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Tausendmal Frieden

Zitate • Gedanken • Impulse


aus 27 Jahrhunderten
Herausgegeben mit einem Vorwort von Ursula Eichelberger
320 Seiten • Pappband mit Schutzumschlag 9,- M

Was ist das Leben der Menschen ohne den Frieden?


Nichts als Gefahr, ständige Angst und eine traurige
Werkstatt tiefer Bitternis.
Francesco Petrarca (1304 bis 1374)

Neun Monate sind nötig, um einen Menschen zu


schaffen; aber ein einziger Tag genügt, ihn zu töten.
Andre Malraux (1901 bis 1976)

Mehr als 1000 Äußerungen zum Thema Krieg und


Frieden von rund 300 Autoren enthält dieses Nach-
schlagewerk, das nach den Lebensdaten — vom
8. Jahrhundert v. u. Z. bis ins 20. Jahrhundert - mit
biographischen Kurznotizen gegliedert ist. Der Quel-
lennachweis erfolgt alphabetisch.
„Denkimpulse wollen die Texte vermitteln, Bestäti-
gung für die eigenen Gedanken sein oder auf dem
Wege des Widerspruchs, den die Zitate herausfor-
dern, zu neuen Erkenntnissen hinführen."

Verlag Neues Leben Berlin

3-355-00918-0 32 706
Peter Müller

Die Silikaten

Verlag Neues Leben Berlin


Illustrationen von Günther Lück

ISBN 3-355-00918-0

© Verlag Neues Leben, Berlin 1989


Lizenz-Nr. 303(305/119/89)
LSV 7503
Umschlag: Günther Lück
Typografie: Walter Leipold
Schrift: 10 p Timeless
Gesamtherstellung: (140) Druckerei Neues Deutschland, Berlin
Bestell-Nr. 644 697 2
00025
Sie saßen zu zweit im Booster, Anatoli und Jon, Erkunder in den
mittleren Jahren, von kräftiger Statur, mit hart und kantig wirkenden
Gesichtern. Männer ihres Schlages würden kaum noch benötigt.
Stärke war längst kein Kriterium mehr, nach dem ein Mann beurteilt
wurde. Für ihre Tätigkeit aber lag die Sache anders. Wenn es darauf
ankam, wurden sie gefordert bis zürn Äußersten, so wie früher die
Kumpel im Schacht oder die Stahlwerker am Hochofen. Sie mußten
hart sein, um unter allen Umständen zu bestehen. In ihnen lebte
noch etwas von dem, was die ersten Weltumsegier, Fliegerkosmonau-
ten gefühlt haben mußten. Ihre Marotten, ihre Spaße waren rauh,
nicht jedermanns Sache - für Außenstehende oft befremdlich.
Längst hatte man erkennen müssen, daß selbst die besten Maschi-
nen, die höchstentwickelten Roboter einfach nicht die Vielseitigkeit
und Wendigkeit, die Intuition eines Menschen ersetzen konnten.

Anatoli galt als gewissenhaft, als ruhig und kameradschaftlich. Er


hatte sich bereit erklärt, zusammen mit diesem Jon den Flug zu
übernehmen.
Dieser Auftrag war eine eigenartige Sache, eine gefährliche; mit
vielen Fragezeichen. Zwei Erkunder wie sie selbst verschwanden mit
all ihrer Technik spurlos auf einem Basaltplaneten. Sie sollten nach
ihnen suchen. Als Anhaltspunkt hatten sie nur diese mysteriöse Ton-
aufzeichnung für den Landeanflug, die plötzlich abbrach.
Noch hatten die beiden nichts zu tun, das festgelegte Frogramm
bestimmte den Ablauf. Anatoli schaute vor sich auf den Schirm, wie
zufällig fiel sein Blick auf Jon, einen etwas verschlossenen Men-
schen. Auf ihrem bisherigen Flug hatte dieser Jon kein unnötiges
Wort verloren. Einesteils war ihm solch ein Typ lieber als ein redseli-
ger Mensch, doch so extrem wollte es ihm auch nicht gefallen. Si-
cher, man hatte ihn gewarnt vor Jon, wegen irgendeiner Angelegen-
heit vor zwei Jahren. Wahrscheinlich handelte es sich nur um wilde
Spekulationen oder um Unterstellungen. Anatoli wollte sich nicht
davon beeinflussen lassen. -

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Jon beobachtete schon längere Zeit den Bildschirm. Die helle
Scheibe des Planeten füllte ihn fast schon zu einem Viertel. Ihr Ziel-
ort rückte näher und näher. Dieses silbrige Leuchten stammte jedoch
nicht von der Oberfläche des Planeten, sondern von der ihn total um-
hüllenden dichten Wolkendecke, die keinem Strahl der hiesigen
Sonne den Zutritt zur Oberfläche erlaubte. Nur bestimmte Frequen-
zen ihres Radars würden in der Lage sein, die Atmosphäre zu durch-
dringen.
Es war soweit, das Radar schaltete auf die Bildwandler.
Anatoli berührte den Sensor für die Speicher und ließ ältere
Panoramaaufnahmen im Vergleich zu den neuen projizieren. Da sich
die Bilder farblich unterschieden, fielen ihnen die Veränderungen
sofort auf.
Als er zu Jon schaute, bemerkte er, wie auch der die Aufnahmen
sehr intensiv betrachtete und dabei fast unmerklich sein Gesicht ver-
zog, aber nichts sagte. Auf dem Schirm zeigte sich ein erdmondarti-
ges Relief, ohne die typischen Krater und Ringgebirge. Diese eigen-
artige Planetenoberfläche schien fast nur aus hohen, spitzen
Felsenketten zu bestehen.
Anatolis Erinnerungen eilten zurück zur fernen Basis. "Er dachte
an Lina, war mit seinen Gedanken bei ihr, bei ihrem gemeinsamen
Rückflug zur Erde. Er freute sich auf das, was er mit dem Komman-
danten des Linienkreuzers fernschriftlich abgemacht hatte - Lina
und ihn zu trauen.
Es war da nur noch diese letzte Aufgabe, die er zusätzlich über-
nommen hatte. Ihre fünf Jahre auf der Fernbasis der Erde, für die sie
sich damals freiwillig meldeten, gingen ihrem Ende entgegen. Streng-
genommen waren es nur zwei Jahre, denn drei Jahre dauerte der
Hin- und Rückflug.
Er schaute wieder zu Jon, jahrelang war der nur mit Rex zusam-
men gewesen, der ihn gekannt haben mußte wie kein anderer - doch
der war tot, umgekommen in den Sümpfen von Eon 3. Ob und inwie-
weit Jon damit zu tun hatte, konnte mit letzter Sicherheit nicht ge-
klärt werden. Zeugen des Vorfalles gab es keine, nicht einmal Robo-
ter.
Jon spürte die kritischen Blicke von Anatoli. Oder bildete er sich
das nur ein? Er war sich unsicher. Was wohl sein jetziger Partner,
Anatoli, dachte? -

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Noch zwei Stunden bis zum Umsteigen. Sie hatten noch die letzte
Aufzeichnung ihrer Vorgänger in den Ohren:
„Setzen planmäßig zur Landung an!"
Das war alles, danach nur noch das alles überdeckende intergalak-
tische Rauschen. Seitdem fehlte von ihnen jede Spur.
„Sag mal, Anatoli, da ist doch eine Ungereimtheit... Die Erkunder,
nach denen wir suchen sollen, sind verschollen, mitsamt ihren Lan-
dern und dem Booster, denke ich - woher stammt dann diese Auf-
zeichnung?"
Anatoli war verwundert, und das in doppeltem Sinn. Einerseits
wußte er, daß doch fast alle auf der Basis den genauen Grund für ih-
ren Flug kannten - nur offenbar Jon nicht... Andererseits war Ana-
toli überrascht von seinem immer so wortkargen Nebenmann, der
nun plötzlich Fragen stellte. Doch einerlei, er erklärte es ihm: „Du
hast wohl bei der Einweisung geschlafen. Also, das alles ist nur ei-
nem Zufall zu verdanken. Man hatte kürzlich alle automatischen

