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7 „David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller" (1873)

Im Nachwort zum „Philologischen Nachbericht" am Schluß seiner Ausgabe von


Nietzsches Werken fragt Karl Schlechta: „Wenn Nietzsche kein System hat,... was
ist jenes Gleichbleibende, welches das Gesamtwerk so vehement durchzieht, daß
jeder Teil nur wie die Variation ein und desselben trostlosen Grundthemas an-
mutet' ... Mit welcher Säure ist die Welt dieses Denkers übergössen, daß sie wie eine
Mondlandschaft vor uns liegt?"1 Im bisherigen Vergleich Nietzsche-Schelling
scheint es in der Tat ein solches System zu geben, den Zusammenhang dessen, was
wir - aus dem Vergleich gesprochen - das Gefallensein der Welt in gespanntem Wi-
derspruch zwischen Hoffnung und Illusion nennen können. Die Kultur seiner
Gegenwart scheint für Nietzsche wirklich fähig, die Welt mit Säure zu übergießen,
sie in eine Mondlandschaft zu verwandeln.
Mit der Schrift David Strauß haben wir zum ersten Mal Anlaß, Schellings
„Satanologie" in den Vergleich einzubeziehen [Kap. 3.7]. Es ist daran zu erinnern,
daß in den morgendlichen, aufsteigenden Momenten der Schellingschen Mythologie
die Götter im großen und ganzen fortschreitende Gestalten sind; der Einfluß des
Dionysos nimmt bis auf den griechischen „Mittag" zu. In den „abendlichen" Mo-
menten aber, d.h im Nihilismus und unter der Herrschaft des nihilistisch den-
kenden Geistes, schließt das erste Prinzip das zweite, dionysische zunehmend aus
[vgl. Kap. 6.2.a]. Als der Einfluß des Dionysos - und damit die Freiheit - schwindet,
wird der Zustand des Menschen zunehmend finsterer. Die Verhältnisse der Men-
schenwelt werden fester, härter, gesetzlicher, das Bewußtsein wird nüchterner und
kälter. „Mitternacht" ist die tiefste Verfinsterung, der wüste Todeszustand des Le-
bens im Leben [vgl. Kap. 6.1.a]. Das erste Prinzip errichtet in der Dunkelheit seines
letzten Untergangs, im „chinesischen" Bewußtsein, ein geistloses Reich [vgl. Kap.
6.2.b (Anm)]. Am „Abend" und in der „Nacht" der Schellingschen Mythologie wird
also nicht allein die Freiheit zunehmend vermindert, sondern mit ihr verschwinden
auch die vielen „satanischen" Möglichkeiten des menschlichen Geistes.
In der Schrift David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller bezieht sich
Nietzsche auf Strauß' letzte Arbeit, seinen Abschied vom Christentum: Der alte und
der neue Glaube [Leipzig, 1872]. In dieser Arbeit sieht Nietzsche nur das Typische
an der gegenwärtigen Bildung, auch an der Bildung der christlichen Gegner, die
Strauß für „satanisch" halten. Sowohl wegen seiner früheren kritischen Werken

1
Werke in drei Bänden [München, 19665], III, 1436.

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222 Kap. 7: „David Strauß"

