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ERZÄHLUNGEN

2. Auflage • Illustriert von Wolfgang Korn • 200 Seiten • Pappband mit Schutzum-
schlag 6,90 M

Eine Frau glaubt in einer Fremden die zurückgekehrte Ge-


liebte ihres Mannes zu erkennen, die sie in der Nach-
kriegszeit durch eine Denunziation aus dem Wege ge-
schafft hat. Ein Junge wird durch den plötzlichen Tod sei-
nes Vaters erwachsen und ringt sich zu einem großen Op-
fer durch. Ein Paar begegnet sich nach vielen Jahren wie-
der und macht die schmerzliche Erfahrung, daß sich ver-
säumte Entscheidungen nicht einfach nachholen lassen.
Die vorliegenden Geschichten machen betroffen. Immer
geht es um besondere, außergewöhnliche Schicksale und
Erlebnisse, die Michael G. Fritz sensibel, eindringlich und
in bildhafter Schlichtheit erzählt.

VERLAG NEUES LEBEN BERLIN

ISBN 3-355-00920-2 32 706


Iwan Frolow

Menschen ohne
Vergangenheit

Verlag Neues Leben Berlin


Titel des russischen Originals: JIKDÄH 6e3 npomnoro
Ins Deutsche übertragen von Carola Spieß

