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Achim Felz

Denkmale -
von uns bewahrt
Mit 86 Fotos
Mit Zeichnungen von Karl-Heinz Döring
272 Seiten • Pappband • 11,20 M

Aus Liebe zum Denkmal


Auf Zukunft programmiert
Zwischen Altar und Antenne
Im Dschungel der Gefahren
Aus der Werkstatt der Denkmalpfleger

Der Autor macht mit der Sprache der Denkmale vertraut,


die „Geschichte zum Anfassen" sind, und hilft, sie richtig zu
sehen, wobei er oft Anekdotisches einflicht. Er vermittelt die
historische Aussage und die künstlerische Wirkung der
Denkmale und informiert über die komplizierten Aufgaben
bei ihrer Erhaltung, Konservierung, der Instandsetzung und
Restaurierung.

Verlag Neues Leben Berlin

3-355-00762-5 32 706
t

Otto Werner Förster


Die kleinen
grünen Männer
Eine phantastische Geschichte

Verlag Neues Leben Berlin


Mit Illustrationen von Günther Lück

ISBN 3-355-00762-5

© Verlag Neues Leben, Berlin 1988


Lizenz Nr. 303 (305/118/88)
LSV7S03
Umschlag: Günther Lück
Typografie: Walter Leipold
Schrift: 9p Timeless
Gesamtherstellung: (140) Druckerei Neues Deutschland, Berlin
Bestell-Nr. 644 518 7
00025
Grün, sagst du, waren sie?
Grün.
Und klein?
Ziemlich klein. »
Und wahrscheinlich hatten sie Tentakel am Kopf und einen Trompeten-
rüssel ...? Sam grinste, stützte seinen wirren schwarzen Vollbart, den Ober-
körper halb über den Tisch geworfen, in die rechte Hand und sah mich väter-
lich an.
Ja, hatten sie, aber sie können nicht so unverschämt das Maul aufreißen,
wenn sie sich über andere Leute lustig machen! Ich schlug mit der Faust auf
den Tisch, daß Sams elektronisches Bastelzeug einen Moment lang über
dem Tisch schwebte, warf beim Aufstehen den Hocker um und knallte kurz
darauf die Tür hinter mir zu.
Die Holztreppe nahm ich in zwei Sprüngen, wobei ich fast über Sams häß-
liche bunte Katze gestürzt wäre, warf mich in den Lieferwagen, startete und
fuhr los. Wohin ich eigentlich wollte, war mir nicht klar. Erst einmal fort.
Meinen Ärger abreagieren. Zu Mary in die Bar bestimmt nicht. Sie hätte wie-
der dies und jenes an mir gefunden, die Sicherheitsnadel zum Beispiel, die
ein Stückchen Naht meiner bequemen alten Jacke völlig unsichtbar und
praktisch zusammenhielt, und sie hätte mich nicht eher wieder in die Welt
entlassen, bis das in Ordnung gebracht worden war.
Ich fuhr also raus aus unsefm Nest, mich links haltend, und hätte beinahe
einen Funkmeßwagen gerammt, der sich mit langsam drehender Antenne
durch den Ort schob. Was machte der hier? Von uns konnten die nichts wol-
len, unsere Lizenzen waren in Ordnung. Irgendein schwarzfunkender Ama-
teur sicher, dem man auf der Spur war.
Schnittig bog ich ab auf die Landstraße in Richtung Küste und drehte auf.
Hinter mir eyie imposante Staubwolke, die Baumwollfelder zu beiden Seiten
wurden zu grünlichen Bändern. Mit steigender Geschwindigkeit verflog mein
Ärger. Vorn tauchte die Abzweigung zum Camp auf. Das alte Institutsschild
mit dem Pfeil stand immer noch. In einiger Entfernung dahinter hellorange-
farbene Flecken am Straßenrand, verwischt von der flimmernden Luft über
der Straßendecke. Hallo, sagte ich mir, dort wird doch nicht...
Da war ich schon ran. Ich hörte nur die Bremsen kreischen, wurde an die
Tür gedrückt, hielt aber krampfhaft das Lenkrad fest. Das Auto scherte nach
rechts aus auf eine Wagenspur im Feld, umfuhr mit gut sechzig Meilen, die
hatte ich mindestens noch drauf, die leuchtenden Flecken, die inzwischen
zu Baumaschinen geworden waren, die Aufbauten des Transporters ächzten
und rasselten fürchterlich, ein Wunder, daß der Wagen überhaupt zusam-
menhielt, bis ich, schließlich wieder auf die Landstraße und zum Stehen
kam.
Ich rieb mir die schmerzenden Druckstellen am linken Arm, stieg aus und
stand ziemlich ratlos in der Gegend.
Blödsinnigerweise sah ich zuerst auf meine. Armbanduhr, aber das war
nicht mal eine, das war überhaupt keine Uhr. Zumal das Ding weder Zeiger
hatte noch irgendwas anzeigte. Ich hatte es einfach aus Gewohnheit am
Handgelenk gelassen. Meine Uhr lag oben im Camp. Ich stieg wieder in un-
seren geschundenen Lieferwagen und fuhr langsam rückwärts.
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Tatsächlich, Baumaschinen. Nichts aber von einer Baustelle zu sehen.
Nirgends ein Mensch. Über die ganze Breite der Straße zog sich eine
schwarzglänzende Öllache. Am Rand lag eine Tonne, die in rhythmischem
Abstand aus der unverspundeten Öffnung noch immer Öl verschwappte. Sie
mußte sich von einer der Baumaschinen gelöst haben. Gerade in dem Au-
genblick übrigens, als ich auf die Stelle zuraste. Seltsam. Und Schwein hatte
ich gehabt. Vor allem Geistesgegenwart. Ich bewunderte ein bißchen meine
schnelle Reaktion. Die hätte ich mir gar nicht zugetraut.
Auch das würde mir Sam nicht glauben, der große schweigsame Kumpel,
das sarkastische Ekel. Auch das würde über seinen trägen Horizont gehen.
Okay, lassen wir das.
In stiller Größe stieg ich wieder in den Wagen und fuhr weiter, etwas lang-
samer, versteht sich! Nach zwanzig Minuten kam die Bucht in Sicht, die ein-
zige Stelle weit und breit, wo die Steilküste sich absenkte und in eine Art
Strand auslief. Hier lag unser Boot neben anderen aus unserem Nest und
schaukelte leicht vor sich hin. Mit dem verkorksten Tag war sowieso nichts
mehr anzufangen, also nichts wie raus zum Angeln!
Ein wildes Durcheinander erwartete mich, als ich die hintere Tür des
Transporters öffnete; die Angeln waren zum Glück heil geblieben. Das Zeug
ins Boot und raus in die Bucht! Wenn ich so nahe am Wasser bin, hält mich
nichts mehr. Ich sah förmlich schon die Muränen nach meinem Köder lech-
zen.
Draußen, an der Grenze zwischen Bucht und offenem Meer, ankerte ich
und warf die Angern aus. Die Welt war wieder in Ordnung.
Das war sie heute vormittag auch schon mal gewesen.
Der alte Parker hatte mich angerufen und aufgeregt erklärt, seine Kli-
maanlage sei wieder defekt. Zumindest hatte ich das seinen umständlichen
Erläuterungen entnommen, nachdem ich ihm nahegelegt hatte, er solle auf-
hören, dauernd seinen Priemsaft am Telefonhörer vorbeizuspucken, sonst
würde ich auflegen.
Ich bin also mit dem Wagen rauf zum Camp. Eine ganze Weile schon war
ich nicht mehr hier oben gewesen. Hier wurde gebaut, seitdem die Army ihre
Hand im Spiele hatte, Gebäude, Lager, ein mindestens zehn Fuß hoher
Zaun rund um das Gelände. Was da drinnen vor sich ging, konnte man sich
im Ort auch nicht aus den Gerüchten zusammenreimen, denn die angebli-
che Züchtung fleischfressender Wasserpflanzenmonster schien mir doch
übertrieben. Merkwürdig auf jeden Fall, daß sich die Army auf einmal für
unser Institut interessiert hatte. Für das abgelegene und durch Meer und
Steilküste natürlich gesicherte Gelände, muß man wohl besser sagen, das er-
klärt vielleicht manches.
Im Augenblick hatte ich auch andere Sorgen, zum Beispiel Parkers Kli-
maanlage. Er kam mir schon entgegen aus seiner Pförtnerbude, als ich das
Auto abstellte, und begleitete mich, spuckend und pausenlos redend, hinein.
Den Fehler sah ich auf den ersten Blick: In der Frischluftzufuhr steckte eine
weiße Ratte. Eine weiße. Wie kommt eine weiße Ratte in ein militärisches
Camp, könnte man sich fragen: Aber ich zerbrach mir nicht weiter den Kopf
darüber, sondern mußte nach draußen, um von dort das Vieh herauszuan-
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geln. Dazu brauchte ich einen längeren starken Draht, den hatte ich nicht
bei mir.
Erwähnen muß ich noch ein kleines Malheur. In Parkers Bude hatte ich
mich unvorsichtig gebückt - und mit einem lauten trockenen Geräusch war
die hintere Näht meiner Kombination bis unten hin gerissen. Peinlich. Auch
daran war Sam schuld, denn der hatte letztens den Arbeitsanzug mit zur
Kochwäsche gepackt und abgegeben, und als ich die Kombination heute
morgen wieder anzog, kam ich nur mit Müh und Not hinein, die Ärmel
reichten bis kurz über die Ellenbogen, und vorn konnte ich nicht alle Knöpfe
schließen aufgrund meiner durchaus breiten Schultern.
Parker bekam fast einen Asthmaanfall vor Lachen, und er spuckte mit er-
höhter Frequenz, aber wenigstens gab er mir einen makellos gebügelten wei-
ßen Kittel aus seinem Schrank, damit ich meine Blöße bedecken konnte.
So bin ich also raus und wollte den Draht suchen. Hinter der zweiten alten
Baracke, das war mir bekannt, lag von jeher ein Haufen Blech, Maschinen-
teile, zerbrochenes Laborgerümpel - und eben auch Draht. Ich hatte kaum
die erste Baracke erreicht, da schwenkte lautlos das riesige neue Tor auf, und
ich sah einen LKW mit kofferartigem Aufbau hereinfahren. Neben dem Fah-
rer saßen zwei Leute von der Army, vor und nach dem LKW Kradfahrer, und
es schien mir, als hätte ich hinter dem einzigen Fenster am LKW-Aufbau
verschwommene Gesichter gesehen. Das konnten aber auch Lichtreflexe ge-
wesen sein.
Weiter kam ich mit meinen Beobachtungen nicht, denn ein bulliger Sol-
dat drückte mich seitlich mit dem Lauf seines automatischen Gewehrs gegen
die Barackentür.
Mann, Doc, machen Sie sich rein! fauchte er mich an, und da war ich
schon drin.
Er mußte mich mit irgendeinem Doc aus dem Camp verwechselt haben.
Dumm sehe ich ja nicht aus, und dazu der weiße Kittel... Ich stand völlig
im Dunkeln - hinter mir war die Tür geräuschlos ins Schloß gefallen - und
suchte nach einem Lichtschalter. Der war weder links von der Tür, wo er
hätte sein müssen, noch rechts, also tastete ich mich weiter. Die Jungs, die
hier arbeiteten, waren wahrscheinlich zum Mittagessen, das fiel mir ein, als
ich meinen Magen knurren hörte.
Der Raum, in dem ich mich befand, hatte eine quadratische Grundfläche
von vielleicht zwei mal zwei Metern, ein Vorraum sicher, was sich bestätigte,
als ich eine weitere Tür entdeckte. Behutsam öffnete ich die, und die Aku-
stik sagte mir, daß hier ein größerer, der eigentliche Arbeitsraum sei, und der
müßte mit Sicherheit einen Notausgang haben. Auch hier war kein Schalter
zu finden, die Streichhölzer lagen im Auto. Mit tiefer Befriedigung fingerte
ich meine Uhr vom Handgelenk, um ein bißchen Licht zu bekommen. Ich
mag Uhren mit Zeigern, bei den digitalen muß ich mir immer erst die Zah-
len in Zeigerstellung umdenken, und das ist mir zu mühsam. Um aber Sams
Ausfällen im Zusammenhang mit meinem Zeigertick - ich könne nicht ewig
antiquiert und technikfeindlich, also vertrottelt, durch die moderne Welt lau-
fen - entgegenzutreten und seinen Argumenten das Wasser abzugraben,
hatte ich mir wenigstens Licht und einen winzigen Schalter in die altmodi-
sche Uhr bauen lassen. Das war im Dunkeln schon nützlich.
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Die Uhr in der rechten, die linke Hand am Lichtknopf, ging ich weiter.
Und da War ich auch schon über irgendwelche Kabel gestolpert, lag auf dem
Bauch und die Uhr irgendwo im Dunkeln. Beim vorsichtigen Herumtasten
bekam ich glücklicherweise das Armband zu fassen und streifte es über. An
einem Stück Metall, anscheinend ein Tischbein, zog ich mich hoch. Die
enge Kombination hinderte enorm, so daß ich fast wieder abgerutscht wäre,
hätte ich nicht noch einen Vorsprung auf der Tischplatte zu fassen gekriegt.
Im selben Moment flammte vor mir grelles Licht auf. Schnitt haarscharf
einen gewaltigen Quader aus der Dunkelheit, wie von sehr starken Schein-
werfern. Aber die können einen solchen Effekt eigentlich nicht hervorrufen.
Und was ich dann sah, verschlug mir den Atem, und ich duckte instinktiv
den Oberkörper hinter die Apparate auf dem Tisch. Da vorn liefen Figuren
durcheinander, hantierten, gestikulierten: Klein, grün, mit Tentakeln am
Kopf und mit Trompetenrüssel, Telleraugen, je zwei Froschärmchen und
seitlich eingeknickten Schlauchbeinchen.
Sie sind also da! ging es mir durch den Kopf. Deshalb die Army!
Von draußen hörte ich gedämpfte Stimmen. Die Jungs kamen zurück. Ich
ließ mich auf den Boden fallen, vor Angst schwitzend, und robbte zurück in
den Vorraum, kauerte mich in die Ecke hinter die Außentür. Die ging auch
gleich auf, und ich sah, wie zwei Weißkittel den Vorraum durchquerten und
in der Baracke verschwanden, in der es nun taghell war. Das mußte mit dem
Öffnungsmechanismus der Tür zusammenhängen. Bevor die wieder ins
Schloß gleiten konnte, hatte ich zwischen sie und die Schwelle einen Papier-
streifen geschoben - die Innentür hatten die beiden gleich hinter sich zuge-
zogen - und huschte schnellstens nach draußen.
Der Bullige stand noch immer auf der Campstraße, und er tippte lässig an
die Mütze, als ich, scheinbar nachdenklich, gesenkten Hauptes, die Arme
auf dem Rücken und mit zittrigen Knien, an ihm vorbeischritt.
Parker lief gerade armeschwingend und spuckend vor seine Bude. Zwi-
schen Daumen und Zeigefinger der Linken den rosa Schwanz der toten
Ratte.
He, David, wo bleibst du? krächzte er, aber ich war jetzt ziemlich in Eile,
schob ihn beiseite und sah zu, daß ich zum Wagen kam.
Mein Kittel! hörte ich ihn noch rufen, da war ich schon auf dem Rückweg.
Nun hockte ich im Boot in der Bucht und ordnete meine Gedanken oder
besser: ließ sie einfach kommen und gehen, da ergibt sich manche Einsicht
von selbst. Aber nichts ergab sich. Wieso weiß keiner, daß die Grünen gelan-
det sind? Die Presse hätte das mit Sicherheit aufgegriffen. Vielleicht hatte
ich die Zeitungen zu flüchtig gelesen? Hinweise auf irgendwelche unidentifi-
zierten Objekte, die Reporter ließen sich doch sonst kein UFO-Märchen ent-
gehen! Da müßte ich einfach noch mal nachgrasen. Vor allem, um Sams
Überheblichkeit einen Dämpfer zu versetzen. Nur so einen kleinen. Dann
würde ich großzügig seine Engstirnigkeit in dieser Sache vergessen. Denn
manchmal hatte dieser Sturkopf ganz gute Ideen. Und die brauchte ich, um
an meine Uhr ranzukommen, die immer noch irgendwo auf dem Fußboden
in dieser Baracke lag. Was ich jetzt am Arm hatte, war ein elastischer Metall-
streifen mit einer flachen Verdickung. Das klingt dämlich, ich weiß, aber an-