i
Funkaufzeichnungssatelliten in diesem Raumbezirk abgerufen und
stieß dabei auf ebendiesen Funkspruch. Sicher war die Sendung gar
nicht für den Satelliten gedacht - es handelte sich vielmehr um eine
automatisch aufgezeichnete Funknachricht zwischen ihrem Lander
und dem Booster im Orbit!"
Und trotzdem wollte es Jon nicht einleuchten, daß zwei Erkunder,
Männer von ihrem Schlage, reich an Erfahrungen, Beherrscher ihrer
Technik und all der Hilfsmittel, einfach so verschwinden sollten,
ohne Spuren eines Kampfes, ohne auch nur irgend etwas zu hinter-
lassen, so als hätte es sie niemals gegeben ... Noch unverständlicher
war ihm, daß offenbar auch ihr Booster aus der Umlaufbahn ver-
schwunden war, wo es doch die Pflicht eines Erkunders war, ihn un-
ter allen Umständen im Orbit zu belassen. Gewiß hatte er diese Re-
gel auch schon oft verletzt, zumindest aber hatte er dann einen
Funksatelliten an gleicher Stelle postiert. Das aber, was hier gesche-
hen sein mußte, konnte man nur als sträflichen Leichtsinn bezeich-
nen. Wenn nun ihre Vorgänger plötzlich überrascht wurden, daß sie
zu keiner Gegenreaktion mehr fähig waren? Sie könnten doch in Pa-
nik geraten sein. Und die Lander, wo waren die geblieben? Hätten
nicht -wenigstens Trümmer, Einschlagkrater oder Reste übrigbleiben
müssen? Wenn sogar der Booster mit seinen mächtigen Plasmatrieb-
werken gelandet war, hätten doch typische Brenn- und Schmelzspu-
ren zurückbleiben müssen! Konnte überhaupt ein metallener Körper
von fast tausend Meter Länge auf einem erdmondgroßen Planeten
einfach verlorengehen?
Ihre Sensortechnik war durchaus in der Lage, fingergroße Bruch-
stücke aufzuspüren, doch sie fanden absolut nichts. Etwas konnte da
nicht stimmen, nicht mit rechten Dingen zugehen, aber was? Wirk-
ten hier unbekannte Naturerscheinungen? Bestimmte Säuren organi-
scher Herkunft konnten durchaus Metalle zersetzen, auch ihre super-
festen Legierungen. Vielleicht doch etwas völlig Unbekanntes.
Merkwürdig! Sie würden auf der Hut sein müssen. Unmittelbare Ge-
fahr für sie in den Landern bestand nicht, ihre Technik würde das
selbständig regeln. Doch was, wenn sie den Planeten betreten wür-
den?

Es war soweit. Der Landevorgang begann. Sie sahen sich in die Au-
gen, sagen konnten sie nichts in diesem Moment.

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Jeder saß in seinem Lander. Um sich herum die Stille und all die
Technik, die mit hundert Augen auf sie herabsah. Zwischen ihren
Landern, welch ein beruhigendes Gefühl, der riesige Metallkörper
des Boosters. Gleich wie nebenan, zum Greifen nah, die graue Krüm-
mung des Planeten vor der Schwärze des Weltraumes. Gleißend und
fremd die grelle, schweißbrennerflammenähnliche bläuliche Sonne,
die trotz der Filter in die Augen stach.
Die nötigen Handgriffe waren schnell getan, fast mechanisch, un-
gezählte Male geübt.
„Systeme aktiviert, bin bereit", donnerte Jons Stimme in den Hö-
rern.
Anatoli zuckte zusammen.
„Programmstart aktiviert. Hals- und Beinbruch!" Anatoli riß die
Plombe heraus ...
Der Booster schien sich langsam von ihnen zu lösen, sie. flogen
langgestreckte Kurven, trafen sich zum Parallelflug. Der Booster
wurde kleiner, wie ein Stern unter Sternen, und verschwand.
Die Höhenmesser zeigten zweihundertfünfzig Kilometer an, Wol-
ken nahmen ihnen jede Sicht, hüllten sie ein, Blindflug! Nicht ge-
rade erfreulich bei solch fremden Planeten. Ein unangenehmes Ge-
fühl, trotz Automatik!
„He, Jon, auch bei dir diese Suppe?"
„Ja, auch, aber noch etwas anderes. Schau mal, was sagt dein Bo-
denradar?"
„Nichts!"
„Genau das meine ich, dachte schon an einen Defekt. Bei neunzig-
tausend ist das doch recht ungewöhnlich, zumal von weit draußen
das Bodenrelief klar zu sehen war."
„Ionisierende Schichten."
„Ja, vermutlich, dein Lander aber liegt scharf in der Ortung!"
„Soll uns nicht weiter stören. Wie weit gehen wir runter, was meinst
du?"
„Na, höchstens auf zwanzigtausend, es gibt da Berge bis fünfzehn-
tausend!"
„Was tun wir, weün die Wolken tiefer reichen?"
„Ja, was dann? Gefällt mir gar nicht. Bleibe du auf Höhe, ich versu-
che es mal weiter unten."
„Bin jetzt bei zwanzigtausend, sinke weiter: neunzehn, achtzehn,

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siebzehn - jetzt! Bodenrelief im Radar - eine große Ebene, direkt
unter uns. Jetzt auch klare Sicht, nur etwas dunkel."
„Ich komme."
„Vorsicht, Jon!"
„Was ist?"
„Ich bin mir nicht sicher, ich glaubte auf dem Radar etwas gesehen
zu haben."
„Bei mir war nichts!"
„Da, schon wieder!"
„Bleibe, wo du bist, ich komme näher."
„Ja - jetzt auch bei mir, du hattest recht, ich aktiviere die Abwehr,
melde mich später."
Ein greller Blitz, heftige Druckwellen durchschüttelten Anatoli,
Gesteinstrümmer prasselten gegen den Lander.
„Was war das?"
Jon erhielt keine Antwort.
Wieder traten seine Laserwerfer in Aktion ...
„Ein Angriff, Anatoli?" meldete er sich jetzt wieder.
„Nein, ich habe eben eine Analyse durchführen lassen, es handelt
sich um Steine, jedoch mit erheblichen Abmessungen und Ge-
schwindigkeiten - wie eine Lawine."

Ungeschoren gingen ihre Lander einige Kilometer entfernt auf der


Hochebene nieder. Automaten begannen mit ihren Probenentnah-
men. Die beiden Männer hatten noch etwas Zeit.
Klar war ihnen, diese Steine blieben hier immer eine ernst zu neh-
mende Gefahr. Die Strahler der Lander konnten beide schützen im
Nahbereich. Was aber, wenn sie zu Fuß längere Strecken zurückle-
gen müßten. Selbst die schweren Handstrahler würden nichts aus-
richten gegen tonnenschwere Brocken.
Nach Aktivierung sämtlicher Sicherheitssysteme stieg Anatoli aus.
Sein Blick suchte Jons Lander, er fand ihn etwa zweihundert Meter
entfernt. Über Funk meldete er sich. Anatoli war beruhigt. Erst jetzt
ließ er die so fremde Welt auf sich wirken.
Unter einem alles überspannenden bleigrauen Himmel, Ohne jede
sichtbare Strukturierung, stand dieses graue, diffuse, unwirkliche
Licht. Ohne Kontraste, ohne Schatten. Es umspülte den schwarz-
grauen Basalt.

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Irgendwie drückte die Umgebung auf Anatolis Befinden. Ob Jon
ähnlich fühlte.? Voreinander würden sie sie wohl kaum zugeben,
diese unterschwellige Angst. Außer diesem dumpfen, urtümlichen,
unbestimmten Gefühl war da noch etwas sehr Reelles, das die negati-
ven Empfindungen noch verstärkte. Diese Bodenvibrationen, verbun-
den mit einem fernen Grollen, das sich keiner bestimmten Richtung
zuordnen Heß.
Ob ihre Vorgänger auch so empfunden hatten? Wahrscheinlich
waren sie unvorbelastet und nüchtern oder auch sorgloser an ihre
Aufgabe herangegangen. Oder wirkte dieser düstere Planet auf das
menschliche Gemüt? Sollten sie nun nicht vorsichtiger sein und
dieses Verschwinden als Vorwarnung betrachten? Bestand denn viel-
leicht noch eine andere Gefahr, außer diesen Steinkugeln? Wenn
aber, von wo drohte sie ihnen, wie sollten sie sich ihr stellen? Le-
ben, wie sie es kannten, existierte mit Sicherheit nicht, vielleicht
aber unbekannte Formen? Leben außerhalb der Eiweißstrukturen,
außerhalb der Kohlenstoffketten - kann es solch eine Art von Le-
ben praktisch überhaupt geben? Noch nie hatte man Beweise gefun-
den.
Als Anatoli seinen Lander verließ, winkte er zu Anatoli hinüber,
konzentrierte sich dann aber sofort noch auf seine Aufgabe. Selbst
wenn es wider Erwarten Bakterien oder andere primitive Lebensfor-
men gab, würde es doch unter all den Materialien sicher solche ge-
ben, die für eine wie auch immer geartete Lebensform nicht geeignet
wären, zum Beispiel bestimmte Plaste oder Elaste. Um wirklich jede
Spur von Menschen und ihrer Technik zu tilgen, bedarf es einer
komplexen, zielgerichteten Lebensform, Tiere wären dazu wohl
kaum in der Lage, wohl aber eine Quasiintelligenz. Vielleicht lebten
sie versteckt, unsichtbar. Steckte das Geheimnis etwa in den Steinen
selbst?
Halt, da war noch etwas Wesentliches, etwas, was sie bisher beide
außer acht gelassen hatten. Wie auch immer die Lander, der Booster,
die Menschen verschwunden waren, was war mit 4en beiden Go-
lems? Sie konnte nur ein Mensch besiegen. Andere Lebensformen
hatten da gar keine Chance. Ein Golem war das wehrhafteste techni-
sche Gerät, das Menschen je erdacht und konstruiert hatten. Bei Ge-
fahr für das Leben eines Menschen, den er zu schützen hatte, würde
er mit allen Mitteln dieses Leben bewahren. Sein Antimateriestrahl