über die Geschichte des Christentums als nun auch wegen der Verwerfung des
Christentums werde Strauß von seinen christlichen Gegnern für einen Agenten des
Teufels gehalten. Nietzsche aber würde „keineswegs unzufrieden sein, wenn es [bei
Strauß] ein wenig satanischer zuginge" [III/l, 170 (§3)]. Nietzsche will „Dämonen
zitieren, die aus unserer Zeit geflohen sind" [200 (§8)].2 Denn in der Wirklichkeit
von David Strauß sei der Boden gleichsam „mit Asche überdeckt, alle Gestirne
verdunkelt; jeder abgestorbene Baum, jedes verwüstete Feld ruft... .Unfruchtbar,
Verloren!'" [196 (§7)]. Die Straußsche Lehre, wie überhaupt „das Didaktische heu-
te", breite sich „in weiten Abstraktionen" aus, und zwar „zu voller Schleiermacher-
ischer Zerblasenheit" [220 (§11)]. Wiederum kreuzen dieselben Worte und Bilder bei
Nietzsche auf, die bei Schelling den Nihilismus kennzeichnen.
Nach Nietzsche hat der Kritiker Strauß von Kant nie gelernt, „wie wenig durch
die Vernunft über das Ansich der Dinge auszumachen ist" [187 (§6)].3 Das hatte als
Resultat, daß Strauß unkritisch der Hegeischen Vernunftphilosophie folgte. Seine
ganze Arbeit über „den alten und den neuen Glauben" zeigt „austrocknende Oede
und Verstaubtheit". „Die äusserste Nüchternheit und Trockenheit, eine wahrhaft
angehungerte Nüchternheit erweckt jetzt bei der gebildeten Masse die unnatürliche
Empfindung, als ob eben diese das Zeichen der Gesundheit wäre, so dass hier gerade
gilt, was der Autor [Tacitus] des Dialogus De Oratoribus [§23] sagt: ,illam ipsam
quam iactant sanitatem non firmitate sed ieiunio consequuntur'" [222 (§11)]. Der
Zusammenhang des Hungers mit der Nüchternheit könnte eine Erklärung in Schel-
lings Auffassung des leeren rationalen Begriffs finden, der bloß Potenz, daher „arm"
ist und nach Wirklichkeit „hungert" [Kap. 5.6]. Auch Schelling gebraucht das latei-
nische Wort „jejune", um nämlich eine abstrakt trockene, völlig nüchterne
Erklärung einer Textstelle zu beschreiben [XIV, 329; vgl. XII, 351]. An derselben
Stelle beklagt sich Nietzsche über die rationalistische Umkehrung der Priorität der
[realen] Natur vor dem [abstrakten] Namen dessen, was „Gesundheit" wäre. Solche
verkehrte Priorität der Namen oder auch der Begriffe vor der Wirklichkeit haben
wir auch schon vorher gesehen [bes. Kap. 6.3].
Strauß' „neuer Glaube" unterscheidet sich nach Nietzsche keineswegs von der
rationalen Wissenschaft: „Er zieht arm und schwächlich daher, dieser exstimulirte
Glaube: uns fröstelt ihn anzusehen" [206f (§9)]. „Wäre nur diese Nüchternheit
wenigstens eine streng logische Nüchternheit..." [222 (§11)]. Bei Schelling ist dies
wesentlich Sokrates' Anklage gegen die Sophisten und Eleaten: Während Sokrates

2 Vgl. die „Dämonen" beim späten Schelling: Sie sind die durch die Mythologie gewordenen Mächte,
d.h. die vorherigen Götter, die ihren Ort nun im Grunde oder Wesen auch des modernen Bewußt-
seins haben [XIV, 237-239,282-290]. Satan „umlagert" den menschlichen Willen mit allen ihm zur
Verfügung stehenden dämonischen Möglichkeiten [XIV, 271].
3 Vgl. unter den nachgelassenen Fragmenten (1873): III/4, 191. Auf den Seiten 191ff geht es all-
gemein um Strauß; offenbar gehört dies zur Vorbereitung von David Strauß.

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Kap. 7: „David Strauß" 223

sie unkritisch findet, ist seine Dialektik auch scharf und nüchtern, sie ist wahrhaft
kritische Wissenschaft [Kap. 2.9, Kap. 5.1].
Nietzsche schreibt: Würde Strauß mit sehenden Augen in die Wirklichkeit
schauen, ohne von ihr ständig „optimistisch" zu abstrahieren, so müßte er die Be-
denklichkeit und Heillosigkeit des Daseins, die „ernsten und schrecklichen"
Probleme erkennen, die „von den Weisen aller Jahrtausende" behandelt worden
seien [III/l, 213 (§10)]. Strauß aber scheine es erlaubt, „ein Leben auf Fragen zu
verschwenden, deren Beantwortung im Grunde nur dem, der einer Ewigkeit ver-
sichert wäre, wichtig sein könnte." „Rings umstarren ihn ... die schrecklichsten
Abstürze, jeder Tritt sollte ihn erinnern: Wozu? Wohin? Woher?" [198 (§8)].4 Nur
halb-bewußt finde er sich mit dem „Ernste des Daseins" ab [200.4]. Das Universum,
das Strauß religiös verehrt, sei ein „starres Räderwerk". „Seht zu", ruft Nietzsche,
„dass seine Räder euch nicht zermalmen!" [195 (§7), vgl. 185.4].
Nach Nietzsche will Strauß seinen Gottesbegriff dem Rationalismus entnehmen,
aber auf den besseren Rationalismus höre Strauß nicht. Lichtenberg habe z.B. darauf
hingewiesen, daß, von dieser Welt auf den Schöpfer zurückzuschließen, zu dem Ge-
danken führen müsse, daß der Schöpfer seine Sache nicht recht verstand. Wäre
Strauß hier ehrlicher, so müßte er sich „dann doch zugeben, dass unsere Welt eben
nicht der Schauplatz der Vernunft, sondern des Irrens sei, und dass alle Gesetz-
mässigkeit nichts Tröstliches enthalte, weil alle Gesetze von einem irrenden und
zwar aus Vergnügen irrenden Gott gegeben sind" [194 (§7)]. Die Parallelen bei
Schelling haben wir bereits früher nachgewiesen.
Während Strauß vom „Urquell" des Universums als Quell „alles Lebens, aller
Vernunft und alles Guten" redet, erinnert Nietzsche daran, daß aus dem Universum
auch „aller Untergang, alle Unvernunft, alles Böse" fließe. „Wie sollte dies [das Uni-
versum], bei einem solchen widersprechenden und sich selbst aufhebenden Charak-
ter, einer religiösen Verehrung würdig sein und mit dem Namen ,Gott' angeredet
werden dürfen...?" [192 (§7)]. Nietzsches Frage bezieht sich offensichtlich auch auf
den widersprüchlichen und tragischen Weltgrund der Geburt der Tragödie.5
Nach Nietzsche kennzeichnet Strauß' „Bildungsphilisterei" die ganze heutige
Kultur. Sie sei „der giftige Nebel aller frischen Keime, die ausdorrende Sandwüste
des suchenden und nach neuem Leben lechzenden deutschen Geistes" [163 (§2)]. Die