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ders ist das Ding nicht zu beschreiben. Im Dunkeln konnte man's schon für
eine Uhr halten. Bei Lichte besehen, hatte es wenig davon: kein Glas, keine
Zeiger, keine Zahlen - nichts. Aber es vertrieb das Gefühl der Leere am lin-
ken Handgelenk, also behielt ich's erst mal dran.
An meinen Angeln hatte sich bis jetzt nichts getan, nur schien es mir, als
husche ab und zu ein Schatten in der Tiefe unter dem Boot dahin. Schwertfi-
sche vielleicht - oder große Wrackbarsche,-die verirren sich manchmal hier-
her. Der Wellengang konnte aber auch etwas vortäuschen. Noch kein Biß,
gut, die Landschaft war Entschädigung genug für nichtgefangene Fische. Zu
beiden Seiten der Bucht ragte die Steilküste vierzig, fünfzig Meter empor,
unten wütete die Brandung zwischen den Felsen, zuweilen bis an die dunkel
abgehobenen tiefen Auswaschungen hochschlagend. Hier gab es auch Grot-
ten, deren Zugänge unter dem Meeresspiegel lagen und die sich ein paar
hundert Meter weit ins Land hineinzogen. Bis auf die Höhe des Camps, fiel
mir ein, denn als Jungen waren wir häufig dort eingestiegen. Damals war dort
weder Camp noch Institut, sondern Parkers abenteuerlich vergammeltes An-
wesen. Wir waren dort eingestiegen, wo Parker seine Vorräte aufbewahrte,
und wenn er uns auf seinem Gelände entdeckte, lief er uns hinterher, fürch-
terlich mit dem Stock drohend. Da waren wir aber schon in der geheimnis-
vollen und weitläufigen unterirdischen Welt verschwunden und stiegen aus
einem ganz anderen Loch wieder aus. Später hatte man Parker das Anwesen
für einen königlichen Preis, wie man munkelte, abgekauft. Da war es vorbei
mit dem Abenteuer. War es auch so, denn ich hatte den Freiplatz auf dem
College bekommen ... Vom barfüßigen Farmerburschen zum hochbezahlten
Wissenschaftler! American way of life ... Tags College, nachts Gehilfe beim
Technik-Service dieser fiesen Apartment-Firma. Der Zuschuß von zu Hause
wurde immer geringer. Paar Monate später war der Traum vom Akademiker
ausgeträumt. Vater und Mutter waren plötzlich gestorben. Nach dem Bank-
rott ihrer armseligen Landwirtschaft...
Und heute war Parker wahrscheinlich der reichste Pförtner an der Ostkü-
ste, den Job hatte er sich vertraglich ausbedungen.
Während ich mich so in Erinnerungen zu verlieren begann, hatte sich dem
Boot ein kugelrundes, mit metallischen Auswüchsen besetztes Etwas genä-
hert. Das hatte ich bisher nur im Unterbewußtsein registriert. Nun schien es
mir doch seltsam, zumal es sich gegen die Wellen bewegte, als werde es ange-
trieben oder gezogen. Vor Jahren war ein Fischerboot dreißig Meilen südlich
auf eine Treibmine gelaufen, die sich hierher verirrt hatte - von Mittelame-
rika vielleicht. Daran dachte ich noch, dann versuchte ich hastig, die Anker
hochzuhieven, um mich davonzumachen. Der vordere Anker saß allerdings
fest. Jacke aus, Schuhe aus, so schnell war ich noch, nie aus den Klamotten,
doch als ich' eben im Begriff war, nach hinten ins Wasser zu springen, zog es
die große Angel ins Wasser. Gleich darauf bewegte sich die Kugel am Boot
vorbei in Richtung offenes Meer, blieb noch ein Dutzend Meter an der Ober-
fläche, bis sie schließlich in der Tiefe verschwand. Widernatürlich ...
Die Angel mit Sams neuer Hochseerolle, war weg! Als Köder hatte ich eine
mittlere Seebrasse dran und war eigentlich auf Muränen aus. Das hier mußte
ein größerer Fisch, vielleicht ein Wrackbarsch, gewesen sein. Ein solches
Tierchen im Tausch mit der Angel! Das hätte Sam schon ausgesöhnt... Aber
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dann hätte ich ja auch die Angel noch!
Verstimmt blickte ich auf die See, dorthin, wo etwa Fisch, Angel und Ku-
gel verschwunden waren. Plötzlich schoß weit draußen eine Fontäne aus
dem Wasser. Das Boot vibrierte, schon schob sich eine hohe Welle in Rich-
tung Bucht. Ich machte mich noch mal über die Ankerseile her, jetzt ging es
leichter, warf den Motor an und fuhr mit Vollgas zum Strand. Die Schnur
der zweiten Rute hatte ich gekappt! Man macht so seine Erfahrungen ...