Illustrationen von Karl Fischer

ISBN 3-355-00920-2

© Verlag Neues Leben, Berlin 1989


Lizenz Nr. 303(305/121/89)
LSV 7703
Umschlag: Karl Fischer
Typografie: Walter Leipold
Schrift: 9 p Timeless
Gesamtherstellung: (140) Druckerei Neues Deutschland, Berlin
Bestell-Nr. 644 699 9
00025
Ein hoher Gitterzaun umgab den Stützpunkt. Die dichte Baumreihe hinter
der Einzäunung ließ nur regennasse Dächer erkennen.
Penn Murray lenkte den Wagen an die Einfahrt heran.
Der Nieselregen machte melancholisch. Die ohnehin trostlose Gegend mit
dem Gitter und dem verwaisten Pförtnerhäuschen im Vordergrund wirkte
hinter dem grauen Regenschleier nur noch deprimierender.
Murray hupte nachdrücklich.
Aus dem Häuschen kam eine Militärperson im Regenmantel, trat an den
Wagen heran und salutierte.
„Melden Sie dem General: Penn Murray aus dem Verteidigungsministe-
rium", wies der Ankömmling den Wachhabenden an. Der grüßte nochmals
und verschwand wieder im Häuschen.
Penn Murray war es schon oft gelungen, aktuelles Material an unzugäng-
lichsten und mitunter auch sehr gefährlichen Orten zu beschaffen. Doch je-
desmal liegt die Gefahr woanders, so daß er sich bei aller Tollkühnheit nie
ganz an sie gewöhnen konnte. Auch jetzt fühlte er Unbehagen, weil so lange
niemand aus der Wache kam. Um sich abzulenken, stellte er sich vor, wie
die spitzen Gitterstäbe plötzlich in die Höhe wachsen und die über ihnen la-
stende Wolke aufschlitzen, so daß sie wie eine berstende Eisscholle ausein-
andergleitet. Gleich würde die Sonne hervorkommen.
Doch die Phantasiebilder verschwanden. Zwei Mann kamen jetzt aus der
Wache.
„Ihren Wagen wird der Leutnant fahren", sagte der eine. Der andere bat
Murray, sich auszuweisen, und verglich dessen Gesicht mit dem Paßfoto.
Darauf setzte er sich ans Lenkrad.
Sie fuhren an auffallend eleganten mehrgeschossigen Gebäuden und an
weniger repräsentativen Holzbauten vorbei, an Schuppen, Materiallagern, an
aufgetürmten Kabelrollen, Autowracks, Fässern, Kisten, die wer weiß was für
Ausrüstungen bargen. Murray schaute gleichgültig in die Gegend, mitunter
schloß er auch die Augen, als döse er vor sich hin. Doch er prägte sich alles
ein. Hier gab es nichts Belangloses, jede Kleinigkeit konnte ihm im Notfall
von Nutzen sein oder aber zum Verhängnis werden.
Der Wagen hielt vor einem flachen Gebäude mit kostspieliger Granitver-
kleidung; ein Relief, auf dem antike Göttinnen dargestellt waren, umgab den
Eingang mit den Türringen aus blitzender Bronze.
Murray erkannte General Burnetti nach dem Foto, das er gesehen hatte.
Als er vortreten wollte, um sich vorzustellen, hielt ihn der General mit einer
Handbewegung zurück. „Moment, ich gebe erst Anweisung, daß uns nie-
mand stört."
Er drückte auf die Taste des Videotelefons. Auf dem Bildschirm erschien
ein am Schreibtisch sitzender hagerer Offizier mit einem langen, asymmetri-
schen Gesicht.
„Oberst Osers!" ließ sich der General hören.
Der Offizier schrak zusammen und hob den Kopf. „Zu Befehl, Herr General!"
„Ich lege die Leitung zu Ihnen. Ich bin jetzt eine Stunde lang nicht zu spre-
chen."
„Verstanden, Herr General!"
Jetzt hielt Murray seine Zeit für gekommen. „Penn Murray, Vertreter von
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Maximelectronics", begann er seinen vorbereiteten Satz und stockte dann, so
als wollte er nicht die Verbindung zwischen Militär- und Finanzkreisen deut-
lich werden lassen.
„Sir", unterbrach der General die Erklärung und schob die Rechte Murray
wie eine Schranke entgegen. Diese Geste des nicht sehr großen, mageren Ge-
nerals amüsierte Murray. „Ich weiß, woher Sie kommen, Mr. Murray. Uns
bleibt hier nichts verborgen."
Murray hatte vorausgesehen, daß die Unterredung mit dem General nicht
einfach sein würde, doch er hatte nicht erwartet, daß sie so schnell, ohne je-
des Vorfühlen, beginnen würde. Er parierte jedoch in aller Ruhe den Ausfall
des Gegners: „Daran zweifle ich nicht, General... Haben Sie die chiffrierte
Meldung aus dem Ministerium bekommen?"
Burnetti überhörte die Frage. „Wir freuen uns immer über einen Gast aus
der Hauptstadt. Setzen Sie sich, erzählen Sie. Was gibt es Neues? Das Leben
soll jetzt schwieriger geworden sein."
„Von der Inflation und Arbeitslosigkeit abgesehen, sieht es glänzend aus."
Der General warf ihm einen Blick zu. „Und wie steht's bei "Fred Friede-
man?"
Friedeman war der Konzernchef von Maximelectronics, einer der bedeu-
tendsten Großindustriellen; er lieferte Waffen und Technik an den Stütz-
punkt, und es hieß, daß er auch die hiesigen Forschungsprojekte finanzierte
und kontrollierte. Das alles war Murray bekannt.
„Er ist so erfolgreich wie immer. Fast die Hälfte aller Rüstungsaufträge geht
an ihn."
„Das sieht dem alten Fred ähnlich."
„Allerdings sah es so aus, als wollte man dem Minister etwas anhängen. In
der Presse hieß es, er hätte die Aufträge nicht uneigennützig vergeben. Es
scheint aber noch einmal glattgegangen zu sein."
„Und wie geht es Elaine?"
Diese scheinbar harmlosen Fragen dienten natürlich Murrays Überprü-
fung; er sollte Flagge zeigen. Etwas Ähnliches hatte Murray auch erwartet,
und er begriff, daß das erst der Anfang war.
„Sie meinen Friedemans Frau?" vergewisserte sich Murray. „Von seinem
Privatleben erfahre ich aus Anekdoten und aus der Presse. An diese Quellen
kommen Sie doch ebensogut heran, General."
„Zeitungen gibt's wirklich im Überfluß, an Anekdoten mangelt es dagegen.
Zuwehig neue Besucher. Anekdoten enthalten mehr Wahrheit als unsere
Presse. Erzählen Sie doch."
Murray schwankte, doch dann entgegnete er bestimmt: „Sollten wir die
Anekdoten nicht bis zum Dinner verschieben? Jetzt würde ich gern zur Sa-
che kommen."
„Wenn Sie darauf bestehen - ich bin bereit, Mr. Murray!" Das Gesicht des
Generals hatte jetzt einen lauernden Ausdruck, er schien bemerkt zu haben,
daß Murray einen Fehler gemacht hatte. „Also, ich habe Ihnen ja schon ge-
sagt, daß wir hier durchaus gut informiert sind. Das ist keine leere Behaup-
tung. Sie zum Beispiel sind kein Konzernvertreter, sondern Journalist."
Dieser Ausfall kam für Murray völlig überraschend. Der General wurde
jetzt offiziell und sagte in scharfem Ton: „Ihre Freunde haben Ihre Identität
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preisgegeben, Sie sind ein Zeitungsschmierer, der hier seine Nase in unsere
Top secrets stecken will."
Alles ist aus, dachte Murray und fühlte, wie sich sein Körper anspannte,
um das Zittern niederzukämpfen; doch bald hatte er sich wieder in der Ge-
walt und sah den General erstaunt an.
Burnetti lachte auf und ging scheinbar auf Murrays Spiel ein: „Verzei-
hung, Sir, ich habe mich offensichtlich geirrt ... Man hat uns gewarnt; ein
Journalist würde bei uns herumschnüffeln." Der General zwinkerte Murray
zu. „Sie sind der Vertreter von Maximelectronics und zugleich Inspekteur
des Ministeriums?"
„Sie machen ja Witze", sagte Murray und setzte sich bequemer zurecht.
„Wir haben gleichzeitig zwei chiffrierte Meldungen bekommen: die eine
kündigte einen Inspekteur aus dem Ministerium an, die andere einen Jour-
nalisten von der linken Presse", äußerte Burnetti vertraulich.
Auf jede Geste, auf jeden Tonfall achten, ermahnte sich Murray.
„Wahrscheinlich wird der nächste Gast bald kommen", meinte er unbe-
wegt.
„So oder so, Sie wollen doch in jedem Falle unsere Arbeitsergebnisse se-
hen, oder?" fragte Burnetti lebhaft und setzte hinzu: „Wir haben allerdings
etwas vorzuweisen."
„Wollen wir nicht auf den Journalisten warten, General? Dann hätten Sie
weniger Umstände."
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' Der General warf Murray einen raschen Blick zu. „Sie wollen sich von der
Fahrt ausruhen? Konzentrieren Sie sich, und wir können anfangen."
Burnetti drückte auf die Taste der Sprechanlage. „Christie und Mondiale
zu mir." Dann wandte er sich wieder Murray zu. „Die Richtung unserer For-
schungen muß ich Ihnen sicher nicht erläutern?"
„Im großen und ganzen bin ich informiert", meinte Murray, obgleich er,
was die Forschungen in der Militärbasis betraf, nur unklare Vermutungen
hegte, doch diese Vermutungen hatten ihn ja schließlich zu der riskanten
Fahrt veranlaßt. „Sie arbeiten daran, wie die Psyche der Soldaten beeinflußt
werden kann. Allgemeiner gesagt: Es handelt sich um Maßnahmen zur Ver-
änderung des Denkmusters."
„Hervorragend formuliert! Eine solche Wortäquilibristik würde jede Zei-
tungskolumne bereichern."
„Das ist der Stil unserer Inspektionsberichte. Für die Presse wäre er wohl
kaum geeignet."
Der General stand auf, reckte sich etwas und sagte mit unverhohlenem
Stolz: „Wir beeinflussen die menschliche Psyche nicht nur, wir verändern sie
grundlegend."
Der Summer der Sprechanlage ertönte. Burnetti drückte auf die Taste.
„Ja?"
„Herr General, Robert Mondiale und Paul Christie sind im Vorzimmer."
„Sie sollen hereinkommen ... Machen Sie sich bekannt, das sind unsere
Wissenschaftler. Meine Herren, wir haben Besuch. Der Inspekteur vom Mi-
nisterium."
Murray erhob sich. „Penn Murray."
„Paul Christie", stellte sich ein hochgewachsener, junger Mann in Zivil lä-
chelnd vor.
„Robert Mondiale", ließ sich der zweite gleichsam widerwillig vernehmen.
Er war von mittlerer Statur, bewegte sich langsam, trug eine Brille und Uni-
form, wenn auch ohne Rangabzeichen.
Der General wandte sich an sie. „Womit beginnen wir, meine Herren?"
„Wir sollten dem Inspekteur unseren Film zeigen", schlug Christie vor, „da-
nach können wir seine" Fragen beantworten."
Der General blickte zu Murray hinüber. Der nickte. „Einverstanden. Zu-
erst also den Film."
Auf der Leinwand tauchte eine seltsame Gruppe auf, die-unter starker Be-
wachung anmarschierte: eine Mischung von Zivilisten und Militärangehöri-
gen, deren Uniformen Murray noch nie gesehen hatte. Da defilierten offen-
bar Einwohner aller Kontinente vorbei: Schwarze, Braune, Gelbhäutige,
Weiße. Männer, Frauen und Kinder ...
„Aus den befreundeten Staaten erhalten wir Material in Hülle und Fülle",
kommentierte Burnetti, der hinter Murray saß. „Es handelt sich hauptsäch-
lich um politische Häftlinge, die ein hohes Strafmaß haben, oder um Kriegs-
gefangene. Sie können freiwillig entscheiden, ob sie ihre Haftzeit absitzen
oder nach einem einmaligen Experiment wieder in Freiheit leben wollen."
Die „Freiwilligen" wurden jedoch sorgsam bewacht, wie Murray bemerkte.
Die auf der Leinwand vorbeiziehenden Gesichter blickten streng und leid-
voll.
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„Das Experiment verlangt gerade solche Leute", ließ sich der General wie-
der vernehmen. „Die Denkweise und Psyche von fanatischen Gegnern unse-
res politischen Systems, von überzeugten Verfechtern von Wahnideen zu
verändern erscheint uns besonders wichtig."
Jetzt sah man in einen Laborraum hinein: allerlei Geräte, Generatoren,
eine sehr komplizierte Apparatur mit einem Objektiv wie bei einer Kamera,
davor ein Sessel.
„Damit erfolgt also die gezielte Einwirkung auf die Psyche?" fragte Murray.
„Das ist nicht ganz zutreffend", erläuterte Christie. „Das ist der Gedächt-
nislöscher."
„Unser jüngstes Kind", fügte Burnetti hinzu, „im Ministerium weiß man
davon noch nichts."
Mondiale schwieg. Er saß neben Murray, die Hände auf die Knie gestützt,
und glich einer Skulptur, die ein nicht sehr geschickter Künstler aus Stein
gehauen hatte. Die Proportionen stimmten nicht ganz: Der große Kopf mit
den groben Gesichtszügen paßte nicht zu der zierlichen Figur; die Finger
mit ihren verdickten Gelenken schienen nicht ganz zu Ende geformt.
Indessen ging auf der Leinwand das Geschehen weiter. Einzeln betraten
die Leute das Labor, sie wurden in den Sessel vor der Apparatur gesetzt, und
Christie drückte irgendeine Taste. Man hörte ein leichtes Geräusch, ähnlich
dem Klicken eines Kameraverschlusses, und das Gesicht desjenigen, der im
Sessel saß, veränderte sich schlagartig: Die Falten glätteten sich, die Ge-
sichtszüge erschienen plötzlich amorph; die Versuchsperson betrachtete zu-
tiefst erstaunt die Laboreinrichtung, die Wissenschaftler ...
„Wir bitten die Leute, sich zum Fotografieren hinzusetzen", erklärte Chri-
stie, „das geht ganz problemlos, ohne alle Scherereien. Dann ein Druck auf
die Taste, und fertig. Eine plötzliche Bestrahlung. Der starke Elektroschock
löscht das Gedächtnis des Menschen vollständig aus. Die Ergebnisse werden
Sie gleich sehen."
Die Menschen auf der Leinwand erschienen jetzt verwirrt und bedrückt.
Ihr Gesichtsausdruck ließ Willenlosigkeit erkennen, und ihre Bewegungen
waren zaghaft und gehemmt. Mit aufgerissenen Augen starrten sie Christie
an, der ihnen ganz einfache Fragen stellte:
„Ihr Familienname, Ihr Vorname."
„Ich kann mich nicht erinnern."
„Wie alt sind Sie?"
„Ich weiß nicht."
„Wo sind Sie geboren?"
Ein unschlüssiges Schulterzucken.
„Welche Schulbildung haben Sie, welchen Beruf?"
„Vergessen."
„Ihre Nationalität?"
„Ich kann mich nicht erinnern."
„Haben Sie Familie?"
„Ich kann mich an nichts erinnern."
Immer neue Gesichter tauchten vor Christie auf, die Fragen wurden leicht
verändert, doch die Antworten waren immer die gleichen: Ich erinnere mich
nicht, ich weiß nicht, ich habe es vergessen ...
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Murray war starr vor Entsetzen. Sein ganzes Wesen bäumte sich auf gegen
das, was er sah. Um seine Gefühle nicht zu verraten, blieb er unbeweglich
sitzen und schwieg. Dann aber fragte er, nachdem er seinen Satz in Gedan-
ken geprobt hatte: „Wie kommt es, daß sie nicht die Sprache vergessen?"
„Die Wörter sind das erste, was sich der Mensch aneignet. Die Wörter sind
in seinem Intellekt fester verwurzelt als alles andere. Übrigens ist das ja einer
der Vorzüge unseres Apparats. Diejenigen, die der Gedächtnislöschung un-
terzogen wurden, bleiben danach fast vollwertige Menschen."
„Die Einwirkung der Strahlung verändert sie doch aber", bemerkte Murray.
„Das ist ganz natürlich, schließlich werden ja schlagartig alle Beziehungen
der Versuchsperson zur Außenwelt unterbrochen. Doch sobald jemand in
Kontakt zu ihr tritt, erinnert sich die Versuchsperson der Sprache und wird
zu einem ganz normalen Menschen mit einer absolut gesunden Psyche ..."
Mondiale schwieg auch jetzt und blickte nur düster auf Murray, wobei er
hin und wieder die Brille abnahm und seine buschigen Brauen glattstrich.
„Achten Sie einmal auf den Mulatten", ließ sich General Burnetti verneh-
men.
Auf der Leinwand erschien ein männliches Gesicht mit markanten Zü-
gen. In diesem Menschen floß sicher das Blut von Vorfahren sehr verschie-
dener Rassen. Am deutlichsten waren die europäischen und negroiden
Merkmale.
Pierre Veranger! Murray hatte ihn sofort erkannt. Als Veranger die Befrei-
ungsbewegung in Martinius führte, hatte Murray ihn interviewt. Ihr Ge-
spräch fand während der Kampfhandlungen statt; Veranger hätte sonst keine
Zeit für Murray gefunden.
Erst vor einem Monat hatte er erlebt, wie. für Pierre Veranger, den Natio-
nalhelden der Volksrepublik Martinius, ein Denkmal enthüllt wurde. Veran-
ger sei, so hieß es, von der Junta während der Haft umgebracht worden.
Das Denkmal gefiel Murray damals sehr. Veranger in der Gestalt des Atlas
wurde von einem gewaltigen Felsblock niedergedrückt, aus dem kleine, die
staatliche Hierarchie symbolisierende Figuren herausgehauen waren. Die ti-
tanische Anstrengung wölbte die Muskeln an Armen und Beinen, die Brauen
waren zusammengezogen und die Lippen entschlossen aufeinandergepreßt.
„Das ist einer von den Rebellen aus Martinius, Pierre Veranger", erläuterte
der General. „Sie haben sicher von ihm gehört. Er hat selbst sein Schicksal
gewählt: Der Erschießung zog er unser Experiment vor."
Nach der Bestrahlung wirkte Verangers Gesicht erschlafft, doch es behielt
noch einen Rest des früheren Ausdrucks.
„Erinnern Sie sich, wer Sie sind und woher Sie kommen?" fragte Christie
nun Veranger. Der zuckte verlegen mit den Schultern. „Sind Sie vielleicht
Pierre Veranger aus Martinius?" erinnerte ihn Christie. „Denken Sie nach."
„So wird der Grad der Gedächtnislöschung überprüft", erklärte Mondiale
plötzlich. „Wenn sich jemand nicht einmal an seinen Namen erinnern kann,
bedeutet das, der Versuch ist absolut gelungen."
„Pierre Veranger? Ich?" Der Bestrahlte runzelte die Stirn und schüttelte
den Kopf.
Auf der Leinwand suggerierte Christie, der den gleichen Zivilanzug trug
wie jetzt im Zimmer des Generals, der Versuchsperson: „Sie sind ein Neube-
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kehrter der Großen Demokratischen Gemeinschaft. Sie heißen Martin Clay.
Haben Sie sich das gemerkt?"
„Ja. Ich heiße..."
„Die Antwort lautet: Ja, Herr."
„Ja, Herr. Ich bin Martin Clay, Bürger der Großen Demokratischen Ge-
meinschaft."
„Richtig. Unsere Große Demokratische Gemeinschaft ist aus mehreren
Staaten mit gleicher politischer und ökonomischer Struktur hervorgegangen.
Unser vereintes Land ist das demokratischste in der Welt. Jeder Bürger wählt
die Parlamentsmitglieder und den Präsidenten ..."
So wurden den Leuten fertige „Wahrheiten" suggeriert, wie man sie stän-
dig in der Zeitung lesen konnte. Das Gedächtnis der Rezipienten, in dem
jede Information gelöscht war, wurde mit Dogmen und Begriffen vollge-
stopft,,die die Versuchspersonen mechanisch wiederholten, die einen stumpf
und gleichgültig, die anderen eifrig bemüht und die dritten freudig, als wäre
es für sie eine Offenbarung.
Anschließend führte Christie Veranger in einen der Laborräume. „Das ist
unser Labor, Bekehrter Clay. Sie werden hier arbeiten. Haben Sie verstan-
den?"
„Ja, Herr. Ich werde hier arbeiten. Was habe ich zu tun?"
„Das werde ich Ihnen noch sagen."
„Danke, Herr."
„Ich heiße Paul Christie, und mein Freund hier heißt Robert Mondiale. Ha-
ben Sie sich das gemerkt?"
„Ja, Herr Mondiale."
„Mondiale ist mein Freund. Ich bin Paul Christie. Ist denn das so schwer
zu begreifen?"
„Entschuldigen Sie, Herr Christie. Ich will es mir merken."
„Sie werden das tun, was ich oder Herr Mondiale Ihnen aufträgt."
„Ich will mir Mühe geben, Herr Christie."
„Martin Clay ist ein besonderer Fall", sagte jetzt Christie, der neben Bur-
netti saß, „ein ungewöhnlicher Mensch. Wir haben ihn im Labor gelassen,
damit wir ihn ständig beobachten können."
Der Film war zu Ende, und es wurde wieder hell im Raum.
„Wie Sie sehen, schenken unsere Wissenschaftler den Menschen ein
zweites, ehrenhaftes Leben, das nichts mit dem ersten, verbrecherischen zu
tun hat", sagte Burnetti feierlich und nahm wieder den Sessel hinter seinem
Arbeitstisch ein!
„Sehr beeindruckend." Murray rückte seinen Stuhl so, daß er dem General
zugewandt saß.
„Dennoch hat die Methode einen wesentlichen Mangel", meinte der Gene-
ral. Auf Murrays fragenden Blick hin fuhr er fort: „Die Leute verlieren ihr
Gedächtnis, doch damit büßen sie auch ihre Kenntnisse, ihre Erfahrungen
und Fertigkeiten ein. Von einem Leben zum anderen überzuwechseln ist für
sie einfacher, als die Straße zu überqueren. Aber es sind Verbrecher. Und
nach der Rechtsprechung muß jeder Verbrecher ein Bewußtsein seiner
Schuld entwickeln und die Notwendigkeit und Zwangsläufigkeit seiner
Strafe empfinden."
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„Und wie sieht das weitere Schicksal der Bestrahlten aus?" Murray täuschte
Interesse vor.
„Das zeigen wir Ihnen in natura." Der General sah auf die Uhr. „Jetzt ist es
Zeit zum Essen. Bringen Sie den Gast ins Restaurant und dann zu Tante
Taira. Soll er sich etwas entspannen", Burnettis Lippen verzogen sich zu ei-
nem Lächeln, „um sechzehn Uhr sehen wir uns wieder im Labor."
Murray entging nichts, weder das zweideutige Lächeln Burnettis noch die
unverhältnismäßig lange Zeit, die für das Essen vorgesehen war ... Was ver-
barg sich dahinter? Und warum erwähnte der General den Journalisten nicht
mehr? Das waren recht ungute Vorzeichen.
Murray trat hinter Christie und Mondiale hinaus. Der Regen hatte aufgehört,
doch die Wolkendecke war immer noch dicht. Murray wollte zu seinem
Buick gehen, Christie hielt ihn jedoch zurück. „Kommen Sie in meinen Wa-
gen, Mr. Murray, wir könnten dann unser Gespräch fortsetzen ..."
Schweigend folgte ihm Murray zu dem schwarzen Mercedes, neben dem
sich zwei Fahrer unterhielten, ohne die Näherkommenden zu bemerken.
„Bekehrter Clay!" rief Christie. ,
Murray erkannte Pierre Veranger sogleich. Er war es, daran bestand kein
Zweifel. Für immer hatten sich ihm Tag und Stunde seines Gesprächs mit
„Clay" eingeprägt: Während ihres Beisammenseins explodierte ganz in der
Nähe ein Geschoß und überschüttete sie beide mit Erde; sie konnten sich
nur mit Mühe hervorgraben. Jetzt glitt Verangers Blick gleichgültig über
Murrays Gesicht; höflich wandte er sich an Christie: „Wohin befehlen Sie?"