4 Vgl. unter Nietzsches nachgelassenen Fragmenten (1873) einen sehr "ähnlich lautenden Satz über
den „wissenschaftlichen Menschen" [III/4, 219.1], Dort schreibt Nietzsche weiter: „Er benimmt
sich wie der stolzeste Müssiggänger des Glücks: als ob das Dasein nicht eine heillose und bedenk-
liche Sache sei, sondern ein fester, für ewige Dauer garantierter Besitz" [219.7]. Vgl. den „Besitz"
bei Schelling [Kap. 3.4; vgl. Nietzche in Kap. 6 (passim)].
5 Vgl. unter Nietzsches nachgelassenen Fragmenten (1873) über Strauß: „Die Vernunft des Univer-
sums als Religion festzuhalten, ist sehr unvernünftig und jedenfalls ungefähr so toll, wie zu be-
haupten, daß eins gleich drei sei - ein Glaube" [III/4, 203.14].

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224 Kap. 7: „David Strauß"

Großstädte seien Hochsitze der Philisterkultur, 6 so daß man dort mit einer „La-
terne" diejenigen suchen müßte, die „einer reinen Hingabe an den Genius" fähig
wären [200 (§8)]. Die Verdunkelung entspricht Schellings Bild des indischen
Nihilismus. Nach Nietzsche erfindet jeder unter den heutigen Deutschen seinen
„curiosen Privatglauben, um mit jedem anderen Glauben dissentiren zu können"
[203], Solche Individualisierung - Zerrissenheit - aufgrund nur des eigenen Gut-
dünkens findet man sowohl bei Schelling als auch bei Nietzsche als Kennzeichen
der Gemeinwissenschaft [Kap. 4.4.b].
Nach Nietzsche feiert die heutige Philisterkultur einschließlich der christlichen
Gegner den „klassischen" Wert von Strauß' Arbeit [203f (§8)]. Die Gegner sind also
in Wirklichkeit keine Gegner. Diese Kultur „jauchzt" in Ubereinstimmung mit
Strauß, daß nichts Kulturelles zu wünschen übrig sei: „So leben wir, so wandeln wir
beglückt" [175 (§4)]. Durch Wiederholung hebt Nietzsche das Jauchzen" hervor:
„So jauchzt der Philister" [ebd]. Schelling geht auf Jauchzen" ein: Das Wort stammt
von Jakchos" und steht in den Eleusinischen Mysterien in unmittelbarem Zusam-
menhang mit der Geburt dieses zukünftigen Erlösers [XIII, 486]. Man könnte sagen,
daß für Nietzsche der Philister ein Antijakchos, ein Antigenie, sei; denn er jauchzt
im tiefsten Irrtum für das Gegenteil des Jakchos und des Genies.
Nach Nietzsche stellt Strauß sich selbst als die „Centraimonade" auf, um welche
das Universum „allein schwingen dürfe" [184 (§6)]. Insofern wäre er auch das
zentrale Gestirn, um das sich die Bildungswelt drehte [Kap. 6.1.a, 6.2.b, 5.3]; aber
solches Können hat er für Nietzsche keineswegs. Am Schluß der Schrift gebraucht
Nietzsche das Bild vom Umwerfen der Götzenbilder, die auf „tönernen Beinen"
stehen. Nach diesem Bild steht das Straußsche Idol auf Beinen allein aus Ton. Im
alttestamentlichen Buch Daniel 2,33 bestehen die Füße des zermalmten Standbildes
aus Ton und Eisen [hierüber Schelling, XIII, 27].
Früher im Leben von Strauß, wie Nietzsche schreibt, in den besseren Tagen der
Arbeit Das Leben Jesu [18351], wurde Strauß' „Gelehrten- und Kritiker-Natur, das
heisst der eigentliche Straussische Genius", wirksam; aber in der Schrift Der alte und
der neue Glaube sei dieser verschwunden. Früher „zwang sein Ernst zum Ernst" [215
(§10)]. Für Schelling gehört es zur höchsten Würde des negativen Denkens, Kritik
zu sein. Sie hat die Fähigkeit, nicht nur den leeren Rationalismus zu vernichten,
sondern auch den Menschen dorthin zu führen, wo er ernstlich „vor dem Riß" stehe
[XII, 673; XI, 560ff],
Aber Nietzsches Urteil über den früheren, kritischen Strauß ist kein eindeutiges.
Man vergleiche die folgenden Zitate aus Nietzsches nachgelassenen Fragmententen