Zugegeben, ein bißchen entnervt hatte mich der Tag schon. Den Wagen
stellte ich hinter dem Schuppen ab, so daß er Sam nicht gleich auffiel. Im-
merhin bot er einen etwas ramponierten Anblick ... Über das Nachbargrund-
stück schlich ich mich auf kürzestem Wege zur Bar. Mary, so hoffte ich, be-
diente nicht mehr, war schon zu Hause.
Die paar Leute, die drin saßen, hoben kaum die Köpfe, als ich ein-
schwenkte: ein paar Berufstrinker, einige verfrüht eingeflogene Saisonarbei-
ter aus .dem Norden, die sich ihren Job sichern wollten vor den Massen, die
bald anrücken würden zur Baumwollpflückzeit. Das Hauptgeschäft in der
Bar ging gewöhnlich erst in einer guten Stunde los, wenn die Dämmerung
kam. Ich hob mich auf den Ecksitz der Theke. Jim hatte schon auf mein
Handzeichen von der Tür her einen doppelten Gin rübergeschoben. Kurz
darauf servierte er mir ein Steak. Nach Fisch war mir nicht.
Und wieder war die Welt im Lot. Ein bißchen Aufregung, ein bißchen
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Ruhe, das hält den Kreislauf in Gang. Das verstehe ich unter pulsierendem
Leben. Nur, wenn ich an Sams Angelrolle dachte, hatte ich unangenehme
Vorahnungen.
Genau hier in der Bar hatte ich Sam übrigens kennengelernt. Samuel
Wackenroder, seltsamer Name. Vor vier Jahren war er im Ort aufgetaucht.
Vom Schiff der Küstenlinie gefallen bei Sturm. Kann ja passieren. Ohne Ge-
päck. Mit taufrischen Papieren zwei Tage später. Da war nicht zu rütteln
dran. Hier gefalle es ihm, das Klima, die Leute, hier wolle er bleiben, er habe
sowieso nichts Bestimmtes vor. Genau zu der Zeit war er aufgetaucht, fiel
mir jetzt ein, als die oben das Institut zu vergrößern begannen. Aber mit de-
nen hatte er nie zu tun. Immer schickte er mich los, wenn oben etwas anlag,
wollte danach aber genau über den Auftrag informiert werden, wo, wie, Um-
stände, Details. Für die Abrechnung und die Kundenkartei. Sam war da ein
pingeliger Krümelkacker.
Sam hatte jedenfalls auf diesem Hocker gesessen, hier in der Bar, und sich
nicht abweisen lassen. Ich war laut geworden, hatte ihn übel beschimpft. Ich
kann mioh da steigern.
Sam reagierte nicht, grinste nur freundlich. Bis mir die Luft ausging. Ich
brauch einen Partner zum Streiten.
Setz dich, Sonny, brummte er wohlwollend und schob mir ein Glas vor
den Hocker daneben, neben den Holzbalken, der die Thekenecke markierte
und oben die Decke stützte.
Wir saßen also über Eck, und es wurde ein ziemlich lustiger Abend. Bald
hatte er mich überzeugt, daß mein Ein-Mann-Klempnerbetrieb ausgebaut
werden müsse, er sei der geeignete Partner. Denn einer wie ich brauche noch
einen Praktiker an seiner Seite in einem solchen Geschäft.
Was maßte sich dieser hergelaufene, vom Schiff gefallene, haarige Dick-
schädel eigentlich an? Aber nach dem sechsten Gin hieß unser Unterneh-
men: „David Soulfield und Söhne. Service aller Art." Warum meine Söhne,
von deren Existenz ich bisher keine Ahnung gehabt hatte, ins Spiel und so-
mit in den Firmennamen kamen, erklärte mir Sam damit, daß es so wie ein
Familienunternehmen klinge, und mit Familie assoziiere der Kunde Solidi-
tät, Anständigkeit und akzeptable Preise.
Sam war nicht nur mit Meer-, sondern auch mit allen möglichen anderen
Wassern gewaschen. Und Service aller Art wurde es tatsächlich. Sam über-
nahm elektrische und elektronische Reparaturen und sonstige diffizile Ba-
steleien, das traute man ihm nicht zu, bei diesen groben Händen. Er hätte es
mal irgendwo gelernt, sagte er, aber wo, da schwieg er sich aus. Wie auch
über die sonstigen erstaunlichen Kenntnisse, die er besaß. Das bekam ich
nach und nach mit, wenn ich beispielsweise über die Army schimpfte, die
sich oben an der Steilküste breitmachte, über das Geld, was da rausgeschmis-
sen wurde, und er hin und wieder einen treffenden Kommentar gab. Mir fiel
in unserm Betrieb die Grobarbeit zu, das heißt, ich fuhr durch die Gegend,
reparierte und installierte.
Einmal haben wir ein zwischen den Klippen gestrandetes U-Boot der Navy
flottgemacht, das war eine unserer größten Leistungen. Und dann die Sache
mit der Halskette der ältlichen Touristin. Der war beim Besuch eines Wan-
derzirkus hier in der Nähe der einzige und dazu senile Elefant zu nahe ge-
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kommen. Und der vernaschte mit Begeisterung glitzernde Gegenstände.
Nach einem Fäßchen Rizinus und anschließend einer Woche gemeinsamen
Aufenthalts von Sam und mir im Waschtrog war alles vergessen ... Aber das
sind andere Geschichten.
Als ich so daran zurückdachte, lachte ich wahrscheinlich ein bißchen vor
mich hin, so daß mir Jim ein Glas Soda rüberrückte. In meinen Gedanken
gestört, blickte ich auf - und Sam ins freundlich grinsende Gesicht. Er saß
sicher eine ganze Weile schon über Eck neben dem Balken und erheiterte
sich. An meinem Anblick.
Hallo, Sam! sagte ich unsicher, ich hab dir was zu beichten. Ich war heute
angeln, weißt du ...
Weiter kam ich nicht, denn etwas pfiff von hinten an meiner rechten
Schulter vorbei und schlug eine Handbreit vor meinem Glas ins Holz der
Theke. Ich hatte noch nicht einmal den Kopf richtig gedreht, da war Sam
schon draußen. Die Leute standen auf und gafften, keiner wußte, was eigent-
lich passiert war. Vor der Tür zwei, drei dumpfe Geräusche, und Sam er-
schien wieder. In der rechten Schaufelhand einen Jackenkragen, und in der
Jacke hing ein glattrasierter, schmieriger und kurzgeschorener Typ. Sam
schleifte das Bündel bis zur Theke und knallte es dort auf den Boden.
Holt den Sheriff! war das einzige, was er sagte, und dann setzte er sich wie-
der auf seinen Platz.
Dicht neben mir steckte eine Art Injektionsgeschoß im Tresen, wie es die
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Xierfänger in Filmen manchmal benutzen. Mit zittrigen Händen wollte ich
das Ding schon aus dem Holz ziehen, aber Sam fiel mir in den Arm, das
heißt, er griff das erste Mal daneben.
Laß das, wir warten auf Madam!
Madam war der Sheriff. Und der hieß schon seit unserer Schulzeit so, weil
er beim Sprechen so piepste und außerdem ein ängstlicher Scheißer war.
Hätte mich treffen können! bemerkte ich beiläufig, und es sollte gleichgül-
tig klingen.
Sam schien jetzt nicht weiter darüber reden zu wollen. Aber in ihm wühlte
es, das sah ich ihm an.
Du, Sam, begann ich wieder, ich war heute angeln, und deine neue
Rolle...
Erzähl mir deine Geschichte von heute vormittag noch mal!
Vielleicht hab ich doch nur gesponnen, lassen wir das. Ich lenkte ein.
Noch mal, und alles!
Sam, ich warne dich, da ist noch mehr dazugekommen.
Okay, um so besser. Los, fang an!
Ich erzählte ihm flüsternd alles noch mal, auch, was ich am Nachmittag
erlebt hatte. Rücksichtslos. Das hatte er davon.
Und Sam hörte zu, unterbrach mich nicht, grinste nicht. So ist das also,
war sein Kommentar.
Meine Uhr hole ich mir wieder, sagte ich mehr zu mir selbst als zu Sam,
nachdem ich geendet hatte.
Deine Uhr kriegst du wieder, verlaß dich drauf! Reich mir mal das Ding
rüber, das du am Arm hast, ich nehm's mal mit.
Nichts nimmst du mit, du kannst dir's mal angucken! Und ich hielt ihm
mein Handgelenk mit dem Metallband vor die Nase. Sam wollte sich schon
mit seiner Optikerlupe - die hatte er immer einstecken - darüber herma-
chen, da erschien Madam.
Du kommst recht spät, Sheriff, begrüßte ihn Sam, und in seiner Stimme
war Unmut.
Unten in der Bucht sind zwei Taucher angespült worden, tote, piepste der
Sheriff, aber er blickte dabei nicht zu Sam auf. Dann straffte er sich, wurde
sich offensichtlich seiner amtlichen Würde bewußt, blickte suchend auf Bal-
ken, Theke und die Wand dahinter. Schließlich hatte er entdeckt, was er
suchte, zog ein Tuch aus der Tasche und entfernte damit vorsichtig das Pro-
jektil samt Kanüle aus dem Holz. Er hatte mich zu diesem Zweck beiseite
geschoben, als wäre ich ein Hocker. Noch bevor ich mich darüber aufregen
konnte, bemerkte ich Sams besänftigende Geste.
Vorsichtshalber den Fleck gut ausscheuern, Jim! piepste Madam über die
Theke und wollte schon die Bar verlassen.
Sam hielt ihn am Ärmel der Lederjacke zurück. Den nimmst du auch mit!
Er wies auf den Burschen am Boden. Jener hatte sich inzwischen halb aufge-
richtet, Jim half nach mit einem halben Eimer Eiswasser, das über die Theke
schwappte.
Auf ein Zeichen Sams zerrten zwei Farmer den glitschigen Kerl vom Bo-
den und dem Sheriff hinterher nach draußen.
Hätte er nicht ein Protokoll aufnehmen müssen? Oder uns wenigstens be-
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>*

• . • ^

fragen sollen? Ich versuchte, Sam eine Äußerung zu entlocken.