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Er öffnete beflissen den Wagenschlag.
„Augenblick", stoppte ihn Christie, „Mr. Murray, Inspekteur des Ministe-
riums, möchte sich ein wenig mit Ihnen unterhalten."
„Ja, bitte, Mr. Murray", wandte sich Veränger an Murray. Sein Gesicht
drückte eine hündische Bereitwilligkeit aus. Murray war verwirrt von dieser
plötzlichen Begegnung, von den Erinnerungen, die sie in ihm wachrief, ihn
irritierte auch, daß ihn Veränger nicht erkannt hatte.
„Mr. Veränger, äh, Clay, Sie arbeiten als Fahrer?" murmelte der Journalist.
„Ich tue, was man mir sagt."
„Was für Pflichten haben Sie denn außerdem noch?"
„Ich helfe im Labor, ich halte die Wohnung vor Mr. Mondiale in Ordnung:,
ich bereite die Mahlzeiten ..."
Murray wußte nicht weiter. Christie kam ihm zu Hilfe: „Bekehrter Clay,
wie beurteilen Sie das politische System in unserem Land?"
„Wir haben das humanste Gesellschaftssystem der Welt. Es bietet allen die
gleichen Chancen ... Ein Unternehmer kann seinen Sohn, seinen Bruder
oder wen immer entlassen, wenn dieser schlecht arbeitet, und er wird einen
tüchtigen, gescheiten Menschen einstellen, von dem Profit zu erwarten ist.
Das bringt die Fähigkeiten jedes einzelnen maximal zur Geltung - zum
Nutzen der Gesellschaft."
Es wirkte schockierend auf Murray, so etwas von Veränger, dem Rebellen
und Volkshelden, zu hören.
„Danke, Mr. Clay." Sosehr sich Murray auch bemühte, er war nicht im-
stande, Veränger als „Bekehrten" zu bezeichnen, es wollte ihm einfach nicht
über die Zunge. „Ich danke Ihnen. Fahren wir, meine Herren", schlug er vor,
um sich der unangenehmen Situation zu entziehen.
„Ja, los." Mondiale nickte.
Im Wagen holte Christie eine Zigarettenpackung hervor und hielt sie Mur-
ray entgegen.
„Danke, diese Schwäche habe ich Gott sein Dank überwunden.*'
„Lobenswert", meinte Christie und steckte die Packung wieder ein.
Um das Schweigen zu brechen, wandte sich Murray an Christie: „Wie
schnell eignet sich die Versuchsperson eigentlich die neue Ideologie und be-
stimmte Arbeitsfertigkeiten an?"
„Das geht sehr schnell. Es bedarf nur geringfügiger Suggestion."
„Kann es nicht geschehen, daß die Versuchsperson allmählich wieder zu ih-
ren früheren Überzeugungen zurückfindet?"
„Im Prinzip ist das sicher möglich. Doch es sind jetzt zwei Jahre seit Aufnahme
der Versuche vergangen, ohne daß derartige Fälle registriert worden wären."
Mondiale auf dem Vordersitz schwieg.
„Gewinnen die Versuchspersonen nicht irgendwann wieder ihr kritisches
Denkvermögen zurück?"
Das Gespräch hinderte Murray nicht, sich alles genau einzuprägen, was er
von der Umgebung sah.
„Sie machen sich nur das zu eigen, was wir ihnen suggerieren."
„Bleiben die individuellen Begabungen erhalten?"
„Die schöpferischen Fähigkeiten lassen merklich nach. Man kann anderer-
seits beobachten, wie Arbeitseifer, Pünktlichkeit, Gehorsam und andere
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wertvolle, heute nur ungenügend vorhandene Eigenschaften jäh zunehmen.
Wir sind da", unterbrach sich Christie.
Sie fuhren an einem eindrucksvollen dreistöckigen Gebäude mit Kuppel-
dach vor.
Mondiale wandte sich an den Fahrer: „Sie können essen gehen. Vor halb
vier werden wir nicht zurück sein."
„Warum so spät?" wunderte sich Murray.
„Alles zu seiner Zeit, Mr. Murray", sagte Christie lachend, womit er Murray
natürlich nur noch mehr in Spannung versetzte. -
Der große runde Saal, der - ungewöhnlich für ein Restaurant - fast so
hoch wie ein Kirchenraum war, schien gut besucht. Musik erschallte aus den
Lautsprechern.
„Bei der Bestellung verlassen Sie sich nur auf mich, meine Herren", schlug
Christie vor, als man sich setzte. „Ich kenne die hiesige Küche ganz gut."
„Sehr verbunden", meinte Murray.
„Beachten Sie, daß das gesamte Personal hier Bekehrte sind."
„Danke für den Hinweis."
Murray hatte sich kaum umsehen können, als auch schon ein schöner,
etwa fünfundzwanzigjähriger Mulatte an ihren Tisch trat und sich ihnen
freundlich zuwandte: „Guten Tag, Mf. Christie, guten Tag, Mr. Mondiale, gu-
ten Tag, Mr.... Verzeihung ..."
„Mr. Murray", half ihm Christie aus.
„Guten Tag, Mr. Murray, ich heiße Charly. Was möchten Sie bestellen?"
„Arbeiten Sie schon lange hier?" wollte Murray von ihm wissen.
„Ungefähr seit einem Jahr, Mr. Murray."
„Und was haben Sie früher gemacht?"
„Daran kann ich mich nicht erinnern. Irgend etwas ist mit mir geschehen:
Ich war sehr kränk, ich war lange bewußtlos, doch Mr. Christie und Mr. Mon-
diale haben mich wieder gesund gemacht. Dafür danke ich ihnen." Charly
verbeugte, sich.
„Gefällt es Ihnen hier, Charly?"
„Mehr als das. Das Essen ist sehr gut, und ich habe hier mein eigenes Zim-
mer. Ich arbeite jeden zweiten Tag."
Obgleich Murray derartige auf das Materielle beschränkte Empfindungen
und Bedürfnisse bei den „Bekehrten" erwartet hatte, hoffte er insgeheim
doch, auch noch etwas anderes zu hören. Er wollte soviel wie möglich über
die Bedienung im Restaurant erfahren.
„Sind sie verheiratet, Charly?"
„Ich weiß es nicht, Mr. Murray. Irgendwo habe ich wahrscheinlich Frau und
Kinder, doch ich habe sie vergessen. Eine neue Familie will ich jetzt nicht
gründen; meine erste Familie könnte ja plötzlich auftauchen."
„Was machen Sie in Ihrer Freizeit?"
„Ich bin außerdem noch Lehrling in der Graveurwerkstatt. Nicht einmal
zum Fernsehen habe ich Zeit."
„Kommen Sie voran beim Gravieren?"
„Der Meister ist mit mir zufrieden. Ich darf schon Schrift gravieren, auch
Ornamente oder die Porträts der Auftraggeber gelingen mir bereits. Bald
werde ich selbständig arbeiten können."
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Beim Bestellen bewies Christie den Geschmack eines echten Gourmets. Er
warf nur so um sich mit den Namen seltsamer Gerichte und beschrieb aus-
führlich deren komplizierte Zubereitungsarten. Murray legte keinen beson-
deren Wert aufs Essen und kannte sich in den Feinheiten der Kochkunst
nicht aus. Er beobachtete die Bedienung, die durch den Saal eilte. Daher
hörte er Christie kaum zu. Von den Speisen, deren Namen fielen, waren ihm
nur schwarzer Kaviar und die irakische Pastete Kubbah bekannt. Ein Satz
Christies ließ ihn plötzlich aufmerken.
„Und drei Karten für Tante Taira ..."
„Wird erledigt."
„Was für eine Tante Taira?" erkundigte sich Murray möglichst unbefangen.
„Nur nicht so eilig." Christie zwinkerte ihm zu. „Sie werden Ihren Spaß ha-
ben."
Alles das gefiel Murray nicht: der zweideutige Ton, das geheimnistueri-
sche, spöttische Lächeln. Auch die Situation im Restaurant schien ihm ver-
dächtig. Nur wenige Gäste aßen; man sah viele Uniformierte. Vor allem aber
störten ihn die runden Nischen, die dunkel verglast waren und den Saal von
allen Seiten umgaben. Sie wirkten wie die auf ihn gerichteten Augen eines
alles sehenden und verstehenden elektronischen Systems. Mitunter hatte er
sogar den Eindruck, als veränderten sie ihren Ausdruck: Bald verengten sie
sich wie zu einem bösen Lächeln, bald fiel ihr starrer, strafender Blick auf
ihn.
Murray gelang es schließlich, sich von dem kalten Glanz loszureißen.
Dem höflichen Kellner, der am Nachbartisch bediente, mit dem Blick fol-
gend, meinte er: „Menschen wie alle anderen auch, man würde nie vermu-
ten ..."
„Nicht ganz", entgegnete Christie, „Sie können stolz sein, in diesem Re-
staurant zu speisen. Hier werden Sie von einer Elite bedient: ehemalige Poli-
tiker und Gewerkschaftsführer, Guerillakommandeure, Literaten, Maler, Phi-
losophen. Ein anderes Etablissement dieser Art werden Sie nicht finden."
„Wie fügen sie sich denn in die soziale Rolle, die Sie ihnen ..." Murray
fand nicht sogleich das passende Wort, „die Sie ihnen zuweisen? Versuchen
sie nicht, aus dieser Rolle auszubrechen?"
„Ein Bekehrter sucht wie jeder Mensch nach dem Bereich, in dem er seine
Fähigkeiten am besten anwenden kann. Und es kommt vor, daß er diesen Be-
reich nicht sogleich findet. Das ist ganz normal. Meist wird' er jedoch über
den für ihn vorgesehenen Beschäftigungsbereich nicht hinausgehen."
Der Kellner brachte Wein und Vorspeisen. Christie schenkte ein.
„Ich möchte auf Sie trinken, meine Herren", sagte Murray, „auf Sie als
Wissenschaftler, die mich mit ihrer Erfindung beeindruckt haben. Ich
könnte mir vorstellen, daß Ihr Bestrahlungsgerät auch in anderen Bereichen
anwendbar wäre. Könnte man mit seiner Hilfe statt der Psyche Gesunder
nicht die Kranker verändern? Könnte man damit nicht psychisch Kranke
heilen? Ich möchte darauf trinken, daß die Möglichkeiten Ihrer Erfindung
noch weiter ausgeschöpft werden."
„Wir behandeln nur Kranke", bemerkte Christie.
Alle tranken. Christie füllte die Gläser sogleich wieder; es war ein unge-
wöhnlich aromatischer, starker, bläulich schimmernder Wein. Christie
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schlug einen feierlichen Ton an: „Erlauben Sie, meine Herren ... Überall
heißt es jetzt: Wir leben im Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Revo-
lution. Revolution bedeutet nicht nur einen Umschwung im sozialen Be-
reich, sondern auch in den Köpfen. Die herrschenden Kräfte und Ideologien
werden abgelöst. Die wissenschaftlich-technische Revolution hat zum Ziel,
die Wissenschaft und ihre führenden Köpfe zur herrschenden Kraft in der
Gesellschaft zu machen. Deshalb bitte ich Sie, auf die Wissenschaftler zu
trinken, denen es bestimmt ist, sich über die Welt zu erheben."
„Die Wissenschaft ist stärker als der Mensch, das erkennt man auf Schritt
und Tritt", sagte Murray nachdenklich. „Ich kenne beispielsweise mehrere
Methoden zur Veränderung des Denkmusters des Menschen: die chirurgi-
sche Methode, die Lasermethode ..."
„Das sind Bagatellen", unterbrach ihn Christie, „alle Methoden - außer un-
serer - rufen irreversible Veränderungen im Verhalten und im Denken des
Menschen hervor. Unsere Methode löscht nur das Gedächtnis aus."
„Sollte sich die Versuchsperson wirklich niemals an ihre Vergangenheit er-
innern?" meinte Murray, wobei sein Blick an Charly hängenblieb.
„Bis jetzt wissen wir nur das eine: Während dieser anderthalb Jahre hat
noch niemand sein Gedächtnis wiedererlangt", antwortete Christie.
„Gestatten Sie?" Robert Mondiale hob sein Glas. „Schön und gut, soll sich
die Wissenschaft über die Gesellschaft erheben. Doch möge sie dabei nicht
von ihrer Höhe herabstürzen, zerschellen und alles unter sich begraben. Des-
halb wollen wir auf die Wissenschaftler trinken, die ihr Wissen an ihre Nach-
kommen weitergeben. Auf die unvergängliche Kaste der Wissenschaftler!"
„Nichts ist unvergänglich auf der Welt", widersprach Christie, „da sollte
man sich nichts vormachen."
Murray zögerte. Für ihn war Mondiale von Anfang an ein Rätsel. Immer
wieder blickte er auf diesen düsteren Schweiger und versuchte zu begreifen,
welche Rolle er neben dem quicklebendigen Paul Christie spielte. War er ein
Agent, den die Militärbehörde auf den fähigen Wissenschaftler angesetzt
hatte? Oder war er Christie als persönlicher Beschützer und technischer Ge-
hilfe beigegeben?
Und plötzlich dieser seltsame Trinkspruch, der das Bild Mondiales nur
noch mehr verwirrte.
Die Bedienung kam und verschwand lautlos wie ein Schatten.
„Wer war dieser Charly eigentlich früher?" fragte Murray.
„Ein Maler und Rebell", antwortete Christie.lachend.
„Kennen Sie seinen früheren Namen?"
Christie und Mondiale wechselten einen Blick. „Es ist untersagt, sich so
etwas zu merken." Christie winkte ab. „Er hieß Pedro Pereiro."
„Ich habe wohl von ihm gehört", meinte Murray und ergänzte für sich: Und
ich wollte ihn sogar interviewen!
Murray aß, trank und beteiligte sich am Gespräch, doch als sich Charly
wieder einmal auf der Treppe zeigte, die aus der Küche in den Speisesaal
führte, empfand er plötzlich eine unerklärliche Unruhe. Charly näherte sich
ihrejm Tisch betont langsam und feierlich, wobei er das leere Tablett vor sich
her trug. Als er herangekommen war, sah Murray auf dem Tablett mehrere
weiße Bogen.