6 In den nachgelassenen Fragmenten aus der Zeit Sommer 1872 - Anfang 1873 redet Nietzsche von
den „Phöniziern in den Hauptstädten" [III/4, 93.12; vgl. 92.28], In Schellings Mythologie sind
Phönizer, d.h. Philister, das führende Beispiel der Verehrer des Kronos [XII, 286ff],

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Kap. 7: „David Strauß" 225

(Sommer 1872 - Anfang 1873): „Wir dulden nicht jeden, dass er uns etwas vorphilo-
sophirt, z.B. nicht David Strauß dem nicht zu helfen ist, wenn er aus seiner
spezifischen historisch-kritischen Luft heraustritt" [III/4, 10.5]. Jedoch „ist es ein
lapsus von Strauß, ein Leben Jesu zu geben. Er mußte sich auf die historische Arbeit
beschränken" [192.29]. Hier macht Nietzsche keinen Unterscheid zwischem dem
jungen Strauß des Lebens Jesu und dem alten Strauß. „Strauß hat gewähnt, das
Christentum zu zerstören, in dem er Mythen nachweisen wollte. Aber das Wesen
der Religion besteht gerade darin, mythenbildende Kraft und Freiheit zu besitzen.
Widersprüche mit der Vernunft und der heutigen Wissenschaft sind sein Trumpf.
Er ahnt nichts von der fundamentalen Antinomie des Idealismus und von dem
höchst relativen Sinn aller Wissenschaft und Vernunft" [ebd., 191]/ Im Leben Jesu
meinte Strauß zwar noch nicht, das Christentum zu zerstören, sondern es auf
Hegeische Weise aufzuheben [siehe bes. den Schlußteil], aber in jener Arbeit hatte
er von dem, was Nietzsche das „Wesen der Religion" nennt, auch nichts merken
lassen [vgl. Kap. 13.2.a]. Wieder Nietzsche: „Er sieht nirgends, wo die Probleme
liegen. Er nimmt das Christentum, die Kunst immer in der niedrigsten demokra-
tischen Verkümmerung und widerlegt dann. Er glaubt an die moderne Kultur - aber
die antike war eine viel größere und doch ist das Christentum darüber Herr
geworden. 8 Er ist kein Philosoph. ... Er ist kein Künstler. Er ist ein Magister. Er