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und die durch ihn verursachten Zerstörungen wären doch recht er-
heblich und wohl kaum zu übersehen gewesen. Den Fall aber, daß
ein Golem einen Menschen im Stich ließ, hatte es noch niemals ge-
geben. Auf diesem Planeten konnte kein Antimateriekampf stattge-
funden haben, die radioaktiven Zerfallsprodukte fehlten.
Wie also war ihre Situation? Die ihnen antrainierte Strategie des
logischen Ausschließens führte offenbar in eine Sackgasse. Was wäre
denn auszuschließen? Höchstens Dinge, die ohnehin schon offen la-
gen. Was gab es denn hier außer diesem schwarzgrauen Basalt in die-
ser trüben Lichtbrühe?
Anatolis Gedanken erhärteten allmählich den Verdacht, auf dem
falschen Planeten zu sein. Wie aber dann die Ähnlichkeiten der alten
Aufzeichnungen? Für ihn jedenfalls blieb es äußerst unwahrschein-
lich, daß hier zwei Erkunder mit all ihrer hochentwickelten Technik
verschwunden sein sollten. Oder beruhte alles nur auf einem Naviga-
tionsfehler ihrer Vorgänger? Dann aber waren sie vielleicht lichtjah-
reweit von hier entfernt verunglückt, oder sie kämpften ganz woan-
ders noch um ihr Leben, während sie hier sinnlos suchten. Doch
hatten sie denn eine andere Wahl, ehe sie nicht mit absoluter Sicher-
heit sagen konnten, alles menschenmögliche getan, einen Irrtum aus-
geschlossen zu haben?
Nun standen sie beide, Anatoli und Jon, auf diesem grauen, farb-
losen Planeten mit seiner hochgiftigen, zyanhaltigen Atmosphäre, in
ihren grellgelben Skaphandern. Vor ihnen die rotweißen Lander. Sie
bildeten die einzigen farbigen Punkte in dieser Einöde. Unsichtbar
hinter der dichten Wolkendecke umkreiste ihr Booster den Planeten,
ihre Brücke zum Leben.
Dieses Planetensystem befand sich ziemlich weit draußen im
Raum. Ein vorgeschobener Posten am Rande der Unendlichkeit,
schon außerhalb des Empfangsbereiches der Basis. Dieser Planet war
der vierte der Sonne Ra 2. Das gesamte System galt seit seiner Ent-
deckung vor fast vierzig Jahren als frei von irgendwelchen Lebensfor-
men. Und trotzdem war diese Region für die Bewohner der Erde von
Interesse, gab es doch viele seltene und edle Metalle, allerdings nicht
auf diesem Planeten.
Oft lösten die beiden Erkunder schon ähnliche Aufgaben, zwar
nicht zusammen, sondern mit einem anderen Partner. Ähnliches wie
hier hatten sie in den verschiedensten Nuancen schon erlebt. Dies-

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mal aber war es trotz gewisser Ähnlichkeiten ganz anders. Trug die
Schuld daran wirklich nur diese mystisch wirkende Welt?
Das Hochplateau wirkte ja noch relativ gastlich, gewiß, weil man
weite Flächen gut übersehen konnte. Innerhalb der spitzen Felsen-
gruppen würde es bestimmt wesentlich ungemütlicher werden. ^

„Alarm!"
Die Stimme des Computers im Skaphander dröhnte.
„Sofort in Deckung, sofort in Deckung, sich nähernde Gesteins-
trümmer."
Es blitzte auch schon grell aus den Landern. Anatoli stand an der
Treppe, sprang die Stufen hoch, in die Schleuse. Jon hatte noch fast
fünfzig Meter zu laufen, als es blitzte. Er rannte um sein Leben, warf
sich nach den letzten Metern mit Schwung unter seinen Lander, ge-
rade als der Steinhagel herunterprasselte. Die Lawine dauerte eine
knappe Minute, ehe die Stimme des Computers „Entwarnung" mel-
dete.
„Hallo, Jon, alles in Ordnung?"
„Bestens." Jon kroch unter dem Lander hervor, klopfte sich ab, trat
ein paar Steinbrocken mit seinen schweren Stiefeln beiseite.
„Schwein gehabt! Sieh mal bei dir nach, Anatoli, ich glaube, unsere
Lander haben Beulen bekommen."
„Ja, du hast recht, ganz winzige, aber immerhin ... Nicht gerade
eine freundliche Begrüßung. Wir dürfen uns dieser Gefahr nicht wei-
ter aussetzen. Wir brauchen einen ständigen Schutz. Wir werden die
Golems montieren müssen; die Gefahr, hier erschlagen zu werden,
ist einfach zu groß."
Aus dem Lander rollten später die schweren Kettenfahrzeuge mit
den Bauteilen der Golems. Sicherheitshalber dirigierten die Männer
die ganze Technik aus ihren Landern, durch die Panzerscheiben ge-
schützt. Das war auch gut so, es gab bald darauf noch einen Abschuß
mit all seinen Folgen.
Stunden später standen die beiden Golems zwischen ihren
Landern. Immer wieder ein imposanter Anblick, die beiden mächti-
gen, unförmig scheinenden, über sechs Meter hohen Schreitapparate
mit den hutartigen Abdeckungen über ihren Antennenplattfbrmen,
die ihnen im Halbdunkel ein menschenähnliches Aussehen verlie-
hen. -

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Die Golems hatten inzwischen gebohrt und die seismischen Spren-
gungen vorbereitet. Jon hatte die Ergebnisse der chemischen Boden-
analysen vorliegen und hielt sie Anatoli vor die Sichtscheibe.
„Fällt dir was auf?"
„Sicher, das Basaltgestein besteht wie auch auf der Erde, aus Plagio-
klas und Pyroxen, die Komponenten sind homogen verteilt, und
doch breiten sich die Bodenwellen überwiegend asymmetrisch aus.
Hm, vielleicht eine kristalline Anomalie - oder aber falsche Einga-
ben!"
„Wenn du Zweifel hast, Anatoli, werden wir alles wiederholen! Aber
was, wenn die Ergebnisse stimmen?"

Die Nacht kam wie überall in Bergregionen recht schnell. Sie hatten
es sich in einem der Lander bequem gemacht, wechselten ein paar
notwendige Worte und legten sich zur Ruhe. Von Vibrationen und
fernem Grollen gestört, hatten sie einen unruhigen Schlaf und fühl-
ten sich am Morgen wie gerädert. Nach obligater Tagesplanung
trennten sie sich, um jeweils die Planquadrate abzusuchen. Vorher
setzte Anatoli noch die Tagesnachricht zum Booster-ab. Sie warteten
auf die automatische Bestätigung und nahmen die Sitzplätze auf den
geschützten Auslegern ihrer Golems ein. Die auf zwei Beinen laufen-
den Roboter gingen die vorgeschriebenen fünfzig Meter weit ausein-
ander und inspizierten die wie eine bearbeitete Steinplatte wirkende
Hochebene. Eigentlich gab es dort nichts von Bedeutung. Das wirk-
lich geologisch Interessante lag kilometerweit entfernt, außerhalb des
Plateaus. Die Felsen in der Ferne, das wußten sie schon, erhoben
sich fünfzehntausend Meter und mehr vom Grund. Über Helmfunk
verabschiedeten sie sich, um sich entgegengesetzt zu entfernen.
Langsam erweiterten die Golems ihre Schrittlänge auf vier bis fünf
Meter und verfielen in einen leichten Trab. Die Weg-Zeit-Funktio-
nen vermaßen sie selbständig, die Männer gaben ihnen nur die
mündlichen Befehle dazu. Auf dem Plateau erreichten sie gute sieb-
zig Kilometer je Stunde, eine völlig ausreichende Geschwindigkeit,
um die Gegend noch gut übersehen zu können.

Jon war froh, endlich den mißtrauischen Blicken Anatolis entgangen


zu sein. Nach dreißig Minuten schnellen Laufens meldete sein Go-
lem, daß er unter den gegebenen Umständen die Grenze eines mögli-

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chen Funkkontaktes erreicht hatte. Recht früh zwar, aber Jon wußte,
warum. Er stoppte den Golem, um Anatoli zu rufen. Von Krachen,
Knistern und Pfeifgeräuschen überlagert, war das Gespräch kaum zu
verstehen. Anatoli mußte auf den Booster schalten, um über das Re-
lais im Orbit die Verständigung noch einmal zu verbessern. Minuten
später erreichte Jon den Rand des Plateaus, er meldete sich bei Ana-
toli. Erstaunlicherweise stimmte das, was sie jeweils sahen, überein.
Etwa achtzig Meter steil abfallender Basalt, gerade so, als wären die
Kanten mit Werkzeugen bearbeitet worden.
Warum ihnen das nur nicht aus der Höhe aufgefallen war? Doch
einerlei, sie konnten geradg noch ein paar Meßdaten austauschen, als
die Funkverbindung endgültig zusammenbrach. Jon befahl seinem
Golem umzudrehen. Wieder bemühte er sein Funkgerät. Knistern,
Rauschen - doch er hörte, Anatoli rief nach ihm.
„Hier Jon. Anatoli, was gibt es?"
„Schlimm, diese elektromagnetischen Störungen. Wir treffen uns

13

I
bei den Landern wieder, sagen wir in vierundzwanzig Stunden."
„Einverstanden, im Notfall haben wir noch die Raketen. Ende!"