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„Die Einladungen für die Herren."
Christie zog Murrays Kärtchen zu sich heran und las: „Kitty Landlell. Was
für ein Glück Sie haben, verehrter Murray!"
„Wahrscheinlich der Reiz des Neuen", meinte Mondiale dazu.
„Was ist das?" fragte Murray, auf das Kärtchen weisend.
„Nicht was, sondern wer", korrigierte ihn Christie. „Das schönste Mädchen
aus dem Haus Tante Tairas." Christie zwinkerte Murray zu. „Haben Sie es
jetzt begriffen?"
„Nicht ganz", murmelte Murray.
„Siebzehn Mädchen kommen auf den gesamten Stützpunkt." Christie ki-
cherte. „Da suchen sie sich ihre Kavaliere eben aus: Damenwahl."
Murray blickte feindselig zu den runden Glasaugen in der Wand.
„Offenbar sind Sie es nicht gewohnt, der passive Teil zu sein?" Christie war
bereits etwas alkoholisiert.
„Also, ich bin verheiratet..."
„Kitty macht es jedem recht! Drehen Sie doch das Kärtchen einfach um,
Murray."
Murray sah ein schönes Gesicht mit feinen Zügen, einen eindringlichen
Blick. Ja, sie war sehr anziehend.
Murray ging langsam den Flur der dritten Etage entlang und suchte das auf
dem Kärtchen angegebene Zimmer. Da war es, Zimmer Nr. 317. Er blieb
eine Weile stehen und überlegte, bevor er leise klopfte.
„Herein", hörte man eine zarte Frauenstimme.
Murray öffnete die Tür. „Ich habe Sie erwartet, Mr. Murray."
Vor ihm stand eine hochgewachsene, zierliche junge Frau von ungefähr
zwanzig Jahren. Ihr blasses Gesicht mit den dunkelblauen schmalen Augen
umgab ein üppiger blonder Haarschopf. Die mit hellgelbem, blaugeblümtem
Stoff bezogenen Möbel, die Vorhänge aus dem gleichen Stoff, die Reproduk-
tionen der Porträts von Greuze an den Wänden paßten so ganz zur Bewohne-
rin dieses Raums.
Mit einer leichten Handbewegung lud Kitty den Gast zum Sitzen ein.
Diese Geste faszinierte Murray durch die Ausdruckskraft der Arme und
Hände.
Kitty bemerkte seinen Blick und lächelte.
„Alle blicken aus irgendeinem Grund auf meine Hände. Man hat mir schon
oft gesagt, ich müßte Bühnentänzerin sein." In ihrer Stimme schwang ein
kaum verborgener Schmerz mit.
Murray war betroffen. Er fühlte sich verwirrt und unbehaglich.
„Ich bitte Sie, lieber Murray", Kitty trat an ihn heran, „das hat nichts zu be-
deuten, es überkam mich nur so."
Sie berührte seine Schultern, zog jedoch ihre Hände schreckhaft wieder
zurück. Dann streichelte sie mit weichen Bewegungen seinen Kopf. Murray
fühlte, wie seine Spannung nachließ und seine Befürchtungen sich zerstreu-
ten. Er zog Kitty an sich.
„Kitty!" brüllte plötzlich eine durchdringende männliche Stimme, und
Faustschläge hämmerten an die Tür. Überrascht ließ Murray Kitty los und
trat zurück. „Kitty! Was willst du mit dem? Schick ihn zum Teufel! Wenn er
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rauskommt, schlag ich ihm den Schädel ein!"
Murray erstarrte.
„Achte nicht darauf, Kitty lachte, „ein armer Idiot, der in mich verliebt ist.
Man wird ihn gleich beruhigen." Hinter der Tür konnte man Stimmen hören,
ein Hin und Her begann, doch bald war alles still.
Murray fühlte wieder diese Unruhe.
Kitty sah ihn zärtlich an. „Ihr Männer, auch hier müßt ihr an eure Ge-
schäfte denken." Ihre scheuen Hände berührten seinen Hals, seine Haare.
Murray verlor sich in ihrem Anblick, doch die Unruhe verließ ihn nicht. Ob
sie in ihrem früheren Leben Tänzerin gewesen war? Vielleicht hatte sie einen
Freund oder Ehemann zurückgelassen?
„Du bist so gehemmt und verspannt", wies ihn Kitty zart zurecht.
„Offenbar erinnert sich auch der Körper", dachte Murray laut weiter, doch
er wollte damit auch Kittys Vorwurf beantworten. „Die Hände erinnern sich
länger als der Kopf."
„Vergiß alles", wollte ihn Kitty überreden.
Doch Murray war bereits von seiner Vermutung gepackt. „Bist du schon
lange hier, Kitty?"
„Ungefähr ein Jahr."
„Und wo warst du vorher?"
„Daran erinnere ich mich nicht mehr. Das hat nichts zu bedeuten. Ich habe
eine schwere Krankheit durchgemacht. Ich war lange bewußtlos, hieß es, es
hätte nicht viel gefehlt, und ... Ich habe den berühmten Wissenschaftlern
Christie und Mondiale viel zu verdanken. Sie haben mich geheilt. Heute bin
ich glücklich."
„Sind hier alle Mädchen nach einer schweren Krankheit hergekommen?"
Kitty nickte und sah Murray aufmerksam an.
„Und diese Mädchen wissen nichts von ihrem früheren Leben?"
„So ist es. Wir sind Menschen ohne Vergangenheit. Mit Vergnügen sind wir
dem General, Christie und allen Offizieren zu Diensten. Wenn wir allerdings
sehen, wie immer neue Gruppen von Geheilten auftauchen, dann kommt
uns der Verdacht, daß man irgend etwas vor uns verbirgt. Unser Stützpunkt
unterliegt ja strengster Geheimhaltung. Doch es geht uns hier eigentlich
nicht übel."
Angst und Entsetzen befielen Murray, Angst nicht nur um diese armen
Verurteilten, sondern auch um seine eigene Person; er fürchtete, hier selbst
zum Versuchskaninchen zu werden.
Unerwartet äußerte Kitty nachdenklich: „Manchmal will ich mich ganz
stark an etwas erinnern, doch von der Anstrengung tut mir dann der Kopf so
weh, daß ich aufhöre nachzudenken."
„Geht es deinen Freundinnen ebenso?" wollte Murray wissen.
„Ja! Irgendein Offizier hat uns gesagt, daß wir für unsere Überzeugung lei-
den, dafür, daß wir gegen die Staatsmacht opponiert haben ..." Kitty lä-
chelte. „Aber wir haben ihm nicht geglaubt. Wir stellen uns das Land und
die Stadt vor, wo wir gelebt haben könnten, dann die Familie, die Arbeit, die
Liebe ..."
„Wie seht ihr euer Leben hier?"
„Manchmal überkommt es uns. Ich hatte einmal einen Offizier hier, ein
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Sadist war das, ein übler Typ. Ich versuchte, aus seiner Pistolentasche die
Waffe herauszuziehen, doch ich schaffte es nicht. Er dachte, ieh wolle mich
erschießen. So eine Anwandlung habe ich aber nur ein einziges Mal erlebt.
Der Offizier beruhigte mich Sann. Die anderen sind ganz umgänglich. Zu dir
hatte ich gleich Vertrauen, als ich dich sah. Bin ich dir unangenehm?"
„Kitty", er küßte sie zart auf die Wange, „du tust mir sehr leid."
„Ich tue dir leid?" Sie blickte erstaunt zu ihm hoch. „Du willst also auch
wissen, was für eine Vergangenheit ich habe? Wozu?"
Kittys Finger spielten in seinen Haaren, glitten zart über sein Gesicht, sei-
nen Hals, seine Brust, ihre blauen Augen sahen ihn so warm und bittend an,
daß ihn eine tiefe Beklemmung überfiel. Sollte dieses Geschöpf wie ein
Hund nur darauf dressiert sein, Befehle auszuführen?
Er stand unvermittelt auf. Sie wirkte zwar nicht wie eine Geistesgestörte,
doch er konnte sie einfach nicht als vollwertigen Menschen ansehen.
Er griff sich eins der Bücher, die auf dem Tisch lagen. „Liest du das,
Kitty?"
„Nein, das ist für die Kunden", erwiderte sie schnippisch.
„Demnach hast du das Lesen nicht verlernt?"
„Ich habe es wieder lernen müssen. Ich lese allerdings sehr langsam und
verstehe auch nicht alles. Mir ist, als könnte ich durch die Bücher irgend et-
was wieder zurückgewinnen."
Aus dem Buch fiel ein Lesezeichen heraus. Murray hob es auf. Es war ein
kleines Kärtchen, auf dem sein Name stand und irgendwelche Schnörkel.
„Was ist denn das?"
„Eine Botschaft vom General", erklärte Kitty lächelnd. „Eine Anweisung,
wen ich heute zu empfangen habe."
Das Kärtchen war mit „Burnetti" unterschrieben.
„Was denn, schickt er allen solche Anweisungen? Jeden Tag?"
„Manchmal macht das auch Tante Taira für ihn."
Der Klang splitternden Glases ließ Murray aufspringen. Etwas Schweres
war hereingeflogen und zu Boden gefallen. Eine Granate? Es folgte jedoch
keine Explosion. Murray beugte sich schnell hinab, um den vermeintlichen
Sprengkörper hinauszuwerfen. Der Gegenstand erwies sich als ein Ziegel-
steinbrocken, eingewickelt in Papier.
„Der Störenfried kann sich einfach nicht beruhigen."
„Da steht doch etwas auf dem Papier." Kitty hob das zerknüllte Papier auf.
„Das ist für dich."
Murray nahm das Papier aus ihrer Hand. „An Murray" stand da in großen,
ungleichmäßigen Buchstaben. Er drehte das Blatt um und las: „Der General
gab Befehl, Ihr Gedächtnis zu löschen. Doch wir werden Ihnen helfen. Die
Löschung wird nur vorgetäuscht; Sie müssen jedoch einen vollständigen Ge-
dächtnisverlust simulieren. Gelingt Ihnen das, sind Sie gerettet."
Kitty sagte nichts, nur ihre Augen wurden noch dunkler, und ihre Hände
zitterten vor Erregung.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß er jetzt gehen mußte.
Kitty wollte ihm etwas sagen, doch statt der Worte konnte sie nur ein
Schluchzen hervorbringen. Eine blaue Ader zuckte an ihrem Hals, und ihre
Arme streckten sich ihm bittend entgegen.
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„Du gehst fort?" Sie begann zu weinen. „Bring mich von hier weg. Du
kannst das."
Murray machte sich behutsam von Kitty los und ging zur Tür. Hinter sich
hörte er ein unterdrücktes Stöhnen. Er hielt es nicht aus und drehte sich um:
Kitty kniete, und ihre kraftlos herabhängenden Arme erinnerten an die Flü-
gel eines verwundeten Vogels. Er riß die Tür auf und stürzte in den Flur hin-
aus.
Neben dem Mercedes warteten die anderen schon auf ihn, und er dachte, wie
schön es jetzt wäre, den Stützpunkt so schnell wie möglich zu verlassen und
am Steuer seines Buick über den regenfeuchten Asphalt zu jagen.
Der Gedanke an die Botschaft auf dem zerknüllten Zettel ließ Murray je-
doch ruhiger werden. Offenbar haben hier noch nicht alle den Verstand ver-
loren, dachte er, als er auf dem Rücksitz neben dem finsteren Mondiale saß.
Er hatte sich im Grunde genommen äußerst leichtsinnig verhalten: Er war
sogar unter seinem eigenen Namen aufgetreten - im Vertrauen darauf, daß
dieser recht häufig vorkam. In der Militärbasis kannte man wahrscheinlich
seine Reportagen und auch die Artikel über ihn, die darüber Auskunft ga-
ben, wer sich hinter dem Pseudonym Brisant verbirgt. So war die Gedächt-
nislöschung eine ganze reale Gefahr für ihn.
Aber wer sollte so mutig sein, einen Journalisten zu retten?
Trotz dieser unerfreulichen Gedanken versäumte es Murray nicht, das Ge-
lände zu studieren; auch seine Begleiter musterte er genau und versuchte,
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sich über sie klarzuwerden: Wäre irgendeiner von ihnen fähig, ihn zu retten?
Nein. Christie war ein Besessener, dem das menschliche Leben, gemessen an
wissenschaftlichen Ideen, nichts bedeutete. Mondiale war eine undurchsich-
tige Persönlichkeit. Murrays Blick fiel auf den dunklen Nacken des Fahrers.
Martin Clay? Noch vor zwei, drei Stunden war Murray überzeugt gewesen,
daß alle „Bekehrten" gehorsame Ausführende mit einem streng begrenzten
Verhaltensprogramm seien, so etwas wie Roboter. Und was sollte er jetzt an-
nehmen?
Im Rückspiegel sah er Clays beziehungsweise Verangers durchdringenden
Blick. Dieser Veranger konnte ihm doch wohl kaum helfen. Was sollte er mit
dem Labor zu tun haben? Murray versuchte sich vorzustellen, wie er sich wi-
derstandslos in den Sessel der Anlage setzt, wie Paul Christie auf die Taste
drückt...
Die Fahrt zum wissenschaftlichen Zentrum dauerte lange. Murray be-
mühte sich, alles im Gedächtnis zu behalten: die Größe des Geländes, be-
stimmte Besonderheiten des Stützpunkts und die Lage der einzelnen Ge-
bäude.
Schließlich waren sie angelangt. Die drei miteinander verbundenen Ge-
bäudeteile des wissenschaftlichen Zentrums lagen in einer kleinen Senke, so
daß der Blick bei der Anfahrt fast von oben darauf fiel. Die langgezogene
Fassade erinnerte an einen Vogel im Fluge: Die beiden geschwungenen Sei-
tenflügel trafen im Winkel auf den ovalen Mittelteil. Murray wunderte sich
über die Fenster der fünfgeschossigen Seitenflügel: Diese schienen unge-
wöhnlich klein für ein so modernes Gebäude, zudem waren sie von außen
zur Hälfte mit Alujalousien verdeckt und von innen dicht verhängt. Der
ovale Mittelteil hingegen besaß eine klare Geschoßgliederung und schien
gänzlich aus großen dunklen Glasquadraten zu bestehen, die diagonal ange-
ordnet waren.
Bald verschwand alles hinter dichten Baumgruppen. Als der Gebäudekom-
plex dann hinter einer Straßenbiegung überraschend vor ihnen auftauchte
und auf den Glasflächen der gerundeten Fassade ihnen plötzlich ein schwar-
zer Mercedes entgegenkam, begriff Murray, daß er das Spiegelbild ihres Wa-
gens sah. Keine schlechte Idee, so eine verspiegelte Fassade!
Sie bogen auf dep weitflächigen Parkplatz ein, wo ein Dutzend Busse und
mindestens zweihundert PKW standen. Auch der Dodge des Generals kam
neben ihnen zum Halten. Der General fuhr selbst.
„Bei Ihnen ist wohl eine Fahrerstelle frei", bemerkte Murray beim Ausstei-
gen.
Burnetti wollte die Anspielung jedoch nicht verstehen. „Ich ziehe es vor,
die Dinge selbst in der Hand zu haben", war seine Antwort.
Man begab sich gemeinsam zum Seiteneingang, der ins Labor führte. Sie
gingen den langen, sanft geschwungenen Flur der dritten Etage entlang, in
den eine Unmenge von Türen mündete. Einige Türen öffnete Burnetti im
Vorbeigehen; die in den Labors Beschäftigten sprangen auf, und die leiten-
den Mitarbeiter kamen beflissen auf den General zu, der jedoch nur lässig
die Hand hob und weiterging.
„Jetzt kommen wir in das Allerheiligste!" wandte sich der General an Mur-
ray.
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Sie näherten sich einer massiven Tür. Hier beginnt also der mittlere Ge-
bäudeteil, stellte Murray für sich fest. Christie brauchte lange, um den Ein-
gangscode einzugeben. Schließlich traten sie in einen hohen, fensterlosen
Raum voller komplizierter Technik. Murray erkannte den Gedächtnislöscher
wieder, den er vormittags im Film gesehen hatte.
„Sind Sie zufrieden mit dem Besuch in Tante Tairas Haus, Mr. Murray?"
erkundigte sich der General und zündete sich eine Zigarette an.
„Ja, General, danke."
„Also, meine Herren, es ist Zeit." Der General wechselte den Ton. Er
drückte die Zigarette aus und ging zu der Anlage hinüber. „Ihre Aufgabe ist
es, unserem Gast aus der Hauptstadt die Anlage vorzuführen. Sehen Sie sich
alles an, und fragen Sie, Mr. Murray."
„Vorläufig habe ich keine Fragen."
„Dann beginnen wir mit der Vorführung. Haben Sie jemanden, der vorgese-
hen ist?" wandte sich der General an Christie.
„Im Augenblick nicht, General."
„Soll ich es mal selbst probieren?" Burnetti ließ sich in dem Sessel nieder.
„Welch ein wunderbarer Sitz! Bequemer als in meinem Arbeitszimmer." Der
General erhob sich.
„Ich habe nie daran gedacht, daß der Sessel bequem sein könnte", mur-
melte Christie und ließ sich ebenfalls auf dem Sitz des Gedächtnislöschers
nieder. „Ja, ganz gut." Christie lachte.
„Probieren Sie doch einmal, Mr. Murray", schlug Burnetti vor.
Jetzt läßt es sich nicht mehr umgehen, dachte Murray, komme, was wolle!
„Mit Vergnügen", sagte er laut.
Kaum hatte Murray im Sessel Platz genommen, als sich große Metallklam-
mern um seine Arme und Beine legten. Instinktiv wollte er auffahren, doch
die Klammern schnitten schmerzhaft in sein Fleisch. Schluß, es ist aus. Er
wollte schreien, doch das wäre jetzt sinnlos.
„Na bitte, der Presseonkel hat sich selbst in den Sessel gesetzt, den wir ihm
so schön untergeschoben haben." Der General grinste. „Und ich habe mir
den Kopf zerbrochen, wie wir ihn da hineinkriegen."
Ob er sich die Botschaft von der nur vorgetäuschten Gedächtnislöschung
hat einfallen lassen? durchzuckte es Mürray.
„Sie sind von der Presse, das wissen wir. Erinnern Sie sich, ich sagte Ihnen
doch, im Ministerium sei noch nichts über unsere neue Anlage bekannt. Das
haben Sie einfach hingenommen. Tatsächlich aber wissen ziemlich viele im
Ministerium darüber Bescheid. Sie wollten hier also ein bißchen Spion spie-
len? Die Leser etwas unterhalten? Keine Sorge, Sie sind nicht in Lebensge-
fahr, wir werden nur das, was überflüssig ist, aus Ihrem Gedächtnis löschen.
Sie werden nicht schlecht dabei fahren. Mr. Murray."
„Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, daß Sie ein Humanist sind", zwang
sich Murray zu witzeln.
Burnetti schoß einen feindseligen Blick hinüber. „Genügend Fakten für
eine Skandalgeschichte haben Sie doch jetzt sicher zusammen?"
„Alles ganz harmloses Material! Eignet sich kaum zur Veröffentlichung..."
„Sie werden Ihre Mission nicht erfüllen können. Sehr bedauerlich. Für ge-
wisse allzu eifrige Leute wäre Ihr Artikel eine Warnung. Es glaubt ja immer
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noch jeder, er könne protestieren, könne von Meinungsfreiheit herum-
schreien und sogar irgendwelche Forderungen stellen!" Der General redete
immer weiter, Murray aber überkam plötzlich eine ungeheure Wut auf sich
selbst wegen seiner Unvorsichtigkeit. Er war schon oft in schwierigste Situa-
tionen geraten, er hatte mit der Zentralregierung von Südafrika gesprochen,
hatte das großmäulige Geschwätz des Anführers des Bundes der europä-
ischen Faschisten aufgezeichnet und den Diktator von Rangunien inter-
viewt. Mehr als einmal stand alles auf der Kippe, und jedesmal war es gut
ausgegangen. Aber der Krug geht so lange zu Wasser ...
„Jetzt ist die Stunde der Abrechnung gekommen, Mr. Murray", stichelte der
General. „Sie gehören nicht zu den Feiglingen, das war mir klar. Dennoch
fällt Ihnen der Verzicht auf all Ihre geistigen Qualitäten schwer, geben Sie es
nur zu. Ich wüßte zu gern, was jemand in einem solchen Augenblick empfin-
det."
„Sollte ich tatsächlich ein zweites Leben geschenkt bekommen? Wenn ich
ins Paradies eingehe, werde ich für Sie beten, General."
Burnettis zuckende Wange verriet, daß ihn seine Kaltblütigkeit allmählich
verließ. „Journalist werden Sie dann wohl nicht mehr sein können. Ich werde
Ihnen eine andere Stelle verschaffen. Vielleicht als Pfleger in unserem Kran-
kenhaus."
„Das ist doch ganz gleichgültig. Ich werde Ihnen in jedem Fall dankbar
sein, General!"
„Rufen Sie Martin Clay und die Putzfrau herein", brüllte Burnetti plötz-
lich. „Alle Mitarbeiter sollen kommen!"
Mondiale versuchte ihn zurückzuhalten. „Hier darf niemand herein, Herr
General!"
Burnettis Gesicht lief rot an. „Der Befehl ist auszuführen!"
Während Christie die Leute zusammenrief, hielt der General, außer sich
vor Wut, Murray immer wieder vor: „Gleich wird Ihnen klarwerden, was Ihr
zweites Leben wert ist! Später werden wir dann überprüfen, ob Sie sich an
diese Szene erinnern."
Der Raum füllte sich bis auf den letzten Platz. Christie baute Martin Clay
und die schwarzhäutige Alte vor dem General auf.
Der General wandte sich an Veranger: „Clay, gefällt dir diese Alte?"
„Sie ist eine liebe Dame, Herr General."
„Sehr schön. Wir beabsichtigen ein wichtiges Experiment. Du wirst diese
Frau heiraten."
Clays Gesicht blieb unbewegt. Er erstarrte nur kurz, dann antwortete er ge-
fügig: „Wenn es so wichtig ist, Herr General..."
„Es ist äußerst wichtig! Zieht euch aus und geht in den Nebenraum."
Clay begann gehorsam, seine Jacke aufzuknöpfen. Viele Mitarbeiter blick-
ten zu Boden.
„Sie haben Spaß daran, Abhängige zu erniedrigen?" Das kam von Murray.
„Aber Sie erniedrigen sich selbst, Herr General. Alle Ihre Mitarbeiter wissen
jetzt, was Sie für ein Mensch sind."
„Der Befehl ist aufgehoben!" brüllte Burnetti plötzlich los. „Alle verlassen
den Raum."
Das Labor war im Nu leer. Der General wies Christie an: „Los, Paul."
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Christie schaltete die Anlage ein. Nach dem bekannten leichten Klicken
zuckte Murrays Körper einmal, dann glätteten sich die Falten in seinem Ge-
sicht. Sein Kopf sank herab, und man hörte ihn leise schnarchen.
„Was, ist er eingeschlafen? Das ist etwas ungewöhnlich."
Christie drückte wieder eine Taste, die Klammern öffneten sich, und Mur-
ray stürzte zu Boden. Er erhob sich langsam und blickte sich verständnislos
im Labor um.
„Wie kommen Sie hierher?" fragte ihn Mondiale barsch.
Murray sah ihn an und zuckte erstaunt mit den Schultern.
„Wer sind Sie, und woher kommen Sie?"
Murray dachte angestrengt nach. „Ich kann mich nicht erinnern." Er ging
zum General hinüber und vertiefte sich in dessen Gesicht.
„Na, worauf warten Sie noch, Mr. Mondiale?" sagte Burnetti hastig. „Be-
kehren Sie diesen Schreiberling zu unserem Glauben. Ich gehe jetzt mit
Paul in den' Stab hinüber und setze mich mit dem Ministerium in Verbin-
dung.
Robert Mondiale geleitete den General und Christie hinaus. Murray blickte
ihnen unterwürfig nach.
Die Tür schloß sich hinter den beiden. Murray stand ganz still, dann sah
er sich um und bewegte sich langsam durch das Labor; niemand hielt ihn
auf. Er kehrte um und setzte sich wieder in den Sessel vor den Gedächtnislö-
scher. Dort versank er in Erstarrung, den Kopf in die Hände gestützt.
Mondiale trat ein. Als er den „ruhiggestellten" Journalisten sah, trat er zu
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ihm und berührte ihn an der Schulter. „Mr. Murray, deprimiert Sie der Auf-
enthalt bei uns wirklich so?"
Murray hob vorsichtig den Blick. „Verzeihung, wie meinen Sie?"
„Machen Sie keinen Unsinn, Mr. Murray!"
Murray zuckte zusammen. „Was meinen Sie denn?"
„Nanu, haben Sie sogar mich vergessen?"
„Nein, nein", murmelte Murray eilfertig. „Ich kenne Sie. Aber irgend etwas
muß mit mir passiert sein."
„Sie denken sicher, daß ich jetzt Ihre Gedächtnislöschung überprüfe. Wir
haben doch nur einen Scherz mit Ihnen gemacht!" Mondiale lachte.
„Ja, ja, danke vielmals." Murray nickte eifrig.
„Warum verstellen Sie sich denn?"
Murray sah Mondiale aufmerksam an. „Mir kommt es vor, als ob ich Sie
zum erstenmal sehe."
„Ich heiße Robert Mondiale."
„Robert Mondiale", wiederholte Murray. „Ja, ja, Mr. Robert Mondiale, ja,
ja..."
Mondiale nahm die Brille ab. Er trat an Murray heran und ließ den Blick
prüfend über dessen Gesicht gleiten. Dann ging er hinüber zur Anlage, wo-
bei er mechanisch seine Brillengläser blank rieb. Nachdem er verschiedenes
kontrolliert hatte, kam er wieder zu Murray zurück.
„Ich weiß nicht, Mr. Murray..., vielleicht ist uns ein tragischer Irrtum unter-
laufen. Sie, der Journalist Penn Murray, haben sich hier als Vertreter des Ver-
teidigungsministeriums Zutritt verschafft. Hier im Militärstützpunkt werden
verbotene Versuche an Menschen durchgeführt. Ihnen ist bekannt, daß mit
Hilfe dieser Anlage Menschen ihres Gedächtnisses beraubt werden und man
ihnen dann die als notwendig erachteten Informationen ,eingibt'. So vollzieht
sich eine Manipulation ihrer Weltanschauung und ihrer Willensorientierung.
Darüber wollten Sie berichten. Der Chef des Stützpunktes, General Burnetti,
hat von Ihrer Absicht erfahren und wollte Sie der Gedächtnislöschung unter-
ziehen. Aber ich entschloß mich, Sie zu retten; ich habe die Energiezufuhr der
Anlage unterbrochen. Ich habe Sie davon durch meinen Zettel in Kenntnis ge-
setzt. Es liegt jetzt in Ihrem Interesse, sich nicht weiter zu verstellen..." Mon-
diale verstummte, doch Murray sagte immer noch nichts. „Ich will Sie nicht
provozieren. Schauspielerei ist jetzt nicht mehr nötig! Außer mir weiß niemand
davon, daß die Löschung nur vorgetäuscht war."
Murray nickte und sagte leise: „Ich glaube Ihnen."
„Das möchte sein! Sie verstehen ja alles ganz großartig. Jemand ohne Ge-
dächtnis wäre einer solchen Logik nicht fähig." Mondiale lächelte breit, als
er sah, daß Murrays Blick wieder aufmerksam und verständig war.
„Als ich diese Anlage erfand, ahnte ich nicht im geringsten, daß man sie
einmal hier mißbrauchen würde. Ich wollte die Menschen lediglich von der
Last ihrer Zwangsideen befreien. Ich traf Paul Christie wieder, den ich noch
von der Universität her kannte, und erzählte ihm von meinen Ideen; er ver-
sprach mir ein Labor und äußerst günstige Arbeitsbedingungen. So baute ich
diese Anlage, die im Grunde nur der praktischen Überprüfung meiner Idee
dienen sollte. Doch der General setzte sie dann zu Zwecken ein, an die ich
niemals auch nur gedacht hatte. Was sollte ich tun? Der Gedächtnislöscher
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ist, wie man sieht, funktionstüchtig, und ich stehe nun unter strengster Bewa-
chung." Mondiale sah zur Tür und lauschte. „Wir haben noch etwas Zeit,
und ich will Ihnen alles offen darlegen, Mr. Murray. Ich lasse mich auf ein
großes Risiko ein; aber ich glaube sicher zu sein, daß Sie der Journalist Penn
Brisant sind."
„Ja, das ist mein Pseudonym."
Mondiale ging zur Tür und drehte den Schlüssel um. „Im Augenblick geht
die Montage eines neuen Gedächtnislöschers, den ich konstruiert habe, ih-
rem Ende entgegen. Diese Anlage wird die Energie nicht in Stromstößen,
sondern in Wellen aussenden, wie ein Rundfunksender. Diese Wellen kön-
nen dann auf die Hirnrinde von Tausenden, ja vielleicht Millionen Men-
schen gleichzeitig einwirken..."
„Das ist ja unglaublich!" rief Murray aus.
Mondiales Stimme tönte klangvoll, er war erfüllt vom Glauben an die
großartigen Perspektiven, die sich damit eröffneten. Murray aber sah in die-
sen Plänen nur eine neuerliche Bedrohung für die Menschheit.
„Ich hoffe, der Maschine ein Programm eingeben zu können, das den
menschlichen Willen in eine bestimmte Richtung lenkt."
„Von diesem neuen Willen sprechen Sie, als versprächen Sie den Sterbli-
chen ein irdisches Paradies. Sie wollen den Menschen ihre Geschichte neh-
men? Ihr Wissen, das sie in Jahrtausenden erworben haben? Sie haben die
Menschheit doch gar nicht gefragt, ob sie das auch will!"
„Zum Fragen ist es zu spät, ich bin selbst nicht mehr frei!"
Inmitten all dieser hochkomplizierten Laboranlagen erschien Mondiale
auf einmal wie die Verkörperung des Bösen. Das Gefühl der Dankbarkeit,
das Murray gegenüber diesem Menschen hegte, hielt ihn nicht davon ab,
seine Einwände vorzubringen.
„Entschuldigen Sie, Mr. Mondiale, aber auf welche Weise wollen Sie den
Menschen irgendeinen Willen eingeben?"
Mondiale durchmaß den Raum mit großen Schritten, sein Gesicht zeigte
fast Besessenheit. Die Arme hochwerfend, stieß er hervor: „Die Wissenschaft
bewegt sich sprunghaft voran, von einer Entdeckung zur anderen. Die Men-
schen können damit nicht Schritt halten, es gelingt ihnen nicht, die neuen
Entdeckungen und Erfindungen so schnell zu begreifen und zu akzeptieren.
Erinnern Sie sich an die Arbeiteraufstände? Von der schmutzigen und
schändlichen Vergangenheit können sich die Menschen nur trennen, wenn
sie durch ein reinigendes Fegefeuer gehen ... Sie büßen doch durch die Be-
strahlung nur zeitweilig ihre erworbenen Erfahrungen und Kenntnisse ein.
Der dem Menschen innewohnende Drang, zu überleben und ein Maximum
an Wohlstand zu erreichen, wird ihn all das lehren, was wir heute können.
Schließlich lassen wir die Bibliotheken unangetastet und damit das in den
Büchern enthaltene Wissen. Ihre Sprache werden die Menschen nicht verlie-
ren, ebensowenig wie das Gedächtnis des Körpers. Sich erinnern ist weitaus
leichter, als etwas Neues zu entdecken. Wenn der Sohn der Erde das Ge-
heimnis der Schriftzeichen entdeckt hat, wird er rasch alle Geheimnisse der
Wissenschaft begreifen und sich die Technik aneignen. Er wird ja nichts
mehr erfinden müssen! Ich bin davon überzeugt, daß schon die zweite unter
den neuen Verhältnissen geborene Generation die heutige Höhe der Zivilisa-