7 Die „Antinomie" wäre m.E. die zwischen Vernunft und Wirklichkeit.


8 Vgl. eine sehr ähnliche Kritik an Strauß bei Franz Overbeck, Über die Christlichkeit unserer
heutigen Kultur [18731, 19032, hier zitiert nach der Reproduktion der 2. Ausgabe Darmstadt 1974,
112ff, bes. 116]. Während Overbeck dem Jugendwerk von Strauß wegen des „wesentlichen Dien-
stes", das es „der Theologie als Wissenschaft" geleistet habe, seine Anerkennung zollt, greift er Den
alten und neuen Glauben ebenso scharf wie Nietzsche an. Aber diese Anerkennung ist selbst mehr-
deutig, sofern das, was nach Overbeck im neuen Werk von Strauß fehlt - nämlich die Darstellung
der weltverneinenden „Lebensansicht" des ersten Christentums [111] -, auch in seinem Jugendwerk
fehlte, und nach Overbeck ist „Theologie als Wissenschaft" - auf jeden Fall wie sie in der
theologischen Wissenschaft seiner Zeit vertreten wird - dem Christentum als Religion lebens-
feindlich [109f]. Nach Overbeck wird eine wahrhaft kritische Theologie das Christentum gegen
alle Theologien zu wehren haben, welche es „zu vertreten meinen, indem sie es der Welt accom-
modieren, und, durch Gleichgültigkeit gegen seine Lebensbetrachtung, entweder es zu einer toten
Orthodoxie ausdörren, welche es aus der Welt schafft, oder zur Weltlichkeit herabziehen und
darin verschwinden lassen" [110], Man könnte solches „Herabziehen" als Wirkung der neuzeit-
lichen „Gemeinwissenschaft", wie Schelling und Nietzsche diese definieren, verstehen [oben Kap.
4.4.b]. M.E. liegt der Schlüssel zu Overbecks rätselhafter Schrift im Begriff der „Lebens-" und
„Weltbetrachtung" des ersten Christentums, welche, die „sündige" Welt verneinend, die Mythen
und Dogmen „wie ein Stamm das Laub" hervorgetrieben habe [71]: Nicht nur das betrachtete
Leben, sondern auch die betrachtete Welt ist Christus, denn der Christen „Weltbild ist ihr Herr"
[siehe Overbeck in Kap. 6.4.C (Anm)]. In Schellingscher Weise könnte man sagen: „Alles ist
Christus". Vgl. die dionysische Weltverneinung - als Verneinung der (zerrissenen) Alltagswelt in
der Geburt der Tragödie, siehe Kap. 5.2.a; vgl. Kap. 8 (Christentum).

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226 Kap. 7: „David Strauß"

zeigt den magisterhaften Typus der Bildung unsrer Bourgeoisie. Das Bekenntnis
[Der alte und der neue Glaube] ist eine Überschreitung seiner Grenze: der Gelehrte
ist zu Grunde gegangen, dadurch daß er Philosoph scheinen wollte" [ebd, 192].
Nietzsche scheint zu meinen, daß Strauß auch vor der Schrift Der alte und der neue
Glaube wesentlich nur ein gelehrter „Magister" der heutigen Kultur war, also einer,
den die Kritik an der historischen Bildung in der folgenden „Unzeitgemäßen
Betrachtung" trifft.
Der späte Schelling bezichtigt den früheren Strauß - zwar ohne ihn zu nennen,
aber an der Sache ist er zu erkennen - des schlechten historischen Rationalismus: „Es
bliebe also nur noch etwa übrig, die historische Existenz eines Christus zuzugeben,
aber das Höhere, mehr als gemein Historische seiner Person auf ganz subjektive
Weise historisch erklären zu wollen, daß man sagte: die Person des Religionsstifters
sey von seinen Anhängern mythologisch behandelt, mit Mythen umgeben und
verherrlicht worden. Indem ich diesen Ausweg erwähne, der in den letzten Jahren
so viel Applaus gefunden, wird man mir, hoffe ich, zutrauen, daß ich diesen Ausweg
nicht erst durch die jüngsten Versuche kennengelernt habe." „Wie könnte ich nun
diejenigen einer Rücksicht werth halten, die ohne eine Spur von Selbständigkeit in
der Philosophie" sei, sondern von den „unfertigsten Sätzen" einer vorgegebenen
Philosophie [Hegel] einen „vollkommen schülerhaften Gebrauch" und diesen
Gebrauch außerdem mit einem „eminent philisterhaften Verstand" machen? [XIV,
231]. „Was nun aber die Hypothese selbst betrifft, die Hypothese mythischer
Verherrlichung des Lebens Jesu (an die nicht bloß ich, sondern viele vor mehr als
40 Jahre gedacht haben),9 so wird wohl jeder zugeben, daß durch Sagen oder
Mythen nur ein Leben verherrlicht wird, das, zuvor durch Thaten oder wie immer
ausgezeichnet, ohnedies schon in eine höhere Region gerückt war" [ebd, 232],

9 Vgl. die Philosophie der Kunst: „Der Verfasser des Evangeliums Johannis ist von den Ideen einer
höheren Erkenntniß begeistert...; die anderen erzählen im jüdischen Geist und umgeben seine
[Christi] Geschichte mit Fabeln, die nach Anleitung der Weissagungen im A.T. erfunden waren.
Sie sind apriori überzeugt, daß diese Geschichten sich so ereignet haben müssen, da sie im A.T.
vom Messias prophezeit sind..." [V, 426, vgl. 302], Das ist die Ansicht auch von Strauß.

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