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Strukturmodelle und Bilanzierung

Georg-August-Universität Göttingen
Sommersemester 2018

Prof. Dr. Jonas Kley

Buxtorf 1916

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1. Grundlagen

In dieser Lehrveranstaltung geht es um geometrische Modelle von Strukturen. Geometrisch


bedeutet, dass wir versuchen zu verstehen, auf welchem Weg geologische Strukturen ihre heutige
Form erhalten haben, also wie z.B. aus einer undeformierten, annähernd flachliegenden Schichtfolge
ein Falten- und Überschiebungsgürtel entstanden ist. Diese Betrachtung von Bewegung und
Deformation ohne Berücksichtigung von Kräften heißt Kinematik. Die mechanischen Eigenschaften
der Gesteine sind nicht Teil eines geometrischen (oder kinematischen) Modells. Sie müssen aber bei
der Auswahl zulässiger Geometrien bedacht werden.
Wir werden uns in diesem Kurs vor allem mit der Konstruktion bilanzierter Profile befassen, dem am
häufigsten verwendeten Typ geometrischer Modelle. Selbst ausprobieren wird dabei Vorrang haben
vor ausführlicher Darstellung von Theorie, die hier ohnehin vergleichsweise einfach ist. Die meisten
geometrischen Schritte, die zur Konstruktion eines bilanzierten Profils gehören, lassen sich von Hand
mit Bleistift, Lineal und Papier ausführen. Schneller und einfacher geht es mit dem Computer und
spezialisierten Programmen. Das am weitesten verbreitete Programm zur Profilbilanzierung ist MOVE
von Midland Valley. Wir werden Übungen von Hand und mit MOVE machen.

Bilanzierte (balancierte, ausgeglichene) Profile (Balanced cross-sections) sind geologische


Querschnitte, die sich in die Ausgangslage vor der Deformation zurückbringen lassen (Rückformung
oder Abwicklung; retrodeformation), ohne dass Löcher oder Überlappungen entstehen (Dahlstrom
1969).

Die Rückformung (Abb. 1) besteht meistens darin, die Falten zu glätten und Störungsversätze
rückgängig zu machen. Im ersten Schritt werden die Längen der gefalteten stratigraphischen
Horizonte gemessen und dann in der Horizontalen abgetragen (Abb. 1b). In jedem Block fixiert eine
Pin-Linie (pin line) die horizontale Position der stratigraphischen Horizonte zueinander. Im zweiten
Schritt können die rückgeformten Blöcke nun an den Störungen wieder aneinandergefügt werden
(Abb. 1 c, d).

Abb. 1. Rückformung eines Profils mit drei gefalteten, durch Störungen (rot) getrennten Blöcken. In (d) werden
große Lücken zwischen den Blöcken sichtbar. Dieses Profil ist demnach nicht bilanziert.

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Nach der oben gegebenen Definition ist das Profil in Abb. 1 nicht bilanziert. Die Lücken in Abb. 1d
zeigen Material, das ursprünglich da gewesen sein muss (denn die Schichten wurden sicher überall
abgelagert), aber während der Deformation verschwinden müsste, um zum Bild in Abb. 1a zu
kommen.Das ist geologisch (oder physikalisch) nicht plausibel. Die deformierten Strukturen sollten
also so umgezeichnet werden, dass sich in der Rückformung keine Lücken mehr zeigen.
Diese Anpassung des Profils ist die Bilanzierung. Sie wird meistens durch Versuch und Irrtum in
mehreren Schritten erzielt. Ein bilanziertes Profil besteht immer aus dem deformierten und dem
rückgeformten Profil, und beide Zustände sollten zusammen abgebildet werden (Abb. 2).