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tion erreicht haben wird. Das wird nicht mehr als fünfzig Jahre dauern, was
- auf die gesamte Geschichte der Menschheit bezogen - faktisch gleich Null
ist. Wenn wir das Gedächtnis der Menschen auslöschen, stellen wir damit
schlagartig alle auf die gleiche Stufe. Es wird keinen General Burnetti geben,
keine ihm unterstellten Obersten, Leutnants und Soldaten."
„Und was folgt daraus?"
„Die Wissenschaft ist bis zu den verborgensten Geheimnissen des mensch-
lichen Lebens und des Universums vorgedrungen. Der Erde wäre durch die
Bestrahlung der Menschen eine von ihr so dringend benötigte Ruhepause
zur Regenerierung vergönnt. Von der zerstörerischen Tätigkeit des Men-
schen befreit, könnte sie ihre lebenspendenden Kräfte wieder erneuern..."
„Wer aber wird diese Idioten anführen?" fragte Murray entsetzt. „Diese
Millionen Unwissender?"
„Über dieses Problem denke ich seit fast zwanzig Jahren nach, seitdem ich
die Welt als mein Haus und die Erde als meine Wiege zu begreifen begann.
Wenn auch die Bomben, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wur-
den, für mich längst vergangene Geschichte waren, so trafen sie mich doch
in der Seele. Auch die Vergangenheit kann verletzen, sie kann sogar töten.
Und so suche ich nun nach denkenden Menschen", Mondiale hatte sich et-
was beruhigt, „nach denkenden Menschen ... Eine Gruppe von Wissen-
schaftlern könnte die Menschheit führen. Ich meine nicht jene, die die
Macht gewaltsam an sich gerissen haben, nicht solche Banditen wie Burnetti,
sondern eine Elite der Wissende,n ..."
„Es wäre interessant zu erfahren, welche Rolle Paul Christie dabei spielt",
erkundigte sich Murray.
„Er ist ein Mensch von ungeheurer Tatkraft und ein guter Organisator,
doch als Wissenschaftler hat er sich bisher noch nicht bewiesen."
„Sieh mal an", konnte sich Murray nicht enthalten zu bemerken.
„Er möchte leidenschaftlich gern Wissenschaftler sein."
„Weil der Elite der Wissenschaftler die Zukunft gehört?"
„Zu uns zu gehören bedeutet für ihn eine Lebensfrage. Und er hat dafür gar
keine schlechten Voraussetzungen. Er ist zu allem bereit. Doch einstweilen
hat er noch nicht einmal das Prinzip dieser Anlage begriffen. Ich weihe ihn
jedenfalls nicht in meine Ideen ein."
„Er ist demnach davon überzeugt, daß ich jetzt ein Mensch ohne Vergan-
genheit bin?"
„Unbedingt! Doch Sie müssen jetzt einmal für eine gewisse Zeit ihre
Würde yergessen und so tun, als ob ..."
„Ich verstehe..."
„Haben Sie gesehen, wie sich der General verhält? Das geringste Zeichen
von Ungehorsam bringt ihn zur Raserei. Im Zorn verläßt in jede Vernunft.
Versetzen Sie sich in Clays Lage. Könnten Sie das ertragen, ohne daß Sie
sich dabei mit einer Silbe, einer Geste verraten?"
„Was? Sollte Verangers Gedächtnis nicht gelöscht worden sein?"
„Veranger besitzt ungewöhnliche Selbstbeherrschung und einen überragen-
den Verstand. Bevor ich ihm hier begegnete, hatte ich schon viel von ihm ge-
hört. Wenn ich einem Sterblichen die Gedächtnislöschung erspare, muß ich
ganz sicher sein, daß er all das, was dann auf ihn zukommt, auch bewältigt
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und mich nicht ans Messer liefert. Ich darf mich da nicht irren, Mr. Murray."
„Danke für das Vertrauen."
Es klopfte an der Tür. Ein vereinbartes Klopfen. Mondiale öffnete. Martin
Clay stürzte in den Raum. Er ging rasch zum Schaltpult des Generators und
drückte verschiedene Tasten. Ein gleichmäßiges Maschinengeräusch erfüllte
den Raum. Clay trat zu Mondiale.
„Mr. Mondiale, Sie sind in Gefahr. Ihr Gespräch mit Murray ist Wort für
Wort im Stab abgehört worden."
„Wie das?" fragte Mondiale verwirrt.
„In ein bis zwei Minuten wird der General hier sein", fuhr Veranger fort.
„Wo sind unsere Waffen?"
Die Verwandlung des langsamen und untertänigen Clay in den entschlos-
sen und rasch handelnden Veranger überraschte Murray außerordentlich.
Mondiale verschwand im Nebenraum, riß einen Schrank auf und leerte ei-
ligst das obere Fach: Er warf irgendwelche Papiere, Geräte und Teile auf den
Boden, öffnete in der Tiefe des Schrankes eine geheime Tür und holte zwei
Pistolen heraus. Sie unterschieden sich von den üblichen Handfeuerwaffen
durch ihren langen und breiten Lauf und den massiven Griff.
Durch das Fenster hörte man das Geräusch ankommender Autos. Veran-
ger stürzte zur Wand und drückte einen Knopf. Durch den entstandenen
Sehschlitz konnte man den Dodge des Generals und einen Lastwagen voller
Soldaten sehen.
Veranger beobachtete alles ohne jede Deckung vom „Fenster" aus. Murray
trat zu ihm. Aus der Kabine des Lastwagens schwang sich ein Offizier. Bur-
netti sagte kurz etwas zu den zurückbleibenden Soldaten und begab sich, be-
gleitet von Christie und dem Offizier, zum Seiteneingang.
„Überlassen Sie ruhig alles mir", sagte Veranger und zog sich hinter den
Generator zurück. „Empfangen Sie den hohen Gast so wie immer. Keine Pa-
nik zeigen."
Der General betrat energisch das Labor. Christie wich nicht von seiner
Seite. Der Offizier bezog Posten an der Tür. Nachdem er einen raschen Blick
auf den laufenden Generator und die ruhig .Dasitzenden geworfen hatte,
hielt Burnetti inne. „Meine Herren Wissenschaftler! Sie können mir zu einer
Entdeckung gratulieren. Sie ist zwar nicht wissenschaftlicher Natur, hat es
aber in sich: Unser guter Mondiale begnügt sich nicht mehr mit der For-
schung, er zeigt auch großen missionarischen Eifer."
Mondiale nahm Haltung vor dem General an.
„Mir ist zu Ohren gekommen, daß Sie sich hier für Jesus Christus halten
und beabsichtigen, Millionen Menschen mit dem Paradies zu beglücken.
Für den Anfang haben Sie wohl erst einmal den Evangelisten Murray vor der
Gedächtnislöschung bewahrt!?"
Burnetti schritt, die Hand wie Napoleon in die Uniformbluse gesteckt, auf
und ab.
„Sie haben sich als geschickter Verschwörer gezeigt, Mr. Mondiale ..."
Mondiale stand ohne jede Bewegung.
Der General winkte dem Offizier an der Tür, worauf dieser den Raum ver-
ließ.
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„Erklären Sie mir, Mr. Mondiale, wie Sie Ihre Tätigkeit beurteilen und was
Sie dafür verdient haben!"
Mondiale schwieg.
„Es ist lange her, daß ein Franzose namens Guillötin lebte. Er bastelte eine
sehr einfache Maschine für die Hinrichtung von Verbrechern. Später köpfte
man ihn selbst damit. Verehrter Herr Erfinder, auf Sie wartet Ihr Sessel."
Der General wies auf den Gedächtnislöscher.
Durch das Maschinengeräusch hindurch hatte niemand das leise Klicken
gehört. Der General zuckte zusammen und starrte die Anwesenden erstaunt
an.
Christie zog sofort die Pistole und stürzte hinter den Generator. Ein neuer-
liches Klicken ließ ihn augenblicklich einhalten. Seine Pistole fiel zu Boden,
beim Aufschlagen löste sich ein Schuß. Christie betrachtete höchst verwirrt
die Umstehenden, dann sah er sich im Raum um.
Veranger nob die Pistole auf und entwaffnete auch rasch den General, wo-
bei er diesen fragte: „Wie heißen Sie?" Der zuckte mit den Schultern. Mit
dem nunmehr willenlosen Gesicht und den passiv herabhängenden Armen
war er kaum wiederzuerkennen.
„Wir haben Sie von einer schweren Krankheit geheilt", fuhr Veranger mit
der Stimme eines Hypnotiseurs fort. „Und Sie, Paul Christie, bitte ich, zu
mir zu kommen ..." Veranger ging zur Wand und drückte einen Knopf.
„Mr. Christie, stellen Sie sich neben den General. Ja, so. Jetzt öffnen Sie das
Fenster, General Burnetti, und winken dem Offizier, damit er die Soldaten
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abtreten läßt. Beugen Sie sich hinaus, und winken Sie, damit alle Ihren Be-
fehl befolgen und abfahren ... Ich danke Ihnen, General."
Veranger und Mondiale begaben sich daraufhin in einen Nebenraum, und
Veranger sagte: „Mr. Mondiale, Ihr Gespräch mit Murray hat auch Oberst
Osers abgehört. Wenn er im Verlauf von fünf Minuten keine Nachricht vom
General hat, dann wird er noch eine Kompanie hierher in Marsch setzen."
„Sie haben recht." -
„Machen Sie sich zur Abfahrt fertig. Nehmen Sie nur das Notwendigste ,
mit. Alles übrige vernichten wir."
Mondiale schaltete die Sprechanlage ein. „Achtung, Achtung! Hier spricht
Mondiale. Im Labor sind Arbeiten angesetzt, die besonderer Geheimhaltung
unterliegen. Deshalb fordert General Bumetti alle Mitarbeiter zum Verlassen
des Zentrums auf."
Veranger ging wieder in den Raum, in dem sich der General und Christie
aufhielten. Das Maschinengeräusch war hier längst nicht so stark. Veranger
kehrte um und öffnete weit die Tür; jetzt vibrierte der ganze Raum. Die Ge-
fangenen Bumetti und Christie saßen unbeweglich da. Sie waren bedrückt
und verwirrt.
„Also dann - an die Arbeit", wandte sich Veranger an die beiden. Diese be-
lebten sich sogleich etwas.
„Vergessen Sie nicht, Sie sind Paul Christie, früherer Wissenschaftler. Sie
sind Militärangehöriger, General Bumetti. Haben Sie sich das eingeprägt?"
Die zusammengesunkene Gestalt des Generals nahm militärische Haltung
an. Er sprang auf und meldete: „Jawohl."
„Sie, General, befehligen eine größere militärische Einheit. Ihr Vertreter,
Oberst Osers, möchte Sie liebend gern hereinlegen. Verstehen Sie, was ich
mit ,hereinlegen' meine?"
„Ja, Herr..."
„Ich verbinde Sie jetzt mit Osers. Behandeln Sie ihn streng. Bringen Sie ihm
bei, daß er ohne Sie nichts zu unternehmen hat. Haben Sie alles begriffen?"
„Was habe ich Osers konkret zu sagen?"
Veranger nahm den Hörer auf und sagte mit erhobener Stimme: „Oberst
Osers? Hören Sie? Hier verläuft alles normal. Ich bin dabei, die Situation zu
bereinigen. Sie warten auf mich und unternehmen nichts, bevor ich zurück-
komme. Es sind neue Gesichtspunkte aufgetaucht. Haben Sie verstanden,
Oberst?" Veranger legte den Hörer auf. „So werden Sie es sagen."
Er übergab dem General den Hörer, blieb aber neben dem Telefon stehen
und hielt einen Finger auf der Gabel.
„Oberst Osers? Hören Sie?" fragte Bumetti.
„Jawohl, Herr General", klang es aus dem Hörer.
Bumetti wiederholte eifrig bemüht, was ihm Veranger zuvor gesagt hatte,
und er sah dabei im Bewußtsein seiner Überlegenheit auf Christie herab, der
ihn mit unverhohlenem Neid betrachtete.
Veranger drückte die Gabel herunter. „Großartig, General, wie Sie das ge-
macht haben." Wieder ein stolzer Blick des Generals zu Christie.
Veranger ging zur Wand und blickte durch den Sehschlitz zum Seitenein-
gang hinüber. Die Mitarbeiter schlenderten einzeln oder zu zweit zum Park-
platz.