Hätte er. Und Sam nippte, zumindest äußerlich gelassen, weiter an seinem
Gin.
Und warum hat er nicht?
Weil er mehr darüber weiß als wir.
So ist das also ... Ich verstehe ...
Nichts verstehst du!
Der hatte es auf dich abgesehen, Sam ..,! Aber warum ...?
Auf mich? Nein, du störst die Kreise einiger Leute da oben.
Ich?
Du! Durch deine Schnüffelei im Camp.
Schnüffelei! Du weißt genau, daß die Ratte in der Klimaanlage ...
Die halten dich für einen ganz Ausgekochten.
Wieso mich? Ich hab nichts zu verbergen ...
Du hast ihnen was geklaut.
Ich wollte schon empört aufbrausen, aber Sam legte mir besänftigend die
Hand auf den Unterarm, was beim zweiten Versuch auch klappte. Der
Gin ...
Paß auf: Wir gehen jetzt nach Hause und überlegen, wie wir ... an deine
Uhr rankommen.
Nein, ich muß zu Mary!
Oje, seufzte Sam. Aber bleib in der Wohnung! Morgen früh sehen wir uns
in der Werkstatt, klar? ,
Klar.
. Wir zahlten und gingen.
Jetzt sehnte ich mich nach meiner rehäugigen Mary. Diese Abenteuer
schienen mir immer unheimlicher. Mary war der Trost an sich.
Vor dem Grundstück blickte ich gewohnheitsmäßig aufs Handgelenk -
das Armband war weg! Sam, der Taschenspieler. Ich kehrte um, lief zur
Werkstatt.
Sam saß in seiner Bastelbude, die Kopfhörer aufgesetzt, vor dem Funkge-
rät und notierte lange Zahlenreihen. Er stand im Amateurfunkverkehr mit
Gott und der Welt. Mit einigen wenigen hatte er öfter Kontakt, wie mir
schien. Die versorgten ihn auch mit Geräten, Fachliteratur, einem Klein-
computer. Freundlich, diese Funker. Aber sich gerade heute seinem Hobby
hinzugeben ... Sam, du Gaukler, mein Armband!
Er bedeutete mir unmißverständlich, still zu sein und zu warten.
Ich blätterte schnaubend in den überall verstreuten Fachzeitschriften, auf-
geschlagen jeweils, bei thematisch ähnlichen Beiträgen, das bekam ich im-
merhin mit in meinem Zorn.
Holographie, brummte Sam und schaltete das Funkgerät ab.
Ich scheiß auf deine Holographie, du hast mir mein Armband geklaut!
Richtig, wein dich aus, Sonny. Das Armband kriegst du gleich wieder.
Solltest dich trotzdem mal mit Holographie beschäftigen. Man kann damit
eine ganze Menge zaubern. Bilder zum Beispiel, plastische. Du kannst sie ir-
gendwo auftauchen lassen, und du kannst sie nicht unterscheiden von der
Wirklichkeit... _
Vielleicht willst, du dir einen 3-D-Fernseher basteln, aber mich laß zufrie-
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den, ich hab andere Sorgen ...
Eben...
Eben! Natürlich, das ist ein Fernseher, und den hab ich den Jungs da oben
weggenommen, und nun sind sie böse auf mich!
Holographie ... Du hast mich selbst drauf gebracht... Da steckt noch viel
mehr drin als 3D. Vor allem, wenn sich solche Leute - er wies mit dem Dau-
men hinter sich in Richtung Camp - dafür interessieren.
Okay, von mir aus, aber ...
Laß gut sein. Mach inzwischen den Lieferwagen wieder flott.
Er gab mir das Armband zurück und schob mich zur Tür hinaus. Bleib zu
Hause! rief er noch, da hatte ich seine Stimme schon im Rücken.
Die Außentür von Marys Bungalow war unverschlossen. Irgendwann wird
mal jemand Mary wegfangen, dachte ich. So ein Leichtsinn.
Ich schlich zum großen Mittelzimmer. Die Badtür stand weit offen. Aha.
Bist du's, David, rief Mary aus dem Bad. Sie hängte Wäsche auf. Ihr knap-
per Kittel war beim Hochrecken ganz schön verrutscht.
Ich bin's.
Und warum kommst du so spät?
Weil es schon dunkel ist. Jetzt mußt du noch fragen: Großmutter, warum
hast du so dicke Augen? Ich stand schon im Türrahmen.
Spinner. Hast du Hunger?
Wenn du es so nennen willst...
Fleischklößchen oder frische Muscheln?
Am liebsten beides.
Ole!
Da war ich schon hinter ihr, und sie kreischte gekonnt auf. Du Mädchen-
schänder!
Gib nicht so an! Und ich stieß mit dem Fuß die Badtür ins Schloß.
Gegen Mitternacht mochte es schon sein, und ich lag immer noch wach. Da-
bei hätte ich ordentlich müde sein müssen. Nach so einem Tag, von dem
heißen Abend gar nicht zu reden ... Der Schlaftrunk half auch nicht. Ich
schob das Glas angewidert weg. Es war schwül. Mary schlief nackt neben mir.
Die Innenseite ihres abgewinkelten Schenkels glänzte matt im Licht der klei-
nen Lampe. Aber im Moment gab mir der Anblick höchstens ästhetische Im-
pulse. Die Grünen gingen mir nicht aus dem Kopf. Und Sam.
Halluzinationen von solchem Ausmaß hatte ich noch nie gehabt. Über-
haupt noch keine. Völlig lautlos war die Szene vor mir abgelaufen, merkwür-
dig. Ich stand leise auf und ging in die Küche. Mary stapelte hier ihre Tages-
zeitungen. Und sie hielt drei verschiedene. In einer Ausgabe der
vergangenen Woche stieß ich auf die sarkastische Bemerkung eines Sportre-
porters, die zunächst favorisierten, dann aber himmelweit abgeschlagenen
„Shadow-Cookies" seien wahrscheinlich von der unerklärlichen Leuchter-
scheinung über dem europäischen Teil Rußlands geblendet worden. Eine un-
bemerkte Landung? Ich riß den Artikel vorsichtshalber heraus, auch wenn
ich nicht glaubte, daß er mir weiterhelfen würde.
Dann fand ich noch ein Interview mit einem, der behauptete, von Außerir-
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dischen verschleppt worden zu sein. Aber die waren tiefblau und sehr groß.
Seine hochinteressanten Fotos, sagte er, habe das Labor versaut. Der Ver-
schleppte war übrigens Psychiater. Ich gab's auf. Außerdem wurde ich jetzt
ernsthaft müde. Mary lag noch immer so aufreizend, als ich wieder ins Bett
stieg.
Gähnend griff ich nach meiner Uhr, um sie aufzuziehen. Mit Daumen
und Zeigefinger versuchte ich, schon halb im Schlaf, an der Krone zu dre-
hen, doch die war nicht vorhanden. Da sah ich mich plötzlich auf Parkers
Pförtnerbude zugehen. Er stand davor, priemend und die Hände in den Ta-
schen, seine dünnen Stachelbeerbeine ragten aus den kurzen Hosenbeinen
hervor. Noch ehe ich ihn begrüßen konnte, bremste neben mir ein Landrover
von der Army. Ein Militärpolizist mit lässig über der Schulter hängendem
automatischem Gewehr stieg aus, nach ihm zwei Gestalten in Trenchcoats.
Ich sah, wie ich von dem einen untergehakt wurde und mit ihm, scheinbar
plaudernd, den Weg zur Steilküste ging. Hinter uns in einigem Abstand der
Uniformierte. Dann ein schreckliches Bild: Unten auf dem Wasser zwischen
den Klippen schaukelte der Körper des Militärpolizisten. Ich verdeckte mit
meiner Jacke eine Pistole und lief zu meinem Wagen zurück. Die Bilder ver-
schwanden.
Mir war heiß. Ich preßte das kühle Metallarmband an die Stirn. Irgendwas
hob mich aus dem Bett. Ich schwebte zum weit offenen Fenster hinaus, ge-
wann schnell an Höhe. Peinlich war mir das insofern, als ich den Pyjama an-
hatte. Ich knöpfte mir schnell das Oberteil zu. Flugträume hab ich zwar
manchmal, obwohl ich absolut nicht schwindelfrei bin, aber so was! In der
Nähe unserer Werkstatt, kurzzeitig von einer Straßenlampe erhellt, kurvte
der Funkmeßwagen. Da hatte ich den Ort schon weit unter mir gelassen.
Vorn erschien die Bucht, mit einem fahlen Dreiviertelmond darüber. Ra-
send schnell verlor ich an Höhe, gleich mußte der Aufschlag kommen. In sol-
chen Träumen bemühe ich mich immer, die Augen weit aufzureißen, um
munter zu werden. Das klappt meistens. Hier funktionierte es nicht. Schon
tauchte ich lautlos und ohne Widerstand in das Wasser ein. Auch empfand
ich weder Wärme noch Kälte noch Nässe. Nichts. Die Höllenfahrt verlang-
samte sich, ich drang durch schattenhafte Fischschwärme, sah die Konturen
größerer Meerestiere. Aber sie flohen nicht vor mir. Die Schwärme blieben
beieinander. Jetzt tauchte das schwarze Riesenmaul eines Grotteneingangs
auf. Ich glitt hinein. Ein Tunnel verengte sich zunehmend. Da war ich auch
schon wieder über dem Wasserspiegel. Nun ging es an bizarren Felsen und
Steinskulpturen vorbei, an Halden glitzernden Gerölls. Dann war ich in ei-
ner weiten Höhle. Darin standen - Baracken! Auf eine schwebte ich zu: eine
gepanzerte Tür, ein kleines, dick verglastes Fenster...
Der seltsame Traum brach urplötzlich ab. Marys Rumoren in der Küche
hatte mich geweckt. Das Frühstück war fertig.
Guten Morgen, du Unhold, rief sie herüber. Hast deine Kräfte wohl ein
bißchen überschätzt, was?
Eine Antwort konnte sie von mir so früh nicht erwarten, schon gar nicht
auf solche Unverschämtheiten. Ich brummelte nur etwas vor mich hin« warf
den Pyjama aufs Bett und schlurfte ins Bad. Als ich dann am Tisch saß, war
sie schon im Schlafzimmer und schüttelte die Decken auf. Durch die offene
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Tür sah ich ihr dabei zu. Aus meiner Pyjamajacke kollerte ein glitzerndes
Steinchen auf den Boden.
Sag mal, schleppst du deine Gerümpelsammlung auch noch mit ins Bett?
fragte Mary, aber da hatte ich schon vor Staunen das Ei ganz runterge-
schluckt. Zum Glück war es geschält.
Mary? - Sie saß mir inzwischen gegenüber und goß Tee ein.
Ja?
Mary, ist dir in der Nacht irgendwas Überirdisches aufgefallen?
Außer dir nichts!
Ich* war doch die ganze Nacht bei dir?
Das kann man wohl sagen! Warum fragst du so komisches Zeug?
Dann darfst du mir auch nächstens zwei Eier kochen! - Ich frühstückte
mit gutem Appetit. Dann stand ich auf, fand meine Schuhe auch gleich im
Zeitungskorb und wollte mich davonmachen. Ich muß zu Sam! Am Nach-
mittag brauchst du nicht auf mich zu warten. Wir haben da einen ... Auftrag.
Ich zögerte, ob ich ihr schnell noch die Sache andeuten sollte. Aber die Zeit
war knapp, und ich verschob es auf später.
Du kommst nicht aus dem Haus, bis ich deine Jacke geflickt habe! Und
dein rechter Schnürsenkel ist auch gerissen ...
Ich ergab mich.
Sam wartete schon, die Katze auf dem Schoß. Er war unruhig, das merkte ich
daran, wie er sich von Zeit zu Zeit durch den Bart fuhr. Ich wollte zu einer
weitschweifigen Erklärung für meine Verspätung ansetzen, aber er schnitt
mir das Wort ab.
Setz dich!
Ich setzte mich.
Du willst deine Uhr wiederhaben ...?
So wichtig ist die mir nun auch wieder nicht...
Und deine ... Außerirdischen?
Ach ja. Ich tat, als wäre mir das total entfallen und Sam hätte mich in die-
sem Moment wieder an sie erinnert.
Ins Camp kommt keine Ratte mehr ohne Passierschein. Auf-diesem Weg
haben wir keine Chance. Sam schob die Katze von seinem Schoß, während
er sprach. Wir müssen von der Seeseite rein. Du hast mir mal eriahlt, daß ihr
als Jungen in den Grotten ...
Ich hab dir das erzählt? fragte ich verwundert. Wir hatten uns hie über un-
sere Vergangenheit ausgetauscht. Ich kann mich nicht erinnern, dir jemals
davon erzählt zu haben. Sam, mir schwant, hier ist was faul. Ich geh nicht
wieder ins Camp. Ich laß die Uhr sausen. Basta.
Aus der Sache kannst du nicht mehr aussteigen. Da hängt mehr dran...
Ich geb das Ding zurück ...
Das kriegen die auch so. Du weißt zuviel.
Von den Grünen etwa? Das hab ich wahrscheinlich gesponnen. Laß mich
in Ruhe! Warum interessiert dich das eigentlich plötzlich so brennend? Bist
du vom CIA? Vom FBI? Ich war aufgestanden und hatte die Hände in die
Taschen gesteckt, so, als wollte ich mir nicht die Hände beschmutzen.
Die forschen da oben nicht aus Spaß und für das allgemeine Glück. Das
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sind Militärs! Sam verlor immer mehr seine Gelassenheit.
Sollen sie, wenn sie mich in Ruhe lassen, und du auch!
Werden sie nicht. Die stecken Millionen und Millionen in ihre Forschung,
und du schleppst die Ergebnisse dummdreist in die Welt. David - er kam
mit seinem dicken Zeigefinger auf mich zu -, die haben in der Holographie
militärische Möglichkeiten gefunden ... Projektionen über große Entfernun-
gen, Täuschung, Manipulation ...
Jetzt weich nicht aus, Sam! Bist du ein Bulle, oder was? Woher weißt du
das alles?
Sam lehnte sich wieder zurück, sah mich abschätzend an und fuhr sich
durch den Bart. Es gibt Interessengruppen, denen wird das da - er wies mit
dem Daumen wieder hinter sich - allmählich zu teuer, und zu heiß. Nicht
nur das, aber das auch. Die Militärs hier experimentieren mit arbeitslosen
Freiwilligen, die keinen Job haben, vor allem mit Akademikern. Die haben
die trainierteren Gehirne ... .
Er hielt inne und steckte sich ein langes helles Zigarillo an. Es gibt da
Analogien zwischen einem Hologramm und dem menschlichen Gehirn: In
einem optischen holographischen Gedächtnis gehen Aufbewahrung und Be-
arbeitung der Information wie im Gehirn vor sich, außerordentlich schnetl,
assoziativ, komplex. Wenn man das technologisch beherrscht, hat man auch
die Umkehrung: Aus der reinen Wissenschaft wird bei diesen Leuten wieder
eine Waffe. Eine schlimme und lautlose und tückische. Die bringt Geld.
Und man kann erpressen damit. Man könnte Menschenmassen%eeinflussen,
ein bißchen die Gehirne manipulieren, Gedächtnisse ausschalten, gewaltige
Halluzinationen hervorrufen. Scheißkerle.
Du bist also deswegen hief? All die Jahre ...? Ich fühlte maßlose Enttäu-
schung in mir. Von wegen Freund und Kompagnon.
Möglich. Kannst du so sehen. Sam hatte sich wieder in der Gewalt. Ich
sah, wie er die Kiefer zusammenpreßte.
Wir steigen also durch die Grotten ein.