Nun war Jon wirklich allein mit seinem Golem - vor sich den Ab-
grund. Sicher hätte er noch gleich den Abstieg beginnen können,
doch irgendein Gefühl hinderte ihn daran. Er befahl seinem Golem
stehenzubleiben und öffnete die kleine, unscheinbare Luke der Luft-
schleuse, die zu der winzigen Koje von zwei Metern mal zwei Metern
führte. Dieser Raum reichte aus, um sich seines Raumanzuges zu
entledigen, sich gemütlich zu setzen, etwas zu essen und sich hinzu-
legen, auszustrecken ... Wichtiger jedoch war die Sicherheit, die die-
ser kleine Raum einem Menschen bot.
Noch einmal ließ er das Tagesgeschehen an seinem geistigen Auge
vorüberziehen. Er machte das immer, auch wenn es nichts Aufregen-
des gegeben hatte. Unmerklich schlief er darüber ein, zum erstenmal
wieder ruhig. Die außergewöhnliche Situation, die er zum Teil selbst
heraufbeschworen hatte, gab ihm irgendwie Kraft, so seltsam das
auch erscheinen mochte. Er fühlte, jetzt endlich bekam er seine
Chance.

Der Weckton am Morgen schreckte ihn hoch, er war sofort hell-


wach und fragte nach Neuigkeiten, doch die Automatik schwieg sich
aus.
Die hiesige Sonne mußte bereits aufgegangen sein, denn auf dem
Monitor sah er dieses unwirkliche Leuchten über dem dunklen Ge-
stein.
Bedächtig zog er seinen Anzug an, kontrollierte den Werfer und
die Sauerstoffvorräte und stieg aus. Der Golem wurde aktiv und be-
gann mit den Bohrungen für die Anker zum Abseilen.
Jon trat dicht vor den Abgrund und schaute in das Halbdunkel der
Tiefe. Dieser Anatoli, ob der bisher mehr erreicht hatte als er? Ihn
kribbelte es wieder. Wenn er nur so könnte, wie er wollte.
Diese Zwangsunterbrechung war ihm nicht unlieb. Kurz vor der
Landung hatte er etwas gesehen, aber es für sich behalten. Er würde
Anatoli erst rufen, wenn er seine Entdeckung gemacht hatte.
Der Golem unterbrach seine Gedanken.
„Das Hochplateau ist wahrscheinlich nicht natürlichen Ursprun-
ges!"

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„Ich weiß", antwortete er wie abwesend ...
Sein Abstieg verlief problemlos. Unten angekommen, wartete er
mit seinem Strahler auf den Golem. Der Basalt war gar nicht so sehr
zerklüftet, wie es zuerst von oben ausgesehen hatte. Sein Golem je-
denfalls würde gut vorankommen.
Jon bestieg wieder den Ausleger seines Golems und ließ ihn in
Richtung der Berge voll ausschreiten. Einige Kilometer weiter be-
gann die Umgebung eintönig zu werden. Das Panorama wiederholte
sich ständig. Nach einem flachen Paß tauchte vor ihm wieder das
Felsplateau auf, wenigstens sah es so aus.
„Identisches Gebilde mit unterschiedlichen Lagekoordinaten",
plapperte der Roboter.
„Danke", brummte Jon. Er hatte schon manches erlebt, viele trost-
lose Landschaften gesehen, das hier überstieg in seiner Gleichförmig-
keit alles Bisherige. Nirgends gab es etwas, was als Anhaltspunkt
hätte herhalten können. Vor dem dritten Plateau fragte er, nun vor-
sichtiger geworden:
„Wieder ein neues Plateau?"
Der Golem bestätigte.
Obwohl sich Jon der Gleichförmigkeit sicher war, ließ er immer
wieder Bodenproben nehmen. Er hatte einen bestimmten Verdacht,
und so gab er schließlich Anweisungen für atomare Strukturanalysen.
Seine Vermutung bestätigte sich: neunundneunzig komma neun Pro-
zent reiner Basalt, ohne irgendwelche meßbaren Verunreinigungen.
Sollte die Natur so etwas fertigbringen? Er versuchte Anatoli zu er-
reichen, diesmal mit der intakten Antenne. Allerdings bekam er auch
damit keine Verbindung. Das wunderte ihn, Anatoli müßte sich doch
melden! Allmählich sorgte er sich. Was, wenn Anatoli nun wirklich
etwas zugestoßen wäre? Er ging vorerst weiter, ließ den Golem aus-
schreiten. Nach einer guten halben Stunde erschien ihm die Stimme
seines Golems so eigenartig trocken, als er zu ihm sagte:
„Weiterhin kein Funkkontakt!"
Zum erstenmal fluchte er auf diesem Planeten, doch es erleichterte
ihn nicht.

Anatoli hatte es weitaus schlechter getroffen, sein Golem steckte oft


fest. Mal klemmte es hier, mal dort, des öfteren mußte er Felszacken
wegbrennen. Es belastete ihn auf eine unerklärliche Weise - er geriet

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in einen inneren Spannungszustand, der ihn seine Umgebung immer
negativer erleben ließ. Er kannte so etwas sonst nicht von sich. Wü-
tend fluchte er über sein vermeintliches Mißgeschick. Besonders die
gestörte Funkverbindung zu Jon begann ihn zu ärgern. Was war nur
mit ihm? Geriet er in Panik? Als dann noch etwas geschah, was an-
scheinend im Widerspruch zu seinen Erfahrungen stand, gingen die
Nerven mit ihm durch, er setzte das Notsignal.
Jon bewegte sich noch immer zwischen den Plateaus, als sein Go-
lem ihn auf etwas aufmerksam machte ...
Ein schwaches Rot begann den sonst grauen Himmel zu färben,
und ging bald schon in ein grellflackerndes Leuchten über - es ge-
schah noch zweimal hintereinander ...
Das Notsignal! ,
Endlich geschieht etwas - nur gerade jetzt, es paßte Jon gar nicht
in den Kram. Konnte er es einfach ignorieren, jetzt, da er so dicht vor
seinem Ziel war? Wenn dem anderen nun etwas Ernsthaftes zu-
stieße? Wann würde er ein Notsignal setzen?
Was sollte er tun? Ihn fröstelte bei dem Gedanken, zu spät zu
kommen, schließlich hatte er so etwas schon einmal erlebt.
Er beeilte sich, schaltete den Golem auf Alarm, es bedeutete opti-
male Leistung im Rahmen noch vertretbarer Sicherheiten. Der Go-
lem steigerte auf fast hundert Kilometer je Stunde - in diesem Ge-
lände eine arge Tortur für Jon. Die Stoßdämpfer wurden überfordert
und schlugen oft hart durch. Doch was waren schon ein paar Beulen
und blaue Flecken, wenn es vielleicht um das Leben eines Menschen
ging?
Es verflossen mehrere Stunden, bis er das betreffende Plateau er-
reichte, beinahe genau an der Stelle, wo Anatoli seinen Abstieg be-
gonnen hatte, die Anker verrieten es. Und trotzdem wurde sein Su-
chen zur Sisyphusarbeit, die Basaltformationen bildeten zahlreiche
Pseudoechos. Eigentlich unverständlich bei dieser Reinheit. Im Au-
genblick aber maß er dem keine weitere Bedeutung zu. Bald schon
mußte er seine Geschwindigkeit drastisch verringern, die Felsen be-
hinderten ein schnelles Vorankommen, so als hätten sie sich gegen
ihn verschworen. Dem Echo nach war er schon ganz nah ...
Der Golem bremste scharf. Anatoli stand armwedelnd vor ihnen,
er war überaus aufgeregt.
Was Anatoli da berichtete, konnte Jon kaum glauben. Er folgte