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Er kam wieder zu den Gefangenen zurück. „Jetzt sprechen Sie ins Mikro-
fon: .Entfernen Sie sich schneller, meine Herren, das geht ja hier zu wie bei
einer Beerdigung!' Fangen Sie an." Veranger schaltete die Sprechanlage ein
und lauschte den aufgebrachten Worten Burnettis. „Sehr schön, General.
Das genügt erst einmal. Entspannen Sie sich."
Veranger blickte wieder aus dem Fenstei. Draußen rasten die Mitarbeiter
jetzt los, als brenne es.
Veranger verließ den Raum und sah, wie Mondiale in aller Ruhe Unterla-
gen durchsah.
„Lieber Mondiale, Eile tut not. Auf diese Weise sind Sie morgen noch
nicht fertig! Wählen Sie nur das Allernötigste aus. Der Rest muß vernichtet
werden."
Mondiale nickte. Jetzt wurde der zum Verbrennen bestimmte Stapel von
Unterlagen zusehends höher.
Murray und Veranger sahen Mondiale zu. Murray entschloß sich zu einer
Frage: „Mr. Veranger, ich nehme an, daß Sie über Mondiales Pläne Bescheid
wissen. Sollten Sie wirklich nichts gegen die Löschung des Gedächtnisses bei
Millionen von Menschen einzuwenden haben?"
„Das zu erörtern ist jetzt nicht die Zeit. Die Möglichkeit einer Gedächtnis-
löschung würde ich nur im äußersten Notfall für zulässig halten, zum Bei-
spiel bei einer drohenden nuklearen Katastrophe. Angesichts des Untergangs
der ganzen Welt wäre es doch wohl das kleinere Übel, das Gedächtnis zu ver-
lieren."
„Wo ist die Garantie, daß die neue Erfindung nicht von Wahnsinnigen
oder Abenteurern mißbraucht wird, die sich die Welt unterwerfen wollen?
Wo ist die Garantie dafür, daß auch die integersten Wissenschaftler keinem
Irrglauben unterliegen? Wäre es nicht besser, all das in die Luft zu spren-
gen?"
„Sicher. Wir werden das gleich in Angriff nehmen."
Veranger ging rasch zu dein Schrank, dem Mondiale vorhin die Pistolen
entnommen hatte, und holte dort einige kleine Blöcke heraus, die er in einen
Korb legte. Murray nahm den Korb entgegen und folgte Veranger, der damit
begann, die Blöcke, in die Anlage einzuführen. An Mondiale gewandt, erkun-
digte sich Veranger, wie weit dieser sei.
„Ich bin fast fertig. Nur das hier nehme ich mit." Und er wies auf einen be-
trächtlich hohen Stapel von Papieren.
„Gut. Wir tragen alles hinüber zum Wagen. Der General wird Sie durch die
Kontrolle am Tor manövrieren. Sehen Sie zu, daß Sie in meine Heimat ge-
langen."
„Fahren Sie denn nicht mit?" fragte Murray verwundert.
„Ich muß hierbleiben. Da ist noch etwas Wichtiges zu Ende zu führen."
„Was, zum Teufel, soll denn das sein?" protestierte Mondiale.
„Alle Menschen, denen man ihre Vergangenheit genommen hat, müssen
befreit werden. Wir haben alles geplant; wir haben auch Waffen, allerdings
nur wenige. Sie, Dr. Mondiale, reisen nach Martinius, dort sind jejzt die Un-
seren an der Macht. Grüßen Sie alle. Berichten Sie von allem, was die Ge-
dächtnislöschung betrifft. Man wird Ihnen dort günstige Arbeitsbedingungen
schaffen."
29
„Sie dürfen nicht hierblieben, Mr. Veranger!" ereiferte sich Murray.
„Warum nicht?"
„Im Stab wird man erfahren, daß Sie es waren, der hier alles organisiert hat.
Wenn man dann mit Ihnen abrechnet, leidet die Sache darunter."
„Sie haben wahrscheinlich recht", meinte Veranger und drückte die Tasten
des Telefons. „Nein, ohne Anruf ist es sicherer." Er hielt inne. „Mr. Mon-
diale, in Christies Arbeitsraum ist ein Funkgerät, ich will es meinen Kamera-
den hier überlassen, damit wir uns verständigen können. Haben Sie die
Schlüssel?"
„Nein. Sie wissen doch, daß ich keine Schlüssel haben darf."
„Verflucht!" Veranger lief in den Raum zurück, in dem sich die Gefange-
nen befanden. „Mr. Christie, Sie müssen die Schlüssel zu allen Räumen ha-
ben. Erlauben Sie?" Er griff erst in die eine und dann in die andere Tasche
Christies und holte die Schlüssel hervor. „Danke." Veranger verließ den
Raum und schloß die Tür hinter sich.
„Helfen Sie mir, Mr. Murray."
Murray folgte ihm.
„Nehmen Sie den Empfänger, die Antenne und den Bedienungsteil, ich
trage den Sender. Wir bringen alles zum Wagen."
Sie brachten das Funkgerät im Kofferraum unter.
„Mr. Veranger", das war Murray, „ich würde gern eine Frau aus dem Haus
von Tante Taira herausholen."
„Kitty Landlell, vermute ich."
„Wie haben Sie davon erfahren?"
„Ich habe Ihnen doch die Nachricht mit der Warnung übermittelt. Außer-
dem hatte ich den vom General geschickten Radaumacher zu beruhigen, der
zu Ihnen hineinwollte. Gut. Nehmen Sie Ihre Kitty nur mit. Fahren Sie im
Dodge des Generals, und handeln Sie in seinem Namen. Burnetti wird ja so-
wieso bei Ihnen sein. Sie müssen ihm unterwegs beibringen, wie man einen
Wagen lenkt. Das ist sehr wichtig, denn der General muß uns aus dem Stütz-
punkt hinausbringen. Ich hole ihn jetzt."
Jetzt saß Burnetti am Steuer. Kitty befand sich auf dem Rücksitz.
Als Murray an Mondiale und Veranger herantrat, fiel ihm der Ernst auf,
mit dem ihn letzterer anblickte.
„Sie werden ohne mich fahren", sagte Veranger, „mein Platz ist hier, denn
hier wird bald alles zu Ende sein. Was die Ereignisse des heutigen Tages be-
trifft - da hoffe ich mich herauszuwinden, ich gelte ja schließlich als
schwachsinnig. Wie kann man mich da für irgend etwas verantwortlich ma-
chen? Ich werde behaupten, Sie hätten mir alles befohlen. Der Hauptzeuge,
der gegen mich aussagen kann, Christie, ist nicht zurechnungsfähig. Die Pi-
stole nehmen Sie bitte." Er reichte Murray die Waffe. „Sie werden sie viel-
leicht benötigen."
Murray fühlte den bequemen Griff und wog die Waffe in der Hand.
Veranger fuhr fort: „Bitte hören Sie jetzt genau zu. Ich habe bereits mit
verschiedenen Leuten Funkverbindung aufgenommen. An der Abfahrt nach
Vandelusa, ungefähr zwanzig Minuten von hier entfernt, finden Sie eine
kleine Gaststätte. Fragen Sie dort nach Tichomir. Merken Sie sich bitte den
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Namen! Er wird Sie über die Grenze bringen. Dort warten schon die Unsern
auf Sie. Den General nehmen Sie mit: als lebenden Beweis für die verbreche-
rischen Experimente. Was ist noch zu bedenken? Ach ja, der Film von
Mr. Christie. Mr. Mondiale, den Film haben Sie nicht mitgenommen?"
Mondiale sah ihn bestürzt an.
„Gut, ich hole ihn. Setzen Sie sich schon in den Wagen."
Veranger lief zu dem Gebäude zurück und verschwand rasch in der Tür.
Mondiale setzte sich neben den General. Murray hörte ein Motorengeräusch
und wandte sich um.
Aus der Kurve schoß ein Auto hervor, das sehr schnell näher kam. Nur we-
nige Meter hinter ihnen bremste es scharf. Ein großer, hagerer Mann in Uni-
form stieg aus.
Oberst Osers! Murray hatte ihn erkannt, und die plötzliche Gefahr ließ das
Blut in seinen Schläfen pulsieren.
Osers blieb noch einen Augenblick im Wagen sitzen und gab dem Fahrer
irgendwelche Anweisungen. Fast ohne seine Haltung" zu verändern, flüsterte
Murray dem General zu: „Das ist Oberst Osers, Ihr Stellvertreter. Wie konnte
er Ihrem Befehl zuwiderhandeln und den Stab verlassen? Er verdient einen
strengen Verweis."
Als der Oberst herangekommen war, stand Murray neben dem Wagen und
blickte mit verständnislosem, stumpfem Gesichtsausdruck auf Osers.
„Oberst Osers, wie konnten Sie es wagen, sich über meinen Befehl hinweg-