Die Eingänge liegen unter Wasser, unterbrach ich ihn mechanisch.
Und deshalb fahre ich nachher los und besorge die Ausrüstung. Die ver-
steckst du in der Dämmerung zwischen den Klippen. Aber so, daß dich kei-
ner sieht dabei. Keiner, verstanden! Und solange ich unterwegs bin, verläßt
du den Ort nicht. Okay? Den Schirm hier - Sam reichte mir einen uralten
Stockschirm rüber - behältst du ständig bei dir und gibst ihn nicht aus der
Hand!
Es wird nicht regnen, das weißt du so gut wie ich, da geniere ich mich!
Sams Einfall fand ich durchaus blöd und vor allem sinnlos, und überhaupt
wollte ich mit der Sache nichts mehr zu tun haben. Daß ich mich so ge-
täuscht hatte in Sam ...
Wäre ein völlig neuer Zug an dir, wenn du dich genierst. Ach, übrigens,
gestern abend hat jemand in der Werkstatt rumgestöbert.
Und?
Mach also die Fenster zu, wenn du gehst, und schalte die Alarmanlage
ein. Ich fahre los! Er schlug mir mit der flachen Hand in den Nacken, als
wollte er mich zu sich ranziehen, besann sich aber und ging.
Ich legte die Bejne auf den Tisch und begann zu grübeln. Kurz darauf
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rauschte der Lieferwagen am Fenster vorbei. Im Hause hielt es mich natür-
lich nicht. Und auch nicht im Ort. Ich verrammelte die Werkstatt und
machte mich auf, Marys Sportwagen zu holen. Den Schirm am Arm. Unter-
wegs trat ich zweimal auf meinen Schnürsenkel und stolperte. Ich hatte den
kaputten gegen einen neuen getauscht. Und der war zu lang.
Mit Marys Wagen fuhr ich zum Camp hoch. Um das Armband gegen
meine Uhr zu tauschen. Die Sache'mußte bereinigt werden. Zum Helden
tauge ich so wenig wie zum Märtyrer. Parker stand vor seiner Pförtnerbude
als ich ankam, priemte und hatte die Hände in den Taschen. Aus seinen wei-
ten, kurzen Hosen ragten dünne Stachelbeerbeine. Wie in diesem merkwür-
digen Traum! Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich starrte ihn an.
Bist wohl unter die Regenmacher gegangen, hähähä, meckerte er mir ent-
gegen und spielte damit auf meinen Schirm an.
Wer dich so sieht, kann nur noch an Regen denken, gab ich zurück. Aber
sag mal, meine Uhr hab ich gestern nicht zufällig bei dir liegenlassen?
Parker schüttelte den Kopf.
Und daß sie einer von den kleinen Grünen ...? Ich legte ihm Fußangeln
mit der Frage, und hätte er was gewußt, er wäre reingetapst. Ich kenne ihn.
Wenn du die Grünschnäbel von der Army meinst - die dürfen sich nicht
mit mir unterhalten, und die Denker dort, er wies auf die Barackenanlagen,
die stinken vor Geld. Die brauchen deine Uhr nicht.
Was forschen die eigentlich hier? wollte ich fragen, kam aber nicht dazu.
Hinter mir quietschten Bremsen. Jetzt erscheinen die Trenchcoats, sagte ich
zu Parker. Der sah mich nur verständnislos an. Ich drehte mich langsam um.
Tatsächlich! Ein Uniformierter stieg aus, dahinter zwei Zivile.
Hallo, David! rief der eine, in einem Ton, als wären wir hier verabredet.
Blacky war das, natürlich, das war Blacky! Er wurde in der Schule so ge-
nannt wegen seiner schwarzen Zähne. Und wegen der schwarzen Seele. Ging
damals nicht das Gerücht, er hätte die Baumwollfelder in Brand gesteckt, um
jemandem die Konkurrenz auszuschalten? Dann tauchte er in der Stadt auf,
lungerte in den Bars rum, drängte sich, uneingeladen, in unsere Partys, küm-
merte sich mit aufdringlicher Penetranz um unsere privatesten Angelegen-
heiten. Und er hatte nie Geldsorgen. Ein widerwärtiger Kerl. Geh zum Ge-
heimdienst, hatten wir gespottet, da können die Feinde dich nachts nicht
sehen, wenn du den Mund aufmachst! Blacky hatte nur schwarzmäulig ge-
lacht dazu. Und nun kreuzte der ausgerechnet hier auf! Meine Stimmung
wurde aggressiver.
He, Blacky, was treibt dich denn her? Ich spuckte demonstrativ aus.
Fein, daß ich dich hier treffe, David. Sonst hätte ich dich womöglich noch
suchen müssen. Blacky bleckte das schwarze Gebiß.
Im Moment, weißt du, hab ich zu tun ... Jetzt müßte er mich gleich unter-
haken, dachte ich.
Er hakte mich unter. Das kann ich mir denken, deshalb will ich mit dir
plaudern. Komm, wir gehen ein Stück.
Und warum läuft der Kerf mit der Flinte hinter uns her?
Auf den mußt du gar nicht achten. Der beschützt uns nur.
Vor der Sonne oder vor den Mücken?
Man weiß nie ... Das soll früher Indianergebiet gewesen sein, haha.
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Also, was willst du von mir?.
Wir gingen einen Pfad Richtung Steilküste, ein ganzes Stück parallel zur
festungsartigen Campmauer. Blacky hing mir immer noch am Arm, meinen
Schirm aber hielt ich fest.
Man hört da Sachen von dir, David ... Er schüttelte, mit der Zunge schnal-
zend, den Kopf. Das kann nicht gut ausgehen ...
Was für Sachen?
Nun, zum Beispiel, daß es dir im Camp so gut gefällt. Die haben aber auch
interessante Dinge dort... Da kann man schon mal was mitgehen lassen, ei-
nen hübschen Armreif etwa ...
Parkers Klimaanlage war.kaputt, und meine Uhr ...
Die Klimaanlage! Hübsch..._
Was geht dich'das eigentlich an?„tch löste mich mit einem Ruck von sei-
nem Arm. ••*•'
Sieh mal, Da^id, ich bin "ein bißchen verantwortlich für das Camp. Die ...
Forschungen, weißt du? Da sollte doch kein Fremder drin rumschnüffeln! -
Er drohte mir gezielt mit dem Finger, wobei sein Mantelärmel den Unterarm
freigab. Und eine vernarbte Brandwunde.
Mir fielen auf einmal die brennenden Baumwollfelder wieder ein und der
Bankrott meiner Eltern, denen damals die gesamte Ernte vernichtet war.
Sag mal, Blacky, mit den Brandstiftungen seinerzeit hattest du wohl nicht
zufällig zu tun ...?
Sei nicht so vulgär, David, darüber redet man nicht... Bleiben wir bei der
Sache. Die kleinen ... Unannehmlichkeiten gestern hast du großartig über-
standen. Du bist gerissener, als wir dachten. Das kann doch nicht so weiter-
gehn, nicht wahr?
Los, Blacky, hast du die Felder angesteckt damals ...? Ich umklammerte
mit beiden Händen den Schirmknauf, daß die Knöchel weiß wurden.
Ein paar kleine Feuer, was soll's? Ein Job eben ... Und für die Klitschen
hat sich der Anbau sowieso nicht gelohnt, eine Samaritertat, wenn du so
willst. Der Job hier im Camp ist einträglicher. Wenn du mir erzählst...
Du bist ein Schwein, Blacky!
Meinst du wirklich? Aber. Ach, David, da ist noch etwas. Heute nachmit-
tag kommt ein Bulldozer von den Pioniertruppen durch die Stadt. So ein
überschwerer, weißt du. Der Fahrer wird ein wenig betrunken sein. Da kön-
nen böse Unfälle passieren. Mit deinem dicken Sam und der Werkstatt zum
Beispiel. Und mit deiner Liebsten ...
Laß Mary aus dem Spiel, ich bring dich vor den Sheriff, du Verbrecher! "
Dazu wirst du kaum noch Gelegenheit haben. Vor den Sheriff, ach je. So-
was Widerborstiges. Schade!
Das werden wir noch sehen, Blacky! Ich bückte mich, um meinen Schnür-
senkel zu binden. Im selben Augenblick flog etwas über mich hinweg, und
kurz darauf drang von Fern ein klatschendes Geräusch herauf. Ich blickte
über den Rand des Steilufers - da waren wir inzwischen angelangt - und
wandte mich gleich wieder ab. Unten schaukelte der leblose Körper des Mili-
tärpolizisten zwischen den Klippen. Den Kerl hatte ich ganz vergessen. Mir
wurde übel.
Bleib stehen, David, das war dein letzter Streich! hörte ich Blacky wie
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durch Watteberge rufen.
Ich drehte mich um. Blacky hielt eine Pistole in der Hand und zielte auf
mich. Ein dumpfer trockener Knall - an mir vorbei pfiff eine Kugel. Ein
zweiter Schuß - mit dem gleichen Effekt. Blacky stand mit weit aufgerisse-
nen Augen ein paar Meter vor mir. Da war ich schon bei ihm, trat von unten
mit dem Fuß gegen seinen Arm und rollte mich seitlich ab. Dabei bekam ich
die Pistole zu fassen und stand schon wieder.
Um ein Haar hätte ich auf den Burschen abgedrückt, besann mich aber,
als ich die angstschlotternde Gestalt sah. Ich bin ein Außerirdischer vom
Großen Bären, und ich mache dich kalt, wenn du mich nicht in Ruhe läßt,
rief ich ihm zu. Du rührst dich nicht von der Stelle die nächsten drei Stun-
den! —
Ich ging mit vorgehaltener Waffe rückwärts, meinen Stockschirm in der
Linken, und machte mich auf den Rückweg zum Auto. Als das Camptor in
Sicht kam, steckte ich die Pistole mit dem Schalldämpfer hinten in den Ho-
senbund.
Weit vorn auf der Steilküste hob sich eine kleine dunkle Silhouette vom
hellen Himmel ab. Blacky stand tatsächlich noch dort und rührte sich nicht.
Vor dem Camp war niemand zu sehen. Ich warf mich in Marys Wagen und
raste in den Ort zurück. Wo Blacky seine Hand im Spiele hatte, stank es. Mir
stieg das Bild wieder auf, wie Vater starr vor seinem noch rauchenden Asche-
feld stand. -
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Innerhalb der Ortschaft kam ich nicht weit. Mitten auf der Hauptstraße, vor
Jims Bar, schien ein Volksfest im Gange zu sein. Ich stellte den Motor ab,
stieg aus und zwängte mich durch eine wogende Menschenmenge. Die ge-
samte Einwohnerschaft und sämtliche Saisonjobber der Umgebung mußten
hier zusammengelaufen sein. Eine Drei-Mann-Band lärmte auf ihren Instru-
menten, Zuschauer beteiligten sich mit Blechbüchsen und Metallröhren ver-
schiedenen Kalibers. Es wurde getanzt.
Was geht denn hier vor, fragte ich mich besorgt. Sam stand auf einer Lei-
ter vor der Kneipe und befestigte ein flüchtig gemaltes Schriftband über der
Tür. Die Farbe glänzte noch feucht. „100 Jahre Jims Bar."
He Sam, bist du ausgeflippt? rief ich hinauf. Ich bin so gut wie erschossen,
und du feierst hier!
David! Er stieg von der Leiter. Gut, daß du da bist, ich hab mir schon Sor-
gen ...
Was du nicht sagst, ich bin gerührt! Ich spuckte gegen seine Leiter und
wollte gehen.
Warte! Ich hab alles mitbekommen. Er zog mich von der Menschenmenge
weg hinter die Hausecke. Da drin - er tippte auf den Schirm - ist ein Sender
mit einem Mikro. Das hier, das hab ich inzwischen arrangiert. Wenn der
Bulldozer kommt...
Aber dein Schild über der Tür! Hundert Jahre ist der ganze Ort nicht alt.
Sei nicht so ein Kleingeist. Da stand eben die Bar zuerst! Ist auch egal; wir
müssen den Bulldozer stoppen. Den hat nämlich dieser feine Sheriff bestellt,
der ist noch oben im Camp. Ich hab ein langes starkes Drahtseil besorgt, das
liegt zwischen den Büschen auf seinem Grundstück. Du begibst dich unauf-
fällig dorthin. Die Leute werden nicht auf dich achten. Dann legst du das
Seil rund um Madams Bungalow, das eine Ende ziehst du durch das andere,
und die Schlaufe versteckst du hinter dem Busch an der Straße. Wenn die
Maschine kommt, hängst du die Schlinge schnell hinten ein und verschwin-
dest. Klar?
Klar! Jetzt war mir schon alles gleich. Die Sache ließ sich verhältnismäßig
schnell erledigen. Danach fuhr ich den Wagen über Umwege zu Marys Haus,
kehrte dann zurück und mischte mich unter die feiernde Bevölkerung.
Ein solches Fest hatten wir lange nicht! Sam versteht was vom Feiern. Ich
hatte mich soeben zu den tanzenden Mädchen und Farmern gesellt, da er-
schien Madam. Aufgeregt fuchtelnd und piepsend.
Was geht hier vor? fistelte er.
Siehst du doch. Es wird gefeiert, erwiderte Sam.
Nicht ohne meine Erlaubnis! Die Straße wird geräumt! Großspurige Ge-
sten hatte Madam schon damals draufgehabt. Aber da hörte auch keiner auf
ihn.
Dann räum sie doch! Sam hatte sich den alten Schaukelstuhl aus dem
Hinterzimmer der Bar rausgeschleppt, saß zufrieden darin und genoß das
Schauspiel aus einigem Abstand.
Das werde ich auch! Der Sheriff wurde zornrot und warf sich in die
Menge. Keiner hörte auf ihn, sein Stimmchen ging unter im Krawall.
Da tuckerte ein Bulldozer die Straße herauf. Und was für einer! Vorn ein
Schiebeschild, gut drei Meter hoch und doppelt so breit. Das war kein Spaß
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mehr. Dicht vor den Leuten kam das Ding zum Stehen. Ich verschwand, um
meinen Anteil am Schauspiel zu Ende zu führen. Ganz wohl war mir dabei
nicht. Aber diese Verbindung Blacky, Camp, Sheriff... Die meinten es bitter
ernst.
Der Fahrer beugte sich oben aus der Tür seiner Kabine und hob ratlos die
Schultern. Madam kämpfte sich zur Maschine durch und schrie auf ihn ein.
Was, das ging im Motorgerassel unter.
In den Bulldozer kam Bewegung. Das Schild senkte sich langsam und dro-
hend. Kreischend und schimpfend stob die Menge auseinander, die Musiker
griffen ihre Instrumente und flüchteten in die Bar, ein Haufen Leute drängte
nach. Die Maschine ruckte an, irgendwo lautes Knirschen. Die Maschine
kam in Fahrt, die Ketten wühlten Staubwolken auf. Da kam in Madams Bun-
galow schräg gegenüber gleichfalls Bewegung.
Der Sheriff lief zu seinem Haus, dann zurück und dem Bulldozer hinter-
her. Der Fahrer hörte nichts. Der Bungalow knarrte und ächzte, und die vor-
deren Fenster fielen klirrend heraus.
Madam zog den Colt, feuerte auf das Fahrerhaus. Die hintere Scheibe zer-
sprang, das Ungetüm kam wieder zum Stehen. Mit einem Satz war der Fah-
rer unten und ging drohend auf den Sheriff zu.
Du Idiot! Ich bring dich um! heulte Madam dem Fahrer entgegen.
Die Leute kamen langsam wieder näher.
Sam schaukelte zufrieden in seinem Stuhl.