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aber der Empfehlung, seinen Golem nicht einfach abzustellen, son-
dern ihn im Kreis laufen zu lassen. Sie gingen zu Fuß weiter. Ein
grotesker Anblick, der zurückgelassene, im Kreis laufende Golem
und die beiden über die Steine stolpernden grellgelben Kosmonau-
ten. Sie mußten mehr als zwei Kilometer laufen, bis Anatoli aufge-
regt nach vom zeigte, wo sein Golem laufend kleiner wurde. Beim
Näherkommen bemerkte Jon die Ursache, das letzte Viertel der Go-
lembeine versank im Gestein ...
„Warum benutzt er seinen Antimateriebrenner nicht?"
„Ich habe ihn ausgeschaltet, Jon!"
„Bist du des ..."
„Aber wenn du nur gesehen hättest, wie sich seine Beine auflösten!"
„Auflösten. Bist du sicher?"
„Ja, zersetzt, wie durch Verdauungsenzyme!"
„Verdauung bedeutet Leben, Anatoli!"
„Ja eben, genau das meine ich!"
„Lebende Steine, warum nicht mal was Neues, das jedenfalls hatten
wir noch nicht."
„Ja, witzle mal noch, Jon. Was wäre, wenn unsere Lander...?"
Jon schaute ihn verblüfft an.
„Das wäre nicht auszudenken, Anatoli!"
„Hast du die Fernbedienung?"
Ein häßlicher gelber Strahl zischte aus dem vorgebeugten Kopf des'
Golems und stach senkrecht in den Boden. Verdampfendes Gestein
hüllte ihn für Minuten ein. Krachend barsten Steine, und aus der
Wolke stieg der Golem ohne sichtbaren Schaden ...
„Jon, wie ist das nur möglich? Ich habe doch mit eigenen Augen
gesehen..." -
„Ja sicher, schon, daß er versank, aber nicht, daß sich seine Beine
auflösten!"
Anatoli schaute noch immer fassungslos auf den Golem.
„Ist schon gut - die Aufregung und der gestörte Funkkontakt", trö-
stete ihn Jon.
„Doch jetzt komm, wir sollten uns wirklich beeilen. Was ist eigent-
lich mit deinem Funkgerät?"
„Nichts, ich hatte es abgestellt, es war ohnehin nutzlos!"
Jon nickte, innerlich aber bezweifelte er Anatolis Notlage - alles
kam ihm wie gespielt vor. Vielleicht auch nur deshalb, weil er selbst
ganz anders reagiert hätte. Oder wollte ihn Anatoli nur auf die Probe
stellen?
Bei seinem im Kreis laufenden Golem gab es dann allerdings eine
weitere Merkwürdigkeit, die ihn an seinen eben gemachten Gedan-
ken doch wieder zweifeln ließen. Dort, wo der Roboter seinen Kreis
gelaufen war, hatte sich ein Trampelpfad von mindestens dreißig
Zentimeter Tiefe gebildet. Für solch kompaktes Basaltgestein doch
offenbar ein Widerspruch. Der Golem wog rund drei Tonnen, seinem
Gewicht nach durfte er niemals solch tiefe Abdrücke im Gestein hin-
terlassen.
Sie benutzten die Golems wieder in Alarmstellung. Zumindest
dort, wo es das Gelände zuließ, rasten sie mit Höchstgeschwindigkeit
ihrem Landeplatz entgegen. Doch die Raserei wurde ihnen fast zum
Verhängnis.
Anatoli spürte eine ungewöhnliche Erschütterung. Arbeitete das
Gleichgewichtszentrum des Golems nicht ordentlich? Dann ein

18
mächtiger Hieb, er fühlte sich fortgeschleudert, bersten, etwas
krachte, ein dumpfer Schmerz. Sein Aufschlag raubte ihm für Sekun-
den den Atem. Etwas Rotes sickerte über seine Augen. Blut! Seine
Stirn schmerzte, er wagte sich kaum zu rühren, probierte ganz lang-
sam seine Gliedmaßen, doch sie waren anscheinend noch alle intakt.
Sein Anzug? Auch der hatte gehalten ... Was war geschehen? Er
stützte sich,ab, versuchte hochzukommen. Da, fünfzig Meter zurück
bewegte sich der Golem am Boden wie eine Spinne, die versucht, mit
nur drei Beinen zu laufen. Der Vergleich war gut - tatsächlich fehlte
dem Golem ein Bein, es war gleich unter dem oberen Gelenk abge-
brochen. Anatoli hatte Glück im Unglück, das wurde ihm gleich be-
wußt, er hätte ja auch unter den stürzenden Golem geraten können.
Über Helmfunk rief er den Golem und befahl:
„Hinlegen und warten, ich komme!"
Anatoli erhob sich taumelnd, fast ohne Sicht, weil nun schon
beide Augen blutverklebt waren. Doch es half ja nichts, den Rauman-
zug konnte er erst im Golem ausziehen, in seiner kleinen Kabine,
hoffentlich war sie noch dicht.
Er schaffte es und hatte wieder Glück, konnte seinen Helm abneh-
men, auf der Stirn klaffte eine breite Platzwunde, aus der noch im-
mer Blut sickerte. Er wusch sich, behandelte seine Wunde und be-
trachtete seine Schwellungen, es würden sicher alles blaue Stellen
werden, doch das war kein Problem, er hatte oft schon schlimmer
ausgesehen. •
Die große Funkanlage, mit der er Jon erreichen konnte, schwieg.
Defekt? Ob Jon sein Fehlen bald bemerken würde? Wenn er ihn aber
allein ließe?
Unsinn! Wie konnte er nur so etwas denken. Jon wird schon kom-
men. Notfalls würde er die vielleicht sechzig Kilometer auch zu Fuß
schaffen.
Jon war längst aus Anatolis Sichtweite. Erst einige Kilometer wei-
ter entdeckte er, daß Anatoli fehlte. Erschrocken kehrte er wieder
um. Er mußte gründlich suchen, um nichts zu übersehen. So dauerte
es eine ganze Weile, bis er ihn fand. Glücklicherweise war ihm nichts
Ernsthaftes zugestoßen. Er lud Anatoli zu sich. Beengt und viel Jang-
samer ging es weiter.
Als sie nach Stunden den Standort der zurückgelassenen Lander
erreicht hatten, war da nichts mehr als kahler grauer Fels.

19
„Anatoli - sie sind weg!"
„Blödsinn, sicher sind wir an der falschen Stelle!"
„Nein, Anatoli, wir sind richtig, unsere Abweichung ist geringer als
zehn Meter!,Es besteht kein Zweifel, ich vermute ..."
„Eingesunken?"
„Ich befürchte es!"
Jon schaltete das Neutrinoradar ein, richtete es nach unten.
„Da, die Lander, direkt unter uns, ohne Hohlraum, völlig vom Ge-
stein eingeschlossen."
Jon überlegte nicht lange, und das war auch gut so, denn mit jeder
Minute sanken die Lander weiter ab. Er ließ den Golem mit seinem
Plasmabrenner schneiden. Tiefer und tiefer fraß sich der Strahl in
das Gestein. Bruchstück für Bruchstück zog der Golem aus dem
Schacht. In vier Meter Tiefe hatte er dann endlich einen Lander frei-
gelegt. Die anschließende Funktionsprobe war erfolgreich, auch der
nachfolgende Probestart. Schwierigkeiten sollten sich erst viel später
einstellen. Den anderen Lander mußten sie im Gestein zurücklassen,
die Energie hätte nicht mehr ausgereicht, ihn zu holen.
. Ihre Situation war schon irgendwie merkwürdig. Obwohl sie sich
in keiner unmittelbaren Gefahr befanden, fühlten sie sich doch de-
primiert. Beide natürlich aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Anatolis Prellungen schmerzten, und er schämte sich vor Jon,
denn den eingesunkenen Golem hätte er auch selbst befreien kön-
nen. Ihm wären der Sturz und der nun defekte Golem erspart geblie-
ben.
Auch Jon gingen mehrere Gedanken durch den Sinn. Wieso war
Anatolis Golem eingesunken, warum brach ein Bein. Wie war es
möglich, daß diese superfeste Sonderlegierung überhaupt brechen
konnte? Warum verursachte sein eigener, im Kreis gelaufener Golem
einen Trampelpfad? Fragen, auf die er keine Antwort wußte. So ganz
zu'Unrecht hatte Anatoli wohl doch den Notruf nicht abgesetzt.
Ihm kam ein Gedanke, er bediente den Computer des Landers, gab
die Werte ein. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Das Golem-
bein brach, weil sich das Materialgefüge verändert hatte, ganz sicher
auch beim Lander. Offenbar mußte beim Aufenthalt im Gestein et-
was geschehen sein. Aber war das nicht zu weit hergeholt? Ihm war
klar, was das bedeuten würde. Angst kam in ihm auf. ,Und jetzt, was
sollte er nur tun? Er könnte Anatoli täuschen, könnte ihm sagen, daß

