Jahr,
ängstliche, wütende Amerika, und man dass das Justizministerium Mueller einfach
kann den Menschen dort keine Schuld an das Geld entziehen könne und dass die Er-
der Misere geben. Seit Jahrzehnten den- mittler Trumps Finanzen nicht untersu-
ken sie in Kategorien der Krise und Verar- chen dürften. Indem er sich für Whitaker
mung, die Jobs des 20. Jahrhunderts kom- entschied, hat Trump dem Sonderermittler
weiße Frauen men einfach nicht zurück, die gut bezahl- den Kampf angesagt.
ten Schichten in der Grube. Sie fühlen sich Es sei kein Zufall, dass sich Trump aus-
im Stich gelassen und bezeichnen sich mit gerechnet jetzt in die Ermittlungen ein-
% trotzigem Stolz als »Hillbillys«, Hinter- schalte, sagt Max Bergmann, Leiter der
% % wäldler. Recherche-Initiative »The Moscow Pro-
% Als die Demokraten noch die Partei der
Arbeiter und Gewerkschaften waren, war
West Virginia eine ihrer Hochburgen. Gewinnt man gegen
2016 holte Donald Trump in West Virginia Trump, indem man ihn
68 Prozent der Stimmen. Der Staat ist ein
Beispiel für einen von vielen in den USA, angreift – oder indem
der in den vergangenen Jahren konser- man Gesetze schreibt?
vativer wurden.
Weiße Arbeiter in ländlichen Gegenden
weiße College-Absolventen wandten sich von den Demokraten ab. ject«, die den Demokraten nahesteht.
Dazu zählen auch Missouri, Indiana und »Das war der Versuch, den Sonderermitt-
North Dakota; in allen drei Staaten verlo- ler aufzuhalten und die Untersuchungen
% %
ren Senatoren der Demokraten am Diens- einzustellen. Im Grunde wurde am Mitt-
% % tag die Wahl gegen republikanische He- woch auch Robert Mueller gefeuert.« Berg-
rausforderer. Mittelfristig ist das ein Pro- mann sagt, er glaube, dass Mueller einen
blem für die Demokraten, die nur mit den Plan in der Tasche habe, wie er mit einer
Stimmen aus den Groß- und Vorstädten solchen Situation umgehen könne. Im
keine Präsidentschaftswahl gewinnen wer- Idealfall habe er seinen Abschlussbericht
den. Die gute Nachricht für sie lautet al- zur Russlandaffäre schon fertig. Zudem ist
lerdings: In den drei Bundesstaaten, die die Untersuchung auf viele verschiedene
Trump 2016 die Präsidentschaft einge- Ermittlungsbehörden aufgeteilt – sie wäre
bracht haben, in Michigan, Wisconsin und nicht einfach vorbei, wenn Mueller gefeu-
Wähler, die in Vorstädten leben Pennsylvania, haben die Demokraten bei ert würde.
diesen Zwischenwahlen sehr gut abge- Mueller hat bereits 35 Personen und Fir-
schnitten – das kann ihnen für 2020 Hoff- men angeklagt, darunter 26 russische
% nung machen. Staatsbürger. Vorige Woche verdichteten
% % Doch ein großer Teil der Bevölkerung, sich in Washington die Hinweise, dass der
%
rund 40 Prozent, unterstützt weiterhin frühere Trump-Berater Roger Stone mit
einen Präsidenten, der notorisch die Un- einer Anklage zu rechnen habe. Diese Wo-
wahrheit sagt, rassistische Töne anschlägt, che berichtete »Politico«, dass Präsiden-
die Opfer von sexuellen Übergriffen ver- tensohn Donald Jr. laut Aussagen von
höhnt. Viele Amerikaner stören sich nicht Freunden ebenfalls eine Anklage durch
an Trump, der Journalisten und Richter den Sonderermittler erwartet.
zu »Volksfeinden« erklärt hat, Diktatoren Noch ist nicht klar, wie die Demokraten
»andere/keine Angabe«; Quelle: CNN bewundert und die unabhängige Justiz mit auf Trumps Angriff auf den Sonderermitt-

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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ler reagieren werden. Sie wirkten von


Trumps Schachzug überrumpelt.
Aktivisten wie der Filmemacher Mi-
chael Moore riefen zum landesweiten Pro-
test auf, um Mueller zu schützen. Andere
wiederum warnen die Demokraten davor,
QUALITY WORKS.
die Russlanduntersuchung ganz zu ihrer
Angelegenheit zu machen. Moderate in
der Partei fordern, man solle nach der
Wahl besser die eigenen Versprechen um-
setzen, als den Kampf mit Trump zu su-
chen: eine bessere Gesundheitspolitik,
niedrige Arzneimittelpreise, einen landes-
weiten Mindestlohn, mehr Geld für Stra-
ßen und Brücken, weniger Drogentote.
Letztlich geht es um die große, zwei Jah-
re alte Frage: Gewinnt man gegen Trump,
indem man ihn angreift und bloßstellt oder
indem man stillhält und Gesetzesentwürfe
schreibt?
Etliche Abgeordnete stellen sich bereits
darauf ein, die neue Mehrheit für den An-
griff zu nutzen. Einige Demokraten wür-
den dem Präsidenten das Leben am liebs-
ten so schwer wie möglich machen. Sie
wollen ihn dort attackieren, wo es wehtut.
Progressive wie Alexandria Ocasio-Cor-
tez aus New York, die sich im Wahlkampf
für ein Impeachment-Verfahren ausspra-
chen, sind aber in der Minderheit. Die
meisten Demokraten fürchten, dass ein
Amtsenthebungsverfahren die Wut noch
wachsen lassen könnte bei jenen Millio-
nen, die Trump als Heilsbringer verehren.
Jerry Nadler, Abgeordneter aus New
York, hatte zwar in der Vergangenheit mit
einer Amtsenthebung geliebäugelt, äußer-
te sich im Wahlkampf nun aber zurückhal-
tender. Seine Meinung ist wichtig, weil
Nadler wohl Vorsitzender des Justizaus-
schusses für die Demokraten wird. Er wür-
de dann jenes Gremium leiten, in dem ein
Amtsenthebungsverfahren beginnen wür-
de. Am Dienstag warnte er den Präsiden-
ten: »Bei dieser Wahl ging es um Verant-
wortlichkeit. Donald Trump wird das nicht
gern hören, aber zum ersten Mal wird sei-
ne Regierung zur Verantwortung gezogen
werden.« Und: »Er wird lernen müssen,
dass er nicht über dem Gesetz steht.«
Vorerst werden sich Nadler und seine LANXESS Qualität setzt Zeichen! Gerade in der Chemie
Kollegen wohl weniger mit der Russland- macht Qualität den Unterschied zwischen Alltäglichem und
affäre befassen, sondern eher mit den täg-
lichen Skandalen. Mit dem juristischen % HVRQGHUHPĂ ² VRZLH ]% 1DQRWXEHV GLH 4XDOLWlWYLHOHU
Streit über die Trennung von Familien an 3URGXNWHYHUEHVVHUQ'HVKDOEOHEHQZLUEHL/$1;(664XDOLWlW
der Grenze zu Mexiko zum Beispiel, mit LQDOOHPZDVZLUWXQ²IUKRFKZHUWLJHQDFKKDOWLJH3URGXNWH
Umweltgesetzen, mit dem Waffenrecht IUPHKU/HEHQVTXDOLWlWLP$OOWDJXQGIUGHQ(UIROJXQVHUHU
und der Gesundheitspolitik.
Trump wird bald einem Schwarm von .XQGHQ'DVLVWHVZDVZLU(QHUJL]LQJ&KHPLVWU\QHQQHQ
Gegenspielern gegenüberstehen. Der de- quality.lanxess.de
mokratische Abgeordnete Elijah Cum-
mings wird voraussichtlich den Ausschuss
für Aufsicht und Regierungsreform leiten,
er sagt, er wolle Trumps Steuererklärun-
gen anfordern – was der Präsident vermei-
den will, denn alles, was bisher über seine
Finanzen öffentlich wurde, zeigte, dass er

85
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Ausland

Die linke, afroamerikanische Senatorin


Kamala Harris aus Kalifornien will dage-
gen offenbar antreten, genau wie die Sena-
torinnen Amy Klobuchar aus Minnesota,
Kirsten Gillibrand aus New York und Eli-
zabeth Warren aus Massachusetts. Auch
Ex-Vizepräsident Joe Biden, 75, könnte es
noch mal wissen wollen.
All diese Kandidaten stehen für etwas
Unterschiedliches, die Demokraten müs-
sen noch herausfinden, wer sie sind. Das
größte Problem der Partei und gleichzeitig
ihre Stärke ist, dass die Basis so vielfältig
und bunt ist. Es wird ein Kraftakt, einen
Kandidaten oder eine Kandidatin zu fin-
den, der oder die alle Sympathisanten der

NICK HAGEN / DER SPIEGEL


Demokraten in zwei Jahren zur Wahl be-
wegt – selbst wenn der Präsident in Wa-
shington weiter Chaos stiftet.
Ein neuer Star der Partei ist Beto
O’Rourke, der im einst erzrepublikani-
schen Bundesstaat Texas als Senator antrat
Wahlhelferin Smith im Bundesstaat Michigan: »Bis meine Knöchel blau waren«
und dem zu einem Sieg nur wenige Pro-
zentpunkte fehlten. John Podesta, Ex-
Wahlkampfmanager von Hillary Clinton,
viel zu verbergen hat. Adam Schiff wird Wahrscheinlicher ist folgendes Szenario: sagt: »Beto hat sich schockierend gut ge-
wahrscheinlich Vorsitzender des Geheim- Die Demokraten werden sich auf den Prä- schlagen, die Leute mochten ihn und seine
dienstausschusses. Er sagte, eine der Fra- sidenten und dessen Regierung stürzen, in- Ideen, er hat Scharen von Bürgern an sich
gen, die ihn am meisten interessierten, lau- dem sie von ihrer neuen Kontrollmacht gebunden. Dieser Typ Kandidat wird am
te: »Haben die Russen durch die Trump- Gebrauch machen. Im Gegenzug wird Ende erfolgreicher sein als einer, der dafür
Organisation Geld gewaschen?« Trump zurückschlagen, wo er kann. Sein steht, den Status quo wiederherzustellen,
Die Republikaner stellen sich auf das Kampf um eine zweite Amtszeit wird sich der vor Trump herrschte.« Doch einen kla-
Schlimmste ein. Im August kursierte eine an den düsteren Themen der beiden Wahl- ren Favoriten, eine Favoritin gibt es nicht.
Angstliste unter ihnen mit möglichen Un- kämpfe 2016 und 2018 orientieren, er wird Und wie sollen sich die Demokraten im
tersuchungen, die die Demokraten im Fall seine Gegner dämonisieren und Verbün- Repräsentantenhaus bis zur Wahl verhal-
eines Sieges einleiten könnten. Zu Trumps dete erniedrigen, wenn sie ihm nicht loyal ten? »Die Demokraten dürfen nicht nur
Steuererklärung, zum Einreisestopp, der ergeben sind. Trump angreifen«, sagt Podesta. »Sie müs-
sich gegen Muslime richtete, die Geschäfte Die Zwischenwahlen in diesem Jahr wa- sen Alternativen anbieten. Die Midterms
der Trump-Familie. Mehr als 100 Anfra- ren von Drohungen und Gewalt geprägt, zeigen, wie vielfältig unsere Partei ist, wie
gen und Anträge, die von den Demokraten von Paketbomben, Schießereien in Schu- gut Frauen bei unseren Wählern ankom-
hervorragend zu öffentlichkeitswirksamen len und elf Toten in einer Synagoge. men. Die Kandidaten haben den Leuten
Themen gemacht werden könnten. Trumps zweite Hälfte seiner ersten Amts- gesagt: Wir verstehen euch, wir kämpfen
Trump weiß, dass ihm das schaden zeit wird, so die Befürchtung, noch zerfah- darum, dass es euch besser geht.«
kann. Am Mittwochmittag im Weißen rener. »Ich glaube, dass die kommenden Diane Smith, die Aktivistin aus Michi-
Haus, vor Dutzenden Journalisten, drohte beiden Jahre sehr konfrontativ und bitter gan, sagt, sie bereite sich schon auf den
er: Sollten die Demokraten ihn unter werden«, sagt Charles Kupchan, einst nächsten Einsatz vor, auf die Schlacht ihres
Druck setzen, werde er eine »kriegsartige Europaberater von Barack Obama und in- Lebens. Es wird ein Häuserkampf. In der
Haltung« einnehmen. Seine Leute im Se- zwischen Politik-Professor an der George- Nachbarschaft gebe es viele Leute, die
nat würden die Opposition dann im Ge- town University in Washington. »Trump nach wie vor für Trump stimmten, es sei
genzug in parlamentarische Untersuchun- liebt die Auseinandersetzung.« Das Land kaum zu glauben. Sie schaut aus dem Fens-
gen verwickeln. »Dieses Spiel können sie sei tief gespalten – und niemand wisse, wie ter über Vorgärten, kurz geschnittene Ra-
gern spielen«, sagte Trump. »Aber wir sich die Wähler 2020 entscheiden werden. sen und die geräumigen Geländewagen in
spielen es besser.« Hilfreich für die künftigen Wahlchancen den Einfahrten. Teile ihrer Nachbarschaft
Normalerweise beteuern die beiden der Demokraten ist, dass am Dienstag kommen ihr vor wie Feindesland.
Parteien nach den Zwischenwahlen, dass eher moderate Kandidaten gewonnen ha- Smith sagt: Versöhnung gebe es erst
sie willens sind, gemeinsam Probleme an- ben, die Beschwichtiger, Kümmerer, Prag- dann, wenn Trump weg sei aus dem Wei-
zugehen. Dieser Waffenstillstand hält matiker. ßen Haus.
meist nicht lange, es geht um die Geste. Das große Problem der Partei besteht Milena Hassenkamp, Katrin Kuntz,
Auch diesmal gibt es Aufgaben, die De- darin, dass sie für die kommende Präsi- Valentyna Polunina, Mathieu von Rohr,
mokraten und Republikaner überpartei- dentschaftswahl außer Barack Obamas Britta Sandberg, Christoph Scheuermann
lich angehen könnten – die hohe Zahl von Gesundheitsreform keine eindeutige Bot-
Drogentoten, Infrastrukturprojekte, der schaft besitzt, die Wähler euphorisiert, und
Antisemitismus, die steigenden Zahlen dass sich zu viele Bewerber um die Kandi- Videoanalyse
Warum die USA Trump
rechter Gewalt und vieles mehr. Aber es datur für die Präsidentschaftswahl scharen. verdient haben
gibt kaum eine Chance, dass Washington Besonders beliebt ist Michelle Obama, ob- spiegel.de/sp462018usa
den Graben überwindet, der viele Ameri- wohl sie nicht kandidieren will; dasselbe oder in der App DER SPIEGEL
kaner trennt. gilt für die Moderatorin Oprah Winfrey.

86 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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ERIK S LESSER / EPA-EFE / REX


Kontrahenten Acosta (mit Mikrofon), Trump am 7. November: Präsidentschaft als Show

»Los geht’s«
Ich saß drei, vier Meter hinter Acosta,
und es fühlte sich an, als würde die Raum-
temperatur innerhalb von Sekunden
steigen. Trump unterbrach Acosta, der ver-
Weißes Haus Eine Pressekonferenz endete mit einem Eklat zwischen suchte, seine Frage zu Ende zu formu-
lieren, nur um erneut vom Präsidenten
CNN und Donald Trump. Dabei ließen sich solch unterbrochen zu werden. So ging es eine
groteske Szenen leicht verhindern. Von Christoph Scheuermann Weile hin und her, die Unruhe nahm zu,
Kollegen fingen an, auf den Stühlen
herumzurutschen. Die Sache war auch des-

E s wird hin und wieder geschrieben,


Donald Trump hasse die Medien,
aber das ist nicht ganz richtig. Neben
seinem täglichen Fernsehkonsum, der oft
Ähnlich war es auch am Mittwoch die-
ser Woche, als Trump die Hauptstadtpres-
se in den East Room des Weißen Hauses
einlud, um über seinen angeblichen Sieg
halb unangenehm, weil die beiden Männer
nur wenige Meter voneinander entfernt
standen, Acosta in der ersten Reihe,
Trump hinter einem Pult.
Stunden in Anspruch nimmt, findet der bei den Kongresswahlen zu reden. Trump Irgendwann rief Trump Acosta zu: »Das
Präsident noch Muße für Zeitungslektüre. machen solche Veranstaltungen Spaß, weil genügt, leg das Mikro weg.«
Und wenn ihm ein Artikel nicht gefällt mindestens ein Dutzend Fernsehkameras Acosta hätte sich setzen können, aber
oder eine Gewichtung nicht passend er- auf ihn gerichtet sind. Dann kann er seinen er wollte noch eine Frage zur Russland-
scheint, lässt er die Welt daran teilhaben. Wählern live zeigen, wie voreingenom- affäre loswerden. Eine Praktikantin aus
Anfang Oktober etwa beklagte er sich, men, unfreundlich und lügnerisch ein gro- dem Weißen Haus versuchte, ihm das Mi-
dass die »New York Times« die Ernennung ßer Teil der Presse aus seiner Sicht ist. krofon abzunehmen, Acosta hielt es fest.
seines Supreme-Court-Kandidaten nicht Irgendwann bekam Jim Acosta das Mi- Ihre Arme kreuzten sich, der Journalist
auf der Titelseite meldete, wie es aus krofon in die Hand, CNN-Chefkorrespon- entschuldigte sich, gab das Mikro jedoch
Trumps Sicht angemessen gewesen wäre, dent im Weißen Haus. Acosta wollte wis- nicht her.
sondern viel zu weit hinten, auf Seite A17. sen, warum Trump während des Wahl- Die Episode dauerte ein, zwei Sekun-
So denkt niemand, der die Medien hasst, kampfs die »Karawane« von Immigranten den, aber es ist dieser Moment, der nun
sondern einer, der ein obsessives Verhält- aus Mittelamerika mit einer »Invasion« für Aufregung sorgt: Noch am Abend
nis zu seiner eigenen Wichtigkeit entwi- verglichen habe. Das sei in Wirklichkeit schrieb Trumps Sprecherin Sarah Hucka-
ckelt hat und möchte, dass Journalisten doch gar keine Invasion gewesen, oder? bee Sanders, das Weiße Haus toleriere es
sie gefälligst entsprechend abbilden. »Here we go«, sagte Trump. »Los geht’s«. nicht, wenn ein Reporter seine Hand ge-

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gen eine Praktikantin erhebe. Daher ent- sich mit Schmeichlern zu umgeben. Das
Die
ziehe man Acosta die Akkreditierung.
Zum Beweis twitterte sie ein Video, in dem
zweite Problem aber ist, dass die Haupt-
stadtjournalisten selbst keine allzu gute
spektakulärsten
die Szene stark verlangsamt zu sehen war, Figur in dieser Sache machen.
womöglich verfälscht.
Der Clip wurde zuerst von der rechten
Es ist nicht die Aufgabe von Reportern,
nett zu denen zu sein, die sie beobachten.
Kriminalfälle
Verschwörungswebsite Infowars verbrei-
tet. In dieser Variante sieht es aus, als wür-
de Acosta den Arm der jungen Frau ab-
sichtlich wegschlagen. Einen »Karate-
Auch eine gewisse Aggressivität kann zum
Handwerk gehören, vor allem wenn man
beim Fernsehen arbeitet, das auf die Re-
aktion der Gegenseite angewiesen ist.
aus BERLINS
Hieb« nannte es ein rechter Troll, was
komplett absurd ist, wenn man die Szene
Aber Trump hat seine Präsidentschaft
zu einer Show gemacht. Und die Gefahr
wildesten Jahren
aus der Nähe beobachtet hat. ist, dass sich Journalisten in diese Show ein-
Donald Trump träumt wohl schon lange spannen lassen, ohne dass das Volk davon
davon, Journalisten aus seinem Weißen mehr hat als anderthalb Stunden Polit-
Haus zu werfen, die er anstrengend findet. Entertainment. Unter Trump erfreuen sich
Schon während des Präsidentschaftswahl- als Fragen getarnte moralische Kurzvorträ-
kampfs verweigerte er ausgewählten Re- ge enormer Beliebtheit, von denen nie-
portern den Zugang zu seinen Auftritten mand profitiert außer dem Fragesteller.
und Reisen, aber das ist schwieriger ge- Letztlich belegt das nur die Ratlosigkeit
worden, seitdem er Präsident ist. Er ver- einer Branche gegenüber einem Präsiden-
sucht es trotzdem weiter, und einer der ten, der täglich die Wahrheit verbiegt, ohne
ersten Kandidaten, die er offenkundig im dafür einen politischen Preis zu zahlen.
Kopf hat, ist Jim Acosta von CNN. Die beste Lösung wäre, die Kameras
Acosta begleitet Trump seit Jahren, er einfach auszuschalten. Wenn der Erkennt-
ist ein netter, hilfsbereiter Kollege mit ei- nisgewinn aus den Pressekonferenzen
nem Gespür für die schrägen Momente ohnehin gering ist, muss man sie nicht
des Reporterlebens. In der Sicherheits- auch noch live im Fernsehen übertragen.
schlange des Flughafens von Sizilien zeigte Seit Jahren gibt es Briefings im Weißen
er mir einmal stolz eine Zitrone von der Haus von Beamten und Staatssekretären,
Größe einer Honigmelone, die er gekauft die nicht ausgestrahlt werden. Man lernt
hatte, um sie nach Washington mitzuneh- dort mehr als in anderthalb Stunden
men und daraus Saft zu pressen. Das Pro- Trump. Die Kameras auszuschalten hätte
blem ist, dass Acosta sich wie etliche Jour- zwei Vorteile: Erstens könnten sich die
nalisten in Washington, die Trump täglich Journalisten auf Fragen konzentrieren
aus der Nähe sehen, unter diesem Präsi- statt auf ihre Wirkung. Zweitens würde
denten verändert hat. Er ist nicht mehr man dem Showmaster im Weißen Haus
nur der Beobachter, der Fragen stellt, son- einen Teil seiner Bühne nehmen, die er
dern der Mitwirkende an einer Inszenie- vor allem betritt, um sich als Opfer der
rung, die dem Präsidenten von allen Be- Medien zu inszenieren. 288 Seiten mit zahlreichen Abb. · Gebunden mit SU
teiligten am meisten nützen dürfte. Trump wäre ohne die Dauerbericht- C 20,00 (D) · Auch als E-Book erhältlich
Denn wenn Trump seinen Wählern be- erstattung von Fox News, MSNBC und
weisen möchte, dass Washington ein gro- CNN während des Wahlkampfs nie Präsi-
ßer Zirkus ist, der sich an Lächerlichkeit dent geworden; er ist ein Fernsehpräsident
nicht überbieten lässt, muss er nur auf mehr als jeder andere vor ihm in diesem In Berlin tobt in den Jahren von
Pressekonferenzen wie diese verweisen. Amt. Umgekehrt wären die Einschalt- 1918 bis 1933 nicht nur das
Und wenn die Journalisten in den vergan- quoten von Fox News, MSNBC und CNN
genen 24 Monaten eines hätten lernen längst nicht so hoch ohne diesen Mann im verruchteste Nachtleben der Welt,
müssen, dann, dass Konfrontationen zwi- Weißen Haus. Aber vielleicht ist es von hier haben auch Mord, Raub und
schen Reportern und dem US-Präsidenten den Sendern zu viel verlangt, aus den Feh-
einen relativ niedrigen Informationswert lern der Vergangenheit zu lernen.
Betrug Hochkonjunktur.
haben. Dazu kommt, dass Acostas Fragen Der Satiriker Jon Stewart brachte es Nathalie Boegel erzählt von
nicht nur zunehmend polternd, besser- Ende Oktober auf den Punkt, als er den gewissenlosen Mördern, cleveren
wisserisch und aggressiv klingen, sondern hauptberuflichen Präsidentenbeobachtern
oft einen belehrenden Tonfall annehmen. denselben Narzissmus vorwarf, den sie an Betrügern und Kriminellen, die
Natürlich sind Trumps Angriffe auf Me- Trump kritisieren. »Ich glaube, Journalis- zu Lieblingen der Berliner werden.
dien schlimmer, natürlich liegt die Schuld ten nehmen das viel zu persönlich«, sagte
Und sie zeigt, wie ein
nicht bei den Journalisten, sondern bei er. »Sie fühlen sich persönlich verletzt und
ihm, wenn die Stimmung gegen die Presse angegriffen von diesem Mann.« Letztlich kuchensüchtiger Kommissar
ins Gewalttätige kippt. Zu sehen war am reagieren sie so wie er. die Polizeiarbeit revolutioniert.
Mittwoch die Rache des Präsidenten an Trump fordert das Ego der Reporter he-
einem Reporter, der ihm seit Langem ein raus, er zieht sie auf sein Niveau hinunter.
Dorn im Auge ist. Und es trifft auch zu, Und sie lassen sich darauf ein. Das ist das
wenn Kommentatoren nun schreiben, eigentlich Perfide an seiner Strategie:
Trump nutze seine Macht, um kritische Trump kitzelt aus seinen Kritikern heraus,
Journalisten fernzuhalten und sie zu be- was er ihnen anschließend vorwirft.
hindern. Er arbeitet unermüdlich daran,

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Christian Neef als eigensinnig und kaum noch steuerbar. Schon Monate
vor dem Attentat habe er unter einer Art Hausarrest ge-
standen, sagen Insider in Moskau. Einem hochrangigen

Notstandsgebiete westlichen Diplomaten, der ihn als letzter Ausländer für


mehrere Stunden traf, kündigte Sachartschenko an, dass er
seinen Posten demnächst abgeben werde. Aber er hatte die
Dinge schon nicht mehr im Griff.
Essay Immer unverhohlener führt Moskau in So wie Sachartschenko wurden in den vergangenen Jah-
den selbst ernannten Volksrepubliken der ren viele hochrangige Separatisten und Kommandeure aus
dem Weg geräumt oder gestürzt. Ende vorigen Jahres traf
Ostukraine Regie. Putin braucht sie, um, so sein es auch Igor Plotnizki, den Chef der benachbarten Luhans-
Plan, das Regime in Kiew erpressen zu können. ker Volksrepublik. Er blieb zwar am Leben, flüchtete jedoch
nach Russland. Mit Sachartschenko und Plotnizki sind zwei
Männer nicht mehr im Amt, deren Unterschriften unter

E
dem Minsker Abkommen von 2015 stehen – neben jenen
rinnert sich noch jemand an Donezk? Europa, so von François Hollande, Angela Merkel, Petro Poroschenko
scheint es, hat diesen Ort längst vergessen. Dabei und Wladimir Putin. Sie sollten Garanten für einen Frieden
herrscht im Osten der Ukraine immer noch Krieg, im Osten der Ukraine sein.
er dauert schon länger als Hitlers Feldzug gegen die Das waren diese Männer nie. Sie schalteten und walteten
Sowjetunion. Nahezu täglich sterben auf beiden Seiten Sol- nach Gutdünken und sicherten sich auf kriminelle Weise
daten und Zivilisten. ihre Macht. Moskau nahm das hin, um die These aufrecht-
Zum 11. November, immerhin, wird Donezk wieder in zuerhalten, in Donezk und Luhansk regierten örtliche Volks-
die Schlagzeilen rücken. Für diesen Tag sind in den selbst vertreter. Dann kam das Attentat. Selbst Putins Leute dürf-
ernannten Volksrepubliken von Luhansk und Donezk Wah- ten nicht ernsthaft an eine Kiewer Verschwörung glauben,
len angekündigt. Die EU und die USA erkennen die Ab- was sich auch darin zeigt, dass sie seither vor allem eines
stimmung nicht an, denn sie kommt einem Bruch der Mins- tun: Sie säubern die Separatistenführung in Donezk. Der
ker Vereinbarungen gleich. Kiew bezeichnet sie als Possen- stellvertretende Regierungschef wurde verhaftet, Vertraute
spiel, es gehe bei diesen Wahlen nicht im Entferntesten um von ihm verließen »aus Sicherheitsgründen« die Republik,
eine Willensäußerung des Volkes. Und Russland? Moskau auch der Minister für Steuern und Abgaben verschwand.
erweckt wieder den Anschein, als hätte es mit dem Urnen- Er galt als einer der engsten Freunde Sachartschenkos.
gang nichts zu tun. Eine Sonderkommission prüft nun »ungesetzliche« Ent-
Beachtung verdienen die »Wahlen« aber schon, denn sie eignungen, die dieser Minister in Gang gesetzt haben soll.
sind diesmal weniger eine Provokation als vielmehr die Unter anderem soll er voriges Jahr mit bewaffneten Kämp-
Folge politischer Nachlässigkeit. Ihr Ausgangspunkt ist jenes fern das Eigentum eines großen Donezker Handelsmarktes
Attentat vom 31. August dieses Jahres, bei dem Alexander beschlagnahmt und dabei 850 Millionen Rubel veruntreut
Sachartschenko, Oberhaupt und Regierungschef der »Do- haben. Auch die von Sachartschenko »verstaatlichten«
nezker Volksrepublik«, ums Leben kam. Zusammen mit Märkte und Unternehmen werden nun an ihre Besitzer zu-
Gefolgsleuten hatte er gegen Abend ein Café gleich um die rückgegeben, womöglich auch jene ukrainische Supermarkt-
Ecke von seinem Regierungssitz betreten, als über dem Ein- kette, die plötzlich seiner Frau gehört hatte. Spezialisten
gang ein Sprengsatz explodierte. des Moskauer Inlandsgeheimdienstes FSB untersuchen wei-
Aus dem, was nach dem Attentat in Donezk passierte, tere Fälle von Korruption, die bewaffneten Einheiten der
kann man einiges lernen. Vor allem darüber, dass es Russ- Separatisten werden unter russische Kontrolle gestellt.
land mit der Bevölkerung in den Separatistenrepubliken Damit bewahrheitet sich, was der Offizier Igor Girkin,
der Ostukraine nicht besonders ehrlich meint. der mutmaßlich dem Militärgeheimdienst GRU angehört,
Moskau, das ja immer Angriff für die beste Selbstvertei- mit seinen Einheiten 2014 den Krieg um Donezk begann
digung hält, hat sofort nach der Explosion Kiew des Mordes und dann »Verteidigungsminister« der Donezker Volks-
beschuldigt. Mit der Ausschaltung Sachartschenkos sei das republik war, seit Längerem behauptet. »Banditen«, so Gir-
ukrainische Regime zu einem »blutigen Krieg« im Donbass kin, hätten die Macht in beiden Volksrepubliken übernom-
übergegangen, erklärte das Außenministerium. Der Chef men, der Donbass werde »einfach nur ausgeraubt«. Viele
der Moskauer Staatsduma sieht die laufenden Friedensver- Morde der letzten Zeit dürften Teil eines erbarmungslosen
handlungen gescheitert, das Attentat setze »den Sinn der Verteilungskampfes gewesen sein.
Minsker Vereinbarungen auf null zurück«. Noch am selben Laut Girkin ist das Moskaus Schuld. Putins Donbass-Be-
Tag meldeten Sicherheitskräfte in Donezk, sie hätten für auftragte hätten die Separatistenrepubliken ausgesaugt, die
den Mord verantwortliche »ukrainische Saboteure« verhaf- wichtigsten Fachkräfte nach Russland gebracht und so der
tet, in kurzer Zeit werde man deren Hintermänner nennen. Wirtschaft schwer geschadet. Nie hätten sie vorgehabt, aus
Das aber ist nie passiert, auch von den angeblichen Sabo- diesen Gebieten selbstständige Republiken zu machen, son-
teuren war bald keine Rede mehr. Inzwischen herrscht weit- dern sie nur gegen Kiew benutzt. Vermutlich ist das tatsäch-
gehend Konsens darüber, dass Sachartschenko entweder lich so. Entgegen aller Propaganda hat sich Russland nie
von russischen Kräften oder von Leu- wirklich um die Bevölkerung in den Separatistengebieten
ten aus dem eigenen Lager umge- gekümmert. Die Wirtschaft liegt darnieder, in den noch
Christian Neef, 66, bracht wurde. funktionierenden Bergwerken verdient ein Hauer um die
ehemaliger Russland- Der Donezker Republikchef, der 15 000 Rubel, etwa 200 Euro, das ist nicht mal ein Drittel
korrespondent des SPIEGEL, 2014 die Macht übernahm und später jenes Lohns, den ein russischer Bergarbeiter erhält. Strom
hat die Ostukraine unzählige im SPIEGEL-Interview erklärte, er und Wasser werden immer wieder abgeschaltet, die Mobil-
Male bereist. Zuletzt wünsche sich in Donezk einen »russi- funkverbindungen auch. Dass die Volksrepubliken vollends
war er im Oktober dort. schen Frühling« wie auf der Krim, galt zum Notstandsgebiet verkommen, kann Moskau allerdings