Mach die Tür zu und gib mir die Waffe!


Ich schloß die Tür und legte die Pistole, die ich Blacky abgenommen
hatte, auf den Tisch.
Damit hat er auf dich geschossen?
Zweimal. Aus drei, vier Meter Entfernung.
Und hat dich nicht getroffen?
Du bedauerst doch nicht etwa ...
Den Ölfleck hast du umfahren, na gut. Die Mine hat dich auch nicht er-
wischt. Kann auch sein. Das Projektil ist um dich rum ... Kommt dir das
nicht auch langsam merkwürdig vor?
Das schon.
Und nun gleich zwei Schüsse aus der Nähe ... Sam stand, die Linke in der
Hosentasche, am Tisch, mit der anderen Hand wühlte er im Bart. Urplötzlich
schoß eine geballte Rechte auf mich zu, der massige Körper flog hinterher -
und knallte neben mir auf den Fußboden.
Ich stand immer noch so, auf den Tisch gestützt, wie ich vorher stand. Ich
war zu überrascht. Sam! Man kann doch nicht einfach so umfallen! Ich
wollte ihm beim Aufstehen helfen, aber er schob fluchend meine Hände weg.
Mit dir ist was faul, keuchte er, als er sich erhoben hatte. Mit deinem Arm-
band. Da wundert mich gar nichts mehr! Und er rieb sich die schmerzende
Faust.
Ich betrachtete nachdenklich diesen Metallstreifen. Wieso ist mit mir was
faul? Du bist soeben umgefallen!
Das war ein Test! Deine Naivität möchte ich mal haben.
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Geschenkt! Weiß ich ja. Blacky wird inzwischen die gesamte Army alar-
miert haben. Die werden mir den Tod von diesem Uniformierten anhän-
gen ... Aber was wir beide da tun wollen... Ich jedenfalls bin kein Superman.
Könnte ja sein, daß da noch andere Leute im Hintergrund agieren, wäre ja
denkbar, nicht....? Sam verbrannte einen zahlenbedeckten Zettel im Aschen-
becher und zerrieb dann die Asche.
So ist das also ...! Ich wog die Pistole abschätzend in der Hand. David,
viel Zeit haben wir nicht mehr. Du fährst jetzt runter zur Bucht, mit Marys
Wagen, und versteckst die Taucherausrüstung. Niemand darf dich beobach-
ten. Niemand! Sam nahm die Waffe an sich und verschwand in seiner Ba-
stelkammer.
Was er in den Grotten vorhatte, war mir nicht ganz klar. Ich band mir den
Schnürsenkel zu und wollte gerade das Haus verlassen, als ich über Sams
Katze stolperte, die laut aufschrie. Betroffen schaute ich in Sams Richtung,
denn ich wußte, wie er sich ärgerte, wenn jemand seinem Liebling weh tat.
Die Tür zu seiner Bude stand einen Spalt breit offen. Sam saß vor den Ge-
räten, einen Kopfhörer auf, und funkte. Der Mensch gab sich tatsächlich
schon wieder seinem Hobby hin! Oder hing die Funkerei mit dieser Sa-
che ...? Leise ging ich los.
Ich holte Marys Wagen, fuhr damit in unsern Schuppen und packte die
Ausrüstung ein. Dann verließ ich den Ort auf der anderen Seite, fuhr einen
Riesenbogen, so daß ich die Bucht von der Nordseite erreichte, und parkte
hart am Felsen, dort, wo die ersten Klippen begannen und sich aus der Bucht
bis ins offene Meer vorschoben. Hier im Schatten war der Wagen nicht
gleich auszumachen. Ich stieg aus, ein harmloser Spaziergänger, und erkun-
dete die Umgebung. Außer Möwen und Kormoranen, die sich alle Augen-
blicke aufkreischend in die Wellen stürzten, war kein Lebewesen zu sehen.
Ich holte das große Fernglas aus dem Auto und suchte die See vor der
Bucht ab.
Für einen Moment schien es mir, als ob ziemlich weit draußen ein schwar-
zer Kegel aus den Wellen ragte. Aber gleich hatte ich die Erscheinung wieder
aus dem Blickfeld verloren, wahrscheinlich ein Wal oder eine Welle. Ich zog
Jacke und Hose aus, packte mir Sauerstoffflaschen, Gummianzüge und das
Kleinzeug auf Buckel und Brust und watete ins Wasser. Ein Dutzend Meter
vom Ufer stand eine Felsgruppe, zu der man relativ problemlos gelangen
konnte. Wenn man's wußte! Bis auf das kleine Plateau, das zur Hälfte von ei-
nem höhlenartig ausgewaschenen Felsen überdeckt war, reichten die Wellen
bei normalem Seegang nicht. Hier deponierte ich die Ausrüstung. Dann zum
Wagen, Klamotten wieder an und auf demselben Weg zurück in den Ort. Es
wurde schon dunkel.
Als ich in die Werkstatt trat, legte sich Sam gerade einen Schultergurt um.
Mit Pistolentasche. Er warf mir einen ähnlichen auf den Stuhl. Da, bind um!
Brauchen wir vielleicht.
Die Frage, die mir auf der Zunge lag, hob ich mir für später auf. Sam zog
sich eine Jacke drüber, stopfte zwei wasserdichte Taschenlampen in einen
Beutel und warf ihn über die Schulter.
Wir machten uns auf. Draußen steuerte ich auf den Lieferwagen zu, aber
Sam hielt mich zurück.
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Da lang! Durch die Felder. Zu Fuß.
Ich stöhnte, maulte aber nicht, sondern lief hinter ihm her. Immerhin war
das eine gute Stunde Weg. Trotz der Abkürzung durch die Baumwollfelder.
Für einen Moment glaubte ich, Brandgeruch in der Nase zu spüren. Diese
Erinnerungen ...
Glücklicherweise hatte ich mir leichte Turnschuhe angezogen. Ausgiebige
Spaziergänge sind nicht unbedingt meine Leidenschaft. Sam sprach den gan-
zen Weg lang kein Wort. Wir traten aus den Büschen. Die Bucht mit ihren
drohenden schwarzen Felsen zu beiden Seiten lag vor uns. Auf dem bewegten
Wasser schaukelte ein fahler, zerrissener Mond. Ein bißchen unheimlich
wurde mir schon.
Sam riß mich aus meinen Gedanken. Geh du voran!
Wir liefen zum Ufer, dorthin, wo der Wagen gestanden hatte, und zogen
uns aus.
Die Sachen nehmen wir mit! befahl Sam halblaut.
Ich hielt mein Bündel über den Kopf und watete voran. Die Wellen schlu-
gen mir jetzt bis zur Brust. Im Dunkeln war ich hier noch nie ins Wasser ge-
stiegen. Aber keiner von uns beiden rutschte aus. Beim Plateau angelangt,
warf ich das Bündel vor und zog mich hoch. Sam folgte mir. Schweigend leg-
ten wir die Taucherausrüstungen an. Sam band mir den Pistolengurt über
den Gummianzug, als ich nicht wußte, wohin damit.
Das Wasser schadet nichts. Du schwimmst voran. Und ... mach dir nicht
in die Hosen!
Der hatte gut reden. Ich dachte an den Wrackbarsch, der vielleicht die An-
gel auf dem Gewissen hatte. Die werden immerhin bis zu vierhundert Kilo
schwer...
Ich ließ mich rückwärts ins Meer gleiten, die Taschenlampe in der linken
Hand. Das Wasser wurde schnell tiefer. Hier unten war vom Seegang nichts
mehr zu spüren. Auch die Dunkelheit hatte ich mir schwärzer und bodenlo-
ser vorgestellt. Wir schwammen ein ganzes Stück dem offenen Meer zu, in
gehöriger Entfernung von den Klippen. Dann tauchte ich kurz auf, um mich
zu orientieren.
Den Durchgang zwischen den beiden großen Felsen mußten wir passieren,
dahinter war ein geeigneter Grotteneinstieg. Unter dem Wasserspiegel natür-
lich. Sams Kopf erschien neben mir. Sam machte mit den Händen ein Zei-
chen: Auf den Grund tauchen! Das hätte ich sowieso getan.
Ich hakte die Lampe in die Vorrichtung am Brustteil des Anzugs ein und
ging tiefer. Der Lichtkegel riß einen scharf abgegrenzten Korridor in das hier
unten pechschwarze Wasser. Schwärme von kleinen, blitzenden Fischen än-
derten wie auf Kommando die Richtung, als das Licht sie traf. Weit vorn
huschte ab und zu ein größerer Schatten vorbei. Ich hielt mich kurz über
dem sandigen Grund, bemüht, nicht in die Nähe der Felsen zu kommen. Mit
Muränen war nicht zu spaßen. Jetzt mußten wir die Klippen hinter uns gelas-
sen haben. Sam überholte mich und schwamm voran. Da waren wir schon an
der Grotte.
Sam leuchtete die große Höhlung sorgfältig aus, bevor er mit vorsichtigen
Flossenschlägen hineinglitt. Keine Meerestiere, die uns gefährlich werden
konnten. Nur ein kleiner Krake preßte sich in eine Felsspalte.
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Ich hielt mich dicht hinter Sam. Nach kurzer Zeit verengte sich die Grotte
zu einem gerade noch mannshohen Tunnel. Hier gab es nicht mal mehr
Wasserpflanzen, nur schartiges Gestein. Soweit war ich noch nie vorgedrun-
gen. Trotzdem kam mir alles seltsam bekannt vor. Dieser merkwürdige
Traum... ^
Der Tunnel stieg leicht an. Sam stoppte, und ich stieß gegen seine Beine.
Dann war er plötzlich verschwunden. Zwei Schläge mit den Flossen - und
ich ragte mit dem Oberkörper aus dem Wasser.
Sam saß schon auf einem Stein, die Lampe neben sich nach oben gerich-
tet, und befreite sich von der Ausrüstung.
Ich stieg aufs Trockne, riß die Maske runter und legte die Flaschen ab.
Ging besser, als ich dachte, sagte ich keuchend. Und nun? Was wollen wir
hier? Meine Worte hallten und verloren sich irgendwo.
Leiser! zischte Sam. Sonst hätten wir gleich durchs Tor gehen können.
Wir besahen uns die Höhle genauer: Die Decke hing nicht allzu hoch, der
Felsboden war mit Geröll und Steinbrocken übersät, und in der hinteren
Wand entdeckten wir in halber Höhe eine weitere tunnelartige Grotte. Wie
weit sie in den Berg führte, konnten wir mit den Lampen nicht ausmachen.
Ich zog meine Turnschuhe wieder an und schüttelte das Wasser aus mei-
ner Pistolentasche. Was wollen wir eigentlich mit den Schießeisen, Sam?
Sam reagierte überhaupt nicht auf meine Frage. Komm, wir müssen wei-
ter! war alles, was er sagte. Dabei zeigte er mit dem Lichtstrahl auf Fleder-
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mause, die sich oben in den Fels gehängt hatten. Einen Ausgang mußte es
also geben! Wir waren auf dem richtigen Weg. Allerdings wurde es eine müh-
same Kletterei. Den Tunnel konnte man nur halb gebückt passieren, und
dazu ging es leicht aufwärts. Die Plackerei zog sich gut vier-, fünfhundert
Meter hin. Dann verbreiterte sich der Tunnel zu einer nicht sehr großen,
aber hohen Kammer.
Sam, ich kann keinen Schritt weiter! Ich muß erst mal Luft holen.
Auch Sam schnaufte, aber er schien lange nicht so erschöpft zu sein wie
ich. Das hätte ich dem Fleischberg gar nicht zugetraut!
Okay, Pause, ließ er sich gedämpft vernehmen. Wir sind sowieso gleich da.
Und er zeigte nach oben. Ein diffuser Lichtschein drang durch eine Spalte
kurz unter der Decke herein. Setz dich, jetzt haben wir Zeit - er sah auf die
Uhr -, bis die Wachen abgelöst werden.
Woher weißt du, wann hier Wachen abgelöst werden?
Wenn ich nicht mal das wüßte, sollten wir gar nicht hier unten rumkrie-
chen. Viele Ohren und Augen und Köpfe kann man gewissen Interessengrup-
pen schon zutrauen. Und bei solchen Aktionen ...
An was für einer Aktion bin ich eigentlich beteiligt, wenn ich fragen darf?
Ich hab dich ein bißchen ausgenutzt, David, geb ich ja zu. Aber diese For-
schung da oben im Camp muß an die Öffentlichkeit. Bestimmte Dokumente,
die einiges beweisen. Das ist die einzige Chance. Du kannst dir ausmalen,
was diese Möglichkeiten und Entwicklungen, die ich dir angedeutet habe, in
den Händen solcher Blackys und Madams bedeuten würden ... Er zögerte,
setzte aber nichts hinzu.
Okay, Sam, ich hab's begriffen. Sams leise, aber eindringlich vorgetragene
Erklärung war mir in die Glieder gefahren. Mir stand wieder Blackys Brand-
narbe vor Augen und unser brennendes Feld' damals. Ich schlug mit der
Lampe auf die Steine. Das war ihr Ende. Dann erhob ich mich und betrach-
tete meinen Revolver zum erstenmal genauer. Im Schein von Sams Taschen-
lampe.
Den nimmst du nur im äußersten Notfall! Und die Lampe leg ich dir oben
hin.
Mir?
Du gehst denselben Weg zurück. Ich steig oben aus. Sam begann an der
schrägen Wand hochzuklettern, hielt aber nochmals inne und drehte sich
halb zu mir um. Noch etwas. Wenn dann dort drin - er wies nach oben - al-
les gelaufen ist, hörst du einen Möwenschrei. Du machst dich sofort und un-
bemerkt auf den Rückweg. Besser nicht in die Werkstatt. Zu Mary! Hörst du,
zu Mary! Mit mir wird alles okay sein, auch wenn es anders aussieht... Sam
faßte mich derb an der Schulter und schüttelte mich. Anders konnte er seine
Rührung nicht ausdrücken.
Ich sagte nichts dazu und kletterte ihm hinterher.
Der Spalt an der Decke erwies sich - aus der Nähe betrachtet - als viel
größer. Wir konnten bequem durchkriechen. Die Lichtquelle aber war immer
noch nicht auszumachen. Vor der Felsöffnung stand in geringem Abstand
ein gewaltiger Stein, der sie, von der anderen Seite aus gesehen, verdeckte.
Ich richtete mich auf, stellte mich neben Sam und wagte einen Blick um den
Felsblock herum.
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Wir befanden uns knapp unter der Decke einer riesigen Grotte. Batterien
von Scheinwerfern mühten sich, diese Unterwelt auszuleuchten, ließen aber
auch unzählige Abstufungen von bizarren Schatten entstehen. In verschiede-
nen Ebenen, systemlos angelegt, so wie der Felsgrund es anbot, standen fla-
che, langgestreckte Gebäude. Einige glänzten metallen, andere schienen
massiv aus Beton gegossen. Fensteröffnungen konnte ich selten entdecken.
Die Gebäude verband ein Gewirr von Treppen, Brücken und Gehsteigen -
stählerne Gerippe, unter denen hier und da in der Tiefe Wasserflächen ver-
irrtes Scheinwerferlicht reflektierten. Von jedem der Gebäude führte eine
starke Röhre, umwunden von einer Stahltreppenspirale, in die Schwärze über
den Scheinwerfern. Versorgungsleitungen, nahm ich an. Weit hinten ein ge-
waltiger eckiger Turm, wahrscheinlich ein Fahrstuhlschacht. In dieser Halle
war ich als Junge nie gewesen. Die kleinen Grotten, die wir durchklettert hat-
ten, mußten darüber liegen und nur Vorkammern sein.
Was die hier alles gebaut hatten, ohne daß wir im Ort etwas mitbekamen!
Sam tippte mich an. Er hatte aus seinem Beutel ein langes, dünnes Seil ge-
holt, mit Knoten in regelmäßigen Abständen. Das eine Ende schlang er um
einen Felsvorsprung, das andere ließ er langsam nach unten gleiten.
Wir stecken hier in einem abgelegenen Winkel der Höhle, flüsterte er, gut!
Achte trotzdem auf jeden Schritt...
Und was hab ich zu tun? fragte ich leise, nun doch ungeduldig geworden.
Sam drückte mich dicht an den Felsblock, so daß ich gerade noch vorbei-
sehen konnte, stellte sich hinter miph und wies auf ein Betongebäude, das in
halber Höhe in einer Felsnische klebte. Der Klotz ruhte auf Pfeilern, Zugang
schien nur über eine steile Eisenstiege möglich.
Paß auf! Dort drin ist ein Tresor, im dritten Raum auf der rechten Gang-
seite. In dem liegen zwei dicke Mappen mit Dokumenten. Top secret! Die
holst du raus und versteckst dich unter dem Gebäude in den Felsen. Bis ich
zurückkomme. Ich mach mich inzwischen an die Computerspeicher ...
Ich sah Sam ratlos über die Schulter an. Ich kann mich nicht erinnern, je-
mals einen Safe geknackt zu haben. Noch dazu ohne irgendwelches Werk-
zeug.
Präg dir den Code ein. Und Sam nannte eine achtstellige Zahl, die ich
mehrmals wiederholte. Zahlen kann ich mir merken. Als Ziffernbild. Mit
Namen dagegen hatte ich von jeher Schwierigkeiten.
Ich bin ein bißchen blöd, Sam, ich weiß, aber werden die Buden nicht
elektronisch überwacht?
Nur zum Teil. Aber das laß meine Sorge sein. Die fühlen sich hier unten
noch sicher. Oben sieht's da schon anders aus ... Sam packte das Seil und
hangelte, sich mit den Beinen am Fels abstützend, hinunter. Ich folgte, als er
mit einem kurzen Ruck das Zeichen gab. Zwei, drei Meter ging es steil
hinab. Dann war das Seil nicht mehr nötig. Die Wand führte jetzt schräg ab-
wärts. Zu Fragen oder Gesprächen war nun nicht mehr die Zeit, auch nicht
die Gelegenheit. Wir hatten zu tun, ständig Deckung hinter Steinbrocken
und Felsnadeln suchend, unbemerkt nach unten zu gelangen. Und dabei
hatte ich etliche Fragen an Sam. Zum Beispiel, warum er nichts mehr von
diesen Grünen erwähnt hatte. Meine Begegnung mit ihnen war ja eigentlich
der Anlaß zu all den haarsträubenden Ereignissen.