20
er-zum Booster müsse, unter irgendeinem Vorwand, um doch noch
schnell zu der vermeintlichen Fundstelle-zu kommen. Aber sollte er
das wirklich, lohnte das denn? Sollte er sie beide in weitere Gefahren
verstricken? Nein, Anatoli sollte nichts davon merken, nicht die
ganze Kcfhsequenz begreifen. Er sagte zu ihm nur, gespielt gelassen:
„Das Material wird gepreßt worden sein."
Doch Anatoli setzte sich nun selbst an den Computer, gab schnell
die Werte ein. Als er sich nach einigen Minuten umdrehte, wirkte er
bleich und eingefallen.
„Aus! Wir sind am Ende, die Festigkeit beträgt nur noch null
Komma drei vom Ausgangswert. Wir können mit den Landern im ge-
koppelten Zustand nicht einmal mehr ein Viertel der Lichtgeschwin-
digkeit erreichen. Das bedeutet, daß wir die Basis und damit unser
Linienraumschiff nicht mehr rechtzeitig erreichen!"
Es traf ihn schwer. Seine Pläne mit Lina ... Würde sie noch Jahre
auf ihn warten? Wer hätte auch ahnen können, daß dieser letzte Auf-
trag so enden würde?
„Noch ist nichts verloren, Anatoli", tröstete ihn Jon, „schlimmsten-
falls sind wir für Jahre auf den Basisstützpunkt A 3 fixiert!"
Anatoli nickte traurig, A 3, ja, da gab es auch Menschen... Aber er
würde warten müssen auf den nächsten Linienkreuzer, fast fünf
Jahre ...
Jon schimpfte mit sich, weil Anatoli es nun doch selbst gemerkt
hatte, aber er wußte mehr - es gab da noch eine weitere Möglichkeit.
Er war sich fast sicher, einer von ihnen könnte rechtzeitig zurückkeh-
ren, aber wirklich nur einer. Nur er selbst könnte es nicht sein - kei-
ner würde ihm sonst noch etwas glauben, wenn er ein zweites Mal al-
lein zurückkäme. Man würde ihn wieder überschütten mit Mißtrauen
und Verdächtigungen, die ihn wieder Tag und Nacht verfolgten, sein
ganzes Wesen überschütteten - alles begänne von vorn. Nein, so
nicht! Diesmal würde er es schaffen. Er würde beweisen, daß auch
ein Mann allein auf einem solchen Planeten überdauern könnte,
wenn nötig, auch für Jahre. Und wenn er den Beweis nur vor sich
selbst antreten müßte. Sein Partner Rex damals hätte nicht sterben
müssen, hätte er nur weiter versucht, sich selbst aus seiner Lage zu
befreien, statt weiterzuforschen und abzuwarten, bis es für jede an-
dere Hilfe zu spät war!
Anatoli hatte sich inzwischen etwas von seinem Schrecken erholt

21
und begann nüchterner zu denken. Er ertappte sich dabei, daß er Jon
wieder beobachtete. Nicht absichtlich, nein, rein zufällig, es ergab
sich so. Die Ruhe von Jon verwirrte ihn irgendwie. Er selbst jeden-
falls hatte Angst, und er machte kein Hehl daraus. Oder sollte sich
dieser Jon nur so gut verstellen können? Unsinn, alles Unsinn! Geriet
er etwa in Panik? Was sollten diese Grübeleien um Jon? Der erfüllte
doch seine Aufgabe, genau wie er selbst. Auf Gerede hatte er doch
sonst nie etwas gegeben. Langsam gewann er die Gewalt über sich zu-
rück.
Seltsam, was es wohl gewesen sein mochte, das ihn so aus der Fas-
sung brachte. Sollte es nur an diesem beständigen Grau liegen? Er
zwang sich, Jon nur noch nach seinem Verhalten ihm gegenüber zu
beurteilen. Wäre denn ein Mensch überhaupt in der Lage, seinen in
Not geratenen Partner absichtlich im Stich zu lassen? Es sei denn, ei-
ner wäre psychisch krank ...

Jon hatte einen Plan. Er mußte Schicksal spielen, auch auf die Ge-
fahr hin, sein Leben zu riskieren. Das wichtigste war, Anatoli zu
überzeugen, daß sie beide noch rechtzeitig zurückkehren könnten.
Anatoli konnte den Booster unmöglich so genau kennen wie er,
schließlich hatte er, Jon, vor Jahren schon an seiner Konstruktion
mitgearbeitet. Er wußte, daß der Flug zur Basis nur einem Menschen
gelingen konnte, der sehr geringe Platz schloß jede andere Möglich-
keit aus. Selbst für eine Person bliebe es dennoch eine Tortur, so ein-
gezwängt zwischen all den Aggregaten.
Nach langer, schwieriger Überzeugungsarbeit-von Jon entschloß
sich Anatoli endlich für die von Jon propagierte Möglichkeit, zu
zweit mit dem Booster zu fliegen. Sie einigten sich, daß Jon die nöti-
gen Vorbereitungen im Orbit zu treffen hatte und Anatoli auf dem
Planeten alles in Ordnung bringen sollte, einschließlich des Sam-
meins von weiteren Meßdaten und der eventuellen Reparatur des be-
schädigten Golems. Zusammen installierten sie noch zusätzliche
Notraketen, für alle Fälle.
Jon bestieg den Lander, um sich in die Orbitale des Planeten zu
schwingen. Ihn erwartete Schwerstarbeit, aber er hatte völlig freie
Hand. Aus Ersatzteilen baute er ein komplettes Steuerpult in den
Booster ein und speicherte alle kritischen Flugphasen. Er teilte die
Vorräte' nach Bedarf und Notwendigkeit. In vier Tagen war er fertig.

22
Anatoli wartete schon ungeduldig, als Jon wieder auf grauem Ba-
salt landete. Es hatte merkwürdigerweise keine weiteren Zwischen-
fälle gegeben. Weder die Golems noch die aufgestellten Geräte waren
auch nur Millimeter eingesunken. Das Gestein verhielt sich so, wie
man es normalerweise von Basalt zu erwarten hatte. Selbst die Bo-
denvibrationen und das ferne Grollen hatten sich merklich abge-
schwächt. Anatoli hatte sogar den zweiten Golem reparieren können
und die meisten der geplanten Meßreihen realisiert. Er war offenbar
wieder ganz der alte.
Zusammen bestiegen sie den Lander. Jon gab vor, ihm die neuen
Errungenschaften zu zeigen ...
Im Orbit war fast alles fertig, geplant und programmiert, geprüft
und repariert. Anatoli war begeistert, besonders als er die beiden
Sitzplätze im Booster sah, geriet er in Hochstimmung wie ein Kind
zu Weihnachten. Was er nicht wußte, war die Tatsache, daß der
zweite Sitzplatz nur eine Attrappe war, an deren Stelle noch wichtige
Apparate aufgestellt werden mußten. Jons Plan gelangte nun in seine
kritische Phase. Zusammen mit Anatoli transportierte er die letzten
mannsgroßen Geräte vom Lander zum Booster, natürlich nur bis zur
Schleuse, sonst wäre sein „Betrug" sicher aufgefallen. Mit der Be-
gründung, daß er die nun nutzlose Landefähre versiegeln wolle,
schwamm Jon noch einmal die zweihundert Meter durch den
Raum ...
Das Aufblitzen der Triebwerke des Landers erreichte Anatoli ge-
rade, als ihn eine Ahnung durchzuckte. Vielleicht aber war es auch
umgekehrt? Doch was änderte das schon. Schnell schloß Anatoli die
Schleusentür, zwängte sich zwischen die Aggregate - sollte er den
Booster landen? Das grelle Leuchten der Taste für wichtige Aufzeich-
nungen stach ihm in die Augen. Er drückte sie ...
„Anatoli, ich mußte so handeln! Wir hätten zusammen niemals
eine echte Chance. Du wirst allein zurückfliegen, deine Lina erwartet
dich. Was sind für mich schon ein paar Jahre mehr oder weniger. Au-
ßerdem ist unsere Aufgabe hier noch nicht erfüllt, ich werde hier al-
les tun, um sie zu Ende zu führen. Versuche bitte nichts zu ändern,
mein Entschluß ist endgültig und steht lange schon fest. Du ahnst
nicht, wie belastend das sein kann. Um mich mache dir keine Sor-
gen, ich schaffe es schon. Der Booster ist startbereit, deine Reise pro-
grammiert, ich habe eine optimale Variante berechnet!"

23
Es folgten genaue technische Angaben. Jon hatte wirklich an alles
gedacht. Seine Aufzeichnungen endeten mit dem Satz:
„Grüß mir die Erde, die Basis und Lina ..."

Es waren noch drei Stunden bis zum Automatenstart. Bis dahin hatte
Anatoli die vorgeschriebenen Checks durchzuführen und noch ein
paar Geräte anzuschließen. Jon hatte wirklich ganze Arbeit geleistet.
Das eigenartige aber war, er verstand Jon sogar. Es schnürte ihm die
Kehle zu, als er an Jons Schicksal auf dem Planeten dachte.