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zusetzen und den Stab zu verlassen?" sagte der General schneidend.
„Entschuldigen Sie, General. Ich hatte sehr lange keine Nachricht von Ih-
nen. Die Telefonverbindung war unterbrochen. Da wurde ich unruhig ..."
Einen umfänglichen Metallkoffer tragend, strebte Veranger dem Laboraus-
gang zu. Kaum hatte er die Außentür geöffnet, sah er den zweiten Wagen
mit dem Fahrer, der auch Offizier war. Er sah auch den Oberst neben dem
Dodge des Generals stehen. Als sei nichts geschehen, ging Veranger ruhig
zurück und schloß die Tür wieder bis auf einen winzigen Spalt. Dann zog er
die Pistole.
Durch einen Spalt konnte er sehen, wie Osers alle mit einem raschen,
doch eindringlichen Blick überflog: den abwesend wirkenden Murray neben
dem Wagen, den an das Lenkrad geklammerten General, den neben dem Ge-
neral dösenden Mondiale und die lächelnde Kitty. Jetzt hörte Veranger auch
die hohe und scharfe Stimme des Generals: „Für die Nichtbefolgung des
nächsten Befehls werden Sie sich nach allen Regeln zu verantworten haben.
Haben Sie verstanden?"
„Jawohl, Herr General."
„Dann führen Sie den Befehl aus."
Als der Wagen des Obersten Osers hinter der Kurve verschwunden war,
trat Veranger mit dem Filmkoffer in der Hand aus dem Labor. „Sie haben
sich alle großartig verhalten, Freunde. Besonders Murray und der General.
Jetzt fürchte ich nicht mehr für Sie." Er legte den Metallkasten in den Kof-
ferraum.
Murray verbarg nicht seine Hochachtung vor diesem Menschen, der dar-
auf verzichtete, in seine Heimat zurückzukehren, wo er hoch geehrt werden
würde.
„Ich wünsche Ihnen Erfolg, Mr. Veranger. Ich würde Sie gern wiedersehen."
„Ich hoffe sehr, daß wir uns noch einmal begegnen."
Das Generalsauto verließ das Territorium des Stützpunktes; von der unter-
gehenden südlichen Sonne beleuchtet, entfernte sich der Wagen rasch auf
der durch dichten Wald führenden Chaussee.