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Ein Stück vor mir rutschte ein Stein und kollerte, in dieser Stille sehr laut,
in die Tiefe. Ich erstarrte, wie ich stand, den linken Fuß angehoben, die
Hand in einen Vorsprung gekrallt. Das würde wohl das Ende unseres Aus-
flugs sein! Der umsichtige, allwissende Sam hatte einen Fehler gemacht!
Aber nichts rührte sich zwischen den Gebäuden. Möglicherweise kam es öf-
ter vor, daß ein Stein herabfiel. Durch Fledermäuse vielleicht, oder weil der
Berg arbeitete. Wir verharrten noch ein paar Minuten, dann kletterten wir
weiter. Sam bedeutete mir, daß er allein vorangehen würde. Ich verschnaufte
ein Weilchen und prüfte dabei nochmals die Pistole. Ich hatte Angst. Vor
den Unwägbarkeiten dieser Sache und vor den Dimensionen, die sie ange-
nommen hatte. Ich dachte an die ahnungslosen Freiwilligen, versuchte mir
vorzustellen, wie man ohne Gedächtnis, ohne seine Erinnerungen leben
könne, ausgeliefert solchen Leuten wie Blacky ...
Zwischen den Felsblöcken, schon in der Nähe der ersten Baracke, sah ich
für einen Augenblick einen schwarzen Schatten huschen. Sam! Ich riß mich
aus meinen Gedanken. Jetzt gab es kein Zurück mehr! Schnell und leise
drang ich voran, war bald in dem Bereich angelangt, wo ich Sam zuletzt be-
merkt hatte. Die Rückfront des ersten Gebäudes lag vor mir. Aber die Dek-
kungsmöglichkeiten wurden immer weniger. Hinter dem Gebäude war kein
Durchkommen; der Fels reichte unmittelbar an die Mauer. Die Vorderseite
wurde fast schattenlos von den Scheinwerfern angestrahlt. Zudem ging es
dort abrupt gut zwanzig Meter in die Tiefe. Sam mußte doch auch hier ent-
langgeklettert sein... '
Aus meiner Deckung heraus horchte ich mit angehaltenem Atem. Nichts.
Nirgends die leiseste Bewegung. Den Körper an die Wand gedrückt, arbeitete
ich mich Zentimeter um Zentimeter an der Mauer entlang, krampfhaft be-
müht, nicht in den Abgrund hinter mir zu blicken, Der Schaumgummi im
Taucheranzug war vom Schweiß gesättigt. Nach Ewigkeiten bekam ich die
Hausecke zu fassen und zog mich herum. An Ausruhen jedoch war nicht zu
denken. Das stählerne Plateau vor dem Gebäude, auf dem mehrere Treppen,
Brücken und Gehsteige zusammenliefen, lag voll im Licht. Trotzdem wagte
ich einen Blick durch ein kleines, dick verglastes Fenster seitlich der gepan-
zerten Tür. Ich schaute in einen hellerleuchteten schmalen Raum mit kahlen
Wänden, rechts eine Tür mit dem gleichen Fenster wie jenes, durch das ich
gerade sah.
Kabelbündel liefen hin zu einer Reihe von Apparaten auf niedrigen Ti-
„ sehen. Genau unter dem Fenster, längs in den Raum gestellt, ein Kranken-
hausbett. Darauf eine sehr große, lakenbedeckte Gestalt. Ich streckte mich,
so hoch es ging, konnte aber den Kopf dennoch nicht sehen, lediglich ein
Stück Haube mit einer Unzahl von Elektroden, wie sie wohl für Elektroenze-
phalogramme benutzt werden. Und nun fielen mir auch die unnatürlich lan-
gen Arme der Gestalt auf: Von Lederriemen festgehalten, reichten sie ein
ganzes Stück über die Stelle, wo die Knie hätten sein müssen. Nur die
Hände schauten aus dem Stoffweiß heraus: bleich, bläulich schimmernd -
und mit nur vier sehr langen, offensichtlich gelenklosen Fingern!
Noch ein Außerirdischer etwa? Wo sollten die nur alle plötzlich herkom-
men? Klein und grün, groß und bläulich, bläulichklein, großgrün, kleinblau,
großklein; mir ging wirres Zeug durch den Kopf.
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Die gepanzerte Tür ließ sich ohne weiteres öffnen, von innen hatte sie al-
lerdings weder Klinke noch Knopf. Ich war schon mit einem Bein drinnen -
da öffneten sich die Flügeltüren des Gebäudes auf der anderen Seite des Ab-
grunds. Ich kehrte um, warf mich über das Geländer des Plateaus und klam-
merte mich in die Stahlverstrebungen. Den Kopf bekam ich nicht mit drun-
ter, sondern mußte ihn an den kalten Stahl pressen, von einem
Schattenstreifen nur leidlich gedeckt. Da dröhnte es auch schon über die
Brücke. Die Stahlkonstruktion schwankte unter den Tritten. Gestiefelte Uni-
formierte. Jetzt waren sie auf meiner Höhe. Das war's, dachte ich noch. Die
Uniformierten aber schwenkten auf die nächste Treppe. Das Dröhnen ent-
fernte sich in den hinteren Teil der Grotte, bis es der Fahrstuhlschacht
schließlich verschluckte.
Mir waren die Hände starr geworden am Stahl. Mühsam begann ich die
Finger einzeln zu bewegen, bis ich wieder Gefühl in die Hände bekam. Dann
zog ich mich hoch, schwang mich auf die Bodenplatten und stand wieder.
Sam war sicher bald fertig. Und ich mußte zum Tresor.
Für Umwege war keine Zeit mehr. Also die steile, mehrmals gewinkelte
Stahlstiege! Katzenhaft glitt ich hoch. Der letzte Treppenabsatz ruhte mit
kurzen Stützen auf einem Felsvorsprung, der sich, ansteigend, bis unter den
Gebäudeeingang zog.
Als ich mich zwischen Treppe und Felswand über das Geländer geschwun-
gen hatte, wäre ich beinahe auf einen Körper getreten: ein offensichtlich
ohnmächtiger Wachsoldat, geknebelt, die Hände mit dem Koppel an eine
Stahlstrebe gebunden. Daneben lagen Uniformjacke und Käppi. Das mußte
Sam gewesen sein! Er schien zu Recht von meinen nahkämpferischen Fähig-
keiten nicht sonderlich überzeugt zu sein. Ich zog mir die Jacke über und
setzte das Käppi auf. Die kurze Maschinenpistole, die dabeilag, nahm ich an
mich. Gleich fühlte ich mich eine Spur sicherer.
Die Tür oben stand weit offen. Sie führte in einen langen düsteren Gang.
Aus einem Raum auf der rechten Seite fiel ein Lichtschein. Ich schlich mich
in den Gang, verharrte vor dem Raum, aus dem das Licht kam. Nichts rührte
sich. Ich riskierte einen Blick hinein: Ein Tisch mit einer Leselampe, in ei-
nem Aschenbecher qualmte eine fast abgebrannte Zigarre mit langem wei-
ßem Aschekörper. Hinter dem Tisch an der Wand flimmerten zwei Reihen
Monitore, ohne ein Bild zu zeigen.
Das hätte schiefgehen können! dachte ich erschrocken. Den Lauf der
Maschinenpistole voran, betrat ich den Raum. Niemand da. Ich sah mich
um. Links an der Wand Schränke, davor eine Sesselgruppe. In der Ecke ein
klobiger Stahlschrank, teilweise in die Mauer eingegossen. Aha! Der Zahlen-
kode fiel mir auf Anhieb wieder ein. Ich horchte nochmals zur Tür hinaus
auf den Gang. Stille wie vordem. Dann ging ich zum Safe und prägte mir die
eingestellte Zahlenkombination ein. Erst danach benutzte ich den Kode, zog
vorsichtig an der Tür - und die ging tatsächlich auf. Im mittleren Fach lag
eine Pistole, unten eine Kassette, und oben waren zwei dicke Mappen, ver-
schlossen und mit Dienstsiegeln. Die nahm ich an mich, schob die Tür wie-
der zu, stellte die ursprüngliche Zahlenreihe wieder her und wischte mit dem
Käppi mögliche Fingerabdrücke weg. Die Mappen unterm Arm und die MPi
im Anschlag, schlich ich denselben Weg zurück. Vom Gang aus war durch
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die Tür ein breites Terrain zu überblicken. Noch immer keine Seele zu se-
hen.
Kaum war ich über die Schwelle getreten und auf dem Treppenvorbau an-
gelangt, preßte sich von hinten eine Hand wie eine Eisenklammer auf mei-
nen Mund, und ich wurde in den Schatten gezogen.
Bleib ruhig, ich bin's! flüsterte ein? Stimme. Sams Stimme..
Ich muß sagen, ich war erleichtert. Wahrscheinlich bin ich doch nicht
zum Abenteurer geboren. Ich versuchte, meine Kinnlade wieder in die rich-
tige Lage zu bringen, und.überreichte Sam die Mappen. Sind das die richti-
gen...?
Sie sind's, gab Sam leise zurück, er hatte nur einen kurzen Blick auf die
Siegel geworfen und steckte sie in den Beutel, den er noch immer bei sich
trug.
Und nun ...?
Du verschwindest auf dem schnellsten Weg aus der Grotte! Durch den
Tunnel. Und geh nicht in die Werkstatt, man könnte uns dort erwarten,
gleich zu Mary! Ach noch etwas. Sam gab mir eine Uhr. Meine Armbanduhr.
Wo hast du die her ...? Ich war wirklich platt.
Die hab ich dem da unten abgenommen. Sam zeigte zur Treppe. Und nun
verschwinde! Mach's gut... Das sagte er mit eigenartiger Betonung.
Ich streifte das Metallband über das andere Handgelenk, da saß es aller-
dings lockerer, und schob meine Uhr an ihren Platz. Als ich wieder aufsah,