Abb. 2. Bilanziertes Profil mit heutigem deformiertem Zustand (oben) und Rückformung (unten). Subandiner
Überschiebungsgürtel in Peru, Espurt et al. 2008.
Lässt sich ein Profil ohne Lücken oder Überlappungen rückformen, dann ist es geometrisch möglich
(viable). Man sollte aber zusätzliche geologische Kriterien verwenden um zu bestimmen, ob man das
Profil auch für geologisch zulässig (admissible) hält (s. unten).
Das Verfahren der Profilbilanzierung stützt sich auf grundlegende Annahmen, die wir in Abb. 1
bereits benützt aber noch nicht formuliert haben. Diese Annahmen sind:
1. Das Volumen der deformierten Gesteine ist vor und nach der Deformation gleich
(Volumenkonstanz).
2. Die Profilfläche ist vor und nach der Deformation gleich (Flächenkonstanz). Die Voraussetzung
dafür ist ebene Deformation (plane strain): In Ebenen einer bestimmten Orientierung bleiben alle
Materialpunkte während der Deformation in dieser Ebene. Es ist die xz-Ebene des
Verformungsellipsoids, wenn die y-Achse ihre Länge behält. Das bilanzierte Profil muss in dieser
Ebene liegen, damit kein Material die Profilfläche verlässt oder hinzukommt.
3. Wenn die Schichtmächtigkeiten bei der Deformation gleich bleiben (parallele Faltung), dann
bleiben aufgrund der Flächenkonstanz auch die Schichtlängen gleich (Schichtlängenkonstanz).

In tatsächlichen geologischen Situationen sind diese Voraussetzungen wohl nie perfekt erfüllt.
Geologische Vorgänge, die die Volumenkonstanz verletzen können, sind z.B. Drucklösung oder
Kompaktion in noch unvollständig verfestigten Sedimenten während der Deformation. Vorgänge, die
die Flächenkonstanz verletzen, sind z.B. orogenparallele Extension oder große Blattverschiebungen,
die die Profillinie schneiden. Die Bedeutung solcher Prozesse für die Profilbilanzierung diskutiert
Hossack (1979). Wenn sie eine erhebliche Rolle spielen, dann ergibt die Bilanzierung eines Profils kein
sinnvolles Ergebnis.
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Als Kriterium für die Bilanzierung eines Profils kann entweder die Gleichheit von Flächeninhalten im
deformierten und abgewickelten Zustand überprüft werden (Flächenbilanz) oder die Gleichheit der
Schichtlängen (Schichtlängenbilanz). Welches Kriterium man verwendet, hängt von geologischen
Beobachtungen ab: Mit welchen Gesteinen hat man es zu tun, welche Faltenformen werden
beobachtet? Schichtlängenbilanz setzt voraus, dass sich die Schichtmächtigkeiten bei der Faltung
nicht systematisch ändern (verdickte Scharniere, dünnere Schenkel, Abb. 3).

Abb. 3. Parallele Faltung mit konstanten


Schichtmächtigkeiten (oben) und Faltung mit
systematisch verdickten Scharnieren (unten).
Nichtparallele Falten zeigen penetrative
Deformation an. Die Schichtlängenbilanzierung
funktioniert hier also nicht mehr. Selbst
Flächenkonstanz ist durch Schieferung und
Drucklösung oft nicht mehr gegeben.

Ein bilanziertes Profil sollte nicht nur die geometrischen Kriterien unveränderter Profilfläche oder
unveränderten Schichtlängen erfüllen. Es sollte außerdem Strukturen zeigen, die den im Gelände
oder indirekt (z.B. Reflexionsseismik) beobachteten im Strukturstil möglichst ähnlich sind. Haben die
Falten z.B. gerundete Scharniere wie in Abb. 3, dann sollten sie auch im Profil keine (allzu) eckigen
Formen haben. Hat man im Gelände nur steile Aufschiebungen beobachtet, dann sollte man das
Profil nicht mit standardmäßigen flachen Überschiebungen konstruieren. Nur dann ist das Profil auch
geologisch zulässig (admissible). Werden solche Beobachtungen nicht berücksichtigt, dann kann ein
bilanziertes Profil ohne weiteres schlechter sein als ein nicht bilanziertes desselben Gebiets!

Mit bilanzierten Profilen lassen sich vor allem drei Ziele erreichen:
- Quantifizierung tektonischer Bewegungen: Wieviel Dehnung gibt es in einem Rift oder wieviel
Einengung in einem Faltengürtel?
- Kontrollierte Extrapolation von Strukturen in die Tiefe: Wie tief liegt ein Abscherhorizont, wo haben
Störungen Flachbahnen und Rampen?
- Verständnis des Bewegungsablaufsblaufs: Welche Strukturen sind früh entstanden, welche später?

Dahlstrom, C. D. A., 1969. Balanced cross sections. Canadian Journal of Earth Sciences 6, 743-757.
Hossack, J. R., 1979. The use of balanced cross-sections in the calculation of orogenic contraction: a
review. J. Geol. Soc. London. 136, 705-711.