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Ausland

Ukrainische Soldaten an der Front nahe Donezk: Ein politischer Wechsel ist nicht ausgeschlossen

nicht wollen. Der Mord an Sachartschenko kommt dem noch zu verbergen. Was zum Beispiel hat die Entscheidung
Kreml daher zupass. Denn ab jetzt führt er direkt Regie in der Ukraine, sich vom Moskauer Patriarchat zu lösen und
Donezk, er versucht oft gar nicht mehr, seine Einflussnahme eine eigenständige orthodoxe Kirche zu gründen, mit dem
zu verbergen. Donbass zu tun? Eigentlich nichts. Aber die Erregung in
In der Nacht zum 10. Oktober haben OSZE-Beobachter Moskau über diesen Schritt ist groß, weil Russland damit
erstmals dokumentiert, wie ein Lastwagenkonvoi mit Luft- erheblichen Einfluss in der Ukraine verliert.
abwehrkanonen auf einem Feldweg die Grenze von Russ- Sollte Kiew den Plan verwirklichen, würde dies die Ver-
land zum Separatistengebiet überquerte. Nach dem Attentat handlungen zur Rückgabe des Donbass verschlechtern, dro-
wurden zudem wichtige Donezker Entscheidungsträger in hen Vertreter der Moskauer Präsidialadministration. Das
Busse gesetzt und ins russische Rostow am Don gefahren, aber kommt einer Erpressung gleich, das eine hängt mit
wo ihnen Vertreter der Moskauer Präsidialadministration dem anderen nicht zusammen. Noch schlimmer: Diese Er-
den künftigen Kurs der »Volksrepublik« erklärten. Auch pressung geht mit dem Aufruf zum Bürgerkrieg einher, denn
den wahrscheinlichen Nachfolger Sachartschenkos suchten das russische Staatsfernsehen fordert die Gemeindemitglie-
russische Beamte aus: Denis Puschilin, bisher Chef des der der bisher von Moskau gesteuerten Kirchen in der Ukrai-
örtlichen Parlaments. Er wurde eigens dazu nach Moskau ne dazu auf, sich gegen Kiew zu erheben.
geholt. Gegen Kiew zu kämpfen – dieser Appell Moskaus er-
Nach seiner Rückkehr kündigte er Lohn- und Renten- klang 2014 auch im Osten der Ukraine, nach dem Aufstand
erhöhungen an – das in Russland übliche Mittel, die Bevöl- auf dem Maidan. So ähnlich lief es auf der Krim. Auch dort
kerung ruhigzustellen. Am 11. November wird er formal ging es Moskau nicht um die Menschen. Russland sah immer
gewählt. Populäre Figuren, die eigene Vorstellungen von nur seine strategischen Interessen: Es braucht die Krim als
der Zukunft ihrer »Volksrepubliken« haben, wurden unter Militärposten gegenüber dem Westen und den Donbass,
fadenscheinigen Vorwänden an einer Kandidatur gehindert. um mit seiner Hilfe das Regime in Kiew erpressen zu kön-
nen. Wird Putin Erfolg damit haben?

P
Die Frage mit einem klaren Nein zu beantworten fällt
uschilin soll dafür sorgen, dass wieder Ordnung in schwer. Denn die ukrainische Führung hat nach wie vor kei-
das Separatistengebiet einkehrt und dass es halb- ne Idee zur Lösung des Konflikts. Sie versucht, Schritt für
wegs so funktioniert wie eine gewöhnliche russische Schritt im Osten Land zurückzugewinnen, und hat inzwi-
Teilrepublik. Nicht weil sich Russland um das Wohl schen fast ebenso viele verbotene schwere Waffen an der
der dortigen Bevölkerung sorgt, sondern damit die Ost- Front wie die Separatisten. Politisch ist das Land bis zur
ukraine ein Instrument bleibt, mit dem sich im Rest des Präsidentenwahl im nächsten Jahr gelähmt. Keiner der Kan-
Landes Unruhe stiften lässt. Denn wenn es den Menschen didaten hat einen Plan für die Zukunft. Bedenkt man au-
im Osten auf Dauer schlechter ginge als jenen im Westen, ßerdem, dass Großstädte wie Odessa oder Charkiw in der
würden sie sich wieder für die Ukraine entscheiden, nicht Mehrheit weiterhin prorussisch gestimmt sind, kommt man
mehr für Russland. Bereits jetzt plädieren 63 Prozent der zu einem fatalen Schluss: Ein erneuter politischer Wechsel
Einwohner der Donezker Volksrepublik für die Wiederein- in der Ukraine ist nicht ausgeschlossen. Darauf setzt Putin,
gliederung ihres Gebiets in die Ukraine. Der Osten ist also in Bezug auf den Donbass wird er sich deshalb vorerst nicht
nur Mittel zum Zweck. Auch das versucht Russland kaum bewegen. I

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Die Verschwundenen
Ideologien Im Nordwesten Chinas werden eine Million Muslime in Umerziehungslagern
festgehalten. 300 Kilometer entfernt, im kasachischen
Almaty, berichten Ex-Häftlinge von ihrem Martyrium. Von Katrin Kuntz

Ehemaliger Gefangener in der Körperhaltung, die er jeden Morgen einnehmen musste

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Ausland

»Das Training hat nur ein Ziel: mich an einem Checkpoint fest. Sie warfen schläge begingen, betrachtete die Führung
Gedanken über religiösen Extremis- mir vor, eine doppelte Staatsbürgerschaft sie und bald auch andere muslimische
mus und gewalttätigen Terrorismus zu besitzen und mein Land zu verraten.« Minderheiten wie die Kasachen als Staats-
aus den Köpfen zu vertreiben und Drei Tage lang hätten sie ihn verhört, feinde, die den Aufbau einer »harmoni-
ideologische Krankheiten zu heilen.« seine Glieder gestreckt in einem Eisen- schen Gesellschaft« verhindern. Aus der
stuhl. Samarkan schlägt eine Hand auf das Sicht Pekings stören sie Chinas nationale
Zitat eines Mitglieds der Kommunistischen
Jugend auf einem Seminar in Hotan, Xinjiang
Pult. »Sie wollen uns zu Chinesen machen. Einheit – und das in einem strategisch
im März 2017 Millionen Muslime dürfen in China keine wichtigen Gebiet, durch das die Neue Sei-
Menschen mehr sein.« denstraße führt.

A
Es ist still im Publikum, als Samarkan Rund eine Million Uiguren, Kasachen
n einem Oktobertag, als ein geendet hat. Lautlos weint eine Frau. und weitere muslimische Minderheiten
kräftiger Wind die Wolken über Viele Kasachen hier sind im Morgen- sind nach Recherchen der Vereinten Na-
die Berge von Almaty jagt und den grauen aus ihren Weilern aufgebrochen, tionen heute inhaftiert. Pekings »Anti-Ter-
ersten Geruch von feuchtem um bei der Versammlung der Hilfsorga- ror-Kampf« mündete in den Bau vermut-
Brennholz durch die Straßen trägt, erhebt nisation Atajurt dabei zu sein. In ihren lich Hunderter Umerziehungslager.
sich im Hinterzimmer eines Hotels der Händen halten sie Fotos von ihren Müt- Der SPIEGEL hat mit drei ehemaligen
Millionenstadt Almaty der erste Kasache ge- tern, Vätern, Brüdern und Schwestern, die Häftlingen und einem Dutzend Familien
gen China. Kairat Samarkan ist sein gesprochen, deren Angehörige sich
Name, ein fülliger 30-Jähriger mit in Indoktrinierungslagern in Xin-
weichen Zügen und großen Händen, jiang befinden sollen. Sie alle be-
der Pferdemilch und die Stille der richten von einer Gehirnwäsche,
Berge liebt. Er hält sich an dem Pult die Muslime auf Linie bringen soll.
vor ihm fest. Sein Blick wandert über Monatelang stritt Peking ab,
die Kameras, die sich auf ihn richten. dass es diese Lager überhaupt gebe.
Samarkan versucht ein Lächeln. Weil der internationale Druck zu-
Aber das Lager ist sofort wie- nahm, wechselte die Regierung vor
der da. vier Wochen ihre Strategie. Statt
Rund ein Jahr ist es her, dass die Existenz der Lager zu leugnen,
Samarkan in einem Umerziehungs- präsentiert man sie nun stolz als
lager in China verschwand. Er muss- Möglichkeit einer »freiwilligen Be-
te dort Mandarin lernen und Lie- rufsausbildung« mit integriertem
der über den Kommunismus sin- Sprachtraining.
gen. Und wohl nur weil er drei So sagte der Gouverneur der
Monate später seinen Kopf so fest Provinz Xinjiang der staatlichen
gegen eine Wand schlug, dass er chinesischen Nachrichtenagentur,
fast gestorben wäre, kam er frei. man bringe Muslimen dort bei,
Jetzt ist er einer der wenigen Mus- »gesetzestreue Bürger« zu sein. Sie
lime, die von Chinas Indoktrinie- lernten in den Camps nicht nur Chi-
rungslagern erzählen können. nesisch, sondern man biete auch
50 kasachische Männer und Kurse in E-Commerce oder Kos-
Frauen sitzen an diesem Morgen metik an. Bei einer Uno-Sitzung
vor ihm und warten mit sorgenvol- forderten amerikanische und west-
len Mienen darauf, dass er mit sei- europäische Diplomaten China in
ner Geschichte beginnt. Jeder von dieser Woche auf, die Inhaftierung
ihnen hat Verwandte, die in Chinas von Muslimen in der Provinz Xin-
Lagern verschwunden sein sollen. Dokumente eines in China verschwundenen Mannes jiang zu beenden. Der stellvertre-
Samarkans Körper presst sich tende chinesische Außenminister
an das Holzpult, langsam hebt er wies die Vorwürfe als politisch mo-
das Mikrofon. »Sie folterten uns, tiviert zurück.
wenn wir Fehler machten«, sagt er. »Jeden in der Provinz Xinjiang festgenommen Weil es nahezu unmöglich ist, in Xin-
Morgen zwangen sie uns, Xi Jinping zu wurden. Tapfer erzählen auch sie ihre jiang zu recherchieren, muss man nach Ka-
preisen, den chinesischen Präsidenten. Wir Geschichte vor den Mikrofonen der kasa- sachstan fahren, um mehr zu erfahren. Al-
wünschten ihm, dass er 10 000 Jahre lang chischen Fernsehjournalisten. maty liegt rund 300 Kilometer von
lebe. Wir sangen: China ist größer und wei- Die meisten ethnischen Kasachen, die der Grenze zu China entfernt. Es ist die
ter entwickelt als alle anderen Länder. Am Verwandte vermissen, sind in China gebo- größte Stadt dieses ölreichen Landes mit
Nachmittag hatten wir Ideologieunterricht. ren und später nach Kasachstan, in das 1,8 Millionen Einwohnern, von Bergen
Die Lehrer sprachen über den 19. Partei- Land ihrer Vorfahren, ausgewandert. Ihre umrahmt, mit hippen Bars zwischen
kongress und Chinas Erfolge. Dann sperr- Heimat, die Autonome Region Xinjiang Sowjetbauten. Der Langzeitpräsident Nur-
ten sie uns wieder ein.« im Nordwesten Chinas, in der vor allem sultan Nasarbajew sorgt hier seit 27 Jahren
Samarkan ist ein in China geborener muslimische Turkvölker leben, ist reich an für Ruhe. Nichts weist darauf hin, dass
Schuhhändler, der zwischen beiden Län- Bodenschätzen. Vom wirtschaftlichen Auf- hinter der Grenze zu China der radikalste
dern pendelte. »Ihr wisst, dass wir Musli- schwung aber profitieren Han-Chinesen. Umbau der Gesellschaft seit Mao Zedong
me in der Provinz Xinjiang seit Jahren schi- Und so fühlten sich die Uiguren, die stattfindet. Und dass die Tentakel dieses
kaniert werden«, sagt er. »Aber ich ahnte den Großteil der Muslime in Xinjiang aus- ideologischen Experiments bis weit in die
nicht, dass sie jetzt jeden verhaften wür- machen, diskriminiert und protestierten kasachische Gesellschaft hineinreichen.
den, der Kasachstan besucht. Bei meiner gegen die Benachteiligung durch die chi- In einem Hochhaus am Stadtrand emp-
letzten Fahrt hielten chinesische Polizisten nesische Regierung. Weil sie vereinzelt An- fängt eine zierliche Frau in einem Zwei-

Fotos: Robin Hinsch für den SPIEGEL 93


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zimmerapartment. Die 37-jährige Guly dern«, in die man besser keine Kontakte zu Abend aß. »Ich bin gekommen, um eu-
Omarkan floh hierher, weil das Leben in haben sollte, wenn man Probleme in Chi- rer Familie zu helfen«, sagte die Spionin.
China für sie unerträglich wurde. Auf einer na vermeiden möchte. Ihr Vater hatte Omarkan eingebläut, nett
Matratze hinter dem Sofa schläft eine Stu- Peking hat eine Liste mit 75 Merkmalen zu dieser Frau zu sein, die »von oben« ge-
dentin, die etwas Miete zahlt, sonst sind erstellt, an denen sich angeblich »religiöser schickt worden war. Also bemühte sie sich
die Zimmer kahl. »Ich habe keine Zeit, Extremismus« erkennen lasse. Aufrufe zum und nannte die junge Frau »Schwester«.
mich einzurichten, seitdem mein Vater in »Heiligen Krieg« gelten als verdächtig, aber »Tatsächlich mussten wir ihr dauernd
China verhaftet wurde«, sagt sie leise. auch, wenn jemand »große Vorräte an Nah- helfen, weil sie sogar ihr Kind mitbrachte«,
Omarkan wuchs in einem Ort in Xin- rung anlegt« oder »Hanteln, Boxhandschu- sagt Omarkan auf ihrem Sofa in Almaty.
jiang auf, der vor allem von ethnischen he, Karten, Kompasse, Teleskope, Seile und Die junge Frau quartierte sich in Omar-
Kasachen bewohnt wird, aber als Kind Zelte ohne offensichtlichen Grund hortet«. kans Zimmer ein. Als Omarkan eines
spielte sie mit chinesischen Freunden. In Eines Tages suchte Omarkan ihren Ko- Abends behauptete, krank zu sein, um ei-
ihrer Schule war Uigurisch Unterrichts- ran im Wohnzimmer ihrer Familie in Chi- ner Propagandafilmvorführung im Zen-
sprache; als Fremdsprache lernte sie Chi- na. »Wir haben ihn in eine Kammer ge- trum zu entkommen, verriet die Frau sie.
nesisch. »56 Ethnien in China müssen räumt«, sagte ihr Vater. – »Wir sind doch Omarkan beantragte die kasachische
zusammenhalten«, diesen Satz hörte sie gar nicht religiös«, entgegnete Omarkan. Staatsbürgerschaft. Bei ihrem nächsten Be-
damals oft. Ihre Jungen waren beschnitten, weil das such in China verhörte sie der Geheim-
Ende 2016 bemerkte sie zum dienst. Drei Monate später war
ersten Mal, dass sich etwas änder- ihre Mutter am Telefon: »Sie haben
te. Omarkans uigurische Schule deinen Vater verhaftet.« Entlassen
schloss und machte einer chinesi- werde er nur, wenn er alles über
schen Platz. Um die Ecke eröffnete seine Tochter preisgebe. Omarkan
ein »Lernzentrum«. Han-Chinesen weint, als sie davon erzählt.
gingen nun durch die Straßen und Es gibt in Almaty Hunderte Ge-
luden alle Bewohner in die »offe- schichten wie ihre. Registriert wer-
nen Erziehungscamps« ein. den sie im Büro der Nichtregie-
»Wir sollten kommunistische Fil- rungsorganisation Atajurt, einem
me ansehen«, sagt Omarkan. »Es Bau aus der Sowjetzeit mit einem
wurden Lieder darüber gesungen, zu klein geratenen Aufzug, in den
dass China jeden Krieg gewinnt.« sich täglich Dutzende quetschen,
Zunächst taten die Aufpasser, als um ihre Vermissten zu melden.
seien die Kurse freiwillig. Aber sie Mehr als tausend Fälle von in Xin-
führten Listen, auf denen sie die jiang verschwundenen Kasachen
Menschen in Kategorien einteilten: hat Atajurt dokumentiert.
»vertrauenswürdig, mittel, nicht »Wir wollten der kasachischen
vertrauenswürdig«. Regierung bei ihrem Repatriie-
Bald verschwanden Nachbarn, rungsprogramm helfen«, sagt Ky-
die den Lernzentren ferngeblieben dyrali Orasuly, der die Organisa-
waren. Ganze muslimische Dörfer tion führt. »Aber China bestellt un-
leerten sich. Die Kinder von Ver- sere Rückkehrer wieder in ihr Land
hafteten landeten in staatlichen ein, angeblich um Passangelegen-
Waisenheimen. Fehlte einer, sagten heiten zu regeln.«
die Aufpasser, man habe ihn »zur Von diesen Reisen kamen die
Schule« geschickt. meisten nie mehr zurück. Heute
Peking hatte seine »Anti-Terror- können etliche Kasachen kaum mit
Kampagne« 2014 verschärft, nach- ihren Angehörigen sprechen. Weil
dem es in Xinjiang Unruhen mit To- Geflohene Omarkan: »Sie haben deinen Vater verhaftet« es zu gefährlich für die Bewohner
ten gegeben hatte. 2009 waren in Xinjiangs ist, Anrufe aus Kasachstan
Ürümqi bei Aufständen der Uigu- anzunehmen, beauftragen Familien
ren rund 200 Menschen gestorben, die Tradition war. Sie grüßten sich mit »Salam Taxifahrer, sich in ihren Dörfern in China
meisten davon waren Han-Chinesen. alaikum« statt mit »Nihao«, aber sonst umzuhören. Andere kommunizieren am Te-
Überwachung und Repression war Omar- konnte sie keine Unterschiede zu den Han- lefon in Metaphern. Der Satz »Das Wetter
kan gewöhnt. Aber nun baute Peking im Chinesen erkennen. »Wir sind doch mit ih- wird schlechter« deutet auf Gefahr hin. »Der
abgelegenen Nordwesten einen Polizei- nen aufgewachsen«, sagt Omarkan heute. Computer ist abgestürzt. Das Programm ist
staat auf. Die Aufpasser wurden nun immer stren- kaputt« heißt, dass wieder jemand verhaftet
Im Jahr 2016 zog man den Parteisekre- ger. Anfang 2017 startete die Regierung wurde.
tär und Hardliner Chen Quanguo aus Ti- ihre Kampagne »Familie werden«, bei der Die meisten Ex-Häftlinge, die nach Al-
bet ab und gab ihm die oberste Kontrolle mehr als eine Million Kontrolleure in die maty fliehen konnten, fürchten sich vor
über die Provinz. Checkpoints und Poli- Häuser muslimischer Familien zogen. De- Agenten in Grenznähe, sie schweigen oder
zeistationen überzogen bald das karge ren Aufgabe war es angeblich, »Herzen zu wollen lieber anonym bleiben. Orynbek
Land. Um dieser Enge zu entkommen, gewinnen«, aber auch Informationen über Koksebek aber, ein gedrungener 38-Jähri-
ging Omarkan nach Almaty. Jeder dort die Gastfamilien zu sammeln. Sie sollten ger mit einer Narbe auf der Nase, die von
sprach ihre Sprache, sie fühlte sich wie zu »ihre kleinen Brüder und Schwestern« da- einer Prügelei in seiner Kindheit stammt,
Hause, aber ihre Familie war noch in rüber informieren, dass ihre gesamte digi- ist zum Gespräch in ein Restaurant gekom-
China, und so pendelte sie nun. »Du reist tale Kommunikation überwacht wird. men. Weil er wütend ist und weil er erzäh-
zu oft«, warnte eine Bekannte. Kasachstan »Meine Tochter« nannte Omarkans Va- len will, was ihm widerfuhr. Er sagt, er sei
gehörte nun zu den 26 »gefährlichen Län- ter die junge Frau, die 2017 mit der Familie im Norden Xinjiangs eingesperrt gewesen.

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»125 Tage in einer Zelle. Dabei habe ich Uhr Propagandaradio hören. Regelmäßig nicht aus Protest gegen die Lager seine
nie jemandem etwas zuleide getan. Das rief man sie zu Gruppensitzungen, in de- Wirtschaftsbeziehungen riskieren will.
Tageslicht sah ich nur auf dem Weg zum nen ihre Gesinnung überprüft wurde. »Ihr Zurück in Almaty kommt einen Tag spä-
Klassenzimmer.« China ist groß, habe an werdet uns dankbar sein, weil unsere Er- ter eine junge Frau, deren Leben gefährdet
den Wänden gestanden. 100 Gefangene ziehung gut für eure Zukunft ist«, sagten ist, zum Gespräch ins Hotel. Sophia soll
hätten vor einer Frau gesessen, die die die Aufseher. sie hier heißen. Seit ihrer Flucht aus China
Schriftzeichen lehrte. »Ich verstand nicht, Am 12. April 2018 wurde Koksebek ent- versteckt sie sich in Almaty, sie hat keine
was ich tun sollte«, sagt Koksebek. »Ich lassen. Ob sein Flehen den Ausschlag gab, gültigen Papiere. Ein Jahr ist es her, dass
hatte kaum je einen Stift gehalten.« seine mangelnde Begabung für Mandarin Sophia hier Arbeit suchte. In ihrem chine-
Weil er in seiner eigenen Sprache kaum oder etwas anderes, das weiß er nicht. sischen Heimatort war das Leben uner-
lesen und schreiben kann, halfen ihm seine Wenige Tage nach dem Treffen lädt das träglich geworden.
Mitschüler beim Mandarin. Sie schrieben kasachische Außenministerium Botschaf- »Ich hielt die ständigen Kontrollen nicht
das Propagandalied »Ohne die Kommunis- ter, Diplomaten und Journalisten zu einer mehr aus«, sagt sie. Als sie vor einem Jahr
tische Partei würde es kein neues China Propagandafahrt an die Grenze zu China ihre Schwester in China besuchte, lud ein
geben« für ihn ab. Als die Inhalte des 19. ein. Ein türkisfarbener Sonderzug steht Uigure sie zu einer Feier ein. Der Mann
Parteikongresses wiederholt wurden, flüs- um vier Uhr morgens in Almaty bereit. wurde später festgenommen. Die Polizei,
terten sie ihm die Antworten zu. Die Ge- Eine Stunde später fließt drinnen Wodka, die sein Telefon beschlagnahmte, identifi-
schichte des kommunistischen Hel- zierte Sophia in seinen Kontakten
den Lei Feng, der glorreich für Chi- als in China geborene Muslimin, die
na kämpfte, trug er bald allein vor. im Ausland lebt. Sie landete in einer
Koksebek wuchs auf in der Stadt Zelle mit 30 Insassinnen.
Tacheng, im Norden Xinjiangs, »Die Indoktrinierung war nicht
ging drei Jahre zur Schule und ver- das Schlimmste«, sagt sie, »aber sie
brachte den Rest seiner Kindheit überwachten uns permanent. Ka-
auf einem Pferderücken. In der meras hingen in unseren Zellen.«
Familie sprachen sie Kasachisch, Man habe sie sogar in den Duschen
»Probleme mit den Chinesen gab beobachtet. »Die Aufseher mach-
es nie«. Trotzdem zog Koksebek ten mit uns, was sie wollten. Wo es
nach Almaty, um Arbeit zu finden. keine Kameras gab, schlugen sie
Er nahm die kasachische Staats- uns. Sie haben uns sogar nackt foto-
bürgerschaft an und ließ China hin- grafiert.« Die jungen Frauen seien
ter sich. Festgenommen wurde er schutzlos gewesen. Die älteren, die
am 22. November 2017, als er zur die Schriftzeichen vergaßen, hätten
Beerdigung eines Onkels nach Xin- sie mit einem Stock verprügelt.
jiang wollte. Sie sagten, er habe sei- Der Kasache, der Sophia ins Ho-
ne chinesische Staatsbürgerschaft tel begleitet, möchte, dass sie in Den
nicht korrekt annulliert. Mit einer Haag vor dem Internationalen Ge-
Maske über dem Kopf fuhren sie richtshof spricht. Er glaubt, dass ihre
ihn in ein Krankenhaus. Geschichte die internationale Ge-
Alle Ex-Gefangenen berichten, meinschaft dazu bewegen wird, ein-
dass man ihnen vor ihrer Internie- zuschreiten. Dann könnten Hun-
rung Blut abnahm. Wahrscheinlich derttausende bald wieder in Freiheit
ist, dass China die Gefangenen in leben. Aber es ist unwahrscheinlich,
eine Datenbank einträgt, in der dass dies passieren wird. Der Groß-
alle Bewohner Xinjiangs zwischen teil der Staaten hält sich zurück. Chi-
12 und 65 Jahren erfasst werden na ist ein mächtiger Gegner. Selbst
sollen. Ex-Häftling Koksebek: Eiskaltes Wasser bis zur Ohnmacht die kasachische Regierung legt ge-
Dann landete Koksebek in einer flohenen Häftlingen immer wieder
Zelle. nahe, nicht offen über die Lager zu
»Warum lebst du in Kasachstan? Was draußen zieht die kasachische Steppe vor- sprechen. Die Ex-Gefangenen sind auch in
machst du? Wen kennst du dort?«, so be- bei, bis der Zug die Stadt Korgas erreicht. Kasachstan nicht in Sicherheit.
gannen die Verhöre. Als Koksebek sagte, Hier, an einem der abgeschiedensten Orte Sophia, die junge Frau, die noch immer
er verstehe nichts, zwängten sie ihn in eine der Erde, liegt einer der wichtigsten Kno- in Angst lebt, schreibt aus ihrem Versteck
Box und schütteten eiskaltes Wasser über tenpunkte der Neuen Seidenstraße. in Almaty: »Dieses Gefängnis wird für im-
ihn, bis er ohnmächtig wurde. Der kasachische Außenminister preist mer in mein Gedächtnis eingebrannt sein.
Nach ein paar Tagen oder Wochen, so die Freundschaft mit China, als er zwi- Meine Hände, meine Augen, meine Stim-
genau weiß Koksebek das nicht mehr, ver- schen den Containern eine Rede hält. me gehören für immer der Polizei.«
legten sie ihn in das Umerziehungslager. Während des Essens lässt er Tänzerinnen Noch weiß sie nicht, wohin sie fliehen
Drei Abteilungen gab es dort: »eine für auftreten und leitet die Gruppe in der Frei- kann. Der Ort sollte nur möglichst weit
Religion, eine für Grenzübertritte und eine handelszone geschickt um chinesische weg von Xinjiang liegen.
für Straftäter«. Die meisten Insassen lande- Shops herum, in denen verschleierten
ten wie er in Abteilung zwei. Muslimen der Zutritt verboten ist.
Der Tagesablauf war strikt: 6 Uhr Auf- Zu den Camps in wenigen Kilometern Foto-Essay
»Verschleiertes Land«
stehen. 8 bis 10 Uhr Propagandaradio hö- Entfernung fällt kein Wort. Kasachstan ist
ren. 10 bis 12 Uhr Unterricht. 12 Uhr Essen. ein junges Land, das wie in einem Schraub- spiegel.de/sp462018kasachstan
14 bis 16 Uhr Lieder singen. 16 bis 18 Uhr stock zwischen den Großmächten Russ- oder in der App DER SPIEGEL
Niederschreiben des Gelernten. 20 bis 22 land und China liegt. Und ein Land, das

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Ausland

»Ich bin sehr jung.