Als Jon auf dem Rückflug vom Booster die Wolkendecke durchsto-
ßen hatte, seinem Felsplateau entgegensteuerte, hoffte und wünschte
er nichts mehr, als daß Anatoli sein Angebot annehmen würde und
er nicht etwa versuchte, mit dem Booster zu landen, denn dann wäre
all seine Mühe umsonst gewesen. Ihn durchzuckte ein anderer Ge-
danke: Vielleicht haben gerade ihre Vorgänger diesen Fehler ge-
macht? Es wäre zumindest eine Erklärung für das Verschwinden des
Boosters aus der Umlaufbahn.
Jon richtete seinen Radar auf die dichte Wolkendecke. Ja, dort
oben mußte der Booster sein, die Silhouette zeichnete sich bald klar
im Radar ab. Die Zeit lief, nur noch ein paar Minuten, dann würde
die Automatik die Triebwerke zünden ...
Jon wartete, jede Minute dehnte sich zur Ewigkeit. Doch dann:
pünktliche Zündung. Anatoli war also bereit, die Hand, die er ihm
gereicht hatte, zu ergreifen.
Jon hatte alles, was er brauchte, auf dem Planeten. Verpflegung,
Sauerstoff, selbst die Brennstoffvorräte des Reaktors würden für
Jahre reichen, wenn es keine Pannen geben würde. Welche Überra-
schungen aber hielt der Planet noch für ihn bereit? Was wäre, wenn
plötzlich seine Aggregate angegriffen würden? Wie sollte er dann mit
der eingeplanten Energie seine Technik und sich selbst verteidigen?
Die Nacht verbrachte er im Lander, die beiden Golems hielten
Wache. Er hatte ihre Programme so geändert, daß sie sofort Alarm
geben würden, wenn sich auch nur das Geringste veränderte. Doch
nichts in der Art geschah, noch nicht. In den nächsten Tagen führte
er alle Messungen in Sichtweite des Landers aus, immer in Erwar-
tung etwas Unvorhersehbaren. Nichts, nicht einmal eine fliegende
Steinkugel, wurde mehr registriert. Auch das Grollen und die Boden-

24
Vibrationen hatten sich weiter abgeschwächt. Lediglich die empfind-
lichen Seismometer zeichneten noch etwas auf, wobei die Epizentren
weit ab von seinem Aufenthaltsort lagen.
Doch dann, in einer der folgenden Nächte, gab es Alarm, sein
Seismometer führte wahre Tänze auf. Jon sprang auf, hastete zum
Tiefenradar. Unter ihm, Dutzende Meter tief, genau dort, wo damals
die Lander versunken waren, tat sich etwas. Er ließ die Golems das
Gelände beleuchten, zog seinen Skaphander über und eilte auf den
lichtüberfluteten Platz. Von überall wogte und toste es. Krachend
barsten Steine, millimeterweise rückten Bruchkanten auseinander,
Splitter flogen ...
Was da vor seinen Augen ablief, erschien ihm grotesk und un-
glaubwürdig, mehr wie ein Traumerlebnis. Nicht objektiv gefährlich
oder angsteinflößend - nur eben nicht mit den menschlichen Erfah-
rungen vereinbar. Obwohl Jon außer den aufbrechenden Steinen
nichts weiter sehen konnte, hatte er so eine Ahnung. Langsam öff-
nete sich ein Krater, in dessen Mitte sich der vermißte Lander her-
vorhob, einen Moment verharrte, so als würde er schweben, während
sich der Basalt unter ihm zu schließen begann. Kristalline Vernet-
zungen überzogen den Schauplatz des Geschehens. Minuten nur,
und der Spuk war vorbei.
Er stand da wie angewurzelt, es dauerte eine Weile, bis er sich wie-
der richtig zurechtfand.
„Golem, erbitte Analyse!"
Einer der Golems stapfte dem Lander entgegen und betastete ihn
mit seinen Mikrosensoren. Er erstattete Meldung:
„Lander zwei entspricht dem Normalaufbau - keine Differenzen,
getreues Abbild in verkieselter Gestalt!"
Diese Bemerkung des Golems durchzuckte ihn wie ein elektrischer
Schlag, sie rührte ihn bis ins Innerste. Wieso das? Warum tauchte
der Lander wieder auf? Wollte sich jemand über ihn lustig machen?
Die Ereignisse um das-Auftauchen des Landers gingen ihm nicht
mehr aus dem Sinn. Sollte es wirklich nur eine Zufälligkeit sein, eine
Laune der unbelebten Natur? Oder doch eine bewußt gesteuerte De-
monstration von Macht? Steckte vielleicht eine Intelligenz hinter al-
lem?
Am nächsten Tag unternahm er mehrere kurze Rundflüge, jedoch
ohne den geringsten Anhaltspunkt für seinen Verdacht zu finden.

26
Außer weiteren, ähnlichen Plateaus und den immer wiederkehrenden
grauen Felsenketten entdeckte er nichts. Als er auf der Suche nach
einem vermuteten Epizentrum auf einem weiter entfernten Plateau
landete, stellte er dann doch einen Unterschied fest. Das Grollen und
die Bodenschwingungen waren hier um ein vielfaches heftiger. Sogar
fliegende Steinkugeln tauchten wieder auf. Sie flogen zwar minde-
stens fünfzig Kilometer nördlich, aber immerhin ... -
Nachdenklich geworden, flog er zurück. Auf seinem Plateau hatte
sich nicht das geringste verändert. Er stieg aus, fühlte sich aber so-
gleich irgendwie beklommen, er spürte, daß etwas geschehen würde.
Diese eigenartige Stille ging ihm auf die Nerven. Wie vor einem stär-
ken Gewitter auf der Erde. Beunruhigt stieg er noch einmal in seinen
Lander und flog diesmal über hundert Kilometer weit nach Norden,
dorthin, wo die meisten Steinkugeln auftraten. Er mußte die Gefahr
auf sich nehmen.
Auf einem einzeln stehenden Plateau bemerkte er einen Felsen,
einer aufgeklappten Apfelblüte nicht unähnlich, nur eben grau und
groß. Zu seiner Überraschung konnte er zum erstenmal solch ein Ge-
bilde aus der Nähe betrachten, ohne daß Steinkugeln seinen Weg ge-
kreuzt hätten. Er umflog es mehrmals und setzte zur Landung an.
Als er ausstieg, war die seismische Aktivität erheblich. Ein besonders
heftiger Stoß riß ihn fast um. Als Epizentrum bezeichnete seine An-
zugautomatik gerade jene Steinblume dort vor ihm.
Er blieb stehen, wagte sich nicht weiter vor. Wieder dieses merk-
würdige Phänomen. Große Mengen von Stein rückten im Zentrum
der Blume auseinander, gaben langsam eine runde Öffnung frei, wie
eine altertümliche Kommode.
Jon zögerte, der Boden wankte ... Er wich zurück. Ein heftiger
Stoß, er stürzte, rappelte sich auf und rannte auf schwankendem
Grund die letzten fünfzig Meter bis zum Lander, hastete die kleine
Rampe herauf, eilte zum Kommandopult, stellte sich vor die Sicht-
scheibe aus Panzerglas. Draußen trat Ruhe ein, aber nur scheinbar.
Da geschah es auch schon. Ein trockener Knall, da schoß eine jener
tonnenschweren Steinkugeln mit hoher Geschwindigkeit aus der
Blume. Donnergrollen, die Apparate und Armaturen klirrten ...
Der automatische Alarmstart riß seinen Lander auf Höhe und ihn
unsanft in die Polster. Auf seinen Anzeigen las er ab:
„Überschallgeschwindigkeit für das unbekannte Objekt."

27
Das war der Grund für das ferne gewitterartige Grollen auf diesem
Planeten. Sein Leichtsinn hätte ihm fast das Leben gekostet.
Seitlich versetzt, hoch über dem Ort des Geschehens, schwebte er in
seinem Lander - gerade in diesem Augenblick konnte er den Anflug
einer Steinkugel beobachten, sie schlug direkt neben seinem vorheri-
gen Standort ein. Explosionsartig bildete sich ein recht ansehnlicher
Krater, dessen nähere Umgebung sich schwarz zu verfärben begann.
Seinen Lander trafen heftige Druckwellen. Unten begann ein giftgrü-
ner Nebel über die Kraterböschung zu fließen und verteilte sich weit
über das Gelände. Kochend und brodelnd schien das ganze Plateau
in sich zusammenzusacken. „Unbekannte organische Säure", melde-
ten die Anzeigen. In ihm wuchs eine vage Ahnung. Konnten das hier
nicht Kämpfe sein, kriegerische Auseinandersetzungen, in die er zu-
fällig hineingeraten war, die mit seiner Gegenwart überhaupt nichts
zu tun hatten? Die Geschichte der Erde kannte viele Beispiele ...
Wenn ja, wer aber waren die Kontrahenten? Die Waffen hatte er ja
nun kennengelernt. Oder handelte es sich gar um programmgesteu-
erte Automaten, die hier in irgendeinem Auftrag einen sinnlos ge-
wordenen Kampf führten? Sie hatten vielleicht schon längst ihr Ziel
erreicht und alles Leben vernichtet... Wenn es so wäre, sollte man
nicht die selbständig -gewordenen Waffen vernichten? Doch wem
schadeten sie hier? Ihn selbst schützten Automaten, und andere Le-
bewesen existierten offenbar nicht.
Jon flog weiter, die großen Steinblumen sah er immer häufiger.
Die fliegenden Steinkugeln allerdings auch. Langsam zog er sein
• Fluggerät höher ... Er spürte mit einem Male ein unbezähmbares
Verlangen, die Sonne zu sehen, auch wenn sie ihm fremd sein würde.
Nur einmal heraus aus diesem Grau ...
In flachem Winkel stieß er in die undurchsichtige Wolkendecke.
Minuten verstrichen, ehe es heller wurde und schließlich gleißendes
Licht hervorbrach. Geblendet schloß er seine Augen und drückte den
Lander in eine weite Kurve, die den Feuerball hinter ihm verschwin-
den ließ. Die bläulichweißen Strahlen beleuchteten die wabernde
Wolkendecke. An einigen weit in den Raum herausragenden Zipfeln
brach sich das Licht in den Farben des Regenbogens - und das vor
der Schwärze des Weltraumes mit seinen zahlreichen Lichtpunkten.
Das Band der Milchstraße, ein paar Planeten des Systems und die