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Otto Emersleben
Papiersterne
Roman
2. Auflage • 272 Seiten • Pappband mit Schutzumschlag 7,80 M

Was gibt es zu entdecken im Abenteuer Alltag, das für


den Kundendienstmitarbeiter Edmund Hörn durch den
ungewöhnlichen Auftrag seines Generaldirektors, sich zu
erinnern, erneut herausgefordert wird. Wie aber erinnert
man sich... eines Freundes ... und Wegbegleiters auf vie-
len Reisen ..., wenn es nur um die eine Reise geht - Pa-
ris, Mai 1968, von der Ernst Lenner nicht mehr zurück-
kehrte? Sicher braucht man an einen solchen Kollegen
auch nicht mehr zu denken, wenn er sich nicht plötzlich
selbst in Erinnerung bringen würde ..., als Directeur Len-
ner, Frankreich, um mit seinem ehemaligen Betrieb Ge-
schäftsbeziehungen aufzunehmen. Wie wird man sich
entscheiden? Da ist plötzlich wieder von Interesse, wie
das damals war, als im Mai nicht nur die Bäume blühten,
sondern auch die Hoffnungen; und auch dies: was jetzt,
heute, geändert werden muß, damit sich etwas ändert -
nicht bei irgend jemandem, sondern bei einem selbst.

Verlag Neues Leben Berlin