Ich rauche nicht, ich trinke nicht.
Ich tue nichts Schädliches«
SPIEGEL-Gespräch Labour-Chef Jeremy Corbyn über den Niedergang der Linken in Europa
und darüber, wie man auch im Rentenalter noch zum Jugendidol werden kann

J
eremy Corbyn, der Mann, auf dem Oder bieten wir dazu eine Alternative? haben zu wenig, zu schlechte, zu unsichere
die Hoffnungen der britischen Jugend Ich denke, wenn linke Parteien eine schlüs- Arbeit, was für eine Gesellschaft brandge-
ruhen, fotografiert in seiner Freizeit sige Anti-Austeritäts-Politik verfolgen, fährlich ist. Deswegen sagen wir, dass der
Kanaldeckel und weckt Marmelade werden sie damit Erfolg haben. Reichtum neu verteilt werden muss.
ein. Er trägt gern ausgebeulte Jacketts und SPIEGEL: Derzeit haben in Europa vor al- SPIEGEL: Es gibt in Großbritannien so we-
schmuggelt, wenn nötig, auch mal engli- lem rechtslastige Populisten Erfolg. nige Arbeitslose wie seit 1975 nicht mehr,
schen Käse in sein mexikanisches Urlaubs- Corbyn: Wenn Menschen sich enttäuscht die Wirtschaft wächst trotz des Brexits.
domizil. Er führt, mit anderen Worten, das von Politikern und Politik abwenden, kann Corbyn: Tatsächlich arbeiten Unzählige al-
durchschnittlich schrullige Dasein eines bri- das sehr gefährlich werden. Deswegen fin- lenfalls in Teilzeit oder auf Abruf, die Löh-
tischen Rentners. Hauptberuflich schickt de ich den Aufstieg der extremen Rechten ne sind seit zehn Jahren nicht mehr gestie-
sich Corbyn, 69, derzeit an, der nächste in Österreich und Deutschland auch sehr gen. Fast vier Millionen Briten sind für ihr
britische Premierminister zu werden. Seit- verstörend. Bei Ihnen in Deutschland hat Essen auf Tafeln angewiesen – und das im
dem der Mann aus London-Islington 2015 die AfD zuletzt zwar in den Umfragen sechstreichsten Land der Erde. Die Kon-
überraschend an die Labour-Spitze rückte, nicht mehr zulegen können, aber ihr Erfolg servativen sonnen sich im Wohlstand, der
erlebt die Partei einen beispiellosen Boom. ist trotzdem beängstigend. in Teilen Londons und in Südostengland
Ähnlich wie Bernie Sanders in den USA SPIEGEL: Der Niedergang der Sozialde- herrscht. Aber im Rest des Landes kommt
begeistert Corbyn vor allem junge Men- mokratie begann, nachdem Männer wie davon nichts an.
schen mit sozialistischer und pazifistischer Tony Blair und Gerhard Schröder regiert SPIEGEL: Hat Labour letztes Jahr deshalb
Politik. Mit nun 540 000 Mitgliedern ist haben. Zufall? 40 Prozent der Stimmen gewonnen?
Labour die größte Partei in der EU. Bei Corbyn: Blair hat versucht, die Sozialde- Corbyn: Wir haben die Sorgen der Mehr-
der Wahl 2017 kam sie – trotz massiver mokratie auf einen sogenannten Dritten heit angesprochen, ja. Und unser Wahl-
Angriffe britischer Medien und erbitterter Weg zu führen. kampf hat sich verändert. Wir gehen in
interner Richtungskämpfe – auf 40 Pro- SPIEGEL: Was ihm 1997 immerhin zu ei- jede Gemeinde, binden unsere Parteimit-
zent. Seither stehen linke und sozialdemo- nem Erdrutschsieg verhalf. glieder viel stärker ein. Wir haben gemein-
kratische Parteien in London Schlange, um Corbyn: Ja, aber dafür hat er die Labour- sam die Idee eines einheitlichen nationalen
Corbyn das Geheimnis seines unwahr- Partei nach rechts gerückt, was ich immer Bildungsdienstes entworfen. Das ist völlig
scheinlichen Erfolgs zu entlocken. für falsch gehalten habe. Dass es Investi- neu in Großbritannien, wo das Erziehungs-
tionen ins Gesundheits- und Bildungssys- system zersplittert ist und jeder, von der
SPIEGEL: Herr Corbyn, wenn Sie sich in tem gab, war gut und richtig. Fatal waren Schule, über lokale Behörden bis zu staat-
Europa umschauen, ist die Sozialdemokra- dagegen die britische Beteiligung am Irak- lich geförderten und privaten Universitä-
tie dem Untergang geweiht? krieg und der Glaube, dass staatliche In- ten, andere Vorstellungen hat. Außerdem
Corbyn: Ach was. Schauen Sie nach Por- stitutionen und staatliche Fürsorge besser haben wir neue Wege gefunden, unsere
tugal, wo die Sozialistische Partei eine er- in privaten Händen aufgehoben sind. Botschaften unters Volk zu bringen.
folgreiche Linksregierung führt. Auch die SPIEGEL: Ihre Antwort ist nun ein scharfer SPIEGEL: Indem Sie Bypässe um die
schwedische Arbeiterpartei hat sich kürz- Linkskurs. »Mainstream-Medien« gelegt haben, wie
lich vergleichsweise gut geschlagen. Corbyn: Unsere Antwort ist eine schlüssige Sie das nennen.
SPIEGEL: Das sind die letzten Bastionen. Politik, die auf Werten basiert. Werte wie Corbyn: Ja. Unsere ärgsten Widersacher
In Deutschland, Frankreich, den Nieder- die, dass in einer Gemeinschaft jeder Ein- sitzen in den Redaktionen der Main-
landen und anderen Ländern sind Sozial- zelne zählt und Minderheiten nicht zum stream-Zeitungen, die unglaublich feind-
demokraten auf dem Weg zur Splitterpar- Sündenbock gemacht werden, dass wir un- selig sind. Seitdem ich vor drei Jahren La-
tei. Warum geht es denen so mies? ser Geld in Erziehung und Bildung stecken bour-Chef wurde, waren 86 Prozent der
Corbyn: Entscheidend war, wie die Par- müssen und vor allem, dass Menschen Zeitungsberichte über uns negativ. Wir hal-
teien auf die Finanz- und Wirtschaftskrise Hoffnung brauchen. Überall in Europa ten so gut wie möglich dagegen, vor allem
2008 reagiert haben. Die Frage ist: Wollen müssen Bürger wieder daran glauben kön- übers Fernsehen und über soziale Medien.
wir weiter dulden, dass brutale Sparzwän- nen, dass sie eine Zukunft haben. Das Aus- SPIEGEL: Aber für üble Nachrede brau-
ge ein Wirtschaftssystem dominieren, das maß an Frust und Verzweiflung in post- chen Sie keine Journalisten. Ihre glü-
Reichtum in die falsche Richtung verteilt? industriellen Regionen ist riesig. Die Leute hendsten Gegner finden sich noch immer

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JÉRÉMIE SOUTEYRAT / DER SPIEGEL

Sozialist Corbyn: »Die Politik hat sich von der Jugend abgewandt«

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Ausland

in Ihrer eigenen Parlamentsfrak- kritisiert und natürlich den Um-


tion. gang mit Griechenland während
Corbyn: Die Partei ist geeinter, als der Finanzkrise. Mir schwebt ein
Sie glauben. Zu unserem letzten soziales Europa vor, mit Gesell-
Parteitag in Liverpool kamen fast schaften, die für alle da sind und
14 000 Leute, keine politische Ver- nicht für ein paar wenige.
sammlung in diesem Land hatte je SPIEGEL: Weniger neoliberal?
größeren Zuspruch. Und über die Corbyn: Nun, Sie werden mit-

JÉRÉMIE SOUTEYRAT / DER SPIEGEL


meisten Themen haben wir uns bekommen haben, dass ich nicht
ganz vernünftig einigen können. Es gerade Fan eines neoliberalen Wirt-
gibt keine große Spaltung. schaftssystems bin.
SPIEGEL: Trotzdem: Viele Labour- SPIEGEL: Haben Sie manchmal
Abgeordnete würden Sie lieber Mitleid mit Theresa May, die vor
heute als morgen wieder loswerden. der fast unmöglichen Aufgabe
Corbyn: Sagen wir so: Manche Ab- steht, es Brüssel und ihrer Partei
geordnete meiner Partei brauchen Corbyn beim SPIEGEL-Gespräch*: »Ich gehe auf alle zu« recht machen zu müssen?
halt etwas länger, um an Bord zu Corbyn: Ich bin ein mitfühlender
kommen. Mensch, mir tut es um jeden leid,
SPIEGEL: Warum sind Sie bei der alten werden. Wir werden alle Schritte, die nötig der unglücklich ist. Aber der beste Weg,
Labour-Garde so verhasst? sind, unternehmen, um Antisemitismus zu übermäßigen Druck zu vermeiden, ist, sich
Corbyn: Ich fürchte, das müssen Sie diese bekämpfen und zu garantieren, dass Juden ihm nicht länger auszusetzen.
selbst fragen. Ich gehe auf alle zu, jederzeit. im Vereinigten Königreich unbehelligt le- SPIEGEL: Ohne Ihnen zu nahe treten zu
SPIEGEL: Es heißt, alte Gefolgsleute von ben können. wollen, aber Sie gehören, wie US-Senator
Blair und jüngere Zentristen seien dabei, SPIEGEL: Das Land ist extrem gespalten, Bernie Sanders, eher einer älteren Politi-
eine neue Partei zu planen. Würde Ihnen nicht zuletzt wegen des Brexits. Wenn Sie kergeneration an …
das die Sache erleichtern? ihn stoppen könnten, würden Sie es tun? Corbyn: Ich kann nicht glauben, dass Sie
Corbyn: Nein, ich wünsche mir keine Corbyn: Wir können den Brexit nicht das gerade gesagt haben! (lacht)
Spaltung der Partei, sie würde unser aller mehr stoppen. Das Referendum hat statt- SPIEGEL: … können Sie sich erklären, wa-
Zukunft gefährden. Wir sollten alle ge- gefunden, der Scheidungsprozess läuft. rum Ihnen so viele junge Leute an den Lip-
meinsam begreifen, dass wir die nächste Was wir tun können, ist zu begreifen, wa- pen hängen?
Wahl nur gewinnen können, wenn wir rum die Menschen rauswollten aus der Eu- Corbyn: Das ist nichts, was mit uns als Per-
eine radikale Alternative zur derzeitigen ropäischen Union. son zu tun hat. Es zeigt nur, dass wir als
konservativen Regierung anbieten. Und SPIEGEL: Erleuchten Sie uns. Partei oder als Bewegung den Menschen
die haben wir zu bieten. Corbyn: Sehr viele Menschen sind sehr wieder Hoffnung geben. Junge Menschen
SPIEGEL: Sie planen unter anderem eine wütend über die Art und Weise, wie man haben sich nie von der Politik abgewandt,
Nationalisierung des Eisenbahn- und sie ignoriert und hängen gelassen hat. die Politik hat sich von ihnen abgewandt.
Stromnetzes. Zudem wollen Sie Arbeitern Hohe Zustimmungsraten zum Brexit gab Ich bin in den Fünfziger- und Sechziger-
sehr viel mehr Mitsprache in ihren Unter- es in vernachlässigten Regionen, wo die jahren aufgewachsen und wusste, dass ich
nehmen einräumen und Reiche schröpfen. Arbeitsbedingungen über Jahrzehnte im- es mal besser haben würde als meine
Corbyn: Unsere Politik ist vernünftig, in- mer schlechter wurden, gestützt auf EU- Eltern. Und die waren nicht arm. Der
klusiv und tatsächlich auch im Interesse Regeln und -Gesetze. Anders als die Kon- Wendepunkt war die Politik von Ronald
der meisten Bürger. Eine Mehrheit unter- servativen, die das noch weiter treiben Reagan und Margaret Thatcher. Deren
stützt Umfragen zufolge den Plan, das Ei- wollen, wollen wir die Rechte der arbei- Botschaft an die Jugend war, dass sie ab
senbahnnetz wieder in öffentliches Eigen- tenden Bevölkerung wieder stärken. sofort für ihre Erziehung, ihre Gesundheit,
tum zu überführen. SPIEGEL: Räumen Sie ein, dass Sie in Bre- ihre Rente zu bezahlen hat, dass sich
SPIEGEL: Sie haben sich in 35 Jahren als xit-Verhandlungen dieselben Probleme niemand wirklich für sie interessiert –
Abgeordneter einen Ruf als Labour-Rebell wie Premierministerin May hätten? und dass das Leben ein einziges Wettren-
erarbeitet. Allein gegen Ihre eigene Partei Corbyn: Nein. Wir würden unser Land nen ist.
haben Sie 400-mal gestimmt. nicht in Richtung einer völlig deregulierten SPIEGEL: Und nun wollen Sie zurück in
Corbyn: Oh, ich glaube, das war bestimmt US-Wirtschaft treiben. Wir würden eine die Zukunft?
noch häufiger. neue und umfassende Zollunion mit der Corbyn: Was wir auf beiden Seiten des
SPIEGEL: Gleichzeitig wurden parteiinter- EU anstreben, durch die – und das ist die Atlantiks wollen, ist eine Neuverteilung
ne Rivalen unter Ihrer Führung harsch Hauptsache – eine harte nordirisch-irische von Wohlstand und Macht. Von Bernie
sanktioniert. Ist das nicht widersinnig? Grenze unnötig wäre. Mit uns blieben die Sanders stammt der schöne Satz: »Ameri-
Corbyn: Niemand ist wegen seines Abstim- Zulieferketten der Betriebe für alle Betei- ka kann sich alles leisten außer der beste-
mungsverhaltens sanktioniert worden. Wir ligten erhalten. Die Menschen haben sich henden Ungleichheit.«
bestrafen Leute nicht wegen ihrer Ansich- für oder gegen die EU entschieden, aber SPIEGEL: Sie werden im kommenden
ten, sondern wegen ihres Verhaltens oder niemand hat dafür gestimmt, seinen Job Frühjahr 70 Jahre alt. Werden Sie zur
wegen falscher Behauptungen. oder seinen Lebensstandard zu verlieren. nächsten Wahl noch mal antreten?
SPIEGEL: Mitglieder Ihrer eigenen Partei SPIEGEL: Manche denken, das Referen- Corbyn: Ich bin sehr jung. Ich bin gesund.
werfen Ihnen vor, Antisemitismus zu tole- dum wäre mit einem EU-freundlichen La- Ich bin Vegetarier, ich esse jeden Morgen
rieren, tun Sie das? bour-Chef anders ausgegangen. Wie müss- meinen Porridge. Ich rauche nicht, ich trin-
Corbyn: Ganz klar: nein. Antisemitismus te eine EU aussehen, die Sie unterstützen? ke nicht. Ich tue nichts Schädliches. Tut
ist eine widerliche Form des Rassismus, Corbyn: Ich habe immer die Wettbewerbs- mir leid, wenn das etwas langweilig klingt.
ich lehne ihn unnachgiebig ab. Es gibt kei- politik und die Marktwirtschaft in Europa SPIEGEL: Herr Corbyn, wir danken Ihnen
nen Platz dafür in unserer Partei, und er für dieses Gespräch.
muss aus der gesamten Gesellschaft getilgt * Mit dem Redakteur Jörg Schindler in London.

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Sport
Aussichtsreiche Talente werden zur schnöden Handelsware. ‣ S. 106

Sky-Einschaltquoten bei den Einzelspielen der Ersten Bundesliga am 10. Spieltag


Hertha BSC – RB Leipzig Samstag, 18.30 Uhr 730000
Mönchengladbach – Fortuna Düsseldorf 670000

ABS MICHAEL SCHWARZ / IMAGO


Sonntag, 15.30 Uhr

Mainz 05 – Werder Bremen Sonntag, 18.00 Uhr 610000


Topspiel
Zweite Liga: Hamburger SV – 1. FC Köln Montag, 20.30 Uhr 500000
Bayern München – SC Freiburg 290000
VfL Wolfsburg – Borussia Dortmund 260000
alle Spiele zeitgleich
Schalke 04 – Hannover 96 Samstag, 15.30 Uhr 120000
Leverkusen – Hoffenheim 20000
Augsburg – Nürnberg 10000
Quelle: AGF/GfK
Pierre-Michel Lasogga (HSV)
beim Spiel gegen den 1. FC Köln

Einen Rekord stellten der Hamburger SV und der 1. FC Köln zwar gegen Freiburg am Samstag mit nur 290 000 Zuschauern.
auf. Erstmals sahen 500 000 Zuschauer ein Zweitliga-Montags- In der vergangenen Saison schalteten hingegen im Durchschnitt
spiel im Bezahlfernsehen – weit mehr als die meisten Erstliga- 980 000 Fans bei Bayernspielen ein. Im Vergleich muss man
spiele. Die Sky-Einschaltquoten bei einzelnen Spielen sind ein berücksichtigen, dass einige Partien samstags parallel stattfinden,
Gradmesser für die Beliebtheit der Klubs. München schwächelte andere wie das HSV-Rekordspiel exklusive Sendeplätze haben.

Magische Momente

»Die Zecken schrecken die meisten ab«


Der norwegische Orientierungslauf-Weltmeister Olav Lundanes, 30, über verirrte Sportler im Wald

SPIEGEL: Sie wurden in Riga zum fünften wäre. Dass einer mit einem gebrochenen ist neben der Ausdauer am wichtigsten.
Mal Weltmeister im Orientierungslauf. Bein oder einem Bänderriss im Wald Wichtig ist auch, dass man technisch gut
Wie viele Zecken haben Sie aus dem letti- zurückbleibt, kommt schon öfter vor. über Felsen und Baumstämme springen
schen Unterholz mitgebracht? SPIEGEL: Das klingt nach anspruchs- kann.
Lundanes: Viele. Nach jedem Wettkampf vollem Sport. SPIEGEL: Begegnen Sie bei Ihren Läufen
ziehe ich welche aus der Haut. Jede Sai- Lundanes: Ja, man bekommt die Karte wilden Tieren?
son habe ich mehr als hundert von den zur Orientierung ja erst kurz vor dem Lundanes: Im Wettkampf nicht, der Rum-
Biestern – an allen Stellen des Körpers. Rennen, und das Wettkampfterrain ist mel vertreibt die meisten Kreaturen. Aber
Die Zecken schrecken die meisten von vor dem Start Sperrgebiet. Erfahrung im Training ist man ganz allein in der
unserem Sport ab. In Skandinavien haben Natur. Ich habe schon Bären und Wölfe
die Menschen aber nicht so viel Angst beobachtet. Ich benutze auch gern die
davor wie in Deutschland. Wildwechsel der Tiere. Das sind wahre
SPIEGEL: Wie kommt man als junger Autobahnen im Wald. Wenn die parallel
Mensch dazu, mit Kompass, Karte und zum Kurs verlaufen, kann man dort ein
Kniestrümpfen so schnell wie möglich paar Sekunden gutmachen. Manchmal
durch die Wildnis zu laufen? entscheidet so ein Detail über Sieg oder
Lundanes: Schon meine Eltern haben das Niederlage.
gemacht und uns Kinder schon früh in SPIEGEL: Sie sind einer der wenigen Profis
DAVIDE AGOSTA / PICTURE ALLIANCE

den norwegischen Wäldern ausgesetzt. in diesem Sport, haben schon Wettkämpfe


SPIEGEL: Hatten Sie keine Angst, sich zu in Australien und China bestritten.
verirren? Lundanes: Es war immer mein Ziel,
Lundanes: Nein, das gehört dazu. Klar Rekordhalter in diesem Sport zu werden.
geht mal einer verloren. Vor allem uner- Ich habe davon geträumt. Nun bin ich
fahrene Athleten. Meistens finden die in allen Vegetationen der Welt unter-
Leute spätestens nach ein paar Stunden wegs. Ich bin draußen in der Natur. Jede
zurück. Mir ist nicht bekannt, dass Karte ist immer noch eine neue Heraus-
jemand mal für immer verschwunden Lundanes bei der EM 2018 im Tessin forderung. JDO

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 99


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Pini, der Brandstifter


Transfers Der Berater Pinhas Zahavi wollte Robert Lewandowski im Sommer aus seinem Vertrag
mit dem FC Bayern herausholen. Der Israeli ist einer der einflussreichsten Agenten:
Er brachte Neymar nach Paris – aber er mischte auch im trüben Geschäft mit Minderjährigen mit.

W
ien, 10. Juni 2018, Hotel Ritz- Millionen am Wechsel des Sohnes nach die »Sport Bild«: »Robert fühlt, dass er
Carlton, 13 Uhr. In der Lobby Paris – auch dank Zahavis brachialer Ver- eine Veränderung und eine neue Heraus-
saß Maik Barthel, der langjäh- handlungsführung. Doch Barthel winkte forderung in seiner Karriere braucht«, sag-
rige Vertraute und Berater des ab: Der FC Bayern würde sich von keinem te Zahavi Ende Mai: »Die Verantwort-
Stürmers Robert Lewandowski. Barthel Spieler erpressen lassen. Auch nicht von lichen des FC Bayern wissen darüber
wartete auf seinen Kollegen Pinhas Zahavi, seinem besten. Bescheid.« Die Story war die Titelgeschich-
den alle Welt nur Pini nennt. Die beiden Nach dem Treffen von Wien meldete sich te. Damit war der Brand gelegt.
mussten reden. Zahavi erneut. Nun wurde er dreister. Per Zahavi ist so lange im Geschäft wie kein
Zahavi, 76, ist ein Schwergewicht im SMS warf er Barthel mehrfach vor, Zweiter unter den weltweit einflussreichs-
globalen Fußballgeschäft, die engli- weder bei Lewandowskis Wechsel ten Agenten, seinen ersten Spielerwechsel
sche Zeitung »Observer« nannte von Dortmund nach München im fädelte der Israeli Ende der Siebzigerjahre
ihn in einer seltenen Nahaufnah- Sommer 2014 noch bei der letzten ein. Seine Nähe zu milliardenschweren
me einmal »den ersten und ein- Vertragsverlängerung eine feste Klubbesitzern in Russland, der arabischen
zigen Superagenten« des Fuß- Ausstiegssumme mit dem FC Bay- Welt oder Zentraleuropa ist genauso le-
balls. Doch für Barthel war der ern vereinbart zu haben. gendär wie seine Skrupellosigkeit, wenn
Mann seit ein paar Wochen ein »Robert war und wird der beste eine fette Provision lockt. Er mischt auch
ernsthaftes Problem. Denn sein Top- Stürmer der Welt sein«, schrieb Zahavi, bei Klubübernahmen mit, bei Beteiligun-
klient Lewandowski hatte sich mit Zahavi »aber er versteht das Fußballbusiness gen an Vereinen – und bei umstrittenen
eingelassen. nicht. Ich bin sicher, das könnte heute an- Deals mit minderjährigen Talenten.
Der aus Israel stammende Berater und ders sein.« So unübersichtlich groß sein Netzwerk
der polnische Nationalstürmer hatten »Das sehe ich anders«, konterte Barthel, ist, so unsichtbar bleibt Zahavi selbst. Er
einen Plan geschmiedet. Er sah vor, dass es sei »unmöglich«, dass der FC Bayern ist ein Phantom, blockt so gut wie jede In-
Zahavi, ein knochenharter Verhandler, einem »buy out« zustimmen würde. terviewanfrage ab, das letzte große Porträt
Lewandowski in diesem Sommer aus sei- Das Transfertheater, das Zahavi über über ihn erschien vor zwölf Jahren. Doch
nem bis Juni 2021 gültigen Vertrag mit gezielte öffentliche Äußerungen im vori- auch damals wurde nicht klar, mit welchen
dem FC Bayern München herauspauken gen Sommer in der deutschen Bundesliga Summen Zahavi genau hantiert und über
würde, mit welchen Methoden auch im- anzettelte, ist ins Leere gelaufen. Die Bay- welche Kanäle seine Einkünfte fließen.
mer. Der Torjäger wollte weg aus Mün- ern-Bosse verhandelten nicht mit dem Dokumente der Enthüllungsplattform
chen, am liebsten zu Real Madrid. Für Agenten. Doch aufgegeben hat er nicht – Football Leaks, in denen auch die SMS von
den nötigen Druck auf die Bayern sollte Zahavi vereinbarte mit Lewandowski, Barthel zu finden sind, lassen nun einen
Zahavi sorgen. Er ist ein Spezialist für sol- auch in Zukunft zusam- tiefen Einblick in das Reich
che Fälle. menzuarbeiten. eines der größten Strippen-
Im Jahr zuvor hatte Zahavi maßgeblich Wer ist dieser Mann, der Das SPIEGEL-Team zieher des globalen Fuß-
daran mitgedreht, dass der brasilianische die Bosse des FC Bayern Rafael Buschmann, ballgeschäfts zu. Aus den
Stürmerstar Neymar vorzeitig den FC Bar- wochenlang zur Weißglut Jürgen Dahlkamp, Unterlagen geht hervor,
celona verließ und bei Paris Saint-Germain getrieben hat? Im Lauf von Andreas Meyhoff, Nicola Naber, dass die Firmen, die Zahavi
anheuerte – obwohl Neymars Vertrag bei etwa 40 Jahren hat Zahavi Gunther Latsch, Jörg Schmitt, gehören oder für die er tä-

IMAGO SPORT, M.I.S SPORTPRESSFOTO/ALL4PRICES; ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR


den Katalanen gerade erst bis Juni 2022 es zu einer Virtuosität ge- Alfred Weinzierl, Robin Wille, tig ist, häufig in Steuer-
verlängert worden war. Eine Ausstiegs- bracht, hoch bezahlte Fuß- Christoph Winterbach, oasen sitzen: in Gibraltar,
klausel mit einer festen Ablöse von ballprofis gegen ihre Kol- Michael Wulzinger auf Malta, auf Zypern oder
222 Millionen Euro machte den Wechsel legen, ihre Trainer oder auf den British Virgin Is-
möglich. PSG zahlte diesen Preis, deshalb Vereinsbosse in Stellung zu European Investigative lands in der Karibik. Auch
Collaborations (EIC)
konnte Neymar wechseln. bringen. Kommt es dann in Luxemburg besaß er mal
Lewandowskis Vertrag hat solch eine zum endgültigen Zerwürf- »Expresso« (Portugal), »L’Es- ein Unternehmen.
Klausel nicht, und das war Zahavis Pro- nis mit dem alten Arbeitge- presso« (Italien), »Le Soir« Bei seinen Deals schließt
blem: Er musste Barthel auf seine Seite ber, weist Zahavi dem Spie- (Belgien), Mediapart (Frank- sich Zahavi oft mit anderen
bringen. In Wien versuchte es der Israeli ler den Weg zu einem neuen reich), »Nacional« (Kroatien), Branchengrößen zusammen
zunächst auf die charmante Tour. Er ließ Klub, der alle heraufbe- NDR (Deutschland), »NRC Han- wie dem englisch-iranischen
sich mit Barthel ins Ernst-Happel-Stadion schworenen Probleme mit delsblad« (Niederlande), Vermittler Kia Joorabchian,
chauffieren, Österreich spielte gegen Bra- Geld löst. Das hat ihn zum PLTV (Frankreich), »Politiken« dem Portugiesen Jorge Men-
silien, der letzte Test für die Südamerika- Multimillionär gemacht. (Dänemark), Reuters (UK), des oder dem Mazedonier
ner vor der WM in Russland. Unten auf Zahavi weiß, wie er sei- »Standaard« (Belgien), Tamedia Fali Ramadani, der ihm als
dem Platz zauberte Neymar junior, oben ne Botschaften unters Volk (Schweiz), The Black Sea/RCIJ Türöffner für den südost-
auf der Ehrentribüne saß sein Vater. Auch bringen muss. Im Fall Le- (Rumänien), VG (Norwegen) europäischen Fußballmarkt
Neymar senior partizipierte mit etlichen wandowski übernahm das dient. Er sei vor allem in

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Pinhas Zahavi

Robert Lewandowski

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vom FC Chelsea 300 000 Euro erhielt. Un-


terschrieben hatten den Vertrag und auch
die Rechnung für die erste Rate aber nur
zwei Angestellte von Zahavis Firma in
Luxemburg.
Werder weigerte sich monatelang, die
ersten 100 000 Euro zu überweisen. Der
Klub wollte wissen, wer der Begünstigte
der Zahlung sei. Erst als der Finsbury Trust
einlenkte, den Norddeutschen die Firmen-
struktur von Gol und Zahavi als Eigentü-
mer offenlegte, floss das Geld.
Wie bei Zahavi üblich, überwies Werder
das Honorar in die Schweiz. Dort führen
seine Unternehmen ihre Geschäftskonten,
bei der St. Galler Kantonalbank und bei
der Hyposwiss Private Bank in Zürich. Gol
unterhält Konten in den drei wichtigsten
Währungen: in britischen Pfund, in Dollar
sowie in Euro.
Den bislang spektakulärsten Deal seines
Lebens machte Pini Zahavi im Sommer ver-
gangenen Jahres. Am 23. Juli 2017, zehn
Tage bevor der Brasilianer Neymar nach
Paris Saint-Germain wechselte, erfuhren
die Klubbosse in Frankreich, dass Zahavi
neben dem Vater des Spielers als zweiter
Berater mit am Tisch sitzen würde. 10,7 Mil-
lionen Euro kassiert er bis Anfang 2022, so
Südamerika und in England aktiv, schrieb zeugt er selbst schriftlich, mehr als die Hälf- steht es in seinem Beratervertrag. Ver-
Zahavi über sich selbst. Eine Kanzlei in Bra- te des Jahres in London. In England liegt längert Neymar um ein weiteres Jahr bis
silien und eine zweite in Israel flankieren der Spitzensteuersatz bei 45 Prozent. Ei- 2023, kommen für Zahavi noch einmal gut
ihn juristisch. Sie haben gut zu tun. gentlich müsste Zahavi sein persönliches zwei Millionen Euro obendrauf.
Bereits vor zwei Jahren berichteten der Einkommen auf seine weltweiten Einkünf- Über den Zahlungsweg gab es zwischen
SPIEGEL und das Redaktionsnetzwerk Eu- te an die britische Behörde Her Majesty’s dem Klub und Zahavi einen Streit. Wie
ropean Investigative Collaborations (EIC) Revenue and Customs entrichten. bei Werder hatte er vorgeschlagen, dass
aus der verkommenen Welt der Spielerbe- Das bleibt dem Schwerverdiener aber ihm das Honorar über eine seiner Firmen
rater. Deutlich wurde, dass viele von ihnen erspart. Er hat sich mit den Engländern mit Konto in der Schweiz gezahlt würde.
ihre Honorare durch trübe Kanäle an Fir- geeinigt, seine Abgaben zahlt Zahavi in Is- Da hatte Paris Saint-Germain Bedenken.
men fließen lassen, die zwei Dinge gemein- rael. In Tel Aviv bewohnt Zahavi ebenfalls Zahavi gab nach. Nun wollte er plötz-
sam haben: den Sitz in einem Steuerpara- ein Apartment, wenn auch nur sporadisch. lich über eine Gesellschaft auf Zypern ent-
dies. Und eine undurchschaubare Eigen- Er profitiert offenbar vom britisch-israe- lohnt werden, die ebenfalls ihm gehört.
tümerstruktur. lischen Doppelbesteuerungsabkommen, Der Name: Grebere Consulting Limited,
Zahavi ist eine besondere Type in die- das es einem Steuerpflichtigen erlaubt, in registriert in Limassol, gegründet 2014. Za-
sem Kosmos. Wo andere Agenten mit gro- jenem der beiden Länder seine Einkünfte havi ließ den Klubbossen die vertraulichen
ßen Stäben agieren, tritt der Israeli als One- zu entrichten, in dem »das Zentrum seiner Firmenunterlagen zukommen, doch wie-
Man-Show auf. Er gilt als Mann des klas- vitalen Interessen« liegt. Und das ist bei der waren die Berater von PSG skeptisch.