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noch aus der Antike der Menschheit stammenden Namen der Stern-
bilder fielen ihm ein ...
Eigenartig, daß dieses Sammelsurium von nachtschwarzem Welt-
raum, greller Sonne und dieser buntschillernden Wolkendecke ihn so
erheiterte. Er genoß das farbige Schauspiel. Einer plötzlichen Laune
folgend, schaltete er an seinem Panoramaempfänger und hatte unge-
wollten Erfolg. Die Basis suchte. Doch nein, es war eine Information
für den herannahenden Anatoli.
Wenn es anfangs auch nur so eine Laune war, die Atmosphäre zu
verlassen, so war Jon jetzt in einer selten erlebten Hochstimmung.
Mit dem Eintauchen in die graue Wolkendecke überkamen ihn wie-
der erste düstere Gedanken. Seine Euphorie konnte sehr, sehr schnell
in eine Depression umschlagen, dessen war er sich wohl bewußt,
schließlich war er nicht zu irgendeinem Ausflug hier, um sich an Na-
turschönheiten zu erfreuen, nein, er war, wie man es auch sehen
wollte, ein Gefangener! Als er seinem Plateau näher kam, glaubte er
seinen Augen nicht zu trauen. Hatte er Besuch?
Wie Wachsoldaten umschritten seine zwei Golems den Ort. Beim
Näherkommen erkannte er die Technik der Geräte, es war der fast
tausend Meter lange Booster, zwei Lander und zwei Golems. Alles,
was da lag, war jedoch nicht metallen, es handelte sich um Fossilien
ihrer Vorgängertechnik. Also doch, er hatte sie gefunden, obwohl das
nun sicher nicht sein Verdienst war. Wessen dann? Wo waren die
beiden Kosmonauten? Vor zwei Jahren waren sie hier gelandet, um
diesen Planeten gründlich zu untersuchen, zu kartographieren, es
war ein reiner Routineauftrag. Doch der Booster, wieso wurde er nur
gelandet? Es widersprach eindeutig den Bestimmungen.
Jon landete, bereitete sich zum Aussteigen vor. Er war irgendwie
verwirrt. Keines klaren Gedankens fähig, kramte er in seiner Werk-
zeugkiste, ergriff einen Hammer und trat hinaus, lief die paar Meter
hinüber. Sein Herz pochte wild, er faßte das Werkzeug fester, mußte
sich überwinden und zerschlug die Undurchsichtige, verkieselte ehe-
malige Sichtscheibe des Landers. Er schloß die Augen vor dem, was
er zu sehen bekam ...
Grauen, Haß und Wut vermischten sich zu einem Fluch. Jo"h be-
nötigte mehrere Minuten, um sich soweit zu beruhigen, damit er
überhaupt hinsehen konnte.
Da drinnen saßen die beiden verschollenen Erkunder in ihren

29
Raumanzügen, mit abgenommenen Helmen - zu Stein gewordene
Menschen. Obwohl er sie nur auf Bildschirmfotos gesehen hatte, er-
kannte er ihre Gesichter sofort, selbst die Details stimmten.
Taumelnd und wankend stolperte er zurück zu seinem Lander, er
riß sich den Raumanzug herunter und ließ sich in die Polster fallen.
Sollte auch er so enden?
Er lenkte die Außenkamera so, daß er die Roboter, den Booster
und die verkieselten Lander im Sichtbereich hatte. Immer wieder
mußte er sich zwingen hinzuschauen, bis es aus ihm herausbrach:
seine ganze Wut, all die Enttäuschung. Er schlug mit aller Kraft auf
sein Kommandopult, immer wieder, seine Hände bluteten, er heulte,
schluchzte, schrie. Als er dann langsam ruhiger wurde, apathisch, be-
sah er seine Hände wie etwas Fremdes, das gar nicht mehr zu ihm ge-
hörte, er schlief ein wie ein Kind, das sich ausgetobt hatte.
In der folgenden Nacht dann sah er furchtbare Steinungetüme mit
stechenden rubinfarbenen Augen. Er ließ die Golems schießen,
schießen, schießen - immer und immer wieder auf Steinmonster,
Spinnen, Kraken, Saurier. Überall formten sich diese Steinblumen
und gebaren noch schrecklichere Kreaturen. Sie zerschmetterten sich
gegenseitig, griffen auch ihn an. Es tobten erbitterte Kämpfe, der
ganze Planet schien in Aufruhr geraten zu sein. Der Boden wankte,
es splitterte, krachte ...
Jon fand keine Ruhe mehr. Warum nur befolgten die Golems auf
einmal nicht mehr seine Befehle? Immer wieder mußte er neue prä-
zise Zielangaben machen. Oft weigerten sie sich und versuchten so-
gar, ihn zu behindern. Immer öfter mußte er ihnen Redeverbot ertei-
len. Essen und trinken konnte er nur noch flüchtig, überall im
Lander war Unordnung. Er fand keine ruhige Minute mehr, däm-
merte in den Ruhepausen nur so dahin. Tage oder Wochen dauerten
diese Kämpfe. Jon hatte jedes Zeitgefühl verloren. Die Energievor-
räte der Golems und- auch die des Landers näherten sich ihrem
Ende ...

Als Anatoli an der Basis A 3 anlegte, wurde er wie ein Held gefeiert.
Er mußte zwar ärztlich behandelt werden, weil seine Muskulatur
rückgebildet und einige Wirbel gestaucht waren, doch war er außer
jeder Gefahr.
Auf der Basis herrschte Spannung und Erstaunen, als Anatoli über

30
Jon berichtete. Besonders bei denjenigen, die Jon seit seinem „Un-
fall" mißtrauten.
Der Kapitän des Linienkreuzers hatte die oberste Raumbehörde
befragt und bekam die Erlaubnis, zu warten, bis sie auch Jon geholt
hätten.

Die drei Rettungsbooster kamen dem Basaltplaneten nahe, sie


schwenkten in seine Orbitale. Sechs Lander bewegten sich durch die
Wolkenwatte des Planeten - das Plateau fanden sie schon bald ...
Zwei Lander waren das einzig Intakte in einer wüsten, verbrann-
ten, zerschmolzenen, radioaktiv "verseuchten Kraterlandschaft. Die
Golems lagen zerstört zwischen tonnenschweren Gesteinsbrocken.
Die sechs Männer mußten ziemlich weit entfernt landen, um dann in
schweren Schutzanzügen das Gelände zu betreten.
Nach Stunden erreichten sie erst die Lander - einer war leer, ver-
kieselt. Als sie den anderen betraten, fanden sie ein entsetzliches

31
Chaos, einen spindeldürren, übernächtigten, ausgehungerten Men-
schen mit tiefliegenden, blutunterlaufenen Augen, zwischen Exkre-
menten und Essensresten, der etwas von Angriff und versteinerten
Menschen faselte ... Es war wirklich Jon, an der Grenze zwischen Le-
ben und Tod, ein Bündel Mensch mit verwirrten Sinnen - ein
Jemand, der nicht mehr zu unterscheiden vermochte zwischen Wahn
und Wirklichkeit.
Später stellte sich heraus, daß Jon wirklich eine Lebensform auf
Silikatbasis gefunden hatte. Danach aber mußte eine Veränderung
mit ihm vorgegangen sein -: er begann Dinge zu bekämpfen, die nur
in seiner übersteigerten Phantasie existierten. War er vielleicht von
den Silikaten beeinflußt worden, oder hatte er die Entdeckung der
verschollenen Expedition einfach nicht verkraftet? Die letzten Ge-
heimnisse würde eine nächste Expedition zu lösen haben ...

#
EINSTIEG
Geschichten neuer Autoren
224 Seiten • Ganzleinen 7,80 M

Welche Einstiege finden sich für Leute zwischen 25


und 45: Wie sieht ihr Alltag aus, was macht Mut, und
was macht angst, welchen Verlust gibt es und wel-
chen Gewinn, wo wollte man hin, und wo ist man
jetzt? ... Einstiege - Vater werden, eine Leitungs-
funktion übernehmen, eine ganz neue Arbeit begin-
nen, eine sinnlos scheinende Ehe aufgeben ... Kon-
flikte im Erwachsenwerden, schwierige Beziehungen
zwischen Eltern und Kindern ... Hohe Ansprüche an
die Ausprägung der eigenen Persönlichkeit wie auch
an den Partner ..., die Schwierigkeit, miteinander
darüber zu sprechen ... Wege von Menschen der
gleichen Generation, die ähnlich begannen und jetzt
unterschiedliche Lebensformen anstreben ..., sind
Themen der dreiundzwanzig Geschichten von zwei-
undzwanzig Autoren.

Berliner Zeitung

Verlag Neues Leben Berlin

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