war Sam schon auf dem Dach der Baracke und schickte sich an, die gewun-
dene Leiterstiege an der Versorgungsröhre hinaufzusteigen. Sam kletterte ge-
wandt und schnell, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan.
Nun mußte auch ich sehen, daß ich hier wegkam. Die Maschinenpistole
noch immer umgehängt, lief ich schnell die Treppe hinunter. Unten wollte
ich mich wieder in den Schutz der Felsblöcke und Felsen begeben. Von dort
war es nicht mehr allzu weit bis zum Einstieg. Gerade wollte ich das Gelän-
der überwinden, als plötzlich jemand mit hallenden Schritten über die
Brücke kam. Ich drückte mich in den Gebäudeschatten, so gut es ging. Die
Gestalt war ziemlich nahe, ein Zivilist.
Kommen Sie, Mann, kommen Sie! rief er scharf. Er konnte nur mich mei-
nen. Kommen Sie, da oben klettert jemand rum! Die Gestalt wartete nicht
erst, als sie auf meiner Höhe war, sondern* lief weiter, die Treppe hinauf, die
ich soeben herabgekommen war. Na, kommen Sie schon!
Ich ging langsam hinterher. Jetzt nur die Nerven behalten.
Schießen Sie! Der Zivilist wies feldherrenhaft in die Höhe. Dort war Sam
schon nahe an die Schattengrenze der Scheinwerfer gelangt. Schießen Sie
doch endlich! Die Stimme kam mir bekannt vor.
Ich werde nicht schießen, sagte ich leise, aber deutlich, und stieg langsam
höher.
Der Zivilist drehte sich um, blickte mich verständnislos an. Wie sehen Sie
denn aus, Mann! Was sagen Sie '...? Es klang gefährlich.
Allerdings sah ich eigenartig aus in meinen Turnschuhen und dem Tau-
cheranzug, darüber Uniformjacke und Käppi. Blacky war der Zivilist, der da
vor Staunen und Empörung verstummt war.
Ja, ich bin's, und ich werde nicht schießen, du Gangster! Und wenn du auf
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mich schießt, dann ist es auch vorbei!
Blacky hatte die Beherrschung verloren. Er zog einen länglichen Gegen-
stand aus.der Tasche und ließ eine blitzende Klinge herausspringen. Mich
hast du nur einmal übertölpelt, David! Er tapste mir breitbeinig die Treppe
herunter entgegen.
Einen Kolben, mit dem ich zuschlagen konnte, hatte die MPi nicht, also
packte ich sie beim Lauf und holte aus. Blacky stieß urplötzlich zu, in die-
sem Spiel war er geschickter als ich. Seitlich" konnte ich eben noch auswei-
chen und traf mit der Waffe nur die Treppenstufe, daß die Funken stoben.
Sein zweiter Angriff war besser berechnet, er täuschte, warf das Messer von
der Rechten in die Linke, stieß zu, auf meine für einen Moment ungedeckte
Seite - und hätte mich unbedingt getroffen. Wenn nicht - ja, wenn er nicht
das Messer plötzlich verloren hätte und irgendwie abgerutscht wäre. Sein
Schwung trug ihn an mir vorbei auf das Geländer.
Blacky kippte wirbelnd vornüber und schoß, sich drehend, in die Tiefe.
Wie aus einem Brunnenschacht hörte ich noch ein Aufklatschen, das mehr-
fach gebrochen in der Grotte widerhallte. Dann war es still.
Ich blickte keuchend nach oben. Von Sam war nichts mehr zu sehen. Ei-
nen Möwenschrei hatte ich aber auch nicht gehört ...
Auf dem Rückweg wollte ich unbedingt noch einen Blick auf die bläuliche
Gestalt hinter der Panzertür werfen. Diese stand weit offen, als ich hinkam,
der Raum aber war leer. Nur die verschlungenen Drähte an den Geräten vi-
brierten noch leicht.
Das übrige Geschehen ist mir nur bruchstückhaft im Gedächtnis geblie-
ben. Uniformteile und MPi hatte ich in eine Felsspalte geworfen. Dann bin
ich wie im Traum durch den Tunnel gekrochen. Sams Sauerstoffflaschen in
der kleineren Höhle hatte ich versenkt, das wußte ich noch. An den Rückweg
unter Wasser kann ich mich gar nicht mehr erinnern.
Bevor ich dann im Baumwollfeld untertauchte, sah ich mich noch einmal
um. Der Dreiviertölmond war inzwischen ziemlich hoch gestiegen, verschlei-
ert von bizarren Wolkenbänken. Es war weit nach Mitternacht. Von dort, wo
das Camp liegen mußte, waren kurz hintereinander Schüsse zu hören.
Gleichzeitig trug der aufgefrischte Wind ein Brummen heran. Eine kreisför-
mige Funkenbahn stieg ein Stück über Land, flog dann über die Steilküste
aufs Meer hinaus. Ein Hubschrauber.
Irgendwann war ich bei Mary angelangt. Die Haustür offen, zum Glück.
Ich fiel aufs Bett und war auch schon eingeschlafen.
David! Steh auf, David! Marys Stimme klang ungeduldig, sie mußte schon
mehrmals erfolglos gerufen haben. Der Reporter war schon zweimal da. Sie
zog mir das Kopfkissen weg.
Welcher Reporter ...? Ich quälte mich hoch und starrte Mary verständnis-
los an.
Na, einer von denen, die seit heute morgen hier rumstöbern.
Ich war sofort aus dem Bett, stürzte zum Fernseher und schaltete ein. Wer-
bung, Werbung, dann Nachrichten: Weltpolitik, Anschläge, ein neuer Kern-
waffentest, ein mißglückter Startversuch - und am Schluß: Die von der
Nachrichtenagentur AP veröffentlichten Dokumente haben Proteste und Un-
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ruhe unter Politikern ausgelöst. Eine Regierungskommission ist noch in den
Morgenstunden zu einer Sondersitzung zusammengekommen.
Das Fernsehbild wechselte. Es wurden Dokumente in Nahaufnahme ge-
zeigt. Dahinter zwei Mappen mit aufgebrochenen Dienstsiegeln: die Map-
pen, die ich in der Nacht aus dem Tresor geholt hatte ... Ich schaltete aus.
David, bevor du frühstückst, mußt du noch schnell die Gardine wieder an-
bringen, die hängt schon zwei Tage herunter ... Mary wirtschaftete in der
Küche. Ach, und Sam hat den Kassettenrecorder für dich gebracht.
Wieso Sam? Und was für einen Recorder?
Na, bevor er verreist ist, das weißt du doch ...
So, das wußte ich also, na ja. Ich rückte mir die Leiter ans Fenster, schal-
tete dann das Gerät ein und stieg hoch, die Gardine zu richten.
Hallo, David, erklang es, ich hoffe, du hast die letzte Nacht gut überstan-
den. Schalte den,Fernseher ein, dann erfährst du mehr. Mary wird dir erzählt
haben, daß ich für längere Zeit verreist bin ... Deine kleinen grünen Männer
übrigens, vielleicht interessieren die dich noch. Die waren auch ein hologra-
phisches Produkt, eine Computerspielerei der Techniker. Ich danke dir für
den Tip ..., und auch sonst. Bist ein feiner Kerl. Mach's gut, David. Das
Band löscht sich von selbst.
Längere Zeit war nur ein feines Rauschen zu hören, dann ein schriller Mö-
wenschrei.
Ich wollte das Band stoppen und zurückspulen. In der Hast verfehlte ich
die Leiterstufe,
Das hört sich ja gut an, David! Der Reporter auf dem Stuhl neben meinem
Bett zwinkerte mir schalkhaft zu. Wir kaufen Ihnen die Geschichte ab, okay?
Ich sah verärgert auf mein hochgebundenes Gipsbein. Der Mensch glaubte
mir anscheinend nicht!
Und wo haben Sie das mysteriöse Armband? Das haben Sie doch wohl den
Außerirdischen nicht wiedergegeben? Er lachte herzlich und haute sich da-
bei auf die Schenkel.
Ich Idiot! Das muß ich auf dem Rückweg verloren haben! Ich schlug mir
mit der rechten Hand an die Stirn. Der Arm war allerdings auch in Gips.
... wo bleiben sie eigentlich, die Einsteins,
Plancks oder Röntgens von heute?
... wo sind die Entdecker, Erfinder - diese ge-
nialen Menschen
Hans-Gert Schubert hat ... ein Buch herausgegeben, das über
den Alltag junger Wissenschaftler berichtet, die schon heute
„Spitze" sind, die aber noch auf weit Größeres hoffen lassen.

Leben an der Spitze


heißt dieser - vom gewohnten Buchformat etwas abwei-
chende - Reportageband, der damit aber auch äußerlich je-
nen stillen - etwas „ungenormten" - Helden aus den Labors
und Prüffeldern entspricht.
Dreizehn Porträts über Männer und Frauen werden dem Le-
ser von Journalisten unterschiedlichster Handschrift vorge-
stellt: junge Experten, „die auf der Suche nach noch nie er-
dachten sinnvollen wissenschaftlich-technischen Lösungen
smcl
"- Stimme der DDR

Alle um die 30 Lenze ... Sie alle wissen, woher sie kommen,
wohin sie gehören, welches ihre Ziele sind. Sie haben ihre
Partner, ohne die sie nie bestehen könnten, Ehrgeiz, Kampf-
geist, ihre ganz großen Aufgaben, und die sind kompliziert
genug, um auch des Lesers Geist zu fördern.
Junge Welt, Berlin

Mit 26 Fotos • 148 Seiten • Broschiert 7,80 M

Verlag Neues Leben Berlin