CHEMA MOYA/DPA PICTURE-ALLIANCE, CARL RECINE/REUTERS; ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR


sischen Handschlags. Doch wenn man ihm Zahavi, behördlich bestätigt, Israel. Sie betrachteten Zypern als Steuerparadies
unbequeme Fragen nach seinen Geschäfts- Die Zentren seiner Geschäfte liegen fern- und hatten Zweifel an der »geschäftlichen
praktiken stellt, kann er auch mal hem- ab von Israel, etwa in Gibraltar. Dort, nur Substanz« der Grebere Consulting. Sprich:
mungslos drohen. ein paar Querstraßen vom Jachthafen ent- Sie vermuteten dahinter eine Briefkasten-
Für die Millionen, mit denen Zahavi fernt, residieren in einem Bürohaus ein firma. Zahavi weist das von sich.
jongliert, haben sich Justiz und Steuerbe- Trust und eine Servicegesellschaft namens In einer wütenden Mail beschimpfte er
hörden in Europa interessiert. Niemals Finsbury. Dahinter verbergen sich mehrere PSG-Generaldirektor Jean-Claude Blanc,
wurden ihm illegale Machenschaften nach- Firmen. Eine heißt Gol International, eine es sei »ein großer Fehler gewesen«, dem
gewiesen. Aus den Football-Leaks-Unter- weitere Gol Football. Beide sind in Gibraltar Klub die vertraulichen Unterlagen zu schi-
lagen geht hervor, dass es in England einen registriert. Eine dritte Firma hieß Gol Lu- cken. Er bestand darauf, das Geld über Zy-
besonders hartnäckigen Ermittler gab, Ab- xembourg, sie saß im Großherzogtum. Za- pern zu bekommen. Doch der Verein blieb
teilung Steuerbetrug und Offshore. Meh- havi sagt, diese Firma existiere nicht mehr. bei seiner harten Linie. In dem »Sports
rere Jahre spürte der Beamte Zahavis Ge- Der Strippenzieher aus Tel Aviv mag es Agency Remuneration Agreement« unter-
schäften in der Premier League nach. diskret. Selbst Geschäftspartnern gegen- schrieb Pinhas Zahavi schließlich als Pri-
Laut den Dokumenten ging es um per- über verschleiert er sein Firmengeflecht, vatperson, Adresse ist seine Anschrift in
sönliche Steuern von rund 12,5 Millionen wie etwa Werder Bremen erfahren hat. Im Tel Aviv. Das Geld floss laut seiner Aussa-
britischen Pfund und Unternehmensabga- Sommer 2012 hatten die Bremer mit Gol ge auf ein persönliches Konto, er versteu-
ben von fast 5 Millionen. Diese Untersu- Luxembourg einen Vertrag ausgehandelt, ert es mithin in Israel. Zahavi empfand die-
chung wurde im April 2017 eingestellt. Das wonach die Firma für Zahavis Vermittlung se Behandlung als Majestätsbeleidigung,
grenzt fast an Magie. Zahavi lebt, das be- bei der Leihe des Spielers Kevin De Bruyne das ließ er die Klubbosse auch wissen.

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Zahavi hat ständig zwei, drei Mobilte- Viele Klubs gerieten so in fatale Abhängig- 12,5 Millionen Euro an die Leiston. Inner-
lefone im Einsatz. Neben einer Kreditkar- keit von Investoren. Die Fifa verbot des- halb von etwas mehr als zwei Jahren hatte
te sind sie eigentlich alles, was der Agent halb diesen Einsatz von Drittmitteln ab die Leiston damit aus sieben Millionen
zum Arbeiten braucht, wenn er zwischen Mai 2015. Euro 18,75 Millionen gemacht – steuerfrei
den Kontinenten hin und her jettet. Einige Investoren, die Pini Zahavi jahre- verbuddelt in der Karibik.
Für eine ordentliche Buchführung sind lang dabei beriet, ihr Geld in Transferrech- Die Fifa hat eine Tochterfirma, die alle
solche Arbeitsmethoden allerdings nur be- ten bestimmter Spieler anzulegen, verber- internationalen Transfers dokumentiert.
dingt geeignet. Als der britische Steuerin- gen sich hinter einer Firma namens Leiston Kimberly Morris ist die Vorsitzende der
spektor Mark H. den Millionenzahlungen Holdings Limited. Sie ist auf den British Abteilung für Integrität. Sie verfolgte diese
an Zahavi aus der Premier League nach- Virgin Islands in der Karibik registriert, wo Spekulationsgeschäfte damals sehr genau,
ging, verlangte er von Manchester City, der Steuersatz für Einnahmen, die jenseits doch sie war bei ihren Stichproben ange-
die Unterlagen zu den Transfers diverser der Inseln erwirtschaftet werden, bei null wiesen auf die Auskunftsbereitschaft der
Spieler herauszugeben. »Was war Zahavis Prozent liegt. Wie in Gibraltar. Es waren Klubs. Und die war nur mäßig ausgeprägt.
Rolle?«, fragte er in einem Schreiben. Geschäfte, bei denen eine Vervielfachung Nach Marković’ Wechsel zu Benfica war
Der Klub hatte Probleme, die Doku- des Einsatzes in kürzester Zeit möglich war. Morris hellhörig geworden. Im März 2014
mente zu finden. Einmal ging es um die Zudem wurden bei solchen TPO-Deals schrieb sie eine Mail an die Vereinsbosse
Honorare für den Transfer von Robinho. häufig Honorare im siebenstelligen Bereich von Partizan, sie bat um »kurze Zusam-
»Wir haben leider nicht die Kopien aller in Steuerparadiese verschoben. menfassung der Beziehung zwischen Ih-
Schriftsätze vorliegen«, antwortete der Fi- Illustrieren lässt sich die ganze Palette rem Club und Leiston Holdings«. Zudem
nanzchef von ManCity dem Steuerfahn- dieser dubiosen Transaktionen exempla- verlangte sie Einsicht in den Vertrag zwi-
der. Der Deal sei »während der Übernah- risch am Fall des serbischen Profis Lazar schen der Firma und Partizan.
me des Klubs durch Abu Dhabi« gemacht Marković, 24, der dem FC Liverpool ge- Der Generalsekretär lieferte das Doku-
worden: »Bestimmt sind Sie sich im Kla- hört und der derzeit an den belgischen Erst- ment, doch Morris gab sich damit nicht
ren darüber, dass es nicht ungewöhnlich ligisten RSC Anderlecht ausgeliehen ist. zufrieden. Sie schrieb eine zweite Mail.
in dieser Branche ist, dass ein gehöriger Im April 2012, Marković war erst seit Nun wollte sie wissen, ob es »eine Verbin-
Anteil der Deals über das Telefon verein- wenigen Wochen volljährig, erwarb die dung zwischen der Leiston Holdings Ltd.
bart und nicht förmlich festgehalten wird.« Leiston Holdings 100 Prozent der Trans- und Herrn Pinhas Zahavi gibt«. Zudem
Ähnlich nebulös war das, was Zahavis ferrechte des Spielers von Partizan Bel- hakte sie nach, ob Partizan »noch irgend-
Londoner Anwalt im Juni 2014 von Jorge grad. Der Preis: sieben Millionen Euro. eine andere Vereinbarung bezüglich dieses
Mendes zu hören bekam. Der Portugiese Ein gutes Jahr später, im Juni 2013, Spielertransfers oder allgemein mit Herrn
vertritt Spieler wie Cristiano Ronaldo und wechselte der Angreifer zu Benfica Lissa- Pinhas Zahavi« habe.
ist wie Zahavi eine große Nummer in der bon. Die Portugiesen überwiesen 6,25 Mil- Weiter kam Morris bei ihren Nachfor-
Welt der Berater. Die beiden haben bedeu- lionen Euro an die Leiston, sicherten sich schungen nicht. Dabei war sie auf der rich-
tende Transfers zusammen gestemmt, vie- damit aber nur die Hälfte von Marković’ tigen Fährte gewesen, wie die Football-
le dieser Geschäfte spielten sich zwischen Transferrechten. Leaks-Dokumente belegen. Die Leiston hat-
dem FC Porto und dem FC Chelsea ab. Ein weiteres Jahr später, im Juli 2014, te rund um diesen TPO-Deal nämlich zwei
Zahavis Anwalt wollte sich in dem Te- wechselte Marković zum FC Liverpool. weitere verdächtige Verträge aufgesetzt.
lefonat mit Mendes vor den Nachforschun- Die »Reds« zahlten für den Transfer ins- Am 3. Mai 2012, nur wenige Tage nach
gen der Steuerfahnder wappnen, er erwar- gesamt 25 Millionen Euro. 12,5 Millionen dem Erwerb von Marković’ Transferrech-
tete sich Aufschluss über die Gepflogen- Euro flossen an Benfica, die anderen ten, vereinbarte die Leiston mit der Firma
heiten der Branche und die Rolle seines
Mandanten. Über das Telefonat führte er
ein Protokoll. »Buchstäblich jeder in der IM SCHATTENREICH

IMAGO SPORT (2)


Fußballindustrie« kenne Zahavi, habe Wer an den Transfers von
Mendes gesagt, und jeder wisse, »dass er Lazar Marković verdiente
seinen Einfluss und seine Kontakte, ein-
schließlich derer zu Vorstandsvorsitzen-
den und einigen Staatschefs, nutze, um Goldline Partizan Belgrad Pinhas Zahavi
Deals mit Spielern zu vermitteln«. Schweiz
Wie ManCitys Finanzchef schilderte April 2012
Berater
demnach auch Mendes, dass Papier für 100%
den früheren Journalisten Zahavi zum Ar- Mai 2012
7 Mio. € Transferrechte Juni 2013
beiten nicht mehr so wichtig sei wie früher, 2 Mio. € 50%
als er noch für die Zeitung schrieb. Zahavis Vermittlungshonorar Transferrechte
Leiston Holdings Ltd. Benfica
Kommission werde »von Deal zu Deal Lissabon
British Virgin Islands
über das Mobiltelefon verhandelt«, dies 0,25 Mio. € 6,25 Mio. €
sei bei allen Geschäften zwischen ihm und Vermittlungshonorar
Zahavi so gelaufen. Juli 2014
Über Jahre gab es im Fußballbusiness 50%
ein Modell, bei dem Zahavi besonders kräf- Sport & More 12,5 Mio. €
USA Transferrechte
tig mitmischte: die sogenannte Third-Party
Ownership (TPO). Im Kern funktionierte Juli 2014
das Geschäft so: Investoren kauften Ver- April 2013
12,5 Mio. €
ein A Anteile an den Transferrechten eines
hoffnungsvollen Profis ab. Stieg der Markt- 50%
Lian Sports
wert dieses Spielers, drängten die Geldge- Malta
Transferrechte
ber oft auf den Weiterverkauf zu Verein B. FC Liverpool

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Sport & More, registriert im Bundesstaat »Vermittlerdienste« an zwei Firmen ein


New York, eine Zahlung von 250 000 Euro. und desselben Beraters überweisen? Gab
Hinter dieser Firma stand der serbische es dafür andere Gründe als den, ein paar
Spielerberater Nikola Damjanac. Seine an- gute Freunde zu bedienen? Weder Pini Za-
gebliche Leistung: Damjanac soll Leiston havi noch Nikola Damjanac noch die Fir-
geholfen haben, die Transferrechte an Mar- men Lian Sports und Leiston Holdings äu-
ković zu erwerben. ßerten sich zu diesem Verdacht.
Manchmal kann einem schwindlig wer- Zahavi fädelte zahlreiche millionen-
den, wenn man den Geldflüssen der Fir- schwere TPO-Deals für die Leiston ein, da-
men zu folgen versucht, für die Zahavi ar- runter auch mindestens einen im beson-
beitet. Denn obwohl Sport & More Ver- ders trüben Geschäft mit minderjährigen
tragspartner war, beauftragte Damjanac Spielern.
die Leiston später, die 250 000 Euro an Danilo Pantić war 16 Jahre alt, als die
eine Firma auf Malta zu zahlen. Ihr Name: Leiston am 29. März 2013 die Hälfte seiner
Lian Sports. Für diese Firma arbeitet einer Transferrechte erwarb. Wie Marković war
von Zahavis Buddies auf dem Balkan, er auch der junge Mittelfeldspieler ein Talent
nennt ihn »my guy«, meinen Jungen. von Partizan Belgrad, sein Ausbildungs-
Doch das war noch nicht alles. Damjanac vertrag ging noch bis Sommer 2015.
unterschrieb in Sachen Lazar Marković mit Die Leiston zahlte für diese Transferbe-
der Leiston am 3. Mai 2012 einen weiteren teiligung 1,7 Millionen Euro. Das Geld
Vertrag. Diesmal für ein Unternehmen na- floss aber nicht an den Klub in Belgrad.
mens Goldline, das im Schweizer Grenzort Stattdessen ging es an zwei Unternehmen
Chiasso seinen Sitz hatte. Demnach musste mit Sitz auf Nevis, einer der Westindischen
die Leiston zwei Millionen Euro an die Inseln in der Karibik: Die eine heißt TXL

ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR


Goldline überweisen. Und wieder lautete Investments, die andere SNR Limited. Bei-
der angebliche Zahlungsgrund: Unterstüt- den Firmen überwies die Leiston Holdings
zung beim Kauf der Transferrechte des das Geld auf ihre Konten bei der Bank of
Spielers Lazar Marković. Valletta – einem Kreditinstitut auf der Mit-
Warum sollte die von Pini Zahavi bera- telmeerinsel Malta.
tene Leiston Holdings mehr als 30 Prozent Doch damit nicht genug: Die SNR schob
der investierten sieben Millionen Euro für 500 000 Euro weiter an eine Firma namens

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Leary Invest auf den British Virgin Islands, habe »nicht den Standards unserer guten erstattung« befürchtete. Dem habe er ent-
und sie drückte weitere 170 000 Euro an Geschäftsführung entsprochen«, teilte gegenwirken wollen.
eine Firma namens Guanta Gold mit Sitz Werder Bremen dem EIC mit. Zahavi legte alle relevanten Dokumente
im mittelamerikanischen Belize ab. Die Das Recherchenetzwerk bat Pini Zahavi des Neymar-Vertrags auf den Tisch. Dem-
1,7 Millionen Euro, die Leiston Holdings am 8. Oktober um schriftliche Stellung- nach zahlte Paris Saint-Germain die erste
gezahlt hatte, landeten am Ende also bei nahmen zu all den in diesem Artikel be- Rate von 1,49 Millionen Euro nicht an eine
vier Firmen – und alle hatten ihren Sitz in schriebenen Geschäften. Zahavi antwor- der Firmen Zahavis in einem Steuerpara-
Steuerparadiesen. tete bereits nach wenigen Stunden. Er dies, sondern an ihn persönlich. Das Geld
Das Pikante daran: Sowohl die TXL In- schrieb, dass er niemals an der Firma Leis- ging auf einem Konto der israelischen
vestments als auch die SNR Limited auf ton Holdings beteiligt und auch niemals Bank Hapoalim ein, das Zahavi nach Ab-
den Westindischen Inseln, bei denen das wirtschaftlich Begünstigter gewesen sei. schluss seines Beratervertrags mit PSG ei-
Geld der Leiston zunächst gelandet war, Er habe die Leiston »beraten, als die Be- gens eröffnet hatte. Zahavi sagt auch, dass
wurden damals von einem Direktor der teiligung Dritter an Transferrechten von er die persönlichen Einkünfte aus seinen
Lian Sports auf Malta kontrolliert, die Profifußballern noch erlaubt war«. Alle weltweiten Unternehmensgewinnen im-
auch schon in die Millionenmauscheleien anderen Fragen beschied Zahavi als »nicht mer in Israel versteuert hat.
im Fall Marković verwickelt war. Keiner relevant«. Die Unterhaltung führte Zahavi in ag-
der Beteiligten beantwortete, warum und Eine gute Woche später empfing Zahavi gressivem Ton, einmal schlug er mit der
wofür das Geld geflossen ist. dann doch noch einen israelischen Jour- flachen Hand auf den Tisch. »Hören Sie
Es war wohl genau diese Art von dubio- nalisten, der das EIC vertrat. Das Treffen mal gut zu: Es gibt keinen großen Deal
sen Deals, die Werder Bremen davon ab- fand in der luxuriösen Wohnanlage »Sea auf der Welt, bei dem ich nicht mitmi-
hielt, schon im Frühjahr 2012 mit Pini Za- and Sun« im Nordwesten Tel Avivs statt, sche«, sagte der Berater, »und es gibt kei-
havi zusammenzukommen. Damals hatte in der Zahavi ein Apartment mit prächti- ne Ecke im internationalen Fußball, in der
die Leiston den Bremern ein Angebot ge- gem Meerblick besitzt. ich keinen Einfluss und keine Macht
macht: sieben Millionen Euro für die Zahavi trug Bermudashorts und ein habe.«
Transferrechte an dem ehemaligen Natio- Poloshirt, er bot dem Interviewer einen Sollte auch nur eine einzige Behauptung
nalspieler Marko Marin. Kaffee an. Zahavis Sohn Gil saß ebenfalls veröffentlicht werden, die ihm schade,
Zunächst war Werder gesprächsbereit. mit am Tisch und zeichnete den Wortlaut drohte Zahavi mit der »größten Klage in
Doch der Klub nahm Abstand von dem auf. Der Spielerberater hatte einem per- der Geschichte« gegen die Verlage des EIC:
Geschäft, weil die Leiston sich offenbar sönlichen Gespräch zugestimmt, weil er, »Ich werde sie bekämpfen, ich bin ein star-
weigerte, ihre Firmenurkunden von den wie er sagte, anhand der Fragen zu dem ker Mann.«
British Virgin Islands offenzulegen. Dies Neymar-Deal »verleumderische Bericht-

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Risikokapital
Talente Manchester City investiert Millionen in eine afrikanische
Fußballakademie. Doch nur wenige Schüler schaffen den
Sprung nach Europa. Und werden dort behandelt wie Handelsware.

E
in schlammiger Pfad, gesäumt von Seit 2010, so ist den Football-Leaks-Do- Manchester City verspricht sich von der
mageren Ziegen und Hühnern, kumenten zu entnehmen, investiert Man- ghanaischen Akademie einen Premiumzu-
führt vorbei an Wellblechhütten chester City jährlich mehr als eine Million gang zu afrikanischen Fußballtalenten. So-
und Lehmhaufen. In ausgeleierten Euro in die Akademie. Die rund 90 Schü- bald RtD einen einzigen künftigen Super-
Shirts sitzen die Bewohner von Old Ak- ler aus Ghana, der Elfenbeinküste, Nigeria star aufspürt und entwickelt, einen einzi-
rade vor ihren Behausungen, mustern die und anderen westafrikanischen Ländern gen Samuel Eto’o oder Didier Drogba,
Schüler auf ihrem täglichen Weg zu den erhalten neben dem professionellen Trai- wird sich der Aufwand gelohnt haben.
Trainingsplätzen der Fußballakademie ning auch eine vergleichsweise hochwer- Doch so wie die Engländer das Geschäft
»Right to Dream« im Südosten von tige Bildung. Right to Dream, sagen in Westafrika betreiben, zielen sie nicht
Ghana: acht ordentlich gemähte Ra- die Leiter, habe schon mehr als nur auf Spieler für die eigene Premier-
senflächen, mit Fangnetzen hinter 70 Studenten Stipendien für Schu- League-Truppe. Auch mit den etwas we-
den Toren, manche gar mit Flut- len und Universitäten in England niger Begabten, das haben sie erkannt,
lichtmasten. und den Vereinigten Staaten ver- lässt sich Geld verdienen.
Der Kontrast zur Armut in die- mittelt. 48 Absolventen seien pro- Interne Unterlagen aus dem Football-
ser urwüchsigen Umgebung, die- fessionelle Fußballer geworden. Leaks-Datensatz offenbaren die Strategie
sem spärlich besiedelten Landstrich »Keine Sportorganisation in Gha- von Manchester City im Umgang mit
am Fluss Volta im Südosten Ghanas, nas Geschichte, abgesehen von der jungen Spielern. In den Dokumenten wird
könnte größer kaum sein. ghanaischen Regierung, hat so viel in das Investment in 16- bis 20-Jährige als
Das Recht zu träumen, von spektakulä- Sporteinrichtungen investiert«, sagt der »venture capital« bezeichnet: Risikoka-
ren Toren, von jubelnden Fans und Millio- RtD-Gründer Tom Vernon. Ein irisches pital. Fußballnachwuchs soll gemäß einer
nensummen auf ihren Konten, das haben Ölunternehmen sponsert die Schule, zahlt internen Präsentation in verschiedene Ka-
die Fußballschüler allemal. Schließlich sind Material- und Lehrkosten. Mit einem Hin- tegorien eingeteilt werden.
sie die Auserwählten, junge Talente auf tergedanken: »Sie wollen die technische Ab einem gewissen Punkt werden eini-
dem Sprung nach Europa. Nicht alle wer- Industrie von Ghana verbessern«, erklärt ge Spieler demnach zu sogenannten value
den es schaffen, das wissen sie. Aber alle ein Schulvertreter. players, die für das Unternehmen in
wollen es schaffen. Der Fußweg von ihrer Unterkunft zum Zukunft wertvoll sein könnten – »durch
Die Right-to-Dream-Akademie ist ty- Trainingsplatz soll die jungen Kicker in Spielen oder anderes«. So wächst der Wei-
pisch für die vielen Fußballschulen auf Demut und Dankbarkeit üben. »Wir wer- terverkaufswert eines Spielers allein da-
dem afrikanischen Kontinent, die sowohl den jeden Tag daran erinnert, woher wir durch, dass er in den renommierten Kader
den Familien der Jugendlichen als auch ih- kommen«, sagt der 17-jährige Abu Francis. der »Citizens« aufgenommen wird. Dazu
ren Partnern, Klubs in Europa, so viel ver- Reporter der dänischen Tageszeitung muss er nicht mal eine Minute lang gespielt
sprechen. Mit gezielter Talentförderung »Politiken«, die am Football-Leaks-Projekt haben.
wollen sie das Potenzial Abertausender des Recherchenetzwerks EIC mitarbei- 2015 bilanzierte City, dass sich mit nied-
fußballverrückter Teenager ausschöpfen, ten, haben Francis und seine Mitschüler rigen Investitionen im Jugendbereich satte
sie fit machen für den Profimarkt auf dem besucht. Gewinne machen lassen: Innerhalb von
fernen Kontinent – und ihnen damit den Für die Chance, in die weite Welt ziehen vier Jahren habe man demnach 9,5 Mil-
Weg aus der Armut bereiten. Manche Kin- zu können, müssen die Kinder viel aufge- lionen Pfund für 26 Fußballtalente im Al-
der verlassen ihr Elternhaus schon mit ben. Vor allem ihre Jugend, nachdem RtD- ter von 13 bis 18 Jahren ausgegeben. Allein
zehn Jahren. Scouts ihr Talent auf einem der unzähligen der Verkauf von vier Spielern, so die in-
Doch selbst die wenigen wirklich aus- staubigen Bolzplätze entdeckt haben – ternen Papiere, sei schon ein sehr gutes
sichtsreichen Talente, die es nach Europa und sie nach diversen Probetrainings in Geschäft gewesen: »Das Investment hat
schaffen, geraten allzu oft in ein brutales die Akademie holen. 13,2 Millionen Pfund und einen MCFC-
Geflecht aus Abhängigkeit und Schutz- »Ich vermisse meine Mama«, sagt ein Kaderspieler generiert«, stellten die Ma-
losigkeit, werden zur schnöden Handels- zehnjähriger Schüler, den ein Fernsehteam nager zufrieden fest.
ware. Right to Dream, kurz RtD, wird vom des NDR Anfang Oktober in der RtD- Der erwähnte Kaderspieler von Man-
Premier-League-Meister Manchester City Schule interviewt. Er schluckt tapfer und chester City war zu diesem Zeitpunkt der
finanziert. Deshalb glaubten die meisten, fügt hinzu, dass er ja einmal pro Woche Nigerianer Kelechi Iheanacho. Zwei Jahre
NDR; ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR

die Profiverträge erhielten, ihren Traum seine Eltern anrufen könne. Seine Mitschü- später wechselte er für kolportierte 28 Mil-
beim englischen Topklub verwirklichen zu ler erzählen, dass sie nur am Wochenende lionen Euro zu Leicester City – und ver-
können. In der Realität wurden sie jahre- Zeit zum Telefonieren hätten. Unter der besserte Manchesters Jugendbilanz noch
lang weiterverliehen an Klubs in kleinen Woche haben sie einen vollgepackten Ta- einmal deutlich.
Ligen, nach Strømsgodset in Norwegen, gesplan, der Drill zum Profifußballer ist Hinter den nüchternen Zahlen ver-
Breda in den Niederlanden oder Örebro ein Fulltime-Job. Schließlich wartet über bergen sich die unterschiedlichsten Schick-
in Schweden – manchmal offenbar gegen 5000 Kilometer weiter nördlich der wich- sale von jungen Menschen, mitunter den
ihren Willen. tigste Geldgeber auf Ergebnisse. besten der RtD-Akademie. Zum Beispiel

106 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Divine Naah

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SPIEGEL-Gespräch live im
Thalia Theater – Stadt der Zukunft

BMF/Thomas Koehler

Adriano A. Biondo

DER SPIEGEL/Christian O. Bruch


Olaf Scholz Jacques Herzog Susanne Beyer

Wie werden unsere Metropolen künftig aussehen?


Ein Gebäude wie die Elbphilharmonie kann eine Stadt verändern.
Breite Fahrradwege können eine Stadt verändern. Cafés und Wohnungen an den
Ufern des Wassers können eine Stadt verändern. Was macht eine Stadt lebenswert?
Liebenswert? Wo lohnt es sich zu investieren? Und wodurch wird Wohnraum wieder
bezahlbar? Kurzum: Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?
Darüber redet die stellvertretende SPIEGEL-Chefredakteurin Susanne Beyer
mit Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister und langjähriger Erster Bürgermeister
Hamburgs, und Jacques Herzog, von Herzog & de Meuron, den Architekten
der Elbphilharmonie.

Dienstag, 13. November 2018, 20.00 Uhr


Thalia Theater, Alstertor, 20095 Hamburg
Karten im Vorverkauf, an der Abendkasse und unter thalia-theater.de.
Eintritt: 9 bis 18 Euro, Abonnenten 7 bis 15 Euro (nur an der Thalia-Kasse am Alstertor)
Kartentelefon: 040 - 32814444. Änderungen vorbehalten.
Verpassen Sie keine Veranstaltung mehr, und melden Sie sich für unseren Newsletter unter spiegel-live.de an.
Die Veranstaltung wird per Live-Stream auf spiegel.de und thalia-theater.de übertragen.
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Divine Naah. Der 22-Jährige, schmäch- schicksale stellt: Vor allem englische Klubs Er verdient nicht mehr so viel wie zu jener
tiger Körperbau, breites Grinsen, spielt verpflichten Dutzende Spieler und verlei- Zeit, als er noch in Manchester unter Ver-
seit vier Jahren in Europa und hat sich da- hen sie gleich weiter, zu Vereinen in ganz trag stand. »Aber ich wollte frei sein und
mit einen Lebenstraum erfüllt. »Ich kom- Europa, jede Saison aufs Neue. So kontrol- selbst entscheiden, wohin ich gehe«, sagt
me aus einer armen Gegend«, erzählt er. lieren sie die Entwicklung zahlreicher Ta- Naah. »Jetzt ist es mein Leben.«
»Aber damals wusste ich das nicht, denn lente und erhöhen ihre Chancen, wenigs- Dass der junge Ghanaer gegen sein
jeder dort ist arm.« tens mit einem Spieler richtigzuliegen. Der Schicksal aufbegehrt, konnte sich der RtD-
Sein Heimatort heißt Obuasi, er ist be- Rest: Ausschussware. Gründer Vernon einige Jahre vorher noch
kannt für eine der weltgrößten Goldminen, Bei Manchester City »wird deine Stim- nicht vorstellen. »Divine Naah ist einfach
Naahs Vater arbeitete dort. Schon als me nicht gehört«, sagt Naah heute. »Du nicht der Typ dafür, unseren Ratschlag an-
Grundschüler hieß Divines Berufsziel Fuß- bist nur einer von vielen Leihspielern.« Für zuzweifeln«, schrieb der Brite im Juli 2014
ballprofi. Er zog in Ghanas Hauptstadt den Meisterklub bestritt Naah keine einzige an Manchester City. »Andere hingegen
Accra, wo ihn die RtD-Scouts entdeckten. Partie, stattdessen verliehen die Engländer werden uns hinterfragen und tun es jetzt
»Sie haben mich gefunden, als ich auf der ihn nach Norwegen, dann nach Holland, schon.«
Straße spielte«, sagt Naah. »Ich war elf nach Dänemark und weiter nach Schweden. Vernon wollte seine Mail damals als
Jahre alt, als ich zu Right to Dream kam.« Manchmal blieb er nicht einmal ein halbes eine Warnung verstanden haben. Der Aka-
Es schien ein Riesenglück zu sein, ein Jahr. »Die Veränderungen sind hart«, sagt demie-Gründer fürchtete, so belegen die
entscheidender Moment in seinem Leben, der Mittelfeldspieler heute. »Wenn du dich Football-Leaks-Dokumente, die Kontrolle
das sich spätestens jetzt nur noch um den gerade an deine neue Heimat gewöhnt über seine Zöglinge zu verlieren. Denn ei-
Traum vom Profifußball drehte. Naahs hast, ziehst du schon wieder um.« nige heranwachsende Spieler machten sich
Lieblingsteam war immer der FC Barcelo- In manchen Klubs fühlte er sich allein- erhebliche Sorgen, weil sie »desaströse
na, sein Lieblingsspieler der Brasilianer gelassen. Einer der Trainer wollte ihn gar Entwicklungen« von RtD-Alumni in Man-
Ronaldinho. Mit 18 Jahren wechselte er nicht haben, erzählt Naah. Doch seine chester mitbekommen hätten. Zwar habe
von Ghana nach Manchester und schien Chefs aus Manchester hätten ihm angekün- ein Leihsystem auch einige positive Seiten,
ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR

damit ein perfektes Aushängeschild erfolg- digt, dass er bei City nur auf der Bank sitzen so Vernon, doch City habe nicht die Be-
reicher RtD-Arbeit zu sein: ein Aufstieg werde. »Ich hatte keine Wahl«, sagt Naah reitschaft gezeigt, die Akademie-Spieler
aus der Armut in einen der reichsten Ver- heute, »ich war wütend. Es war einer der wirklich fördern zu wollen. »Wir können
eine der Welt. schlimmsten Momente meines Lebens.« RtD-Spieler nicht zwingen, bei Manches-
Doch in Wirklichkeit geriet er aus sei- Im vergangenen Sommer hat er das ter City zu unterschreiben«, warnte er.
nem behüteten Umfeld in Ghana direkt in City-System verlassen und spielt jetzt Das war tatsächlich ein Problem.
ein System, das Klubinteressen vor Einzel- beim belgischen Zweitligisten AFC Tubize. Schließlich hatte sich die Akademie 2010

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 109


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in einem Vertrag mit dem Verein dazu ver-


DIE GUTEN pflichtet, »sich nach besten Kräften zu be-
mühen, die Spieler zu einem Transfer nach
Manchester zu bewegen«. Dieser Deal

NACHRICHTEN garantierte City das Erstzugriffsrecht auf


alle volljährig gewordenen RtD-Spieler,
denn die Absolventen sollten »nicht ohne
die vorherige schriftliche Zustimmung von
GEHEN WEITER Manchester City« zu anderen Klubs trans-
feriert werden. So gewann der Premier-
League-Klub also den Vorsprung auf dem

! Transfermarkt: Er förderte die Akademie


und durfte im Gegenzug zuerst bei mög-
lichen Transfers mitreden.
JETZT NEU: Die RtD-Leitung erklärte gegenüber
dem SPIEGEL, dass jeder ihrer Spieler
BAND 2 über sich selbst bestimmen könne. »Kein
Absolvent wurde jemals zu einer Entschei-
dung über seine Zukunft gezwungen und
wird es auch künftig nicht.«
Der Weltfußballverband Fifa hat im
Lauf der letzten Jahre internationale
Transfers von Minderjährigen unter stren-
gere Bedingungen gestellt. Das soll die Ju-
gendlichen vor Ausbeutung und Men-
schenhandel schützen. Für die großen
Klubs bedeuten die Fifa-Regeln, dass sie
ihr Geschäftsmodell anpassen. Denn für
Vereine wie Manchester City ist und bleibt
es entscheidend, den ersten Zugriff zu
haben, wenn ein aussichtsreiches Talent
die Volljährigkeit erreicht.
Manchester City und die RtD-Akade-
mie haben 2016 an ihrem System gefeilt
und die Verträge ergänzt. Schulleiter Ver-
non hatte mittlerweile mit dem FC Nords-
jælland (FCN) einen Verein in Dänemark
übernommen. Mit dem dänischen Erst-
ligisten, bei dem heute der ehemalige
Mainzer Bundesligatrainer Kasper Hjul-
144 Seiten mit zahlreichen farbigen Abb. | Pappband · A 15,00 (D) mand arbeitet, hat Vernon eine neue An-
Auch als E-Book erhältlich laufstation im europäischen Fußball ge-
schaffen. Seitdem wechseln die meisten
Absolventen aus Ghana nach Ost-Däne-
Der Welt geht es besser, jeden Tag ein bisschen mehr. mark. Der FCN hat eine Abmachung mit
Das beweist Guido Mingels auch im zweiten Buch zu seiner Manchester City – und ist damit zum Teil
einer Dreiecksbeziehung geworden.
beliebten SPIEGEL-Kolumne. Anhand einer Fülle neuer, In einem Vertrag zwischen den Klubs
überraschender Beispiele zeigt er, auf wie vielen Gebieten heißt es, dass der FC Nordsjælland RtD-
sich Mensch und Natur positiv entwickeln – und dass es keinen Spieler nur mit Genehmigung von Man-
chester City weiterverkaufen darf und City
Grund für die verbreitete Untergangsstimmung gibt. dann mit 25 Prozent des Transfererlöses
beteiligen soll. Zeige City Interesse an ei-
nem Akademie-Spieler bei FCN, sollen sich
wiederum die Dänen »nach besten Kräften
bemühen, den Transfer zu Manchester City
kostenlos durchzuführen«. Im Gegenzug
verspricht der englische Verein, an FCN er-
folgsbedingt Prämien auszuzahlen.
BAND 1 Mehrere Experten, die von Reportern
128 S. mit farbigen Abb. des EIC-Recherchenetzwerks mit den Ver-
Pappband · A 14,99 (D) tragsinhalten konfrontiert wurden, halten
Auch als E-Book erhältlich diese Klauseln für problematisch. »Das
Recht auf ein Transferveto würde klar be-
deuten, dass Manchester einen verbotenen
Drittpartei-Einfluss auf Status, Registrie-
rung und Karriereaussichten des Spielers

110 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


www.dva.de
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Nächste Woche
im SPIEGEL:

S-Magazin
Die Lifestyle-Beilage
hätte«, sagt der britische Sportrechtsanwalt rekten Einflussnahme
Dan Chapman. Tatsächlich besagen die durch Manchester City, des SPIEGEL
Fifa-Regularien eindeutig, dass keinem Ver- die bisherigen Karriere-
ein möglich sein darf, die »Arbeitsverhält- wege von RtD-Spielern in
nisse oder Transferangelegenheiten« ande- Dutzenden Leihgeschäften – all das ist
rer Klubs zu beeinflussen. symptomatisch für ein Fußballbusiness, Themen der Ausgabe:
Die 25-prozentige Transferbeteiligung das mit den Träumen junger Talente spielt
hält Experte Chapman für einen »offen- und sie wie Anlagegüter behandelt. »Das
sichtlichen Fall« von Third-Party-Owner- limitiert das Recht der Spieler auf freie
Brillant
ship (TPO). Beim TPO kauft ein Investor Vereinswahl«, sagt Wil van Megen von Schmuckhersteller setzen
Anteile an einem Fußballspieler und spe- der internationalen Spielergewerkschaft
kuliert damit auf dessen Wertsteigerung. Fifpro. »TPO zerstört letzten Endes das auf fair geschürftes Gold
Finanziers haben einige Jahre lang mas- Spiel und gibt den reichen Vereinen, die
senweise Spieler gekauft und Transfers er- sich das leisten können, noch mehr Provokant
zwungen, um an den Verkaufserlösen mit- Macht.«
zuverdienen. Darum wurde TPO auch Kürzlich hat die Fifa beschlossen, die »Ich arbeite nicht für Geld«
»moderner Sklavenhandel« genannt – und erlaubte Anzahl von Leihspielern in einem
im Mai 2015 von der Fifa verboten. Verein limitieren zu wollen, um die aus-
Gespräch mit dem Benetton-
Die Verträge zwischen Manchester, ufernden Leihgeschäfte einzudämmen. Fotografen Oliviero Toscani
Nordsjælland und Right to Dream wurden Auf ihr Geschäftsmodell werden die Fuß-
ein Jahr nach dem Verbot unterzeichnet. ballakademien in Afrika dennoch nicht ver-
Tom Vernon erklärt auf Anfrage, er sei zichten. Auch in den kommenden Jahren Garant
ȟberzeugt, dass wir uns mit RtD und FCN werden sie Tausende Kinder locken, die Wieso Unternehmen sich
an alle relevanten Fußballregeln halten«. von der großen Karriere träumen.
Wenige Tage vor Veröffentlichung dieses Die Chancen stehen nicht gut. Trotz ih- verpflichten, einen Teil ihres
Artikels verschickte er eine aktualisierte res engmaschigen Scouting- und Trans-
Antwort auf die EIC-Anfrage: Die Verträ- fersystems wartet die Right-to-Dream-
Gewinns für gute Zwecke
ge seien »seit einiger Zeit, unabhängig von Akademie bis heute auf den Durchbruch auszugeben
Ihrer Recherche, nicht mehr in Kraft«. eines ihrer Absolventen in Manchester.
ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR

Manchester City hat auf detaillierte An-


fragen nicht inhaltlich geantwortet und
sprach von einem »organisierten und ein- Video Außerdem:
Das System erklärt
deutigen Versuch, den Ruf des Vereins zu Das gezeichnete Interview
schädigen«.
Der vorgezeichnete Weg aus Ghana
spiegel.de/sp462018spieler
oder in der App DER SPIEGEL
mit Gottfried Helnwein
nach Dänemark, die Möglichkeit zur di-

111
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Wissenschaft+Technik
Es war ein Kampf auf Leben und Tod, Mensch gegen Computer. ‣ S. 118

Soziobiologie
Lieber ein Mädchen
oder ein Junge?
G Hauptsache, das Baby ist gesund –
das wünschen sich Eltern, die Nach-
wuchs erwarten. Doch im späteren
Leben bevorzugen und fördern Frauen
tendenziell eher ihre Töchter und Män-
ner ihre Söhne – das hat ein Online-
experiment unter der Leitung von
finnischen und US-amerikanischen For-
schern ergeben. Frauen spenden dem-
nach mehr Geld für Organisationen, die
Mädchen unterstützen, und wären eher
bereit, ein Mädchen zu adoptieren als
einen Jungen. Bei Männern, wenn-
gleich schwächer ausgeprägt, verhält es
sich genau umgekehrt. Eine Erklärung
für die geschlechtsspezifischen Unter-
schiede haben die Forscher noch nicht
gefunden. »Unsere Studie konnte nicht
zeigen, dass die Präferenzen der Eltern
für das Geschlecht der Kinder durch
Status, Wohlstand, Bildung oder die
eigene Kindheit beeinflusst werden«,
erklärt Robert Lynch von der Univer-
sität Turku in Finnland. KK
MICHAEL MELFORD / NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE

Fußnote

1,72
Billionen Dollar – so hoch war im Jahr
2016 die Belastung des US-amerikani-
Unerwünschten Besuch bekam der Leopard im Serengeti-Nationalpark in schen Gesundheitssystems und der dor-
tigen Wirtschaft durch die Folgen von
Tansania: Ein Löwe suchte ebenfalls den Weg in den Baumwipfel, musste
Übergewicht und Fettleibigkeit. Das
aber zunächst einmal aufgeben. Weil der Leopard wesentlich weniger Milken Institute in Santa Monica hat
wiegt, konnte er auf die dünneren Äste in der Baumkrone klettern und diese Summe errechnet, sie entspricht
schaffte es dadurch bis ganz nach oben. Im Nationalpark leben auf rund etwa 9,3 Prozent des Bruttoinlandspro-
14 800 Quadratkilometern etwa 3000 Löwen und 2000 Leoparden. dukts. Nur 481 Milliarden Dollar seien
reine Krankheitskosten. Der weitaus
Offenbar wollte der Löwe sein Revier verteidigen und die kleinere Raub- größere Anteil von 1,24 Billionen er-
katze von ihrem Aussichtsplatz verjagen. gebe sich aus Produktivitätsverlusten.

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Medizin biotikum behandeln. In der Mehrzahl der


Fälle ist das aber gar nicht nötig und kann
»Eine zu lange Therapie kann sogar schaden« sogar schädlich sein. Hinzu kommt, dass
sich Vorurteile und Traditionen hart-
Konrad Reinhart, 71, ehe- wenn dies erforderlich ist. In Deutschland näckig halten. Obwohl wir heute wissen,
MARTIN JEHNICHEN

maliger Direktor der sterben jedes Jahr rund 70 000 Menschen dass es ausreicht, ein Antibiotikum nur
Klinik für Anästhesiologie an einer Sepsis, also einer Blutvergiftung, vier bis sieben Tage einzunehmen und
und Intensivmedizin am in den allermeisten Fällen mit ganz nor- eine zu lange Therapie sogar schaden
Universitätsklinikum Jena, malen, nicht resistenten Keimen – und kann, findet diese neue Erkenntnis zu
über die Zunahme von 20 bis 30 Prozent dieser Menschen könn- zögerlich Eingang in die Praxis.
Todesfällen durch multiresistente Keime ten noch leben, wenn sie rechtzeitig anti- SPIEGEL: Stimmt der Eindruck, dass viele
und den richtigen Umgang mit Antibiotika biotisch behandelt worden wären. Hausärzte mitunter willkürlich entschei-
SPIEGEL: Warum fällt der richtige den, welcher Patient ein Antibiotikum
SPIEGEL: Das »European Centre for Umgang mit Antibiotika so schwer? bekommt und welcher nicht?
Disease Prevention and Control« hat Reinhart: Viele Infektionen können durch Reinhart: Ganz so schlimm ist es nicht.
errechnet, dass im Jahr 2015 im Europäi- Bakterien und durch Viren ausgelöst wer- Andererseits kommt es auch immer wie-
schen Wirtschaftsraum rund 33 000 Men- den. Im Zweifel wähnen sich Ärzte und der vor, dass sogar eine Sepsis übersehen
schen an multiresistenten Keimen ge- Patienten deshalb auf der sicheren Seite, und das Antibiotikum viel zu spät verab-
storben sind, etwa 2400 davon in wenn sie eine Erkrankung mit einem Anti- reicht wird. Ärzte sollten deshalb überall
Deutschland – weit mehr als noch Schnelltests an die Hand bekom-
einige Jahre zuvor. Wie ernst ist men, die klar zeigen, ob Bakterien
das Problem? oder Viren die Übeltäter sind.
Reinhart: Wenn Antibiotika bei Eine schweizerische Studie hat
Intensivpatienten mit schweren gezeigt, dass durch den Einsatz
Infektionen nicht mehr wirken, eines solchen Tests in Arztpraxen
weil die Erreger resistent geworden die Verordnung von Antibiotika
sind, stehen Sie als Arzt mit dem bei akuten Atemwegserkrankun-
Rücken zur Wand. Völlig zu Recht gen um mehr als 70 Prozent

MECKES / EYE OF SCIENCE / AGENTUR FOCUS


wird deshalb die unkritische Gabe zurückging.
von Antibiotika, die zur Bildung SPIEGEL: Welche weiteren Mög-
von Resistenzen führt, scharf kri- lichkeiten gibt es, den Verbrauch
tisiert. zu senken?
SPIEGEL: Wie lässt sich das verhin- Reinhart: Menschen mit
dern? geschwächtem Immunsystem soll-
Reinhart: Wir müssen dringend zu ten sich unbedingt gegen Influenza
einem professionelleren, rationalen und Pneumokokken impfen lassen.
Umgang mit Antibiotika finden. Die Impfungen helfen in vielen
Dazu gehört aber auch, ein Anti- Fällen, eine Lungenentzündung zu
biotikum ohne zu zögern zu geben, Darmbakterien verhindern. VH

Kommentar

Voodoo am Schlagbaum
Warum der Plan, bei Einreisekontrollen demnächst Lügendetektoren einzusetzen, grober Unfug ist

Wer über Ungarn, Griechenland oder Litauen in die EU reisen nen: Hautwiderstand, Blutdruck, Atemrhythmus. Ein ausgebilde-
möchte, darf sich auf ein Erlebnis besonderer Art freuen: Schon ter »Polygraphist« deutet all die Daten dann kunstvoll aus. Das ist
vorab späht ihm ein argwöhnischer Computer bis auf den Grund aber kaum mehr als ein höheres Ratespiel. Es gibt keine soliden
der Seele. Der Reisende loggt sich per PC oder Smartphone bei Belege für die Treffergüte der Seelenerforschung durch Messtech-
den Grenzbehörden ein, dann antwortet er, mit Blick ins Auge der nik. Manchmal gerät ein Mensch auch unter Stress, wenn er die
Kamera, auf Fragen nach seinem Woher und Wohin. Am anderen Wahrheit sagt, während ein anderer seelenruhig eine Lüge erzählt.
Ende sitzt ein neuartiger Lügendetektor mit dem vielsagend ver- Mit etwas Geschick ist es sogar möglich, die maschinelle Detektei
gurkten Namen »iBorderCtrl«; die EU lässt ihn gerade testen. zu überlisten. Kleiner Tipp: Nicht jeder schafft es, kaltblütig die
Eines ist jetzt schon klar: Wir sehen da, auf welche Abwege der Unwahrheit zu sagen – viel einfacher ist es, sich künstlich aufzu-
naive Glaube an die Magie künstlicher Intelligenz führt. Der Com- regen bei den harmlosen Kontrollfragen, die zum Vergleich einge-
puter soll in den Gesichtern der Prüflinge nach verräterischem streut werden. Das verfälscht die Messreihen ebenso gut.
Muskelspiel forschen. Angeblich zuckt es in der Mimik des Lüg- Nun soll ausgerechnet der begriffslose Computer die Wahrheits-
ners irgendwie anders, weil er gestresst ist. Grober Unfug! Schon findung besser hinbekommen, allein durch Mustersuche im Mie-
mit herkömmlicher Technik ist das Lügenlesen eine Wissenschaft nenspiel – als wäre eine Lüge die simple Fehlfunktion einer biolo-
für sich – und zwar eine denkbar schlechte. Die Verdächtigen müs- gischen Maschine, die von geeigneter Werkstattdiagnostik ausgele-
sen etliche Fragedurchgänge bestehen, während diverse Geräte – sen werden kann. Wer daran glaubt, muss den Menschen für eine
genannt Polygraphen – ihre kreatürlichen Reaktionen aufzeich- Art Auto halten. Manfred Dworschak

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 113


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Häufigstes
Ernährungsverhalten:
Mahlzeiten
und Snacks über
15 Stunden
am Tag verteilt

7.00 Uhr

22.00 Uhr

Wissenschaft

Mahl-Zeit
Gesundheit Die meisten Diäten zielen darauf, was und wie viel man essen darf. Doch
offenbar kommt es vor allem auf das Timing an: Wer seine Kalorien früh am Tag
aufnimmt und vom Abend an fastet, hilft seinem Körper, überschüssiges Fett abzubauen.

R
und eine Million Aufsätze zur Er- Annahme, dass ›eine Kalorie eine Kalorie puppt sich als entscheidende Größe, um
nährung haben mehr oder min- ist‹ und dass der Zeitpunkt von Mahlzeiten den Stoffwechsel gesund zu halten.«
der seriöse Experten bisher vor- egal ist«, konstatieren Forscher im »Nutri- Das könnte bedeuten: Es zählt gar nicht,
gelegt, doch geholfen hat’s nicht. tion Bulletin«. Dabei würden neuere, aber was man verzehrt, sondern wann man ver-
Die Fettleibigkeit breitet sich auf der gan- noch wenig bekannte Studien offenbaren, zehrt. Das Erforschen der Mahl-Zeit ergibt
zen Welt aus. Allein in Deutschland sind dass »das Timing der Nahrungsaufnahme folgende Empfehlung: Am besten ist es,
den neuesten Zahlen zufolge 43 Prozent für die Energiebilanz, ein gesundes Herz- sich zwischen Morgen und Nachmittag satt
der erwachsenen Frauen und 62 Prozent Kreislauf-System und bei Erkrankungen« zu essen – und beim Abendbrot zu knau-
der erwachsenen Männer übergewichtig. wichtig ist. sern oder dieses ganz sein zu lassen.
Die meisten Diäten scheitern kläglich. Soll man also auf die Uhr schauen statt Die US-Wissenschaftlerinnen Ruth Pat-
Nun glauben Mediziner zu wissen, woran auf die Waage? »Genauso ist es«, bestätigt terson und Dorothy Sears sind auf den ver-
das liegt. In früheren Ernährungsstudien Satchidananda Panda, ein Forscher vom blüffenden Einfluss der Tageszeit gestoßen,
ging es meist nur darum, was und wie viel renommierten Salk Institute for Biological als sie Umfragen zur Ernährungsweise aus-
man essen darf. Dabei scheint viel wichti- Studies in Kalifornien. Er sagt: »Das Ti- werteten. In der Summe stützen »diese
ger zu sein: Wann sollte man essen? ming der Nahrungsaufnahme – unabhän- Daten die Vermutung, dass das Verzehren
»Diätratschläge zur Gewichtskontrolle gig von der Gesamtkalorienaufnahme und früher am Tag und das Verlängern der
bei Menschen gründeten bisher auf der der Qualität der Makronährstoffe – ent- nächtlichen Fastenperiode das Risiko für

114 Fotos: Dirk Fellenberg für den SPIEGEL


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8.00 Uhr 16.00 Uhr

18.00 Uhr

Ideales
Ernährungsverhalten:
Mahlzeiten über
8 bis 10 Stunden
am Tag verteilt

verschiedene häufige chronische Erkran- nehmen, wie auch Amerikaner, Belgier tigen: etwa neue Proteine herstellen oder
kungen verringern könnte«. oder Niederländer, rund ein Drittel der alte Proteine abbauen. Auch in der Zelle
Courtney Peterson von der University täglichen Kalorienmenge am Abend oder hat alles seine Stunde.
of Alabama in Birmingham hat bereits un- sogar in der Nacht ein. Aus diesem Grund ist es nicht egal,
tersucht, was passiert, wenn Menschen wann man Kalorien aufnimmt. In einer
sich das Essen am Abend verkneifen. Sie Von Natur aus ist der Mensch eigentlich Studie nahmen gesunde Testpersonen die
sagt: »Die Gewichtsabnahme und der Blut- ein tagaktives Lebewesen und auf einen gleiche Mahlzeit mal früh zu sich oder mal
zucker verbessern sich erheblich.« 24-Stunden-Takt ausgerichtet, auf den so- spät. Das Ergebnis: Am Morgen stieg der
Schon klassische Redensarten rieten genannten zirkadianen Rhythmus. Eine Blutzuckerspiegel viel weniger stark an als
dazu, morgens wie ein Kaiser, mittags wie Rolle spielt das Hormon Melatonin, das am Abend. Es war so, als ob das Abend-
ein König, aber abends wie ein Bettler zu bei Dunkelheit im Gehirn vermehrt frei- essen doppelt so mächtig gewesen wäre
essen. Doch die Bewohner der Industrie- gesetzt wird. Dort wiederum ist es eine wie das Frühstück.
staaten haben verlernt, diese alte Weisheit bestimmte Region, der Nucleus suprachi- Das spüren besonders Menschen, deren
zu beherzigen. asmaticus, die den Wach-Schlaf-Rhythmus Wach-Schlaf-Rhythmus verschoben ist.
Für eine Studie hatte Panda 156 Men- synchronisiert. Schichtarbeiter beispielsweise sind be-
schen aus Kalifornien gebeten, mit einer Aber nicht nur im Gehirn, sondern auch sonders anfällig für Fettleibigkeit und
bestimmten App auf dem Smartphone zu in Darm, Leber und anderen Organen Herz-Gefäß-Erkrankungen, wenn sie die
dokumentieren, wann, was und wo sie ticken biologische Uhren. Und diese kön- Hauptmahlzeit in der Nacht zu sich
gerade aßen. Die Daten zeigen: Die Leute nen durch zu späte Speisen verstellt wer- nehmen. Die für den Appetit zuständigen
speisen mitnichten nur am Esstisch, son- den und aus dem Takt geraten. Wenn man Hormone geraten bei ihnen stark durch-
dern auch am Schreibtisch, vorm Compu- vorm Zubettgehen noch eine Bockwurst einander.
terbildschirm, auf dem Bürgersteig, im verschlingt, dann zwingt man die Verdau- Umgekehrt kann eine Nahrungsaufnah-
Auto beim Tanken, auf der Couch vorm ung zu einer Nachtschicht – mit ungeahn- me zu festen Tageszeiten mit ebenso festen
Fernseher – und sogar im Bett. Und sie ten Folgen. Esspausen helfen, Gewicht zu verlieren.
essen, wann sie wollen. Vom Joghurt zum In den meisten Zellen sind bestimmte Beim »time-restricted feeding«, einer be-
Frühstück bis zur Eiscreme am Abend – Gene normalerweise früh am Morgen und stimmten Variante des Intervallfastens,
im 24-Stunden-Zyklus werfen sich die meis- am Nachmittag besonders aktiv, während darf man so viel essen, wie man will –
ten Menschen über einen Zeitraum von sie am Abend zur Ruhe kommen. Dadurch allerdings nur in einem 6 bis maximal
15 Stunden immer wieder einen Snack ein. spart der Körper Energie. Und er kann ver- 12 Stunden großen Zeitfenster pro 24-Stun-
Auch den Deutschen ist ein solches Ess- schiedene Aufgaben, die nicht zusammen- den-Zyklus. In der übrigen Zeit, also in
verhalten rund um die Uhr vertraut. Sie passen, zu unterschiedlichen Zeiten bewäl- einer 12 bis 18 Stunden langen Phase, soll

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 115


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süchtige Frau hatte ihr Gewicht durch den


Verzicht auf Fast Food und durch körperli-
Effekte Gehirn che Aktivität bereits von 113 Kilogramm
langer Esspausen (Intervallfasten) • größere Geisteskraft auf 95 Kilogramm gesenkt, danach aber
auf den Körper • erhöhte Plastizität der wollte kein weiteres Pfund mehr purzeln.
Synapsen * Da hörte Lorna Shelton von Petersons Ex-
• verringerte Anfälligkeit perimenten an der University of Alabama
für Erkrankungen * und entschloss sich, das Schema selbst aus-
Blut zuprobieren. Sie aß nur noch zwischen 8
• erhöhter Ketonkörperspiegel Uhr und 14 Uhr. Durch dieses Intervallfas-
• verringerter Blutzuckerspiegel ten verlor sie weitere 23 Kilogramm. Heute
• weniger Entzündungsmarker kann sie endlich wieder ohne Stock laufen.
• verringerte Marker für Herz-Gefäß-System »Der Körper ist aufgrund des zirkadia-
oxidativen Stress nen Systems besser darin, Fett in der Nacht
• erniedrigter Blutdruck
• herabgesetzter zu verbrennen als am helllichten Tag,
wenn die Sonne scheint«, sagt Peterson.
Leber Ruhepuls
Darauf sei der Mensch im Laufe der Evo-
• Herstellung von Ketonkörpern lution gepolt worden.
aus Fettsäuren
• bessere Insulinempfindlichkeit Darm Das uralte Programm macht es Men-
• weniger Fettansammlungen schen, die abends häufig Geschäftsessen
• bessere Darmtätigkeit
• weniger Entzündungen haben oder gern mit Freunden beim Din-
ner schlemmen, nahezu unmöglich, ihr
Fettgewebe Körpergewicht zu verringern.
• Abbau von Körperfett Ein Ausweg bestünde darin, das späte
• verringerte Produktion des Essen einfach zu lassen oder das Abendes-
Sättigungshormons Leptin Muskeln sen vorzuziehen, sagt Courtney Peterson.
• weniger Entzündungen • bessere Insulin- Allerdings müsse man das nicht jeden Tag
empfindlichkeit beherzigen. »Für die meisten Menschen ist
• erhöhte Leistung und es ein realistisches Ziel, wenn sie an vier
Ausdauer bis sechs Tagen in der Woche nur in einem
*bisher nur in Tierexperimenten aufgezeigt • weniger Entzündungen acht bis zehn Stunden großen Zeitfenster
tagsüber essen«, sagt Peterson – eine
schlanke Frau, die nach eigener Auskunft
man keine einzige Kalorie zu sich nehmen; nahme früh in den Tag gelegt wird, schmilzt gegen 8 Uhr frühstückt und nach 16 Uhr
man darf dann nur Wasser oder schwarzen das Körperfett besonders gut dahin. nichts mehr zu sich nimmt.
Kaffee trinken. Die Ernährungsexpertin Courtney Pe- Nicht ganz so streng fällt Satchidananda
terson will auf diese Weise kranken Men- Pandas Empfehlung aus. Zunächst sei
Dass dieser einfache Abnehmtrick er- schen helfen, ihr Körpergewicht zu verrin- zwar ein auf acht bis zehn Stunden be-
staunlich gut funktioniert, hat Satchchida- gern. In einem Versuch bekamen Männer, grenztes Zeitfenster der Nahrungsaufnah-
nanda Panda gezeigt. Gemeinsam mit Kol- die schon Anzeichen von Diabetes melli- me nötig, um bestimmte Krankheitsver-
legen verabreichte er Mäusen ein beson- tus Typ 2 zeigten, Speisen vorgesetzt, die läufe umzukehren oder das Körpergewicht
ders kalorienhaltiges Futter, allerdings mit just so viel Kalorien enthielten, um den zu verringern. Doch sobald man sein Ziel
einem Unterschied: Die einen Tiere hat- jeweiligen Grundbedarf zu decken. Die erreicht habe, sei es möglich, dieses Zeit-
ten rund um die Uhr Zugang zum Futter Probanden mussten den ersten Bissen fenster auf elf bis zwölf Stunden auszudeh-
und fraßen folglich auch bei Tag und bei möglichst früh am Tag zu sich nehmen und nen. Wer um acht Uhr frühstückt, der hat
Nacht. Die anderen konnten zwar in einem hatten von da an nur noch sechs Stunden demnach eine Frist bis 20 Uhr. Danach
8-Stunden-Zeitfenster so viel essen, wie für die weitere Nahrungsaufnahme. Wer aber wäre jegliche Kalorienaufnahme –
sie wollten. Dann jedoch bekamen sie um 7 Uhr frühstückte, der aß gegen 10 Uhr und damit auch Alkohol – tabu.
16 Stunden lang kein Futter, sondern nur zu Mittag und musste um 13 Uhr mit dem Auf spätes Essen und Trinken zu ver-
Wasser. »Abendessen« fertig sein. Danach galt es, zichten fällt übrigens leichter, als sich das
Nach mehr als drei Monaten wurden bis zum nächsten Frühstück zu fasten – die meisten Menschen vorstellen können.
die Mäuse untersucht. Die Exemplare, wel- volle 18 Stunden lang. Das haben all jene Probanden erlebt, die
che die ganze Zeit futtern konnten, waren Acht Männer hielten das fünf Wochen beim »early time-restricted feeding« an
übergewichtig und leberkrank. Die Mäuse lang durch – und fühlten sich wie neu- der University of Alabama mitgemacht ha-
mit der Fastenphase waren schlank und geboren: Die Probanden hatten einen ben. Schon nach kurzer Zeit verspürten
gesund – und das, obwohl sie im 24-Stun- niedrigeren Blutdruck als vorher, einen sie abends weniger Appetit – ihre biologi-
den-Zyklus genauso viele Kalorien aufge- deutlich verbesserten Zuckerstoffwechsel sche Uhr ging wieder richtig.
nommen hatten wie die Dauerfresser. und weniger oxidativen Stress in Zellen. Jörg Blech
Dieser wundersame Effekt entsteht of- Wenn der Körper ungefähr zwölf Stun- Mail: joerg.blech@spiegel.de
fenbar, wenn die Nahrungsaufnahme mög- den lang keinen Kaloriennachschub erhält,
lichst genau am zirkadianen Rhythmus aus- dann beginnt er damit, die im Speck ein-
gerichtet ist. Beim tagaktiven Menschen sind gelagerten Fettsäuren in Energie umzu- Video
Wie das Intervallfasten
demnach die Stunden nach dem Aufstehen wandeln. Und genau dieser Mechanismus gelingt
perfekt für die Nahrungsaufnahme. Tatsäch- funktioniert nachts besser als tagsüber. spiegel.de/sp462018fasten
lich deuten Studien mit Testpersonen das Bei der Amerikanerin Lorna Shelton hat oder in der App DER SPIEGEL
an: Wenn das Zeitfenster der Nahrungsauf- das eindrucksvoll geklappt. Die früher fett-

116 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Technik

Verrückter Rechner
rung, dass sie wenden und nach Jakarta
zurückfliegen wollten. Offenbar glaubten
sie, dass ihre Situation beherrschbar wäre;
denn eine Luftnotlage erklärten sie nicht.
Wenige Augenblicke später mussten sie
Luftfahrt Nach dem Absturz einer Boeing 737 der Fluggesellschaft hilflos zuschauen, wie ihr Flieger kopfüber
Lion Air gibt es einen unheimlichen Verdacht: dem Meer entgegenraste.
Hat der Bordcomputer die Maschine im Meer versenkt? Immer klarer wird, was den Piloten wi-
derfahren ist. Die 737 Max nutzt eine Soft-
ware, die eigentlich Abstürze verhindern

M ontag, 29. Oktober. Pünktlich um


6.21 Uhr Ortszeit hebt Flug
JT 610 des indonesischen Billig-
fliegers Lion Air ab. An Bord der nagel-
dernsten Version seines Verkaufsschlagers,
von dem Fluggesellschaften weltweit mehr
als 4500 Stück geordert haben.
Mehr als 200 Maschinen verrichten
soll. Mithilfe von zwei Sensoren am Bug
analysieren Rechner permanent, ob dem
Flugzeug hinsichtlich seiner Lage im Luft-
strom unmittelbar ein Strömungsabriss
neuen Maschine vom Typ Boeing 737 bereits ihren Dienst bei Airlines wie Nor- droht.
Max 8 sind 189 Menschen, darunter zwei wegian, United, Southwest oder dem Sobald der kalkulierte Anstellwinkel
Säuglinge. Ferienflieger TUI. Und jede von ihnen der Maschine einen aerodynamisch gefähr-
Die Passagiere wollen von Jakarta aus könnte gefährdet sein, unter bestimmten lichen Wert annimmt, greifen die Rechner
die eine Flugstunde nordwärts gelegene Umständen ein ähnliches Schicksal wie ein. Sie bewegen das Höhenruder ganz
Stadt Pangkal Pinang erreichen; doch JT 610 zu erleiden – wie ein Stein vom ohne Zutun der Piloten nach unten und
ihre Reise wird sehr bald auf furchtbare Himmel zu fallen, weil ein verrückt ge- senken die Flugzeugnase somit ab. Der so
Weise enden. Um 6.33 Uhr zerschellt wordener Rechner im Cockpit die Steue- korrigierte Anstellwinkel soll garantieren,
das Flugzeug mit der Nase voran in der rung an sich gerissen hat. dass die Maschine wieder ausreichend Auf-
Javasee. Die US-Luftaufsichtsbehörde FAA trieb hat.
Mit mehr als 600, vielleicht sogar mehr schloss sich umgehend der Warnung von Dieses System, so lautet das Szenario
als 1000 Kilometer pro Stunde schlug die Boeing an. Sie verfügte per »dringender der indonesischen Ermittler, hat im Fall
Maschine auf dem Wasser auf – deshalb Lufttüchtigkeitsanweisung«, dass alle US- von JT 610 versagt. Es habe – vielleicht
ist nicht viel geblieben von JT 610 und wegen eines defekten Sensors oder einer
seinen Insassen. Taucher konnten in gut 200 km fehlerhaften Software – einen falschen An-
30 Meter Tiefe winzige Trümmer und stellwinkel errechnet und diesen in die
säckeweise Körperteile bergen. Pangkal Flugcomputer eingespeist. Die Folge da-
Pinang
Von den beiden Flugschreibern fanden von war, dass eine Fülle von Alarmen und
die Helfer zunächst nur den Datenrekor- Sumatra teils widersprüchlichen Meldungen auf die
der. Das andere Gerät, das Cockpitgeräu- Piloten einprasselte.
vorgesehene
sche und -gespräche aufnimmt, blieb bis Route Laut Boeing können die Instrumente
Redaktionsschluss verschollen. Mehr als von Kapitän und Co-Pilot in so einem Fall
200 Einsatzkräfte suchten danach. Den I N D O N E S I E N unterschiedliche Fluggeschwindigkeiten
für die Aufklärung des Ereignisses uner- und Flughöhen anzeigen; gleichzeitig
lässlichen »Voice Recorder« zu finden Absturzstelle kann die Warnung vor einem Strömungs-
Start der Jakarta
wird nicht einfach, denn seit Tagen ist sein Boeing 737 abriss erscheinen in Form eines laut rat-
Ultraschallsender nicht mehr zu hören. mit 189 Java ternden Steuerhorns.
Wahrscheinlich liegt er tief im matschigen Personen Unter solchen Umständen konnte im
Ozeangrund vergraben. Cockpit nur Hektik und Chaos ausbre-
Der Absturz von JT 610 ist der zweit- chen – und während die Piloten noch ver-
schlimmste Crash, den es in Indonesien je Betreiber der 737 Max ihre Piloten auf das suchten, sich über die Art und Ursache
gegeben hat. Die trauernden Angehörigen spezielle Risiko im Umgang mit der Ma- ihres Notfalls zu orientieren, steuerte der
sind fassungslos. Ein nur elf Wochen altes schine ausdrücklich hinweisen müssen. Rechner die Maschine immer weiter bo-
Hightech-Flugzeug, hinreichend erfahrene Die Crew von JT 610 ahnte schon vor denwärts. Besonders teuflisch: Selbst
Piloten, bestes Flugwetter – wie kann da dem Start, dass etwas nicht stimmen wenn es der Besatzung gelungen sein soll-
so ein Unglück passieren? würde mit ihrem Flugzeug. Auf den drei te, dagegen anzulenken, würde der Rech-
Wie international üblich, werden die zu- Flügen zuvor hatten ihre Kollegen unter ner laut Boeing nur Sekunden darauf er-
ständigen Flugunfallermittler frühestens anderem eine fehlerhafte Geschwindig- neut versucht haben, die Nase abzusenken.
nach etwa einem Monat einen vorläufigen keitsanzeige festgestellt und heftiges, un- Es war ein Kampf auf Leben und Tod,
und nach rund einem Jahr einen abschlie- vermitteltes Steigen und Sinken erlebt. Mensch gegen Computer.
ßenden Bericht zu den Unglücksursachen Mechaniker hatten mehrfach versucht, Die Lösung für diesen Konflikt, so teilte
vorlegen. Bis dahin kann die Untersu- das Problem in den Griff zu bekommen. Boeing jetzt mit, sei relativ einfach. Die
chung noch manch unvermutete Wendung Am Tag zuvor hatten sie einen wichtigen Piloten sollten in so einem Fall von Hand
nehmen. In diesem Fall aber ist der Her- Sensor ausgetauscht. Viele sicherheitsori- fliegen, also ohne den Autopiloten, und
steller Boeing mit einer außergewöhnli- entierte Airlines hätten eine solch vorbe- im Cockpit zwei Schalter umlegen, mit de-
chen Maßnahme vorgeprescht.  lastete Maschine zur Überprüfung vorsorg- nen sich die automatische Trimmung ab-
Am Dienstag warnte der Flugzeugbauer lich aus dem Verkehr gezogen – Lion Air schalten lässt. Das war’s. Zwei Klicks, und
seine Kunden weltweit in einem »Opera- tat das nicht. schon hört der Computer auf, den Absturz
tions Manual Bulletin« vor einem mögli- Kurz nach dem Start begann das Dra- herbeizuführen.
chen Fehlverhalten seines Erfolgsprodukts, ma. Der Jet verlor ungeplant an Höhe. Hätte die Besatzung von JT 610 das wis-
auf das ihn die indonesischen Ermittler Minutenlang verharrte er zu tief bei etwa sen können? Oder hatte sie keine Chance,
hingewiesen haben. Er betrifft offenbar 1500 Meter Höhe, stieg, sank, stieg. Die den Kern des Problems überhaupt zu er-
alle Flieger vom Typ 737 Max, der mo- Flugzeugführer meldeten der Flugsiche- kennen? Laut Boeing ist das rettende Ver-

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BEAWIHARTA / REUTERS
XINHUA / EYEVINE / LAIF

M. RAYKAHN ARIGA
Absturzstelle, Flugdatenschreiber, Boeing 737 Max 8
Hilflos schauten die Piloten zu,
wie ihr Flugzeug dem Meer entgegenraste

fahren eine Standardprozedur, zumindest die Sensoren oder die Rechner der 737 lenkten dagegen an, doch der Computer
bei Problemen mit der Trimmung. Im Fall Max besonders anfällig sind, dürfte Ge- ignorierte jeden ihrer Steuerbefehle.
von JT 610 aber dürfte es aus Perspektive genstand weiterer Untersuchungen sein. Drei Sensoren auf der Außenhaut der
der Piloten fraglich gewesen sein, ob sie Die FAA jedenfalls geht derzeit nicht so Maschine hatten dem Bordrechner Daten
primär ein Trimmungsproblem hatten weit, Inspektionen oder gar einstweilige über den Anstellwinkel übermittelt. Von
oder vielmehr ein Geschwindigkeitspro- Stilllegungen der 737 Max anzuordnen. Je den dreien waren zwei eingefroren und
blem. Zeit, solche Fragen zu klären, hatten nach den Ergebnissen des Abschlussbe- lieferten falsche Daten, die der Computer
sie in 1500 Meter Höhe ohnehin nicht. richts zu JT 610 könnte sich das allerdings aber für die richtigen hielt. Der Rechner
Die indonesischen Ermittler werden die ändern. Boeings Aktienkurs war nach dem ging darum fälschlich davon aus, dass sich
Ausbildungsqualität von Lion Air jetzt ge- Crash zunächst stark eingebrochen, hatte die Maschine im extremen Steilflug befin-
nauer unter die Lupe nehmen. In der Ver- sich dann aber wieder erholt. de und machte das, wozu er programmiert
gangenheit hatte die Fluggesellschaft eine Computer im Cockpit haben das Flie- ist: Er drückte die Nase nach unten.
Reihe von Unfällen erlitten, von denen gen in den letzten Jahrzehnten unbestreit- Der Kapitän rettete die Situation auf
manche auf Pilotenfehler zurückgingen. bar sicherer gemacht. Der Fortschritt aber kreative Weise. Er knipste beiden falsch
Lion Air ist dennoch zur größten Flug- hat einen Preis: Eine Reihe von Unglücken liegenden Rechnern die Stromzufuhr ab.
gesellschaft des Landes aufgestiegen und sind nur passiert, weil Sensoren fehlerhafte Sofort erlangte er die volle Kontrolle zu-
wächst weiter rasant. Die Firma betreibt Daten an die Rechner lieferten. rück. Die europäische Luftaufsichtsbehör-
über 100 Flugzeuge, mehr als 200 weitere Mehr Glück als die Indonesier hatten de Easa gab daraufhin ihrerseits eine drin-
sind bei Airbus und Boeing bestellt. vor vier Jahren die Passagiere eines Airbus gende Lufttüchtigkeitsanweisung heraus
Weltweit werden 737-Max-Piloten von A321 von Lufthansa. Sie waren auf dem und erhob dieses Verfahren zum neuen
nun an im Simulator geschult, damit sie Weg von Bilbao nach München, als die Standard in allen ähnlichen Notlagen.
einem Unfallszenario wie dem an Bord Maschine urplötzlich mit über 1000 Meter Marco Evers
von JT 610 künftig gewachsen sind. Ob pro Minute zu sinken begann. Die Piloten

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10.11 . 2018 119


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Technik

Schon im frühen 19. Jahrhundert be- zwei Zentimetern zulässig. Inzwischen

Dienst am klagte der Lehrer und Sportpionier Johann


Christoph Friedrich GutsMuths: »Die
Übung nach der Zeit findet darum Schwie-
wird nur noch auf Hundertstel gestoppt.
Auch die Entwicklung der Sportgeräte
selbst führte nicht selten in eine Optimie-

Muskel rigkeit, weil die gewöhnlichen Taschen-


uhren die kleinen Zeitteile gar nicht oder
sehr ungenau angeben.« 1916 meldete der
rungsspirale mit unerwünschtem Ergebnis.
Beispielhaft ist der Wettstreit um den Stun-
denweltrekord, die Krone des Bahnrad-
Rekorde Wenn Speere zu weit Schweizer Hersteller Heuer eine Stoppuhr rennsports. 1972 schaffte Eddy Merckx er-
fliegen und Zeitmesser zu genau mit einer Messgenauigkeit von Hunderts- staunliche 49,431 Kilometer und blieb
telsekunden zum Patent an. mehr als ein Jahrzehnt ungeschlagen.
gehen: Eine Ausstellung würdigt Längst sind viel kleinere Zeiteinheiten Dann setzten Athleten mit ultraleichten,
die technischen Hilfsmittel erfassbar, was nicht zwingend zu einer ge- strömungsoptimierten Rädern und Ausrüs-
des Sports – und ihre Tücken. rechteren Bewertung führt. So siegte der tungen einen Rekord nach dem nächsten.
schwedische Schwimmer Gunnar Larsson Den Spitzenwert erreichte Chris Board-
1972 im Olympiafinale über 400 Meter La- man 1996: Auf einem Spezialrad des Sport-

D er Platzverweis beim Fußball ist


eine klare Anordnung. Hierbei et-
was falsch zu verstehen erscheint
kaum möglich – es sei denn, es gibt Sprach-
gen mit zwei Tausendstelsekunden vor dem
Amerikaner Tim McKee – also einem Vor-
sprung von zwei Millimetern. Den in einem
Schwimmbad zu ermitteln ist methodischer
wagenbauers Lotus legte er 56,375 Kilo-
meter zurück – tief geduckt mit ausgestreck-
ten Armen und einem windschlüpfigen
Tropfenhelm, der ihm die Anmutung eines
barrieren. Unfug. Im Beckenbau sind Toleranzen von Außerirdischen verlieh.
Im Viertelfinale der Fußball- Vier Jahre später annullierte
WM 1966 war wohl auch dies der Weltverband UCI alle Re-
ein Grund, warum der argenti- korde nach Merckx und klas-
nische Kapitän Antonio Rattín sifizierte sie nur noch als »Welt-
trotz der klaren Anweisung des bestleistungen«. Boardman ging
deutschen Schiedsrichters Ru- daraufhin ohne Alienkostüm
dolf Kreitlein nicht vom Feld mit einem Standardrennrad,
ging. Es kam zum Tumult. wie es Merckx genutzt hatte,
Am Tag darauf fand Kreit- an den Start und übertraf des-
leins Kollege Ken Aston die Lö- sen Rekord – um gerade mal
sung in der Weltsprache des zehn Meter.
Straßenwesens: Ampelfarben Im Speerwurf führten Ver-
als Signale für Verwarnung besserungen von Material und
und Rauswurf. Beide reichten Wurftechnik zur berechtigten
den Vorschlag beim Dachver- Befürchtung, die gängigen Sta-
band Fifa ein und überzeugten diondimensionen könnten ge-
die Funktionäre. Seit der WM sprengt und Zuschauer gefähr-
REUTERS

1970 bedarf es keiner Worte det werden. Als Uwe Hohn


mehr, um einen Spieler vom 1984 als bis heute einziger
Platz zu schicken. Es genügt Athlet die 100-Meter-Marke
die Rote Karte. überwarf, erging bald eine
Ein simpler Fortschritt zweifellos, und technische Vorschrift zu Ungunsten der
doch ein großer Moment der Sportge- Wurfweite: Der Schwerpunkt der Wett-
schichte, den eine diese Woche eröffnete kampfspeere wurde um vier Zentimeter
Sonderausstellung des Mannheimer Tech- nach vorn verlegt, sodass diese früher in
noseums nicht unerwähnt lässt. Ihr Thema: den Sinkflug gehen.
die Bedeutung technischer Hilfsmittel im »Tiefgreifend verwissenschaftlicht« sei
Dienst der Muskelwettbewerbe*. Rund der Sport, doziert Kurator Sigelen und un-
400 Exponate würdigen deren segensrei- terschlägt in seiner Sonderschau auch nicht
chen, aber zuweilen auch nachteiligen Bei- die hässlichsten Auswirkungen dieser Ent-
trag zum Sport. Intensiv beleuchtet wird wicklung. In einem roten Blechspind wird
jener Sektor ingeniösen Strebens, ohne die »Reiseapotheke« eines Rennradlers
den viele Wettbewerbe gar nicht möglich der Fünfzigerjahre gezeigt. Sie enthält ne-
wären: die messtechnische Erfassung von ben zahlreichen leistungssteigernden Mit-
Raum und Zeit. teln das Gift Strychnin, das damals in ge-
»Bei den Olympischen Spielen 1896 gab ringer Dosis als hilfreich galt.
es wohl gerade einmal zwei Stoppuhren, Der Radsport ist eine der am schwersten
DEUTSCHES UHRENMUSEUM

von denen eine defekt war«, notiert Aus- kontaminierten Disziplinen im dunklen
stellungsleiter Alexander Sigelen im Be- Kapitel der Dopingskandale, wenn auch
gleitkatalog. Bei den jüngsten Sommer- nicht die älteste. Der Medikamentenmiss-
spielen 2016 habe allein die Zeitmess- brauch, sagt Sigelen, begann im Reitsport
technik 480 Tonnen Ausrüstung, fast des 19. Jahrhunderts. Die Gesundheit der
200 Kilometer Kabel sowie 450 Geräte- Sportler habe darunter jedoch nicht gelit-
arten umfasst. ten – jedenfalls nicht unmittelbar: »Ge-
Bahnrad-Rekordfahrer Boardman 1996, dopt wurden die Pferde.«
* »Fertig? Los! Die Geschichte von Sport und Technik«, Steuergerät mit Stoppuhr von 1960 Christian Wüst
Technoseum, Mannheim, 8. November bis 10. Juni. Unerwünschtes Ergebnis

120 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Die Zukunft ist da. Und wir tun alles
dafür, sie zur besten für alle zu machen.
Deshalb haben wir ada gegründet. Eine
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für Deutschland – inspirierend, involvie-
rend und wirkungsvoll. Gemeinsam
getragen von Wirtschaft, Politik,
Wissenschaft und Medien. So wird aus
dem Land der Dichter und Denker ein
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Wissenschaft

In der Hölle der Korona


Astronomie Als erster irdischer Flugkörper dringt die Parker-Sonde in
die ultraheiße Sonnenatmosphäre ein. Das Rendezvous mit dem
Stern könnte helfen, die Menschheit vor Teilchenstürmen zu schützen.

S eit 4 600 000 000 Jahren lodert die


Sonne einsam vor sich hin. Am
Dienstag früh bekam sie erstmals Be-
such. Einem winzigen Insekt gleich tau-
heimnisvolle Kraft bläst einen steten Teil-
chenstrom fort von der Sonne, hinaus in
Richtung Venus, Erde, Mars und der an-
deren Planeten. Diese Kraft würden die
melte die »Parker Solar Probe« durch die Physiker gern kennen.
Gluthitze der Sonnenatmosphäre. Über Der fliegende Messroboter, der Antwor-
den Rand ihres 11,4 Zentimeter dicken ten auf diese Fragen liefern soll, wurde am
Hitzeschilds lugten die Messfühler wissen- 12. August vom Weltraumbahnhof in Cape
schaftlicher Instrumente, um einen Blick Canaveral aus entsandt. Als der Feuer-
in das Inferno dort unten auf dem Stern schweif der Delta-IV-Heavy-Rakete mit
zu erhaschen. der Parker-Sonde an Bord im Nachthim-
Am 6. November um 4.28 Uhr mittel- mel über Florida entschwand, da saß auf
europäischer Zeit erreichte die Sonde den der Tribüne ein alter Mann. Trotz seiner
Punkt ihrer vorerst größten Annäherung. 91 Jahre war er eigens aus Chicago ange-

NASA / JOHNS HOPKINS APL / STEVE GRIBBEN


Seither schießt sie mit 340 000 Stunden- reist. Den Start der Mission, die seinen Na-
kilometern wieder in kühlere Regionen – men trägt, wollte er sich nicht entgehen
nie zuvor bewegte sich ein von Menschen lassen: Eugene Parker ist neben antiken
konstruiertes Objekt mit einer so hohen Gottheiten (Osiris, Juno, Gaia) und wis-
Geschwindigkeit. senschaftlichen Halbgöttern (Kepler, Gali-
Nervös warten die Techniker im Wa- leo, Fermi) der bisher einzige sterbliche
shingtoner Nasa-Hauptquartier auf das Namensgeber einer Weltraummission.
erste Lebenszeichen ihrer Sonde. Vor Parker war es, der vor ziemlich genau
dem Eintritt in die Hölle der Korona hatte 60 Jahren die Rätsel aufgeworfen hatte,
sie ihnen ein letztes »o.k.« zugesandt: die jetzt die nach ihm benannte Sonde lö-
Alle Geräte funktionierten da noch genau sen soll. Als er im Jahr 1958 behauptete, ger als der des massereichen Jupiters, da-
nach Plan. Seither herrscht Funkstille. die Erde sei einer steten Brise von Sonnen- für lässt er sich allerdings besser dosieren.
Denn erst wenn die Sonde die Zone der teilchen ausgesetzt, da wollte ihm kaum Insgesamt siebenmal wird die Parker-Son-
heftigsten Magnetstürme verlassen hat, einer seiner Forscherkollegen Glauben de die Venus passieren, jedes Mal rückt
wird Kommunikation wieder möglich schenken. Wenige Jahre darauf jedoch ihre Bahn der Sonne ein wenig näher. Im
sein. fand seine Theorie vom Sonnenwind wäh- Jahr 2025 soll sie sich, nach insgesamt
Die Sonnenforscher hoffen, dass ihnen rend der ersten wissenschaftlichen Welt- 24 Umrundungen, bis auf knapp neun Son-
die Parker-Sonde dann Meldung aus einer raummissionen spektakulär Bestätigung. nenradien herangetastet haben.
Welt erstattet, die ihnen bisher weitgehend Schon damals kam die Idee auf, einen Das sind rund sechs Millionen Kilome-
verschlossen war. Zwar überwachen die Späher an den Ursprungsort des Sonnen- ter – also immer noch eine beträchtliche
Heliophysiker das gleißend helle Zentral- winds zu schicken. Das aber stellte die Entfernung. Doch auch so weit oben in
gestirn rund um die Uhr mit Fernrohren Weltraumstrategen vor ein Problem: Wie der Sonnenatmosphäre kann es ungemüt-
und Spektrografen, mit Radio- und Rönt- hinkommen zum Zentralgestirn? lich werden. Die extreme Umgebungstem-
genteleskopen, von der Erde und vom Paradoxerweise ist kein Ort des Sonnen- peratur ist dabei noch das geringste Pro-
Weltraum aus. Was sich aber wirklich auf systems schwieriger zu erreichen als das blem: Die Atmosphäre ist hier vielmilliar-
der Sonnenoberfläche abspielt, das wissen Zentralgestirn. Zwar zieht von dort die denfach dünner als die Luft auf der Erde.
sie immer noch nicht. Anziehungskraft einer Masse, die 300 000- Ähnlich wie ein menschlicher Körper in
Auf dem Stern brodelt und knallt es, es mal größer als die der Erde ist. Doch wirkt einer Sauna bei 100 Grad ausharren kann,
blubbert, flackert und spratzt. Die Physi- ihr die ebenso große Fliehkraft entgegen, ohne dass das Blut in seinen Adern zu ko-
ker sprechen von Massenauswürfen, Pro- die Mitgift jedes auf Erden gestarteten Kör- chen beginnt, schmilzt auch die Sonde
tonenschauern und Protuberanzen, von pers ist. Mit Raketentreibstoff allein ist sie trotz rund zwei Millionen Grad heißen Au-
Strahlungsausbrüchen und explosiver Re- kaum zu überwinden. ßentemperaturen dank der extrem niedri-
konnexion. Doch all das sind nur hilflose Anfangs zogen die Weltraumtechniker gen Teilchendichte nicht.
Versuche, das turbulente Geschehen auf deshalb ein tollkühnes Manöver in Be- Schwieriger ist es, der mörderischen In-
der Sonne in Worte zu fassen; erklären tracht: Sie wollten ihr Gefährt erst zum frarotstrahlung zu trotzen. Stolz verweist
können sie es nicht. Jupiter schicken. Der sollte es abbremsen das Parker-Team auf den Hitzeschild aus
Vor allem zwei Rätsel treiben die For- und mit Wucht der Sonne entgegenschleu- speziellem Karbonschaum, der mit einem
scher um: Wieso ist die Sonnenkorona so dern. Der Plan war verführerisch, doch weißen Keramiklack beschichtet ist. In sei-
aberwitzig heiß? Das Plasma, das die Son- den Nasa-Ingenieuren zu riskant. nem Schutz kann die Elektronik selbst
ne umgibt, heizt sich auf mehrere Millio- Erst viel später merkten sie, dass auch beim tiefsten Tauchgang durch die Korona
nen Grad auf, und niemand weiß so recht, die Venus ihnen Dienste leisten kann. Ge- auf Zimmertemperatur gehalten werden.
warum. Und: Wo steckt der Motor, der schickt eingesetzt, taugt sie ebenfalls als Besondere Vorkehrungen mussten sich die
den Sonnenwind antreibt? Irgendeine ge- Bremse. Der Effekt ist zwar weitaus gerin- Ingenieure nur bei den Messfühlern ein-

122 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Reiseplan der Parker-Sonnensonde

12. August 2018


Start

Merkurbahn

Erde

Sonne 5. November 2018


Erste Annäherung
an die Sonnen-
atmosphäre
Bis Juni 2025
sind 24 weitere, zu-
nehmend engere
Flugschleifen um
3. Oktober 2018 Venusbahn die Sonne geplant.
Erster Vorbeiflug an der
Venus. Der dabei eintretende
Bremseffekt führt zu größerer
Annäherung an die Sonne. Erdumlaufbahn
Das Manöver soll noch bei
sechs weiteren Passagen
angewendet werden. Darstellung der Himmelskörper nicht maßstabsgerecht

fallen lassen, die über den Karbonschild Seit dieser Erkenntnis streiten die He- chen sich nicht nur in Form prachtvoller
hinausragen: Alle Kabel bestehen aus hitze- liophysiker über mögliche Ursachen dieser Nordlichter und eindrucksvoller Teilchen-
beständigem Niob-Metall, das zudem von solaren Superhitze. Ein Kandidat sind gewitter in Nebelkammern bemerkbar. Sie
Saphirkristallen ummantelt ist. magnetische Wellen, die das Plasma der können auch Radiosignale und Satelliten-
Auf diese Weise ist die Sonde sogar ge- Sonnenatmosphäre durchwirbeln. Aber kommunikation stören. In schweren Fällen
wappnet, falls sie in die oftmals viele Mil- auch Nanoflares stehen unter Verdacht: schmorten in einem Sonnensturm auch
lionen Kilometer ins All hinausgeschleu- kleinräumige Magnetfeld-Eruptionen, die schon mal die Transformatoren von Strom-
derten Schwaden einer Eruption hinein- enorme Energiemengen in die Korona versorgern durch.
geraten sollte. pumpen könnten. Das Problem ist nur: »Bisher haben wir Glück gehabt«, sagt
Die Parker-Sonde wird nicht nur Fotos Niemand kann mit Gewissheit sagen, ob Arik Posner aus dem Parker-Team. Es ist
von der Korona machen. Vor allem soll es solche Nanoflares überhaupt gibt. Die lange her, dass ein verheerender geoma-
sie Magnetfelder und Teilchenströme mes- Parker-Sonde soll das nun klären. gnetischer Sturm die Erde heimsuchte. Der
sen. Denn nur so lässt sich die Dynamik Noch drängender ist es aus Sicht der bisher heftigste wurde in der Nacht zum
der Sonnenatmosphäre besser verstehen. Physiker, das Geheimnis des Sonnenwinds 2. September 1859 dokumentiert. Stark-
Das Rätseln um die Geheimnisse der zu lüften. Nach wie vor ist es ihnen ein ströme schossen durch die Telegrafenlei-
Korona reicht zurück bis ins 19. Jahrhun- Mysterium, wie es den Teilchen dieses tungen; Telegrafenpapier fing Feuer.
dert. Im Jahr 1869 hatten Astronomen Windes gelingt, der Schwerkraft der Sonne Ein ähnliches Ereignis könnte in der
eine Sonnenfinsternis genutzt, um das zu entkommen. Irgendeine beschleunigen- heutigen digitalisierten Welt zu Strom-
Licht vom Flammenrand der Scheibe in de Kraft muss ihnen zur Flucht verhelfen. ausfällen und Computerabstürzen kaum
seine spektralen Bestandteile zu zerlegen. Die Parker-Sonde dürfte bis ins Wirkungs- absehbaren Ausmaßes führen. Erst im Jahr
Dabei war ihnen eine grüne Spektrallinie feld dieser Kraft vordringen, denn sie wird 2012 registrierten die Astronomen eine
aufgefallen, für die sie keine Erklärung hat- bis jenseits des sogenannten Alfvén-Punkts besonders heftige Explosion auf der Son-
ten. Kein Element war bekannt, das Licht in die Korona eindringen, an dem die Teil- ne. Ein regelrechter Teilchentornado fegte
dieser Frequenz aussendet. Deshalb erfan- chen des Sonnenwinds die Schallmauer daraufhin durchs Sonnensystem.
den die Forscher ein neues: Koronium. durchstoßen. Hier entkoppeln sie sich von Glücklicherweise verfehlte er die Erde.
Erst rund siebzig Jahre später wurde der Sonne. Die schallschnellen Wellen, die Johann Grolle
klar, dass es sich bei dem rätselhaften Stoff durch deren Plasma schwirren, können sie
schlicht um Eisenatome handelte, nur dass nun nicht länger erreichen. Wie es den Teil-
diesen die Hälfte ihrer Elektronen abhan- chen gelingt, diesen Punkt der Überschall- Video
Warum die Sonde
dengekommen war. Möglich ist eine solch schnelle zu erreichen, das sollen die Messun- nicht schmilzt
drastische Ausdünnung der Elektronenhül- gen der Parker-Sonde verständlich machen. spiegel.de/sp462018sonne
le aber nur bei Temperaturen jenseits einer Für die Erde kann das von großer Be- oder in der App DER SPIEGEL
Million Grad. deutung sein. Denn Sonnenstürme ma-

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Kultur
»Ich predige nicht! Ich sage meine Meinung.« ‣ S. 132

Kolonialismus

Sie sehen
sich an
 Die Bundestagsfraktion der Grü-
nen wird am kommenden Donnerstag
die »kulturpolitische Aufarbeitung
unseres kolonialen Erbes« diskutie-
ren – und wer sich nicht nur mit den
düsteren Verzwicktheiten des orga-
nisierten Raubs afrikanischen Kult-
und Kulturguts vertraut machen will,
sondern auch mit den erstaunlichen
Analogien und Wechselwirkungen
von Handwerk, Schönheit und Spiri-
tualität auf beiden Kontinenten, tut
gut daran, die kürzlich eröffnete Aus-
stellung im Berliner Bode-Museum
(»Unvergleichlich«, bis 2. Juni) zu
besuchen. Im 15. Jahrhundert, noch
vor der kränkenden Einsicht, dass die
Sonne sich doch nicht um die Erde
dreht, machte sich der Europäer zum
Zentrum der Welt; seither sind die
anderen, vor allem jene, die man ver-
sklaven kann, die »Wilden« oder,
romantisiert, die Primitiven. Nicht
nur Gauguin und Picasso haben
»ursprüngliche Kunst« gesammelt und
sich davon inspirieren lassen; Anzie-
hung und Anverwandlung gab es

SMB / DAVID VON BECKER


auch umgekehrt. Spektakuläre Objek-
te sind hier zu sehen, subtile wie Skulpturen in der
offensichtliche Verbindungen werden Berliner Ausstellung
gestiftet und beseelen hoffentlich »Unvergleichlich«
die immer noch stockende Debatte. ES

Kampagnen Deuflhard: Nein, ganz im Gegenteil. Mit aus der freien Szene in Berlin. Für Ham-
»Politische Selbstprüfung« unserem Aufruf verpflichten wir uns zum
Handeln und dazu, die eigene Arbeit poli-
burg habe ich koordiniert, um die Kollegen
zu gewinnen. Das war erfreulich einfach.
Amelie Deuflhard, 59, Intendantin der tisch zu überprüfen. Was kann jede einzel- SPIEGEL: Grenzt eine »Erklärung der
Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, über ne Institution tun, um Ideen für eine demo- Vielen« nicht die für antidemokratische
die »Erklärung der Vielen«, mit der sich kratische Gesellschaft zu entwickeln? Wir Parolen anfälligen anderen aus?
deutsche Kulturinstitutionen zum Engage- Unterzeichner bekennen uns dazu, dass wir Deuflhard: Das ist ein Vorwurf, auf den ich
ment für eine »offene und diverse Gesell- uns gegen die Angriffe auf die Freiheit der nur meine persönliche Antwort geben kann.
schaft« verpflichten Kunst, die durch den Einfluss rechter Politik Sie lautet Nein. Ich finde, dass es selbstver-
häufiger werden, solidarisch zeigen. ständlich unsere Aufgabe ist, die Menschen,
SPIEGEL: Frau Deuflhard, in einer konzer- SPIEGEL: Was kann das bewirken? die aus der demokratischen Mitte wegge-
tierten Aktion treten Museen, Theater und Deuflhard: Ich glaube, dass dadurch ein gangen sind, möglichst wieder zurückzuho-
andere Kulturinstitutionen mit der »Erklä- kraftvolles Netzwerk entsteht. Wir müssen len. Der Aufruf ist ein Auftrag, die eigene
rung der Vielen« an die Öffentlichkeit. offensiv auf den politischen Rechtsruck Arbeit so auszurichten, dass sie den Men-
Gibt es nicht schon genug Appelle für ein reagieren, mit unterschiedlichen Veranstal- schen Alternativen aufzeigt zum Weg in die
tolerantes und friedliches Miteinander? tungen und Visionen. Die Initiative kam Fallen rechter Politik.

124 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Architektur gen für Nachhaltigkeit und Ökologie sind Elke Schmitter Besser weiß ich es nicht

Patriarchalzittern
Der Schutt der Zukunft enorm. Die beiden Architekten Fabio
Gramazio und Matthias Kohler, die hin-
 Wie bauen Roboter? Wie also sehen ter diesem Projekt stecken, das sie »Rock
die technologischen Utopien aus, wenn Print Pavilion« nannten, folgen jetzt Nun heißt es Abschied nehmen.
sie Gestalt und Form in der Wirklichkeit einer Einladung der Stiftung von Die Angela mit der Raute,
annehmen? Im schweizerischen Winter- Norman Foster, der unter anderem als Gnadenreiche verehrt im
thur war das gerade zu besichtigen. Und die Kuppel auf den Berliner Reichs- befreundeten wie bearg-
das Ergebnis ist einigermaßen über- tag gesetzt hat. Seine Stiftung wid- wöhnten Ausland, als Souve-
raschend. Dort errichtete ein met sich der Frage, wie ränin ohne Prunk mit Respekt
Roboter des Architekten- Roboter die Architektur bedacht selbst von Austeritäts-
teams Gramazio & Kohler verändern. Was die Digitali- geschlagenen, als ehern Enigmatische
von der ETH Zürich einen sierung ermöglicht, sind geschmäht wie geliebt von verzweifeln-
Pavillon aus grauem Schutt vollkommen neue Bauwei- den Hermeneutikern, als strahlend

CHRISTIAN BEUTLER / PICTURE ALLIANCE


und Schnüren – die Aufgabe sen, die effizienter und Nüchterne gefürchtet vom puerilen Nat-
der denkenden Maschine sparsamer sein könnten als terngezücht allüberall – ihre Transforma-
bestand darin, die einzelnen herkömmliche Architektur- tion von der Großlandesmutter, bewehrt
Steine so zu schichten, dass ansätze. Deutlich wird mit allen Insignien der Macht, zur ge-
eine stabile Struktur entsteht, aber auch: Im Zeitalter der meinen Klasse der rüstigen Pensionäre
vom Computer vorberechnet. Maschinen wird sich die ist angekündigt und hat also schon
Ästhetisch wirkt das Ergebnis Ästhetik den neuen begonnen, denn das Symbolische wartet
eher vormodern, die Möglich- Herrschaftsverhältnissen an- nicht, es geht der schnöden Wirklichkeit
keiten von Robotern aber passen. Roboter bauen voraus und formt sie nach seinem Bilde.
und vor allem die Auswirkun- Roboter der ETH Zürich unsere Zukunft. GOD Einen Anfang machte die »Süddeut-
sche Zeitung«, indem sie mit feinster
Witterung für die kommende Brise das
misogyne Auge auf eine der hinter ihr
Kino Internet stellt. Der Film pumpt sich bis Stehenden richtete, und siehe: Monika
Brennen muss Salem zum Platzen mit Wut über eine verrohte Grütters, Kulturstaatssekretärin, sichert
Alltagskultur auf, die von Missgunst, nicht nur den Einfluss ihres Amtes,
 Bevor dieser Film richtig losgeht, wird Hass und Gewalt geprägt ist. Dann lässt sondern steigert, was dem Autor als
der Zuschauer erst einmal vor den Neben- er seine vier Killeramazonen von der besondere Schandtat gilt, auch dessen
wirkungen gewarnt: Die Teenager-Splat- Leine und seiner Wut freien Lauf. Levin- Etat! Mehrung der staatlichen Dukaten
ter-Actionfilm-Satire »Assassination son nimmt das tief gespaltene Amerika, für Literatur, Theater und Museen,
Nation«, die jetzt in die deutschen Kinos haut es mit einer riesigen Axt endgültig was führt diese Frau Böses im Schilde,
kommt, beginnt mit einer furiosen Mon- entzwei und inszeniert einen Bürgerkrieg, so überaus geschickt, dass es noch
tage und einem Off-Text, der unter an- in dem jeder gegen jeden kämpft und seiner Enttarnung harrt?
derem Drogenexzesse, Blutbäder, Rassis- die Grenze zwischen Freund und Feind Die Zuträger des unermüdlichen
mus, Homophobie und »fragile männli- im Blut verschwimmt. »Assassination Reporters, sie schlottern in ihren Inten-
che Egos« ankündigt. All das bietet der Nation« ist wild und wüst, auf böse Art dantenhosen und schrecken hoch, wenn
von Sam Levinson inszenierte Film wirk- witzig und auf groteske Art brutal. Er eine Tür sich öffnet, als verfolge die
lich – und noch viel mehr. Er handelt von weiß nicht, wohin mit seiner ganzen Ener- unbezwingbare Monika sie mit viel-
vier Freundinnen in der amerikanischen gie. Irgendwann wird den Zuschauern schwänziger Peitsche auch im konspirati-
Kleinstadt Salem, die außer Rand und endgültig klar, dass dieser Film nur Ne- ven Versteck. Sie raunen allerlei, was
Band gerät, als ein Hacker Fotos, Videos benwirkungen hat. Einige davon könnten aber nicht zitiert werden darf, sodass am
und Textnachrichten der Bewohner ins aber ganz heilsam sein. LOB Ende nur das Üble als zitternde Atmo-
sphäre bleibt. In diesem Fall: Die unab-
weisbare Ahnung, dass auch nach 13 Jah-
ren weiblicher Kanzlerschaft das Weib
im Amt noch etwas genuin Furchterre-
gendes an sich haben muss, eine unsicht-
bare Schleppe, gewirkt aus knäbischem
Aufbegehren und Furcht vor der eigenen
Courage. Oder, wie Zeit Online über
den Kampf der CDU-Diadochen titelte:
»Ein Teil der Partei verzehrt sich nach
einer gewissen Männlichkeit – Friedrich
Merz und Jens Spahn verkörpern das.«
Wir werden ihr noch Kränze winden, so
klang es nicht ohne Bangigkeit gleich
nach der Ankündigung der Angela mit
der Raute, sich in absehbarer Zeit
UNIVERSUM FILM

wieder unter die Irdischen zu mischen.


Oh Frauenhass, oh Schutz vor ihm!

An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter


Filmszene aus »Assassination Nation« und Nils Minkmar im Wechsel.

125
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Kultur

Ministerin Merkel 1991: Bei ihr werden wir Zeuge, wie Geist und Natur zusammenfinden

Die stille Wucht der


Frau Merkel
Ikonografie Ich kann immer zu dem Bild der Kanzlerin fliehen, pilgern, wandern,
es nimmt mich sofort in Beschlag. Von Martin Walser

126 Fotos: Herlinde Koelbl / Agentur Focus


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Regierungschefin Merkel: In der deutschen Geschichte ein Glücksfall

A
m 22. November im Jahr 2015 Frau Merkel werden wir Zeuge, wie Geist keit. Ich wage zu hoffen, dass ihre Regie-
stand in der »Frankfurter Allge- und Natur zusammenfinden, und eben rungszeit einmal epochal ihren Namen
meinen Sonntagszeitung« mit deshalb ist sie schön. tragen wird. Und ich kann aus Erfahrung
meinem Namen versehen folgen- Vor kurzem waren im Fernsehen zu se- sagen: dass es Angela Merkel gibt, ist
der Text: »Als ich in Berlin neulich in hen Angela Merkel und ihr Vorgänger Ger- in der deutschen Geschichte ein Glücks-
einem menschenvollen Saal sagte: ›Angela hard Schröder. Wir haben natürlich den fall.«
Merkel ist schön‹, da lachten die Leute. Wahlabend im Kopf, als Schröder, durch Meiner Berliner Improvisation bin ich
Ich durfte es ihnen erklären. Frau Merkel seine Niederlage fassungslos, der Gewin- eigentlich treu geblieben. Instinkt und Er-
muss zu 100 Themen sagen, was sie denkt. nerin ins Gesicht sagte, sie könne das ja fahrung haben mich zum Verehrer dieser
Und sie sagt es immer so, dass man mit- gar nicht, Bundeskanzlerin sein. Und jetzt Politikerin gemacht. Zum ersten Mal ist
erlebt, wie die Gedanken in ihr entstehen Frau Merkel: Sie leiht diesem Gerhard mir Frau Merkel am Wahlabend 2005
und dann gesagt werden. Nie sind ihre Schröder ihre freundliche Anwesenheit deutlich geworden. In der sogenannten
Sätze fertig, bevor sie gesagt werden. Nie zum Erscheinen seiner Autobiographie. Elefantenrunde wollte damals jeder der
sagt sie wie viele Politiker Phrasen auf, die Das ist eine Szene, die Vollkommenheit kompetenten Männer das Wahlergebnis
sie auswendig kann. Deshalb werden ihre ausstrahlt. Da könnte man eine katastro- noch besser erklären. Angela Merkel saß
Sätze, egal zu welchen Themen, auch im- phenfreie Zukunft für möglich halten. Das ruhig und schweigend dabei und sagte nur
mer glaubhaft. war ein Lichtblick in einer mit Visionen etwas, als sie direkt gefragt wurde. Ja, sie,
Die meisten Politiker spulen ab, was sie nicht gesegneten Gegenwart. beziehungsweise die CDU, stelle jetzt die
draufhaben. Das kommt auch daher, dass Frau Merkel ist ein Lichtblick. Eine stärkste Kraft im Bundestag. Das war das
sie mehr sagen müssen, als sie wissen. Bei von Routine geschützte Unverbrauchbar- Eindrucksvollste: die Männer in heftiger

DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018 127


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Kultur

Politikerin Merkel 1996, 2008: Sie ist ununterbrochen dabei, ihre Gedanken kennenzulernen, daran lässt sie uns teilhaben

Debatte, die zukünftige Kanzlerin schaut minister Peer Steinbrück vor die Kameras, Damit beende ich die Aufzählung der
ruhig zu. Und sah dabei schöner aus als je und sie gaben eine staatliche Garantie für Aktionen, die das Merkel-Bild schufen,
zuvor. die Einlagen der deutschen Sparer. das sich allen eingeprägt hat.
Ich habe sie erst an diesem Wahlabend Ihr Bild ist ihr Wesen. Und das unter-

J
wirklich erlebt. Ihre stürmische Karriere scheidet sie von allen Politikern der Epo-
in der CDU, in der sie seit 1990 Mitglied etzt die letzte der Merkel-Taten, die che: Wenn sie spricht, lässt sie uns erleben,
ist, habe ich erst nachträglich wahrgenom- ich aufzählen muss. Es war am wie ihre Sätze entstehen, während sie
men. »Kohls Mädchen« heißt sie, weil sie 31. August 2015. Bundespressekon- spricht. Das macht sie einmalig, dass sie
förmlich ausgezeichnet war durch die ferenz. Angela Merkel referiert über uns erleben lässt, wie sie zu den Sätzen
Gunst Helmut Kohls. Mir war lange Zeit die zunehmende Anzahl der Flüchtlinge aus kommt, die sie sagt.
Kohl wichtiger als Merkel. Er hat den Kal- aller Herren Länder. Das Innenministerium Tatsächlich hat kein anderer als Kleist
ten Krieg beendet. Man konnte Kohl se- hatte Prognosen bekannt gegeben, dass in genau die Merkel-Methode beschrieben,
hen, wie er im Kaukasus am steilen Ufer diesem Jahr mit 800 000 Flüchtlingen zu in seinem Aufsatz: »Über die allmähliche
eines Flusses steht und zu Gorbatschow rechnen sei. Angela Merkel sprach von be- Verfertigung der Gedanken beim Reden«.
hinuntersteigt. Der CDU-Kanzler und der schleunigten Verfahren und beschrieb kon- Das ist die Formel für Angela Merkels
Kommunist. Er hat dann mehr für das kret die bevorstehende Integrationsarbeit. politische Stilistik. Die Formel auch für
Ende der Teilung Deutschlands getan als »Deutschland ist ein starkes Land«, sagte ihre Glaubwürdigkeit. Sie weiß nicht schon
jeder andere Politiker. Und weil die Tei- sie, »das Motiv, mit dem wir an diese Dinge vorher, was sie nachher sagen wird. Sie
lung Deutschlands mein politisches Thema herangehen, muss sein: Wir haben so vieles lässt uns erleben, wie die Sätze in ihr ent-
schlechthin war, war Kohl mein Politiker geschafft, wir schaffen das.« Das war der stehen. Das wirkt, als prüfe sie selbst, ob
schlechthin. Satz aller Merkel-Sätze! »Wir schaffen das!« sie das, was sie jetzt sagt, wirklich sagen
Kohl hat nie erklärt, woher die zwei Mil- Eine wilde Diskussion entbrannte. Der darf, sagen soll, sagen muss.
lionen Mark Spendengeld kamen, die er Satz überlebte. Merkel blieb bei ihrem Ich kann mich nicht sattsehen an ihrer
für die CDU bekommen hat. Er berief sich Satz, egal wie viel Kritik ihr entgegen- Art, wie sie ihr Bild studiert und deutet
darauf, dass er sein Ehrenwort gegeben schlug. Sie blieb dabei: »Wir schaffen das! und formuliert. Ich bin immer gespannt
habe, den Spender nicht zu nennen. Mir Wenn wir jetzt anfangen, uns noch ent- darauf, was sie im nächsten Augenblick
imponierte er. Aber die CDU musste ihn schuldigen zu müssen dafür, dass wir in sagen wird. Sie selbst ist voll damit be-
fallen lassen. Auch Frau Merkel hat sich Notsituationen ein freundliches Gesicht zei- schäftigt zu erfahren, was sie jetzt – über
da gegen ihn, der sich ihr »altes Schlacht- gen, dann ist das nicht mehr mein Land.« ihr Bild gebeugt – sagen soll, sagen
ross« nannte, gestellt. In, sage ich, legalis- Und schließlich: »Ist mir egal, ob ich schuld darf, sagen muss. Und wir nehmen teil an
tischer Befangenheit. Oder: Sie dachte an am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind dieser Entstehung einer Aussage zur Poli-
ihre Karriere. sie halt da.« tik. Ihrem Gesicht ist so gut wie nie anzu-
Dann war sie also Bundeskanzlerin und Ihr menschliches Empfinden siegte über merken, wie sie findet, was sie jetzt wieder
musste als solche im Herbst 2008 die aus ihr politisches Kalkül. Deutschland war zu sagen hat.
den USA importierte Finanzkrise beste- nicht vorbereitet auf diese Flüchtlingsflut. Sie ist sozusagen nicht schuldig, dass sie
hen. Sparer, Anleger und Banken hatten Angela Merkels menschliche Entscheidung jetzt sagen muss, dass ihr das ewige See-
Papiere gekauft, die plötzlich nichts mehr wurde in der politischen Realität zum hofer-Gerede über eine Obergrenze für
wert waren. Merkel trat mit ihrem Finanz- Streitobjekt. die Flüchtlingszahl auf die Nerven geht.

128 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Den unvermeidlichen Kompromiss erlebt


und formuliert sie mit der gleichen Gelas-
senheit, wie sie vorher ihren eigenen Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin »buchreport« (Daten: media control);
Standpunkt erlebte und uns erleben ließ, nähere Informationen finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller
wie sie ihn erlebte. Die unvergleichliche
Glaubwürdigkeit dieser Merkel-Momente Belletristik Sachbuch
kommt daher, dass sie handelt wie ohne
Willensanteil. Sie studiert ihr Bild und sagt 1 (1) Sebastian Fitzek 1 (1) Stephen Hawking Kurze Antworten
dann, was sie dadurch erfährt. Der Insasse Droemer; 22,99 Euro auf große Fragen Klett-Cotta; 20 Euro

I
2 (2) Dörte Hansen 2 (2) Eckart von Hirschhausen / Tobias Esch
n Wirklichkeit handelt, entscheidet Mittagsstunde Penguin; 22 Euro Die bessere Hälfte Rowohlt; 18 Euro

sie ununterbrochen. Die drastisch


3 (6) Volker Kutscher 3 (3) Yuval Noah Harari 21 Lektionen
sinkende Zahl der Arbeitslosen zeigt Marlow Piper; 24 Euro für das 21. Jahrhundert
deutlich genug, dass sie erfolgreich C. H. Beck; 24,95 Euro
ist. Ob Klimawandel oder die gesellschaft- 4 (4) Charlotte Link
liche Modernisierung, das schöne Merkel- Die Suche Blanvalet; 24 Euro 4 (5) Bas Kast Der Ernährungskompass
Gesicht bleibt so ausdrucksscheu wie im- C. Bertelsmann; 20 Euro
5 (10) Fred Vargas Der Zorn
mer. Sie ist immer nur Zeugin ihrer Hand- der Einsiedlerin Limes; 23 Euro
lungen. Sie ist sozusagen nicht schuld daran, 5 (6) Dirk Müller
Machtbeben Heyne; 22 Euro
dass sie so erfolgreich ist, und darum ist 6 (3) Inger-Maria Mahlke
dieses Merkel-Gesicht so schön: weil es Archipel Rowohlt; 20 Euro 6 (9) Florian Illies
keinen Affekt kennt. Weil es nur mit sich 1913 – Was ich unbedingt noch
7 (5) Michael Hjorth / Hans Rosenfeldt erzählen wollte
selbst beschäftigt ist. Weil es dazu da ist Die Opfer, die man bringt
S. Fischer; 20 Euro
auszudrücken, was diese Frau gerade Wunderlich; 22,95 Euro
denkt oder will. Wir sollen und dürfen er- 7 (–) Dirk Roßmann »… dann bin ich auf
den Baum geklettert!« Ariston; 20 Euro
leben, was diese Frau gerade erlebt. Sie ist 8 (7) Carmen Korn
ununterbrochen dabei, ihre Gedanken Zeitenwende Kindler; 19,95 Euro 8 (7) Udo Lindenberg / Thomas Hüetlin
kennenzulernen. Daran lässt sie uns teil- Udo Kiepenheuer & Witsch; 24 Euro
9 (–) Sabine Ebert Schwert und Krone –
haben. Das ist spannend. Wir erleben es
Zeit des Verrats Knaur; 19,99 Euro 9 (4) Thilo Sarrazin
mit ihr, und nichts kann schöner sein als
die Absichtslosigkeit dieser Vorgänge.
Feindliche Übernahme FBV; 24,99 Euro
10 (8) Elizabeth George
Damit ist über die Schönheit der Frau Wer Strafe verdient Goldmann; 26 Euro 10 (8) Bob Woodward
Merkel genug, wenn auch nicht alles gesagt. Furcht Rowohlt; 22,95 Euro
11 (11) Juli Zeh
Ich erlebe als Merkel-Zuschauer, dass Neujahr Luchterhand; 20 Euro
Politik feierlich sein kann. Meine Erfah- 11 (11) Kollegah
rung: Schon Kopfweh macht feierlich, aber 12 (9) Jonas Jonasson Der Hundertjährige, Das ist Alpha! Riva; 22 Euro

das meiste zu dieser Feierlichkeit trägt bei der zurückkam, um die Welt zu retten 12 (13) Robert Habeck
die Flüchtigkeit all dieser Vorgänge – und C. Bertelsmann; 20 Euro
Wer wir sein könnten
damit erlebbar die Kürze unseres Lebens. 13 (12) Rita Falk Kiepenheuer & Witsch;
Aber eben darum ist die Sorgfältigkeit, mit Eberhofer, Zefix! dtv; 8 Euro 14 Euro
der sich Merkel ihrem Bild und damit ihrer
14 (16) Christian Berkel Wird der Kieler der erste
Aufgabe widmet, so spannend. grüne Kanzler? Hier
Die Gegenwart ist immer eine Bilder- Der Apfelbaum skizziert er schon mal,
Ullstein; 22 Euro was sich in Sprache
flut. Und eben in dieser Flut steht, besteht,
und Politik ändern würde
überlebt das Merkel-Bild. Die stille Wucht Der Schauspieler
dieses Bildes ist auch ein Erlösungssignal. erzählt eine Familien- 13 (15) Andreas Englisch
Ich kann immer zu diesem Bild fliehen, geschichte, die
von jüdischer und Mein Rom C. Bertelsmann; 22 Euro
pilgern, wandern, es nimmt mich sofort in deutscher Identität
Beschlag, weil es immer ein Bild ist, mit handelt 14 (18) Elli H. Radinger
dem etwas geschieht, ein Vorgang, die Ent- Die Weisheit alter Hunde Ludwig; 22 Euro
stehung einer Aussage über diesen einen 15 (18) Andreas Eschbach
NSA – Nationales Sicherheits-Amt 15 (20) Richard David Precht
Moment. Immer sind wir sofort Zeuge ei-
Lübbe; 22,90 Euro Jäger, Hirten, Kritiker Goldmann; 20 Euro
ner Textgeburt. Und zum Glück fehlen
Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Wir 16 (13) Maxim Leo / Jochen Gutsch 16 (14) Christopher Schacht
erleben Frau Merkels andauernde Text- Es ist nur eine Phase, Hase Mit 50 Euro um die Welt adeo; 20 Euro
geburt so gern, weil jeder Augenblick zu Ullstein; 12 Euro
einem Erfolg führt, und das macht Frau 17 (17) Peter Wohlleben Das geheime Leben
17 (15) Karen Duve Fräulein Nettes der Bäume Ludwig; 19,99 Euro
Merkel zur epochalen Erfolgsfigur. Sie hat kurzer Sommer Galiani; 25 Euro
gesagt: Wir schaffen das. Sie hat es ge-
18 (10) Tina Turner
schafft. Da dürfte man doch singen! Oder 18 (14) Martin Suter
My Love Story Penguin; 28 Euro
jubeln! Auf jeden Fall den höchstmögli- Allmen und die Erotik Diogenes; 20 Euro
chen Ton anstimmen. Und nichts ist ver- 19 (20) Robert Seethaler 19 (19) Rainer M. Schießler
führerischer als der Erfolg. Deshalb gebe Das Feld Hanser Berlin; 22 Euro Jessas, Maria und Josef Kösel; 20 Euro
ich zu: Ich bin verführt. Von ihr und von
der stillen Wucht ihrer Schönheit. 20 (–) Jussi Adler-Olsen 20 (–) Dietrich Grönemeyer
Miese kleine Morde dtv; 10 Euro Weltmedizin S. Fischer; 20 Euro

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Schauspielerin Kasia Smutniak in »Loro«: Fleischbeschau bis zum Überdruss

Ja, irgendwie wollen sie alle so sein wie


Kultur
er, so reich, so erfolgreich, so dreist, so
gut gelaunt, so rücksichtslos. Und so un-

Charmanter Zombie
sterblich.
Der Berlusconi dieses Films, halb real
und halb erfunden, hat beim Kinozuschau-
er daher ziemlich leichtes Spiel, als ihm
Sorrentino auf einem Anwesen auf Sardi-
Kino Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino hat ein wuchtiges, nien seinen ersten großen Auftritt ver-
hysterisches Epos über Silvio Berlusconi gedreht. Der schafft. Man mag ihn für seine Skrupel-
Ex-Premier wirkt darin wie ein Monument der Bauernschläue. losigkeit verachten oder für eine lächerli-
che Witzfigur halten, verglichen mit seinen
Fans wirkt er gar nicht so übel. Er ist der

D er Held dieses Films ist zunächst


ein Phantom, unsichtbar und doch
allgegenwärtig. Ständig ist von
»ihm« die Rede, von Silvio Berlusconi,
ist abgetaucht. Ab und zu rauscht ein Kon-
voi mit Eskorte durch die Stadt. Sitzt »er«
in der gepanzerten Limousine? Alle rau-
nen, doch niemand weiß Genaues.
Mann, den Italien verdient hat.
2008 porträtierte Sorrentino in seinem
Film »Il divo« den italienischen Staats-
mann Giulio Andreotti, der insgesamt
doch keiner spricht seinen Namen aus, als Der Film rotiert um eine Leerstelle. Er siebenmal Ministerpräsident war, als kor-
wäre er der Boss der Bosse, gefürchtet zeigt eine Gesellschaft, die ihr Zentrum rupten und intriganten, aber überaus in-
und vergöttert. Mehr als eine halbe Stun- verloren hat. »Loro« handelt von der An- telligenten und geistreichen Politiker. Ber-
de des Films »Loro – Die Verführten« ist ziehungskraft Berlusconis, die außerhalb lusconi dagegen wirkt in »Loro« wie ein
vorbei, als »er« zum ersten Mal zu sehen Italiens kaum jemand verstehen konnte, klotziges Monument der Bauernschläue.
ist. Doch man erkennt ihn bestenfalls die ihn aber zu einem einzigartigen Wie- Toni Servillo, der für Sorrentino schon
auf den dritten Blick, denn er hat sich als dergänger machte, zigmal totgesagt und Andreotti spielte, macht aus Berlusconi
Frau verkleidet. immer wieder da, ein Zombie der Welt- einen Instinktmenschen, der die großen
Paolo Sorrentinos Epos, das in Italien politik. Populismus, so behauptet der Film, und kleinen Träume der Menschen kennt
in zwei Teilen von insgesamt dreieinhalb beruht nicht zuletzt auf Popularität. und ihnen mit öligem Verkäufercharme
Stunden ins Kino kam und nun in Deutsch- Selten zuvor hat ein Regisseur seine andrehen kann, was sie nicht brauchen,
land in einer 145-Minuten-Fassung läuft, Landsleute so vernichtend porträtiert. Der vor allem sich selbst. Er grinst so breit, als
spielt zwischen 2006 und 2010, als Berlus- Film ist Volksbeschimpfung in ganz gro- wollte er sein Gegenüber mit seinen strah-
coni zum vierten Mal Ministerpräsident ßem Stil. »Loro« heißt auf Italienisch »sie«. lend weißen Zähnen blenden.
wurde, trotz Korruptionsvorwürfen und Gemeint sind alle, die Berlusconi verehren Sorrentino und sein Star Servillo haben
gegen ihn anhängiger Gerichtsverfahren. und seine Nähe suchen. Im Film gilt das ein Programm. Sie wollen aus großer Poli-
Obwohl er wegen Sexpartys mit Minder- für nahezu jede Figur. Sorrentino zeigt tik großes Kino machen, analytische und
jährigen in die Schlagzeilen geriet, hielt er Männer, die danach gieren, mit Berlusconi exzessive Filme, so scharfsichtig wie süffig,
sich lange an der Macht. Geschäfte zu machen, und Frauen, die sich Filme, die ihr Land in seiner Schönheit fei-
Als die Handlung einsetzt, muss Rom ihm zu Dutzenden anpreisen. ern, während sie von Korruption und mo-
gerade ohne ihn auskommen. Mit seiner Für Sorrentino sind das nur Motten, ralischem Verfall erzählen.
Partei Forza Italia hat Berlusconi die Par- die auf der Suche nach ihrer Lichtgestalt In »Loro« ziehen die Schönen und Rei-
lamentswahlen 2006 knapp verloren. Er hysterisch durch die Gegend flattern. chen nach einer Party mitten in der Nacht

130 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Berlusconi-Darsteller Servillo bei den Dreharbeiten: Halb Mensch, halb Wachsfigur

durch Rom. Plötzlich gerät ein Müllwagen Wenn Sorrentino Filme über Politik nie gekränkt, wie er behauptet, auch dann
von der Straße, stürzt von einer Brücke macht, tut er das also vor dem Hinter- nicht, als ihm eine junge Frau auf der Bett-
und kommt vor antiken Ruinen zum Erlie- grund, dass schon vor mehr als 2000 Jah- kante sagt, er rieche wie ihr Opa?
gen. Alle starren auf das Wrack wie auf ein ren im Senat von Rom um das Schicksal Der Berlusconi dieses Films ist ein
Raumschiff, das gerade gelandet ist. Klet- des Landes und seiner Bewohner gerun- Zombie, der nie ganz ins Leben tritt. Doch
terten jetzt Aliens raus, könnten sie nicht gen wurde. Dass hier Strippen gezogen »Loro« ist viel zu lang, um sich damit
seltsamer sein als diese Römer. In dem und Intrigen gesponnen wurden. Andreotti zu begnügen, die Oberflächen auf Hoch-
Moment explodiert der Wagen, Müll fliegt und Berlusconi sind für Sorrentino Reprä- glanz zu polieren. Schöne Bilder reihen
hoch und regnet nieder wie ein Schauer aus sentanten einer Kaste. sich aneinander und wirken zunehmend
der Hölle. Sorrentino zeigt den durch die Kreist der Amerikaner Oliver Stone, redundant.
Luft wirbelnden Dreck von unten, in Zeit- der von den Präsidenten seines Landes be- Statt sich in die Tiefe zu wagen, geht
lupe, es folgt ein Schnitt, und der Zuschauer sessen ist, in seinen Filmen berserkerhaft der Film in die Breite und hinterlässt ein
sieht bunte Ecstasy-Pillen vom Himmel um die Persönlichkeit seiner Protagonisten Gefühl der Leere. Das ist wohl zum Teil
regnen, nackte Menschen tanzen um einen John F. Kennedy, Richard Nixon oder Absicht. Minutenlang schwelgt Sorrentino
Pool, weit weg von Rom, auf Sardinien. George W. Bush und will in ihre Psyche in den Bildern nackter, vögelnder, koksen-
Sorrentino macht Filme, die jederzeit eindringen, so betrachtet Sorrentino An- der, enthemmter Frauen.
vom Boden der Tatsachen abheben kön- dreotti und Berlusconi als Ausprägungen Vermutlich will er, dass sich irgendwann
nen. Er überhöht die Realität, manchmal eines Typus. Es ist ein nüchterner, reifer, Überdruss einstellt an diesem Hedonis-
sogar mit Abfall. Sorrentino, 1970 in Nea- römischer Blick auf Politiker. mus. Alles, was Spaß macht, soll nur noch
pel geboren, wo der Dreck ja tatsächlich In »Il divo« bewegt sich Servillo als An- nerven. Doch die Grenze verschwimmt.
beachtliche Höhen erreichen kann, wenn dreotti so eckig und unnatürlich wie ein Sorrentino ist der Dekadenz, die er in sei-
die Müllabfuhr mal wieder nicht kommt, Roboter, in »Loro« wirkt er wie eine nen Filmen immer wieder zeigt, diesmal
wird oft mit Federico Fellini verglichen, Wachsfigur, ewig grinsend, undurchschau- selbst ein Stück weit zum Opfer gefallen.
der in seinen Filmen ein Grenzgänger zwi- bar. Andreotti und Berlusconi sollen bei Man kann »Loro« für sexistisch halten
schen Traum und Wirklichkeit war. Sorrentino schemenhaft bleiben. Vielleicht in der Art und Weise, wie er nackte weib-
Sorrentinos Meisterwerk »La grande fühlt er sich wohler, wenn er sie von außen liche Körper zu einer Fleischtheke arran-
bellezza – Die große Schönheit« (2013) betrachtet. Ihr Innenleben zu erkunden giert. Aber andererseits sind es zwei Frau-
war ein Update von Fellinis Klassiker »La könnte bedeuten, mit ihnen zu paktieren. en, die Berlusconi in dem Film sagen dür-
dolce vita – Das süße Leben« (1960). Es Es ist durchaus vergnüglich, Servillos fen, was sie von ihm halten, wie peinlich,
erzählt von verzweifelten Sinnsuchern im Berlusconi dabei zuzusehen, wie er über eitel und egoman sie ihn finden. Die Män-
heutigen Rom, der Leere ihrer Existenz sein Anwesen auf Sardinien tigert, ein Ma- ner in diesem Film sind dazu allesamt zu
und ihrer Angst vor der Endlichkeit. cher, zur Untätigkeit verdammt, auf eine feige und zu dumm.
Für die Grundfragen nach dem mensch- Insel verbannt wie lange Zeit vor ihm ein Berlusconi selbst soll von dem Film-
lichen Sein gibt es vermutlich keinen bes- anderer kleiner Mann mit großem Ego, projekt angetan gewesen sein. Stolz, dass
seren Resonanzboden als die Straßen wie Napoleon Bonaparte, der von Elba ein so großer Regisseur wie Sorrentino sich
Roms. Nirgendwo kann das Leben flüch- aus an die Macht zurückkehrte. mit ihm beschäftigt. Angeblich hat er sogar
tiger wirken als in der Ewigen Stadt. Jeder Sorrentino nutzt den Unterhaltungs- sein Anwesen auf Sardinien für die Dreh-
Pflasterstein scheint von uns wissen zu wert, den Berlusconi als Politiker hatte, für arbeiten angeboten. Ob das stimmt? »Ihm«
wollen, was wir zur Entwicklung unserer seinen Film. Aber er blickt selten hinter wäre es zuzutrauen. Lars-Olav Beier
Kultur beizutragen haben. Servillos Fratze. Ist Berlusconi wirklich

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Kultur

Weil er muss
Wenn er kann, was er muss, dann we-
gen »Willy«, seinem vielleicht wichtigsten
Lied.
Tatsächlich hat Wecker immer schon
Pop Konstantin Wecker hat immer gegen rechts angesungen, egal wie angesungen gegen Bigotterie, Rassismus
und die »braune Brühe«, wie er das
die politische Situation war. »Sage Nein!« heißt seine neue Platte nennt. 1977 war es, da »habns an Willy
»antifaschistischer Lieder« – und verbindet Revolution und Nostalgie. daschlogn«, mit einem zersplitterten
Glas in einer Kneipe am Viktualienmarkt
oder im Bahnhofsviertel. Warnen wollen

A ugenblicke gibt es, da möchte Kon-


stantin Wecker nicht aufstehen.
Nicht sich einmischen, nicht die
Stimme erheben. Nicht den Arsch hoch,
Bühne schwitzen, stampfen und schwan-
ken sieht. Ein Konzert ist gern mal eine
dreistündige Achterbahnfahrt, die sein
meistenteils gleichaltriges Publikum wohl
hat der Wecker den Willy noch vor den
»echten Leit« dort, denn das seien die
Getretenen, und wer dauernd getreten
werde, »der tritt halt aa amoi zruck«,
nicht die Zähne auseinander. Nicht schon direkt auf die Intensivstation befördern aber der Willy ist trotzdem hingegangen
wieder mit dem Volvo über die deutsche würde. Hier kann es teilhaben am Wüten und aufgestanden gegen die Faschisten.
Autobahn, um in Oldenburg, Friedrichs- und Wühlen eines glaubwürdigen Stellver- Und die Faschisten haben ihn abge-
hafen oder Fulda zu spielen. Wenn die treters, der hingefallen und wieder aufge- stochen.
Sonne scheint und der Wind den Wipfel standen, mit dem es durch die Jahrzehnte Diesem »Willy«, erschienen auf dem
seines Maulbeerbaums zum Flüstern gegangen ist, der die Höhen des Lebens Album »Genug ist nicht genug«, hat Kon-
bringt, am Ende eines weite-
ren Urlaubs in seinem Land-
haus in der Toskana, dann
denkt er manchmal: »Ach, ich
könnte auch hierbleiben.«
Aber Öl auf Leinwand ver-
teilen, Puccini hören, Oliven
pressen, an heiteren Tagen
Gedichte schreiben wie Rilke
und an düsteren solche wie
Benn, nur für sich, das könnte
Konstantin Wecker nicht. Der
Mann ist mit einer Unermüd-
lichkeit auf Tournee, die bei-
nahe schon an Bob Dylans
legendäre »Never Ending
Tour« erinnert. Heute hier,
morgen dort. Oldenburg ist
schon ausverkauft, ebenso
die Elbphilharmonie, für
Friedrichshafen und Fulda
gibt es noch Karten.
Warum tut der 71-Jährige

REDFERNS / GETTY IMAGES


sich das noch an, in dieser mör-
derischen Frequenz? »Weil ich
muss«, sagt er.
1995 wurde Wecker in sei-
ner Villa in München-Grün-
wald verhaftet. Er war im
Besitz einer beträchtlichen Musiker Wecker: Gegen »dieses ganze Machogehabe«
Menge Kokain, die Sucht und
ihre Wirkung auf Psyche und
Physis waren offensichtlich. Wecker so gut kennt wie die Tiefen. Und die Sor- stantin Wecker allerhand zu verdanken,
dealte nicht, er konsumierte selbst – und gen auch. mindestens aber seine Reputation als
fiel dann wie ein bajuwarischer Ikarus in Nächste Woche veröffentlicht er wieder politischer Künstler. Sie wurzelt in einer
die Tiefe. ein Album, »Sage Nein!«, eine Sammlung Ära, da deutsche Künstler sich in Anleh-
Die Affäre habe ihm das Leben gerettet, »antifaschistischer Lieder 1978 bis heute«, nung an den französischen Chansonnier
sagt er heute. Und ein Schuldengebirge aus fremder wie eigener Feder. Darauf fin- oder den italienischen Cantautore lieber
hinterlassen, das er »wohl bis ans Ende den sich Titel wie das alte Partisanenlied Liedermacher statt Songwriter nannten.
meines Lebens« abtragen wird. In die »Bella Ciao«, das in diesem Jahr als tanz- Liedermacher hatten ihre goldenen Jahre,
Künstlersozialkasse hat er auch nie ein- barer Remix zum Sommerhit wurde und als die Bundesrepublik ihre »bleierne Zeit«
gezahlt. Die Kinder. Wenn er nicht in der das schon vor Jahren zum gemeinsamen durchlebte. Gerade war Wolf Biermann
Toskana ist, kann man sein Haus dort mie- Programm von Wecker und Hannes Wa- aus der DDR ausgebürgert worden und
ten. Ab tausend Euro die Woche, »Tiere der gehörte. Hier springt keiner auf einen Hannes Wader in die DKP eingetreten.
sind herzlich willkommen«. fahrenden Zug. Hier stand einer so lange Reinhard Mey und Klaus Hoffmann gaben
Wecker muss nicht nur, er will. Das ist am Bahnsteig, bis der Zug wieder bei ihm sich als ebenso feinsinnige wie kritische
sein Glück. Und das spürt, wer ihn auf der vorbeikam. Chronisten der 68er.

132 DER SPIEGEL Nr. 46 / 10. 11. 2018


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Und während Franz Josef Degenhardt tierten predige: »Ich predige überhaupt
mit dem »Wildledermantelmann« den ehe- nicht! Ich sage meine Meinung.« Immer SPIEGEL TV
maligen Genossen von 1968 »langsam, wieder verließen einzelne Zuhörer den MONTAG, 12. 11., 23.25 – 0.00 UHR | RTL
langsam, langsam« auf seiner Drift »nach Saal, »wenn es um Flüchtlinge und offene
rechts« beobachtete, sang Wecker seinem Grenzen geht«. Schließlich sei er »schon
Freund von 1968, dem Willy, eine sentimen- als 13-Jähriger mit Bakunin unterm Arm
tale Hymne. Der war links geblieben und in die Schule gegangen, um zu provozie-
hatte sich dafür abstechen lassen. Der zu- ren, natürlich. Als Anarchist bin ich für
nehmenden Verbitterung seiner Zeit- und offene Grenzen, für Herrschaftsfreiheit«.
Gesinnungsgenossen setzte Wecker ein Als Mensch unterstützt er alle sinnvol-
großäugiges, melancholisch gefärbtes »Wei- len sozialen Projekte, die nicht explizit kei-

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ter so!« entgegen. Und das tut er bis heute. nen Wert auf die Unterstützung durch
Wecker ist, auf poetisch selbstverklärte Konstantin Wecker legen. Als Bürger gilt
Weise, immer ein alter Kämpfer geblieben. seine Sympathie »immer nur einzelnen Querschnittsgelähmter mit Exoskelett
Wartet wie ein verdienter Sportler am Politikern«, selten einer Partei, und der
Spielfeldrand, bis die Mannschaft ihn drohenden Einvernahme durch die linke Das Unglück vom Eigenheim – Wenn
braucht. Und jetzt, findet er, braucht sie Sammlungsbewegung »Aufstehen« entzog der Bauboom im Baupfusch endet;
ihn dringend: »Ich habe Angst davor, was er sich mit dem sicheren Instinkt des Steh- Die Mensch-Maschinen – Wie neue
gerade in Deutschland passiert.« Wenn aufmännchens. Als Künstler ist es ihm Methoden die Medizin revolutionie-
Feine Sahne Fischfilet in Dessau ausgela- Pflicht und Privileg zugleich, die Utopie ren; Überleben auf der Müllkippe der
den werden, kommt Wecker das bekannt einer besseren Welt zu beschwören – ohne Welt – China und der Plastikschrott.
vor. 2006 wurde ein Konzert in Halber- für deren Umsetzung in praktische Politik
stadt abgesagt – auf Druck der NPD. Er verantwortlich zu sein.
will nicht nur ins Spiel eingreifen. Er muss. Schon möglich, dass Wecker mit seinen ARTE RE:
Den »Willy« gibt es inzwischen in neun Moritaten vor allem Gleichgesinnte un- DIENSTAG, 13. 11., 19.40 – 20.15 UHR | ARTE
Versionen, weil er das Klagelied auf den terhält. Möglich aber auch, dass es in
wackeren Freund immer wieder aktuali- der Generation 65 plus Filterblasen gibt, Rückkehr von der Terrormiliz –
siert und als Vehikel für seine Kritik an die ohne einen erbaulichen Innendruck Wie Eltern um ihre IS-Tochter
schlicht kollabieren würden. Oder die
kämpfen
nach rechts kippen könnten, in den Hass
Hier ruft einer und die Bitterkeit. Gefährlich wird es
»Wehret den Anfängen!« immer dann, wenn mit dem Alter revolu-
tionäre und nostalgische Gefühle zusam-
und »Ich hab’s menfallen. Da kann es nicht schaden, bis-
schon immer gesagt«. weilen sanft berührt zu werden von einem
alten Freund, der sagt: »Du hast recht.
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Wut ist notwendig. Aber handeln dürfen


den Zeitläuften benutzt hat. Auf »Willy wir nur aus Liebe.«
2018« wettert er gegen die »Hydra« des Wobei man es durchaus als ranzig, min- Internierte Aydin (r.)
Neoliberalismus, »gewissenlose Potenta- destens aber als nicht zeitgemäß empfin-
ten«, Populismus, Fremdenfeindlichkeit den kann, auf diese Weise berührt zu wer- Rund 40 mutmaßliche IS-Frauen
und »dieses ganze Machogehabe verun- den. Willy nickt, beugt sich vor und hebt aus Deutschland sind in einem Lager
sicherter Männlein wie Trump, Erdoğan, den Finger: »Das vergessen dir die Leute in Nordsyrien interniert, darunter
Putin, Kim, Orbán, Gauland, Strache, nie, im Guten wie im Schlechten, wenn du auch die aus Hamburg stammende
Kurz und Söder und wie sie alle heißen sie mal berührt hast.« Merve Aydin mit ihren beiden
mögen«. Willy saß die ganze Zeit still mit am Kindern. Sie möchte in ihre Heimat
Er sieht »das letzte große, fast ver- Tisch, hörte zu, warf milde Scherze ein. zurückkehren – doch Bemühungen
zweifelte Aufbäumen des Patriarchats«, Er ist gar nicht tot. Sein richtiger Name ist deutscher Behörden, sie dabei
appelliert an »Mitgefühl und Verstand, Günter Bauch, der beste Freund von Kon- zu unterstützen, sind derzeit nicht
Poesie und Zärtlichkeit« und tanzt den stantin Wecker seit den gemeinsamen erkennbar.
Traum einer »spirituellen Revolution«. Schultagen am Wilhelmsgymnasium in
In seiner inhaltlichen Fülle und emo- München. Auf Konzerten kümmert er
tionalen Dringlichkeit wirkt dieser Vor- sich um das Licht, betreibt den Verkaufs- SPIEGEL GESCHICHTE
trag wie ein Duett zwischen Oskar Lafon- stand und wird später in der Tiefgarage MITTWOCH, 14. 11., 20.15 – 21.00 UHR | SKY
taine und Petra Kelly. Hier ruft einer das Gepäck in den Kofferraum des Volvo
»Wehret den Anfängen!« und »Ich hab’s wuchten. Flying High – Englands
schon immer gesagt« und empfiehlt im Wenn Günter Bauch den Hals reckt, Südwesten
Grunde doch nur, sich »nicht ins Bocks- kann man noch deutlich die Narbe erken- Eine gelbe Piper »J3 Cub«, eine le-
horn jagen« zu lassen und Blumen in nen. Da haben sie ihn tatsächlich beinahe gendäre »Spitfire« oder ein alter
Gewehrläufe zu schieben. Händeringen- »daschlogn«, damals. Arno Frank »Lancaster«-Bomber: Die Dokumen-
de Hilflosigkeit als linkes Grundgefühl, tation geht auf Tuchfühlung mit einer
hier kommt sie zum Ausdruck. Wäre er ganzen Armada historischer Flug-
nicht in der Wolle rot gefärbt, man könnte Video zeuge und erkundet die Geschichte
So klingt der
ihn manchmal von einem Wutbürger neue Wecker einer Reihe von Flugplätzen in Groß-
nicht unterscheiden. spiegel.de/sp462018wecker
britannien. Zahlreiche Kameras
Wobei Wecker weit von sich weist, dass oder in der App DER SPIEGEL am Boden und in der Luft sorgen für
er auf seinen Konzerten nur vor Konver- spektakuläre Perspektiven.

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Kultur

Nichts ist erledigt


Geschichte Der Historiker Christopher Clark versucht, in der Geschichte die Probleme
der Gegenwart zu sehen. »Zeit und Macht« heißt sein neues Buch, es schlägt
den Bogen von Friedrich dem Großen und Bismarck zu Brexit und Donald Trump.

P. MATSAS / OPALE / LEEMAGE / LAIF

Autor Clark: »Wir haben keine Orientierung mehr«

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E
s ist Dienstagmorgen, kurz nach
zehn Uhr, und die Studierenden
des Historischen Instituts der Uni-
versität Cambridge verschanzen
sich erst einmal hinter ihren Laptops, wäh-
rend ihr Dozent mit der Technik kämpft.
Die gescheiterte europäische Revolution
von 1848 wird durchgenommen, und
Christopher Clark hat zunächst Mühe, die
Teilnehmer des Seminars auf Touren zu
bringen. Er zieht kühne Verbindungen zur
Gegenwart, zu Trump und zum Neolibe-

BLONDET ELIOT-POOL / SIPA / ACTION PRESS


ralismus. Der linke Ökonom Thomas
Piketty wird zitiert. Labour-Chef Jeremy
Corbyn wird verspottet, dessen einzige
Wertschätzung für Europa, so Clark, darin
bestehe, dass es gut für die Strände und
für die Bienen sei. Nun sollen die Studie-
renden eine Quelle vorlesen, aber sie sind
gut erzogen und reden viel zu leise. Clark
erinnert sie daran, dass es sich um Texte
aus der Revolution handelt, ermuntert sie,
laut zu lesen, wütend zu sein. Und bald Französischer Präsident Macron*: Geschichtsfragen sind Identitätsfragen
hat er sein Publikum: Die angehenden His-
torikerinnen und Historiker dekonstruie-
ren die Quellen, erkennen patriarchalische ten in der Krise ist, dann auch weil unklar gangenheiten eingetauscht werden.« Der
Elemente in den Sprachbildern, arbeiten ist, ob wir uns noch bewegen, ob die ge- Fiktion einer Zeit, in der nur weiße Gesich-
mit einer Begeisterung für Nuancen die sellschaftliche Entwicklung noch das Ver- ter auf den Straßen zu sehen waren und
diversen ideologischen Positionen im Paris sprechen auf ein besseres Leben für uns die Menschen zusammenhielten. Dasselbe
des Sommers 1848 heraus. und unsere Kinder bereithält. Muster wiederhole sich in den Reden Do-
Christopher Clark ist einer der einfluss- Darum hat sich Clark in seinem neuen nald Trumps, so Clark, wenn er verspreche,
reichsten Historiker der Gegenwart, und Buch mit einem vertrauten, scheinbar all- Stahl und Kohle »zurückzubringen« und
dieses Seminar ist Ausweis seines wissen- täglichen Begriff beschäftigt, der Histo- Amerika »wieder« groß zu machen.
schaftlichen Konzepts: Er betreibt Ge- rikern eigentlich bestens vertraut sein Diese Volte des amerikanischen Präsi-
schichte als umfassende Inspektion der müsste: der Zeit. Gerade in Verbindung denten sei eine Premiere im politischen
Gegenwart. Durch die vielfältigen Bezüge mit politischer Macht lohnt es sich, Zeit Diskurs der USA: »Der Glaube, dass Ame-
auf andere Disziplinen und zu heutigen genauer zu betrachten: »Wie die Schwer- rika an der Spitze der historischen Ent-
Fragen verhindert er, dass die Studieren- kraft das Licht, so beugt die Macht die wicklung steht, der für jeden Präsidenten
den es sich zu leicht machen und die Zeit«, schreibt er in der Einleitung zu vor ihm wesentlich war, spielt bei Trump
Herren auf den alten Bildern für schlichte »Von Zeit und Macht«**. Welche Erzäh- gar keine Rolle mehr. Sein Amerika ist ge-
Vertreter einer überwundenen Zeit halten. lungen und Konzepte nutzten verschiede- scheitert, an die Chinesen verkauft. Er bie-
Auch die Exponenten uns fremder Posi- ne Machthaber, um die Zeit zum Mittel tet nur den Rückschritt an – noch weiter
tionen, so sein pädagogisches Credo, ver- ihrer Herrschaft zu machen? Clark unter- zurückzugehen, in ein schon mal da gewe-
dienen Respekt. Man soll keine Idee zu sucht vier Fallbeispiele: die Herrschaft des senes Amerika.«
gering schätzen und nicht davon absehen, Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und Jedes Regime hat seine eigene Signatur,
sie genau zu studieren. Das ist wissen- wie er sie legitimierte, den proklamierten seine eigene Art, die Geschichte zu nutzen.
schaftliche Höflichkeit und eine erschüt- Stillstand der Geschichte in staatlicher Aber Machthaber stellen sich keinesfalls
ternde Aussage. Sie impliziert, dass nichts Idylle bei Friedrich dem Großen, die his- immer an die Spitze einer Entwicklung.
historisch erledigt ist, dass alles wieder- torische Dialektik bei Bismarck und den Im Fall Friedrichs des Großen lag der Trick
kommen kann. destruktiven Ausstieg aus der Geschichte in einer Auflösung der historischen Dyna-
Wir verlassen den Seminarraum und ge- der Nationalsozialisten. mik. »Der Staat hatte für Friedrich etwas
hen zum Gespräch in sein helles, großes Das Thema ergab sich für Clark aus der von Planeten, die ihre Umlaufbahn ziehen,
Dienstzimmer eine Etage darüber. Manu- Gegenwart: aus den Argumenten von Bre- eine ewige Wiederkehr.« Das dynamische
skripte, Post und Stapel von Büchern kon- xit-Befürwortern wie Boris Johnson und Geschichtsbild aus der Zeit seines Urgroß-
kurrieren um die Fläche auf Tischen und Michael Gove. Ihre Kampagne, so Clark, vaters, des Großen Kurfürsten, der die
Regalen, die Werkstatt eines Phänomeno- habe auf dem Versprechen aufgebaut, eine Grundlagen des preußischen Staats ge-
logen der Gegenwart. Aber die Normalität vermeintlich bessere alte Zeit wiederher- schaffen hatte, lehnte Friedrich ab. Er sah
des akademischen Alltags täuscht. Clark, zustellen. »Die vertraute Zukunft in der sich und seinen Staat als Endpunkt der
das verbirgt seine fröhliche Pädagogik, ist EU sollte zugunsten von erfundenen Ver- Geschichte. Dass der Staat erst nach lan-
geschockt. gen Konflikten zwischen König und Stän-
»Die Zeiten drehen sich wie die Nadel den zu seiner Form fand, blendete er dabei
eines defekten Kompasses. Wir haben
überhaupt keine Orientierung mehr.« Wir Für Friedrich den
misstrauen der Zukunft, die nicht mehr Großen war der Staat ein * Am 5. November mit Bürgern, die sich als Soldaten
aus dem Ersten Weltkrieg verkleidet haben.
automatisch Fortschritt verspricht, und
sehnen uns nach diffusen und diversen Ver- Endpunkt, die Idylle ** Christopher Clark: »Von Zeit und Macht. Herrschaft
und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den
sionen von Vergangenheit. Wenn der Wes- einer stillstehenden Zeit. Nationalsozialisten«. DVA; 320 Seiten; 26 Euro.

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Kultur

Das Publikum hat sich jedenfalls darauf


eingelassen, das Buch verkaufte sich über
300 000-mal. Angela Merkel sagte, dass
das Buch ihr vorsichtiges Agieren in der
Ukrainekrise beeinflusst habe. Sie las es,
als sie mit einer Skiverletzung im Bett lag.